Schutz-Verwandten schuldig gemacht haben sollte; denn er bewies mit groï¬em Wort-Geprâ°nge, daï¬ ich in dieser ganzen Expedition nichts getan hâ°tte, das der Rede wert wâ°re; daï¬ ich vielmehr, anstatt die EmpËrten zu z¸chtigen und zum Gehorsam zu bringen, ihren Sachwalter vorgestellt; sie f¸r ihren Aufruhr belohnt; ihnen noch mehr, als sie selbst zu fodern die Verwegenheit gehabt, zugestanden; und durch diese unbegreifliche Art zu verfahren, ihnen Mut und Krâ°fte gegeben hâ°tte, bei der ersten Gelegenheit sich von Athen gâ°nzlich unabhâ°ngig zu machen; er bewies (sage ich) alles dieses nach den Grund-Sâ°tzen einer Politik, welche das Widerspiel von der meinigen war, aber den Leidenschaften der Athenienser und eines jeden andern Volks allzusehr schmeichelte, um nicht Eingang zu finden. Er hatte noch die Bosheit, nicht entscheiden zu wollen, ob ich aus Unverstand oder geflissentlich so gehandelt habe; doch erhub er auf der einen Seite meine Fâ°higkeiten so sehr, und legte so viel Wahrscheinlichkeiten in die andere Waag-Schale, daï¬ sich der Ausschlag von selbst geben muï¬te. Dieses f¸hrte ihn zu dem zweiten Teil seiner Anklage, welcher in der Tat (ob er es gleich nicht gestehen wollte) das Hauptwerk davon ausmachte. Und hier wurden Beschuldigungen auf Beschuldigungen gehâ°uft, um mich dem Volk als einen Ehrs¸chtigen abzumalen, der sich einen Plan gemacht habe, sein Vaterland zu unterdr¸cken, und unter dem Schein der Groï¬mut, der Freigebigkeit und der Popularitâ°t, sich zum unumschrâ°nkten Herrn desselben aufzuwerfen. Eine jede meiner Tugenden war die Maske eines Lasters, welches im Verborgenen am Untergang der Freiheit und Gl¸ckseligkeit der Athenienser arbeitete. In der Tat hatte die Beredsamkeit meines Anklâ°gers hier ein schËnes Feld, sich zu ihrem Vorteil zu zeigen, und seinen ZuhËrern das republikanische Vergn¸gen zu machen, eine Tugend, welche mir zu groï¬e Vorz¸ge vor meinen Mitb¸rgern zu geben schien, heruntergesetzt zu sehen. Indessen, ob er gleich keinen Teil meines Privat-Lebens (so untadelhaft es ehemals meinen GËnnern geschienen hatte) unbeschmutzt lieï¬; so mochte er doch besorgen, daï¬ die Kunstgriffe, deren er sich dazu bedienen muï¬te, zu stark in die Augen fallen mËchten. Er raffte also alles zusammen, was nur immer fâ°hig sein konnte, mich in ein verhaï¬tes Licht zu stellen; und da es ihm an Verbrechen, die er mir mit einiger Wahrscheinlichkeit hâ°tte aufb¸rden kËnnen, mangelte, so legte er mir fremde Torheiten, und selbst die ausschweifenden Ehren-Bezeugungen zur Last, welche mir in der Flut meines Gl¸ckes und meiner Gunst bei dem Volk aufgedrungen worden waren. Ich muï¬te itzt so gar f¸r die elenden Verse Rechenschaft geben, womit einige Dichter, denen ich aus einem vielleicht zu weit getriebenen Mitleiden erlaubte, mir tâ°glich um die Essens-Zeit ihren Besuch abzustatten, mir die Dankbarkeit ihres Magens, auf Unkosten ihres Ruhms und des meinigen, zu beweisen gesucht hatten. Man beschuldigte mich in ganzem Ernst, daï¬ ich ¸berm¸tig und gottlos genug gewesen sei, mich f¸r einen Sohn des delphischen Apollo auszugeben; und mein Anklâ°ger lieï¬ diese Gelegenheit nicht entgehen, ¸ber meine wahre Geburt Zweifel zu erregen, und, unter vielen scherzhaften Wendungen, die Meinung derjenigen wahrscheinlich zu finden, welche (wie er sagte) benachrichtigt zu sein glaubten, daï¬ ich mein Dasein den verstohlenen Liebes-Hâ°ndeln irgend eines delphischen Priesters zu danken hâ°tte. In dieser ganzen Rede ersetzte ein von Bosheit beseelter Witz den Abgang gr¸ndlicher Beweise; aber die Athenienser waren schon lange gewohnt, sich Witz f¸r Wahrheit verkaufen zu lassen, und sich einzubilden, daï¬ sie ¸berzeugt w¸rden, wenn ihr Geschmack belustigt und ihre Ohren gekitzelt wurden. Sie machte also allen den Eindruck, und vielleicht noch mehr, als meine Feinde sich davon versprochen hatten. Die Eifersucht, welche sie in den Gem¸tern anblies, verwandelte die ¸bermâ°ï¬ige Zuneigung, deren Gegenstand ich zwei Jahre lang gewesen war, in einer Zeit von zwo Stunden in den bittersten Haï¬. Die Athenienser erschraken vor dem Abgrund, an dessen Rand sie sich, durch ihre Verblendung f¸r mich, unvermerkt hingezogen sahen.–Sie erstaunten, daï¬ sie meine Unfâ°higkeit zur Staats-Verwaltung, meine Begierde nach einer unumschrâ°nkten Gewalt, meine weit aussehenden Absichten, und mein heimliches Verstâ°ndnis mit ihren Feinden nicht eher wahrgenommen hâ°tten; und da es nicht nat¸rlich gewesen wâ°re, die Schuld davon auf sich selbst zu nehmen, so schrieben sie es lieber einer Bezauberung zu, wodurch ich ihre Augen eine Zeitlang zu verschlieï¬en gewuï¬t hâ°tte. Ein jeder glaubte nun, durch die verderblichen Anschlâ°ge, welche ich gegen die Republik gefaï¬t habe, von der Dankbarkeit vollkommen losgezâ°hlt zu sein, die er mir f¸r Dienste oder Wohltaten schuldig sein mochte; welche nun als die Lockspeise angesehen wurden, womit ich die Freiheit, und mit ihr das Eigentum meiner Mitb¸rger, wegzuangeln getrachtet. Kurz: Eben dieses Volk, welches vor wenigen Monaten mehr als menschliche Vollkommenheiten an mir bewunderte, war itzt unbillig genug, mir nicht das geringste Verdienst ¸brig zu lassen; und eben diejenigen, welche auf den ersten Wink bereit gewesen wâ°ren, mir die Oberherrschaft in einem allgemeinen Zusammenlauf aufzudrâ°ngen, waren itzt begierig, mich einen Anschlag, den ich nie gefaï¬t, gegen eine Freiheit, deren sie sich in diesem Augenblicke selbst begaben, mit meinem Blute b¸ï¬en zu sehen. Mein Urteil war zu eben der Zeit, da mir die gewËhnliche Frist zur Verantwortung gegeben wurde, durch die Mehrheit der Stimmen schon gefâ°llt; und das Vergn¸gen, womit ich von einer unzâ°hlbaren Menge Volks ins Gefâ°ngnis begleitet wurde, w¸rde vollkommen gewesen sein, wenn die Gesetze gestattet hâ°tten, mich, anstatt dahin, ohne weitere Prozeï¬-FËrmlichkeiten, zum Richt-Platz zu f¸hren.
So gl¸cklich meinen Feinden ihr Anschlag von statten gegangen war, so glaubten sie doch, sich meines Untergangs noch nicht genugsam versichert zu haben; sie f¸rchteten die Unbestâ°ndigkeit eines Volks, von welchem sie allzuwohl wuï¬ten, wie leicht es in entgegengesetzte Bewegungen zu setzen war. Es blieb mËglich, daï¬ ich mit einer bloï¬en Verbannung auf einige Jahre durchwischen konnte; und diese lieï¬ eine Verâ°nderung der Szene besorgen, bei welcher weder ihr Haï¬ gegen mich, noch ihre Sicherheit, ihre Rechnung fanden. Man muï¬te also noch eine andere Mine springen lassen, durch die mir, wenn ich einmal aus Athen vertrieben wâ°re, alle Hoffnung, jemals wieder zur¸ckzukommen, abgeschnitten w¸rde. Man muï¬te beweisen, daï¬ ich kein B¸rger von Athen sei; daï¬ meine Mutter keine B¸rgerin, und Stratonicus nicht mein Vater gewesen; daï¬ er mich, in Ermanglung eines Erben von seinem eigenen Blute, aus Haï¬ gegen denjenigen, der es, den Gesetzen nach, gewesen wâ°re, angenommen und unterschoben habe; und daï¬ also die Gesetze mir kein Recht an seine Erbschaft zugestanden. Da es zu Athen an Leuten niemal fehlt, welche gegen eine proportionierte Belohnung alles gesehen und gehËrt haben, was man will; und da alle diejenigen gestorben waren, welche der Wahrheit das beste Zeugnis hâ°tten geben kËnnen: so war es meinen Gegnern ein Leichtes, alles dieses eben so gut zu beweisen, als sie meine Staats-Verbrechen bewiesen hatten. Es wurde also eine neue Klage angestellt. Derjenige, der sich zum Klâ°ger wider mich aufwarf, war ein Neffe von meinem Vater, durch nichts als durch die l¸derlichste Lebens-Art bekannt, wodurch er sein Erb-Gut schon vor einigen Jahren verprasset hatte. Seine Unverbesserlichkeit hatte ihn endlich der Freundschaft meines Vaters, so wie der Achtung aller rechtschaffenen Leute, beraubt; und dieses Umstands bediente er sich nun, mich um eine Erbschaft zu bringen, die er, als der nâ°chste Erbe, eh mich Stratonicus f¸r seinen Sohn erklâ°rte, in seinen Gedanken schon verschlungen hatte. Die Geschicklichkeit des Redners, dessen Dienste er zu Ausf¸hrung seines Bubenst¸cks erkaufte, der mâ°chtige Beistand meiner Feinde, die Umstâ°nde selbst, in denen er mich unvermutet ¸berfiel, und vornehmlich die Gefâ°lligkeit seiner Zeugen, alle die Unwahrheiten zu beschwËren, welche er zu seiner Absicht nËtig hatte: Alles dieses zusammen genommen, versicherte ihn des gl¸cklichen Ausgangs seiner Verrâ°terei; und die Reicht¸mer, die ihm dadurch zufielen, waren in den Augen eines gef¸hllosen, Elenden, wie er war, wichtig genug, um mit Verbrechen, die ihn so wenig kosteten, erkauft zu werden.
Dieser letzte Streich, der vollstâ°ndigste Beweis, auf was f¸r einen Grad die Wut meiner Feinde gestiegen war, und wie gewiï¬ sie sich des Erfolgs hielten, lieï¬ mir keine Hoffnung ¸brig, die ihrige zu Schanden zu machen. Denn alle meine vermeinten Freunde, bis auf wenige, deren guter Wille ohne VermËgen war, hatten, so bald sie mich vom Gl¸ck verlassen sahen, mich auch verlassen; andere, welche zwar von dem Unrecht, das mir angetan wurde, ¸berzeugt waren, hatten den Mut nicht, sich f¸r eine Sache, welche sie nicht unmittelbar anging, in Gefahr zu setzen; und der einzige, dessen Charakter, Ansehen und Freundschaft mir vielleicht hâ°tte zu statten kommen kËnnen, befand sich seit einiger Zeit am Hofe des jungen Dionysius zu Syracus. Ich gestehe, daï¬ ich, so lange die ersten Bewegungen dauerten, mein Ungl¸ck in seinem ganzen Umfang f¸hlte. F¸r ein redliches, und dabei noch wenig erfahrnes Gem¸t ist es entsetzlich zu empfinden, daï¬ man sich in seiner guten Meinung von den Menschen betrogen habe, und sich zu der abscheulichen Wahl genËtiget zu sehen, entweder in einer bestâ°ndigen Unsicherheit vor der Schwachheit der einen, und vor der Bosheit der andern zu leben, oder sich gâ°nzlich aus ihrer Gesellschaft zu verbannen. Aber die Kleinm¸tigkeit, welche eine Folge meiner ersten melancholischen Betrachtungen war, dauerte nicht lange. Die Erfahrungen, die ich seit meiner Versetzung auf den Schauplatz einer grËï¬ern Welt, in so kurzer Zeit gemacht hatte, weckten die Erinnerungen meiner gl¸cklichen Jugend in Delphi mit einer Lebhaftigkeit wieder auf, worin sie sich mir unter dem Get¸mmel des Stâ°dtischen und politischen Lebens niemals dargestellt hatten. Die Bewegung meines Gem¸ts, die Wehmut, wovon es durchdrungen war, die Gewiï¬heit, daï¬ ich in wenigen Tagen von allen den Gunstbezeugungen, womit mich das Gl¸ck so schnell, und mit solchem ¸bermaï¬ Â¸bersch¸ttet hatte, nichts, als die Erinnerung, die uns von einem Traum ¸brig bleibt, und von allem, was ich mein genannt hatte, nichts als das Bewuï¬tsein meiner Redlichkeit, aus Athen mit mir nehmen w¸rde; setzten mich auf einmal wieder in diesen gl¸ckseligen Enthusiasmus, worin wir fâ°hig sind, dem â°uï¬ersten, was die vereinigte Gewalt des Gl¸cks und der menschlichen Bosheit gegen uns vermag, ein standhaftes Herz und ein heiters Gesicht entgegen zu stellen. Der unmittelbare Trost, den meine Grundsâ°tze ¸ber mein Gem¸t ergossen, die Wâ°rme und neubeseelte Stâ°rke die sie meiner Seele gaben, ¸berzeugten mich von neuem von ihrer Wahrheit. Ich verwies es der Tugend nicht, daï¬ sie mir den Haï¬ und die Verfolgungen der BËsen zugezogen hatte; ich f¸hlte, daï¬ sie sich selbst belohnt. Das Ungl¸ck schien mich nur desto stâ°rker mit ihr zu verbinden; so wie uns eine geliebte Person desto teurer wird, je mehr wir um ihrentwillen leiden. Die Betrachtungen, auf welche mich diese Gesinnungen leiteten, lehrten mich, wie geringhaltig auf der Waage der Weisheit, alle diese schimmernden G¸ter sind, welche ich im Begriff war, dem Gl¸ck wieder zur¸ckzugeben, und wie wichtig diejenige seien, welche mir keine republikanische Kabale, kein Dekret des Volks zu Athen, keine Macht in der Welt nehmen konnte. Ich verglich meinen Zustand in der hËchsten Flut meines Gl¸ckes zu Athen mit der seligen Ruhe des kontemplativen Lebens, worin ich in einer gl¸cklichen Unwissenheit des glâ°nzenden Elends und der wahren Beschwerden einer beneideten GrËï¬e, meine schuldlose Jugend hinweggelebt; worin ich meines Daseins, und der innern Reicht¸mer meines Geistes, meiner Gedanken, meiner Empfindungen, der eigent¸mlichen und von aller â°uï¬erlichen Gewalt unabhâ°ngigen Wirksamkeit meiner Seele froh geworden war,–und glaubte bei dieser Vergleichung, alles gewonnen zu haben, wenn ich mich, mit freiwilliger Hingabe der Vorteile, die mir indessen zugefallen waren, wieder in einen Zustand zur¸ckkaufen kËnnte, den mir meine Einbildungskraft mit ihren schËnsten Farben, und in diesem ¸berirdischen Lichte, worin er dem Zustande der himmlischen Wesen â°hnlich schien, vormalte. Der Gedanke, daï¬ diese Seligkeit nicht an die Haine von Delphi gebunden sei, daï¬ die Quellen davon in mir selbst lâ°gen, und daï¬ eben diese vermeintlichen G¸ter, welche mir mitten in ihrem Genuï¬ so viel Unruhe zugezogen, und mich in einem immerwâ°hrenden Wirbel von mir selbst hinweggerissen hatten, die einzigen Hinternisse meines wahren Gl¸cks gewesen seien.–Dieser Gedanke setzte mich in eine Entz¸ckung, die mich, zum Erstaunen meiner wenigen noch ¸briggebliebenen Freunde, gegen alle Bitterkeiten meines widrigen Schicksals unempfindlich machte; und dieses ging zuletzt so weit, daï¬ ich nach dem Tage meiner Verurteilung ganz ungeduldig wurde.
Allein eben diese Denkart, welche mir so viel Gleichg¸ltigkeit gegen den Verlust meines Ansehens und VermËgens gab, machte, daï¬ ich das Betragen der Athenienser in einem moralischen Gesichtspunkt ansah, aus welchem es mir Abscheu und Ekel erweckte. Meine Feinde schienen mir durch die Leidenschaften, von denen sie getrieben wurden, einigermaï¬en entschuldiget zu sein: Aber das Volk, welches bei meinem Umsturz nichts gewann, welches so viele Ursachen hatte, mich zu lieben, welches mich wirklich so sehr geliebt hatte, und itzt durch eine bloï¬e Folge seiner Unbestâ°ndigkeit und Schwachheit, ohne selbst recht zu wissen, warum, sich dummer Weise zum Werkzeug fremder Leidenschaften und Absichten machen lieï¬; dieses Volk wurde mir so verâ°chtlich, daï¬ ich kein Vergn¸gen mehr an den Gedanken fand, ihm Gutes getan zu haben. Diese Athenienser, die auf ihre Vorz¸ge vor allen andern Nationen der Welt so eitel waren, stellten sich meiner beleidigten Eigenliebe, als ein abschâ°tziger Haufen blËder Toren dar, die sich von einer kleinen Rotte verschmitzter Spitzbuben bereden lieï¬en, weiï¬ f¸r schwarz anzusehen; die bei aller Feinheit ihres Geschmacks, wenn es darauf ankam, ¸ber die Versifikation eines Trinklieds, oder die F¸ï¬e einer Tâ°nzerin zu urteilen, weder Kenntnis noch Empfindung von Tugend und wahrem Verdienst hatten; die bei der heftigsten Eifersucht ¸ber ihre Freiheit, niemals grËï¬ere Sklaven waren, als wenn sie ihr schimâ°risches Palladium am tapfersten behauptet haben; die sich jederzeit der F¸hrung ihrer ¸belgesinntesten Schmeichler mit dem blindesten Vertrauen ¸berlassen, und nur in ihre tugendhaftesten Mitb¸rger, in ihre zuverlâ°ssigsten Freunde, das grËï¬este Miï¬trauen gesetzt hatten. Sie verdienen es, sagte ich zu mir selbst, daï¬ sie betrogen werden; aber diesen Triumph sollen sie nicht haben, zu erleben, daï¬ Agathon sich vor ihnen dem¸tige. Sie sollen f¸hlen, was f¸r ein Unterschied zwischen ihm und ihnen ist; sie sollen f¸hlen, daï¬ er nur desto grËï¬er ist, wenn sie ihm alle diese kindischen Zieraten von Flittergold, womit sie ihn, wie Kinder, eine auf kurze Zeit geliebte Puppe, umhâ°ngt haben wieder abnehmen; und eine zu spâ°te Reue soll sie vielleicht in kurzem lehren, daï¬ Agathon ihrer leichter, als sie des Agathons entbehren kËnnen. Du siehest, schËne Danae, daï¬ ich mich nicht scheue, dir auch meine Schwachheiten zu gestehen. Dieser Stolz, der zu einer desto riesenmâ°ï¬igern Gestalt aufschwoll, je mehr mich die Athenienser zu Boden dr¸cken wollten, hatte ohne Zweifel einen guten Teil von eben der Eitelkeit in sich, welche ich ihnen zum Verbrechen machte; aber vielleicht gehËrt er auch unter die Triebfedern, womit die Natur edle Gem¸ter versehen hat, um dem Druck widerwâ°rtiger Zufâ°lle mit gleich starker Reaktion zu widerstehen, und sich dadurch in ihrer eigenen Gestalt und GrËï¬e zu erhalten. Die Athenienser r¸hmten ehmals meine Bescheidenheit und Mâ°ï¬igung zu einer Zeit, da sie alles taten, was mich diese Tugenden verlieren machen konnte; diese Bescheidenheit hatte mit dem Stolz, der ihnen itzt so anstËï¬ig an mir war, daï¬ er vielleicht mehr, als alle Bem¸hungen meiner Feinde zu meinem Fall beitrug, einerlei Quelle; ich war mir eben so wohl bewuï¬t, daï¬ ich ihre Miï¬handlungen nicht verdiente, wie ich ehmals f¸hlte, daï¬ die Achtung ¸bertrieben war, die sie mir bewiesen; desto bescheidener, je mehr sie mich erhuben; desto stolzer und trotziger, je mehr sie mich herunter setzen wollten.
Meine Freunde hatten sich inzwischen in der Stille so eifrig zu meinem Besten verwendet, daï¬ sie mir Hoffnung machten, alles kËnne noch gut gehen, wenn ich mich entschlieï¬en kËnne, meine Apologie nach dem Geschmack, und der Erwartung des Volks einzurichten. Ich sollte mich zwar von Punkt zu Punkt so vollstâ°ndig rechtfertigen, als es immer mËglich wâ°re; aber am Ende sollte ich mich doch den Atheniensern auf Gnade oder Ungnade zu F¸ï¬en werfen; meinen Feinden d¸rfte ich nach aller Schâ°rfe des Selbstverteidigungs–und Wiedervergeltungsrechts begegnen; aber den Atheniensern sollte ich schmeicheln, und anstatt ihre Eigenliebe durch den mindesten Vorwurf zu beleidigen, sollte ich bloï¬ ihr Mitleiden zu erregen suchen. Es ist zu vermuten, daï¬ der Erfolg diesen Rat meiner Freunde, der sich auf die Kenntnis des Charakters eines freien Volks gr¸ndete, gerechtfertiget hâ°tte: Wenigstens ist gewiï¬, daï¬ die erste Bewegungen dieser Unbestâ°ndigen bereits angefangen hatten, dem Mitleiden und den Regungen ihrer vormaligen Liebe zu weichen. Ich lase es, da ich das Ger¸ste bestieg, von welchem ich zu dem Volk redete, in vieler Augen, wie sie nur darauf warteten, daï¬ ich ihnen einen Weg zeigen mËchte, mit guter Art, und ohne etwas von ihrer demokratischen Majestâ°t zu vergeben, wieder zur¸ck zu kommen. Aber sie fanden sich in ihrer Erwartung sehr betrogen. Die Verachtung, womit mein Gem¸t beim Anblick dieses Volkes erf¸llt wurde, welches mich vor wenigen Tagen mit so ausschweifender Freude ins Gefâ°ngnis begleitet hatte, und das Gef¸hl meines eigenen Wertes, waren beide zu lebhaft; die Begierde, ihnen gutes zu tun, welche die Seele aller meiner Handlungen und Entw¸rfe gewesen war, hatte aufgehËrt; ich w¸rdigte sie nicht, eine Apologie zu machen, die ich f¸r eine Beschimpfung meines Charakters und Lebens gehalten hâ°tte; aber ich wollte ihnen zum letztenmal die Wahrheit sagen: Ehmals, wenn es darum zu tun gewesen war, sie von ihren eignen wahren Vorteilen zu ¸berzeugen, hatte ich aller meiner Beredsamkeit aufgeboten; aber itzo, da die Rede bloï¬ von mir selbst war, verschmâ°hte ich den Beistand einer Kunst, worin der Ruf mir einige Geschicklichkeit zuschrieb. In diesem St¸cke blieb ich meinem gefaï¬ten Vorsatz getreu; aber nicht der K¸rze und Gelassenheit, die ich mir vorgeschrieben hatte; der Affekt, in den ich unvermerkt geriet, machte mich weitlâ°ufig und etlichemal bitter.
Meine Rede enthielt eine zusammengezogene Erzâ°hlung meines ganzen Lebenslaufs in Athen; der Grundsâ°tze, welchen ich in der Republik gefolgt war; und meiner Gedanken von dem wahren Interesse der Athenienser. Ich ging bei dieser Gelegenheit ein wenig strenge mit ihren Urteilen und Lieblingsprojekten um; und sagte ihnen, daï¬ ich in der Sache der Schutzverwandten eine Probe gegeben hâ°tte, nach was f¸r Maximen ich jederzeit in Verwaltung des Staats gehandelt haben w¸rde; und da diese Maximen so weit von ihrer Gem¸tsbeschaffenheit und Denkart entfernt wâ°ren: So w¸rden sie sehr weislich handeln, einen Menschen aus ihrem Mittel zu verbannen, welcher nicht gesonnen sei, der Wahrheit und den Pflichten eines allgemeinen Freunds der Menschen zu entsagen, um ein guter B¸rger von Athen zu sein.
Der Schluï¬ meiner Rede liegt mir noch so lebhaft im Gedâ°chtnis, daï¬ ich ihn, zu einer Probe des Ganzen, wiederholen will. ‘Die GËtter’, (sagte ich) ‘haben mich zu einer Zeit, da ich es am wenigsten hoffte, meinen Vater finden lassen: Sein Ansehen und seine Reicht¸mer gaben mir viel weniger Freude, als die Entdeckung, daï¬ ich mein Leben einem rechtschaffenen Mann zu danken hatte. Athen wurde durch ihn mein Vaterland. Ich sah es als den Platz an, den mir die GËtter angewiesen, um das Beste der Menschen zu befËdern. Das Interesse dieser einzelnen Stadt, war in meinen Augen ein zu kleiner Gegenstand, um dem allgemeinen Besten der Menschheit vorgesetzt zu werden; aber ich sah beides so genau mit einander verkn¸pft, daï¬ ich nur alsdenn gewiï¬ sein konnte, jenes wirklich zu erhalten, wenn ich dieses befËderte. Nach diesen Grundsâ°tzen habe ich in meinem Ëffentlichen Leben gehandelt, und diese Handlungen, deren sich selbst belohnendes Bewuï¬tsein mir in eine bessere Welt, den unvergâ°nglichen Wohnplatz der tugendhaften Seelen, folgen wird; diese Handlungen haben mir euern Unwillen zugezogen. Die Athenienser wollen auf Unkosten des menschlichen Geschlechts groï¬ sein; und das werden sie so lange sein wollen, bis sie in Ketten, welche sie sich selbst schmieden, und deren sie w¸rdig sind, sobald sie ¸ber Sklaven gebieten wollen, allen ihren Ehrgeiz auf den r¸hmlichen Vorzug einschrâ°nken werden, die besten Sprachlehrer, und die gelenkigsten Pantomimen in der Welt zu sein. Aber Agathon ist nicht dazu gemacht, euern Lauf auf diesem Wege, den die Gefâ°lligkeit eurer Redner mit Blumen bestreut, beschleunigen zu helfen. Mein Privatleben hat euch bewiesen, daï¬ die Grundsâ°tze, nach welchen ich eure Ëffentlichen Handlungen zu leiten gew¸nscht hâ°tte, die Maï¬regeln meines eigenen Verhaltens sind. Mein VermËgen hat mehr zum Gebrauch eines jeden unter euch, als zu meinem eigenen gedienet. Ich habe mir Undankbare verbindlich gemacht, und diese Erfahrung lehrt mich, G¸ter mit Gleichg¸ltigkeit zur¸ckzulassen, welche ich ¸bel anwendete, da ich sie am besten anzuwenden glaubte. Dieses, ihr Athenienser, ist alles, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen habe. Ihr seid nun, weil euch die Menge eurer Arme zu meinen Herren macht, Meister ¸ber meine Umstâ°nde, und wenn ihr wollt, ¸ber mein Leben. Verlangt ihr meinen Tod, so meldet mir nur, was ich in euerm Namen, dem weisen und guten Socrates sagen soll, zu dem ihr mich schicken werdet. Begn¸gt ihr euch aber, mich aus euern Augen zu verbannen, so werde ich mit dem letzten Blicke nach einem einst geliebten Vaterland, eine Trâ°ne auf das Grab eurer Gl¸ckseligkeit fallen lassen; und, indem ich aufhËre ein Athenienser zu sein, in der Welt, die mir offen steht, in einem jeden Winkel, wo es der Tugend erlaubt ist, sich zu verbergen, ein besseres Vaterland finden.’
Es ist leicht zu vermuten, schËne Danae, daï¬ eine Apologie aus diesem Ton nicht geschickt war, mir ein g¸nstiges Urteil auszuwirken. Die Erbitterung, die dadurch in den Gem¸tern der meisten erregt wurde, welche das angenehme Schauspiel, mich vor ihnen gedem¸tiget zu sehen, zu genieï¬en erwartet hatten, war auf ihren Gesichtern ausgedr¸ckt. Dem ungeachtet sah ich niemal eine grËï¬ere Stille unter dem Volk, als da ich aufgehËrt hatte zu reden. Sie f¸hlten, wie es schien, wider ihren Willen, daï¬ die Tugend auch ihren Hâ°ssern Ehrfurcht einprâ°get; aber eben dadurch wurde sie ihnen nur desto verhaï¬ter, je stâ°rker sie den Vorzug f¸hlten, den sie dem beklagten, verlassenen und von allen Auszierungen des Gl¸cks entblËï¬tem Agathon ¸ber die Herren seines Schicksals gab. Ich weiï¬ selbst nicht, wie es zuging, daï¬ mir mein guter Genius aus dieser Gefahr heraushalf: Aber, wie die Stimmen gesammelt wurden, so fand sich, daï¬ die Richter, gegen die Hoffnung meiner Anklâ°ger sich begn¸gten, mich auf ewig aus Griechenland zu verbannen, die Hâ°lfte meiner G¸ter zum gemeinen Wesen zu ziehen, und die andre Hâ°lfte meinen Verwandten zuzusprechen. Die Gleichg¸ltigkeit, womit ich mich diesem Urteil unterwarf, wurde in diesem fatalen Augenblick, der alle meine Handlungen in ein falsches Licht setzte, f¸r einen Trotz aufgenommen, welcher mich alles Mitleidens unw¸rdig machte; doch erlaubte man meinen Freunden, sich um mich zu versammeln, mir ihre Dienste anzubieten, und mich aus Athen zu begleiten: welches ich, ungeachtet mir eine lâ°ngere Frist gegeben worden war, noch in eben der Stunde, mit so leichtem Herzen verlieï¬, als wie ein Gefangener den Kerker verlâ°ï¬t, aus dem er unverhofft in Freiheit gesetzt wird. Die Trâ°nen der wenigen, welche mein Fall nicht von mir verscheucht hatte, und meiner guten Hausgenossen, waren das einzige, was bei einem Abschiede, den wir auf ewig von einander nahmen, mein Herz erweichte; und ihre guten W¸nsche alles, was ich von den Wirkungen ihrer mitleidigen und dankbaren Sorgfalt annahm.
Ich befand mich nun wieder ungefâ°hr in eben den Umstâ°nden, worin ich vor einigen Jahren unter dem Zypressenbaum im Vorhofe meines noch unbekannten Vaters zu Corinth gelegen war. Die groï¬en Verâ°nderungen, die manchfaltigen Szenen von Reichtum, Ansehen, Gewalt und â°uï¬erlichem Schimmer, durch welche mich das Gl¸ck in dieser kurzen Zwischenzeit herumgedreht hatte, waren nun wie ein Traum vor¸ber; aber die wesentlichen Vorteile, die von allen diesen Begegnissen in meinem Geist und Herzen zur¸ckgeblieben waren, ¸berzeugten mich, daï¬ ich nicht getrâ°umt hatte. Ich fand mich um eine Menge n¸tzlicher und angenehmer Kenntnisse, um die Entwicklung meiner Fâ°higkeiten, um das Bewuï¬tsein vieler guten Handlungen, und um eine Reihe wichtiger Erfahrungen, reicher als zuvor. Ich hatte den Geist der Republiken, den Charakter des Volks, und die Eigenschaften und Wirkungen vieler mir vorher unbekannten Leidenschaften kennen gelernt, und Gelegenheiten genug gehabt, vieler irrigen Einbildungen los zuwerden, welche man sich von der Welt zu machen pflegt, wenn man sie nur von Ferne, und ohne selbst in ihre Geschâ°fte eingeflochten zu sein, betrachtet. Zu Delphi hatte man mich (zum Exempel) gelehrt, daï¬ sich das ganze Gebâ°ude der Republikanischen Verfassung auf die Tugend gr¸nde; die Athenienser lehrten mich hingegen, daï¬ die Tugend an sich selbst nirgends weniger geschâ°tzt wird, als in einer Republik; den Fall ausgenommen, da man ihrer vonnËten hat; und in diesem Fall wird sie unter einem jeden Tyrannen eben so hoch geschâ°tzt, und oft besser belohnt. ¸berhaupt hatte mein Aufenthalt in Athen, die erhabene Theorie von der Vortrefflichkeit und W¸rde der menschlichen Natur, wovon ich eingenommen war, sehr schlecht bestâ°tiget; aber ich fand mich nichts desto geneigter von ihr zur¸ckzukommen. Ich legte alle Schuld auf die Contagion allzugroï¬er Gesellschaften, auf die Mâ°ngel der Gesetzgebung, auf das Privatinteresse, welches bei allen policierten VËlkern, durch ein unbegreifliches Versehen ihrer Gesetzgeber, in einem bestâ°ndigen Streit mit dem gemeinen Besten liegt. Kurz, ich dachte darum nicht schlimmer von der Menschheit, weil sich die Athenienser unbestâ°ndig, ungerecht und undankbar gegen mich bewiesen hatten; aber ich faï¬te einen desto stâ°rkern Widerwillen gegen eine jede andere Gesellschaft, als eine solche, welche sich auf ¸bereinstimmende Grundsâ°tze, Tugend und Bestrebung nach moralischer Vollkommenheit gr¸ndete. Der Verlust meiner G¸ter, und die Verbannung aus Athen schien mir die wohltâ°tige Veranstaltung einer f¸r mich besorgten Gottheit zu sein, welche mich dadurch meiner wahren Bestimmung habe wiedergeben wollen. Es ist sehr vermutlich, daï¬ ich durch Anwendung gehËriger Mittel, durch das Ansehen meiner auswâ°rtigen Freunde, und selbst durch die Unterst¸tzung der Feinde der Athenienser, welche mir gleich anfangs meines Prozesses, heimlich angeboten worden war, vielleicht in kurzem wieder Wege gefunden haben kËnnte, meine Gegner in dem Genuï¬ der Fr¸chte ihrer Bosheit zu stËren, und im Triumphe wieder nach Athen zur¸ck zu kehren. Allein solche Anschlâ°ge, und solche Mittel schickten sich nur f¸r einen Ehrgeizigen, welcher regieren will, um seine Leidenschaften zu befriedigen. Mir fiel es nicht ein, die Athenienser zwingen zu wollen, daï¬ sie sich von mir gutes tun lassen sollten. Ich glaubte durch einen Versuch, der mir durch ihre eigene Schuld miï¬lungen war, meiner Pflicht gegen die b¸rgerliche Gesellschaft ein Gen¸ge getan zu haben, und nun vollkommen berechtiget zu sein, die nat¸rliche Freiheit, welche mir meine Verbannung wieder gab, zum Vorteil meiner eigenen Gl¸ckseligkeit anzuwenden. Ich beschloï¬ also den Vorsatz, welchen ich zu Delphi schon gefaï¬t hatte, nunmehr ins Werk zu setzen, und die Quellen der morgenlâ°ndischen Weisheit, die Magier, und die Gymnosophisten in Indien zu besuchen, in deren geheiligten EinËden ich die wahren Gottheiten meiner Seele, die Weisheit und die Tugend, von denen, wie ich glaubte, nur unwesentliche Phantomen unter den ¸brigen Menschen herumschwâ°rmten, zu finden hoffte.
Aber eh ich auf die Zufâ°lle komme, durch welche ich an der Ausf¸hrung dieses Vorhabens gehintert, und in Gestalt eines Sklaven nach Smyrna gebracht wurde; muï¬ ich mich meiner jungen Freundin wieder erinnern, die wir seit meiner Versetzung nach Athen aus dem Gesichte verloren haben.”
ACHTES KAPITEL
Agathon endigt seine Erzâ°hlung
“Die Verâ°nderung, welche mit mir vorging, da ich aus den Hainen von Delphi auf den Schauplatz der geschâ°ftigen Welt, in das Get¸mmel einer volkreichen Stadt, in die unruhige Bewegungen einer zwischen der Demokratie und Aristokratie hin und her treibenden Republik, und in das moralische Chaos der b¸rgerlichen Gesellschaft, worin Leidenschaften mit Leidenschaften, Absichten mit Absichten, in einem allgemeinen und ewigen Streit gegen einander rennen, und unter dem unharmonischen Zusammenstoï¬ unfËrmlicher Miï¬gestalten, nichts bestâ°ndiges, noch gewisses ist, nichts das ist, was es scheint, noch die Gestalt behâ°lt die es hat.–Diese Verâ°nderung war so groï¬, daï¬ ich ihre Wirkung, auf mein Gem¸t durch nichts anders zu bezeichnen weiï¬, als durch die Vergleichung mit der Betâ°ubung, worin nach meinem Freunde, Plato, unsre Seele eine Zeit lang, von sich selbst entfremdet, liegen bleibt, nachdem sie aus dem Ozean des reinen urspr¸nglichen Lichts, der die ¸berhimmlischen Râ°ume erf¸llet, plËtzlich in den Schlamm des groben irdischen Stoffes heruntergest¸rzt worden ist. Die Menge der neuen Gegenstâ°nde, welche von allen Seiten auf mich eindrang, verschlang die Erinnerung derjenigen, welche mich so viele Jahre umgeben hatten; und zuletzt hatte ich fast M¸he, mich selbst zu ¸berreden, daï¬ ich eben derjenige sei, der im Tempel zu Delphi den Fremden die Merkw¸rdigkeiten desselben gewiesen und erklâ°rt hatte. So gar das Andenken meiner geliebten Psyche wurde eine Zeit lang von diesem Nebel, der meine Seele umzog, verdunkelt; allein dieses dauerte nur so lange, bis ich des neuen Elements, worin ich itzt lebte, gewohnt worden war; denn da vermiï¬te ich ihre Gegenwart desto lebhafter wieder, je grËï¬er das Leere war, welches die Beschâ°ftigungen und selbst die ErgËtzungen meiner neuen Lebensart in meinem Herzen lieï¬en. Die Schauspiele, die Gastmâ°hler, die Tâ°nze, die Musik¸bungen, konnten mir jene seligen Nâ°chte nicht ersetzen, die ich in den Entz¸ckungen einer zauberischen Schwâ°rmerei, an ihrer Seite zugebracht hatte. Aber, so groï¬ auch meine Sehnsucht nach diesen verlornen Freuden war, so beunruhigte mich doch die Vorstellung des ungl¸cklichen Zustands noch weit mehr, worein die rachbegierige Eifersucht der Pythia sie vermutlich versetzt hatte. Den Ort ihres Aufenthalts ausfindig zu machen, schien beinahe eine UnmËglichkeit; denn entweder hatte die Priesterin sie (fern genug von Delphi, um uns alle Hoffnung des Wiedersehens zu benehmen,) verkaufen, oder gar an irgend einer entlegnen barbarischen K¸ste aussetzen und dem Zufall Preis geben lassen. Allein da der Liebe nichts unmËglich ist, so gab ich auch die Hoffnung nicht auf, meine Psyche wieder zu bekommen. Ich belud alle meine Freunde, alle Fremden, die nach Athen kamen, alle Kaufleute, Reisende und Seefahrer mit dem Auftrag, sich allenthalben, wohin sie kâ°men, nach ihr zu erkundigen; und damit sie weniger verfehlt werden kËnnte, lieï¬ ich eine unzâ°hlige Menge Kopeien ihres Bildnisses machen, das ich selbst, oder vielmehr der Gott der Liebe mit meiner Hand, in der vollkommensten â°hnlichkeit, nach dem gegenwâ°rtigen Original, gezeichnet hatte, da wir noch in Delphi waren; und diese Kopeien teilte ich unter alle diejenigen aus, welche ich durch Verheiï¬ung groï¬er Belohnungen, anzureizen suchte, sich f¸r ihre Entdeckung M¸he zu geben. Ich gestehe dir so gar, daï¬ das Verlangen meine Psyche wieder zu finden, (anfâ°nglich wenigstens) der hauptsâ°chlichste Beweg-Grund war, warum ich mich in der Republik hervorzutun suchte. Denn, nachdem mir alle andre Mittel fehlgeschlagen hatten, schien mir kein andres ¸brig zu bleiben, als meinen Namen so bekannt zu machen, daï¬ er ihr zu Ohren kommen m¸ï¬te; sie mËchte auch sein, wo sie wollte. Dieser Weg war in der Tat etwas weitlâ°ufig; und ich hâ°tte zwanzig Jahre in einem fort grËï¬ere Taten tun kËnnen, als Hercules und Theseus, ohne daï¬ die Hyrcanier, die Massageten, die Hibernier, oder die Lâ°strigonen, in deren Hâ°nde sie inzwischen hâ°tte geraten kËnnen, mehr von mir gewuï¬t hâ°tten, als die Einwohner des Mondes. Zu gutem Gl¸ck fand der Schutz-Geist unsrer Liebe einen k¸rzern Weg, uns zusammenzubringen; aber in der Tat nur, um uns Gelegenheit zu geben, auf ewig von einander Abscheid zu nehmen.”-Hier fuhr Agathon fort, der schËnen Danae die Begebenheiten zu erzâ°hlen, die ihm auf seiner Wanderschaft bis auf die Stunde, da er mit ihr bekannt wurde, zugestoï¬en, und wovon wir dem geneigten Leser bereits im ersten und zweiten Buche dieser Geschichte Rechenschaft gegeben haben; und nachdem er sich auf Unkosten des weisen Hippias ein wenig lustig gemacht, entdeckte er seiner schËnen Freundin (welche seine ganze Erzâ°hlung nirgends weniger langweilig fand, als an dieser Stelle,) alles, was von dem ersten Augenblick an, da er sie gesehen, in seinem Herzen vorgegangen war. Er ¸berredete sie mit eben der Aufrichtigkeit, womit er es zu empfinden glaubte, daï¬ sie allein dazu gemacht gewesen sei, seine Begriffe von idealischen Vollkommenheiten und einem ¸berirdischen Grade von Gl¸ckseligkeit zu realisieren; daï¬ er, seit dem er sie liebe, und von ihr geliebet sei, ohne seiner ehemaligen Denkungs-Art ungetreu zu werden, von dem, was darin ¸bertrieben und schimâ°risch gewesen, bloï¬ dadurch zur¸ckgekommen sei, weil er bei ihr alles dasjenige gefunden, wovon er sich vorher, nur in der hËchsten Begeisterung einer Einbildungs-Kraft einige unvollkommene Schatten-Begriffe habe machen kËnnen; und weil es nat¸rlich sei, daï¬ die Einbildungs-Kraft, als der Sitz der Schwâ°rmerei, zu w¸rken aufhËre, so bald der Seele nichts zu tun ¸brig, als anzuschauen und zu genieï¬en. Mit einem Wort: Agathon hatte vielleicht in seinem Leben nie so sehr geschwâ°rmt, als itzt, da er sich in dem hËchsten Grade der verliebten BetËrung einbildete, daï¬ er alles das, was er der leichtglâ°ubigen Danae vorsagte, eben so gewiï¬ und unmittelbar sehe und f¸hle, als er ihre schËnen, von dem ganzen Geist der Liebe und von aller seiner berauschenden Wollust trunknen Augen auf ihn geheftet sah, oder das Klopfen ihres Herzens unter seinen verirrenden Lippen f¸hlte. Er endigte damit, daï¬ er ihr aus seiner ganzen Erzâ°hlung begreiflich gemacht zu haben glaube, warum es, nachdem er schon so oft bald von den Menschen, bald vom Gl¸cke, bald von seinen eigenen Einbildungen betrogen worden, entsetzlich f¸r ihn sein w¸rde, wenn er jemals sich in der Hoffnung betrogen fâ°nde, so vollkommen und bestâ°ndig von ihr geliebt zu werden, als es zu seiner Gl¸ckseligkeit nËtig sei. Er gestund ihr mit einer Offenherzigkeit, welche vielleicht nur eine Danae ertragen konnte, daï¬ eine lebhafte Erinnerung an die Zeiten seiner ersten Liebe, zugleich mit der Vorstellung aller der seltsamen Zufâ°lle, Verâ°nderungen und Katastrophen, die er in einem Alter von f¸nf und zwanzig Jahren bereits erfahren habe, ihn auf eine Reihe melancholischer Gedanken gebracht, worin er M¸he gehabt habe, seine gegenwâ°rtige Gl¸ckseligkeit f¸r etwas wirkliches, und nicht f¸r ein abermaliges Blendwerk seiner Phantasie, zu halten. “Eben das ¸bermaï¬ derselben”, sagte er, “eben dies ist es, was mich besorgen machte, jemals aus einem so schËnen Traum aufzuwachen.–Kannst du mich verdenken, liebensw¸rdige Danae, o du, die durch die Reizungen deines Geistes, auch ohne diese Liebe-atmende Gestalt, ohne diese SchËnheit, deren Anschauen himmlische Wesen dir gegen¸ber anzufesseln vermËgend wâ°re, durch die bloï¬e SchËnheit deiner Seele, und den magischen Reiz eines Geistes, der alle Vorz¸ge, alle Gaben, alle Grazien in sich vereinigt, meinen Geist aus dem Himmel selbst zu dir herunterziehen w¸rdest.–KËnntest du mich verdenken, daï¬ ich, vor dem Gedanken, deine Liebe jemals verlieren zu kËnnen, wie vor der Vernichtung meines ganzen Wesens, erzittre?–Laï¬ mich, laï¬ mich die Gewiï¬heit, daï¬ es nie geschehen werde, daï¬ es unmËglich sei, immer in deinen Augen lesen, immer von deinen Lippen hËren, und in deinen Armen f¸hlen; und wenn diese vergËtternde Bezauberung jemals aufhËren soll, so nimm, im letzten Augenblick, alle deine Macht zusammen, und laï¬ mich vor Entz¸ckung und Liebe zu deinen F¸ï¬en sterben.”-Von der Antwort, womit Danae diese Ergieï¬ungen einer gl¸henden Zâ°rtlichkeit erwiderte, lâ°ï¬t sich das Wenigste mit Worten ausdr¸cken; und dieses kann sich, nach allem, was wir bereits von ihren Gesinnungen f¸r unsern Helden gesagt haben, der kaltsinnigste von unsern Lesern so gut vorstellen, als wir es ihm sagen kËnnten–oder sich’s auch nicht vorstellen, wenn es ihm beliebt. Daï¬ sie ihm ¸brigens sehr hËflich f¸r die Erzâ°hlung seiner Geschichte gedankt, und eine ungemeine Freude dar¸ber empfunden habe, in diesem Sklaven, der die Alcibiaden und den liebensw¸rdigen Cyrus selbst aus ihrem Herzen ausgelËscht hatte, den ruhmvollen Agathon, den Mann, den das Ger¸chte zum Wunder seiner Zeit gemacht hatte, zu finden; und daï¬ sie ihm hier¸ber viel schËnes gesagt haben werde–verstehst sich von selbst. Dieses und alles, was eine jede andere, die keine Danae gewesen wâ°re, in den vorliegenden Umstâ°nden auch gesagt hâ°tte, wollen wir, nebst allen den feinen Anmerkungen und Scherzen, wodurch sie in gewissen Stellen seine Erzâ°hlung unterbrochen hatte, ¸berh¸pfen, um zu andern Dingen, die in ihrem Gem¸te vorgingen, zu kommen, welche der grËï¬este Teil unserer Leserinnen (wir besorgen es, oder hoffen es vielmehr,) nicht aus sich selbst erraten hâ°tte, und welche wichtig genug sind, ein eigenes Kapitel zu verdienen.
NEUNTES KAPITEL
Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers Helden
Die vertrauliche Erzâ°hlung, welche Agathon seiner zâ°rtlichen Freundin von seinem ganzen Lebens-Lauf gemacht; die Offenherzigkeit, womit er ihr die innersten Triebfedern seiner Seele aufgedeckt; und die vollstâ°ndige Kenntnis, welche sie dadurch von einem Liebhaber erhalten hatte, an dessen Erhaltung ihr so viel gelegen war; lieï¬en sie gar bald einsehen, daï¬ sie vielleicht mehr Ursache habe, ¸ber die Bestâ°ndigkeit seiner Liebe beunruhigt zu sein, als er ¸ber die Dauer der ihrigen. So schmeichelhaft es f¸r ihre Eitelkeit war, von einem Agathon geliebt zu sein; so hâ°tte sie doch f¸r die Ruhe ihres Herzens lieber gewollt, daï¬ er keine so schimmernde Rolle in der Welt gespielt hâ°tte. Sie besorgte nicht unbillig, daï¬ es schwer sein w¸rde, einen jungen Helden, der durch so seltene Talente und Tugenden zu den edelsten Auftritten des geschâ°ftigen Lebens bestimmt schien, immer in den Blumen-Fesseln der Liebe und eines woll¸stigen M¸ï¬iggangs gefangen zu halten. Nun schien zwar die Art seiner Erziehung, der sonderbare Schwung, den seine Einbildungs-Kraft dadurch erhalten, seine herrschende Neigung zur Unabhâ°ngigkeit und Ruhe des spekulativen Lebens, welche durch die Streiche, die ihm das Gl¸ck in einer so groï¬en Jugend bereits gespielt, eine neue Stâ°rke bekommen hatte; und der Hang zum Vergn¸gen, welcher, im Gleichmaï¬ mit der auï¬erordentlichen Empfindlichkeit seines Herzens, die Ruhm-Begierde und die Ambition bei ihm nur zu subalternen Leidenschaften machte–alles dieses schien ihr zwar in dem Vorhaben, ihn der Welt zu rauben, und f¸r sich selbst zu behalten, nicht wenig befËrderlich zu sein; aber eben diese schwâ°rmerische Einbildungs-Kraft, eben diese Lebhaftigkeit der Empfindungen schienen ihr, auf einer andern Seite betrachtet, mit einer gewissen nat¸rlichen Unbestâ°ndigkeit verbunden zu sein, von welcher sie alles zu bef¸rchten hâ°tte. Konnte sie, mit aller Eitelkeit, wozu sie das Bewuï¬tsein ihrer selbst und der allgemeine Beifall berechtigte, sich selbst bereden, daï¬ sie diese idealische Vollkommenheit w¸rklich besitze, welche die bezauberten Augen ihres enthusiastischen Liebhabers an ihr sahen? Und da nicht sie selbst, sondern diese idealische Vollkommenheit der eigentliche Gegenstand seiner Liebe war, auf was f¸r einen unsichern Grund beruhete also eine Hoffnung, welche voraussetzte, daï¬ die Bezauberung immer dauern werde? Diese letzte Betrachtung machte sie zittern;–denn sie f¸hlte mit einer immer zunehmenden Stâ°rke, daï¬ Agathon zu ihrer Gl¸ckseligkeit unentbehrlich geworden war.–Aber (so ist die betr¸gliche Natur des menschlichen Herzens!) eben darum, weil der Verlust ihres Liebhabers sie elend gemacht haben w¸rde, hatten alle Vorstellungen, welche ihr mit seinem bestâ°ndigen Besitz schmeichelten, doppelte Kraft ein Herz zu ¸berreden, welches nichts anders suchte, als getâ°uscht zu sein. Sie bildete sich also ein, daï¬ der Hang zu demjenigen, was man die Wollust der Seele nennen kann, den wesentlichsten Zug von der Gem¸ts-Beschaffenheit unsers Helden ausmache. Seine Philosophie selbst schien ihr diese Meinung zu bestâ°tigen, und, bei aller ihrer Erhabenheit ¸ber den groben Materialismus des grËï¬ten Haufens der Sterblichen, in der Tat mit den Grundsâ°tzen des Aristippus, welche vormals ihre eigenen gewesen waren, in dem nâ°mlichen Punkt zusammenzulaufen. Der ganze Unterscheid schien ihr darin zu liegen, daï¬ dieser die Wollust, welche er zum letzten Ziel der Weisheit machte, mehr in der angenehmen Bewegung der Sinnen, den Befriedigungen eines gelâ°uterten Geschmacks, und den ErgËtzlichkeiten eines von allen unruhigen Leidenschaften befreiten geselligen Lebens–Agathon hingegen, diese feinere Wollust, von welcher er in den stillen Hainen des Delphischen Tempels sich ein so liebensw¸rdiges Phantom in den Kopf gesetzt hatte, mehr in den Vergn¸gen der Einbildungs-Kraft und des Herzens suchte; eine Philosophie, bei welcher er (nach der scharfsinnigen Beobachtung unsrer SchËnen) so gar von Seiten der sinnlichen Lust mehr gewann, als verlor; indem diese von den verschËnernden Einfl¸ssen einer begeisterten Einbildung und den zâ°rtlichen R¸hrungen und Ergieï¬ungen eines gef¸hlvollen Herzens ihren mâ°chtigsten Reiz erhâ°lt. Dieses als gewiï¬ vorausgesetzt, glaubte sie von der Unbestâ°ndigkeit, welche sie, nicht ohne Grund, als eine Eigenschaft einer allzuw¸rksamen und hoch gespannten Einbildungs-Kraft ansah, nichts zu besorgen zu haben; so lange es ihr nicht an Mitteln fehlen w¸rde, seinen Geist und sein Herz zugleich und, mit einer solchen Abwechslung und Mannigfaltigkeit zu vergn¸gen, daï¬ eine weit lâ°ngere Zeit, als die Natur dem Menschen zum Genieï¬en angewiesen hat, nicht lange genug wâ°re, ihn eines so angenehmen Zustandes ¸berdr¸ssig zu machen. Sie hatte Ursache, dieses um so mehr zu glauben, da sie aus Erfahrung wuï¬te, daï¬ die W¸rksamkeit der Einbildungs-Kraft desto mehr abnimmt, je weniger leeres der Genuï¬ wirklicher Vergn¸gungen im Herzen zur¸cklâ°ï¬t, und je weniger ihm Zeit gelassen wird, etwas angenehmers als das Gegenwâ°rtige zu w¸nschen.
Es ist dermalen noch nicht Zeit, daï¬ wir ¸ber diese Grundsâ°tze der schËnen Danae unsere eigenen Gedanken sagen. Sie mochten, von einer Seite betrachtet, richtig genug sein; aber wir besorgen sehr, daï¬ sie sich in dem Gebrauch der Mittel, wodurch sie ihren Zweck zu erhalten hoffte, von der Liebe betrogen finden werde. In der Tat liebte sie zu aufrichtig und zu heftig, um gute Schl¸sse zu machen; und ihr Herz f¸hrte sie nach und nach, ohne daï¬ sie es gewahr wurde, weit ¸ber die Grenzen der Mâ°ï¬igung weg, bei welcher sie sich anfangs so wohl befunden hatte. Vielleicht mochte auch eine geheime Eifersucht ¸ber die gute Psyche (so wenig sie gleich, aller Wahrscheinlichkeit nach, zu bef¸rchten hatte, daï¬ sie jemals persËnlich auftreten, und das Herz ihres Liebhabers von ihr zur¸ckfodern werde) sich mit ins Spiel gemischt, und sie begierig gemacht haben, so gar die Erinnerung an die Freuden seiner ersten Liebe, welche ihr vielleicht noch allzulebhaft zu sein schien, aus seinem Gedâ°chtnis auszulËschen. So viel ist gewiï¬, daï¬ sie (vor lauter Begierde, unsern Helden mit Gl¸ckseligkeiten zu ¸bersch¸tten,) ihm eine grenzenlose Liebe zu zeigen, und ihn einen solchen Grad von Wonne, ¸ber welchem dem Herzen nichts zu w¸nschen, und der Phantasie nichts zu denken ¸brig bliebe, erfahren zu machen,–einen Weg einschlug, auf welchen sie ihres Zwecks fast notwendig verfehlen muï¬te. Der vortreffliche Brief des liebensw¸rdigsten Moralisten der neuern Zeiten, des Saint Evremond, in den Briefen der Ninon Lenclos an den Marquis von Sevigne, ¸berhebt uns der M¸he, dem unerfahrnen Teil unserer schËnen Leserinnen zu erklâ°ren, wie es zugehe, daï¬ die Liebe von allzuvieler Nahrung abzehrt; und daï¬ ein unvorsichtiges ¸bermaï¬ von Zâ°rtlichkeit gerade das gewisseste Mittel ist, einen Ungetreuen zu machen. Wir wollen sie also auf die bemeldete Unterweisung eines der besten Kenner des menschlichen Herzens verwiesen haben, und uns begn¸gen, ihnen zu sagen, daï¬ Agathon, nachdem er (dem neuen Plan seiner mehr zâ°rtlichen als behutsamen Geliebten zufolge) etliche Wochen lang von allem, was die Liebe s¸ï¬es und entz¸ckendes hat, mehr erfahren hatte, als selbst die gl¸hende Einbildungs-Kraft des Marino fâ°hig war, seinen Adon in den Armen der Liebes-GËttin genieï¬en zu lassen, unvermerkt in eine gewisse Mattigkeit der Seele verfiel, welche wir nicht k¸rzer zu beschreiben wissen, als wenn wir sagen, daï¬ sie vollkommen das Widerspiel von der Begeisterung war, worin wir ihn bisher gesehen haben. Man w¸rde sich vermutlich sehr irren, wenn man diese Entgeisterung einer so unedeln Ursache beimessen wollte, als diejenige war, welche den verachtensw¸rdigen Helden des Petronius nËtigte, seine Zuflucht zu den BeschwËrungen und Brenn-Nesseln der alten Enothea zu nehmen. Nach allem, was wir von unserm Helden wissen, kann kein Verdacht von dieser Art auf ihn fallen. Wir finden weit wahrscheinlicher, daï¬ die wahre Ursache davon in seiner Seele lag, und aus einer ¸berf¸llung mit Vergn¸gen, auf welche notwendig eine Art von Betâ°ubung folgen muï¬te, ihren Ursprung nahm. Unsere Seele (mit Erlaubnis derjenigen Philosophen, welche von der grenzenlosen Kapazitâ°t und Unersâ°ttlichkeit ihrer Begierden so viel schËnes zu sagen wissen,) ist doch nur eines gewissen Maï¬es von Vergn¸gen fâ°hig, und kann einen anhaltenden Zustand von Entz¸ckung eben so wenig ertragen, als eine lange Dauer des â°uï¬ersten Schmerzens. Beides spannt endlich ihre Nerven ab, und bringt sie zu einer Art von Ohnmacht, in welcher sie gar nichts mehr zu empfinden fâ°hig ist. Was indessen auch die Ursache einer f¸r die Absichten der Danae so nachteiligen Verâ°nderung gewesen sein mag; so ist gewiï¬, daï¬ die W¸rkungen derselben in kurzer Zeit so sehr ¸berhand nahmen, daï¬ Agathon selbst M¸he hatte, sich in sich selbst zu erkennen, oder zu begreifen, wie es mit dieser seltsamen Verwandlung der Szene zugegangen sei. Ein magischer Nebel schien vor seinen erstaunten Augen wegzufallen; die ganze Natur zeigte sich ihm in einer andern Gestalt, verlor diesen reizenden Firnis, den ihr der Geist der Liebe gegeben hatte; diese Gâ°rten, vor wenigen Tagen der geliebte Aufenthalt aller Freuden und Liebes-GËtter, diese elysischen Haine, diese mâ°andrischen Rosen-Geb¸sche, worin die lauschende Wollust sich so gerne verborgen hatte, um das Vergn¸gen zu haben, sich erhaschen zu lassen–erweckten itzt durch ihren Anblick nichts mehr, als jeder andre schattichte Platz, jedes andre Geb¸sche; die Luft, die er atmete, war nicht mehr dieser s¸ï¬e Atem der Liebe, von dem jeder Hauch die Flammen seines Herzens stâ°rker aufzuwehen schien; Danae war bereits von der idealischen Vollkommenheit zu dem gewËhnlichen Wert einer jeden andern schËnen Frau herabgesunken; und er selbst, der vor kurzem sich an Wonne den GËttern gleich geschâ°tzet hatte, fing an, sehr starke Zweifel zu bekommen: Ob er in dieser weibischen Gestalt, worein ihn die Liebe verkleidet hatte, den Namen eines Mannes verdiene? Man wird nicht zweifeln, daï¬ in diesem Zustand die Erinnerungen dessen, was er ehemals gewesen war–der wundervolle Traum, den er je lâ°nger je mehr f¸r die W¸rkung irgend eines wohltâ°tigen Geistes, und vielleicht des abgeschiedenen Schattens seiner geliebten Psyche selbst, zu halten bewogen war–die Stimme der Tugend, die er einst angebetet, und welcher er alles aufgeopfert hatte–und die Vorw¸rfe, die sie ihm schon vor einiger Zeit ¸ber ein in m¸ï¬iger Wollust unr¸hmlich dahinschmelzendes Leben zu machen angefangen,–gute Gelegenheit hatten, sein Herz, dessen beste Neigungen selbst auf ihrer Seite waren, mit vereinigter Stâ°rke wieder anzugreifen. Sie hatten es fast gâ°nzlich wieder eingenommen, als er erst deutlich gewahr wurde, wohin ihn die Betrachtungen, denen er sich ¸berlieï¬, notwendig f¸hren muï¬ten. Er erschrak, da er sah, daï¬ ihm nichts als die Flucht von dieser allzureizenden Zauberin seine vorige Gestalt wieder geben kËnne. Sich von Danae zu trennen! auf ewig zu trennen!–Dieser Gedanke benahm seiner Seele auf einmal alle die Stâ°rke wieder, welche sie wieder in sich zu f¸hlen anfing, und weckte alle Erinnerungen, alle Empfindungen seiner entschlummerten Leidenschaft wieder auf. Sie, die ihn so inbr¸nstig liebte,–sie, die ihn so gl¸cklich gemacht hatte–zu verlassen–f¸r alle ihre Liebe, f¸r alles was sie f¸r ihn getan hatte, und auf eine so verbindliche, so edle Art getan hatte, den Qualen einer mit Undank belohnten Liebe preis zu geben -: Nein, zu einer so niedertrâ°chtigen, so hâ°ï¬lichen Tat, (wie diese in seinen Augen war) konnte sich sein Herz nicht entschlieï¬en. Die Tugend selbst, welcher er seine eigene Befriedigung aufzuopfern bereit war, konnte ein so undankbares und grausames Verfahren nicht gut heiï¬en–Wir ¸berlassen es der Entscheidung kalter Sitten-Lehrer: ob die Tugend das konnte, oder nicht; aber unser Held war von dem letztern so lebhaft ¸berzeugt, daï¬ er, anstatt auf Gr¸nde zu denken, womit er die Sophistereien der Liebe hâ°tte vernichten kËnnen, in vollem Ernst auf Mittel bedacht war, das Interesse seines Herzens und die Tugend, welche ihm nicht unvertrâ°glich zu sein schienen, auf immer mit einander zu vereinigen.
Die zâ°rtliche Danae hatte inzwischen, wie leicht zu erachten ist, die Verâ°nderung, welche in der Seele unsers Helden vorgegangen war, im ersten Augenblick, da sie merklich wurde, wahrgenommen. Allein die gute Danae war weit entfernt, seinem Herzen die Schuld davon zu geben; sie betrog sich selbst ¸ber die wahre Ursache, und glaubte, daï¬ die Verâ°nderung des Orts, und vielleicht eine kleine Entfernung, ihm in kurzem alle die Lebhaftigkeit der Empfindung wieder geben w¸rde, die er verloren zu haben schien. Die Wiederkehr in die Stadt, wo sie einander nicht immer sehen w¸rden, wo ihre Liebe sich zu verbergen genËtigt sein, und dadurch den Reiz eines geheimen Verstâ°ndnisses erhalten w¸rde, die Zerstreuungen des Stadt-Lebens, die Gesellschaft, die Lustbarkeiten, w¸rden ihn (glaubte sie) bald genug wieder so feuerig als jemals wieder in ihre Arme f¸hren. Sie ¸berredete ihn also, mit ihr nach Smyrna zur¸ckzugehen, obgleich die schËne Jahrs-Zeit noch nicht ganz zu Ende war. Hier wuï¬te sie, (ohne daï¬ es schien, daï¬ sie Hand dabei habe,) eine Menge Gelegenheiten zu veranstalten, wodurch sie einander seltner wurden; wenn sie sich wieder allein befanden, flog sie ihm zwar eben so zâ°rtlich in die Arme, als ehemals; aber sie vermied alles, was zu jener allzuwoll¸stigen Berauschung (in welche sie ihn, wenn sie wollte, durch einen einzigen Blick setzen konnte) gef¸hrt hâ°tte, und tat es mit einer so guten Art, daï¬ er keinen besondern Vorsatz dabei gewahr werden konnte: Kurz, sie wuï¬te die feurigste Liebe unvermerkt so geschickt in die zâ°rtlichste Freundschaft zu verwandeln, daï¬ Agathon, welcher weder Kunst noch Absicht unter ihrem Betragen argwohnte, ganz treuherzig in die Schlinge fiel, und in kurzem wieder so zâ°rtlich und dringend wurde, als ob er erst anfangen m¸ï¬te, sich um ihr Herz zu bewerben. Zwar war es nicht in ihrer Gewalt, ihm diese Begeisterung mit allem ihrem zauberischen Gefolge wieder zu geben, welche, wenn sie einmal verschwunden ist, nicht wieder zu kommen pflegt; aber die Lebhaftigkeit, womit ihre Reizungen auf seine Sinnen, und die Empfindungen der Dankbarkeit und Freundschaft auf sein Herz w¸rkten, brachten doch ungefâ°hr die nâ°mliche Phâ°nomena hervor; und da man gewohnt ist, gleiche W¸rkungen gleichen Ursachen zu zuschreiben, so ist es nicht unbegreiflich, wie beide sich eine Zeitlang hierin betr¸gen konnten, ohne nur zu vermuten, daï¬ sie betrogen w¸rden.
Es ist sehr zu vermuten, daï¬ es bei dieser schlauen Mâ°ï¬igung, wodurch die schËne Danae die Folgen ihrer vorigen Unvorsichtigkeit wieder gut zu machen wuï¬te, um unsern Helden geschehen gewesen wâ°re; und daï¬ seine Tugend unter diesem zweifelhaften Streit mit seiner Leidenschaft, bei welchem wechselsweise bald die eine, bald die andere die Oberhand behielt, endlich gefâ°llig genug worden wâ°re, sich mit ihrer schËnen Feindin in einen vielleicht nicht allzur¸hmlichen Vergleich einzulassen, und die Gl¸ckseligkeit der liebensw¸rdigen Danae dadurch auf immer sicher zu stellen; wenn nicht der ungl¸cklichste Zufall, der ihr mit einem so sonderbaren Mann, als Agathon war, nur immer begegnen konnte, sie auf einmal mit seiner Hochachtung alles dessen beraubt hâ°tte, was sie noch im Besitz seines Herzens erhalten hatte. Eine einst geliebte Person behâ°lt (auch wenn das Fieber der Liebe vorbei ist) noch immer eine groï¬e Gewalt ¸ber unser Herz, so lange sie unsere Hochachtung nicht verloren hat. Agathon war zu edelm¸tig, die schËne Danae f¸r die Schwachheit, welche sie gegen ihn gehabt hatte, (das einzige, was die Hochachtung hâ°tte vermindern kËnnen, welche sie durch so viele schËne Eigenschaften des Geistes und des Herzens verdiente,) dadurch zu bestrafen, daï¬ er ihr deswegen nur das mindeste von der seinigen entzogen hâ°tte. Aber so bald es dahin gekommen war, daï¬ er sich in seiner Meinung von ihrem Charakter und moralischen Werte betrogen zu haben glaubte; so bald er sich gezwungen sah, sie zu verachten; hËrte sie auf, Danae f¸r ihn zu sein; und durch eine ganz nat¸rliche Folge wurde er in dem nâ°mlichen Augenblick wieder Agathon.