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  • 1767
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ZWEITES KAPITEL

Eine kleine metaphysische Abschweifung

Es gibt so verschiedne Gattungen von Liebe, dafl es, wie uns ein Kenner derselben versichert hat, nicht unmˆglich w‰re, drei oder vier Personen zu gleicher Zeit zu lieben, ohne dafl sich eine derselben ¸ber Untreue zu beklagen h‰tte. Agathon hatte in einem Alter von siebzehn Jahren f¸r die Priesterin zu Delphi etwas zu empfinden angefangen, das derjenigen Art von Liebe glich, die, nach dem Ausdruck des Fieldings, ein wohlzubereiteter Rostbeef einem Menschen einflˆflt, der guten Appetit hat. Diese Liebe hatte, ehe er selbst noch wuflte, was daraus werden kˆnnte, der Z‰rtlichkeit weichen m¸ssen, welche ihm Psyche einflˆflte. Die Zuneigung, die er zu diesem liebensw¸rdigen Geschˆpfe trug, war eine Liebe der Sympathie, eine Harmonie der Herzen, eine geheime Verwandtschaft der Seelen, die sich denen, so sie nicht aus Erfahrung kennen, unmˆglich beschreiben l‰flt; eine Liebe an der das Herz und der Geist mehr Anteil nimmt als die Sinnen, und die vielleicht die einzige Art von Verbindung ist, welche, (wofern sie allgemein sein kˆnnte) den Sterblichen einigen Begriff von den Verbindungen und Vergn¸gen himmlischer Geister zu geben f‰hig w‰re. Wir sehen voraus, dafl unsre meisten Leser bei dieser Stelle die Nase r¸mpfen, und zweifeln werden, ob wir uns selbst verstehen; allein wir lassen uns dieses gar nicht anfechten. Sancho, wenn er (wie es ihm zuweilen begegnete) eine Menge schˆner Sachen vorgebracht hatte, wovon weder sein Herr noch irgend ein andrer, oder auch er selbst etwas verstehen konnte, pflegte sich damit zu trˆsten, dafl er sagte: “Gott versteht mich”; und der Geschichtschreiber des Agathons kann es ganz wohl leiden, dafl diese und ‰hnliche Stellen seines Werkes von allen andern Lesern f¸r Galimathias gehalten werden, da er versichert ist, dafl *** ihn versteht–Agathon kˆnnte also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon eine die Antipode der andern ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige, worin jene beiden sich in einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen, den Geist und das Herz zugleich bezaubert, die heftigste, die reizendste und gef‰hrlichste aller Leidenschaften, war ihm mit allen ihren Symptomen und W¸rkungen noch unbekannt; und es ist also kein Wunder, dafl sie sich schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm nur eingefallen war, ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem Gem¸te vorging, nachdem er in zween oder drei Tagen die schˆne Danae weder gesehen, noch etwas von ihr gehˆrt hatte, h‰tte den Zustand seines Herzens einem unbefangnen Zuschauer verd‰chtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt das geringste Mifltrauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was ist nat¸rlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebensw¸rdigste unter allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen? Solche Schl¸sse macht die Leidenschaft. Aber was sagte denn die Vernunft dazu? die Vernunft? O, die sagte gar nichts. ¸brigens m¸ssen wir doch, es mag nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand nicht aus der Acht lassen, dafl er von der schˆnen Danae nichts anders wuflte, als was er gesehen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beilegte, war ihm g‰nzlich unbekannt; er hatte noch keinen Anlafl, und, die Wahrheit zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich darnach zu erkundigen.

DRITTES KAPITEL

Worin die Absichten des Hippias einen merklichen Schritt machen

Inzwischen waren ungef‰hr acht Tage verflossen, welche dem stillschweigenden und melancholischen Agathon, zu groflem Vergn¸gen des boshaften Sophisten, achthundert Jahre dauchten, als dieser an einem Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichg¸ltigen Art zu ihm sagte: “Danae hat einen Aufseher ¸ber ihre G‰rten und Landg¸ter vonnˆten; was sagst du zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen Platz zu setzen? Mich daucht, du w¸rdest dich nicht ¸bel zu einem solchen Amte schicken; hast du nicht Lust in ihre Dienste zu treten?” Ein Wort, welches Best¸rzung und ¸berm‰flige Freude, Mifltrauen und Hoffnung, Erblassen und Gl¸hen zu gleicher Zeit ausdr¸ckte, w¸rde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung auszudr¸cken, worein diese Anrede den guten Agathon setzte. Sie war zu grofl, als dafl er sogleich h‰tte antworten kˆnnen. Allein die Augen des Hippias, in denen er einen Teil der Bosheit lase, die der Sophist zu verbergen sich bem¸hte, gaben ihm bald die Sprache wieder. “Wenn du Lust hast, dich auf diese Art von mir los zu machen”, versetzte er mit so vieler Fassung als ihm mˆglich war, “so hab ich nur eine Bedenklichkeit -” “Und diese ist?” “–dafl ich mich sehr schlecht auf die Landwirtschaft verstehe.” “Das hat nichts zu bedeuten”, antwortete der Sophist; “du wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und das ist genug. Im ¸brigen glaube ich, dafl du mit Vergn¸gen in diesem Hause sein wirst. Du liebest das Landleben, und du wirst Gelegenheit haben alle seine Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist, so geh ich, um diese Sache in Richtigkeit zu bringen.” “Du hast dir das Recht erkauft, mit mir zu machen was du willt”, erwiderte Agathon. “Die Wahrheit zu sagen”, fuhr Hippias fort, “ungeachtet der kleinen Miflhelligkeiten unsrer Kˆpfe, verlier ich dich ungern: Allein Danae scheint es zu w¸nschen, und ich habe Verbindlichkeiten gegen sie; sie hat, ich weifl nicht woher, eine grofle Meinung von deiner F‰higkeit gefaflt, und da ich alle Tage Gelegenheit haben werde, dich in ihrem Hause zu sehen, so kann ich mirs um so eher gefallen lassen, dich an eine Freundin abzutreten, von der ich gewifl bin, dafl dir so begegnet werden wird, wie du es verdienest.” Agathon beharrte in dem Ton der Gleichg¸ltigkeit, den er angenommen hatte, und Hippias, dem es M¸he genug kostete, die Spˆttereien zur¸ckzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verliefl ihn, ohne sich merken zu lassen, dafl er w¸flte, was er von dieser Gleichg¸ltigkeit denken sollte. Das Betragen Agathons bei diesem Anlafl wird ihn vielleicht in den Verdacht setzen, dafl er sich bewuflt gewesen sei, dafl es nicht richtig in seinem Herzen stehe, warum h‰tte er sonst nˆtig gehabt sich zu verbergen? Allein man mufl sich der Vorurteile erinnern, die er wider den Sophisten gefaflt hatte, um zu sehen, dafl er vollkommen in seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor ihm zu verbergen suchte, die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz unverst‰ndlich oder vollkommen l‰cherlich gewesen w‰ren. Die Freude, welcher er sich ¸berliefl, so bald er sich allein sah, l‰flt uns keinen Zweifel ¸brig, dafl er damals noch nicht das geringste Mifltrauen in sein Herz gesetzt habe. Diese Freude war ¸ber allen Ausdruck.

Liebhaber von einer gewissen Art kˆnnen sich eine Vorstellung davon machen, welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den ¸brigen w¸rde diese Beschreibung ohngef‰hr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fuflg‰nger. Die unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in ihrem Hause zu sein, unter ihren Augen zu leben, ihres Umgangs zu genieflen, vielleicht–ihrer Freundschaft gew¸rdiget zu werden–hier hielt seine entz¸ckte Einbildungskraft stille. Die Hoffnungen eines gewˆhnlichen Liebhabers w¸rden weiter gegangen sein; allein Agathon war kein gewˆhnlicher Liebhaber. “Ich liebe die schˆne Danae”, sagte Hyacinthus, da er nach ihrem Genufl l¸stern war; “eben darum liebt ihr sie nicht”, w¸rde ihm die Sokratische Diotima geantwortet haben. Derjenige, der in dem Augenblick, da ihm seine Geliebte den ersten Kufl auf ihre Hand gestattet, einen Wunsch nach einer grˆflern Gl¸ckseligkeit hat, mufl nicht sagen, dafl er liebe.

VIERTES KAPITEL

Ver‰nderung der Szene

Danae hatte von der Freigebigkeit des Prinzen Cyrus, aufler dem Hause, welches sie zu Smyrna bewohnte, ein Landgut, in der anmutigsten Gegend auflerhalb dieser Stadt, wo sie von Zeit zu Zeit einige dem Vergn¸gen geweihte Tage zuzubringen pflegte. Hieher muflte sich Agathon begeben, um von seinem neuen Amte Besitz zu nehmen, und dasjenige zu veranstalten, was zum Empfang seiner Gebieterin nˆtig war, welche sich vorgenommen hatte, den Rest der schˆnen Jahrszeit auf dem Lande zu genieflen. Wir widerstehen der Versuchung, eine Beschreibung von diesem Landgut zu machen, um dem Leser das Vergn¸gen zu lassen, sich dasselbe so wohlangelegt, so pr‰chtig und so angenehm vorzustellen als er selbst es will. Alles, was wir davon sagen wollen, ist, dafl diejenigen, deren Einbildungskraft einiger Unterst¸tzung nˆtig hat, den sechszehnten Gesang des “befreiten Jerusalems” lesen m¸flten, um sich eine Vorstellung von dem Orte zu machen, den sich diese griechische Armide zum Schauplatz der Siege ausw‰hlte, die sie ¸ber unsern Helden zu erhalten hoffte. Sie fand nicht f¸r gut, oder konnte es nicht ¸ber sich selbst erhalten, ihn lange auf ihre Ankunft warten zu lassen; und sie war kaum angelangt, als sie ihn zu sich rufen liefl, und ihn durch folgende Anrede in eine angenehme Best¸rzung setzte: “Die Bekanntschaft, die wir vor einigen Tagen mit einander gemacht haben, w‰re, auch ohne die Nachrichten, die mir Hippias von dir gegeben, schon genug gewesen, mich zu ¸berzeugen, dafl du f¸r den Stand nicht geboren bist, in den dich ein widriger Zufall gesetzt hat. Die Gerechtigkeit, die ich Personen von Verdiensten widerfahren zu lassen f‰hig bin, gab mir das Verlangen ein, dich aus einer Abh‰nglichkeit von dem Hippias zu setzen, welche die Verschiedenheit deiner Denkungsart von der seinigen, dir in die L‰nge beschwerlich gemacht h‰tte. Er hatte die Gef‰lligkeit, dich mir als eine Person vorzuschlagen, die sich schickte, die Stelle eines Aufsehers in meinem Hause zu vertreten. Ich nahm sein Erbieten an, um das Vergn¸gen zu haben, den Gebrauch davon zu machen, den ich deinen Verdiensten und meiner Denkungsart schuldig bin. Du bist frei, Callias, und vollkommen Meister zu tun was du f¸r gut befindest. Kann die Freundschaft, die ich dir anbiete, dich bewegen bei mir zu bleiben, so wird der Name eines Amtes, von dessen Pflichten ich dich vˆllig freispreche, wenigstens dazu dienen, der Welt eine begreifliche Ursache zu geben, warum du in meinem Hause bist; wo nicht, so soll das Vergn¸gen, womit ich zu Befˆrderung der Entw¸rfe, die du wegen deines k¸nftigen Lebens machen kannst, die Hand bieten werde, dich von der Lauterkeit der Bewegungsgr¸nde ¸berzeugen, welche mich so gegen dich zu handeln angetrieben haben.” Die edle und ungezwungene Anmut, womit dieses gesprochen wurde, vollendete die W¸rkung, die eine so groflm¸tige Erkl‰rung auf den Empfindungs-vollen Agathon machen muflte, “was f¸r eine Art zu denken! was f¸r eine Seele!” Konnt’ er weniger tun, als sich zu ihren F¸flen werfen, um in Ausdr¸cken, deren Verwirrung ihre ganze Beredsamkeit ausmachte, der Bewundrung und der Dankbarkeit Luft zu machen, deren ¸bermafl seine Brust zersprengen zu wollen schien. “Keine Danksagungen, Callias”, unterbrach ihn die groflm¸tige Danae, “was ich getan habe, ist nicht mehr als ich einem jeden andern, der deine Verdienste h‰tte, eben sowohl schuldig zu sein glaubte -” “Ich habe keine Ausdr¸cke f¸r das was ich empfinde, anbetungsw¸rdige Danae”, rief der entz¸ckte Agathon, “ich nehme dein Geschenk an, um das Vergn¸gen zu genieflen, dein freiwilliger Sklave zu sein; eine Ehre, gegen die ich die Krone des Kˆnigs von Persien verschm‰hen w¸rde. Ja, schˆnste Danae, seitdem ich dich gesehen habe, kenne ich kein grˆfleres Gl¸ck als dich zu sehen; und wenn alles, was ich in deinem Dienste tun kann, f‰hig sein kann, dich von der unaussprechlichen Empfindung, die ich von deinem Werte habe, zu ¸berzeugen; w¸rdig sein kann, mit einem zufriednen Blick von dir belohnt zu werden–o Danae! wer wird denn so gl¸cklich sein als ich?” “Laflt uns”, sagte die bescheidne Nymphe, “ein Gespr‰ch enden, das die allzugrofle Dankbarkeit deines Herzens auf einen zu hohen Ton gestimmt hat. Ich habe dir gesagt, auf was f¸r einem Fufl du hier sein wirst. Ich sehe dich als einen Freund meines Hauses an, dessen Gegenwart mir Vergn¸gen macht, dessen Wert ich hoch sch‰tze, und dessen Dienste mir in meinen Angelegenheiten desto n¸tzlicher sein kˆnnen, da sie freiwillig und die Frucht einer uneigenn¸tzigen Freundschaft sein werden.” Mit diesen Worten verliefl sie den dankbaren Agathon, in dessen Erkl‰rung einige vielleicht Schwulst und Unsinn, oder wenigstens zuviel Feuer und Entz¸ckung gefunden haben werden. Allein sie werden sich zu erinnern belieben, dafl Agathon weder in einer so gelassenen Gem¸tsverfassung war, wie sie; noch alles wuflte, was sie durch unsere Indiskretion von der schˆnen Danae erfahren haben. Wir wissen freilich was wir ungef‰hr von ihr denken sollen; allein in seinen Augen war sie eine Gˆttin; und zu ihren F¸flen liegend konnte er, zumal bei der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, nat¸rlicher Weise, diese Danae nicht mit einer so philosophischen Gleichg¸ltigkeit ansehen, wie wir andern.

Agathon war nun also ein Hausgenosse der schˆnen Danae, und entfaltete mit jedem Tage neue Verdienste, die ihm dieses Gl¸ck w¸rdig zeigten, und die seine geringe Achtung f¸r den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen Hause sehen zu lassen. Da nebst den besondern Ergˆtzungen des Landlebens diese feinere Art von Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den meisten Anteil haben, die haupts‰chlichste Besch‰ftigung war, wozu man die Zeit in diesem angenehmen Aufenthalt anwendete; so hatte er Gelegenheit genug, seine Talente von dieser Seite schimmern zu lassen; und seine bezauberte Phantasie gab ihm so viele Erfindungen an die Hand, dafl er keine andre M¸he hatte, als diejenigen auszuw‰hlen, die er am geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine Gesellschaft von vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergˆtzen. So weit war es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es f¸r eine geringsch‰tzige Bestimmung hielt, in der Person eines unschuldigen Anagnosten die jonischen Ohren zu bezaubern.

In der Tat kˆnnen wir l‰nger nicht verbergen, dafl diese unbeschreibliche Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schˆne Danae eingeflˆflt hatte) dieses ich weifl nicht was, welches wir, so wenig er es auch gestanden h‰tte, ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von wenigen Tagen so sehr zugenommen hatte, dafl einem jeden andern als einem Agathon die Augen ¸ber den wahren Zustand seines Herzens aufgegangen w‰ren. Wir wissen wohl, dafl die Umst‰ndlichkeit unsrer Erz‰hlung bei diesem Teile seiner Geschichte, den Ernsthaftern unter unsern Lesern, wenn wir anders dergleichen haben werden, sehr langweilig vorkommen wird. Allein die Achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann uns nicht verhindern, uns die Vorstellung zu machen, dafl diese Geschichte vielleicht k¸nftig, und wenn es auch nur aus einem Gew¸rzladen w‰re, einem jungen noch nicht ganz ausgebr¸teten Agathon in die H‰nde fallen kˆnnte, der aus einer genauern Beschreibung der Ver‰nderungen, welche die Gˆttin Danae nach und nach in dem Herzen und der Denkungsart unsers Helden hervorgebracht, sich gewisse Beobachtungen und Kautelen ziehen kˆnnte, von denen er vielleicht einen guten Gebrauch zu machen Gelegenheit bekommen mˆchte. Wir glauben also, wenn wir diesem zuk¸nftigen Agathon zu Gefallen uns die M¸he nehmen, der Leidenschaft unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch geheimen Lauf nachzugehen, desto eher entschuldiget zu sein, da es allen ¸brigen, die mit diesen Anekdoten nichts zu machen wissen, frei steht, das folgende Kapitel zu ¸berschlagen.

F‹NFTES KAPITEL

Nat¸rliche Geschichte der Platonischen Liebe

“Die Quelle der Liebe”, sagt Zoroaster, oder h‰tte es doch sagen kˆnnen, “ist das Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft bezaubert.” Der Wunsch diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste Grad derselben. Je bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an dieses Bild der Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu bewundern findet, desto l‰nger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten Grades der Liebe stehen. Dasjenige was sie hiebei erf‰hrt, kommt anfangs demjenigen auflerordentlichen Zustande ganz nahe, den man Verz¸ckung nennt; alle andere Sinnen, alle wirksamen Kr‰fte der Seele scheinen stille zu stehen, und in einen einzigen Blick, worin man keiner Zeitfolge gewahr wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist zu gewaltsam, als dafl er lange dauern kˆnnte; langsamer oder schneller macht er der Empfindung eines unaussprechlichen Vergn¸gens Platz, welches die nat¸rliche Folge jenes ekstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns versichert haben, keine andre Art von Vergn¸gen oder Wollust uns einen bessern Begriff geben kann, als der unreine und d¸stre Schein einer Pechfackel von der Klarheit des unkˆrperlichen Lichts, worin, nach der Meinung der Morgenl‰ndischen Weisen, die Geister als in ihrem Elemente leben. Dieses innerliche Vergn¸gen ‰uflert sich bald durch die Ver‰nderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers Wesens hervorbringt; es wallt mit h¸pfender Munterkeit in unsern Adern, es schimmert aus unsern Augen, es gieflt eine l‰chelnde Heiterkeit ¸ber unser Gesicht, und gibt allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es stimmt und erhˆhet alle Kr‰fte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und des Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein gewˆhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gottheit voll, die aus ihm redet und w¸rket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend, keine Heldentat so grofl, wozu er in diesem Stande der Begeistrung und unter den Augen des geliebten Gegenstands nicht f‰hig w‰re. Dieser Zustand dauert noch fort, wenn er gleich von demselben entfernt wird, und das Bild desselben, das seine ganze Seele auszuf¸llen scheint, ist so lebhaft, dafl es einige Zeit braucht, bis er der Abwesenheit des Urbildes gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese Abwesenheit, so verschwindet jenes Vergn¸gen mit seinem ganzen bezauberten Gefolge; man erf‰hrt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen W¸rkungen jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor kurzem mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einˆden Wildnissen wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner Gˆttin in Felsen einzugraben, und den tauben B‰umen seine Schmerzen vorzuseufzen; ein kl‰glicher Zustand, in Wahrheit, wenn nicht ein einziger Blick des Gegenstands, von dem diese seltsame Bezauberung herr¸hrt, hinl‰nglich w‰re, in einem Wink diesem Schatten wieder einen Leib, dem Leib eine Seele, und der Seele diese Begeisterung wieder zu geben, durch welche sie ohne Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung zu unermefllicher Wonne ¸bergeht. Wenn Agathon dieses alles nicht vˆllig in so hohem Grad erfuhr, als andre von seiner Art, so mufl dieses vermutlich allein dem Einflufl beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was in seinem Herzen vorging. Allein wir m¸ssen gestehen, dieser Einflufl wurde immer schw‰cher; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt dafl ihn sonst sein Herz an sie erinnert hatte, muflte es itzt von ohngef‰hr und durch einen Zufall geschehen. Endlich verschwand dieses Bild g‰nzlich; Psyche hˆrte auf f¸r ihn zu existieren, ja kaum erinnerte er sich alles dessen, was vor seiner Bekanntschaft mit der schˆnen Danae vorgegangen war anders, als ein erwachsener Mensch sich seiner ersten Kindheit erinnert. Es ist also leicht zu begreifen, dafl seine ganze vormalige Art zu empfinden und zu sein, einige Ver‰nderung erlitt, und gleichsam die Farbe und den Ton des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschr‰nkten Macht auf ihn w¸rkte. Sein ernsthaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals miflbilligst hatte, in einem g¸nstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier und gef‰lliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die ‰therischen Geister, wenn sie ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, muflten sich gefallen lassen, die Gestalt der schˆnen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden. Vor Begierde der Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergafl er, sich um den Beifall unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bek¸mmern; und der Zustand der entkˆrperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so beneidensw¸rdig, seitdem er im Anschauen dieser irdischen Gˆttin ein Vergn¸gen genofl, welches alle seine Einbildungen ¸berstieg. Der Wunsch immer bei ihr zu sein, war nun erf¸llt, dem zweiten, der auf diesen gefolget sein w¸rde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu besitzen war sie selbst gleich anfangs groflm¸tiger Weise zuvorgekommen, und die verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging, liefl ihm von dieser Seite nichts zu w¸nschen ¸brig. Er hatte ihre Freundschaft, nun w¸nschte er auch ihre Z‰rtlichkeit zu haben–Ihre Z‰rtlichkeit!–Ja, aber eine Z‰rtlichkeit, wie nur die Einbildungskraft eines Agathons f‰hig ist, sich vorzustellen. Kurz, da er anfing zu merken, dafl er sie liebe, so w¸nschte er wieder geliebt zu werden. Allein er liebte sie mit einer so uneigenn¸tzigen, so geistigen, so begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen w‰re; und der k¸hnste Wunsch, den er zu wagen f‰hig war, war nur, in derjenigen sympathetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche die Erfahrung gegeben hatte. “Wie angenehm” (dacht er) “wie entz¸ckungsvoll, wie sehr ¸ber alles, was die Sprache der Sterblichen ausdr¸cken kann, muflte eine solche Sympathie mit einer Danae sein, da sie mit Psyche schon so angenehm gewesen war!” Zum Ungl¸ck f¸r unsern Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses mal keine Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anliefl, als er es gew¸nscht hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten, und, die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich von dieser intellektualischen Liebe, von der er ihr so viel schˆnes vorsagte, einen rechten Begriff zu machen; oder sie fand es l‰cherlich, in ihrem Alter und mit ihrer Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer Denkungsart, sich nur f¸r eine Person schickte, die im Bade keine Besuche mehr annimmt; wenn sie gleich allzu bescheiden war, ihm dieses mit Worten zu sagen, so fand sie doch Mittel genug, ihm ihre Gedanken ¸ber diesen Punkt auf eine vielleicht eben so nachdr¸ckliche Art zu erkennen zu geben. Gewisse kleine Nachl‰ssigkeiten in ihrem Putz, ein verr‰terischer Zephir, oder ihr Sperling, der indem sie neben Agathon auf einer Ruhebank safl, mit mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren F¸flen herabflofl, schienen seiner ‰therischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen zu geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht nˆtig gehabt h‰tte. Danae hatte Ursache mit der W¸rkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden zu sein. Agathon, welcher sich angewˆhnt hatte, den Leib und die Seele als zwei verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine geraume Zeit nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine himmlische Schˆnheit in einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte diese beiden Wesen je l‰nger je mehr in seiner Phantasie mit einander, und er konnte es desto leichter, da in der Tat alle kˆrperlichen Schˆnheiten seiner Gˆttin so beseelt waren, und alle Schˆnheiten ihrer Seele so lebhaft aus diesem reizenden Schleier hervorschimmerten, dafl es beinahe unmˆglich war, sich eine ohne die andre vorzustellen. Dieser Umstand brachte zwar keine wesentliche Ver‰nderung in seiner Art zu lieben hervor; doch ist gewifl, dafl er nicht wenig dazu beitrug, ihn unvermerkt in eine Verfassung zu setzen, welche die Absichten der schlauen Danae mehr zu beg¸nstigen als abzuschrecken schien. “O du, f¸r den wir aus groflm¸tiger Freundschaft uns die M¸he gegeben haben, dieses dir allein gewidmete Kapitel zu schreiben, halte hier ein und frage dein Herz. Wenn du eine Danae gefunden hast (armer J¸ngling! welche Molly Seagrim kann es nicht in deinen bezauberten Augen sein?) und du verstehest den Schlufl dieses Kapitels, so kˆmmt unsre Warnung schon zu sp‰t, und du bist verloren, fliehe, von dem Augenblick an, da du sie gesehen; fliehe, und ersticke den Wunsch sie wieder zu sehen! Wenn du das nicht kannst; wenn du, nachdem du diese Warnung gelesen, nicht willst: so bist du kein Agathon mehr, so bist du was wir andern alle sind; tue was du willst, es ist nichts mehr an dir zu verderben.”

SECHSTES KAPITEL

Worin der Geschichtschreiber sich einiger Indiskretion schuldig macht

Die schˆne Danae war sehr weit entfernt, gleichg¸ltig gegen die Vorz¸ge des Callias zu sein, und es kostete ihr w¸rklich, so gesetzt sie auch war, einige M¸he, ihm zu verbergen, wie sehr sie von seiner Liebe ger¸hrt war, und wie gern sie sich dieselbe zu Nutz gemacht h‰tte. Allein aus einem Agathon einen Alcibiades zu machen, das konnte nicht das Werk von etlichen Tagen sein, und um so viel weniger, da er durch unmerkliche Schritte, und ohne, dafl sie selbst etwas dabei zu tun schien, zu einer so groflen Ver‰nderung gebracht werden muflte, wenn sie anders dauerhaft sein sollte. Die grofle Kunst war, unter der Masque der Freundschaft seine Begierden zu eben der Zeit zu reizen, da sie selbige durch eine unaffektierte Zur¸ckhaltung abzuschrecken schien. Allein auch dieses war nicht genug; er muflte vorher die Macht zu widerstehen verlieren; wenn der Augenblick einmal gekommen sein w¸rde, da sie die ganze Gewalt ihrer Reizungen an ihm zu pr¸fen entschlossen war. Eine z‰rtliche Weichlichkeit muflte sich vorher seiner ganzen Seele bemeistern, und seine in Vergn¸gen schwimmende Sinnen muflten von einer s¸flen Unruhe und woll¸stigen Sehnsucht eingenommen werden, ehe sie es wagen wollte, einen Versuch zu machen, der, wenn er zu fr¸h gemacht worden w‰re, gar leicht ihren ganzen Plan h‰tte vereiteln kˆnnen. Zum Ungl¸ck f¸r unsern Helden ersparte ihr seine magische Einbildungskraft die H‰lfte der M¸he, welche sie aus einem ¸bermafl von Freundschaft anwenden wollte, ihm die Verwandlung, die mit ihm vorgehen sollte, zu verbergen. Ein L‰cheln seiner Gˆttin war genug, ihn in Vergn¸gen zu zerschmelzen; ihre Blicke schienen ihm einen ¸berirdischen Glanz ¸ber alles auszugieflen, und ihr Atem der ganzen Natur den Geist der Liebe einzuhauchen: Was muflte denn aus ihm werden, da sie zu Vollendung ihres Sieges alles anwendete, was auch den unempfindlichsten unter allen Menschen zu ihren F¸flen h‰tte legen kˆnnen? Agathon wuflte noch nicht, dafl sie die Laute spielte, und in der Musik eine eben so grofle Virtuosin als in der Tanzkunst war. Die Feste und Lustbarkeiten, in deren Erfindung er unerschˆpflich war, um ihr den l‰ndlichen Aufenthalt angenehmer zu machen, gaben ihr Anlafl, ihn durch Entdeckung dieser neuen Reizungen in Erstaunung zu setzen. “Es ist billig”, sagte sie zu ihm, “dafl ich deine Bem¸hungen, mir Vergn¸gen zu machen, durch eine Erfindung von meiner Art erwidre. Diesen Abend will ich dir den Wettstreit der Sirenen und der Musen geben, ein St¸ck des ber¸hmten Damons, das ich noch aus Aspasiens Zeiten ¸brig habe, und das von den Kennern f¸r das Meisterst¸ck der Tonkunst erkl‰rt wurde. Die Anstalten sind schon dazu gemacht, und du allein sollst der Zuhˆrer und Richter dieses Wettgesangs sein.” Niemals hatte den Agathon eine Zeit l‰nger gedaucht, als die wenigen Stunden, die er in Erwartung dieses versprochenen Vergn¸gens zubrachte. Danae hatte ihn verlassen, um durch ein erfrischendes Bad ihrer Schˆnheit einen neuen Glanz zu geben, indessen dafl er die verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne einen nach dem andern zu z‰hlen schien. Endlich kam die angesetzte Stunde. Der schˆnste Tag hatte der anmutigsten Nacht Platz gemacht, und eine s¸fle D‰mmerung hatte schon die ganze schlummernde Natur eingeschleiert; als plˆtzlich ein neuer zauberischer Tag, den eine unendliche Menge k¸nstlich versteckter Lampen verursachte, den reizenden Schauplatz sichtbar machte, welchen die Fee dieses Orts zu diesem Lustspiel hatte zubereiten lassen. Eine mit Lorbeerb‰umen beschattete Anhˆhe erhob sich aus einem spiegelhellen See, der mit Marmor gepflastert, und ringsum mit Myrten und Rosenhecken eingefaflt war. Kleine Quellen schl‰ngelten den Lorbeerhain herab, und rieselten mit sanftem Murmeln oder l‰chelndem Klatschen in den See, an dessen Ufer hier und da kleine Grotten, mit Korallenmuscheln und andern Seegew‰chsen ausgeschm¸ckt hervorragten, und die Wohnung der Nymphen dieses Wassers zu sein schienen. Ein kleiner Nachen in Gestalt einer Perlenmuschel, der von einem marmornen Triton emporgehalten wurde, stund der Anhˆhe gegen ¸ber am Ufer, und war der Sitz, auf welchem Agathon als Richter den Wettgesang hˆren sollte.

SIEBENTES KAPITEL

Magische Kraft der Musik

Agathon hatte seinen Platz kaum eingenommen, als man in dem Wasser ein w¸hlendes Pl‰tschern, und aus der Ferne, wie es liefl, eine sanft zerflossene Harmonie hˆrte, ohne jemand zu sehen, von dem sie herk‰me. Unser Liebhaber, den dieser Anfang in ein stilles Entz¸cken setzte, wurde, ungeachtet er zu diesem Spiele vorbereitet war, zu glauben versucht, dafl er die Harmonie der Sph‰ren hˆre, von deren W¸rklichkeit ihn die Pythagorischen Weisen beredet hatten; allein, w‰hrend dafl sie immer n‰her kam und deutlicher wurde, sah er zu gleicher Zeit die Musen aus dem kleinen Lorbeerw‰ldchen und die Sirenen aus ihren Grotten hervorkommen. Danae hatte die j¸ngsten und schˆnsten aus ihren Aufw‰rterinnen ausgelesen, diese Meernymphen vorzustellen, die, nur von einem wallenden Streif von himmelblauem Byssus umflattert, mit Cithern und Flˆten in der Hand sich ¸ber die Wellen erhuben, und mit jugendlichem Stolz untadeliche Schˆnheiten vor den Augen ihrer eifers¸chtigen Gespielen entdeckten. Allein kleine Tritonen, bliesen, um sie her schwimmend, aus krummen Hˆrnern, und neckten sie durch mutwillige Spiele; indes dafl Danae mitten unter den Musen, an den Rand der kleinen Halbinsel herabstieg, und, wie Venus unter den Grazien, oder Diana unter ihren Nymphen hervorgl‰nzend, dem Auge keine Freiheit liefl, auf einem andern Gegenstande zu verweilen. Ein langes schneeweifles Gewand flofl, unter dem halbentblˆflten Busen mit einem goldnen G¸rtel umfaflt, in kleinen wallenden Falten zu ihren F¸flen herab; ein Kranz von Rosen wand sich um ihre Locken, wovon ein Teil in kunstloser Anmut um ihren Nacken schwebte; ihr rechter Arm, auf dessen Weifle die Homerische Juno eifers¸chtig h‰tte sein d¸rfen, umfaflte eine Laute von Elfenbein. Die ¸brigen Musen, mit verschiednen Saiteninstrumenten versehen, lagerten sich zu ihren F¸flen; sie allein blieb in einer unnachahmlich reizenden Stellung stehen, und hˆrte l‰chelnd der Aufforderung zu, welche die ¸berm¸tigen Syrenen ihr entgegensangen. Man mufl ohne Zweifel gestehen, dafl das Gem‰lde, welches sich in diesem Augenblick unserm Helden darstellte, nicht sehr geschickt war, weder sein Herz noch seine Sinnen in Ruhe zu lassen; allein die Absicht der Danae war nur, ihn durch die Augen zu den Vergn¸gungen eines andern Sinnes vorzubereiten, und ihr Stolz verlangte keinen geringern Triumph, als ein so reizendes Gem‰lde durch die Zaubergewalt ihrer Stimme und ihrer Saiten in seiner Seele auszulˆschen. Sie schmeichelte sich nicht zu viel. Die Sirenen hˆrten auf zu singen, und die Musen antworteten ihrer Ausforderung durch eine Symphonie, welche auszudrucken schien, wie gewifl sie sich des Sieges hielten. Nach und nach verlor sich die Munterkeit, die in dieser Symphonie herrschte; ein feierlicher Ernst nahm ihren Platz ein, das Getˆn wurde immer einfˆrmiger, bis es nach und nach in ein dunkles ged‰mpftes Murmeln und zuletzt in eine g‰nzliche Stille erstarb. Ein allgemeines Erwarten schien dem Erfolg dieser vorbereitenden Stille entgegen zu horchen, als es auf einmal durch eine liebliche Harmonie unterbrochen wurde, welche die gefl¸gelten und seelenvollen Finger der schˆnen Danae aus ihrer Laute lockten. Eine Stimme, welche f‰hig schien, die Seelen ihren Leibern zu entf¸hren, und Tote wieder zu beseelen (wenn wir einen Ausdruck des Liebhabers der schˆnen Laura entlehnen d¸rfen) eine so bezaubernde Stimme beseelte diese reizende Anrede. Der Inhalt des Wettgesangs war ¸ber den Vorzug der Liebe, die sich auf die Empfindung, oder derjenigen, die sich auf die blofle Begierde gr¸ndet. Nichts kˆnnte r¸hrender sein, als das Gem‰lde, welches Danae von der ersten Art der Liebe machte; “in solchen Tˆnen”, dacht Agathon, “ganz gewifl in keinen andern, dr¸cken die Unsterblichen einander aus, was sie empfinden; nur eine solche Sprache ist der Gˆtter w¸rdig.” Die ganze Zeit da dieser Gesang dauerte, deuchte ihn ein Augenblick, und er wurde ganz unwillig, als Danae auf einmal aufhˆrte, und eine der Sirenen, von den Flˆten ihrer Schwestern begleitet, k¸hn genug war, es mit seiner Gˆttin aufzunehmen. Allein er wurde bald gezwungen anders Sinnes zu werden, als er sie hˆrte; alle seine Vorurteile f¸r die Muse konnten ihn nicht verhindern, sich selbst zu gestehen, dafl eine fast unwiderstehliche Verf¸hrung in ihren Tˆnen atmete. Ihre Stimme, die an Weichheit und Biegsamkeit nicht ¸bertroffen werden konnte, schien alle Grade der Entz¸ckungen auszudr¸cken, deren die sinnliche Liebe f‰hig ist; und das weiche Getˆn der Flˆten erhˆhte die Lebhaftigkeit dieses Ausdrucks auf einen Grad, der kaum einen Unterschied zwischen der Nachahmung und der Wahrheit ¸brig liefl. “Wenn die Sirenen, bei denen der kluge Ulysses vorbeifahren muflte, so gesungen haben”, (dachte Agathon) “so hatte er wohl Ursache, sich an H‰nden und F¸flen an den Mastbaum binden zu lassen.” Kaum hatten die Sirenen diesen Gesang geendiget, so erhub sich ein frohlockendes Klatschen aus dem Wasser, und die kleinen Tritonen stieflen in ihre Hˆrner, den Sieg anzudeuten, den sie ¸ber die Musen erhalten zu haben glaubten. Allein diese hatten den Mut nicht verloren: Sie ermunterten sich bald wieder, und fingen eine Symphonie an, wovon der Anfang eine spottende Nachahmung des Gesanges der Sirenen zu sein schien. Nach einer Weile wechselten sie die Tonart und den Rhythmus durch ein Andante, welches in wenigen Takten nicht die mindeste Spur von den Eindr¸cken ¸brig liefl, die der Syrenen Gesang auf das Gem¸te der Hˆrenden gemacht haben konnte. Eine s¸fle Schwermut bem‰chtigte sich Agathons; er sank in ein angenehmes Staunen, unfreiwillige Seufzer entflohen seiner Brust, und woll¸stige Tr‰nen rollten ¸ber seine Wangen herab. Mitten aus dieser r¸hrenden Harmonie erhob sich der Gesang der schˆnen Danae, welche durch die eifers¸chtigen Bestrebungen ihrer Nebenbuhlerin aufgefordert war, die ganze Vollkommenheit ihrer Stimme, und alle Zauberkr‰fte der Kunst anzuwenden, um den Sieg g‰nzlich auf die Seite der Musen zu entscheiden. Ihr Gesang schilderte die r¸hrenden Schmerzen einer wahren Liebe, die in ihrem Schmerzen selbst ein melancholisches Vergn¸gen findet; ihre standhafte Treue und die Belohnung, die sie zuletzt von der z‰rtlichsten Gegenliebe erh‰lt. Die Art wie sie dieses ausf¸hrte, oder vielmehr die Eindr¸cke, die sie dadurch auf ihren Liebhaber machte, ¸bertrafen alles was man sich davon vorstellen kann. Sein ganzes Wesen war Ohr, und seine ganze Seele zerflofl in die Empfindungen, die in ihrem Gesange herrscheten. Er war nicht so weit entfernt, dafl Danae nicht bemerkt h‰tte, wie sehr er aufler sich selbst war, und wie viel M¸he er hatte, um sich zu halten, aus seinem Sitz sich in das Wasser herabzust¸rzen, zu ihr hin¸ber zu schwimmen, und seine in Entz¸ckung und Liebe zerschmolzene Seele zu ihren F¸flen auszuhauchen. Sie wurde durch diesen Anblick selbst so ger¸hrt, dafl sie genˆtiget war, die Augen von ihm abzuwenden, um ihren Gesang vollenden zu kˆnnen: Allein sie beschlofl bei sich selbst, die Belohnung nicht l‰nger aufzuschieben, welche sie einer so vollkommenen Liebe schuldig zu sein glaubte. Endlich endigte sich ihr Lied; die begleitende Symphonie hˆrte auf; die besch‰mten Sirenen flohen in ihre Grotten; die Musen verschwanden; und der staunende Agathon blieb in trauriger Entz¸ckung allein.

ACHTES KAPITEL

Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden vorbereitet wird

Wir kˆnnen die Verlegenheit nicht verbergen, in welche wir uns durch die Umst‰nde gesetzt finden, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen Kapitels verlassen haben. Sie drohen dem erhabnen Charakter, den er bisher mit einer so r¸hmlichen Standhaftigkeit behauptet, und wodurch er sich zweifelsohne in eine nicht gemeine Hochachtung bei unsern Lesern gesetzt hat, einen Abfall, der denenjenigen, welche von einem Helden eine vollkommene Tugend fordern, eben so anstˆflig sein wird, als ob sie, nach allem was bereits mit ihm vorgegangen, nat¸rlicher Weise etwas bessers h‰tten erwarten kˆnnen.

Wie grofl ist in diesem St¸cke der Vorteil eines Romanendichters vor demjenigen, welcher sich anheischig gemacht hat, ohne Vorurteil oder Parteilichkeit, mit Verleugnung des Ruhms, den er vielleicht durch Verschˆnerung seiner Charakter, und durch Erhebung des Nat¸rlichen ins Wunderbare sich h‰tte erwerben kˆnnen, der Natur und Wahrheit in gewissenhafter Aufrichtigkeit durchaus getreu zu bleiben! Wenn jener die ganze grenzenlose Welt des Mˆglichen zu freiem Gebrauch vor sich ausgebreitet sieht; wenn seine Dichtungen durch den m‰chtigen Reiz des Erhabnen und Erstaunlichen schon sicher genug sind, unsre Einbildungskraft und unsre Eitelkeit auf seine Seite zu bringen; wenn schon der kleinste Schein von ¸bereinstimmung mit der Natur hinl‰nglich ist, die Freunde des Wunderbaren, welche immer die grˆfleste Zahl ausmachen, von ihrer Mˆglichkeit zu ¸berzeugen; ja, wenn er volle Freiheit hat, die Natur selbst umzuschaffen, und, als ein andrer Prometheus, den geschmeidigen Ton, aus welchem er seine Halbgˆtter und Halbgˆttinnen bildet, zu gestalten wie es ihm beliebt, oder wie es die Absicht, die er auf uns haben mag, erheischet: So sieht sich hingegen der arme Geschichtschreiber genˆtiget, auf einem engen Pfade, Schritt vor Schritt in die Fuflstapfen der vor ihm hergehenden Wahrheit einzutreten, jeden Gegenstand so grofl oder so klein, so schˆn oder so h‰fllich, wie er ihn w¸rklich findet, abzumalen; die W¸rkungen so anzugeben, wie sie vermˆge der unver‰nderlichen Gesetze der Natur aus ihren Ursachen herflieflen; und wenn er seiner Pflicht ein vˆlliges Gen¸gen getan hat, sich gefallen zu lassen, dafl man seinen Helden am Ende um wenig oder nichts sch‰tzbarer findet, als der schlechteste unter seinen Lesern sich ohngef‰hr selbst zu sch‰tzen pflegt.

Vielleicht ist kein unfehlbarers Mittel mit dem wenigsten Aufwand von Genie, Wissenschaft und Erfahrenheit ein gepriesener Schriftsteller zu werden, als wenn man sich damit abgibt, Menschen (denn Menschen sollen es doch sein) ohne Leidenschaften, ohne Schwachheit, ohne allen Mangel und Gebrechen, durch etliche B‰nde voll wunderreicher Abenteure, in der einfˆrmigsten Gleichheit mit sich selbst, herumzuf¸hren. Eh ihr es euch verseht, ist ein Buch fertig, das durch den erbaulichen Ton einer strengen Sittenlehre, durch blendende Sentenzen, durch Charaktere und Handlungen, die eben so viele Muster sind, den Beifall aller der gutherzigen Leute ¸berraschet, welche jedes Buch, das die Tugend anpreist, vortrefflich finden. Und was f¸r einen Beifall kann sich ein solches Werk erst alsdenn versprechen, wenn der Verfasser die Kunst oder die nat¸rliche Gabe besitzt, seine Schreibart auf den Ton der Begeisterung zu stimmen, und, verliebt in die schˆnen Geschˆpfe seiner erhitzten Einbildungskraft, die Meinung von sich zu erwecken, dafl ers in die Tugend selber sei. Umsonst mag dann ein verd‰chtiger Kunstrichter sich heiser schreien, dafl ein solches Werk eben so wenig f¸r die Talente seines Urhebers beweise, als es der Welt Nutzen schaffe; umsonst mag er vorstellen, wie leicht es sei, die Definitionen eines Auszugs der Sittenlehre in Personen, und die Maximen des Epictets in Handlungen zu verwandeln; umsonst mag er beweisen, dafl die unfruchtbare Bewunderung einer schim‰rischen Vollkommenheit, welche man nachzuahmen eben so wenig wahren Vorsatz als Vermˆgen hat, das ‰uflerste sei, was diese wackere Leute von ihren hochfliegenden Bem¸hungen zum Besten einer ungelehrigen Welt erwarten kˆnnen: Der weisere Tadler heiflt ihnen ein Zoilus, und hat von Gl¸ck zu sagen, wenn das Urteil das er von einem so moralischen Werke des Witzes f‰llt, nicht auf seinen eignen sittlichen Charakter zur¸ckprallt, und die gesundere Beschaffenheit seines Gehirns nicht zu einem Beweise seines schlimmen Herzens gemacht wird. Und wie sollte es auch anders sein kˆnnen? Unsre Eitelkeit ist zusehr dabei interessiert, als dafl wir uns derjenigen nicht annehmen sollten, welche unsre Natur, wiewohl eignen Gewalts, zu einer so groflen Hoheit und W¸rdigkeit erhalten. Es schmeichelt unserm Stolze, der sich ungern durch so viele Zeichen von Vorz¸gen des Stands, des Ansehens, der Macht und des ‰uflerlichen Glanzes unter andre erniedriget sieht, die Mittel (wenigstens so lange das angenehme Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich ¸ber die Gegenst‰nde seines Neides hinauf schwingen, und sie tief im Staube unter sich zur¸cklassen zu kˆnnen. Und wenn gleich die unverhehlbare Schw‰che unsrer Natur uns auf der einen Seite, zu groflem Vorteil unsrer Tr‰gheit, von der Aus¸bung heroischer Tugenden losz‰hlt; so ergˆtzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem s¸flen Wahne, dafl wir eben so wundert‰tige Helden gewesen sein w¸rden, wenn uns das Schicksal an ihren Platz gesetzt h‰tte.

Wir m¸ssen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so nat¸rlich und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Klassen unsrer Leser aufgenommen werden mˆgen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten, uns ung¸nstige Vorurteile zuzuziehen; so kˆnnen wir doch nicht umhin, diese angefangene Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je grˆfler die Beziehung ist, welche sie auf den ganzen Inhalt der vorliegenden Geschichte hat.

Unter allen den ¸bernat¸rlichen Charaktern, welche die mehrbelobten romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung gebracht haben, sind sie mit keinem gl¸cklicher gewesen, als mit dem Heldentum in der Groflmut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue. Daher finden wir die Liebensgeschichten, Ritterb¸cher und Romanen, von den Zeiten des guten Bischofs Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden, die einander alles, sogar die Forderungen ihrer st‰rksten Leidenschaften, und das angelegenste Interesse ihres Herzens aufopfern; von Rittern, welche immer bereit sind, der ersten Infantin, die ihnen begegnet, zu gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt herumzuhauen; und (bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn jenseits des Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angef¸llt, welche nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen ihrer Geliebten in die B‰ume zu schneiden, ohne dafl die reizendesten Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermˆgend w‰ren, ihre Treue nur einen Augenblick zu ersch¸ttern. Man m¸flte wohl sehr eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten Heldentugenden in eine so grofle Hochachtung gekommen sind. Von je her haben die Schˆnen sich berechtiget gehalten, eine Liebe, welche ihnen alles aufopfert, und eine Best‰ndigkeit, die gegen alle andre Reizungen unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in diesem St¸cke den groflen Herren, welche verlangen, dafl unserm Eifer nichts unmˆglich sein solle, und die sich sehr wenig darum bek¸mmern, ob uns dasjenige, was sie von uns fordern, gelegen, oder ob es ¸berhaupt recht und billig sei, oder nicht. Eben so ist es f¸r unsre Beherrscherinnen schon genug, dafl der Vorteil ihrer Eitelkeit und ihrer ¸brigen Leidenschaften sich bei diesen vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen Grafen von Comminges zu einem grˆflern Mann in ihren Augen zu machen, als alle Helden des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle Eigenn¸tzigkeit oder der feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen Vˆlkern, wo der Tod aus sittlichen Ursachen mehr als nat¸rlich ist, gef¸rchtet wird) den grˆflesten Teil der b¸rgerlichen Gesellschaft angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert, eine sich selbst ganz vergessende Groflmut und eine Tapferkeit, die von nichts erzittert, zu vergˆttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir nˆtig es zu sein; und je hˆher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir bei unsern Lastern zu besorgen.

Der Himmel verh¸te, dafl unsre Absicht jemals sei, in schˆnen Seelen diese liebensw¸rdige Schw‰rmerei f¸r die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so nat¸rlich und ˆfters die Quelle der lobensw¸rdigsten Handlungen ist. Alles was wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, dafl die romanhaften Helden, von denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke der Natur zu suchen seien als die gefl¸gelten Lˆwen und die Fische mit M‰dchenleibern; dafl es moralische Grotesken seien, welche eine m¸flige Einbildungskraft ausbr¸tet, und ein verdorbner moralischer Sinn, nach Art gewisser Indianer, destomehr vergˆttert, je weiter ihre verh‰ltnisw¸rdige Miflgestalt von der menschlichen Natur sich entfernet, welche doch, mit allen ihren M‰ngeln, das beste, liebensw¸rdigste und vollkommenste Wesen ist, das wir w¸rklich kennen–und dafl also der Held unsrer Geschichte, durch die Ver‰nderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen sehen, zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und selbst durch seine Fehler zu belehren.

Wir kˆnnen indes nicht bergen, dafl wir aus verschiednen Gr¸nden in Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal Gewalt anzutun, und unsern Agathon, wenn es auch durch irgend einen Deum ex Machina h‰tte geschehen m¸ssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er sich w¸rklich befindet, herauszuwickeln, als es f¸r die Ehre des Platonismus, die er bisher so schˆn behauptet hat, allerdings zu w¸nschen gewesen w‰re. Allein da wir in Erw‰gung zogen, dafl diese einzige poetische Freiheit uns nˆtigen w¸rde, in der Folge seiner Begebenheiten so viele andre Ver‰nderungen vorzunehmen, dafl die Geschichte Agathons w¸rklich die Natur einer Geschichte verloren h‰tte, und zur Legende irgend eines moralischen Don Esplandians geworden w‰re: So haben wir uns aufgemuntert, ¸ber alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns anf‰nglich stutzen gemacht hatten, und uns zu ¸berreden, dafl der Nutzen, den unsre verst‰ndigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in der Folge zu ziehen Gelegenheit bekommen kˆnnten, ungleich grˆfler sein d¸rfte, als der zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten h‰tte, wenn wir, durch eine unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen “Orlando” unsers Freunds Ariost finden wird, die schˆne Danae in die Notwendigkeit gesetzt h‰tten, in der Stille von ihm zu denken, was die ber¸hmte Phryne bei einer gewissen Gelegenheit von dem weisen Xenocrates ˆffentlich gesagt haben soll.

So wisset dann, schˆne Leserinnen, (und h¸tet euch, stolz auf diesen Sieg eurer Zaubermacht zu sein,) dafl Agathon, nachdem er eine ziemliche Weile in einem Gem¸tszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Thomsons oder Geflners erfoderte, allein zur¸ckgeblieben war, wir wissen nicht ob aus eigner Bewegung oder durch den geheimen Antrieb irgend eines antiplatonischen Genius den Weg gegen einen Pavillion genommen, der auf der Morgenseite des Gartens in einem kleinen Hain von Zitronen-, Granaten–und Myrtenb‰umen auf jonischen S‰ulen von Jaspis ruhte; dafl er, weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und nachdem er einen Saal, dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick aufhalten konnte, und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem Cabinet, welches f¸r die Ruhe der Liebesgˆttin bestimmt schien, die schˆne Danae auf einem Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; dafl er, nachdem er sie eine lange Zeit in unbeweglicher Entz¸ckung und mit einer Z‰rtlichkeit, deren innerliches Gef¸hl alle kˆrperliche Wollust an S¸fligkeit ¸bertrifft, betrachtet hatte, endlich–von der Gewalt der allm‰chtigen Liebe bezwungen, sich nicht l‰nger zu enthalten vermocht, zu ihren F¸flen kniend, eine von ihren nachl‰ssig ausgestreckten schˆnen H‰nden mit einer Inbrunst, wovon wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug gewesen sind, zu k¸ssen, ohne dafl sie daran erwacht w‰re; dafl er hierauf noch weniger als zuvor sich entschlieflen kˆnnen, so unbemerkt als er gekommen, sich wieder hinwegzuschleichen; und kurz, dafl die kleine Psyche, die T‰nzerin, welche seit der Pantomime, man weifl nicht warum, gar nicht seine Freundin war, mit ihren Augen gesehen haben wollte, dafl er eine ziemliche Weile nach Anbruch des Tages, allein, und mit einer Miene, aus welcher sich sehr vieles habe schlieflen lassen, aus dem Pavillion hinter die Myrtenhecken sich weggestohlen habe.

NEUNTES KAPITEL

Nachrichten zu Verh¸tung eines besorglichen Miflverstandes

Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstrafle zwischen zween Abwegen, welche beide gleich sorgf‰ltig zu vermeiden sind. Es ist ohne Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen wichtigern Zweck als die blofle Ergˆtzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei gewissen Anl‰ssen, anstatt des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern Franzosen, lieber die bescheidne Zur¸ckhaltung des jungfr‰ulichen Virgils nachahmet, welcher bei einer Gelegenheit, wo die Angola’s und Versorand’s alle ihre Malerkunst verschwendet, und sonst nichts besorget h‰tten, als dafl sie nicht lebhaft und deutlich genug sein mˆchten, sich begn¸gt uns zu sagen:

“Dafl Dido und der Held in Eine Hˆhle kamen.”

Allein wenn diese Zur¸ckhaltung so weit ginge, dafl die Dunkelheit, welche man ¸ber einen schl¸pfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Miflverstand und Irrtum Anlafl geben kˆnnte: So w¸rde sie, deucht uns, in eine falsche Scham ausarten; und in solchen F‰llen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang ein wenig wegzuziehen, als aus ¸bertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu laufen, vielleicht die Unschuld selbst ungegr¸ndeten Vermutungen auszusetzen. So ‰rgerlich also gewissen Leserinnen, deren strenge Tugend bei dem bloflen Namen der Liebe Dampf und Flammen speit, der Anblick eines schˆnen J¸nglings zu den F¸flen einer selbst im Schlummer lauter Liebe und Wollust atmenden Danae billig sein mag; so kˆnnen wir doch nicht vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstˆfligen Gegenstande aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen F‰llen der Einbildungskraft den Z¸gel schieflen zu lassen, dafl wir uns l‰cherlich machen w¸rden, wenn wir behaupten wollten, dafl unser Held die ganze Zeit, die er (nach dem Vorgeben der kleinen T‰nzerin) in dem Pavillion zugebracht haben soll, sich immer in der ehrfurchtsvollen Stellung gehalten habe, worin man ihn zu Ende des vorigen Kapitels gesehen hat. Wir m¸ssen vielmehr besorgen, dafl Leute, welche nichts daf¸r kˆnnen, dafl sie keine Agathons sind, vielleicht so weit gehen mˆchten, ihn im Verdacht zu haben, dafl er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu liegen schien, auf eine Art zu Nutze gemacht haben kˆnnte, welche sich ordentlicher Weise nur f¸r einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann Jacob Rousseau selbst nicht schlechterdings gebilliget h‰tte, so scharfsinnig er auch (in einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu rechtfertigen weifl, was er “eine stillschweigende Einwilligung abnˆtigen” nennet. Um nun unsern Agathon gegen alle solche unverschuldete Mutmaflungen sicher zu stellen, m¸ssen wir zur Steuer der Wahrheit melden, dafl selbst die reizende Lage der schˆnen Schl‰ferin, und die g¸nstige Leichtigkeit ihres Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen alles zu erlauben, seine Bescheidenheit schwerlich ¸berrascht haben w¸rden, wenn es ihm mˆglich gewesen w‰re, der zauberischen Gewalt der Empfindung, in welche alle Kr‰fte seines Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun. Wir wagen nicht zuviel, wenn wir einen solchen Widerstand in seinen Umst‰nden f¸r unmˆglich erkl‰ren, nachdem er einem Agathon unmˆglich gewesen ist. Er ¸berliefl also endlich seine Seele der vollkommensten Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer Schˆnheit, welche selbst seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zur¸cke liefl; und (was nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses Anschauen erf¸llte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen, unbeschreiblichen Befriedigung, dafl er alle W¸nsche, alle Ahnungen einer noch grˆflern Gl¸ckseligkeit dar¸ber vergessen zu haben schien. Vermutlich (denn gewifl kˆnnen wir hier¸ber nichts entscheiden) w¸rde die Schˆnheit des Gegenstands allein, so auflerordentlich sie war, diese sonderbare W¸rkung nicht getan haben; allein dieser Gegenstand war seine Geliebte, und dieser Umstand verst‰rkte die Bewundrung, womit auch die Kaltsinnigsten die Schˆnheit ansehen m¸ssen, mit einer Empfindung, welche noch kein Dichter zu beschreiben f‰hig gewesen ist, so sehr sich auch vermuten l‰flt, dafl sie den mehresten aus Erfahrung bekannt gewesen sein kˆnne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren Liebhaber von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen Grazien sogar ¸ber dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des Instinkts, oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr w¸rde in solchen Augenblicken f‰hig gewesen sein, wie Agathon zu handeln?–Behutsam und mit der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor verr‰terisch aufgedeckt hatte, wieder ¸ber die schˆne Schlafende her, warf sich wieder zu den F¸flen ihres Ruhebettes, und begn¸gte sich, ihre nachl‰ssig ausgestreckte Hand, aber mit einer Z‰rtlichkeit, mit einer Entz¸ckung und Sehnsucht an seinen Mund zu dr¸cken, dafl eine Bilds‰ule davon h‰tte erweckt werden mˆgen. Sie muflte also endlich erwachen. Und wie h‰tte sie auch sich dessen l‰nger erwehren kˆnnen, da ihr bisheriger Schlummer w¸rklich nur erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer Neugierigkeit, die in ihrer Verfassung nat¸rlich scheinen kann, sehen wollen, wie ein Agathon bei einer so schl¸pfrigen Gelegenheit sich betragen w¸rde; und dieser letzte Beweis einer vollkommnen Liebe, welche, ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten der Neuheit f¸r sie hatte, r¸hrte sie so sehr, dafl sie, von einer ungewohnten und unwiderstehlichen Empfindung ¸berwunden, in einem Augenblick, wo sie zum erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin von ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schˆnen Augen auf, Augen die in den woll¸stigen Tr‰nen der Liebe schwammen, und dem entz¸ckten Agathon sein ganzes Gl¸ck auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es das beredteste Liebesgest‰ndnis h‰tte tun kˆnnen. “O Callias!” (rief sie endlich mit einem Ton der Stimme, der alle Saiten seines Herzens widerhallen machte, indem sie, ihre schˆnen Arme um ihn windend, den Gl¸ckseligsten aller Liebhaber an ihren Busen dr¸ckte,) “–was f¸r ein neues Wesen gibst du mir? Geniefle, o! geniefle, du Liebensw¸rdigster unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Z‰rtlichkeit, die du mir einflˆflest.” Und hier, ohne den Leser unnˆtiger Weise damit aufzuhalten, was sie ferner sagte, und was er antwortete, ¸berlassen wir den Pinsel einem Correggio, und schleichen uns davon.

Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu sp‰te, dafl wir unsern Freund Agathon auf Unkosten seiner schˆnen Freundin gerechtfertiget haben. Es ist leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrw¸rdigen und gl¸cklichen Teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und vermutlich Ursache dazu haben) dafl sie in ‰hnlichen Umst‰nden sich ganz anders als Danae betragen haben w¸rden. Auch sind wir weit davon entfernt, diese allzuz‰rtliche Nymphe entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch immer die Liebe ihre Vergehungen zu bem‰nteln weifl. Indessen bitten wir doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis, dieses Kapitel mit einer kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht nicht gefaflt gemacht haben, schlieflen zu d¸rfen. Diese Damen (mit aller Ehrfurcht die wir ihnen schuldig sind, sei es gesagt) w¸rden sich sehr betr¸gen, wenn sie glaubten, dafl wir die Schwachheiten einer so liebensw¸rdigen Kreatur, als die schˆne Danae ist, nur darum verraten h‰tten, damit sie Gelegenheit bek‰men, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so sehr Neulinge in der Welt, dafl wir uns ¸berreden lassen sollten, dafl eine jede, welche sich ¸ber das Betragen unsrer Danae ‰rgern wird, an ihrer Stelle weiser gewesen w‰re. Wir wissen sehr wohl, dafl nicht alles, was das Gepr‰ge der Tugend f¸hrt, w¸rklich echte und vollhaltige Tugend ist; und dafl sechszig Jahre, oder eine Figur, die einen Satyren entwaffnen kˆnnte, kein oder sehr wenig Recht geben, sich viel auf eine Tugend zu gut zu tun, welche vielleicht niemand jemals versucht gewesen ist, auf die Probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem Grunde sehr daran, dafl diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen, an ihrem Platz einem viel weniger gef‰hrlichen Versucher als Agathon war, die Augen auskratzen w¸rden: Und wenn sie es auch t‰ten, so w¸rden wir vielleicht anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische W¸rkung unreizbarer Sinnen, und eines unz‰rtlichen Herzens, h‰tte gewesen sein kˆnnen. Unser Augenmerk ist blofl auf euch gerichtet, ihr liebreizenden Geschˆpfe, denen die Natur die schˆnste ihrer Gaben, die Gabe zu gefallen, geschenkt–ihr, welche sie bestimmt hat, uns gl¸cklich zu machen; aber, welche eine einzige kleine Unvorsichtigkeit in Erf¸llung dieser schˆnen Bestimmung so leicht in Gefahr setzen kann, durch die sch‰tzbarste eurer Eigenschaften, durch das was die Anlage zu jeder Tugend ist, durch die Z‰rtlichkeit eures Herzens selbst, ungl¸cklich zu werden: Euch allein w¸nschten wir ¸berreden zu kˆnnen, wie gef‰hrlich jene Einbildung ist, womit euch das Bewufltsein eurer Unschuld schmeichelt, dafl es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren Forderungen Grenzen zu setzen. Mˆchten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir hoffen, die Unschuld und die G¸te des Herzens himmlische Besch¸tzer hat,) mˆchten sie ¸ber die eurige wachen! Mˆchten sie euch zu rechter Zeit warnen, euch einer Z‰rtlichkeit nicht zu vertrauen, welche, bezaubert von dem groflm¸tigen Vergn¸gen, den Gegenstand ihrer Liebe gl¸cklich zu machen, so leicht sich selbst vergessen kann! Mˆchten sie endlich in jenen Augenblicken, wo das Anschauen der Entz¸ckungen, in die ihr zu setzen f‰hig seid, eure Klugheit ¸berraschen kˆnnte, euch in die Ohren fl¸stern: Dafl selbst ein Agathon, weder Verdienst noch Liebe genug hat, um wert zu sein, dafl die Befriedigung seiner W¸nsche euch die Ruhe eures Herzens koste.

ZEHENTES KAPITEL

Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie nicht sehr gl¸cklich oder vollkommne Stoiker sind, ¸berschlagen kˆnnen

Die schˆne Danae war keine von denen, welche das, was sie tun, nur zur H‰lfte tun. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, ihren Freund gl¸cklich zu machen, so vollf¸hrte sie es auf eine Art, welche alles was er bisher Vergn¸gen und Wonne genannt hatte, in Schatten und Wolkenbilder verwandelte. Man erinnert sich vermutlich noch, dafl eine Art von Vorwitz oder vielmehr ein launischer Einfall, die Macht ihrer Reizungen an unserm Helden zu probieren, anfangs die einzige Triebfeder der Anschl‰ge war, welche sie auf sein Herz gemacht hatte. Die persˆnliche Bekanntschaft belebte dieses Vorhaben durch den Geschmack, den sie an ihm fand; und der t‰gliche Umgang, die Vorz¸ge Agathons, und, was in den meisten F‰llen die Niederlage der weiblichen Tugend wo nicht allein verursacht, doch sehr befˆrdert, die ansteckende Kraft, das Sympathetische der verliebten Begeisterung, welcher der gˆttliche Plato mit Recht die wundert‰tigsten Kr‰fte zuschreibt; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt diesen Geschmack in Liebe, aber in die wahreste, z‰rtlichste und heftigste, welche jemals gewesen ist. Unserm Helden allein war die Ehre aufbehalten (wenn es eine war) ihr eine Art von Liebe einzuflˆflen, worin sie, ungeachtet alles dessen, was uns von ihrer Geschichte schon entdeckt worden ist, noch so sehr ein Neuling war, als es eine Vestalin in jeder Art von Liebe sein soll. Kurz, er, und er allein, war darzu gemacht, den Widerwillen zu ¸berwinden, den ihr die gemeinen Liebhaber, die schˆnen Hyacinthe, diese t‰ndelnden Gecken, an denen (um uns ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen) die H‰lfte ihrer Reizungen verloren ging; gegen alles was die Miene der Liebe trug, einzuflˆflen angefangen hatten.

Die meisten von derjenigen Klasse der Naturk¸ndiger, welche mit dem Herrn von B¸ffon davorhalten, dafl das Physikalische der Liebe das beste davon sei, werden ohne Bedenken eingestehen, dafl der Besitz, oder (um unsern Ausdruck genauer nach ihren Ideen zu bestimmen) der Genufl einer so schˆnen Frau als Danae war, an sich selbst betrachtet die vollkommenste Art von Vergn¸gungen in sich schliefle, deren unsre Sinnen f‰hig sind; eine Wahrheit, welche, ungeachtet einer Art von stillschweigender ¸bereinkunft, dafl man sie nicht laut gestehen wolle, von allen Vˆlkern und zu allen Zeiten so allgemein anerkannt worden ist, dafl Carneades, Sextus, Cornelius Agrippa, und Bayle selbst sich nicht getrauet haben, sie in Zweifel zu ziehen. Ob wir nun gleich nicht Mut genug besitzen, gegen einen so ehrw¸rdigen Beweis als das einhellige Gef¸hl des ganzen menschlichen Geschlechts abgibt, ˆffentlich zu behaupten, dafl diejenigen Vergn¸gungen der Liebe, welche der Seele eigen sind, den Vorzug vor jenen haben: So werden doch nicht wenige mit uns einstimmig sein, dafl ein Liebhaber, der selbst eine Seele hat, im Besitz der schˆnsten Statue von Fleisch und Blut, die man nur immer finden kann, selbst jene von den neuern Epicur‰ern so hoch gepriesene Wollust nur in einem sehr unvollkommnen Grade erfahren w¸rde; und dafl diese allein von der Empfindung des Herzens jenen wunderbaren Reiz erhalte, welcher immer f¸r unaussprechlich gehalten worden ist, bis Rousseau, der Stoiker, sich herabgelassen, sie in dem f¸nf und vierzigsten der Briefe der neuen Heloise, in einer Vollkommenheit zu schildern, welche sehr deutlich beweist, was f¸r eine begeisternde Kraft die blofle halberloschene Erinnerung an die Erfahrungen seiner gl¸cklichen Jugend ¸ber die Seele des Helvetischen Epictets ausge¸bt haben m¸sse. Ohne Zweifel sind es Liebhaber von dieser Art, Saint Preux und Agathons, welchen es zukˆmmt, ¸ber die ber¸hrte Streitfrage einen entscheidenden Ausspruch zu tun; sie, welche durch die Feinheit und Lebhaftigkeit ihres Gef¸hls eben so geschickt gemacht werden, von den physikalischen, als durch die Z‰rtlichkeit ihres Herzens, oder durch ihren innerlichen Sinn f¸r das sittliche Schˆne, von den moralischen Vergn¸gungen der Liebe zu urteilen. Und wie wahr, wie nat¸rlich werden nicht diese jene Stelle finden, die den Verehrern der animalischen Liebe unverst‰ndlicher ist als eine Hetruscische Aufschrift den Gelehrten,–“O, entziehe mir immer diese berauschenden Entz¸ckungen, f¸r die ich tausend Leben g‰be!–Gib mir nur das alles wieder was nicht sie, aber tausendmal s¸fler ist als sie”-Die schˆne Danae war so sinnreich, so unerschˆpflich in der Kunst (wenn man anders dasjenige so nennen kann, was Natur und Liebe allein, und keine ohne die andre geben kann) ihre Gunstbezeugungen zu vervielf‰ltigen, den innerlichen Wert derselben durch die Annehmlichkeiten der Verzierung zu erhˆhen, ihnen immer die frische Bl¸te der Neuheit zu erhalten, und alles Eintˆnige, alles was die Bezauberung h‰tte auflˆsen, und dem ¸berdrufl den Zugang ˆffnen kˆnnen, kl¸glich zu entfernen; dafl sie oder eine andre ihres gleichen den Herrn von B¸ffon selbst dahin gebracht h‰tte, seine Gedanken von der Liebe zu ‰ndern, welches vielleicht alle Marquisinnen von Paris zusammengenommen nicht von ihm erhalten w¸rden. Diese gl¸ckseligen Liebenden, brauchten, um ihrer Empfindung nach, den Gˆttern an Wonne gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschm‰hten itzt alle diese Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre Liebe machte alle ihre Besch‰ftigungen und alle ihre Ergˆtzungen aus: Sie empfanden nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten sich mit nichts anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu sehen, zum erstenmal zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, dafl sie sich liebten; und wenn sie von einer Morgenrˆte zur andern nichts anders getan hatten, so beklagten sie sich doch ¸ber die Kargheit der Zeit, welche zu einem Leben, das sie zum Besten ihrer Liebe unsterblich gew¸nscht h‰tten, ihnen Augenblicke f¸r Tage anrechne. “Welch ein Zustand, wenn er dauern kˆnnte!”–ruft hier der griechische Autor aus.

EILFTES KAPITEL

Eine bemerkensw¸rdige W¸rkung der Liebe, oder von der Seelenmischung

Ein alter Schriftsteller, den gewifl niemand beschuldigen wird, dafl er die Liebe zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen, um allen Verdacht dessen, was materielle Seelen f¸r Platonische Grillen erkl‰ren, von ihm zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich irgendwo eines Ausdrucks, welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, dafl er eine verliebte Vermischung der Seelen nicht nur f¸r mˆglich, sondern f¸r einen solchen Umstand gehalten habe, der die Geheimnisse der Liebesgˆttin nat¸rlicher Weise zu begleiten pflege. Jam alligata mutuo ambitu corpora animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser Oberaufseher der Ergˆtzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe zu bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schˆner also ausdr¸ckt:

Et transfudimus hinc & hinc labellis Errantes animas- Ob er selbst die ganze St‰rke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel Bedeutung beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der meisten Ausleger) sehr wenig bek¸mmert. Genug, dafl wir diese Stellen einer Hypothese g¸nstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach, verschiedene Ph‰nomena der Liebe nicht wohl erkl‰ren lassen, und vermˆge welcher wir annehmen, dafl bei wahren Liebenden, in gewissen Umst‰nden, nicht (wie einer unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern eine wirkliche Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses mˆglich sei zu untersuchen, ¸berlassen wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten, welche sich, in stolzer Mufle und seliger Abgeschiedenheit von dem Get¸mmel dieser sublunarischen Welt, mit der n¸tzlichen Spekulation besch‰ftigen, die Art und Weise ausfindig zu machen, wie dasjenige was w¸rklich ist, ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgeb‰ude, mˆglich sein kˆnne. F¸r uns ist genug, dafl eine durch unz‰hliche Beispiele best‰tigte Erfahrung aufler allen Zweifel setzt, dafl diejenige Gattung von Liebe, welche Shaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Enthusiasmus macht, und gegen welche Lucrez aus eben diesem Grunde sich mit so vielem Eifer erkl‰rt, solche W¸rkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch jenen Petronischen Ausdruck abgemalt werden kˆnnen.

Agathon und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlafl gegeben haben, hatten kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Kalender der Liebe nur vierzehn Augenblicke waren, in diesem gl¸ckseligen Zustande, worin wir sie im vorigen Kapitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung sich in einem solchen Grade bei ihnen ‰uflerte, dafl sie nur von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen. W¸rklich war die Ver‰nderung und der Absatz ihrer gegenw‰rtigen Art zu sein, mit ihrer vorigen so grofl, dafl weder Alcibiades seine Danae, noch die Priesterin zu Delphi den sprˆden und unkˆrperlichen Agathon wieder erkannt haben w¸rden. Dafl dieser aus einem spekulativen Platoniker ein praktischer Aristipp geworden; dafl er eine Philosophie, welche die reinste Gl¸ckseligkeit in Beschauung unsichtbarer Schˆnheiten setzt, gegen eine Philosophie, welche sie in angenehmen Empfindungen, und die angenehmen Empfindungen in ihren n‰chsten Quellen, in der Natur, in unsern Sinnen und in unsern Herzen sucht, vertauschte; dafl er von den Gˆttern und Halbgˆttern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und Liebesgˆtter beibehielt; dafl dieser Agathon, der ehmals von seinen Minuten, von seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, itzt f‰hig war (wir sch‰men uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in z‰rtlicher Trunkenheit wegzut‰ndeln–Alles dieses, so stark der Abfall auch ist, wird dennoch den meisten begreiflich scheinen. Aber dafl Danae, welche die Schˆnsten und Edelsten von Asien, welche F¸rsten und Satrapen zu ihren F¸flen gesehen hatte, welche gewohnt war, in den schimmerndsten Versammlungen am meisten zu gl‰nzen, einen Hof von allem, was durch Vorz¸ge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der Talente w¸rdig war, nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Dafl diese Danae itzt ver‰chtliche Blicke in die grofle Welt zur¸ckwarf, und nichts angenehmers fand als die l‰ndliche Einfalt, nichts schˆners als in Hainen herumzuirren, Blumenkr‰nze f¸r ihren Sch‰fer zu winden, an einer murmelnden Quelle in seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die Welt zu vergessen–dafl sie, f¸r welche die Liebe der Empfindung sonst ein unerschˆpflicher Gegenstand von witzigen Spˆttereien gewesen war, itzt von den z‰rtlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern N‰chten bis zu Tr‰nen ger¸hrt werden–oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten Laube schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in z‰rtliches Staunen und in den Genufl ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte, ohne daran zu denken, ihn durch einen eigenn¸tzigen Kufl aufzuwecken,–dafl diese Sch¸lerin des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts l‰cherlichers zu finden, als die Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese s¸flen Tr‰ume von bessern Welten, in welche sich empfindliche Seelen so gerne zu wiegen pflegen–dafl sie itzt, beim d‰mmernden Schein des Monds, an Agathons Seite auf Blumen hingegossen, schon entkˆrpert zu sein, schon in den seligen T‰lern des Elysiums zu schweben glaubte–mitten aus den berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Gr‰bern und Urnen verlieren, dann ihren Geliebten z‰rtlicher an ihre Brust dr¸ckend den gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der Unsterblichen, von unverg‰nglichen Schˆnheiten und himmlischen Welten phantasieren konnte, und, von den W¸nschen ihrer grenzenlosen Liebe get‰uscht, in der Hoffnung einer immerw‰hrenden Dauer itzt so wenig Ausschweifendes fand, dafl ihr kein Gedanke nat¸rlicher, keine Hoffnung gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke der Liebe, und Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agathons, nur jene Vermischung der Seelen, durch welche ihrer beider Denkungsart, Ideen, Geschmack und Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von beiden bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir unsern Lesern zu entscheiden ¸berlassen, von denen der z‰rtlichere Teil vielleicht der schˆnen Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses, deucht uns, wird niemand so roh oder so stoisch sein zu leugnen, dafl sie gl¸cklich waren–felices errore suo–gl¸cklich in dieser s¸flen Betˆrung, welcher, um dasjenige zu sein, was die Weisen schon so lange gesucht und nie gefunden haben, nichts abgeht, als dafl sie (wie der griechische Autor hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer w‰hren kann.

SECHSTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Ein Besuch des Hippias

Zuf‰llige Ursachen hatten es so gef¸get, dafl Hippias sich auf einiche Wochen von Smirna hatte entfernen m¸ssen, und dafl die Zeit seiner Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden und der schˆnen Danae den ‰uflersten Punkt ihrer Hˆhe erreichte. Dieser Umstand hatte sie g‰nzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum Vorteil der Liebe und des Vergn¸gens so wohl anzuwenden wuflten. Keiner von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erk¸hnt, ihre Einsamkeit zu stˆren; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft gestanden war, hatten zu gutem Gl¸ck alle mit ihren eignen Angelegenheiten so viel zu tun, dafl sie keine Zeit behielten, sich um Fremde zu bek¸mmern. Zudem war ihr Aufenthalt auf dem Lande nichts ungewˆhnliches, und der allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der Vergn¸gungen allzug¸nstig, als dafl eine Danae (von der man ohnehin keine vestalische Tugend foderte) ¸ber die ihrigen, wenn sie auch bekannt gewesen w‰ren, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt h‰tte.

Allein Hippias war kaum von seiner Reise zur¸ckgekommen, so liefl er eine seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit, worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das vorz¸gliche Recht, sie auch alsdann zu ¸berraschen, wenn sie sonst f¸r niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem Landgute; und hier brauchte er nur einen Blick auf unsre Liebende zu werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zur¸ckhaltung, eine Art von schamhafter Sch¸chternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter Aspasiens fast l‰cherlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die Augen fiel. Wahre Liebe (wie man l‰ngst beobachtet hat) ist eben so sorgf‰ltig ihre Gl¸ckseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe, welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die vornehmste Ursache einer Zur¸ckhaltung, welche unsre Liebenden, aller angewandten M¸he ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht entziehen konnten. Das Bewufltsein der Verwandlung, welche sie erlitten hatten; die Furcht vor dem komischen Ansehen, welches sie ihnen in den Augen des Sophisten geben mˆchte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie die mutwilligen Ergieflungen bei jedem Blicke, bei jedem L‰cheln erwarteten; dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdrieflliches gab, welches von einem jeden andern als Hippias f¸r ein Zeichen, dafl seine Gegenwart unangenehm sei, h‰tte aufgenommen werden m¸ssen. Allein dieser nahm es f¸r das auf, was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wuflte, so schien er so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und Sorglosen so nat¸rlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend gleichg¸ltigen Dingen zu schwatzen, und wuflte dem Gespr‰ch einen so freien Schwung von Munterkeit zu geben, dafl sie alle erforderliche Zeit gewannen, sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen. Wenn Agathon hiedurch so sehr beruhigst wurde, dafl er w¸rklich hoffte, sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner Seele zu lesen; sie sah wohl, dafl es zu einer Erˆrterung mit ihm kommen m¸sse, und war nur dar¸ber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, dafl sie, ¸ber der Bem¸hung den Charakter des Agathons umzubilden, ihren eignen oder doch einen guten Teil davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken hatte sie sich in den Stunden der gewˆhnlichen Mittagsruhe besch‰ftiget, und war noch nicht recht mit sich selbst einig, wie weit sie sich dem Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer trat, und mit der vertraulichen Freim¸tigkeit eines alten Freundes ihr entdeckte, dafl es die Neugier ¸ber den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei, was ihn so bald nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. “Die Gl¸ckseligkeit des Callias” (setzte er hinzu) “schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus seinem ganzen Betragen hervor, schˆne Danae, als dafl ich durch ¸berfl¸ssige Fragst¸cke das reizende Inkarnat dieser liebensw¸rdigen Wangen zu erhˆhen suchen sollte. Und findest du ihn also der M¸he w¸rdig, die du auf seine Bekehrung ohne Zweifel verwenden mufltest?” “Der M¸he?” sagte Danae l‰chelnd; “ich schwˆre dir, dafl mir in meinem Leben keine M¸he so leicht geworden ist, als mich von dem liebensw¸rdigsten Sterblichen, den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen. Denn das war doch alle M¸he -” “Nicht ganz und gar”, (unterbrach sie Hippias) “wenn du so aufrichtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gem‰fl ist. Ich bin gewifl, dafl er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war; und die Ver‰nderung, die ich an ihm wahrnehme ist so grofl, verbreitet sich so sehr ¸ber seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, dafl Danae selbst, auf deren Lippen die ¸berredung wohnt, mich nicht ¸berreden soll, dafl eine solche Seelenwandlung im Schlafe vorgehen kˆnne. Keine Zur¸ckhaltungen, schˆne Danae, die W¸rkungen zeugen von ihren Ursachen; ein grofles Werk setzt grofle Anstalten voraus; wenn ein Callias dahin gebracht wird, dafl er wie ein Liebling der Venus herausgeputzt ist, dafl er mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der Speisen und dem Geschmack der Weine urteilt; dafl er die woll¸stigsten L‰ufe eines in Liebe schmelzenden Liedes mit entz¸cktem H‰ndeklatschen wiederholen heiflt, und sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverh¸lltem Busen eben so gleichg¸ltig reichen l‰flt, als er sich in die weichen Polster eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt–wahrhaftig, schˆne Danae, das nenn ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ich keiner von allen unsterblichen Gˆttinnen zugetraut h‰tte.” “Ich weifl nicht, was du damit sagen willst”, erwiderte Danae mit einer angenommenen Zerstreuung; “mich deucht nichts nat¸rlichers, als alles, wor¸ber du dich so verwundert stellst; und gesetzt, dafl du dich in deinem Urteil von Callias betrogen h‰ttest, ist es seine Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, so kann nichts un‰hnlichers sein, als wie du ihn mir abgeschildert und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest mich einen Pedantischen Toren, den Gegenstand einer Komˆdie erwarten, und ich wiederhole es, du magst ¸ber mich lachen so lange du willt, Alcibiades selbst im Fr¸hling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebensw¸rdiger als derjenige, den du mir f¸r ein komisches Mittelding von einem Phantasten und von einer Bilds‰ule gegeben hast. Wenn eine Verschiedenheit zwischen Agathon und den Besten ist, f¸r welche ich ehmals aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gef‰lligkeiten gehabt habe, so ist sie g‰nzlich zu seinem Vorteil; so ist es, dafl er edler, aufrichtiger, z‰rtlicher ist, dafl er mich liebet, da jene nur sich selbst in mir liebten; dafl ihn mein Vergn¸gen gl¸cklicher macht als sein eignes; dafl er das groflm¸tigste und erkenntlichste Herz mit den gl‰nzendesten Vorz¸gen des Geistes, mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt. “–“Welch ein Strom von Beredsamkeit”, rief Hippias mit dem L‰cheln eines Fauns aus; “du sprichst nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich machen m¸fltest; und wenn habe ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich ihn nicht als liebensw¸rdig? Sagt’ ich dir nicht, dafl er dir die Hyacinthe, und alle diese artigen gaukelnden Sommervˆgel unertr‰glich machen w¸rde? Aber wir wollen uns nicht zanken, schˆne Danae. Ich sehe, dafl Amor hier mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er sollte dir nur helfen, den Agathon zu unterwerfen; aber der ¸berm¸tige kleine Bube hat es f¸r eine grˆflere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese Danae, welche bisher mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae -” “Ja”, (fiel sie ihm lebhaft ein) “ich bekenne, dafl ich liebe wie ich nie geliebt habe; dafl alles was ich sonst Gl¸ckseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, dafl ich f‰hig w‰re, alles was ich besitze, alle Ergˆtzlichkeiten von Smirna, alle Anspr¸che an Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze Welt voll Liebhaber wie eine Nuflschale hinzuwerfen, um mit Callias in einer mit Stroh bedeckten H¸tte zu leben, und mit diesen H‰nden, welche nicht zu weifl und z‰rtlich dazu sein sollten, die Milch zuzubereiten, die ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich sie ihm reichte, lieblicher schmecken w¸rde, als Nektar aus den H‰nden der Liebesgˆttin.”

“O, das ist was anders”, rief Hippias, der sich nun nicht l‰nger halten konnte, in ein lautes Gel‰chter auszubrechen; “wenn Danae aus diesem Tone spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber”, fuhr er fort, nachdem er sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte; “in der Tat, schˆne Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist ernsthafter als ich beim ersten Anblick dachte, und ich besorge nun in ganzem Ernste, dafl Callias, so sehr er dich anzubeten scheint, nicht Liebe genug haben mˆchte, die deinige zu erwidern.” “Ich erlasse dem Hippias diese Sorge”, sagte Danae mit einem spˆttischen L‰cheln, welches ihr sehr reizend liefl; “das soll meine Sorge sein; und mich deucht, Hippias, welcher ein so grofler Meister ist, von den W¸rkungen auf die Ursachen zu schlieflen, sollte ganz ruhig dar¸ber sein kˆnnen, dafl sich Danae nicht wie ein vierzehnj‰hriges M‰dchen fangen l‰flt.” “Die Gˆtter der Liebe und Freude verh¸ten, dafl meine Worte einen ¸belweissagenden Sinn in sich fassen”, erwiderte Hippias! “Du liebest, schˆne Danae; du wirst geliebt; kein w¸rdigers Paar gl¸cklich zu sein, kein geschickteres sich gl¸cklich zu machen, hat Amor nie vereiniget. Erschˆpfet alles, was die Liebe reizendes hat! Trinket immer neue Entz¸ckungen aus ihrem nektarischen Becher; und mˆge die neidenswerte Bezauberung so lang als euer Leben dauern!”

ZWEITES KAPITEL

Eine Probe von den Talenten eines Liebhabers

In einem so freundschaftlichen und schw‰rmerischen Ton stimmte der gef‰llige Sophist seine Sprache um, als Agathon hereintrat, und ihnen einen Spaziergang in die G‰rten vorschlug, worin er sich das Vergn¸gen machen wollte, sie mit einer in geheim veranstalteten Ergˆtzung zu ¸berraschen. Man liefl sich den Vorschlag gefallen, und nachdem Hippias eine Reihe von neuen Gem‰lden, womit die Galerie vermehrt worden war, gesehen hatte, begab man sich in den Garten, in welchem, nach Persischem Geschmack, grofle Blumenst¸cke, Spazierg‰nge von hohen B‰umen, kleine Weiher, k¸nstliche Wildnisse, Lauben und Grotten in anmutiger Unordnung unter einander geworfen schienen. Das Gespr‰ch ward itzt wieder gleichg¸ltig, und Hippias wuflte es so zu lenken, dafl Agathon unvermerkt veranlaflt wurde, die neue Wendung, welche seine Einbildungskraft bekommen hatte, auf hundertf‰ltige Art zu verraten. Inzwischen neigte sich die Sonne, als sie beim Eintritt in einen kleinen Wald von Myrten–und Zitronenb‰umen, an welchen die Kunst keine Hand angelegt zu haben schien, von einem versteckten Konzert, welches alle Arten von Singvˆgel nachahmte, empfangen wurden. Aus jedem Zweig, aus jedem Blatte schien eine besondere Stimme hervorzugehen; so volltˆnig war diese Musik, in welcher die Nachahmung der kunstlosen Natur in der scheinbaren Unregelm‰fligkeit phantasierender Tˆne, die lieblichste Harmonie hervorbrachte, die man jemals gehˆrt hatte. Die D‰mmerung des heitersten Abends, und die eigne Anmut des Orts vereinigten sich damit, um diesem Lusthain die Gestalt der Bezauberung zu geben. Danae, welche seit wenigen Wochen eine ganz neue Empfindlichkeit f¸r das Schˆne der Natur und die Vergn¸gungen der Einbildungskraft bekommen hatte, sahe ihren sich ganz unwissend stellenden Liebling mit Augen an, welche ihm sagten, dafl nur die Gegenwart des Hippias sie verhindere, ihre schˆnen Arme um seinen Hals zu werfen: als unversehens eine Anzahl von kleinen Liebesgˆttern und Faunen aus dem Hain hervorh¸pfte; jene von flatterndem Silberflor, der mit nachgeahmten Rosen durchw¸rkt war, leicht bedeckt; diese nackend, aufler dafl ein Efeukranz, mit gelben Rosen durchflochten, ihre milchweiflen H¸ften sch¸tzten, und um die kleinen verguldeten Hˆrner sich schlangen, die aus ihren schwarzen kurzlockichten Haaren hervorstachen. Alle diese kleine Genii streuten aus zierlichen Kˆrbchen von Silberdraht die schˆnsten Blumen vor Danae her, und f¸hrten sie tanzend in die Mitte des W‰ldchens, wo Geb¸sche von Jasminen, Rosen und Acacia eine Art von halbzirkelndem Amphitheater machten, unter welchem ein zierlicher Thron von Laubwerk und Blumenkr‰nzen f¸r die schˆne Danae bereitet stand. Nachdem sie sich hier gesetzt hatte, breiteten die Liebesgˆtter einen Persischen Teppich vor ihr aus, indem von den kleinen Faunen einige besch‰ftigt waren, den Boden mit goldnen und kristallenen Trinkschalen von allerlei niedlichen Formen zu besetzen, andre unter der Last voller Schl‰uche mit possierlichen Geb‰rden herbeigekrochen kamen, und im Vorbeigehen den weisen Hippias durch hundert mutwillige Spiele neckten. Auf einmal schlupften die Grazien hinter einer Myrtenhecke hervor, drei jugendliche Schwestern, deren halbaufgebl¸hte Schˆnheit ein leichtes Gewˆlk von Gase mehr zu entwickeln als zu verh¸llen eifers¸chtig schien. Sie umgaben ihre Gebieterin, und indem die erste einen frischen Blumenkranz um ihre schˆne Stirne wand, reichten ihr die beiden andern kniend in goldnen Schalen die auserlesensten Fr¸chte und Erfrischungen dar; indes die Faunen den Hippias mit Efeu kr‰nzten, und wohlriechende Salben ¸ber seine Glatze und seinen halbgrauen Bart heruntergossen. Beide bezeugten ihr Vergn¸gen ¸ber dieses kleine Schauspiel, welches das lachendste Gem‰lde von der Welt machte; als eine z‰rtliche Symphonie von Flˆten aus der Luft, wie es schien, herabtˆnend, die Augen zu einer neuen Erscheinung aufmerksam machte. Die Liebesgˆtter, die Faunen und die Grazien waren indes verschwunden, und es ˆffnete sich der Danae gegen¸ber die waldichte Szene, um den Liebesgott darzustellen, auf einem goldnen Gewˆlke sitzend, welches ¸ber den Rosenb¸schen von Zephyren emporgehalten wurde. Ein schalkhaftes L‰cheln, das sein liebliches Gesicht umscherzte, schien die Herzen zu warnen, sich von der t‰ndelnden Unschuld dieses schˆnen Gˆtterknabens nicht sorglos machen zu lassen. Er sang mit lieblicher Stimme, und der Inhalt seines Gesangs dr¸ckte seine Freude aus, dafl er endlich eine bequeme Gelegenheit gefunden habe, sich an der schˆnen Danae zu r‰chen. “Gleich der Liebesgˆttin, meiner Mutter” (sang er) “herrscht sie unumschr‰nkt ¸ber die Herzen, und haucht allgemeine Liebe umher: Von ihren Blicken beseelt, wendet ihr die Natur, als ihrer Gˆttin, sich zu; verschˆnert, wenn sie l‰chelt, traurig und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen stehn die Alt‰re zu Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen; und indem ihre siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und entz¸cken, lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner Brust der Macht, vor welcher Gˆtter zittern: Aber nicht l‰nger soll sie trotzen; hier ist der sch‰rfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu spalten, und die k‰lteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen. Zittre, ungewahrsame Schˆne! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter r‰chen! Tiefseufzend sollst du auffahren, wie ein junges Reh auff‰hrt, das unter Rosen schlummernd den gefl¸gelten Pfeil des J‰gers f¸hlt; schmerzenvoll und trostlos sollst du in einsamen Hainen irren, und auf ˆden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit deinen Tr‰nen mehren.”

So sang er und spannte boshaft-l‰chelnd den Bogen; schon war der Pfeil angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er plˆtzlich mit einem lauten Schrei zur¸ckfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den Bogen von sich warf, und mit z‰rtlich sch¸chterner Geb‰rde auf die schˆne Danae zuflatterte. “O Gˆttin, vergib”, (sang er, indem er bittend ihre Knie umfaflte) “vergib, vergib, schˆne Mutter, dem Irrtum meiner Augen! wie leicht war es zu irren? Ich sahe dich f¸r Danae an.”

In dem n‰mlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die Grazien, die Liebesgˆtter und die kleinen Faunen wieder, und endigten diese Szene mit T‰nzen und Ges‰ngen, zum Preis derjenigen, welche auf eine so schmeichelhafte Art zur Gˆttin der Schˆnheit und der Liebe erkl‰rt worden war. Dieses ¸berraschende Kompliment, welches damals noch den Reiz der Neuheit hatte, weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler neuern Poeten verschwendet worden war, schien ihr Vergn¸gen zu machen; und der doppelt belustigte Hippias gestand, dafl sein junger Freund einen sehr guten Gebrauch von seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe. “Dachte ich nicht, Callias”, sagte er leise zu ihm, indem er ihn auf die Schultern klopfte, “dafl ein Monat unter den Augen der schˆnen Danae dich von den Vorurteilen heilen w¸rde, womit du gegen Grunds‰tze eingenommen warest, die du bereits so meisterhaft auszu¸ben gelernt hast.”

Der ¸brige Teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in Smirna sein muflte, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als einem Weisen glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.

Agathon hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man wird es dieser Dame zu gut halten kˆnnen, dafl sie die Aufrichtigkeit ihres Berichts nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie sich von dem Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so weit von der Anlage des ersten Plans entfernt gewesen war. Die z‰rtlichste und vertrauteste Liebe verhindert nicht, dafl man sich nicht kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei deren Entdeckung die Eigenliebe ihre Rechnung nicht finden w¸rde. Sie begn¸gte sich also ihm zu sagen, dafl Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie versichert habe, dafl er ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher gewesen; es h‰tte sie bed¸nkt, dafl er mehr damit sagen wollen, als seine Worte an sich selbst gesagt h‰tten; sie h‰tte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache h‰tte, eine Achtung zu verbergen, welche man den persˆnlichen Verdiensten des Callias nicht versagen kˆnne; im ¸brigen h‰tte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der Zeit, welche das Andenken seiner Ungl¸cksf‰lle schw‰che, und der vollkommnern Freiheit geschrieben, die er in ihrem Hause h‰tte. Agathon liefl sich durch diese Erz‰hlung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine Einbildungskraft gewohnt war, ihn immer weiter zu f¸hren, als er im Sinne hatte zu gehen, so f¸hlte er sich, nachdem sie eine Zeitlang von dieser Materie gesprochen hatten, so mutig, dafl er sich vornahm den Scherzen des Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte ¸ber seine Freundschaft mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten; eine Entschlieflung, welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr Unversch‰mtheit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agathon jemals geben konnte.

DRITTES KAPITEL

Konvulsivische Bewegungen der wiederauflebenden Tugend

Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein Fest, welches er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der schˆnen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so erschienen sie auf den bestimmten Tag, und Agathon brachte eine Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hoffnung machte, dafl er sich so gut halten w¸rde, als es die Anf‰lle, die er von der Schalkhaftigkeit des Sophisten erwartete, nur immer erfordern kˆnnten. Hippias hatte nichts vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte; und nach demjenigen, was im zweiten Buch von den Grunds‰tzen, der Lebensart und den Reicht¸mern dieses Mannes gemeldet worden, kˆnnen unsre Leser sich so viel davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, dafl wir sie durch ¸berfl¸ssige Beschreibungen von den wichtigern Gegenst‰nden, die wir vor uns haben, aufhalten w¸rden.

Agathon hatte ¸ber der Tafel die Rolle eines witzigen Kopfs so gut gespielt; er hatte so fein und so lebhaft gescherzt, und bei Gelegenheiten die Ideen, wovon seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich verraten; dafl Hippias sich nicht enthalten konnte, ihm in einem Augenblick, wo sie allein waren, seine ganze Freude dar¸ber auszudr¸cken. “Ich bin erfreut, Callias” (sagte er zu ihm) “dafl du, wie ich sehe, einer von den Unsrigen worden bist. Du rechtfertigest die gute Meinung vollkommen, die ich beim ersten Anblick von dir faflte; ich sagte immer, dafl einer so feurigen Seele wie die deinige, nur wirkliche Gegenst‰nde mangelten, um ohne M¸he von den Schim‰ren zur¸ckzukommen, woran du vor einigen Wochen noch so stark zu h‰ngen schienest.” Zum Gl¸ck f¸r den guten Agathon rettete ihn die Darzwischenkunft einiger Personen von der Gesellschaft, mitten in der Antwort, die er zu stottern angefangen hatte; aber aus der Unruhe, welche diese wenige Worte des Sophisten in sein Gem¸t geworfen hatten, konnte ihn nichts retten.

Alle M¸he, die er anstrengte, alle Zeitk¸rzungen, wovon er sich umgeben sah, waren zu schwach ihn wieder aus einer Verwirrung herauszuziehen, welche sogar durch den Anblick der schˆnen Danae vermehrt wurde. Er muflte einen Anstofl von ¸belkeit vorsch¸tzen, um sich eine Zeitlang aus der Gesellschaft wegzubegeben, um in einem entlegnen Cabinet den Gedanken nachzuh‰ngen, deren auf einmal daherst¸rmende Menge ihm eine Weile alles Vermˆgen benahm, einen von dem andern zu unterscheiden. Endlich faflte er sich doch so weit, dafl er seinem beklemmten Herzen durch dieses oft abgebrochene Selbstgespr‰ch Luft machen konnte: “Wie?–‘Ich bin erfreut, dafl du einer von den Unsrigen geworden?’–Ists mˆglich? Einer von den Seinigen?–Dem Hippias ‰hnlich?–Ihm, dessen Grunds‰tze, dessen Leben, dessen vermeinte Weisheit mir vor kurzem noch so viel Abscheu einflˆflten?–Und die Verwandlung ist so grofl, dafl sie ihm keinen Zweifel ¸brig l‰flt? G¸tige Gˆtter! Wo ist euer Agathon?–Ach! es ist mehr als zu gewifl, dafl ich nicht mehr ich selbst bin!–Wie? sind mir nicht alle Gegenst‰nde dieses Hauses, von denen meine Seele sich ehmals mit Ekel und Grauen wegwandte, gleichg¸ltig oder gar angenehm worden? Diese ¸ppigen Gem‰lde–diese schl¸pfrigen Nymphen–diese Gespr‰che, worin alles, was dem Menschen grofl und ehrw¸rdig sein soll, in ein komisches Licht gestellt wird–diese Verschwendung der Zeit–diese m¸hsam ausgesonnenen und ¸ber die Forderung der Natur getriebenen Ergˆtzungen–Himmel! wo bin ich? An was f¸r einem j‰hen Abhang find ich mich selbst–welch einen Abgrund unter mir–O Danae, Danae!–“hier hielt er inn, um den trostvollen Einfl¸ssen Raum zu lassen, welche dieser Name und die zauberischen Bilder, so er mit sich brachte, ¸ber seine sich selbst qu‰lende Seele ausbreiteten. Mit einem schleunigen ¸bergang von Schwermut zu Entz¸ckung, durchflog sie itzt alle diese Szenen von Liebe und Gl¸ckseligkeit, welche ihr die letztverfloflnen Tage zu Augenblicken gemacht hatten; und von diesen Erinnerungen mit einer innigen Wollust durchstrˆmt, konnte sie oder wollte sie vielmehr den Gedanken nicht ertragen, dafl sie in einem so beneidensw¸rdigen Zustand unter sich selbst heruntergesunken sein kˆnne. “Gˆttliche Danae”, rief der arme Kranke in einem verdoppelten Anstofl des wiederkehrenden Taumels aus; “wie? Kann es ein Verbrechen sein, das Vollkommenste unter allen Geschˆpfen zu lieben? Ist es ein Verbrechen gl¸cklich zu sein?”–In diesem Ton fuhr Amor, (welchen Plato sehr richtig den grˆflten unter allen Sophisten nennt) desto ungehinderter fort ihm zuzureden, da ihm die Eigenliebe zu Hilfe kam, und seine Sache zu der ihrigen machte. Denn was ist unangenehmers, als sich selbst zugleich anklagen und verurteilen m¸ssen? Und wie gerne hˆren wir die Stimme der sich selbst verteidigenden Leidenschaft? Wie gr¸ndlich finden wir jedes Blendwerk, womit sie die richterliche Vernunft zu einem falschen Ausspruch zu verleiten sucht? Agathon hˆrte diese betriegliche Apologistin so gerne, dafl es ihr gelang, sein Gem¸te wieder zu bes‰nftigen. Er schmeichelte sich, dafl ungeachtet einer Ver‰nderung seiner Denkungsart, die er sich selbst f¸r eine Verbesserung zu geben suchte, der Unterscheid zwischen ihm und Hippias noch so grofl, so wesentlich sei als jemals. Er verbarg seine schwache Seite hinter die Tugenden, deren er sich bewuflt zu sein glaubte; und beruhigte sich endlich vˆllig mit einem idealischen Entwurf eines seinen eignen Grunds‰tzen gem‰flen Lebens, zu welchem er seine geliebte Danae schon genug vorbereitet glaubte, um ihr selbigen ohne l‰ngern Aufschub vorzulegen. Er kehrte nunmehr, nachdem er ungef‰hr eine Stunde allein gewesen war, mit einem so aufgeheiterten Gesicht zur Gesellschaft, welche sich in einem Saale des Gartens versammelt hatte, zur¸ck, dafl Danae und Hippias selbst sich bereden lieflen, seinen vorigen Anstofl einer vor¸bergehenden ¸belkeit zuzuschreiben. Ergˆtzlichkeiten folgten itzt auf Ergˆtzlichkeiten so dicht aneinander, und so mannigfaltig, dafl die ¸berladene Seele keine Zeit behielt sich Rechenschaft von ihren Empfindungen zu geben; und nach Gewohnheit des Landes wurde die ganze Nacht bis zum Anbruch der Morgenrˆte in brausenden Vergn¸gungen hingebracht. Die Gegenwart der liebensw¸rdigen Danae w¸rkte mit ihrer ganzen magischen Kraft auf unsern Helden, ohne verhindern zu kˆnnen, dafl er von Zeit zu Zeit in eine Zerstreuung fiel, aus welcher sie ihn, sobald sie es gewahr wurde, zu ziehen bem¸ht war. Die Gegenst‰nde, welche seinen sittlichen Geschmack ehmals beleidigst hatten, waren hier zu h‰ufig, als dafl nicht mitten unter den fl¸chtigen Vergn¸gungen, womit sie gleichsam ¸ber die Oberfl‰che seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes Gef¸hl seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamrˆte vor sich selbst, dem Vorboten der wiederkehrenden Tugend, h‰tte ¸berziehen sollen.

Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit Hippias seine grˆfltenteils vom Bacchus gl¸henden G‰ste noch eine geraume Zeit nach Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die T‰nzerin, ein schˆnes M‰dchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den Geheimnissen von Cythere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda. Dieses ber¸chtigte Meisterst¸ck der eben so vollkommnen als ¸ppigen Tanzkunst der Alten, von dessen W¸rkungen Juvenal in einer von seinen Satyren ein so z¸gelloses Gem‰lde macht. Hippias und die meisten seiner G‰ste bezeugten ein unm‰fliges Vergn¸gen ¸ber die Art, wie seine T‰nzerin diese schl¸pfrige Geschichte nach der woll¸stigen Modulation zwoer Flˆten, allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Szene zu Szene bis zur Entwicklung fortzuwinden wuflte.–Zeuxes, und Homer selbst, riefen sie, konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als die T‰nzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu haben, dafl sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber Agathon konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den innerlichen Grauen, womit sein Gem¸t dabei erf¸llt wurde, kaum in sich selbst verschlieflen. Er wollte w¸rklich etwas sagen, welches allerdings in der Gesellschaft, worin er war, ¸bel angebracht gewesen w‰re; als ein besch‰mter Blick auf sich selbst, und vielleicht die Furcht belacht zu werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer allzuscharfen Rache zu reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil doch die ersten Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen gezwungenen Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schˆne Danae bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen; und sein Unwille ergofl sich w‰hrend dafl sie nach Hause fuhren, in eine scharfe Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so lange dauerte, bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der Danae anlangten, um die von Ergˆtzungen abgemattete Natur zu derjenigen Zeit, welche zu den Gesch‰ften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und Schlummer wiederherzustellen.

VIERTES KAPITEL

Dafl Tr‰ume nicht allemal Sch‰ume sind

Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der vortreffliche Pr‰sident von Montesquieu als einen Verlust f¸r das menschliche Geschlecht ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine grofle Meinung von der Natur und Bestimmung der Tr‰ume. Sie trieben es so weit, dafl sie sich die M¸he gaben, eben so grofle B¸cher ¸ber diese Materie zu schreiben, als diejenigen, womit die gelehrte Welt noch in unsern Tagen, von einigen weisen Mˆnchen ¸ber die erhabne Kunst, die Gespenster zu pr¸fen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten die Tr‰ume in mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime Bedeutungen an, gaben den Schl¸ssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten derselben ganz zuversichtlich dem Einflufl derjenigen Geister zuzuschreiben, womit sie alle Teile der Natur reichlich bevˆlkert hatten. In der Tat scheinen sie sich in diesem St¸ck lediglich nach einem allgemeinen Glauben, der sich von je her unter allen Vˆlkern und Zeiten erhalten hat, gerichtet, und dasjenige in die Form einer schluflfˆrmigen Theorie gebracht zu haben, was bei ihren Groflm¸ttern ein sehr unsichers Gemische von Tradition, Einbildung und Blˆdigkeit des Geistes gewesen sein mˆchte. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewifl, dafl wir zuweilen Tr‰ume haben, in denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf unsre vergangne und gegenw‰rtige Umst‰nde, wiewohl allezeit mit einem kleinen Zusatz von Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; dafl wir uns um jener Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Tr‰ume von dieser Art den Geistern aufler uns, oder, wie die Pythagor‰er taten, einer gewissen prophetischen Kraft und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter dem tiefen Schlummer der Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln: So sinnreiche Auflˆsungen ¸berlassen wir denjenigen, welche zum Besitz jener von Lucrez so enthusiastisch gepriesenen Gl¸ckseligkeit, die Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern Mafle gelangt sind als wir. Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den guten Rat unsrer Amme nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Gl¸ck ihrer einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anf¸hrung einer langen Reihe von Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und Fingerzeige der Tr‰ume ja nicht f¸r gleichg¸ltig anzusehen.

Agathon hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen Gedanken und Gem¸tsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum, den wir mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen z‰hlen kˆnnen, durch welche grofle Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn erz‰hlen, wie wir ihn in unsrer Urkunde finden, und dem Leser ¸berlassen, was er davon urteilen will. Ihn deuchte also, dafl er in einer Gesellschaft von Nymphen und Liebesgˆttern auf einer anmutigen Ebne sich erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem L‰cheln reichte sie ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nektars, welchen er an ihren Blicken hangend mit woll¸stigen Z¸gen hinunterschl¸rfte. Auf einmal fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von s¸flen D¸ften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen, und tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie Seifenblasen eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel tanzte und h¸pfte er eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und seine ganze frˆhliche Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte; und da er die Augen aufschlug, sah er sich an der Spitze eines j‰hen Felsens, unter welchem ein reiflender Strom seine sprudelnden Wellen fortw‰lzte. Gegen ihm ¸ber, auf dem andern Ufer des Flusses, stand Psyche; ein schneeweifles Gewand flofl zu ihren F¸flen herab; ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf ihn, die ihm das Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, st¸rzte er sich in den Flufl hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hin¸ber, und eilte, sich seiner Psyche zu F¸flen zu werfen. Aber sie entschl¸pfte wie ein Schatten vor ihm her, ohne dafl sie aufhˆrte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht war traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen T¸rme und die heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu unterscheiden glaubte. Tr‰nen liefen bei diesem Anblick ¸ber seine Wangen herab; er streckte seine Arme, flehend, und von unaussprechlichen Empfindungen beklemmt, nach der geliebten Psyche aus; aber sie floh eilends von ihm weg, einer Bilds‰ule der Tugend zu, welche unter den Tr¸mmern eines verfallnen Tempels, einsam und unversehrt, in majest‰tischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche umarmte diese Bilds‰ule, warf noch einen tiefsinnigen Blick auf ihn und verschwand. Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plˆtzlich in einem tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich herauszuarbeiten, war so heftig, dafl er daran erwachte.

Ein Strom von Tr‰nen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die erste W¸rkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zur¸ckliefl. Er weinte so lange und so heftig, dafl sein Hauptk¸ssen ganz davon durchnetzt wurde. “Ach Psyche! Psyche!” rief er von Zeit zu Zeit aus, indem er seine gerungenen Arme wie nach ihrem Bilde ausstreckte; und dann brach eine neue Flut aus seinen schwellenden Augen. “Wo bin ich”, rief er wiederum aus, und sah sich um, als ob er best¸rzt w‰re, sich in einem mit Persischen Tapeten behangnen, und von tausend Kostbarkeiten schimmernden Zimmer auf dem weichsten Ruhebette liegend zu finden–“O Psyche–was ist aus deinem Agathon worden?–O ungl¸cklicher Tag, an dem mich die verhaflten R‰uber deinem Arm entrissen!”–Unter solchen Vorstellungen und Ausrufungen stund er auf; ging in heftiger Bewegung auf und nieder, warf sich abermal auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und mit zu Boden starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen. Endlich raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die G‰rten herab, um in dem einsamsten Teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er nˆtig hatte, ¸ber seinen Traum, seinen gegenw‰rtigen Zustand und die Entschlieflungen, die er zu fassen habe, nachdenken zu kˆnnen. Unter allen Bildern, welche der Traum in seinem Gem¸te zur¸ckgelassen hatte, r¸hrte ihn keines lebhafter als die Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem Gesicht auf den Tempel und die Haine von Delphi wies–die geheiligten ˆrter, wo sie einander zuerst gesehen, wo sie so oft sich eine ewige Liebe geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich geliebt hatten, wie sich im hohen Olymp die Unverkˆrperten lieben.

Diese Bilder hatten etwas so r¸hrendes, und der Schmerz, womit sie ihn durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen Gl¸ckseligkeit so sanft gemildert, dafl er eine Art von Wollust darin empfand, sich der z‰rtlichen Wehmut zu ¸berlassen, wovon seine Seele dabei eingenommen wurde. Er verglich seinen itzigen Zustand mit jener seligen Stille des Herzens, mit jener immer l‰chelnden Heiterkeit der Seele, mit jenen sanften und unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung nach, unsterbliche Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er unvermerkt, anstatt die Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem schleichenden Lauf seiner erregten Einbildungskraft ¸berliefl; deuchte ihn nicht anders, als ob seine Seele nach jener elysischen Ruhe, wie nach ihrem angebornen Elemente, sich zur¸cksehne. “Wenn es auch Schw‰rmereien waren”, rief er seufzend aus, “wenn es auch blofle Tr‰ume waren, in die mein halbabgeschiedner, halbvergˆtterter Geist sich wiegte–welch eine selige Schw‰rmerei! Und wie viel gl¸cklicher machten mich diese Tr‰ume, als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem Wirbel von Wollust dahinreiflen, und wenn sie vor¸ber sind, nichts als Besch‰mung und Reue, und ein schwerm¸tiges Leeres im unbefriedigten Geist zur¸cklassen!”

Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gem¸te unsers Helden vorging, sich viel Gutes f¸r seine Wiederkehr zur Tugend weissagen. Aber mit Bedauern m¸ssen wir gestehen, dafl sich eine andre Seele in seinem Inwendigen erhob, welche die W¸rkung dieser guten Regungen in kurzem wieder unkr‰ftig machte; es sei nun, dafl es die Stimme der Natur oder der Leidenschaft war, oder dafl beide sich vereinigten, ihn ohne Abbruch seiner Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenw‰rtigen auszusˆhnen.

In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und Gem¸tsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum mˆglich, dafl der ¸berspannte Affekt, worin wir ihn gesehen haben, von langer Dauer h‰tte sein kˆnnen. Die St‰rke seiner Empfindungen rieb sich an sich selbst ab; seine Einbildungskraft pflegte in solchen F‰llen so lange in geradem Lauf fortzuschieflen, bis sie sich genˆtiget fand, wieder umzukehren. Er fing nun an, sich zu ¸berreden, dafl mehr Schw‰rmerei als Wahrheit und Vernunft in seiner Betr¸bnis sei; er glaubte bei n‰herer Vergleichung zu finden, dafl seine Leidenschaft f¸r Danae durch die Vollkommenheit des Gegenstands g‰nzlich gerechtfertiget w¸rde, und so vorz¸glich ihm kurz zuvor die Gl¸ckseligkeit seines delphischen Lebens, und die unschuldigen Freuden der ersten noch unerfahrnen Liebe geschienen hatten; so unwesentlich fand er sie itzt in Vergleichung mit demjenigen, was ihn die schˆne Danae in ihren Armen hatte erfahren lassen. Das blofle Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine Seele in Entz¸ckung; seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung eine vollkommnere Wonne zu erfinden.

Psyche schien ihm itzt, so liebensw¸rdig sie immer sein mochte, zu nichts anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu entwickeln, um ihn f‰hig zu machen, die Vorz¸ge der unvergleichlichen Danae zu empfinden. Er schrieb es einem R¸ckfall in seine ehmalige Schw‰rmerei zu, dafl er sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner sonderbaren Beschaffenheit, doch f¸r nichts mehr als ein Spiel der Phantasie halten konnte, in so heftige Bewegungen h‰tte setzen lassen. Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der Vorwurf der Untreue gegen seine einst so z‰rtlich geliebte und so z‰rtlich wieder liebende Psyche. Allein die Unmˆglichkeit von der unwiderstehlichen Danae nicht ¸berwunden zu werden; (ein Punkt, wovon er so vollkommen als von seinem eignen Dasein ¸berzeugt zu sein glaubte.) Der Verlust aller Hoffnung, Psyche jemals wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, f¸r ausgemacht annahm;) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von groflem Gewicht zu sein; und um sich desselben g‰nzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf den Gedanken, dafl seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders zu einer Schwester, eine blofle Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei, was im eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung, die ihm bei Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe, unwidersprechlich zu sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und nach, zumal an einem Orte, wo jede schattichte Laube, jede Blumenbank, jede Grotte, ein Zeuge genoflner Gl¸ckseligkeiten war, zu einer solchen Lebhaftigkeit, dafl sie eine Art von Ruhe in seinem Gem¸te wieder herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken, der in der Hitze seines Fiebers gesund zu sein w‰hnt, diesen Namen verdienen kann. Doch verhinderten sie nicht, dafl, diesen ganzen Tag ¸ber, ein Eindruck von Schwermut und Traurigkeit in seinem Gem¸te zur¸ckblieb; die Bilder der Psyche und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen, stellten sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch Zerstreuungen zu entfernen; sie ¸berraschten ihn in seinen Arbeiten, und beunruhigten ihn in seinen Ergˆtzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der Ungl¸ckliche! und wurde nicht gewahr, dafl eben dieses ein vollst‰ndiger Beweis sei, dafl es nicht so richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu ¸berreden suchte.

F‹NFTES KAPITEL

Ein starker Schritt zu einer Katastrophe

Danae liebte zu z‰rtlich, als dafl ihr der stille Kummer, der eine wiewohl anmutige D¸sternheit ¸ber das schˆne Gesicht unsers Helden ausbreitete, h‰tte unbemerkt bleiben kˆnnen; aber aus eben diesem Grunde war sie zu sch¸chtern, ihn voreilig um die Ursache einer so unerwarteten Ver‰nderung zu befragen. Es war leicht zu sehen, dafl sein Herz leiden m¸sse; aber mit aller Scharfsichtigkeit, welche den Augen der Liebe eigen ist, konnte sie doch nicht mit sich selbst einig werden, was die Ursache davon sein kˆnne. Ihr erster Gedanke war, dafl ihm vielleicht ein zu weit getriebner Scherz des boshaften Hippias anstˆflig gewesen sein mˆchte. Allein was auch Hippias gesagt haben konnte, schien ihr nicht genugsam, eine so tiefe Wunde zu machen, als sie in seinem Herzen zu sehen glaubte. Das Interesse ihres eignen brachte sie bald auf einen andern Gedanken, dessen sie vermutlich nicht f‰hig gewesen w‰re, wenn ihre Liebe nicht die Eitelkeit ¸berwogen h‰tte, welche bei den meisten Schˆnen die wahre Quelle dessen ist, was sie uns f¸r Liebe geben wollen. “Wie, wenn seine Liebe zu erkalten anfinge”; sagte sie zu sich selbst–“erkalten? Himmel! wenn das mˆglich ist, so werde ich bald gar nicht mehr geliebt sein.”–Dieser Gedanke war zu entsetzlich f¸r ein so vˆllig eingenommenes Herz, als dafl sie ihn sogleich h‰tte verbannen kˆnnen–wie bescheiden macht die wahre Liebe!–Sie, welche gewohnt gewesen war, in allen Augen die W¸rkungen ihres alles besiegenden Reizes zu sehen; sie, welche unter den Vollkommensten ihres Geschlechts nicht Eine kannte, von der sie jemals in dem s¸flen Bewufltsein ihrer Vorz¸glichkeit nur einen Augenblick gestˆrt worden w‰re–mit einem Wort–Danae–fing an mit Zittern sich selbst zu fragen: ob sie auch liebensw¸rdig genug sei, das Herz eines so auflerordentlichen Mannes in ihren Fesseln zu behalten? Und wenn gleich die Eigenliebe sie von Seiten ihres persˆnlichen Wertes hier¸ber beruhigte; so war sie doch nicht ohne Sorgen, dafl in ihrem Betragen etwas gewesen sein mˆchte, wodurch das Sonderbare in seiner Denkungsart, oder die edle Z‰rtlichkeit seiner Empfindungen h‰tte beleidiget werden kˆnnen. Hatte sie ihm nicht zuviel Beweise von ihrer Liebe gegeben? H‰tte sie ihm seinen Sieg nicht schwerer machen sollen? War es sicher, ihn die ganze St‰rke ihrer Leidenschaft sehen zu lassen, und sich wegen der Erhaltung seines Herzens allein auf die g‰nzliche Dahingebung des Ihrigen zu verlassen?–Diese Fragen waren weder spitzfindig noch so leicht zu beantworten, als manches gute Ding sich einbildet, dem man eine ewige Liebe geschworen hat, und dessen geringster Kummer nun ist, ob man ihr werde Wort halten kˆnnen. Die schˆne Danae kannte die Wichtigkeit derselben in ihrem ganzen Umfange; und alles was sie sich selbst dar¸ber sagen konnte, stellte sie doch nicht so zufrieden, dafl sie nicht f¸r nˆtig befunden h‰tte, einen gelegnen Augenblick zu belauschen, um sich ¸ber alle ihre Zweifel ins Klare zu setzen; im ¸brigen sehr ¸berzeugt, dafl es ihr nicht an Mitteln fehlen werde, dem entdeckten ¸bel zu helfen, es mˆchte nun auch bestehen, worin es immer wollte. Agathon ermangelte nicht, ihr noch an dem n‰mlichen Tag Gelegenheit dazu zu geben.

Schwermut und Traurigkeit machen die Seele nach und nach schlaff, und erˆffnen sie allen weichen und z‰rtlichen Regungen. Dieser Satz ist so wahr, dafl tausend Liebesverbindungen in der Welt keinen andern Ursprung haben. Ein Liebhaber verliert einen Gegenstand, den er anbetet; er ergieflt seine Klagen in den Busen einer Freundin, f¸r deren Reizungen er bisher vollkommen gleichg¸ltig gewesen war–Sie bedauert ihn; er findet sich dadurch erleichtert, dafl er sich frei und ungehindert beklagen kann; und die Schˆne ist erfreut, dafl sie Gelegenheit hat, ihr gutes Herz zu zeigen: Ihr Mitleiden r¸hrt ihn, und erregt seine Aufmerksamkeit: Sobald eine Frauensperson zu interessieren anf‰ngt, sobald entdeckt man Reizungen an ihr: Die Regungen, worin beide sich befinden, sind der Liebe g¸nstig; sie verschˆnern die Freundin, und blenden die Augen des Freundes: ¸berdem sucht der Schmerz nat¸rlicher Weise eine Zerstreuung, und ist geneigt sich an alles zu h‰ngen, was ihm Trost und Linderung verspricht: Eine dunkle Ahnung neuer Vergn¸gungen; der Anblick eines Gegenstands, der solche geben kann; die g¸nstige Gem¸tsstellung, worin man denselben sieht, auf der Einen–die Eitelkeit, diese grofle Treibfeder des weiblichen Herzens; das Vergn¸gen, so zu sagen, einen Sieg ¸ber eine Nebenbuhlerin davon zu tragen, indem man liebensw¸rdig genug ist, ihren Verlust zu ersetzen; die Begierde, selbst ihr Andenken auszulˆschen; vielleicht, auch die Gutherzigkeit der menschlichen Natur, und das Vergn¸gen gl¸cklich zu machen, auf der andern Seite–wie viel Umst‰nde, welche sich vereinigen, unvermerkt den Freund in einen Liebhaber, und die Vertraute in die Hauptperson eines neuen Romans zu verwandeln.

In einer Gem¸tsverfassung von dieser Art befand sich Agathon, als Danae, welche vernommen hatte, dafl er den ganzen Abend in der einsamsten Gegend des Gartens zugebracht, sich nicht mehr zur¸ckhalten konnte ihn aufzusuchen. Sie fand ihn mit halbem Leib auf einer gr¸nen Bank liegen, das Haupt unterst¸tzt, und so zerstreut, dafl sie eine Weile vor ihm stand, ehe er sie gewahr wurde. “Du bist traurig, Callias”, sagte sie endlich mit einer ger¸hrten Stimme, indem sie Augen voll mitleidender Liebe auf ihn heftete. “Kann ich traurig sein, wenn ich dich sehe?” erwiderte Agathon, mit einem Seufzer, welcher seine Frage zu beantworten schien. Auch gab ihm Danae keine Antwort auf ein so verbindliches Kompliment, sondern fuhr fort, ihn stillschweigend, aber mit einem Gesicht voll Seele, und Augen die voller Wasser standen, anzusehen. Er richtete sich auf, und sahe sie eine Weile an, als ob er bis in den Grund ihrer Seele schauen wollte. Ihre Herzen schienen durch ihre Blicke in einander zu zerflieflen. “Liebest du mich, Danae?” fragte endlich Agathon mit einer von Z‰rtlichkeit und Wehmut halberstickten Stimme, indem er einen Arm um sie schlang, und fortfuhr sie mit w‰flrichten Augen anzusehen. Sie schwieg eine Zeit lang. “Ob ich dich liebe? -” War alles was sie sagen konnte; aber der Ausdruck, der Ton, womit sie es sagte, h‰tte durch alle Beredsamkeit des Demosthenes nicht ersetzt werden kˆnnen. “Ach Danae!” (erwidert Agathon) “ich frage nicht, weil ich zweifle–Kann ich eine Versichrung, von welcher das ganze Gl¸ck meines Lebens abh‰ngt, zu oft von diesen geliebten Lippen empfangen? Wenn du mich nicht liebtest–wenn du aufhˆren kˆnntest mich zu lieben -” “Was f¸r Gedanken, mein liebster Callias?” unterbrach sie ihn: “Wie elend w‰r ich, wenn du sie in deinem Herzen f‰ndest–wenn dieses dir sagte, dafl eine Liebe wie die unsrige aufhˆren kˆnne?”–Ein ¸belverhehlter Seufzer war alles was er antworten konnte. “Du bist traurig, Callias”, fuhr sie fort; “ein geheimer Kummer bricht aus allen deinen Z¸gen hervor–Du begreifst nicht, nein, du begreifst nicht, was ich leide, dich traurig zu sehen, ohne die Ursache davon zu wissen. Wenn mein Vermˆgen, wenn meine Liebe, wenn mein Leben selbst hinl‰nglich ist, sie von dir zu entfernen, mein Geliebter, o! so verzˆgre keinen Augenblick, dein Innerstes mir aufzuschlieflen -” Der Ausdruck, die Blicke, der Ton der Stimme, womit sie dieses sagte, r¸hrte den gef¸hlvollen Agathon bis zu sprachloser Entz¸ckung. Er wand seine Arme um sie, druckte sein Gesicht auf ihre klopfende Brust, und konnte lange nur durch die Tr‰nen reden, womit er sie benetzte.

Nichts ist ansteckenders als der Affekt einer in Empfindung zerflieflenden Seele. Danae, ohne die Ursach aller dieser Bewegungen zu wissen, wurde so sehr von dem Zustand ger¸hrt, worin sie ihren Liebhaber sah, dafl sie eben so sprachlos als er selbst, sympathetische Tr‰nen mit den Seinigen vermischte. Diese Szene, welche f¸r den gleichg¸ltigen Leser nicht so interessant sein kann, als sie es f¸r unsre Verliebten war, dauerte eine ziemliche Weile. Endlich faflte sich Agathon, und sagte in einer von diesen z‰rtlichen Ergieflungen der Seele, an welchen die ¸berlegung keinen Anteil hat, und worin man keine andre Absicht hat als ein volles Herz zu erleichtern: “Ich liebe dich zu sehr, unvergleichliche Danae, und f¸hle zu sehr, dafl ich dich nicht genug lieben kann, um dir l‰nger zu verhehlen, wer dieser Callias ist, den du, ohne ihn zu kennen, deines Herzens w¸rdig geachtet hast. Ich will dir das Geheimnis meines Namens und die ganze Geschichte meines Lebens, so weit ich in selbiges zur¸ckzusehen vermag, entdecken; und wenn du alles wissen wirst–ich weifl es, dafl ich einer so groflen Seele, wie die deinige, alles entdecken darf–Denn wirst du vielleicht nat¸rlich finden, dafl der fl¸chtigste Zweifel, ob es mˆglich sein kˆnne deine Liebe zu verlieren, hinl‰nglich ist, mich elend zu machen.” Danae stutzte, wie man sich vorstellen kann, bei einer so unerwarteten Vorrede; sie sah unsern Helden so aufmerksam an, als ob sie ihn noch nie gesehen h‰tte, und verwunderte sich itzt ¸ber sich selbst, dafl ihr nicht l‰ngst in die Augen gefallen war, dafl weit mehr unter ihrem Liebhaber verborgen sei, als die Nachrichten des Hippias, und die Umst‰nde, worin sich ihre Bekanntschaft angefangen, vermuten lieflen. Sie dankte ihm auf die z‰rtlichste Art f¸r die Probe eines vollkommnen Zutrauens, welche er ihr geben wolle, und nach einigen vorbereitenden Liebkosungen, womit sie ihre Dankbarkeit best‰tigte, fing Agathon die folgende Erz‰hlung an:

SIEBENTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Die erste Jugend des Agathons

“Ich war schon achtzehn Jahre alt, eh ich denjenigen kannte, dem ich mein Dasein zu danken habe. Von der ersten Kindheit an, in den Hallen des delphischen Tempels erzogen, war ich gewˆhnt, die Priester des Apollo mit diesen kindlichen Empfindungen anzusehen, welche das erste Alter ¸ber alle, die f¸r unsre Erhaltung Sorge tragen, zu ergieflen pflegt. Ich war noch ein kleiner Knabe, als ich schon mit dem geheiligten Gewand, welches die jungen Diener des Gottes von den Sklaven der Priester unterschied, bekleidet, und zum Dienst des Tempels, wozu ich gewidmet war, zubereitet wurde.

Wer Delphi gesehen hat, wird sich nicht verwundern, dafl ein Knabe von gef¸hlvoller Art, der beinahe von der Wiegen an daselbst erzogen worden, unvermerkt eine Gem¸tsbildung bekommen mufl, welche ihn von den gewˆhnlichen Menschen unterscheidet. Aufler der besondern Heiligkeit, welche ein uraltes Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pythischen Gottes der ganzen delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den Bezirken des Tempels selbst kein Platz, der nicht von irgend einem ehrw¸rdigen oder gl‰nzenden Gegenstand erf¸llt, oder durch das Andenken irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun der Anblick so vieler wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen gewˆhnt wurden: So war die Erz‰hlung wunderbarer Begebenheiten die erste m¸ndliche Unterweisung, die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von Unterricht, den ich nˆtig hatte, weil es ein Teil meines Berufs sein sollte, den Fremden, von welchen der Tempel immer angef¸llt war, die Gem‰lde, die Schnitzwerke und Bilder, und den uns‰glichen Reichtum von Geschenken, wovon die Hallen und Gewˆlbe desselben schimmerten, zu erkl‰ren.

F¸r ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick eines von so vielen Kˆnigen, St‰dten und reichen Partikularen in ganzen Jahrhunderten zusammengeh‰uften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen, Elfenbein und andern Kostbarkeiten: F¸r mich, der dieses Anblicks gewohnt war, hatte die bescheidne Bilds‰ule eines Solon mehr Reiz, als alle diese schimmernde Troph‰en einer abergl‰ubischen Andacht, welche ich gar bald mit eben der verachtenden Gleichg¸ltigkeit ansahe, womit ein Knabe die Puppen und Spielwerke seiner Kindheit anzusehen pflegt. Noch unf‰hig, von den Verdiensten und dem wahren Wert der vergˆtterten Helden mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor ihren Bildern, und f¸hlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen Empfindungen ihrer Grˆfle und mit einer Bewundrung erf¸llt, wovon ich keine andre Ursache als mein innres Gef¸hl h‰tte angeben kˆnnen. Einen noch st‰rkern Eindruck machte auf mich die grofle Menge von Bildern der verschiednen Gottheiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Kr‰fte der Natur, die manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die Tugenden des geselligen Lebens personifiziert haben, und wovon ich im Tempel und in den Hainen von Delphi mich allenthalben umgeben fand. Meine damalige Erfahrung, schˆne Danae, hat mich seitdem oftmals auf die Betrachtung geleitet, wie grofl der Beitrag sei, welchen die schˆnen K¸nste zu Bildung des sittlichen Menschen tun kˆnnen; und wie weislich die Priester der Griechen gehandelt, da sie die Musen und Grazien, deren Lieblinge ihnen so grofle Dienste getan, selbst unter die Zahl der Gottheiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so fern sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheinet von der St‰rke der Eindr¸cke abzuh‰ngen, die wir in denjenigen Jahren empfangen, worin wir noch unf‰hig sind, Untersuchungen anzustellen. W¸rden unsre Seelen in Absicht der Gˆtter und ihres Dienstes von der Kindheit an leere Tafeln gelassen, und anstatt der unsichern und verworrenen aber desto lebhaftern Begriffe, welche wir durch Fabeln und Wunder-Geschichte, und in etwas zunehmendem Alter durch die Musik und die abbildenden K¸nste von den ¸bernat¸rlichen Gegenst‰nden bekommen, allein mit den unverf‰lschten Eindr¸cken der Natur und den Grunds‰tzen der Vernunft ¸berschrieben; so ist sehr zu vermuten, dafl der Aberglaube noch grˆflere M¸he haben w¸rde, die Vernunft–als, in dem Falle, worin die meisten sich befinden, die Vernunft M¸he hat, den Aberglauben von der einmal eingenommenen Herrschaft zu verdr‰ngen. Der grˆflte Vorteil, den dieser ¸ber jene hat, hanget davon ab, dafl er ihr zuvorkommt. Aber wie leicht wird es ihm alsdenn sich einer noch unm¸ndigen Seele zu bemeistern, wenn alle diese zauberische K¸nste, welche die Natur im Nachahmen selbst zu ¸bertreffen scheinen, ihre Kr‰fte vereinigen, die entz¸ckten Sinnen zu ¸berraschen? Wie nat¸rlich mufl es demjenigen werden die Gottheit des Apollo zu glauben, ja endlich sich zu bereden, dafl er ihre Gegenwart und Einfl¸sse f¸hle, der in einem Tempel aufgewachsen ist, dessen erster Anblick das Werk und die Wohnung eines Gottes ank¸ndet? Demjenigen, der gewohnt ist den Apollo eines Phidias vor sich zu sehen, und das mehr als menschliche, welches die Kenner so sehr bewundern, der Natur des Gegenstands, nicht dem schˆpferischen Geiste des K¸nstlers zuzuschreiben?

So viel ich die Natur unsrer Seele kenne, deucht mich, dafl sich in einer jeden, die zu einem gewissen Grade von Entwicklung gelangt, nach und nach ein gewisses idealisches Schˆne bilde, welches (auch ohne dafl man sich’s bewuflt ist) unsern Geschmack und unsre sittliche Urteile bestimmt, und das Modell abgibt, wornach unsre Einbildungskraft die besondern Bilder dessen was wir grofl, schˆn und vortrefflich nennen, zu entwerfen scheint. Dieses idealische Modell formiert sich (wie mich itzo wenigstens deucht, nachdem neue Erfahrungen mich auf neue oder erweiterte Betrachtungen geleitet haben) aus der Beschaffenheit und dem Zusammenhang der Gegenst‰nde, worin wir zu leben anfangen.

Daher (wie die Erfahrung zu best‰tigen scheint) so viele besondere Denk–und Sinnesarten als man verschiedene Erziehungen und St‰nde in der menschlichen Gesellschaft antrifft. Daher der Spartanische Heldenmut, die Attische Urbanit‰t, und der aufgedunsene Stolz der Asiaten; daher die Verachtung des Geometers f¸r den Dichter, oder des spekulierenden Kaufmanns gegen die Spekulationen des Gelehrten, die ihm unfruchtbar scheinen, weil sie sich in keine Darici verwandeln wie die seinigen; daher