ZWEITES KAPITEL
Eine kleine metaphysische Abschweifung
Es gibt so verschiedne Gattungen von Liebe, daï¬ es, wie uns ein Kenner derselben versichert hat, nicht unmËglich wâ°re, drei oder vier Personen zu gleicher Zeit zu lieben, ohne daï¬ sich eine derselben ¸ber Untreue zu beklagen hâ°tte. Agathon hatte in einem Alter von siebzehn Jahren f¸r die Priesterin zu Delphi etwas zu empfinden angefangen, das derjenigen Art von Liebe glich, die, nach dem Ausdruck des Fieldings, ein wohlzubereiteter Rostbeef einem Menschen einflËï¬t, der guten Appetit hat. Diese Liebe hatte, ehe er selbst noch wuï¬te, was daraus werden kËnnte, der Zâ°rtlichkeit weichen m¸ssen, welche ihm Psyche einflËï¬te. Die Zuneigung, die er zu diesem liebensw¸rdigen GeschËpfe trug, war eine Liebe der Sympathie, eine Harmonie der Herzen, eine geheime Verwandtschaft der Seelen, die sich denen, so sie nicht aus Erfahrung kennen, unmËglich beschreiben lâ°ï¬t; eine Liebe an der das Herz und der Geist mehr Anteil nimmt als die Sinnen, und die vielleicht die einzige Art von Verbindung ist, welche, (wofern sie allgemein sein kËnnte) den Sterblichen einigen Begriff von den Verbindungen und Vergn¸gen himmlischer Geister zu geben fâ°hig wâ°re. Wir sehen voraus, daï¬ unsre meisten Leser bei dieser Stelle die Nase r¸mpfen, und zweifeln werden, ob wir uns selbst verstehen; allein wir lassen uns dieses gar nicht anfechten. Sancho, wenn er (wie es ihm zuweilen begegnete) eine Menge schËner Sachen vorgebracht hatte, wovon weder sein Herr noch irgend ein andrer, oder auch er selbst etwas verstehen konnte, pflegte sich damit zu trËsten, daï¬ er sagte: “Gott versteht mich”; und der Geschichtschreiber des Agathons kann es ganz wohl leiden, daï¬ diese und â°hnliche Stellen seines Werkes von allen andern Lesern f¸r Galimathias gehalten werden, da er versichert ist, daï¬ *** ihn versteht–Agathon kËnnte also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon eine die Antipode der andern ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige, worin jene beiden sich in einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen, den Geist und das Herz zugleich bezaubert, die heftigste, die reizendste und gefâ°hrlichste aller Leidenschaften, war ihm mit allen ihren Symptomen und W¸rkungen noch unbekannt; und es ist also kein Wunder, daï¬ sie sich schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm nur eingefallen war, ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem Gem¸te vorging, nachdem er in zween oder drei Tagen die schËne Danae weder gesehen, noch etwas von ihr gehËrt hatte, hâ°tte den Zustand seines Herzens einem unbefangnen Zuschauer verdâ°chtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt das geringste Miï¬trauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was ist nat¸rlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebensw¸rdigste unter allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen? Solche Schl¸sse macht die Leidenschaft. Aber was sagte denn die Vernunft dazu? die Vernunft? O, die sagte gar nichts. ¸brigens m¸ssen wir doch, es mag nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand nicht aus der Acht lassen, daï¬ er von der schËnen Danae nichts anders wuï¬te, als was er gesehen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beilegte, war ihm gâ°nzlich unbekannt; er hatte noch keinen Anlaï¬, und, die Wahrheit zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich darnach zu erkundigen.
DRITTES KAPITEL
Worin die Absichten des Hippias einen merklichen Schritt machen
Inzwischen waren ungefâ°hr acht Tage verflossen, welche dem stillschweigenden und melancholischen Agathon, zu groï¬em Vergn¸gen des boshaften Sophisten, achthundert Jahre dauchten, als dieser an einem Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichg¸ltigen Art zu ihm sagte: “Danae hat einen Aufseher ¸ber ihre Gâ°rten und Landg¸ter vonnËten; was sagst du zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen Platz zu setzen? Mich daucht, du w¸rdest dich nicht ¸bel zu einem solchen Amte schicken; hast du nicht Lust in ihre Dienste zu treten?” Ein Wort, welches Best¸rzung und ¸bermâ°ï¬ige Freude, Miï¬trauen und Hoffnung, Erblassen und Gl¸hen zu gleicher Zeit ausdr¸ckte, w¸rde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung auszudr¸cken, worein diese Anrede den guten Agathon setzte. Sie war zu groï¬, als daï¬ er sogleich hâ°tte antworten kËnnen. Allein die Augen des Hippias, in denen er einen Teil der Bosheit lase, die der Sophist zu verbergen sich bem¸hte, gaben ihm bald die Sprache wieder. “Wenn du Lust hast, dich auf diese Art von mir los zu machen”, versetzte er mit so vieler Fassung als ihm mËglich war, “so hab ich nur eine Bedenklichkeit -” “Und diese ist?” “–daï¬ ich mich sehr schlecht auf die Landwirtschaft verstehe.” “Das hat nichts zu bedeuten”, antwortete der Sophist; “du wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und das ist genug. Im ¸brigen glaube ich, daï¬ du mit Vergn¸gen in diesem Hause sein wirst. Du liebest das Landleben, und du wirst Gelegenheit haben alle seine Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist, so geh ich, um diese Sache in Richtigkeit zu bringen.” “Du hast dir das Recht erkauft, mit mir zu machen was du willt”, erwiderte Agathon. “Die Wahrheit zu sagen”, fuhr Hippias fort, “ungeachtet der kleinen Miï¬helligkeiten unsrer KËpfe, verlier ich dich ungern: Allein Danae scheint es zu w¸nschen, und ich habe Verbindlichkeiten gegen sie; sie hat, ich weiï¬ nicht woher, eine groï¬e Meinung von deiner Fâ°higkeit gefaï¬t, und da ich alle Tage Gelegenheit haben werde, dich in ihrem Hause zu sehen, so kann ich mirs um so eher gefallen lassen, dich an eine Freundin abzutreten, von der ich gewiï¬ bin, daï¬ dir so begegnet werden wird, wie du es verdienest.” Agathon beharrte in dem Ton der Gleichg¸ltigkeit, den er angenommen hatte, und Hippias, dem es M¸he genug kostete, die SpËttereien zur¸ckzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verlieï¬ ihn, ohne sich merken zu lassen, daï¬ er w¸ï¬te, was er von dieser Gleichg¸ltigkeit denken sollte. Das Betragen Agathons bei diesem Anlaï¬ wird ihn vielleicht in den Verdacht setzen, daï¬ er sich bewuï¬t gewesen sei, daï¬ es nicht richtig in seinem Herzen stehe, warum hâ°tte er sonst nËtig gehabt sich zu verbergen? Allein man muï¬ sich der Vorurteile erinnern, die er wider den Sophisten gefaï¬t hatte, um zu sehen, daï¬ er vollkommen in seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor ihm zu verbergen suchte, die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz unverstâ°ndlich oder vollkommen lâ°cherlich gewesen wâ°ren. Die Freude, welcher er sich ¸berlieï¬, so bald er sich allein sah, lâ°ï¬t uns keinen Zweifel ¸brig, daï¬ er damals noch nicht das geringste Miï¬trauen in sein Herz gesetzt habe. Diese Freude war ¸ber allen Ausdruck.
Liebhaber von einer gewissen Art kËnnen sich eine Vorstellung davon machen, welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den ¸brigen w¸rde diese Beschreibung ohngefâ°hr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fuï¬gâ°nger. Die unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in ihrem Hause zu sein, unter ihren Augen zu leben, ihres Umgangs zu genieï¬en, vielleicht–ihrer Freundschaft gew¸rdiget zu werden–hier hielt seine entz¸ckte Einbildungskraft stille. Die Hoffnungen eines gewËhnlichen Liebhabers w¸rden weiter gegangen sein; allein Agathon war kein gewËhnlicher Liebhaber. “Ich liebe die schËne Danae”, sagte Hyacinthus, da er nach ihrem Genuï¬ l¸stern war; “eben darum liebt ihr sie nicht”, w¸rde ihm die Sokratische Diotima geantwortet haben. Derjenige, der in dem Augenblick, da ihm seine Geliebte den ersten Kuï¬ auf ihre Hand gestattet, einen Wunsch nach einer grËï¬ern Gl¸ckseligkeit hat, muï¬ nicht sagen, daï¬ er liebe.
VIERTES KAPITEL
Verâ°nderung der Szene
Danae hatte von der Freigebigkeit des Prinzen Cyrus, auï¬er dem Hause, welches sie zu Smyrna bewohnte, ein Landgut, in der anmutigsten Gegend auï¬erhalb dieser Stadt, wo sie von Zeit zu Zeit einige dem Vergn¸gen geweihte Tage zuzubringen pflegte. Hieher muï¬te sich Agathon begeben, um von seinem neuen Amte Besitz zu nehmen, und dasjenige zu veranstalten, was zum Empfang seiner Gebieterin nËtig war, welche sich vorgenommen hatte, den Rest der schËnen Jahrszeit auf dem Lande zu genieï¬en. Wir widerstehen der Versuchung, eine Beschreibung von diesem Landgut zu machen, um dem Leser das Vergn¸gen zu lassen, sich dasselbe so wohlangelegt, so prâ°chtig und so angenehm vorzustellen als er selbst es will. Alles, was wir davon sagen wollen, ist, daï¬ diejenigen, deren Einbildungskraft einiger Unterst¸tzung nËtig hat, den sechszehnten Gesang des “befreiten Jerusalems” lesen m¸ï¬ten, um sich eine Vorstellung von dem Orte zu machen, den sich diese griechische Armide zum Schauplatz der Siege auswâ°hlte, die sie ¸ber unsern Helden zu erhalten hoffte. Sie fand nicht f¸r gut, oder konnte es nicht ¸ber sich selbst erhalten, ihn lange auf ihre Ankunft warten zu lassen; und sie war kaum angelangt, als sie ihn zu sich rufen lieï¬, und ihn durch folgende Anrede in eine angenehme Best¸rzung setzte: “Die Bekanntschaft, die wir vor einigen Tagen mit einander gemacht haben, wâ°re, auch ohne die Nachrichten, die mir Hippias von dir gegeben, schon genug gewesen, mich zu ¸berzeugen, daï¬ du f¸r den Stand nicht geboren bist, in den dich ein widriger Zufall gesetzt hat. Die Gerechtigkeit, die ich Personen von Verdiensten widerfahren zu lassen fâ°hig bin, gab mir das Verlangen ein, dich aus einer Abhâ°nglichkeit von dem Hippias zu setzen, welche die Verschiedenheit deiner Denkungsart von der seinigen, dir in die Lâ°nge beschwerlich gemacht hâ°tte. Er hatte die Gefâ°lligkeit, dich mir als eine Person vorzuschlagen, die sich schickte, die Stelle eines Aufsehers in meinem Hause zu vertreten. Ich nahm sein Erbieten an, um das Vergn¸gen zu haben, den Gebrauch davon zu machen, den ich deinen Verdiensten und meiner Denkungsart schuldig bin. Du bist frei, Callias, und vollkommen Meister zu tun was du f¸r gut befindest. Kann die Freundschaft, die ich dir anbiete, dich bewegen bei mir zu bleiben, so wird der Name eines Amtes, von dessen Pflichten ich dich vËllig freispreche, wenigstens dazu dienen, der Welt eine begreifliche Ursache zu geben, warum du in meinem Hause bist; wo nicht, so soll das Vergn¸gen, womit ich zu BefËrderung der Entw¸rfe, die du wegen deines k¸nftigen Lebens machen kannst, die Hand bieten werde, dich von der Lauterkeit der Bewegungsgr¸nde ¸berzeugen, welche mich so gegen dich zu handeln angetrieben haben.” Die edle und ungezwungene Anmut, womit dieses gesprochen wurde, vollendete die W¸rkung, die eine so groï¬m¸tige Erklâ°rung auf den Empfindungs-vollen Agathon machen muï¬te, “was f¸r eine Art zu denken! was f¸r eine Seele!” Konnt’ er weniger tun, als sich zu ihren F¸ï¬en werfen, um in Ausdr¸cken, deren Verwirrung ihre ganze Beredsamkeit ausmachte, der Bewundrung und der Dankbarkeit Luft zu machen, deren ¸bermaï¬ seine Brust zersprengen zu wollen schien. “Keine Danksagungen, Callias”, unterbrach ihn die groï¬m¸tige Danae, “was ich getan habe, ist nicht mehr als ich einem jeden andern, der deine Verdienste hâ°tte, eben sowohl schuldig zu sein glaubte -” “Ich habe keine Ausdr¸cke f¸r das was ich empfinde, anbetungsw¸rdige Danae”, rief der entz¸ckte Agathon, “ich nehme dein Geschenk an, um das Vergn¸gen zu genieï¬en, dein freiwilliger Sklave zu sein; eine Ehre, gegen die ich die Krone des KËnigs von Persien verschmâ°hen w¸rde. Ja, schËnste Danae, seitdem ich dich gesehen habe, kenne ich kein grËï¬eres Gl¸ck als dich zu sehen; und wenn alles, was ich in deinem Dienste tun kann, fâ°hig sein kann, dich von der unaussprechlichen Empfindung, die ich von deinem Werte habe, zu ¸berzeugen; w¸rdig sein kann, mit einem zufriednen Blick von dir belohnt zu werden–o Danae! wer wird denn so gl¸cklich sein als ich?” “Laï¬t uns”, sagte die bescheidne Nymphe, “ein Gesprâ°ch enden, das die allzugroï¬e Dankbarkeit deines Herzens auf einen zu hohen Ton gestimmt hat. Ich habe dir gesagt, auf was f¸r einem Fuï¬ du hier sein wirst. Ich sehe dich als einen Freund meines Hauses an, dessen Gegenwart mir Vergn¸gen macht, dessen Wert ich hoch schâ°tze, und dessen Dienste mir in meinen Angelegenheiten desto n¸tzlicher sein kËnnen, da sie freiwillig und die Frucht einer uneigenn¸tzigen Freundschaft sein werden.” Mit diesen Worten verlieï¬ sie den dankbaren Agathon, in dessen Erklâ°rung einige vielleicht Schwulst und Unsinn, oder wenigstens zuviel Feuer und Entz¸ckung gefunden haben werden. Allein sie werden sich zu erinnern belieben, daï¬ Agathon weder in einer so gelassenen Gem¸tsverfassung war, wie sie; noch alles wuï¬te, was sie durch unsere Indiskretion von der schËnen Danae erfahren haben. Wir wissen freilich was wir ungefâ°hr von ihr denken sollen; allein in seinen Augen war sie eine GËttin; und zu ihren F¸ï¬en liegend konnte er, zumal bei der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, nat¸rlicher Weise, diese Danae nicht mit einer so philosophischen Gleichg¸ltigkeit ansehen, wie wir andern.
Agathon war nun also ein Hausgenosse der schËnen Danae, und entfaltete mit jedem Tage neue Verdienste, die ihm dieses Gl¸ck w¸rdig zeigten, und die seine geringe Achtung f¸r den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen Hause sehen zu lassen. Da nebst den besondern ErgËtzungen des Landlebens diese feinere Art von Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den meisten Anteil haben, die hauptsâ°chlichste Beschâ°ftigung war, wozu man die Zeit in diesem angenehmen Aufenthalt anwendete; so hatte er Gelegenheit genug, seine Talente von dieser Seite schimmern zu lassen; und seine bezauberte Phantasie gab ihm so viele Erfindungen an die Hand, daï¬ er keine andre M¸he hatte, als diejenigen auszuwâ°hlen, die er am geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine Gesellschaft von vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergËtzen. So weit war es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es f¸r eine geringschâ°tzige Bestimmung hielt, in der Person eines unschuldigen Anagnosten die jonischen Ohren zu bezaubern.
In der Tat kËnnen wir lâ°nger nicht verbergen, daï¬ diese unbeschreibliche Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schËne Danae eingeflËï¬t hatte) dieses ich weiï¬ nicht was, welches wir, so wenig er es auch gestanden hâ°tte, ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von wenigen Tagen so sehr zugenommen hatte, daï¬ einem jeden andern als einem Agathon die Augen ¸ber den wahren Zustand seines Herzens aufgegangen wâ°ren. Wir wissen wohl, daï¬ die Umstâ°ndlichkeit unsrer Erzâ°hlung bei diesem Teile seiner Geschichte, den Ernsthaftern unter unsern Lesern, wenn wir anders dergleichen haben werden, sehr langweilig vorkommen wird. Allein die Achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann uns nicht verhindern, uns die Vorstellung zu machen, daï¬ diese Geschichte vielleicht k¸nftig, und wenn es auch nur aus einem Gew¸rzladen wâ°re, einem jungen noch nicht ganz ausgebr¸teten Agathon in die Hâ°nde fallen kËnnte, der aus einer genauern Beschreibung der Verâ°nderungen, welche die GËttin Danae nach und nach in dem Herzen und der Denkungsart unsers Helden hervorgebracht, sich gewisse Beobachtungen und Kautelen ziehen kËnnte, von denen er vielleicht einen guten Gebrauch zu machen Gelegenheit bekommen mËchte. Wir glauben also, wenn wir diesem zuk¸nftigen Agathon zu Gefallen uns die M¸he nehmen, der Leidenschaft unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch geheimen Lauf nachzugehen, desto eher entschuldiget zu sein, da es allen ¸brigen, die mit diesen Anekdoten nichts zu machen wissen, frei steht, das folgende Kapitel zu ¸berschlagen.
Fâ¹NFTES KAPITEL
Nat¸rliche Geschichte der Platonischen Liebe
“Die Quelle der Liebe”, sagt Zoroaster, oder hâ°tte es doch sagen kËnnen, “ist das Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft bezaubert.” Der Wunsch diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste Grad derselben. Je bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an dieses Bild der Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu bewundern findet, desto lâ°nger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten Grades der Liebe stehen. Dasjenige was sie hiebei erfâ°hrt, kommt anfangs demjenigen auï¬erordentlichen Zustande ganz nahe, den man Verz¸ckung nennt; alle andere Sinnen, alle wirksamen Krâ°fte der Seele scheinen stille zu stehen, und in einen einzigen Blick, worin man keiner Zeitfolge gewahr wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist zu gewaltsam, als daï¬ er lange dauern kËnnte; langsamer oder schneller macht er der Empfindung eines unaussprechlichen Vergn¸gens Platz, welches die nat¸rliche Folge jenes ekstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns versichert haben, keine andre Art von Vergn¸gen oder Wollust uns einen bessern Begriff geben kann, als der unreine und d¸stre Schein einer Pechfackel von der Klarheit des unkËrperlichen Lichts, worin, nach der Meinung der Morgenlâ°ndischen Weisen, die Geister als in ihrem Elemente leben. Dieses innerliche Vergn¸gen â°uï¬ert sich bald durch die Verâ°nderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers Wesens hervorbringt; es wallt mit h¸pfender Munterkeit in unsern Adern, es schimmert aus unsern Augen, es gieï¬t eine lâ°chelnde Heiterkeit ¸ber unser Gesicht, und gibt allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es stimmt und erhËhet alle Krâ°fte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und des Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein gewËhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gottheit voll, die aus ihm redet und w¸rket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend, keine Heldentat so groï¬, wozu er in diesem Stande der Begeistrung und unter den Augen des geliebten Gegenstands nicht fâ°hig wâ°re. Dieser Zustand dauert noch fort, wenn er gleich von demselben entfernt wird, und das Bild desselben, das seine ganze Seele auszuf¸llen scheint, ist so lebhaft, daï¬ es einige Zeit braucht, bis er der Abwesenheit des Urbildes gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese Abwesenheit, so verschwindet jenes Vergn¸gen mit seinem ganzen bezauberten Gefolge; man erfâ°hrt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen W¸rkungen jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor kurzem mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einËden Wildnissen wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner GËttin in Felsen einzugraben, und den tauben Bâ°umen seine Schmerzen vorzuseufzen; ein klâ°glicher Zustand, in Wahrheit, wenn nicht ein einziger Blick des Gegenstands, von dem diese seltsame Bezauberung herr¸hrt, hinlâ°nglich wâ°re, in einem Wink diesem Schatten wieder einen Leib, dem Leib eine Seele, und der Seele diese Begeisterung wieder zu geben, durch welche sie ohne Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung zu unermeï¬licher Wonne ¸bergeht. Wenn Agathon dieses alles nicht vËllig in so hohem Grad erfuhr, als andre von seiner Art, so muï¬ dieses vermutlich allein dem Einfluï¬ beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was in seinem Herzen vorging. Allein wir m¸ssen gestehen, dieser Einfluï¬ wurde immer schwâ°cher; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt daï¬ ihn sonst sein Herz an sie erinnert hatte, muï¬te es itzt von ohngefâ°hr und durch einen Zufall geschehen. Endlich verschwand dieses Bild gâ°nzlich; Psyche hËrte auf f¸r ihn zu existieren, ja kaum erinnerte er sich alles dessen, was vor seiner Bekanntschaft mit der schËnen Danae vorgegangen war anders, als ein erwachsener Mensch sich seiner ersten Kindheit erinnert. Es ist also leicht zu begreifen, daï¬ seine ganze vormalige Art zu empfinden und zu sein, einige Verâ°nderung erlitt, und gleichsam die Farbe und den Ton des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschrâ°nkten Macht auf ihn w¸rkte. Sein ernsthaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals miï¬billigst hatte, in einem g¸nstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier und gefâ°lliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die â°therischen Geister, wenn sie ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, muï¬ten sich gefallen lassen, die Gestalt der schËnen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden. Vor Begierde der Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergaï¬ er, sich um den Beifall unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bek¸mmern; und der Zustand der entkËrperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so beneidensw¸rdig, seitdem er im Anschauen dieser irdischen GËttin ein Vergn¸gen genoï¬, welches alle seine Einbildungen ¸berstieg. Der Wunsch immer bei ihr zu sein, war nun erf¸llt, dem zweiten, der auf diesen gefolget sein w¸rde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu besitzen war sie selbst gleich anfangs groï¬m¸tiger Weise zuvorgekommen, und die verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging, lieï¬ ihm von dieser Seite nichts zu w¸nschen ¸brig. Er hatte ihre Freundschaft, nun w¸nschte er auch ihre Zâ°rtlichkeit zu haben–Ihre Zâ°rtlichkeit!–Ja, aber eine Zâ°rtlichkeit, wie nur die Einbildungskraft eines Agathons fâ°hig ist, sich vorzustellen. Kurz, da er anfing zu merken, daï¬ er sie liebe, so w¸nschte er wieder geliebt zu werden. Allein er liebte sie mit einer so uneigenn¸tzigen, so geistigen, so begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen wâ°re; und der k¸hnste Wunsch, den er zu wagen fâ°hig war, war nur, in derjenigen sympathetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche die Erfahrung gegeben hatte. “Wie angenehm” (dacht er) “wie entz¸ckungsvoll, wie sehr ¸ber alles, was die Sprache der Sterblichen ausdr¸cken kann, muï¬te eine solche Sympathie mit einer Danae sein, da sie mit Psyche schon so angenehm gewesen war!” Zum Ungl¸ck f¸r unsern Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses mal keine Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anlieï¬, als er es gew¸nscht hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten, und, die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich von dieser intellektualischen Liebe, von der er ihr so viel schËnes vorsagte, einen rechten Begriff zu machen; oder sie fand es lâ°cherlich, in ihrem Alter und mit ihrer Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer Denkungsart, sich nur f¸r eine Person schickte, die im Bade keine Besuche mehr annimmt; wenn sie gleich allzu bescheiden war, ihm dieses mit Worten zu sagen, so fand sie doch Mittel genug, ihm ihre Gedanken ¸ber diesen Punkt auf eine vielleicht eben so nachdr¸ckliche Art zu erkennen zu geben. Gewisse kleine Nachlâ°ssigkeiten in ihrem Putz, ein verrâ°terischer Zephir, oder ihr Sperling, der indem sie neben Agathon auf einer Ruhebank saï¬, mit mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren F¸ï¬en herabfloï¬, schienen seiner â°therischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen zu geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht nËtig gehabt hâ°tte. Danae hatte Ursache mit der W¸rkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden zu sein. Agathon, welcher sich angewËhnt hatte, den Leib und die Seele als zwei verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine geraume Zeit nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine himmlische SchËnheit in einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte diese beiden Wesen je lâ°nger je mehr in seiner Phantasie mit einander, und er konnte es desto leichter, da in der Tat alle kËrperlichen SchËnheiten seiner GËttin so beseelt waren, und alle SchËnheiten ihrer Seele so lebhaft aus diesem reizenden Schleier hervorschimmerten, daï¬ es beinahe unmËglich war, sich eine ohne die andre vorzustellen. Dieser Umstand brachte zwar keine wesentliche Verâ°nderung in seiner Art zu lieben hervor; doch ist gewiï¬, daï¬ er nicht wenig dazu beitrug, ihn unvermerkt in eine Verfassung zu setzen, welche die Absichten der schlauen Danae mehr zu beg¸nstigen als abzuschrecken schien. “O du, f¸r den wir aus groï¬m¸tiger Freundschaft uns die M¸he gegeben haben, dieses dir allein gewidmete Kapitel zu schreiben, halte hier ein und frage dein Herz. Wenn du eine Danae gefunden hast (armer J¸ngling! welche Molly Seagrim kann es nicht in deinen bezauberten Augen sein?) und du verstehest den Schluï¬ dieses Kapitels, so kËmmt unsre Warnung schon zu spâ°t, und du bist verloren, fliehe, von dem Augenblick an, da du sie gesehen; fliehe, und ersticke den Wunsch sie wieder zu sehen! Wenn du das nicht kannst; wenn du, nachdem du diese Warnung gelesen, nicht willst: so bist du kein Agathon mehr, so bist du was wir andern alle sind; tue was du willst, es ist nichts mehr an dir zu verderben.”
SECHSTES KAPITEL
Worin der Geschichtschreiber sich einiger Indiskretion schuldig macht
Die schËne Danae war sehr weit entfernt, gleichg¸ltig gegen die Vorz¸ge des Callias zu sein, und es kostete ihr w¸rklich, so gesetzt sie auch war, einige M¸he, ihm zu verbergen, wie sehr sie von seiner Liebe ger¸hrt war, und wie gern sie sich dieselbe zu Nutz gemacht hâ°tte. Allein aus einem Agathon einen Alcibiades zu machen, das konnte nicht das Werk von etlichen Tagen sein, und um so viel weniger, da er durch unmerkliche Schritte, und ohne, daï¬ sie selbst etwas dabei zu tun schien, zu einer so groï¬en Verâ°nderung gebracht werden muï¬te, wenn sie anders dauerhaft sein sollte. Die groï¬e Kunst war, unter der Masque der Freundschaft seine Begierden zu eben der Zeit zu reizen, da sie selbige durch eine unaffektierte Zur¸ckhaltung abzuschrecken schien. Allein auch dieses war nicht genug; er muï¬te vorher die Macht zu widerstehen verlieren; wenn der Augenblick einmal gekommen sein w¸rde, da sie die ganze Gewalt ihrer Reizungen an ihm zu pr¸fen entschlossen war. Eine zâ°rtliche Weichlichkeit muï¬te sich vorher seiner ganzen Seele bemeistern, und seine in Vergn¸gen schwimmende Sinnen muï¬ten von einer s¸ï¬en Unruhe und woll¸stigen Sehnsucht eingenommen werden, ehe sie es wagen wollte, einen Versuch zu machen, der, wenn er zu fr¸h gemacht worden wâ°re, gar leicht ihren ganzen Plan hâ°tte vereiteln kËnnen. Zum Ungl¸ck f¸r unsern Helden ersparte ihr seine magische Einbildungskraft die Hâ°lfte der M¸he, welche sie aus einem ¸bermaï¬ von Freundschaft anwenden wollte, ihm die Verwandlung, die mit ihm vorgehen sollte, zu verbergen. Ein Lâ°cheln seiner GËttin war genug, ihn in Vergn¸gen zu zerschmelzen; ihre Blicke schienen ihm einen ¸berirdischen Glanz ¸ber alles auszugieï¬en, und ihr Atem der ganzen Natur den Geist der Liebe einzuhauchen: Was muï¬te denn aus ihm werden, da sie zu Vollendung ihres Sieges alles anwendete, was auch den unempfindlichsten unter allen Menschen zu ihren F¸ï¬en hâ°tte legen kËnnen? Agathon wuï¬te noch nicht, daï¬ sie die Laute spielte, und in der Musik eine eben so groï¬e Virtuosin als in der Tanzkunst war. Die Feste und Lustbarkeiten, in deren Erfindung er unerschËpflich war, um ihr den lâ°ndlichen Aufenthalt angenehmer zu machen, gaben ihr Anlaï¬, ihn durch Entdeckung dieser neuen Reizungen in Erstaunung zu setzen. “Es ist billig”, sagte sie zu ihm, “daï¬ ich deine Bem¸hungen, mir Vergn¸gen zu machen, durch eine Erfindung von meiner Art erwidre. Diesen Abend will ich dir den Wettstreit der Sirenen und der Musen geben, ein St¸ck des ber¸hmten Damons, das ich noch aus Aspasiens Zeiten ¸brig habe, und das von den Kennern f¸r das Meisterst¸ck der Tonkunst erklâ°rt wurde. Die Anstalten sind schon dazu gemacht, und du allein sollst der ZuhËrer und Richter dieses Wettgesangs sein.” Niemals hatte den Agathon eine Zeit lâ°nger gedaucht, als die wenigen Stunden, die er in Erwartung dieses versprochenen Vergn¸gens zubrachte. Danae hatte ihn verlassen, um durch ein erfrischendes Bad ihrer SchËnheit einen neuen Glanz zu geben, indessen daï¬ er die verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne einen nach dem andern zu zâ°hlen schien. Endlich kam die angesetzte Stunde. Der schËnste Tag hatte der anmutigsten Nacht Platz gemacht, und eine s¸ï¬e Dâ°mmerung hatte schon die ganze schlummernde Natur eingeschleiert; als plËtzlich ein neuer zauberischer Tag, den eine unendliche Menge k¸nstlich versteckter Lampen verursachte, den reizenden Schauplatz sichtbar machte, welchen die Fee dieses Orts zu diesem Lustspiel hatte zubereiten lassen. Eine mit Lorbeerbâ°umen beschattete AnhËhe erhob sich aus einem spiegelhellen See, der mit Marmor gepflastert, und ringsum mit Myrten und Rosenhecken eingefaï¬t war. Kleine Quellen schlâ°ngelten den Lorbeerhain herab, und rieselten mit sanftem Murmeln oder lâ°chelndem Klatschen in den See, an dessen Ufer hier und da kleine Grotten, mit Korallenmuscheln und andern Seegewâ°chsen ausgeschm¸ckt hervorragten, und die Wohnung der Nymphen dieses Wassers zu sein schienen. Ein kleiner Nachen in Gestalt einer Perlenmuschel, der von einem marmornen Triton emporgehalten wurde, stund der AnhËhe gegen ¸ber am Ufer, und war der Sitz, auf welchem Agathon als Richter den Wettgesang hËren sollte.
SIEBENTES KAPITEL
Magische Kraft der Musik
Agathon hatte seinen Platz kaum eingenommen, als man in dem Wasser ein w¸hlendes Plâ°tschern, und aus der Ferne, wie es lieï¬, eine sanft zerflossene Harmonie hËrte, ohne jemand zu sehen, von dem sie herkâ°me. Unser Liebhaber, den dieser Anfang in ein stilles Entz¸cken setzte, wurde, ungeachtet er zu diesem Spiele vorbereitet war, zu glauben versucht, daï¬ er die Harmonie der Sphâ°ren hËre, von deren W¸rklichkeit ihn die Pythagorischen Weisen beredet hatten; allein, wâ°hrend daï¬ sie immer nâ°her kam und deutlicher wurde, sah er zu gleicher Zeit die Musen aus dem kleinen Lorbeerwâ°ldchen und die Sirenen aus ihren Grotten hervorkommen. Danae hatte die j¸ngsten und schËnsten aus ihren Aufwâ°rterinnen ausgelesen, diese Meernymphen vorzustellen, die, nur von einem wallenden Streif von himmelblauem Byssus umflattert, mit Cithern und FlËten in der Hand sich ¸ber die Wellen erhuben, und mit jugendlichem Stolz untadeliche SchËnheiten vor den Augen ihrer eifers¸chtigen Gespielen entdeckten. Allein kleine Tritonen, bliesen, um sie her schwimmend, aus krummen HËrnern, und neckten sie durch mutwillige Spiele; indes daï¬ Danae mitten unter den Musen, an den Rand der kleinen Halbinsel herabstieg, und, wie Venus unter den Grazien, oder Diana unter ihren Nymphen hervorglâ°nzend, dem Auge keine Freiheit lieï¬, auf einem andern Gegenstande zu verweilen. Ein langes schneeweiï¬es Gewand floï¬, unter dem halbentblËï¬ten Busen mit einem goldnen G¸rtel umfaï¬t, in kleinen wallenden Falten zu ihren F¸ï¬en herab; ein Kranz von Rosen wand sich um ihre Locken, wovon ein Teil in kunstloser Anmut um ihren Nacken schwebte; ihr rechter Arm, auf dessen Weiï¬e die Homerische Juno eifers¸chtig hâ°tte sein d¸rfen, umfaï¬te eine Laute von Elfenbein. Die ¸brigen Musen, mit verschiednen Saiteninstrumenten versehen, lagerten sich zu ihren F¸ï¬en; sie allein blieb in einer unnachahmlich reizenden Stellung stehen, und hËrte lâ°chelnd der Aufforderung zu, welche die ¸berm¸tigen Syrenen ihr entgegensangen. Man muï¬ ohne Zweifel gestehen, daï¬ das Gemâ°lde, welches sich in diesem Augenblick unserm Helden darstellte, nicht sehr geschickt war, weder sein Herz noch seine Sinnen in Ruhe zu lassen; allein die Absicht der Danae war nur, ihn durch die Augen zu den Vergn¸gungen eines andern Sinnes vorzubereiten, und ihr Stolz verlangte keinen geringern Triumph, als ein so reizendes Gemâ°lde durch die Zaubergewalt ihrer Stimme und ihrer Saiten in seiner Seele auszulËschen. Sie schmeichelte sich nicht zu viel. Die Sirenen hËrten auf zu singen, und die Musen antworteten ihrer Ausforderung durch eine Symphonie, welche auszudrucken schien, wie gewiï¬ sie sich des Sieges hielten. Nach und nach verlor sich die Munterkeit, die in dieser Symphonie herrschte; ein feierlicher Ernst nahm ihren Platz ein, das GetËn wurde immer einfËrmiger, bis es nach und nach in ein dunkles gedâ°mpftes Murmeln und zuletzt in eine gâ°nzliche Stille erstarb. Ein allgemeines Erwarten schien dem Erfolg dieser vorbereitenden Stille entgegen zu horchen, als es auf einmal durch eine liebliche Harmonie unterbrochen wurde, welche die gefl¸gelten und seelenvollen Finger der schËnen Danae aus ihrer Laute lockten. Eine Stimme, welche fâ°hig schien, die Seelen ihren Leibern zu entf¸hren, und Tote wieder zu beseelen (wenn wir einen Ausdruck des Liebhabers der schËnen Laura entlehnen d¸rfen) eine so bezaubernde Stimme beseelte diese reizende Anrede. Der Inhalt des Wettgesangs war ¸ber den Vorzug der Liebe, die sich auf die Empfindung, oder derjenigen, die sich auf die bloï¬e Begierde gr¸ndet. Nichts kËnnte r¸hrender sein, als das Gemâ°lde, welches Danae von der ersten Art der Liebe machte; “in solchen TËnen”, dacht Agathon, “ganz gewiï¬ in keinen andern, dr¸cken die Unsterblichen einander aus, was sie empfinden; nur eine solche Sprache ist der GËtter w¸rdig.” Die ganze Zeit da dieser Gesang dauerte, deuchte ihn ein Augenblick, und er wurde ganz unwillig, als Danae auf einmal aufhËrte, und eine der Sirenen, von den FlËten ihrer Schwestern begleitet, k¸hn genug war, es mit seiner GËttin aufzunehmen. Allein er wurde bald gezwungen anders Sinnes zu werden, als er sie hËrte; alle seine Vorurteile f¸r die Muse konnten ihn nicht verhindern, sich selbst zu gestehen, daï¬ eine fast unwiderstehliche Verf¸hrung in ihren TËnen atmete. Ihre Stimme, die an Weichheit und Biegsamkeit nicht ¸bertroffen werden konnte, schien alle Grade der Entz¸ckungen auszudr¸cken, deren die sinnliche Liebe fâ°hig ist; und das weiche GetËn der FlËten erhËhte die Lebhaftigkeit dieses Ausdrucks auf einen Grad, der kaum einen Unterschied zwischen der Nachahmung und der Wahrheit ¸brig lieï¬. “Wenn die Sirenen, bei denen der kluge Ulysses vorbeifahren muï¬te, so gesungen haben”, (dachte Agathon) “so hatte er wohl Ursache, sich an Hâ°nden und F¸ï¬en an den Mastbaum binden zu lassen.” Kaum hatten die Sirenen diesen Gesang geendiget, so erhub sich ein frohlockendes Klatschen aus dem Wasser, und die kleinen Tritonen stieï¬en in ihre HËrner, den Sieg anzudeuten, den sie ¸ber die Musen erhalten zu haben glaubten. Allein diese hatten den Mut nicht verloren: Sie ermunterten sich bald wieder, und fingen eine Symphonie an, wovon der Anfang eine spottende Nachahmung des Gesanges der Sirenen zu sein schien. Nach einer Weile wechselten sie die Tonart und den Rhythmus durch ein Andante, welches in wenigen Takten nicht die mindeste Spur von den Eindr¸cken ¸brig lieï¬, die der Syrenen Gesang auf das Gem¸te der HËrenden gemacht haben konnte. Eine s¸ï¬e Schwermut bemâ°chtigte sich Agathons; er sank in ein angenehmes Staunen, unfreiwillige Seufzer entflohen seiner Brust, und woll¸stige Trâ°nen rollten ¸ber seine Wangen herab. Mitten aus dieser r¸hrenden Harmonie erhob sich der Gesang der schËnen Danae, welche durch die eifers¸chtigen Bestrebungen ihrer Nebenbuhlerin aufgefordert war, die ganze Vollkommenheit ihrer Stimme, und alle Zauberkrâ°fte der Kunst anzuwenden, um den Sieg gâ°nzlich auf die Seite der Musen zu entscheiden. Ihr Gesang schilderte die r¸hrenden Schmerzen einer wahren Liebe, die in ihrem Schmerzen selbst ein melancholisches Vergn¸gen findet; ihre standhafte Treue und die Belohnung, die sie zuletzt von der zâ°rtlichsten Gegenliebe erhâ°lt. Die Art wie sie dieses ausf¸hrte, oder vielmehr die Eindr¸cke, die sie dadurch auf ihren Liebhaber machte, ¸bertrafen alles was man sich davon vorstellen kann. Sein ganzes Wesen war Ohr, und seine ganze Seele zerfloï¬ in die Empfindungen, die in ihrem Gesange herrscheten. Er war nicht so weit entfernt, daï¬ Danae nicht bemerkt hâ°tte, wie sehr er auï¬er sich selbst war, und wie viel M¸he er hatte, um sich zu halten, aus seinem Sitz sich in das Wasser herabzust¸rzen, zu ihr hin¸ber zu schwimmen, und seine in Entz¸ckung und Liebe zerschmolzene Seele zu ihren F¸ï¬en auszuhauchen. Sie wurde durch diesen Anblick selbst so ger¸hrt, daï¬ sie genËtiget war, die Augen von ihm abzuwenden, um ihren Gesang vollenden zu kËnnen: Allein sie beschloï¬ bei sich selbst, die Belohnung nicht lâ°nger aufzuschieben, welche sie einer so vollkommenen Liebe schuldig zu sein glaubte. Endlich endigte sich ihr Lied; die begleitende Symphonie hËrte auf; die beschâ°mten Sirenen flohen in ihre Grotten; die Musen verschwanden; und der staunende Agathon blieb in trauriger Entz¸ckung allein.
ACHTES KAPITEL
Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden vorbereitet wird
Wir kËnnen die Verlegenheit nicht verbergen, in welche wir uns durch die Umstâ°nde gesetzt finden, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen Kapitels verlassen haben. Sie drohen dem erhabnen Charakter, den er bisher mit einer so r¸hmlichen Standhaftigkeit behauptet, und wodurch er sich zweifelsohne in eine nicht gemeine Hochachtung bei unsern Lesern gesetzt hat, einen Abfall, der denenjenigen, welche von einem Helden eine vollkommene Tugend fordern, eben so anstËï¬ig sein wird, als ob sie, nach allem was bereits mit ihm vorgegangen, nat¸rlicher Weise etwas bessers hâ°tten erwarten kËnnen.
Wie groï¬ ist in diesem St¸cke der Vorteil eines Romanendichters vor demjenigen, welcher sich anheischig gemacht hat, ohne Vorurteil oder Parteilichkeit, mit Verleugnung des Ruhms, den er vielleicht durch VerschËnerung seiner Charakter, und durch Erhebung des Nat¸rlichen ins Wunderbare sich hâ°tte erwerben kËnnen, der Natur und Wahrheit in gewissenhafter Aufrichtigkeit durchaus getreu zu bleiben! Wenn jener die ganze grenzenlose Welt des MËglichen zu freiem Gebrauch vor sich ausgebreitet sieht; wenn seine Dichtungen durch den mâ°chtigen Reiz des Erhabnen und Erstaunlichen schon sicher genug sind, unsre Einbildungskraft und unsre Eitelkeit auf seine Seite zu bringen; wenn schon der kleinste Schein von ¸bereinstimmung mit der Natur hinlâ°nglich ist, die Freunde des Wunderbaren, welche immer die grËï¬este Zahl ausmachen, von ihrer MËglichkeit zu ¸berzeugen; ja, wenn er volle Freiheit hat, die Natur selbst umzuschaffen, und, als ein andrer Prometheus, den geschmeidigen Ton, aus welchem er seine HalbgËtter und HalbgËttinnen bildet, zu gestalten wie es ihm beliebt, oder wie es die Absicht, die er auf uns haben mag, erheischet: So sieht sich hingegen der arme Geschichtschreiber genËtiget, auf einem engen Pfade, Schritt vor Schritt in die Fuï¬stapfen der vor ihm hergehenden Wahrheit einzutreten, jeden Gegenstand so groï¬ oder so klein, so schËn oder so hâ°ï¬lich, wie er ihn w¸rklich findet, abzumalen; die W¸rkungen so anzugeben, wie sie vermËge der unverâ°nderlichen Gesetze der Natur aus ihren Ursachen herflieï¬en; und wenn er seiner Pflicht ein vËlliges Gen¸gen getan hat, sich gefallen zu lassen, daï¬ man seinen Helden am Ende um wenig oder nichts schâ°tzbarer findet, als der schlechteste unter seinen Lesern sich ohngefâ°hr selbst zu schâ°tzen pflegt.
Vielleicht ist kein unfehlbarers Mittel mit dem wenigsten Aufwand von Genie, Wissenschaft und Erfahrenheit ein gepriesener Schriftsteller zu werden, als wenn man sich damit abgibt, Menschen (denn Menschen sollen es doch sein) ohne Leidenschaften, ohne Schwachheit, ohne allen Mangel und Gebrechen, durch etliche Bâ°nde voll wunderreicher Abenteure, in der einfËrmigsten Gleichheit mit sich selbst, herumzuf¸hren. Eh ihr es euch verseht, ist ein Buch fertig, das durch den erbaulichen Ton einer strengen Sittenlehre, durch blendende Sentenzen, durch Charaktere und Handlungen, die eben so viele Muster sind, den Beifall aller der gutherzigen Leute ¸berraschet, welche jedes Buch, das die Tugend anpreist, vortrefflich finden. Und was f¸r einen Beifall kann sich ein solches Werk erst alsdenn versprechen, wenn der Verfasser die Kunst oder die nat¸rliche Gabe besitzt, seine Schreibart auf den Ton der Begeisterung zu stimmen, und, verliebt in die schËnen GeschËpfe seiner erhitzten Einbildungskraft, die Meinung von sich zu erwecken, daï¬ ers in die Tugend selber sei. Umsonst mag dann ein verdâ°chtiger Kunstrichter sich heiser schreien, daï¬ ein solches Werk eben so wenig f¸r die Talente seines Urhebers beweise, als es der Welt Nutzen schaffe; umsonst mag er vorstellen, wie leicht es sei, die Definitionen eines Auszugs der Sittenlehre in Personen, und die Maximen des Epictets in Handlungen zu verwandeln; umsonst mag er beweisen, daï¬ die unfruchtbare Bewunderung einer schimâ°rischen Vollkommenheit, welche man nachzuahmen eben so wenig wahren Vorsatz als VermËgen hat, das â°uï¬erste sei, was diese wackere Leute von ihren hochfliegenden Bem¸hungen zum Besten einer ungelehrigen Welt erwarten kËnnen: Der weisere Tadler heiï¬t ihnen ein Zoilus, und hat von Gl¸ck zu sagen, wenn das Urteil das er von einem so moralischen Werke des Witzes fâ°llt, nicht auf seinen eignen sittlichen Charakter zur¸ckprallt, und die gesundere Beschaffenheit seines Gehirns nicht zu einem Beweise seines schlimmen Herzens gemacht wird. Und wie sollte es auch anders sein kËnnen? Unsre Eitelkeit ist zusehr dabei interessiert, als daï¬ wir uns derjenigen nicht annehmen sollten, welche unsre Natur, wiewohl eignen Gewalts, zu einer so groï¬en Hoheit und W¸rdigkeit erhalten. Es schmeichelt unserm Stolze, der sich ungern durch so viele Zeichen von Vorz¸gen des Stands, des Ansehens, der Macht und des â°uï¬erlichen Glanzes unter andre erniedriget sieht, die Mittel (wenigstens so lange das angenehme Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich ¸ber die Gegenstâ°nde seines Neides hinauf schwingen, und sie tief im Staube unter sich zur¸cklassen zu kËnnen. Und wenn gleich die unverhehlbare Schwâ°che unsrer Natur uns auf der einen Seite, zu groï¬em Vorteil unsrer Trâ°gheit, von der Aus¸bung heroischer Tugenden loszâ°hlt; so ergËtzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem s¸ï¬en Wahne, daï¬ wir eben so wundertâ°tige Helden gewesen sein w¸rden, wenn uns das Schicksal an ihren Platz gesetzt hâ°tte.
Wir m¸ssen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so nat¸rlich und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Klassen unsrer Leser aufgenommen werden mËgen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten, uns ung¸nstige Vorurteile zuzuziehen; so kËnnen wir doch nicht umhin, diese angefangene Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je grËï¬er die Beziehung ist, welche sie auf den ganzen Inhalt der vorliegenden Geschichte hat.
Unter allen den ¸bernat¸rlichen Charaktern, welche die mehrbelobten romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung gebracht haben, sind sie mit keinem gl¸cklicher gewesen, als mit dem Heldentum in der Groï¬mut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue. Daher finden wir die Liebensgeschichten, Ritterb¸cher und Romanen, von den Zeiten des guten Bischofs Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden, die einander alles, sogar die Forderungen ihrer stâ°rksten Leidenschaften, und das angelegenste Interesse ihres Herzens aufopfern; von Rittern, welche immer bereit sind, der ersten Infantin, die ihnen begegnet, zu gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt herumzuhauen; und (bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn jenseits des Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angef¸llt, welche nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen ihrer Geliebten in die Bâ°ume zu schneiden, ohne daï¬ die reizendesten Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermËgend wâ°ren, ihre Treue nur einen Augenblick zu ersch¸ttern. Man m¸ï¬te wohl sehr eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten Heldentugenden in eine so groï¬e Hochachtung gekommen sind. Von je her haben die SchËnen sich berechtiget gehalten, eine Liebe, welche ihnen alles aufopfert, und eine Bestâ°ndigkeit, die gegen alle andre Reizungen unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in diesem St¸cke den groï¬en Herren, welche verlangen, daï¬ unserm Eifer nichts unmËglich sein solle, und die sich sehr wenig darum bek¸mmern, ob uns dasjenige, was sie von uns fordern, gelegen, oder ob es ¸berhaupt recht und billig sei, oder nicht. Eben so ist es f¸r unsre Beherrscherinnen schon genug, daï¬ der Vorteil ihrer Eitelkeit und ihrer ¸brigen Leidenschaften sich bei diesen vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen Grafen von Comminges zu einem grËï¬ern Mann in ihren Augen zu machen, als alle Helden des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle Eigenn¸tzigkeit oder der feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen VËlkern, wo der Tod aus sittlichen Ursachen mehr als nat¸rlich ist, gef¸rchtet wird) den grËï¬esten Teil der b¸rgerlichen Gesellschaft angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert, eine sich selbst ganz vergessende Groï¬mut und eine Tapferkeit, die von nichts erzittert, zu vergËttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir nËtig es zu sein; und je hËher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir bei unsern Lastern zu besorgen.
Der Himmel verh¸te, daï¬ unsre Absicht jemals sei, in schËnen Seelen diese liebensw¸rdige Schwâ°rmerei f¸r die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so nat¸rlich und Ëfters die Quelle der lobensw¸rdigsten Handlungen ist. Alles was wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, daï¬ die romanhaften Helden, von denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke der Natur zu suchen seien als die gefl¸gelten LËwen und die Fische mit Mâ°dchenleibern; daï¬ es moralische Grotesken seien, welche eine m¸ï¬ige Einbildungskraft ausbr¸tet, und ein verdorbner moralischer Sinn, nach Art gewisser Indianer, destomehr vergËttert, je weiter ihre verhâ°ltnisw¸rdige Miï¬gestalt von der menschlichen Natur sich entfernet, welche doch, mit allen ihren Mâ°ngeln, das beste, liebensw¸rdigste und vollkommenste Wesen ist, das wir w¸rklich kennen–und daï¬ also der Held unsrer Geschichte, durch die Verâ°nderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen sehen, zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und selbst durch seine Fehler zu belehren.
Wir kËnnen indes nicht bergen, daï¬ wir aus verschiednen Gr¸nden in Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal Gewalt anzutun, und unsern Agathon, wenn es auch durch irgend einen Deum ex Machina hâ°tte geschehen m¸ssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er sich w¸rklich befindet, herauszuwickeln, als es f¸r die Ehre des Platonismus, die er bisher so schËn behauptet hat, allerdings zu w¸nschen gewesen wâ°re. Allein da wir in Erwâ°gung zogen, daï¬ diese einzige poetische Freiheit uns nËtigen w¸rde, in der Folge seiner Begebenheiten so viele andre Verâ°nderungen vorzunehmen, daï¬ die Geschichte Agathons w¸rklich die Natur einer Geschichte verloren hâ°tte, und zur Legende irgend eines moralischen Don Esplandians geworden wâ°re: So haben wir uns aufgemuntert, ¸ber alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns anfâ°nglich stutzen gemacht hatten, und uns zu ¸berreden, daï¬ der Nutzen, den unsre verstâ°ndigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in der Folge zu ziehen Gelegenheit bekommen kËnnten, ungleich grËï¬er sein d¸rfte, als der zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten hâ°tte, wenn wir, durch eine unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen “Orlando” unsers Freunds Ariost finden wird, die schËne Danae in die Notwendigkeit gesetzt hâ°tten, in der Stille von ihm zu denken, was die ber¸hmte Phryne bei einer gewissen Gelegenheit von dem weisen Xenocrates Ëffentlich gesagt haben soll.
So wisset dann, schËne Leserinnen, (und h¸tet euch, stolz auf diesen Sieg eurer Zaubermacht zu sein,) daï¬ Agathon, nachdem er eine ziemliche Weile in einem Gem¸tszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Thomsons oder Geï¬ners erfoderte, allein zur¸ckgeblieben war, wir wissen nicht ob aus eigner Bewegung oder durch den geheimen Antrieb irgend eines antiplatonischen Genius den Weg gegen einen Pavillion genommen, der auf der Morgenseite des Gartens in einem kleinen Hain von Zitronen-, Granaten–und Myrtenbâ°umen auf jonischen Sâ°ulen von Jaspis ruhte; daï¬ er, weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und nachdem er einen Saal, dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick aufhalten konnte, und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem Cabinet, welches f¸r die Ruhe der LiebesgËttin bestimmt schien, die schËne Danae auf einem Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; daï¬ er, nachdem er sie eine lange Zeit in unbeweglicher Entz¸ckung und mit einer Zâ°rtlichkeit, deren innerliches Gef¸hl alle kËrperliche Wollust an S¸ï¬igkeit ¸bertrifft, betrachtet hatte, endlich–von der Gewalt der allmâ°chtigen Liebe bezwungen, sich nicht lâ°nger zu enthalten vermocht, zu ihren F¸ï¬en kniend, eine von ihren nachlâ°ssig ausgestreckten schËnen Hâ°nden mit einer Inbrunst, wovon wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug gewesen sind, zu k¸ssen, ohne daï¬ sie daran erwacht wâ°re; daï¬ er hierauf noch weniger als zuvor sich entschlieï¬en kËnnen, so unbemerkt als er gekommen, sich wieder hinwegzuschleichen; und kurz, daï¬ die kleine Psyche, die Tâ°nzerin, welche seit der Pantomime, man weiï¬ nicht warum, gar nicht seine Freundin war, mit ihren Augen gesehen haben wollte, daï¬ er eine ziemliche Weile nach Anbruch des Tages, allein, und mit einer Miene, aus welcher sich sehr vieles habe schlieï¬en lassen, aus dem Pavillion hinter die Myrtenhecken sich weggestohlen habe.
NEUNTES KAPITEL
Nachrichten zu Verh¸tung eines besorglichen Miï¬verstandes
Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstraï¬e zwischen zween Abwegen, welche beide gleich sorgfâ°ltig zu vermeiden sind. Es ist ohne Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen wichtigern Zweck als die bloï¬e ErgËtzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei gewissen Anlâ°ssen, anstatt des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern Franzosen, lieber die bescheidne Zur¸ckhaltung des jungfrâ°ulichen Virgils nachahmet, welcher bei einer Gelegenheit, wo die Angola’s und Versorand’s alle ihre Malerkunst verschwendet, und sonst nichts besorget hâ°tten, als daï¬ sie nicht lebhaft und deutlich genug sein mËchten, sich begn¸gt uns zu sagen:
“Daï¬ Dido und der Held in Eine HËhle kamen.”
Allein wenn diese Zur¸ckhaltung so weit ginge, daï¬ die Dunkelheit, welche man ¸ber einen schl¸pfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Miï¬verstand und Irrtum Anlaï¬ geben kËnnte: So w¸rde sie, deucht uns, in eine falsche Scham ausarten; und in solchen Fâ°llen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang ein wenig wegzuziehen, als aus ¸bertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu laufen, vielleicht die Unschuld selbst ungegr¸ndeten Vermutungen auszusetzen. So â°rgerlich also gewissen Leserinnen, deren strenge Tugend bei dem bloï¬en Namen der Liebe Dampf und Flammen speit, der Anblick eines schËnen J¸nglings zu den F¸ï¬en einer selbst im Schlummer lauter Liebe und Wollust atmenden Danae billig sein mag; so kËnnen wir doch nicht vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstËï¬igen Gegenstande aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen Fâ°llen der Einbildungskraft den Z¸gel schieï¬en zu lassen, daï¬ wir uns lâ°cherlich machen w¸rden, wenn wir behaupten wollten, daï¬ unser Held die ganze Zeit, die er (nach dem Vorgeben der kleinen Tâ°nzerin) in dem Pavillion zugebracht haben soll, sich immer in der ehrfurchtsvollen Stellung gehalten habe, worin man ihn zu Ende des vorigen Kapitels gesehen hat. Wir m¸ssen vielmehr besorgen, daï¬ Leute, welche nichts daf¸r kËnnen, daï¬ sie keine Agathons sind, vielleicht so weit gehen mËchten, ihn im Verdacht zu haben, daï¬ er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu liegen schien, auf eine Art zu Nutze gemacht haben kËnnte, welche sich ordentlicher Weise nur f¸r einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann Jacob Rousseau selbst nicht schlechterdings gebilliget hâ°tte, so scharfsinnig er auch (in einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu rechtfertigen weiï¬, was er “eine stillschweigende Einwilligung abnËtigen” nennet. Um nun unsern Agathon gegen alle solche unverschuldete Mutmaï¬ungen sicher zu stellen, m¸ssen wir zur Steuer der Wahrheit melden, daï¬ selbst die reizende Lage der schËnen Schlâ°ferin, und die g¸nstige Leichtigkeit ihres Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen alles zu erlauben, seine Bescheidenheit schwerlich ¸berrascht haben w¸rden, wenn es ihm mËglich gewesen wâ°re, der zauberischen Gewalt der Empfindung, in welche alle Krâ°fte seines Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun. Wir wagen nicht zuviel, wenn wir einen solchen Widerstand in seinen Umstâ°nden f¸r unmËglich erklâ°ren, nachdem er einem Agathon unmËglich gewesen ist. Er ¸berlieï¬ also endlich seine Seele der vollkommensten Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer SchËnheit, welche selbst seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zur¸cke lieï¬; und (was nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses Anschauen erf¸llte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen, unbeschreiblichen Befriedigung, daï¬ er alle W¸nsche, alle Ahnungen einer noch grËï¬ern Gl¸ckseligkeit dar¸ber vergessen zu haben schien. Vermutlich (denn gewiï¬ kËnnen wir hier¸ber nichts entscheiden) w¸rde die SchËnheit des Gegenstands allein, so auï¬erordentlich sie war, diese sonderbare W¸rkung nicht getan haben; allein dieser Gegenstand war seine Geliebte, und dieser Umstand verstâ°rkte die Bewundrung, womit auch die Kaltsinnigsten die SchËnheit ansehen m¸ssen, mit einer Empfindung, welche noch kein Dichter zu beschreiben fâ°hig gewesen ist, so sehr sich auch vermuten lâ°ï¬t, daï¬ sie den mehresten aus Erfahrung bekannt gewesen sein kËnne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren Liebhaber von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen Grazien sogar ¸ber dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des Instinkts, oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr w¸rde in solchen Augenblicken fâ°hig gewesen sein, wie Agathon zu handeln?–Behutsam und mit der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor verrâ°terisch aufgedeckt hatte, wieder ¸ber die schËne Schlafende her, warf sich wieder zu den F¸ï¬en ihres Ruhebettes, und begn¸gte sich, ihre nachlâ°ssig ausgestreckte Hand, aber mit einer Zâ°rtlichkeit, mit einer Entz¸ckung und Sehnsucht an seinen Mund zu dr¸cken, daï¬ eine Bildsâ°ule davon hâ°tte erweckt werden mËgen. Sie muï¬te also endlich erwachen. Und wie hâ°tte sie auch sich dessen lâ°nger erwehren kËnnen, da ihr bisheriger Schlummer w¸rklich nur erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer Neugierigkeit, die in ihrer Verfassung nat¸rlich scheinen kann, sehen wollen, wie ein Agathon bei einer so schl¸pfrigen Gelegenheit sich betragen w¸rde; und dieser letzte Beweis einer vollkommnen Liebe, welche, ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten der Neuheit f¸r sie hatte, r¸hrte sie so sehr, daï¬ sie, von einer ungewohnten und unwiderstehlichen Empfindung ¸berwunden, in einem Augenblick, wo sie zum erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin von ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schËnen Augen auf, Augen die in den woll¸stigen Trâ°nen der Liebe schwammen, und dem entz¸ckten Agathon sein ganzes Gl¸ck auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es das beredteste Liebesgestâ°ndnis hâ°tte tun kËnnen. “O Callias!” (rief sie endlich mit einem Ton der Stimme, der alle Saiten seines Herzens widerhallen machte, indem sie, ihre schËnen Arme um ihn windend, den Gl¸ckseligsten aller Liebhaber an ihren Busen dr¸ckte,) “–was f¸r ein neues Wesen gibst du mir? Genieï¬e, o! genieï¬e, du Liebensw¸rdigster unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Zâ°rtlichkeit, die du mir einflËï¬est.” Und hier, ohne den Leser unnËtiger Weise damit aufzuhalten, was sie ferner sagte, und was er antwortete, ¸berlassen wir den Pinsel einem Correggio, und schleichen uns davon.
Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu spâ°te, daï¬ wir unsern Freund Agathon auf Unkosten seiner schËnen Freundin gerechtfertiget haben. Es ist leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrw¸rdigen und gl¸cklichen Teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und vermutlich Ursache dazu haben) daï¬ sie in â°hnlichen Umstâ°nden sich ganz anders als Danae betragen haben w¸rden. Auch sind wir weit davon entfernt, diese allzuzâ°rtliche Nymphe entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch immer die Liebe ihre Vergehungen zu bemâ°nteln weiï¬. Indessen bitten wir doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis, dieses Kapitel mit einer kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht nicht gefaï¬t gemacht haben, schlieï¬en zu d¸rfen. Diese Damen (mit aller Ehrfurcht die wir ihnen schuldig sind, sei es gesagt) w¸rden sich sehr betr¸gen, wenn sie glaubten, daï¬ wir die Schwachheiten einer so liebensw¸rdigen Kreatur, als die schËne Danae ist, nur darum verraten hâ°tten, damit sie Gelegenheit bekâ°men, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so sehr Neulinge in der Welt, daï¬ wir uns ¸berreden lassen sollten, daï¬ eine jede, welche sich ¸ber das Betragen unsrer Danae â°rgern wird, an ihrer Stelle weiser gewesen wâ°re. Wir wissen sehr wohl, daï¬ nicht alles, was das Geprâ°ge der Tugend f¸hrt, w¸rklich echte und vollhaltige Tugend ist; und daï¬ sechszig Jahre, oder eine Figur, die einen Satyren entwaffnen kËnnte, kein oder sehr wenig Recht geben, sich viel auf eine Tugend zu gut zu tun, welche vielleicht niemand jemals versucht gewesen ist, auf die Probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem Grunde sehr daran, daï¬ diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen, an ihrem Platz einem viel weniger gefâ°hrlichen Versucher als Agathon war, die Augen auskratzen w¸rden: Und wenn sie es auch tâ°ten, so w¸rden wir vielleicht anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische W¸rkung unreizbarer Sinnen, und eines unzâ°rtlichen Herzens, hâ°tte gewesen sein kËnnen. Unser Augenmerk ist bloï¬ auf euch gerichtet, ihr liebreizenden GeschËpfe, denen die Natur die schËnste ihrer Gaben, die Gabe zu gefallen, geschenkt–ihr, welche sie bestimmt hat, uns gl¸cklich zu machen; aber, welche eine einzige kleine Unvorsichtigkeit in Erf¸llung dieser schËnen Bestimmung so leicht in Gefahr setzen kann, durch die schâ°tzbarste eurer Eigenschaften, durch das was die Anlage zu jeder Tugend ist, durch die Zâ°rtlichkeit eures Herzens selbst, ungl¸cklich zu werden: Euch allein w¸nschten wir ¸berreden zu kËnnen, wie gefâ°hrlich jene Einbildung ist, womit euch das Bewuï¬tsein eurer Unschuld schmeichelt, daï¬ es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren Forderungen Grenzen zu setzen. MËchten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir hoffen, die Unschuld und die G¸te des Herzens himmlische Besch¸tzer hat,) mËchten sie ¸ber die eurige wachen! MËchten sie euch zu rechter Zeit warnen, euch einer Zâ°rtlichkeit nicht zu vertrauen, welche, bezaubert von dem groï¬m¸tigen Vergn¸gen, den Gegenstand ihrer Liebe gl¸cklich zu machen, so leicht sich selbst vergessen kann! MËchten sie endlich in jenen Augenblicken, wo das Anschauen der Entz¸ckungen, in die ihr zu setzen fâ°hig seid, eure Klugheit ¸berraschen kËnnte, euch in die Ohren fl¸stern: Daï¬ selbst ein Agathon, weder Verdienst noch Liebe genug hat, um wert zu sein, daï¬ die Befriedigung seiner W¸nsche euch die Ruhe eures Herzens koste.
ZEHENTES KAPITEL
Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie nicht sehr gl¸cklich oder vollkommne Stoiker sind, ¸berschlagen kËnnen
Die schËne Danae war keine von denen, welche das, was sie tun, nur zur Hâ°lfte tun. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, ihren Freund gl¸cklich zu machen, so vollf¸hrte sie es auf eine Art, welche alles was er bisher Vergn¸gen und Wonne genannt hatte, in Schatten und Wolkenbilder verwandelte. Man erinnert sich vermutlich noch, daï¬ eine Art von Vorwitz oder vielmehr ein launischer Einfall, die Macht ihrer Reizungen an unserm Helden zu probieren, anfangs die einzige Triebfeder der Anschlâ°ge war, welche sie auf sein Herz gemacht hatte. Die persËnliche Bekanntschaft belebte dieses Vorhaben durch den Geschmack, den sie an ihm fand; und der tâ°gliche Umgang, die Vorz¸ge Agathons, und, was in den meisten Fâ°llen die Niederlage der weiblichen Tugend wo nicht allein verursacht, doch sehr befËrdert, die ansteckende Kraft, das Sympathetische der verliebten Begeisterung, welcher der gËttliche Plato mit Recht die wundertâ°tigsten Krâ°fte zuschreibt; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt diesen Geschmack in Liebe, aber in die wahreste, zâ°rtlichste und heftigste, welche jemals gewesen ist. Unserm Helden allein war die Ehre aufbehalten (wenn es eine war) ihr eine Art von Liebe einzuflËï¬en, worin sie, ungeachtet alles dessen, was uns von ihrer Geschichte schon entdeckt worden ist, noch so sehr ein Neuling war, als es eine Vestalin in jeder Art von Liebe sein soll. Kurz, er, und er allein, war darzu gemacht, den Widerwillen zu ¸berwinden, den ihr die gemeinen Liebhaber, die schËnen Hyacinthe, diese tâ°ndelnden Gecken, an denen (um uns ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen) die Hâ°lfte ihrer Reizungen verloren ging; gegen alles was die Miene der Liebe trug, einzuflËï¬en angefangen hatten.
Die meisten von derjenigen Klasse der Naturk¸ndiger, welche mit dem Herrn von B¸ffon davorhalten, daï¬ das Physikalische der Liebe das beste davon sei, werden ohne Bedenken eingestehen, daï¬ der Besitz, oder (um unsern Ausdruck genauer nach ihren Ideen zu bestimmen) der Genuï¬ einer so schËnen Frau als Danae war, an sich selbst betrachtet die vollkommenste Art von Vergn¸gungen in sich schlieï¬e, deren unsre Sinnen fâ°hig sind; eine Wahrheit, welche, ungeachtet einer Art von stillschweigender ¸bereinkunft, daï¬ man sie nicht laut gestehen wolle, von allen VËlkern und zu allen Zeiten so allgemein anerkannt worden ist, daï¬ Carneades, Sextus, Cornelius Agrippa, und Bayle selbst sich nicht getrauet haben, sie in Zweifel zu ziehen. Ob wir nun gleich nicht Mut genug besitzen, gegen einen so ehrw¸rdigen Beweis als das einhellige Gef¸hl des ganzen menschlichen Geschlechts abgibt, Ëffentlich zu behaupten, daï¬ diejenigen Vergn¸gungen der Liebe, welche der Seele eigen sind, den Vorzug vor jenen haben: So werden doch nicht wenige mit uns einstimmig sein, daï¬ ein Liebhaber, der selbst eine Seele hat, im Besitz der schËnsten Statue von Fleisch und Blut, die man nur immer finden kann, selbst jene von den neuern Epicurâ°ern so hoch gepriesene Wollust nur in einem sehr unvollkommnen Grade erfahren w¸rde; und daï¬ diese allein von der Empfindung des Herzens jenen wunderbaren Reiz erhalte, welcher immer f¸r unaussprechlich gehalten worden ist, bis Rousseau, der Stoiker, sich herabgelassen, sie in dem f¸nf und vierzigsten der Briefe der neuen Heloise, in einer Vollkommenheit zu schildern, welche sehr deutlich beweist, was f¸r eine begeisternde Kraft die bloï¬e halberloschene Erinnerung an die Erfahrungen seiner gl¸cklichen Jugend ¸ber die Seele des Helvetischen Epictets ausge¸bt haben m¸sse. Ohne Zweifel sind es Liebhaber von dieser Art, Saint Preux und Agathons, welchen es zukËmmt, ¸ber die ber¸hrte Streitfrage einen entscheidenden Ausspruch zu tun; sie, welche durch die Feinheit und Lebhaftigkeit ihres Gef¸hls eben so geschickt gemacht werden, von den physikalischen, als durch die Zâ°rtlichkeit ihres Herzens, oder durch ihren innerlichen Sinn f¸r das sittliche SchËne, von den moralischen Vergn¸gungen der Liebe zu urteilen. Und wie wahr, wie nat¸rlich werden nicht diese jene Stelle finden, die den Verehrern der animalischen Liebe unverstâ°ndlicher ist als eine Hetruscische Aufschrift den Gelehrten,–“O, entziehe mir immer diese berauschenden Entz¸ckungen, f¸r die ich tausend Leben gâ°be!–Gib mir nur das alles wieder was nicht sie, aber tausendmal s¸ï¬er ist als sie”-Die schËne Danae war so sinnreich, so unerschËpflich in der Kunst (wenn man anders dasjenige so nennen kann, was Natur und Liebe allein, und keine ohne die andre geben kann) ihre Gunstbezeugungen zu vervielfâ°ltigen, den innerlichen Wert derselben durch die Annehmlichkeiten der Verzierung zu erhËhen, ihnen immer die frische Bl¸te der Neuheit zu erhalten, und alles EintËnige, alles was die Bezauberung hâ°tte auflËsen, und dem ¸berdruï¬ den Zugang Ëffnen kËnnen, kl¸glich zu entfernen; daï¬ sie oder eine andre ihres gleichen den Herrn von B¸ffon selbst dahin gebracht hâ°tte, seine Gedanken von der Liebe zu â°ndern, welches vielleicht alle Marquisinnen von Paris zusammengenommen nicht von ihm erhalten w¸rden. Diese gl¸ckseligen Liebenden, brauchten, um ihrer Empfindung nach, den GËttern an Wonne gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschmâ°hten itzt alle diese Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre Liebe machte alle ihre Beschâ°ftigungen und alle ihre ErgËtzungen aus: Sie empfanden nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten sich mit nichts anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu sehen, zum erstenmal zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, daï¬ sie sich liebten; und wenn sie von einer MorgenrËte zur andern nichts anders getan hatten, so beklagten sie sich doch ¸ber die Kargheit der Zeit, welche zu einem Leben, das sie zum Besten ihrer Liebe unsterblich gew¸nscht hâ°tten, ihnen Augenblicke f¸r Tage anrechne. “Welch ein Zustand, wenn er dauern kËnnte!”–ruft hier der griechische Autor aus.
EILFTES KAPITEL
Eine bemerkensw¸rdige W¸rkung der Liebe, oder von der Seelenmischung
Ein alter Schriftsteller, den gewiï¬ niemand beschuldigen wird, daï¬ er die Liebe zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen, um allen Verdacht dessen, was materielle Seelen f¸r Platonische Grillen erklâ°ren, von ihm zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich irgendwo eines Ausdrucks, welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, daï¬ er eine verliebte Vermischung der Seelen nicht nur f¸r mËglich, sondern f¸r einen solchen Umstand gehalten habe, der die Geheimnisse der LiebesgËttin nat¸rlicher Weise zu begleiten pflege. Jam alligata mutuo ambitu corpora animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser Oberaufseher der ErgËtzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe zu bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schËner also ausdr¸ckt:
Et transfudimus hinc & hinc labellis Errantes animas- Ob er selbst die ganze Stâ°rke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel Bedeutung beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der meisten Ausleger) sehr wenig bek¸mmert. Genug, daï¬ wir diese Stellen einer Hypothese g¸nstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach, verschiedene Phâ°nomena der Liebe nicht wohl erklâ°ren lassen, und vermËge welcher wir annehmen, daï¬ bei wahren Liebenden, in gewissen Umstâ°nden, nicht (wie einer unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern eine wirkliche Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses mËglich sei zu untersuchen, ¸berlassen wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten, welche sich, in stolzer Muï¬e und seliger Abgeschiedenheit von dem Get¸mmel dieser sublunarischen Welt, mit der n¸tzlichen Spekulation beschâ°ftigen, die Art und Weise ausfindig zu machen, wie dasjenige was w¸rklich ist, ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgebâ°ude, mËglich sein kËnne. F¸r uns ist genug, daï¬ eine durch unzâ°hliche Beispiele bestâ°tigte Erfahrung auï¬er allen Zweifel setzt, daï¬ diejenige Gattung von Liebe, welche Shaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Enthusiasmus macht, und gegen welche Lucrez aus eben diesem Grunde sich mit so vielem Eifer erklâ°rt, solche W¸rkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch jenen Petronischen Ausdruck abgemalt werden kËnnen.
Agathon und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlaï¬ gegeben haben, hatten kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Kalender der Liebe nur vierzehn Augenblicke waren, in diesem gl¸ckseligen Zustande, worin wir sie im vorigen Kapitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung sich in einem solchen Grade bei ihnen â°uï¬erte, daï¬ sie nur von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen. W¸rklich war die Verâ°nderung und der Absatz ihrer gegenwâ°rtigen Art zu sein, mit ihrer vorigen so groï¬, daï¬ weder Alcibiades seine Danae, noch die Priesterin zu Delphi den sprËden und unkËrperlichen Agathon wieder erkannt haben w¸rden. Daï¬ dieser aus einem spekulativen Platoniker ein praktischer Aristipp geworden; daï¬ er eine Philosophie, welche die reinste Gl¸ckseligkeit in Beschauung unsichtbarer SchËnheiten setzt, gegen eine Philosophie, welche sie in angenehmen Empfindungen, und die angenehmen Empfindungen in ihren nâ°chsten Quellen, in der Natur, in unsern Sinnen und in unsern Herzen sucht, vertauschte; daï¬ er von den GËttern und HalbgËttern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und LiebesgËtter beibehielt; daï¬ dieser Agathon, der ehmals von seinen Minuten, von seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, itzt fâ°hig war (wir schâ°men uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in zâ°rtlicher Trunkenheit wegzutâ°ndeln–Alles dieses, so stark der Abfall auch ist, wird dennoch den meisten begreiflich scheinen. Aber daï¬ Danae, welche die SchËnsten und Edelsten von Asien, welche F¸rsten und Satrapen zu ihren F¸ï¬en gesehen hatte, welche gewohnt war, in den schimmerndsten Versammlungen am meisten zu glâ°nzen, einen Hof von allem, was durch Vorz¸ge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der Talente w¸rdig war, nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Daï¬ diese Danae itzt verâ°chtliche Blicke in die groï¬e Welt zur¸ckwarf, und nichts angenehmers fand als die lâ°ndliche Einfalt, nichts schËners als in Hainen herumzuirren, Blumenkrâ°nze f¸r ihren Schâ°fer zu winden, an einer murmelnden Quelle in seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die Welt zu vergessen–daï¬ sie, f¸r welche die Liebe der Empfindung sonst ein unerschËpflicher Gegenstand von witzigen SpËttereien gewesen war, itzt von den zâ°rtlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern Nâ°chten bis zu Trâ°nen ger¸hrt werden–oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten Laube schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in zâ°rtliches Staunen und in den Genuï¬ ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte, ohne daran zu denken, ihn durch einen eigenn¸tzigen Kuï¬ aufzuwecken,–daï¬ diese Sch¸lerin des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts lâ°cherlichers zu finden, als die Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese s¸ï¬en Trâ°ume von bessern Welten, in welche sich empfindliche Seelen so gerne zu wiegen pflegen–daï¬ sie itzt, beim dâ°mmernden Schein des Monds, an Agathons Seite auf Blumen hingegossen, schon entkËrpert zu sein, schon in den seligen Tâ°lern des Elysiums zu schweben glaubte–mitten aus den berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Grâ°bern und Urnen verlieren, dann ihren Geliebten zâ°rtlicher an ihre Brust dr¸ckend den gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der Unsterblichen, von unvergâ°nglichen SchËnheiten und himmlischen Welten phantasieren konnte, und, von den W¸nschen ihrer grenzenlosen Liebe getâ°uscht, in der Hoffnung einer immerwâ°hrenden Dauer itzt so wenig Ausschweifendes fand, daï¬ ihr kein Gedanke nat¸rlicher, keine Hoffnung gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke der Liebe, und Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agathons, nur jene Vermischung der Seelen, durch welche ihrer beider Denkungsart, Ideen, Geschmack und Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von beiden bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir unsern Lesern zu entscheiden ¸berlassen, von denen der zâ°rtlichere Teil vielleicht der schËnen Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses, deucht uns, wird niemand so roh oder so stoisch sein zu leugnen, daï¬ sie gl¸cklich waren–felices errore suo–gl¸cklich in dieser s¸ï¬en BetËrung, welcher, um dasjenige zu sein, was die Weisen schon so lange gesucht und nie gefunden haben, nichts abgeht, als daï¬ sie (wie der griechische Autor hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer wâ°hren kann.
SECHSTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Ein Besuch des Hippias
Zufâ°llige Ursachen hatten es so gef¸get, daï¬ Hippias sich auf einiche Wochen von Smirna hatte entfernen m¸ssen, und daï¬ die Zeit seiner Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden und der schËnen Danae den â°uï¬ersten Punkt ihrer HËhe erreichte. Dieser Umstand hatte sie gâ°nzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum Vorteil der Liebe und des Vergn¸gens so wohl anzuwenden wuï¬ten. Keiner von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erk¸hnt, ihre Einsamkeit zu stËren; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft gestanden war, hatten zu gutem Gl¸ck alle mit ihren eignen Angelegenheiten so viel zu tun, daï¬ sie keine Zeit behielten, sich um Fremde zu bek¸mmern. Zudem war ihr Aufenthalt auf dem Lande nichts ungewËhnliches, und der allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der Vergn¸gungen allzug¸nstig, als daï¬ eine Danae (von der man ohnehin keine vestalische Tugend foderte) ¸ber die ihrigen, wenn sie auch bekannt gewesen wâ°ren, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt hâ°tte.
Allein Hippias war kaum von seiner Reise zur¸ckgekommen, so lieï¬ er eine seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit, worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das vorz¸gliche Recht, sie auch alsdann zu ¸berraschen, wenn sie sonst f¸r niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem Landgute; und hier brauchte er nur einen Blick auf unsre Liebende zu werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zur¸ckhaltung, eine Art von schamhafter Sch¸chternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter Aspasiens fast lâ°cherlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die Augen fiel. Wahre Liebe (wie man lâ°ngst beobachtet hat) ist eben so sorgfâ°ltig ihre Gl¸ckseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe, welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die vornehmste Ursache einer Zur¸ckhaltung, welche unsre Liebenden, aller angewandten M¸he ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht entziehen konnten. Das Bewuï¬tsein der Verwandlung, welche sie erlitten hatten; die Furcht vor dem komischen Ansehen, welches sie ihnen in den Augen des Sophisten geben mËchte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie die mutwilligen Ergieï¬ungen bei jedem Blicke, bei jedem Lâ°cheln erwarteten; dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdrieï¬liches gab, welches von einem jeden andern als Hippias f¸r ein Zeichen, daï¬ seine Gegenwart unangenehm sei, hâ°tte aufgenommen werden m¸ssen. Allein dieser nahm es f¸r das auf, was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wuï¬te, so schien er so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und Sorglosen so nat¸rlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend gleichg¸ltigen Dingen zu schwatzen, und wuï¬te dem Gesprâ°ch einen so freien Schwung von Munterkeit zu geben, daï¬ sie alle erforderliche Zeit gewannen, sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen. Wenn Agathon hiedurch so sehr beruhigst wurde, daï¬ er w¸rklich hoffte, sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner Seele zu lesen; sie sah wohl, daï¬ es zu einer ErËrterung mit ihm kommen m¸sse, und war nur dar¸ber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, daï¬ sie, ¸ber der Bem¸hung den Charakter des Agathons umzubilden, ihren eignen oder doch einen guten Teil davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken hatte sie sich in den Stunden der gewËhnlichen Mittagsruhe beschâ°ftiget, und war noch nicht recht mit sich selbst einig, wie weit sie sich dem Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer trat, und mit der vertraulichen Freim¸tigkeit eines alten Freundes ihr entdeckte, daï¬ es die Neugier ¸ber den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei, was ihn so bald nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. “Die Gl¸ckseligkeit des Callias” (setzte er hinzu) “schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus seinem ganzen Betragen hervor, schËne Danae, als daï¬ ich durch ¸berfl¸ssige Fragst¸cke das reizende Inkarnat dieser liebensw¸rdigen Wangen zu erhËhen suchen sollte. Und findest du ihn also der M¸he w¸rdig, die du auf seine Bekehrung ohne Zweifel verwenden muï¬test?” “Der M¸he?” sagte Danae lâ°chelnd; “ich schwËre dir, daï¬ mir in meinem Leben keine M¸he so leicht geworden ist, als mich von dem liebensw¸rdigsten Sterblichen, den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen. Denn das war doch alle M¸he -” “Nicht ganz und gar”, (unterbrach sie Hippias) “wenn du so aufrichtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gemâ°ï¬ ist. Ich bin gewiï¬, daï¬ er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war; und die Verâ°nderung, die ich an ihm wahrnehme ist so groï¬, verbreitet sich so sehr ¸ber seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, daï¬ Danae selbst, auf deren Lippen die ¸berredung wohnt, mich nicht ¸berreden soll, daï¬ eine solche Seelenwandlung im Schlafe vorgehen kËnne. Keine Zur¸ckhaltungen, schËne Danae, die W¸rkungen zeugen von ihren Ursachen; ein groï¬es Werk setzt groï¬e Anstalten voraus; wenn ein Callias dahin gebracht wird, daï¬ er wie ein Liebling der Venus herausgeputzt ist, daï¬ er mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der Speisen und dem Geschmack der Weine urteilt; daï¬ er die woll¸stigsten Lâ°ufe eines in Liebe schmelzenden Liedes mit entz¸cktem Hâ°ndeklatschen wiederholen heiï¬t, und sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverh¸lltem Busen eben so gleichg¸ltig reichen lâ°ï¬t, als er sich in die weichen Polster eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt–wahrhaftig, schËne Danae, das nenn ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ich keiner von allen unsterblichen GËttinnen zugetraut hâ°tte.” “Ich weiï¬ nicht, was du damit sagen willst”, erwiderte Danae mit einer angenommenen Zerstreuung; “mich deucht nichts nat¸rlichers, als alles, wor¸ber du dich so verwundert stellst; und gesetzt, daï¬ du dich in deinem Urteil von Callias betrogen hâ°ttest, ist es seine Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, so kann nichts unâ°hnlichers sein, als wie du ihn mir abgeschildert und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest mich einen Pedantischen Toren, den Gegenstand einer KomËdie erwarten, und ich wiederhole es, du magst ¸ber mich lachen so lange du willt, Alcibiades selbst im Fr¸hling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebensw¸rdiger als derjenige, den du mir f¸r ein komisches Mittelding von einem Phantasten und von einer Bildsâ°ule gegeben hast. Wenn eine Verschiedenheit zwischen Agathon und den Besten ist, f¸r welche ich ehmals aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gefâ°lligkeiten gehabt habe, so ist sie gâ°nzlich zu seinem Vorteil; so ist es, daï¬ er edler, aufrichtiger, zâ°rtlicher ist, daï¬ er mich liebet, da jene nur sich selbst in mir liebten; daï¬ ihn mein Vergn¸gen gl¸cklicher macht als sein eignes; daï¬ er das groï¬m¸tigste und erkenntlichste Herz mit den glâ°nzendesten Vorz¸gen des Geistes, mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt. “–“Welch ein Strom von Beredsamkeit”, rief Hippias mit dem Lâ°cheln eines Fauns aus; “du sprichst nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich machen m¸ï¬test; und wenn habe ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich ihn nicht als liebensw¸rdig? Sagt’ ich dir nicht, daï¬ er dir die Hyacinthe, und alle diese artigen gaukelnden SommervËgel unertrâ°glich machen w¸rde? Aber wir wollen uns nicht zanken, schËne Danae. Ich sehe, daï¬ Amor hier mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er sollte dir nur helfen, den Agathon zu unterwerfen; aber der ¸berm¸tige kleine Bube hat es f¸r eine grËï¬ere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese Danae, welche bisher mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae -” “Ja”, (fiel sie ihm lebhaft ein) “ich bekenne, daï¬ ich liebe wie ich nie geliebt habe; daï¬ alles was ich sonst Gl¸ckseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, daï¬ ich fâ°hig wâ°re, alles was ich besitze, alle ErgËtzlichkeiten von Smirna, alle Anspr¸che an Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze Welt voll Liebhaber wie eine Nuï¬schale hinzuwerfen, um mit Callias in einer mit Stroh bedeckten H¸tte zu leben, und mit diesen Hâ°nden, welche nicht zu weiï¬ und zâ°rtlich dazu sein sollten, die Milch zuzubereiten, die ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich sie ihm reichte, lieblicher schmecken w¸rde, als Nektar aus den Hâ°nden der LiebesgËttin.”
“O, das ist was anders”, rief Hippias, der sich nun nicht lâ°nger halten konnte, in ein lautes Gelâ°chter auszubrechen; “wenn Danae aus diesem Tone spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber”, fuhr er fort, nachdem er sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte; “in der Tat, schËne Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist ernsthafter als ich beim ersten Anblick dachte, und ich besorge nun in ganzem Ernste, daï¬ Callias, so sehr er dich anzubeten scheint, nicht Liebe genug haben mËchte, die deinige zu erwidern.” “Ich erlasse dem Hippias diese Sorge”, sagte Danae mit einem spËttischen Lâ°cheln, welches ihr sehr reizend lieï¬; “das soll meine Sorge sein; und mich deucht, Hippias, welcher ein so groï¬er Meister ist, von den W¸rkungen auf die Ursachen zu schlieï¬en, sollte ganz ruhig dar¸ber sein kËnnen, daï¬ sich Danae nicht wie ein vierzehnjâ°hriges Mâ°dchen fangen lâ°ï¬t.” “Die GËtter der Liebe und Freude verh¸ten, daï¬ meine Worte einen ¸belweissagenden Sinn in sich fassen”, erwiderte Hippias! “Du liebest, schËne Danae; du wirst geliebt; kein w¸rdigers Paar gl¸cklich zu sein, kein geschickteres sich gl¸cklich zu machen, hat Amor nie vereiniget. ErschËpfet alles, was die Liebe reizendes hat! Trinket immer neue Entz¸ckungen aus ihrem nektarischen Becher; und mËge die neidenswerte Bezauberung so lang als euer Leben dauern!”
ZWEITES KAPITEL
Eine Probe von den Talenten eines Liebhabers
In einem so freundschaftlichen und schwâ°rmerischen Ton stimmte der gefâ°llige Sophist seine Sprache um, als Agathon hereintrat, und ihnen einen Spaziergang in die Gâ°rten vorschlug, worin er sich das Vergn¸gen machen wollte, sie mit einer in geheim veranstalteten ErgËtzung zu ¸berraschen. Man lieï¬ sich den Vorschlag gefallen, und nachdem Hippias eine Reihe von neuen Gemâ°lden, womit die Galerie vermehrt worden war, gesehen hatte, begab man sich in den Garten, in welchem, nach Persischem Geschmack, groï¬e Blumenst¸cke, Spaziergâ°nge von hohen Bâ°umen, kleine Weiher, k¸nstliche Wildnisse, Lauben und Grotten in anmutiger Unordnung unter einander geworfen schienen. Das Gesprâ°ch ward itzt wieder gleichg¸ltig, und Hippias wuï¬te es so zu lenken, daï¬ Agathon unvermerkt veranlaï¬t wurde, die neue Wendung, welche seine Einbildungskraft bekommen hatte, auf hundertfâ°ltige Art zu verraten. Inzwischen neigte sich die Sonne, als sie beim Eintritt in einen kleinen Wald von Myrten–und Zitronenbâ°umen, an welchen die Kunst keine Hand angelegt zu haben schien, von einem versteckten Konzert, welches alle Arten von SingvËgel nachahmte, empfangen wurden. Aus jedem Zweig, aus jedem Blatte schien eine besondere Stimme hervorzugehen; so volltËnig war diese Musik, in welcher die Nachahmung der kunstlosen Natur in der scheinbaren Unregelmâ°ï¬igkeit phantasierender TËne, die lieblichste Harmonie hervorbrachte, die man jemals gehËrt hatte. Die Dâ°mmerung des heitersten Abends, und die eigne Anmut des Orts vereinigten sich damit, um diesem Lusthain die Gestalt der Bezauberung zu geben. Danae, welche seit wenigen Wochen eine ganz neue Empfindlichkeit f¸r das SchËne der Natur und die Vergn¸gungen der Einbildungskraft bekommen hatte, sahe ihren sich ganz unwissend stellenden Liebling mit Augen an, welche ihm sagten, daï¬ nur die Gegenwart des Hippias sie verhindere, ihre schËnen Arme um seinen Hals zu werfen: als unversehens eine Anzahl von kleinen LiebesgËttern und Faunen aus dem Hain hervorh¸pfte; jene von flatterndem Silberflor, der mit nachgeahmten Rosen durchw¸rkt war, leicht bedeckt; diese nackend, auï¬er daï¬ ein Efeukranz, mit gelben Rosen durchflochten, ihre milchweiï¬en H¸ften sch¸tzten, und um die kleinen verguldeten HËrner sich schlangen, die aus ihren schwarzen kurzlockichten Haaren hervorstachen. Alle diese kleine Genii streuten aus zierlichen KËrbchen von Silberdraht die schËnsten Blumen vor Danae her, und f¸hrten sie tanzend in die Mitte des Wâ°ldchens, wo Geb¸sche von Jasminen, Rosen und Acacia eine Art von halbzirkelndem Amphitheater machten, unter welchem ein zierlicher Thron von Laubwerk und Blumenkrâ°nzen f¸r die schËne Danae bereitet stand. Nachdem sie sich hier gesetzt hatte, breiteten die LiebesgËtter einen Persischen Teppich vor ihr aus, indem von den kleinen Faunen einige beschâ°ftigt waren, den Boden mit goldnen und kristallenen Trinkschalen von allerlei niedlichen Formen zu besetzen, andre unter der Last voller Schlâ°uche mit possierlichen Gebâ°rden herbeigekrochen kamen, und im Vorbeigehen den weisen Hippias durch hundert mutwillige Spiele neckten. Auf einmal schlupften die Grazien hinter einer Myrtenhecke hervor, drei jugendliche Schwestern, deren halbaufgebl¸hte SchËnheit ein leichtes GewËlk von Gase mehr zu entwickeln als zu verh¸llen eifers¸chtig schien. Sie umgaben ihre Gebieterin, und indem die erste einen frischen Blumenkranz um ihre schËne Stirne wand, reichten ihr die beiden andern kniend in goldnen Schalen die auserlesensten Fr¸chte und Erfrischungen dar; indes die Faunen den Hippias mit Efeu krâ°nzten, und wohlriechende Salben ¸ber seine Glatze und seinen halbgrauen Bart heruntergossen. Beide bezeugten ihr Vergn¸gen ¸ber dieses kleine Schauspiel, welches das lachendste Gemâ°lde von der Welt machte; als eine zâ°rtliche Symphonie von FlËten aus der Luft, wie es schien, herabtËnend, die Augen zu einer neuen Erscheinung aufmerksam machte. Die LiebesgËtter, die Faunen und die Grazien waren indes verschwunden, und es Ëffnete sich der Danae gegen¸ber die waldichte Szene, um den Liebesgott darzustellen, auf einem goldnen GewËlke sitzend, welches ¸ber den Rosenb¸schen von Zephyren emporgehalten wurde. Ein schalkhaftes Lâ°cheln, das sein liebliches Gesicht umscherzte, schien die Herzen zu warnen, sich von der tâ°ndelnden Unschuld dieses schËnen GËtterknabens nicht sorglos machen zu lassen. Er sang mit lieblicher Stimme, und der Inhalt seines Gesangs dr¸ckte seine Freude aus, daï¬ er endlich eine bequeme Gelegenheit gefunden habe, sich an der schËnen Danae zu râ°chen. “Gleich der LiebesgËttin, meiner Mutter” (sang er) “herrscht sie unumschrâ°nkt ¸ber die Herzen, und haucht allgemeine Liebe umher: Von ihren Blicken beseelt, wendet ihr die Natur, als ihrer GËttin, sich zu; verschËnert, wenn sie lâ°chelt, traurig und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen stehn die Altâ°re zu Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen; und indem ihre siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und entz¸cken, lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner Brust der Macht, vor welcher GËtter zittern: Aber nicht lâ°nger soll sie trotzen; hier ist der schâ°rfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu spalten, und die kâ°lteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen. Zittre, ungewahrsame SchËne! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter râ°chen! Tiefseufzend sollst du auffahren, wie ein junges Reh auffâ°hrt, das unter Rosen schlummernd den gefl¸gelten Pfeil des Jâ°gers f¸hlt; schmerzenvoll und trostlos sollst du in einsamen Hainen irren, und auf Ëden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit deinen Trâ°nen mehren.”
So sang er und spannte boshaft-lâ°chelnd den Bogen; schon war der Pfeil angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er plËtzlich mit einem lauten Schrei zur¸ckfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den Bogen von sich warf, und mit zâ°rtlich sch¸chterner Gebâ°rde auf die schËne Danae zuflatterte. “O GËttin, vergib”, (sang er, indem er bittend ihre Knie umfaï¬te) “vergib, vergib, schËne Mutter, dem Irrtum meiner Augen! wie leicht war es zu irren? Ich sahe dich f¸r Danae an.”
In dem nâ°mlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die Grazien, die LiebesgËtter und die kleinen Faunen wieder, und endigten diese Szene mit Tâ°nzen und Gesâ°ngen, zum Preis derjenigen, welche auf eine so schmeichelhafte Art zur GËttin der SchËnheit und der Liebe erklâ°rt worden war. Dieses ¸berraschende Kompliment, welches damals noch den Reiz der Neuheit hatte, weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler neuern Poeten verschwendet worden war, schien ihr Vergn¸gen zu machen; und der doppelt belustigte Hippias gestand, daï¬ sein junger Freund einen sehr guten Gebrauch von seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe. “Dachte ich nicht, Callias”, sagte er leise zu ihm, indem er ihn auf die Schultern klopfte, “daï¬ ein Monat unter den Augen der schËnen Danae dich von den Vorurteilen heilen w¸rde, womit du gegen Grundsâ°tze eingenommen warest, die du bereits so meisterhaft auszu¸ben gelernt hast.”
Der ¸brige Teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in Smirna sein muï¬te, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als einem Weisen glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.
Agathon hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man wird es dieser Dame zu gut halten kËnnen, daï¬ sie die Aufrichtigkeit ihres Berichts nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie sich von dem Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so weit von der Anlage des ersten Plans entfernt gewesen war. Die zâ°rtlichste und vertrauteste Liebe verhindert nicht, daï¬ man sich nicht kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei deren Entdeckung die Eigenliebe ihre Rechnung nicht finden w¸rde. Sie begn¸gte sich also ihm zu sagen, daï¬ Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie versichert habe, daï¬ er ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher gewesen; es hâ°tte sie bed¸nkt, daï¬ er mehr damit sagen wollen, als seine Worte an sich selbst gesagt hâ°tten; sie hâ°tte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache hâ°tte, eine Achtung zu verbergen, welche man den persËnlichen Verdiensten des Callias nicht versagen kËnne; im ¸brigen hâ°tte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der Zeit, welche das Andenken seiner Ungl¸cksfâ°lle schwâ°che, und der vollkommnern Freiheit geschrieben, die er in ihrem Hause hâ°tte. Agathon lieï¬ sich durch diese Erzâ°hlung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine Einbildungskraft gewohnt war, ihn immer weiter zu f¸hren, als er im Sinne hatte zu gehen, so f¸hlte er sich, nachdem sie eine Zeitlang von dieser Materie gesprochen hatten, so mutig, daï¬ er sich vornahm den Scherzen des Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte ¸ber seine Freundschaft mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten; eine Entschlieï¬ung, welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr Unverschâ°mtheit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agathon jemals geben konnte.
DRITTES KAPITEL
Konvulsivische Bewegungen der wiederauflebenden Tugend
Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein Fest, welches er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der schËnen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so erschienen sie auf den bestimmten Tag, und Agathon brachte eine Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hoffnung machte, daï¬ er sich so gut halten w¸rde, als es die Anfâ°lle, die er von der Schalkhaftigkeit des Sophisten erwartete, nur immer erfordern kËnnten. Hippias hatte nichts vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte; und nach demjenigen, was im zweiten Buch von den Grundsâ°tzen, der Lebensart und den Reicht¸mern dieses Mannes gemeldet worden, kËnnen unsre Leser sich so viel davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, daï¬ wir sie durch ¸berfl¸ssige Beschreibungen von den wichtigern Gegenstâ°nden, die wir vor uns haben, aufhalten w¸rden.
Agathon hatte ¸ber der Tafel die Rolle eines witzigen Kopfs so gut gespielt; er hatte so fein und so lebhaft gescherzt, und bei Gelegenheiten die Ideen, wovon seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich verraten; daï¬ Hippias sich nicht enthalten konnte, ihm in einem Augenblick, wo sie allein waren, seine ganze Freude dar¸ber auszudr¸cken. “Ich bin erfreut, Callias” (sagte er zu ihm) “daï¬ du, wie ich sehe, einer von den Unsrigen worden bist. Du rechtfertigest die gute Meinung vollkommen, die ich beim ersten Anblick von dir faï¬te; ich sagte immer, daï¬ einer so feurigen Seele wie die deinige, nur wirkliche Gegenstâ°nde mangelten, um ohne M¸he von den Schimâ°ren zur¸ckzukommen, woran du vor einigen Wochen noch so stark zu hâ°ngen schienest.” Zum Gl¸ck f¸r den guten Agathon rettete ihn die Darzwischenkunft einiger Personen von der Gesellschaft, mitten in der Antwort, die er zu stottern angefangen hatte; aber aus der Unruhe, welche diese wenige Worte des Sophisten in sein Gem¸t geworfen hatten, konnte ihn nichts retten.
Alle M¸he, die er anstrengte, alle Zeitk¸rzungen, wovon er sich umgeben sah, waren zu schwach ihn wieder aus einer Verwirrung herauszuziehen, welche sogar durch den Anblick der schËnen Danae vermehrt wurde. Er muï¬te einen Anstoï¬ von ¸belkeit vorsch¸tzen, um sich eine Zeitlang aus der Gesellschaft wegzubegeben, um in einem entlegnen Cabinet den Gedanken nachzuhâ°ngen, deren auf einmal daherst¸rmende Menge ihm eine Weile alles VermËgen benahm, einen von dem andern zu unterscheiden. Endlich faï¬te er sich doch so weit, daï¬ er seinem beklemmten Herzen durch dieses oft abgebrochene Selbstgesprâ°ch Luft machen konnte: “Wie?–‘Ich bin erfreut, daï¬ du einer von den Unsrigen geworden?’–Ists mËglich? Einer von den Seinigen?–Dem Hippias â°hnlich?–Ihm, dessen Grundsâ°tze, dessen Leben, dessen vermeinte Weisheit mir vor kurzem noch so viel Abscheu einflËï¬ten?–Und die Verwandlung ist so groï¬, daï¬ sie ihm keinen Zweifel ¸brig lâ°ï¬t? G¸tige GËtter! Wo ist euer Agathon?–Ach! es ist mehr als zu gewiï¬, daï¬ ich nicht mehr ich selbst bin!–Wie? sind mir nicht alle Gegenstâ°nde dieses Hauses, von denen meine Seele sich ehmals mit Ekel und Grauen wegwandte, gleichg¸ltig oder gar angenehm worden? Diese ¸ppigen Gemâ°lde–diese schl¸pfrigen Nymphen–diese Gesprâ°che, worin alles, was dem Menschen groï¬ und ehrw¸rdig sein soll, in ein komisches Licht gestellt wird–diese Verschwendung der Zeit–diese m¸hsam ausgesonnenen und ¸ber die Forderung der Natur getriebenen ErgËtzungen–Himmel! wo bin ich? An was f¸r einem jâ°hen Abhang find ich mich selbst–welch einen Abgrund unter mir–O Danae, Danae!–“hier hielt er inn, um den trostvollen Einfl¸ssen Raum zu lassen, welche dieser Name und die zauberischen Bilder, so er mit sich brachte, ¸ber seine sich selbst quâ°lende Seele ausbreiteten. Mit einem schleunigen ¸bergang von Schwermut zu Entz¸ckung, durchflog sie itzt alle diese Szenen von Liebe und Gl¸ckseligkeit, welche ihr die letztverfloï¬nen Tage zu Augenblicken gemacht hatten; und von diesen Erinnerungen mit einer innigen Wollust durchstrËmt, konnte sie oder wollte sie vielmehr den Gedanken nicht ertragen, daï¬ sie in einem so beneidensw¸rdigen Zustand unter sich selbst heruntergesunken sein kËnne. “GËttliche Danae”, rief der arme Kranke in einem verdoppelten Anstoï¬ des wiederkehrenden Taumels aus; “wie? Kann es ein Verbrechen sein, das Vollkommenste unter allen GeschËpfen zu lieben? Ist es ein Verbrechen gl¸cklich zu sein?”–In diesem Ton fuhr Amor, (welchen Plato sehr richtig den grËï¬ten unter allen Sophisten nennt) desto ungehinderter fort ihm zuzureden, da ihm die Eigenliebe zu Hilfe kam, und seine Sache zu der ihrigen machte. Denn was ist unangenehmers, als sich selbst zugleich anklagen und verurteilen m¸ssen? Und wie gerne hËren wir die Stimme der sich selbst verteidigenden Leidenschaft? Wie gr¸ndlich finden wir jedes Blendwerk, womit sie die richterliche Vernunft zu einem falschen Ausspruch zu verleiten sucht? Agathon hËrte diese betriegliche Apologistin so gerne, daï¬ es ihr gelang, sein Gem¸te wieder zu besâ°nftigen. Er schmeichelte sich, daï¬ ungeachtet einer Verâ°nderung seiner Denkungsart, die er sich selbst f¸r eine Verbesserung zu geben suchte, der Unterscheid zwischen ihm und Hippias noch so groï¬, so wesentlich sei als jemals. Er verbarg seine schwache Seite hinter die Tugenden, deren er sich bewuï¬t zu sein glaubte; und beruhigte sich endlich vËllig mit einem idealischen Entwurf eines seinen eignen Grundsâ°tzen gemâ°ï¬en Lebens, zu welchem er seine geliebte Danae schon genug vorbereitet glaubte, um ihr selbigen ohne lâ°ngern Aufschub vorzulegen. Er kehrte nunmehr, nachdem er ungefâ°hr eine Stunde allein gewesen war, mit einem so aufgeheiterten Gesicht zur Gesellschaft, welche sich in einem Saale des Gartens versammelt hatte, zur¸ck, daï¬ Danae und Hippias selbst sich bereden lieï¬en, seinen vorigen Anstoï¬ einer vor¸bergehenden ¸belkeit zuzuschreiben. ErgËtzlichkeiten folgten itzt auf ErgËtzlichkeiten so dicht aneinander, und so mannigfaltig, daï¬ die ¸berladene Seele keine Zeit behielt sich Rechenschaft von ihren Empfindungen zu geben; und nach Gewohnheit des Landes wurde die ganze Nacht bis zum Anbruch der MorgenrËte in brausenden Vergn¸gungen hingebracht. Die Gegenwart der liebensw¸rdigen Danae w¸rkte mit ihrer ganzen magischen Kraft auf unsern Helden, ohne verhindern zu kËnnen, daï¬ er von Zeit zu Zeit in eine Zerstreuung fiel, aus welcher sie ihn, sobald sie es gewahr wurde, zu ziehen bem¸ht war. Die Gegenstâ°nde, welche seinen sittlichen Geschmack ehmals beleidigst hatten, waren hier zu hâ°ufig, als daï¬ nicht mitten unter den fl¸chtigen Vergn¸gungen, womit sie gleichsam ¸ber die Oberflâ°che seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes Gef¸hl seiner Erniedrigung seine Wangen mit SchamrËte vor sich selbst, dem Vorboten der wiederkehrenden Tugend, hâ°tte ¸berziehen sollen.
Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit Hippias seine grËï¬tenteils vom Bacchus gl¸henden Gâ°ste noch eine geraume Zeit nach Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die Tâ°nzerin, ein schËnes Mâ°dchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den Geheimnissen von Cythere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda. Dieses ber¸chtigte Meisterst¸ck der eben so vollkommnen als ¸ppigen Tanzkunst der Alten, von dessen W¸rkungen Juvenal in einer von seinen Satyren ein so z¸gelloses Gemâ°lde macht. Hippias und die meisten seiner Gâ°ste bezeugten ein unmâ°ï¬iges Vergn¸gen ¸ber die Art, wie seine Tâ°nzerin diese schl¸pfrige Geschichte nach der woll¸stigen Modulation zwoer FlËten, allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Szene zu Szene bis zur Entwicklung fortzuwinden wuï¬te.–Zeuxes, und Homer selbst, riefen sie, konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als die Tâ°nzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu haben, daï¬ sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber Agathon konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den innerlichen Grauen, womit sein Gem¸t dabei erf¸llt wurde, kaum in sich selbst verschlieï¬en. Er wollte w¸rklich etwas sagen, welches allerdings in der Gesellschaft, worin er war, ¸bel angebracht gewesen wâ°re; als ein beschâ°mter Blick auf sich selbst, und vielleicht die Furcht belacht zu werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer allzuscharfen Rache zu reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil doch die ersten Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen gezwungenen Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schËne Danae bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen; und sein Unwille ergoï¬ sich wâ°hrend daï¬ sie nach Hause fuhren, in eine scharfe Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so lange dauerte, bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der Danae anlangten, um die von ErgËtzungen abgemattete Natur zu derjenigen Zeit, welche zu den Geschâ°ften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und Schlummer wiederherzustellen.
VIERTES KAPITEL
Daï¬ Trâ°ume nicht allemal Schâ°ume sind
Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der vortreffliche Prâ°sident von Montesquieu als einen Verlust f¸r das menschliche Geschlecht ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine groï¬e Meinung von der Natur und Bestimmung der Trâ°ume. Sie trieben es so weit, daï¬ sie sich die M¸he gaben, eben so groï¬e B¸cher ¸ber diese Materie zu schreiben, als diejenigen, womit die gelehrte Welt noch in unsern Tagen, von einigen weisen MËnchen ¸ber die erhabne Kunst, die Gespenster zu pr¸fen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten die Trâ°ume in mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime Bedeutungen an, gaben den Schl¸ssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten derselben ganz zuversichtlich dem Einfluï¬ derjenigen Geister zuzuschreiben, womit sie alle Teile der Natur reichlich bevËlkert hatten. In der Tat scheinen sie sich in diesem St¸ck lediglich nach einem allgemeinen Glauben, der sich von je her unter allen VËlkern und Zeiten erhalten hat, gerichtet, und dasjenige in die Form einer schluï¬fËrmigen Theorie gebracht zu haben, was bei ihren Groï¬m¸ttern ein sehr unsichers Gemische von Tradition, Einbildung und BlËdigkeit des Geistes gewesen sein mËchte. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiï¬, daï¬ wir zuweilen Trâ°ume haben, in denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf unsre vergangne und gegenwâ°rtige Umstâ°nde, wiewohl allezeit mit einem kleinen Zusatz von Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; daï¬ wir uns um jener Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Trâ°ume von dieser Art den Geistern auï¬er uns, oder, wie die Pythagorâ°er taten, einer gewissen prophetischen Kraft und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter dem tiefen Schlummer der Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln: So sinnreiche AuflËsungen ¸berlassen wir denjenigen, welche zum Besitz jener von Lucrez so enthusiastisch gepriesenen Gl¸ckseligkeit, die Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern Maï¬e gelangt sind als wir. Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den guten Rat unsrer Amme nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Gl¸ck ihrer einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anf¸hrung einer langen Reihe von Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und Fingerzeige der Trâ°ume ja nicht f¸r gleichg¸ltig anzusehen.
Agathon hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen Gedanken und Gem¸tsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum, den wir mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen zâ°hlen kËnnen, durch welche groï¬e Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn erzâ°hlen, wie wir ihn in unsrer Urkunde finden, und dem Leser ¸berlassen, was er davon urteilen will. Ihn deuchte also, daï¬ er in einer Gesellschaft von Nymphen und LiebesgËttern auf einer anmutigen Ebne sich erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem Lâ°cheln reichte sie ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nektars, welchen er an ihren Blicken hangend mit woll¸stigen Z¸gen hinunterschl¸rfte. Auf einmal fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von s¸ï¬en D¸ften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen, und tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie Seifenblasen eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel tanzte und h¸pfte er eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und seine ganze frËhliche Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte; und da er die Augen aufschlug, sah er sich an der Spitze eines jâ°hen Felsens, unter welchem ein reiï¬ender Strom seine sprudelnden Wellen fortwâ°lzte. Gegen ihm ¸ber, auf dem andern Ufer des Flusses, stand Psyche; ein schneeweiï¬es Gewand floï¬ zu ihren F¸ï¬en herab; ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf ihn, die ihm das Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, st¸rzte er sich in den Fluï¬ hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hin¸ber, und eilte, sich seiner Psyche zu F¸ï¬en zu werfen. Aber sie entschl¸pfte wie ein Schatten vor ihm her, ohne daï¬ sie aufhËrte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht war traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen T¸rme und die heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu unterscheiden glaubte. Trâ°nen liefen bei diesem Anblick ¸ber seine Wangen herab; er streckte seine Arme, flehend, und von unaussprechlichen Empfindungen beklemmt, nach der geliebten Psyche aus; aber sie floh eilends von ihm weg, einer Bildsâ°ule der Tugend zu, welche unter den Tr¸mmern eines verfallnen Tempels, einsam und unversehrt, in majestâ°tischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche umarmte diese Bildsâ°ule, warf noch einen tiefsinnigen Blick auf ihn und verschwand. Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plËtzlich in einem tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich herauszuarbeiten, war so heftig, daï¬ er daran erwachte.
Ein Strom von Trâ°nen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die erste W¸rkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zur¸cklieï¬. Er weinte so lange und so heftig, daï¬ sein Hauptk¸ssen ganz davon durchnetzt wurde. “Ach Psyche! Psyche!” rief er von Zeit zu Zeit aus, indem er seine gerungenen Arme wie nach ihrem Bilde ausstreckte; und dann brach eine neue Flut aus seinen schwellenden Augen. “Wo bin ich”, rief er wiederum aus, und sah sich um, als ob er best¸rzt wâ°re, sich in einem mit Persischen Tapeten behangnen, und von tausend Kostbarkeiten schimmernden Zimmer auf dem weichsten Ruhebette liegend zu finden–“O Psyche–was ist aus deinem Agathon worden?–O ungl¸cklicher Tag, an dem mich die verhaï¬ten Râ°uber deinem Arm entrissen!”–Unter solchen Vorstellungen und Ausrufungen stund er auf; ging in heftiger Bewegung auf und nieder, warf sich abermal auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und mit zu Boden starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen. Endlich raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die Gâ°rten herab, um in dem einsamsten Teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er nËtig hatte, ¸ber seinen Traum, seinen gegenwâ°rtigen Zustand und die Entschlieï¬ungen, die er zu fassen habe, nachdenken zu kËnnen. Unter allen Bildern, welche der Traum in seinem Gem¸te zur¸ckgelassen hatte, r¸hrte ihn keines lebhafter als die Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem Gesicht auf den Tempel und die Haine von Delphi wies–die geheiligten Ërter, wo sie einander zuerst gesehen, wo sie so oft sich eine ewige Liebe geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich geliebt hatten, wie sich im hohen Olymp die UnverkËrperten lieben.
Diese Bilder hatten etwas so r¸hrendes, und der Schmerz, womit sie ihn durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen Gl¸ckseligkeit so sanft gemildert, daï¬ er eine Art von Wollust darin empfand, sich der zâ°rtlichen Wehmut zu ¸berlassen, wovon seine Seele dabei eingenommen wurde. Er verglich seinen itzigen Zustand mit jener seligen Stille des Herzens, mit jener immer lâ°chelnden Heiterkeit der Seele, mit jenen sanften und unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung nach, unsterbliche Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er unvermerkt, anstatt die Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem schleichenden Lauf seiner erregten Einbildungskraft ¸berlieï¬; deuchte ihn nicht anders, als ob seine Seele nach jener elysischen Ruhe, wie nach ihrem angebornen Elemente, sich zur¸cksehne. “Wenn es auch Schwâ°rmereien waren”, rief er seufzend aus, “wenn es auch bloï¬e Trâ°ume waren, in die mein halbabgeschiedner, halbvergËtterter Geist sich wiegte–welch eine selige Schwâ°rmerei! Und wie viel gl¸cklicher machten mich diese Trâ°ume, als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem Wirbel von Wollust dahinreiï¬en, und wenn sie vor¸ber sind, nichts als Beschâ°mung und Reue, und ein schwerm¸tiges Leeres im unbefriedigten Geist zur¸cklassen!”
Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gem¸te unsers Helden vorging, sich viel Gutes f¸r seine Wiederkehr zur Tugend weissagen. Aber mit Bedauern m¸ssen wir gestehen, daï¬ sich eine andre Seele in seinem Inwendigen erhob, welche die W¸rkung dieser guten Regungen in kurzem wieder unkrâ°ftig machte; es sei nun, daï¬ es die Stimme der Natur oder der Leidenschaft war, oder daï¬ beide sich vereinigten, ihn ohne Abbruch seiner Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenwâ°rtigen auszusËhnen.
In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und Gem¸tsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum mËglich, daï¬ der ¸berspannte Affekt, worin wir ihn gesehen haben, von langer Dauer hâ°tte sein kËnnen. Die Stâ°rke seiner Empfindungen rieb sich an sich selbst ab; seine Einbildungskraft pflegte in solchen Fâ°llen so lange in geradem Lauf fortzuschieï¬en, bis sie sich genËtiget fand, wieder umzukehren. Er fing nun an, sich zu ¸berreden, daï¬ mehr Schwâ°rmerei als Wahrheit und Vernunft in seiner Betr¸bnis sei; er glaubte bei nâ°herer Vergleichung zu finden, daï¬ seine Leidenschaft f¸r Danae durch die Vollkommenheit des Gegenstands gâ°nzlich gerechtfertiget w¸rde, und so vorz¸glich ihm kurz zuvor die Gl¸ckseligkeit seines delphischen Lebens, und die unschuldigen Freuden der ersten noch unerfahrnen Liebe geschienen hatten; so unwesentlich fand er sie itzt in Vergleichung mit demjenigen, was ihn die schËne Danae in ihren Armen hatte erfahren lassen. Das bloï¬e Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine Seele in Entz¸ckung; seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung eine vollkommnere Wonne zu erfinden.
Psyche schien ihm itzt, so liebensw¸rdig sie immer sein mochte, zu nichts anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu entwickeln, um ihn fâ°hig zu machen, die Vorz¸ge der unvergleichlichen Danae zu empfinden. Er schrieb es einem R¸ckfall in seine ehmalige Schwâ°rmerei zu, daï¬ er sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner sonderbaren Beschaffenheit, doch f¸r nichts mehr als ein Spiel der Phantasie halten konnte, in so heftige Bewegungen hâ°tte setzen lassen. Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der Vorwurf der Untreue gegen seine einst so zâ°rtlich geliebte und so zâ°rtlich wieder liebende Psyche. Allein die UnmËglichkeit von der unwiderstehlichen Danae nicht ¸berwunden zu werden; (ein Punkt, wovon er so vollkommen als von seinem eignen Dasein ¸berzeugt zu sein glaubte.) Der Verlust aller Hoffnung, Psyche jemals wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, f¸r ausgemacht annahm;) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von groï¬em Gewicht zu sein; und um sich desselben gâ°nzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf den Gedanken, daï¬ seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders zu einer Schwester, eine bloï¬e Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei, was im eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung, die ihm bei Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe, unwidersprechlich zu sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und nach, zumal an einem Orte, wo jede schattichte Laube, jede Blumenbank, jede Grotte, ein Zeuge genoï¬ner Gl¸ckseligkeiten war, zu einer solchen Lebhaftigkeit, daï¬ sie eine Art von Ruhe in seinem Gem¸te wieder herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken, der in der Hitze seines Fiebers gesund zu sein wâ°hnt, diesen Namen verdienen kann. Doch verhinderten sie nicht, daï¬, diesen ganzen Tag ¸ber, ein Eindruck von Schwermut und Traurigkeit in seinem Gem¸te zur¸ckblieb; die Bilder der Psyche und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen, stellten sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch Zerstreuungen zu entfernen; sie ¸berraschten ihn in seinen Arbeiten, und beunruhigten ihn in seinen ErgËtzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der Ungl¸ckliche! und wurde nicht gewahr, daï¬ eben dieses ein vollstâ°ndiger Beweis sei, daï¬ es nicht so richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu ¸berreden suchte.
Fâ¹NFTES KAPITEL
Ein starker Schritt zu einer Katastrophe
Danae liebte zu zâ°rtlich, als daï¬ ihr der stille Kummer, der eine wiewohl anmutige D¸sternheit ¸ber das schËne Gesicht unsers Helden ausbreitete, hâ°tte unbemerkt bleiben kËnnen; aber aus eben diesem Grunde war sie zu sch¸chtern, ihn voreilig um die Ursache einer so unerwarteten Verâ°nderung zu befragen. Es war leicht zu sehen, daï¬ sein Herz leiden m¸sse; aber mit aller Scharfsichtigkeit, welche den Augen der Liebe eigen ist, konnte sie doch nicht mit sich selbst einig werden, was die Ursache davon sein kËnne. Ihr erster Gedanke war, daï¬ ihm vielleicht ein zu weit getriebner Scherz des boshaften Hippias anstËï¬ig gewesen sein mËchte. Allein was auch Hippias gesagt haben konnte, schien ihr nicht genugsam, eine so tiefe Wunde zu machen, als sie in seinem Herzen zu sehen glaubte. Das Interesse ihres eignen brachte sie bald auf einen andern Gedanken, dessen sie vermutlich nicht fâ°hig gewesen wâ°re, wenn ihre Liebe nicht die Eitelkeit ¸berwogen hâ°tte, welche bei den meisten SchËnen die wahre Quelle dessen ist, was sie uns f¸r Liebe geben wollen. “Wie, wenn seine Liebe zu erkalten anfinge”; sagte sie zu sich selbst–“erkalten? Himmel! wenn das mËglich ist, so werde ich bald gar nicht mehr geliebt sein.”–Dieser Gedanke war zu entsetzlich f¸r ein so vËllig eingenommenes Herz, als daï¬ sie ihn sogleich hâ°tte verbannen kËnnen–wie bescheiden macht die wahre Liebe!–Sie, welche gewohnt gewesen war, in allen Augen die W¸rkungen ihres alles besiegenden Reizes zu sehen; sie, welche unter den Vollkommensten ihres Geschlechts nicht Eine kannte, von der sie jemals in dem s¸ï¬en Bewuï¬tsein ihrer Vorz¸glichkeit nur einen Augenblick gestËrt worden wâ°re–mit einem Wort–Danae–fing an mit Zittern sich selbst zu fragen: ob sie auch liebensw¸rdig genug sei, das Herz eines so auï¬erordentlichen Mannes in ihren Fesseln zu behalten? Und wenn gleich die Eigenliebe sie von Seiten ihres persËnlichen Wertes hier¸ber beruhigte; so war sie doch nicht ohne Sorgen, daï¬ in ihrem Betragen etwas gewesen sein mËchte, wodurch das Sonderbare in seiner Denkungsart, oder die edle Zâ°rtlichkeit seiner Empfindungen hâ°tte beleidiget werden kËnnen. Hatte sie ihm nicht zuviel Beweise von ihrer Liebe gegeben? Hâ°tte sie ihm seinen Sieg nicht schwerer machen sollen? War es sicher, ihn die ganze Stâ°rke ihrer Leidenschaft sehen zu lassen, und sich wegen der Erhaltung seines Herzens allein auf die gâ°nzliche Dahingebung des Ihrigen zu verlassen?–Diese Fragen waren weder spitzfindig noch so leicht zu beantworten, als manches gute Ding sich einbildet, dem man eine ewige Liebe geschworen hat, und dessen geringster Kummer nun ist, ob man ihr werde Wort halten kËnnen. Die schËne Danae kannte die Wichtigkeit derselben in ihrem ganzen Umfange; und alles was sie sich selbst dar¸ber sagen konnte, stellte sie doch nicht so zufrieden, daï¬ sie nicht f¸r nËtig befunden hâ°tte, einen gelegnen Augenblick zu belauschen, um sich ¸ber alle ihre Zweifel ins Klare zu setzen; im ¸brigen sehr ¸berzeugt, daï¬ es ihr nicht an Mitteln fehlen werde, dem entdeckten ¸bel zu helfen, es mËchte nun auch bestehen, worin es immer wollte. Agathon ermangelte nicht, ihr noch an dem nâ°mlichen Tag Gelegenheit dazu zu geben.
Schwermut und Traurigkeit machen die Seele nach und nach schlaff, und erËffnen sie allen weichen und zâ°rtlichen Regungen. Dieser Satz ist so wahr, daï¬ tausend Liebesverbindungen in der Welt keinen andern Ursprung haben. Ein Liebhaber verliert einen Gegenstand, den er anbetet; er ergieï¬t seine Klagen in den Busen einer Freundin, f¸r deren Reizungen er bisher vollkommen gleichg¸ltig gewesen war–Sie bedauert ihn; er findet sich dadurch erleichtert, daï¬ er sich frei und ungehindert beklagen kann; und die SchËne ist erfreut, daï¬ sie Gelegenheit hat, ihr gutes Herz zu zeigen: Ihr Mitleiden r¸hrt ihn, und erregt seine Aufmerksamkeit: Sobald eine Frauensperson zu interessieren anfâ°ngt, sobald entdeckt man Reizungen an ihr: Die Regungen, worin beide sich befinden, sind der Liebe g¸nstig; sie verschËnern die Freundin, und blenden die Augen des Freundes: ¸berdem sucht der Schmerz nat¸rlicher Weise eine Zerstreuung, und ist geneigt sich an alles zu hâ°ngen, was ihm Trost und Linderung verspricht: Eine dunkle Ahnung neuer Vergn¸gungen; der Anblick eines Gegenstands, der solche geben kann; die g¸nstige Gem¸tsstellung, worin man denselben sieht, auf der Einen–die Eitelkeit, diese groï¬e Treibfeder des weiblichen Herzens; das Vergn¸gen, so zu sagen, einen Sieg ¸ber eine Nebenbuhlerin davon zu tragen, indem man liebensw¸rdig genug ist, ihren Verlust zu ersetzen; die Begierde, selbst ihr Andenken auszulËschen; vielleicht, auch die Gutherzigkeit der menschlichen Natur, und das Vergn¸gen gl¸cklich zu machen, auf der andern Seite–wie viel Umstâ°nde, welche sich vereinigen, unvermerkt den Freund in einen Liebhaber, und die Vertraute in die Hauptperson eines neuen Romans zu verwandeln.
In einer Gem¸tsverfassung von dieser Art befand sich Agathon, als Danae, welche vernommen hatte, daï¬ er den ganzen Abend in der einsamsten Gegend des Gartens zugebracht, sich nicht mehr zur¸ckhalten konnte ihn aufzusuchen. Sie fand ihn mit halbem Leib auf einer gr¸nen Bank liegen, das Haupt unterst¸tzt, und so zerstreut, daï¬ sie eine Weile vor ihm stand, ehe er sie gewahr wurde. “Du bist traurig, Callias”, sagte sie endlich mit einer ger¸hrten Stimme, indem sie Augen voll mitleidender Liebe auf ihn heftete. “Kann ich traurig sein, wenn ich dich sehe?” erwiderte Agathon, mit einem Seufzer, welcher seine Frage zu beantworten schien. Auch gab ihm Danae keine Antwort auf ein so verbindliches Kompliment, sondern fuhr fort, ihn stillschweigend, aber mit einem Gesicht voll Seele, und Augen die voller Wasser standen, anzusehen. Er richtete sich auf, und sahe sie eine Weile an, als ob er bis in den Grund ihrer Seele schauen wollte. Ihre Herzen schienen durch ihre Blicke in einander zu zerflieï¬en. “Liebest du mich, Danae?” fragte endlich Agathon mit einer von Zâ°rtlichkeit und Wehmut halberstickten Stimme, indem er einen Arm um sie schlang, und fortfuhr sie mit wâ°ï¬richten Augen anzusehen. Sie schwieg eine Zeit lang. “Ob ich dich liebe? -” War alles was sie sagen konnte; aber der Ausdruck, der Ton, womit sie es sagte, hâ°tte durch alle Beredsamkeit des Demosthenes nicht ersetzt werden kËnnen. “Ach Danae!” (erwidert Agathon) “ich frage nicht, weil ich zweifle–Kann ich eine Versichrung, von welcher das ganze Gl¸ck meines Lebens abhâ°ngt, zu oft von diesen geliebten Lippen empfangen? Wenn du mich nicht liebtest–wenn du aufhËren kËnntest mich zu lieben -” “Was f¸r Gedanken, mein liebster Callias?” unterbrach sie ihn: “Wie elend wâ°r ich, wenn du sie in deinem Herzen fâ°ndest–wenn dieses dir sagte, daï¬ eine Liebe wie die unsrige aufhËren kËnne?”–Ein ¸belverhehlter Seufzer war alles was er antworten konnte. “Du bist traurig, Callias”, fuhr sie fort; “ein geheimer Kummer bricht aus allen deinen Z¸gen hervor–Du begreifst nicht, nein, du begreifst nicht, was ich leide, dich traurig zu sehen, ohne die Ursache davon zu wissen. Wenn mein VermËgen, wenn meine Liebe, wenn mein Leben selbst hinlâ°nglich ist, sie von dir zu entfernen, mein Geliebter, o! so verzËgre keinen Augenblick, dein Innerstes mir aufzuschlieï¬en -” Der Ausdruck, die Blicke, der Ton der Stimme, womit sie dieses sagte, r¸hrte den gef¸hlvollen Agathon bis zu sprachloser Entz¸ckung. Er wand seine Arme um sie, druckte sein Gesicht auf ihre klopfende Brust, und konnte lange nur durch die Trâ°nen reden, womit er sie benetzte.
Nichts ist ansteckenders als der Affekt einer in Empfindung zerflieï¬enden Seele. Danae, ohne die Ursach aller dieser Bewegungen zu wissen, wurde so sehr von dem Zustand ger¸hrt, worin sie ihren Liebhaber sah, daï¬ sie eben so sprachlos als er selbst, sympathetische Trâ°nen mit den Seinigen vermischte. Diese Szene, welche f¸r den gleichg¸ltigen Leser nicht so interessant sein kann, als sie es f¸r unsre Verliebten war, dauerte eine ziemliche Weile. Endlich faï¬te sich Agathon, und sagte in einer von diesen zâ°rtlichen Ergieï¬ungen der Seele, an welchen die ¸berlegung keinen Anteil hat, und worin man keine andre Absicht hat als ein volles Herz zu erleichtern: “Ich liebe dich zu sehr, unvergleichliche Danae, und f¸hle zu sehr, daï¬ ich dich nicht genug lieben kann, um dir lâ°nger zu verhehlen, wer dieser Callias ist, den du, ohne ihn zu kennen, deines Herzens w¸rdig geachtet hast. Ich will dir das Geheimnis meines Namens und die ganze Geschichte meines Lebens, so weit ich in selbiges zur¸ckzusehen vermag, entdecken; und wenn du alles wissen wirst–ich weiï¬ es, daï¬ ich einer so groï¬en Seele, wie die deinige, alles entdecken darf–Denn wirst du vielleicht nat¸rlich finden, daï¬ der fl¸chtigste Zweifel, ob es mËglich sein kËnne deine Liebe zu verlieren, hinlâ°nglich ist, mich elend zu machen.” Danae stutzte, wie man sich vorstellen kann, bei einer so unerwarteten Vorrede; sie sah unsern Helden so aufmerksam an, als ob sie ihn noch nie gesehen hâ°tte, und verwunderte sich itzt ¸ber sich selbst, daï¬ ihr nicht lâ°ngst in die Augen gefallen war, daï¬ weit mehr unter ihrem Liebhaber verborgen sei, als die Nachrichten des Hippias, und die Umstâ°nde, worin sich ihre Bekanntschaft angefangen, vermuten lieï¬en. Sie dankte ihm auf die zâ°rtlichste Art f¸r die Probe eines vollkommnen Zutrauens, welche er ihr geben wolle, und nach einigen vorbereitenden Liebkosungen, womit sie ihre Dankbarkeit bestâ°tigte, fing Agathon die folgende Erzâ°hlung an:
SIEBENTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Die erste Jugend des Agathons
“Ich war schon achtzehn Jahre alt, eh ich denjenigen kannte, dem ich mein Dasein zu danken habe. Von der ersten Kindheit an, in den Hallen des delphischen Tempels erzogen, war ich gewËhnt, die Priester des Apollo mit diesen kindlichen Empfindungen anzusehen, welche das erste Alter ¸ber alle, die f¸r unsre Erhaltung Sorge tragen, zu ergieï¬en pflegt. Ich war noch ein kleiner Knabe, als ich schon mit dem geheiligten Gewand, welches die jungen Diener des Gottes von den Sklaven der Priester unterschied, bekleidet, und zum Dienst des Tempels, wozu ich gewidmet war, zubereitet wurde.
Wer Delphi gesehen hat, wird sich nicht verwundern, daï¬ ein Knabe von gef¸hlvoller Art, der beinahe von der Wiegen an daselbst erzogen worden, unvermerkt eine Gem¸tsbildung bekommen muï¬, welche ihn von den gewËhnlichen Menschen unterscheidet. Auï¬er der besondern Heiligkeit, welche ein uraltes Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pythischen Gottes der ganzen delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den Bezirken des Tempels selbst kein Platz, der nicht von irgend einem ehrw¸rdigen oder glâ°nzenden Gegenstand erf¸llt, oder durch das Andenken irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun der Anblick so vieler wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen gewËhnt wurden: So war die Erzâ°hlung wunderbarer Begebenheiten die erste m¸ndliche Unterweisung, die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von Unterricht, den ich nËtig hatte, weil es ein Teil meines Berufs sein sollte, den Fremden, von welchen der Tempel immer angef¸llt war, die Gemâ°lde, die Schnitzwerke und Bilder, und den unsâ°glichen Reichtum von Geschenken, wovon die Hallen und GewËlbe desselben schimmerten, zu erklâ°ren.
F¸r ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick eines von so vielen KËnigen, Stâ°dten und reichen Partikularen in ganzen Jahrhunderten zusammengehâ°uften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen, Elfenbein und andern Kostbarkeiten: F¸r mich, der dieses Anblicks gewohnt war, hatte die bescheidne Bildsâ°ule eines Solon mehr Reiz, als alle diese schimmernde Trophâ°en einer aberglâ°ubischen Andacht, welche ich gar bald mit eben der verachtenden Gleichg¸ltigkeit ansahe, womit ein Knabe die Puppen und Spielwerke seiner Kindheit anzusehen pflegt. Noch unfâ°hig, von den Verdiensten und dem wahren Wert der vergËtterten Helden mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor ihren Bildern, und f¸hlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen Empfindungen ihrer GrËï¬e und mit einer Bewundrung erf¸llt, wovon ich keine andre Ursache als mein innres Gef¸hl hâ°tte angeben kËnnen. Einen noch stâ°rkern Eindruck machte auf mich die groï¬e Menge von Bildern der verschiednen Gottheiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Krâ°fte der Natur, die manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die Tugenden des geselligen Lebens personifiziert haben, und wovon ich im Tempel und in den Hainen von Delphi mich allenthalben umgeben fand. Meine damalige Erfahrung, schËne Danae, hat mich seitdem oftmals auf die Betrachtung geleitet, wie groï¬ der Beitrag sei, welchen die schËnen K¸nste zu Bildung des sittlichen Menschen tun kËnnen; und wie weislich die Priester der Griechen gehandelt, da sie die Musen und Grazien, deren Lieblinge ihnen so groï¬e Dienste getan, selbst unter die Zahl der Gottheiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so fern sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheinet von der Stâ°rke der Eindr¸cke abzuhâ°ngen, die wir in denjenigen Jahren empfangen, worin wir noch unfâ°hig sind, Untersuchungen anzustellen. W¸rden unsre Seelen in Absicht der GËtter und ihres Dienstes von der Kindheit an leere Tafeln gelassen, und anstatt der unsichern und verworrenen aber desto lebhaftern Begriffe, welche wir durch Fabeln und Wunder-Geschichte, und in etwas zunehmendem Alter durch die Musik und die abbildenden K¸nste von den ¸bernat¸rlichen Gegenstâ°nden bekommen, allein mit den unverfâ°lschten Eindr¸cken der Natur und den Grundsâ°tzen der Vernunft ¸berschrieben; so ist sehr zu vermuten, daï¬ der Aberglaube noch grËï¬ere M¸he haben w¸rde, die Vernunft–als, in dem Falle, worin die meisten sich befinden, die Vernunft M¸he hat, den Aberglauben von der einmal eingenommenen Herrschaft zu verdrâ°ngen. Der grËï¬te Vorteil, den dieser ¸ber jene hat, hanget davon ab, daï¬ er ihr zuvorkommt. Aber wie leicht wird es ihm alsdenn sich einer noch unm¸ndigen Seele zu bemeistern, wenn alle diese zauberische K¸nste, welche die Natur im Nachahmen selbst zu ¸bertreffen scheinen, ihre Krâ°fte vereinigen, die entz¸ckten Sinnen zu ¸berraschen? Wie nat¸rlich muï¬ es demjenigen werden die Gottheit des Apollo zu glauben, ja endlich sich zu bereden, daï¬ er ihre Gegenwart und Einfl¸sse f¸hle, der in einem Tempel aufgewachsen ist, dessen erster Anblick das Werk und die Wohnung eines Gottes ank¸ndet? Demjenigen, der gewohnt ist den Apollo eines Phidias vor sich zu sehen, und das mehr als menschliche, welches die Kenner so sehr bewundern, der Natur des Gegenstands, nicht dem schËpferischen Geiste des K¸nstlers zuzuschreiben?
So viel ich die Natur unsrer Seele kenne, deucht mich, daï¬ sich in einer jeden, die zu einem gewissen Grade von Entwicklung gelangt, nach und nach ein gewisses idealisches SchËne bilde, welches (auch ohne daï¬ man sich’s bewuï¬t ist) unsern Geschmack und unsre sittliche Urteile bestimmt, und das Modell abgibt, wornach unsre Einbildungskraft die besondern Bilder dessen was wir groï¬, schËn und vortrefflich nennen, zu entwerfen scheint. Dieses idealische Modell formiert sich (wie mich itzo wenigstens deucht, nachdem neue Erfahrungen mich auf neue oder erweiterte Betrachtungen geleitet haben) aus der Beschaffenheit und dem Zusammenhang der Gegenstâ°nde, worin wir zu leben anfangen.
Daher (wie die Erfahrung zu bestâ°tigen scheint) so viele besondere Denk–und Sinnesarten als man verschiedene Erziehungen und Stâ°nde in der menschlichen Gesellschaft antrifft. Daher der Spartanische Heldenmut, die Attische Urbanitâ°t, und der aufgedunsene Stolz der Asiaten; daher die Verachtung des Geometers f¸r den Dichter, oder des spekulierenden Kaufmanns gegen die Spekulationen des Gelehrten, die ihm unfruchtbar scheinen, weil sie sich in keine Darici verwandeln wie die seinigen; daher