This page contains affiliate links. As Amazon Associates we earn from qualifying purchases.
Language:
Form:
Genre:
Published:
  • 1767
Edition:
Tags:
FREE Audible 30 days

Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs

“Wenn wir auf das Tun und Lassen der Menschen acht geben, mein lieber Callias, so scheint zwar, dafl alle ihre Sorgen und Bem¸hungen kein andres Ziel haben als sich gl¸cklich zu machen; allein die Seltenheit dererjenigen die es w¸rklich sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset zugleich, dafl die meisten nicht wissen, durch was f¸r Mittel sie sich gl¸cklich machen sollen, wenn sie es nicht sind; oder wie sie sich ihres guten Gl¸ckes bedienen sollen, um in denjenigen Zustand zu kommen den man Gl¸ckseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im Schofle des Ansehens, des Gl¸cks und der Wollust, als solche die in einem Zustande von Mangel, Dienstbarkeit und Unterdr¸ckung elend sind. Einige haben sich aus diesem letztern Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, dafl sie nur darum ungl¸ckselig sein, weil es ihnen am Besitz der G¸ter des Gl¸cks fehle. Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, dafl wenn es eine Kunst gibt, die Mittel zur Gl¸ckseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere, zum wenigsten eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen. Es ist daher allezeit die Besch‰ftigung der Verst‰ndigsten unter den Menschen gewesen, durch Verbindung dieser beiden K¸nste diejenige heraus zu bringen, die man die Kunst gl¸cklich zu leben nennen kann, und in deren w¸rklichen Aus¸bung, nach meinem Begriffe, die Weisheit besteht, die so selten ein Anteil der Sterblichen ist. Ich nenne sie eine Kunst, weil sie von der fertigen Anwendung gewisser Regeln abh‰ngt, die nur durch die ¸bung erlangt werden kann: Allein sie setzt wie alle K¸nste einen gewissen Grad von F‰higkeit voraus, den nur die Natur gibt, und den sie nicht allen zu geben pflegt. Einige Menschen scheinen kaum einer grˆflern Gl¸ckseligkeit f‰hig zu sein als die Austern, und wenn sie ja eine Seele haben, so ist es nur so viel als sie brauchen, um ihren Leib eine Zeitlang vor der F‰ulnis zu bewahren. Ein grˆflerer und vielleicht der grˆflte Teil der Menschen befindet sich nicht in diesem Fall; aber weil es ihnen an genugsamer St‰rke des Gem¸ts, und an einer gewissen Z‰rtlichkeit der Empfindung mangelt, so ist ihr Leben gleich dem Leben der ¸brigen Tiere des Erdbodens, zwischen Vergn¸gen, die sie weder zu w‰hlen noch zu genieflen, und Schmerzen, denen sie weder zu widerstehen noch zu entfliehen wissen, geteilt. Wahn und Leidenschaften sind die Triebfedern dieser menschlichen Maschinen; beide setzen sie einer unendlichen Menge von ¸beln aus, die es nur in einer betrognen Einbildung, aber eben darum wo nicht schmerzlicher doch anhaltender und unheilbarer sind, als diejenigen die uns die Natur auferlegt. Diese Art von Menschen ist keines gesetzten und anhaltenden Vergn¸gens, keines Zustandes von Gl¸ckseligkeit f‰hig; ihre Freuden sind Augenblicke, und ihre ¸brige Dauer ist entweder ein w¸rkliches Leiden, oder ein unaufhˆrliches Gef¸hl verworrner W¸nsche, eine immerw‰hrende Ebbe und Flut von Furcht und Hoffnung, von Phantasien und Gel¸sten; kurz eine unruhige Bewegung die weder ein gewisses Mafl noch ein festes Ziel hat, und also weder ein Mittel zur Erhaltung dessen was gut ist sein kann, noch dasjenige genieflen l‰flt, was man w¸rklich besitzt. Es scheint also unmˆglich zu sein, ohne eine gewisse Z‰rtlichkeit der Empfindung, die uns in einer weitern Sph‰re, mit feinern Sinnen und auf eine angenehmere Art genieflen l‰flt, und ohne diejenige St‰rke der Seele, die uns f‰hig macht das Joch der Phantasie und des Wahns abzusch¸tteln, und die Leidenschaften in unsrer Gewalt zu haben, zu demjenigen ruhigen Zustande von Genufl und Zufriedenheit zu kommen, der die Gl¸ckseligkeit ausmacht. Nur derjenige ist in der Tat gl¸cklich, der sich von den ¸beln die nur in der Einbildung bestehen, g‰nzlich frei zu machen; diejenigen aber, denen die Natur den Menschen unterworfen hat, entweder zu vermeiden, oder doch zu vermindern–und das Gef¸hl derselben einzuschl‰fern, hingegen sich in den Besitz alles des Guten, dessen uns die Natur f‰hig gemacht hat, zu setzen, und was er besitzt, auf die angenehmste Art zu genieflen weifl; und dieser Gl¸ckselige allein ist der Weise.

Wenn ich dich anders recht kenne, Callias, so hat dich die Natur mit den F‰higkeiten es zu sein so reichlich begabt, als mit den Vorz¸gen, deren kluger Gebrauch uns die Gunstbezeugungen des Gl¸cks zu verschaffen pflegt. Dem ungeachtet bist du weder gl¸cklich, noch hast du die Miene es jemals zu werden, so lange du nicht gelernt haben wirst, von beiden einen andern Gebrauch zu machen als du bisher getan hast. Du wendest die St‰rke deiner Seele an, dein Herz gegen das wahre Vergn¸gen unempfindlich zu machen, und besch‰ftigest deine Empfindlichkeit mit unwesentlichen Gegenst‰nden, die du nur in der Einbildung siehest, und nur im Traume genieflest; die Vergn¸gungen, welche die Natur dem Menschen zugeteilt hat, sind f¸r dich Schmerzen, weil du dir Gewalt antun muflt sie zu entbehren; und du setzest dich allen ¸beln aus, die sie uns vermeiden lehrt, indem du anstatt einer n¸tzlichen Gesch‰ftigkeit dein Leben mit den s¸flen Einbildungen wegtr‰umest, womit du dir die Beraubung des w¸rklichen Vergn¸gens zu ersetzen suchst. Dein ¸bel, mein lieber Callias, entspringt von einer Einbildungskraft, die dir ihre Geschˆpfe in einem ¸berirdischen Glanze zeigt, der dein Herz verblendet, und ein falsches Licht ¸ber das was w¸rklich ist ausbreitet; einer dichterischen Einbildungskraft, die sich besch‰ftiget schˆnere Schˆnheiten, und angenehmere Vergn¸gungen zu erfinden als die Natur hat; einer Einbildungskraft, ohne welche weder Homere, noch Alcamene, noch Polygnote w‰ren; welche gemacht ist unsre Ergˆtzungen zu verschˆnern, aber nicht die F¸hrerin unsers Lebens zu sein. Um weise zu sein, hast du nichts nˆtig als die gesunde Vernunft an die Stelle dieser begeisterten Zauberin, und die kalte ¸berlegung an den Platz eines sehr oft betr¸glichen Gef¸hls zu setzen. Bilde dir auf etliche Augenblick’ ein, dafl du den Weg zur Gl¸ckseligkeit erst suchen m¸ssest; frage die Natur, hˆre ihre Antwort, und folge dem Pfade, den sie dir vorzeichnen wird.”

ZWEITES KAPITEL

Theorie der angenehmen Empfindungen

“Und wen anders als die Natur kˆnnen wir fragen, um zu wissen wie wir leben sollen, um wohl zu leben? Die Gˆtter? Wenn eine Gottheit ist, so ist sie entweder die Natur selbst, oder die Urheberin der Natur; in beiden F‰llen ist die Stimme der Natur die Stimme der Gottheit. Sie ist die allgemeine Lehrerin aller Wesen; sie lehrt jedes Tier vom Elephanten bis zum Insekt, was seiner besondern Verfassung gut oder sch‰dlich ist. Um so gl¸cklich zu sein als es diese innerliche Einrichtung erlaubt, braucht das Tier nichts weiter, als dieser Stimme der Natur zu folgen, welche bald durch den s¸flen Zug des Vergn¸gens, bald durch das ungedultige Fodern des Bed¸rfnisses, bald durch das ‰ngstliche Pochen des Schmerzens es zu demjenigen locket, was ihm zutr‰glich ist, oder es zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gattung auffordert, oder es vor demjenigen warnet, was seinem Wesen die Zerstˆrung dr‰uet. Sollte der Mensch allein von dieser m¸tterlichen Vorsorge ausgenommen sein, oder er allein irren kˆnnen, wenn er der Stimme folget, die zu allen Wesen redet? Oder ist nicht vielmehr die Unachtsamkeit und der Ungehorsam gegen ihre Erinnerungen die einzige wahre Ursache, warum unter einer unendlichen Menge von lebenden Wesen der Mensch das einzige Ungl¸ckselige ist?

Die Natur hat allen ihren Werken eine gewisse Einfalt eingedr¸ckt, die ihre m¸hsamen Anstalten und eine genaue Regelm‰fligkeit unter einem Schein von Leichtigkeit und ungezwungner Anmut verbirgt. Mit diesem Stempel sind auch die Gesetze der Gl¸ckseligkeit bezeichnet, die sie dem Menschen vorgeschrieben hat. Sie sind einf‰ltig, leicht auszu¸ben, und f¸hren gerade und sicher zum Zweck. Die Kunst gl¸cklich zu leben, w¸rde die gemeinste unter allen K¸nsten sein, wie sie die leichteste ist, wenn die Menschen nicht gewohnt w‰ren sich einzubilden, dafl man grofle Absichten nicht anders, als durch grofle Anstalten erreichen kˆnne. Es scheint ihnen zu einf‰ltig, dafl alles was ihnen die Natur durch den Mund der Weisheit zu sagen hat, in diese drei Erinnerungen zusammen flieflen soll: Befriedige deine Bed¸rfnisse, vergn¸ge alle deine Sinnen, und erspare dir so viel du kannst alle schmerzhaften Empfindungen. Und doch wird dich eine kleine Aufmerksamkeit ¸berf¸hren, dafl die vollst‰ndigste Gl¸ckseligkeit deren die Sterblichen f‰hig sind, in die Linie eingeschlossen ist, die von diesen dreien Formuln bezeichnet wird.

Es hat Narren gegeben, welche die Frage m¸hsam untersucht haben, ob das Vergn¸gen ein Gut, und der Schmerz ein ¸bel sei? Es hat noch grˆflere Narren gegeben, welche w¸rklich behaupteten, der Schmerz sei kein ¸bel, und das Vergn¸gen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben Toren gefunden, die albern genug waren, diese Narren f¸r weise zu halten. Das Vergn¸gen ist kein Gut, sagen sie, weil es F‰lle gibt wo der Schmerz ein grˆfleres Gut ist; und der Schmerz ist kein ¸bel, weil er zuweilen besser ist als das Vergn¸gen. Sind diese Wortspiele einer Antwort wert? Was w¸rd’ ein Zustand sein, der in einem vollst‰ndigen unaufhˆrlichen Gef¸hl des hˆchsten Grades aller mˆglichen Schmerzen best¸nde? Wenn dieser Zustand das hˆchste ¸bel ist, so ist der Schmerz ein ¸bel. Doch wir wollen die Schw‰tzer mit Worten spielen lassen, die ihnen bedeuten m¸ssen was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine sein kann, auf eine Art, die keinen Zweifel ¸brig l‰flt. Wer ist, der nicht lieber vernichtet als unaufhˆrlich gepeiniget werden wollte? Wer sieht nicht einen schˆnen Gegenstand lieber, als einen ekelhaften? Wer hˆrt nicht lieber den Gesang der Grasm¸cke, als das Geheul der Nachteule? Wer zieht nicht einen angenehmen Geruch oder Geschmack einem widrigen vor? Und w¸rde nicht der enthaltsame Callias selbst lieber auf einem Lager von Blumen in den Rosenarmen irgend einer schˆnen Nymphe ruhen, als in den gl¸henden Armen des ehernen Gˆtzenbildes, welchem die Andacht gewisser Syrischer Vˆlker, wie man sagt, ihre Kinder opfert? Eben so wenig scheint es einem Zweifel unterworfen zu sein, dafl der Schmerz und das Vergn¸gen so unvertr‰glich sind, dafl eine einzige gepeinigte Nerve genug ist, uns gegen die vereinigten Reizungen aller Woll¸ste unempfindlich zu machen. Die Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also unstreitig eine unumg‰ngliche Bedingung der Gl¸ckseligkeit; allein da sie nichts positives ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des Genusses des Guten f‰hig ist. Dieser Genufl allein ist es, dessen Dauer den Stand hervorbringt, den man Gl¸ckseligkeit nennt.

Es ist unleugbar, dafl nicht alle Arten und Grade des Vergn¸gens gut sind. Die Natur allein hat das Recht uns die Vergn¸gen anzuzeigen, die sie uns bestimmt hat. So unendlich die Menge dieser angenehmen Empfindungen zu sein scheint, so ist doch leicht zu sehen, dafl sie alle entweder zu den Vergn¸gungen der Sinne, oder der Einbildungskraft, oder zu einer dritten Klasse, die aus beiden zusammen gesetzt ist, gehˆren. Die Vergn¸gen der Einbildungskraft sind entweder Erinnerungen an ehmals genossene sinnliche Vergn¸gen; oder Mittel uns den Genufl derselben reizender zu machen; oder angenehme Dichtungen und Tr‰ume, die entweder in einer neuen willk¸rlichen Zusammensetzung der angenehmen Ideen, die uns die Sinne gegeben, oder in einer dunkel eingebildeten Erhˆhung der Grade jener Vergn¸gen, die wir erfahren haben, bestehen. Es sind also, wenn man genau reden will, alle Vergn¸gungen im Grunde sinnlich, indem sie, es sei nun unmittelbar oder vermittelst der Einbildungskraft, von keinen andern als sinnlichen Vorstellungen entstehen kˆnnen.

Die Philosophen reden von Vergn¸gen des Geistes, von Vergn¸gen des Herzens, von Vergn¸gen der Tugend. Alle diese Vergn¸gen sind es f¸r die Sinnen oder f¸r die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. Warum ist Homer unendlich mal angenehmer zu lesen als Heraclitus? Weil die Gedichte des ersten eine Reihe von Gem‰lden darstellen, die entweder durch die eigent¸mliche Reizungen des Gegenstandes, oder die Lebhaftigkeit der Farben, oder einen Kontrast, der das Vergn¸gen durch eine kleine Mischung mit widrigen Empfindungen erhˆhet, oder die Erregung angenehmer Bewegungen, unsre Phantasie bezaubern.–Da die trocknen Schriften des Philosophen nichts darstellen, als eine Reihe von Wˆrtern, womit man abgezogne Begriffe bezeichnet, von denen sich die Einbildungskraft nicht anders als mit vieler Anstrengung und einer best‰ndigen Bem¸hung, die g‰nzliche Verwirrung so vieler unbestimmter Schattenbilder zu verh¸ten, einige Ideen machen kann; wenn anders dasjenige so genennt zu werden verdient, was in Absicht seines wirklichen Gegenstands in der Natur, kaum so viel ist als ein Schatten gegen den Kˆrper der ihn zu werfen scheint. Es ist wahr, es gibt abgezogene Begriffe, die f¸r gewisse enthusiastische Seelen entz¸ckend sind; aber warum sind sie es? In der Tat blofl darum, weil ihre Einbildungskraft sie auf eine schlaue Art zu verkˆrpern weifl. Untersuche alle angenehmen Ideen von dieser Art, so unkˆrperlich und geistig sie scheinen mˆgen, und du wirst finden, dafl das Vergn¸gen, so sie deiner Seele machen, von den sinnlichen Vorstellungen entsteht, womit sie begleitet sind. Bem¸he dich so sehr als du willst, dir Gˆtter ohne Gestalt, ohne Glanz, ohne etwas das die Sinnen r¸hrt, vorzustellen; es wird dir unmˆglich sein. Der Jupiter des Homer und Phidias, die Idee eines Hercules oder Theseus, wie unsre Einbildungskraft sich diese Helden vorzustellen pflegt, die Ideen eines ¸berirdischen Glanzes, einer mehr als menschlichen Schˆnheit, eines ambrosischen Geruchs, werden sich unvermerkt an die Stelle derjenigen setzen, die du dich vergeblich zu machen bestrebest; und du wirst noch immer an dem irdischen Boden kleben, wenn du schon in den empyreischen Gegenden zu schweben glaubst. Sind die Vergn¸gen des Herzens weniger sinnlich? Sie sind die Allersinnlichsten. Ein gewisser Grad derselben verbreitet eine woll¸stige W‰rme durch unser ganzes Wesen, belebt den Umlauf des Blutes, ermuntert das Spiel der Fibern, und setzt unsre ganze Maschine in einen Zustand von Behaglichkeit, der sich der Seele um so mehr mitteilet, als ihre eigne nat¸rliche Verrichtungen auf eine angenehme Art dadurch erleichtert werden. Die Bewunderung, die Liebe, das Verlangen, die Hoffnung, das Mitleiden, jeder z‰rtliche Affekt bringt diese W¸rkung in einigem Grad hervor, und ist desto angenehmer, je mehr er sich derjenigen Wollust n‰hert, die unsre Alten w¸rdig gefunden haben, in der Gestalt der personifizierten Schˆnheit, aus deren Genufl sie entspringt, unter die Gˆtter gesetzt zu werden. Derjenige, den sein Freund niemals in Entz¸ckungen gesetzt hat, die den Entz¸ckungen der Liebe ‰hnlich sind, ist nicht berechtiget von den Vergn¸gen der Freundschaft zu reden. Was ist das Mitleiden, welches uns zur Gutt‰tigkeit treibt? Wer anders ist desselben f‰hig als diese empfindlichen Seelen, deren Auge durch den Anblick, deren Ohr durch den ‰chzenden Ton des Schmerzens und Elends gequ‰let wird, und die in dem Augenblick, da sie die Not eines Ungl¸cklichen erleichtern, beinahe dasselbige Vergn¸gen f¸hlen, welches sie in eben diesem Augenblick an seiner Stelle gef¸hlt h‰tten? Wenn das Mitleiden nicht ein woll¸stiges Gef¸hl ist, warum r¸hrt uns nichts so sehr als die leidende Schˆnheit? Warum lockt die klagende Ph‰dra in der Nachahmung z‰rtliche Tr‰nen aus unsern Augen, da die winselnde H‰fllichkeit in der Natur nichts als Ekel erweckt? Und sind etwan die Vergn¸gen der Wohlt‰tigkeit und Menschenliebe weniger sinnlich? Dasjenige, was in dir vorgehen wird, wenn du dir die kontrastierenden Gem‰lde einer ge‰ngstigten und einer frˆhlichen Stadt vorstellest, die Homer auf den Schild des Achilles setzt, wird dir diese Frage auflˆsen! Nur diejenigen, die der Genufl des Vergn¸gens in die lebhafteste Entz¸ckung setzt, sind f‰hig, von den lachenden Bildern einer allgemeinen Freude und Wonne so sehr ger¸hrt zu werden, dafl sie dieselbige aufler sich zu sehen w¸nschen; das Vergn¸gen der Gutt‰tigkeit wird allemal mit demjenigen in Verh‰ltnis stehen, welches ihnen der Anblick eines vergn¸gten Gesichts, eines frˆhlichen Tanzes, einer ˆffentlichen Lustbarkeit macht; und es ist nur der Vorteil ihres Vergn¸gens, je allgemeiner diese Szene ist. Je grˆfler die Anzahl der Frˆhlichen und die Mannigfaltigkeit der Freuden, desto grˆfler die Wollust, wovon diese Art von Menschen, an denen alles Sinn, alles Herz und Seele ist, beim Anblick derselben ¸berstrˆmet werden. Lafl uns also gestehen, Callias, dafl alle Vergn¸gen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und dafl die hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine andre verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art aus dem rosenbekr‰nzten Becher, und von den Lippen der schˆnen Cyane saugen kˆnnten.

Es ist wahr, es gibt noch eine Art von Vergn¸gen, die beim ersten Anblick eine Ausnahme von meinem Satz zu machen scheint. Man kˆnnte sie k¸nstliche nennen, weil wir sie nicht aus den H‰nden der Natur empfangen, sondern nur gewissen ¸bereinkommnissen der menschlichen Gesellschaft zu danken haben, durch welche dasjenige, was uns dieses Vergn¸gen macht, die Bedeutung eines Gutes erhalten hat. Allein die kleinste ¸berlegung ist hinl‰nglich uns zu ¸berzeugen, dafl diese Dinge uns keine andre Art von Vergn¸gen machen, als die wir vom Besitz des Geldes haben; welches wir mit Gleichg¸ltigkeit ansehen w¸rden, wenn es uns nicht f¸r alle die w¸rklichen Vergn¸gen Gew‰hr leistete, die wir uns dadurch verschaffen kˆnnen. Von dieser Art ist dasjenige, welches der Ehrgeizige empfindet, wenn ihm Bezeugungen einer scheinbaren Hochachtung oder Unterw¸rfigkeit gemacht werden, die ihm als Zeichen seines Ansehens und der Macht, die ihm dasselbe ¸ber andre gibt, angenehm sind. Ein morgenl‰ndischer Despot bek¸mmert sich wenig um die Hochachtung seiner Vˆlker; sklavische Unterw¸rfigkeit ist f¸r ihn genug. Ein Mensch hingegen, dessen Gl¸ck in den H‰nden solcher Leute liegt, die seines gleichen sind, ist genˆtiget, sich ihre Hochachtung zu erwerben. Allein diese Unterw¸rfigkeit ist dem Despoten, diese Hochachtung ist dem Republikaner nur darum angenehm, weil sie das Vermˆgen oder die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die Begierden desto besser zu befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen des Vergn¸gens sind. Warum ist Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt sich um einen Ruhm, der seine Ausschweifungen, seinen ¸bermut, seinen schleppenden Purpur, seine Schm‰use und Liebesh‰ndel bedeckt; der es den Atheniensern ertr‰glich macht, den Liebesgott, mit dem Blitze Jupiters bewaffnet, auf dem Schilde seines Feldherrn zu sehen; der die Gemahlin eines spartanischen Kˆnigs so sehr verblendet, dafl sie stolz darauf ist, f¸r seine Buhlerin gehalten zu werden. Ohne diese Vorteile w¸rde ihm Ansehn und Ruhm so gleichg¸ltig sein, als ein Haufen Rechenpfennige einem corinthischen Wucherer. ‘Allein’, spricht man, ‘wenn es seine Richtigkeit hat, dafl die Vergn¸gen der Sinne alles sind, was uns die Natur zuerkannt hat, was ist leichter und was braucht weniger Kunst und Anstalten, als gl¸cklich zu sein? Wie wenig bedarf die Natur um zu frieden zu sein?’ Es ist wahr, die rohe Natur bedarf wenig. Ihre Unwissenheit ist ihr Reichtum. Eine Bewegung, die seinen Kˆrper munter erh‰lt, eine Nahrung die den Hunger stillt, ein Weib, schˆn oder h‰fllich, wenn ihn die Ungeduld eines gewissen Bed¸rfnisses beunruhiget, ein schattichter Rasen, wenn er des Schlafs bedarf, und eine Hˆhle, sich vor dem Ungewitter zu sichern, ist alles was der wilde Mensch nˆtig hat, um in dem Lauf von achtzig oder hundert Jahren sich nur nicht einmal einfallen zu lassen, dafl man mehr brauchen kˆnne. Die Vergn¸gen der Einbildungskraft und des Geschmacks sind nicht f¸r ihn; er genieflt nicht mehr als die ¸brigen Tiere, und genieflt wie sie. Wenn er gl¸cklich ist, weil er sich nicht f¸r ungl¸cklich h‰lt, so ist er es doch nicht in Vergleichung mit demjenigen, f¸r den die K¸nste des Witzes und des Geschmacks die angenehmste Art der Bed¸rfnisse der Natur zu genieflen, und eine unendliche Menge von Ergˆtzungen der Sinne und der Einbildung erfunden haben, wovon die Natur in dem rohen Zustande, worin wir sie uns in den ‰ltesten Zeiten vorstellen, keinen Begriff hat. Diese Vergleichung, es ist wahr, findet nur in dem Stand einer Gesellschaft statt, die sich in einer langen Reihe von Jahrhunderten endlich zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat. In einem solchen aber wird alles das zum Bed¸rfnis, was der Wilde nur darum nicht vermisset, weil es ihm unbekannt ist; und ein Diogenes kˆnnte zu Corinth nicht gl¸cklich sein, wenn er nicht ein Narr w‰re. Gewisse poetische Kˆpfe haben sich ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein angenehmes Hirtenleben getr‰umt, welches zwischen der rohen Natur und der Lebensart des beg¸terten Teils eines gesitteten und sinnreichen Volkes das Mittel halten soll. Sie haben die verschˆnerte Natur von allem demjenigen entkleidet, wodurch sie verschˆnert worden ist, und dieses idealische Wesen die schˆne Natur genannt. Allein auflerdem, dafl diese schˆne Natur, in dieser nackten Einfalt, welche man ihr gibt, niemals irgendwo vorhanden war; wer siehet nicht, dafl die Lebensart des goldnen Alters der Dichter, zu derjenigen, welche durch die K¸nste mit allem bereichert und ausgeziert worden, was der Witz zu erfinden f‰hig ist, um uns in den Armen einer ununterbrochnen Wollust, vor dem ¸berdrufl der S‰ttigung zu bewahren; dafl, sage ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verh‰lt, wie die Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist in einer bequemen H¸tte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch angenehmer in einem ger‰umigen Hause zu wohnen, das mit den ausgesuchtesten und woll¸stigsten Bequemlichkeiten versehen, und, wohin man die Augen wendet, mit Bildern des Vergn¸gens ausgeziert ist; und wenn eine mit B‰ndern und Blumen geschm¸ckte Phyllis reizender ist als eine schmutzige und zottichte Wilde, mufl nicht eine von unsern Schˆnen, deren nat¸rliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und schimmernden Putz erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine Phyllis?”

DRITTES KAPITEL

Die Geisterlehre eines echten Materialisten

“Wir haben die Natur gefragt, Callias, worin die Gl¸ckseligkeit bestehe, die sie uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein schmerzenfreies Leben, die angenehmste Befriedigung unsrer nat¸rlichen Bed¸rfnisse, und der abwechslende Genufl aller Arten von Vergn¸gen, womit die Einbildungskraft, der Witz und die K¸nste unsern Sinnen zu schmeicheln f‰hig sind.–Dieses ist alles was der Mensch fodern kann, und wenn es eine erhabnere Art von Gl¸ckseligkeit gibt, so kˆnnen wir wenigstens gewifl sein, dafl sie nicht f¸r uns gehˆrt, da wir nicht einmal f‰hig sind, uns eine Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der enthusiastische Teil unter den Verehrern der Gˆtter schmeichelt sich mit einer zuk¸nftigen Gl¸ckseligkeit, zu welcher die Seele nach der Zerstˆrung des Kˆrpers erst gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und Gespielin der Gˆtter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie Plato homerisiert) den gefl¸gelten Wagen Jupiters, um mit den ¸brigen Unsterblichen die unverg‰ngliche Schˆnheiten zu beschauen, womit die unermefllichen R‰ume ¸ber den Sph‰ren erf¸llt sind. Ein Krieg, der unter den Bewohnern der unsichtbaren Welt entstand, verwickelte sie in den Fall der Besiegten; sie ward vom Himmel gest¸rzt, und in den Kerker eines tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den Verlust ihrer ehmaligen Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und Schmerzen ist, ihre Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie gestillte Durst nach einer Gl¸ckseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut findet, ist das einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand ¸brig geblieben ist; und es ist unmˆglich, dafl sie diese vollkommne Seligkeit, wodurch sie allein befriediget werden kann, wieder erlange, eh sie sich wieder in ihren urspr¸nglichen Stand, in das reine Element der Geister empor geschwungen hat. Sie ist also vor dem Tode keiner andern Gl¸ckseligkeit f‰hig als derjenigen, deren sie durch eine freiwillige Absonderung von allen irdischen Dingen, durch Ertˆdung aller irdischen Leidenschaften und Entbehrung aller sinnlichen Vergn¸gen, f‰hig gemacht wird. Nur durch diese Entkˆrperung wird sie der Beschauung der wesentlichen und gˆttlichen Dinge f‰hig, worin die Geister ihre einzige Nahrung und diese vollkommne Wonne finden, wovon die sinnlichen Menschen sich keinen Begriff machen kˆnnen. Solchergestalt kann sie nur, nachdem sie durch verschiedne Grade der Reinigung, von allem was tierisch und kˆrperlich ist, ges‰ubert worden, sich wieder zu der ¸berirdischen Sph‰re erheben, mit den Gˆttern leben, und im Unverwandten Anschauen des wesentlichen und ewigen Schˆnen, wovon alles Sichtbare blofl der Schatten ist, Ewigkeiten durchleben, die eben so grenzenlos sind, als die Wonne, von der sie ¸berstrˆmet werden.

Ich zweifle nicht daran, Callias, dafl es Leute geben mag, bei denen die Milzsucht hoch genug gestiegen ist, dafl diese Begriffe eine Art von Wahrheit f¸r sie haben. Es ist auch nichts leichters, als dafl junge Leute von lebhafter Empfindung und feurigen Einbildungskraft, durch eine einsame Lebensart und den Mangel solcher Gegenst‰nde und Freuden, worin sich dieses ¸berm‰flige Feuer verzehren kˆnnte, von diesen hochfliegenden Schim‰ren eingenommen werden, welche so geschickt sind, ihre nach Vergn¸gen lechzende Einbildungskraft durch eine Art von Wollust zu t‰uschen, die nur desto lebhafter ist, je verworrener und dunkler die bezaubernden Phantomen sind die sie hervorbringen; allein ob diese Tr‰ume aufler dem Gehirn ihrer Erfinder, und derjenigen, deren Einbildungskraft so gl¸cklich ist ihnen nachfliegen zu kˆnnen, einige Wahrheit oder W¸rklichkeit haben, ist eine Frage, deren Erˆrterung nicht zum Vorteil derselben ausf‰llt, wenn sie der gesunden Vernunft aufgetragen wird. Je weniger die Menschen wissen, desto geneigter sind sie, zu w‰hnen und zu glauben. Wem anders als der Unwissenheit und dem Aberglauben der ‰ltesten Welt haben die Nymphen und Faunen, die Najaden und Tritonen, die Furien und die erscheinenden Schatten der Verstorbnen ihre vermeinte W¸rklichkeit zu danken? Je besser wir die Kˆrperwelt kennen lernen, desto enger werden die Grenzen des Geister-Reichs. Ich will itzo nichts davon sagen, ob es wahrscheinlich sei, dafl die Priesterschaft, die von jeher einen so zahlreichen Orden unter den Menschen ausgemacht, bald genug die Entdeckung machen muflte, was f¸r grofle Vorteile man durch diesen Hang der Menschen zum Wunderbaren von ihren beiden heftigsten Leidenschaften, der Furcht und der Hoffnung, ziehen kˆnne. Wir wollen bei der Sache selbst bleiben. Worauf gr¸ndet sich die erhabne Theorie, von der wir reden? Wer hat jemals diese Gˆtter, diese Geister gesehen, deren Dasein sie voraussetzt? Welcher Mensch erinnert sich dessen, dafl er ehmals ohne Kˆrper in den ‰therischen Gegenden geschwebt, den gefl¸gelten Wagen Jupiters begleitet, und mit den Gˆttern Nektar getrunken habe? Was f¸r einen sechsten oder siebenten Sinn haben wir, um die W¸rklichkeit der Gegenst‰nde damit zu erkennen, womit man die Geisterwelt bevˆlkert? Sind es unsre innerlichen Sinnen? Was sind diese anders als das Vermˆgen der Einbildungskraft die W¸rkungen der ‰uflern Sinnen nachzu‰ffen? Was sieht das inwendige Auge eines Blindgebornen? Was hˆrt das innere Ohr eines gebornen Tauben? Oder was sind diese Szenen, in welche die erhabenste Einbildungskraft auszuschweifen f‰hig ist, anders als neue Zusammensetzungen, die sie gerade so macht, wie ein M‰dchen aus den Blumen, die in einem Parterre zerstreut stehen, einen Kranz flicht; oder hˆhere Grade dessen was die Sinnen w¸rklich empfunden haben, von welchen man jedoch immer unf‰hig bleibt, sich einige klare Vorstellung zu machen; denn was empfinden wir bei dem ‰therischen Schimmer, oder den ambrosischen Ger¸chen der homerischen Gˆtter? Wir sehen, wenn ich so sagen kann, den Schatten eines Glanzes in unsrer Einbildung; wir glauben einen lieblichen Geruch zu empfinden; aber wir sehen keinen ‰therischen Glanz, und empfinden keinen ambrosischen Geruch. Kurz, man verbiete den Schˆpfern der ¸berirdischen Welten sich keiner irdischen und sinnlichen Materialien zu bedienen, so werden ihre Welten, um mich eines ihrer Ausdr¸cke zu bedienen, plˆtzlich wieder in den Schofl des Nichts zur¸ckfallen, woraus sie gezogen worden. Und brauchen wir wohl noch einen andern Beweis, um uns diese ganze Theorie verd‰chtig zu machen, als die Methode, die man uns vorschreibt, um zu der geheimnisvollen Gl¸ckseligkeit zu gelangen, welcher wir diejenige aufopfern sollen, die uns die Natur und unsre Sinnen anbieten? Wir sollen uns den sichtbaren Dingen entziehen, um die unsichtbaren zu sehen; wir sollen aufhˆren zu empfinden, damit wir desto lebhafter phantasieren kˆnnen. ‘Verstopfet eure Sinnen’, sagen sie, ‘so werdet ihr Dinge sehen und hˆren, wovon diese tierischen Menschen, die gleich dem Vieh mit den Augen sehen, und mit den Ohren hˆren, sich keinen Begriff machen kˆnnen.’ Eine vortreffliche Di‰t, in Wahrheit; die Sch¸ler des Hippokrates werden dir beweisen, dafl man keine bessere erfinden kann, um wahnwitzig zu werden. Es scheint also sehr wahrscheinlich, dafl alle diese Geister, diese Welten, welche sie bewohnen, und diese Gl¸ckseligkeiten, welche man nach dem Tode mit ihnen zu teilen hofft, nicht mehr Wahrheit haben, als die Nymphen, die Liebesgˆtter und die Grazien der Dichter, als die G‰rten der Hesperiden und die Inseln der Circe und Calypso; kurz, als alle diese Spiele der Einbildungskraft, welche uns belustigen, ohne dafl wir sie f¸r w¸rklich halten. Die Religion unsrer V‰ter befiehlt uns einen Jupiter, eine Venus zu glauben; ganz gut; aber was f¸r eine Vorstellung macht man uns von ihnen? Jupiter soll ein Gott, Venus eine Gˆttin sein: Allein der Jupiter des Phidias ist nichts mehr als ein heroischer Mann, noch die Venus des Praxiteles mehr als ein schˆnes Weib; von dem Gott und der Gˆttin hat kein Mensch in Griechenland den mindesten Begriff. Man verspricht uns nach dem Tod ein unsterbliches Leben bei den Gˆttern; aber die Begriffe die wir uns davon machen, sind entweder aus den sinnlichen Woll¸sten, oder den feinern und geistigern Freuden, die wir in diesem Leben erfahren haben, zusammengesetzt; es ist also klar, dafl wir gar keine echte Vorstellung von dem Leben der Geister und von ihren Freuden haben. Ich will hiemit nicht leugnen, dafl es Gˆtter, Geister oder vollkommnere Wesen als wir sind, haben kˆnne oder w¸rklich habe. Alles was meine Schl¸sse zu beweisen scheinen, ist dieses, dafl wir unf‰hig sind, uns eine richtige Idee von ihnen zu machen, oder kurz, dafl wir nichts von ihnen wissen. Wissen wir aber nichts, weder von ihrem Zustande noch von ihrer Natur, so ist es f¸r uns eben so viel, als ob sie gar nicht w‰ren. Anaxagoras bewies mir einst mit dem ganzen Enthusiasmus eines Sternsehers, dafl der Mond Einwohner habe. Vielleicht sagte er die Wahrheit. Allein was sind diese Mondbewohner f¸r uns? Meinest du, der Kˆnig Philippus werde sich die mindeste Sorge machen, die Griechen mˆchten sie gegen ihn zu H¸lfe rufen? Es mˆgen Einwohner im Monde sein; f¸r uns ist der Mond weder mehr noch weniger als eine leere gl‰nzende Scheibe, die unsre N‰chte erheitert, und unsre Zeit abmiflt. Hat es aber diese Bewandtnis, wie es denn nicht anders sein kann, wie tˆricht ist es, den Plan seines Lebens nach Schim‰ren einzurichten, und sich der Gl¸ckseligkeit deren man w¸rklich genieflen kˆnnte, zu begeben, um sich mit ungewissen Hoffnungen zu weiden; die Frucht seines Daseins zu verlieren, so lange man lebt, in Hoffnung sich daf¸r schadlos zu halten, wenn man nicht mehr sein wird! Denn dafl wir itzt leben, und dafl dieses Leben aufhˆren wird, das wissen wir gewifl; ob ein andres alsdann anfange, ist wenigstens ungewifl, und wenn es auch w‰re, so ist es doch unmˆglich, das Verh‰ltnis desselben gegen das itzige zu bestimmen, da wir kein Mittel haben uns einen echten Begriff davon zu machen. Lafl uns also den Plan unsers Lebens auf das gr¸nden, was wir kennen und wissen; und nachdem wir gefunden haben, was das gl¸ckliche Leben ist, den geradesten und sichersten Weg suchen, auf dem wir dazu gelangen kˆnnen.”

VIERTES KAPITEL

Worin Hippias bessere Schl¸sse macht

“Ich habe schon bemerkt, dafl die Gl¸ckseligkeit, welche wir suchen, nur in dem Stand einer Gesellschaft, die sich schon zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat, statt finde. In einer solchen Gesellschaft entwickeln sich alle diese mannichfaltigen Geschicklichkeiten, die bei dem wilden Menschen, der so wenig bedarf, so einsam lebt, und so wenig Leidenschaften hat, immer m¸flige F‰higkeiten bleiben. Die Einf¸hrung des Eigentums, die Ungleichheit der G¸ter und St‰nde, die Armut der einen, der ¸berflufl, die ¸ppigkeit und die Tr‰gheit der andern, dieses sind die wahren Gˆtter der K¸nste, die Mercure und die Musen, denen wir ihre Erfindung oder doch ihre Vollkommenheit zu danken haben. Wie viel Menschen m¸ssen ihre Bem¸hungen vereinigen, um einen einzigen Reichen zu befriedigen! Diese bauen seine Felder und Weinberge, andre pflanzen seine Lustg‰rten, noch andre bearbeiten den Marmor, woraus seine Wohnung aufgef¸hrt wird; tausende durchschiffen den Ozean um ihm die Reicht¸mer fremder L‰nder zuzuf¸hren; tausende besch‰ftigen sich, die Seide und den Purpur zu bereiten, die ihn kleiden; die Tapeten, die seine Zimmer schm¸cken; die kostbaren Gef‰fle, woraus er iflt und trinkt; und die weichen Lager, worauf er der woll¸stigsten Ruhe genieflt. Tausende m¸ssen in schlaflosen N‰chten ihren Witz verzehren, um neue Bequemlichkeiten, neue Woll¸ste, eine leichtere und angenehmere Art die leichtesten und angenehmsten Verrichtungen, die uns die Natur auferlegt, zu tun, f¸r ihn zu erfinden, und durch die Zaubereien der Kunst, die den gemeinsten Dingen einen Schein der Neuheit zu geben weifl, seinen Ekel zu t‰uschen, und seine vom Genufl erm¸deten Sinnen aufzuwecken. F¸r ihn arbeitet der Maler, der Tonk¸nstler, der Dichter, der Schauspieler, und ¸berwindet unendliche Schwierigkeiten, um K¸nste zur Vollkommenheit zu treiben, welche die Anzahl seiner Ergˆtzungen vermehren sollen. Allein alle diese Leute, welche f¸r den gl¸cklichen Menschen arbeiten, w¸rden es nicht tun, wenn sie nicht selbst gl¸cklich zu sein w¸nschten. Sie arbeiten nur f¸r denjenigen, der ihre Bem¸hung f¸r sein Vergn¸gen belohnen kann. Der Kˆnig von Persien selbst ist nicht m‰chtig genug, den Zeuxes zu zwingen, dafl er ihm eine Leda male. Nur die Zauberkraft des Goldes, welchem eine allgemeine ¸bereinkunft der gesitteten Vˆlker den Wert aller n¸tzlichen und angenehmen Dinge beigelegt hat, kann den Genie und den Fleifl einem Midas dienstbar machen, der ohne seine Sch‰tze kaum so viel wert w‰re, dem Maler, der f¸r ihn arbeitet, die Farben zu reiben. Die Kunst, sich die Mittel zur Gl¸ckseligkeit zu verschaffen, ist also schon gefunden, mein lieber Callias, sobald wir die Kunst gefunden haben, einen genugsamen Vorrat von diesem Steine der Weisen zu bekommen, der uns die ganze Natur unterwirft, der Millionen von unsers Gleichen zu freiwilligen Sklaven unsrer ¸ppigkeit macht, und der uns in jedem schlauen Kopf einen dienstwilligen Mercur, und durch den unwiderstehlichen Glanz eines goldnen Regens, in jeder Schˆnen eine Danae finden l‰flt. Die Kunst reich zu werden, Callias, ist im Grunde nichts anders, als die Kunst, sich des Eigentums andrer Leute mit ihrem guten Willen zu bem‰chtigen. Ein Despot hat unter dem Schutz eines Vorurteils, welches demjenigen sehr ‰hnlich ist, womit die Egypter den Krokodil vergˆtterten, in diesem St¸ck einen ungemeinen Vorteil: Da sich seine Rechte so weit erstrecken als seine Macht, und diese Macht durch keine Pflichten eingeschr‰nkt ist, weil ihn niemand zwingen kann, sie zu erf¸llen; so kann er sich das Vermˆgen seiner Untertanen zueignen, ohne sich darum zu bek¸mmern, ob es mit ihrem guten Willen geschieht. Es kostet ihn keine M¸he, unermeflliche Reicht¸mer zu erwerben, und, um mit der unm‰fligsten Schwelgerei in einem Tag Millionen zu verschwenden, hat er nichts nˆtig, als denjenigen Teil des Volkes, den seine D¸rftigkeit zu einer immerw‰hrenden Arbeit verdammt, an diesem Tage fasten zu lassen. Allein aufler dem, dafl dieser Vorteil nur sehr wenigen Sterblichen zu Teil werden kann, so ist er nicht so beschaffen, dafl ein weiser Mann ihn beneiden kˆnnte. Das Vergn¸gen hˆret auf Vergn¸gen zu sein, so bald es ¸ber einen gewissen Grad getrieben wird. Das ¸bermafl der sinnlichen Woll¸ste zerstˆret die Werkzeuge der Empfindung; das ¸bermafl der Vergn¸gen der Einbildungskraft, verderbt den Geschmack des echten Schˆnen, indem f¸r unm‰flige Begierden nichts reizend sein kann, was in die Verh‰ltnisse und das Ebenmafl der Natur eingeschlossen ist. Daher ist das gewˆhnliche Schicksal der morgenl‰ndischen F¸rsten, die in die Mauern ihres Serails eingekerkert sind, in den Armen der Wollust vor Ers‰ttigung und ¸berdrufl umzukommen; indessen, dafl die s¸flesten Ger¸che von Arabien vergeblich f¸r sie d¸ften, dafl die geistigen Weine ihnen ungekostet aus Kristallen entgegenblinken, dafl tausend Schˆnheiten, deren jede zu Paphos einen Altar erhielte, alle ihre Reizungen, alle ihre buhlerische K¸nste umsonst verschwenden, ihre schlaffen Sinnen zu erwecken, und zehen tausend Sklaven ihrer ¸ppigkeit in die Wette eifern, um unerhˆrte und ungeheure Woll¸ste zu erdenken, welche f‰hig sein mˆchten, wenigstens die gl¸hende Phantasie dieser ungl¸ckseligen Gl¸cklichen auf etliche Augenblicke zu betr¸gen. Wir haben also mehr Ursache, als man insgemein glaubt, der Natur zu danken, wenn sie uns in einen Stand setzt, wo wir das Vergn¸gen durch Arbeit erkaufen m¸ssen, und vorher unsre Leidenschaften m‰fligen lernen, eh wir zu einer Gl¸ckseligkeit gelangen, die wir ohne diese M‰fligung nicht genieflen kˆnnten.

Da nun die Despoten und die Straflenr‰uber die einzigen sind, denen es, jedoch auf ihre Gefahr, zusteht, sich des Vermˆgens andrer Leute mit Gewalt zu bem‰chtigen: So bleibt demjenigen, der sich aus einem Zustand von Mangel und Abh‰nglichkeit empor schwingen will, nichts anders ¸brig, als dafl er sich die Geschicklichkeit erwerbe, den Vorteil und das Vergn¸gen der Lieblinge des Gl¸ckes zu befˆrdern. Unter den vielerlei Arten, wie dieses geschehen kann, sind einige dem Menschen von Genie, mit Ausschlufl aller ¸brigen, vorbehalten, und teilen sich nach ihrem verschiednen Endzweck in zwo Klassen ein, wovon die erste die Vorteile, und die andre das Vergn¸gen des betr‰chtlichsten Teils einer Nation zum Gegenstand hat. Die erste, welche die Regierungs–und Kriegs-K¸nste in sich begreift, scheint ordentlicher Weise nur in freien Staaten Platz zu finden; die andre hat keine Grenzen als den Grad des Reichtums und der ¸ppigkeit eines jeden Volks, von welcher Art seine Staatsverfassung sein mag. In dem armen Athen wurde ein guter Feld-Herr unendlichmal hˆher gesch‰tzt, als ein guter Maler; in dem reichen und woll¸stigen Athen gibt man sich keine M¸he zu untersuchen, wer der t¸chtigste sei, ein Kriegsheer anzuf¸hren; man hat wichtigere Dinge zu entscheiden; die Frage ist, welche unter etlichen T‰nzerinnen die artigsten F¸fle hat, und die schˆnsten Spr¸nge macht? ob die Venus des Praxiteles, oder des Alcamenes die schˆnere ist?–Die K¸nste des Genie von der ersten Klasse f¸hren f¸r sich allein selten zum Reichtum. Die groflen Talente, die groflen Verdienste und Tugenden, die dazu erfodert werden, finden sich gemeiniglich nur in armen und emporstrebenden Republiken, die alles, was man f¸r sie tut, nur mit Lorbeerkr‰nzen bezahlen. In Staaten aber, wo Reichtum und ¸ppigkeit schon die Oberhand gewonnen haben, braucht man alle diese Talente und Tugenden nicht, welche die Regierungskunst zu erfodern scheint. Man kann in solchen Staaten Gesetze geben, ohne ein Solon zu sein; man kann ihre Kriegsheere anf¸hren, ohne ein Leonidas oder Themistokles zu sein. Perikles, Alcibiades, regierten zu Athen den Staat, und f¸hrten die Vˆlker an; obgleich jener nur ein Redner war, und dieser keine andre Kunst kannte, als die Kunst sich der Herzen zu bemeistern. In solchen Republiken hat das Volk die Eigenschaften, die in einem despotischen Staate der Einzige hat, der kein Sklave ist; man braucht ihm nur zu gefallen, um zu allem t¸chtig befunden zu werden. Perikles herrschte, ohne die ‰uflerlichen Zeichen der kˆniglichen W¸rde zu tragen, so unumschr‰nkt in dem freien Athen, als Artaxerxes in dem untert‰nigen Asien. Seine Talente, und die K¸nste die er von der schˆnen Aspasia gelernt hatte, erwarben ihm eine Art von Oberherrschaft, die nur desto unumschr‰nkter war, da sie ihm freiwillig zugestanden wurde; die Kunst eine grofle Meinung von sich zu erwecken, die Kunst zu ¸berreden, die Kunst von der Eitelkeit der Athenienser Vorteil zu ziehen und ihre Leidenschaften zu lenken; diese machten seine ganze Regierungskunst aus. Er verwickelte die Republik in ungerechte und ungl¸ckliche Kriege, er erschˆpfte die ˆffentliche Schatzkammer, er erbitterte die Bundsgenossen durch gewaltsame Erpressungen; und damit das Volk keine Zeit h‰tte, eine so schˆne Staats-Verwaltung genauer zu beobachten, so bauete er Schauspielh‰user, gab ihnen schˆne Statuen und Gem‰lde zu sehen, unterhielt sie mit T‰nzerinnen und Virtuosen, und gewˆhnte sie so sehr an diese abwechselnden Ergˆtzungen, dafl die Vorstellung eines neuen St¸cks, oder der Wettstreit unter etlichen Flˆtenspielern zuletzt Staats-Angelegenheiten wurden, ¸ber welchen man diejenigen vergafl die es in der Tat waren. Hundert Jahre fr¸her w¸rde man einen Perikles f¸r eine Pest der Republik angesehen haben; allein damals w¸rde Perikles ein Aristides gewesen sein. In der Zeit worin er lebte, war Perikles, so wie er war, der grˆflte Mann der Republik; der Mann der Athen zu dem hˆchsten Grade der Macht und des Glanzes erhub, den es zu erreichen f‰hig war; der Mann, dessen Zeit als das goldne Alter der Musen in allen k¸nftigen Jahrhunderten angezogen werden wird; und, was f¸r ihn selbst das interessanteste war, der Mann, f¸r den die Natur die Euripiden und Aristophane, die Phidias, die Zeuxes, die Damonen, und die Aspasien zusammen brachte, um sein Privatleben so angenehm zu machen, als sein ˆffentliches Leben gl‰nzend war. Die Kunst ¸ber die Einbildungskraft der Menschen zu herrschen, die geheimen, ihnen selbst verborgnen Triebfedern ihrer Bewegungen nach unserm Gefallen zu lenken, und sie zu Werkzeugen unsrer Absichten zu machen, indem wir sie in der Meinung erhalten, dafl wir es von den ihrigen sind, ist also, ohne Zweifel, diejenige, die ihrem Besitzer am n¸tzlichsten ist, und dieses ist die Kunst welche die Sophisten lehren und aus¸ben; die Kunst, welcher sie das Ansehen, die Unabh‰nglichkeit und die gl¸cklichen Tage, deren sie genieflen, zu danken haben. Du kannst dir leicht vorstellen, Callias, dafl sie sich in etlichen Stunden weder lehren noch lernen l‰flt; allein meine Absicht ist auch f¸r itzt nur, dir ¸berhaupt einen Begriff davon zu geben. Dasjenige, was man die Weisheit der Sophisten nennt, ist die Geschicklichkeit sich der Menschen so zu bedienen, dafl sie geneigt sind, unser Vergn¸gen zu befˆrdern, oder ¸berhaupt die Werkzeuge unsrer Absichten zu sein. Die Beredsamkeit, welche diesen Namen erst alsdann verdient, wenn sie im Stand ist, die Zuhˆrer, wer sie auch sein mˆgen, von allem zu ¸berreden, was wir wollen, und in jeden Grad einer jeden Leidenschaft zu setzen, die zu unsrer Absicht nˆtig ist; eine solche Beredsamkeit ist unstreitig ein unentbehrliches Werkzeug, und das vornehmste wodurch die Sophisten diesen Zweck erreichen. Die Grammatici bem¸hen sich, junge Leute zu Rednern zu bilden; die Sophisten tun mehr, sie lehren sie ¸berreder zu werden, wenn mir dieses Wort erlaubt ist. Hierin allein besteht das Erhabne einer Kunst, die vielleicht noch niemand in dem Grade besessen hat, wie Alcibiades, der in unsern Zeiten so viel Aufsehens gemacht hat. Der Weise bedient sich dieser ¸berredungs-Gabe nur als eines Werkzeugs zu hˆhern Absichten. Alcibiades ¸berl‰flt es einem Antiphon, sich mit Ausfeilung einer k¸nstlichgesetzten Rede zu bem¸hen; er ¸berredet indessen seine Landsleute, dafl ein so liebensw¸rdiger Mann wie Alcibiades das Recht habe zu tun, was ihm einfalle; er ¸berredet die Spartaner zu vergessen, dafl er ihr Feind gewesen, und dafl er es bei der ersten Gelegenheit wieder sein wird; er ¸berredet die Kˆnigin Timea, dafl sie ihn bei sich schlafen lasse, und die Satrapen des groflen Kˆnigs, dafl er ihnen die Athenienser zu eben der Zeit verraten wolle, da er die Athenienser ¸berredet, dafl sie ihm Unrecht tun, ihn f¸r einen Verr‰ter zu halten. Diese ¸berredungskraft setzt die Geschicklichkeit voraus, jede Gestalt anzunehmen, wodurch wir demjenigen gef‰llig werden kˆnnen, auf den wir Absichten haben; die Geschicklichkeit, sich der verborgensten Zug‰nge seines Herzens zu versichern, seine Leidenschaften, je nachdem wir es nˆtig finden, zu erregen, zu liebkosen, eine durch die andre zu verst‰rken, oder zu schw‰chen, oder gar zu unterdrucken; sie erfodert eine Gef‰lligkeit, die von den Sittenlehrern Schmeichelei genennt wird, aber diesen Namen nur alsdann verdient, wenn sie von den Gnathonen die um die Tafeln der Reichen sumsen, nachge‰ffet wird,–eine Gef‰lligkeit, die aus einer tiefen Kenntnis der Menschen entspringt, und das Gegenteil von der l‰cherlichen Sprˆdigkeit gewisser Phantasten ist, die den Menschen ¸bel nehmen, dafl sie anders sind, als wie diese ungebetenen Gesetzgeber es haben wollen; kurz, diejenige Gef‰lligkeit ohne welche es vielleicht mˆglich ist, die Hochachtung, aber niemals die Liebe der Menschen zu erlangen; weil wir nur diejenigen lieben kˆnnen, die uns ‰hnlich sind, die unsern Geschmack haben oder zu haben scheinen, und so eifrig sind, unser Vergn¸gen zu befˆrdern, dafl sie hierin die Aspasia von Milet zum Muster nehmen, welche sich bis ans Ende in der Gunst des Perikles erhielt, indem sie in demjenigen Alter, worin man die Seele der Damen zu lieben pflegt, sich in die Grenzen der Platonischen Liebe zur¸ckzog, und die Rolle des Kˆrpers durch andre spielen liefl. Ich lese in deinen Augen Callias, was du gegen diese K¸nste einzuwenden hast, die sich so ¸bel mit den Vorurteilen vertragen, die du gewohnt bist f¸r Grunds‰tze zu halten. Es ist wahr, die Kunst zu leben, welche die Sophisten lehren, ist auf ganz andre Begriffe von dem, was in sittlichem Verstande schˆn und gut ist gebaut, als diejenigen hegen, die von dem idealischen Schˆnen, und von einer gewissen Tugend, die ihr eigner Lohn sein soll, so viel schˆne Dinge zu sagen wissen. Allein, wenn du noch nicht m¸de bist mir zuzuhˆren, als ich es bin zu schwatzen; so denke ich, dafl es nicht schwer sein werde dich zu ¸berzeugen, dafl das idealische Schˆne und die idealische Tugend mit jenen Geisterm‰rchen, wovon wir erst gesprochen haben, in die n‰mliche Klasse gehˆren.”

F‹NFTES KAPITEL

Der Anti-Platonismus in Nuce

“Was ist das Schˆne? Was ist das Gute? Eh wir diese Fragen beantworten kˆnnen, m¸ssen wir, deucht mich, vorher fragen: Was ist das, was die Menschen schˆn und gut nennen? Wir wollen vom Schˆnen den Anfang machen. Was f¸r eine unendliche Verschiedenheit in den Begriffen, die man sich bei den verschiedenen Vˆlkern des Erdbodens von der Schˆnheit macht! Alle Welt kommt darin ¸berein, dafl ein schˆnes Weib das schˆnste unter allen Werken der Natur sei. Allein wie mufl sie sein, um f¸r eine vollkommne Schˆnheit in ihrer Art gehalten zu werden? Hier f‰ngt der Widerspruch an. Stelle dir eine Versammlung von so vielen Liebhabern vor, als es verschiedne Nationen unter verschiednen Himmelsstrichen gibt; was ist gewisser, als dafl ein jeder den Vorzug seiner Geliebten vor den ¸brigen behaupten wird? Der Europ‰er wird die blendende weifle, der Mohr die rabengleiche Schw‰rze der seinigen vorziehen; der Grieche wird einen kleinen Mund, eine Brust, die mit der hohlen Hand bedeckt werden kann, und das angenehme Ebenmafl einer feinen Gestalt; der Africaner wird die eingedr¸ckte Nase, und die aufgeschwollnen dickroten Lippen; der Persianer die groflen Augen und den schlanken Wuchs, der Serer, die kleinen Augen, die Kegelrunde dicke und winzigen F¸fle an der seinigen bezaubernd finden. Hat es mit dem Schˆnen in sittlichen Verstande, mit dem was sich geziemt, eine andre Bewandtnis? Die Spartanischen Tˆchter scheuen sich nicht, in einem Aufzug gesehen zu werden, wodurch in Athen die geringste ˆffentliche Metze sich entehrt hielte. In Persien w¸rd’ ein Frauenzimmer, das an einem ˆffentlichen Orte sein Gesicht entblˆflte, eben so angesehen, als in Smyrna eine die sich nackend sehen liefle. Bei den morgenl‰ndischen Vˆlkern erfodert der Wohlstand eine Menge von Beugungen und untert‰nigen Geb‰rden, die man gegen diejenigen macht, die man ehren will; bei den Griechen w¸rde diese Hˆflichkeit f¸r eben so sch‰ndlich und sklavenm‰flig gehalten werden, als die attische Politesse zu Persepolis grob und b‰urisch scheinen w¸rde. Bei den Griechen hat eine freigeborne ihre Ehre verloren, die sich den jungfr‰ulichen G¸rtel von einem andern, als ihrem Manne auflˆsen l‰flt; bei gewissen Vˆlkern die jenseits des Ganges wohnen, ist ein M‰dchen desto vorz¸glicher, je mehr es Liebhaber gehabt hat, die seine Reizungen aus Erfahrung anzur¸hmen wissen. Diese Verschiedenheit der Begriffe vom sittlichen Schˆnen zeigt sich nicht nur in besondern Gebr‰uchen und Gewohnheiten verschiedner Vˆlker, wovon sich die Beispiele ins Unendliche h‰ufen lieflen; sondern selbst in dem Begriff, den sie sich ¸berhaupt von der Tugend machen. Bei den Rˆmern ist Tugend und Tapferkeit einerlei; bei den Atheniensern schlieflt dieses Wort alle Arten von n¸tzlichen und angenehmen Eigenschaften in sich. Zu Sparta kennt man keine andre Tugend als den Gehorsam gegen die Gesetze; in despotischen Reichen keine andre, als die sklavische Untert‰nigkeit gegen den Monarchen und seine Satrapen; am caspischen Meere ist der tugenhafteste der am besten rauben kann, und die meisten Feinde erschlagen hat; und in dem w‰rmsten Striche von Indien hat nur der die hˆchste Tugend erreicht, der sich durch eine vˆllige Unt‰tigkeit, ihrer Meinung nach, den Gˆttern ‰hnlich macht. Was folget nun aus allen diesen Beispielen? Ist nichts an sich selbst schˆn oder recht? Gibt es kein gewisses Modell, wornach dasjenige, was schˆn oder sittlich ist, beurteilt werden mufl? Wir wollen sehen. Wenn ein solches Modell ist, so mufl es in der Natur sein. Denn es w‰re Torheit, sich einzubilden, dafl ein Pygmalion eine Bilds‰ule schnitzen kˆnne, welche schˆner sei als Phryne, die k¸hn genug war, bei den Olympischen Spielen, in eben dem Aufzug worin die drei Gˆttinnen um den Preis der Schˆnheit stritten, das ganze Griechenland zum Richter ¸ber die ihrige zu machen. Die Venus eines jeden Volks ist nichts anders als die Abbildung eines Weibes, die bei einer allgemeinen Versammlung dieses Volks f¸r diejenige erkl‰rt w¸rde, bei der sich die National-Schˆnheit im hˆchsten Grade befinde. Allein welches unter so vielerlei Modellen ist denn an sich selbst das schˆnste? Der Grieche wird f¸r seine rosenwangichte, der Mohr f¸r seine rabenschwarze, der Perser f¸r seine schlanke, und der Serer f¸r seine runde Venus mit dem dreifachen Kinn streiten. Wer soll den Ausschlag geben? Wir wollen es versuchen. Gesetzt, es w¸rde eine allgemeine Versammlung angestellt, wozu eine jede Nation den schˆnsten Mann und das schˆnste Weib, nach ihrem National-Modell zu urteilen, geschickt h‰tten; und wo die Weiber zu entscheiden h‰tten, welcher unter allen diesen Mitwerbern um den Preis der Schˆnheit der schˆnste Mann, und die M‰nner, welche unter allen das schˆnste Weib w‰re: Ich sage also, man w¸rde gar bald diejenigen aus allen ¸brigen aussondern, die unter diesen milden und gem‰fligten Himmelsstrichen geboren worden, wo die Natur allen ihren Werken ein feineres Ebenmafl der Gestalt, und eine angenehmere Mischung der Farben zu geben pflegt. Denn die vorz¸gliche Schˆnheit der Natur in den gem‰fligten Zonen erstreckt sich vom Menschen bis auf die Pflanzen. Unter diesen Auserlesnen von beiden Geschlechtern w¸rde vielleicht der Vorzug lange zweifelhaft sein; allein endlich w¸rde doch unter den M‰nnern derjenige den Preis erhalten, bei dessen Landesleuten die verschiednen gymnastischen ¸bungen am st‰rksten, und Verh‰ltnisweise in dem hˆchsten Grade der Vollkommenheit getrieben w¸rden; und alle M‰nner w¸rden mit einer Stimme diejenige f¸r die schˆnste unter den Schˆnen erkl‰ren, die von einem Volke abgeschickt worden, welches bei der Erziehung der Tˆchter die mˆglichste Entwicklung und Kultur der nat¸rlichen Schˆnheit zur Hauptsache machte. Der Spartaner w¸rde also vermutlich f¸r den schˆnsten Mann, und die Perserin f¸r das schˆnste Weib erkl‰rt werden. Der Grieche, welcher der Anmut den Vorzug vor der Schˆnheit gibt, weil die griechischen Weiber mehr reizend als schˆn sind, w¸rde nichts desto weniger zu eben der Zeit, da sein Herz einem M‰dchen von Paphos oder Milet den Vorzug g‰be, bekennen m¸ssen, dafl die Perserin schˆner sei; und eben dieses w¸rde der Serer tun, ob er gleich das dreifache Kinn und den Wanst seiner Landsm‰nnin reizender finden w¸rde.–Lafl uns zu dem sittlichen Schˆnen fortgehen. So grofl auch hierin die Verschiedenheit der Begriffe unter verschiednen Zonen ist, so wird doch schwerlich geleugnet werden kˆnnen, dafl die Sitten derjenigen Nation, welche die geistreichste, die munterste, die geselligste, die angenehmste ist, den Vorzug der Schˆnheit haben. Die ungezwungne und einnehmende Hˆflichkeit des Atheniensers mufl einem jeden Fremden angenehmer sein, als die abgemessene, ernsthafte und zeremonienvolle Hˆflichkeit der Morgenl‰nder; das verbindliche Wesen, der Schein von Leutseligkeit, so der erste seinen kleinsten Handlungen zu geben weifl, mufl vor dem steifen Ernst des Persers, oder der rauhen Gutherzigkeit des Scythen eben so sehr den Vorzug erhalten, als der Putz einer Dame von Smyrna, der die Schˆnheit weder ganz verh¸llt, noch ganz den Augen preis gibt, vor der Vermummung der Morgenl‰nderin oder der tierischen Blˆfle einer Wilden. Das Muster der aufgekl‰rtesten und geselligsten Nation scheint also die wahre Regul des sittlichen Schˆnen, oder des Anst‰ndigen zu sein, und Athen und Smyrna sind die Schulen, worin man seinen Geschmack und seine Sitten bilden mufl. Allein nachdem wir eine Regul f¸r das Schˆne gefunden haben, was f¸r eine werden wir f¸r das, was Recht ist finden? wovon so verschiedene und widersprechende Begriffe unter den Menschen herrschen, dafl eben dieselbe Handlung, die bei dem einen Volke mit Lorbeerkr‰nzen und Statuen belohnt wird, bei der andern eine schm‰hliche Todesstrafe verdient; und dafl kaum ein Laster ist, welches nicht irgendwo seinen Altar und seinen Priester habe. Es ist wahr, die Gesetze sind bei dem Volke, welchem sie gegeben sind, die Richtschnur des Rechts und Unrechts; allein was bei diesem Volk durch das Gesetz befohlen wird, wird bei einem andern durch das Gesetz verboten. Die Frage ist also: Gibt es nicht ein allgemeines Gesetz, welches bestimmt, was an sich selbst Recht ist? Ich antworte ja, und dieses allgemeine Gesetz kann kein andres sein, als die Stimme der Natur, die zu einem jeden spricht: Suche dein Bestes; oder mit andern Worten: Befriedige deine nat¸rliche Begierden, und geniefle so viel Vergn¸gen als du kannst. Dieses ist das einzige Gesetz, das die Natur dem Menschen gegeben hat; und so lang er sich im Stande der Natur befindet, ist das Recht, das er an alles hat, was seine Begierden verlangen, oder was ihm gut ist, durch nichts anders als das Mafl seiner St‰rke eingeschr‰nkt; er darf alles, was er kann, und ist keinem andern nichts schuldig. Allein der Stand der Gesellschaft, welcher eine Anzahl von Menschen zu ihrem gemeinschaftlichen Besten vereiniget, setzt zu jenem einzigen Gesetz der Natur, suche dein eignes Bestes, die Einschr‰nkung, ohne einem andern zu schaden. Wie also im Stande der Natur einem jeden Menschen alles recht ist, was ihm n¸tzlich ist; so erkl‰rt im Stande der Gesellschaft das Gesetz alles f¸r unrecht und strafw¸rdig, was der Gesellschaft sch‰dlich ist, und verbindet hingegen die Vorstellung eines Vorzugs und belohnungsw¸rdigen Verdienstes mit allen Handlungen, wodurch der Nutzen oder das Vergn¸gen der Gesellschaft befˆrdert wird. Die Begriffe von Tugend und Laster gr¸nden sich also eines Teils auf den Vertrag den eine gewisse Gesellschaft unter sich gemacht hat, und in so ferne sind sie willk¸rlich; andern Teils auf dasjenige, was einem jeden Volke n¸tzlich oder sch‰dlich ist; und daher kommt es, dafl ein so grofler Widerspruch unter den Gesetzen verschiedner Nationen herrschet. Das Klima, die Lage, die Regierungsform, die Religion, das eigne Temperament und der National-Charakter eines jeden Volks, seine Lebensart, seine St‰rke oder Schw‰che, seine Armut oder sein Reichtum, bestimmen seine Begriffe von dem, was ihm gut oder sch‰dlich ist; daher diese unendliche Verschiedenheit des Rechts oder Unrechts unter den policiertesten Nationen; daher der Kontrast der Moral der gl¸henden Zonen mit der Moral der kalten L‰nder, der Moral der freien Staaten mit der Moral der despotischen Reiche; der Moral einer armen Republik, welche nur durch den kriegerischen Geist gewinnen kann, mit der Moral einer reichen, die ihren Wohlstand dem Geist der Handelschaft und dem Frieden zu danken hat; daher endlich die Albernheit der Moralisten, welche sich den Kopf zerbrechen, um zu bestimmen, was f¸r alle Nationen recht sei, ehe sie die Auflˆsung der Aufgabe gefunden haben, wie man machen kˆnne, dafl eben dasselbe f¸r alle Nationen gleich n¸tzlich sei.

Die Sophisten, deren Sittenlehre sich nicht auf abstrakte Ideen, sondern auf die Natur und wirkliche Beschaffenheit der Dinge gr¸ndet, finden die Menschen an einem jeden Ort, so, wie sie sein kˆnnen. Sie sch‰tzen einen Staatsmann zu Athen, an sich selbst, nicht hˆher als einen Gaukler zu Persepolis, und eine ehrbare Matrone von Sparta ist in ihren Augen kein vortrefflicheres Wesen als eine Lais zu Corinth. Es ist wahr, der Gaukler w¸rde zu Athen, und die Lais zu Sparta sch‰dlich sein; allein ein Aristides w¸rde zu Persepolis, und eine Spartanerin zu Corinth wo nicht eben so sch‰dlich, doch wenigstens ganz unn¸tzlich sein. Die Idealisten, wie ich diese Philosophen zu nennen pflege, welche die Welt nach ihren Ideen umschmelzen wollen, bilden ihre Lehrj¸nger zu Menschen, die man nirgends f¸r einheimisch erkennen kann, weil ihre Moral eine Gesetzgebung voraussetzt, welche nirgends vorhanden ist. Sie bleiben arm und ungeachtet, weil ein Volk nur demjenigen Hochachtung und Belohnung zuerkennt, der seinen Nutzen befˆrdert oder doch zu befˆrdern scheint; ja sie werden als Verderber der Jugend, und als heimliche Feinde der Gesellschaft angesehen, und die Landesverweisung oder der Giftbecher ist zuletzt alles, was sie f¸r die undankbare Bem¸hung davon tragen, die Menschen zu entkˆrpern, um sie in die Klasse der idealischen Wesen, der mathematischen Punkte, Linien und Dreiecke zu erhˆhen. Kl¸ger, als diese eingebildeten Weisen, die, wie jener Flˆtenspieler von Aspondus, nur f¸r sich selbst singen, ¸berlassen die Sophisten den Gesetzen eines jeden Volks ihre B¸rger zu lehren, was Recht oder Unrecht sei. Da sie selbst zu keinem besondern Staatskˆrper gehˆren, so genieflen sie die Vorrechte eines Weltb¸rgers, und indem sie den Gesetzen und der Religion eines jeden Volkes bei dem sie sich befinden, eine ‰uflerliche Achtung bezeugen, wodurch sie vor allen Ungelegenheiten mit den Handhabern derselben gesichert werden; so erkennen und befolgen sie doch in der Tat kein andres als jenes allgemeine Gesetz der Natur, welches dem Menschen sein eignes Bestes zur einzigen Richtschnur gibt. Alles wodurch ihre nat¸rliche Freiheit eingeschr‰nkt wird, ist die Beobachtung einer n¸tzlichen Klugheit, die ihnen vorschreibt ihren Handlungen die Farbe, den Schnitt und die Auszierung zu geben, wodurch sie denjenigen, mit welchen sie zu tun haben, am gef‰lligsten werden. Das moralische Schˆne ist f¸r unsre Handlungen eben das, was der Putz f¸r unsern Leib; und es ist eben so nˆtig, seine Auff¸hrung nach den Vorurteilen und dem Geschmack derjenigen zu modeln, mit denen man lebt, als es nˆtig ist sich so zu kleiden wie sie. Ein Mensch, der nach einem gewissen besondern Modell gebildet worden, sollte, wie die wandelnden Bilds‰ulen des D‰dalus, an seinen v‰terlichen Boden angefesselt werden; denn er ist nirgends an seinem Platz als unter seines gleichen. Ein Spartaner w¸rde sich nicht besser schicken, die Rolle eines obersten Sklaven des Artaxerxes zu spielen, als ein Sarmater sich schickte Polemarchus zu Athen zu sein. Der Weise hingegen ist der allgemeine Mensch, der Mensch, dem alle Farben, alle Umst‰nde, alle Verfassungen und Stellungen anstehen, und er ist es eben darum, weil er keine besondre Vorurteile und Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er gef‰llt allenthalben, weil er, wohin er kommt, sich die Vorurteile und Torheiten gefallen l‰flt, die er antrifft. Wie sollte er nicht geliebt werden, er, der immer bereit ist sich f¸r die Vorteile andrer zu beeifern, ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften zu schmeicheln? Er weifl, dafl die Menschen von nichts ¸berzeugter sind, als von ihren Irrt¸mern, und nichts z‰rtlicher lieben als ihre Fehler; und dafl es kein gewisseres Mittel gibt sich ihren Abscheu zuzuziehen, als wenn man ihnen eine Wahrheit entdeckt, die sie nicht wissen wollen. Weit entfernt also, ihnen die Augen wider ihren Willen zu erˆffnen, oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, der ihnen ihre H‰fllichkeit vorr¸ckte, best‰rkt er den Toren in dem Gedanken, dafl nichts abgeschmackter sei als Verstand haben, den Verschwender in dem Wahn, dafl er groflm¸tig, den Knicker in den Gedanken, dafl er ein guter Haushalter, die H‰flliche in der s¸flen Einbildung, dafl sie desto geistreicher, und den Reichen in der ¸berredung, dafl er ein Staatsmann, ein Gelehrter, ein Held, ein Gˆnner der Musen und ein Liebling der Damen sei. Er bewundert das System des Philosophen, die einbildische Unwissenheit des Hofmanns, und die groflen Taten des Generals; er gestehet dem Tanzmeister ohne Widerrede zu, dafl Cimon der grˆflte Mann in Griechenland gewesen w‰re, wenn er die F¸fle besser zu setzen gewuflt h‰tte; und dem Maler, dafl man mehr Genie braucht, ein Zeuxes als ein Homer zu sein. Diese Art mit den Menschen umzugehen, ist von unendlich grˆflerm Vorteil als man beim ersten Anblick denken mˆchte. Sie erwirbt ihm ihre Liebe, ihr Zutrauen, und eine desto grˆflere Meinung von seinen Verdienste, je grˆfler diejenige ist, die er von den ihrigen zu haben scheint. Sie ist das gewisseste Mittel, zu den hˆchsten Stufen des Gl¸cks empor zu steigen. Meinest du, dafl es allein die grˆflten Talente, die vorz¸glichsten Verdienste seien, die einen Archonten, einen Heerf¸hrer, einen Satrapen, oder den G¸nstling eines F¸rsten machen? Siehe dich in den Republiken um; du wirst finden, dafl dieser sein Ansehen der l‰chelnden Miene zu danken hat, womit er die B¸rger gr¸flt; ein andrer der emphatischen Peripherie seines Wanstes; ein dritter der Schˆnheit seiner Gemahlin, und ein vierter seiner br¸llenden Stimme. Gehe an die Hˆfe, du wirst Leute finden, welche das Gl¸ck, worin sie schimmern, der Empfehlung eines Kammerdieners, der Gunst einer Dame, die sich f¸r ihre Talente verb¸rgt hat, oder der Gabe des Schlafs schuldig sind, womit sie befallen werden, wenn der Vezier mit ihren Weibern scherzt. Nichts ist in diesem Lande der Bezauberungen gewˆhnlicher, als einen unb‰rtigen Knaben in einen General, einen Pantomimen in einen Staatsminister, einen Kuppler in einen Oberpriester verwandelt zu sehen; ein Mensch ohne alle Verdienste kann oft durch ein einziges Talent, und wenn es auch nur das Talent eines Esels w‰re, zu einem Gl¸cke gelangen, das ein andrer durch die grˆflten Verdienste vergeblich zu erhalten gesucht hat. Wer kˆnnte demnach zweifeln, dafl die Kunst der Sophisten nicht f‰hig sein sollte, ihrem Besitzer auf diese oder jene Art die Gunst des Gl¸ckes zu verschaffen? Vorausgesetzt, dafl er die nat¸rlichen Gaben besitze, ohne welche der Mann von Verstand in der Welt allezeit dem Narren Platz machen mufl, der damit versehen ist. Allein selbst auf dem Wege der Verdienste ist niemand gewisser sein Gl¸ck zu machen, als ein Sophist. Wo ist der Platz, den er nicht mit Ruhm bekleiden wird? Wer ist geschickter die Menschen zu regieren als derjenige, der am besten mit ihnen umzugehen weifl? Wer schickt sich besser zu ˆffentlichen Unterhandlungen? Wer ist f‰higer der Ratgeber eines F¸rsten zu sein? Ja, wofern er nur das Gl¸ck auf seiner Seite hat, wer wird mit grˆflerm Ruhm ein Kriegsheer anf¸hren als er? Wer wird die Kunst besser verstehen, sich f¸r die Geschicklichkeit und die Verdienste seiner Subalternen belohnen zu lassen? Wer wird die Vorsicht, die er nicht gehabt, die klugen Anstalten, die er nicht gemacht, die Wunden, die er nicht bekommen hat, besser gelten zu machen wissen, als er?

Doch es ist Zeit einen Diskurs zu enden, der f¸r beide erm¸dend zu werden anfangt. Ich habe dir genug gesagt, um den Zauber zu vernichten, den die Schw‰rmerei auf deine Seele gelegt hat; und wenn dieses nicht genug ist, so w¸rde alles ¸berfl¸ssig sein was ich sagen kˆnnte. Glaube ¸brigens nicht, Callias, dafl der Orden der Sophisten einen unansehnlichen Teil der menschlichen Gesellschaft ausmache. Die Anzahl derjenigen die unsre Kunst aus¸ben, ist in allen St‰nden sehr betr‰chtlich, und du wirst unter denen die ein grofles Gl¸ck gemacht haben, schwerlich einen einzigen finden, der es nicht einer geschickten Anwendung unsrer Grunds‰tze zu danken habe. Diese Grunds‰tze machen die gewˆhnliche Denkungsart der Hofleute, der Leute die sich dem Dienste der Groflen gewidmet haben, und ¸berhaupt derjenigen Klasse von Menschen aus, die an jedem Orte die edelsten und angesehensten sind, und (die wenigen F‰lle ausgenommen, wo das spielende Gl¸ck durch einen blinden Wurf einen Narren an den Platz eines klugen Menschen fallen l‰flt) sind die geschickten Kˆpfe, die von diesen Maximen den besten Gebrauch zu machen wissen, allezeit diejenigen, die es auf der Bahn der Ehre und des Gl¸cks am weitesten bringen.”

SECHSTES KAPITEL

Ungelehrigkeit des Agathon

Hippias konnte sich wohl berechtiget halten, einigen Dank bei seinem Lehrj¸nger verdient zu haben, da er sich so viele M¸he gegeben hatte, ihn weise zu machen. Allein wir m¸ssen es nur gestehen, er hatte es mit einem Menschen zu tun, der nicht f‰hig war, die Wichtigkeit dieses Dienstes einzusehen, oder die Schˆnheit eines Systems zu empfinden, welches seinen vermeinten Empfindungen so zuwider war. Seine Erwartung wurde also nicht wenig betrogen, als Agathon, wie er sah, dafl der weise Hippias zu reden aufgehˆrt hatte, ihm diese kurze Antwort gab: “Du hast eine schˆne Rede gehalten, Hippias; deine Beobachtungen sind sehr fein, deine Schl¸sse sehr b¸ndig, deine Maximen sehr praktisch, und ich zweifle nicht, dafl der Weg, den du mir vorgezeichnet hast, zu der Gl¸ckseligkeit w¸rklich f¸hre, deren Vorz¸ge vor meiner Art gl¸cklich zu sein, du in ein so helles Licht gesetzt. Dem ungeachtet empfinde ich nicht die mindeste Lust so gl¸cklich zu sein, und wenn ich mich anders recht kenne, so werde ich schwerlich eher ein Sophist werden, bis du deine T‰nzerinnen entl‰ssest, dein Haus zu einem ˆffentlichen Tempel der Diana widmest, und nach Indien ziehst, ein Bramine zu werden.” Hippias lachte ¸ber diese Antwort, ohne dafl sie ihm desto besser gefiel. “Und was hast du gegen mein System einzuwenden?” fragte er. “Dafl es mich nicht ¸berzeugt”, erwiderte Agathon. “Und warum nicht?” “Weil meine Erfahrung und Empfindung deinen Schl¸ssen widerspricht.” “Ich mˆchte wohl wissen, was dieses f¸r Erfahrungen und Empfindungen sind, die demjenigen widersprechen, was alle Welt erf‰hrt und empfindt.” “Du w¸rdest beweisen, dafl es Schim‰ren sind.” “Und wenn ich es bewiesen h‰tte?” “Du w¸rdest es nur dir beweisen, Hippias; du w¸rdest nichts beweisen, als dafl du nicht Callias bist.” “Aber die Frage ist, ob Hippias oder Callias richtig denkt?” “Wer soll Richter sein?” “Das ganze menschliche Geschlecht.” “Was w¸rde das wider mich beweisen?” “Sehr viel. Wenn zehen Millionen Menschen urteilen, dafl zween oder drei aus ihrem Mittel Narren sind, so sind sie es; das ist unleugbar.” “Aber wie, wenn die zehen Millionen, deren Ausspruch dir so entscheidend vorkommt, zehn Millionen Toren w‰ren, und die drei w‰ren klug?” “Wie m¸flte das zugehen?” “Kˆnnen nicht zehn Millionen die Pest haben, und Sokrates allein gesund herum gehen?” “Diese Instanz beweist nichts f¸r dich. Ein Volk hat nicht immer die Pest; Allein die zehn Millionen denken immer so wie ich. Sie sind also in ihrem nat¸rlichen Zustande, wenn sie so denken; und wer anders denkt, gehˆrt folglich entweder zu einer andern Gattung von Wesen, oder zu den Wesen, die man Toren nennt.” “So ergeb ich mich in mein Schicksal.” “Es gibt noch eine Alternative, junger Mensch. Du sch‰mest dich, entweder deine Gedanken so schnell zu ver‰ndern, oder du bist ein Heuchler.” “Keines von beiden, Hippias.” “Leugne mir zum Exempel, wenn du kannst, dafl dir die schˆne Cyane, die uns beim Fr¸hst¸ck bediente, Begierden eingeflˆflt hat, und dafl du verstohlne Blicke -” “Ich leugne nichts.” “So gestehe, dafl das Anschauen dieser runden schneeweiflen Arme, dieses aus der flatternden Seide hervoratmenden Busens, die Begierde in dir erregt, ihrer zu genieflen.” “Ist das Anschauen kein Genufl?” “Keine Ausfl¸chte, junger Mensch!” “Du betr¸gst dich, Hippias, wenn es erlaubt ist einem Weisen das zu sagen; ich bedarf keiner Ausfl¸chte. Ich mache nur einen Unterschied zwischen einem mechanischen Instinkt, der nicht g‰nzlich von mir abh‰ngt, und dem Willen meiner Seele. Ich habe den Willen nicht gehabt, dessen du mich beschuldigest.” “Ich beschuldige dich nichts, als dafl du meiner spottest. Ich denke, dafl ich die Natur kennen sollte. Die Schw‰rmerei kann in deinen Jahren keine so unheilbare Krankheit sein, dafl sie wider die Reizung des Vergn¸gens sollte aushalten kˆnnen.” “Deswegen vermeide ich die Gelegenheiten.” “Du gestehest also, dafl Cyane reizend ist?” “Sehr reizend.” “Und dafl ihr Genufl ein Vergn¸gen w‰re?” “Vermutlich.” “Warum qu‰lest du dich dann, dir ein Vergn¸gen zu versagen, das in deiner Gewalt ist.” “Weil ich mich dadurch vieler andern Vergn¸gen berauben w¸rde, die ich hˆher sch‰tze.” “Kann man in deinem Alter so sehr ein Neuling sein? Was f¸r Vergn¸gen, die allen ¸brigen Menschen unbekannt sind, hat die Natur f¸r dich allein aufbehalten? Wenn du noch grˆflere kennest als dieses,–doch ich merke dich. Du wirst mir wieder von den Vergn¸gungen der Geister, von Nektar und Ambrosia sprechen; aber wir spielen itzt keine Komˆdie, mein Freund. Die Erscheinung einer Cyane in einem von den Geb¸schen meiner G‰rten w¸rde f‰hig sein, so gar deinen Geistern Kˆrper zu geben.” “Hippias, ich rede wie ich denke. Ich kenne Vergn¸gen, die ich hˆher sch‰tze als diejenigen, die der Mensch mit den Tieren gemein hat.” “Zum Exempel?” “Das Vergn¸gen eine gute Handlung zu tun.” “Was nennest du eine gute Handlung?” “Eine Handlung, wodurch ich, mit einiger Anstrengung meiner Kr‰fte, oder Aufopferung eines Vorteils oder Vergn¸gens, andrer Bestes befˆrdere.” “Du bist also tˆricht genug zu glauben, dafl du andern mehr schuldig seiest, als dir selbst?” “Das nicht; sondern ich finde f¸r gut, ein geringeres Vergn¸gen dem grˆflern aufzuopfern, welches ich alsdann geniefle, wenn ich das Gl¸ck meiner Nebengeschˆpfe befˆrdern kann.” “Du bist sehr dienstfertig; gesetzt aber es sei so, wie h‰ngt dieses mit demjenigen zusammen, wovon itzt die Rede ist?” “Das ist leicht zu sehen. Gesetzt, ich ¸berliefle mich den Eindr¸cken, welche die Reizungen der schˆnen Cyane auf mich machen kˆnnten; gesetzt, sie liebte mich, und liefle mich alles erfahren, was die Wollust berauschendes hat; eine Verbindung von dieser Art kˆnnte von keiner langen Dauer sein;” “aber w¸rden die Erinnerungen der genoflnen Freuden nicht die Begierde erwecken, sie wieder zu genieflen? Eine neue Cyane”–“w¸rde mir wieder gleichg¸ltig werden, und eben diese Begierden zur¸ck lassen.” “Eine immerw‰hrende Abwechslung ist also hierin, wie du siehst, das Gesetz der Natur.” “Aber auf diese Art w¸rde ichs gar bald so weit bringen, keiner Begierde widerstehen zu kˆnnen.” “Wozu brauchst du zu widerstehen, so lange deine Begierden in den Schranken der Natur und der M‰fligung bleiben?” “Wie aber, wenn endlich das Weib meines Freundes, oder welche es sonst w‰re, die der ehrw¸rdige Name einer Mutter gegen den bloflen Gedanken eines unkeuschen Anfalls sicher stellen soll; oder wie, wenn die unschuldige Jugend einer Tochter, die vielleicht kein andres Heuratsgut als ihre Unschuld und Schˆnheit hat; der Gegenstand dieser Begierden w¸rde, ¸ber die ich durch so vieles Nachgeben alle Gewalt verloren h‰tte?” “So h‰ttest du dich in Griechenland wenigstens vor den Gesetzen vorzusehen. Allein was m¸flte das f¸r ein Hirn sein, das in solchen Umst‰nden kein Mittel ausf¸ndig machen kˆnnte, seine Leidenschaft zu vergn¸gen, ohne sich mit den Gesetzen abzuwerfen? Ich sehe, du kennest die Damen zu Athen und Sparta nicht.” “O! was das betrifft, ich kenne so gar die Priesterinnen zu Delphi. Aber ists mˆglich, dafl du im Ernste gesprochen hast?” “Ich habe nach meinen Grunds‰tzen gesprochen. Die Gesetze haben in gewissen Staaten, (denn es gibt einige, wo sie mehr Nachsicht haben) nˆtig gefunden, unser nat¸rliches Recht an eine jede, die unsre Begierden erregt, einzuschr‰nken. Allein da dieses nur geschah, um gewisse Ungelegenheiten zu verhindern, die aus dem ungescheuten Gebrauch jenes Rechts in solchen Staaten zu besorgen w‰ren, so siehst du, dafl der Geist und die Absicht des Gesetzes nicht verletzt wird, wenn man vorsichtig genug ist zu den Ausnahmen die man davon macht keine Zeugen zu nehmen” “O Hippias!” rief Agathon hier aus, “ich habe dich, wohin ich dich bringen wollte. Du siehest die Folgen deiner Grunds‰tze. Wenn alles an sich selbst recht ist, was meine Begierden wollen; wenn die ausschweifenden Forderungen der Leidenschaft unter dem Namen des N¸tzlichen, den sie nicht verdienen, die einzige Richtschnur unsrer Handlungen sind; wenn die Gesetze nur mit einer guten Art ausgewichen werden m¸ssen, und im Dunkeln alles erlaubt ist; wenn die Tugend, und die Hoffnungen der Tugend nur Schim‰ren sind; was hindert die Kinder, sich wider ihre Eltern zu verschwˆren? Was hindert die Mutter, sich selbst und ihre Tochter dem meistbietenden Preis zu geben? Was hindert mich, wenn ich dadurch gewinnen kann, den Dolch in die Brust meines Freundes zu stoflen, die Tempel der Gˆtter zu berauben, mein Vaterland zu verraten, oder mich an die Spitze einer R‰uberbande zu stellen; und, wenn ich anders Macht genug habe, ganze L‰nder zu verw¸sten, ganze Vˆlker in ihrem Blute zu ertr‰nken? Siehest du nicht, dafl deine Grunds‰tze, die du so unversch‰mt Weisheit nennest, und durch eine k¸nstliche Vermischung des Wahren mit dem Falschen scheinbar zu machen suchst, wenn sie allgemein w¸rden, die Menschen in weit ‰rgere Ungeheuer, als Hy‰nen, Tyger und Krokodille sind, verwandeln w¸rden? Du spottest der Tugend und Religion? Wisse, nur den unauslˆschlichen Z¸gen, womit ihr Bild in unsre Seelen eingegraben ist, nur dem geheimen und wunderbaren Reiz, der uns zu Wahrheit, Ordnung und G¸te zieht, und den Gesetzen besser zu statten kommt, als alle Belohnungen und Strafen, ist es zuzuschreiben, dafl es noch Menschen auf dem Erdboden gibt, und dafl unter diesen Menschen noch ein Schatten von Sittlichkeit und G¸te zu finden ist. Du erkl‰rst die Ideen von Tugend und sittlicher Vollkommenheit f¸r Phantasien. Siehe mich hier, Hippias, so wie ich hier bin, biete ich den Verf¸hrungen aller deiner Cyanen, den scheinbarsten ¸berredungen deiner Weisheit, und allen Vorteilen, die mir deine Grunds‰tze und dein Beispiel versprechen, trotz. Eine einzige von diesen Phantasien ist hinreichend die unwesentliche Zauberei aller dieser Blendwerke zu zerstreuen. Lafl die Tugend immer eine Schw‰rmerei sein, diese Schw‰rmerei macht mich gl¸cklich, und w¸rde alle Menschen gl¸cklich, und den ganzen Erdboden zu einem Himmel machen, wenn deine Grunds‰tze, und diejenige, welche sie aus¸ben, nicht, so weit ihr ansteckendes Gift dringt, Elend und Verderbnis ausbreiteten.”

Agathon wurde ganz gl¸hend, indem er dieses sagte; und ein Maler, um den z¸rnenden Apollo zu malen, h‰tte sein Gesicht in diesem Augenblick zum Urbild nehmen m¸ssen. Allein der weise Hippias erwiderte diesen Eifer mit einem L‰cheln, welches dem Momus selbst Ehre gemacht h‰tte, und sagte ohne seine Stimme zu ver‰ndern: “Nunmehr glaube ich dich zu kennen, Callias, und du wirst von meinen Verf¸hrungen weiter nichts zu besorgen haben. Die gesunde Vernunft ist nicht f¸r so warme Kˆpfe gemacht, wie der deinige. Wie leicht, wenn du mich zu verstehen f‰hig gewesen w‰rest, h‰ttest du dir den Einwurf selbst beantworten kˆnnen, dafl die Grunds‰tze der Sophisten und Weltleute verderblich w‰ren, wenn sie allgemein w¸rden? Die Natur hat schon davor gesorgt, dafl sie nicht allgemein werden,–doch ich w¸rde mir selbst l‰cherlich sein, wenn ich deine begeisterte Apostrophe beantworten, oder dir zeigen wollte, wie sehr auch der Affekt der Tugend das Gesicht verf‰lschen kann. Sei tugendhaft, Callias; fahre fort dich um den Beifall der Geister, und die Gunst der ‰therischen Schˆnen zu bewerben; r¸ste dich, dem Ungemach, das dein Platonismus dir in dieser Unterwelt zuziehen wird, groflm¸tig entgegen zu gehen, und trˆste dich, wenn du Leute siehst, die niedrig genug sind, sich an irdischen Gl¸ckseligkeiten zu weiden, mit dem frommen Gedanken, dafl sie in dem andern Leben, wo die Reihe an dich kommt, gl¸cklich zu sein, sich in den Flammen des Phlegeton w‰lzen werden.”

Mit diesen Worten stund Hippias auf, warf einen ver‰chtlichmitleidigen Blick auf den Agathon, und wandte ihm den R¸cken zu, um ihm mit einer unter seines gleichen gewˆhnlichen Hˆflichkeit zu verstehen zu geben, dafl er sich zur¸ckziehen kˆnne.

VIERTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend unsers Helden macht

Wir vermuten, dafl es einigen Lesern scheinen werde, Hippias habe in seinem Diskurs bei Agathon einen grˆflern Mangel von Erfahrung und Kenntnis der Welt vorausgesetzt, als er, nach allem, was bereits mit ihm vorgegangen war, haben konnte. Wir m¸ssen also zur Entschuldigung dieses Weisen sagen, dafl Agathon, aus Ursachen, die uns unbekannt geblieben, f¸r gut befunden habe, von dem gl‰nzenden Teil seiner Begebenheiten, und sogar von seinem Namen ein Geheimnis zu machen. Denn sein Name war durch die Rolle, die er zu Athen gespielt hatte, in den griechischen St‰dten allzubekannt worden, als dafl er es nicht auch dem Hippias h‰tte sein sollen; ob dieser gleich, seit dem er in Smyrna wohnte, sich wenig um die Staatsangelegenheiten der Griechen bek¸mmerte, die er in den H‰nden seiner Freunde und Sch¸ler ganz wohl versorgt hielte. Da nun Agathon so sorgf‰ltig gewesen war, ihm alles zu verbergen, was einigen Verdacht h‰tte erwecken kˆnnen, dafl er jemals etwas mehr als ein Aufw‰rter in dem Tempel zu Delphi gewesen; so konnte Hippias mit desto besserm Grunde voraussetzen, dafl er noch ein vollkommner Neuling in der Welt sei, als weder die Denkungsart noch das Betragen dieses jungen Menschen so beschaffen war, dafl ein Kenner auf g¸nstigere Gedanken h‰tte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art kˆnnen, in der Tat zehen Jahre hinter einander in der groflen Welt gelebt haben, ohne dafl sie dieses fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten Blick verk¸ndiget, dafl sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, dafl sie f‰hig w‰ren, sich jemals zu dieser edeln Freiheit von den Fesseln der gesunden Vernunft, zu dieser weisen Gleichg¸ltigkeit gegen alles was die schw‰rmerischen Seelen Empfindung nennen, und zu dieser verz‰rtelten Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch die Weltleute sich auf eine so vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute kˆnnen wohl Beobachtungen machen; allein da ihnen dieser Instinkt, dieses sympathetische Gef¸hl mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und zuverl‰ssig ausfindig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf eine andre Art ger¸hrt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen kˆnnen: so bleiben sie doch immer in einem unbekannten Lande, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmaflungen stehen bleibt, und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche Zuf‰lle und unverhoffte Ver‰nderungen betrogen wird. Mit allen seinen Vorz¸gen war Agathon doch in eben dieser Klasse, und es ist also kein Wunder, dafl er, ungeachtet der tiefen Betrachtungen die er ¸ber seine Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst anstellte, sehr weit entfernt war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist itzt umging, dessen Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und den Eigensinn dieses seltsamen J¸nglings weit mehr beleidiget war, als er sich hatte anmerken lassen. Agathon, wenn er das w¸rklich w‰re, was er zu sein schien, w‰re (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige Widerlegung seines Systems. “Wie?” sagte er zu sich selbst, (ein Umstand, der ihm selten begegnete) “ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt gelebt, und unter einer unendlichen Menge von Menschen von allen St‰nden und Klassen, nicht einen einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der menschlichen Natur nicht best‰tiget h‰tte, und dieser junge Mensch sollte mich noch an die Tugend glauben lehren? Es kann nicht sein; er ist ein Phantast oder ein Heuchler. Was er auch sein mag, ich will es ausf¸ndig machen.–Gut! Das ist ein vortrefflicher Einfall! Ich will ihn auf eine Probe stellen, wo er unterliegen mufl, wenn er ein Schw‰rmer, und wo er die Maske ablegen wird, wenn er ein Komˆdiant ist. Er hat gegen Cyane ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist noch nichts. Wir wollen ihn auf eine st‰rkere Probe setzen; wenn er in dieser den Sieg erh‰lt, so mufl er–ja, so will ich meine Nymphen entlassen, mein Haus den Priestern der Cybele vermachen, und an den Ganges ziehen, und in der Hˆhle eines alten Palmbaums, mit geschloflnen Augen und den Kopf zwischen den Knien, so lange in der n‰mlichen Positur sitzen bleiben, bis ich, allen meinen Sinnen zu trotz, mir einbilde, dafl ich nicht mehr bin! “–Dies war ein hartes Gel¸bde; auch hielt sich Hippias sehr ¸berzeugt, dafl es so weit nicht kommen w¸rde, und damit er keine Zeit vers‰umen mˆchte; so machte er noch an demselbigen Tag Anstalt, seinen Anschlag auszuf¸hren.

ZWEITES KAPITEL

Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab

Die Damen zu Smyrna hatten damals eine Gewohnheit, welche ihrer Schˆnheit mehr Ehre machte als ihrer Sittsamkeit. Sie pflegten sich in den warmen Monaten gemeiniglich alle Nachmittage eines k¸hlenden Bades zu bedienen, und, um keine lange Weile zu haben, nahmen sie um diese Zeit die Besuche derjenigen Mannspersonen an, die das Recht eines freien Zutritts in ihren H‰usern hatten. Diese Gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es der Gebrauch bei unsern westlichen Nachbarinnen ist, Mannspersonen bei der Toilette um sich zu haben; auch kam diese Freiheit nur den Freunden zu statten, und, den besondern Fall ausgenommen, wenn die hartn‰ckige Blˆdigkeit eines noch unerfahrnen Neulings einiger Aufmunterung nˆtig hatte, waren die Liebhaber g‰nzlich davon ausgeschlossen. Unter einer groflen Anzahl von Schˆnen, bei denen der weise Hippias dieses Vorrecht genofl, war auch eine, die unter dem Namen Danae den ersten Rang in derjenigen Klasse von Frauenzimmern einnahm, die man bei den Griechen Freundinnen, oder noch eigentlicher Gesellschafterinnen zu nennen pflegte. Diese Gattung von Damen war damals unter ihrem Geschlecht, was die Sophisten unter dem m‰nnlichen; sie stunden in keiner geringern Achtung, und konnten sich r¸hmen, dafl die vollkommensten Modelle aller Vorz¸ge ihres Geschlechts, wenn man die strenge Tugend ausnimmt, die Aspasien, die Leontium und die Phrynen sich kein Bedenken machten von ihrem Orden zu sein. Was die Danae betrifft, so machten die Mannspersonen zu Smyrna kein Geheimnis daraus, dafl sie, ihrem Urteil nach, an Schˆnheit und Artigkeit alle andre Frauenzimmer, galante und sprˆde, tugendhafte und and‰chtige, ¸bertreffe. Es ist wahr, die Geschichte meldet nicht, dafl die Damen sich sehr beeifert h‰tten, das Urteil der Mannspersonen durch ihren ˆffentlichen Beitritt zu best‰tigen; allein soviel ist gewifl, dafl keine unter ihnen war, die sich selbst nicht gestanden h‰tte, dafl, eine einzige Person ausgenommen, die sie niemals ˆffentlich nennen wollten, die schˆne Danae alle ¸brigen eben so weit ¸bertreffe, als sie von dieser einzigen Ungenannten ¸bertroffen werde. In der Tat war ihr Ruhm von dieser Seite so festgesetzt, dafl man das Ger¸cht nicht unwahrscheinlich fand, welches versicherte, dafl sie in ihrer ersten Jugend den ber¸hmtesten Malern zum Modell gedient habe; und dafl sie bei einer solchen Gelegenheit den Namen erhalten, unter welchem sie in Jonien ber¸hmt war. Itzo hatte sie zwar das dreifligste Jahr schon zur¸ckgelegt, allein ihre Schˆnheit hatte dadurch mehr gewonnen als verloren; und der blendende Jugendglanz, der mit dem Mai des Lebens zu verschwinden pflegt, wurde durch tausend andre Reizungen ersetzt, welche ihr, nach dem Urteil der Kenner, eine gewisse Anziehungskraft gaben, die man, ohne sich eines schw¸lstigen Ausdrucks schuldig zu machen, in gewissen Umst‰nden f¸r unwiderstehlich halten konnte. Dem ungeachtet scheute sich, unter der ‰gide der Gleichg¸ltigkeit, worin ihn damals ordentlicher Weise auch die schˆnsten Figuren zulassen pflegten, der weise Hippias nicht, seine Tugend ˆfters dieser Gefahr auszusetzen. Er war der schˆnen Danae unter dem Titel eines Freundes vorz¸glich angenehm, und die geheime Geschichte sagt so gar, dafl sie ihn ehmals nicht unw¸rdig gefunden, ihm eine Zeitlang eine noch interessantere Stelle, bei ihrer Person anzuvertrauen; eine Stelle die nur von den liebensw¸rdigsten seines Geschlechts bekleidet zu werden pflegte. Diese Dame war es, deren Beih¸lfe Hippias sich zu Ausf¸hrung seines Anschlags wider den Agathon bedienen wollte, dessen schw‰rmerische Tugend, seinen Gedanken nach, eine Beschimpfung seiner Grunds‰tze war, die er viel weniger leiden konnte, als die allerscharfsinnigste Widerlegung in forma. Er begab sich also zu der gewˆhnlichen Stunde zu ihr, und war kaum in den Saal getreten, wo sie sich befand, und in den Bed¸rfnissen des Bades, von zween jungen Knaben, welche eher ein paar Liebesgˆtter zu sein schienen, bedient wurde; als sie schon in seinem Gesicht etwas bemerkte, das mit seiner gewˆhnlichen Heiterkeit einen Absatz machte. “Was hast du, Hippias”, sagte sie zu ihm, “dafl du eine so tiefsinnige Miene mitbringst?” “Ich weifl nicht”, antwortete er, “warum ich tiefsinnig aussehen sollte, wenn ich eine Dame im Bade besuche; aber das weifl ich, dafl ich dich noch nie so schˆn gesehen habe, als diesen Augenblick.” “Gut”, sagte sie, “das beweist, dafl ich recht geraten habe. Ich bin gewifl, dafl ich heute nicht besser aussehe als das letztemal, da du mich sahest; aber deine Phantasie ist hˆher gestimmt als gewˆhnlich, und du schreibst den Einflufl, den sie auf deine Augen hat, groflm¸tig auf die Rechnung des Gegenstands, den du vor dir hast; ich wollte wetten, dafl die h‰fllichste meiner Kammerm‰dchen, dir in diesem Augenblick eine Grazie scheinen w¸rde.” “Ich habe”, versetzte Hippias, “keine Anspr¸che an eine lebhaftere Einbildungskraft zu machen als Zeuxes und Aglaophon, welche sich nichts vollkommners zu erfinden getrauten als Danae. Welche schˆne Gelegenheit zu einer neuen Verwandlung, wenn ich Jupiter w‰re!”–“Und was f¸r eine Gestalt wolltest du annehmen, um zu gleicher Zeit meine Sprˆdigkeit und deine liebe Gemahlin zu hintergehen? Denn ich glaube kaum, dafl unter allen gefl¸gelten, vierf¸fligen und kriechenden Tieren eines ist, das nicht schon einem Unsterblichen h‰tte dienen m¸ssen, irgend ein ehrliches M‰dchen zu beschleichen.” “Ich w¸rde mich nicht lange besinnen”, sagte Hippias; “was f¸r eine Gestalt kˆnnte ich annehmen, die dir angenehmer und mir zu meiner Absicht bequemer w‰re, als dieses Sperlings, der deine Liebhaber so oft zu einer gerechten Eifersucht reizt; der, durch die z‰rtlichsten Namen aufgemuntert, mit solcher Freiheit um deinen Nacken flattert, oder mit mutwilligem Schnabel den schˆnsten Busen neckt, und die Liebkosungen allezeit doppelt wieder empf‰ngt, die er dir gemacht hat.” “Es ist dir leichter wie es scheint”, versetzte Danae, “einen Sperling an deine Stelle, als dich an die Stelle eines Sperlings zu setzen; bald kˆnntest du mir die Schmeicheleien meines kleinen Lieblings verd‰chtig machen. Aber genug von den Wundern, die du meiner Schˆnheit zutrauest; wir wollen von was anderm reden. Weiflest du, dafl ich meinem Liebhaber den Abschied gegeben habe?” “Dem schˆnen Hiacinthus?” “Ihm selbst, und was noch mehr ist, mit dem festen Entschlufl, seine Stelle nimmer zu ersetzen.” “Das ist eine tragische Entschlieflung, schˆne Danae.” “Nicht so sehr als du denkest. Ich versichre dich, Hippias, meine Geduld reicht nicht mehr zu, alle Torheiten dieser abgeschmackten Gecken auszustehen, welche die Sprache der Empfindung reden wollen und nichts f¸hlen; deren Herz nicht so viel als mit einer Nadelritze verwundet ist, ob sie gleich von Martern und von Flammen reden; die unf‰hig sind etwas anders zu lieben als sich, und denen meine Augen nur zum Spiegel dienen sollen, um darin den Wert ihrer kleinen unversch‰mten Figur zu bewundern. Kaum glauben sie ein Recht an unsre G¸tigkeit zu haben, so bilden sie sich ein, dafl sie uns viel Ehre erweisen, wenn sie unsere Liebkosungen mit einer zerstreuten Miene dulden. Ein jeder Blick, den sie auf mich werfen, sagt mir, dafl ich ihnen nur zum Spielzeug diene; und die H‰lfte meiner Reizungen geht an ihnen verloren, weil sie keine Seele haben, um die Schˆnheiten einer Seele zu empfinden.” “Dein Unwille ist gerecht”, versetzte der Sophist; “es ist verdriefllich, dafl man diesen Mannsleuten nicht begreiflich machen kann, dafl die Seele das liebensw¸rdigste an einem schˆnen Frauenzimmer ist. Aber beruhige dich; nicht alle M‰nner denken so unedel, und ich kenne einen, der dir gefallen w¸rde, wenn du, zur Abwechslung, einmal Lust h‰ttest, es mit einem geistigen Liebhaber zu versuchen.” “Und wer kann das sein, wenn man fragen darf?” “Es ist ein J¸ngling, gegen den deine Hyacinthe nur Meerkatzengesichter sind, schˆner als Adonis.”–“Fi, Hippias, das ist als wie wenn du sagtest, s¸fler als Honigseim. Du begreifst nicht, wie sehr mir vor diesen schˆnen Herren ekelt.” “O! das hat nichts zu bedeuten; ich stehe dir f¸r diesen. Er hat keinen von den Fehlern der schˆnen Narcissen, die dir so ‰rgerlich sind. Kaum scheint er es zu wissen, dafl er einen Leib hat. Das ist ein Mensch wie man nicht viele sieht, schˆn wie Apollo, aber geistig wie ein Zephyr; ein Mensch, der lauter Seele ist, der dich, wie du hier bist, f¸r eine blofle Seele ansehen w¸rde, und der alles auf eine geistige Art tut, was wir andere kˆrperlich tun. Du verstehst mich ja, schˆne Danae?” “Nicht allzuwohl; aber deine Beschreibung gef‰llt mir nichts desto minder. Du sprichst doch im Ernst?” “In ganzem Ernst: Wenn du Lust hast die metaphysische Liebe zu kosten, so habe ich deinen Mann gefunden. Er ist platonischer als Plato selbst–denn ich denke, du kˆnntest uns geheime Nachrichten von diesem ber¸hmten Weisen geben.” “Ich erinnere mich”, antwortete Danae l‰chelnd, “dafl er einmal mit einer meiner Freundinnen eine kleine Zerstreuung gehabt hat, die du ihm nicht ¸bel nehmen muflt. Wo ist ein Geist, dem ein h¸bsches M‰dchen von achtzehn Jahren nicht einen Kˆrper geben kˆnnte?” “Du kennest meinen Mann noch nicht”, erwiderte Hippias; “die Gˆttin von Paphos, ja du selbst w¸rdest es bei ihm so weit nicht bringen. Du kannst ihn Tag und Nacht um dich haben. Du kannst ihn auf alle Proben stellen, du kannst ihn–bei dir schlafen lassen, Danae, ohne dafl er dir Gelegenheit geben wird, nur die mindeste kleine Ausrufung anzubringen; kurz, bei ihm kann deine Tugend ganz ruhig einschlummern, ohne jemals in Gefahr zu kommen, aufgeweckt zu werden.” “Ach! nun verstehe ich dich; es verlohnte sich der M¸he nicht, den Scherz so weit zu treiben. Ich verlange keinen Liebhaber der sich nur darum an meine Seele h‰lt, weil ihm das ¸brige zu nichts n¸tze ist.” “Auch ist derjenige, den ich dir anpreise, weit entfernt in diese Klasse zu gehˆren; mache dir dar¸ber keinen Kummer. Was du f¸r die Folge einer physischen Notwendigkeit h‰ltst, ist bei ihm die W¸rkung der Tugend, und der erhabnen Philosophie, von der er Profession macht.” “Du machst mich sehr neugierig ihn zu sehen; aber weiflt du, Hippias, dafl meine Eitelkeit nicht zu frieden w‰re, auf eine so kaltsinnige Art geliebt zu sein. Es ist wahr, ich bin dieser mechanischen Liebhaber von Herzen ¸berdr¸ssig; aber ich w¸rde mit einem andern eben so ¸bel zu frieden sein, der gegen dasjenige ganz unempfindlich w‰re, wof¸r jene allein empfindlich sind. Ein Frauenzimmer findet allezeit ein Vergn¸gen darin, Begierden einzuflˆflen, auch wann sie nicht im Sinn hat, sie zu vergn¸gen. Die Sprˆden selbst sind von dieser Schwachheit nicht ausgenommen. Wozu haben wir nˆtig, dafl uns ein Liebhaber sagt, dafl wir reizend sind? Wir wollen es aus den W¸rkungen sehen, die wir auf ihn machen. Je weiser er ist, desto schmeichelnder ist es f¸r unsre Eitelkeit, wenn wir ihn aus seiner Fassung setzen kˆnnen. Nein, du begreifst nicht, wie sehr das Vergn¸gen, das uns der Anblick aller der Torheiten macht, wozu wir diese Herren der Schˆpfung bringen kˆnnen, alle andre ¸bertrifft, die sie uns zu machen f‰hig sind. Ein Philosoph, der zu meinen F¸flen wie eine Turteldaube girret, der mir zu Gefallen seine Haare und seinen Bart kr‰useln l‰flt, der so wohl riecht wie ein arabischer Salbenh‰ndler, der mir den Hof zu machen, mit meinem Schoflhund schwatzt und Oden auf meinen Sperling macht–ah! Hippias, man mufl ein Frauenzimmer sein, um zu begreifen, was das f¸r ein Vergn¸gen ist!”–“Ich bedaure dich”; erwiderte der schalkhafte Sophist, “dafl du diesem Vergn¸gen bei dem Liebhaber, von dem ich rede, entsagen muflt. Er hat seine Proben schon gemacht. Er ist z‰rtlich wie ein junger Seufzer, aber, wie gesagt, er ist es nur f¸r die Seele der Schˆnen; alles ¸brige macht keinen grˆflern Eindruck auf ihn, als ein Gem‰lde, oder eine Bilds‰ule.” “Das wollen wir sehen”, versetzte Danae; “ich verlange schlechterdings, dafl du ihn diesen Abend zu mir bringest; du wirst nur eine kleine Gesellschaft finden, die uns nicht hindern soll. Aber wer ist denn dieser Ungenannte, von dem wir schon so lange schwatzen?” “Es ist ein Sklave, den ich vor etlichen Wochen von einem Cilicier gekauft habe, aber ein Sklave, wie man sonst nirgends sieht. Er ist zu Delphi im Tempel des Apollo erzogen worden, und, so viel ich vermute, wird er sein Dasein der antiplatonischen Liebe dieses Gottes zu irgend einer artigen Sch‰ferin zu danken haben, die sich zu weit in seinen Lorbeerhain gewagt haben mag. Er ist hernach eine geraume Zeit zu Athen gewesen, und die schˆnen Reden des Plato haben die romanhafte Erziehung vollendet, die er in den geheiligten Hainen zu Delphi erhalten. Er geriet durch einen Zufall in die H‰nde Cilicischer Seer‰uber, und aus diesen in die meinige. Er nannte sich Pythokles; aber weil ich diese Art von Namen nicht leiden kann, so hiefl ich ihn Callias, und er verdient so zu heiflen, denn er ist der schˆnste Mensch, den ich jemals gesehen habe. Seine ¸brigen Gaben best‰tigen die gute Meinung, die sein Anblick von ihm erweckt. Er hat Verstand, Geschmack, und Wissenschaft; er ist ein Liebhaber und ein G¸nstling der Musen; aber mit allen diesen Vorz¸gen ist er doch nichts weiter als ein wunderlicher Kopf, ein Schw‰rmer und ein unbrauchbarer Mensch. Er nennt seinen Eigensinn Tugend, weil er sich einbildet, die Tugend m¸sse die Antipode der Natur sein; er h‰lt die Ausschweifungen seiner Phantasie f¸r Vernunft, weil er sie in einen gewissen Zusammenhang gebracht hat; und sich selbst f¸r weise, weil er auf eine methodische Art raset. Er gefiel mir beim ersten Anblick, ich faflte den Entschlufl, etwas aus diesem jungen Menschen zu machen; aber alle meine M¸he war umsonst; und wenn es mˆglich ist, dafl er durch jemand zu recht gebracht werden kann, so mufl es durch ein Frauenzimmer geschehen; denn ich glaube bemerkt zu haben, dafl man nur durch sein Herz in seinen Kopf kommen kann. Die Unternehmung w‰re deiner w¸rdig, schˆne Danae, und wenn sie dir nicht gelingt, so ist er unverbesserlich, und verdient nichts, als dafl man ihn seiner Torheit und seinem Schicksal ¸berlasse.”

“Du hast meinen ganzen Ehrgeiz rege gemacht, Hippias”, versetzte die schˆne Danae; “bringe ihn diesen Abend mit; ich will ihn sehen, und wenn er aus eben denselben Elementen zusammengesetzt ist, wie andre Erden-Sˆhne, so wollen wir eine Probe machen, ob Danae ihrer Lehrmeisterin w¸rdig ist.”

Hippias war sehr erfreut, den Zweck seines Besuchs so gl¸cklich erreicht zu haben, und versprach beim Abschied, zur bestimmten Zeit diesen wunderbaren J¸ngling aufzuf¸hren, an welchem die schˆne Danae so begierig war, die Macht ihrer Reizungen zu versuchen.

DRITTES KAPITEL

Geschichte der schˆnen Danae

Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Kapitel Bekanntschaft gemacht, hat vermutlich einem guten Teil derselben nicht so ¸bel gefallen, dafl sie nicht eine n‰here Nachricht von dem Charakter und der Geschichte derselben erwarten sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Gen¸ge zu tun, je nˆtiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, dafl der Leser in den Stand gesetzt werde, der schˆnen Danae Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Die allgemeine Meinung zu Smyrna war, dafl sie eine Tochter der ber¸hmten Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben mit der Philosophie und den K¸nsten der Musen, zu jenem Grade der Vollkommenheit erhoben hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu machen schien, nach Athen gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorz¸ge auf eine so kluge Art zu bedienen gewuflt, dafl sie sich endlich zur unumschr‰nkten Beherrscherin des groflen Perikles, der das ganze Griechenland beherrschte, oder wie die komischen Dichter ihrer Zeit sich ausdr¸ckten, zur Juno dieses atheniensischen Jupiters erhoben hatte. Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der Danae gr¸ndeten, kˆnnen nicht f¸r hinl‰nglich angesehen werden, das Zeugnis verschiedner Geschichtschreiber zu ¸berw‰gen, welche versichern, dafl sie aus der Insel Scios geb¸rtig gewesen, und nach dem Tod ihrer Eltern, in ihrem vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Athen gekommen, um in dieser Stadt, worin alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die ihrigen ihren Unterhalt zu gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb, war eine Art von pantomimischen T‰nzen, wozu gemeiniglich nur eine oder zwo Personen erfordert wurden, und worin die tanzende Person, nach der Modulation einer Flˆte oder Leier, gewisse St¸cke aus der Gˆtter–und Heldengeschichte der Griechen, durch Geb‰rden und Bewegungen vorstellte. Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht zureichte sie zu unterhalten, so sahe sich die junge Danae genˆtiget, den K¸nstlern zu Athen die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch aufler dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als Diana, bald als Venus auf die Alt‰re gestellt, die Bewunderung der Kenner und die Anbetung des Pˆbels zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit trug es sich zu, dafl sie von dem jungen Alcibiades ¸berraschet, und in der Stellung der Danae des Acrisius, welche sie eben vorstellte, allzureizend befunden wurde, als dafl einem geringern als Alcibiades auch nur der Anblick so vieler Schˆnheiten erlaubt sein sollte. Auf der andern Seite wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem Stand und den Reicht¸mern dieses liebensw¸rdigen Verf¸hrers so sehr eingenommen, dafl er keine grofle M¸he hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben. Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine Akademie der schˆnsten Geister von Athen, und eine Frauenzimmer-Schule war, worin junge M‰dchen von den vorz¸glichsten Gaben, unter der Aufsicht einer so vollkommen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der Bestimmung geschickt machen sollte, die Groflen und die Weisen der Republik in ihren Ruhestunden zu ergˆtzen. Danae machte sich diese Gelegenheit sowohl zu Nutze, dafl sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit der Aspasia erhielt, welche, weit ¸ber die Niedertr‰chtigkeit gemeiner Seelen erhaben, sich mit so vielem Vergn¸gen in dieser jungen Person wieder hervorgebracht sah, dafl sie dadurch zu der Vermutung Anlafl gab, deren wir bereits Erw‰hnung getan haben. Inzwischen genofl Alcibiades allein der Fr¸chte einer Erziehung, wodurch die nat¸rlichen Gaben seiner jungen Freundin zu einer Vollkommenheit entwickelt wurden, die ihr den Namen der zweiten Aspasia erwarb; und die schˆne Danae legte sich selbst die Pflicht auf, eine Treue gegen ihn zu beobachten, die er nicht zu erwidern nˆtig fand. Da die Liebe zur Ver‰nderung eine st‰rkere Leidenschaft bei ihm war, als die Liebe die ihm irgend ein Frauenzimmer einflˆflen konnte, so muflte auch Danae, nachdem sie sich eine geraume Zeit in dem ersten Platz bei ihm erhalten hatte, einer andern weichen, die keinen Vorzug vor ihr hatte, als dafl sie ihm neu war. So schwach Danae von einer gewissen Seite sein mochte, so edel war ihr Herz in andern St¸cken. Sie liebte den Alcibiades, weil sie von seiner Person und von seinen Eigenschaften bezaubert war, und dachte wenig daran, von seinen Reicht¸mern Vorteil zu ziehen. Sie w¸rde also nichts von ihm ¸brig behalten haben, als das Andenken von dem liebensw¸rdigsten Mann ihrer Zeit geliebt worden zu sein; wenn er nicht eben so stolz und freigebig gewesen w‰re, als sie, wider die Gewohnheit ihrer Gespielen, uneigenn¸tzig war. “Ich verlasse dich Danae”, sagte er zu ihr, “allein ich werde nicht zugeben, dafl diejenige, die einst dem Alcibiades zugehˆrte, jemals genˆtiget sein soll, dem Reichsten zu ¸berlassen, was nur dem Liebensw¸rdigsten gehˆrt.” Mit diesen Worten drang er ihr eine Summe auf, die mehr als zul‰nglich war, sie von dieser Seite aufler aller Gefahr zu setzen. Der Tod der Aspasia und die Ver‰nderungen, die er nach sich zog, bewogen sie, wenige Jahre darauf Athen zu verlassen, und nach etlichen Begebenheiten, an denen ihr Herz keinen geringen Anteil hatte, Smyrna zu ihrem best‰ndigen Sitz zu erw‰hlen. Hier hatte sie Gelegenheit dem j¸ngern Cyrus bekannt zu werden, dessen liebensw¸rdige Eigenschaften durch die Feder des Xenophon eben so bekannt worden sind, als der ungl¸ckliche Ausgang der Unternehmung, wodurch er sich auf den Thron des ersten Cyrus zu schwingen hoffte. Ihr erster Anblick unterwarf ihr das Herz dieses Prinzen, der so empfindlich gegen diejenige Art von Reizungen war, wodurch sich die Sch¸lerinnen der Aspasia von den lebenden Statuen unterschieden, die in den Morgenl‰ndern zum Vergn¸gen der Groflen bestimmt werden, und in der Tat zu dem einzigen Gebrauch den diese von ihnen zu machen wissen, wenig Seele nˆtig haben. Allein so schmeichelhaft diese Eroberung f¸r sie war, so konnte sie doch nichts bewegen, ihn nach Sardes zu begleiten, und ihre Freiheit der Ehre aufzuopfern, die erste seiner Sklavinnen zu sein. Sie blieb also in Smyrna zur¸ck, wo sie durch die groflm¸tige Freigebigkeit des Cyrus, der sich hierin von keinem Athenienser ¸bertreffen lassen wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu lassen, wie sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses Gl¸cks, wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen beim Anacreon mit Blumenkr‰nzen binden, und der sich in dieser Gefangenschaft so wohl gef‰llt, dafl Venus ihn vergeblich bereden will, sich in seine vorige Freiheit setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze und die Freuden, (wenn es uns erlaubt ist, die Sprache Homers zu gebrauchen, wo die gewˆhnliche zu matt scheint), schlossen mit den l‰chelnden Stunden einen unauflˆslichen Reihentanz um sie her, und Schwermut, ¸berdrufl, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der Ruhe und des Vergn¸gens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.

Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in keine mittelm‰flige Sorge f¸r die Tugend unsers Helden zu setzen. In der Tat hatte er sich noch niemals in Umst‰nden befunden, wo wir weniger hoffen d¸rfen, dafl sie sich werde erhalten kˆnnen; die Gefahr worin sie bei der ¸ppigen Pythia, unter den rasenden Bachantinnen und in dem Hause des weisen Hippias, welches dem Stalle der Circe so ‰hnlich sah, geschwebet hatte, verdient nur nicht neben derjenigen genannt zu werden, welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und deren wir ihn gerne ¸berhoben h‰tten, wenn uns die Pflichten eines Geschichtschreibers erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit f¸r ihn, auf Unkosten der Wahrheit nachzugeben.

VIERTES KAPITEL

Wie gef‰hrlich es ist, der Besitzer einer verschˆnernden Einbildungskraft zu sein

Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge von Vergn¸gen gew‰hrt, die den ¸brigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre magische W¸rkung alles Schˆne in seinen Augen verschˆnert, und ihn da in Entz¸ckung setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in gl¸cklichen Stunden, ihm diese Welt zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von der Szene seines Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die durch die vergrˆflernden Schatten einer vollkommnen Wonne seinen Schmerz bezaubern: So m¸ssen wir auf der andern Seite gestehen, dafl sie nicht weniger eine Quelle von Irrt¸mern, von Ausschweifungen und von Qualen f¸r ihn ist, wovon er, selbst mit Beih¸lfe der Weisheit und mit der feurigsten Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen kann, bis er, auf welche Art es nun sein mag, so weit gekommen ist, die allzugrofle Lebhaftigkeit derselben zu m‰fligen. Der weise Hippias hatte, die Wahrheit zu gestehen, unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine Einbildungskraft von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des Mittels nicht vˆllig beifallen kˆnnen, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am besten in das gehˆrige Gleichgewicht mit den ¸brigen Kr‰ften der Seele gesetzt werden kˆnne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des Hippias eine solche Vorstellung von dem Agathon gemacht, dafl sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre Seite gebracht haben w¸rde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt, dafl er ihn durch die Sinnen verf¸hren wollte. Auf diese Voraussetzung machte sie einen Plan, ¸ber den sie nicht wenig vergn¸gt war; und dachte so wenig daran, dafl die Ausf¸hrung sie ihr eignes Herz kosten kˆnnte, als Agathon sich von der Gefahr tr‰umen liefl, die dem seinigen zubereitet wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt worden war. Agathon begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen S‰ulen ruhte, und mit vielen vergoldeten Bilds‰ulen ausgezieret war. Das Inwendige dieses Hauses stimmte vollkommen mit der Pracht des ‰uflerlichen Anblicks ¸berein. Allenthalben begegnete ihm das gesch‰ftige Gewimmel von unz‰hlichen Sklaven und Sklavinnen, wovon die erstern alle unter zwˆlf Jahren zu sein schienen, und so wie die letztern von auflerordentlicher Schˆnheit waren. Ihre Kleidung stellte dem Aug’ eine angenehme Verbindung der Einfˆrmigkeit mit der Abwechslung vor; einige waren in weifl, andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben gekleidet, und jede Farbe schien eine besondere Klasse zu bezeichnen, welcher ihre eigne Dienste angewiesen waren. Agathon, auf den alles lebhaftere Eindr¸cke machte, als es nˆtig war, um nach dem Maflstab der Moralisten genug zu sein, wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, dafl er sich in eine von seinen idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er Zeit hatte zu sich selbst zu kommen, f¸hrte ihn Hippias in einen groflen und hellerleuchteten Saal, worin die Gesellschaft versammelt war, welche sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen Blick auf sie geworfen, als die schˆne Danae ihm mit einer Anmut und Leutseligkeit die ihr eigen war, entgegen kam, und ihm sagte, dafl ein Freund des Hippias das Recht habe, sich in ihrem Hause und in dieser Gesellschaft als einheimisch anzusehen. Ein so verbindliches Kompliment verdiente wohl eine Antwort in eben diesem Ton; allein Agathon war in diesem Augenblick aufler Stand, hˆflich zu sein: Ein Blick, womit man den ‰uflersten Grad des angenehmsten Erstaunens malen m¸flte, war alles, was er auf diese Anred’ erwidern konnte. Die Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem Hause genossen, und die attische Urbanit‰t, die von der sprˆden, regelm‰fligen und manierenreichen Politesse der heutigen Europ‰er so sehr verschieden war, in einem so hohen Grad als Danae selbst, besaflen. In einer Gesellschaft nach der heutigen Art w¸rde Agathon, in den ersten Augenblicken, da er sich darstellte, zu einer unendlichen Menge von boshaften und spˆttischen Anmerkungen Stoff gegeben haben; allein in dieser war ein fl¸chtiger Blick alles, was er auszuhalten hatte. Die Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem andern ins Ohr, oder schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die schˆne Danae zu verschlingen schienen; kurz, man liefl ihm alle Zeit die er brauchte um wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck f¸r die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand. Vielleicht erwartet man, dafl wir eine n‰here Erl‰uterung ¸ber diesen auflerordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern allzureizbaren Helden machte; allein wir sehen uns noch aufler Stand, die Neugierde des Lesers ¸ber einen Punkt zu befriedigen, wovon Agathon selbst noch nicht f‰hig gewesen w‰re, Rechenschaft zu geben: Soviel kˆnnen wir inzwischen sagen, dafl diese Dame dem Anschein nach niemals weniger erwarten konnte, eine solche W¸rkung zu machen; so wenig M¸he hatte sie sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre Reizungen in ein g¸nstiges Licht zu setzen. Ein Kleid von weiflem Taft, mit kleinen Streifen von Purpur, und eine halberˆffnete Rose in ihrem schwarzen Haar, machte ihren ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die Kleidung der Cyane den Augen unsers Helden anstˆflig gewesen, war die ihrige so weit entfernt, dafl man mit besserm Recht an ihr h‰tte aussetzen kˆnnen, dafl sie zu sehr verh¸llt sei. Es ist wahr, sie hatte Sorge getragen, dafl ein kleiner niedlicher Fufl, der an Weifle den Alabaster ¸bertraf, dem Auge nicht immer entzogen w¸rde; und die ganze Schˆnheit ihres Gesichts war nicht vermˆgend, den Agathon aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser reizende Fufl sehen liefl. Allein dieses, und eine schneeweifle Hand mit dem Anfang eines vollkommen schˆnen Arms war alles, was das neidische Gewand den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was es also auch sein mochte, was in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses gewifl, dafl an der Person und dem Betragen der schˆnen Danae nicht das mindeste zu entdecken war, das einige besondere Absicht auf unsern Helden h‰tte anzeigen kˆnnen; und dafl sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht einmal zu bemerken schien, dafl Agathon f¸r sie allein Augen, und ¸ber ihrem Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.

F‹NFTES KAPITEL

Pantomimen

Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agathon beinahe einen bloflen Zuschauer abgegeben hatte, trat ein T‰nzer und eine junge T‰nzerin herein, die nach der Modulation eben so vieler Flˆten die Geschichte des Apollo und der Daphne tanzten. Die Geschicklichkeit der Tanzenden befriedigte alle Zuschauer; alles an ihnen war Seele und Ausdruck, und man glaubte sie immer zu hˆren, ob man sie gleich nur sah. “Wie gef‰llt dir diese T‰nzerin, Callias”, fragte Danae den Agathon, welcher nur mittelm‰flig aufmerksam auf dieses Spiel zu sein schien, und der einzige war, der nicht beobachtete, dafl die T‰nzerin von ungemeiner Schˆnheit, und eben so wie Cyane, kaum mit etwas mehr als gewebter Luft umh¸llt war. “Mich deucht”, versetzte Agathon, der itzt erst anfing sie aufmerksamer anzusehen, “mich deucht, dafl sie, vielleicht aus allzugrofler Begierde zu gefallen, den Charakter verl‰flt den sie vorstellen soll. Warum sieht sie sich im Fliehen um? Und mit einem Blick, der es ihrem Verfolger zu verweisen scheint, dafl er nicht schneller ist als sie?–Gut, sehr gut!” (fuhr er fort, wie die Stelle kam, wo Daphne den Fluflgott um H¸lfe anruft,) “unverbesserlich! Wie sie mitten in ihrem Gebet sich verwandelt! Wie sie erbleicht! Wie sie schauert! Ihre F¸fle wurzeln mitten in einer schreckhaften Bewegung ein; umsonst will sie ihre ausgebreiteten Arme zur¸ckziehen.–Aber warum dieser z‰rtlichbange Blick auf ihren Liebhaber? Warum diese Tr‰ne, die in ihrem Auge zu erstarren scheint?”–Ein allgemeines L‰cheln beantwortete die Frage Agathons. “Du tadelst gerade”, versetzte zuletzt einer von den G‰sten, “was wir am meisten bewundern. Eine gewˆhnliche T‰nzerin w¸rde nicht f‰hig gewesen sein, deinen Tadel zu verdienen. Es ist unmˆglich mehr Geist, mehr Feinheit und einen schˆnern Kontrast in diese Rolle zu bringen, als die kleine Psyche, (so hiefl die T‰nzerin) getan hat.” Daphne selbst war nicht best¸rzter gewesen, da sie sich verwandelt f¸hlte, als Agathon in dem Augenblick, als er den Namen Psyche hˆrte; er stockte mitten in einem Worte, das er sagen wollte; er errˆtete, und seine Verwirrung war so merklich, dafl Danae, welche sie der Besch‰mung seines Tadels zuschrieb, f¸r nˆtig hielt, ihm zu H¸lfe zu kommen. “Der Tadel des Callias”, sagte sie, “beweist, dafl er den Geist, womit Psyche ihre Rolle gespielt, so gut empfunden hat, als Ph‰drias. Aber vielleicht ist er darum nicht minder gegr¸ndet. Psyche sollte die Person der Daphne gespielt haben, und hat ihre eigene gespielt; ist es nicht so, Psyche? Du dachtest, wie w¸rde mir’s an Daphnens Stelle gewesen sein?”–“Und wie h‰tte ichs anders machen kˆnnen, meine Gebieterin?” fragte die kleine T‰nzerin. “Du h‰ttest den Charakter annehmen sollen, den ihr die Dichter geben, und hast dich begn¸gt dich selbst in ihre Umst‰nde zu setzen.” “Was f¸r ein Charakter ist denn das”, erwiderte Psyche. “Einer Sprˆden”, sagte der weise Hippias; “das ist der Lieblings-Charakter des Callias.” Abermalige Gelegenheit zum Errˆten f¸r den guten Agathon. “Du hast es nicht erraten”, sagte er; “der Charakter, den Daphne nach meiner Idee haben soll, ist Gleichg¸ltigkeit und Unschuld; sie kann beides haben, ohne eine Sprˆde zu sein.” “Psyche verdient also desto mehr Lob”, erwiderte Ph‰drias (f¸r den sie, wie die Geschichte meldet, noch etwas mehr als eine T‰nzerin war) “weil sie den Charakter verschˆnert hat, den sie vorstellen sollte. Der Streit zwischen Liebe und Ehre erfordert mehr Genie um nachgeahmt zu werden, und ist f¸r den Zuschauer r¸hrender, als die Gleichg¸ltigkeit, die ihr Callias geben will. Und zudem, wo ist die junge Nymphe, die gegen die Liebe eines so schˆnen Gottes wie Apollo ist, gleichg¸ltig sein kˆnnte?” “Ich bin deiner Meinung”, sagte Hippias. “Daphne flieht vor dem Apollo, weil sie ein junges M‰dchen ist; und weil sie ein junges M‰dchen ist, so w¸nscht sie heimlich, dafl er sie erhaschen mˆge. Warum sieht sie sich so oft um, als um ihm zu verweisen, dafl er nicht schneller sei? Wie er ihr so nahe ist, dafl sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem Fluflgotte, dafl er sie verwandeln soll. Grimasse! Warum st¸rzte sie sich nicht in den Flufl, wenn es ihr Ernst war? Sie tat was eine Nymphe tun soll, da sie den Fluflgott anrief; das war in der Ordnung: Aber wer konnte auch f¸rchten, so schnell erhˆrt zu werden? Und in welchem Augenblick konnte sie es weniger w¸nschen, als in eben diesem, da sie sich von den begierigen Armen ihres Liebhabers schon umschlungen f¸hlte? Hatte sie sich denn aus einem andern Grund aufler Atem geloffen, als damit er sie desto gewisser erhaschen mˆchte? Was ist also nat¸rlicher als der Unwille, der Schmerz und die Traurigkeit, womit sie sein Betragen erwidert, da sie die Arme, womit sie ihn–zur¸ckstoflen will, zu Lorbeerzweigen erstarret f¸hlt? Selbst der z‰rtliche Blick ist nat¸rlich; die Verstellung hˆrt auf, wenn man in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. War nicht dieses das ganze Spiel der Psyche? Und kann etwas nat¸rlicher sein? Es ist der Charakter eines jungen M‰dchens; eines von denen jungen M‰dchen, versteht sichs, mein lieber Callias, wie man sie in dieser materiellen Welt findet.” “Ich ergebe mich”, versetzte Agathon; “die T‰nzerin hat alles getan, was man von ihr fodern konnte, und ich war l‰cherlich zu erwarten, dafl sie die Idee ausf¸hren sollte, die ich von einer Daphne in meiner Phantasie habe.” Agathon hatte dieses kaum gesprochen, als Danae, ohne ein Wort zu sagen, aufstund, der T‰nzerin einen Wink gab, und mit ihr verschwand. In einer kleinen Weile kam die T‰nzerin allein wieder zur¸ck, die Flˆten fingen wieder an, und Apollo und Daphne wiederholten ihre Pantomime. Aber wie erstaunte Agathon als er sah, dafl es Danae selbst war, die in der Kleidung der T‰nzerin die Person der Daphne spielte! Armer Agathon! Allzureizende Danae! Wer h‰tte es glauben sollen? Ihr ganzes Spiel dr¸ckte die eigenste Idee des Agathon aus, aber mit einer Anmut, mit einer Zauberei, wovon ihm seine Phantasie keine Idee gegeben hatte. Die Empfindungen, von denen seine Seele in diesen Augenblicken ¸berfallen wurde, waren so lebhaft, dafl er sich bem¸hte, seine Augen von diesem zu sehr bezaubernden Gegenstand abzuziehen; aber vergeblich! Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie zur¸ck. Wie edel, wie schˆn waren ihre Bewegungen! Mit welch einer r¸hrenden Einfalt dr¸ckte sie den Charakter der Unschuld aus! Er sah noch in sprachloser Entz¸ckung nach dem Orte, wo sie zum Lorbeerbaum erstarrte, als sie schon wieder verschwunden war, ohne das Lob und das H‰ndeklatschen der Zuschauer zu erwarten, welche nicht Worte genug finden konnten, das Vergn¸gen auszudr¸cken, das ihnen Danae durch diese unerwartete Probe ihres Talents gemacht hatte. In wenigen Minuten kam sie schon wieder in ihrer eignen Person zur¸ck. “Wie sehr ist Callias dir verbunden, schˆne Danae”, sagte Ph‰drias indem sie hereintrat! “Du allein konntest seinen Tadel rechtfertigen, nur diejenige konnte es, die liebensw¸rdig genug ist, um die Sprˆdigkeit selbst reizend zu machen. Wie sehr w‰re ein Apollo zu bedauren, f¸r den du Daphne w‰rest!” Es war gl¸cklich f¸r den guten Agathon, dafl er, indem dieses mit einem bedeutenden Blick gesagt wurde, in dem Anschauen der schˆnen Danae so verloren war, dafl er nichts hˆrte; denn sonst w¸rde ein abermaliges Errˆten die Auslegung zu diesem Text gemacht haben. Das Lob dieser Dame, und ein Gespr‰ch ¸ber die Tanzkunst f¸llte den ¸berrest der Zeit aus, welche diese Gesellschaft noch beieinander zubrachte; ein Gespr‰ch, dessen Mitteilung uns der Leser gerne nachlassen wird, da wir seine Begierde nach angelegenern Materien zu befriedigen haben. Nur diesen Umstand kˆnnen wir nicht vorbeigehen, dafl Agathon bei diesem Anlafl auf einmal so beredt wurde, als er vorher tiefsinnig und stillschweigend gewesen war; eine l‰chelnde Heiterkeit schimmerte um sein ganzes Gesicht, und noch niemal hatte sein Witz sich mit solcher Lebhaftigkeit hervorgetan. Er erhielt den Beifall der ganzen Gesellschaft, und die schˆne Danae selbst konnte sich nicht enthalten, ihn von Zeit zu Zeit mit einem Ausdruck von Vergn¸gen und Zufriedenheit anzusehen; indessen dafl in seinen nur selten von ihr abgewandten Augen etwas gl‰nzte, f¸r welches wir uns umsonst bem¸het haben, in der Sprache der Menschen einen Namen zu finden.

SECHSTES KAPITEL

Geheime Nachrichten

Wir haben von unserm Freunde Plutarch gelernt, dafl sehr kleine Begebenheiten ˆfters durch grofle Folgen merkw¸rdig werden, und sehr kleine Handlungen uns nicht selten tiefere Blicke in das Inwendige der Menschen tun lassen, als die feierlichen Handlungen, wozu man, weil sie dem ˆffentlichen Urteil ausgesetzt sind, sich ordentlicher Weise in eine gewisse mit sich selbst abgeredete Verfassung zu setzen pflegt. Die Gr¸ndlichkeit dieser Beobachtung hat uns bewogen, in der Geschichte der Pantomime, welche das vorige Kapitel ausf¸llt, so umst‰ndlich zu sein; und wir hoffen uns deshalb vollkommen zu rechtfertigen, wenn wir diese Erz‰hlung durch dasjenige erg‰nzen, was die liebensw¸rdige Psyche betrifft, mit welcher der Leser schon im ersten Buche, wiewohl nur im Vorbeigehen, bekannt zu werden angefangen hat. Diese Psyche, so wie sie war, hatte bisher unter allen Wesen, welche in die Sinne fallen, (wir setzen diese Einschr‰nkung nicht ohne Ursach hinzu, so seltsam sie auch in anti-platonischen Ohren klingen mag) den ersten Platz in seinem Herzen eingenommen, und er hatte, seitdem sie von ihm entfernt war, kein Frauenzimmer gesehen, die nicht durch die blofle Erinnerung an Psyche alle Macht ¸ber sein Herz und selbst ¸ber seine Sinnen verloren h‰tte; deren Bewegungen, wie man weifl, sonst nicht immer mit den erstern so parallel laufen, als gewisse Romanenschreiber vorauszusetzen scheinen. Die Wahrheit zu gestehen, so war dieses nicht die W¸rkung derjenigen heroischen Treue und Standhaftigkeit in der Liebe, welche in besagten Romanen zu einer Tugend von der ersten Klasse gemacht wird; Psyche erhielt sich im Besitz seines Herzens, weil ihm die Erinnerungen, die er von ihr hatte, angenehmer waren, als die Empfindungen, die ihm irgend eine andre Schˆne einzuflˆflen vermocht, oder weil er bisher keine andre gesehen hatte, die so sehr nach seinem Herzen gewesen w‰re. Eine Erfahrung von etlichen Jahren beredete ihn, dafl es allezeit so sein w¸rde, und daher kam vielleicht die Best¸rzung, wovon er befallen wurde, als der erste Anblick der schˆnen Danae ihm eine Vollkommenheit darstellte, die seiner Einbildung nach allein jenseits des Mondes anzutreffen sein sollte. Er m¸flte nicht Agathon gewesen sein, wenn diese Erscheinung sich nicht seiner ganzen Seele so sehr bemeistert h‰tte, wie wir gesehen haben. Niemals, deuchte ihn, hatte er in einem so hohen Grad und in einer so seltnen Harmonie alle diese feinern Schˆnheiten, von denen gemeine Seelen nicht ger¸hrt zu werden f‰hig sind, vereiniget gesehen. Ihre Gestalt, ihre Blicke, ihr L‰cheln, ihre Geb‰rden, ihr Gang, alles hatte diese Vollkommenheit, welche die Dichter den Gˆttinnen zuzuschreiben pflegen. Was Wunder also, dafl er in den ersten Stunden nichts als anschauen und bewundern konnte, und dafl seine entz¸ckte Seele noch keine Zeit hatte auf dasjenige acht zu geben, was in ihr vorging. In der Tat waren alle ihre ¸brigen Kr‰fte so gebunden, dafl er wider seine Gewohnheit in dieser ganzen Zeit sich seiner Psyche eben so wenig erinnerte, als ob sie nie gewesen w‰re. Allein als die junge T‰nzerin zum Vorschein kam, welche die Person der Daphne spielte, so stellte einige ‰hnlichkeit, die sie w¸rklich in der Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte, ihm auf einmal, wiewohl ohne dafl er sich dessen deutlich bewuflt war, das Bild seiner abwesenden Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch eine gewˆhnliche mechanische W¸rkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und wenn er so vieles an der T‰nzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde nur darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte, oder weil sie nicht Psyche war. So gewˆhnlich dergleichen Spiele der Einbildung sind, so selten ist es, dafl man den Einflufl deutlich unterscheidet, den sie auf unsre Urteile oder Neigungen zu haben pflegen. Agathon selbst, der sich von seiner ersten Jugend an eine Besch‰ftigung daraus gemacht hatte, den geheimen Triebfedern seiner innerlichen Bewegungen nachzusp¸ren, merkte dennoch nicht eher, was bei diesem Anlafl in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche, dieser Name, dessen blofler Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn ersch¸tterte, und in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu beschreiben M¸he gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besondern Dunkelheit, die in unsrer Urkunde ¸ber diese Stelle liegt, urteilen d¸rfen. Was auch die Ursache dieser Best¸rzung gewesen sein mag, so ist gewifl, dafl er weit davon entfernt war nur zu argwˆhnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze vielleicht dar¸ber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches er von Psyche allein ausgef¸llt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug, wofern es anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen, weil dieser geliebte Name w¸rklich in wenig Augenblicken seine ganze Z‰rtlichkeit rege machte. Er bemerkte nun erst deutlich die ‰hnlichkeiten, welche die beiden Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem Vorurteile, welches der Abwesenden so g¸nstig war, dafl die Gegenw‰rtige ihr nur zum Schatten dienen muflte; ja wir wissen nicht, ob eine so lebhafte Erinnerung nicht endlich der schˆnen Danae selbst Abbruch getan h‰tte, wenn diese, gleich als ob sie durch eine Art von Divination erraten h‰tte was in seiner Seele vorging, nicht auf den gl¸cklichen Einfall gekommen w‰re, sich an den Platz der kleinen T‰nzerin zu setzen, um die Vorstellung auszuf¸hren, welche sich Agathon von einer idealischen Daphne gemacht, und deren die Geschmeidigkeit ihres Geistes sich so schnell und so gl¸cklich zu bem‰chtigen gewuflt hatte. Einen schlimmern Streich konnte sie in der Tat der einen und der andern Psyche nicht spielen. Beide wurden von ihrem blendenden Glanze, wie benachbarte Sterne von dem vollen Mond, ausgelˆscht. Und wie h‰tte ihn auch das Bild seiner abwesenden Geliebten noch l‰nger besch‰ftigen kˆnnen, da alle Anschauungskr‰fte seiner Seele, auf diesen einzigen bezaubernden Gegenstand geheftet, ihm kaum zureichend schienen, dessen ganze Vollkommenheit zu empfinden; da er diese sittliche Venus mit allen ihren geistigen Grazien w¸rklich vor sich sah, zu deren bloflen Schattenbild ihn Psyche zu erheben vermocht hatte?

Wir wissen nicht, ob man eben ein Hippias sein m¸flte, um zu glauben, dafl gewisse Schˆnheiten von einer nicht so unkˆrperlichen, wiewohl in ihrer Art eben so vollkommenen Natur, weit mehr als Agathon selbst gewahr wurde, zu dieser Verz¸ckung in die idealischen Welten beigetragen haben kˆnnten, worin er w‰hrend dem pantomimischen Tanz der Danae sich befand. Die Nymphen-m‰flige Kleidung, welche dieser Tanz erforderte, war nur allzugeschickt diese Reizungen in ihrer ganzen Macht und in dem mannigfaltigsten Lichte zu entwickeln; und wir m¸ssen gestehen, die Gˆttin der Liebe selbst h‰tte sich nicht zuversichtlicher als die untadelliche Danae dem Auge der sch‰rfsten Kenner, ja selbst den Augen einer Nebenbuhlerin, in diesem Aufzug ¸berlassen d¸rfen. Der Charakter der ungeschminkten Unschuld, welchen sie so unverbesserlich nachahmte, schien dadurch einen noch lebhaftern Ausdruck zu erhalten; aber einen so lebhaften, dafl ein jeder andrer als ein Agathon dabei in Gefahr gewesen w‰re, die seinige zu verlieren. Freilich hatten die ¸brigen Zuschauer M¸he genug, sich zu enthalten, die Rolle des Apollo in ganzem Ernste zu machen; aber von unsern Helden hatte Danae nichts zu besorgen; und sie fand, dafl Hippias nicht zuviel von ihm versprochen hatte. Diese materiellen Schˆnheiten, die er nicht einmal deutlich unterschied, weil sie in seinen Augen mit den geistigen in Eins zusammengeflossen waren, mochten den Grad der Lebhaftigkeit seiner Empfindungen noch so sehr erhˆhen, so konnten sie doch die Natur derselben nicht ver‰ndern; niemals in seinem Leben waren sie reiner, Begierden-freier, unkˆrperlicher gewesen. Kurz, so widersinnisch es jenen aus grˆberm Stoff gebildeten Erdensˆhnen, welche in dem vollkommensten Weibe nur ein Weib sehen, scheinen mag, so gewifl war es, dafl Danae mit einer Gestalt und in einem Aufzug, welcher (mit dem weisen Hippias zu reden) einen Geist h‰tte verkˆrpern mˆgen, diesen seltsamen J¸ngling in einen so vˆlligen Geist verwandelte, als man jemals diesseits und vielleicht auch jenseits des Mondes gesehen hat.

F‹NFTES BUCH

ERSTES KAPITEL

Was die Nacht durch in den Gem¸tern einiger von unsern Personen vorgegangen

Wir haben schon so viel von der gegenw‰rtigen Gem¸tsverfassung unsers Helden gesagt, dafl man sich nicht verwundern wird, wenn wir hinzusetzen, dafl er den ¸brigen Teil der Nacht in ununterbrochenem Anschauen dieser idealen Vollkommenheit zubrachte, die seine Einbildungskraft mit einer ihr gewˆhnlichen Kunst, und ohne dafl er den Betrug merkte, an die Stelle der schˆnen Danae geschoben hatte. Dieses Anschauen setzte sein Gem¸t in eine so angenehme und ruhige Entz¸ckung, dafl er, gleich als ob nun alle seine W¸nsche befriediget w‰ren, nicht das geringste von der Unruhe, den Begierden, der innerlichen G‰rung, der Abwechslung von Frost und Hitze f¸hlte, womit die Leidenschaft, mit der man ihn, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, behaftet glauben konnte, sich ordentlicher Weise anzuk¸ndigen pflegt.

Was die Danae betrifft, welche die Ehre hatte, diese erhabene Entz¸ckungen in ihm zu erwecken, so brachte sie den Rest der Nacht wo nicht mit eben so erhabenen doch in ihrer Art mit eben so angenehmen Betrachtungen zu. Agathon hatte ihr gefallen, sie war mit dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht, zufrieden; und sie glaubte, nach den Beobachtungen, die ihr dieser Abend bereits an die Hand gegeben, dafl sie sich selbst mit gutem Grunde zutrauen kˆnne, ihn, durch die gehˆrigen Gradationen, zu einem zweiten und vielleicht standhaftern Alcibiades zu machen. Nichts war ihr hiebei angenehmer als die Best‰tigung des Plans, den sie sich ¸ber die Art und Weise, wie man seinem Herzen am leichtesten beikommen kˆnne, gemacht hatte. Es ist wahr, dafl der Einfall, sich an die Stelle der T‰nzerin zu setzen, ihr erst in dem Augenblick gekommen war, da sie ihn ausf¸hrte; allein sie w¸rde ihn nicht ausgef¸hrt haben, wenn sie nicht die gute W¸rkung davon mit einer Art von Gewiflheit vorausgesehen h‰tte. H‰tte sie in dem ersten Augenblick, da sie sich ihm darstellte, in ihren Geb‰rden, oder in ihrem Anzug das mindeste gehabt, das ihm anstˆflig h‰tte sein kˆnnen, so w¸rde es ihr schwer gewesen sein, den widrigen Eindruck dieses ersten Augenblicks jemals wieder gut zu machen. Agathon muflte in den Fall gesetzt werden, sich selbst zu hintergehen, ohne es gewahr zu werden; und wenn er f¸r subalterne Reizungen empfindlich gemacht werden sollte, so muflte es durch Vermittlung der Einbildungskraft und auf eine solche Art geschehen, dafl die geistigen und die materiellen Schˆnheiten sich in seinen Augen vermengten, und dafl er in den letztern nichts als den Widerschein der ersten zu sehen glaubte. Danae wuflte sehr wohl, dafl die intelligible Schˆnheit keine Leidenschaft erweckt, und dafl die Tugend selbst, wenn sie (wie Plato sagt) in sichtbarer Gestalt unaussprechliche Liebe einflˆflen w¸rde, diese W¸rkung mehr der blendenden Weifle und dem reizenden Contour eines schˆnen Busens, als der Unschuld, die aus demselben hervorschimmerte, zuzuschreiben haben w¸rde. Allein das wuflte Agathon noch nicht; er muflte also betrogen werden, und, so wie sie es anging, konnte sie mit der grˆflten Wahrscheinlichkeit hoffen, dafl es ihr gelingen w¸rde.

Der weise Hippias hatte zuviel Ursache, den Agathon bei dieser Gelegenheit zu beobachten, als dafl ihm das geringste entgangen w‰re, was ihn von dem gl¸cklichen Fortgang seines Anschlags zu versichern schien. Allein er schmeichelte sich zuviel, wenn er hoffte, Callias werde, in dem ekstatischen Zustande, worin er zu sein schien, ihn zum Vertrauten seiner Empfindungen machen. Das Vorurteil, welches dieser wider ihn gefaflt hatte, verschlofl ihm den Mund, so gern er auch dem Strome seiner Begeisterung den Lauf gelassen h‰tte. Eine Danae war in seinen Augen ein so vortrefflicher Gegenstand, und das was er f¸r sie empfand, so rein, so weit ¸ber die brutale Denkungsart eines Hippias erhaben; dafl er durch eine unzeitige Vertraulichkeit gegen diesen Ungeweihten beides zu entheiligen geglaubt h‰tte.