Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs
“Wenn wir auf das Tun und Lassen der Menschen acht geben, mein lieber Callias, so scheint zwar, daï¬ alle ihre Sorgen und Bem¸hungen kein andres Ziel haben als sich gl¸cklich zu machen; allein die Seltenheit dererjenigen die es w¸rklich sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset zugleich, daï¬ die meisten nicht wissen, durch was f¸r Mittel sie sich gl¸cklich machen sollen, wenn sie es nicht sind; oder wie sie sich ihres guten Gl¸ckes bedienen sollen, um in denjenigen Zustand zu kommen den man Gl¸ckseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im Schoï¬e des Ansehens, des Gl¸cks und der Wollust, als solche die in einem Zustande von Mangel, Dienstbarkeit und Unterdr¸ckung elend sind. Einige haben sich aus diesem letztern Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, daï¬ sie nur darum ungl¸ckselig sein, weil es ihnen am Besitz der G¸ter des Gl¸cks fehle. Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, daï¬ wenn es eine Kunst gibt, die Mittel zur Gl¸ckseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere, zum wenigsten eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen. Es ist daher allezeit die Beschâ°ftigung der Verstâ°ndigsten unter den Menschen gewesen, durch Verbindung dieser beiden K¸nste diejenige heraus zu bringen, die man die Kunst gl¸cklich zu leben nennen kann, und in deren w¸rklichen Aus¸bung, nach meinem Begriffe, die Weisheit besteht, die so selten ein Anteil der Sterblichen ist. Ich nenne sie eine Kunst, weil sie von der fertigen Anwendung gewisser Regeln abhâ°ngt, die nur durch die ¸bung erlangt werden kann: Allein sie setzt wie alle K¸nste einen gewissen Grad von Fâ°higkeit voraus, den nur die Natur gibt, und den sie nicht allen zu geben pflegt. Einige Menschen scheinen kaum einer grËï¬ern Gl¸ckseligkeit fâ°hig zu sein als die Austern, und wenn sie ja eine Seele haben, so ist es nur so viel als sie brauchen, um ihren Leib eine Zeitlang vor der Fâ°ulnis zu bewahren. Ein grËï¬erer und vielleicht der grËï¬te Teil der Menschen befindet sich nicht in diesem Fall; aber weil es ihnen an genugsamer Stâ°rke des Gem¸ts, und an einer gewissen Zâ°rtlichkeit der Empfindung mangelt, so ist ihr Leben gleich dem Leben der ¸brigen Tiere des Erdbodens, zwischen Vergn¸gen, die sie weder zu wâ°hlen noch zu genieï¬en, und Schmerzen, denen sie weder zu widerstehen noch zu entfliehen wissen, geteilt. Wahn und Leidenschaften sind die Triebfedern dieser menschlichen Maschinen; beide setzen sie einer unendlichen Menge von ¸beln aus, die es nur in einer betrognen Einbildung, aber eben darum wo nicht schmerzlicher doch anhaltender und unheilbarer sind, als diejenigen die uns die Natur auferlegt. Diese Art von Menschen ist keines gesetzten und anhaltenden Vergn¸gens, keines Zustandes von Gl¸ckseligkeit fâ°hig; ihre Freuden sind Augenblicke, und ihre ¸brige Dauer ist entweder ein w¸rkliches Leiden, oder ein unaufhËrliches Gef¸hl verworrner W¸nsche, eine immerwâ°hrende Ebbe und Flut von Furcht und Hoffnung, von Phantasien und Gel¸sten; kurz eine unruhige Bewegung die weder ein gewisses Maï¬ noch ein festes Ziel hat, und also weder ein Mittel zur Erhaltung dessen was gut ist sein kann, noch dasjenige genieï¬en lâ°ï¬t, was man w¸rklich besitzt. Es scheint also unmËglich zu sein, ohne eine gewisse Zâ°rtlichkeit der Empfindung, die uns in einer weitern Sphâ°re, mit feinern Sinnen und auf eine angenehmere Art genieï¬en lâ°ï¬t, und ohne diejenige Stâ°rke der Seele, die uns fâ°hig macht das Joch der Phantasie und des Wahns abzusch¸tteln, und die Leidenschaften in unsrer Gewalt zu haben, zu demjenigen ruhigen Zustande von Genuï¬ und Zufriedenheit zu kommen, der die Gl¸ckseligkeit ausmacht. Nur derjenige ist in der Tat gl¸cklich, der sich von den ¸beln die nur in der Einbildung bestehen, gâ°nzlich frei zu machen; diejenigen aber, denen die Natur den Menschen unterworfen hat, entweder zu vermeiden, oder doch zu vermindern–und das Gef¸hl derselben einzuschlâ°fern, hingegen sich in den Besitz alles des Guten, dessen uns die Natur fâ°hig gemacht hat, zu setzen, und was er besitzt, auf die angenehmste Art zu genieï¬en weiï¬; und dieser Gl¸ckselige allein ist der Weise.
Wenn ich dich anders recht kenne, Callias, so hat dich die Natur mit den Fâ°higkeiten es zu sein so reichlich begabt, als mit den Vorz¸gen, deren kluger Gebrauch uns die Gunstbezeugungen des Gl¸cks zu verschaffen pflegt. Dem ungeachtet bist du weder gl¸cklich, noch hast du die Miene es jemals zu werden, so lange du nicht gelernt haben wirst, von beiden einen andern Gebrauch zu machen als du bisher getan hast. Du wendest die Stâ°rke deiner Seele an, dein Herz gegen das wahre Vergn¸gen unempfindlich zu machen, und beschâ°ftigest deine Empfindlichkeit mit unwesentlichen Gegenstâ°nden, die du nur in der Einbildung siehest, und nur im Traume genieï¬est; die Vergn¸gungen, welche die Natur dem Menschen zugeteilt hat, sind f¸r dich Schmerzen, weil du dir Gewalt antun muï¬t sie zu entbehren; und du setzest dich allen ¸beln aus, die sie uns vermeiden lehrt, indem du anstatt einer n¸tzlichen Geschâ°ftigkeit dein Leben mit den s¸ï¬en Einbildungen wegtrâ°umest, womit du dir die Beraubung des w¸rklichen Vergn¸gens zu ersetzen suchst. Dein ¸bel, mein lieber Callias, entspringt von einer Einbildungskraft, die dir ihre GeschËpfe in einem ¸berirdischen Glanze zeigt, der dein Herz verblendet, und ein falsches Licht ¸ber das was w¸rklich ist ausbreitet; einer dichterischen Einbildungskraft, die sich beschâ°ftiget schËnere SchËnheiten, und angenehmere Vergn¸gungen zu erfinden als die Natur hat; einer Einbildungskraft, ohne welche weder Homere, noch Alcamene, noch Polygnote wâ°ren; welche gemacht ist unsre ErgËtzungen zu verschËnern, aber nicht die F¸hrerin unsers Lebens zu sein. Um weise zu sein, hast du nichts nËtig als die gesunde Vernunft an die Stelle dieser begeisterten Zauberin, und die kalte ¸berlegung an den Platz eines sehr oft betr¸glichen Gef¸hls zu setzen. Bilde dir auf etliche Augenblick’ ein, daï¬ du den Weg zur Gl¸ckseligkeit erst suchen m¸ssest; frage die Natur, hËre ihre Antwort, und folge dem Pfade, den sie dir vorzeichnen wird.”
ZWEITES KAPITEL
Theorie der angenehmen Empfindungen
“Und wen anders als die Natur kËnnen wir fragen, um zu wissen wie wir leben sollen, um wohl zu leben? Die GËtter? Wenn eine Gottheit ist, so ist sie entweder die Natur selbst, oder die Urheberin der Natur; in beiden Fâ°llen ist die Stimme der Natur die Stimme der Gottheit. Sie ist die allgemeine Lehrerin aller Wesen; sie lehrt jedes Tier vom Elephanten bis zum Insekt, was seiner besondern Verfassung gut oder schâ°dlich ist. Um so gl¸cklich zu sein als es diese innerliche Einrichtung erlaubt, braucht das Tier nichts weiter, als dieser Stimme der Natur zu folgen, welche bald durch den s¸ï¬en Zug des Vergn¸gens, bald durch das ungedultige Fodern des Bed¸rfnisses, bald durch das â°ngstliche Pochen des Schmerzens es zu demjenigen locket, was ihm zutrâ°glich ist, oder es zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gattung auffordert, oder es vor demjenigen warnet, was seinem Wesen die ZerstËrung drâ°uet. Sollte der Mensch allein von dieser m¸tterlichen Vorsorge ausgenommen sein, oder er allein irren kËnnen, wenn er der Stimme folget, die zu allen Wesen redet? Oder ist nicht vielmehr die Unachtsamkeit und der Ungehorsam gegen ihre Erinnerungen die einzige wahre Ursache, warum unter einer unendlichen Menge von lebenden Wesen der Mensch das einzige Ungl¸ckselige ist?
Die Natur hat allen ihren Werken eine gewisse Einfalt eingedr¸ckt, die ihre m¸hsamen Anstalten und eine genaue Regelmâ°ï¬igkeit unter einem Schein von Leichtigkeit und ungezwungner Anmut verbirgt. Mit diesem Stempel sind auch die Gesetze der Gl¸ckseligkeit bezeichnet, die sie dem Menschen vorgeschrieben hat. Sie sind einfâ°ltig, leicht auszu¸ben, und f¸hren gerade und sicher zum Zweck. Die Kunst gl¸cklich zu leben, w¸rde die gemeinste unter allen K¸nsten sein, wie sie die leichteste ist, wenn die Menschen nicht gewohnt wâ°ren sich einzubilden, daï¬ man groï¬e Absichten nicht anders, als durch groï¬e Anstalten erreichen kËnne. Es scheint ihnen zu einfâ°ltig, daï¬ alles was ihnen die Natur durch den Mund der Weisheit zu sagen hat, in diese drei Erinnerungen zusammen flieï¬en soll: Befriedige deine Bed¸rfnisse, vergn¸ge alle deine Sinnen, und erspare dir so viel du kannst alle schmerzhaften Empfindungen. Und doch wird dich eine kleine Aufmerksamkeit ¸berf¸hren, daï¬ die vollstâ°ndigste Gl¸ckseligkeit deren die Sterblichen fâ°hig sind, in die Linie eingeschlossen ist, die von diesen dreien Formuln bezeichnet wird.
Es hat Narren gegeben, welche die Frage m¸hsam untersucht haben, ob das Vergn¸gen ein Gut, und der Schmerz ein ¸bel sei? Es hat noch grËï¬ere Narren gegeben, welche w¸rklich behaupteten, der Schmerz sei kein ¸bel, und das Vergn¸gen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben Toren gefunden, die albern genug waren, diese Narren f¸r weise zu halten. Das Vergn¸gen ist kein Gut, sagen sie, weil es Fâ°lle gibt wo der Schmerz ein grËï¬eres Gut ist; und der Schmerz ist kein ¸bel, weil er zuweilen besser ist als das Vergn¸gen. Sind diese Wortspiele einer Antwort wert? Was w¸rd’ ein Zustand sein, der in einem vollstâ°ndigen unaufhËrlichen Gef¸hl des hËchsten Grades aller mËglichen Schmerzen best¸nde? Wenn dieser Zustand das hËchste ¸bel ist, so ist der Schmerz ein ¸bel. Doch wir wollen die Schwâ°tzer mit Worten spielen lassen, die ihnen bedeuten m¸ssen was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine sein kann, auf eine Art, die keinen Zweifel ¸brig lâ°ï¬t. Wer ist, der nicht lieber vernichtet als unaufhËrlich gepeiniget werden wollte? Wer sieht nicht einen schËnen Gegenstand lieber, als einen ekelhaften? Wer hËrt nicht lieber den Gesang der Grasm¸cke, als das Geheul der Nachteule? Wer zieht nicht einen angenehmen Geruch oder Geschmack einem widrigen vor? Und w¸rde nicht der enthaltsame Callias selbst lieber auf einem Lager von Blumen in den Rosenarmen irgend einer schËnen Nymphe ruhen, als in den gl¸henden Armen des ehernen GËtzenbildes, welchem die Andacht gewisser Syrischer VËlker, wie man sagt, ihre Kinder opfert? Eben so wenig scheint es einem Zweifel unterworfen zu sein, daï¬ der Schmerz und das Vergn¸gen so unvertrâ°glich sind, daï¬ eine einzige gepeinigte Nerve genug ist, uns gegen die vereinigten Reizungen aller Woll¸ste unempfindlich zu machen. Die Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also unstreitig eine unumgâ°ngliche Bedingung der Gl¸ckseligkeit; allein da sie nichts positives ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des Genusses des Guten fâ°hig ist. Dieser Genuï¬ allein ist es, dessen Dauer den Stand hervorbringt, den man Gl¸ckseligkeit nennt.
Es ist unleugbar, daï¬ nicht alle Arten und Grade des Vergn¸gens gut sind. Die Natur allein hat das Recht uns die Vergn¸gen anzuzeigen, die sie uns bestimmt hat. So unendlich die Menge dieser angenehmen Empfindungen zu sein scheint, so ist doch leicht zu sehen, daï¬ sie alle entweder zu den Vergn¸gungen der Sinne, oder der Einbildungskraft, oder zu einer dritten Klasse, die aus beiden zusammen gesetzt ist, gehËren. Die Vergn¸gen der Einbildungskraft sind entweder Erinnerungen an ehmals genossene sinnliche Vergn¸gen; oder Mittel uns den Genuï¬ derselben reizender zu machen; oder angenehme Dichtungen und Trâ°ume, die entweder in einer neuen willk¸rlichen Zusammensetzung der angenehmen Ideen, die uns die Sinne gegeben, oder in einer dunkel eingebildeten ErhËhung der Grade jener Vergn¸gen, die wir erfahren haben, bestehen. Es sind also, wenn man genau reden will, alle Vergn¸gungen im Grunde sinnlich, indem sie, es sei nun unmittelbar oder vermittelst der Einbildungskraft, von keinen andern als sinnlichen Vorstellungen entstehen kËnnen.
Die Philosophen reden von Vergn¸gen des Geistes, von Vergn¸gen des Herzens, von Vergn¸gen der Tugend. Alle diese Vergn¸gen sind es f¸r die Sinnen oder f¸r die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. Warum ist Homer unendlich mal angenehmer zu lesen als Heraclitus? Weil die Gedichte des ersten eine Reihe von Gemâ°lden darstellen, die entweder durch die eigent¸mliche Reizungen des Gegenstandes, oder die Lebhaftigkeit der Farben, oder einen Kontrast, der das Vergn¸gen durch eine kleine Mischung mit widrigen Empfindungen erhËhet, oder die Erregung angenehmer Bewegungen, unsre Phantasie bezaubern.–Da die trocknen Schriften des Philosophen nichts darstellen, als eine Reihe von WËrtern, womit man abgezogne Begriffe bezeichnet, von denen sich die Einbildungskraft nicht anders als mit vieler Anstrengung und einer bestâ°ndigen Bem¸hung, die gâ°nzliche Verwirrung so vieler unbestimmter Schattenbilder zu verh¸ten, einige Ideen machen kann; wenn anders dasjenige so genennt zu werden verdient, was in Absicht seines wirklichen Gegenstands in der Natur, kaum so viel ist als ein Schatten gegen den KËrper der ihn zu werfen scheint. Es ist wahr, es gibt abgezogene Begriffe, die f¸r gewisse enthusiastische Seelen entz¸ckend sind; aber warum sind sie es? In der Tat bloï¬ darum, weil ihre Einbildungskraft sie auf eine schlaue Art zu verkËrpern weiï¬. Untersuche alle angenehmen Ideen von dieser Art, so unkËrperlich und geistig sie scheinen mËgen, und du wirst finden, daï¬ das Vergn¸gen, so sie deiner Seele machen, von den sinnlichen Vorstellungen entsteht, womit sie begleitet sind. Bem¸he dich so sehr als du willst, dir GËtter ohne Gestalt, ohne Glanz, ohne etwas das die Sinnen r¸hrt, vorzustellen; es wird dir unmËglich sein. Der Jupiter des Homer und Phidias, die Idee eines Hercules oder Theseus, wie unsre Einbildungskraft sich diese Helden vorzustellen pflegt, die Ideen eines ¸berirdischen Glanzes, einer mehr als menschlichen SchËnheit, eines ambrosischen Geruchs, werden sich unvermerkt an die Stelle derjenigen setzen, die du dich vergeblich zu machen bestrebest; und du wirst noch immer an dem irdischen Boden kleben, wenn du schon in den empyreischen Gegenden zu schweben glaubst. Sind die Vergn¸gen des Herzens weniger sinnlich? Sie sind die Allersinnlichsten. Ein gewisser Grad derselben verbreitet eine woll¸stige Wâ°rme durch unser ganzes Wesen, belebt den Umlauf des Blutes, ermuntert das Spiel der Fibern, und setzt unsre ganze Maschine in einen Zustand von Behaglichkeit, der sich der Seele um so mehr mitteilet, als ihre eigne nat¸rliche Verrichtungen auf eine angenehme Art dadurch erleichtert werden. Die Bewunderung, die Liebe, das Verlangen, die Hoffnung, das Mitleiden, jeder zâ°rtliche Affekt bringt diese W¸rkung in einigem Grad hervor, und ist desto angenehmer, je mehr er sich derjenigen Wollust nâ°hert, die unsre Alten w¸rdig gefunden haben, in der Gestalt der personifizierten SchËnheit, aus deren Genuï¬ sie entspringt, unter die GËtter gesetzt zu werden. Derjenige, den sein Freund niemals in Entz¸ckungen gesetzt hat, die den Entz¸ckungen der Liebe â°hnlich sind, ist nicht berechtiget von den Vergn¸gen der Freundschaft zu reden. Was ist das Mitleiden, welches uns zur Guttâ°tigkeit treibt? Wer anders ist desselben fâ°hig als diese empfindlichen Seelen, deren Auge durch den Anblick, deren Ohr durch den â°chzenden Ton des Schmerzens und Elends gequâ°let wird, und die in dem Augenblick, da sie die Not eines Ungl¸cklichen erleichtern, beinahe dasselbige Vergn¸gen f¸hlen, welches sie in eben diesem Augenblick an seiner Stelle gef¸hlt hâ°tten? Wenn das Mitleiden nicht ein woll¸stiges Gef¸hl ist, warum r¸hrt uns nichts so sehr als die leidende SchËnheit? Warum lockt die klagende Phâ°dra in der Nachahmung zâ°rtliche Trâ°nen aus unsern Augen, da die winselnde Hâ°ï¬lichkeit in der Natur nichts als Ekel erweckt? Und sind etwan die Vergn¸gen der Wohltâ°tigkeit und Menschenliebe weniger sinnlich? Dasjenige, was in dir vorgehen wird, wenn du dir die kontrastierenden Gemâ°lde einer geâ°ngstigten und einer frËhlichen Stadt vorstellest, die Homer auf den Schild des Achilles setzt, wird dir diese Frage auflËsen! Nur diejenigen, die der Genuï¬ des Vergn¸gens in die lebhafteste Entz¸ckung setzt, sind fâ°hig, von den lachenden Bildern einer allgemeinen Freude und Wonne so sehr ger¸hrt zu werden, daï¬ sie dieselbige auï¬er sich zu sehen w¸nschen; das Vergn¸gen der Guttâ°tigkeit wird allemal mit demjenigen in Verhâ°ltnis stehen, welches ihnen der Anblick eines vergn¸gten Gesichts, eines frËhlichen Tanzes, einer Ëffentlichen Lustbarkeit macht; und es ist nur der Vorteil ihres Vergn¸gens, je allgemeiner diese Szene ist. Je grËï¬er die Anzahl der FrËhlichen und die Mannigfaltigkeit der Freuden, desto grËï¬er die Wollust, wovon diese Art von Menschen, an denen alles Sinn, alles Herz und Seele ist, beim Anblick derselben ¸berstrËmet werden. Laï¬ uns also gestehen, Callias, daï¬ alle Vergn¸gen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und daï¬ die hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine andre verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art aus dem rosenbekrâ°nzten Becher, und von den Lippen der schËnen Cyane saugen kËnnten.
Es ist wahr, es gibt noch eine Art von Vergn¸gen, die beim ersten Anblick eine Ausnahme von meinem Satz zu machen scheint. Man kËnnte sie k¸nstliche nennen, weil wir sie nicht aus den Hâ°nden der Natur empfangen, sondern nur gewissen ¸bereinkommnissen der menschlichen Gesellschaft zu danken haben, durch welche dasjenige, was uns dieses Vergn¸gen macht, die Bedeutung eines Gutes erhalten hat. Allein die kleinste ¸berlegung ist hinlâ°nglich uns zu ¸berzeugen, daï¬ diese Dinge uns keine andre Art von Vergn¸gen machen, als die wir vom Besitz des Geldes haben; welches wir mit Gleichg¸ltigkeit ansehen w¸rden, wenn es uns nicht f¸r alle die w¸rklichen Vergn¸gen Gewâ°hr leistete, die wir uns dadurch verschaffen kËnnen. Von dieser Art ist dasjenige, welches der Ehrgeizige empfindet, wenn ihm Bezeugungen einer scheinbaren Hochachtung oder Unterw¸rfigkeit gemacht werden, die ihm als Zeichen seines Ansehens und der Macht, die ihm dasselbe ¸ber andre gibt, angenehm sind. Ein morgenlâ°ndischer Despot bek¸mmert sich wenig um die Hochachtung seiner VËlker; sklavische Unterw¸rfigkeit ist f¸r ihn genug. Ein Mensch hingegen, dessen Gl¸ck in den Hâ°nden solcher Leute liegt, die seines gleichen sind, ist genËtiget, sich ihre Hochachtung zu erwerben. Allein diese Unterw¸rfigkeit ist dem Despoten, diese Hochachtung ist dem Republikaner nur darum angenehm, weil sie das VermËgen oder die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die Begierden desto besser zu befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen des Vergn¸gens sind. Warum ist Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt sich um einen Ruhm, der seine Ausschweifungen, seinen ¸bermut, seinen schleppenden Purpur, seine Schmâ°use und Liebeshâ°ndel bedeckt; der es den Atheniensern ertrâ°glich macht, den Liebesgott, mit dem Blitze Jupiters bewaffnet, auf dem Schilde seines Feldherrn zu sehen; der die Gemahlin eines spartanischen KËnigs so sehr verblendet, daï¬ sie stolz darauf ist, f¸r seine Buhlerin gehalten zu werden. Ohne diese Vorteile w¸rde ihm Ansehn und Ruhm so gleichg¸ltig sein, als ein Haufen Rechenpfennige einem corinthischen Wucherer. ‘Allein’, spricht man, ‘wenn es seine Richtigkeit hat, daï¬ die Vergn¸gen der Sinne alles sind, was uns die Natur zuerkannt hat, was ist leichter und was braucht weniger Kunst und Anstalten, als gl¸cklich zu sein? Wie wenig bedarf die Natur um zu frieden zu sein?’ Es ist wahr, die rohe Natur bedarf wenig. Ihre Unwissenheit ist ihr Reichtum. Eine Bewegung, die seinen KËrper munter erhâ°lt, eine Nahrung die den Hunger stillt, ein Weib, schËn oder hâ°ï¬lich, wenn ihn die Ungeduld eines gewissen Bed¸rfnisses beunruhiget, ein schattichter Rasen, wenn er des Schlafs bedarf, und eine HËhle, sich vor dem Ungewitter zu sichern, ist alles was der wilde Mensch nËtig hat, um in dem Lauf von achtzig oder hundert Jahren sich nur nicht einmal einfallen zu lassen, daï¬ man mehr brauchen kËnne. Die Vergn¸gen der Einbildungskraft und des Geschmacks sind nicht f¸r ihn; er genieï¬t nicht mehr als die ¸brigen Tiere, und genieï¬t wie sie. Wenn er gl¸cklich ist, weil er sich nicht f¸r ungl¸cklich hâ°lt, so ist er es doch nicht in Vergleichung mit demjenigen, f¸r den die K¸nste des Witzes und des Geschmacks die angenehmste Art der Bed¸rfnisse der Natur zu genieï¬en, und eine unendliche Menge von ErgËtzungen der Sinne und der Einbildung erfunden haben, wovon die Natur in dem rohen Zustande, worin wir sie uns in den â°ltesten Zeiten vorstellen, keinen Begriff hat. Diese Vergleichung, es ist wahr, findet nur in dem Stand einer Gesellschaft statt, die sich in einer langen Reihe von Jahrhunderten endlich zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat. In einem solchen aber wird alles das zum Bed¸rfnis, was der Wilde nur darum nicht vermisset, weil es ihm unbekannt ist; und ein Diogenes kËnnte zu Corinth nicht gl¸cklich sein, wenn er nicht ein Narr wâ°re. Gewisse poetische KËpfe haben sich ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein angenehmes Hirtenleben getrâ°umt, welches zwischen der rohen Natur und der Lebensart des beg¸terten Teils eines gesitteten und sinnreichen Volkes das Mittel halten soll. Sie haben die verschËnerte Natur von allem demjenigen entkleidet, wodurch sie verschËnert worden ist, und dieses idealische Wesen die schËne Natur genannt. Allein auï¬erdem, daï¬ diese schËne Natur, in dieser nackten Einfalt, welche man ihr gibt, niemals irgendwo vorhanden war; wer siehet nicht, daï¬ die Lebensart des goldnen Alters der Dichter, zu derjenigen, welche durch die K¸nste mit allem bereichert und ausgeziert worden, was der Witz zu erfinden fâ°hig ist, um uns in den Armen einer ununterbrochnen Wollust, vor dem ¸berdruï¬ der Sâ°ttigung zu bewahren; daï¬, sage ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verhâ°lt, wie die Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist in einer bequemen H¸tte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch angenehmer in einem gerâ°umigen Hause zu wohnen, das mit den ausgesuchtesten und woll¸stigsten Bequemlichkeiten versehen, und, wohin man die Augen wendet, mit Bildern des Vergn¸gens ausgeziert ist; und wenn eine mit Bâ°ndern und Blumen geschm¸ckte Phyllis reizender ist als eine schmutzige und zottichte Wilde, muï¬ nicht eine von unsern SchËnen, deren nat¸rliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und schimmernden Putz erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine Phyllis?”
DRITTES KAPITEL
Die Geisterlehre eines echten Materialisten
“Wir haben die Natur gefragt, Callias, worin die Gl¸ckseligkeit bestehe, die sie uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein schmerzenfreies Leben, die angenehmste Befriedigung unsrer nat¸rlichen Bed¸rfnisse, und der abwechslende Genuï¬ aller Arten von Vergn¸gen, womit die Einbildungskraft, der Witz und die K¸nste unsern Sinnen zu schmeicheln fâ°hig sind.–Dieses ist alles was der Mensch fodern kann, und wenn es eine erhabnere Art von Gl¸ckseligkeit gibt, so kËnnen wir wenigstens gewiï¬ sein, daï¬ sie nicht f¸r uns gehËrt, da wir nicht einmal fâ°hig sind, uns eine Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der enthusiastische Teil unter den Verehrern der GËtter schmeichelt sich mit einer zuk¸nftigen Gl¸ckseligkeit, zu welcher die Seele nach der ZerstËrung des KËrpers erst gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und Gespielin der GËtter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie Plato homerisiert) den gefl¸gelten Wagen Jupiters, um mit den ¸brigen Unsterblichen die unvergâ°ngliche SchËnheiten zu beschauen, womit die unermeï¬lichen Râ°ume ¸ber den Sphâ°ren erf¸llt sind. Ein Krieg, der unter den Bewohnern der unsichtbaren Welt entstand, verwickelte sie in den Fall der Besiegten; sie ward vom Himmel gest¸rzt, und in den Kerker eines tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den Verlust ihrer ehmaligen Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und Schmerzen ist, ihre Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie gestillte Durst nach einer Gl¸ckseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut findet, ist das einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand ¸brig geblieben ist; und es ist unmËglich, daï¬ sie diese vollkommne Seligkeit, wodurch sie allein befriediget werden kann, wieder erlange, eh sie sich wieder in ihren urspr¸nglichen Stand, in das reine Element der Geister empor geschwungen hat. Sie ist also vor dem Tode keiner andern Gl¸ckseligkeit fâ°hig als derjenigen, deren sie durch eine freiwillige Absonderung von allen irdischen Dingen, durch ErtËdung aller irdischen Leidenschaften und Entbehrung aller sinnlichen Vergn¸gen, fâ°hig gemacht wird. Nur durch diese EntkËrperung wird sie der Beschauung der wesentlichen und gËttlichen Dinge fâ°hig, worin die Geister ihre einzige Nahrung und diese vollkommne Wonne finden, wovon die sinnlichen Menschen sich keinen Begriff machen kËnnen. Solchergestalt kann sie nur, nachdem sie durch verschiedne Grade der Reinigung, von allem was tierisch und kËrperlich ist, gesâ°ubert worden, sich wieder zu der ¸berirdischen Sphâ°re erheben, mit den GËttern leben, und im Unverwandten Anschauen des wesentlichen und ewigen SchËnen, wovon alles Sichtbare bloï¬ der Schatten ist, Ewigkeiten durchleben, die eben so grenzenlos sind, als die Wonne, von der sie ¸berstrËmet werden.
Ich zweifle nicht daran, Callias, daï¬ es Leute geben mag, bei denen die Milzsucht hoch genug gestiegen ist, daï¬ diese Begriffe eine Art von Wahrheit f¸r sie haben. Es ist auch nichts leichters, als daï¬ junge Leute von lebhafter Empfindung und feurigen Einbildungskraft, durch eine einsame Lebensart und den Mangel solcher Gegenstâ°nde und Freuden, worin sich dieses ¸bermâ°ï¬ige Feuer verzehren kËnnte, von diesen hochfliegenden Schimâ°ren eingenommen werden, welche so geschickt sind, ihre nach Vergn¸gen lechzende Einbildungskraft durch eine Art von Wollust zu tâ°uschen, die nur desto lebhafter ist, je verworrener und dunkler die bezaubernden Phantomen sind die sie hervorbringen; allein ob diese Trâ°ume auï¬er dem Gehirn ihrer Erfinder, und derjenigen, deren Einbildungskraft so gl¸cklich ist ihnen nachfliegen zu kËnnen, einige Wahrheit oder W¸rklichkeit haben, ist eine Frage, deren ErËrterung nicht zum Vorteil derselben ausfâ°llt, wenn sie der gesunden Vernunft aufgetragen wird. Je weniger die Menschen wissen, desto geneigter sind sie, zu wâ°hnen und zu glauben. Wem anders als der Unwissenheit und dem Aberglauben der â°ltesten Welt haben die Nymphen und Faunen, die Najaden und Tritonen, die Furien und die erscheinenden Schatten der Verstorbnen ihre vermeinte W¸rklichkeit zu danken? Je besser wir die KËrperwelt kennen lernen, desto enger werden die Grenzen des Geister-Reichs. Ich will itzo nichts davon sagen, ob es wahrscheinlich sei, daï¬ die Priesterschaft, die von jeher einen so zahlreichen Orden unter den Menschen ausgemacht, bald genug die Entdeckung machen muï¬te, was f¸r groï¬e Vorteile man durch diesen Hang der Menschen zum Wunderbaren von ihren beiden heftigsten Leidenschaften, der Furcht und der Hoffnung, ziehen kËnne. Wir wollen bei der Sache selbst bleiben. Worauf gr¸ndet sich die erhabne Theorie, von der wir reden? Wer hat jemals diese GËtter, diese Geister gesehen, deren Dasein sie voraussetzt? Welcher Mensch erinnert sich dessen, daï¬ er ehmals ohne KËrper in den â°therischen Gegenden geschwebt, den gefl¸gelten Wagen Jupiters begleitet, und mit den GËttern Nektar getrunken habe? Was f¸r einen sechsten oder siebenten Sinn haben wir, um die W¸rklichkeit der Gegenstâ°nde damit zu erkennen, womit man die Geisterwelt bevËlkert? Sind es unsre innerlichen Sinnen? Was sind diese anders als das VermËgen der Einbildungskraft die W¸rkungen der â°uï¬ern Sinnen nachzuâ°ffen? Was sieht das inwendige Auge eines Blindgebornen? Was hËrt das innere Ohr eines gebornen Tauben? Oder was sind diese Szenen, in welche die erhabenste Einbildungskraft auszuschweifen fâ°hig ist, anders als neue Zusammensetzungen, die sie gerade so macht, wie ein Mâ°dchen aus den Blumen, die in einem Parterre zerstreut stehen, einen Kranz flicht; oder hËhere Grade dessen was die Sinnen w¸rklich empfunden haben, von welchen man jedoch immer unfâ°hig bleibt, sich einige klare Vorstellung zu machen; denn was empfinden wir bei dem â°therischen Schimmer, oder den ambrosischen Ger¸chen der homerischen GËtter? Wir sehen, wenn ich so sagen kann, den Schatten eines Glanzes in unsrer Einbildung; wir glauben einen lieblichen Geruch zu empfinden; aber wir sehen keinen â°therischen Glanz, und empfinden keinen ambrosischen Geruch. Kurz, man verbiete den SchËpfern der ¸berirdischen Welten sich keiner irdischen und sinnlichen Materialien zu bedienen, so werden ihre Welten, um mich eines ihrer Ausdr¸cke zu bedienen, plËtzlich wieder in den Schoï¬ des Nichts zur¸ckfallen, woraus sie gezogen worden. Und brauchen wir wohl noch einen andern Beweis, um uns diese ganze Theorie verdâ°chtig zu machen, als die Methode, die man uns vorschreibt, um zu der geheimnisvollen Gl¸ckseligkeit zu gelangen, welcher wir diejenige aufopfern sollen, die uns die Natur und unsre Sinnen anbieten? Wir sollen uns den sichtbaren Dingen entziehen, um die unsichtbaren zu sehen; wir sollen aufhËren zu empfinden, damit wir desto lebhafter phantasieren kËnnen. ‘Verstopfet eure Sinnen’, sagen sie, ‘so werdet ihr Dinge sehen und hËren, wovon diese tierischen Menschen, die gleich dem Vieh mit den Augen sehen, und mit den Ohren hËren, sich keinen Begriff machen kËnnen.’ Eine vortreffliche Diâ°t, in Wahrheit; die Sch¸ler des Hippokrates werden dir beweisen, daï¬ man keine bessere erfinden kann, um wahnwitzig zu werden. Es scheint also sehr wahrscheinlich, daï¬ alle diese Geister, diese Welten, welche sie bewohnen, und diese Gl¸ckseligkeiten, welche man nach dem Tode mit ihnen zu teilen hofft, nicht mehr Wahrheit haben, als die Nymphen, die LiebesgËtter und die Grazien der Dichter, als die Gâ°rten der Hesperiden und die Inseln der Circe und Calypso; kurz, als alle diese Spiele der Einbildungskraft, welche uns belustigen, ohne daï¬ wir sie f¸r w¸rklich halten. Die Religion unsrer Vâ°ter befiehlt uns einen Jupiter, eine Venus zu glauben; ganz gut; aber was f¸r eine Vorstellung macht man uns von ihnen? Jupiter soll ein Gott, Venus eine GËttin sein: Allein der Jupiter des Phidias ist nichts mehr als ein heroischer Mann, noch die Venus des Praxiteles mehr als ein schËnes Weib; von dem Gott und der GËttin hat kein Mensch in Griechenland den mindesten Begriff. Man verspricht uns nach dem Tod ein unsterbliches Leben bei den GËttern; aber die Begriffe die wir uns davon machen, sind entweder aus den sinnlichen Woll¸sten, oder den feinern und geistigern Freuden, die wir in diesem Leben erfahren haben, zusammengesetzt; es ist also klar, daï¬ wir gar keine echte Vorstellung von dem Leben der Geister und von ihren Freuden haben. Ich will hiemit nicht leugnen, daï¬ es GËtter, Geister oder vollkommnere Wesen als wir sind, haben kËnne oder w¸rklich habe. Alles was meine Schl¸sse zu beweisen scheinen, ist dieses, daï¬ wir unfâ°hig sind, uns eine richtige Idee von ihnen zu machen, oder kurz, daï¬ wir nichts von ihnen wissen. Wissen wir aber nichts, weder von ihrem Zustande noch von ihrer Natur, so ist es f¸r uns eben so viel, als ob sie gar nicht wâ°ren. Anaxagoras bewies mir einst mit dem ganzen Enthusiasmus eines Sternsehers, daï¬ der Mond Einwohner habe. Vielleicht sagte er die Wahrheit. Allein was sind diese Mondbewohner f¸r uns? Meinest du, der KËnig Philippus werde sich die mindeste Sorge machen, die Griechen mËchten sie gegen ihn zu H¸lfe rufen? Es mËgen Einwohner im Monde sein; f¸r uns ist der Mond weder mehr noch weniger als eine leere glâ°nzende Scheibe, die unsre Nâ°chte erheitert, und unsre Zeit abmiï¬t. Hat es aber diese Bewandtnis, wie es denn nicht anders sein kann, wie tËricht ist es, den Plan seines Lebens nach Schimâ°ren einzurichten, und sich der Gl¸ckseligkeit deren man w¸rklich genieï¬en kËnnte, zu begeben, um sich mit ungewissen Hoffnungen zu weiden; die Frucht seines Daseins zu verlieren, so lange man lebt, in Hoffnung sich daf¸r schadlos zu halten, wenn man nicht mehr sein wird! Denn daï¬ wir itzt leben, und daï¬ dieses Leben aufhËren wird, das wissen wir gewiï¬; ob ein andres alsdann anfange, ist wenigstens ungewiï¬, und wenn es auch wâ°re, so ist es doch unmËglich, das Verhâ°ltnis desselben gegen das itzige zu bestimmen, da wir kein Mittel haben uns einen echten Begriff davon zu machen. Laï¬ uns also den Plan unsers Lebens auf das gr¸nden, was wir kennen und wissen; und nachdem wir gefunden haben, was das gl¸ckliche Leben ist, den geradesten und sichersten Weg suchen, auf dem wir dazu gelangen kËnnen.”
VIERTES KAPITEL
Worin Hippias bessere Schl¸sse macht
“Ich habe schon bemerkt, daï¬ die Gl¸ckseligkeit, welche wir suchen, nur in dem Stand einer Gesellschaft, die sich schon zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat, statt finde. In einer solchen Gesellschaft entwickeln sich alle diese mannichfaltigen Geschicklichkeiten, die bei dem wilden Menschen, der so wenig bedarf, so einsam lebt, und so wenig Leidenschaften hat, immer m¸ï¬ige Fâ°higkeiten bleiben. Die Einf¸hrung des Eigentums, die Ungleichheit der G¸ter und Stâ°nde, die Armut der einen, der ¸berfluï¬, die ¸ppigkeit und die Trâ°gheit der andern, dieses sind die wahren GËtter der K¸nste, die Mercure und die Musen, denen wir ihre Erfindung oder doch ihre Vollkommenheit zu danken haben. Wie viel Menschen m¸ssen ihre Bem¸hungen vereinigen, um einen einzigen Reichen zu befriedigen! Diese bauen seine Felder und Weinberge, andre pflanzen seine Lustgâ°rten, noch andre bearbeiten den Marmor, woraus seine Wohnung aufgef¸hrt wird; tausende durchschiffen den Ozean um ihm die Reicht¸mer fremder Lâ°nder zuzuf¸hren; tausende beschâ°ftigen sich, die Seide und den Purpur zu bereiten, die ihn kleiden; die Tapeten, die seine Zimmer schm¸cken; die kostbaren Gefâ°ï¬e, woraus er iï¬t und trinkt; und die weichen Lager, worauf er der woll¸stigsten Ruhe genieï¬t. Tausende m¸ssen in schlaflosen Nâ°chten ihren Witz verzehren, um neue Bequemlichkeiten, neue Woll¸ste, eine leichtere und angenehmere Art die leichtesten und angenehmsten Verrichtungen, die uns die Natur auferlegt, zu tun, f¸r ihn zu erfinden, und durch die Zaubereien der Kunst, die den gemeinsten Dingen einen Schein der Neuheit zu geben weiï¬, seinen Ekel zu tâ°uschen, und seine vom Genuï¬ erm¸deten Sinnen aufzuwecken. F¸r ihn arbeitet der Maler, der Tonk¸nstler, der Dichter, der Schauspieler, und ¸berwindet unendliche Schwierigkeiten, um K¸nste zur Vollkommenheit zu treiben, welche die Anzahl seiner ErgËtzungen vermehren sollen. Allein alle diese Leute, welche f¸r den gl¸cklichen Menschen arbeiten, w¸rden es nicht tun, wenn sie nicht selbst gl¸cklich zu sein w¸nschten. Sie arbeiten nur f¸r denjenigen, der ihre Bem¸hung f¸r sein Vergn¸gen belohnen kann. Der KËnig von Persien selbst ist nicht mâ°chtig genug, den Zeuxes zu zwingen, daï¬ er ihm eine Leda male. Nur die Zauberkraft des Goldes, welchem eine allgemeine ¸bereinkunft der gesitteten VËlker den Wert aller n¸tzlichen und angenehmen Dinge beigelegt hat, kann den Genie und den Fleiï¬ einem Midas dienstbar machen, der ohne seine Schâ°tze kaum so viel wert wâ°re, dem Maler, der f¸r ihn arbeitet, die Farben zu reiben. Die Kunst, sich die Mittel zur Gl¸ckseligkeit zu verschaffen, ist also schon gefunden, mein lieber Callias, sobald wir die Kunst gefunden haben, einen genugsamen Vorrat von diesem Steine der Weisen zu bekommen, der uns die ganze Natur unterwirft, der Millionen von unsers Gleichen zu freiwilligen Sklaven unsrer ¸ppigkeit macht, und der uns in jedem schlauen Kopf einen dienstwilligen Mercur, und durch den unwiderstehlichen Glanz eines goldnen Regens, in jeder SchËnen eine Danae finden lâ°ï¬t. Die Kunst reich zu werden, Callias, ist im Grunde nichts anders, als die Kunst, sich des Eigentums andrer Leute mit ihrem guten Willen zu bemâ°chtigen. Ein Despot hat unter dem Schutz eines Vorurteils, welches demjenigen sehr â°hnlich ist, womit die Egypter den Krokodil vergËtterten, in diesem St¸ck einen ungemeinen Vorteil: Da sich seine Rechte so weit erstrecken als seine Macht, und diese Macht durch keine Pflichten eingeschrâ°nkt ist, weil ihn niemand zwingen kann, sie zu erf¸llen; so kann er sich das VermËgen seiner Untertanen zueignen, ohne sich darum zu bek¸mmern, ob es mit ihrem guten Willen geschieht. Es kostet ihn keine M¸he, unermeï¬liche Reicht¸mer zu erwerben, und, um mit der unmâ°ï¬igsten Schwelgerei in einem Tag Millionen zu verschwenden, hat er nichts nËtig, als denjenigen Teil des Volkes, den seine D¸rftigkeit zu einer immerwâ°hrenden Arbeit verdammt, an diesem Tage fasten zu lassen. Allein auï¬er dem, daï¬ dieser Vorteil nur sehr wenigen Sterblichen zu Teil werden kann, so ist er nicht so beschaffen, daï¬ ein weiser Mann ihn beneiden kËnnte. Das Vergn¸gen hËret auf Vergn¸gen zu sein, so bald es ¸ber einen gewissen Grad getrieben wird. Das ¸bermaï¬ der sinnlichen Woll¸ste zerstËret die Werkzeuge der Empfindung; das ¸bermaï¬ der Vergn¸gen der Einbildungskraft, verderbt den Geschmack des echten SchËnen, indem f¸r unmâ°ï¬ige Begierden nichts reizend sein kann, was in die Verhâ°ltnisse und das Ebenmaï¬ der Natur eingeschlossen ist. Daher ist das gewËhnliche Schicksal der morgenlâ°ndischen F¸rsten, die in die Mauern ihres Serails eingekerkert sind, in den Armen der Wollust vor Ersâ°ttigung und ¸berdruï¬ umzukommen; indessen, daï¬ die s¸ï¬esten Ger¸che von Arabien vergeblich f¸r sie d¸ften, daï¬ die geistigen Weine ihnen ungekostet aus Kristallen entgegenblinken, daï¬ tausend SchËnheiten, deren jede zu Paphos einen Altar erhielte, alle ihre Reizungen, alle ihre buhlerische K¸nste umsonst verschwenden, ihre schlaffen Sinnen zu erwecken, und zehen tausend Sklaven ihrer ¸ppigkeit in die Wette eifern, um unerhËrte und ungeheure Woll¸ste zu erdenken, welche fâ°hig sein mËchten, wenigstens die gl¸hende Phantasie dieser ungl¸ckseligen Gl¸cklichen auf etliche Augenblicke zu betr¸gen. Wir haben also mehr Ursache, als man insgemein glaubt, der Natur zu danken, wenn sie uns in einen Stand setzt, wo wir das Vergn¸gen durch Arbeit erkaufen m¸ssen, und vorher unsre Leidenschaften mâ°ï¬igen lernen, eh wir zu einer Gl¸ckseligkeit gelangen, die wir ohne diese Mâ°ï¬igung nicht genieï¬en kËnnten.
Da nun die Despoten und die Straï¬enrâ°uber die einzigen sind, denen es, jedoch auf ihre Gefahr, zusteht, sich des VermËgens andrer Leute mit Gewalt zu bemâ°chtigen: So bleibt demjenigen, der sich aus einem Zustand von Mangel und Abhâ°nglichkeit empor schwingen will, nichts anders ¸brig, als daï¬ er sich die Geschicklichkeit erwerbe, den Vorteil und das Vergn¸gen der Lieblinge des Gl¸ckes zu befËrdern. Unter den vielerlei Arten, wie dieses geschehen kann, sind einige dem Menschen von Genie, mit Ausschluï¬ aller ¸brigen, vorbehalten, und teilen sich nach ihrem verschiednen Endzweck in zwo Klassen ein, wovon die erste die Vorteile, und die andre das Vergn¸gen des betrâ°chtlichsten Teils einer Nation zum Gegenstand hat. Die erste, welche die Regierungs–und Kriegs-K¸nste in sich begreift, scheint ordentlicher Weise nur in freien Staaten Platz zu finden; die andre hat keine Grenzen als den Grad des Reichtums und der ¸ppigkeit eines jeden Volks, von welcher Art seine Staatsverfassung sein mag. In dem armen Athen wurde ein guter Feld-Herr unendlichmal hËher geschâ°tzt, als ein guter Maler; in dem reichen und woll¸stigen Athen gibt man sich keine M¸he zu untersuchen, wer der t¸chtigste sei, ein Kriegsheer anzuf¸hren; man hat wichtigere Dinge zu entscheiden; die Frage ist, welche unter etlichen Tâ°nzerinnen die artigsten F¸ï¬e hat, und die schËnsten Spr¸nge macht? ob die Venus des Praxiteles, oder des Alcamenes die schËnere ist?–Die K¸nste des Genie von der ersten Klasse f¸hren f¸r sich allein selten zum Reichtum. Die groï¬en Talente, die groï¬en Verdienste und Tugenden, die dazu erfodert werden, finden sich gemeiniglich nur in armen und emporstrebenden Republiken, die alles, was man f¸r sie tut, nur mit Lorbeerkrâ°nzen bezahlen. In Staaten aber, wo Reichtum und ¸ppigkeit schon die Oberhand gewonnen haben, braucht man alle diese Talente und Tugenden nicht, welche die Regierungskunst zu erfodern scheint. Man kann in solchen Staaten Gesetze geben, ohne ein Solon zu sein; man kann ihre Kriegsheere anf¸hren, ohne ein Leonidas oder Themistokles zu sein. Perikles, Alcibiades, regierten zu Athen den Staat, und f¸hrten die VËlker an; obgleich jener nur ein Redner war, und dieser keine andre Kunst kannte, als die Kunst sich der Herzen zu bemeistern. In solchen Republiken hat das Volk die Eigenschaften, die in einem despotischen Staate der Einzige hat, der kein Sklave ist; man braucht ihm nur zu gefallen, um zu allem t¸chtig befunden zu werden. Perikles herrschte, ohne die â°uï¬erlichen Zeichen der kËniglichen W¸rde zu tragen, so unumschrâ°nkt in dem freien Athen, als Artaxerxes in dem untertâ°nigen Asien. Seine Talente, und die K¸nste die er von der schËnen Aspasia gelernt hatte, erwarben ihm eine Art von Oberherrschaft, die nur desto unumschrâ°nkter war, da sie ihm freiwillig zugestanden wurde; die Kunst eine groï¬e Meinung von sich zu erwecken, die Kunst zu ¸berreden, die Kunst von der Eitelkeit der Athenienser Vorteil zu ziehen und ihre Leidenschaften zu lenken; diese machten seine ganze Regierungskunst aus. Er verwickelte die Republik in ungerechte und ungl¸ckliche Kriege, er erschËpfte die Ëffentliche Schatzkammer, er erbitterte die Bundsgenossen durch gewaltsame Erpressungen; und damit das Volk keine Zeit hâ°tte, eine so schËne Staats-Verwaltung genauer zu beobachten, so bauete er Schauspielhâ°user, gab ihnen schËne Statuen und Gemâ°lde zu sehen, unterhielt sie mit Tâ°nzerinnen und Virtuosen, und gewËhnte sie so sehr an diese abwechselnden ErgËtzungen, daï¬ die Vorstellung eines neuen St¸cks, oder der Wettstreit unter etlichen FlËtenspielern zuletzt Staats-Angelegenheiten wurden, ¸ber welchen man diejenigen vergaï¬ die es in der Tat waren. Hundert Jahre fr¸her w¸rde man einen Perikles f¸r eine Pest der Republik angesehen haben; allein damals w¸rde Perikles ein Aristides gewesen sein. In der Zeit worin er lebte, war Perikles, so wie er war, der grËï¬te Mann der Republik; der Mann der Athen zu dem hËchsten Grade der Macht und des Glanzes erhub, den es zu erreichen fâ°hig war; der Mann, dessen Zeit als das goldne Alter der Musen in allen k¸nftigen Jahrhunderten angezogen werden wird; und, was f¸r ihn selbst das interessanteste war, der Mann, f¸r den die Natur die Euripiden und Aristophane, die Phidias, die Zeuxes, die Damonen, und die Aspasien zusammen brachte, um sein Privatleben so angenehm zu machen, als sein Ëffentliches Leben glâ°nzend war. Die Kunst ¸ber die Einbildungskraft der Menschen zu herrschen, die geheimen, ihnen selbst verborgnen Triebfedern ihrer Bewegungen nach unserm Gefallen zu lenken, und sie zu Werkzeugen unsrer Absichten zu machen, indem wir sie in der Meinung erhalten, daï¬ wir es von den ihrigen sind, ist also, ohne Zweifel, diejenige, die ihrem Besitzer am n¸tzlichsten ist, und dieses ist die Kunst welche die Sophisten lehren und aus¸ben; die Kunst, welcher sie das Ansehen, die Unabhâ°nglichkeit und die gl¸cklichen Tage, deren sie genieï¬en, zu danken haben. Du kannst dir leicht vorstellen, Callias, daï¬ sie sich in etlichen Stunden weder lehren noch lernen lâ°ï¬t; allein meine Absicht ist auch f¸r itzt nur, dir ¸berhaupt einen Begriff davon zu geben. Dasjenige, was man die Weisheit der Sophisten nennt, ist die Geschicklichkeit sich der Menschen so zu bedienen, daï¬ sie geneigt sind, unser Vergn¸gen zu befËrdern, oder ¸berhaupt die Werkzeuge unsrer Absichten zu sein. Die Beredsamkeit, welche diesen Namen erst alsdann verdient, wenn sie im Stand ist, die ZuhËrer, wer sie auch sein mËgen, von allem zu ¸berreden, was wir wollen, und in jeden Grad einer jeden Leidenschaft zu setzen, die zu unsrer Absicht nËtig ist; eine solche Beredsamkeit ist unstreitig ein unentbehrliches Werkzeug, und das vornehmste wodurch die Sophisten diesen Zweck erreichen. Die Grammatici bem¸hen sich, junge Leute zu Rednern zu bilden; die Sophisten tun mehr, sie lehren sie ¸berreder zu werden, wenn mir dieses Wort erlaubt ist. Hierin allein besteht das Erhabne einer Kunst, die vielleicht noch niemand in dem Grade besessen hat, wie Alcibiades, der in unsern Zeiten so viel Aufsehens gemacht hat. Der Weise bedient sich dieser ¸berredungs-Gabe nur als eines Werkzeugs zu hËhern Absichten. Alcibiades ¸berlâ°ï¬t es einem Antiphon, sich mit Ausfeilung einer k¸nstlichgesetzten Rede zu bem¸hen; er ¸berredet indessen seine Landsleute, daï¬ ein so liebensw¸rdiger Mann wie Alcibiades das Recht habe zu tun, was ihm einfalle; er ¸berredet die Spartaner zu vergessen, daï¬ er ihr Feind gewesen, und daï¬ er es bei der ersten Gelegenheit wieder sein wird; er ¸berredet die KËnigin Timea, daï¬ sie ihn bei sich schlafen lasse, und die Satrapen des groï¬en KËnigs, daï¬ er ihnen die Athenienser zu eben der Zeit verraten wolle, da er die Athenienser ¸berredet, daï¬ sie ihm Unrecht tun, ihn f¸r einen Verrâ°ter zu halten. Diese ¸berredungskraft setzt die Geschicklichkeit voraus, jede Gestalt anzunehmen, wodurch wir demjenigen gefâ°llig werden kËnnen, auf den wir Absichten haben; die Geschicklichkeit, sich der verborgensten Zugâ°nge seines Herzens zu versichern, seine Leidenschaften, je nachdem wir es nËtig finden, zu erregen, zu liebkosen, eine durch die andre zu verstâ°rken, oder zu schwâ°chen, oder gar zu unterdrucken; sie erfodert eine Gefâ°lligkeit, die von den Sittenlehrern Schmeichelei genennt wird, aber diesen Namen nur alsdann verdient, wenn sie von den Gnathonen die um die Tafeln der Reichen sumsen, nachgeâ°ffet wird,–eine Gefâ°lligkeit, die aus einer tiefen Kenntnis der Menschen entspringt, und das Gegenteil von der lâ°cherlichen SprËdigkeit gewisser Phantasten ist, die den Menschen ¸bel nehmen, daï¬ sie anders sind, als wie diese ungebetenen Gesetzgeber es haben wollen; kurz, diejenige Gefâ°lligkeit ohne welche es vielleicht mËglich ist, die Hochachtung, aber niemals die Liebe der Menschen zu erlangen; weil wir nur diejenigen lieben kËnnen, die uns â°hnlich sind, die unsern Geschmack haben oder zu haben scheinen, und so eifrig sind, unser Vergn¸gen zu befËrdern, daï¬ sie hierin die Aspasia von Milet zum Muster nehmen, welche sich bis ans Ende in der Gunst des Perikles erhielt, indem sie in demjenigen Alter, worin man die Seele der Damen zu lieben pflegt, sich in die Grenzen der Platonischen Liebe zur¸ckzog, und die Rolle des KËrpers durch andre spielen lieï¬. Ich lese in deinen Augen Callias, was du gegen diese K¸nste einzuwenden hast, die sich so ¸bel mit den Vorurteilen vertragen, die du gewohnt bist f¸r Grundsâ°tze zu halten. Es ist wahr, die Kunst zu leben, welche die Sophisten lehren, ist auf ganz andre Begriffe von dem, was in sittlichem Verstande schËn und gut ist gebaut, als diejenigen hegen, die von dem idealischen SchËnen, und von einer gewissen Tugend, die ihr eigner Lohn sein soll, so viel schËne Dinge zu sagen wissen. Allein, wenn du noch nicht m¸de bist mir zuzuhËren, als ich es bin zu schwatzen; so denke ich, daï¬ es nicht schwer sein werde dich zu ¸berzeugen, daï¬ das idealische SchËne und die idealische Tugend mit jenen Geistermâ°rchen, wovon wir erst gesprochen haben, in die nâ°mliche Klasse gehËren.”
Fâ¹NFTES KAPITEL
Der Anti-Platonismus in Nuce
“Was ist das SchËne? Was ist das Gute? Eh wir diese Fragen beantworten kËnnen, m¸ssen wir, deucht mich, vorher fragen: Was ist das, was die Menschen schËn und gut nennen? Wir wollen vom SchËnen den Anfang machen. Was f¸r eine unendliche Verschiedenheit in den Begriffen, die man sich bei den verschiedenen VËlkern des Erdbodens von der SchËnheit macht! Alle Welt kommt darin ¸berein, daï¬ ein schËnes Weib das schËnste unter allen Werken der Natur sei. Allein wie muï¬ sie sein, um f¸r eine vollkommne SchËnheit in ihrer Art gehalten zu werden? Hier fâ°ngt der Widerspruch an. Stelle dir eine Versammlung von so vielen Liebhabern vor, als es verschiedne Nationen unter verschiednen Himmelsstrichen gibt; was ist gewisser, als daï¬ ein jeder den Vorzug seiner Geliebten vor den ¸brigen behaupten wird? Der Europâ°er wird die blendende weiï¬e, der Mohr die rabengleiche Schwâ°rze der seinigen vorziehen; der Grieche wird einen kleinen Mund, eine Brust, die mit der hohlen Hand bedeckt werden kann, und das angenehme Ebenmaï¬ einer feinen Gestalt; der Africaner wird die eingedr¸ckte Nase, und die aufgeschwollnen dickroten Lippen; der Persianer die groï¬en Augen und den schlanken Wuchs, der Serer, die kleinen Augen, die Kegelrunde dicke und winzigen F¸ï¬e an der seinigen bezaubernd finden. Hat es mit dem SchËnen in sittlichen Verstande, mit dem was sich geziemt, eine andre Bewandtnis? Die Spartanischen TËchter scheuen sich nicht, in einem Aufzug gesehen zu werden, wodurch in Athen die geringste Ëffentliche Metze sich entehrt hielte. In Persien w¸rd’ ein Frauenzimmer, das an einem Ëffentlichen Orte sein Gesicht entblËï¬te, eben so angesehen, als in Smyrna eine die sich nackend sehen lieï¬e. Bei den morgenlâ°ndischen VËlkern erfodert der Wohlstand eine Menge von Beugungen und untertâ°nigen Gebâ°rden, die man gegen diejenigen macht, die man ehren will; bei den Griechen w¸rde diese HËflichkeit f¸r eben so schâ°ndlich und sklavenmâ°ï¬ig gehalten werden, als die attische Politesse zu Persepolis grob und bâ°urisch scheinen w¸rde. Bei den Griechen hat eine freigeborne ihre Ehre verloren, die sich den jungfrâ°ulichen G¸rtel von einem andern, als ihrem Manne auflËsen lâ°ï¬t; bei gewissen VËlkern die jenseits des Ganges wohnen, ist ein Mâ°dchen desto vorz¸glicher, je mehr es Liebhaber gehabt hat, die seine Reizungen aus Erfahrung anzur¸hmen wissen. Diese Verschiedenheit der Begriffe vom sittlichen SchËnen zeigt sich nicht nur in besondern Gebrâ°uchen und Gewohnheiten verschiedner VËlker, wovon sich die Beispiele ins Unendliche hâ°ufen lieï¬en; sondern selbst in dem Begriff, den sie sich ¸berhaupt von der Tugend machen. Bei den RËmern ist Tugend und Tapferkeit einerlei; bei den Atheniensern schlieï¬t dieses Wort alle Arten von n¸tzlichen und angenehmen Eigenschaften in sich. Zu Sparta kennt man keine andre Tugend als den Gehorsam gegen die Gesetze; in despotischen Reichen keine andre, als die sklavische Untertâ°nigkeit gegen den Monarchen und seine Satrapen; am caspischen Meere ist der tugenhafteste der am besten rauben kann, und die meisten Feinde erschlagen hat; und in dem wâ°rmsten Striche von Indien hat nur der die hËchste Tugend erreicht, der sich durch eine vËllige Untâ°tigkeit, ihrer Meinung nach, den GËttern â°hnlich macht. Was folget nun aus allen diesen Beispielen? Ist nichts an sich selbst schËn oder recht? Gibt es kein gewisses Modell, wornach dasjenige, was schËn oder sittlich ist, beurteilt werden muï¬? Wir wollen sehen. Wenn ein solches Modell ist, so muï¬ es in der Natur sein. Denn es wâ°re Torheit, sich einzubilden, daï¬ ein Pygmalion eine Bildsâ°ule schnitzen kËnne, welche schËner sei als Phryne, die k¸hn genug war, bei den Olympischen Spielen, in eben dem Aufzug worin die drei GËttinnen um den Preis der SchËnheit stritten, das ganze Griechenland zum Richter ¸ber die ihrige zu machen. Die Venus eines jeden Volks ist nichts anders als die Abbildung eines Weibes, die bei einer allgemeinen Versammlung dieses Volks f¸r diejenige erklâ°rt w¸rde, bei der sich die National-SchËnheit im hËchsten Grade befinde. Allein welches unter so vielerlei Modellen ist denn an sich selbst das schËnste? Der Grieche wird f¸r seine rosenwangichte, der Mohr f¸r seine rabenschwarze, der Perser f¸r seine schlanke, und der Serer f¸r seine runde Venus mit dem dreifachen Kinn streiten. Wer soll den Ausschlag geben? Wir wollen es versuchen. Gesetzt, es w¸rde eine allgemeine Versammlung angestellt, wozu eine jede Nation den schËnsten Mann und das schËnste Weib, nach ihrem National-Modell zu urteilen, geschickt hâ°tten; und wo die Weiber zu entscheiden hâ°tten, welcher unter allen diesen Mitwerbern um den Preis der SchËnheit der schËnste Mann, und die Mâ°nner, welche unter allen das schËnste Weib wâ°re: Ich sage also, man w¸rde gar bald diejenigen aus allen ¸brigen aussondern, die unter diesen milden und gemâ°ï¬igten Himmelsstrichen geboren worden, wo die Natur allen ihren Werken ein feineres Ebenmaï¬ der Gestalt, und eine angenehmere Mischung der Farben zu geben pflegt. Denn die vorz¸gliche SchËnheit der Natur in den gemâ°ï¬igten Zonen erstreckt sich vom Menschen bis auf die Pflanzen. Unter diesen Auserlesnen von beiden Geschlechtern w¸rde vielleicht der Vorzug lange zweifelhaft sein; allein endlich w¸rde doch unter den Mâ°nnern derjenige den Preis erhalten, bei dessen Landesleuten die verschiednen gymnastischen ¸bungen am stâ°rksten, und Verhâ°ltnisweise in dem hËchsten Grade der Vollkommenheit getrieben w¸rden; und alle Mâ°nner w¸rden mit einer Stimme diejenige f¸r die schËnste unter den SchËnen erklâ°ren, die von einem Volke abgeschickt worden, welches bei der Erziehung der TËchter die mËglichste Entwicklung und Kultur der nat¸rlichen SchËnheit zur Hauptsache machte. Der Spartaner w¸rde also vermutlich f¸r den schËnsten Mann, und die Perserin f¸r das schËnste Weib erklâ°rt werden. Der Grieche, welcher der Anmut den Vorzug vor der SchËnheit gibt, weil die griechischen Weiber mehr reizend als schËn sind, w¸rde nichts desto weniger zu eben der Zeit, da sein Herz einem Mâ°dchen von Paphos oder Milet den Vorzug gâ°be, bekennen m¸ssen, daï¬ die Perserin schËner sei; und eben dieses w¸rde der Serer tun, ob er gleich das dreifache Kinn und den Wanst seiner Landsmâ°nnin reizender finden w¸rde.–Laï¬ uns zu dem sittlichen SchËnen fortgehen. So groï¬ auch hierin die Verschiedenheit der Begriffe unter verschiednen Zonen ist, so wird doch schwerlich geleugnet werden kËnnen, daï¬ die Sitten derjenigen Nation, welche die geistreichste, die munterste, die geselligste, die angenehmste ist, den Vorzug der SchËnheit haben. Die ungezwungne und einnehmende HËflichkeit des Atheniensers muï¬ einem jeden Fremden angenehmer sein, als die abgemessene, ernsthafte und zeremonienvolle HËflichkeit der Morgenlâ°nder; das verbindliche Wesen, der Schein von Leutseligkeit, so der erste seinen kleinsten Handlungen zu geben weiï¬, muï¬ vor dem steifen Ernst des Persers, oder der rauhen Gutherzigkeit des Scythen eben so sehr den Vorzug erhalten, als der Putz einer Dame von Smyrna, der die SchËnheit weder ganz verh¸llt, noch ganz den Augen preis gibt, vor der Vermummung der Morgenlâ°nderin oder der tierischen BlËï¬e einer Wilden. Das Muster der aufgeklâ°rtesten und geselligsten Nation scheint also die wahre Regul des sittlichen SchËnen, oder des Anstâ°ndigen zu sein, und Athen und Smyrna sind die Schulen, worin man seinen Geschmack und seine Sitten bilden muï¬. Allein nachdem wir eine Regul f¸r das SchËne gefunden haben, was f¸r eine werden wir f¸r das, was Recht ist finden? wovon so verschiedene und widersprechende Begriffe unter den Menschen herrschen, daï¬ eben dieselbe Handlung, die bei dem einen Volke mit Lorbeerkrâ°nzen und Statuen belohnt wird, bei der andern eine schmâ°hliche Todesstrafe verdient; und daï¬ kaum ein Laster ist, welches nicht irgendwo seinen Altar und seinen Priester habe. Es ist wahr, die Gesetze sind bei dem Volke, welchem sie gegeben sind, die Richtschnur des Rechts und Unrechts; allein was bei diesem Volk durch das Gesetz befohlen wird, wird bei einem andern durch das Gesetz verboten. Die Frage ist also: Gibt es nicht ein allgemeines Gesetz, welches bestimmt, was an sich selbst Recht ist? Ich antworte ja, und dieses allgemeine Gesetz kann kein andres sein, als die Stimme der Natur, die zu einem jeden spricht: Suche dein Bestes; oder mit andern Worten: Befriedige deine nat¸rliche Begierden, und genieï¬e so viel Vergn¸gen als du kannst. Dieses ist das einzige Gesetz, das die Natur dem Menschen gegeben hat; und so lang er sich im Stande der Natur befindet, ist das Recht, das er an alles hat, was seine Begierden verlangen, oder was ihm gut ist, durch nichts anders als das Maï¬ seiner Stâ°rke eingeschrâ°nkt; er darf alles, was er kann, und ist keinem andern nichts schuldig. Allein der Stand der Gesellschaft, welcher eine Anzahl von Menschen zu ihrem gemeinschaftlichen Besten vereiniget, setzt zu jenem einzigen Gesetz der Natur, suche dein eignes Bestes, die Einschrâ°nkung, ohne einem andern zu schaden. Wie also im Stande der Natur einem jeden Menschen alles recht ist, was ihm n¸tzlich ist; so erklâ°rt im Stande der Gesellschaft das Gesetz alles f¸r unrecht und strafw¸rdig, was der Gesellschaft schâ°dlich ist, und verbindet hingegen die Vorstellung eines Vorzugs und belohnungsw¸rdigen Verdienstes mit allen Handlungen, wodurch der Nutzen oder das Vergn¸gen der Gesellschaft befËrdert wird. Die Begriffe von Tugend und Laster gr¸nden sich also eines Teils auf den Vertrag den eine gewisse Gesellschaft unter sich gemacht hat, und in so ferne sind sie willk¸rlich; andern Teils auf dasjenige, was einem jeden Volke n¸tzlich oder schâ°dlich ist; und daher kommt es, daï¬ ein so groï¬er Widerspruch unter den Gesetzen verschiedner Nationen herrschet. Das Klima, die Lage, die Regierungsform, die Religion, das eigne Temperament und der National-Charakter eines jeden Volks, seine Lebensart, seine Stâ°rke oder Schwâ°che, seine Armut oder sein Reichtum, bestimmen seine Begriffe von dem, was ihm gut oder schâ°dlich ist; daher diese unendliche Verschiedenheit des Rechts oder Unrechts unter den policiertesten Nationen; daher der Kontrast der Moral der gl¸henden Zonen mit der Moral der kalten Lâ°nder, der Moral der freien Staaten mit der Moral der despotischen Reiche; der Moral einer armen Republik, welche nur durch den kriegerischen Geist gewinnen kann, mit der Moral einer reichen, die ihren Wohlstand dem Geist der Handelschaft und dem Frieden zu danken hat; daher endlich die Albernheit der Moralisten, welche sich den Kopf zerbrechen, um zu bestimmen, was f¸r alle Nationen recht sei, ehe sie die AuflËsung der Aufgabe gefunden haben, wie man machen kËnne, daï¬ eben dasselbe f¸r alle Nationen gleich n¸tzlich sei.
Die Sophisten, deren Sittenlehre sich nicht auf abstrakte Ideen, sondern auf die Natur und wirkliche Beschaffenheit der Dinge gr¸ndet, finden die Menschen an einem jeden Ort, so, wie sie sein kËnnen. Sie schâ°tzen einen Staatsmann zu Athen, an sich selbst, nicht hËher als einen Gaukler zu Persepolis, und eine ehrbare Matrone von Sparta ist in ihren Augen kein vortrefflicheres Wesen als eine Lais zu Corinth. Es ist wahr, der Gaukler w¸rde zu Athen, und die Lais zu Sparta schâ°dlich sein; allein ein Aristides w¸rde zu Persepolis, und eine Spartanerin zu Corinth wo nicht eben so schâ°dlich, doch wenigstens ganz unn¸tzlich sein. Die Idealisten, wie ich diese Philosophen zu nennen pflege, welche die Welt nach ihren Ideen umschmelzen wollen, bilden ihre Lehrj¸nger zu Menschen, die man nirgends f¸r einheimisch erkennen kann, weil ihre Moral eine Gesetzgebung voraussetzt, welche nirgends vorhanden ist. Sie bleiben arm und ungeachtet, weil ein Volk nur demjenigen Hochachtung und Belohnung zuerkennt, der seinen Nutzen befËrdert oder doch zu befËrdern scheint; ja sie werden als Verderber der Jugend, und als heimliche Feinde der Gesellschaft angesehen, und die Landesverweisung oder der Giftbecher ist zuletzt alles, was sie f¸r die undankbare Bem¸hung davon tragen, die Menschen zu entkËrpern, um sie in die Klasse der idealischen Wesen, der mathematischen Punkte, Linien und Dreiecke zu erhËhen. Kl¸ger, als diese eingebildeten Weisen, die, wie jener FlËtenspieler von Aspondus, nur f¸r sich selbst singen, ¸berlassen die Sophisten den Gesetzen eines jeden Volks ihre B¸rger zu lehren, was Recht oder Unrecht sei. Da sie selbst zu keinem besondern StaatskËrper gehËren, so genieï¬en sie die Vorrechte eines Weltb¸rgers, und indem sie den Gesetzen und der Religion eines jeden Volkes bei dem sie sich befinden, eine â°uï¬erliche Achtung bezeugen, wodurch sie vor allen Ungelegenheiten mit den Handhabern derselben gesichert werden; so erkennen und befolgen sie doch in der Tat kein andres als jenes allgemeine Gesetz der Natur, welches dem Menschen sein eignes Bestes zur einzigen Richtschnur gibt. Alles wodurch ihre nat¸rliche Freiheit eingeschrâ°nkt wird, ist die Beobachtung einer n¸tzlichen Klugheit, die ihnen vorschreibt ihren Handlungen die Farbe, den Schnitt und die Auszierung zu geben, wodurch sie denjenigen, mit welchen sie zu tun haben, am gefâ°lligsten werden. Das moralische SchËne ist f¸r unsre Handlungen eben das, was der Putz f¸r unsern Leib; und es ist eben so nËtig, seine Auff¸hrung nach den Vorurteilen und dem Geschmack derjenigen zu modeln, mit denen man lebt, als es nËtig ist sich so zu kleiden wie sie. Ein Mensch, der nach einem gewissen besondern Modell gebildet worden, sollte, wie die wandelnden Bildsâ°ulen des Dâ°dalus, an seinen vâ°terlichen Boden angefesselt werden; denn er ist nirgends an seinem Platz als unter seines gleichen. Ein Spartaner w¸rde sich nicht besser schicken, die Rolle eines obersten Sklaven des Artaxerxes zu spielen, als ein Sarmater sich schickte Polemarchus zu Athen zu sein. Der Weise hingegen ist der allgemeine Mensch, der Mensch, dem alle Farben, alle Umstâ°nde, alle Verfassungen und Stellungen anstehen, und er ist es eben darum, weil er keine besondre Vorurteile und Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er gefâ°llt allenthalben, weil er, wohin er kommt, sich die Vorurteile und Torheiten gefallen lâ°ï¬t, die er antrifft. Wie sollte er nicht geliebt werden, er, der immer bereit ist sich f¸r die Vorteile andrer zu beeifern, ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften zu schmeicheln? Er weiï¬, daï¬ die Menschen von nichts ¸berzeugter sind, als von ihren Irrt¸mern, und nichts zâ°rtlicher lieben als ihre Fehler; und daï¬ es kein gewisseres Mittel gibt sich ihren Abscheu zuzuziehen, als wenn man ihnen eine Wahrheit entdeckt, die sie nicht wissen wollen. Weit entfernt also, ihnen die Augen wider ihren Willen zu erËffnen, oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, der ihnen ihre Hâ°ï¬lichkeit vorr¸ckte, bestâ°rkt er den Toren in dem Gedanken, daï¬ nichts abgeschmackter sei als Verstand haben, den Verschwender in dem Wahn, daï¬ er groï¬m¸tig, den Knicker in den Gedanken, daï¬ er ein guter Haushalter, die Hâ°ï¬liche in der s¸ï¬en Einbildung, daï¬ sie desto geistreicher, und den Reichen in der ¸berredung, daï¬ er ein Staatsmann, ein Gelehrter, ein Held, ein GËnner der Musen und ein Liebling der Damen sei. Er bewundert das System des Philosophen, die einbildische Unwissenheit des Hofmanns, und die groï¬en Taten des Generals; er gestehet dem Tanzmeister ohne Widerrede zu, daï¬ Cimon der grËï¬te Mann in Griechenland gewesen wâ°re, wenn er die F¸ï¬e besser zu setzen gewuï¬t hâ°tte; und dem Maler, daï¬ man mehr Genie braucht, ein Zeuxes als ein Homer zu sein. Diese Art mit den Menschen umzugehen, ist von unendlich grËï¬erm Vorteil als man beim ersten Anblick denken mËchte. Sie erwirbt ihm ihre Liebe, ihr Zutrauen, und eine desto grËï¬ere Meinung von seinen Verdienste, je grËï¬er diejenige ist, die er von den ihrigen zu haben scheint. Sie ist das gewisseste Mittel, zu den hËchsten Stufen des Gl¸cks empor zu steigen. Meinest du, daï¬ es allein die grËï¬ten Talente, die vorz¸glichsten Verdienste seien, die einen Archonten, einen Heerf¸hrer, einen Satrapen, oder den G¸nstling eines F¸rsten machen? Siehe dich in den Republiken um; du wirst finden, daï¬ dieser sein Ansehen der lâ°chelnden Miene zu danken hat, womit er die B¸rger gr¸ï¬t; ein andrer der emphatischen Peripherie seines Wanstes; ein dritter der SchËnheit seiner Gemahlin, und ein vierter seiner br¸llenden Stimme. Gehe an die HËfe, du wirst Leute finden, welche das Gl¸ck, worin sie schimmern, der Empfehlung eines Kammerdieners, der Gunst einer Dame, die sich f¸r ihre Talente verb¸rgt hat, oder der Gabe des Schlafs schuldig sind, womit sie befallen werden, wenn der Vezier mit ihren Weibern scherzt. Nichts ist in diesem Lande der Bezauberungen gewËhnlicher, als einen unbâ°rtigen Knaben in einen General, einen Pantomimen in einen Staatsminister, einen Kuppler in einen Oberpriester verwandelt zu sehen; ein Mensch ohne alle Verdienste kann oft durch ein einziges Talent, und wenn es auch nur das Talent eines Esels wâ°re, zu einem Gl¸cke gelangen, das ein andrer durch die grËï¬ten Verdienste vergeblich zu erhalten gesucht hat. Wer kËnnte demnach zweifeln, daï¬ die Kunst der Sophisten nicht fâ°hig sein sollte, ihrem Besitzer auf diese oder jene Art die Gunst des Gl¸ckes zu verschaffen? Vorausgesetzt, daï¬ er die nat¸rlichen Gaben besitze, ohne welche der Mann von Verstand in der Welt allezeit dem Narren Platz machen muï¬, der damit versehen ist. Allein selbst auf dem Wege der Verdienste ist niemand gewisser sein Gl¸ck zu machen, als ein Sophist. Wo ist der Platz, den er nicht mit Ruhm bekleiden wird? Wer ist geschickter die Menschen zu regieren als derjenige, der am besten mit ihnen umzugehen weiï¬? Wer schickt sich besser zu Ëffentlichen Unterhandlungen? Wer ist fâ°higer der Ratgeber eines F¸rsten zu sein? Ja, wofern er nur das Gl¸ck auf seiner Seite hat, wer wird mit grËï¬erm Ruhm ein Kriegsheer anf¸hren als er? Wer wird die Kunst besser verstehen, sich f¸r die Geschicklichkeit und die Verdienste seiner Subalternen belohnen zu lassen? Wer wird die Vorsicht, die er nicht gehabt, die klugen Anstalten, die er nicht gemacht, die Wunden, die er nicht bekommen hat, besser gelten zu machen wissen, als er?
Doch es ist Zeit einen Diskurs zu enden, der f¸r beide erm¸dend zu werden anfangt. Ich habe dir genug gesagt, um den Zauber zu vernichten, den die Schwâ°rmerei auf deine Seele gelegt hat; und wenn dieses nicht genug ist, so w¸rde alles ¸berfl¸ssig sein was ich sagen kËnnte. Glaube ¸brigens nicht, Callias, daï¬ der Orden der Sophisten einen unansehnlichen Teil der menschlichen Gesellschaft ausmache. Die Anzahl derjenigen die unsre Kunst aus¸ben, ist in allen Stâ°nden sehr betrâ°chtlich, und du wirst unter denen die ein groï¬es Gl¸ck gemacht haben, schwerlich einen einzigen finden, der es nicht einer geschickten Anwendung unsrer Grundsâ°tze zu danken habe. Diese Grundsâ°tze machen die gewËhnliche Denkungsart der Hofleute, der Leute die sich dem Dienste der Groï¬en gewidmet haben, und ¸berhaupt derjenigen Klasse von Menschen aus, die an jedem Orte die edelsten und angesehensten sind, und (die wenigen Fâ°lle ausgenommen, wo das spielende Gl¸ck durch einen blinden Wurf einen Narren an den Platz eines klugen Menschen fallen lâ°ï¬t) sind die geschickten KËpfe, die von diesen Maximen den besten Gebrauch zu machen wissen, allezeit diejenigen, die es auf der Bahn der Ehre und des Gl¸cks am weitesten bringen.”
SECHSTES KAPITEL
Ungelehrigkeit des Agathon
Hippias konnte sich wohl berechtiget halten, einigen Dank bei seinem Lehrj¸nger verdient zu haben, da er sich so viele M¸he gegeben hatte, ihn weise zu machen. Allein wir m¸ssen es nur gestehen, er hatte es mit einem Menschen zu tun, der nicht fâ°hig war, die Wichtigkeit dieses Dienstes einzusehen, oder die SchËnheit eines Systems zu empfinden, welches seinen vermeinten Empfindungen so zuwider war. Seine Erwartung wurde also nicht wenig betrogen, als Agathon, wie er sah, daï¬ der weise Hippias zu reden aufgehËrt hatte, ihm diese kurze Antwort gab: “Du hast eine schËne Rede gehalten, Hippias; deine Beobachtungen sind sehr fein, deine Schl¸sse sehr b¸ndig, deine Maximen sehr praktisch, und ich zweifle nicht, daï¬ der Weg, den du mir vorgezeichnet hast, zu der Gl¸ckseligkeit w¸rklich f¸hre, deren Vorz¸ge vor meiner Art gl¸cklich zu sein, du in ein so helles Licht gesetzt. Dem ungeachtet empfinde ich nicht die mindeste Lust so gl¸cklich zu sein, und wenn ich mich anders recht kenne, so werde ich schwerlich eher ein Sophist werden, bis du deine Tâ°nzerinnen entlâ°ssest, dein Haus zu einem Ëffentlichen Tempel der Diana widmest, und nach Indien ziehst, ein Bramine zu werden.” Hippias lachte ¸ber diese Antwort, ohne daï¬ sie ihm desto besser gefiel. “Und was hast du gegen mein System einzuwenden?” fragte er. “Daï¬ es mich nicht ¸berzeugt”, erwiderte Agathon. “Und warum nicht?” “Weil meine Erfahrung und Empfindung deinen Schl¸ssen widerspricht.” “Ich mËchte wohl wissen, was dieses f¸r Erfahrungen und Empfindungen sind, die demjenigen widersprechen, was alle Welt erfâ°hrt und empfindt.” “Du w¸rdest beweisen, daï¬ es Schimâ°ren sind.” “Und wenn ich es bewiesen hâ°tte?” “Du w¸rdest es nur dir beweisen, Hippias; du w¸rdest nichts beweisen, als daï¬ du nicht Callias bist.” “Aber die Frage ist, ob Hippias oder Callias richtig denkt?” “Wer soll Richter sein?” “Das ganze menschliche Geschlecht.” “Was w¸rde das wider mich beweisen?” “Sehr viel. Wenn zehen Millionen Menschen urteilen, daï¬ zween oder drei aus ihrem Mittel Narren sind, so sind sie es; das ist unleugbar.” “Aber wie, wenn die zehen Millionen, deren Ausspruch dir so entscheidend vorkommt, zehn Millionen Toren wâ°ren, und die drei wâ°ren klug?” “Wie m¸ï¬te das zugehen?” “KËnnen nicht zehn Millionen die Pest haben, und Sokrates allein gesund herum gehen?” “Diese Instanz beweist nichts f¸r dich. Ein Volk hat nicht immer die Pest; Allein die zehn Millionen denken immer so wie ich. Sie sind also in ihrem nat¸rlichen Zustande, wenn sie so denken; und wer anders denkt, gehËrt folglich entweder zu einer andern Gattung von Wesen, oder zu den Wesen, die man Toren nennt.” “So ergeb ich mich in mein Schicksal.” “Es gibt noch eine Alternative, junger Mensch. Du schâ°mest dich, entweder deine Gedanken so schnell zu verâ°ndern, oder du bist ein Heuchler.” “Keines von beiden, Hippias.” “Leugne mir zum Exempel, wenn du kannst, daï¬ dir die schËne Cyane, die uns beim Fr¸hst¸ck bediente, Begierden eingeflËï¬t hat, und daï¬ du verstohlne Blicke -” “Ich leugne nichts.” “So gestehe, daï¬ das Anschauen dieser runden schneeweiï¬en Arme, dieses aus der flatternden Seide hervoratmenden Busens, die Begierde in dir erregt, ihrer zu genieï¬en.” “Ist das Anschauen kein Genuï¬?” “Keine Ausfl¸chte, junger Mensch!” “Du betr¸gst dich, Hippias, wenn es erlaubt ist einem Weisen das zu sagen; ich bedarf keiner Ausfl¸chte. Ich mache nur einen Unterschied zwischen einem mechanischen Instinkt, der nicht gâ°nzlich von mir abhâ°ngt, und dem Willen meiner Seele. Ich habe den Willen nicht gehabt, dessen du mich beschuldigest.” “Ich beschuldige dich nichts, als daï¬ du meiner spottest. Ich denke, daï¬ ich die Natur kennen sollte. Die Schwâ°rmerei kann in deinen Jahren keine so unheilbare Krankheit sein, daï¬ sie wider die Reizung des Vergn¸gens sollte aushalten kËnnen.” “Deswegen vermeide ich die Gelegenheiten.” “Du gestehest also, daï¬ Cyane reizend ist?” “Sehr reizend.” “Und daï¬ ihr Genuï¬ ein Vergn¸gen wâ°re?” “Vermutlich.” “Warum quâ°lest du dich dann, dir ein Vergn¸gen zu versagen, das in deiner Gewalt ist.” “Weil ich mich dadurch vieler andern Vergn¸gen berauben w¸rde, die ich hËher schâ°tze.” “Kann man in deinem Alter so sehr ein Neuling sein? Was f¸r Vergn¸gen, die allen ¸brigen Menschen unbekannt sind, hat die Natur f¸r dich allein aufbehalten? Wenn du noch grËï¬ere kennest als dieses,–doch ich merke dich. Du wirst mir wieder von den Vergn¸gungen der Geister, von Nektar und Ambrosia sprechen; aber wir spielen itzt keine KomËdie, mein Freund. Die Erscheinung einer Cyane in einem von den Geb¸schen meiner Gâ°rten w¸rde fâ°hig sein, so gar deinen Geistern KËrper zu geben.” “Hippias, ich rede wie ich denke. Ich kenne Vergn¸gen, die ich hËher schâ°tze als diejenigen, die der Mensch mit den Tieren gemein hat.” “Zum Exempel?” “Das Vergn¸gen eine gute Handlung zu tun.” “Was nennest du eine gute Handlung?” “Eine Handlung, wodurch ich, mit einiger Anstrengung meiner Krâ°fte, oder Aufopferung eines Vorteils oder Vergn¸gens, andrer Bestes befËrdere.” “Du bist also tËricht genug zu glauben, daï¬ du andern mehr schuldig seiest, als dir selbst?” “Das nicht; sondern ich finde f¸r gut, ein geringeres Vergn¸gen dem grËï¬ern aufzuopfern, welches ich alsdann genieï¬e, wenn ich das Gl¸ck meiner NebengeschËpfe befËrdern kann.” “Du bist sehr dienstfertig; gesetzt aber es sei so, wie hâ°ngt dieses mit demjenigen zusammen, wovon itzt die Rede ist?” “Das ist leicht zu sehen. Gesetzt, ich ¸berlieï¬e mich den Eindr¸cken, welche die Reizungen der schËnen Cyane auf mich machen kËnnten; gesetzt, sie liebte mich, und lieï¬e mich alles erfahren, was die Wollust berauschendes hat; eine Verbindung von dieser Art kËnnte von keiner langen Dauer sein;” “aber w¸rden die Erinnerungen der genoï¬nen Freuden nicht die Begierde erwecken, sie wieder zu genieï¬en? Eine neue Cyane”–“w¸rde mir wieder gleichg¸ltig werden, und eben diese Begierden zur¸ck lassen.” “Eine immerwâ°hrende Abwechslung ist also hierin, wie du siehst, das Gesetz der Natur.” “Aber auf diese Art w¸rde ichs gar bald so weit bringen, keiner Begierde widerstehen zu kËnnen.” “Wozu brauchst du zu widerstehen, so lange deine Begierden in den Schranken der Natur und der Mâ°ï¬igung bleiben?” “Wie aber, wenn endlich das Weib meines Freundes, oder welche es sonst wâ°re, die der ehrw¸rdige Name einer Mutter gegen den bloï¬en Gedanken eines unkeuschen Anfalls sicher stellen soll; oder wie, wenn die unschuldige Jugend einer Tochter, die vielleicht kein andres Heuratsgut als ihre Unschuld und SchËnheit hat; der Gegenstand dieser Begierden w¸rde, ¸ber die ich durch so vieles Nachgeben alle Gewalt verloren hâ°tte?” “So hâ°ttest du dich in Griechenland wenigstens vor den Gesetzen vorzusehen. Allein was m¸ï¬te das f¸r ein Hirn sein, das in solchen Umstâ°nden kein Mittel ausf¸ndig machen kËnnte, seine Leidenschaft zu vergn¸gen, ohne sich mit den Gesetzen abzuwerfen? Ich sehe, du kennest die Damen zu Athen und Sparta nicht.” “O! was das betrifft, ich kenne so gar die Priesterinnen zu Delphi. Aber ists mËglich, daï¬ du im Ernste gesprochen hast?” “Ich habe nach meinen Grundsâ°tzen gesprochen. Die Gesetze haben in gewissen Staaten, (denn es gibt einige, wo sie mehr Nachsicht haben) nËtig gefunden, unser nat¸rliches Recht an eine jede, die unsre Begierden erregt, einzuschrâ°nken. Allein da dieses nur geschah, um gewisse Ungelegenheiten zu verhindern, die aus dem ungescheuten Gebrauch jenes Rechts in solchen Staaten zu besorgen wâ°ren, so siehst du, daï¬ der Geist und die Absicht des Gesetzes nicht verletzt wird, wenn man vorsichtig genug ist zu den Ausnahmen die man davon macht keine Zeugen zu nehmen” “O Hippias!” rief Agathon hier aus, “ich habe dich, wohin ich dich bringen wollte. Du siehest die Folgen deiner Grundsâ°tze. Wenn alles an sich selbst recht ist, was meine Begierden wollen; wenn die ausschweifenden Forderungen der Leidenschaft unter dem Namen des N¸tzlichen, den sie nicht verdienen, die einzige Richtschnur unsrer Handlungen sind; wenn die Gesetze nur mit einer guten Art ausgewichen werden m¸ssen, und im Dunkeln alles erlaubt ist; wenn die Tugend, und die Hoffnungen der Tugend nur Schimâ°ren sind; was hindert die Kinder, sich wider ihre Eltern zu verschwËren? Was hindert die Mutter, sich selbst und ihre Tochter dem meistbietenden Preis zu geben? Was hindert mich, wenn ich dadurch gewinnen kann, den Dolch in die Brust meines Freundes zu stoï¬en, die Tempel der GËtter zu berauben, mein Vaterland zu verraten, oder mich an die Spitze einer Râ°uberbande zu stellen; und, wenn ich anders Macht genug habe, ganze Lâ°nder zu verw¸sten, ganze VËlker in ihrem Blute zu ertrâ°nken? Siehest du nicht, daï¬ deine Grundsâ°tze, die du so unverschâ°mt Weisheit nennest, und durch eine k¸nstliche Vermischung des Wahren mit dem Falschen scheinbar zu machen suchst, wenn sie allgemein w¸rden, die Menschen in weit â°rgere Ungeheuer, als Hyâ°nen, Tyger und Krokodille sind, verwandeln w¸rden? Du spottest der Tugend und Religion? Wisse, nur den unauslËschlichen Z¸gen, womit ihr Bild in unsre Seelen eingegraben ist, nur dem geheimen und wunderbaren Reiz, der uns zu Wahrheit, Ordnung und G¸te zieht, und den Gesetzen besser zu statten kommt, als alle Belohnungen und Strafen, ist es zuzuschreiben, daï¬ es noch Menschen auf dem Erdboden gibt, und daï¬ unter diesen Menschen noch ein Schatten von Sittlichkeit und G¸te zu finden ist. Du erklâ°rst die Ideen von Tugend und sittlicher Vollkommenheit f¸r Phantasien. Siehe mich hier, Hippias, so wie ich hier bin, biete ich den Verf¸hrungen aller deiner Cyanen, den scheinbarsten ¸berredungen deiner Weisheit, und allen Vorteilen, die mir deine Grundsâ°tze und dein Beispiel versprechen, trotz. Eine einzige von diesen Phantasien ist hinreichend die unwesentliche Zauberei aller dieser Blendwerke zu zerstreuen. Laï¬ die Tugend immer eine Schwâ°rmerei sein, diese Schwâ°rmerei macht mich gl¸cklich, und w¸rde alle Menschen gl¸cklich, und den ganzen Erdboden zu einem Himmel machen, wenn deine Grundsâ°tze, und diejenige, welche sie aus¸ben, nicht, so weit ihr ansteckendes Gift dringt, Elend und Verderbnis ausbreiteten.”
Agathon wurde ganz gl¸hend, indem er dieses sagte; und ein Maler, um den z¸rnenden Apollo zu malen, hâ°tte sein Gesicht in diesem Augenblick zum Urbild nehmen m¸ssen. Allein der weise Hippias erwiderte diesen Eifer mit einem Lâ°cheln, welches dem Momus selbst Ehre gemacht hâ°tte, und sagte ohne seine Stimme zu verâ°ndern: “Nunmehr glaube ich dich zu kennen, Callias, und du wirst von meinen Verf¸hrungen weiter nichts zu besorgen haben. Die gesunde Vernunft ist nicht f¸r so warme KËpfe gemacht, wie der deinige. Wie leicht, wenn du mich zu verstehen fâ°hig gewesen wâ°rest, hâ°ttest du dir den Einwurf selbst beantworten kËnnen, daï¬ die Grundsâ°tze der Sophisten und Weltleute verderblich wâ°ren, wenn sie allgemein w¸rden? Die Natur hat schon davor gesorgt, daï¬ sie nicht allgemein werden,–doch ich w¸rde mir selbst lâ°cherlich sein, wenn ich deine begeisterte Apostrophe beantworten, oder dir zeigen wollte, wie sehr auch der Affekt der Tugend das Gesicht verfâ°lschen kann. Sei tugendhaft, Callias; fahre fort dich um den Beifall der Geister, und die Gunst der â°therischen SchËnen zu bewerben; r¸ste dich, dem Ungemach, das dein Platonismus dir in dieser Unterwelt zuziehen wird, groï¬m¸tig entgegen zu gehen, und trËste dich, wenn du Leute siehst, die niedrig genug sind, sich an irdischen Gl¸ckseligkeiten zu weiden, mit dem frommen Gedanken, daï¬ sie in dem andern Leben, wo die Reihe an dich kommt, gl¸cklich zu sein, sich in den Flammen des Phlegeton wâ°lzen werden.”
Mit diesen Worten stund Hippias auf, warf einen verâ°chtlichmitleidigen Blick auf den Agathon, und wandte ihm den R¸cken zu, um ihm mit einer unter seines gleichen gewËhnlichen HËflichkeit zu verstehen zu geben, daï¬ er sich zur¸ckziehen kËnne.
VIERTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend unsers Helden macht
Wir vermuten, daï¬ es einigen Lesern scheinen werde, Hippias habe in seinem Diskurs bei Agathon einen grËï¬ern Mangel von Erfahrung und Kenntnis der Welt vorausgesetzt, als er, nach allem, was bereits mit ihm vorgegangen war, haben konnte. Wir m¸ssen also zur Entschuldigung dieses Weisen sagen, daï¬ Agathon, aus Ursachen, die uns unbekannt geblieben, f¸r gut befunden habe, von dem glâ°nzenden Teil seiner Begebenheiten, und sogar von seinem Namen ein Geheimnis zu machen. Denn sein Name war durch die Rolle, die er zu Athen gespielt hatte, in den griechischen Stâ°dten allzubekannt worden, als daï¬ er es nicht auch dem Hippias hâ°tte sein sollen; ob dieser gleich, seit dem er in Smyrna wohnte, sich wenig um die Staatsangelegenheiten der Griechen bek¸mmerte, die er in den Hâ°nden seiner Freunde und Sch¸ler ganz wohl versorgt hielte. Da nun Agathon so sorgfâ°ltig gewesen war, ihm alles zu verbergen, was einigen Verdacht hâ°tte erwecken kËnnen, daï¬ er jemals etwas mehr als ein Aufwâ°rter in dem Tempel zu Delphi gewesen; so konnte Hippias mit desto besserm Grunde voraussetzen, daï¬ er noch ein vollkommner Neuling in der Welt sei, als weder die Denkungsart noch das Betragen dieses jungen Menschen so beschaffen war, daï¬ ein Kenner auf g¸nstigere Gedanken hâ°tte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art kËnnen, in der Tat zehen Jahre hinter einander in der groï¬en Welt gelebt haben, ohne daï¬ sie dieses fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten Blick verk¸ndiget, daï¬ sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, daï¬ sie fâ°hig wâ°ren, sich jemals zu dieser edeln Freiheit von den Fesseln der gesunden Vernunft, zu dieser weisen Gleichg¸ltigkeit gegen alles was die schwâ°rmerischen Seelen Empfindung nennen, und zu dieser verzâ°rtelten Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch die Weltleute sich auf eine so vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute kËnnen wohl Beobachtungen machen; allein da ihnen dieser Instinkt, dieses sympathetische Gef¸hl mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und zuverlâ°ssig ausfindig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf eine andre Art ger¸hrt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen kËnnen: so bleiben sie doch immer in einem unbekannten Lande, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmaï¬ungen stehen bleibt, und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche Zufâ°lle und unverhoffte Verâ°nderungen betrogen wird. Mit allen seinen Vorz¸gen war Agathon doch in eben dieser Klasse, und es ist also kein Wunder, daï¬ er, ungeachtet der tiefen Betrachtungen die er ¸ber seine Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst anstellte, sehr weit entfernt war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist itzt umging, dessen Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und den Eigensinn dieses seltsamen J¸nglings weit mehr beleidiget war, als er sich hatte anmerken lassen. Agathon, wenn er das w¸rklich wâ°re, was er zu sein schien, wâ°re (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige Widerlegung seines Systems. “Wie?” sagte er zu sich selbst, (ein Umstand, der ihm selten begegnete) “ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt gelebt, und unter einer unendlichen Menge von Menschen von allen Stâ°nden und Klassen, nicht einen einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der menschlichen Natur nicht bestâ°tiget hâ°tte, und dieser junge Mensch sollte mich noch an die Tugend glauben lehren? Es kann nicht sein; er ist ein Phantast oder ein Heuchler. Was er auch sein mag, ich will es ausf¸ndig machen.–Gut! Das ist ein vortrefflicher Einfall! Ich will ihn auf eine Probe stellen, wo er unterliegen muï¬, wenn er ein Schwâ°rmer, und wo er die Maske ablegen wird, wenn er ein KomËdiant ist. Er hat gegen Cyane ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist noch nichts. Wir wollen ihn auf eine stâ°rkere Probe setzen; wenn er in dieser den Sieg erhâ°lt, so muï¬ er–ja, so will ich meine Nymphen entlassen, mein Haus den Priestern der Cybele vermachen, und an den Ganges ziehen, und in der HËhle eines alten Palmbaums, mit geschloï¬nen Augen und den Kopf zwischen den Knien, so lange in der nâ°mlichen Positur sitzen bleiben, bis ich, allen meinen Sinnen zu trotz, mir einbilde, daï¬ ich nicht mehr bin! “–Dies war ein hartes Gel¸bde; auch hielt sich Hippias sehr ¸berzeugt, daï¬ es so weit nicht kommen w¸rde, und damit er keine Zeit versâ°umen mËchte; so machte er noch an demselbigen Tag Anstalt, seinen Anschlag auszuf¸hren.
ZWEITES KAPITEL
Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab
Die Damen zu Smyrna hatten damals eine Gewohnheit, welche ihrer SchËnheit mehr Ehre machte als ihrer Sittsamkeit. Sie pflegten sich in den warmen Monaten gemeiniglich alle Nachmittage eines k¸hlenden Bades zu bedienen, und, um keine lange Weile zu haben, nahmen sie um diese Zeit die Besuche derjenigen Mannspersonen an, die das Recht eines freien Zutritts in ihren Hâ°usern hatten. Diese Gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es der Gebrauch bei unsern westlichen Nachbarinnen ist, Mannspersonen bei der Toilette um sich zu haben; auch kam diese Freiheit nur den Freunden zu statten, und, den besondern Fall ausgenommen, wenn die hartnâ°ckige BlËdigkeit eines noch unerfahrnen Neulings einiger Aufmunterung nËtig hatte, waren die Liebhaber gâ°nzlich davon ausgeschlossen. Unter einer groï¬en Anzahl von SchËnen, bei denen der weise Hippias dieses Vorrecht genoï¬, war auch eine, die unter dem Namen Danae den ersten Rang in derjenigen Klasse von Frauenzimmern einnahm, die man bei den Griechen Freundinnen, oder noch eigentlicher Gesellschafterinnen zu nennen pflegte. Diese Gattung von Damen war damals unter ihrem Geschlecht, was die Sophisten unter dem mâ°nnlichen; sie stunden in keiner geringern Achtung, und konnten sich r¸hmen, daï¬ die vollkommensten Modelle aller Vorz¸ge ihres Geschlechts, wenn man die strenge Tugend ausnimmt, die Aspasien, die Leontium und die Phrynen sich kein Bedenken machten von ihrem Orden zu sein. Was die Danae betrifft, so machten die Mannspersonen zu Smyrna kein Geheimnis daraus, daï¬ sie, ihrem Urteil nach, an SchËnheit und Artigkeit alle andre Frauenzimmer, galante und sprËde, tugendhafte und andâ°chtige, ¸bertreffe. Es ist wahr, die Geschichte meldet nicht, daï¬ die Damen sich sehr beeifert hâ°tten, das Urteil der Mannspersonen durch ihren Ëffentlichen Beitritt zu bestâ°tigen; allein soviel ist gewiï¬, daï¬ keine unter ihnen war, die sich selbst nicht gestanden hâ°tte, daï¬, eine einzige Person ausgenommen, die sie niemals Ëffentlich nennen wollten, die schËne Danae alle ¸brigen eben so weit ¸bertreffe, als sie von dieser einzigen Ungenannten ¸bertroffen werde. In der Tat war ihr Ruhm von dieser Seite so festgesetzt, daï¬ man das Ger¸cht nicht unwahrscheinlich fand, welches versicherte, daï¬ sie in ihrer ersten Jugend den ber¸hmtesten Malern zum Modell gedient habe; und daï¬ sie bei einer solchen Gelegenheit den Namen erhalten, unter welchem sie in Jonien ber¸hmt war. Itzo hatte sie zwar das dreiï¬igste Jahr schon zur¸ckgelegt, allein ihre SchËnheit hatte dadurch mehr gewonnen als verloren; und der blendende Jugendglanz, der mit dem Mai des Lebens zu verschwinden pflegt, wurde durch tausend andre Reizungen ersetzt, welche ihr, nach dem Urteil der Kenner, eine gewisse Anziehungskraft gaben, die man, ohne sich eines schw¸lstigen Ausdrucks schuldig zu machen, in gewissen Umstâ°nden f¸r unwiderstehlich halten konnte. Dem ungeachtet scheute sich, unter der â°gide der Gleichg¸ltigkeit, worin ihn damals ordentlicher Weise auch die schËnsten Figuren zulassen pflegten, der weise Hippias nicht, seine Tugend Ëfters dieser Gefahr auszusetzen. Er war der schËnen Danae unter dem Titel eines Freundes vorz¸glich angenehm, und die geheime Geschichte sagt so gar, daï¬ sie ihn ehmals nicht unw¸rdig gefunden, ihm eine Zeitlang eine noch interessantere Stelle, bei ihrer Person anzuvertrauen; eine Stelle die nur von den liebensw¸rdigsten seines Geschlechts bekleidet zu werden pflegte. Diese Dame war es, deren Beih¸lfe Hippias sich zu Ausf¸hrung seines Anschlags wider den Agathon bedienen wollte, dessen schwâ°rmerische Tugend, seinen Gedanken nach, eine Beschimpfung seiner Grundsâ°tze war, die er viel weniger leiden konnte, als die allerscharfsinnigste Widerlegung in forma. Er begab sich also zu der gewËhnlichen Stunde zu ihr, und war kaum in den Saal getreten, wo sie sich befand, und in den Bed¸rfnissen des Bades, von zween jungen Knaben, welche eher ein paar LiebesgËtter zu sein schienen, bedient wurde; als sie schon in seinem Gesicht etwas bemerkte, das mit seiner gewËhnlichen Heiterkeit einen Absatz machte. “Was hast du, Hippias”, sagte sie zu ihm, “daï¬ du eine so tiefsinnige Miene mitbringst?” “Ich weiï¬ nicht”, antwortete er, “warum ich tiefsinnig aussehen sollte, wenn ich eine Dame im Bade besuche; aber das weiï¬ ich, daï¬ ich dich noch nie so schËn gesehen habe, als diesen Augenblick.” “Gut”, sagte sie, “das beweist, daï¬ ich recht geraten habe. Ich bin gewiï¬, daï¬ ich heute nicht besser aussehe als das letztemal, da du mich sahest; aber deine Phantasie ist hËher gestimmt als gewËhnlich, und du schreibst den Einfluï¬, den sie auf deine Augen hat, groï¬m¸tig auf die Rechnung des Gegenstands, den du vor dir hast; ich wollte wetten, daï¬ die hâ°ï¬lichste meiner Kammermâ°dchen, dir in diesem Augenblick eine Grazie scheinen w¸rde.” “Ich habe”, versetzte Hippias, “keine Anspr¸che an eine lebhaftere Einbildungskraft zu machen als Zeuxes und Aglaophon, welche sich nichts vollkommners zu erfinden getrauten als Danae. Welche schËne Gelegenheit zu einer neuen Verwandlung, wenn ich Jupiter wâ°re!”–“Und was f¸r eine Gestalt wolltest du annehmen, um zu gleicher Zeit meine SprËdigkeit und deine liebe Gemahlin zu hintergehen? Denn ich glaube kaum, daï¬ unter allen gefl¸gelten, vierf¸ï¬igen und kriechenden Tieren eines ist, das nicht schon einem Unsterblichen hâ°tte dienen m¸ssen, irgend ein ehrliches Mâ°dchen zu beschleichen.” “Ich w¸rde mich nicht lange besinnen”, sagte Hippias; “was f¸r eine Gestalt kËnnte ich annehmen, die dir angenehmer und mir zu meiner Absicht bequemer wâ°re, als dieses Sperlings, der deine Liebhaber so oft zu einer gerechten Eifersucht reizt; der, durch die zâ°rtlichsten Namen aufgemuntert, mit solcher Freiheit um deinen Nacken flattert, oder mit mutwilligem Schnabel den schËnsten Busen neckt, und die Liebkosungen allezeit doppelt wieder empfâ°ngt, die er dir gemacht hat.” “Es ist dir leichter wie es scheint”, versetzte Danae, “einen Sperling an deine Stelle, als dich an die Stelle eines Sperlings zu setzen; bald kËnntest du mir die Schmeicheleien meines kleinen Lieblings verdâ°chtig machen. Aber genug von den Wundern, die du meiner SchËnheit zutrauest; wir wollen von was anderm reden. Weiï¬est du, daï¬ ich meinem Liebhaber den Abschied gegeben habe?” “Dem schËnen Hiacinthus?” “Ihm selbst, und was noch mehr ist, mit dem festen Entschluï¬, seine Stelle nimmer zu ersetzen.” “Das ist eine tragische Entschlieï¬ung, schËne Danae.” “Nicht so sehr als du denkest. Ich versichre dich, Hippias, meine Geduld reicht nicht mehr zu, alle Torheiten dieser abgeschmackten Gecken auszustehen, welche die Sprache der Empfindung reden wollen und nichts f¸hlen; deren Herz nicht so viel als mit einer Nadelritze verwundet ist, ob sie gleich von Martern und von Flammen reden; die unfâ°hig sind etwas anders zu lieben als sich, und denen meine Augen nur zum Spiegel dienen sollen, um darin den Wert ihrer kleinen unverschâ°mten Figur zu bewundern. Kaum glauben sie ein Recht an unsre G¸tigkeit zu haben, so bilden sie sich ein, daï¬ sie uns viel Ehre erweisen, wenn sie unsere Liebkosungen mit einer zerstreuten Miene dulden. Ein jeder Blick, den sie auf mich werfen, sagt mir, daï¬ ich ihnen nur zum Spielzeug diene; und die Hâ°lfte meiner Reizungen geht an ihnen verloren, weil sie keine Seele haben, um die SchËnheiten einer Seele zu empfinden.” “Dein Unwille ist gerecht”, versetzte der Sophist; “es ist verdrieï¬lich, daï¬ man diesen Mannsleuten nicht begreiflich machen kann, daï¬ die Seele das liebensw¸rdigste an einem schËnen Frauenzimmer ist. Aber beruhige dich; nicht alle Mâ°nner denken so unedel, und ich kenne einen, der dir gefallen w¸rde, wenn du, zur Abwechslung, einmal Lust hâ°ttest, es mit einem geistigen Liebhaber zu versuchen.” “Und wer kann das sein, wenn man fragen darf?” “Es ist ein J¸ngling, gegen den deine Hyacinthe nur Meerkatzengesichter sind, schËner als Adonis.”–“Fi, Hippias, das ist als wie wenn du sagtest, s¸ï¬er als Honigseim. Du begreifst nicht, wie sehr mir vor diesen schËnen Herren ekelt.” “O! das hat nichts zu bedeuten; ich stehe dir f¸r diesen. Er hat keinen von den Fehlern der schËnen Narcissen, die dir so â°rgerlich sind. Kaum scheint er es zu wissen, daï¬ er einen Leib hat. Das ist ein Mensch wie man nicht viele sieht, schËn wie Apollo, aber geistig wie ein Zephyr; ein Mensch, der lauter Seele ist, der dich, wie du hier bist, f¸r eine bloï¬e Seele ansehen w¸rde, und der alles auf eine geistige Art tut, was wir andere kËrperlich tun. Du verstehst mich ja, schËne Danae?” “Nicht allzuwohl; aber deine Beschreibung gefâ°llt mir nichts desto minder. Du sprichst doch im Ernst?” “In ganzem Ernst: Wenn du Lust hast die metaphysische Liebe zu kosten, so habe ich deinen Mann gefunden. Er ist platonischer als Plato selbst–denn ich denke, du kËnntest uns geheime Nachrichten von diesem ber¸hmten Weisen geben.” “Ich erinnere mich”, antwortete Danae lâ°chelnd, “daï¬ er einmal mit einer meiner Freundinnen eine kleine Zerstreuung gehabt hat, die du ihm nicht ¸bel nehmen muï¬t. Wo ist ein Geist, dem ein h¸bsches Mâ°dchen von achtzehn Jahren nicht einen KËrper geben kËnnte?” “Du kennest meinen Mann noch nicht”, erwiderte Hippias; “die GËttin von Paphos, ja du selbst w¸rdest es bei ihm so weit nicht bringen. Du kannst ihn Tag und Nacht um dich haben. Du kannst ihn auf alle Proben stellen, du kannst ihn–bei dir schlafen lassen, Danae, ohne daï¬ er dir Gelegenheit geben wird, nur die mindeste kleine Ausrufung anzubringen; kurz, bei ihm kann deine Tugend ganz ruhig einschlummern, ohne jemals in Gefahr zu kommen, aufgeweckt zu werden.” “Ach! nun verstehe ich dich; es verlohnte sich der M¸he nicht, den Scherz so weit zu treiben. Ich verlange keinen Liebhaber der sich nur darum an meine Seele hâ°lt, weil ihm das ¸brige zu nichts n¸tze ist.” “Auch ist derjenige, den ich dir anpreise, weit entfernt in diese Klasse zu gehËren; mache dir dar¸ber keinen Kummer. Was du f¸r die Folge einer physischen Notwendigkeit hâ°ltst, ist bei ihm die W¸rkung der Tugend, und der erhabnen Philosophie, von der er Profession macht.” “Du machst mich sehr neugierig ihn zu sehen; aber weiï¬t du, Hippias, daï¬ meine Eitelkeit nicht zu frieden wâ°re, auf eine so kaltsinnige Art geliebt zu sein. Es ist wahr, ich bin dieser mechanischen Liebhaber von Herzen ¸berdr¸ssig; aber ich w¸rde mit einem andern eben so ¸bel zu frieden sein, der gegen dasjenige ganz unempfindlich wâ°re, wof¸r jene allein empfindlich sind. Ein Frauenzimmer findet allezeit ein Vergn¸gen darin, Begierden einzuflËï¬en, auch wann sie nicht im Sinn hat, sie zu vergn¸gen. Die SprËden selbst sind von dieser Schwachheit nicht ausgenommen. Wozu haben wir nËtig, daï¬ uns ein Liebhaber sagt, daï¬ wir reizend sind? Wir wollen es aus den W¸rkungen sehen, die wir auf ihn machen. Je weiser er ist, desto schmeichelnder ist es f¸r unsre Eitelkeit, wenn wir ihn aus seiner Fassung setzen kËnnen. Nein, du begreifst nicht, wie sehr das Vergn¸gen, das uns der Anblick aller der Torheiten macht, wozu wir diese Herren der SchËpfung bringen kËnnen, alle andre ¸bertrifft, die sie uns zu machen fâ°hig sind. Ein Philosoph, der zu meinen F¸ï¬en wie eine Turteldaube girret, der mir zu Gefallen seine Haare und seinen Bart krâ°useln lâ°ï¬t, der so wohl riecht wie ein arabischer Salbenhâ°ndler, der mir den Hof zu machen, mit meinem Schoï¬hund schwatzt und Oden auf meinen Sperling macht–ah! Hippias, man muï¬ ein Frauenzimmer sein, um zu begreifen, was das f¸r ein Vergn¸gen ist!”–“Ich bedaure dich”; erwiderte der schalkhafte Sophist, “daï¬ du diesem Vergn¸gen bei dem Liebhaber, von dem ich rede, entsagen muï¬t. Er hat seine Proben schon gemacht. Er ist zâ°rtlich wie ein junger Seufzer, aber, wie gesagt, er ist es nur f¸r die Seele der SchËnen; alles ¸brige macht keinen grËï¬ern Eindruck auf ihn, als ein Gemâ°lde, oder eine Bildsâ°ule.” “Das wollen wir sehen”, versetzte Danae; “ich verlange schlechterdings, daï¬ du ihn diesen Abend zu mir bringest; du wirst nur eine kleine Gesellschaft finden, die uns nicht hindern soll. Aber wer ist denn dieser Ungenannte, von dem wir schon so lange schwatzen?” “Es ist ein Sklave, den ich vor etlichen Wochen von einem Cilicier gekauft habe, aber ein Sklave, wie man sonst nirgends sieht. Er ist zu Delphi im Tempel des Apollo erzogen worden, und, so viel ich vermute, wird er sein Dasein der antiplatonischen Liebe dieses Gottes zu irgend einer artigen Schâ°ferin zu danken haben, die sich zu weit in seinen Lorbeerhain gewagt haben mag. Er ist hernach eine geraume Zeit zu Athen gewesen, und die schËnen Reden des Plato haben die romanhafte Erziehung vollendet, die er in den geheiligten Hainen zu Delphi erhalten. Er geriet durch einen Zufall in die Hâ°nde Cilicischer Seerâ°uber, und aus diesen in die meinige. Er nannte sich Pythokles; aber weil ich diese Art von Namen nicht leiden kann, so hieï¬ ich ihn Callias, und er verdient so zu heiï¬en, denn er ist der schËnste Mensch, den ich jemals gesehen habe. Seine ¸brigen Gaben bestâ°tigen die gute Meinung, die sein Anblick von ihm erweckt. Er hat Verstand, Geschmack, und Wissenschaft; er ist ein Liebhaber und ein G¸nstling der Musen; aber mit allen diesen Vorz¸gen ist er doch nichts weiter als ein wunderlicher Kopf, ein Schwâ°rmer und ein unbrauchbarer Mensch. Er nennt seinen Eigensinn Tugend, weil er sich einbildet, die Tugend m¸sse die Antipode der Natur sein; er hâ°lt die Ausschweifungen seiner Phantasie f¸r Vernunft, weil er sie in einen gewissen Zusammenhang gebracht hat; und sich selbst f¸r weise, weil er auf eine methodische Art raset. Er gefiel mir beim ersten Anblick, ich faï¬te den Entschluï¬, etwas aus diesem jungen Menschen zu machen; aber alle meine M¸he war umsonst; und wenn es mËglich ist, daï¬ er durch jemand zu recht gebracht werden kann, so muï¬ es durch ein Frauenzimmer geschehen; denn ich glaube bemerkt zu haben, daï¬ man nur durch sein Herz in seinen Kopf kommen kann. Die Unternehmung wâ°re deiner w¸rdig, schËne Danae, und wenn sie dir nicht gelingt, so ist er unverbesserlich, und verdient nichts, als daï¬ man ihn seiner Torheit und seinem Schicksal ¸berlasse.”
“Du hast meinen ganzen Ehrgeiz rege gemacht, Hippias”, versetzte die schËne Danae; “bringe ihn diesen Abend mit; ich will ihn sehen, und wenn er aus eben denselben Elementen zusammengesetzt ist, wie andre Erden-SËhne, so wollen wir eine Probe machen, ob Danae ihrer Lehrmeisterin w¸rdig ist.”
Hippias war sehr erfreut, den Zweck seines Besuchs so gl¸cklich erreicht zu haben, und versprach beim Abschied, zur bestimmten Zeit diesen wunderbaren J¸ngling aufzuf¸hren, an welchem die schËne Danae so begierig war, die Macht ihrer Reizungen zu versuchen.
DRITTES KAPITEL
Geschichte der schËnen Danae
Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Kapitel Bekanntschaft gemacht, hat vermutlich einem guten Teil derselben nicht so ¸bel gefallen, daï¬ sie nicht eine nâ°here Nachricht von dem Charakter und der Geschichte derselben erwarten sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Gen¸ge zu tun, je nËtiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, daï¬ der Leser in den Stand gesetzt werde, der schËnen Danae Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Die allgemeine Meinung zu Smyrna war, daï¬ sie eine Tochter der ber¸hmten Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben mit der Philosophie und den K¸nsten der Musen, zu jenem Grade der Vollkommenheit erhoben hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu machen schien, nach Athen gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorz¸ge auf eine so kluge Art zu bedienen gewuï¬t, daï¬ sie sich endlich zur unumschrâ°nkten Beherrscherin des groï¬en Perikles, der das ganze Griechenland beherrschte, oder wie die komischen Dichter ihrer Zeit sich ausdr¸ckten, zur Juno dieses atheniensischen Jupiters erhoben hatte. Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der Danae gr¸ndeten, kËnnen nicht f¸r hinlâ°nglich angesehen werden, das Zeugnis verschiedner Geschichtschreiber zu ¸berwâ°gen, welche versichern, daï¬ sie aus der Insel Scios geb¸rtig gewesen, und nach dem Tod ihrer Eltern, in ihrem vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Athen gekommen, um in dieser Stadt, worin alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die ihrigen ihren Unterhalt zu gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb, war eine Art von pantomimischen Tâ°nzen, wozu gemeiniglich nur eine oder zwo Personen erfordert wurden, und worin die tanzende Person, nach der Modulation einer FlËte oder Leier, gewisse St¸cke aus der GËtter–und Heldengeschichte der Griechen, durch Gebâ°rden und Bewegungen vorstellte. Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht zureichte sie zu unterhalten, so sahe sich die junge Danae genËtiget, den K¸nstlern zu Athen die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch auï¬er dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als Diana, bald als Venus auf die Altâ°re gestellt, die Bewunderung der Kenner und die Anbetung des PËbels zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit trug es sich zu, daï¬ sie von dem jungen Alcibiades ¸berraschet, und in der Stellung der Danae des Acrisius, welche sie eben vorstellte, allzureizend befunden wurde, als daï¬ einem geringern als Alcibiades auch nur der Anblick so vieler SchËnheiten erlaubt sein sollte. Auf der andern Seite wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem Stand und den Reicht¸mern dieses liebensw¸rdigen Verf¸hrers so sehr eingenommen, daï¬ er keine groï¬e M¸he hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben. Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine Akademie der schËnsten Geister von Athen, und eine Frauenzimmer-Schule war, worin junge Mâ°dchen von den vorz¸glichsten Gaben, unter der Aufsicht einer so vollkommen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der Bestimmung geschickt machen sollte, die Groï¬en und die Weisen der Republik in ihren Ruhestunden zu ergËtzen. Danae machte sich diese Gelegenheit sowohl zu Nutze, daï¬ sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit der Aspasia erhielt, welche, weit ¸ber die Niedertrâ°chtigkeit gemeiner Seelen erhaben, sich mit so vielem Vergn¸gen in dieser jungen Person wieder hervorgebracht sah, daï¬ sie dadurch zu der Vermutung Anlaï¬ gab, deren wir bereits Erwâ°hnung getan haben. Inzwischen genoï¬ Alcibiades allein der Fr¸chte einer Erziehung, wodurch die nat¸rlichen Gaben seiner jungen Freundin zu einer Vollkommenheit entwickelt wurden, die ihr den Namen der zweiten Aspasia erwarb; und die schËne Danae legte sich selbst die Pflicht auf, eine Treue gegen ihn zu beobachten, die er nicht zu erwidern nËtig fand. Da die Liebe zur Verâ°nderung eine stâ°rkere Leidenschaft bei ihm war, als die Liebe die ihm irgend ein Frauenzimmer einflËï¬en konnte, so muï¬te auch Danae, nachdem sie sich eine geraume Zeit in dem ersten Platz bei ihm erhalten hatte, einer andern weichen, die keinen Vorzug vor ihr hatte, als daï¬ sie ihm neu war. So schwach Danae von einer gewissen Seite sein mochte, so edel war ihr Herz in andern St¸cken. Sie liebte den Alcibiades, weil sie von seiner Person und von seinen Eigenschaften bezaubert war, und dachte wenig daran, von seinen Reicht¸mern Vorteil zu ziehen. Sie w¸rde also nichts von ihm ¸brig behalten haben, als das Andenken von dem liebensw¸rdigsten Mann ihrer Zeit geliebt worden zu sein; wenn er nicht eben so stolz und freigebig gewesen wâ°re, als sie, wider die Gewohnheit ihrer Gespielen, uneigenn¸tzig war. “Ich verlasse dich Danae”, sagte er zu ihr, “allein ich werde nicht zugeben, daï¬ diejenige, die einst dem Alcibiades zugehËrte, jemals genËtiget sein soll, dem Reichsten zu ¸berlassen, was nur dem Liebensw¸rdigsten gehËrt.” Mit diesen Worten drang er ihr eine Summe auf, die mehr als zulâ°nglich war, sie von dieser Seite auï¬er aller Gefahr zu setzen. Der Tod der Aspasia und die Verâ°nderungen, die er nach sich zog, bewogen sie, wenige Jahre darauf Athen zu verlassen, und nach etlichen Begebenheiten, an denen ihr Herz keinen geringen Anteil hatte, Smyrna zu ihrem bestâ°ndigen Sitz zu erwâ°hlen. Hier hatte sie Gelegenheit dem j¸ngern Cyrus bekannt zu werden, dessen liebensw¸rdige Eigenschaften durch die Feder des Xenophon eben so bekannt worden sind, als der ungl¸ckliche Ausgang der Unternehmung, wodurch er sich auf den Thron des ersten Cyrus zu schwingen hoffte. Ihr erster Anblick unterwarf ihr das Herz dieses Prinzen, der so empfindlich gegen diejenige Art von Reizungen war, wodurch sich die Sch¸lerinnen der Aspasia von den lebenden Statuen unterschieden, die in den Morgenlâ°ndern zum Vergn¸gen der Groï¬en bestimmt werden, und in der Tat zu dem einzigen Gebrauch den diese von ihnen zu machen wissen, wenig Seele nËtig haben. Allein so schmeichelhaft diese Eroberung f¸r sie war, so konnte sie doch nichts bewegen, ihn nach Sardes zu begleiten, und ihre Freiheit der Ehre aufzuopfern, die erste seiner Sklavinnen zu sein. Sie blieb also in Smyrna zur¸ck, wo sie durch die groï¬m¸tige Freigebigkeit des Cyrus, der sich hierin von keinem Athenienser ¸bertreffen lassen wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu lassen, wie sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses Gl¸cks, wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen beim Anacreon mit Blumenkrâ°nzen binden, und der sich in dieser Gefangenschaft so wohl gefâ°llt, daï¬ Venus ihn vergeblich bereden will, sich in seine vorige Freiheit setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze und die Freuden, (wenn es uns erlaubt ist, die Sprache Homers zu gebrauchen, wo die gewËhnliche zu matt scheint), schlossen mit den lâ°chelnden Stunden einen unauflËslichen Reihentanz um sie her, und Schwermut, ¸berdruï¬, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der Ruhe und des Vergn¸gens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.
Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in keine mittelmâ°ï¬ige Sorge f¸r die Tugend unsers Helden zu setzen. In der Tat hatte er sich noch niemals in Umstâ°nden befunden, wo wir weniger hoffen d¸rfen, daï¬ sie sich werde erhalten kËnnen; die Gefahr worin sie bei der ¸ppigen Pythia, unter den rasenden Bachantinnen und in dem Hause des weisen Hippias, welches dem Stalle der Circe so â°hnlich sah, geschwebet hatte, verdient nur nicht neben derjenigen genannt zu werden, welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und deren wir ihn gerne ¸berhoben hâ°tten, wenn uns die Pflichten eines Geschichtschreibers erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit f¸r ihn, auf Unkosten der Wahrheit nachzugeben.
VIERTES KAPITEL
Wie gefâ°hrlich es ist, der Besitzer einer verschËnernden Einbildungskraft zu sein
Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge von Vergn¸gen gewâ°hrt, die den ¸brigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre magische W¸rkung alles SchËne in seinen Augen verschËnert, und ihn da in Entz¸ckung setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in gl¸cklichen Stunden, ihm diese Welt zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von der Szene seines Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die durch die vergrËï¬ernden Schatten einer vollkommnen Wonne seinen Schmerz bezaubern: So m¸ssen wir auf der andern Seite gestehen, daï¬ sie nicht weniger eine Quelle von Irrt¸mern, von Ausschweifungen und von Qualen f¸r ihn ist, wovon er, selbst mit Beih¸lfe der Weisheit und mit der feurigsten Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen kann, bis er, auf welche Art es nun sein mag, so weit gekommen ist, die allzugroï¬e Lebhaftigkeit derselben zu mâ°ï¬igen. Der weise Hippias hatte, die Wahrheit zu gestehen, unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine Einbildungskraft von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des Mittels nicht vËllig beifallen kËnnen, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am besten in das gehËrige Gleichgewicht mit den ¸brigen Krâ°ften der Seele gesetzt werden kËnne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des Hippias eine solche Vorstellung von dem Agathon gemacht, daï¬ sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre Seite gebracht haben w¸rde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt, daï¬ er ihn durch die Sinnen verf¸hren wollte. Auf diese Voraussetzung machte sie einen Plan, ¸ber den sie nicht wenig vergn¸gt war; und dachte so wenig daran, daï¬ die Ausf¸hrung sie ihr eignes Herz kosten kËnnte, als Agathon sich von der Gefahr trâ°umen lieï¬, die dem seinigen zubereitet wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt worden war. Agathon begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen Sâ°ulen ruhte, und mit vielen vergoldeten Bildsâ°ulen ausgezieret war. Das Inwendige dieses Hauses stimmte vollkommen mit der Pracht des â°uï¬erlichen Anblicks ¸berein. Allenthalben begegnete ihm das geschâ°ftige Gewimmel von unzâ°hlichen Sklaven und Sklavinnen, wovon die erstern alle unter zwËlf Jahren zu sein schienen, und so wie die letztern von auï¬erordentlicher SchËnheit waren. Ihre Kleidung stellte dem Aug’ eine angenehme Verbindung der EinfËrmigkeit mit der Abwechslung vor; einige waren in weiï¬, andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben gekleidet, und jede Farbe schien eine besondere Klasse zu bezeichnen, welcher ihre eigne Dienste angewiesen waren. Agathon, auf den alles lebhaftere Eindr¸cke machte, als es nËtig war, um nach dem Maï¬stab der Moralisten genug zu sein, wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, daï¬ er sich in eine von seinen idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er Zeit hatte zu sich selbst zu kommen, f¸hrte ihn Hippias in einen groï¬en und hellerleuchteten Saal, worin die Gesellschaft versammelt war, welche sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen Blick auf sie geworfen, als die schËne Danae ihm mit einer Anmut und Leutseligkeit die ihr eigen war, entgegen kam, und ihm sagte, daï¬ ein Freund des Hippias das Recht habe, sich in ihrem Hause und in dieser Gesellschaft als einheimisch anzusehen. Ein so verbindliches Kompliment verdiente wohl eine Antwort in eben diesem Ton; allein Agathon war in diesem Augenblick auï¬er Stand, hËflich zu sein: Ein Blick, womit man den â°uï¬ersten Grad des angenehmsten Erstaunens malen m¸ï¬te, war alles, was er auf diese Anred’ erwidern konnte. Die Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem Hause genossen, und die attische Urbanitâ°t, die von der sprËden, regelmâ°ï¬igen und manierenreichen Politesse der heutigen Europâ°er so sehr verschieden war, in einem so hohen Grad als Danae selbst, besaï¬en. In einer Gesellschaft nach der heutigen Art w¸rde Agathon, in den ersten Augenblicken, da er sich darstellte, zu einer unendlichen Menge von boshaften und spËttischen Anmerkungen Stoff gegeben haben; allein in dieser war ein fl¸chtiger Blick alles, was er auszuhalten hatte. Die Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem andern ins Ohr, oder schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die schËne Danae zu verschlingen schienen; kurz, man lieï¬ ihm alle Zeit die er brauchte um wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck f¸r die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand. Vielleicht erwartet man, daï¬ wir eine nâ°here Erlâ°uterung ¸ber diesen auï¬erordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern allzureizbaren Helden machte; allein wir sehen uns noch auï¬er Stand, die Neugierde des Lesers ¸ber einen Punkt zu befriedigen, wovon Agathon selbst noch nicht fâ°hig gewesen wâ°re, Rechenschaft zu geben: Soviel kËnnen wir inzwischen sagen, daï¬ diese Dame dem Anschein nach niemals weniger erwarten konnte, eine solche W¸rkung zu machen; so wenig M¸he hatte sie sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre Reizungen in ein g¸nstiges Licht zu setzen. Ein Kleid von weiï¬em Taft, mit kleinen Streifen von Purpur, und eine halberËffnete Rose in ihrem schwarzen Haar, machte ihren ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die Kleidung der Cyane den Augen unsers Helden anstËï¬ig gewesen, war die ihrige so weit entfernt, daï¬ man mit besserm Recht an ihr hâ°tte aussetzen kËnnen, daï¬ sie zu sehr verh¸llt sei. Es ist wahr, sie hatte Sorge getragen, daï¬ ein kleiner niedlicher Fuï¬, der an Weiï¬e den Alabaster ¸bertraf, dem Auge nicht immer entzogen w¸rde; und die ganze SchËnheit ihres Gesichts war nicht vermËgend, den Agathon aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser reizende Fuï¬ sehen lieï¬. Allein dieses, und eine schneeweiï¬e Hand mit dem Anfang eines vollkommen schËnen Arms war alles, was das neidische Gewand den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was es also auch sein mochte, was in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses gewiï¬, daï¬ an der Person und dem Betragen der schËnen Danae nicht das mindeste zu entdecken war, das einige besondere Absicht auf unsern Helden hâ°tte anzeigen kËnnen; und daï¬ sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht einmal zu bemerken schien, daï¬ Agathon f¸r sie allein Augen, und ¸ber ihrem Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.
Fâ¹NFTES KAPITEL
Pantomimen
Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agathon beinahe einen bloï¬en Zuschauer abgegeben hatte, trat ein Tâ°nzer und eine junge Tâ°nzerin herein, die nach der Modulation eben so vieler FlËten die Geschichte des Apollo und der Daphne tanzten. Die Geschicklichkeit der Tanzenden befriedigte alle Zuschauer; alles an ihnen war Seele und Ausdruck, und man glaubte sie immer zu hËren, ob man sie gleich nur sah. “Wie gefâ°llt dir diese Tâ°nzerin, Callias”, fragte Danae den Agathon, welcher nur mittelmâ°ï¬ig aufmerksam auf dieses Spiel zu sein schien, und der einzige war, der nicht beobachtete, daï¬ die Tâ°nzerin von ungemeiner SchËnheit, und eben so wie Cyane, kaum mit etwas mehr als gewebter Luft umh¸llt war. “Mich deucht”, versetzte Agathon, der itzt erst anfing sie aufmerksamer anzusehen, “mich deucht, daï¬ sie, vielleicht aus allzugroï¬er Begierde zu gefallen, den Charakter verlâ°ï¬t den sie vorstellen soll. Warum sieht sie sich im Fliehen um? Und mit einem Blick, der es ihrem Verfolger zu verweisen scheint, daï¬ er nicht schneller ist als sie?–Gut, sehr gut!” (fuhr er fort, wie die Stelle kam, wo Daphne den Fluï¬gott um H¸lfe anruft,) “unverbesserlich! Wie sie mitten in ihrem Gebet sich verwandelt! Wie sie erbleicht! Wie sie schauert! Ihre F¸ï¬e wurzeln mitten in einer schreckhaften Bewegung ein; umsonst will sie ihre ausgebreiteten Arme zur¸ckziehen.–Aber warum dieser zâ°rtlichbange Blick auf ihren Liebhaber? Warum diese Trâ°ne, die in ihrem Auge zu erstarren scheint?”–Ein allgemeines Lâ°cheln beantwortete die Frage Agathons. “Du tadelst gerade”, versetzte zuletzt einer von den Gâ°sten, “was wir am meisten bewundern. Eine gewËhnliche Tâ°nzerin w¸rde nicht fâ°hig gewesen sein, deinen Tadel zu verdienen. Es ist unmËglich mehr Geist, mehr Feinheit und einen schËnern Kontrast in diese Rolle zu bringen, als die kleine Psyche, (so hieï¬ die Tâ°nzerin) getan hat.” Daphne selbst war nicht best¸rzter gewesen, da sie sich verwandelt f¸hlte, als Agathon in dem Augenblick, als er den Namen Psyche hËrte; er stockte mitten in einem Worte, das er sagen wollte; er errËtete, und seine Verwirrung war so merklich, daï¬ Danae, welche sie der Beschâ°mung seines Tadels zuschrieb, f¸r nËtig hielt, ihm zu H¸lfe zu kommen. “Der Tadel des Callias”, sagte sie, “beweist, daï¬ er den Geist, womit Psyche ihre Rolle gespielt, so gut empfunden hat, als Phâ°drias. Aber vielleicht ist er darum nicht minder gegr¸ndet. Psyche sollte die Person der Daphne gespielt haben, und hat ihre eigene gespielt; ist es nicht so, Psyche? Du dachtest, wie w¸rde mir’s an Daphnens Stelle gewesen sein?”–“Und wie hâ°tte ichs anders machen kËnnen, meine Gebieterin?” fragte die kleine Tâ°nzerin. “Du hâ°ttest den Charakter annehmen sollen, den ihr die Dichter geben, und hast dich begn¸gt dich selbst in ihre Umstâ°nde zu setzen.” “Was f¸r ein Charakter ist denn das”, erwiderte Psyche. “Einer SprËden”, sagte der weise Hippias; “das ist der Lieblings-Charakter des Callias.” Abermalige Gelegenheit zum ErrËten f¸r den guten Agathon. “Du hast es nicht erraten”, sagte er; “der Charakter, den Daphne nach meiner Idee haben soll, ist Gleichg¸ltigkeit und Unschuld; sie kann beides haben, ohne eine SprËde zu sein.” “Psyche verdient also desto mehr Lob”, erwiderte Phâ°drias (f¸r den sie, wie die Geschichte meldet, noch etwas mehr als eine Tâ°nzerin war) “weil sie den Charakter verschËnert hat, den sie vorstellen sollte. Der Streit zwischen Liebe und Ehre erfordert mehr Genie um nachgeahmt zu werden, und ist f¸r den Zuschauer r¸hrender, als die Gleichg¸ltigkeit, die ihr Callias geben will. Und zudem, wo ist die junge Nymphe, die gegen die Liebe eines so schËnen Gottes wie Apollo ist, gleichg¸ltig sein kËnnte?” “Ich bin deiner Meinung”, sagte Hippias. “Daphne flieht vor dem Apollo, weil sie ein junges Mâ°dchen ist; und weil sie ein junges Mâ°dchen ist, so w¸nscht sie heimlich, daï¬ er sie erhaschen mËge. Warum sieht sie sich so oft um, als um ihm zu verweisen, daï¬ er nicht schneller sei? Wie er ihr so nahe ist, daï¬ sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem Fluï¬gotte, daï¬ er sie verwandeln soll. Grimasse! Warum st¸rzte sie sich nicht in den Fluï¬, wenn es ihr Ernst war? Sie tat was eine Nymphe tun soll, da sie den Fluï¬gott anrief; das war in der Ordnung: Aber wer konnte auch f¸rchten, so schnell erhËrt zu werden? Und in welchem Augenblick konnte sie es weniger w¸nschen, als in eben diesem, da sie sich von den begierigen Armen ihres Liebhabers schon umschlungen f¸hlte? Hatte sie sich denn aus einem andern Grund auï¬er Atem geloffen, als damit er sie desto gewisser erhaschen mËchte? Was ist also nat¸rlicher als der Unwille, der Schmerz und die Traurigkeit, womit sie sein Betragen erwidert, da sie die Arme, womit sie ihn–zur¸ckstoï¬en will, zu Lorbeerzweigen erstarret f¸hlt? Selbst der zâ°rtliche Blick ist nat¸rlich; die Verstellung hËrt auf, wenn man in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. War nicht dieses das ganze Spiel der Psyche? Und kann etwas nat¸rlicher sein? Es ist der Charakter eines jungen Mâ°dchens; eines von denen jungen Mâ°dchen, versteht sichs, mein lieber Callias, wie man sie in dieser materiellen Welt findet.” “Ich ergebe mich”, versetzte Agathon; “die Tâ°nzerin hat alles getan, was man von ihr fodern konnte, und ich war lâ°cherlich zu erwarten, daï¬ sie die Idee ausf¸hren sollte, die ich von einer Daphne in meiner Phantasie habe.” Agathon hatte dieses kaum gesprochen, als Danae, ohne ein Wort zu sagen, aufstund, der Tâ°nzerin einen Wink gab, und mit ihr verschwand. In einer kleinen Weile kam die Tâ°nzerin allein wieder zur¸ck, die FlËten fingen wieder an, und Apollo und Daphne wiederholten ihre Pantomime. Aber wie erstaunte Agathon als er sah, daï¬ es Danae selbst war, die in der Kleidung der Tâ°nzerin die Person der Daphne spielte! Armer Agathon! Allzureizende Danae! Wer hâ°tte es glauben sollen? Ihr ganzes Spiel dr¸ckte die eigenste Idee des Agathon aus, aber mit einer Anmut, mit einer Zauberei, wovon ihm seine Phantasie keine Idee gegeben hatte. Die Empfindungen, von denen seine Seele in diesen Augenblicken ¸berfallen wurde, waren so lebhaft, daï¬ er sich bem¸hte, seine Augen von diesem zu sehr bezaubernden Gegenstand abzuziehen; aber vergeblich! Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie zur¸ck. Wie edel, wie schËn waren ihre Bewegungen! Mit welch einer r¸hrenden Einfalt dr¸ckte sie den Charakter der Unschuld aus! Er sah noch in sprachloser Entz¸ckung nach dem Orte, wo sie zum Lorbeerbaum erstarrte, als sie schon wieder verschwunden war, ohne das Lob und das Hâ°ndeklatschen der Zuschauer zu erwarten, welche nicht Worte genug finden konnten, das Vergn¸gen auszudr¸cken, das ihnen Danae durch diese unerwartete Probe ihres Talents gemacht hatte. In wenigen Minuten kam sie schon wieder in ihrer eignen Person zur¸ck. “Wie sehr ist Callias dir verbunden, schËne Danae”, sagte Phâ°drias indem sie hereintrat! “Du allein konntest seinen Tadel rechtfertigen, nur diejenige konnte es, die liebensw¸rdig genug ist, um die SprËdigkeit selbst reizend zu machen. Wie sehr wâ°re ein Apollo zu bedauren, f¸r den du Daphne wâ°rest!” Es war gl¸cklich f¸r den guten Agathon, daï¬ er, indem dieses mit einem bedeutenden Blick gesagt wurde, in dem Anschauen der schËnen Danae so verloren war, daï¬ er nichts hËrte; denn sonst w¸rde ein abermaliges ErrËten die Auslegung zu diesem Text gemacht haben. Das Lob dieser Dame, und ein Gesprâ°ch ¸ber die Tanzkunst f¸llte den ¸berrest der Zeit aus, welche diese Gesellschaft noch beieinander zubrachte; ein Gesprâ°ch, dessen Mitteilung uns der Leser gerne nachlassen wird, da wir seine Begierde nach angelegenern Materien zu befriedigen haben. Nur diesen Umstand kËnnen wir nicht vorbeigehen, daï¬ Agathon bei diesem Anlaï¬ auf einmal so beredt wurde, als er vorher tiefsinnig und stillschweigend gewesen war; eine lâ°chelnde Heiterkeit schimmerte um sein ganzes Gesicht, und noch niemal hatte sein Witz sich mit solcher Lebhaftigkeit hervorgetan. Er erhielt den Beifall der ganzen Gesellschaft, und die schËne Danae selbst konnte sich nicht enthalten, ihn von Zeit zu Zeit mit einem Ausdruck von Vergn¸gen und Zufriedenheit anzusehen; indessen daï¬ in seinen nur selten von ihr abgewandten Augen etwas glâ°nzte, f¸r welches wir uns umsonst bem¸het haben, in der Sprache der Menschen einen Namen zu finden.
SECHSTES KAPITEL
Geheime Nachrichten
Wir haben von unserm Freunde Plutarch gelernt, daï¬ sehr kleine Begebenheiten Ëfters durch groï¬e Folgen merkw¸rdig werden, und sehr kleine Handlungen uns nicht selten tiefere Blicke in das Inwendige der Menschen tun lassen, als die feierlichen Handlungen, wozu man, weil sie dem Ëffentlichen Urteil ausgesetzt sind, sich ordentlicher Weise in eine gewisse mit sich selbst abgeredete Verfassung zu setzen pflegt. Die Gr¸ndlichkeit dieser Beobachtung hat uns bewogen, in der Geschichte der Pantomime, welche das vorige Kapitel ausf¸llt, so umstâ°ndlich zu sein; und wir hoffen uns deshalb vollkommen zu rechtfertigen, wenn wir diese Erzâ°hlung durch dasjenige ergâ°nzen, was die liebensw¸rdige Psyche betrifft, mit welcher der Leser schon im ersten Buche, wiewohl nur im Vorbeigehen, bekannt zu werden angefangen hat. Diese Psyche, so wie sie war, hatte bisher unter allen Wesen, welche in die Sinne fallen, (wir setzen diese Einschrâ°nkung nicht ohne Ursach hinzu, so seltsam sie auch in anti-platonischen Ohren klingen mag) den ersten Platz in seinem Herzen eingenommen, und er hatte, seitdem sie von ihm entfernt war, kein Frauenzimmer gesehen, die nicht durch die bloï¬e Erinnerung an Psyche alle Macht ¸ber sein Herz und selbst ¸ber seine Sinnen verloren hâ°tte; deren Bewegungen, wie man weiï¬, sonst nicht immer mit den erstern so parallel laufen, als gewisse Romanenschreiber vorauszusetzen scheinen. Die Wahrheit zu gestehen, so war dieses nicht die W¸rkung derjenigen heroischen Treue und Standhaftigkeit in der Liebe, welche in besagten Romanen zu einer Tugend von der ersten Klasse gemacht wird; Psyche erhielt sich im Besitz seines Herzens, weil ihm die Erinnerungen, die er von ihr hatte, angenehmer waren, als die Empfindungen, die ihm irgend eine andre SchËne einzuflËï¬en vermocht, oder weil er bisher keine andre gesehen hatte, die so sehr nach seinem Herzen gewesen wâ°re. Eine Erfahrung von etlichen Jahren beredete ihn, daï¬ es allezeit so sein w¸rde, und daher kam vielleicht die Best¸rzung, wovon er befallen wurde, als der erste Anblick der schËnen Danae ihm eine Vollkommenheit darstellte, die seiner Einbildung nach allein jenseits des Mondes anzutreffen sein sollte. Er m¸ï¬te nicht Agathon gewesen sein, wenn diese Erscheinung sich nicht seiner ganzen Seele so sehr bemeistert hâ°tte, wie wir gesehen haben. Niemals, deuchte ihn, hatte er in einem so hohen Grad und in einer so seltnen Harmonie alle diese feinern SchËnheiten, von denen gemeine Seelen nicht ger¸hrt zu werden fâ°hig sind, vereiniget gesehen. Ihre Gestalt, ihre Blicke, ihr Lâ°cheln, ihre Gebâ°rden, ihr Gang, alles hatte diese Vollkommenheit, welche die Dichter den GËttinnen zuzuschreiben pflegen. Was Wunder also, daï¬ er in den ersten Stunden nichts als anschauen und bewundern konnte, und daï¬ seine entz¸ckte Seele noch keine Zeit hatte auf dasjenige acht zu geben, was in ihr vorging. In der Tat waren alle ihre ¸brigen Krâ°fte so gebunden, daï¬ er wider seine Gewohnheit in dieser ganzen Zeit sich seiner Psyche eben so wenig erinnerte, als ob sie nie gewesen wâ°re. Allein als die junge Tâ°nzerin zum Vorschein kam, welche die Person der Daphne spielte, so stellte einige â°hnlichkeit, die sie w¸rklich in der Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte, ihm auf einmal, wiewohl ohne daï¬ er sich dessen deutlich bewuï¬t war, das Bild seiner abwesenden Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch eine gewËhnliche mechanische W¸rkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und wenn er so vieles an der Tâ°nzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde nur darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte, oder weil sie nicht Psyche war. So gewËhnlich dergleichen Spiele der Einbildung sind, so selten ist es, daï¬ man den Einfluï¬ deutlich unterscheidet, den sie auf unsre Urteile oder Neigungen zu haben pflegen. Agathon selbst, der sich von seiner ersten Jugend an eine Beschâ°ftigung daraus gemacht hatte, den geheimen Triebfedern seiner innerlichen Bewegungen nachzusp¸ren, merkte dennoch nicht eher, was bei diesem Anlaï¬ in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche, dieser Name, dessen bloï¬er Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn ersch¸tterte, und in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu beschreiben M¸he gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besondern Dunkelheit, die in unsrer Urkunde ¸ber diese Stelle liegt, urteilen d¸rfen. Was auch die Ursache dieser Best¸rzung gewesen sein mag, so ist gewiï¬, daï¬ er weit davon entfernt war nur zu argwËhnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze vielleicht dar¸ber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches er von Psyche allein ausgef¸llt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug, wofern es anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen, weil dieser geliebte Name w¸rklich in wenig Augenblicken seine ganze Zâ°rtlichkeit rege machte. Er bemerkte nun erst deutlich die â°hnlichkeiten, welche die beiden Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem Vorurteile, welches der Abwesenden so g¸nstig war, daï¬ die Gegenwâ°rtige ihr nur zum Schatten dienen muï¬te; ja wir wissen nicht, ob eine so lebhafte Erinnerung nicht endlich der schËnen Danae selbst Abbruch getan hâ°tte, wenn diese, gleich als ob sie durch eine Art von Divination erraten hâ°tte was in seiner Seele vorging, nicht auf den gl¸cklichen Einfall gekommen wâ°re, sich an den Platz der kleinen Tâ°nzerin zu setzen, um die Vorstellung auszuf¸hren, welche sich Agathon von einer idealischen Daphne gemacht, und deren die Geschmeidigkeit ihres Geistes sich so schnell und so gl¸cklich zu bemâ°chtigen gewuï¬t hatte. Einen schlimmern Streich konnte sie in der Tat der einen und der andern Psyche nicht spielen. Beide wurden von ihrem blendenden Glanze, wie benachbarte Sterne von dem vollen Mond, ausgelËscht. Und wie hâ°tte ihn auch das Bild seiner abwesenden Geliebten noch lâ°nger beschâ°ftigen kËnnen, da alle Anschauungskrâ°fte seiner Seele, auf diesen einzigen bezaubernden Gegenstand geheftet, ihm kaum zureichend schienen, dessen ganze Vollkommenheit zu empfinden; da er diese sittliche Venus mit allen ihren geistigen Grazien w¸rklich vor sich sah, zu deren bloï¬en Schattenbild ihn Psyche zu erheben vermocht hatte?
Wir wissen nicht, ob man eben ein Hippias sein m¸ï¬te, um zu glauben, daï¬ gewisse SchËnheiten von einer nicht so unkËrperlichen, wiewohl in ihrer Art eben so vollkommenen Natur, weit mehr als Agathon selbst gewahr wurde, zu dieser Verz¸ckung in die idealischen Welten beigetragen haben kËnnten, worin er wâ°hrend dem pantomimischen Tanz der Danae sich befand. Die Nymphen-mâ°ï¬ige Kleidung, welche dieser Tanz erforderte, war nur allzugeschickt diese Reizungen in ihrer ganzen Macht und in dem mannigfaltigsten Lichte zu entwickeln; und wir m¸ssen gestehen, die GËttin der Liebe selbst hâ°tte sich nicht zuversichtlicher als die untadelliche Danae dem Auge der schâ°rfsten Kenner, ja selbst den Augen einer Nebenbuhlerin, in diesem Aufzug ¸berlassen d¸rfen. Der Charakter der ungeschminkten Unschuld, welchen sie so unverbesserlich nachahmte, schien dadurch einen noch lebhaftern Ausdruck zu erhalten; aber einen so lebhaften, daï¬ ein jeder andrer als ein Agathon dabei in Gefahr gewesen wâ°re, die seinige zu verlieren. Freilich hatten die ¸brigen Zuschauer M¸he genug, sich zu enthalten, die Rolle des Apollo in ganzem Ernste zu machen; aber von unsern Helden hatte Danae nichts zu besorgen; und sie fand, daï¬ Hippias nicht zuviel von ihm versprochen hatte. Diese materiellen SchËnheiten, die er nicht einmal deutlich unterschied, weil sie in seinen Augen mit den geistigen in Eins zusammengeflossen waren, mochten den Grad der Lebhaftigkeit seiner Empfindungen noch so sehr erhËhen, so konnten sie doch die Natur derselben nicht verâ°ndern; niemals in seinem Leben waren sie reiner, Begierden-freier, unkËrperlicher gewesen. Kurz, so widersinnisch es jenen aus grËberm Stoff gebildeten ErdensËhnen, welche in dem vollkommensten Weibe nur ein Weib sehen, scheinen mag, so gewiï¬ war es, daï¬ Danae mit einer Gestalt und in einem Aufzug, welcher (mit dem weisen Hippias zu reden) einen Geist hâ°tte verkËrpern mËgen, diesen seltsamen J¸ngling in einen so vËlligen Geist verwandelte, als man jemals diesseits und vielleicht auch jenseits des Mondes gesehen hat.
Fâ¹NFTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Was die Nacht durch in den Gem¸tern einiger von unsern Personen vorgegangen
Wir haben schon so viel von der gegenwâ°rtigen Gem¸tsverfassung unsers Helden gesagt, daï¬ man sich nicht verwundern wird, wenn wir hinzusetzen, daï¬ er den ¸brigen Teil der Nacht in ununterbrochenem Anschauen dieser idealen Vollkommenheit zubrachte, die seine Einbildungskraft mit einer ihr gewËhnlichen Kunst, und ohne daï¬ er den Betrug merkte, an die Stelle der schËnen Danae geschoben hatte. Dieses Anschauen setzte sein Gem¸t in eine so angenehme und ruhige Entz¸ckung, daï¬ er, gleich als ob nun alle seine W¸nsche befriediget wâ°ren, nicht das geringste von der Unruhe, den Begierden, der innerlichen Gâ°rung, der Abwechslung von Frost und Hitze f¸hlte, womit die Leidenschaft, mit der man ihn, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, behaftet glauben konnte, sich ordentlicher Weise anzuk¸ndigen pflegt.
Was die Danae betrifft, welche die Ehre hatte, diese erhabene Entz¸ckungen in ihm zu erwecken, so brachte sie den Rest der Nacht wo nicht mit eben so erhabenen doch in ihrer Art mit eben so angenehmen Betrachtungen zu. Agathon hatte ihr gefallen, sie war mit dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht, zufrieden; und sie glaubte, nach den Beobachtungen, die ihr dieser Abend bereits an die Hand gegeben, daï¬ sie sich selbst mit gutem Grunde zutrauen kËnne, ihn, durch die gehËrigen Gradationen, zu einem zweiten und vielleicht standhaftern Alcibiades zu machen. Nichts war ihr hiebei angenehmer als die Bestâ°tigung des Plans, den sie sich ¸ber die Art und Weise, wie man seinem Herzen am leichtesten beikommen kËnne, gemacht hatte. Es ist wahr, daï¬ der Einfall, sich an die Stelle der Tâ°nzerin zu setzen, ihr erst in dem Augenblick gekommen war, da sie ihn ausf¸hrte; allein sie w¸rde ihn nicht ausgef¸hrt haben, wenn sie nicht die gute W¸rkung davon mit einer Art von Gewiï¬heit vorausgesehen hâ°tte. Hâ°tte sie in dem ersten Augenblick, da sie sich ihm darstellte, in ihren Gebâ°rden, oder in ihrem Anzug das mindeste gehabt, das ihm anstËï¬ig hâ°tte sein kËnnen, so w¸rde es ihr schwer gewesen sein, den widrigen Eindruck dieses ersten Augenblicks jemals wieder gut zu machen. Agathon muï¬te in den Fall gesetzt werden, sich selbst zu hintergehen, ohne es gewahr zu werden; und wenn er f¸r subalterne Reizungen empfindlich gemacht werden sollte, so muï¬te es durch Vermittlung der Einbildungskraft und auf eine solche Art geschehen, daï¬ die geistigen und die materiellen SchËnheiten sich in seinen Augen vermengten, und daï¬ er in den letztern nichts als den Widerschein der ersten zu sehen glaubte. Danae wuï¬te sehr wohl, daï¬ die intelligible SchËnheit keine Leidenschaft erweckt, und daï¬ die Tugend selbst, wenn sie (wie Plato sagt) in sichtbarer Gestalt unaussprechliche Liebe einflËï¬en w¸rde, diese W¸rkung mehr der blendenden Weiï¬e und dem reizenden Contour eines schËnen Busens, als der Unschuld, die aus demselben hervorschimmerte, zuzuschreiben haben w¸rde. Allein das wuï¬te Agathon noch nicht; er muï¬te also betrogen werden, und, so wie sie es anging, konnte sie mit der grËï¬ten Wahrscheinlichkeit hoffen, daï¬ es ihr gelingen w¸rde.
Der weise Hippias hatte zuviel Ursache, den Agathon bei dieser Gelegenheit zu beobachten, als daï¬ ihm das geringste entgangen wâ°re, was ihn von dem gl¸cklichen Fortgang seines Anschlags zu versichern schien. Allein er schmeichelte sich zuviel, wenn er hoffte, Callias werde, in dem ekstatischen Zustande, worin er zu sein schien, ihn zum Vertrauten seiner Empfindungen machen. Das Vorurteil, welches dieser wider ihn gefaï¬t hatte, verschloï¬ ihm den Mund, so gern er auch dem Strome seiner Begeisterung den Lauf gelassen hâ°tte. Eine Danae war in seinen Augen ein so vortrefflicher Gegenstand, und das was er f¸r sie empfand, so rein, so weit ¸ber die brutale Denkungsart eines Hippias erhaben; daï¬ er durch eine unzeitige Vertraulichkeit gegen diesen Ungeweihten beides zu entheiligen geglaubt hâ°tte.