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  • 1795-1796
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seiner W‰rter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still aufgelˆst und sich verblutet. Natalie ging mit dem Kinde spazieren, es war munter wie in seinen gl¸cklichsten Tagen. “Du bist doch gut”, sagte Felix zu ihr, “du zankst nicht, du schl‰gst mich nicht, ich will dir’s nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter Aurelie schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff; der Vater sah so bˆs aus, ich dachte, er w¸rde mich schlagen.”

Mit befl¸gelten Schritten eilte Natalie zu dem Schlosse; Wilhelm kam ihr, noch voller Sorgen, entgegen. “Gl¸cklicher Vater!” rief sie laut, indem sie das Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, “da hast du deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, seine Unart hat ihn gerettet.”

Man erz‰hlte den gl¸cklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit l‰chelnder, stiller, bescheidner Gewiflheit zuhˆrte, mit der man den Irrtum guter Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf alles, konnte diesmal eine solche hohe Selbstgen¸gsamkeit nicht erkl‰ren, bis er endlich nach manchen Umschweifen erfuhr: der Graf sei ¸berzeugt, das Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es aber durch sein Gebet und durch das Auflegen seiner H‰nde wunderbar am Leben erhalten. Nun beschlofl er auch sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie gewˆhnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede faflte die schˆne Gr‰fin Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der Schwester losliefl, dr¸ckte alle vier H‰nde zusammen, kehrte sich schnell um und stieg in den Wagen.

Soviel schreckliche und wunderbare Begebenheiten, die sich eine ¸ber die andere dr‰ngten, zu einer ungewohnten Lebensart nˆtigten und alles in Unordnung und Verwirrung setzten, hatten eine Art von fieberhafter Schwingung in das Haus gebracht. Die Stunden des Schlafens und Wachens, des Essens, Trinkens und geselligen Zusammenseins waren verr¸ckt und umgekehrt. Aufler Theresen war niemand in seinem Gleise geblieben; die M‰nner suchten durch geistige Getr‰nke ihre gute Laune wiederherzustellen, und indem sie sich eine k¸nstliche Stimmung gaben, entfernten sie die nat¸rliche, die allein uns wahre Heiterkeit und T‰tigkeit gew‰hrt.

Wilhelm war durch die heftigsten Leidenschaften bewegt und zerr¸ttet, die unvermuteten und schreckhaften Anf‰lle hatten sein Innerstes ganz aus aller Fassung gebracht, einer Leidenschaft zu widerstehn, die sich des Herzens so gewaltsam bem‰chtigt hatte. Felix war ihm wiedergegeben, und doch schien ihm alles zu fehlen; die Briefe von Wernern mit den Anweisungen waren da, ihm mangelte nichts zu seiner Reise als der Mut, sich zu entfernen. Alles dr‰ngte ihn zu dieser Reise. Er konnte vermuten, dafl Lothario und Therese nur auf seine Entfernung warteten, um sich trauen zu lassen. Jarno war wider seine Gewohnheit still, und man h‰tte beinahe sagen kˆnnen, er habe etwas von seiner gewˆhnlichen Heiterkeit verloren. Gl¸cklicherweise half der Arzt unserm Freunde einigermaflen aus der Verlegenheit, indem er ihn f¸r krank erkl‰rte und ihm Arznei gab.

Die Gesellschaft kam immer abends zusammen, und Friedrich, der ausgelassene Mensch, der gewˆhnlich mehr Wein als billig trank, bem‰chtigte sich des Gespr‰chs und brachte nach seiner Art mit hundert Zitaten und eulenspiegelhaften Anspielungen die Gesellschaft zum Lachen und setzte sie auch nicht selten in Verlegenheit, indem er laut zu denken sich erlaubte.

An die Krankheit seines Freundes schien er gar nicht zu glauben. Einst, als sie alle beisammen waren, rief er aus: “Wie nennt Ihr das ¸bel, Doktor, das unsern Freund angefallen hat? Paflt hier keiner von den dreitausend Namen, mit denen Ihr Eure Unwissenheit ausputzt? An ‰hnlichen Beispielen wenigstens hat es nicht gefehlt. Es kommt”, fuhr er mit einem emphatischen Tone fort, “ein solcher Kasus in der ‰gyptischen oder babylonischen Geschichte vor.”

Die Gesellschaft sah einander an und l‰chelte.

“Wie hiefl der Kˆnig?” rief er aus und hielt einen Augenblick inne. “Wenn ihr mir nicht einhelfen wollt”, fuhr er fort, “so werde ich mir selbst zu helfen wissen.” Er rifl die T¸rfl¸gel auf und wies nach dem groflen Bilde im Vorsaal. “Wie heiflt der Ziegenbart mit der Krone dort, der sich am Fufle des Bettes um seinen kranken Sohn abh‰rmt? Wie heiflt die Schˆne, die hereintritt und in ihren sittsamen Schelmenaugen Gift und Gegengift zugleich f¸hrt? Wie heiflt der Pfuscher von Arzt, dem erst in diesem Augenblicke ein Licht aufgeht, der das erste Mal in seinem Leben Gelegenheit findet, ein vern¸nftiges Rezept zu verordnen, eine Arznei zu reichen, die aus dem Grunde kuriert und die ebenso wohlschmeckend als heilsam ist?”

In diesem Tone fuhr er fort zu schwadronieren. Die Gesellschaft nahm sich so gut als mˆglich zusammen und verbarg ihre Verlegenheit hinter einem gezwungenen L‰cheln. Eine leichte Rˆte ¸berzog Nataliens Wangen und verriet die Bewegungen ihres Herzens. Gl¸cklicherweise ging sie mit Jarno auf und nieder; als sie an die T¸re kam, schritt sie mit einer klugen Bewegung hinaus, einigemal in dem Vorsaale hin und wider und ging sodann auf ihr Zimmer.

Die Gesellschaft war still. Friedrich fing an zu tanzen und zu singen:

Oh, ihr werdet Wunder sehn!
Was geschehn ist, ist geschehn,
Was gesagt ist, ist gesagt.
Eh es tagt,
Sollt ihr Wunder sehn.

Therese war Natalien nachgegangen, Friedrich zog den Arzt vor das grofle Gem‰lde, hielt eine l‰cherliche Lobrede auf die Medizin und schlich davon.

Lothario hatte bisher in einer Fenstervertiefung gestanden und sah, ohne sich zu r¸hren, in den Garten hinunter. Wilhelm war in der schrecklichsten Lage. Selbst da er sich nun mit seinem Freunde allein sah, blieb er eine Zeitlang still; er ¸berlief mit fl¸chtigem Blick seine Geschichte und sah zuletzt mit Schaudern auf seinen gegenw‰rtigen Zustand; endlich sprang er auf und rief: “Bin ich schuld an dem, was vorgeht, an dem, was mir und Ihnen begegnet, so strafen Sie mich! Zu meinen ¸brigen Leiden entziehen Sie mir Ihre Freundschaft, und lassen Sie mich ohne Trost in die weite Welt hinausgehen, in der ich mich lange h‰tte verlieren sollen. Sehen Sie aber in mir das Opfer einer grausamen, zuf‰lligen Verwicklung, aus der ich mich herauszuwinden unf‰hig war, so geben Sie mir die Versicherung Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft auf eine Reise mit, die ich nicht l‰nger verschieben darf. Es wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen werde sagen kˆnnen, was diese Tage in mir vorgegangen ist. Vielleicht leide ich eben jetzt diese Strafe, weil ich mich Ihnen nicht fr¸h genug entdeckte, weil ich gezaudert habe, mich Ihnen ganz zu zeigen, wie ich bin; Sie h‰tten mir beigestanden, Sie h‰tten mir zur rechten Zeit losgeholfen. Aber- und abermal gehen mir die Augen ¸ber mich selbst auf, immer zu sp‰t und immer umsonst. Wie sehr verdiente ich die Strafrede Jarnos! Wie glaubte ich sie gefaflt zu haben, wie hoffte ich sie zu nutzen, ein neues Leben zu gewinnen! Konnte ich’s? Sollte ich’s? Vergebens klagen wir Menschen uns selbst, vergebens das Schicksal an! Wir sind elend und zum Elend bestimmt, und ist es nicht vˆllig einerlei, ob eigene Schuld, hˆherer Einflufl oder Zufall, Tugend oder Laster, Weisheit oder Wahnsinn uns ins Verderben st¸rzen? Leben Sie wohl! Ich werde keinen Augenblick l‰nger in dem Hause verweilen, in welchem ich das Gastrecht wider meinen Willen so schrecklich verletzt habe. Die Indiskretion Ihres Bruders ist unverzeihlich, sie treibt mein Ungl¸ck auf den hˆchsten Grad, sie macht mich verzweifeln.”

“Und wenn nun”, versetzte Lothario, indem er ihn bei der Hand nahm, “Ihre Verbindung mit meiner Schwester die geheime Bedingung w‰re, unter welcher sich Therese entschlossen hat, mir ihre Hand zu geben? Eine solche Entsch‰digung hat Ihnen das edle M‰dchen zugedacht; sie schwur, dafl dieses doppelte Paar an einem Tage zum Altare gehen sollte. “Sein Verstand hat mich gew‰hlt”, sagte sie, “sein Herz fordert Natalien, und mein Verstand wird seinem Herzen zu H¸lfe kommen.” Wir wurden einig, Natalien und Sie zu beobachten; wir machten den Abbe zu unserm Vertrauten, dem wir versprechen muflten, keinen Schritt zu dieser Verbindung zu tun, sondern alles seinen Gang gehen zu lassen. Wir haben es getan. Die Natur hat gewirkt, und der tolle Bruder hat nur die reife Frucht abgesch¸ttelt. Lassen Sie uns, da wir einmal so wunderbar zusammenkommen, nicht ein gemeines Leben f¸hren; lassen Sie uns zusammen auf eine w¸rdige Weise t‰tig sein! Unglaublich ist es, was ein gebildeter Mensch f¸r sich und andere tun kann, wenn er, ohne herrschen zu wollen, das Gem¸t hat, Vormund von vielen zu sein, sie leitet, dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun mˆchten, und sie zu ihren Zwecken f¸hrt, die sie meist recht gut im Auge haben und nur die Wege dazu verfehlen. Lassen Sie uns hierauf einen Bund schlieflen; es ist keine Schw‰rmerei, es ist eine Idee, die recht gut ausf¸hrbar ist und die ˆfters, nur nicht immer mit klarem Bewufltsein, von guten Menschen ausgef¸hrt wird. Meine Schwester Natalie ist hiervon ein lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer die Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schˆnen Seele vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen andern, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu der Zeit, als unser guter Arzt jenes Manuskript so rubrizierte, die schˆnste Natur war, die wir in unserm Kreise kannten. Indes hat Natalie sich entwickelt, und die Menschheit freut sich einer solchen Erscheinung.”

Er wollte weiterreden, aber Friedrich sprang mit groflem Geschrei herein. “Welch einen Kranz verdien ich?” rief er aus, “und wie werdet ihr mich belohnen? Myrten, Lorbeer, Efeu, Eichenlaub, das frischeste, das ihr finden kˆnnt, windet zusammen; so viel Verdienste habt ihr in mir zu krˆnen. Natalie ist dein! Ich bin der Zauberer, der diesen Schatz gehoben hat.”

“Er schw‰rmt”, sagte Wilhelm, “und ich gehe.”

“Hast du Auftrag?” sagte der Baron, indem er Wilhelmen festhielt.

“Aus eigner Macht und Gewalt”, versetzte Friedrich, “auch von Gottes Gnaden, wenn ihr wollt; so war ich Freiersmann, so bin ich jetzt Gesandter, ich habe an der T¸re gehorcht, sie hat sich ganz dem Abbe entdeckt.”

“Unversch‰mter!” sagte Lothario, “wer heiflt dich horchen!”

“Wer heiflt sie sich einschlieflen!” versetzte Friedrich, “ich hˆrte alles ganz genau, Natalie war sehr bewegt. In der Nacht, da das Kind so krank schien und halb auf ihrem Schofle ruhte, als du trostlos vor ihr saflest und die geliebte B¸rde mit ihr teiltest, tat sie das Gel¸bde, wenn das Kind st¸rbe, dir ihre Liebe zu bekennen und dir selbst die Hand anzubieten; jetzt, da das Kind lebt, warum soll sie ihre Gesinnung ver‰ndern? Was man einmal so verspricht, h‰lt man unter jeder Bedingung. Nun wird der Pfaffe kommen und wunder denken, was er f¸r Neuigkeiten bringt.”

Der Abbe trat ins Zimmer. “Wir wissen alles!” rief Friedrich ihm entgegen, “macht es kurz, denn Ihr kommt blofl um der Formalit‰t willen; zu weiter nichts werden die Herren verlangt.”

“Er hat gehorcht”, sagte der Baron. “Wie ungezogene” rief der Abbe.

“Nun geschwind”, versetzte Friedrich, “wie sieht’s mit den Zeremonien aus? Die lassen sich an den Fingern herz‰hlen; Ihr m¸flt reisen, die Einladung des Marchese kommt Euch herrlich zustatten. Seid Ihr nur einmal ¸ber die Alpen, so findet sich zu Hause alles; die Menschen wissen’s Euch Dank, wenn Ihr etwas Wunderliches unternehmt, Ihr verschafft ihnen eine Unterhaltung, die sie nicht zu bezahlen brauchen. Es ist eben, als wenn Ihr eine Freiredoute g‰bt; es kˆnnen alle St‰nde daran teilnehmen.”

“Ihr habt Euch freilich mit solchen Volksfesten schon sehr ums Publikum verdient gemacht”, versetzte der Abbe, “und ich komme, so scheint es, heute nicht mehr zum Wort.”

“Ist nicht alles, wie ich’s sage”, versetzte Friedrich, “so belehrt uns eines Bessern. Kommt her¸ber, kommt her¸ber! wir m¸ssen sie sehen und uns freuen.”

Lothario umarmte seinen Freund und f¸hrte ihn zu der Schwester; sie kam mit Theresen ihm entgegen, alles schwieg.

“Nicht gezaudert!” rief Friedrich. “In zwei Tagen kˆnnt ihr reisefertig sein. Wie meint Ihr, Freund”, fuhr er fort, indem er sich zu Wilhelmen wendete, “als wir Bekanntschaft machten, als ich Euch den schˆnen Straufl abforderte, wer konnte denken, dafl Ihr jemals eine solche Blume aus meiner Hand empfangen w¸rdet?”

“Erinnern Sie mich nicht in diesem Augenblicke des hˆchsten Gl¸cks an jene Zeiten!”

“Deren Ihr Euch nicht sch‰men sollet, sowenig man sich seiner Abkunft zu sch‰men hat. Die Zeiten waren gut, und ich mufl lachen, wenn ich dich ansehe: du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis’, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Kˆnigreich fand.”

“Ich kenne den Wert eines Kˆnigreichs nicht”, versetzte Wilhelm, “aber ich weifl, dafl ich ein Gl¸ck erlangt habe, das ich nicht verdiene und das ich mit nichts in der Welt vertauschen mˆchte.”