Blick hinein tat. “Ich selbst habe der Gesellschaft und den Menschen am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist mir unertrâ°glich zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche macht, einem Irrenden muï¬ ich gleich zurufen, und wenn es ein Nachtwandler wâ°re, den ich in Gefahr sâ°he, geradenweges den Hals zu brechen. Dar¸ber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbe, der behauptet, der Irrtum kËnne nur durch das Irren geheilt werden. Auch ¸ber Sie haben wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und es will schon etwas heiï¬en, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie m¸ssen mir nachsagen, daï¬ ich Ihnen, wo ich Sie antraf, die reine Wahrheit sagte.”–“Sie haben mich wenig geschont”, sagte Wilhelm, “und Sie scheinen Ihren Grundsâ°tzen treu zu bleiben.”–“Was ist denn da zu schonen”, versetzte Jarno, “wenn ein junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung nimmt?”–“Verzeihen Sie”, sagte Wilhelm, “Sie haben mir streng genug alle Fâ°higkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, daï¬, ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch unmËglich bei mir selbst dazu f¸r ganz unfâ°hig erklâ°ren.”–“Und bei mir”, sagte Jarno, “ist es doch so rein entschieden, daï¬, wer sich nur selbst spielen kann, kein Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient nicht diesen Namen. So haben Sie zum Beispiel den Hamlet und einige andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre Gestalt und die Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das wâ°re nun f¸r ein Liebhabertheater und f¸r einen jeden gut genug, der keinen andern Weg vor sich sâ°he. “Man soll sich””, fuhr Jarno fort, indem er auf die Rolle sah, “”vor einem Talente h¸ten, das man in Vollkommenheit auszu¸ben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Krâ°ften, die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern. “”
“Lesen Sie nichts!” sagte Wilhelm, “ich bitte Sie instâ°ndig, sprechen Sie fort, erzâ°hlen Sie mir, klâ°ren Sie mich auf! Und so hat also der Abbe mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist herbeischaffte?”–“Ja, denn er versicherte, daï¬ es der einzige Weg sei, Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wâ°ren.”–“Und darum lieï¬ er mir den Schleier zur¸ck und hieï¬ mich fliehen?”–“Ja, er hoffte sogar, mit der Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust geb¸ï¬t sein. Sie w¸rden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach der Vorstellung dar¸ber.”–“Und Sie haben mich also spielen sehen?”–“O gewiï¬!”–“Und wer stellte denn den Geist vor?”–“Das kann ich selbst nicht sagen; entweder der Abbe oder sein Zwillingsbruder, doch glaub ich, dieser, denn er ist um ein weniges grËï¬er.”–“Sie haben also auch Geheimnisse untereinander?”–“Freunde kËnnen und m¸ssen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein Geheimnis.”
“Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klâ°ren Sie mich ¸ber den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin und dem ich so viel Vorw¸rfe zu machen habe.”
“Was ihn uns so schâ°tzbar macht”, versetzte Jarno, “was ihm gewissermaï¬en die Herrschaft ¸ber uns alle erhâ°lt, ist der freie und scharfe Blick, den ihm die Natur ¸ber alle Krâ°fte, die im Menschen nur wohnen und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden lâ°ï¬t, gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorz¸glichen, sind nur beschrâ°nkt; jeder schâ°tzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur die beg¸nstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz entgegengesetzt wirkt der Abbe, er hat Sinn f¸r alles, Lust an allem, es zu erkennen und zu befËrdern. Da muï¬ ich doch wieder in die Rolle sehen!” fuhr Jarno fort. “”Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Krâ°fte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstËren suchen, hâ°lt sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur hËchsten Aus¸bung der geistigsten Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten â°uï¬erung des Redners und Sâ°ngers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren Anstalten, wodurch Lâ°nder erhalten und erobert werden, vom leichtesten Wohlwollen und der fl¸chtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten Gef¸hl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit mehr liegt im Menschen und muï¬ ausgebildet werden; aber nicht in einem, sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muï¬ entwickelt werden. Wenn einer nur das SchËne, der andere nur das N¸tzliche befËrdert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das N¸tzliche befËrdert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und alle kËnnen’s nicht entbehren; das SchËne muï¬ befËrdert werden, denn wenige stellen’s dar, und viele bed¸rfen’s.””
“Halten Sie inne!” rief Wilhelm, “ich habe das alles gelesen.”–“Nur noch einige Zeilen”, versetzte Jarno; “hier find ich den Abbe ganz wieder: “Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen. “”–“Und ich verstehe es auch nicht”, versetzte Wilhelm.–“Sie werden ¸ber diesen Text den Abbe noch oft genug hËren, und so lassen Sie uns nur immer recht deutlich sehen und festhalten, was an uns ist, und was wir an uns ausbilden kËnnen; lassen Sie uns gegen die andern gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schâ°tzen wissen. “–“Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich f¸hle, sie sind ein schlechtes Heilmittel f¸r ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie von mir erwarten und wie und auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen.”–“Jeden Verdacht, ich versichere Sie, werden Sie uns k¸nftig abbitten. Es ist Ihre Sache, zu pr¸fen und zu wâ°hlen, und die unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch ist nicht eher gl¸cklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an den Abbe; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt. Lernen Sie zum Beispiel Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein ¸berblick und seine Tâ°tigkeit unzertrennlich miteinander verbunden sind, wie er immer im Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit fortreiï¬t. Er f¸hrt, wo er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus dagegen! Es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser seinen hellen Blick nur auf die nâ°chsten Dinge, er verschafft mehr die Mittel zur Tâ°tigkeit, als daï¬ er die Tâ°tigkeit hervorbrâ°chte und belebte; sein Handeln sieht einem guten Wirtschaften vollkommen â°hnlich, seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden in seinem Kreis befËrdert; sein Wissen ist ein bestâ°ndiges Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht kËnnte Lothario in einem Tage zerstËren, woran dieser jahrelang gebaut hat; aber vielleicht teilt auch Lothario in einem Augenblick andern die Kraft mit, das ZerstËrte hundertfâ°ltig wiederherzustellen.”–“Es ist ein trauriges Geschâ°ft”, sagte Wilhelm, “wenn man ¸ber die reinen Vorz¸ge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewiï¬heit bewegt ist. “–“Ruhig und vern¸nftig zu betrachten ist zu keiner Zeit schâ°dlich, und indem wir uns gewËhnen, ¸ber die Vorz¸ge anderer zu denken, stellen sich die unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede falsche Tâ°tigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von uns aufgegeben. Befreien Sie wo mËglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller â°ngstlichkeit! Dort kommt der Abbe, sein Sie ja freundlich gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen; ich wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er ¸berhaupt gern ein wenig das Schicksal spielt, so lâ°ï¬t er auch nicht von der Liebhaberei, manchmal eine Heirat zu stiften.”
Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdrieï¬liche Stimmung durch alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war, fand hËchst undelikat, daï¬ sein Freund gerade in diesem Augenblick eines solchen Verhâ°ltnisses erwâ°hnte, und sagte, zwar lâ°chelnd, doch nicht ohne Bitterkeit: “Ich dâ°chte, man ¸berlieï¬e die Liebhaberei, Heiraten zu stiften, Personen, die sich liebhaben.”
VIII. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde sahen sich genËtigt, das Gesprâ°ch abzubrechen. Nicht lange, so ward ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotharios eigene Hâ°nde ¸bergeben wollte; der Mann ward vorgef¸hrt, er sah r¸stig und t¸chtig aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm glaubte ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den er damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte und der nicht wieder zur¸ckgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als Lothario, der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast verdrieï¬lich fragte: “Wie heiï¬t Sein Herr?”
“Das ist unter allen Fragen”, versetzte der Kurier mit Bescheidenheit, “auf die ich am wenigsten zu antworten weiï¬; ich hoffe, der Brief wird das NËtige vermelden; m¸ndlich ist mir nichts aufgetragen.”
“Es sei, wie ihm sei”, versetzte Lothario mit Lâ°cheln, “da Sein Herr das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenf¸ï¬ig zu schreiben, so soll er uns willkommen sein.”–“Er wird nicht lange auf sich warten lassen”, versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.
“Vernehmet nur”, sagte Lothario”,die tolle, abgeschmackte Botschaft. “Da unter allen Gâ°sten”, so schreibt der Unbekannte, “ein guter Humor der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich denselben als Reisegefâ°hrten bestâ°ndig mit mir herumf¸hre, so bin ich ¸berzeugt, der Besuch, den ich Euer Gnaden und Liebden zugedacht habe, wird nicht ¸bel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der sâ°mtlichen hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und gelegentlich mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter, Graf von Schneckenfuï¬.””
“Das ist eine neue Familie”, sagte der Abbe.
“Es mag ein Vikariatsgraf sein”, versetzte Jarno.
“Das Geheimnis ist leicht zu erraten”, sagte Natalie; “ich wette, es ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem Besuche droht.”
“Getroffen, schËne und weise Schwester!” rief jemand aus einem nahen Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor; Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies enthalten. “Wie?” rief er, “unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?” Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: “Wahrlich, weniger erstaunt wâ°r ich gewesen, die ber¸hmten Pyramiden, die doch in â°gypten so fest stehen, oder das Grab des KËnigs Mausolus, das, wie man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten meines Oheims zu finden als Euch, meinen alten Freund und vielfachen Wohltâ°ter. Seid mir besonders und schËnstens gegr¸ï¬t!”
Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und gek¸ï¬t hatte, sprang er wieder auf Wilhelmen los und rief: “Haltet mir ihn ja warm, diesen Helden, Heerf¸hrer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja ich darf wohl sagen, mit der Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine t¸chtige Tracht Schlâ°ge erspart. Er ist groï¬m¸tig wie Scipio, freigebig wie Alexander, gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu hassen. Nicht etwa, daï¬ er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte, welches, wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein Mâ°dchen entf¸hren, gute und treue Diener nach, damit ihr Fuï¬ an keinen Stein stoï¬e.”
In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne daï¬ jemand ihm Einhalt zu tun imstande gewesen wâ°re, und da niemand in dieser Art ihm erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. “Verwundert euch nicht”, rief er aus, “¸ber meine groï¬e Belesenheit in heiligen und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen Kenntnissen gelangt bin.” Man wollte von ihm wissen, wie es ihm gehe, wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittenspr¸chen und alten Geschichten nicht zur deutlichen Erklâ°rung gelangen.
Natalie sagte leise zu Theresen: “Seine Art von Lustigkeit tut mir wehe; ich wollte wetten, daï¬ ihm dabei nicht wohl ist.”
Da Friedrich auï¬er einigen Spâ°ï¬en, die ihm Jarno erwiderte, keinen Anklang f¸r seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: “Es bleibt mir nichts ¸brig, als mit der ernsthaften Familie auch ernsthaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen Umstâ°nden sogleich meine sâ°mtliche S¸ndenlast schwer auf die Seele fâ°llt, so will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte entschlieï¬en, wovon ihr aber, meine werten Herrn und Damen, nichts vernehmen sollt. Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein darnach zu fragen einige Ursache hat. Wâ°ret Ihr nicht neugierig zu wissen”, fuhr er gegen Wilhelmen fort, “wie und wo? wer? wann und warum? wie sieht’s mit der Konjugation des griechischen Verbi Phileo, Philoh und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes aus?”
Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, f¸hrte ihn fort, indem er ihn auf alle Weise dr¸ckte und k¸ï¬te.
Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: “Gedenke mein”. “Ihr hebt Eure werten Sachen gut auf!” sagte er, “wahrlich, das ist Philinens Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schËnen Mâ°dchens fleiï¬ig dabei gedacht, und versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt hâ°tte, so w¸rde ich Euch nicht ohne Neid ansehen.”
“Reden Sie nichts mehr von diesem GeschËpfe”, versetzte Wilhelm. “Ich leugne nicht, daï¬ ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange nicht loswerden konnte, aber das war auch alles.”
“Pfui! schâ°mt Euch”, rief Friedrich, “wer wird eine Geliebte verleugnen? Und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur w¸nschen konnte. Es verging kein Tag, daï¬ Ihr dem Mâ°dchen nicht etwas schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiï¬. Es blieb mir nichts ¸brig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem roten Offizierchen ist es denn auch endlich gegl¸ckt.”
“Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen und mit dem sie wegreiste?”
“Ja”, versetzte Friedrich, “den Sie f¸r Marianen hielten. Wir haben genug ¸ber den Irrtum gelacht.”
“Welche Grausamkeit!” rief Wilhelm, “mich in einer solchen Ungewiï¬heit zu lassen.”
“Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in Dienste zu nehmen!” versetzte Friedrich. “Es ist ein t¸chtiger Kerl und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das Mâ°dchen lieb ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie’s ganz eigens angetan, daï¬ ich mich ganz nahezu in einem mythologischen Falle befinde und alle Tage bef¸rchte, verwandelt zu werden.”
“Sagen Sie mir nur”, fragte Wilhelm, “wo haben Sie Ihre ausgebreitete Gelehrsamkeit her? Ich hËre mit Verwunderung der seltsamen Manier zu, die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und Fabeln zu sprechen.”
“Auf die lustigste Weise”, sagte Friedrich, “bin ich gelehrt, und zwar sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter das alte Schloï¬ eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiËse, aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in Folio, “Gottfrieds Chronik”, zwei Bâ°nde “Theatrum Europaeum”, die “Acerra Philologica”, Gryphii Schriften und noch einige minder wichtige B¸cher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten, manchmal Langeweile, wir wollten lesen, und ehe wir’s uns versahen, ward unsere Weile noch lâ°nger. Endlich hatte Philine den herrlichen Einfall, die sâ°mtlichen B¸cher auf einem groï¬en Tisch aufzuschlagen, wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo man f¸r unschicklich hâ°lt, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder wohl gar gr¸ndlich erËrtern zu wollen; wir glaubten in lebhafter Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zum Wort kommen lâ°ï¬t. Diese Unterhaltung geben wir uns regelmâ°ï¬ig alle Tage und werden dadurch nach und nach so gelehrt, daï¬ wir uns selbst dar¸ber verwundern. Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art, uns zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach einer alten, verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen ist. Schnell dreht sie das andere herum und fâ°ngt aus einem Buche zu lesen an, und kaum ist wieder der Sand im untern Glase, so beginnt das andere schon wieder seinen Spruch, und so studieren wir wirklich auf wahrhaft akademische Weise, nur daï¬ wir k¸rzere Stunden haben und unsere Studien â°uï¬erst mannigfaltig sind.”
“Diese Tollheit begreife ich wohl”, sagte Wilhelm, “wenn einmal so ein lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich.”
“Das ist”, rief Friedrich, “eben das Gl¸ck und das Ungl¸ck: Philine darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist guter Hoffnung. UnfËrmlicher und lâ°cherlicher ist nichts in der Welt als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufâ°lligerweise vor den Spiegel. “Pfui Teufel!” sagte sie und wendete das Gesicht ab, “die leibhaftige Frau Melina! Das garstige Bild! Man sieht doch ganz niedertrâ°chtig aus!””
“Ich muï¬ gestehen”, versetzte Wilhelm lâ°chelnd, “daï¬ es ziemlich komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen.”
“Es ist ein recht nâ°rrischer Streich”, sagte Friedrich, “daï¬ ich noch zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet’s, und die Zeit trifft auch. Anfangs machte mich der verw¸nschte Besuch, den sie Euch nach dem “Hamlet” abgestattet hatte, ein wenig irre.”
“Was f¸r ein Besuch?”
“Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen haben? Das allerliebste, f¸hlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr’s noch nicht wiï¬t, war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen, so muï¬ man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht ¸berhaupt nur auf der ¸berzeugung; ich bin ¸berzeugt, und also bin ich Vater. Da seht Ihr, daï¬ ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiï¬. Und wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode lacht, so kann es, wo nicht ein n¸tzlicher, doch angenehmer Weltb¸rger werden.”
Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen Gegenstâ°nden unterhielten, hatte die ¸brige Gesellschaft ein ernsthaftes Gesprâ°ch angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm sich entfernt, als der Abbe die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal f¸hrte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.
“Wir haben”, sagte er, “im allgemeinen behauptet, daï¬ Frâ°ulein Therese nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist nËtig, daï¬ wir uns hier¸ber auch nun im einzelnen erklâ°ren. Hier ist die Geschichte, die ich sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.
Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Ungl¸ck, daï¬ die Kinder, zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen und bei dem dritten die â°rzte der Mutter beinahe den Tod verk¸ndigten und ihn bei einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war genËtigt, sich zu entschlieï¬en, man wollte das Eheband nicht aufheben, man befand sich, b¸rgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in der Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Reprâ°sentation, in den Freuden der Eitelkeit eine Art von Entschâ°digung f¸r das Muttergl¸ck, das ihr versagt war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit nach, als er Neigung zu einem Frauenzimmer faï¬te, welche die ganze Haushaltung versah, eine schËne Gestalt und einen sehr soliden Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung selbst die Hâ°nde, nach welcher das gute Mâ°dchen sich Theresens Vater ¸berlieï¬, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau vom Hause fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher bezeigte.
Nach einiger Zeit erklâ°rte sie sich guter Hoffnung, und die beiden Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen Anlâ°ssen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** w¸nschte das Kind seiner Geliebten als sein rechtmâ°ï¬iges im Hause einzuf¸hren, und Frau von ***, verdrieï¬lich, daï¬ durch die Indiskretion ihres Arztes ihr Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch ein untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch eine solche Nachgiebigkeit ein ¸bergewicht im Hause zu erhalten, das sie unter den ¸brigen Umstâ°nden zu verlieren f¸rchtete. Sie war zur¸ckhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und wuï¬te, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erklâ°rung zu erleichtern. Sie machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und so entstand das Testament, worin so wenig f¸r das Kind gesorgt zu sein schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen, tâ°tigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und ¸bereilung seines abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung sehr gut, Therese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet, indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward, indem sie sich zu fr¸h wieder herauswagte, starb und den guten Mann trostlos hinterlieï¬.
Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht, sie hatte vor den Augen der Welt ein liebensw¸rdiges Kind, mit dem sie ¸bertrieben parodierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren Verhâ°ltnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah und deren Einfluï¬ sie, f¸r die Zukunft wenigstens, heimlich f¸rchtete; sie ¸berhâ°ufte das Kind mit Zâ°rtlichkeit und wuï¬te ihren Gemahl in vertraulichen Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem Verlust dergestalt an sich zu ziehen, daï¬ er sich ihr, man kann wohl sagen, ganz ergab, sein Gl¸ck und das Gl¸ck seines Kindes in ihre Hâ°nde legte und kaum kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermaï¬en nur durch seine erwachsene Tochter, wieder Herr im Hause ward. Das war, schËne Therese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so gern entdeckt hâ°tte, das ist’s, was ich Ihnen jetzt, eben da der junge Freund, der durch die sonderbarste Verkn¸pfung von der Welt Ihr Brâ°utigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umstâ°ndlich vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen, was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie lange ich schon dieser Entdeckung auf der Spur war und wie ich doch erst jetzt zur Gewiï¬heit kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem Freund etwas von der MËglichkeit des Gl¸cks zu sagen, da es ihn zu tief gekrâ°nkt haben w¸rde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male verschwunden wâ°re. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen: denn ich gestehe gern, daï¬ ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten Mâ°dchen keineswegs beg¸nstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit Theresen wieder entgegensah.”
Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben die Papiere nach einigen Tagen zur¸ck, ohne derselben weiter zu erwâ°hnen.
Man hatte Mittel genug in der Nâ°he, die Gesellschaft, wenn sie beisammen war, zu beschâ°ftigen, auch bot die Gegend so manche Reize dar, daï¬ man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde, zu Wagen oder zu Fuï¬e umsah. Jarno richtete bei einer solchen Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor, schien aber weiter keine Entschlieï¬ung von ihm zu verlangen.
“In diesem hËchst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde”, sagte Wilhelm darauf, “brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiï¬ mit einem reinen Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde kËnnen jede Art von Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine Anspr¸che an Theresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine fËrmliche Entlassung. Oh! es bedarf, mein Freund, keines groï¬en Bedenkens, mich zu entschlieï¬en. Schon diese Tage hab ich gef¸hlt, daï¬ Therese M¸he hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit, mit der sie mich zuerst hier begr¸ï¬te, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr ich habe sie nie besessen.”
“Solche Fâ°lle mËchten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen und Erwarten aufklâ°ren”, versetzte Jarno, “als durch vieles Reden, wodurch immer eine Art von Verlegenheit und Gâ°rung entsteht.”
“Ich dâ°chte vielmehr”, sagte Wilhelm, “daï¬ gerade dieser Fall der ruhigsten und der reinsten Entscheidung fâ°hig sei. Man hat mir so oft den Vorwurf des Zauderns und der Ungewiï¬heit gemacht; warum will man jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum soviel M¸he, uns zu bilden, um uns f¸hlen zu lassen, daï¬ sie sich nicht bilden mag? Ja, gËnnen Sie mir recht bald das heitere Gef¸hl, ein Miï¬verhâ°ltnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen von der Welt geraten bin.”
Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von dieser Sache hËrte, noch auch eine weitere Verâ°nderung an seinen Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr bloï¬ allgemein und gleichg¸ltig.
VIII. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Einst saï¬en Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann: “Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit abmerken.”
“Ich bin es”, versetzte der Freund, “und ich sehe ein wichtiges Geschâ°ft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt notwendig angegriffen werden muï¬. Sie wissen schon etwas im allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff, nach Amerika ¸berzuschiffen.”
“Nach Amerika?” versetzte Wilhelm lâ°chelnd; “ein solches Abenteuer hâ°tte ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, daï¬ Sie mich zum Gefâ°hrten ausersehen w¸rden.”
“Wenn Sie unsern Plan ganz kennen”, versetzte Jarno, “so werden Sie ihm einen bessern Namen geben und vielleicht f¸r ihn eingenommen werden, HËren Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den Welthâ°ndeln bekannt sein, um zu bemerken, daï¬ uns groï¬e Verâ°nderungen bevorstehn und daï¬ die Besitzt¸mer beinahe nirgends mehr recht sicher sind.”
“Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welthâ°ndeln”, fiel Wilhelm ein, “und habe mich erst vor kurzem um meine Besitzt¸mer bek¸mmert. Vielleicht hâ°tte ich wohlgetan, sie mir noch lâ°nger aus dem Sinne zu schlagen, da ich bemerken muï¬, daï¬ die Sorge f¸r ihre Erhaltung so hypochondrisch macht.”
“HËren Sie mich aus”, sagte Jarno; “die Sorge geziemt dem Alter, damit die Jugend eine Zeitlang sorglos sein kËnne. Das Gleichgewicht in den menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegensâ°tze hergestellt werden. Es ist gegenwâ°rtig nichts weniger als râ°tlich, nur an einem Ort zu besitzen, nur einem Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht dar¸ber zu f¸hren; wir haben uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm alten Turm soll eine Sozietâ°t ausgehen, die sich in alle Teile der Welt ausbreiten, in die man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren uns untereinander unsere Existenz auf den einzigen Fall, daï¬ eine Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitzt¸mern vËllig vertriebe. Ich gehe nun hin¸ber nach Amerika, um die guten Verhâ°ltnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen Aufenthalt gemacht hat. Der Abbe will nach Ruï¬land gehn, und Sie sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschlieï¬en wollen, ob Sie Lothario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen wollen. Ich dâ°chte, Sie wâ°hlten das letzte: denn eine groï¬e Reise zu tun ist f¸r einen jungen Mann â°uï¬erst n¸tzlich.”
Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: “Der Antrag ist aller ¸berlegung wert, denn mein Wahlspruch wird doch nâ°chstens sein: “Je weiter weg, je besser.” Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane nâ°her bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt herr¸hren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich un¸berwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen.”
“Davon sich die meisten nur dadurch heben werden”, versetzte Jarno, “daï¬ unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus dem allein der gesellige Sinn entstehen kann.”
Friedrich, der bisher nur zugehËrt hatte, versetzte darauf: “Und wenn ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit.”
Jarno sch¸ttelte den Kopf.
“Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?” fuhr Friedrich fort. “Bei einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die bring ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch. Und dann w¸ï¬te ich noch ein gutes junges Mâ°dchen, das hierh¸ben nicht mehr am Platz ist, die s¸ï¬e, reizende Lydie. Wo soll das arme Kind mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht gelegentlich in die Tiefe des Meeres werfen kann und wenn sich nicht ein braver Mann ihrer annimmt? Ich dâ°chte, mein Jugendfreund, da Ihr doch im Gange seid, Verlassene zu trËsten, Ihr entschlËï¬t Euch, jeder nâ°hme sein Mâ°dchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn.”
Dieser Antrag verdroï¬ Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe: “Weiï¬ ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich ¸berhaupt im Werben nicht gl¸cklich zu sein scheine, so mËchte ich einen solchen Versuch nicht machen.”
Natalie sagte darauf: “Bruder Friedrich, du glaubst, weil du f¸r dich so leichtsinnig handelst, auch f¸r andere gelte deine Gesinnung. Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehËre, das nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit einem hËchst vern¸nftigen und reinen Charakter wie Theresens war ein Wagest¸ck dieser Art zu raten.”
“Was Wagest¸ck!” rief Friedrich, “in der Liebe ist alles Wagest¸ck. Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es ist alles nur ein Wagest¸ck, und der Zufall tut alles.”
“Ich habe immer gesehen”, versetzte Natalie, “daï¬ unsere Grundsâ°tze nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir hâ°ngen unsern Fehlern gar zu gern das Gewand eines g¸ltigen Gesetzes um. Gib nur acht, welchen Weg dich die SchËne noch f¸hren wird, die dich auf eine so gewaltsame Weise angezogen hat und festhâ°lt.”
“Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege”, versetzte Friedrich, “auf dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer weiï¬, wieviel andere. ¸berhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede ist, solltest du dich gar nicht dreinmischen. Ich glaube, du heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst dich alsdann nach deiner gewohnten Gutherzigkeit auch als Supplement irgendeiner Existenz hin. Also laï¬ uns nur jetzt mit diesem Seelenverkâ°ufer da unsern Handel schlieï¬en und ¸ber unsere Reisegesellschaft einig werden.”
“Sie kommen mit Ihren Vorschlâ°gen zu spâ°t”, sagte Jarno, “f¸r Lydien ist gesorgt.”
“Und wie?” fragte Friedrich.
“Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten”, versetzte Jarno.
“Alter Herr”, sagte Friedrich, “da macht Ihr einen Streich, zu dem man, wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva, und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene Prâ°dikate finden kËnnte.”
“Ich muï¬ aufrichtig gestehen”, versetzte Natalie, “es ist ein gefâ°hrlicher Versuch, sich ein Mâ°dchen zuzueignen in dem Augenblicke, da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt.”
“Ich habe es gewagt”, versetzte Jarno, “sie wird unter einer gewissen Bedingung mein. Und glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts schâ°tzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fâ°hig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an. Die Liebe, mit der ein anderer geliebt wird, ist mir beinahe reizender als die, mit der ich geliebt werden kËnnte; ich sehe die Kraft, die Gewalt eines schËnen Herzens, ohne daï¬ die Eigenliebe mir den reinen Anblick tr¸bt.”
“Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?” versetzte Natalie.
Jarno nickte lâ°chelnd; Natalie sch¸ttelte den Kopf und sagte, indem sie aufstand: “Ich weiï¬ bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll, aber mich sollt ihr gewiï¬ nicht irremachen.”
Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der Hand hereintrat und zu ihr sagte: “Bleiben Sie! Ich habe hier einen Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der Freund Ihres verstorbenen Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten, muï¬ in diesen Tagen hier sein. Er schreibt mir, daï¬ ihm doch die deutsche Sprache nicht so gelâ°ufig sei, als er geglaubt, daï¬ er eines Gesellschafters bed¸rfe, der sie vollkommen nebst einigem andern besitze; da er mehr w¸nsche, in wissenschaftliche als politische Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher unentbehrlich. Ich w¸ï¬te niemand geschickter dazu als unsern jungen Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem unterrichtet, und es wird f¸r ihn selbst ein groï¬er Vorteil sein, in so guter Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umstâ°nden Deutschland zu sehen. Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maï¬stab f¸r fremde Lâ°nder. Was sagen Sie, meine Freunde? Was sagen Sie, Natalie?”
Niemand wuï¬te gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn, indem er ohnehin nicht sogleich aufbrechen w¸rde; Natalie schwieg, und Friedrich f¸hrte verschiedene Spr¸chwËrter ¸ber den Nutzen des Reisens an.
Wilhelm war ¸ber diesen neuen Vorschlag im Herzen so entr¸stet, daï¬ er es kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn baldmËglichst loszuwerden, nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste war, man lieï¬ sie so offenbar, so ganz ohne Schonung sehen. Auch der Verdacht, den Lydie bei ihm erregt, alles, was er selbst erfahren hatte, wurde wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig, und die nat¸rliche Art, wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm auch nur eine k¸nstliche Darstellung zu sein.
Er nahm sich zusammen und antwortete: “Dieser Antrag verdient allerdings eine reifliche ¸berlegung.”
“Eine geschwinde Entschlieï¬ung mËchte nËtig sein”, versetzte der Abbe.
“Dazu bin ich jetzt nicht gefaï¬t”, antwortete Wilhelm. “Wir kËnnen die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammen passen. Eine Hauptbedingung aber muï¬ man zum voraus eingehen: daï¬ ich meinen Felix mitnehmen und ihn ¸berall mit hinf¸hren darf.”
“Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden”, versetzte der Abbe.
“Und ich sehe nicht”, rief Wilhelm aus, “warum ich mir von irgendeinem Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen und warum ich, wenn ich einmal mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft brauche.”
“Weil ein junger Mensch”, versetzte der Abbe mit einem gewissen imponierenden Ernste, “immer Ursache hat, sich anzuschlieï¬en.”
Wilhelm, der wohl merkte, daï¬ er lâ°nger an sich zu halten nicht imstande sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch einigermaï¬en gelindert ward, lieï¬ sich hierauf mit einiger Hast vernehmen: “Man vergËnne mir nur noch kurze Bedenkzeit, und ich vermute, es wird sich geschwind entscheiden, ob ich Ursache habe, mich weiter anzuschlieï¬en, oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit mir unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden loszureiï¬en, die mir eine ewige, elende Gefangenschaft drohen.”
So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gem¸t. Ein Blick auf Natalien beruhigte ihn einigermaï¬en, indem sich in diesem leidenschaftlichen Augenblick ihre Gestalt und ihr Wert nur desto tiefer bei ihm eindr¸ckten.
“Ja”, sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, “gestehe dir nur, du liebst sie, und du f¸hlst wieder, was es heiï¬e, wenn der Mensch mit allen Krâ°ften lieben kann. So liebte ich Marianen und ward so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen und muï¬te sie verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie nicht lieben; ich verehrte Theresen, und die vâ°terliche Liebe nahm die Gestalt einer Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen zusammentreffen, die den Menschen gl¸cklich machen sollten, jetzt bist du genËtigt zu fliehen! Ach! warum muï¬ sich zu diesen Empfindungen, zu diesen Erkenntnissen das un¸berwindliche Verlangen des Besitzes gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese ¸berzeugungen jede andere Art von Gl¸ckseligkeit vËllig zugrunde? Werde ich k¸nftig der Sonne und der Welt, der Gesellschaft oder irgendeines Gl¸cksgutes genieï¬en? wirst du nicht immer zu dir sagen: “Natalie ist nicht da!”, und doch wird leider Natalie dir immer gegenwâ°rtig sein. Schlieï¬est du die Augen, so wird sie sich dir darstellen; Ëffnest du sie, so wird sie vor allen Gegenstâ°nden hinschweben wie die Erscheinung, die ein blendendes Bild im Auge zur¸cklâ°ï¬t. War nicht schon fr¸her die schnell vor¸bergegangene Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer gegenwâ°rtig? Und du hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht. Nun, da du sie kennst, da du ihr so nahe warst, da sie so vielen Anteil an dir gezeigt hat, nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gem¸t geprâ°gt als ihr Bild jemals in deine Sinne. â°ngstlich ist es, immer zu suchen, aber viel â°ngstlicher, gefunden zu haben und verlassen zu m¸ssen. Wornach soll ich in der Welt nun weiter fragen? wornach soll ich mich weiter umsehen? Welche Gegend, welche Stadt verwahrt einen Schatz, der diesem gleich ist? Und ich soll reisen, um nur immer das Geringere zu finden? Ist denn das Leben bloï¬, wie eine Rennbahn, wo man sogleich schnell wieder umkehren muï¬, wenn man das â°uï¬erste Ende erreicht hat? Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein festes, unverr¸cktes Ziel da, von dem man sich ebenso schnell mit raschen Pferden wieder entfernen muï¬, als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt daï¬ jeder andere, der nach irdischen Waren strebt, sie in den verschiedenen Himmelsgegenden oder wohl gar auf der Messe und dem Jahrmarkt anschaffen kann.”
“Komm, lieber Knabe!” rief er seinem Sohn entgegen, der eben dahergesprungen kam, “sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die grËï¬ere L¸cke auszuf¸llen. Beschâ°ftige mein Herz, beschâ°ftige meinen Geist mit deiner SchËnheit, deiner Liebensw¸rdigkeit, deiner Wiï¬begierde und deinen Fâ°higkeiten!”
Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschâ°ftigt, der Vater suchte es ihm besser, ordentlicher, zweckmâ°ï¬iger einzurichten; aber in dem Augenblicke verlor auch das Kind die Lust daran. “Du bist ein wahrer Mensch!” rief Wilhelm aus, “komm, mein Sohn! komm, mein Bruder, laï¬ uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir kËnnen!”
Sein Entschluï¬, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und sich an den Gegenstâ°nden der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester Vorsatz. Er schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe und schickte Friedrichs Kurier mit dem geschâ°rften Auftrage weg, bald wiederzukommen. Sosehr er gegen die ¸brigen Freunde auch verstimmt war, so rein blieb sein Verhâ°ltnis zu Natalien. Er vertraute ihr seine Absicht; auch sie nahm f¸r bekannt an, daï¬ er gehen kËnne und m¸sse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichg¸ltigkeit an ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart vollkommen. Sie riet ihm, verschiedene Stâ°dte zu besuchen, um dort einige ihrer Freunde und Freundinnen kennenzulernen. Der Kurier kam zur¸ck, brachte, was Wilhelm verlangt hatte, obgleich Werner mit diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein schien. “Meine Hoffnung, daï¬ du vern¸nftig werden w¸rdest”, schrieb dieser, “ist nun wieder eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift ihr nun alle zusammen herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem Beistande du mir Hoffnung machtest? Auch die ¸brigen Freunde sind nicht gegenwâ°rtig; dem Gerichtshalter und mir ist das ganze Geschâ°ft aufgewâ°lzt. Ein Gl¸ck, daï¬ er eben ein so guter Rechtsmann ist, als ich ein Finanzmann bin, und daï¬ wir beide etwas zu schleppen gewohnt sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen dir verziehen sein, da doch ohne sie unser Verhâ°ltnis in dieser Gegend nicht hâ°tte so gut werden kËnnen.”
Was das â°uï¬ere betraf, hâ°tte er nun immer abreisen kËnnen, allein sein Gem¸t war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein f¸r allemal Mignons KËrper nicht zeigen als bei den Exequien, welche der Abbe zu halten gedachte, zu welcher Feierlichkeit noch nicht alles bereit war. Auch war der Arzt durch einen sonderbaren Brief des Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den Harfenspieler, von dessen Schicksalen Wilhelm nâ°her unterrichtet sein wollte.
In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele oder des KËrpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und her. Die Gegenwart der alten, bekannten Kunstwerke zog ihn an und stieï¬ ihn ab. Er konnte nichts, was ihn umgab, weder ergreifen noch lassen, alles erinnerte ihn an alles, er ¸bersah den ganzen Ring seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und schien sich auf ewig nicht schlieï¬en zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, daï¬ auch er von einem ruhigen und gr¸ndlichen Besitz des W¸nschenswerten in der Welt teils ausgeschlossen, teils desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt werden sollte. Er verlor sich so weit in diesen sonderbaren und traurigen Betrachtungen, daï¬ er sich selbst manchmal wie ein Geist vorkam und, selbst wenn er die Dinge auï¬er sich bef¸hlte und betastete, sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch wirklich lebe und da sei.
Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, daï¬ er alles das Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig verlassen m¸sse, nur seine Trâ°nen gaben ihm das Gef¸hl seines Daseins wieder. Vergebens rief er sich den gl¸cklichen Zustand, in dem er sich doch eigentlich befand, vors Gedâ°chtnis. “So ist denn alles nichts”, rief er aus, “wenn das eine fehlt, das dem Menschen alles ¸brige wert ist!”
Der Abbe verk¸ndigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. “Sie sind zwar, wie es scheint”, sagte er zu Wilhelmen, “mit Ihrem Knaben allein abzureisen entschlossen; lernen Sie jedoch wenigstens diesen Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle Fâ°lle n¸tzlich sein kann.” Der Marchese erschien; es war ein Mann noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefâ°lligen lombardischen Figuren. Er hatte als J¸ngling mit dem Oheim der schon um vieles â°lter war, bei der Armee, dann in Geschâ°ften Bekanntschaft gemacht; sie hatten nachher einen groï¬en Teil von Italien zusammen durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand, waren zum groï¬en Teil in seiner Gegenwart und unter manchen gl¸cklichen Umstâ°nden, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft und angeschafft worden.
Der Italiener hat ¸berhaupt ein tieferes Gef¸hl f¸r die hohe W¸rde der Kunst als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt, will K¸nstler, Meister und Professor heiï¬en und bekennt wenigstens durch diese Titelsucht, daï¬ es nicht genug sei, nur etwas durch ¸berlieferung zu erhaschen oder durch ¸bung irgendeine Gewandtheit zu erlangen; er gesteht, daï¬ jeder vielmehr ¸ber das, was er tut, auch fâ°hig sein solle zu denken, Grundsâ°tze aufzustellen und die Ursachen, warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu machen.
Der Fremde ward ger¸hrt, so schËne Besitzt¸mer ohne den Besitzer wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu hËren. Sie gingen die verschiedenen Werke durch und fanden eine groï¬e Behaglichkeit, sich einander verstâ°ndlich machen zu kËnnen. Der Marchese und der Abbe f¸hrten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres Oheims versetzt f¸hlte, wuï¬te sich sehr gut in ihre Meinungen und Gesinnungen zu finden; Wilhelm muï¬te sich’s in theatralische Terminologie ¸bersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man hatte Not, Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno war selten zugegen.
Bei der Betrachtung, daï¬ vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit so selten seien, sagte der Marchese: “Es lâ°ï¬t sich nicht leicht denken und ¸bersehen, was die Umstâ°nde f¸r den K¸nstler tun m¸ssen, und dann sind bei dem grËï¬ten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer die Forderungen unendlich, die er an sich selbst zu machen hat, unsâ°glich der Fleiï¬, der zu seiner Ausbildung nËtig ist. Wenn nun die Umstâ°nde wenig f¸r ihn tun, wenn er bemerkt, daï¬ die Welt sehr leicht zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gefâ°lligen, behaglichen Schein begehrt, so wâ°re es zu verwundern, wenn nicht Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelmâ°ï¬igen festhielten; es wâ°re seltsam, wenn er nicht lieber f¸r Modewaren Geld und Lob eintauschen als den rechten Weg wâ°hlen sollte, der ihn mehr oder weniger zu einem k¸mmerlichen Mâ°rtyrertum f¸hrt. Deswegen bieten die K¸nstler unserer Zeit nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist nur angedeutet, und man findet nirgends Grund noch Ausf¸hrung. Man darf aber auch nur eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche gepriesen und welche vernachlâ°ssigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und f¸r die Zukunft wenig Hoffnung.”
“Ja”, versetzte der Abbe, “und so bilden sich Liebhaber und K¸nstler wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten Genuï¬; das Kunstwerk soll ihm ungefâ°hr wie ein Naturwerk behagen, und die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu genieï¬en, bildeten sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile ¸ber ein Kunstwerk wie ¸ber eine Speise. Sie begreifen nicht, was f¸r einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der Mensch in sich selbst bewirken muï¬, wenn er sich ¸berhaupt bilden will; deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich anmaï¬t, ¸ber das Ganze abzusprechen.”
“Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich”, sagte Jarno, der eben hinzutrat.
“Auch ist es schwer”, versetzte der Abbe, “sich in der K¸rze bestimmt hier¸ber zu erklâ°ren. Ich sage nur soviel: sobald der Mensch an mannigfaltige Tâ°tigkeit oder mannigfaltigen Genuï¬ Anspruch macht, so muï¬ er auch fâ°hig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam unabhâ°ngig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner ganzen Menschheit tun oder genieï¬en will, wer alles auï¬er sich zu einer solchen Art von Genuï¬ verkn¸pfen will, der wird seine Zeit nur mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es, was so nat¸rlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemâ°lde an und f¸r sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu vernehmen, den Schauspieler im Schauspieler zu bewundern, sich eines Gebâ°udes um seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu erfreuen. Nun sieht man aber meist die Menschen entschiedene Werke der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton wâ°re. Nach ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebâ°ude sich ausdehnen oder zusammenziehen, ein Gemâ°lde soll lehren, ein Schauspiel bessern, und alles soll alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben kËnnen, so arbeiten sie, den Gegenstâ°nden ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu sie auch gehËren. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, auï¬er dem Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert.”
“Ich verstehe Sie”, versetzte Jarno, “oder vielmehr ich sehe wohl ein, wie das, was Sie sagen, mit den Grundsâ°tzen zusammenhâ°ngt, an denen Sie so festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen unmËglich so genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich bei den grËï¬ten Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres armseligsten Bed¸rfnisses erinnern, ihr Gewissen und ihre Moral mit in die Oper nehmen, ihre Liebe und Haï¬ vor einem Sâ°ulengange nicht ablegen und das Beste und GrËï¬te, was ihnen von auï¬en gebracht werden kann, in ihrer Vorstellungsart erst mËglichst verkleinern m¸ssen, um es mit ihrem k¸mmerlichen Wesen nur einigermaï¬en verbinden zu kËnnen.”
VIII. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Am Abend lud der Abbe zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft begab sich in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das sonderbarste erhellt und ausgeschm¸ckt. Mit himmelblauen Teppichen waren die Wâ°nde fast von oben bis unten bekleidet, so daï¬ nur Sockel und Fries hervorschienen. Auf den vier Kandelabern in den Ecken brannten groï¬e Wachsfackeln, und so nach Verhâ°ltnis auf den vier kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen vier Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur, die auf dem Sarkophag ruhte, mit breiten Fâ°chern von Strauï¬enfedern Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare ChËre fingen mit holdem Gesang an zu fragen: “Wen bringt ihr uns zur stillen Gesellschaft?” Die vier Kinder antworteten mit lieblicher Stimme. “Einen m¸den Gespielen bringen wir euch; laï¬t ihn unter euch ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst wieder aufweckt.”
Chor
Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Mâ°dchen nach! Nur das Alter nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!
Knaben
Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben! Laï¬t uns auch bleiben, laï¬t uns weinen, weinen an seinem Sarge!
Chor
Seht die mâ°chtigen Fl¸gel doch an! seht das leichte, reine Gewand! wie blinkt die goldene Binde vom Haupt! seht die schËne, die w¸rdige Ruh!
Knaben
Ach! die Fl¸gel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen krâ°nzten ihr Haupt, blickte sie hold und freundlich nach uns.
Chor
Schaut mit den Augen des Geistes hinan! In euch lebe die bildende Kraft, die das SchËnste, das HËchste hinauf, ¸ber die Sterne das Leben trâ°gt!
Knaben
Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Gâ°rten wandelt sie nicht, sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Laï¬t uns weinen, wir lassen sie hier! laï¬t uns weinen und bei ihr bleiben!
Chor
Kinder! kehret ins Leben zur¸ck! Eure Trâ°nen trockne die frische Luft, die um das schlâ°ngelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen.
Knaben
Auf, wir kehren ins Leben zur¸ck. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust, bis der Abend uns Ruhe bringt und der nâ°chtliche Schlaf uns erquickt.
Chor
Kinder! eilet ins Leben hinan! In der SchËnheit reinem Gewande begegn’ euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der Unsterblichkeit!
Die Knaben waren schon fern, der Abbe stand von seinem Sessel auf und trat hinter den Sarg. “Es ist die Verordnung”, sagte er, “des Mannes, der diese stille Wohnung bereitet hat, daï¬ jeder neue AnkËmmling mit Feierlichkeit empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses Hauses, dem Errichter dieser Stâ°tte, haben wir zuerst einen jungen Fremdling hierhergebracht, und so faï¬t schon dieser kleine Raum zwei ganz verschiedene Opfer der strengen, willk¸rlichen und unerbittlichen TodesgËttin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins Leben ein, die Tage sind gezâ°hlt, die uns zum Anblicke des Lichts reif machen, aber f¸r die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schwâ°chste Lebensfaden zieht sich in unerwartete Lâ°nge, und den stâ°rksten zerschneidet gewaltsam die Schere einer Parze, die sich in Widerspr¸chen zu gefallen scheint. Von dem Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen. Noch ist uns unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht, und die Zahl seiner Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes, verschlossenes Herz lieï¬ uns seine innersten Angelegenheiten kaum erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts offenbar als die Liebe zu dem Manne, der es aus den Hâ°nden eines Barbaren rettete. Diese zâ°rtliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme zu sein, die das Ël ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des Arztes konnte das schËne Leben nicht erhalten, die sorgfâ°ltigste Freundschaft vermochte nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den scheidenden Geist nicht zu fesseln vermochte, so hat sie alle ihre Mittel angewandt, den KËrper zu erhalten und ihn der Vergâ°nglichkeit zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern gedrungen und fâ°rbt nun an der Stelle des Bluts die so fr¸h verbliebenen Wangen. Treten Sie nâ°her, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst und Sorgfalt!”
Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und bewunderten diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand, durfte er nicht denken, und jeder Gedanke schien seine Empfindung zerstËren zu wollen.
Die Rede war um des Marchese willen franzËsisch gesprochen worden. Dieser trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: “Mit einem heiligen Vertrauen war auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz bestâ°ndig zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich â°uï¬erlich zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft â°uï¬erte sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben, nach den Gebrâ°uchen der Kirche, dieses marmorne Behâ°ltnis und die wenige Erde geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit welcher Inbrunst k¸ï¬te sie in ihren letzten Augenblicken das Bild des Gekreuzigten, das auf ihren zarten Armen mit vielen hundert Punkten sehr zierlich abgebildet steht!” Er streifte zugleich, indem er das sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von verschiedenen Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf der weiï¬en Haut.
Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der Nâ°he. “O Gott!” rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine Hâ°nde gen Himmel hob, “armes Kind! Ungl¸ckliche Nichte! Finde ich dich hier wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir schon lange Verzicht getan hatten, diesen guten, lieben KËrper, den wir lange im See einen Raub der Fische glaubten, hier wiederzufinden, zwar tot, aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so herrlich durch ihr â°uï¬eres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird, die dich zu deiner Ruhestâ°tte begleiten. Und wenn ich werde reden kËnnen”, sagte er mit gebrochner Stimme, “werde ich ihnen danken.”
Die Trâ°nen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den Druck einer Feder versenkte der Abbe den KËrper in die Tiefe des Marmors. Vier J¸nglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter den Teppichen hervor, hoben den schweren, schËn verzierten Deckel auf den Sarg und fingen zugleich ihren Gesang an.
Die J¸nglinge
Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schËne Gebild der Vergangenheit! hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zur¸ck! Nehmet den heiligen Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit.
Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand von der Gesellschaft vernahm die stâ°rkenden Worte, jedes war zu sehr mit den wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen beschâ°ftigt. Der Abbe und Natalie f¸hrten den Marchese, Wilhelmen Therese und Lothario hinaus, und erst als der Gesang ihnen vËllig verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich w¸nschten sie sich in jenes Element wieder zur¸ck.
VIII. Buch, 9. Kapitel–1
Neuntes Kapitel
Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und lange Gesprâ°che mit dem Abbe. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft beisammen war, Ëfters Musik; man sorgte gern daf¸r, weil jedermann zufrieden war, des Gesprâ°chs ¸berhoben zu sein. So lebte man einige Zeit fort, als man bemerkte, daï¬ er Anstalt zur Abreise mache. Eines Tages sagte er zu Wilhelmen: “Ich verlange nicht, die Reste des guten Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zur¸ck, wo es geliebt und gelitten hat, aber seine Freunde m¸ssen mir versprechen, mich in seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme GeschËpf geboren und erzogen wurde; sie m¸ssen die Sâ°ulen und Statuen sehen, von denen ihm noch eine dunkle Idee ¸briggeblieben ist.
Ich will Sie in die Buchten f¸hren, wo sie so gern die Steinchen zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit einer Familie nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen reise ich weg. Ich habe dem Abbe die ganze Geschichte vertraut, er wird sie Ihnen wiedererzâ°hlen; er konnte mir verzeihen, wenn mein Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein Dritter die Begebenheiten mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zur¸ck; bei jeder kleinen Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge f¸r meine arme Nichte wieder erinnern.”
Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Grâ°fin ¸berrascht. Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald einen Stuhl reichte. Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie verâ°ndert ihre Gestalt! Wilhelm durfte kaum auf sie hinblicken; sie begr¸ï¬te ihn mit Freundlichkeit, und einige allgemeine Worte konnten ihre Gesinnung und Empfindungen nicht verbergen. Der Marchese war beizeiten zu Bette gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine Lust, sich zu trennen; der Abbe brachte ein Manuskript hervor. “Ich habe”, sagte er, “sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir anvertraut wurde, zu Papiere gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll, das ist beim Aufzeichnen einzelner Umstâ°nde merkw¸rdiger Begebenheiten.” Man unterrichtete die Grâ°fin, wovon die Rede sei, und der Abbe las:
“Meinen Vater”, sagte der Marchese, “muï¬ ich, soviel Welt ich auch gesehen habe, immer f¸r einen der wunderbarsten Menschen halten. Sein Charakter war edel und gerade, seine Ideen weit und man darf sagen groï¬; er war streng gegen sich selbst; in allen seinen Planen fand man eine unbestechliche Folge, an allen seinen Handlungen eine ununterbrochene Schrittmâ°ï¬igkeit. So gut sich daher von einer Seite mit ihm umgehen und ein Geschâ°ft verhandeln lieï¬, sowenig konnte er um ebendieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom Staate, von seinen Nachbaren, von Kindern und Gesinde die Beobachtung aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine mâ°ï¬igsten Forderungen wurden ¸bertrieben durch seine Strenge, und er konnte nie zum Genuï¬ gelangen, weil nichts auf die Weise entstand, wie er sich’s gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen Palast bauete, einen Garten anlegte, ein groï¬es neues Gut in der schËnsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm ¸berzeugt gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu dulden. In seinem â°uï¬erlichen beobachtete er die grËï¬te W¸rde; wenn er scherzte, zeigte er nur die ¸berlegenheit seines Verstandes; es war ihm unertrâ°glich, getadelt zu werden, und ich habe ihn nur einmal in meinem Leben ganz auï¬er aller Fassung gesehen, da er hËrte, daï¬ man von einer seiner Anstalten wie von etwas Lâ°cherlichem sprach. In ebendiesem Geiste hatte er ¸ber seine Kinder und sein VermËgen disponiert. Mein â°ltester Bruder ward als ein Mann erzogen, der k¸nftig groï¬e G¸ter zu hoffen hatte; ich sollte den geistlichen Stand ergreifen und der j¸ngste Soldat werden. Ich war lebhaft, feurig, tâ°tig, schnell, zu allen kËrperlichen ¸bungen geschickt. Der J¸ngste schien zu einer Art von schwâ°rmerischer Ruhe geneigter, den Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst ergeben. Nur nach dem hâ°rtsten Kampf, nach der vËlligsten ¸berzeugung der UnmËglichkeit gab der Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, daï¬ wir unsern Beruf umtauschen d¸rften, und ob er gleich jeden von uns beiden zufrieden sah, so konnte er sich doch nicht drein finden und versicherte, daï¬ nichts Gutes daraus entstehen werde. Je â°lter er ward, desto abgeschnittener f¸hlte er sich von aller Gesellschaft. Er lebte zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter Freund, der unter den Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau verloren und eine Tochter mitgebracht hatte, die ungefâ°hr zehn Jahre alt war, blieb sein einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein artiges Gut in der Nachbarschaft, sah meinen Vater zu bestimmten Tagen und Stunden der Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte. Er widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt vËllig an ihn gewËhnte und ihn als den einzigen ertrâ°glichen Gesellschafter duldete, Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, daï¬ dieser Mann von unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit nicht umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine G¸ter, seine Tochter konnte eine schËne Mitgift erwarten. Das Mâ°dchen wuchs heran und war von sonderbarer SchËnheit; mein â°lterer Bruder scherzte oft mit mir, daï¬ ich mich um sie bewerben sollte.
Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem sonderbarsten Zustande zugebracht; er ¸berlieï¬ sich ganz dem Genuï¬ einer heiligen Schwâ°rmerei, jenen halb geistigen, halb physischen Empfindungen, die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht und leeres Elend versinken lieï¬en. Bei meines Vaters Lebzeiten war an keine Verâ°nderung zu denken, und was hâ°tte man w¸nschen oder vorschlagen sollen? Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleiï¬ig; sein Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles ertrâ°glicher, denn die Vernunft hatte gesiegt. Allein je sichrer sie ihm vËllige Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der Natur versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, daï¬ wir ihn von seinen Gel¸bden befreien sollten; er gab zu verstehen, daï¬ seine Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.
Mein â°lterer Bruder hatte zuviel durch die Hâ°tte unseres Vaters gelitten, als daï¬ er unger¸hrt bei dem Zustande des j¸ngsten hâ°tte bleiben kËnnen. Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie, einem alten, w¸rdigen Manne, entdeckten ihm die doppelte Absicht unseres Bruders und baten ihn, die Sache einzuleiten und zu befËrdern. Wider seine Gewohnheit zËgerte er, und als endlich unser Bruder in uns drang und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter empfahlen, muï¬te er sich entschlieï¬en, uns die sonderbare Geschichte zu entdecken.
Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter; Neigung und Sinnlichkeit hatten den Mann in spâ°teren Jahren nochmals ¸berwâ°ltigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu sein scheint; ¸ber einen â°hnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht gleichfalls dem Lâ°cherlichen auszusetzen, beschloï¬, diese spâ°te, gesetzmâ°ï¬ige Frucht der Liebe mit ebender Sorgfalt zu verheimlichen, als man sonst die fr¸hern zufâ°lligen Fr¸chte der Neigung zu verbergen pflegt. Unsere Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde aufs Land gebracht, und der alte Hausfreund, der nebst dem Beichtvater allein um das Geheimnis wuï¬te, lieï¬ sich leicht bereden, sie f¸r seine Tochter auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen, im â°uï¬ersten Fall das Geheimnis entdecken zu d¸rfen. Der Vater war gestorben, das zarte Mâ°dchen lebte unter der Aufsicht einer alten Frau; wir wuï¬ten, daï¬ Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr eingef¸hrt hatten, und da er uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu trennen, um das neue zu kn¸pfen, so war es nËtig, ihn so bald als mËglich von der Gefahr zu unterrichten, in der er schwebte.
Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. “Spart eure unwahrscheinlichen Mâ°rchen”, rief er aus, “f¸r Kinder und leichtglâ°ubige Toren; mir werdet ihr Speraten nicht vom Herzen reiï¬en, sie ist mein. Verleugnet sogleich euer schreckliches Gespenst, das mich nur vergebens â°ngstigen w¸rde. Sperata ist nicht meine Schwester, sie ist mein Weib!” Er beschrieb uns mit Entz¸cken, wie ihn das himmlische Mâ°dchen aus dem Zustande der unnat¸rlichen Absonderung von den Menschen in das wahre Leben gef¸hrt, wie beide Gem¸ter gleich beiden Kehlen zusammenstimmten und wie er alle seine Leiden und Verirrungen segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis dahin entfernt gehalten und weil er nun ganz und gar sich dem liebensw¸rdigsten Mâ°dchen ergeben kËnne. Wir entsetzten uns ¸ber die Entdeckung, uns jammerte sein Zustand, wir wuï¬ten uns nicht zu helfen, er versicherte uns mit Heftigkeit, daï¬ Sperata ein Kind von ihm im Busen trage. Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber dadurch ward das ¸bel nur schlimmer. Die Verhâ°ltnisse der Natur und der Religion, der sittlichen Rechte und der b¸rgerlichen Gesetze wurden von meinem Bruder aufs heftigste durchgefochten. Nichts schien ihm heilig als das Verhâ°ltnis zu Sperata, nichts schien ihm w¸rdig als der Name Vater und Gattin. “Diese allein”, rief er aus, “sind der Natur gemâ°ï¬, alles andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht edle VËlker, die eine Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure GËtter nicht”, rief er aus, “ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr uns betËren, uns von dem Wege der Natur abf¸hren und die edelsten Triebe durch schâ°ndlichen Zwang zu Verbrechen entstellen wollt. Zur grËï¬ten Verwirrung des Geistes, zum schâ°ndlichsten Miï¬brauche des KËrpers nËtigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig begrabt.
Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der hËchsten, s¸ï¬esten F¸lle der Schwâ°rmerei bis zu den f¸rchterlichen W¸sten der Ohnmacht, der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den hËchsten Ahnungen ¸berirdischer Wesen bis zu dem vËlligsten Unglauben, dem Unglauben an mir selbst. Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des am Rande schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken, und mein ganzes Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. Nun, da mich die g¸tige Natur durch ihre grËï¬ten Gaben, durch die Liebe wieder geheilt hat, da ich an dem Busen eines himmlischen Mâ°dchens wieder f¸hle, daï¬ ich bin, daï¬ sie ist, daï¬ wir eins sind, daï¬ aus dieser lebendigen Verbindung ein Drittes entstehen und uns entgegenlâ°cheln soll, nun erËffnet ihr die Flammen eurer HËllen, eurer Fegefeuer, die nur eine kranke Einbildungskraft versengen kËnnen, und stellt sie dem lebhaften, wahren, unzerstËrlichen Genuï¬ der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns unter jenen Zypressen, die ihre ernsthaften Gipfel gen Himmel wenden, besucht uns an jenen Spalieren, wo die Zitronen und Pomeranzen neben uns bl¸hn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht, und dann wagt es, uns mit euren tr¸ben, grauen, von Menschen gesponnenen Netzen zu â°ngstigen!”
So bestand er lange Zeit auf einem hartnâ°ckigen Unglauben unserer Erzâ°hlung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten, da sie ihm der Beichtvater selbst versicherte, lieï¬ er sich doch dadurch nicht irremachen, vielmehr rief er aus: “Fragt nicht den Widerhall eurer Kreuzgâ°nge, nicht euer vermodertes Pergament, nicht eure verschrâ°nkten Grillen und Verordnungen; fragt die Natur und euer Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, sie wird euch mit dem strengsten Finger zeigen, wor¸ber sie ewig und unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt nicht Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die Blume, die beide gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld und ihre geschwisterliche Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur verabscheut, so spricht sie es laut aus; das GeschËpf, das nicht sein soll, kann nicht werden; das GeschËpf, das falsch lebt, wird fr¸h zerstËrt. Unfruchtbarkeit, k¸mmerliches Dasein, fr¸hzeitiges Zerfallen, das sind ihre Fl¸che, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur durch unmittelbare Folgen straft sie. Da seht um euch her, und was verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der Stille des Klosters und im Gerâ°usche der Welt sind tausend Handlungen geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen M¸ï¬iggang so gut als ¸berstrengte Arbeit, auf Willk¸r und ¸berfluï¬ wie auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen nieder, zur Mâ°ï¬igkeit ruft sie, wahr sind alle ihre Verhâ°ltnisse und ruhig alle ihre Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu sein. Sperata ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie behalten kann? wie ich gl¸cklich werden kann? das ist eure Sorge! Jetzt gleich geh ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen.”
Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr ¸berzusetzen; wir hielten ihn ab und baten ihn, daï¬ er keinen Schritt tun mËchte, der die schrecklichsten Folgen haben kËnnte. Er solle ¸berlegen, daï¬ er nicht in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, sondern in einer Verfassung lebe, deren Gesetze und Verhâ°ltnisse die Unbezwinglichkeit eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir muï¬ten dem Beichtvater versprechen, daï¬ wir den Bruder nicht aus den Augen, noch weniger aus dem Schlosse lassen wollten; darauf ging er weg und versprach, in einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen hatten, traf ein; der Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber sein Herz war weich; die fr¸hern Eindr¸cke der Religion wurden lebhaft, und die entsetzlichsten Zweifel bemâ°chtigten sich seiner. Er brachte zwei f¸rchterliche Tage und Nâ°chte zu; der Beichtvater kam ihm wieder zu H¸lfe, umsonst! Der ungebundene, freie Verstand sprach ihn los; sein Gef¸hl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erklâ°rten ihn f¸r einen Verbrecher.
Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem Tische, worin er uns erklâ°rte, daï¬ er, da wir ihn mit Gewalt gefangenhielten, berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen, er entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe, mit ihr zu entkommen, er sei auf alles gefaï¬t, wenn man sie trennen wolle.
Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu sein. Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die Schiffer, anstatt ihn ¸berzusetzen, f¸hrten ihn in sein Kloster. Erm¸det von einem vierzigst¸ndigen Wachen, schlief er ein, sobald ihn der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte nicht fr¸her, als bis er sich in den Hâ°nden seiner geistlichen Br¸der sah; er erholte sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich zuschlagen hËrte.
Schmerzlich ger¸hrt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorw¸rfe; allein dieser ehrw¸rdige Mann wuï¬te uns bald mit den Gr¸nden des Wundarztes zu ¸berreden, daï¬ unser Mitleid f¸r den armen Kranken tËdlich sei. Er handle nicht aus eignet Willk¸r, sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen Rates. Die Absicht war: alles Ëffentliche â°rgernis zu vermeiden und den traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen Kirchenzucht zu verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht erfahren, daï¬ ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward einem Geistlichen anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand vertraut hatte. Man wuï¬te ihre Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie war als Mutter in dem kleinen GeschËpfe ganz gl¸cklich. So wie die meisten unserer Mâ°dchen konnte sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen; sie gab daher dem Pater Auftrâ°ge, was er ihrem Geliebten sagen sollte. Dieser glaubte den frommen Betrug einer sâ°ugenden Mutter schuldig zu sein, er brachte ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals sah, ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat sie, f¸r sich und das Kind zu sorgen und wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.
VIII. Buch, 9. Kapitel–2
Sperata war von Natur zur Religiositâ°t geneigt. Ihr Zustand, ihre Einsamkeit vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um sie nach und nach auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das Kind entwËhnt, kaum glaubte er ihren KËrper stark genug, die â°ngstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er an, das Vergehen ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich einem Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art von S¸nde gegen die Natur, als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren Gedanken, ihre Reue jener Reue gleichzumachen, die sie empfunden haben w¸rde, wenn sie das wahre Verhâ°ltnis ihres Fehltritts erfahren hâ°tte. Er brachte dadurch so viel Jammer und Kummer in ihr Gem¸t, er erhËhte die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr vor ihr, er zeigte ihr die schrecklichen Folgen f¸r das Heil aller Seelen, wenn man in solchen Fâ°llen nachgeben und die Straffâ°lligen durch eine rechtmâ°ï¬ige Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es sei, einen solchen Fehler in der Zeit abzub¸ï¬en und daf¸r dereinst die Krone der Herrlichkeit zu erwerben, daï¬ sie endlich wie eine arme S¸nderin ihren Nacken dem Beil willig darreichte und instâ°ndig bat, daï¬ man sie auf ewig von unserm Bruder entfernen mËchte. Als man so viel von ihr erlangt hatte, lieï¬ man ihr, doch unter einer gewissen Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in dem Kloster zu sein, je nachdem sie es f¸r gut hielte.
Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte sehr fr¸h laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang bald sehr artig und lernte die Zither gleichsam von sich selbst. Nur mit Worten konnte es sich nicht ausdr¸cken, und es schien das Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu liegen. Die arme Mutter f¸hlte indessen ein trauriges Verhâ°ltnis zu dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre Vorstellungsart so verwirrt, daï¬ sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den seltsamsten Zustâ°nden befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher und straffâ°lliger zu werden; das oft wiederholte Gleichnis des Geistlichen vom Inzest hatte sich so tief bei ihr eingeprâ°gt, daï¬ sie einen solchen Abscheu empfand, als wenn ihr das Verhâ°ltnis selbst bekannt gewesen wâ°re. Der Beichtvater d¸nkte sich nicht wenig ¸ber das Kunstst¸ck, wodurch er das Herz eines ungl¸cklichen GeschËpfes zerriï¬. Jâ°mmerlich war es anzusehen, wie die Mutterliebe, die ¸ber das Dasein des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt war, mit dem schrecklichen Gedanken stritt, daï¬ dieses Kind nicht dasein sollte. Bald stritten diese beiden Gef¸hle zusammen, bald war der Abscheu ¸ber die Liebe gewaltig.
Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte, zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. Die hËchsten Gipfel zu ersteigen, auf den Râ°ndern der Schiffe wegzulaufen und den Seiltâ°nzern, die sich manchmal in dem Orte sehen lieï¬en, die wunderlichsten Kunstst¸cke nachzumachen war ein nat¸rlicher Trieb.
Um das alles leichter zu ¸ben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider zu wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeltern hËchst unanstâ°ndig und unzulâ°ssig gehalten wurde, so lieï¬en wir ihr doch soviel als mËglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und Spr¸nge f¸hrten sie manchmal weit, sie verirrte sich, sie blieb aus und kam immer wieder. Meistenteils, wenn sie zur¸ckkehrte, setzte sie sich unter die Sâ°ulen des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft; man suchte sie nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf den Stufen auszuruhen, dann lief sie in den groï¬en Saal, besah die Statuen, und wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach Hause.
Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getâ°uscht und unsere Nachsicht bestraft. Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser schwimmen, nicht weit von dem Orte, wo ein Gieï¬bach sich in den See st¸rzt. Man vermutete, daï¬ es bei seinem Klettern zwischen den Felsen verungl¸ckt sei; bei allem Nachforschen konnte man den KËrper nicht finden.
Durch das unvorsichtige Geschwâ°tz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr Sperata bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab nicht undeutlich zu verstehen, sie freue sich, daï¬ Gott das arme GeschËpf zu sich genommen und so bewahrt habe, ein grËï¬eres Ungl¸ck zu erdulden oder zu stiften.
Bei dieser Gelegenheit kamen alle Mâ°rchen zur Sprache, die man von unsern Wassern zu erzâ°hlen pflegt. Es hieï¬: der See m¸sse alle Jahre ein unschuldiges Kind haben; er leide keinen toten KËrper und werfe ihn fr¸h oder spâ°t ans Ufer, ja sogar das letzte KnËchelchen, wenn es zu Grunde gesunken sei, m¸sse wieder heraus. Man erzâ°hlte die Geschichte einer untrËstlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken sei und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur wenigstens die Gebeine zum Begrâ°bnis zu gËnnen; der nâ°chste Sturm habe den Schâ°del, der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und nachdem alles beisammen gewesen, habe sie sâ°mtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen, aber, o Wunder! als sie in den Tempel getreten, sei das Paket immer schwerer geworden, und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars gelegt, habe das Kind zu schreien angefangen und sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche losgemacht; nur ein KnËchelchen des kleinen Fingers an der rechten Hand habe gefehlt, welches denn die Mutter nachher noch sorgfâ°ltig aufgesucht und gefunden, das denn auch noch zum Gedâ°chtnis unter andern Reliquien in der Kirche aufgehoben werde.
Auf die arme Mutter machten diese Geschichten groï¬en Eindruck; ihre Einbildungskraft f¸hlte einen neuen Schwung und beg¸nstigte die Empfindung ihres Herzens. Sie nahm an, daï¬ das Kind nunmehr f¸r sich und seine Eltern abgeb¸ï¬t habe, daï¬ Fluch und Strafe, die bisher auf ihnen geruht, nunmehr gâ°nzlich gehoben sei; daï¬ es nur darauf ankomme, die Gebeine des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom zu bringen, so w¸rde das Kind auf den Stufen des groï¬en Altars der Peterskirche wieder, mit seiner schËnen, frischen Haut umgeben, vor dem Volke dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und Mutter schauen, und der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner Heiligen ¸berzeugt, werde unter dem lauten Zuruf des Volks den Eltern die S¸nde vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.
Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen, glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es muï¬te zum Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.
So war sie auch des Tages unerm¸det an den Stellen, wo das kiesige Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein KËrbchen alle Knochen, die sie fand. Niemand durfte ihr sagen, daï¬ es Tierknochen seien; die groï¬en begrub sie, die kleinen hub sie auf. In dieser Beschâ°ftigung lebte sie unablâ°ssig fort. Der Geistliche, der durch die unerlâ°ï¬liche Aus¸bung seiner Pflicht ihren Zustand verursacht hatte, nahm sich auch ihrer nun aus allen Krâ°ften an. Durch seinen Einfluï¬ ward sie in der Gegend f¸r eine Entz¸ckte, nicht f¸r eine Verr¸ckte gehalten; man stand mit gefalteten Hâ°nden, wenn sie vorbeiging, und die Kinder k¸ï¬ten ihr die Hand.
Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die Schuld, die sie bei der ungl¸cklichen Verbindung beider Personen gehabt haben mochte, nur unter der Bedingung erlassen, daï¬ sie unablâ°ssig treu ihr ganzes k¸nftiges Leben die Ungl¸ckliche begleiten solle, und sie hat mit einer bewundernsw¸rdigen Geduld und Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausge¸bt.
Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren; weder die â°rzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns erlauben, vor ihm zu erscheinen; allein um uns zu ¸berzeugen, daï¬ es ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir ihn, sooft wir wollten, in dem Garten, in den Kreuzgâ°ngen, ja durch ein Fenster an der Decke seines Zimmers belauschen.
Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich ¸bergehe, war er in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe des KËrpers geraten. Er saï¬ fast niemals, als wenn er seine Harfe nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens mit Gesang begleitete. ¸brigens war er immer in Bewegung und in allem â°uï¬erst lenksam und folgsam, denn alle seine Leidenschaften schienen sich in der einzigen Furcht des Todes aufgelËst zu haben. Man konnte ihn zu allem in der Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefâ°hrlichen Krankheit oder mit dem Tode drohte.
Auï¬er dieser Sonderbarkeit, daï¬ er unerm¸det im Kloster hin und her ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, daï¬ es noch besser sein w¸rde, ¸ber Berg und Tâ°ler so zu wandeln, sprach er auch von einer Erscheinung, die ihn gewËhnlich â°ngstigte. Er behauptete nâ°mlich, daï¬ bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der Nacht ein schËner Knabe unten an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken Messer drohe. Man versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete, auch da und zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im Hinterhalt. Sein Auf- und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte sich nachher, daï¬ er in der Zeit Ëfter als sonst an dem Fenster gestanden und ¸ber den See hin¸bergesehen habe.
Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von der beschrâ°nkten Beschâ°ftigung nach und nach aufgerieben zu werden, und unser Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre ¸brigen Gebeine die Knochen eines Kinderskeletts mischen, um dadurch ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch war zweifelhaft, doch schien wenigstens so viel dabei gewonnen, daï¬ man sie, wenn alle Teile beisammen wâ°ren, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu einer Reise nach Rom Hoffnung machen kËnnte.
Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr anvertrauten kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche Wonne verbreitete sich ¸ber die arme Kranke, als die Teile sich nach und nach zusammenfanden und man diejenigen bezeichnen konnte, die noch fehlten. Sie hatte mit groï¬er Sorgfalt jeden Teil, wo er hingehËrte, mit Fâ°den und Bâ°ndern befestigt; sie hatte, wie man die KËrper der Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die Zwischenrâ°ume ausgef¸llt.
So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige der â°uï¬eren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief und der Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die verehrten Reste aus dem Kâ°stchen weg, das in der Schlafkammer stand, um dem Arzte zu zeigen, wie sich die gute Kranke beschâ°ftige. Kurz darauf hËrte man sie aus dem Bette springen, sie hob das Tuch auf und fand das Kâ°stchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie; man kam und hËrte ihr freudiges, inbr¸nstiges Gebet. “Ja! es ist wahr!” rief sie aus, “es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine Freunde, mit mir! Ich habe das gute, schËne GeschËpf wieder lebendig gesehen. Es stand auf und warf den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete das Zimmer, seine SchËnheit war verklâ°rt, es konnte den Boden nicht betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es emporgehoben und konnte mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich und zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und bald folgen, ich f¸hl es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen meines Wiederauferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen Freude gegeben.”
Von der Zeit an war ihr ganzes Gem¸t mit den heitersten Aussichten beschâ°ftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre Aufmerksamkeit mehr, sie genoï¬ nur wenige Speisen, und ihr Geist machte sich nach und nach von den Banden des KËrpers los. Auch fand man sie zuletzt unvermutet erblaï¬t und ohne Empfindung, sie Ëffnete die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.
Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und das ehrw¸rdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoï¬, verwandelte sich nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, daï¬ man sie sogleich f¸r selig, ja f¸r heilig halten m¸sse.
Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drâ°ngten sich viele Menschen mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte wenigstens ihr Kleid ber¸hren. In dieser leidenschaftlichen ErhËhung f¸hlten verschiedene Kranke die ¸bel nicht, von denen sie sonst gequâ°lt wurden, sie hielten sich f¸r geheilt, sie bekannten’s, sie priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war genËtigt, den KËrper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte Gelegenheit, seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich; die Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiËsen Gef¸hlen gestimmt sind, drangen aus ihren Tâ°lern herbei; die Andacht, die Wunder, die Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischËflichen Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst einschrâ°nken und nach und nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur Ausf¸hrung gebracht werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig und gegen jeden Unglâ°ubigen bereit, in Tâ°tlichkeiten auszubrechen. “Wandelte nicht auch”, riefen sie, “der heilige Borromâ°us unter unsern Vorfahren? Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man nicht durch jenes groï¬e Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine geistige GrËï¬e sinnlich vergegenwâ°rtigen wollen? Leben die Seinigen nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem glâ°ubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?”
Als der KËrper nach einigen Tagen keine Zeichen der Fâ°ulnis von sich gab und eher weiï¬er und gleichsam durchsichtig ward, erhËhte sich das Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht erklâ°ren und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hËrte wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.
Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die ¸brige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts aufzumerken pflegte und sein Verhâ°ltnis niemanden bekannt war. Diesmal schien er aber mit groï¬er Genauigkeit gehËrt zu haben; er f¸hrte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, daï¬ niemals jemand hat begreifen kËnnen, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man erfuhr nachher, daï¬ er sich mit einer Anzahl Wallfahrer ¸bersetzen lassen und daï¬ er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm wahrnahmen, nur um die grËï¬te Sorgfalt gebeten, daï¬ das Schiff nicht umschlagen mËchte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine ungl¸ckliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenig Andâ°chtige knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin saï¬ zu ihren Hâ°upten, er trat hinzu und gr¸ï¬te sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin befâ°nde. “Ihr seht es”, versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre Hand. Erschreckt von der Kâ°lte, lieï¬ er sie sogleich wieder fahren, er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: “Ich kann jetzt nicht bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich will aber zur rechten Zeit schon wieder dasein; sag ihr das, wenn sie aufwacht.”
So ging er hinweg, wir wurden nur spâ°t von diesem Vorgange benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber vergebens! Wie er sich durch Berge und Tâ°ler durchgearbeitet haben mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in Graub¸nden eine Spur von ihm wieder, allein zu spâ°t, und sie verlor sich bald. Wir vermuteten, daï¬ er nach Deutschland sei, allein der Krieg hatte solche schwache Fuï¬tapfen gâ°nzlich verwischt.”
VIII. Buch, 10. Kapitel–1
Zehntes Kapitel
Der Abbe hËrte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Trâ°nen zugehËrt. Die Grâ°fin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf und verlieï¬ mit Natalien das Zimmer. Die ¸brigen schwiegen, und der Abbe sprach: “Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer zweifelt wohl einen Augenblick daran, daï¬ Augustin und unser Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu ¸berlegen, was wir tun, sowohl um des ungl¸cklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat wâ°re, nichts zu ¸bereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben von dort zur¸ckerwarten, f¸r Nachrichten bringt.”
Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: “Eine andere Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit. Der Marchese ist unglaublich ger¸hrt ¸ber die Gastfreundschaft, die seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde, gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umstâ°ndlich, ja wiederholt erzâ°hlen m¸ssen, und er zeigte seine lebhafteste Dankbarkeit. “Der junge Mann”, sagte er, “hat ausgeschlagen, mit mir zu reisen, ehe er das Verhâ°ltnis kannte, das unter uns besteht. Ich bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen Laune er etwa nicht gewiï¬ wâ°re; ich bin sein Verbundener, wenn Sie wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zur¸cklassen wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schËnern Bande werden, das uns nur desto fester aneinanderkn¸pft. ¸ber die Verbindlichkeit, die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise n¸tzlich, er kehre mit mir zur¸ck, mein â°lterer Bruder wird ihn mit Freuden empfangen, er verschmâ°he die Erbschaft seines Pflegekindes nicht: denn nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das VermËgen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns zur¸ckgefallen, und wir wollen dem Wohltâ°ter unserer Nichte gewiï¬ das nicht vorenthalten, was er verdient hat.””
Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: “Wir erleben abermals hier so einen schËnen Fall, daï¬ uneigenn¸tziges Wohltun die hËchsten und schËnsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie einem schËnen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz mehr als einmal an sich gezogen hat.”
“Ich ¸berlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer F¸hrung”, sagte Wilhelm; “es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu streben. Was ich festzuhalten w¸nschte, muï¬ ich fahrenlassen, und eine unverdiente Wohltat drâ°ngt sich mir auf.”
Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los. “Ich ¸berlasse Ihnen ganz”, sagte er zu dem Abbe, “was Sie ¸ber mich beschlieï¬en; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so bin ich zufrieden, ¸berall hinzugehn und alles, was man f¸r recht hâ°lt, zu unternehmen.”
Auf diese Erklâ°rung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle, sagte er, den Marchese abreisen lassen; Wilhelm solle die Nachricht des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man ¸berlegt habe, was zu tun sei, kËnne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den Marchese unter einem Vorwand, daï¬ die Einrichtungen des jungen Freundes zur Reise ihn nicht abhalten m¸ï¬ten, die Merkw¸rdigkeiten der Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die Geschenke, die er zur¸cklieï¬ und die aus Juwelen, geschnittenen Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis gaben.
Wilhelm war nun auch vËllig reisefertig, und man war um so mehr verlegen, daï¬ keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man bef¸rchtete, dem armen Harfenspieler mËchte ein Ungl¸ck begegnet sein, zu ebender Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen bessern Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat, dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und den niemand kannte. Beide AnkËmmlinge schwiegen eine Zeitlang still; endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und sagte: “Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?” Es war die Stimme des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur ¸briggeblieben zu sein. Er war in der gewËhnlichen Tracht eines Reisenden, reinlich und anstâ°ndig gekleidet, sein Bart war verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn eigentlich ganz unkenntlich machte, war, daï¬ an seinem bedeutenden Gesichte die Z¸ge des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und betrug sich sehr vern¸nftig und wuï¬te nicht, wie bekannt er der Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. “Sie werden Geduld mit einem Menschen haben”, fuhr er mit groï¬er Gelassenheit fort, “der, so erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich schuldig, daï¬ ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft erscheinen kann.”
Man hieï¬ ihn willkommen, und der Arzt veranlaï¬te sogleich einen Spaziergang, um das Gesprâ°ch abzubrechen und ins Gleichg¸ltige zu lenken.
Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklâ°rung: “Die Genesung dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall gegl¸ckt. Wir hatten ihn lange nach unserer ¸berzeugung moralisch und physisch behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein die Todesfurcht war noch immer groï¬ bei ihm, und seinen Bart und sein langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; ¸brigens nahm er mehr teil an den weltlichen Dingen, und seine Gesâ°nge schienen wie seine Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu nâ°hern. Sie wissen, welch ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam, ich fand unsern Mann ganz verâ°ndert, er hatte freiwillig seinen Bart hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form zuzuschneiden, er verlangte gewËhnliche Kleider und schien auf einmal ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache dieser Verwandlung zu ergr¸nden, und wagten doch nicht, uns mit ihm selbst dar¸ber einzulassen; endlich entdeckten wir zufâ°llig die sonderbare Bewandtnis. Ein Glas fl¸ssiges Opium fehlte in der Hausapotheke des Geistlichen, man hielt f¸r nËtig, die strengste Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat dieser Mann auf und gestand, daï¬ er es besitze; man fragte ihn, ob er davon genommen habe. Er sagte nein, fuhr aber fort: “Ich danke diesem Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hâ°ngt von euch ab, mir dieses Flâ°schchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in meinen alten Zustand wieder zur¸ckfallen sehen. Das Gef¸hl, daï¬ es w¸nschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die MËglichkeit, sogleich die groï¬en Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die Schmerzen zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, mich durch die Nâ°he des Todes wieder in das Leben zur¸ckgedrâ°ngt. Sorgt nicht”, sagte er, “daï¬ ich Gebrauch davon mache, sondern entschlieï¬t euch, als Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die Unabhâ°ngigkeit vom Leben zugesteht, erst vom Leben recht abhâ°ngig zu machen.” Nach reiflicher ¸berlegung drangen wir nicht weiter in ihn, und er f¸hrt nun in einem festen, geschliffnen Glasflâ°schchen dieses Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich.”
Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war, und man beschloï¬, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.
Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese vollenden. Schien es mËglich, Augustinen eine Neigung zu seinem Vaterlande wieder einzuflËï¬en, so wollte man seinen Verwandten den Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zuf¸hren.
Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es im Anfang wunderbar schien, daï¬ Augustin sich freute, als er vernahm, wie sein alter Freund und Wohltâ°ter sich sogleich wieder entfernen sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen Gem¸tsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix hatte, nicht ¸berwinden und w¸nschte den Knaben je eher je lieber entfernt zu sehen.
Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, daï¬ man sie im Schloï¬ und in den Seitengebâ°uden kaum alle unterbringen konnte, um so mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gâ°ste die Einrichtung gemacht hatte. Man fr¸hst¸ckte, man speiste zusammen und hâ°tte sich gern beredet, man lebe in einer vergn¸glichen ¸bereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gem¸ter sich gewissermaï¬en auseinandersehnten. Therese war manchmal mit Lothario, noch Ëfter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon alle Landwirte und Landwirtinnen kennenlernen; es war ihr Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, daï¬ man mit Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in einem ewigen Gefâ°lligkeitswechsel stehen m¸sse. Von einer Verbindung zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein, die beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt Ëftere Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war ¸berall, wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie zusammen sein muï¬ten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik, um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.
Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen entgegen, und als der Ankommende fragte, was er f¸r Gesellschaft finde, so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: “Sie finden den ganzen Adel der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat nur noch an einem Grafen gefehlt.” So ging man die Treppe hinauf, und Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. “Mylord!” sagte der Graf zu ihm auf FranzËsisch, nachdem er ihn einen Augenblick betrachtet hatte, “ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft unvermutet zu erneuern; denn ich m¸ï¬te mich sehr irren, wenn ich Sie nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben. “–“Ich hatte das Gl¸ck, Euer Exzellenz damals aufzuwarten”, versetzte Wilhelm, “nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, wenn Sie mich f¸r einen Englâ°nder, und zwar vom ersten Range halten; ich bin ein Deutscher, und”–“zwar ein sehr braver junger Mann”, fiel Jarno sogleich ein. Der Graf sah Wilhelmen lâ°chelnd an und wollte eben etwas erwidern, als die ¸brige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs freundlichste begr¸ï¬te. Man entschuldigte sich, daï¬ man ihm nicht sogleich ein anstâ°ndiges Zimmer anweisen kËnne, und versprach, den nËtigen Raum ungesâ°umt zu verschaffen.
“Ei ei!” sagte er lâ°chelnd, “ich sehe wohl, daï¬ man dem Zufalle ¸berlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und Einrichtung, wie viel ist da nicht mËglich! Jetzt bitte ich euch, r¸hrt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh ich wohl, gibt es eine groï¬e Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das soll niemand um meinetwillen womËglich auch nur eine Stunde. Sie waren Zeuge”, sagte er zu Jarno, “und auch Sie, Mister”, indem er sich zu Wilhelmen wandte, “wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwâ°rtig einquartiert ist, ich will einen Dislokationsplan machen, daï¬ mit der wenigsten Bem¸hung jedermann eine gerâ°umige Wohnung finde und daï¬ noch Platz f¸r einen Gast bleiben soll, der sich zufâ°lligerweise bei uns einstellen kËnnte.”
Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle nËtigen Notizen und hatte nach seiner Art den grËï¬ten Spaï¬, wenn er den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald einen groï¬en Triumph. Die Einrichtung war fertig, er lieï¬ in seiner Gegenwart die Namen ¸ber alle T¸ren schreiben, und man konnte nicht leugnen, daï¬ mit wenig Umstâ°nden und Verâ°nderungen der Zweck vËllig erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet, daï¬ die Personen, die in dem gegenwâ°rtigen Augenblick ein Interesse aneinander nahmen, zusammen wohnten.
Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: “Helfen Sie mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen und der ein Deutscher sein soll.” Jarno schwieg still, denn er wuï¬te recht gut, daï¬ der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort abzuwarten, in seiner Rede fort: “Sie hatten mir ihn damals vorgestellt und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich daf¸r, daï¬ sein Vater ein Englâ°nder ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut alles berechnen, das seit dreiï¬ig Jahren in deutschen Adern herumflieï¬t! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Fâ°llen nichts aufbinden.” Darauf erzâ°hlte er noch verschiedenes, was damals mit Wilhelmen auf seinem Schloï¬ vorgegangen sein sollte, wozu Jarno gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen mit einem jungen Englâ°nder in des Prinzen Gefolge mehr als einmal verwechselte. Der gute Herr hatte in fr¸hern Zeiten ein vortreffliches Gedâ°chtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich der geringsten Umstâ°nde seiner Jugend erinnern zu kËnnen; nun bestimmte er aber mit ebender Gewiï¬heit wunderbare Kombinationen und Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwâ°che seines Gedâ°chtnisses seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. ¸brigens war er sehr mild und gefâ°llig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht g¸nstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, daï¬ man etwas N¸tzliches zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die er, wo nicht mitspielte, doch mit groï¬er Sorgfalt dirigierte, und da man sich ¸ber seine Herablassung verwundene, sagte er: es sei die Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne, daï¬ er in gleichg¸ltigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.
Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen bâ°nglichen und verdrieï¬lichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten. Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? Und muï¬te nicht die Gesellschaft glauben, daï¬, weil beide viel miteinander umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und ungl¸ckliche Konfidenz gemacht habe?
Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als gewËhnlich, als Augustin auf einmal zur T¸re, die er aufriï¬, mit grâ°ï¬licher Gebâ°rde hereinst¸rzte; sein Angesicht war blaï¬, sein Auge wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine R¸ckkehr des Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest. Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er: “Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!”
Sie lieï¬en ihn los, er eilte zur T¸re hinaus, und voll Entsetzen drâ°ngte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte, Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von weitem zurief: “was hast du angefangen?”
“Lieber Vater!” rief Felix, “ich habe nicht aus der Flasche, ich habe aus dem Glase getrunken, ich war so durstig.”
Augustin schlug die Hâ°nde zusammen, rief: “Er ist verloren!”, drâ°ngte sich durch die Umstehenden und eilte davon.
Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine Karaffine darneben, die ¸ber die Hâ°lfte leer war; der Arzt kam, er erfuhr, was man wuï¬te, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte Flâ°schchen, worin sich das fl¸ssige Opium befunden hatte, leer auf dem Tische liegen; er lieï¬ Essig herbeischaffen und rief alle Mittel seiner Kunst zu H¸lfe.
Natalie lieï¬ den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bem¸hte sich â°ngstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen und einige Aufklâ°rungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der ungl¸ckliche Vater vergebens bem¸ht und fand, als er zur¸ckkam, auf allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die stâ°rkste Beimischung von Opium; das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr krank, es bat den Vater, daï¬ man ihm nur nichts mehr einsch¸tten, daï¬ man es nur nicht mehr quâ°len mËchte. Lothar hatte seine Leute ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf die Spur zu kommen. Natalie saï¬ bei dem Kinde, es fl¸chtete auf ihren Schoï¬ und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein St¸ckchen Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man m¸sse das Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen lassen, sagte er; es sei alles Râ°tliche geschehen, er wolle das mËgliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien, herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Hâ°nde auf das Kind, blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung. Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur T¸re hinaus.
Kurz darauf verlieï¬ auch der Graf das Zimmer.
VIII. Buch, 10. Kapitel–2
“Ich begreife nicht”, sagte der Arzt nach einiger Pause, “daï¬ sich auch nicht die geringste Spur eines gefâ°hrlichen Zustandes am Kinde zeigt. Auch nur mit einem Schluck muï¬ es eine ungeheure Dosis Opium zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben.”
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, daï¬ man Augustin auf dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten. Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den KËrper die Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau untersucht; der Schnitt war in die LuftrËhre gegangen, auf einen starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch lieï¬ sich bald bemerken, daï¬ noch Leben, daï¬ noch Hoffnung ¸brig sei. Der Arzt brachte den KËrper in die rechte Lage, f¸gte die getrennten Teile zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos und sorgenvoll vor¸ber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. Wilhelm saï¬ vor ihr auf einem Schemel; er hatte die F¸ï¬e des Knaben auf seinem Schoï¬e, Kopf und Brust lagen auf dem ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an. Lothario und Jarno saï¬en am andern Ende des Zimmers und f¸hrten ein sehr bedeutendes Gesprâ°ch, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten nicht zu sehr drâ°ngten, unsern Lesern hier mitteilen w¸rden. Der Knabe schlief sanft, erwachte am fr¸hen Morgen ganz heiter, sprang auf und verlangte ein Butterbrot.
Sobald Augustin sich einigermaï¬en erholt hatte, suchte man einige Aufklâ°rung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne M¸he und nur nach und nach: daï¬, als er bei der ungl¸cklichen Dislokation des Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun ¸berzeugt, daï¬ er nicht lâ°nger leben d¸rfe; sogleich habe er seine gewËhnliche Zuflucht zum Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch gesch¸ttet und habe doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu sehen; bei seiner Zur¸ckkunft habe er das Kind gefunden, eben beschâ°ftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder vollzugieï¬en.
Man bat den Ungl¸cklichen, ruhig zu sein; er faï¬te Wilhelmen krampfhaft bei der Hand. “Ach!” sagte er, “warum habe ich dich nicht lâ°ngst verlassen, ich wuï¬te wohl, daï¬ ich den Knaben tËten w¸rde und er mich.”–“Der Knabe lebt!” sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam zugehËrt hatte, fragte Augustinen, ob alles Getrâ°nke vergiftet gewesen. “Nein!” versetzte er, “nur das Glas.”–“So hat durch den gl¸cklichsten Zufall”, rief der Arzt, “das Kind aus der Flasche getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand gef¸hrt, daï¬ es nicht nach dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!”–“Nein! nein!” rief Wilhelm mit einem Schrei, indem er die Hâ°nde vor die Augen hielt, “wie f¸rchterlich ist diese Aussage! Ausdr¸cklich sagte das Kind, daï¬ es nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Hâ°nden wegsterben.” Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind liebkoste: “Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und nicht aus dem Glase?” Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzâ°hlte Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bem¸hte sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde zu erfahren; es weinte nur heftiger und so lange, bis es einschlief.
Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit