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  • 1795-1796
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Blick hinein tat. “Ich selbst habe der Gesellschaft und den Menschen am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist mir unertr‰glich zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche macht, einem Irrenden mufl ich gleich zurufen, und wenn es ein Nachtwandler w‰re, den ich in Gefahr s‰he, geradenweges den Hals zu brechen. Dar¸ber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbe, der behauptet, der Irrtum kˆnne nur durch das Irren geheilt werden. Auch ¸ber Sie haben wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und es will schon etwas heiflen, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie m¸ssen mir nachsagen, dafl ich Ihnen, wo ich Sie antraf, die reine Wahrheit sagte.”–“Sie haben mich wenig geschont”, sagte Wilhelm, “und Sie scheinen Ihren Grunds‰tzen treu zu bleiben.”–“Was ist denn da zu schonen”, versetzte Jarno, “wenn ein junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung nimmt?”–“Verzeihen Sie”, sagte Wilhelm, “Sie haben mir streng genug alle F‰higkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, dafl, ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch unmˆglich bei mir selbst dazu f¸r ganz unf‰hig erkl‰ren.”–“Und bei mir”, sagte Jarno, “ist es doch so rein entschieden, dafl, wer sich nur selbst spielen kann, kein Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient nicht diesen Namen. So haben Sie zum Beispiel den Hamlet und einige andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre Gestalt und die Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das w‰re nun f¸r ein Liebhabertheater und f¸r einen jeden gut genug, der keinen andern Weg vor sich s‰he. “Man soll sich””, fuhr Jarno fort, indem er auf die Rolle sah, “”vor einem Talente h¸ten, das man in Vollkommenheit auszu¸ben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kr‰ften, die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern. “”

“Lesen Sie nichts!” sagte Wilhelm, “ich bitte Sie inst‰ndig, sprechen Sie fort, erz‰hlen Sie mir, kl‰ren Sie mich auf! Und so hat also der Abbe mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist herbeischaffte?”–“Ja, denn er versicherte, dafl es der einzige Weg sei, Sie zu heilen, wenn Sie heilbar w‰ren.”–“Und darum liefl er mir den Schleier zur¸ck und hiefl mich fliehen?”–“Ja, er hoffte sogar, mit der Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust geb¸flt sein. Sie w¸rden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach der Vorstellung dar¸ber.”–“Und Sie haben mich also spielen sehen?”–“O gewifl!”–“Und wer stellte denn den Geist vor?”–“Das kann ich selbst nicht sagen; entweder der Abbe oder sein Zwillingsbruder, doch glaub ich, dieser, denn er ist um ein weniges grˆfler.”–“Sie haben also auch Geheimnisse untereinander?”–“Freunde kˆnnen und m¸ssen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein Geheimnis.”

“Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Kl‰ren Sie mich ¸ber den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin und dem ich so viel Vorw¸rfe zu machen habe.”

“Was ihn uns so sch‰tzbar macht”, versetzte Jarno, “was ihm gewissermaflen die Herrschaft ¸ber uns alle erh‰lt, ist der freie und scharfe Blick, den ihm die Natur ¸ber alle Kr‰fte, die im Menschen nur wohnen und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden l‰flt, gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorz¸glichen, sind nur beschr‰nkt; jeder sch‰tzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur die beg¸nstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz entgegengesetzt wirkt der Abbe, er hat Sinn f¸r alles, Lust an allem, es zu erkennen und zu befˆrdern. Da mufl ich doch wieder in die Rolle sehen!” fuhr Jarno fort. “”Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kr‰fte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstˆren suchen, h‰lt sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur hˆchsten Aus¸bung der geistigsten Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten ‰uflerung des Redners und S‰ngers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren Anstalten, wodurch L‰nder erhalten und erobert werden, vom leichtesten Wohlwollen und der fl¸chtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten Gef¸hl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit mehr liegt im Menschen und mufl ausgebildet werden; aber nicht in einem, sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie mufl entwickelt werden. Wenn einer nur das Schˆne, der andere nur das N¸tzliche befˆrdert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das N¸tzliche befˆrdert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und alle kˆnnen’s nicht entbehren; das Schˆne mufl befˆrdert werden, denn wenige stellen’s dar, und viele bed¸rfen’s.””

“Halten Sie inne!” rief Wilhelm, “ich habe das alles gelesen.”–“Nur noch einige Zeilen”, versetzte Jarno; “hier find ich den Abbe ganz wieder: “Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen. “”–“Und ich verstehe es auch nicht”, versetzte Wilhelm.–“Sie werden ¸ber diesen Text den Abbe noch oft genug hˆren, und so lassen Sie uns nur immer recht deutlich sehen und festhalten, was an uns ist, und was wir an uns ausbilden kˆnnen; lassen Sie uns gegen die andern gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu sch‰tzen wissen. “–“Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich f¸hle, sie sind ein schlechtes Heilmittel f¸r ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie von mir erwarten und wie und auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen.”–“Jeden Verdacht, ich versichere Sie, werden Sie uns k¸nftig abbitten. Es ist Ihre Sache, zu pr¸fen und zu w‰hlen, und die unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch ist nicht eher gl¸cklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an den Abbe; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt. Lernen Sie zum Beispiel Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein ¸berblick und seine T‰tigkeit unzertrennlich miteinander verbunden sind, wie er immer im Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit fortreiflt. Er f¸hrt, wo er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus dagegen! Es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser seinen hellen Blick nur auf die n‰chsten Dinge, er verschafft mehr die Mittel zur T‰tigkeit, als dafl er die T‰tigkeit hervorbr‰chte und belebte; sein Handeln sieht einem guten Wirtschaften vollkommen ‰hnlich, seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden in seinem Kreis befˆrdert; sein Wissen ist ein best‰ndiges Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht kˆnnte Lothario in einem Tage zerstˆren, woran dieser jahrelang gebaut hat; aber vielleicht teilt auch Lothario in einem Augenblick andern die Kraft mit, das Zerstˆrte hundertf‰ltig wiederherzustellen.”–“Es ist ein trauriges Gesch‰ft”, sagte Wilhelm, “wenn man ¸ber die reinen Vorz¸ge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewiflheit bewegt ist. “–“Ruhig und vern¸nftig zu betrachten ist zu keiner Zeit sch‰dlich, und indem wir uns gewˆhnen, ¸ber die Vorz¸ge anderer zu denken, stellen sich die unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede falsche T‰tigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von uns aufgegeben. Befreien Sie wo mˆglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller ‰ngstlichkeit! Dort kommt der Abbe, sein Sie ja freundlich gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen; ich wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er ¸berhaupt gern ein wenig das Schicksal spielt, so l‰flt er auch nicht von der Liebhaberei, manchmal eine Heirat zu stiften.”

Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdrieflliche Stimmung durch alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war, fand hˆchst undelikat, dafl sein Freund gerade in diesem Augenblick eines solchen Verh‰ltnisses erw‰hnte, und sagte, zwar l‰chelnd, doch nicht ohne Bitterkeit: “Ich d‰chte, man ¸berliefle die Liebhaberei, Heiraten zu stiften, Personen, die sich liebhaben.”

VIII. Buch, 6. Kapitel

Sechstes Kapitel

Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde sahen sich genˆtigt, das Gespr‰ch abzubrechen. Nicht lange, so ward ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotharios eigene H‰nde ¸bergeben wollte; der Mann ward vorgef¸hrt, er sah r¸stig und t¸chtig aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm glaubte ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den er damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte und der nicht wieder zur¸ckgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als Lothario, der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast verdriefllich fragte: “Wie heiflt Sein Herr?”

“Das ist unter allen Fragen”, versetzte der Kurier mit Bescheidenheit, “auf die ich am wenigsten zu antworten weifl; ich hoffe, der Brief wird das Nˆtige vermelden; m¸ndlich ist mir nichts aufgetragen.”

“Es sei, wie ihm sei”, versetzte Lothario mit L‰cheln, “da Sein Herr das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenf¸flig zu schreiben, so soll er uns willkommen sein.”–“Er wird nicht lange auf sich warten lassen”, versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.

“Vernehmet nur”, sagte Lothario”,die tolle, abgeschmackte Botschaft. “Da unter allen G‰sten”, so schreibt der Unbekannte, “ein guter Humor der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich denselben als Reisegef‰hrten best‰ndig mit mir herumf¸hre, so bin ich ¸berzeugt, der Besuch, den ich Euer Gnaden und Liebden zugedacht habe, wird nicht ¸bel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der s‰mtlichen hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und gelegentlich mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter, Graf von Schneckenfufl.””

“Das ist eine neue Familie”, sagte der Abbe.

“Es mag ein Vikariatsgraf sein”, versetzte Jarno.

“Das Geheimnis ist leicht zu erraten”, sagte Natalie; “ich wette, es ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem Besuche droht.”

“Getroffen, schˆne und weise Schwester!” rief jemand aus einem nahen Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor; Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies enthalten. “Wie?” rief er, “unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?” Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: “Wahrlich, weniger erstaunt w‰r ich gewesen, die ber¸hmten Pyramiden, die doch in ‰gypten so fest stehen, oder das Grab des Kˆnigs Mausolus, das, wie man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten meines Oheims zu finden als Euch, meinen alten Freund und vielfachen Wohlt‰ter. Seid mir besonders und schˆnstens gegr¸flt!”

Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und gek¸flt hatte, sprang er wieder auf Wilhelmen los und rief: “Haltet mir ihn ja warm, diesen Helden, Heerf¸hrer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja ich darf wohl sagen, mit der Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine t¸chtige Tracht Schl‰ge erspart. Er ist groflm¸tig wie Scipio, freigebig wie Alexander, gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu hassen. Nicht etwa, dafl er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte, welches, wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein M‰dchen entf¸hren, gute und treue Diener nach, damit ihr Fufl an keinen Stein stofle.”

In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne dafl jemand ihm Einhalt zu tun imstande gewesen w‰re, und da niemand in dieser Art ihm erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. “Verwundert euch nicht”, rief er aus, “¸ber meine grofle Belesenheit in heiligen und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen Kenntnissen gelangt bin.” Man wollte von ihm wissen, wie es ihm gehe, wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittenspr¸chen und alten Geschichten nicht zur deutlichen Erkl‰rung gelangen.

Natalie sagte leise zu Theresen: “Seine Art von Lustigkeit tut mir wehe; ich wollte wetten, dafl ihm dabei nicht wohl ist.”

Da Friedrich aufler einigen Sp‰flen, die ihm Jarno erwiderte, keinen Anklang f¸r seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: “Es bleibt mir nichts ¸brig, als mit der ernsthaften Familie auch ernsthaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen Umst‰nden sogleich meine s‰mtliche S¸ndenlast schwer auf die Seele f‰llt, so will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte entschlieflen, wovon ihr aber, meine werten Herrn und Damen, nichts vernehmen sollt. Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein darnach zu fragen einige Ursache hat. W‰ret Ihr nicht neugierig zu wissen”, fuhr er gegen Wilhelmen fort, “wie und wo? wer? wann und warum? wie sieht’s mit der Konjugation des griechischen Verbi Phileo, Philoh und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes aus?”

Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, f¸hrte ihn fort, indem er ihn auf alle Weise dr¸ckte und k¸flte.

Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: “Gedenke mein”. “Ihr hebt Eure werten Sachen gut auf!” sagte er, “wahrlich, das ist Philinens Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schˆnen M‰dchens fleiflig dabei gedacht, und versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt h‰tte, so w¸rde ich Euch nicht ohne Neid ansehen.”

“Reden Sie nichts mehr von diesem Geschˆpfe”, versetzte Wilhelm. “Ich leugne nicht, dafl ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange nicht loswerden konnte, aber das war auch alles.”

“Pfui! sch‰mt Euch”, rief Friedrich, “wer wird eine Geliebte verleugnen? Und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur w¸nschen konnte. Es verging kein Tag, dafl Ihr dem M‰dchen nicht etwas schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewifl. Es blieb mir nichts ¸brig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem roten Offizierchen ist es denn auch endlich gegl¸ckt.”

“Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen und mit dem sie wegreiste?”

“Ja”, versetzte Friedrich, “den Sie f¸r Marianen hielten. Wir haben genug ¸ber den Irrtum gelacht.”

“Welche Grausamkeit!” rief Wilhelm, “mich in einer solchen Ungewiflheit zu lassen.”

“Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in Dienste zu nehmen!” versetzte Friedrich. “Es ist ein t¸chtiger Kerl und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das M‰dchen lieb ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie’s ganz eigens angetan, dafl ich mich ganz nahezu in einem mythologischen Falle befinde und alle Tage bef¸rchte, verwandelt zu werden.”

“Sagen Sie mir nur”, fragte Wilhelm, “wo haben Sie Ihre ausgebreitete Gelehrsamkeit her? Ich hˆre mit Verwunderung der seltsamen Manier zu, die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und Fabeln zu sprechen.”

“Auf die lustigste Weise”, sagte Friedrich, “bin ich gelehrt, und zwar sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter das alte Schlofl eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiˆse, aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in Folio, “Gottfrieds Chronik”, zwei B‰nde “Theatrum Europaeum”, die “Acerra Philologica”, Gryphii Schriften und noch einige minder wichtige B¸cher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten, manchmal Langeweile, wir wollten lesen, und ehe wir’s uns versahen, ward unsere Weile noch l‰nger. Endlich hatte Philine den herrlichen Einfall, die s‰mtlichen B¸cher auf einem groflen Tisch aufzuschlagen, wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo man f¸r unschicklich h‰lt, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder wohl gar gr¸ndlich erˆrtern zu wollen; wir glaubten in lebhafter Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zum Wort kommen l‰flt. Diese Unterhaltung geben wir uns regelm‰flig alle Tage und werden dadurch nach und nach so gelehrt, dafl wir uns selbst dar¸ber verwundern. Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art, uns zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach einer alten, verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen ist. Schnell dreht sie das andere herum und f‰ngt aus einem Buche zu lesen an, und kaum ist wieder der Sand im untern Glase, so beginnt das andere schon wieder seinen Spruch, und so studieren wir wirklich auf wahrhaft akademische Weise, nur dafl wir k¸rzere Stunden haben und unsere Studien ‰uflerst mannigfaltig sind.”

“Diese Tollheit begreife ich wohl”, sagte Wilhelm, “wenn einmal so ein lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich.”

“Das ist”, rief Friedrich, “eben das Gl¸ck und das Ungl¸ck: Philine darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist guter Hoffnung. Unfˆrmlicher und l‰cherlicher ist nichts in der Welt als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zuf‰lligerweise vor den Spiegel. “Pfui Teufel!” sagte sie und wendete das Gesicht ab, “die leibhaftige Frau Melina! Das garstige Bild! Man sieht doch ganz niedertr‰chtig aus!””

“Ich mufl gestehen”, versetzte Wilhelm l‰chelnd, “dafl es ziemlich komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen.”

“Es ist ein recht n‰rrischer Streich”, sagte Friedrich, “dafl ich noch zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet’s, und die Zeit trifft auch. Anfangs machte mich der verw¸nschte Besuch, den sie Euch nach dem “Hamlet” abgestattet hatte, ein wenig irre.”

“Was f¸r ein Besuch?”

“Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen haben? Das allerliebste, f¸hlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr’s noch nicht wiflt, war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen, so mufl man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht ¸berhaupt nur auf der ¸berzeugung; ich bin ¸berzeugt, und also bin ich Vater. Da seht Ihr, dafl ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weifl. Und wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode lacht, so kann es, wo nicht ein n¸tzlicher, doch angenehmer Weltb¸rger werden.”

Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen Gegenst‰nden unterhielten, hatte die ¸brige Gesellschaft ein ernsthaftes Gespr‰ch angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm sich entfernt, als der Abbe die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal f¸hrte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.

“Wir haben”, sagte er, “im allgemeinen behauptet, dafl Fr‰ulein Therese nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist nˆtig, dafl wir uns hier¸ber auch nun im einzelnen erkl‰ren. Hier ist die Geschichte, die ich sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.

Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Ungl¸ck, dafl die Kinder, zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen und bei dem dritten die ‰rzte der Mutter beinahe den Tod verk¸ndigten und ihn bei einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war genˆtigt, sich zu entschlieflen, man wollte das Eheband nicht aufheben, man befand sich, b¸rgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in der Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Repr‰sentation, in den Freuden der Eitelkeit eine Art von Entsch‰digung f¸r das Muttergl¸ck, das ihr versagt war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit nach, als er Neigung zu einem Frauenzimmer faflte, welche die ganze Haushaltung versah, eine schˆne Gestalt und einen sehr soliden Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung selbst die H‰nde, nach welcher das gute M‰dchen sich Theresens Vater ¸berliefl, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau vom Hause fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher bezeigte.

Nach einiger Zeit erkl‰rte sie sich guter Hoffnung, und die beiden Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen Anl‰ssen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** w¸nschte das Kind seiner Geliebten als sein rechtm‰fliges im Hause einzuf¸hren, und Frau von ***, verdriefllich, dafl durch die Indiskretion ihres Arztes ihr Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch ein untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch eine solche Nachgiebigkeit ein ¸bergewicht im Hause zu erhalten, das sie unter den ¸brigen Umst‰nden zu verlieren f¸rchtete. Sie war zur¸ckhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und wuflte, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erkl‰rung zu erleichtern. Sie machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und so entstand das Testament, worin so wenig f¸r das Kind gesorgt zu sein schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen, t‰tigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und ¸bereilung seines abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung sehr gut, Therese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet, indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward, indem sie sich zu fr¸h wieder herauswagte, starb und den guten Mann trostlos hinterliefl.

Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht, sie hatte vor den Augen der Welt ein liebensw¸rdiges Kind, mit dem sie ¸bertrieben parodierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren Verh‰ltnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah und deren Einflufl sie, f¸r die Zukunft wenigstens, heimlich f¸rchtete; sie ¸berh‰ufte das Kind mit Z‰rtlichkeit und wuflte ihren Gemahl in vertraulichen Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem Verlust dergestalt an sich zu ziehen, dafl er sich ihr, man kann wohl sagen, ganz ergab, sein Gl¸ck und das Gl¸ck seines Kindes in ihre H‰nde legte und kaum kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermaflen nur durch seine erwachsene Tochter, wieder Herr im Hause ward. Das war, schˆne Therese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so gern entdeckt h‰tte, das ist’s, was ich Ihnen jetzt, eben da der junge Freund, der durch die sonderbarste Verkn¸pfung von der Welt Ihr Br‰utigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umst‰ndlich vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen, was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie lange ich schon dieser Entdeckung auf der Spur war und wie ich doch erst jetzt zur Gewiflheit kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem Freund etwas von der Mˆglichkeit des Gl¸cks zu sagen, da es ihn zu tief gekr‰nkt haben w¸rde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male verschwunden w‰re. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen: denn ich gestehe gern, dafl ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten M‰dchen keineswegs beg¸nstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit Theresen wieder entgegensah.”

Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben die Papiere nach einigen Tagen zur¸ck, ohne derselben weiter zu erw‰hnen.

Man hatte Mittel genug in der N‰he, die Gesellschaft, wenn sie beisammen war, zu besch‰ftigen, auch bot die Gegend so manche Reize dar, dafl man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde, zu Wagen oder zu Fufle umsah. Jarno richtete bei einer solchen Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor, schien aber weiter keine Entschlieflung von ihm zu verlangen.

“In diesem hˆchst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde”, sagte Wilhelm darauf, “brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewifl mit einem reinen Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde kˆnnen jede Art von Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine Anspr¸che an Theresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine fˆrmliche Entlassung. Oh! es bedarf, mein Freund, keines groflen Bedenkens, mich zu entschlieflen. Schon diese Tage hab ich gef¸hlt, dafl Therese M¸he hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit, mit der sie mich zuerst hier begr¸flte, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr ich habe sie nie besessen.”

“Solche F‰lle mˆchten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen und Erwarten aufkl‰ren”, versetzte Jarno, “als durch vieles Reden, wodurch immer eine Art von Verlegenheit und G‰rung entsteht.”

“Ich d‰chte vielmehr”, sagte Wilhelm, “dafl gerade dieser Fall der ruhigsten und der reinsten Entscheidung f‰hig sei. Man hat mir so oft den Vorwurf des Zauderns und der Ungewiflheit gemacht; warum will man jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum soviel M¸he, uns zu bilden, um uns f¸hlen zu lassen, dafl sie sich nicht bilden mag? Ja, gˆnnen Sie mir recht bald das heitere Gef¸hl, ein Miflverh‰ltnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen von der Welt geraten bin.”

Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von dieser Sache hˆrte, noch auch eine weitere Ver‰nderung an seinen Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr blofl allgemein und gleichg¸ltig.

VIII. Buch, 7. Kapitel

Siebentes Kapitel

Einst saflen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann: “Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit abmerken.”

“Ich bin es”, versetzte der Freund, “und ich sehe ein wichtiges Gesch‰ft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt notwendig angegriffen werden mufl. Sie wissen schon etwas im allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff, nach Amerika ¸berzuschiffen.”

“Nach Amerika?” versetzte Wilhelm l‰chelnd; “ein solches Abenteuer h‰tte ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, dafl Sie mich zum Gef‰hrten ausersehen w¸rden.”

“Wenn Sie unsern Plan ganz kennen”, versetzte Jarno, “so werden Sie ihm einen bessern Namen geben und vielleicht f¸r ihn eingenommen werden, Hˆren Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den Welth‰ndeln bekannt sein, um zu bemerken, dafl uns grofle Ver‰nderungen bevorstehn und dafl die Besitzt¸mer beinahe nirgends mehr recht sicher sind.”

“Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welth‰ndeln”, fiel Wilhelm ein, “und habe mich erst vor kurzem um meine Besitzt¸mer bek¸mmert. Vielleicht h‰tte ich wohlgetan, sie mir noch l‰nger aus dem Sinne zu schlagen, da ich bemerken mufl, dafl die Sorge f¸r ihre Erhaltung so hypochondrisch macht.”

“Hˆren Sie mich aus”, sagte Jarno; “die Sorge geziemt dem Alter, damit die Jugend eine Zeitlang sorglos sein kˆnne. Das Gleichgewicht in den menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegens‰tze hergestellt werden. Es ist gegenw‰rtig nichts weniger als r‰tlich, nur an einem Ort zu besitzen, nur einem Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht dar¸ber zu f¸hren; wir haben uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm alten Turm soll eine Soziet‰t ausgehen, die sich in alle Teile der Welt ausbreiten, in die man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren uns untereinander unsere Existenz auf den einzigen Fall, dafl eine Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitzt¸mern vˆllig vertriebe. Ich gehe nun hin¸ber nach Amerika, um die guten Verh‰ltnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen Aufenthalt gemacht hat. Der Abbe will nach Ruflland gehn, und Sie sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschlieflen wollen, ob Sie Lothario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen wollen. Ich d‰chte, Sie w‰hlten das letzte: denn eine grofle Reise zu tun ist f¸r einen jungen Mann ‰uflerst n¸tzlich.”

Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: “Der Antrag ist aller ¸berlegung wert, denn mein Wahlspruch wird doch n‰chstens sein: “Je weiter weg, je besser.” Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane n‰her bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt herr¸hren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich un¸berwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen.”

“Davon sich die meisten nur dadurch heben werden”, versetzte Jarno, “dafl unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus dem allein der gesellige Sinn entstehen kann.”

Friedrich, der bisher nur zugehˆrt hatte, versetzte darauf: “Und wenn ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit.”

Jarno sch¸ttelte den Kopf.

“Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?” fuhr Friedrich fort. “Bei einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die bring ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch. Und dann w¸flte ich noch ein gutes junges M‰dchen, das hierh¸ben nicht mehr am Platz ist, die s¸fle, reizende Lydie. Wo soll das arme Kind mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht gelegentlich in die Tiefe des Meeres werfen kann und wenn sich nicht ein braver Mann ihrer annimmt? Ich d‰chte, mein Jugendfreund, da Ihr doch im Gange seid, Verlassene zu trˆsten, Ihr entschlˆflt Euch, jeder n‰hme sein M‰dchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn.”

Dieser Antrag verdrofl Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe: “Weifl ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich ¸berhaupt im Werben nicht gl¸cklich zu sein scheine, so mˆchte ich einen solchen Versuch nicht machen.”

Natalie sagte darauf: “Bruder Friedrich, du glaubst, weil du f¸r dich so leichtsinnig handelst, auch f¸r andere gelte deine Gesinnung. Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehˆre, das nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit einem hˆchst vern¸nftigen und reinen Charakter wie Theresens war ein Wagest¸ck dieser Art zu raten.”

“Was Wagest¸ck!” rief Friedrich, “in der Liebe ist alles Wagest¸ck. Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es ist alles nur ein Wagest¸ck, und der Zufall tut alles.”

“Ich habe immer gesehen”, versetzte Natalie, “dafl unsere Grunds‰tze nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir h‰ngen unsern Fehlern gar zu gern das Gewand eines g¸ltigen Gesetzes um. Gib nur acht, welchen Weg dich die Schˆne noch f¸hren wird, die dich auf eine so gewaltsame Weise angezogen hat und festh‰lt.”

“Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege”, versetzte Friedrich, “auf dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer weifl, wieviel andere. ¸berhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede ist, solltest du dich gar nicht dreinmischen. Ich glaube, du heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst dich alsdann nach deiner gewohnten Gutherzigkeit auch als Supplement irgendeiner Existenz hin. Also lafl uns nur jetzt mit diesem Seelenverk‰ufer da unsern Handel schlieflen und ¸ber unsere Reisegesellschaft einig werden.”

“Sie kommen mit Ihren Vorschl‰gen zu sp‰t”, sagte Jarno, “f¸r Lydien ist gesorgt.”

“Und wie?” fragte Friedrich.

“Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten”, versetzte Jarno.

“Alter Herr”, sagte Friedrich, “da macht Ihr einen Streich, zu dem man, wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva, und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene Pr‰dikate finden kˆnnte.”

“Ich mufl aufrichtig gestehen”, versetzte Natalie, “es ist ein gef‰hrlicher Versuch, sich ein M‰dchen zuzueignen in dem Augenblicke, da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt.”

“Ich habe es gewagt”, versetzte Jarno, “sie wird unter einer gewissen Bedingung mein. Und glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts sch‰tzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft f‰hig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an. Die Liebe, mit der ein anderer geliebt wird, ist mir beinahe reizender als die, mit der ich geliebt werden kˆnnte; ich sehe die Kraft, die Gewalt eines schˆnen Herzens, ohne dafl die Eigenliebe mir den reinen Anblick tr¸bt.”

“Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?” versetzte Natalie.

Jarno nickte l‰chelnd; Natalie sch¸ttelte den Kopf und sagte, indem sie aufstand: “Ich weifl bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll, aber mich sollt ihr gewifl nicht irremachen.”

Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der Hand hereintrat und zu ihr sagte: “Bleiben Sie! Ich habe hier einen Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der Freund Ihres verstorbenen Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten, mufl in diesen Tagen hier sein. Er schreibt mir, dafl ihm doch die deutsche Sprache nicht so gel‰ufig sei, als er geglaubt, dafl er eines Gesellschafters bed¸rfe, der sie vollkommen nebst einigem andern besitze; da er mehr w¸nsche, in wissenschaftliche als politische Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher unentbehrlich. Ich w¸flte niemand geschickter dazu als unsern jungen Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem unterrichtet, und es wird f¸r ihn selbst ein grofler Vorteil sein, in so guter Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umst‰nden Deutschland zu sehen. Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maflstab f¸r fremde L‰nder. Was sagen Sie, meine Freunde? Was sagen Sie, Natalie?”

Niemand wuflte gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn, indem er ohnehin nicht sogleich aufbrechen w¸rde; Natalie schwieg, und Friedrich f¸hrte verschiedene Spr¸chwˆrter ¸ber den Nutzen des Reisens an.

Wilhelm war ¸ber diesen neuen Vorschlag im Herzen so entr¸stet, dafl er es kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn baldmˆglichst loszuwerden, nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste war, man liefl sie so offenbar, so ganz ohne Schonung sehen. Auch der Verdacht, den Lydie bei ihm erregt, alles, was er selbst erfahren hatte, wurde wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig, und die nat¸rliche Art, wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm auch nur eine k¸nstliche Darstellung zu sein.

Er nahm sich zusammen und antwortete: “Dieser Antrag verdient allerdings eine reifliche ¸berlegung.”

“Eine geschwinde Entschlieflung mˆchte nˆtig sein”, versetzte der Abbe.

“Dazu bin ich jetzt nicht gefaflt”, antwortete Wilhelm. “Wir kˆnnen die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammen passen. Eine Hauptbedingung aber mufl man zum voraus eingehen: dafl ich meinen Felix mitnehmen und ihn ¸berall mit hinf¸hren darf.”

“Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden”, versetzte der Abbe.

“Und ich sehe nicht”, rief Wilhelm aus, “warum ich mir von irgendeinem Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen und warum ich, wenn ich einmal mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft brauche.”

“Weil ein junger Mensch”, versetzte der Abbe mit einem gewissen imponierenden Ernste, “immer Ursache hat, sich anzuschlieflen.”

Wilhelm, der wohl merkte, dafl er l‰nger an sich zu halten nicht imstande sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch einigermaflen gelindert ward, liefl sich hierauf mit einiger Hast vernehmen: “Man vergˆnne mir nur noch kurze Bedenkzeit, und ich vermute, es wird sich geschwind entscheiden, ob ich Ursache habe, mich weiter anzuschlieflen, oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit mir unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden loszureiflen, die mir eine ewige, elende Gefangenschaft drohen.”

So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gem¸t. Ein Blick auf Natalien beruhigte ihn einigermaflen, indem sich in diesem leidenschaftlichen Augenblick ihre Gestalt und ihr Wert nur desto tiefer bei ihm eindr¸ckten.

“Ja”, sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, “gestehe dir nur, du liebst sie, und du f¸hlst wieder, was es heifle, wenn der Mensch mit allen Kr‰ften lieben kann. So liebte ich Marianen und ward so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen und muflte sie verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie nicht lieben; ich verehrte Theresen, und die v‰terliche Liebe nahm die Gestalt einer Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen zusammentreffen, die den Menschen gl¸cklich machen sollten, jetzt bist du genˆtigt zu fliehen! Ach! warum mufl sich zu diesen Empfindungen, zu diesen Erkenntnissen das un¸berwindliche Verlangen des Besitzes gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese ¸berzeugungen jede andere Art von Gl¸ckseligkeit vˆllig zugrunde? Werde ich k¸nftig der Sonne und der Welt, der Gesellschaft oder irgendeines Gl¸cksgutes genieflen? wirst du nicht immer zu dir sagen: “Natalie ist nicht da!”, und doch wird leider Natalie dir immer gegenw‰rtig sein. Schlieflest du die Augen, so wird sie sich dir darstellen; ˆffnest du sie, so wird sie vor allen Gegenst‰nden hinschweben wie die Erscheinung, die ein blendendes Bild im Auge zur¸ckl‰flt. War nicht schon fr¸her die schnell vor¸bergegangene Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer gegenw‰rtig? Und du hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht. Nun, da du sie kennst, da du ihr so nahe warst, da sie so vielen Anteil an dir gezeigt hat, nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gem¸t gepr‰gt als ihr Bild jemals in deine Sinne. ‰ngstlich ist es, immer zu suchen, aber viel ‰ngstlicher, gefunden zu haben und verlassen zu m¸ssen. Wornach soll ich in der Welt nun weiter fragen? wornach soll ich mich weiter umsehen? Welche Gegend, welche Stadt verwahrt einen Schatz, der diesem gleich ist? Und ich soll reisen, um nur immer das Geringere zu finden? Ist denn das Leben blofl, wie eine Rennbahn, wo man sogleich schnell wieder umkehren mufl, wenn man das ‰uflerste Ende erreicht hat? Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein festes, unverr¸cktes Ziel da, von dem man sich ebenso schnell mit raschen Pferden wieder entfernen mufl, als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt dafl jeder andere, der nach irdischen Waren strebt, sie in den verschiedenen Himmelsgegenden oder wohl gar auf der Messe und dem Jahrmarkt anschaffen kann.”

“Komm, lieber Knabe!” rief er seinem Sohn entgegen, der eben dahergesprungen kam, “sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die grˆflere L¸cke auszuf¸llen. Besch‰ftige mein Herz, besch‰ftige meinen Geist mit deiner Schˆnheit, deiner Liebensw¸rdigkeit, deiner Wiflbegierde und deinen F‰higkeiten!”

Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke besch‰ftigt, der Vater suchte es ihm besser, ordentlicher, zweckm‰fliger einzurichten; aber in dem Augenblicke verlor auch das Kind die Lust daran. “Du bist ein wahrer Mensch!” rief Wilhelm aus, “komm, mein Sohn! komm, mein Bruder, lafl uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir kˆnnen!”

Sein Entschlufl, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und sich an den Gegenst‰nden der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester Vorsatz. Er schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe und schickte Friedrichs Kurier mit dem gesch‰rften Auftrage weg, bald wiederzukommen. Sosehr er gegen die ¸brigen Freunde auch verstimmt war, so rein blieb sein Verh‰ltnis zu Natalien. Er vertraute ihr seine Absicht; auch sie nahm f¸r bekannt an, dafl er gehen kˆnne und m¸sse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichg¸ltigkeit an ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart vollkommen. Sie riet ihm, verschiedene St‰dte zu besuchen, um dort einige ihrer Freunde und Freundinnen kennenzulernen. Der Kurier kam zur¸ck, brachte, was Wilhelm verlangt hatte, obgleich Werner mit diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein schien. “Meine Hoffnung, dafl du vern¸nftig werden w¸rdest”, schrieb dieser, “ist nun wieder eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift ihr nun alle zusammen herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem Beistande du mir Hoffnung machtest? Auch die ¸brigen Freunde sind nicht gegenw‰rtig; dem Gerichtshalter und mir ist das ganze Gesch‰ft aufgew‰lzt. Ein Gl¸ck, dafl er eben ein so guter Rechtsmann ist, als ich ein Finanzmann bin, und dafl wir beide etwas zu schleppen gewohnt sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen dir verziehen sein, da doch ohne sie unser Verh‰ltnis in dieser Gegend nicht h‰tte so gut werden kˆnnen.”

Was das ‰uflere betraf, h‰tte er nun immer abreisen kˆnnen, allein sein Gem¸t war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein f¸r allemal Mignons Kˆrper nicht zeigen als bei den Exequien, welche der Abbe zu halten gedachte, zu welcher Feierlichkeit noch nicht alles bereit war. Auch war der Arzt durch einen sonderbaren Brief des Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den Harfenspieler, von dessen Schicksalen Wilhelm n‰her unterrichtet sein wollte.

In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele oder des Kˆrpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und her. Die Gegenwart der alten, bekannten Kunstwerke zog ihn an und stiefl ihn ab. Er konnte nichts, was ihn umgab, weder ergreifen noch lassen, alles erinnerte ihn an alles, er ¸bersah den ganzen Ring seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und schien sich auf ewig nicht schlieflen zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, dafl auch er von einem ruhigen und gr¸ndlichen Besitz des W¸nschenswerten in der Welt teils ausgeschlossen, teils desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt werden sollte. Er verlor sich so weit in diesen sonderbaren und traurigen Betrachtungen, dafl er sich selbst manchmal wie ein Geist vorkam und, selbst wenn er die Dinge aufler sich bef¸hlte und betastete, sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch wirklich lebe und da sei.

Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, dafl er alles das Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig verlassen m¸sse, nur seine Tr‰nen gaben ihm das Gef¸hl seines Daseins wieder. Vergebens rief er sich den gl¸cklichen Zustand, in dem er sich doch eigentlich befand, vors Ged‰chtnis. “So ist denn alles nichts”, rief er aus, “wenn das eine fehlt, das dem Menschen alles ¸brige wert ist!”

Der Abbe verk¸ndigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. “Sie sind zwar, wie es scheint”, sagte er zu Wilhelmen, “mit Ihrem Knaben allein abzureisen entschlossen; lernen Sie jedoch wenigstens diesen Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle F‰lle n¸tzlich sein kann.” Der Marchese erschien; es war ein Mann noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gef‰lligen lombardischen Figuren. Er hatte als J¸ngling mit dem Oheim der schon um vieles ‰lter war, bei der Armee, dann in Gesch‰ften Bekanntschaft gemacht; sie hatten nachher einen groflen Teil von Italien zusammen durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand, waren zum groflen Teil in seiner Gegenwart und unter manchen gl¸cklichen Umst‰nden, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft und angeschafft worden.

Der Italiener hat ¸berhaupt ein tieferes Gef¸hl f¸r die hohe W¸rde der Kunst als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt, will K¸nstler, Meister und Professor heiflen und bekennt wenigstens durch diese Titelsucht, dafl es nicht genug sei, nur etwas durch ¸berlieferung zu erhaschen oder durch ¸bung irgendeine Gewandtheit zu erlangen; er gesteht, dafl jeder vielmehr ¸ber das, was er tut, auch f‰hig sein solle zu denken, Grunds‰tze aufzustellen und die Ursachen, warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu machen.

Der Fremde ward ger¸hrt, so schˆne Besitzt¸mer ohne den Besitzer wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu hˆren. Sie gingen die verschiedenen Werke durch und fanden eine grofle Behaglichkeit, sich einander verst‰ndlich machen zu kˆnnen. Der Marchese und der Abbe f¸hrten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres Oheims versetzt f¸hlte, wuflte sich sehr gut in ihre Meinungen und Gesinnungen zu finden; Wilhelm muflte sich’s in theatralische Terminologie ¸bersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man hatte Not, Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno war selten zugegen.

Bei der Betrachtung, dafl vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit so selten seien, sagte der Marchese: “Es l‰flt sich nicht leicht denken und ¸bersehen, was die Umst‰nde f¸r den K¸nstler tun m¸ssen, und dann sind bei dem grˆflten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer die Forderungen unendlich, die er an sich selbst zu machen hat, uns‰glich der Fleifl, der zu seiner Ausbildung nˆtig ist. Wenn nun die Umst‰nde wenig f¸r ihn tun, wenn er bemerkt, dafl die Welt sehr leicht zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gef‰lligen, behaglichen Schein begehrt, so w‰re es zu verwundern, wenn nicht Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelm‰fligen festhielten; es w‰re seltsam, wenn er nicht lieber f¸r Modewaren Geld und Lob eintauschen als den rechten Weg w‰hlen sollte, der ihn mehr oder weniger zu einem k¸mmerlichen M‰rtyrertum f¸hrt. Deswegen bieten die K¸nstler unserer Zeit nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist nur angedeutet, und man findet nirgends Grund noch Ausf¸hrung. Man darf aber auch nur eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche gepriesen und welche vernachl‰ssigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und f¸r die Zukunft wenig Hoffnung.”

“Ja”, versetzte der Abbe, “und so bilden sich Liebhaber und K¸nstler wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten Genufl; das Kunstwerk soll ihm ungef‰hr wie ein Naturwerk behagen, und die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu genieflen, bildeten sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile ¸ber ein Kunstwerk wie ¸ber eine Speise. Sie begreifen nicht, was f¸r einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der Mensch in sich selbst bewirken mufl, wenn er sich ¸berhaupt bilden will; deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich anmaflt, ¸ber das Ganze abzusprechen.”

“Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich”, sagte Jarno, der eben hinzutrat.

“Auch ist es schwer”, versetzte der Abbe, “sich in der K¸rze bestimmt hier¸ber zu erkl‰ren. Ich sage nur soviel: sobald der Mensch an mannigfaltige T‰tigkeit oder mannigfaltigen Genufl Anspruch macht, so mufl er auch f‰hig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam unabh‰ngig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner ganzen Menschheit tun oder genieflen will, wer alles aufler sich zu einer solchen Art von Genufl verkn¸pfen will, der wird seine Zeit nur mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es, was so nat¸rlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gem‰lde an und f¸r sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu vernehmen, den Schauspieler im Schauspieler zu bewundern, sich eines Geb‰udes um seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu erfreuen. Nun sieht man aber meist die Menschen entschiedene Werke der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton w‰re. Nach ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Geb‰ude sich ausdehnen oder zusammenziehen, ein Gem‰lde soll lehren, ein Schauspiel bessern, und alles soll alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben kˆnnen, so arbeiten sie, den Gegenst‰nden ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu sie auch gehˆren. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, aufler dem Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert.”

“Ich verstehe Sie”, versetzte Jarno, “oder vielmehr ich sehe wohl ein, wie das, was Sie sagen, mit den Grunds‰tzen zusammenh‰ngt, an denen Sie so festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen unmˆglich so genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich bei den grˆflten Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres armseligsten Bed¸rfnisses erinnern, ihr Gewissen und ihre Moral mit in die Oper nehmen, ihre Liebe und Hafl vor einem S‰ulengange nicht ablegen und das Beste und Grˆflte, was ihnen von auflen gebracht werden kann, in ihrer Vorstellungsart erst mˆglichst verkleinern m¸ssen, um es mit ihrem k¸mmerlichen Wesen nur einigermaflen verbinden zu kˆnnen.”

VIII. Buch, 8. Kapitel

Achtes Kapitel

Am Abend lud der Abbe zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft begab sich in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das sonderbarste erhellt und ausgeschm¸ckt. Mit himmelblauen Teppichen waren die W‰nde fast von oben bis unten bekleidet, so dafl nur Sockel und Fries hervorschienen. Auf den vier Kandelabern in den Ecken brannten grofle Wachsfackeln, und so nach Verh‰ltnis auf den vier kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen vier Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur, die auf dem Sarkophag ruhte, mit breiten F‰chern von Strauflenfedern Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare Chˆre fingen mit holdem Gesang an zu fragen: “Wen bringt ihr uns zur stillen Gesellschaft?” Die vier Kinder antworteten mit lieblicher Stimme. “Einen m¸den Gespielen bringen wir euch; laflt ihn unter euch ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst wieder aufweckt.”

Chor

Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer willkommen! Dir folge kein Knabe, kein M‰dchen nach! Nur das Alter nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!

Knaben

Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben! Laflt uns auch bleiben, laflt uns weinen, weinen an seinem Sarge!

Chor

Seht die m‰chtigen Fl¸gel doch an! seht das leichte, reine Gewand! wie blinkt die goldene Binde vom Haupt! seht die schˆne, die w¸rdige Ruh!

Knaben

Ach! die Fl¸gel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen kr‰nzten ihr Haupt, blickte sie hold und freundlich nach uns.

Chor

Schaut mit den Augen des Geistes hinan! In euch lebe die bildende Kraft, die das Schˆnste, das Hˆchste hinauf, ¸ber die Sterne das Leben tr‰gt!

Knaben

Aber ach! wir vermissen sie hier, in den G‰rten wandelt sie nicht, sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Laflt uns weinen, wir lassen sie hier! laflt uns weinen und bei ihr bleiben!

Chor

Kinder! kehret ins Leben zur¸ck! Eure Tr‰nen trockne die frische Luft, die um das schl‰ngelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen.

Knaben

Auf, wir kehren ins Leben zur¸ck. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust, bis der Abend uns Ruhe bringt und der n‰chtliche Schlaf uns erquickt.

Chor

Kinder! eilet ins Leben hinan! In der Schˆnheit reinem Gewande begegn’ euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der Unsterblichkeit!

Die Knaben waren schon fern, der Abbe stand von seinem Sessel auf und trat hinter den Sarg. “Es ist die Verordnung”, sagte er, “des Mannes, der diese stille Wohnung bereitet hat, dafl jeder neue Ankˆmmling mit Feierlichkeit empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses Hauses, dem Errichter dieser St‰tte, haben wir zuerst einen jungen Fremdling hierhergebracht, und so faflt schon dieser kleine Raum zwei ganz verschiedene Opfer der strengen, willk¸rlichen und unerbittlichen Todesgˆttin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins Leben ein, die Tage sind gez‰hlt, die uns zum Anblicke des Lichts reif machen, aber f¸r die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schw‰chste Lebensfaden zieht sich in unerwartete L‰nge, und den st‰rksten zerschneidet gewaltsam die Schere einer Parze, die sich in Widerspr¸chen zu gefallen scheint. Von dem Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen. Noch ist uns unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht, und die Zahl seiner Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes, verschlossenes Herz liefl uns seine innersten Angelegenheiten kaum erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts offenbar als die Liebe zu dem Manne, der es aus den H‰nden eines Barbaren rettete. Diese z‰rtliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme zu sein, die das ˆl ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des Arztes konnte das schˆne Leben nicht erhalten, die sorgf‰ltigste Freundschaft vermochte nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den scheidenden Geist nicht zu fesseln vermochte, so hat sie alle ihre Mittel angewandt, den Kˆrper zu erhalten und ihn der Verg‰nglichkeit zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern gedrungen und f‰rbt nun an der Stelle des Bluts die so fr¸h verbliebenen Wangen. Treten Sie n‰her, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst und Sorgfalt!”

Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und bewunderten diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand, durfte er nicht denken, und jeder Gedanke schien seine Empfindung zerstˆren zu wollen.

Die Rede war um des Marchese willen franzˆsisch gesprochen worden. Dieser trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: “Mit einem heiligen Vertrauen war auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz best‰ndig zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich ‰uflerlich zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft ‰uflerte sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben, nach den Gebr‰uchen der Kirche, dieses marmorne Beh‰ltnis und die wenige Erde geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit welcher Inbrunst k¸flte sie in ihren letzten Augenblicken das Bild des Gekreuzigten, das auf ihren zarten Armen mit vielen hundert Punkten sehr zierlich abgebildet steht!” Er streifte zugleich, indem er das sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von verschiedenen Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf der weiflen Haut.

Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der N‰he. “O Gott!” rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine H‰nde gen Himmel hob, “armes Kind! Ungl¸ckliche Nichte! Finde ich dich hier wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir schon lange Verzicht getan hatten, diesen guten, lieben Kˆrper, den wir lange im See einen Raub der Fische glaubten, hier wiederzufinden, zwar tot, aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so herrlich durch ihr ‰ufleres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird, die dich zu deiner Ruhest‰tte begleiten. Und wenn ich werde reden kˆnnen”, sagte er mit gebrochner Stimme, “werde ich ihnen danken.”

Die Tr‰nen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den Druck einer Feder versenkte der Abbe den Kˆrper in die Tiefe des Marmors. Vier J¸nglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter den Teppichen hervor, hoben den schweren, schˆn verzierten Deckel auf den Sarg und fingen zugleich ihren Gesang an.

Die J¸nglinge

Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schˆne Gebild der Vergangenheit! hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zur¸ck! Nehmet den heiligen Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit.

Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand von der Gesellschaft vernahm die st‰rkenden Worte, jedes war zu sehr mit den wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen besch‰ftigt. Der Abbe und Natalie f¸hrten den Marchese, Wilhelmen Therese und Lothario hinaus, und erst als der Gesang ihnen vˆllig verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich w¸nschten sie sich in jenes Element wieder zur¸ck.

VIII. Buch, 9. Kapitel–1

Neuntes Kapitel

Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und lange Gespr‰che mit dem Abbe. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft beisammen war, ˆfters Musik; man sorgte gern daf¸r, weil jedermann zufrieden war, des Gespr‰chs ¸berhoben zu sein. So lebte man einige Zeit fort, als man bemerkte, dafl er Anstalt zur Abreise mache. Eines Tages sagte er zu Wilhelmen: “Ich verlange nicht, die Reste des guten Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zur¸ck, wo es geliebt und gelitten hat, aber seine Freunde m¸ssen mir versprechen, mich in seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme Geschˆpf geboren und erzogen wurde; sie m¸ssen die S‰ulen und Statuen sehen, von denen ihm noch eine dunkle Idee ¸briggeblieben ist.

Ich will Sie in die Buchten f¸hren, wo sie so gern die Steinchen zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit einer Familie nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen reise ich weg. Ich habe dem Abbe die ganze Geschichte vertraut, er wird sie Ihnen wiedererz‰hlen; er konnte mir verzeihen, wenn mein Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein Dritter die Begebenheiten mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zur¸ck; bei jeder kleinen Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge f¸r meine arme Nichte wieder erinnern.”

Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Gr‰fin ¸berrascht. Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald einen Stuhl reichte. Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie ver‰ndert ihre Gestalt! Wilhelm durfte kaum auf sie hinblicken; sie begr¸flte ihn mit Freundlichkeit, und einige allgemeine Worte konnten ihre Gesinnung und Empfindungen nicht verbergen. Der Marchese war beizeiten zu Bette gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine Lust, sich zu trennen; der Abbe brachte ein Manuskript hervor. “Ich habe”, sagte er, “sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir anvertraut wurde, zu Papiere gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll, das ist beim Aufzeichnen einzelner Umst‰nde merkw¸rdiger Begebenheiten.” Man unterrichtete die Gr‰fin, wovon die Rede sei, und der Abbe las:

“Meinen Vater”, sagte der Marchese, “mufl ich, soviel Welt ich auch gesehen habe, immer f¸r einen der wunderbarsten Menschen halten. Sein Charakter war edel und gerade, seine Ideen weit und man darf sagen grofl; er war streng gegen sich selbst; in allen seinen Planen fand man eine unbestechliche Folge, an allen seinen Handlungen eine ununterbrochene Schrittm‰fligkeit. So gut sich daher von einer Seite mit ihm umgehen und ein Gesch‰ft verhandeln liefl, sowenig konnte er um ebendieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom Staate, von seinen Nachbaren, von Kindern und Gesinde die Beobachtung aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine m‰fligsten Forderungen wurden ¸bertrieben durch seine Strenge, und er konnte nie zum Genufl gelangen, weil nichts auf die Weise entstand, wie er sich’s gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen Palast bauete, einen Garten anlegte, ein grofles neues Gut in der schˆnsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm ¸berzeugt gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu dulden. In seinem ‰uflerlichen beobachtete er die grˆflte W¸rde; wenn er scherzte, zeigte er nur die ¸berlegenheit seines Verstandes; es war ihm unertr‰glich, getadelt zu werden, und ich habe ihn nur einmal in meinem Leben ganz aufler aller Fassung gesehen, da er hˆrte, dafl man von einer seiner Anstalten wie von etwas L‰cherlichem sprach. In ebendiesem Geiste hatte er ¸ber seine Kinder und sein Vermˆgen disponiert. Mein ‰ltester Bruder ward als ein Mann erzogen, der k¸nftig grofle G¸ter zu hoffen hatte; ich sollte den geistlichen Stand ergreifen und der j¸ngste Soldat werden. Ich war lebhaft, feurig, t‰tig, schnell, zu allen kˆrperlichen ¸bungen geschickt. Der J¸ngste schien zu einer Art von schw‰rmerischer Ruhe geneigter, den Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst ergeben. Nur nach dem h‰rtsten Kampf, nach der vˆlligsten ¸berzeugung der Unmˆglichkeit gab der Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, dafl wir unsern Beruf umtauschen d¸rften, und ob er gleich jeden von uns beiden zufrieden sah, so konnte er sich doch nicht drein finden und versicherte, dafl nichts Gutes daraus entstehen werde. Je ‰lter er ward, desto abgeschnittener f¸hlte er sich von aller Gesellschaft. Er lebte zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter Freund, der unter den Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau verloren und eine Tochter mitgebracht hatte, die ungef‰hr zehn Jahre alt war, blieb sein einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein artiges Gut in der Nachbarschaft, sah meinen Vater zu bestimmten Tagen und Stunden der Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte. Er widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt vˆllig an ihn gewˆhnte und ihn als den einzigen ertr‰glichen Gesellschafter duldete, Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, dafl dieser Mann von unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit nicht umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine G¸ter, seine Tochter konnte eine schˆne Mitgift erwarten. Das M‰dchen wuchs heran und war von sonderbarer Schˆnheit; mein ‰lterer Bruder scherzte oft mit mir, dafl ich mich um sie bewerben sollte.

Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem sonderbarsten Zustande zugebracht; er ¸berliefl sich ganz dem Genufl einer heiligen Schw‰rmerei, jenen halb geistigen, halb physischen Empfindungen, die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht und leeres Elend versinken lieflen. Bei meines Vaters Lebzeiten war an keine Ver‰nderung zu denken, und was h‰tte man w¸nschen oder vorschlagen sollen? Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleiflig; sein Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles ertr‰glicher, denn die Vernunft hatte gesiegt. Allein je sichrer sie ihm vˆllige Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der Natur versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, dafl wir ihn von seinen Gel¸bden befreien sollten; er gab zu verstehen, dafl seine Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.

Mein ‰lterer Bruder hatte zuviel durch die H‰tte unseres Vaters gelitten, als dafl er unger¸hrt bei dem Zustande des j¸ngsten h‰tte bleiben kˆnnen. Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie, einem alten, w¸rdigen Manne, entdeckten ihm die doppelte Absicht unseres Bruders und baten ihn, die Sache einzuleiten und zu befˆrdern. Wider seine Gewohnheit zˆgerte er, und als endlich unser Bruder in uns drang und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter empfahlen, muflte er sich entschlieflen, uns die sonderbare Geschichte zu entdecken.

Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter; Neigung und Sinnlichkeit hatten den Mann in sp‰teren Jahren nochmals ¸berw‰ltigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu sein scheint; ¸ber einen ‰hnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht gleichfalls dem L‰cherlichen auszusetzen, beschlofl, diese sp‰te, gesetzm‰flige Frucht der Liebe mit ebender Sorgfalt zu verheimlichen, als man sonst die fr¸hern zuf‰lligen Fr¸chte der Neigung zu verbergen pflegt. Unsere Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde aufs Land gebracht, und der alte Hausfreund, der nebst dem Beichtvater allein um das Geheimnis wuflte, liefl sich leicht bereden, sie f¸r seine Tochter auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen, im ‰uflersten Fall das Geheimnis entdecken zu d¸rfen. Der Vater war gestorben, das zarte M‰dchen lebte unter der Aufsicht einer alten Frau; wir wuflten, dafl Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr eingef¸hrt hatten, und da er uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu trennen, um das neue zu kn¸pfen, so war es nˆtig, ihn so bald als mˆglich von der Gefahr zu unterrichten, in der er schwebte.

Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. “Spart eure unwahrscheinlichen M‰rchen”, rief er aus, “f¸r Kinder und leichtgl‰ubige Toren; mir werdet ihr Speraten nicht vom Herzen reiflen, sie ist mein. Verleugnet sogleich euer schreckliches Gespenst, das mich nur vergebens ‰ngstigen w¸rde. Sperata ist nicht meine Schwester, sie ist mein Weib!” Er beschrieb uns mit Entz¸cken, wie ihn das himmlische M‰dchen aus dem Zustande der unnat¸rlichen Absonderung von den Menschen in das wahre Leben gef¸hrt, wie beide Gem¸ter gleich beiden Kehlen zusammenstimmten und wie er alle seine Leiden und Verirrungen segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis dahin entfernt gehalten und weil er nun ganz und gar sich dem liebensw¸rdigsten M‰dchen ergeben kˆnne. Wir entsetzten uns ¸ber die Entdeckung, uns jammerte sein Zustand, wir wuflten uns nicht zu helfen, er versicherte uns mit Heftigkeit, dafl Sperata ein Kind von ihm im Busen trage. Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber dadurch ward das ¸bel nur schlimmer. Die Verh‰ltnisse der Natur und der Religion, der sittlichen Rechte und der b¸rgerlichen Gesetze wurden von meinem Bruder aufs heftigste durchgefochten. Nichts schien ihm heilig als das Verh‰ltnis zu Sperata, nichts schien ihm w¸rdig als der Name Vater und Gattin. “Diese allein”, rief er aus, “sind der Natur gem‰fl, alles andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht edle Vˆlker, die eine Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure Gˆtter nicht”, rief er aus, “ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr uns betˆren, uns von dem Wege der Natur abf¸hren und die edelsten Triebe durch sch‰ndlichen Zwang zu Verbrechen entstellen wollt. Zur grˆflten Verwirrung des Geistes, zum sch‰ndlichsten Miflbrauche des Kˆrpers nˆtigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig begrabt.

Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der hˆchsten, s¸flesten F¸lle der Schw‰rmerei bis zu den f¸rchterlichen W¸sten der Ohnmacht, der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den hˆchsten Ahnungen ¸berirdischer Wesen bis zu dem vˆlligsten Unglauben, dem Unglauben an mir selbst. Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des am Rande schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken, und mein ganzes Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. Nun, da mich die g¸tige Natur durch ihre grˆflten Gaben, durch die Liebe wieder geheilt hat, da ich an dem Busen eines himmlischen M‰dchens wieder f¸hle, dafl ich bin, dafl sie ist, dafl wir eins sind, dafl aus dieser lebendigen Verbindung ein Drittes entstehen und uns entgegenl‰cheln soll, nun erˆffnet ihr die Flammen eurer Hˆllen, eurer Fegefeuer, die nur eine kranke Einbildungskraft versengen kˆnnen, und stellt sie dem lebhaften, wahren, unzerstˆrlichen Genufl der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns unter jenen Zypressen, die ihre ernsthaften Gipfel gen Himmel wenden, besucht uns an jenen Spalieren, wo die Zitronen und Pomeranzen neben uns bl¸hn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht, und dann wagt es, uns mit euren tr¸ben, grauen, von Menschen gesponnenen Netzen zu ‰ngstigen!”

So bestand er lange Zeit auf einem hartn‰ckigen Unglauben unserer Erz‰hlung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten, da sie ihm der Beichtvater selbst versicherte, liefl er sich doch dadurch nicht irremachen, vielmehr rief er aus: “Fragt nicht den Widerhall eurer Kreuzg‰nge, nicht euer vermodertes Pergament, nicht eure verschr‰nkten Grillen und Verordnungen; fragt die Natur und euer Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, sie wird euch mit dem strengsten Finger zeigen, wor¸ber sie ewig und unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt nicht Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die Blume, die beide gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld und ihre geschwisterliche Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur verabscheut, so spricht sie es laut aus; das Geschˆpf, das nicht sein soll, kann nicht werden; das Geschˆpf, das falsch lebt, wird fr¸h zerstˆrt. Unfruchtbarkeit, k¸mmerliches Dasein, fr¸hzeitiges Zerfallen, das sind ihre Fl¸che, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur durch unmittelbare Folgen straft sie. Da seht um euch her, und was verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der Stille des Klosters und im Ger‰usche der Welt sind tausend Handlungen geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen M¸fliggang so gut als ¸berstrengte Arbeit, auf Willk¸r und ¸berflufl wie auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen nieder, zur M‰fligkeit ruft sie, wahr sind alle ihre Verh‰ltnisse und ruhig alle ihre Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu sein. Sperata ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie behalten kann? wie ich gl¸cklich werden kann? das ist eure Sorge! Jetzt gleich geh ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen.”

Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr ¸berzusetzen; wir hielten ihn ab und baten ihn, dafl er keinen Schritt tun mˆchte, der die schrecklichsten Folgen haben kˆnnte. Er solle ¸berlegen, dafl er nicht in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, sondern in einer Verfassung lebe, deren Gesetze und Verh‰ltnisse die Unbezwinglichkeit eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir muflten dem Beichtvater versprechen, dafl wir den Bruder nicht aus den Augen, noch weniger aus dem Schlosse lassen wollten; darauf ging er weg und versprach, in einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen hatten, traf ein; der Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber sein Herz war weich; die fr¸hern Eindr¸cke der Religion wurden lebhaft, und die entsetzlichsten Zweifel bem‰chtigten sich seiner. Er brachte zwei f¸rchterliche Tage und N‰chte zu; der Beichtvater kam ihm wieder zu H¸lfe, umsonst! Der ungebundene, freie Verstand sprach ihn los; sein Gef¸hl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erkl‰rten ihn f¸r einen Verbrecher.

Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem Tische, worin er uns erkl‰rte, dafl er, da wir ihn mit Gewalt gefangenhielten, berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen, er entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe, mit ihr zu entkommen, er sei auf alles gefaflt, wenn man sie trennen wolle.

Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu sein. Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die Schiffer, anstatt ihn ¸berzusetzen, f¸hrten ihn in sein Kloster. Erm¸det von einem vierzigst¸ndigen Wachen, schlief er ein, sobald ihn der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte nicht fr¸her, als bis er sich in den H‰nden seiner geistlichen Br¸der sah; er erholte sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich zuschlagen hˆrte.

Schmerzlich ger¸hrt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorw¸rfe; allein dieser ehrw¸rdige Mann wuflte uns bald mit den Gr¸nden des Wundarztes zu ¸berreden, dafl unser Mitleid f¸r den armen Kranken tˆdlich sei. Er handle nicht aus eignet Willk¸r, sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen Rates. Die Absicht war: alles ˆffentliche ‰rgernis zu vermeiden und den traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen Kirchenzucht zu verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht erfahren, dafl ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward einem Geistlichen anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand vertraut hatte. Man wuflte ihre Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie war als Mutter in dem kleinen Geschˆpfe ganz gl¸cklich. So wie die meisten unserer M‰dchen konnte sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen; sie gab daher dem Pater Auftr‰ge, was er ihrem Geliebten sagen sollte. Dieser glaubte den frommen Betrug einer s‰ugenden Mutter schuldig zu sein, er brachte ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals sah, ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat sie, f¸r sich und das Kind zu sorgen und wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.

VIII. Buch, 9. Kapitel–2

Sperata war von Natur zur Religiosit‰t geneigt. Ihr Zustand, ihre Einsamkeit vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um sie nach und nach auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das Kind entwˆhnt, kaum glaubte er ihren Kˆrper stark genug, die ‰ngstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er an, das Vergehen ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich einem Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art von S¸nde gegen die Natur, als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren Gedanken, ihre Reue jener Reue gleichzumachen, die sie empfunden haben w¸rde, wenn sie das wahre Verh‰ltnis ihres Fehltritts erfahren h‰tte. Er brachte dadurch so viel Jammer und Kummer in ihr Gem¸t, er erhˆhte die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr vor ihr, er zeigte ihr die schrecklichen Folgen f¸r das Heil aller Seelen, wenn man in solchen F‰llen nachgeben und die Straff‰lligen durch eine rechtm‰flige Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es sei, einen solchen Fehler in der Zeit abzub¸flen und daf¸r dereinst die Krone der Herrlichkeit zu erwerben, dafl sie endlich wie eine arme S¸nderin ihren Nacken dem Beil willig darreichte und inst‰ndig bat, dafl man sie auf ewig von unserm Bruder entfernen mˆchte. Als man so viel von ihr erlangt hatte, liefl man ihr, doch unter einer gewissen Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in dem Kloster zu sein, je nachdem sie es f¸r gut hielte.

Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte sehr fr¸h laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang bald sehr artig und lernte die Zither gleichsam von sich selbst. Nur mit Worten konnte es sich nicht ausdr¸cken, und es schien das Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu liegen. Die arme Mutter f¸hlte indessen ein trauriges Verh‰ltnis zu dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre Vorstellungsart so verwirrt, dafl sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den seltsamsten Zust‰nden befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher und straff‰lliger zu werden; das oft wiederholte Gleichnis des Geistlichen vom Inzest hatte sich so tief bei ihr eingepr‰gt, dafl sie einen solchen Abscheu empfand, als wenn ihr das Verh‰ltnis selbst bekannt gewesen w‰re. Der Beichtvater d¸nkte sich nicht wenig ¸ber das Kunstst¸ck, wodurch er das Herz eines ungl¸cklichen Geschˆpfes zerrifl. J‰mmerlich war es anzusehen, wie die Mutterliebe, die ¸ber das Dasein des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt war, mit dem schrecklichen Gedanken stritt, dafl dieses Kind nicht dasein sollte. Bald stritten diese beiden Gef¸hle zusammen, bald war der Abscheu ¸ber die Liebe gewaltig.

Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte, zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. Die hˆchsten Gipfel zu ersteigen, auf den R‰ndern der Schiffe wegzulaufen und den Seilt‰nzern, die sich manchmal in dem Orte sehen lieflen, die wunderlichsten Kunstst¸cke nachzumachen war ein nat¸rlicher Trieb.

Um das alles leichter zu ¸ben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider zu wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeltern hˆchst unanst‰ndig und unzul‰ssig gehalten wurde, so lieflen wir ihr doch soviel als mˆglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und Spr¸nge f¸hrten sie manchmal weit, sie verirrte sich, sie blieb aus und kam immer wieder. Meistenteils, wenn sie zur¸ckkehrte, setzte sie sich unter die S‰ulen des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft; man suchte sie nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf den Stufen auszuruhen, dann lief sie in den groflen Saal, besah die Statuen, und wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach Hause.

Zuletzt ward denn doch unser Hoffen get‰uscht und unsere Nachsicht bestraft. Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser schwimmen, nicht weit von dem Orte, wo ein Gieflbach sich in den See st¸rzt. Man vermutete, dafl es bei seinem Klettern zwischen den Felsen verungl¸ckt sei; bei allem Nachforschen konnte man den Kˆrper nicht finden.

Durch das unvorsichtige Geschw‰tz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr Sperata bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab nicht undeutlich zu verstehen, sie freue sich, dafl Gott das arme Geschˆpf zu sich genommen und so bewahrt habe, ein grˆfleres Ungl¸ck zu erdulden oder zu stiften.

Bei dieser Gelegenheit kamen alle M‰rchen zur Sprache, die man von unsern Wassern zu erz‰hlen pflegt. Es hiefl: der See m¸sse alle Jahre ein unschuldiges Kind haben; er leide keinen toten Kˆrper und werfe ihn fr¸h oder sp‰t ans Ufer, ja sogar das letzte Knˆchelchen, wenn es zu Grunde gesunken sei, m¸sse wieder heraus. Man erz‰hlte die Geschichte einer untrˆstlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken sei und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur wenigstens die Gebeine zum Begr‰bnis zu gˆnnen; der n‰chste Sturm habe den Sch‰del, der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und nachdem alles beisammen gewesen, habe sie s‰mtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen, aber, o Wunder! als sie in den Tempel getreten, sei das Paket immer schwerer geworden, und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars gelegt, habe das Kind zu schreien angefangen und sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche losgemacht; nur ein Knˆchelchen des kleinen Fingers an der rechten Hand habe gefehlt, welches denn die Mutter nachher noch sorgf‰ltig aufgesucht und gefunden, das denn auch noch zum Ged‰chtnis unter andern Reliquien in der Kirche aufgehoben werde.

Auf die arme Mutter machten diese Geschichten groflen Eindruck; ihre Einbildungskraft f¸hlte einen neuen Schwung und beg¸nstigte die Empfindung ihres Herzens. Sie nahm an, dafl das Kind nunmehr f¸r sich und seine Eltern abgeb¸flt habe, dafl Fluch und Strafe, die bisher auf ihnen geruht, nunmehr g‰nzlich gehoben sei; dafl es nur darauf ankomme, die Gebeine des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom zu bringen, so w¸rde das Kind auf den Stufen des groflen Altars der Peterskirche wieder, mit seiner schˆnen, frischen Haut umgeben, vor dem Volke dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und Mutter schauen, und der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner Heiligen ¸berzeugt, werde unter dem lauten Zuruf des Volks den Eltern die S¸nde vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.

Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen, glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es muflte zum Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.

So war sie auch des Tages unerm¸det an den Stellen, wo das kiesige Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein Kˆrbchen alle Knochen, die sie fand. Niemand durfte ihr sagen, dafl es Tierknochen seien; die groflen begrub sie, die kleinen hub sie auf. In dieser Besch‰ftigung lebte sie unabl‰ssig fort. Der Geistliche, der durch die unerl‰flliche Aus¸bung seiner Pflicht ihren Zustand verursacht hatte, nahm sich auch ihrer nun aus allen Kr‰ften an. Durch seinen Einflufl ward sie in der Gegend f¸r eine Entz¸ckte, nicht f¸r eine Verr¸ckte gehalten; man stand mit gefalteten H‰nden, wenn sie vorbeiging, und die Kinder k¸flten ihr die Hand.

Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die Schuld, die sie bei der ungl¸cklichen Verbindung beider Personen gehabt haben mochte, nur unter der Bedingung erlassen, dafl sie unabl‰ssig treu ihr ganzes k¸nftiges Leben die Ungl¸ckliche begleiten solle, und sie hat mit einer bewundernsw¸rdigen Geduld und Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausge¸bt.

Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren; weder die ‰rzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns erlauben, vor ihm zu erscheinen; allein um uns zu ¸berzeugen, dafl es ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir ihn, sooft wir wollten, in dem Garten, in den Kreuzg‰ngen, ja durch ein Fenster an der Decke seines Zimmers belauschen.

Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich ¸bergehe, war er in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe des Kˆrpers geraten. Er safl fast niemals, als wenn er seine Harfe nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens mit Gesang begleitete. ¸brigens war er immer in Bewegung und in allem ‰uflerst lenksam und folgsam, denn alle seine Leidenschaften schienen sich in der einzigen Furcht des Todes aufgelˆst zu haben. Man konnte ihn zu allem in der Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gef‰hrlichen Krankheit oder mit dem Tode drohte.

Aufler dieser Sonderbarkeit, dafl er unerm¸det im Kloster hin und her ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, dafl es noch besser sein w¸rde, ¸ber Berg und T‰ler so zu wandeln, sprach er auch von einer Erscheinung, die ihn gewˆhnlich ‰ngstigte. Er behauptete n‰mlich, dafl bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der Nacht ein schˆner Knabe unten an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken Messer drohe. Man versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete, auch da und zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im Hinterhalt. Sein Auf- und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte sich nachher, dafl er in der Zeit ˆfter als sonst an dem Fenster gestanden und ¸ber den See hin¸bergesehen habe.

Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von der beschr‰nkten Besch‰ftigung nach und nach aufgerieben zu werden, und unser Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre ¸brigen Gebeine die Knochen eines Kinderskeletts mischen, um dadurch ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch war zweifelhaft, doch schien wenigstens so viel dabei gewonnen, dafl man sie, wenn alle Teile beisammen w‰ren, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu einer Reise nach Rom Hoffnung machen kˆnnte.

Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr anvertrauten kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche Wonne verbreitete sich ¸ber die arme Kranke, als die Teile sich nach und nach zusammenfanden und man diejenigen bezeichnen konnte, die noch fehlten. Sie hatte mit grofler Sorgfalt jeden Teil, wo er hingehˆrte, mit F‰den und B‰ndern befestigt; sie hatte, wie man die Kˆrper der Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die Zwischenr‰ume ausgef¸llt.

So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige der ‰ufleren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief und der Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die verehrten Reste aus dem K‰stchen weg, das in der Schlafkammer stand, um dem Arzte zu zeigen, wie sich die gute Kranke besch‰ftige. Kurz darauf hˆrte man sie aus dem Bette springen, sie hob das Tuch auf und fand das K‰stchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie; man kam und hˆrte ihr freudiges, inbr¸nstiges Gebet. “Ja! es ist wahr!” rief sie aus, “es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine Freunde, mit mir! Ich habe das gute, schˆne Geschˆpf wieder lebendig gesehen. Es stand auf und warf den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete das Zimmer, seine Schˆnheit war verkl‰rt, es konnte den Boden nicht betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es emporgehoben und konnte mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich und zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und bald folgen, ich f¸hl es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen meines Wiederauferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen Freude gegeben.”

Von der Zeit an war ihr ganzes Gem¸t mit den heitersten Aussichten besch‰ftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre Aufmerksamkeit mehr, sie genofl nur wenige Speisen, und ihr Geist machte sich nach und nach von den Banden des Kˆrpers los. Auch fand man sie zuletzt unvermutet erblaflt und ohne Empfindung, sie ˆffnete die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.

Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und das ehrw¸rdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genofl, verwandelte sich nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, dafl man sie sogleich f¸r selig, ja f¸r heilig halten m¸sse.

Als man sie zu Grabe bestatten wollte, dr‰ngten sich viele Menschen mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte wenigstens ihr Kleid ber¸hren. In dieser leidenschaftlichen Erhˆhung f¸hlten verschiedene Kranke die ¸bel nicht, von denen sie sonst gequ‰lt wurden, sie hielten sich f¸r geheilt, sie bekannten’s, sie priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war genˆtigt, den Kˆrper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte Gelegenheit, seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich; die Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiˆsen Gef¸hlen gestimmt sind, drangen aus ihren T‰lern herbei; die Andacht, die Wunder, die Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischˆflichen Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst einschr‰nken und nach und nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur Ausf¸hrung gebracht werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig und gegen jeden Ungl‰ubigen bereit, in T‰tlichkeiten auszubrechen. “Wandelte nicht auch”, riefen sie, “der heilige Borrom‰us unter unsern Vorfahren? Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man nicht durch jenes grofle Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine geistige Grˆfle sinnlich vergegenw‰rtigen wollen? Leben die Seinigen nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem gl‰ubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?”

Als der Kˆrper nach einigen Tagen keine Zeichen der F‰ulnis von sich gab und eher weifler und gleichsam durchsichtig ward, erhˆhte sich das Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht erkl‰ren und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hˆrte wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.

Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die ¸brige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts aufzumerken pflegte und sein Verh‰ltnis niemanden bekannt war. Diesmal schien er aber mit grofler Genauigkeit gehˆrt zu haben; er f¸hrte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, dafl niemals jemand hat begreifen kˆnnen, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man erfuhr nachher, dafl er sich mit einer Anzahl Wallfahrer ¸bersetzen lassen und dafl er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm wahrnahmen, nur um die grˆflte Sorgfalt gebeten, dafl das Schiff nicht umschlagen mˆchte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine ungl¸ckliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenig And‰chtige knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin safl zu ihren H‰upten, er trat hinzu und gr¸flte sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin bef‰nde. “Ihr seht es”, versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre Hand. Erschreckt von der K‰lte, liefl er sie sogleich wieder fahren, er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: “Ich kann jetzt nicht bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich will aber zur rechten Zeit schon wieder dasein; sag ihr das, wenn sie aufwacht.”

So ging er hinweg, wir wurden nur sp‰t von diesem Vorgange benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber vergebens! Wie er sich durch Berge und T‰ler durchgearbeitet haben mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in Graub¸nden eine Spur von ihm wieder, allein zu sp‰t, und sie verlor sich bald. Wir vermuteten, dafl er nach Deutschland sei, allein der Krieg hatte solche schwache Fufltapfen g‰nzlich verwischt.”

VIII. Buch, 10. Kapitel–1

Zehntes Kapitel

Der Abbe hˆrte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tr‰nen zugehˆrt. Die Gr‰fin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf und verliefl mit Natalien das Zimmer. Die ¸brigen schwiegen, und der Abbe sprach: “Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer zweifelt wohl einen Augenblick daran, dafl Augustin und unser Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu ¸berlegen, was wir tun, sowohl um des ungl¸cklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat w‰re, nichts zu ¸bereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben von dort zur¸ckerwarten, f¸r Nachrichten bringt.”

Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: “Eine andere Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit. Der Marchese ist unglaublich ger¸hrt ¸ber die Gastfreundschaft, die seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde, gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umst‰ndlich, ja wiederholt erz‰hlen m¸ssen, und er zeigte seine lebhafteste Dankbarkeit. “Der junge Mann”, sagte er, “hat ausgeschlagen, mit mir zu reisen, ehe er das Verh‰ltnis kannte, das unter uns besteht. Ich bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen Laune er etwa nicht gewifl w‰re; ich bin sein Verbundener, wenn Sie wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zur¸cklassen wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schˆnern Bande werden, das uns nur desto fester aneinanderkn¸pft. ¸ber die Verbindlichkeit, die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise n¸tzlich, er kehre mit mir zur¸ck, mein ‰lterer Bruder wird ihn mit Freuden empfangen, er verschm‰he die Erbschaft seines Pflegekindes nicht: denn nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das Vermˆgen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns zur¸ckgefallen, und wir wollen dem Wohlt‰ter unserer Nichte gewifl das nicht vorenthalten, was er verdient hat.””

Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: “Wir erleben abermals hier so einen schˆnen Fall, dafl uneigenn¸tziges Wohltun die hˆchsten und schˆnsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie einem schˆnen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz mehr als einmal an sich gezogen hat.”

“Ich ¸berlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer F¸hrung”, sagte Wilhelm; “es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu streben. Was ich festzuhalten w¸nschte, mufl ich fahrenlassen, und eine unverdiente Wohltat dr‰ngt sich mir auf.”

Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los. “Ich ¸berlasse Ihnen ganz”, sagte er zu dem Abbe, “was Sie ¸ber mich beschlieflen; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so bin ich zufrieden, ¸berall hinzugehn und alles, was man f¸r recht h‰lt, zu unternehmen.”

Auf diese Erkl‰rung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle, sagte er, den Marchese abreisen lassen; Wilhelm solle die Nachricht des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man ¸berlegt habe, was zu tun sei, kˆnne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den Marchese unter einem Vorwand, dafl die Einrichtungen des jungen Freundes zur Reise ihn nicht abhalten m¸flten, die Merkw¸rdigkeiten der Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die Geschenke, die er zur¸ckliefl und die aus Juwelen, geschnittenen Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis gaben.

Wilhelm war nun auch vˆllig reisefertig, und man war um so mehr verlegen, dafl keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man bef¸rchtete, dem armen Harfenspieler mˆchte ein Ungl¸ck begegnet sein, zu ebender Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen bessern Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat, dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und den niemand kannte. Beide Ankˆmmlinge schwiegen eine Zeitlang still; endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und sagte: “Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?” Es war die Stimme des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur ¸briggeblieben zu sein. Er war in der gewˆhnlichen Tracht eines Reisenden, reinlich und anst‰ndig gekleidet, sein Bart war verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn eigentlich ganz unkenntlich machte, war, dafl an seinem bedeutenden Gesichte die Z¸ge des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und betrug sich sehr vern¸nftig und wuflte nicht, wie bekannt er der Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. “Sie werden Geduld mit einem Menschen haben”, fuhr er mit grofler Gelassenheit fort, “der, so erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich schuldig, dafl ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft erscheinen kann.”

Man hiefl ihn willkommen, und der Arzt veranlaflte sogleich einen Spaziergang, um das Gespr‰ch abzubrechen und ins Gleichg¸ltige zu lenken.

Als man allein war, gab der Arzt folgende Erkl‰rung: “Die Genesung dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall gegl¸ckt. Wir hatten ihn lange nach unserer ¸berzeugung moralisch und physisch behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein die Todesfurcht war noch immer grofl bei ihm, und seinen Bart und sein langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; ¸brigens nahm er mehr teil an den weltlichen Dingen, und seine Ges‰nge schienen wie seine Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu n‰hern. Sie wissen, welch ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam, ich fand unsern Mann ganz ver‰ndert, er hatte freiwillig seinen Bart hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form zuzuschneiden, er verlangte gewˆhnliche Kleider und schien auf einmal ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache dieser Verwandlung zu ergr¸nden, und wagten doch nicht, uns mit ihm selbst dar¸ber einzulassen; endlich entdeckten wir zuf‰llig die sonderbare Bewandtnis. Ein Glas fl¸ssiges Opium fehlte in der Hausapotheke des Geistlichen, man hielt f¸r nˆtig, die strengste Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat dieser Mann auf und gestand, dafl er es besitze; man fragte ihn, ob er davon genommen habe. Er sagte nein, fuhr aber fort: “Ich danke diesem Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es h‰ngt von euch ab, mir dieses Fl‰schchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in meinen alten Zustand wieder zur¸ckfallen sehen. Das Gef¸hl, dafl es w¸nschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Mˆglichkeit, sogleich die groflen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die Schmerzen zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, mich durch die N‰he des Todes wieder in das Leben zur¸ckgedr‰ngt. Sorgt nicht”, sagte er, “dafl ich Gebrauch davon mache, sondern entschlieflt euch, als Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die Unabh‰ngigkeit vom Leben zugesteht, erst vom Leben recht abh‰ngig zu machen.” Nach reiflicher ¸berlegung drangen wir nicht weiter in ihn, und er f¸hrt nun in einem festen, geschliffnen Glasfl‰schchen dieses Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich.”

Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war, und man beschlofl, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.

Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese vollenden. Schien es mˆglich, Augustinen eine Neigung zu seinem Vaterlande wieder einzuflˆflen, so wollte man seinen Verwandten den Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zuf¸hren.

Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es im Anfang wunderbar schien, dafl Augustin sich freute, als er vernahm, wie sein alter Freund und Wohlt‰ter sich sogleich wieder entfernen sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen Gem¸tsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix hatte, nicht ¸berwinden und w¸nschte den Knaben je eher je lieber entfernt zu sehen.

Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, dafl man sie im Schlofl und in den Seitengeb‰uden kaum alle unterbringen konnte, um so mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler G‰ste die Einrichtung gemacht hatte. Man fr¸hst¸ckte, man speiste zusammen und h‰tte sich gern beredet, man lebe in einer vergn¸glichen ¸bereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gem¸ter sich gewissermaflen auseinandersehnten. Therese war manchmal mit Lothario, noch ˆfter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon alle Landwirte und Landwirtinnen kennenlernen; es war ihr Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, dafl man mit Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in einem ewigen Gef‰lligkeitswechsel stehen m¸sse. Von einer Verbindung zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein, die beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt ˆftere Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war ¸berall, wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie zusammen sein muflten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik, um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.

Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen entgegen, und als der Ankommende fragte, was er f¸r Gesellschaft finde, so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: “Sie finden den ganzen Adel der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat nur noch an einem Grafen gefehlt.” So ging man die Treppe hinauf, und Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. “Mylord!” sagte der Graf zu ihm auf Franzˆsisch, nachdem er ihn einen Augenblick betrachtet hatte, “ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft unvermutet zu erneuern; denn ich m¸flte mich sehr irren, wenn ich Sie nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben. “–“Ich hatte das Gl¸ck, Euer Exzellenz damals aufzuwarten”, versetzte Wilhelm, “nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, wenn Sie mich f¸r einen Engl‰nder, und zwar vom ersten Range halten; ich bin ein Deutscher, und”–“zwar ein sehr braver junger Mann”, fiel Jarno sogleich ein. Der Graf sah Wilhelmen l‰chelnd an und wollte eben etwas erwidern, als die ¸brige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs freundlichste begr¸flte. Man entschuldigte sich, dafl man ihm nicht sogleich ein anst‰ndiges Zimmer anweisen kˆnne, und versprach, den nˆtigen Raum unges‰umt zu verschaffen.

“Ei ei!” sagte er l‰chelnd, “ich sehe wohl, dafl man dem Zufalle ¸berlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und Einrichtung, wie viel ist da nicht mˆglich! Jetzt bitte ich euch, r¸hrt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh ich wohl, gibt es eine grofle Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das soll niemand um meinetwillen womˆglich auch nur eine Stunde. Sie waren Zeuge”, sagte er zu Jarno, “und auch Sie, Mister”, indem er sich zu Wilhelmen wandte, “wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenw‰rtig einquartiert ist, ich will einen Dislokationsplan machen, dafl mit der wenigsten Bem¸hung jedermann eine ger‰umige Wohnung finde und dafl noch Platz f¸r einen Gast bleiben soll, der sich zuf‰lligerweise bei uns einstellen kˆnnte.”

Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle nˆtigen Notizen und hatte nach seiner Art den grˆflten Spafl, wenn er den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald einen groflen Triumph. Die Einrichtung war fertig, er liefl in seiner Gegenwart die Namen ¸ber alle T¸ren schreiben, und man konnte nicht leugnen, dafl mit wenig Umst‰nden und Ver‰nderungen der Zweck vˆllig erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet, dafl die Personen, die in dem gegenw‰rtigen Augenblick ein Interesse aneinander nahmen, zusammen wohnten.

Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: “Helfen Sie mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen und der ein Deutscher sein soll.” Jarno schwieg still, denn er wuflte recht gut, dafl der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort abzuwarten, in seiner Rede fort: “Sie hatten mir ihn damals vorgestellt und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich daf¸r, dafl sein Vater ein Engl‰nder ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut alles berechnen, das seit dreiflig Jahren in deutschen Adern herumflieflt! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen F‰llen nichts aufbinden.” Darauf erz‰hlte er noch verschiedenes, was damals mit Wilhelmen auf seinem Schlofl vorgegangen sein sollte, wozu Jarno gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen mit einem jungen Engl‰nder in des Prinzen Gefolge mehr als einmal verwechselte. Der gute Herr hatte in fr¸hern Zeiten ein vortreffliches Ged‰chtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich der geringsten Umst‰nde seiner Jugend erinnern zu kˆnnen; nun bestimmte er aber mit ebender Gewiflheit wunderbare Kombinationen und Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schw‰che seines Ged‰chtnisses seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. ¸brigens war er sehr mild und gef‰llig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht g¸nstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, dafl man etwas N¸tzliches zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die er, wo nicht mitspielte, doch mit grofler Sorgfalt dirigierte, und da man sich ¸ber seine Herablassung verwundene, sagte er: es sei die Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne, dafl er in gleichg¸ltigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.

Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen b‰nglichen und verdriefllichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten. Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? Und muflte nicht die Gesellschaft glauben, dafl, weil beide viel miteinander umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und ungl¸ckliche Konfidenz gemacht habe?

Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als gewˆhnlich, als Augustin auf einmal zur T¸re, die er aufrifl, mit gr‰fllicher Geb‰rde hereinst¸rzte; sein Angesicht war blafl, sein Auge wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine R¸ckkehr des Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest. Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er: “Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!”

Sie lieflen ihn los, er eilte zur T¸re hinaus, und voll Entsetzen dr‰ngte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte, Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von weitem zurief: “was hast du angefangen?”

“Lieber Vater!” rief Felix, “ich habe nicht aus der Flasche, ich habe aus dem Glase getrunken, ich war so durstig.”

Augustin schlug die H‰nde zusammen, rief: “Er ist verloren!”, dr‰ngte sich durch die Umstehenden und eilte davon.

Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine Karaffine darneben, die ¸ber die H‰lfte leer war; der Arzt kam, er erfuhr, was man wuflte, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte Fl‰schchen, worin sich das fl¸ssige Opium befunden hatte, leer auf dem Tische liegen; er liefl Essig herbeischaffen und rief alle Mittel seiner Kunst zu H¸lfe.

Natalie liefl den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bem¸hte sich ‰ngstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen und einige Aufkl‰rungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der ungl¸ckliche Vater vergebens bem¸ht und fand, als er zur¸ckkam, auf allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die st‰rkste Beimischung von Opium; das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr krank, es bat den Vater, dafl man ihm nur nichts mehr einsch¸tten, dafl man es nur nicht mehr qu‰len mˆchte. Lothar hatte seine Leute ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf die Spur zu kommen. Natalie safl bei dem Kinde, es fl¸chtete auf ihren Schofl und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein St¸ckchen Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man m¸sse das Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen lassen, sagte er; es sei alles R‰tliche geschehen, er wolle das mˆgliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien, herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die H‰nde auf das Kind, blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung. Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur T¸re hinaus.

Kurz darauf verliefl auch der Graf das Zimmer.

VIII. Buch, 10. Kapitel–2

“Ich begreife nicht”, sagte der Arzt nach einiger Pause, “dafl sich auch nicht die geringste Spur eines gef‰hrlichen Zustandes am Kinde zeigt. Auch nur mit einem Schluck mufl es eine ungeheure Dosis Opium zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben.”

Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, dafl man Augustin auf dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten. Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Kˆrper die Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau untersucht; der Schnitt war in die Luftrˆhre gegangen, auf einen starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch liefl sich bald bemerken, dafl noch Leben, dafl noch Hoffnung ¸brig sei. Der Arzt brachte den Kˆrper in die rechte Lage, f¸gte die getrennten Teile zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos und sorgenvoll vor¸ber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. Wilhelm safl vor ihr auf einem Schemel; er hatte die F¸fle des Knaben auf seinem Schofle, Kopf und Brust lagen auf dem ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an. Lothario und Jarno saflen am andern Ende des Zimmers und f¸hrten ein sehr bedeutendes Gespr‰ch, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten nicht zu sehr dr‰ngten, unsern Lesern hier mitteilen w¸rden. Der Knabe schlief sanft, erwachte am fr¸hen Morgen ganz heiter, sprang auf und verlangte ein Butterbrot.

Sobald Augustin sich einigermaflen erholt hatte, suchte man einige Aufkl‰rung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne M¸he und nur nach und nach: dafl, als er bei der ungl¸cklichen Dislokation des Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun ¸berzeugt, dafl er nicht l‰nger leben d¸rfe; sogleich habe er seine gewˆhnliche Zuflucht zum Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch gesch¸ttet und habe doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu sehen; bei seiner Zur¸ckkunft habe er das Kind gefunden, eben besch‰ftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder vollzugieflen.

Man bat den Ungl¸cklichen, ruhig zu sein; er faflte Wilhelmen krampfhaft bei der Hand. “Ach!” sagte er, “warum habe ich dich nicht l‰ngst verlassen, ich wuflte wohl, dafl ich den Knaben tˆten w¸rde und er mich.”–“Der Knabe lebt!” sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam zugehˆrt hatte, fragte Augustinen, ob alles Getr‰nke vergiftet gewesen. “Nein!” versetzte er, “nur das Glas.”–“So hat durch den gl¸cklichsten Zufall”, rief der Arzt, “das Kind aus der Flasche getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand gef¸hrt, dafl es nicht nach dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!”–“Nein! nein!” rief Wilhelm mit einem Schrei, indem er die H‰nde vor die Augen hielt, “wie f¸rchterlich ist diese Aussage! Ausdr¸cklich sagte das Kind, dafl es nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den H‰nden wegsterben.” Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind liebkoste: “Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und nicht aus dem Glase?” Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erz‰hlte Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bem¸hte sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde zu erfahren; es weinte nur heftiger und so lange, bis es einschlief.

Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit