Angaben der Alten ueber beide Fluesse. Nur muss freilich mit Leake angenommen werden, dass der durch die Vereinigung des Fersaliti und des Sofadhitiko gebildete, zum Peneios gehende Fluss von Vlokho bei den Alten, wie der Sofadhitiko, Apidanos hiess: was aber auch um so natuerlicher ist als wohl der Sofadhitiko, nicht aber der Fersaliti bestaendig Wasser hat (Leake, Bd. 4, S. 321). Zwischen Fersala also und dem Fersaliti muss Altpharsalos gelegen haben, wovon die Schlacht den Namen traegt. Demnach ward die Schlacht am linken Ufer des Fersaliti gefochten, und zwar so, dass die Pompeianer, mit dem Gesicht nach Pharsalos stehend, ihren rechten Fluegel an den Fluss lehnten (Caes. civ. 3, 83. Frontin. strat. 2, 3, 22). Aber das Lager der Pompeianer kann hier nicht gestanden haben, sondern nur am Abhang der Hoehen von Kynoskephalae am rechten Ufer des Enipeus, teils weil sie Caesar den Weg nach Skotussa verlegten, teils weil ihre Rueckzugslinie offenbar ueber die oberhalb des Lagers befindlichen Berge nach Larisa ging; haetten sie, nach Leakes (Bd. 4, S. 482) Annahme, oestlich von Pharsalos am linken Ufer des Enipeus gelagert, so konnten sie nimmermehr durch diesen gerade hier tief eingeschnittenen Bach (Leake, Bd. 4, S. 469) nordwaerts gelangen und Pompeius haette statt nach Larisa, nach Lamia fluechten muessen. Wahrscheinlich schlugen also die Pompeianer am rechten Ufer des Fersaliti ihr Lager und passierten den Fluss, sowohl um zu schlagen, als um nach der Schlacht wieder in ihr Lager zu gelangen von wo sie sodann sich die Abhaenge von Krannon und Skotussa hinaufzogen, die ueber dem letzteren Orte zu den Hoehen von Kynoskephalae sich gipfeln. Unmoeglich war dies nicht. Der Enipeus ist ein schmaler, langsam fliessender Bach, den Leake im November zwei Fuss tief fand und der in der heissen Jahreszeit oft ganz trocken liegt (Leake, Bd. 1, S. 448 und Bd. 4, S. 472; vgl. Lucan. 6, 373), und die Schlacht ward im Hochsommer geschlagen. Ferner standen die Heere vor der Schlacht drei Viertelmeilen auseinander (App. civ. 2, 65), so dass die Pompeianer alle Vorbereitungen treffen und auch die Verbindung mit ihrem Lager durch Bruecken gehoerig sichern konnten. Waere die Schlacht in eine voellige Deroute ausgegangen, so haette freilich der Rueckzug an und ueber den Fluss nicht ausgefuehrt werden koennen, und ohne Zweifel aus diesem Grunde verstand Pompeius nur ungern sich dazu, hier zu schlagen. Der am weitesten von der Rueckzugsbasis entfernte linke Fluegel der Pompeianer hat dies auch empfunden; aber der Rueckzug wenigstens ihres Zentrums und ihres rechten Fluegels ward nicht in solcher Hast bewerkstelligt, dass er unter den gegebenen Bedingungen unausfuehrbar waere. Caesar und seine Ausschreiber verschweigen die Ueberschreitung des Flusses, weil dieselbe die uebrigens aus der ganzen Erzaehlung hervorgehende Kampfbegierde der Pompeianer zu deutlich ins Licht stellen wuerde, und ebenso die fuer diese guenstigen Momente des Rueckzugs. ^7 In diesen Zusammenhang gehoert die bekannte Anweisung Caesars an seine Soldaten, nach den Gesichtern der feindlichen Reiter zu stossen. Die Infanterie, welche hier in ganz irregulaerer Weise offensiv gegen die Kavallerie auftrat, der mit den Saebeln nicht beizukommen war, sollte ihre Pila nicht abwerfen, sondern sie als Handspeere gegen die Reiter brauchen und, um dieser sich besser zu erwehren, damit nach oben zu stossen (Plut. Pomp. 69. 71; Plut. Caes. 45; App, civ. 2, 76, 78; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15; irrig Frontin strat. 4, 7, 32). Die anekdotenhafte Umwandlung dieser Instruktion, dass die Pompeianischen Reiter durch die Furcht vor Schmarren im Gesicht zum Weglaufen sollten gebracht werden und auch wirklich “die Haende vor die Augen haltend” (Plutarch) davongaloppiert seien, faellt in sich selbst zusammen: denn sie hat nur dann eine Pointe, wenn die Pompeianische Reiterei hauptsaechlich aus dem jungen Adel Roms, den “artigen Taenzern”, bestand; und dies ist falsch. Hoechstens kann es sein, dass der Lagerwitz jener einfachen und zweckmaessigen militaerischen Ordre diese sehr unsinnige, aber allerdings lustige Wendung gab. ——————————————————– Es dauerte einige Zeit, bevor die Folgen des 9. August 706 (48) vollstaendig sich uebersehen liessen. Was am wenigsten Zweifel litt, war der Uebertritt aller derer, die zu der bei Pharsalos ueberwundenen Partei nur als zu der maechtigeren sich geschlagen hatten, auf die Seite Caesars; die Niederlage war eine so voellig entscheidende, dass dem Sieger alles zufiel, was nicht fuer eine verlorene Sache streiten wollte oder musste. Alle die Koenige, Voelker und Staedte, die bisher Pompeius’ Klientel gebildet hatten, riefen jetzt ihre Flotten- und Heereskontingente zurueck und verweigerten den Fluechtlingen der geschlagenen Partei die Aufnahme – so Aegypten, Kyrene, die Gemeinden Syriens, Phoenikiens, Kilikiens und Kleinasiens, Rhodos, Athen und ueberhaupt der ganze Osten. Ja, Koenig Pharnakes vom Bosporus trieb den Diensteifer so weit, dass er auf die Nachricht von der Pharsalischen Schlacht nicht bloss die manches Jahr zuvor vom Pompeius frei erklaerte Stadt Phanagoria und die Gebiete der von ihm bestaetigten kolchischen Fuersten, sondern selbst das von demselben dem Koenig Deiotarus verliehene Koenigreich Klein-Armenien in Besitz nahm. Fast die einzigen Ausnahmen von dieser allgemeinen Unterwerfung waren die kleine Stadt Megara, die von den Caesarianern sich belagern und erstuermen liess, und Koenig Juba von Numidien, der von Caesar die Einziehung seines Reiches schon laengst und nach dem Siege ueber Curio nur um so sicherer zu gewaertigen hatte und also freilich, wohl oder uebel, bei der geschlagenen Partei ausharren musste. Ebenso wie die Klientelgemeinden sich dem Sieger von Pharsalos unterwarfen, kam auch der Schweif der Verfassungspartei, alle, die mit halbem Herzen mitgemacht hatten oder gar, wie Marcus Cicero und seinesgleichen, nur um die Aristokratie herumtrippelten wie die Halbhexen um den Blocksberg, herbei, um mit dem neuen Alleinherrscher ihren Frieden zu machen, den denn auch dessen geringschaetzige Nachsicht den Bittstellern bereitwillig und hoeflich gewaehrte. Aber der Kern der geschlagenen Partei transigierte nicht. Mit der Aristokratie war es vorbei; aber die Aristokraten konnten doch sich nimmermehr zur Monarchie bekehren. Auch die hoechsten Offenbarungen der Menschheit sind vergaenglich; die einmal wahre Religion kann zur Luege, die einst segenhafte Staatsordnung zum Fluche werden; aber selbst das vergangene Evangelium noch findet Bekenner, und wenn solcher Glaube nicht Berge versetzen kann wie der Glaube an die lebendige Wahrheit, so bleibt er doch sich selber bis zu seinem Untergange treu und weicht aus dem Reiche der Lebendigen nicht, bevor er seine letzten Priester und seine letzten Buerger sich nachgezogen hat und ein neues Geschlecht, von jenen Schemen des Gewesenen und Verwesenden befreit, ueber die verjuengte Welt regiert. So war es in Rom. In welchen Abgrund der Entartung auch jetzt das aristokratische Regiment versunken war, es war einst ein grossartiges politisches System gewesen; das heilige Feuer, durch das Italien erobert und Hannibal besiegt worden war, gluehte, wie getruebt und verdumpft, dennoch fort in dem roemischen Adel, solange es einen solchen gab, und machte eine innerliche Verstaendigung zwischen den Maennern des alten Regiments und dem neuen Monarchen unmoeglich. Ein grosser Teil der Verfassungspartei fuegte sich wenigstens aeusserlich und erkannte die Monarchie insofern an, als sie von Caesar Gnade annahmen und soweit moeglich, sich ins Privatleben zurueckzogen; was freilich regelmaessig nicht ohne den Hintergedanken geschah, sich damit auf einen kuenftigen Umschwung der Dinge aufzusparen. Vorzugsweise taten dies die minder namhaften Parteigenossen; doch zaehlte auch der tuechtige Marcus Marcellus, derselbe, der den Bruch mit Caesar herbeigefuehrt hatte, zu diesen Verstaendigen und verbannte sich freiwillig nach Lesbos. Aber in der Majoritaet der echten Aristokratie war die Leidenschaft maechtiger als die kuehle Ueberlegung; wobei freilich auch Selbsttaeuschungen ueber den noch moeglichen Erfolg und Besorgnisse vor der unvermeidlichen Rache des Siegers mannigfaltig mitwirkten. Keiner wohl beurteilte mit so schmerzlicher Klarheit und so frei von Furcht wie von Hoffnung fuer sich die Lage der Dinge wie Marcus Cato. Vollkommen ueberzeugt, dass nach den Tagen von Ilerda und Pharsalos die Monarchie unvermeidlich sei, und sittlich fest genug, um auch diese bittere Wahrheit sich einzugestehen und danach zu handeln, schwankte er einen Augenblick, ob die Verfassungspartei den Krieg ueberhaupt noch fortsetzen duerfe, der notwendig fuer eine verlorene Sache vielen Opfer zumutete, die nicht wussten, wofuer sie sie brachten. Aber wenn er sich entschloss, weiter gegen die Monarchie zu kaempfen, nicht um den Sieg, sondern um rascheren und ehrenvolleren Untergang, so suchte er doch soweit moeglich in diesen Krieg keinen hineinzuziehen, der den Untergang der Republik ueberleben und mit der Monarchie sich abfinden mochte. Solange die Republik nur bedroht gewesen, meinte er, habe man das Recht und die Pflicht gehabt, auch den lauen und schlechten Buerger zur Teilnahme an dem Kampfe zu zwingen; aber jetzt sei es sinnlos und grausam, den einzelnen zu noetigen, dass er mit der verlorenen Republik sich zugrunde richte. Nicht bloss entliess er selbst jeden, der nach Italien heimzukehren begehrte; als der wildeste unter den wilden Parteimaennern, Gnaeus Pompeius der Sohn, auf die Hinrichtung dieser Leute, namentlich des Cicero drang, war es einzig Cato, der sie durch seine sittliche Autoritaet verhinderte. Auch Pompeius begehrte keinen Frieden. Waere er ein Mann gewesen, der es verdiente, an dem Platze zu stehen, wo er stand, so moechte man meinen, er habe es begriffen, dass, wer nach der Krone greift, nicht wieder zurueck kann in das Geleise der gewoehnlichen Existenz und darum fuer den, der fehlgegriffen, kein Platz mehr auf der Erde ist. Allein schwerlich dachte Pompeius zu gross, um eine Gnade zu erbitten, die der Sieger vielleicht hochherzig genug gewesen waere, ihm nicht zu versagen, sondern vielmehr wahrscheinlich dazu zu gering. Sei es, dass er es nicht ueber sich gewann, Caesar sich anzuvertrauen, sei es, dass er in seiner gewoehnlichen unklaren und unentschiedenen Weise, nachdem der erste unmittelbare Eindruck der Katastrophe von Pharsalos geschwunden war, wieder anfing, Hoffnung zu schoepfen, Pompeius war entschlossen, den Kampf gegen Caesar fortzusetzen und nach dem Pharsalischen noch ein anderes Schlachtfeld sich zu suchen.
So ging also, wie Caesar immer durch Klugheit und Maessigung den Groll seiner Gegner zu beschwichtigen und ihre Zahl zu mindern bemueht war, der Kampf nichtsdestoweniger unabaenderlich weiter. Allein die fuehrenden Maenner hatten fast alle bei Pharsalos mitgefochten, und obwohl sie, mit Ausnahme von Lucius Domitius Ahenobarbus, der auf der Flucht niedergemacht ward, saemtlich sich retteten, wurden sie doch nach allen Seiten hin versprengt, weshalb sie nicht dazu kamen, einen gemeinschaftlichen Plan fuer die Fortsetzung des Feldzuges zu verabreden. Die meisten von ihnen gelangten, teils durch die oeden makedonischen und illyrischen Gebirge, teils mit Hilfe der Flotte, nach Kerkyra, wo Marcus Cato die zurueckgelassene Reserve kommandierte. Hier fand unter Catos Vorsitz eine Art Kriegsrat statt, dem Metellus Scipio, Titus Labienus, Lucius Afranius, Gnaeus Pompeius der Sohn und andere beiwohnten; allein teils die Abwesenheit des Oberfeldherrn und die peinliche Ungewissheit ueber sein Schicksal, teils die innere Zerfahrenheit der Partei verhinderte eine gemeinsame Beschlussfassung, und es schlug schliesslich jeder den Weg ein, der ihm fuer sich oder fuer die gemeine Sache der zweckmaessigste zu sein schien. Es war in der Tat in hohem Grade schwierig, unter den vielen Strohhalmen, an die man etwa sich anklammern konnte, denjenigen zu bezeichnen, der am laengsten ueber Wasser halten wuerde. Makedonien und Griechenland waren durch die Schlacht von Pharsalos verloren. Zwar hielt Cato, nachdem er auf die Nachricht von der Niederlage Dyrrhachion sogleich geraeumt hatte, nach Kerkyra, Rutilius Lupus noch den Peloponnes eine Zeitlang fuer die Verfassungspartei. Einen Augenblick schien es auch, als wollten die Pompeianer sich in Patrae auf dem Peloponnes verteidigen; allein die Nachricht von Calenus’ Anruecken genuegte, um sie von hier zu verscheuchen. Kerkyra zu behaupten wurde ebensowenig versucht. An der italischen und sizilischen Kueste hatten die nach den Siegen von Dyrrhachion dorthin entsandten Pompeianischen Geschwader gegen die Haefen von Brundisium, Messana und Vibo nicht unbedeutende Erfolge errungen und in Messana namentlich die ganze in der Ausruestung begriffene Flotte Caesars niedergebrannt; allein die hier taetigen Schiffe, groesstenteils kleinasiatische und syrische, wurden infolge der Pharsalischen Schlacht von ihren Gemeinden abberufen, so dass die Expedition damit von selber ein Ende nahm. In Kleinasien und Syrien standen augenblicklich gar keine Truppen, weder der einen noch der anderen Partei, mit Ausnahme der bosporanischen Armee des Pharnakes, die, angeblich fuer Rechnung Caesars, verschiedene Landschaften der Gegner desselben eingenommen hatte. In Aegypten stand zwar noch ein ansehnliches roemisches Heer, gebildet aus den dort von Gabinius zurueckgelassenen und seitdem aus italischen Landstreichern und syrischem oder kilikischem Raeubergesindel rekrutierten Truppen; allein es verstand sich von selbst und ward durch die Rueckberufung der aegyptischen Schiffe bald offiziell bestaetigt, dass der Hof von Alexandreia keineswegs die Absicht hatte, bei der geschlagenen Partei auszuhalten oder gar ihr seine Truppenmacht zur Verfuegung zu stellen. Etwas guenstigere Aussichten boten sich den Besiegten im Westen dar. In Spanien waren unter der Bevoelkerung die Pompeianischen Sympathien so maechtig, dass die Caesarianer den von dort aus gegen Afrika beabsichtigten Angriff deswegen unterlassen mussten und eine Insurrektion unausbleiblich schien, sowie ein namhafter Fuehrer auf der Halbinsel sich zeigen wuerde. In Afrika aber hatte die Koalition oder vielmehr der eigentliche Machthaber daselbst, Koenig Juba von Numidien, seit dem Herbst 705 (49) ungestoert geruestet. Wenn also der ganze Osten durch die Schlacht von Pharsalos der Koalition verloren war, so konnte sie dagegen in Spanien wahrscheinlich und sicher in Afrika den Krieg in ehrenhafter Weise weiterfuehren; denn die Hilfe des laengst der roemischen Gemeinde untertaenigen Koenigs von Numidien gegen revolutionaere Mitbuerger in Anspruch zu nehmen, war fuer den Roemer wohl eine peinliche Demuetigung, aber keineswegs ein Landesverrat. Wem freilich in diesem Kampfe der Verzweiflung weder Recht noch Ehre etwas weiter galt, der mochte auch, sich selber ausserhalb des Gesetzes erklaerend, die Raeuberfehde eroeffnen oder, mit unabhaengigen Nachbarstaaten in Buendnis tretend, den Landesfeind in den inneren Streit hineinziehen oder endlich, die Monarchie mit den Lippen bekennend, die Restauration der legitimen Republik mit dem Dolch des Meuchelmoerders betreiben. Dass die Ueberwundenen austraten und der neuen Monarchie absagten, war wenigstens der natuerliche und insofern richtigste Ausdruck ihrer verzweifelten Lage. Das Gebirge und vor allem das Meer waren in jener Zeit seit Menschengedenken wie die Freistatt allen Frevels, so auch die des unertraeglichen Elends und des unterdrueckten Rechtes; Pompeianern und Republikanern lag es nahe, der Monarchie Caesars, die sie ausstiess, in den Bergen und auf den Meeren trotzig den Krieg zu machen, und namentlich nahe, die Piraterie in groesserem Massstab, in festerer Geschlossenheit, mit bestimmteren Zielen aufzunehmen. Selbst nach der Abberufung der aus dem Osten gekommenen Geschwader besassen sie noch eine sehr ansehnliche eigene Flotte, waehrend Caesar immer noch so gut wie ohne Kriegsschiffe war; und ihre Verbindung mit den Delmatern, die im eigenen Interesse gegen Caesar aufgestanden waren, ihre Herrschaft ueber die wichtigsten Meere und Hafenplaetze, gaben fuer den Seekrieg, namentlich im kleinen, die vorteilhaftesten Aussichten. Wie einst Sullas Demokratenhetze geendigt hatte mit dem Sertorianischen Aufstand, der anfangs Piraten-, dann Raeuberfehde war und schliesslich doch ein sehr ernstlicher Krieg ward, so konnte, wenn in der catonischen Aristokratie oder unter den Anhaengern des Pompeius so viel Geist und Feuer war wie in der marianischen Demokratie, und wenn in ihr der rechte Seekoenig sich fand, auf dem noch unbezwungenen Meere wohl ein von Caesars Monarchie unabhaengiges und vielleicht dieser gewachsenes Gemeinwesen entstehen. In jeder Hinsicht weit schaerfere Missbilligung verdient der Gedanke, einen unabhaengigen Nachbarstaat in den roemischen Buergerkrieg hineinzuziehen und durch ihn eine Konterrevolution herbeizufuehren: Gesetz und Gewissen verurteilen den Ueberlaeufer strenger als den Raeuber, und leichter findet die siegreiche Raeuberschar den Rueckweg zu einem freien und geordneten Gemeinwesen, als die vom Landesfeind zurueckgefuehrte Emigration. Uebrigens war es auch kaum wahrscheinlich, dass die geschlagene Partei auf diesem Wege eine Restauration wuerde bewirken koennen. Der einzige Staat, auf den sie versuchen konnte sich zu stuetzen, war der der Parther; und von diesem war es wenigstens zweifelhaft, ob er ihre Sache zu der seinigen machen, und sehr unwahrscheinlich, dass er gegen Caesar sie durchfechten werde. Die Zeit der republikanischen Verschwoerungen aber war noch nicht gekommen.
Waehrend also die Truemmer der geschlagenen Partei ratlos vom Schicksal sich treiben liessen und auch die den Kampf fortzusetzen entschieden waren nicht wussten, wie noch wo, hatte Caesar, wie immer rasch entschlossen und rasch handelnd, alles beiseite gelassen, um Pompeius zu verfolgen, den einzigen seiner Gegner, den er als Offizier achtete, und denjenigen, dessen persoenliche Gefangennahme die eine und vielleicht die gefaehrlichere Haelfte seiner Gegner wahrscheinlich paralysiert haben wuerde. Mit weniger Mannschaft fuhr er ueber den Hellespont – seine einzelne Barke traf in demselben auf eine feindliche, nach dem Schwarzen Meere bestimmte Flotte und nahm die ganze, durch die Kunde von der Pharsalischen Schlacht wie mit Betaeubung geschlagene Mannschaft derselben gefangen – und eilte, sowie die notwendigsten Anordnungen getroffen waren, Pompeius in den Osten nach. Dieser war vom Pharsalischen Schlachtfeld nach Lesbos gegangen, wo er seine Gemahlin und seinen zweiten Sohn Sextus abholte, und weiter um Kleinasien herum nach Kilikien und von da nach Kypros gesegelt. Er haette zu seinen Parteigenossen nach Kerkyra oder Afrika gelangen koennen; allein der Widerwille gegen seine aristokratischen Verbuendeten und der Gedanke an die Aufnahme, die nach dem Tage von Pharsalos und vor allem nach seiner schimpflichen Flucht ihn dort erwartete, scheinen ihn bewogen zu haben, seinen Weg fuer sich zu gehen und lieber in den Schutz des Partherkoenigs als in den Catos sich zu begeben. Waehrend er beschaeftigt war, von den roemischen Steuerpaechtern und Kaufleuten auf Kypros Geld und Sklaven beizutreiben und einen Haufen von 2000 Sklaven zu bewaffnen, erhielt er die Nachricht, dass Antiocheia sich fuer Caesar erklaert habe und der Weg zu den Parthern nicht mehr offen sei. So aenderte er seinen Plan und ging unter Segel nach Aegypten, wo in dem Heere eine Menge seiner alten Soldaten dienten und die Lage und die reichen Hilfsmittel des Landes Zeit und Gelegenheit gewaehrten, den Krieg zu reorganisieren.
In Aegypten hatten nach Ptolemaeos Auletes’ Tode (Mai 703 51) dessen Kinder, die etwa sechzehnjaehrige Kleopatra und der zehnjaehrige Ptolemaeos Dionysos, nach dem Willen ihres Vaters gemeinschaftlich und als Gatten, den Thron bestiegen; allein bald hatte der Bruder oder vielmehr dessen Vormund Potheinos die Schwester aus dem Reiche getrieben und sie genoetigt, eine Zuflucht in Syrien zu suchen, von wo aus sie Anstalten traf, um in ihr vaeterliches Reich zurueckzugelangen. Ptolemaeos und Potheinos standen eben, um gegen sie die Ostgrenze zu decken, mit der ganzen aegyptischen Armee bei Pelusion, als Pompeius bei dem Kasischen Vorgebirge vor Anker ging und den Koenig ersuchen liess, ihm die Landung zu gestatten. Der aegyptische Hof, laengst von der Katastrophe bei Pharsalos unterrichtet, war im Begriffe, Pompeius zurueckzuweisen; allein der Hofmeister des Koenigs, Theodotos, wies darauf hin, dass in diesem Falle Pompeius wahrscheinlich seine Verbindungen in der aegyptischen Armee benutzen werde, um dieselbe aufzuwiegeln; es sei sicherer und auch mit Ruecksicht auf Caesar vorzuziehen, wenn man die Gelegenheit wahrnehme, um Pompeius aus der Welt zu schaffen. Dergleichen politische Raesonnements verfehlten bei den Staatsmaennern der hellenischen Welt nicht leicht ihre Wirkung. Der General der koeniglichen Truppen, Achillas, und einige von Pompeius’ ehemaligen Soldaten fuhren mit einem Kahn an Pompeius’ Schiff heran und luden ihn ein, zum Koenig zu kommen und, da das Fahrwasser seicht sei, ihre Barke zu besteigen. Im Aussteigen stach der Kriegstribun Lucius Septimius ihn hinterruecks nieder, unter den Augen seiner Gattin und seines Sohnes, welche von dem Verdeck ihres Schiffes aus dem Morde zusehen mussten, ohne retten oder raechen zu koennen (28. September 706 48). An demselben Tage, an dem er dreizehn Jahre zuvor, ueber Mithradates triumphierend, in die Hauptstadt eingezogen war, endigte auf einer oeden Duene des unwirtlichen kasischen Strandes durch die Hand eines seiner alten Soldaten der Mann, der ein Menschenalter hindurch der Grosse geheissen und Jahre lang Rom beherrscht hatte. Ein guter Offizier, uebrigens aber von mittelmaessigen Gaben des Geistes und des Herzens, hatte das Schicksal mit dreissigjaehriger daemonischer Bestaendigkeit alle glaenzenden muehelosen Aufgaben nur darum ihm zu loesen gewaehrt, alle von anderen gepflanzten und gepflegten Lorbeeren nur darum ihm zu brechen gestattet, nur darum alle Bedingungen zur Erlangung der hoechsten Gewalt ihm entgegengetragen, um an ihm ein Beispiel falscher Groesse aufzustellen, wie die Geschichte kein zweites kennt. Unter allen klaeglichen Rollen gibt es keine klaeglichere als die, mehr zu gelten als zu sein; und es ist das Verhaengnis der Monarchie, da doch kaum alle tausend Jahre in dem Volke ein Mann aufsteht, welcher Koenig nicht bloss heisst, sondern auch ist, dass diese Klaeglichkeit unvermeidlich an ihr haftet. Wenn dies Missverhaeltnis zwischen Scheinen und Sein vielleicht nie so schroff hervorgetreten ist wie in Pompeius, so mag der ernste Gedanke wohl dabei verweilen, dass er eben in gewissem Sinn die Reihe der roemischen Monarchen eroeffnet.
Als Caesar, Pompeius’ Spuren folgend, auf der Reede von Alexandreia eintraf, war bereits alles vorueber. Mit tiefer Erschuetterung wandte er sich ab, als ihm der Moerder das Haupt des Mannes auf das Schiff entgegentrug, der sein Schwiegersohn und lange Jahre sein Genosse in der Herrschaft gewesen und den lebend in seine Gewalt zu bringen er nach Aegypten gekommen war. Die Antwort auf die Frage, wie Caesar mit dem gefangenen Pompeius verfahren sein wuerde, hat der Dolch des voreiligen Moerders abgeschnitten; aber wenn die menschliche Teilnahme, die in Caesars grosser Seele noch neben dem Ehrgeiz Raum fand, ihm die Schonung des ehemaligen Freundes gebot, so forderte auch sein Interesse, denselben auf andere Art zu annullieren als durch den Henker. Pompeius war zwanzig Jahre lang der anerkannte Gebieter von Rom gewesen; eine so tief gewurzelte Herrschaft geht nicht unter mit dem Tode des Herrn. Pompeius’ Tod loeste die Pompeianer nicht auf, sondern gab ihnen statt eines bejahrten, unfaehigen und vernutzten Hauptes an dessen beiden Soehnen Gnaeus und Sextus zwei Fuehrer, welche beide jung und ruehrig und von denen der zweite eine entschiedene Kapazitaet war. Der neugegruendeten Erbmonarchie heftete sogleich parasitisch sich das erbliche Praetendententum an, und es war sehr zweifelhaft, ob bei diesem Wechsel der Personen Caesar nicht mehr verlor, als er gewann. Indes in Aegypten hatte Caesar jetzt nichts weiter zu tun, und Roemer und Aegypter erwarteten, dass er sofort wieder unter Segel gehen und sich an die Unterwerfung Afrikas und an das unermessliche Organisationswerk machen werde, das ihm nach dem Siege bevorstand. Allein Caesar, seiner Gewohnheit getreu, wo er einmal in dem weiten Reiche sich befand, die Verhaeltnisse sogleich und persoenlich endgueltig zu regeln, und fest ueberzeugt, dass weder von der roemischen Besatzung noch von dem Hofe irgendein Widerstand zu erwarten sei, ueberdies in dringender Geldverlegenheit, landete in Alexandreia mit den zwei ihn begleitenden, auf 3200 Mann zusammengeschmolzenen Legionen und 800 keltischen und deutschen Reitern, nahm Quartier in der koeniglichen Burg und ging daran, die noetigen Summen beizutreiben und die aegyptische Erbfolge zu ordnen, ohne sich stoeren zu lassen durch Potheinos’ naseweise Bemerkung, dass Caesar doch ueber diese Kleinigkeiten nicht seine so wichtigen eigenen Angelegenheiten versaeumen moege. Gegen die Aegypter verfuhr er dabei gerecht und selbst nachsichtig. Obwohl der Beistand, den sie Pompeius geleistet hatten, zur Auflegung einer Kriegskontribution berechtigte, ward doch das erschoepfte Land damit verschont und unter Erlass dessen, was auf die im Jahre 695 (59) stipulierte und seitdem erst etwa zur Haelfte abbezahlte Summe weiter rueckstaendig war, lediglich eine Schlusszahlung von 10 Mill. Denaren (3 Mill. Taler) gefordert. Den beiden kriegfuehrenden Geschwistern ward die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten anbefohlen und beide zur Untersuchung und Entscheidung des Streites vor den Schiedsherrn geladen. Man fuegte sich; der koenigliche Knabe befand sich bereits in der Burg und auch Kleopatra stellte dort sich ein. Caesar sprach das Reich Aegypten, dem Testament des Auletes gemaess, den beiden geschwisterlichen Gatten Kleopatra und Ptolemaeos Dionysos zu und gab ferner unaufgefordert, unter Kassierung der frueher verfuegten Einziehung des Kyprischen Reiches, dieses als aegyptische Sekundogenitur an die juengeren Kinder des Auletes Arsinoe und Ptolemaeos den Juengeren. Allein im stillen bereitete ein Ungewitter sich vor. Alexandreia war eine Weltstadt so gut wie Rom, an Einwohnerzahl der italischen Hauptstadt schwerlich nachstehend, an ruehrigem Handelsgeist, an Handwerkergeschick, an Sinn fuer Wissenschaft und Kunst ihr weit ueberlegen; in der Buergerschaft war ein reges nationales Selbstgefuehl und wenn kein politischer Sinn, doch ein unruhiger Geist, der sie ihre Strassenkrawalle so regelmaessig und so herzhaft abhalten liess wie heutzutage die Pariser; man kann sich ihre Empfindungen denken, als sie in der Residenz der Lagiden den roemischen Feldherrn schalten und ihre Koenige vor seinem Tribunal Recht nehmen sah. Potheinos und der koenigliche Knabe, beide begreiflicherweise sehr unzufrieden sowohl mit der peremtorischen Einmahnung alter Schulden wie mit der Intervention in dem Thronstreit, welche nur zu Gunsten der Kleopatra ausfallen konnte und ausfiel, schickten zur Befriedigung der roemischen Forderungen die Schaetze der Tempel und das goldene Tischgeraet des Koenigs mit absichtlicher Ostentation zum Einschmelzen in die Muenze; mit tiefer Erbitterung schauten die aberglaeubisch frommen und der weltberuehmten Pracht ihres Hofes wie eines eigenen Besitzes sich erfreuenden Aegypter die nackten Waende ihrer Tempel und die hoelzernen Becher auf der Tafel ihres Koenigs. Auch die roemische Okkupationsarmee, welche durch den langen Aufenthalt in Aegypten und die vielen Zwischenheiraten zwischen den Soldaten und aegyptischen Maedchen wesentlich denationalisiert war und ueberdies eine Menge alter Soldaten des Pompeius und verlaufener italischer Verbrecher und Sklaven in ihren Reihen zaehlte, grollte Caesar, auf dessen Befehl sie ihre Aktion an der syrischen Grenze hatte einstellen muessen, und seiner Handvoll hochmuetiger Legionaere. Schon der Auflauf bei der Landung, als die Menge die roemischen Beile in die alte Koenigsburg tragen sah, und die zahlreichen Meuchelmorde, welche gegen seine Soldaten in der Stadt veruebt wurden, hatten Caesar darueber belehrt, in welcher ungeheuren Gefahr er mit seinen wenigen Leuten dieser erbitterten Menge gegenueber schwebte. Allein die Umkehr war wegen der in dieser Jahreszeit herrschenden Nordwestwinde schwierig, und der Versuch der Einschiffung konnte leicht das Signal zum Ausbruch der Insurrektion werden; ueberhaupt lag es nicht in Caesars Art, unverrichteter Sache sich davonzumachen. Er beorderte also zwar sogleich Verstaerkungen aus Asien herbei, trug aber, bis diese eintrafen, zunaechst die groesste Sicherheit zur Schau. Nie war es lustiger in seinem Lager hergegangen als waehrend dieser alexandrinischen Rast; und wenn die schoene und geistreiche Kleopatra mit ihren Reizen ueberhaupt nicht, und am wenigsten gegen ihren Richter, sparsam war, so schien auch Caesar unter all seinen Siegen die ueber schoene Frauen am hoechsten zu schaetzen. Es war ein lustiges Vorspiel zu sehr ernsten Auftritten. Unter Fuehrung des Achillas und, wie spaeter sich auswies, auf geheimen Befehl des Koenigs und seines Vormundes, erschien die in Aegypten stehende roemische Okkupationsarmee unvermutet in Alexandreia; und sowie die Buergerschaft sah, dass sie kam, um Caesar anzugreifen, machte sie mit den Soldaten gemeinschaftliche Sache. Mit einer Geistesgegenwart, die seine fruehere Tolldreistigkeit gewissermassen rechtfertigt, raffte Caesar schleunigst seine zerstreuten Mannschaften zusammen, bemaechtigte sich der Person des Koenigs und seiner Minister, verschanzte sich in der koeniglichen Burg und dem benachbarten Theater, liess, da es an Zeit gebrach, die in dem Haupthafen unmittelbar vor dem Theater stationierte Kriegsflotte in Sicherheit zu bringen, dieselbe anzuenden und die den Hafen beherrschende Leuchtturminsel Pharos durch Boote besetzen. So war wenigstens eine beschraenkte Verteidigungsstellung gewonnen und der Weg offen gehalten, um Zufuhr und Verstaerkungen herbeizuschaffen. Zugleich ging dem Kornmandanten von Kleinasien sowie den naechsten untertaenigen Landschaften, den Syrern und Nabataeern, den Kretensern und den Rhodiern, der Befehl zu, schleunigst Truppen und Schiffe nach Aegypten zu senden. Die Insurrektion, an deren Spitze die Prinzessin Arsinoe und deren Vertreter, der Eunuch Ganymedes, sich gestellt hatten, schaltete indes frei in ganz Aegypten und in dem groessten Teil der Hauptstadt, in deren Strassen taeglich gefochten ward, ohne dass es weder Caesar gelang, sich freier zu entwickeln und bis zu dem hinter der Stadt befindlichen Suesswassersee von Marea durchzubrechen, wo er sich mit Wasser und mit Fourage haette versorgen koennen, noch den Alexandrinern, der Belagerten Herr zu werden und sie alles Trinkwassers zu berauben; denn als die Nilkanaele in Caesars Stadtteil durch hineingeleitetes Seewasser verdorben waren, fand sich unerwartet trinkbares Wasser in den am Strande gegrabenen Brunnen. Da Caesar von der Landseite nicht zu ueberwaeltigen war, richteten sich die Anstrengungen der Belagerer darauf, seine Flotte zu vernichten und ihn von der See abzuschneiden, auf der die Zufuhr ihm zukam. Die Leuchtturminsel und der Damm, durch den diese mit dem Festland zusammenhing, teilte den Hafen in eine westliche und eine oestliche Haelfte, die durch zwei Bogenoeffnungen des Dammes miteinander in Verbindung standen. Caesar beherrschte die Insel und den Osthafen, waehrend der Damm und der Westhafen im Besitz der Buergerschaft war, und seine Schiffe fuhren, da die alexandrinische Flotte verbrannt war, ungehindert ab und zu. Die Alexandriner, nachdem sie vergeblich versucht hatten, aus dem Westhafen in den oestlichen Brander einzufuehren, stellten darauf mit den Resten ihres Arsenals ein kleines Geschwader her und verlegten damit Caesars Schiffen den Weg, als dieselben eine Transportflotte mit einer aus Kleinasien nachgekommenen Legion hereinbugsierten; indes wurden Caesars vortreffliche rhodische Seeleute des Feindes Herr. Nicht lange darauf nahmen indes die Buerger die Leuchtturminsel weg ^8 und sperrten von da aus die schmale und klippige Muendung des Osthafens fuer groessere Schiffe gaenzlich; so dass Caesars Flotte genoetigt war, auf der offenen Reede vor dem Osthafen zu stationieren und seine Verbindung mit der See nur noch an einem schwachen Faden hing. Caesars Flotte, auf jener Reede zu wiederholten Malen von der ueberlegenen feindlichen Seemacht angegriffen, konnte weder dem ungleichen Kampf ausweichen, da der Verlust der Leuchtturminsel ihr den inneren Hafen verschloss, noch auch das Weite suchen, da der Verlust der Reede Caesar ganz von der See abgesperrt haben wuerde. Wenn auch die tapfern Legionaere, unterstuetzt durch die Gewandtheit der rhodischen Matrosen, bisher noch immer diese Gefechte zu Gunsten der Roemer entschieden hatten, so erneuerten und steigerten doch die Alexandriner mit unermuedeter Beharrlichkeit ihre Flottenruestungen; die Belagerten mussten schlagen, so oft es den Belagerern beliebte, und wurden jene ein einziges Mal ueberwunden, so war Caesar vollstaendig eingeschlossen und wahrscheinlich verloren. Es ward schlechterdings noetig, einen Versuch zur Wiedergewinnung der Leuchtturminsel zu machen. Der zwiefache Angriff, der durch Boote von der Hafen-, durch die Kriegsschiffe von der Seeseite her gemacht ward, brachte in der Tat nicht bloss die Insel, sondern auch den unteren Teil des Dammes in Caesars Gewalt; erst bei der zweiten Bogenoeffnung des Dammes befahl Caesar anzuhalten und den Damm hier gegen die Stadt zu durch einen Querwall zu sperren. Allein waehrend hier um die Schanzenden ein hitziges Gefecht sich entspann, entbloessten die roemischen Truppen den unteren, an die Insel anstossenden Teil des Dammes; unversehens landete hier eine Abteilung Aegypter, griff die auf dem Damm am Querwall zusammengedraengten roemischen Soldaten und Matrosen von hinten an und sprengte die ganze Masse in wilder Verwirrung in das Meer. Ein Teil ward von den roemischen Schiffen aufgenommen; die meisten ertranken. Etwa 400 Soldaten und eine noch groessere Zahl von der Flottenmannschaft wurden das Opfer dieses Tages; der Feldherr selbst, der das Schicksal der Seinigen geteilt, hatte sich auf sein Schiff und, als dieses von Menschen ueberschwert sank, schwimmend auf ein anderes retten muessen. Indes so empfindlich auch der erlittene Verlust war, er ward durch den Wiedergewinn der Leuchtturminsel, die samt dem Damm bis zur ersten Bogenoeffnung in Caesars Haenden blieb, reichlich aufgewogen. Endlich kam der ersehnte Entsatz. Mithradates von Pergamon, ein tuechtiger Kriegsmann aus der Schule des Mithradates Eupator, dessen natuerlicher Sohn er zu sein behauptete, fuehrte zu Lande von Syrien her eine buntscheckige Armee heran: die Ityraeer des Fuersten von Libanos, die Beduinen des Jamblichos, Sampsikeramos’ Sohn, die Juden unter dem Minister Antipatros, ueberhaupt die Kontingente der kleinen Haeuptlinge und Gemeinden Kilikiens und Syriens. Von Pelusion, das Mithradates am Tage seiner Ankunft zu besetzen geglueckt war, schlug er, um das durchschnittene Terrain des Delta zu vermeiden und den Nil vor seiner Teilung zu ueberschreiten, die grosse Strasse nach Memphis ein, wobei seine Truppen von den besonders in diesem Teil Aegyptens zahlreich ansaessigen Juden vielfache landsmannschaftliche Unterstuetzung empfingen. Die Aegypter, jetzt den jungen Koenig Ptolemaeos an der Spitze, welchen Caesar in der vergeblichen Hoffnung, die Insurrektion durch ihn zu beschwichtigen, zu den Seinigen entlassen hatte, entsandten ein Heer auf dem Nil, um Mithradates auf dessen jenseitigem Ufer festzuhalten. Dasselbe traf auch, noch jenseits Memphis bei dem sogenannten Judenlager, zwischen Omion und Heliopolis, auf den Feind; allein Mithradates, geuebt, in roemischer Weise zu manoevrieren und zu lagern, gewann dennoch unter gluecklichen Gefechten das andere Ufer bei Memphis. Caesar andererseits, sowie er von dem Eintreffen der Entsatzarmee Kunde erhielt, fuehrte einen Teil seiner Truppen auf Schiffen an die Spitze des Sees von Marea westlich von Alexandreia und marschierte um diesen herum und den Nil hinab dem flussaufwaerts herankommenden Mithradates entgegen. Die Vereinigung erfolgte, ohne dass der Feind sie zu hindern versucht haette. Caesar rueckte dann in das Delta, wohin der Koenig sich zurueckgezogen hatte, warf, trotz des tiefeingeschnittenen Kanals vor ihrer Front, die aegyptische Vorhut im ersten Anlauf und stuermte sofort das aegyptische Lager selbst. Es befand sich am Fuss einer Anhoehe zwischen dem Nil, von dem nur ein schmaler Weg es trennte, und schwer zugaenglichen Suempfen. Caesar liess zugleich von vorn und seitwaerts auf dem Weg am Nil das Lager berennen und waehrend dieses Sturmes ein drittes Detachement die Anhoehen hinter dem Lager ungesehen ersteigen. Der Sieg war vollstaendig; das Lager ward genommen und was von den Aegyptern nicht unter den feindlichen Schwertern fiel, ertrank bei dem Versuch, zu der Nilflotte zu entkommen. Mit einem der Boote, die mit Menschen ueberladen sanken, verschwand auch der junge Koenig in den Wellen seines heimischen Stromes. Unmittelbar vom Schlachtfeld rueckte Caesar von der Landseite her geradeswegs an der Spitze seiner Reiterei in den von den Aegyptern besetzten Teil der Hauptstadt. Im Trauergewande, ihre Goetterbilder in den Haenden, empfingen ihn um Friede bittend die Feinde, die Seinigen aber, da sie ihn von der anderen Seite, als von der er ausgezogen als Sieger wiederkehren sahen, mit grenzenlosem Jubel. Das Schicksal der Stadt, die den Herrn der Welt in seinen Plaenen zu kreuzen gewagt und um ein Haar seinen Untergang herbeigefuehrt hatte, lag in Caesars Hand; allein er war zu sehr Regent, um empfindlich zu sein, und verfuhr mit den Alexandrinern wie mit den Massalioten. Caesar, hinweisend auf die arg verwuestete und bei Gelegenheit des Flottenbrandes ihrer Kornmagazine, ihrer weltberuehmten Bibliothek und anderer bedeutender oeffentlicher Gebaeude beraubte Stadt, ermahnte die Einwohnerschaft, sich kuenftig allein der Kuenste des Friedens ernstlich zu befleissigen und die Wunden zu heilen, die sie sich selber geschlagen; uebrigens begnuegte er sich, den in Alexandreia angesessenen Juden dieselben Rechte zu gewaehren, deren die griechische Stadtbevoelkerung genoss, und anstatt der bisherigen, wenigstens dem Namen nach den Koenigen von Aegypten gehorchenden roemischen Okkupationsarmee eine foermliche roemische Besatzung, zwei der daselbst belagerten und eine dritte spaeter aus Syrien nachgekommene Legion, unter einem von ihm selbst ernannten Befehlshaber nach Alexandreia zu legen. Zu diesem Vertrauensposten ward absichtlich ein Mann ausersehen, dessen Geburt es ihm unmoeglich machte, denselben zu missbrauchen, Rufio, ein tuechtiger Soldat, aber eines Freigelassenen Sohn. Das Regiment Aegyptens unter Roms Oberhoheit erhielten Kleopatra und deren juengerer Bruder Ptolemaeos; die Prinzessin Arsinoe ward, um nicht den nach orientalischer Art der Dynastie ebenso ergebenen wie gegen den einzelnen Dynasten gleichgueltigen Aegyptern abermals als Vorwand fuer Insurrektionen zu dienen, nach Italien abgefuehrt; Kypros wurde wieder ein Teil der roemischen Provinz Kilikien. —————————————
^8 Der Verlust der Leuchtturminsel muss in der Luecke Bell. Alex. 12 ausgefallen sein, da die Insel anfaenglich ja in Caesars Gewalt war (civ. 3,112; Bell. Alex. 8). Der Damm muss bestaendig in der Gewalt der Feinde gewesen sein, da Caesar mit der Insel nur durch Schiffe verkehrte. —————————————– Dieser alexandrinische Aufstand, so geringfuegig er an sich war und so wenig er innerlich zusammenhing mit den weltgeschichtlichen Ereignissen, die zugleich im roemischen Staate sich vollzogen, griff dennoch insofern in dieselben folgenreich ein, als er den Mann, der alles in allem war und ohne den nichts gefoerdert und nichts geloest werden konnte, vom Oktober 706 (48) bis zum Maerz 707 (47) noetigte, seine eigentlichen Aufgaben liegen zu lassen, um mit Juden und Beduinen gegen einen Stadtpoebel zu kaempfen. Die Folgen des persoenlichen Regiments fingen an, sich fuehlbar zu machen. Man hatte die Monarchie; aber ueberall herrschte die entsetzlichste Verwirrung und der Monarch war nicht da. Ebenwie die Pompeianer waren augenblicklich auch die Caesarianer ohne obere Leitung; es entschied ueberall die Faehigkeit der einzelnen Offiziere und vor allen Dingen der Zufall.
In Kleinasien stand bei Caesars Abreise nach Aegypten kein Feind. Indes hatte Caesars Statthalter daselbst, der tuechtige Gnaeus Domitius Calvinus, Befehl erhalten, dem Koenig Pharnakes wiederabzunehmen, was derselbe den Verbuendeten des Pompeius ohne Auftrag entrissen hatte; und da dieser, ein starrkoepfiger und uebermuetiger Despot wie sein Vater, die Raeumung Klein- Armeniens beharrlich verweigerte, so blieb nichts uebrig, als gegen ihn marschieren zu lassen. Calvinus hatte von den drei ihm zurueckgelassenen, aus pharsalischen Kriegsgefangenen gebildeten Legionen zwei nach Aegypten absenden muessen; er ergaenzte die Luecke durch eine eiligst aus den im Pontus domizilierten Roemern zusammengeraffte und zwei nach roemischer Art exerzierte Legionen des Deiotarus und rueckte in Klein-Armenien ein. Allein das bosporanische, in zahlreichen Kaempfen mit den Anwohnern des Schwarzen Meeres erprobte Heer erwies sich tuechtiger als das seinige. In dem Treffen bei Nikopolis ward Calvinus’ pontisches Aufgebot zusammengehauen und liefen die galatischen Legionen davon; nur die eine alte Legion der Roemer schlug mit maessigem Verlust sich durch. Statt Klein-Armenien zu erobern, konnte Calvinus nicht einmal verhindern, dass Pharnakes sich seiner pontischen “Erbstaaten” wieder bemaechtigte und ueber deren Bewohner, namentlich die ungluecklichen Amisener, die ganze Schale seiner scheusslichen Sultanslaunen ausgoss (Winter 706/07 48/47). Als dann Caesar selbst in Kleinasien eintraf und ihm sagen liess, dass der Dienst, den Pharnakes ihm persoenlich geleistet, indem er Pompeius keine Hilfe gewaehrt habe, nicht in Betracht kommen duerfe gegen den dem Reiche zugefuegten Schaden und dass vor jeder Unterhandlung er die Provinz Pontus raeumen und das geraubte Gut zurueckstellen muesse, erklaerte er sich zwar bereit zu gehorchen; aber wohl wissend, wie guten Grund Caesar hatte, nach dem Westen zu eilen, machte er dennoch keine ernstlichen Anstalten zur Raeumung. Er wusste nicht, dass Caesar abtat, was er angriff. Ohne weiter zu verhandeln, nahm Caesar die eine von Alexandreia mitgebrachte Legion und die Truppen des Calvinus und Deiotarus zusammen und rueckte gegen Pharnakes’ Lager bei Ziela. Wie die Bosporaner ihn kommen sahen, durchschritten sie keck den tiefen Bergspalt, der ihre Front deckte, und griffen den Huegel hinauf die Roemer an. Caesars Soldaten waren noch mit dem Lagerschlagen beschaeftigt und einen Augenblick schwankten die Reihen; allein die kriegsgewohnten Veteranen sammelten sich rasch und gaben das Beispiel zum allgemeinen Angriff und zum vollkommenen Siege (2. August 707 47). In fuenf Tagen war der Feldzug beendigt – zu dieser Zeit, wo jede Stunde kostbar war, ein unschaetzbarer Gluecksfall. Mit der Verfolgung des Koenigs, der ueber Sinope heimgegangen war, beauftragte Caesar des Pharnakes illegitimen Bruder, den tapferen Mithradates von Pergamon, welcher zum Lohn fuer die in Aegypten geleisteten Dienste an Pharnakes’ Stelle die bosporanische Koenigskrone empfing. Im uebrigen wurden die syrischen und kleinasiatischen Angelegenheiten friedlich geschlichtet, die eigenen Bundesgenossen reich belohnt, die des Pompeius im ganzen mit Geldbussen oder Verweisen entlassen. Nur der maechtigste unter den Klienten des Pompeius, Deiotarus, wurde wieder auf sein angestammtes enges Gebiet, den tolistobogischen Gau, beschraenkt. An seiner Stelle ward mit Klein-Armenien Koenig Ariobarzanes von Kappadokien belehnt, mit dem von Deiotarus usurpierten Vierfuerstentum der Trokmer aber der neue Koenig des Bosporus, welcher wie von vaeterlicher Seite dem pontischen, so von muetterlicher einem der galatischen Fuerstengeschlechter entstammte. Auch in Illyrien hatten, waehrend Caesar in Aegypten war, sehr ernsthafte Auftritte sich zugetragen. Die delmatische Kueste war seit Jahrhunderten ein wunder Fleck der roemischen Herrschaft und die Bewohner mit Caesar seit den Kaempfen um Dyrrhachion in offener Fehde; im Binnenland aber wimmelte es noch von dem thessalischen Kriege her von versprengten Pompeianern. Indes hatte Quintus Cornificius mit den aus Italien nachrueckenden Legionen sowohl die Eingeborenen wie die Fluechtlinge im Zaum gehalten und zugleich der in diesen rauben Gegenden so schwierigen Verpflegung der Truppen genuegt. Selbst als der tuechtige Marcus Octavius, der Sieger von Curicta, mit einem Teil der Pompeianischen Flotte in diesen Gewaessern erschien, um hier zur See und zu Lande den Krieg gegen Caesar zu leiten, wusste Cornificius, gestuetzt auf die Schiffe und den Hafen der Iadestiner (Zara), nicht bloss sich zu behaupten, sondern bestand auch selbst zur See gegen die Flotte des Gegners manches glueckliche Gefecht. Aber als der neue Statthalter von Illyrien, der von Caesar aus dem Exil zurueckberufene Aulus Gabinius, mit fuenfzehn Kohorten und 3000 Reitern im Winter 706/07 (48/47) auf dem Landweg in Illyrien eintraf, wechselte das System der Kriegfuehrung. Statt wie sein Vorgaenger sich auf den kleinen Krieg zu beschraenken, unternahm der kuehne taetige Mann sogleich, trotz der rauben Jahreszeit, mit seiner gesamten Streitmacht eine Expedition in die Gebirge. Aber die unguenstige Witterung, die Schwierigkeit der Verpflegung und der tapfere Widerstand der Delmater rieben das Heer auf; Gabinius musste den Rueckzug antreten, ward auf diesem von den Delmatern angegriffen und schmaehlich geschlagen, und erreichte mit den schwachen Ueberresten seiner stattlichen Armee muehsam Salome, wo er bald darauf starb. Die meisten illyrischen Kuestenstaedte ergaben sich hierauf der Flotte des Octavius; die an Caesar festhielten, wie Salome und Epidauros (Ragusa vecchia), wurden von der Flotte zur See, zu Lande von den Barbaren so heftig bedraengt, dass die Uebergabe und die Kapitulation der in Salome eingeschlossenen Heerestruemmer nicht mehr fern schien. Da liess der Kommandant des brundisischen Depots, der energische Publius Vatinius, in Ermangelung von Kriegsschiffen gewoehnliche Boote mit Schnaebeln versehen und sie mit den aus den Hospitaelern entlassenen Soldaten bemannen und lieferte mit dieser improvisierten Kriegsflotte der weit ueberlegenen Octavianischen bei der Insel Tauris (Torcola zwischen Lelina und Curzola) ein Treffen, in dem die Tapferkeit des Anfuehrers und der Schiffssoldaten wie so oft ersetzte, was den Schiffen abging, und die Caesarianer einen glaenzenden Sieg erfochten. Marcus Octavius verliess diese Gewaesser und begab sich nach Afrika (Fruehjahr 707 47); die Delmater setzten zwar noch Jahre lang mit grosser Hartnaeckigkeit sich zur Wehr, allein es war dies nichts als ein oertlicher Gebirgskrieg. Als Caesar aus Aegypten zurueckkam, hatte sein entschlossener Adjutant die in Illyrien drohende Gefahr bereits beseitigt.
Um so ernster stand es in Afrika, wo die Verfassungspartei vom Anfang des Buergerkrieges an unumschraenkt geherrscht und ihre Macht fortwaehrend gesteigert hatte. Bis zur Pharsalischen Schlacht hatte hier eigentlich Koenig Juba das Regiment gefuehrt; er hatte Curio ueberwunden, und die Kraft des Heeres waren seine fluechtigen Reiter und seine zahllosen Schuetzen; der Pompeianische Statthalter Varus spielte neben ihm eine so subalterne Rolle, dass er sogar diejenigen Soldaten Curios, die sich ihm ergeben hatten, dem Koenig hatte ausliefern und deren Hinrichtung oder Abfuehrung in das innere Numidien hatte mitansehen muessen. Dies aenderte sich nach der Pharsalischen Schlacht. An eine Flucht zu den Parthern dachte, mit Ausnahme des Pompeius selbst, kein namhafter Mann der geschlagenen Partei. Ebensowenig versuchte man, die See mit vereinten Kraeften zu behaupten; Marcus Octavius’ Kriegfuehrung in den illyrischen Gewaessern stand vereinzelt und war ohne dauernden Erfolg. Die grosse Majoritaet der Republikaner wie der Pompeianer wandte sich nach Afrika, wo allein noch ein ehrenhafter und verfassungsmaessiger Kampf gegen den Usurpator moeglich schien. Dort fanden die Truemmer der bei Pharsalos zersprengten Armee, die Besatzungstruppen von Dyrrhachion, Kerkyra und dem Peloponnes, die Reste der illyrischen Flotte sich allmaehlich zusammen; es trafen dort ein der zweite Oberfeldherr Metellus Scipio, die beiden Soehne des Pompeius, Gnaeus und Sextus, der politische Fuehrer der Republikaner Marcus Cato, die tuechtigen Offiziere Labienus, Afranius, Petreius, Octavius und andere. Wenn die Kraefte der Emigration verringert waren, so hatte dagegen ihr Fanatismus sich womoeglich noch gesteigert. Man fuhr nicht bloss fort, die Gefangenen und selbst die Parlamentaere Caesars zu ermorden, sondern Koenig Juba, in dem die Erbitterung des Parteimannes mit der Wut des halbbarbarischen Afrikaners zusammenfloss, stellte die Maxime auf, dass in jeder der Sympathien mit dem Feinde verdaechtigen Gemeinde die Buergerschaft ausgerottet und die Stadt niedergebrannt werden muesse, und fuehrte auch gegen einige Ortschaften, zum Beispiel das unglueckliche Vaga bei Hadrumetum, diese Theorie in der Tat praktisch durch. Ja dass nicht die Hauptstadt der Provinz selber, das bluehende, ebenwie einst Karthago von den numidischen Koenigen laengst mit scheelem Auge angesehene Utica, von Koenig Juba dieselbe Behandlung erfuhr und dass man gegen die, allerdings nicht mit Unrecht, der Hinneigung zu Caesar beschuldigte Buergerschaft mit Vorsichtsmassregeln sich begnuegte, hatte sie nur Catos energischem Auftreten zu danken.
Da weder Caesar selbst noch einer seiner Statthalter das geringste gegen Afrika unternahm, so hatte die Koalition vollkommen Zeit, sich dort politisch und militaerisch zu reorganisieren. Vor allem war es notwendig, die durch Pompeius’ Tod erledigte Oberfeldherrnstelle aufs neue zu besetzen. Koenig Juba hatte nicht uebel Lust, die Stellung, die er bis auf die Pharsalische Schlacht in Afrika gehabt, auch ferner zu behaupten; wie er denn ueberhaupt nicht mehr als Klient der Roemer, sondern als gleichberechtigter Verbuendeter oder gar als Schutzherr auftrat und zum Beispiel es sich herausnahm, roemisches Silbergeld mit seinem Namen und Wappen zu schlagen, ja sogar den Anspruch erhob, allein im Lager den Purpur zu fuehren und den roemischen Heerfuehrern ansann, den purpurnen Feldherrnmantel abzulegen. Metellus Scipio ferner forderte den Oberbefehl fuer sich, weil Pompeius ihn, mehr aus schwiegersoehnlichen als aus militaerischen Ruecksichten, im thessalischen Feldzug als sich gleichberechtigt anerkannt hatte. Die gleiche Forderung erhob Varus als – freilich selbsternannter – Statthalter von Afrika, da der Krieg in seiner Provinz gefuehrt werden sollte. Endlich die Armee begehrte zum Fuehrer den Propraetor Marcus Cato. Offenbar hatte sie recht. Cato war der einzige Mann, der fuer das schwere Amt die erforderliche Hingebung, Energie und Autoritaet besass; wenn er kein Militaer war, so war es doch unendlich besser, einen Nichtmilitaer, der sich zu bescheiden und seine Unterfeldherrn handeln zu lassen verstand, als einen Offizier von unerprobter Faehigkeit, wie Varus, oder gar einen von erprobter Unfaehigkeit, wie Metellus Scipio, zum Oberfeldherrn zu bestellen. Indes die Entscheidung fiel schliesslich auf ebendiesen Scipio, und Cato selbst war es, der sie im wesentlichen bestimmte. Es geschah dies nicht, weil er jener Aufgabe sich nicht gewachsen fuehlte oder weil seine Eitelkeit bei dem Ausschlagen mehr ihre Rechnung fand als bei dem Annehmen; noch weniger, weil er Scipio liebte oder achtete, mit dem er vielmehr persoenlich verfeindet war und der ueberall bei seiner notorischen Untuechtigkeit einzig durch seine Schwiegervaterschaft zu einer gewissen Bedeutung gelangt war; sondern einzig und allein, weil sein verbissener Rechtsformalismus lieber die Republik von Rechts wegen zugrunde gehen liess, als sie auf irregulaere Weise rettete. Als er nach der Pharsalischen Schlacht auf Kerkyra mit Marcus Cicero zusammentraf, hatte er sich erboten, diesem, der noch von seiner kilikischen Statthalterschaft her mit der Generalschaft behaftet war, als dem hoeherstehenden Offizier, wie es Rechtens war, das Kommando in Kerkyra zu uebertragen und den ungluecklichen Advokaten, der seine Lorbeeren vom Amanos jetzt tausendmal verwuenschte, durch diese Bereitwilligkeit fast zur Verzweiflung, aber auch alle halbwegs einsichtigen Maenner zum Erstaunen gebracht. Die gleichen Prinzipien wurden hier geritten, wo etwas mehr darauf ankam; Cato erwog die Frage, wem die Oberfeldherrnstelle gebuehre, als handelte es sich um ein Ackerfeld bei Tusculum, und sprach sie dem Scipio zu. Durch diesen Ausspruch wurde seine eigene und die Kandidatur des Varus beseitigt. Er war es aber auch, und er allein, der mit Energie den Anspruechen des Koenigs Juba entgegentrat und es ihn fuehlen liess, dass der roemische Adel zu ihm nicht bittend komme wie zu dem Grossfuersten der Parther, um bei dem Schutzherrn Beistand zu suchen, sondern befehlend und von dem Untertan Beistand fordernd. Bei dem gegenwaertigen Stande der roemischen Streitkraefte in Afrika konnte Juba nicht umhin, etwas gelindere Saiten aufzuziehen, obgleich er freilich bei dem schwachen Scipio es dennoch durchsetzte, dass die Besoldung seiner Truppen der roemischen Kasse aufgebuerdet und fuer den Fall des Sieges ihm die Abtretung der Provinz Afrika zugesichert ward.
Dem neuen Oberfeldherrn zur Seite trat wiederum der Senat der “Dreihundert”, der in Utica seinen Sitz aufschlug und seine gelichteten Reihen durch Aufnahme der angesehensten und vermoegendsten Maenner des Ritterstandes ergaenzte.
Die Ruestungen wurden, hauptsaechlich durch Catos Eifer, mit der groessten Energie gefoerdert und jeder waffenfaehige Mann, selbst Freigelassene und Libyer, in die Legionen eingestellt; wodurch dem Ackerbau die Haende so sehr entzogen wurden, dass ein grosser Teil der Felder unbestellt blieb, aber allerdings auch ein imposantes Resultat erzielt ward. Das schwere Fussvolk zaehlte vierzehn Legionen, wovon zwei bereits durch Varus aufgestellt, acht andere teils aus den Fluechtigen, teils aus den in der Provinz Konskribierten gebildet und vier roemisch bewaffnete Legionen des Koenigs Juba waren. Die schwere Reiterei, bestehend aus den mit Labienus eingetroffenen Kelten und Deutschen und allerlei darunter eingereihten Leuten, war ohne Jubas roemisch geruestete Reiterschar 1600 Mann stark. Die leichten Truppen bestanden aus zahllosen Massen ohne Zaum und Zuegel reitender und bloss mit Wurfspeeren bewaffneter Numidier, aus einer Anzahl berittener Bogenschuetzen und grossen Schwaermen von Schuetzen zu Fuss. Dazu kamen endlich Jubas 120 Elefanten und die von Publius Varus und Marcus Octavius befehligte 55 Segel starke Flotte. Dem drueckenden Geldmangel wurde einigermassen durch eine Selbstbesteuerung des Senats abgeholfen, die um so ergiebiger war, als die reichsten afrikanischen Kapitalisten in denselben einzutreten veranlasst worden waren. Getreide und andere Vorraete hatte man in den verteidigungsfaehigen Festungen in ungeheuren Massen aufgehaeuft, zugleich aus den offenen Ortschaften die Vorraete moeglichst entfernt. Die Abwesenheit Caesars, die schwierige Stimmung seiner Legionen, die Gaerung in Spanien und Italien hoben allmaehlich die Stimmung, und die Erinnerung an die Pharsalische Schlacht fing an, neuen Siegeshoffnungen zu weichen.
Die von Caesar in Aegypten verlorene Zeit raechte nirgend sich schwerer als hier. Haette er unmittelbar nach Pompeius’ Tode sich nach Afrika gewendet, so wuerde er daselbst ein schwaches, desorganisiertes und konsterniertes Heer und vollstaendige Anarchie unter den Fuehrern vorgefunden haben; wogegen jetzt, namentlich durch Catos Energie, eine der bei Pharsalos geschlagenen an Zahl gleiche Armee unter namhaften Fuehrern und unter einer geregelten Oberleitung in Afrika stand.
Es schien ueberhaupt ueber dieser afrikanischen Expedition Caesars ein eigener Unstern zu walten. Noch vor seiner Einschiffung nach Aegypten hatte Caesar in Spanien und Italien verschiedene Massregeln zur Einleitung und Vorbereitung des afrikanischen Krieges angeordnet; aus allen war aber nichts als Unheil entsprungen. Von Spanien aus sollte, Caesars Anordnung zufolge, der Statthalter der suedlichen Provinz, Quintus Cassius Longinus, mit vier Legionen nach Afrika uebersetzen, dort den Koenig Bogud von Westmauretanien ^9 an sich ziehen und mit ihm gegen Numidien und Afrika vorgehen. Aber jenes nach Afrika bestimmte Heer schloss eine Menge geborener Spanier und zwei ganze ehemals Pompeianische Legionen in sich; Pompeianische Sympathien herrschten in der Armee wie in der Provinz, und das ungeschickte und tyrannische Auftreten des Caesarischen Statthalters war nicht geeignet, sie zu beschwichtigen. Es kam foermlich zum Aufstande; Truppen und Staedte ergriffen Partei fuer oder gegen den Statthalter; schon war es darauf oder daran, dass die, welche gegen den Statthalter Caesars sich erhoben hatten, offen die Fahne des Pompeius aufsteckten; schon hatte Pompeius’ aeltester Sohn Gnaeus, um diese guenstige Wendung zu benutzen, sich von Afrika nach Spanien eingeschifft, als die Desavouierung des Statthalters durch die angesehensten Caesarianer selbst und das Einschreiten des Befehlshabers der noerdlichen Provinz den Aufstand eben noch rechtzeitig unterdrueckten. Gnaeus Pompeius, der unterwegs mit einem vergeblichen Versuch, sich in Mauretanien festzusetzen, Zeit verloren hatte, kam zu spaet; Gaius Trebonius, den Caesar nach seiner Heimkehr aus dem Osten zur Abloesung des Cassius nach Spanien sandte (Herbst 707 47), fand ueberall unweigerlichen Gehorsam. Aber natuerlich war ueber diesen Irrungen von Spanien aus nichts geschehen, um die Organisation der Republikaner in Afrika zu stoeren; ja es war sogar, infolge der Verwicklungen mit Longinus, Koenig Bogud von Westmauretanien, der auf Caesars Seite stand und wenigstens Koenig Juba einige Hindernisse haette in den Weg legen koennen, mit seinen Truppen nach Spanien abgerufen worden.
———————————————————————- ^9 Die Staatengestaltung im nordwestlichen Afrika waehrend dieser Zeit liegt sehr im Dunkel. Nach dem Jugurthinischen Kriege herrschte Koenig Bocchus von Mauretanien wahrscheinlich vom westlichen Meere bis zum Hafen von Saldae, in dem heutigen Marokko und Algier; die von den mauretanischen Oberkoenigen wohl von Haus aus verschiedenen Fuersten von Tingis (Tanger), die schon frueher vorkommen (Plut. Sert. 9) und zu denen vermutlich Sallusts (hist. 3, 31 Kritz) Leptasta und Ciceros (Vat. 5, 12) Mastanesosus gehoeren, moegen in beschraenkten Grenzen selbstaendig gewesen oder auch bei ihm zu Lehen gegangen sein; aehnlich wie schon Syphax ueber viele Stammfuersten gebot (App. Pun. 10) und um diese Zeit in dem benachbarten Numidien Cirta, wahrscheinlich doch unter Jubas Oberherrlichkeit, von dem Fuersten Massinissa besessen ward (App. civ. 4, 54). Um 672 (82) finden wir an Bocchus’ Stelle einen Koenig Bocud oder Bogud (Oros. hist. 5, 21, 14), des Bocchus Sohn. Von 705 (49) an erscheint das Reich geteilt zwischen dem Koenig Bogud, der die westliche, und dem Koenig Bocchus, der die oestliche Haelfte besitzt und auf welche die spaetere Scheidung Mauretaniens in Boguds Reich oder den Staat von Tingis und Bocchus’ Reich oder den Staat von Jol (Caesarea) zurueckgeht (Plin. nat. 5, 2, 19, vergl. Bell. Afr. 23). —————————————————————– Bedenklicher noch waren die Vorgaenge unter den Truppen, die Caesar im suedlichen Italien hatte zusammenziehen lassen, um mit ihnen nach Afrika ueberzuschiffen. Es waren groesstenteils die alten Legionen, die in Gallien, Spanien, Thessalien Caesars Thron begruendet hatten. Den Geist dieser Truppen hatten die Siege nicht gebessert, die lange Rast in Unteritalien vollstaendig zerruettet. Die fast uebermenschlichen Zumutungen, die der Feldherr an sie machte und deren Folgen in den schrecklich gelichteten Reihen nur zu grell hervortraten, liessen selbst in diesen Eisenmaennern einen Sauerteig des Grolls zurueck, der nur der Zeit und Ruhe bedurfte, um die Gemueter in Gaerung zu bringen. Der einzige Mann, der ihnen imponierte, war seit einem Jahre fern und fast verschollen, ihre vorgesetzten Offiziere aber scheuten weit mehr sich vor den Soldaten als diese vor ihnen und sahen den Weltbesiegern jede Brutalitaet gegen ihre Quartiergeber und jede Indisziplin nach. Als nun der Befehl, sich nach Sizilien einzuschiffen, kam und der Soldat das ueppige Wohlleben in Kampanien wieder mit einer dritten, der spanischen und thessalischen an Drangsalen sicher nicht nachstehenden Kampagne vertauschen sollte, rissen die allzulange gelockerten und allzuploetzlich wiederangezogenen Zuegel. Die Legionen weigerten sich zu gehorchen, bevor die versprochenen Geschenke ihnen gezahlt seien, und wiesen die von Caesar gesandten Offiziere mit Hohnreden, ja mit Steinwuerfen zurueck. Ein Versuch, den beginnenden Aufstand durch Steigerung der versprochenen Summen zu daempfen, hatte nicht bloss keinen Erfolg, sondern die Soldaten brachen massenweise auf, um die Erfuellung der Versprechungen in der Hauptstadt von dem Feldherrn zu erpressen. Einzelne Offiziere, die die meuterischen Rotten unterwegs zurueckzuhalten versuchten, wurden erschlagen. Es war eine furchtbare Gefahr. Caesar liess die wenigen in der Stadt befindlichen Soldaten die Tore besetzen, um die mit Recht befuerchtete Pluenderung wenigstens fuer den ersten Anlauf abzuwehren, und erschien ploetzlich unter dem tobenden Haufen mit der Frage, was sie begehrten. Man rief: den Abschied. Augenblicklich ward er, wie gebeten, erteilt. Wegen der Geschenke, fuegte Caesar hinzu, welche er fuer den Triumph seinen Soldaten zugesagt habe, sowie wegen der Aecker, die er ihnen nicht versprochen, aber bestimmt gehabt, moechten sie an dem Tage, wo er mit den anderen Soldaten triumphieren werde, sich bei ihm melden; an dem Triumphe selbst freilich koennten sie, als vorher entlassen, natuerlich nicht teilnehmen. Auf diese Wendung waren die Massen nicht gefasst; ueberzeugt, dass Caesar ihrer fuer den afrikanischen Feldzug nicht entraten koenne, hatten sie den Abschied nur gefordert, um, wenn er ihnen verweigert werde, daran ihre Bedingungen zu knuepfen. Halb irre geworden in dem Glauben an ihre eigene Unentbehrlichkeit; zu unbehilflich um wieder einzulenken und die verfahrene Unterhandlung in das rechte Geleise zurueckzubringen; als Menschen beschaemt durch die Treue, mit der der Imperator auch seinen treuvergessenen Soldaten Wort hielt, und durch die Hochherzigkeit desselben, welche ebenjetzt weit mehr gewaehrte, als er je zugesagt hatte; als Soldaten tief ergriffen, da der Feldherr ihnen in Aussicht stellte, dem Triumph ihrer Kameraden als Buergersleute zuschauen zu muessen und da er sie nicht mehr “Kameraden” hiess, sondern “Buerger” und mit dieser aus seinem Munde so fremdartig klingenden Anrede gleichsam mit einem Schlage ihre ganze stolze Soldatenvergangenheit zerstoerte, und zu alledem unter dem Zauber des unwiderstehlich gewaltigen Menschen – standen die Soldaten eine Weile stumm und zaudernd, bis von allen Seiten der Ruf erscholl, dass der Feldherr sie wieder zu Gnaden annehmen und es ihnen wieder gestatten moege, Caesars Soldaten zu heissen. Caesar gestattete es, nachdem er hinreichend sich hatte bitten lassen; den Raedelsfuehrern bei dieser Meuterei aber wurde an ihren Triumphalgeschenken ein Dritteil gekuerzt. Ein groesseres psychologisches Meisterstueck kennt die Geschichte nicht, und keines, das vollstaendiger gelungen waere.
Auf den afrikanischen Feldzug wirkte diese Meuterei immerhin wenigstens insofern nachteilig ein, als sie die Eroeffnung desselben betraechtlich verzoegerte. Als Caesar in dem zur Einschiffung bestimmten Hafen von Lilybaeon eintraf, waren die zehn nach Afrika bestimmten Legionen dort bei weitem noch nicht vollstaendig versammelt und eben die erprobten Truppen noch am weitesten zurueck. Indes kaum waren sechs Legionen, darunter fuenf neu gebildete, daselbst angelangt und die noetigen Kriegs- und Transportschiffe angekommen, als Caesar mit denselben in See stach (25. Dezember 707 47 des unberichtigten, etwa 8. Oktober des Julianischen Kalenders). Die feindliche Flotte, die der herrschenden Aequinoktialstuerme wegen bei der Insel Aegimuros vor der Karthagischen Bucht auf den Strand gezogen war, hinderte die Ueberfahrt nicht; allein dieselben Stuerme zerstreuten die Flotte Caesars nach allen Richtungen, und als Caesar unweit Hadrumetum (Susa) die Gelegenheit zu landen ersah, konnte er nicht mehr als etwa 3000 Mann, groesstenteils Rekruten, und 150 Reiter ausschiffen. Der Versuch, das vom Feinde stark besetzte Hadrumetum wegzunehmen, misslang; dagegen bemaechtigte Caesar sich der beiden nicht weit voneinander entfernten Hafenplaetze Ruspina (Monastir bei Susa) und Klein-Leptis. Hier verschanzte er sich; aber seine Stellung war so unsicher, dass er seine Reiter auf den Schiffen und diese segelfertig und mit Wasservorrat versehen hielt, um jeden Augenblick, wenn er mit Uebermacht sollte angegriffen werden, wieder sich einschiffen zu koennen. Indes war dies nicht noetig, da eben noch zu rechter Zeit die verschlagenen Schiffe anlangten (3. Januar 708 46). Gleich am folgenden Tage unternahm Caesar, dessen Heer infolge der von den Pompeianern getroffenen Anstalten Mangel an Getreide litt, mit drei Legionen einen Zug in das innere Land, ward aber nicht weit von Ruspina auf dem Marsche von den Heerhaufen angegriffen, die Labienus heranfuehrte, um Caesar von der Kueste zu vertreiben. Da Labienus ausschliesslich Reiterei und Schuetzen, Caesar fast nichts als Linieninfanterie hatte, so wurden die Legionen rasch umzingelt und den Geschossen der Feinde preisgegeben, ohne sie erwidern oder mit Erfolg angreifen zu koennen. Zwar machte die Deployierung der ganzen Linie die Fluegel wieder frei und mutige Angriffe retteten die Ehre der Waffen; allein der Rueckzug war unvermeidlich, und waere Ruspina nicht so nahe gewesen, so haette der maurische Wurfspeer vielleicht hier dasselbe ausgerichtet, was bei Karrhae der parthische Bogen. Caesar, den dieser Tag von der ganzen Schwierigkeit des bevorstehenden Krieges ueberzeugt hatte, wollte seine unerprobten und durch die neue Gefechtsweise entmutigten Soldaten keinem solchen Angriff wieder aussetzen, sondern wartete das Eintreffen seiner Veteranenlegionen ab. Die Zwischenzeit wurde benutzt, um die drueckende Ueberlegenheit des Feindes in den Fernwaffen einigermassen auszugleichen. Dass die geeigneten Leute von der Flotte als leichte Reiter oder Schuetzen in die Landarmee eingereiht wurden, konnte nicht viel helfen. Etwas mehr wirkten die von Caesar veranlassten Diversionen. Es gelang, die am suedlichen Abhang des Grossen Atlas gegen die Sahara zu schweifenden gaetulischen Hirtenstaemme gegen Juba in Waffen zu bringen; denn selbst bis zu ihnen hatten die Schlaege der marianisch-sullanischen Zeit sich erstreckt, und ihr Groll gegen den Pompeius, der sie damals den numidischen Koenigen untergeordnet hatte, machte sie den Erben des maechtigen, bei ihnen noch vom Jugurthinischen Feldzug her in gutem Andenken lebenden Marius von vorn herein geneigt. Die mauretanischen Koenige, Bogud in Tingis, Bocchus in Jol, waren Jubas natuerliche Rivalen und zum Teil laengst mit Caesar in Buendnis. Endlich streifte in dem Grenzgebiet zwischen den Reichen des Juba und des Bocchus noch der letzte der Catilinarier, jener Publius Sittius aus Nuceria, der achtzehn Jahre zuvor aus einem bankrotten italischen Kaufmann sich in einen mauretanischen Freischarenfuehrer verwandelt und seitdem in den libyschen Haendeln sich einen Namen und ein Heergefolge geschaffen hatte. Bocchus und Sittius fielen vereinigt in das numidische Land, besetzten die wichtige Stadt Cirta, und ihr Angriff sowie der der Gaetuler noetigte den Koenig Juba, einen Teil seiner Truppen an seine Sued- und Westgrenze zu senden. Indes blieb Caesars Lage unbequem genug. Seine Armee war auf den Raum einer Quadratmeile zusammengedraengt; wenn auch die Flotte Getreide herbeischaffte, so ward doch der Mangel an Fourage von Caesars Reitern ebenso gefuehlt wie vor Dyrrhachion von denen des Pompeius. Die leichten Truppen des Feindes blieben, aller Anstrengungen Caesars ungeachtet, den seinigen so unermesslich ueberlegen, dass es fast unmoeglich schien, die Offensive in das Binnenland hinein auch mit Veteranen durchzufuehren. Wenn Scipio zurueckwich und die Kuestenstaedte preisgab, so konnte er vielleicht einen Sieg erfechten wie die, welche des Orodes Wesir ueber Crassus, Juba ueber Curio davongetragen hatten, wenigstens aber den Krieg ins unendliche hinausziehen. Diesen Feldzugsplan ergab die einfachste Ueberlegung: selbst Cato, obwohl nichts weniger als ein Strateg, riet dazu und erbot sich, zugleich mit einem Korps nach Italien ueberzufahren und dort die Republikaner unter die Waffen zu rufen, was bei der gruendlichen Verwirrung daselbst gar wohl Erfolg haben konnte. Allein Cato konnte nur raten, nicht befehlen; der Oberbefehlshaber Scipio entschied, dass der Krieg in der Kuestenlandschaft gefuehrt werden solle. Es war dies nicht bloss insofern verkehrt, als man damit einen sicheren Erfolg verheissenden Kriegsplan fahren liess, sondern auch insofern, als die Landschaft, in die man den Krieg verlegte, in bedenklicher Gaerung, und das Heer, das man Caesar gegenueberstellte, zum guten Teil ebenfalls schwierig war. Die fuerchterlich strenge Aushebung, die Wegschleppung der Vorraete, die Verwuestung der kleineren Ortschaften, ueberhaupt das Gefuehl einer von Haus aus fremden und bereits verlorenen Sache aufgeopfert zu werden, hatten die einheimische Bevoelkerung erbittert gegen die auf afrikanischem Boden ihren letzten Verzweiflungskampf kaempfenden roemischen Republikaner; und das terroristische Verfahren der letzteren gegen alle auch nur der Gleichgueltigkeit verdaechtigen Gemeinden hatte diese Erbitterung zum furchtbarsten Hass gesteigert. Die afrikanischen Staedte erklaerten, wo sie irgend es wagen konnten, sich fuer Caesar; unter den Gaetulern und den Libyern, die unter den leichten Truppen und selbst in den Legionen in Menge dienten, riss die Desertion ein. Indes Scipio beharrte mit aller dem Unverstand eigenen Hartnaeckigkeit auf seinem Plan, zog mit gesamter Heeresmacht von Utica her vor die von Caesar besetzten Staedte Ruspina und Klein-Leptis, belegte noerdlich davon Hadrumetum, suedlich Thapsus (am Vorgebirge Ras Dimas) mit starken Besatzungen und bot in Gemeinschaft mit Juba, der mit all seinen nicht durch die Grenzverteidigung in Anspruch genommenen Truppen gleichfalls vor Ruspina erschien, zu wiederholten Malen dem Feinde die Schlacht an. Aber Caesar war entschlossen, seine Veteranenlegionen zu erwarten. Als diese dann nach und nach eintrafen und auf dem Kampfplatz erschienen, verloren Scipio und Juba die Lust, eine Feldschlacht zu wagen, und Caesar hatte kein Mittel, sie bei ihrer ausserordentlichen Ueberlegenheit an leichter Reiterei zu einer solchen zu zwingen. Ueber Maersche und Scharmuetzel in der Umgegend von Ruspina und Thapsus, die hauptsaechlich um die Auffindung der landueblichen Kellerverstecke (Silos) und um Ausbreitung der Posten sich bewegten, verflossen fast zwei Monate. Caesar, durch die feindlichen Reiter genoetigt, sich moeglichst auf den Anhoehen zu halten oder auch seine Flanken durch verschanzte Linien zu decken, gewoehnte doch waehrend dieser muehseligen und aussichtslosen Kriegfuehrung allmaehlich seine Soldaten an die fremdartige Kampfweise. Freund und Feind erkannten in dem vorsichtigen Fechtmeister, der seine Leute sorgfaeltig und nicht selten persoenlich einschulte, den raschen Feldherrn nicht wieder und wurden fast irre an dieser im Zoegern wie im Zuschlagen sich gleichbleibenden Meisterschaft. Endlich wandte Caesar, nachdem er seine letzten Verstaerkungen an sich gezogen hatte, sich seitwaerts gegen Thapsus. Scipio hatte diese Stadt, wie gesagt, stark besetzt und damit den Fehler begangen, seinem Gegner ein leicht zu fassendes Angriffsobjekt darzubieten; zu dem ersten fuegte er bald den zweiten, noch minder verzeihlichen hinzu, die von Caesar gewuenschte und von Scipio mit Recht bisher verweigerte Feldschlacht jetzt zur Rettung von Thapsus auf einem Terrain zu liefern, das die Entscheidung in die Haende der Linieninfanterie gab. Unmittelbar am Strande, Caesars Lager gegenueber, traten Scipios und Jubas Legionen an, die vorderen Reihen kampffertig, die hinteren beschaeftigt, ein verschanztes Lager zu schlagen; zugleich bereitete die Besatzung von Thapsus einen Ausfall vor. Den letzteren zurueckzuweisen, genuegten Caesars Lagerwachen. Seine kriegsgewohnten Legionen, schon nach der unsicheren Aufstellung und den schlecht geschlossenen Gliedern den Feind richtig wuerdigend, zwangen, waehrend drueben noch geschanzt ward und ehe noch der Feldherr das Zeichen gab, einen Trompeter, zum Angriff zu blasen, und gingen auf der ganzen Linie vor, allen voran Caesar selbst, der, da er die Seinigen ohne seinen Befehl abzuwarten vorruecken sah, an ihrer Spitze auf den Feind eingaloppierte. Der rechte Fluegel, den uebrigen Abteilungen voran, scheuchte die ihm gegenueberstehende Linie der Elefanten – es war dies die letzte grosse Schlacht, in der die Bestien verwendet worden sind – durch Schleuderkugeln und Pfeile zurueck auf ihre eigenen Leute. Die Deckungsmannschaft ward niedergehauen, der linke Fluegel der Feinde gesprengt und die ganze Linie aufgerollt. Die Niederlage war um so vernichtender, als das neue Lager der geschlagenen Armee noch nicht fertig und das alte betraechtlich entfernt war; beide wurden nacheinander fast ohne Gegenwehr erobert. Die Masse der geschlagenen Armee warf die Waffen weg und bat um Quartier; aber Caesars Soldaten waren nicht mehr dieselben, die vor Ilerda willig der Schlacht sich enthalten, bei Pharsalos der Wehrlosen ehrenvoll geschont hatten. Die Gewohnheit des Buergerkrieges und der von der Meuterei zurueckgebliebene Groll machten auf dem Schlachtfelde von Thapsus in schrecklicher Weise sich geltend. Wenn der Hydra, mit der man kaempfte, stets neue Koepfe nachwuchsen, wenn die Armee von Italien nach Spanien, von Spanien nach Makedonien, von Makedonien nach Afrika geschleudert ward, die immer heisser ersehnte Ruhe immer nicht kam, so suchte, und nicht ganz ohne Ursache, der Soldat davon den Grund in Caesars unzeitiger Milde. Er hatte es sich geschworen nachzuholen, was der Feldherr versaeumt, und blieb taub fuer das Flehen der entwaffneten Mitbuerger wie fuer die Befehle Caesars und der hoeheren Offiziere. Die fuenfzigtausend Leichen, die das Schlachtfeld von Thapsus bedeckten, darunter auch mehrere als heimliche Gegner der neuen Monarchie bekannte und deshalb bei dieser Gelegenheit von ihren eigenen Leuten niedergemachte Caesarische Offiziere, zeigten, wie der Soldat sich Ruhe schafft. Die siegende Armee dagegen zaehlte nicht mehr als fuenfzig Tote (6. April 708 46). Eine Fortsetzung des Kampfes fand nach der Schlacht von Thapsus so wenig in Afrika statt, wie anderthalb Jahre zuvor im Osten nach der Pharsalischen Niederlage. Cato als Kommandant von Utica berief den Senat, legte den Stand der Verteidigungsmittel dar und stellte es zur Entscheidung der Versammelten, ob man sich unterwerfen oder bis auf den letzten Mann sich verteidigen wolle, einzig sie beschwoerend, nicht jeder fuer sich, sondern alle fuer einen zu beschliessen und zu handeln. Die mutigere Meinung fand manchen Vertreter; es wurde beantragt, die waffenfaehigen Sklaven von Staats wegen freizusprechen, was aber Cato als einen ungesetzlichen Eingriff in das Privateigentum zurueckwies und statt dessen einen patriotischen Aufruf an die Sklaveneigentuemer vorschlug. Allein bald verging der groesstenteils aus afrikanischen Grosshaendlern bestehenden Versammlung diese Anwandlung von Entschlossenheit, und man ward sich einig zu kapitulieren. Als dann Faustus Sulla, des Regenten Sohn, und Lucius Afranius mit einer starken Abteilung Reiterei vom Schlachtfelde her in Utica eintrafen, machte Cato noch einen Versuch, durch sie die Stadt zu halten; allein ihre Forderung, sie zuvoerderst die unzuverlaessige Buergerschaft von Utica insgesamt niedermachen zu lassen, wies er unwillig zurueck und liess lieber die letzte Burg der Republikaner dem Monarchen ohne Gegenwehr in die Haende fallen als die letzten Atemzuege der Republik durch eine solche Metzelei entweihen. Nachdem er, teils durch seine Autoritaet, teils durch freigebige Spenden, dem Wueten der Soldateska gegen die ungluecklichen Uticenser nach Vermoegen gesteuert und, soweit es in seiner Macht stand, denen, die Caesars Gnade sich nicht anvertrauen mochten, die Mittel zur Flucht, denen, die bleiben wollten, die Gelegenheit, unter moeglichst leidlichen Bedingungen zu kapitulieren mit ruehrender Sorgfalt gewaehrt und durchaus sich ueberzeugt hatte, dass er niemand weiter Hilfe zu leisten vermoege, hielt er seines Kommandos sich entbunden, zog sich in sein Schlafgemach zurueck und stiess sich das Schwert in die Brust. Auch von den uebrigen gefluechteten Reitern retteten sich nur wenige. Die von Thapsus gefluechteten Reiter stiessen auf die Scharen des Sittius und wurden von ihnen niedergehauen oder gefangen; ihre Fuehrer Afranius und Faustus wurden an Caesar ausgeliefert und, da dieser sie nicht sogleich hinrichten liess, von dessen Veteranen in einem Auflauf erschlagen. Der Oberfeldherr Metellus Scipio geriet mit der Flotte der geschlagenen Partei in die Gewalt der Kreuzer des Sittius und durchbohrte sich selbst, da man Hand an ihn legen wollte. Koenig Juba, nicht unvorbereitet auf einen solchen Ausgang, hatte fuer diesen Fall beschlossen, zu enden, wie es ihm koeniglich duenkte, und auf dem Markte seiner Stadt Zama einen ungeheuren Scheiterhaufen ruesten lassen, der mit seinem Koerper auch all seine Schaetze und die Leichen der gesamten Buergerschaft von Zama verzehren sollte. Allein die Stadtbewohner verspuerten kein Verlangen, bei der Leichenfeier des afrikanischen Sardanapal sich als Dekoration verwenden zu lassen und schlossen dem Koenig, da er, vom Schlachtfeld fluechtend, in Begleitung von Marcus Petreius vor der Stadt erschien, die Tore. Der Koenig, eine jener im grellen und uebermuetigen Lebensgenuss verwilderten Naturen, die auch aus dem Tode sich ein Taumelfest bereiten, begab sich mit seinem Begleiter nach einem seiner Landhaeuser, liess einen reichlichen Schmaus auftragen und forderte nach geendeter Mahlzeit den Petreius auf, mit ihm im Zweikampf um den Tod zu fechten. Es war der Besieger Catilinas, der ihn von der Hand des Koenigs empfing; der Koenig liess darauf von einem seiner Sklaven sich durchbohren. Die wenigen angesehenen Maenner, welche entkamen, wie Labienus und Sextus Pompeius, folgten dem aelteren Bruder des letzteren nach Spanien und suchten, wie einst Sertorius, in den Gebirgen und Gewaessern dieser immer noch halb unabhaengigen Landschaften ein letztes Raeuber- und Piratenasyl. Ohne Widerstand ordnete Caesar die afrikanischen Verhaeltnisse. Wie schon Curio beantragt hatte, ward das Reich des Massinissa aufgeloest. Der oestlichste Teil oder die Landschaft von Sitifis ward mit dem Reich des Koenigs Bocchus von Ostmauretanien vereinigt, auch der treue Koenig Bogud von Tingis mit ansehnlichen Gaben bedacht. Cirta (Constantine) und den umliegenden Landstrich, die bisher, unter Jubas Oberhoheit, der Fuerst Massinissa und dessen Sohn Arabion besessen hatten, erhielt der Condottiere Publius Sittius, um seine halbroemischen Scharen daselbst anzusiedeln ^10; zugleich aber wurde dieser Distrikt sowie ueberhaupt der bei weitem groesste und fruchtbarste Teil des bisherigen Numidischen Reiches als “Neuafrika” mit der aelteren Provinz Afrika vereinigt und die Verteidigung der Kuestenlandschaft gegen die schweifenden Staemme der Wueste, welche die Republik einem Klientelkoenig ueberlassen hatte, von dem neuen Herrscher auf das Reich selbst uebernommen.
———————————————- ^10 Die Inschriften der bezeichneten Gegend bewahren zahlreiche Spuren dieser Kolonisierung. Der Name der Sittier ist dort ungemein haeufig; die afrikanische Ortschaft Milev fuehrt als roemische den Namen colonia Sarnensis (CIL VIII, p. 1094), offenbar von dem nucerinischen Flussgott Sarnus (Suet. rhet. 4).
———————————————- Der Kampf, den Pompeius und die Republikaner gegen Caesars Monarchie unternommen hatten, endigte also nach vierjaehriger Dauer mit dem vollstaendigen Sieg des neuen Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht erst auf den Schlachtfeldern von Pharsalos und Thapsus festgestellt; sie durfte bereits sich datieren von dem Augenblick, wo Pompeius und Caesar im Bunde die Gesamtherrschaft begruendet und die bisherige aristokratische Verfassung ueber den Haufen geworfen hatten. Doch waren es erst jene Bluttaufen des 9. August 706 (48) und des 6. April 708 (46), die das dem Wesen der Alleinherrschaft widerstreitende Gesamtregiment beseitigten und der neuen Monarchie festen Bestand und foermliche Anerkennung verliehen. Praetendenteninsurrektionen und republikanische Verschwoerungen mochten nachfolgen und neue Erschuetterungen, vielleicht sogar neue Revolutionen und Restaurationen hervorrufen; aber die waehrend eines halben Jahrtausend ununterbrochene Kontinuitaet der freien Republik war durchrissen und im ganzen Umfang des weiten Roemischen Reiches durch die Legitimitaet der vollendeten Tatsache die Monarchie begruendet. Der verfassungsmaessige Kampf war zu Ende; und dass er zu Ende war, das sprach Marcus Cato aus, als er zu Utica sich in sein Schwert stuerzte. Seit vielen Jahren war er in dem Kampfe der legitimen Republik gegen ihre Bedraenger der Vormann gewesen; er hatte ihn fortgesetzt, lange nachdem jede Hoffnung zu siegen in ihm erloschen war. Jetzt aber war der Kampf selbst unmoeglich geworden; die Republik, die Marcus Brutus begruendet hatte, war tot und niemals wieder zum Leben zu erwecken; was sollten die Republikaner noch auf der Erde? Der Schatz war geraubt, die Schildwache damit abgeloest; wer konnte sie schelten, wenn sie heimging? Es ist mehr Adel und vor allem mehr Verstand in Catos Tode, als in seinem Leben gewesen war. Cato war nichts weniger als ein grosser Mann; aber bei all jener Kurzsichtigkeit, jener Verkehrtheit, jener duerren Langweiligkeit und jenen falschen Phrasen, die ihn, fuer seine wie fuer alle Zeit, zum Ideal des gedankenlosen Republikanertums und zum Liebling aller damit spielenden Individuen gestempelt haben, war er dennoch der einzige, der das grosse, dem Untergang verfallene System in dessen Agonie ehrlich und mutig vertrat. Darum, weil vor der einfaeltigen Wahrheit die kluegste Luege innerlich sich zernichtet fuehlt und weil alle Hoheit und Herrlichkeit der Menschennatur schliesslich nicht auf der Klugheit beruht, sondern auf der Ehrlichkeit, darum hat Cato eine groessere geschichtliche Rolle gespielt als viele an Geist ihm weit ueberlegene Maenner. Es erhoeht nur die tiefe und tragische Bedeutung seines Todes, dass er selber ein Tor war: eben weil Don Quichotte ein Tor ist, ist er ja eine tragische Gestalt. Es ist erschuetternd, dass auf jener Weltbuehne, darauf so viele grosse und weise Maenner gewandelt und gehandelt hatten, der Narr bestimmt war zu epilogieren. Auch ist er nicht umsonst gestorben. Es war ein furchtbar schlagender Protest der Republik gegen die Monarchie, dass der letzte Republikaner ging, als der erste Monarch kam; ein Protest, der all jene sogenannte Verfassungsmaessigkeit, mit welcher Caesar seine Monarchie umkleidete, wie Spinneweben zerriss und das Schibboleth der Versoehnung aller Parteien, unter dessen Aegide das Herrentum erwuchs, in seiner ganzen gleisnerischen Luegenhaftigkeit prostituierte. Der unerbittliche Krieg, den das Gespenst der legitimen Republik Jahrhunderte lang, von Cassius und Brutus an bis auf Thrasea und Tacitus, ja noch viel weiter hinab, gegen die Caesarische Monarchie gefuehrt hat – dieser Krieg der Komplotte und der Literatur ist die Erbschaft, die Cato sterbend seinem Feinde vermachte. Ihre ganze vornehme, rhetorisch transzendentale, anspruchsvoll strenge, hoffnungslose und bis zum Tode getreue Haltung hat diese republikanische Opposition von Cato uebernommen und dann auch den Mann, der im Leben nicht selten ihr Spott und ihr Aergernis gewesen war, schon unmittelbar nach seinem Tode als Heiligen zu verehren begonnen. Die groesste aber unter diesen Huldigungen war die unfreiwillige, die Caesar ihm erwies, indem er von der geringschaetzigen Milde, mit welcher er seine Gegner, Pompeianer wie Republikaner, zu behandeln gewohnt war, allein gegen Cato eine Ausnahme machte und noch ueber das Grab hinaus ihn mit demjenigen energischen Hasse verfolgte; welchen praktische Staatsmaenner zu empfinden pflegen gegen die auf dem idealen Gebiet, ihnen ebenso gefaehrlich wie unerreichbar, opponierenden Gegner.
11. Kapitel
Die alte Republik und die neue Monarchie Der neue Monarch von Rom, der erste Herrscher ueber das ganze Gebiet roemisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im sechsundfuenfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652 ? 102), als die Schlacht bei Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette folgenschwerer Siege, die Entscheidung ueber die Zukunft der Welt in seine Haende legte. Weniger Menschen Spannkraft ist also auf die Probe gestellt worden wie die dieses einzigen schoepferischen Genies, das Rom, und des letzten, das die alte Welt hervorgebracht und in dessen Bahnen sie denn auch bis zu ihrem eigenen Untergange sich bewegt hat. Der Sproessling einer der aeltesten Adelsfamilien Latiums, welche ihren Stammbaum auf die Helden der Ilias und die Koenige Roms, ja auf die beiden Nationen gemeinsame Venus-Aphrodite zurueckfuehrte, waren seine Knaben- und ersten Juenglingsjahre vergangen, wie sie der vornehmen Jugend jener Epoche zu vergehen pflegten. Auch er hatte von dem Becher des Modelebens den Schaum wie die Hefen gekostet, hatte rezitiert und deklamiert, auf dem Faulbett Literatur getrieben und Verse gemacht, Liebeshaendel jeder Gattung abgespielt und sich einweihen lassen in alle Rasier-, Frisier- und Manschettenmysterien der damaligen Toilettenweisheit, sowie in die noch weit geheimnisvollere Kunst, immer zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame Stahl dieser Natur widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb sowohl die koerperliche Frische ungeschwaecht wie die Spannkraft des Geistes und des Herzens. Im Fechten und im Reiten nahm er es mit jedem seiner Soldaten auf, und sein Schwimmen rettete ihm bei Alexandreia das Leben; die unglaubliche Schnelligkeit seiner gewoehnlich des Zeitgewinns halber naechtlichen Reisen – das rechte Gegenstueck zu der prozessionsartigen Langsamkeit, mit der Pompeius sich von einem Ort zum andern bewegte – war das Erstaunen seiner Zeitgenossen und nicht die letzte Ursache seiner Erfolge. Wie der Koerper war der Geist. Sein bewunderungswuerdiges Anschauungsvermoegen offenbarte sich in der Sicherheit und Ausfuehrbarkeit all seiner Anordungen, selbst wo er befahl, ohne mit eigenen Augen zu sehen. Sein Gedaechtnis war unvergleichlich und es war ihm gelaeufig, mehrere Geschaefte mit gleicher Sicherheit nebeneinander zu betreiben.: Obgleich Gentleman, Genie und Monarch hatte er dennoch ein Herz. Solange er lebte, bewahrte er fuer seine wuerdige Mutter Aurelia – der Vater starb ihm frueh – die reinste Verehrung; seinen Frauen und vor allem seiner Tochter Iulia widmete er eine ehrliche Zuneigung, die selbst auf die politischen Verhaeltnisse nicht ohne Rueckwirkung blieb. Mit den tuechtigsten und kernigsten Maennern seiner Zeit, hohen und niederen Ranges, stand er in einem schoenen Verhaeltnis gegenseitiger Treue, mit jedem nach seiner Art. Wie er selbst niemals einen der Seinen in Pompeius’ kleinmuetiger und gefuehlloser Art fallen liess und, nicht bloss aus Berechnung, in guter und boeser Zeit ungeirrt an den Freunden festhielt, so haben auch von diesen manche, wie Aulus Hirtius und Gaius Matius, noch nach seinem Tode ihm in schoenen Zeugnissen ihre Anhaenglichkeit bewahrt. Wenn in einer so harmonisch organisierten Natur ueberhaupt eine einzelne Seite als charakteristisch hervorgehoben werden kann, so ist es die, dass alle Ideologie und alles Phantastische ihm fern lag. Es versteht sich von selbst, dass Caesar ein leidenschaftlicher Mann war, denn ohne Leidenschaft gibt es keine Genialitaet; aber seine Leidenschaft war niemals maechtiger als er. Er hatte eine Jugend gehabt, und Lieder, Liebe und Wein waren auch in sein Gemuet in lebendigem Leben eingezogen; aber sie drangen ihm doch nicht bis in den innerlichsten Kern seines Wesens. :Die Literatur beschaeftigte ihn lange und ernstlich; aber wenn Alexandern der homerische Achill nicht schlafen liess, so stellte Caesar in seinen schlaflosen Stunden Betrachtungen ueber die Beugungen der lateinischen Haupt- und Zeitwoerter an. Er machte Verse wie damals jeder, aber sie waren schwach; dagegen interessierten ihn astronomische und naturwissenschaftliche Gegenstaende. Wenn der Wein fuer Alexander der Sorgenbrecher war und blieb, so mied nach durchschwaermter Jugendzeit der nuechterne Roemer denselben durchaus. Wie allen denen, die in der Jugend der volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt hat, blieb ein Schimmer davon unvergaenglich auf ihm ruhen: noch in spaeteren Jahren begegneten ihm Liebesabenteuer und Erfolge bei Frauen und blieb ihm eine gewisse Stutzerhaftigkeit im aeusseren Auftreten oder richtiger das erfreuliche Bewusstsein der eigenen maennlich schoenen Erscheinung. Sorgfaeltig deckte er mit dem Lorbeerkranz, mit dem er in spaeteren Jahren oeffentlich erschien, die schmerzlich empfundene Glatze und haette ohne Zweifel manchen seiner Siege darum gegeben, wenn er damit die jugendlichen Locken haette zurueckkaufen koennen. Aber wie gern er auch noch als Monarch mit den Frauen verkehrte, so hat er doch nur mit ihnen gespielt und ihnen keinerlei Einfluss ueber sich eingeraeumt; selbst sein vielbesprochenes Verhaeltnis zu der Koenigin Kleopatra ward nur angesponnen, um einen schwacher Punkt in seiner politischen Stellung zu maskieren. Caesar war durchaus Realist und Verstandesmensch; und was er angriff und tat, war von der genialen Nuechternheit durchdrungen und getragen, die seine innerste Eigentuemlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte er das Vermoegen, unbeirrt durch Erinnern und Erwarten energisch im Augenblick zu leben; ihr die Faehigkeit, in jedem Augenblick mit gesammelter Kraft zu handeln und auch dem kleinsten und beilaeufigsten Beginnen seine volle Genialitaet zuzuwenden; ihr die Vielseitigkeit, mit der er erfasste und beherrschte, was der Verstand begreifen und der Wille zwingen kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er seine Perioden fuegte, wie seine Feldzuege entwarf; ihr die “wunderbare Heiterkeit”, die in guten und boesen Tagen ihm treu blieb; ihr die vollendete Selbstaendigkeit, die keinem Liebling und keiner Maetresse, ja nicht einmal dem Freunde Gewalt ueber sich gestattete. Aus dieser Verstandesklarheit ruehrt es aber auch her, dass Caesar sich ueber die Macht des Schicksals und das Koennen des Menschen niemals Illusionen machte; fuer ihn war der holde Schleier gehoben, der dem Menschen die Unzulaenglichkeit seines Wirkens verdeckt. Wie klug er auch plante und alle Moeglichkeiten bedachte, das Gefuehl wich doch nie aus seiner Brust, dass in allen Dingen das Glueck, das heisst der Zufall das gute Beste tun muesse; und damit mag es denn auch zusammenhaengen, dass er so oft dem Schicksal Paroli geboten und namentlich mit verwegener Gleichgueltigkeit seine Person wieder und wieder auf das Spiel gesetzt hat. Wie ja wohl ueberwiegend verstaendige Menschen in das reine Hasardspiel sich fluechten, so war auch in Caesars Rationalismus ein Punkt, wo er mit dem Mystizismus gewissermassen sich beruehrte.
Aus einer solchen Anlage konnte nur ein Staatsmann hervorgehen. Von frueher Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne des Wortes und sein Ziel das hoechste, das dem Menschen gestattet ist sich zu stecken: die politische, militaerische, geistige und sittliche Wiedergeburt der tiefgesunkenen eigenen und der noch tiefer gesunkenen, mit der seinigen innig verschwisterten hellenischen Nation. Die harte Schule dreissigjaehriger Erfahrungen aenderte seine Aerasichten ueber die Mittel, wie dies Ziel zu erreichen sei; das Ziel blieb ihm dasselbe in den Zeiten hoffnungsvoller Erniedrigung wie unbegrenzter Machtvollkommenheit, in den Zeiten, wo er als Demagog und Verschworener auf dunklen Wegen zu ihm hinschlich, wie da er als Mitinhaber der hoechsten Gewalt und sodann als Monarch vor den Augen einer Welt im vollen Sonnenschein an seinem Werke schuf. Alle zu den verschiedensten Zeiten von ihm ausgegangenen Massregeln bleibender Art ordnen in den grossen Bauplan zweckmaessig sich ein. Von einzelnen Leistungen Caesars sollte darum eigentlich nicht geredet werden; er hat nichts Einzelnes geschaffen. Mit Recht ruehmt man den Redner Caesar wegen seiner aller Advokatenkunst spottenden maennlichen Beredsamkeit, die wie die klare Flamme zugleich erleuchtete und erwaermte. Mit Recht bewundert man an dem Schriftsteller Caesar die unnachahmliche Einfachheit der Komposition, die einzige Reinheit und Schoenheit der Sprache. Mit Recht haben die groessten Kriegsmeister aller Zeiten den Feldherrn Caesar gepriesen, der wie kein anderer ungeirrt von Routine und Tradition immer diejenige Kriegfuehrung zu finden wusste, durch welche in dem gegebenen Falle der Feind besiegt wird und welche also in dem gegebenen Falle die rechte ist; der mit divinatorischer Sicherheit fuer jeden Zweck das rechte Mittel fand; der nach der Niederlage schlagfertig dastand, wie Wilhelm von Oranien, und mit dem Siege ohne Ausnahme den Feldzug beendigte; der das Element der Kriegfuehrung, dessen Behandlung das militaerische Genie von der gewoehnlichen Offiziertuechtigkeit unterscheidet, die rasche Bewegung der Massen mit unuebertroffener Vollkommenheit handhabte und nicht in der Massenhaftigkeit der Streitkraefte, sondern in der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, nicht im langen Vorbereiten, sondern im raschen, ja verwegenen Handeln, selbst mit unzulaenglichen Mitteln, die Buergschaft des Sieges fand. Allein alles dieses ist bei Caesar nur Nebensache; er war zwar ein grosser Redner, Schriftsteller und Feldherr, aber jedes davon ist er nur geworden, weil er ein vollendeter Staumann war. Namentlich spielt der Soldat in ihm eine durchaus beilaeufige Rolle, und es ist eine der hauptsaechlichsten Eigentuemlichkeiten, die ihn von Alexander, Hannibal und Napoleon unterscheidet, dass in ihm nicht der Offizier, sondern der Demagog der Ausgangspunkt der politischen Taetigkeit war. Seinem urspruenglichsten Plan zufolge hatte er sein Ziel wie Perikles und Gaius Gracchus ohne Waffengewalt zu erreichen gedacht, und achtzehn Jahre hindurch hatte er als Fuehrer der Popularpartei ausschliesslich in politischen Plaenen und Intrigen sich bewegt, bevor er, ungern sich ueberzeugend von der Notwendigkeit eines militaerischen Rueckhalts, schon ein Vierziger, an die Spitze einer Armee trat. Es war erklaerlich, dass er auch spaeterhin immer noch mehr Staatsmann blieb als General – aehnlich wie Cromwell, der auch aus dem Oppositionsfuehrer zum Militaerchef und Demokratenkoenig sich umschuf und der ueberhaupt, wie wenig der Puritanerfuerst dem lockeren Roemer zu gleichen scheint, doch in seiner Entwicklung wie in seinen Zielen und Erfolgen vielleicht unter allen Staatsmaennern Caesar am naechsten verwandt ist. Selbst in seiner Kriegfuehrung ist diese improvisierte Feldherrnschaft noch wohl zu erkennen; in Napoleons Unternehmungen gegen Aegypten und gegen England ist der zum Feldherrn aufgediente Artillerieleutnant nicht deutlicher sichtbar wie in den gleichartigen Caesars der zum Feldherrn metamorphosierte Demagog. Ein geschulter Offizier wuerde es schwerlich fertig gebracht haben, aus politischen Ruecksichten nicht durchaus zwingender Natur die gegruendetsten militaerischen Bedenken in der Art beiseite zu schieben, wie dies Caesar mehrmals, am auffallendsten bei seiner Landung in Epirus getan hat. Einzelne seiner Handlungen sind darum militaerisch tadelhaft; aber der Feldherr verliert nur, was der Staatsmann gewinnt. Die Aufgabe des Staatsmanns ist universeller Natur wie Caesars Genie: wenn er die vielfaeltigsten und voneinander entlegensten Dinge angriff, so gingen sie doch alle ohne Ausnahme zurueck auf das eine grosse Ziel, dem er mit unbedingter Treue und Folgerichtigkeit diente; und nie hat er von den vielfaeltigen Seiten und Richtgen seiner grossen Taetigkeit eine vor der andern bevorzugt. Obwohl ein Meister der Kriegskunst, hat er doch aus staatsmaennischen Ruecksichten das Aeusserste getan, um den Buergerkrieg abzuwenden und um, da er dennoch begann, wenigstens so unblutige Lorbeeren wie moeglich zu ernten. Obwohl der Begruender der Militaermonarchie, hat er doch mit einer in der Geschichte beispiellosen Energie weder Marschallshierarchie noch Praetorianerregiment aufkommen lassen. Wenn ueberhaupt eine Seite der buergerlichen Verdienste, so wurden von ihm vielmehr die Wissenschafter, und die Kuenste des Friedens vor den militaerischen bevorzugt. Die bemerkenswerteste Eigentuemlichkeit seines staatsmaennischen Schaffens ist dessen vollkommene Harmonie. In der Tat waren alle Bedingungen zu dieser schwersten aller menschlichen Leistungen in Caesar vereinigt. Durch und durch Realist, liess er die Bilder der Vergangenheit und die ehrwuerdige Tradition nirgends sich anfechten: ihm galt nichts in der Politik als die lebendige Gegenwart und das verstaendige Gesetz, ebenwie er, auch als Grammatiker die historisch- antiquarische Forschung beiseite schob und nichts anerkannte als einerseits den lebendigen Sprachgebrauch, andererseits die Regel der Gleichmaessigkeit Ein geborener Herrscher, regierte er die Gemueter der Menschen, wie der Wind die Wolken zwingt, und noetigte die verschiedenartigsten Naturen, ihm sich zu eigen zu geben, den schlichten Buerger und den derben Unteroffizier, die vornehmen Damen Roms und die schoenen Fuerstinnen Aegyptens und Mauretaniens, den glaenzenden Kavalleriegeneral und den kalkulierenden Bankier. Sein Organisationstalent ist wunderbar; nie hat ein Staatsmann seine Buendnisse, nie ein Feldherr seine Armee aus ungefuegen und widerstrebenden Elementen so entschieden zusammengezwungen und so fest zusammengehalten wie Caesar seine Koalitionen und seine Legionen; nie ein Regent mit so scharfem Blick seine Werkzeuge beurteilt und ein jedes an den ihm angemessenen Platz gestellt. Er war Monarch; aber nie hat er den Koenig gespielt. Auch als unumschraenkter Herr von Rom blieb er in seinem Auftreten der Parteifuehrer; vollkommen biegsam und geschmeidig, bequem und anmutig in der Unterhaltung, zuvorkommend gegen jeden, schien er nichts sein zu wollen als der Erste unter seinesgleichen. Den Fehler so vieler ihm sonst ebenbuertiger Maenner, den militaerischen Kommandoton auf die Politik zu uebertragen, hat Caesar durchaus vermieden; wie vielen Anlass das verdriessliche Verhaeltnis zum Senat ihm auch dazu gab, er hat nie zu Brutalitaeten gegriffen, wie die des achtzehnten Brumaire eine war. Caesar war Monarch; aber nie hat ihn der Tyrannenschwindel erfasst. Er ist vielleicht der einzige unter den Gewaltigen des Herrn, welcher im grossen wie im kleinen nie nach Neigung oder Laune, sondern ohne Ausnahme nach seiner Regentenpflicht gehandelt hat, und der, wenn er auf sein Leben zuruecksah, wohl falsche Rechnungen zu bedauern, aber keinen Fehltritt der Leidenschaft zu bereuen fand. Es ist nichts in Caesars Lebensgeschichte, das auch nur im kleinen ^1 sich vergleichen liesse mit jenen poetisch-sinnlichen Aufwallungen, mit der Ermordung des Kleitos oder dem Brand von Persepolis, welche die Geschichte von seinem grossen Vorgaenger im Osten berichtet. Er ist endlich vielleicht der einzige unter jenen Gewaltigen, der den staatsmaennischen Takt fuer das Moegliche und Unmoegliche bis an das Ende seiner Laufbahn sich bewahrt hat und nicht gescheitert ist an derjenigen Aufgabe, die fuer grossartig angelegte Naturen von allen die schwerste ist, an der Aufgabe, auf der Zinne des Erfolgs dessen natuerliche Schranken zu erkennen. Was moeglich war, hat er geleistet und nie um des unmoeglichen Besseren willen das moegliche Gute unterlassen, nie es verschmaeht, unheilbare Uebel durch Palliative wenigstens zu lindern. Aber wo er erkannte, dass das Schicksal gesprochen, hat er immer gehorcht. Alexander am Hypanis, Napoleon in Moskau kehrten um, weil sie mussten, und zuernten dem Geschick, dass es auch seinen Lieblingen nur begrenzte Erfolge goennt; Caesar ist an der Themse und am Rhein freiwillig zurueckgegangen und gedachte auch an der Donau und am Euphrat nicht ungemessene Plaene der Weltueberwindung, sondern bloss wohlerwogene Grenzregulierungen ins Werk zu setzen. ———————————————- ^1 Wenn der Handel mit Laberius, den der bekannte Prolog erzaehlt, als ein Beispiel von Caesars Tyrannenlaunen angefuehrt worden ist, so hat man die Ironie der Situation wie des Dichters gruendlich verkannt; ganz abgesehen von der Naivitaet, den sein Honorar bereitwillig einstreichenden Poeten als Maertyrer zu behandeln.
———————————————- So war dieser einzige Mann, den zu schildern so leicht scheint und doch so unendlich schwer ist. Seine ganze Natur ist durchsichtige Klarheit; und die Ueberlieferung bewahrt ueber ihn ausgiebigere und lebendigere Kunde als ueber irgendeinen seiner Pairs in der antiken Welt. Eine solche Persoenlichkeit konnte wohl flacher oder tiefer, aber nicht eigentlich verschieden aufgefasst werden; jedem nicht ganz verkehrten Forscher ist das hohe Bild mit denselben wesentlichen Zuegen erschienen, und doch ist dasselbe anschaulich wiederzugeben noch keinem gelungen. Das Geheimnis liegt in dessen Vollendung. Menschlich wie geschichtlich steht Caesar in dem Gleichungspunkt, in welchem die grossen Gegensaetze des Daseins sich ineinander aufheben. Von gewaltiger Schoepferkraft und doch zugleich vom durchdringendsten Verstande; nicht mehr Juengling und noch nicht Greis; vom hoechsten Wollen und vom hoechsten Vollbringen; erfuellt von republikanischen Idealen und zugleich geboren zum Koenig; ein Roemer im tiefsten Kern seines Wesens und wieder berufen, die roemische und die hellenische Entwicklung in sich wie nach aussen hin zu versoehnen und zu vermaehlen, ist Caesar der ganze und vollstaendige Mann. Darum fehlt es denn auch bei ihm mehr als bei irgendeiner anderen geschichtlichen Persoenlichkeit an den sogenannten charakteristischen Zuegen, welche ja doch nichts anderes sind als Abweichungen von der naturgemaessen menschlichen Entwicklung. Was dem ersten oberflaechlichen Blick dafuer gilt, zeigt sich bei naeherer Betrachtung nicht als Individualitaet, sondern als Eigentuemlichkeit der Kulturepoche oder der Nation; wie denn seine Jugendabenteuer ihm mit allen gleichgestellten begabteren Zeitgenossen gemein sind, sein unpoetisches, aber energisch logisches Naturell das Naturell der Roemer ueberhaupt ist. Es gehoert dies mit zu Caesars voller Menschlichkeit, dass er im hoechsten Grade durch Zeit und Ort bedingt ward; denn eine Menschlichkeit an sich gibt es nicht, sondern der lebendige Mensch kann eben nicht anders als in einer gegebenen Volkseigentuemlichkeit und in einem bestimmten Kulturzug stehen. Nur dadurch war Caesar ein voller Mann, weil er wie kein anderer mitten in die Stroemungen seiner Zeit sich gestellt hatte und weil er die kernige Eigentuemlichkeit der roemischen Nation, die reale buergerliche Tuechtigkeit vollendet wie kein anderer in sich trug; wie denn auch sein Hellenismus nur der mit der italischen Nationalitaet laengst innig verwachsene war. Aber eben hierin liegt auch die Schwierigkeit, man darf vielleicht sagen die Unmoeglichkeit, Caesar anschaulich zu schildern. Wie der Kuenstler alles machen kann, nur nicht die vollendete Schoenheit, so kann auch der Geschichtschreiber, wo ihm alle tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet, nur darueber schweigen. Denn es laesst die Regel wohl sich aussprechen, aber sie gibt uns nur die negative Vorstellung von der Abwesenheit des Mangels; das Geheimnis der Natur, in ihren vollendetsten Offenbarungen Normalitaet und Individualitaet miteinander zu verbinden, ist unaussprechlich. Uns bleibt nichts, als diejenigen gluecklich zu preisen, die dieses Vollkommene schauten, und eine Ahnung desselben aus dem Abglanz zu gewinnen, der auf den von dieser grossen Natur geschaffenen Werken unvergaenglich ruht. Zwar tragen auch diese den Stempel der Zeit. Der roemische Mann selbst stellte seinem jugendlichen griechischen Vorgaenger nicht bloss ebenbuertig, sondern ueberlegen sich an die Seite; aber die Welt war inzwischen alt geworden und ihr Jugendschimmer verblasst. Caesars Taetigkeit ist nicht mehr wie die Alexanders ein freudiges Vorwaertsstreben in die ungemessene Weite; er baute auf und aus Ruinen und war zufrieden, in den einmal angewiesenen weiten, aber begrenzten Raeumen moeglichst ertraeglich und moeglichst sicher sich einzurichten. Mit Recht hat denn auch der feine Dichtertakt der Voelker um den unpoetischen Roemer sich nicht bekuemmert und dagegen den Sohn des Philippos mit allem Goldglanz der Poesie, mit allen Regenbogenfarben der Sage bekleidet. Aber mit gleichem Recht hat das staatliche Leben der Nationen seit Jahrtausenden wieder und wieder auf die Linien zurueckgelenkt, die Caesar gezogen hat, und wenn die Voelker, denen die Welt gehoert, noch heute mit seinem Namen die hoechsten ihrer Monarchen nennen, so liegt darin eine tiefsinnige, leider auch eine beschaemende Mahnung. Wenn es gelingen sollte, aus den alten in jeder Hinsicht heillosen Zustaenden herauszukommen und das Gemeinwesen zu verjuengen, so musste vor allen Dingen das Land tatsaechlich beruhigt und der Boden von den Truemmern, die von der letzten Katastrophe her ueberall ihn bedeckten, gesaeubert werden. Caesar ging dabei aus von dem Grundsatz der Versoehnung der bisherigen Parteien oder, richtiger gesagt – denn von wirklicher Ausgleichung kann bei unversoehnlichen Gegensaetzen nicht gesprochen werden -, von dem Grundsatz, dass der Kampfplatz, auf dem die Nobilitaet und die Popularen bisher miteinander gestritten hatten, von beiden Teilen aufzugeben sei und beide auf dem Boden der neuen monarchischen Verfassung sich zusammenzufinden haetten. Vor allen Dingen also galt aller aeltere Hader der republikanischen Vergangenheit als abgetan fuer immer und ewig. Waehrend Caesar die auf die Nachricht von der Pharsalischen Schlacht von dem hauptstaedtischen Poebel umgestuerzten Bildsaeulen Sullas wiederaufzurichten befahl und also es anerkannte, dass ueber diesen grossen Mann einzig der Geschichte Gericht zu halten gebuehre, hob er zugleich die letzten noch nachwirkenden Folgen seiner Ausnahmegesetze auf, rief die noch von den cinnanischen und sertorianischen Wirren her Verbannten aus dem Exil zurueck und gab den Kindern der von Sulla Geaechteten die verlorene passive Wahlfaehigkeit wieder. Ebenso wurden alle diejenigen restituiert, die in dem vorbereitenden Stadium der letzten Katastrophe durch Zensorenspruch oder politischen Prozess, namentlich durch die auf Grund der Exzeptionalgesetze von 702 (52) erhobenen Anklagen, ihren Sitz im Senat oder ihre buergerliche Existenz eingebuesst hatten. Nur blieben, wie billig, diejenigen, die Geaechtete fuer Geld getoetet hatten, auch ferner bescholten und ward der verwegenste Condottiere der Senatspartei, Milo, von der allgemeinen Begnadigung ausgeschlossen. Weit schwieriger als die Ordnung dieser im wesentlichen bereits der Vergangenheit anheimgefallenen Fragen war die Behandlung der im Augenblick sich gegenueberstehenden Parteien: teils des eigenen demokratischen Anhangs Caesars, teils der gestuerzten Aristokratie. Dass jener mit Caesars Verfahren nach dem Sieg und mit seiner Aufforderung, den alten Parteistandpunkt aufzugeben, womoeglich noch minder einverstanden war als diese, versteht sich von selbst. Caesar selbst wollte wohl im ganzen dasselbe, was Gaius Gracchus im Sinne getragen hatte; allein die Absichten der Caesarianer waren nicht mehr die der Gracchaner. Die roemische Popularpartei war in immer steigender Progression aus der Reform in die Revolution, aus der Revolution in die Anarchie, aus der Anarchie in den Krieg gegen das Eigentum gedraengt worden; sie feierte unter sich das Andenken der Schreckensherrschaft und schmueckte, wie einst der Gracchen, so jetzt des Catilina Grab mit Blumen und Kraenzen; sie hatte unter Caesars Fahne sich gestellt, weil sie von ihm das erwartete, was Catilina ihr nicht hatte verschaffen koennen. Als nun aber sehr bald sich herausstellte, dass Caesar nichts weniger sein wollte als der Testamentsvollstrecker Catilinas, dass die Verschuldeten von ihm hoechstens Zahlungserleichterungen und Prozessmilderungen zu hoffen hatten, da ward die erbitterte Frage laut, fuer wen denn die Volkspartei gesiegt habe, wenn nicht fuer das Volk? und fing das vornehme und niedere Gesindel dieser Art vor lauter Aerger ueber die fehlgeschlagenen politisch-oekonomischen Saturnalien erst an, mit den Pompeianern zu liebaeugeln, dann sogar waehrend Caesars fast zweijaehriger Abwesenheit von Italien (Januar 706 48 bis Herbst 707 47) daselbst einen Buergerkrieg im Buergerkriege anzuzetteln. Der Praetor Marcus Caelius Rufus, ein guter Adliger und schlechter Schuldenbezahler, von einigem Talent und vieler Bildung, als ein heftiger und redefertiger Mann bisher im Senat und auf dem Markte einer der eifrigsten Vorkaempfer fuer Caesar, brachte, ohne hoeheren Auftrag, bei dem Volke ein Gesetz ein, das den Schuldnern ein sechsjaehriges zinsfreies Moratorium gewaehrte, sodann, da man ihm hierbei in den Weg trat, ein zweites, das gar alle Forderungen aus Darlehen und laufenden Hausmieten kassiert; worauf der Caesarische Senat ihn seines Amtes entsetzte. Es war eben die Zeit vor der Pharsalischen Schlacht, und die Waagschale in dem grossen Kampfe schien sich auf die Seite der Pompeianer zu neigen; Rufus trat mit dem alten senatorischen Bandenfuehrer Milo in Verbindung und beide stifteten eine Konterrevolution an, die teils die republikanische Verfassung, teils Kassation der Forderungen und Freierklaerung der Sklaven auf ihr Panier schrieb. Milo verliess seinen Verbannungsort Massalia und rief in der Gegend von Thurii die Pompeianer und die Hirtensklaven unter die Waffen; Rufus machte Anstalt, sich durch bewaffnete Sklaven der Stadt Capua zu bemaechtigen. Allein der letztere Plan ward vor der Ausfuehrung entdeckt und durch die capuanische Buergerwehr vereitelt; Quintus Pedius, der mit einer Legion in das thurinische Gebiet einrueckte, zerstreute die daselbst hausende Bande; und der Fall der beiden Fuehrer machte dem Skandal ein Ende (706 48). Dennoch fand sich das Jahr darauf (707 47) ein zweiter Tor, der Volkstribun Publius Dolabella, der, gleich verschuldet, aber ungleich weniger begabt als sein Vorgaenger, dessen Gesetz ueber die Forderungen und Hausmieten abermals einbrachte und mit seinem Kollegen Lucius Trebellius darueber noch einmal – es war das letzte Mal – den Demagogenkrieg begann; es gab arge Haendel zwischen den, beiderseitigen bewaffneten Banden und vielfachen Strassenlaerm, bis der Kommandant von Italien, Marcus Antonius, das Militaer einschreiten liess und bald darauf Caesars Rueckkehr aus dem Osten dem tollen Treiben vollstaendig ein Ziel setzte. Caesar legte diesen hirnlosen Versuchen, die Catilinarischen Projekte wieder aufzuwaermen, so wenig Gewicht bei, dass er selbst den Dolabella in Italien duldete, ja nach einiger Zeit ihn sogar wieder zu Gnaden annahm. Gegen solches Gesindel, dem es nicht um irgend welche politische Frage, sondern einzig um den Krieg gegen das Eigentum zu, tun ist, genuegt, wie gegen die Raeuberbanden, das blosse Dasein einer starken Regierung; und Caesar war zu gross und zu besonnen, um mit der Angst, die die italischen Trembleurs vor diesen damaligen Kommunisten empfanden, Geschaefte zu machen und damit seiner Monarchie eine falsche Popularitaet zu erschwindeln.
Wenn Caesar also die gewesene demokratische Partei ihrem schon bis an die aeusserste Grenze vorgeschrittenen Zersetzungsprozess ueberlassen konnte und ueberliess, so hatte er dagegen gegenueber der bei weitem lebenskraeftigeren ehemaligen aristokratischen Partei durch die gehoerige Verbindung des Niederdrueckens und des Entgegenkommens die Aufloesung nicht herbeizufuehren – dies vermochte nur die Zeit – sondern sie vorzubereiten und einzuleiten. Es war das wenigste, dass Caesar, schon aus natuerlichem Anstandsgefuehl, es vermied, die gestuerzte Partei durch leeren Hohn zu erbittern, ueber die besiegten Mitbuerger nicht triumphierte ^2, des Pompeius oft und immer mit Achtung gedachte und sein vom Volke umgestuerztes Standbild am Rathaus bei der Herstellung des Gebaeudes an dem frueheren ausgezeichneten Platze wiederum errichten liess. Der politischen Verfolgung nach dem Siege steckte Caesar die moeglichst engen Grenzen. Es fand keine Untersuchung statt ueber die vielfachen Verbindungen, die die Verfassungspartei auch mit nominellen Caesarianern gehabt hatte; Caesar warf die in den feindlichen Hauptquartieren von Pharsalos und Thapsus vorgefundenen Papierstoesse ungelesen ins Feuer und verschonte sich und das Land mit politischen Prozessen gegen des Hochverrats verdaechtige Individuen. Ferner gingen straffrei aus alle gemeinen Soldaten, die ihren roemischen oder provinzialen Offizieren in den Kampf gegen Caesar gefolgt waren. Eine Ausnahme ward nur gemacht mit denjenigen roemischen Buergern, die in dem Heere des numidischen Koenigs Juba Dienste genommen hatten; ihnen wurde zur Strafe des Landesverrates das Vermoegen eingezogen. Auch den Offizieren der besiegten Partei hatte Caesar bis zum Ausgang des spanischen Feldzugs 705 (49) uneingeschraenkte Begnadigung gewaehrt; allein er ueberzeugte sich, dass er hiermit zu weit gegangen und dass die Beseitigung wenigstens der Haeupter unvermeidlich sei. Die Regel, die er von jetzt an zur Richtschnur nahm, war, dass wer nach der Kapitulation von Ilerda im feindlichen Heere als Offizier gedient oder im Gegensenat gesessen hatte, wenn er das Ende des Kampfes erlebte, sein Vermoegen und seine politischen Rechte verlor und fuer Lebenszeit aus Italien verbannt ward, wenn er das Ende des Kampfes nicht erlebte, wenigstens sein Vermoegen an den Staat fiel, wer aber von diesen frueher von Caesar Gnade angenommen hatte und abermals in den feindlichen Reihen betroffen ward, damit das Leben verwirkt hatte. In der Ausfuehrung indes wurden diese Saetze wesentlich gemildert. Todesurteile wurden nur gegen die wenigsten unter den zahlreichen Rueckfaelligen wirklich vollstreckt. Bei der Konfiskation des Vermoegens der Gefallenen wurden nicht nur die auf den einzelnen Massen haftenden Schulden sowie die Mitgiftforderungen der Witwen wie billig ausgezahlt, sondern auch den Kindern der Toten ein Teil des vaeterlichen Vermoegens gelassen. Von denjenigen endlich, die jenen Regeln zufolge Verbannung und Vermoegenskonfiskation traf, wurden nicht wenige sogleich ganz begnadigt oder kamen, wie die zu Mitgliedern des Senats von Utica gepressten afrikanischen Grosshaendler, mit Geldbussen davon. Aber auch den uebrigen ward fast ohne Ausnahme Freiheit und Vermoegen zurueckgegeben, wenn sie nur es ueber sich gewannen, deshalb bittend bei Caesar einzukommen; manchem, der dessen sich weigerte, wie zum Beispiel dem Konsular Marcus Marcellus, ward die Begnadigung auch ungebeten oktroyiert und endlich im Jahre 710 (44) fuer alle noch nicht Zurueckberufenen eine allgemeine Amnestie erlassen. ——————————————————- ^2 Auch der Triumph nach der spaeter zu erzaehlenden Schlacht bei Munda galt wohl nur den zahlreich in dem besiegten Heer dienenden Lusitanern. ——————————————————– Die republikanische Opposition liess sich denn begnadigen; aber sie war nicht versoehnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und Erbitterung gegen den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem politischen Widerstand gab es freilich keine Gelegenheit mehr – es kam kaum in Betracht, dass einige oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der Titelfrage durch demonstratives Einschreiten gegen die, welche Caesar Koenig genannt hatten, sich die republikanische Maertyrerkrone erwarben; aber um so entschiedener aeusserte der Republikanismus sich als Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und Wuehlen. Keine Hand regte sich, wenn der Imperator oeffentlich erschien. Es regnete Maueranschlaege und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische Anspielung wagte, begruesste ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und Preis war das Modethema der oppositionellen Broschuerenschreiber, und die Schriften derselben fanden nur ein um so dankbareres Publikum, weil auch die Literatur nicht mehr frei war. Caesar bekaempfte zwar auch jetzt noch die Republikaner auf dem eigenen Gebiet; er selbst und seine faehigeren Vertrauten antworteten auf die Catoliteratur mit Anticatonen, und es ward zwischen den republikanischen und den Caesarischen Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen Troern und Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich von selbst, dass in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch gestimmte Publikum Richter war, die Caesarianer den kuerzeren zogen. Es blieb nichts uebrig, als die Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb denn unter den Verbannten die literarisch bekannten und gefaehrlichen Maenner, wie Publius Nigidius Figulus und Aulus Caecina, schwerer als andere die Erlaubnis zur Rueckkehr nach Italien erhielten, die in Italien geduldeten oppositionellen Schriftsteller aber einer tatsaechlichen Zensur unterworfen wurden, die um so peinlicher fesselte, weil das Mass der zu befuerchtenden Strafe durchaus arbitraer war ^3. Das Wuehlen und Treiben der gestuerzten Parteien gegen die neue Monarchie wird zweckmaessiger in einem andern Zusammenhang dargestellt werden; hier genuegt es zu sagen, dass Praetendenten- wie republikanische Aufstaende unaufhoerlich im ganzen Umfange des Roemischen Reiches gaerten, dass die Flamme des Buergerkrieges, bald von den Pompeianern, bald von den Republikanern angefacht, an verschiedenen Orten hell wieder emporschlug und in der Hauptstadt die Verschwoerung gegen das Leben des Herrschers in Permanenz blieb, Caesar aber durch die Anschlaege sich nicht einmal bewegen liess, auf die Dauer sich mit einer Leibwache zu umgeben und in der Regel sich begnuegte, die entdeckten Konspirationen durch oeffentliche Anschlaege bekannt zu machen. Wie sehr Caesar alle seine persoenliche Sicherheit angehenden Dinge mit gleichgueltiger Verwegenheit zu behandeln pflegte, die ernste Gefahr konnte er doch sich unmoeglich verhehlen, mit der diese Masse Missvergnuegter nicht bloss ihn, sondern auch seine Schoepfungen bedrohte. Wenn er dennoch, alles Warnens und Hetzens seiner Freunde nicht achtend, ohne ueber die Unversoehnlichkeit auch der begnadigten Gegner sich zu taeuschen, mit einer wunderbar kaltbluetigen Energie dabei beharrte, der bei weitem groesseren Anzahl derselben zu verzeihen, so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit einer stolzen, noch Gefuehlsmilde einer weichen Natur, sondern es war die richtige staatsmaennische Erwaegung, dass ueberwundene Parteien rascher und mit minderem Schaden fuer den Staat innerhalb des Staats sich absorbieren, als wenn man sie durch Aechtung auszurotten oder durch Verbannung aus dem Gemeinwesen auszuscheiden versucht. Caesar konnte fuer seine hohen Zwecke die Verfassungspartei selbst nicht entbehren, die ja nicht etwa bloss die Aristokratie, sondern alle Elemente des Freiheits- und des Nationalsinns innerhalb der italischen Buergerschaft in sich schloss; fuer seine Plaene zur Verjuengung des alternden Staats bedurfte er der ganzen Masse von Talenten, Bildung, ererbtem und selbsterworbenem Ansehen, die diese Partei in sich schloss; und wohl in diesem Sinne mag er die Begnadigung der Gegner den schoensten Lohn des Siegs genannt haben. So wurden denn zwar die hervorragendsten Spitzen der geschlagenen Parteien beseitigt; aber den Maennern zweiten und dritten Ranges und namentlich der juengeren Generation ward die volle Begnadigung nicht vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in passiver Opposition zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder minder gelinden Zwang veranlasst, sich an der neuen Verwaltung taetig zu beteiligen und Ehren und Aemter von ihr anzunehmen. Wie fuer Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien so begannen auch fuer Caesar die groessten Schwierigkeiten erst nach dem Siege. Jeder revolutionaere Sieger macht die Erfahrung, dass, wenn er nach Ueberwaeltigung der Gegner nicht, wie Cinna und Sulla, Parteihaupt bleibt, sondern wie Caesar, wie Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien, an die Stelle des notwendig einseitigen Parteiprogramms die Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen will, augenblicklich alle Parteien, die eigene wie die besiegt, sich gegen das neue Oberhaupt vereinigen; und um so mehr, je groesser und reiner dasselbe seinen neuen Beruf auffasst. Die Verfassungsfreunde und die Pompeianer, wenn sie auch mit den Lippen Caesar huldigten, grollten doch im Herzen entweder der Monarchie oder wenigstens der Dynastie; die gesunkene Demokratie war, seit sie begriffen, dass Caesars Zwecke keineswegs die ihrigen waren, gegen denselben in offenem Aufruhr; selbst die persoenlichen Anhaenger Caesars murrten, als sie ihr Haupt statt eines Condottierstaats eine allen gliche und gerechte Monarchie gruenden und die auf sie treffenden Gewinnportionen durch das Hinzutreten der Besiegten sich verringern sahen. Diese Ordnung des Gemeinwesens war keiner Partei genehm und musste den Genossen nicht minder als den Gegnern oktroyiert werden. Caesars eigene Stellung war jetzt in gewissem Sinne gefaehrdeter als vor dem Siege; aber was er verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien vernichtete und die Parteimaenner nicht bloss schonte, sondern jeden Mann von Talent oder auch nur von guter Herkunft, ohne Ruecksicht auf seine politische Vergangenheit, zu Aemtern gelangen liess, gewann er nicht bloss fuer seinen grossen Bau alle im Staate vorhandene Arbeitskraft, sondern das freiwillige oder gezwungene Schaffen der Maenner aller Parteien an demselben Werke fuehrte auch unmerklich die Nation hinueber auf den neubereiteten Boden. Wenn diese Ausgleichung der Parteien fuer den Augenklick nur aeusserlicher Art war und dieselben sich fuer jetzt viel weniger in der Anhaenglichkeit an die neuen Zustaende begegneten als in dem Hasse gegen Caesar, so irrte dies ihn nicht; er wusste es wohl, dass die Gegensaetze doch in solcher aeusserlichen Vereinigung sich abstumpfen und dass nur auf diesem Wege der Staatsmann der Zeit vorarbeitet, welche freilich allein vermag, solchen Hader schliesslich zu suehnen, indem sie das alte Geschlecht ins Grab legt. Noch weniger fragte er, wer ihn hasste oder auf Mord gegen ihn sann. Wie jeder echte Staatsmann diente er dem Volke nicht um Lohn, auch nicht um den Lohn seiner Liebe, sondern gab die Gunst der Zeitgenossen hin fuer den Segen der Zukunft und vor allem fuer die Erlaubnis, seien Nation retten und verjuengen zu duerfen. ————————————————— ^3 Wer alte und neue Schriftstellerbedraengnisse zu vergleichen wuenscht, wird in dem Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu finden. —————————————————- Versuchen wir im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Ueberfuehrung der alten Zustaende in die neue Bahn, so ist zunaechst daran zu erinnern, dass Caesar nicht kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan zu einer zeitgemaessen Politik, laengst von Gaius Gracchus entworfen, war von seinen Anhaengern und Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist und Glueck, aber ohne Schwanken festgehalten worden. Caesar, von Haus aus und gleichsam schon nach Erbrecht das Haupt der Popularpartei, hatte seit dreissig Jahren deren Schild hoch emporgehalten, ohne je die Farbe zu wechseln oder auch nur zu decken; er blieb Demokrat auch als Monarch. Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen natuerlich von den catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschraenkt antrat, der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst persoenlichen Hass zollte und die wesentlichen Gedanken der roemischen Demokratie: die Milderung der Lage der Schuldner, die ueberseeische Kolonisation, die allmaehliche Nivellierung der unter den Klassen der Staatsangehoerigen bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die Emanzipierung der exekutiven Gewalt vom Senat, unveraendert festhielt, so war auch seine Monarchie so wenig mit der Demokratie im Widerspruch, dass vielmehr diese erst durch jene zur Vollendung und Erfuellung gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die orientalische Despotie von Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius Gracchus sie gruenden wollte, wie Perikles und Cromwell sie gruendeten: die Vertretung der Nation durch ihren hoechsten und unumschraenkten Vertrauensmann. Es waren insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen, nicht eigentlich neue; aber ihm gehoert ihre Verwirklichung, die zuletzt ueberall die Hauptsache bleibt, und ihm die Grossheit der Ausfuehrung, die selbst den genialen Entwerfer, wenn er sie haette schauen koennen, ueberrascht haben moechte und die jeden, dem sie in lebendiger Wirklichkeit oder im Spiegel der Geschichte entgegengetreten ist, welcher geschichtlichen Epoche und welcher politischen Farbe immer er angehoere, je nach dem Mass seiner Fassungskraft fuer menschliche und geschichtliche Groesse mit tiefer und tieferer Bewegung und Bewunderung ergriffen hat und ewig ergreifen wird. Wohl aber wird es gerade hier am Orte sein, das, was der Geschichtschreiber stillschweigend ueberall voraussetzt, einmal ausdruecklich zu fordern und Einspruch zu tun gegen die der Einfalt und der Perfidie gemeinschaftliche Sitte, geschichtliches Lob und geschichtlichen Tadel, von den gegebenen Verhaeltnissen abgeloest, als allgemein gueltige Phrase zu verbrauchen, in diesem Falle das Urteil ueber Caesar in ein Urteil ueber den sogenannten Caesarismus umzudeuten. Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die Lehrmeisterin des laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als koenne man die Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten ueber die Vergangenheit nur einfach wiederaufblaettern und aus denselben der politischen Diagnose und Rezeptierkunst die Symptome und Spezifika zusammenlesen; sondern sie ist lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der aelteren Kulturen die organischen Bedingungen der Zivilisation ueberhaupt, die ueberall gleichen Grundkraefte und die ueberall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart und statt zum gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbstaendigen Nachschoepfen anleitet und begeistert. In diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und des roemischen Caesarentums, bei aller unuebertroffenen Grossheit des Werkmeisters, bei aller geschichtlichen Notwendigkeit des Werkes, wahrlich eine schaerfere Kritik der modernen Autokratie, als eines Menschen Hand sie zu schreiben vermag. Nach dem gleichen Naturgesetz, weshalb der geringste Organismus unendlich mehr ist als die kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so mangelhafte Verfassung, die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von Buergern Spielraum laesst, unendlich mehr als der genialste und humanste Absolutismus; denn jene ist der Entwicklung faehig, also lebendig, dieser ist was er ist, also tot. Dieses Naturgesetz hat auch an der roemischen absoluten Militaermonarchie sich bewaehrt und nur um so vollstaendiger sich bewaehrt, als sie, unter dem genialen Impuls ihres Schoepfers und bei der Abwesenheit aller wesentlichen Verwicklungen mit dem Ausland, sich reiner und freier als irgendein aehnlicher Staat gestaltet hat. Von Caesar an hielt, wie die spaeteren Buecher dies darlegen werden und Gibbon laengst es dargelegt hat, das roemische Wesen nur noch aeusserlich zusammen und ward nur mechanisch erweitert, waehrend es innerlich eben mit ihm voellig vertrocknete und abstarb. Wenn in den Anfaengen der Autokratie und vor allem in Caesars eigener Seele noch der hoffnungsreiche Traum einer Vereinigung freier Volksentwicklung und absoluter Herrschaft waltet, so hat schon das Regiment der hochbegabten Kaiser des Julianischen Geschlechts in schrecklicher Weise gelehrt, inwiefern es moeglich ist, Feuer und Wasser in dasselbe Gefaess zu fassen. Caesars Werk war notwendig und heilsam, nicht weil es an sich Segen brachte oder auch nur bringen konnte, sondern weil, bei der antiken, auf Sklavenrum gebauten, von der republikanisch-konstitutionellen Vertretung voellig abgewandten Volksorganisation und gegenueber der legitimen, in der Entwicklung eines halben Jahrtausends zum oligarchischen Absolutismus herangereiften Stadtverfassung, die absolute Militaermonarchie der logisch notwendige Schlussstein und das geringste Uebel war. Wenn einmal in Virginien und den Carolinas die Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben wird wie ihre Wahlverwandten in dem sullanischen Rom, so wird dort auch der Caesarismus vor dem Geist der Geschichte legitimiert sein ^4; wo er unter andern Entwicklungsverhaeltnissen auftritt, ist er zugleich eine Fratze und eine Usurpation. Die Geschichte aber wird sich nicht bescheiden, dem rechten Caesar deshalb die Ehre zu verkuerzen, weil ein solcher Wahlspruch den schlechten Caesaren gegenueber die Einfalt irren und der Bosheit zu Lug und Trug Gelegenheit geben kann. Sie ist auch eine Bibel, und wenn sie so wenig wie diese, weder dem Toren es wehren kann sie misszuverstehen, noch dem Teufel sie zu zitieren, so wird auch sie imstande sein, beides zu ertragen wie zu vergiften. —————————————————– ^4 Als dies geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht wissen, wie bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten Sieg, den die Geschichte des Menschengeschlechts bisher verzeichnet hat, demselben diese furchtbare Probe erspart und dessen Zukunft der unbedingten, durch keinen fokalen Caesarismus auf dir Dauer zu hemmenden sich selbst beherrschenden Freiheit gesichert werden sollte.
—————————————————— Die Stellung des neuen Staatsoberhaupts erscheint formell, zunaechst wenigstens, als Diktatur. Caesar uebernahm dieselbe zuerst nach der Rueckkehr aus Spanien im Jahre 705 (49), legte sie aber nach wenigen Tagen wieder nieder und fuehrte den entscheidenden Feldzug des Jahres 706 (48) lediglich als Konsul – es war dies das Amt, ueber dessen Bekleidung zunaechst der Buergerkrieg ausgebrochen war. Aber im Herbst dieses Jahres, nach der Pharsalischen Schlacht, kam er wieder auf die Diktatur zurueck und liess sich dieselbe abermals uebertragen, zuerst auf unbestimmte Zeit, jedoch vom 1. Januar 709 (45) an als Jahresamt, alsdann im Januar oder Februar 710 ^5 (44) auf die Dauer seines Lebens, so dass er die frueher vorbehaltene Niederlegung des Amtes schliesslich ausdruecklich fallen liess und der Lebenslaenglichkeit des Amtes in dem neuen Titel dictator perpetuus formellen Ausdruck gab. Diese Diktatur, sowohl jene erste ephemere wie die zweite dauernde, ist nicht die der alten Verfassung, sondern das nur in dem Namen mit dieser zusammentreffende hoechste Ausnahmeamt nach der Ordnung Sullas; ein Amt, dessen Kompetenz nicht durch die verfassungsmaessigen Ordnungen ueber das hoechste Einzelamt, sondern durch besonderen Volksschluss festgestellt ward und zwar dahin, dass der Inhaber in dem Auftrag, Gesetze zu entwerfen und das Gemeinwesen zu ordnen, eine rechtlich unumschraenkte, die republikanische Teilung der Gewalten aufhebende Amtsbefugnis empfing. Es sind nur Anwendungen von dieser allgemeinen Befugnis auf den einzelnen Fall, wenn dem Machthaber das Recht ohne Befragen des Senats und des Volkes ueber Krieg und Frieden zu entscheiden, die selbstaendige Verfuegung ueber Heere und Kassen, die Ernennung der Provinzialstatthalter nach durch besondere Akte uebertragen wurden. Selbst solche Befugnisse, welche ausserhalb der magistratischen, ja ausserhalb der Kompetenz der Staatsgewalten ueberhaupt lagen, konnte Caesar hiernach von Rechts wegen sich beilegen; und es erscheint fast als eine Konzession seinerseits, dass er darauf verzichtete, die Magistrate anstatt der Komitien zu ernennen, und sich darauf beschraenkte, fuer einen Teil der Praetoren und der niederen Magistrate ein bindendes Vorschlagsrecht in Anspruch zu nehmen; dass er sich ferner zu der nach dem Herkommen ueberhaupt nicht statthaften Kreierung von Patriziern noch durch besonderen Volksschluss ermaechtigen liess.
——————————————————- ^5 Am 26. Januar 710 ;44) heisst Caesar noch dictator IIII (Triumphaltafel); am 25. Februar des Jahres war er bereits dictator perpetuus (Cic. Phil. 2, 34, 87). Vgl. Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl.. S. 726. ——————————————————- Fuer andere Aemter im eigentlichen Sinn bleibt neben dieser Diktatur kein Raum. Die Zensur als solche hat Caesar nicht uebernommen ^6, wohl aber die zensorischen Rechte, namentlich das wichtige der Senatorenernennung in umfassender Weise geuebt.
———————————————– ^6 Die Formulierung jener Diktatur scheint die “Sittenbesserung” ausdruecklich mithervorgehoben zu haben; aber ein eigenes Amt derart hat Caesar nicht bekleidet (Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 705). ———————————————– Das Konsulat hat er haeufig neben der Diktatur, einmal auch ohne Kollegen bekleidet, aber keineswegs dauernd an seine Person geknuepft und den Aufforderungen, dasselbe auf fuenf oder gar auf zehn Jahre nacheinander zu uebernehmen, keine Folge gegeben.
Die Oberaufsicht ueber den Kult brauchte Caesar nicht erst sich uebertragen zu lassen, da er bereits Oberpontifex war. Es versteht sich, dass auch die Mitgliedschaft des Augurnkollegiums ihm zuteil ward und ueberhaupt alte und neue Ehrenrechte in Fuelle, wie der Titel eines Vaters des Vaterlandes, die Benennung seines Geburtsmonats mit dem Namen, den er nach heute fuehrt, des Julius, und andere, zuletzt in platte Vergoetterung sich verlaufende Manifestationen des beginnenden Hoftons. Hervorgehoben zu werden verdienen nur zwei Einrichtungen: dass Caesar den Tribunen des Volkes namentlich in ihrer besonderen persoenlichen Unverletzlichkeit gleichgestellt und dass die Imperatorenbenennung dauernd an seine Person geknuepft und neben den sonstigen Amtsbezeichnungen von ihm als Titel gefuehrt ward ^7.
—————————————————————— ^7 Caesar fuehrt die Bezeichnung Imperator immer ohne Iterationsziffer und immer hinter dem Namen an erster Stelle (Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 767, A. 1).
—————————————————————— Fuer den Verstaendigen wird es weder dafuer eines Beweises beduerfen, dass Caesar beabsichtigte, die hoechste Gewalt dem Gemeinwesen einzufuegen, und zwar nicht nur auf einige Jahre oder auch als persoenliches Amt auf unbestimmte Zeit, etwa wie Sullas Regentschaft, sondern als wesentliches und bleibendes Organ, noch auch dafuer, dass er fuer die neue Institution eine entsprechende und einfache Bezeichnung ausersah; denn wenn es ein politischer Fehler ist, inhaltlose Namen zu schaffen, so ist es kaum ein geringerer, den Inhalt der Machtfuelle ohne Namen hinzustellen. Nur ist es freilich, teils weil in dieser Uebergangszeit die ephemeren und die bleibenden Bauten sich noch nicht klar voneinander sondern, teils weil die dem Winke bereits zuvorkommende Devotion der Klienten den Herrn mit einer ohne Zweifel ihm selbst widerwaertigen Fuelle von Vertrauensdekreten und Ehrengesetzen ueberschuettete, nicht leicht festzustellen, welche definitive Formulierung Caesar im Sinne gehabt hat. Am wenigsten konnte die neue Monarchie an das Konsulat anknuepfen, schon wegen der von diesem Amt nicht wohl zu trennenden Kollegialitaet, es hat auch Caesar offenbar darauf hingearbeitet, dieses bisher hoechste Amt zum leeren Titel herabzusetzen und spaeterhin, wenn er es uebernahm, dasselbe nicht das ganze Jahr hindurch gefuehrt, sondern vor dem Ablauf an Personen zweiten Ranges abgegeben. Die Diktatur tritt praktisch am haeufigsten und bestimmtesten hervor, aber wahrscheinlich nur, weil Caesar sie als das benutzen wollte, was sie von alters her im Verfassungsorganismus bedeutet hatte, als ausserordentliche Vorstandschaft zur Ueberwindung ausserordentlicher Krisen. Als Traegerin der neuen Monarchie dagegen empfahl sie sich wenig, da Exzeptionalitaet und Unpopularitaet diesem Amte einmal anhafteten und es dem Vertreter der Demokratie kaum zugetraut werden kann, diejenige Form, die der genialste Vorfechter der Gegenpartei fuer seine Zwecke geschaffen hatte, fuer die dauernde Organisation zu waehlen. Bei weitem geeigneter fuer die Formulierung der Monarchie erscheint der neue Imperatorenname, schon darum, weil er in dieser Verwendung ^8 neu ist und kein bestimmter aeusserer Anlass zur Einfuehrung desselben erhellt. Der neue Wein durfte nicht in alte Schlaeuche gefuellt werden: hier ist zu der neuen Sache der neue Name und in demselben in praegnantester Weise zusammengefasst, was schon in dem Gabinischen Gesetz, nur mit minderer Schaerfe, die demokratische Partei als Kompetenz ihres Oberhauptes formuliert hatte: die Konzentrierung und Perpetuierung der Amtsgewalt (imperium) in der Hand eines vom Senat unabhaengigen Volkshauptes. Auch begegnet auf Caesars Muenzen, namentlich auf denen der letzten Zeit, neben der Diktatur vorwiegend der Imperatorentitel und scheint in Caesars Gesetz ueber politische Verbrechen der Monarch mit diesem Ausdruck bezeichnet worden zu sein. Es hat denn auch die Folgezeit, wenngleich nicht unmittelbar, die Monarchie an den Imperatornamen geknuepft. Um diesem neuen Amt zugleich die demokratische und die religioese Weihe zu verleihen, beabsichtigte Caesar wahrscheinlich, mit demselben teils die tribunizische Gewalt, teils das Oberpontifikat ein fuer allemal zu verknuepfen. —————————————————- ^8 In republikanischer Zeit wird der Imperatorname, der den siegreichen Feldherrn bezeichnet, abgelegt mit dem Ende des Feldzugs; als dauernde Titulatur erscheint er bei Caesar zuerst.
—————————————————- Dass die neue Organisation nicht bloss auf die Lebenszeit ihres Stifters beschraenkt bleiben sollte, ist unzweifelhaft; aber derselbe ist nicht dazu gelangt, die vor allem schwierige Frage der Nachfolge zu erledigen, und es muss dahingestellt bleiben, ob er die Aufstellung irgendeiner Form fuer die Nachfolgerwahl im Sinn gehabt hat, wie sie bei dem urspruenglichen Koenigtum bestanden hatte, oder ob er fuer das hoechste Amt wie die Lebenslaenglichkeit, so auch die Erblichkeit hat einfuehren wollen, wie dies sein Adoptivsohn spaeterhin behauptet hat ^9. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er die Absicht gehabt hat, beide Systeme gewissermassen miteinander zu verbinden und die Nachfolge, aehnlich wie Cromwell und wie Napoleon, in der Weise zu ordnen, dass dem Herrscher der Sohn in der Herrschaft nachfolgt, wenn er aber keinen Sohn hat oder der Sohn ihm nicht zur Nachfolge geeignet scheint, der Herrscher in der Form der Adoption den Nachfolger nach freier Wahl ernennt. —————————————————– ^9 Dass bei Caesars Lebzeiten das Imperium sowohl wie das Oberpontifikat fuer seine agnatische – leibliche oder durch Adoption vermittelte – Deszendenz durch einen foermlichen legislatorischen Akt erblich gemacht worden ist, hat Caesar der Sohn als seinen Rechtstitel zur Herrschaft geltend gemacht. Nach der Beschaffenheit unserer Ueberlieferung muss die Existenz eines derartigen Gesetzes oder Senatsbeschlusses entschieden in Abrede gestellt werden; es bleibt aber wohl moeglich, dass Caesar die Erlassung eines solchen beabsichtigt hat. Vgl. Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 767, 1106. —————————————————– Staatsrechtlich lehnte das neue Imperatorenamt sich an an die Stellung, welche die Konsuln oder Prokonsuln ausserhalb der Bannmeile einnahmen, so dass zunaechst das militaerische Kommando, daneben aber auch die hoechste richterliche und folgeweise auch die administrative Gewalt darin enthalten war ^10. Insofern aber war die Gewalt des Imperators qualitativ der konsularisch- prokonsularischen ueberlegen, als jene nicht nach Zeit und Raum begrenzt, sondern lebenslaenglich und auch in der Hauptstadt wirksam war ^11, als der Imperator nicht, wohl aber der Konsul, durch gleich maechtige Kollegen gehemmt werden konnte und als alle im Laufe der Zeit der urspruenglicher. hoechsten Amtsgewalt gesetzten Beschraenkungen, namentlich die Verpflichtung der Provokation stattzugeben und die Ratschlaege des Senats zu beachten, fuer den Imperator wegfielen. Um es mit einem Worte zu sagen: dies neue Imperatorenamt war nichts anderes als das wiederhergestellte uralte Koenigtum; denn ebenjene Beschraenkungen in der zeitlichen und oertlichen Begrenzung der Gewalt, in der Kollegialitaet und der fuer gewisse Faelle notwendigen Mitwirkung des Rats oder der Gemeinde waren es ja, die den Konsul vom Koenig unterschieden. Es ist kaum ein Zug der neuen Monarchie, der nicht in der alten sich wiederfaende: die Vereinigung der hoechsten militaerischen, richterlichen und administrativen Gewalt in der Hand des Fuersten; eine religioese Vorstandschaft ueber das Gemeinwesen; das Recht, Verordnungen mit bindender Kraft zu erlassen; die Herabdrueckung des Senats zum Staatsrat; die Wiedererweckung des Patriziats und der Stadtpraefektur. Aber schlagender noch als diese Analogien ist die innere Gleichartigkeit der Monarchie des Servius Tullius und der Monarchie Caesars: wenn jene alten Koenige vor. Rom bei all ihrer Vollgewalt doch Herrn einer freien Gemeinde und eben sie die Schutzmaenner des gemeinen Mannes gegen den Adel gewesen waren, so war auch Caesar nicht gekommen, um die Freiheit aufzuloesen, sondern um sie zu erfuellen, und zunaechst, um das unertraegliche Joch der Aristokratie zu brechen. Es darf auch nicht befremden, dass Caesar, nichts weniger als ein politischer Antiquarius, ein halbes Jahrtausend zurueckgriff, um zu seinem neuen Staat das Muster zu finden; denn da das hoechste Amt des roemischen Gemeinwesens zu allen Zeiten ein durch eine Anzahl Spezialgesetze eingeschraenktes Koenigtum geblieben war, war auch der Begriff des Koenigtums selbst keineswegs verschollen. Zu den verschiedensten Zeiten und von sehr verschiedenen Seiten her, in der Dezemviralgewalt, in der Sullanischen und in seiner eigenen Diktatur, war man waehrend der Republik praktisch auf denselben zurueckgekommen; ja mit einer gewissen logischen Notwendigkeit trat ueberall, wo das Beduerfnis einer Ausnahmegewalt .sich zeigte, im Gegensatz gegen das gewoehnliche beschraenkte das unbeschraenkte Imperium hervor, welches eben nichts anderes war als die koenigliche Gewalt. Endlich empfahlen auch aeussere Ruecksichten dies Zurueckgehen auf das ehemalige Koenigtum. Die Menschheit gelangt zu Neuschoepfungen unsaeglich schwer und hegt darum die einmal entwickelten Formen als ein heiliges Erbstueck. Darum knuepfte Caesar mit gutem Bedacht an Servius Tullius in aehnlicher Weise an, wie spaeter Karl der Grosse an ihn angeknuepft hat und Napoleon an Karl den Grossen wenigstens anzuknuepfen versuchte. Er tat dies auch nicht etwa auf Umwegen und heimlich, sondern so gut wie seine Nachfahren in moeglichst offenkundiger Weise; es war ja eben der Zweck dieser Anknuepfung, eine klare, nationale und populaere Formulierung fuer den neuen Staat zu finden. Seit alter Zeit standen auf dem Kapitol die Standbilder derjenigen sieben Koenige, welche die konventionelle Geschichte Roms aufzufuehren pflegte; Caesar befahl, daneben das seinige als das achte zu errichten. Er erschien oeffentlich in der Tracht der alten Koenige von Alba. In seinem neuen Gesetz ueber politische Verbrechen war die hauptsaechlichste Abweichung von dem Sullanischen die, dass neben die Volksgemeinde und auf eine Linie mit ihr der Imperator als der lebendige und persoenliche Ausdruck des Volkes gestellt ward. In der fuer die politischen Eide ueblichen Formel ward zu dem Jovis und den Penaten des roemischen Volkes der Genius des Imperator hinzugefuegt. Das aeussere Kennzeichen der Monarchie war nach der im ganzen Altertum verbreiteten Ansicht das Bild des Monarchen auf den Muenzen: seit dem Jahre 710 (44) erscheint auf denen des roemischen Staats der Kopf Caesars. Man konnte hiernach wenigstens darueber sich nicht beschweren, dass Caesar das Publikum ueber die Auffassung seiner Stellung im dunkeln liess; so bestimmt und so foermlich wie moeglich trat er auf, nicht bloss als Monarch, sondern eben als Koenig von Rom. Moeglich ist es sogar, obwohl nicht gerade wahrscheinlich und auf jeden Fall von untergeordneter Bedeutung, dass er im Sinne gehabt hat, seine Amtsgewalt nicht mit dem neuen Imperatoren-, sondern geradezu mit dem alten Koenigsnamen zu bezeichnen ^12. Schon bei seinen Lebzeiten waren viele seiner Feinde wie seine Freunde der Ansicht, dass er beabsichtige, sich ausdruecklich zum Koenig von Rom ernennen zu lassen; ja einzelne seiner leidenschaftlichsten Anhaenger legten ihm die Aufsetzung der Krone auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten nahe; am auffallendsten Marcus Antonius, indem er als Konsul vor allem Volke Caesar das Diadem darbot (15. Februar 710 44). Caesar aber wies diese Antraege ohne Ausnahme von der Hand. Wenn er zugleich gegen diejenigen einschritt, die diese Vorfaelle benutzten, um republikanische Opposition zu machen, so folgt daraus noch keineswegs, dass es ihm mit der Zurueckweisung nicht Ernst war. Die Annahme nun gar, dass diese Aufforderungen auf sein Geheiss erfolgt seien, um die Menge auf das ungewohnte Schauspiel des roemischen Diadems vorzubereiten, verkennt voellig die gewaltige Macht der Gesinnungsopposition, mit welcher Caesar zu rechnen hatte und die durch eine solche oeffentliche Anerkennung ihrer Berechtigung von Seiten Caesars selbst nicht nachgiebiger werden konnte, vielmehr notwendig dadurch weiteren Boden gewann. Es kann der unberufene Eifer leidenschaftlicher Anhaenger allein diese Auftritte veranlasst haben; es kann auch sein, dass Caesar die Szene mit Antonius nur zuliess oder auch veranstaltete, um durch die vor den Augen der Buergerschaft erfolgte und auf seinen Befehl selbst in die Kalender des Staats eingetragene, in der Tat nicht wohl wieder zurueckzunehmende Ablehnung des Koenigstitels dem unbequemen Klatsch auf moeglichst eklatante Weise ein Ende zu machen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafuer, dass Caesar, der den Wert einer gelaeufigen Formulierung ebenso wuerdigte wie die mehr an die Namen als an das Wesen der Dinge sich heftenden Antipathien der Menge, entschlossen war, den mit uraltem Bannfluch behafteten und den Roemern seiner Zeit mehr noch fuer die Despoten des Orients als fuer ihren Numa und Servius gelaeufigen Koenigsnamen zu vermeiden und das Wesen des Koenigtums unter dem Imperatorentitel sich anzueignen. ——————————————— ^10 Die verbreitete Meinung, die in dem kaiserlichen Imperatorenamt nichts als die lebenslaengliche Reichsfeldherrnwuerde sieht, wird weder durch die Bedeutung des Wortes noch durch die Auffassung der alten Berichterstatter gerechtfertigt. Imperium ist die Befehlsgewalt, imperator der Inhaber derselben; in diesen Worten wie in den entsprechenden griechischen Ausdrucken krat/o/r, aytokrat/o/r liegt so wenig eine spezifisch militaerische Beziehung, dass es vielmehr eben das Charakteristische der roemischen Amtsgewalt ist, wo sie rein und vollstaendig auftritt, Krieg und Prozess, das ist die militaerische und die buergerliche Befehlsgewalt, als ein untrennbares Ganze in sich zu enthalten. Ganz richtig sagt Dio Cassius (53, 17, vgl. 43, 44; 52, 41), dass der Name Imperator von den Kaisern angenommen ward “zur Anzeige ihrer Vollgewalt anstatt des Koenigs- und Diktaturtitels (pros d/e/l/o/sin t/e/s aytotelo?s sph/o/n exoysias, anti t/e/s to? basile/o/s to? te diktat/o/ros epikl/e/se/o/s); denn diese aelteren Titel sind dem Namen nach verschwunden, der Sache nach aber gibt der Imperatorname dieselben Befugnisse (to de d/e/ ergon ayt/o/n t/e/ to? aytokrat/o/ros pros/e/goria bebais?ntai), zum Beispiel das Recht, Soldaten auszuheben, Steuern; auszuschreiben, Krieg zu erklaeren und Frieden zu schliessen, ueber Buerger und Nichtbuerger in und ausser der Stadt die hoechste Gewalt zu ueben und jeden an jedem Orte am Leben oder sonst zu strafen., ueberhaupt der mit dem hoechsten Imperium in aeltester Zeit verbundenen Befugnisse sich anzumassen”. Deutlicher kann es wohl nicht gesagt werden, dass imperator eben gar nichts ist als ein Synonym fuer rex, so gut wie imperare mit regere zusammenfaellt.
^11 Als Augustus bei Konstituierung des Prinzipats das Caesarische Imperium wiederaufnahm, geschah dies mit der Beschraenkung, dass es raeumlich und in gewissem Sinn auch zeitlich begrenzt sein solle; die prokonsularische Gewalt der Kaiser, welche nichts ist als ebendies Imperium, sollte fuer Rom und Italien nicht zur Anwendung kommen (Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3, Aufl., S. 854j. Auf diesem Moment ruht der wesentliche Unterschied des Caesarischen Imperiums und des Augustfischen Prinzipats, sowie andererseits auf der schon prinzipiell und mehr noch praktisch unvollstaendigen Verwirklichung jener Schranke die reale Gleichheit beider Institutionen.
^12 Ueber diese Frage laesst sich streiten; dagegen muss die Annahme, dass es Caesars Absicht gewesen, die Roemer als Imperator, die Nichtroemer als Rex zu beherrschen, einfach verworfen werden. Sie stuetzt sich einzig auf die Erzaehlung, dass in der Senatssitzung, in welcher Caesar ermordet ward, von einem der Orakelpriester Lucius Cotta ein Sibyllenspruch, wonach die Parther nur von einem “Koenig” koennten ueberwunden werden, habe vorgelegt und infolgedessen der Beschluss gefasst werden sollen, Caesar das Koenigtum ueber die roemischen Provinzen zu uebertragen. Diese Erzaehlung war allerdings schon unmittelbar nach Caesars Tod in Umlauf. Allein nicht bloss findet sie nirgends irgendwelche auch
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