This page contains affiliate links. As Amazon Associates we earn from qualifying purchases.
Language:
Genre:
Published:
  • 1854-1856
Edition:
FREE Audible 30 days

nachzuziehen gedenke, entschloss er sich, dies nicht zu gestatten. Die beiden Heere lagerten hart aneinander. Waehrend der Mittagsrast brach das roemische auf, ohne dass der Feind es bemerkte, umging ihn und besetzte die vorwaerts liegenden und einen vom Feinde zu passierenden Engpass beherrschenden Anhoehen am suedlichen Ufer des Flusses Lykos (Jeschil Irmak) unweit des heutigen Enderes, da wo spaeter Nikopolis erbaut ward. Den folgenden Morgen brachen die Pontiker in gewohnter Weise auf und, den Feind wie bisher hinter sich vermutend, schlugen sie nach zurueckgelegtem Tagesmarsch ihr Lager eben in dem Tale, dessen Hoehenring die Roemer besetzt hatten. Ploetzlich erscholl in der Stille der Nacht rings im Kreise um sie der gefuerchtete Schlachtruf der Legionen und regneten von allen Seiten die Geschosse in die asiatischen Heerhaufen, in denen Soldaten und Tross, Wagen, Pferde, Kamele sich durcheinander schoben und in deren dichtem Knaeuel trotz der Dunkelheit kein Geschoss fehlging. Als die Roemer sich verschossen hatten, stuermten sie von den Hoehen herab auf die in dem Scheine des inzwischen aufgegangen Mondes sichtbar gewordenen und fast wehrlos ihnen preisgegebenen Scharen, und was nicht von dem Eisen der Feinde fiel, ward in dem fuerchterlichen Gedraenge unter den Hufen und Raedern zermalmt. Es war das letzte Schlachtfeld, auf welchem der greise Koenig mit den Roemern gestritten hat. Mit drei Begleitern, zweien seiner Reiter und einer Kebse, die in Maennertracht ihm zu folgen und tapfer neben ihm zu streiten gewohnt war, entrann er von dort zu der Feste Sinoria, wo sich ein Teil seiner Getreuen zu ihm fand. Er teilte seine hier aufbewahrten Schaetze, 6000 Talente Goldes (11 Mill. Taler), unter sie aus, versah sie und sich mit Gift und eilte mit dem ihm gebliebenen Haufen den Euphrat hinauf, um mit seinem Verbuendeten, dem Grosskoenig von Armenien, sich zu vereinigen. Auch diese Hoffnung war eitel; das Buendnis, auf das vertrauend Mithradates den Weg nach Armenien einschlug, bestand damals bereits nicht mehr. Waehrend der eben erzaehlten Kaempfe zwischen Mithradates und Pompeius war der Partherkoenig, dem Draengen der Roemer und vor allem dem des landfluechtigen armenischen Prinzen nachgebend, mit gewaffneter Hand in das Reich des Tigranes eingefallen und hatte denselben gezwungen, sich in die unzugaenglichen Gebirge zurueckzuziehen. Die Invasionsarmee begann sogar die Belagerung der Hauptstadt Artaxata; allein da dieselbe sich in die Laenge zog, entfernte sich Koenig Phraates mit dem groessten Teil seiner Truppen, worauf Tigranes das zurueckgebliebene parthische Korps und die von seinem Sohn gefuehrten armenischen Emigranten ueberwaeltigte und in dem ganzen Reiche seine Herrschaft wiederherstellte. Begreiflicherweise indes war unter diesen Umstaenden der Koenig wenig geneigt, mit den aufs neue siegreichen Roemern zu schlagen, am wenigsten sich fuer Mithradates aufzuopfern, dem er minder traute als je, seit ihm die Meldung zugekommen war, dass sein rebellischer Sohn beabsichtige, sich zu dem Grossvater zu begeben. So knuepfte er mit den Roemern Unterhandlungen ueber einen Sonderfrieden an; aber er wartete den Abschluss des Vertrages nicht ab, um das Buendnis, das ihn an Mithradates fesselte, zu zerreissen. An der armenischen Grenze angelangt, musste dieser vernehmen, dass der Grosskoenig Tigranes einen Preis von 100 Talenten (150000 Taler) auf seinen Kopf gesetzt, seine Gesandten festgenommen und sie den Roemern ausgeliefert habe. Koenig Mithradates sah sein Reich in den Haenden des Feindes, seine Bundesgenossen im Begriff, mit demselben sich zu vergleichen; es war nicht moeglich, den Krieg fortzusetzen; er musste sich gluecklich schaetzen, wenn es ihm gelang, sich an die Ost- und Nordgestade des Schwarzen Meeres zu retten, vielleicht seinen abtruennigen und mit den Roemern in Verbindung getretenen Sohn Machares wieder aus dem Bosporanischen Reiche zu verdraengen und an der Maeotis fuer neue Entwuerfe einen neuen Boden zu finden. So schlug er sich nordwaerts. Als der Koenig auf der Flucht die alte Grenze Kleinasiens, den Phasis, ueberschritten hatte, stellte Pompeius vorlaeufig seine Verfolgung ein; statt aber in das Quellgebiet des Euphrat zurueckzukehren, wandte er sich seitwaerts in das Gebiet des Araxes, um mit Tigranes ein Ende zu machen. Fast ohne Widerstand zu finden gelangte er in die Gegend von Artaxata (unweit Eriwan) und schlug drei deutsche Meilen von der Stadt sein Lager. Daselbst fand der Sohn des Grosskoenigs sich zu ihm, der nach dem Sturze des Vaters das armenische Diadem aus der Hand der Roemer zu empfangen hoffte und darum den Abschluss des Vertrages zwischen seinem Vater und den Roemern in jeder Weise zu hindern bemueht war. Der Grosskoenig war nur um so mehr entschlossen, den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu Pferd und ohne Purpurgewand, aber geschmueckt mit der koeniglichen Stirnbinde und dem koeniglichen Turban erschien er an der Pforte des roemischen Lagers und begehrte, vor den roemischen Feldherrn gefuehrt zu werden. Nachdem er hier auf Geheiss der Liktoren, wie die roemische Lagerordnung es erheischte, sein Ross und sein Schwert abgegeben hatte, warf er nach Barbarenart sich dem Prokonsul zu Fuessen und legte zum Zeichen der unbedingten Unterwerfung Diadem und Tiara in seine Haende. Pompeius, hocherfreut ueber den muehelosen Sieg, hob den gedemuetigten Koenig der Koenige auf, schmueckte ihn wieder mit den Abzeichen seiner Wuerde und diktierte den Frieden. Ausser einer Zahlung von 9 Mill. Talern (6000 Talente) an die Kriegskasse und einem Geschenk an die Soldaten, wovon auf jeden einzelnen 50 Denare (15 Taler) kamen, trat der Koenig alle gemachten Eroberungen wieder ab, nicht bloss die phoenikischen, syrischen, kilikischen, kappadokischen Besitzungen, sondern auch am rechten Ufer des Euphrat Sophene und Korduene; er ward wieder beschraenkt auf das eigentliche Armenien und mit seinem Grosskoenigtum war es von selber vorbei. In einem einzigen Feldzuge hatte Pompeius die beiden maechtigen Koenige von Pontus und Armenien vollstaendig unterworfen. Am Anfang des Jahres 688 (66) stand kein roemischer Soldat jenseits der Grenze der altroemischen Besitzungen, am Schlusse desselben irrte Koenig Mithradates landfluechtig und ohne Heer in den Schluchten des Kaukasus und sass Koenig Tigranes auf dem armenischen Thron nicht mehr als Koenig der Koenige, sondern als roemischer Lehnfuerst. Das gesamte kleinasiatische Gebiet westlich vom Euphrat gehorchte den Roemern unbedingt; die siegreiche Armee nahm ihre Winterquartiere oestlich von diesem Strom auf armenischem Boden, in der Landschaft vom oberen Euphrat bis an den aus welchem damals zuerst die Italiker ihre Rosse traenkten.
Aber das neue Gebiet, das die Roemer hier betraten, erweckte ihnen neue Kaempfe. Unwillig sahen die tapferen Voelkerschaften des mittleren und oestlichen Kaukasus die fernen Okzidentalen auf ihrem Gebiet lagern. Es wohnten dort in der fruchtbaren und wasserreichen Hochebene des heutigen Georgien die Iberer, eine tapfere, wohlgeordnete, ackerbauende Nation, deren Geschlechtergaue unter ihren Aeltesten das Land nach Feldgemeinschaft bestellten, ohne Sondereigentum der einzelnen Bauern. Heer und Volk waren eins; an der Spitze des Volkes standen teils die Herrengeschlechter, daraus immer der Aelteste der ganzen iberischen Nation als Koenig, der Naechstaelteste als Richter und Heerfuehrer vorstand, teils besondere Priesterfamilien, denen vornehmlich oblag, die Kunde der mit anderen Voelkern geschlossenen Vertraege zu bewahren und ueber deren Einhaltung zu wachen. Die Masse der Unfreien galten als Leibeigene des Koenigs. Auf einer weit niedrigeren Kulturstufe standen ihre oestlichen Nachbarn, die Albaner oder Alaner, die am unteren Kur bis zum Kaspischen Meere hinab sassen. Vorwiegend ein Hirtenvolk, weideten sie, zu Fuss oder zu Pferde, ihre zahlreichen Herden auf den ueppigen Wiesen des heutigen Schirwan; die wenigen Ackerfelder wurden noch mit dem alten Holzpflug ohne eiserne Schar bestellt. Muenze war unbekannt und ueber hundert ward nicht gezaehlt. Jeder ihrer Staemme, deren sechsundzwanzig waren, hatten seinen eigenen Haeuptling und sprach seinen besonderen Dialekt. An Zahl den Iberern weit ueberlegen, vermochten sich die Albaner an Tapferkeit durchaus nicht mit denselben zu messen. Die Fechtart beider Nationen war uebrigens im ganzen die gleiche: sie stritten vorwiegend mit Pfeilen und leichten Wurfspiessen, die sie haeufig nach Indianerart aus Waldverstecken, hinter Baumstaemmen hervor oder von den Baumwipfeln herab, auf den Feind entsendeten; die Albaner hatten auch zahlreiche, zum Teil nach medisch-armenischer Art mit schweren Kuerassen und Schienen gepanzerte Reiter. Beide Nationen lebten auf ihren Aeckern und Triften in vollkommener, seit unvordenklicher Zeit bewahrter Unabhaengigkeit. Den Kaukasus scheint gleichsam die Natur selbst zwischen Europa und Asien als Damm gegen die Voelkerfluten aufgerichtet zu haben: an ihm hatten einst die Waffen des Kyros wie die Alexanders ihre Grenze gefunden; jetzt schickte die tapfere Besatzung dieser Scheidewand sich an, sie auch gegen die Roemer zu verteidigen. Aufgeschreckt durch die Kunde, dass der roemische Oberfeldherr im naechsten Fruehjahr das Gebirge zu ueberschreiten und den pontischen Koenig jenseits des Kaukasus zu verfolgen beabsichtige – den Mithradates, vernahm man, ueberwinterte in Dioskurias (Iskuria zwischen Suchum Kale und Anaklia) am Schwarzen Meer -, ueberschritten zuerst die Albaner unter dem Fuersten Oroizes noch im Mittwinter 688/89 (66/65) den Kur und warfen sich auf das der Verpflegung wegen in drei groessere Korps unter Quintus Metellus Celer, Lucius Flaccus und Pompeius selbst auseinander gelegte Heer. Aber Celer, den der Hauptangriff traf, hielt tapfer stand und Pompeius selbst verfolgte, nachdem er sich des gegen ihn geschickten Haufens entledigt, die auf allen Punkten geschlagenen Barbaren bis an den Kur. Der Koenig der Iberer, Artokes, hielt sich ruhig und versprach Frieden und Freundschaft; allein Pompeius, davon benachrichtigt, dass er insgeheim rueste, um die Roemer bei ihrem Marsche in den Paessen des Kaukasus zu ueberfallen, rueckte im Fruehjahr 689 (65), bevor er die Verfolgung des Mithradates wiederaufnahm, vor die beiden kaum eine halbe deutsche Meile voneinander entfernten Festungen Harmozika (Horumziche oder Armazi) und Seusamora (Tsumar), welche wenig oberhalb des heutigen Tiflis die beiden Flusstaeler des Kur und seines Nebenflusses Aragua und damit die einzigen von Armenien nach Iberien fuehrenden Paesse beherrschen. Artokes, eher er dessen sich versah, vom Feinde ueberrascht, brannte eiligst die Kurbruecke ab und wich unterhandelnd in das innere Land zurueck. Pompeius besetzte die Festungen und folgte den Iberern auf das andere Ufer des Kur, wodurch er sie zu sofortiger Unterwerfung zu bestimmen hoffte. Artokes aber wich weiter und weiter in das innere Land zurueck, und als er endlich am Fluss Peloros Halt machte, geschah es nicht, um sich zu ergeben, sondern um zu schlagen. Allein dem Anprall der Legionen standen doch die iberischen Schuetzen keinen Augenblick, und da Artokes auch den Peioros von den Roemern ueberschritten sah, fuegte er sich endlich den Bedingungen, die der Sieger stellte, und sandte seine Kinder als Geiseln. Pompeius marschierte jetzt, seinem frueher entworfenen Plane gemaess, durch den Sarapanapass aus dem Gebiet des Kur in das des Phasis und von da am Flusse hinab an das Schwarze Meer, wo an der kolchischen Kueste die Flotte unter Servilius bereits seiner harrte. Aber es war ein unsicherer Gedanke und fast ein wesenloses Ziel, dem zuliebe man Heer und Flotte an den maerchenreichen kolchischen Strand gefuehrt hatte. Der soeben muehselig zurueckgelegte Zug durch unbekannte und meist feindliche Nationen war nichts, verglichen mit dem, der noch bevorstand; und wenn es denn wirklich gelang, von der Phasismuendung aus die Streitmacht nach der Krim zu fuehren, durch kriegerische und arme Barbarenstaemme, auf unwirtlichen und unbekannten Gewaessern, laengs einer Kueste, wo an einzelnen Stellen die Gebirge lotrecht in die See hinabfallen und es schlechterdings notwendig gewesen waere, die Schiffe zu besteigen; wenn es gelang, diesen Zug zu vollenden, der vielleicht schwieriger war als die Heerfahrten Alexanders und Hannibals – was ward im besten Falle damit erzielt, das irgend den Muehen und Gefahren entsprach? Freilich war der Krieg nicht geendigt, solange der alte Koenig noch unter den Lebenden war; aber wer buergte dafuer, dass es wirklich gelang, das koenigliche Wild zu fangen, um dessentwillen diese beispiellose Jagd angestellt werden sollte? War es nicht besser, selbst auf die Gefahr hin, dass Mithradates noch einmal die Kriegsfackel nach Kleinasien schleudere, von einer Verfolgung abzustehen, die so wenig Gewinn und so viele Gefahren verhiess? Wohl draengten den Feldherrn zahlreiche Stimmen im Heer, noch zahlreichere in der Hauptstadt, die Verfolgung unablaessig und um jeden Preis fortzusetzen; aber es waren Stimmen teils tolldreister Hitzkoepfe, teils derjenigen perfiden Freunde, die den allzumaechtigen Imperator gern um jeden Preis von der Hauptstadt ferngehalten und ihn im Osten in unabsehbare Unternehmungen verwickelt haetten. Pompeius war ein zu erfahrener und zu bedaechtiger Offizier, um im hartnaeckigen Festhalten an einer so unverstaendigen Expedition seinen Ruhm und sein Heer auf das Spiel zu setzen; ein Aufstand der Albaner im Ruecken des Heeres gab den Vorwand her, um die weitere Verfolgung des Koenigs aufzugeben und die Rueckkehr anzuordnen. Die Flotte erhielt den Auftrag, in dem Schwarzen Meer zu kreuzen, die kleinasiatische Nordkueste gegen jeden feindlichen Einfall zu decken, den Kimmerischen Bosporus aber streng zu blockieren unter Androhung der Lebensstrafe fuer jeden Kauffahrer, der die Blockade brechen wuerde. Die Landtruppen fuehrte Pompeius nicht ohne grosse Beschwerden durch das kolchische und armenische Gebiet an den unteren Lauf des Kur und weiter, den Strom ueberschreitend, in die albanische Ebene. Mehrere Tage musste das roemische Heer in der gluehenden Hitze durch dies wasserarme Blachland marschieren, ohne auf den Feind zu treffen; erst am linken Ufer des Abas (wahrscheinlich der sonst Alazonios, jetzt Alasan genannte Fluss) stellte unter Fuehrung des Koses, Bruders des Koenigs Oroizes, sich die Streitmacht der Albaner den Roemern entgegen; sie soll mit Einschluss des von den transkaukasischen Steppenbewohnern eingetroffenen Zuzuges 60000 Mann zu Fuss und 12000 Reiter gezaehlt haben. Dennoch haette sie schwerlich den Kampf gewagt, wenn sie nicht gemeint haette, bloss mit der roemischen Reiterei fechten zu sollen; aber die Reiter waren nur vorangestellt und wie diese sich zurueckzogen, zeigten sich dahinter verborgen die roemischen Infanteriemassen. Nach kurzem Kampfe war das Heer der Barbaren in die Waelder versprengt, die Pompeius zu umstellen und anzuzuenden befahl. Die Albaner bequemten sich hierauf, Frieden zu machen und dem Beispiele der maechtigeren Voelker folgend, schlossen alle zwischen dem Kur und dem Kaspischen Meer sitzenden Staemme mit dem roemischen Feldherrn Vertrag ab. Die Albaner, Iberer und ueberhaupt die suedlich am und unter dem Kaukasus ansaessigen Voelkerschaften traten also wenigstens fuer den Augenblick in ein abhaengiges Verhaeltnis zu Rom. Wenn dagegen auch die Voelker zwischen dem Phasis und der Maeotis, Kolcher, Soaner, Heniocher, Zyger, Achaeer, sogar die fernen Bastarner dem langen Verzeichnis der von Pompeius unterworfenen Nationen eingereiht wurden, so nahm man dabei offenbar es mit dem Begriff der Unterwerfung sehr wenig genau. Der Kaukasus bewaehrte sich abermals in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung; wie die persische und die hellenische fand auch die roemische Eroberung an ihm ihre Grenze.
So blieb denn Koenig Mithradates sich selbst und dem Verhaengnis ueberlassen. Wie einst sein Ahnherr, der Gruender des Pontischen Staates, sein kuenftiges Reich zuerst betreten hatte, fluechtend vor den Haeschern des Antigonos und nur von sechs Reitern begleitet, so hatte nun der Enkel die Grenzen seines Reiches wieder ueberschreiten und seine und seiner Vaeter Eroberungen mit dem Ruecken ansehen muessen. Aber die Wuerfel des Verhaengnisses hatten keinem oefter und launenhafter die hoechsten Gewinste und die gewaltigsten Verluste zugeworfen als dem alten Sultan von Sinope, und rasch und unberechenbar wechseln die Geschicke im Osten. Wohl mochte Mithradates jetzt am Abend seines Lebens jeden neuen Wechselfall mit dem Gedanken hinnehmen, dass auch er nur wieder einen neuen Umschwung vorbereite und das einzig Stetige der ewige Wandel der Geschicke sei. War doch die roemische Herrschaft der Orientalen im tiefsten Grunde ihres Wesens unertraeglich und Mithradates selbst, im Guten wie im Boesen, der rechte Fuerst des Ostens; bei der Schlaffheit des Regiments, wie der roemische Senat es ueber die Provinzen uebte, und bei dem gaerenden und zum Buergerkriege reifenden Hader der politischen Parteien in Rom konnte Mithradates, wenn es ihm glueckte, seine Zeit abzuwarten, gar wohl noch zum drittenmal seine Herrschaft wiederherstellen. Darum eben, weil er hoffte und plante, solange Leben in ihm war, blieb er den Roemern gefaehrlich, solange er lebte, als landfluechtiger Greis nicht minder wie da er mit seinen Hunderttausenden ausgezogen war, um Hellas und Makedonien den Roemern zu entreissen. Der rastlose alte Mann gelangte im Jahre 689 (85) von Dioskurias unter unsaeglichen Beschwerden teils zu Lande, teils zur See in das Reich von Pantikapaeon, stuerzte hier durch sein Ansehen und sein starkes Gefolge seinen abtruennigen Sohn Machares vom Thron und zwang ihn, sich selber den Tod zu geben. Von hier aus versuchte er noch einmal, mit den Roemern zu unterhandeln; er bat, ihm sein vaeterliches Reich zurueckzugeben und erklaerte sich bereit, die Oberhoheit Roms anzuerkennen und als Lehnfuerst Zins zu entrichten. Allein Pompeius weigerte sich, dem Koenig eine Stellung zu gewaehren, in der er das alte Spiel aufs neue begonnen haben wuerde, und bestand darauf, dass er sich persoenlich unterwerfe. Mithradates aber dachte nicht daran, sich dem Feinde in die Haende zu liefern, sondern entwarf neue und immer ausschweifendere Plaene. Mit Anspannung aller der Mittel, die seine geretteten Schaetze und der Rest seiner Staaten ihm darboten, ruestete er ein neues, zum Teil aus Sklaven bestehendes Heer von 36000 Mann, das er nach roemischer Art bewaffnete und einuebte, und eine Kriegsflotte; dem Geruecht zufolge beabsichtigte er durch Thrakien, Makedonien und Pannonien westwaerts zu ziehen, die Skythen in den sarmatischen Steppen, die Kelten an der Donau als Bundesgenossen mit sich fortzureissen und mit dieser Voelkerlawine sich auf Italien zu stuerzen. Man hat dies wohl grossartig gefunden und den Kriegsplan des pontischen Koenigs mit dem Heereszug Hannibals verglichen; aber derselbe Entwurf, der in einem genialen Geiste genial ist, wird eine Torheit in einem verkehrten. Diese beabsichtigte Invasion der Orientalen in Italien war einfach laecherlich und nichts als die Ausgeburt einer ohnmaechtigen phantasierenden Verzweiflung. Durch die vorsichtige Kaltbluetigkeit ihres Fuehrers blieben die Roemer davor bewahrt, dem abenteuerlichen Gegner abenteuernd zu folgen und in der fernen Krim einen Angriff abzuwehren, dem, wenn er nicht in sich selber erstickte, immer noch frueh genug am Fusse der Alpen begegnet ward. In der Tat, waehrend Pompeius, ohne weiter um die Drohungen des ohnmaechtigen Riesen sich zu bekuemmern, das gewonnene Gebiet zu ordnen beschaeftigt war, erfuellten ohne sein Zutun sich im entlegenen Norden die Geschicke des greisen Koenigs. Die unverhaeltnismaessigen Ruestungen hatten unter den Bosporanern, denen man die Haeuser einriss, die Ochsen vom Pflug spannte und niederstiess, um Balken und Flechsen zum Maschinenbau zu gewinnen, die heftigste Gaerung hervorgerufen. Auch die Soldaten gingen unlustig an die hoffnungslose italische Expedition. Stets war Mithradates umgeben gewesen von Argwohn und Verrat; er hatte nicht die Gabe, Liebe und Treue bei den Seinigen zu erwecken. Wie er in frueheren Jahren seinen ausgezeichneten Feldherrn Archelaos genoetigt hatte, im roemischen Lager Schutz zu suchen, wie waehrend der Feldzuege Luculls seine vertrautesten Offiziere Diokles, Phoenix, sogar die namhaftesten roemischen Emigranten zum Feind uebergegangen waren, so folgte jetzt, wo sein Stern erblich und der alte, kranke, verbitterte Sultan keinem mehr als seinen Verschnittenen zugaenglich war, noch rascher Abfall auf Abfall. Der Kommandant der Festung Phanagoria (auf der asiatischen Kueste Kertsch gegenueber), Kastor, erhob zuerst die Fahne des Aufstandes; er proklamierte die Freiheit der Stadt und lieferte die in der Festung befindlichen Soehne Mithradats in die Haende der Roemer. Waehrend unter den bosporanischen Staedten der Aufstand sich ausbreitete, Chersonesos (unweit Sevastopol), Theudosia (Kaffa) und andere sich den Phanagoriten anschlossen, liess der Koenig seinem Argwohn und seiner Grausamkeit den Lauf. Auf die Anzeige veraechtlicher Eunuchen hin wurden seine Vertrautesten an das Kreuz geschlagen; die eigenen Soehne des Koenigs waren ihres Lebens am wenigsten sicher. Derjenige von ihnen, der des Vaters Liebling und wahrscheinlich von ihm zum Nachfolger bestimmt war, Pharnakes, entschloss sich und trat an die Spitze des Insurgenten. Die Haescher, welche Mithradates sandte, um ihn zu verhaften, die gegen ihn ausgeschickten Truppen gingen zu ihm ueber; das Korps der italischen Ueberlaeufer, vielleicht der tuechtigste unter den Mithradatischen Heerhaufen und ebendarum am wenigsten geneigt, die abenteuerliche und fuer die Ueberlaeufer besonders bedenkliche Expedition gegen Italien mitzumachen, erklaerte sich in Masse fuer den Prinzen; die uebrigen Heerabteilungen und die Flotte folgten dem gegebenen Beispiel. Nachdem die Landschaft und die Armee den Koenig verlassen hatten, oeffnete endlich auch die Hauptstadt Pantikapaeon den Insurgenten die Tore und ueberlieferte ihnen den alten, in seinem Palaste eingeschlossenen Koenig. Von der hohen Mauer seiner Burg flehte dieser den Sohn an, ihm wenigstens das Leben zu gewaehren und nicht in das Blut des Vaters die Haende zu tauchen; aber die Bitte klang uebel aus dem Munde eines Mannes, an dessen eigenen Haenden das Blut der Mutter und das frisch vergossene seines unschuldigen Sohnes Xiphares klebte, und in seelenloser Haerte und Unmenschlichkeit uebertraf Pharnakes noch seinen Vater. Da es nun also zum Tode ging, so beschloss der Sultan, wenigstens zu sterben, wie er gelebt hatte: seine Frauen, seine Kebse und seine Toechter, unter diesen die jugendlichen Braeute der Koenige von Aegypten und Kypros, sie alle mussten die Bitterkeit des Todes erleiden und den Giftbecher leeren, bevor auch er denselben nahm und dann, da der Trank nicht schnell genug wirkte, einem keltischen Soeldner Betuitus den Nacken zum toedlichen Streiche darbot. So starb im Jahre 691 (63) Mithradates Eupator, im achtundsechzigsten Jahre seines Lebens, im siebenundfuenfzigsten seiner Regierung, sechsundzwanzig Jahre nachdem er zum ersten Male gegen die Roemer ins Feld gezogen war. Die Leiche, die Koenig Pharnakes als Belegstueck seiner Verdienste und seiner Loyalitaet an Pompeius sandte, ward auf dessen Anordnung beigesetzt in den Koenigsgraebern von Sinope. Mithradates’ Tod galt den Roemern einem Siege gleich: lorbeerbekraenzt, als haetten sie einen solchen zu melden, erschienen die Boten, welche dem Feldherrn die Katastrophe berichteten, im roemischen Lager von Jericho. Ein grosser Feind ward mit ihm zu Grabe getragen, ein groesserer, als je noch in dem schlaffen Osten einer den Roemern erstanden war. Instinktmaessig fuehlte es die Menge; wie einst Scipio mehr noch ueber Hannibal als ueber Karthago triumphiert hatte, so wurde auch die Ueberwindung der zahlreichen Staemme des Ostens und des Grosskoenigs selbst fast vergessen ueber Mithradates’ Tod, und bei Pompeius’ feierlichem Einzug zog nichts mehr die Blicke der Menge auf sich als die Schildereien, in denen man den Koenig Mithradates als Fluechtling sein Pferd am Zuegel fuehren, dann ihn sterbend zwischen den Leichen seiner Toechter niedersinken sah. Wie man auch ueber die Eigenartigkeit des Koenigs urteilen mag, er ist eine bedeutende, im vollen Sinne des Wortes weltgeschichtliche Gestalt. Er war keine geniale, wahrscheinlich nicht einmal eine reichbegabte Persoenlichkeit; aber er besass die sehr respektable Gabe zu hassen, und mit diesem Hasse hat er den ungleichen Kampf gegen die uebermaechtigen Feinde ein halbes Jahrhundert hindurch zwar ohne Erfolg, aber mit Ehren bestanden. Bedeutungsvoller noch als durch seine Individualitaet ward er durch den Platz, auf den die Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorlaeufer der nationalen Reaktion des Orients gegen die Okzidentalen hat er den neuen Kampf des Ostens gegen den Westen eroeffnet; und das Gefuehl, dass man mit seinem Tode nicht am Ende, sondern am Anfang sei, blieb den Besiegten wie den Siegern. Pompeius inzwischen war, nachdem er im Jahre 689 (65) mit den Voelkern des Kaukasus gekriegt hatte, zurueckgegangen in das Pontische Reich und bezwang daselbst die letzten noch Widerstand leistenden Schloesser, welche, um dem Raeuberunwesen zu steuern, geschleift, die Schlossbrunnen durch hineingewaelzte Felsbloecke unbrauchbar gemacht wurden. Von da brach er im Sommer 690 (64) nach Syrien auf, um dessen Verhaeltnisse zu ordnen. Es ist schwierig, den aufgeloesten Zustand, in dem die syrischen Landschaften damals sich befanden, anschaulich darzulegen. Zwar hatte infolge der Angriffe Luculls der armenische Statthalter Magadates im Jahre 685 (69), diese Provinzen geraeumt, und auch die Ptolemaeer, so gern sie die Versuche ihrer Vorfahren, die syrische Kueste zu ihrem Reiche zu fuegen, erneuert haben wuerden, scheuten sich doch, durch die Okkupation Syriens die roemische Regierung zu reizen, um so mehr als diese noch nicht einmal fuer Aegypten ihren mehr als zweifelhaften Rechtstitel reguliert hatte und von den syrischen Prinzen mehrfach angegangen worden war, sie als die legitimen Erben des erloschenen Lagidenhauses anzuerkennen. Aber wenn auch die groesseren Maechte sich augenblicklich saemtlich der Einmischung in die Angelegenheiten Syriens enthielten, so litt das Land doch weit mehr, als es unter einem grossen Krieg haette leiden koennen, durch die end- und ziellosen Fehden der Fuersten, Ritter und Staedte. Die faktischen Herren im Seleukidenreich waren derzeit die Beduinen, die Juden und die Nabataeer. Die unwirtliche, quell- und baumlose Sandsteppe, die von der Arabischen Halbinsel aus bis an und ueber den Euphrat sich hinziehend gegen Westen bis an den syrischen Gebirgszug und seinen schmalen Kuestensaum, gegen Osten bis zu den reichen Niederungen des Tigris und des unteren Euphrat reicht, diese asiatische Sahara ist die uralte Heimat der Soehne Ismaels; seit es eine Ueberlieferung gibt, finden wir dort den “Bedawin”, den “Sohn der Wueste”, seine Zelte schlagen und seine Kamele weiden oder auch auf seinem geschwinden Ross Jagd machen, bald auf den Stammfeind, bald auf den wandernden Handelsmann. Beguenstigt frueher durch Koenig Tigranes, der sich ihrer fuer seine handelspolitischen Plaene bediente, nachher durch die vollstaendige Meisterlosigkeit in dem syrischen Lande, breiteten diese Kinder der Wueste ueber das noerdliche Syrien sich aus; namentlich spielten diejenigen Staemme hier politisch fast die erste Rolle, die durch die Nachbarschaft der zivilisierten Syrer die ersten Anfaenge einer geordneten Existenz in sich aufgenommen hatten. Die namhaftesten unter diesen Emiren waren Abgaros, der Haeuptling des Araberstammes der Mardaner, den Tigranes um Edessa und Karrhae im oberen Mesopotamien angesiedelt hatte; dann westlich vom Euphrat Sampsikeramos, Emir der Araber von Hemesa (Homs) zwischen Damaskos und Antiocheia und Herr der starken Festung Arethusa; Azizos, das Haupt einer anderen, in derselben Gegend streifenden Horde; Alchaudonios, der Fuerst der Rhambaeer, der schon mit Lucullus sich in Verbindung gesetzt hatte, und andere mehr. Neben diesen Beduinenfuersten waren ueberall dreiste Gesellen aufgetreten, die es den Kindern der Wueste in dem edlen Gewerbe der Wegelagerung gleich- oder auch zuvortaten: so Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn, vielleicht der maechtigste unter diesen syrischen Raubrittern und einer der reichsten Maenner dieser Zeit, der ueber das Gebiet der Ityraeer – der heutigen Drusen – in den Taelern des Libanos wie an der Kueste und ueber die noerdlich vorliegende Marsyasebene mit den Staedten Heliopolis (Baalbek) und Chalkis gebot und 8000 Reiter aus seiner Tasche besoldete; so Dionaysios und Kinyras, die Herren der Seestaedte Tripolis (Tarablus) und Byblos (zwischen Tarablus und Beirut); so der Jude Silas in Lysias, einer Festung unweit Apameia am Orontes. Im Sueden Syriens dagegen schien der Stamm der Juden sich um diese Zeit zu einer politischen Macht konsolidieren zu wollen. Durch die fromme und kuehne Verteidigung des uralten juedischen Nationalkultus, den der nivellierende Hellenismus der syrischen Koenige bedrohte, war das Geschlecht der Hasmonaeer oder der Makkabi nicht bloss zum erblichen Prinzipal und allmaehlich zu koeniglichen Ehren gelangt, sondern es hatten auch die fuerstlichen Hochpriester erobernd nach Norden, Osten und Sueden um sich gegriffen. Als der tapfere Jannaeos Alexandros starb (675 79) erstreckte sich das Juedische Reich gegen Sueden ueber das ganze philistaeische Gebiet bis an die aegyptische Grenze, gegen Suedosten bis an die des Nabataeerreiches von Petra, von welchem Jannaeos betraechtliche Strecken am rechten Ufer des Jordan und des Toten Meeres abgerissen hatte, gegen Norden ueber Samaria und die Dekapolis bis zum See Genezareth; schon machte er hier Anstalt, Ptolemais (Acco) einzunehmen und die Uebergriffe der Ityraeer erobernd zurueckzuweisen. Die Kueste gehorchte den Juden vom Berg Karmel bis nach Rhinokorura mit Einschluss des wichtigen Gaza – nur Askalon war noch frei -, so dass das einst vom Meer fast abgeschnittene Gebiet der Juden jetzt mit unter den Freistaetten der Piraterie aufgefuehrt werden konnte. Wahrscheinlich haetten, zumal da der armenische Sturm, eben als er sich den Grenzen Judaeas nahte, durch Lucullus’ Dazwischenkunft von dieser Landschaft abgewendet ward, die begabten Herrscher des Hasmonaeischen Hauses ihre Waffen noch weiter getragen, wenn nicht die Machtentwicklung dieses merkwuerdigen, erobernden Priesterstaates durch innere Spaltungen im Keime geknickt worden waere. Der konfessionelle und der nationale Unabhaengigkeitssinn, deren energische Vereinigung den Makkabaeerstaat ins Leben gerufen hatte, traten rasch wieder aus- und sogar gegeneinander. Der juedischen Orthodoxie oder dem sogenannten Pharisaeismus genuegte die freie Religionsuebung, wie sie den syrischen Herrschern abgetrotzt worden war; ihr praktisches Ziel war eine von dem weltlichen Regiment wesentlich absehende, aus den Orthodoxen in aller Herren Laendern zusammengesetzte Judengemeinschaft, welche in der jedem gewissenhaften Juden obliegenden Steuer fuer den Tempel zu Jerusalem und in den Religionsschulen und geistlichen Gerichten ihre sichtbaren Vereinigungspunkte fand. Dieser von dem staatlichen Leben sich abwendenden, mehr und mehr in theologischer Gedankenlosigkeit und peinlichem Zeremonialdienst erstarrenden Orthodoxie gegenueber standen die Vertreter der nationalen Unabhaengigkeit, erstarkt in den gluecklichen Kaempfen gegen die Fremdherrschaft, vorschreitend zu dem Gedanken einer Wiederherstellung des juedischen Staates, die Vertreter der alten grossen Geschlechter, die sogenannten Sadduzaeer, teils dogmatisch, indem sie nur die heiligen Buecher selber gelten liessen und den Vermaechtnissen der Schriftgelehrten, das ist der kanonischen Tradition, nur Autoritaet, nicht Kanonizitaet zusprachen ^2; teils und vor allem politisch, indem sie anstatt des fatalistischen Zuwartens auf den starken Arm des Herrn Zebaoth das Heil der Nation erwarten lehrten von den Waffen dieser Welt und von der innerlichen und aeusserlichen Staerkung des in den glorreichen Makkabaeerzeiten wiederaufgerichteten Davidischen Reiches. Jene Orthodoxen fanden ihren Halt in der Priesterschaft und der Menge; sie bestritten den Hasmonaeern die Legitimitaet ihrer Hohenpriesterschaft und fochten gegen die boesen Ketzer mit der ganzen ruecksichtslosen Unversoehnlichkeit, womit die Frommen fuer den Besitz irdischer Gueter zu streiten gewohnt sind. Die staatliche Partei dagegen stuetzte sich auf die von den Einfluessen des Hellenismus beruehrte Intelligenz, auf das Heer, in dem zahlreiche pisidische und kilikische Soeldner dienten, und auf die tuechtigeren Koenige, welche hier mit der Kirchengewalt rangen, aehnlich wie ein Jahrtausend spaeter die Hohenstaufen mit dem Papsttum. Mit starker Hand hatte Jannaeos die Priesterschaft niedergehalten; unter seinen beiden Soehnen kam es (685f. 69) zu einem Buerger- und Bruderkrieg, indem die Pharisaeer sich dem kraeftigen Aristobulos widersetzten und versuchten, unter der nominellen Herrschaft seines Bruders, des gutmuetigen und schlaffen Hyrkanos, ihre Zwecke zu erreichen. Dieser Zwist brachte nicht bloss die juedischen Eroberungen ins Stocken, sondern gab auch auswaertigen Nationen Gelegenheit, sich einzumischen und dadurch im suedlichen Syrien eine gebietende Stellung zu gewinnen. Zunaechst gilt dies von den Nabataeern. Diese merkwuerdige Nation ist oft mit ihren oestlichen Nachbarn, den schweifenden Arabern, zusammengeworfen worden, aber naeher als den eigentlichen Kindern Ismaels ist sie dem aramaeischen Zweige verwandt. Dieser aramaeische oder, nach der Benennung der Okzidentalen, syrische Stamm muss von seinen aeltesten Sitzen um Babylon, wahrscheinlich des Handels wegen, in sehr frueher Zeit eine Kolonie an die Nordspitze des Arabischen Meerbusens ausgefuehrt haben: dies sind die Nabataeer auf der Sinaitischen Halbinsel zwischen dem Golf von Suez und Aila und in der Gegend von Petra (Wadi Musa). In ihren Haefen wurden die Waren vom Mittelmeer gegen indische umgesetzt; die grosse suedliche Karawanenstrasse, die von Gaza zur Euphratmuendung und dem Persischen Meerbusen lief, fuehrte durch die Hauptstadt der Nabataeer Petra, deren heute noch prachtvolle Felspalaeste und Felsengraeber deutlicheres Zeugnis von der nabataeischen Zivilisation ablegen als die fast verschollene Ueberlieferung. Die Pharisaeerfuehrer, denen nach Priesterart der Sieg ihrer Partei um den Preis der Unabhaengigkeit und Integritaet des Landes nicht zu teuer erkauft schien, ersuchten den Koenig der Nabataeer, Aretas, um Hilfe gegen Aristobulos, wofuer sie alle von Jannaeos ihm entrissenen Eroberungen an ihn zurueckzugeben verhiessen. Daraufhin war Aretas mit angeblich 50000 Mann in das juedische Land eingerueckt und, verstaerkt durch den Anhang der Pharisaeer, hielt er den Koenig Aristobulos in seiner Hauptstadt belagert. —————————————————– ^2 So verwarfen die Sadduzaeer die Engel- und Geisterlehre und die Auferstehung der Toten. Die meisten ueberlieferten Differenzpunkte zwischen Pharisaeern und Sadduzaeern beziehen sich auf untergeordnete rituelle, juristische und Kalenderfragen. Charakteristisch ist es, dass die siegenden Pharisaeer diejenigen Tage, an denen sie in den einzelnen Kontroversen definitiv die Oberhand behalten oder ketzerische Mitglieder aus dem Oberkonsistorium ausgestossen hatten, in das Verzeichnis der Gedenk- und Festtage der Nation eingetragen haben.
————————————————— Unter dem Faust- und Fehderecht, die also von einem Ende Syriens zum andern herrschten, litten natuerlich vor allen Dingen die groesseren Staedte, wie Antiocheia, Seleukeia, Damaskos, deren Buerger in ihrem Feldbau wie in ihrem See- und Karawanenhandel sich gelaehmt sahen. Die Buerger von Byblos und Berytos (Beirut) vermochten weder ihre Aecker noch ihre Schiffe vor den Ityraeern zu schuetzen, die von ihren Berg- und Seekastellen aus Land und Meer gleich unsicher machten. Die von Damaskos suchten der Angriffe der Ityraeer und des Ptolemaeos dadurch sich zu erwehren, dass sie sich den entfernteren Koenigen der Nabataeer oder der Juden zu eigen gaben. In Antiocheia mischten sich Sampsikeramos und Azizos in die inneren Fehden der Buergerschaft und fast waere die hellenische Grossstadt schon jetzt der Sitz eines arabischen Emirs geworden. Es waren Zustaende, die an die koeniglosen Zeiten des deutschen Mittelalters erinnern, als Nuernberg und Augsburg nicht in des Koenigs Recht und Gericht, sondern einzig in ihren Waellen noch Schutz fanden; ungeduldig harrten die syrischen Kaufbuerger des starken Arms, der ihnen Frieden und Verkehrssicherheit wiedergab. An einem legitimen Koenig uebrigens fehlte es in Syrien nicht; man hatte deren sogar zwei oder drei. Ein Prinz Antiochos aus dem Hause der Seleukiden war von Lucullus als Herr der noerdlichsten syrischen Provinz Kommagene eingesetzt worden, Antiochos der Asiate, dessen Ansprueche auf den syrischen Thron sowohl bei dem Senat als bei Lucullus Anerkennung gefunden hatten, war nach dem Abzug der Armenier in Antiocheia aufgenommen und daselbst als Koenig anerkannt worden. Ihm war dort sogleich ein dritter Seleukidenprinz, Philippos, als Nebenbuhler entgegengetreten, und es hatte die grosse, fast wie die alexandrinische bewegliche und oppositionslustige Buergerschaft von Antiocheia sowie dieser und jener benachbarte arabische Emir sich eingemischt in den Familienzwist, der nun einmal von der Herrschaft der Seleukiden unzertrennlich schien. War es ein Wunder, dass die Legitimitaet den Untertanen zum Spott und zum Ekel ward und dass die sogenannten rechtmaessigen Koenige noch etwas weniger im Lande galten als die kleinen Fuersten und Raubritter? In diesem Chaos Ordnung zu schaffen, bedurfte es weder genialer Konzeptionen noch gewaltiger Machtentfaltung, wohl aber der klaren Einsicht in die Interessen Roms und seiner Untertanen, und der kraeftigen und folgerechten Aufrichtung und Aufrechthaltung der als notwendig erkannten Institutionen. Die Legitimitaetspolitik des Senats hatte sich sattsam prostituiert; den Feldherrn, den die Opposition ans Regiment gebracht, durften nicht dynastische Ruecksichten leiten, sondern er hatte einzig darauf zu sehen, dass das Syrische Reich in Zukunft weder durch Zwist der Praetendenten noch durch die Begehrlichkeit der Nachbarn der roemischen Klientel entzogen werde. Dazu aber gab es nur einen Weg: dass die roemische Gemeinde durch einen von ihr gesandten Satrapen mit kraeftiger Hand die Zuegel der Regierung erfasse, die den Koenigen des regierenden Hauses mehr noch durch eigene Verschuldung als durch aeussere Unfaelle seit langem tatsaechlich entglitten waren. Den Weg schlug Pompeius ein. Antiochos der Asiate erhielt auf seine Bitte, ihn als den angestammten Herrscher Syriens anzuerkennen, die Antwort, dass Pompeius einem Koenige, der sein Reich weder zu behaupten noch zu regieren wisse, die Herrschaft nicht einmal auf die Bitte seiner Untertanen, geschweige denn gegen deren bestimmt ausgesprochene Wuensche zurueckgeben werde. Mit diesem Briefe des roemischen Prokonsuls war das Haus des Seleukos von dem Throne gestossen, den es seit zweihundertfuenfzig Jahren eingenommen hatte. Antiochos verlor bald darauf sein Leben durch die Hinterlist des Emirs Sampsikeramos, als dessen Klient er in Antiocheia den Herrn spielte; seitdem ist von diesen Schattenkoenigen und ihren Anspruechen nicht weiter die Rede. Wohl aber war es, um das neue roemische Regiment zu begruenden und eine leidliche Ordnung in die verwirrten Verhaeltnisse zu bringen, noch erforderlich, mit Heeresmacht in Syrien einzuruecken und all die Stoerer der friedlichen Ordnung, die waehrend der vieljaehrigen Anarchie emporgewachsen waren, durch die roemischen Legionen zu schrecken oder niederzuwerfen. Schon waehrend der Feldzuege im Pontischen Reiche und am Kaukasus hatte Pompeius den Angelegenheiten Syriens seine Aufmerksamkeit zugewandt und einzelne Beauftragte und Abteilungen wo es not tat eingreifen lassen. Aulus Gabinius – derselbe, der als Volkstribun Pompeius nach dem Osten gesandt hatte – war schon 689 (65) an den Tigris und sodann quer durch Mesopotamien nach Syrien marschiert, um die verwickelten Verhaeltnisse im juedischen Lande zu schlichten. Ebenso war das schwer bedraengte Damaskos bereits durch Lollius und Metellus besetzt worden. Bald nachher traf ein anderer Adjutant des Pompeius, Marcus Scaurus, in Judaea ein, um die immer neu wieder daselbst ausbrechenden Fehden beizulegen. Auch Lucius Afrianus, der waehrend Pompeius’ Expedition nach dem Kaukasus das Kommando ueber die roemischen Truppen in Armenien fuehrte, hatte von Korduene (dem noerdlichen Kurdistan) aus sich in das obere Mesopotamien begeben und, nachdem er durch die hilfreiche Teilnahme der in Karrhae angesiedelten Hellenen den gefaehrlichen Weg durch die Wueste gluecklich zurueckgelegt hatte, die Araber in Osrhoene zur Botmaessigkeit gebracht. Gegen Ende des Jahres 690 (64), langte dann Pompeius selbst in Syrien an ^3 und verweilte dort bis zum Sommer des folgenden Jahres, entschlossen durchgreifend und fuer jetzt und kuenftig die Verhaeltnisse ordnend. Zurueckgehend auf die Zustaende des Reiches in den besseren Zeiten der Seleukidenherrschaft, wurden alle usurpierten Gewalten beseitigt, die Raubherren aufgefordert, ihre Burgen zu uebergeben, die arabischen Scheichs wieder auf ihr Wuestengebiet beschraenkt, die Verhaeltnisse der einzelnen Gemeinden definitiv geregelt. Diesen strengen Befehlen Gehorsam zu verschaffen, standen die Legionen bereit, und ihr Einschreiten erwies sich insbesondere gegen die verwegenen Raubritter als notwendig. Silas, der Herr von Lysias, der Herr von Tripolis, Dionysios, der Herr von Byblos, Kinyras, wurden in ihren Burgen gefangengenommen und hingerichtet, die Berg- und Seeschloesser der Ityraeer gebrochen, Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn in Chalkis gezwungen, mit 1000 Talenten (1827000 Taler) Loesegeld sich Freiheit und Herrschaft zu erkaufen. Im uebrigen fanden die Befehle des neuen Machthabers meistenteils widerstandslosen Gehorsam. Nur die Juden schwankten. Die frueher von Pompeius gesandten Vermittler, Gabinius und Scaurus, hatten – beide, wie es heisst, mit bedeutenden Summen bestochen – im Streite der beiden Brueder Hyrkanos und Aristobulos zu Gunsten des letzteren entschieden, auch den Koenig Aretas veranlasst, die Belagerung von Jerusalem aufzuheben und sich in seine Heimat zu begeben, wobei er auf dem Rueckweg noch von Aristobulos eine Niederlage erlitt. Als aber Pompeius in Syrien eintraf, kassierte er die Anordnungen seiner Untergebenen und wies die Juden an, ihre alte Hochpriesterverfassung, wie der Senat sie um 593 (61) anerkannt hatte, wieder einzufuehren und wie auf das Fuerstentum selbst, so auch auf alle von den Hasmonaeischen Fuersten gemachten Eroberungen zu verzichten. Es waren die Pharisaeer, welche eine Gesandtschaft von zweihundert ihrer angesehensten Maenner an den roemischen Feldherrn gesandt und von ihm den Sturz des Koenigtums ausgewirkt hatten; nicht zum Vorteil der eigenen Nation, aber wohl zu dem der Roemer, die der Natur der Sache nach auch hier zurueckkommen mussten auf die alten Rechte der Seleukiden und eine erobernde Macht, wie die des Jannaeos war, innerhalb ihres Reiches nicht dulden konnten. Aristobulos schwankte, ob es besser sei, das Unvermeidliche geduldig ueber sich ergehen zu lassen oder mit den Waffen in der Hand dem Verhaengnis zu erliegen; bald schien er im Begriff, sich Pompeius zu unterwerfen, bald die nationale Partei unter den Juden zum Kampfe gegen die Roemer aufzurufen. Als endlich, da schon die Legionen vor den Toren standen, er sich dem Feinde ergab, weigerte sich der entschlossenere oder fanatisiertere Teil seiner Armee, den Befehlen des unfreien Koenigs Folge zu leisten. Die Hauptstadt unterwarf sich; den steilen Tempelfelsen verteidigte jene fanatische Schar drei Monate hindurch mit todesmutiger Hartnaeckigkeit, bis endlich waehrend der Sabbathruhe der Belagerten die Belagerer eindrangen, des Heiligtums sich bemaechtigten und die Anstifter dieser verzweifelten Gegenwehr, soweit sie nicht unter den roemischen Schwertern gefallen waren, unter die Beile der Liktoren sandten. Damit ging der letzte Widerstand in den neu zum roemischen Staat gezogenen Gebieten zu Ende. —————————————– ^3 Den Winter 689/90 (65/64) brachte Pompeius noch in der Naehe des Kaspischen Meeres zu (Dio 37, 7). Im Jahre 690 (64) unterwarf er zunaechst im Pontischen Reiche die letzten noch Widerstand leistenden Burgen und zog dann langsam, ueberall die Verhaeltnisse regelnd, gegen Sueden. Dass die Ordnung Syriens 690 (64) begann, bestaetigt sich dadurch, dass die syrische Provinzialaera mit diesem Jahre anhebt und durch Ciceros Angabe hinsichtlich Kommagenes (ad. Q. fr. 2. 12, 2; vgl. Dio 37, 7). Den Winter 691/90 (64/63) scheint Pompeius in Antiocheia sein Hauptquartier gehabt zu haben (Ios. bel. Iud. 14, 3, 1 u. 2, wo die Verwirrung von Niese im Hermes 11, 1877, S. 471 berichtigt worden ist).
—————————————– Das von Lucullus begonnene Werk hatte Pompeius vollendet: die bisher formell selbstaendigen Staaten Bithynien, Pontus und Syrien waren mit dem roemischen vereinigt, die seit mehr als hundert Jahren als notwendig erkannte Vertauschung des schwaechlichen Klientelsystems mit der unmittelbaren Herrschaft ueber die wichtigeren abhaengigen Gebiete war endlich verwirklicht worden, sowie der Senat gestuerzt und die Gracchische Partei ans Ruder gekommen war. Man hatte im Osten neue Grenzen erhalten, neue Nachbarn, neue freundliche und feindliche Beziehungen. Neu traten unter die mittelbar roemischen Gebiete ein das Koenigreich Armenien und die kaukasischen Fuerstentuemer, ferner das Reich am Kimmerischen Bosporus, der geringe Ueberrest der ausgedehnten Eroberungen Mithradates Eupators, jetzt unter der Regierung seines Sohnes und Moerders Pharnakes ein roemischer Klientelstaat; nur die Stadt Phanagoria, deren Befehlshaber Kastor das Signal zum Aufstand gegeben hatte, wurde dafuer von den Roemern als frei und unabhaengig anerkannt. Nicht gleicher Erfolge konnte man gegen die Nabataeer sich ruehmen. Koenig Aretas hatte zwar, dem Begehren der Roemer sich fuegend, das juedische Land geraeumt; allein Damaskos war noch in seinen Haenden und das Nabataeerland nun gar hatte noch kein roemischer Soldat betreten. Um dies zu unterwerfen oder mindestens doch den neuen Nachbarn im arabischen Lande zu zeigen, dass jetzt am Orontes und am Jordan die roemischen Adler geboten und dass die Zeit vorbei war, wo die syrischen Landschaften als herrenloses Gut zu brandschatzen jedem freistand, begann Pompeius im Jahre 691 (63) eine Expedition gegen Petra; allein aufgehalten durch den Aufstand der Juden, der waehrend dieses Zuges zum Ausbruch kam, ueberliess er seinem Nachfolger Marcus Scaurus nicht ungern die Ausfuehrung der schwierigen Unternehmung gegen die fern inmitten der Wueste gelegene Nabataeerstadt ^4. In der Tat sah auch Scaurus sich bald genoetigt, unverrichteter Sache umzukehren. Er musste sich begnuegen, in den Wuesten am linken Ufer des Jordan die Nabataeer zu bekriegen, wo er sich auf die Juden zu stuetzen vermochte, aber doch auch nur sehr unbedeutende Erfolge davontrug. Schliesslich ueberredete der gewandte juedische Minister Antipatros aus Idumaea den Aretas, sich die Gewaehr seiner saemtlichen Besitzungen mit Einschluss von Damaskos von dem roemischen Statthalter um eine Geldsumme zu erkaufen; und dies ist denn der auf den Muenzen des Scaurus verherrlichte Friede, wo Koenig Aretas, das Kamel am Zuegel, kniefaellig, dem Roemer den Oelzweig darreichend erscheint. ——————————————- ^4 Zwar lassen Orosius (6, 6) und Dio (37, 15), ohne Zweifel beide nach Livius, Pompeius bis nach Petra gelangen, auch wohl die Stadt einnehmen oder gar das Rote Meer erreichen; allein dass er im Gegenteil bald nach Empfang der Nachricht von dem Tode Mithradats, die ihm auf dem Marsche nach Jerusalem zukam, aus Syrien nach Pontus zurueckging, sagt Plutarch (Pomp. 41, 42) und wird durch Florus (1, 39) und Josephus (bel. Iud. 14, 3, 3 u. 4) bestaetigt. Wenn Koenig Aretas unter den von Pompeius Besiegten in den Bulletins figuriert, so genuegte hierfuer sein durch Pompeius veranlasster Abzug von Jerusalem. —————————————— Bei weitem folgenreicher als diese neuen Beziehungen der Roemer zu den Armeniern, Iberern, Bosporanern und Nabataeern war die Nachbarschaft, in welche sie durch die Okkupation Syriens zu dem parthischen Staate traten. So geschmeidig die roemische Diplomatie gegen Phraates aufgetreten war, als noch der pontische und der armenische Staat aufrecht standen, so willig damals sowohl Lucullus als Pompeius ihm den Besitz der Landschaften jenseits des Euphrat zugestanden hatten, so schroff stellte jetzt der neue Nachbar sich neben den Arsakiden; und wenn die koenigliche Kunst, die eigenen Fehler zu vergessen, es ihm gestattete, mochte Phraates wohl jetzt sich der warnenden Worte Mithradats erinnern, dass der Parther durch das Buendnis mit den Okzidentalen gegen die stammverwandten Reiche erst diesen und sodann sich selber das Verderben bereite. Roemer und Parther im Bunde hatten Armenien zugrunde gerichtet; als es gestuerzt war, kehrte Rom, seiner alten Politik getreu, die Rollen um und beguenstigte den gedemuetigten Feind auf Kosten des allzumaechtigen Bundesgenossen. Schon die auffallende Bevorzugung gehoert hierher, die der Vater Tigranes seinem Sohne, dem Verbuendeten und Tochtermann des Partherkoenigs, gegenueber bei Pompeius fand; es war eine unmittelbare Beleidigung, als bald nachher auf Pompeius’ Befehl der juengere Tigranes mit seiner Familie zur Haft gebracht und selbst dann nicht freigegeben ward, als sich Phraates bei dem befreundeten Feldherrn fuer seine Tochter und seinen Schwiegersohn verwandte. Aber Pompeius blieb hierbei nicht stehen. Die Landschaft Korduene, auf welche sowohl Phraates als Tigranes Ansprueche erhoben, wurde auf Pompeius’ Befehl durch roemische Truppen fuer den letzteren okkupiert und die im Besitz befindlichen Parther ueber die Grenze hinausgeschlagen, ja bis nach Arbela in Adiabene verfolgt, ohne dass die Regierung von Ktesiphon auch nur vorher gehoert worden waere (689 65). Weitaus am bedenklichsten jedoch war es, dass die Roemer keineswegs geneigt schienen, die traktatenmaessig festgestellte Euphratgrenze zu respektieren. Mehrmals marschierten roemische, von Armenien nach Syrien bestimmte Abteilungen quer durch Mesopotamien; der arabische Emir Abgaros von Osrhoene ward unter auffallend guenstigen Bedingungen in die roemische Klientel aufgenommen; ja Oruros, das im oberen Mesopotamien etwa zwischen Nisibis und dem Tigris 50 deutsche Meilen oestlich von dem kommagenischen Euphratuebergang liegt, ward bezeichnet als oestlicher Grenzpunkt der roemischen Herrschaft, vermutlich der mittelbaren, insofern die groessere und fruchtbarere noerdliche Haelfte Mesopotamiens von den Roemern ebenso wie Korduene dem Armenischen Reiche zugelegt worden war. Die Grenze zwischen Roemern und Parthern ward also statt des Euphrat die grosse syrisch-mesopotamische Wueste; und auch dies schien nur vorlaeufig. Den parthischen Gesandten, die kamen, um auf das Einhalten der allerdings, wie es scheint, nur muendlich abgeschlossenen Vertraege hinsichtlich der Euphratgrenze zu dringen, gab Pompeius die zweideutige Antwort, dass Roms Gebiet sich so weit erstrecke wie sein Recht. Ein Kommentar zu dieser Rede schien der auffaellige Verkehr zwischen dem roemischen Oberfeldherrn und den parthischen Satrapen der Landschaft Medien und selbst der fernen Provinz Elymais (zwischen Susiana, Medien und Persien im heutigen Luristan) ^5. Die Statthalter dieses letzteren, gebirgigen, kriegerischen und entlegenen Landes waren von je her bestrebt gewesen, eine von dem Grosskoenig unabhaengige Stellung zu gewinnen; um so verletzender und bedrohlicher war es fuer die parthische Regierung, wenn Pompeius von diesem Dynasten die dargebotene Huldigung annahm. Nicht minder war es bezeichnend, dass der Titel des “Koenigs der Koenige”, der dem Partherkoenig bis dahin auch von den Roemern im offiziellen Verkehr zugestanden worden war, jetzt auf einmal von ihnen mit dem einfachen Koenigstitel vertauscht ward. Es war das mehr noch eine Drohung als eine Verletzung der Etikette. Seit Rom die Erbschaft der Seleukiden getan, schien es fast, als gedenke man dort im gelegenen Augenblick auf jene alten Zeiten zurueckzugreifen, da ganz Iran und Turan von Antiocheia aus beherrscht wurden und es doch kein Parthisches Reich gab, sondern nur eine parthische Satrapie. Der Hof von Ktesiphon haette also Grund genug gehabt, mit Rom den Krieg zu beginnen; es schien die Einleitung dazu, dass er im Jahre 690 (64) wegen der Grenzfrage ihn an Armenien erklaerte. Aber Phraates hatte doch nicht den Mut, eben jetzt, wo der gefuerchtete Feldherr mit seiner starken Armee an den Grenzen des Parthischen Reiches stand, mit den Roemern offen zu brechen. Als Pompeius Kommissarien sandte, um den Streit zwischen Parthien und Armenien guetlich beizulegen, fuegte Phraates sich der aufgezwungenen roemischen Vermittlung und liess es sich gefallen, dass ihr Schiedsspruch den Armeniern Korduene und das noerdliche Mesopotamien zuwies. Bald nachher schmueckte seine Tochter mit ihrem Sohne und ihrem Gemahl den Triumph des roemischen Feldherrn. Auch die Parther zitterten vor der roemischen Uebermacht; und wenn sie nicht wie die Pontiker und die Armenier den roemischen Waffen erlegen waren, so schien die Ursache davon nur die zu sein, dass sie es nicht gewagt hatten, den Kampf zu bestehen. —————————————————– ^5 Diese Auffassung beruht auf der Erzaehlung Plutarchs (Pomp. 36), welche durch Strabons (16, 744) Schilderung der Stellung des Satrapen von Elymais unterstuetzt wird. Eine Ausschmueckung davon ist es, wenn in den Verzeichnissen der von Pompeius besiegten Landschaften und Koenige Medien und dessen Koenig Dareios aufgefuehrt werden (Diod. fr. Vat. p. 140; App. Mithr. 117); und daraus weiter herausgesponnen ist Pompeius’ Krieg mit den Medern (Vell. 2, 40; App. Mithr. 106, 114) und nun gar der Zug desselben nach Ekbatana (Oros. hist. 6, 5). Eine Verwechselung mit der fabelhaften gleichnamigen Stadt auf dem Karmel hat hier schwerlich stattgefunden; es ist einfach jene unleidliche, wie es scheint aus Pompeius’ grossartigen und absichtlich zweideutigen Bulletins sich herleitende, Uebertreibung, die aus seiner Razzia gegen die Gaetuler einen Zug an die afrikanische Westkueste (Plut. Pomp. 38), aus seiner fehlgeschlagenen Expedition gegen die Nabataeer eine Eroberung der Stadt Petra, aus seinem Schiedsspruch hinsichtlich der Grenzen Armeniens eine Feststellung der roemischen Reichsgrenze jenseits Nisibis gemacht hat. ——————————————————- Noch lag es dem Feldherrn ob, die inneren Verhaeltnisse der neugewonnenen Landschaften zu regulieren und die Spuren eines dreizehnjaehrigen, verheerenden Krieges soweit moeglich zu tilgen. Das in Kleinasien von Lucullus und der ihm beigegebenen Kommission, auf Kreta von Metellus begonnene Organisationsgeschaeft erhielt den endlichen Abschluss durch Pompeius. Die bisherige Provinz Asia, die Mysien, Lydien, Phrygien und Karien umfasste, ward aus einer Grenz- eine Mittelprovinz; neu eingerichtet wurden die Provinz Bithynien und Pontus, welche gebildet ward aus dem gesamten ehemaligen Reiche des Nikomedes und der westlichen Haelfte des ehemaligen pontischen Staates bis an und ueber den Halys; die Provinz Kilikien, die zwar schon aelter war, aber doch erst jetzt ihrem Namen entsprechend erweitert und organisiert ward und auch Pamphylien und Isaurien miteinschloss; die Provinz Syrien und die Provinz Kreta. Freilich fehlte viel, dass jene Laendermasse als roemischer Territorialbesitz in dem heutigen Sinne des Wortes haette betrachtet werden koennen. Form und Ordnung des Regiments blieben im wesentlichen, wie sie waren; nur trat an den Platz der bisherigen Monarchen die roemische Gemeinde. Wie bisher bestanden jene asiatischen Landschaften aus einer bunten Mischung von Domanialbesitzungen, tatsaechlich oder rechtlich autonomen Stadtgebieten, fuerstlichen und priesterlichen Herrschaften und Koenigreichen, welche alle fuer die innere Verwaltung mehr oder minder sich selbst ueberlassen waren, uebrigens aber bald in milderen, bald in strengeren Formen von der roemischen Regierung und deren Prokonsuln in aehnlicher Weise abhingen, wie frueher von dem Grosskoenig und dessen Satrapen. Wenigstens dem Range nach nahm unter den abhaengigen Dynasten den ersten Platz ein der Koenig von Kappadokien, dessen Gebiet schon Lucullus durch die Belehnung mit der Landschaft Melitene (um Malatia) bis an den Euphrat erweitert hatte und dem Pompeius noch teils an der Westgrenze einige von Kilikien abgerissene Bezirke von Kastabala bis nach Derbe bei Ikonion, teils an der Ostgrenze die am linken Euphratufer Melitene gegenueber gelegene, anfaenglich dem armenischen Prinzen Tigranes zugedachte Landschaft Sophene verlieh, wodurch also die wichtigste Euphratpassage ganz in die Gewalt dieses Fuersten kam. Die kleine Landschaft Kommagene zwischen Syrien und Kappadokien mit der Hauptstadt Samosata (Samsat) blieb als abhaengiges Koenigtum dem schon genannten Seleukiden Antiochos ^6: demselben wurden auch die wichtige, den suedlicheren Uebergang ueber den. Euphrat beherrschende Festung Seleukeia (bei Biradjik) und die naechsten Striche am linken Ufer des Euphrat zugeteilt und somit dafuer gesorgt, dass die beiden Hauptuebergaenge ueber den Euphrat mit einem entsprechenden Gebiet am oestlichen Ufer in den Haenden zweier von Rom voellig abhaengigen Dynasten blieben. Neben den Koenigen von Kappadokien und Kommagene und an wirklicher Macht ihnen bei weitem ueberlegen herrschte in Kleinasien der neue Koenig Deiotarus. Einer der Vierfuersten des um Pessinus ansaessigen Keltenstammes der Tolistoboger und von Lucullus und Pompeius mit den anderen kleinen roemischen Klienten zur Heerfolge aufgeboten, hatte Deiotarus in diesen Feldzuegen, im Gegensatz zu all den schlaffen Orientalen, seine Zuverlaessigkeit und seine Tatkraft so glaenzend bewaehrt, dass die roemischen Feldherren zu seinem galatischen Erbe und seinen Besitzungen in der reichen Landschaft zwischen Amisos und der Halysmuendung ihm noch die oestliche Haelfte des ehemals Pontischen Reiches mit den Seestaedten Pharnakia und Trapezus und das pontische Armenien bis zur kolchischen und grossarmenischen Grenze als Koenigreich Klein-Armenien verliehen. Bald nachher vermehrte er sein schon ansehnliches Gebiet noch durch die Landschaft der keltischen Trokmer, deren Vierfuersten er verdraengte. So ward der geringe Lehnsmann einer der maechtigsten Dynasten Kleinasiens, dem die Hut eines wichtigen Teils der Reichsgrenze anvertraut werden konnte. Vasallen geringerer Bedeutung waren die uebrigen zahlreichen galatischen Vierfuersten, von denen einer, der Trokmerfuerst Bogodiatarus, wegen seiner im Mithradatischen Kriege bewaehrten Tuechtigkeit von Pompeius mit der ehemals pontischen Grenzstadt Mithradation beschenkt ward; der Fuerst von Paphlagonien, Attalos, der sein Geschlecht auf das alte Herrscherhaus der Pylaemeniden zurueckfuehrte; Aristarchos und andere kleine Herren im kolchischen Gebiet; Tarkondimotos, der im oestlichen Kilikien in den Bergtaelern des Amanos gebot; Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn, der fortfuhr, in Chalkis am Libanos zu herrschen; der Nabataeerkoenig Aretas als Herr von Damaskos; endlich die arabischen Emirs in den Landschaften dies- und jenseits des Euphrat, Abgaros in Osrhoene, den die Roemer, um ihn als vorgeschobenen Posten gegen die Parther zu benutzen, auf alle Weise in ihr Interesse zu ziehen sich bemuehten, Sampsikeramos in Hemesa, Alchaudonios der Rhambaeer, ein anderer Emir in Bostra. Dazu kamen ferner die geistlichen Herren, die im Osten haeufig gleich den weltlichen Dynasten ueber Land und Leute geboten, und an deren in dieser Heimat des Fanatismus fest gegruendeter Autoritaet zu ruetteln oder auch nur die Tempel ihrer Schaetze zu berauben die Roemer klueglich sich enthielten: der Hochpriester der Goettin Mutter in Pessinus; die beiden Hochpriester der Goettin Ma in dem kappadokischen Komana (am oberen Saros) und in der gleichnamigen pontischen Stadt (Guemenek bei Tokat), welche beide Herren in ihren Landschaften nur dem Koenig an Macht nachstanden und deren jeder noch in viel spaeterer Zeit ausgedehnte Liegenschaften mit eigener Gerichtsbarkeit und an sechstausend Tempelsklaven besass – mit dem pontischen Hochpriesteramt ward Archelaos, der Sohn des gleichnamigen, von Mithradates zu den Roemern uebergegangenen Feldherrn, von Pompeius belehnt -; der Hochpriester des Venasischen Zeus in dem kappadokischen Amt Morimene, dessen Einkuenfte sich auf jaehrlich 23300 Taler (15 Talente) beliefen; der “Erzpriester und Herr” desjenigen Gebiets im Rauhen Kilikien, wo Teukros, des Aias Sohn, dem Zeus einen Tempel gegruendet hatte, welche seine Nachkommen kraft Erbrechts vorstanden; der “Erzpriester und Herr des Volkes” der Juden, dem Pompeius, nachdem er die Mauern der Hauptstadt und die koeniglichen Schatz- und Zwingburgen im Lande geschleift hatte, unter ernstlicher Verwarnung, Friede zu halten und nicht weiter auf Eroberungen auszugehen, die Vorstandschaft seiner Nation zurueckgab. Neben diesen weltlichen und geistlichen Potentaten standen die Stadtgemeinden. Zum Teil waren dieselben zu groesseren Verbaenden zusammengeordnet, welche einer verhaeltnismaessigen Selbstaendigkeit sich erfreuten, wie namentlich der wohlgeordnete und zum Beispiel der Teilnahme an der wuesten Piratenwirtschaft stets ferngebliebene Bund der dreiundzwanzig lykischen Staedte; wogegen die zahlreichen vereinzelt stehenden Gemeinden, selbst wenn sie die Selbstregierung verbrieft erhalten hatten, tatsaechlich von den roemischen Statthaltern durchaus abhaengig waren. Die Roemer verkannten es nicht, dass mit der Aufgabe, den Hellenismus zu vertreten und im Osten Alexanders Marken zu schirmen und zu erweitern, vor allem die Hebung des staedtischen Wesens ihnen zur Pflicht geworden war; denn wenn die Staedte ueberall die Traeger der Gesittung sind, so fasste vor allem der Antagonismus der Orientalen und Okzidentalen in seiner ganzen Schaerfe sich zusammen in dem Gegensatz der orientalischen, militaerisch- despotischen Lebenshierarchie und des hellenisch-italischen gewerb- und handeltreibenden staedtischen Gemeinwesens. Lucullus und Pompeius, sowenig sie auch sonst auf die Nivellierung der Zustaende im Osten ausgingen, und sosehr auch der letztere in Detailfragen die Anordnungen seines Vorgaengers zu meistern und zu aendern geneigt war, trafen doch vollstaendig zusammen in dem Grundsatz, das staedtische Wesen in Kleinasien und Syrien bach Kraeften zu foerdern. Kyzikos, an dessen kraeftiger Gegenwehr die erste Heftigkeit des letzten Krieges sich gebrochen hatte, empfing von Lucullus eine betraechtliche Erweiterung seines Gebietes. Das pontische Herakleia, wie energisch es auch den Roemern widerstanden hatte, erhielt dennoch sein Gebiet und seine Haefen zurueck, und Cottas barbarisches Wueten gegen die unglueckliche Stadt erfuhr im Senat den schaerfsten Tadel. Lucullus hatte es tief und aufrichtig beklagt, dass das Schicksal ihm das Glueck versagt hatte, Sinope und Amisos von der Verheerung durch die pontische und die eigene Soldateska zu erretten; er tat wenigstens, was er vermochte, um sie wiederherzustellen, erweiterte ansehnlich ihre Gebiete, bevoelkerte sie aufs neue teils mit den alten Bewohnern, die auf seine Einladung scharenweise in die geliebte Heimat zurueckkehrten, teils mit neuen Ansiedlern hellenischer Abstammung und sorgte fuer den Wiederaufbau der zerstoerten Gebaeude. In gleichem Sinn und in noch groesserem Massstab verfuhr Pompeius. Schon nach der Ueberwindung der Piraten hatte er die Gefangenen, deren Zahl 20000 ueberstieg, statt nach dem Beispiel seiner Vorgaenger sie zu kreuzigen, angesiedelt teils in den veroedeten Staedten des Ebenen Kilikien, wie in Mallos, Adana, Epiphaneia, und besonders in Soloi, das seitdem den Namen der Pompeiusstadt (Pompeiopolis) fuehrte, teils in Dyme in Achaia, ja sogar in Tarent. Die Piratenkolonisierung fand vielfachen Tadel ^7, da sie gewissermassen auf das Verbrechen eine Belohnung zu setzen schien; in der Tat war sie politisch und sittlich wohl gerechtfertigt, denn wie die Dinge damals standen, war die Piraterie etwas anderes als Raeuberei und die Gefangenen billig, nach Kriegsrecht zu behandeln. Vor allen Dingen aber liess Pompeius es sich angelegen sein, in den neuen roemischen Provinzen das staedtische Wesen emporzubringen. Wie staedtearm das Pontische Reich war, ward schon bemerkt; die meisten Distrikte Kappadokiens hatten noch ein Jahrhundert spaeter keine Staedte, sondern nur Bergfestungen als Zufluchtsort fuer die ackerbauende Bevoelkerung im Kriege: im ganzen oestlichen Kleinasien wird es, abgesehen von den sparsam gesaeten griechischen Kolonien an den Kuesten, zu dieser Zeit nicht anders gewesen sein. Die Zahl der von Pompeius in diesen Landschaften neu gegruendeten Staedte wird einschliesslich der kilikischen Ansiedlungen auf neununddreissig angegeben, von denen mehrere zu hoher Bluete gelangten. Die namhaftesten dieser Ortschaften in dem ehemaligen Pontischen Reiche sind Nikopolis, die “Siegesstadt”, gegruendet an dem Orte, wo Mithradates die letzte einschneidende Niederlage erlitt – das schoenste Siegesdenkmal des trophaeenreichen Feldherrn; Megalopolis, nach Pompeius’ Beinamen genannt, an der Grenze von Kappadokien und Klein-Armenien, das spaetere Sebasteia (jetzt Siwas); Ziela, wo die Roemer die unglueckliche Schlacht lieferten, eine um den dasigen Tempel der Anaitis entstandene und bisher dem Hochpriester derselben eigene Ortschaft, der Pompeius staedtische Form und staedtisches Recht gab; Diopolis, frueher Kabeira, spaeter Neo-Caesarea (Niksar), gleichfalls eine der Walstaetten des letzten Krieges; Magnopolis oder Pompeiopolis, das wiederhergestellte Eupatoria am Zusammenfluss des Lykos und des Iris, urspruenglich von Mithradates erbaut, aber wegen des Abfalls der Stadt zu den Roemern wieder von ihm zerstoert; Neapolis, sonst Phazemon, zwischen Amaseia und dem Halys. Die meisten dieser Stadtgruendungen wurden nicht durch Kolonisten aus der Ferne bewirkt, sondern durch Niederlegung der Doerfer und Zusammenziehung ihrer Bewohnerin den neuen Mauerring; nur in Nikopolis siedelte Pompeius die Invaliden und Bejahrten seiner Armee an, die es vorzogen, statt spaeter in Italien, hier sofort eine Heimat sich zu gruenden. Aber auch an anderen Orten entstanden auf den Wink des Machthabers neue Brennpunkte der hellenischen Zivilisation. In Paphlagonien bezeichnete ein drittes Pompeiupolis die Staette, wo Mithradates’ Armee im Jahre 666 (88) den grossen Sieg ueber die Bithyner erfocht. In Kappadokien, das vielleicht mehr als irgendeine andere Provinz durch den Krieg gelitten hatte, wurden die Residenz Mazaka (spaeter Caesarea, jetzt Kayseri) und sieben andere Ortschaften von Pompeius wiederhergestellt und staedtisch eingerichtet. In Kilikien und Koilesyrien zaehlte man zwanzig von Pompeius angelegte Staedte. In den von den Juden geraeumten Distrikten erhob sich Gadara in der Dekapolis auf Pompeius’ Befehl aus seinen Truemmern und ward die Stadt Seleukis gegruendet. Bei weitem der groesste Teil des auf dem asiatischen Kontinent zur Verfuegung stehenden Domaniallandes muss von Pompeius fuer seine neuen Ansiedlungen verwandt worden sein, wogegen auf Kreta, um das Pompeius sich wenig oder gar nicht kuemmerte, der roemische Domanialbesitz ziemlich ausgedehnt geblieben zu sein scheint. ————————————————— ^6 Der Krieg, den dieser Antiochos mit Pompeius gefuehrt haben soll (App. Mithr. 106, 117), stimmt sehr wenig zu dem Vertrag, den derselbe mit Lucullus abschloss (Dio 36, 4) und seinem ungestoerten Verbleiben in der Herrschaft; vermutlich ist auch er bloss daraus herausgesponnen, dass Antiochos von Kommagene unter den von Pompeius unterworfenen Koenigen figurierte. ^7 Hierauf zielt vermutlich Ciceros Vorwurf (off. 3, 12, 49): piratas immunes habemus, socios vectigales; insofern naemlich jene Piratenkolonien wahrscheinlich von Pompeius zugleich mit der Immunitaet beschenkt wurden, waehrend bekanntlich die von Rom abhaengigen Provinzialgemeinden durchschnittlich steuerpflichtig waren.
————————————————— Nicht minder wie auf Gruendung neuer Ortschaften war Pompeius darauf bedacht, die bestehenden Gemeinden zu ordnen und zu heben. Die eingerissenen Missbraeuche und Usurpationen wurden nach Vermoegen abgestellt; ausfuehrliche und fuer die verschiedenen Provinzen mit Sorgfalt entworfene Gemeindeordnungen regelten im einzelnen das Munizipalwesen. Eine Reihe der ansehnlichsten Staedte ward mit neuen Privilegien beschenkt. Die Autonomie erhielten Antiocheia am Orontes, die bedeutendste Stadt des roemischen Asien und nur wenig zurueckstehend hinter dem aegyptischen Alexandreia und hinter dem Bagdad des Altertums, der Stadt Seleukeia im Parthischen Reiche, ferner die Nachbarstadt von Antiocheia, das persische Seleukeia, das damit fuer seine mutige Gegenwehr gegen Tigranes den Lohn empfing; Gaza und ueberhaupt alle von der juedischen Herrschaft befreite Staedte; in Vorderasien Mytilene; Phanagoria am Schwarzen Meer.
So war der Bau des asiatischen Roemerstaates vollendet, der mit seinen Lehnkoenigen und Vasallen, den gefuersteten Priestern und der Reihe ganz- und halbfreier Staedte lebhaft erinnert an das Heilige Roemische Reich Deutscher Nation. Er war kein Wunderwerk, weder hinsichtlich der ueberwundenen Schwierigkeiten, noch hinsichtlich der erreichten Vollendung, und ward es auch nicht durch all die grossen Worte, mit denen in Rom die vornehme Welt zu Gunsten des Lucullus, die lautere Menge zum Preise des Pompeius freigebig waren. Pompeius namentlich liess sich feiern und feierte sich selbst in einer Weise, dass man ihn fast fuer noch schwachkoepfiger haette halten moegen, als er in der Tat war. Wenn die Mytilenaeer ihm eine Bildsaeule errichteten als ihrem Erretter und Gruender, als demjenigen, der die den Erdkreis erfuellenden Kriege sowohl zu Lande wie zur See beendigt, so mochte eine solche Huldigung fuer den Bezwinger der Piraten und der Reiche des Ostens nicht allzu ueberschwenglich scheinen. Aber die Roemer uebertrafen diesmal die Griechen. Pompeius’ eigene Triumphalinschriften rechneten 12 Millionen unterworfener Seelen und 1538 eroberte Staedte und Burgen heraus – es schien, als solle die Quantitaet die Qualitaet ersetzen – und erstreckten den Kreis seiner Siege vom Maeotischen zum Kaspischen, von diesem zum Roten Meer, von welchen drei Meeren er keines je mit Augen gesehen hat; ja wenn er es auch nicht geradezu sagte, so veranlasste er doch das Publikum zu meinen, dass die Einziehung Syriens, die wahrlich keine Heldentat war, den ganzen Osten bis nach Baktrien und Indien zum Roemischen Reiche gebracht habe – in so nebelhafte Ferne verschwamm in seinen Angaben die Grenzlinie seiner oestlichen Eroberungen. Die demokratische Servilitaet, die zu allen Zeiten mit der hoefischen gewetteifert hat, ging bereitwillig auf dergleichen geschmacklosen Schwindel ein. Ihr genuegte nicht der pomphafte Triumphalzug, der am 28. und 29. September 593 (61), dem sechsundvierzigsten Geburtstag Pompeius des Grossen, durch die Gassen Roms sich bewegte, verherrlicht, um von den Kleinodien aller Art zu schweigen, durch die Kroninsignien Mithradats und durch die Kinder der drei maechtigsten Koenige Asiens, des Mithradates, Tigranes und Phraates: sie lohnte ihrem Feldherrn, der zweiundzwanzig Koenige besiegt, dafuer mit koeniglichen Ehren und verlieh ihm den goldenen Kranz und die Insignien der Magistratur auf Lebenszeit. Die ihm zu Ehren geschlagenen Muenzen zeigen gar die Weltkugel zwischen dem dreifachen, aus den drei Weltteilen heimgebrachten Lorbeer und ueber ihr schwebend jenen dem Triumphator ueber Afrika, Spanien und Asien von der Buergerschaft verehrten Goldkranz. Es kann solchen kindischen Huldigungen gegenueber nicht wundernehmen, dass auch im entgegengesetzten Sinne Stimmen laut wurden. Unter der roemischen vornehmen Welt war es eine gelaeufige Rede, dass das eigentliche Verdienst der Unterwerfung des Ostens Lucullus zukomme und Pompeius nur nach dem Osten gegangen sei, um Lucullus zu verdraengen und die von fremder Hand gebrochenen Lorbeeren um die eigene Stirn zu flechten. Beides war vollstaendig falsch; nicht Pompeius, sondern Glabrio ward nach Asien gesandt, um Lucullus abzuloesen, und wie wacker auch Lucullus gefochten, es war Tatsache, dass, als Pompeius den Oberbefehl uebernahm, die Roemer all ihre frueheren Erfolge wieder eingebuesst und keinen Fussbreit pontischen Bodens innehatten. Mehr zum Ziele traf der Spott der Hauptstaedter, die nicht ermangelten, dem maechtigen Besieger des Erdballs die Namen der von ihm ueberwundenen Grossmaechte als Spitznamen beizulegen und ihn bald als “Sieger von Salem” bald als “Emir” (Arabarches), bald als den roemischen Sampsikeramos begruessten. Der unbefangene Urteiler wird indes weder in jene Ueberschwenglichkeiten noch in diese Verkleinerungen einstimmen. Lucullus und Pompeius haben, indem sie Asien unterwarfen und ordneten, sich nicht als Helden und Staatsschoepfer bewaehrt, aber wohl als einsichtige und kraeftige Heerfuehrer und Statthalter. Als Feldherr bewies Lucullus nicht gemeine Talente und ein an Verwegenheit grenzendes Selbstvertrauen, Pompeius militaerische Einsicht und eine seltene Zurueckhaltung, wie denn kaum je ein General mit solchen Streitkraeften und einer so vollkommen freien Stellung so vorsichtig aufgetreten ist wie Pompeius im Osten. Die glaenzendsten Aufgaben trugen von allen Seiten sich ihm gleichsam selber an: er konnte nach dem Kimmerischen Bosporus und gegen das Rote Meer hin aufbrechen; er hatte Gelegenheit, den Parthern den Krieg zu erklaeren; die aufstaendischen Landschaften Aegyptens luden ihn ein, den von Rom nicht anerkannten Koenig Ptolemaeos vom Thron zu stossen und das Testament Alexanders in Vollzug zu setzen; aber Pompeius ist weder nach Pantikapaeon noch nach Petra, weder nach Ktesiphon noch nach Alexandreia gezogen; durchaus pflueckte er nur diejenigen Fruechte, die ihm von selber in die Hand fielen. Ebenso schlug er alle seine Schlachten zur See wie zu Lande mit einer erdrueckenden Uebermacht. Waere diese Maessigung hervorgegangen aus dem strengen Einhalten der erteilten Instruktionen, wie Pompeius vorzugehen pflegte, oder auch aus der Einsicht, dass Roms Eroberungen irgendwo eine Grenze finden muessten und neuer Gebietszuwachs dem Staat nicht foerderlich sei, so wuerde sie ein hoeheres Lob verdienen, als die Geschichte es dem talentvollsten Offizier erteilt; allein wie Pompeius war, ist seine Zurueckhaltung ohne Zweifel einzig das Resultat des ihm eigentuemlichen Mangels an Sicherheit und an Initiative – Maengel freilich, die dem Staate in diesem Falle weit nuetzlicher wurden als die entgegengesetzten Vorzuege seines Vorgaengers. Allerdings sind auch von Lucullus wie von Pompeius sehr arge Fehler begangen worden. Lucullus erntete deren Fruechte selbst, indem sein unbesonnenes Verfahren ihm alle Resultate seiner Siege wieder entriss; Pompeius ueberliess es seinen Nachfolgern, die Folgen seiner falschen Politik gegen die Parther zu tragen. Er konnte diese entweder bekriegen, wenn er dessen sich getraute, oder mit ihnen Frieden halten und, wie er versprochen, den Euphrat als Grenze anerkennen; zu jenem war er zu zaghaft, zu diesem zu eitel, und so kam er denn zu der einfaeltigen Perfidie, die gute Nachbarschaft, die der Hof von Ktesiphon wuenschte und seinerseits uebte, durch die masslosesten Uebergriffe unmoeglich zu machen, dennoch aber dem Feinde zu gestatten, sich die Zeit des Bruches und der Vergeltung selber waehlen zu duerfen. Als Verwalter Asiens erwarb Lucullus ein mehr als fuerstliches Vermoegen, und auch Pompeius empfing als Lohn fuer seine Organisation von dem Koenig von Kappadokien, von der reichen Stadt Antiocheia und anderen Herren und Gemeinden grosse Barsummen und noch ansehnlichere Schuldverschreibungen. Indes dergleichen Erpressungen waren fast eine gewohnheitsmaessige Steuer geworden, und beide Feldherren bewiesen doch nicht gerade in wichtigeren Fragen sich kaeuflich, liessen auch womoeglich sich von der Partei bezahlen, deren Interessen mit denen Roms zusammenfielen. Wie die Zeiten einmal waren, hindert dies nicht, die Verwaltung beider Maenner als eine relativ loebliche und zunaechst im Interesse Roms, demnaechst in dem der Provinzialen gefuehrte zu bezeichnen. Die Verwandlung der Klienten in Untertanen, die bessere Regulierung der Ostgrenze, die Begruendung eines einheitlichen und starken Regiments waren segensreich fuer die Herrscher wie fuer die Beherrschten. Der finanzielle Gewinn, den Rom machte, war unermesslich; die neue Vermoegenssteuer, die mit Ausnahme einzelner, besonders befreiter Gemeinden all jene Fuersten, Priester und Staedte nach Rom zu zahlen hatten, steigerte die roemischen Staatseinnahmen fast um die Haelfte ihres bisherigen Betrags. Freilich litt Asien schwer. Pompeius legte an Geld und Kleinodien einen Betrag von 15 Mill. Talern (200 Mill. Sesterzen) in die Staatskasse nieder und verteilte 29 Millionen (16000 Talente) unter seine Offiziere und Soldaten; wenn man hierzu die bedeutenden von Lucullus heimgebrachten Summen, die nichtoffiziellen Erpressungen der roemischen Armee und den Betrag der Kriegsschaeden selbst rechnet, so ist die finanzielle Erschoepfung des Landes begreiflich. Die roemische Besteuerung Asiens war vielleicht an sich nicht schlimmer als die der frueheren Regenten, aber lastete doch insofern schwerer auf dem Lande, als die Abgaben fortan in das Ausland gingen und nur zum kleineren Teil wieder in Asien verwandt wurden; und auf jeden Fall war sie in den alten wie in den neugewonnenen Provinzen basiert auf die systematische Ausbeutung der Landschaften zu Gunsten Roms. Aber die Verantwortung hierfuer trifft weit weniger die Feldherren persoenlich als die Parteien daheim, auf die jene Ruecksicht zu nehmen hatten; Lucullus war sogar energisch bemueht, dem wucherischen Treiben der roemischen Kapitalisten in Asien Schranken zu setzen, und sein Sturz ward wesentlich mit hierdurch herbeigefuehrt. Wie sehr es beiden Maennern Ernst damit war, die heruntergekommenen Landschaften wieder in die Hoehe zu bringen, beweist ihre Taetigkeit da, wo keine Ruecksichten der Parteipolitik ihnen die Haende banden, namentlich ihre Fuersorge fuer die kleinasiatischen Staedte. Wenn auch noch Jahrhunderte spaeter manches in Ruinen liegende asiatische Dorf an die Zeiten des grossen Krieges erinnerte, so mochte doch Sinope wohl mit dem Jahr der Wiederherstellung durch Lucullus eine neue Aera beginnen und fast alle ansehnlicheren Binnenstaedte des Pontischen Reiches Pompeius als ihren Stifter dankbar verehren. Die Einrichtung des roemischen Asien durch Lucullus und Pompeius darf bei all ihren unleugbaren Maengeln eine im ganzen verstaendige und loebliche genannt werden; wie schwere Uebelstaende aber auch ihr anhaften mochten, den vielgeplagten Asiaten musste sie schon darum willkommen sein, weil sie zugleich kam mit dem so lange und so schmerzlich entbehrten inneren und aeusseren Frieden. Es blieb auch im wesentlichen Friede im Orient, bis der von Pompeius mit der ihm eigenen Zaghaftigkeit nur angedeutete Gedanke, die Landschaften oestlich vom Euphrat zum Roemischen Reiche zu fuegen, von der neuen Triarchie der roemischen Machthaber energisch, aber ungluecklich wiederaufgenommen ward und bald darauf der Buergerkrieg wie alle anderen so auch die oestlichen Provinzen in seinen verhaengnisvollen Strudel hineinzog. Dass in der Zwischenzeit die Statthalter Kilikiens bestaendig mit den Bergvoelkern des Amanos, die von Syrien mit den Schwaermen der Wueste zu fechten hatten und namentlich in diesem Kriege gegen die Beduinen manche roemische Truppe aufgerieben ward, ist ohne weitere Bedeutung. Bemerkenswerter ist der eigensinnige Widerstand, den die zaehe juedische Nation den Eroberern entgegensetzte. Teils des abgesetzten Koenigs Aristobulos Sohn Alexandros, teils Aristobulos selbst, dem es nach einiger Zeit gelang, aus der Gefangenschaft zu entkommen, erregten waehrend der Statthalterschaft des Aulus Gabinius (697-700 57-54) drei verschiedene Aufstaende gegen die neuen Machthaber, deren jedem die von Rom eingesetzte Regierung des Hochpriesters Hyrkanos ohnmaechtig erlag. Es war nicht politische Ueberlegung, sondern der unbesiegbare Widerwille des Orientalen gegen das unnatuerliche Joch, der sie zwang, gegen den Stachel zu loecken; wie denn auch der letzte und gefaehrlichste dieser Aufstaende, zu welchem die durch die aegyptischen Krisen veranlasste Wegziehung der syrischen Okkupationsarmee den naechsten Anstoss gab, begann mit der Ermordung der in Palaestina ansaessigen Roemer. Nicht ohne Muehe gelang es dem tuechtigen Statthalter, die wenigen Roemer, die diesem Schicksal sich entzogen und eine vorlaeufige Zuflucht auf dem Berge Garizim gefunden hatten, von den dort sie blockiert haltenden Insurgenten zu erretten und nach mehreren hart bestrittenen Feldschlachten und langwierigen Belagerungen den Aufstand zu bewaeltigen. Infolgedessen ward die Hohenpriestermonarchie abgeschafft und das juedische Land, wie einst Makedonien, in fuenf selbstaendige, von optimatisch geordneten Regierungskollegien verwaltete Kreise aufgeloest, auch Samaria und andere, von den Juden geschleifte Ortschaften wiederhergestellt, um ein Gegengewicht gegen Jerusalem zu bilden, endlich den Juden ein schwererer Tribut auferlegt als den uebrigen syrischen Untertanen Roms.
Noch ist es uebrig, auf das Koenigreich Aegypten nebst dem letzten ihm von den ausgedehnten Eroberungen der Lagiden uebriggebliebenen Nebenland, der schoenen Insel Kypros, einen Blick zu werfen. Aegypten war jetzt der einzige wenigstens dem Namen nach noch unabhaengige Staat des hellenischen Ostens; ebenwie einst, als die Perser an der oestlichen Haelfte des Mittelmeers sich festsetzten, Aegypten ihre letzte Eroberung war, saeumten auch die maechtigen Eroberer aus dem Westen am laengsten mit der Einziehung dieser reichen und eigenartigen Landschaft. Die Ursache lag, wie bereits angedeutet wurde, weder in der Furcht vor dem Widerstand Aegyptens noch in dem Mangel einer geeigneten Veranlassung. Aegypten war ungefaehr ebenso machtlos wie Syrien und bereits im Jahre 673 (81) in aller Form Rechtens der roemischen Gemeinde angestorben; das am Hofe von Alexandreia herrschende Regiment der koeniglichen Garde, welche Minister und gelegentlich Koenige ein- und absetzte, fuer sich nahm, was ihr gefiel, und, wenn ihr die Erhoehung des Soldes verweigert ward, den Koenig in seinem Palast belagerte, war im Lande oder vielmehr in der Hauptstadt – denn das Land mit seiner Ackersklavenbevoelkerung kam ueberhaupt kaum in Betracht – ganz und gar nicht beliebt, und wenigstens eine Partei daselbst wuenschte die Einziehung Aegyptens durch Rom und tat sogar Schritte, um sie herbeizufuehren. Allein je weniger die Koenige Aegyptens daran denken konnten, mit den Waffen gegen Rom zu streiten, desto energischer setzte das aegyptische Gold gegen die roemischen Reunionsplaene sich zur Wehre; und infolge der eigentuemlichen despotisch-kommunistischen Zentralisation der aegyptischen Volkswirtschaft waren die Einkuenfte des Hofes von Alexandreia der roemischen Staatseinnahme, selbst nach deren Vermehrung durch Pompeius, noch ungefaehr gleich. Die argwoehnische Eifersucht der Oligarchie, die weder die Eroberung noch die Verwaltung Aegyptens gern einem einzelnen goennte, kam hinzu. So vermochten die faktischen Herren von Aegypten und Kypros durch Bestechung der fuehrenden Maenner im Senat sich ihre schwankenden Kronen nicht bloss zu fristen, sondern sogar neu zu befestigen und vom Senat die Bestaetigung ihrer Koenigstitel zu erkaufen. Allein damit waren sie noch nicht am Ziel. Das formelle Staatsrecht forderte einen Beschluss der roemischen Buergerschaft; bevor dieser erlassen war, waren die Ptolemaeer abhaengig von der Laune jedes demokratischen Machthabers, und sie hatten also den Bestechungskrieg auch gegen die andere roemische Partei zu eroeffnen, welche als die maechtigere weit hoehere Preise bedang. Der Ausgang war ungleich. Die Einziehung von Kypros ward im Jahre 696 (58) vom Volke, das heisst von den Fuehrern der Demokratie verfuegt, wobei als offizieller Grund, weshalb dieselbe jetzt vorgenommen werde, die Foerderung der Piraterie durch die Kyprioten angegeben ward. Marcus Cato, von seinen Gegnern mit der Ausfuehrung dieser Massregel beauftragt, kam nach der Insel ohne Heer; allein es bedurfte dessen auch nicht. Der Koenig nahm Gift; die Einwohner fuegten sich, ohne Widerstand zu leisten, dem unvermeidlichen Verhaengnis und wurden dem Statthalter von Kilikien untergeordnet. Der ueberreiche Schatz von fast 7000 Talenten (fast 13 Mill. Taler), den der ebenso habsuechtige wie geizige Koenig sich nicht hatte ueberwinden koennen, fuer die zur Rettung seiner Krone erforderlichen Bestechungen anzugreifen, fiel mit dieser zugleich an die Roemer und fuellte in erwuenschter Weise die leeren Gewoelbe ihres Aerars. Dagegen gelang es dem Bruder, der in Aegypten regierte, die Anerkennung durch Volksschluss von den neuen Herren Roms im Jahre 695 (59) zu erkaufen; der Kaufpreis soll 6000 Talente (11 Mill. Taler) betragen haben. Die Buergerschaft freilich, laengst gegen den guten Floetenblaeser und schlechten Regenten erbittert und nun durch den definitiven Verlust von Kypros und den infolge der Transaktionen mit den Roemern unertraeglich gesteigerten Steuerdruck aufs aeusserste gebracht (696 58), jagte ihn dafuer aus dem Lande. Als der Koenig darauf, gleichsam wie wegen Entwaehrung des Kaufobjekts, sich an seine Verkaeufer wandte, waren diese billig genug einzusehen, dass es ihnen als redlichen Geschaeftsmaennern obliege, dem Ptolemaeos sein Reich wiederzuverschaffen; nur konnten die Parteien sich nicht einig werden, wem der wichtige Auftrag, Aegypten mit bewaffneter Hand zu besetzen, nebst den davon zu erhoffenden Sporteln zukommen solle. Erst als die Triarchie auf der Konferenz von Luca sich neu befestigte, wurde zugleich auch diese Angelegenheit geordnet, nachdem Ptolemaeos noch sich zur Erlegung weiterer 10000 Talente (18 Mill. Taler) verstanden hatte: der Statthalter Syriens, Aulus Gabinius, erhielt jetzt von den Machthabern Befehl, sofort zur Zurueckfuehrung des Koenigs die noetigen Schritte zu tun. Die Buergerschaft von Alexandreia hatte inzwischen des vertriebenen Koenigs aeltester Tochter Berenike die Krone aufgesetzt und ihr in der Person eines der geistlichen Fuersten des roemischen Asien, des Hochpriesters von Komana Archelaos, einen Gemahl gegeben, der Ehrgeiz genug besass, um an die Hoffnung, den Thron der Lagiden zu besteigen, seine gesicherte und ansehnliche Stellung zu setzen. Seine Versuche, die roemischen Machthaber fuer sich zu gewinnen, blieben ohne Erfolg; aber er schrak auch nicht zurueck vor dem Gedanken, sein neues Reich mit den Waffen in der Hand selbst gegen die Roemer behaupten zu muessen. Gabinius, ohne ostensible Vollmacht, den Krieg gegen Aegypten zu beginnen, aber von den Machthabern dazu angewiesen, nahm die angebliche Foerderung der Piraterie durch die Aegypter und den Flottenbau des Archelaos zum Vorwand und brach ungesaeumt auf gegen die aegyptische Grenze (699 55). Der Marsch durch die Sandwueste zwischen Gaza und Pelusion, an der so manche gegen Aegypten gerichtete Invasion gescheitert war, ward diesmal gluecklich zurueckgelegt, was besonders .dem raschen und geschickten Fuehrer der Reiterei, Marcus Antonius, verdankt ward. Auch die Grenzfestung Pelusion wurde von der dort stehenden juedischen Besatzung ohne Gegenwehr uebergeben. Vorwaerts dieser Stadt trafen die Roemer auf die Aegypter, schlugen sie, wobei Antonius wiederum sich auszeichnete, und gelangten, die erste roemische Armee, an den Nil. Hier hatten Flotte und Heer der Aegypter zum letzten entscheidenden Kampfe sich aufgestellt; aber die Roemer siegten abermals und Archelaos selbst fand mit vielen der Seinigen kaempfend den Tod. Sofort nach dieser Schlacht ergab sich die Hauptstadt und damit war jeder Widerstand am Ende. Das unglueckliche Land ward seinem rechtmaessigen Zwingherrn ueberliefert: das Henken und Koepfen, womit ohne des ritterlichen Antonius’ Dazwischenkunft Ptolemaeos die Wiederherstellung des legitimen Regiments bereits in Pelusion zu feiern begonnen haben wuerde, ging nun ungehemmt seinen Gang, und vor allen anderen ward die unschuldige Tochter von dem Vater auf das Schafott gesandt. Die Bezahlung des mit den Machthabern vereinbarten Lohnes scheiterte an der absoluten Unmoeglichkeit, dem ausgesogenen Lande die verlangten ungeheuren Summen abzupressen, obwohl man dem armen Volke den letzten Pfennig nahm; dafuer aber, dass das Land wenigstens ruhig blieb, sorgte die in der Hauptstadt zurueckgelassene Besatzung von roemischer Infanterie und keltischer und deutscher Reiterei, welche die einheimischen Praetorianer abloeste und uebrigens nicht ungluecklich ihnen nacheiferte. Die bisherige Hegemonie Roms ueber Aegypten ward damit in eine unmittelbare militaerische Okkupation verwandelt und die nominelle Fortdauer des einheimischen Koenigtums war nicht so sehr eine Bevorzugung des Landes als eine zwiefache Belastung. 5. Kapitel
Der Parteienkampf waehrend Pompeius’ Abwesenheit Mit dem Gabinischen Gesetze wechselten die hauptstaedtischen Parteien die Rollen. Seit der erwaehlte Feldherr der Demokratie das Schwert in der Hand hielt, war seine Partei oder was dafuer galt auch in der Hauptstadt uebermaechtig. Wohl stand die Nobilitaet noch geschlossen zusammen und gingen nach wie vor aus der Komitialmaschine nur Konsuln hervor, die nach dem Ausdrucke der Demokraten schon in den Windeln zum Konsulate designiert waren; die Wahlen zu beherrschen und hier den Einfluss der alten Familien zu brechen, vermochten selbst die Machthaber nicht. Aber leider fing das Konsulat, ebenda man es so weit gebracht hatte, die “neuen Menschen” so gut wie vollstaendig davon auszuschliessen, selber an, vor dem neu aufgehenden Gestirn der; exzeptionellen Militaergewalt zu erbleichen. Die Aristokratie empfand es, wenn sie auch nicht gerade es sich gestand; sie gab sich selber verloren. Ausser Quintus Catulus, der mit achtbarer Festigkeit auf seinem wenig erfreulichen Posten als Vorfechter einer ueberwundenen Partei bis zu seinem Tode (694 60) ausharrte, ist aus den obersten Reihen der Nobilitaet kein Optimat zu nennen, der die Interessen der Aristokratie mit Mut und Stetigkeit vertreten haette. Eben ihre talentvollsten und gefeiertsten Maenner, wie Quintus Metellus Pius und Lucius Lucullus, abdizierten tatsaechlich und zogen sich, soweit es irgend schicklicherweise anging, auf ihre Villen zurueck, um ueber Gaerten und Bibliotheken, ueber Vogelhaeusern und Fischteichen den Markt und das Rathaus moeglichst zu vergessen. Noch viel mehr gilt dies natuerlich von der juengeren Generation der Aristokratie, die entweder ganz in Luxus und Literatur unterging oder der aufgehenden Sonne sich zuwandte. Ein einziger unter den Juengeren machte hiervon eine Ausnahme: es ist Marcus Porcius Cato (geboren 659 95), ein Mann vom besten Willen und seltener Hingebung, und doch eine der abenteuerlichsten und eine der unerfreulichsten Erscheinungen in dieser an politischen Zerrbildern ueberreichen Zeit. Ehrlich und stetig, ernsthaft im Wollen und im Handeln, voll Anhaenglichkeit an sein Vaterland und die angestammte Verfassung, aber ein langsamer Kopf und sinnlich wie sittlich ohne Leidenschaft, haette er allenfalls einen leidlichen Staatsrechenmeister abgeben moegen. Ungluecklicherweise aber geriet er frueh unter die Gewalt der Phrase, und, teils beherrscht von den Redensarten der Stoa, wie sie in abstrakter Kahlheit und geistloser Abgerissenheit in der damaligen vornehmen Welt im Umlauf waren, teils von dem Exempel seines Urgrossvaters, den zu erneuern er fuer seine besondere Aufgabe hielt, fing er an, als Musterbuerger und Tugendspiegel in der suendigen Hauptstadt umherzuwandeln, gleich dem alten Cato auf die Zeiten zu schelten, zu Fuss zu gehen statt zu reiten, keine Zinsen zu nehmen, soldatische Ehrenzeichen abzulehnen und die Wiederherstellung der guten alten Zeit damit einzuleiten, dass er nach Koenig Romulus’ Vorgang ohne Hemd ging. Eine seltsame Karikatur seines Ahnen, des greisen Bauern, den Hass und Zorn zum Redner machten, der den Pflug wie das Schwert meisterlich fuehrte, der mit seinem bornierten, aber originellen und gesunden Menschenverstand in der Regel den Nagel auf den Kopf traf, war dieser junge kuehle Gelehrte, dem die Schulmeisterweisheit von den Lippen troff und den man immer mit dem Buche in der Hand sitzen sah, dieser Philosoph, der weder das Kriegs- noch sonst irgendein Handwerk verstand, dieser Wolkenwandler im Reiche der abstrakten Moral. Dennoch gelangte er zu sittlicher und dadurch selbst zu politischer Bedeutung. In einer durchaus elenden und feigen Zeit imponierten sein Mut und seine negativen Tugenden der Menge; er machte sogar Schule, und es gab einzelne – freilich waren sie danach -, die die lebendige Philosophenschablone weiter kopierten und abermals karikierten. Auf derselben Ursache beruht auch sein politischer Einfluss. Da er der einzige namhafte Konservative war, der wo nicht Talent und Einsicht, doch Ehrlichkeit und Mut besass und immer bereitstand, wo es noetig und nicht noetig war, seine Person in die Schanze zu schlagen, so ward er, obwohl weder sein Alter noch sein Rang noch sein Geist ihn dazu berechtigten, dennoch bald der anerkannte Vormann der Optimatenpartei. Wo das Ausharren eines einzelnen entschlossenen Mannes entscheiden konnte, hat er auch wohl einen Erfolg erzielt und in Detailfragen, namentlich finanzieller Art, oft zweckmaessig eingegriffen, wie er denn in keiner Senatssitzung fehlte und mit seiner Quaestur in der Tat Epoche machte, auch solange er lebte das oeffentliche Budget im einzelnen kontrollierte und natuerlich denn auch darueber mit den Steuerpaechtern in bestaendigem Kriege lebte. uebrigens fehlte ihm zum Staatsmann nicht mehr als alles. Er war unfaehig, einen politischen Zweck auch nur zu begreifen und politische Verhaeltnisse zu ueberblicken; seine ganze Taktik bestand darin, gegen jeden Front zu machen, der von dem traditionellen moralisch-politischen Katechismus der Aristokratie abwich oder ihm abzuweichen schien, womit er denn natuerlich ebensooft dem Gegner wie dem Parteigenossen in die Haende gearbeitet hat. Der Don Quichotte der Aristokratie, bewaehrte er durch sein Wesen und sein Tun, dass damals allenfalls noch eine Aristokratie vorhanden, die aristokratische Politik aber nichts mehr war als eine Chimaere.
Mit dieser Aristokratie den Kampf fortzusetzen, brachte geringe Ehre. Natuerlich ruhten die Angriffe der Demokratie gegen den ueberwundenen Feind darum nicht. Wie die Trossbuben ueber ein erobertes Lager, stuerzte sich die populaere Meute auf die gesprengte Nobilitaet, und wenigstens die Oberflaeche der Politik ward von dieser Agitation zu hohen Schaumwellen emporgetrieben. Die Menge ging um so bereitwilliger mit, als namentlich Gaius Caesar sie bei guter Laune hielt durch die verschwenderische Pracht seiner Spiele (689 65), bei welchen alles Geraet, selbst die Kaefige der wilden Bestien, aus massivem Silber erschien, und ueberhaupt durch eine Freigebigkeit, welche darum nur um so mehr fuerstlich war, weil sie einzig auf Schuldenmachen beruhte. Die Angriffe auf die Nobilitaet waren von der mannigfaltigsten Art. Reichen Stoff gewaehrten die Missbraeuche des aristokratischen Regiments: liberale oder liberal schillernde Beamte und Sachverwalter wie Gaius Cornelius, Aulus Gabinius, Marcus Cicero fuhren fort, die aergerlichsten und schaendlichsten Seiten der Optimatenwirtschaft systematisch zu enthuellen und Gesetze dagegen zu beantragen. Der Senat ward angewiesen, den auswaertigen Boten an bestimmten Tagen Zutritt zu gewaehren, um dadurch der ueblichen Verschleppung der Audienzen Einhalt zu tun. Die von fremden Gesandten in Rom aufgenommenen Darlehen wurden klaglos gestellt, da dies das einzige Mittel sei, den Bestechungen, die im Senat an der Tagesordnung waren, ernstlich zu steuern (687 67). Das Recht des Senats, in einzelnen Faellen von den Gesetzen zu dispensieren, wurde beschraenkt (687 67); ebenso der Missbrauch, dass jeder vornehme Roemer, der in den Provinzen Privatgeschaefte zu besorgen hatte, sich dazu vom Senat den Charakter eines roemischen Gesandten erteilen liess (691 63). Man schaerfte die Strafen gegen Stimmenkauf und Wahlumtriebe (687, 691 67, 63), welche letztere namentlich in aergerlicher Weise gesteigert wurden durch die Versuche der aus dem Senat gestossenen Individuen, durch Wiederwahl in denselben zurueckzugelangen. Es wurde gesetzlich ausgesprochen, was bis dahin sich nur von selbst verstanden hatte, dass die Gerichtsherren verbunden seien in Gemaessheit der nach roemischer Weise zu Anfang des Amtes von ihnen aufgestellten Normen Recht zu sprechen (687 67).
Vor allem aber arbeitete man daran, die demokratische Restauration zu vervollkommnen und die leitenden Gedanken der gracchischen Zeit in zeitgemaesser Form zu verwirklichen. Die Wahl der Priester durch die Komitien, wie sie Gnaeus Domitius eingefuehrt, Sulla wieder abgeschafft hatte, ward durch ein Gesetz des Volkstribuns Titus Labienus im Jahre 691 (63) hergestellt. Man wies gern darauf hin, wieviel zur Wiederherstellung der Sempronischen Getreidegesetze in ihrem vollen Umfang noch fehle, und ueberging dabei mit Stillschweigen, dass unter den veraenderten Umstaenden, bei der bedraengten Lage der oeffentlichen Finanzen und der so sehr vermehrten Zahl der vollberechtigten roemischen Buerger, diese Wiederherstellung schlechterdings unausfuehrbar war. In der Landschaft zwischen dem Po und den Alpen naehrte man eifrig die Agitation um politische Gleichberechtigung mit den Italikern. Schon 686 (68) reiste Gaius Caesar zu diesem Zweck daselbst von Ort zu Ort; 689 (65) machte Marcus Crassus als Zensor Anstalt, die Einwohner geradewegs in die Buergerliste einzuschreiben, was nur an dem Widerstand seines Kollegen scheiterte; bei den folgenden Zensuren scheint dieser Versuch sich regelmaessig wiederholt zu haben. Wie einst Gracchus und Flaccus die Patrone der Latiner gewesen waren, so warfen sich die gegenwaertigen Fuehrer der Demokratie zu Beschuetzern der Transpadaner auf, und Gaius Piso (Konsul 687 67) hatte es schwer zu bereuen, dass er gewagt hatte, an einem dieser Klienten des Caesar und Crassus sich zu vergreifen. Dagegen zeigten sich dieselben Fuehrer keineswegs geneigt, die politische Gleichberechtigung der Freigelassenen zu befuerworten; der Volkstribun Gaius Manilius, der in einer nur von wenigen Leuten besuchten Versammlung das Sulpicische Gesetz ueber das Stimmrecht der Freigelassenen hatte erneuern lassen (31. Dezember 687 67), ward von den leitenden Maennern der Demokratie alsbald desavouiert und mit ihrer Zustimmung das Gesetz schon am Tage nach seiner Durchbringung vom Senate kassiert. In demselben Sinn wurden im Jahre 689 (65) durch Volksbeschluss die saemtlichen Fremden, die weder roemisches noch latinisches Buergerrecht besassen, aus der Hauptstadt ausgewiesen. Man sieht, der innere Widerspruch der Gracchischen Politik, zugleich dem Bestreben der Ausgeschlossenen um Aufnahme in den Kreis der Privilegierten und dem der Privilegierten um Aufrechterhaltung ihrer Sonderrechte Rechnung zu tragen, war auch auf ihre Nachfolger uebergegangen: waehrend Caesar und die Seinen einerseits den Transpadanern das Buergerrecht in Aussicht stellten, gaben sie andererseits ihre Zustimmung zu der Fortdauer der Zuruecksetzung der Freigelassenen und zu der barbarischen Beseitigung der Konkurrenz, die die Industrie und das Handelsgeschick der Hellenen und Orientalen in Italien selber den Italikern machte. Charakteristisch ist die Art, wie die Demokratie hinsichtlich der alten Kriminalgerichtsbarkeit der Komitien verfuhr. Sulla hatte dieselbe nicht eigentlich aufgehoben, aber tatsaechlich waren doch die Geschworenenkommissionen ueber Hochverrat und Mord an ihre Stelle getreten, und an eine ernstliche Wiederherstellung des alten, schon lange vor Sulla durchaus unpraktischen Verfahrens konnte kein vernuenftiger Mensch denken. Aber da doch die Idee der Volkssouveraenitaet eine Anerkennung der peinlichen Gerichtsbarkeit der Buergerschaft wenigstens im Prinzip zu fordern schien, so zog der Volkstribun Titus Labienus im Jahre 691 (63) den alten Mann, der vor achtunddreissig Jahren den Volkstribun Lucius Saturninus erschlagen hatte oder haben sollte, vor dasselbe hochnotpeinliche Halsgericht, kraft dessen, wenn die Chronik recht berichtete, der Koenig Tullus den Schwestermoerder Horatius verrechtfertigt hatte. Der Angeklagte war ein gewisser Gaius Rabirius, der den Saturninus wenn nicht getoetet, doch wenigstens mit dem abgehauenen Kopf desselben an den Tafeln der Vornehmen Parade gemacht hatte, und der ueberdies unter den apulischen Gutsbesitzern wegen seiner Menschenfaengerei und seiner Bluttaten verrufen war. Es war, wenn nicht dem Anklaeger selbst, doch den kluegeren Maennern, die hinter ihm standen, durchaus nicht darum zu tun, diesen elenden Gesellen den Tod am Kreuze sterben zu lassen; nicht ungern liess man es geschehen, dass zunaechst die Form der Anklage vom Senat wesentlich gemildert, sodann die zur Aburteilung des Schuldigen berufene Volksversammlung unter irgendeinem Vorwand von der Gegenpartei aufgeloest und damit die ganze Prozedur beseitigt ward. Immer waren durch dies Verfahren die beiden Palladien der roemischen Freiheit, das Provokationsrecht der Buergerschaft und die Unverletzlichkeit des Volkstribunats, noch einmal als praktisches Recht festgestellt und der demokratische Rechtsboden neu ausgebessert worden.
Mit noch groesserer Leidenschaftlichkeit trat die demokratische Reaktion in allen Personenfragen auf, wo sie nur irgend konnte und durfte. Zwar gebot ihr die Klugheit, die Rueckgabe der von Sulla eingezogenen Gueter an die ehemaligen Eigentuemer nicht zu betonen, um nicht mit den eigenen Verbuendeten sich zu entzweien und zugleich mit den materiellen Interessen in einen Kampf zu geraten, dem die Tendenzpolitik selten gewachsen ist; auch die Rueckberufung der Emigrierten hing mit dieser Vermoegensfrage zu eng zusammen, um nicht ebenso unraetlich zu erscheinen. Dagegen machte man grosse Anstrengungen, um den Kindern der Geaechteten die ihnen entzogenen politischen Rechte zurueckzugegeben (691 63) und die Spitzen der Senatspartei wurden von persoenlichen Angriffen unablaessig verfolgt. So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre 688 (66) einen Tendenzprozess an. So liess man dessen beruehmteren Bruder vor den Toren der Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph harren (688-691 66-63). Aehnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von Kreta, Quintus Metellus, insultiert. Groesseres Aufsehen noch machte es, dass der junge Fuehrer der Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63) nicht bloss sich es herausnahm, bei der Bewerbung um das hoechste Priesteramt mit den beiden angesehensten Maennern der Nobilitaet, Quintus Catulus und Publius Servilius, dem Sieger von Isaura, zu konkurrieren, sondern sogar bei der Buergerschaft ihnen den Rang ablief. Die Erben Sullas, namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich bestaendig bedroht von einer Klage auf Rueckerstattung der von dem Regenten angeblich unterschlagenen oeffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der Wiederaufnahme der im Jahre 664 (99) sistierten demokratischen Anklagen auf Grund des Varischen Gesetzes. Am nachdruecklichsten wurden begreiflicherweise die bei den Sullanischen Exekutionen beteiligten Individuen gerichtlich verfolgt. Wenn der Quaestor Marcus Cato in seiner taeppischen Ehrlichkeit selber den Anfang damit machte, ihnen die empfangenen Mordpraemien als widerrechtlich dem Staate entfremdetes Gut wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, dass das Jahr darauf (690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht die Klausel in der Sullanischen Ordnung, welche die Toetung eines Geaechteten straflos erklaerte, kurzweg als nichtig behandelte und die namhaftesten unter den Schergen Sullas, Lucius Catilina, Lucius Bellienus, Lucius Luscius, vor seine Geschworenen stellen und zum Teil auch verurteilen liess. Endlich unterliess man nicht, die lange verfemten Namen der Helden und Maertyrer der Demokratie jetzt wieder oeffentlich zu nennen und ihre Andenken zu feiern. Wie Saturninus durch den gegen seinen Moerder gerichteten Prozess rehabilitiert ward, ist schon erzaehlt worden. Aber einen anderen Klang noch hatte der Name des Gaius Marius, bei dessen Nennung einst alle Herzen geklopft hatten; und es traf sich, dass derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den nordischen Barbaren verdankte, zugleich der Oheim des gegenwaertigen Fuehrers der Demokratie war. Laut hatte die Menge gejubelt, als im Jahre 686 (68) Gaius Caesar es wagte, den Verboten zuwider bei der Beerdigung der Witwe des Marius die verehrten Zuege des Helden auf dem Markte oeffentlich zu zeigen. Aber als gar drei Jahre nachher (689 65) die Siegeszeichen, die Marius auf dem Kapitol hatte errichten und Sulla umstuerzen lassen, eines Morgens, allen unerwartet, wieder an der alten Stelle frisch in Gold und Marmor glaenzten, da draengten sich die Invaliden aus dem Afrikanischen und Kimbrischen Kriege, Traenen in den Augen, um das Bild des geliebten Feldherrn, und den jubelnden Massen gegenueber wagte der Senat nicht, an den Trophaeen sich zu vergreifen, welche dieselbe kuehne Hand den Gesetzen zum Trotz erneuert hatte. Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Laerm es auch machte, war politisch betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie war ueberwunden, die Demokratie ans Ruder gelangt. Dass die Kleinen und Kleinsten herbeieilten, um dem am Boden liegenden Feind noch einen Fusstritt zu versetzen; dass auch die Demokraten ihren Rechtsboden und ihren Prinzipienkult hatten; dass ihre Doktrinaere nicht ruhten, bis die saemtlichen Privilegien der Gemeinde in allen Stuecken wiederhergestellt waren und dabei gelegentlich sich laecherlich machten, wie Legitimisten es pflegen – das alles war ebenso begreiflich wie gleichgueltig. Im ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr die Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand fuer ihre Taetigkeit zu finden, wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon erledigte oder um Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In dem Kampfe gegen die Aristokratie waren die Demokraten Sieger geblieben; aber sie hatten nicht allein gesiegt und die Feuerprobe stand ihnen noch bevor – die Abrechnung nicht mit dem bisherigen Feind, sondern mit dem uebermaechtigen Bundesgenossen, dem sie in dem Kampfe mit der Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie jetzt eine beispiellose militaerische und politische Gewalt selbst in die Haende gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war der Feldherr des Ostens und der Meere beschaeftigt, Koenige ein- und abzusetzen; wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das Kriegsgeschaeft fuer beendet erklaeren werde, konnte keiner sagen als er selbst, da wie alles andere, so auch der Zeitpunkt seiner Rueckkehr nach Italien, das heisst der Entscheidung in seine Hand gelegt war. Die Parteien in Rom inzwischen sassen und harrten. Die Optimaten freilich sahen der Ankunft des gefuerchteten Feldherrn verhaeltnismaessig ruhig entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der Demokratie, dessen Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht verlieren, sondern nur gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher Angst und suchten waehrend der durch Pompeius’ Abwesenheit noch vergoennten Frist gegen die drohende Explosion eine Kontermine zu legen. Hierin trafen sie wieder zusammen mit Crassus, dem nichts uebrig blieb, um dem beneideten und gehassten Nebenbuhler zu begegnen, als sich neu und enger als zuvor mit der Demokratie zu verbuenden. Schon bei der ersten Koalition hatten Caesar und Crassus als die beiden Schwaecheren sich besonders nahe gestanden; das gemeinschaftliche Interesse und die gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch fester, das den reichsten und den verschuldetsten Mann von Rom zu engster Allianz verknuepfte. Waehrend oeffentlich die Demokraten den abwesenden Feldherrn als das Haupt und den Stolz ihrer Partei bezeichneten und alle ihre Pfeile gegen die Aristokratie zu richten schienen, ward im stillen gegen Pompeius geruestet; und diese Versuche der Demokratie, sich der drohenden Militaerdiktatur zu entwinden, haben geschichtlich eine weit hoehere Bedeutung als die laermende und groesstenteils nur als Maske benutzte Agitation gegen die Nobilitaet. Freilich bewegten sie sich in einem Dunkel, in das unsere Ueberlieferung nur einzelne Streiflichter fallen laesst; denn nicht die Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte ihre Ursachen, einen Schleier darueber zu werfen. Indes im allgemeinen sind sowohl der Gang wie das Ziel dieser Bestrebungen vollkommen klar. Der Militaergewalt konnte nur durch eine andere Militaergewalt wirksam Schach geboten werden. Die Absicht der Demokraten war, sich nach dem Beispiel des Marius und Cinna der Zuegel der Regierung zu bemaechtigen, sodann einen ihrer Fuehrer sei es mit der Eroberung Aegyptens, sei es mit der Statthalterschaft Spaniens oder einem aehnlichen ordentlichen oder ausserordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer ein Gegengewicht gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften sie einer Revolution, die zunaechst gegen die nominelle Regierung, in der Tat gegen Pompeius ging als den designierten Monarchen; und um diese Revolution zu bewirken, war von der Erlassung der Gabinisch-Manilischen Gesetze an bis auf Pompeius’ Rueckkehr (688 – 692 66 – 62) die Verschwoerung in Rom in Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in aengstlicher Spannung; die gedrueckte Stimmung der Kapitalisten, die Zahlungsstockungen, die haeufigen Bankrotte waren Vorboten der gaerenden Umwaelzung, die zugleich eine gaenzlich neue Stellung der Parteien herbeifuehren zu muessen schien. Der Anschlag der Demokratie, der ueber den Senat hinweg auf Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen diesen nahe. Die Demokratie aber, indem sie der Diktatur des Pompeius die eines ihr genehmeren Mannes entgegenzustellen versuchte, erkannte genau genommen auch ihrerseits das Militaerregiment an und trieb in der Tat den Teufel aus durch Beelzebub; unter den Haenden ward ihr die Prinzipien- zur Personenfrage. ———————————————————– ^1 Wer die Gesamtlage der politischen Verhaeltnisse dieser Zeit uebersieht, wird spezieller Beweise nicht beduerfen, um zu der Einsicht zu gelangen, dass das letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f. (66) nicht der Sturz des Senats war, sondern der des Pompeius. Doch fehlt es auch an solchen Beweisen nicht. Dass die Gabinisch-Manilischen Gesetze der Demokratie einen toedlichen Schlag versetzten, sagt Sallust (Cat. 39); dass die Verschwoerung 688-689 (66- 65) und die Servilische Rogation speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist gleichfalls bezeugt (Sall. Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17, 46). Ueberdies zeigt Crassus’ Stellung zu der Verschwoerung allein schon hinreichend, dass sie gegen Pompeius gerichtet war. ———————————————————- Die Einleitung zu der von den Fuehrern der Demokratie entworfenen Revolution sollte also der Sturz der bestehenden Regierung durch eine zunaechst in Rom von demokratischen Verschworenen angestiftete Insurrektion sein. Der sittliche Zustand der niedrigsten wie der hoechsten Schichten der hauptstaedtischen Gesellschaft bot hierzu den Stoff in beklagenswerter Fuelle. Wie das freie und das Sklavenproletariat der Hauptstadt beschaffen waren, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Es ward schon das bezeichnende Wort vernommen, dass nur der Arme den Armen zu vertreten faehig sei – der Gedanke regte sich also, dass die Masse der Armen so gut wie die Oligarchie der Reichen sich als selbstaendige Macht konstituieren und, statt sich tyrannisieren zu lassen, auch wohl ihrerseits den Tyrannen spielen koenne. Aber auch in den Kreisen der vornehmen Jugend fanden aehnliche Gedanken einen Widerhall. Das hauptstaedtische Modeleben zerruettete nicht bloss das Vermoegen, sondern auch die Kraft des Leibes und des Geistes. Jene elegante Welt der duftenden Haarlocken, der modischen Stutzbaerte und Manschetten, so lustig es auch darin bei Tanz und Zitherspiel und frueh und spaet beim Becher herging, barg doch in sich einen erschreckenden Abgrund sittlichen und oekonomischen Verfalls, gut oder schlecht verhehlter Verzweiflung und wahnsinniger oder buebischer Entschluesse. In diesen Kreisen ward unverhohlen geseufzt nach der Wiederkehr der cinnanischen Zeit mit ihren Aechtungen und Konfiskationen und ihrer Vernichtung der Schuldbuecher; es gab Leute genug, darunter nicht wenige von nicht gemeiner Herkunft und ungewoehnlichen Anlagen, die nur auf das Signal warteten, um wie eine Raeuberschar ueber die buergerliche Gesellschaft herzufallen und das verlotterte Vermoegen sich wieder zu erpluendern. Wo eine Bande sich bildet, fehlt es an Fuehrern nicht; auch hier fanden sich bald Maenner, die zu Raeuberhauptleuten sich eigneten. Der gewesene Praetor Lucius Catilina, der Quaestor Gnaeus Piso zeichneten unter ihren Genossen nicht bloss durch ihre vornehme Geburt und ihren hoeheren Rang sich aus. Sie hatten die Bruecke vollstaendig hinter sich abgebrochen und imponierten ihren Spiessgesellen durch ihre Ruchlosigkeit ebensosehr wie durch ihre Talente. Vor allem Catilina war einer der frevelhaftesten dieser frevelhaften Zeit. Seine Bubenstuecke gehoeren in die Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon sein Aeusseres, das bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald traege, bald hastige Gang verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade besass er die Eigenschaften, die von dem Fuehrer einer solchen Rotte verlangt werden: die Faehigkeit, alles zu geniessen und alles zu entbehren, Mut, militaerisches Talent, Menschenkenntnis, Verbrecherenergie und jene entsetzliche Paedagogik des Lasters, die den Schwachen zu Falle zu bringen, den Gefallenen zum Verbrecher zu erziehen versteht.
Aus solchen Elementen eine Verschwoerung zum Umsturz der bestehenden Ordnung zu bilden, konnte Maennern, die Geld und politischen Einfluss besassen, nicht schwerfallen. Catilina, Piso und ihresgleichen gingen bereitwillig auf jeden Plan ein, der ihnen Aechtungen und Kassation der Schuldbuecher in Aussicht stellte; jener war ueberdies noch mit der Aristokratie speziell verfeindet, weil sie sich der Bewerbung des verworfenen und gefaehrlichen Menschen um das Konsulat widersetzt hatte. Wie er einst als Scherge Sullas an der Spitze einer Keltenschar auf die Geaechteten Jagd gemacht und unter anderen seinen eigenen hochbejahrten Schwager mit eigener Hand niedergestossen hatte, so liess er jetzt sich bereitwillig dazu herbei, der Gegenpartei aehnliche Dienst zuzusagen. Ein geheimer Bund ward gestiftet. Die Zahl der in denselben aufgenommenen Individuen soll 400 ueberstiegen haben; er zaehlte Affiliierte in allen Landschaften und Stadtgemeinden Italiens; ueberdies verstand es sich von selbst, dass einer Insurrektion, die das zeitgemaesse Programm der Schuldentilgung auf ihre Fahne schrieb, aus den Reihen der liederlichen Jugend zahlreiche Rekruten ungeheissen zustroemen wuerden.
Im Dezember 688 (66) – so wird erzaehlt – glaubten die Leiter des Bundes den geeigneten Anlass gefunden zu haben, um loszuschlagen. Die beiden fuer 689 (65) erwaehlten Konsuln Publius Cornelius Sulla und Publius Autronius Paetus waren vor kurzem der Wahlbestechung gerichtlich ueberwiesen und deshalb nach gesetzlicher Vorschrift ihrer Anwartschaft auf das hoechste Amt verlustig erklaert worden. Beide traten hierauf dem Bunde bei. Die Verschworenen beschlossen, ihnen das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und dadurch sich selbst in den Besitz der hoechsten Gewalt im Staate zu setzen. An dem Tage, wo die neuen Konsuln ihr Amt antreten wuerden, dem 1. Januar 689 (65) sollte die Kurie von Bewaffneten gestuermt, die neuen Konsuln und die sonst bezeichneten Opfer niedergemacht und Sulla und Paetus nach Kassierung des gerichtlichen Urteils, das sie ausschloss, als Konsuln proklamiert werden. Crassus sollte sodann die Diktatur, Caesar das Reiterfuehreramt uebernehmen, ohne Zweifel, um eine imposante Militaermacht auf die Beine zu bringen, waehrend Pompeius fern am Kaukasus beschaeftigt war. Hauptleute und Gemeine waren gedungen und angewiesen; Catilina wartete an dem bestimmten Tage in der Naehe des Rathauses auf das verabredete Zeichen, das auf Crassus’ Wink ihm von Caesar gegeben werden sollte. Allein er wartete vergebens; Crassus fehlte in der entscheidenden Senatssitzung, und daran scheiterte fuer diesmal die projektierte Insurrektion. Ein aehnlicher noch umfassenderer Mordplan ward dann fuer den 5. Februar verabredet; allein auch dieser ward vereitelt, da Catilina das Zeichen zu frueh gab, bevor noch die bestellten Banditen sich alle eingefunden hatten. Darueber ward das Geheimnis ruchbar. Die Regierung wagte zwar nicht, offen der Verschwoerung entgegenzutreten, aber sie gab doch den zunaechst bedrohten Konsuln Wachen bei und stellte der Bande der Verschworenen eine von der Regierung bezahlte entgegen. Um Piso zu entfernen, wurde der Antrag gestellt, ihn als Quaestor mit praetorischen Befugnissen nach dem diesseitigen Spanien zu senden; worauf Crassus einging, in der Hoffnung, durch denselben die Hilfsquellen dieser wichtigen Provinz fuer die Insurrektion zu gewinnen. Weitergehende Vorschlaege wurden durch die Tribune verhindert.
Also lautet die Ueberlieferung, welche offenbar die in den Regierungskreisen umlaufende Version wiedergibt und deren Glaubwuerdigkeit im einzelnen in Ermangelung jeder Kontrolle dahingestellt bleiben muss. Was die Hauptsache anlangt, die Beteiligung von Caesar und Crassus, so kann allerdings das Zeugnis ihrer politischen Gegner nicht als ausreichender Beweis dafuer angesehen werden. Aber es passt doch ihre offenkundige Taetigkeit in dieser Epoche auffallend genau zu der geheimen, die dieser Bericht ihnen beimisst. Dass Crassus, der in diesem Jahre Zensor war, als solcher den Versuch machte, die Transpadaner in die Buergerliste einzuschreiben, war schon geradezu ein revolutionaeres Beginnen. Noch bemerkenswerter ist es, dass Crassus bei derselben Gelegenheit Anstalt machte, Aegypten und Kypros in das Verzeichnis der roemischen Domaenen einzutragen ^2 und dass Caesar um die gleiche Zeit (689 oder 690 65 oder 64) durch einige Tribune bei der Buergerschaft den Antrag stellen liess, ihn nach Aegypten zu senden, um den von den Alexandrinern vertriebenen Koenig Ptolemaeos wiedereinzusetzen. Diese Machinationen stimmen mit den von den Gegnern erhobenen Anklagen in bedenklicher Weise zusammen. Gewisses laesst sich hier nicht ermitteln; aber die grosse Wahrscheinlichkeit ist dafuer, dass Crassus und Caesar den Plan entworfen hatten, sich waehrend Pompeius’ Abwesenheit der Militaerdiktatur zu bemaechtigen; dass Aegypten zur Basis dieser demokratischen Militaermacht ausersehen war; dass endlich der Insurrektionsversuch von 689 (65) angezettelt worden ist, um diese Entwuerfe zu realisieren und Catilina und Piso also Werkzeuge in den Haenden von Crassus und Caesar gewesen sind.
——————————————— ^2 Plut. Crass. 13; Cic. leg. agr. 2, 17, 44. In dies Jahr (689 65) gehoert Ciceros Rede De rege Alexandrino, die man unrichtig in das Jahr 698 (56) gesetzt hat. Cicero widerlegt darin, wie die Fragmente deutlich zeigen, Crassus’ Behauptung, dass durch das Testament des Koenigs Alexandros Aegypten roemisches Eigentum geworden sei. Diese Rechtsfrage konnte und musste im Jahre 689 (65) diskutiert werden; im Jahre 698 (56) aber war sie durch das Julische Gesetz von 695 (59) bedeutungslos geworden. Auch handelte es sich im Jahre 698 (56) gar nicht um die Frage, wem Aegypten gehoere, sondern um die Zurueckfuehrung des durch einen Aufstand vertriebenen Koenigs, und es hat bei dieser uns genau bekannten Verhandlung Crassus keine Rolle gespielt. Endlich war Cicero nach der Konferenz von Luca durchaus nicht in der Lage, gegen einen der Triumvirn ernstlich zu opponieren.
———————————————– Einen Augenblick kam die Verschwoerung ins Stocken. Die Wahlen fuer 690 (64) fanden statt, ohne dass Crassus und Caesar ihren Versuch sich des Konsulats zu bemeistern, dabei erneuert haetten; wozu mit beigetragen haben mag, dass ein Verwandter des Fuehrers der Demokratie, Lucius Caesar, ein schwacher und von seinem Geschlechtsfreund nicht selten als Werkzeug benutzter Mann, diesmal um das Konsulat sich bewarb. Indes draengten die Berichte aus Asien zur Eile. Die kleinasiatischen und armenischen Angelegenheiten waren bereits vollstaendig geordnet. So klar auch die demokratischen Strategen es bewiesen, dass der Mithradatische Krieg erst mit der Gefangennahme des Koenigs als beendigt gelten koenne und dass es deshalb notwendig sei, die Hetzjagd um das Schwarze Meer herum zu beginnen, vor allen Dingen aber von Syrien fernzubleiben – Pompeius war, unbekuemmert um solches Geschwaetz, im Fruehjahr 690 (64) aus Armenien aufgebrochen und nach Syrien marschiert. Wenn Aegypten wirklich zum Hauptquartier der Demokratie ausersehen war, so war keine Zeit zu verlieren; leicht konnte sonst Pompeius eher als Caesar in Aegypten stehen. Die Verschwoerung von 688 (66) durch die schlaffen und aengstlichen Repressivmassregeln keineswegs gesprengt, regte sich wieder, als die Konsulwahlen fuer 691 (63) herankamen. Die Personen waren vermutlich wesentlich dieselben und auch der Plan nur wenig veraendert. Die Leiter der Bewegung hielten wieder sich im Hintergrund. Als Bewerber um das Konsulat hatten sie diesmal aufgestellt: Catilina selbst und Gaius Antonius, den juengeren Sohn des Redners, einen Bruder des von Kreta her uebel berufenen Feldherrn. Catilinas war man sicher; Antonius, urspruenglich Sullaner wie Catilina und wie dieser vor einigen Jahren von der demokratischen Partei deshalb vor Gericht gestellt und aus dem Senat ausgestossen, uebrigens ein schlaffer, unbedeutender, in keiner Hinsicht zum Fuehrer berufener, vollstaendig bankrotter Mann, gab um den Preis des Konsulats und der daran geknuepften Vorteile sich den Demokraten willig zum Werkzeug hin. Durch diese Konsuln beabsichtigten die Haeupter der Verschwoerung, sich des Regiments zu bemaechtigen, die in der Hauptstadt zurueckgebliebenen Kinder des Pompeius als Geiseln festzunehmen und in Italien und den Provinzen gegen Pompeius zu ruesten. Auf die erste Nachricht von dem in der Hauptstadt gefallenen Schlage sollte der Statthalter Gnaeus Piso im diesseitigen Spanien die Fahne der Insurrektion aufstecken. Die Kommunikation mit ihm konnte auf dem Seeweg nicht stattfinden, da Pompeius das Meer beherrschte; man zaehlte dafuer auf die Transpadaner, die alten Klienten der Demokratie, unter denen es gewaltig gaerte und die natuerlich sofort das Buergerrecht erhalten haben wuerden, ferner auf verschiedene keltische Staemme ^3. Bis nach Mauretanien hin liefen die Faeden dieser Verbindung. Einer der Mitverschworenen, der roemische Grosshaendler Publius Sittius aus Nuceria, durch finanzielle Verwicklungen gezwungen, Italien zu meiden, hatte daselbst und in Spanien einen Trupp verzweifelter Leute bewaffnet und zog mit diesen als Freischarenfuehrer im westlichen Afrika herum, wo er alte Handelsverbindungen hatte. ————————————————- ^3 Die Ambrani (Suet. Caes. 9) sind wohl nicht die mit den Kimbern zusammen genannten Ambronen (Plot. Mar. 19), sondern verschrieben fuer Arverni. ————————————————- Die Partei strengte alle ihre Kraefte fuer den Wahlkampf an. Crassus und Caesar setzten ihr Geld – eigenes oder geborgtes -und ihre Verbindungen ein, um Catilina und Antonius das Konsulat zu verschaffen; Catilinas Genossen spannten jeden Nerv an, um den Mann an das Ruder zu bringen, der ihnen die Aemter und Priestertuemer, die Palaeste und Landgueter ihrer Gegner und vor allen Dingen Befreiung von ihren Schulden verhiess und von dem man wusste, dass er Wort halten werde. Die Aristokratie war in grosser Not, hauptsaechlich weil sie nicht einmal Gegenkandidaten aufzustellen vermochte. Dass ein solcher seinen Kopf wagte, war offenbar; und die Zeiten waren nicht mehr, wo der Posten der Gefahr den Buerger lockte – jetzt schwieg selbst der Ehrgeiz vor der Angst. So begnuegte sich die Nobilitaet, einen schwaechlichen Versuch zu machen, den Wahlumtrieben durch Erlassung eines neuen Gesetzes ueber den Stimmenkauf zu steuern -was uebrigens an der Interzession eines Volkstribunen scheiterte – und ihre Stimmen auf einen Bewerber zu werfen, der ihr zwar auch nicht genehm, aber doch wenigstens unschaedlich war. Es war dies Marcus Cicero, notorisch ein politischer Achseltraeger ^4, gewohnt bald mit den Demokraten, bald mit Pompeius, bald aus etwas weiterer Ferne mit der Aristokratie zu liebaeugeln und jedem einflussreichen Beklagten ohne Unterschied der Person oder Partei – auch Catilina zaehlte er unter seinen Klienten – Advokatendienste zu leisten, eigentlich von keiner Partei oder, was ziemlich dasselbe ist, von der Partei der materiellen Interessen, die in den Griechen dominierte und den beredten Sachwalter, den hoeflichen und witzigen Gesellschafter gern hatte. Er hatte Verbindungen genug in der Hauptstadt und den Landstaedten, um neben den vor der Demokratie aufgestellten Kandidaten eine Chance zu haben; und da auch die Nobilitaet, obwohl nicht gern, und die Pompeianer fuer ihn stimmten, ward er mit grosser Majoritaet gewaehlt. Die beiden Kandidaten der Demokratie erhielten fast gleich viele Stimmen, jedoch fielen auf Antonius, dessen Familie angesehener war als die seines Konkurrenten, einige mehr. Dieser Zufall vereitelte die Wahl Catilinas und rettete Rom vor einem zweiten Cinna. Schon etwas frueher war Piso, es hiess auf Anstiften seines politischen und persoenlichen Feindes Pompeius, in Spanien von seiner einheimischen Eskorte niedergemacht worden ^5. Mit dem Konsul Antonius allein war nichts anzufangen; Cicero sprengte das lockere Band, das ihn an die Verschwoerung knuepfte, noch ehe sie beide ihre Aemter antraten, indem er auf die von Rechts wegen ihm zustehende Losung um die Konsularprovinzen Verzicht leistete und dem tief verschuldeten Kollegen die eintraegliche Statthalterschaft Makedonien ueberliess. Die wesentlichen Vorbedingungen auch dieses Anschlags waren also gefallen.
————————————————————- ^4 Naiver kann dies nicht ausgesprochen werden, als es in der seinem Bruder untergeschobenen Denkschrift geschieht (pet. 1, 5; 13, 51 53 vom Jahre 690 64); der Bruder selbst wuerde schwerlich sich so offenherzig oeffentlich geaeussert haben. Als authentisches Belegstueck dazu werden unbefangene Leute nicht ohne Interesse die zweite Rede gegen Rullus lesen, wo der “erste demokratische Konsul”, in sehr ergoetzlicher Weise das liebe Publikum nasfuehrend, ihm die “richtige Demokratie” entwickelt.
^5 Seine noch vorhandene Grabschrift lautet: Cn. Calpurnius Cn, f. Piso quaestor pro pr. ex s. c. provinciam Hispaniam citeriorem optinuit. ————————————————————- Inzwischen entwickelten die orientalischen Verhaeltnisse sich immer bedrohlicher fuer die Demokratie. Die Ordnung Syriens schritt rasch vorwaerts; schon waren von Aegypten Aufforderungen an Pompeius ergangen, daselbst einzuruecken und das Land fuer Rom einzuziehen; man musste fuerchten, demnaechst zu vernehmen, dass Pompeius selbst das Niltal in Besitz genommen habe. Eben hierdurch mag Caesars Versuch, sich geradezu vom Volke nach Aegypten senden zu lassen, um dem Koenige gegen seine aufruehrerischen Untertanen Beistand zu leisten, hervorgerufen worden sein; er scheiterte, wie es scheint, an der Abneigung der Grossen und Kleinen, irgend etwas gegen Pompeius’ Interesse zu unternehmen. Pompeius’ Heimkehr und damit die wahrscheinliche Katastrophe rueckten immer naeher; wie oft auch die Sehne gerissen war, es musste doch wieder versucht werden, denselben Boten zu spannen. Die Stadt war in dumpfer Gaerung: haeufige Konferenzen der Haeupter der Bewegung deuteten an, dass wieder etwas im Werke sei. Was das sei, ward offenbar, als die neuen Volkstribune ihr Amt antraten (10. Dezember 690 64) und sogleich einer von ihnen, Publius Servillius Rullus, ein Ackergesetz beantragte, das den Fuehrern der Demokraten eine aehnliche Stellung verschaffen sollte, wie sie infolge der Gabinisch- Manilischen Antraege Pompeius einnahm. Der nominelle Zweck war die Gruendung von Kolonien in Italien, wozu der Boden indes nicht durch Expropriation gewonnen werden sollte – vielmehr wurden alle bestehenden Privatrechte garantiert, ja sogar die widerrechtlichen Okkupationen der juengsten Zeit in volles Eigentum umgewandelt. Nur die verpachtete kampanische Domaene sollte parzelliert und kolonisiert werden, im uebrigen die Regierung das zur Assignation bestimmte Land durch gewoehnlichen Kauf erwerben. Um die hierzu noetigen Summen zu beschaffen, sollte das uebrige italische und vor allem alles ausseritalische Domanialland sukzessiv zum Verkauf gebracht werden; worunter namentlich die ehemaligen koeniglichen Tafelgueter in Makedonien, dem Thrakischen Chersones, Bithynien, Pontus, Kyrene, ferner die Gebiete der nach Kriegsrecht zu vollem Eigen gewonnenen Staedte in Spanien, Afrika, Sizilien, Hellas, Kilikien verstanden waren. Verkauft werden sollte ingleichen alles, was der Staat an beweglichen und unbeweglichem Gut seit dem Jahre 666 (88) erworben und worueber er nicht frueher verfuegt hatte; was hauptsaechlich auf Aegypten und Kypros zielte. Zu dem gleichen Zweck wurden alle untertaenigen Gemeinden mit Ausnahme der Staedte latinischen Rechts und der sonstigen Freistaedte mit sehr hoch gegriffenen Gefaellen und Zehnten belastet. Ebenfalls ward endlich fuer jene Ankaeufe bestimmt der Ertrag der neuen Provinzialgefaelle, anzurechnen vom Jahre 692 (62) und der Erloes aus der saemtlichen, noch nicht gesetzmaessig verwandten Beute; welche Anordnungen auf die neuen, von Pompeius im Osten eroeffneten Steuerquellen und auf die in den Haenden des Pompeius und der Erben Sullas befindlichen oeffentlichen Gelder sich bezog. Zur Ausfuehrung dieser Massregel sollten Zehnmaenner mit eigener Jurisdiktion und eigenem Imperium ernannt werden, welche fuenf Jahre im Amte zu bleiben und mit 200 Unterbeamten aus dem Ritterstand sich zu umgeben hatten; bei der Wahl der Zehnmaenner aber sollten nur die Kandidaten, die persoenlich sich melden wuerden, beruecksichtigt werden duerfen und, aehnlich wie bei den Priesterwahlen, nur siebzehn durch Los aus den fuenfunddreissig zu bestimmende Bezirke waehlen. Es war ohne grossen Scharfsinn zu erkennen, dass man in diesem Zehnmaennerkollegium eine der des Pompeius nachgebildete, nur etwas weniger militaerisch und mehr demokratisch gefaerbte Gewalt zu schaffen beabsichtigte. Man bedurfte der Gerichtsbarkeit namentlich, um die aegyptische Frage zu entscheiden, der Militaergewalt, um gegen Pompeius zu ruesten; die Klausel, welche die Wahl eines Abwesenden untersagte, schloss Pompeius aus, und die Verminderung der stimmberechtigten Bezirke sowie die Manipulation des Auslosens sollten die Lenkung der Wahl im Sinne der Demokratie erleichtern.
Indes dieser Versuch verfehlte gaenzlich sein Ziel. Die Menge, die es bequemer fand, das Getreide im Schatten der roemischen Hallen aus den oeffentlichen Magazinen sich zumessen zu lassen, als es im Schweisse des Angesichts selber zu bauen, nahm den Antrag an sich schon mit vollkommener Gleichgueltigkeit auf. Sie fuehlte auch bald heraus, dass Pompeius einen solchen, in jeder Hinsicht ihn verletzenden Beschluss sich nimmermehr gefallen lassen werde und dass es nicht gut stehen koenne mit einer Partei, die in ihrer peinlichen Angst sich zu so ausschweifenden Anerbietungen herbeilasse. Unter solchen Umstaenden fiel es der Regierung nicht schwer, den Antrag zu vereiteln; der neue Konsul Cicero nahm die Gelegenheit wahr, sein Talent, offene Tueren einzulaufen, auch hier geltend zu machen; noch ehe die bereitstehenden Tribune interzedierten, zog der Urheber selbst den Vorschlag zurueck (1. Januar 691 62). Die Demokratie hatte nichts gewonnen als die unerfreuliche Belehrung, dass die grosse Menge in Liebe oder in Furcht fortwaehrend noch zu Pompeius hielt und dass jeder Antrag sicher fiel, den das Publikum als gegen Pompeius gerichtet erkannte.
Ermuedet von all diesem vergeblichen Wuehlen und resultatlosem Planen, beschloss Catilina, die Sache zur Entscheidung zu treiben und ein fuer allemal ein Ende zu machen. Er traf im Laufe des Sommers seine Massregeln, um den Buergerkrieg zu eroeffnen. Faesulae (Fiesole), eine sehr feste Stadt in dem von Verarmten und Verschworenen wimmelnden Etrurien und fuenfzehn Jahre zuvor der Herd des Lepidianischen Aufstandes, ward wiederum zum Hauptquartier der Insurrektion ausersehen. Dorthin gingen die Geldsendungen, wozu namentlich die in die Verschwoerung verwickelten vornehmen Damen der Hauptstadt die Mittel hergaben; dort wurden Waffen und Soldaten gesammelt; ein alter sullanischer Hauptmann, Gaius Manlius, so tapfer und so frei von Gewissensskrupeln wie nur je ein Lanzknecht, uebernahm daselbst vorlaeufig den Oberbefehl. Aehnliche wenn auch minder ausgedehnte Zuruestungen wurden an andern Punkten Italiens gemacht. Die Transpadaner waren so aufgeregt, dass sie nur auf das Zeichen zum Losschlagen zu warten schienen. Im bruttischen Lande, an der Ostkueste Italiens, in Capua, wo ueberall grosse Sklavenmassen angehaeuft waren, schien eine zweite Sklaveninsurrektion, gleich der des Spartacus, im Entstehen. Auch in der Hauptstadt bereitete etwas sich vor; wer die trotzige Haltung sah, in der die vorgeforderten Schuldner vor dem Stadtpraetor erschienen, musste der Szenen gedenken, die der Ermordung des Asellio vorangegangen waren. Die Kapitalisten schwebten in namenloser Angst; es zeigte sich noetig, das Verbot der Gold- und Silberausfuhr einzuschaerfen und die Haupthaefen ueberwachen zu lassen. Der Plan der Verschworenen war, bei der Konsulwahl fuer 692 (62) zu der Catilina sich wieder gemeldet hatte, den wahlleitenden Konsul sowie die unbequemen Mitbewerber kurzweg niederzumachen und Catilinas Wahl um jeden Preis durchzusetzen, noetigenfalls selbst bewaffnete Scharen von Faesulae und den anderen Sammelpunkten gegen die Hauptstadt zu fuehren und mit ihnen den Widerstand zu brechen.
Cicero, bestaendig durch seine Agenten und Agentinnen von den Verhandlungen der Verschworenen rasch und vollstaendig unterrichtet, denunzierte an dem anberaumten Wahltag (20. Oktober) die Verschwoerung in vollem Senat und im Beisein ihrer hauptsaechlichsten Fuehrer. Catilina liess sich nicht dazu herab zu leugnen; er antwortete trotzig, wenn die Wahl zum Konsul auf ihn fallen sollte, so werde es allerdings der grossen hauptlosen Partei gegen die kleine, von elenden Haeuptern geleitete an einem Fuehrer nicht laenger fehlen. Indes da handgreifliche Beweise des Komplotts nicht vorlagen, war von dem aengstlichen Senat nichts weiter zu erreichen, als dass er in der ueblichen Weise den von den Beamten zweckmaessig befundenen Ausnahmemassregeln im voraus seine Sanktion erteilte (21. Oktober). So nahte die Wahlschlacht, diesmal mehr eine Schlacht als eine Wahl; denn auch Cicero hatte aus den juengeren Maennern namentlich des Kaufmannsstandes sich eine bewaffnete Leibwache gebildet; und seine Bewaffneten waren es, die am 28. Oktober, auf welchen Tag die Wahl vom Senat verschoben worden war, das Marsfeld bedeckten und beherrschten. Den Verschworenen gelang es weder, den wahlleitenden Konsul niederzumachen noch die Wahlen in ihrem Sinne zu entscheiden.
Inzwischen aber hatte der Buergerkrieg begonnen. Am 27. Oktober hatte Gaius Manlius bei Faesulae den Adler aufgepflanzt, um den die Armee der Insurrektion sich scharen sollte – es war einer der Marianischen aus dem Kimbrischen Kriege – , und die Raeuber aus den Bergen wie das Landvolk aufgerufen, sich ihm anzuschliessen. Seine Proklamationen forderten, anknuepfend an die alten Traditionen der Volkspartei, Befreiung von der erdrueckendem Schuldenlast und Milderung des Schuldprozesses, der, wenn der Schuldbestand in der Tat das Vermoegen ueberstieg, allerdings immer noch rechtlich den Verlust der Freiheit fuer den Schuldner nach sich zog. Es schien, als wolle das hauptstaedtische Gesindel, indem es gleichsam als legitimer Nachfolger der alten plebejischen Bauernschaft auftrat und unter den ruhmvollen Adlern des Kimbrischen Krieges seine Schlachten schlug, nicht bloss die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit Roms beschmutzen. Indes blieb diese Schilderhebung vereinzelt; in den anderen Sammelpunkten kam die Verschwoerung nicht hinaus ueber Waffenaufhaeufung und Veranstaltung geheimer Zusammenkuenfte, da es ueberall an entschlossenen Fuehrern gebrach. Es war ein Glueck fuer die Regierung; denn wie offen auch seit laengerer Zeit der bevorstehende Buergerkrieg angekuendigt war, hatten doch die eigene Unentschlossenheit und die Schwerfaelligkeit der verrosteten Verwaltungsmaschinerie ihr nicht gestattet, irgendwelche militaerische Vorbereitungen zu treffen. Erst jetzt ward der Landsturm aufgerufen und wurden in die einzelnen Landschaften Italiens hoehere Offiziere kommandiert, um jeder in seinem Bezirk die Insurrektion zu unterdruecken, zugleich aus der Hauptstadt die Fechtersklaven ausgewiesen und wegen der befuerchteten Brandstiftungen Patrouillen angeordnet. Catilina war in einer peinlichen Lage. Nach seiner Absicht hatte bei den Konsularwahlen gleichzeitig in der Hauptstadt und in Etrurien Iosgeschlagen werden sollen; das Scheitern der ersteren und das Ausbrechen der zweiten Bewegung gefaehrdete ihn persoenlich wie den ganzen Erfolg seines Unternehmens. Nachdem einmal die Seinigen bei Faesulae die Waffen gegen die Regierung erhaben hatten, war in Rom seines Bleibens nicht mehr; und dennoch lag ihm nicht bloss alles daran, die hauptstaedtische Verschwoerung jetzt wenigstens zum raschen Losschlagen zu bestimmen, sondern wusste dies auch geschehen sein, bevor er Rom verliess – denn er kannte seine Gehilfen zu gut, um sich dafuer auf sie zu verlassen. Die angesehenen unter den Mitverschworenen, Publius Lentulus Sura, Konsul 683 (71), spaeter aus dem Senat gestossen und jetzt, um in den Senat zurueckzugelangen, wieder Praetor, und die beiden gewesenen Praetoren Publius Autronius und Lucius Cassius waren unfaehige Menschen, Lentulus ein gewoehnlicher Aristokrat von grossen Warten und grossen Anspruechen, aber langsam im Begreifen und unentschlossen im Handeln, Autronius durch nichts ausgezeichnet als durch seine gewaltige Kreischstimme; von Lucius Cassius gar begriff es niemand, wie ein so dicker und so einfaeltiger Mensch unter die Verschwoerer geraten sei. Die faehigeren Teilnehmer aber, wie den jungen Senator Gaius Cethegus und die Ritter Lucius Statilius und Publius Gabinius Capito, durfte Catilina nicht wagen, an die Spitze zu stellen, da selbst unter den Verschworenen noch die traditionelle Standeshierarchie ihren Platz behauptete und auch die Anarchisten nicht meinten, obsiegen zu koennen, wenn nicht ein Konsular oder mindestens ein Praetorier an der Spitze stand. Wie dringend darum immer die Insurrektionsarmee nach ihrem Feldherrn verlangte und wie misslich es fuer diesen war, nach dem Ausbruch des Aufstandes laenger am Sitze der Regierung zu verweilen, entschloss Catilina sich dennoch, vorlaeufig noch in Rom zu bleiben. Gewohnt, durch seinen kecken Uebermut den feigen Gegnern zu imponieren, zeigte er sich oeffentlich auf dem Markte wie im Rathaus und antwortete auf die Drohungen, die dort gegen ihn fielen, dass man sich hueten moege, ihn aufs aeusserste zu treiben; wem man das Haus anzuende, der werde genoetigt, den Brand unter Truemmern zu loeschen. In der Tat wagten es weder Private noch Behoerden, auf den gefaehrlichen Menschen die Hand zulegen; es war ziemlich gleichgueltig, dass ein junger Adliger ihn wegen Vergewaltigung vor Gericht zog, denn bevor der Prozess zu Ende kommen konnte, musste laengst anderweitig entschieden sein. Aber auch Catilinas Entwuerfe scheiterten, hauptsaechlich daran, dass die Agenten der Regierung sich in den Kreis der Verschworenen gedraengt hatten und dieselbe stets von allem Detail des Kornplatts genau unterrichtet hielten. Als zum Beispiel die Verschworenen vor dem festen Praeneste erschienen (1. November), das sie durch einen Handstreich zu ueberrumpeln gehofft hatten, fanden sie die Bewohner gewarnt und geruestet; und in aehnlicher Weise schlug alles fehl. Catilina fand bei all seiner Tollkuehnheit es doch geraten, jetzt seine Abreise auf einen der naechsten Tage festzusetzen; vorher aber wurde noch auf seine dringende Mahnung in einer letzten Zusammenkunft der Verschworenen in der Nacht vom 6. auf den 7. November beschlossen, den Konsul Cicero, der die Kontermine hauptsaechlich leitete, noch vor der Abreise des Fuehrers zu ermorden und, um jedem Verrat zuvorzukommen, diesen Beschluss augenblicklich ins Werk zu setzen. Frueh am Morgen des 7. November pochten denn auch die erkorenen Moerder an dem Hause des Konsuls; aber sie sahen die Wachen verstaerkt und sich selber abgewiesen – auch diesmal hatten die Spione der Regierung den Verschworenen den Rang abgelaufen. Am Tage darauf (8. November) berief Cicero den Senat. Noch jetzt wagte es Catilina zu erscheinen und gegen die zornigen Angriffe des Konsuls, der ihm ins Gesicht die Vorgaenge der letzten Tage enthuellte, eine Verteidigung zu versuchen, aber man hoerte nicht mehr auf ihn und in der Naehe des Platzes, auf dem er sass, leerten sich die Baenke. Er verliess die Sitzung und begab sich, wie er uebrigens auch ohne diesen Zwischenfall ohne Zweifel getan haben wuerde, der Verabredung gemaess nach Etrurien. Hier rief er sich selber zum Konsul aus und nahm eine zuwartende Stellung, um auf die erste Meldung von dem Ausbruch einer Insurrektion in der Hauptstadt die Truppen gegen dieselbe in Bewegung zu setzen. Die Regierung erklaerte die beiden Fuehrer Catilina und Manlius sowie diejenigen ihrer Genossen, die nicht bis zu einem bestimmten Tag die Waffen niedergelegt haben wuerden, in die Acht und rief neue Milizen ein; aber an die Spitze des gegen Catilina Gestimmten Heeres ward der Konsul Gaius Antonius gestellt, der notorisch in die Verschwoerung verwickelt war und bei dessen Charakter es durchaus vom Zufall abhing, ob er seine Truppen gegen Catilina oder ihm zufuehren werde. Man schien es geradezu darauf angelegt zu haben, aus diesem Antonius einen zweiten Lepidus zu machen. Ebensowenig ward eingeschritten gegen die in der Hauptstadt zurueckgebliebenen Leiter der Verschwoerung, obwohl jedermann mit Fingern auf sie wies und die Insurrektion in der Hauptstadt von den Verschworenen nichts weniger als aufgegeben, vielmehr der Plan derselben noch von Catilina selbst vor seinem Abgang von Rom festgelegt worden war. Ein Tribun sollte durch Berufung einer Volksversammlung das Zeichen geben, die Nacht darauf Cethegus den Konsul Cicero aus dem Wege raeumen, Gabinius und Statilius die Stadt an zwoelf Stellen zugleich in Brand stecken und mit dem inzwischen herangezogenen Heere Catilinas die Verbindung in moeglichster Geschwindigkeit hergestellt werden. Haetten Cethegus’ dringende Vorstellungen gefruchtet und Lentulus, der nach Catilinas Abreise an die Spitze der Verschworenen gestellt war, sich zu raschem Losschlagen entschlossen, so konnte die Verschwoerung auch jetzt noch gelingen. Allein die Konspiratoren waren gerade ebenso unfaehig und ebenso feig wie ihre Gegner; Wochen verflossen und es kam zu keiner Entscheidung.
Endlich fuehrte die Kontermine sie herbei. In seiner weitlaeufigen und gern die Saeumigkeit in dem Naechsten und Notwendigen durch die Entwerfung fernliegender und weitsichtiger Plaene bedeckenden Art hatte Lentulus sich mit den eben in Rom anwesenden Deputierten eines Keltengaus, der Allobrogen, eingelassen und diese, die Vertreter eines gruendlich zerruetteten Gemeinwesens und selber tief verschuldet, versucht in die Verschwoerung zu verwickeln, auch ihnen bei ihrer Abreise Boten und Briefe an die Vertrauten mitgegeben. Die Allobrogen verliessen Rom, wurden aber in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember hart an den Toren von den roemischen Behoerden angehalten und ihre Papiere ihnen abgenommen. Es zeigte sich, dass die allobrogischen Abgeordneten sich zu Spionen der roemischen Regierung hergegeben und die Verhandlungen nur deshalb gefuehrt hatten, um dieser die gewuenschten Beweisstuecke gegen die Hauptleiter der Verschwoerung in die Haende zu spielen. Am Morgen darauf wurden von Cicero in moeglichster Stille Verhaftsbefehle gegen die gefaehrlichsten Fuehrer des Komplotts erlassen und gegen Lentulus, Cethegus, Gabinius und Statilius auch vollzogen, waehrend einige andere durch die Flucht der Festnehmung entgingen. Die Schuld der Ergriffenen wie der Fluechtigen war vollkommen evident. Unmittelbar nach der Verhaftung wurden dem Senat die weggenommenen Briefschaften vorgelegt, zu deren Siegel und Handschrift die Verhafteten nicht umhin konnten, sich zu bekennen, und die Gefangenen und Zeugen verhoert; weitere bestaetigende Tatsachen, Waffenniederlagen in den Haeusern der Verschworenen, drohende Aeusserungen, die sie getan, ergaben sich alsbald; der Tatbestand der Verschwoerung war vollstaendig und rechtskraeftig festgestellt und die wichtigsten Aktenstuecke sogleich auf Ciceros Veranstaltung durch fliegende Blaetter publiziert.
Die Erbitterung gegen die anarchistische Verschwoerung war allgemein. Gern haette die oligarchische Partei die Enthuellungen benutzt, um mit der Demokratie ueberhaupt und namentlich mit Caesar abzurechnen, allein sie war viel zu gruendlich gesprengt, um dies durchsetzen und ihm das Ende bereiten zu koennen, das sie vor Zeiten den beiden Gracchen und dem Saturninus bereitet hatte; in dieser Hinsicht blieb es bei dem guten Willen. Die hauptstaedtische Menge empoerten namentlich die Brandstiftungsplaene der Verschworenen. Die Kaufmannschaft und die ganze Partei der materiellen Interessen erkannte in diesem Krieg der Schuldner gegen die. Glaeubiger natuerlich einen Kampf um ihre Existenz; in stuermischer Aufregung draengte sich ihre Jugend, die Schwerter in den Haenden, um das Rathaus und zueckte dieselben gegen die offenen und heimlichen Parteigenossen Catilinas. In der Tat war fuer den Augenblick die Verschwoerung paralysiert; wenn auch vielleicht ihre letzten Urheber noch auf freien Fuessen waren, so war doch der ganze mit der Ausfuehrung beauftragte Stab der Verschwoerung entweder gefangen oder auf der Flucht; der bei Faesulae versammelte Haufen konnte ohne Unterstuetzung durch eine Insurrektion in der Hauptstadt unmoeglich viel ausrichten.
In einem leidlich geordneten Gemeinwesen waere die Sache hiermit politisch zu Ende gewesen und haetten das Militaer und die Gerichte das weitere uebernommen. Allein in Rom war es so weit gekommen, dass die Regierung nicht einmal ein paar angesehene Adlige in sicherem Gewahrsam zu halten imstande war. Die Sklaven und Freigelassenen des Lentulus und der uebrigen Verhafteten regten sich; Plaene, hiess es, seien geschmiedet, um sie mit Gewalt aus den Privathaeusern, in denen sie gefangen sassen, zu befreien; es fehlte, dank dem anarchischen Treiben der letzten Jahre, in Rom nicht an Bandenfuehrern, die nach einer gewissen Taxe Auflaeufe und Gewalttaten in Akkord nahmen; Catilina endlich war von dem Ereignis benachrichtigt und nahe genug, um mit seinen Scharen einer. dreisten Streich zu versuchen. Wieviel an diesen Reden Wahres war, laesst sich nicht sagen; die Besorgnisse aber waren gegruendet, da der Verfassung gemaess in der Hauptstadt der Regierung weder Truppen noch auch nur eine achtunggebietende Polizeimacht zu Gebote stand und sie in der Tat jedem Banditenhaufen preisgegeben war. Der Gedanke ward laut, eile etwaigen Befreiungsversuche durch sofortige Hinrichtung der Gefangenen abzuschneiden. Verfassungmaessig war dies nicht moeglich. Nach dem altgeheiligten Provokationsrecht konnte ueber den Gemeindebuerger ein Todesurteil nur von der gesamten Buergerschaft und sonst von keiner andren Behoerde verhaengt werden; seit die Buergerschaftsgerichte selbst zur Antiquitaet geworden waren, ward ueberhaupt nicht mehr auf den Tod erkannt. Gern haette Cicero das bedenkliche Ansinnen zurueckgewiesen; so gleichgueltig auch an sich die Rechtsfrage dem Advokaten sein mochte, er wusste wohl, wie nuetzlich es ebendiesem ist, liberal zu heissen, und verspuerte wenig Lust, durch dies vergossene Blut sich auf ewig von der demokratischen Partei zu scheiden. Indes seine Umgebung, namentlich seine vornehme Gemahlin draengten ihn, seine Verdienste um das Vaterland durch diesen kuehnen Schritt zu kroenen; der Konsul, wie alle Feigen aengstlich bemueht, den Schein der Feigheit zu vermeiden und doch auch vor der furchtbaren Verantwortung zitternd, berief in seiner Not den Senat und ueberliess es diesem, ueber Leben und Tod der vier Gefangenen zu entscheiden. Freilich hatte dies keinen Sinn; denn da der Senat verfassungmaessig noch viel weniger hierueber erkennen konnte als der Konsul, so fiel rechtlich doch immer alle Verantwortung auf den letzteren zurueck; aber wann ist je die Feigheit konsequent gewesen? Caesar bot alles auf, um die Gefangenen zu retten, und seine Rede voll versteckter Drohungen vor der kuenftigen unausbleiblichen Rache der Demokratie machte den tiefsten Eindruck. Obwohl bereits saemtliche Konsulare und die grosse Majoritaet des Senats sich fuer die Hinrichtung ausgesprochen hatten, schienen doch nun wieder die meisten, Cicero voran, sich zur Enthaltung der rechtlichen Schranken zu neigen. Allein indem Cato nach Rabulistenart die Verfechter der milderen Meinung der Mitwisserschaft an dem Komplott verdaechtigte und auf die Vorbereitungen zur Befreiung der Gefangenen durch einen Strassenaufstand hinwies, wusste er die schwankenden Seelen wieder in eine andere Furcht zu werfen und fuer die sofortige Hinrichtung der Verbrecher die Majoritaet zu gewinnen. Die Vollziehung des Beschlusses lag natuerlich dem Konsul ob, der ihn hervorgerufen hatte. Spaet am Abend des fuenften Dezembers wurden die Verhafteten aus ihren bisherigen Quartieren abgeholt und ueber den immer noch dicht von Menschen vollgedraengten Marktplatz in das Gefaengnis gebracht, worin die zum Tode verurteilten Verbrecher aufbewahrt zu werden pflegten. Es war ein unterirdisches, zwoelf Fuss tiefes Gewoelbe am Fuss des Kapitols, das ehemals als Brunnenhaus gedient hatte. Der Konsul selbst fuehrte den Lentulus, Praetoren die uebrigen, alle von starken Wachen begleitet; doch fand der Befreiungsversuch, den man erwartete, nicht statt. Niemand wusste, ob die Verhafteten in ein gesichertes Gewahrsam oder zur