Roemische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen

Theodor Mommsen Roemische Geschichte Achtes Buch Laender und Leute von Caesar bis Diocletian Der Wunsch, dass die ‘Roemische Geschichte’ fortgesetzt werden moege, ist mir oefter geaeussert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen, so schwer es auch ist, nach dreissig Jahren den Faden da wieder aufzunehmen, wo ich ihn fallen lassen musste. Wenn er
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  • 1854-1856
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Theodor Mommsen
Roemische Geschichte
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian Der Wunsch, dass die ‘Roemische Geschichte’ fortgesetzt werden moege, ist mir oefter geaeussert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen, so schwer es auch ist, nach dreissig Jahren den Faden da wieder aufzunehmen, wo ich ihn fallen lassen musste. Wenn er nicht unmittelbar anknuepft, so ist daran wenig gelegen; ein Fragment wuerde der vierte Band ohne den fuenften ebenso sein, wie es der fuenfte jetzt ist ohne den vierten. Ueberdies meine ich, dass die beiden zwischen diesem und den frueheren fehlenden Buecher fuer das gebildete Publikum, dessen Verstaendnis des roemischen Altertums zu foerdern diese Geschichte bestimmt ist, eher durch andere Werke vertreten werden koennen als das vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die durch Caesar errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, welche in dem Sechsten Buch erzaehlt werden sollen, sind so gut aus dem Altertum ueberliefert, dass jede Darstellung wesentlich auf eine Nacherzaehlung hinauslaeuft. Das monarchische Regiment in seiner Eigenart und die Fluktuationen der Monarchie sowie die durch die Persoenlichkeit der einzelnen Herrscher bedingten allgemeinen Regierungsverhaeltnisse, denen das Siebente Buch bestimmt ist, sind wenigstens oftmals zum Gegenstand der Darstellung gemacht worden. Was hier gegeben wird, die Geschichte der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf Diocletian, liegt, wenn ich nicht irre, dem Publikum, an das dieses Werk sich wendet, in zugaenglicher Zusammenfassung nirgends vor, und dass dies nicht der Fall ist, scheint mir die Ursache zu sein, weshalb dasselbe die roemische Kaiserzeit haeufig unrichtig und unbillig beurteilt. Freilich kann diese meines Erachtens fuer das richtige Verstaendnis der Geschichte der roemischen Kaiserzeit vorbedingende Trennung dieser Spezialgeschichten von der allgemeinen des Reiches fuer manche Abschnitte, insbesondere fuer die Epoche von Gallienus bis auf Diocletian, wieder nicht vollstaendig durchgefuehrt werden und hat hier die noch ausstehende allgemeine Darstellung ergaenzend einzutreten. Wenn ueberhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Faellen nur mit und durch die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser Darstellung des Reiches der drei Erdteile nach seinen Provinzen in besonderem Grade, waehrend hierfuer genuegende Karten nur in den Haenden weniger Leser sein koennen. Dieselben werden also mit mir meinem Freunde Kiepert es danken, dass er, in der Weise und in der Begrenzung, wie der Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, demselben zunaechst ein allgemeines Uebersichtsblatt, das ausserdem mehrfach fuer die Spezialkarten ergaenzend eintritt, und weiter Spezialkarten der einzelnen Reichsteile hinzugefuegt hat …
Berlin, im Februar 1885
Einige Versehen, auf die ich aufmerksam gemacht worden bin und die in den Platten sich beseitigen liessen, sind bei dem dritten Abzuge verbessert worden, der vierte ist ein unveraenderter Abdruck des vorigen. Februar 1886; September 1894
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian Gehe durch die Welt und sprich mit jedem. Firdusi
Einleitung
Die Geschichte der roemischen Kaiserzeit stellt aehnliche Probleme wie diejenige der frueheren Republik.
Was aus der literarischen Ueberlieferung unmittelbar entnommen werden kann, ist nicht bloss ohne Farbe und Gestalt, sondern in der Tat meistens ohne Inhalt. Das Verzeichnis der roemischen Monarchen ist ungefaehr ebenso glaubwuerdig wie das der Konsuln der Republik und ungefaehr ebenso instruktiv. Die den ganzen Staat erschuetternden grossen Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel besser aber als ueber die Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet ueber die germanischen unter den Kaisern Augustus und Marcus. Der republikanische Anekdotenschatz ist sehr viel ehrbarer als der gleiche der Kaiserzeit; aber die Erzaehlungen von Fabricius und die vom Kaiser Gaius sind ziemlich gleich flach und gleich verlogen. Die innerliche Entwicklung des Gemeinwesens liegt vielleicht fuer die fruehere Republik in der Ueberlieferung vollstaendiger vor als fuer die Kaiserzeit; dort bewahrt sie eine, wenn auch getruebte und verfaelschte Schilderung der schliesslich wenigstens auf dem Markte Roms endigenden Wandlungen der staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im kaiserlichen Kabinett und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgueltigkeiten in die Oeffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehnung des Kreises und die Verschiebung der lebendigen Entwicklung vom Zentrum in die Peripherie. Die Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des Landes Italien, diese zu der der Welt des Mittelmeers erweitert, und worauf es am meisten ankommt, davon erfahren wir am wenigsten. Der roemische Staat dieser Epoche gleicht einem gewaltigen Baum, um dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm maechtige Nebentriebe rings emporstreben. Der roemische Senat und die roemischen Herrscher entstammen bald jedem anderen Reichsland ebensosehr wie Italien; die Quiriten dieser Epoche, welche die nominellen Erben der weltbezwingenden Legionaere geworden sind, haben zu den grossen Erinnerungen der Vorzeit ungefaehr dasselbe Verhaeltnis wie unsere Johanniter zu Rhodos und Malta und betrachten ihre Erbschaft als ein nutzbares Recht, als stiftungsmaessige Versorgung arbeitsscheuer Armer. Wer an die sogenannten Quellen dieser Epoche, auch die besseren, geht, bemeistert schwer den Unwillen ueber das Sagen dessen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das Verschweigen dessen, was notwendig war zu sagen. Denn gross Gedachtes und weithin Wirkendes ist auch in dieser Epoche geschaffen worden; die Fuehrung des Weltregiments ist selten so lange in geordneter Folge verblieben, und die festen Verwaltungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren Nachfolgern vorzeichneten, haben sich im ganzen mit merkwuerdiger Festigkeit behauptet, trotz allem Wechsel der Dynastien und der Dynasten, welcher in der nur darauf blickenden und bald zu Kaiserbiographien zusammenschwindenden Ueberlieferung mehr als billig im Vordergrunde steht. Die scharfen Abschnitte, welche in der landlaeufigen, durch jene Oberflaechlichkeit der Grundlage geirrten Auffassung die Regierungswechsel machen, gehoeren weit mehr dem Hoftreiben an als der Reichsgeschichte. Das eben ist das Grossartige dieser Jahrhunderte, dass das einmal angelegte Werk, die Durchfuehrung der lateinisch-griechischen Zivilisierung in der Form der Ausbildung der staedtischen Gemeindeverfassung, die allmaehliche Einziehung der barbarischen oder doch fremdartigen Elemente in diesen Kreis, eine Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahrhunderte stetiger Taetigkeit und ruhiger Selbstentwicklung erforderte, diese lange Frist und diesen Frieden zu Lande und zur See gefunden hat. Das Greisenalter vermag nicht neue Gedanken und schoepferische Taetigkeit zu entwickeln, und das hat auch das roemische Kaiserregiment nicht getan; aber es hat in seinem Kreise, den die, welche ihm angehoerten, nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen laenger und vollstaendiger gehegt, als es irgendeiner anderen Vormacht je gelungen ist. In den Ackerstaedten Afrikas, in den Winzerheimstaetten an der Mosel, in den bluehenden Ortschaften der lykischen Gebirge und des syrischen Wuestenrandes ist die Arbeit der Kaiserzeit zu suchen und auch zu finden. Noch heute gibt es manche Landschaft des Orients wie des Okzidents, fuer welche die Kaiserzeit den an sich sehr bescheidenen, aber doch vorher wie nachher nie erreichten Hoehepunkt des guten Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet damals oder heute mit groesserem Verstande und mit groesserer Humanitaet regiert worden ist, ob Gesittung und Voelkerglueck im allgemeinen seitdem vorwaerts- oder zurueckgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausfallen wuerde. Aber wenn wir finden, dass dieses also war, so fragen wir die Buecher, die uns geblieben sind, meistens umsonst, wie dieses also geworden ist. Sie geben darauf sowenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung der frueheren Republik die gewaltige Erscheinung des Rom erklaert, welches in Alexanders Spuren die Welt unterwarf und zivilisierte. Ausfuellen laesst sich die eine Luecke sowenig wie die andere. Aber es schien des Versuches wert, einmal abzusehen sowohl von den Regentenschilderungen mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu oft gefaelschten Farben wie auch von dem scheinhaft chronologischen Aneinanderreihen nicht zusammenpassender Fragmente, und dafuer zu sammeln und zu ordnen, was fuer die Darstellung des roemischen Provinzialregiments die Ueberlieferung und die Denkmaeler bieten, der Muehe wert, durch diese oder durch jene zufaellig erhaltene Nachrichten, in dem Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen in ihrer Beziehung auf die einzelnen Landesteile, mit den fuer jeder. derselben, durch die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen Bedingungen, durch die Phantasie, welche wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter ist, nicht zu einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Aber die Epoche Diocletians habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue Regiment, welches damals geschaffen wurde, hoechstens im zusammenfassenden Ausblick den Schlussstein dieser Erzaehlung bilden kann; seine volle Wuerdigung verlangt eine besondere Erzaehlung und einen anderen Weltrahmen, ein bei schaerferem Verstaendnis des Einzelnen in dem grossen Sinn und mit dem weiten Blick Gibbons durchgefuehrtes selbstaendiges Geschichtswerk. Italien und seine Inseln sind ausgeschlossen worden, da diese Darstellung von der des allgemeinen Reichsregiments nicht getrennt werden kann. Die sogenannte aeussere Geschichte der Kaiserzeit ist aufgenommen als integrierender Teil der Provinzialverwaltung; was wir Reichskriege nennen wuerden, sind gegen das Ausland unter der Kaiserzeit nicht gefuehrt worden, wenngleich die durch die Arrondierung oder Verteidigung der Grenzen hervorgerufenen Kaempfe einige Male Verhaeltnisse annahmen, dass sie als Kriege zwischen zwei gleichartigen Maechten erscheinen, und der Zusammensturz der roemischen Herrschaft in der Mitte des dritten Jahrhunderts, welcher einige Dezennien hindurch ihr definitives Ende werden zu sollen schien, aus der an mehreren Stellen gleichzeitig ungluecklich gefuehrten Grenzverteidigung sich entwickelte. Die grosse Vorschiebung und Regulierung der Nordgrenze, wie sie unter Augustus teilweise ausgefuehrt ward, teilweise misslang, leitet die Erzaehlung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem jeden der drei hauptsaechlichsten Schauplaetze der Grenzverteidigung, des Rheins, der Donau, des Euphrat, zusammengefasst worden. Im uebrigen ist die Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im einzelnen fesselndes Detail, Stimmungsschilderungen und Charakterkoepfe hat sie nicht zu bieten; es ist dem Kuenstler, aber nicht dem Geschichtschreiber erlaubt, das Antlitz des Arminius zu erfinden. Mit Entsagung ist dies Buch geschrieben und mit Entsagung moechte es gelesen sein.
1. Kapitel
Die Nordgrenze Italiens
Die roemische Republik hat ihr Gebiet hauptsaechlich auf den Seewegen gegen Westen, Sueden und Osten erweitert; nach derjenigen Richtung hin, in welcher Italien und die von ihm abhaengigen beiden Halbinseln im Westen und im Osten mit dem grossen Kontinent Europas zusammenhaengen, war dies wenig geschehen. Das Hinterland Makedoniens gehorchte den Roemern nicht und nicht einmal der noerdliche Abhang der Alpen; nur das Hinterland der gallischen Suedkueste war durch Caesar zum Reiche gekommen. Bei der Stellung, die das Reich im allgemeinen einnahm, durfte dies so nicht bleiben; die Beseitigung des traegen und unsicheren Regiments der Aristokratie musste vor allem an dieser Stelle sich geltend machen. Nicht so geradezu wie die Eroberung Britanniens hatte Caesar die Ausdehnung des roemischen Gebiets am Nordabhang der Alpen und am rechten Ufer des Rheins den Erben seiner Machtstellung aufgetragen; aber der Sache nach war die letztere Grenzerweiterung bei weitem naeher gelegt und notwendiger als die Unterwerfung der ueberseeischen Kelten, und man versteht es, dass Augustus diese unterliess und jene aufnahm. Dieselbe zerfiel in drei grosse Abschnitte: die Operationen an der Nordgrenze der griechisch-makedonischen Halbinsel im Gebiet der mittleren und unteren Donau, in Illyricum; die an der Nordgrenze Italiens selbst, im oberen Donaugebiet, in Raetien und Noricum; endlich die am rechten Rheinufer, in Germanien. Meistens selbstaendig gefuehrt, haengen die militaerisch-politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch innerlich zusammen, und wie sie saemtlich aus der freien Initiative der roemischen Regierung hervorgegangen sind, koennen sie auch in ihrem Gelingen wie in ihrem teilweisen Misslingen nur in ihrer Gesamtheit militaerisch und politisch verstanden werden. Sie werden darum auch mehr im oertlichen als wie zeitlichen Zusammenhang dargelegt werden; das Gebaeude, von dem sie doch nur Teile sind, wird besser in seiner inneren Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet. Das Vorspiel zu dieser grossen Gesamtaktion machen die Einrichtungen, welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sizilien freie Hand gewonnen hatte, an den oberen Kuesten des Adriatischen Meeres und im angrenzenden Binnenland vornahm. In den hundertundfuenfzig Jahren, die seit der Gruendung Aquileias verflossen waren, hatte wohl der roemische Kaufmann von dort aus sich des Verkehrs mehr und mehr bemaechtigt, aber der Staat unmittelbar nur geringe Fortschritte gemacht. An den Haupthaefen der dalmatinischen Kueste, ebenso auf der von Aquileia in das Savetal fuehrenden Strasse bei Nauportus (Ober-Laibach) hatten sich ansehnliche Handelsniederlassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien, Istrien und die Krain galten als roemisches Gebiet und wenigstens das Kuestenland war in der Tat botmaessig; aber die rechtliche Staedtegruendung stand noch ebenso aus wie die Baendigung des unwirtlichen Binnenlandes. Hier aber kam noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen Caesar und Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso entschieden fuer den letzteren Partei ergriffen wie die dort ansaessigen Roemer fuer Caesar; auch nach der Niederlage des Pompeius bei Pharsalos und nach der Verdraengung der Pompeianischen Flotte aus den illyrischen Gewaessern setzten die Eingeborenen den Widerstand energisch und erfolgreich fort. Der tapfere und faehige Publius Vatinius, der frueher in diese Kaempfe mit grossem Erfolg eingegriffen hatte, wurde mit einem starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem Jahre vor Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit welchem der Diktator selbst nachfolgend die eben damals maechtig emporstrebenden Daker niederzuwerfen und die Verhaeltnisse im ganzen Donaugebiet zu ordnen beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Moerder ab; man musste sich gluecklich schaetzen, dass die Daker nicht ihrerseits in Makedonien eindrangen, und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater ungluecklich und mit starken Verlusten. Als dann die Republikaner im Osten ruesteten, ging das illyrische Heer in das des Brutus ueber und die Dalmatiner blieben laengere Zeit unangefochten. Nach der Niederwerfung der Republikaner liess Antonius, dem bei der Teilung des Reiches Makedonien zugefallen war, im Jahre 715 (39) die unbotmaessigen Dardaner im Nordwesten und die Parthiner an der Kueste (oestlich von Durazzo) zu Paaren treiben, wobei der beruehmte Redner Gaius Asinius Pollio die Ehren des Triumphes gewann. In Illyricum, welches unter Caesar stand, konnte nichts geschehen, solange dieser seine ganze Macht auf den sizilischen Krieg gegen Sextus Pompeius wenden musste; aber nach dessen gluecklicher Beendigung warf Caesar selbst sich mit aller Kraft auf diese Aufgabe. Die kleinen Voelkerschaften von Doclea (Cernagora) bis zu den Japuden (bei Fiume) wurden in dem ersten Feldzug (719 35) zur Botmaessigkeit zurueckgebracht oder jetzt zuerst gebaendigt. Es war kein grosser Krieg mit namhaften Feldschlachten, aber die Gebirgskaempfe gegen die tapferen und verzweifelnden Staemme und das Brechen der festen, zum Teil mit roemischen Maschinen ausgeruesteten Burgen waren keine leichte Aufgabe; in keinem seiner Kriege hat Caesar in gleichem Grade eigene Energie und persoenliche Tapferkeit entwickelt. Nach der muehsamen Unterwerfung des Japudengebiets marschierte er noch in demselben Jahre im Tal der Kulpa aufwaerts zu deren Muendung in die Save; die dort gelegene feste Ortschaft Siscia (Sziszek), der Hauptwaffenplatz der Pannonier, gegen den bisher die Roemer noch nie mit Erfolg vorgegangen waren, ward jetzt besetzt und zum Stuetzpunkt bestimmt fuer den Krieg gegen die Daker, den Caesar demnaechst aufzunehmen gedachte. In den beiden folgenden Jahren (720, 721 34, 33) wurden die Dalmater, die seit einer Reihe von Jahren gegen die Roemer in Waffen standen, nach dem Fall ihrer Feste Promona (Promina bei Dernis, oberhalb Sebenico) zur Unterwerfung gezwungen. Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war das Friedenswerk, das zugleich sich vollzog und zu dessen Sicherung sie dienen sollten. Ohne Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplaetze an der istrischen und dalmatinischen Kueste, soweit sie in dem Machtbereich Caesars lagen, Tergeste (Triest), Pola, Iader (Zara), Salome (bei Spalato), Narona (an der Narentamuendung), nicht minder jenseits der Alpen, auf der Strasse von Aquileia ueber die Julische Alpe zur Save, Emona (Laibach), durch den zweiten Julier zum Teil staedtische Mauern, saemtlich staedtisches Recht. Die Plaetze selbst bestanden wohl alle schon laengst als roemische Flecken; aber es war immer von wesentlicher Bedeutung, dass sie jetzt unter die italischen Gemeinden gleichberechtigt eingereiht wurden.
Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Buergerkrieg ging zum zweitenmal ihm vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den Osten; und der grosse Entscheidungskampf zwischen Caesar und Antonius warf seine Wellen bis in das ferne Donaugebiet. Das durch den Koenig Burebista geeinigte und gereinigte Volk der Daker, jetzt unter dem Koenig Cotiso, sah sich von beiden Gegnern umworben – Caesar wurde sogar beschuldigt, des Koenigs Tochter zur Ehe begehrt und ihm dagegen die Hand seiner fuenfjaehrigen Tochter Julia angetragen zu haben. Dass der Daker im Hinblick auf die von dem Vater geplante, von dem Sohn durch die Befestigung Siscias eingeleitete Invasion sich auf Antonius’ Seite schlug, ist begreiflich; und haette er ausgefuehrt, was man in Rom besorgte, waere er, waehrend Caesar im Osten focht, vom Norden her in das wehrlose Italien eingedrungen, oder haette Antonius nach dem Vorschlag der Daker die Entscheidung statt in Epirus vielmehr in Makedonien gesucht und dort die dakischen Scharen an sich gezogen, so waeren die Wuerfel des Kriegsgluecks vielleicht anders gefallen. Aber weder das eine noch das andere geschah; zudem brach eben damals der durch Burebistas kraeftige Hand geschaffene Dakerstaat wieder auseinander; die inneren Unruhen, vielleicht auch von Norden her die Angriffe der germanischen Bastarner und der spaeterhin Dakien nach allen Richtungen umklammernden sarmatischen Staemme, verhinderten die Daker, in den auch ueber ihre Zukunft entscheidenden roemischen Buergerkrieg einzugreifen. Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, wandte sich Caesar zu der Regulierung der Verhaeltnisse an der unteren Donau. Indes da teils die Daker selbst nicht mehr so wie frueher zu fuerchten waren, teils Caesar jetzt nicht mehr bloss ueber Illyricum, sondern ueber die ganze griechisch- makedonische Halbinsel gebot, wurde zunaechst diese die Basis der roemischen Operationen. Vergegenwaertigen wir uns die Voelker und die Herrschaftsverhaeltnisse; die Augustus dort vorfand. Makedonien war seit Jahrhunderten roemische Provinz. Als solche reichte es nicht hinaus noerdlich ueber Stobi und oestlich ueber das Rhodopegebirge; aber der Machtbereich Roms erstreckte sich weit ueber die eigentliche Landesgrenze, obwohl in schwankendem Umfang und ohne feste Form. Ungefaehr scheinen die Roemer damals bis zum Haemus (Balkan) die Vormacht gehabt zu haben, waehrend das Gebiet jenseits des Balkan bis zur Donau wohl einmal von roemischen Truppen betreten, aber keineswegs von Rom abhaengig war ^1. Jenseits des Rhodopegebirges waren die Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich die der Odrysen, denen der groesste Teil der Suedkueste und ein Teil der Kueste des Schwarzen Meeres botmaessig war, durch die Expedition des Lucullus unter roemische Schutzherrschaft gekommen, waehrend die Bewohner der mehr binnenlaendischen Gebiete, namentlich die Besser an der oberen Mariza Untertanen wohl hiessen, aber nicht waren und ihre Einfaelle in das befriedete Gebiet sowie die Vergeltungszuege in das ihrige stetig fortgingen. So hatte um das Jahr 694 (60) der leibliche Vater des Augustus, Gaius Octavius, und im Jahre 711 (43) waehrend der Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die Triumvirn Marcus Brutus gegen sie gestritten. Eine andere thrakische Voelkerschaft, die Dentheleten (in der Gegend von Sofia), hatten noch in Ciceros Zeit bei einem Einfall in Makedonien Miene gemacht, dessen Hauptstadt Thessalonike zu belagern. Mit den Dardanern, den westlichen Nachbarn der Thraker, einem Zweig der illyrischen Voelkerfamilie, welche das suedliche Serbien und den Distrikt Prisrend bewohnten, hatte der Amtsvorgaenger des Lucullus, Curio, mit Erfolg und ein Dezennium spaeter Ciceros Kollege im Konsulat, Gaius Antonius, im Jahre 692 (62) ungluecklich gefochten. Unterhalb des dardanischen Gebiets, unmittelbar an der Donau, sassen wieder thrakische Staemme, die einstmals maechtigen, jetzt herabgekommenen Triballer im Tal des Oescus (in der Gegend von Plewna), weiterhin an beiden Ufern der Donau bis zur Muendung Daker, oder wie sie am rechten Donauufer mit dem alten, auch den asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen gewoehnlich genannt wurden, Myser oder Moeser, wahrscheinlich zu Burebistas Zeit ein Teil seines Reiches, jetzt wieder in verschiedene Fuerstentuemer zersplittert. Die maechtigste Voelkerschaft aber zwischen Balkan und Donau waren damals die Bastarner. Wir sind diesem tapferen und zahlreichen Stamm, dem oestlichsten Zweig der grossen germanischen Sippe, schon mehrfach begegnet. Eigentlich ansaessig hinter den transdanuvianischen Dakern jenseits der Gebirge, die Siebenbuergen von der Moldau scheiden, an den Donaumuendungen und in dem weiten Gebiet von da zum Dnjestr, befanden sie sich selber ausserhalb des roemischen Bereichs; aber vorzugsweise aus ihnen hatte sowohl Koenig Philipp von Makedonien wie Koenig Mithradates von Pontus seine Heere gebildet und in dieser Weise hatten die Roemer schon frueher oft mit ihnen gestritten. Jetzt hatten sie in grossen Massen die Donau ueberschritten und sich noerdlich vom Haemus festgesetzt; insofern der dakische Krieg, wie ihn Caesar der Vater und dann der Sohn geplant hatten, ohne Zweifel der Gewinnung des rechten Ufers der unteren Donau galt, war er nicht minder gegen sie gerichtet wie gegen die rechtsufrigen dakischen Moeser. Die griechischen Kuestenstaedte in dem Barbarenland Odessos (bei Varna), Tomis, Istropolis, schwer bedraengt durch dies Voelkergewoge, waren hier wie ueberall die geborenen Klienten der Roemer. —————————————————– ^1 Dies sagt ausdruecklich Dio (51, 23) zum Jahre 725 (29): teos men o?n ta?t epoioyn (d. h. solange die Bastarner nur die Triballer – bei Oescus in Niedermoesien – und die Dardaner in Obermoesien angriffen), oyden sphisi pragma pros to?s R/o/maioys /e/n. Epei de ton te Aimon yperebesan kai t/e/n THrak/e/n t/e/n Denthel/e/t/o/n enspondon aytois o?san katedramon k. t. l. Die Bundesgenossen in Moesien, von denen Dio 38, 10 spricht, sind die Kuestenstaedte.
—————————————————– Zur Zeit der Diktatur Caesars, als Burebista auf der Hoehe seiner Macht stand, hatten die Daker an der Kueste bis hinab nach Apollonia jenen fuerchterlichen Verheerungszug ausgefuehrt, dessen Spuren noch nach anderthalb Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl zunaechst dieser Einfall gewesen sein, welcher Caesar den Vater bestimmte, den Dakerkrieg zu unternehmen; und nachdem der Sohn jetzt auch ueber Makedonien gebot, musste er allerdings sich verpflichtet fuehlen, eben hier sofort und energisch einzugreifen. Die Niederlage, die Ciceros Kollege Antonius bei Istropolis durch die Bastarner erlitten hatte, darf als ein Beweis dafuer genommen werden, dass diese Griechen wieder einmal der Hilfe der Roemer bedurften. In der Tat wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725 29) Marcus Licinius Crassus, der Enkel des bei Karrhae gefallenen, von Caesar als Statthalter nach Makedonien gesandt und beauftragt, den zweimal verhinderten Feldzug nun auszufuehren. Die Bastarner, welche eben damals in Thrakien eingefallen waren, fuegten sich ohne Widerstand, als Crassus sie auffordern liess, das roemische Gebiet zu verlassen; aber ihr Rueckzug genuegte dem Roemer nicht. Er ueberschritt seinerseits den Haemus ^2, schlug am Einfluss des Cibrus (Tzibritza) in die Donau die Feinde, deren Koenig Deldo auf der Wahlstatt blieb, und nahm, was aus der Schlacht in eine nahe Festung entkommen war, mit Hilfe eines zu den Roemern haltenden Dakerfuersten gefangen. Ohne weiteren Widerstand zu leisten, unterwarf sich dem Ueberwinder der Bastarner das gesamte moesische Gebiet. Diese kamen im naechsten Jahr wieder, um die erlittene Niederlage wettzumachen; aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, was von den moesischen Staemmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. Damit waren diese Feinde von dem rechten Donauufer ein fuer allemal ausgewiesen und dieses vollstaendig der roemischen Herrschaft unterworfen. Zugleich wurden die noch nicht botmaessigen Thraker gebaendigt, den Bessern das nationale Heiligtum des Dionysos genommen und die Verwaltung desselben den Fuersten der Odrysen uebertragen, welche ueberhaupt seitdem unter dem Schutz der roemischen Obergewalt die Oberherrlichkeit ueber die thrakischen Voelkerschaften suedlich vom Haemus fuehrten oder doch fuehren sollten. Unter seinen Schutz wurden ferner die griechischen Kuestenstaedte am Schwarzen Meere gestellt und auch das uebrige eroberte Gebiet verschiedenen Lehnsfuersten zugeteilt, auf die somit zunaechst der Schutz der Reichsgrenze ueberging ^3; eigene Legionen hatte Rom fuer diese fernen Landschaften nicht uebrig. Makedonien wurde dadurch zur Binnenprovinz, die der militaerischen Verwaltung nicht ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen dakischen Kriegsplaenen ins Auge gefasst worden war, war erreicht. ——————————————————– ^2 Wenn Dio sagt (51, 23): t/e/n Segetik/e/n kakoymen/e/n prosepoi/e/sato kai es t/e/n Mysida enebale, so kann jene Stadt wohl nur Serdica sein, das heutige Sofia, am oberen Oescus, der Schluessel fuer das moesische Land. ^3 Nach dem Feldzug des Crassus ist das eroberte Land wahrscheinlich in der Weise organisiert worden, dass die Kueste zum Thrakischen Reich kam, wie dies G. Zippel (Die roemische Herrschaft in Illyricum bis auf Augustus. Leipzig 1877, S. 243) dargetan hat, der westliche Teil aber, aehnlich wie Thrakien den einheimischen Fuersten zu Lehen gegeben ward, an deren eines Stelle der noch unter Tiberius fungierende praefectus civitatium Moesiae et Triballiae (CIL V, 1838) getreten sein muss. Die uebliche Annahme, dass Moesien anfaenglich mit Illyricum verbunden gewesen sei, ruht nur darauf, dass dasselbe bei der Aufzaehlung der im Jahre 727 (27) zwischen Kaiser und Senat geteilten Provinzen bei Dio 53, 12 nicht genannt werde und also in “Dalmatien” enthalten sei. Aber auf die Lehnsstaaten und die prokuratorischen Provinzen erstreckt sich diese Aufzaehlung ueberhaupt nicht und insofern ist bei jener Annahme alles in Ordnung. Dagegen sprechen gegen die gewoehnliche Auffassung schwerwiegende Argumente. Waere Moesien urspruenglich ein Teil der Provinz Illyricum gewesen, so haette es diesen Namen behalten; denn bei Teilung der Provinz pflegt der Name zu bleiben und nur ein Determinativ hinzuzutreten. Die Benennung Illyricum aber, die Dio ohne Zweifel a. a. O. wiedergibt, hat sich in dieser Verbindung immer beschraenkt auf das obere (Dalmatien) und das untere (Pannonien). Ferner bleibt, wenn Moesien ein Teil von Illyricum war, fuer jenen Praefekten von Moesien und Triballien, resp. seinen koeniglichen Vorgaenger kein Raum. Endlich ist es wenig wahrscheinlich, dass im Jahre 727 (27) einem einzigen senatorischen Statthalter ein Kommando von dieser Ausdehnung und Wichtigkeit anvertraut worden ist. Dagegen erklaert sich alles einfach, wenn nach dem Kriege des Crassus in Moesien kleine Klientelstaaten entstanden; diese standen als solche von Haus aus unter dem Kaiser, und da bei deren sukzessiver Einziehung und Umwandlung in eine Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den Annalen ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem Jahre 743 (11), da der damals den Krieg gegen die Thraker fuehrende Statthalter L. Calpurnius Piso, dem Dio 54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, als Provinz nur Pannonien oder Moesien gehabt haben kann und da in Pannonien damals Tiberius als Legat fungierte, fuer ihn nur Moesien uebrig bleibt. Im Jahre 6 n. Chr. erscheint sicher ein kaiserlicher Statthalter von Moesien. ——————————————————– Allerdings war dieses Ziel nur ein vorlaeufiges. Aber bevor Augustus die definitive Regulierung der Nordgrenze in die Hand nahm, wandte er sich zu der Reorganisation der schon zum Reiche gehoerigen Landschaften; ueber ein Dezennium verging mit der Ordnung der Dinge in Spanien, Gallien, Asien, Syrien. Wie er dann, als dort das Noetige geschehen war, das umfassende Werk angriff, soll nun erzaehlt werden.
Italien, das ueber drei Weltteile gebot, war, wie gesagt, noch keineswegs unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen Norden beschirmen, waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Meer zum andern angefuellt mit kleinen, wenig zivilisierten Voelkerschaften illyrischer, raetischer, keltischer Nationalitaet, deren Gebiete zum Teil hart angrenzten an die der grossen Staedte der Transpadana – so das der Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das der Camunner (Val Camonica, oberhalb des Lago d’Iseo) an die Stadt Bergomum, das der Salasser (Val d’Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs friedliche Nachbarschaft pflogen. Oft genug ueberwunden und als besiegt auf dem Kapitol proklamiert, pluenderten diese Staemme, allen Lorbeeren der vornehmen Triumphatoren zum Trotz, fortwaehrend die Bauern und die Kaufleute Oberitaliens. Ernstlich zu steuern war dem Unwesen nicht, solange die Regierung sich nicht entschloss, die Alpenhoehen zu ueberschreiten und auch den noerdlichen Abhang in ihre Gewalt zu bringen; denn ohne Zweifel stroemten bestaendig zahlreiche dieser Raubgesellen ueber die Berge herueber, um das reiche Nachbarland zu brandschatzen. Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu tun; die Voelkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) waren zwar von Caesar unterworfen worden, aber sind auch unter denen genannt, die den Feldherren seines Sohnes zu schaffen machten. Andererseits klagten die friedlichen gallischen Grenzdistrikte ueber die stetigen Einfaelle der Raeter. Eine Geschichtserzaehlung leiden und fordern die zahlreichen Expeditionen nicht, welche Augustus dieser Missstaende halber veranstaltet hat; in den Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und gehoeren auch nicht hinein, aber sie gaben Italien zum ersten Mal Befriedung des Nordens. Erwaehnt moegen werden die Niederwerfung der oben erwaehnten Camunner im Jahre 738 (16) durch den Statthalter von Illyricum und die gewisser ligurischer Voelkerschaften in der Gegend von Nizza im Jahre 740 (14), weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der augustischen Zeit diese unbotmaessigen Staemme unmittelbar auf Italien drueckten. Wenn der Kaiser spaeterhin in dem Gesamtbericht ueber seine Reichsverwaltung erklaerte, dass gegen keine dieser kleinen Voelkerschaften von ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird dies dahin zu verstehen sein, dass ihnen Gebietsabtretungen und Sitzwechsel angesonnen wurden und sie sich dagegen zur Wehr setzten; nur der unter Koenig Cottius von Segusio (Susa) vereinigte kleine Gauverband fuegte sich ohne Kampf in die neue Ordnung. Der Schauplatz dieser Kaempfe waren die suedlichen Abhaenge und die Taeler der Alpen. Es folgte die Festsetzung auf dem Nordabhang der Gebirge und in dem noerdlichen Vorlande im Jahre 739 (15). Die beiden dem kaiserlichen Hause zugezaehlten Stiefsoehne Augusts, Tiberius, der spaetere Kaiser, und sein Bruder Drusus, wurden damit in die ihnen bestimmte Feldherrnlaufbahn eingefuehrt – es waren sehr sichere und sehr dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt wurden. Von Italien aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die raetischen Berge ein und erfocht hier einen ersten Sieg; fuer das weitere Vordringen reichte ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet aus die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die roemischen Trieren die Boote der Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 739 (15), wurde in der Umgegend der Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen, durch die Raetien und das Vindelikerland, das heisst Tirol, die Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile des Roemischen Reiches wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen, um den Krieg und die Einrichtung der neuen Provinz zu ueberwachen. Da wo die Alpen am Golf von Genua endigen, auf der Hoehe oberhalb Monaco, wurde einige Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus ein weit in das Tyrrhenische Meer hinausschauendes, noch heute nicht ganz verschwundenes Denkmal dafuer errichtet, dass unter seinem Regiment die Alpenvoelker alle vom oberen zum unteren Meer – ihrer sechsundvierzig zaehlt die Inschrift auf – in die Gewalt des roemischen Volkes gebracht worden waren. Es war nicht mehr als die einfache Wahrheit, und dieser Krieg das, was der Krieg sein soll, der Schirmer und der Buerge des Friedens.
Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Organisation des neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren politischen Verhaeltnisse hier zum Teil recht stoerend eingriffen. Da nach der Lage der Dinge das militaerische Schwergewicht nicht in Italien liegen durfte, so musste die Regierung darauf bedacht sein, die grossen Militaerkommandos aus der unmittelbaren Naehe Italiens moeglichst zu entfernen; ja es hat wohl bei der Besetzung Raetiens selbst das Bestreben mitgewirkt, das Kommando, welches wahrscheinlich bis dahin in Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden koennen, definitiv von dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausfuehrung kam. Was man zunaechst erwarten sollte, dass fuer die in dem neugewonnenen Gebiet unentbehrlichen militaerischen Aufstellungen ein grosser Mittelpunkt am Nordabhang der Alpen geschaffen worden waere, davon geschah das gerade Gegenteil. Es wurde zwischen Italien einer- und den grossen Rhein- und Donaukommandos andererseits ein Guertel kleinerer Statthalterschaften gezogen, die nicht bloss alle vom Kaiser, sondern auch durchaus mit dem Senat nicht angehoerigen Maennern besetzt wurden. Italien und die suedgallische Provinz wurden geschieden durch die drei kleinen Militaerdistrikte der Seealpen (Departement der Seealpen und Provinz Cuneo), der Kottischen mit der Hauptstadt Segusio (Susa) und wahrscheinlich der Graischen (Ostsavoyen), unter denen der zweite, von dem schon genannten Gaufuersten Cottius und seinen Nachkommen eine Zeitlang in den Formen der Klientel verwaltete ^4 am meisten bedeutete, die aber alle eine gewisse Militaergewalt besassen und deren naechste Bestimmung war, in dem betreffenden Gebiet und vor allem auf den wichtigen, dasselbe durchschneidenden Reichsstrassen die oeffentliche Sicherheit zu erhalten. Das obere Rhonetal dagegen, also das Wallis, und das neu eroberte Raetien wurden einem nicht im Rang, aber wohl an Macht hoeher stehenden Befehlhaber untergeben; ein relativ ansehnliches Korps war hier nun einmal unumgaenglich erforderlich. Indes wurde, um dasselbe moeglichst verringern zu koennen, Raetien durch Entfernung seiner Bewohner im grossen Massstab entvoelkert. Den Ring schloss die aehnlich organisierte Provinz Noricum, den groessten Teil des heutigen deutschen Osterreich umfassend. Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich ohne wesentlichen Widerstand der roemischen Herrschaft unterworfen, wahrscheinlich in der Form, dass hier zunaechst ein abhaengiges Fuerstenrum entstand, bald aber der Koenig dem kaiserlichen Prokurator wich, von dem er ohnehin sich nicht wesentlich unterschied. Von den Rhein- und Donaulegionen erhielten allerdings einige ihre Standlager in der unmittelbaren Naehe, einerseits der raetischen Grenze bei Vindonissa, andererseits der norischen bei Poetovio, offenbar, um auf die Nachbarprovinz zu druecken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter senatorischen Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie senatorische Statthalter. Das Misstrauen gegen das neben dem Kaiser den Staat regierende Kollegium findet in dieser Einrichtung einen sehr drastischen Ausdruck.
——————————————- ^4 Der offizielle Titel des Cottius war nicht Koenig, wie der seines Vaters Donnus, sondern “Gauverbandsvorstand” (praefectus civitatium), wie er auf dem noch stehenden, im Jahre 745/46 (9/8) von ihm zu Ehren des Augustus errichteten Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung war ohne Zweifel lebenslaenglich und, unter Vorbehalt der Bestaetigung des Lehnsherrn, auch erblich, also insofern der Verband allerdings ein Fuerstentum, wie er auch gewoehnlich heisst. ——————————————- Naechst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Organisation die Sicherung seiner Kommunikationen mit dem Norden, die fuer den Handelsverkehr von nicht minder einschneidender Bedeutung war wie in militaerischer Beziehung. Mit besonderer Energie griff Augustus diese Aufgabe an und es ist wohl verdient, dass in den Namen Aosta und Augsburg, vielleicht auch in dem der Julischen Alpen der seinige noch heute fortlebt. Die alte Kuestenstrasse, die Augustus von der ligurischen Kueste durch Gallien und Spanien bis an den Atlantischen Ozean teils erneuerte, teils herstellte, hat nur Handelszwecken dienen koennen. Auch die Strasse ueber die Kottische Alpe, schon durch Pompeius eroeffnet, ist unter Augustus durch den schon erwaehnten Fuersten von Susa ausgebaut und nach ihm benannt worden; ebenfalls eine Handelsstrasse, verknuepft sie Italien ueber Turin und Susa mit der Handelshauptstadt Suedgalliens Arelate. Aber die eigentliche Militaerlinie, die unmittelbare Verbindung zwischen Italien und den Rheinlagern fuehrt durch das Tal der Dora Baltea aus Italien teils nach der Hauptstadt Galliens, Lyon, teils nach dem Rhein. Hatte die Republik sich darauf beschraenkt, den Eingang jenes Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in ihre Gewalt zu bringen, so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise, dass er dessen Bewohner, die immer noch unruhigen und schon waehrend des dalmatinischen Krieges von ihm bekaempften Salasser, nicht bloss unterwarf, sondern geradezu austilgte – ihrer 36000, darunter 8000 streitbare Maenner, wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei verkauft und den Kaeufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem derselben die Freiheit zu gewaehren. Das Feldlager selbst, von dem aus sein Feldherr Varro Murena im Jahre 729 (25) sie schliesslich aufs Haupt geschlagen hatte, wurde die Festung, welche, besetzt mit 3000 der Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die Verbindungen sichern sollte, die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta, deren damals errichtete Mauern und Tore noch heute stehen. Sie beherrschte spaeter zwei Alpenstrassen, sowohl die ueber die Grafische Alpe oder den Kleinen St. Bernhard an der oberen Isere und der Rhone nach Lyon fuehrende wie die, welche ueber die Poeninische Alpe, den Grossen St. Bernhard, zum Rhonetal und zum Genfer See und von da in die Taeler der Aare und des Rheins lief. Aber fuer die erste dieser Strassen ist die Stadt angelegt worden, da sie urspruenglich nur nach Osten und Westen fuehrende Tore gehabt hat, und es konnte dies auch nicht anders sein, da die Festung ein Dezennium vor der Besetzung Raetiens gebaut ward, auch in jenen Jahren die spaetere Organisation der Rheinlager noch nicht bestand und die direkte Verbindung der Hauptstaedte Italiens und Galliens durchaus in erster Reihe stand. In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage von Emona an der oberen Save auf der alten Handelsstrasse von Aquileia ueber die Julische Alpe in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese Strasse war zugleich die Hauptader der militaerischen Verbindung von Italien mit dem Donaugebiet. Mit der Eroberung Raetiens endlich verband sich die Eroeffnung der Strasse, welche von der letzten italischen Stadt Tridentum (Trient) das Etschtal hinauf zu der im Lande der Vindeliker neu angelegten Augusta, dem heutigen Augsburg, und weiter zur oberen Donau fuehrte. Als dann der Sohn des Feldherrn, der dieses Gebiet zuerst aufgeschlossen hatte, zur Regierung gelangte, ist dieser Strasse der Name der Claudischen beigelegt worden ^5. Sie stellte zwischen Raetien und Italien die militaerisch unentbehrliche Verbindung her; indes hat sie in Folge der relativ geringen Bedeutung der raetischen Armee und wohl auch in Folge der schwierigeren Kommunikation niemals die Bedeutung gehabt wie die Strasse von Aosta.
——————————————————- ^5 Wir kennen diese Strasse nur in der Gestalt, die der Sohn des Erbauers, Kaiser Claudius, ihr gab; urspruenglich kann sie natuerlich nicht via Claudia Augusta geheissen haben, sondern nur via Augusta, und schwerlich als ihr Endpunkt in Italien Altinum, ungefaehr das heutige Venedig, betrachtet worden sein, da unter Augustus noch alle Reichsstrassen nach Rom fuehrten. Dass die Strasse auch durch das obere Etschtal lief, ist erwiesen durch den bei Meran gefundenen Meilenstein (CIL V 8003); dass sie an die Donau fuehrte, ist bezeugt, die Verbindung dieses Strassenbaus mit der Anlage von Augusta Vindelicum, wenn dies auch zunaechst nur Marktflecken (forum) war, mehr als wahrscheinlich (CIL III, p. 711); auf welchem Wege von Meran aus Augsburg und die Donau erreicht wurden, wissen wir nicht. Spaeterhin ist die Strasse dahin korrigiert worden, dass sie bei Bozen die Etsch verlaesst und das Eisacktal hinauf ueber den Brenner nach Augsburg fuehrt.
——————————————————- Die Alpenpaesse und der Nordabhang der Alpen waren somit in gesichertem roemischen Besitz. Jenseits der Alpen erstreckte sich oestlich vom Rhein das germanische Land, suedwaerts der Donau das der Pannonier und der Moeser. Auch hier wurde kurz nach der Besetzung Raetiens, und ziemlich gleichzeitig nach beiden Seiten hin, die Offensive ergriffen. Betrachten wir zunaechst die Vorgaenge an der Donau.
Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum Jahre 727 (27) mit Oberitalien zusammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des Reiches ein selbstaendiger Verwaltungsbezirk Illyricum unter eigenem Statthalter. Er bestand aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum Drin, waehrend die Kueste weiter suedwaerts seit langem zur Statthalterschaft Makedonien gehoerte, und den roemischen Besitzungen im Lande der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen dem Haemus und der Donau bis zum Schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in Reichsabhaengigkeit gebracht hatte, sowie nicht minder Noricum und Raetien standen im Klientelverhaeltnis zu Rom, gehoerten also zwar nicht zu diesem Sprengel, aber hingen doch zunaechst von dem Statthalter Illyricums ab. Auch das noch keineswegs beruhigte Thrakien suedlich vom Haemus fiel militaerisch in denselben Bereich. Es ist eine bis in spaete Zeit bestehende Fortwirkung dieser urspruenglichen Organisation gewesen, dass das ganze Donaugebiet von Raetien bis Moesien als ein Zollbezirk unter dem Namen Illyricum im weiteren Sinne zusammengefasst worden ist. Legionen standen nur in dem eigentlichen Illyricum, in den uebrigen Distrikten wahrscheinlich gar keine Reichstruppen, hoechstens kleinere Detachements; das Oberkommando fuehrte der aus dem Senat hervorgehende Prokonsul der neuen Provinz, waehrend die Soldaten und die Offiziere selbstverstaendlich kaiserlich waren. Es zeugt von dem ernsten Charakter der nach der Eroberung Raetiens beginnenden Offensive, dass zunaechst der Nebenherrscher Agrippa das Kommando im Donaugebiet uebernahm, dem der Prokonsul von Illyricum von Rechts wegen sich unterzuordnen hatte, und dann, als Agrippas ploetzlicher Tod im Fruehjahr 742 (12) diese Kombination scheitern machte, im Jahre darauf Illyricum in kaiserliche Verwaltung ueberging, also die kaiserlichen Feldherren hier das Oberkommando erhielten. Bald bildeten sich hier drei militaerische Mittelpunkte, welche dann auch die administrative Dreiteilung des Donaugebiets herbeifuehrten. Die kleinen Fuerstentuemer in dem von Crassus eroberten Gebiet machten der Provinz Moesien Platz, deren Statthalter fortan in dem heutigen Serbien und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen Daker und Bastarner. In der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Teil der Legionen an der Kerka und der Cettina postiert, um die immer noch schwierigen Dalmater im Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in Pannonien an der damaligen Reichsgrenze, der Save. Chronologisch genau laesst sich diese Dislokation der Legionen und Organisation der Provinzen nicht fixieren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig gefuehrten ernsthaften Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir gleich zu berichten haben werden, zunaechst dazu gefuehrt, die Statthalterschaft von Moesien einzurichten, und haben erst einige Zeit nachher die dalmatischen Legionen und die an der Save eigene Oberbefehlshaber erhalten. Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen gleichsam eine Wiederholung des raetischen Feldzugs in erweitertem Massstab sind, so waren auch die Fuehrer, welche mit dem Titel kaiserlicher Legaten an die Spitze gestellt wurden, dieselben; wieder die beiden Prinzen des kaiserlichen Hauses, Tiberius, der an Agrippas Stelle das Kommando in Illyricum uebernahm, und Drusus, der an den Rhein ging, beide jetzt nicht mehr unerprobte Juenglinge, sondern Maenner in der Bluete ihrer Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen. An naechsten Anlaessen fuer die Kriegfuehrung fehlte es in der Donaugegend nicht. Raubgesindel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen Noricum pluenderte im Jahre 738 (16) bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre darauf ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die Waffen und obwohl sie dann, als Agrippa im Herbst des Jahres 741 (13) das Kommando uebernahm, ohne Widerstand zu leisten zum Gehorsam zurueckkehrten, sollen doch unmittelbar nach seinem Tode die Unruhen aufs neue begonnen haben. Wir vermoegen nicht zu sagen, wieweit diese roemischen Erzaehlungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche Grund und Zweck dieses Krieges war gewiss die durch die allgemeine politische Lage geforderte Vorschiebung der roemischen Grenze. Ueber die drei Kampagnen des Tiberius in Pannonien 742 bis 744 (12-10) sind wir sehr unvollkommen unterrichtet. Als Ergebnis derselben wurde von der Regierung die Feststellung der Donaugrenze fuer die Provinz Illyricum angegeben. Dass diese seitdem in ihrem ganzen Laufe als die Grenze des roemischen Gebiets angesehen wurde, ist ohne Zweifel richtig, aber eine eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung dieses ganzen weiten Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Hauptsaechlichen Widerstand gegen Tiberius leisteten die schon frueher fuer roemisch erklaerten Voelkerschaften, insbesondere die Dalmater; unter den damals zuerst effektiv unterworfenen ist die namhafteste die der pannonischen Breuker an der unteren Save. Schwerlich haben die roemischen Heere waehrend dieser Feldzuege die Drau auch nur ueberschritten, auf keinen Fall ihre Standlager an die Donau verlegt. Das Gebiet zwischen Save und Drau wurde allerdings besetzt und das Hauptquartier der illyrischen Nordarmee von Siscia an der Save nach Poetovio (Pettau) an der mittleren Drau verlegt, waehrend in dem vor kurzem besetzten norischen Gebiet die roemischen Besatzungen bis an die Donau bei Carnuntum reichten (Petronell bei Wien), damals die letzte norische Stadt gegen Osten. Das weite und grosse Gebiet zwischen der Drau und der Donau, das heutige westliche Ungarn, ist allem Anschein nach damals nicht einmal militaerisch besetzt worden. Es entsprach dies dem Gesamtplan der begonnenen Offensive; man suchte die Fuehlung mit dem gallischen Heer, und fuer die neue Reichsgrenze im Nordosten war der natuerliche Stuetzpunkt nicht Ofen, sondern Wien.
Gewissermassen eine Ergaenzung zu dieser pannonischen Expedition des Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thraker von Lucius Piso unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen Statthalter, den Moesien gehabt hat. Die beiden grossen benachbarten Nationen, die Illyriker und die Thraker, von denen in einem spaeteren Abschnitt eingehender gehandelt werden wird, standen damals gleichmaessig zur Unterwerfung. Die Voelkerschaften des inneren Thrakiens erwiesen sich noch stoerriger als die Illyriker und den von Rom ihnen gesetzten Koenigen wenig botmaessig; im Jahre 738 (16) musste ein roemisches Heer dort einruecken und den Fuersten gegen die Besser zu Hilfe kommen. Wenn wir genauere Berichte ueber die dort wie hier in den Jahren 741 bis 743 (13-11) gefuehrten Kaempfe haetten, wuerde das gleichzeitige Handeln der Thraker und der Illyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen. Gewiss ist es, dass die Masse der Thrakerstaemme suedlich vom Haemus und vermutlich auch die in Moesien sitzenden sich an diesem Nationalkrieg beteiligten, und dass die Gegenwehr der Thraker nicht minder hartnaeckig war als die der Illyriker. Es war fuer sie zugleich ein Religionskrieg; das den Bessern genommene und den roemisch gesinnten Odrysenfuersten ueberwiesene Dionysosheiligtum ^6 war nicht vergessen; ein Priester dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrektion und sie richtete sich zunaechst eben gegen jene Odrysenfuersten. Der eine derselben wurde gefangen und getoetet, der andere verjagt; die zum Teil nach roemischem Muster bewaffneten und disziplinierten Insurgenten siegten indem ersten Treffen ueber Piso und drangen vor bis nach Makedonien und in den Thrakischen Chersones; man fuerchtete fuer Asien. Indes die roemische Zucht behielt doch schliesslich das Uebergewicht auch ueber diese tapferen Gegner; in mehreren Feldzuegen wurde Piso des Widerstandes Herr, und das entweder schon bei dieser Gelegenheit oder bald nachher auf dem “thrakischen Ufer” eingerichtete Kommando von Moesien brach den Zusammenhang der dakisch-thrakischen Voelkerschaften, indem es die Staemme am linken Ufer der Donau und die verwandten suedlich vom Haemus voneinander schied, und sicherte dauernd die roemische Herrschaft im Gebiet der unteren Donau.
————————————————— ^6 Die Oertlichkeit, “in welcher die Besser den Gott Dionysos verehren” und die Crassus ihnen nahm und den Odrysen gab (Dio 51, 25), ist gewiss derselbe Liberi patris lucus, in welchem Alexander opferte und der Vater des Augustus, cum per secreta Thraciae exercitum duceret, das Orakel wegen seines Sohnes befragte (Suet. Aug. 94) und das schon Herodot (2, 111; vgl. Eur. Hek. 1267) als unter Obhut der Besser stehendes Orakelheiligtum erwaehnt. Gewiss ist es nordwaerts der Rhodope zu suchen; wiedergefunden ist es noch nicht. ————————————————— Naeher noch als von den Pannoniern und den Thrakern ward es den Roemern von den Germanen gelegt, dass der damalige Zustand der Dinge auf die Dauer nicht bleiben koenne. Die Reichsgrenze war seit Caesar der Rhein, vom Bodensee bis zu seiner Muendung. Eine Voelkerscheide war er nicht, da schon von alters her im Nordosten Galliens die Kelten sich vielfach mit Deutschen gemischt hatten, die Treuerer und die Nervier Germanen wenigstens gern gewesen waeren, am mittleren Rhein Caesar selbst die Reste der Scharen des Ariovistus, Triboker (im Elsass), Nemeter (um Speyer), Vangionen (um Worms) sesshaft gemacht hatte. Freilich hielten diese linksrheinischen Deutschen fester zu der roemischen Herrschaft als die keltischen Gaue und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten Ufer die Pforten Galliens geoeffnet. Aber diese, seit langem der Plunderzuege ueber den Fluss gewohnt und der mehrfach halb geglueckten Versuche, dort sich festzusetzen, keineswegs vergessen, kamen auch ungerufen. Die einzige germanische Voelkerschaft jenseits des Rheines, die schon in Caesars Zeit sich von ihren Landsleuten getrennt und unter roemischen Schutz gestellt hatte, die Ubier, hatten vor dem Hass ihrer erbitterten Stammgenossen weichen und auf dem roemischen Ufer Schutz und neue Wohnsitze suchen muessen (716 38); Agrippa, obwohl persoenlich in Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals bevorstehenden sizilischen Krieges nicht vermocht, ihnen in anderer Weise zu helfen, und den Rhein nur ueberschritten, um die Ueberfuehrung zu bewirken. Aus dieser ihrer Siedlung ist spaeter unser Koeln erwachsen. Nicht bloss die auf dem rechten Rheinufer Handel treibenden Roemer wurden vielfaeltig von den Germanen geschaedigt, so dass sogar im Jahre 729 (25) deswegen ein Vorstoss ueber den Rhein ausgefuehrt ward und Agrippa im Jahre 734 (20) vom Rhein heruebergekommene germanische Schwaerme aus Gallien hinauszuschlagen hatte; es geriet im Jahre 738 (16) das jenseitige Ufer in eine allgemeinere, auf einen Einbruch in grossem Massstab hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr gingen voran, mit ihnen ihre Nachbarn, noerdlich im Lippetal die Usiper, suedlich die Tencterer; sie griffen die bei ihnen verweilenden roemischen Haendler auf und schlugen sie ans Kreuz, ueberschritten dann den Rhein, pluenderten weit und breit die gallischen Gaue, und als ihnen der Statthalter von Germanien den Legaten Marcus Lollius mit der fuenften Legion entgegenschickte, fingen sie erst deren Reiterei ab und schlugen dann die Legion selbst in schimpfliche Flucht, wobei ihnen sogar deren Adler in die Haende fiel. Nach allem diesem kehrten sie unangefochten zurueck in ihre Heimat. Dieser Misserfolg der roemischen Waffen, wenn auch an sich nicht von Gewicht, war doch der germanischen Bewegung und selbst der schwierigen Stimmung in Gallien gegenueber nichts weniger als unbedenklich; Augustus selbst ging nach der angegriffenen Provinz, und es mag dieser Vorgang wohl die naechste Veranlassung gewesen sein zur Aufnahme jener grossen Offensive, die, mit dem Raetischen Krieg 739 (15) beginnend, weiter zu den Feldzuegen des Tiberius in Illyricum und des Drusus in Germanien fuehrte. Nero Claudius Drusus, geboren im Jahre 716 (38) von Livia im Hause ihres neuen Gemahls, des spaeteren Augustus, und von diesem gleich einem Sohn – die boesen Zungen sagten, als sein Sohn – geliebt und gehalten, ein Bild maennlicher Schoenheit und von gewinnender Anmut im Verkehr, ein tapferer Soldat und ein tuechtiger Feldherr, dazu ein erklaerter Lobredner der alten republikanischen Ordnung und in jeder Hinsicht der populaerste Prinz des kaiserlichen Hauses, uebernahm bei Augustus’ Rueckkehr nach Italien (741 13) die Verwaltung von Gallien und den Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt ernstlich in das Auge gefasst ward. Wir vermoegen weder die Staerke der damals am Rhein stehenden Armee noch die bei den Germanen obwaltenden Zustaende genuegend zu erkennen; nur das tritt deutlich hervor, dass die letzteren nicht imstande waren, dem geschlossenen Angriff in entsprechender Weise zu begegnen. Das Neckargebiet, ehemals von den Helvetiern besessen, dann lange Zeit streitiges Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag veroedet und beherrscht einerseits durch die juengst unterworfene Landschaft der Vindeliker, andererseits durch die roemisch gesinnten Germanen um Strassburg, Speyer und Worms. Weiter nordwaerts, in der oberen Maingegend, sassen die Markomannen, vielleicht der maechtigste der suebischen Staemme, aber mit den Germanen des Mittelrheins seit alters her verfeindet. Nordwaerts des Mains folgten zunaechst im Taunus die Chatten, weiter rheinabwaerts die schon genannten Tencterer, Sugambrer und Usiper; hinter ihnen die maechtigen Cherusker an der Weser, ausserdem eine Anzahl Voelkerschaften zweiten Ranges. Wie diese mittelrheinischen Staemme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das roemische Gallien ausgefuehrt hatten, so richtete sich auch der Vergeltungszug des Drusus hauptsaechlich gegen sie, und sie auch verbanden sich gegen Drusus zur gemeinschaftlichen Abwehr und zur Aufstellung eines aus dem Zuzug aller dieser Gaue zu bildenden Volksheers. Aber die friesischen Staemme an der Nordseekueste schlossen sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen eigenen Isolierung. Es waren die Germanen, die die Offensive ergriffen. Die Sugambrer und ihre Verbuendeten griffen wieder alle Roemer auf, deren sie auf ihrem Ufer habhaft werden konnten, und schlugen die Centurionen darunter, ihrer zwanzig an der Zahl, ans Kreuz. Die verbuendeten Staemme beschlossen, abermals in Gallien einzufallen, und teilten auch die Beute im voraus – die Sugambrer sollten die Leute, die Cherusker die Pferde, die suebischen Staemme das Gold und Silber erhalten. So versuchten sie im Anfang des Jahres 742 (12) wieder den Rhein zu ueberschreiten und hofften auf die Unterstuetzung der linksrheinischen Germanen und selbst auf eine Insurrektion der eben damals durch das ungewohnte Schaetzungsgeschaeft erregten gallischen Gaue. Aber der junge Feldherr traf seine Massregeln gut: er erstickte die Bewegung im roemischen Gebiet, noch ehe sie recht in Gang kam, warf die Eindringenden bei dem Flussuebergang selbst zurueck und ging dann seinerseits ueber den Strom, um das Gebiet der Usiper und Sugambrer zu brandschatzen. Dies war eine vorlaeufige Abwehr; der eigentliche Kriegsplan, in groesserem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung der Nordseekueste und der Muendungen der Eins und der Elbe. Der zahlreiche und tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem Anschein nach damals und durch guetliche Vereinbarung, dem Roemischen Reiche einverleibt worden; mit ihrer Hilfe wurde vom Rheine zur Zuidersee und aus dieser in die Nordsee eine Wasserverbindung hergestellt, welche der Rheinflotte einen sichereren und kuerzeren Weg zur Ems- und Elbemuendung eroeffnete. Die Friesen an der Nordkueste folgten dem Beispiel der Bataver und fuegten sich gleichfalls der Fremdherrschaft. Es war wohl mehr noch die masshaltende Politik als die militaerische Uebergewalt, die hier den Roemern den Weg bahnte: diese Voelkerschaften blieben fast ganz steuerfrei und wurden zum Kriegsdienst in einer Weise herangezogen, die nicht schreckte, sondern lockte. Von da ging die Expedition an der Nordseekueste hinauf; im offenen Meer wurde die Insel Burchanis (vielleicht Borkum vor Ostfriesland) mit stuermender Hand genommen, auf der Ems die Bootflotte der Bructerer von der roemischen Flotte besiegt; bis an die Muendung der Weser zu den Chaukern ist Drusus gelangt. Freilich geriet die Flotte heimkehrend auf die gefaehrlichen und unbekannten Watten, und wenn die Friesen nicht der schiffbruechigen Armee sicheres Geleit gewaehrt haetten, waere sie in sehr kritische Lage geraten. Nichtsdestoweniger war durch diesen ersten Feldzug die Kueste von der Rhein- zur Wesermuendung roemisch geworden. Nachdem also die Kueste umfasst war, begann im naechsten Jahr (743 11) die Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich erleichtert durch den Zwist unter den mittelrheinischen Germanen. Zu dem im Jahre vorher versuchten Angriff auf Gallien hatten die Chatten den versprochenen Zuzug nicht gestellt; in begreiflichem, aber noch vielmehr unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit gesamter Hand das Chattenland ueberfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet sowie das ihrer naechsten Nachbarn am Rhein ohne Schwierigkeit von den Roemern besetzt. Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer Feinde ohne Gegenwehr; nichtsdestoweniger wurden sie angewiesen, das Rheinufer zu raeumen und dafuer dasjenige Gebiet zu besetzen, das bis dahin die Sugambrer innegehabt hatten. Nicht minder unterlagen weiter landeinwaerts die maechtigen Cherusker an der mittleren Weser. Die an der unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr zuvor von der Seeseite, so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesamte Gebiet zwischen Rhein und Weser wenigstens an den militaerisch entscheidenden Stellen in Besitz genommen. Der Rueckweg waere allerdings, eben wie im vorigen Jahre, fast verhaengnisvoll geworden; bei Arbalo (unbekannter Lage) sahen sich die Roemer in einem Engpass von allen Seiten von den Germanen umzingelt und ihrer Verbindungen verlustig; aber die feste Zucht der Legionaere und daneben die uebermuetige Siegesgewissheit der Deutschen verwandelten die drohende Niederlage in einen glaenzenden Sieg ^7. Im naechsten Jahr (744 10) standen die Chatten auf, erbittert ueber den Verlust ihrer alten schoenen Heimstatt; aber jetzt blieben sie ihrerseits allein und wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr und nicht ohne empfindlichen Verlust von den Roemern ueberwaeltigt (745 9). Die Markomannen am oberen Main, die nach der Einnahme des Chattengebiets zunaechst dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus und zogen sich rueckwaerts in das Land der Boier, das heutige Boehmen, ohne von hier aus, wo sie dem unmittelbaren Machtkreise Roms entrueckt waren, in die Kaempfe am Rhein einzugreifen. In dem ganzen Gebiet zwischen Rhein und Weser war der Krieg zu Ende. Drusus konnte im Jahre 745 (9) im Cheruskergau das rechte Weserufer betreten und von da vorgehen bis an die Elbe, die er nicht ueberschritt, vermutlich angewiesen war, nicht zu ueberschreiten. Manches harte Gefecht wurde geliefert, erfolgreicher Widerstand nirgends geleistet. Aber auf dem Rueckweg, der, wie es scheint, die Saale hinauf und von da zur Weser genommen ward, traf die Roemer ein schwerer Schlag, nicht durch den Feind, aber durch einen unberechenbaren Ungluecksfall. Der Feldherr stuerzte mit dem Pferd und brach den Schenkel; nach dreissigtaegigen Leiden verschied er in dem fernen Lande zwischen Saale und Weser ^8, das nie vor ihm eine roemische Armee betreten hatte, in den Armen des aus Rom herbeigeeilten Bruders, im dreissigsten Jahre seines Alters, im Vollgefuehl seiner Kraft und seiner Erfolge, von den Seinigen und dem ganzen Volke tief und lange betrauert, vielleicht gluecklich zu preisen, weil die Goetter ihm gaben, jung aus dem Leben zu scheiden und den Enttaeuschungen und Bitterkeiten zu entgehen, welche die Hoechstgestellten am schmerzlichsten treffen, waehrend in der Erinnerung der Welt noch heute seine glaenzende Heldengestalt fortlebt. —————————————————– ^7 Dass die Schlacht bei Arbalo (Plin. nat. 11, 17, 55) in dieses Jahr gehoert, zeigt Obsequens 72 und also geht auf sie die Erzaehlung bei Dio 54, 33. ^8 Dass der Sturz des Drusus in der Saalegegend erfolgte, wird aus Strabon 7,1, 3 p. 291 gefolgert werden duerfen, obwohl er nur sagt, dass er auf dem Heerzuge zwischen Salas und Rhein umkam und die Identifikation des Salas mit der Saale allein auf der Namensaehnlichkeit beruht. Von der Ungluecksstaette wurde er dann bis in das Sommerlager transportiert (Sen. dial. ad Marciam 3: ipsis illum hostibus aegrum cum veneratione et pace mutua prosequentibus nec optare quod expediebat audentibus) und in diesem ist er gestorben (Suet. Claud. 1). Dies lag tief im Barbarenland (Val. Max. 5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem Schlachtfelde des Varus (Tac. ann. 2, 7, wo die vetus ara Druso sita gewiss auf den Sterbeplatz zu beziehen ist); man wird dasselbe im Wesergebiet suchen duerfen. Die Leiche wurde dann in das Winterlager geschafft (Dio 55, 2) und dort verbrannt; diese Staette galt nach roemischem Gebrauch auch als Grabstaette, obwohl die Beisetzung der Asche in Rom stattfand, und darauf ist der honorarius tumulus mit der jaehrlichen Leichenfeier zu beziehen (Suet. a. a. O.). Wahrscheinlich hat man dessen Staette in Vetera zu suchen. Wenn ein spaeterer Schriftsteller (Eutr. 7, 13) von dem monumentum des Drusus bei Mainz spricht, so ist dies nicht wohl das Grabmal, sondern das anderweitig erwaehnte Tropaeum (Flor. epit. 2, 30: Marcomanorum spoliis et insignibus quendam editum tumulum in tropaei modum excoluit).
—————————————————– In dem grossen Gang der Dinge aenderte, wie billig, der Tod des tuechtigen Feldherrn nichts. Sein Bruder Tiberius kam frueh genug, nicht bloss um ihm die Augen zuzudruecken, sondern auch um mit seiner sicheren Hand das Heer zurueck und die Eroberung Germaniens weiter zu fuehren. Er kommandierte dort waehrend der beiden folgenden Jahre (746, 747 8, 7); zu groesseren Kaempfen ist es waehrend derselben nicht gekommen, aber weit und breit zwischen Rhein und Elbe zeigten sich die roemischen Truppen, und als Tiberius die Forderung stellte, dass saemtliche Gaue die roemische Herrschaft foermlich anzuerkennen haetten, und zugleich erklaerte, die Anerkennung nur von saemtlichen Gauen zugleich entgegennehmen zu koennen, fuegten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt von allen die Sugambrer, fuer die es freilich einen wirklichen Frieden nicht gab. Wie weit man militaerisch gelangt war, beweist die wenig spaeter fallende Expedition des Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser konnte als Statthalter von Illyricum, wahrscheinlich von Vindelizien aus, einem unsteten Hermundurenschwarm im Markomannenlande selbst Sitze anweisen und gelangte bei dieser Expedition bis an und ueber die obere Elbe, ohne auf Widerstand zu treffen ^9. Die Markomannen in Boehmen waren voellig isoliert, und das uebrige Germanien zwischen Rhein und Elbe eine, wenn auch noch keineswegs befriedete, roemische Provinz. ————————————————- ^9 Die Mitteilung Dios (55, IOa), zum Teil bestaetigt durch Tacitus (arm. 4, 44) kann nicht anders aufgefasst werden. Diesem Statthalter muss ausnahmsweise auch Noricum und Raetien unterstellt gewesen sein oder der Lauf der Operationen veranlasste ihn, die Grenze seiner Statthalterschaft zu ueberschreiten. Dass er Boehmen selbst durchschritten habe, was in noch groessere Schwierigkeiten verwickeln wuerde, fordert der Bericht nicht. ————————————————- Die militaerisch-politische Organisation Germaniens, wie sie damals angelegt ward, vermoegen wir nur unvollkommen zu erkennen, da uns einmal ueber die in frueherer Zeit zum Schutz der gallischen Ostgrenze getroffenen Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andererseits diejenigen der beiden Brueder durch die spaetere Entwicklung der Dinge grossenteils zerstoert worden sind. Eine Verlegung der roemischen Grenzhut vom Rhein weg hat keineswegs stattgefunden; so weit wollte man vielleicht kommen, aber war man nicht. Aehnlich wie in Illyricum damals die Donau, war die Elbe wohl die politische Reichsgrenze, aber der Rhein die Linie der Grenzverteidigung, und von den Rheinlagern liefen die rueckwaertigen Verbindungen nach den grossen Staedten Galliens und nach dessen Haefen ^10. Das grosse Hauptquartier waehrend dieser Feldzuege ist das spaetere sogenannte “alte Lager”, Castra vetera (Birten bei Xanten), die erste bedeutende Hoehe abwaerts Bonn am linken Rheinufer, militaerisch etwa dem heutigen Wesel am rechten entsprechend. Dieser Platz, besetzt vielleicht seit den Anfaengen der Roemerherrschaft am Rhein, ist von Augustus eingerichtet worden als Zwingburg fuer Germanien; und wenn die Festung zu allen Zeiten der Stuetzpunkt fuer die roemische Defensive am linken Rheinufer gewesen ist, so war sie fuer die Invasion des rechten nicht weniger wohl gewaehlt, gelegen gegenueber der Muendung der weit hinauf schiffbaren Lippe und mit dem rechten Ufer durch eine feste Bruecke verbunden. Den Gegensatz zu diesem “alten Lager” an der Muendung der Lippe, bildete wahrscheinlich das an der Muendung des Main, Mogontiacum, das heutige Mainz, allem Anschein nach eine Schoepfung des Drusus; wenigstens zeigen die schon erwaehnten, den Chatten auferlegten Gebietsabtretungen, sowie die weiterhin zu erwaehnenden Anlagen im Taunus, dass Drusus die militaerische Wichtigkeit der Mainlinie und also auch die ihres Schluessels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt hat. Wenn das Legionslager an der Aare, wie es scheint, eingerichtet worden ist, um die Raeter und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten, so faellt dessen Anlage vermutlich schon in diese Zeit, aber es ist dann auch mit den gallisch-germanischen Militaereinrichtungen nur aeusserlich verknuepft gewesen. Das Strassburger Legionslager reicht schwerlich bis in so fruehe Zeit hinauf. Die Basis der roemischen Heerstellung bildet die Linie von Mainz bis Wesel. Dass Drusus und Tiberius, abgesehen von der damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen Provinz, sowohl die Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Kommando der saemtlichen rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen Prinzen abgesehen, mag damals wohl die Zivilverwaltung Galliens von dem Kommando der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwerlich war das letztere damals schon in zwei koordinierte Kommandos geteilt ^11. ————————————————- ^10 Auf eine rueckwaertige Verbindung der Rheinlager mit dem Hafen von Boulogne duerfte die viel bestrittene Notiz des Florus (epit. 2, 30) zu beziehen sein: Bonnam (oder Bormam) et Gessoriacum pontibus iunxit classibusque firmavit, womit zu vergleichen sind die von demselben Schriftsteller erwaehnten Kastelle an der Maas. Bonn kann damals fueglich die Station der Rheinflotte gewesen sein; Boulogne ist auch in spaeterer Zeit noch Flottenstation gewesen. Drusus konnte wohl Veranlassung haben den kuerzesten und sichersten Landweg zwischen den beiden Flottenlagern fuer Transporte brauchbar zu machen, wenn auch der Schreiber wahrscheinlich, um das Auffallende bemueht, durch zugespitzte Ausdrucksweise Vorstellungen erweckt, die so nicht richtig sein koennen. ^11 Ueber die administrative Teilung Galliens fehlt es, abgesehen von der Abtrennung der Narbonensis, an allen Nachrichten, da sie nur auf kaiserlichen Verfuegungen beruhte und darueber nichts in die Senatsprotokolle kam. Aber von der Existenz eines gesonderten ober- und untergermanischen Kommandos geben die erste Kunde die Feldzuege des Germanicus, und die Varusschlacht ist unter jener Voraussetzung kaum zu verstehen; hier erscheinen wohl die hiberna inferiora, die von Vetera (Vell. 2, 120), und den Gegensatz dazu, die superiora koennen nur die von Mainz gemacht haben, aber auch diese stehen nicht unter einem Kollegen, sondern unter dem Neffen, also einem Unterbefehlshaber des Varus. Wahrscheinlich hat die Teilung erst in Folge der Niederlage in den letzten Jahren des Augustus stattgefunden.
————————————————- Ueber den Bestand der damaligen Rheinarmee koennen wir nur etwa sagen, dass die Armee des Drusus schwerlich staerker, vielleicht geringer war als die, welche zwanzig Jahre spaeter in Germanien stand, von fuenf bis sechs Legionen, etwa 50000 bis 60000 Mann.
Diesen militaerischen Einrichtungen am linken Rheinufer sind die am rechten getroffenen korrelat. Zunaechst nahmen die Roemer dieses selbst in Besitz. Es traf dies vor allem die Sugambrer, wobei allerdings die Vergeltung fuer den erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlagenen Centurionen mitgewirkt hat. Die zur Erklaerung der Unterwerfung abgesandten Boten, die Vornehmsten der Nation, wurden gegen das Voelkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den italischen Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 Koepfe aus ihrer Heimat entfernt und auf dem gallischen Ufer angesiedelt, wo sie spaeter vielleicht unter dem Namen der Cugerner begegnen. Nur ein geringer und ungefaehrlicher Ueberrest des maechtigen Stammes durfte in den alten Wohnsitzen bleiben. Auch suebische Haufen sind nach Gallien uebergefuehrt, andere Voelkerschaften weiter landeinwaerts gedraengt worden, wie die Marser und ohne Zweifel auch die Chatten; am Mittelrhein wurde ueberall die eingeborene Bevoelkerung des rechten Ufers verdraengt oder doch geschwaecht. Laengs dieses Rheinufers wurden ferner befestigte Posten, fuenfzig an der Zahl, eingerichtet. Vorwaerts Mogontiacum wurde das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdem der Gau der Mattfiaker bei dem heutigen Wiesbaden, in die roemischen Linien gezogen und die Hoehe des Taunus stark befestigt ^12. Vor allem aber wurde von Vetera aus die Lippelinie in Besitz genommen; von der doppelten, von Tagemarsch zu Tagemarsch mit Kastellen besetzten Militaerstrasse an den beiden Ufern des Flusses ist wenigstens die rechtsuferige sicher ebenso das Werk des Drusus wie dies bezeugt ist von der Festung Aliso im Quellgebiet der Lippe, wahrscheinlich dem heutigen Dorfe Elsen unweit Paderborn ^13. ———————————————– ^12 Das von Drusus in monte Tauno angelegte praesidium (Tac. ann. 1, 56) und das mit Aliso zusammengestellte (phro?rion en CHa`attois par’ ayt/o/ t/o/ R/e/n/o/ (Dio 54, 33) sind wahrscheinlich identisch, und die besondere Stellung des Mattiakergaus haengt augenscheinlich mit der Anlage von Mogontiacum zusammen.
^13 Dass das “Kastell am Zusammenfluss des Lupias und des Helison” bei Dio 54, 33 identisch ist mit dem oefter genannten Aliso und dies an der oberen Lippe gesucht werden muss, ist keinem Zweifel unterworfen, und dass das roemische Winterlager an den Lippequellen (ad caput Lupiae, Vell. 2, 105), unseres Wissens das einzige derartige auf germanischem Boden, eben dort zu suchen ist, wenigstens sehr wahrscheinlich. Dass die beiden an der Lippe hin laufenden Roemerstrassen und deren befestigte Marschlager wenigstens bis in die Gegend von Lippstadt fuehrten, haben namentlich Hoelzermanns Untersuchungen dargetan. Die obere Lippe hat nur einen namhaften Zufluss, die Alme, und da unweit der Muendung dieser in die Lippe das Dorf Elsen liegt, so darf hier der Namensaehnlichkeit einiges Gewicht beigelegt werden. Der Ansetzung von Aliso an der Muendung der Glenne (und Liese) in die Lippe, welche unter andern Schmidt vertritt, steht vornehmlich entgegen, dass das Lager ad caput Lupiae dann von Aliso verschieden gewesen sein muss, ueberhaupt dieser Punkt von der Weserlinie zu weit abliegt, waehrend von Elsen aus der Weg geradezu durch die Doerenschlucht in das Werretal fuehrt. ueberhaupt bemerkt Schmidt (Westfaelische Zeitschrift fuer Gesch. und Alterthumskunde 20, 1862, S. 259), kein Anhaenger der Identifikation von Aliso und Elsen, dass die Hoehen von Wever (unweit Elsen) und ueberhaupt der linke Talrand der Alme der Mittelpunkt eines Halbkreises sind, welchen die vorliegenden Gebirge bilden, und diese hochgelegene, trockene, bis zu dem Gebirge eine genaue Uebersicht gestattende Gegend, welche das ganze lippische Land deckt und selbst in der Front durch die Alme gedeckt ist, sich gut eignet zum Ausgangspunkt eines Zuges gegen die Weser.
———————————————– Dazu kam der schon erwaehnte Kanal von der Rheinmuendung zur Zuidersee und ein von Lucius Domitius Ahenobarbus durch eine laengere Sumpfstrecke zwischen der Eins und dem Unterrhein gezogener Damm, die sogenannten “langen Bruecken”. Ausserdem standen durch das ganze Gebiet zerstreut einzelne roemische Posten; dergleichen werden spaeterhin erwaehnt bei den Friesen und den Chaukern, und in diesem Sinne mag es richtig sein, dass die roemischen Besatzungen bis zur Weser und bis zur Elbe reichten. Endlich lagerte das Heer wohl im Winter am Rhein, im Sommer aber, auch wenn nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden, durchgaengig im eroberten Lande, in der Regel bei Aliso. Aber nicht bloss militaerisch richteten die Roemer in dem neugewonnenen Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten, wie andere Provinzialen, von dem roemischen Statthalter Recht zu nehmen und die Sommerexpeditionen des Feldherrn entwickelten sich allmaehlich zu den ueblichen Gerichtsreisen des Statthalters. Anklage und Verteidigung der Angeschuldigten fand in lateinischer Zunge statt; die roemischen Sachwalter und Rechtsbeistaende begannen wie diesseits so jenseits des Rheines ihre ueberall schwer empfundene, hier die solcher Dinge ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte viel zur voelligen Durchfuehrung der provinzialen Einrichtung; an foermliche Umlage der Schatzung, an regulierte Aushebung fuer das roemische Heer ward noch nicht gedacht. Aber wie der neue Gauverband eben jetzt in Gallien im Anschluss an die daselbst eingefuehrte goettliche Verehrung des Monarchen eingerichtet ward, so wurde eine aehnliche Einrichtung auch in dem neuen Germanien getroffen; als Drusus fuer Gallien den Augustusaltar in Lyon weihte, wurden die zuletzt auf dem linken Rheinufer angesiedelten Germanen, die Ubier, nicht in diese Vereinigung aufgenommen, sondern in ihrem Hauptort, der der Lage nach fuer Germanien ungefaehr war, was Lyon fuer die drei Gallien, ein gleichartiger Altar fuer die germanischen Gaue errichtet, dessen Priestertum im Jahre 9 der junge Cheruskerfuerst Segimundus, des Segestes Sohn, verwaltete. Den vollen militaerischen Erfolg brach oder unterbrach doch die kaiserliche Familienpolitik. Das Zerwuerfnis zwischen Tiberius und seinem Stiefvater fuehrte dazu, dass jener im Anfang des Jahres 748 (6) das Kommando niederlegte. Das dynastische Interesse gestattete es nicht, umfassende militaerische Operationen anderen Generalen als Prinzen des kaiserlichen Hauses anzuvertrauen; und nach Agrippas und Drusus’ Tod und Tiberius’ Ruecktritt gab es faehige Feldherrn in demselben nicht. Allerdings werden in den zehn Jahren, wo Statthalter mit gewoehnlicher Befugnis in Illyricum und in Germanien schalteten, die militaerischen Operationen daselbst wohl nicht so vollstaendig unterbrochen worden sein, wie es uns erscheint, da die hoefisch gefaerbte Ueberlieferung ueber die mit und die ohne Prinzen gefuehrten Kampagnen nicht in gleicher Weise berichtet; aber das Stocken ist unverkennbar, und dieses selbst war ein Rueckschritt. Ahenobarbus, der infolge seiner Verschwaegerung mit dem kaiserlichen Hause – seine Gattin war die Schwestertochter Augusts – freiere Hand hatte als andere Beamte und der in seiner illyrischen Statthalterschaft die Elbe ueberschritten hatte, ohne Widerstand zu finden, erntete spaeter als Statthalter Germaniens dort keine Lorbeeren. Nicht bloss die Erbitterung, auch der Mut der Germanen waren wieder im Steigen und im Jahre 2 erscheint das Land wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Waffen. Inzwischen hatte am Kaiserhofe der Tod sich ins Mittel geschlagen und der Wegfall der jungen Soehne des Augustus diesen und Tiberius ausgesoehnt. Kaum war diese Versoehnung durch die Annahme an Kindesstatt besiegelt und proklamiert (4), so nahm Tiberius das Werk da wieder auf, wo es unterbrochen worden war, und fuehrte abermals in diesem und den beiden folgenden Sommern (5-6) die Heere ueber den Rhein. Es war eine Wiederholung und Steigerung der frueheren Feldzuege. Die Cherusker wurden im ersten Feldzug, die Chauker im zweiten zum Gehorsam zurueckgebracht; die den Batavern benachbarten und an Tapferkeit nicht nachstehenden Cannenefaten, die im Quellgebiet der Lippe und an der Ems sitzenden Bructerer und andere Gaue mehr unterwarfen sich, ebenso die hier zuerst erwaehnten maechtigen Langobarden, damals hausend zwischen der Weser und Elbe. Der erste Feldzug fuehrte ueber die Weser hinein in das Innere; in dem zweiten standen an der Elbe selbst die roemischen Legionen dem germanischen Landsturm am anderen Ufer gegenueber. Vom Jahre 4 auf 5 nahm, es scheint zum ersten Mal, das roemische Heer das Winterlager auf germanischem Boden bei Aliso. Alles dies wurde erreicht ohne erhebliche Kaempfe; die umsichtige Kriegfuehrung brach nicht die Gegenwehr, sondern machte sie unmoeglich. Diesem Feldherrn war es nicht um unfruchtbare Lorbeeren zu tun, sondern um dauernden Erfolg. Nicht minder wurde die Seefahrt wiederholt; wie die erste Kampagne des Drusus, so ist die letzte des Tiberius ausgezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee. Aber die roemische Flotte gelangte diesmal weiter: die ganze Kueste der Nordsee bis zum Vorgebirge der Kimbrer, das heisst zur juetischen Spitze, ward von ihr erkundet und sie vereinigte sich dann, die Elbe hinauffahrend, mit dem an dieser aufgestellten Landheer. Diese zu ueberschreiten, hatte der Kaiser ausdruecklich untersagt; aber die Voelker jenseits der Elbe, die eben genannten Kimbrer im heutigen Juetland, die Charuden suedlich von ihnen, die maechtigen Semnonen zwischen Elbe und Oder traten wenigstens in Beziehung zu den neuen Nachbarn. Man konnte meinen, am Ziel zu sein. Aber eines fehlte doch noch zur Herstellung des eisernen Ringes, der Grossdeutschland umklammern sollte: es war die Herstellung der Verbindung zwischen der mittleren Donau und der oberen Elbe, die Besitznahme des alten Boierheims, das in seinem Bergkranz gleich einer gewaltigen Festung zwischen Noricum und Germanien sich einschob. Der Koenig Maroboduus, aus edlem Markomannengeschlecht, aber in jungen Jahren durch laengeren Aufenthalt in Rom eingefuehrt in dessen straffere Heer- und Staatsordnung, hatte nach der Heimkehr, vielleicht waehrend der ersten Feldzuege des Drusus und der dadurch herbeigefuehrten Uebersiedlung der Markomannen vom Main an die obere Elbe, sich nicht bloss zum Fuersten seines Volkes erhoben, sondern auch diese seine Herrschaft nicht in der lockeren Weise des germanischen Koenigtums, sondern, man moechte sagen, nach dem Muster der augustischen gestaltet. Ausser seinem eigenen Volk gebot er ueber den maechtigen Stamm der Lugier (im heutigen Schlesien) und seine Klientel muss sich ueber das ganze Gebiet der Elbe erstreckt haben, da die Langobarden und die Semnonen als ihm untertaenig bezeichnet werden. Bisher hatte er den Roemern wie den uebrigen Germanen gegenueber voellige Neutralitaet beobachtet; er gewaehrte wohl den fluechtigen Roemerfeinden in seinem Lande eine Freistatt, aber taetig mischte er sich in den Kampf nicht, nicht einmal, als die Hermunduren von dem roemischen Statthalter auf markomannischem Gebiet Wohnsitze angewiesen erhielten und als das linke Elbufer den Roemern botmaessig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht, aber er nahm alle jene Vorgaenge hin, ohne darum die freundlichen Beziehungen zu den Roemern zu unterbrechen. Durch diese gewiss nicht grossartige und schwerlich auch nur kluge Politik hatte er erreicht, als der letzte angegriffen zu werden; nach den vollkommen gelungenen germanischen Feldzuegen der Jahre 4 und 5 kam die Reihe an ihn. Von zwei Seiten her, von Germanien und Noricum aus, rueckten die roemischen Heere vor gegen den boehmischen Bergring; den Main hinauf, die dichten Waelder vom Spessart zum Fichtelgebirge mit Axt und Feuer lichtend, ging Gaius Sentius Saturninus, von Carnuntum aus, wo die illyrischen Legionen durch den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, Tiberius selbst gegen die Markomannen vor; die beiden Heere, zusammen zwoelf Legionen, waren den Gegnern, deren Streitmacht auf 70000 Mann zu Fuss und 4000 Reiter geschaetzt wurde, schon der Zahl nach fast um das Doppelte ueberlegen. Die umsichtige Strategik des Feldherrn schien den Erfolg auch diesmal voellig sichergestellt zu haben, als ein ploetzlicher Zwischenfall den weiteren Vormarsch der Roemer unterbrach. Die dalmatinischen Voelkerschaften und die pannonischen wenigstens des Savegebietes gehorchten seit kurzem den roemischen Statthaltern; aber sie ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor allem wegen der ungewohnten und schonungslos gehandhabten Steuern. Als Tiberius spaeter einen der Fuehrer nach den Gruenden des Abfalls fragte, antwortete ihm dieser, es sei geschehen, weil die Roemer ihren Herden zu Huetern nicht Hunde noch Hirten, sondern Woelfe setzten. Jetzt waren die Legionen aus Dalmatien an die Donau gefuehrt und die wehrhaften Leute aufgeboten worden, um eben dahin zur Verstaerkung der Armeen gesendet zu werden. Diese Mannschaften machten den Anfang und ergriffen die Waffen nicht fuer, sondern gegen Rom; ihr Fuehrer war ein Daesitiate (um Serajevo), Bato. Dem Beispiel folgten die Pannonier unter Fuehrung zweier Breuker, eines anderen Bato und des Pinnes. Mit unerhoerter Schnelligkeit und Eintraechtigkeit erhob sich ganz Illyricum; auf 200000 zu Fuss und 9000 zu Pferde wurde die Zahl der insurgierten Mannschaften geschaetzt. Die Aushebung fuer die Auxiliartruppen, welche namentlich bei den Pannoniern in bedeutendem Masse stattfand, hatte die Kunde des roemischen Kriegswesens, zugleich mit der roemischen Sprache und selbst der roemischen Bildung in weiterem Umfang verbreitet; diese gedienten roemischen Soldaten bildeten jetzt den Kern der Insurrektion ^14. Die in den insurgierten Gebieten in grosser Zahl angesessenen oder verweilenden roemischen Buerger, die Kaufleute und vor allem die Soldaten, wurden ueberall aufgegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen Voelkerschaften kamen auch die unabhaengigen in Bewegung. Die den Roemern ganz ergebenen Fuersten der Thraker fuehrten allerdings ihre ansehnlichen und tapferen Scharen den roemischen Feldherrn zu; aber vom anderen Ufer der Donau brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten, in Moesien ein. Das ganze weite Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der Fremdherrschaft ein jaehes Ende zu bereiten.
—————————————- ^14 Das und nicht mehr sagt Velleius (2, 110): in omnibus Pannoniis non disciplinae (= Kriegszucht) tantummodo, sed linguae quoque notitia Romanae, plerisque etiam litterarum Usus et familiaris animorum erat exercitatio. Es sind das dieselben Erscheinungen, wie sie bei den Cheruskerfuersten begegnen, nur in gesteigertem Masse; und sie sind vollkommen begreiflich, wenn man sich der von Augustus aufgestellten pannonischen und breukischen Alen und Kohorten erinnert. —————————————- Die Insurgenten waren nicht gemeint, den Angriff abzuwarten, sondern sie planten einen Ueberfall Makedoniens und sogar Italiens. Die Gefahr war ernst; ueber die Julischen Alpen hinueber konnten die Aufstaendischen in wenigen Tagen wiederum vor Aquileia und Tergeste stehen – sie hatten den Weg dahin noch nicht verlernt – und in zehn Tagen vor Rom, wie der Kaiser selbst im Senat es aussprach, allerdings um sich der Zustimmung desselben zu den umfassenden und drueckenden militaerischen Veranstaltungen zu versichern. In schleunigster Eile wurden neue Mannschaften auf die Beine gebracht und die zunaechst bedrohten Staedte mit Besatzung versehen; ebenso, was irgendwo von Truppen entbehrlich war, nach den bedrohten Punkten geschickt. Der erste zur Stelle war der Statthalter von Moesien, Aulus Caecina Severus, und mit ihm der thrakische Koenig Rhoemetalkes; bald folgten andere Truppen aus den ueberseeischen Provinzen nach. Vor allen Dingen aber musste Tiberius, statt in Boehmen einzudringen, zurueckkehren nach Illyricum. Haetten die Insurgenten abgewartet, bis die Roemer mit Maroboduus im Kampfe lagen, oder dieser mit ihnen gemeinschaftliche Sache gemacht, so konnte die Lage fuer die Roemer eine sehr kritische werden. Aber jene schlugen zu frueh los, und dieser, getreu seinem System der Neutralitaet, liess sich dazu herbei, eben jetzt auf der Basis des Status quo mit den Roemern Frieden zu schliessen. So musste Tiberius zwar die Rheinlegionen zuruecksenden, da Germanien unmoeglich von Truppen entbloesst werden konnte, aber sein illyrisches Heer konnte er mit den aus Moesien, Italien und Syrien anlangenden Truppen vereinigen und gegen die Insurgenten verwenden. In der Tat war der Schrecken groesser als die Gefahr. Die Dalmater brachen zwar zu wiederholten Malen in Makedonien ein und pluenderten die Kueste bis nach Apollonia hinab; aber zu dem Einfall in Italien kam es nicht, und bald war der Brand auf seinen urspruenglichen Herd beschraenkt. Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie ueberall war die abermalige Niederwerfung der Unterworfenen muehsamer als die Unterwerfung selbst. Niemals ist in augustischer Zeit eine gleiche Truppenmasse unter demselben Kommando vereinigt gewesen; schon im ersten Kriegsjahre bestand das Heer des Tiberius aus zehn Legionen nebst den entsprechenden Hilfsmannschaften, dazu zahlreichen freiwillig wieder eingetretenen Veteranen und anderen Freiwilligen, zusammen etwa 120000 Mann; spaeterhin hatte er fuenfzehn Legionen unter seinen Fahnen vereinigt ^15. Im ersten Feldzug (6) wurde mit sehr abwechselndem Glueck gestritten; es gelang wohl, die grossen Ortschaften, wie Siscia und Sirmium, gegen die Insurgenten zu schuetzen, aber der Dalmatiner Bato focht ebenso hartnaeckig und zum Teil gluecklich gegen den Statthalter von Pannonien, Marcus Valerius Messalla, des Redners Sohn, wie sein pannonischer Namensgenosse gegen den von Moesien, Aulus Caecina. Vor allem der kleine Krieg machte den roemischen Truppen viel zu schaffen. Auch das folgende Jahr (7), in welchem neben Tiberius sein Neffe, der junge Germanicus, auf den Kriegsschauplatz trat, brachte kein Ende der ewigen Kaempfe. Erst im dritten Feldzug (8) gelang es, zunaechst die Pannonier zu unterwerfen, hauptsaechlich, wie es scheint, dadurch, dass ihr Fuehrer Bato, von den Roemern gewonnen, seine Truppen bewog, am Fluss Bathinus samt und sonders die Waffen zu strecken und den Kollegen im Oberbefehl, Pinnes, den Roemern auslieferte, wofuer er von diesen als Fuerst der Breuker anerkannt ward. Zwar traf den Verraeter bald die Strafe: sein dalmatinischer Namensgenosse fing ihn und liess ihn hinrichten, und noch einmal flackerte bei den Breukern der Aufstand auf; aber er ward rasch wieder erstickt und der Dalmater beschraenkt auf die Verteidigung der eigenen Heimat. Hier hatte Germanicus und andere Korpsfuehrer in diesem wie noch im folgenden Jahr (9) in den einzelnen Gauen heftige Kaempfe zu bestehen; in dem letzteren wurden die Pirusten (an der epirotischen Grenze) und der Gau, dem der Fuehrer selbst angehoerte, die Daesitiaten bezwungen, ein tapfer verteidigtes Kastell nach dem andern gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschien Tiberius selbst wieder im Felde und setzte die gesamten Streitkraefte gegen die Reste der Insurrektion in Bewegung. Auch Bato, in dem festen Andetrium (Muck, oberhalb Salome), seiner letzten Zufluchtstau, von dem roemischen Heere eingeschlossen, gab die Sache verloren. Er verliess die Stadt, da er nicht vermochte, die Verzweifelten zur Unterwerfung zu bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei dem er ehrenvolle Behandlung fand; er ist, als politischer Gefangener interniert, in Ravenna gestorben. Ohne den Fuehrer setzte die Mannschaft den vergeblichen Kampf noch eine Zeitlang fort, bis die Roemer das Kastell mit stuermender Hand einnahmen – wahrscheinlich diesen Tag, den 3. August, verzeichnen die roemischen Kalender als den Jahrestag des von Tiberius in Illyricum erfochtenen Sieges.
———————————————– ^15 Nimmt man an, dass von den zwoelf Legionen, die gegen Maroboduus im Marsch waren (Tac. ann. 2, 46), so viele, als wir bald nachher in Germanien finden, also fuenf, auf dieses Heer kommen, so zaehlte das illyrische Heer des Tiberius sieben, und die Zahl von zehn (Vell. 2, 113) kann fueglich bezogen werden auf den Zuzug aus Moesien und Italien, die fuenfzehn auf den Zuzug aus Aegypten oder Syrien und auf die weiteren Aushebungen in Italien, von wo die neu ausgehobenen Legionen zwar nach Germanien, aber die dadurch abgeloesten zu Tiberius’ Heer kamen. Ungenau spricht Velleius (2, 112) gleich im Beginn des Krieges von fuenf durch A. Caecina und Plautius Silvanus ex transmarinis provinciis herangefuehrten Legionen; einmal konnten die ueberseeischen Truppen nicht sofort zur Stelle sein, und zweitens sind die Legionen des Caecina natuerlich die moesischen. Vgl. meinen Kommentar zum Monumentum Ancyranum (Res gestae divi Augusti), 2. Aufl. 1883, S. 71. ———————————————– Auch die Daker jenseits der Donau traf die Vergeltung. Wahrscheinlich in dieser Zeit, nachdem der illyrische Krieg sich zu Gunsten Roms entschieden hatte, fuehrte Gnaeus Lentulus ein starkes roemisches Heer ueber die Donau, gelangte bis an den Marisus (Marosch) und schlug sie nachdruecklich in ihrem eigenen Lande, das damals zuerst eine roemische Armee betrat. Fuenfzigtausend gefangene Daker wurden in Thrakien ansaessig gemacht. Die Spaeteren haben den “Batonischen Krieg” der Jahre 6 bis 9 den schwersten genannt, den Rom seit dem Hannibalischen gegen einen auswaertigen Feind zu bestehen gehabt hat. Dem illyrischen Land hat er arge Wunden geschlagen; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, als der junge Germanicus die Botschaft des entscheidenden Erfolges nach der Hauptstadt ueberbrachte. Lange hat der Jubel nicht gewaehrt; fast gleichzeitig mit der Kunde von diesem Erfolg kam die Nachricht von einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustes in seiner fuenfzigjaehrigen Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen noch viel bedeutsamer war als in sich selbst. Die Zustaende in der Provinz Germanien sind frueher dargelegt worden. Der Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Unvermeidlichkeit eines Naturereignisses folgt und der soeben in dem illyrischen Lande eingetreten war, bereitete auch dort, in den mittelrheinischen Gauen, sich vor. Die Reste der unmittelbar am Rhein sitzenden Staemme waren freilich voellig entmutigt, aber die weiter zurueck wohnenden, vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer, Marser, kaum minder geschaedigt und keineswegs ohnmaechtig. Wie immer in solchen Lagen, bildete sich in jedem Gau eine Partei der fuegsamen Roemerfreunde und eine nationale, die Wiedererhebung im Verborgenen vorbereitende. Die Seele von dieser war ein junger, sechsundzwanzigjaehriger Mann aus dem Fuerstengeschlecht der Cherusker, Arminius, des Sigimer Sohn; er und sein Bruder Flavus waren vom Kaiser Augustes mit dem roemischen Buergerrecht und mit Ritterrang beschenkt worden ^16 und beide hatten als Offiziere in den letzten roemischen Feldzuegen unter Tiberius mit Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch im roemischen Heer und hatte sich in Italien eine Heimstatt begruendet. Begreiflicherweise galt auch Arminius den Roemern als ein Mann besonderen Vertrauens; die Anschuldigungen, die sein besser unterrichteter Landsmann Segestes gegen ihn vorbrachte, vermochten dies Zutrauen bei der wohlbekannten, zwischen beiden bestehenden Verfeindung nicht zu erschuettern. Von den weiteren Vorbereitungen haben wir keine Kunde; dass der Adel und vor allem die adlige Jugend auf der Seite der Patrioten stand, versteht sich von selbst und findet darin deutlichen Ausdruck, dass Segestes’ eigene Tochter Thusnelda wider das Verbot ihres Vaters sich dem Arminius vermaehlte, auch ihr Bruder Segimundus und Segestes’ Bruder Segimer sowie sein Neffe Sesithacus bei der Insurrektion eine hervorragende Rolle spielten. Weiten Umfang hat sie nicht gehabt, bei weitem nicht den der illyrischen Erhebung; kaum darf sie, streng genommen, eine germanische genannt werden. Die Bataver, die Friesen, die Chauker an der Kueste waren nicht daran beteiligt, ebensowenig was von suebischen Staemmen unter roemischer Herrschaft stand, noch weniger Koenig Marobod; es erhoben sich in der Tat nur diejenigen Germanen, die einige Jahre zuvor sich gegen Rom konfoederiert hatten und gegen die Drusus’ Offensive zunaechst gerichtet gewesen war. Der illyrische Aufstand hat die Gaerung in Germanien ohne Zweifel gefoerdert, aber von verbindenden Faeden zwischen den beiden gleichartigen und fast gleichzeitigen Insurrektionen fehlt jede Spur; auch wuerden, haetten sie bestanden, die Germanen schwerlich mit dem Losschlagen gewartet haben, bis der pannonische Aufstand ueberwaeltigt war und in Dalmatien eben die letzten Burgen kapitulierten. Arminius war der tapfere und verschlagene und vor allen Dingen glueckliche Fuehrer in dem Verzweiflungskampf um die verlorene nationale Unabhaengigkeit; nicht weniger, aber auch nicht mehr.
———————————————— ^16 Das sagt Velleius (2, 118): adsiduus militiae nostrae prioris comes, iure etiam civitatis Romanae eius equestres consequens gradus; was mit dem ductor popularium des Tacitus (ann. 2, 10) zusammenfaellt. In dieser Zeit muessen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen sein; so fochten in dem dritten Feldzug des Drusus inter primores Chumstinctus et Avectius tribuni ex civitate Nerviorum (Liv. ep. 141) und unter Germanicus Chariovalda dux Batavorum (Tac. ann. 2, 11).
———————————————— Es war mehr die Schuld der Roemer als das Verdienst der Insurgenten, wenn deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg hier allerdings eingegriffen. Die tuechtigen Fuehrer und allem Anschein nach auch die erprobten Truppen waren vom Rhein an die Donau gezogen worden. Vermindert war das germanische Heer, wie es scheint, nicht, aber der groesste Teil desselben bestand aus neuen, waehrend des Krieges gebildeten Legionen. Schlimmer noch war es um die Fuehrerschaft bestellt. Der Statthalter Publius Quinctilius Varus ^17 war wohl der Gemahl einer Nichte des Kaisers und ein Mann von uebel erworbenem, aber fuerstlichem Reichtum und von fuerstlicher Hoffart, aber von traegem Koerper und stumpfem Geist und ohne jede militaerische Begabung und Erfahrung, einer jener vielen hochgestellten Roemer, welche infolge des Festhaltens an der alten Zusammenwerfung der Administrativ- und der Oberoffiziersstellungen die Feldherrnschaerpe nach dem Muster Ciceros trugen. Er wusste die neuen Untertanen weder zu schonen noch zu durchschauen; Bedrueckung und Erpressung wurden geuebt, wie er es von seiner frueheren Statthalterschaft ueber das geduldige Syrien her gewohnt war; das Hauptquartier wimmelte von Advokaten und Klienten, und in dankbarer Demut nahmen insbesondere die Verschworenen bei ihm Urteil und Recht, waehrend sich das Netz um den hoffaertigen Praetor dichter und dichter zusammenzog.
—————————————— ^17 Das Bildnis des Varus zeigt eine Kupfermuenze der afrikanischen Stadt Achulla, geschlagen unter seinem Prokonsulat von Afrika im Jahre 747/48 (7/6) (L. Mueller, Numismatique de l’ancienne Afrique. Kopenhagen 18674, Bd. 2, S. 44, vgl. S. 52). Die Basis, welche einst die ihm von der Stadt Pergamon gesetzte Bildsaeule trug, haben die Ausgrabungen daselbst wieder ans Licht gebracht; die Unterschrift lautet: o d/e/mos [etim/e/sen] Poplion Koinktilion Sextoy yion Oyar[on] pas/e/s aret/e/[s eneka].
—————————————— Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen mindestens fuenf Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager in Mogontiacum, drei in Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommerlager hatten die letzteren im Jahre 9 an der Weser genommen. Die natuerliche Verbindungsstrasse von der oberen Lippe zur Weser fuehrt ueber den niederen Hoehenzug des Osning und des Lippischen Waldes, welcher das Tal der Ems von dem der Weser scheidet, durch die Doerenschlucht in das Tal der Werre, die bei Rehme unweit Minden in die Weser faellt. Hier also ungefaehr lagerten damals die Legionen des Varus. Selbstverstaendlich war dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stuetzpunkt der roemischen Stellungen am rechten Rheinufer, durch eine Etappenstrasse verbunden. Die gute Jahreszeit ging zu Ende und man schickte sich zum Rueckmarsch an. Da kam die Meldung, dass ein benachbarter Gau im Aufstand sei, und Varus entschloss sich, statt auf jener Etappenstrasse das Heer zurueckzufuehren, einen Umweg zu nehmen und unterwegs die Abgefallenen zum Gehorsam zurueckzubringen ^18. So brach man auf; das Heer bestand nach zahlreichen Detachierungen aus drei Legionen und neun Abteilungen der Truppen zweiter Klasse, zusammen etwa 20000 Mann ^19. Als nun die Armee sich von ihrer Kommunikationslinie hinreichend entfernt hatte und tief genug in das unwegsame Land eingedrungen war, standen in den benachbarten Gauen die Konfoederierten auf, machten die bei ihnen stationierten kleinen Truppenabteilungen nieder und brachen von allen Seiten aus den Schluchten und Waeldern gegen das marschierende Heer des Statthalters vor. Arminius und die namhaftesten Fuehrer der Patrioten waren bis zum letzten Augenblick im roemischen Hauptquartier geblieben, um Varus sicher zu machen; noch am Abend vor dem Tage, an dem die Insurrektion losbrach, hatten sie im Feldherrnzelt bei Varus gespeist und Segestes, indem er den bevorstehenden Ausbruch des Aufstandes ankuendigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst sowie die Angeschuldigten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung seiner Anklage von den Tatsachen zu erwarten. Varus’ Vertrauen war nicht zu erschuettern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den Insurgenten und stand den anderen Tag vor den Waellen des roemischen Lagers. Die militaerische Situation war weder besser noch schlimmer als die der Armee des Drusus vor der Schlacht bei Arbalo und als sie unter aehnlichen Verhaeltnissen oftmals fuer roemische Armeen eingetreten ist; die Kommunikationen waren fuer den Augenblick verloren, die mit schwerem Tross beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer, regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemaersche von Aliso getrennt, die Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Roemern weit ueberlegen. In solchen Lagen entscheidet die Tuechtigkeit der Truppe; und wenn die Entscheidung hier einmal zu Ungunsten der Roemer fiel, so wird die Unerfahrenheit der jungen Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- und Mutlosigkeit des Feldherrn dabei wohl das meiste getan haben. Nach erfolgtem Angriff setzte das roemische Heer seinen Marsch, jetzt ohne Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage fort, unter stetig steigender Bedraengnis und steigender Demoralisation. Auch die hoeheren Offiziere taten teilweise ihre Schuldigkeit nicht; einer von ihnen ritt mit der gesamten Reiterei vom Schlachtfeld weg und liess das Fussvolk allein den Kampf bestehen. Der erste, der voellig verzagte, war der Feldherr selbst; verwundet im Kampfe, gab er sich den Tod, ehe die letzte Entscheidung gefallen war, so frueh, dass die Seinigen noch den Versuch machten, die Leiche zu verbrennen und der Verunehrung durch den Feind zu entziehen. Seinem Beispiel folgte eine Anzahl der Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, kapitulierte der uebriggebliebene Fuehrer und gab auch das aus der Hand, was diesen letzten noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der Taeler der das Muensterland begrenzenden Hoehenzuege im Herbst des Jahres 9 n. Chr. das germanische Heer Zugrunde ^20. Die Adler fielen alle drei in Feindeshand. Keine Abteilung schlug sich durch, auch jene Reiter nicht, die ihre Kameraden im Stich gelassen hatten; nur wenige Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu retten. Die Gefangenen, vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden ans Kreuz geschlagen oder lebendig begraben oder bluteten unter dem Opfermesser der germanischen Priester. Die abgeschnittenen Koepfe wurden als Siegeszeichen an die Baeume der heiligen Haine genagelt. Weit und breit stand das Land auf gegen die Fremdherrschaft; man hoffte auf den Anschluss Marobods; die roemischen Posten und Strassen fielen auf dem ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die Gewalt der Sieger. Nur in Aliso leistete der tapfere Kommandant Lucius Caedicius, kein Offizier, aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen Widerstand und seine Schuetzen wussten den Germanen, die Fernwaffen nicht besassen, das Lagern vor den Waellen so zu verleiden, dass sie die Belagerung in eine Blockade umwandelten. Als die letzten Vorraete der Belagerten erschoepft waren und immer noch kein Entsatz kam, brach Caedicius in einer finsteren Nacht auf, und dieser Rest des Heeres erreichte in der Tat, wenn auch beschwert mit zahlreichen Frauen und Kindern und durch die Angriffe der Germanen starke Verluste erleidend, schliesslich das Lager von Vetera. Dorthin waren auch die beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius Nonius Asprenas auf die Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die entschlossene Verteidigung von Aliso und Asprenas rasches Eingreifen verhinderten die Germanen, ihren Sieg auf dem linken Rheinufer zu verfolgen, vielleicht die Gallier, sich gegen Rom zu erheben.
————————————————- ^18 Der Dionische Bericht, der einzige, der diese Katastrophe in einigem Zusammenhang ueberliefert, erklaert den Verlauf derselben in genuegender Weise, wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt, das allgemeine Verhaeltnis des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt und die von Ranke (Weltgeschichte. Leipzig 1881-88. Bd. 3, 2, S. 275) mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine lokale Insurrektion das ganze Heer hat marschieren koennen, damit beantwortet. Der Bericht des Florus beruht keineswegs auf urspruenglich anderen Quellen, wie derselbe Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen Zusammenruecken der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist. Die friedliche Rechtspflege des Varus und die Erstuermung des Lagers kennt die bessere Ueberlieferung beide auch und in ihrem ursaechlichen Zusammenhang; die laecherliche Schilderung, dass, waehrend Varus auf dem Gerichtsstuhl sitzt und der Herold die Parteien vorladet, die Germanen zu allen Toren in das Lager einbrechen, ist nicht Ueberlieferung, sondern aus dieser verfertigtes Tableau. Dass dieses ausser mit der gesunden Vernunft auch mit Tacitus’ Schilderung der drei Marschlager in unloesbarem Widerspruch steht, leuchtet ein. ^19 Die normale Staerke der drei Alen und der sechs Kohorten ist insofern nicht genau zu berechnen, als darunter einzelne Doppelabteilungen (miliariae) gewesen sein koennen; aber viel ueber 20000 Mann kann das Heer nicht gezaehlt haben. Andererseits liegt keine Ursache vor, eine wesentliche Differenz der effektiven Staerke von der normalen anzunehmen. Die zahlreichen Detachierungen, deren Erwaehnung geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck in der verhaeltnismaessig geringen Zahl der Auxilien, die immer dafuer vorzugsweise verwendet wurden.
^20 Da Germanicus, von der Ems kommend, das Gebiet zwischen Ems und Lippe, das heisst das Muensterland, verheert, und nicht weit davon der Teutoburgiensis saltus liegt, wo Varus’ Heer zugrunde ging (Tat. ann. 1, 61), so liegt es am naechsten, diese Bezeichnung, welche auf das flache Muensterland nicht passt, von dem das Muensterland nordoestlich begrenzenden Hoehenzug, dem Osning zu verstehen; aber auch an das etwas weiter noerdlich parallel mit dem Osning von Minden zur Huntequelle streichende Wiehengebirge kann gedacht werden. Den Punkt an der Weser, an dem das Sommerlager stand, kennen wir nicht; indes ist nach der Lage von Aliso bei Paderborn und nach den zwischen diesem und der Weser bestehenden Verbindungen wahrscheinlich dasselbe etwa bei Minden gewesen. Die Richtung des Rueckmarsches kann jede andere, nur nicht die naechste nach Aliso gewesen sein, und die Katastrophe erfolgte also nicht auf der militaerischen Verbindungslinie zwischen Minden und Paderborn selbst, sondern in groesserer oder geringerer Entfernung von dieser. Varus mag von Minden etwa in der Richtung auf Osnabrueck marschiert sein, dann nach dem Angriff von dort aus nach Paderborn zu gelangen versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden Hoehenzuege sein Ende gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von Venne an der Huntequelle eine auffallend grosse Anzahl von roemischen Gold-, Silber- und Kupfermuenzen gefunden worden, wie sie in augustischer Zeit umliefen, waehrend spaetere Muenzen daselbst so gut wie gar nicht vorkommen (vgl. die Nachweisungen bei Paul Hoefen Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16. Gotha 1884, S. 82 f.). Einem Muenzschatz koennen diese Funde nicht angehoeren, wegen des zerstreuten Vorkommens und der Verschiedenheit der Metalle; einer Handelsstaette auch nicht, wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz aus wie der Nachlass einer grossen aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden Berichte ueber die Varusschlacht lassen sich mit dieser Lokalitaet vereinigen. Ueber das Jahr der Katastrophe haette nie gestritten werden sollen; die Verschiebung in das Jahr 10 ist ein blosses Versehen. Die Jahreszeit wird einigermassen dadurch bestimmt, dass zwischen der Anordnung der illyrischen Siegesfeier und dem Eintreffen der Ungluecksbotschaft in Rom nur fuenf Tage liegen und jene wahrscheinlich den Sieg vom 3. August zur Voraussetzung hat wenn sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt ist. Danach wird die Niederlage etwa im September oder Oktober stattgefunden haben, was auch dazu stimmt, dass der letzte Marsch des Varus offenbar der Rueckmarsch aus dem Sommer- in das Winterlager gewesen ist.
————————————————- Die Niederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die Rheinarmee sofort nicht bloss ergaenzt, sondern ansehnlich verstaerkt ward. Tiberius uebernahm abermals das Kommando derselben und wenn aus dem auf die Varusschlacht folgenden Jahr (10) die Kriegsgeschichte Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so ist wahrscheinlich damals die Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und wohl gleichzeitig die Teilung dieses Kommandos in das der oberen Armee mit dem Hauptquartier Mainz und das der unteren mit dem Hauptquartier Vetera, ueberhaupt also diejenige Einrichtung daselbst getroffen worden, die dann durch Jahrhunderte massgebend geblieben ist. Man musste erwarten, dass auf diese Vermehrung der Rheinarmee die energische Wiederaufnahme der Operationen auf dem rechten Rheinufer gefolgt waere. Der roemisch-germanische Kampf war nicht ein Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht stehenden Maechten, in welchem die Niederlage der einen einen unguenstigen Friedensschluss rechtfertigen kann; es war der Kampf eines zivilisierten und organisierten Grossstaates gegen eine tapfere, aber politisch und militaerisch barbarische Nation, in welchem das schliessliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter Misserfolg in dem vorgezeichneten Plan so wenig etwas aendern darf, wie das Schiff darum seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoss es aus der Bahn wirft. Aber es kam anders. Wohl ging Tiberius im folgenden Jahr (11) ueber den Rhein; aber diese Expedition glich den frueheren nicht. Er blieb den Sommer drueben und feierte dort des Kaisers Geburtstag, aber die Armee hielt sich in der unmittelbaren Naehe des Rheins und von Zuegen an die Weser und an die Elbe war keine Rede – es sollte offenbar den Germanen nur gezeigt werden, dass die Roemer den Weg in ihr Land noch zu finden wussten, vielleicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten Rheinufer getroffen werden, welche die veraenderte Politik erforderte. Das grosse, beide Heere umfassende Kommando blieb und es blieb also auch im kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im Jahre 11 neben Tiberius gefuehrt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des Konsulats in Rom festhielt, kommandierte Tiberius allein am Rhein; mit dem Anfang des Jahres 13 uebernahm Germanicus den alleinigen Oberbefehl. Man betrachtete sich als im Kriegsstand gegen die Germanen; aber es waren tatenlose Jahre ^21. Ungern ertrug der feurige und ehrgeizige Erbprinz den ihm auferlegten Zwang, und man begreift es von dem Offizier, dass er die drei Adler in Feindeshand nicht vergass, von dem leiblichen Sohn des Drusus, dass er dessen zerstoerten Bau wieder aufzurichten wuenschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er nahm sie. Am 19. August des Jahres 14 starb Kaiser Augustus. Der erste Thronwechsel in der neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und Germanicus hatte Gelegenheit, durch Taten seinem Vater zu beweisen, dass er gesonnen war, ihm die Treue zu wahren. Darin aber fand er zugleich die Rechtfertigung, die lange gewuenschte Invasion Germaniens auch ungeheissen wieder aufzunehmen; er erklaerte, die nicht unbedenkliche, durch den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gaerung durch diesen frischen Kriegszug ersticken zu muessen. Ob dies ein Grund oder ein Vorwand war, wissen wir nicht und wusste vielleicht er selber nicht. Dem Kommandanten der Rheinarmee konnte das Ueberschreiten der Grenze ueberall nicht gewehrt werden, und es hing immer bis zu einem gewissen Grade von ihm ab, wie weit gegen die Germanen vorgegangen werden sollte. Vielleicht auch glaubte er, im Sinne des neuen Herrschers zu handeln, der ja wenigstens ebensoviel Anspruch wie sein Bruder auf den Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen angekuendigtes Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefasst werden konnte, als komme er, um die auf Augustus’ Geheiss abgebrochene Eroberung Germaniens wieder aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseits des Rheins begann aufs neue. Noch im Herbst des Jahres 14 fuehrte Germanicus selbst Detachements aller Legionen bei Vetera ueber den Rhein und drang an der Lippe hinauf ziemlich tief in das Binnenland vor, weit und breit das Land verheerend, die Eingeborenen niedermachend, die Tempel – so den hochgeehrten der Tanfana – zerstoerend. Die Betroffenen, es waren vornehmlich Bructerer, Tubanten und Usiper, suchten dem Kronprinzen auf der Heimkehr das Schicksal des Varus zu bereiten; aber an der energischen Haltung der Legionen prallte der Angriff ab. Da dieser Vorstoss keinen Tadel fand, vielmehr dem Feldherrn dafuer Danksagungen und Ehrenbezeugungen dekretiert wurden, ging er weiter. Im Fruehling des Jahres 15 versammelte er seine Hauptmacht zunaechst am Mittelrhein und ging selbst von Mainz vor gegen die Chatten bis an die oberen Zufluesse der Weser, waehrend das untere Heer weiter nordwaerts die Cherusker und die Marser angriff. Eine gewisse Rechtfertigung fuer dies Vorgehen lag darin, dass die roemisch gesinnten Cherusker, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe des Varus sich den Patrioten hatten anschliessen muessen, jetzt wieder mit der viel staerkeren Nationalpartei in offenem Kampfe lagen und die Intervention des Germanicus anriefen. In der Tat gelang es, den von seinen Landsleuten hart bedraengten Roemerfreund Segestes zu befreien und dabei dessen Tochter, die Gattin des Arminius, in die Gewalt zu bekommen; auch des Segestes Bruder Segimerus, einst neben Arminius der Fuehrer der Patrioten, unterwarf sich; die inneren Zerwuerfnisse der Germanen ebneten einmal mehr der Fremdherrschaft die Wege. Noch im selben Jahre unternahm Germanicus den Hauptzug nach dem Emsgebiet; Caecina rueckte von Vetera aus an die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte von der Rheinmuendung aus eben dorthin; die Reiterei zog die Kueste entlang durch das Gebiet der treuen Friesen. Wieder vereinigt, verwuesteten die Roemer das Land der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und machten von da aus einen Zug nach der Ungluecksstaette, wo sechs Jahre zuvor das Heer des Varus geendigt hatte, um den gefallenen Kameraden das Grabmal zu errichten. Bei dem weiteren Vormarsch wurde die roemische Reiterei von Arminius und den erbitterten Patriotenscharen in einen Hinterhalt gelockt und waere aufgerieben worden, wenn nicht die anrueckende Infanterie groesseres Unheil verhindert haette. Schwerere Gefahren brachte die Heimkehr von der Ems, welche auf denselben Wegen angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei gelangte unbeschaedigt in das Winterlager. Dafuer das Fussvolk der vier Legionen die Flotte bei der schwierigen Fahrt – es war um die Zeit der Herbstnachtgleiche – nicht genuegte, so schiffte Germanicus zwei derselben wieder aus und liess sie am Strande zurueckgehen; aber mit dem Verhaeltnis von Ebbe und Flut in dieser Jahreszeit ungenuegend bekannt, verloren sie ihr Gepaeck und gerieten in Gefahr, massenweise zu ertrinken. Der Rueckmarsch der vier Legionen des Caecina von der Ems zum Rhein glich genau dem des Varus, ja das schwere sumpfige Land bot wohl noch groessere Schwierigkeiten als die Schluchten der Waldgebirge. Die ganze Masse der Eingeborenen, an ihrer Spitze die beiden Cheruskerfuersten, Arminius und dessen hochangesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden Truppen in der sicheren Hoffnung, ihnen das gleiche Schicksal zu bereiten, und fuellte ringsum die Suempfe und Waelder. Der alte Feldherr aber, in vierzigjaehrigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltbluetig auch in der aeussersten Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden Mannschaften fest in der Hand. Dennoch haette auch er vielleicht das Unheil nicht abwenden koennen, wenn nicht nach einem gluecklichen Angriff waehrend des Marsches, bei dem die Roemer einen grossen Teil ihrer Reiterei und fast das ganze Gepaeck einbuessten, die siegesgewissen und beutelustigen Deutschen gegen Arminius Rat dem anderen Fuehrer gefolgt waeren und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu den Sturm auf das Lager versucht haetten. Caecina liess die Germanen bis an die Waelle herankommen, brach aber dann aus allen Toren und Pforten mit solcher Gewalt auf die Stuermenden ein, dass sie eine schwere Niederlage erlitten und infolgedessen der weitere Rueckzug ohne wesentliche Hinderung stattfand. Am Rhein hatte man die Armee schon verloren gegeben und war im Begriff gewesen, die Bruecke bei Vetera abzuwerfen, um wenigstens das Eindringen der Germanen in Gallien zu verhindern; nur die entschlossene Einrede einer Frau, der Gattin des Germanicus, der Tochter Agrippas, hatte den verzagten und schimpflichen Entschluss vereitelt.
—————————————– ^21 Den fortdauernden Kriegsstand bezeugen Tacitus (ann. 1, 9) und Dio (56, 26); aber berichtet wird gar nichts aus den nominellen Feldzuegen der Sommer 12, 13 und 14, und die Expedition vom Herbst des Jahres 14 erscheint als die erste von Germanicus unternommene. Allerdings ist Germanicus wahrscheinlich noch bei Augustus’ Lebzeiten als Imperator ausgerufen worden (Monumentum Ancyranum, S. 17); aber es steht nichts im Wege, dies auf den Feldzug des Jahres 11 zu beziehen, in dem Germanicus mit prokonsularischer Gewalt neben Tiberius kommandierte (Dio 56, 25). Im Jahre 12 war er in Rom zur Verwaltung des Konsulats, welche er das ganze Jahr hindurch behielt und mit welcher es damals noch ernsthaft genommen wurde; dies erklaert, weshalb Tiberius, wie dies jetzt erwiesen ist (Hermann Schulz, Quaestiones Ovidianae. Greifswald 1883, S. 15 f.), noch im Jahre 12 nach Germanien ging und sein Rheinkommando erst im Anfang des Jahres 13 mit der pannonischen Siegesfeier niederlegte. —————————————– Die Wiederaufnahme der Unterwerfung Germaniens begann also nicht gerade mit Glueck. Das Gebiet zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten und durchschritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Roemer nicht aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an Pferden, wurde schwer empfunden, so dass, wie in Scipios Zeiten, die Staedte Italiens und der westlichen Provinzen bei dem Ersatz des Verlorenen mit patriotischen Beisteuern sich beteiligten.
Germanicus aenderte fuer den naechsten Feldzug (16) seinen Kriegsplan: er versuchte, die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und die Flotte zu stuetzen, teils weil die Voelkerschaften an der Kueste, die Bataver, Friesen, Chauker mehr oder minder zu den Roemern hielten, teils um die zeitraubenden und verlustvollen Maersche vom Rhein zur Weser und zur Elbe und wieder zurueck abzukuerzen. Nachdem er dieses Fruehjahr wie das vorige zu raschen Vorstoessen am Main und an der Lippe verwendet hatte, schiffte er im Anfang des Sommers auf der inzwischen fertiggestellten gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln sein gesamtes Heer an der Rheinmuendung ein und gelangte in der Tat ohne Verlust bis an die der Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, vermutlich die Ems hinauf bis an die Haasemuendung und dann an dieser hinauf in das Werretal, durch dieses an die Weser. Damit war die Durchfuehrung der bis 80000 Mann starken Armee durch den Teutoburger Wald, welche namentlich fuer die Verpflegung mit grossen Schwierigkeiten verbunden war, vermieden, in dem Flottenlager fuer die Zufuhr ein sicherer Rueckhalt gegeben, und die Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser statt von vorn in der Flanke angegriffen. Auf diesem trat den Roemern das Gesamtaufgebot der Germanen entgegen, wiederum gefuehrt von den beiden Haeuptern der Patriotenpartei, Arminius und Inguiomerus; ueber welche Streitkraefte dieselben geboten, beweist, dass sie im Cheruskerland zunaechst an der Weser selbst, dann etwas weiter landeinwaerts ^22, zweimal kurz nacheinander gegen das gesamte roemische Heer in offener Feldschlacht schlugen und in beiden den Sieg hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Roemern zu und von den germanischen Patrioten blieb ein betraechtlicher Teil auf den Schlachtfeldern – Gefangene wurden nicht gemacht und von beiden Seiten mit aeusserster Erbitterung gefochten; das zweite Tropaeum des Germanicus sprach von der Niederwerfung aller germanischen Voelker zwischen Rhein und Elbe; der Sohn stellte diese seine Kampagne neben die glaenzenden des Vaters und berichtete nach Rom, dass er im naechsten Feldzug die Unterwerfung Germaniens vollendet haben werde. Aber Arminius entkam, obwohl verwundet, und blieb auch ferner an der Spitze der Patrioten, und ein unvorhergesehenes Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der Heimkehr, die von dem groessten Teil der Legionen zu Schiff gemacht wurde, geriet die Transportflotte in die Herbststuerme der Nordsee; die Schiffe wurden nach allen Seiten ueber die Inseln der Nordsee und bis an die britische Kueste hin geschleudert, ein grosser Teil ging zugrunde und die sich retteten, hatten groesstenteils Pferde und Gepaeck ueber Bord werfen und froh sein muessen, das nackte Leben zu bergen. Der Fahrtverlust kam, wie in den Zeiten der Punischen Kriege, einer Niederlage gleich; Germanicus selbst, mit dem Admiralschiff einzeln verschlagen an den oeden Strand der Chauker, war in Verzweiflung ueber diesen Misserfolg drauf und dran, seinen Tod in demselben Ozean zu suchen, dessen Beistand er im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und so vergeblich angerufen hatte. Wohl erwies sich spaeterhin der Menschenverlust nicht ganz so gross, wie es anfaenglich geschienen hatte, und einige erfolgreiche Schlaege, die der Feldherr nach der Rueckkehr an den Rhein den naechstwohnenden Barbaren versetzte, hoben den gesunkenen Mut der Truppen. Aber im ganzen genommen endigte der Feldzug des Jahres 16, verglichen mit dem des vorigen, wohl mit glaenzenderen Siegen, aber auch mit viel empfindlicherer Einbusse. ———————————————– ^22 Die Annahme Schmidts (Westfaelische Zeitschrift 20, 1862, S. 301), dass die erste Schlacht auf dem Idistavisischen Feld, etwa bei Bueckeburg, geschlagen sei, die zweite, wegen der dabei erwaehnten Suempfe, vielleicht am Steinhuder See, bei dem suedlich von diesem liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der Wahrheit sich nicht weit entfernen und kann wenigstens als Veranschaulichung gelten. Auf ein gesichertes Ergebnis muss bei diesem wie bei den meisten Taciteischen Schlachtberichten verzichtet werden. ———————————————– Germanicus Abberufung war zugleich die Aufhebung des Oberkommandos der rheinischen Armee. Die blosse Teilung des Kommandos setzte der bisherigen Kriegfuehrung ein Ziel; dass Germanicus nicht bloss abberufen ward, sondern keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus auf die Anordnung der Defensive am Rhein. So ist denn auch der Feldzug des Jahres 16 der letzte gewesen, den die Roemer gefuehrt haben, um Germanien zu unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an die Elbe zu verlegen. Dass die Feldzuege des Germanicus dieses Ziel hatten, lehrt ihr Verlauf selbst und das die Elbgrenze feiernde Tropaeum. Auch die Wiederherstellung der rechtsrheinischen militaerischen Anlagen, der Taunuskastelle sowohl wie der Festung Aliso und der diese mit Vetera verbindenden Linie, gehoert nur zum Teil zu derjenigen Besetzung des rechten Rheinufers, wie sie auch mit dem beschraenkten Operationsplan nach der Varusschlacht sich vertrug, zum Teil griff sie weit ueber denselben hinaus. Aber was der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht oder nicht ganz. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Tiberius die Unternehmungen des Germanicus am Rhein von Haus aus mehr hat geschehen lassen, und gewiss, dass er durch dessen Abberufung im Winter 16/17 denselben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich ein guter Teil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die Besatzung zurueckgezogen worden. Wie Germanicus von dem im Teutoburger Walde errichteten Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen Stein mehr fand, so sind auch die Ergebnisse seiner Siege wie ein Schlag ins Wasser verschwunden, und keiner seiner Nachfolger hat auf diesem Grunde weiter gebaut. Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht verloren gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung abermals in Angriff genommen worden war, sie abzubrechen befahl, so ist die Frage wohl berechtigt, welche Motive die beiden bedeutenden Regenten hierbei geleitet haben und was diese wichtigen Vorgaenge fuer die allgemeine Reichspolitik bedeuten. Die Varusschlacht ist ein Raetsel, nicht militaerisch, aber politisch, nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht unrecht, wenn er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder dem Schicksal, sondern von dem Feldherrn zurueckforderte; es war ein Ungluecksfall, wie ungeschickte Korpsfuehrer sie von Zeit zu Zeit fuer jeden Staat herbeifuehren; schwer begreift man, dass die Aufreibung einer Armee von 20000 Mann ohne weitere unmittelbare militaerische Konsequenzen der grossen Politik eines einsichtig regierten Weltstaates eine entscheidende Wendung gegeben hat. Und doch haben die beiden Herrscher jene Niederlage mit einer beispiellosen und fuer die Stellung der Regierung, der Armee wie den Nachbarn gegenueber bedenklichen und gefaehrlichen Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschluss mit Marobod, der ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte, zu einem definitiven werden lassen und nicht weiter versucht, das obere Elbtal in die Hand zu bekommen. Es muss Tiberius nicht leicht angekommen sein, den grossen, mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach dessen Tode von ihm fast vollendeten Bau zusammenstuerzen zu sehen; der gewaltige Eifer, womit er, sowie er in das Regiment wieder eingetreten war, den vor zehn Jahren begonnenen germanischen Krieg aufgenommen hatte, laesst ermessen, was diese Entsagung ihn gekostet haben muss. Wenn dennoch nicht bloss Augustus bei derselben beharrte, sondern auch nach dessen Tode er selbst, so ist dafuer ein anderer Grund nicht zu finden, als dass sie die durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Plaene zur Veraenderung der Nordgrenze als unausfuehrbar erkannten und die Unterwerfung und Behauptung des Gebietes zwischen dem Rhein und der Elbe ihnen die Kraefte des Reiches zu uebersteigen schien.
Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an deren Quelle und den oberen Rhein und dann rheinabwaerts lief, so wurde sie allerdings durch die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der mittleren Donau sich naehernde Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich verkuerzt und verbessert; wobei wahrscheinlich ausser dem evidenten militaerischen Gewinn auch noch das politische Moment in Betracht kam, dass die moeglichst weite Entfernung der grossen Kommandos von Rom und Italien eine der leitenden Maximen der Augusteischen Politik war und ein Elbheer in der weiteren Entwicklung Roms schwerlich dieselbe Rolle gespielt haben wuerde, wie sie die Rheinheere nur zu bald uebernahmen. Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung der germanischen Patriotenpartei und des Suebenkoenigs in Boehmen, waren keine leichten Aufgaben; indes man hatte dem Gelingen derselben schon einmal ganz nahe gestanden und bei richtiger Fuehrung konnten diese Erfolge nicht verfehlt werden. Aber eine andere Frage war es, ob nach der Einrichtung der Elbgrenze die Truppen aus dem zwischenliegenden Gebiet weggezogen werden konnten; diese Frage hatte der dalmatisch-pannonische Krieg in sehr ernster Weise der roemischen Regierung gestellt. Wenn schon das bevorstehende Einruecken der roemischen Donauarmee in Boehmen einen mit Anstrengung aller militaerischen Hilfsmittel erst nach vierjaehrigem Kampf niedergeworfenen Volksaufstand in Illyricum hervorgerufen hatte, so durfte weder zur Zeit noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet sich selbst ueberlassen werden. Aehnlich stand es ohne Zweifel am Rhein. Das roemische Publikum pflegte wohl sich zu ruehmen, dass der Staat ganz Gallien in Unterwuerfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung von Lyon; aber die Regierung konnte nicht vergessen, dass die beiden grossen Armeen am Rhein nicht bloss die Germanen abwehrten, sondern auch fuer die keineswegs durch Fuegsamkeit sich auszeichnenden gallischen Gaue gar sehr in Betracht kamen. An der Weser oder gar an der Elbe aufgestellt, haetten sie diesen Dienst nicht in gleichem Masse geleistet; und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten, vermochte man nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluss kommen, dass mit dem damaligen, allerdings seit kurzem erheblich verstaerkten, aber immer noch tief unter dem Mass des wirklich Erforderlichen stehenden Heerbestand jene grosse Grenzregulierung nicht auszufuehren sei; die Frage ward damit aus einer militaerischen zu einer Frage der inneren Politik und insonderheit zu einer Finanzfrage. Die Kosten der Armee noch weiter zu steigern, hat weder Augustus noch Tiberius sich getraut. Man kann dies tadeln. Der laehmende Doppelschlag der illyrischen und der germanischen Insurrektion mit ihren schweren Katastrophen, das hohe Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, die zunehmende Abneigung des Tiberius gegen frisches Handeln und grosse Initiative und vor allem gegen jede Abweichung von der Politik des Augustus, haben dabei ohne Zweifel bestimmend mit- und vielleicht zum Nachteil des Staates gewirkt. Man fuehlt es in dem nicht zu billigenden, aber wohl erklaerlichen Auftreten des Germanicus, wie das Militaer und die Jugend das Aufgeben der neuen Provinz Germanien empfanden. Man erkennt in dem duerftigen Versuch, mit Hilfe der paar linksrheinischen deutschen Gaue wenigstens dem Namen nach das verlorene Germanien festzuhalten, in den zweideutigen und unsicheren Worten, mit denen Augustus selbst in seinem Rechenschaftsbericht Germanien als roemisch in Anspruch nimmt oder auch nicht, wie verlegen die Regierung in dieser Sache der oeffentlichen Meinung gegenueber stand. Der Griff nach der Elbgrenze war ein gewaltiger, vielleicht ueberkuehner gewesen; vielleicht von Augustus, dessen Flug im allgemeinen so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem Zaudern und wohl nicht ohne den bestimmenden Einfluss des ihm vor allen nahestehenden juengeren Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kuehnen Schritt zurueckzutun ist in der Regel nicht eine Verbesserung des Fehlers, sondern ein zweiter. Die Monarchie brauchte die unbefleckte kriegerische Ehre und den unbedingten kriegerischen Erfolg in ganz anderer Weise als das ehemalige Buergermeisterregiment; das Fehlen der seit der Varusschlacht niemals ausgefuellten Nummern 17, 18 und 19 in der Reihe der Regimenter passte wenig zu dem militaerischen Prestige, und den Frieden mit Marobod aufgrund des Status quo konnte die loyalste Rhetorik nicht in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, dass Germanicus einem eigentlichen Befehl seiner Regierung zuwider jene weit aussehenden Unternehmungen begonnen hat, verbietet seine ganze politische Stellung; aber den Vorwurf, dass er seine doppelte Stellung als Hoechstkommandierender der ersten Armee des Reiches und als kuenftiger Thronfolger dazu benutzt hat, um seine politisch-militaerischen Plaene auf eigene Faust durchzufuehren, wird man ihm so wenig ersparen koennen wie dem Kaiser den nicht minder schweren, zurueckgescheut zu sein vielleicht vor dem Fassen, vielleicht auch nur vor dem klaren Aussprechen und dem scharfen Durchfuehren der eigenen Entschluesse. Wenn Tiberius die Wiederaufnahme der Offensive wenigstens geschehen liess, so muss er empfunden haben, wieviel fuer eine kraeftigere Politik sprach; wie es ueberbedaechtige Leute wohl tun, mag er wohl sozusagen dem Schicksal die Entscheidung ueberlassen haben, bis dann der wiederholte und schwere Misserfolg des Kronprinzen die Politik der Verzagtheit abermals rechtfertigte. Leicht war es fuer die Regierung nicht, einer Armee Halt zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern zwei zurueckgebracht hatte; aber es geschah. Was immer die sachlichen und die persoenlichen Motive gewesen sein moegen, wir stehen hier an einem Wendepunkt der Voelkergeschicke. Auch die Geschichte hat ihre Flut und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochflut des roemischen Weltregiments die Ebbe ein. Nordwaerts von Italien hatte wenige Jahre hindurch die roemische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der Varusschlacht sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Maerchen, aber ein altes, berichtet, dass dem ersten Eroberer Germaniens, dem Drusus, auf seinem letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauengestalt germanischer Art erschienen sei und ihm in seiner Sprache das Wort zugerufen habe “Zurueck!” Es ist nicht gesprochen worden, aber es hat sich erfuellt. Indes die Niederlage der Augusteischen Politik, wie der Friede mit Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl bezeichnet werden darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der Varusschlacht muss wohl durch die Gemueter der Besten die Hoffnung gegangen sein, dass der Nation aus dem herrlichen Sieg der Cherusker und ihrer Verbuendeten und aus dem Zurueckweichen des Feindes im Westen wie im Sueden eine gewisse Einigung erwachsen werde. Den sonst sich fremd gegenueberstehenden Sachsen und Sueben mag vielleicht eben in diesen Krisen das Gefuehl der Einheit aufgegangen sein. Dass die Sachsen vom Schlachtfelde weg den Kopf des Varus an den Suebenkoenig schickten, kann nichts sein als der wilde Ausdruck des Gedankens, dass fuer alle Germanen die Stunde gekommen sei, in gemeinschaftlichem Ansturm sich auf das Roemische Reich zu stuerzen und des Landes Grenze und des Landes Freiheit so zu sichern, wie sie allein gesichert werden koennen, durch Niederschlagen des Erbfeindes in seinem eigenen Heim. Aber der gebildete Mann und staatskluge Koenig nahm die Gabe der Insurgenten nur an, um den Kopf dem Kaiser Augustus zur Beisetzung zu senden; er tat nichts fuer, aber auch nichts gegen die Roemer und beharrte unerschuetterlich in seiner Neutralitaet. Unmittelbar nach dem Tode des Augustus hatte man in Rom den Einbruch der Markomannen in Raetien gefuerchtet, aber, wie es scheint, ohne Ursache, und als dann Germanicus die Offensive gegen die Germanen vom Rhein aus wieder aufnahm, hatte der maechtige Markomannenkoenig untaetig zugesehen. Diese Politik der Feinheit oder der Feigheit in der wild bewegten, von patriotischen Erfolgen und Hoffnungen trunkenen germanischen Welt grub sich ihr eigenes Grab. Die entfernteren, nur lose mit dem Reich verknuepften Suebenstaemme, die Semnonen, Langobarden und Gothonen, sagten dem Koenig ab und machten gemeinschaftliche Sache mit den saechsischen Patrioten; es ist nicht unwahrscheinlich, dass die ansehnlichen Streitkraefte, ueber welche Arminius und Inguiomerus in den Kaempfen gegen Germanicus offenbar geboten, ihnen grossenteils von daher zugestroemt sind. Als bald darauf der roemische Angriff ploetzlich abgebrochen ward, wendeten sich die Patrioten (17) zum Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff auf das Koenigtum ueberhaupt, wenigstens wie dieser es nach roemischem Muster verwaltete ^23. Aber auch unter ihnen selbst waren Spaltungen eingetreten; die beiden nah verwandten cheruskischen Fuersten, die in den letzten Kaempfen die Patrioten wenn nicht siegreich, doch tapfer und ehrenvoll gefuehrt und bisher stets Schulter an Schulter gefochten hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der Oheim Inguiomerus ertrug es nicht noch laenger, neben dem Neffen der zweite zu sein, und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus’ Seite. So kam es zur Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Germanen, ja zwischen denselben Staemmen; denn in beiden Armeen fochten sowohl Sueben wie Cherusker. Lange schwankte der Kampf; beide Heere hatten von der roemischen Taktik gelernt, und auf beiden Seiten war die Leidenschaft und die Erbitterung gleich. Einen eigentlichen Sieg erfocht Arminius nicht, aber der Gegner ueberliess ihm das Schlachtfeld, und da Maroboduus den kuerzeren gezogen zu haben schien, verliessen ihn die bisher noch zu ihm gehalten hatten und fand er sich auf sein eigenes Reich beschraenkt. Als er roemische Hilfe gegen die uebermaechtigen Landsleute erbat, erinnerte ihn Tiberius an sein Verhalten nach der Varusschlacht und erwiderte, dass jetzt die Roemer ebenfalls neutral bleiben wuerden. Es ging nun schleunig mit ihm zu Ende. Schon im folgenden Jahr (18) wurde er von einem Gothonenfuersten Catualda, den er frueher persoenlich beleidigt hatte und der dann mit den uebrigen ausserboehmischen Sueben von ihm abgefallen war, in seinem Koenigssitz selbst ueberfallen und rettete, von den Seinigen verlassen, mit Not sich zu den Roemern, die ihm die erbetene Freistatt gewaehrten – als roemischer Pensionaer ist er viele Jahre spaeter in Ravenna gestorben.
—————————————— ^23 Die Angabe des Tacitus (ann. 2, 45), dass dies eigentlich ein Krieg der Republikaner gegen die Monarchisten gewesen sei, ist wohl nicht frei von Uebertragung hellenisch-roemischer Anschauungen auf die sehr verschiedene germanische Welt. Soweit der Krieg eine ethisch-politische Tendenz gehabt hat, wird ihn nicht das nomen regis, wie Tacitus sagt, sondern das certum imperium visque regia des Velleius (2, 108) hervorgerufen haben. —————————————— Also waren Arminius’ Gegner wie seine Nebenbuhler fluechtig geworden, und die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. Aber diese Groesse war seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen Landsleute, vor allem sein eigenes Geschlecht schuldigte ihn an, den Weg Marobods zu gehen und nicht bloss der Erste, sondern auch der Herr und der Koenig der Germanen sein zu wollen – ob mit Grund oder nicht und ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicht das Rechte wollte, wer vermag es zu sagen? Es kam zum Buergerkrieg zwischen ihm und diesen Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus’ Verbannung fiel auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahestehender, republikanisch gesinnter Adliger. Seine Gattin Thusnelda und sein in der Gefangenschaft geborener Sohn Thumelicus, den er nie mit Augen gesehen hat, zogen bei dem Triumph des Germanicus (26. Mai 17) unter den anderen vornehmen Germanen gefesselt mit auf das Kapitol; der alte Segestes ward fuer seine Treue gegen die Roemer mit einem Ehrenplatz bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner Tochter und seines Enkels zuschauen durfte. Sie alle sind im Roemerreich gestorben; mit Maroboduus fanden auch Gattin und Sohn seines Gegners im Exil von Ravenna sich zusammen. Wenn Tiberius bei Abberufung des Germanicus bemerkte, dass es gegen die Deutschen der Kriegfuehrung nicht beduerfe und dass sie das fuer Rom Erforderliche schon weiter selber besorgen wuerden, so kannte er seine Gegner; darin allerdings hat die Geschichte ihm recht gegeben. Aber dem hochsinnigen Mann, der sechsundzwanzigjaehrig seine saechsische Heimat von der italischen Fremdherrschaft erloest hatte, der dann in siebenjaehrigem Kampfe fuer die wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat gewesen war, der nicht bloss Leib und Leben, sondern auch Weib und Kind fuer seine Nation eingesetzt hatte, um dann siebenunddreissigjaehrig von Moerderhand zu fallen, diesem Mann gab sein Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedaechtnis im Heldenlied. 2. Kapitel
Spanien
Die Zufaelligkeiten der aeusseren Politik bewirkten es, dass die Roemer frueher als in irgendeinem anderen Teil des ueberseeischen Kontinents sich auf der Pyrenaeischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches staendiges Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht, wie in Gallien und in Illyricum, sich darauf beschraenkt, die Kuesten des italischen Meeres zu unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach dem Vorgang der Barkiden, die Eroberung der ganzen Halbinsel in das Auge gefasst. Mit den Lusitanern (in Portugal und Estremadura) hatten die Roemer gestritten, seit sie sich Herren von Spanien nannten; die “entferntere Provinz” war recht eigentlich gegen diese und zugleich mit der naeheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Roemern botmaessig; kurz vor derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spaetere Diktator Caesar die roemischen Waffen bis nach Brigantium (Coruna) getragen und die Zugehoerigkeit dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue befestigt. Es haben dann in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in Nordspanien niemals geruht: nicht weniger als sechs Statthalter haben in dieser kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung des suedlichen Abhangs der Pyrenaeen vorzugsweise in diese Epoche ^1. Die Kriege mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des Gebirges, die in die gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im Jahre 727 (27) siegreich zu Ende ging, werden damit in Zusammenhang stehen. Bei der Reorganisation der Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die Halbinsel an Augustus, weil dort ausgedehnte militaerische Operationen in Aussicht genommen waren und sie einer dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das suedliche Drittel der entfernteren Provinz, seitdem benannt vom Baetisfluss (Guadalquivir), dem Regiment des Senats bald zurueckgegeben wurde ^2, blieb doch der bei weitem groessere Teil der Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der groessere Teil der entfernteren Provinz, Lusitanien und Callaekien ^3, wie die ganze grosse naehere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich Augustus persoenlich nach Spanien, um in zweijaehrigem Aufenthalt (728, 729 26, 25) die neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch nicht botmaessigen Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus, und es wurde damals ueberhaupt der Sitz der Regierung der naeheren Provinz von Neukarthago nach Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese Provinz auch seitdem gewoehnlich genannt wird. Wenn es einerseits notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung nicht von der Kueste zu entfernen, so beherrschte andererseits die neue Hauptstadt das Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den Pyrenaeen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich hartnaeckig in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue ueberliefen, zog sich mit Unterbrechungen, die die Roemer Siege nannten, der schwere und verlustvolle Krieg acht Jahre hin, bis es endlich Agrippa gelang, durch Zerstoerung der Bergstaedte und Verpflanzung der Bewohner in die Taeler den offenen Widerstand zu brechen.
—————————————— ^1 Es triumphierten ueber Spanien, abgesehen von dem wohl politischen Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul 714 40), im Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38), zwischen 720 (34) und 725 (29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und Appius Claudius Pulcher (Konsul 716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728 (26) Sex. Appuleius (Konsul 725 29). Die Schriftsteller erwaehnen nur den Sieg, den Calvinus ueber die Cerretaner (bei Puycerda in den oestlichen Pyrenaeen) erfocht (Dio 48, 42; vgl. Vell. 2, 78 und die Muenze des Sabinus mit Osca, Eckhel, Bd. 5, S. 203).
^2 Da Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward (Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen Augustus Kolonien gegruendet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S. 222), nicht fueglich unberuecksichtigt geblieben sein kann, so wird die Trennung von Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem kantabrischen Kriege stattgefunden haben.
^3 Callaekien ist nicht bloss von der Ulterior aus eingenommen worden, sondern muss noch in der frueheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehoert haben, ebenso Asturien anfaenglich zu dieser Provinz geschlagen worden sein. Sonst ist die Erzaehlung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Carisius, der Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von Lusitanien, C. Furnius der der Tarraconensis. Damit stimmt auch die parallele Darstellung bei Florus (epit. 2, 33), denn die Drigaecini der Handschriften sind sicher die Brigaikinoi, die Ptolemaeos (2, 6, 29) unter den Asturern auffuehrt. Darum fasst auch Agrippa in seinen Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4, 22, 118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als frueher Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen Provinzen erwaehnt Strabon (3, 4, 19, p. 166).
—————————————— Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Kueste des Ozeans von Cadiz bis zur Elbmuendung den Roemern gehorchte, so war in diesem Winkel derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem Verlass. Zu einer eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen Spanien noch lange nicht gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von Kriegszuegen gegen die Asturer die Rede. Deutlicher noch spricht die Besetzung des Landes, wie Augustus sie angeordnet hat. Callaekien wurde von Lusitanien getrennt und mit der tarraconensischen Provinz vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer Hand zu konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloss damals die einzige gewesen, welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militaerkommando erhalten hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei Legionen ^4 dorthin gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien, und trotz der militaerischen Bedraengnis in Germanien und in Illyricum ward diese Besatzung nicht vermindert. Das Hauptquartier ward zwischen der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der neuen, Asturica Augusta (Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den Namen fuehrenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens haengen wahrscheinlich die daselbst in der frueheren Kaiserzeit in bedeutendem Umfange vorgenommenen Strassenanlagen zusammen, obwohl wir, da die Dislokation dieser Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist, den Zusammenhang im einzelnen nicht nachzuweisen vermoegen. So ist von Augustus und Tiberius fuer die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga) eine Verbindung mit Asturica, das heisst mit dem grossen Hauptquartier, nicht minder mit den noerdlich, nordoestlich und suedlich benachbarten Staedten hergestellt worden. Aehnliche Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasconen und in Kantabrien ^5. Allmaehlich konnte die Besatzung verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine zweite anderswo verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert angesehen, und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische Besatzung wieder ihre fruehere Staerke; eigentlich reduziert haben sie erst die Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da an bis in die diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. gemina und eine gewisse Zahl von Hilfskontingenten in Leon garnisoniert. —————————————— ^4 Es sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina. Die erste von diesen kam in Folge der durch Claudius’ britannische Expedition veranlassten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die beiden anderen, obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen noch im Anfang der Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit ihnen anstatt der 4. die von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac. hist. 1, 44). Alle drei wurden in Veranlassung des Bataverkrieges an den Rhein geschickt, und es kam davon nur eine zurueck. Denn noch im Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin. paneg. 14; vgl. Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor dem Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die zweite