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  • 1767
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sich selbst zu kommen, und den Abgrund gewahr zu werden, an dessen blumichtem Rand er in unsinniger Sorglosigkeit herumtanzte.

Man kennt die Staatsverwaltung woll¸stiger Prinzen aus ‰ltern und neuern Beispielen zu gut, als dafl wir nˆtig h‰tten, uns dar¸ber auszubreiten. Was f¸r eine Regierung ist von einem jungen Unbesonnenen zu erwarten, dessen Leben ein immerw‰hrendes Bacchanal ist? Der keine von den groflen Pflichten seines Berufs kennt, und die Kr‰fte, die er zu ihrer Erf¸llung anstrengen sollte, bei n‰chtlichen Schm‰usen und in den feilen Armen ¸ppiger Buhlerinnen verzettelt? Der, unbek¸mmert um das Beste des Staats, seine Privat-Vorteile selbst so wenig einsieht, dafl er das wahre Verdienst, welches ihm verd‰chtig ist, hasset, und Belohnungen an diejenigen verschwendet, die unter der Maske der eifrigsten Ergebenheit und einer g‰nzlichen Aufopferung, seine gef‰hrlichsten Feinde sind? Von einem Prinzen, bei dem die wichtigsten Stellen auf die Empfehlung einer T‰nzerin oder der Sklaven, die ihn aus–und ankleiden, vergeben werden? Der sich einbildet, dafl ein Hofschranze, der gut tanzt, ein Nachtessen wohl anzuordnen weifl, und ein ¸berwindendes Talent hat, sich bei den Weibern in Gunst zu setzen, unfehlbar auch das Talent eines Ministers oder eines Feldherrn haben werde; oder, dafl man zu allem in der Welt t¸chtig sei, sobald man die Gabe habe ihm zu gefallen?–Was ist von einer solchen Regierung zu erwarten, als Verachtung aller gˆttlichen und menschlichen Gesetze, Miflbrauch der Formalit‰ten der Gerechtigkeit, Gewaltsamkeiten, schlimme Haushaltung, Erpressungen, Geringsch‰tzung und Unterdr¸ckung der Tugend, allgemeine Verdorbenheit der Sitten?–Und was f¸r eine Staatskunst wird da Platz haben, wo Leidenschaften, Launen, vor¸berfahrende Anstˆfle von l‰cherlichem Ehrgeiz, die kindische Begierde von sich reden zu machen, die Konvenienz eines G¸nstlings oder die Intriguen einer Buhlerin–die Triebfedern der Staats-Angelegenheiten, der Verbindung und Trennung mit ausw‰rtigen M‰chten, und des ˆffentlichen Betragens sind? Wo, ohne die wahren Vorteile des Staats, oder seine Kr‰fte zu kennen, ohne Plan, ohne kluge Abw‰gung und Verbindung der Mittel–doch, wir geraten unvermerkt in den Ton der Deklamation, welcher uns bei einem l‰ngst erschˆpften und doch so allt‰glichen Stoffe nicht zu vergeben w‰re. Mˆchte niemand, der dieses liest, aus der Erfahrung seines eignen Vaterlands wissen, wie einem Volke mitgespielt wird, welches das Ungl¸ck hat, der Willk¸r eines Dionysius preis gegeben zu sein!

Man wird sich nach allem, was wir eben gesagt haben, den Dionysius als einen der schlimmsten Tyrannen, womit der Himmel jemals eine mit geheimen Verbrechen belastete Nation gegeiflelt habe, vorstellen; und so schildern ihn auch die Geschichtschreiber. Allein ein Mensch der aus lauter schlimmen Eigenschaften zusammengesetzt w‰re, ist ein Ungeheuer, das nicht existieren kann. Eben dieser Dionysius w¸rde F‰higkeit genug gehabt haben, ein guter F¸rst zu werden, wenn er so gl¸cklich gewesen w‰re, zu seiner Bestimmung gebildet zu werden. Aber es fehlte soviel, dafl er die Erziehung die sich f¸r einen Prinzen schickt, bekommen h‰tte, dafl ihm nicht einmal diejenige zu teil wurde, die man einem jeden jungen Menschen von mittelm‰fligem Stande gibt. Sein Vater, der feigherzigste Tyrann der jemals war, liefl ihn, von aller guten Gesellschaft abgesondert, unter niedrigen Sklaven aufwachsen, und der pr‰sumtive Thronfolger hatte kein andres Mittel sich die Langeweile zu vertreiben, als dafl er kleine Wagen, hˆlzerne Leuchter, Schemel und Tisch’gen verfertigte. Man w¸rde unrecht haben, wenn man diese selbstgew‰hlte Besch‰ftigung f¸r einen Wink der Natur halten wollte; es war vielmehr der Mangel an Gegenst‰nden und Modellen, welche dem allen Menschen angebornen Trieb Witz und H‰nde zu besch‰ftigen, der sich in ihm regete, eine andere Richtung h‰tten geben kˆnnen: Er w¸rde vielleicht Verse gemacht haben, und bessere als sein Vater, (der unter andern Torheiten auch die Wut hatte, ein Poet sein zu wollen) wenn man ihm einen Homer in seine Klause gegeben h‰tte. Wie manche Prinzen hat man gesehen, welche mit der Anlage zu Augusten und Trajanen, aus Schuld derjenigen, die ¸ber ihre Erziehung gesetzt waren, oder durch die Unf‰higkeit eines dummen, mit klˆsterlichen Vorurteilen angef¸llten Mˆnchen, dem sie auf Diskretion ¸berlassen wurden in Nerone und Heliogabale ausgeartet sind?–Eine genaue und ausf¸hrliche Entwicklung, wie dieses zugehe; wie es unter gewissen gegebenen Umst‰nden nicht anders mˆglich sei, als dafl durch eine so fehlerhafte Veranstaltung das beste Naturell, in ein Karikaturenm‰fliges moralisches Miflgeschˆpfe verzogen werden m¸sse, w‰re, wie uns deucht, ein sehr n¸tzlicher Stoff, den wir der Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie empfehlen, der bei philosophischen Einsichten eine hinl‰ngliche Kenntnis der Welt bes‰fle. Unsre aufgekl‰rten und politen Zeiten sind weder dieses noch jenes in so hohem Grade, dafl ein solches Werk ¸berfl¸ssig sein sollte; und wenn die Ausf¸hrung der W¸rde des Stoffes zusagte, so zweifeln wir nicht, dafl es gl¸cklich genug werden kˆnnte, von mancher Provinz die lange Folge von Plagen abzuwenden, welche ihr vielleicht durch die fehlerhafte Erziehung ihrer noch ungebornen Beherrscher in den n‰chsten hundert Jahren bevorstehen.

ZWEITES KAPITEL

Charakter des Dion. Anmerkungen ¸ber denselben. Eine Digression

Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu machen, es nach dem Tode des alten Dionysius abzusch¸tteln. Es war nicht einmal soviel Tugend unter ihnen ¸brig, dafl einige von denen, welche besser dachten als der grofle Haufen, und die ver‰chtliche Brut der Parasiten, den Mut gehabt h‰tten, sich durch diese letztern hindurch bis zu dem Ohre des jungen Prinzen zu dr‰ngen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von denen seine eigene Gl¸ckseligkeit eben so wohl abhing, als die Wohlfahrt von Sicilien. Ganz Syracus hatte nur einen Mann, dessen Herz grofl genug hiezu war; und auch dieser w¸rde sich vermutlich in eben diese sichere aber unr¸hmliche Dunkelheit eingeh¸llet haben, worein ehrliche Leute unter einer ungl¸ckweissagenden Regierung sich zu verbergen pflegen; wenn ihn seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genˆtiget h‰tte, sich um die Staats-Verwaltung zu bek¸mmern.

Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der Gemahl seiner Schwester; der N‰chste nach ihm im Staat, und der Einzige, der sich durch seine grofle F‰higkeiten, durch sein Ansehen bei dem Volke, und durch die unermeflliche Reicht¸mer, die er besafl, furchtbar und des Projekts verd‰chtig machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen, oder die republikanische Verfassung wiederherzustellen. Wenn wir den Geschichtschreibern, insonderheit dem tugendhaften und gutherzigen Plutarch einen unumschr‰nkten Glauben schuldig w‰ren, so w¸rden wir den Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend z‰hlen m¸ssen, welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der W¸rde und Grˆfle guter D‰monen, oder Besch¸tzender Genien und Wohlt‰ter des Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben–welche f‰hig sind, aus dem erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des allgemeinen Besten zu handeln, und ¸ber dem Bestreben, andere gl¸cklich zu machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne fallenden sterblichen H¸lle ein edleres Selbst tragen, welches seine angeborne Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes animalische Selbst unterdr¸ckt wird–welche im Gl¸ck und im Ungl¸ck gleich grofl, durch dieses nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz entlehnen, sondern immer sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften, und ¸ber die Bed¸rfnisse gemeiner Seelen erhaben, eine Art von sublunarischen Gˆttern sind. Ein solcher Charakter f‰llt allerdings gut in die Augen, ergˆtzt den moralischen Sinn (wenn wir anders dieses Wort gebrauchen d¸rfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, dafl die Seele ein besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden habe) und erweckt den Wunsch, dafl er mehr als eine schˆne Schim‰re sein mˆchte. Aber wir gestehen, dafl wir, aus erheblichen Gr¸nden, mit zunehmender Erfahrung, immer mifltrauischer gegen die menschlichen–und warum also nicht gegen die ¸bermenschlichen Tugenden werden.

Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise grofler F‰higkeiten, und vorz¸glich einer gewissen Erhabenheit und St‰rke des Gem¸ts, die man gemeiniglich mit grˆbern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernsthaft, stolz und sprˆde zu machen pflegt. An jede Art von Temperament grenzen wie man weifl, gewisse Tugenden; und wenn es sich noch f¸gt, dafl die Entwicklung dieser Anlage zu demselben durch g¸nstige Umst‰nde befˆrdert wird, so ist nichts nat¸rlichers, als dafl sich daraus ein Charakter bildet, der durch gewisse hervorstechende Tugenden blendet, die eben darum zu einer vˆlligern Schˆnheit gelangen, weil kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum entgegensetzt. Diese Art von Tugenden finden wir bei dem Dion in groflem Grade: Aber ihm, oder irgend einem andern ein Verdienst daraus machen, w‰re eben so viel, als einem Athleten die Elastizit‰t seiner Sehnen, oder einem gesunden bl¸henden M‰dchen ihre gute Farbe und die Wˆlbung ihres Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an die allgemeine Hochachtung geben sollten. Ja, wenn Dion sich durch diejenige Tugenden vorz¸glich unterschieden h‰tte, zu denen er von Natur nicht aufgelegt war; und wenn er es so weit gebracht h‰tte, sie mit eben der Leichtigkeit und Grazie auszu¸ben, als ob sie ihm angeboren w‰ren–aber wie viel daran fehlte, dafl er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel Ehre gemacht h‰tte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen, und in dem Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die zuverl‰ssigsten Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder vielleicht gefiel es ihm nicht, den Versuch zu machen, und beides l‰uft auf Eines hinaus, diese Austerit‰t, diese Unbiegsamkeit, diese wenige Gef‰lligkeit im Umgang, welche die Herzen von sich zur¸ckstiefl, zu ¸berwinden. Vergebens ermahnte ihn Plato den Huldgˆttinnen zu opfern, und erinnerte ihn, dafl Sprˆdigkeit sich nur f¸r Einsiedler schicke; Dion bewies durch seine Ungelehrigkeit ¸ber diesen Punkt, dafl die Philosophie ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu denen wir keine Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu denen wir ohnehin geneigt sind.

Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien die Augen gerichtet hatte. Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung von allen Arten der sinnlichen Ergˆtzungen, seine M‰fligung, N¸chternheit und Frugalit‰t, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je st‰rker sie mit der z¸gellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen kontrastierte. Man sah, dafl er allein im Stande war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und man erwartete das Beste von ihm, es sei nun dafl er sich der Regierung f¸r sich selbst, oder die jungen Sˆhne seiner Schwester bem‰chtigen, oder sich begn¸gen w¸rde, der Mentor des Dionysius zu sein.

Die nat¸rliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust, welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu fl¸chten genˆtiget wurde. Selbst die Akademie, diese damals so ber¸hmte Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen Verwandten des wiewohl unrechtm‰fligen Beherrschers von Sicilien, unter ihre Pflegsˆhne z‰hlen zu kˆnnen. Die kˆnigliche Pracht, welche er in seiner Lebensart affektierte, war in ihren Augen (so gewifl ist es, dafl auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verf‰lscht werden) der Ausdruck der innern Majest‰t seiner Seele; sie schlossen ungef‰hr nach eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf die G¸te ihres Herzens schlieflen macht; und sahen nicht, oder wollten nicht sehen, dafl eben dieser von den republikanischen Sitten so weit entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, dafl es weniger einer Erhabenheit ¸ber die gewˆhnlichen Schwachheiten der Groflen und Reichen, als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die Vergn¸gungen der Sinne gleichg¸ltig war, der sich von der Eitelkeit dahinreiflen liefl, durch ein Gepr‰nge mit Reicht¸mern, deren er sich als der Fr¸chte seiner Verh‰ltnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr h‰tte sch‰men sollen, unter einem freien Volke sich unterscheiden zu wollen.

Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die ¸bertriebene Lobspr¸che zu m‰fligen, welche an die G¸nstlinge des Gl¸ckes verschwendet zu werden pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre ich nicht in Abrede zu sein, dafl Dion, so wie er war, einen Thron eben so w¸rdig erf¸llt haben w¸rde, als wenig er sich schickte, mit einem durch die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand zwischen Sklaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es h‰tte geschehen m¸ssen, wenn seine Unternehmung f¸r die Syracusaner und ihn selbst gl¸cklich h‰tte ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses Volk, in dem Zeitpunkt, da es das Joch der Tyrannie abzusch¸tteln anfing, sehr gl¸cklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in Absicht ihrer Di‰t zu unterwerfen, sich zu fr¸h wie gesunde Leute betragen wollen. Aber darin kˆnnen wir nicht mit ihm einstimmen, dafl Dion dieser geschickte Arzt f¸r sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten–und Staats-Lehre er ein so grofler Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen, dafl er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen Grunds‰tzen gehandelt h‰tte, zum Arzt eines ‰uflerst verdorbenen Volkes geeigenschaftet war. Vielf‰ltige Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Vˆlkern haben es gewiesen, dafl die Dion, die Caton, die Brutus, die Algernon Sidney allemal ungl¸cklich sein werden, wenn sie einen von alten bˆsartigen Schaden entkr‰fteten und zerfressenen Staats-Kˆrper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen. Zu einer solchen Operation gehˆren viele Geh¸lfen; und M‰nner von einer so auflerordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist, das in den vorliegenden Umst‰nden zu erreichen sein mag; und Sie wollen immer das Beste, das sich denken l‰flt: Alle Mittel welche zugleich am gewissesten und b‰ldesten zu diesem Ziel f¸hren, sind die Besten; und sie wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln einer oft allzuspitzf¸ndigen Gerechtigkeit und G¸te, rechtm‰flig und gut sind. “Lˆblich, vortrefflich, gˆttlich!”–rufen die schw‰rmerischen Bewunderer der heroischen Tugend–wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen Geschlecht jemals geholfen habe–Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine Regierungs-Form geben, welche so nah als mˆglich an die Platonische Republik grenzte–und verfehlte dar¸ber, zu seinem eignen Untergang, die Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie f‰hig war. Brutus half den Grˆflesten der Sterblichen, den F‰higsten, eine ganze Welt zu regieren, der jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in R¸cksicht auf die Mittel wodurch er zur hˆchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch f¸r den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende Cassius verlangte) so w‰ren Strˆme von Blut, so w‰re das edelste Blut von Rom, das kostbare Leben der besten B¸rger gesparet worden, und der gl¸ckliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen. H‰tte sich derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so grofles Opfer gebracht hatte als C‰sar war, ein Bedenken machen sollen, seinem majest‰tischen Schatten einen Antonius nachzuschicken?–Um eine Tat, welche, ohne Sukzefl wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein verabscheuungsw¸rdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Enthusiasmus scheinen mufl, zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die grofle Seele eines Rˆmers geschwellt hatte. Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche ihm eine unzeitige G¸te eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte sich f¸r sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Tr¸mmern, der auf ewig umgest¸rzten Republik. Was half also sein Platonismus dem Vaterlande? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie ist, scheint uns wichtig und an praktischen Folgerungen fruchtbar, deren Nutzbarkeit sich ¸ber alle St‰nde ausbreiten, und besonders bei denjenigen welche mit der Regierung und moralischen Disziplinierung der Menschen besch‰ftiget sind, sich vorz¸glich ‰uflern w¸rde, wenn sie besser eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet w¸rden. Vielleicht w¸rden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel noch durch gef‰rbte Gl‰ser sehen, mit dem weinerlichl‰cherlichen Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen Kr‰ften und mit der feirlichsten Ernsthaftigkeit leeres Stroh dreschen, und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern, dafl nichts als Stroh auf der Tenne liegt–der Patriotische Phlegon w¸rde sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen, nicht so viel Verdrufl zuziehen, und durch diesen Verdrufl und die Vergeblichkeit seiner undankbaren Bem¸hungen nicht veranlasset werden, sich zu Tode–zu trinken–Der redliche Macrin w¸rde sich nicht auf Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen, aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machen–Der wohlmeinende Diophant w¸rde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche noch sehr weit entfernt sind ertr‰gliche Menschen zu sein, in eine Engel‰hnliche Vollkommenheit hinein zu deklamieren–Doch genug von einer Materie, welche um gehˆrig ausgef¸hrt zu werden, eine eigene Abhandlung erfoderte.

Wie leicht es doch ist, seine nichts ¸bels besorgende Leser in einen Labyrinth von Parenthesen und Digressionen hineinzuf¸hren, wenn man sich einmal ¸ber eine abergl‰ubische Regelm‰fligkeit hinausgesetzt hat! Zwar haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, dafl wir uns bei Gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben w¸rden–Und doch wollen wir so ehrlich sein und gestehen, dafl wir uns weder in diesem St¸ck, noch, die Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen w¸nschen. Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in dieser unsrer pragmatisch-kritischen Geschichte vermissen; sondern weil es in der Tat unendlich mal leichter ist Miszellanien zu schreiben, als ein ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen kˆnnte, dafl ein junger Skribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Methode bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen kˆnnte: Currente rot‚ cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu besorgen w‰re, so gibt es sehr wackere Leute, denen es schwer f‰llt, sich aus dergleichen m‰andrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und sobald es dem Verfasser beliebt, wieder auf dem Punkt zu stehen, wo er mit ihm ausgegangen ist. “Was hat man uns”, werden solche Leser, zum Exempel fragen, “in diesem ganzen Kapitel denn eigentlich sagen wollen?”–“Merken sie auf, meine Herren, das war es–dafl dieser Dion von dem die Rede war, und um den Sie Sich ¸brigens, wie ich vermute, sehr wenig bek¸mmern, eine ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu Ch‰ronea sich eingebildet–oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, dafl er’s gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe, als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten, und was dergleichen mehr ist–Nun verstehen wir einander doch?”

DRITTES KAPITEL

Eine Probe, dafl die Philosophie so gut zaubern kˆnne, als die Liebe

Die vorl‰ufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben, entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, f¸r Eins, so sind sie zum Verst‰ndnis des Folgenden unentbehrlich; und f¸rs Andere, so h‰tten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als dafl er im Begriff sei, den Hausgˆttern seines Freundes, des Kaufmanns, eine and‰chtige Libation zu bringen, mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen, und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt auszuruhen.

Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen; und mit dem Verdrufl eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch einen Haufen junger Woll¸stlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren, welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus so guten Gr¸nden geb¸hrte, nach und nach ausgeschlossen zu werden. Bei solcher Bewandtnis hatte der Patriotismus das schˆnste Spiel, und die groflen Beweggr¸nde der allgemeinen Wohlfahrt, die uneigenn¸tzige Betrachtung der verderblichen Folgen, welche aus einer so heillosen Beschaffenheit des Hofes ¸ber den ganzen Staat daherst¸rzen muflten, wurden durch jene geheimern Triebfedern so kr‰ftig unterst¸tzt, dafl er den festen Entschlufl faflte, alles zu versuchen, um seinen Verwandten auf einen bessern Weg zu bringen.

Er urteilte, den Grunds‰tzen Platons zufolge, dafl die Unwissenheit des Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten Pˆbel (es waren mit alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben, die Haupt-Quelle seiner verdorbenen Neigungen sei. Diesem nach hielt er sich seiner Verbesserung versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn her versammeln, und ihm diese edle Wissensbegierde einflˆflen kˆnnte, welche bei denenjenigen, die von ihr begeistert sind, die animalischen Triebe wo nicht g‰nzlich zu unterdr¸cken, doch gewifl zu d‰mmen und zu m‰fligen pflegt. Er liefl also keine Gelegenheit vorbei (und die unz‰hlichen Fehler, welche t‰glich in der Staats-Verwaltung gemacht wurden, gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit vorzustellen, M‰nner von einem groflen Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er f¸hrte so viele Beweggr¸nde an, dafl er, unter einer Menge sehr erhabener, die an einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine Eitelkeit interessierte. Doch selbst dieser schl¸pfte nur leicht an seinen Ohren hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die besondern Unterredungen, welche sie ¸ber dergleichen Materien hatten, allemal mit der Versicherung beschlofl, dafl er nicht ermangeln werde, von so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so w¸rde doch schwerlich jemals mit Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein kleiner physikalischer Umstand dazu gekommen w‰re, der den Vorstellungen des weisen Dion eine St‰rke gab, die nicht ihre eigene war.

Dionysius hatte, man weifl nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der an Glanz und verschwenderischer ¸ppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen konnte, ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der Geschichtschreiber, drei Monate in einem fort daurte. Die ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht weiter gehen, als auf der einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern Schwelgerei und asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben wurden; denn diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre Erfindungen erschˆpft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden. Dionys, der durch eine Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so weit ¸ber das Original selbst, dafl die Feder eines Aretin und der Griffel eines la Fage sich unvermˆgend h‰tten bekennen m¸ssen, weiter zu gehen. Die Quellen der Natur wurden erschˆpft, und die unm‰chtige Begierde ihre Grenzen zu erweitern–Doch, wir wollen kein Gem‰lde machen, das bei Gegenst‰nden dieser Art die Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen verfehlen mˆchte. Genug dafl Dionys mit den Silenen, Nymphen, Faunen und Satyren, seinen Geh¸lfen, die Tibere und Neronen der sp‰tern Zeiten in die Unmˆglichkeit setzte, etwas mehr als blofle Kopisten von ihm zu sein. Wer sollte sich vorstellen, dafl aus einer so schlammichten Quelle die heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation, welche ganz Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen kˆnnen?–“Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein Wort in unserm Compendio steht”–sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem Schulfreunde, Horazio.

Das unb‰ndigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging, endlich zu paaren getrieben werden. Unsre Bacchanten fanden sich von der Unm‰fligkeit, womit sie eine so lange Zeit den Gˆttern der Freude geopfert, und von der Wut womit sie ihre Orgyia beschlossen hatten, so erschˆpft, dafl sie genˆtiget waren, aufzuhˆren. Insonderheit befand sich Dionyfl in einem Stande der Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden ¸brig liefl, jemals wieder eine solche Rolle zu spielen. Zum ersten mal seit dem berauschenden Augenblicke, da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen Leidenschaften den Z¸gel zu lassen sah, f¸hlte er ein Leeres in sich, in welches er mit Grauen hineinschaute–Zum ersten mal f¸hlte er sich geneigt, Reflexionen zu machen, wenn er das Vermˆgen dazu gehabt h‰tte. Aber er erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen ¸ber sich selbst und alle diejenigen, welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen hatten, dafl er nichts in sich habe, das er dem Ekel vor allen Vergn¸gungen der Sinne, und der Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen kˆnnte. Alles was er indessen sehr lebhaft f¸hlte, war dieses, dafl er mitten unter lauter Gegenst‰nden, welche ihm seine scheinbare Grˆfle und Gl¸ckseligkeit ank¸ndigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen ¸ber eine sehr elende Figur machte. Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten nachgelassen; er verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn alle seine Hˆflinge nicht herauslachen, und alle seine T‰nzerinnen nicht heraustanzen konnten.

In diesem kl‰glichen Zustande, den ihm die nat¸rliche Ungeduld seines Temperaments unertr‰glich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der sich w‰hrend der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut zur¸ckgezogen hatte; hˆrte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an, deren er sonst niemals f‰hig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die Vorschl‰ge, welche ihm dieser Weise tat, um so grofl und gl¸ckselig zu werden, als er itzt in seinen eignen Augen ver‰chtlich und elend war. Man kann sich also vorstellen, dafl er nicht die mindeste Schwierigkeiten machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande, worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele h‰tte ¸berreden lassen, mit Aufopferung der wertern H‰lfte seiner selbst in den Orden der Corybanten zu treten.

Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen Sinnes-‰nderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen. Er schlofl zwar sehr richtig, dafl die Rasereien des letzten Festes Gelegenheit dazu gegeben h‰tten; aber darin irrte er sehr, dafl er aus Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, dafl die guten Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physikalischen Ekel vor den Gegenst‰nden, worin er bisher sein einziges Vergn¸gen gesucht hatte, herr¸hreten. Er hielt die nat¸rlichen Folgen der ¸berf¸llung f¸r W¸rkungen der ¸berzeugung, worin er nunmehr stehe, dafl die Freuden der Sinne nicht gl¸cklich machen kˆnnen; er setzte voraus, dafl eine Menge Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder gedacht hatte, noch zu denken vermˆgend war; kurz, er beurteilte, wie wir fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und gr¸ndete auf diese Voraussetzung ein Geb‰ude von Hoffnungen, welches zu seinem groflen Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys–wieder Nerven hatte.

Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit gearbeitet worden war; allein er hatte grofle Schwierigkeiten gemacht, und w¸rde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pythagor‰er in Italien, welche die Bitten Dions unterst¸tzten, auf seiner Verweigerung bestanden sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der gl¸cklichen Gem¸ts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben h‰tten, der Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat, werden zu kˆnnen.

Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majest‰t eines Weisen, dem die Grˆfle seines Geistes ein Recht gibt, die Groflen der Welt f¸r etwas weniger als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, dafl sie in ihren eigenen Augen, eine hˆhere Klasse von Wesen ausmachten, als die ¸brigen Erdenbewohner. Diesesmal hatte die Philosophie das Gl¸ck eine Figur zu machen, deren Glanz dieser hohen Einbildung ihrer G¸nstlinge gem‰fl war. Plato wurde wie ein Gott aufgenommen, und w¸rkte durch seine blofle Gegenwart eine Ver‰nderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott zu w¸rken m‰chtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro darstellte, einem Werke der Zauberei–Aber–Ù! caecas hominum mentes! Wie nat¸rlich geht auch das auflerordentlichste zu, sobald wir die wahren Triebr‰der davon kennen!

Der erste Schritt, welchen der gˆttliche Plato in den Palast des Dionysius tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich ¸ber den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte Plato selbst in seiner Akademie zu Athen zu sein, so bescheiden und eingezogen sah alles in dem Hause des Prinzen aus. Die Asiatische Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz. Die Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten itzt akademische S‰le vor, wo man nichts als langb‰rtige Weise sah, welche einzeln oder paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und in ihre M‰ntel eingeh¸llt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am wenigsten dachten, eine so wichtige Miene machten, als ob der geringste unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu erfinden, oder den Gestirnen einen regelm‰fligern Lauf anzuweisen. Die ¸ppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Szepter die ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pythagorische Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen Gespr‰chen ¸ber die erhabensten Gegenst‰nde des menschlichen Verstandes, erlustigte; Statt frecher Pantomimen und woll¸stiger Flˆten lieflen sich Hymnen zum Lob der Gˆtter und der Tugend hˆren; und den Gaum zum Reden anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit Wein vermischt.

Dionys faflte eine Art von Leidenschaft f¸r den Philosophen; Plato muflte immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen. Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermˆge der nat¸rlichen Ansteckungs-Kraft des Enthusiasmus sich auch seinen Zuhˆrern mitteilte, w¸rkte so m‰chtig auf die Seele des Dionys, dafl er ihn nie genug hˆren konnte; ganze Stunden wurden ihm k¸rzer, wenn Plato sprach, als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der Weise sagte, war so schˆn, so erhaben, so wunderbar!–erhob den Geist so weit ¸ber sich selbst–warf Strahlen von so gˆttlichem Licht in das Dunkel der Seele! In der Tat konnte es nicht anderst sein, da die gemeinsten Ideen der Philosophie f¸r Dionysen den frischesten Reiz der Neuheit hatten. Und nehmen wir zu allem diesem noch, dafl er das wenigste recht verstund (ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu eitel war, es merken zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der begeisterte Plato sich w¸rklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen wir ferner die erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder eingekleidetes Galimathias ¸ber die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir begreifen, dafl niemals etwas nat¸rlichers gewesen, als der auflerordentliche Geschmack, welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt) gefunden; zumal da er noch ¸ber dies ein h¸bscher und stattlicher Mann war, und sehr wohl zu leben wuflte.

Ohne dafl sich die ¸berredungs-Kunst des gˆttlichen Plato, oder die Kontagion der Philosophischen Schw‰rmerei darein mischte, teilte sich die plˆtzliche Wissens-Begierde des Dionys, so bald man sah, dafl es Ernst war, eben so plˆtzlich allen seinen Hˆflingen mit. Nicht, als ob ihnen viel daran gelegen gewesen w‰re, ihre kleinen Affen-Seelen nach dem gˆttlichen Modell der Ideen umzubilden, oder als ob sie sich darum bek¸mmert h‰tten, was in den ¸berhimmlischen R‰umen zu sehen sei; aber sie taten doch dergleichen; der Ton der Philosophie war nun einmal Mode; man muflte Metaphysik in geometrischen Ausdr¸cken reden, um sich dem F¸rsten angenehm zu machen. Man trug also am ganzen Hofe keine andre als philosophische M‰ntel; alle S‰le des Palasts waren, nach Art der Gymnasien mit Sand bestreut, um mit allen den Dreiecken, Vierecken, Pyramiden, Achtecken und Zwanzigecken ¸berschrieben zu werden, aus welchen Plato seinen Gott diese schˆne runde Welt zusammenreimen l‰flt; alle Leute, bis auf die Kˆche, sprachen Philosophie, hatten ihr Gesicht in irgend eine geometrische Figur verzogen, und disputierten ¸ber die Materie und die Form, ¸ber das was ist und was nicht ist, ¸ber die beiden Enden des Guten und Bˆsen, und ¸ber die beste Republik. Alles dieses machte freilich ein ziemlich seltsames Aussehen, und konnte den Verdacht erwecken, als ob Plato an dem Syracusischen Hofe eher die Rolle eines aufgeblasenen Pedanten unter einem Haufen unb‰rtiger Scholaren gespielt habe, als eines weisen Mannes, der sich einen groflen Zweck vorgesetzt hat, und die Mittel dazu, nach den Umst‰nden des Orts, der Zeit und der Personen, kl¸glich zu bestimmen weifl. Aber man w¸rde sich irren. Er hatte an den l‰cherlichen Ausschweifungen der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern sah, dafl diese unn¸tze Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte, auf solche Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vor¸bungen angesehen werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen Verbesserung, welche er zu bew¸rken hoffte, vorbereitet wurden. Allein seine eigene haupts‰chlichsten Bem¸hungen bezogen sich unmittelbar auf den Dionysius selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und seiner Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewˆhnen suchte, trachtete er, ohne es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die Verachtung seines vorigen Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach ruhmw¸rdigen Taten; kurz, solche Gesinnungen einzuflˆflen, welche ihn durch unmerkliche Grade von sich selbst auf die Gedanken bringen w¸rden, ein unrechtm‰fliges Diadem von sich zu werfen, und sich an der Ehre, der erste unter seines gleichen zu sein, gen¸gen zu lassen. Die Anscheinungen lieflen ihn den vollkommensten Sukzefl hoffen. Dionys schien in wenigen Tagen nicht mehr der vorige Mann. Seine Wissens-Begierde, seine Gelehrigkeit gegen die R‰te des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in seinem ganzen Betragen ¸bertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen hatte. Ganz Syracus empfand sogleich die W¸rkungen dieser gl¸cklichen Ver‰nderung. Er ging mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem hˆchsten Grade des tyrannischen ¸bermuts zu der Popularit‰t eines Atheniensischen Archonten ¸ber; setzte alle Tage einige Stunden aus, um jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhˆren, nannte sie Mitb¸rger, w¸nschte sie alle gl¸cklich machen zu kˆnnen; machte w¸rklich den Anfang, verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte durch so viele g¸nstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer gl¸ckseligen Revolution, welche nun auf einmal der Gegenstand aller W¸nsche, und der Inhalt aller Gespr‰che unter dem Volke wurde.

Es kˆnnte genug sein, gegen diejenige, die eine so grofle und schnelle Verwandlung eines Prinzen, den wir f¸r ein kleines Ungeheuer von Lastern und Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen mˆchte, uns auf die einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir kˆnnen noch mehr tun; es ist leicht, die Mˆglichkeit und Wahrscheinlichkeit derselben begreiflich zu machen. Aufmerksame Leser, welche einige Kenntnis des menschlichen Herzens haben, werden die Gr¸nde hierzu in unsrer bisherigen Erz‰hlung schon von selbsten entdeckt haben. In einem Gem¸ts-Zustande, worin die Leidenschaften schweigen, wo uns vor den Ergˆtzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an angenehmen Eindr¸cken uns in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und Nichtsein versenkt–in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen jeden Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer Kr‰fte ziehen kann, und also am besten aufgelegt, den Reiz sittlicher und intellektualischer Schˆnheiten zu empfinden. Allerdings w¸rde ein trockner Zergliederer metaphysischer Begriffe sich nicht dazu geschickt haben, solche Gegenst‰nde f¸r einen Menschen zu zurichten, der zu einer scharfen Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermˆgend war. Allein die Beredsamkeit des Homers der Philosophen wuflte sie auf eine so reizende Art f¸r die Einbildungs-Kraft zu verkˆrpern, wuflte die Leidenschaften und innersten Triebe des Herzens so geschickt f¸r sie ins Spiel zu setzen, dafl sie nicht anders als gefallen und r¸hren konnten. Hiezu kam noch die Jugend des Tyrannen, welche seine noch nicht verh‰rtete Seele neuer Eindr¸cke f‰hig machte. Warum sollte es also nicht mˆglich gewesen sein, ihm unter solchen Umst‰nden auf etliche Wochen die Liebe der Tugend einzuflˆflen, da hiezu weiter nichts nˆtig war, als seinen Neigungen unvermerkt andre Gegenst‰nde an die Stelle derjenigen, deren er ¸berdr¸ssig war, zu unterschieben–Denn in der Tat war seine Bekehrung nichts anders, als dafl er nunmehr, anstatt irgend einer Wollust-atmenden Nymphe, ein schˆnes Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem Weine sich in platonischen Ideen berauschte–und dafl eben diese Eitelkeit, welche ihn vor weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer andern Gottheit, welche wir nicht nennen d¸rfen, in die Wette zu eifern, sich itzt durch die Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den Glanz der ber¸hmtesten M‰nner vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt auf sich zu heften, sich von allen bewundert, und von den Weisen selbst vergˆttert zu sehen.

Dafl dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in der Folge w¸rklich bewiesen; und man h‰tte, deucht uns, ohne die Gabe der Divination zu besitzen, voraussehen kˆnnen, dafl eine so plˆtzliche Ver‰nderung keinen Bestand haben werde. Aber wie sollten die in einer groflen Angelegenheit verwickelten Personen f‰hig sein, so gelassen und uneingenommen davon zu urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze bereits vor sich liegen haben, und bei einer kalten Untersuchung des Zusammenhangs aller Umst‰nde sehr leicht mit vieler Zuverl‰ssigkeit beweisen kˆnnen, dafl es nicht anders habe gehen kˆnnen, als wie sie wissen, dafl es gegangen ist? Plato selbst liefl sich von den Anscheinungen betr¸gen, weil sie seinen W¸nschen gem‰fl waren, und ihm zu beweisen schienen, wieviel er vermˆge. Die voreilige Freude ¸ber einen Sukzefl, dessen er sich schon versichert hielt, liefl ihm nicht zu, sich alle die Hindernisse, die seine Bem¸hungen vereiteln konnten, in der gehˆrigen St‰rke vorzustellen, und in Zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen zuvorkommen mˆchte. Gewohnt in den ruhigen Spazierg‰ngen seiner Akademie unter gelehrigen Sch¸lern idealische Republiken zu bauen, hielt er die Rolle, die er an dem Hofe zu Syracus zu spielen ¸bernommen hatte, f¸r leichter als sie in der Tat war. Er schlofl immer richtig aus seinen Pr‰missen; aber seine Pr‰missen setzten immer mehr voraus, als war; und er bewies durch sein Exempel, dafl keine Leute mehr durch den Schein der Dinge hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr ganzes Leben damit zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist nachzusp‰hen. In der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, dafl es den spekulativen Geistern nicht gegl¸ckt hat, wenn sie sich aus ihrer philosophischen Sph‰re heraus und auf irgend einen groflen Schauplatz des w¸rksamen Lebens gewaget haben. Und wie h‰tte es anders sein kˆnnen, da sie gewohnt waren, in ihren Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu erfinden, und erst wenn sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu schnitzeln, welche eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln muflten, wie ein Uhrwerk durch den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht, welche der K¸nstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es diese Herren nicht) dafl es in der w¸rklichen Welt gerade umgekehrt ist. Die Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der grofle Punkt ist, diejenige die man vor sich hat, nach allen Umst‰nden und Verh‰ltnissen so lange zu studieren, bis man so genau als mˆglich weifl, wie sie sind. Sobald ihr das wiflt, so geben sich die Regeln, wornach ihr sie behandeln m¸flt, wenn ihr euern Zweck erhalten wollt, von sich selbst; dann ist es Zeit moralische Projekte zu machen–aber wenn, ihr groflen Lichter unsers alleraufgekl‰rtesten Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, dafl diese Zeit f¸r das Menschen-Geschlecht kommen werde?

VIERTES KAPITEL

Philistus und Timocrates

W‰hrend, dafl die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines einzigen Mannes eine so auflerordentliche Ver‰nderung der Szene an dem Hofe zu Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius sehr weit davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen Denkungs-Art dieses Prinzen gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man es aus ihrem ‰uflerlichen Bezeugen h‰tte schlieflen sollen. Als schlaue Hˆflinge wuflten sie zwar ihren Unmut ¸ber die sonderbare Gunst, worin Plato bei demselben stund, sehr k¸nstlich zu verbergen. Gewohnt sich nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle Gestalten anzunehmen, unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen Absichten am besten gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune ihres Herrn gewahr worden waren, die ganze Auflenseite des philosophischen Enthusiasmus mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine Maskeraden-Kleidung angezogen h‰tten. Sie waren die ersten, die dem ¸brigen Hofe hierin mit ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem Prinzen Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft ungemein gestiegen war; sie waren die erkl‰rten Bewunderer des Philosophen; sie l‰chelten ihm Beifall entgegen, so bald er nur den Mund auf tat; alle seine Vorschl‰ge und Maflnehmungen waren bewundernsw¸rdig; sie wuflten nichts daran auszusetzen, oder wenn sie ja Einw¸rfe machten, so war es nur um sich belehren zu lassen, und auf die erste Antwort sich seiner hˆhern Weisheit ¸berwunden zu geben. Sie suchten seine Freundschaft so gar mit einem Eifer, wor¸ber sie den F¸rsten selbst zu vernachl‰ssigen schienen; und besonders lieflen sie sich sehr angelegen sein, die Vorurteile zu zerstreuen, die man von der vorigen Staats-Verwaltung wider sie gefaflt haben kˆnnte. Durch diese Kunstgriffe erreichten sie zwar die Absicht, den weisen Plato sicher zu machen, nicht so vollkommen, dafl er nicht immer einiges gerechtes Mifltrauen in die Aufrichtigkeit ihres Bezeugens gesetzt h‰tte; er beobachtete sie genau; allein da sie gar nicht zweifelten, dafl er es tun w¸rde, so war es ihnen leicht davor zu sein, dafl er mit aller seiner Scharfsichtigkeit nichts sah. Sie vermieden alles, was ihrem Betragen einen Schein von Zur¸ckhaltung, Zweideutigkeit und Geheimnis h‰tte geben kˆnnen, und nahmen ein so nat¸rliches und einfaches Wesen an, dafl man entweder ihres gleichen sein, oder betrogen werden muflte. Diese schˆne Kunst ist eine von denen, in welchen nur den Hofleuten gegeben ist, Meister zu sein. Man kˆnnte die Tugend selbst herausfordern, in einem hˆhern Grad und mit besserm Anstand Tugend zu scheinen, als diese Leute es in ihrer Gewalt haben, so bald es ein Mittel zu ihren Absichten werden kann, die eigenste Miene, Farbe, und ‰uflerliche Grazie derselben an sich zu nehmen.

Was wir hier sagen, versteht sich insonderheit von zweenen, welche bei dieser Ver‰nderung des Tyrannen am meisten zu verlieren hatten. Philistus war bisher der vertrauteste unter seinen Ministern, und Timocrates sein Liebling gewesen. Beide hatten sich mit einer Eintracht, welche ihrer Klugheit Ehre machte, in sein Herz, in die hˆchste Gewalt, wozu er nur seinen Namen hergab, und in einen betr‰chtlichen Teil seiner Eink¸nfte geteilt. Itzt zog die gemeinschaftliche Gefahr das Band ihrer Freundschaft noch enger zusammen. Sie entdeckten einander ihre Besorgnisse, ihre Bemerkungen, ihre Anschl‰ge; sie redeten die Maflregeln mit einander ab, die in so kritischen Umst‰nden genommen werden muflten; und gingen, weil sie die schwache Seite des Tyrannen besser kannten, als irgend ein andrer, mit so vieler Schlauheit zu Werke, dafl es ihnen nach und nach gl¸ckte, ihn gegen Platon und Dion einzunehmen, ohne dafl er merkte, dafl sie diese Absicht hatten.

Wir haben schon bemerkt, dafl die Syracusaner, vermˆge einer Eigenschaft, welche aller Orten das Volk charakterisiert, der Hoffnung durch Vermittlung des Platon ihre alte Freiheit wieder zu erlangen, mit einer so voreiligen Freude sich ¸berlieflen, dafl die bevorstehende Staats-Ver‰nderung der Inhalt aller Gespr‰che wurde. In der Tat ging die Absicht Dions bei Berufung seines Freundes auf nichts geringers. Beide waren gleich erkl‰rte Feinde der Tyrannie und der Demokratie; von denen sie (mit welchem Grunde, wollen wir hier nicht entscheiden) davorhielten, dafl sie unter verschiedenen Gestalten, und durch verschiedene Wege, am Ende in einem Punkte, n‰mlich in Mangel der Ordnung und Sicherheit, Unterdruckung und Sklaverei zusammenliefen. Beide waren f¸r diejenige Art der Aristokratie, worin das Volk zwar vor aller Unterdr¸ckung hinl‰nglich sicher gestellt, folglich die Gewalt der Edeln, oder wie man bei den Griechen sagte, der Besten, durch unzerbrechliche Ketten gefesselt ist; hingegen die eigentliche Staats-Verwaltung nur bei einer kleinen Anzahl liegt, welche eine genaue Rechenschaft abzulegen verbunden sind. Es war also w¸rklich ihr Vorhaben, die Tyrannie, oder was man zu unsern Zeiten eine uneingeschr‰nkte Monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen, und die Verfassung dieser Insel in die vorbemeldte Form zu gieflen. Dem Dionys zu gefallen, oder vielmehr, weil nach Platons Meinung die vollkommenste Staats-Form eine Zusammensetzung aus der Monarchie, Aristokratie und Demokratie sein muflte, wollten sie ihrer neuen Republik zwei Kˆnige geben, welche in derselben eben das vorstellen sollten was die Kˆnige in Sparta; und Dionys sollte einer von denselben sein. Dieses waren ungef‰hr die Grundlinien ihres Entwurfs. Sie lieflen keine Gelegenheit vorbei, dem Prinzen die Vorteile einer gesetzm‰fligen Regierung anzupreisen; aber sie waren zu klug, von einer so delikaten Sache, als die Einf¸hrung einer republikanischen Verfassung war, vor der Zeit zu reden, und den Tyrannen, eh ihn Plato vollkommen zahm und bildsam gemacht haben w¸rde, durch eine unzeitige Entdeckung ihrer Absichten in seine nat¸rliche Wildheit wieder hineinzuschrecken.

Ungl¸cklicher Weise war das Volk so vieler M‰fligung nicht f‰hig, und dachte auch ganz anders ¸ber den Gebrauch, den es von seiner Freiheit machen wollte. Ein jeder hatte dabei eine gewisse Absicht, die er noch bei sich behielt, und die gerade zu auf irgend einen Privat-Vorteil ging. Jeder hielt sich f¸r mehr als f‰hig, dem gemeinen Wesen gerade in dem Posten zu dienen, wozu er die wenigste F‰higkeit hatte, oder hatte sonst seine kleine Forderungen zu machen, welche er schlechterdings bewilliget haben wollte. Die Syracusaner verlangten also eine Demokratie; und da sie sich ganz nahe bei dem Ziel ihrer W¸nsche glaubten, so sprachen sie laut genug davon, dafl Philistus und seine Freunde Gelegenheit bekamen, den Tyrannen aus seinem angenehmen Platonischen Enthusiasmus zu sich selbst zur¸ckzurufen.

Das erste was sie taten, war, dafl sie ihm die Gesinnungen des Volkes, und die zwar von auflen noch nicht merklich in die Augen fallende, aber innerlich desto st‰rker g‰rende Bewegung desselben mit sehr lebhaften Farben, und mit ziemlicher Vergrˆflerung der Umst‰nde vormalten. Sie taten dieses mit vieler Vorsichtigkeit, in gelegenen Augenblicken, nach und nach, und auf eine solche Art, dafl es dem Dionys scheinen muflte, als ob ihm endlich die Augen von selbst aufgingen; und dabei vers‰umten sie keine Gelegenheit, den Plato und den Prinzen Dion bis in die Wolken zu erheben; und besonders in Ausdr¸cken, welche von der schlauesten Bosheit ausgew‰hlt wurden, von der auflerordentlichen Hochachtung zu sprechen, worein sie sich bei dem Volke setzten. Um den Tyrannen desto aufmerksamer zu machen, wuflten sie es durch tausend geheime Wege, wobei sie selbst nicht zum Vorschein kamen, dahin einzuleiten, dafl h‰ufige und zahlreiche Privat-Versammlungen in der Stadt angestellt wurden, wozu Dion und Plato selbst, oder doch immer jemand von den besondern Vertrauten des einen oder des andern, eingeladen wurde. Diese Versammlungen waren zwar nur auf Gastm‰hler und freundschaftliche Ergˆtzungen angesehen; aber sie gaben doch dem Philistus und seinen Freunden Gelegenheit mit einer Art davon zu reden, wodurch sie den Schein politischer Zusammenk¸nfte bekamen; und das war alles was sie wollten.

Durch diese und andre dergleichen Kunstgriffe gelang es ihnen endlich, dem Dionys Argwohn beizubringen. Er fing an, in die Aufrichtigkeit seines neuen Freundes ein desto grˆfleres Mifltrauen zu setzen, da er ¸ber das besondere Verst‰ndnis, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm, eifers¸chtig war; und damit er desto b‰lder ins Klare kommen mˆchte, hielt er f¸r das Sicherste, den seit einiger Zeit vernachl‰ssigten Timocrates wieder an sich zu ziehen; und so bald er sich versichert hatte, dafl er, wie vormals auf seine Ergebenheit z‰hlen kˆnne, ihm seine Wahrnehmungen und geheime Besorgnisse zu entdecken. Der schlaue G¸nstling stellte sich anfangs, als ob er nicht glauben kˆnne, dafl die Syracusaner im Ernste mit einem solchen Vorhaben umgehen sollten; wenigstens (sagte er mit der ehrlichsten Miene von der Welt) kˆnne er sich nicht vorstellen, dafl Plato und Dion den mindesten Anteil daran haben sollten; ob er gleich gestehen m¸flte, dafl seit dem der erste sich am Hofe befinde, die Syracusaner von einem seltsamen Geiste beseelt w¸rden, und zu den ausschweifenden Einbildungen, welche sie sich zu machen schienen, vielleicht durch das auflerordentliche Ansehen verleitet w¸rden, worin dieser Philosoph bei dem Prinzen stehe: Es sei nicht unmˆglich, dafl die Republikanisch-Gesinnte sich Hoffnung machten, Gelegenheit zu finden, indessen, dafl der Hof die Gestalt der Akademie gew‰nne, dem Staat unvermerkt die Gestalt einer Demokratie zu geben; indessen m¸sse er gestehen, dafl er nicht Vertrauen genug in seine eigene Einsicht setze, seinem Herrn und Freunde in so delikaten Umst‰nden einen sichern Rat zu geben; und Philistus, dessen Treue dem Prinzen l‰ngst bekannt sei, w¸rde durch seine Erfahrenheit in Staats-Gesch‰ften unendlichmal geschickter sein, einer Sache von dieser Art auf den Grund zu sehen.

Dionysius hatte so wenig Lust sich einer Gewalt zu begeben, deren Wert er nach Proportion, dafl seine Fibern wieder elastischer wurden, von Tag zu Tag wieder st‰rker zu empfinden begann; dafl die Einstreuungen seines G¸nstlings ihre ganze W¸rkung taten. Er gab ihm auf, mit aller nˆtigen Vorsichtigkeit, damit niemand nichts davon gewahr werden kˆnnte, den Philistus noch in dieser Nacht in sein Cabinet zu f¸hren, um sich ¸ber diese Dinge besprechen, und die Gedanken desselben vernehmen zu kˆnnen. Es geschah; Philistus vollendete was Timocrat angefangen hatte. Er entdeckte dem Prinzen alles was er beobachtet zu haben vorgab, und sagte gerade so viel, als nˆtig war, um ihn in den Gedanken zu best‰rken, dafl ein geheimes Complot zu einer Staats-Ver‰nderung im Werke sei, welches zwar vermutlich noch nicht zu seiner Reife gekommen, aber doch so beschaffen sei, dafl es Aufmerksamkeit verdiene. “Und wer kann der Urheber und das Haupt eines solchen Complots sein”, fragte Dionys?–Hier stellte sich Philistus verlegen–er hoffe nicht, dafl es schon soweit gekommen sei–Dion bezeuge so gute Gesinnungen f¸r den Prinzen–“Rede aufrichtig, wie du denkst”, fiel ihm Dionys ein; “was h‰ltst du von diesem Dion? Aber keine Komplimenten, denn du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dafl er meiner Schwester Mann ist; ich weifl es nur zu wohl–Aber ich traue ihm nicht desto besser–er ist ehrgeizig -” “Das ist er”–“immer finster, zur¸ckhaltend, in sich selbst eingeschlossen -” “In der Tat, so ist er”, nahm Philist das Wort, und wer ihn genau beobachtete, ohne vorhin eine bessere Meinung von ihm gefaflt zu haben, w¸rde sich des Argwohns kaum erwehren kˆnnen, dafl er miflvergn¸gt sei, und an Gedanken in sich selbst arbeite, die er nicht f¸r gut befinde, andern mitzuteilen–“Glaubst du das, Philistus?” fiel Dionys ein; “so hab’ ich immer von ihm gedacht; wenn Syracus unruhig ist, und mit Neuerungen umgeht, so darfst du versichert sein, dafl Dion die Triebfeder von allem ist–wir m¸ssen ihn genauer beobachten -” “Wenigstens ist es sonderbar”, fuhr Philistus fort, “dafl er seit einiger Zeit, sich eine Angelegenheit davon zu machen scheint, sich der Freundschaft der angesehensten B¸rger zu versichern -” (Hier f¸hrte er einige Umst‰nde an, welche, durch die Wendung die er ihnen gab, seine Wahrnehmung best‰tigen konnten) “Wenn ein Mann von solcher Wichtigkeit, wie Dion, sich herabl‰flt eine Popularit‰t zu affektieren, die so g‰nzlich wider seinen Charakter ist, so kann man glauben, dafl er Absichten hat–und wenn Dion Absichten hat, so gehen sie gewifl auf keine Kleinigkeiten–Was er aber auch sein mag, so bin ich gewifl”, setzte er hinzu, “dafl Platon, ungeachtet der engen Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu tugendhaft ist, um an heimlichen Anschl‰gen gegen einen Prinzen, der ihn mit Ehren und Wohltaten ¸berh‰uft, Teil zu nehmen -” “Wenn ich dir sagen soll was ich denke, Philistus, so glaub’ ich, dafl diese Philosophen, von denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige Art von Leuten sind; in der Tat, ich sehe nicht, dafl an ihrer Philosophie so viel gef‰hrliches sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum Exempel, diesen Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame Dinge in den Kopf gesetzt, man kˆnnte sichs nicht schnakischer tr‰umen lassen, aber eben das belustiget mich; und bei alle dem mufl man ihm den Vorzug lassen, dafl er gut spricht; es hˆrt sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von der Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so umst‰ndlich und zuversichtlich spricht, als ob er mit dem n‰chsten Marktschiffe aus dem Mond angekommen w‰re” (hier lachten die beiden Vertrauten, als ob sie nicht aufhˆren kˆnnten, ¸ber einen so sinnreichen Einfall, und Dionys lachte mit) “ihr mˆcht lachen so lang ihr wollt”, fuhr er fort; “aber meinen Plato sollt ihr mir gelten lassen; er ist der gutherzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine Philosophie, seinen Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so mufl man gestehen, dafl alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich, in Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann -” (‘o gˆttlicher Platon! du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner Hand zu haben, du der sich das grofle Werk zutraute, einen Weisen und tugendhaften Mann aus ihm zu machen–warum standest du nicht in diesem Augenblick hinter einer Tapete, und hˆrtest diese schmeichelhafte Apologie, wodurch er den Geschmack, den er an dir fand, in den Augen seiner Hˆflinge zu rechtfertigen suchte!’) “In der Tat”, sagte Timocrates, “die Musen kˆnnen nicht angenehmer reden als Plato; ich wiflte nicht, was er einen nicht ¸berreden kˆnnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt h‰tte -” “Du willst vielleicht scherzen”, fiel ihm der Prinz ein; “aber ich versichre dich, es hat wenig gefehlt, dafl er mich letzthin nicht auf den Einfall gebracht h‰tte, Sicilien dahinten zu lassen, und eine philosophische Reise nach Memphis und zu den Pyramiden und Gymnosophisten anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine seltsame Art von Kreaturen sein m¸ssen–wenn ihre Weiber so schˆn sind, wie er sagt, so mag es keine schlimme Partie sein, den Tanz der Sph‰ren mit ihnen zu tanzen; denn sie leben in dem Stand der vollkommen schˆnen Natur, und treten dir, allein mit ihren eigent¸mlichen Reizungen geschm¸ckt, das ist, nackender als die Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Miene unter die Augen, als die schˆnste Syracusanerin in ihrem reichesten Fest-Tags-Putz -” Dionys war, wie man sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines Hof-Philosophen nicht sehr g¸nstig war; Timocrates merkte sichs, und baute in dem n‰mlichen Augenblick ein kleines Projekt auf diese gute Disposition, wovon er sich eine besondere W¸rkung versprach. Aber der weiter sehende Philistus fand nicht f¸r gut, seinen Herrn in dieser leichtsinnigen Laune fortsprudeln zu lassen. Er nahm das Wort wieder: “Ihr scherzet”, sprach er, “¸ber die W¸rkungen der Beredsamkeit Platons; es ist nur allzugewifl, dafl er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben dieses w¸rde mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner Mann w‰re, als ich glaube dafl er ist. Die Macht der Beredsamkeit ¸bertrifft alle andre Macht; sie ist f‰hig f¸nfzigtausend Arme nach dem Gefallen eines einzigen wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven. Wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gef‰hrliches Vorhaben br¸tete, und Mittel f‰nde, diesen ¸berredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so besorg ich, Dionysius kˆnnte das Vergn¸gen seiner sinnreichen Unterhaltung teuer bezahlen m¸ssen. Man weifl was die Beredsamkeit zu Athen vermag, und es fehlt den Syracusanern nichts als ein paar solche Wortk¸nstler, die ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften Bildern warm machen, so werden sie Athenienser sein wollen, und der Erste Beste, der sich an ihre Spitze stellt, wird aus ihnen machen kˆnnen was er will.”

Philistus sah, dafl sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde; er schlofl daraus, dafl etwas in seinem Gem¸t arbeitete, und hielt also inn; “was f¸r ein Tor ich war”, rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit gesenktem Kopf zu staunen geschienen hatte. “Das war wohl der Genius meines guten Gl¸cks, der mir eingab, dafl ich dich diesen Abend zu mir rufen lassen sollte. Die Augen gehen mir auf einmal auf–Wozu mich diese Leute mit ihren Dreiecken und Schluflreden nicht gebracht h‰tten! Kannst du dir wohl einbilden, dafl mich dieser Plato mit seinem s¸flen Geschw‰tze beinahe ¸berredet h‰tte, meine fremden Truppen, und meine Leibwache nach Hause zu schicken? Ha! nun seh ich wohin alle diese schˆnen Vergleichungen mit einem Vater im Schofle seiner Familie, und mit einem S‰ugling an der Brust seiner Amme, und was weifl, ich mit was noch mehr, abgesehen waren! Die Verr‰ter wollten mich durch diese s¸flen Wiegenliedchen erst einschl‰fern, hernach entwaffnen, und zuletzt wenn sie mich mit ihren gebenedeiten Maximen so fest umwunden h‰tten, dafl ich weder Arme noch Beine nach meinem Gefallen h‰tte r¸hren kˆnnen, mich in ganzem Ernst, zu ihrem Wickelkind, zu ihrer Puppe, und wozu es ihnen eingefallen w‰re, gemacht haben! Aber sie sollen mir die Erfindung bezahlen! Ich will diesem verr‰trischen Dion–bist du tˆricht genug, Philistus, und bildest dir ein, dafl er sich nur im Traum einfallen lasse, diese Spieflb¸rger von Syracus in Freiheit zu setzen? Regieren will er, Philistus; das will er, und darum hat er diesen Plato an meinen Hof kommen lassen, der mir, indessen dafl er das Volk zur Empˆrung reizen, und sich einen Anhang machen wollte, so lange und so viel von Gerechtigkeit, und Wohltun, und goldnen Zeiten, und v‰terlichem Regiment, und was weifl ich von was f¸r Salbadereien vorschwatzen sollte, bis ich mich ¸berreden liefle, meine Galeeren zu entwaffnen, meine Trabanten zu entlassen, und mich am Ende in Begleitung eines von diesen zottelb‰rtigen Knaben, die der Sophist mit sich gebracht hat, als einen Neuangeworbenen nach Athen in die Akademie schicken zu lassen, um unter einem Schwarm junger Gecken dar¸ber zu disputieren, ob Dionysius recht oder unrecht daran getan habe, dafl er sich in einer so armseligen Mausfalle habe fangen lassen -” “Aber ists mˆglich”, fragte Philistus mit angenommener Verwunderung, “dafl Plato den sinnlosen Einfall haben konnte, meinem Prinzen solche R‰te zu geben?”–“Es ist mˆglich, weil ich dir sage, dafl ers getan hat. Ich habe selbst M¸he zu begreifen, wie ich mich von diesem Schw‰tzer so bezaubern lassen konnte -” “Das soll sich Dionys nicht verdrieflen lassen”, erwiderte der gef‰llige Philistus; “Plato ist in der Tat ein grofler Mann in seiner Art; ein vortrefflicher Mann, wenn es darauf ankommt, den Entwurf zu einer Welt zu machen, oder zu beweisen, dafl der Schnee nicht w¸rklich weifl ist; aber seine Regierungs-Maximen sind, wie es scheint, ein wenig unsicher in der Aus¸bung. In der Tat, das w¸rde den Atheniensern was zu reden gegeben haben, und es w‰re wahrlich kein kleiner Triumph f¸r die Philosophie gewesen, wenn ein einziger Sophist, ohne Schwertschlag, durch die blofle Zauberkraft seiner Worte zu Stande gebracht h‰tte, was die Athenienser mit groflen Flotten und Kriegs-Heeren vergeblich unternommen haben -” “Es ist mir unertr‰glich nur daran zu denken”, sagte Dionys, “was f¸r eine einf‰ltige Figur ich ein paar Wochen lang unter diesen Grillenf‰ngern gemacht habe; hab ich dem Dion nicht selbst Gelegenheit gegeben, mich zu verachten? Was muflten sie von mir denken, da sie mich so willig und gelehrig fanden?–Aber sie sollen in kurzem sehen, dafl sie sich mit aller ihrer Wissenschaft der geheimnisvollen Zahlen gewaltig ¸berrechnet haben. Es ist Zeit, der Komˆdie ein Ende zu machen -” “Um Vergebung, mein Gebietender Herr”, fiel ihm Philistus hier ins Wort; “die Rede ist noch von bloflen Vermutungen; vielleicht ist Plato, ungeachtet seines nicht allzuwohl ¸berlegten Rats, unschuldig; vielleicht ist es so gar Dion; wenigstens haben wir noch keine Beweise gegen sie. Sie haben Bewunderer und Freunde zu Syracus, das Volk ist ihnen geneigt, und es mˆchte gef‰hrlich sein, sie durch einen ¸bereilten Schritt in die Notwendigkeit zu setzen, sich diesem Freiheit-tr‰umenden Pˆbel in die Arme zu werfen. Lasset sie noch eine Zeitlang in dem angenehmen Wahn, dafl sie den Dionysius gefangen haben. Gebet ihnen, durch ein k¸nstlich verstelltes Zutrauen Gelegenheit, ihre Gesinnungen deutlicher herauszulassen–Wie, wenn Dionysius sich stellte, als ob er Lust h‰tte die Monarchie aufzugeben, und als ob ihn kein andres Bedenken davon zur¸ckhielte, als die Ungewiflheit, welche Regierungs-Form Sicilien am gl¸cklichsten machen kˆnnte. Eine solche Erˆffnung wird sie nˆtigen, sich selbst zu verraten; und indessen, dafl wir sie mit akademischen Fragen und Entw¸rfen aufhalten, werden sich Gelegenheiten finden, den regiers¸chtigen Dion in Gesellschaft seines Ratgebers mit guter Art eine Reise nach Athen machen zu lassen, wo sie in ungestˆrter Mufle Republiken anlegen, und ihnen, wenn sie wollen, alle Tage eine andre Form geben mˆgen.”

Dionys war von Natur hitzig und ungest¸m; eine jede Vorstellung, von der seine Einbildung getroffen wurde, beherrschte ihn so sehr, dafl er sich dem mechanischen Trieb, den sie in ihm hervorbrachte, g‰nzlich ¸berliefl; aber wer ihn so genau kannte als Philistus, hatte wenig M¸he, seinen Bewegungen oft durch ein einziges Wort, eine andere Richtung zu geben. In dem ersten Anstofl seiner unbesonnenen Hitze waren die gewaltsamsten Maflnehmungen, die ersten, auf die er fiel: Aber man brauchte ihm nur den Schatten einer Gefahr dabei zu zeigen, so legte sich die auffahrende Lohe wieder; und er liefl sich eben so schnell ¸berreden, die sichersten Mittel zu erw‰hlen, wenn sie gleich die niedertr‰chtigsten waren.

Nachdem wir die wahre Triebfeder seiner vermeinten Sinnes-‰nderung oben bereits entdeckt haben, wird sich niemand verwundern, dafl er von dem Augenblick an, da sich seine Leidenschaften wieder regten, in seinen nat¸rlichen Zustand zur¸cksank. Was man bei ihm f¸r Liebe der Tugend angesehen, was er selbst daf¸r gehalten hatte, war das Werk zuf‰lliger und mechanischer Ursachen gewesen; dafl er ihr zu lieb seinen Neigungen die mindeste Gewalt h‰tte tun sollen, so weit ging sein Enthusiasmus f¸r sie nicht. Die ungebundene Freiheit worin er vormals gelebt hatte, stellte sich ihm wieder mit den lebhaftesten Reizungen dar; und nun sah er den Plato f¸r einen verdriefllichen Hofmeister an, und verw¸nschte die Schwachheit, die er gehabt hatte, sich so sehr von ihm einnehmen, und in eine Gestalt, die seiner eigenen so wenig ‰hnlich sah, umbilden zu lassen. Er f¸hlte nur allzuwohl, dafl er sich selbst eine Art von Verbindlichkeit aufgelegt hatte, in den Gesinnungen zu beharren, die er sich von diesem Sophisten, wie er ihn itzt nannte, hatte einflˆflen lassen: Er stellte sich vor, dafl Dion und die Syracusaner sich berechtiget halten w¸rden, die Erf¸llung des Versprechens von ihm zu erwarten, welches er ihnen gewisser maflen gegeben hatte, dafl er k¸nftig auf eine gesetzm‰flige Art regieren wolle. Diese Vorstellungen waren ihm unertr‰glich, und hatten die nat¸rliche Folge, seine ohnehin bereits erk‰ltete Zuneigung zu dem Philosophen von Athen in Widerwillen zu verwandeln; den Dion aber, den er nie geliebt hatte, ihm doppelt verhaflt zu machen. Dieses waren die geheimen Dispositionen, welche den Verf¸hrungen des Timocrates und Philistus den Eingang in sein Gem¸t erleichterten. Es war schon so weit mit ihm gekommen, dafl er vor diesen ehmaligen Vertrauten sich der Person sch‰mte, die er einige Wochen lang, gleichsam unter Platons Vormundschaft, gespielt hatte; und es ist zu vermuten, dafl es von dieser falschen und verderblichen Scham herr¸hrte, dafl er in so verkleinernden Ausdr¸cken von einem Manne, den er anf‰nglich beinahe vergˆttert hatte, sprach, und seiner Leidenschaft f¸r ihn einen so spaflhaften Schwung zu geben bem¸ht war. Er ergriff also den Vorschlag des Philistus mit der begierigen Ungeduld eines Menschen, der sich von dem Zwang einer verhaflten Einschr‰nkung je b‰lder je lieber loszumachen w¸nscht; und damit er keine Zeit verlieren mˆchte, so machte er gleich des folgenden Tages den Anfang, denselben ins Werk zu setzen. Er berief den Dion und den Philosophen in sein Cabinet, und entdeckte ihnen mit allen Anscheinungen des vollkommensten Zutrauens, und indem er sie mit Liebkosungen ¸berh‰ufte, dafl er gesonnen sei, sich der Regierung zu entschlagen, und den Syracusanern die Freiheit zu lassen, sich diejenige Verfassung zu erw‰hlen, die ihnen die angenehmste sein w¸rde.

Ein so unerwarteter Vortrag machte die beiden Freunde stutzen. Doch faflten sie sich bald. Sie hielten ihn f¸r eine von den sprudelnden Aufwallungen einer noch ungel‰uterten Tugend, welche gern auf schˆne Ausschweifungen zu verfallen pflegt, und hoffeten also, dafl es ihnen leicht sein werde, ihn auf reifere Gedanken zubringen. Sie billigten zwar seine gute Absicht; stellten ihm aber vor, dafl er sie sehr schlecht erreichen w¸rde, wenn er das Volk, welches immer als unm¸ndig zu betrachten sei, zum Meister ¸ber eine Freiheit machen wollte, die es, allem Vermuten nach, zu seinem grˆflesten Schaden miflbrauchen w¸rde. Sie sagten ihm hier¸ber alles was die gesunde Politik sagen kann; und Plato insonderheit bewies ihm, dafl es nicht auf die Form der Verfassung ankomme, wenn ein Staat gl¸cklich sein solle, sondern auf die innerliche G¸te der Gesetzgebung, auf tugendhafte Sitten, auf die Weisheit desjenigen, dem die Handhabung der Gesetze anvertraut sei. Seine Meinung ging dahin, dafl Dionys nicht nˆtig habe, sich der obersten Gewalt zu begeben, indem es nur von ihm abhange, durch die vollkommene Beobachtung aller Pflichten eines weisen und tugendhaften Regenten die Tyrannie in eine rechtm‰flige Monarchie zu verwandeln; welcher die Vˆlker sich desto williger unterwerfen w¸rden, da sie durch ein nat¸rliches Gef¸hl ihres Unvermˆgens sich selbst zu regieren, geneigt gemacht w¸rden, sich regieren zu lassen; ja denjenigen als eine gegenw‰rtige Gottheit zu verehren, welcher sie sch¸tze, und f¸r ihre Gl¸ckseligkeit arbeite.

Dion stimmte hierin nicht g‰nzlich mit seinem Freunde ¸berein. Die Wahrheit war, dafl er den Dionys besser kannte, und weil er sich wenig Hoffnung machte, dafl seine guten Dispositionen von langer Dauer sein w¸rden, gerne so schnell als mˆglich einen solchen Gebrauch davon gemacht h‰tte, wodurch ihm die Macht Bˆses zu tun, auf den Fall, dafl ihn der Wille dazu wieder ank‰me, benommen worden w‰re. Er breitete sich also mit Nachdruck ¸ber die Vorteile einer wohlgeordneten Aristokratie vor der Regierung eines Einzigen aus, und bewies, wie gef‰hrlich es sei, den Wohlstand eines ganzen Landes von dem zuf‰lligen und wenig sichern Umstand, ob dieser Einzige tugendhaft sein wolle oder nicht, abhangen zu lassen. Er ging so weit, zu behaupten, dafl von einem Menschen, der die hˆchste Macht in H‰nden habe, zu verlangen, dafl er sie niemalen miflbrauchen solle, eine Forderung sei, welche ¸ber die Kr‰fte der Menschheit gehe; dafl es nichts geringers sei, als von einem mit M‰ngeln und Schwachheiten beladenen Geschˆpfe, welches keinen Augenblick auf sich selbst z‰hlen kann, die Weisheit und Tugend eines Gottes zu erwarten. Er billigte also das Vorhaben des Dionys, die kˆnigliche Gewalt aufzugeben, im hˆchsten Grade; aber darin stimmte er mit seinem Freunde ¸berein, dafl anstatt die Einrichtung des Staats in die Willk¸r des Volks zu stellen, er selbst, mit Zuzug der Besten von der Nation, sich unges‰umt der Arbeit unterziehen sollte, eine daurhafte und auf den mˆglichsten Grad des allgemeinen Besten abzielende Verfassung zu entwerfen; wozu er dem Prinzen allen Beistand, der von ihm abhange, versprach. Dionys schien sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen. Er bat sie, ihre Gedanken ¸ber diese wichtige Sache in einen vollst‰ndigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie selbsten dar¸ber, was man tun sollte, einig sein w¸rden, zur Ausf¸hrung eines Werkes zu schreiten, welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am Herzen lag.

Diese geheime Konferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte W¸rkung. Sie vollendete seinen Hafl gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in Gunst bei ihm. Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den Pflichten eines guten Regenten sprechen hˆrte; so hatte er doch sehr gerne gehˆrt, dafl Plato sich als einen Gegner des popularen Regiments, und als einen Freund der Monarchie erkl‰rt hatte. Er ging aufs neue mit seinen Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen, es komme nun allein darauf an, sich den Dion vom Halse zu schaffen. Philistus hielt davor, dafl eh ein solcher Schritt gewaget werden d¸rfe, das Volk beruhiget und die wankende Autorit‰t des Prinzen wieder fest gesetzt werden m¸sse. Er schlug die Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen kˆnne; und in der Tat waren dabei keine so grofle Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten die vorgebliche G‰rung in Syracus weit gef‰hrlicher vorgestellt, als sie w¸rklich war. Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere Achtung f¸r den Plato zu bezeugen, einen Mann, der in den Augen des Volks eine Art von Propheten vorstellte, der mit den Gˆttern umgehe und Eingebungen habe. “Einen solchen Mann”, sagte Philistus, “mufl man zum Freunde behalten, so lange man ihn gebrauchen kann. Plato verlangt nicht selbst zu regieren; er hat also nicht das n‰mliche Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist befriediget, wenn er bei demjenigen, der die Regierung f¸hrt, in Ansehen steht, und Einflufl zu haben glaubt. Es ist leicht, ihn, so lang es nˆtig sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und das wird zugleich ein Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem Dion zur¸ckzuhalten.” Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinkt zu dem Philosophen gezogen f¸hlte, befolgte diesen Rat so gut, dafl Plato davon hintergangen wurde. Insonderheit affektierte er ihn, immer neben sich zu haben, wenn er sich ˆffentlich sehen liefl; und bei allen Gelegenheiten, wo es W¸rkung tun konnte, seine Maximen im Munde zu f¸hren. Er stellte sich, als ob es auf Einraten des Philosophen gesch‰he, dafl er dieses oder jenes tat, wodurch er sich den Syracusanern angenehm zu machen hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des Philistus waren, der ohne dafl es in die Augen fiel, sich wieder einer g‰nzlichen Herrschaft ¸ber sein Gem¸t bem‰chtiget hatte. Er zeigte sich ungemein leutselig und liebkosend gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die unterste Klasse desselben am st‰rksten dr¸ckten; er belustigte es durch ˆffentliche Feste, und Spiele; er befˆrderte einige von denen, deren Ansehen am meisten zu f¸rchten war, zu eintr‰glichen Ehrenstellen, und liefl die ¸brigen mit Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die n‰mliche W¸rkung taten; er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern ˆffentlichen Geb‰uden: Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine so gute Art, dafl Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen, der so schˆne Hoffnungen von sich erweckte, und seine philosophische Eitelkeit mit so vielen ˆffentlichen Beweisen einer vorz¸glichen Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute Weise sich vielleicht selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.

Diese Maflnehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen. Das Volk, welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer immerw‰hrenden Kindheit lebt, hˆrte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit den bloflen Wunsch einer Ver‰nderung; faflte eine heftige Zuneigung f¸r seinen Prinzen; erhob die Gl¸ckseligkeit seiner Regierung; bewunderte die pr‰chtige Kleidung und Waffen, die er seinen Trabanten hatte machen lassen; betrank sich auf seine Gesundheit; und war bereit allem was er unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu zuklatschen.

Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen gl¸cklichen Ausschlag in der Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden, so lange sie selbige mit dem Plato teilen muflten, f¸r welchen er eine Art von Schwachheit behielt, die ihren Grund vielleicht in der nat¸rlichen Obermacht eines groflen Geistes ¸ber einen Kleinen hatte. Timocrat geriet auf einen Einfall, wozu ihm die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer des Dionys den ersten Wink gegeben hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit sich ein Verdienst um den Tyrannen zu machen, und das Ansehen des Philosophen bei demselben zu untergraben hoffen konnte.

Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine grˆflere Freiheit bei seiner Tafel einzuf¸hren; die Anzahl und die Beschaffenheit der G‰ste, welche er fast t‰glich einlud, gab den Vorwand dazu; und Plato, welcher bei aller erhabenen Austerit‰t seiner Grunds‰tze, einen kleinen Ansatz zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse ehrw¸rdige M‰nner an gewissen Hˆfen zu machen pflegen; er sprach bei jeder Gelegenheit von den Vorz¸gen der N¸chternheit und M‰fligkeit, und afl und trank immer dazu, wie ein andrer. Diese kleine Erweiterung der allzuengen Grenzen der akademischen Frugalit‰t, von welcher der Vater der Akademie selbst gestehen muflte, dafl sie sich f¸r den Hof eines F¸rsten nicht schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem, der dem Prinzen seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm pr‰chtige Feste zu geben; wo die Freude zwar ungebundener herrschte, aber doch durch die Gesellschaft der Musen und Grazien einen Schein von Bescheidenheit erhielt, welcher die Strenge der Weisheit mit ihr aussˆhnen konnte. Timocrat machte sich diesen Umstand zu Nutz. Er lud den Prinzen, den ganzen Hof, und die Vornehmsten der Stadt ein, auf seinem Landhause die Wiederkunft des Fr¸hlings zu begehen, dessen alles verj¸ngende Kraft, zum Ungl¸ck f¸r den ohnehin ¸belbefestigten Platonismus des Dionys, auch diesem Prinzen die Begierden und die Kr‰fte der Jugend wieder einzuhauchen schien. Die schlaueste Wollust, hinter eine verblendende Pracht versteckt, hatte dieses Fest angeordnet. Timocrat verschwendete seine Reicht¸mer ohne Mafl, mit desto frˆhlicherm Gesichte, da er sie eben dadurch doppelt wieder zu bekommen versichert war. Alle Welt bewunderte die Erfindungen und den Geschmack dieses G¸nstlings; Dionys bezeugte, sich niemals so wohl ergˆtzt zu haben; und der gˆttliche Plato, der weder auf seinen Reisen zu den Pyramiden und Gymnosophisten, noch zu Athen so etwas gesehen hatte, wurde von seiner dichterischen Einbildungs-Kraft so sehr verraten, dafl er die Gefahren zu vergessen schien, welche unter den Bezauberungen dieses Orts, und dieser Verschwendung von Reizungen zum Vergn¸gen, laurten. Der einzige Dion erhielt sich in seiner gewˆhnlichen Ernsthaftigkeit, und machte durch den starken Kontrast seines finstern Bezeugens mit der allgemeinen Frˆhlichkeit, Eindr¸cke auf alle Gem¸ter, welche nicht wenig dazu beitrugen, seinen bevorstehenden Fall zu befˆrdern. Indes schien niemand darauf acht zu geben; und in der Tat liefl die Vorsorge, welche Timocrat gebraucht hatte, dafl jede Stunde, und beinahe jeder Augenblick ein neues Vergn¸gen herbeif¸hren muflte, wenig Mufle, Beobachtungen zu machen. Dieser schlaue Hˆfling hatte ein Mittel gefunden, dem Plato selbst, bei einer Gelegenheit, wo es so wenig zu vermuten war, auf eine feine Art zu schmeicheln. Dieses geschah durch ein grofles pantomimisches Ballet, worin die Geschichte der menschlichen Seele, nach den Grunds‰tzen dieses Weisen, unter Bildern, welche er in einigen seiner Schriften an die Hand gegeben hatte, auf eine allegorische Art vorgestellt wurde. Timocrat hatte die j¸ngsten und schˆnsten Figuren hierzu gebraucht, welche er zu Corinth und aus dem ganzen Griechenlande hatte zusammenbringen kˆnnen. Unter den T‰nzerinnen war eine, welche dazu gemacht schien, dasjenige, was der gute Plato in etlichen Monaten an dem Gem¸te des Tyrannen gearbeitet, in etlichen Augenblicken zu zerstˆren. Sie stellte unter den Personen des Tanzes die Wollust vor; und w¸rklich paflten ihre Figur, ihre Gesichtsbildung, ihre Blicke, ihr L‰cheln, alles so vollkommen zu dieser Rolle, dafl das anacreontische Beiwort Wollustatmend ausdr¸cklich f¸r sie gemacht zu sein schien. Jedermann war von der schˆnen Bacchidion bezaubert; aber niemand war es so sehr als Dionys. Er dachte nicht einmal daran, der Wollust, welche eine so verf¸hrische Gestalt angenommen hatte, um seine erk‰ltete Zuneigung zu ihr wieder anzufeuren, Widerstand zu tun; kaum dafl er noch so viel Gewalt ¸ber sich selbst behielt, um von demjenigen was in ihm vorging nicht allzudeutliche W¸rkungen sehen zu lassen. Denn er getraute sich noch nicht, wieder g‰nzlich Dionysius zu sein, ob ihm gleich von Zeit zu Zeit kleine Z¸ge entwischten, welche dem beobachtenden Dion bewiesen, dafl er nur noch durch einen Rest von Scham, dem letzten Seufzer der ersterbenden Tugend, zur¸ckgehalten werde. Timocrat triumphierte in sich selbst; seine Absicht war erreicht; die allzureizende Bacchidion bem‰chtigte sich der Begierde, des Geschmacks und so gar des Herzens des Tyrannen: Und da er den Timocrat zum Unterh‰ndler seiner Leidenschaft, welche er eine Zeitlang geheim halten wollte, nˆtig hatte, so war Timocrat von diesem Augenblick an wieder der n‰chste an seinem Herzen. Der weise Plato bedaurte zu sp‰t, dafl er zu viel Nachsicht gegen den Hang dieses Prinzen nach Ergˆtzungen getragen hatte; er f¸hlte nur gar zu wohl, dafl die Gewalt seiner metaphysischen Bezauberungen durch eine st‰rkere Zaubermacht aufgelˆst worden sei, und fing an, um sich nicht ohne Nutzen beschwerlich zu machen, den Hof seltner zu besuchen. Dion ging weiter: Er unterstund sich, dem Dionys wegen seines geheimen Verst‰ndnisses mit der schˆnen Bacchidion, Vorw¸rfe zu machen, und ihn seiner Verbindlichkeiten mit einem Ernst zu erinnern, den der Tyrann nicht mehr ertragen konnte. Dionys sprach im Ton eines asiatischen Despoten, und Dion antwortete wie ein Miflvergn¸gter, der sich stark genug f¸hlt, den Drohungen eines ¸berm¸tigen Tyrannen Trotz zu bieten. Philistus hielt den Dionys zur¸ck, der im Begriff war alles zu wagen, indem er seiner Wut den Z¸gel schieflen lassen wollte. Allein in den Umst‰nden worin man mit dem beleidigten Dion war, muflte ein schleuniger Entschlufl gefaflt werden. Dion verschwand auf einmal, und erst nach einigen Tagen machte Dionys bekannt: Dafl ein gef‰hrliches Complot gegen seine Person, und die Ruhe des Staats, woran Dion in geheim gearbeitet, ihn genˆtiget h‰tte, denselben auf einige Zeit aus Sicilien zu entfernen. Es best‰tigte sich w¸rklich, dafl Dion in der Nacht unvermutet in Verhaft genommen, zu Schiffe gebracht und in Italien ans Land gesetzt worden war. Um das angebliche Complot wahrscheinlich zu machen, wurden verschiedene Freunde Dions, und eine noch grˆflere Anzahl von Kreaturen des Philistus, welche gegen diesen Prinzen zu reden bestochen waren, in Verhaft genommen. Man unterliefl nichts, was seinem Prozefl das Ansehen der genauesten Beobachtung der Justiz-Formalit‰ten geben konnte; und nachdem er durch die Aussage einer Menge von Zeugen ¸berwiesen worden war, wurde seine Verbannung in ein fˆrmliches Urteil gebracht, und ihm bei Strafe des Lebens verboten, ohne besondere Erlaubnis des Dionys, Sicilien wieder zu betreten. Dionys stellte sich, als ob er dieses Urteil ungern und allein durch die Sorge f¸r die Ruhe des Staats gezwungen unterzeichne; und um eine Probe zu geben, wie gern er eines Prinzen, den er allezeit besonders hochgesch‰tzt habe, schonen mˆchte, verwandelte er die Strafe der Konfiskation aller seiner G¸ter in eine blofle Zur¸ckhaltung der Eink¸nfte von denselben: Aber niemand liefl sich durch diese Vorspieglungen hintergehen, da man bald darauf erfuhr, dafl er seine Schwester, die Gemahlin des Dion, gezwungen habe, die Belohnung des unw¸rdigen Timocrat zu werden.

Plato spielte bei dieser unerwarteten Katastrophe eine sehr dem¸tigende Rolle. Dionys affektierte zwar noch immer, ein grofler Bewunderer seiner Wissenschaft und Beredsamkeit zu sein; aber sein Einflufl hatte so g‰nzlich aufgehˆrt, dafl ihm nicht einmal erlaubt war, die Unschuld seines Freundes zu verteidigen. Er wurde t‰glich zur Tafel eingeladen; aber nur, um mit eignen Ohren anzuhˆren, wie die Grunds‰tze seiner Philosophie, die Tugend selbst, und alles was einem gesunden Gem¸t ehrw¸rdig ist, zum Gegenstand leichtsinniger Scherze gemacht wurden, welche sehr oft den echten Witz nicht weniger beleidigten als die Tugend. Und damit ihm alle Gelegenheit benommen w¸rde, die widrigen Eindr¸cke, welche den Syracusanern gegen den Dion beigebracht worden waren, wieder auszulˆschen, wurde ihm unter dem Schein einer besondern Ehrenbezeugung eine Wache gegeben, welche ihn wie einen Staats-Gefangenen beobachtete und eingeschlossen hielt. Der Philosoph hatte denjenigen Teil seiner Seele, welchem er seinen Sitz zwischen der Brust und dem Zwerch-Fell angewiesen, noch nicht so g‰nzlich geb‰ndiget, dafl ihn dieses Betragen des Tyrannen nicht h‰tte erbittern sollen. Er fing an wie ein freigeborner Athenienser zu sprechen, und verlangte seine Entlassung. Dionys stellte sich ¸ber dieses Begehren best¸rzt an, und schien alles anzuwenden, um einen so wichtigen Freund bei sich zu behalten; er bot ihm so gar die erste Stelle in seinem Reich, und, wenn Plutarch nicht zuviel gesagt hat, alle seine Sch‰tze an, wofern er sich verbindlich machen wollte, ihn niemals zu verlassen; aber die Bedingung, welche er hinzusetzte, bewies, wie wenig er selbst erwartete, dafl seine Erbietungen angenommen werden w¸rden. Denn er verlangte, dafl er ihm seine Freundschaft f¸r den Dion aufopfern sollte; und Plato verstund den stillschweigenden Sinn dieser Zumutung. Er beharrete also auf seiner Entlassung, und erhielt sie endlich, nachdem er das Versprechen von sich gegeben hatte, dafl er wieder kommen wolle, so bald der Krieg, welchen Dionys wider Carthago anzufangen im Begriff war, geendigt sein w¸rde. Der Tyrann machte sich eine grofle Angelegenheit daraus, alle Welt zu ¸berreden, dafl sie als die besten Freunde von einander schieden; und Platons Ehrgeiz (wenn es anders erlaubt ist, eine solche Leidenschaft bei einem Philosophen vorauszusetzen) fand seine Rechnung zu gut dabei, als dafl er sich h‰tte bem¸hen sollen, die Welt von dieser Meinung zuheilen. Er gehe, sagte er, nur Dion und Dionys wieder zu Freunden zu machen. Der Tyrann bezeugte sich sehr geneigt hierzu, und hob, zum Beweis seiner guten Gesinnung den Beschlag auf, den er auf die Eink¸nfte Dions gelegt hatte. Plato hingegen machte sich zum B¸rgen f¸r seinen Freund, dafl er nichts widriges gegen Dionysen unternehmen sollte. Der Abschied machte eine so traurige Szene, dafl die Zuschauer, (aufler den wenigen, welche das Gesicht unter der Maske kannten) von der Gutherzigkeit des Prinzen sehr ger¸hrt wurden; er begleitete den Philosophen bis an seine Galeeren, erstickte ihn fast mit Umarmungen, netzte seine ehrw¸rdigen Wangen mit Tr‰nen, und sah ihm so lange nach, bis er ihn aus den Augen verlor: Und so kehrten beide, mit gleich erleichtertem Herzen, Plato in seine geliebte Akademie, und Dionys in die Arme seiner T‰nzerin zur¸ck.

Dieser Tyrann, dessen nat¸rliche Eitelkeit durch die Diskurse des Atheniensischen Weisen zu einer heftigen Ruhmbegierde aufgeschwollen war, hatte sich unter andern Schwachheiten in den Kopf gesetzt, f¸r einen Gˆnner der Gelehrten, f¸r einen Kenner, und so gar f¸r einen der schˆnen Geister seiner Zeit gehalten zu werden. Er war sehr bek¸mmert, dafl Plato und Dion den Griechen, denen er vorz¸glich zu gefallen begierig war, die gute Meinung wieder benehmen mˆchten, welche man von ihm zu fassen angefangen hatte; und diese Furcht scheint einer von den st‰rksten Beweggr¸nden gewesen zu sein, warum er den Plato bei ihrer Trennung mit so vieler Freundschaft ¸berh‰uft hatte. Er liefl es nicht dabei bewenden. Philistus sagte ihm, dafl Griechenland eine Menge von spekulativen M¸fligg‰ngern habe, welche so ber¸hmt als Plato, und zum teil geschickter seien, einen Prinzen bei Tische oder in verlornen Augenblicken zu belustigen als dieser Mann, der die Schwachheit habe ein l‰cherlich ehrw¸rdiges Mittelding zwischen einem Egyptischen Priester, und einem Staatsmanne vorzustellen, und seine unverst‰ndlich-erhabene Grillen f¸r Grunds‰tze, wornach die Welt regiert werden m¸sse, auszugeben. Er bewies ihm mit den Beispielen seiner eigenen Vorfahren, dafl ein F¸rst sich den Ruhm eines unvergleichlichen Regenten nicht wohlfeiler anschaffen kˆnne, als indem er Philosophen und Poeten in seinen Schutz nehme; Leute, welche f¸r die Ehre seine Tischgenossen zu sein, oder f¸r ein m‰fliges Gehalt, bereit seien, alle ihre Talente ohne Mafl und Ziel zu seinem Ruhm und zu Befˆrderung seiner Absichten zu verschwenden. “Glaubest du”, sagte er, “dafl Hieron der wundert‰tige Mann, der Held, der Halbgott, das Muster aller f¸rstlichen, b¸rgerlichen und h‰uslichen Tugenden gewesen sei, wof¸r ihn die Nachwelt h‰lt? Wir wissen was wir davon denken sollen; er war was alle Prinzen sind, und lebte wie sie alle leben; er tat was ich und ein jeder andrer tun w¸rde, wenn wir zu unumschr‰nkten Herren einer so schˆnen Insel, wie Sicilien ist, geboren w‰ren–Aber er hatte die Klugheit, Simoniden und Pindare an seinem Hofe zu halten; sie lobten ihn in die Wette, weil sie wohl gef¸ttert und wohl bezahlt wurden; alle Welt erhob die Freigebigkeit dieses Prinzen, und doch kostete ihn dieser Ruhm nicht halb soviel, als seine Jagdhunde. Wer wollte ein Kˆnig sein, wenn ein Kˆnig das alles w¸rklich tun m¸flte, was sich ein m¸fliger Sophist auf seinem Faulbette oder Diogenes in seinem Fasse einfallen l‰flt, ihm zu Pflichten zu machen? Wer wollte regieren, wenn ein Regent allen Forderungen und W¸nschen seiner Untertanen genug tun m¸flte? Das meiste, wo nicht alles, kˆmmt auf die Meinung an, die ein grofler Herr von sich erweckt; nicht auf seine Handlungen selbst, sondern auf die Gestalt und den Schwung, den er ihnen zu geben weifl. Was er nicht selbst tun will, oder tun kann, das kˆnnen witzige Kˆpfe f¸r ihn tun. Haltet euch einen Philosophen, der alles demonstrieren, einen sinnreichen Schw‰tzer, der ¸ber alles scherzen, und einen Poeten, der ¸ber alles Gassenlieder machen kann. Der Nutzen, den ihr von dieser kleinen Ausgabe zieht, f‰llt zwar nicht sogleich in die Augen; ob es gleich an sich selbst schon Vorteils genug f¸r einen F¸rsten ist, f¸r einen Besch¸tzer der Musen gehalten zu werden. Denn das ist in den Augen von neun und neunzig hundertteilen des menschlichen Geschlechts ein untr¸glicher Beweis, dafl er selbst ein Herr von grofler Einsicht, und Wissenschaft ist; und diese Meinung erweckt Zutrauen, und ein g¸nstiges Vorurteil f¸r alles was er unternimmt. Aber das ist der geringste Nutzen, den ihr von euern witzigen Kostg‰ngern zieht. Setzet den Fall, dafl es nˆtig sei eine neue Auflage zu machen; das ist alles was ihr braucht, um in einem Augenblick ein allgemeines Murren gegen eure Regierung zu erregen; die Miflvergn¸gten, eine Art von Leuten, welche die kl¸gste Regierung niemals g‰nzlich ausrotten kann, machen sich einen solchen Zeitpunkt zu nutze; setzen das Volk in G‰rung, untersuchen eure Auff¸hrung, die Verwaltung eurer Eink¸nfte, und tausend Dinge, an welche vorher niemand gedacht hatte; die Unruhe nimmt zu, die Repr‰sentanten des Volks versammeln sich, man ¸bergibt euch eine Vorstellung, eine Beschwerung um die andere; unvermerkt nimmt man sich heraus die Bitten in Forderungen zu verwandeln, und die Forderungen mit ehrfurchtsvollen Drohungen zu unterst¸tzen; kurz, die Ruhe euers Lebens ist, wenigstens auf einige Zeit, verloren; ihr befindet euch in kritischen Umst‰nden, wo der kleinste Fehltritt die schlimmesten Folgen nach sich ziehen kann, und es braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen Zeit einem miflvergn¸gten Pˆbel an den Kopf wirft, so habt ihr einen Aufruhr in seiner ganzen Grˆfle. Hier zeigt sich der wahre Nutzen unsrer witzigen Kˆpfe. Durch ihren Beistand kˆnnen wir in etlichen Tagen allen diesen ¸beln zuvorkommen. Laflt den Philosophen demonstrieren, dafl diese Auflage zur Wohlfahrt des gemeinen Wesens unentbehrlich ist; laflt den Spaflvogel irgend einen l‰cherlichen Einfall, irgend eine lustige Hof-Anekdote oder ein boshaftes M‰rchen in der Stadt herumtragen, und den Poeten eine neue Komˆdie und ein paar Gassenlieder machen, um dem Pˆbel was zu sehen und zu singen zu geben: So wird alles ruhig bleiben; und indessen dafl die politischen M¸fligg‰nger sich dar¸ber zanken werden, ob euer Philosoph recht oder unrecht argumentiert habe, und die kleine ‰rgerliche Anekdote reichlich ausgeziert und verschˆnert, den Witz aller guten Gesellschaften im Atem erh‰lt: Wird der Pˆbel ein paar Fl¸che zwischen den Z‰hnen murmeln, seinen Gassenhauer anstimmen, und–bezahlen. Solche Dienste, sind, deucht mich wohl wert, etliche Leute zu unterhalten, die ihren ganzen Ehrgeiz darin setzen, Worte zierlich zusammenzusetzen, Sylben zu z‰hlen, Ohren zu kitzeln und Lungen zu ersch¸ttern; Leute, denen ihr alle ihre W¸nsche erf¸llt, wenn ihr ihnen so viel gebt, als sie brauchen, kummerlos durch eine Welt, an die sie wenig Anspr¸che machen, hindurchzuschlentern, und nichts zu tun, als was der Wurm im Kopf, den sie ihren Genie nennen, ihnen zum grˆflesten Vergn¸gen ihres Lebens macht.”

Dionys befand diesen Rat seines w¸rdigen Ministers vollkommen nach seinem Geschmack. Philistus ¸bergab ihm eine Liste von mehr als zwanzig Kandidaten, aus denen man, wie er sagte, nach Belieben ausw‰hlen kˆnnte. Dionys glaubte, dafl man dieser n¸tzlichen Leute nicht zuviel haben kˆnne, und w‰hlte alle. Alle schˆnen Geister Griechenlandes wurden unter blendenden Verheiflungen an seinen Hof eingeladen. In kurzer Zeit wimmelte es in seinen Vors‰len von Philosophen und Priestern der Musen. Alle Arten von Dichtern, Epische, Tragische, Komische, Lyrische, welche ihr Gl¸ck zu Athen nicht hatten machen kˆnnen, zogen nach Syracus, um ihre Leiern und Flˆten an den anmutigen Ufern des Anapus zu stimmen, und–sich satt zu essen. Sie glaubten, dafl es ihnen gar wohl erlaubt sein kˆnne, die Tugenden des Dionys zu besingen, nachdem der gˆttliche Pindar sich nicht gesch‰mt hatte, die Maulesel des Hieron unsterblich zu machen. So gar der zynische Antisthenes liefl sich durch die Hoffnung herbeilocken, dafl ihn die Freigebigkeit des Dionys in den Stand setzen w¸rde, die Vorteile der freiwilligen Armut und der Enthaltsamkeit mit desto mehr Gem‰chlichkeit zu studieren; Tugenden, von deren Schˆnheit, nach dem stillschweigenden Gest‰ndnis ihrer eifrigsten Lobredner, sich nach einer guten Mahlzeit am beredtesten sprechen l‰flt. Kurz, Dionys hatte das Vergn¸gen, ohne einen Plato dazu nˆtig zu haben, sich mitten an seinem Hofe eine Akademie f¸r seinen eignen Leib zu errichten, deren Vorsteher und Apollo er selbst zu sein w¸rdigte, und in welcher ¸ber die Gerechtigkeit, ¸ber die Grenzen des Guten und Bˆsen, ¸ber die Quelle der Gesetze, ¸ber das Schˆne, ¸ber die Natur der Seele, der Welt und der Gˆtter, und andere solche Materien, welche nach den gewˆhnlichen Begriffen der Weltleute zu nichts als zur Konversation gut sind, mit so vieler Schwatzhaftigkeit, mit so viel Subtilit‰t und so wenig gesunder Vernunft disputiert wurde, als es in irgend einer Schule der Weisheit der damaligen Zeiten zu geschehen pflegte. Er hatte das Vergn¸gen sich bewundern, und wegen einer Menge von Tugenden und Helden-Eigenschaften lobpreisen zu hˆren, die er sich selbst niemals zugetraut h‰tte. Seine Philosophen waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen h‰tten, ihn hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und dann seinen Staat regieren m¸sse. Der strengeste unter ihnen war zu hˆflich, etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem jeden Zweifler sonnenklar zu beweisen, dafl ein Tyrann, der Zueignungs-Schriften, und Lobgedichte so gut bezahlte, so gastfrei war, und seine getreuen Untertanen durch den Anblick so vieler Feste und Lustbarkeiten gl¸cklich machte, der w¸rdigste unter allen Kˆnigen sein m¸sse.

In diesen Umst‰nden befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer Geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der F¸rst beschaffen, welchem er, unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen war.

F‹NFTES KAPITEL

Agathon wird der G¸nstling des Dionysius

Agathon erfuhr die haupts‰chlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des vorhergehenden Kapitels ausmachen, bei einem groflen Gastmahl, welches sein Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei, der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade, worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten H‰usern zu Syracus sehr willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener groflen Migration der schˆnen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben, mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch parasitische K¸nste die Eitelkeit des Dionys seinen Bed¸rfnissen zinsbar zu machen. Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber damals kontrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als dafl sie einander wahrhaftig h‰tten hochsch‰tzen kˆnnen, obgleich Aristipp sich ˆfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus einen Tempel der Musen, und eine Akademie der besten Kˆpfe von Athen machten. Die Wahrheit war, dafl Agathon mit allen seinen schimmernden Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Ungl¸ck er seinen Vertrauten ˆfters vorhersagte–und Aristipp mit allem seinem Witz nach Agathons Begriffen ein blofler Sophist war, den seine Grunds‰tze geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge Republikaner zu tugendhaften M‰nnern zu machen. Der Eindruck, welcher beiden von dieser ehmals von einander gefaflten Meinung geblieben war, machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu kˆnnen, wer sie ist, oder wo und in welchen Umst‰nden wir sie gesehen haben. Das sollte Agathon–das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst, war ¸berzeugt, dafl es so sei, und hatte doch M¸he, seiner eigenen ¸berzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten, welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Ver‰nderung erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden lˆsete beiden das R‰tsel ihres anf‰nglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils, und flˆflte ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt erinnerten sie sich nicht mehr, dafl sie einander ehmals weniger gefallen hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie itzt f¸r einander empfanden, f¸r die blofle Erneuerung einer alten Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine Gef‰lligkeit, eine Politesse, eine M‰fligung, welche ihm zu beweisen schien, dafl Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem Gem¸te gew¸rkt haben muflten. Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken, eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Sch¸ler des weisen Socrates in ihm erkennen lieflen. Diese Entdeckungen flˆfleten ihnen nat¸rlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agathon liefl seinem neuen Freunde sein Erstaunen dar¸ber sehen, dafl die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plˆtzlich, und auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund alles was man in der Stadt davon wuflte, in bloflen Mutmaflungen, die sich zum Teil auf allerlei unzuverl‰ssige Anekdoten gr¸ndeten, welche in St‰dten, wo ein Hof ist von m¸fligen Leuten, die sich das Ansehen geben wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes vollkommene Wissenschaft h‰tten, von Gesellschaft zu Gesellschaft herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen, den Charakter seiner G¸nstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der Sicilianer ¸berhaupt so gut ausstudiert, dafl er, ohne sich in die Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht ¸berzeugen konnte, dafl ein gleichg¸ltiger Zuseher von den Anschl‰gen, Dions und Platons, den Dionys zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermˆgen, sich keinen gl¸cklichern Ausgang habe versprechen kˆnnen. Er malte den Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die ungl¸cklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben kˆnnen; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und leicht zu regieren sei, dafl alles blofl darauf ankomme, in was f¸r H‰nden er sich befinde. Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche Gem¸tsart und der Hang f¸r die Vergn¸gungen der Sinnen die fehlerhafteste Seite dieses Prinzen. Plato h‰tte die Kunst verstehen sollen, sich dieser Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen; aber das h‰tte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von Nachgiebigkeit und Zur¸ckhaltung erfordert, wozu der Verfasser des ‘Cratylus’ und ‘Tim‰us’ niemals f‰hig sein werde. ¸berdem h‰tte er sich zu deutlich merken lassen, dafl er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen zu machen; ein Umstand, der schon f¸r sich allein alles habe verderben m¸ssen. Denn die schw‰chsten F¸rsten seien allemal diejenigen, vor denen man am sorgf‰ltigsten verbergen m¸sse, dafl man weiter sehe als sie; sie w¸rden sich’s zur Schande rechnen, sich von dem grˆflesten Geist in der Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, dafl er eine solche Absicht im Schilde f¸hre; und daher komme es, dafl sie sich oft lieber der schimpflichen Herrschaft eines Kammerdieners oder einer Maitresse unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt ¸ber das Gem¸t des Herrn unter sklavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu verbergen. Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu spitzfindig, und zu einem G¸nstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen Feinden best‰ndige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verd‰chtig zu machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der National-Geist der Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, dafl es, seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmˆglich bleiben w¸rde, sie zur republikanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter gewissen Umst‰nden f‰hig sei ein guter F¸rst zu werden, w¸rde, wenn er sich auch in einem Anstofl von eingebildeter Groflmut h‰tte bereden lassen, die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer B¸rger gewesen sein. Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die n‰hern Veranlassungen der Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des Platon gewesen sein mˆgen, hinl‰nglich begreiflich zu machen, dafl es nicht anders habe gehen kˆnnen; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit einer anscheinenden Gleichg¸ltigkeit hinzu) dafl ein Anderer, der sich die Fehler dieser Vorg‰nger zu Nutzen zu machen wiflte, wenig M¸he haben w¸rde, die unw¸rdigen Leute zu verdr‰ngen, welche sich wieder in den Besitz des Zutrauens und der Autorit‰t des Tyrannen geschwungen h‰tten.

Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, dafl er sich ¸berreden liefl, sie f¸r wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete. Sie fl¸sterte ihm so leise, dafl er ihren Einhauch vielleicht f¸r die Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu–wie schˆn es w‰re, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen kˆnnte, was Plato vergebens unternommen hatte. Wenigstens deuchte es ihn schˆn, den Versuch zu machen; und er f¸hlte eine Art von ahnendem Bewufltsein, dafl eine solche Unternehmung nicht ¸ber seine Kr‰fte gehen w¸rde. Diese Empfindungen (denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, w‰hrend dafl Aristippus sprach, in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Acht, ihn das geringste davon merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen Hˆflinge unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gespr‰ch auf andre Gegenst‰nde. ¸berhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden vorz¸glich auf ihn h‰tte richten kˆnnen, desto sorgf‰ltiger, da er wahrnahm, dafl man einen auflerordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete. Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit unumg‰nglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung von Athen gehabt hatte; liefl die Anl‰sse entschl¸pfen, die ihm von einigen mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewˆhnlicher Mensch, der sich auf das was er spricht versteht, und begn¸gte sich bei Gelegenheit sehen zu lassen, dafl er ein Kenner aller schˆnen Sachen sei, ob er sich gleich nur f¸r einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen sei, von sich entfernen wollte, hatte die W¸rkung, dafl die Meisten, welche mit einem Erwartungsvollen Vorurteil f¸r ihn gekommen waren, sich f¸r betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der N‰he nicht, was sein Ruhm verspreche: ja, um sich daf¸r zu r‰chen, dafl er nicht so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb h‰tte sein sollen, liehen sie ihm noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der schˆnen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder nicht verbergen wollte; gewˆhnliches Verfahren der kleinen Geister, wodurch sie sich unter einander in der trˆstlichen Beredung zu st‰rken suchen, dafl kein so grofler Unterscheid, oder vielleicht gar keiner, zwischen ihnen und den Agathonen sei–und wer wird so unbillig sein, und ihnen das ¸bel nehmen?

Sobald sich unser Mann allein sah, ¸berliefl er sich den Betrachtungen, die in seiner gegenw‰rtigen Stellung die nat¸rlichsten waren. Sein erster Gedanke, sobald er gehˆrt hatte, dafl Plato entfernt, und Dionys wieder in der Gewalt seiner ehemaligen G¸nstlinge und einer neuangekommenen T‰nzerin sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu halten, und sodann nach Italien ¸berzufahren, wo er verschiedne Ursachen hatte zu hoffen, dafl er in dem Hause des ber¸hmten Archytas zu Tarent willkommen sein w¸rde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Ver‰nderungen gesagt hatte, ¸berlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her gezogen, brachte er den grˆflesten Teil der Nacht in einem Mittelstand zwischen Entschlieflung und Ungewiflheit zu, bis er endlich mit sich selbst einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umst‰nde bestimmen w¸rden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine Menge Zuf‰lle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Maflregeln bei sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umst‰nden handeln wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine Betrachtung; dieser Punkt lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems; er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer die Freiheit behalten, sich so bald er sehen w¸rde, dafl er vergeblich arbeite, mit Ehre zur¸ckzuziehen. Das war die einzige R¸cksicht, die er dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefaflt hatte, liefl ihn nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit beh¸lflich zu sein, welche er f¸r einen bloflen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln eines Volkes und der Pˆbel einander wechselweise ‰rger Tyrannisieren als es irgend ein Tyrann zu tun f‰hig ist; der so arg er immer sein mag, doch durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sklaven g‰nzlich aufzureiben;–da hingegen der Pˆbel, wenn er die Gewalt einmal an sich gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen f‰hig ist. Diese Reflexion traf zwar nur die Demokratie; aber Agathon hatte von der Aristokratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger guter F¸rst, war, nach seiner Voraussetzung, vermˆgend, das Gl¸ck seines Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung nach) die Aristokratie anders nicht als durch die g‰nzliche Unterdr¸ckung des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden kˆnne, und also schon aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen mˆglichen Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen, und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerw‰rtigen Dingen eine gute Komposition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und R‰dern zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also, von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie des groflen Systems der Natur gem‰fleste Art die Menschen zu regieren; und dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den H‰nden schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er ¸ber sein Gem¸t zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn nach und nach durch die eigent¸mlichen Reizungen der Tugend endlich vollkommen gewinnen kˆnnte. Und gesetzt auch, dafl es ihm nur auf eine unvollkommene Art gelingen w¸rde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal seines Herzens bemeistert haben w¸rde, doch immer im Stande zu sein, viel gutes zu tun, und viel Bˆses zu verhindern, und auch dieses schien ihm genug zu sein, um beim Schlufl der Aktion mit dem belohnenden Gedanken, eine schˆne Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten. In diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzuf¸hren.

Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenw‰rtigen Geschichte zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefaflt hat, so wenig ¸berein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat scheint dasselbe sich mehr auf den Miflverstand seiner Grunds‰tze und einige ‰rgerliche M‰rchen, welche Diogenes von Laerte und Athen‰us, zween von den unzuverl‰ssigsten Kompilatoren in der Welt, seinen Feinden nacherz‰hlen, als auf irgend etwas zu gr¸nden, welches ihm unsre Hochachtung mit Recht entziehen kˆnnte. Es hat zu allen Zeiten eine Art von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind; Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster durch die Affektation der strengesten Grunds‰tze in der Sittenlehre bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer auflerordentlichen Delikatesse der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem bloflen Schall des Worts Wollust, mit einem heiligen Schauer, errˆtend–oder erblassend, zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten w¸rde, wenn nicht der grˆfleste Haufen dazu verurteilt w‰re, sich durch Masken-Gesichter, Mienen, Geb‰rden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und–weifle Schnupft¸cher betr¸gen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebr‰uchlich ist, denenjenigen einen B¸ndel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp f¸r einen Woll¸stling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin bestehe, dafl er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grunds‰tzen gemacht, und die Kunst gem‰chlich und angenehm zu leben, in ein System gebracht habe.

Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils zu beweisen; und dieses ist auch so nˆtig nicht, nachdem bereits einer der ehrw¸rdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner kritischen Geschichte der Philosophie diesem w¸rdigen Sch¸ler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Ohne uns also um Aristipps Lehrs‰tze zu bek¸mmern, begn¸gen wir uns, von seinem persˆnlichen Charakter so viel zu sagen als man wissen mufl, um die Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu kˆnnen. Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem Hofe befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte, Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische Niedertr‰chtigkeiten erkaufte. Durch seine nat¸rliche Denkungs-Art eben so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gem‰chliche Philosophie, von Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines zul‰nglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch den erlaubten Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wuflte) um, nach seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Akteur auf dem Schauplatz der Welt vorzustellen. Da er einer der besten Kˆpfe seiner Zeit war, so gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt, Gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenst‰nde des menschlichen Lebens machte. Meister ¸ber seine Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Gesch‰fte selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht schwer, sich immer in dieser Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gem¸tes zu erhalten, welche die Grundz¸ge von dem Charakter eines weisen Mannes ausmachen. Er hatte seine schˆnsten Jahre zu Athen, in dem Umgang mit Socrates und den grˆflesten M‰nnern dieses ber¸hmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen, auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schˆnheit die geringste ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gef¸hl des Schˆnen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit der Severit‰t der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen M‰ntel und B‰rte seiner Zeit auf den Hals zog. Nichts ¸bertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs; niemand wuflte so gut wie er, die Weisheit unter der gef‰lligen Gestalt des l‰chelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften einzuf¸hren, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen w‰re. Er besafl das Geheimnis, den Groflen selbst die unangenehmste Wahrheiten mit H¸lfe eines Einfalls oder einer Wendung ertr‰glich zu machen, und sich an dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die Hˆfe der (damaligen) F¸rsten wimmelten, durch einen Spott zu r‰chen, den sie dumm genug waren, mit dankbarem L‰cheln f¸r Beifall anzunehmen. Die Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des Schˆnen besafl, machte dafl er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die Erfindung sinnreicher Ergˆtzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes, die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil ¸ber die Werke der Dichter, Tonk¸nstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergn¸gen, weil er das Schˆne liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die Tugend: Aber er muflte das Vergn¸gen in seinem Wege finden, und die Tugend muflte ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der andern seine Gem‰chlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht. Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb, war; dafl es in unsrer Gewalt sei, in allen Umst‰nden gl¸cklich zu sein; des Phalaris gl¸henden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte gl¸cklich sein kˆnnen, davon konnte er sich keinen Begriff machen. Er setzte voraus, dafl Seele und Leib sich im Stande der Gesundheit befinden m¸flten, und behauptete, dafl es als dann nur darauf ankomme, dafl wir uns nach den Umst‰nden richten; anstatt, wie der grofle Haufe der Sterblichen, zu verlangen, dafl sich die Umst‰nde nach uns richten sollen, oder ihnen, zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser sonderbaren Geschmeidigkeit kam es her, dafl er das vielbedeutende Lob verdiente, welches ihm Horaz gibt, dafl ihm alle Farben, alle Umst‰nde des g¸nstigen oder widrigen Gl¸ckes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte, dafl es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.

Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an F‰higkeit das Gute zu sch‰tzen gefehlt habe, dafl er Aristippen um aller dieser Eigenschaften willen hˆher achtete, als alle andern Gelehrten, seines Hofes; dafl er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich ˆfters von ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen liefl, wozu ihn seine Pedanten mit aller ihrer Dialektik und schulgerechten Beredsamkeit nicht zu vermˆgen f‰hig waren.

Diese charakteristische Z¸ge vorausgesetzt, l‰flt sich, deucht uns, keine wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern Helden zu Syracus erblickte, den Entschlufl faflte, ihn bei dem Dionys in Gunst zu setzen, als diese; dafl er begierig war zu sehen, was aus einer solchen Verbindung werden, und wie sich Agathon in einer so schl¸pfrigen Stellung verhalten w¸rde. Denn auf einige besondere Vorteile f¸r sich selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne einen Mittelsmann zu bed¸rfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu machen, der in einem Anstofl von prahlerhafter Freigebigkeit f‰hig war, die Eink¸nfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citharspieler wegzuschenken.

Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als des n‰chsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten pflegte, von dem neuangekommenen Agathon zu unterhalten, und eine so vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, dafl Dionys begierig wurde, diesen auflerordentlichen Menschen von Person zu kennen. Aristipp erhielt also den Auftrag, ihn unverz¸glich nach Hofe zu bringen; und er vollzog denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.

Agathon sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art empfing. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit abermals dafl die Schˆnheit eine stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese Gestalt des Vatikanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten–und schlimmen–Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pythia und die Zuneigung der Athenienser zugezogen, ihn in den Augen der thrazischen Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schˆnen Danae zum liebensw¸rdigsten der Sterblichen gemacht hatte–Diese Gestalt, diese einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit W¸rde und Anstand zusammenflieflende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen eigen war–taten ihre W¸rkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die allgemeine Bewunderung zu. Dionys, welcher als Kˆnig zu wohl mit sich selbst zufrieden war, um ¸ber einen Privat-Mann wegen irgend einer Vollkommenheit eifers¸chtig zu sein, ¸berliefl sich dem angenehmen Eindruck, den dieser schˆne Fremdling auf ihn machte. Die Philosophen hofften, dafl das Inwendige einer so viel versprechenden Auflenseite nicht gem‰fl sein werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenr¸mpfen, welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten, andeutete, einander zu zuraunen, dafl er–schˆn sei. Aber die Hˆflinge hatten M¸he ihren Verdrufl dar¸ber zu verbergen, dafl sie keinen Fehler finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorz¸ge ertr‰glich gemacht h‰tte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.

Agathon verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen gemacht hatte; dafl Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war. Man weifl, wie wenig es oft bedarf, den Groflen der Welt zu gefallen, wenn uns nur der erste Augenblick g¸nstig ist. Agathon muflte also dem Dionys, welcher w¸rklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem Verh‰ltnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorz¸ge und Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besafl er deren so viele, dafl der Neid der Hˆflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde stieg, gewisser maflen zu entschuldigen war; die guten Leute w¸rden sich viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen h‰tten, welche in ihm vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er hatte die Klugheit, anf‰nglich seine gr¸ndlichere Eigenschaften zu verbergen, und sich blofl von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die Hochachtung der Weltleute am sichersten ¸berraschen l‰flt. Er sprach von allem mit dieser Leichtigkeit des Witzes, welche nur ¸ber die Gegenst‰nde dahinglitscht, und wodurch sich oft die schalesten Kˆpfe in der Welt (auf einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand und Einsichten zu haben, zu geben wissen. Er scherzte; er erz‰hlte mit Anmut; er machte andern Gelegenheit sich hˆren zu lassen; und bewunderte die guten Einf‰lle, welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelm‰fligen und frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art, welche, ohne seiner Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen ¸berzeugte, dafl Agathon unendlich viel Verstand habe.

Die groflen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch es sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der grofle Tanzai von Scheschian, ein Kenner ¸brigens von Verdiensten, kannte doch kein grˆfleres als die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so g¸nstiges Vorurteil f¸r die Cithar, dafl der beste Cithar-Spieler in seinen Augen der grˆfleste Mann auf dem Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht; aber er gab sich f¸r einen Kenner, und r¸hmte sich die grˆflesten Virtuosen auf diesem wundert‰tigen Instrument an seinem Hofe zu haben. Zu gutem Gl¸cke hatte Agathon zu Delphi die Cithar schlagen gelernt, und bei der schˆnen Danae, welche eine Meisterin auf allen Saiten-Instrumenten der damaligen Zeit war, einige Lektionen genommen, die ihn vollkommen gemacht hatten. Kurz, Agathon nahm das dritte oder vierte mal, da er mit dem Dionys zu Nacht afl, eine Cithar, begleitete darauf einen Dithyramben des Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schˆnen Bacchidion getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so ¸berm‰flige Entz¸ckung, dafl der ganze Hof von diesem Augenblick an f¸r ausgemacht hielt, ihn in kurzem zur W¸rde eines erkl‰rten G¸nstlings erhoben zu sehen. Dionys ¸berh‰ufte ihn in der ersten Aufwallung seiner Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden beinahe allen Mut benahmen. “Himmel!” dachte er, “was werde ich mit einem Kˆnig anfangen, der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats zu setzen, weil er ein guter Citharschl‰ger ist?” Dieser erste Gedanke war sehr gr¸ndlich, und w¸rde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er seiner Eingebung gefolget h‰tte. Aber eine andere Stimme (war es seine Eitelkeit, oder der Gedanke ein grofles Vorhaben nicht um einer so geringf¸gigen Ursache willen aufzugeben?–oder war es die Schwachheit, die uns geneigt macht, alle Torheiten der Groflen, welche Achtung f¸r uns zeigen, mit nachsichtvollen Augen einzusehen?) fl¸sterte ihm ein: Dafl der Geschmack f¸r die Musik, und die besondere Anmutung f¸r ein gewisses Instrument, eine Sache sei, welche von unsrer Organisation abhange; und dafl es ihm nur desto leichter sein werde, sich des Herzens dieses Prinzen zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten besitze, wodurch man seinen Beifall erhalten kˆnne.

Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit einer akademischen Versammlung, welche Dionys mit groflen Feierlichkeiten veranstaltete, zu einem solchen Grade, dafl Philistus, der bisher noch zwischen Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr f¸r gewifl hielt.

Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, dafl Agathon ehmals ein Sch¸ler Platons gewesen, und w‰hrend seines Gl¸cksstandes zu Athen f¸r einen der grˆflesten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten worden sei. Erfreut, eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu entdecken, s‰umte er sich keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu veranstalten, wo er aus eigner Einsicht von der Wahrheit dieses Vorgebens urteilen kˆnnte; denn es kam ihm ganz ¸bernat¸rlich vor, dafl man zu gleicher Zeit ein Philosoph, und so schˆn, und ein so grofler Citharschl‰ger sollte sein kˆnnen. Die Akademie erhielt also Befehl sich zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen, welches sich mit einem groflen Schmaus enden sollte. Agathon dachte an nichts weniger, als dafl er bei diesem Wettstreit eines Haufens von Sophisten (die er nicht ohne Grund f¸r sehr ¸berfl¸ssige Leute an dem Hofe eines guten F¸rsten ansah) eine Rolle zu spielen bekommen w¸rde; und Aristipp hatte, aus dem obenber¸hrten Beweggrunde, der der Schl¸ssel zu seinem ganzen Betragen gegen unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht nichts entdeckt. Dieser erˆffnete als Pr‰sident der Akademie (denn seine Eitelkeit begn¸gte sich nicht an der Ehre, ihr Besch¸tzer zu sein) die Versammlung durch einen ¸bel zusammengestoppten, und nicht allzuverst‰ndlichen, aber mit Platonismen reich verbr‰mten Diskurs, welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen begleitet wurde; ungeachtet er dem Agathon mehr das ungezweifelte Vertrauen des kˆniglichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als die Grˆfle seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien. Nach Endigung dieser Rede, nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die Zuhˆrer durch die subtilen Geister, die sich nunmehr hˆren lieflen, nicht sehr unterrichtet wurden, so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit des einen, die klingende Stimme und den guten Akzent eines andern, die paradoxen Einf‰lle eines dritten, und die seltsamen Gesichter, die ein vierter zu seinen Distinktionen und Demonstrationen machte, ertr‰glich belustiget. Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte, und ein unhˆfliches G‰hnen bereits zwei Dritteile der Zuhˆrer zu ergreifen begann, sagte Dionys: Da er das Gl¸ck habe, seit einigen Tagen einen der w¸rdigsten Sch¸ler des groflen Platons in seinem Hause zu besitzen; so ersuchte er ihn, zufrieden zu sein, dafl der Ruhm, der ihm allenthalben vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine Verdienste zu verh¸llen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schˆnen Agathon einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er mˆchte sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Akademie in einen Wettstreit ¸ber irgend eine interessante Frage aus der Philosophie einzulassen. Zu gutem Gl¸cke sprach Dionys, der sich selbst gerne hˆrte, und die Gabe der Weitl‰ufigkeit in hohem Mafle besafl, lange genug, um unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Best¸rzung zu erholen, worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne Zaudern: Er sei zu fr¸h aus den Hˆrs‰len der Weisen auf den Markt-Platz zu Athen gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter maflen seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden, als dafl er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus Achtung gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene, welches ihm aus einem allzug¸nstigen Vorurteil beigelegt worden sei.

Dionys rief also den Philistus auf, (man weifl nicht, ob von ungef‰hr oder vermˆg einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, f¸r und wider welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agathon, der ihm furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage vor–welche Regierungs-Form einen Staat gl¸cklicher mache, die Republikanische oder die Monarchische?–Man wird, dachte er, dem Agathon die Wahl lassen, f¸r welche er sich erkl‰ren will; spricht er f¸r die Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genˆtiget ist, so wird er dem Prinzen miflfallen; wirft er sich zum Lobredner der Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhaflt machen, und Dionys wird den Mut nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Ausl‰nder anzuvertrauen, der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen Eindruck auf die Gem¸ter der Syracusaner gemacht hat. Allein dieses mal betrog den schlauen Mann seine Erwartung. Agathon erkl‰rte sich, ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, f¸r die Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antisthenes und der Sophist Protagoras alle ihre Kr‰fte anstrengeten, die Vorz¸ge der Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehˆrt hatten, fing er damit an, dafl er ihren Gr¸nden noch mehr St‰rke gab, als sie selbst zu tun f‰hig gewesen waren. Die Aufmerksamkeit war auflerordentlich; jedermann war mehr begierig, zu hˆren, wie Agathon sich selbst, als wie er seine Gegner w¸rde ¸berwinden kˆnnen. Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte, welches die Seelen der Zuhˆrer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks, der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die W¸rde des Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche Abneigung gegen die Demokratie, welche ihm aus Athen in seine Verbannung gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Kr‰fte seiner Seele hˆher spannte; seine Ideen waren so grofl, seine Gem‰lde so stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gr¸nde jeder f¸r sich selbst so schimmernd, und liehen einander durch ihre Zusammenordnung so viel Licht; der Strom seiner Rede, der anf‰nglich in ruhiger Majest‰t dahinflofl, wurde nach und nach so stark und hinreiflend; dafl selbst diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, dafl er Unrecht haben sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genˆtiget sahen, ihm innerlich Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu hˆren, die Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten) bewunderten am meisten, dafl er die Kunstgriffe verschm‰hte, wodurch die Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu geben–Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betr¸gliche falscher oder umsonst angenommener S‰tze verbergen muflten; keine k¸nstliche Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den Gegenst‰nden mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und Farbe zu benehmen.

Indessen m¸ssen wir gestehen, dafl er ein wenig grausam mit den Republiken umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn hˆrten zu beweisen, dafl diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie genommen, und dafl die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg bem¸het h‰tte, Ordnung und Konsistenz in eine Verfassung zu bringen, welche ihrer Natur nach, in steter Unruh und innerlicher G‰rung alle Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Kr‰fte aufzureiben, und welche des Ruhestandes so wenig f‰hig sei, dafl eine solche Ruhe in derselben vielmehr die Folge der ‰uflersten Verderbnis, und gleich einer