sich selbst zu kommen, und den Abgrund gewahr zu werden, an dessen blumichtem Rand er in unsinniger Sorglosigkeit herumtanzte.
Man kennt die Staatsverwaltung woll¸stiger Prinzen aus â°ltern und neuern Beispielen zu gut, als daï¬ wir nËtig hâ°tten, uns dar¸ber auszubreiten. Was f¸r eine Regierung ist von einem jungen Unbesonnenen zu erwarten, dessen Leben ein immerwâ°hrendes Bacchanal ist? Der keine von den groï¬en Pflichten seines Berufs kennt, und die Krâ°fte, die er zu ihrer Erf¸llung anstrengen sollte, bei nâ°chtlichen Schmâ°usen und in den feilen Armen ¸ppiger Buhlerinnen verzettelt? Der, unbek¸mmert um das Beste des Staats, seine Privat-Vorteile selbst so wenig einsieht, daï¬ er das wahre Verdienst, welches ihm verdâ°chtig ist, hasset, und Belohnungen an diejenigen verschwendet, die unter der Maske der eifrigsten Ergebenheit und einer gâ°nzlichen Aufopferung, seine gefâ°hrlichsten Feinde sind? Von einem Prinzen, bei dem die wichtigsten Stellen auf die Empfehlung einer Tâ°nzerin oder der Sklaven, die ihn aus–und ankleiden, vergeben werden? Der sich einbildet, daï¬ ein Hofschranze, der gut tanzt, ein Nachtessen wohl anzuordnen weiï¬, und ein ¸berwindendes Talent hat, sich bei den Weibern in Gunst zu setzen, unfehlbar auch das Talent eines Ministers oder eines Feldherrn haben werde; oder, daï¬ man zu allem in der Welt t¸chtig sei, sobald man die Gabe habe ihm zu gefallen?–Was ist von einer solchen Regierung zu erwarten, als Verachtung aller gËttlichen und menschlichen Gesetze, Miï¬brauch der Formalitâ°ten der Gerechtigkeit, Gewaltsamkeiten, schlimme Haushaltung, Erpressungen, Geringschâ°tzung und Unterdr¸ckung der Tugend, allgemeine Verdorbenheit der Sitten?–Und was f¸r eine Staatskunst wird da Platz haben, wo Leidenschaften, Launen, vor¸berfahrende AnstËï¬e von lâ°cherlichem Ehrgeiz, die kindische Begierde von sich reden zu machen, die Konvenienz eines G¸nstlings oder die Intriguen einer Buhlerin–die Triebfedern der Staats-Angelegenheiten, der Verbindung und Trennung mit auswâ°rtigen Mâ°chten, und des Ëffentlichen Betragens sind? Wo, ohne die wahren Vorteile des Staats, oder seine Krâ°fte zu kennen, ohne Plan, ohne kluge Abwâ°gung und Verbindung der Mittel–doch, wir geraten unvermerkt in den Ton der Deklamation, welcher uns bei einem lâ°ngst erschËpften und doch so alltâ°glichen Stoffe nicht zu vergeben wâ°re. MËchte niemand, der dieses liest, aus der Erfahrung seines eignen Vaterlands wissen, wie einem Volke mitgespielt wird, welches das Ungl¸ck hat, der Willk¸r eines Dionysius preis gegeben zu sein!
Man wird sich nach allem, was wir eben gesagt haben, den Dionysius als einen der schlimmsten Tyrannen, womit der Himmel jemals eine mit geheimen Verbrechen belastete Nation gegeiï¬elt habe, vorstellen; und so schildern ihn auch die Geschichtschreiber. Allein ein Mensch der aus lauter schlimmen Eigenschaften zusammengesetzt wâ°re, ist ein Ungeheuer, das nicht existieren kann. Eben dieser Dionysius w¸rde Fâ°higkeit genug gehabt haben, ein guter F¸rst zu werden, wenn er so gl¸cklich gewesen wâ°re, zu seiner Bestimmung gebildet zu werden. Aber es fehlte soviel, daï¬ er die Erziehung die sich f¸r einen Prinzen schickt, bekommen hâ°tte, daï¬ ihm nicht einmal diejenige zu teil wurde, die man einem jeden jungen Menschen von mittelmâ°ï¬igem Stande gibt. Sein Vater, der feigherzigste Tyrann der jemals war, lieï¬ ihn, von aller guten Gesellschaft abgesondert, unter niedrigen Sklaven aufwachsen, und der prâ°sumtive Thronfolger hatte kein andres Mittel sich die Langeweile zu vertreiben, als daï¬ er kleine Wagen, hËlzerne Leuchter, Schemel und Tisch’gen verfertigte. Man w¸rde unrecht haben, wenn man diese selbstgewâ°hlte Beschâ°ftigung f¸r einen Wink der Natur halten wollte; es war vielmehr der Mangel an Gegenstâ°nden und Modellen, welche dem allen Menschen angebornen Trieb Witz und Hâ°nde zu beschâ°ftigen, der sich in ihm regete, eine andere Richtung hâ°tten geben kËnnen: Er w¸rde vielleicht Verse gemacht haben, und bessere als sein Vater, (der unter andern Torheiten auch die Wut hatte, ein Poet sein zu wollen) wenn man ihm einen Homer in seine Klause gegeben hâ°tte. Wie manche Prinzen hat man gesehen, welche mit der Anlage zu Augusten und Trajanen, aus Schuld derjenigen, die ¸ber ihre Erziehung gesetzt waren, oder durch die Unfâ°higkeit eines dummen, mit klËsterlichen Vorurteilen angef¸llten MËnchen, dem sie auf Diskretion ¸berlassen wurden in Nerone und Heliogabale ausgeartet sind?–Eine genaue und ausf¸hrliche Entwicklung, wie dieses zugehe; wie es unter gewissen gegebenen Umstâ°nden nicht anders mËglich sei, als daï¬ durch eine so fehlerhafte Veranstaltung das beste Naturell, in ein Karikaturenmâ°ï¬iges moralisches Miï¬geschËpfe verzogen werden m¸sse, wâ°re, wie uns deucht, ein sehr n¸tzlicher Stoff, den wir der Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie empfehlen, der bei philosophischen Einsichten eine hinlâ°ngliche Kenntnis der Welt besâ°ï¬e. Unsre aufgeklâ°rten und politen Zeiten sind weder dieses noch jenes in so hohem Grade, daï¬ ein solches Werk ¸berfl¸ssig sein sollte; und wenn die Ausf¸hrung der W¸rde des Stoffes zusagte, so zweifeln wir nicht, daï¬ es gl¸cklich genug werden kËnnte, von mancher Provinz die lange Folge von Plagen abzuwenden, welche ihr vielleicht durch die fehlerhafte Erziehung ihrer noch ungebornen Beherrscher in den nâ°chsten hundert Jahren bevorstehen.
ZWEITES KAPITEL
Charakter des Dion. Anmerkungen ¸ber denselben. Eine Digression
Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu machen, es nach dem Tode des alten Dionysius abzusch¸tteln. Es war nicht einmal soviel Tugend unter ihnen ¸brig, daï¬ einige von denen, welche besser dachten als der groï¬e Haufen, und die verâ°chtliche Brut der Parasiten, den Mut gehabt hâ°tten, sich durch diese letztern hindurch bis zu dem Ohre des jungen Prinzen zu drâ°ngen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von denen seine eigene Gl¸ckseligkeit eben so wohl abhing, als die Wohlfahrt von Sicilien. Ganz Syracus hatte nur einen Mann, dessen Herz groï¬ genug hiezu war; und auch dieser w¸rde sich vermutlich in eben diese sichere aber unr¸hmliche Dunkelheit eingeh¸llet haben, worein ehrliche Leute unter einer ungl¸ckweissagenden Regierung sich zu verbergen pflegen; wenn ihn seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genËtiget hâ°tte, sich um die Staats-Verwaltung zu bek¸mmern.
Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der Gemahl seiner Schwester; der Nâ°chste nach ihm im Staat, und der Einzige, der sich durch seine groï¬e Fâ°higkeiten, durch sein Ansehen bei dem Volke, und durch die unermeï¬liche Reicht¸mer, die er besaï¬, furchtbar und des Projekts verdâ°chtig machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen, oder die republikanische Verfassung wiederherzustellen. Wenn wir den Geschichtschreibern, insonderheit dem tugendhaften und gutherzigen Plutarch einen unumschrâ°nkten Glauben schuldig wâ°ren, so w¸rden wir den Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend zâ°hlen m¸ssen, welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der W¸rde und GrËï¬e guter Dâ°monen, oder Besch¸tzender Genien und Wohltâ°ter des Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben–welche fâ°hig sind, aus dem erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des allgemeinen Besten zu handeln, und ¸ber dem Bestreben, andere gl¸cklich zu machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne fallenden sterblichen H¸lle ein edleres Selbst tragen, welches seine angeborne Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes animalische Selbst unterdr¸ckt wird–welche im Gl¸ck und im Ungl¸ck gleich groï¬, durch dieses nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz entlehnen, sondern immer sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften, und ¸ber die Bed¸rfnisse gemeiner Seelen erhaben, eine Art von sublunarischen GËttern sind. Ein solcher Charakter fâ°llt allerdings gut in die Augen, ergËtzt den moralischen Sinn (wenn wir anders dieses Wort gebrauchen d¸rfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, daï¬ die Seele ein besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden habe) und erweckt den Wunsch, daï¬ er mehr als eine schËne Schimâ°re sein mËchte. Aber wir gestehen, daï¬ wir, aus erheblichen Gr¸nden, mit zunehmender Erfahrung, immer miï¬trauischer gegen die menschlichen–und warum also nicht gegen die ¸bermenschlichen Tugenden werden.
Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise groï¬er Fâ°higkeiten, und vorz¸glich einer gewissen Erhabenheit und Stâ°rke des Gem¸ts, die man gemeiniglich mit grËbern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernsthaft, stolz und sprËde zu machen pflegt. An jede Art von Temperament grenzen wie man weiï¬, gewisse Tugenden; und wenn es sich noch f¸gt, daï¬ die Entwicklung dieser Anlage zu demselben durch g¸nstige Umstâ°nde befËrdert wird, so ist nichts nat¸rlichers, als daï¬ sich daraus ein Charakter bildet, der durch gewisse hervorstechende Tugenden blendet, die eben darum zu einer vËlligern SchËnheit gelangen, weil kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum entgegensetzt. Diese Art von Tugenden finden wir bei dem Dion in groï¬em Grade: Aber ihm, oder irgend einem andern ein Verdienst daraus machen, wâ°re eben so viel, als einem Athleten die Elastizitâ°t seiner Sehnen, oder einem gesunden bl¸henden Mâ°dchen ihre gute Farbe und die WËlbung ihres Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an die allgemeine Hochachtung geben sollten. Ja, wenn Dion sich durch diejenige Tugenden vorz¸glich unterschieden hâ°tte, zu denen er von Natur nicht aufgelegt war; und wenn er es so weit gebracht hâ°tte, sie mit eben der Leichtigkeit und Grazie auszu¸ben, als ob sie ihm angeboren wâ°ren–aber wie viel daran fehlte, daï¬ er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel Ehre gemacht hâ°tte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen, und in dem Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die zuverlâ°ssigsten Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder vielleicht gefiel es ihm nicht, den Versuch zu machen, und beides lâ°uft auf Eines hinaus, diese Austeritâ°t, diese Unbiegsamkeit, diese wenige Gefâ°lligkeit im Umgang, welche die Herzen von sich zur¸ckstieï¬, zu ¸berwinden. Vergebens ermahnte ihn Plato den HuldgËttinnen zu opfern, und erinnerte ihn, daï¬ SprËdigkeit sich nur f¸r Einsiedler schicke; Dion bewies durch seine Ungelehrigkeit ¸ber diesen Punkt, daï¬ die Philosophie ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu denen wir keine Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu denen wir ohnehin geneigt sind.
Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien die Augen gerichtet hatte. Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung von allen Arten der sinnlichen ErgËtzungen, seine Mâ°ï¬igung, N¸chternheit und Frugalitâ°t, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je stâ°rker sie mit der z¸gellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen kontrastierte. Man sah, daï¬ er allein im Stande war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und man erwartete das Beste von ihm, es sei nun daï¬ er sich der Regierung f¸r sich selbst, oder die jungen SËhne seiner Schwester bemâ°chtigen, oder sich begn¸gen w¸rde, der Mentor des Dionysius zu sein.
Die nat¸rliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust, welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu fl¸chten genËtiget wurde. Selbst die Akademie, diese damals so ber¸hmte Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen Verwandten des wiewohl unrechtmâ°ï¬igen Beherrschers von Sicilien, unter ihre PflegsËhne zâ°hlen zu kËnnen. Die kËnigliche Pracht, welche er in seiner Lebensart affektierte, war in ihren Augen (so gewiï¬ ist es, daï¬ auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verfâ°lscht werden) der Ausdruck der innern Majestâ°t seiner Seele; sie schlossen ungefâ°hr nach eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf die G¸te ihres Herzens schlieï¬en macht; und sahen nicht, oder wollten nicht sehen, daï¬ eben dieser von den republikanischen Sitten so weit entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, daï¬ es weniger einer Erhabenheit ¸ber die gewËhnlichen Schwachheiten der Groï¬en und Reichen, als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die Vergn¸gungen der Sinne gleichg¸ltig war, der sich von der Eitelkeit dahinreiï¬en lieï¬, durch ein Geprâ°nge mit Reicht¸mern, deren er sich als der Fr¸chte seiner Verhâ°ltnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr hâ°tte schâ°men sollen, unter einem freien Volke sich unterscheiden zu wollen.
Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die ¸bertriebene Lobspr¸che zu mâ°ï¬igen, welche an die G¸nstlinge des Gl¸ckes verschwendet zu werden pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre ich nicht in Abrede zu sein, daï¬ Dion, so wie er war, einen Thron eben so w¸rdig erf¸llt haben w¸rde, als wenig er sich schickte, mit einem durch die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand zwischen Sklaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es hâ°tte geschehen m¸ssen, wenn seine Unternehmung f¸r die Syracusaner und ihn selbst gl¸cklich hâ°tte ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses Volk, in dem Zeitpunkt, da es das Joch der Tyrannie abzusch¸tteln anfing, sehr gl¸cklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in Absicht ihrer Diâ°t zu unterwerfen, sich zu fr¸h wie gesunde Leute betragen wollen. Aber darin kËnnen wir nicht mit ihm einstimmen, daï¬ Dion dieser geschickte Arzt f¸r sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten–und Staats-Lehre er ein so groï¬er Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen, daï¬ er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen Grundsâ°tzen gehandelt hâ°tte, zum Arzt eines â°uï¬erst verdorbenen Volkes geeigenschaftet war. Vielfâ°ltige Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen VËlkern haben es gewiesen, daï¬ die Dion, die Caton, die Brutus, die Algernon Sidney allemal ungl¸cklich sein werden, wenn sie einen von alten bËsartigen Schaden entkrâ°fteten und zerfressenen Staats-KËrper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen. Zu einer solchen Operation gehËren viele Geh¸lfen; und Mâ°nner von einer so auï¬erordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist, das in den vorliegenden Umstâ°nden zu erreichen sein mag; und Sie wollen immer das Beste, das sich denken lâ°ï¬t: Alle Mittel welche zugleich am gewissesten und bâ°ldesten zu diesem Ziel f¸hren, sind die Besten; und sie wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln einer oft allzuspitzf¸ndigen Gerechtigkeit und G¸te, rechtmâ°ï¬ig und gut sind. “LËblich, vortrefflich, gËttlich!”–rufen die schwâ°rmerischen Bewunderer der heroischen Tugend–wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen Geschlecht jemals geholfen habe–Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine Regierungs-Form geben, welche so nah als mËglich an die Platonische Republik grenzte–und verfehlte dar¸ber, zu seinem eignen Untergang, die Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie fâ°hig war. Brutus half den GrËï¬esten der Sterblichen, den Fâ°higsten, eine ganze Welt zu regieren, der jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in R¸cksicht auf die Mittel wodurch er zur hËchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch f¸r den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende Cassius verlangte) so wâ°ren StrËme von Blut, so wâ°re das edelste Blut von Rom, das kostbare Leben der besten B¸rger gesparet worden, und der gl¸ckliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen. Hâ°tte sich derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so groï¬es Opfer gebracht hatte als Câ°sar war, ein Bedenken machen sollen, seinem majestâ°tischen Schatten einen Antonius nachzuschicken?–Um eine Tat, welche, ohne Sukzeï¬ wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein verabscheuungsw¸rdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Enthusiasmus scheinen muï¬, zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die groï¬e Seele eines RËmers geschwellt hatte. Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche ihm eine unzeitige G¸te eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte sich f¸r sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Tr¸mmern, der auf ewig umgest¸rzten Republik. Was half also sein Platonismus dem Vaterlande? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie ist, scheint uns wichtig und an praktischen Folgerungen fruchtbar, deren Nutzbarkeit sich ¸ber alle Stâ°nde ausbreiten, und besonders bei denjenigen welche mit der Regierung und moralischen Disziplinierung der Menschen beschâ°ftiget sind, sich vorz¸glich â°uï¬ern w¸rde, wenn sie besser eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet w¸rden. Vielleicht w¸rden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel noch durch gefâ°rbte Glâ°ser sehen, mit dem weinerlichlâ°cherlichen Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen Krâ°ften und mit der feirlichsten Ernsthaftigkeit leeres Stroh dreschen, und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern, daï¬ nichts als Stroh auf der Tenne liegt–der Patriotische Phlegon w¸rde sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen, nicht so viel Verdruï¬ zuziehen, und durch diesen Verdruï¬ und die Vergeblichkeit seiner undankbaren Bem¸hungen nicht veranlasset werden, sich zu Tode–zu trinken–Der redliche Macrin w¸rde sich nicht auf Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen, aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machen–Der wohlmeinende Diophant w¸rde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche noch sehr weit entfernt sind ertrâ°gliche Menschen zu sein, in eine Engelâ°hnliche Vollkommenheit hinein zu deklamieren–Doch genug von einer Materie, welche um gehËrig ausgef¸hrt zu werden, eine eigene Abhandlung erfoderte.
Wie leicht es doch ist, seine nichts ¸bels besorgende Leser in einen Labyrinth von Parenthesen und Digressionen hineinzuf¸hren, wenn man sich einmal ¸ber eine aberglâ°ubische Regelmâ°ï¬igkeit hinausgesetzt hat! Zwar haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, daï¬ wir uns bei Gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben w¸rden–Und doch wollen wir so ehrlich sein und gestehen, daï¬ wir uns weder in diesem St¸ck, noch, die Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen w¸nschen. Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in dieser unsrer pragmatisch-kritischen Geschichte vermissen; sondern weil es in der Tat unendlich mal leichter ist Miszellanien zu schreiben, als ein ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen kËnnte, daï¬ ein junger Skribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Methode bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen kËnnte: Currente rotâ cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu besorgen wâ°re, so gibt es sehr wackere Leute, denen es schwer fâ°llt, sich aus dergleichen mâ°andrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und sobald es dem Verfasser beliebt, wieder auf dem Punkt zu stehen, wo er mit ihm ausgegangen ist. “Was hat man uns”, werden solche Leser, zum Exempel fragen, “in diesem ganzen Kapitel denn eigentlich sagen wollen?”–“Merken sie auf, meine Herren, das war es–daï¬ dieser Dion von dem die Rede war, und um den Sie Sich ¸brigens, wie ich vermute, sehr wenig bek¸mmern, eine ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu Châ°ronea sich eingebildet–oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, daï¬ er’s gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe, als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten, und was dergleichen mehr ist–Nun verstehen wir einander doch?”
DRITTES KAPITEL
Eine Probe, daï¬ die Philosophie so gut zaubern kËnne, als die Liebe
Die vorlâ°ufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben, entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, f¸r Eins, so sind sie zum Verstâ°ndnis des Folgenden unentbehrlich; und f¸rs Andere, so hâ°tten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als daï¬ er im Begriff sei, den HausgËttern seines Freundes, des Kaufmanns, eine andâ°chtige Libation zu bringen, mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen, und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt auszuruhen.
Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen; und mit dem Verdruï¬ eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch einen Haufen junger Woll¸stlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren, welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus so guten Gr¸nden geb¸hrte, nach und nach ausgeschlossen zu werden. Bei solcher Bewandtnis hatte der Patriotismus das schËnste Spiel, und die groï¬en Beweggr¸nde der allgemeinen Wohlfahrt, die uneigenn¸tzige Betrachtung der verderblichen Folgen, welche aus einer so heillosen Beschaffenheit des Hofes ¸ber den ganzen Staat daherst¸rzen muï¬ten, wurden durch jene geheimern Triebfedern so krâ°ftig unterst¸tzt, daï¬ er den festen Entschluï¬ faï¬te, alles zu versuchen, um seinen Verwandten auf einen bessern Weg zu bringen.
Er urteilte, den Grundsâ°tzen Platons zufolge, daï¬ die Unwissenheit des Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten PËbel (es waren mit alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben, die Haupt-Quelle seiner verdorbenen Neigungen sei. Diesem nach hielt er sich seiner Verbesserung versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn her versammeln, und ihm diese edle Wissensbegierde einflËï¬en kËnnte, welche bei denenjenigen, die von ihr begeistert sind, die animalischen Triebe wo nicht gâ°nzlich zu unterdr¸cken, doch gewiï¬ zu dâ°mmen und zu mâ°ï¬igen pflegt. Er lieï¬ also keine Gelegenheit vorbei (und die unzâ°hlichen Fehler, welche tâ°glich in der Staats-Verwaltung gemacht wurden, gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit vorzustellen, Mâ°nner von einem groï¬en Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er f¸hrte so viele Beweggr¸nde an, daï¬ er, unter einer Menge sehr erhabener, die an einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine Eitelkeit interessierte. Doch selbst dieser schl¸pfte nur leicht an seinen Ohren hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die besondern Unterredungen, welche sie ¸ber dergleichen Materien hatten, allemal mit der Versicherung beschloï¬, daï¬ er nicht ermangeln werde, von so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so w¸rde doch schwerlich jemals mit Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein kleiner physikalischer Umstand dazu gekommen wâ°re, der den Vorstellungen des weisen Dion eine Stâ°rke gab, die nicht ihre eigene war.
Dionysius hatte, man weiï¬ nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der an Glanz und verschwenderischer ¸ppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen konnte, ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der Geschichtschreiber, drei Monate in einem fort daurte. Die ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht weiter gehen, als auf der einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern Schwelgerei und asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben wurden; denn diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre Erfindungen erschËpft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden. Dionys, der durch eine Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so weit ¸ber das Original selbst, daï¬ die Feder eines Aretin und der Griffel eines la Fage sich unvermËgend hâ°tten bekennen m¸ssen, weiter zu gehen. Die Quellen der Natur wurden erschËpft, und die unmâ°chtige Begierde ihre Grenzen zu erweitern–Doch, wir wollen kein Gemâ°lde machen, das bei Gegenstâ°nden dieser Art die Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen verfehlen mËchte. Genug daï¬ Dionys mit den Silenen, Nymphen, Faunen und Satyren, seinen Geh¸lfen, die Tibere und Neronen der spâ°tern Zeiten in die UnmËglichkeit setzte, etwas mehr als bloï¬e Kopisten von ihm zu sein. Wer sollte sich vorstellen, daï¬ aus einer so schlammichten Quelle die heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation, welche ganz Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen kËnnen?–“Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein Wort in unserm Compendio steht”–sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem Schulfreunde, Horazio.
Das unbâ°ndigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging, endlich zu paaren getrieben werden. Unsre Bacchanten fanden sich von der Unmâ°ï¬igkeit, womit sie eine so lange Zeit den GËttern der Freude geopfert, und von der Wut womit sie ihre Orgyia beschlossen hatten, so erschËpft, daï¬ sie genËtiget waren, aufzuhËren. Insonderheit befand sich Dionyï¬ in einem Stande der Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden ¸brig lieï¬, jemals wieder eine solche Rolle zu spielen. Zum ersten mal seit dem berauschenden Augenblicke, da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen Leidenschaften den Z¸gel zu lassen sah, f¸hlte er ein Leeres in sich, in welches er mit Grauen hineinschaute–Zum ersten mal f¸hlte er sich geneigt, Reflexionen zu machen, wenn er das VermËgen dazu gehabt hâ°tte. Aber er erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen ¸ber sich selbst und alle diejenigen, welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen hatten, daï¬ er nichts in sich habe, das er dem Ekel vor allen Vergn¸gungen der Sinne, und der Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen kËnnte. Alles was er indessen sehr lebhaft f¸hlte, war dieses, daï¬ er mitten unter lauter Gegenstâ°nden, welche ihm seine scheinbare GrËï¬e und Gl¸ckseligkeit ank¸ndigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen ¸ber eine sehr elende Figur machte. Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten nachgelassen; er verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn alle seine HËflinge nicht herauslachen, und alle seine Tâ°nzerinnen nicht heraustanzen konnten.
In diesem klâ°glichen Zustande, den ihm die nat¸rliche Ungeduld seines Temperaments unertrâ°glich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der sich wâ°hrend der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut zur¸ckgezogen hatte; hËrte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an, deren er sonst niemals fâ°hig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die Vorschlâ°ge, welche ihm dieser Weise tat, um so groï¬ und gl¸ckselig zu werden, als er itzt in seinen eignen Augen verâ°chtlich und elend war. Man kann sich also vorstellen, daï¬ er nicht die mindeste Schwierigkeiten machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande, worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele hâ°tte ¸berreden lassen, mit Aufopferung der wertern Hâ°lfte seiner selbst in den Orden der Corybanten zu treten.
Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen Sinnes-â°nderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen. Er schloï¬ zwar sehr richtig, daï¬ die Rasereien des letzten Festes Gelegenheit dazu gegeben hâ°tten; aber darin irrte er sehr, daï¬ er aus Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, daï¬ die guten Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physikalischen Ekel vor den Gegenstâ°nden, worin er bisher sein einziges Vergn¸gen gesucht hatte, herr¸hreten. Er hielt die nat¸rlichen Folgen der ¸berf¸llung f¸r W¸rkungen der ¸berzeugung, worin er nunmehr stehe, daï¬ die Freuden der Sinne nicht gl¸cklich machen kËnnen; er setzte voraus, daï¬ eine Menge Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder gedacht hatte, noch zu denken vermËgend war; kurz, er beurteilte, wie wir fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und gr¸ndete auf diese Voraussetzung ein Gebâ°ude von Hoffnungen, welches zu seinem groï¬en Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys–wieder Nerven hatte.
Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit gearbeitet worden war; allein er hatte groï¬e Schwierigkeiten gemacht, und w¸rde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pythagorâ°er in Italien, welche die Bitten Dions unterst¸tzten, auf seiner Verweigerung bestanden sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der gl¸cklichen Gem¸ts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben hâ°tten, der Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat, werden zu kËnnen.
Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majestâ°t eines Weisen, dem die GrËï¬e seines Geistes ein Recht gibt, die Groï¬en der Welt f¸r etwas weniger als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, daï¬ sie in ihren eigenen Augen, eine hËhere Klasse von Wesen ausmachten, als die ¸brigen Erdenbewohner. Diesesmal hatte die Philosophie das Gl¸ck eine Figur zu machen, deren Glanz dieser hohen Einbildung ihrer G¸nstlinge gemâ°ï¬ war. Plato wurde wie ein Gott aufgenommen, und w¸rkte durch seine bloï¬e Gegenwart eine Verâ°nderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott zu w¸rken mâ°chtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro darstellte, einem Werke der Zauberei–Aber–Ã! caecas hominum mentes! Wie nat¸rlich geht auch das auï¬erordentlichste zu, sobald wir die wahren Triebrâ°der davon kennen!
Der erste Schritt, welchen der gËttliche Plato in den Palast des Dionysius tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich ¸ber den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte Plato selbst in seiner Akademie zu Athen zu sein, so bescheiden und eingezogen sah alles in dem Hause des Prinzen aus. Die Asiatische Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz. Die Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten itzt akademische Sâ°le vor, wo man nichts als langbâ°rtige Weise sah, welche einzeln oder paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und in ihre Mâ°ntel eingeh¸llt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am wenigsten dachten, eine so wichtige Miene machten, als ob der geringste unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu erfinden, oder den Gestirnen einen regelmâ°ï¬igern Lauf anzuweisen. Die ¸ppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Szepter die ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pythagorische Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen Gesprâ°chen ¸ber die erhabensten Gegenstâ°nde des menschlichen Verstandes, erlustigte; Statt frecher Pantomimen und woll¸stiger FlËten lieï¬en sich Hymnen zum Lob der GËtter und der Tugend hËren; und den Gaum zum Reden anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit Wein vermischt.
Dionys faï¬te eine Art von Leidenschaft f¸r den Philosophen; Plato muï¬te immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen. Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermËge der nat¸rlichen Ansteckungs-Kraft des Enthusiasmus sich auch seinen ZuhËrern mitteilte, w¸rkte so mâ°chtig auf die Seele des Dionys, daï¬ er ihn nie genug hËren konnte; ganze Stunden wurden ihm k¸rzer, wenn Plato sprach, als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der Weise sagte, war so schËn, so erhaben, so wunderbar!–erhob den Geist so weit ¸ber sich selbst–warf Strahlen von so gËttlichem Licht in das Dunkel der Seele! In der Tat konnte es nicht anderst sein, da die gemeinsten Ideen der Philosophie f¸r Dionysen den frischesten Reiz der Neuheit hatten. Und nehmen wir zu allem diesem noch, daï¬ er das wenigste recht verstund (ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu eitel war, es merken zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der begeisterte Plato sich w¸rklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen wir ferner die erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder eingekleidetes Galimathias ¸ber die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir begreifen, daï¬ niemals etwas nat¸rlichers gewesen, als der auï¬erordentliche Geschmack, welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt) gefunden; zumal da er noch ¸ber dies ein h¸bscher und stattlicher Mann war, und sehr wohl zu leben wuï¬te.
Ohne daï¬ sich die ¸berredungs-Kunst des gËttlichen Plato, oder die Kontagion der Philosophischen Schwâ°rmerei darein mischte, teilte sich die plËtzliche Wissens-Begierde des Dionys, so bald man sah, daï¬ es Ernst war, eben so plËtzlich allen seinen HËflingen mit. Nicht, als ob ihnen viel daran gelegen gewesen wâ°re, ihre kleinen Affen-Seelen nach dem gËttlichen Modell der Ideen umzubilden, oder als ob sie sich darum bek¸mmert hâ°tten, was in den ¸berhimmlischen Râ°umen zu sehen sei; aber sie taten doch dergleichen; der Ton der Philosophie war nun einmal Mode; man muï¬te Metaphysik in geometrischen Ausdr¸cken reden, um sich dem F¸rsten angenehm zu machen. Man trug also am ganzen Hofe keine andre als philosophische Mâ°ntel; alle Sâ°le des Palasts waren, nach Art der Gymnasien mit Sand bestreut, um mit allen den Dreiecken, Vierecken, Pyramiden, Achtecken und Zwanzigecken ¸berschrieben zu werden, aus welchen Plato seinen Gott diese schËne runde Welt zusammenreimen lâ°ï¬t; alle Leute, bis auf die KËche, sprachen Philosophie, hatten ihr Gesicht in irgend eine geometrische Figur verzogen, und disputierten ¸ber die Materie und die Form, ¸ber das was ist und was nicht ist, ¸ber die beiden Enden des Guten und BËsen, und ¸ber die beste Republik. Alles dieses machte freilich ein ziemlich seltsames Aussehen, und konnte den Verdacht erwecken, als ob Plato an dem Syracusischen Hofe eher die Rolle eines aufgeblasenen Pedanten unter einem Haufen unbâ°rtiger Scholaren gespielt habe, als eines weisen Mannes, der sich einen groï¬en Zweck vorgesetzt hat, und die Mittel dazu, nach den Umstâ°nden des Orts, der Zeit und der Personen, kl¸glich zu bestimmen weiï¬. Aber man w¸rde sich irren. Er hatte an den lâ°cherlichen Ausschweifungen der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern sah, daï¬ diese unn¸tze Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte, auf solche Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vor¸bungen angesehen werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen Verbesserung, welche er zu bew¸rken hoffte, vorbereitet wurden. Allein seine eigene hauptsâ°chlichsten Bem¸hungen bezogen sich unmittelbar auf den Dionysius selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und seiner Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewËhnen suchte, trachtete er, ohne es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die Verachtung seines vorigen Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach ruhmw¸rdigen Taten; kurz, solche Gesinnungen einzuflËï¬en, welche ihn durch unmerkliche Grade von sich selbst auf die Gedanken bringen w¸rden, ein unrechtmâ°ï¬iges Diadem von sich zu werfen, und sich an der Ehre, der erste unter seines gleichen zu sein, gen¸gen zu lassen. Die Anscheinungen lieï¬en ihn den vollkommensten Sukzeï¬ hoffen. Dionys schien in wenigen Tagen nicht mehr der vorige Mann. Seine Wissens-Begierde, seine Gelehrigkeit gegen die Râ°te des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in seinem ganzen Betragen ¸bertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen hatte. Ganz Syracus empfand sogleich die W¸rkungen dieser gl¸cklichen Verâ°nderung. Er ging mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem hËchsten Grade des tyrannischen ¸bermuts zu der Popularitâ°t eines Atheniensischen Archonten ¸ber; setzte alle Tage einige Stunden aus, um jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhËren, nannte sie Mitb¸rger, w¸nschte sie alle gl¸cklich machen zu kËnnen; machte w¸rklich den Anfang, verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte durch so viele g¸nstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer gl¸ckseligen Revolution, welche nun auf einmal der Gegenstand aller W¸nsche, und der Inhalt aller Gesprâ°che unter dem Volke wurde.
Es kËnnte genug sein, gegen diejenige, die eine so groï¬e und schnelle Verwandlung eines Prinzen, den wir f¸r ein kleines Ungeheuer von Lastern und Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen mËchte, uns auf die einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir kËnnen noch mehr tun; es ist leicht, die MËglichkeit und Wahrscheinlichkeit derselben begreiflich zu machen. Aufmerksame Leser, welche einige Kenntnis des menschlichen Herzens haben, werden die Gr¸nde hierzu in unsrer bisherigen Erzâ°hlung schon von selbsten entdeckt haben. In einem Gem¸ts-Zustande, worin die Leidenschaften schweigen, wo uns vor den ErgËtzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an angenehmen Eindr¸cken uns in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und Nichtsein versenkt–in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen jeden Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer Krâ°fte ziehen kann, und also am besten aufgelegt, den Reiz sittlicher und intellektualischer SchËnheiten zu empfinden. Allerdings w¸rde ein trockner Zergliederer metaphysischer Begriffe sich nicht dazu geschickt haben, solche Gegenstâ°nde f¸r einen Menschen zu zurichten, der zu einer scharfen Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermËgend war. Allein die Beredsamkeit des Homers der Philosophen wuï¬te sie auf eine so reizende Art f¸r die Einbildungs-Kraft zu verkËrpern, wuï¬te die Leidenschaften und innersten Triebe des Herzens so geschickt f¸r sie ins Spiel zu setzen, daï¬ sie nicht anders als gefallen und r¸hren konnten. Hiezu kam noch die Jugend des Tyrannen, welche seine noch nicht verhâ°rtete Seele neuer Eindr¸cke fâ°hig machte. Warum sollte es also nicht mËglich gewesen sein, ihm unter solchen Umstâ°nden auf etliche Wochen die Liebe der Tugend einzuflËï¬en, da hiezu weiter nichts nËtig war, als seinen Neigungen unvermerkt andre Gegenstâ°nde an die Stelle derjenigen, deren er ¸berdr¸ssig war, zu unterschieben–Denn in der Tat war seine Bekehrung nichts anders, als daï¬ er nunmehr, anstatt irgend einer Wollust-atmenden Nymphe, ein schËnes Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem Weine sich in platonischen Ideen berauschte–und daï¬ eben diese Eitelkeit, welche ihn vor weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer andern Gottheit, welche wir nicht nennen d¸rfen, in die Wette zu eifern, sich itzt durch die Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den Glanz der ber¸hmtesten Mâ°nner vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt auf sich zu heften, sich von allen bewundert, und von den Weisen selbst vergËttert zu sehen.
Daï¬ dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in der Folge w¸rklich bewiesen; und man hâ°tte, deucht uns, ohne die Gabe der Divination zu besitzen, voraussehen kËnnen, daï¬ eine so plËtzliche Verâ°nderung keinen Bestand haben werde. Aber wie sollten die in einer groï¬en Angelegenheit verwickelten Personen fâ°hig sein, so gelassen und uneingenommen davon zu urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze bereits vor sich liegen haben, und bei einer kalten Untersuchung des Zusammenhangs aller Umstâ°nde sehr leicht mit vieler Zuverlâ°ssigkeit beweisen kËnnen, daï¬ es nicht anders habe gehen kËnnen, als wie sie wissen, daï¬ es gegangen ist? Plato selbst lieï¬ sich von den Anscheinungen betr¸gen, weil sie seinen W¸nschen gemâ°ï¬ waren, und ihm zu beweisen schienen, wieviel er vermËge. Die voreilige Freude ¸ber einen Sukzeï¬, dessen er sich schon versichert hielt, lieï¬ ihm nicht zu, sich alle die Hindernisse, die seine Bem¸hungen vereiteln konnten, in der gehËrigen Stâ°rke vorzustellen, und in Zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen zuvorkommen mËchte. Gewohnt in den ruhigen Spaziergâ°ngen seiner Akademie unter gelehrigen Sch¸lern idealische Republiken zu bauen, hielt er die Rolle, die er an dem Hofe zu Syracus zu spielen ¸bernommen hatte, f¸r leichter als sie in der Tat war. Er schloï¬ immer richtig aus seinen Prâ°missen; aber seine Prâ°missen setzten immer mehr voraus, als war; und er bewies durch sein Exempel, daï¬ keine Leute mehr durch den Schein der Dinge hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr ganzes Leben damit zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist nachzuspâ°hen. In der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, daï¬ es den spekulativen Geistern nicht gegl¸ckt hat, wenn sie sich aus ihrer philosophischen Sphâ°re heraus und auf irgend einen groï¬en Schauplatz des w¸rksamen Lebens gewaget haben. Und wie hâ°tte es anders sein kËnnen, da sie gewohnt waren, in ihren Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu erfinden, und erst wenn sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu schnitzeln, welche eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln muï¬ten, wie ein Uhrwerk durch den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht, welche der K¸nstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es diese Herren nicht) daï¬ es in der w¸rklichen Welt gerade umgekehrt ist. Die Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der groï¬e Punkt ist, diejenige die man vor sich hat, nach allen Umstâ°nden und Verhâ°ltnissen so lange zu studieren, bis man so genau als mËglich weiï¬, wie sie sind. Sobald ihr das wiï¬t, so geben sich die Regeln, wornach ihr sie behandeln m¸ï¬t, wenn ihr euern Zweck erhalten wollt, von sich selbst; dann ist es Zeit moralische Projekte zu machen–aber wenn, ihr groï¬en Lichter unsers alleraufgeklâ°rtesten Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, daï¬ diese Zeit f¸r das Menschen-Geschlecht kommen werde?
VIERTES KAPITEL
Philistus und Timocrates
Wâ°hrend, daï¬ die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines einzigen Mannes eine so auï¬erordentliche Verâ°nderung der Szene an dem Hofe zu Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius sehr weit davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen Denkungs-Art dieses Prinzen gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man es aus ihrem â°uï¬erlichen Bezeugen hâ°tte schlieï¬en sollen. Als schlaue HËflinge wuï¬ten sie zwar ihren Unmut ¸ber die sonderbare Gunst, worin Plato bei demselben stund, sehr k¸nstlich zu verbergen. Gewohnt sich nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle Gestalten anzunehmen, unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen Absichten am besten gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune ihres Herrn gewahr worden waren, die ganze Auï¬enseite des philosophischen Enthusiasmus mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine Maskeraden-Kleidung angezogen hâ°tten. Sie waren die ersten, die dem ¸brigen Hofe hierin mit ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem Prinzen Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft ungemein gestiegen war; sie waren die erklâ°rten Bewunderer des Philosophen; sie lâ°chelten ihm Beifall entgegen, so bald er nur den Mund auf tat; alle seine Vorschlâ°ge und Maï¬nehmungen waren bewundernsw¸rdig; sie wuï¬ten nichts daran auszusetzen, oder wenn sie ja Einw¸rfe machten, so war es nur um sich belehren zu lassen, und auf die erste Antwort sich seiner hËhern Weisheit ¸berwunden zu geben. Sie suchten seine Freundschaft so gar mit einem Eifer, wor¸ber sie den F¸rsten selbst zu vernachlâ°ssigen schienen; und besonders lieï¬en sie sich sehr angelegen sein, die Vorurteile zu zerstreuen, die man von der vorigen Staats-Verwaltung wider sie gefaï¬t haben kËnnte. Durch diese Kunstgriffe erreichten sie zwar die Absicht, den weisen Plato sicher zu machen, nicht so vollkommen, daï¬ er nicht immer einiges gerechtes Miï¬trauen in die Aufrichtigkeit ihres Bezeugens gesetzt hâ°tte; er beobachtete sie genau; allein da sie gar nicht zweifelten, daï¬ er es tun w¸rde, so war es ihnen leicht davor zu sein, daï¬ er mit aller seiner Scharfsichtigkeit nichts sah. Sie vermieden alles, was ihrem Betragen einen Schein von Zur¸ckhaltung, Zweideutigkeit und Geheimnis hâ°tte geben kËnnen, und nahmen ein so nat¸rliches und einfaches Wesen an, daï¬ man entweder ihres gleichen sein, oder betrogen werden muï¬te. Diese schËne Kunst ist eine von denen, in welchen nur den Hofleuten gegeben ist, Meister zu sein. Man kËnnte die Tugend selbst herausfordern, in einem hËhern Grad und mit besserm Anstand Tugend zu scheinen, als diese Leute es in ihrer Gewalt haben, so bald es ein Mittel zu ihren Absichten werden kann, die eigenste Miene, Farbe, und â°uï¬erliche Grazie derselben an sich zu nehmen.
Was wir hier sagen, versteht sich insonderheit von zweenen, welche bei dieser Verâ°nderung des Tyrannen am meisten zu verlieren hatten. Philistus war bisher der vertrauteste unter seinen Ministern, und Timocrates sein Liebling gewesen. Beide hatten sich mit einer Eintracht, welche ihrer Klugheit Ehre machte, in sein Herz, in die hËchste Gewalt, wozu er nur seinen Namen hergab, und in einen betrâ°chtlichen Teil seiner Eink¸nfte geteilt. Itzt zog die gemeinschaftliche Gefahr das Band ihrer Freundschaft noch enger zusammen. Sie entdeckten einander ihre Besorgnisse, ihre Bemerkungen, ihre Anschlâ°ge; sie redeten die Maï¬regeln mit einander ab, die in so kritischen Umstâ°nden genommen werden muï¬ten; und gingen, weil sie die schwache Seite des Tyrannen besser kannten, als irgend ein andrer, mit so vieler Schlauheit zu Werke, daï¬ es ihnen nach und nach gl¸ckte, ihn gegen Platon und Dion einzunehmen, ohne daï¬ er merkte, daï¬ sie diese Absicht hatten.
Wir haben schon bemerkt, daï¬ die Syracusaner, vermËge einer Eigenschaft, welche aller Orten das Volk charakterisiert, der Hoffnung durch Vermittlung des Platon ihre alte Freiheit wieder zu erlangen, mit einer so voreiligen Freude sich ¸berlieï¬en, daï¬ die bevorstehende Staats-Verâ°nderung der Inhalt aller Gesprâ°che wurde. In der Tat ging die Absicht Dions bei Berufung seines Freundes auf nichts geringers. Beide waren gleich erklâ°rte Feinde der Tyrannie und der Demokratie; von denen sie (mit welchem Grunde, wollen wir hier nicht entscheiden) davorhielten, daï¬ sie unter verschiedenen Gestalten, und durch verschiedene Wege, am Ende in einem Punkte, nâ°mlich in Mangel der Ordnung und Sicherheit, Unterdruckung und Sklaverei zusammenliefen. Beide waren f¸r diejenige Art der Aristokratie, worin das Volk zwar vor aller Unterdr¸ckung hinlâ°nglich sicher gestellt, folglich die Gewalt der Edeln, oder wie man bei den Griechen sagte, der Besten, durch unzerbrechliche Ketten gefesselt ist; hingegen die eigentliche Staats-Verwaltung nur bei einer kleinen Anzahl liegt, welche eine genaue Rechenschaft abzulegen verbunden sind. Es war also w¸rklich ihr Vorhaben, die Tyrannie, oder was man zu unsern Zeiten eine uneingeschrâ°nkte Monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen, und die Verfassung dieser Insel in die vorbemeldte Form zu gieï¬en. Dem Dionys zu gefallen, oder vielmehr, weil nach Platons Meinung die vollkommenste Staats-Form eine Zusammensetzung aus der Monarchie, Aristokratie und Demokratie sein muï¬te, wollten sie ihrer neuen Republik zwei KËnige geben, welche in derselben eben das vorstellen sollten was die KËnige in Sparta; und Dionys sollte einer von denselben sein. Dieses waren ungefâ°hr die Grundlinien ihres Entwurfs. Sie lieï¬en keine Gelegenheit vorbei, dem Prinzen die Vorteile einer gesetzmâ°ï¬igen Regierung anzupreisen; aber sie waren zu klug, von einer so delikaten Sache, als die Einf¸hrung einer republikanischen Verfassung war, vor der Zeit zu reden, und den Tyrannen, eh ihn Plato vollkommen zahm und bildsam gemacht haben w¸rde, durch eine unzeitige Entdeckung ihrer Absichten in seine nat¸rliche Wildheit wieder hineinzuschrecken.
Ungl¸cklicher Weise war das Volk so vieler Mâ°ï¬igung nicht fâ°hig, und dachte auch ganz anders ¸ber den Gebrauch, den es von seiner Freiheit machen wollte. Ein jeder hatte dabei eine gewisse Absicht, die er noch bei sich behielt, und die gerade zu auf irgend einen Privat-Vorteil ging. Jeder hielt sich f¸r mehr als fâ°hig, dem gemeinen Wesen gerade in dem Posten zu dienen, wozu er die wenigste Fâ°higkeit hatte, oder hatte sonst seine kleine Forderungen zu machen, welche er schlechterdings bewilliget haben wollte. Die Syracusaner verlangten also eine Demokratie; und da sie sich ganz nahe bei dem Ziel ihrer W¸nsche glaubten, so sprachen sie laut genug davon, daï¬ Philistus und seine Freunde Gelegenheit bekamen, den Tyrannen aus seinem angenehmen Platonischen Enthusiasmus zu sich selbst zur¸ckzurufen.
Das erste was sie taten, war, daï¬ sie ihm die Gesinnungen des Volkes, und die zwar von auï¬en noch nicht merklich in die Augen fallende, aber innerlich desto stâ°rker gâ°rende Bewegung desselben mit sehr lebhaften Farben, und mit ziemlicher VergrËï¬erung der Umstâ°nde vormalten. Sie taten dieses mit vieler Vorsichtigkeit, in gelegenen Augenblicken, nach und nach, und auf eine solche Art, daï¬ es dem Dionys scheinen muï¬te, als ob ihm endlich die Augen von selbst aufgingen; und dabei versâ°umten sie keine Gelegenheit, den Plato und den Prinzen Dion bis in die Wolken zu erheben; und besonders in Ausdr¸cken, welche von der schlauesten Bosheit ausgewâ°hlt wurden, von der auï¬erordentlichen Hochachtung zu sprechen, worein sie sich bei dem Volke setzten. Um den Tyrannen desto aufmerksamer zu machen, wuï¬ten sie es durch tausend geheime Wege, wobei sie selbst nicht zum Vorschein kamen, dahin einzuleiten, daï¬ hâ°ufige und zahlreiche Privat-Versammlungen in der Stadt angestellt wurden, wozu Dion und Plato selbst, oder doch immer jemand von den besondern Vertrauten des einen oder des andern, eingeladen wurde. Diese Versammlungen waren zwar nur auf Gastmâ°hler und freundschaftliche ErgËtzungen angesehen; aber sie gaben doch dem Philistus und seinen Freunden Gelegenheit mit einer Art davon zu reden, wodurch sie den Schein politischer Zusammenk¸nfte bekamen; und das war alles was sie wollten.
Durch diese und andre dergleichen Kunstgriffe gelang es ihnen endlich, dem Dionys Argwohn beizubringen. Er fing an, in die Aufrichtigkeit seines neuen Freundes ein desto grËï¬eres Miï¬trauen zu setzen, da er ¸ber das besondere Verstâ°ndnis, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm, eifers¸chtig war; und damit er desto bâ°lder ins Klare kommen mËchte, hielt er f¸r das Sicherste, den seit einiger Zeit vernachlâ°ssigten Timocrates wieder an sich zu ziehen; und so bald er sich versichert hatte, daï¬ er, wie vormals auf seine Ergebenheit zâ°hlen kËnne, ihm seine Wahrnehmungen und geheime Besorgnisse zu entdecken. Der schlaue G¸nstling stellte sich anfangs, als ob er nicht glauben kËnne, daï¬ die Syracusaner im Ernste mit einem solchen Vorhaben umgehen sollten; wenigstens (sagte er mit der ehrlichsten Miene von der Welt) kËnne er sich nicht vorstellen, daï¬ Plato und Dion den mindesten Anteil daran haben sollten; ob er gleich gestehen m¸ï¬te, daï¬ seit dem der erste sich am Hofe befinde, die Syracusaner von einem seltsamen Geiste beseelt w¸rden, und zu den ausschweifenden Einbildungen, welche sie sich zu machen schienen, vielleicht durch das auï¬erordentliche Ansehen verleitet w¸rden, worin dieser Philosoph bei dem Prinzen stehe: Es sei nicht unmËglich, daï¬ die Republikanisch-Gesinnte sich Hoffnung machten, Gelegenheit zu finden, indessen, daï¬ der Hof die Gestalt der Akademie gewâ°nne, dem Staat unvermerkt die Gestalt einer Demokratie zu geben; indessen m¸sse er gestehen, daï¬ er nicht Vertrauen genug in seine eigene Einsicht setze, seinem Herrn und Freunde in so delikaten Umstâ°nden einen sichern Rat zu geben; und Philistus, dessen Treue dem Prinzen lâ°ngst bekannt sei, w¸rde durch seine Erfahrenheit in Staats-Geschâ°ften unendlichmal geschickter sein, einer Sache von dieser Art auf den Grund zu sehen.
Dionysius hatte so wenig Lust sich einer Gewalt zu begeben, deren Wert er nach Proportion, daï¬ seine Fibern wieder elastischer wurden, von Tag zu Tag wieder stâ°rker zu empfinden begann; daï¬ die Einstreuungen seines G¸nstlings ihre ganze W¸rkung taten. Er gab ihm auf, mit aller nËtigen Vorsichtigkeit, damit niemand nichts davon gewahr werden kËnnte, den Philistus noch in dieser Nacht in sein Cabinet zu f¸hren, um sich ¸ber diese Dinge besprechen, und die Gedanken desselben vernehmen zu kËnnen. Es geschah; Philistus vollendete was Timocrat angefangen hatte. Er entdeckte dem Prinzen alles was er beobachtet zu haben vorgab, und sagte gerade so viel, als nËtig war, um ihn in den Gedanken zu bestâ°rken, daï¬ ein geheimes Complot zu einer Staats-Verâ°nderung im Werke sei, welches zwar vermutlich noch nicht zu seiner Reife gekommen, aber doch so beschaffen sei, daï¬ es Aufmerksamkeit verdiene. “Und wer kann der Urheber und das Haupt eines solchen Complots sein”, fragte Dionys?–Hier stellte sich Philistus verlegen–er hoffe nicht, daï¬ es schon soweit gekommen sei–Dion bezeuge so gute Gesinnungen f¸r den Prinzen–“Rede aufrichtig, wie du denkst”, fiel ihm Dionys ein; “was hâ°ltst du von diesem Dion? Aber keine Komplimenten, denn du brauchst mich nicht daran zu erinnern, daï¬ er meiner Schwester Mann ist; ich weiï¬ es nur zu wohl–Aber ich traue ihm nicht desto besser–er ist ehrgeizig -” “Das ist er”–“immer finster, zur¸ckhaltend, in sich selbst eingeschlossen -” “In der Tat, so ist er”, nahm Philist das Wort, und wer ihn genau beobachtete, ohne vorhin eine bessere Meinung von ihm gefaï¬t zu haben, w¸rde sich des Argwohns kaum erwehren kËnnen, daï¬ er miï¬vergn¸gt sei, und an Gedanken in sich selbst arbeite, die er nicht f¸r gut befinde, andern mitzuteilen–“Glaubst du das, Philistus?” fiel Dionys ein; “so hab’ ich immer von ihm gedacht; wenn Syracus unruhig ist, und mit Neuerungen umgeht, so darfst du versichert sein, daï¬ Dion die Triebfeder von allem ist–wir m¸ssen ihn genauer beobachten -” “Wenigstens ist es sonderbar”, fuhr Philistus fort, “daï¬ er seit einiger Zeit, sich eine Angelegenheit davon zu machen scheint, sich der Freundschaft der angesehensten B¸rger zu versichern -” (Hier f¸hrte er einige Umstâ°nde an, welche, durch die Wendung die er ihnen gab, seine Wahrnehmung bestâ°tigen konnten) “Wenn ein Mann von solcher Wichtigkeit, wie Dion, sich herablâ°ï¬t eine Popularitâ°t zu affektieren, die so gâ°nzlich wider seinen Charakter ist, so kann man glauben, daï¬ er Absichten hat–und wenn Dion Absichten hat, so gehen sie gewiï¬ auf keine Kleinigkeiten–Was er aber auch sein mag, so bin ich gewiﬔ, setzte er hinzu, “daï¬ Platon, ungeachtet der engen Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu tugendhaft ist, um an heimlichen Anschlâ°gen gegen einen Prinzen, der ihn mit Ehren und Wohltaten ¸berhâ°uft, Teil zu nehmen -” “Wenn ich dir sagen soll was ich denke, Philistus, so glaub’ ich, daï¬ diese Philosophen, von denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige Art von Leuten sind; in der Tat, ich sehe nicht, daï¬ an ihrer Philosophie so viel gefâ°hrliches sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum Exempel, diesen Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame Dinge in den Kopf gesetzt, man kËnnte sichs nicht schnakischer trâ°umen lassen, aber eben das belustiget mich; und bei alle dem muï¬ man ihm den Vorzug lassen, daï¬ er gut spricht; es hËrt sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von der Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so umstâ°ndlich und zuversichtlich spricht, als ob er mit dem nâ°chsten Marktschiffe aus dem Mond angekommen wâ°re” (hier lachten die beiden Vertrauten, als ob sie nicht aufhËren kËnnten, ¸ber einen so sinnreichen Einfall, und Dionys lachte mit) “ihr mËcht lachen so lang ihr wollt”, fuhr er fort; “aber meinen Plato sollt ihr mir gelten lassen; er ist der gutherzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine Philosophie, seinen Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so muï¬ man gestehen, daï¬ alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich, in Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann -” (‘o gËttlicher Platon! du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner Hand zu haben, du der sich das groï¬e Werk zutraute, einen Weisen und tugendhaften Mann aus ihm zu machen–warum standest du nicht in diesem Augenblick hinter einer Tapete, und hËrtest diese schmeichelhafte Apologie, wodurch er den Geschmack, den er an dir fand, in den Augen seiner HËflinge zu rechtfertigen suchte!’) “In der Tat”, sagte Timocrates, “die Musen kËnnen nicht angenehmer reden als Plato; ich wiï¬te nicht, was er einen nicht ¸berreden kËnnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt hâ°tte -” “Du willst vielleicht scherzen”, fiel ihm der Prinz ein; “aber ich versichre dich, es hat wenig gefehlt, daï¬ er mich letzthin nicht auf den Einfall gebracht hâ°tte, Sicilien dahinten zu lassen, und eine philosophische Reise nach Memphis und zu den Pyramiden und Gymnosophisten anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine seltsame Art von Kreaturen sein m¸ssen–wenn ihre Weiber so schËn sind, wie er sagt, so mag es keine schlimme Partie sein, den Tanz der Sphâ°ren mit ihnen zu tanzen; denn sie leben in dem Stand der vollkommen schËnen Natur, und treten dir, allein mit ihren eigent¸mlichen Reizungen geschm¸ckt, das ist, nackender als die Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Miene unter die Augen, als die schËnste Syracusanerin in ihrem reichesten Fest-Tags-Putz -” Dionys war, wie man sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines Hof-Philosophen nicht sehr g¸nstig war; Timocrates merkte sichs, und baute in dem nâ°mlichen Augenblick ein kleines Projekt auf diese gute Disposition, wovon er sich eine besondere W¸rkung versprach. Aber der weiter sehende Philistus fand nicht f¸r gut, seinen Herrn in dieser leichtsinnigen Laune fortsprudeln zu lassen. Er nahm das Wort wieder: “Ihr scherzet”, sprach er, “¸ber die W¸rkungen der Beredsamkeit Platons; es ist nur allzugewiï¬, daï¬ er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben dieses w¸rde mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner Mann wâ°re, als ich glaube daï¬ er ist. Die Macht der Beredsamkeit ¸bertrifft alle andre Macht; sie ist fâ°hig f¸nfzigtausend Arme nach dem Gefallen eines einzigen wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven. Wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gefâ°hrliches Vorhaben br¸tete, und Mittel fâ°nde, diesen ¸berredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so besorg ich, Dionysius kËnnte das Vergn¸gen seiner sinnreichen Unterhaltung teuer bezahlen m¸ssen. Man weiï¬ was die Beredsamkeit zu Athen vermag, und es fehlt den Syracusanern nichts als ein paar solche Wortk¸nstler, die ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften Bildern warm machen, so werden sie Athenienser sein wollen, und der Erste Beste, der sich an ihre Spitze stellt, wird aus ihnen machen kËnnen was er will.”
Philistus sah, daï¬ sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde; er schloï¬ daraus, daï¬ etwas in seinem Gem¸t arbeitete, und hielt also inn; “was f¸r ein Tor ich war”, rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit gesenktem Kopf zu staunen geschienen hatte. “Das war wohl der Genius meines guten Gl¸cks, der mir eingab, daï¬ ich dich diesen Abend zu mir rufen lassen sollte. Die Augen gehen mir auf einmal auf–Wozu mich diese Leute mit ihren Dreiecken und Schluï¬reden nicht gebracht hâ°tten! Kannst du dir wohl einbilden, daï¬ mich dieser Plato mit seinem s¸ï¬en Geschwâ°tze beinahe ¸berredet hâ°tte, meine fremden Truppen, und meine Leibwache nach Hause zu schicken? Ha! nun seh ich wohin alle diese schËnen Vergleichungen mit einem Vater im Schoï¬e seiner Familie, und mit einem Sâ°ugling an der Brust seiner Amme, und was weiï¬, ich mit was noch mehr, abgesehen waren! Die Verrâ°ter wollten mich durch diese s¸ï¬en Wiegenliedchen erst einschlâ°fern, hernach entwaffnen, und zuletzt wenn sie mich mit ihren gebenedeiten Maximen so fest umwunden hâ°tten, daï¬ ich weder Arme noch Beine nach meinem Gefallen hâ°tte r¸hren kËnnen, mich in ganzem Ernst, zu ihrem Wickelkind, zu ihrer Puppe, und wozu es ihnen eingefallen wâ°re, gemacht haben! Aber sie sollen mir die Erfindung bezahlen! Ich will diesem verrâ°trischen Dion–bist du tËricht genug, Philistus, und bildest dir ein, daï¬ er sich nur im Traum einfallen lasse, diese Spieï¬b¸rger von Syracus in Freiheit zu setzen? Regieren will er, Philistus; das will er, und darum hat er diesen Plato an meinen Hof kommen lassen, der mir, indessen daï¬ er das Volk zur EmpËrung reizen, und sich einen Anhang machen wollte, so lange und so viel von Gerechtigkeit, und Wohltun, und goldnen Zeiten, und vâ°terlichem Regiment, und was weiï¬ ich von was f¸r Salbadereien vorschwatzen sollte, bis ich mich ¸berreden lieï¬e, meine Galeeren zu entwaffnen, meine Trabanten zu entlassen, und mich am Ende in Begleitung eines von diesen zottelbâ°rtigen Knaben, die der Sophist mit sich gebracht hat, als einen Neuangeworbenen nach Athen in die Akademie schicken zu lassen, um unter einem Schwarm junger Gecken dar¸ber zu disputieren, ob Dionysius recht oder unrecht daran getan habe, daï¬ er sich in einer so armseligen Mausfalle habe fangen lassen -” “Aber ists mËglich”, fragte Philistus mit angenommener Verwunderung, “daï¬ Plato den sinnlosen Einfall haben konnte, meinem Prinzen solche Râ°te zu geben?”–“Es ist mËglich, weil ich dir sage, daï¬ ers getan hat. Ich habe selbst M¸he zu begreifen, wie ich mich von diesem Schwâ°tzer so bezaubern lassen konnte -” “Das soll sich Dionys nicht verdrieï¬en lassen”, erwiderte der gefâ°llige Philistus; “Plato ist in der Tat ein groï¬er Mann in seiner Art; ein vortrefflicher Mann, wenn es darauf ankommt, den Entwurf zu einer Welt zu machen, oder zu beweisen, daï¬ der Schnee nicht w¸rklich weiï¬ ist; aber seine Regierungs-Maximen sind, wie es scheint, ein wenig unsicher in der Aus¸bung. In der Tat, das w¸rde den Atheniensern was zu reden gegeben haben, und es wâ°re wahrlich kein kleiner Triumph f¸r die Philosophie gewesen, wenn ein einziger Sophist, ohne Schwertschlag, durch die bloï¬e Zauberkraft seiner Worte zu Stande gebracht hâ°tte, was die Athenienser mit groï¬en Flotten und Kriegs-Heeren vergeblich unternommen haben -” “Es ist mir unertrâ°glich nur daran zu denken”, sagte Dionys, “was f¸r eine einfâ°ltige Figur ich ein paar Wochen lang unter diesen Grillenfâ°ngern gemacht habe; hab ich dem Dion nicht selbst Gelegenheit gegeben, mich zu verachten? Was muï¬ten sie von mir denken, da sie mich so willig und gelehrig fanden?–Aber sie sollen in kurzem sehen, daï¬ sie sich mit aller ihrer Wissenschaft der geheimnisvollen Zahlen gewaltig ¸berrechnet haben. Es ist Zeit, der KomËdie ein Ende zu machen -” “Um Vergebung, mein Gebietender Herr”, fiel ihm Philistus hier ins Wort; “die Rede ist noch von bloï¬en Vermutungen; vielleicht ist Plato, ungeachtet seines nicht allzuwohl ¸berlegten Rats, unschuldig; vielleicht ist es so gar Dion; wenigstens haben wir noch keine Beweise gegen sie. Sie haben Bewunderer und Freunde zu Syracus, das Volk ist ihnen geneigt, und es mËchte gefâ°hrlich sein, sie durch einen ¸bereilten Schritt in die Notwendigkeit zu setzen, sich diesem Freiheit-trâ°umenden PËbel in die Arme zu werfen. Lasset sie noch eine Zeitlang in dem angenehmen Wahn, daï¬ sie den Dionysius gefangen haben. Gebet ihnen, durch ein k¸nstlich verstelltes Zutrauen Gelegenheit, ihre Gesinnungen deutlicher herauszulassen–Wie, wenn Dionysius sich stellte, als ob er Lust hâ°tte die Monarchie aufzugeben, und als ob ihn kein andres Bedenken davon zur¸ckhielte, als die Ungewiï¬heit, welche Regierungs-Form Sicilien am gl¸cklichsten machen kËnnte. Eine solche ErËffnung wird sie nËtigen, sich selbst zu verraten; und indessen, daï¬ wir sie mit akademischen Fragen und Entw¸rfen aufhalten, werden sich Gelegenheiten finden, den regiers¸chtigen Dion in Gesellschaft seines Ratgebers mit guter Art eine Reise nach Athen machen zu lassen, wo sie in ungestËrter Muï¬e Republiken anlegen, und ihnen, wenn sie wollen, alle Tage eine andre Form geben mËgen.”
Dionys war von Natur hitzig und ungest¸m; eine jede Vorstellung, von der seine Einbildung getroffen wurde, beherrschte ihn so sehr, daï¬ er sich dem mechanischen Trieb, den sie in ihm hervorbrachte, gâ°nzlich ¸berlieï¬; aber wer ihn so genau kannte als Philistus, hatte wenig M¸he, seinen Bewegungen oft durch ein einziges Wort, eine andere Richtung zu geben. In dem ersten Anstoï¬ seiner unbesonnenen Hitze waren die gewaltsamsten Maï¬nehmungen, die ersten, auf die er fiel: Aber man brauchte ihm nur den Schatten einer Gefahr dabei zu zeigen, so legte sich die auffahrende Lohe wieder; und er lieï¬ sich eben so schnell ¸berreden, die sichersten Mittel zu erwâ°hlen, wenn sie gleich die niedertrâ°chtigsten waren.
Nachdem wir die wahre Triebfeder seiner vermeinten Sinnes-â°nderung oben bereits entdeckt haben, wird sich niemand verwundern, daï¬ er von dem Augenblick an, da sich seine Leidenschaften wieder regten, in seinen nat¸rlichen Zustand zur¸cksank. Was man bei ihm f¸r Liebe der Tugend angesehen, was er selbst daf¸r gehalten hatte, war das Werk zufâ°lliger und mechanischer Ursachen gewesen; daï¬ er ihr zu lieb seinen Neigungen die mindeste Gewalt hâ°tte tun sollen, so weit ging sein Enthusiasmus f¸r sie nicht. Die ungebundene Freiheit worin er vormals gelebt hatte, stellte sich ihm wieder mit den lebhaftesten Reizungen dar; und nun sah er den Plato f¸r einen verdrieï¬lichen Hofmeister an, und verw¸nschte die Schwachheit, die er gehabt hatte, sich so sehr von ihm einnehmen, und in eine Gestalt, die seiner eigenen so wenig â°hnlich sah, umbilden zu lassen. Er f¸hlte nur allzuwohl, daï¬ er sich selbst eine Art von Verbindlichkeit aufgelegt hatte, in den Gesinnungen zu beharren, die er sich von diesem Sophisten, wie er ihn itzt nannte, hatte einflËï¬en lassen: Er stellte sich vor, daï¬ Dion und die Syracusaner sich berechtiget halten w¸rden, die Erf¸llung des Versprechens von ihm zu erwarten, welches er ihnen gewisser maï¬en gegeben hatte, daï¬ er k¸nftig auf eine gesetzmâ°ï¬ige Art regieren wolle. Diese Vorstellungen waren ihm unertrâ°glich, und hatten die nat¸rliche Folge, seine ohnehin bereits erkâ°ltete Zuneigung zu dem Philosophen von Athen in Widerwillen zu verwandeln; den Dion aber, den er nie geliebt hatte, ihm doppelt verhaï¬t zu machen. Dieses waren die geheimen Dispositionen, welche den Verf¸hrungen des Timocrates und Philistus den Eingang in sein Gem¸t erleichterten. Es war schon so weit mit ihm gekommen, daï¬ er vor diesen ehmaligen Vertrauten sich der Person schâ°mte, die er einige Wochen lang, gleichsam unter Platons Vormundschaft, gespielt hatte; und es ist zu vermuten, daï¬ es von dieser falschen und verderblichen Scham herr¸hrte, daï¬ er in so verkleinernden Ausdr¸cken von einem Manne, den er anfâ°nglich beinahe vergËttert hatte, sprach, und seiner Leidenschaft f¸r ihn einen so spaï¬haften Schwung zu geben bem¸ht war. Er ergriff also den Vorschlag des Philistus mit der begierigen Ungeduld eines Menschen, der sich von dem Zwang einer verhaï¬ten Einschrâ°nkung je bâ°lder je lieber loszumachen w¸nscht; und damit er keine Zeit verlieren mËchte, so machte er gleich des folgenden Tages den Anfang, denselben ins Werk zu setzen. Er berief den Dion und den Philosophen in sein Cabinet, und entdeckte ihnen mit allen Anscheinungen des vollkommensten Zutrauens, und indem er sie mit Liebkosungen ¸berhâ°ufte, daï¬ er gesonnen sei, sich der Regierung zu entschlagen, und den Syracusanern die Freiheit zu lassen, sich diejenige Verfassung zu erwâ°hlen, die ihnen die angenehmste sein w¸rde.
Ein so unerwarteter Vortrag machte die beiden Freunde stutzen. Doch faï¬ten sie sich bald. Sie hielten ihn f¸r eine von den sprudelnden Aufwallungen einer noch ungelâ°uterten Tugend, welche gern auf schËne Ausschweifungen zu verfallen pflegt, und hoffeten also, daï¬ es ihnen leicht sein werde, ihn auf reifere Gedanken zubringen. Sie billigten zwar seine gute Absicht; stellten ihm aber vor, daï¬ er sie sehr schlecht erreichen w¸rde, wenn er das Volk, welches immer als unm¸ndig zu betrachten sei, zum Meister ¸ber eine Freiheit machen wollte, die es, allem Vermuten nach, zu seinem grËï¬esten Schaden miï¬brauchen w¸rde. Sie sagten ihm hier¸ber alles was die gesunde Politik sagen kann; und Plato insonderheit bewies ihm, daï¬ es nicht auf die Form der Verfassung ankomme, wenn ein Staat gl¸cklich sein solle, sondern auf die innerliche G¸te der Gesetzgebung, auf tugendhafte Sitten, auf die Weisheit desjenigen, dem die Handhabung der Gesetze anvertraut sei. Seine Meinung ging dahin, daï¬ Dionys nicht nËtig habe, sich der obersten Gewalt zu begeben, indem es nur von ihm abhange, durch die vollkommene Beobachtung aller Pflichten eines weisen und tugendhaften Regenten die Tyrannie in eine rechtmâ°ï¬ige Monarchie zu verwandeln; welcher die VËlker sich desto williger unterwerfen w¸rden, da sie durch ein nat¸rliches Gef¸hl ihres UnvermËgens sich selbst zu regieren, geneigt gemacht w¸rden, sich regieren zu lassen; ja denjenigen als eine gegenwâ°rtige Gottheit zu verehren, welcher sie sch¸tze, und f¸r ihre Gl¸ckseligkeit arbeite.
Dion stimmte hierin nicht gâ°nzlich mit seinem Freunde ¸berein. Die Wahrheit war, daï¬ er den Dionys besser kannte, und weil er sich wenig Hoffnung machte, daï¬ seine guten Dispositionen von langer Dauer sein w¸rden, gerne so schnell als mËglich einen solchen Gebrauch davon gemacht hâ°tte, wodurch ihm die Macht BËses zu tun, auf den Fall, daï¬ ihn der Wille dazu wieder ankâ°me, benommen worden wâ°re. Er breitete sich also mit Nachdruck ¸ber die Vorteile einer wohlgeordneten Aristokratie vor der Regierung eines Einzigen aus, und bewies, wie gefâ°hrlich es sei, den Wohlstand eines ganzen Landes von dem zufâ°lligen und wenig sichern Umstand, ob dieser Einzige tugendhaft sein wolle oder nicht, abhangen zu lassen. Er ging so weit, zu behaupten, daï¬ von einem Menschen, der die hËchste Macht in Hâ°nden habe, zu verlangen, daï¬ er sie niemalen miï¬brauchen solle, eine Forderung sei, welche ¸ber die Krâ°fte der Menschheit gehe; daï¬ es nichts geringers sei, als von einem mit Mâ°ngeln und Schwachheiten beladenen GeschËpfe, welches keinen Augenblick auf sich selbst zâ°hlen kann, die Weisheit und Tugend eines Gottes zu erwarten. Er billigte also das Vorhaben des Dionys, die kËnigliche Gewalt aufzugeben, im hËchsten Grade; aber darin stimmte er mit seinem Freunde ¸berein, daï¬ anstatt die Einrichtung des Staats in die Willk¸r des Volks zu stellen, er selbst, mit Zuzug der Besten von der Nation, sich ungesâ°umt der Arbeit unterziehen sollte, eine daurhafte und auf den mËglichsten Grad des allgemeinen Besten abzielende Verfassung zu entwerfen; wozu er dem Prinzen allen Beistand, der von ihm abhange, versprach. Dionys schien sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen. Er bat sie, ihre Gedanken ¸ber diese wichtige Sache in einen vollstâ°ndigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie selbsten dar¸ber, was man tun sollte, einig sein w¸rden, zur Ausf¸hrung eines Werkes zu schreiten, welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am Herzen lag.
Diese geheime Konferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte W¸rkung. Sie vollendete seinen Haï¬ gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in Gunst bei ihm. Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den Pflichten eines guten Regenten sprechen hËrte; so hatte er doch sehr gerne gehËrt, daï¬ Plato sich als einen Gegner des popularen Regiments, und als einen Freund der Monarchie erklâ°rt hatte. Er ging aufs neue mit seinen Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen, es komme nun allein darauf an, sich den Dion vom Halse zu schaffen. Philistus hielt davor, daï¬ eh ein solcher Schritt gewaget werden d¸rfe, das Volk beruhiget und die wankende Autoritâ°t des Prinzen wieder fest gesetzt werden m¸sse. Er schlug die Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen kËnne; und in der Tat waren dabei keine so groï¬e Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten die vorgebliche Gâ°rung in Syracus weit gefâ°hrlicher vorgestellt, als sie w¸rklich war. Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere Achtung f¸r den Plato zu bezeugen, einen Mann, der in den Augen des Volks eine Art von Propheten vorstellte, der mit den GËttern umgehe und Eingebungen habe. “Einen solchen Mann”, sagte Philistus, “muï¬ man zum Freunde behalten, so lange man ihn gebrauchen kann. Plato verlangt nicht selbst zu regieren; er hat also nicht das nâ°mliche Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist befriediget, wenn er bei demjenigen, der die Regierung f¸hrt, in Ansehen steht, und Einfluï¬ zu haben glaubt. Es ist leicht, ihn, so lang es nËtig sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und das wird zugleich ein Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem Dion zur¸ckzuhalten.” Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinkt zu dem Philosophen gezogen f¸hlte, befolgte diesen Rat so gut, daï¬ Plato davon hintergangen wurde. Insonderheit affektierte er ihn, immer neben sich zu haben, wenn er sich Ëffentlich sehen lieï¬; und bei allen Gelegenheiten, wo es W¸rkung tun konnte, seine Maximen im Munde zu f¸hren. Er stellte sich, als ob es auf Einraten des Philosophen geschâ°he, daï¬ er dieses oder jenes tat, wodurch er sich den Syracusanern angenehm zu machen hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des Philistus waren, der ohne daï¬ es in die Augen fiel, sich wieder einer gâ°nzlichen Herrschaft ¸ber sein Gem¸t bemâ°chtiget hatte. Er zeigte sich ungemein leutselig und liebkosend gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die unterste Klasse desselben am stâ°rksten dr¸ckten; er belustigte es durch Ëffentliche Feste, und Spiele; er befËrderte einige von denen, deren Ansehen am meisten zu f¸rchten war, zu eintrâ°glichen Ehrenstellen, und lieï¬ die ¸brigen mit Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die nâ°mliche W¸rkung taten; er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern Ëffentlichen Gebâ°uden: Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine so gute Art, daï¬ Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen, der so schËne Hoffnungen von sich erweckte, und seine philosophische Eitelkeit mit so vielen Ëffentlichen Beweisen einer vorz¸glichen Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute Weise sich vielleicht selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.
Diese Maï¬nehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen. Das Volk, welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer immerwâ°hrenden Kindheit lebt, hËrte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit den bloï¬en Wunsch einer Verâ°nderung; faï¬te eine heftige Zuneigung f¸r seinen Prinzen; erhob die Gl¸ckseligkeit seiner Regierung; bewunderte die prâ°chtige Kleidung und Waffen, die er seinen Trabanten hatte machen lassen; betrank sich auf seine Gesundheit; und war bereit allem was er unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu zuklatschen.
Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen gl¸cklichen Ausschlag in der Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden, so lange sie selbige mit dem Plato teilen muï¬ten, f¸r welchen er eine Art von Schwachheit behielt, die ihren Grund vielleicht in der nat¸rlichen Obermacht eines groï¬en Geistes ¸ber einen Kleinen hatte. Timocrat geriet auf einen Einfall, wozu ihm die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer des Dionys den ersten Wink gegeben hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit sich ein Verdienst um den Tyrannen zu machen, und das Ansehen des Philosophen bei demselben zu untergraben hoffen konnte.
Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine grËï¬ere Freiheit bei seiner Tafel einzuf¸hren; die Anzahl und die Beschaffenheit der Gâ°ste, welche er fast tâ°glich einlud, gab den Vorwand dazu; und Plato, welcher bei aller erhabenen Austeritâ°t seiner Grundsâ°tze, einen kleinen Ansatz zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse ehrw¸rdige Mâ°nner an gewissen HËfen zu machen pflegen; er sprach bei jeder Gelegenheit von den Vorz¸gen der N¸chternheit und Mâ°ï¬igkeit, und aï¬ und trank immer dazu, wie ein andrer. Diese kleine Erweiterung der allzuengen Grenzen der akademischen Frugalitâ°t, von welcher der Vater der Akademie selbst gestehen muï¬te, daï¬ sie sich f¸r den Hof eines F¸rsten nicht schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem, der dem Prinzen seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm prâ°chtige Feste zu geben; wo die Freude zwar ungebundener herrschte, aber doch durch die Gesellschaft der Musen und Grazien einen Schein von Bescheidenheit erhielt, welcher die Strenge der Weisheit mit ihr aussËhnen konnte. Timocrat machte sich diesen Umstand zu Nutz. Er lud den Prinzen, den ganzen Hof, und die Vornehmsten der Stadt ein, auf seinem Landhause die Wiederkunft des Fr¸hlings zu begehen, dessen alles verj¸ngende Kraft, zum Ungl¸ck f¸r den ohnehin ¸belbefestigten Platonismus des Dionys, auch diesem Prinzen die Begierden und die Krâ°fte der Jugend wieder einzuhauchen schien. Die schlaueste Wollust, hinter eine verblendende Pracht versteckt, hatte dieses Fest angeordnet. Timocrat verschwendete seine Reicht¸mer ohne Maï¬, mit desto frËhlicherm Gesichte, da er sie eben dadurch doppelt wieder zu bekommen versichert war. Alle Welt bewunderte die Erfindungen und den Geschmack dieses G¸nstlings; Dionys bezeugte, sich niemals so wohl ergËtzt zu haben; und der gËttliche Plato, der weder auf seinen Reisen zu den Pyramiden und Gymnosophisten, noch zu Athen so etwas gesehen hatte, wurde von seiner dichterischen Einbildungs-Kraft so sehr verraten, daï¬ er die Gefahren zu vergessen schien, welche unter den Bezauberungen dieses Orts, und dieser Verschwendung von Reizungen zum Vergn¸gen, laurten. Der einzige Dion erhielt sich in seiner gewËhnlichen Ernsthaftigkeit, und machte durch den starken Kontrast seines finstern Bezeugens mit der allgemeinen FrËhlichkeit, Eindr¸cke auf alle Gem¸ter, welche nicht wenig dazu beitrugen, seinen bevorstehenden Fall zu befËrdern. Indes schien niemand darauf acht zu geben; und in der Tat lieï¬ die Vorsorge, welche Timocrat gebraucht hatte, daï¬ jede Stunde, und beinahe jeder Augenblick ein neues Vergn¸gen herbeif¸hren muï¬te, wenig Muï¬e, Beobachtungen zu machen. Dieser schlaue HËfling hatte ein Mittel gefunden, dem Plato selbst, bei einer Gelegenheit, wo es so wenig zu vermuten war, auf eine feine Art zu schmeicheln. Dieses geschah durch ein groï¬es pantomimisches Ballet, worin die Geschichte der menschlichen Seele, nach den Grundsâ°tzen dieses Weisen, unter Bildern, welche er in einigen seiner Schriften an die Hand gegeben hatte, auf eine allegorische Art vorgestellt wurde. Timocrat hatte die j¸ngsten und schËnsten Figuren hierzu gebraucht, welche er zu Corinth und aus dem ganzen Griechenlande hatte zusammenbringen kËnnen. Unter den Tâ°nzerinnen war eine, welche dazu gemacht schien, dasjenige, was der gute Plato in etlichen Monaten an dem Gem¸te des Tyrannen gearbeitet, in etlichen Augenblicken zu zerstËren. Sie stellte unter den Personen des Tanzes die Wollust vor; und w¸rklich paï¬ten ihre Figur, ihre Gesichtsbildung, ihre Blicke, ihr Lâ°cheln, alles so vollkommen zu dieser Rolle, daï¬ das anacreontische Beiwort Wollustatmend ausdr¸cklich f¸r sie gemacht zu sein schien. Jedermann war von der schËnen Bacchidion bezaubert; aber niemand war es so sehr als Dionys. Er dachte nicht einmal daran, der Wollust, welche eine so verf¸hrische Gestalt angenommen hatte, um seine erkâ°ltete Zuneigung zu ihr wieder anzufeuren, Widerstand zu tun; kaum daï¬ er noch so viel Gewalt ¸ber sich selbst behielt, um von demjenigen was in ihm vorging nicht allzudeutliche W¸rkungen sehen zu lassen. Denn er getraute sich noch nicht, wieder gâ°nzlich Dionysius zu sein, ob ihm gleich von Zeit zu Zeit kleine Z¸ge entwischten, welche dem beobachtenden Dion bewiesen, daï¬ er nur noch durch einen Rest von Scham, dem letzten Seufzer der ersterbenden Tugend, zur¸ckgehalten werde. Timocrat triumphierte in sich selbst; seine Absicht war erreicht; die allzureizende Bacchidion bemâ°chtigte sich der Begierde, des Geschmacks und so gar des Herzens des Tyrannen: Und da er den Timocrat zum Unterhâ°ndler seiner Leidenschaft, welche er eine Zeitlang geheim halten wollte, nËtig hatte, so war Timocrat von diesem Augenblick an wieder der nâ°chste an seinem Herzen. Der weise Plato bedaurte zu spâ°t, daï¬ er zu viel Nachsicht gegen den Hang dieses Prinzen nach ErgËtzungen getragen hatte; er f¸hlte nur gar zu wohl, daï¬ die Gewalt seiner metaphysischen Bezauberungen durch eine stâ°rkere Zaubermacht aufgelËst worden sei, und fing an, um sich nicht ohne Nutzen beschwerlich zu machen, den Hof seltner zu besuchen. Dion ging weiter: Er unterstund sich, dem Dionys wegen seines geheimen Verstâ°ndnisses mit der schËnen Bacchidion, Vorw¸rfe zu machen, und ihn seiner Verbindlichkeiten mit einem Ernst zu erinnern, den der Tyrann nicht mehr ertragen konnte. Dionys sprach im Ton eines asiatischen Despoten, und Dion antwortete wie ein Miï¬vergn¸gter, der sich stark genug f¸hlt, den Drohungen eines ¸berm¸tigen Tyrannen Trotz zu bieten. Philistus hielt den Dionys zur¸ck, der im Begriff war alles zu wagen, indem er seiner Wut den Z¸gel schieï¬en lassen wollte. Allein in den Umstâ°nden worin man mit dem beleidigten Dion war, muï¬te ein schleuniger Entschluï¬ gefaï¬t werden. Dion verschwand auf einmal, und erst nach einigen Tagen machte Dionys bekannt: Daï¬ ein gefâ°hrliches Complot gegen seine Person, und die Ruhe des Staats, woran Dion in geheim gearbeitet, ihn genËtiget hâ°tte, denselben auf einige Zeit aus Sicilien zu entfernen. Es bestâ°tigte sich w¸rklich, daï¬ Dion in der Nacht unvermutet in Verhaft genommen, zu Schiffe gebracht und in Italien ans Land gesetzt worden war. Um das angebliche Complot wahrscheinlich zu machen, wurden verschiedene Freunde Dions, und eine noch grËï¬ere Anzahl von Kreaturen des Philistus, welche gegen diesen Prinzen zu reden bestochen waren, in Verhaft genommen. Man unterlieï¬ nichts, was seinem Prozeï¬ das Ansehen der genauesten Beobachtung der Justiz-Formalitâ°ten geben konnte; und nachdem er durch die Aussage einer Menge von Zeugen ¸berwiesen worden war, wurde seine Verbannung in ein fËrmliches Urteil gebracht, und ihm bei Strafe des Lebens verboten, ohne besondere Erlaubnis des Dionys, Sicilien wieder zu betreten. Dionys stellte sich, als ob er dieses Urteil ungern und allein durch die Sorge f¸r die Ruhe des Staats gezwungen unterzeichne; und um eine Probe zu geben, wie gern er eines Prinzen, den er allezeit besonders hochgeschâ°tzt habe, schonen mËchte, verwandelte er die Strafe der Konfiskation aller seiner G¸ter in eine bloï¬e Zur¸ckhaltung der Eink¸nfte von denselben: Aber niemand lieï¬ sich durch diese Vorspieglungen hintergehen, da man bald darauf erfuhr, daï¬ er seine Schwester, die Gemahlin des Dion, gezwungen habe, die Belohnung des unw¸rdigen Timocrat zu werden.
Plato spielte bei dieser unerwarteten Katastrophe eine sehr dem¸tigende Rolle. Dionys affektierte zwar noch immer, ein groï¬er Bewunderer seiner Wissenschaft und Beredsamkeit zu sein; aber sein Einfluï¬ hatte so gâ°nzlich aufgehËrt, daï¬ ihm nicht einmal erlaubt war, die Unschuld seines Freundes zu verteidigen. Er wurde tâ°glich zur Tafel eingeladen; aber nur, um mit eignen Ohren anzuhËren, wie die Grundsâ°tze seiner Philosophie, die Tugend selbst, und alles was einem gesunden Gem¸t ehrw¸rdig ist, zum Gegenstand leichtsinniger Scherze gemacht wurden, welche sehr oft den echten Witz nicht weniger beleidigten als die Tugend. Und damit ihm alle Gelegenheit benommen w¸rde, die widrigen Eindr¸cke, welche den Syracusanern gegen den Dion beigebracht worden waren, wieder auszulËschen, wurde ihm unter dem Schein einer besondern Ehrenbezeugung eine Wache gegeben, welche ihn wie einen Staats-Gefangenen beobachtete und eingeschlossen hielt. Der Philosoph hatte denjenigen Teil seiner Seele, welchem er seinen Sitz zwischen der Brust und dem Zwerch-Fell angewiesen, noch nicht so gâ°nzlich gebâ°ndiget, daï¬ ihn dieses Betragen des Tyrannen nicht hâ°tte erbittern sollen. Er fing an wie ein freigeborner Athenienser zu sprechen, und verlangte seine Entlassung. Dionys stellte sich ¸ber dieses Begehren best¸rzt an, und schien alles anzuwenden, um einen so wichtigen Freund bei sich zu behalten; er bot ihm so gar die erste Stelle in seinem Reich, und, wenn Plutarch nicht zuviel gesagt hat, alle seine Schâ°tze an, wofern er sich verbindlich machen wollte, ihn niemals zu verlassen; aber die Bedingung, welche er hinzusetzte, bewies, wie wenig er selbst erwartete, daï¬ seine Erbietungen angenommen werden w¸rden. Denn er verlangte, daï¬ er ihm seine Freundschaft f¸r den Dion aufopfern sollte; und Plato verstund den stillschweigenden Sinn dieser Zumutung. Er beharrete also auf seiner Entlassung, und erhielt sie endlich, nachdem er das Versprechen von sich gegeben hatte, daï¬ er wieder kommen wolle, so bald der Krieg, welchen Dionys wider Carthago anzufangen im Begriff war, geendigt sein w¸rde. Der Tyrann machte sich eine groï¬e Angelegenheit daraus, alle Welt zu ¸berreden, daï¬ sie als die besten Freunde von einander schieden; und Platons Ehrgeiz (wenn es anders erlaubt ist, eine solche Leidenschaft bei einem Philosophen vorauszusetzen) fand seine Rechnung zu gut dabei, als daï¬ er sich hâ°tte bem¸hen sollen, die Welt von dieser Meinung zuheilen. Er gehe, sagte er, nur Dion und Dionys wieder zu Freunden zu machen. Der Tyrann bezeugte sich sehr geneigt hierzu, und hob, zum Beweis seiner guten Gesinnung den Beschlag auf, den er auf die Eink¸nfte Dions gelegt hatte. Plato hingegen machte sich zum B¸rgen f¸r seinen Freund, daï¬ er nichts widriges gegen Dionysen unternehmen sollte. Der Abschied machte eine so traurige Szene, daï¬ die Zuschauer, (auï¬er den wenigen, welche das Gesicht unter der Maske kannten) von der Gutherzigkeit des Prinzen sehr ger¸hrt wurden; er begleitete den Philosophen bis an seine Galeeren, erstickte ihn fast mit Umarmungen, netzte seine ehrw¸rdigen Wangen mit Trâ°nen, und sah ihm so lange nach, bis er ihn aus den Augen verlor: Und so kehrten beide, mit gleich erleichtertem Herzen, Plato in seine geliebte Akademie, und Dionys in die Arme seiner Tâ°nzerin zur¸ck.
Dieser Tyrann, dessen nat¸rliche Eitelkeit durch die Diskurse des Atheniensischen Weisen zu einer heftigen Ruhmbegierde aufgeschwollen war, hatte sich unter andern Schwachheiten in den Kopf gesetzt, f¸r einen GËnner der Gelehrten, f¸r einen Kenner, und so gar f¸r einen der schËnen Geister seiner Zeit gehalten zu werden. Er war sehr bek¸mmert, daï¬ Plato und Dion den Griechen, denen er vorz¸glich zu gefallen begierig war, die gute Meinung wieder benehmen mËchten, welche man von ihm zu fassen angefangen hatte; und diese Furcht scheint einer von den stâ°rksten Beweggr¸nden gewesen zu sein, warum er den Plato bei ihrer Trennung mit so vieler Freundschaft ¸berhâ°uft hatte. Er lieï¬ es nicht dabei bewenden. Philistus sagte ihm, daï¬ Griechenland eine Menge von spekulativen M¸ï¬iggâ°ngern habe, welche so ber¸hmt als Plato, und zum teil geschickter seien, einen Prinzen bei Tische oder in verlornen Augenblicken zu belustigen als dieser Mann, der die Schwachheit habe ein lâ°cherlich ehrw¸rdiges Mittelding zwischen einem Egyptischen Priester, und einem Staatsmanne vorzustellen, und seine unverstâ°ndlich-erhabene Grillen f¸r Grundsâ°tze, wornach die Welt regiert werden m¸sse, auszugeben. Er bewies ihm mit den Beispielen seiner eigenen Vorfahren, daï¬ ein F¸rst sich den Ruhm eines unvergleichlichen Regenten nicht wohlfeiler anschaffen kËnne, als indem er Philosophen und Poeten in seinen Schutz nehme; Leute, welche f¸r die Ehre seine Tischgenossen zu sein, oder f¸r ein mâ°ï¬iges Gehalt, bereit seien, alle ihre Talente ohne Maï¬ und Ziel zu seinem Ruhm und zu BefËrderung seiner Absichten zu verschwenden. “Glaubest du”, sagte er, “daï¬ Hieron der wundertâ°tige Mann, der Held, der Halbgott, das Muster aller f¸rstlichen, b¸rgerlichen und hâ°uslichen Tugenden gewesen sei, wof¸r ihn die Nachwelt hâ°lt? Wir wissen was wir davon denken sollen; er war was alle Prinzen sind, und lebte wie sie alle leben; er tat was ich und ein jeder andrer tun w¸rde, wenn wir zu unumschrâ°nkten Herren einer so schËnen Insel, wie Sicilien ist, geboren wâ°ren–Aber er hatte die Klugheit, Simoniden und Pindare an seinem Hofe zu halten; sie lobten ihn in die Wette, weil sie wohl gef¸ttert und wohl bezahlt wurden; alle Welt erhob die Freigebigkeit dieses Prinzen, und doch kostete ihn dieser Ruhm nicht halb soviel, als seine Jagdhunde. Wer wollte ein KËnig sein, wenn ein KËnig das alles w¸rklich tun m¸ï¬te, was sich ein m¸ï¬iger Sophist auf seinem Faulbette oder Diogenes in seinem Fasse einfallen lâ°ï¬t, ihm zu Pflichten zu machen? Wer wollte regieren, wenn ein Regent allen Forderungen und W¸nschen seiner Untertanen genug tun m¸ï¬te? Das meiste, wo nicht alles, kËmmt auf die Meinung an, die ein groï¬er Herr von sich erweckt; nicht auf seine Handlungen selbst, sondern auf die Gestalt und den Schwung, den er ihnen zu geben weiï¬. Was er nicht selbst tun will, oder tun kann, das kËnnen witzige KËpfe f¸r ihn tun. Haltet euch einen Philosophen, der alles demonstrieren, einen sinnreichen Schwâ°tzer, der ¸ber alles scherzen, und einen Poeten, der ¸ber alles Gassenlieder machen kann. Der Nutzen, den ihr von dieser kleinen Ausgabe zieht, fâ°llt zwar nicht sogleich in die Augen; ob es gleich an sich selbst schon Vorteils genug f¸r einen F¸rsten ist, f¸r einen Besch¸tzer der Musen gehalten zu werden. Denn das ist in den Augen von neun und neunzig hundertteilen des menschlichen Geschlechts ein untr¸glicher Beweis, daï¬ er selbst ein Herr von groï¬er Einsicht, und Wissenschaft ist; und diese Meinung erweckt Zutrauen, und ein g¸nstiges Vorurteil f¸r alles was er unternimmt. Aber das ist der geringste Nutzen, den ihr von euern witzigen Kostgâ°ngern zieht. Setzet den Fall, daï¬ es nËtig sei eine neue Auflage zu machen; das ist alles was ihr braucht, um in einem Augenblick ein allgemeines Murren gegen eure Regierung zu erregen; die Miï¬vergn¸gten, eine Art von Leuten, welche die kl¸gste Regierung niemals gâ°nzlich ausrotten kann, machen sich einen solchen Zeitpunkt zu nutze; setzen das Volk in Gâ°rung, untersuchen eure Auff¸hrung, die Verwaltung eurer Eink¸nfte, und tausend Dinge, an welche vorher niemand gedacht hatte; die Unruhe nimmt zu, die Reprâ°sentanten des Volks versammeln sich, man ¸bergibt euch eine Vorstellung, eine Beschwerung um die andere; unvermerkt nimmt man sich heraus die Bitten in Forderungen zu verwandeln, und die Forderungen mit ehrfurchtsvollen Drohungen zu unterst¸tzen; kurz, die Ruhe euers Lebens ist, wenigstens auf einige Zeit, verloren; ihr befindet euch in kritischen Umstâ°nden, wo der kleinste Fehltritt die schlimmesten Folgen nach sich ziehen kann, und es braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen Zeit einem miï¬vergn¸gten PËbel an den Kopf wirft, so habt ihr einen Aufruhr in seiner ganzen GrËï¬e. Hier zeigt sich der wahre Nutzen unsrer witzigen KËpfe. Durch ihren Beistand kËnnen wir in etlichen Tagen allen diesen ¸beln zuvorkommen. Laï¬t den Philosophen demonstrieren, daï¬ diese Auflage zur Wohlfahrt des gemeinen Wesens unentbehrlich ist; laï¬t den Spaï¬vogel irgend einen lâ°cherlichen Einfall, irgend eine lustige Hof-Anekdote oder ein boshaftes Mâ°rchen in der Stadt herumtragen, und den Poeten eine neue KomËdie und ein paar Gassenlieder machen, um dem PËbel was zu sehen und zu singen zu geben: So wird alles ruhig bleiben; und indessen daï¬ die politischen M¸ï¬iggâ°nger sich dar¸ber zanken werden, ob euer Philosoph recht oder unrecht argumentiert habe, und die kleine â°rgerliche Anekdote reichlich ausgeziert und verschËnert, den Witz aller guten Gesellschaften im Atem erhâ°lt: Wird der PËbel ein paar Fl¸che zwischen den Zâ°hnen murmeln, seinen Gassenhauer anstimmen, und–bezahlen. Solche Dienste, sind, deucht mich wohl wert, etliche Leute zu unterhalten, die ihren ganzen Ehrgeiz darin setzen, Worte zierlich zusammenzusetzen, Sylben zu zâ°hlen, Ohren zu kitzeln und Lungen zu ersch¸ttern; Leute, denen ihr alle ihre W¸nsche erf¸llt, wenn ihr ihnen so viel gebt, als sie brauchen, kummerlos durch eine Welt, an die sie wenig Anspr¸che machen, hindurchzuschlentern, und nichts zu tun, als was der Wurm im Kopf, den sie ihren Genie nennen, ihnen zum grËï¬esten Vergn¸gen ihres Lebens macht.”
Dionys befand diesen Rat seines w¸rdigen Ministers vollkommen nach seinem Geschmack. Philistus ¸bergab ihm eine Liste von mehr als zwanzig Kandidaten, aus denen man, wie er sagte, nach Belieben auswâ°hlen kËnnte. Dionys glaubte, daï¬ man dieser n¸tzlichen Leute nicht zuviel haben kËnne, und wâ°hlte alle. Alle schËnen Geister Griechenlandes wurden unter blendenden Verheiï¬ungen an seinen Hof eingeladen. In kurzer Zeit wimmelte es in seinen Vorsâ°len von Philosophen und Priestern der Musen. Alle Arten von Dichtern, Epische, Tragische, Komische, Lyrische, welche ihr Gl¸ck zu Athen nicht hatten machen kËnnen, zogen nach Syracus, um ihre Leiern und FlËten an den anmutigen Ufern des Anapus zu stimmen, und–sich satt zu essen. Sie glaubten, daï¬ es ihnen gar wohl erlaubt sein kËnne, die Tugenden des Dionys zu besingen, nachdem der gËttliche Pindar sich nicht geschâ°mt hatte, die Maulesel des Hieron unsterblich zu machen. So gar der zynische Antisthenes lieï¬ sich durch die Hoffnung herbeilocken, daï¬ ihn die Freigebigkeit des Dionys in den Stand setzen w¸rde, die Vorteile der freiwilligen Armut und der Enthaltsamkeit mit desto mehr Gemâ°chlichkeit zu studieren; Tugenden, von deren SchËnheit, nach dem stillschweigenden Gestâ°ndnis ihrer eifrigsten Lobredner, sich nach einer guten Mahlzeit am beredtesten sprechen lâ°ï¬t. Kurz, Dionys hatte das Vergn¸gen, ohne einen Plato dazu nËtig zu haben, sich mitten an seinem Hofe eine Akademie f¸r seinen eignen Leib zu errichten, deren Vorsteher und Apollo er selbst zu sein w¸rdigte, und in welcher ¸ber die Gerechtigkeit, ¸ber die Grenzen des Guten und BËsen, ¸ber die Quelle der Gesetze, ¸ber das SchËne, ¸ber die Natur der Seele, der Welt und der GËtter, und andere solche Materien, welche nach den gewËhnlichen Begriffen der Weltleute zu nichts als zur Konversation gut sind, mit so vieler Schwatzhaftigkeit, mit so viel Subtilitâ°t und so wenig gesunder Vernunft disputiert wurde, als es in irgend einer Schule der Weisheit der damaligen Zeiten zu geschehen pflegte. Er hatte das Vergn¸gen sich bewundern, und wegen einer Menge von Tugenden und Helden-Eigenschaften lobpreisen zu hËren, die er sich selbst niemals zugetraut hâ°tte. Seine Philosophen waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen hâ°tten, ihn hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und dann seinen Staat regieren m¸sse. Der strengeste unter ihnen war zu hËflich, etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem jeden Zweifler sonnenklar zu beweisen, daï¬ ein Tyrann, der Zueignungs-Schriften, und Lobgedichte so gut bezahlte, so gastfrei war, und seine getreuen Untertanen durch den Anblick so vieler Feste und Lustbarkeiten gl¸cklich machte, der w¸rdigste unter allen KËnigen sein m¸sse.
In diesen Umstâ°nden befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer Geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der F¸rst beschaffen, welchem er, unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen war.
Fâ¹NFTES KAPITEL
Agathon wird der G¸nstling des Dionysius
Agathon erfuhr die hauptsâ°chlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des vorhergehenden Kapitels ausmachen, bei einem groï¬en Gastmahl, welches sein Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei, der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade, worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten Hâ°usern zu Syracus sehr willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener groï¬en Migration der schËnen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben, mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch parasitische K¸nste die Eitelkeit des Dionys seinen Bed¸rfnissen zinsbar zu machen. Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber damals kontrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als daï¬ sie einander wahrhaftig hâ°tten hochschâ°tzen kËnnen, obgleich Aristipp sich Ëfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus einen Tempel der Musen, und eine Akademie der besten KËpfe von Athen machten. Die Wahrheit war, daï¬ Agathon mit allen seinen schimmernden Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Ungl¸ck er seinen Vertrauten Ëfters vorhersagte–und Aristipp mit allem seinem Witz nach Agathons Begriffen ein bloï¬er Sophist war, den seine Grundsâ°tze geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge Republikaner zu tugendhaften Mâ°nnern zu machen. Der Eindruck, welcher beiden von dieser ehmals von einander gefaï¬ten Meinung geblieben war, machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu kËnnen, wer sie ist, oder wo und in welchen Umstâ°nden wir sie gesehen haben. Das sollte Agathon–das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst, war ¸berzeugt, daï¬ es so sei, und hatte doch M¸he, seiner eigenen ¸berzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten, welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Verâ°nderung erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden lËsete beiden das Râ°tsel ihres anfâ°nglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils, und flËï¬te ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt erinnerten sie sich nicht mehr, daï¬ sie einander ehmals weniger gefallen hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie itzt f¸r einander empfanden, f¸r die bloï¬e Erneuerung einer alten Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine Gefâ°lligkeit, eine Politesse, eine Mâ°ï¬igung, welche ihm zu beweisen schien, daï¬ Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem Gem¸te gew¸rkt haben muï¬ten. Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken, eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Sch¸ler des weisen Socrates in ihm erkennen lieï¬en. Diese Entdeckungen flËï¬eten ihnen nat¸rlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agathon lieï¬ seinem neuen Freunde sein Erstaunen dar¸ber sehen, daï¬ die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plËtzlich, und auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund alles was man in der Stadt davon wuï¬te, in bloï¬en Mutmaï¬ungen, die sich zum Teil auf allerlei unzuverlâ°ssige Anekdoten gr¸ndeten, welche in Stâ°dten, wo ein Hof ist von m¸ï¬igen Leuten, die sich das Ansehen geben wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes vollkommene Wissenschaft hâ°tten, von Gesellschaft zu Gesellschaft herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen, den Charakter seiner G¸nstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der Sicilianer ¸berhaupt so gut ausstudiert, daï¬ er, ohne sich in die Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht ¸berzeugen konnte, daï¬ ein gleichg¸ltiger Zuseher von den Anschlâ°gen, Dions und Platons, den Dionys zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermËgen, sich keinen gl¸cklichern Ausgang habe versprechen kËnnen. Er malte den Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die ungl¸cklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben kËnnen; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und leicht zu regieren sei, daï¬ alles bloï¬ darauf ankomme, in was f¸r Hâ°nden er sich befinde. Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche Gem¸tsart und der Hang f¸r die Vergn¸gungen der Sinnen die fehlerhafteste Seite dieses Prinzen. Plato hâ°tte die Kunst verstehen sollen, sich dieser Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen; aber das hâ°tte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von Nachgiebigkeit und Zur¸ckhaltung erfordert, wozu der Verfasser des ‘Cratylus’ und ‘Timâ°us’ niemals fâ°hig sein werde. ¸berdem hâ°tte er sich zu deutlich merken lassen, daï¬ er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen zu machen; ein Umstand, der schon f¸r sich allein alles habe verderben m¸ssen. Denn die schwâ°chsten F¸rsten seien allemal diejenigen, vor denen man am sorgfâ°ltigsten verbergen m¸sse, daï¬ man weiter sehe als sie; sie w¸rden sich’s zur Schande rechnen, sich von dem grËï¬esten Geist in der Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, daï¬ er eine solche Absicht im Schilde f¸hre; und daher komme es, daï¬ sie sich oft lieber der schimpflichen Herrschaft eines Kammerdieners oder einer Maitresse unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt ¸ber das Gem¸t des Herrn unter sklavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu verbergen. Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu spitzfindig, und zu einem G¸nstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen Feinden bestâ°ndige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verdâ°chtig zu machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der National-Geist der Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, daï¬ es, seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmËglich bleiben w¸rde, sie zur republikanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter gewissen Umstâ°nden fâ°hig sei ein guter F¸rst zu werden, w¸rde, wenn er sich auch in einem Anstoï¬ von eingebildeter Groï¬mut hâ°tte bereden lassen, die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer B¸rger gewesen sein. Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die nâ°hern Veranlassungen der Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des Platon gewesen sein mËgen, hinlâ°nglich begreiflich zu machen, daï¬ es nicht anders habe gehen kËnnen; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit einer anscheinenden Gleichg¸ltigkeit hinzu) daï¬ ein Anderer, der sich die Fehler dieser Vorgâ°nger zu Nutzen zu machen wiï¬te, wenig M¸he haben w¸rde, die unw¸rdigen Leute zu verdrâ°ngen, welche sich wieder in den Besitz des Zutrauens und der Autoritâ°t des Tyrannen geschwungen hâ°tten.
Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, daï¬ er sich ¸berreden lieï¬, sie f¸r wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete. Sie fl¸sterte ihm so leise, daï¬ er ihren Einhauch vielleicht f¸r die Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu–wie schËn es wâ°re, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen kËnnte, was Plato vergebens unternommen hatte. Wenigstens deuchte es ihn schËn, den Versuch zu machen; und er f¸hlte eine Art von ahnendem Bewuï¬tsein, daï¬ eine solche Unternehmung nicht ¸ber seine Krâ°fte gehen w¸rde. Diese Empfindungen (denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, wâ°hrend daï¬ Aristippus sprach, in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Acht, ihn das geringste davon merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen HËflinge unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gesprâ°ch auf andre Gegenstâ°nde. ¸berhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden vorz¸glich auf ihn hâ°tte richten kËnnen, desto sorgfâ°ltiger, da er wahrnahm, daï¬ man einen auï¬erordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete. Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit unumgâ°nglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung von Athen gehabt hatte; lieï¬ die Anlâ°sse entschl¸pfen, die ihm von einigen mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewËhnlicher Mensch, der sich auf das was er spricht versteht, und begn¸gte sich bei Gelegenheit sehen zu lassen, daï¬ er ein Kenner aller schËnen Sachen sei, ob er sich gleich nur f¸r einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen sei, von sich entfernen wollte, hatte die W¸rkung, daï¬ die Meisten, welche mit einem Erwartungsvollen Vorurteil f¸r ihn gekommen waren, sich f¸r betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der Nâ°he nicht, was sein Ruhm verspreche: ja, um sich daf¸r zu râ°chen, daï¬ er nicht so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb hâ°tte sein sollen, liehen sie ihm noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der schËnen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder nicht verbergen wollte; gewËhnliches Verfahren der kleinen Geister, wodurch sie sich unter einander in der trËstlichen Beredung zu stâ°rken suchen, daï¬ kein so groï¬er Unterscheid, oder vielleicht gar keiner, zwischen ihnen und den Agathonen sei–und wer wird so unbillig sein, und ihnen das ¸bel nehmen?
Sobald sich unser Mann allein sah, ¸berlieï¬ er sich den Betrachtungen, die in seiner gegenwâ°rtigen Stellung die nat¸rlichsten waren. Sein erster Gedanke, sobald er gehËrt hatte, daï¬ Plato entfernt, und Dionys wieder in der Gewalt seiner ehemaligen G¸nstlinge und einer neuangekommenen Tâ°nzerin sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu halten, und sodann nach Italien ¸berzufahren, wo er verschiedne Ursachen hatte zu hoffen, daï¬ er in dem Hause des ber¸hmten Archytas zu Tarent willkommen sein w¸rde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Verâ°nderungen gesagt hatte, ¸berlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her gezogen, brachte er den grËï¬esten Teil der Nacht in einem Mittelstand zwischen Entschlieï¬ung und Ungewiï¬heit zu, bis er endlich mit sich selbst einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstâ°nde bestimmen w¸rden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine Menge Zufâ°lle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Maï¬regeln bei sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umstâ°nden handeln wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine Betrachtung; dieser Punkt lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems; er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer die Freiheit behalten, sich so bald er sehen w¸rde, daï¬ er vergeblich arbeite, mit Ehre zur¸ckzuziehen. Das war die einzige R¸cksicht, die er dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefaï¬t hatte, lieï¬ ihn nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit beh¸lflich zu sein, welche er f¸r einen bloï¬en Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln eines Volkes und der PËbel einander wechselweise â°rger Tyrannisieren als es irgend ein Tyrann zu tun fâ°hig ist; der so arg er immer sein mag, doch durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sklaven gâ°nzlich aufzureiben;–da hingegen der PËbel, wenn er die Gewalt einmal an sich gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen fâ°hig ist. Diese Reflexion traf zwar nur die Demokratie; aber Agathon hatte von der Aristokratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger guter F¸rst, war, nach seiner Voraussetzung, vermËgend, das Gl¸ck seines Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung nach) die Aristokratie anders nicht als durch die gâ°nzliche Unterdr¸ckung des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden kËnne, und also schon aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen mËglichen Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen, und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerwâ°rtigen Dingen eine gute Komposition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und Râ°dern zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also, von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie des groï¬en Systems der Natur gemâ°ï¬este Art die Menschen zu regieren; und dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den Hâ°nden schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er ¸ber sein Gem¸t zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn nach und nach durch die eigent¸mlichen Reizungen der Tugend endlich vollkommen gewinnen kËnnte. Und gesetzt auch, daï¬ es ihm nur auf eine unvollkommene Art gelingen w¸rde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal seines Herzens bemeistert haben w¸rde, doch immer im Stande zu sein, viel gutes zu tun, und viel BËses zu verhindern, und auch dieses schien ihm genug zu sein, um beim Schluï¬ der Aktion mit dem belohnenden Gedanken, eine schËne Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten. In diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzuf¸hren.
Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenwâ°rtigen Geschichte zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefaï¬t hat, so wenig ¸berein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat scheint dasselbe sich mehr auf den Miï¬verstand seiner Grundsâ°tze und einige â°rgerliche Mâ°rchen, welche Diogenes von Laerte und Athenâ°us, zween von den unzuverlâ°ssigsten Kompilatoren in der Welt, seinen Feinden nacherzâ°hlen, als auf irgend etwas zu gr¸nden, welches ihm unsre Hochachtung mit Recht entziehen kËnnte. Es hat zu allen Zeiten eine Art von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind; Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster durch die Affektation der strengesten Grundsâ°tze in der Sittenlehre bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer auï¬erordentlichen Delikatesse der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem bloï¬en Schall des Worts Wollust, mit einem heiligen Schauer, errËtend–oder erblassend, zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten w¸rde, wenn nicht der grËï¬este Haufen dazu verurteilt wâ°re, sich durch Masken-Gesichter, Mienen, Gebâ°rden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und–weiï¬e Schnupft¸cher betr¸gen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebrâ°uchlich ist, denenjenigen einen B¸ndel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp f¸r einen Woll¸stling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin bestehe, daï¬ er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grundsâ°tzen gemacht, und die Kunst gemâ°chlich und angenehm zu leben, in ein System gebracht habe.
Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils zu beweisen; und dieses ist auch so nËtig nicht, nachdem bereits einer der ehrw¸rdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner kritischen Geschichte der Philosophie diesem w¸rdigen Sch¸ler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Ohne uns also um Aristipps Lehrsâ°tze zu bek¸mmern, begn¸gen wir uns, von seinem persËnlichen Charakter so viel zu sagen als man wissen muï¬, um die Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu kËnnen. Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem Hofe befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte, Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische Niedertrâ°chtigkeiten erkaufte. Durch seine nat¸rliche Denkungs-Art eben so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gemâ°chliche Philosophie, von Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines zulâ°nglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch den erlaubten Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wuï¬te) um, nach seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Akteur auf dem Schauplatz der Welt vorzustellen. Da er einer der besten KËpfe seiner Zeit war, so gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt, Gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenstâ°nde des menschlichen Lebens machte. Meister ¸ber seine Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Geschâ°fte selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht schwer, sich immer in dieser Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gem¸tes zu erhalten, welche die Grundz¸ge von dem Charakter eines weisen Mannes ausmachen. Er hatte seine schËnsten Jahre zu Athen, in dem Umgang mit Socrates und den grËï¬esten Mâ°nnern dieses ber¸hmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen, auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die SchËnheit die geringste ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gef¸hl des SchËnen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit der Severitâ°t der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen Mâ°ntel und Bâ°rte seiner Zeit auf den Hals zog. Nichts ¸bertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs; niemand wuï¬te so gut wie er, die Weisheit unter der gefâ°lligen Gestalt des lâ°chelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften einzuf¸hren, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen wâ°re. Er besaï¬ das Geheimnis, den Groï¬en selbst die unangenehmste Wahrheiten mit H¸lfe eines Einfalls oder einer Wendung ertrâ°glich zu machen, und sich an dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die HËfe der (damaligen) F¸rsten wimmelten, durch einen Spott zu râ°chen, den sie dumm genug waren, mit dankbarem Lâ°cheln f¸r Beifall anzunehmen. Die Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des SchËnen besaï¬, machte daï¬ er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die Erfindung sinnreicher ErgËtzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes, die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil ¸ber die Werke der Dichter, Tonk¸nstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergn¸gen, weil er das SchËne liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die Tugend: Aber er muï¬te das Vergn¸gen in seinem Wege finden, und die Tugend muï¬te ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der andern seine Gemâ°chlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht. Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb, war; daï¬ es in unsrer Gewalt sei, in allen Umstâ°nden gl¸cklich zu sein; des Phalaris gl¸henden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte gl¸cklich sein kËnnen, davon konnte er sich keinen Begriff machen. Er setzte voraus, daï¬ Seele und Leib sich im Stande der Gesundheit befinden m¸ï¬ten, und behauptete, daï¬ es als dann nur darauf ankomme, daï¬ wir uns nach den Umstâ°nden richten; anstatt, wie der groï¬e Haufe der Sterblichen, zu verlangen, daï¬ sich die Umstâ°nde nach uns richten sollen, oder ihnen, zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser sonderbaren Geschmeidigkeit kam es her, daï¬ er das vielbedeutende Lob verdiente, welches ihm Horaz gibt, daï¬ ihm alle Farben, alle Umstâ°nde des g¸nstigen oder widrigen Gl¸ckes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte, daï¬ es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.
Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an Fâ°higkeit das Gute zu schâ°tzen gefehlt habe, daï¬ er Aristippen um aller dieser Eigenschaften willen hËher achtete, als alle andern Gelehrten, seines Hofes; daï¬ er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich Ëfters von ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen lieï¬, wozu ihn seine Pedanten mit aller ihrer Dialektik und schulgerechten Beredsamkeit nicht zu vermËgen fâ°hig waren.
Diese charakteristische Z¸ge vorausgesetzt, lâ°ï¬t sich, deucht uns, keine wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern Helden zu Syracus erblickte, den Entschluï¬ faï¬te, ihn bei dem Dionys in Gunst zu setzen, als diese; daï¬ er begierig war zu sehen, was aus einer solchen Verbindung werden, und wie sich Agathon in einer so schl¸pfrigen Stellung verhalten w¸rde. Denn auf einige besondere Vorteile f¸r sich selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne einen Mittelsmann zu bed¸rfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu machen, der in einem Anstoï¬ von prahlerhafter Freigebigkeit fâ°hig war, die Eink¸nfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citharspieler wegzuschenken.
Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als des nâ°chsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten pflegte, von dem neuangekommenen Agathon zu unterhalten, und eine so vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, daï¬ Dionys begierig wurde, diesen auï¬erordentlichen Menschen von Person zu kennen. Aristipp erhielt also den Auftrag, ihn unverz¸glich nach Hofe zu bringen; und er vollzog denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.
Agathon sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art empfing. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit abermals daï¬ die SchËnheit eine stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese Gestalt des Vatikanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten–und schlimmen–Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pythia und die Zuneigung der Athenienser zugezogen, ihn in den Augen der thrazischen Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schËnen Danae zum liebensw¸rdigsten der Sterblichen gemacht hatte–Diese Gestalt, diese einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit W¸rde und Anstand zusammenflieï¬ende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen eigen war–taten ihre W¸rkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die allgemeine Bewunderung zu. Dionys, welcher als KËnig zu wohl mit sich selbst zufrieden war, um ¸ber einen Privat-Mann wegen irgend einer Vollkommenheit eifers¸chtig zu sein, ¸berlieï¬ sich dem angenehmen Eindruck, den dieser schËne Fremdling auf ihn machte. Die Philosophen hofften, daï¬ das Inwendige einer so viel versprechenden Auï¬enseite nicht gemâ°ï¬ sein werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenr¸mpfen, welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten, andeutete, einander zu zuraunen, daï¬ er–schËn sei. Aber die HËflinge hatten M¸he ihren Verdruï¬ dar¸ber zu verbergen, daï¬ sie keinen Fehler finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorz¸ge ertrâ°glich gemacht hâ°tte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.
Agathon verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen gemacht hatte; daï¬ Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war. Man weiï¬, wie wenig es oft bedarf, den Groï¬en der Welt zu gefallen, wenn uns nur der erste Augenblick g¸nstig ist. Agathon muï¬te also dem Dionys, welcher w¸rklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem Verhâ°ltnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorz¸ge und Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besaï¬ er deren so viele, daï¬ der Neid der HËflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde stieg, gewisser maï¬en zu entschuldigen war; die guten Leute w¸rden sich viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen hâ°tten, welche in ihm vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er hatte die Klugheit, anfâ°nglich seine gr¸ndlichere Eigenschaften zu verbergen, und sich bloï¬ von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die Hochachtung der Weltleute am sichersten ¸berraschen lâ°ï¬t. Er sprach von allem mit dieser Leichtigkeit des Witzes, welche nur ¸ber die Gegenstâ°nde dahinglitscht, und wodurch sich oft die schalesten KËpfe in der Welt (auf einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand und Einsichten zu haben, zu geben wissen. Er scherzte; er erzâ°hlte mit Anmut; er machte andern Gelegenheit sich hËren zu lassen; und bewunderte die guten Einfâ°lle, welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelmâ°ï¬igen und frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art, welche, ohne seiner Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen ¸berzeugte, daï¬ Agathon unendlich viel Verstand habe.
Die groï¬en Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch es sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der groï¬e Tanzai von Scheschian, ein Kenner ¸brigens von Verdiensten, kannte doch kein grËï¬eres als die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so g¸nstiges Vorurteil f¸r die Cithar, daï¬ der beste Cithar-Spieler in seinen Augen der grËï¬este Mann auf dem Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht; aber er gab sich f¸r einen Kenner, und r¸hmte sich die grËï¬esten Virtuosen auf diesem wundertâ°tigen Instrument an seinem Hofe zu haben. Zu gutem Gl¸cke hatte Agathon zu Delphi die Cithar schlagen gelernt, und bei der schËnen Danae, welche eine Meisterin auf allen Saiten-Instrumenten der damaligen Zeit war, einige Lektionen genommen, die ihn vollkommen gemacht hatten. Kurz, Agathon nahm das dritte oder vierte mal, da er mit dem Dionys zu Nacht aï¬, eine Cithar, begleitete darauf einen Dithyramben des Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schËnen Bacchidion getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so ¸bermâ°ï¬ige Entz¸ckung, daï¬ der ganze Hof von diesem Augenblick an f¸r ausgemacht hielt, ihn in kurzem zur W¸rde eines erklâ°rten G¸nstlings erhoben zu sehen. Dionys ¸berhâ°ufte ihn in der ersten Aufwallung seiner Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden beinahe allen Mut benahmen. “Himmel!” dachte er, “was werde ich mit einem KËnig anfangen, der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats zu setzen, weil er ein guter Citharschlâ°ger ist?” Dieser erste Gedanke war sehr gr¸ndlich, und w¸rde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er seiner Eingebung gefolget hâ°tte. Aber eine andere Stimme (war es seine Eitelkeit, oder der Gedanke ein groï¬es Vorhaben nicht um einer so geringf¸gigen Ursache willen aufzugeben?–oder war es die Schwachheit, die uns geneigt macht, alle Torheiten der Groï¬en, welche Achtung f¸r uns zeigen, mit nachsichtvollen Augen einzusehen?) fl¸sterte ihm ein: Daï¬ der Geschmack f¸r die Musik, und die besondere Anmutung f¸r ein gewisses Instrument, eine Sache sei, welche von unsrer Organisation abhange; und daï¬ es ihm nur desto leichter sein werde, sich des Herzens dieses Prinzen zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten besitze, wodurch man seinen Beifall erhalten kËnne.
Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit einer akademischen Versammlung, welche Dionys mit groï¬en Feierlichkeiten veranstaltete, zu einem solchen Grade, daï¬ Philistus, der bisher noch zwischen Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr f¸r gewiï¬ hielt.
Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, daï¬ Agathon ehmals ein Sch¸ler Platons gewesen, und wâ°hrend seines Gl¸cksstandes zu Athen f¸r einen der grËï¬esten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten worden sei. Erfreut, eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu entdecken, sâ°umte er sich keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu veranstalten, wo er aus eigner Einsicht von der Wahrheit dieses Vorgebens urteilen kËnnte; denn es kam ihm ganz ¸bernat¸rlich vor, daï¬ man zu gleicher Zeit ein Philosoph, und so schËn, und ein so groï¬er Citharschlâ°ger sollte sein kËnnen. Die Akademie erhielt also Befehl sich zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen, welches sich mit einem groï¬en Schmaus enden sollte. Agathon dachte an nichts weniger, als daï¬ er bei diesem Wettstreit eines Haufens von Sophisten (die er nicht ohne Grund f¸r sehr ¸berfl¸ssige Leute an dem Hofe eines guten F¸rsten ansah) eine Rolle zu spielen bekommen w¸rde; und Aristipp hatte, aus dem obenber¸hrten Beweggrunde, der der Schl¸ssel zu seinem ganzen Betragen gegen unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht nichts entdeckt. Dieser erËffnete als Prâ°sident der Akademie (denn seine Eitelkeit begn¸gte sich nicht an der Ehre, ihr Besch¸tzer zu sein) die Versammlung durch einen ¸bel zusammengestoppten, und nicht allzuverstâ°ndlichen, aber mit Platonismen reich verbrâ°mten Diskurs, welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen begleitet wurde; ungeachtet er dem Agathon mehr das ungezweifelte Vertrauen des kËniglichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als die GrËï¬e seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien. Nach Endigung dieser Rede, nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die ZuhËrer durch die subtilen Geister, die sich nunmehr hËren lieï¬en, nicht sehr unterrichtet wurden, so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit des einen, die klingende Stimme und den guten Akzent eines andern, die paradoxen Einfâ°lle eines dritten, und die seltsamen Gesichter, die ein vierter zu seinen Distinktionen und Demonstrationen machte, ertrâ°glich belustiget. Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte, und ein unhËfliches Gâ°hnen bereits zwei Dritteile der ZuhËrer zu ergreifen begann, sagte Dionys: Da er das Gl¸ck habe, seit einigen Tagen einen der w¸rdigsten Sch¸ler des groï¬en Platons in seinem Hause zu besitzen; so ersuchte er ihn, zufrieden zu sein, daï¬ der Ruhm, der ihm allenthalben vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine Verdienste zu verh¸llen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schËnen Agathon einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er mËchte sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Akademie in einen Wettstreit ¸ber irgend eine interessante Frage aus der Philosophie einzulassen. Zu gutem Gl¸cke sprach Dionys, der sich selbst gerne hËrte, und die Gabe der Weitlâ°ufigkeit in hohem Maï¬e besaï¬, lange genug, um unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Best¸rzung zu erholen, worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne Zaudern: Er sei zu fr¸h aus den HËrsâ°len der Weisen auf den Markt-Platz zu Athen gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter maï¬en seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden, als daï¬ er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus Achtung gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene, welches ihm aus einem allzug¸nstigen Vorurteil beigelegt worden sei.
Dionys rief also den Philistus auf, (man weiï¬ nicht, ob von ungefâ°hr oder vermËg einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, f¸r und wider welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agathon, der ihm furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage vor–welche Regierungs-Form einen Staat gl¸cklicher mache, die Republikanische oder die Monarchische?–Man wird, dachte er, dem Agathon die Wahl lassen, f¸r welche er sich erklâ°ren will; spricht er f¸r die Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genËtiget ist, so wird er dem Prinzen miï¬fallen; wirft er sich zum Lobredner der Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhaï¬t machen, und Dionys wird den Mut nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Auslâ°nder anzuvertrauen, der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen Eindruck auf die Gem¸ter der Syracusaner gemacht hat. Allein dieses mal betrog den schlauen Mann seine Erwartung. Agathon erklâ°rte sich, ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, f¸r die Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antisthenes und der Sophist Protagoras alle ihre Krâ°fte anstrengeten, die Vorz¸ge der Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehËrt hatten, fing er damit an, daï¬ er ihren Gr¸nden noch mehr Stâ°rke gab, als sie selbst zu tun fâ°hig gewesen waren. Die Aufmerksamkeit war auï¬erordentlich; jedermann war mehr begierig, zu hËren, wie Agathon sich selbst, als wie er seine Gegner w¸rde ¸berwinden kËnnen. Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte, welches die Seelen der ZuhËrer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks, der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die W¸rde des Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche Abneigung gegen die Demokratie, welche ihm aus Athen in seine Verbannung gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Krâ°fte seiner Seele hËher spannte; seine Ideen waren so groï¬, seine Gemâ°lde so stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gr¸nde jeder f¸r sich selbst so schimmernd, und liehen einander durch ihre Zusammenordnung so viel Licht; der Strom seiner Rede, der anfâ°nglich in ruhiger Majestâ°t dahinfloï¬, wurde nach und nach so stark und hinreiï¬end; daï¬ selbst diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, daï¬ er Unrecht haben sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genËtiget sahen, ihm innerlich Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu hËren, die Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten) bewunderten am meisten, daï¬ er die Kunstgriffe verschmâ°hte, wodurch die Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu geben–Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betr¸gliche falscher oder umsonst angenommener Sâ°tze verbergen muï¬ten; keine k¸nstliche Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den Gegenstâ°nden mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und Farbe zu benehmen.
Indessen m¸ssen wir gestehen, daï¬ er ein wenig grausam mit den Republiken umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn hËrten zu beweisen, daï¬ diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie genommen, und daï¬ die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg bem¸het hâ°tte, Ordnung und Konsistenz in eine Verfassung zu bringen, welche ihrer Natur nach, in steter Unruh und innerlicher Gâ°rung alle Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Krâ°fte aufzureiben, und welche des Ruhestandes so wenig fâ°hig sei, daï¬ eine solche Ruhe in derselben vielmehr die Folge der â°uï¬ersten Verderbnis, und gleich einer