der grobe Materialismus des plumpen Handwerkers, der rauhe Ungestuem des Seefahrers, die mechanische Unempfindlichkeit des Soldaten, und die einfaeltige Schlauheit des Landvolks; daher endlich, schoene Danae, die Schwaermerei, welche der weise Hippias deinem Callias vorwirft; diese Schwaermerei, die ich vielleicht in einem minder erhabnen Licht sehe, seitdem ich ihre wahre Quelle entdeckt zu haben glaube; aber die ich nichts desto weniger fuer diejenige Gemuetsbeschaffenheit halte, welche uns, unter den noetigen Einschraenkungen, gluecklicher als irgend eine andre machen kann.
Du begreifest leicht, schoene Danae, dass unter lauter Gegenstaenden, welche ueber die gewoehnliche Natur erhaben, und selbst schon idealisch sind, jenes phantastische Modell, dessen ich vorhin erwaehnte, in einem so ungewoehnlichen Grade abgezogen und ueberirdisch werden musste, dass bei zunehmendem Alter alles was ich wuerklich sah, weit unter demjenigen war, was sich meine Einbildungskraft zu sehen wuenschte. In dieser Gemuetsverfassung war ich, als einer von den Priestern zu Delphi aus Absichten, welche sich erst in der Folg’ entwickelten, es uebernahm, mich in den Geheimnissen der Orphischen Philosophie einzuweihen; der einzigen, die von unsern Priestern hochgeachtet wurde, weil sie die Vernunft selbst auf ihre Partei zu ziehen, und den Glauben von dessen unbeweglichem Ansehen das ihrige abhing, einen festern Grund als die Tradition und die Fabeln der Dichter, zu geben schien.
Nichts, was ich jemals empfunden habe, gleicht der Entzueckung, in die ich hingezogen wurde, als ich in den Haenden dieses Egyptiers, der die geheime Goetterlehre seiner Nation zu uns gebracht hat, in das Reich der Geister eingefuehrt, und zu einer Zeit, da die erhabensten Gemaelde Homers und Pindars ihren Reiz fuer mich verloren hatten, mitten in der materiellen Welt mir eine Neue, mit lauter unsterblichen Schoenheiten erfuellt, und von lauter Goettern bewohnt, eroeffnet wurde.
Das Alter, worin ich damals war, ist dasjenige, worin wir, aus dem langen Traum der Kindheit erwachend, uns selbst zuerst zu finden glauben, die Welt um uns her mit erstaunten Augen betrachten, und neugierig sind, unsre eigne Natur und den Schauplatz, worauf wir uns ohn unser Zutun versetzt sehen, kennen zu lernen. Wie willkommen ist uns in diesem Alter eine Philosophie, welche den Vorteil unsrer Wissensbegierde mit dieser Neigung zum Wunderbaren und dieser arbeitscheuen Fluechtigkeit, welche der Jugend eigen sind, vereiniget, welche alle unsre Fragen beantwortet, alle Raetsel erklaert, alle Aufgaben aufloeset; eine Philosophie, welche destomehr mit dem warmen und gefuehlvollen Herzen der Jugend sympathisiert, weil sie alles Unempfindliche und Tote aus der Natur verbannet, und jeden Atom der Schoepfung mit lebenden und geistigen Wesen bevoelkert, jeden Punkt der Zeit mit verborgnen Begebenheiten und grossen Szenen befruchtet, welche fuer kuenftige Ewigkeiten heranreifen; ein System, welches die Schoepfung so unermesslich macht, als ihr Urheber ist; welches uns in der anscheinenden Verwirrung der Natur eine majestaetische Symmetrie, in der Regierung der moralischen Welt einen unveraenderlichen Plan, in der unzaehlbaren Menge von Klassen und Geschlechtern der Wesen einen einzigen Staat, in den verwickelten Bewegungen aller Dinge einen allgemeinen Richtpunkt, in unsrer Seele einen kuenftigen Gott, in der Zerstoerung unsers Koerpers die Wiedereinsetzung in unsre urspruengliche Vollkommenheit, und in dem nachtvollen Abgrund der Zukunft helle Aussichten in grenzenlose Wonne zeigt? Ein solches System ist zu schoen an sich selbst, zu schmeichelhaft fuer unsern Stolz, unsern innersten Wuenschen und wesentlichsten Trieben zu angemessen, als dass wir es in einem Alter, wo alles Grosse und Ruehrende so viel Macht ueber uns hat, nicht beim ersten Anblick wahr finden sollten. Vermutungen und Wuensche werden hier zu desto staerkern Beweisen, da wir in dem blossen Anschauen der Natur zuviel Majestaet, zuviel Geheimnisreiches und Goettliches zu sehen glauben, um besorgen zu koennen, dass wir jemals zugross von ihr denken moechten. Und, soll ich dirs gestehen, schoene Danae? Selbst itzt, da mich glueckliche Erfahrungen das Schwaermende und Unzuverlaessige dieser Art von Philosophie gelehrt haben, fuehle ich mit einer innerlichen Gewalt, die sich gegen jeden Zweifel empoert, dass diese uebereinstimmung mit unsern edelsten Neigungen, welche ihr das Wort redet, der rechte Stempel der Wahrheit ist, und dass selbst in diesen Traeumen, welche dem materialischen Menschen so ausschweifend scheinen, fuer unsern Geist mehr Wuerklichkeit, mehr Unterhaltung und Aufmunterung, eine reichere Quelle von ruhiger Freude und ein festerer Grund der Selbstzufriedenheit liegt, als in allem was die Sinne uns angenehmes und Gutes anzubieten haben. Doch ich erinnere mich, dass es die Geschichte meiner Seele, und nicht die Rechtfertigung meiner Denkensart ist, wozu ich mich anheischig gemacht habe. Es sei also genug, wenn ich sage, dass die Lehrsaetze des Orpheus und des Pythagoras, von den Goettern, von der Natur, von unsrer Seele, von der Tugend, und von dem was das hoechste Gut des Menschen ist, sich meines Gemuets so gaenzlich bemeisterten, dass alle meine Begriffe nach diesem Urbilde gemodelt, alle meine Reizungen davon beseelt, und mein ganzes Betragen, so wie alle meine Entwuerfe fuer die Zukunft, mit dem Plan eines nach diesen Grundsaetzen abgemessenen Lebens, dessen Beurteilung mich unaufhoerlich in mir selbst beschaeftigte, uebereinstimmig waren.”
ZWEITES KAPITEL
En animam & mentem cum qua Di nocte loquantur!
“Der Priester, der sich zu meinem Mentor aufgeworfen hatte, schien ueber den ausserordentlichen Geschmack, den ich an seinen erhabnen Unterweisungen fand, sehr vergnuegt zu sein, und ermangelte nicht, meinen Enthusiasmus bis auf einen Grad zu erhoehen, welcher mich, seiner Meinung nach, alles zu glauben und alles zu leiden faehig machen muesste. Ich war zu jung und zu unschuldig, um das kleinste Misstrauen in seine Bemuehungen zu setzen, bei welchen die Aufrichtigkeit meines eignen Herzens die edelsten Absichten voraussetzte. Er hatte die Vorsicht gebraucht, es so einzuleiten, dass ich endlich aus eigner Bewegung auf die Frage geraten musste, ob es nicht moeglich sei, schon in diesem Leben mit den hoehern Geistern in Gemeinschaft zu kommen? Dieser Gedanke beschaeftigte mich lange bei mir selbst; ich fand moeglich, was ich mit der groessesten Lebhaftigkeit wuenschte. Die Geschichte der ersten Zeiten schien meine Hoffnung zu bestaetigen. Die Goetter hatten sich den Menschen bald in Traeumen, bald in Erscheinungen entdeckt; verschiedene waren so gar gluecklich genug gewesen, Guenstlinge der Goetter zu sein. Hier kam mir Ganymed, Endymion und so viele andre zu statten, welche von Gottheiten geliebt worden waren. Ich gab demjenigen, was die Dichter davon erzaehlen, eine Auslegung, welche den erhabenen Begriffen gemaess war, die ich von den hoehern Wesen gefasset hatte; die Schoenheit und Reinigkeit der Seele, die Abgezogenheit von den Gegenstaenden der Sinne, die Liebe zu den unsterblichen und ewigen Dingen, schien mir dasjenige zu sein, was diese Personen den Goettern angenehm, und zu ihrem Umgang geschickt gemacht hatte. Ich entdeckte endlich dem Theogiton (so hiess der Priester) meine lange geheim gehaltene Gedanken. Er erklaerte sich auf eine Art darueber, welche meine Neubegierde rege machte, ohne sie zu befriedigen; er liess mich merken, dass dieses Geheimnisse seien, welche er Bedenken trage, meiner Jugend anzuvertrauen: Doch sagte er mir, dass die Moeglichkeit der Sache keinem Zweifel unterworfen sei, und bezauberte mich ganz mit dem Gemaelde, so er mir von der Glueckseligkeit derjenigen machte, welche von den Goettern wuerdig geachtet wuerden, zu ihrem geheimen Umgang zugelassen zu werden. Die geheimnisvolle Miene, die er annahm, so bald ich nach den Mitteln hiezu zu gelangen fragte, bewog mich, den Vorsatz zu fassen, zu warten, bis er selbst fuer gut finden wuerde, sich deutlicher zu entdecken. Er tat es nicht; aber er machte so viele Gelegenheiten, meine erregte Neugierigkeit zu entflammen, dass ich mich nicht lange enthalten konnte, neue Fragen zu tun. Endlich fuehrte er mich einsmals tief im geheiligten Hain des Apollo in eine Grotte, welche ein uralter Glaube der Bewohner des Landes von den Nymphen bewohnt glaubte, deren Bilder, aus Zypressenholz geschnitzt, in Blinden von Muschelwerk das Innerste der Hoehle zierten.
Hier liess er mich auf eine bemooste Bank niedersetzen, und fing nach einer viel versprechenden Vorrede an, mir, wie er sagte, das geheime Heiligtum der goettlichen Philosophie des Hermes und Orpheus aufzuschliessen. Unzaehliche religioese Waschungen, und eine Menge von Gebeten, Raeucherungen und andre geheimen Anstalten mussten vorhergehen, einen noch in irdische Glieder gefesselten Geist zum Anschauen der himmlischen Naturen vorzubereiten. Und auch alsdenn wuerde unser sterblicher Teil den Glanz der goettlichen Vollkommenheit nicht ertragen, sondern (wie die Dichter unter der Geschichte der Semele zu erkennen gegeben) gaenzlich davon verzehrt und vernichtet werden, wenn sie sich nicht mit einer Art von koerperlichem Schleier umhuellen, und durch diese Herablassung uns nach und nach faehig machen wuerden, sie endlich selbst, entkoerpert und in ihrer wesentlichen Gestalt anzuschauen. Ich war einfaeltig genug alle diese vorgegebene Geheimnisse fuer echt zu halten; ich hoerte dem ernsten Theogiton mit einem heiligen Schauer zu, und machte mir seine Unterweisungen so wohl zu Nutze, dass ich Tag und Nacht an nichts anders dachte als an die ausserordentliche Dinge, wovon ich in kurzem die Erfahrung bekommen wuerde.
Du kannst dir einbilden, Danae, ob meine Phantasie in dieser Zeit muessig war. Ich wuerde nicht fertig werden, wenn ich alles beschreiben wollte, was damals in ihr vorging, und mit welch einer Zauberei sie mich in meinen Traeumen bald in die gluecklichen Inseln, welche Pindar so praechtig schildert, bald zum Gastmahl der Goetter, bald in die Elysischen Taeler, der Wohnung seliger Schatten, versetzte.
So seltsam es klingt, so gewiss ist es doch, dass die Kraefte der Einbildung dasjenige weit uebersteigen, was die Natur unsern Sinnen darstellt: Sie hat etwas glaenzenders als Sonnenglanz, etwas lieblichers als die suessesten Duefte des Fruehlings zu ihren Diensten, unsre innern Sinnen in Entzueckung zu setzen; sie hat neue Gestalten, hoehere Farben, vollkommnere Schoenheiten, schnellere Veranstaltungen, eine neue Verknuepfung der Ursachen und Wuerkungen, eine andere Zeit–kurz, sie erschafft eine neue Natur, und versetzt uns in der Tat in fremde Welten, welche nach ganz andern Gesetzen als die unsrige regiert werden. In unsrer ersten Jugend sind wir noch zu unbekannt mit den Triebfedern unsers eignen Wesens, um deutlich einzusehen, wie sehr diese scheinbare Magie der Einbildungskraft in der Tat natuerlich ist. Wenigstens war ich damals leichtglaeubig genug, Traeume von dieser Art, uebernatuerlichen Einfluessen beizumessen, und sie fuer Vorboten der Wunderdinge zu halten, welche ich bald auch wachend zu erfahren hoffte.
Einsmals, als ich nach der Vorschrift des Theogitons acht Tage lang mit geheimen Zeremonien und Weihungen, und in einer unablaessigen Anstrengung mein Gemuet von allen aeusserlichen Gegenstaenden abzuziehen, zugebracht hatte, und mich nunmehr berechtiget hielt, etwas mehr zu erwarten, als was mir bisher begegnet war, begab ich mich in spaeter Nacht, da alles schlief, in die Grotte der Nymphen, und nachdem ich eine Menge von schwuelstigen Liedern und Anrufungsformeln hergesagt hatte, legte ich mich, mit dem Angesicht gegen den vollen Mond gekehrt, welcher eben damals in die Grotte schien, auf die Ruhebank zurueck, und ueberliess mich der Vorstellung, wie mir sein wuerde, wenn Luna aus ihrer Silbersphaere herabsteigen, und mich zu ihrem Endymion machen wuerde. Mitten in diesen ausschweifenden Vorstellungen, unter denen ich allmaehlich zu entschlummern anfing, weckte mich ploetzlich ein liebliches Getoen, welches in einiger Entfernung ueber mir zu schweben schien, und wie ich bald erkannte, aus derjenigen Art von Saitenspiel erklang, welche man dem Apollo zuzueignen pflegt. Einem natuerlich gestimmten Menschen wuerde gedeucht haben, er hoere ein gutes Stueck von einer geschickten Hand ausgefuehrt; und so haette er sich nicht betruegen koennen. Aber in der Verfassung, worin ich damals war, haette ich vielleicht das Gequaeke eines Chors von Froeschen fuer den Gesang der Musen gehalten. Die Musik, die ich hoerte, ruehrte, fesselte, entzueckte mich; sie uebertraf, meiner eingebildeten Empfindung nach (denn die Phantasie hat auch ihre Empfindungen,) alles was ich jemals gehoert hatte; nur Apollo, der Vater der Harmonie, dessen Laute die Sphaeren ihre Goetter-vergnuegende Harmonien gelehrt hatte, konnte so ueberirdische Toene hervorbringen. Meine Seele schien davon wie aus ihrem Leibe emporgezogen zu werden, und, lauter Ohr, ueber den Wolken zu schweben; als diese Musik ploetzlich aufhoerte, und mich in einer Verwirrung von Gedanken und Gemuetsregungen zurueckliess, die mir diese ganze Nacht kein Auge zu schliessen, gestattete.
Des folgenden Tages erzaehlte ich dem Theogiton, was mir begegnet war. Er schien nichts sehr besonders daraus zu machen; doch gab er, nachdem er mich um alle Umstaende befragt hatte, zu, dass es Apollo, oder eine von den Musen gewesen sein koenne. Du wirst laecheln, Danae, wenn ich dir gestehe, dass ich, so jung ich war, und ohne mir selbst recht bewusst zu sein, warum? doch lieber gesehen haette, wenn es eine Muse gewesen waere. Ich unterliess nun keine Nacht, mich in der Grotte einzufinden, um die vermeinte Muse wieder zu hoeren: Aber meine Erwartung betrog mich; es war Apollo selbst. Nach etlichen Naechten, worin ich mich mit der stummen Gegenwart der Nymphen von Zypressenholz hatte begnuegen muessen, kuendigte mir ein heller Schein, der auf einmal in die Grotte fiel, und durch die allgemeine Dunkelheit und meinen Wahnwitz zu einem ueberirdischen Licht erhoben wurde, irgend eine ausserordentliche Begebenheit an. Urteile, wie bestuerzt ich war, als ich mitten in der Nacht, den Gott des Tages, auf einer hellglaenzenden Wolke sitzend, vor mir sah, der sich mir zu lieb den Armen der schoenen Thetis entrissen hatte. Goldgelbe Locken flossen um seine weissen Schultern; eine Krone von Strahlen schmueckte seine Scheitel; das silberne Gewand, das ihn umfloss, funkelte von tausend Edelsteinen; und eine goldne Leier lag in seinem linken Arm. Meine Einbildung tat das uebrige hinzu, was zu Vollendung einer idealischen Schoenheit noetig war. Allein Bestuerzung und Ehrfurcht erlaubte mir nicht, dem Gott genauer ins Gesicht zu sehen; ich glaubte geblendet zu sein, und den Glanz von Augen, welche die ganze Welt erleuchteten, nicht ertragen zu koennen. Er redete mich an; er bezeugte mir sein Wohlgefallen an meinem Dienst, und an der feurigen Begierde, womit ich, mit Verachtung der irdischen Dinge mich den himmlischen widmete. Er munterte mich auf, in diesem Wege fortzugehen, und mich den Einfluessen der Unsterblichen leidend zu ueberlassen; mit der Versicherung, dass ich bestimmt sei, die Anzahl der Gluecklichen zu vermehren, welche er seiner besondern Gunst gewuerdiget habe. Er verschwand, indem er diese Worte sagte, so ploetzlich, dass ich nichts dabei beobachten konnte; und so voreingenommen als mein Gemuet war, haette dieser Apollo seine Rolle viel ungeschickter spielen koennen, ohne dass mir ein Zweifel gegen seine Gottheit aufgestiegen waere. Theogiton, dem ich von dieser Erscheinung Nachricht gab, wuenschte mir Glueck dazu, und sagte mir von den alten Helden unsrer Nation, welche einst Lieblinge der Goetter gewesen, und nun als Halbgoetter selbst Altaere und Priester haetten, so viel herrliche Sachen vor, als er noetig erachten mochte, meine Betoerung vollkommen zu machen. Am Ende vergass er nicht, mir Anweisung zu geben, wie ich mich bei einer zweiten Erscheinung gegen den Gott zu verhalten haette. Insonderheit ermahnte er mich, mein Urteil ueber alles zurueckzuhalten, mich durch nichts befremden zu lassen, und der Vorschrift unsrer Philosophie immer eingedenk zu bleiben, welche eine gaenzliche Untaetigkeit von uns fodert, wenn die Goetter auf uns wuerken sollen. Man musste so unerfahren sein, als ich war, um keine Schlange unter diesen Blumen zu merken. Nichts als die Entwicklung dieser heiligen Mummerei konnte mir die Augen oeffnen. Ich konnte unmoeglich aus mir selbst auf den Argwohn geraten, dass die Zuneigung einer Gottheit eigennuetzig sein koenne. Ich hatte vielmehr gehofft, die groessesten Vorteile fuer meine Wissens-Begierde von ihr zu ziehen, und mit mehr als menschlichen Vorzuegen begabt zu werden. Die Erklaerungen des Apollo befremdeten mich endlich, und seine Handlungen noch mehr; zuletzt entdeckte ich, was du schon lange vorher gesehen haben musst, dass der vermeinte Gott kein andrer als Theogiton selber war; welcher, sobald er sein Spiel entdeckt sah, auf einmal die Sprache aenderte, und mich bereden wollte, dass er diese Komoedie nur zu dem Ende angestellt habe, um mich von der Eitelkeit der Theosophie, in die er mich so verliebt gesehen haette, desto besser ueberzeugen zu koennen. Er zog die Folge daraus: Dass alles, was man von den Goettern sagte, Erfindungen schlauer Koepfe waeren, womit sie Weiber und leichtglaeubige Knaben in ihr Netz zu ziehen suchten; Kurz, er wandte alles an, was eine unsittliche Leidenschaft einem schamlosen Veraechter der Goetter eingeben kann, um die Muehe einer so wohl ausgesonnenen und mit so vielen Maschinen aufgestuetzten Verfuehrung nicht umsonst gehabt zu haben. Ich verwies ihm seine Bosheit mit einem Zorne, der mich stark genug machte, mich von ihm loszureissen. Des folgenden Tags hatte er die Unverschaemtheit, die priesterlichen Verrichtungen mit eben der heuchlerischen Andacht fortzusetzen, womit er mich und jeden andern bisher hintergangen hatte. Er liess nicht die geringste Veraenderung in seinem Betragen gegen mich merken, und schien sich des Vergangenen eben so wenig zu erinnern, als ob er den ganzen Lethe ausgetrunken haette. Diese Auffuehrung vermehrte meine Unruhe sehr; ich konnte noch nicht begreifen, dass es Leute geben koenne, welche, mitten in den Ausschweifungen des Lasters, Ruhe und Heiterkeit, die natuerlichen Gefaehrten der Unschuld, beizubehalten wissen. Allein in weniger Zeit darauf befreite mich die Unvorsichtigkeit dieses Betruegers von den Besorgnissen, worin ich seit der Geschichte in der Grotte geschwebet hatte. Theogiton verschwand aus Delphi, ohne dass man die eigentliche Ursache davon erfuhr. Aus dem, was man sich in die Ohren murmelte, erriet ich, dass Apollo endlich ueberdruessig geworden sein moechte, seine Person von einem andern spielen zu lassen. Einer von unsern Knaben, der ein Verwandter des Ober-Priesters war, hatte (wie man sagte) den Anlass dazu gegeben.
Diese Begebenheiten fuehrten mich natuerlicher Weise auf viele neue Betrachtungen; aber meine Neigung zum Wunderbaren und meine Lieblings-Ideen verloren nichts dabei; sie gewannen vielmehr, indem ich sie nun in mich selbst verschloss, und die Unsterblichen allein zu Zeugen desjenigen machte, was in meiner Seele vorging. Ich fuhr fort, die Verbesserung derselben nach den Grundsaetzen der Orphischen Philosophie mein vornehmstes Geschaefte sein zu lassen. Ich fing nun an zu glauben, dass keine andre als eine idealische Gemeinschaft zwischen den Hoehern Wesen und den Menschen moeglich sei; dass nichts als die Reinigkeit und Schoenheit unsrer Seele vermoegend sei, uns zu einem Gegenstande des Wohlgefallens jenes Unnennbaren, Allgemeinen, Obersten Geistes zu machen, von welchem alle uebrige, wie die Planeten von der Sonne, ihr Licht und die ganze Natur ihre Schoenheit und unwandelbare Ordnung erhalten; und dass endlich in der uebereinstimmung aller unsrer Kraefte, Gedanken und geheimsten Neigungen mit den grossen Absichten und den allgemeinen Gesetzen dieses Beherrschers der sichtbaren und unsichtbaren Welt, das wahre Geheimnis liege, zu derjenigen Vereinigung mit demselben zu gelangen, welche ich fuer die natuerliche Bestimmung und das letzte Ziel aller Wuensche eines unsterblichen Wesens ansah. Beides, jene geistige Schoenheit der Seele und diese erhabene Richtung ihrer Wuerksamkeit nach den Absichten des Gesetzgebers der Wesen, glaubte ich am sichersten durch die Betrachtung der Natur zu erhalten; welche ich mir als einen Spiegel vorstellte, aus welchem das Wesentliche, Unvergaengliche und Goettliche in unsern Geist zurueckstrahle, und ihn nach und nach eben so durchdringe und erfuelle, wie die Sonne einen angestrahlten Wasser-Tropfen. Ich ueberredete mich, dass die unverrueckte Beschauung der Weisheit und Guete, welche so wohl aus der besondern Natur eines jeden Teils der Schoepfung, als aus dem Plan und der allgemeinen oekonomie des Ganzen hervorleuchte, das unfehlbare Mittel sei, selbst weise und gut zu werden. Ich brachte alle diese Grundsaetze in Ausuebung. Jeder neue Gedanke, der sich in mir entwickelte, wurde zu einer Empfindung meines Herzens; und so lebte ich in einem stillen und lichtvollen Zustand des Gemuets, dessen ich mich niemals anders als mit wehmuetigem Vergnuegen erinnern werde, etliche glueckliche Jahre hin; unwissend (und gluecklich durch diese Unwissenheit) dass dieser Zustand nicht dauern koenne; weil die Leidenschaften des reifenden Alters, und (wenn auch diese nicht waeren) die unvermeidliche Verwicklung in dem Wechsel der menschlichen Dinge jene Fortdauer von innerlicher Heiterkeit und Ruhe nicht gestatten, welche nur ein Anteil entkoerperter Wesen sein kann.”
DRITTES KAPITEL
Die Liebe in verschiedenen Gestalten
“Inzwischen hatte ich das achtzehnte Jahr erreicht, und fing nun an, mitten unter den angenehmen Empfindungen, von denen meine Denkungs-Art und meine Beschaeftigungen unerschoepfliche Quellen zu sein schienen, ein Leeres in mir zu fuehlen, welches sich durch keine Ideen ausfuellen lassen wollte. Ich sah die manchfaltigen Szenen der Natur wie mit neuen Augen an; ihre Schoenheiten hatten fuer mich etwas Herz-ruehrendes, welches ich sonst nie auf diese Art empfunden hatte. Der Gesang der Voegel im Haine schien mir was zu sagen, das er mir nie gesagt hatte, ohne dass ich wusste, was es war; und die neu belaubten Waelder schienen mich einzuladen, in ihren Schatten einer wolluestigen Schwermut nachzuhaengen, von welcher ich mitten in den erhabensten Betrachtungen wider meinen Willen ueberwaeltiget wurde. Nach und nach verfiel ich in eine weichliche Untaetigkeit: Mich deuchte, ich sei bisher nur in der Einbildung gluecklich gewesen; und mein Herz sehnete sich nach einem Gegenstand, in welchem ich jene idealische Vollkommenheiten wuerklich geniessen moechte, an denen ich mich bisher nur wie an einem getraeumten Gastmahle geweidet hatte. Damals zuerst stellten sich mir die Reizungen der Freundschaft in einer vorher nie empfundenen Lebhaftigkeit dar: Ein Freund (bildete ich mir ein) ein Freund wuerde diese geheime Sehnsucht meines Herzens befriedigen. Meine Phantasie malte sich einen Pylades aus, und mein verlangendes Herz bekraenzte dieses schoene Bild mit allem, was mir das Liebenswuerdigste schien, selbst mit jenen aeusserlichen Annehmlichkeiten, welche in meinem System den natuerlichen Schmuck der Tugend ausmachten. Ich suchte diesen Freund unter der bluehenden Jugend, welche mich umgab. Mehr als einmal betrog mich mein Herz, ihn gefunden zu haben; aber eine kurze Erfahrung machte mich meines Irrtums bald gewahr werden. Unter einer so grossen Anzahl von auserlesenen Juenglingen, welche die Liverei des Gottes zu Delphi trugen, war nicht ein einziger, den die Natur so vollkommen mit mir zusammen gestimmt hatte, als die Spitzfindigkeit meiner Begriffe es erfoderte.
Um diese Zeit geschah es, dass ich das Unglueck hatte, der Ober-Priesterin eine Neigung einzufloessen, welche mit ihrem geheiligten Stande und mit ihrem Alter einen gleich starken Absatz machte; sie hatte mich schon seit geraumer Zeit mit einer vorzueglichen Guetigkeit angesehen, welche ich, so lang ich konnte, einer muetterlichen Gesinnung beimass, und mit aller der Ehrerbietung erwiderte, die ich der Vertrauten des Delphischen Gottes schuldig war. Stelle dir vor, schoene Danae, was fuer ein Modell zu einer Bild-Saeule des Erstaunens ich abgegeben haette, als sich eine so ehrwuerdige Person herabliess, mir zu entdecken, dass alle Vertraulichkeit, die ich zwischen ihr und dem Apollo voraussetzte, nicht zureiche, sie ueber die Schwachheiten der gemeinsten Erden-Toechter hinwegzusetzen. Die gute Dame war bereits in demjenigen Alter, worin es laecherlich waere, das Herz eines Mannes von einiger Erfahrung einer jungen Nebenbuhlerin streitig machen zu wollen. Allein einem Neuling, wofuer sie mich mit gutem Grund ansah, die ersten Unterweisungen zu geben, dazu konnte sie sich ohne uebertriebene Eitelkeit fuer reizend genug halten. Sie war zu den Zeiten des Heiligen Kriegs in der Bluete ihrer Schoenheit gewesen; hatte sich aber, wie die meisten ihres Standes, so gut erhalten, dass sie noch immer Hoffnung haben konnte, in einer Versammlung herbstlicher Schoenheiten vorzueglich bemerkt zu werden. Setze zu diesen ehrwuerdigen ueberbleibseln einer vormals beruehmten Schoenheit eine Figur, wie man die blonde Ceres zu bilden pflegt, grosse schwarze Augen, unter deren affektiertem Ernst eine wolluestige Glut hervorglimmte, und zu allem diesem eine ungemeine Sorgfalt fuer ihre Person, und die schlaue Kunst, die Vorteile ihrer Reizungen mit der strengen Sittsamkeit ihrer priesterlichen Kleidung zu verbinden: so kannst du dir eine genugsame Vorstellung von dieser Pythia machen, um den Grad der Gefahr abnehmen zu koennen, worin sich die Einfalt meiner Jugend bei ihren Nachstellungen befand.
Es ist leicht zu erachten, wie viel es sie Muehe kosten musste, die ersten Schwierigkeiten zu ueberwinden, welche ein mehr Ehrfurcht als Liebe einfloessendes Frauenzimmer, in den hartnaeckigen Vorurteilen eines achtzehnjaehrigen Juenglings findet. Ihr Stand erlaubte ihr nicht, sich deutlich zu erklaeren; und meine Bloedigkeit verstand die Sprache nicht, deren sie sich zu bedienen genoetigt war. Zwar braucht man sonst zu dieser Sprache keinen andern Lehrmeister als sein Herz; allein ungluecklicher Weise sagte mir mein Herz nichts. Es bedurfte der lange geuebten Geduld einer bejahrten Priesterin, um nicht tausendmal das Vorhaben aufzugeben, einem Menschen, der aus lauter Ideen zusammengesetzt war, ihre Absichten begreiflich zu machen. Und dennoch fand sie sich endlich genoetigt, sich des einzigen Kunstgriffs zu bedienen, von dem man in solchen Faellen eine gewisse Wuerkung erwarten kann; sie hatte noch Reizungen, welche die ungewohnten Augen eines Neulings blenden konnten. Die Verwirrung, worein sie mich durch den ersten Versuch von dieser Art gesetzt sah, schien ihr von guter Vorbedeutung zu sein; und vielleicht haette sie sich weniger in ihrer Erwartung betrogen, wenn nicht ein Umstand, von dem ihr nichts bekannt war, meinem Herzen eine mehr als gewoehnliche Staerke gegeben haette.
Unsre Tugend, oder diejenigen Wuerkungen, welche das Ansehen haben, aus einer so edeln Quelle zu fliessen, haben insgemein geheime Triebfedern, die uns, wenn sie gesehen wuerden, wo nicht alles, doch einen grossen Teil unsers Verdienstes dabei entziehen wuerden. Wie leicht ist es, der Versuchung einer Leidenschaft zu widerstehen, wenn ihr von einer staerkern die Waage gehalten wird?
Kurz zuvor, eh die schoene Pythia ihren physikalischen Versuch machte, war das Fest der Diana eingefallen, welches zu Delphi mit aller der Feierlichkeit begangen wird, die man der Schwester des Apollo schuldig zu sein vermeint. Alle Jungfrauen ueber vierzehn Jahre erschienen dabei in schneeweissem Gewand, mit aufgeloesten fliegenden Haaren, den Kopf und die Arme mit Blumen-Kraenzen umwunden, und sangen Hymnen zum Preis der jungfraeulichen Goettin. Auch alte halb verloschne Augen heiterten sich beim Anblick einer so zahlreichen Menge junger Schoenen auf, deren geringster Reiz die frischeste Blum der Jugend war. Urteile, schoene Danae, ob derjenige, den der bunte Schimmer eines bluehenden Blumen-Stuecks schon in eine Art von Entzueckung setzte, bei einem solchen Auftritt unempfindlich bleiben konnte? Meine Blicke irrten in einer zaertlichen Verwirrung unter diesen anmutsvollen Geschoepfen herum; bis sie sich ploetzlich auf einer einzigen sammelten, deren erster Anblick meinem Herzen keinen Wunsch uebrig liess, etwas anders zu sehen. Vielleicht wuerde mancher sie unter so vielen Schoenen kaum besonders wahrgenommen haben; denn der schoenste Wuchs, die regelmaessigsten Zuege, langes Haar, dessen wallende Locken bis zu den Knien herunterflossen, und eine Farbe, welche Lilien und Rosen, wenn sie ihre eigene Schoenheit fuehlen koennten, beschaemt haette, alle diese Reizungen waren ihr mit ihren Gespielen gemein; viele uebertrafen sie noch in einem und dem andern Stuecke der Schoenheit, und wenn ein Maler unter der ganzen Schar haette entscheiden sollen, welche die Schoenste sei, so wuerde sie vielleicht uebergangen worden sein; allein mein Herz urteilte nicht nach den Regeln der Kunst. Ich empfand, oder glaubte zu empfinden, (und dieses ist in Absicht der Wuerkung allemal eins) dass nichts liebenswuerdigers als dieses junge Maedchen sein koenne, ohne dass ich daran gedachte, sie mit den uebrigen zu vergleichen; sie loeschte alles andre aus meinen Augen aus. So (dacht ich) muesste die Unschuld aussehen, wenn sie, um sichtbar zu werden, die Gestalt einer Grazie entlehnte; so ruehrend wuerden ihre Gesichts-Zuege sein; so still-heiter wuerden ihre Augen; so holdselig ihre Wangen laecheln; so wuerden ihre Blicke, so ihr Gang, so jede ihrer Bewegungen sein. Dieser Augenblick brachte in meiner Seele eine Veraenderung hervor, welche mir, da ich in der Folge faehig wurde, ueber meinen Zustand zu denken, dem uebergang in eine neue und vollkommnere Art des Daseins gleich zu sein schien. Aber damals war ich zu stark geruehrt, zu sehr von Empfindungen verschlungen, um mir meiner selbst recht bewusst zu sein. Meine Entzueckung ging so weit, dass ich nichts mehr von dem Pomp des Festes bemerkte; und erst, nachdem alles gaenzlich aus meinen Augen verschwunden war, ward ich, wie durch einen ploetzlichen Schlag, wieder zu mir selbst gebracht. Itzt hatte ich Muehe, mich zu ueberzeugen, dass ich nicht aus einem von den Traeumen erwacht sei, worin meine Phantasie, in ueberirdische Sphaeren verzueckt, mir zuweilen aehnliche Gestalten vorgestellt hatte. Der Schmerz, eines so suessen Anblicks beraubt zu sein, konnte das vollkommene Vergnuegen nicht schwaechen, womit das Innerste meines Wesens erfuellt war. Selbigen ganzen Abend, und den groessesten Teil der Nacht, hatten alle Kraefte meiner Seele keine andere Beschaeftigung, als sich dieses geliebte Bild bis auf die kleinsten Zuege mit allen diesen namenlosen Reizen,–welche vielleicht ich allein an dem Urbilde bemerkt hatte,–und mit einer Lebhaftigkeit vorzumalen, die ihm immer neue Schoenheiten lehnte; mein Herz schmueckte es mit allem, was die Natur Anmutiges hat, mit allen Vorzuegen des Geistes, mit jeder sittlichen Schoenheit, mit allem was nach meiner Denkungs-Art das Vollkommenste und Beste war, aus–was fuer ein Gemaelde, wozu die Liebe die Farben gibt!–Und doch glaubte ich immer, zu wenig zu tun; und bearbeitete mich in mir selbst, noch etwas schoeners als das Schoenste zu finden, um die Idee, die ich mir von meiner Unbekannten machte, gaenzlich zu vollenden, und gleichsam in das Urbild selbst zu verwandeln.–Diese liebenswuerdige Person hatte mich zu eben der Zeit, da ich sie erblickte, wahrgenommen; und es war (wie sie mir in der Folge entdeckte) etwas mit den Regungen meines Herzens uebereinstimmendes in dem ihrigen vorgegangen. Ich erinnerte mich, (denn wie haette ich die kleinste Bewegung, die sie gemacht hatte, vergessen koennen?) dass unsre Blicke sich mehr als ein mal begegnet waren, und dass sie sogleich mit einer Scham-Roete, welche ihr ganzes liebliches Gesicht mit Rosen ueberzog, die Augen niedergeschlagen hatte. Ich war zu unerfahren, und in der Tat auch zu bescheiden, aus diesem Umstand etwas besonderes zu meinem Vorteil zu schliessen; aber doch erinnerte ich mich desselben mit einem so innigen Vergnuegen, als ob es mir geahnet haette, wie gluecklich mich die Folge davon machen wuerde. Ich hatte die Eitelkeit nicht, welche uns zu schmeicheln pflegt, dass wir liebenswuerdig seien; ich dachte an nichts weniger, als auf Mittel, wie ich mich lieben machen wollte. Aber die Schoenheit der Seele, die ich in ihrem Gesichte ausgedrueckt gesehen hatte; diese sanfte Heiterkeit, die aus dem natuerlichen Ernst ihrer Zuege hervorlaechelte, hauchten mir Hoffnung ein, dass ich geliebet werden wuerde.–Und welch einen Himmel von Wonne eroeffnete diese Hoffnung vor mir! Was fuer Aussichten! Welches Entzuecken!–Wenn ich mir vorstellte, dass mein ganzes Leben, dass selbst die Ewigkeiten, in deren grenzenlosen Tiefen, der Glueckliche die Dauer seiner Wonne so gerne sich verlieren laesst, in ihrem Anschauen und an ihrer Seite dahinfliessen wuerden!
So lebhafte Hoffnungen setzten voraus, dass ich sie wieder finden wuerde; und dieser Wunsch brachte die Begierde mit sich, zu wissen wer sie sei. Aber wen konnt’ ich fragen? Ich hatte keinen Freund, dem ich mich entdecken durfte; von einem jeden andern glaubte ich, dass er bei einer solchen Frage mein ganzes Geheimnis in meinen Augen lesen wuerde; und die Liebe, die ein sehr guter Ratgeber ist, hatte mich schon einsehen gemacht, wie viel daran gelegen sei, dass der Pythia nicht das Geringste zu Ohren komme, was ihr den Zustand meines Herzens haette verraten, oder sie zu einer misstrauischen Beobachtung meines Betragens veranlassen koennen. Ich verschloss also mein Verlangen in mich selbst, und erwartete mit Ungeduld, bis irgend ein meiner Liebe guenstiger Schutz-Geist mir zu dieser gewuenschten Entdeckung verhelfen wuerde. Nach einigen Tagen fuegte es sich, dass ich meiner geliebten Unbekannten in einem der Vorhoefe des Tempels begegnete. Die Furcht, von jemand beobachtet zu werden, hielt mich in eben dem Augenblick zurueck, da ich auf sie zueilen und meine Entzueckung ueber diesen unverhofften Anblick in Gebaerden, und vielleicht in Ausrufungen, ausbrechen lassen wollte. Sie blieb, indem sie mich erblickte, einige Augenblicke stehen, und sah mich an. Ich glaubte ein ploetzliches Vergnuegen in ihrem schoenen Gesicht aufgehen zu sehen; sie erroetete, schlug die Augen wieder nieder, und eilte davon. Ich durft’ es nicht wagen, ihr zu folgen; aber meine Augen folgten ihr, so lang es moeglich war; und ich sahe, dass sie zu einer Tuer einging, welche in die Wohnung der Priesterin fuehrte. Ich begab mich in den Hain, um meinen Gedanken ueber diese angenehme Erscheinung ungestoerter nachzuhaengen. Der letzte Umstand, den ich bemerkt hatte, und ihre Kleidung, brachte mich auf die Vermutung, dass sie vielleicht eine von den Aufwaerterinnen der Pythia sei, deren diese Dame eine grosse Anzahl hatte, die aber (ausser bei besondern Feierlichkeiten) selten sichtbar wurden. Diese Entdeckung beschaeftigte mich noch nach der ganzen Wichtigkeit, die sie fuer mich hatte, als ich, in der Tat zur ungelegensten Zeit von der Welt, zu der zaertlichen Priesterin gerufen wurde.–Die Begierde und die Hoffnung, meine Geliebte bei dieser Gelegenheit wieder zu sehen, machte mir anfaenglich diese Einladung sehr willkommen; aber meine Freude wurde bald von dem Gedanken vertrieben, wie schwer es mir sein wuerde, wenn meine Unbekannte zugegen waere, meine Empfindungen fuer sie den Augen einer Nebenbuhlerin zu verbergen. Die Kuenste der Verstellung waren mir zu unbekannt, und meine Gemuets-Regungen bildeten sich (auch wider meinen Willen) zu schnell und zu deutlich in meinem aeusserlichen ab, als dass ich mich bei allen meinen Bestrebungen, vorsichtig zu sein, sicher genug halten konnte. Diese Gedanken gaben mir (wie ich glaube) ein ziemlich verwirrtes Aussehen, als ich vor die Pythia gefuehrt wurde. Allein, da ich niemand, als eine kleine Sklavin von neun oder zehen Jahren, bei ihr fand, erholte ich mich bald wieder; und sie selbst schien mit ihren eigenen Bewegungen zu sehr beschaeftigt, um auf die meinige genau Acht zu geben,–oder (welches wenigstens eben so wahrscheinlich ist) sie legte die Veraenderung, die sie in meinem Gesichte wahrnehmen musste, zu Gunsten ihrer Reizungen aus, von denen sie sich dieses mal desto mehr Wuerkung versprechen konnte, je mehr sie vermutlich darauf studiert hatte, sie in dieses reizende Schatten-Licht zu setzen, welches die Einbildungs-Kraft so lebhaft zum Vorteil der Sinnen ins Spiel zu ziehen pflegt. Sie sass oder lag (denn ihre Stellung war ein Mittelding von beiden) auf einem mit Silber und Perlen reich gestickten Ruhe-Bette; ihr ganzer Putz hatte dieses Zierlich-Nachlaessige, hinter welches die Kunst sich auf eine schlaue Art versteckt, wenn sie nicht dafuer angesehen sein will, dass sie der Natur zu Huelfe komme; ihr Gewand, dessen bescheidene Farbe ihrer eigenen eben so sehr als der Anstaendigkeit ihrer Wuerde angemessen war, wallte zwar in vielen Falten um sie her; aber es war schon dafuer gesorgt, dass hier und da der schoene Contour dessen, was damit bedeckt war, deutlich genug wurde, um die Augen auf sich zu ziehen, und die Neugier luestern zu machen. Ihre Arme, die sie sehr schoen hatte, waren in weiten und halb auf geschuerzten aermeln fast ganz zu sehen; und eine Bewegung, welche sie, waehrend unsers Gespraechs, unwissender Weise gemacht haben wollte, trieb einen Busen aus seiner Verhuellung hervor, welcher reizend genug war, ihr Gesicht um zwanzig Jahre juenger zu machen. Sie bemerkte diese kleine Unregelmaessigkeit endlich; aber das Mittel, wodurch sie die Sachen wieder in Ordnung zu bringen suchte, war mit der Unbequemlichkeit verbunden, dass dadurch ein Fuss bis zur Haelfte sichtbar wurde, dessen die schoenste Spartanerin sich haette ruehmen duerfen. Die tiefe Gleichgueltigkeit, worin mich alle diese Reizungen liessen, machte ohne Zweifel, dass ich Beobachtungen machen konnte, wozu ein geruehrter Zuschauer die Freiheit nicht gehabt haette. Indes gab mir doch eine Art von Scham, die ich anstatt der guten Pythia auf meinen Wangen gluehen fuehlte, ein Ansehen von Verwirrung, womit die Dame, welche in zweifelhaften Faellen alle mal zu Gunsten ihrer Eigenliebe urteilte, ziemlich wohl zufrieden schien. Sie schrieb es vermutlich einer schuechternen Unentschlossenheit oder einem Streit zwischen Ehrfurcht und Liebe bei, dass ich (ungeachtet des starken Eindrucks, den sie auf mich machte) ihr keine Gelegenheit gab, die Delikatesse ihrer Tugend sehen zu lassen. Ich hatte Aufmunterungen noetig, zu welchen man bei einem geuebtern Liebhaber sich nicht herablassen wuerde. Die Geschicklichkeit, die man mir in der Kunst, die Dichter zu lesen, beilegte, diente ihr zum Vorwand, mir einen Zeit-Vertrieb vorzuschlagen, von dem sie sich einige Befoederung dieser Absicht versprechen konnte. Sie versicherte mich, dass Homer ihr Lieblings-Autor sei, und bat mich, ihr das Vergnuegen zu machen, sie eine Probe meines gepriesenen Talents hoeren zu lassen. Sie nahm einen Homer, der neben ihr lag, und stellte sich, nachdem sie eine Weile gesucht hatte, als ob es ihr gleichgueltig sei, welcher Gesang es waere; sie gab mir den ersten den besten in die Haende; aber zu gutem Gluecke war es gerade derjenige, worin Juno, mit dem Guertel der Venus geschmueckt, den Vater der Goetter in eine so lebhafte Erinnerung der Jugend ihrer ehelichen Liebe setzt.–Von dem dichterischen Feuer, welches in diesem Gemaelde gluehet, und dem suessen Wohlklang der Homerischen Verse entzueckt, beobachtete sie nicht, in was fuer eine verfuehrische Unordnung ein Teil ihres Putzes durch eine Bewegung der Bewunderung, welche sie machte, gekommen war. Sie nahm von dieser Stelle Anlass, die unumschraenkte Gewalt des Liebes-Gottes zum Gegenstande der Unterredung zu machen. Sie schien der Meinung derjenigen guenstig zu sein, welche behaupten, dass der Gedanke, einer so maechtigen Gottheit widerstehen zu wollen, nur in einer vermessenen und ruchlosen Seele geboren werden koenne. Ich pflichtete ihr bei, behauptete aber, dass die meisten in den Begriffen, welche sie sich von diesem Gotte machten, der grossen Pflicht, von der Gottheit nur das Wuerdigste und Vollkommenste zu denken, sehr zu nahe traeten; und dass die Dichter durch die allzusinnliche Ausbildung ihrer allegorischen Fabeln in diesem Stuecke sich keines geringen Vergehens schuldig gemacht haetten. Unvermerkt schwatzte ich mich in einen Enthusiasmus hinein, in welchem ich, nach den Grundsaetzen meiner geheimnisreichen Philosophie, von der intellektualischen Liebe, von der Liebe welche der Weg zum Anschauen des wesentlichen Schoenen ist, von der Liebe welche die geistigen Fluegel der Seele entwickelt, sie mit jeder Tugend und Vollkommenheit schwellt, und zuletzt durch die Vereinigung mit dem Urbild und Urquell des Guten in einen Abgrund von Licht, Ruhe und unveraenderlicher Wonne hineinzieht, worin sie gaenzlich verschlungen und zu gleicher Zeit vernichtigt und vergoettert wird–so erhabne, mir selbst meiner Einbildung nach sehr deutliche, der schoenen Priesterin aber so unverstaendliche Dinge sagte, dass sie in eben der Proportion, nach welcher sich meine Einbildungs-Kraft dabei erwaermte, nach und nach davon eingeschlaefert wurde. In der Tat konnte im Prospekt eines so schoenen Busens, als ich vor mir sahe, nichts seltsamere sein, als eine Lob-Rede auf die intellektualische Liebe; auch gab die betrogne Pythia nach einer solchen Probe alle Hoffnung auf, mich, diesen Abend wenigstens, zu einer natuerlichen Art zu denken und zu lieben herumzustimmen. Sie entliess mich alsobald darauf, nachdem sie mir, wiewohl auf eine ziemlich raetselhafte Art, zu vernehmen gegeben hatte, dass sie besondere Ursachen habe, sich meiner mehr anzunehmen, als irgend eines andern Kostgaengers des Apollo. Ich verstund aus dem, was sie mir davon sagte, so viel, dass sie eine nahe Anverwandtin meines mir selbst noch unbekannten Vaters sei; dass es ihr vielleicht bald erlaubt sein werde, mir das Geheimnis meiner Geburt zu entdecken; und dass ich es allein diesem naehern Verhaeltnis zu zuschreiben habe, wenn sie mich durch eine Freundschaft unterscheide, welche mich, ohne diesen Umstand, vielleicht haette befremden koennen. Diese Eroeffnung, an deren Wahrheit mich ihre Miene nicht zweifeln liess, hatte die gedoppelte Wuerkung–mich zu bereden, dass ich mich in meinen Gedanken von ihren Gesinnungen betrogen haben koenne–und sie auf einmal zu einem interessanten Gegenstande fuer mein Herz zu machen. In der Tat fing ich, von dem Augenblick, da ich hoerte, dass sie mit meinem Vater befreundet sei, an, sie mit ganz andern Augen anzusehen; und vielleicht wuerde sie von den Dispositionen, in welche ich dadurch gesetzt wurde, in kurzer Zeit mehr Vorteil haben ziehen koennen, als von allen den Kunstgriffen, womit sie meine Sinnen hatte ueberraschen wollen. Aber die gute Dame wusste entweder nicht, wie viel man bei gewissen Leuten gewonnen, wenn man Mittel findet, ihr Herz auf seine Seite zu ziehen; oder sie war ueber mein seltsames Betragen erbittert, und glaubte, ihre verachteten Reizungen nicht besser raechen zu koennen, als wenn sie mich in eben dem Augenblick von sich entfernte, da sie in meinen Augen las, dass ich gerne laenger geblieben waere. Alles Bitten, dass sie ihre Guetigkeit durch eine deutlichere Entdeckung des Geheimnisses meiner Geburt vollkommen machen moechte, war umsonst; sie schickte mich fort, und hatte Grausamkeit genug, eine geraume Zeit vorbei gehen zu lassen, eh sie mich wieder vor sich kommen liess. Zu einer andern Zeit wuerde das Verlangen, diejenigen zu kennen, denen ich das Leben zu danken haette, mir diesen Aufschub zu einer harten Strafe gemacht haben; aber damals brauchte es nur wenige Minuten, wieder allein zu sein, und einen Gedanken an meine geliebte Unbekannte, um die Priesterin mit allen ihren Reizen, und mit allem was sie mir gesagt und nicht gesagt hatte, aus meinem Gemuete wieder auszuloeschen. Es war mir unendlich mal angelegener zu wissen, wer diese Unbekannte sei, und ob sie wuerklich (wie ich mir schmeichelte) fuer mich empfinde, was ich fuer sie empfand, als in Absicht meiner selbst aus einer Unwissenheit gezogen zu werden, gegen welche die Gewohnheit mich fast ganz gleichgueltig gemacht hatte: So lange ich das nicht wusste, wuerde ich die Entdeckung, der Erbe eines Koenigs zu sein, mit Kaltsinn angesehen haben. Der Blick, den sie diesen Abend auf mich geheftet hatte, schien mir etwas zu versprechen, das fuer mein Herz unendlich mehr Reiz hatte, als alle Vorteile der glaenzendsten Geburt. Mein ganzes Wesen schien von diesem Blicke, wie von einem ueberirdischen Lichte, durchstrahlt und verklaert–ich unterschied zwar nicht deutlich, was in mir vorging–aber so oft ich sie mir wieder in dieser Stellung, mit diesem Blicke, mit diesem Ausdruck in ihrem lieblichen Gesichte vorstellte, (und dieses geschah allemal so lebhaft, als ob ich sie wuerklich mit Augen saehe) so schien mir mein Herz vor Liebe und Vergnuegen in Empfindungen zu zerfliessen, fuer deren durchdringende Suessigkeit keine Worte erfunden sind. “–Hier wurde Agathon (dessen Einbildungs-Kraft, von den Erinnerungen seiner ersten Liebe erhitzt, einen huebschen Schwung, wie man sieht, zu nehmen anfing,) durch eine ziemlich merkliche Veraenderung in dem Gesichte seiner schoenen Zuhoererin, mitten in dem Lauf seiner unzeitigen Schwaermerei aufgehalten, und aus seinem achtzehnten Jahr, in welches er in dieser kleinen Ekstase zurueckversetzt worden war, auf einmal wieder nach Smyrna, zu sich selbst und der schoenen Danae gegenueber, gebracht.
VIERTES KAPITEL
Fortsetzung des Vorhergehenden
Es ist eine alte Bemerkung, dass man einer schoenen Dame die Zeit nur schlecht vertreibt, wenn man sie von den Eindruecken, die eine andre auf unser Herz gemacht hat, unterhaelt. Je mehr Feuer, je mehr Wahrheit, je mehr Beredsamkeit wir in einem solchen Falle zeigen, je reizender unsre Schilderungen, je schoener unsre Bilder, je beseelter unser Ausdruck ist, desto gewisser duerfen wir uns versprechen, unsre Zuhoererin einzuschlaefern. Diese Beobachtung sollten sich besonders diejenigen empfohlen sein lassen, welche eine wuerklich im Besitz stehende Geliebte mit der Geschichte ihrer ehemaligen verliebtet Abenteuer unterhalten. Agathon, welcher noch weit davon entfernt war, von seiner Einbildungs-Kraft Meister zu sein, hatte diese Regel gaenzlich aus den Augen verloren, da er einmal auf die Erzaehlung seiner ersten Liebe gekommen war. Die Lebhaftigkeit seiner Wiedererinnerungen schien sie in Empfindungen zu verwandeln; er bedachte nicht, dass es weniger anstoessig waere, eine Geliebte, wie Danae, mit der ganzen Metaphysik der intellektualischen Liebe, als mit so enthusiastischen Beschreibungen der Vorzuege einer andern, und der Empfindungen, welche sie eingefloesst, zu unterhalten. Eine Art von Mittelding zwischen Gaehnen und Seufzen, welches ihr an der Stelle, wo wir seine Erzaehlungen abgebrochen haben, entfuhr, und ein gewisser Ausdruck von langer Weile, der aus einer erzwungnen Miene von vergnuegter Aufmerksamkeit hervorbrach, machte ihn endlich seiner Unbesonnenheit gewahr werden; er stutzte einen Augenblick, er erroetete, und es fehlte wenig, dass er den Zusammenhang seiner Geschichte darueber verloren haette. Doch erholte er sich noch geschwinde genug wieder, um seiner Verwirrung irgend einen zufaelligen Vorwand zu geben, und setzte seine Erzaehlung fort, indem er fest bei sich beschloss, genauer auf sich selbst Acht zu geben, und seine Beschreibungen so sehr abzukuerzen, als es nur immer moeglich sein wuerde; ein Vorsatz, bei welchem unsre Leser sich wenigstens eben so wohl befinden werden, als die schoene Danae, wenn er anders faehig sein wird, sich selbst Wort zu halten.
“Die suessen Traeume”, (fuhr der Held unsrer Geschichte fort) “worin mein Herz sich so gerne zu wiegen pflegte, hatten nicht wuerkliches genug, diesen angenehmen Zustand meines Gemuetes lange zu unterhalten. Eine zaertliche Schwermut, welche jedoch nicht ohne eine Art von Wollust war, bemaechtigte sich meiner so stark, dass ich Muehe hatte, sie vor denjenigen zu verbergen, mit denen ich einen Teil des Tages zubringen musste. Ich suchte die Einsamkeit; und weil ich den Tag ueber, nur wenige Stunden in meiner Gewalt hatte, so fing ich wieder an, den groessten Teil der Zeit, worin andere schliefen, in den angenehmen Hainen, die den Tempel umgeben, mit meinen Gedanken und dem Bilde meiner Unbekannten zu durchwachen. In einer dieser Naechte begegnete es, dass ich von ungefaehr in eine Gegend des Hains verirrte, welche das Ansehen einer Wildnis, aber der anmutigsten, die man sich nur einbilden kann, hatte. Mitten darin liess das Gebuesche, welches in labyrinthischen Kruemmungen mit hohen Zypressen und vielen selbst gewachsenen Lauben abgesetzt, sich um sich selbst herumwand, einen offnen Platz, der mit einem halben Circul von wilden Lorbeer-Baeumen, von denen sich immer eine Reihe ueber die andere erhub, eingefasst, auf der andern Seite aber nur mit niedrigem Myrten-Gestraeuch und Rosen-Hecken leicht umkraenzt war. Mitten darin lagen einige Nymphen von weissem Marmor, von ueberhangendem Rosen-Gestraeuche beschattet, welche auf ihren Urnen zu schlafen schienen, indes sich aus jeder Urne eine Quelle in ein geraeumiges Becken von poliertem schwarzem Granit-Marmor ergoss, worin die Frauens-Personen, welche unter dem Schutz des delphischen Apollo stunden, sich im Sommer zu baden pflegten. Dieser Ort war (einer alten Sage nach) der Diana heilig; und kein maennlicher Fuss durfte, bei Strafe, sich den Zorn dieser unerbittlichen Goettin zu zuziehen, sich unterstehen, ihrem geheiligten Ruhe-Platz nahe zu kommen. Vermutlich machte die Goettin eine Ausnahme zu Gunsten eines unschuldigen Schwaermers, der (ohne den mindesten Vorsatz, ihre Ruhe zu stoeren, und ohne einmal zu wissen, wohin er kam), sich hieher verirrt hatte. Denn anstatt mich ihren Zorn empfinden zu lassen, beguenstigte sie mich vielmehr mit einer Erscheinung, welche mir angenehmer war, als wenn sie selbst, mich zu ihrem Endymion zu machen, zu mir herabgestiegen waere. Weil ich in eben dem Augenblick, da ich diese Erscheinung hatte, den Ort, wo ich mich befand, fuer denjenigen erkannte, der mir oefters, um ihn desto gewisser vermeiden zu koennen, beschrieben worden war; so war wuerklich mein erster Gedanke, dass es die Goettin sei, welche, von der Jagd ermuedet, unter ihren Nymphen schlummre. Von einem heiligen Schauer erschuettert, wollte ich schon den Fuss zurueckziehn; als ich beim Glanz des seitwaerts einfallenden Mond-Lichts gewahr wurde, dass es meine Unbekannte war. Ich will es nicht versuchen, zu beschreiben wie mir in diesem Augenblicke zu Mute war; es war einer von denen, an welche ich mich nur erinnern darf, um zu glauben, dass ein Wesen, welches einer solchen Wonne faehig ist, zu nichts geringers als zu der Wonne der Goetter bestimmt sein koenne. Itzt konnt’ ich natuerlicher Weise nicht mehr denken, mich unbemerkt zurueckzuziehen; meine einzige Sorge war, die liebenswuerdige Einsame zu einer Zeit und an einem Orte, wo sie keinen Zeugen, am allerwenigsten einen maennlichen vermuten konnte, durch keine ploetzliche ueberraschung zu erschrecken. Die Stellung, worin sie an eine der marmornen Nymphen angelegt lag, gab zu erkennen, dass sie staunte; ich betrachtete sie eine geraume Weile, ohne dass sie mich gewahr wurde. Dieser Umstand erlaubte mir meine eigene Stelle zu veraendern, und eine solche zu nehmen, dass sie, so bald sie die Augen aufschlage, mich unfehlbar erkennen muesste. Diese Vorsicht hatte die verlangte Wuerkung. Sie erblickte mich; sie stutzte; aber sie erkannte mich doch zu schnell, um mich fuer einen Satyren anzusehen. Meine Erscheinung schien ihr mehr Vergnuegen als Unruhe zu machen. Ein jeder andrer, so gar ein Satyr, wuerde irgend ein artig gedrehtes Kompliment in Bereitschaft gehabt haben, um seine Freude ueber eine so reizende Erscheinung auszudruecken; die Gelegenheit konnte nicht schoener sein, sie fuer eine Goettin, oder wenigstens fuer eine der Gespielen Dianens anzusehen, und diesem Irrtum gemaess zu begruessen. Aber ich, von neuen, nie gefehlten, unbeschreiblichen Empfindungen gedrueckt, ich konnte gar nichts sagen. Zu ihren Fuessen haette ich mich werfen moegen; aber die Schuechternheit, welche (zumal in meinem damaligen Alter) mit der ersten Liebe so unzertrennlich verbunden ist, hielt mich zurueck; ich besorgte, dass sie sich einen nachteiligen Begriff von der tiefen Ehrerbietung, die ich fuer sie empfand, aus einer solchen Freiheit machen moechte. Meine Unbekannte war nicht so schuechtern; sie hub sich, mit dieser sittsamen Anmut, wodurch sie sich das erste mal, als ich sie gesehen, in meinen Augen von allen ihren Gespielen unterschieden hatte, vom Boden auf, und ging ein paar Schritte gegen mich. ‘Wie finde ich den Agathon hier?’ sagte sie mit einer Stimme, die ich noch zu hoeren glaube; so lieblich, so ruehrend schien sie unmittelbar in meine Seele sich einzuschmeicheln. In der suessen Verwirrung, worin ich war, fand ich keine bessere Antwort, als sie zu versichern, dass ich nicht so verwegen gewesen waere, ihre Einsamkeit zu stoeren, wenn ich vermutet haette, sie hier zu finden. Das Kompliment war nicht so artig, als es ein junger Athenienser bei einer solchen Gelegenheit gemacht haette; aber Psyche (so erfuhr ich in der Folge, dass meine Unbekannte genennt werde) war zu unschuldig, um Komplimente zu erwarten. ‘Ich erkenne meine Unvorsichtigkeit, wiewohl zu spaet’, versetzte sie: ‘Was wird Agathon von mir denken, da er mich an diesem abgelegenen Ort in einer solchen Stunde allein findet? Und doch’ (setzte sie erroetend hinzu) ‘ist es gluecklich fuer mich, wenn ich ja einen Zeugen meiner Unbesonnenheit haben musste, dass es Agathon war.’ Ich versicherte sie, dass mir nichts natuerlicher vorkomme, als der Geschmack, den sie in der Einsamkeit, in der Stille einer so schoenen Nacht, und in einer so anmutigen Gegend zu finden scheine. Ich setzte noch vieles von den Annehmlichkeiten des Mondscheins, von der majestaetischen Pracht des sternvollen Himmels, von der Begeistrung, welche die Seele in diesem feierlichen Schweigen der ganzen Natur erfahre, von dem Einschlummern der Sinne, und dem Erwachen der innern geheimnisvollen Kraefte unsers unsterblichen Teils, hinzu–Dinge, welche bei den meisten Schoenen, zumal in einem so anmutigen Myrten-Gebuesche, und in der einladenden Daemmerung einer so lauen Sommer-Nacht, sehr uebel angebracht gewesen waeren; aber bei der gefuehlvollen Psyche ruehrten sie die empfindlichsten Saiten ihres Herzens. Das Gespraech, worin wir uns unvermerkt verwickelten, entdeckte eine uebereinstimmung in unserm Geschmack und in unsern Neigungen, welche gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches Verstaendnis zwischen unsern Seelen hervorbrachte, als ob wir uns schon viele Jahre geliebet haetten. Mir war, als ob ich alles, was sie sagte, durch eine unmittelbare Anschauung in ihrer Seele lese; und hinwieder schien das, was ich sagte, so abgezogen, idealisch und dichterisch, es immer sein mochte, ein blosser Widerhall oder die Entwicklung ihrer eigenen Empfindungen und solcher Ideen zu sein, welche als Embryonen in ihrer Seele lagen, und nur den erwaermenden Einfluss eines geuebtern Geistes noetig hatten, um sich zu entfalten, und durch ihre naive Schoenheit die erhabensten und sinnreichsten Gedanken der Weisen zu beschaemen. Die Zeit wurde uns bei dieser Unterhaltung so kurz, dass wir kaum eine Stunde bei einander gewesen zu sein glaubten, als uns die aufgehende Morgenroete erinnerte, dass wir uns trennen mussten. Ich hatte durch diese Unterredung erfahren, dass meine Geliebte von ihrer Herkunft eben so wenig wisse, als ich von der meinigen; dass sie von ihrer Amme, in der Gegend von Corinth bis ins sechste Jahr erzogen, hernach aber von Raeubern entfuehrt, und an die Priesterin zu Delphi verkauft worden, welche sie in allen weiblichen Kuensten, und da sie eine besondere Neigung zum Lesen an ihr bemerkt, auch in der Kunst die Dichter recht zu lesen, habe unterrichten lassen, und sie in der Folge zu ihrer Leserin gemacht habe. Diese Umstaende waren fuer meine Liebe zu der jungen Psyche nicht sehr schmeichelhaft; allein das Vergnuegen der gegenwaertigen Augenblicke liess mich gar nicht an das Kuenftige denken; unbekuemmert, wohin die Empfindungen, von denen ich eingenommen war, in ihren Folgen endlich fuehren koennten, ueberliess ich mich ihnen mit aller Gutherzigkeit der jugendlichen Unschuld; meine kleine Psyche zu sehen, zu lieben, es ihr zu sagen, und aus ihrem schoenen Munde zu hoeren, in ihren seelenvollen Augen zu sehen, dass ich wieder geliebt werde.–Das waren itzt alle Glueckseligkeiten, die ich wuenschte, und ueber welche hinaus ich keine andere kannte. Ich hatte ihr etwas von den Eindruecken gesagt, die ihr erster Anblick auf mein Herz gemacht hatte; und sie hatte diese Eroeffnungen mit dem Gestaendnis der vorzueglichen Meinung, welche ihr das allgemeine Urteil zu Delphi von mir gegeben haette, erwidert; aber meine zaertliche und ehrfurchtsvolle Schuechternheit erlaubte mir nicht, ihr alles zu sagen, was mein Herz fuer sie empfand. Meine Ausdruecke waren lebhaft und feuerig; aber sie hatten mit der gewoehnlichen Sprache der Liebe so wenig aehnliches, dass ich weniger zu sagen glaubte, indem ich in der Tat unendlich mal mehr sagte, als ein gewoehnlicher Liebhaber, der mehr von seinen Begierden beunruhigt, als von dem Werte seiner Geliebten geruehrt ist. Allein da wir uns scheiden mussten, wuerde mich mein allzuvolles Herz verraten haben, wenn die unerfahrne Jugend der guten Psyche ihr erlaubt haette, einiges Misstrauen in Empfindungen zu setzen, welche sie nach der Unschuld ihrer eigenen beurteilte. Ich zerfloss in Traenen, und setzte ihr auf eine so zaertliche, so bewegliche Art zu, mir zu versprechen, sich in der folgenden Nacht wieder in dieser Gegend finden zu lassen, dass es ihr unmoeglich war, mich ungetroestet wegzuschicken. Wir setzten also, da uns alle Gelegenheit, uns bei Tage zu sprechen, abgeschnitten war, diese naechtliche Zusammenkuenfte fort; und unsere Liebe wuchs und verschoenerte sich zusehends, ohne dass wir dachten, dass es Liebe sei. Wir nannten es Freundschaft; und genossen ihrer reinsten Suessigkeiten, ohne durch einige Besorgnisse, Bedenklichkeiten oder andre Symptome der Leidenschaft, beunruhigt zu werden. Psyche hatte sich eine Freundin, wie ich mir einen Freund, gewuenscht; nun glaubten wir beide gefunden zu haben, was wir wuenschten. Unsere Denkungs-Art, und die Guete unserer Herzen, floesste uns ein vollkommenes und unbegrenztes Zutrauen gegen einander ein.–Meine Augen, welche schon lange gewoehnt waren, anders zu sehen, als man sonst in meinen damaligen Jahren zu sehen pflegt, sahen in Psyche kein reizendes Maedchen, sondern die schoenste, die liebenswuerdigste der Seelen, deren geistige Reizungen aus dem durchsichtigen Flor eines irdischen Gewandes hervorschimmerten; und die wissensbegierige Psyche, welche nie gluecklicher war, als wenn ich ihr die erhabenen Geheimnisse meiner dichterischen Philosophie entfaltete, glaubte den goettlichen Orpheus oder den Apollo selbst zu hoeren, wenn ich sprach. Es ist in der Natur der Liebe (so zaertlich und unkoerperlich sie immer sein mag) so lange zuzunehmen, bis sie das Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint. Die unsrige nahm auch zu, und ging nach und nach durch mehr als eine Verwandlung; aber sie blieb sich selbst doch immer aehnlich. Nachdem uns der Name der Freundschaft nicht mehr bedeutend genug schien, dasjenige, was wir fuer einander empfanden, auszudruecken, wurden wir eins, dass unter allen Zuneigungen, derer uns die Natur faehig mache, die Liebe eines Bruders und einer Schwester zugleich die staerkste und die reineste sei. Die Vorstellung, die wir uns davon machten, entzueckte uns; und nachdem wir oft bedauert hatten, dass uns die Natur diese Glueckseligkeit versagt habe, wunderten wir uns zuletzt, wie wir nicht baelder eingesehen haetten, dass es nur von uns abhange, ihre Kargheit in diesem Stuecke zu ersetzen.
Wir waren also Bruder und Schwester, und blieben es einige Zeit, ohne dass die Vertraulichkeit und die unschuldigen Liebkosungen, wozu uns diese Namen berechtigten, in unsern Augen wenigstens, der Tugend, welcher wir zugleich mit der Liebe eine ewige Treue geschworen hatten, den geringsten Abbruch taten. Wir waren enthusiastisch genug, die Vermutung oder vielmehr die blosse Moeglichkeit, einander vielleicht so nahe verwandt zu sein, als wir wuenschten, in den zaertlichen Ergiessungen unserer Herzen zuweilen fuer die Stimme der Natur zu halten; zumal da eine wirkliche oder eingebildete besondere aehnlichkeit unserer Gesichts-Zuege diesen Wahn zu rechtfertigen schien. Da wir uns aber die Betrueglichkeit dieser vermeinten Sprache des Blutes nicht immer verbergen konnten, so fanden wir desto mehr Vergnuegen darin, die Vorstellungen von einer natuerlichen Verschwisterung der Seelen, einem sympathetischen Zug der einen zu der andern, einer schon in einem vorhergehenden Zustand in bessern Welten angefangenen Bekanntschaft nachzuhaengen, und sie in tausend angenehme Traeume auszubilden. Aber auch bei diesem Grade liess uns der phantastische Schwung, den die Liebe unsern Seelen gegeben hatte, nicht stille stehen. Wir strengten das aeusserste Vermoegen unserer Einbildungs-Kraft an, um uns einen Begriff von derjenigen Art zu lieben zu machen, womit in den ueberirdischen Sphaeren die Geister einander liebten. Keine andere schien uns zu gleicher Zeit der Staerke und der Reinigkeit unserer Empfindungen genug zu tun, noch fuer Wesen sich zu schicken, die im Himmel entsprungen, und dahin wiederzukehren bestimmt waeren. Ich gestehe dir, schoene Danae, dass ich bei der Erinnerung an diese glueckselige Schwaermerei meiner ersten Jugend mich kaum erwehren kann zu wuenschen, dass die Bezauberung ewig haette dauern koennen. Und dennoch ist nichts gewissers, als dass sich diese allzugeistige Empfindungen endlich verzehrt, und die Natur, welche ihre Rechte nie verliert, uns zuletzt unvermerkt auf eine gewoehnlichere Art zu lieben gefuehrt haben wuerde; wenn uns nur die schoene Pythia so viel Zeit, als dazu erfodert wurde, gelassen haette. Diese Dame hatte etliche Wochen verstreichen lassen, ohne (dem Ansehen nach) sich meiner zu erinnern; und ich hatte sie in dieser Zeit so gaenzlich vergessen, dass ich ganz betroffen war, als ich wieder zu ihr berufen wurde. Ich fand gar bald, dass die Goettin von Paphos, welche sich vielleicht wegen irgend einer ehemaligen Beleidigung an ihr zu raechen beschlossen, sie in dieser Zwischen-Zeit nicht so ruhig gelassen hatte, als es fuer sie und mich zu wuenschen war. Vermutlich hatte sie (wie die tragische Phaedra) allen ihren weiblichen und priesterlichen Stolz zusammengerafft, um eine Leidenschaft zu unterdruecken, deren uebelstand sie sich selbst unmoeglich verbergen konnte; allein eben so vermutlich mochte sie sich selbst durch die troestlichen Trug-Schluesse, welche Euripides der Amme dieser unglueckseligen Prinzessin in den Mund legt, wieder beruhigt, und endlich den herzhaften Entschluss gefasst haben, ihrem Verhaengnis nachzugeben. Denn, nachdem sie alle ihre Muehe, mich das, was sie mir zu sagen hatte, erraten zu lassen, verloren sah, brach sie endlich ein Stillschweigen, dessen Bedeutung ich eben so wenig verstehen wollte, und entdeckte mir mit einer Deutlichkeit und mit einem Feuer, welche mich erroeten und erzittern machten, dass sie liebe und wieder geliebt sein wolle. Der reizende Anzug und die verfuehrische Stellung, worin sie dieses Gestaendnis machte, schien ausgewaehlt zu sein, mich den Wert des mit angebotenen Glueckes mehr als jemals empfinden zu lassen. Ich muss noch itzt erroeten, wenn ich an die Verwirrung denke, worin ich mit allen meinen erhabenen Begriffen in diesem Augenblick war.–Die menschliche Natur so erniedrigt–den Namen der Liebe so entweihet zu sehen! In der Tat, die Pythia selbst konnte von der Art, wie ich ihre Zumutungen abwies, nicht empfindlicher beschaemt und gequaelt werden, als ich es durch die Notwendigkeit war, worein ich mich gesetzt sah, ihr so uebel zu begegnen. Ich bestrebte mich, die Haertigkeit meiner Antworten durch die sanftesten Ausdruecke zu mildern, die ich in der Verwirrung finden konnte. Aber ich erfuhr bald, dass heftige Leidenschaften sich so wenig als Sturm-Winde durch Worte beschwoeren lassen. Die ihrer selbst nicht mehr maechtige Priesterin nahm fuer beleidigenden Spott auf, was ich aus der wohlgemeinten, aber allerdings unzeitigen Absicht, ihrer versinkenden Tugend zu Huelfe zu kommen, sagte. Sie geriet in eine Wut, welche mich in die aeusserste Verlegenheit setzte; sie brach in Verwuenschungen und Drohungen, und einen Augenblick darauf in einen Strom von Traenen und in so bewegliche Apostrophen aus, dass ich beinahe schwach genug gewesen waere, mit ihr zu weinen, ohne mein Herz geneigter zu finden, dem ihrigen zu antworten. Ich ergriff endlich das einzige Mittel, das mir uebrig blieb, mich der albernen Rolle, die ich in dieser Szene spielte, zu erledigen; ich entfloh. In eben dieser Nacht sah ich meine geliebte Psyche wieder an dem gewoehnlichen Orte; mein Gemuet war von der Geschichte dieses Abends zu sehr beunruhigt, als dass ich ihr ein Geheimnis davon haette machen koennen. Wir bedaurten die Priesterin, so schwer es uns auch war, von der Wut und den Qualen einer Liebe, welche mit der unserigen so wenig aehnliches hatte, uns eine Vorstellung zu machen; aber wir bedaurten noch vielmehr uns selbst. Die Raserei, worin ich die Pythia verlassen hatte, hiess uns das aergste besorgen. Wir zitterten eines fuer des andern Sicherheit; und aus Furcht, dass sie unsere Zusammenkuenfte entdecken moechte, beschlossen wir, (so hart uns dieser Entschluss ankam) sie eine Zeitlang seltner zu machen. Dieses war das erste mal, dass die reinen Vergnuegungen unserer schuldlosen Liebe von Sorgen und Unruhe unterbrochen wurden, und wir mit schwerem Herzen von einander Abschied nahmen. Es war, als ob es uns ahnete, dass dieses das letzte mal sei, da wir uns zu Delphi saehen; und wir sagten uns wohl tausend mal Lebe wohl; ohne uns eines aus des andern Armen loswinden zu koennen. Wir redeten mit einander ab, uns erst in der dritten Nacht wieder zu sehen. Zufaelliger Weise fuegte sichs, dass ich in der Zwischen-Zeit mit der Priesterin in Gesellschaft zusammenkam. Es war natuerlich, dass sie in Gegenwart fremder Leute ihrem Betragen gegen mich den freundschaftlichen Ton der Anverwandtschaft gab, welche zwischen uns vorausgesetzt wurde, und durch welche sie noetig befunden hatte, ihren Umgang mit mir gegen die Urteile strenger Sitten-Richter sicher zu stellen. Allein ausser diesem bemerkte ich, dass sie etliche mal, da sie von niemand beobachtet zu sein glaubte, die zaertlichsten Blicke auf mich heftete. Ich war zu gutherzig, Verstellung unter diesen Zeichen der wiederkehrenden Liebe zu argwoehnen; und der Schluss, den ich daraus zog, beruhigte mich gaenzlich ueber die Besorgnis, dass sie meinen Umgang mit Psyche entdeckt haben moechte. Ich flog mit ungedultiger Freude zu unserer abgeredeten Zusammenkunft; ich wartete so lange, dass mich der Tag beinahe ueberrascht haette; ich durchsuchte den ganzen Hain: aber da war keine Psyche. Eben so ging es in der folgenden und dritten Nacht. Mein Schmerz und meine Betrachtungen waren unaussprechlich. Damals erfuhr ich zum ersten mal, dass meine Einbildungs-Kraft, welche bisher nur zu meinem Vergnuegen geschaeftig war, in eben dem Masse, wie sie mich gluecklich gemacht hatte, mich elend zu machen faehig sei. Ich zweifelte nun nicht mehr, dass die Priesterin unsere Liebe entdeckt habe; und die Folgen, welche dieser Umstand fuer Psyche haben konnte, stellten sich mir mit allen Schrecknissen einer sich selbst quaelenden Einbildung dar. Ich fasste in der Wut meines Schmerzens tausend heftige Entschliessungen, von denen immer eine die andere verschlang; ich wollte zu der Priesterin gehen, und meine Psyche von ihr fodern–ich wollte–das Ausschweifendste, was man in der Verzweiflung wollen kann; ich glaube, dass ich faehig gewesen waere, den Tempel anzuzuenden, wenn ich haette hoffen koennen, meine Psyche dadurch zu retten. Und doch hielt mich ein Schatten von Hoffnung, dass sie durch zufaellige Ursachen habe verhindert werden koennen, ihr Wort zu halten, noch zurueck, einen unbesonnenen Schritt zu tun, welcher ein bloss eingebildetes uebel wuerklich und unheilbar haette machen koennen. Vielleicht (dachte ich) weiss die Priesterin noch nichts von unserm Geheimnis; und wie unselig waer’ ich in diesem Fall, wenn ich selbst der Verraeter davon waere? Dieser Gedanke fuehrte mich zum vierten mal in den Ruhe-Platz der Diana. Nachdem ich wohl zwo Stunden vergebens gewartet hatte, warf ich mich, in einer Betaeubung von Schmerz und Verzweiflung, zu den Fuessen einer von den Nymphen hin. Ich lag eine Weile, ohne meiner selbst maechtig zu sein. Als ich mich wieder erholt hatte, sah ich einen frischen Blumen-Kranz um den Hals und die Arme einer von den Nymphen gewunden; ich sprang auf, um genauer zu erkundigen, was dieses bedeuten moechte, und fand ein Briefchen an den Kranz geheftet, worin mir Psyche meldete: dass ich sie in der folgenden Nacht um eine bestimmte Stunde unfehlbar an diesem Platz antreffen wuerde; sie versparete es auf diese Besprechung, mir zu sagen, durch was fuer Zufaelle sie diese Zeit ueber verhindert worden, mich zu sehen, oder mir Nachricht von ihr zu geben; ich duerfte aber vollkommen ruhig und gewiss sein, dass die Priesterin nichts von unserer Bekanntschaft wisse. Die heftige Begierde, womit ich wuenschte, dass dieses Briefchen von Psyche geschrieben sein moechte, liess mich nicht daran denken, ein Misstrauen darein zu setzen, ungeachtet mir ihre Handschrift unbekannt war. Ich ging also ploetzlich von dem aeussersten Grade des Schmerzens zu der aeussersten Freude ueber. Ich wand den Glueck-weissagenden Blumen-Kranz um mich herum, nachdem ich die unsichtbaren Spuren der geliebten Finger, die ihn gewunden hatten, auf jeder Blume weggekuesst hatte. Den folgenden Abend wurde mir jeder Augenblick bis zur bestimmten Zeit ein Jahrhundert. Ich ging eine halbe Stunde frueher, den guten Nymphen zu danken, dass sie unsere Liebe in ihren Schutz genommen hatten. Endlich glaubte ich, Psyche zwischen den Myrten-Hecken hervorkommen zu sehen. Die Nacht war nur durch den Schimmer der Sterne beleuchtet; aber ich erkannte die gewoehnliche Kleidung der Psyche, und war von dem ersten Rauschen ihrer Annaeherung schon zu sehr entzueckt, um gewahr zu werden, dass die Gestalt, die sich mir naeherte, mehr von dem ueppigen Contour einer Bacchantin als von der jungfraeulichen Geschmeidigkeit meiner Freundin hatte. Wir flogen einander mit gleichem Verlangen in die Arme. Die sprachlose Trunkenheit des ersten Augenblicks verstattet nicht, Bemerkungen zu machen; aber es waehrte doch nicht lange, bis ich notwendig fuehlen musste, dass ich mit einer Heftigkeit, welche mit der unschuldigen Zaertlichkeit einer Psyche den staerksten Absatz machte, an einen kaum verhuellten und ungestuem klopfenden Busen gedrueckt wurde.–Das konnte nicht Psyche sein.–Ich wollte mich aus ihren Armen loswinden; aber sie verdoppelte die Staerke, womit sie mich umschlang, zugleich mit ihren wolluestigen Liebkosungen; und da ich nun auf einmal mit einem Entsetzen, welches mir alle Sehnen laehmte, meinen Irrtum erkannte; so machte die Gewalt, die ich anwenden wollte, mich von der rasenden Priesterin loszureissen, dass wir mit einander zu Boden sanken. Ich wuenschte aus Hochschaetzung des Geschlechts, welches in meinen Augen der liebenswuerdigste Teil der Schoepfung ist, dass ich diese Szene aus meinem Gedaechtnis ausloeschen koennte.–Die Bestrebungen dieser Unglueckseligen empoerten endlich alle meine Geister zu einem Grimm, der mich ihrer eigenen Wut ueberlegen machte. Ich hatte alle meine Vernunft noetig, um nicht alle Achtung, die ich wenigstens ihrem Geschlecht schuldig war, aus den Augen zu setzen. Aber ich zweifle nicht, dass eine jede Frauens-Person, welche noch einen Funken von sittlichem Gefuehl uebrig haette, lieber den Tod, als die Vorwuerfe und die Verwuenschungen, womit sie ueberstroemt wurde, ausstehen wollte. Sie kruemmete sich, in Traenen berstend zu meinen Fuessen.–Dieser Anblick war mir unertraeglich–ich wollte entfliehen; sie verfolgte mich, sie hing sich an, und bat mich, ihr den Tod zu geben. Ich verlangte mit Heftigkeit, dass sie mir meine Psyche wieder geben sollte. Diese Worte schienen sie unsinnig zu machen. Sie erklaerte mir, dass das Leben dieser Sklavin in ihrer Gewalt sei, und von dem Entschluss, den ich nehmen wuerde, abhange. Sie sah die Veraenderung, die diese Drohung auf einmal in meinem ganzen Wesen machte; wir verstummten beide eine Weile. Endlich nahm sie einen sanftern, aber nicht weniger entschlossenen Ton an, um mir ihre vorige Erklaerung zu bekraeftigen. Die Eifersucht machte sie so vieles sagen, dass ich Zeit bekam mich zu fassen, und eine Drohung weniger fuerchterlich zu finden, zu deren Ausfuehrung ich sie, wenigstens aus Liebe zu sich selbst, unfaehig glaubte. Ich antwortete ihr also mit einem kalten Blute, welches sie stutzen machte: dass sie auf ihre eigene Gefahr ueber das Leben meiner jungen Freundin disponieren koenne. Doch ersuchte ich sie, sich zu erinnern, dass sie selbst mich zum Meister ueber das Ihrige, und ueber das, was ihr noch lieber als das Leben sein sollte, gemacht habe. Das meinige (setzte ich lebhafter hinzu) hoert mit dem Augenblick auf, da Psyche fuer mich verloren ist; denn bei dem Gott, dessen Gegenwart dieses heilige Land erfuellt, keine menschliche Gewalt soll mich aufhalten, ihrem geliebten Geist in eine bessere Welt zu folgen, wohin uns das Laster nicht folgen kann, unsere geheiligte Liebe zu beunruhigen!–Meine Standhaftigkeit schien, den Mut der Priesterin niederzuschlagen. Sie sagte mir endlich: Sie merkte sehr wohl, dass ich trotzig darauf sei, dass ich in meiner Gewalt habe, sie zu Grunde zu richten–ich koennte tun, was ich wollte; nur sollte ich versichert sein, dass ihr Psyche fuer jeden Schritt antworten sollte, den ich machen wuerde. Mit diesen Worten entfernte sie sich, und liess mich in einem Zustande, dessen Abscheulichkeit, nach der Empfindung die ich davon hatte, abgemessen, ueber allen Ausdruck ging. Ich wusste nun, dass die Priesterin Mittel gefunden haben muesse, unser Geheimnis zu entdecken, und dass der Blumen-Kranz ein Kunstgriff von ihrer Erfindung gewesen war. Nach dieser Niedertraechtigkeit war keine Bosheit so ungeheuer, deren ich diese Elende nicht faehig gehalten haette. Ich besorgte nichts fuer mich selbst, aber alles fuer die arme Psyche, welche ich der Gewalt einer Nebenbuhlerin ueberlassen musste, ohne dass mir alle meine Zaertlichkeit fuer sie das Vermoegen geben konnte, sie davon zu befreien.”
FUeNFTES KAPITEL
Agathon entfliehet von Delphi, und findet seinen Vater
“Nachdem ich etliche Tage in der grausamen Ungewissheit, was aus meiner Geliebten geworden sein moechte, zugebracht hatte, erfuhr ich endlich von einer Sklavin der Pythia, welche ihre Freundin gewesen war, dass sie nicht mehr in Delphi sei. Dieses war alle Nachricht, die ich von ihr ziehen konnte; aber es war genug, mir den Aufenthalt von Delphi unertraeglich zu machen. Nunmehr bedacht’ ich mich keinen Augenblick, was ich tun wollte. Ich stahl mich in der naechsten Nacht hinweg, ohne um die Folgen eines so unbesonnenen Schrittes bekuemmert zu sein; oder richtiger zu sagen, in einem Gemuets-Zustande, worin ich unfaehig war, einige vernuenftige ueberlegung zu machen. Ich irrte eine Zeitlang an allen Orten herum, wo ich eine Spur von meiner Freundin zu entdecken hoffte; toericht genug mir einzubilden, dass sie mich, wo sie auch sein moechte, durch die magische Gewalt der Sympathie unsrer Seelen nach sich ziehen werde. Aber meine Hoffnung betrog mich; niemand konnte mir die geringste Nachricht von ihr geben. Unempfindlich gegen alles Elend, welches ich auf dieser unsinnigen Wanderschaft erfahren musste, fuehlte ich keinen andern Schmerz als die Trennung von meiner Geliebten und die Ungewissheit, was ihr Schicksal sei; ich wuerde die Versicherung, dass es ihr wohl gehe, gerne mit meinem Leben bezahlt haben. Endlich fuehrte mich der Zufall oder eine mitleidige Gottheit nach Corinth. Die Sonne war eben untergegangen, als ich von den Beschwerlichkeiten der Reise, und einer Diaet, deren ich nicht gewohnt war, aeusserst abgemattet, vor dem Hofe eines von den praechtigen Landguetern ankam, welche die Kuesten des Corinthischen Meeres verschoenern. Ich warf mich unter eine hohe Zypresse nieder, und verlor mich in den Vorstellungen der natuerlichen, und dennoch in der Hitze der Leidenschaft nicht vorhergesehenen Folgen meiner Flucht von Delphi. In der Tat war meine Situation faehig, den herzhaftesten Mut niederzuschlagen. In eine Welt ausgestossen, worin mir alles fremd war, ohne Freunde, unwissend wie ich ein Leben werde erhalten koennen, dessen Urheber mir nicht einmal bekannt war–warf ich traurige Blicke um mich her–die ganze Natur schien mich verlassen zu haben–auf dem weiten Umfang der muetterlichen Erde sah ich nichts, worauf ich einen Anspruch machen konnte als ein Grab, wenn mich die Last des Elends endlich aufgerieben haben wuerde; und selbst dieses konnte ich nur von der Froemmigkeit irgend eines mitleidigen Wanderers hoffen. Diese melancholischen Gedanken wurden durch die Erinnerung meiner vergangnen Glueckseligkeit, und durch das Bewusstsein, dass ich mein Elend durch keine Bosheit des Herzens oder irgend eine entehrende uebeltat verdient haette, noch empfindlicher gemacht. Ich sah mit traenenvollen Augen um mich her, als ob ich ein Wesen in der Natur suchen wollte, dem mein Zustand zu Herzen ginge. In diesem Augenblick erfuhr ich den wohltaetigen Einfluss dieser glueckseligen Schwaermerei, welche die Natur dem empfindlichsten Teil der Sterblichen, zu einem Gegenmittel gegen die uebel, denen sie durch die Schwaeche ihres Herzens ausgesetzt sind, gegeben zu haben scheint. Ich wandte mich an die Unsterblichen, mit denen meine Seele schon so lange in einer Art von unsichtbarer Gemeinschaft gestanden war. Der Gedanke dass sie die Zeugen meines Lebens, meiner Gedanken, meiner geheimsten Neigungen gewesen seien, goss lindernden Trost in mein verwundetes Herz. Ich sahe meine geliebte Psyche unter ihre Fluegel gesichert. ‘Nein’, rief ich aus, ‘die Unschuld kann nicht ungluecklich sein, noch das Laster seine Absichten ganz erhalten! In diesem majestaetischen All, worin Sphaeren und Atomen sich mit gleicher Unterwuerfigkeit nach den Winken einer weisen und wohltaetigen Macht bewegen, waer es Unsinn und Gottlosigkeit, sich einer entnervenden Kleinmut zu ueberlassen.–Mein Dasein ist der Beweis, dass ich eine Bestimmung habe. –Hab’ ich nicht eine Seele welche denken kann, und Gliedmassen, welche ihr als Sklaven zur Ausrichtung ihrer Gedanken zugegeben sind?–Bin ich nicht ein Grieche? Und wenn mich mein Vaterland nicht erkennen will, bin ich nicht ein Mensch? Ist nicht die Erde mein Vaterland? Und gibt mir nicht die Natur ein unverlierbares Recht an Erhaltung und jedes wesentliche Stueck der Glueckseligkeit, sobald ich meine Kraefte anwende die Pflichten zu erfuellen, die mich mit der Welt verbinden?’–Diese Gedanken beschaemten meine Traenen, und richteten mein Herz wieder auf. Ich fing an, die Mittel zu ueberlegen, die ich in meiner Gewalt hatte, mich in bessere Umstaende zu setzen; als ich einen Mann von mittlerm Alter gegen mich herkommen sah, dessen Ansehen und Miene mir beim ersten Anblick Zutrauen und Ehrerbietung einfloessten. Ich raffte mich sogleich vom Boden auf, und beschloss mit mir selbst, ihn anzureden, ihm meine Umstaende zu entdecken, und mir seinen Rat auszubitten. Er kam mir zuvor.–‘Du scheinest vom Weg ermuedet zu sein, junger Fremdling’, sagte er zu mir, mit einem Ton, der ihm sogleich mein Herz entgegen wallen machte; ‘und da ich dich unter dem wirtschaftlichen Schatten meines Baumes gefunden habe, so hoffe ich, du werdest mir das Vergnuegen nicht versagen, dich diese Nacht in meinem Hause zu beherbergen. ‘ Dieser Mann, den ich hieraus fuer den Herrn des Hauses, welches ich vor mir sah, erkannte, betrachtete mich mit einer sonderbaren Aufmerksamkeit, indem ich ihm fuer seine Leutseligkeit dankte, und mit einer Offenherzigkeit, welche von meiner wenigen Kenntnis der Welt zeugte, bekannte; dass ich im Begriff gewesen sei, ihn um dasjenige zu ersuchen, was er mir auf eine so edle Art anbiete; nachdem ich durch einen Zufall in diese Gegenden, wo ich niemand kenne, geraten sei. Ich weiss nicht, was ihn zu meinem Vorteil einzunehmen schien; mein Aufzug wenigstens konnte es nicht sein; denn ich hatte, aus Sorge entdeckt zu werden, meine Delphische Kleidung gegen eine schlechtere vertauscht, welche auf meiner Wanderschaft ziemlich abgenutzt worden war. Er wiederholte mir wie angenehm es ihm sei, dass mich der Zufall vielmehr ihm als einem seiner Nachbarn zugefuehrt habe; und so folgte ich ihm in sein Haus, dessen Weitlaeufigkeit, Bauart und Pracht einen Besitzer von grossem Reichtum und vielem Geschmack ankuendigte. Der Saal in dem wir zuerst abtraten, war mit Gemaelden von den beruehmtesten Meistern, und mit einigen Bild-Saeulen und Brust-Bildern vom Phidias und Alcamenes ausgeziert. Ich liebe wie dir bekannt ist, die Werke der schoenen Kuenste bis zur Schwaermerei, und mein langer Aufenthalt in Delphi hatte mir einige Kenntnis davon gegeben. Ich bewunderte einige Stuecke, setzte an andern dieses oder jenes aus, nannte die Kuenstler, deren Hand oder Manier ich erkannte, und nahm Gelegenheit von andern Meisterstuecken zu reden, die mir von ihnen bekannt waren. Ich bemerkte, dass mein Wirt mich mit Verwunderung von neuem betrachtete, und so aussah, als ob er betroffen waere, einen jungen Menschen, den er in einem so wenig versprechenden Aufzug unter einem Baum liegend gefunden, mit so vieler Kenntnis von Kuensten sprechen zu hoeren, von denen gemeiniglich nur Leute von Stand und Vermoegen im Ton der Kenner zu reden pflegen. Nach einer kleinen Weile wurde gemeldet, dass das Abend-Essen aufgetragen sei. Er fuehrte mich hierauf in einen kleinen Saal, dessen Mauern von einem der besten Schueler des Parrhasius mit Wasser-Farben niedlich uebermalt waren. Wir speiseten ganz allein. Die Tafel, das Geraete, die Aufwaerter, alles stimmte mit dem Begriff ueberein, den ich mir bereits von dem Geschmack und dem Stande des Haus-Herrn gemacht hatte. Unter dem Essen trat ein junger Mensch von feinem Ansehen und zierlich gekleidet, auf, und rezitierte ein Stuck aus der Odyssee mit vieler Geschicklichkeit. Mein Wirt sagte mir, dass er bei Tische diese Art von Gemuets-Ergoetzung den Taenzerinnen und Floetenspielerinnen vorzoege, womit man sonst bei den Tafeln der Griechen sich zu unterhalten pflege. Das Lob das ich seinem Leser beilegte, gab zu einem Gespraech ueber die beste Art zu rezitieren, und ueber die Griechischen Dichter Anlass, wobei ich meinem Wirte abermal Gelegenheit gab, zu stutzen, und mich immer aufmerksamer, und wie mich deuchte, mit einer Art von zaertlicher Gemuets-Bewegung anzusehen. Er sah dass ich es gewahr wurde, und sagte mir hierauf, dass mich die Verwunderung womit er mich von Zeit zu Zeit betrachtete, weniger befremden wuerde, wenn ich die ausserordentliche aehnlichkeit meiner Gesichts-Bildung und Miene mit einer Person, welche er ehmals gekannt habe, wisste; ‘doch du sollst selbst hievon urteilen’, setzte er hinzu, und hierauf fing er an von andern Dingen zu reden, bis der Wein und die Fruechte aufgestellt wurden. Bald darauf stunden wir auf, und nachdem wir eine Weile in einer langen Galerie, die auf einer doppelten Reihe Corinthischer Saeulen von buntem Marmor ruhte, und praechtig erleuchtet war, auf und abgegangen waren, fuehrte er mich in ein Cabinet, worin ein Schreibtisch, ein Buechergestell, einige Polster, und ein Gemaelde in Lebensgroesse auf welches ich nicht gleich acht gab, alle Moebeln und Zierraten ausmachten. Er hiess mich niedersetzen, und nachdem er das Bildnis, welches ihm gegenueber hing, eine ziemliche Weile mit Bewegung angesehen hatte, redete er mich also an: ‘Deine Jugend, liebenswuerdiger Fremdling, die Art wie sich unsere Bekanntschaft angefangen, die Eigenschaften die ich in dieser kurzen Zeit an dir entdeckt, und die Zuneigung die ich in meinem Herzen fuer dich finde, rechtfertigen mein Verlangen, von deinem Namen, und von den Umstaenden benachrichtiget zu sein, welche dich in einem solchen Alter von deiner Heimat entfernt und in diese fremde Gegenden gefuehrt haben koennen. Es ist sonst meine Gewohnheit nicht, mich beim ersten Anblick fuer jemand einzunehmen. Aber bei deiner Erblickung hab ich einem geheimen Reiz, der mich gegen dich zog nicht widerstehen koennen; und du hast in diesen wenigen Stunden meine voreilige Neigung so sehr gerechtfertiget, dass ich mir selbst Glueck wuensche, ihr Gehoer gegeben zu haben. Befriedige also mein Verlangen, und sei versichert, dass die Hoffnung, dir vielleicht nuetzlich sein zu koennen, weit mehr Anteil daran hat, als ein unbescheidener Vorwitz. Du siehest einen Freund in mir, dem du dich, ungeachtet der kurzen Dauer unsrer Bekanntschaft, mit allem Zutrauen eines langwierigen und bewaehrten Umgangs entdecken darfst.’ Ich wurde durch diese Anrede so sehr geruehrt, dass sich meine Augen mit Traenen fuellten–ich glaube, dass er darin lesen konnte was ihm mein Herz antwortete, ob ich gleich eine Weile keine Worte finden konnte. Endlich sagte ich ihm, dass ich von Delphi kaeme; dass ich daselbst erzogen worden; dass man mich Agathon genennt haette; dass ich niemalen habe entdecken koennen, wem ich das Leben zu danken habe; und dass alles was ich davon wisse, dieses sei, dass ich in einem Alter von vier oder fuenf Jahren in den Tempel gebracht, mit andern Knaben, welche man dem Dienst des Gottes zu Delphi gewidmet, erzogen, und nachdem ich zu mehrern Jahren gekommen, von den Priestern mit einer vorzueglichen Achtung angesehen, und in allem was zur Erziehung eines freigebornen Griechen erfordert werde, geuebet worden sei. Stratonicus (so wurde mein Wirt genannt) hatte waehrend dass ich dieses sagte, Muehe sich ruhig zu halten; sein Gesicht veraenderte sich; er wollte anfangen zu reden, schien sich aber wieder anders zu bedenken, und ersuchte mich nur, ihm zu sagen, warum ich Delphi verlassen haette. So natuerlich die Aufrichtigkeit sonst meinem Herzen war, so konnte ich doch dieses mal unmoeglich ueber die Bedenklichkeiten hinaus kommen, welche mir ueber meine Liebe zu Psyche den Mund verschlossen. Einem Freunde von meinen Jahren, fuer den ich mein Herz eben so eingenommen gefunden haette, als fuer den Stratonicus, wuerde ich das Innerste meines Herzens ohne Bedenken aufgeschlossen haben, so bald ich haette vermuten koennen, dass er meine Empfindungen zu verstehen faehig sei: Aber hier hielt mich etwas zurueck, davon ich mir selbst die Ursache nicht recht angeben konnte. Ich schob also die ganze Schuld meiner Entweichung von Delphi auf die Pythia, indem ich ihm so ausfuehrlich, als es meine jugendliche Schamhaftigkeit gestatten wollte, von den Versuchungen, in welche sie meine Tugend gefuehrt hatte, Nachricht gab. Er schien sehr wohl mit meiner Auffuehrung zufrieden, und nachdem ich meine Erzaehlung bis auf den Augenblick, wo ich ihn zuerst erblickt, und dasjenige was ich sogleich fuer ihn empfunden, fortgefuehrt; stund er mit einer lebhaften Bewegung auf, warf seine Arme um meinen Hals, und sagte mit Traenen der Freude und Zaertlichkeit in seinen Augen:–‘Mein liebster Agathon, siehe deinen Vater–hier’, setzte er hinzu, indem er mich sanft umwendete, und auf das Gemaelde wies, welchem ich bisher den Ruecken zugekehrt hatte,–‘hier, in diesem Bilde, erkenne die Mutter, deren geliebte Zuege mich beim ersten Anblick in deiner Gesichts-Bildung geruehrt, und diese Bewegung erregt haben, die ich nun fuer die Stimme der Natur erkenne.’
Du kennest mich zu gut, liebenswuerdige Danae, um dir meine Empfindungen in diesem Augenblicke nicht lebhafter einzubilden, als ich sie beschreiben koennte. Solche Augenblicke sind keiner Beschreibung faehig; fuer solche Freuden hat die Sprache keine Namen, die Natur keine Bilder, und die Phantasie selbst keine Farben.–Das Beste ist, zu schweigen, und den Zuhoerer seinem eigenen Herzen zu ueberlassen. Mein Vater schien durch meine Entzueckung, welche sich lange Zeit nur durch Traenen und sprachlose Umarmungen und abgebrochene Toene der zaertlichsten Regungen, deren die Natur faehig ist, ausdruecken konnte, doppelt gluecklich zu sein. Das Vergnuegen, womit er mich fuer seinen Sohn erkannte, schien ihn selbst wieder in die gluecklichsten Augenblicke seiner Jugend zu versetzen, und Erinnerungen wieder aufzuwecken, denen mein Anblick ein neues Leben gab. Da er natuerlicher Weise voraussetzen konnte, dass ich begierig sein werde, die Ursachen zu wissen, welche meinen Vater, der mich mit so vielem Vergnuegen fuer seinen Sohn erkannte, hatten bewegen koennen, mich so viele Jahre von sich verbannt zu halten; so gab er mir hierueber alle Erlaeuterungen, die ich nur wuenschen konnte, durch eine umstaendliche Erzaehlung der Geschichte seiner Liebe zu meiner Mutter. Seine Bekanntschaft mit ihr hatte sich zufaelliger Weise in einem Alter angefangen, worin er noch gaenzlich unter der vaeterlichen Gewalt stund. Sein Vater war das Haupt eines von den edelsten Geschlechtern in Athen. Meine Mutter war sehr jung, sehr schoen, und eben so tugendhaft als schoen, unter der Aufsicht einer alten Frau, die sich ihre Mutter nannte, dahin gekommen. Die strenge Eingezogenheit, worin sie sehr kuemmerlich von ihrer Hand-Arbeit lebte, verwahrte die junge Musarion vor den Augen und vor den Nachstellungen der maessigen reichen Juenglinge, welche gewohnt sind, junge Maedchen, die keinen andern Schutz als ihre Unschuld, und keinen andern Reichtum als ihre Reizungen haben, fuer ihre natuerliche Beute anzusehen. Dem ungeachtet konnte sie nicht verhintern, durch einen Zufall, den ich uebergehen will, meinem Vater bekannt zu werden, welcher sich durch seine gesittete und bescheidene Lebens-Art von den meisten jungen Atheniensern seiner Zeit unterschied. Sein tugendhafter Charakter konnte ihn nicht verwahren, von den Reizungen der jungen Musarion geruehrt zu werden; aber er machte, dass seine Liebe die Eigenschaft seines Charakters annahm. Sie war tugendhaft, bescheiden, und eben dadurch staerker und dauerhafter. Sein Stand, sein guter Ruf und sein zurueckhaltendes Betragen gegen den unschuldigen Gegenstand seiner Liebe gaben zusammengenommen einen Beweg-Grund ab, der die Nachsicht entschuldigen konnte, womit die Alte seine geheime Besuche duldete, ob sie gleich immer haeufiger wurden. Nichts kann natuerlicher sein, als dasjenige, was man liebt, dem Mangel nicht ausgesetzt sehen zu koennen; aber nichts ist auch in den Augen der Welt zweideutiger, als die Freigebigkeit eines jungen Menschen gegen eine junge Person, welche das Unglueck hat, durch ihre Annehmlichkeiten den Neid, und durch ihre Armut die Verachtung des grossen Haufens zu erregen. Man kann sich nicht bereden, dass in einem solchen Fall derjenige, welcher gibt, nicht eigennuetzige Absichten habe; oder diejenige, welche annimmt, ihre Dankbarkeit nicht auf Unkosten ihrer Unschuld beweise. Stratonicus gebrauchte deswegen die aeusserste Vorsichtigkeit, um die Wohltaten, womit er diese kleine Familie von Zeit zu Zeit unterstuetzte, vor aller Welt und vor ihnen selbst zu verbergen. Allein sie entdeckten doch zuletzt ihren unbekannten Wohltaeter; und diese neue Proben seiner edelmuetigen Sinnes-Art vollendeten den Eindruck, den er schon lange auf das unerfahrne Herz der zaertlichen Musarion gemacht hatte, und gewannen es ihm gaenzlich. Niemals wuerde die Liebe von der zaertlichsten Gegenliebe erwidert, zwei Herzen gluecklicher gemacht haben, wenn die Umstaende der jungen Schoenen einer gesetzmaessigen Vereinigung nicht Schwierigkeiten in den Weg gelegt haetten, welche ein jeder anderer als ein Liebhaber fuer unueberwindlich gehalten haette. Endlich war Stratonicus so gluecklich, zu entdecken, dass seine Geliebte wuerklich eine Atheniensische Buergerin sei, die Tochter eines zwar armen, aber rechtschaffenen Mannes, welcher im Pelopponesischen Kriege sein Leben auf eine ruehmliche Art verloren hatte. Nunmehr wagte er es, seinem Vater das Geheimnis seiner Liebe zu entdecken; er wandte alles an, seine Einwilligung zu erhalten; aber der Alte, welcher alle Reizungen und alle Tugenden der jungen Musarion fuer keinen genugsamen Ersatz des Reichtums, der ihr fehlte, ansah, blieb unerbittlich. Stratonicus liebte zu inbruenstig, um dem Befehl, nicht weiter an seine Geliebte zu denken, gehorsam zu sein; er wuerde sich selbst fuer den Unwuerdigsten unter den Menschen gehalten haben, wenn er faehig gewesen waere, ihr nur das Wenigste von seinen Empfindungen zu entziehen. Die Widerwaertigkeiten und Hinternisse, womit seine Liebe kaempfen musste, taten vielmehr die Wuerkung, welche sie in einem solchen Falle bei edeln und wahrhaftig eingenommenen Gemuetern allemal tun werden; sie konzentrierten das Feuer ihrer gegenseitigem Zuneigung, und bliesen eine Flamme, welche, so lange sie von Hoffnung genaehrt wurde, drei Jahre lang sanft und rein fortgebrannt hatte, zu der heftigsten Leidenschaft an. Das Herz ermuedet endlich durch den langen Kampf mit seinen suessesten Regungen; es verliert die Kraft zu widerstehen; und je laenger es unter den Qualen einer zugleich verfolgten und unbefriedigten Liebe geseufzet hat, je heftiger sehnet es sich nach einer Glueckseligkeit, wovon ein einziger Augenblick genugsam ist, das Andenken aller ausgestandenen Leiden auszuloeschen, das Gefuehl der gegenwaertigen zu ersticken, und die Augen, von der suessen Trunkenheit der gluecklichen Liebe benebelt, gegen alle kuenftige Not blind zu machen. Ausser diesem hatte Musarion noch den Beweg-Grund einer Dankbarkeit, von deren drueckender Last ihr Herz sich zu erleichtern suchte. Kurz: Sie schwuren einander eine ewige Treue, ueberliessen sich dem sympathetischen Verlangen ihres Herzens, und bedienten sich der Gewalt, die ihnen die Liebe gab, einander gluecklich zu machen. Die Glueckseligkeit, welche eines dem andern zu danken hatte, unterhielt und befestigte die zaertliche Vereinigung ihrer Herzen, anstatt sie zu schwaechen oder gar aufzuloesen; denn noch niemals ist der Genuss das Grab der wahren Zaertlichkeit gewesen. Ich, schoene Danae, war die erste Frucht ihrer Liebe. Gluecklicher Weise fiel meinem Vater eben damals durch den letzten Willen eines Oheims ein kleines Vorwerk auf einer von den Insuln zu, welche unter der Botmaessigkeit der Athenienser stehen. Dieses musste meiner Mutter zur Zuflucht dienen; ich wurde daselbst geboren, und genoss drei Jahre lang ihrer eigenen Pflege; bis sie mir durch eine Schwester entzogen wurde, deren Leben der liebenswuerdigen Musarion das ihrige kostete. Stratonicus hatte inzwischen manchen Versuch gemacht, das Herz seines Vaters zu erweichen; aber allemal vergebens. Es blieb ihm also nichts uebrig, als seine Verbindung mit meiner Mutter und die Folgen derselben geheim zu halten. Ihr fruehzeitiger Tod vernichtete die Entwuerfe von Glueckseligkeit, die er fuer die Zukunft gemacht hatte, ohne die zaertliche Treue, die er ihrem Andenken widmete, zu schwaechen. Die Sorge fuer das, was ihm von ihr uebrig geblieben war, hielt ihn zurueck, sich einer Traurigkeit voellig zu ueberlassen, welche ihn lange Zeit gegen alle Freuden des Lebens gleichgueltig, und zu allen Beschaeftigungen desselben verdrossen machte. Der Tempel zu Delphi schien ihm der tauglichste Ort zu sein, mich zu gleicher Zeit zu verbergen, und einer guten Erziehung teilhaft zu machen. Er hatte Freunde daselbst, denen ich besonders empfohlen wurde, mit dem gemessensten Auftrag, mich in einer gaenzlichen Unwissenheit ueber meinen Ursprung zu lassen. Sein Vorsatz war, so bald der Tod seines Vaters ihn zum Meister ueber sich selbst und seine Gueter gemacht haben wuerde, mich von Delphi abzuholen, und nach Athen zu bringen, wo er so dann seine Verbindung mit meiner Mutter bekannt machen, und mich oeffentlich fuer seinen Sohn und Erben erklaeren wollte. Aber dieser Zufall erfolgte erst wenige Monate vor meiner Flucht, und seit demselben hatten ihn dringendere Geschaefte genoetigt, meine Abholung aufzuschieben.
Nachdem mein Vater diese Erzaehlung geendigt hatte, liess er einen alten Freigelassenen zu sich rufen, und fragte ihn: Ob er den kleinen Agathon kenne, den er vor vierzehn Jahren dem Schutz des Delphischen Apollo ueberliefert habe? Der gute Alte, dessen Zuege mir selbst nicht unbekannt waren, erkannte mich desto leichter, da er binnen dieser Zeit von meinem Vater etliche male nach Delphi abgeschickt worden war, sich meines Wohlbefindens zu erkundigen. Nunmehr wurde in wenigen Augenblicken das ganze Haus mit allgemeiner Freude erfuellt; die Zufriedenheit meines Vaters ueber mich, und das Vergnuegen, womit alle seine Haus-Genossen mich, als den einzigen Sohn ihres Herrn, bewillkommten, machte die Freude vollkommen, die ich bei einem so unverhofften und ploetzlichen uebergang von dem Elend eines sich selbst unbekannten, nackten und allen Zufaellen des Schicksals preis gegebenen Fluechtlings zu einem so blendenden Gluecks-Stand notwendig empfinden musste. Blendend haette er wenigstens fuer manchen andern sein koennen, der durch die Art seiner Erziehung weniger als ich vorbereitet gewesen waere, einen solchen Wechsel mit Bescheidenheit zu ertragen. Inzwischen bin ich mir selbst die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, dass die Versicherung, ein Buerger von Athen, und durch meine Geburt und die Tugend meiner Voreltern zu Verdiensten und schoenen Taten berufen zu sein, mir ungleich mehr Vergnuegen machte, als der Anblick der Reichtuemer, welche die Guetigkeit meines Vaters mit mir zu teilen so begierig war, und welche in meinen Augen nur dadurch einen Wert erhielten, weil sie mir das Vermoegen zu Leben schienen, desto freier und vollkommener nach den Grund-Saetzen, die ich eingezogen hatte, leben zu koennen. Ich unterhielt mich nun mit einer neuen Art von Traeumen, welche durch ihre Beziehung auf meine neu entdeckten Verhaeltnisse fuer mich so wichtig, als durch ihre Ausfuehrung eben so viele Wohltaten fuer das menschliche Geschlecht zu sein schienen. Ich machte Entwuerfe, wie die erhabenen Lehr-Saetze meiner idealischen Sitten-Lehre auf die Einrichtung und Verwaltung eines gemeinen Wesens angewendet werden koennten. Diese Betrachtungen, welche einen guten Teil meiner Naechte wegnahmen, erfuellten mich mit dem lebhaftesten Eifer fuer ein Vaterland, welches ich nur aus Geschichtschreibern kannte; ich zeichnete mir selbst, auf den Fussstapfen der Solons und Aristiden, einen Weg aus, bei welchem ich an keine andere Hinternisse dachte, als solche, die durch Mut und Tugend zu ueberwinden sind. Dann setzte ich mich in meinen patriotischen Entzueckungen an das Ende meiner Laufbahn, und sah in Athen, nichts geringers als die Hauptstadt der Welt, die Gesetzgeberin der Nationen, die Mutter der Wissenschaften und Kuenste, die Koenigin des Meers, den Mittelpunkt der Vereinigung des ganzen menschlichen Geschlechts.–Kurz, ich machte ungefaehr eben so schimaerische, und eben so ungeheure Projekte, als Alcibiades; aber mit dem wesentlichen Unterscheid, dass ein von Guete und allgemeiner Wohltaetigkeit beseeltes Herz die Quelle der meinigen war. Sie hatten noch dieses Besondere, dass ihre Ausfuehrung, (die moralische Moeglichkeit derselben vorausgesetzt,) keiner Mutter eine Traene, und keinem Menschen in der Welt mehr, als die Aufopferung seiner Vorurteile, und solcher Leidenschaften, welche die Ursachen alles Privat-Elends sind, gekostet haetten. Ihre Ausfuehrung schien mir, weil ich mir die Hinternisse nur einzeln, und nicht in ihrem Zusammenhang und vereinigtem Gewichte vorstellte, so leicht zu sein, dass ich nur allein darueber verwundert war, dass ein Perikles unter den kleinfuegigen Bemuehungen Athen zur Meisterin von Griechenland zu machen, habe uebersehen koennen, wie viel leichter es sei, es zum Tempel eines ewigen Friedens und der allgemeinen Glueckseligkeit der Welt zu machen. Diese schoenen Spekulationen gaben etliche mal den Stoff zu den Unterredungen ab, womit ich meinem Vater des Abends die Zeit zu verkuerzen pflegte. Die Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft schien ihn eben so sehr zu belustigen, als sein Herz, dessen Ebenbild er in dem meinigen erkannte, sich an den tugendhaften Gesinnungen vergnuegte, welche er, wie ich selbst, (vielleicht beide ein wenig zu parteiisch) fuer die Triebfedern meiner politischen Traeume hielt. Alles, was er mir von den Schwierigkeiten ihrer Ausfuehrung, die er mit der Quadratur des Zirkels in eine Klasse setzte, sagen konnte, ueberzeugte mich so wenig, als einen Verliebten die Einwendungen eines Freundes, der bei kaltem Blut ist, ueberzeugen werden. Ich hatte eine Antwort fuer alle; und dieser neue Schwung, den mein Enthusiasmus bekommen hatte, wurde bald so stark, dass ich es kaum erwarten konnte, mich in Athen, und in Umstaenden zu sehen, wo ich die erste Hand an dieses grosse Werk, wozu ich gewidmet zu sein glaubte, legen koennte.”
SECHSTES KAPITEL
Agathon kommt nach Athen, und widmet sich der Republik. Eine Probe der besondern Natur desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura popularis genennet wird
“Mein Vater hielt sich nur so lange zu Corinth auf, als es seine Geschaefte erfoderten, und eilte selbst, mich so bald es nur moeglich war, in dieses Athen zu versetzen, welches sich meiner verschoenernden Einbildung in einem so herrlichen Lichte darstellte. Ich gestehe dir, Danae, (und hoffe, die fromme Pflicht gegen meine Vaterstadt nicht dadurch zu beleidigen) dass der erste Anblick mit dem was ich erwartete einen starken Absatz machte. Mein Geschmack war zu sehr verwoehnt, um das Mittelmaessige, worin es auch sein moechte, ertraeglich zu finden; er wollte gleichsam alles in diese feine Linie eingeschlossen sehen, in welcher das Erhabene mit dem Schoenen zusammenfliesst; und wenn er diese Vollkommenheit an einzelnen Teilen gewahr wurde, so wollte er, dass alle zusammenstimmen, und ein sich selbst durchaus aehnliches, symmetrisches Ganzes ausmachen sollten. Von diesem Grade der Schoenheit war Athen, so wie vielleicht eine jede andere Stadt in der Welt, noch weit entfernt; indessen hatte sie doch der gute Geschmack und die Verschwendung des Pericles, mit Huelfe der Phidias, der Alcamenen, und andrer grosser Meister, in einen solchen Stand gestellt, dass sie mit den praechtigsten Staedten des politesten Teils der Welt um den Vorzug streiten konnte; und ich hielt mit Recht davor, dass die Ergaenzung und Vollendung dessen, was ihr von dieser Seite noch abging, der leichteste Teil meiner Entwuerfe, und eine natuerliche Folge derjenigen Veranstaltungen sein werde, welche sie, meiner Einbildung nach, zum Mittelpunkt der Staerke, und der Reichtuemer des ganzen Erdbodens machen sollten.
Sobald wir in Athen angekommen waren, liess mein Vater seine erste Sorge sein, mich auf eine gesetzmaessige und oeffentliche Art fuer seinen Sohn erkennen, und unter die Atheniensischen Buerger aufnehmen zu lassen. Dieses machte mich eine Zeit lang zu einem Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die Athenienser sind, wie dir nicht unbekannt ist, mehr als irgend ein anders Volk in der Welt geneigt, sich ploetzlich mit der aeussersten Lebhaftigkeit fuer oder wider etwas einnehmen zu lassen. Ich hatte das Glueck, ihnen beim ersten Anblick zu gefallen; die Begierde mich zu sehen, und Bekanntschaft mit mir zu machen, wurde eine Art von epidemischer Leidenschaft unter Jungen und Alten; jene machten in kurzem einen glaenzenden Hof um mich, und diese fassten Hoffnungen von mir, welche mich, ohne es an mir selbst gewahr zu werden, mit einem geheimen Stolz erfuellten, und die allzuhochfliegende Meinung, die ich ohnehin geneigt war, von meiner Bestimmung zu fassen, bestaetigten. Dieser subtile Stolz, der sich hinter meinen besten Neigungen und tugendhaftesten Gesinnungen verbarg, und dadurch meinem Bewusstsein sich entzog, benahm mir nichts von einer Bescheidenheit, wodurch ich vor den meisten jungen Leuten meiner Gattung mich zu unterscheiden schien; und ich gewann dadurch, nebst der allgemeinen Achtung des geringern Teils des Volkes, den Vorteil, dass die Vornehmsten, die Weisesten und Erfahrensten mich gerne um sich haben mochten, und mir durch ihren Umgang eine Menge besondere Kenntnisse mitteilten, welche mir bei meinem fruehzeitigen Auftritt in der Republik sehr wohl zu statten kamen. Die Reinigkeit meiner Sitten, der gute Gebrauch, den ich von meiner Zeit machte, der Eifer, womit ich mich zum kuenftigen Dienst meines Vaterlandes vorbereitete, die fleissige Besuchung der Gymnasien, und der Preis, den ich in den uebungen von den mehresten meines Alters davon trug: Alles dieses vereinigte sich, das guenstige Vorurteil zu unterhalten, welches man einmal fuer mich gefasst hatte; und da mir noch die Verdienste meines Vaters, und einer langen Reihe von Voreltern den Weg zur Republik bahnten; so ist es nicht zu verwundern, dass ich in einem Alter, worin die meisten Juenglinge nur mit ihren Vergnuegungen beschaeftiget sind, den Mut hatte, in den oeffentlichen Versammlungen aufzutreten, und das Glueck, mit einem Beifall aufgenommen zu werden, welcher mich in Gefahr setzte, eben so schnell, als ich empor gehoben wurde, so wohl durch meine eigene Vermessenheit, als durch den Neid meiner Nebenbuhler wieder gestuerzt zu werden.
Die Beredsamkeit ist in Athen, und in allen Freistaaten, wo das Volk Anteil an der oeffentlichen Verwaltung hat, der naechste Weg zu Ehrenstellen, und das gewisseste Mittel sich auch ohne dieselben Ansehen und Einfluss zu verschaffen. Ich liess es mir also sehr angelegen sein, die Geheimnisse einer Kunst zu studieren, von deren Ausuebung und dem Grade der Geschicklichkeit, den ich mir darin erwerben wuerde, die glueckliche Ausfuehrung aller meiner Entwuerfe abzuhaengen schien. Denn wenn ich bedachte, wozu Perikles und Alcibiades die Athenienser zu bereden gewusst hatten: So zweifelte ich keinen Augenblick, dass ich sie mit einer gleichen Geschicklichkeit zu Massnehmungen wuerde ueberreden koennen, welche, ausserdem, dass sie an sich selbst edler waren, zu weit glaenzendern Vorteilen fuehrten, ohne so ungewiss und gefaehrlich zu sein. In dieser Absicht besuchte ich die Schule des Platons, welcher damals zu Athen in seinem groessesten Ansehen stund, und indem er die Weisheit des Socrates mit der Beredsamkeit eines Gorgias und Prodicus vereinigte, nach dem Urteil meiner alten Freunde, weit geschickter, als diese Wortkuenstler, war, einen Redner zu bilden, der vielmehr durch die Staerke der Wahrheit, als durch die Blendwerke und Kunstgriffe einer hinterlistigen Dialektik sich die Gemueter seiner Zuhoerer unterwerfen wollte. Der vertrautere Zutritt, den mir dieser beruehmte Weise vergoennte, entdeckte eine uebereinstimmung meiner Denkungsart mit seinen Grundsaetzen, welche die Freundschaft, die ich fuer ihn fasste, in eine fast schwaermerische Leidenschaft verwandelte. Sie wuerde mir schaedlich gewesen sein, wenn man damals schon so von ihm gedacht haette, wie man dachte, nachdem er, durch die Bekanntmachung seiner metaphysischen Dialogen, bei den Staatsleuten, und selbst bei vielen, welche seine Bewundrer gewesen waren, den Vorwurf, welchen Aristophanes ehemals (wiewohl hoechst unbillig) dem weisen Socrates gemacht, sich mit besserm Grund oder mehr Scheinbarkeit zugezogen hatte. Aber damals hatte Plato weder seinen ‘Timaeus’ noch seine ‘Republik’ geschrieben. Indessen existierte diese letztere doch bereits in seinem Gehirne; sie gab sehr oft den Stoff zu unsern Gespraechen in den Spaziergaengen der Akademie ab; und er bemuehete sich desto eifriger, mir seine Begriffe von der besten Art, die menschliche Gesellschaft einzurichten, und zu regieren, eigen zu machen, da er das Vergnuegen zu haben hoffte, sie wenigstens in so fern es die Umstaende zulassen wuerden, durch mich realisiert zu sehen. Sein Eifer in diesem Stuecke mag so gross gewesen sein, als er will, so war er doch gewiss nicht groesser, als meine Begierde, dasjenige auszuueben, was er spekulierte. Allein, da meine Vorstellung von der Wichtigkeit der Pflichten, welche derjenige auf sich nimmt, der sich in die oeffentlichen Angelegenheiten mischet, der Lauterkeit und innerlichen Guete meiner Absichten proportioniert war, und ich desto weiter von Ehrsucht, und andern eigennuetzigen Leidenschaften entfernt zu sein glaubte, je gewisser ich mir bewusst war, dass ich (wenn ich es fuer erlaubt gehalten haette, mich in der Wahl einer Lebensart bloss meiner Privatneigung zu ueberlassen,) eine von dem Staedtischen Getuemmel entfernte Musse, und den Umgang mit den Musen, die ich alle zugleich liebte, der Ehre, eine ganze Welt zu beherrschen, vorgezogen haette: So glaubte ich mich nicht genug vorbereiten zu koennen, eh ich auf einem Theater erschiene, wo der erste Auftritt gemeiniglich das Glueck des ganzen Schauspiels entscheidet. Ich widerstund bei etlichen Gelegenheiten, welche mich aufzufodern schienen, so wohl dem Zudringen meiner Freunde, als meiner eigenen Neigung, ob es gleich, seit dem Alcibiades mit so gutem Erfolg den Anfang gemacht hatte, nicht an jungen Leuten fehlte, welche, ohne sich durch andre Talente, als die Geschicklichkeit ein Gastmahl anzuordnen, sich zierlich zu kleiden, zu tanzen, und die Cithar zu spielen, bekannt gemacht zu haben, vermessen genug waren, nach einer durchgeschwaermten Nacht aus den Armen einer Buhlerin in die Versammlung des Volks zu huepfen, und von Salben triefend mit einer taendelhaften Geschwaetzigkeit von den Gebrechen des Staats, und den Fehlern der oeffentlichen Verwaltung zu plaudern.
Endlich ereignete sich ein Fall, wo das Interesse eines Freundes, den ich vorzueglich liebte, alle meine Bedenklichkeiten ueberwog. Eine maechtige Kabale hatte seinen Untergang geschworen; er war unschuldig; aber die Anscheinungen waren gegen ihn; die Gemueter waren wider ihn eingenommen; und die Furcht, sich den Unwillen seiner Feinde zu zuziehen, hielt die wenigen, welche besser von ihm dachten, zurueck, sich seiner oeffentlich anzunehmen. In diesen Umstaenden stellte ich mich als sein Verteidiger dar. Da ich von seiner Unschuld ueberzeugt war, so wuerkten alle diese Betrachtungen, wodurch sich seine uebrigen Freunde abschrecken liessen, bei mir gerade das Widerspiel. Ganz Athen wurde aufmerksam, da es bekannt wurde, dass Agathon, des Stratonicus Sohn, auftreten wuerde, die Sache des schon zum voraus verurteilten Lysias zu fuehren. Die Zuneigung, welche das Volk zu mir trug, veraenderte auf einmal die Meinung, die man von dieser Sache gefasst hatte; die Athenienser fanden eine Schoenheit, von der sie ganz bezaubert waren, in der Grossmut und Herzhaftigkeit, womit ich (wie sie sagten) mich fuer einen Freund erklaerte, den alle Welt verlassen und der Wut und uebermacht seiner Feinde preis gegeben hatte. Man tat nun die eifrigsten Geluebde, dass ich den Sieg davon tragen moechte, und der Enthusiasmus, womit einer den andern ansteckte, wurde so gross, dass die Gegenpartei sich genoetigt sah, den Tag der Entscheidung so weit hinauszusetzen, als sie fuer noetig hielten, um die erhitzten Gemueter sich wieder abkuehlen zu lassen. Sie sparten inzwischen keine Kunstgriffe, wodurch sie sich des Ausgangs zu versichern glaubten; allein der Erfolg vereitelte alle ihre Massnehmungen. Die Zujauchzungen, womit ich von einem grossen Teil des Volkes empfangen wurde, munterten mich auf; ich sprach mit einem gesetztern Mut, als man sonst von einem jungen Menschen erwarten konnte, der zum ersten mal vor einer so zahlreichen Versammlung redete; und vor einer Versammlung, wo der geringste Handwerksmann sich fuer einen Kenner und rechtmaessigen Richter der Beredsamkeit hielt. Die Wahrheit tat auch hier die Wuerkung, die sie alle mal tut, wenn sie in ihrem eigenen Lichte und mit derjenigen Lebhaftigkeit, welche die eigene ueberzeugung des Redners gibt, vorgetragen wird; sie ueberwaeltigte alle Gemueter. Lysias wurde losgesprochen, und Agathon, der nunmehr der Held der Athenienser war, im Triumph nach Hause begleitet. Von dieser Zeit erschien ich oefters in den oeffentlichen Versammlungen; die Leidenschaft, welche das Volk fuer mich gefasst hatte, und der Beifall, der mir, wenn ich redete, entgegen flog, machten mir Mut, nun auch an den allgemeinen Angelegenheiten Teil zu nehmen; und da das Glueck beschlossen zu haben schien, mich nicht eher zu verlassen, bis es mich auf den Gipfel der Republikanischen Groesse erhoben haben wuerde; so machte ich auch in dieser neuen Lauf-Bahn so schnelle Schritte, dass in kurzem die Gunst, worin ich bei dem Volk stund, das Ansehen der Maechtigsten zu Athen im Gleichgewicht erhielt; und dass meine heimlichen Feinde selbst, um dem Volk angenehm zu sein, genoetigt waren, oeffentlich die Zahl meiner Bewunderer zu vermehren. Der Tod meines Vaters, der um diese Zeit erfolgte, beraubte mich eines Freundes und Fuehrers, dessen Klugheit mir in dem gefahrvollen Ozean des politischen Lebens unentbehrlich war. Ich wurde dadurch in den Besitz der grossen Reichtuemer gesetzt, mit denen er nur dadurch dem Neid entgangen war, weil er sie mit grosser Bescheidenheit gebrauchte. Ich war nicht so vorsichtig. Der Gebrauch, den ich davon machte, war zwar an sich selbst edel und loeblich; ich verschwendete sie, um Gutes zu tun; ich unterstuetzte alle Arten von Buergern, welche ohne ihre Schuld in Unglueck geraten waren; mein Haus war der Sammel-Platz der Gelehrten, der Kuenstler und der Fremden; mein Vermoegen stund jedem zu Diensten, der es benoetigt war: aber eben dieses war es, was in der Folge meinen Fall befoerderte. Man wuerde mir eher zu gut gehalten haben, wenn ich es mit Gastmaehlern, mit Buhlerinnen und mit einer immerwaehrenden Abwechslung praechtiger und ausschweifender Lustbarkeiten durchgebracht haette. Indes stund es eine geraume Zeit an, bis die Eifersucht, welche ich durch eine solche Lebens-Art in den Gemuetern der Angesehensten unter den Edeln zu Athen erregte, es wagen durfte, in sichtbare Wuerkungen auszubrechen. Das Volk, welches mich vorhin geliebet hatte, fing nun an, mich zu vergoettern. Der Ausdruck, den ich hier gebrauche, ist nicht zu stark; denn da ein gewisser Dichter, der sich meines Tisches zu bedienen pflegte, sich einst einfallen liess, in einem grossen und elenden Gedicht mir den Apollo zum Vater zu geben, so fand diese mir selbst laecherliche Schmeichelei bei dem Poebel (dem ohnehin das Wunderbare allemal besser als das Natuerliche einleuchtet) so grossen Beifall, dass sich nach und nach eine Art von Sage unter dem Volk befestigte, welche meiner Mutter die Ehre beilegte, den Gott zu Delphi fuer ihre Reizungen empfindlich gemacht zu haben. So ausschweifend dieser Wahn war, so wahrscheinlich schien er meinen Goennern aus der untersten Klasse; dadurch allein glaubten sie die mehr als menschliche Vollkommenheiten, die sie mir zuschrieben, erklaeren, und die ungereimten Hoffnungen, welche sie sich von mir machten, rechtfertigen zu koennen. Denn das Vorurteil des grossen Haufens ging weit genug, dass viele oeffentlich sagten, Athen koenne durch mich allein zur Gebieterin des ganzen Erdbodens gemacht werden, und man koenne nicht genug eilen, mir eine einzelne und unumschraenkte Gewalt zu uebertragen, von welcher sie sich nichts geringers als die Wiederkehr der goeldenen Zeit, die gaenzliche Aufhebung des verhassten Unterscheids zwischen Armen und Reichen, und einen seligen Muessiggang mitten unter allen Wolluesten und Ergoetzlichkeiten des Lebens versprachen.
Bei diesen Gesinnungen, womit in groesserm oder kleinerm Grade der Schwaermerei das ganze Volk zu Athen fuer mich eingenommen war, brauchte es nur eine Gelegenheit, um sie dahin zu bringen, die Gesetze selbst zu Gunsten ihres Lieblings zu ueberspringen. Diese zeigte sich, da Euboea und einige andre Insuln sich des ziemlich harten Joches, welches ihnen die Athenienser aufgelegt hatten, zu entledigen, einen Aufstand erregten, worin sie von den Spartanern heimlich unterstuetzt wurden. Man konnte (diejenige Theorie, welche man zu Hause erwerben kann, ausgenommen) des Kriegs-Wesens nicht unerfahrner sein, als ich es war. Ich hatte das Alter noch nicht erreicht, welches die Gesetze zu Bekleidung eines oeffentlichen Amts erfoderten; wir hatten keinen Mangel an geschickten und geuebten Kriegs-Leuten; ich selbst wandte alles Ansehen, das ich hatte, an, um einen davon, den ich, seines moralischen Charakters wegen, vorzueglich hoch schaetzte, zum Feld-Herrn gegen die Empoerten erwaehlen zu machen; aber das alles half nichts gegen die warme Einbildungs-Kraft des lebhaftesten und leichtsinnigsten Volks in der Welt. Agathon, welchem man alle Talente zutraute, und von welchem man sich berechtigt hielt, Wunder zu erwarten, war allein tauglich, die Ehre des Atheniensischen Namens zu behaupten, und die hochfliegenden Traeume der politischen Muessiggaenger zu Athen, welche bei diesem Anlass in die Wette eiferten, wer die laecherlichsten Projekte machen koenne, in die Wuerklichkeit zu setzen. Diese Art von Leuten war so geschaeftig, dass es ihnen gelang, den groessesten Teil ihrer Mitbuerger mit ihrer Torheit anzustecken. Jede Nachricht, dass sich wieder eine andere Insul aufzulehnen anfange, verursachte eine allgemeine Freude; man wuerde es gerne gesehen haben, wenn das ganze Griechenland an dieser Sache Anteil genommen haette; auch fehlte es nicht an Zeitungen, welche das Feuer groesser machten, als es war, und endlich so gar den Koenig von Persien in den Aufstand von Euboea verwickelten, um dem Agathon einen desto groessern Schau-Platz zu geben, die Athenienser durch Heldentaten zu belustigen und durch Eroberungen zu bereichern. Ich wurde also (so sehr ich mich entgegenstraeubte) mit unumschraenkter Gewalt ueber die Armee, ueber die Flotten, und ueber die Schatz-Kammer, zum Feld-Herrn gegen die abtruennigen Insuln ernannt; und da ich nun einmal genoetigt war, dem Eigensinn meiner Mitbuerger nachzugeben, so entschloss ich mich, es mit einer guten Art zu tun, und die Sache von derjenigen Seite anzusehen, welche mir eine erwuenschte Gelegenheit zu geben schien, den Anfang zur Ausfuehrung meiner eigenen Entwuerfe zu machen. Da ich wusste, dass die Insulaner gerechte Klagen gegen Athen zu fuehren hatten, und eine Regierung nicht lieben konnten, von der sie unterdrueckt, ausgezogen, und mit Fuessen getreten wurden; so gruendete ich meinen ganzen Plan ihrer Beruhigung und Wiederbringung auf den Weg der Guete, auf Abstellung der Missbraeuche, wodurch sie erbittert worden waren, auf eine billige Maessigung der Abgaben, welche man gegen ihre Freiheiten und ueber ihr Vermoegen, von ihnen erpresst hatte; und auf ihre Wiedereinsetzung in alle Rechte und Vorteile, deren sie sich als Griechen und als Bunds-Genossen, vermoege vieler besondern Vertraege, zu erfreuen haben sollten. Allein ehe ich von Athen abreisen konnte, war es um so noetiger, die Gemueter vorzubereiten und auf einen Ton zu stimmen, der mit meinen Grund-Saetzen und Absichten uebereinkaeme, da ich sahe, wie lebhaft die ausschweifenden Projekte, womit die Eitelkeit des Alcibiades sie ehemals bezaubert hatte, bei dieser Gelegenheit wieder aufgewacht waren. Ich versammelte also das Volk, und wandte alle Kraefte der Rede-Kunst, welche bei keinem Volk der Welt so viel vermag, als bei den Atheniensern, dazu an, sie von der Gruendlichkeit meiner Entwuerfe zu ueberzeugen, von welchen ich sie so viel sehen liess, als zu Erreichung meiner Absicht noetig war. Nachdem ich ihnen die Groesse und den Flor, wozu die Republik, vermoege ihrer natuerlichen Vorteile und innerlichen Staerke, gelangen koenne, mit den reizendesten Farben abgemalt hatte; bemuehte ich mich zu beweisen, dass weitlaeufige Eroberungen, ausser der Gefahr, womit sie durch die Unbestaendigkeit des Kriegs-Gluecks verbunden seien, den Staat endlich notwendiger Weise unter der Last ihrer eigenen Groesse erdruecken muessten; dass es einen weit sichern und kuerzern Weg gebe, Athen zur Koenigin des Erdbodens zu machen, indem etwas unleugbares sei, dass allezeit diejenige Nation den uebrigen Gesetze vorschreiben werde, welche zu gleicher Zeit die kluegste und die reichste sei; dass der Reichtum allezeit Macht gebe, so wie die Klugheit den rechten Gebrauch der Macht lehre; dass Athen in beidem allen andern Voelkern ueberlegen sein werde, wenn sie auf der einen Seite fortfahre, die Pfleg-Mutter der Wissenschaften und aller nuetzlichen und schoenen Kuenste zu sein; auf der andern aber alle ihre Gedanken darauf richte, sich in der Herrschaft ueber das Meer fest zu setzen; nicht in der Absicht Eroberungen zu machen, sondern sich in eine solche Achtung bei den Auswaertigen zu setzen, dass jedermann ihre Freundschaft suche, und niemand es wagen duerfe, ihren Unwillen zu reizen; dass fuer einen am Meer gelegenen Frei-Staat ein gutes Vernehmen mit allen uebrigen Voelkern, und eine so weit als nur moeglich ausgebreitete Handlung, der natuerliche und unfehlbare Weg sei, nach und nach zu einer Groesse zu gelangen, deren Ziel nicht abzusehen sei; dass aber hiezu die Erhaltung seiner eigenen Freiheit, und zu dieser die Freiheit aller uebrigen, sonderheitlich der benachbarten, oder wenigstens ihre Erhaltung bei ihrer alten und natuerlichen Form und Verfassung, noetig sei; dass Buendnisse mit seinen Nachbarn, und eine solche Freundschaft, wobei der andere eben so wohl seinen Vorteil finde, als wir den unsrigen, einem solchen Staat weit mehr Macht, Ansehen und Einfluss auf die allgemeine Verfassung des politischen Systems der Welt geben muessten, als die Unterwerfung derselben, weil ein Freund allezeit mehr wert sei, als ein Sklave; dass die Gerechtigkeit der einzige Grund der Macht und Dauer eines Staats, so wie das einzige Band der Gesellschaft zwischen einzelnen Menschen und ganzen Nationen, sei; dass diese Gerechtigkeit fodre, eine jede politische Gesellschaft (sie moege gross oder klein sein) als unsers gleichen anzusehen, und ihr eben die Rechte zu zugestehen, welche wir fuer uns selbst foderten; dass ein nach diesen Grund-Saetzen eingerichtetes Betragen das gewisseste Mittel sei, sich ein allgemeines Zutrauen zu erwerben, und anstatt einer gewaltsamen, und mit allen Gefahren der Tyrannie verknuepften Oberherrschaft eine freiwillig eingestandene Autoritaet zu behaupten, welche in der Tat von allen Vorteilen der erstern begleitet sei, ohne die verhasste Gestalt und schlimmen Folgen derselben zu haben. Nachdem ich alle diese Wahrheiten in ihrer besondern Anwendung auf Griechenland und Athen, in das staerkste Licht gesetzt, und bei dieser Gelegenheit die Torheit der Projekte des Alcibiades und andrer ehrsuechtiger Schwindelkoepfe ausfuehrlich erwiesen hatte: Bemuehte ich mich darzutun, dass der Aufstand der Inseln, welche bisher unter dem Schutz der Athenienser gestanden, in neuerlichen Zeiten aber durch Schuld einiger boeser Ratgeber der Republik, als unterworfene Sklaven behandelt worden seien, die gluecklichste Gelegenheit anbiete, auf der einen Seite das ganze Griechenland von der gerechten und edelmuetigen Denkungsart der Athenienser zu ueberzeugen, auf der andern durch eine ansehnliche Vermehrung der Seemacht, wovon die Unkosten durch die groessere Sicherheit und Erweiterung der Handelschaft reichlich ersetzt wuerden, sich in ein solches Ansehen zu setzen, dass niemand jenes gelinde und grossmuetige Verfahren, mit dem mindesten Schein, einem Mangel an Vermoegen sich Genugtuung zu verschaffen, werde beimessen koennen. Ich unterstuetzte diese Vorschlaege mit allen den Gruenden, welche auf die lebhafte Einbildungskraft meiner Zuhoerer den staerksten Eindruck machen konnten, und hatte das Vergnuegen, dass meine Rede mit einem Beifall, der meine Erwartung weit uebertraf, aufgenommen wurde. Ausserdem, dass die Athenienser, ihrer Gemuetsart nach, sich von Wahrheit und gesunden Grundsaetzen eben so leicht einnehmen liessen, als von den Blendwerken einer falschen Staatskunst, wenn ihnen jene nur in einem eben so reizenden Licht, und mit eben so lebhaften Farben vorgetragen wurden, als sie verwoehnt worden waren, von einem jeden, der zu den oeffentlichen Angelegenheiten redete, zu fodern; so waren sie gleichgueltig, durch was fuer Mittel Athen zu derjenigen Groesse gelangen moege, welche das Ziel aller ihrer Wuensche war; und ein grosser Teil der Buerger, denen der Friede mehr Vorteile brachte, als der Krieg, liessen sichs vielmehr wohlgefallen, dass dieses Ziel ihrer Eitelkeit auf eine mit ihrem Privatnutzen uebereinstimmigere Art erhalten werde. Meine heimlichen Feinde, welche nicht zweifelten, dass diese Expedition auf eine oder andere Art Gelegenheit zu meinem Fall geben wuerde, waren weit entfernt, meinen Massnehmungen oeffentlich zu widerstehen; aber (wie ich in der Folge erfuhr) unter der Hand desto geschaeftiger, ihren Erfolg zu hemmen, Schwierigkeiten aus Schwierigkeiten hervor zu spinnen, und die missvergnuegten Insulaner selbst durch geheime Aufstiftungen uebermuetig, und zu billigen Bedingungen abgeneigt zu machen. Die Verachtung, womit man anfangs diesen Aufstand zu Athen angesehen hatte; das ansteckende Beispiel, und die Raenke andrer Griechischen Staedte, welche die Obermacht der Athenienser mit eifersuechtigen Augen ansahen, hatten zu wege gebracht, dass indessen auch die Attischen Kolonien, und der groesseste Teil der Bundesgenossen kuehn genug worden waren, sich einer Unabhaenglichkeit anzumassen, deren schaedliche Folgen sie sich selbst unter dem reizenden Namen der Freiheit verbargen; es war die hoechste Zeit, einer allgemeinen Empoerung und Zusammenverschwoerung gegen Athen zuvorzukommen; und meine Landsleute, welche bei Annaeherung einer Gefahr, die ihnen in der Ferne nur Stoff zu witzigen Einfaellen und Gassenliedern gegeben hatte, sehr schnell von der leichtsinnigsten Gleichgueltigkeit zu einer eben so uebermaessigen Kleinmuetigkeit uebergingen, vergroesserten sich selbst das uebel so sehr, dass ich genoetiget wurde unter Segel zu gehen, ehe die Zuruestungen noch zur Haelfte fertig waren. Ich hatte die Vorsichtigkeit gebraucht, meinen Freund, ueber welchen mir die Gunst des Volks einen so unbilligen Vorzug gegeben hatte, als meinen Unterbefehlshaber mitzunehmen; die Bescheidenheit, womit ich mich des Ansehens, welches mir meine Kommission ueber ihn gab, bediente, kam einer Eifersucht zuvor, die den Erfolg unsrer Unternehmung haette vereiteln koennen; wir handelten aufrichtig, und ohne Nebenabsichten, nach einem gemeinschaftlich abgeredeten Plan, und das Glueck beguenstigte uns so sehr, dass in einer einzigen Expedition alle Inseln, Kolonien und Schutzverwandte der Athenienser nicht nur beruhiget, und wieder in die alte Schranken gesetzt, sondern durch die Abstellung alles dessen, wodurch sie unbilliger Weise beschweret worden waren, und durch die Bestaetigung ihrer Freiheiten, die ich ihnen bewilligte, mehr als jemals geneigt gemacht wurden, die Freundschaft der Athenienser allen andern Verbindungen, die ihnen angetragen worden waren, vorzuziehen. In allem diesem folgte ich, ohne besondere Verhaltungsbefehle einzuholen, meiner eignen Denkungsart mit desto groesster Zuversicht, da ich den ehemaligen Missvergnuegten nichts zugestanden hatte, was sie nicht so wohl nach dem Naturrecht als in Kraft aelterer Vertraege zu fodern vollkommen berechtiget waren, hingegen durch diese Nachgiebigkeit neue und sehr betraechtliche Vorteile fuer die Athenienser erkaufte; Vorteile, welche dem ganzen gemeinen Wesen zuflossen, da hingegen aller Nutzen der Unterdrueckung, worunter sie geseufzet hatten, lediglich in die Kassen einiger Privatleute und ehmaligen Guenstlinge des Volks geleitet worden war.
Ich kehrete also mit dem Vergnuegen, Gutes getan zu haben, mit dem Beifall und der lebhaftesten Zuneigung der saemtlichen Kolonien und Bundesgenossen, und mit der vollen Zuversicht, dass ich die Belohnung, die ich verdient zu haben glaubte, in der Zufriedenheit meiner Mitbuerger einernten wuerde, an der Spitze einer dreimal staerkern Flotte, als womit ich ausgelaufen war, nach Athen zurueck. Ich schmeichelte mir, dass ich mir durch eine so schleunige Beilegung einer Unruhe, welche so weitaussehend und gefaehrlich geschienen, einiges Verdienst um mein Vaterland erworben haette. Ich hatte aus unsern Feinden, Freunde, und aus unsichern Untertanen, zuverlaessige Bundesgenossen gemacht, deren Treu desto weniger zweifelhaft sein musste, da ich ihre Sicherheit und ihren Wohlstand durch unzertrennliche Bande mit dem Interesse von Athen verknuepft hatte; ich hatte, des gemeinen Schatzes zu schonen, mein eignes Vermoegen zugesetzt, und durch mehr als hundert ausgeruestete Galeeren, die ich von dem guten Willen der wieder beruhigten Insulaner erhalten, unsrer Seemacht eine ansehnliche Verstaerkung gegeben; ich hatte das Ansehen der Athenienser befestiget, ihre Neider abgeschreckt, und ihrer Handlung einen Ruhestand verschafft, dessen Fortdauer nunmehr, wenigstens auf lange Zeiten, von ihrem eigenen Betragen abhing. Das Vergnuegen, welches sich ueber mein Gemuet ausbreitete, wenn ich alle diese Vorteile meiner Verrichtung ueberdachte, war so lebhaft, dass ich ueber alle andere Belohnungen, ausser dem Beifall und Zutrauen meiner Mitbuerger, weit hinaus sah: Aber die Athenienser waren, in dem ersten Anstoss ihrer Erkenntlichkeit, keine Leute, welche Mass halten konnten. Ich wurde im Triumph eingeholt, und mit allen Arten der Ehrenbezeugungen in die Wette ueberhaeuft; die Bildhauer mussten sich Tag und Nacht an meinen Statuen muede arbeiten; alle Tempel, alle oeffentlichen Plaetze und Hallen wurden mit Denkmaelern meines Ruhms ausgeziert; und diejenige, welche in der Folge mit der groessesten Heftigkeit an meinem Verderben arbeiteten, waren itzt die eifrigsten, uebermaessige und zuvor nie erhoerte Belohnungen vorzuschlagen, welche das Volk in dem Feuer seiner schwaermerischen Zuneigung gutherziger Weise bewilligte, ohne daran zu denken, dass mir diese Ausschweifungen seiner Hochachtung in kurzem von ihm selbst zu eben so vielen Verbrechen gemacht werden wuerden.
Da ich sahe, dass alle meine Bescheidenheit nicht zureichend war, dem ueberfliessenden Strom der popularen Dankbarkeit Einhalt zu tun; so glaubte ich am besten zu tun, wenn ich mich eine Zeitlang von Athen entfernte, und bis die Atheniensische Lebhaftigkeit durch irgend eine neue Komoedie, einen fremden Gaukler, oder eine frisch angekommene Taenzerin einen andern Schwung bekommen haben wuerde, auf meinem Landgut zu Corinth in Gesellschaft der Musen und Grazien einer Musse zu geniessen, welche ich durch die Arbeiten eines ganzen Jahres verdient zu haben glaubte. Ich dachte wenig daran, dass ich in einer Stadt, deren Liebling ich zu sein schien, Feinde habe, die indessen, dass ich mich mit aller Sorglosigkeit der Unschuld den Vergnuegungen des Landlebens, und der geselligen Freiheit ueberliess, einen eben so boshaften als wohlausgesonnenen Plan zu meinem Untergang anzulegen beschaeftiget seien.
Alles, womit ich mir bei der schaerfsten Pruefung meines oeffentlichen und Privatlebens in Athen, bewusst bin, mein Unglueck, wo nicht verdient, doch befoedert zu haben, ist Unvorsichtigkeit, oder der Mangel an einer gewissen Republikanischen Klugheit, welche nur die Erfahrung geben kann. Ich lebte nach meinem Geschmack, und nach meinem Herzen, weil ich gewiss wusste, dass beide gut waren, ohne daran zu denken, dass man mir andre Absichten bei meinen Handlungen andichten koenne, als ich wirklich hatte. Ich lebte mit einer gewissen Pracht, weil ich das Schoene liebte, und Vermoegen hatte; ich tat jedermann gutes, weil ich meinem Herzen dadurch ein Vergnuegen verschaffte, welches ich allen andern Freuden vorzog; ich beschaeftigte mich mit dem gemeinen Besten der Republik, weil ich dazu geboren war, weil ich eine Tuechtigkeit dazu in mir fuehlte, und weil ich durch die Zuneigung meiner Mitbuerger in den Stand gesetzt zu werden hoffte, meinem Vaterland und der Welt nuetzlich zu sein. Ich hatte keine andere Absichten, und wuerde mir eher haben traeumen lassen, dass man mich beschuldigen werde, nach der Krone des Koenigs von Persien, als nach der Unterdrueckung meines Vaterlands zu streben. Da ich mir bewusst war niemands Hass verdient zu haben, so hielt ich einen jeden fuer meinen Freund, der sich dafuer ausgab, um so mehr, als kaum jemand in Athen war, dem ich nicht Dienste geleistet hatte. Aus eben diesem Grunde dachte ich gleich wenig daran, wie ich mir einen Anhang mache, als wie ich die geheimen Anschlaege von Feinden, welche mir unsichtbar waren, vereiteln wolle. Denn ich glaubte nicht, dass die Freimuetigkeit, womit ich, ohne Galle oder uebermut, meine Meinung bei jeder Gelegenheit sagte, eine Ursache sein koenne, mir Feinde zu machen. Mit einem Wort, ich wusste noch nicht, dass Tugend, Verdienste und Wohltaten gerade dasjenige sind, wodurch man gewisse Leute zu dem toedlichsten Hass erbittern kann. Eine traurige Erfahrung konnte mir allein zu dieser Einsicht verhelfen; und es ist billig, dass ich sie wert halte, da sie mir nicht weniger, als mein Vaterland, die Liebe meiner Mitbuerger, meine schoensten Hoffnungen, und das glueckselige Vermoegen, vielen Gutes zu tun, und von niemand abzuhaengen, gekostet hat.”
SIEBENTES KAPITEL
Agathon wird von Athen verbannt
“Der Zeitpunkt meines Lebens, auf den ich nunmehr gekommen bin, fuehrt allzuunangenehme Erinnerungen mit sich, als dass ich nicht entschuldiget sein sollte, wenn ich so schnell davon wegeile, als es die Gerechtigkeit zulassen wird, die ich mir selbst schuldig bin. Es mag sein, dass einige von meinen Feinden aus Beweggruenden eines republikanischen Eifers gegen mich aufgestanden sind, und sich durch meinen Sturz eben so verdient um ihr Vaterland zu machen geglaubt haben, als Harmodius und Aristogiton durch die Ermordung der Pisistratiden. Aber es ist doch gewiss, dass diejenige, welche die Sache mit der groessesten Wut betrieben, keinen andern Beweggrund hatten, als die Eifersucht ueber das Ansehen, welches mir die allgemeine Gunst des Volkes gab, und welches sie, nicht ohne Ursache, fuer ein Hinternis ihrer ehrgeizigen und gewinnsuechtigen Absichten hielten. Die meisten glaubten auch, dass sie Privatbeleidigungen zu raechen haetten. Einige naehrten noch den alten Groll, den sie bei meinem ersten Auftritt in der Republik gegen mich fassten, da ich meinen rechtschaffenen Freund, den Wirkungen ihrer Bosheit entriss; andere schmerzte es, dass ich ihnen bei der Wahl eines Befehlshabers gegen die Empoerten Inseln vorgezogen worden war; viele waren durch den Verlust des Vorteils, welchen sie von den ungerechten Bedrueckungen derselben gezogen hatten, beleidiget worden. Bei diesen allen half mir nichts, dass ich keine Absicht gehabt hatte sie zu beleidigen, und dass es nur zufaelliger Weise dadurch geschehen war, dass ich meiner ueberzeugung und meinen Pflichten gemaess gehandelt hatte. Sie beurteilten meine Handlungen aus einem ganz andern Gesichtspunkte, und es war bei ihnen ein ausgemachter Grundsatz, dass derjenige kein ehrlicher Mann sein koenne, der ihren Privatabsichten Schranken setzte. Zum Unglueck fuer mich, machten diese Leute einen grossen Teil von den Edelsten und Reichesten in Athen aus. Hiezu kam noch, dass ich meiner immer fortdauernden Liebe zu Psyche, die vorteilhaftesten Verbindungen, welche mir angeboten worden waren, aufgeopfert, und mich dadurch der Unterstuetzung und des Schutzes beraubet hatte, den ich mir von der Verschwaegerung mit einem maechtigen Geschlechte haette versprechen koennen. Ich hatte nichts, was ich den Raenken und der vereinigten Gewalt so vieler Feinde entgegen setzen konnte, als meine Unschuld, einige Verdienste, und die Zuneigung des Volks; schwache Brustwehren, welche noch nie gegen die Angriffe des Neides, der Arglist und der Gewalttaetigkeit ausgehalten haben. Die Unschuld kann verdaechtig gemacht, und Verdiensten selbst durch ein falsches Licht das Ansehen von Verbrechen gegeben werden; und was ist die Gunst eines enthusiastischen Volkes, dessen Bewegungen immer seinen ueberlegungen zuvorkommen; welches mit gleichem uebermass liebet und hasset, und wenn es einmal in eine fiebrische Hitze gesetzt ist, gleich geneigt ist, dieser oder einer entgegengesetzten Direktion, je nachdem es gestossen wird, zu folgen? Was konnte ich mir von der Gunst eines Volkes versprechen, welches den grossen Beschuetzer der griechischen Freiheit im Gefaengnis hatte verschmachten lassen? Welches den tugendhaften Aristides, bloss darum, weil er den Beinamen des Gerechten verdiente, verbannet, und in einer von seinen gewoehnlichen Launen so gar den Socrates zum Gift-Becher verurteilt hatte, weil er der weiseste und tugendhafteste Mann seines Jahrhunderts war. Diese Beispiele sagten mir sogleich bei der ersten Nachricht, die ich von dem ueber mir sich zusammenziehenden Ungewitter erhielt, zuverlaessig vorher, was ich von den Atheniensern zu erwarten haette; sie machten, dass ich ihnen nicht mehr zutraute, als sie leisteten; und trugen nicht wenig dazu bei, mich ein Unglueck mit Standhaftigkeit ertragen zu machen, in welchem ich so vortreffliche Maenner zu Vorgaengern gehabt hatte.
Derjenige, den meine Feinde zu meinem Anklaeger auserkoren hatten, war einer von diesen witzigen Schwaetzern, deren feiles Talent gleich fertig ist, Recht oder Unrecht zu verfechten. Er hatte in der Schule des beruechtigten Gorgias gelernt, durch die Zaubergriffe der Rede-Kunst den Verstand seiner Zuhoerer zu blenden, und sie zu bereden, dass sie saehen, was sie nicht sahen. Er bekuemmerte sich wenig darum, dasjenige zu beweisen, was er mit der groessesten Dreistigkeit behauptete; aber er wusste ihm einen so lebhaften Schein zu geben, und durch eine zwar willkuerliche, aber desto kuenstlichere Verbindung seiner Saetze die Schwaeche eines jeden, wenn er an sich und allein betrachtet wuerde, so geschickt zu verbergen, dass man, so gar mit einer gruendlichen Beurteilungs-Kraft, auf seiner Hut sein musste, um nicht von ihm ueberrascht zu werden. Der hauptsaechlichste Vorwurf seiner Anklage sollte, seinem Vorgeben nach, die schlimme Verwaltung sein, deren ich mich als Ober-Befehlshaber in der Angelegenheit der empoerten