es sei denn etwas Biskuit oder Brot, das sie, wenn sie allein war, zerbrËckelte und Kr¸mel f¸r Kr¸mel aï¬, wie Kinder Kr¸mel essen. Ihre Angst vor Nadeln beherrschte sie damals schon vËllig. Zu den anderen sagte sie nur, um sich zu entschuldigen: “Ich vertrage rein nichts mehr, aber es muï¬ euch nicht stËren, ich befinde mich ausgezeichnet dabei.” Zu mir aber konnte sie sich plËtzlich hinwenden (denn ich war schon ein biï¬chen erwachsen) und mit einem Lâ°cheln, das sie sehr anstrengte, sagen: “Was es doch f¸r viele Nadeln giebt, Malte, und wo sie ¸berall herumliegen, und wenn man bedenkt, wie leicht sie herausfallen…” Sie hielt darauf, es recht scherzend zu sagen; aber das Entsetzen sch¸ttelte sie bei dem Gedanken an alle die schlecht befestigten Nadeln, die jeden Augenblick irgendwo hineinfallen konnten.
Wenn sie aber von Ingeborg erzâ°hlte, dann konnte ihr nichts geschehen; dann schonte sie sich nicht; dann sprach sie lauter, dann lachte sie in der Erinnerung an Ingeborgs Lachen, dann sollte man sehen, wie schËn Ingeborg gewesen war. “Sie machte uns alle froh”, sagte sie, “deinen Vater auch, Malte, buchstâ°blich froh. Aber dann, als es hieï¬, daï¬ sie sterben w¸rde, obwohl sie doch nur ein wenig krank schien, und wir gingen alle herum und verbargen es, da setzte sie sich einmal im Bette auf und sagte so vor sich hin, wie einer, der hËren will, wie etwas klingt: ‘Ihr m¸ï¬t euch nicht so zusammennehmen; wir wissen es alle, und ich kann euch beruhigen, es ist gut so wie es kommt, ich mag nicht mehr.’ Stell dir vor, sie sagte: ‘Ich mag nicht mehr’; sie, die uns alle froh machte. Ob du das einmal verstehen wirst, wenn du groï¬ bist, Malte? Denk daran spâ°ter, vielleicht fâ°llt es dir ein. Es wâ°re ganz gut, wenn es jemanden gâ°be, der solche Sachen versteht.”
‘Solche Sachen’ beschâ°ftigten Maman, wenn sie allein war, und sie war immer allein diese letzten Jahre.
“Ich werde ja nie darauf kommen, Malte”, sagte sie manchmal mit ihrem eigent¸mlich k¸hnen Lâ°cheln, das von niemandem gesehen sein wollte und seinen Zweck ganz erf¸llte, indem es gelâ°chelt ward. “Aber daï¬ es keinen reizt, das herauszufinden; wenn ich ein Mann wâ°re, ja gerade wenn ich ein Mann wâ°re, w¸rde ich dar¸ber nachdenken, richtig der Reihe und Ordnung nach und von Anfang an. Denn einen Anfang muï¬ es doch geben, und wenn man ihn zu fassen bekâ°me, das wâ°re immer schon etwas. Ach Malte, wir gehen so hin, und mir kommt vor, daï¬ alle zerstreut sind und beschâ°ftigt und nicht recht achtgeben, wenn wir hingehen. Als ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner und keiner hat sich etwas gew¸nscht. Vergiï¬ nie, dir etwas zu w¸nschen, Malte. W¸nschen, das soll man nicht aufgeben. Ich glaube, es giebt keine Erf¸llung, aber es giebt W¸nsche, die lange vorhalten, das ganze Leben lang, so daï¬ man die Erf¸llung doch gar nicht abwarten kËnnte.”
Maman hatte Ingeborgs kleinen Sekretâ°r hinauf in ihr Zimmer stellen lassen, davor fand ich sie oft, denn ich durfte ohne weiteres bei ihr eintreten. Mein Schritt verging vËllig in dem Teppich, aber sie f¸hlte mich und hielt mir eine ihrer Hâ°nde ¸ber die andere Schulter hin. Diese Hand war ganz ohne Gewicht, und sie k¸ï¬te sich fast wie das elfenbeinerne Kruzifix, das man mir abends vor dem Einschlafen reichte. An diesem niederen Schreibschrank, der mit einer Platte sich vor ihr aufschlug, saï¬ sie wie an einem Instrument. “Es ist so viel Sonne drin”, sagte sie, und wirklich, das Innere war merkw¸rdig hell, von altem, gelbem Lack, auf dem Blumen gemalt waren, immer eine rote und eine blaue. Und wo drei nebeneinanderstanden, gab es eine violette zwischen ihnen, die die beiden anderen trennte. Diese Farben und das Gr¸n des schmalen, waagerechten Rankenwerks waren ebenso verdunkelt in sich, wie der Grund strahlend war, ohne eigentlich klar zu sein. Das ergab ein seltsam gedâ°mpftes Verhâ°ltnis von TËnen, die in innerlichen gegenseitigen Beziehungen standen, ohne sich ¸ber sie auszusprechen.
Maman zog die kleinen Laden heraus, die alle leer waren.
“Ach, Rosen”, sagte sie und hielt sich ein wenig vor in den tr¸ben Geruch hinein, der nicht alle wurde. Sie hatte dabei immer die Vorstellung, es kËnnte sich plËtzlich noch etwas finden in einem geheimen Fach, an das niemand gedacht hatte und das nur dem Druck irgendeiner versteckten Feder nachgab. “Auf einmal springt es vor, du sollst sehen”, sagte sie ernst und â°ngstlich und zog eilig an allen Laden. Was aber wirklich an Papieren in den Fâ°chern zur¸ckgeblieben war, das hatte sie sorgfâ°ltig zusammengelegt und eingeschlossen, ohne es zu lesen. “Ich verst¸nde es doch nicht, Malte, es wâ°re sicher zu schwer f¸r mich.” Sie hatte die â¹berzeugung, daï¬ alles zu kompliziert f¸r sie sei. “Es giebt keine Klassen im Leben f¸r Anfâ°nger, es ist immer gleich das Schwierigste, was von einem verlangt wird.” Man versicherte mir, daï¬ sie erst seit dem schrecklichen Tode ihrer Schwester so geworden sei, der Grâ°fin ÷llegaard Skeel, die verbrannte, da sie sich vor einem Balle am Leuchterspiegel die Blumen im Haar anders anstecken wollte. Aber in letzter Zeit schien ihr doch Ingeborg das, was am schwersten zu begreifen war.
Und nun will ich die Geschichte aufschreiben, so wie Maman sie erzâ°hlte, wenn ich darum bat.
Es war mitten im Sommer, am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung. Von dem Platze auf der Terrasse, wo der Tee genommen wurde, konnte man den Giebel des Erbbegrâ°bnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin. Es war so gedeckt worden, als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch gesessen hâ°tte, und wir saï¬en auch alle recht ausgebreitet herum. Und jeder hatte etwas mitgebracht, ein Buch oder einen Arbeitskorb, so daï¬ wir sogar ein wenig beengt waren. Abelone (Mamans j¸ngste Schwester) verteilte den Tee, und alle waren beschâ°ftigt, etwas herumzureichen, nur dein Groï¬vater sah von seinem Sessel aus nach dem Hause hin. Es war die Stunde, da man die Post erwartete, und es f¸gte sich meistens so, daï¬ Ingeborg sie brachte, die mit den Anordnungen f¸r das Essen lâ°nger drin zur¸ckgehalten war. In den Wochen ihrer Krankheit hatten wir nun reichlich Zeit gehabt, uns ihres Kommens zu entwËhnen; denn wir wuï¬ten ja, daï¬ sie nicht kommen kËnne. Aber an diesem Nachmittag, Malte, da sie wirklich nicht mehr kommen konnte–: da kam sie. Vielleicht war es unsere Schuld; vielleicht haben wir sie gerufen. Denn ich erinnere mich, daï¬ ich auf einmal dasaï¬ und angestrengt war, mich zu besinnen, was denn eigentlich nun anders sei. Es war mir plËtzlich nicht mËglich zu sagen, was; ich hatte es vËllig vergessen. Ich blickte auf und sah alle andern dem Hause zugewendet, nicht etwa auf eine besondere, auffâ°llige Weise, sondern so recht ruhig und alltâ°glich in ihrer Erwartung. Und da war ich daran–(mir wird ganz kalt, Malte, wenn ich es denke) aber, Gott beh¸t mich, ich war daran zu sagen: “Wo bleibt nur–” Da schoï¬ schon Cavalier, wie er immer tat, unter dem Tisch hervor und lief ihr entgegen. Ich hab es gesehen, Malte, ich hab es gesehen. Er lief ihr entgegen, obwohl sie nicht kam; f¸r ihn kam sie. Wir begriffen, daï¬ er ihr entgegenlief. Zweimal sah er sich nach uns um, als ob er fragte. Dann raste er auf sie zu, wie immer, Malte, genau wie immer, und erreichte sie; denn er begann rund herum zu springen, Malte, um etwas, was nicht da war, und dann hinauf an ihr, um sie zu lecken, gerade hinauf. Wir hËrten ihn winseln vor Freude, und wie er so in die HËhe schnellte, mehrmals rasch hintereinander, hâ°tte man wirklich meinen kËnnen, er verdecke sie uns mit seinen Spr¸ngen. Aber da heulte es auf einmal, und er drehte sich von seinem eigenen Schwunge in der Luft um und st¸rzte zur¸ck, merkw¸rdig ungeschickt, und lag ganz eigent¸mlich flach da und r¸hrte sich nicht. Von der andern Seite trat der Diener aus dem Hause mit den Briefen. Er zËgerte eine Weile; offenbar war es nicht ganz leicht, auf unsere Gesichter zuzugehen. Und dein Vater winkte ihm auch schon, zu bleiben. Dein Vater, Malte, liebte keine Tiere; aber nun ging er doch hin, langsam wie mir schien, und b¸ckte sich ¸ber den Hund. Er sagte etwas zu dem Diener, irgend etwas Kurzes, Einsilbiges. Ich sah, wie der Diener hinzusprang, um Cavalier aufzuheben. Aber da nahm dein Vater selbst das Tier und ging damit, als w¸ï¬te er genau wohin, ins Haus hinein.
Einmal, als es ¸ber dieser Erzâ°hlung fast dunkel geworden war, war ich nahe daran, Maman von der ‘Hand’ zu erzâ°hlen: in diesem Augenblick hâ°tte ich es gekonnt. Ich atmete schon auf, um anzufangen, aber da fiel mir ein, wie gut ich den Diener begriffen hatte, daï¬ er nicht hatte kommen kËnnen auf ihre Gesichter zu. Und ich f¸rchtete mich trotz der Dunkelheit vor Mamans Gesicht, wenn es sehen w¸rde, was ich gesehen habe. Ich holte rasch noch einmal Atem, damit es den Anschein habe, als hâ°tte ich nichts anderes gewollt. Ein paar Jahre hernach, nach der merkw¸rdigen Nacht in der Galerie auf Urnekloster, ging ich tagelang damit um, mich dem kleinen Erik anzuvertrauen. Aber er hatte sich nach unserem nâ°chtlichen Gesprâ°ch wieder ganz vor mir zugeschlossen, er vermied mich; ich glaube, daï¬ er mich verachtete. Und gerade deshalb wollte ich ihm von der ‘Hand’ erzâ°hlen. Ich bildete mir ein, ich w¸rde in seiner Meinung gewinnen (und das w¸nschte ich dringend aus irgendeinem Grunde), wenn ich ihm begreiflich machen kËnnte, daï¬ ich das wirklich erlebt hatte. Erik aber war so geschickt im Ausweichen, daï¬ es nicht dazu kam. Und dann reisten wir ja auch gleich. So ist es, wunderlich genug, das erstemal, daï¬ ich (und schlieï¬lich auch nur mir selber) eine Begebenheit erzâ°hle, die nun weit zur¸ckliegt in meiner Kindheit.
Wie klein ich damals noch gewesen sein muï¬, sehe ich daran, daï¬ ich auf dem Sessel kniete, um bequem auf den Tisch hinaufzureichen, auf dem ich zeichnete. Es war am Abend, im Winter, wenn ich nicht irre, in der Stadtwohnung. Der Tisch stand in meinem Zimmer, zwischen den Fenstern, und es war keine Lampe im Zimmer, als die, die auf meine Blâ°tter schien und auf Mademoiselles Buch; denn Mademoiselle saï¬ neben mir, etwas zur¸ckger¸ckt, und las. Sie war weit weg, wenn sie las, ich weiï¬ nicht, ob sie im Buche war; sie konnte lesen, stundenlang, sie blâ°tterte selten um, und ich hatte den Eindruck, als w¸rden die Seiten immer voller unter ihr, als schaute sie Worte hinzu, bestimmte Worte, die sie nËtig hatte und die nicht da waren. Das kam mir so vor, wâ°hrend ich zeichnete. Ich zeichnete langsam, ohne sehr entschiedene Absicht, und sah alles, wenn ich nicht weiter wuï¬te, mit ein wenig nach rechts geneigtem Kopfe an; so fiel mir immer am raschesten ein, was noch fehlte. Es waren Offiziere zu Pferd, die in die Schlacht ritten, oder sie waren mitten drin, und das war viel einfacher, weil dann fast nur der Rauch zu machen war, der alles einh¸llte. Maman freilich behauptet nun immer, daï¬ es Inseln gewesen waren, was ich malte; Inseln mit groï¬en Bâ°umen und einem Schloï¬ und einer Treppe und Blumen am Rand, die sich spiegeln sollten im Wasser. Aber ich glaube, das erfindet sie, oder es muï¬ spâ°ter gewesen sein.
Es ist ausgemacht, daï¬ ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete, einen einzelnen, sehr deutlichen Ritter auf einem merkw¸rdig bekleideten Pferd. Er wurde so bunt, daï¬ ich oft die Stifte wechseln muï¬te, aber vor allem kam doch der rote in Betracht, nach dem ich immer wieder griff. Nun hatte ich ihn noch einmal nËtig; da rollte er (ich sehe ihn noch) quer ¸ber das beschienene Blatt an den Rand und fiel, ehe ichs verhindern konnte, an mir vorbei hinunter und war fort. Ich brauchte ihn wirklich dringend, und es war recht â°rgerlich, ihm nun nachzuklettern. Ungeschickt, wie ich war, kostete es mich allerhand Veranstaltungen, hinunterzukommen; meine Beine schienen mir viel zu lang, ich konnte sie nicht unter mir hervorziehen; die zu lange ein gehaltene knieende Stellung hatte meine Glieder dumpf gemacht; ich wuï¬te nicht, was zu mir und was zum Sessel gehËrte. Endlich kam ich doch, etwas konfus, unten an und befand mich auf einem Fell, das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog. Aber da ergab sich eine neue Schwierigkeit. Eingestellt auf die Helligkeit da oben und noch ganz begeistert f¸r die Farben auf dem weiï¬en Papier, vermochten meine Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen, wo mir das Schwarze so zugeschlossen schien, daï¬ ich bange war, daran zu stoï¬en. Ich verlieï¬ mich also auf mein Gef¸hl und kâ°mmte, knieend und auf die linke gest¸tzt, mit der andern Hand in dem k¸hlen, langhaarigen Teppich herum, der sich recht vertraulich anf¸hlte; nur daï¬ kein Bleistift zu sp¸ren war. Ich bildete mir ein, eine Menge Zeit zu verlieren, und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie bitten, mir die Lampe zu halten, als ich merkte, daï¬ f¸r meine unwillk¸rlich angestrengten Augen das Dunkel nach und nach durchsichtiger wurde. Ich konnte schon hinten die Wand unterscheiden, die mit einer hellen Leiste abschloï¬; ich orientierte mich ¸ber die Beine des Tisches; ich erkannte vor allem meine eigene, ausgespreizte Hand, die sich ganz allein, ein biï¬chen wie ein Wassertier, da unten bewegte und den Grund untersuchte. Ich sah ihr, weiï¬ ich noch, fast neugierig zu; es kam mir vor, als kËnnte sie Dinge, die ich sie nicht gelehrt hatte, wie sie da unten so eigenmâ°chtig herumtastete mit Bewegungen, die ich nie an ihr beobachtet hatte. Ich verfolgte sie, wie sie vordrang, es interessierte mich, ich war auf allerhand vorbereitet. Aber wie hâ°tte ich darauf gefaï¬t sein sollen, daï¬ ihr mit einem Male aus der Wand eine andere Hand entgegenkam, eine grËï¬ere, ungewËhnlich magere Hand, wie ich noch nie eine gesehen hatte. Sie suchte in â°hnlicher Weise von der anderen Seite her, und die beiden gespreizten Hâ°nde bewegten sich blind aufeinander zu. Meine Neugierde war noch nicht aufgebraucht, aber plËtzlich war sie zu Ende, und es war nur Grauen da. Ich f¸hlte, daï¬ die eine von den Hâ°nden mir gehËrte und daï¬ sie sich da in etwas einlieï¬, was nicht wieder gutzumachen war. Mit allem Recht, das ich auf sie hatte, hielt ich sie an und zog sie flach und langsam zur¸ck, indem ich die andere nicht aus den Augen lieï¬, die weitersuchte. Ich begriff, daï¬ sie es nicht aufgeben w¸rde, ich kann nicht sagen, wie ich wieder hinaufkam. Ich saï¬ ganz tief im Sessel, die Zâ°hne schlugen mir aufeinander, und ich hatte so wenig Blut im Gesicht, daï¬ mir schien, es wâ°re kein Blau mehr in meinen Augen. Mademoiselle–, wollte ich sagen und konnte es nicht, aber da erschrak sie von selbst, sie warf ihr Buch hin und kniete sich neben den Sessel und rief meinen Namen; ich glaube, daï¬ sie mich r¸ttelte. Aber ich war ganz bei Bewuï¬tsein. Ich schluckte ein paarmal; denn nun wollte ich es erzâ°hlen.
Aber wie? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen, aber es war nicht auszudr¸cken, so daï¬ es einer begriff. Gab es Worte f¸r dieses Ereignis, so war ich zu klein, welche zu finden. Und plËtzlich ergriff mich die Angst, sie kËnnten doch, ¸ber mein Alter hinaus, auf einmal da sein, diese Worte, und es schien mir f¸rchterlicher als alles, sie dann sagen zu m¸ssen. Das Wirkliche da unten noch einmal durchzumachen, anders, abgewandelt, von Anfang an; zu hËren, wie ich es zugebe, dazu hatte ich keine Kraft mehr.
Es ist nat¸rlich Einbildung, wenn ich nun behaupte, ich hâ°tte in jener Zeit schon gef¸hlt, daï¬ da etwas in mein Leben gekommen sei, geradeaus in meines, womit ich allein w¸rde herumgehen m¸ssen, immer und immer. Ich sehe mich in meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen und irgendwie ungenau voraussehen, daï¬ so das Leben sein w¸rde: voll lauter besonderer Dinge, die nur f¸r Einen gemeint sind und die sich nicht sagen lassen. Sicher ist, daï¬ sich nach und nach ein trauriger und schwerer Stolz in mir erhob. Ich stellte mir vor, wie man herumgehen w¸rde, voll von Innerem und schweigsam. Ich empfand eine ungest¸me Sympathie f¸r die Erwachsenen; ich bewunderte sie, und ich nahm mir vor, ihnen zu sagen, daï¬ ich sie bewunderte. Ich nahm mir vor, es Mademoiselle zu sagen bei der nâ°chsten Gelegenheit.
Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu beweisen, daï¬ dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber w¸hlte in mir und holte von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von denen ich nicht gewuï¬t hatte; ich lag da, ¸berhâ°uft mit mir, und wartete auf den Augenblick, da mir befohlen w¸rde, dies alles wieder in mich hineinzuschichten, ordentlich, der Reihe nach. Ich begann, aber es wuchs mir unter den Hâ°nden, es strâ°ubte sich, es war viel zu viel. Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen in mich hinein und preï¬te es zusammen; aber ich ging nicht wieder dar¸ber zu. Und da schrie ich, halb offen wie ich war, schrie ich und schrie. Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir, so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir die Hâ°nde, und eine Kerze war da, und ihre groï¬en Schatten r¸hrten sich hinter ihnen. Und mein Vater befahl mir, zu sagen, was es gâ°be. Es war ein freundlicher, gedâ°mpfter Befehl, aber ein Befehl war es immerhin. Und er wurde ungeduldig, wenn ich nicht antwortete.
Maman kam nie in der Nacht–, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte geschrieen und geschrieen, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen, die Haushâ°lterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem groï¬en Balle waren, ich glaube beim Kronprinzen. Und auf einmal hËrte ich ihn hereinfahren in den Hof, und ich wurde still, saï¬ und sah nach der T¸r. Und da rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der groï¬en Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und lieï¬ ihren weiï¬en Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloï¬en Arme. Und ich bef¸hlte, erstaunt und entz¸ckt wie nie, ihr Haar und ihr kleines, gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir blieben so und weinten zâ°rtlich und k¸ï¬ten uns, bis wir f¸hlten, daï¬ der Vater da war und daï¬ wir uns trennen muï¬ten. “Er hat hohes Fieber”, hËrte ich Maman sch¸chtern sagen, und der Vater griff nach meiner Hand und zâ°hlte den Puls. Er war in der Jâ°germeisteruniform mit dem schËnen, breiten, gewâ°sserten blauen Band des Elefanten. “Was f¸r ein Unsinn, uns zu rufen”, sagte er ins Zimmer hinein, ohne mich anzusehen. Sie hatten versprochen, zur¸ckzukehren, wenn es nichts Ernstliches wâ°re. Und Ernstliches war es ja nichts. Auf meiner Decke aber fand ich Mamans Tanzkarte und weiï¬e Kamelien, die ich noch nie gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte, als ich merkte, wie k¸hl sie waren.
Aber was lang war, das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten. Am Morgen nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf, und wenn man erwachte und meinte, nun wâ°re es wieder fr¸h, so war es Nachmittag und blieb Nachmittag und hËrte nicht auf Nachtmittag zu sein. Da lag man so in dem aufgerâ°umten Bett und wuchs vielleicht ein wenig in den Gelenken und war viel zu m¸de, um sich irgend etwas vorzustellen. Der Geschmack vom Apfelmus hielt lange vor, und das war schon alles mËgliche, wenn man ihn irgendwie auslegte, unwillk¸rlich, und die reinliche Sâ°ure an Stelle von Gedanken in sich herumgehen lieï¬. Spâ°ter, wenn die Krâ°fte wiederkamen, wurden die Kissen hinter einem aufgebaut, und man konnte aufsitzen und mit Soldaten spielen; aber sie fielen so leicht um auf dem schiefen Bett-Tisch und dann immer gleich die ganze Reihe; und man war doch noch nicht so ganz im Leben drin, um immer wieder von vorn anzufangen. PlËtzlich war es zuviel, und man bat, alles recht rasch fortzunehmen, und es tat wohl, wieder nur die zwei Hâ°nde zu sehen, ein biï¬chen weiter hin auf der leeren Decke.
Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und Mâ°rchen vorlas (zum richtigen, langen Vorlesen war Sieversen da), so war das nicht um der Mâ°rchen willen. Denn wir waren einig dar¸ber, daï¬ wir Mâ°rchen nicht liebten. Wir hatten einen anderen Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden, wenn alles mit nat¸rlichen Dingen zuginge, so wâ°re das immer am wunderbarsten. Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft zu fliegen, die Feen enttâ°uschten uns, und von den Verwandlungen in etwas anderes erwarteten wir uns nur eine sehr oberflâ°chliche Abwechslung. Aber wir lasen doch ein biï¬chen, um beschâ°ftigt auszusehen; es war uns nicht angenehm, wenn irgend jemand eintrat, erst erklâ°ren zu m¸ssen, was wir gerade taten; besonders Vater gegen¸ber waren wir von einer ¸bertriebenen Deutlichkeit.
Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestËrt zu sein, und es dâ°mmerte drauï¬en, konnte es geschehen, daï¬ wir uns Erinnerungen hingaben, gemeinsamen Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und ¸ber die wir lâ°chelten; denn wir waren beide groï¬ geworden seither. Es fiel uns ein, daï¬ es eine Zeit gab, wo Maman w¸nschte, daï¬ ich ein kleines Mâ°dchen wâ°re und nicht dieser Junge, der ich nun einmal war. Ich hatte das irgendwie erraten, und ich war auf den Gedanken gekommen, manchmal nachmittags an Mamans T¸re zu klopfen. Wenn sie dann fragte, wer da wâ°re, so war ich gl¸cklich, drauï¬en “Sophie” zu rufen, wobei ich meine kleine Stimme so zierlich machte, daï¬ sie mich in der Kehle kitzelte. Und wenn ich dann eintrat (in dem kleinen, mâ°dchenhaften Hauskleid, das ich ohnehin trug, mit ganz hinaufgerollten Armeln), so war ich einfach Sophie, Mamans kleine Sophie, die sich hâ°uslich beschâ°ftigte und der Maman einen Zopf flechten muï¬te, damit keine Verwechslung stattfinde mit dem bËsen Malte, wenn er je wiederkâ°me. Erw¸nscht war dies durchaus nicht; es war sowohl Maman wie Sophie angenehm, daï¬ er fort war, und ihre Unterhaltungen (die Sophie immerzu mit der gleichen, hohen Stimme fortsetzte) bestanden meistens darin, daï¬ sie Maltes Unarten aufzâ°hlten und sich ¸ber ihn beklagten. “Ach ja, dieser Malte”, seufzte Maman. Und Sophie wuï¬te eine Menge ¸ber die Schlechtigkeiten der Jungen im allgemeinen, als kennte sie einen ganzen Haufen.
“Ich mËchte wohl wissen, was aus Sophie geworden ist”, sagte Maman dann plËtzlich bei solchen Erinnerungen. Dar¸ber konnte nun Malte freilich keine Auskunft geben. Aber wenn Maman vorschlug, daï¬ sie gewiï¬ gestorben sei, dann widersprach er eigensinnig und beschwor sie, dies nicht zu glauben, so wenig sich sonst auch beweisen lieï¬e.
Mich das jetzt ¸berdenke, kann ich mich wundern, daï¬ ich aus der Welt dieser Fieber doch immer wieder ganz zur¸ckkam und mich hineinfand in das ¸beraus gemeinsame Leben, wo jeder im Gef¸hl unterst¸tzt sein wollte, bei Bekanntem zu sein, und wo man sich so vorsichtig im Verstâ°ndlichen vertrug. Da wurde etwas erwartet, und es kam oder es kam nicht, ein Drittes war ausgeschlossen. Da gab es Dinge, die traurig waren, ein–f¸r allemal, es gab angenehme Dinge und eine ganze Menge nebensâ°chlicher. Wurde aber einem eine Freude bereitet, so war es eine Freude, und er hatte sich danach zu benehmen. Im Grunde war das alles sehr einfach, und wenn man es erst heraus hatte, so machte es sich wie von selbst. In diese verabredeten Grenzen ging denn auch alles hinein; die langen, gleichmâ°ï¬igen Schulstunden, wenn drauï¬en der Sommer war; die Spaziergâ°nge, von denen man franzËsisch erzâ°hlen muï¬te; die Besuche, f¸r die man hereingerufen wurde und die einen drollig fanden, wenn man gerade traurig war, und sich an einem belustigten wie an dem betr¸bten Gesicht gewisser VËgel, die kein anderes haben. Und die Geburtstage nat¸rlich, zu denen man Kinder eingeladen bekam, die man kaum kannte, verlegene Kinder, die einen verlegen machten, oder dreiste, die einem das Gesicht zerkratzten, und zerbrachen, was man gerade bekommen hatte, und die dann plËtzlich fortfuhren, wenn alles aus Kâ°sten und Laden herausgerissen war und zu Haufen lag. Wenn man aber allein spielte, wie immer,so konnte es doch geschehen, daï¬ man diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt unversehens ¸berschritt und unter Verhâ°ltnisse geriet, die vËllig verschieden waren und gar nicht abzusehen.
Mademoiselle hatte zuzeiten ihre Migrâ°ne, die ungemein heftig auftrat, und das waren die Tage, an denen ich schwer zu finden war. Ich weiï¬, der Kutscher wurde dann in den Park geschickt, wenn es Vater einfiel, nach mir zu fragen, und ich war nicht da. Ich konnte oben von einem der Gastzimmer aus sehen, wie er hinauslief und am Anfang der langen Allee nach mir rief. Diese Gastzimmer befanden sich, eines neben dem anderen, im Giebel von Ulsgaard und standen, da wir in dieser Zeit sehr selten Hausbesuch hatten, fast immer leer. Anschlieï¬end an sie aber war jener groï¬e Eckraum, der eine so starke Verlockung f¸r mich hatte. Es war nichts darin zu finden als eine alte B¸ste, die, ich glaube, den Admiral Juel darstellte, aber die Wâ°nde waren ringsum mit tiefen grauen Wandschrâ°nken verschalt, derart, daï¬ sogar das Fenster erst ¸ber den Schrâ°nken angebracht war in der leeren, geweiï¬ten Wand. Den Schl¸ssel hatte ich an einer der Schrankt¸ren entdeckt, und er schloï¬ alle anderen. So hatte ich in kurzem alles untersucht: die Kammerherrenfrâ°cke aus dem achtzehnten Jahrhundert, die ganz kalt waren von den eingewebten Silberfâ°den, und die schËn gestickten Westen dazu; die Trachten des Dannebrog–und des Elefantenordens, die man erst f¸r Frauenkleider hielt, so reich und umstâ°ndlich waren sie und so sanft im Futter anzuf¸hlen. Dann wirkliche Roben, die, von ihren Unterlagen auseinander gehalten, steif dahingen wie die Marionetten eines zu groï¬en St¸ckes, das so endg¸ltig aus der Mode war, daï¬ man ihre KËpfe anders verwendet hatte. Daneben aber waren Schrâ°nke, in denen es dunkel war, wenn man sie aufmachte, dunkel von hochgeschlossenen Uniformen, die viel gebrauchter aussahen als alles das andere und die eigentlich w¸nschten, nicht erhalten zu sein.
Niemand wird es verwunderlich finden, daï¬ ich das alles herauszog und ins Licht neigte; daï¬ ich das und jenes an mich hielt oder umnahm; daï¬ ich ein Kost¸m, welches etwa passen konnte, hastig anzog und darin, neugierig und aufgeregt, in das nâ°chste Fremdenzimmer lief, vor den schmalen Pfeilerspiegel, der aus einzelnen ungleich gr¸nen Glasst¸cken zusammengesetzt war. Ach, wie man zitterte, drin zu sein, und wie hinreiï¬end war es, wenn man es war. Wenn da etwas aus dem Tr¸ben heraus sich nâ°herte, langsamer als man selbst, denn der Spiegel glaubte es gleichsam nicht und wollte, schlâ°frig wie er war, nicht gleich nachsprechen, was man ihm vorsagte. Aber schlieï¬lich muï¬te er nat¸rlich. Und nun war es etwas sehr â¹berraschendes, Fremdes, ganz anders, als man es sich gedacht hatte, etwas PlËtzliches, Selbstâ°ndiges, das man rasch ¸berblickte, um sich im nâ°chsten Augenblick doch zu erkennen, nicht ohne eine gewisse Ironie, die um ein Haar das ganze Vergn¸gen zerstËren konnte. Wenn man aber sofort zu reden begann, sich zu verbeugen, wenn man sich zuwinkte, sich, fortwâ°hrend zur¸ckblickend, entfernte und dann entschlossen und angeregt wiederkam, so hatte man die Einbildung auf seiner Seite, solang es einem gefiel.
Ich lernte damals den Einfluï¬ kennen, der unmittelbar von einer bestimmten Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anz¸ge angelegt, muï¬te ich mir eingestehen, daï¬ er mich in seine Macht bekam; daï¬ er mir meine Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einfâ°lle vorschrieb; meine Hand, ¸ber die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war durchaus nicht meine gewËhnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich mËchte sagen, sie sah sich selber zu, so ¸bertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen indessen nie so weit, daï¬ ich mich mir selber entfremdet f¸hlte; im Gegenteil, je vielfâ°ltiger ich mich abwandelte, desto ¸berzeugter wurde ich von mir selbst. Ich wurde k¸hner und k¸hner; ich warf mich immer hËher; denn meine Geschicklichkeit im Auffangen war ¸ber allen Zweifel. Ich merkte nicht die Versuchung in dieser rasch wachsenden Sicherheit. Zu meinem Verhâ°ngnis fehlte nur noch, daï¬ der letzte Schrank, den ich bisher meinte nicht Ëffnen zu kËnnen, eines Tages nachgab, um mir, statt bestimmter Trachten, allerhand vages Maskenzeug auszuliefern, dessen phantastisches Ungefâ°hr mir das Blut in die Wangen trieb. Es lâ°ï¬t sich nicht aufzâ°hlen, was da alles war. Auï¬er einer Bautta, deren ich mich entsinne, gab es Dominos in verschiedenen Farben, es gab FrauenrËcke, die hell lâ°uteten von den M¸nzen, mit denen sie benâ°ht waren; es gab Pierrots, die mir albern vorkamen, und faltige, t¸rkische Hosen und persische M¸tzen, aus denen kleine Kampfersâ°ckchen herausglitten, und Kronreifen mit dummen, ausdruckslosen Steinen. Dies alles verachtete ich ein wenig; es war von so d¸rftiger Unwirklichkeit und hing so abgebalgt und armsâ°lig da und schlappte willenlos zusammen, wenn man es herauszerrte ans Licht. Was mich aber in eine Art von Rausch versetzte, das waren die gerâ°umigen Mâ°ntel, die T¸cher, die Schals, die Schleier, alle diese nachgiebigen, groï¬en, unverwendeten Stoffe, die weich und schmeichelnd waren oder so gleitend, daï¬ man sie kaum zu fassen bekam, oder so leicht, daï¬ sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach schwer mit ihrer ganzen Last. In ihnen erst sah ich wirklich freie und unendlich bewegliche MËglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die verkauft wird, oder Jeanne d’Arc zu sein oder ein alter KËnig oder ein Zauberer; das alles hatte man jetzt in der Hand, besonders da auch Masken da waren, groï¬e drohende oder erstaunte Gesichter mit echten Bâ°rten und vollen oder hochgezogenen Augenbrauen. Ich hatte nie Masken gesehen vorher, aber ich sah sofort ein, daï¬ es Masken geben m¸sse. Ich muï¬te lachen, als mir einfiel, daï¬ wir einen Hund hatten, der sich ausnahm, als tr¸ge er eine. Ich stellte mir seine herzlichen Augen vor, die immer wie von hinten hineinsahen in das behaarte Gesicht. Ich lachte noch, wâ°hrend ich mich verkleidete, und ich vergaï¬ dar¸ber vËllig, was ich eigentlich vorstellen wollte. Nun, es war neu und spannend, das erst nachtrâ°glich vor dem Spiegel zu entscheiden. Das Gesicht, das ich vorband, roch eigent¸mlich hohl, es legte sich fest ¸ber meines, aber ich konnte bequem durchsehen, und ich wâ°hlte erst, als die Maske schon saï¬, allerhand T¸cher, die ich in der Art eines Turbans um den Kopf wand, so daï¬ der Rand der Maske, der unten in einen riesigen gelben Mantel hineinreichte, auch oben und seitlich fast ganz verdeckt war. Schlieï¬lich, als ich nicht mehr konnte, hielt ich mich f¸r hinreichend vermummt. Ich ergriff noch einen groï¬en Stab, den ich, soweit der Arm reichte, neben mir hergehen lieï¬, und schleppte so, nicht ohne M¸he, aber, wie mir vorkam, voller W¸rde, in das Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu.
Das war nun wirklich groï¬artig, ¸ber alle Erwartung. Der Spiegel gab es auch augenblicklich wieder, es war zu ¸berzeugend. Es wâ°re gar nicht nËtig gewesen, sich viel zu bewegen; diese Erscheinung war vollkommen, auch wenn sie nichts tat. Aber es galt zu erfahren, was ich eigentlich sei, und so drehte ich mich ein wenig und erhob schlieï¬lich die beiden Arme: groï¬e, gleichsam beschwËrende Bewegungen, das war, wie ich schon merkte, das einzig Richtige. Doch gerade in diesem feierlichen Moment vernahm ich, gedâ°mpft durch meine Vermummung, ganz in meiner Nâ°he einen vielfach zusammengesetzten Lâ°rm; sehr erschreckt, verlor ich das Wesen da dr¸ben aus den Augen und war arg verstimmt, zu gewahren, daï¬ ich einen kleinen, runden Tisch umgeworfen hatte mit weiï¬ der Himmel was f¸r, wahrscheinlich sehr zerbrechlichen Gegenstâ°nden. Ich b¸ckte mich so gut ich konnte und fand meine schlimmste Erwartung bestâ°tigt: es sah aus, als sei alles entzwei. Die beiden ¸berfl¸ssigen, gr¸n-violetten Porzellanpapageien waren nat¸rlich, jeder auf eine andere boshafte Art, zerschlagen. Eine Dose, aus der Bonbons rollten, die aussahen wie seidig eingepuppte Insekten, hatte ihren Deckel weit von sich geworfen, man sah nur seine eine Hâ°lfte, die andere war ¸berhaupt fort. Das Ærgerlichste aber war ein in tausend winzige Scherben zerschellter Flacon, aus dem der Rest irgendeiner alten Essenz herausgespritzt war, der nun einen Fleck von sehr widerlicher Physiognomie auf dem klaren Parkett bildete. Ich trocknete ihn schnell mit irgendwas auf, das an mir herunterhing, aber er wurde nur schwâ°rzer und unangenehmer. Ich war recht verzweifelt. Ich erhob mich und suchte nach irgendeinem Gegenstand, mit dem ich das alles gutmachen konnte. Aber es fand sich keiner. Auch war ich so behindert im Sehen und in jeder Bewegung, daï¬ die Wut in mir aufstieg gegen meinen unsinnigen Zustand, den ich nicht mehr begriff. Ich zerrte an allem, aber es schloï¬ sich nur noch enger an. Die Schn¸re des Mantels w¸rgten mich, und das Zeug auf meinem Kopfe dr¸ckte, als kâ°me immer noch mehr hinzu. Dabei war die Luft tr¸be geworden und wie beschlagen mit dem â°ltlichen Dunst der versch¸tteten Fl¸ssigkeit.
Heiï¬ und zornig st¸rzte ich vor den Spiegel und sah m¸hsam durch die Maske durch, wie meine Hâ°nde arbeiteten. Aber darauf hatte er nur gewartet. Der Augenblick der Vergeltung war f¸r ihn gekommen. Wâ°hrend ich in maï¬los zunehmender Beklemmung mich anstrengte, mich irgendwie aus meiner Vermummung hinauszuzwâ°ngen, nËtigte er mich, ich weiï¬ nicht womit, aufzusehen und diktierte mir ein Bild, nein, eine Wirklichkeit, eine fremde, unbegreifliche monstrËse Wirklichkeit, mit der ich durchtrâ°nkt wurde gegen meinen Willen: denn jetzt war er der Stâ°rkere, und ich war der Spiegel. Ich starrte diesen groï¬en, schrecklichen Unbekannten vor mir an, und es schien mir ungeheuerlich, mit ihm allein zu sein. Aber in demselben Moment, da ich dies dachte, geschah das Æuï¬erste: ich verlor allen Sinn, ich fiel einfach aus. Eine Sekunde lang hatte ich eine unbeschreibliche, wehe und vergebliche Sehnsucht nach mir, dann war nur noch er: es war nichts auï¬er ihm.
Ich rannte davon, aber nun war er es, der rannte. Er stieï¬ Â¸berall an, er kannte das Haus nicht, er wuï¬te nicht wohin; er geriet eine Treppe hinunter, er fiel auf dem Gange ¸ber eine Person her, die sich schreiend freimachte. Eine T¸r ging auf, es traten mehrere Menschen heraus: Ach, ach, was war das gut, sie zu kennen. Das war Sieversen, die gute Sieversen, und das Hausmâ°dchen und der Silberdiener: nun muï¬te es sich entscheiden. Aber sie sprangen nicht herzu und retteten; ihre Grausamkeit war ohne Grenzen. Sie standen da und lachten, mein Gott, sie konnten dastehn und lachen. Ich weinte, aber die Maske lieï¬ die Trâ°nen nicht hinaus, sie rannen innen ¸ber mein Gesicht und trockneten gleich und rannen wieder und trockneten. Und endlich kniete ich hin vor ihnen, wie nie ein Mensch gekniet hat; ich kniete und hob meine Hâ°nde zu ihnen auf und flehte: “Herausnehmen, wenn es noch geht, und behalten”, aber sie hËrten es nicht; ich hatte keine Stimme mehr.
Sieversen erzâ°hlte bis an ihr Ende, wie ich umgesunken wâ°re und wie sie immer noch weitergelacht hâ°tten in der Meinung, das gehËre dazu. Sie waren es so gewËhnt bei mir. Aber dann wâ°re ich doch immerzu liegengeblieben und hâ°tte nicht geantwortet. Und der Schrecken, als sie endlich entdeckten, daï¬ ich ohne Besinnung sei und dalag wie ein St¸ck in allen den T¸chern, rein wie ein St¸ck.
Die Zeit ging unberechenbar schnell, und auf einmal war es schon wieder so weit, daï¬ der Prediger Dr. Jespersen geladen werden muï¬te. Das war dann f¸r alle Teile ein m¸hsames und langwieriges Fr¸hst¸ck. Gewohnt an die sehr fromme Nachbarschaft, die sich jedesmal ganz auflËste um seinetwillen, war er bei uns durchaus nicht an seinem Platz; er lag sozusagen auf dem Land und schnappte. Die Kiemenatmung, die er an sich ausgebildet hatte, ging beschwerlich vor sich, es bildeten sich Blasen, und das Ganze war nicht ohne Gefahr. Gesprâ°chsstoff war, wenn man genau sein will, ¸berhaupt keiner da; es wurden Reste verâ°uï¬ert zu unglaublichen Preisen, es war eine Liquidation aller Bestâ°nde. Dr. Jespersen muï¬te sich bei uns darauf beschrâ°nken, eine Art von Privatmann zu sein; das gerade aber war er nie gewesen. Er war, soweit er denken konnte, im Seelenfach angestellt. Die Seele war eine Ëffentliche Institution f¸r ihn, die er vertrat, und er brachte es zuwege, niemals auï¬er Dienst zu sein, selbst nicht im Umgang mit seiner Frau, “seiner bescheidenen, treuen, durch Kindergebâ°ren seligwerdenden Rebekka”, wie Lavater sich in einem anderen Fall ausdr¸ckte.
(Was ¸brigens meinen Vater betraf, so war seine Haltung Gott gegen¸ber vollkommen korrekt und von tadelloser HËflichkeit. In der Kirche schien es mir manchmal, als wâ°re er geradezu Jâ°germeister bei Gott, wenn er dastand und abwartete und sich verneigte. Maman dagegen erschien es fast verletzend, daï¬ jemand zu Gott in einem hËflichen Verhâ°ltnis stehen konnte. Wâ°re sie in eine Religion mit deutlichen und ausf¸hrlichen Gebrâ°uchen geraten, es wâ°re eine Seligkeit f¸r sie gewesen, stundenlang zu knien und sich hinzuwerfen und sich recht mit dem groï¬en Kreuz zu gebâ°rden vor der Brust und um die Schultern herum. Sie lehrte mich nicht eigentlich beten, aber es war ihr eine Beruhigung, daï¬ ich gerne kniete und die Hâ°nde bald gekr¸mmt und bald aufrecht faltete, wie es mir gerade ausdrucksvoller schien. Ziemlich in Ruhe gelassen, machte ich fr¸hzeitig eine Reihe von Entwicklungen durch, die ich erst viel spâ°ter in einer Zeit der Verzweiflung auf Gott bezog, und zwar mit solcher Heftigkeit, daï¬ er sich bildete und zersprang, fast in demselben Augenblick. Es ist klar, daï¬ ich ganz von vorn anfangen muï¬te hernach. Und bei diesem Anfang meinte ich manchmal, Maman nËtig zu haben, obwohl es ja nat¸rlich richtiger war, ihn allein durchzumachen. Und da war sie ja auch schon lange tot.)
Dr. Jespersen gegen¸ber konnte Maman beinah ausgelassen sein. Sie lieï¬ sich in Gesprâ°che mit ihm ein, die er ernst nahm, und wenn er dann sich reden hËrte, meinte sie, das gen¸ge, und vergaï¬ ihn plËtzlich, als wâ°re er schon fort. “Wie kann er nur”, sagte sie manchmal von ihm, “herumfahren und hineingehen zu den Leuten, wenn sie gerade sterben.”
Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit, aber sie hat ihn sicher nicht mehr gesehen. Ihre Sinne gingen ein, einer nach dem andern, zuerst das Gesicht. Es war im Herbst, man sollte schon in die Stadt ziehen, aber da erkrankte sie gerade, oder vielmehr, sie fing gleich an zu sterben, langsam und trostlos abzusterben an der ganzen Oberflâ°che. Die Ærzte kamen, und an einem bestimmten Tag waren sie alle zusammen da und beherrschten das ganze Haus. Es war ein paar Stunden lang, als gehËrte es nun dem Geheimrat und seinen Assistenten und als hâ°tten wir nichts mehr zu sagen. Aber gleich danach verloren sie alles Interesse, kamen nur noch einzeln, wie aus purer HËflichkeit, um eine Zigarre anzunehmen und ein Glas Portwein. Und Maman starb indessen.
Man wartete nur noch auf Mamans einzigen Bruder, den Grafen Christian Brahe, der, wie man sich noch erinnern wird, eine Zeitlang in t¸rkischen Diensten gestanden hatte, wo er, wie es immer hieï¬, sehr ausgezeichnet worden war. Er kam eines Morgens an in Begleitung eines fremdartigen Dieners, und es ¸berraschte mich, zu sehen, daï¬ er grËï¬er war als Vater und scheinbar auch â°lter. Die beiden Herren wechselten sofort einige Worte, die sich, wie ich vermutete, auf Maman bezogen. Es entstand eine Pause. Dann sagte mein Vater: “Sie ist sehr entstellt.” Ich begriff diesen Ausdruck nicht, aber es frËstelte mich, da ich ihn hËrte. Ich hatte den Eindruck, als ob auch mein Vater sich hâ°tte ¸berwinden m¸ssen, ehe er ihn aussprach. Aber es war wohl vor allem sein Stolz, der litt, indem er dies zugab.
Mehrere Jahre spâ°ter erst hËrte ich wieder von dem Grafen Christian reden. Es war auf Urnekloster, und Mathilde Brahe war es, die mit Vorliebe von ihm sprach. Ich bin indessen sicher, daï¬ sie die einzelnen Episoden ziemlich eigenmâ°chtig ausgestaltete, denn das Leben meines Onkels, von dem immer nur Ger¸chte in die ÷ffentlichkeit und selbst in die Familie drangen, Ger¸chte, die er nie widerlegte, war geradezu grenzenlos auslegbar. Urnekloster ist jetzt in seinem Besitz. Aber niemand weiï¬, ob er es bewohnt. Vielleicht reist er immer noch, wie es seine Gewohnheit war; vielleicht ist die Nachricht seines Todes aus irgendeinem â°uï¬ersten Erdteil unterwegs, von der Hand des fremden Dieners geschrieben in schlechtem Englisch oder in irgendeiner unbekannten Sprache. Vielleicht auch giebt dieser Mensch kein Zeichen von sich, wenn er eines Tages allein zur¸ckbleibt. Vielleicht sind sie beide lâ°ngst verschwunden und stehen nur noch auf der Schiffsliste eines verschollenen Schiffes unter Namen, die nicht die ihren waren.
Freilich, wenn damals auf Urnekloster ein Wagen einfuhr, so erwartete ich immer, ihn eintreten zu sehen, und mein Herz klopfte auf eine besondere Art. Mathilde Brahe behauptete: so kâ°me er, das wâ°re so seine Eigenheit, plËtzlich da zu sein, wenn man es am wenigsten f¸r mËglich hielte. Er kam nie, aber meine Einbildungskraft beschâ°ftigte sich wochenlang mit ihm, ich hatte das Gef¸hl, als wâ°ren wir einander eine Beziehung schuldig, und ich hâ°tte gern etwas Wirkliches von ihm gewuï¬t.
Als indessen bald darauf mein Interesse umschlug und infolge gewisser Begebenheiten ganz auf Christine Brahe ¸berging, bem¸hte ich mich eigent¸mlicherweise nicht, etwas von ihren Lebensumstâ°nden zu erfahren. Dagegen beunruhigte mich der Gedanke, ob ihr Bildnis wohl in der Galerie vorhanden sei. Und der Wunsch, das festzustellen, nahm so einseitig und quâ°lend zu, daï¬ ich mehrere Nâ°chte nicht schlief, bis, ganz unvermutet, diejenige da war, in der ich, weiï¬ Gott, aufstand und hinaufging mit meinem Licht, das sich zu f¸rchten schien.
Was mich angeht, so dachte ich nicht an Furcht. Ich dachte ¸berhaupt nicht; ich ging. Die hohen T¸ren gaben so spielend nach vor mir und ¸ber mir, die Zimmer, durch die ich kam, hielten sich ruhig. Und endlich merkte ich an der Tiefe, die mich anwehte, daï¬ ich in die Galerie getreten sei. Ich f¸hlte auf der rechten Seite die Fenster mit der Nacht, und links muï¬ten die Bilder sein. Ich hob mein Licht so hoch ich konnte. Ja: da waren die Bilder.
Erst nahm ich mir vor, nur nach den Frauen zu sehen, aber dann erkannte ich eines und ein anderes, das â°hnlich in Ulsgaard hing, und wenn ich sie so von unten beschien, so r¸hrten sie sich und wollten ans Licht, und es schien mir herzlos, das nicht wenigstens abzuwarten. Da war immer wieder Christian der Vierte mit der schËn geflochtenen Cadenette neben der breiten, langsam gewËlbten Wange. Da waren vermutlich seine Frauen, von denen ich nur Kirstine Munk kannte; und plËtzlich sah mich Frau Ellen Marsvin an, argwËhnisch in ihrer Witwentracht und mit derselben Perlenschnur auf der Krempe des hohen Huts. Da waren KËnig Christians Kinder: immer wieder frische aus neuen Frauen, die ‘unvergleichliche’ Eleonore auf einem weiï¬en Paï¬gâ°nger in ihrer glâ°nzendsten Zeit, vor der Heimsuchung. Die GyldenlËves: Hans Ulrik, von dem die Frauen in Spanien meinten, daï¬ er sich das Antlitz male, so voller Blut war er, und Ulrik Christian, den man nicht wieder vergaï¬. Und beinahe alle Ulfelds. Und dieser da, mit dem einen schwarz¸bermalten Auge, konnte wohl Henrik Holck sein, der mit dreiunddreiï¬ig Jahren Reichsgraf war und Feldmarschall, und das kam so: ihm trâ°umte auf dem Wege zu Jungfrau Hilleborg Krafse, es w¸rde ihm statt der Braut ein bloï¬es Schwert gegeben: und er nahm sichs zu Herzen und kehrte um und begann sein kurzes, verwegenes Leben, das mit der Pest endete. Die kannte ich alle. Auch die Gesandten vom Kongreï¬ zu Nimwegen hatten wir auf Ulsgaard, die einander ein wenig glichen, weil sie alle auf einmal gemalt worden waren, jeder mit der schmalen, gestutzten Bartbraue ¸ber dem sinnlichen, fast schauenden Munde. Daï¬ ich Herzog Ulrich erkannte, ist selbstverstâ°ndlich, und Otte Brahe und Claus Daa und Sten Rosensparre, den Letzten seines Geschlechts; denn von ihnen allen hatte ich Bilder im Saal zu Ulsgaard gesehen, oder ich hatte in alten Mappen Kupferstiche gefunden, die sie darstellten.
Aber dann waren viele da, die ich nie gesehen hatte; wenige Frauen, aber es waren Kinder da. Mein Arm war lâ°ngst m¸de geworden und zitterte, aber ich hob doch immer wieder das Licht, um die Kinder zu sehen. Ich begriff sie, diese kleinen Mâ°dchen, die einen Vogel auf der Hand trugen und ihn vergaï¬en. Manchmal saï¬ ein kleiner Hund bei ihnen unten, ein Ball lag da, und auf dem Tisch nebenan gab es Fr¸chte und Blumen; und dahinter an der Sâ°ule hing, klein und vorlâ°ufig, das Wappen der Grubbe oder der Bille oder der Rosenkrantz. So viel hatte man um sie zusammengetragen, als ob eine Menge gutzumachen wâ°re. Sie aber standen einfach in ihren Kleidern und warteten; man sah, daï¬ sie warteten. Und da muï¬te ich wieder an die Frauen denken und an Christine Brahe, und ob ich sie erkennen w¸rde.
Ich wollte rasch bis ganz ans Ende laufen und von dort zur¸ckgehen und suchen, aber da stieï¬ ich an etwas. Ich drehte mich so jâ°h herum, daï¬ der kleine Erik zur¸cksprang und fl¸sterte: “Gieb acht mit deinem Licht.”
“Du bist da?” sagte ich atemlos, und ich war nicht im klaren, ob das gut sei oder ganz und gar schlimm. Er lachte nur, und ich wuï¬te nicht, was weiter. Mein Licht flackerte, und ich konnte den Ausdruck seines Gesichts nicht recht erkennen. Es war doch wohl schlimm, daï¬ er da war. Aber da sagte er, indem er nâ°her kam: “Ihr Bild ist nicht da, wir suchen es immer noch oben.” Mit seiner halben Stimme und dem einen beweglichen Auge wies er irgendwie hinauf. Und ich begriff, daï¬ er den Boden meinte. Aber auf einmal kam mir ein merkw¸rdiger Gedanke.
“Wir?” fragte ich, “ist sie denn oben?”
“Ja”, nickte er und stand dicht neben mir.
“Sie sucht selber mit?” “Ja, wir suchen.”
“Man hat es also fortgestellt, das Bild?”
“Ja, denk nur”, sagte er empËrt. Aber ich begriff nicht recht, was sie damit wollte.
“Sie will sich sehen”, fl¸sterte er ganz nah.
“Ja so”, machte ich, als ob ich verst¸nde. Da blies er mir das Licht aus. Ich sah, wie er sich vorstreckte, ins Helle hinein, mit ganz hochgezogenen Augenbrauen. Dann wars dunkel. Ich trat unwillk¸rlich zur¸ck.
“Was machst du denn?” rief ich unterdr¸ckt und war ganz trocken im Halse. Er sprang mir nach und hâ°ngte sich an meinen Arm und kicherte.
“Was denn?” fuhr ich ihn an und wollte ihn absch¸tteln, aber er hing fest. Ich konnte es nicht hindern, daï¬ er den Arm um meinen Hals legte.
“Soll ich es sagen?” zischte er, und ein wenig Speichel spritzte mir ins Ohr.
“Ja, ja, schnell.”
Ich wuï¬te nicht, was ich redete. Er umarmte mich nun vËllig und streckte sich dabei.
“Ich hab ihr einen Spiegel gebracht”, sagte er und kicherte wieder.
“Einen Spiegel?”
“Ja, weil doch das Bild nicht da ist.”
“Nein, nein”, machte ich.
Er zog mich auf einmal etwas weiter nach dem Fenster hin und kniff mich so scharf in den Oberarm, daï¬ ich schrie.
“Sie ist nicht drin”, blies er mir ins Ohr.
Ich stieï¬ ihn unwillk¸rlich von mir weg, etwas knackte an ihm, mir war, als hâ°tte ich ihn zerbrochen.
“Geh, geh”, und jetzt muï¬te ich selber lachen, “nicht drin, wieso denn nicht drin?”
“Du bist dumm”, gab er bËse zur¸ck und fl¸sterte nicht mehr. Seine Stimme war umgeschlagen, als begâ°nne er nun ein neues, noch ungebrauchtes St¸ck. “Man ist entweder drin”, diktierte er altklug und streng, “dann ist man nicht hier; oder wenn man hier ist, kann man nicht drin sein.”
“Nat¸rlich”, antwortete ich schnell, ohne nachzudenken. Ich hatte Angst, er kËnnte sonst fortgehen und mich allein lassen. Ich griff sogar nach ihm.
“Wollen wir Freunde sein?” schlug ich vor. Er lieï¬ sich bitten. “Mir ists gleich”, sagte er keck.
Ich versuchte unsere Freundschaft zu beginnen, aber ich wagte nicht, ihn zu umarmen. “Lieber Erik”, brachte ich nur heraus und r¸hrte ihn irgendwo ein biï¬chen an. Ich war auf einmal sehr m¸de. Ich sah mich um; ich verstand nicht mehr, wie ich hierher gekommen war und daï¬ ich mich nicht gef¸rchtet hatte. Ich wuï¬te nicht recht, wo die Fenster waren und wo die Bilder. Und als wir gingen, muï¬te er mich f¸hren.
“Sie tun dir nichts”, versicherte er groï¬m¸tig und kicherte wieder.
Lieber, lieber Erik; vielleicht bist du doch mein einziger Freund gewesen. Denn ich habe nie einen gehabt. Es ist schade, daï¬ du auf Freundschaft nichts gabst. Ich hâ°tte dir manches erzâ°hlen mËgen. Vielleicht hâ°tten wir uns vertragen. Man kann nicht wissen. Ich erinnere mich, daï¬ damals dein Bild gemalt wurde. Der Groï¬vater hatte jemanden kommen lassen, der dich malte. Jeden Morgen eine Stunde. Ich kann mich nicht besinnen, wie der Maler aussah, sein Name ist mir entfallen, obwohl Mathilde Brahe ihn jeden Augenblick wiederholte.
Ob er dich gesehen hat, wie ich dich seh? Du trugst einen Anzug von heliotropfarbenem Samt. Mathilde Brahe schwâ°rmte f¸r diesen Anzug. Aber das ist nun gleichg¸ltig. Nur ob er dich gesehen hat, mËchte ich wissen. Nehmen wir an, daï¬ es ein wirklicher Maler war.Nehmen wir an, daï¬ er nicht daran dachte, daï¬ du sterben kËnntest, ehe er fertig w¸rde; daï¬ er die Sache gar nicht sentimental ansah; daï¬ er einfach arbeitete. Daï¬ die Ungleichheit deiner beiden braunen Augen ihn entz¸ckte; daï¬ er keinen Moment sich schâ°mte f¸r das unbewegliche; daï¬ er den Takt hatte, nichts hinzuzulegen auf den Tisch zu deiner Hand, die sich vielleicht ein wenig st¸tzte–. Nehmen wir sonst noch alles NËtige an und lassen es gelten: so ist ein Bild da, dein Bild, in der Galerie auf Urnekloster das letzte.
(Und wenn man geht, und man hat sie alle gesehen, so ist da noch ein Knabe. Einen Augenblick: wer ist das? Ein Brahe. Siehst du den silbernen Pfahl im schwarzen Feld und die Pfauenfedern? Da steht auch der Name: Erik Brahe. War das nicht ein Erik Brahe, der hingerichtet worden ist? Nat¸rlich, das ist bekannt genug. Aber um den kann es sich nicht handeln. Dieser Knabe ist als Knabe gestorben, gleichviel wann. Kannst du das nicht sehen?)
Wenn Besuch da war und Erik wurde gerufen, so versicherte das Frâ°ulein Mathilde Brahe jedesmal, es sei geradezu unglaublich, wie sehr er der alten Grâ°fin Brahe gliche, meiner Groï¬mutter. Sie soll eine sehr groï¬e Dame gewesen sein. Ich habe sie nicht gekannt. Dagegen erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines Vaters, die eigentliche Herrin auf Ulsgaard. Das war sie wohl immer geblieben, wie sehr sie es auch Maman ¸belnahm, daï¬ sie als des Jâ°germeisters Frau ins Haus gekommen war. Seither tat sie bestâ°ndig, als zËge sie sich zur¸ck, und schickte die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter zu Maman hinein, wâ°hrend sie in wichtigen Angelegenheiten ruhig entschied und verf¸gte, ohne irgend jemandem Rechenschaft abzulegen. Maman, glaube ich, w¸nschte es gar nicht anders. Sie war so wenig gemacht, ein groï¬es Haus zu ¸bersehen, ihr fehlte vËllig die Einteilung der Dinge in nebensâ°chliche und wichtige. Alles, wovon man ihr sprach, schien ihr immer das Ganze zu sein, und sie vergaï¬ dar¸ber das andere, das doch auch noch da war. Sie beklagte sich nie ¸ber ihre Schwiegermutter. Und bei wem hâ°tte sie sich auch beklagen sollen? Vater war ein â°uï¬erst respektvoller Sohn, und Groï¬vater hatte wenig zu sagen.
Frau Margarete Brigge war immer schon, soweit ich denken kann, eine hochgewachsene, unzugâ°ngliche Greisin. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als daï¬ sie viel â°lter gewesen sei, als der Kammerherr. Sie lebte mitten unter uns ihr Leben, ohne auf jemanden R¸cksicht zu nehmen. Sie war auf keinen von uns angewiesen und hatte immer eine Art Gesellschafterin, eine alternde Komtesse Oxe, um sich, die sie sich durch ihrgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet hatte. Dies muï¬te eine einzelne Ausnahme gewesen sein, denn wohltun war sonst nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder, und Tiere durften nicht in ihre Nâ°he. Ich weiï¬ nicht, ob sie sonst etwas liebte. Es wurde erzâ°hlt, daï¬ sie als ganz junges Mâ°dchen dem schËnen Felix Lichnowski verlobt gewesen sei, der dann in Frankfurt so grausam ums Leben kam. Und in der Tat war nach ihrem Tode ein Bildnis des F¸rsten da, das, wenn ich nicht irre, an die Familie zur¸ckgegeben worden ist. Vielleicht, denke ich mir jetzt, versâ°umte sie ¸ber diesem eingezogenen lâ°ndlichen Leben, das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu Jahr mehr geworden war, ein anderes, glâ°nzendes: ihr nat¸rliches. Es ist schwer zu sagen, ob sie es betrauerte. Vielleicht verachtete sie es daf¸r, daï¬ es nicht gekommen war, daï¬ es die Gelegenheit verfehlt hatte, mit Geschick und Talent gelebt worden zu sein. Sie hatte alles dies so weit in sich hineingenommen und hatte dar¸ber Schalen angesetzt, viele, sprËde, ein wenig metallisch glâ°nzende Schalen, deren jeweilig oberste sich neu und k¸hl ausnahm. Bisweilen freilich verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld, nicht gen¸gend beachtet zu sein; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische plËtzlich verschlucken auf irgendeine deutliche und komplizierte Art, die ihr die Teilnahme aller sicherte und sie, f¸r einen Augenblick wenigstens, so sensationell und spannend erscheinen lieï¬, wie sie es im Groï¬en hâ°tte sein mËgen. Indessen vermute ich, daï¬ mein Vater der einzige war, der diese viel zu hâ°ufigen Zufâ°lle ernst nahm. Er sah ihr, hËflich vor¸bergeneigt, zu, man konnte merken, wie er ihr in Gedanken seine eigene, ordentliche LuftrËhre gleichsam anbot und ganz zur Verf¸gung stellte. Der Kammerherr hatte nat¸rlich gleichfalls zu essen aufgehËrt; er nahm einen kleinen Schluck Wein und enthielt sich jeder Meinung.
Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin gegen¸ber aufrechterhalten. Das war lange her; aber die Geschichte wurde doch noch boshaft und heimlich weitergegeben; es gab fast ¸berall jemanden, der sie noch nicht gehËrt hatte. Es hieï¬, daï¬ die Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr ¸ber Weinfieckeereifern konnte, die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug gerieten; daï¬ ein solcher Fleck, bei welchem Anlaï¬ er auch passieren mochte, von ihr bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen bloï¬gestellt wurde. Dazu wâ°re es auch einmal gekommen, als man mehrere und namhafte Gâ°ste hatte. Ein paar unschuldige Flecke, die sie ¸bertrieb, wurden der Gegenstand ihrer hËhnischen Anschuldigungen, und wie sehr der Groï¬vater sich auch bem¸hte, sie durch kleine Zeichen und scherzhafte Zurufe zu ermahnen, so wâ°re sie doch eigensinnig bei ihren Vorw¸rfen geblieben, die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen muï¬te. Es geschah nâ°mlich etwas nie Dagewesenes und vËllig Unbegreifliches. Der Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen, der gerade herumgereicht worden war, und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei, sein Glas selber zu f¸llen. Nur daï¬ er, wunderbarerweise, einzugieï¬en nicht aufhËrte, als es lâ°ngst voll war, sondern unter zunehmender Stille langsam und vorsichtig weitergoï¬, bis Maman, die nie an sich halten konnte, auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach dem Lachen hin in Ordnung brachte. Denn nun stimmten alle erleichtert ein, und der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche.
Spâ°ter gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Groï¬mutter. Sie konnte es nicht ertragen, daï¬ jemand im Hause erkrankte. Einmal, als die KËchin sich verletzt hatte und sie sah sie zufâ°llig mit der eingebundenen Hand, behauptete sie, das Jodoform im ganzen Hause zu riechen, und war schwer zu ¸berzeugen, daï¬ man die Person daraufhin nicht entlassen kËnne. Sie wollte nicht an das Kranksein erinnert werden. Hatte jemand die Unvorsichtigkeit, vor ihr irgendein kleines Unbehagen zu â°uï¬ern, so war das nichts anderes als eine persËnliche Krâ°nkung f¸r sie, und sie trug sie ihm lange nach.
In jenem Herbst, als Maman starb, schloï¬ sich die Kammerherrin mit Sophie Oxe ganz in ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns ab. Nicht einmal ihr Sohn wurde angenommen. Es ist ja wahr, dieses Sterben fiel recht unpassend. Die Zimmer waren kalt, die ÷fen rauchten, und die Mâ°use waren ins Haus gedrungen; man war nirgends sicher vor ihnen. Aber das allein war es nicht, Frau Margarete Brigge war empËrt, daï¬ Maman starb; daï¬ da eine Sache auf der Tagesordnung stand, von der zu sprechen sie ablehnte; daï¬ die junge Frau sich den Vortritt anmaï¬te vor ihr, die einmal zu sterben gedachte zu einem durchaus noch nicht festgesetzten Termin. Denn daran, daï¬ sie w¸rde sterben m¸ssen, dachte sie oft. Aber sie wollte nicht gedrâ°ngt sein. Sie w¸rde sterben, gewiï¬, wann es ihr gefiel, und dann konnten sie ja alle ruhig sterben, hinterher, wenn sie es so eilig hatten.
Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz. Sie alterte ¸brigens rasch wâ°hrend des folgenden Winters. Im Gehen war sie immer noch hoch, aber im Sessel sank sie zusammen, und ihr GehËr wurde schwieriger. Man konnte sitzen und sie groï¬ ansehen, stundenlang, sie f¸hlte es nicht. Sie war irgendwo drinnen; sie kam nur noch selten und nur f¸r Augenblicke in ihre Sinne, die leer waren, die sie nicht mehr bewohnte. Dann sagte sie etwas zu der Komtesse, die ihr die Mantille richtete, und nahm mit den groï¬en, frisch gewaschenen Hâ°nden ihr Kleid an sich, als wâ°re Wasser vergossen oder als wâ°ren wir nicht ganz reinlich.
Sie starb gegen den Fr¸hling zu, in der Stadt, eines Nachts. Sophie Oxe, deren T¸r offenstand, hatte nichts gehËrt. Da man sie am Morgen fand, war sie kalt wie Glas.
Gleich darauf begann des Kammerherrn groï¬e und schreckliche Krankheit. Es war, als hâ°tte er ihr Ende abgewartet, um so r¸cksichtslos sterben zu kËnnen, wie er muï¬te.
Es war in dem Jahr nach Mamans Tode, daï¬ ich Abelone zuerst bemerkte. Abelone war immer da. Das tat ihr groï¬en Eintrag. Und dann war Abelone unsympathisch, das hatte ich ganz fr¸her einmal bei irgendeinem Anlaï¬ festgestellt, und es war nie zu einer ernstlichen Durchsicht dieser Meinung gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone f¸r eine Bewandtnis habe, das wâ°re mir bis dahin beinah lâ°cherlich erschienen. Abelone war da, und man nutzte sie ab, wie man eben konnte. Aber auf einmal fragte ich mich: Warum ist Abelone da? Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu sein, wenn er auch keineswegs immer so augenscheinlich war, wie zum Beispiel die Anwendung des Frâ°uleins Oxe. Aber weshalb war Abelone da? Eine Zeitlang war davon die Rede gewesen, daï¬ sie sich zerstreuen solle. Aber das geriet in Vergessenheit. Niemand trug etwas zu Abelones Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruck, daï¬ sie sich zerstreue.
â¹brigens hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heiï¬t, es gab Zeiten, wo sie sang. Es war eine starke, unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es wahr ist, daï¬ die Engel mâ°nnlich sind, so kann man wohl sagen, daï¬ etwas Mâ°nnliches in ihrer Stimme war: eine strahlende, himmlische Mâ°nnlichkeit. Ich, der ich schon als Kind der Musik gegen¸ber so miï¬trauisch war (nicht, weil sie mich stâ°rker als alles forthob aus mir, sondern, weil ich gemerkt hatte, daï¬ sie mich nicht wieder dort ablegte, wo sie mich gefunden hatte, sondern tiefer, irgendwo ganz ins Unfertige hinein), ich ertrug diese Musik, auf der man aufrecht aufwâ°rtssteigen konnte, hËher und hËher, bis man meinte, dies m¸ï¬te ungefâ°hr schon der Himmel sein seit einer Weile. Ich ahnte nicht, daï¬ Abelone mir noch andere Himmel Ëffnen sollte.
Zunâ°chst bestand unsere Beziehung darin, daï¬ sie mir von Mamans Mâ°dchenzeit erzâ°hlte. Sie hielt viel darauf, mich zu ¸berzeugen, wie mutig und jung Maman gewesen wâ°re. Es gab damals niemanden nach ihrer Versicherung, der sich im Tanzen oder im Reiten mir ihr messen konnte. “Sie war die K¸hnste und unerm¸dlich, und dann heiratete sie auf einmal”, sagte Abelone, immer noch erstaunt nach so vielen Jahren. “Es kam so unerwartet, niemand konnte es recht begreifen.”
Ich interessierte mich daf¸r, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte. Sie kam mir alt vor verhâ°ltnismâ°ï¬ig, und daï¬ sie es noch kËnnte, daran dachte ich nicht.
“Es war niemand da”, antwortete sie einfach und wurde richtig schËn dabei. Ist Abelone schËn? fragte ich mich ¸berrascht. Dann kam ich fort von Hause, auf die Adels-Akademie, und es begann eine widerliche und arge Zeit. Aber wenn ich dort zu SorË, abseits von den andern, im Fenster stand, und sie lieï¬en mich ein wenig in Ruh, so sah ich hinaus in die Bâ°ume, und in solchen Augenblicken und nachts wuchs in mir die Sicherheit, daï¬ Abelone schËn sei. Und ich fing an, ihr alle jene Briefe zu schreiben, lange und kurze, viele heimliche Briefe, darin ich von Ulsgaard zu handeln meinte und davon, daï¬ ich ungl¸cklich sei. Aber es werden doch wohl, so wie ich es jetzt sehe, Liebesbriefe gewesen sein. Denn schlieï¬lich kamen die Ferien, die erst gar nicht kommen wollten, und da war es wie auf Verabredung, daï¬ wir uns nicht vor den anderen wiedersahen.
Es war durchaus nichts vereinbart zwischen uns, aber da der Wagen einbog in den Park, konnte ich es nicht lassen, auszusteigen, vielleicht nur, weil ich nicht anfahren wollte, wie irgendein Fremder. Es war schon voller Sommer. Ich lief in einen der Wege hinein und auf einen Goldregen zu. Und da war Abelone. SchËne, schËne Abelone.
Ich wills nie vergessen, wie das war, wenn du mich anschautest. Wie du dein Schauen trugst, gleichsam wie etwas nicht Befestigtes es aufhaltend auf zur¸ckgeneigtem Gesicht.
Ach, ob das Klima sich gar nicht verâ°ndert hat? Ob es nicht milder geworden ist um Ulsgaard herum von all unserer Wâ°rme? Ob einzelne Rosen nicht lâ°nger bl¸hen jetzt im Park, bis in den Dezember hinein?
Ich will nichts erzâ°hlen von dir, Abelone. Nicht deshalb, weil wir einander tâ°uschten: weil du Einen liebtest, auch damals, den du nie vergessen hast, Liebende, und ich: alle Frauen; sondern weil mit dem Sagen nur unrecht geschieht.
Es giebt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche. Ich bilde mir ein, du bist da, sechs Teppiche sinds, komm, laï¬ uns langsam vor¸bergehen. Aber erst tritt zur¸ck und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind, nicht? Es ist wenig Abwechslung darin. Da ist immer diese ovale blaue Insel, schwebend im zur¸ckhaltend roten Grund, der blumig ist und von kleinen, mit sich beschâ°ftigten Tieren bewohnt. Nur dort, im letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie leichter geworden sei. Sie trâ°gt immer eine Gestalt, eine Frau in verschiedener Tracht, aber immer dieselbe. Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr, eine Dienerin, und immer sind die wappentragenden Tiere da, groï¬, mit auf der Insel, mit in der Handlung. Links ein LËwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten die gleichen Banner, die hoch ¸ber ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend, in blauer Binde auf rotem Feld.–Hast du gesehen, willst du beim ersten beginnen?
Sie f¸ttert den Falken. Wie herrlich ihr Anzug ist. Der Vogel ist auf der gekleideten Hand und r¸hrt sich. Sie sieht ihm zu und langt dabei in die Schale, die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu reichen. Rechts unten auf der Schleppe hâ°lt sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man werde sich seiner erinnern. Und, hast du bemerkt, ein niederes Rosengitter schlieï¬t hinten die Insel ab. Die Wappentiere steigen heraldisch hochm¸tig. Das Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgegeben. Eine schËne Agraffe hâ°lt es zusammen. Es weht.
Geht man nicht unwillk¸rlich leiser zu dem nâ°chsten Teppich hin, sobald man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone aus Blumen. Nachdenklich wâ°hlt sie die Farbe der nâ°chsten Nelke in dem flachen Becken, das ihr die Dienerin hâ°lt, wâ°hrend sie die vorige anreiht. Hinten auf einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat. Diesmal sollten es Nelken sein. Der LËwe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn begreift.
Muï¬te nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten da? Schwer und still geschm¸ckt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die tragbare Orgel getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin, die jenseits die Bâ°lge bewegt. So schËn war sie noch nie. Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und ¸ber dem Kopfputz oben zusammengefaï¬t, so daï¬ es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch. Verstimmt ertrâ°gt der LËwe die TËne, ungern, Geheul verbeiï¬end. Das Einhorn aber ist schËn, wie in Wellen bewegt.
Die Insel wird breit. Ein Zelt ist errichtet. Aus blauem Damast und goldgeflammt. Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem f¸rstlichen Kleid tritt sie vor. Denn was sind ihre Perlen gegen sie selbst. Die Dienerin hat eine kleine Truhe geËffnet, und sie hebt nun eine Kette heraus, ein schweres, herrliches Kleinod, das immer verschlossen war. Der kleine Hund sitzt bei ihr, erhËht, auf bereitetem Platz und sieht es an. Und hast du den Spruch entdeckt auf dem Zeltrand oben? Da steht: ‘A mon seul dÃsir.’
Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum sieht man gleich, daï¬ es springt? Alles ist so befangen. Der LËwe hat nichts zu tun. Sie selbst hâ°lt das Banner. Oder hâ°lt sie sich dran? Sie hat mit der anderen Hand nach dem Horn des Einhorns gefaï¬t. Ist das Trauer, kann Trauer so aufrecht sein, und ein Trauerkleid so verschwiegen wie dieser gr¸nschwarze Samt mit den welken Stellen?
Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu. Erwartung spielt dabei keine Rolle. Es ist alles da. Alles f¸r immer. Der LËwe sieht sich fast drohend um: es darf niemand kommen. Wir haben sie noch nie m¸de gesehen; ist sie m¸de? Oder hat sie sich nur niedergelassen, weil sie etwas Schweres hâ°lt? Man kËnnte meinen, eine Monstranz. Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn hin, und das Tier bâ°umt sich geschmeichelt auf und steigt und st¸tzt sich auf ihren Schooï¬. Es ist ein Spiegel, was sie hâ°lt. Siehst du: sie zeigt dem Einhorn sein Bild–.
Abelone, ich bilde mir ein, du bist da. Begreifst du, Abelone? Ich denke, du muï¬t begreifen.
Nun sind auch die Teppiche der Dame â¡ la Licorne nicht mehr in dem alten Schloï¬ von Boussac. Die Zeit ist da, wo alles aus den Hâ°usern fortkommt, sie kËnnen nichts mehr behalten. Die Gefahr ist sicherer geworden als die Sicherheit. Niemand aus dem Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und hat das im Blut. Sie sind alle vorbei. Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre d’Aubusson, groï¬er Groï¬meister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin vielleicht diese Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben. (Ach, daï¬ die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, wËrtlicher, wie sie meinten. Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.) Nun kommt man zufâ°llig davor unter Zufâ°lligen und erschrickt fast, nicht geladen zu sein. Aber da sind andere und gehen vor¸ber, wenn es auch nie viele sind. Die jungen Leute halten sich kaum auf, es sei denn, daï¬ das irgendwie in ihr Fach gehËrt, diese Dinge einmal gesehen zu haben, auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin.
Junge Mâ°dchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es giebt eine Menge junger Mâ°dchen in den Museen, die fortgegangen sind irgendwo aus den Hâ°usern, die nichts mehr behalten. Sie finden sich vor diesen Teppichen und vergessen sich ein wenig. Sie haben immer gef¸hlt, daï¬ es dies gegeben hat, solch ein leises Leben langsamer, nie ganz aufgeklâ°rter Gebâ°rden, und sie erinnern sich dunkel, daï¬ sie sogar eine Zeitlang meinten, es w¸rde ihr Leben sein. Aber dann ziehen sie rasch ein Heft hervor und beginnen zu zeichnen, gleichviel was, eine von den Blumen oder ein kleines, vergn¸gtes Tier. Darauf kâ°me es nicht an, hat man ihnen vorgesagt, was es gerade wâ°re. Und darauf kommt es wirklich nicht an. Nur daï¬ gezeichnet wird, das ist die Hauptsache; denn dazu sind sie fortgegangen eines Tages, ziemlich gewaltsam. Sie sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so ergiebt sich, daï¬ ihr Kleid hinten nicht zugeknËpft ist oder doch nicht ganz. Es sind da ein paar KnËpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, daï¬ sie plËtzlich allein weggehen w¸rden. In der Familie ist immer jemand f¸r solche KnËpfe. Aber hier, lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so groï¬en Stadt. Man m¸ï¬te schon eine Freundin haben; Freundinnen sind aber in derselben Lage, und da kommt es doch darauf hinaus, daï¬ man sich gegenseitig die Kleider schlieï¬t. Das ist lâ°cherlich und erinnert an die Familie, an die man nicht erinnert sein will.
Es lâ°ï¬t sich ja nicht vermeiden, daï¬ man wâ°hrend des Zeichnens zuweilen ¸berlegt, ob es nicht doch mËglich gewesen wâ°re zu bleiben. Wenn man hâ°tte fromm sein kËnnen, herzhaft fromm im gleichen Tempo mit den andern. Aber das nahm sich so unsinnig aus, das gemeinsam zu versuchen. Der Weg ist irgendwie enger geworden: Familien kËnnen nicht mehr zu Gott. Es blieben also nur verschiedene andere Dinge, die man zur Not teilen konnte. Da kam dann aber, wenn man ehrlich teilte, so wenig auf den einzelnen, daï¬ es eine Schande war. Und betrog man beim Teilen, so entstanden Auseinandersetzungen. Nein, es ist wirklich besser zu zeichnen, gleichviel was. Mit der Zeit stellt sich die Æhnlichkeit schon ein. Und die Kunst, wenn man sie so allmâ°hlich hat, ist doch etwas recht Beneidenswertes.
Und ¸ber der angestrengten Beschâ°ftigung mit dem, was sie sich vorgenommen haben, diese jungen Mâ°dchen, kommen sie nicht mehr dazu, aufzusehen. Sie merken nicht, wie sie bei allem Zeichnen doch nichts tun, als das unabâ°nderliche Leben in sich unterdr¸cken, das in diesen gewebten Bildern strahlend vor ihnen aufgeschlagen ist in seiner unendlichen Unsâ°glichkeit. Sie wollen es nicht glauben. Jetzt, da so vieles anders wird, wollen sie sich verâ°ndern. Sie sind ganz nahe daran, sich aufzugeben und so von sich zu denken, wie Mâ°nner etwa von ihnen reden kËnnten, wenn sie nicht da sind. Das scheint ihnen ihr Fortschritt. Sie sind fast schon ¸berzeugt, daï¬ man einen Genuï¬ sucht und wieder einen und einen noch stâ°rkeren Genuï¬: daï¬ darin das Leben besteht, wenn man es nicht auf eine alberne Art verlieren will. Sie haben schon angefangen, sich umzusehen, zu suchen; sie, deren Stâ°rke immer darin bestanden hat, gefunden zu werden.
Das kommt, glaube ich, weil sie m¸de sind. Sie haben Jahrhunderte lang die ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt, beide Teile. Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht. Und hat ihnen das Erlernen schwer gemacht mit seiner Zerstreutheit, mit seiner Nachlâ°ssigkeit, mit seiner Eifersucht, die auch eine Art Nachlâ°ssigkeit war. Und sie haben trotzdem ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend. Und aus ihnen sind, unter dem Druck endloser NËte, die gewaltigen Liebenden hervorgegangen, die, wâ°hrend sie ihn riefen, den Mann ¸berstanden; die ¸ber ihn hinauswuchsen, wenn er nicht wiederkam, wie Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin, die nicht ablieï¬en, bis ihre Qual umschlug in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht mehr zu halten war. Wir wissen von der und der, weil Briefe da sind, die wie durch ein Wunder sich erhielten, oder B¸cher mit anklagenden oder klagenden Gedichten, oder Bilder, die uns anschauen in einer Galerie durch ein Weinen durch, das dem Maler gelang, weil er nicht wuï¬te, was es war. Aber es sind ihrer zahllos mehr gewesen; solche, die ihre Briefe verbrannt haben, und andere, die keine Kraft mehr hatten, sie zu schreiben. Greisinnen, die verhâ°rtet waren, mit einem Kern von KËstlichkeit in sich, den sie verbargen. Formlose, stark gewordene Frauen, die, stark geworden aus ErschËpfung, sich ihren Mâ°nnern â°hnlich werden lieï¬en und die doch innen ganz anders waren, dort, wo ihre Liebe gearbeitet hatte, im Dunkel. Gebâ°rende, die nie gebâ°ren wollten, und wenn sie endlich starben an der achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte von Mâ°dchen, die sich auf die Liebe freuen. Und die, die blieben neben Tobenden und Trinkern, weil sie das Mittel gefunden hatten, in sich so weit von ihnen zu sein wie nirgend sonst; und kamen sie unter die Leute, so konnten sies nicht verhalten und schimmerten, als gingen sie immer mit Seligen um. Wer kann sagen, wie viele es waren und welche. Es ist, als hâ°tten sie im voraus die Worte vernichtet, mit denen man sie fassen kËnnte.
Aber nun, da so vieles anders wird, ist es nicht an uns, uns zu verâ°ndern? KËnnten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln, und unseren Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach? Man hat uns alle ihre M¸hsal erspart, und so ist sie uns unter die Zerstreuungen geglitten, wie in eines Kindes Spiellade manchmal ein St¸ck echter Spitze fâ°llt und freut und nicht mehr freut und endlich daliegt unter Zerbrochenem und Auseinandergenommenem, schlechter als alles. Wir sind verdorben vom leichten Genuï¬ wie alle Dilettanten und stehen im Geruch der Meisterschaft. Wie aber, wenn wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn wir ganz von vorne begâ°nnen die Arbeit der Liebe zu lernen, die immer f¸r uns getan worden ist? Wie, wenn wir hingingen und Anfâ°nger w¸rden, nun, da sich vieles verâ°ndert.
O weiï¬ ich auch, wie es war, wenn Maman die kleinen Spitzenst¸cke aufrollte. Sie hatte nâ°mlich ein einziges von den Schubfâ°chern in Ingeborgs Sekretâ°r f¸r sich in Gebrauch genommen.
“Wollen wir sie sehen, Malte”, sagte sie und freute sich, als sollte sie eben alles geschenkt bekommen, was in der kleinen gelblackierten Lade war. Und dann konnte sie vor lauter Erwartung das Seidenpapier gar nicht auseinanderschlagen. Ich muï¬te es tun jedesmal. Aber ich wurde auch ganz aufgeregt, wenn die Spitzen zum Vorschein kamen. Sie waren aufgewunden um eine Holzwelle, die gar nicht zu sehen war vor lauter Spitzen. Und nun wickelten wir sie langsam ab und sahen den Mustern zu, wie sie sich abspielten, und erschraken jedesmal ein wenig, wenn eines zu Ende war. Sie hËrten so plËtzlich auf.
Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, zâ°he St¸cke mit ausgezogenen Fâ°den, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich wie in einem Bauerngarten. Dann war auf einmal eine ganze Reihe unserer Blicke vergittert mit venezianischer Nadelspitze, als ob wir KlËster wâ°ren oder Gefâ°ngnisse. Aber es wurde wieder frei, und man sah weit in Gâ°rten hinein, die immer k¸nstlicher wurden, bis es dicht und lau an den Augen war wie in einem Treibhaus: prunkvolle Pflanzen, die wir nicht kannten, schlugen riesige Blâ°tter auf, Ranken griffen nacheinander, als ob ihnen schwindelte, und die groï¬en offenen Bl¸ten der Points d’AlenÃon tr¸bten alles mit ihren Pollen. PlËtzlich, ganz m¸de und wirr, trat man hinaus in die lange Bahn der Valenciennes, und es war Winter und fr¸h am Tag und Reif. Und man drâ°ngte sich durch das verschneite Geb¸sch der Binche und kam an Plâ°tze, wo noch keiner gegangen war; die Zweige hingen so merkw¸rdig abwâ°rts, es konnte wohl ein Grab darunter sein, aber das verbargen wir voreinander. Die Kâ°lte drang immer dichter an uns heran, und schlieï¬lich sagte Maman, wenn die kleinen, ganz feinen KlËppelspitzen kamen: “÷h, jetzt bekommen wir Eisblumen an den Augen”, und so war es auch, denn es war innen sehr warm in uns.
â¹ber dem Wiederaufrollen seufzten wir beide, das war eine lange Arbeit, aber wir mochten es niemandem ¸berlassen.
“Denk nun erst, wenn wir sie machen m¸ï¬ten”, sagte Maman und sah fËrmlich erschrocken aus. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich ertappte mich darauf, daï¬ ich an kleine Tiere gedacht hatte, die das immerzu spinnen und die man daf¸r in Ruhe lâ°ï¬t. Nein, es waren ja nat¸rlich Frauen.
“Die sind gewiï¬ in den Himmel gekommen, die das gemacht haben”, meinte ich bewundernd. Ich erinnere, es fiel mir auf, daï¬ ich lange nicht nach dem Himmel gefragt hatte. Maman atmete auf, die Spitzen waren wieder beisammen.
Nach einer Weile, als ich es schon wieder vergessen hatte, sagte sie ganz langsam: “In den Himmel? Ich glaube, sie sind ganz und gar da drin. Wenn man das so sieht: das kann gut eine ewige Seligkeit sein. Man weiï¬ ja so wenig dar¸ber.”
Oft, wenn Besuch dawar, hieï¬ es, daï¬ Schulins sich einschrâ°nkten. Das groï¬e, alte Schloï¬ war abgebrannt vor ein paar Jahren, und nun wohnten sie in den beiden engen Seitenfl¸geln und schrâ°nkten sich ein. Aber das Gâ°stehaben lag ihnen nun einmal im Blut. Das konnten sie nicht aufgeben. Kam jemand unerwartet zu uns, so kam er wahrscheinlich von Schulins; und sah jemand plËtzlich nach der Uhr und muï¬te ganz erschrocken fort, so wurde er sicher auf Lystager erwartet.
Maman ging eigentlich schon nirgends mehr hin, aber so etwas konnten Schulins nicht begreifen; es blieb nichts ¸brig, man muï¬te einmal hin¸berfahren. Es war im Dezember nach ein paar fr¸hen Schneefâ°llen; der Schlitten war auf drei Uhr befohlen, ich sollte mit. Man fuhr indessen nie p¸nktlich bei uns. Maman, die es nicht liebte, daï¬ der Wagen gemeldet wurde, kam meistens viel zu fr¸h herunter, und wenn sie niemanden fand, so fiel ihr immer etwas ein, was schon lâ°ngst hâ°tte getan sein sollen, und sie begann irgendwo oben zu suchen oder zu ordnen, so daï¬ sie kaum wieder zu erreichen war. Schlieï¬lich standen alle und warteten. Und saï¬ sie endlich und war eingepackt, so zeigte es sich, daï¬ etwas vergessen sei, und Sieversen muï¬te geholt werden; denn nur Sieversen wuï¬te, wo es war. Aber dann fuhr man plËtzlich los, eh Sieversen wiederkam.
An diesem Tag war es ¸berhaupt nicht recht hell geworden. Die Bâ°ume standen da, als w¸ï¬ten sie nicht weiter im Nebel, und es hatte etwas Rechthaberisches, dahinein zu fahren. Zwischendurch fing es an, still weiterzuschneien, und nun wars, als w¸rde auch noch das Letzte ausradiert und als f¸hre man in ein weiï¬es Blatt. Es gab nichts als das Gelâ°ut, und man konnte nicht sagen, wo es eigentlich war. Es kam ein Moment, da es einhielt, als wâ°re nun die letzte Schelle ausgegeben; aber dann sammelte es sich wieder und war beisammen und streute sich wieder aus dem Vollen aus. Den Kirchturm links konnte man sich eingebildet haben. Aber der Parkkontur war plËtzlich da, hoch, beinahe ¸ber einem, und man befand sich in der langen Allee. Das Gelâ°ut fiel nicht mehr ganz ab; es war, als hâ°ngte es sich in Trauben rechts und links an die Bâ°ume. Dann schwenkte man und fuhr rund um etwas herum und rechts an etwas vorbei und hielt in der Mitte.
Georg hatte ganz vergessen, daï¬ das Haus nicht da war, und f¸r uns alle war es in diesem Augenblick da. Wir stiegen die Freitreppe hinauf, die auf die alte Terrasse f¸hrte, und wunderten uns nur, daï¬ es ganz dunkel sei. Auf einmal ging eine T¸r, links unten hinter uns, und jemand rief: “Hierher!” und hob und schwenkte ein dunstiges Licht. Mein Vater lachte: “Wir steigen hier herum wie die Gespenster”, und er half uns wieder die Stufen zur¸ck.
“Aber es war doch eben ein Haus da”, sagte Maman und konnte sich gar nicht so rasch an Wjera Schulin gewËhnen, die warm und lachend herausgelaufen war. Nun muï¬te man nat¸rlich schnell hinein, und an das Haus war nicht mehr zu denken. In einem engen Vorzimmer wurde man ausgezogen, und dann war man gleich mitten drin unter den Lampen und der Wâ°rme gegen¸ber.
Diese Schulins waren ein mâ°chtiges Geschlecht selbstâ°ndiger Frauen. Ich weiï¬ nicht, ob es SËhne gab. Ich erinnere mich nur dreier Schwestern; der â°ltesten, die an einen Marchese in Neapel verheiratet gewesen war, von dem sie sich nun langsam unter vielen Prozessen schied. Dann kam ZoÃ, von der es hieï¬, daï¬ es nichts gab, was sie nicht wuï¬te. Und vor allem war Wjera da, diese warme Wjera; Gott weiï¬, was aus ihr geworden ist. Die Grâ°fin, eine Narischkin, war eigentlich die vierte Schwester und in gewisser Beziehung die j¸ngste. Sie wuï¬te von nichts und muï¬te in einem fort von ihren Kindern unterrichtet werden. Und der gute Graf Schulin f¸hlte sich, als ob er mit allen diesen Frauen verheiratet sei, und ging herum und k¸ï¬te sie, wie es eben kam.
Vor der Hand lachte er laut und begr¸ï¬te uns eingehend. Ich wurde unter den Frauen weitergegeben und bef¸hlt und befragt. Aber ich hatte mir fest vorgenommen, wenn das vor¸ber sei, irgendwie hinauszugleiten und mich nach dem Haus umzusehen. Ich war ¸berzeugt, daï¬ es heute da sei. Das Hinauskommen war nicht so schwierig; zwischen allen den Kleidern kam man unten durch wie ein Hund, und die T¸r nach dem Vorraum zu war noch angelehnt. Aber drauï¬en die â°uï¬ere wollte nicht nachgeben. Da waren mehrere Vorrichtungen, Ketten und Riegel, die ich nicht richtig behandelte in der Eile. PlËtzlich ging sie doch auf, aber mit lautem Gerâ°usch, und eh ich drauï¬en war, wurde ich festgehalten und zur¸ckgezogen.
“Halt, hier wird nicht ausgekniffen”, sagte Wjera Schulin belustigt. Sie beugte sich zu mir, und ich war entschlossen, dieser warmen Person nichts zu verraten. Sie aber, als ich nichts sagte, nahm ohne weiters an, eine NËtigung meiner Natur hâ°tte mich an die T¸r getrieben; sie ergriff meine Hand und fing schon an zu gehen und wollte mich, halb vertraulich, halb hochm¸tig, irgendwohin mitziehen. Dieses intime Miï¬verstâ°ndnis krâ°nkte mich ¸ber die Maï¬en. Ich riï¬ mich los und sah sie bËse an. “Das Haus will ich sehen”, sagte ich stolz. Sie begriff nicht.
“Das groï¬e Haus drauï¬en an der Treppe.”
“Schaf”, machte sie und haschte nach mir, “da ist doch gar kein Haus mehr.” Ich bestand darauf.
“Wir gehen einmal bei Tage hin”, schlug sie einlenkend vor, “jetzt kann man da nicht herumkriechen. Es sind LËcher da, und gleich dahinter sind Papas Fischteiche, die nicht zufrieren d¸rfen. Da fâ°llst du hinein und wirst ein Fisch.”
Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben. Da saï¬en sie alle und sprachen, und ich sah sie mir der Reihe nach an: die gehen nat¸rlich nur hin, wenn es nicht da ist, dachte ich verâ°chtlich; wenn Maman und ich hier wohnten, so wâ°re es immer da. Maman sah zerstreut aus, wâ°hrend alle zugleich redeten. Sie dachte gewiï¬ an das Haus.
Zoà setzte sich zu mir und stellte mir Fragen. Sie hatte ein gutgeordnetes Gesicht, in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit erneute, als sâ°he sie bestâ°ndig etwas ein. Mein Vater saï¬ etwas nach rechts geneigt und hËrte der Marchesin zu, die lachte. Graf Schulin stand zwischen Maman und seiner Frau und erzâ°hlte etwas. Aber die Grâ°fin unterbrach ihn, sah ich, mitten im Satze.
“Nein, Kind, das bildest du dir ein”, sagte der Graf gutm¸tig, aber er hatte auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht, das er vorstreckte ¸ber den beiden Damen. Die Grâ°fin war von ihrer sogenannten Einbildung nicht abzubringen. Sie sah ganz angestrengt aus, wie jemand, der nicht gestËrt sein will. Sie machte kleine, abwinkende Bewegungen mit ihren weichen Ringhâ°nden, jemand sagte “sst”, und es wurde plËtzlich ganz still.
Hinter den Menschen drâ°ngten sich die groï¬en Gegenstâ°nde aus dem alten Hause, viel zu nah. Das schwere Familiensilber glâ°nzte und wËlbte sich, als sâ°he man es durch VergrËï¬erungsglâ°ser. Mein Vater sah sich befremdet um.
“Mama riecht”, sagte Wjera Schulin hinter ihm, “da m¸ssen wir immer alle still sein, sie riecht mit den Ohren”, dabei aber stand sie selbst mit hochgezogenen Augenbrauen da, aufmerksam und ganz Nase.
Die Schulins waren in dieser Beziehung ein biï¬chen eigen seit dem Brande. In den engen, ¸berheizten Stuben kam jeden Augenblick ein Geruch auf, und dann untersuchte man ihn, und jeder gab seine Meinung ab. Zoà machte sich am Ofen zu tun, sachlich und gewissenhaft, der Graf ging umher und stand ein wenig in jeder Ecke und wartete; “hier ist es nicht”, sagte er dann. Die Grâ°fin war aufgestanden und wuï¬te nicht, wo sie suchen sollte. Mein Vater drehte sich langsam um sich selbst, als hâ°tte er den Geruch hinter sich. Die Marchesin, die sofort angenommen hatte, daï¬ es ein garstiger Geruch sei, hielt ihr Taschentuch vor und sah von einem zum andern, ob es vor¸ber wâ°re. “Hier, hier”, rief Wjera von Zeit zu Zeit, als hâ°tte sie ihn. Und um jedes Wort herum war es merkw¸rdig still. Was mich angeht, so hatte ich fleiï¬ig mitgerochen. Aber auf einmal (war es die Hitze in den Zimmern oder das viele nahe Licht) ¸berfiel mich zum erstenmal in meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht. Es wurde mir klar, daï¬ alle die deutlichen groï¬en Menschen, die eben noch gesprochen und gelacht hatten, geb¸ckt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem beschâ°ftigten; daï¬ sie zugaben, daï¬ da etwas war, was sie nicht sahen. Und es war schrecklich, daï¬ es stâ°rker war als sie alle.
Meine Angst steigerte sich. Mir war, als kËnnte das, was sie suchten, plËtzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag; und dann w¸rden sie es sehen und nach mir zeigen. Ganz verzweifelt sah ich nach Maman hin¸ber. Sie saï¬ eigent¸mlich gerade da, mir kam vor, daï¬ sie auf mich wartete. Kaum war ich bei ihr und f¸hlte, daï¬ sie innen zitterte, so wuï¬te ich, daï¬ das Haus jetzt erst wieder verging.
“Malte, Feigling”, lachte es irgendwo. Es war Wjeras Stimme. Aber wir lieï¬en einander nicht los und ertrugen es zusammen; und wir blieben so, Maman und ich, bis das Haus wieder ganz vergangen war.
Am reichsten an beinah unfaï¬baren Erfahrungen waren aber doch die Geburtstage. Man wuï¬te ja schon, daï¬ das Leben sich darin gefiel, keine Unterschiede zu machen; aber zu diesem Tage stand man mit einem Recht auf Freude auf, an dem nicht zu zweifeln war. Wahrscheinlich war das Gef¸hl dieses Rechts ganz fr¸h in einem ausgebildet worden, zu der Zeit, da man nach allem greift und rein alles bekommt und da man die Dinge, die man gerade festhâ°lt, mit unbeirrbarer Einbildungskraft zu der grundfarbigen Intensitâ°t des gerade herrschenden Verlangens steigert.
Dann aber kommen auf einmal jene merkw¸rdigen Geburtstage, da man, im Bewuï¬tsein dieses Rechtes vËllig befestigt, die anderen unsicher werden sieht. Man mËchte wohl noch wie fr¸her angekleidet werden und dann alles Weitere entgegennehmen. Aber kaum ist man wach, so ruft jemand drauï¬en, die Torte sei noch nicht da; oder man hËrt, daï¬ etwas zerbricht, wâ°hrend nebenan der Geschenktisch geordnet wird; oder es kommt jemand herein und lâ°ï¬t die T¸re offen, und man sieht alles, ehe man es hâ°tte sehen d¸rfen. Das ist der Augenblick, wo etwas wie eine Operation an einem geschieht. Ein kurzer, wahnsinnig schmerzhafter Eingriff. Aber die Hand, die ihn tut, ist ge¸bt und fest. Es ist gleich vorbei. Und kaum ist es ¸berstanden, so denkt man nicht mehr an sich; es gilt, den Geburtstag zu retten, die anderen zu beobachten, ihren Fehlern zuvorzukommen, sie in ihrer Einbildung zu bestâ°rken, daï¬ sie alles trefflich bewâ°ltigen. Sie machen es einem nicht leicht. Es erweist sich, daï¬ sie von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit sind, beinahe stupide. Sie bringen es zuwege, mit irgendwelchen Paketen hereinzukommen, die f¸r andere Leute bestimmt sind; man lâ°uft ihnen entgegen und muï¬ hernach tun, als liefe man ¸berhaupt in der Stube herum, um sich Bewegung zu schaffen, auf nichts Bestimmtes zu. Sie wollen einen ¸berraschen und heben mit oberflâ°chlich nachgeahmter Erwartung die unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf, wo weiter nichts ist als Holzwolle; da muï¬ man ihnen ihre Verlegenheit erleichtern. Oder wenn es etwas Mechanisches war, so ¸berdrehen sie das, was sie einem geschenkt haben, beim ersten Aufziehen. Es ist deshalb gut, wenn man sich beizeiten ¸bt, eine ¸berdrehte Maus oder dergleichen unauffâ°llig mit dem Fuï¬ weiterzustoï¬en: auf diese Weise kann man sie oft tâ°uschen und ihnen ¸ber die Beschâ°mung forthelfen.
Das alles leistete man schlieï¬lich, wie es verlangt wurde, auch ohne besondere Begabung. Talent war eigentlich nur nËtig, wenn sich einer M¸he gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutm¸tig, eine Freude, und man sah schon von weitem, daï¬ es eine Freude f¸r einen ganz anderen war, eine vollkommen fremde Freude; man wuï¬te nicht einmal jemanden, dem sie gepaï¬t hâ°tte: so fremd war sie.
Daï¬ man erzâ°hlte, wirklich erzâ°hlte, das muï¬ vor meiner Zeit gewesen sein. Ich habe nie jemanden erzâ°hlen hËren. Damals, als Abelone mir von Mamans Jugend sprach, zeigte es sich, daï¬ sie nicht erzâ°hlen kËnne. Der alte Graf Brahe soll es noch gekonnt haben. Ich will aufschreiben, was sie davon wuï¬te.
Abelone muï¬ als ganz junges Mâ°dchen eine Zeit gehabt haben, da sie von einer eigenen, weiten Bewegtheit war. Brahes wohnten damals in der Stadt, in der Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie abends spâ°t hinauf in ihr Zimmer kam, so meinte sie m¸de zu sein wie die anderen. Aber dann f¸hlte sie auf einmal das Fenster und, wenn ich recht verstanden habe, so konnte sie vor der Nacht stehn, stundenlang, und denken: das geht mich an. “Wie ein Gefangener stand ich da”, sagte sie, “und die Sterne waren die Freiheit.” Sie konnte damals einschlafen, ohne sich schwer zu machen. Der Ausdruck In-den-Schlaf-fallen paï¬t nicht f¸r dieses Mâ°dchenjahr. Schlaf war etwas, was mit einem stieg, und von Zeit zu Zeit hatte man die Augen offen und lag auf einer neuen Oberflâ°che, die noch lang nicht die oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst im Winter, wenn die anderen schlâ°frig und spâ°t zum spâ°ten Fr¸hst¸ck kamen. Abends, wenn es dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter f¸r alle, gemeinsame Lichter. Aber diese beiden Kerzen ganz fr¸h in der neuen Dunkelheit, mit der alles wieder anfing, die hatte man f¸r sich. Sie standen in ihrem niederen Doppelleuchter und schienen ruhig durch die kleinen, ovalen, mit Rosen bemalten T¸llschirme, die von Zeit zu Zeit nachger¸ckt werden muï¬ten. Das hatte nichts StËrendes; denn einmal war man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, daï¬ man manchmal aufsehen muï¬te und nachdenken, wenn man an einem Brief schrieb oder in das Tagebuch, das fr¸her einmal mit ganz anderer Schrift, â°ngstlich und schËn, begonnen war.
Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen TËchtern. Er hielt es f¸r Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen. (“Ja, teilen–“, sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die Leute ihm von seinen TËchtern erzâ°hlten; er hËrte aufmerksam zu, als wohnten sie in einer anderen Stadt.
Es war deshalb etwas ganz Auï¬erordentliches, daï¬ er einmal nach dem Fr¸hst¸ck Abelone zu sich winkte: “Wir haben die gleichen Gewohnheiten, wie es scheint, ich schreibe auch ganz fr¸h. Du kannst mir helfen.” Abelone wuï¬te es noch wie gestern.
Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett gef¸hrt, das im Rufe der Unzugâ°nglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in Augenschein zu nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen ¸ber an den Schreibtisch, der ihr wie eine Ebene schien mit B¸chern und SchriftstËï¬en als Ortschaften.
Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, daï¬ Graf Brahe seine Memoiren schriebe, hatten nicht vËllig unrecht. Nur daï¬ es sich nicht um politische oder militâ°rische Erinnerungen handelte, wie man mit Spannung erwartete. “Die vergesse ich”, sagte der alte Herr kurz wenn ihn jemand auf solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht vergessen wollte, das war seine Kindheit. Auf die hielt er. Und es war ganz in der Ordnung, seiner Meinung nach, daï¬ jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand gewann, daï¬ sie, wenn er seinen Blick nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen nordischen Sommernacht, gesteigert und schlaflos.
Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, daï¬ sie flackerten. Oder ganze Sâ°tze muï¬ten wieder durchgestrichen werden, und dann ging er heftig hin und her und wehte mit seinem nilgr¸nen, seidenen Schlafrock. Wâ°hrend alledem war noch eine Person zugegen, Sten, des Grafen alter, j¸tlâ°ndischer Kammerdiener, dessen Aufgabe es war, wenn der Groï¬vater aufsprang, die Hâ°nde schnell ¸ber die einzelnen losen Blâ°tter zu legen, die, mit Notizen bedeckt, auf dem Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die Vorstellung, daï¬ das heutige Papier nichts tauge, daï¬ es viel zu leicht sei und davonfliege bei der geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange obere Hâ°lfte sah, teilte diesen Verdacht und saï¬ gleichsam auf seinen Hâ°nden, lichtblind und ernst wie ein Nachtvogel.
Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu lesen, und niemand von der Dienerschaft hâ°tte je sein Zimmer betreten mËgen, weil es hieï¬, daï¬ er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit Geistern gehabt, und Sten war f¸r diesen Verkehr ganz besonders vorausbestimmt. Seiner Mutter war etwas erschienen in der Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte groï¬e, runde Augen, und das andere Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen, den er damit ansah. Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern, wie man sonst jemanden nach seinen AngehËrigen fragt: “Kommen sie, Sten?” sagte er wohlwollend. “Es ist gut, wenn sie kommen.”
Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte Abelone ‘EckernfËrde’ nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie hatte ihn nie gehËrt. Der Graf, der im Grunde schon lange einen Vorwand suchte, das Schreiben aufzugeben, das zu langsam war f¸r seine Erinnerungen stellte sich unwillig.
“Sie kann es nicht schreiben”, sagte er scharf, “und andere werden es nicht lesen kËnnen. Und werden sie es ¸berhaupt sehen, was ich da sage?” fuhr er bËse fort und lieï¬ Abelone nicht aus den Augen.
“Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain?” schrie er sie an. “Haben wir Saint-Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der Marquis von Belmare.”
Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so schnell weiter, daï¬ man nicht mitkonnte.
“Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber mich nahm er auf sein Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in seine DiamantknËpfe zu beiï¬en. Das freute ihn. Er lachte und hob mir den Kopf, bis wir einander in die Augen sahen: ‘Du hast ausgezeichnete Zâ°hne’, sagte er, ‘Zâ°hne, die etwas unternehmen…’–Ich aber merkte mir seine Augen. Ich bin spâ°ter da und dort herumgekommen. Ich habe allerhand Augen gesehen, kannst du mir glauben: solche nicht wieder. F¸r diese Augen hâ°tte nichts da sein m¸ssen, die hattens in sich. Du hast von Venedig gehËrt? Gut. Ich sage dir, die hâ°tten Venedig hier hereingesehen in dieses Zimmer, daï¬ es da gewesen wâ°re, wie der Tisch. Ich saï¬ in der Ecke einmal und hËrte, wie er meinem Vater von Persien erzâ°hlte, manchmal mein ich noch, mir riechen die Hâ°nde davon. Mein Vater schâ°tzte ihn, und Seine Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie sein Sch¸ler. Aber es gab nat¸rlich genug, die ihm ¸belnahmen, daï¬ er an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in ihm war. Das konnten sie nicht begreifen, daï¬ der Kram nur Sinn hat, wenn man damit geboren wird.”
“Die B¸cher sind leer”, schrie der Graf mit einer w¸tenden Gebâ°rde nach den Wâ°nden hin, “das Blut, darauf kommt es an, da muï¬ man drin lesen kËnnen. Er hatte wunderliche Geschichten drin und merkw¸rdige Abbildungen, dieser Belmare; er konnte aufschlagen, wo er wollte, da war immer was beschrieben; keine Seite in seinem Blut war ¸berschlagen worden. Und wenn er sich einschloï¬ von Zeit zu Zeit und allein drin blâ°tterte, dann kam er zu den Stellen ¸ber das Goldmachen und ¸ber die Steine und ¸ber die Farben. Warum soll das nicht darin gestanden haben? Es steht sicher irgendwo.”
“Er hâ°tte gut mit einer Wahrheit leben kËnnen, dieser Mensch, wenn er allein gewesen wâ°re. Aber es war keine Kleinigkeit, allein zu sein mit einer solchen. Und er war nicht so geschmacklos, die Leute einzuladen, daï¬ sie ihn bei seiner Wahrheit besuchten; die sollte nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr Orientale. ‘Adieu, Madame’, sagte er ihr wahrheitsgemâ°ï¬, ‘auf ein anderes Mal. Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas krâ°ftiger und ungestËrter. Ihre SchËnheit ist ja doch erst im Werden, Madame’, sagte er, und das war keine bloï¬e HËflichkeit. Damit ging er fort und legte drauï¬en f¸r die Leute seinen Tierpark an, eine Art Jardin d’Acclimatation f¸r die grËï¬eren Arten von L¸gen, die man bei uns noch nie gesehen hatte, und ein Palmenhaus von â¹bertreibungen und eine kleine, gepflegte Figuerie falscher Geheimnisse. Da kamen sie von allen Seiten, und er ging herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz f¸r seine Gâ°ste da.”
“Eine oberflâ°chliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine Ritterlichkeit gegen seine Dame, und er hat sich ziemlich dabei konserviert.”
Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein, die er vergessen hatte. Er ging wie rasend auf und ab und warf herausfordernde Blicke auf Sten, als sollte Sten in einem gewissen Augenblicke sich in den verwandeln, an den er dachte. Aber Sten verwandelte sich noch nicht.
“Man m¸ï¬te ihn sehen,” fuhr Graf Brahe versessen fort. “Es gab eine Zeit, wo er durchaus sichtbar war, obwohl in manchen Stâ°dten die Briefe, die er empfing, an niemanden gerichtet waren: es stand nur der Ort darauf, sonst nichts. Aber ich hab ihn gesehen.”
“Er war nicht schËn.” Der Graf lachte eigent¸mlich eilig. “Auch nicht, was die Leute bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer Vornehmere neben ihm. Er war reich: aber das war bei ihm nur wie ein Einfall, daran konnte man sich nicht halten. Er war gut gewachsen, obzwar andere hielten sich besser. Ich konnte damals nat¸rlich nicht beurteilen, ob er geistreich war und das und dies, worauf Wert gelegt wird–: aber er war.”
Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas in den Raum hinein, was blieb.
In diesem Moment gewahrte er Abelone.
“Siehst du ihn?” herrschte er sie an. Und plËtzlich ergriff er den einen silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht.
Abelone erinnerte sich, daï¬ sie ihn gesehen habe.
In den nâ°chsten Tagen wurde Abelone regelmâ°ï¬ig gerufen, und das Diktieren ging nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf stellte nach allerhand Papieren seine fr¸hesten Erinnerungen an den Bernstorffschen Kreis zusammen, in dem sein Vater eine gewisse Rolle spielte. Abelone war jetzt so gut auf die Besonderheiten ihrer Arbeit eingestellt, daï¬, wer die beiden sah, ihre zweckdienliche Gemeinsamkeit leicht f¸r ein wirkliches Vertrautsein nehmen konnte.
Einmal, als Abelone sich schon zur¸ckziehen wollte, trat der alte Herr auf sie zu, und es war, als hielte er die Hâ°nde mit einer â¹berraschung hinter sich: “Morgen schreiben wir von Julie Reventlow”, sagte er und kostete seine Worte: “das war eine Heilige.”
Wahrscheinlich sah Abelone ihn unglâ°ubig an.
“Ja, ja, das giebt es alles noch”, bestand er in befehlendem Tone, “es giebt alles, Komtesse Abel.”
Er nahm Abelonens Hâ°nde und schlug sie auf wie ein Buch.
“Sie hatte die Stigmata”, sagte er, “hier und hier.” Und er tippte mit seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handflâ°chen.
Den Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht. Es wird sich zeigen, dachte sie; sie war recht ungeduldig, von der Heiligen zu hËren, die ihr Vater noch gesehen hatte. Aber sie wurde nicht mehr geholt, nicht am nâ°chsten Morgen und auch spâ°ter nicht.-“Von der Grâ°fin Reventlow ist ja dann oft bei euch gesprochen worden”, schloï¬ Abelone kurz, als ich sie bat, mehr zu erzâ°hlen. Sie sah m¸de aus; auch behauptete sie, das Meiste vergessen zu haben. “Aber die Stellen f¸hl ich noch manchmal”, lâ°chelte sie und konnte es nicht lassen und schaute beinah neugierig in ihre leeren Hâ°nde.
Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war nicht mehr in unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer Etagenwohnung, die mir feindsâ°lig und befremdlich schien. Ich war damals schon im Ausland und kam zu spâ°t.
Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen. Der Geruch der Blumen war unverstâ°ndlich wie viele gleichzeitige Stimmen. Sein schËnes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden waren, hatte einen Ausdruck hËflichen Erinnerns. Er war eingekleidet in die Jâ°germeisters-Uniform, aber aus irgendeinem Grunde hatte man das weiï¬e Band aufgelegt, statt des blauen. Die Hâ°nde waren nicht gefaltet, sie lagen schrâ°g ¸bereinander und sahen nachgemacht und sinnlos aus. Man hatte mir rasch erzâ°hlt, daï¬ er viel gelitten habe: es war nichts davon zu sehen. Seine Z¸ge waren aufgerâ°umt wie die MËbel in einem Fremdenzimmer, aus dem jemand abgereist war. Mir war zumute, als hâ°tte ich ihn schon Ëfter tot gesehen: so gut kannte ich das alles.
Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses bedr¸ckende Zimmer, das Fenster gegen¸ber hatte, wahrscheinlich die Fenster anderer Leute. Neu war es, daï¬ Sieversen von Zeit zu Zeit hereinkam und nichts tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte ich fr¸hst¸cken. Mehrmals wurde mir das Fr¸hst¸ck gemeldet. Mir lag durchaus nichts daran, zu fr¸hst¸cken an diesem Tage. Ich merkte nicht, daï¬ man mich forthaben wollte; schlieï¬lich, da ich nicht ging, brachte Sieversen es irgendwie heraus, daï¬ die Ærzte da wâ°ren. Ich begriff nicht, wozu. Es wâ°re da noch etwas zu tun, sagte Sieversen und sah mich mit ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten, etwas ¸berst¸rzt, zwei Herren herein: das waren die Ærzte. Der vordere senkte seinen Kopf mit einem Ruck, als hâ°tte er HËrner und wollte stoï¬en, um uns ¸ber seine Glâ°ser fort anzusehen: erst Sieversen, dann mich.
Er verbeugte sich mit studentischer FËrmlichkeit. “Der Herr Jâ°germeister hatte noch einen Wunsch”, sagte er genau so, wie er eingetreten war; man hatte wieder das Gef¸hl, daï¬ er sich ¸berst¸rzte. Ich nËtigte ihn irgendwie, seinen Blick durch seine Glâ°ser zu richten. Sein Kollege war ein voller, d¸nnschaliger, blonder Mensch; es fiel mir ein, daï¬ man ihn leicht zum ErrËten bringen kËnnte. Dar¸ber entstand eine Pause. Es war seltsam, daï¬ der Jâ°germeister jetzt noch W¸nsche hatte.
Ich blickte unwillk¸rlich wieder hin in das schËne, gleichmâ°ï¬ige Gesicht. Und da wuï¬te ich, daï¬ er Sicherheit wollte. Die hatte er im Grunde immer gew¸nscht. Nun sollte er sie bekommen.
“Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte.”
Ich verneigte mich und trat zur¸ck. Die beiden Ærzte verbeugten sich gleichzeitig und begannen sofort sich ¸ber ihre Arbeit zu verstâ°ndigen. Jemand r¸ckte auch schon die Kerzen beiseite. Aber der Æltere machte nochmals ein paar Schritte auf mich zu. Aus einer gewissen Nâ°he streckte er sich vor, um das letzte St¸ck Weg zu ersparen, und sah mich bËse an.
“Es ist nicht nËtig”, sagte er, “das heiï¬t, ich meine, es ist vielleicht besser, wenn Sie… ”
Er kam mir vernachlâ°ssigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und eiligen Haltung. Ich verneigte mich abermals; es machte sich so, daï¬ ich mich schon wieder verneigte.
“Danke”, sagte ich knapp. “Ich werde nicht stËren.”
Ich wuï¬te, daï¬ ich dieses ertragen w¸rde und daï¬ kein Grund da war, sich dieser Sache zu entziehen. Das hatte so kommen m¸ssen. Das war vielleicht der Sinn von dem Ganzen. Auch hatte ich nie gesehen, wie es ist, wenn jemand durch die Brust gestochen wird. Es schien mir in der Ordnung, eine so merkw¸rdige Erfahrung nicht abzulehnen, wo sie sich zwanglos und unbedingt einstellte. An Enttâ°uschungen glaubte ich damals eigentlich schon nicht mehr; also war nichts zu bef¸rchten.
Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten zusammengesetzt, die sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man ¸ber sie weg und merkt nicht, daï¬ sie fehlen, schnell wie man ist. Die Wirklichkeiten aber sind langsam und unbeschreiblich ausf¸hrlich.
Wer hâ°tte zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht. Kaum war die breite, hohe Brust bloï¬gelegt, so hatte der eilige kleine Mann schon die Stelle heraus, um die es sich handelte. Aber das rasch angesetzte Instrument drang nicht ein. Ich hatte das Gef¸hl, als wâ°re plËtzlich alle Zeit fort aus dem Zimmer. Wir befanden uns wie in einem Bilde. Aber dann st¸rzte die Zeit nach mit einem kleinen, gleitenden Gerâ°usch, und es war mehr da, als verbraucht wurde. Auf einmal klopfte es irgendwo. Ich hatte noch nie so klopfen hËren: ein warmes, verschlossenes, doppeltes Klopfen. Mein GehËr gab es weiter, und ich sah zugleich, daï¬ der Arzt auf Grund gestoï¬en war. Aber es dauerte eine Weile, bevor die beiden Eindr¸cke in mir zusammenkamen. So, so, dachte ich, nun ist es also durch. Das Klopfen war, was das Tempo betrifft, beinah schadenfroh.
Ich sah mir den Mann an, den ich nun schon so lange kannte. Nein, er war vËllig beherrscht: ein rasch und sachlich arbeitender Herr, der gleich weiter muï¬te. Es war keine Spur von Genuï¬ oder Genugtuung dabei. Nur an seiner linken Schlâ°fe hatten sich ein paar Haare aufgestellt aus irgendeinem alten Instinkt. Er zog das Instrument vorsichtig zur¸ck, und es war etwas wie ein Mund da, aus dem zweimal hintereinander Blut austrat, als sagte er etwas Zweisilbiges. Der junge, blonde Arzt nahm es schnell mit einer eleganten Bewegung in seine Watte auf. Und nun blieb die Wunde ruhig, wie ein geschlossenes Auge.
Es ist anzunehmen, daï¬ ich mich noch einmal verneigte, ohne diesmal recht bei der Sache zu sein. Wenigstens war ich erstaunt, mich allein zu finden. Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht, und das weiï¬e Band lag dar¸ber wie vorher. Aber nun war der Jâ°germeister tot, und nicht er allein. Nun war das Herz durchbohrt, unser Herz, das Herz unseres Geschlechts. Nun war es vorbei. Das war also das Helmzerbrechen: “Heute Brigge und nimmermehr”, sagte etwas in mir.
An mein Herz dachte ich nicht. Und als es mir spâ°ter einfiel, wuï¬te ich zum erstenmal ganz gewiï¬, daï¬ es hierf¸r nicht in Betracht kam. Es war ein einzelnes Herz. Es war schon dabei, von Anfang anzufangen.
Ich weiï¬, daï¬ ich mir einbildete, nicht sofort wieder abreisen zu kËnnen. Erst muï¬ alles geordnet sein, wiederholte ich mir. Was geordnet sein wollte, war mir nicht klar. Es war so gut wie nichts zu tun. Ich ging in der Stadt umher und konstatierte, daï¬ sie sich verâ°ndert hatte. Es war mir angenehm, aus dem Hotel hinauszutreten, in dem ich abgestiegen war, und zu sehen, daï¬ es nun eine Stadt f¸r Erwachsene war, die sich f¸r einen zusammennahm, fast wie f¸r einen Fremden. Ein biï¬chen klein war alles geworden, und ich promenierte die Langelinie hinaus bis an den Leuchtturm und wieder zur¸ck. Wenn ich in die Gegend der Amaliengade kam, so konnte es freilich geschehen, daï¬ von irgendwo etwas ausging, was man jahrelang anerkannt hatte und was seine Macht noch einmal versuchte. Es gab da gewisse Eckfenster oder Torbogen oder Laternen, die viel von einem wuï¬ten und damit drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und lieï¬ sie f¸hlen, daï¬ ich im Hotel ‘PhËnix’ wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber mein Gewissen war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf, daï¬ noch keiner dieser Einfl¸sse und Zusammenhâ°nge wirklich bewâ°ltigt worden war. Man hatte sie eines Tages heimlich verlassen, unfertig wie sie waren. Auch die Kindheit w¸rde also gewissermaï¬en noch zu leisten sein, wenn man sie nicht f¸r immer verloren geben wollte. Und wâ°hrend ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, daï¬ ich nie etwas anderes haben w¸rde, mich darauf zu berufen.
Ein paar Stunden tâ°glich brachte ich in Dronningens TvÃrgade zu, in den engen Zimmern, die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in denen jemand gestorben ist. Ich ging zwischen dem Schreibtisch und dem groï¬en weiï¬en Kachelofen hin und her und verbrannte die Papiere des Jâ°germeisters. Ich hatte begonnen, die Briefschaften, so wie sie zusammengebunden waren, ins Feuer zu werfen, aber die kleinen Pakete waren zu fest verschn¸rt und verkohlten nur an den Râ°ndern. Es kostete mich â¹berwindung, sie zu lockern. Die meisten hatten einen starken, ¸berzeugenden Duft, der auf mich eindrang, als wollte er auch in mir Erinnerungen aufregen. Ich hatte keine. Dann konnte es geschehen, daï¬ Photographien herausglitten, die schwerer waren als das andere; diese Photographien verbrannten unglaublich langsam. Ich weiï¬ nicht, wie es kam, plËtzlich bildete ich mir ein, es kËnnte Ingeborgs Bild darunter sein. Aber sooft ich hinsah, waren es reife, groï¬artige, deutlich schËne Frauen, die mich auf andere Gedanken brachten. Es erwies sich nâ°mlich, daï¬ ich doch nicht ganz ohne Erinnerungen war. Genau solche Augen waren es, in denen ich mich manchmal fand, wenn ich, zur Zeit da ich heranwuchs, mit meinem Vater ¸ber die Straï¬e ging. Dann konnten sie von einem Wageninnern aus mich mit einem Blick umgeben, aus dem kaum hinauszukommen war. Nun wuï¬te ich, daï¬ sie mich damals mit ihm verglichen und daï¬ der Vergleich nicht zu meinen Gunsten ausfiel. Gewiï¬ nicht, Vergleiche hatte der Jâ°germeister nicht zu f¸rchten.
Es kann sein, daï¬ ich nun etwas weiï¬, was er gef¸rchtet hat. Ich will sagen, wie ich zu dieser Annahme komme. Ganz innen in seiner Brieftasche befand sich ein Papier, seit lange gefaltet, m¸rbe, gebrochen in den B¸gen. Ich habe es gelesen, bevor ich es verbrannte. Es war von seiner besten Hand, sicher und gleichmâ°ï¬ig geschrieben, aber ich merkte gleich, daï¬ es nur eine Abschrift war.
“Drei Stunden vor seinem Tod”, so begann es und handelte von Christian dem Vierten. Ich kann den Inhalt nat¸rlich nicht wËrtlich wiederholen. Drei Stunden vor seinem Tod begehrte er aufzustehen. Der Arzt und der Kammerdiener Wormius halfen ihm auf die F¸ï¬e. Er stand ein wenig unsicher, aber er stand, und sie zogen ihm das gesteppte Nachtkleid an. Dann setzte er sich plËtzlich vorn an das Bettende und sagte etwas. Es war nicht zu verstehen. Der Arzt behielt immerzu seine linke Hand, damit der KËnig nicht auf das Bett zur¸cksinke. So saï¬en sie, und der KËnig sagte von Zeit zu Zeit m¸hsam und tr¸be das Unverstâ°ndliche. Schlieï¬lich begann der Arzt ihm zuzusprechen; er hoffte allmâ°hlich zu erraten, was der KËnig meinte. Nach einer Weile unterbrach ihn der KËnig und sagte auf einmal ganz klar: “O, Doktor, Doktor, wie heiï¬t er?” Der Arzt hatte M¸he, sich zu besinnen.
“Sperling, Allergnâ°digster KËnig.”
Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Der KËnig, sobald er hËrte, daï¬ man ihn verstand, riï¬ das rechte Auge, das ihm geblieben war, weit auf und sagte mit dem ganzen Gesicht das eine Wort, das seine Zunge seit Stunden formte, das einzige, das es noch gab: “DËden”, sagte er, “DËden.” (Der Tod, der Tod)
Mehr stand nicht auf dem Blatt. Ich las es mehrere Male, ehe ich es verbrannte. Und es fiel mir ein, daï¬ mein Vater viel gelitten hatte zuletzt. So hatte man mir erzâ°hlt.
Seitdem habe ich viel ¸ber die Todesfurcht nachgedacht, nicht ohne gewisse eigene Erfahrungen dabei zu ber¸cksichtigen. Ich glaube, ich kann wohl sagen, ich habe sie gef¸hlt. Sie ¸berfiel mich in der vollen Stadt, mitten unter den Leuten, oft ganz ohne Grund. Oft allerdings hâ°uften sich die Ursachen; wenn zum Beispiel jemand auf einer Bank verging und alle standen herum und sahen ihm zu, und er war schon ¸ber das F¸rchten hinaus: dann hatte ich seine Furcht. Oder in Neapel damals: da saï¬ diese junge Person mir gegen¸ber in der Elektrischen Bahn und starb. Erst sah es wie eine Ohnmacht aus, wir fuhren sogar noch eine Weile. Aber dann war kein Zweifel, daï¬ wir stehenbleiben muï¬ten. Und hinter uns standen die Wagen und stauten sich, als ginge es in dieser Richtung nie mehr weiter. Das blasse, dicke Mâ°dchen hâ°tte so, angelehnt an ihre Nachbarin, ruhig sterben kËnnen. Aber ihre Mutter gab das nicht zu. Sie bereitete ihr alle mËglichen Schwierigkeiten. Sie brachte ihre Kleider in Unordnung und goï¬ ihr etwas in den Mund, der nichts mehr behielt. Sie verrieb auf ihrer Stirn eine Fl¸ssigkeit, die jemand gebracht hatte, und wenn die Augen dann ein wenig verrollten, so begann sie an ihr zu r¸tteln, damit der Blick wieder nach vorne kâ°me. Sie schrie in diese Augen hinein, die nicht hËrten, sie zerrte und zog das Ganze wie eine Puppe hin und her, und schlieï¬lich holte sie aus und schlug mit aller Kraft in das dicke Gesicht, damit es nicht st¸rbe. Damals f¸rchtete ich mich.
Aber ich f¸rchtete mich auch schon fr¸her. Zum Beispiel, als mein Hund starb. Derselbe, der mich ein- f¸r allemal beschuldigte. Er war sehr krank. Ich kniete bei ihm schon den ganzen Tag, da plËtzlich bellte er auf, ruckweise und kurz, wie er zu tun pflegte, wenn ein Fremder ins Zimmer trat. Ein solches Bellen war f¸r diesen Fall zwischen uns gleichsam verabredet worden, und ich sah unwillk¸rlich nach der T¸r. Aber es war schon in ihm. Beunruhigt suchte ich seinen Blick, und auch er suchte den meinen; aber nicht um Abschied zu nehmen. Er sah mich hart und befremdet an. Er warf mir vor, daï¬ ich es hereingelassen hatte. Er war ¸berzeugt, ich hâ°tte es hindern kËnnen. Nun zeigte es sich, daï¬ er mich immer ¸berschâ°tzt hatte. Und es war keine Zeit mehr, ihn aufzuklâ°ren. Er sah mich befremdet und einsam an, bis es zu Ende war.
Oder ich f¸rchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten NachtfrËsten die Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Wâ°rme erholten. Sie waren merkw¸rdig vertrocknet und erschraken bei ihrem eigenen Summen; man konnte sehen, daï¬ sie nicht mehr recht wuï¬ten, was sie taten. Sie saï¬en stundenlang da und lieï¬en sich gehen, bis es ihnen einfiel, daï¬ sie noch lebten; dann warfen sie sich blindlings irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und man hËrte sie weiterhin niederfallen und dr¸ben und anderswo. Und endlich krochen sie ¸berall und bestarben langsam das ganze Zimmer.
Aber sogar wenn ich allein war, konnte ich mich f¸rchten. Warum soll ich tun, als wâ°ren jene Nâ°chte nicht gewesen, da ich aufsaï¬ vor Todesangst und mich daran klammerte, daï¬ das Sitzen wenigstens noch etwas Lebendiges sei: daï¬ Tote nicht saï¬en. Das war immer in einem von diesen zufâ°lligen Zimmern, die mich sofort im Stich lieï¬en, wenn es mir schlecht ging, als f¸rchteten sie, verhËrt und in meine argen Sachen verwickelt zu werden. Da saï¬ ich, und wahrscheinlich sah ich so schrecklich aus, daï¬ nichts den Mut hatte, sich zu mir zu bekennen. Nicht einmal das Licht, dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte, es anzuz¸nden, wollte von mir wissen. Es brannte so vor sich hin, wie in einem leeren Zimmer. Meine letzte Hoffnung war dann immer das Fenster. Ich bildete mir ein, dort drauï¬en kËnnte noch etwas sein, was zu mir gehËrte, auch jetzt, auch in dieser plËtzlichen Armut des Sterbens. Aber kaum hatte ich hingesehen, so w¸nschte ich, das Fenster wâ°re verrammelt gewesen, zu, wie die Wand. Denn nun wuï¬te ich, daï¬ es dort hinaus immer gleich teilnahmslos weiterging, daï¬ auch drauï¬en nichts als meine Einsamkeit war. Die Einsamkeit, die ich ¸ber mich gebracht hatte und zu deren GrËï¬e mein Herz in keinem Verhâ°ltnis mehr stand. Menschen fielen mir ein, von denen ich einmal fortgegangen war, und ich begriff nicht, wie man Menschen verlassen konnte.
Mein Gott, mein Gott, wenn mir noch solche Nâ°chte bevorstehen, laï¬ mir doch wenigstens einen von den Gedanken, die ich zuweilen denken konnte. Es ist nicht so unvern¸nftig, was ich da verlange; denn ich weiï¬, daï¬ sie gerade aus der Furcht gekommen sind, weil meine Furcht so groï¬ war. Da ich ein Knabe war, schlugen sie mich ins Gesicht und sagten mir, daï¬ ich feige sei. Das war, weil ich mich noch schlecht f¸rchtete. Aber seitdem habe ich mich f¸rchten gelernt mit der wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie erzeugt. Wir haben keine Vorstellung von dieser Kraft, auï¬er in unserer Furcht. Denn so ganz unbegreiflich ist sie, so vËllig gegen uns, daï¬ unser Gehirn sich zersetzt an der Stelle, wo wir uns anstrengen, sie zu denken. Und dennoch, seit einer Weile glaube ich, daï¬ es unsere Kraft ist, alle unsere Kraft, die noch zu stark ist f¸r uns. Es ist wahr, wir kennen sie nicht, aber ist es nicht gerade unser Eigenstes, wovon wir am wenigsten wissen? Manchmal denke ich mir, wie der Himmel entstanden ist und der Tod: dadurch, daï¬ wir unser Kostbarstes von uns fortger¸ckt haben, weil noch so viel anderes zu tun war vorher und weil es bei uns Beschâ°ftigten nicht in Sicherheit war. Nun sind Zeiten dar¸ber vergangen, und wir haben uns an Geringeres gewËhnt. Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr und entsetzen uns vor seiner â°uï¬ersten Groï¬heit. Kann das nicht sein?
Ich begreife ¸brigens jetzt gut, daï¬ man ganz innen in der Brieftasche die Beschreibung einer Sterbestunde bei sich trâ°gt durch alle die Jahre. Es m¸ï¬te nicht einmal eine besonders gesuchte sein; sie haben alle etwas fast Seltenes. Kann man sich zum Beispiel nicht jemanden vorstellen, der sich abschreibt, wie Felix Arvers gestorben ist. Es war im Hospital. Er starb auf eine sanfte und gelassene Weise, und die Nonne meinte vielleicht, daï¬ er damit schon weiter sei, als er in Wirklichkeit war. Sie rief ganz laut irgend eine Weisung hinaus, wo das und das zu finden wâ°re. Es war eine ziemlich ungebildete Nonne; sie hatte das Wort Korridor, das im Augenblick nicht zu vermeiden war, nie geschrieben gesehen; so konnte es geschehen, daï¬ sie ‘Kollidor’ sagte in der Meinung, es hieï¬e so. Da schob Arvers das Sterben hinaus. Es schien ihm nËtig, dieses erst aufzuklâ°ren. Er wurde ganz klar und setzte ihr auseinander, daï¬ es ‘Korridor’ hieï¬e. Dann starb er. Er war ein Dichter und haï¬te das Ungefâ°hre; oder vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun; oder es stËrte ihn, als letzten Eindruck mitzunehmen, daï¬ die Welt so nachlâ°ssig weiterginge. Das wird nicht mehr zu entscheiden sein. Nur soll man nicht glauben, daï¬ es Pedanterie war. Sonst trâ°fe derselbe Vorwurf den heiligen Jean de Dieu, der in seinem Sterben aufsprang und gerade noch zurechtkam, im Garten den eben Erhâ°ngten abzuschneiden, von dem auf wunderbare Art Kunde in die verschlossene Spannung seiner Agonie gedrungen war. Auch ihm war es nur um die Wahrheit zu tun.
Es giebt ein Wesen, das vollkommen unschâ°dlich ist, wenn es dir in die Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins GehËr gerâ°t, so entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat Fâ°lle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend gedieh, â°hnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase eindringen.