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  • 1910
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es sei denn etwas Biskuit oder Brot, das sie, wenn sie allein war, zerbrˆckelte und Kr¸mel f¸r Kr¸mel afl, wie Kinder Kr¸mel essen. Ihre Angst vor Nadeln beherrschte sie damals schon vˆllig. Zu den anderen sagte sie nur, um sich zu entschuldigen: “Ich vertrage rein nichts mehr, aber es mufl euch nicht stˆren, ich befinde mich ausgezeichnet dabei.” Zu mir aber konnte sie sich plˆtzlich hinwenden (denn ich war schon ein biflchen erwachsen) und mit einem L‰cheln, das sie sehr anstrengte, sagen: “Was es doch f¸r viele Nadeln giebt, Malte, und wo sie ¸berall herumliegen, und wenn man bedenkt, wie leicht sie herausfallen…” Sie hielt darauf, es recht scherzend zu sagen; aber das Entsetzen sch¸ttelte sie bei dem Gedanken an alle die schlecht befestigten Nadeln, die jeden Augenblick irgendwo hineinfallen konnten.

Wenn sie aber von Ingeborg erz‰hlte, dann konnte ihr nichts geschehen; dann schonte sie sich nicht; dann sprach sie lauter, dann lachte sie in der Erinnerung an Ingeborgs Lachen, dann sollte man sehen, wie schˆn Ingeborg gewesen war. “Sie machte uns alle froh”, sagte sie, “deinen Vater auch, Malte, buchst‰blich froh. Aber dann, als es hiefl, dafl sie sterben w¸rde, obwohl sie doch nur ein wenig krank schien, und wir gingen alle herum und verbargen es, da setzte sie sich einmal im Bette auf und sagte so vor sich hin, wie einer, der hˆren will, wie etwas klingt: ‘Ihr m¸flt euch nicht so zusammennehmen; wir wissen es alle, und ich kann euch beruhigen, es ist gut so wie es kommt, ich mag nicht mehr.’ Stell dir vor, sie sagte: ‘Ich mag nicht mehr’; sie, die uns alle froh machte. Ob du das einmal verstehen wirst, wenn du grofl bist, Malte? Denk daran sp‰ter, vielleicht f‰llt es dir ein. Es w‰re ganz gut, wenn es jemanden g‰be, der solche Sachen versteht.”

‘Solche Sachen’ besch‰ftigten Maman, wenn sie allein war, und sie war immer allein diese letzten Jahre.

“Ich werde ja nie darauf kommen, Malte”, sagte sie manchmal mit ihrem eigent¸mlich k¸hnen L‰cheln, das von niemandem gesehen sein wollte und seinen Zweck ganz erf¸llte, indem es gel‰chelt ward. “Aber dafl es keinen reizt, das herauszufinden; wenn ich ein Mann w‰re, ja gerade wenn ich ein Mann w‰re, w¸rde ich dar¸ber nachdenken, richtig der Reihe und Ordnung nach und von Anfang an. Denn einen Anfang mufl es doch geben, und wenn man ihn zu fassen bek‰me, das w‰re immer schon etwas. Ach Malte, wir gehen so hin, und mir kommt vor, dafl alle zerstreut sind und besch‰ftigt und nicht recht achtgeben, wenn wir hingehen. Als ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner und keiner hat sich etwas gew¸nscht. Vergifl nie, dir etwas zu w¸nschen, Malte. W¸nschen, das soll man nicht aufgeben. Ich glaube, es giebt keine Erf¸llung, aber es giebt W¸nsche, die lange vorhalten, das ganze Leben lang, so dafl man die Erf¸llung doch gar nicht abwarten kˆnnte.”

Maman hatte Ingeborgs kleinen Sekret‰r hinauf in ihr Zimmer stellen lassen, davor fand ich sie oft, denn ich durfte ohne weiteres bei ihr eintreten. Mein Schritt verging vˆllig in dem Teppich, aber sie f¸hlte mich und hielt mir eine ihrer H‰nde ¸ber die andere Schulter hin. Diese Hand war ganz ohne Gewicht, und sie k¸flte sich fast wie das elfenbeinerne Kruzifix, das man mir abends vor dem Einschlafen reichte. An diesem niederen Schreibschrank, der mit einer Platte sich vor ihr aufschlug, safl sie wie an einem Instrument. “Es ist so viel Sonne drin”, sagte sie, und wirklich, das Innere war merkw¸rdig hell, von altem, gelbem Lack, auf dem Blumen gemalt waren, immer eine rote und eine blaue. Und wo drei nebeneinanderstanden, gab es eine violette zwischen ihnen, die die beiden anderen trennte. Diese Farben und das Gr¸n des schmalen, waagerechten Rankenwerks waren ebenso verdunkelt in sich, wie der Grund strahlend war, ohne eigentlich klar zu sein. Das ergab ein seltsam ged‰mpftes Verh‰ltnis von Tˆnen, die in innerlichen gegenseitigen Beziehungen standen, ohne sich ¸ber sie auszusprechen.

Maman zog die kleinen Laden heraus, die alle leer waren.

“Ach, Rosen”, sagte sie und hielt sich ein wenig vor in den tr¸ben Geruch hinein, der nicht alle wurde. Sie hatte dabei immer die Vorstellung, es kˆnnte sich plˆtzlich noch etwas finden in einem geheimen Fach, an das niemand gedacht hatte und das nur dem Druck irgendeiner versteckten Feder nachgab. “Auf einmal springt es vor, du sollst sehen”, sagte sie ernst und ‰ngstlich und zog eilig an allen Laden. Was aber wirklich an Papieren in den F‰chern zur¸ckgeblieben war, das hatte sie sorgf‰ltig zusammengelegt und eingeschlossen, ohne es zu lesen. “Ich verst¸nde es doch nicht, Malte, es w‰re sicher zu schwer f¸r mich.” Sie hatte die ‹berzeugung, dafl alles zu kompliziert f¸r sie sei. “Es giebt keine Klassen im Leben f¸r Anf‰nger, es ist immer gleich das Schwierigste, was von einem verlangt wird.” Man versicherte mir, dafl sie erst seit dem schrecklichen Tode ihrer Schwester so geworden sei, der Gr‰fin ÷llegaard Skeel, die verbrannte, da sie sich vor einem Balle am Leuchterspiegel die Blumen im Haar anders anstecken wollte. Aber in letzter Zeit schien ihr doch Ingeborg das, was am schwersten zu begreifen war.

Und nun will ich die Geschichte aufschreiben, so wie Maman sie erz‰hlte, wenn ich darum bat.

Es war mitten im Sommer, am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung. Von dem Platze auf der Terrasse, wo der Tee genommen wurde, konnte man den Giebel des Erbbegr‰bnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin. Es war so gedeckt worden, als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch gesessen h‰tte, und wir saflen auch alle recht ausgebreitet herum. Und jeder hatte etwas mitgebracht, ein Buch oder einen Arbeitskorb, so dafl wir sogar ein wenig beengt waren. Abelone (Mamans j¸ngste Schwester) verteilte den Tee, und alle waren besch‰ftigt, etwas herumzureichen, nur dein Groflvater sah von seinem Sessel aus nach dem Hause hin. Es war die Stunde, da man die Post erwartete, und es f¸gte sich meistens so, dafl Ingeborg sie brachte, die mit den Anordnungen f¸r das Essen l‰nger drin zur¸ckgehalten war. In den Wochen ihrer Krankheit hatten wir nun reichlich Zeit gehabt, uns ihres Kommens zu entwˆhnen; denn wir wuflten ja, dafl sie nicht kommen kˆnne. Aber an diesem Nachmittag, Malte, da sie wirklich nicht mehr kommen konnte–: da kam sie. Vielleicht war es unsere Schuld; vielleicht haben wir sie gerufen. Denn ich erinnere mich, dafl ich auf einmal dasafl und angestrengt war, mich zu besinnen, was denn eigentlich nun anders sei. Es war mir plˆtzlich nicht mˆglich zu sagen, was; ich hatte es vˆllig vergessen. Ich blickte auf und sah alle andern dem Hause zugewendet, nicht etwa auf eine besondere, auff‰llige Weise, sondern so recht ruhig und allt‰glich in ihrer Erwartung. Und da war ich daran–(mir wird ganz kalt, Malte, wenn ich es denke) aber, Gott beh¸t mich, ich war daran zu sagen: “Wo bleibt nur–” Da schofl schon Cavalier, wie er immer tat, unter dem Tisch hervor und lief ihr entgegen. Ich hab es gesehen, Malte, ich hab es gesehen. Er lief ihr entgegen, obwohl sie nicht kam; f¸r ihn kam sie. Wir begriffen, dafl er ihr entgegenlief. Zweimal sah er sich nach uns um, als ob er fragte. Dann raste er auf sie zu, wie immer, Malte, genau wie immer, und erreichte sie; denn er begann rund herum zu springen, Malte, um etwas, was nicht da war, und dann hinauf an ihr, um sie zu lecken, gerade hinauf. Wir hˆrten ihn winseln vor Freude, und wie er so in die Hˆhe schnellte, mehrmals rasch hintereinander, h‰tte man wirklich meinen kˆnnen, er verdecke sie uns mit seinen Spr¸ngen. Aber da heulte es auf einmal, und er drehte sich von seinem eigenen Schwunge in der Luft um und st¸rzte zur¸ck, merkw¸rdig ungeschickt, und lag ganz eigent¸mlich flach da und r¸hrte sich nicht. Von der andern Seite trat der Diener aus dem Hause mit den Briefen. Er zˆgerte eine Weile; offenbar war es nicht ganz leicht, auf unsere Gesichter zuzugehen. Und dein Vater winkte ihm auch schon, zu bleiben. Dein Vater, Malte, liebte keine Tiere; aber nun ging er doch hin, langsam wie mir schien, und b¸ckte sich ¸ber den Hund. Er sagte etwas zu dem Diener, irgend etwas Kurzes, Einsilbiges. Ich sah, wie der Diener hinzusprang, um Cavalier aufzuheben. Aber da nahm dein Vater selbst das Tier und ging damit, als w¸flte er genau wohin, ins Haus hinein.

Einmal, als es ¸ber dieser Erz‰hlung fast dunkel geworden war, war ich nahe daran, Maman von der ‘Hand’ zu erz‰hlen: in diesem Augenblick h‰tte ich es gekonnt. Ich atmete schon auf, um anzufangen, aber da fiel mir ein, wie gut ich den Diener begriffen hatte, dafl er nicht hatte kommen kˆnnen auf ihre Gesichter zu. Und ich f¸rchtete mich trotz der Dunkelheit vor Mamans Gesicht, wenn es sehen w¸rde, was ich gesehen habe. Ich holte rasch noch einmal Atem, damit es den Anschein habe, als h‰tte ich nichts anderes gewollt. Ein paar Jahre hernach, nach der merkw¸rdigen Nacht in der Galerie auf Urnekloster, ging ich tagelang damit um, mich dem kleinen Erik anzuvertrauen. Aber er hatte sich nach unserem n‰chtlichen Gespr‰ch wieder ganz vor mir zugeschlossen, er vermied mich; ich glaube, dafl er mich verachtete. Und gerade deshalb wollte ich ihm von der ‘Hand’ erz‰hlen. Ich bildete mir ein, ich w¸rde in seiner Meinung gewinnen (und das w¸nschte ich dringend aus irgendeinem Grunde), wenn ich ihm begreiflich machen kˆnnte, dafl ich das wirklich erlebt hatte. Erik aber war so geschickt im Ausweichen, dafl es nicht dazu kam. Und dann reisten wir ja auch gleich. So ist es, wunderlich genug, das erstemal, dafl ich (und schliefllich auch nur mir selber) eine Begebenheit erz‰hle, die nun weit zur¸ckliegt in meiner Kindheit.

Wie klein ich damals noch gewesen sein mufl, sehe ich daran, dafl ich auf dem Sessel kniete, um bequem auf den Tisch hinaufzureichen, auf dem ich zeichnete. Es war am Abend, im Winter, wenn ich nicht irre, in der Stadtwohnung. Der Tisch stand in meinem Zimmer, zwischen den Fenstern, und es war keine Lampe im Zimmer, als die, die auf meine Bl‰tter schien und auf Mademoiselles Buch; denn Mademoiselle safl neben mir, etwas zur¸ckger¸ckt, und las. Sie war weit weg, wenn sie las, ich weifl nicht, ob sie im Buche war; sie konnte lesen, stundenlang, sie bl‰tterte selten um, und ich hatte den Eindruck, als w¸rden die Seiten immer voller unter ihr, als schaute sie Worte hinzu, bestimmte Worte, die sie nˆtig hatte und die nicht da waren. Das kam mir so vor, w‰hrend ich zeichnete. Ich zeichnete langsam, ohne sehr entschiedene Absicht, und sah alles, wenn ich nicht weiter wuflte, mit ein wenig nach rechts geneigtem Kopfe an; so fiel mir immer am raschesten ein, was noch fehlte. Es waren Offiziere zu Pferd, die in die Schlacht ritten, oder sie waren mitten drin, und das war viel einfacher, weil dann fast nur der Rauch zu machen war, der alles einh¸llte. Maman freilich behauptet nun immer, dafl es Inseln gewesen waren, was ich malte; Inseln mit groflen B‰umen und einem Schlofl und einer Treppe und Blumen am Rand, die sich spiegeln sollten im Wasser. Aber ich glaube, das erfindet sie, oder es mufl sp‰ter gewesen sein.

Es ist ausgemacht, dafl ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete, einen einzelnen, sehr deutlichen Ritter auf einem merkw¸rdig bekleideten Pferd. Er wurde so bunt, dafl ich oft die Stifte wechseln muflte, aber vor allem kam doch der rote in Betracht, nach dem ich immer wieder griff. Nun hatte ich ihn noch einmal nˆtig; da rollte er (ich sehe ihn noch) quer ¸ber das beschienene Blatt an den Rand und fiel, ehe ichs verhindern konnte, an mir vorbei hinunter und war fort. Ich brauchte ihn wirklich dringend, und es war recht ‰rgerlich, ihm nun nachzuklettern. Ungeschickt, wie ich war, kostete es mich allerhand Veranstaltungen, hinunterzukommen; meine Beine schienen mir viel zu lang, ich konnte sie nicht unter mir hervorziehen; die zu lange ein gehaltene knieende Stellung hatte meine Glieder dumpf gemacht; ich wuflte nicht, was zu mir und was zum Sessel gehˆrte. Endlich kam ich doch, etwas konfus, unten an und befand mich auf einem Fell, das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog. Aber da ergab sich eine neue Schwierigkeit. Eingestellt auf die Helligkeit da oben und noch ganz begeistert f¸r die Farben auf dem weiflen Papier, vermochten meine Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen, wo mir das Schwarze so zugeschlossen schien, dafl ich bange war, daran zu stoflen. Ich verliefl mich also auf mein Gef¸hl und k‰mmte, knieend und auf die linke gest¸tzt, mit der andern Hand in dem k¸hlen, langhaarigen Teppich herum, der sich recht vertraulich anf¸hlte; nur dafl kein Bleistift zu sp¸ren war. Ich bildete mir ein, eine Menge Zeit zu verlieren, und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie bitten, mir die Lampe zu halten, als ich merkte, dafl f¸r meine unwillk¸rlich angestrengten Augen das Dunkel nach und nach durchsichtiger wurde. Ich konnte schon hinten die Wand unterscheiden, die mit einer hellen Leiste abschlofl; ich orientierte mich ¸ber die Beine des Tisches; ich erkannte vor allem meine eigene, ausgespreizte Hand, die sich ganz allein, ein biflchen wie ein Wassertier, da unten bewegte und den Grund untersuchte. Ich sah ihr, weifl ich noch, fast neugierig zu; es kam mir vor, als kˆnnte sie Dinge, die ich sie nicht gelehrt hatte, wie sie da unten so eigenm‰chtig herumtastete mit Bewegungen, die ich nie an ihr beobachtet hatte. Ich verfolgte sie, wie sie vordrang, es interessierte mich, ich war auf allerhand vorbereitet. Aber wie h‰tte ich darauf gefaflt sein sollen, dafl ihr mit einem Male aus der Wand eine andere Hand entgegenkam, eine grˆflere, ungewˆhnlich magere Hand, wie ich noch nie eine gesehen hatte. Sie suchte in ‰hnlicher Weise von der anderen Seite her, und die beiden gespreizten H‰nde bewegten sich blind aufeinander zu. Meine Neugierde war noch nicht aufgebraucht, aber plˆtzlich war sie zu Ende, und es war nur Grauen da. Ich f¸hlte, dafl die eine von den H‰nden mir gehˆrte und dafl sie sich da in etwas einliefl, was nicht wieder gutzumachen war. Mit allem Recht, das ich auf sie hatte, hielt ich sie an und zog sie flach und langsam zur¸ck, indem ich die andere nicht aus den Augen liefl, die weitersuchte. Ich begriff, dafl sie es nicht aufgeben w¸rde, ich kann nicht sagen, wie ich wieder hinaufkam. Ich safl ganz tief im Sessel, die Z‰hne schlugen mir aufeinander, und ich hatte so wenig Blut im Gesicht, dafl mir schien, es w‰re kein Blau mehr in meinen Augen. Mademoiselle–, wollte ich sagen und konnte es nicht, aber da erschrak sie von selbst, sie warf ihr Buch hin und kniete sich neben den Sessel und rief meinen Namen; ich glaube, dafl sie mich r¸ttelte. Aber ich war ganz bei Bewufltsein. Ich schluckte ein paarmal; denn nun wollte ich es erz‰hlen.

Aber wie? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen, aber es war nicht auszudr¸cken, so dafl es einer begriff. Gab es Worte f¸r dieses Ereignis, so war ich zu klein, welche zu finden. Und plˆtzlich ergriff mich die Angst, sie kˆnnten doch, ¸ber mein Alter hinaus, auf einmal da sein, diese Worte, und es schien mir f¸rchterlicher als alles, sie dann sagen zu m¸ssen. Das Wirkliche da unten noch einmal durchzumachen, anders, abgewandelt, von Anfang an; zu hˆren, wie ich es zugebe, dazu hatte ich keine Kraft mehr.

Es ist nat¸rlich Einbildung, wenn ich nun behaupte, ich h‰tte in jener Zeit schon gef¸hlt, dafl da etwas in mein Leben gekommen sei, geradeaus in meines, womit ich allein w¸rde herumgehen m¸ssen, immer und immer. Ich sehe mich in meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen und irgendwie ungenau voraussehen, dafl so das Leben sein w¸rde: voll lauter besonderer Dinge, die nur f¸r Einen gemeint sind und die sich nicht sagen lassen. Sicher ist, dafl sich nach und nach ein trauriger und schwerer Stolz in mir erhob. Ich stellte mir vor, wie man herumgehen w¸rde, voll von Innerem und schweigsam. Ich empfand eine ungest¸me Sympathie f¸r die Erwachsenen; ich bewunderte sie, und ich nahm mir vor, ihnen zu sagen, dafl ich sie bewunderte. Ich nahm mir vor, es Mademoiselle zu sagen bei der n‰chsten Gelegenheit.

Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu beweisen, dafl dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber w¸hlte in mir und holte von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von denen ich nicht gewuflt hatte; ich lag da, ¸berh‰uft mit mir, und wartete auf den Augenblick, da mir befohlen w¸rde, dies alles wieder in mich hineinzuschichten, ordentlich, der Reihe nach. Ich begann, aber es wuchs mir unter den H‰nden, es str‰ubte sich, es war viel zu viel. Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen in mich hinein und preflte es zusammen; aber ich ging nicht wieder dar¸ber zu. Und da schrie ich, halb offen wie ich war, schrie ich und schrie. Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir, so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir die H‰nde, und eine Kerze war da, und ihre groflen Schatten r¸hrten sich hinter ihnen. Und mein Vater befahl mir, zu sagen, was es g‰be. Es war ein freundlicher, ged‰mpfter Befehl, aber ein Befehl war es immerhin. Und er wurde ungeduldig, wenn ich nicht antwortete.

Maman kam nie in der Nacht–, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte geschrieen und geschrieen, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen, die Haush‰lterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem groflen Balle waren, ich glaube beim Kronprinzen. Und auf einmal hˆrte ich ihn hereinfahren in den Hof, und ich wurde still, safl und sah nach der T¸r. Und da rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der groflen Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und liefl ihren weiflen Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloflen Arme. Und ich bef¸hlte, erstaunt und entz¸ckt wie nie, ihr Haar und ihr kleines, gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir blieben so und weinten z‰rtlich und k¸flten uns, bis wir f¸hlten, dafl der Vater da war und dafl wir uns trennen muflten. “Er hat hohes Fieber”, hˆrte ich Maman sch¸chtern sagen, und der Vater griff nach meiner Hand und z‰hlte den Puls. Er war in der J‰germeisteruniform mit dem schˆnen, breiten, gew‰sserten blauen Band des Elefanten. “Was f¸r ein Unsinn, uns zu rufen”, sagte er ins Zimmer hinein, ohne mich anzusehen. Sie hatten versprochen, zur¸ckzukehren, wenn es nichts Ernstliches w‰re. Und Ernstliches war es ja nichts. Auf meiner Decke aber fand ich Mamans Tanzkarte und weifle Kamelien, die ich noch nie gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte, als ich merkte, wie k¸hl sie waren.

Aber was lang war, das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten. Am Morgen nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf, und wenn man erwachte und meinte, nun w‰re es wieder fr¸h, so war es Nachmittag und blieb Nachmittag und hˆrte nicht auf Nachtmittag zu sein. Da lag man so in dem aufger‰umten Bett und wuchs vielleicht ein wenig in den Gelenken und war viel zu m¸de, um sich irgend etwas vorzustellen. Der Geschmack vom Apfelmus hielt lange vor, und das war schon alles mˆgliche, wenn man ihn irgendwie auslegte, unwillk¸rlich, und die reinliche S‰ure an Stelle von Gedanken in sich herumgehen liefl. Sp‰ter, wenn die Kr‰fte wiederkamen, wurden die Kissen hinter einem aufgebaut, und man konnte aufsitzen und mit Soldaten spielen; aber sie fielen so leicht um auf dem schiefen Bett-Tisch und dann immer gleich die ganze Reihe; und man war doch noch nicht so ganz im Leben drin, um immer wieder von vorn anzufangen. Plˆtzlich war es zuviel, und man bat, alles recht rasch fortzunehmen, und es tat wohl, wieder nur die zwei H‰nde zu sehen, ein biflchen weiter hin auf der leeren Decke.

Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und M‰rchen vorlas (zum richtigen, langen Vorlesen war Sieversen da), so war das nicht um der M‰rchen willen. Denn wir waren einig dar¸ber, dafl wir M‰rchen nicht liebten. Wir hatten einen anderen Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden, wenn alles mit nat¸rlichen Dingen zuginge, so w‰re das immer am wunderbarsten. Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft zu fliegen, die Feen entt‰uschten uns, und von den Verwandlungen in etwas anderes erwarteten wir uns nur eine sehr oberfl‰chliche Abwechslung. Aber wir lasen doch ein biflchen, um besch‰ftigt auszusehen; es war uns nicht angenehm, wenn irgend jemand eintrat, erst erkl‰ren zu m¸ssen, was wir gerade taten; besonders Vater gegen¸ber waren wir von einer ¸bertriebenen Deutlichkeit.

Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestˆrt zu sein, und es d‰mmerte drauflen, konnte es geschehen, dafl wir uns Erinnerungen hingaben, gemeinsamen Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und ¸ber die wir l‰chelten; denn wir waren beide grofl geworden seither. Es fiel uns ein, dafl es eine Zeit gab, wo Maman w¸nschte, dafl ich ein kleines M‰dchen w‰re und nicht dieser Junge, der ich nun einmal war. Ich hatte das irgendwie erraten, und ich war auf den Gedanken gekommen, manchmal nachmittags an Mamans T¸re zu klopfen. Wenn sie dann fragte, wer da w‰re, so war ich gl¸cklich, drauflen “Sophie” zu rufen, wobei ich meine kleine Stimme so zierlich machte, dafl sie mich in der Kehle kitzelte. Und wenn ich dann eintrat (in dem kleinen, m‰dchenhaften Hauskleid, das ich ohnehin trug, mit ganz hinaufgerollten Armeln), so war ich einfach Sophie, Mamans kleine Sophie, die sich h‰uslich besch‰ftigte und der Maman einen Zopf flechten muflte, damit keine Verwechslung stattfinde mit dem bˆsen Malte, wenn er je wiederk‰me. Erw¸nscht war dies durchaus nicht; es war sowohl Maman wie Sophie angenehm, dafl er fort war, und ihre Unterhaltungen (die Sophie immerzu mit der gleichen, hohen Stimme fortsetzte) bestanden meistens darin, dafl sie Maltes Unarten aufz‰hlten und sich ¸ber ihn beklagten. “Ach ja, dieser Malte”, seufzte Maman. Und Sophie wuflte eine Menge ¸ber die Schlechtigkeiten der Jungen im allgemeinen, als kennte sie einen ganzen Haufen.

“Ich mˆchte wohl wissen, was aus Sophie geworden ist”, sagte Maman dann plˆtzlich bei solchen Erinnerungen. Dar¸ber konnte nun Malte freilich keine Auskunft geben. Aber wenn Maman vorschlug, dafl sie gewifl gestorben sei, dann widersprach er eigensinnig und beschwor sie, dies nicht zu glauben, so wenig sich sonst auch beweisen liefle.

Mich das jetzt ¸berdenke, kann ich mich wundern, dafl ich aus der Welt dieser Fieber doch immer wieder ganz zur¸ckkam und mich hineinfand in das ¸beraus gemeinsame Leben, wo jeder im Gef¸hl unterst¸tzt sein wollte, bei Bekanntem zu sein, und wo man sich so vorsichtig im Verst‰ndlichen vertrug. Da wurde etwas erwartet, und es kam oder es kam nicht, ein Drittes war ausgeschlossen. Da gab es Dinge, die traurig waren, ein–f¸r allemal, es gab angenehme Dinge und eine ganze Menge nebens‰chlicher. Wurde aber einem eine Freude bereitet, so war es eine Freude, und er hatte sich danach zu benehmen. Im Grunde war das alles sehr einfach, und wenn man es erst heraus hatte, so machte es sich wie von selbst. In diese verabredeten Grenzen ging denn auch alles hinein; die langen, gleichm‰fligen Schulstunden, wenn drauflen der Sommer war; die Spazierg‰nge, von denen man franzˆsisch erz‰hlen muflte; die Besuche, f¸r die man hereingerufen wurde und die einen drollig fanden, wenn man gerade traurig war, und sich an einem belustigten wie an dem betr¸bten Gesicht gewisser Vˆgel, die kein anderes haben. Und die Geburtstage nat¸rlich, zu denen man Kinder eingeladen bekam, die man kaum kannte, verlegene Kinder, die einen verlegen machten, oder dreiste, die einem das Gesicht zerkratzten, und zerbrachen, was man gerade bekommen hatte, und die dann plˆtzlich fortfuhren, wenn alles aus K‰sten und Laden herausgerissen war und zu Haufen lag. Wenn man aber allein spielte, wie immer,so konnte es doch geschehen, dafl man diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt unversehens ¸berschritt und unter Verh‰ltnisse geriet, die vˆllig verschieden waren und gar nicht abzusehen.

Mademoiselle hatte zuzeiten ihre Migr‰ne, die ungemein heftig auftrat, und das waren die Tage, an denen ich schwer zu finden war. Ich weifl, der Kutscher wurde dann in den Park geschickt, wenn es Vater einfiel, nach mir zu fragen, und ich war nicht da. Ich konnte oben von einem der Gastzimmer aus sehen, wie er hinauslief und am Anfang der langen Allee nach mir rief. Diese Gastzimmer befanden sich, eines neben dem anderen, im Giebel von Ulsgaard und standen, da wir in dieser Zeit sehr selten Hausbesuch hatten, fast immer leer. Anschlieflend an sie aber war jener grofle Eckraum, der eine so starke Verlockung f¸r mich hatte. Es war nichts darin zu finden als eine alte B¸ste, die, ich glaube, den Admiral Juel darstellte, aber die W‰nde waren ringsum mit tiefen grauen Wandschr‰nken verschalt, derart, dafl sogar das Fenster erst ¸ber den Schr‰nken angebracht war in der leeren, geweiflten Wand. Den Schl¸ssel hatte ich an einer der Schrankt¸ren entdeckt, und er schlofl alle anderen. So hatte ich in kurzem alles untersucht: die Kammerherrenfr‰cke aus dem achtzehnten Jahrhundert, die ganz kalt waren von den eingewebten Silberf‰den, und die schˆn gestickten Westen dazu; die Trachten des Dannebrog–und des Elefantenordens, die man erst f¸r Frauenkleider hielt, so reich und umst‰ndlich waren sie und so sanft im Futter anzuf¸hlen. Dann wirkliche Roben, die, von ihren Unterlagen auseinander gehalten, steif dahingen wie die Marionetten eines zu groflen St¸ckes, das so endg¸ltig aus der Mode war, dafl man ihre Kˆpfe anders verwendet hatte. Daneben aber waren Schr‰nke, in denen es dunkel war, wenn man sie aufmachte, dunkel von hochgeschlossenen Uniformen, die viel gebrauchter aussahen als alles das andere und die eigentlich w¸nschten, nicht erhalten zu sein.

Niemand wird es verwunderlich finden, dafl ich das alles herauszog und ins Licht neigte; dafl ich das und jenes an mich hielt oder umnahm; dafl ich ein Kost¸m, welches etwa passen konnte, hastig anzog und darin, neugierig und aufgeregt, in das n‰chste Fremdenzimmer lief, vor den schmalen Pfeilerspiegel, der aus einzelnen ungleich gr¸nen Glasst¸cken zusammengesetzt war. Ach, wie man zitterte, drin zu sein, und wie hinreiflend war es, wenn man es war. Wenn da etwas aus dem Tr¸ben heraus sich n‰herte, langsamer als man selbst, denn der Spiegel glaubte es gleichsam nicht und wollte, schl‰frig wie er war, nicht gleich nachsprechen, was man ihm vorsagte. Aber schliefllich muflte er nat¸rlich. Und nun war es etwas sehr ‹berraschendes, Fremdes, ganz anders, als man es sich gedacht hatte, etwas Plˆtzliches, Selbst‰ndiges, das man rasch ¸berblickte, um sich im n‰chsten Augenblick doch zu erkennen, nicht ohne eine gewisse Ironie, die um ein Haar das ganze Vergn¸gen zerstˆren konnte. Wenn man aber sofort zu reden begann, sich zu verbeugen, wenn man sich zuwinkte, sich, fortw‰hrend zur¸ckblickend, entfernte und dann entschlossen und angeregt wiederkam, so hatte man die Einbildung auf seiner Seite, solang es einem gefiel.

Ich lernte damals den Einflufl kennen, der unmittelbar von einer bestimmten Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anz¸ge angelegt, muflte ich mir eingestehen, dafl er mich in seine Macht bekam; dafl er mir meine Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einf‰lle vorschrieb; meine Hand, ¸ber die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war durchaus nicht meine gewˆhnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich mˆchte sagen, sie sah sich selber zu, so ¸bertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen indessen nie so weit, dafl ich mich mir selber entfremdet f¸hlte; im Gegenteil, je vielf‰ltiger ich mich abwandelte, desto ¸berzeugter wurde ich von mir selbst. Ich wurde k¸hner und k¸hner; ich warf mich immer hˆher; denn meine Geschicklichkeit im Auffangen war ¸ber allen Zweifel. Ich merkte nicht die Versuchung in dieser rasch wachsenden Sicherheit. Zu meinem Verh‰ngnis fehlte nur noch, dafl der letzte Schrank, den ich bisher meinte nicht ˆffnen zu kˆnnen, eines Tages nachgab, um mir, statt bestimmter Trachten, allerhand vages Maskenzeug auszuliefern, dessen phantastisches Ungef‰hr mir das Blut in die Wangen trieb. Es l‰flt sich nicht aufz‰hlen, was da alles war. Aufler einer Bautta, deren ich mich entsinne, gab es Dominos in verschiedenen Farben, es gab Frauenrˆcke, die hell l‰uteten von den M¸nzen, mit denen sie ben‰ht waren; es gab Pierrots, die mir albern vorkamen, und faltige, t¸rkische Hosen und persische M¸tzen, aus denen kleine Kampfers‰ckchen herausglitten, und Kronreifen mit dummen, ausdruckslosen Steinen. Dies alles verachtete ich ein wenig; es war von so d¸rftiger Unwirklichkeit und hing so abgebalgt und arms‰lig da und schlappte willenlos zusammen, wenn man es herauszerrte ans Licht. Was mich aber in eine Art von Rausch versetzte, das waren die ger‰umigen M‰ntel, die T¸cher, die Schals, die Schleier, alle diese nachgiebigen, groflen, unverwendeten Stoffe, die weich und schmeichelnd waren oder so gleitend, dafl man sie kaum zu fassen bekam, oder so leicht, dafl sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach schwer mit ihrer ganzen Last. In ihnen erst sah ich wirklich freie und unendlich bewegliche Mˆglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die verkauft wird, oder Jeanne d’Arc zu sein oder ein alter Kˆnig oder ein Zauberer; das alles hatte man jetzt in der Hand, besonders da auch Masken da waren, grofle drohende oder erstaunte Gesichter mit echten B‰rten und vollen oder hochgezogenen Augenbrauen. Ich hatte nie Masken gesehen vorher, aber ich sah sofort ein, dafl es Masken geben m¸sse. Ich muflte lachen, als mir einfiel, dafl wir einen Hund hatten, der sich ausnahm, als tr¸ge er eine. Ich stellte mir seine herzlichen Augen vor, die immer wie von hinten hineinsahen in das behaarte Gesicht. Ich lachte noch, w‰hrend ich mich verkleidete, und ich vergafl dar¸ber vˆllig, was ich eigentlich vorstellen wollte. Nun, es war neu und spannend, das erst nachtr‰glich vor dem Spiegel zu entscheiden. Das Gesicht, das ich vorband, roch eigent¸mlich hohl, es legte sich fest ¸ber meines, aber ich konnte bequem durchsehen, und ich w‰hlte erst, als die Maske schon safl, allerhand T¸cher, die ich in der Art eines Turbans um den Kopf wand, so dafl der Rand der Maske, der unten in einen riesigen gelben Mantel hineinreichte, auch oben und seitlich fast ganz verdeckt war. Schliefllich, als ich nicht mehr konnte, hielt ich mich f¸r hinreichend vermummt. Ich ergriff noch einen groflen Stab, den ich, soweit der Arm reichte, neben mir hergehen liefl, und schleppte so, nicht ohne M¸he, aber, wie mir vorkam, voller W¸rde, in das Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu.

Das war nun wirklich groflartig, ¸ber alle Erwartung. Der Spiegel gab es auch augenblicklich wieder, es war zu ¸berzeugend. Es w‰re gar nicht nˆtig gewesen, sich viel zu bewegen; diese Erscheinung war vollkommen, auch wenn sie nichts tat. Aber es galt zu erfahren, was ich eigentlich sei, und so drehte ich mich ein wenig und erhob schliefllich die beiden Arme: grofle, gleichsam beschwˆrende Bewegungen, das war, wie ich schon merkte, das einzig Richtige. Doch gerade in diesem feierlichen Moment vernahm ich, ged‰mpft durch meine Vermummung, ganz in meiner N‰he einen vielfach zusammengesetzten L‰rm; sehr erschreckt, verlor ich das Wesen da dr¸ben aus den Augen und war arg verstimmt, zu gewahren, dafl ich einen kleinen, runden Tisch umgeworfen hatte mit weifl der Himmel was f¸r, wahrscheinlich sehr zerbrechlichen Gegenst‰nden. Ich b¸ckte mich so gut ich konnte und fand meine schlimmste Erwartung best‰tigt: es sah aus, als sei alles entzwei. Die beiden ¸berfl¸ssigen, gr¸n-violetten Porzellanpapageien waren nat¸rlich, jeder auf eine andere boshafte Art, zerschlagen. Eine Dose, aus der Bonbons rollten, die aussahen wie seidig eingepuppte Insekten, hatte ihren Deckel weit von sich geworfen, man sah nur seine eine H‰lfte, die andere war ¸berhaupt fort. Das ƒrgerlichste aber war ein in tausend winzige Scherben zerschellter Flacon, aus dem der Rest irgendeiner alten Essenz herausgespritzt war, der nun einen Fleck von sehr widerlicher Physiognomie auf dem klaren Parkett bildete. Ich trocknete ihn schnell mit irgendwas auf, das an mir herunterhing, aber er wurde nur schw‰rzer und unangenehmer. Ich war recht verzweifelt. Ich erhob mich und suchte nach irgendeinem Gegenstand, mit dem ich das alles gutmachen konnte. Aber es fand sich keiner. Auch war ich so behindert im Sehen und in jeder Bewegung, dafl die Wut in mir aufstieg gegen meinen unsinnigen Zustand, den ich nicht mehr begriff. Ich zerrte an allem, aber es schlofl sich nur noch enger an. Die Schn¸re des Mantels w¸rgten mich, und das Zeug auf meinem Kopfe dr¸ckte, als k‰me immer noch mehr hinzu. Dabei war die Luft tr¸be geworden und wie beschlagen mit dem ‰ltlichen Dunst der versch¸tteten Fl¸ssigkeit.

Heifl und zornig st¸rzte ich vor den Spiegel und sah m¸hsam durch die Maske durch, wie meine H‰nde arbeiteten. Aber darauf hatte er nur gewartet. Der Augenblick der Vergeltung war f¸r ihn gekommen. W‰hrend ich in mafllos zunehmender Beklemmung mich anstrengte, mich irgendwie aus meiner Vermummung hinauszuzw‰ngen, nˆtigte er mich, ich weifl nicht womit, aufzusehen und diktierte mir ein Bild, nein, eine Wirklichkeit, eine fremde, unbegreifliche monstrˆse Wirklichkeit, mit der ich durchtr‰nkt wurde gegen meinen Willen: denn jetzt war er der St‰rkere, und ich war der Spiegel. Ich starrte diesen groflen, schrecklichen Unbekannten vor mir an, und es schien mir ungeheuerlich, mit ihm allein zu sein. Aber in demselben Moment, da ich dies dachte, geschah das ƒuflerste: ich verlor allen Sinn, ich fiel einfach aus. Eine Sekunde lang hatte ich eine unbeschreibliche, wehe und vergebliche Sehnsucht nach mir, dann war nur noch er: es war nichts aufler ihm.

Ich rannte davon, aber nun war er es, der rannte. Er stiefl ¸berall an, er kannte das Haus nicht, er wuflte nicht wohin; er geriet eine Treppe hinunter, er fiel auf dem Gange ¸ber eine Person her, die sich schreiend freimachte. Eine T¸r ging auf, es traten mehrere Menschen heraus: Ach, ach, was war das gut, sie zu kennen. Das war Sieversen, die gute Sieversen, und das Hausm‰dchen und der Silberdiener: nun muflte es sich entscheiden. Aber sie sprangen nicht herzu und retteten; ihre Grausamkeit war ohne Grenzen. Sie standen da und lachten, mein Gott, sie konnten dastehn und lachen. Ich weinte, aber die Maske liefl die Tr‰nen nicht hinaus, sie rannen innen ¸ber mein Gesicht und trockneten gleich und rannen wieder und trockneten. Und endlich kniete ich hin vor ihnen, wie nie ein Mensch gekniet hat; ich kniete und hob meine H‰nde zu ihnen auf und flehte: “Herausnehmen, wenn es noch geht, und behalten”, aber sie hˆrten es nicht; ich hatte keine Stimme mehr.

Sieversen erz‰hlte bis an ihr Ende, wie ich umgesunken w‰re und wie sie immer noch weitergelacht h‰tten in der Meinung, das gehˆre dazu. Sie waren es so gewˆhnt bei mir. Aber dann w‰re ich doch immerzu liegengeblieben und h‰tte nicht geantwortet. Und der Schrecken, als sie endlich entdeckten, dafl ich ohne Besinnung sei und dalag wie ein St¸ck in allen den T¸chern, rein wie ein St¸ck.

Die Zeit ging unberechenbar schnell, und auf einmal war es schon wieder so weit, dafl der Prediger Dr. Jespersen geladen werden muflte. Das war dann f¸r alle Teile ein m¸hsames und langwieriges Fr¸hst¸ck. Gewohnt an die sehr fromme Nachbarschaft, die sich jedesmal ganz auflˆste um seinetwillen, war er bei uns durchaus nicht an seinem Platz; er lag sozusagen auf dem Land und schnappte. Die Kiemenatmung, die er an sich ausgebildet hatte, ging beschwerlich vor sich, es bildeten sich Blasen, und das Ganze war nicht ohne Gefahr. Gespr‰chsstoff war, wenn man genau sein will, ¸berhaupt keiner da; es wurden Reste ver‰uflert zu unglaublichen Preisen, es war eine Liquidation aller Best‰nde. Dr. Jespersen muflte sich bei uns darauf beschr‰nken, eine Art von Privatmann zu sein; das gerade aber war er nie gewesen. Er war, soweit er denken konnte, im Seelenfach angestellt. Die Seele war eine ˆffentliche Institution f¸r ihn, die er vertrat, und er brachte es zuwege, niemals aufler Dienst zu sein, selbst nicht im Umgang mit seiner Frau, “seiner bescheidenen, treuen, durch Kindergeb‰ren seligwerdenden Rebekka”, wie Lavater sich in einem anderen Fall ausdr¸ckte.

(Was ¸brigens meinen Vater betraf, so war seine Haltung Gott gegen¸ber vollkommen korrekt und von tadelloser Hˆflichkeit. In der Kirche schien es mir manchmal, als w‰re er geradezu J‰germeister bei Gott, wenn er dastand und abwartete und sich verneigte. Maman dagegen erschien es fast verletzend, dafl jemand zu Gott in einem hˆflichen Verh‰ltnis stehen konnte. W‰re sie in eine Religion mit deutlichen und ausf¸hrlichen Gebr‰uchen geraten, es w‰re eine Seligkeit f¸r sie gewesen, stundenlang zu knien und sich hinzuwerfen und sich recht mit dem groflen Kreuz zu geb‰rden vor der Brust und um die Schultern herum. Sie lehrte mich nicht eigentlich beten, aber es war ihr eine Beruhigung, dafl ich gerne kniete und die H‰nde bald gekr¸mmt und bald aufrecht faltete, wie es mir gerade ausdrucksvoller schien. Ziemlich in Ruhe gelassen, machte ich fr¸hzeitig eine Reihe von Entwicklungen durch, die ich erst viel sp‰ter in einer Zeit der Verzweiflung auf Gott bezog, und zwar mit solcher Heftigkeit, dafl er sich bildete und zersprang, fast in demselben Augenblick. Es ist klar, dafl ich ganz von vorn anfangen muflte hernach. Und bei diesem Anfang meinte ich manchmal, Maman nˆtig zu haben, obwohl es ja nat¸rlich richtiger war, ihn allein durchzumachen. Und da war sie ja auch schon lange tot.)

Dr. Jespersen gegen¸ber konnte Maman beinah ausgelassen sein. Sie liefl sich in Gespr‰che mit ihm ein, die er ernst nahm, und wenn er dann sich reden hˆrte, meinte sie, das gen¸ge, und vergafl ihn plˆtzlich, als w‰re er schon fort. “Wie kann er nur”, sagte sie manchmal von ihm, “herumfahren und hineingehen zu den Leuten, wenn sie gerade sterben.”

Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit, aber sie hat ihn sicher nicht mehr gesehen. Ihre Sinne gingen ein, einer nach dem andern, zuerst das Gesicht. Es war im Herbst, man sollte schon in die Stadt ziehen, aber da erkrankte sie gerade, oder vielmehr, sie fing gleich an zu sterben, langsam und trostlos abzusterben an der ganzen Oberfl‰che. Die ƒrzte kamen, und an einem bestimmten Tag waren sie alle zusammen da und beherrschten das ganze Haus. Es war ein paar Stunden lang, als gehˆrte es nun dem Geheimrat und seinen Assistenten und als h‰tten wir nichts mehr zu sagen. Aber gleich danach verloren sie alles Interesse, kamen nur noch einzeln, wie aus purer Hˆflichkeit, um eine Zigarre anzunehmen und ein Glas Portwein. Und Maman starb indessen.

Man wartete nur noch auf Mamans einzigen Bruder, den Grafen Christian Brahe, der, wie man sich noch erinnern wird, eine Zeitlang in t¸rkischen Diensten gestanden hatte, wo er, wie es immer hiefl, sehr ausgezeichnet worden war. Er kam eines Morgens an in Begleitung eines fremdartigen Dieners, und es ¸berraschte mich, zu sehen, dafl er grˆfler war als Vater und scheinbar auch ‰lter. Die beiden Herren wechselten sofort einige Worte, die sich, wie ich vermutete, auf Maman bezogen. Es entstand eine Pause. Dann sagte mein Vater: “Sie ist sehr entstellt.” Ich begriff diesen Ausdruck nicht, aber es frˆstelte mich, da ich ihn hˆrte. Ich hatte den Eindruck, als ob auch mein Vater sich h‰tte ¸berwinden m¸ssen, ehe er ihn aussprach. Aber es war wohl vor allem sein Stolz, der litt, indem er dies zugab.

Mehrere Jahre sp‰ter erst hˆrte ich wieder von dem Grafen Christian reden. Es war auf Urnekloster, und Mathilde Brahe war es, die mit Vorliebe von ihm sprach. Ich bin indessen sicher, dafl sie die einzelnen Episoden ziemlich eigenm‰chtig ausgestaltete, denn das Leben meines Onkels, von dem immer nur Ger¸chte in die ÷ffentlichkeit und selbst in die Familie drangen, Ger¸chte, die er nie widerlegte, war geradezu grenzenlos auslegbar. Urnekloster ist jetzt in seinem Besitz. Aber niemand weifl, ob er es bewohnt. Vielleicht reist er immer noch, wie es seine Gewohnheit war; vielleicht ist die Nachricht seines Todes aus irgendeinem ‰uflersten Erdteil unterwegs, von der Hand des fremden Dieners geschrieben in schlechtem Englisch oder in irgendeiner unbekannten Sprache. Vielleicht auch giebt dieser Mensch kein Zeichen von sich, wenn er eines Tages allein zur¸ckbleibt. Vielleicht sind sie beide l‰ngst verschwunden und stehen nur noch auf der Schiffsliste eines verschollenen Schiffes unter Namen, die nicht die ihren waren.

Freilich, wenn damals auf Urnekloster ein Wagen einfuhr, so erwartete ich immer, ihn eintreten zu sehen, und mein Herz klopfte auf eine besondere Art. Mathilde Brahe behauptete: so k‰me er, das w‰re so seine Eigenheit, plˆtzlich da zu sein, wenn man es am wenigsten f¸r mˆglich hielte. Er kam nie, aber meine Einbildungskraft besch‰ftigte sich wochenlang mit ihm, ich hatte das Gef¸hl, als w‰ren wir einander eine Beziehung schuldig, und ich h‰tte gern etwas Wirkliches von ihm gewuflt.

Als indessen bald darauf mein Interesse umschlug und infolge gewisser Begebenheiten ganz auf Christine Brahe ¸berging, bem¸hte ich mich eigent¸mlicherweise nicht, etwas von ihren Lebensumst‰nden zu erfahren. Dagegen beunruhigte mich der Gedanke, ob ihr Bildnis wohl in der Galerie vorhanden sei. Und der Wunsch, das festzustellen, nahm so einseitig und qu‰lend zu, dafl ich mehrere N‰chte nicht schlief, bis, ganz unvermutet, diejenige da war, in der ich, weifl Gott, aufstand und hinaufging mit meinem Licht, das sich zu f¸rchten schien.

Was mich angeht, so dachte ich nicht an Furcht. Ich dachte ¸berhaupt nicht; ich ging. Die hohen T¸ren gaben so spielend nach vor mir und ¸ber mir, die Zimmer, durch die ich kam, hielten sich ruhig. Und endlich merkte ich an der Tiefe, die mich anwehte, dafl ich in die Galerie getreten sei. Ich f¸hlte auf der rechten Seite die Fenster mit der Nacht, und links muflten die Bilder sein. Ich hob mein Licht so hoch ich konnte. Ja: da waren die Bilder.

Erst nahm ich mir vor, nur nach den Frauen zu sehen, aber dann erkannte ich eines und ein anderes, das ‰hnlich in Ulsgaard hing, und wenn ich sie so von unten beschien, so r¸hrten sie sich und wollten ans Licht, und es schien mir herzlos, das nicht wenigstens abzuwarten. Da war immer wieder Christian der Vierte mit der schˆn geflochtenen Cadenette neben der breiten, langsam gewˆlbten Wange. Da waren vermutlich seine Frauen, von denen ich nur Kirstine Munk kannte; und plˆtzlich sah mich Frau Ellen Marsvin an, argwˆhnisch in ihrer Witwentracht und mit derselben Perlenschnur auf der Krempe des hohen Huts. Da waren Kˆnig Christians Kinder: immer wieder frische aus neuen Frauen, die ‘unvergleichliche’ Eleonore auf einem weiflen Paflg‰nger in ihrer gl‰nzendsten Zeit, vor der Heimsuchung. Die Gyldenlˆves: Hans Ulrik, von dem die Frauen in Spanien meinten, dafl er sich das Antlitz male, so voller Blut war er, und Ulrik Christian, den man nicht wieder vergafl. Und beinahe alle Ulfelds. Und dieser da, mit dem einen schwarz¸bermalten Auge, konnte wohl Henrik Holck sein, der mit dreiunddreiflig Jahren Reichsgraf war und Feldmarschall, und das kam so: ihm tr‰umte auf dem Wege zu Jungfrau Hilleborg Krafse, es w¸rde ihm statt der Braut ein blofles Schwert gegeben: und er nahm sichs zu Herzen und kehrte um und begann sein kurzes, verwegenes Leben, das mit der Pest endete. Die kannte ich alle. Auch die Gesandten vom Kongrefl zu Nimwegen hatten wir auf Ulsgaard, die einander ein wenig glichen, weil sie alle auf einmal gemalt worden waren, jeder mit der schmalen, gestutzten Bartbraue ¸ber dem sinnlichen, fast schauenden Munde. Dafl ich Herzog Ulrich erkannte, ist selbstverst‰ndlich, und Otte Brahe und Claus Daa und Sten Rosensparre, den Letzten seines Geschlechts; denn von ihnen allen hatte ich Bilder im Saal zu Ulsgaard gesehen, oder ich hatte in alten Mappen Kupferstiche gefunden, die sie darstellten.

Aber dann waren viele da, die ich nie gesehen hatte; wenige Frauen, aber es waren Kinder da. Mein Arm war l‰ngst m¸de geworden und zitterte, aber ich hob doch immer wieder das Licht, um die Kinder zu sehen. Ich begriff sie, diese kleinen M‰dchen, die einen Vogel auf der Hand trugen und ihn vergaflen. Manchmal safl ein kleiner Hund bei ihnen unten, ein Ball lag da, und auf dem Tisch nebenan gab es Fr¸chte und Blumen; und dahinter an der S‰ule hing, klein und vorl‰ufig, das Wappen der Grubbe oder der Bille oder der Rosenkrantz. So viel hatte man um sie zusammengetragen, als ob eine Menge gutzumachen w‰re. Sie aber standen einfach in ihren Kleidern und warteten; man sah, dafl sie warteten. Und da muflte ich wieder an die Frauen denken und an Christine Brahe, und ob ich sie erkennen w¸rde.

Ich wollte rasch bis ganz ans Ende laufen und von dort zur¸ckgehen und suchen, aber da stiefl ich an etwas. Ich drehte mich so j‰h herum, dafl der kleine Erik zur¸cksprang und fl¸sterte: “Gieb acht mit deinem Licht.”

“Du bist da?” sagte ich atemlos, und ich war nicht im klaren, ob das gut sei oder ganz und gar schlimm. Er lachte nur, und ich wuflte nicht, was weiter. Mein Licht flackerte, und ich konnte den Ausdruck seines Gesichts nicht recht erkennen. Es war doch wohl schlimm, dafl er da war. Aber da sagte er, indem er n‰her kam: “Ihr Bild ist nicht da, wir suchen es immer noch oben.” Mit seiner halben Stimme und dem einen beweglichen Auge wies er irgendwie hinauf. Und ich begriff, dafl er den Boden meinte. Aber auf einmal kam mir ein merkw¸rdiger Gedanke.

“Wir?” fragte ich, “ist sie denn oben?”

“Ja”, nickte er und stand dicht neben mir.

“Sie sucht selber mit?” “Ja, wir suchen.”

“Man hat es also fortgestellt, das Bild?”

“Ja, denk nur”, sagte er empˆrt. Aber ich begriff nicht recht, was sie damit wollte.

“Sie will sich sehen”, fl¸sterte er ganz nah.

“Ja so”, machte ich, als ob ich verst¸nde. Da blies er mir das Licht aus. Ich sah, wie er sich vorstreckte, ins Helle hinein, mit ganz hochgezogenen Augenbrauen. Dann wars dunkel. Ich trat unwillk¸rlich zur¸ck.

“Was machst du denn?” rief ich unterdr¸ckt und war ganz trocken im Halse. Er sprang mir nach und h‰ngte sich an meinen Arm und kicherte.

“Was denn?” fuhr ich ihn an und wollte ihn absch¸tteln, aber er hing fest. Ich konnte es nicht hindern, dafl er den Arm um meinen Hals legte.

“Soll ich es sagen?” zischte er, und ein wenig Speichel spritzte mir ins Ohr.

“Ja, ja, schnell.”

Ich wuflte nicht, was ich redete. Er umarmte mich nun vˆllig und streckte sich dabei.

“Ich hab ihr einen Spiegel gebracht”, sagte er und kicherte wieder.

“Einen Spiegel?”

“Ja, weil doch das Bild nicht da ist.”

“Nein, nein”, machte ich.

Er zog mich auf einmal etwas weiter nach dem Fenster hin und kniff mich so scharf in den Oberarm, dafl ich schrie.

“Sie ist nicht drin”, blies er mir ins Ohr.

Ich stiefl ihn unwillk¸rlich von mir weg, etwas knackte an ihm, mir war, als h‰tte ich ihn zerbrochen.

“Geh, geh”, und jetzt muflte ich selber lachen, “nicht drin, wieso denn nicht drin?”

“Du bist dumm”, gab er bˆse zur¸ck und fl¸sterte nicht mehr. Seine Stimme war umgeschlagen, als beg‰nne er nun ein neues, noch ungebrauchtes St¸ck. “Man ist entweder drin”, diktierte er altklug und streng, “dann ist man nicht hier; oder wenn man hier ist, kann man nicht drin sein.”

“Nat¸rlich”, antwortete ich schnell, ohne nachzudenken. Ich hatte Angst, er kˆnnte sonst fortgehen und mich allein lassen. Ich griff sogar nach ihm.

“Wollen wir Freunde sein?” schlug ich vor. Er liefl sich bitten. “Mir ists gleich”, sagte er keck.

Ich versuchte unsere Freundschaft zu beginnen, aber ich wagte nicht, ihn zu umarmen. “Lieber Erik”, brachte ich nur heraus und r¸hrte ihn irgendwo ein biflchen an. Ich war auf einmal sehr m¸de. Ich sah mich um; ich verstand nicht mehr, wie ich hierher gekommen war und dafl ich mich nicht gef¸rchtet hatte. Ich wuflte nicht recht, wo die Fenster waren und wo die Bilder. Und als wir gingen, muflte er mich f¸hren.

“Sie tun dir nichts”, versicherte er groflm¸tig und kicherte wieder.

Lieber, lieber Erik; vielleicht bist du doch mein einziger Freund gewesen. Denn ich habe nie einen gehabt. Es ist schade, dafl du auf Freundschaft nichts gabst. Ich h‰tte dir manches erz‰hlen mˆgen. Vielleicht h‰tten wir uns vertragen. Man kann nicht wissen. Ich erinnere mich, dafl damals dein Bild gemalt wurde. Der Groflvater hatte jemanden kommen lassen, der dich malte. Jeden Morgen eine Stunde. Ich kann mich nicht besinnen, wie der Maler aussah, sein Name ist mir entfallen, obwohl Mathilde Brahe ihn jeden Augenblick wiederholte.

Ob er dich gesehen hat, wie ich dich seh? Du trugst einen Anzug von heliotropfarbenem Samt. Mathilde Brahe schw‰rmte f¸r diesen Anzug. Aber das ist nun gleichg¸ltig. Nur ob er dich gesehen hat, mˆchte ich wissen. Nehmen wir an, dafl es ein wirklicher Maler war.Nehmen wir an, dafl er nicht daran dachte, dafl du sterben kˆnntest, ehe er fertig w¸rde; dafl er die Sache gar nicht sentimental ansah; dafl er einfach arbeitete. Dafl die Ungleichheit deiner beiden braunen Augen ihn entz¸ckte; dafl er keinen Moment sich sch‰mte f¸r das unbewegliche; dafl er den Takt hatte, nichts hinzuzulegen auf den Tisch zu deiner Hand, die sich vielleicht ein wenig st¸tzte–. Nehmen wir sonst noch alles Nˆtige an und lassen es gelten: so ist ein Bild da, dein Bild, in der Galerie auf Urnekloster das letzte.

(Und wenn man geht, und man hat sie alle gesehen, so ist da noch ein Knabe. Einen Augenblick: wer ist das? Ein Brahe. Siehst du den silbernen Pfahl im schwarzen Feld und die Pfauenfedern? Da steht auch der Name: Erik Brahe. War das nicht ein Erik Brahe, der hingerichtet worden ist? Nat¸rlich, das ist bekannt genug. Aber um den kann es sich nicht handeln. Dieser Knabe ist als Knabe gestorben, gleichviel wann. Kannst du das nicht sehen?)

Wenn Besuch da war und Erik wurde gerufen, so versicherte das Fr‰ulein Mathilde Brahe jedesmal, es sei geradezu unglaublich, wie sehr er der alten Gr‰fin Brahe gliche, meiner Groflmutter. Sie soll eine sehr grofle Dame gewesen sein. Ich habe sie nicht gekannt. Dagegen erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines Vaters, die eigentliche Herrin auf Ulsgaard. Das war sie wohl immer geblieben, wie sehr sie es auch Maman ¸belnahm, dafl sie als des J‰germeisters Frau ins Haus gekommen war. Seither tat sie best‰ndig, als zˆge sie sich zur¸ck, und schickte die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter zu Maman hinein, w‰hrend sie in wichtigen Angelegenheiten ruhig entschied und verf¸gte, ohne irgend jemandem Rechenschaft abzulegen. Maman, glaube ich, w¸nschte es gar nicht anders. Sie war so wenig gemacht, ein grofles Haus zu ¸bersehen, ihr fehlte vˆllig die Einteilung der Dinge in nebens‰chliche und wichtige. Alles, wovon man ihr sprach, schien ihr immer das Ganze zu sein, und sie vergafl dar¸ber das andere, das doch auch noch da war. Sie beklagte sich nie ¸ber ihre Schwiegermutter. Und bei wem h‰tte sie sich auch beklagen sollen? Vater war ein ‰uflerst respektvoller Sohn, und Groflvater hatte wenig zu sagen.

Frau Margarete Brigge war immer schon, soweit ich denken kann, eine hochgewachsene, unzug‰ngliche Greisin. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als dafl sie viel ‰lter gewesen sei, als der Kammerherr. Sie lebte mitten unter uns ihr Leben, ohne auf jemanden R¸cksicht zu nehmen. Sie war auf keinen von uns angewiesen und hatte immer eine Art Gesellschafterin, eine alternde Komtesse Oxe, um sich, die sie sich durch ihrgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet hatte. Dies muflte eine einzelne Ausnahme gewesen sein, denn wohltun war sonst nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder, und Tiere durften nicht in ihre N‰he. Ich weifl nicht, ob sie sonst etwas liebte. Es wurde erz‰hlt, dafl sie als ganz junges M‰dchen dem schˆnen Felix Lichnowski verlobt gewesen sei, der dann in Frankfurt so grausam ums Leben kam. Und in der Tat war nach ihrem Tode ein Bildnis des F¸rsten da, das, wenn ich nicht irre, an die Familie zur¸ckgegeben worden ist. Vielleicht, denke ich mir jetzt, vers‰umte sie ¸ber diesem eingezogenen l‰ndlichen Leben, das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu Jahr mehr geworden war, ein anderes, gl‰nzendes: ihr nat¸rliches. Es ist schwer zu sagen, ob sie es betrauerte. Vielleicht verachtete sie es daf¸r, dafl es nicht gekommen war, dafl es die Gelegenheit verfehlt hatte, mit Geschick und Talent gelebt worden zu sein. Sie hatte alles dies so weit in sich hineingenommen und hatte dar¸ber Schalen angesetzt, viele, sprˆde, ein wenig metallisch gl‰nzende Schalen, deren jeweilig oberste sich neu und k¸hl ausnahm. Bisweilen freilich verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld, nicht gen¸gend beachtet zu sein; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische plˆtzlich verschlucken auf irgendeine deutliche und komplizierte Art, die ihr die Teilnahme aller sicherte und sie, f¸r einen Augenblick wenigstens, so sensationell und spannend erscheinen liefl, wie sie es im Groflen h‰tte sein mˆgen. Indessen vermute ich, dafl mein Vater der einzige war, der diese viel zu h‰ufigen Zuf‰lle ernst nahm. Er sah ihr, hˆflich vor¸bergeneigt, zu, man konnte merken, wie er ihr in Gedanken seine eigene, ordentliche Luftrˆhre gleichsam anbot und ganz zur Verf¸gung stellte. Der Kammerherr hatte nat¸rlich gleichfalls zu essen aufgehˆrt; er nahm einen kleinen Schluck Wein und enthielt sich jeder Meinung.

Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin gegen¸ber aufrechterhalten. Das war lange her; aber die Geschichte wurde doch noch boshaft und heimlich weitergegeben; es gab fast ¸berall jemanden, der sie noch nicht gehˆrt hatte. Es hiefl, dafl die Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr ¸ber Weinfieckeereifern konnte, die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug gerieten; dafl ein solcher Fleck, bei welchem Anlafl er auch passieren mochte, von ihr bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen bloflgestellt wurde. Dazu w‰re es auch einmal gekommen, als man mehrere und namhafte G‰ste hatte. Ein paar unschuldige Flecke, die sie ¸bertrieb, wurden der Gegenstand ihrer hˆhnischen Anschuldigungen, und wie sehr der Groflvater sich auch bem¸hte, sie durch kleine Zeichen und scherzhafte Zurufe zu ermahnen, so w‰re sie doch eigensinnig bei ihren Vorw¸rfen geblieben, die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen muflte. Es geschah n‰mlich etwas nie Dagewesenes und vˆllig Unbegreifliches. Der Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen, der gerade herumgereicht worden war, und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei, sein Glas selber zu f¸llen. Nur dafl er, wunderbarerweise, einzugieflen nicht aufhˆrte, als es l‰ngst voll war, sondern unter zunehmender Stille langsam und vorsichtig weitergofl, bis Maman, die nie an sich halten konnte, auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach dem Lachen hin in Ordnung brachte. Denn nun stimmten alle erleichtert ein, und der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche.

Sp‰ter gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Groflmutter. Sie konnte es nicht ertragen, dafl jemand im Hause erkrankte. Einmal, als die Kˆchin sich verletzt hatte und sie sah sie zuf‰llig mit der eingebundenen Hand, behauptete sie, das Jodoform im ganzen Hause zu riechen, und war schwer zu ¸berzeugen, dafl man die Person daraufhin nicht entlassen kˆnne. Sie wollte nicht an das Kranksein erinnert werden. Hatte jemand die Unvorsichtigkeit, vor ihr irgendein kleines Unbehagen zu ‰uflern, so war das nichts anderes als eine persˆnliche Kr‰nkung f¸r sie, und sie trug sie ihm lange nach.

In jenem Herbst, als Maman starb, schlofl sich die Kammerherrin mit Sophie Oxe ganz in ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns ab. Nicht einmal ihr Sohn wurde angenommen. Es ist ja wahr, dieses Sterben fiel recht unpassend. Die Zimmer waren kalt, die ÷fen rauchten, und die M‰use waren ins Haus gedrungen; man war nirgends sicher vor ihnen. Aber das allein war es nicht, Frau Margarete Brigge war empˆrt, dafl Maman starb; dafl da eine Sache auf der Tagesordnung stand, von der zu sprechen sie ablehnte; dafl die junge Frau sich den Vortritt anmaflte vor ihr, die einmal zu sterben gedachte zu einem durchaus noch nicht festgesetzten Termin. Denn daran, dafl sie w¸rde sterben m¸ssen, dachte sie oft. Aber sie wollte nicht gedr‰ngt sein. Sie w¸rde sterben, gewifl, wann es ihr gefiel, und dann konnten sie ja alle ruhig sterben, hinterher, wenn sie es so eilig hatten.

Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz. Sie alterte ¸brigens rasch w‰hrend des folgenden Winters. Im Gehen war sie immer noch hoch, aber im Sessel sank sie zusammen, und ihr Gehˆr wurde schwieriger. Man konnte sitzen und sie grofl ansehen, stundenlang, sie f¸hlte es nicht. Sie war irgendwo drinnen; sie kam nur noch selten und nur f¸r Augenblicke in ihre Sinne, die leer waren, die sie nicht mehr bewohnte. Dann sagte sie etwas zu der Komtesse, die ihr die Mantille richtete, und nahm mit den groflen, frisch gewaschenen H‰nden ihr Kleid an sich, als w‰re Wasser vergossen oder als w‰ren wir nicht ganz reinlich.

Sie starb gegen den Fr¸hling zu, in der Stadt, eines Nachts. Sophie Oxe, deren T¸r offenstand, hatte nichts gehˆrt. Da man sie am Morgen fand, war sie kalt wie Glas.

Gleich darauf begann des Kammerherrn grofle und schreckliche Krankheit. Es war, als h‰tte er ihr Ende abgewartet, um so r¸cksichtslos sterben zu kˆnnen, wie er muflte.

Es war in dem Jahr nach Mamans Tode, dafl ich Abelone zuerst bemerkte. Abelone war immer da. Das tat ihr groflen Eintrag. Und dann war Abelone unsympathisch, das hatte ich ganz fr¸her einmal bei irgendeinem Anlafl festgestellt, und es war nie zu einer ernstlichen Durchsicht dieser Meinung gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone f¸r eine Bewandtnis habe, das w‰re mir bis dahin beinah l‰cherlich erschienen. Abelone war da, und man nutzte sie ab, wie man eben konnte. Aber auf einmal fragte ich mich: Warum ist Abelone da? Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu sein, wenn er auch keineswegs immer so augenscheinlich war, wie zum Beispiel die Anwendung des Fr‰uleins Oxe. Aber weshalb war Abelone da? Eine Zeitlang war davon die Rede gewesen, dafl sie sich zerstreuen solle. Aber das geriet in Vergessenheit. Niemand trug etwas zu Abelones Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruck, dafl sie sich zerstreue.

‹brigens hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heiflt, es gab Zeiten, wo sie sang. Es war eine starke, unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es wahr ist, dafl die Engel m‰nnlich sind, so kann man wohl sagen, dafl etwas M‰nnliches in ihrer Stimme war: eine strahlende, himmlische M‰nnlichkeit. Ich, der ich schon als Kind der Musik gegen¸ber so mifltrauisch war (nicht, weil sie mich st‰rker als alles forthob aus mir, sondern, weil ich gemerkt hatte, dafl sie mich nicht wieder dort ablegte, wo sie mich gefunden hatte, sondern tiefer, irgendwo ganz ins Unfertige hinein), ich ertrug diese Musik, auf der man aufrecht aufw‰rtssteigen konnte, hˆher und hˆher, bis man meinte, dies m¸flte ungef‰hr schon der Himmel sein seit einer Weile. Ich ahnte nicht, dafl Abelone mir noch andere Himmel ˆffnen sollte.

Zun‰chst bestand unsere Beziehung darin, dafl sie mir von Mamans M‰dchenzeit erz‰hlte. Sie hielt viel darauf, mich zu ¸berzeugen, wie mutig und jung Maman gewesen w‰re. Es gab damals niemanden nach ihrer Versicherung, der sich im Tanzen oder im Reiten mir ihr messen konnte. “Sie war die K¸hnste und unerm¸dlich, und dann heiratete sie auf einmal”, sagte Abelone, immer noch erstaunt nach so vielen Jahren. “Es kam so unerwartet, niemand konnte es recht begreifen.”

Ich interessierte mich daf¸r, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte. Sie kam mir alt vor verh‰ltnism‰flig, und dafl sie es noch kˆnnte, daran dachte ich nicht.

“Es war niemand da”, antwortete sie einfach und wurde richtig schˆn dabei. Ist Abelone schˆn? fragte ich mich ¸berrascht. Dann kam ich fort von Hause, auf die Adels-Akademie, und es begann eine widerliche und arge Zeit. Aber wenn ich dort zu Sorˆ, abseits von den andern, im Fenster stand, und sie lieflen mich ein wenig in Ruh, so sah ich hinaus in die B‰ume, und in solchen Augenblicken und nachts wuchs in mir die Sicherheit, dafl Abelone schˆn sei. Und ich fing an, ihr alle jene Briefe zu schreiben, lange und kurze, viele heimliche Briefe, darin ich von Ulsgaard zu handeln meinte und davon, dafl ich ungl¸cklich sei. Aber es werden doch wohl, so wie ich es jetzt sehe, Liebesbriefe gewesen sein. Denn schliefllich kamen die Ferien, die erst gar nicht kommen wollten, und da war es wie auf Verabredung, dafl wir uns nicht vor den anderen wiedersahen.

Es war durchaus nichts vereinbart zwischen uns, aber da der Wagen einbog in den Park, konnte ich es nicht lassen, auszusteigen, vielleicht nur, weil ich nicht anfahren wollte, wie irgendein Fremder. Es war schon voller Sommer. Ich lief in einen der Wege hinein und auf einen Goldregen zu. Und da war Abelone. Schˆne, schˆne Abelone.

Ich wills nie vergessen, wie das war, wenn du mich anschautest. Wie du dein Schauen trugst, gleichsam wie etwas nicht Befestigtes es aufhaltend auf zur¸ckgeneigtem Gesicht.

Ach, ob das Klima sich gar nicht ver‰ndert hat? Ob es nicht milder geworden ist um Ulsgaard herum von all unserer W‰rme? Ob einzelne Rosen nicht l‰nger bl¸hen jetzt im Park, bis in den Dezember hinein?

Ich will nichts erz‰hlen von dir, Abelone. Nicht deshalb, weil wir einander t‰uschten: weil du Einen liebtest, auch damals, den du nie vergessen hast, Liebende, und ich: alle Frauen; sondern weil mit dem Sagen nur unrecht geschieht.

Es giebt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche. Ich bilde mir ein, du bist da, sechs Teppiche sinds, komm, lafl uns langsam vor¸bergehen. Aber erst tritt zur¸ck und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind, nicht? Es ist wenig Abwechslung darin. Da ist immer diese ovale blaue Insel, schwebend im zur¸ckhaltend roten Grund, der blumig ist und von kleinen, mit sich besch‰ftigten Tieren bewohnt. Nur dort, im letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie leichter geworden sei. Sie tr‰gt immer eine Gestalt, eine Frau in verschiedener Tracht, aber immer dieselbe. Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr, eine Dienerin, und immer sind die wappentragenden Tiere da, grofl, mit auf der Insel, mit in der Handlung. Links ein Lˆwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten die gleichen Banner, die hoch ¸ber ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend, in blauer Binde auf rotem Feld.–Hast du gesehen, willst du beim ersten beginnen?

Sie f¸ttert den Falken. Wie herrlich ihr Anzug ist. Der Vogel ist auf der gekleideten Hand und r¸hrt sich. Sie sieht ihm zu und langt dabei in die Schale, die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu reichen. Rechts unten auf der Schleppe h‰lt sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man werde sich seiner erinnern. Und, hast du bemerkt, ein niederes Rosengitter schlieflt hinten die Insel ab. Die Wappentiere steigen heraldisch hochm¸tig. Das Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgegeben. Eine schˆne Agraffe h‰lt es zusammen. Es weht.

Geht man nicht unwillk¸rlich leiser zu dem n‰chsten Teppich hin, sobald man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone aus Blumen. Nachdenklich w‰hlt sie die Farbe der n‰chsten Nelke in dem flachen Becken, das ihr die Dienerin h‰lt, w‰hrend sie die vorige anreiht. Hinten auf einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat. Diesmal sollten es Nelken sein. Der Lˆwe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn begreift.

Muflte nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten da? Schwer und still geschm¸ckt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die tragbare Orgel getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin, die jenseits die B‰lge bewegt. So schˆn war sie noch nie. Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und ¸ber dem Kopfputz oben zusammengefaflt, so dafl es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch. Verstimmt ertr‰gt der Lˆwe die Tˆne, ungern, Geheul verbeiflend. Das Einhorn aber ist schˆn, wie in Wellen bewegt.

Die Insel wird breit. Ein Zelt ist errichtet. Aus blauem Damast und goldgeflammt. Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem f¸rstlichen Kleid tritt sie vor. Denn was sind ihre Perlen gegen sie selbst. Die Dienerin hat eine kleine Truhe geˆffnet, und sie hebt nun eine Kette heraus, ein schweres, herrliches Kleinod, das immer verschlossen war. Der kleine Hund sitzt bei ihr, erhˆht, auf bereitetem Platz und sieht es an. Und hast du den Spruch entdeckt auf dem Zeltrand oben? Da steht: ‘A mon seul dÈsir.’

Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum sieht man gleich, dafl es springt? Alles ist so befangen. Der Lˆwe hat nichts zu tun. Sie selbst h‰lt das Banner. Oder h‰lt sie sich dran? Sie hat mit der anderen Hand nach dem Horn des Einhorns gefaflt. Ist das Trauer, kann Trauer so aufrecht sein, und ein Trauerkleid so verschwiegen wie dieser gr¸nschwarze Samt mit den welken Stellen?

Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu. Erwartung spielt dabei keine Rolle. Es ist alles da. Alles f¸r immer. Der Lˆwe sieht sich fast drohend um: es darf niemand kommen. Wir haben sie noch nie m¸de gesehen; ist sie m¸de? Oder hat sie sich nur niedergelassen, weil sie etwas Schweres h‰lt? Man kˆnnte meinen, eine Monstranz. Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn hin, und das Tier b‰umt sich geschmeichelt auf und steigt und st¸tzt sich auf ihren Schoofl. Es ist ein Spiegel, was sie h‰lt. Siehst du: sie zeigt dem Einhorn sein Bild–.

Abelone, ich bilde mir ein, du bist da. Begreifst du, Abelone? Ich denke, du muflt begreifen.

Nun sind auch die Teppiche der Dame ‡ la Licorne nicht mehr in dem alten Schlofl von Boussac. Die Zeit ist da, wo alles aus den H‰usern fortkommt, sie kˆnnen nichts mehr behalten. Die Gefahr ist sicherer geworden als die Sicherheit. Niemand aus dem Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und hat das im Blut. Sie sind alle vorbei. Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre d’Aubusson, grofler Groflmeister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin vielleicht diese Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben. (Ach, dafl die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, wˆrtlicher, wie sie meinten. Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.) Nun kommt man zuf‰llig davor unter Zuf‰lligen und erschrickt fast, nicht geladen zu sein. Aber da sind andere und gehen vor¸ber, wenn es auch nie viele sind. Die jungen Leute halten sich kaum auf, es sei denn, dafl das irgendwie in ihr Fach gehˆrt, diese Dinge einmal gesehen zu haben, auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin.

Junge M‰dchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es giebt eine Menge junger M‰dchen in den Museen, die fortgegangen sind irgendwo aus den H‰usern, die nichts mehr behalten. Sie finden sich vor diesen Teppichen und vergessen sich ein wenig. Sie haben immer gef¸hlt, dafl es dies gegeben hat, solch ein leises Leben langsamer, nie ganz aufgekl‰rter Geb‰rden, und sie erinnern sich dunkel, dafl sie sogar eine Zeitlang meinten, es w¸rde ihr Leben sein. Aber dann ziehen sie rasch ein Heft hervor und beginnen zu zeichnen, gleichviel was, eine von den Blumen oder ein kleines, vergn¸gtes Tier. Darauf k‰me es nicht an, hat man ihnen vorgesagt, was es gerade w‰re. Und darauf kommt es wirklich nicht an. Nur dafl gezeichnet wird, das ist die Hauptsache; denn dazu sind sie fortgegangen eines Tages, ziemlich gewaltsam. Sie sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so ergiebt sich, dafl ihr Kleid hinten nicht zugeknˆpft ist oder doch nicht ganz. Es sind da ein paar Knˆpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, dafl sie plˆtzlich allein weggehen w¸rden. In der Familie ist immer jemand f¸r solche Knˆpfe. Aber hier, lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so groflen Stadt. Man m¸flte schon eine Freundin haben; Freundinnen sind aber in derselben Lage, und da kommt es doch darauf hinaus, dafl man sich gegenseitig die Kleider schlieflt. Das ist l‰cherlich und erinnert an die Familie, an die man nicht erinnert sein will.

Es l‰flt sich ja nicht vermeiden, dafl man w‰hrend des Zeichnens zuweilen ¸berlegt, ob es nicht doch mˆglich gewesen w‰re zu bleiben. Wenn man h‰tte fromm sein kˆnnen, herzhaft fromm im gleichen Tempo mit den andern. Aber das nahm sich so unsinnig aus, das gemeinsam zu versuchen. Der Weg ist irgendwie enger geworden: Familien kˆnnen nicht mehr zu Gott. Es blieben also nur verschiedene andere Dinge, die man zur Not teilen konnte. Da kam dann aber, wenn man ehrlich teilte, so wenig auf den einzelnen, dafl es eine Schande war. Und betrog man beim Teilen, so entstanden Auseinandersetzungen. Nein, es ist wirklich besser zu zeichnen, gleichviel was. Mit der Zeit stellt sich die ƒhnlichkeit schon ein. Und die Kunst, wenn man sie so allm‰hlich hat, ist doch etwas recht Beneidenswertes.

Und ¸ber der angestrengten Besch‰ftigung mit dem, was sie sich vorgenommen haben, diese jungen M‰dchen, kommen sie nicht mehr dazu, aufzusehen. Sie merken nicht, wie sie bei allem Zeichnen doch nichts tun, als das unab‰nderliche Leben in sich unterdr¸cken, das in diesen gewebten Bildern strahlend vor ihnen aufgeschlagen ist in seiner unendlichen Uns‰glichkeit. Sie wollen es nicht glauben. Jetzt, da so vieles anders wird, wollen sie sich ver‰ndern. Sie sind ganz nahe daran, sich aufzugeben und so von sich zu denken, wie M‰nner etwa von ihnen reden kˆnnten, wenn sie nicht da sind. Das scheint ihnen ihr Fortschritt. Sie sind fast schon ¸berzeugt, dafl man einen Genufl sucht und wieder einen und einen noch st‰rkeren Genufl: dafl darin das Leben besteht, wenn man es nicht auf eine alberne Art verlieren will. Sie haben schon angefangen, sich umzusehen, zu suchen; sie, deren St‰rke immer darin bestanden hat, gefunden zu werden.

Das kommt, glaube ich, weil sie m¸de sind. Sie haben Jahrhunderte lang die ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt, beide Teile. Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht. Und hat ihnen das Erlernen schwer gemacht mit seiner Zerstreutheit, mit seiner Nachl‰ssigkeit, mit seiner Eifersucht, die auch eine Art Nachl‰ssigkeit war. Und sie haben trotzdem ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend. Und aus ihnen sind, unter dem Druck endloser Nˆte, die gewaltigen Liebenden hervorgegangen, die, w‰hrend sie ihn riefen, den Mann ¸berstanden; die ¸ber ihn hinauswuchsen, wenn er nicht wiederkam, wie Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin, die nicht ablieflen, bis ihre Qual umschlug in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht mehr zu halten war. Wir wissen von der und der, weil Briefe da sind, die wie durch ein Wunder sich erhielten, oder B¸cher mit anklagenden oder klagenden Gedichten, oder Bilder, die uns anschauen in einer Galerie durch ein Weinen durch, das dem Maler gelang, weil er nicht wuflte, was es war. Aber es sind ihrer zahllos mehr gewesen; solche, die ihre Briefe verbrannt haben, und andere, die keine Kraft mehr hatten, sie zu schreiben. Greisinnen, die verh‰rtet waren, mit einem Kern von Kˆstlichkeit in sich, den sie verbargen. Formlose, stark gewordene Frauen, die, stark geworden aus Erschˆpfung, sich ihren M‰nnern ‰hnlich werden lieflen und die doch innen ganz anders waren, dort, wo ihre Liebe gearbeitet hatte, im Dunkel. Geb‰rende, die nie geb‰ren wollten, und wenn sie endlich starben an der achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte von M‰dchen, die sich auf die Liebe freuen. Und die, die blieben neben Tobenden und Trinkern, weil sie das Mittel gefunden hatten, in sich so weit von ihnen zu sein wie nirgend sonst; und kamen sie unter die Leute, so konnten sies nicht verhalten und schimmerten, als gingen sie immer mit Seligen um. Wer kann sagen, wie viele es waren und welche. Es ist, als h‰tten sie im voraus die Worte vernichtet, mit denen man sie fassen kˆnnte.

Aber nun, da so vieles anders wird, ist es nicht an uns, uns zu ver‰ndern? Kˆnnten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln, und unseren Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach? Man hat uns alle ihre M¸hsal erspart, und so ist sie uns unter die Zerstreuungen geglitten, wie in eines Kindes Spiellade manchmal ein St¸ck echter Spitze f‰llt und freut und nicht mehr freut und endlich daliegt unter Zerbrochenem und Auseinandergenommenem, schlechter als alles. Wir sind verdorben vom leichten Genufl wie alle Dilettanten und stehen im Geruch der Meisterschaft. Wie aber, wenn wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn wir ganz von vorne beg‰nnen die Arbeit der Liebe zu lernen, die immer f¸r uns getan worden ist? Wie, wenn wir hingingen und Anf‰nger w¸rden, nun, da sich vieles ver‰ndert.

O weifl ich auch, wie es war, wenn Maman die kleinen Spitzenst¸cke aufrollte. Sie hatte n‰mlich ein einziges von den Schubf‰chern in Ingeborgs Sekret‰r f¸r sich in Gebrauch genommen.

“Wollen wir sie sehen, Malte”, sagte sie und freute sich, als sollte sie eben alles geschenkt bekommen, was in der kleinen gelblackierten Lade war. Und dann konnte sie vor lauter Erwartung das Seidenpapier gar nicht auseinanderschlagen. Ich muflte es tun jedesmal. Aber ich wurde auch ganz aufgeregt, wenn die Spitzen zum Vorschein kamen. Sie waren aufgewunden um eine Holzwelle, die gar nicht zu sehen war vor lauter Spitzen. Und nun wickelten wir sie langsam ab und sahen den Mustern zu, wie sie sich abspielten, und erschraken jedesmal ein wenig, wenn eines zu Ende war. Sie hˆrten so plˆtzlich auf.

Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, z‰he St¸cke mit ausgezogenen F‰den, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich wie in einem Bauerngarten. Dann war auf einmal eine ganze Reihe unserer Blicke vergittert mit venezianischer Nadelspitze, als ob wir Klˆster w‰ren oder Gef‰ngnisse. Aber es wurde wieder frei, und man sah weit in G‰rten hinein, die immer k¸nstlicher wurden, bis es dicht und lau an den Augen war wie in einem Treibhaus: prunkvolle Pflanzen, die wir nicht kannten, schlugen riesige Bl‰tter auf, Ranken griffen nacheinander, als ob ihnen schwindelte, und die groflen offenen Bl¸ten der Points d’AlenÁon tr¸bten alles mit ihren Pollen. Plˆtzlich, ganz m¸de und wirr, trat man hinaus in die lange Bahn der Valenciennes, und es war Winter und fr¸h am Tag und Reif. Und man dr‰ngte sich durch das verschneite Geb¸sch der Binche und kam an Pl‰tze, wo noch keiner gegangen war; die Zweige hingen so merkw¸rdig abw‰rts, es konnte wohl ein Grab darunter sein, aber das verbargen wir voreinander. Die K‰lte drang immer dichter an uns heran, und schliefllich sagte Maman, wenn die kleinen, ganz feinen Klˆppelspitzen kamen: “÷h, jetzt bekommen wir Eisblumen an den Augen”, und so war es auch, denn es war innen sehr warm in uns.

‹ber dem Wiederaufrollen seufzten wir beide, das war eine lange Arbeit, aber wir mochten es niemandem ¸berlassen.

“Denk nun erst, wenn wir sie machen m¸flten”, sagte Maman und sah fˆrmlich erschrocken aus. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich ertappte mich darauf, dafl ich an kleine Tiere gedacht hatte, die das immerzu spinnen und die man daf¸r in Ruhe l‰flt. Nein, es waren ja nat¸rlich Frauen.

“Die sind gewifl in den Himmel gekommen, die das gemacht haben”, meinte ich bewundernd. Ich erinnere, es fiel mir auf, dafl ich lange nicht nach dem Himmel gefragt hatte. Maman atmete auf, die Spitzen waren wieder beisammen.

Nach einer Weile, als ich es schon wieder vergessen hatte, sagte sie ganz langsam: “In den Himmel? Ich glaube, sie sind ganz und gar da drin. Wenn man das so sieht: das kann gut eine ewige Seligkeit sein. Man weifl ja so wenig dar¸ber.”

Oft, wenn Besuch dawar, hiefl es, dafl Schulins sich einschr‰nkten. Das grofle, alte Schlofl war abgebrannt vor ein paar Jahren, und nun wohnten sie in den beiden engen Seitenfl¸geln und schr‰nkten sich ein. Aber das G‰stehaben lag ihnen nun einmal im Blut. Das konnten sie nicht aufgeben. Kam jemand unerwartet zu uns, so kam er wahrscheinlich von Schulins; und sah jemand plˆtzlich nach der Uhr und muflte ganz erschrocken fort, so wurde er sicher auf Lystager erwartet.

Maman ging eigentlich schon nirgends mehr hin, aber so etwas konnten Schulins nicht begreifen; es blieb nichts ¸brig, man muflte einmal hin¸berfahren. Es war im Dezember nach ein paar fr¸hen Schneef‰llen; der Schlitten war auf drei Uhr befohlen, ich sollte mit. Man fuhr indessen nie p¸nktlich bei uns. Maman, die es nicht liebte, dafl der Wagen gemeldet wurde, kam meistens viel zu fr¸h herunter, und wenn sie niemanden fand, so fiel ihr immer etwas ein, was schon l‰ngst h‰tte getan sein sollen, und sie begann irgendwo oben zu suchen oder zu ordnen, so dafl sie kaum wieder zu erreichen war. Schliefllich standen alle und warteten. Und safl sie endlich und war eingepackt, so zeigte es sich, dafl etwas vergessen sei, und Sieversen muflte geholt werden; denn nur Sieversen wuflte, wo es war. Aber dann fuhr man plˆtzlich los, eh Sieversen wiederkam.

An diesem Tag war es ¸berhaupt nicht recht hell geworden. Die B‰ume standen da, als w¸flten sie nicht weiter im Nebel, und es hatte etwas Rechthaberisches, dahinein zu fahren. Zwischendurch fing es an, still weiterzuschneien, und nun wars, als w¸rde auch noch das Letzte ausradiert und als f¸hre man in ein weifles Blatt. Es gab nichts als das Gel‰ut, und man konnte nicht sagen, wo es eigentlich war. Es kam ein Moment, da es einhielt, als w‰re nun die letzte Schelle ausgegeben; aber dann sammelte es sich wieder und war beisammen und streute sich wieder aus dem Vollen aus. Den Kirchturm links konnte man sich eingebildet haben. Aber der Parkkontur war plˆtzlich da, hoch, beinahe ¸ber einem, und man befand sich in der langen Allee. Das Gel‰ut fiel nicht mehr ganz ab; es war, als h‰ngte es sich in Trauben rechts und links an die B‰ume. Dann schwenkte man und fuhr rund um etwas herum und rechts an etwas vorbei und hielt in der Mitte.

Georg hatte ganz vergessen, dafl das Haus nicht da war, und f¸r uns alle war es in diesem Augenblick da. Wir stiegen die Freitreppe hinauf, die auf die alte Terrasse f¸hrte, und wunderten uns nur, dafl es ganz dunkel sei. Auf einmal ging eine T¸r, links unten hinter uns, und jemand rief: “Hierher!” und hob und schwenkte ein dunstiges Licht. Mein Vater lachte: “Wir steigen hier herum wie die Gespenster”, und er half uns wieder die Stufen zur¸ck.

“Aber es war doch eben ein Haus da”, sagte Maman und konnte sich gar nicht so rasch an Wjera Schulin gewˆhnen, die warm und lachend herausgelaufen war. Nun muflte man nat¸rlich schnell hinein, und an das Haus war nicht mehr zu denken. In einem engen Vorzimmer wurde man ausgezogen, und dann war man gleich mitten drin unter den Lampen und der W‰rme gegen¸ber.

Diese Schulins waren ein m‰chtiges Geschlecht selbst‰ndiger Frauen. Ich weifl nicht, ob es Sˆhne gab. Ich erinnere mich nur dreier Schwestern; der ‰ltesten, die an einen Marchese in Neapel verheiratet gewesen war, von dem sie sich nun langsam unter vielen Prozessen schied. Dann kam ZoÎ, von der es hiefl, dafl es nichts gab, was sie nicht wuflte. Und vor allem war Wjera da, diese warme Wjera; Gott weifl, was aus ihr geworden ist. Die Gr‰fin, eine Narischkin, war eigentlich die vierte Schwester und in gewisser Beziehung die j¸ngste. Sie wuflte von nichts und muflte in einem fort von ihren Kindern unterrichtet werden. Und der gute Graf Schulin f¸hlte sich, als ob er mit allen diesen Frauen verheiratet sei, und ging herum und k¸flte sie, wie es eben kam.

Vor der Hand lachte er laut und begr¸flte uns eingehend. Ich wurde unter den Frauen weitergegeben und bef¸hlt und befragt. Aber ich hatte mir fest vorgenommen, wenn das vor¸ber sei, irgendwie hinauszugleiten und mich nach dem Haus umzusehen. Ich war ¸berzeugt, dafl es heute da sei. Das Hinauskommen war nicht so schwierig; zwischen allen den Kleidern kam man unten durch wie ein Hund, und die T¸r nach dem Vorraum zu war noch angelehnt. Aber drauflen die ‰uflere wollte nicht nachgeben. Da waren mehrere Vorrichtungen, Ketten und Riegel, die ich nicht richtig behandelte in der Eile. Plˆtzlich ging sie doch auf, aber mit lautem Ger‰usch, und eh ich drauflen war, wurde ich festgehalten und zur¸ckgezogen.

“Halt, hier wird nicht ausgekniffen”, sagte Wjera Schulin belustigt. Sie beugte sich zu mir, und ich war entschlossen, dieser warmen Person nichts zu verraten. Sie aber, als ich nichts sagte, nahm ohne weiters an, eine Nˆtigung meiner Natur h‰tte mich an die T¸r getrieben; sie ergriff meine Hand und fing schon an zu gehen und wollte mich, halb vertraulich, halb hochm¸tig, irgendwohin mitziehen. Dieses intime Miflverst‰ndnis kr‰nkte mich ¸ber die Maflen. Ich rifl mich los und sah sie bˆse an. “Das Haus will ich sehen”, sagte ich stolz. Sie begriff nicht.

“Das grofle Haus drauflen an der Treppe.”

“Schaf”, machte sie und haschte nach mir, “da ist doch gar kein Haus mehr.” Ich bestand darauf.

“Wir gehen einmal bei Tage hin”, schlug sie einlenkend vor, “jetzt kann man da nicht herumkriechen. Es sind Lˆcher da, und gleich dahinter sind Papas Fischteiche, die nicht zufrieren d¸rfen. Da f‰llst du hinein und wirst ein Fisch.”

Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben. Da saflen sie alle und sprachen, und ich sah sie mir der Reihe nach an: die gehen nat¸rlich nur hin, wenn es nicht da ist, dachte ich ver‰chtlich; wenn Maman und ich hier wohnten, so w‰re es immer da. Maman sah zerstreut aus, w‰hrend alle zugleich redeten. Sie dachte gewifl an das Haus.

ZoÎ setzte sich zu mir und stellte mir Fragen. Sie hatte ein gutgeordnetes Gesicht, in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit erneute, als s‰he sie best‰ndig etwas ein. Mein Vater safl etwas nach rechts geneigt und hˆrte der Marchesin zu, die lachte. Graf Schulin stand zwischen Maman und seiner Frau und erz‰hlte etwas. Aber die Gr‰fin unterbrach ihn, sah ich, mitten im Satze.

“Nein, Kind, das bildest du dir ein”, sagte der Graf gutm¸tig, aber er hatte auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht, das er vorstreckte ¸ber den beiden Damen. Die Gr‰fin war von ihrer sogenannten Einbildung nicht abzubringen. Sie sah ganz angestrengt aus, wie jemand, der nicht gestˆrt sein will. Sie machte kleine, abwinkende Bewegungen mit ihren weichen Ringh‰nden, jemand sagte “sst”, und es wurde plˆtzlich ganz still.

Hinter den Menschen dr‰ngten sich die groflen Gegenst‰nde aus dem alten Hause, viel zu nah. Das schwere Familiensilber gl‰nzte und wˆlbte sich, als s‰he man es durch Vergrˆflerungsgl‰ser. Mein Vater sah sich befremdet um.

“Mama riecht”, sagte Wjera Schulin hinter ihm, “da m¸ssen wir immer alle still sein, sie riecht mit den Ohren”, dabei aber stand sie selbst mit hochgezogenen Augenbrauen da, aufmerksam und ganz Nase.

Die Schulins waren in dieser Beziehung ein biflchen eigen seit dem Brande. In den engen, ¸berheizten Stuben kam jeden Augenblick ein Geruch auf, und dann untersuchte man ihn, und jeder gab seine Meinung ab. ZoÎ machte sich am Ofen zu tun, sachlich und gewissenhaft, der Graf ging umher und stand ein wenig in jeder Ecke und wartete; “hier ist es nicht”, sagte er dann. Die Gr‰fin war aufgestanden und wuflte nicht, wo sie suchen sollte. Mein Vater drehte sich langsam um sich selbst, als h‰tte er den Geruch hinter sich. Die Marchesin, die sofort angenommen hatte, dafl es ein garstiger Geruch sei, hielt ihr Taschentuch vor und sah von einem zum andern, ob es vor¸ber w‰re. “Hier, hier”, rief Wjera von Zeit zu Zeit, als h‰tte sie ihn. Und um jedes Wort herum war es merkw¸rdig still. Was mich angeht, so hatte ich fleiflig mitgerochen. Aber auf einmal (war es die Hitze in den Zimmern oder das viele nahe Licht) ¸berfiel mich zum erstenmal in meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht. Es wurde mir klar, dafl alle die deutlichen groflen Menschen, die eben noch gesprochen und gelacht hatten, geb¸ckt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem besch‰ftigten; dafl sie zugaben, dafl da etwas war, was sie nicht sahen. Und es war schrecklich, dafl es st‰rker war als sie alle.

Meine Angst steigerte sich. Mir war, als kˆnnte das, was sie suchten, plˆtzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag; und dann w¸rden sie es sehen und nach mir zeigen. Ganz verzweifelt sah ich nach Maman hin¸ber. Sie safl eigent¸mlich gerade da, mir kam vor, dafl sie auf mich wartete. Kaum war ich bei ihr und f¸hlte, dafl sie innen zitterte, so wuflte ich, dafl das Haus jetzt erst wieder verging.

“Malte, Feigling”, lachte es irgendwo. Es war Wjeras Stimme. Aber wir lieflen einander nicht los und ertrugen es zusammen; und wir blieben so, Maman und ich, bis das Haus wieder ganz vergangen war.

Am reichsten an beinah unfaflbaren Erfahrungen waren aber doch die Geburtstage. Man wuflte ja schon, dafl das Leben sich darin gefiel, keine Unterschiede zu machen; aber zu diesem Tage stand man mit einem Recht auf Freude auf, an dem nicht zu zweifeln war. Wahrscheinlich war das Gef¸hl dieses Rechts ganz fr¸h in einem ausgebildet worden, zu der Zeit, da man nach allem greift und rein alles bekommt und da man die Dinge, die man gerade festh‰lt, mit unbeirrbarer Einbildungskraft zu der grundfarbigen Intensit‰t des gerade herrschenden Verlangens steigert.

Dann aber kommen auf einmal jene merkw¸rdigen Geburtstage, da man, im Bewufltsein dieses Rechtes vˆllig befestigt, die anderen unsicher werden sieht. Man mˆchte wohl noch wie fr¸her angekleidet werden und dann alles Weitere entgegennehmen. Aber kaum ist man wach, so ruft jemand drauflen, die Torte sei noch nicht da; oder man hˆrt, dafl etwas zerbricht, w‰hrend nebenan der Geschenktisch geordnet wird; oder es kommt jemand herein und l‰flt die T¸re offen, und man sieht alles, ehe man es h‰tte sehen d¸rfen. Das ist der Augenblick, wo etwas wie eine Operation an einem geschieht. Ein kurzer, wahnsinnig schmerzhafter Eingriff. Aber die Hand, die ihn tut, ist ge¸bt und fest. Es ist gleich vorbei. Und kaum ist es ¸berstanden, so denkt man nicht mehr an sich; es gilt, den Geburtstag zu retten, die anderen zu beobachten, ihren Fehlern zuvorzukommen, sie in ihrer Einbildung zu best‰rken, dafl sie alles trefflich bew‰ltigen. Sie machen es einem nicht leicht. Es erweist sich, dafl sie von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit sind, beinahe stupide. Sie bringen es zuwege, mit irgendwelchen Paketen hereinzukommen, die f¸r andere Leute bestimmt sind; man l‰uft ihnen entgegen und mufl hernach tun, als liefe man ¸berhaupt in der Stube herum, um sich Bewegung zu schaffen, auf nichts Bestimmtes zu. Sie wollen einen ¸berraschen und heben mit oberfl‰chlich nachgeahmter Erwartung die unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf, wo weiter nichts ist als Holzwolle; da mufl man ihnen ihre Verlegenheit erleichtern. Oder wenn es etwas Mechanisches war, so ¸berdrehen sie das, was sie einem geschenkt haben, beim ersten Aufziehen. Es ist deshalb gut, wenn man sich beizeiten ¸bt, eine ¸berdrehte Maus oder dergleichen unauff‰llig mit dem Fufl weiterzustoflen: auf diese Weise kann man sie oft t‰uschen und ihnen ¸ber die Besch‰mung forthelfen.

Das alles leistete man schliefllich, wie es verlangt wurde, auch ohne besondere Begabung. Talent war eigentlich nur nˆtig, wenn sich einer M¸he gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutm¸tig, eine Freude, und man sah schon von weitem, dafl es eine Freude f¸r einen ganz anderen war, eine vollkommen fremde Freude; man wuflte nicht einmal jemanden, dem sie gepaflt h‰tte: so fremd war sie.

Dafl man erz‰hlte, wirklich erz‰hlte, das mufl vor meiner Zeit gewesen sein. Ich habe nie jemanden erz‰hlen hˆren. Damals, als Abelone mir von Mamans Jugend sprach, zeigte es sich, dafl sie nicht erz‰hlen kˆnne. Der alte Graf Brahe soll es noch gekonnt haben. Ich will aufschreiben, was sie davon wuflte.

Abelone mufl als ganz junges M‰dchen eine Zeit gehabt haben, da sie von einer eigenen, weiten Bewegtheit war. Brahes wohnten damals in der Stadt, in der Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie abends sp‰t hinauf in ihr Zimmer kam, so meinte sie m¸de zu sein wie die anderen. Aber dann f¸hlte sie auf einmal das Fenster und, wenn ich recht verstanden habe, so konnte sie vor der Nacht stehn, stundenlang, und denken: das geht mich an. “Wie ein Gefangener stand ich da”, sagte sie, “und die Sterne waren die Freiheit.” Sie konnte damals einschlafen, ohne sich schwer zu machen. Der Ausdruck In-den-Schlaf-fallen paflt nicht f¸r dieses M‰dchenjahr. Schlaf war etwas, was mit einem stieg, und von Zeit zu Zeit hatte man die Augen offen und lag auf einer neuen Oberfl‰che, die noch lang nicht die oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst im Winter, wenn die anderen schl‰frig und sp‰t zum sp‰ten Fr¸hst¸ck kamen. Abends, wenn es dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter f¸r alle, gemeinsame Lichter. Aber diese beiden Kerzen ganz fr¸h in der neuen Dunkelheit, mit der alles wieder anfing, die hatte man f¸r sich. Sie standen in ihrem niederen Doppelleuchter und schienen ruhig durch die kleinen, ovalen, mit Rosen bemalten T¸llschirme, die von Zeit zu Zeit nachger¸ckt werden muflten. Das hatte nichts Stˆrendes; denn einmal war man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, dafl man manchmal aufsehen muflte und nachdenken, wenn man an einem Brief schrieb oder in das Tagebuch, das fr¸her einmal mit ganz anderer Schrift, ‰ngstlich und schˆn, begonnen war.

Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Tˆchtern. Er hielt es f¸r Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen. (“Ja, teilen–“, sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die Leute ihm von seinen Tˆchtern erz‰hlten; er hˆrte aufmerksam zu, als wohnten sie in einer anderen Stadt.

Es war deshalb etwas ganz Auflerordentliches, dafl er einmal nach dem Fr¸hst¸ck Abelone zu sich winkte: “Wir haben die gleichen Gewohnheiten, wie es scheint, ich schreibe auch ganz fr¸h. Du kannst mir helfen.” Abelone wuflte es noch wie gestern.

Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett gef¸hrt, das im Rufe der Unzug‰nglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in Augenschein zu nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen ¸ber an den Schreibtisch, der ihr wie eine Ebene schien mit B¸chern und Schriftstˆflen als Ortschaften.

Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, dafl Graf Brahe seine Memoiren schriebe, hatten nicht vˆllig unrecht. Nur dafl es sich nicht um politische oder milit‰rische Erinnerungen handelte, wie man mit Spannung erwartete. “Die vergesse ich”, sagte der alte Herr kurz wenn ihn jemand auf solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht vergessen wollte, das war seine Kindheit. Auf die hielt er. Und es war ganz in der Ordnung, seiner Meinung nach, dafl jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand gewann, dafl sie, wenn er seinen Blick nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen nordischen Sommernacht, gesteigert und schlaflos.

Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, dafl sie flackerten. Oder ganze S‰tze muflten wieder durchgestrichen werden, und dann ging er heftig hin und her und wehte mit seinem nilgr¸nen, seidenen Schlafrock. W‰hrend alledem war noch eine Person zugegen, Sten, des Grafen alter, j¸tl‰ndischer Kammerdiener, dessen Aufgabe es war, wenn der Groflvater aufsprang, die H‰nde schnell ¸ber die einzelnen losen Bl‰tter zu legen, die, mit Notizen bedeckt, auf dem Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die Vorstellung, dafl das heutige Papier nichts tauge, dafl es viel zu leicht sei und davonfliege bei der geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange obere H‰lfte sah, teilte diesen Verdacht und safl gleichsam auf seinen H‰nden, lichtblind und ernst wie ein Nachtvogel.

Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu lesen, und niemand von der Dienerschaft h‰tte je sein Zimmer betreten mˆgen, weil es hiefl, dafl er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit Geistern gehabt, und Sten war f¸r diesen Verkehr ganz besonders vorausbestimmt. Seiner Mutter war etwas erschienen in der Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte grofle, runde Augen, und das andere Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen, den er damit ansah. Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern, wie man sonst jemanden nach seinen Angehˆrigen fragt: “Kommen sie, Sten?” sagte er wohlwollend. “Es ist gut, wenn sie kommen.”

Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte Abelone ‘Eckernfˆrde’ nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie hatte ihn nie gehˆrt. Der Graf, der im Grunde schon lange einen Vorwand suchte, das Schreiben aufzugeben, das zu langsam war f¸r seine Erinnerungen stellte sich unwillig.

“Sie kann es nicht schreiben”, sagte er scharf, “und andere werden es nicht lesen kˆnnen. Und werden sie es ¸berhaupt sehen, was ich da sage?” fuhr er bˆse fort und liefl Abelone nicht aus den Augen.

“Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain?” schrie er sie an. “Haben wir Saint-Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der Marquis von Belmare.”

Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so schnell weiter, dafl man nicht mitkonnte.

“Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber mich nahm er auf sein Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in seine Diamantknˆpfe zu beiflen. Das freute ihn. Er lachte und hob mir den Kopf, bis wir einander in die Augen sahen: ‘Du hast ausgezeichnete Z‰hne’, sagte er, ‘Z‰hne, die etwas unternehmen…’–Ich aber merkte mir seine Augen. Ich bin sp‰ter da und dort herumgekommen. Ich habe allerhand Augen gesehen, kannst du mir glauben: solche nicht wieder. F¸r diese Augen h‰tte nichts da sein m¸ssen, die hattens in sich. Du hast von Venedig gehˆrt? Gut. Ich sage dir, die h‰tten Venedig hier hereingesehen in dieses Zimmer, dafl es da gewesen w‰re, wie der Tisch. Ich safl in der Ecke einmal und hˆrte, wie er meinem Vater von Persien erz‰hlte, manchmal mein ich noch, mir riechen die H‰nde davon. Mein Vater sch‰tzte ihn, und Seine Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie sein Sch¸ler. Aber es gab nat¸rlich genug, die ihm ¸belnahmen, dafl er an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in ihm war. Das konnten sie nicht begreifen, dafl der Kram nur Sinn hat, wenn man damit geboren wird.”

“Die B¸cher sind leer”, schrie der Graf mit einer w¸tenden Geb‰rde nach den W‰nden hin, “das Blut, darauf kommt es an, da mufl man drin lesen kˆnnen. Er hatte wunderliche Geschichten drin und merkw¸rdige Abbildungen, dieser Belmare; er konnte aufschlagen, wo er wollte, da war immer was beschrieben; keine Seite in seinem Blut war ¸berschlagen worden. Und wenn er sich einschlofl von Zeit zu Zeit und allein drin bl‰tterte, dann kam er zu den Stellen ¸ber das Goldmachen und ¸ber die Steine und ¸ber die Farben. Warum soll das nicht darin gestanden haben? Es steht sicher irgendwo.”

“Er h‰tte gut mit einer Wahrheit leben kˆnnen, dieser Mensch, wenn er allein gewesen w‰re. Aber es war keine Kleinigkeit, allein zu sein mit einer solchen. Und er war nicht so geschmacklos, die Leute einzuladen, dafl sie ihn bei seiner Wahrheit besuchten; die sollte nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr Orientale. ‘Adieu, Madame’, sagte er ihr wahrheitsgem‰fl, ‘auf ein anderes Mal. Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas kr‰ftiger und ungestˆrter. Ihre Schˆnheit ist ja doch erst im Werden, Madame’, sagte er, und das war keine blofle Hˆflichkeit. Damit ging er fort und legte drauflen f¸r die Leute seinen Tierpark an, eine Art Jardin d’Acclimatation f¸r die grˆfleren Arten von L¸gen, die man bei uns noch nie gesehen hatte, und ein Palmenhaus von ‹bertreibungen und eine kleine, gepflegte Figuerie falscher Geheimnisse. Da kamen sie von allen Seiten, und er ging herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz f¸r seine G‰ste da.”

“Eine oberfl‰chliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine Ritterlichkeit gegen seine Dame, und er hat sich ziemlich dabei konserviert.”

Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein, die er vergessen hatte. Er ging wie rasend auf und ab und warf herausfordernde Blicke auf Sten, als sollte Sten in einem gewissen Augenblicke sich in den verwandeln, an den er dachte. Aber Sten verwandelte sich noch nicht.

“Man m¸flte ihn sehen,” fuhr Graf Brahe versessen fort. “Es gab eine Zeit, wo er durchaus sichtbar war, obwohl in manchen St‰dten die Briefe, die er empfing, an niemanden gerichtet waren: es stand nur der Ort darauf, sonst nichts. Aber ich hab ihn gesehen.”

“Er war nicht schˆn.” Der Graf lachte eigent¸mlich eilig. “Auch nicht, was die Leute bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer Vornehmere neben ihm. Er war reich: aber das war bei ihm nur wie ein Einfall, daran konnte man sich nicht halten. Er war gut gewachsen, obzwar andere hielten sich besser. Ich konnte damals nat¸rlich nicht beurteilen, ob er geistreich war und das und dies, worauf Wert gelegt wird–: aber er war.”

Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas in den Raum hinein, was blieb.

In diesem Moment gewahrte er Abelone.

“Siehst du ihn?” herrschte er sie an. Und plˆtzlich ergriff er den einen silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht.

Abelone erinnerte sich, dafl sie ihn gesehen habe.

In den n‰chsten Tagen wurde Abelone regelm‰flig gerufen, und das Diktieren ging nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf stellte nach allerhand Papieren seine fr¸hesten Erinnerungen an den Bernstorffschen Kreis zusammen, in dem sein Vater eine gewisse Rolle spielte. Abelone war jetzt so gut auf die Besonderheiten ihrer Arbeit eingestellt, dafl, wer die beiden sah, ihre zweckdienliche Gemeinsamkeit leicht f¸r ein wirkliches Vertrautsein nehmen konnte.

Einmal, als Abelone sich schon zur¸ckziehen wollte, trat der alte Herr auf sie zu, und es war, als hielte er die H‰nde mit einer ‹berraschung hinter sich: “Morgen schreiben wir von Julie Reventlow”, sagte er und kostete seine Worte: “das war eine Heilige.”

Wahrscheinlich sah Abelone ihn ungl‰ubig an.

“Ja, ja, das giebt es alles noch”, bestand er in befehlendem Tone, “es giebt alles, Komtesse Abel.”

Er nahm Abelonens H‰nde und schlug sie auf wie ein Buch.

“Sie hatte die Stigmata”, sagte er, “hier und hier.” Und er tippte mit seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handfl‰chen.

Den Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht. Es wird sich zeigen, dachte sie; sie war recht ungeduldig, von der Heiligen zu hˆren, die ihr Vater noch gesehen hatte. Aber sie wurde nicht mehr geholt, nicht am n‰chsten Morgen und auch sp‰ter nicht.-“Von der Gr‰fin Reventlow ist ja dann oft bei euch gesprochen worden”, schlofl Abelone kurz, als ich sie bat, mehr zu erz‰hlen. Sie sah m¸de aus; auch behauptete sie, das Meiste vergessen zu haben. “Aber die Stellen f¸hl ich noch manchmal”, l‰chelte sie und konnte es nicht lassen und schaute beinah neugierig in ihre leeren H‰nde.

Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war nicht mehr in unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer Etagenwohnung, die mir feinds‰lig und befremdlich schien. Ich war damals schon im Ausland und kam zu sp‰t.

Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen. Der Geruch der Blumen war unverst‰ndlich wie viele gleichzeitige Stimmen. Sein schˆnes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden waren, hatte einen Ausdruck hˆflichen Erinnerns. Er war eingekleidet in die J‰germeisters-Uniform, aber aus irgendeinem Grunde hatte man das weifle Band aufgelegt, statt des blauen. Die H‰nde waren nicht gefaltet, sie lagen schr‰g ¸bereinander und sahen nachgemacht und sinnlos aus. Man hatte mir rasch erz‰hlt, dafl er viel gelitten habe: es war nichts davon zu sehen. Seine Z¸ge waren aufger‰umt wie die Mˆbel in einem Fremdenzimmer, aus dem jemand abgereist war. Mir war zumute, als h‰tte ich ihn schon ˆfter tot gesehen: so gut kannte ich das alles.

Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses bedr¸ckende Zimmer, das Fenster gegen¸ber hatte, wahrscheinlich die Fenster anderer Leute. Neu war es, dafl Sieversen von Zeit zu Zeit hereinkam und nichts tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte ich fr¸hst¸cken. Mehrmals wurde mir das Fr¸hst¸ck gemeldet. Mir lag durchaus nichts daran, zu fr¸hst¸cken an diesem Tage. Ich merkte nicht, dafl man mich forthaben wollte; schliefllich, da ich nicht ging, brachte Sieversen es irgendwie heraus, dafl die ƒrzte da w‰ren. Ich begriff nicht, wozu. Es w‰re da noch etwas zu tun, sagte Sieversen und sah mich mit ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten, etwas ¸berst¸rzt, zwei Herren herein: das waren die ƒrzte. Der vordere senkte seinen Kopf mit einem Ruck, als h‰tte er Hˆrner und wollte stoflen, um uns ¸ber seine Gl‰ser fort anzusehen: erst Sieversen, dann mich.

Er verbeugte sich mit studentischer Fˆrmlichkeit. “Der Herr J‰germeister hatte noch einen Wunsch”, sagte er genau so, wie er eingetreten war; man hatte wieder das Gef¸hl, dafl er sich ¸berst¸rzte. Ich nˆtigte ihn irgendwie, seinen Blick durch seine Gl‰ser zu richten. Sein Kollege war ein voller, d¸nnschaliger, blonder Mensch; es fiel mir ein, dafl man ihn leicht zum Errˆten bringen kˆnnte. Dar¸ber entstand eine Pause. Es war seltsam, dafl der J‰germeister jetzt noch W¸nsche hatte.

Ich blickte unwillk¸rlich wieder hin in das schˆne, gleichm‰flige Gesicht. Und da wuflte ich, dafl er Sicherheit wollte. Die hatte er im Grunde immer gew¸nscht. Nun sollte er sie bekommen.

“Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte.”

Ich verneigte mich und trat zur¸ck. Die beiden ƒrzte verbeugten sich gleichzeitig und begannen sofort sich ¸ber ihre Arbeit zu verst‰ndigen. Jemand r¸ckte auch schon die Kerzen beiseite. Aber der ƒltere machte nochmals ein paar Schritte auf mich zu. Aus einer gewissen N‰he streckte er sich vor, um das letzte St¸ck Weg zu ersparen, und sah mich bˆse an.

“Es ist nicht nˆtig”, sagte er, “das heiflt, ich meine, es ist vielleicht besser, wenn Sie… ”

Er kam mir vernachl‰ssigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und eiligen Haltung. Ich verneigte mich abermals; es machte sich so, dafl ich mich schon wieder verneigte.

“Danke”, sagte ich knapp. “Ich werde nicht stˆren.”

Ich wuflte, dafl ich dieses ertragen w¸rde und dafl kein Grund da war, sich dieser Sache zu entziehen. Das hatte so kommen m¸ssen. Das war vielleicht der Sinn von dem Ganzen. Auch hatte ich nie gesehen, wie es ist, wenn jemand durch die Brust gestochen wird. Es schien mir in der Ordnung, eine so merkw¸rdige Erfahrung nicht abzulehnen, wo sie sich zwanglos und unbedingt einstellte. An Entt‰uschungen glaubte ich damals eigentlich schon nicht mehr; also war nichts zu bef¸rchten.

Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten zusammengesetzt, die sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man ¸ber sie weg und merkt nicht, dafl sie fehlen, schnell wie man ist. Die Wirklichkeiten aber sind langsam und unbeschreiblich ausf¸hrlich.

Wer h‰tte zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht. Kaum war die breite, hohe Brust bloflgelegt, so hatte der eilige kleine Mann schon die Stelle heraus, um die es sich handelte. Aber das rasch angesetzte Instrument drang nicht ein. Ich hatte das Gef¸hl, als w‰re plˆtzlich alle Zeit fort aus dem Zimmer. Wir befanden uns wie in einem Bilde. Aber dann st¸rzte die Zeit nach mit einem kleinen, gleitenden Ger‰usch, und es war mehr da, als verbraucht wurde. Auf einmal klopfte es irgendwo. Ich hatte noch nie so klopfen hˆren: ein warmes, verschlossenes, doppeltes Klopfen. Mein Gehˆr gab es weiter, und ich sah zugleich, dafl der Arzt auf Grund gestoflen war. Aber es dauerte eine Weile, bevor die beiden Eindr¸cke in mir zusammenkamen. So, so, dachte ich, nun ist es also durch. Das Klopfen war, was das Tempo betrifft, beinah schadenfroh.

Ich sah mir den Mann an, den ich nun schon so lange kannte. Nein, er war vˆllig beherrscht: ein rasch und sachlich arbeitender Herr, der gleich weiter muflte. Es war keine Spur von Genufl oder Genugtuung dabei. Nur an seiner linken Schl‰fe hatten sich ein paar Haare aufgestellt aus irgendeinem alten Instinkt. Er zog das Instrument vorsichtig zur¸ck, und es war etwas wie ein Mund da, aus dem zweimal hintereinander Blut austrat, als sagte er etwas Zweisilbiges. Der junge, blonde Arzt nahm es schnell mit einer eleganten Bewegung in seine Watte auf. Und nun blieb die Wunde ruhig, wie ein geschlossenes Auge.

Es ist anzunehmen, dafl ich mich noch einmal verneigte, ohne diesmal recht bei der Sache zu sein. Wenigstens war ich erstaunt, mich allein zu finden. Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht, und das weifle Band lag dar¸ber wie vorher. Aber nun war der J‰germeister tot, und nicht er allein. Nun war das Herz durchbohrt, unser Herz, das Herz unseres Geschlechts. Nun war es vorbei. Das war also das Helmzerbrechen: “Heute Brigge und nimmermehr”, sagte etwas in mir.

An mein Herz dachte ich nicht. Und als es mir sp‰ter einfiel, wuflte ich zum erstenmal ganz gewifl, dafl es hierf¸r nicht in Betracht kam. Es war ein einzelnes Herz. Es war schon dabei, von Anfang anzufangen.

Ich weifl, dafl ich mir einbildete, nicht sofort wieder abreisen zu kˆnnen. Erst mufl alles geordnet sein, wiederholte ich mir. Was geordnet sein wollte, war mir nicht klar. Es war so gut wie nichts zu tun. Ich ging in der Stadt umher und konstatierte, dafl sie sich ver‰ndert hatte. Es war mir angenehm, aus dem Hotel hinauszutreten, in dem ich abgestiegen war, und zu sehen, dafl es nun eine Stadt f¸r Erwachsene war, die sich f¸r einen zusammennahm, fast wie f¸r einen Fremden. Ein biflchen klein war alles geworden, und ich promenierte die Langelinie hinaus bis an den Leuchtturm und wieder zur¸ck. Wenn ich in die Gegend der Amaliengade kam, so konnte es freilich geschehen, dafl von irgendwo etwas ausging, was man jahrelang anerkannt hatte und was seine Macht noch einmal versuchte. Es gab da gewisse Eckfenster oder Torbogen oder Laternen, die viel von einem wuflten und damit drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und liefl sie f¸hlen, dafl ich im Hotel ‘Phˆnix’ wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber mein Gewissen war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf, dafl noch keiner dieser Einfl¸sse und Zusammenh‰nge wirklich bew‰ltigt worden war. Man hatte sie eines Tages heimlich verlassen, unfertig wie sie waren. Auch die Kindheit w¸rde also gewissermaflen noch zu leisten sein, wenn man sie nicht f¸r immer verloren geben wollte. Und w‰hrend ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, dafl ich nie etwas anderes haben w¸rde, mich darauf zu berufen.

Ein paar Stunden t‰glich brachte ich in Dronningens TvÊrgade zu, in den engen Zimmern, die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in denen jemand gestorben ist. Ich ging zwischen dem Schreibtisch und dem groflen weiflen Kachelofen hin und her und verbrannte die Papiere des J‰germeisters. Ich hatte begonnen, die Briefschaften, so wie sie zusammengebunden waren, ins Feuer zu werfen, aber die kleinen Pakete waren zu fest verschn¸rt und verkohlten nur an den R‰ndern. Es kostete mich ‹berwindung, sie zu lockern. Die meisten hatten einen starken, ¸berzeugenden Duft, der auf mich eindrang, als wollte er auch in mir Erinnerungen aufregen. Ich hatte keine. Dann konnte es geschehen, dafl Photographien herausglitten, die schwerer waren als das andere; diese Photographien verbrannten unglaublich langsam. Ich weifl nicht, wie es kam, plˆtzlich bildete ich mir ein, es kˆnnte Ingeborgs Bild darunter sein. Aber sooft ich hinsah, waren es reife, groflartige, deutlich schˆne Frauen, die mich auf andere Gedanken brachten. Es erwies sich n‰mlich, dafl ich doch nicht ganz ohne Erinnerungen war. Genau solche Augen waren es, in denen ich mich manchmal fand, wenn ich, zur Zeit da ich heranwuchs, mit meinem Vater ¸ber die Strafle ging. Dann konnten sie von einem Wageninnern aus mich mit einem Blick umgeben, aus dem kaum hinauszukommen war. Nun wuflte ich, dafl sie mich damals mit ihm verglichen und dafl der Vergleich nicht zu meinen Gunsten ausfiel. Gewifl nicht, Vergleiche hatte der J‰germeister nicht zu f¸rchten.

Es kann sein, dafl ich nun etwas weifl, was er gef¸rchtet hat. Ich will sagen, wie ich zu dieser Annahme komme. Ganz innen in seiner Brieftasche befand sich ein Papier, seit lange gefaltet, m¸rbe, gebrochen in den B¸gen. Ich habe es gelesen, bevor ich es verbrannte. Es war von seiner besten Hand, sicher und gleichm‰flig geschrieben, aber ich merkte gleich, dafl es nur eine Abschrift war.

“Drei Stunden vor seinem Tod”, so begann es und handelte von Christian dem Vierten. Ich kann den Inhalt nat¸rlich nicht wˆrtlich wiederholen. Drei Stunden vor seinem Tod begehrte er aufzustehen. Der Arzt und der Kammerdiener Wormius halfen ihm auf die F¸fle. Er stand ein wenig unsicher, aber er stand, und sie zogen ihm das gesteppte Nachtkleid an. Dann setzte er sich plˆtzlich vorn an das Bettende und sagte etwas. Es war nicht zu verstehen. Der Arzt behielt immerzu seine linke Hand, damit der Kˆnig nicht auf das Bett zur¸cksinke. So saflen sie, und der Kˆnig sagte von Zeit zu Zeit m¸hsam und tr¸be das Unverst‰ndliche. Schliefllich begann der Arzt ihm zuzusprechen; er hoffte allm‰hlich zu erraten, was der Kˆnig meinte. Nach einer Weile unterbrach ihn der Kˆnig und sagte auf einmal ganz klar: “O, Doktor, Doktor, wie heiflt er?” Der Arzt hatte M¸he, sich zu besinnen.

“Sperling, Allergn‰digster Kˆnig.”

Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Der Kˆnig, sobald er hˆrte, dafl man ihn verstand, rifl das rechte Auge, das ihm geblieben war, weit auf und sagte mit dem ganzen Gesicht das eine Wort, das seine Zunge seit Stunden formte, das einzige, das es noch gab: “Dˆden”, sagte er, “Dˆden.” (Der Tod, der Tod)

Mehr stand nicht auf dem Blatt. Ich las es mehrere Male, ehe ich es verbrannte. Und es fiel mir ein, dafl mein Vater viel gelitten hatte zuletzt. So hatte man mir erz‰hlt.

Seitdem habe ich viel ¸ber die Todesfurcht nachgedacht, nicht ohne gewisse eigene Erfahrungen dabei zu ber¸cksichtigen. Ich glaube, ich kann wohl sagen, ich habe sie gef¸hlt. Sie ¸berfiel mich in der vollen Stadt, mitten unter den Leuten, oft ganz ohne Grund. Oft allerdings h‰uften sich die Ursachen; wenn zum Beispiel jemand auf einer Bank verging und alle standen herum und sahen ihm zu, und er war schon ¸ber das F¸rchten hinaus: dann hatte ich seine Furcht. Oder in Neapel damals: da safl diese junge Person mir gegen¸ber in der Elektrischen Bahn und starb. Erst sah es wie eine Ohnmacht aus, wir fuhren sogar noch eine Weile. Aber dann war kein Zweifel, dafl wir stehenbleiben muflten. Und hinter uns standen die Wagen und stauten sich, als ginge es in dieser Richtung nie mehr weiter. Das blasse, dicke M‰dchen h‰tte so, angelehnt an ihre Nachbarin, ruhig sterben kˆnnen. Aber ihre Mutter gab das nicht zu. Sie bereitete ihr alle mˆglichen Schwierigkeiten. Sie brachte ihre Kleider in Unordnung und gofl ihr etwas in den Mund, der nichts mehr behielt. Sie verrieb auf ihrer Stirn eine Fl¸ssigkeit, die jemand gebracht hatte, und wenn die Augen dann ein wenig verrollten, so begann sie an ihr zu r¸tteln, damit der Blick wieder nach vorne k‰me. Sie schrie in diese Augen hinein, die nicht hˆrten, sie zerrte und zog das Ganze wie eine Puppe hin und her, und schliefllich holte sie aus und schlug mit aller Kraft in das dicke Gesicht, damit es nicht st¸rbe. Damals f¸rchtete ich mich.

Aber ich f¸rchtete mich auch schon fr¸her. Zum Beispiel, als mein Hund starb. Derselbe, der mich ein- f¸r allemal beschuldigte. Er war sehr krank. Ich kniete bei ihm schon den ganzen Tag, da plˆtzlich bellte er auf, ruckweise und kurz, wie er zu tun pflegte, wenn ein Fremder ins Zimmer trat. Ein solches Bellen war f¸r diesen Fall zwischen uns gleichsam verabredet worden, und ich sah unwillk¸rlich nach der T¸r. Aber es war schon in ihm. Beunruhigt suchte ich seinen Blick, und auch er suchte den meinen; aber nicht um Abschied zu nehmen. Er sah mich hart und befremdet an. Er warf mir vor, dafl ich es hereingelassen hatte. Er war ¸berzeugt, ich h‰tte es hindern kˆnnen. Nun zeigte es sich, dafl er mich immer ¸bersch‰tzt hatte. Und es war keine Zeit mehr, ihn aufzukl‰ren. Er sah mich befremdet und einsam an, bis es zu Ende war.

Oder ich f¸rchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten Nachtfrˆsten die Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der W‰rme erholten. Sie waren merkw¸rdig vertrocknet und erschraken bei ihrem eigenen Summen; man konnte sehen, dafl sie nicht mehr recht wuflten, was sie taten. Sie saflen stundenlang da und lieflen sich gehen, bis es ihnen einfiel, dafl sie noch lebten; dann warfen sie sich blindlings irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und man hˆrte sie weiterhin niederfallen und dr¸ben und anderswo. Und endlich krochen sie ¸berall und bestarben langsam das ganze Zimmer.

Aber sogar wenn ich allein war, konnte ich mich f¸rchten. Warum soll ich tun, als w‰ren jene N‰chte nicht gewesen, da ich aufsafl vor Todesangst und mich daran klammerte, dafl das Sitzen wenigstens noch etwas Lebendiges sei: dafl Tote nicht saflen. Das war immer in einem von diesen zuf‰lligen Zimmern, die mich sofort im Stich lieflen, wenn es mir schlecht ging, als f¸rchteten sie, verhˆrt und in meine argen Sachen verwickelt zu werden. Da safl ich, und wahrscheinlich sah ich so schrecklich aus, dafl nichts den Mut hatte, sich zu mir zu bekennen. Nicht einmal das Licht, dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte, es anzuz¸nden, wollte von mir wissen. Es brannte so vor sich hin, wie in einem leeren Zimmer. Meine letzte Hoffnung war dann immer das Fenster. Ich bildete mir ein, dort drauflen kˆnnte noch etwas sein, was zu mir gehˆrte, auch jetzt, auch in dieser plˆtzlichen Armut des Sterbens. Aber kaum hatte ich hingesehen, so w¸nschte ich, das Fenster w‰re verrammelt gewesen, zu, wie die Wand. Denn nun wuflte ich, dafl es dort hinaus immer gleich teilnahmslos weiterging, dafl auch drauflen nichts als meine Einsamkeit war. Die Einsamkeit, die ich ¸ber mich gebracht hatte und zu deren Grˆfle mein Herz in keinem Verh‰ltnis mehr stand. Menschen fielen mir ein, von denen ich einmal fortgegangen war, und ich begriff nicht, wie man Menschen verlassen konnte.

Mein Gott, mein Gott, wenn mir noch solche N‰chte bevorstehen, lafl mir doch wenigstens einen von den Gedanken, die ich zuweilen denken konnte. Es ist nicht so unvern¸nftig, was ich da verlange; denn ich weifl, dafl sie gerade aus der Furcht gekommen sind, weil meine Furcht so grofl war. Da ich ein Knabe war, schlugen sie mich ins Gesicht und sagten mir, dafl ich feige sei. Das war, weil ich mich noch schlecht f¸rchtete. Aber seitdem habe ich mich f¸rchten gelernt mit der wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie erzeugt. Wir haben keine Vorstellung von dieser Kraft, aufler in unserer Furcht. Denn so ganz unbegreiflich ist sie, so vˆllig gegen uns, dafl unser Gehirn sich zersetzt an der Stelle, wo wir uns anstrengen, sie zu denken. Und dennoch, seit einer Weile glaube ich, dafl es unsere Kraft ist, alle unsere Kraft, die noch zu stark ist f¸r uns. Es ist wahr, wir kennen sie nicht, aber ist es nicht gerade unser Eigenstes, wovon wir am wenigsten wissen? Manchmal denke ich mir, wie der Himmel entstanden ist und der Tod: dadurch, dafl wir unser Kostbarstes von uns fortger¸ckt haben, weil noch so viel anderes zu tun war vorher und weil es bei uns Besch‰ftigten nicht in Sicherheit war. Nun sind Zeiten dar¸ber vergangen, und wir haben uns an Geringeres gewˆhnt. Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr und entsetzen uns vor seiner ‰uflersten Groflheit. Kann das nicht sein?

Ich begreife ¸brigens jetzt gut, dafl man ganz innen in der Brieftasche die Beschreibung einer Sterbestunde bei sich tr‰gt durch alle die Jahre. Es m¸flte nicht einmal eine besonders gesuchte sein; sie haben alle etwas fast Seltenes. Kann man sich zum Beispiel nicht jemanden vorstellen, der sich abschreibt, wie Felix Arvers gestorben ist. Es war im Hospital. Er starb auf eine sanfte und gelassene Weise, und die Nonne meinte vielleicht, dafl er damit schon weiter sei, als er in Wirklichkeit war. Sie rief ganz laut irgend eine Weisung hinaus, wo das und das zu finden w‰re. Es war eine ziemlich ungebildete Nonne; sie hatte das Wort Korridor, das im Augenblick nicht zu vermeiden war, nie geschrieben gesehen; so konnte es geschehen, dafl sie ‘Kollidor’ sagte in der Meinung, es hiefle so. Da schob Arvers das Sterben hinaus. Es schien ihm nˆtig, dieses erst aufzukl‰ren. Er wurde ganz klar und setzte ihr auseinander, dafl es ‘Korridor’ hiefle. Dann starb er. Er war ein Dichter und haflte das Ungef‰hre; oder vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun; oder es stˆrte ihn, als letzten Eindruck mitzunehmen, dafl die Welt so nachl‰ssig weiterginge. Das wird nicht mehr zu entscheiden sein. Nur soll man nicht glauben, dafl es Pedanterie war. Sonst tr‰fe derselbe Vorwurf den heiligen Jean de Dieu, der in seinem Sterben aufsprang und gerade noch zurechtkam, im Garten den eben Erh‰ngten abzuschneiden, von dem auf wunderbare Art Kunde in die verschlossene Spannung seiner Agonie gedrungen war. Auch ihm war es nur um die Wahrheit zu tun.

Es giebt ein Wesen, das vollkommen unsch‰dlich ist, wenn es dir in die Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehˆr ger‰t, so entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat F‰lle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend gedieh, ‰hnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase eindringen.