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Rhodope. So scheint’s!–
Und doch vernahm
Ich mancherlei Ger‰usch, das nicht von dir Und auch von mir nicht kam.

Kandaules.
Die Nacht ist reich
An Sch‰llen und an seltsam fremden Kl‰ngen, Und wer nicht schl‰ft, hˆrt viel.

Rhodope.
Es rasselte.

Kandaules.
Ein Mauerwurm!

Rhodope. Es klang, als
ob ein Schwert
An etwas streifte.

Kandaules. Mag’s! Wo w‰r’ der Ton,
Den die Natur in wunderlicher Laune Nicht irgendeinem possenhaften Tier
Als Stimme einverleibte? Reifl einmal Dein Kleid entzwei und merke dir den Laut, Ich schaff dir ein Insekt, das ganz so schnarrt.

Rhodope.
Auch seufzen hˆrte ich.

Kandaules.
Und seufzen Mˆrder?

Rhodope.
Nein, nein! Das ist’s!

Kandaules.
Der k¸hle Nachtwind war’s,
Er wollte dir um Mund und Wangen spielen Und seufzte, als er nur auf Mauern stiefl. Ei, gibt’s doch B‰ume, die, wie jener Stein Das Licht des Tages trinkt, um es im Dunkeln Zur¸ckzugeben, Klang und Schall verschlucken, Die singen, plappern, ‰chzen dann bei Nacht!

Rhodope.
So nimmst du es? Noch mehr! Mir fehlt ein Schmuck

Kandaules.
Ein Edelstein vielleicht? Ein Diamant? Der da?

Rhodope. Du hast ihn? Du?

Wer sonst? Du siehst!

Rhodope.
Dank, ew’gen Dank, Ihr Gˆtter, und vergebt Den Zweifel eines Herzens, das sich schuldlos Zertreten w‰hnte! Oh, Ihr seid uns nah, Wie Licht und Luft!

Kandaules. Erinnyen,
hinab!–
Da!

Rhodope. In den Tempelschatz mit ihm! Ich bin Den Gn‰digen ein reiches Opfer schuldig, Vor allem ihr, der Allverkn¸pferin!
Aus gold’nen Kˆrben sollen ihre Tauben Von heute an die weichsten Kˆrner picken, Aus Marmorbecken lˆschen ihren Durst!
Und du, Kandaules, du–

Kandaules.
Der J¸ngling k¸flt,
Wenn er des M‰dchens denkt, die eigne Hand, Die sie ihm dr¸ckte, als sie von ihm schied, Der Mann braucht etwas mehr.

Rhodope.
O Tag des Gl¸cks!
Ist dir dein Weib so teuer? Nun, da bitt ich Dir stilles Unrecht ab. Ich sorgte immer, Es sei mehr Stolz auf den Besitz, als Liebe, In der Empfindung, die dich an mich fesselt, Und deine Neigung brauche schon den Neid Der andern, um nicht vˆllig zu erlˆschen! Nun f¸rcht ich das nicht mehr.

Kandaules.
Und niemals sollst
Du’s wieder f¸rchten! Weifl ich doch, was dir Das Herz vergiftet hat. Du glaubtest dich Verk¸rzt durch Gyges! Und es ist gewifl, Dafl ich gar manchen Tag mit ihm verbrachte, Und fast ein J‰ger ward, weil er es ist. Zwar griff das nicht in deine Rechte ein, Denn, was den Mann mit einem Mann verbindet, Ist f¸r das Weib nicht da, er braucht’s bei ihr Sowenig, wie den Schlachtmut, wenn er k¸flt. Doch, mufl ich deine Furcht auch tˆricht nennen: Ich spar kein Mittel, um dich rasch zu heilen, So hˆre denn: mein G¸nstling Gyges geht!

Rhodope.
Wie?

Kandaules. Heute noch!

Rhodope.
Unmˆglich

Kandaules.
W‰r’ dir das
Jetzt nicht mehr recht? Du schienst es sonst zu w¸nschen!

Rhodope.
Oh, dafl ich dies in meinem Freudenrausch Vergessen konnte!

Kandaules. Was denn?

Rhodope.
Deine Hand!–
Der war’s, der stand auf einmal mir vor Augen, Als w‰r’ sein feur’ger Umrifl in der Luft Zur¸ckgeblieben! Oh, wie f¸rchterlich
Best‰tigt sich’s.–Gib her!–Er hat den Ring!

Kandaules,
Der ist mein Eigentum!

Rhodope.
Sprich, hast du ihn
Nicht wieder abgelegt, seit du ihn tr‰gst? Auch nicht verloren, oder sonst vermiflt?

Kandaules.
Ungl¸ckliche, was qu‰lst du dich mit Schatten!

Rhodope.
Er weicht mir aus!–Du schickst den Gyges fort? Auf einmal fort, wie einen Misset‰ter? Warum?

Kandaules. Das sagt’ ich nicht. Er geht von selbst.

Rhodope.
Er geht von selbst? Was treibt ihn denn von hinnen?

Kandaules.
Ich weifl es nicht und hab ihn nicht gefragt.

Rhodope.
Du weiflt es nicht? So will ich dir es sagen: Er hat an dir gefrevelt, wie noch keiner, Und du muflt strafen, wie du nie gestraft!

Kandaules.
Rhodope, welch ein Wort! Er ist gewifl Der Edelste der Edlen.

Rhodope.
Ist er das,
Wie kannst du ihn so ruhig ziehen lassen?

Kandaules.
Weil auch der Beste wider seinen Willen Statt Segens stillen Fluch verbreiten kann.

Rhodope.
Ist das sein Fall? Und hat er’s selbst gef¸hlt?

Kandaules.
Und wenn auch nicht–Sein Sinn ist stolz, er strebt Nach groflen Dingen, und er darf es wagen.

Rhodope.
Meinst Du?

Kandaules. Kein Kˆnigsthron steht ihm zu hoch. Und wenn er geht und mir den Grund verbirgt: Gib acht, mit einer Krone kehrt er wieder Und spricht dann l‰chelnd: diese trieb mich fort!

Rhodope.
Ja?

Kandaules. Teures Weib, dich hat die Nacht verstˆrt, Der Schreck–

Rhodope. Kann sein!

Kandaules.
Du hˆrtest allerlei–

Rhodope.
Was nicht zu hˆren war! Fast glaub ich’s selbst, Denn–nun besinn ich mich–ich sah auch falsch! Du hast den Ring nicht wieder abgelegt,
Du hast ihn nicht verloren, noch vermiflt, Und mir kam’s dennoch vor–ich sp‰hte scharf, Und Morgen war’s, und alles andre sah ich– Als fehlte er an deiner Hand. So zeugt
Denn Sinn hier gegen Sinn, das blinde Auge Verb¸rgt das taube Ohr. Vergib mir nur, Dafl ich dich qu‰lte, und vergˆnne mir Ein wenig Einsamkeit, um mich zu fassen.

Kandaules (will reden).

Rhodope.
Jawohl! Jawohl! Vergib nur, Herr, und geh!

Kandaules (ab).

Rhodope.
Kein andrer ist’s, als Gyges–das ist klar! Er hat den Ring gehabt–das ist noch klarer! Kandaules ahnt’s, er mufl–das ist am klarsten! Und statt das Ungeheure ungeheuer
An ihm zu ahnden, l‰flt er ihn entfliehn. So wird ein R‰tsel durch ein andres R‰tsel Gelˆst ‘ das mich von Sinnen bringen kann, Wenn es mir dunkel bleibt! Ein Gatte sieht Sein Weib entehrt–entehrt? Sprich gleich: getˆtet– Getˆtet?–Mehr, verdammt, sich selbst zu tˆten, Wenn nicht des Frevlers Blut zur S¸hne flieflt! Der Gatte ist ein Kˆnig, tr‰gt das Schwert Der Dike, braucht von der Erinnys nicht
Den Dolch zu borgen, hat die heil’ge Pflicht, Den Greul zu strafen, wenn die Liebe ihn Nicht antreibt, ihn zu r‰chen, mufl den Gˆttern Das Opfer bringen, wenn er’s mir versagt! Und dieser Gatte, dieser Kˆnig z¸ckt
Nicht Schwert, noch Dolch, er l‰flt den Frevler fliehn! Doch das soll nicht gelingen! Mir auch fehlt’s Nicht an erprobten Dienern. Nicht als Sklavin, Als Kˆnigstochter trat ich in dies Haus, Und mein Geleite war ein kˆnigliches.
Die alten Vielgetreuen ruf ich auf, Dafl sie dem Fliehenden den Weg vertreten, Dann sprech ich zu Kandaules: hier bin ich, Dort ist der G¸nstling, w‰hle, dieser Dolch Ist f¸r mich selbst, wenn nicht dein Schwert f¸r ihn!

Lesbia (tritt herein).
Vergibst du, Kˆnigin?

Rhodope.
Was denn, mein Kind?
Dafl du zu mir zur¸ckkehrst? Oh, vergib Nur du, dafl ich dich von mir lassen konnte, Mir war–ich wuflte selbst nicht, was ich tat. Doch mein ich, dafl der Kˆnig zu mir sagte, Du gingest gern, und ach, ich hatte ihm
In jener Nacht so viel schon weigern m¸ssen, Dafl mir der Mut zum neuen Nein gebrach.

Lesbia.
So bin ich nicht mehr frei? So darf ich mich Zu deinen Dienerinnen wieder z‰hlen?

Rhodope.
O nein! Als Schwester komm an meine Brust.

Lesbia.
Was ist geschehn? Du bist bewegt, wie nie.

Rhodope.
Entsetzliches, das keinen Namen hat! Denn, eh’ ich’s nennen kann, hat sich’s ver‰ndert Und ist noch grauenvoller, als es war.
Ja, Nachtgeburt, die mir entgegengrinst, Mir deucht, dein erstes Antlitz kˆnnt’ ich k¸ssen, Nun d‰mmernd mir das zweite sich enth¸llt.

Lesbia.
Kann ich was f¸r dich tun?–Die Frage ist Wohl tˆricht, nicht?

Rhodope.
Du kannst nicht tˆten, M‰dchen,
Und wer nicht tˆten kann, der kann f¸r mich Auch nichts mehr tun.

Lesbia.
Gebieterin!

Rhodope.
So ist’s!
Du starrst mich an, du kannst es gar nicht fassen, Dafl solch ein Wort aus meinem Munde kommt. Ja, Lesbia, ich bin’s! Rhodope ist’s,
Die euch so oft gewarnt und abgehalten, Dem Tode in sein traurig Amt zu greifen, Und wenn es auch nur eine Spinne galt!
Ich hab es nicht vergessen, doch das war, Als ich im frischen Morgentau mich wusch Und in dem Strahl der Sonne trocknete:
Jetzt rufe ich nach Blut, jetzt ist von mir Nur so viel ¸brig, als die Gˆtter brauchen, Um das zu r‰chen, was ich einmal war!

Lesbia.
Weifl dein Gemahl denn nichts? Am R‰cher kann’s Der Kˆnigin von Lydien nicht fehlen.

Rhodope.
So scheint’s! Und doch–Nun, wissen will ich’s bald! Geh, Lesbia, und ruf mir Karna her!

Lesbia.
Du meinst, ich soll ihm etwas von dir sagen.

Rhodope.
Das ist vorbei!–

Lesbia. Doch
deinen Schleier willst du!

Rhodope.
Nein! Nein!

Lesbia. Mich graust! Es ist das erste Mal! (Ab.)

Rhodope.
Er kann den Freund nicht opfern, darum wird Sein Weib verschont. Denn sonst ertr¸g’ er’s nicht!

Lesbia (tritt mit Karna ein).

Rhodope.
Karna, du weiflt, was du geschworen hast, Als dir dein Herr, mein kˆniglicher Vater, Am goldnen Tor die Tochter ¸bergab.
Safl ich auch hoch auf meinem Elefanten, War ich auch tief verh¸llt in meinen Schleier, Doch hab ich wohl beachtet, was geschah, Und nicht ein Wort vergessen, das du sprachst.

Karna.
Auch ich nicht, und ich hoff’s dir darzutun!

Rhodope.
So such den Griechen Gyges auf und k¸nd ihm, Dafl ich ihn sehen will.

Karna.
Du?

Rhodope.
Eile dich,
Damit er nicht entkommt, verfolge ihn, Wenn er entfloh, und bringe ihn zur¸ck, Noch eh’ es Nacht wird, mufl er vor mir stehn.

Karna.
Ich liefre ihn, lebendig oder tot. (Ab.)

Lesbia.
Was hˆr ich? Gyges w‰r’ es?

Rhodope.
Gyges ist’s!

Lesbia.
Er h‰tte dich gekr‰nkt?

Rhodope.
Er hat gefrevelt
Am Heiligsten, er hat den schwersten Fluch Auf mich herabgezogen, jenen Fluch,
Den alle Gˆtter wider Willen schleudern, Weil er nur Menschen ohne S¸nde trifft, Er ist es, der mich tˆten lehrt!

Lesbia.
Er nicht
Ich schwˆre dir’s!

Rhodope. Wie
kannst du?

Lesbia.

Kˆnigin,
Auch ich erlebte etwas, und ich weifl, Dafl er die Seele eher lassen w¸rde,
Als dich verletzen.

Rhodope. So.

Lesbia.
Ich habe dir
Ein Wort von ihm zu sagen! Oh, wie bitter Hat mich dies Wort geschmerzt, als ich’s vernahm, Jetzt freut’s mich fast. Ich soll dir von ihm melden Er h‰tt’ mich gar nicht angesehn!–Er liebt dich! Nun frag dich, ob es mˆglich ist!

Rhodope.
Er liebt mich!
So ist’s gewifl!

Lesbia. Wie?

Rhodope.
Tˆrin, sage mir,
Kann man das lieben, was man niemals sah? Und wenn mich Gyges sah: wann sah er mich?

Lesbia (legt sich die Hand vor die Augen).

Rhodope.
Nun sprich als M‰dchen, ob er sterben mufl!

Vierter Akt

Gemach der Kˆnigin.

Rhodope.
Oh, einen Augenblick Vergessenheit! Wozu das R‰tsel ewig wiederholen?
Es wird ja bald gelˆst.–Ich sollt’ es machen, Wie meine M‰dchen, die zum Zeitvertreib Auf alle Tˆne horchen und sich streiten, Von welchem Vogel jeder kommt, und ob
Der rot ist oder gr¸n.–Welch ein Ger‰usch! Ist Karna da mit ihm? Still, alles still. Es war wohl nichts.–Wie hab ich mich ver‰ndert! Wann fragt’ ich sonst den Schall nach dem Woher, Mich schreckte nichts, mich schreckte nicht einmal Des Feuers Glut, und wenn sie noch so rot Am Himmel aufstieg und sich noch so drohend Verbreitete: ich wuflte, dafl ein Kreis Von treuen W‰chtern, unsichtbar um mich Herum gereiht, des Kˆnigs Lieblingstochter Mit Blut und Leben schirmte. Jetzt–ein Schritt! Sie sind’s! Ja, Karna ist so klug, als tapfer; Das hˆrt’ ich stets, und heute soll ich’s sehn. Noch nicht! Vielleicht auch gar nicht! Nein, Ihr Gˆtter, So grausam werdet Ihr nicht sein. Ich will Ja nicht, dafl Ihr die Hand mir reichen sollt, Um mich am Rand des Abgrunds festzuhalten, Ich will nur sehn, wer mich hinunterstˆflt. Je mehr ich sinne, um so weniger
Begreif ich meinen Gatten. Hˆrt’ ich’s doch In fr¸hster Jugend schon, dafl die Befleckte Nicht leben darf, und wenn mich das als Kind Durchschauert hat, jetzt habe ich den Grund F¸r dies Gesetz in meiner Brust gefunden: Sie kann nicht leben, und sie will’s auch nicht! Gilt das f¸r ihn allein nicht? Oder will er Den Frevler heimlich opfern, weil er hofft, Mir seine Missetat noch zu verbergen?
Habt Dank, Ihr Ewigen, auch das kann sein! Und findet Karna den Entflohnen tot,
Den kalten Dolch in seiner heiflen Brust, So weifl ich, wessen Hand ihn niederstreckte, Und frage niemals mehr, wo Gyges blieb!

Lesbia (tritt ein).
Oh, Kˆnigin, er kommt!

Rhodope.
Ich harre schon!

Lesbia.
Und hinter ihm schiebt, wie ein Eisen-Riegel, Sich eine Schar Bewaffneter zusammen.

Rhodope.
Ich glaub’s, dafl Karna sein Gesch‰ft versteht.

Lesbia.
Mufl es denn sein?

Rhodope. Er oder
ich! Vielleicht
Wir alle beide!

Lesbia. Oh, du machst
mich stumm!

Rhodope.
Sag Karna, dafl er jetzt zum Kˆnig sende, Ich lafl ihn bitten auf ein einzig Wort.

Lesbia (ab).

Rhodope.
Nun, Ihr dort unten, die Ihr keinen Frevel Verhindert, aber einen jeden r‰cht,
Herauf, herauf, und h¸tet diese Schwelle, Ein blutig Opfer ist Euch hier gewifl.

Gyges (der w‰hrenddem eingetreten ist). Du hast mich rufen lassen, Kˆnigin!

Rhodope.
Du weiflt warum!–Du weiflt es, denn du zitterst, Kannst du es leugnen? Deine Farbe wechselt, Und hˆrbar klopft das Herz in deiner Brust.

Gyges.
Hat nicht dein Gatte auch vor dir gezittert, Hat er die Farbe nicht, wie ich, gewechselt, Und hat sein Herz nicht ganz, wie meins, geklopft? Erinnre dich der Stunde, wo er dir
Zum ersten Mal ins Antlitz schauen durfte, Und frag dich, ob er mir nicht vˆllig glich.

Rhodope.
Dir?!

Gyges. Kˆnigin, gewifl. Ihm schwindelte, Er stand geblendet da, und als ihm die
Besinnung wiederkehrte, rifl er stumm Die Krone sich vom Haupt, wie einen Kranz, Der plˆtzlich welk geworden ist im Haar, Und warf sie mit Verachtung hinter sich.

Rhodope.
Er! ha!

Gyges. Du l‰cheltest ihn freundlich an, Als du es sahst, da kam ihm so viel Mut, Sich dir um einen halben Schritt zu n‰hern. Doch seine Kniee wankten unter ihm,
Sie wollten einen edlern Dienst verrichten, Und eh’ du’s ahntest, lag er so vor dir!

(Er kniet w‰hrenddem nieder.),

Rhodope.
Du wagst?

Gyges. Was denn? Es war ja so. Du strecktest
Ihm unwillk¸rlich, halb um ihm zu wehren, Halb auch vielleicht, um ihn emporzuziehn, Die Hand entgegen, die er scheu und sch¸chtern Ergriff, und die sich doch zur Fingerspitze Verk¸rzte, ehe er sie noch ber¸hrt.
Tatst du das nicht? Oh, sprich!

Rhodope.
Auf! Auf mit dir!

Gyges (sich wieder erhebend).
Ihn aber traf es, wie ein Wetterschlag. Ihm war zumut, als h‰tt’ er sich bisher, Wie ein ereb’scher Schatten, kalt und n¸chtern, Nur unter die Lebendigen verirrt
Und jetzt erst Blut bekommen, wie sie selbst; Als h‰tte er ihr Lachen und ihr Weinen, Ihr Jubeln, Seufzen, ja ihr Atemholen,
Nur nachge‰fft und nie geahnt, warum Die Menschenbrust sich ewig hebt und senkt. Da brannt’ er vor, Verlangen, auch zu leben, Und sog dein s¸fles Bild mit Augen ein, Die, sonst gleichg¸ltig alle Dinge spiegelnd Und wieder wechselnd, wie ein stilles Wasser, Der Wimper jetzt ihr Zucken kaum verziehn. So glomm er, deine Schˆnheit in sich trinkend, Allm‰hlich vor dir auf in d¸strem Feuer, Wie deine weifle Hand, wenn du sie abends Vor eine Flamme h‰ltst, du aber fuhrst Vor deinem roten Widerschein zur¸ck.

Rhodope.
Nicht weiter!

Gyges. Oh, nicht weiter!
Weifl ich mehr?
Was er empfand, das kann ich nachempfinden Und ganz so voll und gl¸hend, wie er selbst. Doch, wie er warb, und wie er dich gewann, Ist sein Geheimnis; einer nur kann’s haben, Und dieser Einzige ist er, nicht ich.
Nun weiflt du denn, warum ich zitterte: Ein Wonneschauer war’s, der mich ergriff, Ein heil’ges Grausen, das mich sch¸ttelte, Als ich so plˆtzlich vor dir stand und sah, Dafl Aphrodite eine Schwester hat;
So sag mir jetzt, wozu beriefst du mich!

Rhodope.
Zum Tode!–

Gyges. Wie?

Rhodope.
Hast du ihn nicht verdient?

Gyges.
Wenn du ihn mir verh‰ngst, so mufl es sein!

Rhodope.
In dieser Stunde noch!

Gyges.
Ich bin bereit!

Rhodope.
Dich packt kein Schauder, wie er jeden Menschen, Wie er den J¸ngling doppelt packen mufl? Glaubst du vielleicht, es sei nicht bittrer Ernst, Weil dir ein Weib den blut’gen Spruch verk¸ndigt, Und du das Weib nur noch als Mutter kennst? O hoffe nicht, dafl auch die Mildeste
Ihn ‰ndern wird. Sie kann den Mord vergeben, Sie kann sogar f¸r ihren Mˆrder bitten, Wenn er ihr so viel Odem ¸brigliefl.
Doch eine Schande, die sie vor sich selbst Vom Wirbel bis zum Zeh mit Abscheu f¸llte, Solch eine Schande w‰scht das Blut nur ab: Je mehr sonst ganz nur Weib, nur scheues Weib, Je mehr vom Manne wird sie da verletzt!

Gyges.
Entsetzlich!

Rhodope. Kommt der Schauder? Hˆr mich aus! Wenn du nicht jetzt gerichtet vor mir st‰ndest, Von blanken Schwertern vor der T¸r bewacht, Und, willig oder nicht, das sichre Opfer Der Unterird’schen, die ich schon beschwor: Ich ˆffnete, wenn auch mit zager Hand,
Noch eh’ die Sonne sinkt, mir selbst die Adern Und w¸sche mich in meinem eignen Blut!
Denn alle Gˆtter stehn schon abgewandt, Wenn auch voll Mitleid da, die goldnen F‰den Zerreiflen, die mich an die Sterne kn¸pfen Und aufrecht halten, m‰chtig zieht der Staub, Und zˆgre ich, so h¸pft die neue Schwester, Die Krˆte, mir vertraulich ins Gemach!

Gyges.
O Kˆnigin, ich kˆnnte manches sagen, Und vielen Sand mir aus den Locken sch¸tteln, Der mir nur angeflogen ist im Sturm!
Ich will es nicht. Nur eines glaube mir: Erst jetzt erkenn’ ich, was ich tat, und doch War’s kaum geschehn, so hat’s mich schon gedr‰ngt, Es abzub¸flen. Wenn dein Gatte mir
Den Weg zum Orkus nicht vertreten h‰tte, Ich w‰re l‰ngst ein Schatten unter Schatten, Und du ges¸hnt, wenn auch noch nicht versˆhnt.

Rhodope.
Mein Gatte wehrte dir’s und wuflte doch–

Gyges.
Gleichviel! Die seltne Regung, die ihn faflte, Hat mich um das Verdienst des freien Todes, Dich aber um dein Opfer nicht gebracht.
Leb wohl!–Und deine Schwerter bleiben rein!

Rhodope.
Halt! Nicht durch eigne Hand und nicht durch Mord, Durch deinen hˆchsten Richter sollst du fallen, Gleich kommt der Kˆnig und bestimmt dein Los.

Gyges.
Der Sterbende, er sei auch, wer er sei, Hat eine letzte Bitte frei. Du wirst
Mir nicht mein armes Totenrecht verk¸rzen, Ich weifl, du kannst es nicht! So lafl mich gehn!

Rhodope (macht eine abwehrende Bewegung).

Gyges.
Ich tat, was ich vermochte. Komme nun, Was kommen soll, ich trage keine Schuld.

Kandaules (tritt ein).

Rhodope (ihm entgegen).
Ich irrte nicht! Es war im Schlafgemach Ein Mensch versteckt!

Gyges.
Ja, Kˆnig, was ich dich
Nur ahnen liefl, weil mir der Mut gebrach, Es zu bekennen: es ist aufgedeckt,
Und todesw¸rdig steh ich vor dir da!

Kandaules.
Gyges!

Gyges. Mit diesen meinen beiden Augen Ver¸bt’ ich einen Frevel, den die H‰nde Nicht ¸berbieten, nicht erreichen w¸rden, Und z¸ckt’ ich auch auf dich und sie den Dolch.

Rhodope.
So ist’s!

Gyges. Zwar wuflt’ ich’s nicht, das kann ich schwˆren,
Mir sind die Frauen fremd, doch wie der Knabe Nach einem wunderbaren Vogel hascht
Und ihn erdr¸ckt, weil er sein zartes Wesen Nicht kennt, indes er ihn nur streicheln will, So hab ich auch das Kleinod dieser Welt
Zerstˆrt und ahnte nicht, dafl ich es tat.

Rhodope.
Sein Wort ist edel. Wehe ihm und mir, Dafl es nicht frommt!

Gyges.
Wenn den kastal’schen Quell
Aus dem die Lieblinge der Gˆtter trinken, Und der in einem Farbenspiel ergl‰nzt, Als w‰r’ er mit zerpfl¸ckten Regenbogen Von Iris’ eignen H‰nden ¸berstreut;
Wenn diesen Quell, der dem Parnafl entspringt, Ein Steinwurf tr¸bt, so f‰ngt er an, zu tosen Und steigt in wilden Wirbeln himmelan.
Dann singt auf Erden keine Nachtigall Und keine Lerche mehr, und in der Hˆhe
Verstummt sogar der Musen heil’ger Chor, Und eher kehrt die Harmonie nicht wieder, Bis ein ergrimmter Strom den frechen Schleudrer Hinunter knirscht in seinen dunklen Schofl: So ist’s mit einer Frauenseele auch!

Kandaules.
Gyges, ich bin kein Schurke.

Gyges.
Herr, du bist
Rhodopens Gatte, bist ihr Schutz und Schirm Und muflt ihr R‰cher sein.

Kandaules.
Ich bin vor allem
Ein Mann, der f¸r den Frevel, den er selbst Beging, nicht einen andern sterben l‰flt.

Gyges.
Kˆnig, was rettest du?

Kandaules.
Mich selbst!

Gyges.
Er
rast,
Hˆr nicht auf ihn!

Rhodope.
Mein Herr und mein Gemahl,
Was sprachst du da? Ich kann’s dir selbst nicht glauben Wenn du’s nicht wiederholst!

Kandaules.
Sprich du f¸r mich!
Du sollst mich nicht entschuldigen, du sollst Nur sagen, wie es kam.

Rhodope.
So ist’s? Ihr Gˆtter,
Lacht ¸ber mich!–Ich habe schon geklagt!

Kandaules.
Sprich, Gyges! (Ab.)

Gyges. Kˆnigin, oh,
wenn du w¸fltest,
Wie er dich immer pries, und wie ich stumpf Auf alle seine Flammenworte hˆrte,
Weil jeder Vogel, der dem Busch entrauschte Und meinem Pfeil entging, indem er sprach, Mein Auge auf sich zog–wenn du dir sagtest, Wie sehr dies unaufmerksam-kind’sche Wesen, Das er f¸r einen Ausdruck stillen Mifltrauns Und halben Zweifels nahm, obgleich es nur Aus’ fl¸cht’gem Sinn entsprang, ihn reizen muflte– Wenn du uns beide nur ein einzig Mal
Auf einer unsrer Streiferein im Walde Gesehen h‰ttest, ihn in seiner Glut
Und mich in meiner Blˆdheit, unverst‰ndig Nach bunten Steinen an der Erde sp‰hend, Indes er mir den Sonnen-Aufgang zeigte:
Ich bin gewifl, du blicktest wieder mild! Er glich dem Priester, der dieselbe Flamme, Die ihn durchlodert, zu des Gottes Ehre
Auch in der fremden Brust entz¸nden mˆchte; Wenn dieser, leidenschaftlich-unvorsichtig, Die heiligen Mysterien enth¸llt,
Um dumpfe Sinne rascher zu erwecken Und falsche Gˆtzen sichrer zu entthronen: Fehlt er so schwer, dafl man ihm nicht verzeiht?

Rhodope (macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung). Er hat sein Gattenrecht dir abgetreten?

Gyges.
Nenn es nicht so.

Rhodope. Du brauchtest nicht beim Wein
Nach seiner Hand zu greifen und dabei Den Ring ihm abzuziehn, wie ich’s mir dachte, Er gab ihn dir von selbst zur¸ck, du kamst Vielleicht sogar mit ihm zugleich?

Gyges.
Wie
kannst
Du’s glauben, Kˆnigin?

Rhodope.
Du bist ein J¸ngling–
Du denkst so edel–

Gyges.
War ich denn sein Knecht?
Und hat er je verlangt, dafl ich es sei? Nein, Kˆnigin, entschuldige mich nicht, Es bleibt bei deinem Spruch! Und halt ihn nicht F¸r grausam, er ist mild. Ich ging den Weg, Den ich wohl nimmer h‰tte gehen sollen, Doch nahm ich gleich auch meinen Fluch dahin. Ich wurde reif zum Tode, denn ich sah,
Dafl alles, was das Leben bieten kann, Vergeben war, und wenn ich in der Nacht
Ihn nicht schon fand und die entweihte Schwelle Mit meinem rasch vergoflnen Blut dir wusch, So ist die Schuld nicht mein: ich warb um ihn. Oh, h‰tt’ ich ihn ertrotzt, wie ich’s versuchte, Dann zitterte in deiner Seele jetzt
Nur noch ein Schauder vor dem Mˆrder nach, Der dir das Atmen um so s¸fler machte, Dein Gatte aber w¸rde, als dein Retter, Noch feuriger, wie je, von dir gek¸flt.

Rhodope.
Und Dinge k‰men, die’s uns f¸rchterlich Enth¸llen w¸rden, dafl die Gˆtter nicht Des Menschenarms bed¸rfen, sich zu r‰chen, Wenn eine Schuld, die keine S¸hne findet, Weil sie im Dunkeln blieb, die Welt befleckt. Doch, sie sind gn‰dig, dieser Frevel hat Umsonst in Finsternis sich eingewickelt, Er leuchtet doch hindurch. Das Wasser wird Sich nicht in Feuer wandeln, wenn der Mund Des Durst’gen es ber¸hrt, das Feuer nicht Erlˆschen, wenn der Hauch des Hungrigen Es auf dem Herde anbl‰st, nein, o nein, Die Elemente brauchen’s nicht zu k¸nden, Dafl die Natur vor Zorn im Tiefsten fiebert, Weil sie verletzt in einem Weibe ist:
Wir wissen, was geschah!

Gyges.
Wir wissen auch,
Was noch geschehen mufl! Vergib mir nur!

(Er will gehen.)

Rhodope.
Halt! Das nicht mehr!

Gyges.
Was kann ich andres tun?

Rhodope.
Du muflt ihn tˆten!

Gyges.
Ha!

Rhodope.
Du muflt! Und ich–
Ich mufl mich dir verm‰hlen.

Gyges.
Kˆnigin!

Rhodope.
So geh.

Gyges. Ihn tˆten!

Rhodope. Wenn
du zu mir sagst:
Jetzt bist du Witwe! so erwidre ich: Jetzt bist du mein Gemahl!

Gyges.
Du hast gesehn,
Wie er von hinnen ging. Er sprach f¸r sich Kein einzig Wort, er ¸berliefl es mir, Und ich, ich sollte–Nein!

Rhodope.
Du muflt es tun,
Wie ich es fordern mufl. Wir d¸rfen beide Nicht fragen, ob’s uns schwer wird oder leicht.

Gyges.
Wenn er kein Gatte war: er ist ein Freund, Wie’s keinen zweiten gibt! Kann ich ihn tˆten, Weil er zu sehr mein Freund gewesen ist?

Rhodope.
Du wehrst dich, doch es ist umsonst.

Gyges.

Was soll
Mich zwingen, wenn dein Reiz mich nicht bezwang? Ich liebe dich, mir ist, als w‰re ich
Mit einem Starrkrampf auf die Welt gekommen, Und dieser lˆste sich vor deinem Blick! Die Sinne, welche, wie verschlafne W‰chter, Bisher nicht sahn, noch hˆrten, wecken sich In sel’gem Staunen gegenseitig auf
Und klammern sich an dich, rund um dich her Zerschmelzen alle Formen, sonst so scharf Und trotzig, dafl sie fast das Auge ritzten, Wie Wolkenbilder vor dem Sonnenstrahl;
Und wie ein Schwindelnder, der in den Abgrund Zu st¸rzen f¸rchtet, kˆnnt’ ich nach der Hand Dir greifen, ja, an deinen Hals mich h‰ngen, Eh’ mich das bodenlose Nichts verschlingt! Doch nicht mit einem Tropfen seines Blutes Mˆcht’ ich mir diesen hˆchsten Platz erkaufen, Denn selbst im Rausch verg‰fle ich ihn nicht!

Rhodope.
Du kannst es mir versagen, das ist wahr! Verlafl mich denn!

Gyges.
Was sinnst du, Kˆnigin?

Rhodope.
Ein Werk, das still beschlossen und noch stiller Vollbracht wird.–Geh!

Gyges.
Versteh ich dich?

Rhodope.

Vielleicht.

Gyges.
Du kˆnntest?

Rhodope. Zweifle nicht! Ich kann und will.

Gyges.
Nun, bei den Gˆttern, welche droben thronen, Und den Erinnyen, die drunten horchen,
Das darf nicht sein, und nimmer wird’s geschehn!

Rhodope.
So sagst du ja?

Gyges. Du weckst mich
aus dem Schlummer,
Nicht wahr, wenn er in Tr‰umen mir erscheint, Und trotz der Todeswunde immer l‰chelt, Bis mir das Haar sich str‰ubt.

Rhodope.
Nicht mehr! Nicht mehr!

Gyges.
Auch dr¸ckst du einen Kufl mir auf die Lippen, Damit ich in der Angst mich gleich besinne, Warum ich es getan–Du wendest dich,
Als ob’s dich schauderte bei dem Gedanken? Das schwˆr’ mir erst!

Rhodope.
Ich werde dein Gemahl.

Gyges.
Was frag ich auch! Ich siegte ja noch nicht.

Rhodope.
Gilt’s hier denn einen Kampf?

Gyges.
Ja, Kˆnigin,
Du denkst doch nicht von mir, dafl ich ihn morde? Ich fordre ihn auf Leben oder Tod.

Rhodope.
Und wenn du f‰llst?

Gyges.
So fluche mir nicht nach,
Ich kann nicht anders.

Rhodope.
Fall ich nicht mit dir?

Gyges.
Doch wenn ich wiederkehre?

Rhodope.
Am Altar
Wirst du mich finden, ebenso bereit, In deine Hand die meinige zu legen,
Als nach dem Dolch zu greifen und das Band Zu lˆsen, das mich an den Sieger kn¸pft, Wenn er es ist!

Gyges. Noch eh’ die
Sonne sinkt,
Entscheidet sich’s! So leb denn wohl.

Rhodope.
Leb wohl!

Und wenn’s dich freuen kann, vernimm noch eins: Du h‰ttest mich der Heimat nicht entf¸hrt, Um so an mir zu tun!

Gyges.
Meinst du, Rhodope?
Das heiflt: ich w‰re eifers¸chtiger Und neidischer gewesen, h‰tte mehr
Gef¸rchtet, weil ich wen’ger bin, als er, Und doch begl¸ckt es mich, dafl du dies meinst, Und ist genug f¸r mich, mehr als genug! (Ab.)

Rhodope.
Nun Brautgewand und Totenhemd herbei!

Lesbia (st¸rzt herein und wirft sich Rhodopen zu F¸flen). Du Gn‰dige!–Vergib!–Ich danke dir!

Rhodope (sie aufhebend).
Du wirst mir wohl nicht danken, armes Kind! Und doch! Zuletzt! Ja, Lesbia, zuletzt!

F¸nfter Akt

Freier Platz.

Der Kˆnig tritt auf. Ihm folgt Thoas.

Kandaules.
Du schleichst mir nach auf Schritt und Tritt. Was willst du? Fehlt dir der Mut, mich anzureden, Alter, Weil ich ein wenig barsch war gegen dich? Sprich! Setze deine Rede fort! Ich will
Geduldig sein und hˆren, brauchtest du Auch so viel Zeit, dafl eine gr¸ne Traube Sich purpurn f‰rbt, bis du zu Ende bist.

Thoas.
Herr, hab ich jemals einen Mann verklagt?

Kandaules.
Nein, Thoas.

Thoas. Oder einen Mann
verd‰chtigt?

Kandaules.
Gewifl nicht.

Thoas. Las ich heifle Worte
auf,
Wie sie im Zorn wohl auf die Erde fallen, Und warf sie dir ins Ohr und blies sie an?

Kandaules.
Nie!

Thoas. Nun, so werd ich doch mit siebzig Jahren Nicht tun, was ich mit zwanzig nicht getan, Denn ¸ber funfzig dien ich deinem Hause.

Kandaules.
Ich weifl es, treuer Knecht.

Thoas.
Die Erde zeugt
Ja immer fort, ob man die Kˆnige
Ermordet oder krˆnt, sie l‰flt die B‰ume Nicht ausgehn und die Beeren nicht vertrocknen, Auch h‰lt sie ihre Quellen nicht zur¸ck, Wenn man ihr einmal Blut zu trinken gibt.

Kandaules.
Das glaub ich auch!

Thoas.
Nicht wahr? Es bliebe alles,
Wie jetzt, ich meine, was mich selbst betrifft, Denn das ist unser Sklaven-Gl¸ck, dafl uns Ein roter Mond am Himmel wenig k¸mmert, Und dafl wir ruhiger, wie gier’ge Hunde, Die einen Bissen zu erschnappen hoffen,
Dem Opfer zusehn und nicht ‰ngstlich fragen, Ob’s Gutes oder Bˆses prophezeit.

Kandaules.
Was willst du sagen, Greis?

Thoas.
Dein Vater hatte
Mich immer um sich, einerlei, ob er Zum Schmausen ging, ob er zu Felde zog,
Ich durfte ihm nicht fehlen, heute reicht’ ich Den Becher ihm und morgen Schild und Speer. Auch ordnete ich ihm den Scheiterhaufen
Und sammelte mit meinen steifen Fingern Die weifle Asche in den braunen Krug.
Er hatt’ es so bestellt. Warum denn wohl?

Kandaules.
Die Traube wird schon rot.

Thoas.
Du bist ihm ‰hnlich,
Vielleicht–ich sah dich nie das Schwert noch ziehn, Er zog es oft und gern, zuweilen auch
Ganz ohne Grund, ich geb es zu, jawohl, Und doch war’s gut,–vielleicht gar vˆllig gleich. Drum w¸nscht’ ich dir sein Los.

Kandaules.
Ist das nicht mein?

Thoas.
Wer weifl! Das Ende rechn’ ich mit dazu. Vergib mir, Herr! Ich bin kein hurt’ger Kopf, Begreife schwer, hab niemals was erdacht, Und wer mich dumm nennt, schimpft mich darum nicht. Doch wackre M‰nner kamen schon zu mir
Und fragten mich um Rat, und als ich stutzte, Da sagten sie: der schlichtste alte Mann, Der siebzig Jahre z‰hlt und seine Sinne Behielt, versteht von manchen Dingen mehr, Als selbst der Kl¸gste, der noch J¸ngling ist. Nun, meine Sinne, denk ich, hab ich noch: So hˆr auf mich.

Kandaules. Ich tu es ja.

Thoas.
Und qu‰le
Mich nicht um Gr¸nde, glaube nicht, dafl ich Gleich Unrecht habe, wenn ich auch verstumme, Weil ein Warum von soundso viel Drachmen Mir fehlt, wenn du mein Wort zu w‰gen denkst. Du kannst ja auch die Vˆgel, die nicht fliegen, Wie dir’s gef‰llt, wenn sie dein Seher fragt, Durch einen einz’gen Schufl von deinem Bogen Zerstreun, und mancher hat’s im Zorn getan. Doch kommt das Ungl¸ck darum weniger,
Das sie verk¸ndeten? So sprich denn nicht: Was willst du? Er ist tapfer, brav und treu! Ich weifl es selbst und will’s sogar beschwˆren, Allein ich warne dich nur um so mehr:
Nimm dich in acht vor Gyges!

Kandaules (lacht).

Thoas.
Dacht’ ich’s doch!
Ich sag’s dir noch einmal: nimm dich in acht! Versteh mich aber recht. Ich sage auch:
Er wird dir nimmer nach der Krone greifen, Er wird dich mit dem letzten Tropfen Bluts Verteidigen, und dennoch ist er dir
Gef‰hrlicher, als alle, die sich gestern Mit Blicken oder Worten gegen dich
Verschworen haben! Ei, die tun dir nichts, Wenn er nur nicht mehr da ist! Darum schaffe Ihn fort, sobald du kannst. Denn, wenn er bleibt Und mit den Kr‰nzen, die er sich errang, Noch l‰nger so herumgeht unter ihnen,
Kann viel geschehn.

Kandaules. Du
meinst?

Thoas.
Ich seh es
ja!
Das fl¸stert und vergleicht! Das zuckt die Achseln, Das ballt die Faust und nickt sich heimlich zu! Du hast sie gar zu schwer gekr‰nkt. Und wird Der Grieche, wenn er morgens beim Erwachen Auf einmal ¸ber deine Krone stolpert,
Weil man sie ihm des Nachts zu F¸flen legte, Sie noch verschm‰hn? Da w‰r’ er ja ein Tor. Es ist genug, dafl er dich nicht beraubt, Beerben darf er dich, und wird er dich.
Ei, seine Zeichen stehn, du glaubst nicht, wie! Sonst schimpften sie ihn einen Zitherspieler Und meinten, wie denn ich es selber meine, Dafl nur die Vˆgel s¸fle Kehlen h‰tten, Die arg verk¸rzt um ihre Klauen sind.
Jetzt ist er ihnen, weil er singen kann, Wenn noch nicht Phˆbus selbst, so doch sein Sohn!

Kandaules.
Das wundert dich? Er hat sie ja besiegt! Wie kˆnnte denn ein Mensch ihr Sieger sein.

Thoas.
Gleichviel! Doch er ist wirklich brav und treu, Drum folge mir. Dann geht’s vielleicht noch gut, Wenn nicht die Gˆtter eine Strafe senden, Und ¸ber’s Jahr versˆhnst du die und uns!

Gyges (tritt auf).

Thoas.
Er kommt. Sprach ich umsonst? Herr, l‰chle nicht! Selbst an der Mauer schieflt Salpeter an, Warum denn nicht das Salz der Zeit an mir? (Er zieht sich in den Hintergrund zur¸ck.)

Kandaules.
Du hast mich mehr getroffen, als du denkst!– Nun, Gyges?

Gyges. Herr, ich habe dich gesucht.

Kandaules.
Ich dich nicht weniger. So sag mir an: Was bringst du mir?–Du kehrst dich schweigend ab? Was es auch sei: ich bin auf viel gefaflt!

Gyges.
Oh, h‰ttest du mein Opfer angenommen!

Kandaules.
Ich werde nie bereun, dafl ich’s nicht tat. Doch, w‰r’ es auch geschehn, was h‰tt’s gefrommt? Ihr Argwohn hatte unauslˆschlich schon
Des Nachts an deinem Seufzer sich entz¸ndet, Doch hadre darum nicht mit dir, wer w‰re Ein Mensch und h‰tte nicht geseufzt, wie du!

Gyges.
Es war kein guter Tag, an dem der Kˆnig Von Lydien den Griechen Gyges traf.

Kandaules.
Ich fluch ihm nicht.

Gyges.
Du h‰ttest dich des Tigers
Wohl selbst erwehrt, der auf dich lauerte, Und ich, mit meinem ¸berfl¸ss’gen Pfeil, Beraubte, statt vom Tode dich zu retten, Dich nur des Meisterschusses.

Kandaules.
Das ist wahr,
Ich hatt’ ihn wohl bemerkt und war bereit. Doch, als ich sah, wie dir die Augen blitzten, Die Wangen gl¸hten, und die Brust sich hob, Da unterdr¸ckte ich ein stilles L‰cheln Und dankte dir.

Gyges. So edel war er
stets!
Auch da, wo ich’s nicht ahnte! Kann ich denn?

Kandaules.
Ich sah es auf den ersten Blick ja auch, Dafl du in einer grˆfleren Gefahr
Die Tat noch k¸hner wiederholen w¸rdest; Wenn die nicht kam, so war’s nicht deine Schuld!

Gyges.
Herr, sprich nicht mehr. Es ist so, wie du sagst, Ich h‰tte an ein Haar von deinem Haupte Mein Blut gesetzt, und dennoch mufl ich jetzt, So will’s der Fluch, dein Leben fordern–

Kandaules.
Mein Leben!

Gyges. Ja, wenn sie nicht sterben soll!
Die Sonne neigt sich schon zum Untergang, Und sieht dein Auge noch den Abendstern, So sieht das ihrige ihn nimmermehr.

Kandaules.
Sie will sich tˆten, wenn du mich nicht tˆtest?

Gyges.
Sie will es! St‰nd’ ich sonst wohl so vor dir?

Kandaules.
Kein andres Opfer kann ihr mehr gen¸gen?

Gyges.
Ich bot das hˆchste, doch es war umsonst.

Kandaules.
Da wird sie mir den Abschied auch versagen!

Gyges.
Ich f¸rchte, sie entflieht vor dir ins Grab!

Kandaules.
Dann nimm mein Leben hin!–Du f‰hrst zur¸ck?

Gyges.
So willig gibst du’s her?

Kandaules.
Wer frevelte,
Mufl Bufle tun, und wer nicht l‰chelnd opfert, Der opfert nicht!–Kennst du mich denn so schlecht Und h‰ltst mich so gering, dafl du darob Erstaunen, ja erschrecken kannst? Ich werde Doch sie nicht zwingen, mit den Rosenfingern, Die noch zu zart f¸rs Blumenpfl¸cken sind, Nach einem Dolch zu greifen und zu pr¸fen, Ob sie das Herz zu finden weifl?

Gyges.
Du schl‰gst
Sogar das schirmende Gewand zur¸ck Und beutst mir selbst die Brust?

Kandaules.
Ich zeige dir
Den n‰chsten Weg zum Ziel und ebne ihn,

Damit du, wenn du wieder vor sie trittst, Doch irgend etwas an mir loben kannst.
Hier rauscht der Quell des Lebens, den du suchst: Den Schl¸ssel hast du selbst. So sperre auf!

Gyges.
Nicht um die Welt!

Kandaules. Um sie, mein
Freund, um sie!

Gyges (macht eine abwehrende Bewegung).

Kandaules.
Doch, ich besinne mich, du wolltest heut Mit eigner Hand dein junges Blut vergieflen! Den Mut erschwing ich auch wohl noch, drum geh Und bringe ihr mein letztes Lebewohl,
Es ist so gut, als l‰ge ich schon da.

Gyges.
Nein! Nein! Ich kam, zu k‰mpfen!

Kandaules.
Ei wie stolz!
Du kannst im Kampf mit mir nicht unterliegen, Nicht wahr?

Gyges. Du kennst mich besser!

Kandaules.
Nun, auch
das!
Selbst, wenn ich siegen sollte, bleibt mir noch Das andre ¸brig!–Ist das nicht der Duft Der Aloe? Jawohl, schon f¸hrt der Wind
Ihn uns vom Garten zu. Die ˆffnet sich, Nur wenn die Nacht sich naht. Da wird es Zeit.

Gyges.
Oh, dieser Ring!

Kandaules. Du meinst, er w‰re besser
In seiner Gruft geblieben! Das ist wahr! Rhodopens Ahnung hat sie nicht betrogen, Und dich dein Schauder nicht umsonst gewarnt. Denn nicht zum Spiel und nicht zu eitlen Possen Ist er geschmiedet worden, und es h‰ngt Vielleicht an ihm das ganze Weltgeschick. Mir ist, als d¸rft’ ich in die tiefste Ferne Der Zeit hinunter schaun, ich seh den Kampf Der jungen Gˆtter mit den greisen alten: Zeus, oft zur¸ckgeworfen, klimmt empor
Zum goldnen Stuhl des Vaters, in der Hand Die grause Sichel, und von hinten schleicht Sich ein Titan heran mit schweren Ketten. Warum erblickt ihn Kronos nicht? Er wird Gefesselt, wird verst¸mmelt, wird gest¸rzt. Tr‰gt der den Ring?–Gyges, er trug den Ring, Und G‰a selbst hat ihm den Ring gereicht!

Gyges.
So sei der Mensch verflucht, der dir ihn brachte.

Kandaules.
Warum? Du tatest recht, und w‰re ich Dir gleich, so h‰tte er mich nicht verlockt, Ich h‰tt’ ihn still der Nacht zur¸ckgegeben, Und alles w¸rde stehen, wie zuvor.
Drum dinge mir des Werkzeugs wegen nichts Vom Frevel ab, die ganze Schuld ist mein!

Gyges.
Doch, welche Schuld!

Kandaules.
Das W‰gen ist an ihr!–
Auch f¸hl ich’s wohl, ich habe schwer gefehlt, Und was mich trifft, das trifft mich nur mit Recht. Das schlichte Wort des alt-ehrw¸rd’gen Dieners Hat mich belehrt. Man soll nicht immer fragen: Was ist ein Ding? Zuweilen auch: was gilt’s? Ich weifl gewifl, die Zeit wird einmal kommen, Wo alles denkt, wie ich; was steckt denn auch In Schleiern, Kronen oder rost’gen Schwertern, Das ewig w‰re? Doch die m¸de Welt
Ist ¸ber diesen Dingen eingeschlafen, Die sie in ihrem letzten Kampf errang,
Und h‰lt sie fest. Wer sie ihr nehmen will, Der weckt sie auf. Drum pr¸f er sich vorher, Ob er auch stark genug ist, sie zu binden, Wenn sie, halb wachger¸ttelt, um sich schl‰gt, Und reich genug, ihr Hˆheres zu bieten, Wenn sie den Tand unwillig fahren l‰flt. Herakles war der Mann, ich bin es nicht; Zu stolz, um ihn in Demut zu beerben,
Und viel zu schwach, um ihm es gleich zu tun, Hab ich den Grund gelockert, der mich trug, Und dieser knirscht nun r‰chend mich hinab.

Gyges.
Nein! Nein!

Kandaules. So ist’s. Auch darf’s nicht anders sein! Die Welt braucht ihren Schlaf, wie du und ich Den unsrigen, sie w‰chst, wie wir, und st‰rkt sich, Wenn sie dem Tod verfallen scheint und Toren Zum Spotte reizt. Ei, wenn der Mensch da liegt, Die sonst so fleifl’gen Arme schlaff und lafl, Das Auge fest versiegelt und den Mund
Verschlossen, mit den zugekrampften Lippen Vielleicht ein welkes Rosenblatt noch haltend, Als w‰r’s der grˆflte Schatz: das ist wohl auch Ein wunderliches Bild f¸r den, der wacht Und zusieht. Doch, wenn er nun kommen wollte, Weil er, auf einem fremden Stern geboren, Nichts von dem menschlichen Bed¸rfnis w¸flte, Und riefe: hier sind Fr¸chte, hier ist Wein, Steh auf und ifl und trink! Was t‰tst du wohl? Nicht wahr, wenn du nicht unbewuflt ihn w¸rgtest, Weil du ihn packtest und zusammendr¸cktest, So spr‰chst du: dies ist mehr, als Speis und Trank! Und schliefest ruhig fort bis an den Morgen, Der nicht den einen oder auch den andern, Nein, der sie alle neu ins Dasein ruft!
Solch ein vorwitz’ger Stˆrer war ich selbst, Nun bin ich denn in des Briareus H‰nden, Und er zerreibt das stechende Insekt.
Drum, Gyges, wie dich auch die Lebenswoge Noch heben mag, sie tut es ganz gewifl
Und hˆher, als du denkst: vertraue ihr Und schaudre selbst vor Kronen nicht zur¸ck, Nur r¸hre nimmer an den Schlaf der Welt! Und nun–

Gyges. Die Sonne sinkt! Es mufl so sein.

Kandaules.
Thoas! (Er nimmt sich die Krone ab.)

Thoas. Was sinnst du, Herr?

Kandaules.
Du wolltest mich
Ja fechten sehn, die Freude mach ich dir, Doch daf¸r hebst du diese Krone auf
Und reichst sie dem, der ¸brigbleibt von uns!

(Zu Gyges.)

Wenn du das bist, so gˆnn ich’s dir, und gern Wird man auf deinem Haupt sie sehn!–Ei was, Du wolltest sie nicht nehmen? Sch‰me dich! Da k‰m’ sie nur an einen schlechtern Mann!

Gyges.
Herr, schwˆr mir, dafl du redlich k‰mpfen willst.

Kandaules.
Ich mufl ihr zeigen, dafl ich so viel Schˆnheit Nicht leicht verliere. Darum schwˆr ich’s dir. Und du?

Gyges. Sie lebt und stirbt mit mir! Ich mufl! Und wenn ich auch bei jedem Streiche denke: Viel lieber einen Kufl! so werde ich
Darum doch keinen m‰fligen.

Kandaules.
So gib
Mir noch einmal die Hand!–Nun sei f¸r mich Ein Tiger, ich f¸r dich ein Leu und dies Der wilde Wald, in dem wir oft gejagt.

(Sie ziehen.)

Gyges.
Noch eins! Aus Scham hielt ich’s zur¸ck. Sie will Sich mir verm‰hlen, wenn du unterliegst.

Kandaules.
Ha! Nun versteh ich sie!

Gyges.
So wehre dich!

(Gefecht, w‰hrend dessen sie sich links verlieren.)

Thoas.
Er f‰llt!–Der letzte Heraklide fiel!

(Ab, ihnen nach.)

F¸nfter Akt–2

Der Tempel der Hestia.

Man erblickt in der Mitte die Bilds‰ule der Gˆttin. Rhodope kommt rechts in feierlichem Zug, mit ihr Lesbia, Hero und Karna. Es ist Abend. Fackeln.

Rhodope.
Karna, der Scheiterhaufen wird errichtet?

Karna.
Er ist es schon!

Rhodope (schreitet in den Tempel und kniet vor der Bilds‰ule der Gˆttin nieder).

Hero.
Sie spricht
vom Scheiterhaufen,
Anstatt vom Brautgemach?

Lesbia.
Das wundert dich?
Es mufl hier erst doch einen Toten geben, Bevor es eine Braut hier geben kann.

Hero.
Ich zittre, Lesbia. Sie fragte mich, Als ich sie schm¸ckte, ob in unserm Garten Wohl gift’ge Beeren w¸chsen–

Lesbia.
Wie?

Hero.

Und ob
Ich ihr davon nicht ein’ge bringen kˆnnte; F¸r jede schenke sie mir eine Perle,
Und wenn es hundert w‰ren, aber schnell M¸flt’ es geschehn!

Lesbia.
Und du?

Hero.
Ich sagte nein!
Da l‰chelte sie zwar und sprach: das konnt’ ich Mir denken, morgen zeige ich sie dir,
Doch kam’s mir seltsam vor.

Lesbia.
Das ist es auch!

Hero.
Nun schickte sie mich fort, ich aber lauschte Und sah, dafl sie mit einem spitzen Dolch, Wie zum Versuch, ich kann’s nicht anders nennen, Den Arm sich ritzte.

Lesbia.
Hero!

Hero.
Ja, es kam
Auch rotes Blut.

Lesbia.
Entsetzlich!

Hero.
Freilich ehrt
Sie neben unsern Gˆttern auch noch fremde, Die wir nicht kennen, und so ist’s vielleicht Ein dunkler Brauch!

Lesbia.
Nein, nein! Wo tˆnt die Flˆte
Und wo das Rohr? Wer singt den Hymen‰us? Wo sind die T‰nzerchˆre? Ich war blind! Sie zog hinaus, um nicht mehr heimzukehren! Oh, Kˆnigin, ich bitt dir ab!–Wird denn Ein Mahl ger¸stet?

Hero.
Nein! Dafl ich nicht weifl!

Lesbia.
So sei der Trotz verflucht, der mich bewog, Mich eben heut so fern von ihr zu halten, Nun–Gˆttin, sie ist dein zu dieser Stunde, So wende du ihr Herz! Ich kann’s nicht mehr.

Hero.
Ja, reine, keusche, heilige, das tu!– Und ist es nicht auch seltsam, dafl sie sich, Anstatt der ewig heitern Aphrodite,
Die strenge Hestia, vor deren Blicken Der gr¸nste Kranz verdorrt, zur Zeugin w‰hlt?

Lesbia.
Ach, alles deutet aufs Entsetzlichste.

Gyges (tritt auf).

Hero.
Gyges!

Lesbia. Oh, nimm ihn hin! Nur tu es nicht,

Gyges.
Mir ist, als h‰tt’ ich selbst das Blut verloren, Das ihm entstrˆmte!–Ich bin totenkalt.

Hero.
Wie bleich er aussieht!

Gyges.
Da ist der Altar–
An einem andern hab ich sie gesucht– Da stehen ihre M‰dchen–da ist sie–
Was nun?

Thoas (tritt auf).
Ich bringe dir die Krone dar!

Gyges.
Den Lydiern gehˆrt sie und nicht mir.

Thoas.
Den Lydiern hab ich sie erst gebracht, Und als ihr Bote steh ich jetzt vor dir!

Volk (von drauflen)
Heil, Gyges, Heil!

Rhodope (erhebt sich und wendet sich).

Volk (hereindringend).
Dem Kˆnig Gyges Heil!

Thoas.
Doch sei nicht stolz auf diesen Ruf, die Nachbarn Sind in das Land gefallen, nun sollst du Sie f¸hren!

Gyges.
Wie?

Thoas.
Es kam, wie ich gedacht,
Er war zu mild, es f¸rchtete ihn keiner, Jetzt sind sie da!

Gyges (setzt die Krone auf). Ich zahle seine Schuld.

Rhodope (die sich dem Gyges langsam gen‰hert hat). Erst deine eigne, Gyges!

Gyges.
Kˆnigin,
Sei du der Preis, der mir entgegenwinkt, Wenn ich die Feinde rings zerschmettert habe–

Rhodope.
Nein, nein! Von mir erlangst du keine Frist!– Wir kˆnnen nicht vor meinen Vater treten, So tritt mit mir vor Hestias Altar
Und reiche mir vor ihrem Angesichte Die Hand zum ew’gen Bunde, wie ich dir!

Gyges.
Wenn du gesehen h‰ttest, wie er schied, So w¸rdest du den Schauder heilig halten, Der mir verbeut, auch nur dein Kleid zu streifen, Bevor ich das f¸r ihn getan! Wem bot
Die reiche Welt so viel, wie ihm, und doch Ging er hinaus, wie andere hinein!

Rhodope.
Wenn er so edel in das d¸stre Reich Hinunterstieg, wo keiner sich aufs neue
Mit Schuld befleckt, so werde ich ihm gern, Und w‰r’s auch auf der Schwelle schon, begegnen, Ja, ihm mit eigner Hand vom Lethe schˆpfen Und selbst verzichten auf den sel’gen Trunk. Dich aber mahn ich: ende jetzt!

Gyges.
Es sei!–
Doch dies gelob ich dir, du teurer Schatten, Ich zieh hinaus, so wie’s geschehen ist!

Rhodope.
Auch ich gelobte etwas!

Gyges.
Kˆnigin,
Wer einen solchen Kelch voll Seligkeit Beiseite stellt, wie ich, und w‰r’s auch nur F¸r eine Stunde, der verdient sich ihn.

Rhodope.
Still, still, du bist an einem heil’gen Ort.

(Sie schreiten zum Altar.)

Rhodope.
O Hestia, du H¸terin der Flamme,
Die das verzehrt, was sie nicht l‰utern kann: Ich dank es diesem J¸ngling, dafl ich wieder Vor deinem Angesicht erscheinen darf,
Und, wie das Volk zum Kˆnig, so erhebe Ich ihn, sei du mir Zeugin, zum Gemahl.

(Sie reicht Gyges die Hand.)

Als Morgengabe sieh die Krone an,
Die schon gebietend dir vom Haupte funkelt, Mir aber gib den Totenring zum Pfand.

Gyges.
Den tr‰gt der Kˆnig noch an seinem Finger.

Rhodope.
Dann hat er schon den Platz, der ihm geb¸hrt.

(Sie l‰flt Gyges’ Hand los.)

Nun tritt zur¸ck, und halte dein Gel¸bde, Wie ich das meinige! Ich bin ents¸hnt,
Denn keiner sah mich mehr, als dem es ziemte, Jetzt aber scheide ich mich (Sie durchsticht sich.) so von dir!