Agnes Bernauer by Friedrich Hebbel

This etext was produced by Michael Pullen. Agnes Bernauer Ein deutsches Trauerspiel in fünf Aufzügen Friedrich Hebbel Personen: Ernst, regierender Herzog zu München-Bayern Albrecht, sein Sohn Hans von Preising, sein Kanzler Marschall von Pappenheim, Ignaz von Seyboltstorf, Wolfram von Pienzenau und Otto von Bern, Ritter auf der Seite des Herzogs Ernst Graf Törring, Nothhafft von
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This etext was produced by Michael Pullen.

Agnes Bernauer

Ein deutsches Trauerspiel in fünf Aufzügen

Friedrich Hebbel

Personen:

Ernst, regierender Herzog zu München-Bayern

Albrecht, sein Sohn

Hans von Preising, sein Kanzler

Marschall von Pappenheim,
Ignaz von Seyboltstorf,
Wolfram von Pienzenau und
Otto von Bern, Ritter auf der Seite des Herzogs Ernst

Graf Törring,
Nothhafft von Wernberg und
Rolf von Frauenhoven, Ritter auf der Seite des Herzogs Albrecht

Hans von Läubelfing, ein Ritter von Ingolstadt

Emeran Nusperger zu Kalmperg, Richter zu Straubing

Caspar Bernauer, Bader und Chirurgus zu Augsburg

Agnes, seine Tochter

Theobald, sein Geselle

Knippeldollinger, sein Gevatter

Hermann Nördlinger, Bürgermeister zu Augsburg

Barbara und
Martha, Bürgermädchen

Stachus, ein Diener

Der Kastellan auf Vohburg und Straubing

Ein Herold des Reichs

Ein Legat der Kirche

Volk, Ritter und Reisige in großen Massen

Die Handlung ereignet sich zwischen 1420 und 1430.

Erster Akt
Zweiter Akt
Dritter Akt
Vierter Akt
Fünfter Akt

Erster Akt

Augsburg.

Erste Szene

Baderstube.

Theobald (allein, einen Blumenstrauß in der Hand). Ich weiß nicht, was ich tun soll. (Er hält den Blumenstrauß empor.) Zertret ich dich? Um die schönen Rosen wär’s schade, die sind unschuldig! Oder überreich ich dich? Nein, gewiß nicht, und das hätt’ ich ihm gleich gesagt, dem Herrn Ungetreu, der zu glauben scheint, daß ich keine Augen habe, und kein Herz, und kein Blut, wenn–ja, das war’s ja! Ich wollte sie prüfen! Da kommt sie! Mit dem Morgensüppchen des Vaters! Oh, wie das schmecken muß! Wenn die für mich einmal kochte, ich–(Verbirgt den Strauß.)

Zweite Szene

Agnes (tritt ein mit einer Suppe). Guten Morgen, Theobald!

Theobald. Danke schön, Jungfer, danke schön! Wohl geschlafen?

Agnes. So sollt’ ich Euch fragen! Ihr werdet oft herausgeklopft, wenn sie gerauft haben, und ein Pflaster brauchen.

Theobald. Das bemerkt Ihr? (Für sich.) Ich geb ihr den Strauß und bestelle alles! Wenn sie dann ein Gesicht macht und pfui sagt und mich anfährt: dazu gibst du dich her-

Agnes. Was verbergt Ihr denn hinter dem Rücken?

Theobald (zeigt den Strauß). Ja so, das hätt’ ich bald vergessen!

Agnes. Ah, der ist schön! Gebt ihn mal her! (Sie riecht.) Wenn wir doch auch einen Garten hätten! Wessen Namensfest ist denn heute? (Sie will ihn zurückgeben.)

Theobald. Behüte, er gehört Euch!

Agnes. Mir? Oh, da dank ich! Aber da geht’s mit Eurem alten Ohm wohl bald zu Ende?

Theobald. Mit meinem Ohm?

Agnes. Nun ja, weil er seine Blumen zu verschenken anfängt, das pflegt ein Gärtner nicht zu tun, und gekauft habt Ihr sie doch gewiß nicht?

Theobald. Er ist nicht von mir!

Agnes. Nicht von Euch? Von wem denn?

Theobald. Ratet!

Agnes. Von–Nein, Barbara kann’s nicht sein, die sieht mich nicht mehr an, ich weiß zwar nicht, warum.

Theobald. Es ist keine Sie!

Agnes. Keine Sie? Und Ihr seid’s auch nicht? (Sie legt den Strauß auf den Tisch.)

Theobald. Gottlob, ihr fällt sonst niemand ein!

Agnes. Aber, da muß ich Euch doch fragen-

Theobald. Scheltet nur! Ich wollt’s bloß wissen!

Agnes. Was?

Theobald. Ob Ihr vielleicht in der Kirche nach ihm geblinzelt, oder ihm wohl gar bei einem Tanze die Hand gedrückt hättet!

Agnes. Wem denn?

Theobald. Es ist schon gut, wenn Ihr nicht von selbst auf ihn kommt! (Er nimmt den Strauß.) Ha, unserer alten Gertrud will ich ihn jetzt verehren, die soll ihn an die platte Brust stecken, wenn sie auf den Markt humpelt, und sich mit einem Knicks bedanken, wenn sie sich an dem Hause vorbeischiebt! (Er springt.) Ich könnte jetzt–(Er singt.)

Wenn zwei sich die Hände geben-
Jungfer, es ist ein schönes Lied!
(Singt wieder.)

Und wer ein guter Geselle ist,
Der wird wohl auch ein Meister!

Oder ist das nicht wahr?

Agnes. Ihr seid zu früh lustig! Spät am Abend ist besser, als früh am Morgen.

Theobald. Und doch singen die Vögel, wenn sie erwachen, und nicht, wenn sie einschlafen. (Er faßt ihre Hand.)

Agnes (zieht sie zurück). Was wollt Ihr?

Theobald. Bloß nachsehen, ob–Ihr habt sie mir einmal gelassen!

Agnes. Als Ihr mir eine Ader öffnen solltet!

Theobald. Nun freilich! (Er nimmt die Hand wieder.) Ließ mein Schnepper keine Spur? Ich machte es ungeschickt!

Agnes. Zittert Ihr immer so dabei, wie damals?

Theobald. O nein! mir ward nur so wunderlich, als ich Euch weh tun sollte. Aber wie rot Euer Blut ist! (Für sich.) Aus meinen Lippen hätt’ ich gern den Verband gemacht, wenn der Vater nicht dabeigestanden wäre!

Dritte Szene

Knippeldollinger (ruft ins Fenster). Guten Morgen, Patchen!

Agnes. Guten Morgen, Herr Gevatter!

Theobald. Ist der alte Geck auch schon da?

Knippeldollinger. Ich habe von Euch geträumt!

Agnes. Danke der Ehre.

Theobald. Von deinem Begräbnis hätt’st träumen sollen! Das hätt’ sich besser geschickt.

Knippeldollinger. Kirschen gab ich Euch, von den großen, fremden, die ich an der Mauer aufziehe!

Agnes. Sind die schon so weit?

Knippeldollinger. O ja, es kommt heut abend ein Korb voll davon aufs Tanzhaus!

Theobald. Da werden sie gut bezahlt!

Knippeldollinger. Und während Ihr sie verzehrtet, führte ich Euch spazieren!

Theobald (laut). Auf den Kirchhof, jawohl, ich war mit dabei!

Knippeldollinger. Spaßvogel, ist Er auch da?

Theobald. Ihr tratet auf einen Totenkopf, und der schnappte nach Euch, es war der von Eurer letzten Frau!

Agnes. Pfui!

Knippeldollinger. Nicht doch, nicht doch, Patchen, ein Bader muß spaßig sein, man will doch was hören, wenn man sich den Bart oder das Haar scheren läßt. Der Theobald taugt zum Geschäft! Nur in die Ohren muß er niemanden schneiden, wie neulich mir! Nun, geh ich heute leer aus, bekomm ich das Patschchen nicht?

Agnes. Ich habe wieder die Blattern!

Knippeldollinger. Halt mir das nicht immer vor! Nun, ich werde dich nachher noch sehen, denn die Muhme wird dich zum Turnier abholen, ich habe für Plätze gesorgt. Das wollt’ ich dir eigentlich sagen!

Agnes. Danke! Zwar weiß ich nicht-

Knippeldollinger. Ei, es kommt nicht alle Tage. Ritter, Grafen und Barone sind schon hier in Augsburg selten, nun gar ein Herzog von Bayern–der Tausend, da wird niemand, als der Scharfrichter mit seinen Freiknechten fehlen, der freilich gute Gründe hat, nicht unter ehrlichen Christenmenschen zu erscheinen!

Vierte Szene

Theobald. Da humpelt er hin auf seinen drei Beinen. Ihr steht doch in seinem Testament? Nun, recht hat er, es wird lustig zugehen, ich freu mich auch! (Es wird etwas durchs Fenster geworfen.) Was ist denn das? Es klirrt ja!

Agnes. Schlüssel!

Fünfte Szene

Barbara (tritt in die Tür). Darf ich sie wiederholen?

Agnes. Barbara!

Barbara. Agnes?

Agnes. Du kamst lange nicht!

Barbara (nimmt die Schlüssel auf). Und jetzt hab ich hier etwas zu tun! Siehst du?

Agnes. Wir waren immer so gut miteinander: was hast du jetzt gegen mich?

Barbara. Oh, das bin ich nicht allein!

Agnes. Heilige Mutter Gottes, was sagst du da?

Barbara. Du siehst deine Gespielinnen wohl gar nicht mehr an, daß du nicht weißt, wie sie dich ansehen?

Agnes. Es ist wahr, ich erhalte meinen Gruß nicht immer so freundlich zurück, wie ich ihn biete!

Barbara. Glaub’s!

Agnes. Aber bei Gott, wenn mir das mit einer begegnete, so dacht’ ich: Sie hat schlecht geträumt oder sie ist von der Mutter gescholten oder sie hat ihren Ring verloren-

Barbara. Dabei kamst du denn freilich gut weg.

Agnes. Was tu ich denn? Sag’s!

Barbara. Tun! Was tun! Wenn’s schon so weit gekommen wäre, so würde man leicht mit dir fertig!

Agnes. Barbara!

Barbara. Sag doch einmal, warum–(Sie zeigt auf Theobald.) Nun, da steht ja gleich wieder einer und gafft! (Zu Theobald.) Nicht wahr, ich bin gar nicht da! (Zu Agnes.) Gehst du heute? Zum Turnier, mein ich! Ja? Nun, da will ich’s allen ansagen, damit sie zu Hause bleiben, ich zuerst!

Agnes. Das ist zu arg, das muß mein Vater wissen.

Barbara. Bewahre! Niemand red’t dir was übles nach!

Agnes. Und doch flieht man mich? Doch will man mich ausstoßen?

Barbara. Agnes, sieh mich mal an!

Agnes. Nun?

Barbara. Wie wär’ dir wohl zumute, wenn–laß uns hinaufgehen in deine Kammer!

Theobald. Ich will nicht im Wege sein, wenn gebeichtet werden soll! (Ab.)

Barbara. Ja, wie wär’ dir zumute, wenn du, wie sag ich, nun, wenn du einen gern hättest, und der hätte nur Augen für mich?

Agnes. Wie soll ich das wissen!

Barbara. So will ich’s dir sagen! Du würdest–Doch ich will mich nicht lächerlich machen, du weißt es selbst recht gut! Und meinst du, daß es anderen besser geht? (Bemerkt den Strauß.) Woher kommt der?

Agnes. Das weiß ich nicht!

Barbara. Nicht? Kommen so viele? Wenn er von meinem Wolfram käme, ich–Und es ist gern möglich, gerade die Blumen stehen in seinem Garten! Gestern den ganzen Tag sah ich nach seinem Vetter, zwang mich, dem gleichgültigen Menschen verliebte Blicke zuzuwerfen und dachte, er würde rasen. Abends, als wir zu Hause gingen, strich er den Burschen selbst gegen mich heraus, es war ihm recht gewesen, ich hatte ihm einen Gefallen damit getan!

Agnes. Arme!

Barbara. Daran bist du schuld, niemand schuld, als du! Als er dich noch nicht kannte, hing er an mir, wie eine Klette. In den Bärenzwinger wär’ er für mich hinabgestiegen und hätte meinen Handschuh heraufgeholt. Und nun–pfui!

Agnes. Du schiltst mich, und ich weiß nicht einmal, wovon du sprichst!

Barbara (nimmt den Strauß). Ich will schon dahinterkommen, ich nehm ihn mit!

Agnes. Mir gleich!

Barbara. Allen machst du abspenstig, was ihnen gehört! Ich würde mich schämen!

Agnes. Kannst du sagen, daß ich auch nur einen ansehe?

Barbara. Das ist’s vielleicht eben! Nonne und doch keine! Heilige, aber noch nicht im Himmel! Die muß man Gott abjagen! Da muß man alles daransetzen! Ei, sei, wie wir, kuck auf, sprich, und es wird sich geben!

Agnes. Tät’ ich’s, so würdest du wieder schmälen!

Barbara. So geh ins Kloster, wirf den Schleier über, den niemand heben darf! Ich dich um Vergebung bitten? In Ewigkeit nicht!

Agnes. Wer verlangt’s denn?

Barbara. Mein Beichtvater! Glaubst du, ich kam von selbst? Aber nein, lieber auf Erbsen knien! (Hält den Strauß in die Höhe.) Den werd ich ihm jetzt schenken! Kennt er ihn nicht, so schick ich dir einen doppelt so schönen! (Ab.)

Agnes. Sie tut mir leid! Aber kann ich’s ändern?

Sechste Szene

Theobald (tritt wieder ein). Die hat die arme Gertrud ja beraubt!

Agnes. Sie scheint den Verstand verloren zu haben!

Theobald. Das möcht’ ich doch nicht sagen!

Agnes. So hätte sie recht?

Theobald. Ich glaube fast! Jungfer, ich könnt’ Euch alle Morgen-

Siebente Szene

Caspar Bernauer (tritt mit einem Buch ein, das in ein rotes Tuch gewickelt ist; zu Agnes). Ja, ja, ja! Wenn ich nur nicht mit soll! Nun geh hinauf und lege dein Kettlein an. Sie blasen schon am Fronhof.

Agnes. Nein, Vater, ich bleibe zu Hause!

Caspar Bernauer. Wie? Was? Warum wartest du hier denn auf mich? (Zu Theobald.) An den Destillierkolben! Das Feuer wird zu schüren sein!

Theobald (geht ab).

Caspar Bernauer. Nun?

Agnes. Vater, all die Augen–es ist mir, als ob mich geradesoviel Bienen stächen! Und Er weiß ja, sie sehen alle nach mir!

Theobald (tritt wieder ein).

Caspar Bernauer. Sieh du sie wieder an! Nun, wenn du lieber deinen Rosenkranz abbetest, meinetwegen! (Sieht sich um, zu Theobald.) Noch keine Salben abgerührt? Hat der Hahn heut morgen nicht gekräht?

Theobald (geht ans Geschäft).

Agnes. Barbara war hier, alle hassen mich, ich verderb ihnen den Tag, wenn ich komme.

Caspar Bernauer. Und darum willst du ausbleiben? Nichts da! Dann dürfte der beste Ritter ja auch nicht kommen, denn der verdirbt den übrigen ja auch den Tag. Und der nächstbeste ebensowenig, und wer noch, bis auf den letzten, der nur zum Umpurzeln da ist! Torheit und kein Ende! Hinauf! (Zu Theobald.) Und du hole die Flasche mit dem Wundwasser herunter!

Beide (ab).

Achte Szene

Caspar Bernauer. Die Suppe ist kalt geworden! Ich nehm’s für genossen! (Legt das Buch auf den Tisch.) Bischöfliche Gnaden haben recht, wenig bring ich heraus und gerade die Hauptsachen nicht, die vom Hippokrates, denn die sind griechisch. Ich muß es so zurücktragen.

Neunte Szene

Knippeldollinger (tritt herein). Guten Morgen, Gevatter! Ah! Das ist wohl ein Buch? Ja?

Caspar Bernauer. Und das ist wohl ein funkelnagelneues Wams?

Knippeldollinger. Nun, wenn alte Leute nichts mehr machen ließen, würde mancher Schneider hungern! (Sieht ins Buch.) Herrje, wie kraus und bunt! Und das versteht Ihr, wie der Bischof?

Theobald (tritt mit der Flasche ein und macht sich wieder zu tun).

Caspar Bernauer. Ihr müßt immer fragen!

Knippeldollinger. Wie alt das wohl ist?

Caspar Bernauer. Seit der Kreuzigung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi sind jetzt verflossen
eintausendvierhundertsechsundzwanzig Jahre, aber der Autor dieses Buches, das ist zu sagen der Urheber, nämlich der Mann, der es gemacht hat, war schon über vierhundert Jahre tot, bevor der Herr auf Erden im Fleisch unter uns erschien.

Knippeldollinger. Macht an die zweitausend Jahre! Sollte man’s glauben, daß es Leute gibt, die solche Bücher so lange aufheben? Es ist doch kein Gold! Denkt nur an all die Feuersbrünste und Überschwemmungen, an Pestilenz und Seuchen! Sieh, sieh!

Caspar Bernauer. Es gab immer gelehrte Männer!

Knippeldollinger. Freilich, freilich! Was gab’s nicht! Wenn man das so erwägt, Gevatter, und gehörig bedenkt–Ja, ja! Nicht wahr? Sagt selbst!

Caspar Bernauer. Ich weiß nicht, was Ihr meint!

Knippeldollinger. Ho, ho! Besser, als ich! Damit kommt Ihr mir nicht durch. Nun, wie Ihr wollt! Wo bleibt denn mein Patchen? Die Muhme wird schon warten!

Caspar Bernauer. Ja, die hatte Grillen! (Zu Theobald.) Spring einmal zu ihr hinauf! Bring gleich das Besteck mit! Wir werden’s brauchen.

Theobald (ab).

Knippeldollinger. Ihr geht nicht auch? Wir könnten zusammenrücken!

Caspar Bernauer. Mich kümmern bei einem Turnier nur die Beulen und Wunden, und die krieg ich hier schon zu sehen, denn man trägt mir die Krüppel her!

Knippeldollinger. Aber der Herzog, der Herzog von Bayern-

Caspar Bernauer. Mich lüstet nicht nach seiner Bekanntschaft, und ich will ihm wünschen, daß er auch die meinige nicht suchen muß, denn dazu führt nur ein Rippenbruch! Heut abend ist das was anders.

Knippeldollinger. Denkt Euch, hinter der alten Klostermauer, wo mein Vetter wohnt, hat man letzte Nacht einen Toten gefunden!

Caspar Bernauer. Da ist viel zu wundern! Kommen jemals Reichsknechte nach Augsburg, ohne daß es etwas gibt?

Knippeldollinger. Wohl! Aber dieser ist so entstellt, daß man ihn gar nicht mehr erkennen kann!

Caspar Bernauer. So soll man drei Tropfen seines Blutes nehmen und sie um Mitternacht, mit einem gewissen Liquor vermischt, auf eine glühende Eibenkohle träufeln. Dann wird der Verstorbene im Dampf erscheinen, wie er leibte und lebte, aber in durchsichtiger Gestalt, gleich einer Wasserblase, mit einem dunkelroten Punkt in der Mitte, der das Herz vorstellt.

Knippeldollinger. Ei! Ei! Habt Ihr den Liquor?

Caspar Bernauer. Wenn Ihr ihn hättet, so ließet Ihr’s durch den Ratsweibel ausrufen!

Zehnte Szene

Agnes (kommt im Putz. Theobald folgt).

Knippeldollinger. Sieh da! (Faßt ihre Hand.) Nun bekomm ich sie doch?

Caspar Bernauer (zu Agnes). Soll ich dir jetzt mit dem Korkstöpsel ein neues Gesicht machen, wie zum Schönbartlaufen, da du das alte nicht gern mehr herumträgst?

Agnes. Kommt, Gevatter!

Knippeldollinger (führt sie ab, in der Tür). Wißt Ihr, daß der Syndikus sich wieder verheiratet? Er ist zehn Jahr älter, wie ich!

Caspar Bernauer. Ihr irrt, nur fünf! Viel Vergnügen! Wenig Rippenstöße!

Knippeldollinger (mit Agnes ab).

Elfte Szene

Caspar Bernauer. Alter schützt vor Torheit nicht! Nun, Caspar, nicht hochmütig, du hast wohl auch deinen Sparren! (Zu Theobald.) Geh nur auch, aber sei zur rechten Zeit wieder da! Du siehst’s ja schon! Wenn sie einen forttragen!

Theobald (ab).

Zwölfte Szene

Caspar Bernauer (nimmt das Buch wieder). Ich will’s noch einmal versuchen! Ich schäm mich doch, es so wiederzubringen! Wahrhaftig, mich ärgert der babylonische Turmbau weit mehr, als der Sündenfall, denn ohne den sprächen wir mit unserer einen Zunge doch auch nur eine Sprache, und verständen uns nicht bloß, wenn wir schreien. Das hat mich schon in meiner Jugend verdrossen. Wie gern wär’ ich als Geselle in die weite Welt gegangen, ob ich das Einhorntier, den Vogel Phönix, die Menschen, die auf Bäumen wachsen, irgendwo zu sehen bekäme, oder gar in der Türkei, wo sie doch gewiß viele unschuldig hängen, ein Alräunchen erwischte! Aber dann dacht’ ich immer: du verstehst die Leute ja nicht und sie dich auch nicht! und blieb daheim! (Ab.)

Herberge.

Dreizehnte Szene

Herzog Albrecht, Freiherr von Törring, Nothhafft von Wernberg und Ritter Frauenhoven, vom Turnier kommend, nebst Knappen und Dienern. Bürgermeister Nördlinger.

Albrecht. Ich danke jetzt, Herr Bürgermeister, ich danke für das Geleite!

Bürgermeister. Gestrenger Herr, ich kenne meine Pflicht! (Ruft.) Wein her!

Nothhafft von Wernberg (zum Herzog). Ihr könnt ihn nicht vor dem Trunk verabschieden.

Albrecht. Frauenhoven!

Frauenhoven. Was ist’s?

Albrecht. Hast du das Mädchen gesehen–Aber, du mußt ja, du mußt ja!

Frauenhoven. Welche denn?

Albrecht. Welche! Ich bitte dich, geh, ihr nach! Vom Pferd hätt’ ich mich geworfen und wäre ihr gefolgt, wenn nicht (er zeigt auf den Bürgermeister) der da-

Bürgermeister (mit einem Pokal). Gestrenger Herr, die reichsfreie Stadt Augsburg heißt Euch nach ruhmvoll bestandenem Turnier in Eurer Herberge willkommen, und dankt Euch, daß Ihr ihre Patrizier einer Lanze gewürdigt habt.

Albrecht (trinkt). Sie lebe hoch, denn sie verdient’s! Ha, wo solch ein wunderbares Licht der Schönheit leuchtet–(streift sich mit der Hand über die Stirn) ja, sie verdient’s! (Wendet sich.) Frauenhoven, du bist noch da?

Frauenhoven. Aber-

Bürgermeister. Verhoffe demnach-Albrecht. Heute abend auf dem Tanzhaus–das versteht sich! Nichts kann mich zurückhalten, vorausgesetzt, daß auch sie–Verzeiht, ich bin ganz verwirrt! Ein Bote von meinem Vater-Bürgermeister. Ich hatte die Einladung nach Amtspflicht zu wiederholen, muß jedoch als Patrizier bemerken: es ist nicht bloß Geschlechter-Tanz. Auch die Zünfte kommen!

Albrecht. Ich wollte, die ganze Stadt wäre da!

Bürgermeister. Empfehle mich zu Gnaden! (Ab.)

Vierzehnte Szene

Albrecht (zu Frauenhoven). Und nun, du lieber, lieber Herzensfreund, schnell, schnell! Oder besser: ihr alle! Du die eine Straße hinunter, du die andere, du die dritte!

Frauenhoven. Ihr gabt mir heut morgen den Auftrag, dem Werdenberg nachzureiten! Er hat Euch Eure Braut, die Gräfin von Württemberg, entführt, wißt Ihr’s noch?

Albrecht. Nenne sie nicht mehr!

Nothhafft von Wernberg. Ja, und ich sollte dem Württemberger die Schlüssel von Göppingen abfordern, weil die Heirat durch die Flucht seiner Tochter unmöglich geworden sei, und also das Reugeld herausgezahlt werden müsse!

Törring. Und ich sollte nach München zu Hof und Eurem Vater beides melden!

Albrecht. Das ist vorbei, das ist, als ob’s nie gewesen wäre! Ich jauchze, daß Elisabeth eine Kette zerbrochen hat, die ich sonst selbst zerbrochen haben würde. Ich will nicht einen Dachziegel von Göppingen oder einen Pfenning zur Auslösung, denn ich könnte mir das Leben, das Atemholen, ebensogut bezahlen lassen, wie meine neue Freiheit, und was meinen Vater betrifft, so steht mir seit lange eine Bitte an ihn zu, und das soll die sein: daß er es ganz so verhalten möge, wie ich!

Törring. Dieser Wechsel ist rasch!

Nothhafft von Wernberg. Und kostet Bayern fünfundzwanzigtausend Gulden!

Albrecht. Ich kenn euch nicht mehr! Knapp’, schäl mich ab, ich will selbst fort, und in diesem Aufzug schlepp ich einen Schweif von Hunderten hinter mir her.

Ein Knappe (entkleidet den Herzog des Panzerhemdes usw.).

Albrecht. Da liegt der Herzog!–Habt ihr Augen? (Schnallt sein Schwert ab.) Und da der Ritter! Blumen her, daß ich sie vor ihr ausstreuen kann, wo ich sie finde! (Setzt ein Barett auf.) Wird mich nun noch jemand erkennen?

Törring. Ohne Schwert? Jeder wird sich zu täuschen glauben!

Albrecht (indem er abgeht). Freunde, habt Geduld mit mir! (Ab.)

Törring. Begreift ihr das?

Nothhafft von Wernberg. Herzog Ernst wird Augen machen! Der besinnt sich etwas länger, wenn sich’s um den Verlust von fünfundzwanzigtausend Gulden handelt.

Frauenhoven. Brüder, richten wir nicht, daß wir nicht gerichtet werden! Das haben wir alle entweder hinter uns oder vor uns. Wenn ihr’s noch nicht wißt, so seht ihr’s jetzt, warum unsre Altvordern für das Weib den Namen Mannrausch erfanden! Doch diesen Rausch vertreibt man durchs Trinken, wie den andern durch Enthaltsamkeit; je tiefer der Zug, je rascher die Nüchternheit! Darum müssen wir ihm beistehen!

Nothhafft von Wernberg. Aber die absonderlichen Reden wollen wir uns merken, wir können sie einmal wieder ausspielen, sei’s auch nur, um uns selbst unsrer Haut gegen ihn zu wehren. “Habt ihr Augen?–Blumen her!–Ich kenn euch nicht mehr!” Damit belad ich meinen Esel. Sammelt ihr auf, was heut abend abfällt, denn ohne Zweifel trifft der neue Adam seine Eva beim Tanz. Vielleicht ist’s der Engel von Augsburg!

Törring. Der Engel von Augsburg?

Nothhafft von Wernberg. So nennt man hier eine Baderstochter, Agnes Bernauer, deren Schönheit die halbe Stadt verrückt machen soll. Wollen wir die Bude ihres Vaters einmal aufsuchen? Wir können uns die Bärte stutzen lassen, und wer weiß, ob wir das Wunder bei dieser Gelegenheit nicht zu sehen bekommen.

Frauenhoven. Topp!

(Alle ab.)

Großer Saal im Tanzhause der Stadt.
Festlich geschmückt mit den Panieren der Zünfte und den Wappen der Geschlechter.
Abend. Die Gäste versammeln sich rasch, die Zunftmeister empfangen.

Fünfzehnte Szene

Bürgermeister Hermann Nördlinger kommt mit Nothhafft von Wernberg.

Bürgermeister. Ja, Herr Ritter, so läuft nun alles seit jenem unseligen Katharinen-Abend, wo wir den Pöbel mit in den Rat aufnehmen mußten, bei uns durcheinander! Perlen und Erbsen in einem Sack, der Herzog wird das Ausklauben mühsam finden, mich wundert, daß er kommt!

Nothhafft von Wernberg. Ihr habt Euch noch immer nicht gewöhnt? Es ist doch schon lange her.

Bürgermeister. Noch nicht lange genug, daß die Hoffnung auf die Rückkehr der guten alten Zeit schon ganz erstickt sein sollte. Seht den Dicken da, das ist der Zunftmeister der Bäcker, der macht die Ehre der Stadt. Seht doch hin! Wenn er dem ankommenden Gast, den er zu begrüßen hat, nicht mit seinem Stierkopf den Brustkasten einstößt, so zerschmettert er einem schon anwesenden ganz sicher durch den Kratzfuß das Schienbein! Was sagt Ihr? Ist’s nicht, als wenn ein Pferd ausschlüge? Und das sollte man gewöhnen!

Nothhafft von Wernberg. Ihr hättet Euch besser wehren sollen!

Bürgermeister. Wir wurden überrumpelt! Kaiser und Reich hätten uns besser beistehen sollen! Was nötigte die Majestät, den vermaledeiten Zunftbrief, der uns abgezwungen wurde, hinterher mit Ihrem Siegel zu versehen? Wir hatten genug zu tun, daß wir uns nur nicht selbst unter die Metzger und Handschuhmacher aufnehmen lassen und unsere alten Namen mit neuen vertauschen mußten. Denn das wurde verlangt.

Sechzehnte Szene

Frauenhoven und Törring kommen.

Frauenhoven. Da steht der Bürgermeister, der kann es uns sagen! (Tritt zum Bürgermeister heran.) Ist es wahr, wie man im Reich erzählt, daß der Boden von Augsburg keine Ratten duldet?

Bürgermeister. Gewiß ist es wahr, man trifft dies Ungeziefer nimmer! Das war schon so zu den Zeiten des Drusus.

Törring. Kurios!

Siebzehnte Szene

Trompeten.

Bürgermeister. Seine Gnaden der Herzog! (Eilt zum Eingang und begrüßt den eintretenden Herzog Albrecht.)

Albrecht (tritt zu Frauenhoven, Törring und Nothhafft von Wernberg heran). Da seid ihr!

Frauenhoven. Wir haben den ganzen Nachmittag gesucht-

Albrecht. Und gefunden-Nothhafft von Wernberg. Eben jetzt!

Albrecht. Mich, meinst du! Oh, köstlicher Fund! Ich bedanke mich!

Frauenhoven. Ich strich allein und-

Albrecht. Es ging dir besser, wie mir? Du entdecktest ihre Spur!

Frauenhoven. Ja!

Albrecht. Warum treff ich dich erst jetzt!

Frauenhoven. Dies Mädchen–Oh! Wohl hattet Ihr recht, uns zu fragen, ob wir Augen hätten!

Albrecht. Du liebst sie auch?

Frauenhoven. Könnt’ ich anders?

Albrecht. Frauenhoven, das ist ein großes Unglück! Ich glaub’s dir, daß du nicht anders kannst, es wäre Wahnsinn von mir, wenn ich verlangte, daß du entsagen solltest, hier hört die Lehnspflicht auf. Aber wahrlich, auch die Freundschaft, hier beginnt der Kampf um Leben und Tod, hier fragt sich’s, in wessen Adern ein Tropfen Bluts übrigbleiben soll! Du lächelst? Lächle nicht! Wenn du das nicht fühlst, wie ich, so bist du nicht wert, sie anzusehen!

Frauenhoven. Diese pechschwarzen Augen–und wie sie den Hals trägt, recht, um sich daran aufzuhängen und vor allem diese kastanienbraunen Haare-

Albrecht. Faselst du? Goldne Locken sind’s, die sich um ihre Stirn ringeln–demütiger ward nie ein Nacken gesenkt und ihre Augen können nicht schwarz sein! Nein, nein, wie Meeresleuchten traf mich ihr Strahl, wie Meeresleuchten, das plötzlich fremd und wunderbar aus dem sanften blauen Element aufzuckt und ebenso plötzlich wieder erlischt!

Frauenhoven. Gnädiger Herr, ich weiß nichts von ihr, es war ein Scherz, den Ihr dem lustigen Ort, wo wir uns befinden, verzeihen mögt!

Albrecht. So flieh! flieht alle, daß nicht Ernst daraus wird, fürchterlicher Ernst, denn ich sage euch, die sieht keiner, ohne die höchste Gefahr!

Achtzehnte Szene

Agnes (erscheint, von Caspar Bernauer und Knippeldollinger begleitet).

Albrecht (ausbrechend). Da ist sie!

Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven. (zugleich). Wunderschön, das ist wahr!

Törring. Und der Engel von Augsburg, das ist auch wahr! Dort steht ja der Vater!

Albrecht. Kennst du sie?

Törring. Man nennt sie hier allgemein den Engel von Augsburg. Sie ist die Tochter eines Baders, gnädiger Herr! Wir ließen uns vorhin die Bärte bei ihm stutzen. (Er zeigt auf seinen Bart.) Seht Ihr? Der Mann ist geschickt, nicht wahr? Es könnte dem Eurigen auch nicht schaden! (Er tritt auf die Gruppe zu.) Guten Abend, Meister, da sehen wir uns schon wieder!

Caspar Bernauer. Viel Ehre für mich!

Albrecht (folgt, zu Agnes). Jungfrau, warum erteilt Ihr auf den Turnieren nicht den Dank? Was durch Eure Hände geht, ist edler, als Gold, und köstlicher, als Edelstein, wär’s auch nur ein grüner Zweig, vom nächsten Busch gebrochen!

Caspar Bernauer. Meine Tochter ist an solche Reden nicht gewöhnt, gnädiger Herr; fragt sie aus den sieben Hauptstücken unseres allerheiligsten Glaubens, und sie wird nicht verstummen!

Agnes. Nicht doch, Vater, der Herzog von Bayern will seine Braut so anreden und macht bei der Bürgerstochter von Augsburg nur die Probe!

Caspar Bernauer. Wohl gesprochen, Agnes, aber zum Antworten hast du keine Vollmacht, darum danke Seiner Fürstlichen Gnaden für die Herablassung und komm!

Albrecht. Warum, störriger Alter? Noch habe ich ja kaum den Ton ihrer Stimme gehört, noch kamen die vierundzwanzig Buchstaben nicht alle über ihre Lippen! (Abgewandt.) Ha, ich könnt’ sie bitten: sprich dies Wort aus, oder das, oder jenes, nicht des Sinns wegen, nur damit ich erfahre, mit wieviel Musik dein Mund es beschenkt! (Zu Caspar Bernauer.) Ihr geht doch? So müßt Ihr mir gestatten, Euch zu begleiten! Euer Schatten weicht eher von Euren Schritten, als ich!

Caspar Bernauer. Euresgleichen würde neidisch werden!

Törring (faßt Caspar Bernauer unter dem Arm). Bayerns Herzog hat hier seinesgleichen nicht!

(Er führt ihn ab, Nothhafft von Wernberg gesellt sich zu Knippeldollinger und folgt.)

Albrecht (zu Agnes, die ebenfalls folgt und sich ihrem Vater zu nähern sucht). Mädchen, ich täuschte mich nicht, du hast heut morgen nach mir gesehen. Galt der Blick mir oder meinem venezianischen Helmbusch?

Agnes. Ich zitterte für Euch, gnädiger Herr, Ihr schautet zu mir herüber und rittet gegen den Feind, ich dachte, Ihr müßtet Schaden nehmen!

Albrecht. Und das war dir nicht gleichgültig?

(Sie verlieren sich, nebst den andern, im Gewimmel.)

Barbara (mit Martha und andern Mädchen hervortretend). Ha, ha, ha! Sagt’ ich’s euch nicht, daß es besser sei, zu Hause zu bleiben? Nun freut euch, wenn ihr könnt!

Martha. Ei, dies ist ja gut! Wenn der Herzog sie mitnimmt, steht sie uns ebensowenig mehr im Wege, als wenn sie gen Himmel fährt!

Barbara. Mitnimmt! Wo denkt ihr hin! Er wird sie schon hier lassen! Aber sie wird noch im Wert steigen, nun auch er genickt hat! Seht euch nur um, wie alles kuckt und flüstert!

(Gehen vorüber.)

Nothhafft von Wernberg (kommt mit Knippeldollinger, ihm tritt entgegen:)

Bürgermeister Nördlinger (mit einem Fräulein). Herr Ritter–meine Base, Juliana Peutinger–sie hat des Kaisers Majestät schon als vierjähriges Jungfräulein im Namen des Rats mit einer kleinen lateinischen Rede begrüßt! Ich möchte sie Seiner Gnaden gern aufführen!

Nothhafft von Wernberg (mit ihm weitergehend). Nachher, Herr Bürgermeister, nachher! (Leise.) Der Herzog ist von den Bürgern so warm empfangen worden, sie haben sich die Kehle fast abgeschrien, Ihr seht, er bezeugt sich dankbar!

(Gehen vorüber.)

Albrecht (kommt mit Agnes). Nun sprich auch du! Was sagst du dazu?

Agnes. Mir ist, als hört’ ich eine Geige mehr, süß klingt’s, auch träumt sich’s schön dabei.

Albrecht. Ich frage dich, ob du mich lieben kannst!

Agnes. Das fragt eine Fürstentochter, doch nicht mich!

Albrecht. O sprich!

Agnes. Schont mich, oder fragt mich, wie man ein armes Menschenkind fragt, von dem man glaubt, daß ein ungeheures Unglück es treffen könne!

Albrecht. Dies Wort-

Agnes. Legt’s nicht aus, ich bitt Euch, zieht niemanden die Hand weg, wenn er sie über die Brust hält.

Caspar Bernauer (der mit Törring gefolgt ist und sich Agnes zu nähern sucht). Morgen, Herr Graf, morgen!

Knippeldollinger (der mit Nothhafft von Wernberg neben den beiden geht, zu Törring). Einen, der das Blut besprach, habe ich selbst gekannt.

Albrecht. Agnes, du verkennst mich! Ich liebe dich!

Caspar Bernauer (tritt zwischen beide). Komm, mein Kind! Auch du hast Ehre zu verlieren! (Er will sie abführen.)

Albrecht (vertritt ihm den Weg). Ich liebe sie, aber ich würd’s ihr nimmer gesagt haben, wenn ich nicht hinzufügen wollte: ich werb um sie!

Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr!

Frauenhoven. Albrecht! Kennst du deinen Vater?

Törring. Denkt an Kaiser und Reich! Ihr seid ein Wittelsbach! Es ist nur zur Erinnerung.

Albrecht. Nun, Alter, fürchtest du noch für ihre Ehre?

Caspar Bernauer. Nein, gnädiger Herr, aber–Vor funfzig Jahren hätte sie bei einem Turnier nicht einmal erscheinen dürfen, ohne gestäupt zu werden, denn damals wurde die Tochter des Mannes, der dem Ritter die Knochen wieder einrenkt und die Wunden heilt, noch zu den Unehrlichen gezählt. Es ist nur zur Erinnerung!

Albrecht. Und nach funfzig Jahren soll jeder Engel, der ihr gleicht, auf Erden einen Thron finden, und hätte ihn einer ins Leben gerufen, der dir noch die Hand küssen muß. Dafür soll mein Beispiel sorgen!

Frauenhoven. Er ist verrückt! (Zu Albrecht.) Nur hier nicht weiter, nur heute nicht! Alles wird aufmerksam und auf jeden Fall muß die Sache geheimbleiben!

Albrecht (zu Caspar Bernauer). Darf ich morgen kommen?

Caspar Bernauer. Wenn ich auch nein sagte, was hülfe es mir?

Albrecht. Agnes?

Agnes. Wer rief mir doch heute morgen zu: geh ins Kloster? Mir däucht, ich sehe jetzt einen Finger, der mich hineinweist!

Albrecht. Dir schwindelt! Halt dich an mich! Und ob die Welt sich dreht, du wirst fest stehen!

Caspar Bernauer. Gnädiger Herr, wir beurlauben uns! Die fällt mir sonst um!

(Ab mit Agnes und Knippeldollinger.)

Albrecht. Ich muß–(Will folgen.)

Frauenhoven. Keinen Schritt! Ihretwegen, wenn nicht deinetwegen.

Albrecht. Du kannst recht haben!

Frauenhoven. Sprich jetzt auch mit anderen! Sprich mit allen! Und lange, ich bitte dich, lange!

Albrecht. Ich hätte so gerne noch meinen Namen von ihren Lippen gehört! Doch–wer will denn auch Weihnacht, Ostern und Pfingsten auf einmal feiern!–(Er mischt sich unter die übrigen Gäste. Ihm tritt Bürgermeister Nördlinger mit dem Fräulein entgegen.)

Zweiter Akt

Augsburg.

Erste Szene

Herberge. Früher Morgen.

Nothhafft von Wernberg. Die Sache wird ernst.

Törring. Sehr ernst! Die Linie steht auf zwei Augen-

Frauenhoven. Das doch nicht! Auch Herzog Wilhelm hat einen Sohn!

Törring. Der schwach und siech ist und kaum vier Jahre alt. Habt ihr das Jammerbild nie gesehen? Ich weiß, was ich sage. Die Münchner Linie steht so gut, wie auf zwei Augen, und wenn es uns nicht gelingt, Albrecht von seinem tollen Vorhaben abzubringen, so zeugt er Kinder, die nicht einmal den unsrigen ebenbürtig sind! Was wird dann? Schon jetzt ist Bayern in drei Teile zerrissen, wie ein Pfannkuchen, um den drei Hungrige sich schlugen, soll’s ganz zugrunde gehen? Und das wird geschehen, wenn wir dies Unglück nicht verhindern können.

Nothhafft von Wernberg. Das ist wahr! Von allen Seiten würden sie heranrücken, vergilbte Pfandbriefe auf der Lanzenspitze und vermoderte Verträge auf der Fahnenstange, und wenn sie sich lange genug gezankt und gerauft hätten, würde nach seiner Weise der Kaiser zugreifen, denn während die Bären sich zerreißen, schnappt der Adler die Beute weg.

Törring. Also laßt uns vorbeugen!

Frauenhoven. Aber wie? Vergeßt nicht, daß er ebensoviel welsches Blut im Leibe hat, als deutsches, und vielleicht noch einige Tropfen mehr! Ich sage euch, wenn ihr’s noch nicht wißt, die Mutter ist mächtig in ihm, und wenn ihr ihm nicht neue Augen einsetzen könnt, daß ihm das Schöne häßlich vorkommt und das Häßliche schön, so richtet ihr nichts bei ihm aus. Ihr hättet ihn diese Nacht auf dem Heimgang hören sollen! Und ist es denn nicht auch wahr? Wer kann sich rühmen, einen solchen Engel gesehen zu haben, eh’ er nach Augsburg kam?

Törring. Glaubt ihr denn, ich bin der Narr, der das Feuer besprechen will? Das fällt mir nicht ein! Mag’s brennen, bis er Asche ist, was kümmert’s mich. Aber ich denke, die Nahrung wird diesem Feuer etwas billiger zu kaufen sein, als mit Thronen und Kronen! Zum Teufel, ist denn Albrecht nicht auch so ein Weib wert? Laßt mich nur machen! Ich sage euch, es sind wackre Menschen, vernünftige Leute! Stand der Alte nicht gestern abend da, als ob sich ihm der Erzengel Michael zum Eidam antrüge? Und das Mädchen–schaute sie nicht drein, als ob sie zum Fliegen aufgefordert würde, anstatt zum Tanzen? Gebt nur acht, ich bringe alles ins gleiche! (Ab.)

Frauenhoven. Der irrt sich! In Vater und Tochter, wie im Herzog!

Nothhafft von Wernberg. Aber ins Gewissen müssen wir ihm reden!

Frauenhoven. Warum? Um es getan zu haben, nicht wahr, wenn wir dereinst zur Rechenschaft gezogen werden! Borg dir die Posaune des Jüngsten Gerichts und versuch’s, ob du Gehör bei ihm findest. Ich bin zufrieden, wenn’s nur einstweilen geheimbleibt. Er ist beim faulen Wenzel in Prag auferzogen worden, und was der bei Geigen–und Flötenklang in ihn hineingesät hat, das bringt Gott selbst nicht wieder heraus!

Zweite Szene

Albrecht (tritt ein). Nun, Freunde? Was sagt ihr zu diesem Morgen, der die ganze Welt vergoldet? Nicht wahr, den hätt’ man nicht schöner bestellen können? Aber, wie steht ihr denn da? Als ob ihr augenblicklich ins Gefecht solltet und euern Letzten Willen noch überdächtet!

Nothhafft von Wernberg. Da hoff ich anders auszusehen, obgleich ich keinen Vater mehr habe, der mich wieder heraushaut, wenn’s zu arg wird, wie Ihr!

Albrecht. Ja, das ist wahr, da hab ich einen Vorzug vor euch. Ich darf dem Tode keck in den Rachen springen, wie die Maus dem Löwen. Noch zwischen Kauen und Schlucken reißt mich der wieder heraus, der mich gemacht hat.

Nothhafft von Wernberg. Das habt Ihr bei Alling erfahren! Wäre er nicht gewesen-

Albrecht. So würde mein erster Kampf auch mein letzter geblieben sein, und ich hätte nie gehört, wie süß die Siegstrompete tönt; was red ich, ich hätte Agnes nie erblickt!

Nothhafft von Wernberg. Agnes!

Albrecht. Oh, ich bin ihm Dank schuldig, unendlichen Dank, mehr Dank, wie irgendein anderer Sohn dem seinigen!

Nothhafft von Wernberg. Fühlt Ihr’s?

Albrecht. Erst seit gestern ganz! Dies Auge, das ich jetzt freiwillig schließen möchte, wie den Mund, wenn er seine Kirsche hat–gebrochen und mit Sand verschüttet würde es ohne ihn ja längst daliegen, ein Spiegel, der zerschlagen ward, bevor er das Bild noch auffangen konnte, das er festhalten sollte, und dies Herz–die Stunde wird kommen, wo ihr mich verstehen könnt, dann mehr! Seht, wenn euch auch einmal wird, als ob sich Millionen Lippen in euch auftäten, und alle saugen wollten–wenn ihr nicht mehr wißt, ob’s Lust oder Schmerz ist, was euch die Seele im Wirbel herumjagt–wenn euch die Brust zerspringen will und ihr, von Frost und Hitze zugleich geschüttelt, zweifelnd ausruft: doch wohl Lust, ja, wohl Lust, Wollust! und dies dunkle Wort, wie ich, nun auf einmal begreift, indem ihr’s, schwindelnd zwischen Leben und Tod, mit eurem letzten Atemzug nachschafft–dann–dann! Eher nicht!

Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr–eine Bitte!

Albrecht. Was ist’s?

Nothhafft von Wernberg. Stellt Euch Euren Vater einmal vor!

Albrecht. Nun?

Nothhafft von Wernberg. Aber recht deutlich, mit dem Gesicht, das er hat, wenn er einem einen Wunsch nicht bloß abschlagen, sondern in den Hals zurückjagen will, so daß man ihn, wenn man um Honigbirnen gekommen ist, um Stockprügel anspricht!

Albrecht. Gut!

Nothhafft von Wernberg. Seht Ihr ihn? So fragt Euch, ob Ihr das vom Spiegel und vom Wirbel und von Lust und Schmerz, und von Leben und Tod vor ihm wiederholen möchtet!

Albrecht. Vor ihm? Ja! Ich habe eine Mutter gehabt! Vor euch? Nicht um die Welt!

Nothhafft von Wernberg. Eure Mutter war eine Prinzessin von Mailand!

Albrecht. Und sollte sie meine Mutter nicht auch geworden sein, wenn sie keine Prinzessin von Mailand gewesen wäre? Sie war das Muster eines Weibes–hätte das nicht genügt?

Nothhafft von Wernberg. Ich zweifle! Wenn aber–so würde Euch jetzt nichts mehr hindern, Euch mit dem Engel von Augsburg zu verbinden, denn Ihr würdet Bayerns Thron nie besteigen!

Albrecht. Nicht, Herr Ritter? Wer weiß! Wer weiß, was geschähe, wenn ich mein Volk zum Spruch aufriefe, wenn ich sagte: Seht, ich soll nicht würdig sein, euch zu beherrschen, weil mein Vater eine eurer Töchter zu sich erhoben hat, eine, die ihm am besten ins Ohr sagen konnte, was euch fehlt! Ich soll nicht würdig sein, euch zu beherrschen, weil die Teilnahme für euch mir von der Mutter her angeboren ist, weil ich euch verstehe, ehe ihr noch den Mund auftut, weil mir’s im Blut liegt, euch beizuspringen! Ich soll nicht würdig sein, euch zu beherrschen, weil ich euer Bruder bin! Wer weiß, was sie tun werden, die alten treuen Bavaren, wenn mein Sohn sie dereinst nach Urväter-Weise in einem Eichenhain zusammenruft und so zu ihnen spricht; wer weiß, ob sich dann nicht der letzte Bauer in einen Ritter verwandelt und ob die Sense nicht gegen das Schwert schlägt, daß das ganze deutsche Reich zu wackeln anfängt, und der große Karl zu Aachen in seinem Sarg erschrocken nach der Krone greift!

Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr, verkennt mich nicht! Nothhafft von Wernberg kann Euch nicht raten, in den Abgrund zu springen, aber er springt nach, wenn Ihr’s tut!

Albrecht. Das ist ein Wort! So kommt!

(Alle ab.)

Baderstube.

Dritte Szene

Agnes. Hier, mein Vater?

Caspar Bernauer. Hier, meine Tochter, hier erwarten wir ihn, nirgends sonst. Wie ist dir denn zumute? Etwas anders, wie gewöhnlich, wenn du die Augen aufmachst, nicht wahr? Nun ja, das ist natürlich. Die Mädchen zögern gern aus Angst oder Neckerei noch eine Weile vor der Tür, wenn sie auch wirklich schon hinein wollen und wissen, daß der Bräutigam ihnen längst die Arme entgegenstreckt. Du armes Ding hast nun nicht einmal Kranzwindens-Zeit.

Agnes. Also, Euer Entschluß ist gefaßt?

Caspar Bernauer. Es gibt nur ein Mittel! Und wenn du nur bereit bist: Für ihn möcht’ ich stehen!

Agnes. Ja?

Caspar Bernauer. Ich kenn’s, wenn’s auch lange her ist, daß ich selbst an dem Fieber litt! Eine treue, redliche Seele! (Er zieht etwas aus der Tasche.) Was hab ich da?

Agnes. Mein Kettlein! Aber, das hab ich ja gestern abend gleich wieder weggelegt!

Caspar Bernauer. Kann doch wohl nicht sein, denn Theobald hat’s auf der Straße gefunden, als er hinter uns herschritt!

Agnes. Theobald?

Caspar Bernauer. Ja, den hast du ebensowenig gesehen, wie ich! Was sagst du? Der närrische Junge ist uns, solange die Reichsknechte hier sind, jeden Abend heimlich gefolgt, wenn wir das Haus noch verließen, und hat auf uns gewartet, bis wir wieder heimgingen. Nie hat er sich etwas davon merken lassen, und wenn ich’s jetzt weiß, so kommt das daher, daß er deine Kette fand! Ist das einer?

Agnes. Es freut mich, daß er so an Euch hängt!

Caspar Bernauer. Nun dächt’ ich, es wär’ die beste Antwort für den tollköpfigen Herzog, wenn du dem Theobald rasch, noch heute morgen, ja augenblicklich die Hand reichtest! Du bist ihm ja doch den Finderlohn schuldig!

Agnes. Wie?

Caspar Bernauer. Ihr beide trätet ihm dann Hand in Hand entgegen, ich aber stände segnend hinter euch und riefe ihm zu: So war’s im Himmel beschlossen, und was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!

Agnes. Vater!

Caspar Bernauer. Fürchte keine Gewalttat! Auch hier stehen wir auf roter Erde, auch in Augsburg ist Westfalen, ja–doch, wozu das! Nun, Jungfer Tochter, was sagt Ihr? Der Bräutigam ist, wie ich hoffe, bereit und sogar der Priester nicht weit! Sprich, soll’s so sein?

Agnes. Nie! In Ewigkeit nicht!

Caspar Bernauer. Das heißt: heute nicht!

Agnes (glühend). Es heißt-

Caspar Bernauer (unterbricht sie). Morgen! Morgen! Morgen!

Vierte Szene

Theobald (tritt hinter einem Schrank hervor). Wozu, Meister? Ich kann’s auch heute hören!

Caspar Bernauer (zu Agnes). Da siehst du jetzt!

Theobald. Scheltet sie nicht! Ich selbst bin schuld! Ich hätte Euch nicht folgen sollen! Diesmal nicht!

Agnes. Theobald, es tut mir weh!

Theobald. Ich weiß, Jungfer, ich weiß! Und ich fühl’s ja auch, daß ich–Du mein Gott, ich darf ja nicht einmal von Unglück sprechen, Ihr könnt mir ja gar nicht beschieden sein, ich brauche Euch ja nur anzusehen, um das zu erkennen. Meister–darf ich ein wenig fortgehen? In einer Stunde bin ich wieder da, um diese Zeit kommen so nicht viele! (Er faßt Agnes Hand.) Agnes, ich wollte, ich könnt’ einem andern meine Liebe zu Euch abtreten, nicht um mein Herz zu erleichtern, o Gott, nein, es wäre das größte Opfer, das ich bringen könnte, und ich brächte es nur, um Euch glücklich zu machen, aber glücklich würdet Ihr, das glaubt mir, wenn das, was (er schlägt sich auf die Brust) hier glüht, eine bessere Brust schwellte! (Ab.)

Fünfte Szene

Caspar Bernauer. Ich glaub’s auch!

Agnes. Zürnt mir nicht, Vater! Hätt’ ich geahnt-

Caspar Bernauer. Kein Wort mehr davon! Es ist nun, wie’s ist! Wer kann gegen die Sterne! Aber mich graust, Agnes, wenn ich an deine Zukunft denke, denn (er zeigt auf ein Barbierbecken) so ein Ding und eine Krone–es geht nimmermehr gut!

Agnes. Ihr ließt mich vorhin nicht ausreden! Nicht Theobald, nicht irgendeinem könnt’ ich meine Hand reichen-

Caspar Bernauer. Und warum nicht?

Agnes. Weil ich–Ich dürfte nicht!

Caspar Bernauer. So sitzt er dir schon im Herzen? Verflucht sei dies Turnier!

Agnes. Aber–Zu der Mutter aller Gnaden könnt’ ich mich flüchten–ins Kloster könnt’ ich gehen!

Caspar Bernauer. Und deinen Herzog draußen lassen?

Agnes. Nein!

Caspar Bernauer. Was hätt’st du dann im Kloster zu tun?

Sechste Szene

Törring (tritt ein). Guten Morgen, Meister! Auch schon da, Jungfer? Die Hand her, wackrer Alter! Ich hab Euch gestern abend liebgewonnen. Schöne Agnes, wäre des Törrings Schädel für die Honigreime und Schmeichelsprüche des Heinrichs von Ofterdingen und Wulframs von Eschenbach nicht immer zu hart gewesen: jetzt gäbe er alles wieder von sich, was er je verschluckt hätte! Aber der hat nichts behalten, als das Eia popeia von der Ammenstube her, darum kann ich Euch nur sagen: Ihr seid’s wert, daß Ihr einem Herzog gefallt!

Agnes. Schon das ist zu viel, Herr Graf!

Törring. Bewahre! Wenn Kaiser Wenzels Bademädchen Euch geglichen hat, so will ich’s ihm verzeihen, daß er eine Weile glaubte, er sei mit ihr allein auf der Welt. Nur das verzeih ich ihm nicht, daß er’s zu weit trieb und sich gar nicht wieder zur Besinnung bringen ließ, denn sie mußt’ es büßen, und das hätt’ er vorher wissen können! (Er sieht Agnes scharf an.) Arme Susanna, junges, schönes Kind, wie bleich magst du gewesen sein, als die starren, grimmigen Böhmen dich verbrannten und von ihren eignen Bischöfen und Erzbischöfen dabei angeführt wurden, als ob’s ein heilig Werk wäre! Du warst gewiß keine Zauberin, oder es steht auch hier eine vor mir!

Caspar Bernauer. Das geschah im fröhlichen Lande der Geigen?

Törring. Es sollte mich wundern, wenn man noch keinen Reim darauf gemacht hätte! So etwas singen die Leute gern, wenn sie lustig sind!

Caspar Bernauer. Was sagst du, meine Tochter?

Agnes. Pfui über den Kaiser, daß er’s geschehen ließ!

Törring. Er lag im Turm, und sein Adel stand zornig mit blankem Schwert vor der Pforte, er wußte nicht, wer zunächst bei ihm anpochen würde, ob der Henker oder der Befreier!

Agnes. So war’s ihr Schicksal, und sie wird schon einmal erfahren, warum.

Törring. Bernauer, ein Wort mit Euch!

Caspar Bernauer. Geh, Agnes, und lege dein Kettlein weg!

Agnes (ab).

Siebente Szene

Caspar Bernauer. Wir sind allein!

Törring. Nun, Alter, was denkt Ihr eigentlich? Sagt an!

Caspar Bernauer. Ich weiß nicht, was Ihr meint!

Törring. Nun, ich glaube, der Herzog wird heute morgen geradeso aufgestanden sein, wie er sich gestern abend niedergelegt hat.

Caspar Bernauer. Acht Stunden sind allerdings nur acht Stunden!

Törring. Der Meinung bin ich auch, darum müssen wir beizeiten einig werden! Also–(nimmt ein Rasiermesser, wie spielend) Euer Schwert, nicht wahr?

Caspar Bernauer. Wie es Euch gefällt!

Törring. Meins ist etwas länger! (Schlägt an sein Schwert.) Ja, was ich sagen wollte! Der Herzog liebt Eure Tochter–er liebt sie–wenn jedes Eheweib so geliebt würde, sie hätten den Himmel auf Erden!

Caspar Bernauer. Vor dem Trunk und nach dem Trunk, es ist ein Unterschied und muß auch sein!

Törring. Ihr seid verheiratet gewesen oder noch, und wollt Euch entschuldigen! Ja, ja, das kann ich Euch beteuern, er brennt, wie ein Johannisfeuer, wenn der Wind gut bläst, aber (Nimmt das Barbierbecken.) Euer Helm?

Caspar Bernauer. Ist man in Bayern so spaßig?

Törring. Nein, nein, es ginge, seht! (Er macht, als ob er Caspar Bernauer das Becken aufsetzen wollte.) Habt Ihr das noch nicht versucht? Ich versichre Euch, der Herzog lodert, daß die Kastanien gar werden, wenn er sie nur ansieht, doch was das Werben betrifft, das Heimführen–(Er nimmt den Schnepper.) Dies Ding da, Zick Zack, Trick Track, führt Ihr wohl im Wappen, oder ist’s ein nackter Arm mit einer sprudelnden Ader, wie ich’s draußen an der Tür gemalt sah?

Caspar Bernauer. Keins von beidem, Herr Graf!

Törring. Nicht? Nun also, kurz weg, wenn’s überhaupt noch nötig ist! Die Liebe des Herzogs stammt aus dem Herzen, die Werbung nun, das war, Ihr habt’s ja selbst gesehen, ein Rausch vielleicht sogar, was weiß ich’s, ein Weinrausch!

Caspar Bernauer. Das freut mich! Aber, diese Botschaft ist nicht für mich allein! (Ruft.) Agnes!

Törring. Freut Euch? Ich hab mich nicht in Euch geirrt, als ich Euch für verständig hielt! Gebt mir noch einmal die Hand!

Caspar Bernauer (hält seine Hand zurück). Ihr habt mich schon geadelt!

Achte Szene

Agnes (tritt ein).

Törring. Nicht wahr, ein mäßiges Glück, aber gesichert für immer–unter uns–der Herzog hat schöne Güter von seiner Mutter her!

Caspar Bernauer. Merk wohl auf, mein Kind! (Zu Törring.) Nun?

Törring. Ei, da Ihr sie rieft, so sprecht selbst weiter!

Caspar Bernauer. Wohl! (Zu Agnes.) Der Herzog nimmt seine Bewerbung zurück!

Törring. Nicht doch!

Caspar Bernauer. Er nimmt seine Bewerbung um deine Hand zurück, die läßt er dir, er ist nicht unverschämt! Das übrige, nun ja, das möcht’ er, ich weiß nicht, ob für immer oder auch nur für einige Zeit!

Agnes (setzt sich nieder).

Caspar Bernauer (zeigt auf sie). Da habt Ihr ihre Antwort! Jetzt die meinige! Zuerst! (Mit gefaltnen Händen gen Himmel.) Ich danke Dir, Vater im Himmel, daß es so kam! Schick mir nun, welches Leid Du willst, es kann mich nicht ärger treffen, als dies Glück mit seinem schrecklichen doppelten Gesicht mich traf! (Zu Törring.) Ihr seht, wie mir ist, damit erklärt’s Euch, daß ich Euch so ruhig anhörte! Ihr wart mir ein Freudenbote, denn daß meine Tochter in keine Schmach willigen würde, wußt’ ich, also gab Euer Antrag mir sie wieder, sonst war sie für mich verloren. Nun aber zur Abrechnung! Ihr erkundigtet Euch nach meinem Schwerte, wir Reichsbürger führen wirklich eins, wenn’s auch gewöhnlich hinterm Schornstein hängt, und mit dem meinigen habe ich früher manchen Rücken ausgeklopft, der dem Eurigen, das glaubt nur, völlig glich.

Törring. Bernauer!

Agnes (springt auf und stellt sich neben Caspar). Recht, Vater, redet!

Caspar Bernauer. Den Helm mit dem bunten Federbusch habt Ihr vor mir voraus, ich begnügte mich immer, wie wir alle, die wir nicht furnieren, nur streiten, wenn es gilt, unser Hab und Gut zu verteidigen, mit einer simpeln Sturmhaube. Doch auch die genügte zuweilen, aus einer guten Klinge eine noch beßre Säge zu machen, wenn sie sich daran versuchte. Was aber mein Wappen betrifft, so werdet Ihr’s schon hie und da früh morgens an Burgtoren gesehen haben, einige aus meiner Familie führen einen Strick und einen Dolch im roten Felde, und sie wissen sich Respekt zu verschaffen, selbst bei Kaiser und Reich.

Törring. Das ist das Zeichen der Feme!

Caspar Bernauer. Kennt Ihr sie? Auch Jungfrauen stehen unter ihrem Schutz, und wenn die Gerechtigkeit ihren Weg auch in diesen betrübten Zeiten, wie ein Maulwurf, unter der Erde suchen muß: sie ist immer zur rechten Stunde da!

Agnes. Ich kann mich selbst schützen, mein Vater! Was mir gestern abend widerfuhr, das raubte mir Sprache und Besinnung; was mir jetzt widerfährt, gibt mir beides wieder! Das eine hätt’ ich nicht für möglich gehalten, aber, bei Gott! das andere noch viel weniger! (Zu Törring.) Dies sagt dem Herzog von mir!

Caspar Bernauer. Da ist er selbst!

Neunte Szene

Albrecht (tritt ein). Ja, da ist er! (Zu Agnes.) Ward er erwartet?

Agnes (wendet sich ab).

Albrecht. Agnes–wenn auf dem Wege zu dir ein Himmelswagen flammend vor mir niedergefahren wäre, jeder Radnagel ein Stern, ich wäre nicht eingestiegen, und du-

Agnes. Gnädiger Herr–gestern fehlte mir der Mut Euch anzusehen, heute, dächt’ ich, sollte er Euch fehlen!

Albrecht. Was hab ich dir denn getan?

Agnes. Nichts? Also das wäre nichts? Gnädiger Herr, so viel Ehre könnt Ihr mir gar nicht bieten, und wenn Ihr mir die Krone aufsetztet, daß sie diese Schmach wiederaufwöge!

Albrecht. Schmach?

Agnes. Wär’s keine? Wär’ das an mir keine Schmach, was, einem Fräulein zugefügt, die Klingen aller ihrer Verwandten, bis zum zehnten Glied herab, aus der Scheide reißen und gegen Euch kehren würde? Gnädiger Herr, auch mich hat Gott gemacht!

Albrecht. Törring! Ihr da? Was heißt das?

Agnes. Auch mich hat Gott gemacht, auch aus mir kann er mehr machen, wenn es sein heiliger Wille ist, auch aus Euch weniger, denn alles auf Erden ist nur zur Probe, und Hoch und Niedrig müssen einmal wechseln, wenn sie nicht vor ihm bestehen! Gnädiger Herr, tut keinem wieder so weh, wie mir, man erwartet’s nicht von Euch, darum ist’s doppelt bitter! (Zu Caspar Bernauer.) Mein Vater, jetzt ins Kloster! Nun nehme ich von der Welt nichts mehr mit über die Schwelle, als einen ewigen Schauder!

Albrecht. Mädchen, gestern warb ich um dich, heute komm ich um die Antwort, während meine Freunde schon den Priester suchen, der uns verbinden soll: ist das Schmach?

Törring (tritt vor). Der Herzog weiß von nichts, auf Ritterwort, ich sprach nur aus mir selbst! Ich glaubte–nun, Irren soll menschlich sein!

Albrecht. Du beschimpftest sie? Du beschimpftest meine Braut? Dafür–(Er will ziehen.)

Törring. Nein! Dafür–(Er tritt zu Agnes heran und küßt ihr ritterlich die Hand.) Ihr wißt, ich bin nicht feig, aber es wäre nicht wohlgetan, die Zahl ihrer Freunde zu mindern, und nun ich sie kenne, bin ich ihr Freund, ja, ich werde ihr dienen bis zum letzten Atemzug, und mir ist, glaubt’s mir und denkt darüber nach, als faßte der Tod mich schon jetzt bei der Hand! (Zu Agnes.) Das sprach ein Edler von Bayern, der nicht der Geringste ist, und nennt mich einen ehrvergessenen Mann, wenn Euch nun etwas widerfährt, solange ich’s hindern kann. (Zu Albrecht.) Ihr aber, gnädiger Herr, grollt nicht länger, daß ich ihr den Schleier etwas unsanft abnahm, es gereicht Euch, wie ihr, zum Vorteil, daß ich ihr ins Gesicht sah! (Tritt zurück.)

Albrecht. Sie schweigt! Das Vergeben ist an ihr, nicht an mir! Folgt mir! Wenn sie sieht, wie ich sie räche, wird sie wissen, wie ich sie liebe!

Agnes. Um Gott nicht! Nur von Euch war’s mir, wie Todesstich! Jetzt–jetzt–Vater!

Caspar Bernauer. Ihre harten Worte tun ihr leid, gnädiger Herr, sie hätte sie gern zurück, Ihr seht’s wohl, sie erstickt ja fast!

Albrecht. Und nicht um die Welt möcht’ ich sie missen! Alter, zwei Kinder sind ausgewechselt worden, die Tochter des Kaisers wurde in deine Wiege gelegt, und der Kaiser zieht die deinige auf! Schau hin, erkennst du sie noch? Agnes, davon hat dir in früher Jugendzeit schon ein Märchen erzählt, doch damals ahntest du’s noch nicht, daß du über deine eigne Geschichte weintest, erst in dieser Stunde hast du dich wieder auf dich selbst besonnen! Aber nun weißt du endlich, wer du bist, das zeigt die edle Glut, die dir aus dem Auge blitzt und von der Wange flammt, nun denkst du nicht mehr daran, daß du bisher nicht im Purpur gingst und nicht aus goldenem Becher trankst; so komm denn auch zu mir herüber, eh’ dir das wieder einfällt!

Caspar Bernauer. Agnes!

Agnes. Vater, kein Wort von Gefahr! Erinnert mich nicht, daß Mut dazu gehört! Sonst könnt’ ich-

Albrecht (breitet die Arme gegen sie aus). Was? Was?

Agnes (sinkt hinein). Und müßt’ ich’s mit dem Tode bezahlen–das täte nichts!

Albrecht (umschließt sie). Agnes!

Agnes (macht sich wieder los). Aber dazu berechtigt mich kein Mut! –Ihr seid ein Fürst-

Albrecht. Und darf als solcher von vorn anfangen, so gut wie irgendeiner meiner Vorgänger!

Agnes. Ihr habt einen Vater-

Albrecht. Und bin sein Sohn, nicht sein Knecht!

Agnes. Und wenn Euer Volk murrt?

Albrecht. So murrt es, bis es wieder jubelt. Ja, wenn sie sich zusammenrotteten und sich offen wider mich empörten: ich schickte dein Bild, statt eines Heers, und sie kehrten schamrot zum Pfluge zurück!

Agnes. Und wenn Euer Vater flucht?

Albrecht. So segnet Gott!

Agnes. Und wenn er das Schwert zieht?

Albrecht. So gibt er mir das Recht, auch nach dem meinigen zu greifen!

Agnes. Und dabei sollten wir–dabei könntet Ihr glücklich sein?

Albrecht. Viel glücklicher, als wenn ich dir entsagen müßte! Das eine wär’ Kampf, und zum Kampf gehört’s, daß man den Ausgang nicht vorher weiß; das andere wäre Tod, Tod ohne Wunde und Ehre, feiger Erstickungstod durch eigne Hand, und den sollt’ ich wählen? Nach der Kehle greifen, statt nach dem Schwert? O pfui! Da wär’ ich doch gewiß der Erste und der Letzte! Mädchen, ich kenne jetzt dein Herz, her zu mir, (er drückt sie an sich) so, nun hast du alles getan, das übrige ist meine Sache! Worauf sollte Gott die Welt gebaut haben, wenn nicht auf das Gefühl, was mich zu dir zieht und dich zu mir? Die Württembergerin, die man zwischen dich und mich gestellt hatte, würde in diesem Augenblick tot umfallen, wenn sie nicht geflohen wäre! Das fühl ich! Darum zittre nicht!

Zehnte Szene

Frauenhoven und Nothhafft von Wernberg (treten ein).

Albrecht. Ist alles bereit?

Frauenhoven. Ein Priester ist gefunden, der’s mit dem jungen Herzog gegen den alten wagen will!

Nothhafft von Wernberg. Aber nur unter der Bedingung, daß es so lange als möglich Geheimnis bleibt!

Albrecht. Was sagst du dazu, Agnes?

Agnes. So lange nur Gott es weiß, wird keine meiner Ahnungen in Erfüllung gehen!

Albrecht. Also! Wo und wann?

Frauenhoven. Heut abend, Schlag zehn, in der Kapelle der heiligen Maria Magdalena. Aber wir müssen alle vermummt kommen, wie zum Totendienst!

Albrecht. Gut! Und morgen nach Vohburg! Agnes, das ist ein rotes Schloß an der grünen Donau, womit meine Mutter–sie ruhe sanft und stehe fröhlich auf–mich für meine erste Schlacht belohnte! Gib acht, dort wirst du über dich selbst lachen, sooft du an diesen Morgen zurückdenkst, da gibt’s mehr Lerchen, wie anderswo Spatzen, und in jedem Baum fast sitzt eine Nachtigall. Ich schenk es dir zum Leibgeding, nimm den lustigen Vogelkäfig unbesehens an, ich bitte dich, er wird dir gefallen, der Himmel schaut immer blau auf ihn herab, und wenn du dich über eine Gabe, die du noch nicht kennst, auf alle Gefahr hin dankbar bezeigen willst, so nenne mich zum ersten Mal du!

Agnes. Mein Albrecht!

Albrecht (sie in den Armen haltend). Du weinst dabei?

Agnes. Sollte es nicht nachbrennen? Euch–dir konnt’ ich–Aber es schmerzte mich mehr um deinet-, als um meinetwillen, mir war, als wäre der funkelndste Stern über meinem Haupt auf einmal aus seiner Bahn gewichen, und ich hätte ihn in der Schaudergestalt, in der man sie hier unten zuweilen verlöschen sieht, zu meinen Füßen wieder getroffen! Nun ist mir dafür zumut’, als hätt’ ich schon jetzt mehr vom Leben, als mir gebührt!–Mein Vater!

Caspar Bernauer (tritt hervor). Sie sollen Vater und Mutter verlassen und aneinanderhangen! Mein Kind, ich muß dich segnen, du tust nach Gottes Gebot! So sei er mit dir! (Er legt ihr die Hände aufs Haupt.)

Albrecht. Auch mich!

Caspar Bernauer. Ihr fürchtet, daß Ihr sonst nicht dazu kommt! (Er legt auch ihm die Hände aufs Haupt.)

Dritter Akt

München.

Erste Szene

Das Herzogliche Kabinett. Man sieht an der einen Wand zwei Karten. Die andern Wände sind mit Bildern bayerischer Fürsten behängt.

Ernst (steht vor den Karten). Ich kann’s nicht lassen, und es ärgert mich doch immer wieder von neuem. Das war Bayern einst, und das ist Bayern jetzt! Wie Vollmond und Neumond hängen sie da nebeneinander! Und wenn noch ein halbes Jahrtausend dazwischenläge! Aber wie mancher alte Mann muß noch leben, der der Zeit noch recht gut gedenkt, wo Tirol und Brandenburg und das fette Holland, und was nicht noch sonst, unser war, ja, der obendrein auch die ganze Reihe von Torheiten aufzählen kann, durch die das alles verlorenging! (Er tritt vor die Bilder.) Nein, wie ihr gewirtschaftet habt! Vierundzwanzig Stunden vorm Jüngsten Tag wär’s noch zu arg gewesen! Und ihr hattet das kluge Vorbild im benachbarten Österreich so nah! Rudolph von Habsburg hätte ein Sandkorn durch geschicktes Wenden und Drehen und unablässiges Umkehren auf klebrigtem Boden zum Erdball aufgeschwemmt, ihr den Erdball zum magersten Sandkorn heruntergeteilt! (Er geht weiter.) Kaiser Ludwig, wackrer Kämpfer, der du jeden Feind bestandst, ausgenommen den letzten, heimlichen ohne Namen und Gesicht, du blickst finster auf deinen Enkel herab. Ich versteh dich, und du hast recht, das Schelten ist für die Weiber, das Bessermachen für die Männer. Nun, ich stückle und flicke ja auch schon ein Leben lang, ob ich nicht wenigstens den alten Kurfürsten-Mantel wieder zusammenbringe, und ich denke, du sollst mir die Hand geben, wenn wir uns einmal sehen. Du hättest mir gewiß die Arbeit erspart, wenn der Giftmischer sich nicht mit Wein und Brot gegen dich verschworen und dich vor der Zeit ausgetan hätte! Aber deine Söhne–Nun! Sie sind tot!

Zweite Szene

Stachus (tritt ein).

Ernst. Was gibt’s?

Stachus. Der Meister aus Köln ist da, der geschickte Mann mit dem wunderlichen Namen. Er sagt, er sei bestellt.

Ernst. Er hat was bei sich! Das bring mir!

Stachus (ab).

Dritte Szene

Ernst. Der Zierat für die Totenkapelle, wo die jetzt in Staub zerfällt, die mir mit Schmerzen meinen Sohn gebar!

Vierte Szene

Stachus (bringt einen Bogen).

Ernst (nachdem er ihn betrachtet hat). Das ist mir viel zu kraus! Komm mal her! Bringst du heraus, was es bedeuten soll?

Stachus. Ach, Herr, ich bin ein gar einfältiger Mensch!

Ernst. Tut nichts, du gehörst auch mit dazu, Gräber sollen stillschweigen, oder so reden, daß auch der Geringste sie versteht! Genauso soll er’s machen, wie ich’s ihm angab: den Heiland, unsern allbarmherzigen Erlöser, mit ausgebreiteten Armen, die Abgeschiedene zu seinen Füßen, wie man die heilige Martha malt, aber mit verhülltem Gesicht, da doch niemand wissen kann, wie sie jetzt aussieht, und ganz unten ich und mein Sohn Albrecht, wie wir für ihre arme Seele beten! Das sag ihm, dies da kann er auf sein eignes Grab setzen, ich bedank mich dafür, ich hätt’ mir aus der Kölner Bauhütte etwas andres erwartet, das ist die Reisekosten nicht wert!

Stachus (mit dem Bogen ab).

Fünfte Szene

Ernst. Die hätten schön zu deinem demütigen, frommen Sinn gepaßt, du stille Elisabeth, all diese Engel mit Flügeln und Trompeten, die blasen, als ob die Himmelskönigin zum zweiten Mal ihre Auferstehung feierte! Und ich hatt’ ihm alles so deutlich angegeben! Aber, das muß immer scharwenzeln, immer, es wär’ kein Wunder, wenn man’s am Ende gar vergäße, daß man von der Erde genommen ist und wieder zur Erde werden soll, und es scheint doch vielen zu gefallen, sonst würden’s diese Leute ja wohl nicht bei jedermann versuchen!

Sechste Szene

Der Kanzler Preising (tritt ein).

Ernst. Schon da, Preising? Gut! Wißt Ihr was? Wir wollen von heut an immer eine Stunde früher anfangen! Niemand weiß, ob er nicht Feierabend machen muß, ehe er müde ist! Wieviel hatte die Herzogin noch vor, nun liegt sie da! Was bringt Ihr?

Preising. Zuvörderst! Die Klagen über den Wucher der Juden mehren sich!

Ernst. Man soll sich so einrichten, daß man die Juden nicht braucht! Wer nicht von ihnen borgt, wird nicht arm durch sie, und ob sie funfzig vom Hundert nehmen!

Preising. Es ist der Juden selbst wegen, daß ich darauf zurückkomme. In Nürnberg schlägt man sie schon tot, wie die Hunde, und böse Beispiele stecken eher an, als gute!

Ernst. Meine Juden sollen’s so treiben, daß sie das Totschlagen nicht verdienen, dann wird’s wohl unterbleiben. Ich mische mich in diese Händel nicht hinein. Fragt bei meinem Bruder an, ob er will!

Preising. Das wär’ wohl das erste Mal, daß Herzog Wilhelm etwas wollte, was Ew. Gnaden nicht wollen!

Ernst. Ebendarum soll man ihn nie vorbeigehen! Weiter!

Preising. In Sachen des strittigen Kurhuts hat der böhmische Hof endlich-

Ernst. Nichts davon! Das hat Kaiser Rudolph durch seinen doppelten Spruch so verwickelt, daß nur das Schwert noch helfen kann, und das Schwert können wir erst dann ziehen, wenn München, Ingolstadt und Landshut einmal wieder zusammengehen. Dazu ist bis jetzt wenig Hoffnung, denn meine teuren Vettern Ludwig und Heinrich möchten mich freilich gern umarmen, wenn sie mir nur zugleich auch den Rücken kehren könnten. Also weiter! Doch halt, halt, erst dies! Wir sind ja unverhofft zu Geld gekommen, der Württemberger muß das wieder herausgeben, was er bei Erziehung seiner Tochter an Birkenreisern erspart hat, und obendrein schwere Zinsen zahlen. Mit seinen fünfundzwanzig Tausend Gulden können wir allerlei machen!

Preising. Wenn wir sie erst haben, ja!

Ernst. Haltet Ihr den Grafen für keinen ehrlichen Mann?

Preising. Für den ehrlichsten Mann von der Welt!

Ernst. Nun denn! Ein Bettler ist er doch gewiß auch nicht! Wir könnten eine unsrer verpfändeten Städte dafür auslösen, und ich weiß schon, wo man sich am billigsten finden lassen wird, weil man unser Geld am nötigsten braucht.

Preising. Das wäre freilich ein Gewinn!

Ernst. Ja, da gäb’s doch einen Fleck weniger im Lande, wo wir unsern Herzogsstab nicht wieder aufheben dürften, wenn er uns einmal aus der Hand glitte. Wir könnten dem Lech aber auch für ewige Zeiten einen Freipaß damit erkaufen, daß er uns von den Augsburgern nicht wieder auf einen Wink des Kaisers versperrt werden kann, wie Anno neunzehn bei den Bischofhändeln!

Preising. Dazu werden die Kaufherren raten!

Ernst. Und Ihr?

Preising. Gnädiger Herr, der Württemberger wird nicht aufknöpfen, ich sag’s Euch!

Ernst. Nicht aufknöpfen? Ei! Ei! Hab ich nicht mein Pfand? Sind mir nicht Geiseln gestellt? Was kann er denn einwenden?

Preising. Er legt’s übel aus, daß Herzog Albrecht sich gar keine Mühe gab, seine Braut wiederzubekommen, daß er in Augsburg aufs Tanzhaus ging, statt den Entführer verfolgen zu helfen!

Ernst. Was war denn an der noch wiederzubekommen? Sie war ja schon das Weib eines andern, eh’ wir hier noch die Flucht erfuhren! Der Württemberger soll sich in acht nehmen! Ich besetz ihm Göppingen, eh’ er’s denkt, es kommt mir auf einen Ritt noch nicht an!

Preising. Ich sage Euch, und bitt Euch, nicht unwirsch zu werden, über den Sieger von Alling ist nie so viel geredet worden, wie über den Tänzer von Augsburg!

Ernst. Ich weiß, ich weiß, und es verdrießt mich genug! Preising, es ist die Strafe unsrer eignen Jugendsünden, daß wir gegen die unserer Kinder nachsichtig sein müssen. Ihr wißt, was ich auf Andechs verwende, glaubt’s mir, man baut niemals Kapellen ohne Grund! Aber es ist schon dafür gesorgt, daß ein Ende wird. Erich von Braunschweig sagte schon vor zwei Jahren zu mir: es ist schade, Ernst, daß du nur den einen Sohn hast und daß der versprochen ist! Dies Wort blieb mir im Kopf hängen, und noch denselben Tag, wo ich die Flucht der Wüttembergerin erfuhr, ließ ich um die Braunschweigerin anhalten! Nun, gestern zur Nacht lief das Jawort ein!

Preising. Und Albrecht? Wird er einverstanden sein?

Ernst. Einverstanden? Wie kommt Ihr mir vor? Darnach hab ich wahrhaftig noch nicht gefragt, das, denk ich, versteht sich von selbst!

Preising. Ihr habt ihm einen Boten geschickt!

Ernst. Einen? Drei, vier hab ich ihm geschickt, mit Ermahnungen und Warnungen, dem letzten hab ich sogar einen Brief mitgegeben!

Preising. Nun, der ist wieder da, er steigt eben vom Pferd!

Ernst. Er hat lange genug gemacht!

Preising. Und ist doch nicht langsam geritten, denn er kommt nicht von Augsburg, sondern von Vohburg, der Herzog hatte die Reichsstadt verlassen, bevor er eintraf!

Ernst. So ist der Handel mit der Dirne vorbei, und ich hätte mir den dummen Brief sparen können!

Preising. Nichtsweniger, als das, er hat die Dirne mitgenommen!

Ernst. Das ist viel! Das würde ich bei Lebzeiten meines Vaters nie gewagt haben! Bringt das der Bote?

Preising. Ja–Und-

Ernst. Was noch? Warum stockt Ihr? Das kenn ich ja gar nicht an Euch!

Preising. Das Gerücht–wissen müßt Ihr’s–geht sogar noch weiter, viel weiter!

Ernst. Das Gerücht hat tausend Zungen, und nur mit einer spricht es die Wahrheit; wer will die herausfinden? Aber wie weit geht’s denn? Ich bin doch neugierig!

Preising. Man munkelt von einer heimlichen Heirat! Die Dirne hätt’s nicht anders getan!

Ernst. Und das könnt Ihr mir mit einem ernsthaften Gesicht sagen? Preising! Bringt das auch der Bote?

Preising. Ich habe ihm augenblicklich das strengste Stillschweigen auferlegt.

Ernst. Nicht doch! Er soll reden! Aber er soll hinzufügen, daß der Dirne ganz Bayern zum Leibgeding verschrieben ist! (Er lacht.) Meint Ihr nicht? Auch der Teil, der nicht uns gehört, der solle apart für sie erobert werden! Durch mich, versteht Ihr?

Preising. Und Ihr seid gewiß, daß nichts dahintersteckt? Gar nichts?

Ernst. Preising! (Er hebt seine drei Finger in die Höhe.) Das solltet Ihr doch auch können, und ob Ihr auf dem Todbett lägt! So viel Respekt für mein Blut verlang ich! Die Sippschaft der Dirne hat’s in Umlauf gesetzt, um ihre Schande zu verbrämen! Das liegt ja auf der Hand! Aber daraus folgt nicht, daß wir ruhig zusehen wollen, bis es im ganzen Reich herum ist, bewahre! Es freut mich jetzt doppelt, daß der Braunschweiger endlich gesprochen hat, nun können wir dem Kot gleich einen Platzregen nachschicken, und wir wollen uns rühren, daß er sich nicht vorher festsetzt! Also! Ihr steigt augenblicklich zu Pferd und meldet’s meinem Sohn-

Preising. Wenn er’s nun aber doch nicht aufnimmt, wie Ihr denkt?

Ernst. Haltet Euch doch nicht bei Unmöglichkeiten auf! Das sind ja ganz verschiedene Dinge! Er sagt ja; ob gern oder ungern, schnell oder langsam, das kümmert nicht mich und nicht Euch. Es gibt zwar eine Person, der das nicht so gleichgültig sein kann, wie uns beiden, aber auch um die ist mir nicht bange, sie wird’s schon durchsetzen, wenn sie nur einmal da ist! In Braunschweig ist ja alles schön, bis auf das Hexenvolk, das sich zu Walpurgis bei Nebel und Nacht auf dem Blocksberg versammelt, und Erichs Anna soll noch mächtig hervorleuchten! Ihr kennt das schnurrige Wort ja wohl, das auf dem letzten Fürstentag über sie umging. Der Burggraf von Nürnberg, der kleine Bucklichte, der immer so twatsche Einfälle hat, sagte, als die Rede auf ihr schlichtes Wesen in Gang und Kleidertracht kam, sie sei ein Licht, das ungeputzt noch heller brenne, als geputzt, und die Jüngeren unter uns schwuren mit großem Lärm, das sei wahr, während wir Älteren lachten. Zum Teufel, die wird’s doch mit der Baderin aufnehmen können?