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Leben kam in die Bude.

Niemand außer Jenny und Engel wußte, was die fünf Bettvorleger sollten. Aber sie waren da und jedermann, der zum Ensemble gehörte, mußte mit den Händen drübergestrichen und sie für gut befunden haben.

Sie blieben zunächst im Eßzimmer liegen. Sechs Franken neunzig das Stück. Fünfunddreißig Franken die Partie.

Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeister beiseite und sagte: “Herr Meyer, morgen nachmittag fünf Uhr: Soloprobe. C-Dur.” Und machte mit zappelnden Wurstelfingern die Bewegung heftigen Klavierspielens.

Und kaufte sich einen neuen Schlips, ein Franken fünfundsiebzig, schwarz, beim “Globus”.

Und der Herr Coiffeur Voegeli kam zu Besuch, eines Nachmittags, und man servierte ihm im Schlafzimmer Wein, und Fräulein Rosa mußte ihn unterhalten, weil Jennymama keine Zeit hatte, sondern roten Biber einkaufen gehen mußte, um aus den Bettvorlegern durch Aufnähen der Felle auf den roten Biber Kostüme zu fertigen von wilder, unerhörter Farbenpracht.

Und Herr Voegeli revanchierte sich für den liebenswürdigen Empfang so brillant, daß Jennymama in der Lage war, sich einen totschicken Abendmantel zu kaufen, den sie zu tragen gedachte zur Premiere.

Und siehe da: zwei junge Damen kamen, aus Bern, zu Fuß, eine schöner als die andre. Das waren Fräulein Güssy und Fräulein Traute.

Fräulein Güssy lang, überlang, so was Langes haben Sie noch nicht gesehen. Vorne platt wie ein Nudelbrett. Mit langen Zugstiefeln, großen dunklen Kuhaugen und langen, wehenden Armen: zwanzig Jahre. Fräulein Traute kräftig, rosenrot, Hakennase. Stets kichernd und schamrot über den eigenen Busen, der prall und anbötig vorn abstand, und den sie stets eifrig bedacht war, mit beiden Händen über die Hüften hinunterzuglätten: achtzehn Jahre.

Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide. Und all dies Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fräulein Rosa, hinter den Bretterverschlag, zu den Turteltauben; wurde als Lehrkraft dabehalten, und suchte sogleich mit Eifer sich nützlich zu zeigen.

Und Besuch kam nachmittags: Fräulein Raffaëla, Tänzerin, und Fräulein Lydia, Tänzerin; beide vom Zirkus. Mit ihrer gemeinschaftlichen Mutter Donna Maria Josefa.

Donna Maria Josefa war eine sehr preziöse Dame. Sie setzte beide Hände trommelnd auf die Tischplatte und ließ ihre Augen schweifen, ohne den Kopf zu bewegen.

Ihre Nase war etwas gerötet von Frost. Ihr Gesicht beherrscht. Ihre schmalen, behaarten Lippen verbargen ein Gebiß, das mit wahren Haifischzähnen besetzt war.

Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin, und die beiden Töchter setzten sich zu ihrer Seite, je rechts und je links, und sagten:

“Mama, ach Mama! Mama, nimmst du Zucker? Mama, nimmst du Milch? Mama, nimmst du Zwieback? Mama, nimmst du Honig oder Gelee?”

Und Flametti sagte: “Jaja, Frau Scheideisen!” So hieß Donna Maria Josefa mit ihrem Privatnamen.

Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu den Töchtern:

“Greif’ zu, Raffaëla! Greif’ zu, Lydia!” wie zu alten Bekannten.

Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern, als säße sie bei einer Eröffnungs-Gala-Festvorstellung an der Kasse. Und lächelte gemessen, wenn man höflich war.

Das Ganze aber hatte Flametti, wahrlich nicht Übel, arrangiert und eingefädelt, um die alte Häsli ein wenig in Schach zu halten, die Üppiger wurde von Tag zu Tag.

Die saß jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennender Bewunderung beim Anblick der Goldknöpfe von Donna Maria Josefas Blusenbusen.

Es begab sich aber, daß auch zwei Detektivs erschienen, eines Nachmittags–schon wieder, Kreuzdonnerkeil!–, an die Türe klopften, ganz sachte, und Flametti zu sprechen wünschten, zwecks einer Auskunft.

Und er ging hinaus vor die Tür, nahm die Detektivs in die Küche und verhandelte mit ihnen.

Und eine innere Stimme sagte Flametti: Verdirb dir’s nicht! Häng’ sie nicht vors Fenster, sondern mach’ Ihnen Vorschläge zur Güte!

Und das tat er auch. Aber es nützte nicht viel. Noch immer wegen der Quittung.

Und er stieß die Tür auf und kam hereingestürzt in die Stube, schloß seine Hauptkasse auf, stürzte den Inhalt auf den Eßtisch und schrie sehr erregt zu den skeptisch nachfolgenden beiden Beamten:

“Was wollt ihr denn? Seid doch vernünftig! Kann ich denn zahlen? Seht selbst! Habt doch in Teufelsnamen ein wenig Geduld! Da ist mein Ensemble…”

“Jenny, Rosa, Güssy, Traute!” rief er, und die kamen von rechts und links, im Unterrock, mit offenen Haaren, mit Lockenschere, Schuhknöpfer und Seifenhänden…

“Da ist mein Ensemble”, rief er, und zerrte die Damen mit langen Armen zu sich heran, “man arbeitet doch! Man rackert sich ab! Man studiert, simuliert! Man zahlt seine Steuern, man tut sein Möglichstes…”

Aber die Beamten blieben trotz allem skeptisch. Und es ist nicht einmal unwahrscheinlich, daß der Anblick so unterschiedlicher Frauenspersonen, in Halbtoilette um einen einzigen Mann gruppiert, ihr Mißtrauen noch bestärkte.

Sie notierten sich etwas und man begab sich zum zweitenmal in die Küche. Jetzt handelte sich’s um den Mechmed.

“Haben Sie einen Türken gekannt: Ali Mechmed Bei?”

“Ja.”

“Haben Sie mit ihm in Geschäftsverbindung gestanden?”

“Nein.”

“War Ihnen bekannt, daß er mit Kokain, Opium und Haschisch handelte?”

“Ja.”

“Nehmen Sie selbst Opium?”

“Nein.”

“Haben Sie Kommissionsdienste für ihn übernommen?”

“Nein.”

“War Ihnen bekannt oder mutmaßten Sie, daß seine Waren geschmuggelt waren?”

“Nein.”

“Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?” etc.

Flametti gab Antwort auf all’ diese Fragen nach bestem Wissen und Gewissen. Denn er hatte nichts zu verbergen. Aufgeplustert vor Wut und verlegen wie ein Schuljunge.

Und sie nahmen ihn nicht in Haft. Und wegen der Quittung würde er eine Vorladung bekommen zwecks Auseinandersetzung seiner Vermögenslage.

Flametti wurde furchtbar nervös im Lauf dieser Tage. Offenbar: große Dinge standen bevor. Wichtige Dinge. Geheimnis tut not, wo Schicksale schweben. Störung ist fernzuhalten.

Noch kannte Flametti von dem neuen Ensemble, das Herr Rotter ihm zugesagt und bestimmtest versprochen hatte, nicht viel mehr, als daß die Musik in C-Dur ging; daß es voraussichtlich “Die Delawaren” hieß, und daß er selbst, Flametti, den Häuptling Feuerschein vorstellen würde, mit Lanze, Pfeilen und Tomahawk.

Aber gerade die letztere Aussicht, die Rolle des Häuptlings Feuerschein, die Flametti bevorstand in den Prachtworten, die Herr Rotter sicherlich für ihn finden würde; im exotischen Aufputz voller Glut, Farbenpracht und Majestät;–Adlerfedern über den Rücken hinunter; Sandalen unten, Hakennase oben–veränderte gewissermaßen Flamettis Gesichtskreis und seine Lebensnuance.

Jetzt erst verstand er, weshalb ihm zuletzt das ganze Ensemble, Auftreten und Spielen verleidet gewesen; weshalb ihm all’ seine letzten Tableaus so seicht, geistlos und platt erschienen. Schon diese Titel: “Die Modeweiber”, “Die Nixen”, “Die Nachtfalter”! Was konnten sie einem geben? Weiberzeug, süßlicher Schnack. Kitsch, Bruch.

Widerwillig hatte Flametti sie Abend für Abend im Repertoire geführt. Löckchen, Gefältel, Plissées, Frou-Frou–: er konnte nicht mehr. Er empfand einen Brechreiz.

Und die Weiber waren dabei immer aufdringlicher geworden. Was Wunder! Sie standen im Mittelpunkt.

Dagegen: “Die Delawaren”! Wie das klang! Stierig, männlich, farusch, imposant! Das war eine Sache. Das schuf Respekt. Da ließ sich was ahnen!

Flamettis Benehmen wurde, schon jetzt, simpler, beruhigter, breiter. Seine Energie zäher, verbissen. Sein Selbstgefühl mächtig. Die Löwenbrust wölbte sich.

Wenn er die Hand auf den Tisch legte, zitterte dieser. Früher hatte er nicht gezittert. Wo Flametti hingriff, wuchs jetzt kein Gras mehr. Wen Flametti ansah, zuckte zusammen, erbleichte.

Er ließ, im Geist, seine Freunde Revue passieren und beschloß, zu lieben und hassen nur noch tödlich. Früher hatte er mit sich reden lassen.

Er beschloß, alle minderen Qualitäten aus seiner Gepflogenheit auszumerzen. Beschloß, seine Gastfreundschaft auszudehnen und selbstverständlicher zu gestalten. Beschloß, mehr zu sitzen, zu liegen. Weniger Aufregung, mehr Schwere und Weihe.

Seine Leidenschaft für Narkotika und für Alkohol solle befestigt werden. Opium: sehr gut. Feuerfressen: sehr gut. Das paßte. Und er beschloß, die Feuernummer von nun an wieder öfter und mit mehr Finsternis in der Geste zum Vortrag zu bringen.

Nicht soviel Anpassung. Mehr Würde. Magie. Nicht soviel Worte. Mehr lautlose Tat. Im ganzen: Vereinfachung. Wucht.

Und eines Morgens, als Flametti, in Träume versunken, vor die Tür seines Wigwams trat, im vollen Waffenschmuck, mit vergifteten Pfeilen; den Rauch seiner Pfeife blasend nach den vier Windrichtungen: erhob sich ein solches Gekreische, Gelächter und Girren im Lattenverschlag bei den Tauben, daß Flametti beschloß, ein Exempel zu statuieren.

Heraus sprang Feuerschein aus dem Bett, im Hemd, mit Bravour, und hinüber zum Lattenverschlag.

Das Weiberfleisch balgte sich in den Betten.

Drein fuhr Flametti mit derber Hand und lüpfte die Decke.

Es leuchtet der Mond in der Gondelnacht Blank, blänker, am blänksten.

Und Flametti griff zu und es klatschte.

Und die Lange flüchtete aus dem Bett. Und die Dralle mit dem geschamigen Busen schrie. Und die, die es traf, Rosa, die Sklavin, rang die gefalteten Hände, und flehte und sträubte sich fruchtlos gegen die sehnigen Häuptlingsarme.

Stolz kehrte Flametti zurück, die Brust geschwellt von männlichem Furor, die Augen gerollt vor strahlender Lust, und sagte zu Jenny, die neben ihm lag: “Die sollen mich kennenlernen!”

Neueinstudierungen wurden angeordnet unter Jennys Leitung, weil Max anderweitig beschäftigt war. Alte Kostüme wurden, unter Beteiligung der Lehrkräfte, repariert und aufgebügelt. Die neuen Kostüme probiert.

Und auch die Damen Jenny und Laura bekamen jetzt Lanzen, aus Besenstielen, rundum bemalt, gelb, grün und blau. Oben eine Spitze aus Goldblech.

Und damit auch das übrige Ensemble nicht müßig ging, hatten Engel und Bobby Beleuchtungsproben mit bengalischem Rot, wozu sie die Pfanne und Pulver besorgen mußten.

Herr Arista studierte ein neues Lied:

“Nur immer raus damit, nur immer raus damit! Wozu haben wir’s denn? Na ja!”,

was sich auf seinen Busen bezog.

Auch die Häslis hatten für neues Programm zu sorgen und studierten mit dem Pianisten das interessante Terzett “Schackerl, Schackerl, trau di net!”, das Frau Häsli ausgesucht hatte, an dem sich aber nach seiner Rückkehr vom Dienst auch Herr Häsli beteiligen sollte.

Es war offensichtlich Flamettis Ehrgeiz, aus der Premiere dieser “Indianer” einen Festzug zu machen, ein Ruhm–und Gedenkblatt für sich und das ganze Ensemble.

Wer weiß, was für Intentionen mehr er damit verband, was für Erbauungen und Hintergedanken! Soviel Sorgfalt wie auf dieses Ensemble hatte er noch auf keines verwandt. Soviel Aufwand und Wichtigkeit waren kaum zu erklären.

Ein Plakat ließ Flametti entwerfen von einem ersten Maler der Fuchsweide. Darauf stand in Majuskeln: “Die Indianer.” Abgebildet war Flametti als Häuptling Feuerschein in vollem Federnaufputz, Rothaut über und über, mit Ohrringen, Funkelaugen und einer Kette aus Bärenzähnen.

Darunter aber stand: “Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis Varieté-Ensemble.”

Hinging Max zu Herrn Fournier, dem Vorstand der Eisenbahner-Kapelle, und fragte ihn, ob er bereit sei, mit fünfzig Mann Blasorchester zur Stelle zu sein. Und welche Konditionen.

Vorsprach Flametti beim Beizer und legte ihm den Gedanken nahe, um Freinacht und Tanz einzugeben bei der Polizei, was Herr Schnabel zwar überrascht, aber bereitwillig versprach. Er hatte ja keine Ahnung.

Und zur festgesetzten Stunde traf Flametti Herrn Rotter im Terrassencafé.

Der Rotter war elegant wie immer. Er las gerade die “Daily Mail”–ob er das konnte? Ob das nicht Getue war?–, lud Flametti mit einer raschen, geschickten Handbewegung ein, Platz zu nehmen, setzte den Kneifer vor seine lidlosen, entzündeten Augen, rieb sich die Nase und zückte das Manuskript aus der Mappe.

Flametti bestellte ein Pilsner, und dann befummelten sie die Affäre.

“Also sieh her, Flametti!” sagte Herr Rotter, “das ist der Dreck.” Dabei wog er das Manuskript auf der Hand.

Flametti beugte den Oberkörper herunter aufs Knie und rauchte Zigarre.

“Also es ist so: “Die Delawaren”. Du machst den Feuerschein. Die andern, die Weiber, fünf Stück, machen die Bande. Ausstattung: Fellkostüme, wie gesagt, Lanze, Tomahawk, Kopfaufputz. Musik: C-Dur. Beleuchtung: Rot. Einstudieren mußt du’s selbst. Hier ist der Text.”

Flametti bemerkte sofort, daß Herr Rotter Eile hatte, und beeilte sich seinerseits, aus der Brusttasche einen Fünfzigfrankenschein in Bewegung zu setzen, der als Honorar vereinbart und von Mutter Dudlinger mit riskierender Teilnahme vorgestreckt worden war.

“Hier”, sagte Flametti, indem er den Schein auseinanderfaltete, “jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert.”

“Ah was, Bagatelle!” sagte Herr Rotter und steckte den Schein nachlässig in die Rocktasche.

Flametti hatte sofort das Gefühl: “der ist das Einheimsen gewohnt!” und erinnerte sich jener erstaunlichen Fertigkeit, mit der Herr Rotter im Germania-Cabaret die Pausen füllte durch Selbstverkauf seiner “Gesammelten Werke”.

Flametti nahm das Ensemble jetzt an sich mit beiden Händen und begann zu lesen.

“Na, kannst es zuhaus in Ruhe studieren!” meinte Herr Rotter, “es klappt. Sei versichert!”, und intonierte probeweise die erste Strophe.

Flametti gingen die Augen über vor Bewunderung.

“Die letzten von dem Stamm der Delawaren, Die Kriegerscharen
Der Delawaren–“

Ausschritten die Rhythmen in gravitätischer Folge.

Flametti fühlte, wie seine Nase schärfer wurde, energischer: eine Adlernase. Seine Augen kühner, verwegener, sprühend. Er fühlte die Lanze in seiner Faust. Die Federbüschel liefen ihm kalt über den Rücken hinunter. Sein Unterkiefer schob sich vor in bestialischer Vehemenz.

Der Ober, beladen mit einem Pack Zeitungen und einem Cafécrème, schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und stieß an den Stuhl. Flametti wäre ihm knapp an die Gurgel gefahren. So schreckte es ihn aus der Illusion.

“Klappt alles. Unbesorgt!” versicherte Rotter.

“Hören Sie zu”, sagte Flametti, “ich hab’ ein Plakat machen lassen: “Die Indianer”. Großartig, imposant. Dreißig Franken. Beim Lemmerle. Kennst ihn doch!”

“Schon gut! Mach’ was du willst mit dem Dreck!” sagte Herr Rotter und drückte den Klemmer fest. “Ist ja nicht mein Beruf. Macht man so nebenbei.”

“Schau”, meinte Flametti treuherzig und verlegen, “mich packt’s. Mußt nicht so sprechen. Mir tut’s weh. Mich freut’s halt. Akkurat weil du mir die “Indianer” gemacht hast. Siehst du, ich hätte dir auch einen Hunderter gegeben, wenn du’s verlangt hätt’st.”

Rotter kraulte sich mit dem Taschentuchzipfel im Nasenloch und sah über den Kneifer weg Flametti an, als traue er seinen Ohren nicht.

“Wirst mal sehen”, meinte der, “wenn die Beleuchtung dazu kommt, Musik, Reklame, der ganze Klimbim!” Und er versuchte, durch gleichzeitige Anspannung aller Gesichtsmuskeln, Wackeln der Ohren, vorgeschobenen Unterkiefer, Hochziehen der Brauen, einen Begriff zu geben von der Schlagkraft der Dinge, die dann kommen würden.

“Apropos”, behielt Rotter sich vor, “bei der Hauptprobe will ich dabei sein. Damit ich auch sehe, was ihr draus macht.”

“Sowieso”, beruhigte Flametti. Und um zuverlässig zu beweisen, daß das Ensemble in guten Händen sei: “Fünfzig Mann Blasorchester!” Und nahm einen tiefen Schluck Pilsner.

“Das ist alles nichts”, meinte Rotter, “wenn ihr den Schick nicht trefft. Wenn das gewisse Etwas fehlt.”

“Es kommt”, versicherte Flametti, “da ist das Wort zuviel.”

“Na, wollen mal sehen”, schloß Rotter und griff nach der Daily Mail,.

Flametti fühlte sich unbehaglich.

“Zahlen!” rief er, “hab’s pressant!” und der Kellner kam, und Flametti reichte Herrn Rotter indianisch die Hand, sagte “Salü!” und “Merci!” und ging. Ein unerhört despektierliches Wort unterdrückte er, als er das Lokal verließ.

Zu Hause aber warf er sich aufs Sofa und las. Las mit immer wilderem Entzücken, immer hellerer Begeisterung. Las das Ensemble von A bis Z, ertrank darin; ritt, galoppierte, rasselte, tobte; donnerte, blitzte und fluchte; strahlte und weinte, lachte und staunte.

Setzte sich hin und schrieb mit kalligraphischen Lettern, Silbe klar an Silbe reihend–er war ja der Sohn eines Lehrers–die Rollen heraus.

Sprechproben wurden angesetzt; Ensembleproben. Die Rollen wurden verteilt. Persönlich probte Flametti vor dem Spiegel.

Probierte mit den Mädels, teilte Ohrfeigen aus, rannte Köpfe an die Wand; schrie, brüllte und fluchte.

Konnte gar nicht Worte genug finden, sein Erstaunen über die Borniertheit dieser Weiber, Jenny und die Soubrette mit eingeschlossen, kundzugeben.

Es ging denn auch rapid vorwärts. Nach drei Tagen saß schon der Text. Nach weiteren drei Tagen saßen auch die Bewegungen, Auf–und Umzug des Ensembles auf der Bühne.

Was hatten die armen Weiber alles für Vorstufen durchzumachen, bis sie wirkliche, richtige, echte Indianer waren! Kalb, Ochs, Esel, säbelbeiniges Frauenzimmer, Schmerbauch, Mistvieh, Bauer! Was alles mußten sie anhören in hartem Ringen um die Kunst!

Und erst die Bewegungen! Bis die saßen! “Links! Links! Links herum, Stoffel!!!”… “Vor, die Lanzen! Hoch den Tomahawk! Runter aufs Knie!”… “Um mich herum! Vor mich hin! Ich beschütze euch!”.. . “Apotheose! Verklärung! Verklärte Augen sollst du machen, Mistvieh damisches!”

Und die Musik, bis die saß! “Hörst du denn nicht?? Sperr’ deine Löffel auf! Wozu hast du denn deine Windfänger! Die Nasenlöcher kannst du doch auch aufsperren!”… “Den Allerwertesten werd’ ich dir treffen, wenn du nicht aufpassen willst. Himmelherrgottsakrament, sperr’ deine Ohren auf!!!!”

Aber dann ging’s auch wie am Schnürchen, nach sechs Tagen, und alle waren des Lobes voll und bekamen allmählich Geschmack an der Sache und machten die Bewegungen von selbst; auch bei Tisch, beim Zubettgehen, beim Morgenkaffee; im Hemd und in Unterkleidern. Sangen, pfiffen und trällerten die Musik vor sich hin, die Herr Meyer feinsinnig aufgefaßt hatte und kongenial wiedergab.

Und Flametti studierte solo mit Meyer ein: den Auftritt des Häuptlings.

Unten in der Musik muß es donnern und blitzen: Brwrr, brwrrrr, worgeln und tremolieren. Dann muß die rechte Hand höherlaufen. Feuerschein kommt von links, späht durch das Kulissenfenster der Bauernstube, drohend, erschrecklich, in hohem, dämonischem Federnschmuck, mit der Lanze. Kommt dann heraus auf die Bühne, vorsichtig, schleichend, verfolgt, den Kopf spähend vorgestreckt, die Halsmuskeln gespannt, den Tomahawk mordbereit. Verschwindet unter Donner und Blitz der Musik in der Kulisse rechts. Es beginnt das eigentliche Ensemble. C-Dur. Andante. Mächtig und breit: Auf dem Kriegspfad:

“Die Letzten von dem Stamm der Delawaren, Die Kriegerscharen
Der Delawaren…”

Dann haben zu singen die Weiber, mit vorstellender Handbewegung zu Flametti gewandt:

“Der tapfre Häuptling Feuerschein…”

Und Flametti antwortet mit stolz erhobenem Haupt und gestrafften Zügen:

“Mit seinen wilden Mägdelein…”

Dann tutti, zum Publikum gewandt mit dargebotener Rechten:

“Entbieten euch die Freundeshand Zum Gruß. Schlagt ein!”

An den Türken dachte Flametti nicht mehr, seit er Indianer geworden war. Aus dem Opiumhandel war nichts geworden. Desto besser. “Wenn nicht, dann nicht!” hieß es in einem Couplet der Soubrette.

Dafür hatte Flametti jetzt selbst einen Harem, und gewissenhaft war er darauf bedacht, seiner Illusion Greifbarkeit zu verleihen. Einteilte er seinen Wigwam in drei Gemächer.

In der Mitte die Stube wurde das Häuptlingszelt, wo man Beratung pflog, Botschaften empfing, Mahlzeiten einnahm, Siesta hielt. Das Schlafzimmer rechts davon ward zum Gemach der obersten Lieblings–und Hauptfrau. Der Bretterverschlag links Kemenate der Favoritinnen und Nebenfrauen.

Das ideal in der Mitte gelegene “Hauptgemach” erregte zwar den heftigen und unverhohlenen Widerspruch der Lieblings–und Hauptfrau, aber Flametti ließ sich nicht beirren, und bald hatte er es denn auch dahin gebracht, den Begriff seiner männlichen Würde und überlegenheit von den Kebsweibern akzeptiert zu sehen. Und es war ein zwar ungewöhnlicher, aber in seiner Totalität strammer Anblick für Mutter Dudlinger, eines Tags den Häuptling in vollem Kriegsschmuck zu finden beim Anprobieren der fertigen Fransenhosen, um ihn herum die Haupt–und die Nebenfrauen, hockend mit Herstellung kleiner roter Lämpchen beschäftigt, die dazu bestimmt waren, von den Delawaren auf dem Kriegspfad an langen Schnüren als Beleuchtungskörper geschwungen zu werden. Herr Schnabel, der Wirt, hatte sich nämlich das bengalische Pulver verbeten, des unbändigen Gestanks wegen, den die beiden Feuerwerker schon auf der Probe damit hervorgebracht hatten.

Solcherlei Zurüstungen konnten der Konkurrenz nicht verborgen bleiben.

Der Neid war grenzenlos. Die Versuche, Flametti das Wasser abzugraben, gingen ins Lächerliche.

Pfäffer zeigte an:

“Die exzentrische Schwiegermutter oder eine Nacht am Orinoko. Posse in drei Akten!”

Einen absonderlichen alten Onkel mit Botanisierbüchse und rotem Regenschirm sollte Fräulein Mary singen, eine zwar nicht mehr jugendliche, aber sympathische Darstellerin, von der Jenny beruhigt voraussah, daß sie mit ihren Beinen eines alten Kaleschengauls, abgewetzt, knollig und dürr, notwendig müsse Fiasko machen.

Ein andrer Direktor begann ebenfalls “Indianer” einzustudieren, die er “Komantschen” nannte. So daß Flametti sich genötigt sah, unter das Plakat des Herrn Lemmerle noch setzen zu lassen: “Jede Nachahmung verboten! Wer die Indianer nachmacht, wird gerichtlich verfolgt!”

Den Vogel aber schoß Ferrero ab. Unter Zuhilfenahme maßloser Reklame zeigte er an: “Lullu Cruck, König aller Bauchredner! Man lacht, lacht, lacht!”

“Krampf!” lachte Flametti, “Macht er ja selbst.”

Flamettis Selbstgefühl erreichte den Gipfel. Und als eines Tages die Zusage des Herrn Fournier eintraf wegen der fünfzig Mann Blechmusik; als Herr Schnabel die Erlaubnis vorzeigte für Freinacht und Tanz; als endlich die Hauptprobe angesetzt werden konnte, da fand er sogar den Mut, dem Rotter die Spitze zu bieten. Und das war gut, denn um ein Haar wäre durch Rotters provozierendes Benehmen noch auf der Hauptprobe alles gescheitert.

Haltlos ironisch, wie es seiner Gemütsart entsprach, kam Herr Rotter am Tage der Hauptprobe an in Lackstiefeletten und Streifenhosen, den Koks keck auf den Kopfwirbel geschoben: Dandy, Genießer und Zyniker.

“Nu man los!” rief er, indem er sich vorn an die Bühne placierte, Arme und Beine verschränkt, an den Wirtstisch gelehnt.

“Hoch mit die Röcke!” rief er dem vorhangbedienenden Engel zu.

“Wa?” schnodderte er die Kellnerin an, die ihn nach seinen Belieben fragte.

Flametti verstand nicht, wie sich ein Mensch seinem eigenen Geisterprodukt gegenüber so heillos frivol benehmen könne. Ihn schauderte. Doch er versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und schwieg.

Als aber der Auftritt kam:

“Die Letzten von dem Stamm der Delawaren”–die selbstverfaßte Häuptlingsouvertüre unterdrückte Flametti in einer Anwandlung von Unsicherheit–, als also der Auftritt kam und Herr Rotter in ein prustendes Gelächter ausbrach, und als infolge der höchlichen Laune des Herrn Autors auch die fellgegürteten Weiber auf der Bühne anfingen, die Sache lustig zu finden, da riß Flametti die Geduld.

Auf den Hacken drehte er sich vor Wut wie ein kirrender Hahn. Die Lanze stieß er auf den Boden, daß das Bauernhaus rechts und die Renaissancelandschaft im Hintergrund ins Wackeln gerieten. Hochrot wurde er im Gesicht wie ein Puter. Und er schrie mit drosselnd erhobenen Händen im Dialekt seiner Heimat über die Rampe hinunter:

“Wellet Se sich nit einen Augenblick auf Ihre vier Buchstaben setzen, Herr Dichter? Nur einen Augenblick, wenn es gefällig ist! Sie seh’n doch, daß hier gearbeitet wird.”

Der Rotter war ganz überrascht. Das war ja eine unglaubliche Frechheit von diesem Flametti! Was fiel dem eigentlich ein! Das war doch die Höhe!

Hoch hob er sein Stöckchen, fitzte es durch die Luft und rief auf die Bühne hinauf:

“Sie, hören Sie mal: Hab’ ich mit Ihnen vielleicht mal die Schweine gehütet oder hab’ ich Ihnen das Ensemble geschrieben? Das Frauenzimmer dort mit der Gurkennase ist doch unmöglich!”

Das Frauenzimmer mit der Gurkennase war Fräulein Rosa. Und Flametti sah hin und stand einen Moment lang betroffen.

“Ich hab’ das Ensemble doch, Gott verdamm’ mich, für Hakennasen und nicht für Himmelfahrtsnasen gemacht!”

Er schlug mit dem Stöckchen C-Dur an und rief:

“Na, mal weiter!”

Aber Flametti war jetzt die Lust vergangen.

“Lassen Sie das Klavier in Ruh!” schrie er herunter und fuchtelte mit der Lanze. “Was fällt Ihnen eigentlich ein? Sind Sie hier Direktor oder ich?”

Herr Rotter jedoch wurde auffallend ruhig, nahm sachte sein Stöckchen von den Tasten, rückte die Mütze zurecht und sagte:

“Hören Sie mal! Wenn Sie glauben, Sie Botokude, mich für Ihre fünfzig Franken hier anschreien zu können, dann sind Sie im Irrtum.”

“Und Sie”, rief Flametti, stellte die Lanze hin und sprang, in vollem Häuptlingsschmuck, über die Bühne herunter, “machen Sie, daß Sie rauskommen. Raus! Ich habe genug von Ihnen.”

Und da Herr Rotter als Antwort hierfür nur ein spöttisches Grinsen hatte, die Stirnhaut hochzog, die Ohren bewegte und den Blöden spielte, packte Flametti den Patron am ärmel und spedierte ihn höchst persönlich durch das Lokal zum Büfett, wo Herr Schnabel automatisch und ohne zu fragen sich seiner annahm und ihn im Hinblick auf seine moralische Zweideutigkeit vor die Türe setzte.

Nachdem der Dichter entfernt war, ging alles glatt. Von vorne, von vorne, und nochmal von vorne, bis daß es saß.

IV

Am siebzehnten fand die Premiere statt. Schon am frühen Morgen herrschte im Hause Flametti beträchtliche Aufregung.

Es war noch nicht sieben Uhr früh, als sich die Frauen aus dem Favoritinnengemach schon stritten um das Vorrecht, für diesen Ehrentag Flametti-Feuerscheins Stiefel putzen zu dürfen.

Fräulein Traute hatte sich im Lauf der letzten Tage das Reinigen der Häuptlingsstiefel zu ihrer ganz besonderen Domäne gemacht. Kaum regte sich in der Frühe das erste Gurren und Flattern der Turteltauben, so sprang sie schon aus dem Bett, hin zum Gemach der Hauptfrau, vor dessen Türe die Knöpfelschuhe der Frau und die Zugstiefel Flamettis in trunken übernächtiger Kameradschaft beisammenstanden, nahm die Häuptlingsstiefel weg, ließ die Hauptfraustiefel stehen und rannte in die Küche nach dem Putzzeug, um den beiden anderen Favoritinnen zuvorzukommen.

Heute aber hatte sie sich verrechnet. Denn während sie in fliegendem Negligé zu der Schlafzimmertür rannte, rutschte auch Fräulein Rosa über die Bettkante herunter und eilte hinaus in die Küche, um Bürste und Putzzeug an sich zu nehmen.

Güssy aber, die im Nu, zurückbleibend, die Chancen des kommenden Streits berechnet hatte, langte sich ihre Beinkleider und zog sich an, fieberhaft. Ihr Temperament war stiller, phlegmatischer, heiß. Aber soviel wußte sie: Angekleidet würde sie bei einem Streit vor ihren im Hemd stehenden Rivalinnen im Vorteil sein.

Der Streit ließ nicht auf sich warten. Unter der Türe zwischen Eßzimmer und Küche begegneten sich Traute und Rosa. Die eine mit den Stiefeln, die andere mit Bürste und Crème. Güssy knöpfte sich gerade die Spangenschuhe zu.

“Gib die Stiefel her!” rief Rosa, “sie gehen dich nichts an! Ich bin länger im Hause als ihr!” Sie wollte sich gerade heute ein Vorrecht nicht nehmen lassen, auf das sie früher gerne verzichtete.

Aber Traute dachte nicht dran, die Stiefel aus der Hand zu geben.

“Hast du sie gestern gewichst? Hast du sie vorgestern gewichst? Verstehst du überhaupt was davon? Fütter’ deine Tauben!”

Güssy lachte. Aber Rosa hatte keine Lust zu weitschweifigen Auseinandersetzungen.

“Gib sie her!” rief sie entrüstet und klopfte der Traute die Wichsbürste auf die Nase.

Güssy kam näher aus dem Lattenverschlag, lachend. Die Stiefel fielen zu Boden. Die Wichsbürste ebenfalls. Die Crème rollte unter den Schrank. Traute und Rosa kriegten sich bei den Haaren.

In diesem Moment aber klopfte es und herein trat: Frau Schnepfe aus Basel. Sie war mit dem Frühzug herübergefahren, um ihre Visite zu machen, ihre “Affären” zu erledigen und abends zur Premiere zu kommen.

“Guten Morgen!” sagte sie freundlich und stand unter der Türe. “Bin ich hier recht bei Flametti?”

“Ah, die Frau Schnepfe!” rief Rosa freundlich überrascht und ließ ihre Partnerin los. “Ja, ja, natürlich sind Sie hier recht! Setzen Sie sich, Frau Schnepfe!” und lachte sich tot.

Güssy nahm die Stiefel und das Putzzeug an sich. Traute war in den Verschlag geflüchtet. Auch Rosa, kichernd hinter dem Spalt der Lattentüre, beeilte sich, einen Rock anzuziehen.

Frau Schnepfe war etwas befremdet von solch halbnackter Tummelei der Künstlerinnen. Musternd sah sie sich im Eßzimmer um. Hier also wohnte Flametti!

“Er schläft noch”, entschuldigte Rosa und kam, die Druckknöpfe schließend, wieder zum Vorschein. Dann vorstellend: “Das ist Fräulein Güssy. Das ist Fräulein Traute!” Die rieb sich mit dem Handtuchzipfel die Schuhcrème aus dem Gesicht. “Noch ein bißchen früh. Er steht immer erst auf gegen elf. Heute steht er wohl früher auf, weil wir heut’ abend die “Indianer” haben. Aber ich darf ihn nicht wecken.”

“Gut, gut!” sagte Frau Schnepfe und stand auf, den Schirm in der Hand. “Ich komme später vorbei. Grüßen Sie ihn! Die Frau Schnepfe war da.”

“Es ist recht”, verbeugte sich Rosa graziös, ihres stellvertretenden Amtes bewußt. “Ich werd’ es bestellen. Adieu, Frau Schnepfe!”

“Adieu!” dehnte Frau Schnepfe und ging, nicht ohne im Vorbeigehen einen Blick auch in die rußige Küche geworfen zu haben, wo inzwischen Fräulein Theres hantierte, verdrießlich und Stumpen rauchend.

Dann kam Engel, um acht.

“Schläft er noch?”

“Ja, er schläft noch.”

“Wo hast du das Plakat?”

“Hier”, sagte Rosa und holte das schöne Plakat des Herrn Lemmerle aus der Ecke beim Spiegelschrank, blieb bei Herrn Engel stehen und lachte ihn an.

Auch die beiden andern kamen näher und lachten.

Engels milde Augen waren Wolfsaugen geworden.

“Das ist ein Plakat! Was?” sah er sich nach den Weibern um, als hätte er das Plakat selbst gemacht.

Rosa lachte. Güssy kicherte verschämt. Sie kannten doch Flametti! Und wenn man das Bild ansah, wo er so feierlich aussah, als Indianer, –wie sollte man da nicht lachen!

Aber Traute lachte nicht. Sie fand es dumm, da zu lachen. Was gab es da zu lachen? Gar nichts gab es zu lachen.

Sie ärgerte sich über diese Gänse. Diese Rosa, die Trulle, was die schon davon verstand! Das ist doch nur für die Reklame! Er hat ein Geschäft, der Flametti. Das ist das Indianerspielen. Das macht ihm Spaß. Und wenn er ein Plakat machen läßt, ist’s schade, daß es nur ein Brustbild ist; daß nicht auch die Beine drauf sind mit den Fransenhosen, und die Stiefel. Und man muß froh sein, wenn man ihm die Stiefel putzen darf, damit er sich freut. Und wenn er manchmal “verruckt” wird und toll zuschlägt, dann ist das auch nicht so schlimm! Weiber brauchen das, sonst werden sie frech. Man sieht’s ja. Und wenn er einen anfaßt, dann ist’s, als ob einem Hören und Sehen vergeht und man möchte am liebsten zurückschlagen, weil er sich gar nicht geniert und sich nichts draus macht. Das ist schon ein Aas, dieser Flametti.

Und sie sagte es ganz laut, ein wenig schmollend und sehr verliebt: “Das ist schon ein Aas, dieser Flametti!”

Rosa krähte vor Übermut und sah die unglücklich im Fensterwinkel sitzende Traute förderlich an. Die hatte es mächtig!

Güssy aber, still und heiß, hatte ein Geschäker mit dem Engel angebahnt. Sie hatten ihre Hände zum Tric-Trac ineinandergesteckt und Güssy, lang wie sie war, versuchte, den schmächtigen Ausbrecherkönig unterzukriegen.

Rosa hielt, versunken, das Plakat vor sich hin.

Und Traute kam näher und warf dem “tapfren Häuptling Feuerschein” singend einen Handkuß zu, indem sie Theater machte aus ihrer Verliebtheit.

Und Rosa fiel ihr um den Hals und tanzte mit ihr im Zimmer herum.

“Laß los, Güssy!” meinte Engel ernsthaft, “hab’ keine Zeit. Muß weiter. Das Plakat aushängen.”

“Frau Schnepfe war da!” rief Rosa.

“Aus Basel?”

“Ja, aus Basel!”

“Fein wird’s heut’ abend: “Die Letzten von dem Stamm der Delawaren””, sang Traute mit übertriebenen Gesten, die ihr im Ernstfall gewiß nicht so leicht gefallen wären.

“Ja, Frau Schnepfe war da”, quittierte Engel, “und das ist auch eine Neuigkeit: daß die Häsli nicht singen wollen. Herr Häsli will den Schackerl nicht machen. Weil’s ihm nicht paßt.”

“Ach, der!” maulte Rosa gegen Engel, “was der nicht alles weiß!” Und sie intonierte:

“Schackerl, Schackerl, trau di net!”,

was sie auf der Probe gehört hatte, und kopierte dabei Frau Häslis neckische Vortragsart.

Überhaupt: die Weiber waren außer Rand und Band, schon so früh am Morgen, und Engel warnte:

“Wenn ihr mal nicht andre Augen macht, eh’ es Abend wird!”

Und Engel schickte sich an, zu gehen, das Plakat unterm Arm nebst den beiden Bildertafeln, die er sich selber langte und auf denen die Mitglieder des Flametti-Ensembles in ihren entbötigsten Privat–und Theaterposen photographisch zugegen waren.

“Engel!” rief Flametti, dessen nackter Kopf an der Schlafzimmertür erschien, und die Mädels fuhren auseinander.

“Ja, Max?” drehte Engel, schon bei der Treppe, noch einmal um.

“Komm mal her!”

Rosa nahm Güssy die Stiefel ab und stellte sie schleunigst an die Tür. Traute rief durch den Schalter: “Theres, den Kaffee!”

Güssy nahm schleunigst die Tischdecke weg und deckte den Kaffeetisch. Engel folgte Flametti ins Allerheiligste.

“Was gibts?” fragte Flametti.

“Plakate holen”, berichtete Engel.

“Sonst was?” Flametti war wieder ins Bett gestiegen.

“Guten Morgen, Jenny!” machte Engel seine Reverenz. “Nein, sonst nichts. Ja doch: Die Häsli machen solchene Zicken. Er ist ganz blutig gekratzt und er will nicht singen, sagt er.”

Engel bibberte heftig, wie immer, wenn er solchene Hiobsposten zu bringen hatte.

“Was will er?” setzte Flametti sich auf.

“Na, weißt du”, begütigte Engel, “es paßt ihm nicht. Er ist doch gestern zurückgekommen vom Militär. Und es paßt ihm nicht, daß die Alte das Lied ausgesucht hat mit dem Schackerl.”

“Was ist das?” setzte sich nun auch Jenny auf, indem sie das Hemd über der schönen vollen Brust zusammenzog.

“Na, du weißt doch, Jenny”, erklärte Engel, “Sie katzen sich doch immer. Und nun ist mir der Häsli schon früh um sieben, wie ich von der Annie kam, auf der Straße begegnet, ganz zerkratzt um die Schnörre herum, und hat mir gesagt, daß er nicht singen will wegen dem “trau mi net”. Und er will nicht das Kalb machen.”

“Gut!” sagte Flametti, “häng’ die Plakate aus! Er wird schon singen. Ich werde schon sorgen dafür, daß er singt!”

Und Jenny rief: “Max, geh’ rüber zu ihnen! Setz’ sie vor die Tür! Hol’ dir Ersatz! Hab’ ich dir’s nicht gesagt, daß sie uns aufsitzen lassen? Hab’ ich’s nicht immer gesagt? Da hast du’s! Aus der Nachtruhe stören sie einen auf, die Anarchisten!”

Und Max sprang aus dem Bett, zog die Hosen an, schnackelte die Hosennaht zurecht und trat ins Eßzimmer, unwirsch. Der Kaffee stand auf dem Tisch. “Wer hat die Stiefel geputzt?” rief er.

“Ich!” riefen Traute, Rosa und Güssy zugleich.

“Gut!” sagte Flametti, zog die Stiefel an, setzte den Hut auf und stapfte davon.

Er ging aber nicht zu den Häslis, sondern begab sich schnurstracks zu Fräulein Mabel Magorah, der indischen Traumtänzerin, Rübengasse 16.IV, die er als Ersatz benötigte.

Auch Jenny stand jetzt auf, gar nicht guter Laune, zog den blauen Schlafrock über, der wie ein Bügelteppich aussah, band ihn über dem Leib zusammen und kam zum Vorschein.

Das erste war, daß sie ihre ungeputzten Knöpfelschuhe bemerkte. Sie tat, als merke sie gar nichts, und fragte harmlos, indem sie sich zum Kaffeetisch setzte:

“Wer hat meinem Mann die Stiefel geputzt?”

Schweigen.

“Na, werd’ ich’s erfahren, wer meinem Mann die Stiefel geputzt hat?”

Güssy frech und phlegmatisch:

“Ich. Warum?”

“Weil du auch meine zu putzen hast, wenn sie dabeistehen.”

Und Jenny nahm die Knöpfelschuhe und warf sie der Güssy vor die Füße.

“Na!” maulte Güssy, “ich bin doch keine Dienstmagd hier im Hause! Soll doch die Rosa die Stiefel putzen! Ich bin hier als Sängerin engagiert!”

“Was bist du?” rief Jenny erbost, “Sängerin? Was sagst du? Einsperren werd’ ich euch! Nichts zu essen werd’ ich euch geben! Ich werd’ euch Mores lehren! Für die Kerls habt ihr Augen. Für’s Arbeiten nicht!”

Traute stand irgendwo beim Fenster, abgewandt, und kicherte in sich hinein. Rosa war hinterrücks in die Küche verschwunden.

“Rosa!” rief Jenny hinaus, “hast du dein Kleid ausgebügelt?”

“Nein, noch nicht!” antwortete es von draußen.

“Du bügelst dann dein Kleid aus! Theres soll die Eisen einlegen. Und dann tragt ihr die Kostüme rüber in die Garderobe!”

Traute bekam einen Einfall. Sie ging hinaus in die Küche und kam zurück mit einer Teekanne.

“Na, was hast denn du da?” fragte Jenny.

“Teewasser!” sagte Traute.

“Teewasser?” fragte Jenny, “wozu Teewasser?”

“Ich will meine Locken wickeln.”

Jenny schlug mit der Hand auf den Tisch und fuhr auf. “Na, da hört doch die Weltgeschichte auf! Du bist wohl ganz und gar übergeschnappt? Locken jetzt um neun Uhr vormittags? Und aus meiner Teekanne? Deine Dreckfinger willst du in meine Teekanne stecken, aus der ich Tee trinke?”

Aber Traute fand das gar nicht absonderlich. Weder daß sie sich Locken wickeln wollte, noch daß sie Flamettis Teekanne dazu nahm. Sie ging deshalb ruhig weiter mit der Teekanne, nach dem Verschlag, um ihre Lockenwickler aus der Schieblade zu nehmen.

Jenny hatte sie aber auch schon eingeholt.

“Her mit der Kanne!” schrie sie, “raus damit in die Küche!” Traute hielt fest.

“Gibst du die Teekanne her, du Mensch?” schrie Jenny.

Sie zerrten sich hin und her, bis die Hand der kräftigeren Jenny mit der Teekanne hoch in die Luft fuhr, daß das Wasser spritzte.

“Ich will dir Locken geben! Du gehst mir nicht aus dem Haus heut, und kommst mir mittags nicht an den Tisch.”

“Pah!” rief Traute, “was ich mir draus mache! Herr Flametti hat drüber zu bestimmen. Er wird mich schon rufen.”

“Hier drinnen bleibst du!” schrie Jenny außer sich, versetzte ihr einen Stoß, schlug die Türe zu und schloß ab. “Theres!” rief sie zum Schalter, “die bekommt heute nichts mehr zu essen!”

“Und wehe euch!” rief sie den beiden andern zu, “wenn ihr ihr was zusteckt! Ich will euch zeigen, wer hier Meister ist!”

Vom Verschlag her hörte man Traute trommeln und dazu singen:

“Der tapfre Häuptling Feuerschein
Mit seinen wilden Mägdelein….”

in einem eigensinnig verliebten Rhythmus.

“Ah, so!” sagte Jenny. “Na, wart’s nur ab!”

Güssy hatte mittlerweile das Handtuch aufgehoben, mit dem Traute sich die Schuhcrème aus dem Gesicht gewischt hatte, und versuchte in einer Anwandlung von Solidarität, es verschwinden zu lassen.

Aber Jenny bemerkte gerade, daß das Handtuch hinter die Gardine fiel, und rief:

“Gib nur her, was du dort verschwinden lassen willst! Was ist denn das?”

Güssy zögerte.

“Her damit!” schrie Jenny und riß es ihr aus der Hand. “Wo kommt dieser Fleck her?”

“Theres!” jammerte sie, “diese Schlampen haben mir das ganze Handtuch eingeschmiert!”

Jetzt kam auch Fräulein Theres herein. “Mein Gott”, verwunderte sie sich, “was ist denn jetzt das? Aber nein, das ist doch zuviel!” und ihr Gesicht wurde lang wie ein Laib Brot.

“Theres, die bringen mich ganz herunter! Die ärgern mir die Schwindsucht an den Hals!”

“Rosa, jetzt sag mal du”, wandte Jenny sich an die auf das Jammergeschrei hin ebenfalls wieder hereingekommene Rosa.

“Ich kann nichts dafür!” versicherte die. “Ich hab’ der Traute die Bürste auf die Nase geklopft und sie hat sich die Nase ins Handtuch gewischt.”

“So? Und warum das?”

“Weil sie mich aufzieht. Weil sie mich hänselt. Sie sagt, ich hätte was mit Ihrem Mann gehabt in der Garderobe. Und das laß ich mir nicht gefallen. Ich hab’ nie was mit Ihrem Mann gehabt. Aber sie hat sich knutschen lassen. Hab’ ich selbst gesehen. Sie ist ja ganz verschossen in ihn! Und die Güssy hat’s auch gesehen.”

“Hast du das gesehen?”

“Ich habe nichts gesehen”, meinte Güssy apathisch, “was geht es mich an?”

“Jawohl hast du’s gesehen!” fuhr Rosa sie an, “bist ja selbst eifersüchtig auf ihn! Bist du’s vielleicht nicht?”

“Pah!” warf Güssy weit weg, “eifersüchtig!”

“Raus in die Küche!” schrie Jenny und packte eine nach der andern beim ärmel, “ihr sollt mich kennenlernen!”

Da ging auch Fräulein Theres wieder hinaus, Stumpen rauchend, und schloß die Türe hinter sich.

Und Schritte ließen sich vernehmen auf der Treppe und Raffaëla kam, die Tänzerin, Tochter von Donna Maria Josefa, mit ihrem Kind, der kleinen Lotte, die bamsig und fett an der Hand ihrer Mutter wackelte.

“Duden Morgen!” dehnte Raffaëla bamsig und fett im Ton ihres Kindes, “sag’ schön “Duden Morgen!”, Lotte!”… “wir haben unsern Sirm stehenlassen neulich, und wollen ihn wieder holen…..”

“Dida holen”, echote die kleine Lotte.

“Dieder holen”, wiederholte Raffaëla phlegmatisch.

“Ach, Raffaëla!” klagte Jenny, “ich bin ganz unglücklich! Gut, daß du kommst. Setz’ dich, trink’ ‘ne Tasse Kaffee”!

“Tasse Taffee!” wiederholte Lotte.

“Denk’ dir”, fuhr Jenny fort, “diese Menscher! Sie stellen mir das ganze Haus auf den Kopf! Heut’ abend haben wir doch die “Indianer”. Und zu Haus geht alles drunter und drüber. Locken brennen sie sich am hellen Vormittag. Der einen hab’ ich Ohrfeigen gegeben. Die heult draußen. Die andere hab’ ich eingesperrt. Hinter meinem Mann sind sie her. Seit diese “Indianer” ins Haus kamen, hab’ ich keine ruhige Minute mehr. Er ist der Häuptling Feuerschein, verstehst du, und sie sind seine “Mägdelein”, sein Harem. Er hat sie in der Kur, alle drei, und sie trumpfen auf. Sie lassen sich nichts mehr bieten von mir. Sie werden frech. Was mach’ ich nur?”

Raffaëla war sprachlos; fand aber soviel Besinnung, Lotte Kaffee einzugießen und Brote zu streichen.

“Nein”, tat sie verblüfft, “so was! Geh’, Jenny, ‘s ist nicht möglich!”–“Seine Mägdelein!” krähte sie, “nein, so was!” Sie schien für Flamettis Romantik noch weniger Sinn zu haben als Jenny.

“Geh’, lach’ nicht!” sagte die. “Er hat sie in der Kur. Ich weiß es ganz genau. Und sie trumpfen auf. “Das werden wir schon sehen”, sagte dieser Fetzen, die Traute. Sie weiß, daß er ihr die Stange hält. Mit der Teekanne kommt sie an, gerade vorhin, und will sich Locken wickeln. Meine Handtücher schmieren sie mir ein. Die Betten zerschneiden sie mir. Die Vorhänge reißen sie mir herunter!”

“Na, das ist doch die Höhe!” war Raffaëla paff vor Erstaunen, und setzte die Geleeschnitte ab, die sie gerade in den geöffneten Mund schieben wollte. “Ja, läßt du dir das gefallen?”

“Was soll ich denn tun? Er kommt mir ja nicht mehr nach Haus! Er läßt sich ja nicht mehr blicken! Er verspielt ja das ganze Geld! Sechshundert Franken hatten wir auf der Kasse. Alles ist fort. Auto fährt er mit ihnen. Ins Kino führt er sie. Er ist der Häuptling Feuerschein und sie sind seine Trullen.–Mit der Soubrette hat er auch was. Vor zwei Stunden ist er weggegangen. Heut nachmittag kommt er zurück. Und hier geht alles drunter und drüber. Der Engel hat die Plakate noch nicht abgeholt und jetzt ist es zehn. Die Häsli wollen nicht singen heut abend und wir haben doch niemanden. Kein Geld läßt er mir für die Haushaltung und mutet den Leuten zu, sechsmal Fisch zu essen in der Woche. Natürlich laufen sie weg…..”

Raffaëla schüttelte den Kopf ob solcher Unglaublichkeiten:

“Ja, Jenny, ist das denn möglich?”

“Ah, du hast ‘ne Ahnung!” seufzte die, wirklich mitleiderregend, ganz zersprengtes Gesicht, “ich weiß mir ja nicht mehr zu helfen!”

“Ja, Jenny!” rief Raffaëla, “ich bin ja starr!”

Und Jenny bemerkte wohl den Erfolg der Affäre und ihrer Person und begann, sich selber zu trösten:

“Aber laß nur gut sein”, sagte sie, “ich hab’ ja auch meine Leute an der Hand! Ich hab’ ja meinen Freund aus Baden! Heut abend kommt er in die Vorstellung. Ich hab’ ja Kavaliere. Ich brauche ja nur ein Wort zu sagen. Brauche ja nur einen Wink zu geben… Ich laß ihn ins Irrenhaus stecken…”

“Jenny!”

Aber Jenny, unbeirrt: “Ich laß ihn ins Irrenhaus stecken, meiner Seel. Ich schaffe mir Geld beiseite und geh’ mit meinem Freund auf und davon.”

Das schien Raffaëla ein wenig zu abenteuerlich. “Ach, Jenny!” lächelte sie beschwichtigend, und patschte liebreich nach Jennys Hand. “Lottely, schau, wie sie eifersüchtig ist!” Und mästete sich weiter.

“Eifersüchtig?” schepperte Jenny und zog den blauen Schlafrock mit einem Rückfall in frühere chicke Allüren um den Leib, “nichts zu machen! Wir verkehren nicht miteinander. Ich bin nicht eifersüchtig. Ich hab’ ihn genommen, weil er ein solcher Bauer war. Weil er mir meine Pakete trug.”

“Raffaëla”, sagte sie in plötzlichem Einfall, “du mußt mir helfen. Wir stecken ihn ins Irrenhaus. Dann machen wir zusammen ein Ensemble. Ich hab’ die Kostüme. Du und Lydia, ihr tanzt. Leporello (das war Lydias Partner) wird Direktor.”

“Je, Jenny!” meinte Raffaëla, “du phantasierst ja! Beruhig’ dich doch!” Und aß weiter, als müsse sie selbst sich beruhigen.

Schritte auf der Treppe ließen sich vernehmen. Flametti kam zurück.

Er hing den Hut an den Nagel. “So!” sagte er, “das ist erledigt. Wenn die Häsli nicht singen wollen….” “dann tanzt die Mabel”, wollte er sagen. Aber er bemerkte noch rechtzeitig Raffaëla und sagte: “Dann hab’ ich Ersatz. Tag, Raffaëla!”

Es sei hier angefügt, daß Traute über das Mittagessen nicht eingesperrt blieb.

“Dummes Zeug!” sagte Flametti, “das gibt es bei mir nicht. Bei mir wird niemand eingesperrt!”

Und Fräulein Traute wurde befreit aus dem Karzer und kam zum Vorschein, den Kopf über und über voll Locken, die sie mit Hilfe von Jennys Himbeersyrup, der im Taubenverschlag auf dem Schrank stand, sehr kunstvoll ge–und entwickelt hatte.

Jenny war keine böse Frau von Natur. Sie war edel, hilfreich und gut. Sie schenkte den Armen und liebte ihre Feinde. Aber sie wußte, was sie sich schuldig war als Flamettis Weib. Einem solchen Manne entsprach eine solche Frau.

Wenn sie in engerem Kreise versicherte, diese Person, diese Traute, sei nicht die erste, die sie ins Arbeitshaus bringe, so brauchte man das nicht wörtlich zu nehmen. Es war ein Symbol gewissermaßen für ihre Anschauung, daß ein Mann von der Kühnheit Flamettis einer Frau gewiß zu sein habe, die gefährlich, herzlos, zum Handeln bereit, auch Kanaille sein könne, entschlossen, eiskalt und zu jedem Mittel bereit, wenn es drauf ankam, sich Achtung und Furcht zu verschaffen.

Zu Mittag kamen auch Herr und Frau Häsli; beide ein wenig zerkratzt und zerbeult, aber beide voll Liebe und Güte. Und daran war nicht zu denken, daß sie das “Schackerl” nicht singen wollten. Im Gegenteil.

Und die Fuchsweide dämmerte. Bucklig und winkelig sank sie mit ihrem Halbhundert Gassen verschmutzt und im Rauch ihrer Herdfeuer grau in den Abend.

Die Giebel zerschnitten sich hoch in der Luft.

Die Häuser barsten von Feuer und Licht. Die Osram–und Tristankerzen, die Glasglühlichter und Bogenlampen leuchteten auf. Die Metzgereien und Magazine und Handwerksstätten glühten wie Einkaufsbuden des Teufels.

Man legte die Arbeitsschürzen jetzt ab in den Kellern. Im Hinterhaus, in den Stuben und Giebeln frisierte man sich und machte Toilette.

Los gingen die Grammophone, Orchestrione und das Elektroklavier. Auftauchten verwegne Gestalten beiderlei Geschlechts vor beleuchteten Spiegeln, unter dem Haustor und auf der Straße.

Auf ging der Mond, und in den Konzertlokalen tummelten freundliche Sängerinnen und früheste Zauberkünstler bereits ihre Stimmen.

Schlächtergesellen führten den Wolfshund spazieren. Soldaten riefen sich zu. Ausbündige Eleganz grüßte “Salü!” Hoch aus dem fünften Stockwerk, wie von der Sternwarte weg, probierte Herr Bonifaz Käsbohrer in überschnappenden Tönen sein B-Klarinett, das er mit Hilfe des “Tagblatts” nachmittags eingetauscht hatte gegen ein abgenutztes Veloziped.

Dann aufdringlich und bunt: Die Rumänische Damenkapelle begab sich zum “Blauen Himmel”. Ein Fräulein knüpfte Bekanntschaften an. Tirolerjodler gingen mit grünen Hüten und Zitherkästen. Ein Komiker kam im Zylinderhut. Drei schäbig gekleidete Herren mit Jockeymützen, wollenen Schal um den Hals, gaben, beim Gehen leicht ihre Schultern drehend, einer pompaduresk hoch aufgeprotzten Dame unerbetenes Geleit.

Und höllenhaft, magisch, radauend und zeternd: die Lichtreklame des “Krokodil” entfaltete ihre chinesisch untereinander geordnete Buchstabenreihe, die vom Dach bis zum Boden reichte. Der ganze “Mönchsplatz” war rot überstrahlt. Die benachbarten Häuserfronten schienen von rotem Licht halb aufgefressen. Die Bummler, Passanten und zeitungslesenden Gruppen der Arbeiter taumelten in einer Flut von Licht.

Im Nebengebäude negerten los: die Pauke und das Tschinell. Über der Straße drüben rupften zwei rivalisierende Damen einander die Federn aus.

“Ich nehme meinen Zauberstab zum zweitenmal in die Hand!” schrie es aus der “Tulpenblüte”.

“Hei, wie das prasselt und wie das herrlich zischt! Das sieht nur einer, der in der Hölle ist!”

stampfte und klatschte es aus dem “Vaterland”. Dort schwangen Ferreros “Lustige Teufel” die Zackenspieße.

“Welch wunderschöner Klang
Tönt durch die Straß’ entlang!
Jetzt kommt auf Ehr
Das Militär
In Reih’ und Glied daher!”

wetterte es, weniger diabolisch, dafür preußischer, aus der weiter unten gelegenen “Wasserjungfer”, wo auch Fräulein Kunigunde, die Schlangendame, zugegen war.

Weiter oben aber, jenseits des Platzes, übertönte den Lärm die wie eine Weckuhr losrasselnde französische Soubrette des “Café Neptun”:

“Einrich, laß die Osen runter,
Tu mir den Gefallen!
Laß sie bitte gance erunter
Auf die Strümpfe fallen.”

Unschlüssig schwankte das Publikum zwischen “Große Trommel”, “Infernalische Leidenschaft”, “Kaiser Wilhelm” und “Pariser Eleganz”.

Hier war was geboten! Hier kam man auf seine Rechnung! Und was ein richtiger Dandy war, der von der Welt etwas verstand, entschloß sich überhaupt nicht, hineinzugehen, sondern die Sache mehr platonisch zu genießen, als Schauspiel gewissermaßen, von außen, als Zusammenklang, mit der überlegenen Intelligenz dessen, den die Realität nur als Widerspruch nicht mehr enttäuschen kann.

Noch aber hatte die Fuchsweide ihre letzte Verführung nicht ausgespielt: die Echtheit inmitten einer Welt des Scheins; das Wunder als Resultat unerhörter Perversitäten. Von wem aber konnte man solche Leistung erwarten? Nur von Flametti.

Man staute sich vor den breiten Reklamefenstern des “Krokodilen”. Da stand vor dem großen Aquarium voll blaugrauer Karpfen das Plakat der “Indianer”: Flametti als Häuptling Feuerschein.

So sah er aus! So leibte und lebte er! Das war die Synthese seiner inneren Eigenschaften!

Wer hatte ihn nicht gesehen, mittags um zwölf, wenn man von der Arbeit kam, vor der Haustüre, in Hemdärmeln, gutartig und freundlich? Wer hatte ihn nicht gesehen früh morgens, wenn er mit Jenny vom Markte kam und die Markttasche trug mit den Karotten? Er war nicht immer der Furchtbare, Blutige. Zahm und umgänglich war er privatim, ein friedlicher Bürger viel mehr als ein Menschenfresser.

Unter dem Plakat aber stand: “Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis Varieté-Ensemble”, ein Hieb für die Herren Direktoren. Und der Satz: “Wer die ‘Indianer’ nachmacht, wird gerichtlich verfolgt.”

Das Publikum stieß sich und drängte sich; auch vor dem zweiten Reklamefenster. Dort standen die Bildertafeln und ein zweites Plakat: “50 Mann Blasorchester! Beginn: acht Uhr. Großartiges, allerneustes Programm! Tanz! Tanz! Tanz! Lauter Schlager! Es wird kassiert!”

Las es und strömte hinein ins “Krokodil”.

Es kam, sah und strömte: Herr Friedrich Naumann, kurzweg der “Krematoriumfritze” genannt, einer von Jennys scharfen Verehrern.

Es kamen, sahen und strömten: Fräulein Annie nebst Herrn Engel, welch letzterer seinen schwarzen Gehrock angezogen hatte: “Annie!” sagte er, “es wird großartig! Verlaß dich drauf!”

Es kamen und strömten: Raffaëla und ihre Schwester Lydia, sowie deren gemeinschaftliche Mutter Donna Maria Josefa, nebst einer ganzen Anzahl männlicher Zirkusmitglieder, die alle nicht zahlten, weil sie Artisten waren.

Es kam, sah und strömte: Frau Schnepfe, in Begleitung Flamettis und der Hauptfrau im Abendmantel des Herrn Coiffeurs Voegeli. Das Publikum wich ehrerbietig zurück.

Es kamen, sahen und strömten: zwei israelitische Handlungskommis, rote Nelken im Knopfloch; der obgenannte Coiffeur Herr Voegeli, der seinen Regenschirm ausschüttelte; denn es regnete inzwischen. Und späterhin eine ganze Reihe Mannschaften des Fußballklubs “Hermes”.

Drinnen aber herrschten Fieber und Spannung. Der ganze Raum war verwandelt in ein Gehänge blühender Rosenranken. Künstliche Lauben aus Birkenruten zogen sich an der Wand lang. Festtagscharakter trug das Lokal.

Die Tische waren sämtlich mit rotgewürfelten Decken belegt. Saftige Kuchen–und Tortenstücke strahlten auf blinkenden Nickeltellern. Die Plattmenagen mit öl, Pfeffer und Salz warfen gescheuert das elektrische Licht unzähliger kleiner blutroter Birnen zurück. Verschwunden war der getrocknete Rand am Senfnapf. Und so man den Löffel bewegte, der darin steckte: heut war er nicht angeklebt. Es ließ sich bewegen.

Versammelt waren bereits sämtliche Damen von Ruf. Vorne am Künstlertisch, wo sie heute nicht gerne gesehen war, saß Fräulein Amalie in braunem Samtkostüm mit Bolerohut, schon seit halb acht. Den Zwergpintscher hatte sie auf den hohen Busen gesetzt. Das gab ihr viel Air. Ihre Beine, elastische Sägmehlbeine, baumelten unter den Tisch, und sie spielte mit einer der Hängrosenranken. Eine Zigarette rauchte sie. Ihr Verhältnis war Eisenbahner; heute hatte er Nachtdienst. Brillanten blitzten an ihren Fingern. Die spitzigen Halbschuhe aus feinstem Rindsleder reichten nicht ganz auf den Boden. Auch schien das Strumpfband gerissen: die braunen Wollstrümpfe knäulten sich unter den Waden. Das Hündchen aber auf seiner exponierten Stelle drehte den knappen Popo und konnte sich gar nicht genugtun vor Freude, dabeizusein.

Weiter drüben, auf den besten Mittelplätzen, saßen der runzliche “Totenkopf” und seine Schwester. Der “Totenkopf” war die berufenste Dame der Fuchsweide. Allabendlich Gast des Flametti-Ensembles. Weiß geschminkt, die Augenhöhlen gerötet, saß ihr Gesicht auf dem kropfigen Hals. Unruhig schob sie das Hinterquartier auf dem Stuhl hin und her, blickte sich um nach den eintretenden Gästen, band sich das Strumpfband fester und schob währenddessen den sechsten Kuchen zwischen das goldne Gebiß. Sie konnte sich’s leisten. Die Schwester des “Totenkopf” hatte das Ledertäschchen über die Stuhllehne gehängt, tupfte die rote Nase ein wenig mit Puder und Taschentuch, und juckte sich mit dem linken Fuß an der abgewetzten Innenseite des rechten Knies.

An der Wand gegenüber, bescheiden in Rückendeckung, hatte sich Fräulein Annie, die Freundin Engels, ein helles Bier bestellt, ihren Fuchspelz loser gehängt; besah sich die Fingernägel, aus denen sie mittels eines zerknickten Streichholzes die Erdkrumen zu verdrängen suchte, und war sehr besorgt, mit der Manicure nicht fertig zu werden, bevor sich ein Herr mit schottischem Schäferhund, der jetzt eintrat, allenfalls zu ihr setzte, um ihr Gesellschaft zu leisten.

Sie lächelte kopfschüttelnd, als sei sie erstaunt, zu lächeln, konnte jedoch ihren Hals nicht recht drehen, weil ein Furunkel dransaß.

Dieser Furunkel: ein Unglück! Er wanderte über den ganzen Körper. Bald da, bald dort tauchte er auf, gesellte sich andern Furunkeln zu und konnte schon bald den Eindruck erwecken, als sei er ein ganz besondrer Furunkel. Annies fixe Idee war, er möchte von heute auf morgen am Hals verschwinden und zwischen den Zähnen auftauchen. Drum zog sie die Oberlippe stets hoch und die Unterlippe hing ihr vom Munde weg. Doch jener Furunkel tat das nicht.

Der Herr trat näher und sagte verbindlich:

“Wenn Sie gestatten, Fräulein!”

“Oh, bitte!” sagte Annie und nahm zugleich mit dem Stuhl ihre Röcke zusammen, um Platz zu machen. Und in ihr silbernes Etui greifend:

“Rauchen Sie eine Zigarette?”

“Sehr liebenswürdig!” sagte der fremde Herr und zog das Zigarettenetui näher zu sich heran.

Herein trat Fräulein Frieda, der “Hinkepott”, aufgetakelt in Seidengrimmer, mit ausgeleierter Hüfte verschoben haxend. Ihr folgte Fräulein Dada in einem Schneiderkleid à la feldgraue Uniform, nach neuestem Schick. Der Unterkiefer hing ihr sehr lang, ein verfettetes Dreieck. Mit den Händen stützte sie sich, im Vorbeigehen, langsam und sehr elegant auf die Tische. Das feldgraue Schneiderkleid machte Furore. Aller Augen sahen nach ihr. Auch diese beiden Damen begaben sich möglichst nach vorne, um in der besten Gesellschaft zu sein und ein wenig zu profitieren vom Rampenlicht.

Neben der Bühne aber versammelte sich das Orchester des Herrn Fournier: fünfzig Mann mit Schlagzeug und Baßtrompeten.

Die Lehrmädel, Jenny und die Soubrette erschienen in tangofarbenen Babyhängern, Schleifen im Haar, neigten die Köpfe, schwänzelten, nickten den Gästen zu und gruppierten sich um den Künstlertisch.

Engel vom Vorhang aus machte verrenkt pathetische Zeichen zum Büfett für die Beleuchtung. Sein Gehrock flatterte. Hinter der Bühne zog es. Herr Meyer entfaltete die Noten seiner Begleitmusik und probierte, für alle Fälle, das Pedal. Er war auf der ganzen Linie für Pedalisierung. Ein Leben ohne Pedal schien ihm scheußlich und abgeschmackt.

Flametti, den Herrn Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa mit vorgestreckter Hand fachmännisch begrüßte, wischte sich mit dem Sacktuch über die Stirn. Jenny stellte die Kasse nebst Zubehör auf den Künstlertisch. Und Fräulein Traute, den Kopf wippend voll Locken, setzte sich plumpsend daneben.

Herr Häsli hatte eben noch Zeit, seine Krawatte zurechtzuzupfen. Frau Häsli, den Brustlatz ihrer Tochter zu arrangieren. Dann begann’s.

“Mtata, mtata, umba, umba, umba, umba!”, und Herr Fournier schlug mit dem Taktstock, als wär’s eine Peitsche.

Die Musik ging denn auch merklich vorwärts. Nur der linke Trompeter, der die Posaune bediente, kam nicht zurecht. Doch das war jetzt nicht mehr von Belang. Los ging die Musik, daß die Schwarten knackten.

“Ptuhh dada dada da, umba, umba!” blies die Baßtrompete in idealer Konkurrenz mit Pauke und Schrummbaß. Dieser Schrummbaß war die Spezialität des Herrn Fournier. Es war phänomenal.

Immer mehr Volks strömte hinzu. Soldaten kamen, rote Gesichter, silberne Epauletten, und saßen zu beiden Seiten eines mittleren Längstisches wie Ruderer bei der Regatta. Studenten warfen mit Schokoladeplätzchen verstohlen nach der festlich grinsenden Rosa, die, von Tisch zu Tisch Billette verkaufend, gar artig die Beine setzte. Rechts von der Bühne, nahe beim Künstlertisch, steckte Fräulein Güssy in Eile der Soubrette eine halb aufgeblühte Rose ins Haar. Herr Häsli suchte die Noten heraus. An der Kasse, mit Frau Schnepfe, saß Jenny, gravitätisch, bonzenhaft, ihrer Bedeutung vollkommen bewußt; die Repräsentation verkörpernd. Neben ihr Traute.

Auch Güssy und die Soubrette eilten jetzt mit Billetten ins Publikum. Frau Häsli trat mit dem Fuß den Takt zur Musik. Toni, die Tochter, äugte nach Kavalieren.

“Dadadadada umba, umba, um!” machte die Musik. Sie war angekommen am Ziel. Das Stück war zu Ende.

Langsamer Beifall erhob sich. Flametti fuhr sich nervös durchs Haar.

Er schob sein Röllchen zurück, nahm einen Schluck Helles. Dann trat er vor und sprach:

“Meine Damen und Herrn! Ich heiße Sie herzlich willkommen und danke Ihnen für Ihren zahlreichen und glänzenden Besuch. Ich gebe mir die Ehre, Ihnen mitzuteilen”–lautlose Stille–, “daß es mir gelungen ist, Ihnen heute abend ein ganz besonders interessantes Programm zu bieten. Herr Generalmusikdirektor Fournier mit seiner fünfzig Mann starken Eisenbahnerkapelle hat Ihnen bereits eine Probe seiner bewährten Kunst vorgelegt. Er wird bei uns bleiben nicht nur bis elf, wie es sonst üblich ist, sondern bis drei Uhr. Denn: es wird getanzt.

Sie sagen vielleicht: wie kann man hier tanzen, unter den Heckenrosen? Aber das ist gerade die Kunst. Wir werden den Frühling in Herbst verwandeln durch Aufgebot unserer dienstbaren Geister vom “Krokodil” und Umgebung. Durch eine geheimnisvolle Mechanik hat unser Gastgeber, Herr Hotelier Schnabel, es möglich gemacht, im Handumdrehen die hängenden Gärten der Semiramis in ein Palais Mascotte, ein Moulin Rouge, in ein Tivoli zu verwandeln.”

Flametti lächelte. Der “Totenkopf” warf ihm mit offenem Mund befremdete Blicke zu.

“Meine Damen und Herrn!” fuhr Flametti fort, “Das ist ja ein Schmus, was ich Ihnen da sage. Das merkt ja der Dümmste. Das ist ja Stuß. Aber Sie sehen heute zum erstenmal hier das berühmte Jodlerterzett Häsli aus Bern, dessen Scherzos und herzerquickende Jodlerlieder–“–Flametti sah sich nach Frau Häsli um–“Ihnen einen Begriff geben werden, mit was für angenehmen, soliden und renommierten Künstlern Sie es zu tun haben. Ich führe Ihnen sodann zum erstenmal hier im “Krokodil” unseren Herrn Damenimitator Arista vor:

“Nur immer raus damit, nur immer raus damit! Wozu haben wir’s denn? Na ja!””

Flametti kam in Stimmung. Er zitierte und gab Probegesten….

“Ich führe Ihnen endlich hier zum erstenmal “Die Indianer” vor, verfaßt von meinem Freunde St. Rotter, Conférencier und Improvisator am Germania-Cabaret.

Meine Damen und Herrn! Keine richtigen, echten, wirklichen Indianer. Keine Sioux, Apachen, Komantschen. Keiner wird mit die Ketten rasseln wie auf dem Jahrmarkt, oder auf der Mess’ z’ Basel. Sie brauchen keine Angst zu haben. Es schreckt nicht. Es passiert Ihnen nichts. Sondern: Sie sehen die Wirklichkeit. Das aussterbende Volk der Indianer auf dem Kriegspfad. Die Rache und die Verklärung. Den Häuptling mache ich selbst.”

“Ich selbst”, wiederholte Flametti, indem er in Selbstpersiflage komisch an sich hinunterstrich. “Die Musik macht Herr Meyer”, und stellte mit einer seitlichen Handbewegung den Pianisten vor.

“Sie werden dieses Ensemble sehen und ergriffen sein. Sie werden uns staunend Ihren Bekannten rekommandieren, wenn es Ihnen gefallen hat.

Sie können sich denken, daß solche Ausstattungspiècen bei den heutigen Zeiten fast unerschwinglich sind. Sie werden befürchten, daß eine Extrakassierung stattfinden wird. Nichts von alledem! Wir kassieren wie sonst. Ohne Extraeerhebung. Dafür hoffe ich aber, daß auch Sie sich erkenntlich zeigen und ein wenig tiefer in den Geldbeutel greifen. Besonders die “Galerie”. Bei der Kassierung bleibt die Toilette geschlossen.

Wir beginnen also jetzt mit dem Eröffnungslied. Mister Bobby wird Ihnen sodann seinen neu einstudierten Kautschuk–und Exzentrikakt vorfuhren.”

Er trat zurück. Freundlicher Beifall erhob sich: man dankte fürs Arrangement.

“Sehr hübsch”, sagte Donna Maria Josefa überrascht zu Herrn Leporello, demselben Herrn Leporello, den Jenny morgens im Gespräch mit Raffaëla als Direktor bezeichnet hatte.

Mister Bobby, der Exzentrikmann, war inzwischen ebenfalls erschienen, in schillerndem Eidechsenkostüm; einen hellbraunen, vom Regen verwaschenen Sommerpaletot über den Schultern, Zigarette rauchend.

Man diskutierte die zart gesetzte Rede Flamettis und stimmte allseits darin überein, daß Flametti in solchen sarkastisch-sachlichen Gängen unübertroffen sei.

Der Ausfall gegen das Jodlerterzett, bei aller Anerkennung der Häslischen Leistungen, bildete eine ganz besondere Sensation. Solcherlei Ausfälle liebte Flametti. Sie erweckten im Zuschauerkreis ein Interesse, das über die rein artistische Leistung hinaus die Person des Artisten auch von der menschlichen Seite ins Auge faßte. Sie boten Flametti Gelegenheit, zu privaten und häuslichen Dingen summarisch Stellung zu nehmen. Der Vortrag vor öffentlichkeit und Gesellschaft wurde in seinen Händen ein starkes Mittel, die Seinen an exponierter Stelle im Zaume zu halten.

Frau Häsli war denn auch reichlich aufgebracht.

“Flametti!” stellte sie ihn zur Rede, “das war nicht nötig! Das haben wir nicht verdient um euch. So eine Blamage! Ich hab’ nun gesehen, wie man mit uns verfährt. Ich habe nie nötig gehabt, im Häuschen zu sitzen!”,–das war eine Anspielung auf Jennys Vergangenheit–, “na, gut, daß ich’s weiß.”

Hastig strich sie sich die Löckchen aus der Stirn.

“Jenny”, rief sie, “das hätte ich nicht erwartet. Pfui Teufel. Da sieht man’s!”

Auch Häsli fand solche Manier despektierlich. Er spuckte aus. Sagte aber nichts. Rosa feixte.

Es war keine Zeit, sich aufzuhalten.

“Fort, Kinder! Anfangen, anfangen!” drängte Flametti. “Engel, den Vorhang! Fertig? Herr Meyer!”

Die Mädel rannten hinter die Bühne. Flametti stürzte sein Helles hinunter. Der Zwergpintscher auf Fräulein Amaliens Busen kläffte, weil ihn Amalie kitzelte. Die Rosenlauben schwankten. Das Publikum rückte gespannt auf den Stühlen.

Klingelzeichen. Der Vorhang ging auf, und in einer Reihe standen: Jenny, Rosa, die Soubrette, Fräulein Güssy und Fräulein Traute; alle in Tangokostümen. Rot, blau, grün, gelb, violett die Schleifen im Haar. Überflutet von Bühnenlicht. Ein zärtlicher Anblick.

Die hochgeschminkten Gesichter strahlten. Die fünf Paar Beine in farbigen Seidenstrümpfen standen adrett geschlossen, Kadettenbeine. Die duftigen Hänger in süßen Farben stützten kokett die baumelnden Lockenköpfe.

Mehr oder weniger Busen sog sich voll Luft. Herr Meyer schlug den Akkord an. Die ziegelrot übermalten Münder öffneten sich, und ein Frühlings-Begrüßungsmarsch erfüllte die Bühne, das Publikum und die Rosenlauben mit unternehmendem Marschrhythmus:

“Freunde, rasch voran, laßt die Becher kreisen! Heiter immerdar Lieb’ und Jugend preisen. Freude nur allein kann das Leben schönen. Schenket Kraft, spendet Mut, macht die Alten jung.”

Der Beifall wurde lebhaft. Das Orchester richtete seine Instrumente und die Notenblätter her für die zweite Unternehmung. Das Publikum kam in Stimmung.

Gläser klapperten. Stimmen schwirrten. Satzfragmente zerknäulten sich im Zigarettenhimmel. Die Kellnerinnen riefen einander zu und Herr Schnabel legte die Hand an die zurückfliehende Stirn wie ein kleines Dach und übersah das Gewühl. “Mehr Stühle!” Man schleppte noch Stühle herbei.

Die Kassierungen kamen herein: Glänzend! Exzentrik-, Zauber-, Gesangs–und Ensemblenummern lösten einander ab in wohlarrangierter Steigerung. Zwischenmusik: die Kapelle des Herrn Fournier.

An der Kasse aber saß einheimsend Jennymama, Silber–und Kleingeld ordnend, Fünffrankenscheine wechselnd, die ankommenden Muschelschalen ihrer kassierenden Damen so distinguiert in die Kasse kippend, als fürchte sie, sich die Finger zu netzen.

Und als Fräulein Amalie mit dem Pintsch so nebenhin fragte: “Gutes Geschäft?” erhielt sie die sehr reservierte Antwort: “O ja!”

Frau Schnepfe, obgleich es ihrem Geschäftsinteresse zuwiderlief, konnte sich nicht versagen, anzuerkennen, wie hübsch der Saal arrangiert, wie interessant das Programm und wie tüchtig Herr Fournier sei.

Und Traute nahm die Gelegenheit wahr, sich ein wenig zu beschäftigen, indem sie Frau Schnepfes Halsbördchen schloß, dessen mittlerer Druckknopf entgegenkommenderweise verbogen war und allen Versuchen, ihn mit der Nabe zu einem Ganzen zu vereinigen, beharrlichst widerstand.

Was für einen langen Hals die Frau Schnepfe hatte! Und wie sie nach “Wurmsamen” roch!

Mittlerweile hatte nun Jennymama ein Portemonnaie da, nahm eine Handvoll Silber, tat es hinein, stand auf, ging zu Herrn Meyer ans Klavier und sagte:

“Lieber Herr Meyer”, flüsternd, “ach, nehmen Sie doch mein Portemonnaie zu sich bis nachher! Es stört mich beim Umziehn. Ich habe keine Tasche im Kleid. Gell ja?” Und legte Herrn Meyer vertraulich die Hand auf die Schulter.

Und Herr Meyer steckte das Portemonnaie zu sich, ohne viel Worte zu machen, und wischte die schweißenden Tasten ab.

“Dank’ Ihnen!” sagte Jennymama, “puh, welche Hitze!” und streckte sich im Korsett, daß das Fischbein knackte, und setzte sich wieder zur Kasse.

Und Traute stand auf, unauffällig, duckte sich, schlich zu Flametti und raunte hastig mit fliegenden Augen an ihm empor:

“Man nimmt Geld aus der Kasse!”

“Wer?”

“Jenny!”

“Dann gib acht, wieviel sie nimmt!”

Und Traute fühlte: Triumph!, setzte sich harmlos wieder zur Kasse und begann ein Verlegenheitsspiel mit Amaliens Seidenpintsch.

Jenny fiel auf, daß die nicht von der Stelle wich.

“Zieh’ dich um!” rief sie, “die “Nixen” kommen!”

“Ist noch Zeit!” flegelte Traute sich hin, “erst kommt ja noch Engel!”

Kam auch. Mit seiner Ausbrechernummer.

“Sie sehen hier eine Kiste…”, rief Flametti auf der Bühne und klopfte mit einem Hammer eine große quadratische Holzkiste ab. “Aus solidem Holz”, und drehte die Kiste nach allen Seiten. “Stand auf dem Hofe der Firma Maulig & Kopp bis gestern. Kein Schwindel! Innen fest, außen fest. Keine Einlagebretter! Keine Vexierwand.–Ich werde Monsieur Henry (das war Engels Bühnenname) in diese Kiste legen. …” Engel war bereits gefesselt und in einen Sack eingenäht… “Ich werde die Kiste verschließen!”… er legte den Deckel drauf… “Sie selbst, meine Herren”, zum Publikum gewandt, “werden die Kiste vernageln.”

Eine Bewegung ging vor sich im Publikum. Mutter Dudlinger kam; spät, doch sie kam; in Begleitung des ihr ergebenen Herrn Pips, der von Beruf ein Student war.

Man mußte aufstehen, damit Mutter Dudlinger durchkonnte. Man wurde gestört, weil droben gerade der interessanteste Teil der Nummer verhandelt wurde. Man nahm ärgernis, machte Bemerkungen, ward unwirsch.

“Setzen!” rief man von hinten.

“Ruhe!” rief man von vorne.

Mutter Dudlinger stand eingepfercht in der Mitte, gutmütig lächelnd, Popoansätze am ganzen Körper, gestützt auf den Regenschirm. Vom Velvethut nickte die goldene Troddel. Vom Antlitz tropfte die Anstrengung. Am Korsett stieg ihr der Rock hoch, weil sich der Leib darunter, von rechts und links eingezwängt, nicht anders zu helfen wußte.

Warum kam sie auch so spät?

Weil sie zu den Eingeweihten zählte. Weil sie wußte, daß vor halb zehn Uhr nichts von Belang gegeben wurde, was sie nicht kannte.

“Sie selbst, meine Herren”, betonte Flametti mit ingrimmig rollenden Augen und einem vielsagenden Blick auf den “Frauenverein”, von dem einmal wieder die Störung kam, “sie selbst, meine Herren, haben Gelegenheit, die Kiste zu prüfen, den Deckel daraufzunageln.”

Jenny winkte Mutter Dudlinger zu, unterdrückt, aber deutlich:

“Hierher, Mutter Dudlinger, hier gibt es noch Platz!” und deutete dabei auf einen freigewordenen Stuhl in der ersten Laube, die an den Künstlertisch grenzte.

Aber Mutter Dudlinger blieb stehen, lächelnd ob soviel Güte. Mit dem schwitzenden Zeigefinger lüpfte sie eingegergelt das samtene Kropfband. Mit dem Regenschirm gab sie Erklärung, sie wolle lieber an Ort und Stelle warten, bis diese Nummer vorüber sei.

Herr Pips seinerseits versuchte mit plötzlichen, wohlorientierten und freudige überraschung bekundenden Gesten Jennymama zu bedeuten, der Herr Krematoriumfritze säße ja ganz in der Nähe, und ihm, dem Herrn Pips, sei es unverständlich, wie Jennymama bei der langweiligen Kasse sitzen könne, statt hier, hier, hier bei dem Krematoriumfritze.

Der Herr Krematoriumfritze aber verleugnete völlig jedes Interesse. Breitknochigen Angesichts saß er finster vor seinem Veltliner, Zigarre rauchend, und tat, als ob er die Jenny nicht sähe noch sehen wolle, heimlich doch gar voll schnackelnder Gedanken.

Es ist so schwer, Gefühle bemerkbar zu machen. Am besten, man tut, als habe man keine, noch irgendwelche Absichten. Möglich auch, daß sein ingrimmiger Ernst von seinem Beruf herrührte. Wenn man jahraus, jahrein Leichen verbrennt, kann man nicht ohne weiteres und im Handumdreh’n das Gehaben finden, das eine Primadonna bestrickt. Deren in Fleischeslust bebende Schwanenbrust hatte er längst bemerkt–so mal seitwärts–, und wieviele Fünfliver er in der Tasche hatte, wußte er auch.

Und Herr Pips wieder seinerseits, der dies mißverstand, suchte Herrn Naumann–Friedrich Naumann hieß der Herr Krematoriumfritze, genau wie der deutsche Nationalökonom–diskret auf Jennymama hinzulenken, ebenfalls mit Gesten. Doch gelang es ihm nicht, ein gegenseitiges Verständnis zu erzielen.

“Sie sehen”, sagte Flametti und stürzte die Kiste, “die Kiste ist völlig geschlossen.”

“Wissen wir schon!” sagte Herr Pips halblaut und winkte ab mit der flachen Hand.

Die Gäste seiner Umgebung wußten sofort: der gehört zur Familie. Und dem war auch so. Herr Pips war der erklärte Freund der Artisten, häufigster Gast Mutter Dudlingers und der Flamettis. Er bezog einen Monatswechsel von dreihundert Franken.

Es kam, wie es kommen mußte: auch diese Pièce war schließlich zu Ende. Man machte Platz und Mutter Dudlinger und Herr Pips fanden Unterkunft in der Rosenlaube, wo sich Herr Pips sofort unbehaglich fühlte, weil er nicht nach Wunsch Fühlung nehmen konnte.

Das Orchester spielte den Hindenburgmarsch, breit, wuchtig und forsch, wie es der Denkungsart dieses obersten Heerführers entspricht, als eben mit ihrem Impresario Miß Ranovalla de Singapore eintrat, ein siamesisches Gegenstück zu Mutter Dudlinger, schwarz von Gesicht, ein zinnoberrotes Mäntelchen um die Schultern gehängt, aufgeputzt wie ein Affe.

Und das Häsliterzett sang soeben das “Schackerl”, als wie auf Verabredung auch Herr Direktor Ferrero erschien, der heute abend nicht spielte.

Einige Gäste, die zur Bahn mußten, standen auf. So bekam er rasch Platz, abseits vom Künstlertisch.

“Schackerl, Schackerl trau di net!” gingen Mutter und Tochter singend mit neckischem Mienenspiel und erhobenem Zeigefinger auf den unglücklich die Mitte behauptenden Häsli los.

“Trau mi net”, erwiderte Herr Häsli ängstlich und sehr verschüchtert, aber mit einem plötzlichen Aufschauen und Horchen, das unsagbar drollig wirkte.

“Hoam zu deiner Alten”, sangen Mutter und Tochter, indem sie ihn ausspotteten.

“Dreahn ma lieber weiter no”, sangen alle drei und faßten sich bei den Händen. Die Musik hielt drohend das “no” aus.

“Trink ma no an Kalten!” sank die Musik.

“An Kalten”, wiederholte Herr Häsli mit aufleuchtendem Grinsen, und persiflierte Bauerneleganz.

Die Liebenswürdigkeit seiner Damen war bezaubernd. Sie waren so recht in ihrem Element. Und Herr Häsli machte also doch “das Kalb”.

Die Musik aber–hier begleitete nicht Herr Meyer, sondern das Orchester–feierte eine Orgie.

Hörner, Piston, Baßklarinett; Tuba, Trommel und Fagott schrieen, zeterten, kreischten, gröhlten. Die Schallöcher der Trompeten stachen wie Sternwartenrohre nach allen Seiten gelb in die Luft; sie spieen Musik. Die Augen der Bläser verdrehten sich und drohten als blanke Kugeln aus ihren Höhlen zu fallen. Die Disharmonieen zerfetzten einander. Und Herr Fournier, der für das Ganze verantwortlich war, gebärdete sich wie ein Wilder.

“Kriagst dei Murrer sowieso…”

“sowieso”, nickte Herr Häsli vergelstert. Das ganze Lokal brüllte mit: “sowieso”. Die Damen kreischten auf, weil sie sich in einer Eigentümlichkeit ihres Idioms erkannt sahen.

“Tu’ jetzt drauf vergessen”, lenkten Frau Häsli und ihre Tochter ein; mit ihnen die Musik, die plötzlich zartest und pianissimo wurde.

“Laß dei Alte Alte sei!” johlte die Musik–Herr Häsli improvisierte ein “Juhu!”, das er mit einem Freudensprung begleitete, und schlug sich auf sein nacktes Tirolerknie-“Die wird di net fressen.”

“Net fressen”, wiederholte Herr Häsli mit täppischer Sorglosigkeit, begleitet von der magenerschütternd drohenden Baßtrompete, die wie der “Murrer” der Alten klang, so daß Herr Häsli entsetzt und mit offenem Mund nach Herrn Fournier stierte.

Der lächelte. Das Publikum raste. Die Rosenhecken wackelten. Einem Herrn fiel der Kneifer herunter. Der “Totenkopf” streckte die Beine weit von sich und hielt sich den Leib vor Lachen. Annie bog sich vor Lachen wiehernd auf die Seite zu ihrem Kavalier, daß sich die Köpfe berührten.

“Hoh, hoh!” brüllte die “Galerie”.

Flametti allein schmunzelte nur.

Und jetzt begann der Jodler:

“Hollo dero hi, hollo dero….”, schnackelten, klatschten und plattelten die drei auf der Bühne. Es war überwältigend. So ein Erfolg war noch nicht. Unerhört! Festrausch verbreitete sich. Das war Stimmung!

“Jesses, Jenny!” rief Fräulein Amalie voller Entzücken und doch kopfschüttelnd, “Trau mi net”: wie er das singt! Wie er das singt!”

“Kassieren!” rief Jenny.

Rosa, Güssy und die Soubrette rannten mit den Muscheln.

“Los, kassieren!” schrie Jenny auch Fräulein Traute zu, die noch immer am Tische saß und nicht von der Kasse wich.

Fräulein Amalie nahm die Gelegenheit der Pause wahr, einmal hinauszugehen. Frau Schnepfe stand auf, um die Häslis und Flametti zu beglückwünschen.

“Gehen Sie doch selbst kassieren!” antwortete Traute gereizt, aber schlicht.

“Gehst du kassieren oder nicht?” drohte Jenny unterdrückt, um keinen Skandal zu machen.

“Ich habe hier aufzupassen!” antwortete Traute.

“Was hast du hier?”

“Aufzupassen”, sagte Traute. “Sie nehmen Geld aus der Kasse.”

“Was tu’ ich, Lumpenmensch?” knirschte Jenny und packte Traute trotz Publikum und Konzert über den Tisch beim Kragen.

“Lassen Sie mich los!” rief Traute. “Ich habe den Auftrag, aufzupassen. Ich habe gesehen, wie Sie dem Pianisten Geld zusteckten. Ich kann aber jetzt auch gehen, wenn Sie wollen. Ich habe keine Lust, mich von Ihnen mißhandeln zu lassen. Sie werden das weitere sehen. Sie sind abgesetzt. Sie machen für uns die Kassiererin solange, bis wir uns eine andere nehmen.”

“Max!” rief Jenny und fegte hinter die Bühne, “Max!” ganz hysterisch. Das war ihr zuviel!

Man wurde aufmerksam, reckte die Hälse. Traute zuckte die Achseln, mitleidig, und schnickte mit dem Kopfe.

Da spürte Jenny eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich um. Der Freund aus Baden stand hinter ihr.

Auch er war gekommen, soeben, hatten den Steifen noch auf dem Kopf, den Regenschirm hängend am Arm. Schnurrbart kurz aufgekräuselt. Paletot zugeknöpft, Teilhaber der Firma Seidel & Sohn, Wäsche engros.

“Na, was gibt es denn, Jenny?” fragte er ruhig, begütigend.

“Ah, guten Abend!” faßte sie sich, “nichts weiter.”

“Setz’ dich doch her!” sprach er ihr zu, hing Paletot, Hut und Schirm an den Haken, und setzte sich, seinen Smoking glättend, zum Künstlertisch.

“Nichts, nichts!” versicherte Jenny.

“Na, siehst du!” meinte Herr Seidel, stolz auf die Suggestion, die auszuüben er sich befähigt fühlte.

Traute ging selbstgefällig in die Garderobe. Sie hatte es ihr gegeben, dieser Bordelldame.

Flametti kam und fragte ein wenig unsicher:

“Was gibt’s?” und begrüßte Herrn Seidel. Frau Häsli saß bei Direktor Ferrero.

“Siehst du dort?” zeigte Jenny auf das verhandelnde Paar.

“Meinetwegen!” zuckte Flametti die Achseln. “Wer kassiert?”

“Rosa, Güssy und die Soubrette.”

“Wo ist die Traute?”

“In der Garderobe.”

“Gut!” sagte Flametti, sehr in Gedanken, und setzte sich, aufgedunsen und abgehetzt, an Donna Maria Josefas Tisch.

“Das ist ja fabelhaft!” glückwünschte Herr Farolyi, der Kunstreiter, und schob Flametti einen Kognak hin. “Na, ihr habt euch ordentlich rausgemacht!”

“Jo!” meinte Flametti wegwerfend, stürzte den Kognak, stand auf und begrüßte Miß Ranovalla.

Das Lokal war jetzt überfüllt. Wenn das Orchester spielte, verstand man sein eigenes Wort nicht mehr.

Herr Arista war ganz vergebens bemüht, sich Geltung zu verschaffen.

“Nur immer raus damit, nur immer raus damit!” sang er in hohem Diskant. Ein Schleppkleid trug er, reichlich mit Spitzen besetzt. Seine Allüren waren von jener holzigen Grazie alttoskanischer Edelfrauen.

Aber man hörte ihn nicht. Vergebens kämpfte er gegen das laute Interesse der animierten Habitués. Man sah nur die Gesten, die zu besagen schienen, daß er sich übergeben wolle. Man fand es dégoutant. So sehr Dandy war man schon, daß man die Aristokratie im großen und ganzen gelten ließ. Es bedurfte so peinlicher Hinweise auf deren Materialismus nicht, um ihn abzulehnen.

Es war indessen ein Mißverständnis. Die Gesten des Herrn Arista bezogen sich auf seinen Busen, ganz und gar nur auf seinen Busen, von dem das Couplet von A bis Z handelte. Damen, Damen, Damen stellte er dar. Aber eben: man verstand ihn nicht.

Herr Pips gab die Anschauung von sich, ein Damenimitator überhaupt sei ihm widerlich. “Nicht Fisch, nicht Fleisch.”

“Komm doch mit mir, mein Auto steht draußen!” arbeitete Herr Seidel von der Firma Seidel & Sohn an Jenny, “mein Auto steht draußen. Du brauchst nur einzusteigen.”

“Umziehen! Indianer!” drängte Flametti vorn bei der Rampe.

“Jetzt kommt’s!” sagte Engel zu Annie, einen Moment über ihren Tisch gebeugt mit aufgestützten Händen und ohne Rücksicht auf den zigarettenrauchenden Kavalier. “Na, es ist ein Erfolg!”

“Sehen Sie die kleine Soubrette?” sagte Frau Schnepfe zu Mutter Dudlinger, “wie die kassiert! Die versteht’s! Das ist ein Geschäft!”

“Geschäft glänzend!” erwiderte Mutter Dudlinger, ganz verfettet, doch freundlich sympathisierend. Flametti war ja ihr vorzugsweise begünstigter Protegé.

Der “Totenkopf” und seine Schwester aber standen auf mit zwei Kavalieren, die etwas wüst aussahen, und verließen ostentativ das Lokal. Ostentativ bezüglich einiger ihrer Kolleginnen, die denn auch nicht ermangelten, den Abgang spitz zu glossieren.