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  • 1854-1856
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rascher und vollstaendiger sich im kampanischen Lande reguliert zu haben als in Latium. Wie wenig trotz der darauf gewandten Muehe die roemische Sprache und Schreibweise noch am Schlusse dieser Epoche festgestellt war, beweisen die aus dem Ende des fuenften Jahrhunderts erhaltenen Inschriften, in denen namentlich in der Setzung oder Weglassung von m, d und s im Auslaut und n im Inlaut und in der Unterscheidung der Vokale o u und e i die groesste Willkuer herrscht ^9; es ist wahrscheinlich, dass gleichzeitig die Sabeller hierin schon weiter waren, waehrend die Umbrer von dem regenerierenden hellenischen Einfluss nur wenig beruehrt worden sind.
—————————————————– ^9 In den beiden Grabschriften des Lucius Scipio, Konsul 456 (298), und des gleichnamigen Konsuls vom Jahre 495 (259) fehlen m und d im Auslaut der Beugungen regelmaessig, doch findet sich einmal Luciom und einmal Gnaivod; es steht nebeneinander im Nominativ Cornelio und filios; cosol, cesor und consol censor; aidiles, dedet, ploirume (= plurimi), hec (Nom. Sing.) neben aidilis, cepit, quei, hic. Der Rhotazismus ist bereits vollstaendig durchgefuehrt; man findet duonoro (= bonorum), ploirume, nicht wie im saliarischen Liede foedesum, plusima. Unsere inschriftlichen Ueberreste reichen ueberhaupt im allgemeinen nicht ueber den Rhotazismus hinauf; von dem aelteren s begegnen nur einzelne Spuren, wie noch spaeterhin honos, labos neben honor und labor und die aehnlichen Frauenvornamen Maio (maios, maior) und Mino auf neu gefundenen Grabschriften von Praeneste.
—————————————————- Durch diese Steigerung der Jurisprudenz und Grammatik muss auch der elementare Schulunterricht, der an sich wohl schon frueher aufgekommen war, eine gewisse Steigerung erfahren haben. Wie Homer das aelteste griechische, die Zwoelf Tafeln das aelteste roemische Buch waren, so wurden auch beide in ihrer Heimat die wesentliche Grundlage des Unterrichts und das Auswendiglernen des juristisch-politischen Katechismus ein Hauptstueck der roemischen Kindererziehung. Neben den lateinischen “Schreibmeistern” (litteratores) gab es natuerlich, seit die Kunde des Griechischen fuer jeden Staats- und Handelsmann Beduerfnis war, auch griechische Sprachlehrer (grammatici ^10), teils Hofmeister-Sklaven, teils Privatlehrer, die in ihrer Wohnung oder in der des Schuelers Anweisung zum Lesen und Sprechen des Griechischen erteilten. Dass wie im Kriegswesen und bei der Polizei so auch bei dem Unterricht der Stock seine Rolle spielte, versteht sich von selbst ^11. Die elementare Stufe indes kann der Unterricht dieser Zeit noch nicht ueberstiegen haben; es gab keine irgend wesentliche soziale Abstufung zwischen dem unterrichteten und dem nichtunterrichteten Roemer.
Dass die Roemer in den mathematischen und mechanischen Wissenschaften zu keiner Zeit sich ausgezeichnet haben, ist bekannt und bewaehrt sich auch fuer die gegenwaertige Epoche an dem fast einzigen Faktum, welches mit Sicherheit hierhergezogen werden kann, der von den Dezemvirn versuchten Regulierung des Kalenders. Sie wollten den bisherigen, auf der alten, hoechst unvollkommenen Trieteris beruhenden vertauschen mit dem damaligen attischen der Oktaeteris, welcher den Mondmonat von 29´ Tagen beibehielt, das Sonnenjahr aber statt auf 368_ a vielmehr auf 365¨ Tage ansetzte und demnach bei unveraenderter gemeiner Jahrlaenge von 354 Tagen nicht, wie frueher, auf je vier Jahre 59, sondern auf je acht Jahre 90 Tage einschaltete. In demselben Sinne beabsichtigten die roemischen Kalenderverbesserer unter sonstiger Beibehaltung des geltenden Kalenders in den zwei Schaltjahren des vierjaehrigen Zyklus nicht die Schaltmonate, aber die beiden Februare um je sieben Tage zu verkuerzen, also diesen Monat in den Schaltjahren statt zu 29 und 28 zu 22 und 21 Tagen anzusetzen. Allein mathematische Gedankenlosigkeit und theologische Bedenken, namentlich die Ruecksicht auf das eben in die betreffenden Februartage fallende Jahrfest des Terminus, zerruetteten die beabsichtigte Reform in der Art, dass der Schaltjahrfebruar vielmehr 24- und 23taegig ward, also das neue roemische Sonnenjahr in der Tat auf 366¨ Tag auskam. Einige Abhilfe fuer die hieraus folgenden praktischen Uebelstaende ward darin gefunden, dass, unter Beseitigung der bei den jetzt so ungleich gewordenen Monaten nicht mehr anwendbaren Rechnung nach Monaten oder Zehnmonaten des Kalenders, man sich gewoehnte, wo es auf genauere Bestimmungen ankam, nach Zehnmonatfristen eines Sonnenjahrs von 365 Tagen oder dem sogenannten zehnmonatlichen Jahre von 304 Tagen zu rechnen. ueberdies kam besonders fuer baeuerliche Zwecke der auf das aegyptische 365¨taegige Sonnenjahr von Eudoxos (blueht 386 368) gegruendete Bauernkalender auch in Italien frueh in Gebrauch.
——————————————- ^10 Litterator und grammaticus verhalten sich ungefaehr wie Lehrer und Maitre; die letztere Benennung kommt nach dem aelteren Sprachgebrauch nur dem Lehrer des Griechischen, nicht dem der Muttersprache zu. Litteratus ist juenger und bezeichnet nicht den Schulmeister, sondern den gebildeten Mann. ^11 Es ist doch wohl ein roemisches Bild, was Plautus (Bacch. 431) als ein Stueck der guten alten Kindererziehung anfuehrt: wenn nun du darauf nach Hause kamst,
In dem Jaeckchen auf dem Schemel sassest du zum Lehrer hin; Und wenn dann das Buch ihm lesend eine Silbe du gefehlt, Faerbte deinen Buckel er dir bunt wie einen Kinderlatz. ——————————————- Einen hoeheren Begriff von dem, was auch in diesen Faechern die Italiker zu leisten vermochten, gewaehren die Werke der mit den mechanischen Wissenschaften eng zusammenhaengenden Bau- und Bildkunst. Zwar eigentlich originelle Erscheinungen begegnen auch hier nicht; aber wenn durch den Stempel der Entlehnung, welcher der italischen Plastik durchgaengig aufgedrueckt ist, das kuenstlerische Interesse an derselben sinkt, so heftet das historische sich nur um so lebendiger an dieselbe, insofern sie teils von einem sonst verschollenen Voelkerverkehr die merkwuerdigsten Zeugnisse bewahrt, teils bei dem so gut wie vollstaendigen Untergang der Geschichte der nichtroemischen Italiker fast allein uns die verschiedenen Voelkerschaften der Halbinsel in lebendiger Taetigkeit nebeneinander darstellt. Neues ist hier nicht zu sagen; aber wohl laesst sich mit schaerferer Bestimmtheit und auf breiterer Grundlage ausfuehren, was schon oben gezeigt ward, dass die griechische Anregung die Etrusker und die Italiker von verschiedenen Seiten her maechtig erfasst, und dort eine reichere und ueppigere, hier, wo ueberhaupt, eine verstaendigere und innigere Kunst ins Leben gerufen hat.
Wie voellig die italische Architektur aller Landschaften schon in ihrer aeltesten Periode von hellenischen Elementen durchdrungen ward, ist frueher dargestellt worden. Die Stadtmauern, die Wasserbauten, die pyramidalisch gedeckten Graeber, der tuscanische Tempel sind nicht oder nicht wesentlich verschieden von den aeltesten hellenischen Bauwerken. Von einer Weiterbildung der Architektur bei den Etruskern waehrend dieser Epoche hat sich keine Spur erhalten; wir begegnen hier weder einer wesentlich neuen Rezeption noch einer originellen Schoepfung – man muesste denn Prachtgraeber dahin rechnen wollen, wie das von Varro beschriebene sogenannte Grabmal des Porsena in Chiusi, das lebhaft an die zwecklose und sonderbare Herrlichkeit der aegyptischen Pyramiden erinnert.
Auch in Latium bewegte man waehrend der ersten anderthalb Jahrhunderte der Republik sich wohl lediglich in den bisherigen Gleisen, und es ist schon gesagt worden, dass mit der Einfuehrung der Republik die Kunstuebung eher gesunken als gestiegen ist. Es ist aus dieser Zeit kaum ein anderes architektonisch bedeutendes latinisches Bauwerk zu nennen als der im Jahre 261 (493) in Rom am Circus erbaute Cerestempel, der in der Kaiserzeit als Muster des tuscanischen Stiles gilt. Aber gegen das Ende dieser Epoche kommt ein neuer Geist in das italische und namentlich das roemische Bauwesen: es beginnt der grossartige Bogenbau. Zwar sind wir nicht berechtigt, den Bogen und das Gewoelbe fuer italische Erfindungen zu erklaeren. Es ist wohl ausgemacht, dass in der Epoche der Genesis der hellenischen Architektur die Hellenen den Bogen noch nicht kannten und darum fuer ihre Tempel die flache Decke und das schraege Dach ausreichen mussten; allein gar wohl kann der Keilschnitt eine juengere, aus der rationellen Mechanik hervorgegangene Erfindung der Hellenen sein, wie ihn denn die griechische Tradition auf den Physiker Demokritos (294-397 460-357) zurueckfuehrt. Mit dieser Prioritaet des hellenischen Bogenbaus vor dem roemischen ist auch vereinbar, was vielfach und vielleicht mit Recht angenommen wird, dass die Gewoelbe an der roemischen Hauptkloake und dasjenige, welches ueber das alte, urspruenglich pyramidalisch gedeckte kapitolinische Quellhaus spaeterhin gespannt ward, die aeltesten erhaltenen Bauwerke sind, bei welchen das Bogenprinzip zur Anwendung gekommen ist; denn es ist mehr als wahrscheinlich, dass diese Bogenbauten nicht der Koenigs-, sondern der republikanischen Periode angehoeren und in der Koenigszeit man auch in Italien nur flache oder ueberkragte Daecher gekannt hat. Allein wie man auch ueber die Erfindung des Bogens selbst denken mag, die Anwendung im grossen ist ueberall und vor allem in der Baukunst wenigstens ebenso bedeutend wie die Aufstellung des Prinzips; und diese gebuehrt unbestritten den Roemern. Mit dem fuenften Jahrhundert beginnt der wesentlich auf den Bogen gegruendete Tor-, Bruecken- und Wasserleitungsbau, der mit dem roemischen Namen fortan unzertrennlich verknuepft ist. Verwandt ist hiermit noch die Entwicklung der den Griechen fremden, dagegen bei den Roemern vorzugsweise beliebten und besonders fuer die ihnen eigentuemlichen Kulte, namentlich den nicht griechischen der Vesta, angewendeten Form des Rundtempels und des Kuppeldachs ^12. —————————————– ^12 Eine Nachbildung der aeltesten Hausform, wie man wohl gemeint hat, ist der Rundtempel sicher nicht; vielmehr geht der Hausbau durchaus vom Viereck aus. Die spaetere roemische Theologie knuepfte diese Rundform an die Vorstellung des Erdballs oder des kugelfoermig die Zentralsonne umgebenden Weltalls (Fest. v. rutundam p. 282; Plut. Num. 11; Ov. fast. 6, 267f.); in der Tat ist dieselbe wohl einfach darauf zurueckzufuehren, dass fuer die zum Abhegen und Aufbewahren bestimmte Raeumlichkeit als die bequemste wie die sicherste Form stets die kreisrunde gegolten hat. Darauf beruhten die runden Schatzhaeuser der Hellenen ebenso wie der Rundbau der roemischen Vorratskammer oder des Penatentempels; es war natuerlich auch die Feuerstelle – das heisst den Altar der Vesta – und die Feuerkammer – das heisst den Vestatempel – rund anzulegen, so gut wie dies mit der Zisterne und der Brunnenfassung (puteal) geschah. Der Rundbau an sich ist graecoitalisch wie der Quadratbau und jener der Kammer eigen, wie dieser dem Wohnhaus; aber die architektonische und religioese Entwicklung des einfachen Tholos zum Rundtempel mit Pfeilern und Saeulen ist latinisch. —————————————- Etwas Aehnliches mag von manchen untergeordneten, aber darum nicht unwichtigen Fertigkeiten auf diesem Gebiet gelten. Von Originalitaet oder gar von Kunstuebung kann dabei nicht die Rede sein; aber auch aus den festgefuegten Steinplatten der roemischen Strassen, aus ihren unzerstoerbaren Chausseen, aus den breiten, klingend harten Ziegeln, aus dem ewigen Moertel ihrer Gebaeude redet die unverwuestliche Soliditaet, die energische Tuechtigkeit des roemischen Wesens.
Wie die tektonischen, und womoeglich noch mehr, sind die bildenden und zeichnenden Kuenste auf italischem Boden nicht so sehr durch griechische Anregung befruchtet, als aus griechischen Samenkoernern gekeimt. Dass dieselben, obwohl erst die juengeren Schwestern der Architektur, doch wenigstens in Etrurien schon waehrend der roemischen Koenigszeit sich zu entwickeln begannen, wurde bereits bemerkt; ihre hauptsaechliche Entfaltung aber gehoert in Etrurien, und um so mehr in Latium, dieser Epoche an, wie dies schon daraus mit Evidenz hervorgeht, dass in denjenigen Landschaften, welche die Kelten und Samniten den Etruskern im Laufe des vierten Jahrhunderts entrissen, von etruskischer Kunstuebung fast keine Spur begegnet. Die tuskische Plastik warf sich zuerst und hauptsaechlich auf die Arbeit in gebranntem Ton, in Kupfer und in Gold, welche Stoffe die reichen Tonlager und Kupfergruben und der Handelsverkehr Etruriens den Kuenstlern darboten. Von der Schwunghaftigkeit, womit die Tonbildnerei betrieben wurde, zeugen die ungeheuren Massen von Reliefplatten und statuarischen Arbeiten aus gebranntem Ton, womit Waende, Giebel und Daecher der etruskischen Tempel nach Ausweis der noch vorhandenen Ruinen einst verziert waren, und der nachweisliche Vertrieb derartiger Arbeiten aus Etrurien nach Latium. Der Kupferguss stand nicht dahinter zurueck. Etruskische Kuenstler wagten sich an die Verfertigung von kolossalen, bis zu fuenfzig Fuss hohen Bronzebildsaeulen, und in Volsinii, dem etruskischen Delphi, sollen um das Jahr 489 (265) zweitausend Bronzestatuen gestanden haben, wogegen die Steinbildnerei in Etrurien, wie wohl ueberall, weit spaeter begann und ausser inneren Ursachen auch durch den Mangel eines geeigneten Materials zurueckgehalten ward – die lunensischen (carrarischen) Marmorbrueche waren noch nicht eroeffnet. Wer den reichen und zierlichen Goldschmuck der suedetruskischen Graeber gesehen hat, der wird die Nachricht nicht unglaublich finden, dass die tyrrhenischen Goldschalen selbst in Attika geschaetzt wurden. Auch die Steinschneidekunst ward, obwohl sie juenger ist, doch auch in Etrurien vielfaeltig geuebt. Ebenso abhaengig von den Griechen, uebrigens den bildenden Kuenstlern vollkommen ebenbuertig, waren die sowohl in der Umrisszeichnung auf Metall wie in der monochromatischen Wandmalerei ungemein taetigen etruskischen Zeichner und Maler. Vergleichen wir hiermit das Gebiet der eigentlichen Italiker, so erscheint es zunaechst gegen die etruskische Fuelle fast kunstarm. Allein bei genauerer Betrachtung kann man der Wahrnehmung sich nicht entziehen, dass sowohl die sabellische wie die latinische Nation weit mehr als die etruskische Faehigkeit und Geschick fuer die Kunst gehabt haben muessen. Zwar auf eigentlich sabellischem Gebiet, in der Sabina, in den Abruzzen, in Samnium, finden sich Kunstwerke so gut wie gar nicht und mangeln sogar die Muenzen. Diejenigen sabellischen Staemme dagegen, welche an die Kuesten der Tyrrhenischen oder Ionischen See gelangten, haben die hellenische Kunst sich nicht bloss wie die Etrusker aeusserlich angeeignet, sondern sie mehr oder minder vollstaendig bei sich akklimatisiert. Schon in Velitrae, wo wohl allein in der einstmaligen Landschaft der Volsker deren Sprache und Eigentuemlichkeit spaeterhin sich behauptet haben, haben sich bemalte Terrakotten gefunden von lebendiger und eigentuemlicher Behandlung. In Unteritalien ist Lucanien zwar in geringem Grade von der hellenischen Kunst ergriffen worden; aber in Kampanien wie im brettischen Lande haben sich Sabeller und Hellenen wie in Sprache und Nationalitaet so auch und vor allem in der Kunst vollstaendig durchdrungen und es stehen namentlich die kampanischen und brettischen Muenzen mit den gleichzeitigen griechischen so vollstaendig auf einer Linie der Kunstbehandlung, dass nur die Aufschrift sie von ihnen unterscheidet. Weniger bekannt, aber nicht weniger sicher ist es, dass auch Latium wohl an Kunstreichtum und Kunstmasse, aber nicht an Kunstsinn und Kunstuebung hinter Etrurien zurueckstand. Offenbar hat die um den Anfang des 5. Jahrhunderts erfolgte Festsetzung der Roemer in Kampanien, die Verwandlung der Stadt Cales in eine latinische Gemeinde, der falernischen Landschaft bei Capua in einen roemischen Buergerbezirk, zunaechst die kampanische Kunstuebung den Roemern aufgeschlossen. Zwar mangelt bei diesen nicht bloss die in dem ueppigen Etrurien fleissig gepflegte Steinschneidekunst voellig und begegnet nirgends eine Spur, dass die latinischen Gewerke gleich den etruskischen Goldschmieden und Tonarbeitern fuer das Ausland taetig gewesen sind. Zwar sind die latinischen Tempel nicht gleich den etruskischen mit Bronze- und Tonzierat ueberladen, die latinischen Graeber nicht gleich den etruskischen mit Goldschmuck angefuellt worden und schillerten die Waende jener nicht wie die der etruskischen von bunten Gemaelden. Aber nichtsdestoweniger stellt sich im ganzen die Waage nicht zum Vorteil der etruskischen Nation. Die Erfindung des Janusbildes, welche wie die Gottheit selbst den Latinern beigelegt werden darf, ist nicht ungeschickt, und originellerer Art als die irgendeines etruskischen Kunstwerks. Die schoene Gruppe der Woelfin mit den Zwillingen lehnt wohl an aehnliche griechische Erfindungen sich an, ist aber in dieser Ausfuehrung sicher wenn nicht in Rom, so doch von Roemern erfunden; und es ist bemerkenswert, dass sie zuerst auf den von den Roemern in und fuer Kampanien gepraegten Silbermuenzen auftritt. In dem oben erwaehnten Cales scheint bald nach seiner Gruendung eine besondere Gattung figurierten Tongeschirrs erfunden worden zu sein, das mit dem Namen der Meister und des Verfertigungsorts bezeichnet und in weitem Umfang bis nach Etrurien hinein vertrieben worden ist. Die vor kurzem auf dem Esquilin zum Vorschein gekommenen figurierten Altaerchen von gebranntem Ton entsprechen in der Darstellung wie in der Ornamentik genau den gleichartigen Weihgeschenken der kampanischen Tempel. Indes schliesst dies nicht aus, dass auch griechische Meister fuer Rom gearbeitet haben. Der Bildner Damophilos, der mit Gorgasos die bemalten Tonfiguren fuer den uralten Cerestempel verfertigt hat, scheint kein anderer gewesen zu sein als der Lehrer des Zeuxis, Demophilos von Himera (um 300 450). Am belehrendsten sind diejenigen Kunstzweige, in denen uns teils nach alten Zeugnissen, teils nach eigener Anschauung eine vergleichendes Urteil gestattet ist. Von latinischen Arbeiten in Stein ist kaum etwas anderes uebrig als der am Ende dieser Periode in dorischem Stil gearbeitete Steinsarg des roemischen Konsuls Lucius Scipio; aber die edle Einfachheit desselben beschaemt alle aehnlichen etruskischen Werke. Aus den etruskischen Graebern sind manche schoene Bronzen alten strengen Kunststils, namentlich Helme, Leuchter und dergleichen Geraetstuecke erhoben worden; aber welches dieser Werke reicht an die im Jahre 458 (296) am ruminalischen Feigenbaum auf dem roemischen Markte aus Strafgeldern aufgestellte bronzene Woelfin, noch heute den schoensten Schmuck des Kapitols? Und dass auch die latinischen Metallgiesser so wenig wie die etruskischen vor grossen Aufgaben zurueckschraken, beweist das von Spurius Carvilis (Konsul 461 293) aus den eingeschmolzenen samnitischen Ruestungen errichtete kolossale Erzbild des Jupiter auf dem Kapitol, aus dessen Abfall beim Ziselieren die zu den Fuessen des Kolosses stehende Statue des Siegers hatte gegossen werden koennen; man sah dieses Jupiterbild bis vom Albanischen Berge. Unter den gegossenen Kupfermuenzen gehoeren bei weitem die schoensten dem suedlichen Latium an; die roemischen und umbrischen sind leidlich, die etruskischen fast bildlos und oft wahrhaft barbarisch. Die Wandmalereien, die Gaius Fabius in dem 452 302 dedizierten Tempel der Wohlfahrt auf dem Kapitol ausfuehrte, erwarben in Zeichnung und Faerbung noch das Lob griechisch gebildeter Kunstrichter der augusteischen Epoche; und es werden von den Kunstenthusiasten der Kaiserzeit wohl auch die caeritischen, aber mit noch groesserem Nachdruck die roemischen, lanuvinischen und ardeatischen Fresken als Meisterwerke der Malerei gepriesen. Die Zeichnung auf Metall, welche in Latium nicht wie in Etrurien die Handspiegel, sondern die Toilettenkaestchen mit ihren zierlichen Umrissen schmueckte, ward in Latium in weit geringerem Umfang und fast nur in Praeneste geuebt; es finden sich vorzuegliche Kunstwerke unter den etruskischen Metallspiegeln wie unter den praenestinischen Kaestchen, aber es war ein Werk der letzteren Gattung, und zwar ein hoechst wahrscheinlich in dieser Epoche in der Werkstatt eines praenestinischen Meisters entstandenes Werk ^13, von dem mit Recht gesagt werden konnte, dass kaum ein zweites Erzeugnis der Graphik des Altertums so wie die ficoronische Cista den Stempel einer in Schoenheit und Charakteristik vollendeten und noch vollkommen reinen und ernsten Kunst an sich traegt. ————————————————— ^13 Novius Plautius goss vielleicht nur die Fuesse und die Deckelgruppe; das Kaestchen selbst kann von einem aelteren Kuenstler herruehren, aber, da der Gebrauch dieser Kaestchen sich wesentlich auf Praeneste beschraenkt hat, kaum von einem anderen als einem praenestinischen. —————————————————- Der allgemeine Stempel der etruskischen Kunstwerke ist teils eine gewisse barbarische Ueberschwenglichkeit im Stoff wie im Stil, teils der voellige Mangel innerer Entwicklung. Wo der griechische Meister fluechtig skizziert, verschwendet der etruskische Schueler schuelerhaft den Fleiss; an die Stelle des leichten Materials und der maessigen Verhaeltnisse griechischer Werke tritt bei den etruskischen ein renommistisches Hervorheben der Groesse und Kostbarkeit oder auch bloss der Seltsamkeit des Werkes. Die etruskische Kunst kann nicht nachbilden, ohne zu uebertreiben: das Strenge wird ihr hart, das Anmutige weichlich, das Schreckliche zum Scheusal, die Ueppigkeit zur Zote, und immer deutlicher tritt dies hervor, je mehr die urspruengliche Anregung zuruecktritt und die etruskische Kunst sich auf sich selber angewiesen findet. Noch auffallender ist das Festhalten an den hergebrachten Formen und dem hergebrachten Stil. Sei es, dass die anfaengliche freundlichere Beruehrung mit Etrurien hier den Hellenen den Samen der Kunst auszustreuen gestattete, eine spaetere Epoche der Feindseligkeit aber den juengeren Entwicklungsstadien der griechischen Kunst den Eingang in Etrurien erschwerte, sei es, was wahrscheinlicher ist, dass die rasch eintretende geistige Erstarrung der Nation die Hauptsache dabei tat: die Kunst blieb in Etrurien auf der primitiven Stufe, auf welcher sie bei ihrem ersten Eindringen daselbst sich befunden hatte, wesentlich stehen – bekanntlich ist dies die Ursache gewesen; weshalb die etruskische Kunst, die unentwickelt gebliebene Tochter der hellenischen, solange als deren Mutter gegolten hat. Mehr noch als das strenge Festhalten des einmal ueberlieferten Stils in den aelteren Kunstzweigen beweist die unverhaeltnismaessig elende Behandlung der spaeter aufgekommenen, namentlich der Bildhauerei in Stein und des Kupfergusses in der Anwendung auf Muenzen, wie rasch aus der etruskischen Kunst der Geist entwich. Ebenso belehrend sind die gemalten Gefaesse, die in den juengeren etruskischen Grabstaetten in so ungeheurer Anzahl sich finden. Waeren dieselben so frueh wie die mit Umrissen verzierten Metallplatten oder die bemalten Terrakotten bei den Etruskern gangbar geworden, so wuerde man ohne Zweifel auch sie in Menge und in wenigstens relativer Guete dort fabrizieren gelernt haben; aber in der Epoche, in welcher dieser Luxus emporkam, misslang die selbsttaetige Reproduktion vollstaendig, wie die vereinzelten mit etruskischen Inschriften versehenen Gefaesse beweisen, und man begnuegte sich darum, dieselben zu kaufen, statt sie zu formen. Aber auch innerhalb Etruriens erscheint ein weiterer bemerkenswerter Gegensatzinder kuenstlerischen Entwicklung der suedlichen und der noerdlichen Landschaft. Es ist Suedetrurien, hauptsaechlich die Bezirke von Caere, Tarquinii, Volci, die die gewaltigen Prunkschaetze besonders von Wandgemaelden, Tempeldekorationen, Goldschmuck und gemalten Tongefaessen bewahren; das noerdliche Etrurien steht weit dahinter zurueck, und es hat zum Beispiel sich kein gemaltes Grab noerdlich von Chiusi gefunden. Die suedlichsten etruskischen Staedte Veii, Caere, Tarquinii sind es, die der roemischen Tradition als die Ur- und Hauptsitze der etruskischen Kunst gelten; die noerdlichste Stadt Volaterrae, mit dem groessten Gebiet unter allen etruskischen Gemeinden, steht von allen auch der Kunst am fernsten. Wenn in Suedetrurien die griechische Halbkultur, so ist in Nordetrurien vielmehr die Unkultur zu Hause. Die Ursachen dieses bemerkenswerten Gegensatzes moegen teils in der verschiedenartigen, in Suedetrurien wahrscheinlich stark mit nicht etruskischen Elementen gemischten Nationalitaet, teils in der verschiedenen Maechtigkeit des hellenischen Einflusses zu suchen sein, welcher letztere namentlich in Caere sich sehr entschieden geltend gemacht haben muss; die Tatsache selbst ist nicht zu bezweifeln. Um so mehr musste die fruehe Unterjochung der suedlichen Haelfte Etruriens durch die Roemer und die sehr zeitig hier beginnende Romanisierung der etruskischen Kunst verderblich werden; was Nordetrurien, auf sich allein beschraenkt, kuenstlerisch zu leisten vermochte, zeigen die wesentlich ihm angehoerenden Kupfermuenzen.
Wenden wir die Blicke von Etrurien nach Latium, so hat freilich auch dies keine neue Kunst geschaffen; es war einer weit spaeteren Kulturepoche vorbehalten, aus dem Motiv des Bogens eine neue, von der hellenischen Tektonik verschiedene Architektur zu entwickeln und sodann mit dieser harmonisch eine neue Bildnerei und Malerei zu entfalten. Die latinische Kunst ist nirgend originell und oft gering; aber die frisch empfindende und taktvoll waehlende Aneignung des fremden Gutes ist auch ein hohes kuenstlerisches Verdienst. Nicht leicht hat die latinische Kunst barbarisiert und in ihren besten Erzeugnissen steht sie voellig im Niveau der griechischen Technik. Eine gewisse Abhaengigkeit der Kunst Latiums wenigstens in ihren frueheren Stadien von der sicher aelteren etruskischen soll darum nicht geleugnet werden; es mag Varro immerhin mit Recht angenommen haben, dass bis auf die im Cerestempel von griechischen Kuenstlern ausgefuehrten nur “tuscanische” Tonbilder die roemischen Tempel verzierten; aber dass doch vor allem der unmittelbare Einfluss der Griechen die latinische Kunst bestimmt hat, ist an sich schon klar und liegt auch in eben diesen Bildwerken sowie in den latinischen und roemischen Muenzen deutlich zu Tage. Selbst die Anwendung der Metallzeichnung in Etrurien lediglich auf den Toilettenspiegel, in Latium lediglich auf den Toilettenkasten deutet auf die Verschiedenartigkeit der beiden Landschaften zuteil gewordenen Kunstanregung. Es scheint indes nicht gerade Rom gewesen zu sein, wo die latinische Kunst ihre frischesten Blueten trieb; die roemischen Asse und die roemischen Denare werden von den latinischen Kupfer- und den seltenen latinischen Silbermuenzen an Feinheit und Geschmack der Arbeit bei weitem uebertroffen und auch die Meisterwerke der Malerei und Zeichnung gehoeren vorwiegend Praeneste, Lanuvium, Ardea an. Auch stimmt dies vollstaendig zu dem frueher bezeichneten realistischen und nuechternen Sinn der roemischen Republik, welcher in dem uebrigen Latium sich schwerlich mit gleicher Strenge geltend gemacht haben kann. Aber im Lauf des fuenften Jahrhunderts und besonders in der zweiten Haelfte desselben regte es denn doch sich maechtig auch in der roemischen Kunst. Es war dies die Epoche, in welcher der spaetere Bogen- und Strassenbau begann, in welcher Kunstwerke wie die Kapitolinische Woelfin entstanden, in welcher ein angesehener Mann aus einem altadeligen roemischen Geschlechte den Pinsel ergriff, um einen neugebauten Tempel auszuschmuecken und dafuer den Ehrenbeinamen des “Malers” empfing. Das ist nicht Zufall. Jede grosse Zeit erfasst den ganzen Menschen; und wie starr die roemische Sitte, wie streng die roemische Polizei immer war, der Aufschwung, den die roemische Buergerschaft als Herrin der Halbinsel oder richtiger gesagt, den das zum erstenmal staatlich geeinigte Italien nahm, tritt auch in dem Aufschwung der latinischen und besonders der roemischen Kunst ebenso deutlich hervor wie in dem Sinken der etruskischen der sittliche und politische Verfall der Nation. Wie die gewaltige Volkskraft Latiums die schwaecheren Nationen bezwang, so hat sie auch dem Erz und dem Marmor ihren unvergaenglichen Stempel aufgedrueckt.