Frau und Kindern auf der Spur

Frau und Kindern auf der Spur Gerold K. Rohner September 1995 Kapitel 1 “Na, h¸bsche zwei Tˆchter habt ihr hier–und selbst seid ihr auch nicht so schlecht”, hetzte er mit heiserer Stimme. Ein grosser, starker aber h‰sslicher Bursche war er. Dabei w‰re er gar nicht so h‰sslich gewesen, mit seinen grossen blauen Augen, aber sein
This page contains affiliate links. As Amazon Associates we earn from qualifying purchases.
Language:
Form:
Genre:
Published:
  • 09/1995
Collection:
Tags:
Buy it on Amazon FREE Audible 30 days

Frau und Kindern auf der Spur
Gerold K. Rohner
September 1995

Kapitel 1

“Na, h¸bsche zwei Tˆchter habt ihr hier–und selbst seid ihr auch nicht so schlecht”, hetzte er mit heiserer Stimme. Ein grosser, starker aber h‰sslicher Bursche war er. Dabei w‰re er gar nicht so h‰sslich gewesen, mit seinen grossen blauen Augen, aber sein verdorbener Charakter schien durch sein Gesicht.

“Kann ich eine der beiden f¸r ein St¸ndchen mieten, Madam? Sicher h‰tten sie nichts dagegen–oder w‰r es ihnen lieber ich f‰ng ein Streitchen an mit ihrem Jungen da und tˆtete ihn im Duell?”

Das war eine arge Drohung, ging mir durch den Kopf. Da musste die arme Frau zwischen dem Regen und der Traufe w‰hlen. Sie war kaum im Stande ihre drei Kinder gegen diesen Bullen zu verteidigen. Ich sass in der Bar im “Whisky Barrel” Saloon in Santa Fe und dachte : Warum kommen Pr¸fungen immer dann, wenn man noch nicht fuer sie bereit ist? Ja, ich war schneller als nur noch vor einigen Wochen, aber ich war noch lange nicht schnell genug.

Der arge Bursche hob ein Bein auf den einzigen leeren Stuhl am Tisch. Der Tisch war an der Wand und war besetzt von der wunderh¸bschen Frau mit den drei Kindern, die ihr zwar nicht glichen, aber ihre eigenen waren. Der ƒlteste, der Junge, sah etwa zwanzig aus, war jedoch j¸nger. Er war gross und mager gewachsen. Die M‰dchen waren sechzehn und dreizehn, noch h¸bscher als die Frau. Sie waren spindeld¸rr, blond, sehr hellh‰utig, mit blauen Augen. Sie waren fast wie M‰nner gekleidet, auch die Frau. Sie sahen sehr zart aus, waren aber sehr lebendig und schienen guten Humors zu sein. Doch jetzt, seit dieser Bursche an ihren Tisch getreten war, hatte sich ihre Laune schnell ge‰ndert. Sie sahen plˆtzlich ‰ngstlich aus, als ob dies nicht das erste Mal w‰re, an dem sie bel‰stigt wurden.

Ich wusste, ich musste helfen, aber ich wollte sie nicht in grˆssere Gefahr bringen durch un¸berlegtes Handeln. Mal abwarten! Das musste ich sowieso. Noch war nichts geschehen das mein Eingreifen gerechtfertigt h‰tte. So oder so, Santa Fe hatte sicher einen Sheriff. Der Bursche konnte also den Jungen nicht einfach niederschiessen solange sich dieser nicht provozieren liess, sonst w¸rde der Bursche des Mordes beschuldigt und vom Sheriff in Haft genommen. Das wollte er sicher nicht. Griff der Junge aber zum Colt, dann kˆnnte ihn der Bursche niederschiessen in sogenannter Selbstverteidigung.

Ich hoffte der Junge w¸rde die Nerven nicht verlieren. Er sah nicht gerade gl¸cklich aus im Moment–hatte sich aber wohl geh¸tet seine H‰nde auch nur in die N‰he seines Revolvers zu bringen.

“Lass meine G‰ste in Ruhe”, bruellte der riesenhafte Wirt. Der musste mindestens drei hundert Pfund wiegen. In seinem schwarzen Leder-Gilet sah er mehr wie ein Henker aus als wie ein Schenker. Er war hinter der Bar hervorgetreten und schwenkte seine Arme in veritabler Drohung.

“Weisst du mit wem du sprichst, Buffalo. Ich bin Billy Kane, Steckbriefj‰gerlein Numero Uno hierzulande. Mit mir hat’s noch keiner aufgenommen. Und das dort ist mein Dienerchen–Juan. Er schiesst fast so schnell wie ich. So lass uns in Ruhe, Buffalo, sonst schiessen wir ein paar Lˆchlein durch deinen Pelz, so dass das Fett nur so raussprudelt.” Darauf hin lachte die ganze Runde im Saloon.

Schˆne Bande die wir hier versammelt haben, dachte ich. Ja ich hatte schon von Billy Kane gehˆrt. Er war als Kopfj‰ger mehr ber¸chtigt als ber¸hmt. Kopfj‰ger nannte ich alle Steckbriefj‰ger, weil sie meistens grˆssere Schuften waren, als die, die sie jagten. Er soll schon manche in den R¸cken geschossen haben und sein Dienerchen Juan war auch kein Engelein. Es war wohl mit seiner Hilfe im Hinterhalt dass Billy mehrere Duelle gewonnen hatte. Solche Duelle finden nicht immer mit Zeugen statt, die den Schuss aus dem Hinterhalt h‰tten hˆren kˆnnen. Die meisten Kopfjˆger stellen ihren Gejagten ausserhalb der Stadt. Wirklich, mann kann das kaum ein Duell nennen. Es wurde mir klar, falls einer Billy ausschalten wollte, w‰r es wohl weise, zuerst Juan auszuschalten.

Der Wirt hatte sich zur¸ck hinter die Bar begeben und b¸ckte sich um etwas zu holen.

“Also was ist’s, schˆne Frau, sie stimmen wohl mit mir ¸berein. Ich nehm die mal mit auf mein Zimmer f¸r ein Weilchen. ‹ber den Preis werden wir uns schon einig werden.” Dabei packte er die sechzehnj‰hrige Tochter beim Unterarm und zog sie auf die Beine. Er warf einen schr‰gen Blick auf den Jungen, nur im Fall, dass dieser ziehen sollte.

Ich war erstaunt. Der Junge machte keinen Mucks. Welche Beherrschung f¸r einen Neunzehnj‰hrigen. Nun hatte Billy Kane der Bar seinen R¸cken zugewandt. Er sah also weder mich noch den Wirt.

Der Wirt war wieder hinter der Bar hervorgetreten, diesmal mit einem Colt in der Hand. “H‰nde hoch–Billy Kane”–br¸llte er plˆtzlich. Er stand vor der Bar und hatte seinen Colt auf Billy’s R¸cken gerichtet und ging schnell aber leise auf ihn zu. Der Wirt wusste dass Billy keine Chance hatte sich umzudrehen und zu schiessen, da war der schon auf Billy gerichtete Colt dann doch schneller.

Doch Billy Kane wusste dass der Wirt nur bluffen konnte. Der Wirt konnte ihn nicht einfach niederschiessen, ohne des Mordes beschuldigt zu werden. Darum hob Billy die Arme nur ein bisschen um sicher zu machen, dass alle sahen, dass er nicht ziehen w¸rde. Sonst h‰tte der Wirt Grund gehabt sich zu verteidigen und Billy niederzuschiessen. Stattdessen drehte sich Billy langsam um. Darauf hatte der schlaue Wirt gerechnet, denn er hatte sich schon zu Billy hingeschlichen. Gerade als dieser sich umdrehte gab ihm der Wirt eine Linke auf’s Kinn dass es nur so drˆhnte. Billy ging runter wie ein warmer K‰se. Dann hob ihn der Wirt auf als ob er ein schlafendes Kind w‰re und schmiess ihn hinaus.

“Nur dass ihr’s wisst, ich f¸hre eine reine Bude hier!” br¸llte er auf dem R¸ckweg hinter die Bar.

Oh war ich ihm dankbar, aber ich konnte nichts sagen. Auch war das sicher nicht das Ende des Kummers. Juan, das Dienerlein, war hinausgegangen um Billy zu pflegen. Sicher w¸rde Billy Rache verlangen, sobald er wieder beieinander war.

Es war jetzt etwa acht Uhr Abends und die Mutter und ihre Kinder machten sich auf, um ihr Zimmer im Saloon f¸r die Nacht zu beziehen. Ich bemerkte, als sie schon verschwunden waren, dass das j¸ngere M‰dchen ihr Halstuch hatte liegen lassen. Ich hob es auf und steckte es in meine Hemdtasche.

“Ich werde es ihr Morgen geben”, sagte ich zum Wirt. “Ich will sie jetzt nicht stˆren, sie haben genug Stˆrungen hinter sich”. “Kann man wohl sagen”, stimmte der Wirt ein. Sein L‰cheln verriet grosse Zahnl¸cken, unterbrochen von schwarzen kleinen ‹berrresten, von dem, was einmal Z‰hne gewesen waren.

* * *

Wie leicht h‰tte es zu einer Schiesserei kommen kˆnnen, dachte ich. Schurken wie Billy Kane waren nicht immer weise genug ihren eigenen Vorteil zu sehen. So wusste man nie ob ein Schuft wie Billy den Wirt nicht einfach totknallte, obwohl er daf¸r h‰ngen w¸rde.

Diese ganze Gegend war sowieso von zweideutigen Charaktern Durchdrungen. Viele kamen hier durch, entweder auf der Goldsuche nach Californien, oder Veteranen vom Californien Gold Rush auf der R¸ckkehr. Dann gab es einige Wildpferdj‰ger, Scouts, die die Kriegsabsichten der Indianer beobachteten, Ex-soldaten aus dem B¸rgerkrieg, die f¸r neue Abenteuer Ausschau hielten und H‰ndler die die Neusten Waren aus dem Osten brachten, und Gold zur¸cknahmen. In einem Saloon, wie hier im “Whisky Barrel”, waren die stabilen Ansiedler, wie die Rancher, Kˆche, Wirte, Ladenbetreuer und anderen Dorfbewohner in der Minderheit.

Ehrbare Frauen sah man im Saloon nur selten. ‹berhaupt waren M‰nner in dieser Region in der ‹berzahl. Die einzigen Frauen, die man regelm‰ssig in gewissen Saloons fand, waren die T‰nzerinnen, S‰ngerinnen oder Barmaids, die oft noch ein Bisschen Geld mit Nebenbesch‰ftigungen von zweifelhafter Ehre verdienten.

Ja mit diesen Typen in der Mehrzahl, konnte es leicht zu einer Schiesserei kommen. Der Westen war aber nicht ganz ohne Gesetz. Es war so: Wenn einer zuerst zog, und den anderen tˆtete, konnte er leicht des Mordes beschuldigt werden, falls es unbestechliche Zeugen gab. Konnte einer aber warten, bis der andere zog and dann schnell genug war, ihn noch zu erwischen, dann war es Selbstverteidigung. Darum war es so wichtig flink zu sein.

Ich, Joshua Custer, “Griz” genannt wegen meines grauen Haars und meines grauen Vollbarts, war noch nicht schnell genug. Ich war immer noch am ‹ben. Schiessen und treffen konnte ich schon seit meiner Jugend, aber das Ziehen war zu langsam. Ich konnte das ohne Munition ¸ben. Und ich ¸bte–im Saloon Zimmer–auf dem Trail–im Schlaf–auf dem Pferd–zu Fuss–in den Bergen–im Tal–¸berall.

Oh w‰re ich doch so schnell gewesen, wie Jack Cohan. Er war der schnellste den ich je gekannt hatte. Ich kannte ihn persˆnlich. Nur weil ich mit ihm zur Schule ging. Schon als Kinder auf der Ranch ¸bten wir zusammen mit Vater’s Colt. Wir schossen auf Steine die wir sorgf‰ltig auf den Zaun legten. Am Anfang gab es manches Loch in den Zaun. Wir lernten zu Schiessen, aber Ziehen ist etwas anderes.

Jack Cohan lernte das Ziehen von Pedro Escobar. Der schnelle Mexikaner lebte f¸r ein Weilchen in unserem Dorf. Jack nahm Stunden von ihm von seinem Taschengeld. Sein Vater erlaubte es. Es war immer gut seine Ranch verteidigen zu kˆnnen. Mit der Zeit ¸bertraf Jack seinen Lehrer. Das aber Jahre sp‰ter, als Pedro Escobar schon lange aus dem Dorf gezogen war. Jack war nun der schnellste in der Gegend und zog weg von der Ranch um Sheriff in Dallas, weiter im Norden, zu werden.

Ja, Jack Cohan war schnell. Er erschoss einmal drei Schurken, bevor einer von ihnen zum Abziehen kam. Es scheint unmˆglich zu sein. Und doch ist es wahr. Die Bewegung des Ziehens eines Profis wie Jack Cohan ist so schnell, dass sie von Auge nicht gesehen werden kann. Jack kann also ziehen, schiessen und den Colt wieder ins Holster stecken schneller als unsereiner blinzeln kann. Sogar dann wenn jemand seinen Revolver schon auf Jack gerichtet hat kann Jack noch ziehen, schiessen und treffen bevor der andere abziehen kann.

Dass passierte mit Jose Domingo. Als er das Handgewehr von dreissig Fuss schon auf Jack Cohan gerichtet hatte, da schoss es ihm Jack aus der Hand, noch bevor er den Abzug bewegen konnte. Jack liess ihn leben. Denn Jose war jung und dumm, und Jack Cohan war ein g¸tiger Mann.

Jack schoss rechts und links, schneller rechts. Das war von Vorteil. Einmal in einem zweiten Duell mit Jose Domingo verklemmte sich sein rechter Colt. Jack hatte noch genug Zeit seinen Linken zu ziehen, bevor Jose abdr¸cken konnte. Wieder schoss ihm Jack den Revolver aus der Hand. Und wieder vergab er Jose Domingo und liess ihn leben. Aber er warnte Jose: Kommst du ein drittes Mal wird’s dein Ende sein. Jose schoss nie mehr auf Jack. Er lernte nichts beim ersten Mal, aber er lernte was beim zweiten Mal. Besser als nie.

* * *

Es war das Jahr 1865. Ja, der Westen war ein wildes Land, in dem nur die St‰rksten ¸berlebten. Der B¸rgerkrieg war im Osten zu Ende gekommen, und Sklaverei hatte ein Ende genommen. Der Westen aber war noch unzivilisiert und unerschlossen. Zivilisation war bis zum Mississippi vorgedrungen, aber die Prarie war immer noch von sechzig Millionen B¸ffeln bewohnt. Sie war noch so wild, wie eh und je. Die Indianer jagten die B¸ffelherden, Antelopen gab es noch von Kanada bis Mexiko und es war keine Seltenheit, Pumas zu sehen. Das Land war noch unber¸hrt.

Erschlossen und f¸r Ansiedler freigemacht wurden diese Gebiete durch die Eisenbahn. Die Eisenbahn war aber erst bis Kansas City vorgedrungen. Zur Zeit wurden Texas Rinder immer noch auf dem Chisholm Trail nach Kansas getrieben. Von dort konnten sie mit der Eisenbahn zu den M‰rkten im Osten gefahren werden. Das sollte sich erst in zehn Jahren ‰ndern.

In Texas gab es also Ranches mit Rindern, aber die Pr‰rie blieb ungen¸tzt. Sie wurde noch nicht f¸r Weizen gepfl¸gt und war noch nicht zum Brotkorb der Nation geworden.

Als ich so da sass und nachdachte–ich hatte mich inzwischen an einen Tisch gesetzt–fielen meine Gedanken auch auf die Frau und ihre Kinder. Die Kinder machten den Eindruck als w‰ren sie wohl erzogen und Pr¸fungen und Leid im Leben gewachsen. Sie schienen fast zu reif zu sein f¸r ihr Alter. Der Junge machte den Eindruck dass man ihn ¸berall gebrauchen konnte.

Der seriˆse Ausdruck auf dem Gesicht der Frau f¸gte zu ihrer Schˆnheit hinzu. Sie schien eine Frau zu sein, auf die man sich verlassen konnte–in jeder Situation. Sie schien tief zu sein, nicht oberfl‰chlich, mit einem guten Verstand und guter Einsicht, die durch harte Erfahrungen kommen. Sie war nicht verweichlicht, nicht verwˆhnt. Sie schien hart und mutig. Auch sie hatte keinen Mucks gemacht als der Schurke ihr M‰dchen wegzuschleppen drohte. Warum nicht? Sie schien nicht die Frau zu sein, die ihrer Tochter etwas zustossen liesse, ohne sich zu wehren. Oder war sie es sich gewˆhnt von M‰nnern verteidigt zu werden, die ihre Anmut sch‰tzten. Ich konnte diese Fragen nicht beantworten. Ich sollte es kˆnnen, denn sie war meine Frau und es waren meine drei Kinder. Aber ich kannte sie kaum mehr. Ich betrachtete sie jetzt wie ein Aussenstehender.

Ich hatte schon zweieinhalb Jahre nichts mehr mit ihnen zu tun gehabt, als ich ihre Spur wiederfand in Laredo. Sie waren mir fast fremd. Ich erkannte sie, das schon–aber ihr Charakter hatte sich ver‰ndert und es war als lernte ich sie wieder kennen, seit Laredo. Mit jeder Beobachtung war ich mehr von ihnen beeindruckt, sie waren gewachsen.

Sie hatten mich nicht erkannt und das war mir auch recht. Ich hatte es erwartet, denn ich hatte mich sehr ver‰ndert. Ich sah nicht mehr aus wie fr¸her und das mit gutem Grund. Denn ich war auf der Flucht und niemand durfte mich erkennen. Sie auch nicht, denn das br‰chte sie in noch grˆssere Gefahr, als sie schon waren. Ja sie waren in Gefahr, denn das war kein Land in dem Frauen und Kinder unbesch¸tzt reisen sollten. Nun ganz unbesch¸tzt waren sie nicht mehr seit Laredo, denn ich w¸rde auf sie aufpassen. Sie waren dessen unbewusst, hatten nicht einmal bemerkt dass ich ihnen folgte. Nein sie durften mich nicht erkennen, denn wen jemand erfuhr, dass sie zu mir gehˆrten, dann w¸rden sie gejagt werden, genau so wie ich. Auch konnte ich sie besser besch¸tzen aus der Distanz.

Ja ich liebte sie. Ich liebte sie sehr. Aber ich musste mich fern halten. Sie durften nicht einmal merken, dass ich hinter ihnen her war.

Darum war ich dem Wirt so dankbar heute abend. Ich hatte nicht selbst eingreifen m¸ssen. Ich wollte nicht dass sie meiner ¸berhaupt bewusst waren. Ich hatte mich also im Hintergrund halten kˆnnen. Um so besser–aus einem anderen Grund auch–ich war noch nicht schnell genug. W¸rde ich es je sein? Ich musste, da gab es keine Wahl. “Manchmal muss man tun, was man tun muss!” wie mein Vater zu sagen pflegte als er noch lebte.

* * *

Mit diesen Gedanken im Kopf machte ich mich auf, f¸r einen Spaziergang. Es blieb noch eine Stunde Tageslicht und ein Bisschen der frischen Bergluft, die von den Zuni Bergen her wehte, w¸rde mir gut tun.

Auf dem Weg zur¸ck, es war schon dunkel geworden, stolperte ich fast ¸ber ein blinde Indianerfrau, die zwei H‰user vom Saloon entfernt sass. Sie hatte eine leere Konservenb¸chse die sie mir entgegenstreckte:

“Ein Almosen, Sir, ich bitte sie.” Ihr Geruch und ihre schrille Stimme gingen mir auf die Nerven. Als ich an ihr vorbei gehen wollte, schrie sie noch lauter: “Haben sie ein Herz, Sir, haben sie ein Herz”.

Das letzte “haben sie ein Herz” war leiser und langsamer gesprochen, so als resignierte sie sich, nichts zu bekommen. Da packte mich dann doch das Erbarmen und ich warf zehn Silberdollar in ihre B¸chse. Schnell ging ihre Hand in die B¸chse um zu z‰hlen. Dann schrie sie “Oh gn‰diger Herr das ist doch zuviel, viel zuviel, soviel brauche ich ja gar nicht. Vergelt es ihnen Gott, sie g¸tiger Mann.” Sie nahm wohl von meinem Tritt an, dass ich ein Mann war und wohl auch, weil die meisten die hier vorbeigingen, M‰nner waren–wenn sie wirklich blind war.

“Schreien sie doch nicht so, oder die ganze Stadt wird denken dass ich reich bin. Das fehlt mir noch dass einer versucht mich auszurauben.”

“Oh Entschuldigung, Sir, ich will ihnen keine Schwierigkeiten machen.”

“Sagen sie, sind sie ganz blind?”

“Von meiner Kindheit, Sir. W¸rde ich sonst hier sitzen und betteln. Dies ist kein Platz f¸r eine alte Frau–aber was bleibt mir.”

Im faden Licht der Karbid Lampen bemerkte ich plˆtzlich Billy Kane auf der anderen Seite der Strasse fluchend und schimpfend, umgeben von einer Menge arger, bitterer Burschen und Juan. Die f¸hrten nichts Gutes im Schilde. Ich konnte ahnen, was kommen w¸rde. Sie bewegten sich langsam auf den Saloon zu und ich hˆrte Billy angeben: “Die feinen D‰mchen entkommen Billy nicht und auch das Wirtlein nicht.” Vor dem Saloon teilten sie sich. Die eine H‰lfte, sechs Mann, ging in den Saloon, die anderen umgaben den Saloon. Es sah aus als wollten sie sicherstellen dass niemand aus dem Saloon fliehen konnte.

Ich wusste, was sie vor hatten. Sie w¸rden eine Streiterei vort‰uschen im Saloon oder anzetteln, bei dem der Wirt dann per Zufall erschossen wurde. Dabei kam es ihnen gar nicht darauf an dass einige Beist‰nder auch erschossen w¸rden. So rauh waren diese Burschen. Ich hoffte nur dass die meisten von ihnen auch was abkriegten, den in so einer Rauferei, wo die Kugeln fliegen, ist keiner sicher. Wer andern eine Grube gr‰bt f‰llt oft selbst hinein.

“Wo wohnt der Sheriff?”, ich schrie die blinde Frau fast an.

“Der jagt nach der “Little” Gang”.

“Habt ihr einen Deputy?”

“Oh, der ist immer besoffen–vergiss es Mister–es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt”.

Um’s Philosophieren war es mir im Augenblick nicht.

“Madam, gibt es einen Ausweg aus dem Saloon. Sie sind hinter einer Frau und ihren Tˆchtern her. Sie haben den Saloon umzingelt”.

“Immer das gleiche, die M‰nner wollen immer nur eines von den Frauen.”

Ich war froh, sie verstand.

“Durch den Aussenabort, denn der ist mit dem Saloon durch einen gedeckten Gang verbunden! Doch es ist stockdunkel dort hinten niemand braucht den Abort mehr, es gibt jetzt ja einen im Saloon.” Gut ist es eine mondlose Nacht, dachte ich, es wird also noch dunkler sein.

“Hier sind noch zehn Dollar. Schleichen sie durch den Abort hinein und holen sie die Frau und ihre Kinder heraus–ich bitte sie.”

“Ich tue was ich kann f¸r sie Mister, denn sie sind ein guter Mann. Wenn sie wieder hier vorbeikommen, gedenken sie meiner.”

Dabei schlich sie sich wie eine gewandte Katze um die dunklen Ecken. Es war als ob sie sehen konnte in der Dunkelheit und war gewandter in der Nacht als ein Sehender.

Dann strollte ich auf den Saloon zu, ich musste meine Eile verbergen. Was f¸r eine Schmiere, dachte ich, warum musste das immer mir passieren. Ich hatte wohl noch einiges zu lernen. Meine Colts waren die Besten, aber war ich gut genug?

Ich glaubte, dass der Wirt sich schon l‰ngst aus dem Staub gemacht h‰tte, aber nein, er servierte. Er war kein Feigling. Was h‰tte er auch machen sollen? Jemand anders servieren lassen? Und den in Gefahr bringen? Nein der Wirt war fair. Ich stand auf seiner Seite.

“Juan geh doch mal sehen, ob uns die D‰mchen nicht Gesellschaft leisten wollen”, sagte Billy mit lauter Stimme und seine Bande stimmte ein “Ja, hol sie mal, die H¸bschen.”

“Zeit dass sie was lernen…”, f¸gte ein anderer hinzu, “…jung ¸bt sich was ein Meister werden will…” und alle lachten. Doch das gefiel dem Wirt nicht. Er erhob Einspruch: “Niemand ohne Zimmer geht nach oben!” Dann eilte er Juan nach und erwischte den gerade noch beim ƒrmel. Er zog ihn die Stiege herunter und schwang ihn auf das Parkett, auf dem Juan noch zwanzig Fuss gleitete und gerade vor Billy zum Stoppen kam.

Dann plˆtzlich ein Schuss, und der schwere Leuchter kam von der Decke gesaust und st¸rzte gerade auf Juan’s Schulter, der darunter lag.

“Au” schrie Juan.

“Ruuuhe maaal!” kam da eine hohe aber laute und ruhige Stimme von der Bar. Es war der Sch¸tze, ein Mexikaner. Der konnte wohl schiessen. Das war kein leichtes St¸ck den Leuchter so zu amputieren.

Es war plˆtzlich totenstill im Saloon. Der Mexikaner kam mir bekannt vor, und dann half er mir ein Bisschen. “Ich bin Peeedro Escobaaar–ihr habt von Peeedro gehˆˆˆrt–und Peeedro mˆˆˆchte sein Diiinner in Ruhe eeessen. Verstaaanden! Soll einer hier Peeedro ‰‰‰rgern, weiss sich Peeedro zu weeehren.” Dabei wanderte er hin¸ber bei der Treppe vorbei, so als um sich gut zu platzieren. Er gestierte mit beiden H‰nden beim Sprechen. Das sah gef‰hrlich aus, den man wusste nie wo sich seine H‰nde hin bewegten.

“Du verdammtes, gelbh‰utiges Hurensˆhnchen, was mischt du dich da ein.” Billy hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da sauste die Kugel auch schon an seinem Kopf vorbei und nahm ein bisschen Haut und Haare mit. Jetzt verstand ich warum Pedro auf die Treppe zugegangen war. Er hatte sich so plaziert dass seine Kugel nur Billy treffen w¸rde, sonst aber ohne Schaden in die Wand ging wo niemand sass. Den er wollte niemand umbringen, nein nicht einmal Billy. Er wollte ihm nur eine Lektion erteilen. Deswegen der Streifschuss.

Ich wusste nicht dass Pedro Escobar so genau schiessen konnte. Ich wusste nur dass er schnell war. Billy schien ihn nicht zu kennen, sonst h‰tte er es wohl gelassen. Er h‰tte aber wirklich sehen sollen, dass er Pedro nicht gewachsen war.

Die anderen vier Burschen die mit Billy in den Saloon gekommen waren, und anfangs ihres Sieges sicher gewesen waren, schienen jetzt nicht mehr so sicher zu sein. Wie sie sich zu Beginn um Billy herumgeballt hatten, so entfernten sie sich nun ganz allm‰hlich. Aber Billy war noch nicht fertig. Er war ein Narr. Er zog. Pedro schoss ihm den Colt geradewegs aus der Hand. Dabei hatte Billy Gl¸ck. Seine Hand wurde nicht getroffen. Jetzt versuchte er es auch noch links. Diesmal war er nicht so gl¸cklich. Die Kugel traf den Colt und seine Hand. Dann verschwanden die beiden. Billys hielt seine Hand und seinen Kopf und Juan seine Schulter. Also nicht mehr so stolz, ein bisschen dem¸tiger sahen sie jetzt aus. Das war der einzige Vorteil f¸r Billy und Juan an dieser Angelegenheit. Denn Demut ist immer besser als Stolz.

Die Ruhe war wieder hergestellt. Es hatte nur einen Mann wie Pedro Escobar gebraucht. Der kleine, d¸nne, jetzt etwa f¸nfundf¸nzig Jahre alte Mexikaner war nicht zu untersch‰tzen. Ich aber rannte hinaus. Ich f¸hlte mich wie ein Narr. Ich hatte meine Familie mˆglicherweise gerade in die H‰nde der draussen wartenden Halunken geschickt. Ja, ich konnte nicht wissen dass Pedro Escobar die Gefahr abwenden w¸rde. Ob es die blinde Indianerin wohl geschafft h‰tte.

Ich rannte hinaus. Und wieder stolperte ich fast ¸ber sie, denn jetzt sass sie ausserhalb des Saloons.

“Habt ihr es geschafft” fl¸sterte ich.

“Oh ja Mister, keine Bange.”

“Wo sind sie hin?”

“Ich nahm sie um zwei H‰user herum. Soweit weiss ich den Weg, Sir. Dann sind sie weiter durch die Stadt gegangen.”

“Hat sie jemand gesehen?”

“Das weiss ich nicht, Mister. Sowas kann ich doch nicht sehen.” Ich verstand.

Ich rannte in den Saloon zur¸ck und holte meine Sachen, zahlte und machte mich auf den Weg. Keiner der Schurken die den Saloon umzingelt hatten war mehr zu sehen. Ich sattelte meinen Apfelschimmel, stieg auf und ritt den Corrals entlang. Ich sah ihre Pferde. Ihre Pferde waren noch da. Ich wollte wissen wo sie waren. Es gab noch einen heruntergekommenen Saloon am Ende der kleinen Stadt, gegen Norden. Dort ging ich hin und erkundigte mich, aber sie waren nicht da.

Kapitel 2

Ich ritt zur¸ck in die Stadt. Es hatte keinen Sinn, einfach loszureiten. Zudem w¸rden sie die Pferde brauchen. Sie mussten also irgendwann zum “Whiskey Barrel” Saloon zur¸ckkehren. Auf dem Weg zur¸ck zum Stadtzentrum dachte ich dar¸ber nach wie alles so gekommen war.

Ich dachte zur¸ck an die Zeit wo wir noch alle zusammenwohnten auf der Ranch die mir mein Vater hinterlassen hatte. Wir hatten es schˆn zusammen. Ja das Ranchen war harte Arbeit, aber es hatte auch seine guten Seiten. Man war an der frischen Luft, gesund und sein eigener Herr und Meister. Wir waren arm, aber wir hatten alles was wir brauchten.

Unser Land war umgeben vom Land der Kings. Drei Br¸der und ihre Familien. Sie besassen das ganze Land auf der West Seite des Dorfs ausser unserer kleinen Ranch, die wie ein Herz in der Mitte ihrer Ranch steckte. Das h‰tte sie nicht stˆren m¸ssen, denn wir waren gute Nachbarn. Liessen unser Vieh nie auf ihrem Grund weiden oder ihr Wasser trinken. Wir hatten unsere eigenen Brunnensch‰chte gegraben und wir stahlen auch keine Rinder. Kurz, wir waren friedlich, sie aber nicht. Sie wollten unser Land, denn es war gut und hatte genug Wasser.

Nicht dass sie es brauchten, denn sie erworben immer mehr Land gegen Westen, Norden und S¸den, so dass sie ein wahres Reich geschaffen hatten. Sie waren nicht faul, das musste man ihnen lassen. Stark und gesch‰ftig, das wohl, aber auch stolz und eingebildet.

Zuerst waren sie freundlich, fast zu freundlich. Machten Offerten f¸r mein Land. Aber ich wollte nicht verkaufen. Zu keinem Preis. Land zu haben war mir wichtiger als alles Geld auf der Welt. Das Land war in unserem Besitz seit mein Grossvater, Fritz Kˆster, von Deutschland ins neue Land gekommen war. Der Name hatte sich ge‰ndert aber die Liebe zum Land nicht.

Dann wurden sie kalt und geh‰ssig uns Custers gegen¸ber. Dann kamen die ersten Drohungen. Frau King fl¸sterte zu Julia meiner Frau im Store: “Hast du gelesen wie Don Browns Brunnen vergiftet worden war. All sein Vieh starb. Sie sagen, jemand h‰tte Arsenik ins Wasser gemischt. Kˆnnte jedem passieren, heh. Auch euch. Seid nur nicht so selbstsicher.” Und da die Sheriffs Frau gerade in den Laden gekommen war, f¸gte sie schnell hinzu: “Man muss Gott dankbar sein f¸r seinen Schutz jeden Tag.” Diese Heuchlerin–wie konnte sie nur Gottes Namen auf die Zunge nehmen. Sie h‰tte gar nichts sagen m¸ssen, Vom Sheriff bis zum Barbier war das ganze Dorf sowieso auf ihrer Seite–mehr aus Angst als aus Liebe. Die Kings waren Unterdr¸cker.

F¸r eine Weile schickte ich Jack, meinen Sohn, den Hauptbrunnen zu bewachen, aber es war nur eine Drohung gewesen. Sie wollten ja meine Ranch nicht zerstˆren, nur in ihren Besitz bringen. Die Drohungen waren also nur um unser Leben sauer zu machen. Doch dann schritten sie von den Drohungen zur Tat.

Der B‰cker wurde tot gefunden, von Hinten erschossen. Ich hatte eine Ahnung wieso. Er war der einzige gewesen der gegen die Kings aufgetreten war. Er scheute sich nicht ihnen seine Meinung zu sagen. Ich sage nicht, die Kings h‰tten ihn erschossen, aber sie trauerten ihm sicher nicht nach.

Doch dann kam das Unerwartete. Sie beschuldigten mich, dass ich den B‰cker erschossen h‰tte. Sie brachten falsche Zeugen, die sie teilweise bestachen und teilweise zwangen. Auch Chuck und Butch King, die Sˆhne einer der Kings Br¸der, sagten aus, dass sie mich in der N‰he des Tatorts gesehen h‰tten. Ich wurde zum H‰ngen verurteilt. Da sass ich nun in der Zelle im Sheriffs Haus und wartete auf meinen Todestag.

Es war schlimm f¸r mich. Den Tod f¸rchtete ich nicht, aber das Eingesperrt sein konnte ich nicht ertragen. War ich doch ein freier Mann gewesen, gewˆhnt an die Weiten der Pr‰rie. Ich betete, denn ich glaubte an Gott. Ich glaubte dass er mir helfen w¸rde.

Zwei Tage vor meinem Hinrichtungs Tag war der Sheriff wieder einmal recht besoffen. Ich glaube er tat das um seine Misere in diesem Dorf zu vergessen. Wahrscheinlich hatte er einen ausgepr‰gten Gerechtigkeits Sinn, wie die Meisten Gesetzausf¸hrer. Zwar gab es mit ihm nur schwarz und weiss, entweder war ein Mann gut, oder er war bˆse. Dabei ist es ja klar, dass Gutes und Bˆses in uns allen steckt. Aber Gerechtigkeit wurde in diesem Dorf von den Kings bestimmt. Das sah der Sheriff nicht gern, war aber zu ‰ngstlich etwas dagegen zu tun. So soff er.

Vor der Nacht nahm er mich immer auf das Klo. Dazu legte er mir durch das Gitter die Handschellen an, ˆffnete dann die Zellt¸r, liess mich hinaus und sperrte mich dann ins Klo hinein. Durch das kleine Fenster in der Klo T¸re nahm er mir die Handschellen ab. Dann konnte ich mein Gesch‰ft erledigen.

Dann ging das ganze wieder im R¸ckw‰rtsgang, bis ich wieder in der Zelle war.

“Na, beeil dich schon, J-J-Josh, hab ja n-n-nicht die ganze Nacht. Man will sich ja auch m-m-mal hinlegen. Kannst dich ja wirklich ein Bisschen schneller b-b-bewegen”. Doch diesmal schloss er zwar die Zellt¸re, vergass aber sie abzuschliessen. Er nahm den Schl¸ssel aus dem Schl¸sselloch, hatte aber vergessen ihn erst zu drehen.

Ich wartete bis etwa drei Uhr morgens, dann schlich ich mich hinaus. Ich rannte zu meiner Ranch. Es war acht Meilen. Ich schuf es in einer Stunde.

“Julia, ich bin’s, wach auf, beeil dich”, weckte ich sie. “Ich werde nach Kanada fliehen. Such mich in Edmonton, wenn ich wegkomme.”

“Ich liebe dich, Josh–ich lieb dich–geh, geh schon–ich will dich nicht verlieren!” Sie stopfte meine Taschen voll mit Geld. Sie hatte alles verkauft, was sie verkaufen konnte in der Zwischenzeit, um gerade f¸r so einen Fall zu sorgen. Man konnte sich auf sie verlassen.

“Dad, vergiss die nicht”. Jack war inzwischen aufgewacht und aus seinem Zimmer gekommen. Er reichte mir meine Smiths Colts und Patronen. Ich fiel ihm um den Hals und k¸sste ihn : “Sorge f¸r die Familie, gehorche deiner Mutter, denn sie ist weise. Verlier nicht die Nerven, mach nichts Dummes.” Ich wusste was f¸r eine Zielstrebigkeit und was f¸r starke Gef¸hle Jack besass und das konnte ihn manchmal zum Hitzkopf machen, obwohl er normalerweise sehr ruhig war.

Lisa, meine j¸ngere Tochter kam keuchend ins Haus gerannt : “Dad, Sara und ich haben dein Pferd gesattelt. Das nˆtigste ist in den Satteltaschen. –au! jetzt hab ich noch was zu Essen vergessen. Wart ich geh gleich.”

“Wenn sie hierher kommen, sag dass du mich nicht gesehen h‰ttest. Dass ich meine Sachen wahrscheinlich leise gehohlt h‰tte. Sonst wirst du mitschuldig.” Ich packte die Munition und rannte hinaus. Alle folgten mir ebenso rasch.

“Beeil dich, Dad” sagte Sara mit besorgter und ged‰mpfter Stimme.

“Beeil dich!–wir werden dich nie vergessen”. Ich k¸sste sie ¸ber das ganze Gesicht, dann Lisa, dann Julia und zuletzt auch noch Jack.

“Mach dir keine Sorgen um uns, Josh–k¸mmere dich nur um dich selbst.–ich will dich nicht verlieren!” sagte Julia mit zitternder Stimme.

Nur meine Mutter, die mit uns wohnte, war nicht aufgewacht. Sie war siebzig Jahre alt, doch schlief sie sehr gut.

Dann galopierte ich weg. Nach S¸den. Denn ich w¸rde nicht geradewegs nach Kanada reiten. Zuerst musste ich ¸ber den Rio Grande, nach Mexiko. Und das so schnell wie mˆglich.

Als ich dahinritt ging mir die Abschiedsszene nochmals durch den Kopf. Sogar in einer solch kurzen Szene zeigten sich doch der Charakter meiner Frau und Kinder. Alle waren sehr zuverl‰ssig. Das verlangte ich von meinen Kindern von sehr fr¸h an. Wie froh war ich jetzt, dass ich hart mit ihnen gewesen war.

Julia und Jack waren beide sehr starke Persˆnlichkeiten. Man konnte sie nicht leicht in etwas hineinreden. Sie machten nichts was sie nicht wollten. Sie mussten ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben. Das war manchmal schwierig f¸r mich. Meine Frau zum Beispiel trug nie Frauenstiefel, weil sie unbequem waren. Man konnte ihr sagen was man wollte, sie trug ihre Mokasins, von Indianern gefertigt. Und obwohl sie hervorstach, und die argwˆhnischen Blicke der Frauen im Dorf auf sich zog, bevorzugte sie das. Das machte mir manchmal zu schaffen. Sie wollte einfach nicht “normal” sein, so wie jeder, und sich einf¸gen.

Jack, der wollte keine Brandzeichen auf unsern Rindern, weil er glaubte dass es ihnen weh t‰te. Wenn ich es tun wollte, fing er an gegen mich zu k‰mpfen. Wir sprachen dar¸ber, und ich konnte ihn nicht davon abbringen. Alle Vernunft half nichts. So einigten wir uns dass wir ein kleines rundes Loch aus ihren Ohren schneiden w¸rden, um sie zu identifizieren. Jack sah das etwa so, wie die Lˆcher f¸r Lisas und Saras Ohrringe. Es war ok.

Lisa, die j¸ngere war sehr sprudlig aber immer etwas zerstreut. Sie sprach am Meisten in der ganzen Familie. Sie liebte das Schauspiel und die Musik. Sie liebte Humor. Brachte uns immer zum Lachen. Es machte ihr gar nichts aus wenn Leute ¸ber sie lachten. W‰hrend es jemand anders scheniert h‰tte, empfand sie es als Spass.

Sarah war mir am ƒhnlichsten. Sie war sehr organisiert. Ein tiefer Denker. Sehr intelligent. Scheu zwar und zur¸ckgehalten, aber kein Feigling. Eine tiefe innere Gl¸cklichkeit und Zufriedenheit schien durch ihr Gesicht. Das machte sie sehr attraktiv.

* * *

Ich war zum Rio Grande gekommen und schwamm hin¸ber, mein Pferd am Halfter f¸hrend. Das Wasser war tr¸b wie immer und warm. Ich hatte es bis Mexiko geschafft, aber sicher war ich noch nicht. Sie konnten mich hier zwar nicht verhaften. Aber sie konnten mich holen und illegal wieder ¸ber den Rio Grande zur¸ckbefˆrdern und dort verhaften. Oder schlimmer, sie erschossen mich und nahmen mich tot zur¸ck. Das w‰re den Kings sicher am Liebsten gewesen, dann h‰tten sie einen S¸ndenbcok, der nicht mehr sprechen konnte. Trotzdem f¸hlte ich mich besser jetzt, und sprach ein Dankgebet. Gott hatte mir geholfen, wie erwartet.

Ich machte keine Rast, sondern ritt tagelang bis Santa Cruz, wo ich mich dann wieder ¸ber die Grenze zur¸ck wagte. Lisas Essen reichte f¸r f¸nf Tage. Sie hatte mir Brot und ger‰uchtes Rindfleisch, Mandeln und dedˆrrte Aprikosen gepackt. Dann ging ich zweiundzwanzig Tage ohne Essen. Ich wollte nirgends gesehen werden.

Sara und Lisa hatten alles mˆgliche in meine Satteltaschen gepackt: eine Decke, frische UnterW‰sche, Taschent¸cher, Feuerzeug, eine kleine Ax, einen Kamm, Zahnb¸rste und ein paar Frauen Sachen: Faden und Nadeln, einen Waschlappen, ein Handtuch, Seife und sogar eine kleine Flasche Perfum mit einem kleinen Zettel darumherumgewickelt. Darauf stand: “Wenn du dieses Perfum riechst, dann wird es dich an mich erinnern, lieber Dad. Geh sparsam damit um. Deine Lisa.” Wie s¸ss! Sie mussten mich erwartet und alles vorbereitet haben.

Zwei Jahre schlug ich mich dann in New Mexiko und Arizona herum, Suchte Gold hier und dort, fand am Anfang aber nicht viel. Mein Geld reichte aus f¸r einfache Kost, die ich selbst kochte. Die Jagd f¸gte einige Leckerbissen hinzu. Ich schlief immer draussen.

Gold gab es in diesem Land schon, man musste es nur finden. Man konnte an vielen Orten Goldstaub finden, solange man am richtigen Ort schaufelte. Etwa auf der Innenseite einer Flussbiegung, oder hinter grossen Steinen im Fluss. Es war aber harte Arbeit und viel fand man meistens nicht.

Doch dann, eines Tages, es war Oktober oder November, ich erinnere mich nicht mehr genau, ritt ich in ein Bergtal hinein und folgte dem Fluss, der das Tal geschaffen hatte. F¸r die Grˆsse des Tals h‰tte er mehr Wasser haben sollen. Doch es war eine trockene Gegend. Ich folgte dem Fluss und brauchte meine Goldpfanne hie und da, nur so zum Sehen ob ich etwas f‰nde. Aber es gab nicht viel. Wahrscheinlich war ich nicht der Erste hier.

Dann hˆrte ich hoch oben in den Felsen plˆtzlich einen Puma fauchen. Und dann sah ich ihn auch. Er war gut getarnt. Ich h‰tte ihn nie gesehen, w‰re er still gewesen. Neben ihm lag seine Beute, eine Maulhirschkuh. Und jetzt sah ich, warum er gefaucht hatte. Da war noch ein Puma, den ich zuerst gar nicht gesehen hatte. Sie stritten sich also um die Beute. Sie musste auf der Grenze ihrer Reviere liegen.

Ich liebte die Natur und wollte mir das Schauspiel n‰her ansehen. So ritt ich im Schatten eines vertikalen Grats die Felsen hinauf. Bald kam ich n‰her. Beide waren Prachtsexemplare. Sie stritten sich noch immer. Dann kam es zu einem Kampf. Noch nie hatte ich solche Schnelligkeit gesehen. Sie balgten sich, sie drehten sich. Es dauerte nur zwei Sekunden. Dann wars vorbei. Der Verlierer schlich sich weg, mit einer blutenden Schramme am Genick. Der Sieger fing an zu fressen. Ich w¸rde ihn nicht stˆren.

Mittleweile war ich an einen kleinen Bergbach gekommen und ich dachte, da ich schon hier oben bin, versuch ich mein Gl¸ck. Tats‰chlich fand ich ein kleines Nugget, etwa erbsengross. Ich folgte dem kleinen, kurzen Bach in die Hˆhe and fand noch eins, haselnussgross. Dann keine mehr. Ich nahm Notiz, wo ich das letzte gefunden hatte, und suchte nun diese Gegend sorgf‰ltig ab. Dann fand ich sie, eine kleine Goldader in einer kleinen Hˆhlung. Da gabs noch mehrere Nuggets, die am Boden lagen. Ein starkes Gewitter kˆnnte leicht einige in den Bach tragen, wo ich sie erst gefunden hatte. Ich sammelte alle Nuggets und kratzte die Goldader mit dem Messer aus dem Felsen, bis nichts mehr ¸brig blieb.

Dies w¸rde ein schˆnes St¸ck Geld bringen. Genug bis Kanada, falls ich sparsam damit umging. Aber vieleicht konnte ich es mir jetzt leisten, mal im Saloon zu schlafen, und ein heisses Bad zu geniessen. Im Fluss baden–was ich bis jetzt getan hatte–war alles andere als heiss.

* * *

Bis jetzt hatte ich Gl¸ck gehabt. Es gab ¸berall Steckbriefe von mir, doch hatte mich noch keiner erkannt. Ich sah nicht mehr so aus wie auf dem Steckbrief, der von einer Photo kam, die sie auf der Ranch geholt hatten. Nein, ich hatte jetzt graues Haar, wohl von den vielen Sorgen. Das Haar war lang, da ich keinen Barbier besuchen wollte. Zusammen mit meinem grauern Vollbart deckten sie fast das ganze Gesicht und auch die Ohren zu. Trotzdem d¸nkte es mich weise, mich noch mehr zu ver‰ndern. Ich wollte mir eine Brille kaufen, nat¸rlich mit Fensterglas. Das w¸rde auch noch meine gr¸nen Augen decken.

Ein Merkmal, das der Steckbrief enthielt, hatte sich allerdings nicht ver‰ndert und das war das herzfˆrmige Muttermal auf meinem R¸cken.

Und so machte ich mich auf nach Silver City, um meine Brille zu bekommen. Doch das war mein Verh‰ngnis.

Ich hatte neue Vorr‰te und die Brille schon gekauft, hatte sie aber noch nicht angezogen, weil ich noch nicht an sie gewˆhnt war. Ich nahm noch ein schnelles Bier im Saloon, dann w¸rde ich mich aus dem Staub machen. Ich lauschte dem Gespr‰ch am andern Tisch, da sassen drei M‰nner und eine Frau. Sie glichen sich und waren wohl Br¸der und Schwester. Sie schienen ihre finanzielle Lage zu besprechen.

“Also Bob, sags mir noch einmal. Was ist jetzt in der Bank geschehen?”

“Nichts, Bradley, wir haben einfach schon alles Geld verbraucht. Ich habs dir ja schon gesagt.”

“Das Geld ist nicht unter Black, ich habe es unter Nelson einbezahlt. Das weisst du doch, Bob. Oder?”

“Ja Brett, das weiss ich schon, ich bin doch nicht blˆd. Das hab ich dem Banker auch gesagt.”

“Wir haben eben ein Bisschen zu gut gelebt, nicht Bob.” f¸gte die Schwester hinzu.

“Blˆdsinn, Bridget, Bob hatts sicher in seine Tasche gesteckt.” “Jetzt hˆr doch auf, Brad, es ist einfach Zeit einen neuen Steckbrief einzukassieren.”

“Und wen hast du da im Sinn, Kleiner?”.

“Gehen wir sie uns mal anschauen. Kommt. Zahlen, Wirt. Zahlen!”

Bis der Wirt kam, sassen sie f¸r ein Weilchen still da. Da fing mich einer an anzustarren. Dann ein Gefl¸ster am Tisch. Dann ein paar schr‰ge Blicke in meiner Richtung, so unauff‰llig wie sie nur konnten. Aber ich wusste sie hatten mich erkannt. Sie waren noch nicht ganz sicher, sonst h‰tten sie mich vieleicht gerade hier gestellt. Ich zahlte und ritt unauff‰llig langsam aus der Stadt. Aber kaum hatte ich den Rand erreicht, da gings im Gallopp weiter.

Also die Black Brothers waren mir auf der Spur. Brad, Bob, Brett und Bridget. Ich taufte sie die BB’s in meinem Kopf, den sie hatten alle die gleichen Initialen. Alle ihre Vornamen fingen mit einem “B” an, und ihr Nachname auch. Sie waren Kopfj‰ger, und sehr gute. Sie konnten schiessen, und sie waren schnell.

Ich hˆrte Pferdehufe hinter mir. Schon war wenigstens einer hinter mir her, der, der mich zuerst angestarrt hatte, n‰mlich Bradley. Er ritt gleich schnell wie ich. Er konnte mich nicht einholen, aber er fiel auch nicht zur¸ck. Es kam jetzt nur darauf an, wer den ausdauernsten Gaul hatte. Das w¸rde kaum meiner sein. Obwohl ich ein gutes Pferd hatte, musste es von dem leben, was es fand, und in dieser trockenen Umgebung war das sehr rauhe Kost. Bradley’s Pferd aber hatte sicher von Hafer gelebt, die ¸bliche Kost in den Saloons.

Trotzdem galoppierte ich weiter. Vieleicht w¸rden wir wenigstens aus der Reichweite der anderen Br¸der kommen. Ich b¸ckte mich hinter den Hals meines grauen Apfelschimmels um den Luftwiderstand zu verkleinern. Doch nichts half. Er kam langsam n‰her. Da zog ich die Z¸gel zur¸ck und sprang ab. Ich augte ihn genau. Falls er fr¸h schoss, war ich bereit. Doch er stieg ab und kam auf etwa dreissig Yard auf mich zu.

Dann schrie er: “Du bist Josh Custer, nicht wahr. Du weisst das du vom Gesetz gesucht wirst, weil du Mord begangen hast. Versuch also nicht noch einen weiteren Mord zu begehen, sonst wirst du f¸r den auch zur Rechenschaft gezogen.” Er versuchte in einem feierlichen Ton zu sprechen. “Nimm also deine H‰nde hoch und komm her. Ich werde dich entwaffnen und zum Sheriff f¸hren.”

Ich brauchte diese Rede wirklich nicht. Es war mir recht peinlich, ihm zuzuhˆren. Er sprach wie ein Vater zu einem Sohn den er gerade beim Schule schw‰nzen erwischt hatte. Dazu wunderte ich mich warum er so viel redete. War es um Zeit zu gewinnen, bis seine Br¸der ihn einholten. Ich sagte : “Ich kenn eure Sorte. Ihr Rechtschaffenen. Sorgt f¸r Gerechtigkeit um dabei eure Taschen zu f¸llen. Du musst mich schon holen kommen.”

“Du weisst, wer ich bin. Du hast keine Chance. Das sag ich dir. Ich bin Bradley Black, Steckbriefj‰ger. Du bist der Einundzwanzigste den ich zur Rechenschaft ziehe. Noch keiner ist davongekommen.”

Es ging viel zu lange. Ich musste etwas tun. Ihn provozieren, oder ihn gleich erschiessen, bevor es zu sp‰t war. Denn gegen ihn und seine Br¸der hatte ich keine Chance.

Ich zˆgerte, ich wollte nicht der Erste sein der zog. Ich wollte niemanden erschiessen. Ich hatte noch nie jemandem etwas angetan, geschweige denn jemand getˆtet. Doch ich wollte nicht zum Sheriffs Haus. Ich war unschuldig. Diesem Steckbriefj‰ger ging es nicht um Gerechtigkeit, nur um das Geld. Es kam ihm nicht darauf an, ob jemand unschuldig war.

“Ich bin unschuldig. Bitte glaub es mir, Bradley Black.”

“Das sagen sie alle, Mister. Wenn du unschuldig bist, brauchst du keine Angst zu haben, zum Sheriff zu kommen.”

Das hatte ich gedacht. Er wollte nur sein Geld. Ich nahm meinen ganzen Willen zusammen und zog so schnell ich konnte. Er war bereit. Er war viel schneller als ich. Doch sein rechter Revolver klemmte. Aber er war mit seinem linken noch schneller als ich. Seine Kugel streifte meine Schl‰fe. Die zweite die Stirn. Dann traff ihn meine Kugel–ins Herz. Er schoss noch zweimal. Die dritte Kugel streifte meine rechte Wange, die vierte meine linke. Er war tot. Ich lebte, aber mein Gesicht war eine blutige Masse.

Mit seiner Linken war sein Ziel nicht so gut wie mit der Rechten. Ich hatte Gl¸ck gehabt, aber ich wusste es nicht. Ich wartete auf meinen Tod. Denn ich konnte nicht sehen, wo er mich genau getroffen hatte. Nur jedesmal wenn ich mein Gesicht ber¸hrte, waren meine H‰nde voll Blut.

Dann kam er auch schon angetritten. Brett Black. Als er sah, dass sein Bruder verloren hatte, stieg er weit entfernt ab. Er glaubte keine Chance zu haben gegen einen, der es mit Brad aufgenommen hatte. Er starrte mich an. Er schien eine Ahnung zu haben, was geschehen war, als er meine Wunden sah. Trotzdem getraute er sich nicht n‰herzukommen.

Ich musste weg. Ich stieg aufs Pferd und raste weg. Meine Wunden schmerzten. Mein Kopf schmerzte. Meine Seele schmerzte. Blut tropfte in meine Augen, so dass ich bald kaum sehen konnte. Ich ritt in die Berge zur¸ck. Zum kleinen Bach. Zum kleinen Bach, wo ich Gold gefunden hatte. Dort verbarg ich mich. Ich verbarg mich in einer abgelegenen Hˆhle, samt meinem Pferd.

Ich legte mich hin und ruhte, ruhte lange und dachte nach. Ich f¸hlte als ob Gott mich verlassen h‰tte. Er hatte mich vorher besch¸tzt. Warum nicht dieses Mal. Er h‰tte sicher die Macht gehabt, diese Kugeln ein Bisschen abzulenken, der Allm‰chtige. Warum hatte er das nicht f¸r mich getan. Oder war er bˆse, dass ich zuerst gezogen hatte. Hatte ich ihm nicht genug vertraut, und die Dinge in meine eigenen H‰nde genommen?

Ja, ich h‰tte ihm mehr vertrauen sollen und ich sollte ihm jetzt mehr vertrauen. Er dachte anders als Menschen. Er wusste viel mehr und er konnte die Zukunft sehen. Wer weiss ob das nicht noch seine gute Seite haben w¸rde.

Und wahrhaftig, es hatte seine gute Seite. Denn als meine Wunden heilten, mit riesigen Narben, wurde mein Gesicht entstellt. Ich war nicht mehr zu erkennen. Ich brauchte keinen Steckbriefj‰ger mehr zu f¸rchten, ausser Brett Black nat¸rlich, der wohl ahnen konnte wie mein Gesicht heilen w¸rde. Aber auch er konnte nicht genau wissen wie ich jetzt aussah. Er hatte mich nur f¸r einen Moment gesehen, und das mit meinen Wunden, nicht meinen Narben.

Ich sah nicht mehr wie der alte Josh aus. Ich war h‰sslicher geworden. Aber auch z‰her, und meine Z‰hheit hatte ihre Schˆnheit.

Zuerst war es hart zu ertragen, h‰sslicher auszusehen. Ich war deprimiert. Aber ich wurde auch dem¸tiger. Ich war Stolz gewesen auf mein gutes Aussehen. Dieser Stolz war weg. Wie ein Balast, weg. Und das war gut. Ich sah, dass Schˆnheit verg‰nglich ist, und dass ein Mann auch wenn er hart versucht, eben sein Leben doch nicht ganz in der Hand hat. Es ist gut dem¸tig zu werden. Denn wer zu sehr auf sich selbst vertraut, wird am Ende von sich selbst ent‰uscht.

* * *

So langsam zog es mich auf unsere Ranch zur¸ck. Ich wollte meine Familie sehen, mich erkunden, wie es ihnen ging. Ich musste vorsichtig sein, so geheim gehen wie mˆglich. Niemand w¸rde mich jetzt erkennen, das war klar, aber man kann nie vorsichtig genug sein. Ein falsches Wort und man kˆnnte sich verraten. Wenn mich jetzt jemand erkannte, dann war ich nachher leicht zu finden, mit meinen Narben. Ich trug sogar meine Brille.

Ich wusste dass meine Mutter die Frau des verstorbenen B‰ckers besuchte und zwar jeden Sonntag Nachmittag. Am Anfang war es gewesen, um ihr Trost zu spenden, dann waren sie gute Freunde geworden. Es war klar, dass die B‰ckers Frau nicht glaubte, dass ich den B‰cker umgebracht hatte, sonst h‰tte sie meine Mutter nie akzeptiert. Jeden Sonntag also, nach dem Mittagessen, fuhr meine Mutter mit ihrer eigenen Kutsche in das Dorf. Ich lauerte an einer abgelegenen Stelle.

Ich sah sie von weitem kommen. Dann ritt ich ihr langsam entgegen. Sie hielt den Wagen an und sagte : “Sie haben sich wohl verirrt, Fremder?”

“Nein, hab ich nicht–ich bin’s, Josh Custer, Mutter!”

“Bist du das Josh. Oh, du siehst aber anders aus. Komm mal her.” Sie nahm mich in ihre Arme und k¸sste mich. Ich hatte das Gef¸hl als musterte sie mich dabei genau um sich zu vergewissern, dass ich es wirklich war. Nach einigem Zˆgern, schaute sie dann doch mein Hemd hinunter, um das Muttermal zu sehen. Als sie es fand, wurde ihre Stimme weicher: “Wer hat dich den so zugerichtet.” “Mutter ich hab nicht viel Zeit. Es ist viel zu gef‰hrlich. Ich will wissen wie es euch geht und was ihr plant. Dann hau ich ab. Du must mir versprechen, dass du weder mit jemand ¸ber meinen Besuch redest, noch jemandem verr‰tst wie ich jetzt aussehe.”

“Gut Sohn, werd ich. Aber Julia wird sich freuen. Sie liebt dich immer noch.”

“Ich meine du darfst es ihr auch nicht sagen, auch den Kindern nicht! Niemandem! Das w¸rde sie und mich in Gefahr bringen. Wenn sie nicht weiss dass ich hier war, kann es niemand aus ihr herausbringen. Und wenn sie mich nicht kennt, dann wird sie auch nicht wissen, wenn ich n‰chstes Mal hierherkomme um zu sp‰hen. Ihre Augen werden mich nicht verraten kˆnnen. Niemand glaubt das ich noch lebe, weil mich schon solange keiner mehr gesehen hat. Wenn jemand erf‰hrt das ich noch lebe, kˆnnte er meine Frau kidnappen, um mich zu zwingen, sie rauszuholen. Aber wenn nicht einmal meine Frau glaubt, dass ich noch im Land bin, dann wird jeder annehmen, dass ich tot bin. Und dann auch: Wenn meine Frau weiss dass ich hier bin, wird sie mich suchen kommen. Es ist besser, wenn sie mich in Kanada suchen geht. Du auch, du darfst dich nicht gl¸cklich zeigen, dass du mich gesehen hast. Du musst schweigen, wie das Grab. W¸rde ich dich nicht kennen, w‰re ich nie gekommen. Aber ich weiss ich kann mich auf dich verlassen.”

“Kannst du. Ich werde tun wie du sagst. Aber ich muss einwenden, dass du Julia genau so trauen kannst wie mir.”

“Ich weiss, aber sie steckt tiefer drin als du. Es wird ihre Entscheidungen beeinflussen, ohne dass sie es merkt. Es muss so bleiben, wie es ist, Ma.”

“Wir kˆnnten noch lange dar¸ber diskutieren, aber ich weiss du musst dich beeilen. Ich vertraue dir. Niemand wird auch nur das Geringste erfahren.”

“Danke Ma. Also wie gehts?”

“Wir konnten nicht weg, denn wir hatten kein Geld. Nach einem Jahr wurdest du als vemisst betrachtet, die Ranch ging an Julia. Jetzt fingen die Kings an, Julia zu bearbeiten. Und zwar waren es Chuck und Butch und ihr Vater Tom. Zuerst machten sie sehr schlechte Offerten. Doch dann, komischerweise, verliebte sich Chuck, der ƒltere in deine Frau. Sie sind etwa gleichen Alters. Butch, der j¸ngere, verliebte sich in die zehn Jahre j¸ngere Sara.

“Mehr Begierde als Liebe, heh?”

“Wohl eine Mischung, Josh, wie bei allen. Ich h‰tte gedacht dass Julia und Sara sich zumindest etwas geehrt gef¸hlt h‰tten, aber es war nicht so. Da kam gar nichts zur¸ck. Julia und Sara erwiderten Chucks und Butchs Liebe ¸berhaupt nicht. Am Anfang machte sie das nur noch wilder. Die Offerten waren jetzt nicht mehr so schlecht. Und dann hat Julia akzeptiert. So die Ranch ist vor einem Monat verkauft worden. Sie gehˆrt jetzt den Kings, doch Julia ist erlaubt zu bleiben, f¸r eine kleine Pacht. Ist eigentlich gar nicht so schlecht f¸r sie, im Moment, solange die Gef¸hle von Butch und Chuck noch da sind. Aber sie weiss dass niemand ewig liebt, wenn nichts zur¸ck kommt, und so machen wir Vorbereitungen im Geheimen um nach Kanada zu fliehen.”

Ich f¸hlte einen Stich in meinem Herzen ¸ber die Ranch. Sie war verloren. Doch das konnte man jetzt nicht ‰ndern.

“Ich bleibe hier Sohn. Die B‰ckers Frau hat ein schˆnes Zimmer f¸r mich, und Julia wird mir die H‰lfte vom Geld von der Ranch geben, so dass ich leben kann bis zu meinem Tod. Sie werden durch die Berge reisen, du weisst wie Julia ist. Man kann ihr nichts ausreden. Sie hat schon immer die Berge sehen wollen. Ich sagte, du kannst ja an den Bergen vorbeireiten, aber bleib doch auf der Pr‰rie und geh den leichten Weg. Aber nein, sie will durch die Berge. Auf jeden Fall bis Colorado. Sie werden in zwei Monaten reisen.”

“Danke, Mam–ich muss weg. Ich liebe dich, ich liebe dich. Good Bye.”

“Bye, Sohn, Bye”. Sie k¸sste mich und k¸sste mich und wollte mich nicht gehen lassen. Die Tr‰nen rollten nur so von ihren Wangen. Es brach mir das Herz. Ich riss mich los. Da fasste sie sich. Ich mich auch. Ich ritt weg.

Wie ich sp‰ter erfahren sollte, war dies das letzte Mal, dass ich sie sehen w¸rde. Sie starb eine Woche sp‰ter.

Julia’s und der Kinder Spur fand ich in Laredo wieder. Wie ich auch sp‰ter erfuhr, waren sie in der Nacht weggezogen, in M‰nner Kleidung, jeder auf seinem Pferd, und Jack und Julia je mit einem Packpferd. Die Kings waren ihnen nicht gefolgt. Die Liebesgef¸hle hatten sich abgek¸hlt.

Ich fragte mich warum wohl alles so gekommen war. Warum musste ich meine Ranch verlieren. Warum war ich verleumdet worden. Warum musste ich ein Narbengesicht haben? Doch das Leben ist ein Geheimnis. Ein Schˆpfer ist da am Werk, der weiss, was er in uns kreiert. Er besch¸tzte mich im Allgemeinen, doch er ersparte mir nicht jeden Kummer. Er verwˆhnte mich nicht, verweichlichte mich nicht. Wir h‰tten gerne Komfort, doch Charakter kommt nicht durch Komfort. Er arbeitete an mir, so wie ich an meinen Kindern gearbeitet hatte um etwas aus ihnen zu machen. Er dem¸tigte mich, denn er wollte keinen Besserwisser.

Er besch¸tzte mich, doch er war mir verborgen, so wie ich nun meine Familie besch¸tzte, doch ihr verborgen blieb. Von seiner Sicht sahen die Dinge anders aus, so wie die Dinge f¸r meine Familie aus meiner Sicht anders aussahen.

Kapitel 3

Ja so war alles gekommen, dachte ich, und war am “Whiskey Barrel” Saloon angelangt. Und wie w¸rde es weitergehen. War meine Familie in Sicherheit, oder war einer der draussen wartenden Halunken ihnen nachgeschlichen. Man konnte nie wissen.

Doch jetzt war ich von all den Geschehnissen dieses Tages todm¸de. Ich wollte mich hinlegen, nur schlafen. Es war um Mitternacht. Ich w¸rde fr¸h aufstehen m¸ssen, meine Familie zu suchen.

Ich ging leise in den Saloon hinein, ich wollte niemanden aufwecken. Doch welche ‹berraschung. Das Licht war noch an. Auf einer Leiter standen Pedro und der Wirt und hingen den Leuchter wieder an die Decke.

“Dieser Teil kommt da rauf, dann sieht man nicht wie ausgefranst das Stahlkabel ist. Muss ja echt aussehen, wenn er am Boden liegt, so wie wenn eine Kugel ihn zerrissen h‰tte. Aber hier oben muss er aussehen wie ein normaler Leuchter”, sagte der Wirt und setzte fort: “Der Koch wollte die Mechanik gar nicht auslˆsen, weil Juan gerade unter dem Leuchter lag. Das alles nur, weil Billy den Tisch, der normalerweise hier unten steht, mit seinem grossen Arsch verschoben hatte.”

“Nicht sooo groooss wie sein Maul!”, f¸gte Pedro hinzu. “Alsooo, wieviel zaaahlst du Peeedro heute? Du weisst Peeedro ist nicht auf Rooosen gebettet!”

“Na komm mir nicht so, du mexikanischer Geizkragen… so schlecht hast du es auch nicht. Hundert kann ich dir geben, Pedro. W‰re mir zwar lieber, dieser Billy Schuft w‰re tot.”

“Zweihuuundert muss Peeedro miiindestens haben, sonst kann Peeedro es sich das n‰chste Maaal nicht leisten zu deiner Hilfe zu kooommen! Kaaann ja jedem mal passiiieren, dass er nicht triiifft! Wenigstens hat Peeedro das zweite und driiitte Maaal getroffen. Konnte ja diesen Huuund nicht abknallen nachdem er nicht mehr schiiiessen konnte. Beim zweiten und beim dritten Schuss konnte Peeedro ihn auch nicht erschiessen. Musste erstmals seine Waaaffen aus dem Spiel seeetzen.”

Jetzt wurde mir alles klar. Was so ausgesehen hatte, wie wenn Pedro ein ausgezeichneter Sch¸tze gewesen w‰re, war zum Teil Bluff gewesen und zum Teil Zufall. Wie anders die Dinge manchmal aussehen, als sie wirklich sind. Pedro war nicht schlecht, aber er war nicht so gut, wie es ausgesehen hatte. Das ganze war nur ein Trick gewesen. So entstanden Legenden.

Der Leuchter hatte einen Mechanismus, der von hinter der Bar ausgelˆst werden konnte und den Leuchter Mitte Kabels losliess. Falls das genau mit einem Schuss ¸bereinstimmte, sah es aus als ob der Leuchter von der Decke geschossen worden war.

Nur eines konnte ich nicht verstehen: “Hast du ihn wirklich tˆten wollen, Pedro?”. Die beiden fielen fast von der Leiter als sie mich sprechen hˆrten. Sie hatten mich nicht gehˆrt.

“Und wer bist du, Mister? Was schleichst du dich den hier herum? H‰tte fast einen Herzschlag bekommen! Einen so zu erschrecken!”

“Ich bin Griz Caldwell (das war der ledige Name meiner Mutter gewesen). Entschuldigung. Wollte niemand aufwecken. Es sah so aus, als w‰re der Streifschuss absichtlich gewesen. Ich traute meinen Augen nicht, was f¸r einen guten Sch¸tzen ich da sah.”

“Gut ist Peeedro schon. Sicher, Peeedro ist seeehr guuut. Aber wir leeeben hier ja nicht im M‰‰‰rchenland. Nein, Peeedro wollte den Hund erleeedigen.”

“Aber w‰re das nicht Mord?”, fragte ich.

“Neeennen sie es, was sie wollen, Mister Caldwell! War nicht gerade ein Eeengel, was ich da erschooossen h‰‰‰tte.”

“Gibt es hier den keinen Sheriff, kein Gesetz?”

“Uuuh, sind sie aber neugiiierig, Mister. Weiss gar nicht ob Peeedro ihnen trauen soll?”

“Wundert mich ja nur, falls ich mal in diese Situation komme.”

“Naaa, Mister. Der Sheriff ist nicht hier, der Deputy ist besoffen, und Peeedro hat gen¸gend Freunde hier die ausgesagt h‰‰‰tten, dass Biiilly zuerst gezogen h‰tte. Waaas wooollen sie, Mister, Geseeetz oder Gereeechtigkeit.”

“Schon gut, schon gut. Ich bin sowieso todm¸de. Geh jetzt ins Bett. W¸nsche euch eine gute Nacht.”

Sie verabschiedeten sich auch und ich ging auf mein Zimmer und legte mich ins Bett ohne mich auszuziehen. Ich schlief gleich ein.

Ich wachte einmal auf. Dachte wiehern zu hˆren. Schlief aber gleich wieder ein. Doch dann gegen morgen, wurde ich wieder geweckt, diesmal von einem tosenden Brausen. Es kam von der Zimmert¸re her. Ich begab mich schl‰frig zur T¸re. Ich wollte sehen was denn so einen Krach machte. Ich ˆffnete sie. Flammen schlugen gegen mich. Ich schlug sie wieder zu. Jetzt war ich hellwach. Der Saloon brannte!!!

Da gab es kein Entweichen durch die T¸r mehr. Wahrscheinlich loderte schon der ganze Saloon. Jetzt war die Zimmert¸r schon fast durchgebrannt. Plˆtzlich wurde es unertr‰glich heiss. Ich musste raus. Ich packte meinen Sattel, der all meinen Besitz enthielt und sprang aus dem Fenster, das aufs Dach hinausf¸hrte. Dort liess ich den Sattel fallen. Vom Dach kletterte ich auf das Dach des Ganges zum Aussenabort und von dort auf den Boden. Ich holte meinen Sattel.

Die Hinterwand stand noch und sch¸tzte vor der Hitze des Brandes. Mich im Schatten der Wand vorw‰rtstastend, f¸hlte ich plˆtzlich warme Haut. “Laaassen sie ihre Stiiinkh‰nde von meinem Gesicht. Hab shon genug Kuuummer, wie es ist.”

Es war Pedro. Er war also auch entkommen. “Pedro, wo sind die andern? Der Wirt? Wo ist der Wirt und der Koch?”

“Pedro haaat noch niemanden gefuuunden. Ist schon zweimal um den Saloooon gerannt. Hat noch niemand gefunden. Vorne ist der Saloooon total abgebrannt. Da hat keine Ratte ¸berleeebt.”

Wir gingen zur Vorderseite. Die war nur noch eine gl¸hende Masse. Hie und da, wie geisterhaft, loderten die Flammen erneut aus der Glut.

Es war kein schˆnes Bild. Alles war abgebrannt. Obwohl mein Zimmer auf der Hinterseite war konnte ich jetzt von vorne hineinsehen. Nur die H‰lfte des Zimmers stand noch. Wie ich herausfand, war Pedros Zimmer gerade neben meinem gewesen. Wir waren die einzigen ‹berlebenden.

Der Wirt war tot, der Koch auch. Schade um sie. Sie waren gute Leute gewesen. Gl¸cklicherweise war es ein schneller Tod gewesen. Man fand kaum ‹berreste. Mehrere G‰ste waren auch gestorben, doch man fand kaum Leichen. Alles war total verbrannt. Wie schnell doch das Leben enden kann. Wir Menschen sind so zerbrechlich.

Die Stimmung war bedr¸ckt. Pedro schien besonders traurig, hatte er nicht nur seine Freunde verloren, sondern auch ein Quelle von Verdienst.

Wie froh war ich, dass ich meine Familie aus dem Haus gehohlt hatte. Sie h‰tten es nicht ¸berlebt. So ein Holzschuppen, wie der “Whiskey Barrel” Saloon gewesen war, brannte zu schnell.

Ich vermutete, das es Brandstiftung war. Der Wirt war zu vorsichtig, als dass es aus Nachl‰ssigkeit geschehen w‰re. War es Billy Kane gewesen?

Ich schaute nach, wie es meinem Pferd “Flake” ging. Ich nannte ihn so, da er wie graue Flocken auf dem Fell hatte. Er war ja ein Apfelschimmel, hatte aber kein weiss, nur grau.

Er war unbeschert. Ich sah aber auch, dass die Pferde meiner Familie nicht mehr da waren. Ich schaute nochmal, und nochmal. Ging dem ganzen Corrals entlang. Sie waren weg.

Jetzt erinnerte ich mich an das Wiehern, das ich in der Nacht gehˆrt hatte. Sie oder jemand anders hatten die Pferde geholt. Ich musste herausfinden, wo sie waren. Es war schon fast hell. Sobald es hell war, w¸rde ich reiten.

Ich ging zur Vorderseite des Saloons zur¸ck, wo Pedro immer noch stand und starrte. “Pedro, falls es die Zeit erlaubt, w¸rde ich gern ein paar Stunden von ihnen nehmen, Senor. Ich bin nicht schnell genug.”

“Kaaanst du schooon, Mister. Peeedro ist froh f¸r jeden Pfeeeenig.”

“Wo wohnen sie denn?”

“Am Eeende der Stadt. Im letzten Haus. Gegen Norden. Frag die Leute. Peeedro Escobaar ist bekaaannt”, sagte er traurig.

“Gut. Adios Amigo.” Ich ritt davon.

Ich fragte jede Person die ich finden konnte ¸ber Julia, Jack, Sara und Lisa, aber niemand hatte sie gesehen. Ich fragte unter dem Vorwand, dass ich ihnen etwas zur¸ckgeben musste, was auch wahr war, denn ich hatte Lisas Halstuch immer noch. Ich roch hie und da daran. Es enthielt ein leichtes Perfum, das mich an sie erinnerte. Ich liebte sie, meine kleine Lisa. Oh wie gerne h‰tte ich sie in meinen Armen gehalten, mein Kleinstes. Oh wie gerne.

Dann am Ende der Stadt, im anderen Saloon, da war ein alter Mann, der sie gesehen hatte. Sie waren nordw‰rts geritten.

“Waren sie allein?”, fragte ich.

“Nein die waren alle zusammen.” bekam ich als dumme Antwort.

“Ich meine, war da noch jemand?”

“Hab nicht so genau geschaut, aber so viel ich mich erinnern kann–nein, ich glaube nicht.”

“Vielen Dank, Mister”.

Das war gute Nachricht. Sie hatten es also geschafft. So schien es auf jeden Fall. Ich musste ihnen nicht gleich nach. Ich w¸rde sie leicht einholen.

So ging ich zu Pedro und nahm Stunden. Ich lernte viel. Ich wusste nicht, wie wenig ich wusste. Pedro war ein guter Lehrer, sehr geduldig. Er lehrte mich eines nach dem andern. Gab mir nie zuviel auf einmal. Sagte kein entmutigendes Wort. Sah nur immer meine guten Seiten. Wenn ich m¸de war, hˆrte er auf zu lehren. In ein paar Tagen machte ich Riesenfortschritte. Ich wohnte in Pedros Haus. Das war billiger als der Saloon.

Ich verliess die Stadt, als ich hˆrte, dass die Gebr¸der Black in die Stadt geritten waren. Sie hatten sich nach einem Narbenkopf erkundigt. So hatte mir Pedro erz‰hlt. Er w¸rde mich nicht verraten, aber es gab mir trotzdem einen Schock. Zuviele hatten mich gesehen. Es w¸rde leicht sein, mich zu finden. So, die Blacks, die BBs, waren also schon so weit gekommen. Wie weit w¸rden sie mir folgen? Etwa bis zur kanadischen Grenze?

Ich verabshiedete mich von Pedro. Er war ein guter Mann. Ich hoffte ich w¸rde ihn wiedersehen. Dann machte ich mich aus dem Staub im Geheimen. Ich ritt hinter meinen Geliebten her.

Ich musste mich in Taos erkundigen in welche Richtung sie gegangen waren, und fand heraus dass sie gegen Osten gezogen waren und dass ein Mann bei ihnen war. Das machte mir Sorgen. Erstens der Mann, und zweitens die Route die sie gew‰hlt hatten. Ich wusste, dass Julia durch die Berge wollte. Warum gingen sie jetzt gegen die Pr‰rie. Nat¸rlich waren da immer noch Berge, wenigstens bis zum Raton Pass. Doch fand ich das Ganze beunruhigend.

Soweit hatte ich nichts mehr von den Black Brothers gehˆrt, aber sicher konnten sie nicht weit sein. Da ich mich in Taos erkundigen musste, sahen mich viele Leute. Doch eines wussten sie nicht. In welcher Richtung ich Taso verlassen hatte, denn ich verliess die Stadt in der Nacht.

Auch von Billy Kane hatte ich nichts mehr gehˆrt oder gesehen. Doch unsere Pfade sollten sich noch einmal kreuzen.

Ich holte meine Familie kurz vor dem Raton Pass ein.

Kapitel 4

Ich, Julia Custer, hatte eine Entscheidung zu f‰llen. Sollte ich k‰mpfen oder fliehen. W¸rde mich der Wirt besch¸tzen, wie er mich heute Nachmittag besch¸tzt hatte? W¸rde er f‰hig sein mich zu besch¸tzen? Ja, da war noch dieses Narbengesicht an der Bar, der schien auch einige K‰mpfe hinter sich zu haben, und man konnte seinem Gesicht ablesen, dass ihm nicht gefiehl, was vor sich ging. Auch lachte er nicht mit den andern. Aber viel hatte er auch nicht getan.

Oder sollte ich mit dieser blinden Frau fliehen. Ich musste schnell entscheiden. Ich wollte diesem Billy Kane nicht in die H‰nde fallen.

“Kommen sie schon, hier sind sie nicht sicher.” sagte die blinde Indianerfrau.

“Warum sind sie ¸berhaupt gekommen. Wie wussten sie, dass wir hier sind. Hat sie etwa Billy Kane selber geschickt um uns in seine H‰nde zu locken?”

“Nein, nein, Missis. Ein sehr netter Mann hat mich geschickt. Er hat gesehen wie Billy Kane mit mehreren Burschen zur¸ckgekehrt ist und wie er das Haus umzingelt hat. Da wurde er sehr besorgt und hat mich gefragt ob ich einen Ausweg wusste. Dann hat er mir zehn Silverdollar bezahlt um euch rauszuholen, denn er ging in den Saloon um dem Wirt zu helfen.”

“Wie sah er aus, dieser nette Mann?”

“Das weiss ich nicht, Missis, ich bin doch blind.”

“Oh, Entschuldigung. Also gehen wir. Jack, Sara, Lisa, seid ihr bereit? Vergisst nichts!”

“Ich kann mein Halstuch nicht finden!”

“Ist nicht so wichtig, Lisa. Komm schon!”

“Aber Dad gab es mir. Es ist ein Andenken an ihn.”

“Komm Lisa–beeil dich!”

Wir gingen langsam durch den Gang und kamen zum Abort. Es hing ein Geruch in der Luft, wie in einem alten Stall. Die Frau f¸hrte uns durch die T¸r hinaus in die frische Luft. Wir schlichen uns hinaus in die Wiese und bogen dann ab zur¸ck zur Stadt. Zwei H‰user weiter unten kamen wir wieder auf die Hauptstrasse, die auch am Saloon vorbeif¸hrte.

“Auf Wiedersehn–alles Gute. Weiter kann ich nicht.” sagte die Indianerfrau.

“Vielen Dank–ihnen auch alles Gute–auf Wiedersehn.”

Hoffentlich hatte uns niemand gesehen. Jetzt waren wir ganz auf uns selber angewiesen. Sollten wir die Pferde holen? Nein, besser morgen. Wir konnten irgendwo draussen ¸bernachten und sie am fr¸hen Morgen holen. Bezahlt hatten wir unsere Zimmer schon und auch das heisse Bad das wir alle genossen hatten.

Dann erschallten plˆtzlich Pferdehufe hinter mir.

“Wohin denn, Missis, so allein? Stuart McGee, mein Name.”

Ich erschrak ganz schˆn. Jemand war uns also gefolgt. Wo kam dieser Mann ¸berhaupt her. Hatte er auf uns gewartet. Er schien kein Halunke zu sein. War er ein guter Mann? War er vielleicht derjenige, der die Indianerfrau bezahlt hatte? Wie dem auch sei, ich w‰re lieber allein geblieben.

“Julia Carter.” Ich verriet meinen wirklichen Namen niemand. “Freut mich”, log ich. “Wer sind Sie?”.

“Durchreisender, Missis! Nach Denver, Colorado. Ich hab gehˆrt, was im Saloon geschah. Hat mir gar nicht gefallen. Aber wissen sie, eine ehrenhafte Frau, wie sie, hat in diesen Gegenden auch nichts zu suchen. Wenigsten nicht ohne Schutz. Mˆchten sie nicht, dass ich sie begleite? Gehen sie ¸berhaupt in meine Richtung?”

“Und warum soll ich IHNEN trauen, Mister McGee. Kˆnnten Sie nicht einer der Billy Kane Leute sein.”

“Bin ich aber nicht. Ich will Sie ja auch zu nichts zwingen. War nur ein Vorschlag.”

“Gut. Danke, Mister. Wir brauchen ihre Hilfe nicht. Wir mˆchten allein gelassen werden, wenn es ihnen nichts ausmacht.” Obwohl das nicht ganz wahr war, dass wir seine Hilfe nicht h‰tten gebrauchen kˆnnen, wollte ich ihn testen. Wenn er jetzt aufdringlich w¸rde, wusste ich, dass er kein Gentleman war.

“Auch gut, Missis. Falls sich unsere Wege wieder kreuzen sollten, und Sie ihre Meinung ge‰ndert haben, sagen Sie’s. ‹brigens nennen sie mich Stuart! Also, gute Reise.” Damit ritt er davon, schaute sich aber ein oder zweimal nach uns um.

“Er scheint ein netter Mann zu sein”, sagte Lisa und auch Jack f¸gte hinzu: “Mom, er kˆnnte uns den Weg zeigen.” Aber Sara wandte ein: “Nur weil er nett aussieht, kann man ihm noch lange nicht trauen. Vielleicht will er sogar bezahlt werden.”

Als er fast in der Dunkelheit verschwunden war, rief ich : “Stuart! –Stuart!”

“Ja, Madam. Ist was nicht in Ordnung. Kann ich etwas f¸r Sie tun.”

“Wollte nur wissen ob Sie es waren, der die Indianerfrau geschickt hatte.”

“Welche Indianerfrau? Oh jetzt versteh ich, jaah. Die also hat euch rausgeholt. Nein, ich hatte nichts damit zu tun. Ich hatte euch erst gesehen, als ihr schon auf der Strasse wart. Nein–aber ich sah sie mit jenem Narbengesicht reden. Vielleicht habt ihr den auch gesehen im Saloon.”

“Also der wars. Dachte, er w‰re ein anst‰ndiger Mensch. Wo waren Sie denn–Entschuldigung–wo warst du denn im Saloon.”

“Oh ich bin erst vor einer Stunde in die Stadt gekommen. Mir wurde alles nur erz‰hlt”.

“Willst du uns immer noch begleiten, Stuart? Wir kˆnnen dich zwar daf¸r nicht bezahlen, abes es w‰re gut wenn uns jemand den Weg zeigte.”

“Oh ich w¸rde auch nichts nehmen, Madam. Wie kˆnnen Sie nur so etwas denken. Aber ich begleite sie gern. Gibt mir auch ein Bisschen Gesellschaft.”

“Sind Sie denn Alleinstehend?” Ich hoffte, er w¸rde sagen, dass er Frau und Kinder hat, das h‰tte die Situation einfacher gemacht.

“Ich bin Witwer, Madam. Meine vier Kinder sind aufgewachsen. Ich bin zosusagen ganz mutterseelenallein. Aber zum Praktischen : Habt ihr Pferde.”

“Sie sind noch im Saloon. Werde sie morgen holen.”

“Ja, die Dinge werden sich hoffentlich beruhigt haben bis dann. Ich lade Sie ein, im Saloon am andern Ende der Stadt zu ¸bernachten–auf meine Rechnung.”

“Danke, ich will keinen Saloon mehr sehen, so lange ich lebe. Kˆnnen wir nicht draussen schlafen.”

“Kˆnnen wir schon. Ich kenn da eine Stelle. Bin schon vorher hier durch geritten.”

Es war ein ebener, sandiger Platz zwischen Felsen. Auf dem Weg dorthin hatten wir uns alle kennengelernt. Auch die Kinder schienen Stuart zu mˆgen. Er wollte von allen Stuart genannt werden. Mir ging alles ein Bisschen zu schnell. Es war schon, als ob er zur Familie gehˆrte. Es schien fremdartig in einem Tag von Billy Kane und dann diesem Gentleman umworben zu werden. Aber ich war froh, einen Mann nahe zu haben. Ich f¸hlte mich wohler und besch¸tzt.

“Nehmen wir die Frauen in die Mitte, Jack. Ich bin m¸de. Hoffentlich habt ihr nichts dagegen, wenn ich gleich einschlafe.”

Wir legten uns gleich nieder und starrten f¸r eine Weile in den Sternenhimmel. Stuart lag am Aussenende, ich nebem ihm, dann Lisa, dann Sara und am andern Ende, Jack. Stuart schnarchte schon.

Ich wachte einmal auf und fand dass ich meinen Kopf auf Stuarts Brust gelegt hatte. Ich zog mich schnell zur¸ck. Es zeigte, wie sehr ich einen Mann vermisst hatte. Es war zu trˆstend, an einer starken M‰nnerbrust zu verweilen, bei einem Mann, der nicht nur eins von Frauen wollte.

Ich erwachte bei Tagesanbruch. Stuart war schon auf. Er hatte unsere Pferde geholt. Er war ein guter Mann. Wir ritten los–gegen Norden.

In Taos w‰re ich lieber gegen die Berge geritten, doch das w¸rde einen Umweg f¸r Stuart bedeuten. Ich wollte nicht ohne ihn gehen, denn wir hatten uns alle an ihn gewˆhnt, sogar sein Schnarchen. So ritten wir gegen den Raton Pass.

* * *

Es war kurz vor dem Raton Pass dass wir eine schˆne Campstelle fanden, und obwohl es erst Mittag war, machten wir Rast.

Jack versuchte Gold zu finden, ein Traum seit seiner Kindheit. Ein kleiner Fluss schl‰ngelte sich bei unserem Camp vorbei. Er arbeitete hart um wenigstens Staub zu finden. Stuart zeigte ihm, wie man die Pfanne gebraucht.

“Nur Geduld, Junge. Immer ein bisschen Wasser, dann wieder schwenken um den Dreck wegzuwaschen. Gold ist schwerer, es sinkt an den Boden. Nur nicht das Gold auswaschen, sondern den Sand und die Steine obendrauf. Die grˆssten Steine kannst du von Hand oben ablesen, dabei aber immer gut achten, dass du kein Nugget fortwirfst. Ist schon passiert. Der ganze Dreck muss schˆn nass bleiben. Nicht zu stark schwenken! So ist’s gut.”

“Stuart, Stuart, ich seh was blinken. Schau, ist das Gold. Hier, diese kleinen Kˆrner in diesem schwarzen Dreck.” Er zeigte auf den kleinen ‹berrest, der sich nach all dem Auswaschen in der Pfanne befand.

“Ja, Junge das ist’s. Echtes Gold. Hier ich hab eine kleine Flasche f¸r dich, da kannst du es reinstecken. Den schwarzen Dreck auch, denn der enth‰lt viel Goldstaub, das man mit der Hilfe von Quecksilber ausscheiden kann.”

Jack war ¸bergl¸cklich. Er arbeitete den ganzen Nachmittag. Stuart und Sara und Lisa spielten Karten. Stuart lehrte sie, wie man Poker spielt. Dabei hatte er seine M¸he, denn die M‰dchen waren weniger am Pokerspiel interessiert als an der Aufmerksamkeit, die Stuart ihnen schenkte. Wie er es so lange mit ihnen aushielt, weiss ich nicht. Er schien sich grossartig zu amusieren. Auch die M‰dchen hatte ich seit langen nicht in so guter Laune gesehen. Letzten Endes waren es dann aber doch die M‰dchen, die genug davon bekamen.

Hie und da gingen Reiter vorbei. Der Campplatz war etwa eine viertel Meile vom Pfad abgelegen. Dann sah ich vier Reiter kommen. Sie gingen nicht vorbei, sondern kamen auf unsern Platz zu.

Ah das konnte nicht sein–nein–das war doch nicht. Doch ja, zu meinem Schreck stellte ich fest, es war Billy Kane mit drei anderen.

“Es ist Billy Kane”, fl¸sterte ich Stuart zu. Ich hoffte, er w¸rde alle vier augenblicklich niederschiessen. Das konnte man doch von einem Mann wie Stuart erwarten, nicht? Er wollte uns ja besch¸tzen. Doch dann dachte ich, nein, das ist doch ein Bisschen viel verlangt von einem einzigen Mann, sogar wenn ihm Jack geholfen h‰tte. Doch der war noch am Fluss. Sowieso, Stuart konnte doch nicht einfach auf diese M‰nner losschiessen, sie hatten ja niemand umgebracht, nur eine Dame bel‰stigt.

Als Billy mich sah, schien er ebenfalls zu erschrecken. Das war sonderbar, er war doch kein Mann der leicht erschrak, und besonders nicht vor mir.

“Aah, schˆnes T‰gchen. Treffen wir uns wieder. Die wunderh¸bschen D‰mchen und so ganz alleine.”

So ganz alleine sind wir nicht, dachte ich, hat denn dieser Idiot keine Augen im Kopf. Ich sagte nichts. Oh h‰tte ich ihn doch selbst erschiessen kˆnnen.

“Habt wohl nichts dagegen, wenn wir uns hier mit euch niederlassen. Diese schˆne Campstelle hat ja genug Platz f¸r uns alle, nicht?”–“Hab noch nicht die Ehre gehabt, Mister?” f¸gte er dann mit ‰rgerlicher Stimme hinzu.

“Stuart, Stuart O’Connor.” antwortete Stuart mit seinem nat¸rlich guten Gem¸t. Man musste diesen Halunken so wenig Information geben wie mˆglich. Vielleicht war das der Grund gewesen, warum Stuart nur beim Vornamen genannt werden wollte. Villeicht war Stuart McGee auch nicht sein wirklicher Name.

“Um euch so wenig als mˆglich zu stˆren, gehen wir dort auf die andere Seite dieser B‰umlein. Also bis sp‰ter.”

Ich hoffte nicht. Von mir aus h‰tte er sich die andere Seite der Welt verziehen kˆnnen. Sie campierten etwa hundert Yard weg von uns, suchten Holz, z¸ndeten ein Feuer an und fingen an zu kochen. Mir war es unbehaglich. Wir kochten unseren Reis und unsere Bohnen und assen, doch ohne Appetit. Die Stimmung war betr¸bt. Aber es gab keine Stˆrung von Seiten Billy’s. Alles war still. Ich dachte, dass es wegen Stuart war. Alles was ich sah, war ein ziemlich grosses Feuer dort dr¸ben. Sie schienen viel Holz gesammelt zu haben. Sassen ums Feuer und lachten. Sie waren nicht mal besonders laut.

Ich war etwas beruhigt. Vielleicht hatte Billy etwas gelernt vom letzten Mal. Ich wusste zwar nicht was sich im Saloon sp‰ter abgespielt hatte. “Stuart…”, fragte ich, “…was passierte damals im Saloon als wir fl¸chteten. Du weisst, als du uns das erste Mal trafst.”

“Ich weiss nicht, ich kam gerade angeritten, schaute mich ein Bisschen um beim Saloon–da sah ich euch. Ich wollte zum andern Saloon. Ist viel billiger. Ich erfuhr was geschehen war, schon als ich in die Stadt kam. Ich wurde gewarnt, dass es im “Whiskey Barrel” wahrscheinlich Kummer geben w¸rde.”

“Ich geh zu Bett.” Ich rollte mich in meine Decke und versuchte zu schlafen. Aber ich fand keinen Schlaf.

“Mama, sollten wir nicht von hier weg?” fragte Sara besorgt.

“Liebes, wohin sollen wir? Falls Billy etwas von uns will, kann er uns sowieso nachschleichen. Er hat uns ja jetzt schon aufgesp¸rt. Aber beruhige dich, Stuart ist ja hier.”

“Z‰hlst du mich ¸berhaupt nicht?” sagte Jack mit betr¸bter Stimme.

“Jack, was hast du vor. Du weisst wie schnell diese Burschen sind. Ohne ‹bung im Schiessen hast du da keine Chance. Oh ich w¸nschte, dass ich dich h‰tte Stunden nehmen lassen. Aber zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass es niemand im Dorf gab, der dich h‰tte lehren kˆnnen. Nicht einmal die Kings konnten schiessen, ausgenommen aus dem Hinterhalt.” sagte ich bitter.

“Ich nehm meinen Colt zu Bett”, sagte Jack. “Gib mir auch einen!” f¸gte Lisa hinzu.

“Hˆrt auf! Ihr schiesst euch sonst noch in den Fuss. Jack du gibst Lisa keinen Revolver! Und falls du mit einem schlafen willst, sichere ihn! Du weisst wie schnell etwas passiert mit Feuerwaffen. Hast du gehˆrt Jack?”

“Ja, Mam, ich hab ihn schon gesichert.” erwiderte Jack.

“Dann hau ich ihn von Hand um”, kam es da prompt von Lisa. “Ich bin stark. Wollt ihr meine Muskeln sehen?” Dabei rollte sie den ƒrmel zur¸ck und zeigte ihren Bizeps, schmunzelnd. Es war l‰cherlich. Ihr kleiner, d¸nner Muskel h‰tte wohl einer Maus Ehre gemacht, aber gegen Billy Kane war das wie ein Tropfen auf einen heissen Stein. Alle lachten.

“Oh Jack, ich w¸nschte dass Josh dich h‰tte lehren kˆnnen. Er war ein guter Sch¸tze, aber nicht besonders schnell. Er war auch nicht der Killer Typ. Er war zu lieb und sanft.” Bei diesen Worten ging ein warmes Gef¸hl durch meine Brust. Ich hatte Josh geliebt. Oh ich hatte Josh geliebt und wie ich ihn vermisste. Er war so sanft, so g¸tig, so geduldig. Er war sanft wie ein Lamm.

“Kannst du schiessen, Stuart?” Er trug zwar zwei Colts, aber ich hatte ihn noch nie schiessen gesehen.

“Na sicher, Madam. Ist auch ganz einfach. Man nimmt den Colt, entsichert ihn, dr¸ckt den Abzug und weg die Kugel geht. Es gibt nichts Einfachers in der Welt.”

“Ich meine kannst du treffen, ziehen?” l‰chelte ich.

“Bin kein Held–zugegeben. So unterer Durchschnitt. Aber jetzt hau ich mich in die Decken, bin m¸de. Gute Nacht.”

Erst als alle anderen sich auch niederlegten, fand ich innere Ruhe, und schlief dann auch bald ein.

Dann mitten in der Nacht–ein Schrei. M‰nner k‰mpften. Aber es war schon zu sp‰t. Zwei der Halunken hatten Stuart im Schlaf gefesselt, und zwei hatten Jack gefesselt. Jetzt waren sie gerade dabei ihren Mund mit je einem Halstuch zu stopfen. Dann liessen sie die hilflosen M‰nner auf den Boden fallen.

“Ich sage, wir sollten sie erschiessen”, sagte einer.

“Kˆnnen wir sp‰ter noch. Billy will nicht die ganze Nachbarschaft alarmieren.”, sagte Billy.

Na, Stuart war ja eine schˆne Hilfe gewesen, dachte ich. Sein lautes Schnarcheln hatte wohl verhindert, dass wir die Burschen hatten hˆren kommen. Was jetzt. Ich zitterte vor Angst. Billy hatte seinen Colt auf mich gerichtet.

“Na kommt schon, ihr feinen D‰mchen. Wollt uns doch nicht unter unseren Deckelein allein lassen. Ist doch schˆn einander ein Bisschen zu w‰rmen. Ihr habt ja nichts zu f¸rchten. Ist eine Freude, solch n‰heren Kontakt zu pflegen. Ihr braucht auch nichts mitzunehmen. Ihr habt ja alles was ihr braucht.” Dabei kicherten sie alle. Dann wurde er ungeduldig und schlug mich mit dem Colt ¸ber das Schulterblatt. “Ein Bisschen schneller, heh. Beweg dich schon!”

Wir eilten gegen ihr Camp. Sie gleich hinter uns. Sara stolperte und fiel.

“Na auf junges M‰dchen, beweg deine schlanken Beinchen. Na los schon.” dabei gab er ihr einen harten Klaps auf den Hintern, so dass sie aufschrie. Dann legte er einen Arm um ihre H¸fte. Sie versuchte sich loszureissen. “Na so ein feuriges F¸llen. Das ist mir ja gerade recht. Komm schon, wir sind ja gleich da.”

Wir standen in ihrem Camp und schlotterten vor Furcht. Sie z¸ndeten ein neues Campfeuer an, das bald hell loderte. Sie wollten uns also auch mit den Augen geniessen.

Ich stellte meinen Kopf ab. Ich durfte mir nicht vorstellen, was kommen w¸rde. Ich w¸rde wahnsinnig werden. Es durfte nicht sein. Ich konnte es ¸berleben, aber Sara und Lisa. Sie w¸rden f¸r ihr Leben verwundet sein. Sie w¸rden nie mehr f‰hig sein einen Mann normal zu lieben. In meiner Verzweiflung sagte ich leise vor mich hin: “Josh, helf uns. Josh, helf uns.” Dann sah ich ein, wie tˆricht das war. Nein ich sollte besser beten. Und ich betete wie noch nie. Ich war froh, dass ich auch in guten Zeiten betete. Sonst w‰r es mir jetzt vorgekommen als ob ich Gott nur wollte, wenn ich dringend Hilfe brauchte.

War da nichts das wir selber tun konnten. Ich w¸nschte fast, dass Lisa mit dem Colt geschlafen h‰tte. Doch was h‰tte das schon gen¸tzt. Wer allein konnte sich dieser Burschen erwehren. Es gab keine Hoffnung. Ich musste mich auf das Schlimmste gefasst machen.

“Na zieht euch mal aus–seid nur nicht scheu. Oder soll ich euch Beine machen.” Dabei drohte Billy mit seinem scharfen Bowiemesser.

Lisa zog ihre Jacke aus fing an zu weinen. “Mam, was sollen wir tun?” fragte sie leise.

Da–ein Schuss–Billy fiel nieder–getroffen. Noch drei Sch¸sse. Einer nach dem andern fielen sie nieder und stˆhnten. Dann noch vier Sch¸sse. Die Gnadensch¸sse. In den Kopf. Das Blut spritzte nur so. Alle waren sie tot.

So schnell hatte ich nicht Hilfe erwartet. Was war denn los. Die Sch¸sse waren aus dem Dunkeln gekommen, aus den B‰umen, schien es. Aber jetzt war es totenstill. Wir standen nur da und starrten einander an. Ungl‰ubig. War das nur ein Traum gewesen. Doch nein. War Stuart seinen Fesseln entkommen?

Ich dankte Gott und fasste mich. “Kommt!” Wir eilten zur¸ck zu unserm Camp, stolperten ¸ber jeden Busch, so voller Angst waren wir noch. Als ob wir vor einem Gespenst wegrannten. Da lagen beide noch. Wir lˆsten die Fesseln.

“Was ist geschehen” fragte Stuart. “Habt ihr sie…” fragte Jack und machte ein Zeichen mit seinem Finger ¸ber die Kehle.

“Wir nicht–jemand hat sie aus dem Dunkeln erschossen. Weiss nicht wer. Hast du eine Ahnung, Stuart?”

“Keinen blassen Dunst, Julia. Du scheinst ja noch andere Besch¸tzer zu haben. Und gut ist das. Ich hab ja schˆn versagt. Tud mir leid, Julia.”

“Schon gut, Stuart.” Wer kˆnnte dieser gute Geist gewesen sein. War es ein guter Geist, oder nur jemand anders der hinter mir her war? Aber dann h‰tte er ja Stuart auch erschiessen kˆnnen. Sicher hatte er ¸ber Stuart gewusst. Er musste ja schon fr¸her n‰her geschlichen sein.

Kˆnnte es Josh gewesen sein? Aber der war wahrscheinlich schon in Kanada. Zudem kˆnnte es nicht Josch sein, sonst w¸rde er sich doch zu erkennen geben. War es der Narbenkopf, der auch die Indianerfrau geschickt hatte? Oh wie gerne h‰tte ich gewusst.

Trotz diesen Zweifeln f¸hlte ich mich, wie wenn da jemand w‰re, der f¸r mich Ausschau hielt, der f¸r mich sorgte. Mein ganzes Wesen f¸hlte sich erleichtert. Ich h‰tte lachen kˆnnen. Es war so ein gutes Gef¸hl. Es war ein wunderbares Gef¸hl.

Wir begruben sie am n‰chsten Tag. Stuart wollte die wertvollen Sachen mit sich nehmen und in Denver verkaufen. So nahmen wir alle Pferde, S‰ttel und Revolver mit. Ein Pferd fehlte aber und wir konnten es nicht finden. Geld hatten sie nicht viel. Vielleicht hatten sie auch unser Geld gewollt, nicht nur unsere Kˆrper.

Wir ritten weiter. Ich war voller Hoffnung und wusste nicht warum.

* * *

Wir ritten in Richtung Denver, wo Stuart uns verlassen w¸rde. Ich w¸rde ihn vermissen. Darum freute ich mich nicht auf Denver, und versuchte unsere Reise so lang als mˆglich auszuzˆgern. Stuart war ein guter Freund und er war m‰nnliche Gesellschaft.

Ich mochte Stuart, aber Stuart war kein Held. Nicht das, was ich mir als Mann w¸nschen w¸rde. Er sah sehr gut aus, war gross und stark. Aber sicher und besch¸tzt f¸hlte ich mich in seiner N‰he nicht. Ich wunderte mich, wie ich Josh jetzt einsch‰tzen w¸rde, nach allem was passiert war.

W‰re er mir jetzt zu sanft. H‰tte ich jetzt lieber einen Mann wie den Wirt im Saloon, der aggressiver war und der f¸r mich aufstand. Doch nein, ich liebte Josh, sein gutes Herz, seine zur¸ckhaltende Hˆflichkeit. Aber gut w‰re es, wenn Josh mich auch in allen Situationen besch¸tzen kˆnnte. Wenn er genau so hart sein kˆnnte, wie er sanft sein konnte. Vielleicht war Josh ein Bisschen verh‰tschelt worden als Kind. Nicht verwˆhnt, das nicht. Doch sein Vater wie seine Mutter waren starke Persˆnlichkeiten gewesen und hatten gut f¸r Josh gesorgt. Zu gut.

In dieser Richtung wollte ich Josh wachsen sehen, dass er sein sanftes Herz bewahrte, aber unter einer rauhen Schale, die hart war wie Stein und an die man sich klammern konnte wie an einen Fels in der tobenden See.

Ob Josh wohl auch ein Verlangen h‰tte, mich wachsen zu sehen–und in welcher Richtung. Ich war immer sehr eigensinnig gewesen. Wusste genau was ich wollte, und liess mir von niemand etwas sagen. Traute auch niemandem, ausser mir selbst. Letzthin hatte ich gelernt, wie zerbrechlich ich wirklich war und wie sehr ich andere Leute brauchte. Vielleicht m¸sste ich lernen, anderen mehr zu vertrauen. Vielleicht wollte Josh das ich lernte, ihm mehr zu vertrauen.

Aber was n¸tzte all dieses Nachdenken, ich wusste ja nicht einmal ob Josh noch am Leben war. Bei diesem Gedanken wurde es mir kalt ums Herz. Er musste. Er musste einfach noch am Leben sein. Ich brauchte ihn noch. Ich wollte ihn noch einmal sehen, ihm alles erz‰hlen, was geschehen war.

Wir waren an einen reissenden Fluss gekommen. Gespiesen von den Bergen, sch‰umten die gewaltigen Wasser an den riesigen Steinen vorbei.

“Machen wir doch einmal halt f¸r einen Tag. Ich sollte unsere Kleider waschen. Da im Fluss w‰re es geeignet. Oh da–da–an dieser kleinen Bucht.”

Stuart nickte schweigend. Jack’s Gesicht hellte auf: “Oh dann kˆnnen Stuart und ich jagen gehen. Immer Reis und Bohnen ist mir schon l‰ngstens verleidet. Vielleicht erwischen wir ein Pr‰riehuhn oder eine Ente oder gar eine Antilope.”

“Kˆnnten ja auch fischen gehen da im Fluss.” sagte Stuart schnell. Er war mehr f¸r leichtere Arbeiten. Fischen brauchte sehr viel weniger kˆrperlichen Aufwand als die Jagd.

“Oh Stuart, komm jagen. Fischen kˆnnen wir morgen. Hab sowieso nur ein paar Haken.”

“Ich hab genug Haken. Trotzdem, wenn du jagen willst, gehen wir halt. Nur hetzte mich nicht. Immer schˆn langsam.”

Es war mir recht, dass die M‰nner sich verzogen, denn wir M‰dchen brauchten dringend ein Bad. Je mehr wir badeten, desto sparsamer konnten wir mit unserem Perfum umgehen. Wir h‰tten zwar keine grossen Hemmungen gehabt, so oder so zu baden, aber ich wollte Stuart keine Ideen geben, denn ich war nicht bereit Josh untreu zu werden, obwohl ich nicht wusste ob er lebte oder tot war. Jack und Stuart konnten jederzeit ein Bad nehmen.

“Also wir sind auf der Pirsch! Wir werden ein paar Stunden vor Sonnenuntergang zur¸ck sein. Viel Spass beim Waschen.” rief Stuart.

“Oh ihr M‰nner, warum zieht ihr nicht aus, was ihr nicht unbedingt braucht. Dann kann ich das gerade auch noch erledigen. Eine Schnur brauch ich auch zum Aufh‰ngen!”

Jack spannte eine Schnur von Ast zu Ast mit Sara’s Hilfe, zog sein Hemd und Unterhemd aus und stapfte weg. Stuart nahm einen ganzen B¸ndel schmutziger W‰sche aus seiner Satteltasche.

“Hast du das aufbewahrt?”, fragte ich lachend.

“Waschen ist nicht so meine Lieblingsbesch‰ftigung”, knurrte er und stapfte hinter Jack her. Sie gingen zu Fuss.

Sara und Lisa hobbelten die Pferde, die sich auf das gr¸ne Grass hier am Fluss freuten.

“Sollen wir zuerst Waschen oder Baden?” fragte ich.

“Baden, Mammi, du bist wohl verr¸ckt”, sagte Lisa. “Ist doch viel zu kalt.”

“Du willst doch nicht noch mehr stinken, du Ferkel”, sagte Sara.

“Stink ich?”, fragte Lisa und hielt dabei die Nase unter ihre Achselhˆhle.

Sara hielt die Nase zu und sagte: “Hilft nichts, auch so riech ich dich noch und es ist kein Veilchenduft. Mir wirds schlecht.”

“Das sind nur meine Kleider, ich zieh sie gleich alle aus und ziehe frische an. Ich geh mal zum Packpferd.”

“Bring mir auch frische Kleider. Baden wirst du aber, du kleines Schweinchen!” sagte ich.

“Also baden wir zuerst, dann kˆnnen wir frische Kleider anziehen und die alten waschen. Ist ja logisch, nicht?” sagte Sara mit ihrer zarten Stimme.

Das Wasser war frisch aber nicht zu kalt. Es war sowieso ein sehr heisser Tag und das Bad tat gut. Was f¸r ein Genuss das war in dieser herrlichen Bergwelt ein Bad zu nehmen. Umweht vom w¸rzigen Duft der wilden Blumen, umgeben von all den kleinen Lichtern, wiedergespiegelt von den im Wind spielenden Bl‰ttern der Silbererlen. Dann die rauschende Macht des glasklaren Wassers, und die heilende Wirkung der Sonne und der w¸rzigen trockenen Luft. Wir konnten kaum Genug bekommen.

In der kleinen Bucht war das Wasser nicht so tief und es gab kaum Platz f¸r alle drei. Sara, die Mutigste, wagte sich ins tiefere Wasser.

“Vorsichtig Sara”, sagte ich “Komm zur¸ck!” Ich wusste, die Kinder konnten nicht schwimmen. Sie hatten nie die Gelegenheit gehabt auf der Ranch, den da gabs nur genug Wasser, um die Rinder zu tr‰nken.

“Sara, ich hab mal von einer Schulklasse gelesen, die in einem Sturm den Fluss hinuntergeschwemmt wurden und alle….” sagte Lisa und hielt plˆtzlich mit offenem Mund inne. “Mam, Mama”, schrie sie und zeigte mit dem Finger auf den Platz wo Sara gleich noch gewesen war.

Ich sprang auf den n‰chsten grossen Steinbrocken und sah Saras Arme schwenken. Sie k‰mpfte, um an der Oberfl‰che zu bleiben. Der Fluss war gnadenlos. Er riss Sara mit sich in atemberaubendem Tempo.

“Lisa hol mir das Pferd! Schnell!” Sie rannte und ich zog Hose und Bluse an. Da war sie schon mit dem Pferd. “Bleib hier!”

Ich ritt los wie w¸tend. Ich versuchte an den Fluss heranzukommen, doch da waren zuviele B‰ume und Gestr¸ppe. Ich ging aussen herum. Ich konnte Sara nicht sehen. Ich musste einen Vorsprung erreichen. Ich galoppierte. Ich w¸rde hier aussen reiten, weg von den B‰umen. Sp‰ter konnte ich dann wieder zum Flussufer einbiegen.

Ich durfte nicht ungeduldig werden. Ich musste weit genug reiten, um sicher zu sein, dass ich Sara eingeholt hatte. Erst dann konnte ich zum Flussufer. Mir war Angst und Bange. H‰tte ich Zeit gehabt, dar¸ber nachzudenken, w‰re es mir wohl schlecht geworden.

Jetzt. Ich w¸rde es versuchen. Ich bog zum Flussufer ein, sprang ab und rannte durch die B‰ume. Ich strauchelte, sprang wieder auf. Da–ich war am Ufer. Da war sie auch schon. Schon weit an mir vorbei. “Sara–Sara?!” Sie k‰mpfte immer noch. Sie war noch am Leben. “Gib nicht auf!” Sie verschwand von meiner Sicht. Ich war nicht weit genug geritten.

Ich rannte zum Pferd zur¸ck. Ich musste es noch einmal versuchen. Ich nahm einen Satz aufs Pferd. Reiten konnte ich wie niemand sonst. Ich galoppierte los. Ich musste sie einholen…

Jetzt hatte ich lange genug galoppiert. Ich bog nochmals zum Fluss ab, rannte zum Ufer. Ich war bereit hineinzuspringen, sobald sie kam. Doch sie kam nicht. War sie schon vorbei? Oder schlimmer, war sie ertrunken? Ich wartete. Ich durfte nicht zu lange warten oder ich w¸rde sie nie mehr einholen, falls sie schon vorbei war. Aber ich wusste ja nicht. Was sollte ich tun. Ich shrie: “Sara, Sara, Sara!”

Ich hatte lange genug gewartet. Sie m¸sste jetzt hier sein. Also war sie schon vorbei. Ich musste sie verpasst haben. Ich musste es noch einmal versuchen. Wie weit mochte sie schon sein.

Ich sprang nochmals aufs Pferd und ritt und ritt. Ich trieb mein Pferd gnadenlos an. Es ging mir durch den Kopf, dass ich mein Pferd besser behandeln sollte. Es war auch gef‰hrlich so schnell zu reiten, denn es gab viele Steine und viele Lˆcher. Mein Pferd strauchelte ein oder zwei Mal. Fing sich aber auf. Es ging mir nicht schnell genug. Ich war durchdrungen von Panik und Selbstvorw¸rfen.

Jetzt–nochmals zum Ufer. Ich sprang ab und rannte durch die B‰ume, dann die B¸sche, die hier dichter waren. Ich kam nur schwer ans Ufer. Hier gab es eine lehmige Bˆschung, ¸berwachsen und ungeeignet um an das Wasser heranzukommen. Ich musste weiter nach unter, dem Fluss entlang. Da, da gab es einen grossen Stein auf den ich von der Bˆschung springen konnte. Ich sprang und sch¸rfte mein Bein an der scharfen Steinkante. Doch ich beachtete es nicht. Nur zum Fluss wollte ich. Da, ich glitt auf dem bespr¸hten Stein. Fast w‰re ich in den Fluss gerutscht. Ich klingte an den Stein mit meinen Fingern‰geln. Ich schaute den Fluss hinauf, den Fluss hinunter. Nichts. Zur¸ck, ich muss ein Bisschen zur¸ck, auf den trockenen Teil des Steinbrockens. Jetzt konnte ich Atmen holen. Ich war auf allen Vieren und keuchte.

Ich sah nichts, ich wartete und wartete. Sie kam nicht. Ich schrie “Sara, Sara, Sara!” aus lauter Verzweiflung. Das Getˆse des Flusses ¸bertˆnte meine Stimme. Ich sprang auf die Bˆschung zur¸ck setzte mich und heulte. Ich war fertig. Ich f¸hlte mich so machtlos, so klein, so ungen¸gend. Oh h‰tte ich sie doch nicht ins Tiefe gehen lassen. Oh h‰tten wir doch nicht bei diesem reissenden Fluss gehalten. Stuart h‰tte besser wissen sollen. Oh h‰tte ich doch… oh h‰tte ich doch… Kaum war sie von Billy Kane besch¸tzt worden, musste dies geschehen. Es war alles so sinnlos. Warum hatte sie niemand vor diesem Ungl¸ck besch¸tzen kˆnnen. Ich konnte nur weinen.

Kapitel 5

Ich, Griz Custer, fand sie wieder in der N‰he des Raton Passes. Sie waren nicht zu ¸bersehen. Etwa eine viertel Meile vom Pfad entfernt, da sah ich sie auch sitzen. Ich konnte das blonde Haar der beiden M‰dchen klar erkennen. Und da war Julia. Obwohl sie M‰nnerkleider trug, war ihre weibliche Form doch deutlich erkennbar. Sie hatten ein schˆnes Camp gew‰hlt. Steine nat¸rlicherweise in einem Kreis angeordnet, bildeten wie ein Sofa und Hˆcker und ein grosser Stein in der Mitte konnte als Tisch benutzt werden.

‹berhaupt war dies eine pr‰chtige Gegend. Im Nordosten, die Pr‰rie, im Westen die Berge. Gut bew‰ssert, gr¸n bis in den Herbst hinein, verziert mit den zarten Silbererlen, die hier ¸berall an den Bergh‰ngen wuchsen. Es war zauberhaft hier. Die Natur war noch unber¸hrt. Aber, kaum zu glauben, nur dreizehn Jahre sp‰ter w¸rde hier schon das eiserne Pferd, wie es die Indianer nannten, durchpusten. Die Eisenbahnlinie ¸ber den Raton Pass wurde 1878 vollendet. Auch dann blieb die Gegend noch eine Weile unzivilisiert, doch die Dinge ‰nderten sich schnell, hier im Westen.

Der Mann, der mit ihnen ritt, wie ich in Taos erfahren hatte, sass bei den M‰dchen. Es schien ein friedliches Bild. Der Mann war also ein guter Begleiter. Diese Sorge konnte ich aus dem Kopf lassen. Er schien keine Gefahr f¸r meine Familie zu sein.

Doch da packte mich ein anderer Kummer. Was w‰re, wenn Julia sich in ihn verliebt h‰tte. Ich w¸rde es ihr nicht ¸belnehmen. Eine Frau so ganz allein und ein gut aussehender, netter Mann, da kˆnnte es eben passieren. Ich h‰tte auch nichts dagegen, falls sie sich ein Bisschen verliebt h‰tte. Aber ich hoffte, es w¸rde bei Liebe bleiben. Die beiden k¸ssen zu sehen, kˆnnte ich nicht ertragen. Dann w¸rde ich vielleicht davon reiten, um sie nie wieder zu sehen. Aber das waren ja allzu negative Gedanken. Ich war froh, dass sie alle da waren. Jack zwar hatte ich noch nicht gesehen.

Der Pfad verlief erhˆht gegen¸ber ihrem Camp und ich konnte meilenweit ¸ber ihr Camp hinaussehen. Trotz dieser guten Sicht ¸ber meine Geliebten wollte ich mich weiter n‰hern. Dann konnte ich sie genauer sehen und ihnen auch zuhˆren. Ich wollte aber nicht dass sie mich sahen.

Es gab da einen langen, niedrigen H¸gel der sich vom Pfad bis nˆrdlich von ihrem Camp streckte. Dieser H¸gel war zwischen den Felsen und Steinen mit Gras bewachsen, doch B‰ume gab es keine. Das war gut. Es w¸rde das Reiten einfacher machen. Der H¸gel endete an einem kleinen Fluss. Die Ufer dieses Flusses waren dicht mit Silbererlen bewaldet. Der Fluss und dieser Wald zog sich bis ganz in die N‰he ihres Camps. Ich w¸rde mein Pferd beim H¸gel lassen und mich dann durch den Wald in ihre N‰he schleichen. Wenigstens ein Weilchen w¸rde ich dort verbringen und mich dann zum Pferd zur¸ckbegeben um selber eine geeignete Campstelle am Fl¸sschen zu finden. Doch es kam anders, als ich mir vorstellte.

Ich ritt sehr langsam weiter, um alles genau beobachten zu kˆnnen. Ich musste mir die Landschaft genau einpr‰gen. Von hier aus hatte ich einen guten ‹berblick. Es gab da noch ein St¸ck Wald das vom Fluss abwich und ein Wald-Halbinsel bildete. Vielleicht w‰re ich dort noch n‰her zu ihnen.

Jetzt ging der Pfad den kleinen H‰gel hinauf um ihn zu ¸berqueren. Ich warf noch einen letzten Blick auf sie und sah nun auch Jack. Jetzt gings die H¸gelseite hinunter, die f¸nf verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich verliess den Pfad.

Jetzt konnte ich, ohne dass sie mich sehen w¸rden, auf der Schattenseite des H¸gels entlangreiten bis zum kleinen Fluss. Es war schwieriges Gel‰nde mit viel Steinen und Lˆchern zwischen den Steinen. Ich wollte nicht, dass Flake ein Bein br‰che und so stieg ich ab und f¸hrte ihn.

Beim Fluss angelangt, tr‰nkte ich ihn erst einmal ausgiebig. Er war sehr durstig und ich auch. Wir ergˆtzten uns an dem klaren Bergwasser und ich f¸llte meine Wasserflasche. Dann nahm ich ihm den Sattel ab. Ich band Flake am Stamm einer Silbererle fest. Ich tat das mit meinem Lasso und machte es so lang wie mˆglich, so dass er in diesem sommerlichen, noch gr¸nen Gras, weiden konnte. Solch gutes Futter hatte er schon lange nicht mehr gehabt.

Ich liess meinen Hut und andere unnˆtige Dinge beim Sattel, nahm nur meine zwei Colts und machte mich auf. Ich konnte kaum warten um sie von nah zu sehen.

Ich schlich durch den Wald aber nicht besonders sorgf‰ltig. Hier konnten sie mich sowieso noch nicht sehen. Um so ¸berraschter war ich als ich plˆtzlich vor mir eine laute M‰nnerstimme hˆrte : “Komm wir brauchen noch mehr, das soll ein rechtes Feuerlein werden.”

Ich zuckte zusammen. Ich sah vier M‰nner beim Holzsuchen. Das hatte ich nicht erwartet und hatte sie auch erst zu meiner Linken gesehen, als ich sie gleichzeitig hˆrte. Sie waren etwa achtzig Yard entfernt, nur der eine war n‰her. Wie konnte ich nur so tollpatschig sein. Das sollte mir eine Lehre sein.

Hatte ich diese Stimme nicht schon gehˆrt. Ich duckte instinktiv. Sie hatten mich nicht gesehen. Ich blickte durch die Wurzeln eines vom Blitz gef‰llten Baumes. Ich traute meinen Augen nicht. Das war doch–ja das war doch Billy Kane. Was suchte der denn hier. War er etwa meiner Frau wieder auf der Spur. Oder wusste er ¸berhaupt, dass sie sich in der N‰he befand. Meine Frage sollte gleich beantwortet werden.

“Wir wollen doch ein kleines Festfeuerchen f¸r die feinen Damen machen. Die sollen doch bei uns auf Besuch kommen.”

“Die kommen doch nicht auf Besuch, Billy, auf jeden Fall nicht freiwillig”, sagte ein anderer.

“Da hast du recht mein Junge. Dann zwingen wir sie halt. Was sagst du, wir gehen in der Mitte der Nacht mal r¸ber, sobald die zwei M‰nner dort eingeschlafen sind?” fragte Billy.

“Willst du sie im Schlaf erschiessen, Billy?”.

“Nein, das kˆnnte jemand hˆren. Ich sag, wir sollten sie fesseln. Aus dem Wegchen schaffen kˆnnen wir sie immer noch”, erwiderte Billy. Dann kicherte er: “Kommt, mehr Holz, mehr Holz, ich will was von den feinen D‰mchen sehen.”

Ich war ja gerade zur rechten Zeit gekommen. Dieser Billy f¸hrte nichts Gutes im Schilde. Ich fragte mich, ob er je etwas Gutes getan hatte. Ich mˆchte es nicht mit meinem Leben bezeugen, aber ich denke nicht. Sie schienen nicht den geringsten Respekt vor diesem Mann, der Julia begleitete, zu haben. Sie schienen dem Gelingen ihrer Absichten gewiss. Oh h‰tten die gewusst, dass ich mich hier versteckt hielt. Die w¸rden mich gleich zu einem Brei geschossen haben.

Zwei hatten sich an einem grossen Ast zu schaffen gemacht, Billy hatte mir den R¸cken zugekehrt und ging mit einem B¸ndel in Richtung Camp, wie ich vermutete, denn ich hatte ihr Camp noch nicht gesehen. Der vierte aber kamm genau in meine Richtung.

Sollte ich mich zur¸ckziehen, jetzt wo er noch etwa vierzig Yard entfernt war. Vielleicht konnte ich es noch unbemerkt schaffen. Oder sollte ich warten. Vielleicht w¸rde er gar nicht so weit kommen. Nein ich musste weg. Er hatte wohl diesen gef‰llten Baum im Auge. Ich schlich mich weg wie eine Schlange, auf Ellbogen und Bauch. Sehr langsam nur, denn er durfte mich nicht hˆren. Jeden trockenen Zweig schob ich leise beiseite. Er kam sehr schnell n‰her. Ich konnte ihn hˆren. Ich schaffte es gerade noch hinter einen grossen Stein zu kommen. Er war schon beim toten Baum angelangt. W¸rde er weiter gehen? Ich hielt meinen Atem an. Nein, ich hatte Gl¸ck gehabt. Er fing an, ƒste abzuhacken und nach einem Weilchen, nahm er das B¸ndel und verschwand. Ich atmete erleichtert auf.

Auch ich verschwand. Ich war hier viel zu nahe. Ich ging zur¸ck zum Pferd und ritt eine Meile weiter dem Fluss entlang. Dort liess ich das Pferd, und zur¸ck ging es zu Fuss, diesmal vorsichtiger. Die Sonne stand gerade noch ¸ber dem Gipfel des n‰hesten Berges. Bald w¸rde sie hinter den Berg sinken. Es w¸rde noch etwa eine gute Stunde hell bleiben.

Ich kam beim gleichen Ort verbei. Hˆrte nichts. Doch jetzt! Ich konnte ich sie in ihrem Camp vernehmen. Sie waren nicht gerade die leisesten Burschen. Ich schlich an den Waldrand. Da war es, ihr Camp. Sie waren gerade beim Kochen.

In der Ferne, etwa hundert Yard hinter ihnen sah ich Julia, die andern waren verdeckt von den B‰umen, die hinter Billys Camp in die kleine Ebene hinauswuchsen. Ich ging in den Wald zur¸ck und schlich mich vom Fluss her in die kleine Wald-Halbinsel hinein, die zwischen Billys Camp und Julias Camp lag. Jetzt war ich nur etwa f¸nfzig Yard von Billys Camp entfernt. Ich musste vorsichtig sein.

Ich war auch etwa f¸nfzig Yard von Julia. Ich wollte n‰her sein. So kroch ich n‰her. Bis etwa zehn Yard. Jetzt sah ich ihre Gesichter und konnte ihnen zuhˆren. Wie schˆn das war. Es w‰re noch schˆner gewesen, w‰re ich nicht so nahe einem Ameisenhaufen zu liegen gekommen. Die kleinen Biester krochen ¸ber mich und verzehrten mich lebendig. Sie stachen mich am ganzen Kˆrper. Ich musste meine Position ‰ndern. Das brauchte eine schˆne Weile und jetzt war es schon fast dunkel.

Falls ich einen Zweig knacken sollte war es hier nicht so gef‰hrlich, da Billy denken w¸rde es k‰me von Julias Camp und Julia denken w¸rde, der L‰rm k‰me von Billys Camp. Doch es war besser, Acht zu geben. So brauchte jede Bewegung seine Zeit.

Jetzt konnte ich mich entspannen und zuhˆren. Es war schon dunkel. Ich w¸rde die Nacht hier verbringen m¸ssen. Ja, Liebe verlangt ihre Opfer. Gegessen hatte ich auch nichts, und die D¸fte von Reis und Bohnen die von Julias Camp wehten, waren verf¸hrerisch.

“Ich hab keinen grossen Hunger, Mam”, klagte Lisa. Ich schon, dachte ich. Ihr kˆnnt ja das Essen in meine Richtung senden.

“Ich glaube uns ist allen der Appetit vergangen, ausser nat¸rlich Jack, der kann immer essen”, sagte Julia mit trauriger Stimme.

“Mom, was Gutes w¸rde es tun, nicht zu essen?” fragte Jack, der sich verletzt f¸hlte, so als ob er sich nicht um das Wohl der Familie sorgte.

“Schon gut Jack. Trotzdem h‰tte ich gedacht, dass dir das Wohl der Familie vielleicht ein Bisschen Sorge machen w¸rde.”

“Ich muss mich st‰rken, falls etwas mit diesem Billy passieren sollte.”, entschuldigte sich Jack. Die Stimmung schien gespannt. Sie schienen alle etwas genervt. Kein Wunder auch, dieser Billy Kane war nicht zu untersch‰tzen, auf jeden Fall nicht, wo es Bˆses und Lasterhaftes auszudenken gab.

“Mom, glaubst du, wir haben diesen Billy zu f¸rchten, mit Stuart hier?”, fragte Sara. Das war eine geladene Frage. Julia kˆnnte mit der Antwort verraten, ob sie Stuart vertraute. Nun wusste ich endlich auch den Namen dieses Mannes. So Stuart also–der Name gefiel mir.

“Es sind vier gegen einen”, erwiderte Julia klug. “Glaubst du den vier gewachsen zu sein?” wendete sie sich dann an Stuart.

“Mich z‰hlt wohl niemand”, brummte Jack.

“Jack, du bist noch jung. Du kannst zwar schiessen, aber du hast nie gelernt zu Ziehen. Verstehst du”, sagte Julia in freundlichem Ton.

“Mam, ich muss lernen, ich muss lernen. Wie kann ich dich sonst besch¸tzen. Von wem kann ich es nur lernen?”

“Jack du hast noch Zeit. Die Gelegenheit wird sich schon bieten. Vielleicht kann Stuart dich lehren.”

“Ja, Jack beeil dich nur, sonst gehts dir wie mir. Ich hab’s immer f¸r unwichtig gehalten, schiessen zu lernen. Bin lieber Fischen gegangen. Von mir kannst du wenig lernen, Jack. Ich vertrau mehr auf mein Gl¸ck. Bis jetzt hab ich ja immer ¸berlebt. Ist auch wichtig die richtigen Leute zu kennen. Mit genug Geld kann man sich immer den nˆtigen Schutz kaufen.”

“Was n¸tzt jetzt Geld”, sagte Julia verzweifelt. Ich hatte meine Antwort, sie traute also Stuart nicht. Dann konnte sie ihn auch nicht lieben. Ich war jedoch zu fr¸h selbstsicher, denn sie f¸gte hinzu: “Entschuldigung, Stuart, ich weiss dass nicht jeder ein Coltswinger sein kann. W‰re auch nicht so wichtig, w‰ren wir nicht gerade in dieser Situation.”

W‰ren wir nicht in dieser Situation? Was meinte sie mit dem “wir”. War da schon eine Familiarit‰t zwischen den beiden. Ich sorgte mich ein Bisschen. Oh, Julia, werde mir nicht untreu, dachte ich, ich bin ja hier! Liebst du mich noch? Du bist ja immer noch so h¸bsch. Meine Knie werden immer noch weich, wenn ich dich sehe. Ich hab so ein komisches Gef¸hl in meiner Magengegend. Oder waren das die Ameisenstiche?

Nein, sie war wirklich noch wunderschˆn, so furchteinflˆssend. Sie hatte solche Macht ¸ber mich. So ist es mit der Liebe. Was f¸r eine Macht eine Person, die man liebt, ¸ber einen hat. Was man nicht alles f¸r sie tut. Sich mitten in der Nacht in einen Ameisenhaufen legen, nur so dass man ihre Stimme hˆren kann. Oh wie dem¸tig ein Liebender doch wird, wie dienend, wie weich. Ja welche Macht die Liebe. Was ist ein Kˆnigreich, was ist die ganze Welt. W¸rd ich Julia daf¸r tauschen? Doch nie!

“Mom, ich w¸nschte Dad w‰re hier. Glaubst du, er kˆnnte uns verteidigen.”, sagte Lisa. Oh danke, Lisa, dachte ich, das bringt ja alles gleich auf den Tisch.

“Lisa, wir wissen ja nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Eins weiss ich zwar, er w¸rde alles tun um uns zu verteidigen”, sagte Julia mit warmer Stimme. Oh vielleicht war da doch noch ein Bisschen Gef¸hl f¸r mich ¸brig, dachte ich. Aber es gefiel mir nicht, dass sie nicht daran glaubte, dass ich noch am Leben war.

“Ich glaube, dass er noch am Leben ist”, sagte Sara herausfordernd. Oh es war schˆn Saras helle Stimme zu hˆren. Ihre Stimme war so s¸ss.

“Ich hoffe es, ich hoffe es auch”, sagte Julia. “Ich geh zu Bett. Gute Nacht ihr alle.”

Oh wie gern h‰tte ich ihnen ein Zeichen gegeben, dass ich noch am Leben war. Doch das w‰re nicht gut. Gerade jetzt war ich froh, dass ich es nie getan hatte. Denn jetzt konnte ich sie besser besch¸tzen, als ich es sonst je h‰tte kˆnnen. Sie gingen alle langsam in die Federn und ich kroch langsam gegen Billys Camp um zwischen den beiden Camps zu sein, so dass ich sehen konnte was in beiden vorging. Da ich im Wald nicht gut schiessen konnte–die Kugeln w¸rden sicher von einem Ast oder Aestlein abgelenkt, es brauchte nicht viel–kroch ich an den Waldrand zwischen den beiden Camps. Von dieser Position m¸sste ich nur noch ein Bisschen in die Ebene hinausgehen und konnte auf beide Camps schiessen.

Ich schlief ein und wurde erst mitten in der Nacht geweckt, als Billy und seine Burschen haarnahe an mir vorbeitrampten. Sie gingen so leise, wie sie konnten und h‰tten doch eine B¸ffelherde aufgeweckt. Dazu wachte ich beim kleinsten Ger‰usch, was seine Vorteile und Nachteile hatte. Im Saloon zum Beispiel, schlief ich nie besonders gut.

Ich ging langsam und sehr leise hinter ihnen her. Als sie Jack und Stuart fesselten, liess ich sie gew‰hren. Julia sollte wissen, dass Stuart kein Besch¸tzer war, und Jack sollte lernen, vorsichtiger zu sein. Ich brauchte die beiden nicht. Ich konnte mich dieser Burschen erwehren. Ich war schneller geworden. Sollten sie jedoch Jack und Stuart erschiessen wollen, war ich bereit.

Jetzt kamen sie schon mit Julia, Lisa und Sara. Ich konnte mitf¸hlen, wie es ihnen zumute sein musste. Sie f¸hlten sich ausgeliefert, hilflos und innerlich w¸tend und zornig ¸ber ihre Hilflosigkeit. Die Burschen waren jetzt alles andere als leise. Es war leicht f¸r mich, mich wieder in den Wald hinein zu stehlen, bis sie an mir vorbei waren. Dann trat ich wieder auf die Ebene hinaus und folgte hinterher.

Als einer Sara einen Klaps gab, konnte ich mich kaum beherrschen. Ich h‰tte ihn am liebsten gleich erschossen. Sie eilten zu ihrem Camp und waren mir zwanzig Yard voraus.

Ich war jetzt fast bis zehn Yard an ihr Camp herangekommen. Ich musste mich nur aus dem Schein des Feuers halten, dass sie sicher bald anz¸nden w¸rden. Ich trat hinter einen Baumstamm, der mich ganz deckte. Es war ein Baum am Rand und da waren keine anderen B‰ume mehr zwischen mir und dem Camp. Ich konnte jetzt gut schiessen. Im Schein des Feuers w¸rden sie wie sitzende Enten f¸r mich sein. Sie konnten nicht zur¸ckschiessen, denn geblendet vom Feuer, w¸rden sie mich nicht sehen. Nur eines hoffte ich, dass meine Frau und Kinder nicht zwischen uns zu stehen kamen.

Jetzt ging das ganze Theater los. Die Burschen besch‰ftigten sich mit dem Feuer, um es so gross wie mˆglich zu machen. Sie packten B¸ndel von d¸nnen Zweigen, dr¸ckten sie zusammen und warfen sie aufs Feuer. Das Feuer loderte hoch und warf einen hellen Schein auf das Camp. Das Feuer w¸rde nicht lange so hell sein. Sie mussten sich beeilen und sie wollten sich ja die Damen ansehen, wie sie gesagt hatten.

Trotz der W‰rme des Feuers standen Julia, Lisa und Sara schlotternd da. Ich durfte nicht zu lange warten. Ich hatte keine grossen Sympathiegef¸hle f¸r Billy und seine Burschen. Trotzdem wollte ich sie nicht einfach niederknallen, ohne dass das Geringste geschehen war. Nat¸rlich hatte Billy schon einiges auf dem Gewissen, mˆglicherweise auch den Brand des Saloons in Santa Fe.

Jetzt schupste Billy die drei Frauen vorw‰rts, um zu sehen, wo er das beste Licht vom Feuer bek‰me. Jetzt traf ein, was ich bef¸rchtet hatte. Sie kamen gerade zwischen mich und die Burschen zu stehen. Doch gl¸cklicherweise war er noch nicht zufrieden und schupste sie weiter. Er schien, noch immer nicht zufrieden zu sein und spornte seine Burschen an, noch mehr Holz aufs Feuer zu werfen.

Ungeduldig, wie ein Kind das nicht auf seinen Zuckerstengel warten will, war er aber nicht bereit, l‰nger auf das Feuer zu warten und befiel: “Na zieht euch mal aus–seid nur nicht scheu. Oder soll ich euch Beine machen?” Dabei drohte Billy mit seinem scharfen Bowiemesser.

Julia, Sara und Lisa fingen an, sich auszuziehen. Das durfte nicht sein. Das wollte ich ihnen ersparen. Sie waren zwar nicht prudisch, waren nie erzogen worden, ihre Kˆrper zu verabscheuen. Es machte ihnen nichts aus, nackt gesehen zu werden. Doch dies war anders.

Billy war weit genug gegangen. Jetzt war die Zeit gekommen, ihn zu stoppen. Ich w¸rde keine Gewissensbisse haben, wie fr¸her. Das Gesetz war nicht im Stande, Gerechtigkeit auszu¸ben und Leuten wie Billy das Handwerk zu legen. Das Gesetz aber war hinter Unschuldigen, wie mich, her.

Es gab sicher Leute, die es nicht richtig f‰nden, dass ich das Gesetz in die eigene Hand nahm, ohne eine Untersuchung, ohne einen Prozess, ohne eine Gerichtsverhandlung. Doch welche Gerichte, Prozesse, Gerichtsverhandlungen suchten die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Ging es nicht vielmehr um Geld und Ansehen. Strebten die Anw‰lte nicht mehr nach Geld und Ansehen als Gerechtigkeit. Konnten die guten Anw‰lte nicht den Entscheid zu ihren Gunsten beieinflussen. Und wer konnte die besten Anw‰lte erhalten, doch der, mit dem meisten Geld. So der mit dem meisten Geld konnte das Gericht beeinflussen. Die Gerichte waren nicht unparteiisch und darum nicht gerecht.

Nahm aber jemand wie ich die Gerechtigkeit in die eigenen H‰nde, weil das gerichtliche System versagte, dann w¸rde er vom Gesetz gefahndet. Das nur, weil den Gesetzleuten das Gesetz wichtiger war, als die Gerechtigkeit.

Es hatte ein Weilchen gedauert, bis Billy von der Gerechtigkeit eingeholt worden war. Doch die Gerechtigkeit kommt. Fr¸her oder sp‰ter. Meiner Frau w‰re viel Kummer erspart geblieben, h‰tte die Gerechtigkeit fr¸her eingeschlagen. Doch alles hat seinen Zweck. Meine Frau w¸rde ohne Kummer nicht wachsen. Ich wollte aber, dass sie wuchs, dass sie lernte, mir mehr zu vertrauen. Noch wusste sie nicht, wer ihr Besch¸tzer war, vielleicht ahnte sie es. Doch eines Tages w¸rde sie es wissen und es w¸rde unsere Beziehung noch viel besser machen. So wie ich Gott trauen lernte, der mich besch¸tzte, so w¸rde sie mir trauen lernen, der ich sie besch¸tzte.

Ich schoss mit beiden Colts. Ich schoss sie in die Stelle, die sie bereit waren, an meiner Frau und Kindern zu gebrauchen. Ob ich so genau traf, weiss ich nicht. Doch irgendwo traf ich sie alle, denn alle fielen auf die Knie und stˆhnten, doch nicht f¸r lange. Ich wollte nichts riskieren. Sie kˆnnten versuchen, auf meine Frau und Kinder zu schiessen. Ich wollte sie auch nicht qu‰len. Der erste Schuss war nur zu zeigen, worum es ging. Ich schoss sie alle in den Kopf.

Es war vorbei. Ich stand still. Ganz still. Julia, Sara und Lisa standen auch still. Sie standen da mit ihrem Mund offen und wussten nicht, was sagen. Sara war die Erste, die sich bewegte und ihre Jacke anzog. Keiner schrie in den Wald, in meine Richtung, in die Richtung von der die Sch¸sse gekommen waren, wie ich erwartet hatte. Nur Julia sagte mit freudiger Stimme : “Kommt.” Dann eilten sie alle zu ihrem Camp. Sie rannten an meinem Baum vorbei so nah, ich h‰tte sie ber¸hren kˆnnen und wie gern h‰tte ich sie in meine Arme geschlossen. Ich begab mich in ihre N‰he, und schlief in ihrer N‰he im Wald, bis zum Morgengrauen. Dann schlich ich zu Billys Camp zur¸ck. Ich brauchte ein Packpferd. Das nahm ich mir auch und ritt zur¸ck zu meinem Pferd Flake und kochte Fr¸hst¸ck.

Ich hatte Weizen und eine kleine Handm¸hle. So hatte ich immer frisches Mehl. Ich kochte mein Flachbrot in der Pfanne und legte mich hin zum Essen.

Ja, ich war schneller geworden. Ich hatte es geschafft gegen Billy Kane. Ich konnte Stolz darauf sein. Doch es liess einen bitteren Geschmack im Munde. Tˆten war kein schˆnes Gesch‰ft. Doch ich sollte die gute Seite sehen. Sehr wahrscheinlich hatte ich das Leben von Stuart und Jack gerettet.

* * *

Ich folgte dicht hinter ihnen her. Immer hielt ich eine Distanz, von der ich sie gerade noch sehen konnte, ihnen aber durch meine Anwesenheit nicht auffiel. Sie sollten sich nicht gefolgt f¸hlen. Sie reisten weiter gegen Denver, schienen es nicht eilig zu haben.

Am n‰chsten Tag sah ich sie in der Ferne vom Pfad rechts abbiegen. Wohin wollten sie? Es war ja erst Morgen. Es war noch nicht Zeit zum Campieren. Als ich n‰her kam, sah ich den reissenden, sprudelnden Fluss. Sie wollten wohl ein Bad nehmen. Sie hatten es also gar nicht eilig. Mir war’s nicht ums Anhalten. Ich w‰re gerne weitergeritten. Immerhin waren die Black Brothers irgendwo hinter mir her. Doch ich wollte sie nicht allein lassen.

So ritt ich auf dem Pfad bis zum Fluss. Erstaunlicherweise gab es da eine Furt. Der Fluss rann hier ¸ber eine flache Stelle im Gel‰nde und breitete sich weit aus, war aber nur noch knˆcheltief. Grosse Steine lagen inmitten des Flusses. Um einige musste man herumreiten. So kam ich auf die andere Seite des Flusses und suchte einen Weg dem Fluss entlang. So sollte ich meiner Familie gegen¸ber kommen, mit nur dem Fluss zwischen uns.

Es gab wirklich einen kleinen Pfad dem Fluss entlang, ausgetreten von den Reisenden die hier am Fluss halt machten. Ich f¸hrte mein Pferd, denn ich wollte langsam gehen und wenn mˆglich nicht gesehen werden. Allerdings w‰re es nicht so aussergewˆhnlich, dass ein anderer Reisender hier am Fluss Halt machte.

Als ich in die N‰he kam, wo Julia und die Kinder waren, bog ich vom kleinen Pfad ab, um einen Platz f¸r meine Pferde zu finden. Es gab grasige Stellen zwischen den B‰umen und ich band Flake und mein Packpferd an, in solcher Weise, dass sie grasen konnte. Dann ging ich wieder zum Fluss zur¸ck und hier aus dem Dickicht konnte ich sie gut sehen, ohne gesehen zu werden. Sie waren ein Bisschen flussabw‰rts von mir.

Ich machte mich bequem und schaute ihnen zu. Wegen des Getˆses des Flusses konnte ich ihre Gespr‰che nicht hˆren. Nach einer Weile verschwanden Stuart und Jack. Sie gingen wohl jagen. Ich sah dass sie ihre Revolver bereit hielten. Hasen gab es hier genug, vielleicht kˆnnten sie einen erwischen, oder noch ein besseres Gourmet Essen w‰re ein wildes Huhn, oder eine Ente. Wie gerne w‰re ich mit Jack jagen gegangen. Ich kˆnnte ihm ein oder zwei Tricke zeigen. Ich wusste viel ¸ber Wild. Oh kˆnnte ich es doch an ihn weitergeben. Er schien interessiert zu sein. Hatte das Jagdfieber wohl von mir geerbt. Ich konnte das Leuchten in seinen Augen fast sehen, vorstellen konnte ich es mir auf jeden Fall, denn ich war genau so, wenn es ums Jagen ging. Dabei liess es mich kalt, ob ich etwas erwischte oder nicht, aber ich liebte die Pirsch.

Als die M‰nner weg waren, nahmen die M‰dchen ein Bad. Ich freute mich, Julia zuzusehen. Ich hatte sie schon lange nicht mehr so gesehen, und ich staunte, wie gut sie noch beisammen war. Mit ihr ein Bad zu nehmen war aber nicht mein Traum, den ich hatte Wasser nur zum trinken gern. Ich hatte zwar ein Bad nˆtig, aber ein paar Tage konnte das noch warten.

Es war gut zu wissen, dass sie gewartet hatten bis Stuart verschwunden war. So vertraulich waren sie also noch nicht. Ich war froh. Es fiel mir ein Stein vom Herzen.

Sara war mir am n‰chsten, ich konnte sie gut sehen. Sie war so d¸nn und trotzdem attraktiv. Sie war hochgewachsen und war eine junge Frau geworden. Wie schˆn sie war und was f¸r einen h‰sslichen Vater sie jetzt hatte. Wir w¸rden gar nicht mehr zueinander passen, ausser als Schˆne und Biest.

Lisa die immer aktiv war, hatte einen Stein gefunden, von dem sie ins Wasser springen konnte. Sie wurde nicht m¸de es wieder und wieder zu tun. Es war schˆn sie alle so unbek¸mmert zu sehen, so wie sie Gott geschaffen hatte, eins mit der Schˆpfung, als w‰ren sie noch in Eden. Gesund, schlank und kr‰ftig waren sie alle, sicher gab es auf der ganzen weiten Welt nichts schˆneres zu sehen.

Ich lag hier im Gestr¸pp so gem¸tlich und nach einem Weilchen w‰re ich fast eingenickt. Doch dann sah ich etwas, dass mich sofort auf die Kniee brachte.

Plˆtzlich wurde Sara weggeschwemmt. Es sah fast so aus, als ob sie selbst ins tiefe Wasser geplumst w‰re, um zu schwimmen. Ich konnte aber schnell sehen, dass sie nicht schwimmen konnte. Sie schwenkte ihre d¸nnen Arme wie wild in der Luft. Sie schrie nicht, schien aber zu k‰mpfen, um an der Oberfl‰che zu bleiben. Das Wasser trug sie mit atemberaubender Geschwindigkeit.

Sie wurde vom tiefen Wasser um die grˆssten Steine herumgeschwemmt, an die sie sich anzuklammern versuchte. Doch ohne Erfolg, den sie waren schl¸pfrig und die Kraft des Wassers viel zu gross. Es war nur ein schwacher und wahrscheinlich instinktiver Aufwand, denn sie bewegte sich so schnell, dass jeder Versuch sich anzuklammern, nutzlos schien. Die kleineren Felsbrocken, ¸ber die das Wasser floss, waren viel gef‰hrlicher. Das Wasser schlug ihre Beine gegen diese Steinbrocken. Falls sie unter ging, kˆnnte auch ihr Kopf gegen diese schlagen, sie w¸rde bewusstlos geschlagen und ertrinken.

Ich musste schnell handeln. Es war zu sp‰t hineinzuspringen, denn ich m¸sste erst eine Stelle finden, wo ich ins Wasser konnte. Hier war alles von undurchdringlichem Gestr¸pp ¸berwachsen. Sie war jetzt schon etwa f¸nfzehn Yard weg von mir, und das Wasser ging schnell. Weiter unten im Fluss verlangsamte sich das Wasser ein Bisschen, wie ich sehen konnte. Dort musste ich hin.

Ich st¸rzte vorw‰rts zu meinem Pferd. Ich nahm mein Lasso vom Sattel und sprang auf das Pferd–ohne Sattel. Ich ritt langsam zum Pfad zur¸ck durch die B‰ume. Flake schien die Eile zu sp¸ren. Er ging so schnell er konnte, ich brauchte ihn nicht anzuspornen. Ich hatte das Mundst¸ck rausgenommen, so dass er grasen konnte. Ich f¸hrte ihn jetzt nur mit den Sporen. Das war nur mit einem guten Pferd, wie Flake, mˆglich. Flake war Gold wert.

Wir waren zum kleinen Pfad gekommen. Jetzt konnten wir galoppieren. Es war unebenes Gel‰nde und gef‰hrlich. Aber wir mussten uns beeilen. Ich spornte Flake an. Wenn es darauf an k‰me, w¸rde ich lieber Flake verlieren, als Sara.

Ich sah Sara hin und wieder im Wasser. Wir hatten sie ¸berholt. Sie k‰mpfte noch im Wasser. K‰mpf weiter, dachte ich, k‰mpf weiter, als ob ich sie mit meinen Gedanken und meinen gespannten Nerven anspornen kˆnnte.

“Weiter, Flake, weiter!” fl¸sterte ich in seine Ohren. Er reagierte. Er gab sein ƒusserstes. Weit genug! “Brrrr!” stoppte ich Flake. Ich hatte eine gute Stelle gefunden. Der Fluss war hier ziemlich schmal. Grosse Felsbrocken, je einer auf dieser und der anderen Seite, d‰mmten das Wasser ein. Das Wasser ergoss sich wie ¸ber eine Schwelle in einen tieferen Teich. Enorme Wassermassen kamen hier durch. Ich sprang vom Pferd und sprang auf den grossen Felsblock auf dieser Seite. Hatte es Sara so weit geschafft? Mein Lasso war bereit.

Da kam sie schon, schneller als ich erwartet hatte. Lasso werfen hatte ich von meiner Jugend auf gelernt. Es war f¸r uns Cowboys nichts Besonderes, das Hinterbein eines fl¸chtenden Kalbs vom galoppierenden Pferd aus zu erwischen–und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn das Kalb das Bein vom Boden hob, in seinen eiligen Spr¸ngen.

Eine Hand war in der Luft. Ich warf das Lasso um ihre Hand zu erwischen. Doch sie zog sie genau im falschen Moment zur¸ck. Ich hatte sie verpasst.

Da gabs nur noch eines. Ich sprang in den Fluss. Sofort wurde ich von der Gewalt des Wassers gepackt. Ich war noch unter Wasser, k‰mpfte mich aber schnell an die Oberfl‰che. Ich hatte weniger Gl¸ck als Sara. Sie war in der Mitte des Flusses. Das war der s‰uberste Weg, wo die meisten Steine vom Wasserstrom auf die Seite geschoben worden waren. Doch ich war auf der Seite hineingesprungen und wurde nun vom Wasser gegen einen anderen Stein geschleudert. Er erwischte mich an der H¸fte. Ich glaubte ich w¸rde entzweigeteilt. Ich schmerzte, konnte mein Bein kaum bewegen. Doch ich schwamm weiter. Ich vergass meinen Schmerz, denn ich wollte zu Sara.

Das war ein schlechter Anfang gewesen. Es hatte mich schˆn gebremst und mir auch gleich jeden Mut genommen. Sara war mir jetzt ein gutes St¸ck voraus. Ich schwamm so schnell ich konnte. Langsam kam ich ihr n‰her.

Das Wasser ging langsamer hier. Es war ruhig im Vergleich zu vorher. Ich war angelangt. Ich fasste Saras Arm. Ich hatte sie, oh, ich hatte sie. Sie klammerte sich ganz schwach an mich. Sie war kaum noch am Leben. Ich zog sie zum Ufer, zog wie verr¸ckt. Ich hatte einen Arm um ihre Brust gelegt und schwamm mit dem anderen.

Jetzt galt es eine Stelle zu finden, wo wir aus dem Fluss kriechen konnten. Ich kam an die Bˆschung, packte eine Wurzel, doch konnte mich mit einer Hand kaum halten. Doch jetzt hatten meine Beine Halt gefunden. Doch ich glitt aus und fiel ins Wasser zur¸ck. Die Wurzel brach und wir waren wieder im Wasser. Ich versuchte es noch einmal, doch kam ich nicht die Bˆschung hinauf. Ich liess mich wieder ins Wasser gleiten.

Ich musste mir etwas Anderes einfallen lassen. Ich hielt Sara ¸ber Wasser in meinem linken Arm. Mit dem rechten Arm zog ich meinen G¸rtel von der Hose. Dann band ich den G¸rtel um Saras Brust und hielt das eine Ende in den Z‰hnen. Jetzt hatte ich beide Arme frei. Ich fand eine Wurzel und kletterte die lehmige Bˆschung hinauf, das Ende des G¸rtels noch in den Z‰hnen. Es wurde jetzt aber zu kurz. Ich hob ein Bein ¸ber einen kleinen Baumstamm und hielt mich mit dem Bein. Ich zog Sara mit beiden H‰nden hinauf und fasste sie unter den Armen. Dann hob ich sie auf meine Schultern und kletterte den Rest der Bˆschung hoch.

Wir hatten es geschafft, wenigstens soweit. Ich nahm ihr den G¸rtel schnell ab und hob sie bei der H¸fte auf und liess ihren Oberkˆrper baumeln. Dabei kam dass Wasser aus ihren Lungen. Sie hatte viel geschluckt. Sofort setzte ich meinen Mund an den ihren und blies. Langsam–einen Atemzug nach dem andern. Ich lauschte. Nichts. Ich blies wieder und wieder. War es zu sp‰t?

Ich arbeitete mechanisch. Keine Gedanken gingen durch meinen Kopf, weder hoffnungsvolle noch deprimierte. Ich tat einfach, was ich tun musste.

Dann fing sie an leicht zu atmen. Erst ganz sanft. Ein Weilchen atmete sie leicht und dann nahm sie plˆtzlich einen tiefen Atemzug. Ihre Augen waren immer noch geschlossen. Die Atemz¸ge waren kurz, zuckend. Doch langsam wurden sie tiefer und ausgeglichen.

Jetzt entspannte ich mich ein Bisschen. Ich merkte erst jetzt, wie sehr meine H¸fte schmerzte. Sara sah nicht einmal so schlecht aus. Sie hatte keine Schrammen. War hier und dort zerkratzt und rot, doch schien nichts gebrochen zu sein. Sie blutete ein Bisschen von ihren H‰nden, die aufgesch¸rft waren. Jetzt bemerkte ich auch ein paar kleine Wunden an den F¸ssen, die bluteten. Es war aber nicht schlimm.

Ich hatte mich auf einen Stein gesetzt und hielt Sara in meinen Armen. Ich hielt sie sehr nahe, meine Lippen auf ihren Schultern. Ich k¸sste ihre Schultern wieder und wieder. Sie fing an zu schlottern. Und da plˆtzlich, sie ˆffnete ihre Augen und starrte mich an. Sie starrte mich lange an. Ich hoffte sie hatte keinen Gehirnschaden erlitten. Konnte sie nicht sprechen? Ich wartete.

Ich legte sie auf den Boden und zog meine nassen Hosen und meine Jacke aus. Dann legte ich die Jacke um Sara und knˆpfte sie zu. Vielleicht w¸rde sie das ein Bisschen aufw‰rmen. Dann versuchte ich ihr die Hosen anzuziehen. Doch ich brauchte ihre Hilfe und sie schien noch immer nicht ganz wach zu sein.

Da hob ich sie wieder auf, nahm sie in meine Arme und zog ihr die Hosen an. Da hielt ich sie, meine kleine Sara. Wie gl¸cklich ich war, dass sie am Leben war. Wie gl¸cklich! Sie schien bequem zu sein in meinen Armen und schloss die Augen. Sie schlief ein. Ihr Herz klopfte immer noch hart. Sie atmete schˆn regelm‰ssig jetzt. Ich musste nur Geduld haben. Das war nicht allzu schwer, denn es war schˆn, sie zu halten.

Sie schlief ein Weilchen und ˆffnete die Augen wieder und schaute mich lange aus ihren grossen blauen Augen an. Von ihrem Gesichtspunkt starrte sie einen Fremden an. Sie wusste ja nicht, wer ich war. Sie schien erstaunt und etwas misstrauisch. Ja sie schaute mich geradezu vorwurfsvoll an. Sie schien auch nicht zu wissen, was passiert war. Sie nahm die Augen nicht von mir, sie starrte wie eine Puppe. Ich zog sie an mich und verbarg ihr Gesicht in meinen Armen. So hielt ich sie ein Weilchen. Dann schien sie die Liebe zu sp¸ren. Sie legte ihre Arme um meinen Hals und klammerte sich an mich, als w‰re ich ein Felsen im tobenden Meer. Ich h‰tte gerne gesagt: “Sara, meine kleine Sara”. Doch ich durfte nicht. Ich durfte nicht verraten, dass ich ihren Namen wusste.

Dann liess sie los und ich auch. Sie starrte mich wieder an und sagte langsam: “Ich fiel in den Fluss.” “Ja”, sagte ich. Um vorzubeugen, dass ich ihren Namen aus Ungeschick gebrauchte, fragte ich sie: “Wie heisst du?” Sie dachte lange nach und wendete ihren Kopf. Ich dachte schon, dass sie nicht antworten w¸rde, doch dann sagte sie mit leiser Stimme, fast fl¸sternd: “Sara.”

Oh sie konnte wieder sprechen. Ein gutes Zeichen. Trotzdem war sie noch nicht die alte Sara. Es w¸rde ein Weilchen dauern. Hoffentlich hatte sie keinen dauernden Schaden erlitten.

“Haben sie mich gerettet?” fragte sie dann. Manchmal schienen ihren Gedanken sich nach innen zu kehren. Es schien ihr M¸he zu machen, zu denken.

“Ja, Sara”, antwortete ich. “Gehts dir gut?” Doch sie ¸berschaute meine Frage und erwiderte: “Wer sind sie?”.

“Ich bin Griz Caldwell”, sagte ich. “Nenn mich Griz.”

“Und wer sind sie?” fragte sie wieder. “Ein Durchreisender, der dich in den Fluss fallen sah.”

“Danke”, sagte sie dann still. Sie schien wieder m¸de zu werden. Dann schlief sie nochmals ein. Ich legte sie auf den Boden und liess sie schlafen.

Meine H¸fte sah bˆse aus. Ich hatte zwar keine Schramme aber der Knochen schien arg zerquetscht. Jeder Schritt schmerzte. Ob ich wohl reiten konnte. Hier stand ich nun in Hemd und Unterhosen, wie ein Narr mit einer zerschmetterten H¸fte und war doch ¸bergl¸cklich dass ich meine Sara hatte retten d¸rfen. So ist die Liebe. Ein Geheimnis.

Ich wusste wie besorgt Julia sein m¸sste, doch ich musste Sara ruhen lassen. Sie konnte noch nicht zu ihrem Camp zur¸ck. Julia m¸sste mir vertrauen lernen. Ich konnte Sara auch nicht allein lassen. Sie hatte noch nicht alle Tassen im Schrank. Kˆnnte vielleicht sogar noch einmal in den Fluss fallen. So wartete ich. Es durfte den ganzen Tag dauern. Ich war froh bei Sara zu sein und dankbar dass sie gerettet war. Ich legte mich neben Sara und hielt sie warm, sie schlief sehr tief. Auch ich schlief ein. Ich weiss nicht wie lange wir so hindosten. Ich wachte zuerst auf.

Dann wachte Sara auf. Sie erschrak ganz schˆn als sie mich sah. “Wer sind sie?”. Sie schien sich nicht mehr an vorher zu erinnern, doch schien sie jetzt wieder ganz beieinander zu sein. Sie war die alte Sara. Der Schlaf hatte ihr gut getan. Sie starrte mich an mit einem gewissen Bedauern in ihrem Gesicht. Sie hatte die Narben bemerkt.

“Du bist in den Fluss gefallen, ich habe dich herausgeholt”, sagte ich, wie entschuldigend.

“Oh ja”, sie schien sich zu erinnern. “Danke, vielen Dank. Ich w‰re ertrunken. Danke, dass sie mich gerettet haben.”

“Wie f¸hlst du dich?” fragte ich. “Oh, gut”, sagte sie. “Ich mˆchte zu meiner Mutter.”

Oh Sara, dachte ich, jetzt ist’s wohl aus mit dem Halten und Umarmen. Sie wollte ihre Mutter. Sie traute mir nicht so ganz. Doch ich war ein Fremder f¸r sie, sie konnte mich ja nicht erkennen. Ich sollte ihr nicht bˆse sein. Ich machte noch einen letzten Versuch.

Ich ging zu ihr hin, legte meinen Arm um ihre Schultern und sagte: “Komm, gehen wir zu deiner Mutter.” Dabei hielt ich sie nah an mich und half ihr entlang. Doch es schien ihr nicht wohl zu sein in meinen Armen und ihre Muskeln waren gespannt. Nein, es hatte keinen Sinn, ich musste sie loslassen. Ich nahm sie bei der Hand und f¸hrte sie. Das liess sie sich gefallen. Doch in der N‰he des Camps war ihr dann auch das peinlich und sie lˆste sich von mir.

Wir waren auf der Seite des Flusses wo Julias Camp war. Es ging eine Weile, bevor wir ihr Camp erreichten. Sara ging sehr langsam. Sie war immer noch etwas angeschlagen.

Lisa sah uns kommen. Als sie uns bemerkte schrie sie auf: “Sara, Sara du bists. Wo ist den Mama?” Dann starrte sie mich an und ich sah ihre Augen an mir heruntergehen. Besonders meine Unterhosen schienen ihr nicht besonders zu gefallen. Oder waren es meine Beine? “Wer sind denn Sie?”, frage sie misstrauisch. “Gibt es in Ihrem Land keine Hosen?” Sobald sie das gesagt hatte, sah sie die M‰nnerkleider an Sara und entschuldigte sich sofort.

“Oh Entschuldigung–sie haben sie ausgeliehen. Das ist aber nett von Ihnen. Sie kˆnnen sie gleich zur¸ckhaben.” Dabei eilte sie zu den Packpferden, um Sarah frische Kleider zu holen.

Sara kleidete sich vor mir ohne Hemmungen. Ich bekam meine Hose und Jacke zur¸ck. Sie waren noch immer nass. Ich zog sie trotzdem an. “Kleines M‰dchen, h‰ttest du mir nicht eine Decke?” fragte ich Lisa.

“Eine Decke habe ich schon, Mister, aber klein bin ich nicht. Vielleicht sollt ich warten bis Sie das zur¸cknehmen, bevor ich Ihnen eine Decke hole.” Dabei lachte sie und machte sich auf den Weg. Sie brachte mir eine Decke und legte sie sogar liebevoll um meine Schultern. Was f¸r zwei s¸sse Kinder ich hatte. Sogar mit dreizehn war Lisa reif genug, um ¸ber sich selber lachen zu kˆnnen. Viele lernen das nicht einmal mit vierzig.

Ich h‰tte mich davon machen sollen, doch war ich nicht bereit die M‰dchen allein zu lassen. “Wie heissen Sie denn, meine kleine grosse Dame?”, fragte ich Lisa. “Lisa Carter ist mein Name.”, sagte sie hˆflich. Julia hatte sie gut gelehrt. Ich war froh sie gebrauchten nicht den richtigen Namen, denn zum Beispiel die Black Brothers h‰tten sie erkennen kˆnnen. Es war zwar nicht wahrscheinlich, dass die Black Brothers meine Familie treffen w¸rden, aber man konnte nie vorsichtig genug sein. Neuigkeiten reisten schnell in diesen Gegenden, und ein unbedachtes Wort konnte einen in Schwierigkeiten bringen.

“Sehr erfreut, Miss Carter. Ich bin Griz Caldwell.”

“Caldwell, oh so hat meine Grossmutter geheissen.”, sagte sie schnell, biss sich dann aber auf die Lippen. Solche Information gibt man nicht an einen Fremden weiter. Je weniger persˆnliche Daten man auss‰hte, desto besser. Ich sah das Lisa das verstand. Es war aber besser, dass sie diesen Fehler mit mir gemacht hatte, als mit einem wirklich Fremden.

“Haben sie Sara gerettet? Wie ist denn das alles gekommen?” Ich erz‰hlte ihr die ganze Geschichte in allen Einzelheiten. Ich liess nur aus, warum ich auf der andern Seite des Flusses gewesen war. Es verstand sich von selbst. Ich war ein Durchreisender und hatte am Fluss Halt gemacht und dabei gesehen, wie Sara in den Fluss gefallen war. Ich liess auch aus, wie sehr ich es genossen hatte, Sara auf meinem Schoss zu halten.

Sie schien meine Geschichte zu geniessen. Da sie ein gutes Ende hatte, war es auch verst‰ndlich. Sie sass da mit gespanntem Kˆrper und schien nochmal durch alles hindurch zu leben. Sie hˆrte mit offenem Munde zu, und nur ab und zu sagte sie “Oh” und “Ah”. Das war Lisa.

Auch Sara hˆrte gespannt zu, denn sie konnte sich nicht mehr an alles erinnern. Hie und da f¸gte sie hinzu, wie es von ihrer Perspective ausgesehen hatte. Sie konnte sich bis an den Moment erinnern, wo ich sie erreicht hatte und ihren Arm gepackt hatte. Von dort an war alles schwarz in ihrem Ged‰chtnis.

“Hab ich Sie nicht schon einmal gesehen?” fragte da Lisa. Ich erschrak. Ob sie mich erkannt hatte? “Waren Sie nicht im Saloon in Santa Fe?” Oh gut, von dort erinnerte sie sich also an mich. Ich war erleichtert. Ich war aufgefallen im Saloon, weil ich gleich beim Wirt stand. Es w‰re unn¸tz, es zu leugnen. “Ja, sagte ich, ich glaub, ich hab euch auch gesehen. Wart ihr nicht die, die von Billy Kane bel‰stigt wurden?”

“Ja, das waren wir.” Sie sagte nicht mehr. Sie hatte gelernt ihren Mund zu achten. Es w‰re schlecht gewesen, h‰tte sie herumerz‰hlt, dass Billy Kane tot war.

“Wie haben Sie ihre Narben gekriegt?”, fragte Lisa. Das war Lisa, unbek¸mmert, ohne Hemmungen, einfach gerade heraus mit der Frage.

“Im Duell”, sagte ich und senkte meinen Kopf. Es machte mich traurig, dass meine Narben so offensichtlich waren. Lisa bemerkte das sofort und versuchte mich zu trˆsten: “Es sieht nicht so schlimm aus, Mister, sie brauchen nicht traurig zu sein.”

“Es macht sie m‰nnlich und sie sehen z‰h aus”, f¸gte Sara hinzu, deren Herz sich gegen mich sehr erw‰rmt hatte in den letzten Minuten, besonders als sie die Geschichte ihrer Rettung erfuhr.

Da Lisa bemerkte, dass ich immer noch am Schmollen war, versuchte sie mich weiter aufzumuntern: “Ich mˆchte Ihnen noch danken, Mister, dass Sie meine Schwester gerettet haben. Es ist ja nicht selbstverst‰ndlich. Ich liebe sie n‰mlich und mˆchte sie nicht verlieren, obwohl wir uns hie und da necken.” Sie wartete auf eine Antwort.

“Oh gern geschehen, Miss Lisa. Ich konnte sie ja nicht ertrinken lassen.” sagte ich ausweichend. Ich hˆrte Pferdehufe von der Richtung, wo ich mit Sara hergekommen war. Es war Julia. Sie hing ¸ber ihrem Pferd und weinte bitterlich.

“Mama, Mama, ich war um dich besorgt”, schrie Lisa.

“Sara, Sara–tr‰ume ich oder hab ich meinen Verstand verloren. Sara–bist du das wirklich. Bist du ok? Fehlt dir nichts? Bist du nicht verletzt? Wie hast du es nur geschafft?” schrie Julia. Sara rann ihr entgegen und die beiden umarmten sich und k¸ssten sich und weinten. Sie schienen nicht genug voneinander zu bekommen. Besonders Julia wollte Sara einfach nicht loslassen.

Lisa war inzwischen auch hinzugerannt und nahm Teil an den Umarmungen und K¸ssen. Sogar mein hartes Herz wurde ger¸hrt und ich w‰re am Liebsten auch hingerannt. Eine Tr‰ne oder zwei rollten auch ¸ber meine Wangen.

Dann fingen die M‰dchen an zu erz‰hlen. Die Geschichte wurde immer aufgeblasener. Ich wurde als veritabler Held hingestellt. Ich hatte mein Leben riskiert, um ihres zu retten. Ich musste mit dem Fluss k‰mpfen. Ich ertrank beinahe selbst, als ich versuchte Sara die Bˆschung hinaufzubringen. Lisas Phantasie war heissgelaufen.

Nach einer Weile kamen sie n‰her und als Julia mich sah, erschrak sie. Sie erbleichte. Hatte sie mich erkannt? Was sonst ging durch ihren Kopf. Ich versuchte die Geschichte ein Bisschen realistischer zu machen und sagte: “Missis Carter, so dramatisch war es auch wieder nicht. Mein Leben war nie in Gefahr.”

Doch sie hˆrte mir gar nicht zu, stattdessen kniete sie bei mir nieder, nahm meine H‰nde in die ihren, und dankte mir ¸berschwenglich: “Oh wie kann ich Ihnen nur danken, Mister. Sie haben keine Ahnung, wie dankbar ich Ihnen bin. Ich glaubte schon, Sara verloren zu haben. Doch Sie haben sie gerettet. Ich weiss jetzt vom Geschehen, dass ich es nie h‰tte schaffen kˆnnen. Ich h‰tte Sara nicht selber retten kˆnnen. Ich h‰tte mein liebes Kind verloren.” Dabei fing sie nochmals an zu weinen. “Doch Sie haben sie gerettet, und ihr eigenes Leben gewagt.”

Sie sprach weiter und weiter bis es mir fast peinlich wurde. Es war so eine komische Situation. Da war meine Frau. Sie hielt meine H‰nde und war mir so nah und doch so fremd. Ich durfte ihr nichts zu erkennen geben. Ich durfte sie nicht merken lassen, wie famili‰r sie mir war, wie gut ich sie kannte, wie selbstverst‰ndlich es war, dass ich Sara gerettet hatte.

“Oh gn‰dige Frau, bitte beruhigen Sie sich. Ich hab doch nur getan, was nat¸rlich war.” Doch ich konnte sie nicht davon abbringen, mir noch ausf¸hrlicher zu danken. Jedesmal wenn ich etwas sagte, um mein Heldentum auf einen niedrigeren Stand zu setzen, fing sie von Neuem an, mir zu danken. So wurde ich still und sagte kein Wort mehr. Ich liess es einfach ¸ber mich ergehen.

Als sie sich beruhigte, sagte ich schnell: “Da ihr jetzt alle wieder zusammen seid, braucht ihr mich nicht mehr. Bitte entschuldigt mich, ich muss nach meinem Pferd schauen. Ich hab es einfach stehen gelassen.” Ich wollte weg und weitere umbequeme Fragen vermeiden.

“Oh, Mister nehmen Sie doch eins von unseren Pferden, dann m¸ssen sie nicht zu Ihrem Pferd laufen. Und kommen Sie doch zur¸ck, wir h‰tten sie gerne zum Essen hier.”

“Ja, bitte kommen sie zur¸ck, wir m¸ssen doch alles Jack und Stuart erz‰hlen” f¸gte Lisa hinzu. Sie schien das Drama in der ganzen Aff‰re zu geniessen.

Sara kam noch einmal zu mir und sch¸ttelte meine Hand mit einem dankbaren Blick, ohne etwas zu sagen. Mein Herz stand fast still. Oh wie ich sie liebte. Ich liebte sie alle, doch ich musste weg.

“Schon gut, Missis Carter, ein kleiner Spaziergang wird mir gut tun. Auf Wiedersehn. Ich hoffe wirklich euch wieder einmal zu treffen,” sagte ich aufrichtig und schritt schnell weg. Ich versuchte nicht zu hinken, obwohl meine H¸fte schmerzte, sonst h‰tten sie mich sicher zum Bleiben ¸berredet.

Ich fand mein Pferd wieder und sogar das Lasso hatte sich in ein paar Zweigen verfangen und war nicht den Fluss hinuntergeschwemmt worden. Nur meine H¸fte schmerzte noch. Ich konnte aber reiten. Morgen w¸rde es noch mehr schmerzen. Ich ritt am Fluss entlang. Ich wollte eine Campstelle finden. Als ich bei ihrem Camp vorbei kam, sahen sie mich und winkten ¸ber den Fluss. Ich winkte zur¸ck. Ich sah, dass Jack und Stuart, die mittlerweilen zur¸ckgekommen waren, drei H¸hner geschossen hatten. Ich freute mich mit Jack.

Ein Bisschen Fleisch h‰tte mir auch gut getan, doch mit meiner H¸fte wollte ich nicht weit. Ich wollte sowieso in ihrer N‰he bleiben, jedoch unbemerkt. Ich fand ein Camp am Fluss nicht weit von wo ich in den Fluss gesprungen war. Ich schnitt einen langen Stock, befestigte Schnur daran und am Ende der Schnur einen Fischhaken. Mit ein Bisschen Pferdehaar formte ich eine Fliege und band sie an den Haken. Im Nu hatte ich einige Forellen gefangen. Das w¸rde mein Dinner sein. Mein Schˆpfer hatte mich aus seiner Schˆpfung versorgt.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, in der Dunkelheit doch an ihr Camp anzuschleichen und zwar nah genug, um ihre Konversation zu hˆren. Im Besonderen wollte ich erfahren, was Julia ¸ber mich, das Narbengesicht, dachte. Das Gespr‰ch drehte sich auch sehr viel um mich, mit den Geschehnissen des Tages.

Ich erfuhr, dass sie glaubte, ich h‰tte die Indianerfrau geschickt. Sie glaubte auch, dass ich Billy Kane erschossen h‰tte. Und sie glaubte dass ich ihnen folgte, denn sie glaubte, dass ich ein Revolvermann war, der von Josh Custer geschickt worden war, um sie zu besch¸tzen. Sehr interessant, dachte ich.

Lisas Halstuch hatte ich noch immer nicht zur¸ckgegeben kˆnnen.