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Papa Hamlet by Arno Holz and Johannes Schlaf

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Papa Hamlet by Arno Holz and Johannes Schlaf - Full Text Free Book
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***
etext created by Norman Werner and proofed by William Fishburne

PAPA HAMLET

von Arno Holz/Johannes Schlaf

1889

I

Was? Das war Niels Thienwiebel? Niels Thienwiebel, der groŠe,
unĀbertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit
Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser mĄsten?...

"He! Horatio!"

"Gleich! Gleich, Nielchen! Wo brennt's denn? Soll ich auch die
Skatkarten mitbringen?"

"N...nein! Das heiŠt..."

--"Donnerwetter noch mal! Das, das ist ja eine, eine--Badewanne!"

Der arme kleine Ole Nissen wĄre in einem Haar Āber sie gestolpert.
Er hatte eben die KĀche passiert und suchte jetzt auf allen vieren
nach seinem blauen Pincenez herum, das ihm wieder in der Eile von
der Nase gefallen war.

"HĄ? Was? Was sagste nu?!"

"Was denn, Nielchen? Was denn?

"Schafskopp!"

"Aber Thiiienwiebel!"

"Amalie?! Ich..."

"Ai! Kieke da! Also dĒss!"

"HĄ?! Was?! Famoser Schlingel! Mein Schlingel! Mein Schlingel,
Amalie! HĄ! Was?"

Amalie lĄchelte. Etwas abgespannt.

"Ein Prachtkerl!"

"Ein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! Mein Teufelsbraten! HĄ!
Was, Amalie? Mein Teufelsbraten!"

Amalie nickte. Etwas mĀde.

"Ja doch, Herr Thienwiebel! Ja doch!"

Aber Frau Wachtel mĀhte sich vergeblich ab. Herr Thienwiebel, der
groŠe, unĀbertroffene Hamlet aus Trondhjem, wollte seinen Teufelsbraten
nicht wieder loslassen.

"HĄ, oller junge? HĄ?"

"In der Tat, Nielchen! In der Tat, ein... ein... Prachtinstitut!
Ein Prachtinstitut!"

"Hoo, hoo, hoo, hopp!! Hoo, hoo, hoo, hopp Bumm!!!"

Der groŠe Thienwiebel schwelgte vor Wonne. Er hatte sich jetzt
sogar auf ein Bein gestellt. Hinten aus seinem karierten Schlafrock
klunkerten die WattenstĀcken.

"Aber Thiiienwiebel!"--

II

"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im
GemĀt, die Pfeil' und Schleudern Des wĀtenden Geschicks erdulden,
oder...oder?... ScheuŠlich! Der groŠe Thienwiebel hielt wieder
inne.

"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!"

Die fĀnf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer
Waschleine zum Trocknen aufgehĄngt waren, hatten ihn wieder total
aus dem Konzept gebracht,

"Ekelhaft!"

Er hatte sich jetzt, die HĄnde in seinen Schlafrocktaschen vergraben,
erbittert vor das Fenster aufgepflanzt.

Der Himmel drĀben Āber den DĄchern war tiefblau; in den nassen
Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten
sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn.

"Armer Yorick!"

Noch um eine Nuance verdĀsterter hatte sich jetzt der groŠe
Thienwiebel wieder rĀcklings Āber das kleine, niedrige, mit blauem
Kattun Āberspannte Sofa geworfen und starrte nun Āber die Spitzen
seiner grĀnen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien
hinĀber.

Ihre dĀnnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke
schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natĀrlich wieder
offen; der kleine rote SpieŠbĀrger, den sie, auf ihr FuŠbĄnkchen
gekauert, nachlĄssig aus einem Gummischlauch sĄugte, sah auf einmal
hĄŠlich aus wie ein kleiner Frosch.

"Armer Yorick!"

Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine
Wanderung von vorhin wieder fort.

"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch
Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--"

Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine
kleine Pause zu machen.

Die Sonne drauŠen ging gerade unter. Die DĄcher sahen fuchsrot aus.
Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten lieŠ
ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen.

"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im GemĀt
Ae, Quatsch!!"

Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus
seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er
die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen
Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, beruŠten Handtuchs, einer Glaslampe
und einer Photographie des groŠen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand.

"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..."

Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa
zurĀckgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick
eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten
Schachtel schwedischer ZĀndhĒlzchen vor ihm unten auf dem FuŠboden
lag.

"VerwĀnscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn kĒnnte, Amalie! Aber
ich fĀrchte...ich fĀrchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug,
um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt
seines Weges dahingehn zu lassen!"

Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm
ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den
ganzen Schlauch zusammen.

"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch
immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! StĀmp'rr! 0
Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!"

jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn.

"Ja...es wĄre am Ende doch gut, wenn du einmal ..."

Ihre Stimme klang heiser, belegt.

"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und
Melancholie..."

Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie
leer.

"Ich werde selbst hingehn mĀssen und fĀrliebnehmen mit dem, was
man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht!
Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen hĄtte!"

Sein Tenor war jetzt Ābergeschnappt, er hatte sich wieder lang Āber
das Sofa zurĀckgeeselt.

GroŠe Pause...

Die DĄcher drauŠen hatten sich allmĄhlich braun gefĄrbt. Die Sonne
an dem groŠen runden Schornstein drĀben war verblichen.

Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an.

"Herr Gott, Niels! Ich muŠ ja inhalieren! Da, nimm doch mal das
Kind!"

"NatĀrlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reiŠe Possen wie kein
andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still,
Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so
verblĀfft gewesen.

"Da! Nimm's! Kau's! FriŠ! Verschluck's!"

Der groŠe Thienwiebel hatte es jetzt sogar Āber sich gewonnen, seinem
ungeratnen SprĒŠling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen.
Mehr war unmĒglich zu verlangen!

Amalie hatte unterdessen die OfenrĒhre aufgemacht und entnahm ihr
jetzt einen kleinen, grĀnglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei
duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine
Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die
FuŠbank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und
atmete das heiŠe Zeug langsam ein.

Der groŠe Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten
kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr
nachdenklich zu.

"Hm! WeiŠt du, Amalie?

"Hm??"

"WeiŠt du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind
zu nĄhren, Amalie!"

"Ach was!"

"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!"

"Aber..."

"VerlaŠ dich drauf! Eine unnatĀrliche, Amalie!"

"Ja, du lieber Gott..."

"Eine unnatĀrliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche
trĄnken!"

"Nich? Na, womit denn sonst?"

"Du selbst solltest es eben trĄnken!"

"Ich?"

"GewiŠ, Amalie!"

"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!".

"Nun! Warum nicht?"

"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?"

"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du
bist vĒllig gesund. Du bist vĒllig gesund, sag ich!...öbrigens:
Ein Kind kann ein fĀr allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter
selbst sĄugt!"

Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile
von vorhin schien er vĒllig vergessen zu haben. Er schien es sogar
nicht bemerkt zu haben, daŠ dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen
Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war.

"VerlaŠ dich drauf, Amalie! Ich sage, die natĀrlichste Methode
ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die
Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nĄhren ihre
Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei!
Gedeihen! Na?"

"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!"

Der groŠe Thienwiebel lĄchelte Āberlegen.

"Ja nun, du muŠt...hehe! Du muŠt mich eben verstehn, Amalie! He!"

Amalie hatte sich wieder tief Āber ihren Salbeitopf gebĀckt.

"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch
ein Beispiel, andeuten, daŠ das NatĀrlichste immer das VernĀnftigste
ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas
vor uns voraushaben sollten!"

"Aber sie sind gesund!"

"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, daŠ du krank bist!"

"Ich?"

"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..."

Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden.

"Ach was! LaŠ lieber das Kind nicht so schrein!"

"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet
das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesĀnder! Die Lungen weiten
sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst
trĄnken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europĄischen
Welt..."

Die Kultur Āberging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen,
die sie nun schon so oft zu hĒren bekommen hatte.

"So! So! Jawoll doch! GewiŠ! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt
man von Kaffee und Butterbrot! Ich mĒchte wissen, wie das arme Wurm
dabei gedeihen sollte!"

"Ha! Zu leben im SchweiŠ und Brodem eines eklen Betts, gebrĀht in
FĄulnis, buhlend und sich paarend Āber dem garst'gen Nest! Nicht
wahr? Du willst damit sagen, daŠ ich an unsrer Lage schuld bin,
Amalie!"

"Na! Etwa ich?"

"Weib!!"

"Moi'n!"

Die TĀr, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte,
wurde in diesem Augenblick weit aufgestoŠen, und herein, in seinem
ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau
gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine
fidele, blasse Gesichtchen gedrĀckt, tĄnzelte jetzt der kleine Ole
Nissen.

"Moi'n! Also laŠt euch nicht stĒren, Kinder! Bitte, bitte! Keine
UmstĄnde, Nielchen! Keine UmstĄnde! WeiŠ schon! Probiert 'ne neue
Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!"

Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen
und dabei wieder in einem Haar seine égypter verloren, die er schief
zwischen die ZĄhne geklemmt hielt.

"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trĀbselig den Hafendamm
runter. HĄ? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer
denn sonst? Der Kanalinspektor natĀrlich! Nobel verheiratet, Villa
in Bratsberg, no! etc. pp. KĒnnt euch ja denken! Schleift mich
also natĀrlich sofort zu Hiddersen und lĄŠt vorfahren... Na, oller
Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natĀrlich. Faul!...Hm!
WeiŠte was? KKĒnntest eigentlich meine Alte portrĄtieren!...Hm! Mit
JenuŠ, Kind! Mit JenuŠ! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand,
Rahmen also...HĄ! Was? Nobles Putthuhn!!"

Ole Nissen lieŠ jetzt die schĒnen, noblen Kronen in seinen Taschen
nur so klimpern.

"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!"

Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder
auf eine Weile verschoben.

"HĄ! Und dies? Ist das Butter? Und dies? HĄ? Ist das Schinken? HĄ?
Und dies? HĄ? Platz fĀr das Silberzeug! Silentium!!"

Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem HĄuschen...

Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgerĄumt und die Punschbowle
zu zwei Dritteln bereits geleert war, muŠte Frau Wachtel sogar noch
die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der groŠe
Thienwiebel hatte seinen tĀrkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine
égypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber
empĒrt von ihnen wieder in ihre KĀche zurĀckflĀchtete, Amalie
rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig
in ihr geworden.

"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!"

Der groŠe Thienwiebel stand da und weinte.

"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins
Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal
ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen
des NemeerlĒwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daŠich
dir schmeichle! Was fĀr BefĒrdrung hoff ich wohl von dir, der keine
Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nĄhren und zu kleiden
hat!"

Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt
hatte, zitterte.--

Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine ôlfunzel
brannte und die prachtvollen égypter um ihre grĀne Glocke einen
schĒnen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde
auch der kleine Ole Nissen gerĀhrt.

Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das
kleine, blaue KattunĀberzogene gedrĄngt und titulierte sie nur
noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre HĄnde zu fassen
bekommen und bedeckte sie nun mit seinen KĀssen.

Der groŠe Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine
HĄnde Āber sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd
ausschĀtten.

"Der Kreis hier weiŠ, ihr hĒrtet's auch gewiŠ, wie ich mit schwerem
TrĀbsinn bin geplagt!"

Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine
Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den
Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte
absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia
hĒrte ihn nicht. Sie war lĄngst in ihrer Sofaecke eingeschlafen.
Er schrie jetzt, als ob er am SpieŠe stak.

Der groŠe Thienwiebel hatte natĀrlich erst recht keine Zeit fĀr
den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch
seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem
Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder:

"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte,
mit weitlĄufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!"

III

Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der groŠe Thienwiebel,
ihm fehlte es an Galle...

Er hatte seit kurzem--er wuŠte nicht wodurch?--all seine Munterkeit
eingebĀŠt, seine gewohnten öbungen aufgegeben, und es stand in der
Tat so Ābel um seine GemĀtslage, daŠ die Erde, dieser treffliche Bau,
ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin,
die Luft, dieses majestĄtische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt:
kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe
von DĀnsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch
Vernunft! Wie unbegrenzt an FĄhigkeiten! In Gestalt und Bewegung
wie bedeutend und wunderwĀrdig im Handeln, wie Ąhnlich einem Engel;
im Begreifen, wie Ąhnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das
Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz
vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht.
Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte
ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania.
Armer Yorick!

Sterben, schlafen...vielleicht auch trĄumen?

Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse
RĀcksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen
lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen
AktschĀler unten in der Akademie den groŠen unĀbertrefflichen Hamlet
aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schĒnen,
langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war
freilich eine EntwĀrdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur genĀgte
es leider noch nicht.

Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich
mit einem Appetit, als hĄtte er eben vierundzwanzig Stunden lang
ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, Āber die groŠe SchĀssel
herstĀrzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt,
der Photographie des groŠen Thienwiebel grade gegenĀber, auf den
Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grĀn angelaufene,
dĀnne Kartoffelsuppe drin vor, in der hĒchstens hie und da noch ein
paar kleine, kohlschwarze SpeckstĀckchen schwammen. Armer Yorick!...

Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht
mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch groŠe Toilette
machen? Man war ja zu Hause.

"Nicht wahr, Thienwiebel?"

Der groŠe Thienwiebel hielt es fĀr unter seiner WĀrde zu antworten.
Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock
geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen
QuantitĄt halber, nicht mehr recht klunkern konnte.

Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig
rĀcklings Āber das kleine Blaukattunene geworfen.

"Oh, schmĒlze doch dies allzu feste Fleisch,
Zerging' und lĒst' in einen Tau sich auf!
Oder hĄtte nicht der Ew'ge sein Gebot
Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie
ekel, schal und flach und unersprieŠlich Scheint
mir das ganze Treiben dieser Welt!
Pfui! Pfui darĀber!"

Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige FuŠbank neben den
Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt
hatte, sah jetzt etwas verwundert in die HĒhe. Als aber der "arme
Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt,
sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem
Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig
unbehaglich zumut.

Eine Weile noch Āberlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich
entschieden. Ihre Stimme klang noch klĄglicher als sonst.

"Ich will nĄhen gehn, Niels."

"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wĄre
eine unverzeihliche VernachlĄssigung deiner heiligsten Mutterpflichten!"

Er war wieder empĒrt aufgesprungen.

"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang GedĄchtnis haust in
dem...zerstĒrten Ball hier!"

Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoŠen. Amalie fĀhlte
sich wieder beruhigt und biŠ jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle...

"Herein?"

Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch fĀr den Kleinen.

Der groŠe Thienwiebel hatte es sich nicht versagen kĒnnen, ihn auf
den Namen Fortinbras taufen zu lassen.

"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein MĄuseken! Oh!"

Sie fand nĄmlich, daŠ Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas
nachlĄssig oblag, und gestattete sich Ēfters eine kleine Kontrolle.

Frau Rosine Wachtel war nĄmlich im Besitze eines guten Herzens. Und
das muŠte wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergoŠ jedesmal
TrĄnen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu
gefĄhrlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt,
und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft
ein StĀck Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden
versichern...

"Ach, du WĀrmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb
jestochen!"

Die gute Frau Wachtel war ganz gerĀhrt. Aber plĒtzlich, aus
irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil drauŠen auf dem Flur eben
jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch
fĀr besser, sich schnell noch mal nach ihrer KĀche umzusehn...

Der groŠe Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr
runder, trivialer RĀcken endlich hinter der TĀr verschwunden war,
weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich verspĀrte, war
jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen Āber der Kommode
zugetreten, aus dem ihm nun sein schĒner, edelgeformter Apollokopf
melancholisch zunickte.

"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich
zuletzt sah!"

Amalie bekĀmmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren groŠen
Gatten.

"Armer Freund!"

War das sein Haar? Sein schĒnes, berĀhmtes, blauschwarzes Haar? Eine
grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt,
es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene WĒlbung
majestĄtischer Gedanken, fiel es ihm nun in StrĄhnen, dick und
feist, wie sie selber, diese schale, engbrĀstige Zeit.

"Armer Freund!"

Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte,
genĀgend prĄpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen
nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer
Āber zwei StĀhle gestellt war.

"Armes kleines Menschenkind! Welch bĒser Stern verdammte dich in
dieses Elend!"

Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte.

"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze
Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten!
Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen,
daŠ du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst,
die deinen Talenten gebĀhrt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns
allen. Der angebornen Farbe der EntschlieŠung wird des Gedankens
BlĄsse angekrĄnkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
durch diese RĀcksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung
Namen!"

Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er
sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten.

Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt.

"Niels, ich will doch lieber nĄhen gehn!"

"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich
nicht davon!"

Amalie war wieder beruhigter denn je.

Ihr schĒnes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle.
Der groŠe Thienwiebel, der einigermaŠen aus seinem Konzept gekommen
war, hatte jetzt einige MĀhe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare,
den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen
Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten SaffianrĀcken,
nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte
BĀndelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit Āber kaum zu mucksen
gewagt.

"Ich weiŠ... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das
starke Gift bewĄltigt meinen Geist! Ich kann von England nicht
die Zeitung hĒren; doch prophezei ich, die ErwĄhlung fĄllt auf
Fortinbras... Du lebst; erklĄre mich und meine Sache den Unbefriedigten!"

Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte
seinen groŠen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hĒren.

"Den Unbefriedigten"

Der Regen drauŠen, der die braunen DĄcher drĀben schon seit
frĀhmorgens wie mit Glanzlack Āberzogen hatte, plĄtscherte, aus
dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natĀrlich wieder
den Wasserkasten zu hĄngen vergessen hatte, war er jetzt allmĄhlich
sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene
gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden
angebrannten SchwefelhĒlzchen bereits in aller GemĄchlichkeit
rundherum Gondel fahren.

PlĒtzlich schien den groŠen Thienwiebel wieder mal irgend etwas
unversehens gestochen zu haben.

"Amalie! Amalie!"

"Was denn schon wieder, Thienwiebel!"

Sie hatte sich nicht einmal umgesehn.

"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz auŠergewĒhnliche
FĄhigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhĄlt sich
ordentlich mit mir!"

Amalie grunzte nur verdrieŠlich.

"Ich wette, man kann ihm schon die AnfangsgrĀnde des Sprechens
beibringen, Amalie!"

"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..."

Der kleine, gute Fortinbras wuŠte sich jetzt vor lauter Verdutztheit
gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken HĄndchen
rechts und links in den Korbrand gekrallt und Ąhte nun, seinen Kopf
nach hinten zurĀckgelegt, seinen groŠen Papa ganz vergnĀgt an.

"Nicht Ą, mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... "

"Ach, laŠ doch! Das kann er ja noch nich!"

Amalie hatte es endlich doch fĀr angezeigt gehalten, sich ins Mittel
zu legen.

"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht!
DafĀr ist er mein Junge! HĄ? Bist du mein Junge? HĄ?"

"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!"

"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein
du wirst doch vorhin bemerkt haben, daŠ er durchaus verstand, was
ich meinte!"

Amalie gĄhnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja
alles egal! So oder so!

Der groŠe Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte
seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen.

Nein, gewiŠ, Amalie! Der Junge berechtigt zu den besten Hoffnungen!"

Ach...

"Nun! Was ist denn da so UngewĒhnliches dabei, Amalie? Du weiŠt:
es gibt mehr. Ding' im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit
sich trĄumt, Amalie!"

Amalie gĄhnte nur wieder.

"...und nun, ihr Lieben,
Wofern ihr Freunde seid, MitschĀler, Krieger,
GewĄhrt ein Kleines mir!"

Sie gewĄhrten es ihm.

Es war wirklich zu schĒn von dem groŠen Thienwiebel! Aber er
hatte sich jetzt tief Āber seinen kleinen, sĀŠen Fortinbras, der zu
so groŠen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh,
zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio!
wieder auf die kleine bleiche Stirn kĀssen.

Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurĀckgetaumelt,
noch ehe er seine schĒne Tat zum Austrag gebracht hatte.

"Ha!"

Seine Augen rollten, seine FĄuste hatten sich geballt, die beiden
roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor
EntrĀstung.

"Ha!"

Das RĄtsel von der alten, lieben, guten, geschĄftigen Frau Wachtel
von vorhin hatte sich glĄnzend gelĒst.

Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber
der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergnĀgt mitten in
seinen weitlĄufigen Besitzungen da.

IV

Seit die schĒne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genĄht,
endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich
nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei
dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche
bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine
"Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens
hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen
Visite drauŠen vergeblich an den neuen, schĒntapezierten WĄnden
gesucht. öbrigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man
schien eben nicht bloŠ in Christiania allein undankbar zu sein.

Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine égypter mehr, keine "Mieze"
mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natĀrlich am
meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmĒglich verdenken.
Von aufgeweichten Brotkrusten lieŠ sich nicht satt werden.

Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr groŠer
Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nĄmlich die niedliche kleine
Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade
Modell stand, und da sie hierfĀr wirklich auch nicht das mindeste
VerstĄndnis besaŠ, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefaŠt.

Ihr gutes Herz zu betĄtigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu
wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls
mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort
schlieŠlich rauskommen muŠte, konnte man sich ja an den Fingern
abzĄhlen.

Der alte, alberne Kerl flĒzte sich den ganzen Tag auf dem Sofa
rum und trieb Faxen, das faule, schwindsĀchtige Frauenzimmer hatte
nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das biŠchen blaue Milch zu
geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach,
du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten
gehabt hĄtte...

--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm
an BefĒrderung! Im SchoŠ des GlĀckes? Oh, sehr war! Sie ist eine
Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom
war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der StĒŠ'
und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen
diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie
er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba!

In der Tat, es lieŠ sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich
zu bedauern, der groŠe Thienwiebel!

Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht
erstaunlich? War's zu glauben? War's mĒglich? War's nur durch
Angewohnheit, die den Schein gefĄll'ger Sitten Āberrostet, war's
öbermaŠ in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt
immer wieder auf sie zurĀck: auf nichts, auf Hekuba!

Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen?
Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit
BĀbereien...nicht doch, mein FĀrst!! Die Mausefalle? Und wie das?
Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du
kamst gewiŠ zu meiner Mutter Hochzeit!

Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde
ausbrĀtet, eine Gottheit, die Aas kĀŠt...Armer Yorick!

Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--

Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit
einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen
nĄhen nannte, lieŠ alles getrost Āber sich ergehen. Es hatte ja
keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.

Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da
Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen
andern geliebten GegenstĄnden kĀrzlich auch noch seine schĒnen
leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er
jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage Āber in seinem Bett zu liegen
und durch die dĀnnen BretterwĄnde durch die ganze Wirtschaft mit
anzuhĒren.

"Ha! BĀberei! Auf, laŠt die TĀren schlieŠen! Verrat! Sucht, wo er
steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! LaŠ die Hand von meiner
Gurgel! Kennst du diese MĀcke?!"

Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der
SchweiŠ brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.

Der groŠe Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben!
Alle Nachmittag Punkt fĀnf Uhr versĄumte er es jetzt nie, sogar
seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbĄrmlicher
als seine eigene, aber sie besaŠ dafĀr den Vorzug, daŠ man aus ihrem
Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach
klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die
verschwiegenen Brandmauern mehrerer HinterhĄuser genoŠ. Ein kleines
anspruchsloses PflaumenbĄumchen, dessen verkrĀppelte éstchen von
Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollstĄndigte das Idyll.
Der arme kleine Ole spĀrte die verhĄngnisvolle Zeit schon immer
eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der groŠe Thienwiebel
beliebte es dann nĄmlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm
anzuknĀpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren,
daŠ dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin
arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.

"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner MajestĄt
gefĄllt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schĒpfen.
LaŠt die Rapiere bringen."

Die "Rapiere" waren zwei LeiterstĀcken, die man zusammenlegen und
von drauŠen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.

Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natĀrlich
stets damit, daŠ man sie auch richtig einhakte und an ihnen
hinabkletterte.

"Hic et ubique! éndern wir die Stelle!"

Dann war man in "HelsingĒr" und promenierte auf der "Terrasse". Der
groŠe Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock
und Unterpantalons.

Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der
Terrasse zwischen elf und zwĒlf besuch ich Euch ... Nicht wahr?
Ihre...seid ein--FischhĄndler?!"

Scham, wo war dein ErrĒten!

Der arme, kleine Ole wuŠte zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich
er verrĀckt, oder Nielchen.

Aber er hĄtte sich nicht so zu hĄrmen brauchen. Der groŠe Thienwiebel
wuŠte nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er
war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind sĀdlich war, konnte
er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.

Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm
eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben,
guten Frau Wachtel doch unmĒglich zutrauen durfte, daŠ sie ihn noch
lĄnger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle kĒstlicher
Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schĒnen
Tages auf die groŠartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben
Welt voll MĀh' nach und nach fĀr wirklich Ābergeschnappt auszugeben.

"Ha! Heisa Junge! Komm, VĒgelchen! Komm! Ich MuŠ nach England; wiŠt
Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine
Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib Ąngstigen
wĀrde.

Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schĒne
Dame! Nicht nur mein dĀstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte
Tracht von ernstem Schwarz, noch stĀrmisches Geseufz beklemmten
Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen!
WeglĒschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene tĒrichten
Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei
Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine
besondere Vorsehung Āber dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft
sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, daŠ ich leichter zu spielen
bin als ein FlĒte? Nennt mich, was fĀr ein Instrument ihr wollt!
Ihr kĒnnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."

Ha! Was? Ein kĒnigliches BubenstĀck!

Dem kleinen Fortinbras schien dieses kĒnigliche BubenstĀck am
wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein
groŠer Papa manchmal sogar schlieŠen zu dĀrfen, daŠ er noch nicht
einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.

Am auffĄlligsten zeigte sich dies aber regelmĄŠig dann, wenn es
sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der
"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem
Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so groŠen
Hoffnungen berechtigenden SĒhnchens verkĀmmern zu lassen.

Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja!
Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen?
Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den
Unbefriedigten erklĄren...Den Unbefriedigten!...

Sobald er daher nur irgendwie merkte, daŠ der kleine Ole nebenan
wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal
ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute,"
eine Zeitlang wieder "unschĄdlich" gemacht waren, ging der Tanz
los.

Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plĒtzlich wie abgefallen
von dem groŠen Thienwiebel.

Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den
armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"

"HĒhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder
zahm!"

Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich
wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende
Ophelia verbummelt hatte, seinen groŠen Zeh in den Mund gestopft
und sog nun, daŠ es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen
nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst lieŠen ihn
heute augenscheinlich noch kĄlter als sonst.

EmpĒrt hatte sich jetzt der groŠe Thienwiebel wieder in die HĒhe
gerĀckt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock
zuzubinden hatte er natĀrlich wieder vegesssen.

"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem grĒŠten Erstaunen, Fortinbras
ist stĒrrisch!"

Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige FuŠbank der Trikottaillien
wegen zu ihrem groŠen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen
mĀssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel fĀr heute einzufĄdeln.
Sie hatte wieder so lange inhalieren mĀssen...

"StĒrrisch?"

"Wie ich dir sage, Amalie! StĒrrisch!"

"Ach, nich doch!"

"Amalie? Ich sage dir noch einmal- stĒrrisch! Fortinbras ist
stĒrrisch. StĒr-risch!!"

"Ach, red doch nich! Wie soll er denn stĒrrisch sein!"

"Amalie?!"

Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.

"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage!
Du miŠtraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hĄtte mir das denken
kĒnnen! Sag's doch lieber gleich! Wozu die UmstĄnde! Du bedauerst,
daŠ ich mich nicht noch schneller aufreibe!"

Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden.
Mitten im Sommer.

"NatĀrlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die
Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit
mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mĒgen unterdes
zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen,
Amalie! HĒrst du? Ich werde es dir beweisen, daŠ Fortinbras stĒrrisch
ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel!
A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte,
Amalie! Der LĀmmel brĀllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten
wird! Er ist stĒrrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still
sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"

Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plĒtzlich etwas aufmerksamer
geworden.

"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"

"GewiŠ will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein!
Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte ZĀchtigung..."

"Niels!?"

"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer
Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"

"GewiŠ, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun,
was du Lust hast? Du gehĒrst ja in die VerrĀcktenanstalt! Wie kann
man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so maltrĄtieren?! Wie kann
man es schlagen !"

"Amaaalie!!"

War's mĒglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!

"Amaaalie!!!..."

V

"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus
gab kalte HochzeitsschĀsseln. E--doch, um auf der ebenen HeerstraŠe
der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf HelsingĒr?"

Der groŠe Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen HeerstraŠe
der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole groŠ machen
auf HelsingĒr? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder
pinseln! Das rentierte sich. nĄmlich famos, weiŠt du!

Abel GrĒndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen:
Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-,
Schnupf- und Kautabak-etc. pp. HĄ? Was? Noble PutthĀhner!!

Die schĒnen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die
prachtvollen égypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die
verteufelte kleine Mieze lieŠ die arme, liebe, alte, gute Frau
Wachtel kaum mehr vom SchlĀsselloch wegkommen.

Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort
drinnen zu sehn gab. Die vielen weiŠen SalbentĒpfe, in die die
Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwĀrdig groŠen
Maurerpinsel, die der geschĄftige' kleine Ole kaum zu dirigieren
vermochte, die schĒnen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man
jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen
auch jener groŠe, geheimnisvolle, grĀne Wandschirm dicht neben dem
Ofen, hinter dem sich immer die schĄndliche, kleine Mieze versteckt
hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel
auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung
als Zimmervermieterin so zufrieden gefĀhlt. Die drĀckendsten alten
RĀckstĄnde waren wieder ausgeglichen, fĀr die dĒsigen Thienwiebels
brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der
liebe Herrgott!

Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn
zurĀckverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige,
was ihr so schlieŠlich noch vom Leben Ābriggeblieben war, war ihr
Salbeitopf.

Ihr groŠer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte
man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's daŠ sie
umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter fĀr ihren
Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende
Truppe gewesen, und der groŠe Thienwiebel hatte sich zu degradieren
gefĀrchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz
und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hieŠ! Denn...e...jeder
Mensch hat Neigung und Beruf!

Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras.
Seine ZĄhnchen hatten ihm seinen schĒnen Gummipfropfen ganz verleidet.
Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.

Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem kĀnftigen
Beruf, seinen groŠen Vater den Unbefriedigten zu erklĄren, schien
ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines ZĀngchen war dick
belegt, seine HĄndchen sahen weiŠ wie Kuchenteig aus, er schlief
jetzt oft ganze Tage lang.

Nur heute abend war er auffallend munter.

Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal,
der merkwĀrdig groŠe Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in
die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloŠ noch'n
biŠchen Streupulver!

Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die
sich zu den Mannsleuten rechnete, saŠ dem kleinen Ole vis-a-vis,
der groŠe Thienwiebel prĄsidierte. Die groŠartige Gans mitten auf
dem Tisch in deren knusprigen PrachtrĀcken er eben energisch seine
blitzende Bratengabel gestoŠen hatte, roch durch das ganze kleine
Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf
wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke
wie auf einem PrĄsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte
heute ihr "Seidnes". an.

"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie franzĒsische
Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel!
Den mach ich zum Gespenst, der mich zurĀckhĄlt!...Ha! Seid Ihr
tugendhaft, schĒne Dame?"

"Thienwiebelchen?"

Der kleine Ole , der sich eben Āber seinen pompĒsen FlĀgel hergemacht
hatte, blinzelte vor EntzĀcken. Die kleine Mieze war heute mal
wieder ordentlich zum Anknabbern!

"Thienwiebelchen?!"

Das reizende GrĀbchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht
zur Geltung.

"Thienwiebelchen? Es gibt was!"

Aber der groŠe Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter
sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fĀhlte sich wieder durchaus
auf der HĒhe der Situation.

"Meint Ihr, ich hĄtte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schĒner Gedanke,
zwischen den..."

"Nielchen!!"

Der kleine Ole hat es fĀr die hĒchste Zeit gehalten.

Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt
und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.

"Putthuhn Nro. 25!"

Sein schĒnes JubilĄum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser
werden.

"Putthuhn Nro. 25!"

Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor VergnĀgen. Die beiden kleinen,
silbernen Ringe in ihren OhrlĄppchen blitzten, ihr StumpfnĄschen
sah wie aus Marzipan aus.

"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte
ausgelassen mit ihm angestoŠen.

Frau Wachtel rĄusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben
etwas geklemmt.

"Etwas--etwas SoŠe gefĄllig, Frau Thienwiebel?"

Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles
egal. So oder so.

Ihr groŠer Gatte drĀben suchte eben wieder einzulenken.

"Nun, nun, schĒne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem
toten Hund ausbrĀtet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde HĒlle! Wer
ist, des Gram so voll Emphase tĒnt?!"

Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben Āber
den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen
und lag nun in kleine StĀcke zerbrĒckelt unten auf den schmutzigen
Dielen.

Ha, mĒrdrischer, blutschĄndrischer, verruchter DĄne! Trink diesen
Trank aus! Ich will den Wanst ins nĄchste Zimmer schleppen!"

Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder
auf ihren Teller klappen lassen.

"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"

Sie war aufgesprungen und bĀckte sich jetzt zierlich Āber den
plumpen Korbrand.

"0 mein ZuckerpĀppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines
Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"

Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den SchoŠgesetzt
und kĀŠte ihn nur so.

"Auch was haben, Dickerchen?" KuŠ!--"Auch was haben, Dickerchen?"
KuŠ! KuŠ, KuŠ, KuŠ, KuŠ!!

Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt.
Er zappelte jetzt, daŠ es nur so eine Art hatte. Er lachte aus
vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...Ąh! Grrr...Ąh!"

Der groŠe Thienwiebel saŠ da. Die Weste unten aufgeknĒpft, die
Augenbrauen tragisch in die HĒhe gezogen.

"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe
seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so
spitzfindig, daŠ der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"

Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm
jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine
Hausmutter aus.

"Na, Dickerchen?"

Auch Frau Wachtel machte jetzt groŠe Augen. Amalie pappte.

"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts
haben! Wie?--Aber das lĄŠt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach,
bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das biŠchen Biskuit
da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"

Frau Thienwiebel erhob sich schwerfĄllig und brachte das Verlangte.

Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing
nun an, den kleinen Fortinbras damit zu fĀttern. Von ihrem Teller,
auf dem neben den drei gebratenen épfeln nur noch ein paar kleine
fettriefende HautstĀckchen lagen, naschte sie kaum.

Der kleine Fortinbras stĒhnte vor Behagen.

"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"

Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig Āber den Tischrand gebogen.
Sein SchnurrbĄrtchen duftete nach chinesischer Tusche.

"Nein! Nein! Nu sieh doch bloŠ, Dickerchen! Wie es dem Balg
schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"

Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu TrĄnen gerĀhrt. Und wenn
sie bis zu TrĄnen gerĀhrt war, vergaŠ sie es auch nie, von ihrer
verstorbenen Pflegetochter zu erzĄhlen. Und das kam ziemlich oft
vor.

"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"

Frau Thienwiebel kaute.

Frau Wachtel beschrieb jetzt ausfĀhrlich die Krankheit des Engels,
und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheiŠen und war
dabei so himmlisch geduldig gewesen.

"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie trĒstete
mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"

Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drĀckte
es sich nun abwechselnd in die Augen.

"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich
ja zum lieben Gott!"

Sie weinte jetzt, daŠ ihr die TrĄnen nur so auf ihr Seidnes kullerten!

Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem
Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine,
niedliche FĀŠchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben
auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia
gestoŠen.

Er war ordentlich rot darĀber geworden.

"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"

Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.

"Grrr...grrr...grrr..."

Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und
den blonden LĒckchen Āber ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem
Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!

"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"

Seine HĄndchen hatten jetzt in die HĒhe gegrapscht, die kleine
Mieze lieŠ von ihm ihre StirnlĒckchen zausen.

"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloŠ! Nu sieh doch bloŠ!"

Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut Ābergossen.

"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt,
Dickerchen! Wie?"

Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel Āber ihn gebĀckt. Ihr
Taschentuch lag wieder sauber ausgefĄltelt auf ihrem SchoŠ, sie
kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.

"Ach, mein Putteken! Ach, mein MĄuseken! Hab'n se dir so lange
hungern lassen!"

Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.

Amalie tunkte gerade ihre SoŠe auf.

Der groŠe Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rĀcklings in seinen
Stuhl zurĀckgelehnt und starrte jetzt, die HĄnde in den Hosentaschen,
erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen
zitternd an die Decke malten.

Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!

Der Rest war Schweigen ...

Endlich war alles wieder abgerĄumt. Frau Wachtel, die nicht Skat
spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer
zweiten Lampe wieder hinten in ihre KĀche zurĀckgerettet, Amalie
kauerte wieder auf ihrem FuŠbĄnkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich
noch nachtrĄglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.

Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und
man hatte nichts mehr nachzulegen. Der groŠe Thienwiebel, dessen
Schlafrock mit der Zeit aufgehĒrt hatte, skatfĄhig zu sein, hatte
sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt.

"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!"

"Passez, Nielchen!"

"Dito, Tienchen!"

"Was denn, SchĄfchen?"

"Na, wird's bald?"

"Ah so!--Da, SchĄfchen!"

"Na, endlich!"

Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht
hatte, mit spitzen Fingern angefaŠt und zog jetzt ein Gesicht, als
ob ihr der Rauch lĄstig g wĄre. Sie wuŠte, daŠ ihr das lieŠ! Es
hatte auch sofort den Erfolg, daŠ ihr Dickchen einen KuŠ mauste.

"Nein doch! So eine UnverschĄmtheit!"

Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoŠen.

"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?"

"Sehr wohl, schĒne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was
wĄre da zu fĀrchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft."

Der kleine Fortinbras war jetzt vollstĄndig vergessen. "Voll Speis'
und Trank in seiner SĀnden MaienblĀte" lag er jetzt wieder "sicher
beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun
trĀbselig drĀben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um
die grĀne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht ĀbermĄŠig
oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete GlĀck
heute hatte ihn ganz sehnsĀchtig nach dem Lichte dort gemacht. Der
SchoŠ, der Zuckerkringel, die LĒckchen...er hatte wieder zu quĄken
angefangen.

Amalie rĀhrte sich nicht. Der Bengel wollte bloŠ immer genommen
sein. Sie hatte schon an einmal genug.

"Coeur Trumpf, Nielchen!"

"Ihr sagtet?"

"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!"

"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! UnmĒglich, bei diesem verwĀnschten
Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du
infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!"

"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!"

"Ach was, SchĄfchen! LaŠ doch!"

Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun.

Amalie, die auf ihrer kleinen FuŠbank schon wieder halb eingenickt
war, blinzelte kaum. Der groŠe Thienwiebel war vor einer zweiten
Ohrfeige sicher.

Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb
gestellt und brĀllte nun wĀtend auf das arme, kleine BĀndelchen
ein.

"Willst du still sein, du--Lausbub!?"

Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen.
Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen
wollte.

"Aber...Das ist doch wirklich unerhĒrt!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm,
du! Warte!"

Er prĀgelte ihn jetzt, daŠ es nur so klitschte. Als aber auch das
nichts half, riŠ er das Kopfkissen unter ihm vor und preŠte es
ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen
Augenblick vollstĄndig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten.

Aber der groŠe Thienwiebel hatte noch nicht genug.

"Nichtsnutziger Patron!"

Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrĀckt.

Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor érger
war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich Ąngstlich geworden.

"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!"

"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!"

Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der groŠe Thienwiebel
nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine
Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann
aber sofort wieder von neuem an.

"Ole!"

EmpĒrt war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche
Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt.

"Ole! Das leidst du?"

"Ach was! Er weiŠ es ganz gut, der LĀmmel! Er soll nicht schreien!
Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!"

"Pfui! Ole, komm! LaŠ den alten"--Pavian.

"Pa...Pa...Pa..."

Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn.

"... Pavian?!!!"

Endlich war der groŠe Thienwiebel wieder zu sich gekommen!

"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!"

Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hĒrte er
sie drauŠen durch die KĀche tappen; dann, endlich, war nebenan bei
ihnen die TĀr zugefallen.

Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten
das kleine blaugewĀrfelte Kopfkissen. DrĀben, in der Ofenecke,
die reizende Ophelia.

"Da! Nymphe!!"

Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert.

VI

Seit ihr zweiter, unliebenswĀrdiger Gatte ihr vor ungefĄhr fĀnf
Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerĀckt war,
hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr
auszustehn gehabt.

Nicht bloŠ, daŠ seine StiefelabsĄtze noch Āberall auf dem Sofa
deutlich zu sehn waren, nicht bloŠ, daŠ das Fensterkreuz von den
dĄmlichen LeiterstĀcken, die jetzt natĀrlich zerbrochen unten auf
deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze
Tapete von oben bis unten mit ôlfarben bekleckst! Der vermaledeite
knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine
schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja!

Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack
nicht schon lĄngst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die
verrĀckten Thienwiebels gewesen wĄren. Aber die holte ja der Satan
nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr!

Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz auŠer sich. Aber sie
hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte
sich in der Tat nicht entblĒdet, ihr mit Hinterlassung einiger
alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmĒglich zulieŠen,
daŠ man sie sich Ābers Sofa hing, auszukneifen.

"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die
Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe
schĒner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!"

Aber der groŠe Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu
machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel
verlangte jetzt energisch ihre Miete.

Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles
bezahlt war:--raus!!

Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, daŠ ein
Schlaf das Herzweh und die tausend StĒŠe endet, die unsres Fleisches
Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wĀnschen'...Ja! dies
war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--bestĄtigte es die Zeit!
Armer Yorick! ...

Der groŠe Thienwiebel fĀhlte, daŠ es jetzt zu Ende war mit seiner
Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine
ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "LaŠt
mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ...

Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrĀnen Leibrock
zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel
umher.--"Ha! Tot?! FĀr 'nen Dukaten, tot?!"

...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstĀck!
Er brauchte jetzt kaum mehr die NĄchte nach Hause zu kommen. Er
schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen!
Leute! Leute? Pah, StĀmp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie
sorgten fĀr die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin
etwas öbernatĀrliches! Wenn die Philosophie es nur hĄtte ausfindig
machen kĒnnen! ...

Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der groŠe Thienwiebel
kam nie dahinter.

Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken
verirrt. Mehrere SacktrĄger waren bereits seine DuzbrĀder geworden.
Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits
mehrere Male nachdrĀcklich gekrĄht hatte, kam er jetzt selten mehr
die Treppen in die HĒhe gestolpert.

Amalie nĄhte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte
sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia
in ihr war jetzt endgĀltig begraben. FĀr alle Zeiten!...Ihre Brust
war noch schwĄcher geworden ...

Dem kleinen Fortinbras ging es noch jĄmmerlicher. Sein ganzes
Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein
SchĄchtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch
noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt
hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden.

Der groŠe Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze
Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekĀrzte
Chronik des Zeitalters.

VII

ZwĒlf! ...

ErschĒpft hatte sie sich wieder auf ihrem FuŠbĄnkchen zurĀcksinken
lassen. Der Ofen hinter ihr war eiskalt. Durch ihre Nachtjacke
durch fĀhlte sie deutlich seine Kacheln Sie frĒstelte!

Die letzten TĒne drauŠen brummten und zitterten noch, das kleine
Talglicht, das in eine leere, grĀne Bierflasche gesteckt dicht vor
ihr auf dem umgekippten Kistchen mitten zwischen dem NĄhzeug stand,
knitterte in der KĄlte.

Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras hatte sich
drĀben in seinem Korb wieder unruhig auf die andere Seite gewĄlzt.
Sein Atem ging rasselnd, stoŠweis, als ob etwas in ihm zerbrochen
war.

DrauŠen auf das Fensterblech war eben wieder ein Eiszapfen geprasselt.
Dicht davor, unterm Bett, jetzt deutlich das scharfe Nagen einer
Maus.

ZwĒlf!

Sie hatte ihr NĄhzeug wieder fallen lassen. Ihre Finger waren krumm
zusammengezogen, sie konnte sie kaum noch aufkriegen. Um die NĄgel
herum waren sie blau angelaufen. Sie hauchte jetzt in sie hinein. Ihr
Atem brodelte sich staubgrau um das kleine, zitternde FlĄmmchen.
Eine verspĄtete Fliege, die dicht neben dem schwarzen Docht
in den kleinen, runden Talgkessel drunter gefallen war, verkohlte
langsam. Ab und zu knisterte es

"Halt ihn! Halt ihn! Hilfe!! Hilfe!!"

Erschreckt war sie zusammengefahren.

Sie sah jetzt auf. Ihr schlaffes, weiŠes Gesicht war noch stupider
geworden.

"Hierher! Hierher! Hilfe!!"

Der gelbe Lichtklecks vor ihr lieŠ jetzt das Zimmer dahinter noch
dunkler erscheinen. Nur vom Fenster her durch das eckige Loch in
der Bettdecke, von drauŠen, das matte Schneelicht.

"Hilfe! Hilfe!!"

Sie war aufgesprungen und ans Fenster gestĀrzt. Das kleine Talglicht
hinter ihr war erloschen. Es war umgekippt und lag jetzt unter dem
NĄhzeug.

"WĄchter!! WĄchter!! Halt ihn!! Jonas! Jonas!!"

An allen Gliedern bebend hatte sie jetzt die alte Bettdecke in
die HĒhe gerafft und suchte nun durch die wirbelnden Schneeflocken
drauŠen unten auf die StraŠe zu sehn. Ihre ZĄhne klapperten vor
Frost, die Schere, die sie noch fest in der Hand hielt, klirrte im
Takt gegen die Scheibe.

Ein paar Dachgiebel hoben sich blaugrau drĀben aus der Dunkelheit
ab. Irgendwo in einem Fenster flimmerte noch ein Licht.

"Hurra! Papa Svendsen! Moi'n, oller junge! Prost Neujahr!!"

Sie atmete auf. Es hatte laut gelacht. Jetzt: eine barsche Stimme,
ein Stock, der schnell noch eine Jalousie herunterrasselte, die
ganze Gesellschaft war wieder um die Ecke.

Eine kleine Weile noch horchte sie.

Ab und zu von den DĄchern, polternd, der Schnee, in der Ferne,
leise, ein SchlittenglĒckchen.

Sie hatte die Decke wieder fallen lassen.--

Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt
schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht.

Sie tappte sich auf den Tisch zu.

Gegen die Kante stieŠ sie. Ein FlĄschchen war umgeklirrt, es roch
nach Spiritus. Das ZĀndholzschĄchtelchen hatte jetzt geraschelt,
es flackerte auf! Sie leuchtete Āber den Tisch hin. Der schmale
Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand
auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr.

Jetzt ein leises SprĀhn und Knistern, der Docht hatte gefangen.
öber ihr, groŠ an der Decke, ihr Schatten.

Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras stĒhnte.

Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel
des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drĀckte
sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme
hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie
waren eng aneinandergepreŠt. Sie zitterte Āber den ganzen KĒrper!
Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin.
Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten
vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte.

Das LĄmpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen,
die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer Āber
die Decke und ein StĀck Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das
Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne
reichte bis Āber die Decke.

"Brrr...Ae!"

Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte
sich hastig unter das Deckbett gekuschelt.

Die weiŠen Lichtringe fluteten und fluteten, das ôl auf dem Tisch
knatterte leise, ein kleines FĀnkchen war eben von seinem Docht
abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse.

Unter dem Deckbett drĀben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer
Stelle sah noch ihr Unterrock vor ...

"Still, Hund!...Ae!"

Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke
Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wĀtend drĀben
in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die TĀr hinter
ihm war drĒhnend ins SchloŠ gekracht.

"Niels!!"

Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur HĄlfte
den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre
Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben,
ihr Haar hing in StrĄhnen um ihr Gesicht.

"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!"

Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock
runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen Āber der Kommode, gegen das
er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert
auf dem blinkernden Wachstuch.

"Na, wird's bald?!"

Der kleine Fortinbras jappte nur noch.

"Na?!...Dein GlĀck, Kanaille!..."

Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem
Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war naŠ gegen die
Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln.

"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplĄrren...KĒnnte
mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!"

Das Schnarchen nebenan hatte aufgehĒrt. Es schubberte jetzt deutlich
gegen die TĀr.

"Ob du gepackt hast?!"

"Nein, Niels...ich.."

Sie stotterte!

Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte,
genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie nĄher! Heute
geht's ja woll noch!"

Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer Āber die weiŠe Decke
geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den
Tisch gebĀckt.

Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen.

"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!"

Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepreŠt und weinte.

"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n biŠchen! Das ist ja deine Force!
Weiter kannste ja woll nischt!"

Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch
herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war
umgekippt.

"NatĀrlich! Keen Fippschen mehr! FĀr deine Schwind sucht hast du
ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob
es Poten saugt, uund friŠt ein'm die Haare vom Kopp runter!"

Er hatte sich seine FĄuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte
nun im Zimmer auf und ab.

"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!"

Er hatte mit dem FuŠ in die kleine, hohle Kiste mit dem NĄhzeug
gestoŠen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis
unters Bett gekullert.

"LĄcherlich!"

Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoŠen. "LĄcherlich!!...Wirst
du still sein?!!"

Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen.

"Bestie!"

Mit einem Satz war er auf den Korb zu.

"Bestie!!"

Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten.

"Alberne KomĒdie!"

Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine FĄuste
waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt.

"Alte Heulsuse!"

Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer
geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten
ZĄhne auf.

"Ae!!"

öber seinen RĀcken war ein FrĒsteln gelaufen.

"So'ne KĄlte!"

Er rĀckte sich jetzt gerĄuschvoll den Stuhl zurecht.

"So'ne KĄlte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne
Wirtschaft!"

Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten
auf den Tisch unter das Geschirr geflogen.

"Na?! WiIlste so gut sein?!"

Sie drĀckte sich noch weiter gegen die Wand.

"Na! Endlich!"

Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte
er anbehalten.

"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!"

Er reckte und dehnte sich.

"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!"

Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewĄlzt. Die Decke von
ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloŠ
da.

Das NachtlĄmpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehĒrt.

Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzĄhligen LichtpĀnktchen
wie ĀbersĄt. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schrĄg gegen das Glas
aufgeblĄttert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich
die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand,
Ābers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren
schwarzen, rechteckigen Schatten.

Der kleine Fortinbras rĒchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen
angefangen.

"So'n Leben! So'n Leben!"

Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich,
weinerlich.

"Du sagst ja gar nichts!"

"Sie schluchzte nur wieder.

"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..."

Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerĀckt.

"Is ja noch Platz da! Was drĀckste dich denn so an die Wand! Hast
du ja gar nicht nĒtig!"

Sie schĀttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmĄhlich
Āber das ganze Bett hin verbreitet.

"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch
von so'ner alten Hexe rausschmeiŠen lassen! Reizend!! Na, was macht
man nu? Liegt man mor gen auf der StraŠe!...Nu sag doch?"

Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrĀckt. Ihr
Schluchzen hatte aufgehĒrt, sie drehte ihn den RĀcken zu.

"Ich weiŠ ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag
doch!"

Er war jetzt wieder auf kann zugerĀckt.

"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!"

Er lag Jetzt dicht hinter ihr.

"Ich kann Ja auch nicht dafĀr!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch
wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schlĄfst
doch nicht schon?"

Sie hustete.

"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind!
Dies viele NĄhen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich
sag's ja!"

Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen.

"Du--hĄttest--doch lieber,--Niels.."

"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich hĄtt's annehmen sollen! Ich
hĄtt' ja spĄter immer noch...ich seh's ja ein! Es war unĀberlegt!
ich hĄtte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!"

"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?"

"Ach Gott, ja, aber...aber, du weiŠt ja! Er hat ja auch nichts!
Was macht man nu bloŠ? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!"

Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen.

"Ach Gott! Ach Gott!."

Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte!

"Ach Gott! Ach Gott!!"

Der dunkle Rand des Glases oben quer Āber der Decke hatte wieder
unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf,
schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen.

"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder
auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin!
Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in
die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf.

Durch das dumpfe Gegurgel drĀben war es jetzt wie ein dĀnnes,
heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wĀhlte es, der ganze
Korb war in ein Knacken geraten.

"Sieh doch mal nach!!"

"NatĀrlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch
der Deuwel holte! ..."

Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren.

"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!"

Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die
Schatten oben Āber die Wand hin schaukelten.

"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae,
Schweinerei!"

Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an
den Unterhosen ab.

"So'ne KĄlte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's
doch! Na?!"

Der kleine Fortinbras jappte!

Sein KĒpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte
es jetzt verzweifelt nach allen Seiten.

"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!"

"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!"

"Ach was! Anfall!--- Da! FriŠ!!"

"Herrgott, Niels..."

"FriŠ!!!"

"Niels!"

"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! "

"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn bloŠ?! Er,
er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!"

Sie war unwillkĀrlich zurĀckgeprallt. Seine ganze Gestalt war
vornĀber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den
Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl.

"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!"

"Niels!!!"

Sie war rĀcklings vor ihm gegen die Wand getaumelt.

"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?"

Ihre beiden HĄnde hinten hatten sich platt Āber die Tapete gespreizt,
ihre Knie schlotterten.

"K--lopft da nicht wer?"

Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten Āber ihm
pendelte, seine Augen sahen jetzt plĒtzlich weiŠ aus.

Eine Diele knackte, das ôl knisterte, drauŠen auf die Dachrinne
tropfte das Tauwetter.

Tipp...............................................
...............Tipp .....................................

... Tipp .............................................

................. Tipp..................................
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Acht Tage spĄter balancierte der kleine, buckelige BĄckerjunge
Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle,
dichtverschneite SeveringĄŠchen nach dem Hafen runter. Die Witterung
hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen
blau aus.

"Heil dir, Svea! Mutter fĀr uns alle!"

Es hatte gerade fĀnf geschlagen. Vor dem neuen, groŠen Schnapsladen
an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln
waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee
geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder
aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits
drĀben am Jakobiplatz mit beiden HĄnden an die groŠe, dick beeiste
Glocke gehĄngt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache
alarmierte. Jesus! Jesus!!

Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte
er, daŠ der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen
zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin
grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrĀnen
FrackschĒŠen sah noch die Flasche.

Wohlan, eine pathetische Rede!

Es war der groŠe Thienwiebel.

Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war?

Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! VerlaŠ dich
drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so!

Book of the day: