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Oberon Christoph Martin Wieland

Part 5 out of 5

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Ins Ohr ihr flüstre?"--Still! da kommt mir was zu Sinn,
Ruft Fatme aus: Ihr sollt ihr einen Mahneh schicken!
Geht nur, die Blumen, die uns nöthig sind, zu pflücken;
In dieser Sprache bin ich eine Meisterin.

34
Und Hassan eilt, wie Fatme ihm befohlen,
Ein Myrtenreis, und Lilien, und Schasmin,
Und Rosen und Schonkilien herzuhohlen.
Drauf heißt sie ihn ein Haar aus seinen Locken ziehn,
Nimmt dünnen goldnen Draht, und windet
Und dreht das Haar mit ihm zusammen, bindet
Den Strauß damit, und drein ein Lorberblatt,
Worauf er A und H, verschränkt, gekritzelt hat.

35
Nun, spricht sie, wenn ich's noch mit Zimmetwasser netze,
So ist's der schönste Brief, den je ein Herzensdieb
Von eurer Art an seine Liebste schrieb.
Wollt ihr, daß ich's geschwind euch übersetze?
Verliere keine Zeit, ruft Hüon, tausend Dank!
Du kannst nicht bald genug mir eine Antwort bringen;
Die Liebe schütze dich und laß' es dir gelingen!
Geh, wir erwarten dich auf dieser Rasenbank.

36
Die gute Fatme ging. Allein, weil ihr kein Zimmer
Im innern Theil des Harems offen stand,
So lief der Strauß durch manche Sklavenhand,
Und ward zuletzt (wie sich der Zufall immer
In alles ungebeten mischt)
Durch einen Irrthum von Nadinen aufgefischt,
Und ihrer Königin, nachdem sie erst durch Fragen
Das Wie und Wann erforscht, frohlockend zugetragen.

37
Weil Fatme diesen Brief gebracht,
Die Sklavin Ibrahims, so konnte der Verdacht
Auf keinen andern als den schönen Hassan fallen;
Und daß er aus des Harems Schönen allen
Der Schönsten gelten muß, scheint eben so gewiß,
Zumahl nach dem was jüngst sich zugetragen.
Was könnte denn das A und H sonst sagen,
Als--Hassan und Almansaris?

38
Und hätte sie, wiewohl es nicht zu glauben,
Auch eine Nebenbuhlerin;
Nur desto mehr Triumf für ihren stolzen Sinn,
Der Feindin mit Gewalt die Beute wegzurauben!
Die Eifersucht, die dieß auf einmahl rege macht,
Vereinigt sich mit andern sanftern Trieben,
Nicht länger als bis auf die nächste Nacht
Den schönen Sieg, nach dem sie dürstet, zu verschieben.

39
Indessen kommt, entzückt von ihres Auftrags Glück,
Und ohne Argwohn, hintergangen
Zu seyn, fast athemlos, mit glühend rothen Wangen
Vor Freud' und Hastigkeit, die Amme nun zurück.
Ihr Blick ist schon von fern als wie ein Sonnenblick
Aus Wolken, die sich just zu theilen angefangen.
Herr Ritter (raunt sie ihm ins Ohr) was gebt ihr mir,
So öffnet heute noch sich euch die Himmelsthür?

40
Mit Einem Wort, ihr sollt Amanden sehen!
Noch heut, um Mitternacht, wird euch die kleine Thür
Ins Myrtenwäldchen offen stehen:
Der Sklavin, die euch dort erwartet, folget ihr
Getrost wohin sie geht, und fürchtet keine Schlingen;
Sie wird euch unversehrt an Ort und Stelle bringen.
Das gute Weib, dem nichts von Arglist schwant,
Verläßt sich auf den Weg, den sie ihm selbst gebahnt.

41
"Wie hoch, o Fatme! bin ich dir verbunden!
Ruft Hüon aus--Ich soll sie wiedersehn!
Noch diese Nacht! Und wär's, durch tausend Wunden
Unmittelbar von Ihr in meinen Tod zu gehn,
Kaum würde weniger die Nachricht mich erfreuen!"
Mein bester Herr, ich habe guten Muth;
Die Sterne sind uns hold, ihr werdet sie befreyen,
(Spricht Scherasmin) und alles wird noch gut!

42
Gebt mir drey Tage nur, um heimlich eine Pinke
Zu miethen, die nicht fern in einer sichern Bucht
Vor Anker liegen soll, bereit, beym ersten Winke,
So bald der Augenblick zur Flucht
Uns günstig wird, frisch in die See zu stechen.
Noch läßt's das Kästchen uns an Mitteln nicht gebrechen;
Nur Gold genug, so ist die Welt zu Kauf;
Ein goldner Schlüssel, Herr, schließt alle Schlösser auf!

43
Indeß daß unser Held die Zeit von seinem Glücke
Mit Ungeduld an seinem Pulse zählt,
Und, weil sein Puls mit jedem Augenblicke
Behender schlägt, sich immer überzählt,
Seufzt, nicht geduldiger, die reitzende Sultane,
Gerüstet schon zum Sieg, die Mitternacht herbey.
Gefällig bot der Zufall ihrem Plane
Die Hand, und machte sie von allen Seiten frey.

44
Ein großes Fest, der schönen Zoradinen
Zu Ehren im Palast vom Sultan angestellt,
Wobey die Odalisken all' erschienen,
Gab ihr in ihrem Theil des Harems offnes Feld.
Daß sich Almansaris für überflüssig hält
Bey dieser Lustbarkeit, schien keinem ungebührlich:
Im Gegentheil, man fand das Kopfweh sehr natürlich,
Das, wie gebeten, sie auf einmahl überfällt.

45
Die Stunde ruft. Der schöne Gärtner nahet
Sich leise durchs Gebüsch der kleinen Gartenthür.
Wie klopft sein Herz! Ihm fehlt der Athem schier,
Da eine weiche Hand im Dunkeln ihn empfahet,
Und sanft ihn nach sich zieht. Stillschweigend folgt er ihr,
Mit leisem Tritt, bald auf bald ab, durch enge
Sich oft durchkreuzende lichtarme Bogengänge,
Und nun entschlüpft sie ihm vor einer neuen Thür.

46
Wo sind wir? flüstert er und tappt mit beiden Händen.
Auf einmahl öffnet sich die Thür. Ein matter Schein
(Wie wenn sich, zwischen Myrtenwänden
Mit Efeu überwölbt, in einem Frühlingshain
Der Tag verliert) entdeckt ihm eine Reihe Zimmer
Die ohne Ende scheint; und, wie er vorwärts geht,
Wird unvermerkt das matte Licht zu Schimmer,
Der Schimmer schnell zum höchsten Glanz erhöht.

47
Er steht betroffen und geblendet
Von einer Pracht, die alles, was er ie
Gesehn, beschämt; so sehr ist Gold und Lapis Lazuli,
Und was Golkond und Siam reiches sendet,
Mit stolzer Üppigkeit hier überall verschwendet.
Doch unbefriedigt sucht sein liebend Auge--Sie.
Wo ist Sie? seufzt er laut. Kaum ist sein Ach! entflogen,
So wird, in einem Blitz, ein Vorhang weggezogen.

48
Zu beiden Seiten rauscht der reiche Goldstoff auf,
Und welch ein Schauspiel zeigt sich seinen starren Blicken!
Ein goldner Thron, und eine Dame drauf,
So wie ein Bildner sich, verloren in Entzücken,
Die Liebesgöttin denkt. Zwölf Nymfen, jede jung
Und voller Reitz, wie Amors Schwestern, schweben
In Gruppen rings umher,--um, gleich der Dämmerung,
Den steigenden Triumf der Sonne zu erheben.

49
Von rosenfarbner Seide kaum
Beschattet, schienen sie, zu ihrer Dame Füßen,
Wie Wölkchen, die in einem Dichtertraum
Um Cythereens Wagen fließen.
Sie selbst, im reichsten Putz und mit Juwelen ganz
Belastet, zeigt ihm bloß, daß all dieß bunte Funkeln
Nicht fähig ist, den angebornen Glanz
Von ihrer Schönheit zu verdunkeln.

50
Herr Hüon, (der sich nun der Gärtner Hassan nennt)
So wie sein Auge sich zu ihr erhebt--erkennt
Almansaris, erschrickt, verwirrt sich, wankt zurücke.
Dieß allverblendende wollüst'ge Traumgesicht,
Was soll es ihm?--Er sieht Amanden nicht!
Sie suchte hier sein Herz, Sie suchten seine Blicke.
Almansaris, die sehr verzeihlich irrt,
Glaubt, daß ihr Glanz allein ihn blendet und verwirrt.

51
Sie steigt vom Thron herab, kommt lächelnd ihm entgegen
Und nimmt ihn bey der Hand, und scheint bereit, für ihn
Die Majestät, vor der ihm schwindelt, abzulegen,
Und allen Vortheil bloß von ihrem Reitz zu ziehn.
Unmerklich wird ihr Anstand immer freyer;
In ihren Augen brennt ein lieblich lodernd Feuer
Und spielt elektrisch sich in seinen Busen ein;
Sie drückt ihm sanft die Hand, und heißt ihn fröhlich seyn.

52
Halb unentschlossen scheint sein Blick ihr was zu sagen:
Sie winkt die Nymfen weg, und weg ist auch sein Muth;
Er scheint zu furchtsam nur die Augen aufzuschlagen.
Die Scene ändert sich. Ein zweyter Vorhang thut
Sich auf. Almansaris führt ihren blöden Hirten
In einen andern Sahl, wo rings umher die Wand
Bekleidet war mit Rosen und mit Myrten,
Und mit Erfrischungen ein Tisch beladen stand.

53
Beym Eintritt werden sie mit Sang und Klang empfangen,
Aus Saiten und Gesang ertönt der Freude Geist;
Und Hassan setzt, wie ihm's die Dame heißt,
Ihr gegenüber sich. Erröthendes Verlangen
Und schöne Ungeduld bekennet, furchtsam dreist,
In ihrem schwimmenden Blick, auf ihren glühenden Wangen,
Ihm seinen Sieg: allein, aus seinen Augen bricht
Wie aus Gewölk ein traurig düstres Licht.

54
Zwar irrt, nicht blöde mehr, sein Blick von freyen Stücken
Auf ihren Reitzungen umher;
Doch nicht aus Liebe, nicht mit schmachtendem Entzücken,
Nicht, wie sie wünscht, vom Thau wollüst'ger Thränen schwer.
Er ist zerstreut, er scheint sie zu vergleichen,
Und jeder Reitz, der ihm nachstehend sich enthüllt,
Mahlt nur lebendiger Amandens edles Bild,
Und muß, beschämt, dem keuschen Reitze weichen.

55
Vergebens reicht sie ihm den blinkenden Bokal
Mit einem Blick, der Amors ganzen Köcher
In seinen Busen schießt. Beym frohsten Göttermahl
Reicht ihrem Herkules den vollen Nektarbecher
Mit süßerm Lächeln selbst die junge Hebe nicht.
Umsonst! Mit frostigem Gesicht
Nimmt er den Becher an, den kaum ihr Mund berührte,
Und trinkt, als ob er Gift auf seiner Zunge spürte.

56
Die Dame winkt; und schnell schlingt sich die Schwesterschaar
Der Nymfen, die vorhin den goldnen Thron umgaben,
In einen Tanz, der Todte auf der Bahr'
Mit neuen Seelen zu begaben,
Und Geister zu verkörpern fähig war.
In Gruppen bald verweht, bald wieder Paar und Paar,
Sieht Hüon hier die lieblichsten Gestalten
In tausendfachem Licht freigebig sich entfalten.

57
Vielleicht zu deutlich nur, scheint alles abgezielt
Begierden ihm und Ahnungen zu geben:
Er fühl' es immerhin, denkt sie, wenn er nur fühlt,
Wie reich das Schauspiel ist das hier die Schönheit spielt!
Wie reitzend ist der Arme leichtes Schweben,
Der Hüften üppiger Schwung, der Knöchel wirbelnd Beben!
Wie schmachtend fallen sie, mit halb geschloßnem Blick,
Als wie in süßen Tod itzt stufenweise zurück!

58
Unwillig fühlt die überraschten Sinnen
Der edle Mann in dieser Gluth zerrinnen.
Er schließt zuletzt die Augen mit Gewalt,
Und ruft Amandens Bild zum mächt'gen Gegenhalt;
Amandens Bild, aus jener ernsten Stunde,
Als er, den Druck noch warm auf seinem Munde
Von ihrem Kuß, zu Dem, der die Natur
Erfüllt und trägt, den Eid der Lieb' und Treue schwur.

59
Er schwöret ihn, aufs neue, in Gedanken
Auf seinen Knie'n vor diesem heil'gen Bild:
Und plötzlich ist's als hielt' ein Engel seinen Schild
Vor seine Brust, so matt und kraftlos sanken
Der Wollust Pfeile von ihr ab.
Almansaris, die Acht auf alles gab
Was ihr sein Blick verrieth, klopft schnell in ihre Hände,
Und macht in einem Wink dem üpp'gen Tanz ein Ende.

60
Und ob sie gleich mit Müh kaum über sich gewann,
Dem marmorharten jungen Mann
In ihren Armen nicht Empfindung abzuzwingen,
Versucht sie doch noch eins, das schwerlich fehlen kann:
Sie läßt sich ihre Laute bringen.
Auf ihrem Polstersitz mit Reitz zurück gelehnt,
Und, zum Bezaubern fast, durch ihre Gluth verschönt,
Was wird ihr durch die Gunst der Musen nicht gelingen?

61
Wie rasch durchläuft in lieblichem Gewühl
Der Rosenfinger Flug die seelenvollen Saiten!
Wie reitzend ist dabey aus ihrem offnen weiten
Rückfallenden Gewand der schönen Arme Spiel!
Und, da aus einer Brust, die Weise zu bethören
Vermögend war, das mächtige Gefühl
Sich in Gesang ergießt, wie kann er sich erwehren
Auf seinen Knie'n die Göttin zu verehren?

62
Süß war die Melodie, bedeutungsvoll der Sinn.
Es war das Lied von einer Schäferin,
Die lange schon ein Feu'r, das keine Rast ihr gönnet,
Verbarg--doch nun dem allgewalt'gen Drang
Nicht länger widersteht, und dem, der sie bezwang,
Erröthend ihre Pein und seinen Sieg bekennet.
Das Lied stand zwar im Buch; allein, so wie sie sang,
Singt keine, die nicht selbst in gleichen Flammen brennet.

63
Hier weicht die stolze Kunst der siegenden Natur;
So lieblich girrt der Venus Taube nur!
Die Sprache des Gefühls, so mächtig ausgesprochen,
Der schönen Töne klarer Fluß
Durch kleine Seufzerchen so häufig unterbrochen,
Der Wangen höhers Roth, des Busens schnellers Pochen,
Kurz, alles ist vollströmender Erguß
Der Leidenschaften, die in ihrem Innern kochen.

64
Im Übermaß von dem was sie empfand
Fällt ihr zuletzt die Laute aus der Hand.
Die Arme öffnen sich--Doch, Hüon, dem es graute,
Greift eilends noch im Fallen nach der Laute
Wie ein Begeisterter, und stimmt mit mächt'gem Ton
Die Antwort an, gesteht, daß eine andre schon
Sein Herz besitzt, und daß im Himmel und auf Erden
Ihn nichts bewegen kann ihr ungetreu zu werden.

65
Fest war sein Ton, und unbestechlich streng
Sein edler Blick. Die Zaubrerin, wider Willen,
Fühlt seine Obermacht. Sie blaßt, und Thränen füllen
Ihr zürnend Aug'; die Lust kommt ins Gedräng
Mit ihrem Stolz. Sie eilt sich zu verhüllen;
Verhaßt ist ihr das Licht, der weite Sahl zu eng:
Mit einem kalten Blick auf ihren
Rebellen, winket sie, ihn schleunig abzuführen

66
Die Gipfel glänzten schon im ersten Purpurlichte,
Als unser Held, die Stirn in finstern Gram
Gehüllt, zurück zu seinen Freunden kam.
Erschrocken lasen sie in seinem Angesichte
Beym ersten Blick die Hälfte der Geschichte.
Unglückliche, spricht er zu Fatmen, die vor Scham
Zur Erde sinkt, wohin war dir dein Sinn entflogen?
Doch--dir verzeih' ich gern--du wurdest selbst betrogen.

67
Und als er drauf, was ihm in dieser Nacht
Begegnet war, erzählt, faßt er den guten Alten
Vorn an der Brust, und schwört: ihn soll die ganze Macht
Von Afrika nicht länger halten,
Mit Schwert und Schild, wie einem Rittersmann
Geziemt, in den Palast zu dringen,
Und seine Rezia dem Sultan abzuzwingen.
Du siehst nun, spricht er, selbst, was ich mit List gewann!

68
Zu seinen Füßen fleht ihm Scherasmin, und lange
Vergebens, nur drey Tage noch dem Zwange
Der nöthigen Verborgenheit
Sich in Geduld zu untergeben,
Und nicht durch einen Schritt, den selbst die Tapferkeit
Verzweifelt nennt, sein und Amandens Leben
Zu wagen; bittet nur um diese kurze Zeit,
Um jedes Hinderniß von seiner Flucht zu heben.

69
Auch Fatme fleht auf ihren Knieen, streckt
Ihr Haupt der Rache dar, wofern sie zu Amanden
Ihm binnen dieser Frist den Zugang nicht entdeckt.
Sie schwört, zum zweyten Mahl soll kein Betrug zu Schanden
Sie machen--Kurz, der Ritter selber fühlt,
Daß ihm sein Unmuth nicht den besten Weg empfiehlt:
Er giebt sein Wort, und kehret in den Garten
Zurück, um seines Diensts und des Erfolgs zu warten.


Zwölfter Gesang.

1
Indessen sucht auf Polstern von Damast
Almansaris, mit Amors wildstem Feuer
In ihrer Brust, umsonst nur eine Stunde Rast.
Ist's möglich, oder hat das schnöde Abenteuer
Der letzten Nacht ihr nur geträumt? Ein Mann
Verachtet dich, Almansaris? Er kann
Dich sehen und für eine andre brennen,
Kann dich verschmähn, und darf es dir bekennen?

2
Zur Wuth treibt der Gedanke sie;
Sie schwört sich grenzenlose Rache.
Wie häßlich wird er ihr! Ein Ungeheu'r, ein Drache
Ist lieblicher, als ihre Fantasie
Den Undankbaren mahlt--Wie lang'?--In zwo Minuten
Ist sie des vorigen sich schon nicht mehr bewußt:
Bald soll er tropfenweis' im Staub vor ihr verbluten,
Bald drückt sie ihn entzückt an ihre Brust.

3
Nun steht er wieder da in seiner ganzen Schöne,
Der erste aller Erdensöhne,
Ein Held, ein Gott!--Unmöglich ist er nur
Der Neffe Ibrahims; in seinem ganzen Wesen,
In seinem Ton und Anstand ist die Spur
Von dem, was er umsonst verbergen will, zu lesen;
Wo ist der Stempel der Natur,
Der einen König macht, sichtbarer je gewesen?

4
Er, er allein, ist ihrer werth,
Ist werth in ihrem Arm sich zu vergöttern.
Und, o! ihr fehlt ein Blitz, die Feindin zu zerschmettern
Die ihn bezaubert hält und ihr den Sieg erschwert!
Doch, wie, Almansaris? Fühlst du dich selbst nicht besser?
Gönn' ihm den kleinen Stolz, sich pfauengleich zu blähn
In seinem Heldenthum! Selbst Dir zu widerstehn!
Das alles macht doch nur die Lust des Sieges größer!

5
Bestürm' ihn erst, eh' du den Muth verlierst,
Mit jedem Reitz, auf den sich wahre Schönheit brüstet;
Begieb, damit du ihn um so viel sichrer rührst,
Der fremden Waffen dich, womit die Kunst uns rüstet;
Er fühl' und seh' was Götter selbst gelüstet!
Und wenn du dann sein Herz noch nicht verführst,
Er dann dich noch verschmäht--dann, Königin, erwache
Dein Stolz, und schaffe dir die süße Lust der Rache!

6
So flüstert ihr aus einer Zofe Mund
Der kleine Dämon zu, den ihr, mit vollem Köcher,
Gebietrisch sitzen seht auf diesem Erdenrund!
Der alle Welt aus seinem Zauberbecher
Berauscht, und den, wer ihn nicht besser kennt,
Zur Ungebühr den Gott der Liebe nennt!
Denn--jeder jungen unerfahrnen Dame
Zur Nachricht sey es kund!--Asmodi ist sein Nahme.

7
Almansaris, in deren warmem Blut
Schon ein Verführer schleicht, ist gegen den Betrüger
Von außen, weniger als jemahls auf der Hut;
Sein Anhauch nährt und fächelt ihre Gluth,
Und kaum daß sie, zur Zier, dergleichen thut
Als widerstände sie, so ist Asmodi Sieger.
Die Zofe Schmeichlerin, sein würdiges Organ,
Legt den Entwurf sogleich mit vieler Klugheit an.

8
O! raubet nun dem Blitz die Feuerschwingen,
Ihr Stunden, ihn herbey zu bringen,
Den süßen Augenblick! Zu langsam schleichet ihr
(Wie schnell ihr eilt!) der lechzenden Begier!
Doch--Sie ist's nicht allein, die jetzt Sekunden zählet:
Auch Hüon überlebt, von Ungeduld gequälet,
Den trägen Gang der drey verhaßten Tage kaum,
Und wachend und im Schlaf ist Rezia sein Traum.

9
Der zweyte Morgen war dem sehnlichen Verlangen
Der Haremskönigin nun endlich aufgegangen;
Goldlockig, schön und rosenathmend stieg
Er, wie der Herold, auf, der ihr den schönsten Sieg
Verkündigte; schon säuselt durch die Myrten,
Die, dicht verweht, der Grotten schönste gürten,
Ein leichter Morgenwind, und tausendstimmig schallt
Der Vögel frühes Kor im nah gelegnen Wald.

10
Doch um die Grotte her ist unterm Myrtenlaube
In ew'ger Dämmerung das Heiligthum der Ruh.
Hier girret nur die sanfte Turteltaube
Dem Tauber ihre Sehnsucht zu.
In diesen lieblichen Gebüschen,
Dem dunkeln Sitz verborgner Einsamkeit,
Pflegt öfters sich zur stillen Morgenzeit
Almansaris mit Baden zu erfrischen.

11
Der anmuthsvolle Morgen rief
Den schönen Hassan auf, indeß noch alles schlief,
Die Blumenkörbe voll zu pflücken,
Die er an jedem Tag dem Harem zuzuschicken
Verbunden war: als ihm ein Sklav' entgegen lief,
Und keuchend ihm befahl die Grotte aufzuschmücken.
Der Neger fügt, zur Eil' ihn anzuspornen, bey,
Daß eine Dame dort zu baden Willens sey.

12
Verdrossen geht Herr Hüon auszurichten
Was ihm befohlen war. Er füllt mit bunten Schichten
Von Blumen, Florens ganzem Schatz,
Den größten Korb, und eilt zum angewiesnen Platz.
Fern ist's von ihm, der Sache mißzutrauen.
Allein, beym Eintritt in die Grotte fällt auf ihn
Ein dumpfes wunderbares Grauen,
Und ein verborgner Arm scheint ihn zurück zu ziehn.

13
Betroffen setzt er seine Blumen nieder;
Doch faßt er Augenblicks sich wieder
Und lächelt seiner Furcht. Das zweifelhafte Licht,
Das unter tausendfachem Flittern
In diesem Labyrinth mit sichtbar'm Dunkel ficht,
Ist ohne Zweifel Schuld an diesem kind'schen Zittern,
Denkt er, und geht getrost, bey immer hellerm Schein,
Mit seinem Blumenkorb ins Innerste hinein.

14
Hier herrscht ein Tag wie zu verstohlnen Freuden
Die schlaue Lust ein Zauberlicht sich wählt,
Nicht Tag nicht Dämmerung; er schwebte zwischen beiden,
Nur lieblicher durch das, was ihm zu beiden fehlt;
Er glich dem Mondschein, wenn durch Rosenlauben
Sein Silberlicht zerschmilzt in blasses Roth.
Der Held, wiewohl ihm hier noch nichts gefährlichs droht,
Erwehrt sich kaum, bezaubert sich zu glauben.

15
Was er am wenigsten sich überreden kann,
Ist, daß man hier, wo alles um und an
Von Blumen strotzt, noch Blumen nöthig hätte.
Doch, wie sein Auge nun auf allen Seiten irrt,
O wer beschreibt, wie ihm zu Muthe wird,
Da ihm auf einem Ruhebette
Sich eine Nymf' aus Mahoms Paradies
Im vollen Glanz der reinsten Schönheit wies!

16
In einem Licht, das zauberisch von oben
Wie eine Glorie auf sie herunter strömt,
Und, durch die Dunkelheit des übrigen erhoben,
Mit ihres Busens Schnee die Lilien beschämt;
In einer Lage, die ihm Reitzungen entfaltet
Wie seine Augen nie so schön entschleiert sahn;
Mehr werth als alles was zum Farren und zum Schwan
Den Jupiter der Griechen umgestaltet.

17
Die Gase, die nur, wie ein leichter Schatten
Auf einem Alabasterbild
Sie hier und da umwallet, nicht verhüllt,
Scheint mit der Nacktheit selbst den Reitz der Scham zu gatten.
Weg, Feder, wo Apell und Tizian
Bestürzt den Pinsel fallen ließen!
Der Ritter steht, und bebt, und schaut bezaubert an,
Wiewohl ihm besser war die Augen zuzuschließen.

18
In süßem Irrthum steht er da
Und glaubt, doch nur zwey Augenblicke,
(So schön ist was er sieht) er sehe Rezia.
Allein, mit Recht mißtrauisch einem Glücke
Das ihm unglaublich däucht, tritt er ihr näher, sieht,
Erkennt Almansaris, und wendet sich und flieht;
Er flieht, und fühlt im Fliehn von zwey elastisch runden
Milchweißen Armen sich gefangen und umwunden.

19
Er kämpft den schwersten Kampf, den je seit Josefs Zeit
Ein Mann gekämpft, den edlen Kampf der Tugend
Und Liebestreu' und feuervollen Jugend
Mit Schönheit, Reitz und heißer Üppigkeit.
Sein Will' ist rein von sträflichem Entzücken;
Allein, wie lange wird er ihrem süßen Flehn,
Den Küssen voller Gluth, dem zärtlich wilden Drücken
An ihren Busen, widerstehn?

20
O Oberon, wo ist dein Lilienstängel,
Wo ist dein Horn in dieser Fährlichkeit?
Er ruft Amanden, Oberon, alle Engel
Und Heilige zu Hülf'--Und noch zu rechter Zeit
Kommt Hülf' ihm zu. Denn just, da jede Sehne
Ermatten will zu längerm Widerstehn,
Und mit wollüst'ger Wuth ihn die erhitzte Schöne
Fast überwältigt hat, läßt sich Almansor sehn.

21
Gleich einem angeschoßnen Wild,
Und wüthend, eine Frau, die ihn verschmäht, zu lieben,
Hat er, verfolgt von Zoradinens Bild,
Schon eine Stunde sich im Garten umgetrieben:
Der Zufall leitet ihn in dieses Myrtenrund;
Er glaubt die Stimme von Almansaris zu hören,
Und, weil die Grottenthür nur angelehnet stund,
Geht er hinein, sich näher zu belehren.

22
Der Dämon, der durch seiner Priesterinnen
Gefährlichste des Ritters Treu' bestritt,
Wird schon von fern an seinem Sultansschritt
Almansors nahe Ankunft innen.
O Hülfe, Hülfe! schreyt das schnell gewarnte Weib,
Und wechselt stracks mit Hüons Ihre Rolle,
Stellt sich, als kämpfte sie um ihren eignen Leib
Mit einem Wüthenden, der sie entehren wolle.

23
Ihr wilder Blick, ihr halb zerrissenes Gewand,
Ihr fliegend Haar, des jungen Gärtners Schrecken,
Der von der unversehenen kecken
Beschuldigung wie blitzgetroffen stand,
Der Ort, wo ihn der Sultan fand;
Kurz, alles schien in ihm den Frevler zu entdecken.
O! Alla! sey gelobt, rief die Betrügerin,
Daß ich Almansorn selbst die Rettung schuldig bin!

24
Drauf, als sie schamhaft sich in alle ihre Schleier
Gewickelt, lügt sie, mit dem Ton
Der Unschuld selbst, ein falsches Abenteuer:
Wie dieser schändliche verkappte Christensohn,
Da ihr die Lust im Kühlen sich zu waschen
Gekommen, sich erfrecht sie hier zu überraschen,
Und wie sie mit Gewalt sich seiner kaum erwehrt,
Als ihn, zu größtem Glück, der Sultan noch gestört.

25
Um von dem häßlichen Verbrechen,
Deß er beschuldigt wird, den Ritter los zu sprechen,
Bedurft's nur Einen unbefangnen Blick;
Doch seinem Richter fehlt auch dieser einz'ge Blick.
Der Held verachtet es, mit einer Frauen Schande
Sich selbst vom Tode zu befreyn;
Er schmiegt den edeln Arm in unverdiente Bande,
Und hüllet schweigend sich in sein Bewußtseyn ein.

26
Der Sultan, den sein Unmuth zum Verdammen
Noch rascher macht, bleibt dumpf und ungerührt.
Der Frevler werd' in Ketten weggeführt,
(Herrscht er den Sklaven zu, die sein Befehl zusammen
Gerufen) werfet ihn in eine finstre Gruft;
Und morgen früh, so bald vom Thurm der Imam ruft,
Werd' er, im äußern Hof, ein Raub ergrimmter Flammen,
Und seine Asche streut mit Flüchen in die Luft!

27
Der Edle hört sein Urtheil schweigend,--blitzet
Auf das verhaßte Weib noch Einen Blick herab,
Und wendet Sich, und geht in Fesseln ab,
Auf einen Muth, den nur die Unschuld giebt, gestützet.
Kein Sonnenblick erfreut das fürchterliche Grab,
Worin er nun tief eingekerkert sitzet;
Der Nacht des Todes gleicht die Nacht, die auf ihn drückt
Und jeden Hoffnungsstrahl in seinem Geist erstickt.

28
Ermüdet von des Schicksals strengen Schlägen,
Verdrossen, stets ein Ball des Wechselglücks zu seyn,
Seufzt er dem Augenblick, der ihn befreyt, entgegen.
Schreckt ihn das Vorgefühl der scharfen Feuerpein:
Die Liebe hilft ihm's übertäuben;
Sie stärkt mit Engelskraft die sinkende Natur.
Bis in den Tod (ruft er) getreu zu bleiben,
Schwor ich, Amanda, dir, und halte meinen Schwur!

29
O daß, geliebtes Weib, was morgen
Begegnen wird, auf ewig dir verborgen,
Auf ewig auch, Dir, treuer alter Freund,
Verborgen blieb'!--Wie gern erlitt' ich unbeweint
Mein traurig Loos! Doch, wenn ihr es erfahret,
Erfahret wessen ich beschuldigt ward, und mit
Dem Schmerz um meinen Tod sich noch die Schande paaret
Zu hören, daß ich nur was ich verdiente litt--

30
O Gott! es ist zu viel auch dieß noch zu erdulden!
Es büße immerhin für meine Sündenschulden
Der strengste Tod! Ich klage niemand an!
Dieß einz'ge nur, o Oberon, gewähre
Dem, den du liebtest, noch: beschütze meine Ehre,
Beschütze Rezia!--Du weißt, was ich gethan!
Sag' ihr, daß ich, den heil'gen Schwur der Treue
Zu halten, den ich schwor, den Feuertod nicht scheue.

31
So ruft er aus, und, vom Vertraun gestärkt
Daß Oberon ihn hört, berührt ihn unvermerkt
Der mohnbekränzte Gott des Schlummers
Mit seinem Stab, dem Stiller alles Kummers,
Und wieget ihn, wiewohl nur harter Stein
Sein Küssen ist, in leichte Träume ein.
Hat ihm vielleicht, zum Pfand, daß bald sein Leiden endet,
Der gute Schutzgeist selbst dieß Labsal zugesendet?

32
Noch lag die halbe Welt mit Finsterniß bedeckt,
Als ihn aus seiner Ruh ein dumpfes Klirren weckt.
Ihn däucht er hör' im Schloß die schweren Schlüssel drehen;
Die Eisenthür geht auf, des Kerkers schwarze Wand
Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen,
Und stämmt sich auf und sieht--in schimmerndem Gewand,
Die Krone auf dem Haupt, die Lampe in der Hand,
Almansaris zu seiner Seite stehen.

33
Sie reicht die Lilienhand ihm, reitzvoll lächelnd, dar,
Und--Wirst du, spricht sie, mir vergeben,
Was nur die Schuld der Noth, nicht meines Herzens, war?
O du Geliebter, hängt an Deinem schönen Leben
Mein eignes nicht? Ich komme, der Gefahr
Dich zu entziehn, (trotz deinem Widerstreben!)
Vom Holzstoß dich, wozu dich der Barbar
Verdammt', auf einen Thron, den du verdienst, zu heben!

34
Die Liebe öffnet dir der Hoheit Sonnenbahn:
Auf, mache sie von deinem Ruhm erschallen!
Nimm diese Hand, die dir sich schenket, an:
In einem Wink soll dein Verfolger fallen,
Und all sein Volk, wie Staub, um deine Füße wallen.
Im ganzen Harem ist mir alles unterthan;
Vertraue dich der Liebe sichern Händen,
Und, was sie wagte, wird dein eigner Muth vollenden!

35
"Hör' auf! o Königin! Dein Antrag häufet bloß
Mein Leiden durch die Qual dir alles abzuschlagen.
O! warum zwingst du mich's zu sagen?
Ich kaufe mich durch kein Verbrechen los!"
Ist's möglich, ruft sie, kann so weit der Unsinn gehen?
Unglücklicher, im Angesicht
Der Flamme, die bereits aus deinem Holzstoß bricht,
Kannst du Almansaris und einen Thron verschmähen?

36
Sag' mir, versetzt er, Königin,
Ich könne dir mit meinem Blute nützen,
So soll die Lust, womit ich eil' es zu verspritzen,
Dir zeigen, ob ich unerkenntlich bin!
Ich kann, zum Danke, dir mein Herzensblut, mein Leben,
Nur meine Ehre nicht, nicht meine Treue geben.
Wer Ich bin weißt du nicht, vergiß nicht wer Du bist,
Und muthe mir nichts zu, was mir unmöglich ist.

37
Almansaris, aufs äußerste getrieben
Durch seinen Widerstand, sie wendet alles an,
Was seine Treu' durch alle Stufen üben
Und seinen Muth ermüden kann.
Sie reitzt, sie droht, sie fleht, sie fällt, verloren
In Lieb' und Schmerz, vor ihm auf ihre Kniee hin:
Doch unbeweglich bleibt des Helden fester Sinn,
Und rein die Treu', die er Amanden zugeschworen.

38
So stirb denn, weil du willst!--ruft sie, des Athems schier
Vor Wuth beraubt: ich selbst, ich will an deinem Leiden
Mein gierig Aug' mit heißer Wollust weiden!
Stirb als ein Thor! des Starrsinns Opferthier!
Schreyt sie mit funkelndem Aug', und flucht der ersten Stunde
Da sie ihn sah, verwünscht mit bebendem Munde
Sich selbst, und stürmt hinweg, und hinter ihr
Schließt wieder klirrend sich des Kerkers Eisenthür.

39
Inzwischen hatte das Gerüchte,
Das Unglücksmähren gern verbreitet und verziert,
Von ihrem Herrn die traurige Geschichte
Auch Scherasmin und Fatmen zugeführt.
Der schöne Hassan, hieß es, sey im Bade
Vom Sultan mit Almansaris allein
Gefunden worden, und morgen ohne Gnade
Werd' er, im großen Hof, ein Raub der Flammen seyn.

40
Ob Hüon schuldlos sey, war ihnen keine Frage;
Sie kannten ja der Sachen wahre Lage.
Doch, hätt' er auch gefehlt, so war er mitleidswerth.
In Fällen dieser Art wird echte Treu' bewährt.
Anstatt die Zeit mit Jammern zu verderben,
Beschlossen sie, das äußerste für ihn
Zu wagen, um ihn noch aus dieser Noth zu ziehn,
Und, schlüg' es fehl, mit ihrem Herrn zu sterben.

41
Kurz eh' der Tag begann, gelingt es Fatmens Muth
Und Wachsamkeit, die Hüter zu betrügen,
Und unerkannt sich bis ins Schlafgemach zu schmiegen,
Wo Rezia, von Hüon träumend, ruht.
Des unverhofften Wiedersehens Freude
Macht einen Augenblick sie sprachlos alle beide.
Das erste Wort, das Fatme sprechen kann,
Ist Hüon, ist Bericht von dem geliebten Mann.

42
Was sagst du, goldne Amme? ruft Amande,
Und fällt ihr um den Hals--Mein Hüon, mir so nah?
Wo ist er?--Ach! Prinzessin, was geschah!
(Schluchzt jene weinend) Hilf! zerreiße seine Bande!
Spreng seinen Kerker auf! Dem Unglücksel'gen droht,
Aus Liebe bloß zu dir, ein jämmerlicher Tod.
Und drauf erzählt sie ihr genau die ganze Sache,
Und ihres Ritters Treu' und der Sultanin Rache.

43
Schon, ruft sie, steht der Holzstoß aufgethürmt,
Nichts rettet ihn, wenn ihn nicht Zoradine schirmt!
Mit einem Schrey der Angst, halb sinnlos, fährt Amande
In wilder Hast von ihrem Lager auf,
Wirft, wie sie steht, im leichten Nachtgewande,
Den Kurdé um, und eilt in vollem Lauf
Des Sultans Zimmer zu, durch alle Sklavenwachen,
Die sie mit Wunder sehn, und schweigend Platz ihr machen.

44
Sie dringt hinein, nichts achtend daß es früh
Am Tage war, und wirft mit lilienblassen Wangen,
Und Haaren, die zerstreut um ihre Schultern hangen,
Sich vor dem Sultan auf die Knie':
"Almansor, laß mich nicht vergebens
Dir knieen! Schwöre, wenn mein Leben dir
Erhaltenswürdig scheint, daß du die Bitte mir
Gewähren willst! Es gilt die Ruhe meines Lebens!"

45
Begehr', o Schönste, spricht erstaunt und froh zugleich
Der Sultan, laß mich nicht in Ungewißheit schweben!
Dir zu gefallen ist mein feurigstes Bestreben;
Begehre frey! Mein Schatz, mein Thron, mein Reich,
Nichts ist zu viel, was ich zu geben
Vermag. Ein einzigs nur behält sich Mansor vor,
Dich selbst!--"Du schwörst es mir?"--Der liebestrunkne Mohr
Beschwört's.--"So schenke mir des Gärtners Hassan Leben!"

46
Wie? ruft er mit bestürzter Miene,
Welch eine Bitte, Zoradine?
Was geht das Leben dich von diesem Sklaven an?
"O, viel, Almansor, viel! Mein eignes hängt daran!"
Sprichst du im Fieber? Schwärmest du? Verzeihe,
Doch, du mißbrauchst des unbegrenzten Rechts
Das dir die Schönheit giebt.--Am Leben eines Knechts
Der sein Verbrechen büßt?--"Er büßt für seine Treue!

47
"Mir ist sein Herz bekannt, er hält an seiner Pflicht,
Ist schuldlos, ist ein Mann von unverletzter Ehre;
Und doch--o Mansor!--wenn er schuldig wäre,
So räche sein Vergehn an Zoradinen nicht!"
Mit Augen die von kaum verhaltnem Grimme funkeln
Ruft Mansor: Grausame, was quält dein Zögern mich?
Welch ein Geheimniß dämmert aus dem dunkeln
Verhaßten Räthsel auf! Was ist dir Hassan? Sprich!

48
"So wiß es denn, weil mich die Noth zum Reden zwinget,
Ich bin sein Weib! Ein Band, das nichts zerreißen kann,
Ein Band, gewebt im Himmel selber, schlinget
Mein Glück, mein Alles fest an den geliebten Mann.
Uns drückt mit seiner ganzen furchtbarn Schwere
Des Schicksals Arm--Wer weiß, wie bald an dich
Die Reihe kommt!--Du siehst mich elend--Ehre
Mein Leiden, Glücklicher!--Du kannst es, rette mich!"

49
Wie? du bist Hassans Weib, und liebst ihn?--"Über alles!"
Unglückliche, er ist dir ungetreu!--
"Er ungetreu? Die Ursach' seines Falles,
Ich bin's gewiß, ist einzig seine Treu'."--
Ich glaube was ich sah!--"So ward er erst betrogen,
Und du mit ihm!"--Mit zürnendem Gesicht
Spricht Mansor: Spanne nicht den Bogen,
Zu stolz auf deinen Reitz, so lange bis er bricht!

50
Dein Hassan stirbt--und ich kann nichts, als dich beklagen.
Er stirbt? schreyt Rezia--Tyrann,
Er, dem ein Wort von dir das Leben schenken kann,
Er stirbt? Du hast ein Herz mir das zu sagen?
Er hat des Harems Zucht verletzt,
Erwiedert Mansor kalt; ihm ist der Tod gesetzt!
Doch, weil du willst, so sey des Sklaven Leben,
Sein Leben oder Tod, in deine Hand gegeben!

51
Gieb, Schönste, mir ein Beyspiel edler Huld,
Gieb mir die Ruh, die du mir raubtest, wieder!
Ich lege Kron' und Reich zu deinen Füßen nieder;
Ergieb dich mir, so sey dem Frevler seine Schuld
Geschenkt! Er zieh', mit königlichen Gaben
Noch überhäuft, zu seinem Volk zurück!
O zögre nicht, die Güte selbst zu haben
Die du begehrst!--Ein Wort macht mein und sein Geschick.

52
Unedler! ruft mit eines Engels Zürnen
Das schöne Weib, so theuer kauft der Mann,
Den Zoradine liebt, sein Leben nicht!--Tyrann,
Kennst du mich so?--Die schlechteste der Dirnen,
Die mich bedienten einst, verschmähte deinen Thron
Und dich um solchen Preis! Zwar steht, uns zu verderben,
In deiner Macht: doch, hoffe nicht davon
Gewinn zu ziehn--Barbar, auch Ich kann sterben.

53
Der Sultan stutzt. Ihn schreckt des edeln Weibes Muth.
Sein feiges Herz wird mehr von ihrem Dräun gerühret
Als da sie bat; doch, ihre Schönheit schüret
Das Feuer der Begier zugleich in seinem Blut.
Was sagt' er nicht ihr Herz mit Liebe zu bestechen!
Wie bat er sie! wie schlangenartig wand
Er sich um ihren Fuß!--Umsonst! Ihr Widerstand
War nicht durch Drohungen, war nicht durch Flehn zu brechen.

54
Sie blieb darauf, ihr soll der Tod willkommner seyn.
Der Sultan schwört mit fürchterlicher Stimme
Bey Mahoms Grab, nichts soll vor seinem Grimme
Sie retten, geht sie nicht sogleich den Antrag ein.
"Ist's nicht mein letztes Wort, soll Alla mich verdammen!
Hört man den Wüthenden bis in den Vorsahl schreyn:
Entschließe dich, sey auf der Stelle mein,
Wo nicht, so stirb mit dem Verworfnen in den Flammen!"

55
Sie sieht ihn zürnend an, und schweigt.--Entschließe dich,
Ruft er zum zweyten Mahl.--O so befreye mich
Von deinem Anblick, spricht die Königin der Frauen;
Des Todes Grinsen selbst erweckt mir minder Grauen.
Almansor ruft, und giebt, von Wuth erstickt,
Den grausamen Befehl, und Höllenfunken sprühen
Aus seinem Aug'. Der Schwarzen Erster bückt
Sich bis zur Erde hin, und schwört, ihn zu vollziehen.

56
Schon steht der gräßliche Altar
Zum Opfer aufgethürmt; schon drängt sich, Schaar an Schaar,
Das Volk herzu, das, gern in Angst gesetzet,
An Trauerspielen dieser Art
Die Augen weinend labt, und schaudernd sich ergetzet.
Schon stehn, zum Leiden und zum Tode noch gepaart,
An einen Marterpfahl gebunden,
Die einz'gen Liebenden, die Oberon rein erfunden.

57
Ein edles Paar in Eins verschmolzner Seelen,
Das treu der ersten Liebe blieb,
Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,
Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb'!
Mit nassem Blick, die Herzen in der Klemme,
Schaut alles Volk gerührt zu ihnen auf,
Und doch besorgt, daß nicht den freyen Lauf
Des Trauerspiels vielleicht ein Zufall hemme.

58
Den Liebenden, wie sie gebunden stehn,
Ist zwar der Trost versagt einander anzusehn;
Doch, über alles, was sie leiden
Und noch erwarten, triumfiert
Die reinste, seligste der Freuden,
Daß ihre Lieb' es ist, was sie hierher geführt.
Der Tod, der ihre Treu' mit ew'gem Lorber ziert,
Ist ihres Herzens Wahl; sie konnten ihn vermeiden.

59
Inzwischen siehet man mit Fackeln in den Händen
Zwölf Schwarze sich dem Opfer paarweis' nahn.
Sie stellen sich herum, bereit es zu vollenden,
So bald der Aga winkt. Er winkt. Sie zünden an.
Und stracks erdonnert's laut, die Erde scheint zu beben,
Die Flamm' erlischt, der Strick, womit das treue Paar
Gebunden stand, fällt wie vermengtes Haar,
Und Hüon sieht das Horn an seinem Halse schweben.

60
Im gleichen Augenblick, da dieß
Geschah, zeigt sich von fern in zwey verschiednen Reihen,
Von ängstlicher Bekümmerniß
Gespornt, Almansor hier, und dort Almansaris,
Er Zoradinen, Sie den Hassan zu befreyen.
Halt! hört man sie aus allen Kräften schreyen.
Auch stürzt mit blitzendem Schwert durch die erschrockne Menge
Ein schwarzer Rittersmann sich mitten ins Gedränge.

61
Doch Hüon hat das Pfand, daß nun sein Oberon
Versöhnt ist, kaum mit wonnevollem Schaudern
An seinem Hals erblickt, so setzt er ohne Zaudern
Es an den Mund, und lockt den schönsten Ton
Daraus hervor, der je geblasen worden.
Sein edles Herz verschmäht ein feiges Volk zu morden:
Tanzt, ruft er, tanzt, bis euch's den Athem raubt;
Dieß sey die einzige Rache, die Hüon sich erlaubt.

62
Und wie das Horn ertönt, ergreift der Zauberschwindel
Zuerst das Volk, das um den Holzstoß steht,
Schwarzgelbes, lumpiges, halb nackendes Gesindel,
Das plötzlich sich, wie toll, im schnellsten Wirbel dreht;
Bald mischet sich mit allen seinen Negern
Der Aga drein; ihm folgt--was Füße hat
Bey Hof, im Harem, in der Stadt,
Vom Sultan an bis zu den Wasserträgern.

63
Unlustig faßt der Schach--Almansaris beym Arm;
Sie sträubt sich; doch was hilft sein Unmuth und ihr Sträuben?
Der Taumel reißt sie fort, sich mitten in den Schwarm
Der Walzenden mit ihm hinein zu treiben.
In kurzem ist ganz Tunis in Allarm,
Und niemand kann auf seiner Stelle bleiben:
Selbst Podagra, und Zipperlein, und Gicht
Und Todeskampf befreyt von dieser Tanzwuth nicht.

64
Indessen, ohne auf das Possenspiel zu blicken,
Hält das getreue Paar, in seligem Entzücken,
Sich sprachlos lang' umarmt. Kaum hat ihr Busen Raum
Für diesen Überschwang von Freuden.
Er ist nun ausgeträumt der Prüfung schwerer Traum!
Nichts bleibt davon als was ihr Glück verschönt:
Gebüßt ist ihre Schuld, das Schicksal ausgesöhnt,
Aufs neu von ihm vereint, kann nun sie nichts mehr scheiden!

65
Theilnehmend inniglich, sieht, noch auf seinem Roß,
Der biedre Scherasmin (Er war der schwarze Ritter)
Der Wonne zu, worin ihr Herz zerfloß.
Er ist's, der wie ein Ungewitter
Vorhin daher gestürmt, um das geliebte Paar
Zu retten aus der feigen Mohren Händen,
Und, schlüg's ihm fehl, ein Leben hier zu enden,
Das, ohne sie, ihm unerträglich war.

66
Er springt herab, drängt durch den tollen Reigen
Mit Fatme, die ihm folgte, sich hinan,
Den Liebenden von ihrem Throne steigen
Zu helfen, und sie im Triumfe zu empfahn.
Groß war die Freude, doch sie schwoll noch höher an,
Da sie den wohl bekannten Wagen,
Von Schwanen durch die Luft, stets niedriger, getragen,
Zu ihren Füßen nun auf einmahl halten sahn.

67
Sie stiegen eilends ein--Die Mohren mögen tanzen
So lang' es Oberon gefällt!
(Wiewohl der Alte raspeln oder schanzen
Für eine beßre Kurzweil hält.)
Der lüft'ge Faeton fliegt, leicht und ohne Schwanken,
Sanft wie der Schlaf, behender als Gedanken,
Mit ihnen über Land und Meer,
Und Silberwölkchen wehn, wie Fächer, um sie her.

68
Schon tauchte sich auf Bergen und auf Hügeln
Die Dämmerung in ungewissen Duft;
Schon sahen sie den Mond in manchem See sich spiegeln,
Und immer stiller ward's im weiten Reich der Luft;
Die Schwanen ließen itzt mit sinkendem Gefieder
Allmählich sich bis auf die Erde nieder:
Als plötzlich, wie aus Abendroth gewebt,
Ein schimmernder Palast vor ihren Augen schwebt.

69
In einem Lustwald, mitten zwischen
Hoch aufgeschoßnen vollen Rosenbüschen,
Stand der Palast, von dessen Wunderglanz
Der stille Hain und das Gebüsche ganz
Durchschimmert schien--War's nicht an diesem Orte,
Spricht Hüon leis' und schaudernd--Doch, bevor
Er's ausspricht, öffnet schnell sich eine goldne Pforte,
Und zwanzig Jungfrau'n gehn aus dem Palast hervor.

70
Sie kamen, schön wie der May, mit ewig blühenden Wangen,
Gekleidet in glänzendes Lilienweiß,
Die Erdenkinder zu empfangen
Die Oberon liebt. Sie kamen tanzend, und sangen
Der reinen Treue unsterblichen Preis.
Komm, sangen sie (und goldne Zymbeln klangen
In ihren süßen Gesang, zu ihrem lieblichen Tanz)
Komm, trautes Paar, empfang den schönen Siegeskranz!

71
Die Liebenden--sich kaum besinnend--in die Wonne
Der andern Welt verzückt--sie wallen, Hand in Hand,
Den Doppelreihen durch: als, gleich der Morgensonne
In ihrem Bräut'gamsschmuck, der Geist vor ihnen stand.
Nicht mehr ein Knabe, wie er ihnen
In lieblicher Verkleidung sonst erschienen--
Ein Jüngling, ewig schön und ewig blühend, stand
Der Elfenkönig da, den Ring an seiner Hand.

72
Und ihm zur Seite glänzt, mit ihrer Rosenkrone
Geschmückt, Titania, in milderm Mondesglanz.
In beider Rechten schwebt ein schöner Myrtenkranz.
Empfange, sprechen sie mit liebevollem Tone,
Du treues Paar, zum edlen Siegeslohne,
Aus deiner Freunde Hand den wohl verdienten Kranz!
Nie wird von euch, so lang' ihr dieses Zeichen
Von unsrer Huld bewahrt, das Glück des Herzens weichen.

73
Kaum daß das letzte Wort von Oberons Lippen fiel,
So sah man aus der Luft sich eine Wolke neigen,
Und aus der Wolke Schooß, bey goldner Harfen Spiel,
Mit Lilien vor der Brust drey Elfentöchter steigen.
Im Arm der dritten lag ein wunderschöner Knab',
Den sie, auf ihren Knie'n, Titanien übergab.
Süß lächelnd bückt zu ihm die Königin sich nieder,
Und giebt, mit einem Kuß, ihn seiner Mutter wieder.

74
Und, unterm Jubelgesang der Jungfrau'n, die in Reihn
Vor ihnen her den Weg mit Rosen überstreun,
Ziehn durch die weite goldne Pforte
Die Glücklichen hinein in Oberons Freudenhaus.
Was sie gesehn, gehört, an diesem schönen Orte,
Sprach ihre Zunge nie beym Rückerinnern aus.
Sie sahn nur himmelwärts, und eine Wonnethräne
Im glänzenden Auge verrieth wohin ihr Herz sich sehne.

75
In einen sanften Schlaf verlor sich wonniglich
Der sel'ge Traum. Und mit dem Tage fanden
Sie beide, Arm in Arm, wie neu geboren, sich
Auf einer Bank von Moos. Zu ihrer Seite standen
Im leicht umschattenden Gebüsch,
Reich aufgeschmückt, vier wunderschöne Pferde,
Und ringsum lag ein schimmerndes Gemisch
Von Waffen, Schmuck und Kleidern auf der Erde.

76
Herr Hüon, dem das Herz von Freude überfloß,
Weckt seinen Alten auf; Amande
Sucht ihren Sohn, der noch auf Fatmens Schooß
Sanft schlummernd lag. Sie sehn sich um. Wie groß
Ist ihr Erstaunen!--Herr, in welchem Lande
Glaubt ihr zu seyn? ruft Scherasmin entzückt
Dem Ritter zu--Kommt, seht von diesem Stande
Nach Westen hin, und sagt, was ihr erblickt!

77
Der Ritter schaut hinaus, und traut
Dem Anblick kaum.--Er, der so viel erfahren,
Und dessen Augen so gewöhnt an Wunder waren,
Glaubt kaum was er mit offnen Augen schaut.
Es ist die Sein', an deren Bord sie stehen!
Es ist Paris, was sie verbreitet vor sich sehen!
Er reibt sich Aug' und Stirn, schaut immer wieder hin,
Und ruft: Ist's möglich, daß ich schon am Ziele bin?

78
Nicht lange schaut er hin, vor Freude ganz betroffen,
So stellt sich ihm ein neues Schauspiel dar.
Ihm däucht, daß alles um die Burg in Aufruhr war.
Man hört Trommetenschall, und eine Ritterschaar
Trabt dem Turnierplatz zu, die Schranken stehen offen.
Mein Glück, ruft Hüon, läßt mein Hoffen
Stets hinter sich. Geh, Freund! wofern nicht alles mich
Betrügt, giebt's ein Turnier; geh, und erkund'ge dich.

79
Der Alte geht. Inzwischen wird Amande
Von Fatmen angekleid't. Denn, was sie haben muß,
Sich, mit dem Glanz, der ihrem hohen Stande
Und ihrer Schönheit ziemt, in diesem fremden Lande
Zu zeigen, fanden sie im reichsten Überfluß
Gehäuft zu ihren Füßen liegen.
Herr Hüon läßt indeß, mit manchem Vaterkuß,
Den kleinen Hüonnet auf seinem Knie sich wiegen,

80
Und sieht, mit inniglicher Lust,
Das schöne Weib, durch alles fremde Zieren
Und Schimmern nichts gewinnen noch verlieren.
Ob eine Rose ihre Brust
Umschattet, ob ein Strauß von blitzenden Juwelen
In Glanz sie hüllt--stets durch sich selber schön
Und liebeathmend, scheint durch Den
Ihr nichts geliehn, bey Jener nichts zu fehlen.

81
Der Alte kommt itzt mit der Nachricht an,
Drey Tage sey bereits der Schranken aufgethan.
Karl, (spricht er) immer noch durch seinen Groll getrieben,
Hat ein Turnier im Reiche ausgeschrieben:
Und rathet, welchen Dank der Sieger heut erhält!
Nichts kleiners, Herr, als--Hüons Land und Lehen!
Denn, euch aus Babylon mit Ruhm gekrönt zu sehen,
Ist was dem Kaiser nicht im Schlaf zu Sinne fällt.

82
Auf, waffne mich, ruft Hüon voller Freuden;
Willkommner konnte mir kein' andre Botschaft seyn.
Was die Geburt mir gab, sey nun durch Tugend mein!
Verdien' ich's nicht, so mag's der Kaiser dem bescheiden
Der's würdig ist!--Er sagt's, und siehet Rezia
Ihm lächelnd stillen Beyfall nicken.
Ihr Busen klopft ihm Sieg!--In wenig Augenblicken
Steht glänzend schon ihr Held in voller Rüstung da.

83
Sie schwingen sich zu Pferd, die Ritter und die Frauen,
Und ziehen nach der Stadt! und allenthalben schauen,
Von ihrer Pracht entzückt, die Leute nach, und wer
Die Gassen müßig tritt, läuft hinter ihnen her.
Bald langt mit Rezia Herr Hüon vor den Planken
Der Stechbahn an. Er läßt, nachdem er sich bey ihr
Beurlaubt, Scherasmin zu ihrem Schützer hier,
Zieht sein Visier herab, und reitet in die Schranken.

84
Ein lautes Lob verfolgt von beiden Seiten ihn,
Ihn, der an Anstand und an Stärke
Den besten, die der ritterlichen Werke
Bisher gepflegt, weit überlegen schien.
Schel sehend stand am Ziel, auf seinem stolzen Roß,
Der Ritter, der in diesen dreyen Tagen
Des Rennens Preis davon getragen,
Und mit den Fürsten sah der Kaiser aus dem Schloß.

85
Herr Hüon neigt, nach ritterlicher Weise,
Sich vor dem Kaiser tief, dann vor den Damen und
Den Richtern--tummelt drauf im Kreise
Den muth'gen Hengst herum, und macht dem Sieger kund,
Daß er gekommen sey, den Dank ihm abzusagen.
Er sollte zwar erst Stand und Nahmen sagen;
Allein sein Schwur, daß er ein Franke sey,
Und seines Aufzugs Pracht, macht vom Gesetz ihn frey.

86
Er wiegt und wählt aus einem Haufen Speere
Sich den, der ihm die meiste Schwere
Zu haben scheint, schwingt ihn mit leichter Hand,
Und stellt, voll Zuversicht, sich nun an seinen Stand.
Wie klopft Amandens Herz! wie feurige Gebete
Schickt sie zu Oberon und allen Engeln ab,
Als itzt die schmetternde Trompete
Den Ungeduldigen zum Rennen Urlaub gab!

87
Dem Ritter, der bisher die Nebenbuhler alle
Die Erde küssen hieß, schwillt mächtiglich die Galle,
Daß er gezwungen wird, auf diese neue Schanz
Sein Glück und seinen Ruhm zu setzen.
Er war ein Sohn des Doolin von Maganz,
Und ihm war Lanzenspiel kaum mehr wie Hasenhetzen.
Er stürmet, wie ein Strahl aus schwarzer Wolken Schooß,
In voller Wuth auf seinen Gegner los.

88
Doch, ohne nur in seinem Sitz zu schwanken,
Trifft Hüon ihn so kräftig vor die Brust,
Und wirft mit solcher Macht ihn seitwärts an die Planken
Daß alle Rippen ihm von seinem Fall erkranken.
Zum Kampf vergeht ihm alle weit're Lust;
Vier Knappen tragen ihn ohnmächtig aus den Schranken.
Ein jubelnd Siegsgeschrey prallt an die Wolken an,
Und Hüon steht allein als Sieger auf dem Plan.

89
Er bleibt am Ziel noch eine Weile stehen,
ob jemand um den Dank noch kämpfen will, zu sehen;
Und da sich niemand zeigt, eilt er mit schnellem Trab
Amanden zu, die, hoch auf ihrem schönen Rosse,
Wie eine Göttin glänzt, und führt sie nach dem Schlosse.
Sie langen an. Er hebt gar höflich sie herab,
Und führt sie, unterm Vivatrufen
Des Volks, hinauf die hohen Marmorstufen.

90
Wie eine Silberwolk' umwebt
Amandens Angesicht ein undurchsicht'ger Schleier,
Durch den sich jedes Aug' umsonst zu bohren strebt.
Voll Ungeduld, wie sich dieß Abenteuer
Entwickeln werde, strömt die Menge ohne Zahl
Dem edeln Paare nach. Itzt öffnet sich ein Sahl;
Hoch sitzt auf seinem Thron, von seinem Fürstenrathe
Umringt, der alte Karl in kaiserlichem Staate.

91
Herr Hüon nimmt den Helm von seinem Haupt,
Und tritt hinein, in seinen schönen Locken
Dem Gott des Tages gleich. Und alle sehn erschrocken
Den Schnell-erkannten an. Der alte Kaiser glaubt
Des Ritters Geist zu sehn. Und Hüon, mit Amanden
An seiner Hand, naht ehrerbietig sich
Dem Thron, und spricht: Mein Lehnsherr! siehe mich,
Gehorsam meiner Pflicht, zurück in deinen Landen!

92
Denn, was du zum Beding gemacht
Von meiner Wiederkehr, mit Gott hab' ich's vollbracht!
In diesem Kästchen sieh des Sultans Bart und Zähne,
An die, o Herr, nach deinem Wort, ich Leib
Und Leben aufgesetzt--und sieh in dieser Schöne
Die Erbin seines Throns, und mein geliebtes Weib!
Mit diesem Worte fällt von Reziens Angesichte
Der Schleier ab, und füllt den Sahl mit neuem Lichte.

93
Ein Engel scheint, in seinem Himmelsglanz,
(Gemildert nur, damit sie nicht vergehen)
Vor den Erstaunten da zu stehen:
So groß, und doch zugleich so lieblich anzusehen,
Glänzt Rezia in ihrem Myrtenkranz
Und silbernen Gewand. Die Königin der Feen
Schmiegt, ungesehen, sich an ihre Freundin an,
Und alle Herzen sind ihr plötzlich unterthan.

94
Der Kaiser steigt vom Thron, heißt freundlich sie willkommen
An seinem Hof. Die Fürsten drängen sich
Um Hüon her, umarmen brüderlich
Den edeln jungen Mann, der glorreich heim gekommen
Von einem solchen Zug. Es stirbt der alte Groll
In Karls des Großen Brust. Er schüttelt liebevoll
Des Helden Hand, und spricht: Nie fehl' es unserm Reiche
An einem Fürstensohn, der Dir an Tugend gleiche!


Glossarium

über die im Oberon vorkommenden veralteten oder fremden, auch neu gewagten
Wörter, Wortformen und Redensarten

Acqs, II. 13. Acqus, (Aquae Augustae) eine kleine, vor Alters
beträchtliche, bischöfliche Stadt in den Landes von Gascogne, die ihren
Nahmen von einer mitten in der Stadt befindlichen heißen Quelle hat. Aus
den Worten Scherasmins sollte man schließen, daß Acqus damahls im Besitz
eines so genannten Gnadenbildes der heiligen Jungfrau gewesen sey. Poetisch
zu reden, mußte er das, als in diesen Gegenden einheimisch, am besten
wissen, und in so fern kann uns auch, ohne andere historische Beweise, an
seinem Zeugniß genügen.

Allzuhauf, V. 38. Nach der Analogie von allzugleich, allzumahl, u. a. aus
All und zu Hauf (welches letztere in den Redensarten zu Haufe bringen,
treiben, kommen, noch nicht völlig aus der Übung gekommen ist) in Form
eines Nebenwortes zusammen gesetzt. Da der Dichter sich keiner Stelle im
"Heldenbuch", "Theuerdank", und dergleichen erinnert, auf die er sich zu
Rechtfertigung dieses ungewöhnlichen Wortes berufen könnte, so muß er es
darauf ankommen lassen, ob es als ein neu gewagtes geduldet oder verworfen
werden wird.

Alquif, I. 22. Ein weiser Meister und großer Zauberer im Amadis de Gaule.

Angehen, VI. 22. So viel als unternehmen, beginnen; eine sehr alte
Bedeutung dieses Wortes, deren Gebrauch durch Hagedorns Beyspiel (in der
Fabel vom Löwen, der mit seinem Bilde im Brunnen fechten will) hinlänglich
gerechtfertigt ist:

Und fordert ihn heraus den Zweykampf anzugehen.

Poetische Werke, II. 8. 239. nach der Hamb. Ausgabe von 1769.

Babylon, wird in diesem Gedichte mehrmahls (wiewohl unrichtig) als
gleichbedeutend mit Bagdad gebraucht, welches letztere unter den
Abassischen Kalifen der Sitz dieser mächtigen Fürsten war. Die alten
Romanciers übten eine so willkührliche Gewalt über die Geografie als über
Kronologie und Geschichte aus; und unser Dichter hielt es für schicklich,
sich ihnen auch in diesem Stücke gleich zu stellen. Übrigens ist nicht zu
läugnen, daß das Babylon im Roman von Huon de Bordeaux, dessen so genannte
Admirale (Miramolins) in den Romanen von Charlemagne und seinen Pairs eine
große Rolle spielen, nicht in Mesopotamien, sondern angeblich in Ägypten
gelegen haben soll.

Bangen, nach etwas bangen, VI. 27. Statt, mit bänglicher Ungeduld nach
etwas verlangen, ein neu gewagtes Wort, welches sich selbst durch die Welt
helfen mag, wenn es kann. Ob es nicht in alten Zeiten schon üblich gewesen,
davon finden wir zwar keine Spur; aber wie wenig sind auch die noch
vorhandenen Überbleibsel aus den Zeiten der Minnesänger theils gekannt,
theils benutzt!

Bar, "schön wie ein barer Engel", IV. 47. Ein veraltetes Wort, welches
ehemahls unter andern die Bedeutung von offenbar, augenscheinlich
(manifestus, luculentus) hatte, und, in so fern dieser Begriff damit
verbunden wird, in die Sprache der Dichter, (in welcher die Beywörter
größten Theils als Farben zu betrachten sind) wenigstens in die Sprache des
komischen, scherzhaften und launigen Styls, aufgenommen zu werden verdient.
Man hat es deßwegen einer Person in den Mund gelegt, der es anständig ist,
sich in einer, wo nicht niedrigen, doch weniger edeln Sprechart
auszudrücken, als der Held des Stücks, oder der Dichter, wenn er selbst
erzählt.

Betefahrt, II. 32. In der katholischen Kirche eine Procession mit Kreuz und
Fahnen, wobey gebetet wird. Besonders wurde vor Alters der in der so
genannten Kreuzwoche (Hebdomas Rogationum) übliche feierliche Umgang, wobey
die Felder und Früchte eingesegnet werden, so genannt. Auch kommt dieses
Wort in der allgemeinen Bedeutung von Wallfahrt vor. Es scheint
Niedersächsischen Ursprungs zu seyn.

Betitelt, mit einem rechtsgültigen Grunde (titulo juris) zum Anspruch an
etwas versehen, X. 53; "zu einem Gärtnerschurz betitelt," statt berechtigt,
ist in dieser Bedeutung neu gestempelt.

Dank, kommt mehrmahls in der Bedeutung vor, die dieß Wort in der alten
Turniersprache hatte, worin es den Preis bezeichnete, welchen der Ritter
gewann, der alle anderen aus dem Sattel gehoben hatte.

Dienstmann, V. 56 in der weitesten Bedeutung, ein Lehensmann oder Vasall.

Domina, II. 34 wird die Vorsteherin der Frauenklöster in einigen religiösen
Orden genannt.

Durstiglich, VI. 32, nach einer veralteten Oberdeutschen Form von
Nebenwörtern, welche in inniglich, ewiglich, wonniglich u. a. wenigstens in
der Dichtersprache sich noch erhalten hat. Luther gebraucht das Wort
dürstiglich in seiner Übersetzung der Bibel mehrmahls, um den höchsten Grad
einer leidenschaftlichen Begierde auszudrücken; als 1 Mos. 34,25. "die
Brüder der Dina gingen in die Stadt Sichems dürstiglich und erwürgten alles
was männlich war," und--Sprichw. Salom. 14,5. "ein falscher Zeuge redet
dürstiglich Lügen". In diesem Sinne wird es hier gebraucht.

Eitel, I. 30 in der veralteten Bedeutung: "in eitel Lust und Pracht,"
statt, in lauter Lust--

Elfen, II. 22 und a.o. Alfen, Elfen oder Elven sind eine Art von Genien, in
der Mythologie der Nordischen Völker, in welcher sie (wie Adelung unter dem
Wort Alp schon bemerkt) ungefähr die Stelle der Nymfen und Waldgötter der
Griechen vertreten. Auch die Fairies, an welche das Brittische Landvolk
noch itzt hier und da glaubt, gehören in diese Rubrik. In Chaucers
"Merchants-Tale" ist Oberon König der Fairies. Unser Dichter hat diese
Elfen zu einer Art von edeln, mächtigen und den Menschen gewogenen Sylfen
erhoben, und Oberon, ihr König, spielt in diesem Gedicht eine so wichtige
Rolle, daß es daher den Nahmen von ihm erhalten hat.

Fahr, II. 16. Das veraltete Wort, an dessen Stelle Gefahr gewöhnlich ist.
Daher Fährde, fährlich, Fährlichkeit, wovon ebenfalls in der Dichtersprache
(nur pudenter, wie Horaz sagt) Gebrauch zu machen wäre.

Fahren, für reisen, ausziehen, wallfahrten, I. 26. "Als wir zum heil'gen
Grab zu fahren uns verbanden." In noch weiterer Bedeutung hieß fahren herum
irren, im Lande herum ziehen; daher fahrende Ritter, (Chevaliers errans)
fahrende Schüler, Landfahrer u. d. Fahrt, III. 55 ist also so viel als Zug,
Ritt, oder das Französische Wort Traite.

Fant, IV. 47 "Ein fremder junger Fant."--Dieses Wort wird hier für
Jüngling gebraucht, und ist in so fern mit dem alten Worte Knapp (wovon
Schildknapp, Bergknapp) gleichbedeutend. In Niedersachsen, wo es so viel
als Knecht ist, wird es Fent ausgesprochen; im Isländischen lautet es Fant.
Das Italiänische Fante ist damit vielleicht einerley Ursprungs. Auch die
Bauern (Pions) im Schachspiele werden in einigen Gegenden Fant oder Fänt
genannt.

Gaden, IV. 15. Ein uraltes Wort, dessen Gebrauch in Ober--und
Niederdeutschland, und vornehmlich in der Schweiz, hier und da noch in
verschiedenen aus einem gemeinsamen Begriff entspringenden Bedeutungen sich
erhalten hat. In den Nahmen der gefürsteten Propstey Berchtoldsgaden und
des Oberbayerischen Prämonstratenser-Stifts Steingaden ist Gaden eben das,
was hausen, heim, zell in den Nahmen einer Menge von Klöstern in
Österreich, Bayern und Schwaben. In der Bedeutung von Laden, Kammer,
Scheune, Stall sagte man ehemahls Würzgaden, Gadendiener, Speisegaden, und
sagt noch itzt in der Schweiz Milchgaden (Milchkeller), Käsegaden,
Viehgaden, Heugaden. Für Stockwerk eines Hauses kommt es im "Schwaben-" und
"Sachsenspiegel" u.b.a. und für Zimmer oder Gemach im "Heldenbuche" vor.

Da schloß die Küniginne
Drey Riegel vor das Gaden.

Eva war ein Gaden (Wohnsitz) aller weiblichen Tugend, sagte der zu seiner
Zeit berühmte Prediger Joh. Matthesius noch im sechzehnten Jahrhundert. Man
sollte dieses Wort (welches schon beym Ottfried und Willeram in der Form
Gadum und Gegadame vorkommt) um so mehr zu erhalten suchen, da es ohne
Zweifel eines von denen ist, die uns aus der ältesten Sprache, der
gemeinschaftlichen Stamm-Mutter der Hebräischen, Fönizischen, Persischen
und Celtischen, übrig geblieben sind. Denn es ist im Hebräischen gadar,
einzäunen, im Punischen Gadir, Einzäunung, in Gades, dem alten Nahmen der
Stadt Cadiz, und in dem Nahmen der Persischen Stadt Menosgada und der Burg
Pasergada oder Persagadum, in der Gegend wo Cyrus den berühmten Sieg über
den Astyages erhielt, unverkennbar. In unserm Gedichte scheint es hier,
zumahl im Munde Scherasmins, an seinem rechten Orte zu stehen, und eine
kleine Ladenstube oder Kammer eines schlechten Häuschens in einer
Winkelgasse zu bezeichnen.

Glorie, XII. 16. "Wie eine Glorie. "--Wenigstens in dieser zu unsrer
Mahlerkunstsprache gehörigen Bedeutung, in welcher es das Bild des sich
öffnenden Empyreums und der Erscheinung himmlischer Wesen, Engel, und
Heiligen, in der Fantasie erregt, sollte, dünkt uns, dieses zwar fremde,
aber schon in Kaisersbergers Postille und einigen unsrer ältesten
Kirchenlieder vorkommende, und also längst verbürgerte Wort beybehalten
werden. Aber auch bloß als poetische Farbe ist es der Dichtersprache, um
den höchsten Grad von Ruhm, Herrlichkeit und Majestät auszudrücken, (wie so
manche andre Wörter, deren man uns ohne Noth oder Nutzen berauben will)
unentbehrlich.

Großheit, III. 40. Großheit verhält sich zu Größe, wie Hoheit zu Höhe, nur
daß es in dieser Bedeutung im Hochdeutschen noch nicht üblich ist. Der
Dichter versteht unter Großheit das, was beym ersten Anblick eine große,
über gewöhnliche Menschen weit empor ragende Person ankündigt. Größe, ohne
irgend eine hinzu gesetzte nähere Bestimmung, erweckt nur den Begriff
körperlicher Quantität: Großheit erregt ein mit Ehrfurcht verbundenes
dunkles Gefühl der Würde und Vortrefflichkeit einer Person. Majestät ist
nur ein höherer Grad von Großheit, und beide können auch ohne eine über das
gemeine Maß hinaus gehende körperliche Größe (Procerität) Statt finden,
wiewohl diese unstreitig ein beträchtliches dazu beyträgt, das Gefühl und
Vorurtheil von Großheit und Majestät zu erregen.

Gulistan, IX, 5. Ein Persisches Wort, welches Blumen--oder Rosengarten
bedeutet, bekannt aus einem unter diesem Nahmen in die vornehmsten
Europäischen Sprachen übersetzten Gedichte des berühmten Persischen
Dichters Sahdi, oder Scheik Mosleheddin Saadi von Schiras, der um das Jahr
Christi 1193 geboren wurde, und bis 1313 unsrer Zeitrechnung gelebt haben
soll.--Der Gebrauch dieses Wortes an dieser Stelle bedarf wohl keiner
Rechtfertigung.

Hämmling, V. 47. Ungefähr eben diese Art von Sklaven Kombabischen
Geschlechts, V. 33, welche in der 48ten Stanze höflicher Kämmerlinge
heißen. Das Wort Hämmling ist nach Wachtern sehr alt, und scheint nicht von
Hammel, sondern von dem alten Wort hämeln, stümmeln, verschneiden,
abgeleitet zu seyn. In dem Sinne, worin es hier gebraucht wird, kommt es in
einer von Adelung unter dem Worte Hammel angeführten alten Übersetzung des
Terenzischen "Eunuchus" vor, die im Jahre 1486 zu Augsburg gedruckt wurde.
In einer hundert Jahre spätern Übersetzung eben dieser Komödie, durch M.
Josua Loner, Pfarrherrn und Superintendenten zu Arnstadt, wird Eunuchus
durch Frauenhut gegeben. "Wenn man (sagt der Übersetzer) das deutsch wollt
geben gut, Möcht mans nennen den Frauenhut." (Hut wird hier, wie man sieht,
in einer veralteten Bedeutung für Hüter genommen.) Der Erfinder dieses
komischen Wortes ist aber nicht besagter Loner, sondern D. Luther, wie aus
folgender von Wachtern angezognen Stelle aus seiner berüchtigten Schrift
"Wider Hans-Worst", Wittenberg 1541, zu ersehen ist: "Er were besser ein
Frauenhut, der nichts thun sollte, denn wie ein Eunuchus, d. i. ein
Frauenhut, stehen in einer Narrenkappe mit einem Fliegenwedel,* und der
Frauen hüten, und des davon sie Frauen heißen, (wie es die groben Deutschen
nennen.)"

Han, IV. 36. Eben das, was Karavan--oder Kirwan-Serai; große öffentliche
Gebäude in den Muhamedanischen Ländern, wo Reisende, jedoch ohne
Verpflegung, beherbergt werden.

Heiden, II. 5, wird hier, nach der Weise der alten Ritterbücher, von allen
Nicht-Christen, also auch von Sarazenen oder Muhamedanern, gebraucht.

Hesperien, I. 3. Italien, welches die ältesten Griechen, weil es ihnen
gegen Abend lag, Hesperia, das Abendland, nannten.

Idschoglan, X. 49. Nahme einer Art von Pagen des Türkischen Hofes, die im
dritten Hofe des Serai neben dem Divan wohnen, und in vier Oda's oder
Klassen abgetheilt sind, von welchen die vierte unmittelbar zur Bedienung
der Person des Sultans bestimmt ist. Vermöge einer den Dichtern immer
zugestandenen Freyheit wird hier vorausgesetzt, daß ungefähr dieselbe
Einrichtung auch am Hofe des Königs von Tunis Statt gefunden habe.

Je und ie, III. 57. Die alte und noch immer übliche Oberdeutsche Form der
Partikel je ist ie, welches beynahe wie i ausgesprochen wird. So kommt sie
bey den Minnesängern immer vor, und die Richtigkeit dieser Form und
Aussprache wird auch durch das offenbar aus den alten Verneinungswörtchen
ni und ie zusammen gesetzte nie bestätigst. Weil man einem Deutschen
Dichter das Reimen nicht ohne Noth erschweren sollte, indem unsre Sprache
ohnehin arm genug an Reimen ist, so halten wir für billig, daß man
reimenden Dichtern erlaube, sich der Wörter je, jeder, und jetzt sowohl in
dieser neuern, als in der Altdeutschen Form, ie, ieder, und itzt, nach
Gefallen zu bedienen. Ohne diese Freyheit hätte hier eine der besten
Stanzen des ganzen Oberons entweder gänzlich kassiert, oder ins schlechtere
verändert werden müssen.

Jungfernzwinger, II. 32. Ein (vermuthlich) von unserm Dichter gestempeltes
Wort für Jungfernkloster. Daß sich dazu keine andre Analogie fand als das
Jägerwort Hundezwinger, wird ihm hoffentlich zu keinem Vorwurf gereichen.

Klosterbühl, II. 33. Bühel, Bühl, (in den härtesten Mundarten Büchel) ist
ein gutes altes Wort für Hügel. Die Reichsstadt Dinkelsbühl hat ihren
Nahmen von Dinkel (einer Getreideart, die vermuthlich in ihrer Gegend
vorzüglich geräth) und von einem dreyfachen Bühl, d. i. Hügel, worauf sie
erbaut ist.

Knappen, III. 2, so viel als Schildknappen, Waffenträger, Knapo im mittlern
Latein. Es war vor Alters mit Knecht oder Edelknecht (Englisch Knight)
einerley, und wurde auch von einem jungen Edelmann gebraucht, welcher einem
ältern Ritter, entweder als Lehrjunge, um die Ritterschaft zu erlernen,
oder als Geselle, um sie unter Anleitung und Aufsicht eines Meisters
auszuüben, Dienste that. Nach und nach verlor es, wie Knecht und Schalk,
seine vormahlige Bedeutung und Würde, und ist dermahlen nur noch in den
Benennungen Tuchknappe, Mühlknappe, Bergknappe, üblich.

Kobold, II. 11. Eine Art von Mittelgeistern, Gobelinus im Latein des
Mittelalters, von welchen man glaubte, daß sie den Menschen eher hold als
zu schaden geneigt seyen, wiewohl dieß so ziemlich von ihrer Laune und
andern Umständen abhing. Der Kobold der Bergleute, oder das Bergmännchen,
scheint mit Gabalis Gnomen, oder Elementargeistern von der vierten Klasse,
einerley zu seyn.

Kurdé, XII. 43. Ein weites Oberkleid der türkischen Damen. S. "Letters of
Lady M. Worthley Montague" L. XXIX.

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* Eine Anspielung auf den Pseudo-Frauenhut Chärea im Terenz, dem eine Magd,
in der Meinung, daß er der Verschnittene sey, welchen ihre Dame zum
Geschenk erhalten hatte, die junge Pamfila zu hüten gab, mit dem Auftrag,
ihr, während sie nach dem Bade der Ruhe pflegte, Luft zuzufächeln. (Zurück)

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Langon, II. 46. Eine kleine Stadt an der Garonne, berühmt durch ihren Wein,
der für den besten unter den weißen Bourdeaux-Weinen, Vins de Grave
genannt, gehalten wird. "Melanges tirés d'une grande Bibliotheque". Vol. 36
p. 94.

Laudan, X. 43. Laudanum, eine aus Opium zubereitete Arzney von der
Erfindung des berühmten Paracelsus, steht hier für jedes andere Kordial.

Magd, III. 18. Magd, Maget, Magad, Maid, Meyd, sind verschiedene Formen
eines Wortes, welches in seiner ältesten Bedeutung eine ungeschwächte junge
Frauensperson, eine Jungfrau im eigentlichen Verstande, bedeutete. "Es
heißt im Deutschen Magd (sagt D. Luther) ein solch Weibsbild, das noch jung
ist, und mit Ehren den Kranz trägt und in Haaren geht." In diesem Sinne
wird Maria in einem alten Kirchenliede die reine Magd genannt. Im
"Heldenbuch", "Theuerdank", u. a. heißen junge Damen vom ersten Rang edle
Meyd oder Magd, ohne daß eben auf die fysische Bedingung der
Jungfräulichkeit Rücksicht genommen wird. Magdthum bezeichnet daher im
alten Deutschen sowohl den jungfräulichen oder ledigen Stand, als was man
jetzt in engerer Bedeutung Jungferschaft nennt.

Mahneh, XI. 33, auch Salam genannt, ist eine unter den Türken und
Maurischen Sarazenen gewöhnliche Art von geheimen Liebesbriefen, wobey
Blumen, Spezereyen und tausend andere Dinge, als symbolische Zeichen, die
eine gewisse abgeredete Bedeutung haben, statt der Worte gebraucht werden.
In Plants Türkischem Staatslexikon ist ein Beyspiel davon gegeben, wo eine
Weinbeere, ein Strohhalm, eine Jonquille, ein seidener Faden,
Papierschnitzel, ein Schwefelhölzchen, eine Pistazie, eine verwelkte Tulpe
und ein Stückchen Goldfaden, in einem Beutel der Geliebten überschickt, ihr
ungefähr so viel sagen, als: "Holdes Mädchen, erlaube daß ich dein Sklave
sey und laß dir meine Liebe gefallen. Ich brenne vor Sehnsucht nach dir,
und diese Flamme verzehrt mein Herz.--Meine Sinne verwirren sich. Ach
möchten wir doch zusammen auf Einem Bette ruhen! Ich sterbe, wenn du mir
nicht bald zu Hülfe kommst."--Eine ähnliche Probe theilt Lady Worthley
Montague im vierzigsten der oben angezogenen Briefe ihrer Korrespondentin
mit. Ihrem Berichte nach ist mit jedem symbolischen Zeichen dieser geheimen
Sprache ein gewisser Vers aus einem Dichter kombiniert; und sie sagt, sie
glaube, es sey eine Million Verse zu diesem Gebrauch bestimmt;--was, wenn
wir auch neun Zehntheile von der Million fahren lassen, diese Sprache zu
einer der schwersten in der Welt machen würde.

Mahom, II. 5 und öfters. Eine in den alten Französischen Rittergedichten,
Fabliaux, u. d. ziemlich allgemeine komische Abkürzung des Nahmens Mahomed,
wenn von dem großen Profeten der Sarazenen die Rede ist.

Manichäer, II. 23, war in Hüons Zeiten ein eben so gemeiner als verhaßter
Ketzernahme, wobey man sich das abscheulichste dachte, ohne sich darum zu
bekümmern, was die wirklichen Anhänger des Manes ehemahls gelehrt hatten
oder nicht. Der Kaplan konnte also dem tief studierten Manne, der sich so
positiv gegen die Geister erklärte, keinen schlimmern Streich spielen, als
ihm einen Nahmen anzuhängen, den jener nicht auf sich sitzen lassen durfte,
wenn er den anwesenden Laien nicht ein Gräuel werden wollte. Daher
vermuthlich der Fechterkniff, im Fortgang des Streits sich hinter so viel
Latein zurück zu ziehen, daß die Zuhörer, und vielleicht auch der orthodoxe
Kaplan selbst, ihm nichts weiter anhaben konnten.

Märtrerberg, IX. 6. Montmartre bey Paris, so genannt, weil nach ehemahligem
gemeinem Glauben der heilige Dionysius Areopagita mit seinen Gefährten S.
Rustikus und S. Eleutherus den Martertod auf diesem Berg erlitten haben
soll.

Herzog Nayms, I. 52. Die alten Ritterbücher von Charlemagne und den Helden
seiner Zeit sprechen viel von einem Herzog Naymes von Bayern, als dem
weisesten Mann an Karls Hofe, für dessen Rath dieser Kaiser immer besondere
Achtung getragen habe. Bekannter Maßen kennt die Geschichte dieser Zeit
keinen andern Herzog in Bayern als den unruhigen Tassilo. Ich habe dem
seltsamen Nahmen Naymes überall nachgespürt, und nichts gefunden, als daß
in dem Zedlerischen Universal-Lexikon ein Nainus oder Nämus als ein General
der Bayern unter Karl dem Großen aufgeführt wird, ohne die Quelle, woraus
diese Angabe geschöpft ist, anzuzeigen.

Obsiegen, III. 20, (einem) auch ansiegen, eine Altdeutsche Form, für einen
besiegen, bezwingen.

Ok, die Sprache von Ok, I. 12. Die so genannte Romanische (romana rustica)
Sprache, die nach der Zerstörung der Römischen Herrschaft in Gallien vom
Volke gesprochen wurde, theilte sich in zwey sehr ungleichartige Mundarten,
in deren einer das dermahlige Französische Bejahungswörtchen oui, oil, in
der andern hingegen ok ausgesprochen wurde. Diese letztere, die in dem
mittäglichen Frankreich herrschte, hieß daher la langue d'oc, und wurde
späterhin die provenzalische genannt. S. die Einleitung vor le Grands
"Fabliaux ou Contes du XII. et XIII. Siecle".

Pan, der große Pan, II. 18. Eine im Munde Scherasmins fast zu gelehrte
Anspielung auf das bekannte Mährchen von dem Ägyptischen Schiffer Thamos,
dem, als er einst, unter der Regierung des Kaisers Tiberius, an den
Echinadischen Inseln vorbey fuhr, nach einer plötzlich erfolgten Windstille
eine Stimme von den Paxischen Inseln her zu dreyen Mahlen befahl: so bald
er den Hafen Pelodes (an der Küste von Epirus) erreicht haben würde, sollte
er mit lauter Stimme ausrufen: Der große Pan sey gestorben. Thamos hatte
diesen seltsamen Auftrag wieder vergessen, als er durch eine abermahlige
Windstille, die ihn im Angesicht des Hafens Pelodes befiel, daran erinnert
wurde: und kaum hatte er den Tod des großen Pans ausgerufen, so ließ sich
ein großes Wehklagen und Gewinsel in der Luft hören, wie von unsichtbaren
Personen, die an dieser Nachricht ganz besondern Antheil nähmen, und ihr
Erstaunen und Leidwesen darüber bezeigten. Das merkwürdigste an dieser
schönen Geschichte ist, daß Plutarch in seiner Abhandlung von den Ursachen,
warum die Orakel aufgehört hätten, sie einem gewissen Ämilianus in den Mund
legt, der sie von seinem Vater, als einem unmittelbaren Augen--und
Ohrenzeugen, gehört zu haben versicherte.--Übrigens ist es, in Rücksicht
des bekannten Gebrauchs, welcher in der Folge von dieser Erzählung gemacht
wurde, eben nicht unmöglich, daß Scherasmin gelegentlich von seinem Pfarrer
etwas von ihr gehört haben könnte, wiewohl ihm nichts davon im Gedächtniß
geblieben, als die isolierte Vorstellung, wie still und todt es auf einmahl
in der Natur werden müßte, wenn der große Pan wirklich zu sterben kommen
sollte.

Pär (Pair) des Reichs, I. 48. Es bedarf wohl kaum erinnert zu werden, daß
unser Dichter auch hier, da sein Held sich (als Herzog von Guyenne oder
Aquitanien) einen Pär des Reichs nennt, in der 49sten Stanze von Fürsten
des Kaiserreichs spricht, und in dieser Qualität das Recht seinen Ankläger
zum Zweykampf heraus zu fordern geltend macht, nicht der Geschichte,
sondern den Ritterromanen von Charlemagne folgt, welche wahrscheinlich erst
im XII. und XIII. Jahrhundert ausgeheckt wurden. Der unbekannte Mönch, der
seinen aus den abenteuerlichsten Erdichtungen zusammen gestoppelten Roman
"de Gestis Caroli M. et Rolandi", um ihm das Ansehen einer wahren
Geschichte zu geben, dem Erzbischof Tilpin von Rheims (den er Turpin nennt)
unterschob, hatte so wenig Kenntniß und Begriff von Karl dem Großen und
seiner Regierung, daß er nicht nur die Gebräuche, Sitten und Lebensweise
der so genannten Ritterzeiten, sondern sogar die ganze Verfassung von
Frankreich, wie er sie unter Ludwig VII. und Filipp August (unter deren
Regierung er lebte) fand, in die Zeit jenes großen Königs der Franken
hinüber trägt. Daher denn auch die vorgeblichen zwölf Pärs desselben, die
in diesen Romanen als die zwölf großen erblichen Kronvasallen erscheinen,
da man doch damahls eben so wenig von Erb-Kronvasallen als von bestimmten
Vorzügen und Vorrechten einiger derselben vor allen übrigen wußte, indem
alle vom König unmittelbar belehnte Baronen eben darum, weil sie alle
einander gleich waren, Pares Franciae hießen, und, in so fern ein jeder nur
von seines gleichen gerichtet werden konnte, den Hof der Pärs, la Cour des
Pairs, ausmachten. Von wem und zu welcher Zeit die ehemahls ungeheure Menge
der Baronen oder Pärs von Frankreich auf zwölf (sechs geistliche und sechs
weltliche*) eingeschränkt worden, ist eine eben so problematische oder
vielmehr unauflösbare Frage in der Französischen Geschichte, als der
Ursprung der Kurfürsten in der Deutschen: aber so viel ist gewiß, daß von
diesen zwölf Pärs erst unter Ludewig VII. Erwähnung geschieht. S. "Les
Moeurs et Coutumes dans les differens tems de la Monarchie Franç. au Tome
VI. de l'Hist. de France de le Gendre".

Recke, III. 47. Ein veraltetes Wort für Riese. Es wurde ehemahls auch von
andern tapfern und streitbaren Männern gebraucht, und die alten Sueven
werden in dieser Bedeutung in dem Lobgesang auf den Heiligen Anno St. 19.
gute Reckin genannt. In den alten Isländischen Mythen heißen ihre
Heerführer oder Landeshauptleute (Könige) Landrecken.

Rennen, I. 35. "Bey einem offnen Rennen," d. i. in einem Turnier; ein in
dem alten "Amadis aus Gallien" und ähnlichen Werken häufig vorkommendes
Wort. Noch gewöhnlicher hieß es ein Stechen, Stechspiel, Ritterstechen;
daher Stechhelm, ein Turnierhelm, der das ganze Gesicht bedeckte und nur
zum Sehen und Athmen Öffnungen hatte,--Stechpferd, ein starkes zum
Turnieren abgerichtetes Pferd, Stechbahn, Stechzeug, u.s.w. ein scharfer
Stecher, III. 12. Reiten wurde ebenfalls als ein Synonym von turnieren,
oder eine Lanze mit einander brechen, gebraucht; daher ein Ritt, III. 10.
Für Turnier wurde damahls auch Turney gesagt: II. 19, im Feld und im
Turney.

Schimpf, I. 26. "In Schimpf und Ernst," d. i. in Ritterspielen und in
gefährlichen Abenteuern, wo Leib und Leben gewagt wurde.--Schimpf wird
hier in der veralteten Bedeutung von Spiel und Scherz gebraucht. Noch im
15ten Jahrhundert waren scherzen und schimpfen gleichbedeutend. So heißt es
zum Beyspiel (nach Adelungs Zeugniß) in einer zu Straßburg 1466 gedruckten
Deutschen Bibel: "Abimelech sah in (ihn, den Isaak) schimpfen mit Rebekka
seiner Hausfrauen."--Es wird aus Schimpf noch Ernst werden, ist eine
Redensart, die noch itzt in Oberdeutschland zuweilen gehört wird.

Stange, für Speer oder Lanze, V. 65, kommt in dieser Bedeutung noch in
Luthers Bibelübersetzung vor, Matth. 26,47.

Stapfen, einher stapfen, VI. 42, ein veraltetes aber mahlerisches Wort, für
stark und fest auftreten.

Sultanin, IX. 5, (Sequin) eine Türkische Goldmünze, deren Werth hier, wo es
auf eine sehr genaue Bestimmung nicht ankommt, etwa einem Goldgülden oder
halben Maxd'or gleich angenommen werden kann.

Unangemuthet, III. 39, d.i. ohne eine Anmuthung zu dieser Person zu spüren,
ohne daß sein Herz ihm etwas für sie sagt, ohne daß sie ihn interessiert.
Muth (Mod, Mûat, Mûoth) hieß bey den alten Angelsachsen, Franken und
Allemannen animus bene vel male adfectus, das Gemüth, oder was wir
figürlich das Herz nennen, und Muthen war so viel als das Gemüth in
Bewegung setzen, anziehen. Daher Anmuth, was unser Herz anspricht, anzieht.
Das Zeitwort anmuthen scheint also vorzüglich dazu geschickt zu seyn,
wenigstens in vielen Fällen die Stelle des fremden und unsern Puristen
anstößigen interessieren zu ersetzen; zumahl wenn unsre Schriftsteller sich
entschlössen, dieses Wort in dem Sinne, worin es ansinnen oder zumuthen (d.
i. verlangen daß ein anderer über eine gewisse Sache eben so gemuthet sey
wie wir) heißt, nie wieder zu gebrachten. Von etwas angemuthet oder
unangemuthet seyn oder werden, wäre diesem nach so viel als davon
interessiert oder nicht interessiert werden: und in diesem Sinne scheint
unser Dichter das von ihm vermuthlich zuerst gebrauchte Wort unangemuthet
genommen zu haben.

Ventregris, II. 20. Ein nur in Scherasmins Munde duldbarer, wiewohl
ehemahls dem König Heinrich IV. von Frankreich sehr geläufiger,
Gaskonnischer Schwur, statt Ventre-Saint-Gris.

Verdrieß, I. 41. Die alte Form des Wortes Verdruß, welche hier mit gutem
Bedacht der gewöhnlichen vorgezogen worden ist.

Verluppt, III. 36. "Ganz in verlupptem Stahl," d. i. in bezauberten Waffen.
Luppen, verluppen hieß in der alten Allemannischen Sprache vergiften; daher
verlüppte Pfeile. Weil aber, wie Wachter wohl anmerkt, im gemeinen
Volksglauben giftmischen und zaubern verwandte und associierte Begriffe
sind, so bekamen die Worte luppen, verluppt, auch die Bedeutung von zaubern
und bezaubert. So sagt zum Beyspiel König Tyrol (beym Goldast):

Der konnte luppen, (d.i. zaubern) mit die (dem) Speer;

und der Dichter Nithart (ebenfalls in Goldasts Paraenet.) Zöverluppe für
Zauber, fascinum magicum.

Versehen, IV. 63. Etwas versehen, d. i. schicken, verfügen, kommt in dieser
veralteten Form und Bedeutung öfters in Luthers Bibel vor.

Versteinen, VIII. 61, zu Stein werden, statt des gewöhnlichen versteinern,
wo das r in der Endsylbe überflüssig und sogar unrichtig ist. Wenn man
verbessern, verschönern, verkleinern, vergrößern sagt, so geschieht es
darum, weil etwas besser, schöner, kleiner, größer werden soll als es war.
Bey versteinert hingegen ist die Rede nicht davon, etwas noch steinerner
als es ist, sondern etwas, das kein Stein war, zum Stein zu machen.

Wage, V. 72, VII. 22. Für das, was man bey einer Entschließung wagt. Wage
ist in dieser Bedeutung ein zwar veraltetes, aber wenn es am rechten Orte
steht, jedem verständliches, und kaum entbehrliches Altdeutsches Wort. Auch
Wagestück, welches in einigen Provinzen noch gehört wird, für eine
gefahrvolle Unternehmung, verlangt mit gleichem Recht wieder in Umlauf zu
kommen.

Wehre für Gewehre, I. 43. Wehrgeschmeide, III. 4, für Waffenschmuck,
Waffenrüstung.--Wörter, die in der Dichtersprache erhalten zu werden
verdienen.

Weib, III. 58 "da steht vor ihm ein göttergleiches Weib,"--wird hier in
der Altdeutschen Bedeutung gebraucht, vermöge deren es, wie das Griechische
gyne, eine jede Frauensperson, ohne Rücksicht auf Geburt, Stand und Alter
bezeichnet. So kommt das Wort Wib beständig bey den Minnesängern vor,
wiewohl schon Walther von der Vogelweide in einem seiner schönsten Lieder
sich sehr darüber ereifert, daß man zu seiner Zeit (im 13ten Jahrhunderte)
schon einen Unterschied zu machen anfing, weil die vornehmern nicht mehr
Weiber sondern Frowen (Frauen) heißen wollten. Indessen sagen noch itzt in
Oberdeutschland Personen von Stande, wenn von ihres gleichen die Rede ist,
--"Sie ist ein schönes Weib"; und auch in unsrer neuern Dichtersprache ist
das Wort Weib von mehrern wieder in seine alte Würde eingesetzt worden.
Denn, wie der eben benannte edle Minnesänger sagt:

Wib muß immer sin der Wibe höhster Nahme.

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* Jene waren, der Erzbischof von Rheims, der Bischof Herzog von Laon, der
Bischof Herzog von Langres, der Bischof Graf von Beauvais, und die Bischöfe
von Chalons sur Marne und von Noyon; Diese, die drey Herzoge von Burgund,
Normandie und Guyenne, und die drey Grafen von Flandern, Champagne und
Toulouse. (Zurück)

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Book of the day: