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Novelle by Johann Wolfgang Goethe

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Novelle by Johann Wolfgang Goethe - Full Text Free Book
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This etext was prepared by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com.

Novelle

by Johann Wolfgang von Goethe

Novelle, Kapitel 1

Ein dichter Herbstnebel verhüllte noch in der Frühe die weiten Räume
des fürstlichen Schloßhofes, als man schon mehr oder weniger durch den
sich lichtenden Schleier die ganze Jägerei zu Pferde und zu Fuß
durcheinander bewegt sah.

Die eiligen Beschäftigungen der Nächsten ließen sich erkennen: man
verlängerte, man verkürzte die Steigbügel, man reichte sich Büchse und
Patrontäschchen, man schob die Dachsranzen zurecht, indes die Hunde
ungeduldig am Riemen den Zurückhaltenden mit fortzuschleppen drohten.

Auch hie und da gebärdete ein Pferd sich mutiger, von feuriger Natur
getrieben oder von dem Sporn des Reiters angeregt, der selbst hier in
der Halbhelle eine gewisse Eitelkeit, sich zu zeigen, nicht verleugnen
konnte.

Alle jedoch warteten auf den Fürsten, der, von seiner jungen Gemahlin
Abschied nehmend, allzulange zauderte.

Erst vor kurzer Zeit zusammen getraut, empfanden sie schon das Glück
übereinstimmender Gemüter; beide waren von tätig lebhaftem Charakter,
eines nahm gern an des andern Neigungen und Bestrebungen Anteil.

Des Fürsten Vater hatte noch den Zeitpunkt erlebt und genutzt, wo es
deutlich wurde, daß alle Staatsglieder in gleicher Betriebsamkeit ihre
Tage zubringen, in gleichem Wirken und Schaffen jeder nach seiner Art
erst gewinnen und dann genießen sollte.

Wie sehr dieses gelungen war, ließ sich in diesen Tagen gewahr werden,
als eben der Hauptmarkt sich versammelte, den man gar wohl eine Masse
nennen konnte.

Der Fürst hatte seine Gemahlin gestern durch das Gewimmel der
aufgehäuften Waren zu Pferde geführt und sie bemerken lassen, wie
gerade hier das Gebirgsland mit dem flachen Lande einen glücklichen
Umtausch treffe; er wußte sie an Ort und Stelle auf die Betriebsamkeit
seines Länderkreises aufmerksam zu machen.

Wenn sich nun der Fürst fast ausschließlich in diesen Tagen mit den
Seinigen über diese zudringenden Gegenstände unterhielt, auch
besonders mit dem Finanzminister anhaltend arbeitete, so behielt doch
auch der Landjägermeister sein Recht, auf dessen Vorstellung es
unmöglich war, der Versuchung zu widerstehen, an diesen günstigen
Herbsttagen eine schon verschobene Jagd zu unternehmen, sich selbst
und den vielen angekommenen Fremden ein eignes und seltnes Fest zu
eröffnen.

Die Fürstin blieb ungern zurück; man hatte sich vorgenommen, weit in
das Gebirg hineinzudringen, um die friedlichen Bewohner der dortigen
Wälder durch einen unerwarteten Kriegszug zu beunruhigen.

Scheidend versäumte der Gemahl nicht, einen Spazierritt vorzuschlagen,
den sie im Geleit Friedrichs, des fürstlichen Oheims, unternehmen
sollte ".

"Auch lasse ich", sagte er, "dir unsern Honorio als Stallund Hofjunker,
der für alles sorgen wird".

Und im Gefolg dieser Worte gab er im Hinabsteigen einem wohlgebildeten
jungen Mann die nötigen Aufträge, verschwand sodann bald mit Gästen
und Gefolge.

Die Fürstin, die ihrem Gemahl noch in den Schloßhof hinab mit dem
Schnupftuch nachgewinkt hatte, begab sich in die hintern Zimmer,
welche nach dem Gebirg eine freie Aussicht ließen, die um desto
schöner war, als das Schloß selbst von dem Flusse herauf in einiger
Höhe stand und so vor--als hinterwärts mannigfaltige bedeutende
Ansichten gewährte.

Sie fand das treffliche Teleskop noch in der Stellung, wo man es
gestern abend gelassen hatte, als man, über Busch, Berg und Waldgipfel
die hohen Ruinen der uralten Stammburg betrachtend, sich unterhielt,
die in der Abendbeleuchtung merkwürdig hervortraten, indem alsdann die
größten Licht- und Schattenmassen den deutlichsten Begriff von einem
so ansehnlichen Denkmal alter Zeit verleihen konnten.

Auch zeigte sich heute früh durch die annähernden Gläser recht
auffallend die herbstliche Färbung jener mannigfaltigen Baumarten, die
zwischen dem Gemäuer ungehindert und ungestört durch lange Jahre
emporstrebten.

Die schöne Dame richtete jedoch das Fernrohr etwas tiefer nach einer
öden, steinigen Fläche, über welche der Jagdzug weggehen mußte.

Sie erharrte den Augenblick mit Geduld und betrog sich nicht, denn bei
der Klarheit und Vergrößerungsfähigkeit des Instruments erkannten ihre
glänzenden Augen deutlich den Fürsten und den Oberstallmeister; ja sie
enthielt sich nicht, abermals mit dem Schnupftuche zu winken, als sie
ein augenblickliches Stillhalten und Rückblicken mehr vermutete als
gewahr ward.

Fürst Oheim, Friedrich mit Namen, trat sodann, angemeldet, mit seinem
Zeichner herein, der ein großes Portefeuille unter dem Arm trug.

"Liebe Cousine", sagte der alte, rüstige Herr, "hier legen wir die
Ansichten der Stammburg vor, gezeichnet, um von verschiedenen Seiten
anschaulich zu machen, wie der mächtige Trutz- und Schutzbau von alten
Zeiten her dem Jahr und seiner Witterung sich entgegenstemmte und wie
doch hie und da sein Gemäuer weichen, da und dort in wüste Ruinen
zusammenstürzen mußte.

Nun haben wir manches getan, um diese Wildnis zugänglicher zu machen,
denn mehr bedarf es nicht, um jeden Wanderer, jeden Besuchenden in
Erstaunen zu setzen, zu entzücken".

Indem nun der Fürst die einzelnen Blätter deutete, sprach er weiter:
"hier, wo man, den Hohlweg durch die äußern Ringmauern heraufkommend,
vor die eigentliche Burg gelangt, steigt uns ein Felsen entgegen von
den festesten des ganzen Gebirgs; hierauf nun steht gemauert ein Turm,
doch niemand wüßte zu sagen, wo die Natur aufhört, Kunst und Handwerk
aber anfangen.

Ferner sieht man seitwärts Mauern angeschlossen und Zwinger
terrassenmäßig herab sich erstreckend.

Doch ich sage nicht recht, denn es ist eigentlich ein Wald, der diesen
uralten Gipfel umgibt.

Seit hundertundfunfzig Jahren hat keine Axt hier geklungen, und
überall sind die mächtigsten Stämme emporgewachsen.

Wo Ihr Euch an den Mauern andrängt, stellt sich der glatte Ahorn, die
rauhe Eiche, die schlanke Fichte mit Schaft und Wurzeln entgegen; um
diese müssen wir uns herumschlängeln und unsere Fußpfade verständig
führen.

Seht nur, wie trefflich unser Meister dies Charakteristische auf dem
Papier ausgedrückt hat, wie kenntlich die verschiedenen Stammund
Wurzelarten zwischen das Mauerwerk verflochten und die mächtigen äste
durch die Lücken durchgeschlungen sind!

Es ist eine Wildnis wie keine, ein zufällig einziges Lokal, wo die
alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden
und fortwirkenden Natur sich in dem ernstesten Streit erblicken
lassen".

Ein anderes Blatt aber vorlegend, fuhr er fort: "was sagt Ihr nun zum
Schloßhofe, der, durch das Zusammenstürzen des alten Torturmes
unzugänglich, seit und undenklichen Jahren von niemand betreten ward?"

Wir suchten ihm von der Seite beizukommen, haben Mauern durchbrochen,
Gewölbe gesprengt und so einen bequemen, aber geheimen Weg bereitet.

Inwendig bedurft es keines Aufräumens, hier findet sich ein flacher
Felsgipfel von der Natur geplättet, aber doch haben mächtige Bäume hie
und da zu wurzeln Glück und Gelegenheit gefunden; sie sind sachte,
aber entschieden aufgewachsen, nun erstrecken sie ihre äste bis in die
Galerien hinein, auf denen der Ritter sonst auf und ab schritt, ja
durch Türen durch und Fenster in die gewölbten Säle, aus denen wir sie
nicht vertreiben wollen; sie sind eben Herr geworden und mögens
bleiben.

Novelle, Kapitel 2

Tiefe Blätterschichten wegräumend, haben wir den merkwürdigsten Platz
geebnet gefunden, dessengleichen in der Welt vielleicht nicht wieder
zu sehen ist.

Nach allem diesem aber ist es immer noch bemerkenswert und an Ort und
Stelle zu beschauen, daß auf den Stufen, die in den Hauptturm
hinaufführen, ein Ahorn Wurzel geschlagen und sich zu einem so
tüchtigen Baume gebildet hat, daß man nur mit Not daran vorbeidringen
kann, um die Zinne, der unbegrenzten Aussicht wegen, zu besteigen.

Aber auch hier verweilt man bequem im Schatten, denn dieser Baum ist
es, der sich über das Ganze wunderbar hoch in die Luft hebt.

Danken wir also dem wackern Künstler, der uns so löblich in
verschiedenen Bildern von allem überzeugt, als wenn wir gegenwärtig
wären; er hat die schönsten Stunden des Tages und der Jahrszeit dazu
angewendet und sich wochenlang um diese Gegenstände herumbewegt.

In dieser Ecke ist für ihn und den Wächter, den wir ihm zugegeben,
eine kleine, angenehme Wohnung eingerichtet.

Sie sollten nicht glauben, meine Beste, welch eine schöne Aus- und
Ansicht er ins Land, in Hof und Gemäuer sich dort bereitet hat! Nun
aber, da alles so rein und charakteristisch umrissen ist, wird er es
hier unten mit Bequemlichkeit ausführen.

Wir wollen mit diesen Bildern unsern Gartensaal zieren, und niemand
soll über unsere regelmäßigen Parterre, Lauben und schattigen Gänge
seine Augen spielen lassen, der nicht wünschte, dort oben in dem
wirklichen Anschauen des Alten und Neuen, des Starren, Unnachgiebigen,
Unzerstörlichen und des Frischen, Schmiegsamen, Unwiderstehlichen
seine Betrachtungen anzustellen".

Honorio trat ein und meldete, die Pferde seien vorgeführt; da sagte
die Fürstin, zum Oheim gewendet: "reiten wir hinauf, und lassen Sie
mich in der Wirklichkeit sehen, was Sie mir hier im Bilde zeigten!

Seit ich hier bin, hör ich von diesem Unternehmen und werde jetzt erst
recht verlangend, mit Augen zu sehen, was mir in der Erzählung
unmöglich schien und in der Nachbildung unwahrscheinlich bleibt".
--"Noch nicht, meine Liebe", versetzte der Fürst; "was Sie hier sahen,
ist, was es werden kann und wird; jetzt stockt noch manches, die Kunst
muß erst vollenden, wenn sie sich vor der Natur nicht schämen soll".
--"Und so reiten wir wenigstens hinaufwärts, und wär es nur bis an den
Fuß; ich habe große Lust, mich heute weit in der Welt umzusehen".
--"Ganz nach Ihrem Willen", versetzte der Fürst.--"Lassen Sie uns
aber durch die Stadt reiten", fuhr die Dame fort, "über den großen
Marktplatz, wo eine zahllose Menge von Buden die Gestalt einer kleinen
Stadt, eines Feldlagers angenommen hat.

Es ist, als wären die Bedürfnisse und Beschäftigungen sämtlicher
Familien des Landes umher nach außen gekehrt, in diesem Mittelpunkt
versammelt, an das Tageslicht gebracht worden, denn hier sieht der
aufmerksame Beobachter alles, was der Mensch leistet und bedarf; man
bildet sich einen Augenblick ein, es sei kein Geld nötig, jedes
Geschäft könne hier durch Tausch abgetan werden, und so ist auch im
Grunde.

Seitdem der Fürst gestern mir Anlaß zu diesem übersichten gegeben, ist
es mir gar angenehm zu denken, wie hier, wo Gebirg und flaches Land
aneinandergrenzen, beide so deutlich aussprechen, was sie brauchen und
was sie wünschen.

Wie nun der Hochländer das Holz seiner Wälder in hundert Formen
umzubilden weiß, das Eisen zu einem jeden Gebrauch zu
vermannigfaltigen, so kommen jene drüben mit den vielfältigsten Waren
ihm entgegen, an denen man den Stoff kaum unterscheiden und den Zweck
oft nicht erkennen mag".

"Ich weiß", versetzte der Fürst, "daß mein Neffe hierauf die größte
Aufmerksamkeit wendet, denn gerade zu dieser Jahrszeit kommt es
hauptsächlich darauf an, daß man mehr empfange als gebe; dies zu
bewirken, ist am Ende die Summe des ganzen Staatshaushaltes so wie der
kleinsten häuslichen Wirtschaft.

Verzeihen Sie aber, meine Beste, ich reite niemals gern durch den
Markt und Messe; bei jedem Schritt ist man gehindert und aufgehalten,
und dann flammt mir das ungeheure Unglück wieder in die
Einbildungskraft, das sich mir gleichsam in die Augen eingebrannt, als
ich eine solche Güter- und Warenbreite in Feuer aufgehen sah.

Ich hatte mich kaum--".

"Lassen Sie uns die schönen Stunden nicht versäumen!" fiel ihm die
Fürstin ein, da der würdige Mann sie schon einigemal mit ausführlicher
Beschreibung jenes Unheils geängstigt hatte, wie er sich nämlich, auf
einer großen Reise begriffen, abends im besten Wirtshause auf dem
Markte, der eben von einer Hauptmesse wimmelte, höchst ermüdet zu
Bette gelegt und nachts durch Geschrei und Flammen, die sich gegen
seine Wohnung wälzten, gräßlich aufgeweckt worden.

Die Fürstin eilte, das Lieblingspferd zu besteigen, und führte, statt
zum Hintertore bergauf, zum Vordertore bergunter ihren widerwillig
bereiten Begleiter; denn wer wäre nicht gern an ihrer Seite geritten,
wer wäre ihr nicht gern gefolgt!

Und so war auch Honorio von der sonst so ersehnten Jagd willig
zurückgeblieben, um ihr ausschließlich dienstbar zu sein.

Wie vorauszusehen, durften sie auf dem Markte nur Schritt vor Schritt
reiten; aber die schöne Liebenswürdige erheiterte jeden Aufenthalt
durch eine geistreiche Bemerkung.

"Ich wiederhole", sagte sie, "meine gestrige Lektion, da denn doch die
Notwendigkeit unsere Geduld prüfen will".

Und wirklich drängte sich die ganze Menschenmasse dergestalt an die
Reitenden heran, daß sie ihren Weg nur langsam fortsetzen konnten.
Das Volk schaute mit Freuden die junge Dame, und auf so viel
lächelnden Gesichtern zeigte sich das entschiedene Behagen, zu sehen,
daß die erste Frau im Lande auch die schönste und anmutigste sei.

Untereinander gemischt standen Bergbewohner, die zwischen Felsen,
Fichten und Föhren ihre stillen Wohnsitze hegten, Flachländer von
Hügeln, Auen und Wiesen her, Gewerbsleute der kleinen Städte, und was
sich alles versammelt hatte.

Nach einem ruhigen überblick bemerkte die Fürstin ihrem Begleiter, wie
alle diese, woher sie auch seien, mehr Stoff als nötig zu ihren
Kleidern genommen, mehr Tuch und Leinwand, mehr Band zum Besatz.

"Ist es doch, als ob die Weiber nicht brauschig und die Männer nicht
pausig genug sich gefallen könnten!"

"Wir wollen ihnen das ja lassen", versetzte der Oheim; "wo auch der
Mensch seinen überfluß hinwendet, ihm ist wohl dabei, am wohlsten,
wenn er sich damit schmückt und aufputzt".

Die schöne Dame winkte Beifall.

So waren sie nach und nach auf einen freiern Platz gelangt, der zur
Vorstadt hinführte, wo am Ende vieler kleiner Buden und Kramstände ein
größeres Brettergebäude in die Augen fiel, das sie kaum erblickten,
als ein ohrzerreißendes Gebrülle ihnen entgegentönte.

Die Fütterungsstunde der dort zur Schau stehenden wilden Tiere schien
herangekommen; der Löwe ließ seine Wald- und Wüstenstimme aufs
kräftigste hören, die Pferde schauderten, und man konnte der Bemerkung
nicht entgehen, wie in dem friedlichen Wesen und Wirken der gebildeten
Welt der König der Einöde sich so furchtbar verkündige.

Zur Bude näher gelangt, durften sie die bunten, kolossalen Gemälde
nicht übersehen, die mit heftigen Farben und kräftigen Bildern jene
fremden Tiere darstellten, welche der friedliche Staatsbürger zu
schauen unüberwindliche Lust empfinden sollte.

Novelle, Kapitel 3

Der grimmig ungeheure Tiger sprang auf einen Mohren los, im Begriff
ihn zu zerreißen, ein Löwe stand ernsthaft majestätisch, als wenn er
keine Beute seiner würdig vor sich sähe; andere wunderliche, bunte
Geschöpfe verdienten neben diesen mächtigen weniger Aufmerksamkeit.

"Wir wollen", sagte die Fürstin, "bei unserer Rückkehr absteigen und
die seltenen Gäste näher betrachten!"--"Es ist wunderbar", versetzte
der Fürst, "daß der Mensch durch Schreckliches immer aufgeregt sein
will.

Drinnen liegt der Tiger ganz ruhig in seinem Kerker, und hier muß er
grimmig auf einen Mohren losfahren, damit man glaube, dergleichen
inwendig ebenfalls zu sehen; es ist an Mord und Totschlag noch nicht
genug, an Brand und Untergang: die Bänkelsänger müssen es an jeder
Ecke wiederholen.

Die guten Menschen wollen eingeschüchtert sein, um hinterdrein erst
recht zu fühlen, wie schön und löblich es sei, frei Atem zu holen".

Was denn aber auch Bängliches von solchen Schreckensbildern mochte
übriggeblieben sein, alles und jedes war sogleich ausgelöscht, als man,
zum Tore hinausgelangt, in die heiterste Gegend eintrat.

Der Weg führte zuerst am Flusse hinan, an einem zwar noch schmalen,
nur leichte Kähne tragenden Wasser, das aber nach und nach als größter
Strom seinen Namen behalten und ferne Länder beleben sollte.

Dann ging es weiter durch wohlversorgte Frucht- und Lustgärten sachte
hinaufwärts, und man sah sich nach und nach in der aufgetanen,
wohlbewohnten Gegend um, bis erst ein Busch, sodann ein Wäldchen die
Gesellschaft aufnahm und die anmutigsten örtlichkeiten ihren Blick
begrenzten und erquickten.

Ein aufwärts leitendes Wiesental, erst vor kurzem zum zweiten Male
gemäht, sammetähnlich anzusehen, von einer oberwärts lebhaft auf
einmal reich entspringenden Quelle gewässert, empfing sie freundlich,
und so zogen sie einem höheren, freieren Standpunkt entgegen, den sie,
aus dem Walde sich bewegend, nach einem lebhaften Stieg erreichten,
alsdann aber vor sich noch in bedeutender Entfernung über neuen
Baumgruppen das alte Schloß, den Zielpunkt ihrer Wallfahrt, als Fels-
und Waldgipfel hervorragen sahen.

Rückwärts aber--denn niemals gelangte man hierher, ohne sich
umzukehren--erblickten sie durch zufällige Lücken der hohen Bäume das
fürstliche Schloß links, von der Morgensonne beleuchtet, den
wohlgebauten höhern Teil der Stadt, von leichten Rauchwolken gedämpft,
und so fort nach der Rechten zu die untere Stadt, den Fluß in einigen
Krümmungen mit seinen Wiesen und Mühlen, gegenüber eine weite
nahrhafte Gegend.

nachdem sie sich an dem Anblick ersättigt oder vielmehr, wie es uns
bei dem Umblick auf so hoher Stelle zu geschehen pflegt, erst recht
verlangend geworden nach einer weitern, weniger begrenzten Aussicht,
ritten sie eine steinige, breite Fläche hinan, wo ihnen die mächtige
Ruine als ein grüngekrönter Gipfel entgegenstand, wenig alte Bäume
tief unten um seinen Fuß; sie ritten hindurch, und so fanden sie sich
gerade vor der steilsten, unzugänglichsten Seite.

Mächtige Felsen standen von Urzeiten her, jedem Wechsel unangetastet,
fest, wohlgegründet voran, und so türmte sichs aufwärts; das
sazwischen Herabgestürzte lag in mächtigen Platten und Trümmern
unregelmäßig übereinander und schien dem Kühnsten jeden Angriff zu
verbieten.

Aber das Steile, Jähe scheint der Jugend zuzusagen; dies zu
unternehmen, zu erstürmen, zu erobern, ist jungen Gliedern ein Genuß.

Die Fürstin bezeigte Neigung zu einem Versuch, Honorio war bei der
Hand, der fürstliche Oheim, wenn schon bequemer, ließ sichs gefallen
und wollte sich doch auch nicht unkräftig zeigen; die Pferde sollten
am Fuß unter den Bäumen halten, und man wollte bis zu einem gewissen
Punkte gelangen, wo ein vorstehender mächtiger Fels einen Flächenraum
darbot, von wo man eine Aussicht hatte, die zwar schon in den Blick
des Vogels überging, aber sich doch noch malerisch genug
hintereinander schob.

Die Sonne, beinahe auf ihrer höchsten Stelle, verlieh die klarste
Beleuchtung; das fürstliche Schloß mit seinen Teilen, Hauptgebäuden,
Flügeln, Kuppeln und Türmen erschien gar stattlich, die obere Stadt in
ihrer völligen Ausdehnung; auch in die untere konnte man bequem
hineinsehen, ja durch das Fernrohr auf dem Markte sogar die Buden
unterscheiden.

Honorio war immer gewohnt, ein so förderliches Werkzeug
überzuschnallen; man schaute den Fluß hinauf und hinab, diesseits das
bergartig terrassenweis unterbrochene, jenseits das aufgleitende
flache und in mäßigen Hügeln abwechselnde fruchtbare Land, Ortschaften
unzählige; denn es war längst herkömmlich, über die Zahl zu streiten,
wieviel man deren von hier oben gewahr werde.

über die große Weite lag eine heitere Stille, wie es am Mittag zu sein
pflegt, wo die Alten sagten, Pan schlafe und alle Natur halte den Atem
an, um ihn nicht aufzuwecken.

"Es ist nicht das erstemal", sagte die Fürstin, "daß ich auf so hoher,
weitumschauender Stelle die Betrachtung machte, wie doch die klare
Natur so reinlich und friedlich aussieht und den Eindruck verleiht,
als wenn gar nichts Widerwärtiges in der Welt sein könne, und wenn man
denn wieder in die Menschenwohnung zurückkehrt, sie sei hoch oder
niedrig, weit oder eng, so gibts immer etwas zu kämpfen, zu streiten,
zu schlichten und zurechtzulegen".

Honorio, der indessen durch das Sehrohr nach der Stadt geschaut hatte,
rief: "seht hin! Seht hin! Auf dem Markte fängt es an zu brennen!".
Sie sahen hin und bemerkten wenigen Rauch; die Flamme dämpfte der Tag.

"Das Feuer greift weiter um sich!" rief man, immer durch die Gläser
schauend; auch wurde das Unheil den guten, unbewaffneten Augen der
Fürstin bemerklich.

Von Zeit zu Zeit erkannte man eine rote Flammenglut, der Dampf stieg
empor, und Fürst Oheim sprach: "laßt uns zurückkehren! Das ist nicht
gut! Ich fürchtete immer, das Unglück zum zweiten Male zu erleben".

Als sie, herabgekommen, den Pferden wieder zugingen, sagte die Fürstin
zu dem alten Herrn: "reiten Sie hinein, eilig, aber nicht ohne den
Reitknecht! Lassen Sie mir Honorio! Wir folgen sogleich".

Der Oheim fühlte das Vernünftige, ja das Notwendige dieser Worte und
ritt, so eilig als der Boden erlaubte, den wüsten, steinigen Hang
hinunter.

Als die Fürstin aufsaß, sagte Honorio: "reiten Euer Durchlaucht, ich
bitte, langsam!

In der Stadt wie auf dem Schloß sind die Feueranstalten in bester
Ordnung, man wird sich durch einen so unerwartet außerordentlichen
Fall nicht irre machen lassen.

Hier aber ist ein böser Boden, kleine Steine und kurzes Gras,
schnelles Reiten ist unsicher; ohnehin, bis wir hineinkommen, wird das
Feuer schon nieder sein".

Die Fürstin glaube nicht daran; sie sah den Rauch sich verbreiten, sie
glaubte einen aufflammenden Blitz gesehen, einen Schlag gehört zu
haben, und nun bewegten sich in ihrer Einbildungskraft alle die
Schreckbilder, welche des trefflichen Oheims wiederholte Erzählung von
dem erlebten Jahrmarktsbrande leider nur zu tief eingesenkt hatte.

Fürchterlich wohl war jener Fall, überraschend und eindringlich genug,
um zeitlebens eine Ahnung und Vorstellung wiederkehrenden Unglücks
ängstlich zurückzulassen, als zur Nachtzeit auf dem großen,
budenreichen Marktraum ein plötzlicher Brand Laden auf Laden ergriffen
hatte, ehe noch die in und an diesen leichten Hütten Schlafenden aus
tiefen Träumen geschüttelt wurden, der Fürst selbst als ein ermüdet
angelangter, erst eingeschlafener Fremder ans Fenster sprang, alles
fürchterlich erleuchtet sah, Flamme nach Flamme, rechts und links sich
überspringend, ihm entgegenzüngelte.

Novelle, Kapitel 4

Die Häuser des Marktes, vom Widerschein gerötet, schienen schon zu
glühen, drohend sich jeden Augenblick zu entzünden und in Flammen
aufzuschlagen; unten wütete das Element unaufhaltsam, die Bretter
prasselten, die Latten knackten, Leinwand flog auf, und ihre düstern,
an den Enden flammend ausgezackten Fetzen trieben in der Höhe sich
umher, als wenn die bösen Geister in ihrem Elemente, um und um
gestaltet, sich mutwillig tanzend verzehren und da und dort aus den
Gluten wieder auftauchen wollten.

Dann aber mit kreischendem Geheul rettete jeder, was zur Hand lag;
Diener und Knechte mit den Herren bemühten sich, von Flammen
ergriffene Ballen fortzuschleppen, von dem brennenden Gestell noch
einiges wegzureißen, um es in die Kiste zu packen, die sie denn doch
zuletzt den eilenden Flammen zum Raube lassen mußten.

Wie mancher wünschte nur einen Augenblick Stillstand dem
heranprasselnden Feuer, nach der Möglichkeit einer Besinnung sich
umsehend, und er war mit aller seiner Habe schon ergriffen; an der
einen Seite brannte, glühte schon, was an der andern noch in finsterer
Nacht stand.

Hartnäckige Charaktere, willensstarke Menschen widersetzten sich
grimmig dem grimmigen Feinde und retteten manches mit Verlust ihrer
Augenbraunen und Haare.

Leider nun erneuerte sich vor dem schönen Geiste der Fürstin der wüste
Wirrwarr, nun schien der heitere morgendliche Gesichtskreis umnebelt,
ihre Augen verdüstert; Wald und Wiese hatten einen wunderbaren,
bänglichen Anschein.

In das friedliche Tal einreitend, seiner labenden Kühle nicht achtend,
waren sie kaum einige Schritte von der lebhaften Quelle des nahen
fließenden Baches herab, als die Fürstin ganz unten im Gebüsche des
Wiesentals etwas Seltsames erblickte, das sie alsobald für den Tiger
erkannte; heranspringend, wie sie ihn vor kurzem gemalt gesehen, kam
er entgegen, und dieses Bild zu den furchtbaren Bildern, die sie
soeben beschäftigten, machte den wundersamsten Eindruck.

"Flieht! Gnädige Frau", rief Honorio, "flieht!". Sie wandte das
Pferd um, dem steilen Berg zu, wo sie herabgekommen waren.

Der Jüngling aber, dem Untier entgegen, zog die Pistole und schoß, als
er sich nahe genug glaubte.

Leider jedoch war gefehlt; der Tiger sprang seitwärts, das Pferd
stutzte, das ergrimmte Tier aber verfolgte seinen Weg aufwärts,
unmittelbar der Fürstin nach.

Sie sprengte, was das Pferd vermochte, die steile, steinige Strecke
hinan, kaum fürchtend, daß ein zartes Geschöpf, solcher Anstrengung
ungewohnt, sie nicht aushalten werde.

Es übernahm sich, von der bedrängten Reiterin angeregt, stieß am
kleinen Gerölle des Hanges an und wieder an und stürzte zuletzt nach
heftigem Bestreben kraftlos zu Boden.

Die schöne Dame, entschlossen und gewandt, verfehlte nicht, sich
strack auf ihre Füße zu stellen, auch das Pferd richtete sich auf,
aber der Tiger nahte schon, obgleich nicht mit heftiger Schnelle; der
ungleiche Boden, die scharfen Steine schienen seinen Antrieb zu
hindern, und nur daß Honorio unmittelbar hinter ihm herflog, neben ihm
gemäßigt heraufritt, schien seine Kraft aufs neue anzuspornen und zu
reizen.

Beide Renner erreichten zugleich den Ort, wo die Fürstin am Pferde
stand; der Ritter beugte sich herab, schoß und traf mit der zweiten
Pistole das Ungeheuer durch den Kopf, daß es sogleich niederstürzte
und ausgestreckt in seiner Länge erst recht die Macht und
Furchtbarkeit sehen ließ, von der nur noch das Körperliche
übriggeblieben dalag.

Honorio war vom Pferde gesprungen und kniete schon auf dem Tiere,
dämpfte seine letzten Bewegungen und hielt den gezogenen Hirschfänger
in der rechten Hand.

Der Jüngling war schön, er war herangesprengt, wie ihn die Fürstin oft
im Lanzen- und Ringelspiel gesehen hatte.

Ebenso traf in der Reitbahn seine Kugel im Vorbeisprengen den
Türkenkopf auf dem Pfahl gerade unter dem Turban in die Stirne, ebenso
spießte er, flüchtig heransprengend, mit dem blanken Säbel das
Mohrenhaupt vom Boden auf.

In allen solchen Künsten war er gewandt und glücklich, hier kam beides
zustatten.

"Gebt ihm den Rest", sagte die Fürstin; "ich fürchte, er beschädigt
Euch noch mit den Krallen".--"Verzeiht!" erwiderte der Jüngling, "er
ist schon tot genug, und ich mag das Fell nicht verderben, das
nächsten Winter auf Eurem Schlitten glänzen soll".--"Frevelt nicht!"
sagte die Fürstin; "alles, was von Frömmigkeit im tiefen Herzen wohnt,
entfaltet sich in solchem Augenblick".--"Auch ich", rief Honorio,
"war nie frömmer als jetzt eben; deshalb aber denk ich ans Freudigste;
ich blicke dieses Fell nur an, wie es Euch zur Lust begleiten kann".
--"Es würde mich immer an diesen schrecklichen Augenblick erinnern",
versetzte sie.

"Ist es doch", erwiderte der Jüngling mit glühender Wange, "ein
unschuldigeres Triumphzeichen, als wenn die Waffen erschlagener Feinde
vor dem Sieger her zur Schau getragen wurden".--"Ich werde mich an
Eure Kühnheit und Gewandtheit dabei erinnern und darf nicht
hinzusetzen, daß Ihr auf meinen Dank und auf die Gnade des Fürsten
lebenslänglich rechnen könnt.

Aber steht auf!

Schon ist kein Leben mehr im Tiere.

Bedenken wir das Weitere!

Vor allen Dingen steht auf!"--"Da ich nun einmal kniee", versetzte der
Jüngling, "da ich mich in einer Stellung befinde, die mir auf jede
andere Weise untersagt wäre, so laßt mich bitten, von der Gunst und
von der Gnade, die Ihr mir zuwendet, in diesem Augenblick versichert
zu werden.

Ich habe schon so oft Euren hohen Gemahl gebeten um Urlaub und
Vergünstigung einer weitern Reise.

Wer das Glück hat, an Eurer Tafel zu sitzen, wen Ihr beehrt, Eure
Gesellschaft unterhalten zu dürfen, der muß die Welt gesehen haben.
Reisende strömen von allen Orten her, und wenn von einer Stadt, von
einem wichtigen Punkte irgendeines Weltteils gesprochen wird, ergeht
an den Eurigen jedesmal die Frage, ob er daselbst gewesen sei.

Niemanden traut man Verstand zu, als wer das alles gesehen hat; es ist,
als wenn man sich nur für andere zu unterrichten hätte".

"Steht auf!" wiederholte die Fürstin; "ich möchte nicht gern gegen die
überzeugung meines Gemahls irgend etwas wünschen und bitten; allein
wenn ich nicht irre, so ist die Ursache, warum er Euch bisher
zurückhielt, bald gehoben.

Seine Absicht war, Euch zum selbständigen Edelmann herangereift zu
sehen, der sich und ihm auch auswärts Ehre machte wie bisher am Hofe,
und ich dächte, Eure Tat wäre ein so empfehlender Reisepaß, als ein
junger Mann nur in die Welt mitnehmen kann".

Daß anstatt einer jugendlichen Freude eine gewisse Trauer über sein
Gesicht zog, hatte die Fürstin nicht Zeit zu bemerken, noch er seiner
Empfindung Raum zu geben; denn hastig den Berg herauf, einen Knaben an
der Hand, kam eine Frau geradezu auf die Gruppe los, die wir kennen,
und kaum war Honorio, sich besinnend, aufgestanden, als sie sich
heulend und schreiend über den Leichnam herwarf und an dieser Handlung
sowie an einer obgleich reinlich anständigen, doch bunten und
seltsamen Kleidung sogleich erraten ließ, sie sei die Meisterin und
Wärterin dieses dahingestreckten Geschöpfes, wie denn der
schwarzaugige, schwarzlockige Knabe, der eine Flöte in der Hand hielt,
gleich der Mutter weinend, weniger heftig, aber tief gerührt neben ihr
kniete.

Novelle, Kapitel 5

Den gewaltsamen Ausbrüchen der Leidenschaft dieses unglücklichen
Weibes folgte, zwar unterbrochen, stoßweise ein Strom von Worten, wie
ein Bach sich in Absätzen von Felsen zu Felsen stürzt.

Eine natürliche Sprache, kurz und abgebrochen, machte sich
eindringlich und rührend.

Vergebens würde man sie in unsern Mundarten übersetzen wollen; den
ungefähren Inhalt dürfen wir nicht verfehlen: "sie haben dich ermordet,
armes Tier!

Ermordet ohne Not!

Du warst zahm und hättest dich gern ruhig niedergelassen und auf uns
gewartet; denn deine Fußballen schmerzten dich, und deine Krallen
hatten keine Kraft mehr!

Die heiße Sonne fehlte dir, sie zu reifen.

Du warst der Schönste deinesgleichen; wer hat je einen königlichen
Tiger so herrlich ausgestreckt im Schlaf gesehen, wie du nun hier
liegst, tot, um nicht wieder aufzustehen!

Wenn du des Morgens aufwachtest beim frühen Tagschein und den Rachen
aufsperrtest, ausstreckend die rote Zunge, so schienst du uns zu
lächeln, und wenn schon brüllend, nahmst du doch spielend dein Futter
aus den Händen einer Frau, von den Fingern eines Kindes!

Wie lange begleiteten wir dich auf deinen Fahrten, wie lange war deine
Gesellschaft uns wichtig und fruchtbar!

Uns, uns ganz eigentlich kam die Speise von den Fressern und süße
Labung von den Starken.

So wird es nicht mehr sein!

Wehe!

Wehe! "Sie hatte nicht ausgeklagt, als über die mittlere Höhe des
Bergs am Schlosse herab Reiter heransprengten, die alsobald für das
Jagdgefolge des Fürsten erkannt wurden, er selbst voran.

Sie hatten, in den hintern Gebirgen jagend, die Brandwolken aufsteigen
sehen und durch Täler und Schluchten, wie auf gewaltsam hetzender Jagd,
den geraden Weg nach diesem traurigen Zeichen genommen.

über die steinige Blöße einhersprengend, stutzten und starrten sie,
nun die unerwartete Gruppe gewahr werdend, die sich auf der leeren
Fläche merkwürdig auszeichnete.

Nach dem ersten Erkennen verstummte man, und nach einigem Erholen ward,
was der Anblick nicht selbst ergab, mit wenigen Worten erläutert.

So stand der Fürst vor dem seltsamen, unerhörten Ereignis, einen Kreis
umher von Reitern und Nacheilenden zu Fuße.

Unschlüssig war man nicht, was zu tun sei; anzuordnen, auszuführen war
der Fürst beschäftigt, als ein Mann sich in den Kreis drängte, groß
von Gestalt, bunt und wunderlich gekleidet wie Frau und Kind.

Und nun gab die Familie zusammen Schmerz und überraschung zu erkennen.

Der Mann aber, gefaßt, stand in ehrfurchtsvoller Entfernung vor dem
Fürsten und sagte: "es ist nicht Klagenszeit; ach, mein Herr und
mächtiger Jäger, auch der Löwe ist los, auch hier nach dem Gebirg ist
er hin, aber schont ihn, habt Barmherzigkeit, daß er nicht umkomme wie
dies gute Tier!"

"Der Löwe?" sagte der Fürst,"hast du seine Spur?" "Ja, Herr! Ein
Bauer dort unten, der sich ohne Not auf einen Baum gerettet hatte,
wies mich weiter hier links hinauf, aber ich sah den großen Trupp
Menschen und Pferde vor mir, neugierig und hilfsbedürftig eilt ich
hierher".--"Also", beorderte der Fürst, "muß die Jagd sich auf diese
Seite ziehen; ihr ladet eure Gewehre, geht sachte zu Werk, es ist kein
Unglück, wenn ihr ihn in die tiefen Wälder treibt.--Aber am Ende,
guter Mann, werden wir euer Geschöpf nicht schonen können; warum wart
ihr unvorsichtig genug, sie entkommen zu lassen!"--"Das Feuer brach
aus", versetzte jener; "wir hielten uns still und gespannt; es
verbreitete sich schnell, aber fern von uns.

Wir hatten Wasser genug zu unserer Verteidigung, aber ein Pulverschlag
flog auf und warf die Brände bis an uns heran, über uns weg; wir
übereilten uns und sind nun unglückliche Leute".

Noch war der Fürst mit Anordnungen beschäftigt, aber einen Augenblick
schien alles zu stocken, als oben vom alten Schloß herab eilig ein
Mann heranspringend gesehen ward, den man bald für den angestellten
Wächter erkannte, der die Werkstätte des Malers bewachte, indem er
darin seine Wohnung nahm und die Arbeiter beaufsichtigte.

Er kam außer Atem springend, doch hatte er bald mit wenigen Worten
angezeigt: oben hinter der höhern Ringmauer habe sich der Löwe im
Sonnenschein gelagert, am Fuße einer hundertjährigen Buche, und
verhalte sich ganz ruhig.

ärgerlich aber schloß der Mann: "warum habe ich gestern meine Büchse
in die Stadt getragen, um sie ausputzen zu lassen!

Hätte ich sie bei der Hand gehabt, er wäre nicht wieder aufgestanden,
das Fell wäre doch mein gewesen, und ich hätte mich dessen, wie billig,
zeitlebens gebrüstet".

Der Fürst, dem seine militärischen Erfahrungen auch hier zustatten
kamen, da er sich wohl schon in Fällen gefunden hatte, wo von mehreren
Seiten unvermeidliches übel herandrohte, sagte hierauf: "welche
Bürgschaft gebt Ihr mir, daß, wenn wir Eures Löwen schonen, er nicht
im Lande unter den Meinigen Verderben anrichtet? "

"Hier diese Frau und dieses Kind", erwiderte der Vater hastig,
"erbieten sich, ihn zu zähmen, ihn ruhig zu erhalten, bis ich den
beschlagenen Kasten heraufschaffe, da wir ihn denn unschädlich und
unbeschädigt wieder zurückbringen werden".

Der Knabe schien seine Flöte versuchen zu wollen, ein Instrument von
der Art, das man sonst die sanfte, süße Flöte zu nennen pflegte; sie
war kurz geschnäbelt wie die Pfeifen; wer es verstand, wußte die
anmutigsten Töne daraus hervorzulocken.

Indes hatte der Fürst den Wärtel gefragt, wie der Löwe hinaufgekommen.

Dieser aber versetzte: "durch den Hohlweg, der, auf beiden Seiten
vermauert, von jeher der einzige Zugang war und der einzige bleiben
soll; zwei Fußpfade, die noch hinaufführten, haben wir dergestalt
entstellt, daß niemand als durch jenen ersten engen Anweg zu dem
Zauberschlosse gelangen könne, wozu es Fürst Friedrichs Geist und
Geschmack ausbilden will".

Nach einigem Nachdenken, wobei sich der Fürst nach dem Kinde umsah,
das immer sanft gleichsam zu präludieren fortgefahren hatte, wendete
er sich zu Honorio und sagte: "du hast heute viel geleistet, vollende
das Tagwerk!

Besetze den schmalen Weg!--Haltet eure Büchsen bereit, aber schießt
nicht eher, als bis ihr das Geschöpf nicht sonst zurückscheuchen könnt;
allenfalls macht ein Feuer an, vor dem er sich fürchtet, wenn er
herunter will!

Mann und Frau möge für das übrige stehen".

Eilig schickte Honorio sich an, die Befehle zu vollführen.

Novelle, Kapitel 6

Das Kind verfolgte seine Melodie, die keine war, eine Tonfolge ohne
Gesetz, und vielleicht eben deswegen so herzergreifend; die
Umstehenden schienen wie bezaubert von der Bewegung einer
liederartigen Weise, als der Vater mit anständigem Enthusiasmus zu
reden anfing und fortfuhr: "Gott hat dem Fürsten Weisheit gegeben und
zugleich die Erkenntnis, daß alle Gotteswerke weise sind, jedes nach
seiner Art.

Seht den Felsen, wie er fest steht und sich nicht rührt, der Witterung
trotzt und dem Sonnenschein!

Uralte Bäume zieren sein Haupt, und so gekrönt schaut er weit umher;
stürzt aber ein Teil herunter, so will es nicht bleiben, was es war:
es fällt zertrümmert in viele Stücke und bedeckt die Seite des Hanges.

Aber auch da wollen sie nicht verharren, mutwillig springen sie tief
hinab, der Bach nimmt sie auf, zum Flusse trägt er sie.

Nicht widerstehend, nicht widerspenstig, eckig, nein, glatt und
abgerundet gewinnen sie schneller ihren Weg und gelangen von Fluß zu
Fluß, endlich zum Ozean, wo die Riesen in Scharen daherziehen und in
der Tiefe die Zwerge wimmeln.

Doch wer preist den Ruhm des Herrn, den die Sterne loben von Ewigkeit
zu Ewigkeit!

Warum seht ihr aber im Fernen umher?

Betrachtet hier die Biene!

Noch spät im Herbst sammelt sie emsig und baut sich ein Haus, winkel-
und waagerecht, als Meister und Geselle.

Schaut die Ameise da!

Sie kennt ihren Weg und verliert ihn nicht, sie baut sich eine Wohnung
aus Grashalmen, Erdbröslein und Kiefernadeln, sie baut es in die Höhe
und wölbet es zu; aber sie hat umsonst gearbeitet, denn das Pferd
stampft und scharrt alles auseinander.

Sehr hin!

Es zertritt ihre Balken und zerstreut ihre Planken, ungeduldig
schnaubt es und kann nicht rasten, denn der Herr hat das Roß zum
Gesellen des Windes gemacht und zum Gefährten des Sturmes, daß es den
Mann dahin trage, wohin er will, und die Frau, wohin sie begehrt.

Aber im Palmenwald trat er auf, der Löwe, ernsten Schrittes durchzog
er die Wüste, dort herrscht er über alles Getier, und nichts
widersteht ihm.

Doch der Mensch weiß ihn zu zähmen, und das grausamste der Geschöpfe
hat Ehrfurcht vor dem Ebenbilde Gottes, wornach auch die Engel gemacht
sind, die dem Herrn dienen und seinen Dienern.

Denn in der Löwengrube scheute sich Daniel nicht; er blieb fest und
getrost, und das wilde Brüllen unterbrach nicht seinen frommen Gesang".

Diese mit dem Ausdruck eines natürlichen Enthusiasmus gehaltene Rede
begleitete das Kind hie und da mit anmutigen Tönen; als aber der Vater
geendigt hatte, fing es mit reiner Kehle, heller Stimme und
geschickten Läufen zu intonieren an, worauf der Vater die Flöte
ergriff, im Einklang sich hören ließ, das Kind aber sang: "aus den
Gruben, hier im Graben hör ich des Propheten Sang; Engel schweben, ihn
zu laben, wäre da dem Guten bang?

Löw und Löwin, hin und wider, schmiegen sich um ihn heran; ja, die
sanften, frommen Lieder habens ihnen angetan!" Der Vater fuhr fort,
die Strophe mit der Flöte zu begleiten; die Mutter trat hie und da als
zweite Stimme mit ein.

Eindringlich aber ganz besonders war, daß das Kind die Zeilen der
Strophe nunmehr zu anderer Ordnung durcheinander schob und dadurch, wo
nicht einen neuen Sinn hervorbrachte, doch das Gefühl in und durch
sich selbst aufregend erhöhte.

"Engel schweben auf und nieder, uns in Tönen zu erlaben, welch ein
himmlischer Gesang!

In den Gruben, in dem Graben wäre da dem Kinde bang?

Diese sanften, frommen Lieder lassen Unglück nicht heran; Engel
schweben hin und wider, und so ist es schon getan".

Hierauf mit Kraft und Erhebung begannen alle drei: "denn der Ewge
herrscht auf Erden, über Meere herrscht sein Blick; Löwen sollen
Lämmer werden, und die Welle schwankt zurück.

Blankes Schwert erstarrt im Hiebe, Glaub und Hoffnung sind erfüllt;
wundertätig ist die Liebe, die sich im Gebet enthüllt".

Alles war still, hörte, horchte, und nur erst, als die Töne verhallten,
konnte man den Eindruck bemerken und allenfalls beobachten.

Alles war wie beschwichtigt, jeder in seiner Art gerührt.

Der Fürst, als wenn er erst jetzt das Unheil übersähe, das ihn vor
kurzem bedroht hatte, blickte nieder auf seine Gemahlin, die, an ihn
gelehnt, sich nicht versagte, das gestickte Tüchlein hervorzuziehen
und die Augen damit zu bedecken.

Es tat ihr wohl, die jugendliche Brust von dem Druck erleichtert zu
fühlen, mit dem die vorhergehenden Minuten sie belastet hatten.

Eine vollkommene Stille beherrschte die Menge; man schien die Gefahren
vergessen zu haben, unten den Brand und von oben das Erstehen eines
bedenklich ruhenden Löwen.

Durch einen Wink, die Pferde näher herbeizuführen, brachte der Fürst
zuerst wieder in die Gruppe Bewegung; dann wendete er sich zu dem
Weibe und sagte: "Ihr glaubt also, daß Ihr den entsprungenen Löwen, wo
Ihr ihn antrefft, durch Euren Gesang, durch den Gesang dieses Kindes,
mit Hülfe dieser Flötentöne beschwichtigen und ihn sodann unschädlich
sowie unbeschädigt in seinem Verschluß wieder zurückbringen könntet?"
Sie bejahten es, versichernd und beteuernd; der Kastellan wurde ihnen
als Wegweiser zugegeben.

Nun entfernte der Fürst mit wenigen sich eiligst, die Fürstin folgte
langsamer mit dem übrigen Gefolge; Mutter aber und Sohn stiegen, von
dem Wärtel, der sich eines Gewehrs bemächtigt hatte, begleitet,
steiler gegen den Berg hinan.

Vor dem Eintritt in den Hohlweg, der den Zugang zu dem Schloß
eröffnete, fanden sie die Jäger beschäftigt, dürres Reisig zu häufen,
damit sie auf jeden Fall ein großes Feuer anzünden könnten.

"Es ist nicht not", sagte die Frau; "es wird ohne das alles in Güte
geschehen".

Weiter hin, auf einem Mauerstücke sitzend, erblickten sie Honorio,
seine Doppelbüchse in den Schoß gelegt, auf einem Posten als wie zu
jedem Ereignis gefaßt.

Aber die Herankommenden schien er kaum zu bemerken; er saß wie in
tiefen Gedanken versunken, er sah umher wie zerstreut.

Die Frau sprach ihn an mit Bitte, das Feuer nicht anzünden zu lassen;
er schien jedoch ihrer Rede wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Sie redete lebhaft fort und rief: "schöner junger Mann, du hast meinen
Tiger erschlagen, ich fluche dir nicht; schone meinen Löwen, guter
junger Mann!

Ich segne dich".

Honorio schaute gerad vor sich hin, dorthin, wo die Sonne auf ihrer
Bahn sich zu senken begann.

Novelle, Kapitel 7

"Du schaust nach Abend", rief die Frau; "du tust wohl daran, dort
gibts viel zu tun; eile nur, säume nicht, du wirst überwinden.

Aber zuerst überwinde dich selbst!" Hierauf schien er zu lächeln; die
Frau stieg weiter, konnte sich aber nicht enthalten, nach dem
Zurückbleibenden nochmals umzublicken; eine rötliche Sonne überschien
sein Gesicht, sie glaubte nie einen schöhern Jüngling gesehen zu haben.

"Wenn Euer Kind", sagte nunmehr der Wärtel, "flötend und singend, wie
Ihr überzeugt seid, den Löwen anlocken und beruhigen kann, so werden
wir uns desselben sehr leicht bemeistern, da sich das gewaltige Tier
ganz nah an die durchbrochenen Gewölbe hingelagert hat, durch die wir,
da das Haupttor verschüttet ist, einen Eingang in den Schloßhof
gewonnen haben.

Lockt ihn das Kind hinein, so kann ich die öffnung mit leichter Mühe
schließen, und der Knabe, wenn es ihm gut deucht, durch eine der
kleinen Wendeltreppen, die er in der Ecke sieht, dem Tiere
entschlüpfen.

Wir wollen uns verbergen; aber ich werde mich so stellen, daß meine
Kugel jeden Augenblick dem Kinde zu Hülfe kommen kann".

"Die Umstände sind alle nicht nötig; Gott und Kunst, Frömmigkeit und
Glück müssen das Beste tun".--"Es sei", versetzte der Wärtel; "aber
ich kenne meine Pflichten.

Erst führ ich Euch durch einen beschwerlichen Stieg auf das Gemäuer
hinauf, gerade dem Eingang gegenüber, den ich erwähnt habe; das Kind
mag hinabsteigen, gleichsam in die Arena des Schauspiels, und das
besänftigte Tier dort hereinlocken!" Das geschah; Wärtel und Mutter
sahen versteckt von oben herab, wie das Kind die Wendeltreppen
hinunter in dem klaren Hofraum sich zeigte und in der düstern öffnung
gegenüber verschwand, aber sogleich seinen Flötenton hören ließ, der
sich nach und nach verlor und verstummte.

Die Pause war ahnungsvoll genug; den alten, mit Gefahr bekannten Jäger
beengte der seltene menschliche Fall.

Er sagte sich, daß er lieber persönlich dem gefährlichen Tiere
entgegenginge; die Mutter jedoch, mit heiterem Gesicht, übergebogen
horchend, ließ nicht die mindeste Unruhe bemerken.

Endlich hörte man die Flöte wieder; das Kind trat aus der Höhle hervor
mit glänzend befriedigten Augen, der Löwe hinter ihm drein, aber
langsam und, wie es schien, mit einiger Beschwerde.

Er zeigte hie und da Lust, sich niederzulegen; doch der Knabe führte
ihn im Halbkreise durch die wenig entblätterten, buntbelaubten Bäume,
bis er sich endlich in den letzten Strahlen der Sonne, die sie durch
eine Ruinenlücke hereinsandte, wie verklärt niedersetzte und sein
beschwichtigendes Lied abermals begann, dessen Wiederholung wir uns
auch nicht entziehen können: "aus den Gruben, hier im Graben hör ich
des Propheten Sang; Engel schweben, ihn zu laben, wäre da dem Guten
bang?

Löw und Löwin, hin und wider, schmiegen sich um ihn heran; ja, die
sanften, frommen Lieder habens ihnen angetan!" Indessen hatte sich
der Löwe ganz knapp an das Kind hingelegt und ihm die schwere rechte
Vordertatze auf dem Schoß gehoben, die der Knabe fortsingend anmutig
streichelte, aber gar bald bemerkte, daß ein scharfer Dornzweig
zwischen die Ballen eingestochen war.

Sorgfältig zog er die verletzende Spitze hervor, nahm lächelnd sein
buntseidenes Halstuch vom Nacken und verband die greuliche Tatze des
Untiers, sodaß die Mutter sich vor Freuden mit ausgestreckten Armen
zurückbog und vielleicht angewohnterweise Beifall gerufen und
geklatscht hätte, wäre sie nicht durch einen derben Faustgriff des
Wärtels erinnert worden, daß die Gefahr nicht vorüber sei.

Glorreich sang das Kind weiter, nachdem es mit wenigen Tönen
vorgespielt hatte: "denn der Ewge herrscht auf Erden, über Meere
herrscht sein Blick; Löwen sollen Lämmer werden, und die Welle
schwankt zurück.

Blankes Schwert erstarrt im Hiebe, Glaub und Hoffnung sind erfüllt;
wundertätig ist die Liebe, die sich im Gebet enthüllt".

Ist es möglich zu denken, daß man in den Zügen eines so grimmigen
Geschöpfes, des Tyrannen der Wälder, des Despoten des Tierreiches,
einen Ausdruck von Freundlichkeit, von dankbarer Zufriedenheit habe
spüren können, so geschah es hier, und wirklich sah das Kind in seiner
Verklärung aus wie ein mächtiger, siegreicher überwinder, jener zwar
nicht wie der überwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen,
aber doch wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen
Anheimgegebene.

Das Kind flötete und sang so weiter, nach seiner Art die Zeilen
verschränkend und neue hinzufügend: "und so geht mit guten Kindern
selger Engel gern zu Rat, böses Wollen zu verhindern, zu befördern
schöne Tat.

So beschwören, fest zu bannen liebem Sohn ans zarte Knie ihn, des
Waldes Hochtyrannen, frommer Sinn und Melodie".

Book of the day: