Full Text Archive logoFull Text Archive — Books, poems, drama…

Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 3 by Johann Wolfgang von Goethe

Part 2 out of 4

Adobe PDF icon
Download this document as a .pdf
File size: 0.4 MB
What's this? light bulb idea Many people prefer to read off-line or to print out text and read from the real printed page. Others want to carry documents around with them on their mobile phones and read while they are on the move. We have created .pdf files of all out documents to accommodate all these groups of people. We recommend that you download .pdfs onto your mobile phone when it is connected to a WiFi connection for reading off-line.

"Die Sache ist ernsthafter, als du denkst", sagte die Schˆne;
"indessen bin ich recht wohl zufrieden, dafl du sie leicht nimmst:
denn f¸r uns beide kann noch immer die heiterste Folge werden. Ich
will dir vertrauen und von meiner Seite das Mˆgliche tun, nur
versprich mir, dieser Entdeckung niemals vorwurfsweise zu gedenken.
Dazu f¸g' ich noch eine Bitte recht inst‰ndig: nimm dich vor Wein und
Zorn mehr als jemals in acht."

Ich versprach, was sie begehrte, ich h‰tte zu und immer zu
versprochen; doch sie wendete selbst das Gespr‰ch, und alles war im
vorigen Gleise. Wir hatten nicht Ursache, den Ort unseres
Aufenthaltes zu ver‰ndern; die Stadt war grofl, die Gesellschaft
vielfach, die Jahreszeit veranlaflte manches Land--und Gartenfest.

Bei allen solchen Freuden war meine Frau sehr gern gesehen, ja von
M‰nnern und Frauen lebhaft verlangt. Ein gutes, einschmeichelndes
Betragen, mit einer gewissen Hoheit verkn¸pft, machte sie jedermann
lieb und ehrenwert. ¸berdies spielte sie herrlich die Laute und sang
dazu, und alle geselligen N‰chte muflten durch ihr Talent gekrˆnt
werden.

Ich will nur gestehen, dafl ich mir aus der Musik niemals viel habe
machen kˆnnen, ja sie hatte vielmehr auf mich eine unangenehme
Wirkung. Meine Schˆne, die mir das bald abgemerkt hatte, suchte mich
daher niemals, wenn wir allein waren, auf diese Weise zu unterhalten;
dagegen schien sie sich in Gesellschaft zu entsch‰digen, wo sie denn
gewˆhnlich eine Menge Bewunderer fand.

Und nun, warum sollte ich es leugnen, unsere letzte Unterredung,
ungeachtet meines besten Willens, war doch nicht vermˆgend gewesen,
die Sache ganz bei mir abzutun; vielmehr hatte sich meine
Empfindungsweise gar seltsam gestimmt, ohne dafl ich es mir vollkommen
bewuflt gewesen w‰re. Da brach eines Abends in grofler Gesellschaft
der verhaltene Unmut los, und mir entsprang daraus der allergrˆflte
Nachteil.

Wenn ich es jetzt recht bedenke, so liebte ich nach jener
ungl¸cklichen Entdeckung meine Schˆnheit viel weniger, und nun ward
ich eifers¸chtig auf sie, was mir vorher gar nicht eingefallen war.
Abends bei Tafel, wo wir schr‰g gegen einander ¸ber in ziemlicher
Entfernung saflen, befand ich mich sehr wohl mit meinen beiden
Nachbarinnen, ein paar Frauenzimmern, die mir seit einiger Zeit
reizend geschienen hatten. Unter Scherz--und Liebesreden sparte man
des Weines nicht, indessen von der andern Seite ein paar Musikfreunde
sich meiner Frau bem‰chtigt hatten und die Gesellschaft zu Ges‰ngen,
einzelnen und chorm‰fligen, aufzumuntern und anzuf¸hren wuflten.
Dar¸ber fiel ich in bˆse Laune; die beiden Kunstliebhaber schienen
zudringlich; der Gesang machte mich ‰rgerlich, und als man gar von mir
auch eine Solostrophe begehrte, so wurde ich wirklich aufgebracht,
leerte den Becher und setzte ihn sehr unsanft nieder.

Durch die Anmut meiner Nachbarinnen f¸hlte ich mich sogleich zwar
wieder gemildert, aber es ist eine bˆse Sache um den ‰rger, wenn er
einmal auf dem Wege ist. Er kochte heimlich fort, obgleich alles
mich h‰tte sollen zur Freude, zur Nachgiebigkeit stimmen. Im
Gegenteil wurde ich nur noch t¸ckischer, als man eine Laute brachte
und meine Schˆne ihren Gesang zur Bewunderung aller ¸brigen
begleitete. Ungl¸cklicherweise erbat man sich eine allgemeine Stille.
Also auch schwatzen sollte ich nicht mehr, und die Tˆne taten mir in
den Z‰hnen weh. War es nun ein Wunder, dafl endlich der kleinste
Funke die Mine z¸ndete?

Eben hatte die S‰ngerin ein Lied unter dem grˆflten Beifall geendigt,
als sie nach mir, und wahrlich recht liebevoll, her¸bersah. Leider
drangen die Blicke nicht bei mir ein. Sie bemerkte, dafl ich einen
Becher Wein hinunterschlang und einen neu anf¸llte. Mit dem rechten
Zeigefinger winkte sie mir lieblich drohend. "Bedenken Sie, dafl es
Wein ist!" sagte sie, nicht lauter, als dafl ich es hˆren konnte.
--"Wasser ist f¸r die Nixen!" rief ich aus.--"Meine Damen", sagte sie
zu meinen Nachbarinnen, "kr‰nzen Sie den Becher mit aller Anmut, dafl
er nicht zu oft leer werde."--"Sie werden sich doch nicht meistern
lassen!" zischelte mir die eine ins Ohr.--"Was will der Zwerg?" rief
ich aus, mich heftiger geb‰rdend, wodurch ich den Becher umstiefl.
"Hier ist viel versch¸ttet!" rief die Wunderschˆne, tat einen Griff
in die Saiten, als wolle sie die Aufmerksamkeit der Gesellschaft aus
dieser Stˆrung wieder auf sich heranziehen. Es gelang ihr wirklich,
um so mehr, als sie aufstand, aber nur, als wenn sie sich das Spiel
bequemer machen wollte, und zu pr‰ludieren fortfuhr.

Als ich den roten Wein ¸ber das Tischtuch flieflen sah, kam ich
wieder zu mir selbst. Ich erkannte den groflen Fehler, den ich
begangen hatte, und war recht innerlich zerknirscht. Zum erstenmal
sprach die Musik mich an. Die erste Strophe, die sie sang, war ein
freundlicher Abschied an die Gesellschaft, wie sie sich noch zusammen
f¸hlen konnte. Bei der folgenden Strophe flofl die Soziet‰t gleichsam
auseinander, jeder f¸hlte sich einzeln, abgesondert, niemand glaubte
sich mehr gegenw‰rtig. Aber was soll ich denn von der letzten Strophe
sagen? Sie war allein an mich gerichtet, die Stimme der gekr‰nkten
Liebe, die von Unmut und ¸bermut Abschied nimmt.

Stumm f¸hrte ich sie nach Hause und erwartete mir nichts Gutes.
Doch kaum waren wir in unserm Zimmer angelangt, als sie sich hˆchst
freundlich und anmutig, ja sogar schalkhaft erwies und mich zum
gl¸cklichsten aller Menschen machte.

Des andern Morgens sagte ich ganz getrost und liebevoll: "Du hast so
manchmal, durch gute Gesellschaft aufgefordert, gesungen, so zum
Beispiel gestern abend das r¸hrende Abschiedslied; singe nun auch
einmal mir zuliebe ein h¸bsches, frˆhliches Willkommen in dieser
Morgenstunde, damit es uns werde, als wenn wir uns zum erstenmal
kennen lernten."

"Das vermag ich nicht, mein Freund", versetzte sie mit Ernst. "Das
Lied von gestern abend bezog sich auf unsere Scheidung, die nun
sogleich vor sich gehen mufl: denn ich kann dir nur sagen, die
Beleidigung gegen Versprechen und Schwur hat f¸r uns beide die
schlimmsten Folgen; du verscherzest ein grofles Gl¸ck, und auch ich mufl
meinen liebsten W¸nschen entsagen."

Als ich nun hierauf in sie drang und bat, sie mˆchte sich n‰her
erkl‰ren, versetzte sie: "Das kann ich leider wohl, denn es ist doch
um mein Belieben bei dir getan. Vernimm also, was ich dir lieber bis
in die sp‰testen Zeiten verborgen h‰tte. Die Gestalt, in der du mich
im K‰stchen erblicktest, ist mir wirklich angeboren und nat¸rlich;
denn ich bin aus dem Stamm des Kˆnigs Eckwald, des m‰chtigen F¸rsten
der Zwerge, von dem die wahrhafte Geschichte so vieles meldet. Unser
Volk ist noch immer wie vor alters t‰tig und gesch‰ftig und auch
daher leicht zu regieren. Du muflt dir aber nicht vorstellen, dafl die
Zwerge in ihren Arbeiten zur¸ckgeblieben sind. Sonst waren Schwerter,
die den Feind verfolgten, wenn man sie ihm nachwarf, unsichtbar und
geheimnisvoll bindende Ketten, undurchdringliche Schilder und
dergleichen ihre ber¸hmtesten Arbeiten. Jetzt aber besch‰ftigen sie
sich haupts‰chlich mit Sachen der Bequemlichkeit und des Putzes und
¸bertreffen darin alle andern Vˆlker der Erde. Du w¸rdest erstaunen,
wenn du unsere Werkst‰tten und Warenlager hindurchgehen solltest.
Dies w‰re nun alles gut, wenn nicht bei der ganzen Nation ¸berhaupt,
vorz¸glich aber bei der kˆniglichen Familie, ein besonderer Umstand
eintr‰te."

Da sie einen Augenblick innehielt, ersuchte ich sie um fernere
Erˆffnung dieser wundersamen Geheimnisse, worin sie mir denn auch
sogleich willfahrte.

"Es ist bekannt", sagte sie, "dafl Gott, sobald er die Welt
erschaffen hatte, so dafl alles Erdreich trocken war und das Gebirg
m‰chtig und herrlich dastand, dafl Gott, sage ich, sogleich vor allen
Dingen die Zwerglein erschuf, damit auch vern¸nftige Wesen w‰ren,
welche seine Wunder im Innern der Erde auf G‰ngen und Kl¸ften
anstaunen und verehren kˆnnten. Ferner ist bekannt, dafl dieses kleine
Geschlecht sich nachmals erhoben und sich die Herrschaft der Erde
anzumaflen gedacht, weshalb denn Gott die Drachen erschaffen, um das
Gezwerge ins Gebirge zur¸ckzudr‰ngen. Weil aber die Drachen sich in
den groflen Hˆhlen und Spalten selbst einzunisten und dort zu wohnen
pflegten, auch viele derselben Feuer spieen und manch anderes W¸ste
begingen, so wurde dadurch den Zwerglein gar grofle Not und Kummer
bereitet, dergestalt, dafl sie nicht mehr wuflten, wo aus noch ein, und
sich daher zu Gott dem Herrn gar dem¸tiglich und flehentlich wendeten,
auch ihn im Gebet anriefen, er mˆchte doch dieses unsaubere
Drachenvolk wieder vertilgen. Ob er nun aber gleich nach seiner
Weisheit sein Geschˆpf zu zerstˆren nicht beschlieflen mochte, so ging
ihm doch der armen Zwerglein grofle Not dermaflen zu Herzen, dafl er
alsobald die Riesen erschuf, welche die Drachen bek‰mpfen und, wo
nicht ausrotten, doch wenigstens vermindern sollten.

Als nun aber die Riesen so ziemlich mit den Drachen fertig geworden,
stieg ihnen gleichfalls der Mut und D¸nkel, weswegen sie gar manches
Frevele, besonders auch gegen die guten Zwerglein, ver¸bten, welche
denn abermals in ihrer Not sich zu dem Herrn wandten, der sodann aus
seiner Machtgewalt die Ritter schuf, welche die Riesen und Drachen
bek‰mpfen und mit den Zwerglein in guter Eintracht leben sollten.
Damit war denn das Schˆpfungswerk von dieser Seite beschlossen, und
es findet sich, dafl nachher Riesen und Drachen sowie die Ritter und
Zwerge immer zusammengehalten haben. Daraus kannst du nun ersehen,
mein Freund, dafl wir von dem ‰ltesten Geschlecht der Welt sind,
welches uns zwar zu Ehren gereicht, doch aber auch groflen Nachteil
mit sich f¸hrt.

Da n‰mlich auf der Welt nichts ewig bestehen kann, sondern alles,
was einmal grofl gewesen, klein werden und abnehmen mufl, so sind auch
wir in dem Falle, dafl wir seit Erschaffung der Welt immer abnehmen
und kleiner werden, vor allen andern aber die kˆnigliche Familie,
welche wegen ihres reinen Blutes diesem Schicksal am ersten
unterworfen ist. Deshalb haben unsere weisen Meister schon vor
vielen Jahren den Ausweg erdacht, dafl von Zeit zu Zeit eine
Prinzessin aus dem kˆniglichen Hause heraus ins Land gesendet werde,
um sich mit einem ehrsamen Ritter zu verm‰hlen, damit das
Zwergengeschlecht wieder angefrischt und vom g‰nzlichen Verfall
gerettet sei."

Indessen meine Schˆne diese Worte ganz treuherzig vorbrachte, sah
ich sie bedenklich an, weil es schien, als ob sie Lust habe, mir
etwas aufzubinden. Was ihre niedliche Herkunft betraf, daran hatte
ich weiter keinen Zweifel; aber dafl sie mich anstatt eines Ritters
ergriffen hatte, das machte mir einiges Mifltrauen, indem ich mich
denn doch zu wohl kannte, als dafl ich h‰tte glauben sollen, meine
Vorfahren seien von Gott unmittelbar erschaffen worden.

Ich verbarg Verwunderung und Zweifel und fragte sie freundlich:
"Aber sage mir, mein liebes Kind, wie kommst du zu dieser groflen und
ansehnlichen Gestalt? denn ich kenne wenig Frauen, die sich dir an
pr‰chtiger Bildung vergleichen kˆnnen."--"Das sollst du erfahren",
versetzte meine Schˆne. "Es ist von jeher im Rat der Zwergenkˆnige
hergebracht, dafl man sich so lange als mˆglich vor jedem
auflerordentlichen Schritt in acht nehme, welches ich denn auch ganz
nat¸rlich und billig finde. Man h‰tte vielleicht noch lange
gezaudert, eine Prinzessin wieder einmal in das Land zu senden, wenn
nicht mein nachgeborner Bruder so klein ausgefallen w‰re, dafl ihn die
W‰rterinnen sogar aus den Windeln verloren haben und man nicht weifl,
wo er hingekommen ist. Bei diesem in den Jahrb¸chern des
Zwergenreichs ganz unerhˆrten Falle versammelte man die Weisen, und
kurz und gut, der Entschlufl ward gefaflt, mich auf die Freite zu
schicken."

"Der Entschlufl!" rief ich aus, "das ist wohl alles schˆn und gut.
Man kann sich entschlieflen, man kann etwas beschlieflen; aber einem
Zwerglein diese Gˆttergestalt zu geben, wie haben eure Weisen dies
zustande gebracht?"

"Es war auch schon", sagte sie, "von unsern Ahnherren vorgesehen.
In dem kˆniglichen Schatze lag ein ungeheurer goldner Fingerring.
Ich spreche jetzt von ihm, wie er mir vorkam, da er mir, als einem
Kinde, ehemals an seinem Orte gezeigt wurde: denn es ist derselbe,
den ich hier am Finger habe; und nun ging man folgendergestalt zu
Werke. Man unterrichtete mich von allem, was bevorstehe, und
belehrte mich, was ich zu tun und zu lassen habe.

Ein kˆstlicher Palast, nach dem Muster des liebsten
Sommeraufenthalts meiner Eltern, wurde verfertigt: ein Hauptgeb‰ude,
Seitenfl¸gel und was man nur w¸nschen kann. Er stand am Eingang
einer groflen Felskluft und verzierte sie aufs beste. An dem
bestimmten Tage zog der Hof dorthin und meine Eltern mit mir. Die
Armee paradierte, und vierundzwanzig Priester trugen auf einer
kˆstlichen Bahre, nicht ohne Beschwerlichkeit, den wundervollen Ring.
Er ward an die Schwelle des Geb‰udes gelegt, gleich innerhalb, wo man
¸ber sie hin¸bertritt. Manche Zeremonien wurden begangen, und nach
einem herzlichen Abschiede schritt ich zum Werke. Ich trat hinzu,
legte die Hand an den Ring und fing sogleich merklich zu wachsen an.
In wenig Augenblicken war ich zu meiner gegenw‰rtigen Grˆfle angelangt,
worauf ich den Ring sogleich an den Finger steckte. Nun im Nu
verschlossen sich Fenster, T¸ren und Tore, die Seitenfl¸gel zogen
sich ins Hauptgeb‰ude zur¸ck, statt des Palastes stand ein K‰stchen
neben mir, das ich sogleich aufhob und mit mir forttrug, nicht ohne
ein angenehmes Gef¸hl, so grofl und so stark zu sein, zwar immer noch
ein Zwerg gegen B‰ume und Berge, gegen Strˆme wie gegen Landstrecken,
aber doch immer schon ein Riese gegen Gras und Kr‰uter, besonders aber
gegen die Ameisen, mit denen wir Zwerge nicht immer in gutem
Verh‰ltnis stehen und deswegen oft gewaltig von ihnen geplagt werden.

Wie es mir auf meiner Wallfahrt erging, ehe ich dich fand, davon
h‰tte ich viel zu erz‰hlen. Genug, ich pr¸fte manchen, aber niemand
als du schien mir wert, den Stamm des herrlichen Eckwald zu erneuern
und zu verewigen."

Bei allen diesen Erz‰hlungen wackelte mir mitunter der Kopf, ohne
dafl ich ihn gerade gesch¸ttelt h‰tte. Ich tat verschiedene Fragen,
worauf ich aber keine sonderlichen Antworten erhielt, vielmehr zu
meiner grˆflten Betr¸bnis erfuhr, dafl sie nach dem, was begegnet,
notwendig zu ihren Eltern zur¸ckkehren m¸sse. Sie hoffe zwar, wieder
zu mir zu kommen, doch jetzt habe sie sich unvermeidlich zu stellen,
weil sonst f¸r sie so wie f¸r mich alles verloren w‰re. Die Beutel
w¸rden bald aufhˆren zu zahlen, und was sonst noch alles daraus
entstehen kˆnnte.

Da ich hˆrte, dafl uns das Geld ausgehen d¸rfte, fragte ich nicht
weiter, was sonst noch geschehen mˆchte. Ich zuckte die Achseln, ich
schwieg, und sie schien mich zu verstehen.

Wir packten zusammen und setzten uns in den Wagen, das K‰stchen
gegen uns ¸ber, dem ich aber noch nichts von einem Palast ansehen
konnte. So ging es mehrere Stationen fort. Postgeld und Trinkgeld
wurden aus den T‰schchen rechts und links bequem und reichlich bezahlt,
bis wir endlich in eine gebirgige Gegend gelangten und kaum
abgestiegen waren, als meine Schˆne vorausging und ich auf ihr Geheifl
mit dem K‰stchen folgte. Sie f¸hrte mich auf ziemlich steilen Pfaden
zu einem engen Wiesengrund, durch welchen sich eine klare Quelle bald
st¸rzte, bald ruhig laufend schl‰ngelte. Da zeigte sie mir eine
erhˆhte Fl‰che, hiefl mich das K‰stchen niedersetzen und sagte: "Lebe
wohl: du findest den Weg gar leicht zur¸ck; gedenke mein, ich hoffe,
dich wiederzusehen."

In diesem Augenblick war mir's, als wenn ich sie nicht verlassen
kˆnnte. Sie hatte gerade wieder ihren schˆnen Tag oder, wenn ihr
wollt, ihre schˆne Stunde. Mit einem so lieblichen Wesen allein, auf
gr¸ner Matte, zwischen Gras und Blumen, von Felsen beschr‰nkt, von
Wasser umrauscht, welches Herz w‰re da wohl f¸hllos geblieben! Ich
wollte sie bei der Hand fassen, sie umarmen, aber sie stiefl mich
zur¸ck und bedrohte mich, obwohl noch immer liebreich genug, mit
grofler Gefahr, wenn ich mich nicht sogleich entfernte.

"Ist denn gar keine Mˆglichkeit", rief ich aus, "dafl ich bei dir
bleibe, dafl du mich bei dir behalten kˆnntest?" Ich begleitete diese
Worte mit so j‰mmerlichen Geb‰rden und Tˆnen, dafl sie ger¸hrt schien
und nach einigem Bedenken mir gestand, eine Fortdauer unserer
Verbindung sei nicht ganz unmˆglich. Wer war gl¸cklicher als ich!
Meine Zudringlichkeit, die immer lebhafter ward, nˆtigte sie endlich,
mit der Sprache herauszur¸cken und mir zu entdecken, dafl, wenn ich
mich entschlˆsse, mit ihr so klein zu werden, als ich sie schon
gesehen, so kˆnnte ich auch jetzt bei ihr bleiben, in ihre Wohnung,
in ihr Reich, zu ihrer Familie mit ¸bertreten. Dieser Vorschlag
gefiel mir nicht ganz, doch konnte ich mich einmal in diesem
Augenblick nicht von ihr losreiflen, und ans Wunderbare seit geraumer
Zeit schon gewˆhnt, zu raschen Entschl¸ssen aufgelegt, schlug ich ein
und sagte, sie mˆchte mit mir machen, was sie wolle.

Sogleich muflte ich den kleinen Finger meiner rechten Hand
ausstrecken, sie st¸tzte den ihrigen dagegen, zog mit der linken Hand
den goldnen Ring ganz leise sich ab und liefl ihn her¸ber an meinen
Finger laufen. Kaum war dies geschehen, so f¸hlte ich einen
gewaltigen Schmerz am Finger, der Ring zog sich zusammen und folterte
mich entsetzlich. Ich tat einen gewaltigen Schrei und griff
unwillk¸rlich um mich her nach meiner Schˆnen, die aber verschwunden
war. Wie mir indessen zumute gewesen, daf¸r w¸flte ich keinen Ausdruck
zu finden, auch bleibt mir nichts ¸brig zu sagen, als dafl ich mich
sehr bald in kleiner, niedriger Person neben meiner Schˆnen in einem
Walde von Grashalmen befand. Die Freude des Wiedersehens nach einer
kurzen und doch so seltsamen Trennung, oder, wenn ihr wollt, einer
Wiedervereinigung ohne Trennung, ¸bersteigt alle Begriffe. Ich fiel
ihr um den Hals, sie erwiderte meine Liebkosungen, und das kleine
Paar f¸hlte sich so gl¸cklich als das grofle.

Mit einiger Unbequemlichkeit stiegen wir nunmehr an einem H¸gel
hinauf; denn die Matte war f¸r uns beinah ein undurchdringlicher Wald
geworden. Doch gelangten wir endlich auf eine Blˆfle, und wie
erstaunt war ich, dort eine grofle, geregelte Masse zu sehen, die ich
doch bald f¸r das K‰stchen, in dem Zustand, wie ich es hingesetzt
hatte, wieder erkennen muflte.

"Gehe hin, mein Freund, und klopfe mit dem Ringe nur an, du wirst
Wunder sehen", sagte meine Geliebte. Ich trat hinzu und hatte kaum
angepocht, so erlebte ich wirklich das grˆflte Wunder. Zwei
Seitenfl¸gel bewegten sich hervor, und zugleich fielen wie Schuppen
und Sp‰ne verschiedene Teile herunter, da mir denn T¸ren, Fenster,
S‰uleng‰nge und alles, was zu einem vollst‰ndigen Palaste gehˆrt, auf
einmal zu Gesichte kamen.

Wer einen k¸nstlichen Schreibtisch von Rˆntgen gesehen hat, wo mit
einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und
Schreibzeug, Brief--und Geldf‰cher sich auf einmal oder kurz
nacheinander entwickeln, der wird sich eine Vorstellung machen kˆnnen,
wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich meine s¸fle
Begleiterin nunmehr hineinzog. In dem Hauptsaal erkannte ich sogleich
das Kamin, das ich ehemals von oben gesehen, und den Sessel, worauf
sie gesessen. Und als ich ¸ber mich blickte, glaubte ich wirklich
noch etwas von dem Sprunge in der Kuppel zu bemerken, durch den ich
hereingeschaut hatte. Ich verschone euch mit Beschreibung des
¸brigen; genug, alles war ger‰umig, kˆstlich und geschmackvoll. Kaum
hatte ich mich von meiner Verwunderung erholt, als ich von fern eine
milit‰rische Musik vernahm. Meine schˆne H‰lfte sprang vor Freuden
auf und verk¸ndigte mir mit Entz¸cken die Ankunft ihres Herrn Vaters.
Hier traten wir unter die T¸re und schauten, wie aus einer
ansehnlichen Felskluft ein gl‰nzender Zug sich bewegte. Soldaten,
Bediente, Hausoffizianten und ein gl‰nzender Hofstaat folgten
hintereinander. Endlich erblickte man ein goldnes Gedr‰nge und in
demselben den Kˆnig selbst. Als der ganze Zug vor dem Palast
aufgestellt war, trat der Kˆnig mit seiner n‰chsten Umgebung heran.
Seine z‰rtliche Tochter eilte ihm entgegen, sie rifl mich mit sich
fort, wir warfen uns ihm zu F¸flen, er hob mich sehr gn‰dig auf, und
als ich vor ihn zu stehen kam, bemerkte ich erst, dafl ich freilich in
dieser kleinen Welt die ansehnlichste Statur hatte. Wir gingen
zusammen nach dem Palaste, da mich der Kˆnig in Gegenwart seines
ganzen Hofes mit einer wohlstudierten Rede, worin er seine
¸berraschung, uns hier zu finden, ausdr¸ckte, zu bewillkommnen
geruhte, mich als seinen Schwiegersohn erkannte und die
Trauungszeremonie auf morgen ansetzte.

Wie schrecklich ward mir auf einmal zumute, als ich von Heirat reden
hˆrte: denn ich f¸rchtete mich bisher davor fast mehr als vor der
Musik selbst, die mir doch sonst das Verhaflteste auf Erden schien.
Diejenigen, die Musik machen, pflegte ich zu sagen, stehen doch
wenigstens in der Einbildung, untereinander einig zu sein und in
¸bereinstimmung zu wirken: denn wenn sie lange genug gestimmt und uns
die Ohren mit allerlei Mifltˆnen zerrissen haben, so glauben sie steif
und fest, die Sache sei nunmehr aufs reine gebracht und ein Instrument
passe genau zum andern. Der Kapellmeister selbst ist in diesem
gl¸cklichen Wahn, und nun geht es freudig los, unterdes uns andern
immerfort die Ohren gellen. Bei dem Ehestand hingegen ist dies nicht
einmal der Fall: denn ob er gleich nur ein Duett ist und man doch
denken sollte, zwei Stimmen, ja zwei Instrumente m¸flten einigermaflen
¸berein gestimmt werden kˆnnen, so trifft es doch selten zu; denn
wenn der Mann einen Ton angibt, so nimmt ihn die Frau gleich hˆher
und der Mann wieder hˆher; da geht es denn aus dem Kammer--in den
Chorton und immer so weiter hinauf, dafl zuletzt die blasenden
Instrumente selbst nicht folgen kˆnnen. Und also, da mir die
harmonische Musik zuwider bleibt, so ist mir noch weniger zu
verdenken, dafl ich die disharmonische gar nicht leiden kann.

Von allen Festlichkeiten, worunter der Tag hinging, mag und kann ich
nicht erz‰hlen: denn ich achtete gar wenig darauf. Das kostbare
Essen, der kˆstliche Wein, nichts wollte mir schmecken. Ich sann und
¸berlegte, was ich zu tun h‰tte. Doch da war nicht viel auszusinnen.
Ich entschlofl mich, als es Nacht wurde, kurz und gut, auf und davon
zu gehen und mich irgendwo zu verbergen. Auch gelangte ich gl¸cklich
zu einer Steinritze, in die ich mich hineinzw‰ngte und so gut als
mˆglich verbarg. Mein erstes Bem¸hen darauf war, den ungl¸cklichen
Ring vom Finger zu schaffen, welches jedoch mir keineswegs gelingen
wollte, vielmehr muflte ich f¸hlen, dafl er immer enger ward, sobald
ich ihn abzuziehen gedachte, wor¸ber ich heftige Schmerzen litt, die
aber sogleich nachlieflen, sobald ich von meinem Vorhaben abstand.

Fr¸hmorgens wach' ich auf--denn meine kleine Person hatte sehr gut
geschlafen--und wollte mich eben weiter umsehen, als es ¸ber mir wie
zu regnen anfing. Es fiel n‰mlich durch Gras, Bl‰tter und Blumen wie
Sand und Grus in Menge herunter; allein wie entsetzte ich mich, als
alles um mich her lebendig ward und ein unendliches Ameisenheer ¸ber
mich niederst¸rzte. Kaum wurden sie mich gewahr, als sie mich von
allen Seiten angriffen und, ob ich mich gleich wacker und mutig genug
verteidigte, doch zuletzt auf solche Weise zudeckten, kneipten und
peinigten, dafl ich froh war, als ich mir zurufen hˆrte, ich solle mich
ergeben. Ich ergab mich wirklich und gleich, worauf denn eine Ameise
von ansehnlicher Statur sich mit Hˆflichkeit, ja mit Ehrfurcht
n‰herte und sich sogar meiner Gunst empfahl. Ich vernahm, dafl die
Ameisen Alliierte meines Schwiegervaters geworden und dafl er sie im
gegenw‰rtigen Fall aufgerufen und verpflichtet, mich herbeizuschaffen.
Nun war ich Kleiner in den H‰nden von noch Kleinern. Ich sah der
Trauung entgegen und muflte noch Gott danken, wenn mein Schwiegervater
nicht z¸rnte, wenn meine Schˆne nicht verdriefllich geworden.

Laflt mich nun von allen Zeremonien schweigen; genug, wir waren
verheiratet. So lustig und munter es jedoch bei uns herging, so
fanden sich dessenungeachtet einsame Stunden, in denen man zum
Nachdenken verleitet wird, und mir begegnete, was mir noch niemals
begegnet war; was aber und wie, das sollt ihr vernehmen.

Alles um mich her war meiner gegenw‰rtigen Gestalt und meinen
Bed¸rfnissen vˆllig gem‰fl, die Flaschen und Becher, einem kleinen
Trinker wohl proportioniert, ja, wenn man will, verh‰ltnism‰flig
besseres Mafl als bei uns. Meinem kleinen Gaumen schmeckten die
zarten Bissen vortrefflich, ein Kufl von dem M¸ndchen meiner Gattin war
gar zu reizend, und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir alle
diese Verh‰ltnisse hˆchst angenehm. Dabei hatte ich jedoch leider
meinen vorigen Zustand nicht vergessen. Ich empfand in mir einen
Maflstab voriger Grˆfle, welches mich unruhig und ungl¸cklich machte.
Nun begriff ich zum erstenmal, was die Philosophen unter ihren Idealen
verstehen mˆchten, wodurch die Menschen so gequ‰lt sein sollen. Ich
hatte ein Ideal von mir selbst und erschien mir manchmal im Traum wie
ein Riese. Genug, die Frau, der Ring, die Zwergenfigur, so viele
andere Bande machten mich ganz und gar ungl¸cklich, dafl ich auf meine
Befreiung im Ernst zu denken begann.

Weil ich ¸berzeugt war, dafl der ganze Zauber in dem Ring verborgen
liege, so beschlofl ich, ihn abzuteilen. Ich entwendete deshalb dem
Hofjuwelier einige Feilen. Gl¸cklicherweise war ich links, und ich
hatte in meinem Leben niemals etwas rechts gemacht. Ich hielt mich
tapfer an die Arbeit; sie war nicht gering: denn das goldne Reifchen,
so d¸nn es aussah, war in dem Verh‰ltnis dichter geworden, als es
sich aus seiner ersten Grˆfle zusammengezogen hatte. Alle freien
Stunden wendete ich unbeobachtet an dieses Gesch‰ft und war klug
genug, als das Metall bald durchgefeilt war, vor die T¸r zu treten.
Das war mir geraten: denn auf einmal sprang der goldne Reif mit Gewalt
vom Finger, und meine Figur schofl mit solcher Heftigkeit in die Hˆhe,
dafl ich wirklich an den Himmel zu stoflen glaubte und auf alle F‰lle
die Kuppel unseres Sommerpalastes durchgestoflen, ja das ganze
Sommergeb‰ude durch meine frische Unbeh¸lflichkeit zerstˆrt haben
w¸rde.

Da stand ich nun wieder, freilich um so vieles grˆfler, allein, wie
mir vorkam, auch um vieles d¸mmer und unbeh¸lflicher. Und als ich
mich aus meiner Bet‰ubung erholt, sah ich die Schatulle neben mir
stehen, die ich ziemlich schwer fand, als ich sie aufhob und den
Fuflpfad hinunter nach der Station trug, wo ich denn gleich einspannen
und fortfahren liefl. Unterwegs machte ich sogleich den Versuch, mit
den T‰schchen an beiden Seiten. An der Stelle des Geldes, welches
ausgegangen schien, fand ich ein Schl¸sselchen; es gehˆrte zur
Schatulle, in welcher ich einen ziemlichen Ersatz fand. Solange das
vorhielt, bediente ich mich des Wagens; nachher wurde dieser verkauft,
um mich auf dem Postwagen fortzubringen. Die Schatulle schlug ich
zuletzt los, weil ich immer dachte, sie sollte sich noch einmal f¸llen,
und so kam ich denn endlich, obgleich durch einen ziemlichen Umweg,
wieder an den Herd zur Kˆchin, wo ihr mich zuerst habt kennen lernen.

Siebentes Kapitel

Hersilie an Wilhelm

Bekanntschaften, wenn sie sich auch gleichg¸ltig ank¸ndigen, haben
oft die wichtigsten Folgen, und nun gar die Ihrige, die gleich von
Anfang nicht gleichg¸ltig war. Der wunderliche Schl¸ssel kam in
meine H‰nde als ein seltsames Pfand; nun besitze ich das K‰stchen
auch. Schl¸ssel und K‰stchen, was sagen Sie dazu? Was soll man dazu
sagen? Hˆren Sie, wie's zuging:

Ein junger, feiner Mann l‰flt sich bei meinem Oheim melden und
erz‰hlt, dafl der kuriose Antiquit‰tenkr‰mer, der mit Ihnen lange in
Verbindung gestanden, vor kurzem gestorben sei und ihm die ganze
merkw¸rdige Verlassenschaft ¸bertragen, zugleich aber zur Pflicht
gemacht habe, alles fremde Eigentum, was eigentlich nur deponiert sei,
unverz¸glich zur¸ckzugeben. Eignes Gut beunruhige niemanden, denn
man habe den Verlust allein zu ertragen; fremdes Gut jedoch zu
bewahren, habe er sich nur in besondern F‰llen erlaubt, ihm wolle er
diese Last nicht aufb¸rden, ja er verbiete ihm, in v‰terlicher Liebe
und Autorit‰t, sich damit zu befassen. Und hiermit zog er das
K‰stchen hervor, das, wenn ich es schon aus der Beschreibung kannte,
mir doch ganz vorz¸glich in die Augen fiel.

Der Oheim, nachdem er es von allen Seiten besehen, gab es zur¸ck und
sagte: Auch er habe es sich zur Pflicht gemacht, in gleichem Sinne zu
handeln und sich mit keiner Antiquit‰t, sie sei auch noch so schˆn
und wunderbar, zu belasten, wenn er nicht wisse, wem sie fr¸her
angehˆrt und was f¸r eine historische Merkw¸rdigkeit damit zu
verkn¸pfen sei. Nun zeige dieses K‰stchen weder Buchstaben noch
Ziffer, weder Jahreszahl noch sonst eine Andeutung, woraus man den
fr¸hern Besitzer oder K¸nstler erraten kˆnne, es sei ihm also vˆllig
unn¸tz und ohne Interesse.

Der junge Mann stand in grofler Verlegenheit und fragte nach einigem
Besinnen, ob er nicht erlauben wolle, solches bei seinen Gerichten
niederzulegen? Der Oheim l‰chelte, wandte sich zu mir und sprach:
"Das w‰r' ein h¸bsches Gesch‰ft f¸r dich, Hersilie; du hast ja auch
allerlei Schmuck und zierliche Kostbarkeiten, leg' es dazu; denn ich
wollte wetten, der Freund, der dir nicht gleichg¸ltig blieb, kommt
gelegentlich wieder und holt es ab."

Das mufl ich nun so hinschreiben, wenn ich treu erz‰hlen will, und
sodann mufl ich bekennen, ich sah das K‰stchen mit neidischen Augen an,
und eine gewisse Habsucht bem‰chtigte sich meiner. Mir widerte, das
herrliche, dem holden Felix vom Schicksal zugedachte Schatzk‰stlein
in dem alt-eisernen, verrosteten Depositenkasten der Gerichtsstube zu
wissen. W¸nschelrutenartig zog sich die Hand darnach, mein biflchen
Vernunft hielt sie zur¸ck; ich hatte ja den Schl¸ssel, das durfte ich
nicht entdecken; und sollte ich mir die Qual antun, das Schlofl
unerˆffnet zu lassen, oder mich der unbefugten K¸hnheit hingeben, es
aufzuschlieflen? Allein ich weifl nicht, war es Wunsch oder Ahnung, ich
stellte mir vor, Sie k‰men, k‰men bald, w‰ren schon da, wenn ich auf
mein Zimmer tr‰te; genug, es war mir so wunderlich, so seltsam, so
konfus, wie es mir immer geht, wenn ich aus meiner gleichm¸tigen
Heiterkeit herausgenˆtigt werde. Ich sage nichts weiter, beschreibe
nicht, entschuldige nicht; genug, hier liegt das K‰stchen vor mir in
meiner Schatulle, der Schl¸ssel daneben, und wenn Sie eine Art von
Herz und Gem¸t haben, so denken Sie, wie mir zumute ist, wie viele
Leidenschaften sich in mir herumk‰mpfen, wie ich Sie herw¸nsche, auch
wohl Felix dazu, dafl es ein Ende werde, wenigstens dafl eine Deutung
vorgehe, was damit gemeint sei, mit diesem wunderbaren Finden,
Wiederfinden, Trennen und Vereinigen; und sollte ich auch nicht aus
aller Verlegenheit gerettet werden, so w¸nsche ich wenigstens
sehnlichste dafl diese sich aufkl‰re, sich endige, wenn mir auch, wie
ich f¸rchte, etwas Schlimmeres begegnen sollte.

Achtes Kapitel

Unter den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, finden wir
einen Schwank, den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten,
weil unsre Angelegenheiten immer ernsthafter werden und wir f¸r
dergleichen Unregelm‰fligkeiten fernerhin keine Stelle finden mˆchten.

Im ganzen mˆchte diese Erz‰hlung dem Leser nicht unangenehm sein,
wie sie St. Christoph am heitern Abend einem Kreise versammelter
lustiger Gesellen vortrug. Die gef‰hrliche Wette

Es ist bekannt, dafl die Menschen, sobald es ihnen einigermaflen wohl
und nach ihrem Sinne geht, alsobald nicht wissen, was sie vor ¸bermut
anfangen sollen; und so hatten denn auch mutwillige Studenten die
Gewohnheit, w‰hrend der Ferien scharenweis das Land zu durchziehen
und nach ihrer Art Suiten zu reiflen, welche freilich nicht immer die
besten Folgen hatten. Sie waren gar verschiedener Art, wie sie das
Burschenleben zusammenf¸hrt und bindet. Ungleich von Geburt und
Wohlhabenheit, Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern
Sinne miteinander sich fortbewegend und treibend. Mich aber w‰hlten
sie oft zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer
von ihnen, so muflten sie mir denn auch den Ehrentitel eines groflen
Suitiers erteilen, und zwar haupts‰chlich deshalb, weil ich seltener,
aber desto kr‰ftiger meine Possen trieb, wovon denn folgendes ein
Zeugnis geben mag.

Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht,
das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und
in grofler Einsamkeit ein paar h¸bsche M‰dchen zu Bewohnerinnen hatte.
Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verliebeln, eine Weile
wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden.

Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhˆhten, andere im
erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren
Rausch aus; die andern h‰tten ihn gern auf irgendeine mutwillige
Weise ausgelassen. Wir hatten ein paar grofle Zimmer im Seitenfl¸gel
nach dem Hof zu. Eine schˆne Equipage, die mit vier Pferden
hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die Bedienten sprangen vom
Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem Ansehen heraus,
der ungeachtet seiner Jahre noch r¸stig genug auftrat. Seine grofle,
wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weifl nicht,
was f¸r ein bˆser Geist mich anhauchte, so dafl ich in einem
Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken,
sogleich auszuf¸hren begann.

"Was d¸nkt euch von diesem Herrn?" fragte ich die Gesellschaft.--"Er
sieht aus", versetzte der eine, "als ob er nicht mit sich spaflen
lasse." --"Ja, ja", sagte der andre, "er hat ganz das Ansehen so
eines vornehmen R¸hrmichnichtan."--"Und dessenungeachtet", erwiderte
ich ganz getrost, "was wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen,
ohne dafl mir deshalb etwas ¸bles widerfahre; ja ich will mir sogar
dadurch einen gn‰digen Herrn an ihm verdienen."

"Wenn du es leistest", sagte Raufbold, "so zahlt dir jeder einen
Louisdor." --"Kassieren Sie das Geld f¸r mich ein", rief ich aus;
"auf Sie verlasse ich mich."--"Ich mˆchte lieber einem Lˆwen ein Haar
von der Schnauze raufen", sagte der Kleine.--"Ich habe keine Zeit zu
verlieren", versetzte ich und sprang die Treppe hinunter.

Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, dafl er einen
sehr starken Bart hatte, und vermutete, dafl keiner von seinen Leuten
rasieren kˆnne. Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: "Hat der
Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?"-- "Freilich!" versetzte der
Kellner, "und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist
schon zwei Tage zur¸ckgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut
los sein, und unser einziger Barbier, wer weifl, wo er in die
Nachbarschaft hingegangen."

"So meldet mich an", versetzte ich; "f¸hrt mich als Bartscherer bei
dem Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen." Ich nahm
das Rasierzeug, das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.

Der alte Herr empfing mich mit grofler Gravit‰t, besah mich von oben
bis unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir
herausphysiognomieren wollte. "Versteht Er Sein Handwerk?" sagte er
zu mir.

"Ich suche meinesgleichen", versetzte ich, "ohne mich zu r¸hmen."
Auch war ich meiner Sache gewifl: denn ich hatte fr¸h die edle Kunst
getrieben und war besonders deswegen ber¸hmt, weil ich mit der linken
Hand rasierte.

Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem
Hof und war gerade so gelegen, dafl unsere Freunde f¸glich hereinsehen
konnten, besonders wenn die Fenster offen waren. An gehˆriger
Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der Patron hatte sich gesetzt und das
Tuch vorgenommen. Ich trat ganz bescheidentlich vor ihn hin und
sagte: "Exzellenz! mir ist bei Aus¸bung meiner Kunst das Besondere
vorgekommen, dafl ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer
Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Dar¸ber habe ich denn
lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich
aber gefunden, dafl ich meine Sache in freier Luft viel besser mache
als in verschlossenen Zimmern. Wollten Ew. Exzellenz deshalb
erlauben, dafl ich die Fenster aufmache, so w¸rden Sie den Effekt zu
eigener Zufriedenheit gar bald empfinden." Er gab es zu, ich ˆffnete
das Fenster, gab meinen Freunden einen Wink und fing an, den starken
Bart mit grofler Anmut einzuseifen. Ebenso behend und leicht strich
ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht vers‰umte, als es
an die Oberlippe kam, meinen Gˆnner bei der Nase zu fassen und sie
merklich her¸ber und hin¸ber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen
wuflte, dafl die Wettenden zu ihrem grˆflten Vergn¸gen erkennen und
bekennen muflten, ihre Seite habe verloren.

Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah,
dafl er sich mit einiger Gef‰lligkeit betrachtete, und wirklich, es
war ein sehr schˆner Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem
feurigen, schwarzen, aber freundlichen Blick und sagte: "Er verdient,
mein Freund, vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich
bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern. So f‰hrt Er nicht
zwei-, dreimal ¸ber dieselbige Stelle, sondern es ist mit einem
Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein
Schermesser in der flachen Hand ab und f¸hrt den Unrat nicht der
Person ¸ber die Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der
linken Hand zu bewundern. Hier ist etwas f¸r Seine M¸he", fuhr er
fort, indem er mir einen Gulden reichte. "Nur eines merk' Er sich:
dafl man Leute von Stande nicht bei der Nase faflt. Wird Er diese
b‰urische Sitte k¸nftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt
sein Gl¸ck machen."

Ich verneigte mich tief, versprach alles mˆgliche, bat ihn, bei
allenfallsiger R¸ckkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich
konnte, zu unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst
gemacht hatten. Denn sie verf¸hrten ein solches Gel‰chter und ein
solches Geschrei, sprangen wie toll in der Stube herum, klatschten
und riefen, weckten die Schlafenden und erz‰hlten die Begebenheit
immer mit neuem Lachen und Toben, dafl ich selbst, als ich ins Zimmer
trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen
bat, ruhig zu sein, endlich aber mitlachen muflte ¸ber das Aussehen
einer n‰rrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgef¸hrt
hatte.

Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens
einigermaflen gelegt hatten, hielt ich mich f¸r gl¸cklich; die
Goldst¸cke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu,
und ich hielt mich f¸r ganz wohl ausgestattet, welches mir um so
erw¸nschter war, als die Gesellschaft beschlossen hatte, des andern
Tages auseinanderzugehen. Aber uns war nicht bestimmt, mit Zucht und
Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als dafl man sie
h‰tte bei sich behalten kˆnnen, so sehr ich auch gebeten und
beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu
halten. Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein
Liebesverst‰ndnis mit der Tochter des Hauses. Sie kamen zusammen, und
Gott weifl, ob er sie nicht besser zu unterhalten wuflte, genug, er
erz‰hlt ihr den Spafl, und so wollten sie sich nun zusammen totlachen.
Dabei blieb es nicht, sondern das M‰dchen brachte die M‰re lachend
weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den
alten Herrn gelangen.

Wir saflen ruhiger als sonst: denn es war den Tag ¸ber genug getobt
worden, als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war,
hereinsprang und rief: "Rettet euch, man wird euch totschlagen!" Wir
fuhren auf und wollten mehr wissen; er aber war schon zur T¸re wieder
hinaus. Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor; schon aber
hˆrten wir an der T¸re pochen und schlagen, ja wir glaubten zu hˆren,
dafl sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenm‰flig zogen wir uns
ins zweite Zimmer zur¸ck, alle waren verstummt: "Wir sind verraten",
rief ich aus, "der Teufel hat uns bei der Nase!"

Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine
Riesenkraft und schob ohne Beih¸lfe eine schwere Kommode vor die T¸re,
die gl¸cklicherweise hereinw‰rts ging. Doch hˆrten wir schon das
Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schl‰ge an unsere T¸re.

Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber
rief ich ihm und den ¸brigen zu: "Rettet euch! hier sind Schl‰ge zu
f¸rchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere f¸r den
Edelgebornen." Das M‰dchen st¸rzte herein, dieselbe, die uns
verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren Liebhaber in Todesgefahr zu
wissen. "Fort, fort!" rief sie und faflte ihn an; "fort, fort! ich
bring' euch ¸ber Bˆden, Scheunen und G‰nge. Kommt alle, der letzte
zieht die Leiter nach."

Alles st¸rzte nun zur Hintert¸re hinaus; ich hob noch einen Koffer
auf die Kiste, um die schon hereinbrechenden F¸llungen der belagerten
T¸re zur¸ckzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit,
mein Trutz wollte mir verderblich werden.

Als ich den ¸brigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon
aufgezogen und sah alle Hoffnung, mich zu retten, g‰nzlich versperrt.
Da steh' ich nun, ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit
heiler Haut, mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab. Und wer
weifl--doch laflt mich immer dort in Gedanken stehen, da ich jetzt hier
gegenw‰rtig euch das M‰rchen vorerz‰hlen kann. Nur vernehmt noch, dafl
diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.

Der alte Herr, tief gekr‰nkt von Verhˆhnung ohne Rache, zog sich's
zu Gem¸te, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur
Folge gehabt, wo nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den
T‰tern auf die Spur zu gelangen trachtend, erfuhr ungl¸cklicherweise
die Teilnahme Raufbolds, und erst nach Jahren hier¸ber ganz klar,
forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn, den schˆnen Mann,
entstellend, ward ‰rgerlich f¸r das ganze Leben. Auch seinem Gegner
verdarb dieser Handel einige schˆne Jahre, durch zuf‰llig sich
anschlieflende Ereignisse.

Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen,
wohin die gegenw‰rtige gemeint sei, wohl ¸berklar und deutlich.

Neuntes Kapitel

Der hˆchst bedeutende Tag war angebrochen, heute sollten die ersten
Schritte zur allgemeinen Fortwanderung eingeleitet werden, heut
sollte sich's entscheiden, wer denn wirklich in die Welt hinaus gehen,
oder wer lieber diesseits, auf dem zusammenh‰ngenden Boden der alten
Erde, verweilen und sein Gl¸ck versuchen wolle.

Ein munteres Lied erscholl in allen Straflen des heitern Fleckens;
Massen taten sich zusammen, die einzelnen Glieder eines jeden
Handwerks schlossen sich aneinander an, und so zogen sie, unter
einstimmigem Gesang, nach einer durch das Los entschiedenen Ordnung in
den Saal.

Die Vorgesetzten, wie wir Lenardo, Friedrichen und den Amtmann
bezeichnen wollen, waren eben im Begriff, ihnen zu folgen und den
geb¸hrenden Platz einzunehmen, als ein Mann von einnehmendem Wesen zu
ihnen trat und sich die Erlaubnis ausbat, an der Versammlung
teilnehmen zu kˆnnen. Ihm w‰re nichts abzuschlagen gewesen, so
gesittet, zuvorkommend und freundlich war sein Betragen, wodurch eine
imposante Gestalt, welche sowohl nach der Armee als dem Hofe und dem
geselligen Leben hindeutete, sich hˆchst anmutig erwies. Er trat mit
den ¸brigen hinein, man ¸berliefl ihm einen Ehrenplatz; alle hatten
sich gesetzt, Lenardo blieb stehen und fing folgendermaflen zu reden
an:

"Betrachten wir, meine Freunde, des festen Landes bewohnteste
Provinzen und Reiche, so finden wir ¸berall, wo sich nutzbarer Boden
hervortut, denselben bebaut, bepflanzt, geregelt, verschˆnt und in
gleichem Verh‰ltnis gew¸nscht, in Besitz genommen, befestigt und
verteidigt. Da ¸berzeugen wir uns denn von dem hohen Wert des
Grundbesitzes und sind genˆtigt, ihn als das Erste, das Beste
anzusehen, was dem Menschen werden kˆnne. Finden wir nun, bei
n‰herer Ansicht, Eltern--und Kinderliebe, innige Verbindung der
Flur--und Stadtgenossen, somit auch das allgemeine patriotische
Gef¸hl unmittelbar auf den Boden gegr¸ndet, dann erscheint uns jenes
Ergreifen und Behaupten des Raums, im groflen und kleinen, immer
bedeutender und ehrw¸rdiger. Ja, so hat es die Natur gewollt! Ein
Mensch, auf der Scholle geboren, wird ihr durch Gewohnheit angehˆrig,
beide verwachsen miteinander, und sogleich kn¸pfen sich die schˆnsten
Bande. Wer mˆchte denn wohl die Grundfeste alles Daseins widerw‰rtig
ber¸hren, Wert und W¸rde so schˆner, einziger Himmelsgabe verkennen?

Und doch darf man sagen: Wenn das, was der Mensch besitzt, von
groflem Wert ist, so mufl man demjenigen, was er tut und leistet, noch
einen grˆflern zuschreiben. Wir mˆgen daher bei vˆlligem ¸berschauen
den Grundbesitz als einen kleineren Teil der uns verliehenen G¸ter
betrachten. Die meisten und hˆchsten derselben bestehen aber
eigentlich im Beweglichen und in demjenigen, was durchs bewegte Leben
gewonnen wird.

Hiernach uns umzusehen, werden wir J¸ngeren besonders genˆtigt; denn
h‰tten wir auch die Lust, zu bleiben und zu verharren, von unsern
V‰tern geerbt, so finden wir uns doch tausendf‰ltig aufgefordert, die
Augen vor weiterer Aus--und Umsicht keineswegs zu verschlieflen.
Eilen wir deshalb schnell ans Meeresufer und ¸berzeugen uns mit einem
Blick, welch unermeflliche R‰ume der T‰tigkeit offenstehen, und
bekennen wir schon bei dem bloflen Gedanken uns ganz anders aufgeregt.

Doch in solche grenzenlose Weiten wollen wir uns nicht verlieren,
sondern unsere Aufmerksamkeit dem zusammenh‰ngenden, weiten, breiten
Boden so mancher L‰nder und Reiche zuwenden. Dort sehen wir grofle
Strecken des Landes von Nomaden durchzogen, deren St‰dte beweglich,
deren lebendign‰hrender Herdenbesitz ¸berall hinzuleiten ist. Wir
sehen sie inmitten der W¸ste, auf groflen gr¸nen Weidepl‰tzen, wie in
erw¸nschten H‰fen vor Anker liegen. Solche Bewegung, solches Wandern
wird ihnen zur Gewohnheit, zum Bed¸rfnis; endlich betrachten sie die
Oberfl‰che der Welt, als w‰re sie nicht durch Berge ged‰mmt, nicht
von Fl¸ssen durchzogen. Haben wir doch den Nordosten gesehen sich
gegen S¸dwesten bewegen, ein Volk das andere vor sich hertreiben,
Herrschaft und Grundbesitz durchaus ver‰ndert.

Von ¸bervˆlkerten Gegenden her wird sich ebendasselbe in dem groflen
Weltlauf noch mehrmals ereignen. Was wir von Fremden zu erwarten
haben, w‰re schwer zu sagen; wundersam aber ist es, dafl durch eigene
¸bervˆlkerung wir uns einander innerlich dr‰ngen und, ohne erst
abzuwarten, dafl wir vertrieben werden, uns selbst vertreiben, das
Urteil der Verbannung gegen einander selbst aussprechend.

Hier ist nun Zeit und Ort, ohne Verdrufl und Miflmut in unserm Busen
einer gewissen Beweglichkeit Raum zu geben, die ungeduldige Lust
nicht zu unterdr¸cken, die uns antreibt, Platz und Ort zu ver‰ndern.
Doch was wir auch sinnen und vorhaben, geschehe nicht aus
Leidenschaft, noch aus irgendeiner andern Nˆtigung, sondern aus einer
dem besten Rat entsprechenden ¸berzeugung.

Man hat gesagt und wiederholt: "Wo mir's wohl geht, ist mein
Vaterland!"; doch w‰re dieser trˆstliche Spruch noch besser
ausgedr¸ckt, wenn es hiefle: "Wo ich n¸tze, ist mein Vaterland!" Zu
Hause kann einer unn¸tz sein, ohne dafl es eben sogleich bemerkt wird;
auflen in der Welt ist der Unn¸tze gar bald offenbar. Wenn ich nun
sage: "Trachte jeder, ¸berall sich und andern zu nutzen!", so ist dies
nicht etwa Lehre noch Rat, sondern der Ausspruch des Lebens selbst.

Nun beschaue man den Erdball und lasse das Meer vorerst unbeachtet,
man lasse sich von dem Schiffsgewimmel nicht mit fortreiflen und hefte
den Blick auf das feste Land und staune, wie es mit einem sich
wimmelnd durchkreuzenden Ameisengeschlecht ¸bergossen ist. Hiezu hat
Gott der Herr selbst Anlafl gegeben, indem er, den babylonischen
Turmbau verhindernd, das Menschengeschlecht in alle Welt zerstreute.
Lasset uns ihn darum preisen, denn dieser Segen ist auf alle
Geschlechter ¸bergegangen.

Bemerket nun mit Heiterkeit, wie sich alle Jugend sogleich in
Bewegung setzt. Da ihr der Unterricht weder im Hause noch an der
T¸re geboten wird, eilt sie alsobald nach L‰ndern und St‰dten, wohin
sie der Ruf des Wissens und der Weisheit verlockt; nach empfangener
schneller, m‰fliger Bildung f¸hlt sie sich sogleich getrieben, weiter
in der Welt umherzuschauen, ob sie da oder dort irgendeine nutzbare
Erfahrung, zu ihren Zwecken beh¸lflich, auffinden und erhaschen kˆnne.
Mˆgen sie denn ihr Gl¸ck versuchen! wir aber gedenken sogleich
vollendeter, ausgezeichneter M‰nner, jener edlen Naturforscher, die
jeder Beschwerlichkeit, jeder Gefahr wissentlich entgegengehen, um der
Welt die Welt zu erˆffnen und durch das Unwegsamste hindurch Pfad und
Bahn zu bereiten.

Sehet aber auch auf glatten Heerstraflen Staub auf Staub in langen
Wolkenz¸gen emporgeregt, die Spur bezeichnend bequemer, ¸berpackter
W‰gen, worin Vornehme, Reiche und so manche andere dahinrollen, deren
verschiedene Denkweise und Absicht Yorik uns gar zierlich
auseinandersetzt.

Mˆge nun aber der wackere Handwerker ihnen zu Fufle getrost
nachschauen, dem das Vaterland zur Pflicht machte, fremde
Geschicklichkeit sich anzueignen und nicht eher, als bis ihm dies
gelungen, an den v‰terlichen Herd zur¸ckzukehren. H‰ufiger aber
begegnen wir auf unsern Wegen Marktenden und Handelnden; ein kleiner
Kr‰mer sogar darf nicht vers‰umen, von Zeit zu Zeit seine Bude zu
verlassen, Messen und M‰rkte zu besuchen, um sich dem Groflh‰ndler zu
n‰hern und seinen kleinen Vorteil am Beispiel, an der Teilnahme des
Grenzenlosen zu steigern. Aber noch unruhiger durchkreuzt sich
einzeln, zu Pferde, auf allen Haupt--und Nebenstraflen die Menge derer,
die auf unsern Beutel auch gegen unser Wollen Anspruch zu machen
beflissen sind. Muster aller Art und Preisverzeichnisse verfolgen uns
in Stadt--und Landh‰usern, und wohin wir uns auch fl¸chten mˆgen,
gesch‰ftig ¸berraschen sie uns, Gelegenheit bietend, welche selbst
aufzusuchen niemand in den Sinn gekommen w‰re. Was soll ich aber nun
von dem Volke sagen, das den Segen des ewigen Wanderns vor allen
andern sich zueignet und durch seine bewegliche T‰tigkeit die Ruhenden
zu ¸berlisten und die Mitwandernden zu ¸berschreiten versteht? Wir
d¸rfen weder Gutes noch Bˆses von ihnen sprechen; nichts Gutes, weil
sich unser Bund vor ihnen h¸tet, nichts Bˆses, weil der Wanderer
jeden Begegnenden freundlich zu behandeln, wechselseitigen Vorteils
eingedenk, verpflichtet ist.

Nun aber vor allen Dingen haben wir der s‰mtlichen K¸nstler mit
Teilnahme zu gedenken, denn sie sind auch durchaus in die
Weltbewegung mit verflochten. Wandert nicht der Maler mit Staffelei
und Palette von Gesicht zu Gesicht? und werden seine Kunstgenossen
nicht bald da-, bald dorthin berufen, weil ¸berall zu bauen und zu
bilden ist? Lebhafter jedoch schreitet der Musiker daher, denn er
ist es eigentlich, der f¸r ein neues Ohr neue ¸berraschung, f¸r einen
frischen Sinn frisches Erstaunen bereitet. Die Schauspieler sodann,
wenn sie gleich Thespis' Wagen verschm‰hen, ziehen doch noch immer in
kleineren Chˆren umher, und ihre bewegliche Welt ist an jeder Stelle
behend genug auferbaut. Ebenso ver‰ndern sie einzeln, sogar ernste,
vorteilhafte Verbindungen aufgebend, gern den Ort mit dem Orte, wozu
ein gesteigertes Talent mit zugleich gesteigertem Bed¸rfnis Anlafl und
Vorwand gibt. Hierzu bereiten sie sich gewˆhnlich dadurch vor, dafl
sie kein bedeutendes Bretterger¸st des Vaterlandes unbestiegen lassen.

Hiernach werden wir sogleich gemahnt, auf den Lehrstand zu sehen;
diesen findet ihr gleichfalls in fortdauernder Bewegung, ein Katheder
um das andere wird betreten und verlassen, um den Samen eiliger
Bildung ja nach allen Seiten hin reichlich auszuspenden. Emsiger aber
und weiter ausgreifend sind jene frommen Seelen, die, das Heil den
Vˆlkern zu bringen, sich durch alle Weltteile zerstreuen. Dagegen
pilgern andere, sich das Heil abzuholen; sie ziehen zu ganzen Scharen
nach geweihter, wundert‰tiger Stelle, dort zu suchen und zu empfangen,
was ihrem Innern zu Hause nicht verliehen ward.

Wenn uns nun diese s‰mtlich nicht in Verwunderung setzen, weil ihr
Tun und Lassen ohne Wandern meist nicht denkbar w‰re, so sollten wir
diejenigen, die ihren Fleifl dem Boden widmen, doch wenigstens an
denselben gefesselt halten. Keineswegs! Auch ohne Besitz l‰flt sich
Benutzung denken, und wir sehen den eifrigen Landwirt eine Flur
verlassen, die ihm als Zeitp‰chter Vorteil und Freude mehrere Jahre
gew‰hrt hat; ungeduldig forscht er nach gleichen oder grˆfleren
Vorteilen, es sei nah oder fern. Ja sogar der Eigent¸mer verl‰flt
seinen erst gerodeten Neubruch, sobald er ihn durch Kultur einem
weniger gewandten Besitzer erst angenehm gemacht hat; aufs neue
dringt er in die W¸ste, macht sich abermals in W‰ldern Platz, zur
Belohnung jenes ersten Bem¸hens einen doppelt und dreifach grˆflern
Raum, auf dem er vielleicht auch nicht zu beharren gedenkt.

Lassen wir ihn dort mit B‰ren und anderm Getier sich herumschlagen
und kehren in die gebildete Welt zur¸ck, wo wir es auch keineswegs
beruhigter antreffen. Irgendein grofles, geregeltes Reich beschaue
man, wo der F‰higste sich als den Beweglichsten denken mufl; nach dem
Winke des F¸rsten, nach Anordnung des Staatsrats wird der Brauchbare
von einem Ort zum andern versetzt. Auch ihm gilt unser Zuruf.
"Suchet ¸berall zu n¸tzen, ¸berall seid ihr zu Hause." Sehen wir
aber bedeutende Staatsm‰nner, obwohl ungern, ihren hohen Posten
verlassen, so haben wir Ursache, sie zu bedauern, da wir sie weder als
Auswanderer noch als Wanderer anerkennen d¸rfen; nicht als
Auswanderer, weil sie einen w¸nschenswerten Zustand entbehren, ohne
dafl irgendeine Aussicht auf bessere Zust‰nde sich auch nur scheinbar
erˆffnete; nicht als Wanderer, weil ihnen anderer Orten auf
irgendeine Weise n¸tzlich zu sein selten vergˆnnt ist.

Zu einem eigenen Wanderleben jedoch ist der Soldat berufen; selbst
im Frieden wird ihm bald dieser, bald jener Posten angewiesen; f¸rs
Vaterland nah oder fern zu streiten, mufl er sich immer beweglich
erhalten; und nicht nur f¸rs unmittelbare Heil, sondern auch nach dem
Sinne der Vˆlker und Herrscher wendet er seinen Schritt allen
Weltteilen zu, und nur wenigen ist es vergˆnnt, sich hie oder da
anzusiedeln. Wie nun bei dem Soldaten die Tapferkeit als erste
Eigenschaft obenan steht, so wird sie doch stets mit der Treue
verbunden gedacht, deshalb wir denn gewisse wegen ihrer
Zuverl‰ssigkeit ger¸hmte Vˆlker, aus der Heimat gerufen, weltlichen
und geistlichen Regenten als Leibwache dienen sehen.

Noch eine sehr bewegliche, dem Staat unentbehrliche Klasse erblicken
wir in jenen Gesch‰ftsm‰nnern, welche, von Hof zu Hofe gesandt,
F¸rsten und Minister umlagern und die ganze bewohnte Welt mit
unsichtbaren F‰den ¸berkreuzen. Auch deren ist keiner an Ort und
Stelle auch nur einen Augenblick sicher; im Frieden sendet man die
t¸chtigsten von einer Weltgegend zur andern; im Kriege, dem siegenden
Heere nachziehend, dem fl¸chtigen die Wege bahnend, sind sie immer
eingerichtet, einen Ort um den andern zu verlassen, deshalb sie auch
jederzeit einen groflen Vorrat von Abschiedskarten mit sich f¸hren.

Haben wir uns nun bisher auf jedem Schritt zu ehren gewuflt, indem
wir die vorz¸glichste Masse t‰tiger Menschen als unsere Gesellen und
Schicksalsgenossen angesprochen, so stehet euch, teure Freunde, zum
Abschlufl noch die hˆchste Gunst bevor, indem ihr euch mit Kaisern,
Kˆnigen und F¸rsten verbr¸dert findet. Denken wir zuerst segnend
jenes edlen kaiserlichen Wanderers Hadrian, welcher zu Fufl, an der
Spitze seines Heers, den bewohnten, ihm unterworfenen Erdkreis
durchschnitt und ihn so erst vollkommen in Besitz nahm. Denken wir
mit Schaudern der Eroberer, jener gewaffneten Wanderer, gegen die kein
Widerstreit helfen, Mauer und Bollwerk harmlose Vˆlker nicht schirmen
konnte; begleiten wir endlich mit redlichem Bedauern jene
ungl¸cklichen vertriebenen F¸rsten, die, von dem Gipfel der Hˆhe
herabsteigend, nicht einmal in die bescheidene Gilde t‰tiger Wanderer
aufgenommen werden kˆnnten.

Da wir uns nun alles dieses einander vergegenw‰rtigt und aufgekl‰rt,
so wird kein beschr‰nkter Tr¸bsinn, keine leidenschaftliche
Dunkelheit ¸ber uns walten. Die Zeit ist vor¸ber, wo man
abenteuerlich in die weite Welt rannte; durch die Bem¸hungen
wissenschaftlicher, weislich beschreibender, k¸nstlerisch
nachbildender Weltumreiser sind wir ¸berall bekannt genug, dafl wir
ungef‰hr wissen, was zu erwarten sei.

Doch kann zu einer vollkommenen Klarheit der einzelne nicht gelangen.
Unsere Gesellschaft aber ist darauf gegr¸ndet, dafl jeder in seinem
Mafle, nach seinen Zwecken aufgekl‰rt werde. Hat irgendeiner ein Land
im Sinne, wohin er seine W¸nsche richtet, so suchen wir ihm das
einzelne deutlich zu machen, was im ganzen seiner Einbildungskraft
vorschwebte; uns wechselseitig einen ¸berblick der bewohnten und
bewohnbaren Welt zu geben, ist die angenehmste, hˆchst belohnende
Unterhaltung.

In solchem Sinne nun d¸rfen wir uns in einem Weltbunde begriffen
ansehen. Einfach-grofl ist der Gedanke, leicht die Ausf¸hrung durch
Verstand und Kraft. Einheit ist allm‰chtig, deshalb keine Spaltung,
kein Widerstreit unter uns. Insofern wir Grunds‰tze haben, sind sie
uns allen gemein. Der Mensch, so sagen wir, lerne sich ohne dauernden
‰ufleren Bezug zu denken, er suche das Folgerechte nicht an den
Umst‰nden, sondern in sich selbst, dort wird er's finden, mit Liebe
hegen und pflegen. Er wird sich ausbilden und einrichten, dafl er
¸berall zu Hause sei. Wer sich dem Notwendigsten widmet, geht ¸berall
am sichersten zum Ziel; andere hingegen, das Hˆhere, Zartere suchend,
haben schon in der Wahl des Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der
Mensch auch ergreife und handhabe, der einzelne ist sich nicht
hinreichend, Gesellschaft bleibt eines wackern Mannes hˆchstes
Bed¸rfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander
stehen, wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach
Maurer und Zimmermann umsieht.

Und so ist denn allen bekannt, wie und auf welche Weise unser Bund
geschlossen und gegr¸ndet sei; niemand sehen wir unter uns, der nicht
zweckm‰flig seine T‰tigkeit jeden Augenblick ¸ben kˆnnte, der nicht
versichert w‰re, dafl er ¸berall, wohin Zufall, Neigung, ja
Leidenschaft ihn f¸hren kˆnnte, sich immer wohl empfohlen,
aufgenommen und gefˆrdert, ja von Ungl¸cksf‰llen mˆglichst
wiederhergestellt finden werde.

Zwei Pflichten sodann haben wir aufs strengste ¸bernommen: jeden
Gottesdienst in Ehren zu halten, denn sie sind alle mehr oder weniger
im Credo verfaflt; ferner alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu
lassen und, da sie s‰mtlich eine zweckm‰flige T‰tigkeit fordern und
befˆrdern, innerhalb einer jeden uns, auf wie lange es auch sei, nach
ihrem Willen und Wunsch zu bem¸hen. Schliefllich halten wir's f¸r
Pflicht, die Sittlichkeit ohne Pedanterei und Strenge zu ¸ben und zu
fˆrdern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt, welche aus den
drei Ehrfurchten entsprieflt, zu denen wir uns s‰mtlich bekennen, auch
alle in diese hˆhere, allgemeine Weisheit, einige sogar von Jugend auf,
eingeweiht zu sein das Gl¸ck und die Freude haben. Dieses alles
haben wir in der feierlichen Trennungsstunde nochmals bedenken,
erkl‰ren, vernehmen und anerkennen, auch mit einem traulichen
Lebewohl besiegeln wollen.

Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kr‰ften,
¸berall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los.
Dafl wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so grofl."

Zehntes Kapitel

Unter dem Schluflgesange richtete sich ein grofler Teil der Anwesenden
rasch empor und zog paarweise geordnet mit weit umherklingendem
Schalle den Saal hinaus. Lenardo, sich niedersetzend, fragte den
Gast: ob er sein Anliegen hier ˆffentlich vorzutragen gedenke oder
eine besondere Sitzung verlange? Der Fremde stand auf, begr¸flte die
Gesellschaft und begann folgende Rede:

"Hier ist es, gerade in solcher Versammlung, wo ich mich vorerst
ohne weiteres zu erkl‰ren w¸nsche. Diese hier in Ruhe verbliebenen,
dem Anblick nach s‰mtlich wackern M‰nner geben schon durch ein
solches Verharren deutlich Wunsch und Absicht zu erkennen, dem
vaterl‰ndischen Grund und Boden auch fernerhin angehˆren zu wollen.
Sie sind mir alle freundlich gegr¸flt, denn ich darf erkl‰ren: dafl ich
ihnen s‰mtlich, wie sie sich hier ank¸ndigen, ein hinreichendes
Tagewerk auf mehrere Jahre anzubieten im Fall bin. Ich w¸nsche jedoch,
aber erst nach kurzer Frist, eine nochmalige Zusammenkunft, weil es
nˆtig ist, vor allen Dingen den w¸rdigen Vorstehern, welche bisher
diese wackern Leute zusammenhielten, meine Angelegenheit vertraulich
zu offenbaren und sie von der Zuverl‰ssigkeit meiner Sendung zu
¸berzeugen. Sodann aber will es sich ziemen, mich mit den
Verharrenden im einzelnen zu besprechen, damit ich erfahre, mit
welchen Leistungen sie mein stattliches Anerbieten zu erwidern
gedenken."

Hierauf begehrte Lenardo einige Frist, die nˆtigsten Gesch‰fte des
Augenblicks zu besorgen, und nachdem diese bestimmt war, richtete
sich die Masse der ¸briggebliebenen anst‰ndig in die Hˆhe,
gleichfalls paarweise unter einem m‰flig geselligen Gesang aus dem
Saale sich entfernend.

Odoard entdeckte sodann den zur¸ckbleibenden beiden F¸hrern seine
Absichten und Vors‰tze und zeigte sodann seine Berechtigung hiezu.
Nun konnte er aber mit so vorz¸glichen Menschen in fernerer
Unterhaltung von dem Gesch‰ft nicht Rechenschaft geben, ohne des
menschlichen Grundes zu gedenken, worauf das Ganze eigentlich beruhe.
Wechselseitige Erkl‰rungen und Bekenntnisse tiefer
Herzensangelegenheiten entfalteten sich hieraus bei fortgesetztem
Gespr‰ch. Bis tief in die Nacht blieb man zusammen und verwickelte
sich immer unentwirrbarer in die Labyrinthe menschlicher Gesinnungen
und Schicksale. Hier nun fand sich Odoard bewogen, nach und nach von
den Angelegenheiten seines Geistes und Herzens fragmentarische
Rechenschaft zu geben, deshalb denn auch von diesem Gespr‰ch uns
freilich nur unvollst‰ndige und unbefriedigende Kenntnis zugekommen.
Doch sollen wir auch hier Friedrichs gl¸cklichem Talent des
Auffassens und Festhaltens die Vergegenw‰rtigung interessanter Szenen
verdanken, sowie einige Aufkl‰rung ¸ber den Lebensgang eines
vorz¸glichen Mannes, der uns zu interessieren anf‰ngt, wenn es auch
nur Andeutungen w‰ren desjenigen, was in der Folge vielleicht
ausf¸hrlicher und im Zusammenhange mitzuteilen ist. Nicht zu weit

Es schlug zehn in der Nacht, und so war denn zur verabredeten Stunde
alles bereit: im bekr‰nzten S‰lchen zu vieren eine ger‰umige, artige
Tafel gedeckt, mit feinem Nachtisch und Zuckerzierlichkeiten zwischen
blinkenden Leuchtern und Blumen bestellt. Wie freuten sich die
Kinder auf diese Nachkost, denn sie sollten mit zu Tische sitzen;
indessen schlichen sie umher, geputzt und maskiert, und weil Kinder
nicht zu entstellen sind, erschienen sie als die niedlichsten
Zwillingsgenien. Der Vater berief sie zu sich, und sie sagten das
Festgespr‰ch, zu ihrer Mutter Geburtstag gedichtet, bei weniger
Nachh¸lfe gar schicklich her.

Die Zeit verstrich, von Viertel--zu Viertelstunde enthielt die gute
Alte sich nicht, des Freundes Ungeduld zu vermehren. Mehrere Lampen,
sagte sie, seien auf der Treppe dem Erlˆschen ganz nahe, ausgesuchte
Lieblingsspeisen der Gefeierten kˆnnten ¸bergar werden, so sei es zu
bef¸rchten. Die Kinder aus Langerweile fingen erst unartig an, und
aus Ungeduld wurden sie unertr‰glich. Der Vater nahm sich zusammen,
und doch wollte die ungewohnte Gelassenheit ihm nicht zu Gebote
stehen; er horchte sehns¸chtig auf die Wagen, einige rasselten
unaufgehalten vorbei, ein gewisses ‰rgernis wollte sich regen. Zum
Zeitvertreib forderte er noch eine Repetition von den Kindern; diese,
im ¸berdrufl unachtsam, zerstreut und ungeschickt, sprachen falsch,
keine Geb‰rde war mehr richtig, sie ¸bertrieben wie Schauspieler, die
nichts empfinden. Die Pein des guten Mannes wuchs mit jedem Momente,
halb eilf Uhr war vor¸ber; das Weitere zu schildern, ¸berlassen wir
ihm selbst.

"Die Glocke schlug eilfe, meine Ungeduld war bis zur Verzweiflung
gesteigert, ich hoffte nicht mehr, ich f¸rchtete. Nun war mir bange,
sie mˆchte hereintreten, mit ihrer gewˆhnlichen leichten Anmut sich
fl¸chtig entschuldigen, versichern, dafl sie sehr m¸de sei, und sich
betragen, als w¸rfe sie mir vor, ich beschr‰nke ihre Freuden. In mir
kehrte sich alles um und um, und gar vieles, was ich Jahre her
geduldet, lastete wiederkehrend auf meinem Geiste. Ich fing an, sie
zu hassen, ich wuflte kein Betragen zu denken, wie ich sie empfangen
sollte. Die guten Kinder, wie Engelchen herausgeputzt, schliefen
ruhig auf dem Sofa. Unter meinen F¸flen brannte der Boden, ich begriff,
ich verstand mich nicht, und mir blieb nichts ¸brig als zu fliehen,
bis nur die n‰chsten Augenblicke ¸berstanden w‰ren. Ich eilte,
leicht und festlich angezogen wie ich war, nach der Haust¸re. Ich
weifl nicht, was ich der guten Alten f¸r einen Vorwand hinstotterte,
sie drang mir einen ¸berrock zu, und ich fand mich auf der Strafle in
einem Zustande, den ich seit langen Jahren nicht empfunden hatte.
Gleich dem j¸ngsten leidenschaftlichen Menschen, der nicht wo ein
noch aus weifl, rannt' ich die Gassen hin und wider. Ich h‰tte das
freie Feld gewonnen, aber ein kalter, feuchter Wind blies streng und
widerw‰rtig genug, um meinen Verdrufl zu begrenzen."

Wir haben, wie an dieser Stelle auffallend zu bemerken ist, die
Rechte des epischen Dichters uns anmaflend, einen geneigten Leser nur
allzu schnell in die Mitte leidenschaftlicher Darstellung gerissen.
Wir sehen einen bedeutenden Mann in h‰uslicher Verwirrung, ohne von
ihm etwas weiter erfahren zu haben; deshalb wir denn f¸r den
Augenblick, um nur einigermaflen den Zustand aufzukl‰ren, uns zu der
guten Alten gesellen, horchend, was sie allenfalls vor sich hin,
bewegt und verlegen, leise murmeln oder laut ausrufen mˆchte.

"Ich hab' es l‰ngst gedacht, ich habe es vorausgesagt, ich habe die
gn‰dige Frau nicht geschont, sie ˆfter gewarnt, aber es ist st‰rker
wie sie. Wenn der Herr sich des Tags auf der Kanzlei, in der Stadt,
auf dem Lande in Gesch‰ften abm¸det, so findet er abends ein leeres
Haus, oder Gesellschaft, die ihm nicht zusagt. Sie kann es nicht
lassen. Wenn sie nicht immer Menschen, M‰nner um sich sieht, wenn
sie nicht hin und wider f‰hrt, sich an und aus--und umziehen kann,
ist es, als wenn ihr der Atem ausginge. Heute an ihrem Geburtstag
f‰hrt sie fr¸h aufs Land. Gut! wir machen indes hier alles zurecht;
sie verspricht heilig, um neun Uhr zu Hause zu sein; wir sind bereit.
Der Herr ¸berhˆrt die Kinder ein auswendig gelerntes artiges Gedicht,
sie sind herausgeputzt; Lampen und Lichter, Gesottenes und
Gebratenes, an gar nichts fehlt es, aber sie kommt nicht. Der Herr
hat viel Gewalt ¸ber sich, er verbirgt seine Ungeduld, sie bricht aus.
Er entfernt sich aus dem Hause so sp‰t. Warum, ist offenbar; aber
wohin? Ich habe ihr oft mit Nebenbuhlerinnen gedroht, ehrlich und
redlich. Bisher hab' ich am Herrn nichts bemerkt; eine Schˆne paflt
ihm l‰ngst auf, bem¸ht sich um ihn. Wer weifl, wie er bisher gek‰mpft
hat. Nun bricht's los, diesmal treibt ihn die Verzweiflung, seinen
guten Willen nicht besser anerkannt zu sehen, bei Nacht aus dem Hause,
da geb' ich alles verloren. Ich sagt' es ihr mehr als einmal, sie
solle es nicht zu weit treiben."

Suchen wir den Freund nun wieder auf und hˆren ihn selber. "In dem
angesehensten Gasthofe sah ich unten Licht, klopfte am Fenster und
fragte den herausschauenden Kellner mit bekannter Stimme: ob nicht
Fremde angekommen oder angemeldet seien? Schon hatte er das Tor
geˆffnet, verneinte beides und bat mich hereinzutreten. Ich fand es
meiner Lage gem‰fl, das M‰rchen fortzusetzen, ersuchte ihn um ein
Zimmer, das er mir gleich im zweiten Stock einr‰umte; der erste
sollte, wie er meinte, f¸r die erwarteten Fremden bleiben. Er eilte,
einiges zu veranstalten, ich liefl es geschehen und verb¸rgte mich f¸r
die Zeche. So weit war's vor¸ber; ich aber fiel wieder in meine
Schmerzen zur¸ck, vergegenw‰rtigte mir alles und jedes, erhˆhte und
milderte, schalt mich und suchte mich zu fassen, zu bes‰nftigen:
liefle sich doch morgen fr¸h alles wieder einleiten; ich dachte mir
schon den Tag abermals im gewohnten Gange; dann aber k‰mpfte sich
aufs neue der Verdrufl unb‰ndig hervor: ich hatte nie geglaubt, dafl ich
so ungl¸cklich sein kˆnne."

An dem edlen Manne, den wir hier so unerwartet ¸ber einen gering
scheinenden Vorfall in leidenschaftlicher Bewegung sehen, haben
unsere Leser gewifl schon in dem Grade teilgenommen, dafl sie n‰here
Nachricht von seinen Verh‰ltnissen zu erfahren w¸nschen. Wir
benutzen die Pause, die hier in das n‰chtliche Abenteuer eintritt,
indem er stumm und heftig in dem Zimmer auf und ab zu gehen fortf‰hrt.

Wir lernen Odoard als den Sprˆflling eines alten Hauses kennen, auf
welchen durch eine Folge von Generationen die edelsten Vorz¸ge
vererbt worden. In der Milit‰rschule gebildet, ward ihm ein
gewandter Anstand zu eigen, der, mit den lˆblichsten F‰higkeiten des
Geistes verbunden, seinem Betragen eine ganz besondere Anmut verlieh.
Ein kurzer Hofdienst lehrte ihn die ‰uflern Verh‰ltnisse hoher
Persˆnlichkeiten gar wohl einsehen, und als er nun hierauf, durch
fr¸h erworbene Gunst einer gesandtschaftlichen Sendung angeschlossen,
die Welt zu sehen und fremde Hˆfe zu kennen Gelegenheit hatte, so tat
sich die Klarheit seiner Auffassung und gl¸ckliches Ged‰chtnis des
Vorgegangenen bis aufs genaueste, besonders aber ein guter Wille in
Unternehmungen aller Art aufs baldigste hervor. Die Leichtigkeit des
Ausdrucks in manchen Sprachen, bei einer freien und nicht
aufdringlichen Persˆnlichkeit, f¸hrten ihn von einer Stufe zur andern;
er hatte Gl¸ck bei allen diplomatischen Sendungen, weil er das
Wohlwollen der Menschen gewann und sich dadurch in den Vorteil setzte,
Miflhelligkeiten zu schlichten, besonders auch die beiderseitigen
Interessen bei gerechter Erw‰gung vorliegender Gr¸nde zu befriedigen
wuflte.

Einen so vorz¸glichen Mann sich anzueignen, war der erste Minister
bedacht; er verheiratete ihm seine Tochter, ein Frauenzimmer von der
heitersten Schˆnheit und gewandt in allen hˆheren geselligen Tugenden.
Allein wie dem Laufe aller menschlichen Gl¸ckseligkeit sich je
einmal ein Damm entgegenstellt, der ihn irgendwo zur¸ckdr‰ngt, so war
es auch hier der Fall. An dem f¸rstlichen Hofe wurde Prinzessin
Sophronie als M¸ndel erzogen, sie, der letzte Zweig ihres Astes,
deren Vermˆgen und Anforderungen, wenn auch Land und Leute an den
Oheim zur¸ckfielen, noch immer bedeutend genug blieben, weshalb man
sie denn, um weitl‰ufige Erˆrterungen zu vermeiden, an den Erbprinzen,
der freilich viel j¸nger war, zu verheiraten w¸nschte.

Odoard kam in Verdacht einer Neigung zu ihr, man fand, er habe sie
in einem Gedichte unter dem Namen Aurora allzu leidenschaftlich
gefeiert; hiezu gesellte sich eine Unvorsichtigkeit von ihrer Seite,
indem sie mit eigner Charakterst‰rke gewissen Neckereien ihrer
Gespielinnen trotzig entgegnete: sie m¸flte keine Augen haben, wenn
sie f¸r solche Vorz¸ge blind sein sollte.

Durch seine Heirat wurde nun wohl ein solcher Verdacht beschwichtigt,
aber durch heimliche Gegner dennoch im stillen fortgen‰hrt und
gelegentlich wieder aufgeregt.

Die Staats--und Erbschaftsverh‰ltnisse, ob man sie gleich so wenig
als mˆglich zu ber¸hren suchte, kamen doch manchmal zur Sprache. Der
F¸rst nicht sowohl als kluge R‰te hielten es durchaus f¸r n¸tzlich,
die Angelegenheit fernerhin ruhen zu lassen, w‰hrend die stillen
Anh‰nger der Prinzessin sie abgetan und dadurch die edle Dame in
grˆflerer Freiheit zu sehen w¸nschten, besonders da der benachbarte
alte Kˆnig, Sophronien verwandt und g¸nstig, noch am Leben sei und
sich zu v‰terlicher Einwirkung gelegentlich bereit erwiesen habe.

Odoard kam in Verdacht, bei einer blofl zeremoniellen Sendung dorthin
das Gesch‰ft, das man versp‰ten wollte, wieder in Anregung gebracht
zu haben. Die Widersacher bedienten sich dieses Vorfalls, und der
Schwiegervater, den er von seiner Unschuld ¸berzeugt hatte, muflte
seinen ganzen Einflufl anwenden, um ihm eine Art von Statthalterschaft
in einer entfernten Provinz zu erwirken. Er fand sich gl¸cklich
daselbst, alle seine Kr‰fte konnte er in T‰tigkeit setzen, es war
Notwendiges, N¸tzliches, Gutes, Schˆnes, Grofles zu tun, er konnte
Dauerndes leisten, ohne sich aufzuopfern, anstatt dafl man in jenen
Verh‰ltnissen, gegen seine ¸berzeugung sich mit Vor¸bergehendem
besch‰ftigend, gelegentlich selbst zugrunde geht.

Nicht so empfand es seine Gattin, welche nur in grˆflern Zirkeln ihre
Existenz fand und ihm nur sp‰ter notgedrungen folgte. Er betrug sich
so schonend als mˆglich gegen sie und beg¸nstigte alle Surrogate
ihrer bisherigen Gl¸ckseligkeit, des Sommers Landpartien in der
Nachbarschaft, im Winter ein Liebhabertheater, B‰lle und was sie sonst
einzuleiten beliebte. Ja er duldete einen Hausfreund, einen Fremden,
der sich seit einiger Zeit eingef¸hrt hatte, ob er ihm gleich
keineswegs gefiel, da er ihm durchaus, bei seinem klaren Blick auf
Menschen, eine gewisse Falschheit anzusehen glaubte.

Von allem diesem, was wir aussprechen, mag in dem gegenw‰rtigen
bedenklichen Augenblick einiges dunkel und tr¸be, ein anderes klar
und deutlich ihm vor der Seele vor¸bergegangen sein. Genug, wenn wir
nach dieser vertraulichen Erˆffnung, zu der Friedrichs gutes
Ged‰chtnis den Stoff mitgeteilt, uns abermals zu ihm wenden, so finden
wir ihn wieder in dem Zimmer heftig auf und ab gehend, durch Geb‰rden
und manche Ausrufungen einen innern Kampf offenbarend.

"In solchen Gedanken war ich heftig im Zimmer auf und ab gegangen,
der Kellner hatte mir eine Tasse Bouillon gebracht, deren ich sehr
bedurfte; denn ¸ber die sorgf‰ltigsten Anstalten dem Fest zuliebe
hatte ich nichts zu mir genommen, und ein kˆstlich Abendessen stand
unber¸hrt zu Hause. In dem Augenblick hˆrten wir ein Posthorn sehr
angenehm die Strafle herauf. "Der kommt aus dem Gebirge", sagte der
Kellner. Wir fuhren ans Fenster und sahen beim Schein zweier
helleuchtenden Wagenlaternen viersp‰nnig, wohlbepackt vorfahren einen
Herrschaftswagen. Die Bedienten sprangen vom Bocke: "Da sind sie!"
rief der Kellner und eilte nach der T¸re. Ich hielt ihn fest, ihm
einzusch‰rfen, er solle ja nichts sagen, dafl ich da sei, nicht
verraten, dafl etwas bestellt worden; er versprach's und sprang davon.

Indessen hatte ich vers‰umt zu beobachten, wer ausgestiegen sei, und
eine neue Ungeduld bem‰chtigte sich meiner; mir schien, der Kellner
s‰ume allzu lange, mir Nachricht zu geben. Endlich vernahm ich von
ihm, die G‰ste seien Frauenzimmer, eine ‰ltliche Dame von w¸rdigem
Ansehen, eine mittlere von unglaublicher Anmut, ein Kammerm‰dchen, wie
man sie nur w¸nschen mˆchte. "Sie fing an", sagte er, "mit Befehlen,
fuhr fort mit Schmeicheln und fiel, als ich ihr schˆntat, in ein
heiter schnippisches Wesen, das ihr wohl das nat¸rlichste sein mochte.
""

"Gar schnell bemerkte ich", fahrt er fort, "die allgemeine
Verwunderung, mich so alert und das Haus zu ihrem Empfang so bereit
zu finden, die Zimmer erleuchtet, die Kamine brennend; sie machten
sich's bequem, im Saale fanden sie ein kaltes Abendessen; ich bot
Bouillon an, die ihnen willkommen schien."

Nun saflen die Damen bei Tische, die ‰ltere speiste kaum, die schˆne
Liebliche gar nicht; das Kammerm‰dchen, das sie Lucie nannten, liefl
sich's wohl schmecken und erhob dabei die Vorz¸ge des Gasthofes,
erfreute sich der hellen Kerzen, des feinen Tafelzeugs, des
Porzellans und aller Ger‰tschaften. Am lodernden Kamin hatte sie sich
fr¸her ausgew‰rmt und fragte nun den wieder eintretenden Kellner, ob
man hier denn immer so bereit sei, zu jeder Stunde des Tags und der
Nacht unvermutet ankommende G‰ste zu bewirten? Dem jungen, gewandten
Burschen ging es in diesem Falle wie Kindern, die wohl das Geheimnis
verschweigen, aber, dafl etwas Geheimes ihnen vertraut sei, nicht
verbergen kˆnnen. Erst antwortete er zweideutig, ann‰hernd sodann,
und zuletzt, durch die Lebhaftigkeit der Zofe, durch Hin--und
Widerreden in die Enge getrieben, gestand er: es sei ein Bedienter, es
sei ein Herr gekommen, sei fortgegangen, wiedergekommen, zuletzt aber
entfuhr es ihm, der Herr sei wirklich oben und gehe beunruhigt auf
und ab. Die junge Dame sprang auf, die andern folgten; es sollte ein
alter Herr sein, meinten sie hastig; der Kellner versicherte dagegen,
er sei jung. Nun zweifelten sie wieder, er beteuerte die Wahrheit
seiner Aussage. Die Verwirrung, die Unruhe vermehrte sich. Es m¸sse
der Oheim sein, versicherte die Schˆne; es sei nicht in seiner Art,
erwiderte die ‰ltere. Niemand als er habe wissen kˆnnen, dafl sie in
dieser Stunde hier eintreffen w¸rden, versetzte jene beharrlich. Der
Kellner aber beteuerte fort und fort, es sei ein junger, ansehnlicher,
kr‰ftiger Mann. Lucie schwur dagegen auf den Oheim: dem Schalk, dem
Kellner, sei nicht zu trauen, er widerspreche sich schon eine halbe
Stunde.

Nach allem diesem muflte der Kellner hinauf, dringend zu bitten, der
Herr mˆge doch ja eilig herunterkommen, dabei auch zu drohen, die
Damen w¸rden heraufsteigen und selbst danken. "Es ist ein Wirrwarr
ohne Grenzen", fuhr der Kellner fort; "ich begreife nicht, warum Sie
zaudern, sich sehen zu lassen; man h‰lt Sie f¸r einen alten Oheim, den
man wieder zu umarmen leidenschaftlich verlangt. Gehen Sie hinunter,
ich bitte. Sind denn das nicht die Personen, die Sie erwarteten?
Verschm‰hen Sie ein allerliebstes Abenteuer nicht mutwillig;
sehens--und hˆrenswert ist die junge Schˆne, es sind die anst‰ndigsten
Personen. Eilen Sie hinunter, sonst r¸cken sie Ihnen wahrlich auf die
Stube."

Leidenschaft erzeugt Leidenschaft. Bewegt, wie er war, sehnte er
sich nach etwas anderem, Fremdem. Er stieg hinab, in Hoffnung, sich
mit den Ankˆmmlingen in heiterem Gespr‰ch zu erkl‰ren, aufzukl‰ren,
fremde Zust‰nde zu gewahren, sich zu zerstreuen, und doch war es ihm,
als ging' er einem bekannten ahnungsvollen Zustand entgegen. Nun
stand er vor der T¸re; die Damen, die des Oheims Tritte zu hˆren
glaubten, eilten ihm entgegen, er trat ein. Welch ein
Zusammentreffen! Welch ein Anblick! Die sehr Schˆne tat einen Schrei
und warf sich der ‰ltern um den Hals, der Freund erkannte sie beide,
er schrak zur¸ck, dann dr‰ngt' es ihn vorw‰rts, er lag zu ihren F¸flen
und ber¸hrte ihre Hand, die er sogleich wieder losliefl, mit dem
bescheidensten Kufl. Die Silben "Au-ro-ra!" erstarben auf seinen
Lippen.

Wenden wir unsern Blick nunmehr nach dem Hause unsres Freundes, so
finden wir daselbst ganz eigne Zust‰nde. Die gute Alte wuflte nicht,
was sie tun oder lassen sollte; sie unterhielt die Lampen des
Vorhauses und der Treppe; das Essen hatte sie vom Feuer gehoben,
einiges war unwiederbringlich verdorben. Die Kammerjungfer war bei
den schlafenden Kindern geblieben und hatte die vielen Kerzen der
Zimmer geh¸tet, so ruhig und geduldig als jene verdriefllich hin und
her fahrend.

Endlich rollte der Wagen vor, die Dame stieg aus und vernahm, ihr
Gemahl sei vor einigen Stunden abgerufen worden. Die Treppe
hinaufsteigend, schien sie von der festlichen Erleuchtung keine
Kenntnis zu nehmen. Nun erfuhr die Alte von dem Bedienten, ein
Ungl¸ck sei unterwegs begegnet, der Wagen in einen Graben geworfen
worden, und was alles nachher sich ereignet.

Die Dame trat ins Zimmer: "Was ist das f¸r eine Maskerade?" sagte
sie, auf die Kinder deutend. "Es h‰tte Ihnen viel Vergn¸gen gemacht",
versetzte die Jungfer, "w‰ren Sie einige Stunden fr¸her angekommen."
Die Kinder, aus dem Schlafe ger¸ttelt, sprangen auf und begannen,
als sie die Mutter vor sich sahen, ihren eingelernten Spruch. Von
beiden Seiten verlegen, ging es eine Weile, dann, ohne Aufmunterung
und Nachh¸lfe, kam es zum Stocken, endlich brach es vˆllig ab, und
die guten Kleinen wurden mit einigen Liebkosungen zu Bette geschickt.
Die Dame sah sich allein, warf sich auf den Sofa und brach in bittre
Tr‰nen aus.

Doch es wird nun ebenfalls notwendig, von der Dame selbst und von
dem, wie es scheint. ¸bel abgelaufenen l‰ndlichen Feste n‰here
Nachricht zu geben. Albertine war eine von den Frauenzimmern, denen
man unter vier Augen nichts zu sagen h‰tte, die man aber sehr gern in
grofler Gesellschaft sieht. Dort erscheinen sie als wahre Zierden des
Ganzen und als Reizmittel in jedem Augenblick einer Stockung. Ihre
Anmut ist von der Art, dafl sie, um sich zu ‰uflern, sich bequem
darzutun, einen gewissen Raum braucht, ihre Wirkungen verlangen ein
grˆfleres Publikum, sie bed¸rfen eines Elements, das sie tr‰gt, das sie
nˆtigt, anmutig zu sein; gegen den einzelnen wissen sie sich kaum zu
betragen.

Auch hatte der Hausfreund blofl dadurch ihre Gunst und erhielt sich
darin, weil er Bewegung auf Bewegung einzuleiten und immerfort, wenn
auch keinen groflen, doch einen heitern Kreis im Treiben zu erhalten
wuflte. Bei Rollenausteilungen w‰hlte er sich die z‰rtlichen V‰ter
und wuflte durch ein anst‰ndiges, altkluges Benehmen ¸ber die j¸ngeren
ersten, zweiten und dritten Liebhaber sich ein ¸bergewicht zu
verschaffen.

Florine, Besitzerin eines bedeutenden Rittergutes in der N‰he,
winters in der Stadt wohnend, verpflichtet gegen Odoard, dessen
staatswirtliche Einrichtung zuf‰lliger-, aber gl¸cklicherweise ihrem
Landsitz hˆchlich zugute kam und den Ertrag desselben in der Folge
bedeutend zu vermehren die Aussicht gab, bezog sommers ihr Landgut und
machte es zum Schauplatze vielfacher anst‰ndiger Vergn¸gungen.
Geburtstage besonders wurden niemals verabs‰umt und mannigfaltige
Feste veranstaltet.

Florine war ein munteres, neckisches Wesen, wie es schien, nirgends
anh‰nglich, auch keine Anh‰nglichkeit fordernd noch verlangend.
Leidenschaftliche T‰nzerin, sch‰tzte sie die M‰nner nur, insofern sie
sich gut im Takte bewegten; ewig rege Gesellschafterin, hielt sie
denjenigen unertr‰glich, der auch nur einen Augenblick vor sich hinsah
und nachzudenken schien; ¸brigens als heitere Liebhaberin, wie sie in
jedem St¸ck, jeder Oper nˆtig sind, sich gar anmutig darstellend,
weshalb denn zwischen ihr und Albertinen, welche die Anst‰ndigen
spielte, sich nie ein Rangstreit hervortat.

Den eintretenden Geburtstag in guter Gesellschaft zu feiern, war aus
der Stadt und aus dem Lande umher die beste Gesellschaft eingeladen.
Einen Tanz, schon nach dem Fr¸hst¸ck begonnen, setzte man nach Tafel
fort; die Bewegung zog sich in die L‰nge, man fuhr zu sp‰t ab, und
von der Nacht auf schlimmem Wege, doppelt schlimm, weil er eben
gebessert wurde, ehe man's dachte, schon ¸berrascht, versah's der
Kutscher und warf in einen Graben. Unsere Schˆne mit Florinen und
dem Hausfreunde f¸hlten sich in schlimmer Verwickelung; der letzte
wuflte sich schnell herauszuwinden, dann, ¸ber den Wagen sich biegend,
rief er: "Florine, wo bist du?" Albertine glaubte zu tr‰umen; er
faflte hinein und zog Florinen, die oben lag, ohnm‰chtig hervor,
bem¸hte sich um sie und trug sie endlich auf kr‰ftigem Arm den
wiedergefundenen Weg hin. Albertine stak noch im Wagen, Kutscher und
Bedienter halfen ihr heraus, und gest¸tzt auf den letzten suchte sie
weiterzukommen. Der Weg war schlimm, f¸r Tanzschuhe nicht g¸nstig;
obgleich von dem Burschen unterst¸tzt, strauchelte sie jeden
Augenblick. Aber im Innern sah es noch wilder, noch w¸ster aus. Wie
ihr geschah, wuflte sie nicht, begriff sie nicht.

Allein als sie ins Wirtshaus trat, in der kleinen Stube Florinen auf
dem Bette, die Wirtin und Lelio um sie besch‰ftigt sah, ward sie
ihres Ungl¸cks gewifl. Ein geheimes Verh‰ltnis zwischen dem untreuen
Freund und der verr‰terischen Freundin offenbarte sich blitzschnell
auf einmal, sie muflte sehen, wie diese, die Augen aufschlagend, sich
dem Freund um den Hals warf, mit der Wonne einer neu
wiederauflebenden z‰rtlichsten Aneignung, wie die schwarzen Augen
wieder gl‰nzten, eine frische Rˆte die bl‰fllichen Wangen auf einmal
wieder zierend f‰rbte; wirklich sah sie verj¸ngt, reizend, allerliebst
aus.

Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene
erholten sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man
war denn doch genˆtigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in
der Hˆlle selbst kˆnnten widerw‰rtig Gesinnte, Verratene mit
Verr‰tern so eng nicht zusammengepackt sein.

Eilftes Kapitel

Lenardo sowohl als Odoard waren einige Tage sehr lebhaft besch‰ftigt,
jener, die Abreisenden mit allem Nˆtigen zu versehen, dieser, sich
mit den Bleibenden bekannt zu machen, ihre F‰higkeiten zu beurteilen,
um sie von seinen Zwecken hinreichend zu unterrichten. Indessen
blieb Friedrichen und unserm Freunde Raum und Ruhe zu stiller
Unterhaltung. Wilhelm liefl sich den Plan im allgemeinen vorzeichnen,
und da man mit Landschaft und Gegend genugsam vertraut geworden, auch
die Hoffnung besprochen war, in einem ausgedehnten Gebiete schnell
eine grofle Anzahl Bewohner entwickelt zu sehen, so wendete sich das
Gespr‰ch, wie nat¸rlich, zuletzt auf das, was Menschen eigentlich
zusammenh‰lt: auf Religion und Sitte. Hier¸ber konnte denn der
heitere Friedrich hinreichende Auskunft geben, und wir w¸rden wohl
Dank verdienen, wenn wir das Gespr‰ch in seinem Laufe mitteilen
kˆnnten, das durch Frag' und Antwort, durch Einwendung und
Berichtigung sich gar lˆblich durchschlang und in mannigfaltigem
Schwanken zu dem eigentlichen Zweck gef‰llig hinbewegte. Indessen
d¸rfen wir uns so lange nicht aufhalten und geben lieber gleich die
Resultate, als dafl wir uns verpflichteten, sie erst nach und nach in
dem Geiste unsrer Leser hervortreten zu lassen. Folgendes ergab sich
als die Quintessenz dessen, was verhandelt wurde:

Dafl der Mensch ins Unvermeidliche sich f¸ge, darauf dringen alle
Religionen, jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu
werden.

Die christliche hilft durch Glaube, Liebe, Hoffnung gar anmutig nach;
daraus entsteht denn die Geduld, ein s¸fles Gef¸hl, welch eine
sch‰tzbare Gabe das Dasein bleibe, auch wenn ihm, anstatt des
gew¸nschten Genusses, das widerw‰rtigste Leiden aufgeb¸rdet wird. An
dieser Religion halten wir fest, aber auf eine eigne Weise; wir
unterrichten unsre Kinder von Jugend auf von den groflen Vorteilen,
die sie uns gebracht hat; dagegen von ihrem Ursprung, von ihrem
Verlauf geben wir zuletzt Kenntnis. Alsdann wird uns der Urheber erst
lieb und wert, und alle Nachricht, die sich auf ihn bezieht, wird
heilig. In diesem Sinne, den man vielleicht pedantisch nennen mag,
aber doch als folgerecht anerkennen mufl, dulden wir keinen Juden
unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der hˆchsten Kultur
vergˆnnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?

Hievon ist unsre Sittenlehre ganz abgesondert, sie ist rein t‰tig
und wird in den wenigen Geboten begriffen: M‰fligung im Willk¸rlichen,
Emsigkeit im Notwendigen. Nun mag ein jeder diese lakonischen Worte
nach seiner Art im Lebensgange benutzen, und er hat einen ergiebigen
Text zu grenzenloser Ausf¸hrung.

Der grˆflte Respekt wird allen eingepr‰gt f¸r die Zeit, als f¸r die
hˆchste Gabe Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin
des Daseins. Die Uhren sind bei uns vervielf‰ltigt und deuten
s‰mtlich mit Zeiger und Schlag die Viertelstunden an, und um solche
Zeichen mˆglichst zu vervielf‰ltigen, geben die in unserm Lande
errichteten Telegraphen, wenn sie sonst nicht besch‰ftigt sind, den
Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an, und zwar durch eine sehr
geistreiche Vorrichtung.

Unsre Sittenlehre, die also ganz praktisch ist, dringt nun
haupts‰chlich auf Besonnenheit, und diese wird durch Einteilung der
Zeit, durch Aufmerksamkeit auf jede Stunde hˆchlichst gefˆrdert.
Etwas mufl getan sein in jedem Moment, und wie wollt' es geschehen,
achtete man nicht auf das Werk wie auf die Stunde?

In Betracht, dafl wir erst anfangen, legen wir grofles Gewicht auf die
Familienkreise. Den Hausv‰tern und Hausm¸ttern denken wir grofle
Verpflichtungen zuzuteilen; die Erziehung wird bei uns um so leichter,
als jeder f¸r sich selbst, Knecht und Magd, Diener und Dienerin,
stehen mufl.

Gewisse Dinge freilich m¸ssen nach einer gewissen gleichfˆrmigen
Einheit gebildet werden: Lesen, Schreiben, Rechnen mit Leichtigkeit
der Masse zu ¸berliefern, ¸bernimmt der AbbÈ; seine Methode erinnert
an den wechselsweisen Unterricht, doch ist sie geistreicher;
eigentlich aber kommt alles darauf an, zu gleicher Zeit Lehrer und
Sch¸ler zu bilden.

Aber noch eines wechselseitigen Unterrichts will ich erw‰hnen: der
¸bung, anzugreifen und sich zu verteidigen. Hier ist Lothario in
seinem Felde; seine Manˆver haben etwas ‰hnliches von unsern
Feldj‰gern; doch kann er nicht anders als original sein.

Hiebei bemerke ich, dafl wir im b¸rgerlichen Leben keine Glocken, im
soldatischen keine Trommeln haben; dort wie hier ist Menschenstimme,
verbunden mit Blasinstrumenten, hinreichend. Das alles ist schon
dagewesen und ist noch da; die schickliche Anwendung desselben aber
ist dem Geist ¸berlassen, der es auch allenfalls wohl erfunden h‰tte.

Das grˆflte Bed¸rfnis eines Staats ist das einer mutigen Obrigkeit,
und daran soll es dem unsrigen nicht fehlen; wir alle sind ungeduldig,
das Gesch‰ft anzutreten, munter und ¸berzeugt, dafl man einfach
anfangen m¸sse. So denken wir nicht an Justiz, aber wohl an Polizei.
Ihr Grundsatz wird kr‰ftig ausgesprochen; niemand soll dem andern
unbequem sein; wer sich unbequem erweist, wird beseitigt, bis er
begreift, wie man sich anstellt, um geduldet zu werden. Ist etwas
Lebloses, Unvern¸nftiges in dem Falle, so wird dies gleichm‰flig
beiseitegebracht.

In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren, die alle acht Stunden
wechseln, schichtweise, wie im Bergwerk, das auch nicht stillstehen
darf, und einer unsrer M‰nner wird bei Nachtzeit vorz¸glich bei der
Hand sein.

Sie haben das Recht, zu ermahnen, zu tadeln, zu schelten und zu
beseitigen; finden sie es nˆtig, so rufen sie mehr oder weniger
Geschworne zusammen. Sind die Stimmen gleich, so entscheidet der
Vorsitzende nicht, sondern es wird das Los gezogen, weil man ¸berzeugt
ist, dafl bei gegeneinander stehenden Meinungen es immer gleichg¸ltig
ist, welche befolgt wird.

Wegen der Majorit‰t haben wir ganz eigne Gedanken; wir lassen sie
freilich gelten im notwendigen Weltlauf, im hˆhern Sinne haben wir
aber nicht viel Zutrauen auf sie. Doch dar¸ber darf ich mich nicht
weiter auslassen.

Fragt man nach der hˆhern Obrigkeit, die alles lenkt, so findet man
sie niemals an einem Orte; sie zieht best‰ndig umher, um Gleichheit
in den Hauptsachen zu erhalten und in l‰fllichen Dingen einem jeden
seinen Willen zu gestatten. Ist dies doch schon einmal im Lauf der
Geschichte dagewesen: die deutschen Kaiser zogen umher, und diese
Einrichtung ist dem Sinne freier Staaten am allergem‰flesten. Wir
f¸rchten uns vor einer Hauptstadt, ob wir schon den Punkt in unsern
Besitzungen sehen, wo sich die grˆflte Anzahl von Menschen
zusammenhalten wird. Dies aber verheimlichen wir, dies mag nach und
nach und wird noch fr¸h genug entstehen.

Dieses sind im allgemeinsten die Punkte, ¸ber die man meistens einig
ist, doch werden sie beim Zusammentreten von mehrern oder auch
wenigern Gliedern immer wieder aufs neue durchgesprochen. Die
Hauptsache wird aber sein, wenn wir uns an Ort und Stelle befinden.
Den neuen Zustand, der aber dauern soll, spricht eigentlich das
Gesetz aus. Unsre Strafen sind gelind; Ermahnung darf sich jeder
erlauben, der ein gewisses Alter hinter sich hat; miflbilligen und
schelten nur der anerkannte ‰lteste; bestrafen nur eine
zusammenberufene Zahl.

Man bemerkt, dafl strenge Gesetze sich sehr bald abstumpfen und nach
und nach loser werden, weil die Natur immer ihre Rechte behauptet.
Wir haben l‰flliche Gesetze, um nach und nach strenger werden zu
kˆnnen; unsre Strafen bestehen vorerst in Absonderung von der
b¸rgerlichen Gesellschaft, gelinder, entschiedener, k¸rzer und l‰nger
nach Befund. W‰chst nach und nach der Besitz der Staatsb¸rger, so
zwackt man ihnen auch davon ab, weniger oder mehr, wie sie verdienen,
dafl man ihnen von dieser Seite wehe tue.

Allen Gliedern des Bandes ist davon Kenntnis gegeben, und bei
angestelltem Examen hat sich gefunden, dafl jeder von den Hauptpunkten
auf sich selbst die schicklichste Anwendung macht. Die Hauptsache
bleibt nur immer, dafl wir die Vorteile der Kultur mit hin¸bernehmen
und die Nachteile zur¸cklassen. Branntweinschenken und
Lesebibliotheken werden bei uns nicht geduldet; wie wir uns aber
gegen Flaschen und B¸cher verhalten, will ich lieber nicht erˆffnen:
dergleichen Dinge wollen getan sein, wenn man sie beurteilen soll.

Und in eben diesem Sinne h‰lt der Sammler und Ordner dieser Papiere
mit andern Anordnungen zur¸ck, welche unter der Gesellschaft selbst
noch als Probleme zirkulieren und welche zu versuchen man vielleicht
an Ort und Stelle nicht r‰tlich findet; um desto weniger Beifall
d¸rfte man sich versprechen, wenn man derselben hier umst‰ndlich
erw‰hnen wollte.

Zwˆlftes Kapitel

Die zu Odoardos Vortrag angesetzte Frist war gekommen, welcher,
nachdem alles versammelt und beruhigt war, folgendermaflen zu reden
begann: "Das bedeutende Werk, an welchem teilzunehmen ich diese Masse
wackerer M‰nner einzuladen habe, ist Ihnen nicht ganz unbekannt, denn
ich habe ja schon im allgemeinen mit Ihnen davon gesprochen. Aus
meinen Erˆffnungen geht hervor, dafl in der alten Welt so gut wie in
der neuen R‰ume sind, welche einen bessern Anbau bed¸rfen, als ihnen
bisher zuteil ward. Dort hat die Natur grofle, weite Strecken
ausgebreitet, wo sie unber¸hrt und eingewildert liegt, dafl man sich
kaum getraut, auf sie loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten. Und
doch ist es leicht f¸r den Entschlossenen, ihr nach und nach die
W¸steneien abzugewinnen und sich eines teilweisen Besitzes zu
versichern. In der alten Welt ist es das Umgekehrte. Hier ist
¸berall ein teilweiser Besitz schon ergriffen, mehr oder weniger
durch undenkliche Zeit das Recht dazu geheiligt; und wenn dort das
Grenzenlose als un¸berwindliches Hindernis erscheint, so setzt hier
das Einfachbegrenzte beinahe noch schwerer zu ¸berwindende
Hindernisse entgegen. Die Natur ist durch Emsigkeit, der Mensch
durch Gewalt oder ¸berredung zu nˆtigen.

Wird der einzelne Besitz von der ganzen Gesellschaft f¸r heilig
geachtet, so ist er es dem Besitzer noch mehr. Gewohnheit,
jugendliche Eindr¸cke, Achtung f¸r Vorfahren, Abneigung gegen den
Nachbar und hunderterlei Dinge sind es, die den Besitzer starr und
gegen jede Ver‰nderung widerwillig machen. Je ‰lter dergleichen
Zust‰nde sind, je verflochtener, je geteilter, desto schwieriger wird
es, das Allgemeine durchzuf¸hren, das, indem es dem Einzelnen etwas
n‰hme, dem Ganzen und durch R¸ck--und Mitwirkung auch jenem wieder
unerwartet zugute k‰me.

Schon mehrere Jahre steh' ich im Namen meines F¸rsten einer Provinz
vor, die, von seinen Staaten getrennt, lange nicht so, wie es mˆglich
w‰re, benutzt wird. Eben diese Abgeschlossenheit oder
Eingeschlossenheit, wenn man will, hindert, dafl bisher keine Anstalt
sich treffen liefl, die den Bewohnern Gelegenheit gegeben h‰tte, das,
was sie vermˆgen, nach auflen zu verbreiten, und von auflen zu
empfangen, was sie bed¸rfen.

Mit unumschr‰nkter Vollmacht gebot ich in diesem Lande. Manches
Gute war zu tun, aber doch immer nur ein beschr‰nktes; dem Bessern
waren ¸berall Riegel vorgeschoben, und das W¸nschenswerteste schien
in einer andern Welt zu liegen.

Ich hatte keine andere Verpflichtung, als gut hauszuhalten. Was ist
leichter als das! Ebenso leicht ist es, Miflbr‰uche zu beseitigen,
menschlicher F‰higkeiten sich zu bedienen, den Bestrebsamen
nachzuhelfen. Dies alles liefl sich mit Verstand und Gewalt recht
bequem leisten, dies alles tat sich gewissermaflen von selbst. Aber
wohin besonders meine Aufmerksamkeit, meine Sorge sich richtete, dies
waren die Nachbarn, die nicht mit gleichen Gesinnungen, am wenigsten
mit gleicher ¸berzeugung ihre Landesteile regierten und regieren
lieflen.

Beinahe h‰tte ich mich resigniert und mich innerhalb meiner Lage am
besten gehalten und das Herkˆmmliche, so gut als es sich tun liefl,
benutzt, aber ich bemerkte auf einmal, das Jahrhundert komme mir zu
H¸lfe. J¸ngere Beamte wurden in der Nachbarschaft angestellt, sie
hegten gleiche Gesinnungen, aber freilich nur im allgemeinen
wohlwollend, und pflichteten nach und nach meinen Planen zu
allseitiger Verbindung um so eher bei, als mich das Los traf, die
grˆfleren Aufopferungen zuzugestehen, ohne dafl gerade jemand merkte,
auch der grˆflere Vorteil neige sich auf meine Seite.

So sind nun unser drei ¸ber ansehnliche Landesstrecken zu gebieten
befugt, unsre F¸rsten und Minister sind von der Redlichkeit und
N¸tzlichkeit unsrer Vorschl‰ge ¸berzeugt; denn es gehˆrt freilich
mehr dazu, seinen Vorteil im Groflen als im Kleinen zu ¸bersehen.
Hier zeigt uns immer die Notwendigkeit, was wir zu tun und zu lassen
haben, und da ist denn schon genug, wenn wir diesen Maflstab ans
Gegenw‰rtige legen; dort aber sollen wir eine Zukunft erschaffen, und
wenn auch ein durchdringender Geist den Plan dazu f‰nde, wie kann er
hoffen, andere darin einstimmen zu sehen?

Noch w¸rde dies dem einzelnen nicht gelingen; die Zeit, welche die
Geister frei macht, ˆffnet zugleich ihren Blick ins Weitere, und im
Weiteren l‰flt sich das Grˆflere leicht erkennen, und eins der
st‰rksten Hindernisse menschlicher Handlungen wird leichter zu
entfernen. Dieses besteht n‰mlich darin, dafl die Menschen wohl ¸ber
die Zwecke einig werden, viel seltener aber ¸ber die Mittel, dahin zu
gelangen. Denn das wahre Grofle hebt uns ¸ber uns selbst hinaus und
leuchtet uns vor wie ein Stern; die Wahl der Mittel aber ruft uns in
uns selbst zur¸ck, und da wird der einzelne gerade, wie er war, und
f¸hlt sich ebenso isoliert, als h‰tt' er vorher nicht ins Ganze
gestimmt.

Hier also haben wir zu wiederholen: Das Jahrhundert mufl uns zu H¸lfe
kommen, die Zeit an die Stelle der Vernunft treten und in einem
erweiterten Herzen der hˆhere Vorteil den niedern verdr‰ngen.

Hiermit sei es genug, und w‰r' es zu viel f¸r den Augenblick, in der
Folge werd' ich einen jeden Teilnehmer daran erinnern. Genaue
Vermessungen sind geschehen, die Straflen bezeichnet, die Punkte
bestimmt, wo man die Gasthˆfe und in der Folge vielleicht die Dˆrfer
heranr¸ckt. Zu aller Art von Baulichkeiten ist Gelegenheit, ja
Notwendigkeit vorhanden. Treffliche Baumeister und Techniker
bereiten alles vor; Risse und Anschl‰ge sind gefertigt; die Absicht
ist, grˆflere und kleinere Akkorde abzuschlieflen und so mit genauer
Kontrolle die bereitliegenden Geldsummen, zur Verwunderung des
Mutterlandes, zu verwenden: da wir denn der schˆnsten Hoffnung leben,
es werde sich eine vereinte T‰tigkeit nach allen Seiten von nun an
entwickeln.

Worauf ich nun aber die s‰mtlichen Teilnehmer aufmerksam zu machen
habe, weil es vielleicht auf ihre Entschlieflung Einflufl haben kˆnnte,
ist die Einrichtung, die Gestalt, in welche wir alle Mitwirkenden
vereinigen und ihnen eine w¸rdige Stellung unter sich und gegen die
¸brige b¸rgerliche Welt zu schaffen gedenken.

Sobald wir jenen bezeichneten Boden betreten, werden die Handwerke
sogleich f¸r K¸nste erkl‰rt und durch die Bezeichnung "strenge
K¸nste" von den "freien" entschieden getrennt und abgesondert.
Diesmal kann hier nur von solchen Besch‰ftigungen die Rede sein,
welche den Aufbau sich zur Angelegenheit machen; die s‰mtlichen hier
anwesenden M‰nner, jung und alt, bekennen sich zu dieser Klasse.

Z‰hlen wir sie her in der Folge, wie sie den Bau in die Hˆhe richten
und nach und nach zur Wohnbarkeit befˆrdern.

Die Steinmetzen nenn' ich voraus, welche den Grund--und Eckstein
vollkommen bearbeiten, den sie mit Beih¸lfe der Maurer am rechten Ort
in der genauesten Bezeichnung niedersenken. Die Maurer folgen
hierauf, die auf den streng untersuchten Grund das Gegenw‰rtige und
Zuk¸nftige wohl befestigen. Fr¸her oder sp‰ter bringt der Zimmermann
seine vorbereiteten Kontignationen herbei, und so steigt nach und
nach das Beabsichtigte in die Hˆhe. Den Dachdecker rufen wir eiligst
herbei; im Innern bed¸rfen wir des Tischers, Glasers, Schlossers, und
wenn ich den T¸ncher zuletzt nenne, so geschieht es, weil er mit
seiner Arbeit zur verschiedensten Zeit eintreten kann, um zuletzt dem
Ganzen in--und auswendig einen gef‰lligen Schein zu geben. Mancher
H¸lfsarbeiten gedenk' ich nicht, nur die Hauptsache verfolgend.

Die Stufen von Lehrling, Gesell und Meister m¸ssen aufs strengste
beobachtet werden; auch kˆnnen in diesen viele Abstufungen gelten,
aber Pr¸fungen kˆnnen nicht sorgf‰ltig genug sein. Wer herantritt,
weifl, dafl er sich einer strengen Kunst ergibt, und er darf keine
l‰fllichen Forderungen von ihr erwarten; ein einziges Glied, das in
einer groflen Kette bricht, vernichtet das Ganze. Bei groflen
Unternehmungen wie bei groflen Gefahren mufl der Leichtsinn verbannt
sein.

Gerade hier mufl die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und
sie zu besch‰men trachten. Sehen wir die sogenannten freien K¸nste
an, die doch eigentlich in einem hˆhern Sinne zu nehmen und zu nennen
sind, so findet man, dafl es ganz gleichg¸ltig ist, ob sie gut oder
schlecht betrieben werden. Die schlechteste Statue steht auf ihren
F¸flen wie die beste, eine gemalte Figur schreitet mit verzeichneten
F¸flen gar munter vorw‰rts, ihre miflgestalteten Arme greifen gar
kr‰ftig zu, die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan, und der
Boden f‰llt deswegen nicht zusammen. Bei der Musik ist es noch
auffallender; die gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern
Glieder aufs kr‰ftigste, und wir haben die unschicklichsten
Kirchenmusiken gehˆrt, bei denen der Gl‰ubige sich erbaute. Wollt
ihr nun gar auch die Poesie zu den freien K¸nsten rechnen, so werdet
ihr freilich sehen, dafl diese kaum weifl, wo sie eine Grenze finden
soll. Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze, deren
Nichtbeobachtung aber der Menschheit keinen Schaden bringt; dagegen
die strengen K¸nste d¸rfen sich nichts erlauben. Den freien K¸nstler
darf man loben, man kann an seinen Vorz¸gen Gefallen finden,
wenngleich seine Arbeit bei n‰herer Untersuchung nicht Stich h‰lt.

Betrachten wir aber die beiden, sowohl die freien als strengen
K¸nste, in ihren vollkommensten Zust‰nden, so hat sich diese vor
Pedanterei und Bocksbeutelei, jene vor Gedankenlosigkeit und
Pfuscherei zu h¸ten. Wer sie zu leiten hat, wird hierauf aufmerksam
machen, Miflbr‰uche und M‰ngel werden dadurch verh¸tet werden.

Ich wiederhole mich nicht, denn unser ganzes Leben wird eine
Wiederholung des Gesagten sein; ich bemerke nur noch folgendes: Wer
sich einer strengen Kunst ergibt, mufl sich ihr f¸rs Leben widmen.
Bisher nannte man sie Handwerk, ganz angemessen und richtig; die
Bekenner sollten mit der Hand wirken, und die Hand, soll sie das, so
mufl ein eigenes Leben sie beseelen, sie mufl eine Natur f¸r sich sein,
ihre eignen Gedanken, ihren eignen Willen haben, und das kann sie
nicht auf vielerlei Weise."

Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugef¸gten guten Worten
geschlossen hatte, richteten die s‰mtlichen Anwesenden sich auf, und
die Gewerke, anstatt abzuziehen, bildeten einen regelm‰fligen Kreis
vor der Tafel der anerkannten Oberen. Odoard reichte den s‰mtlichen
ein gedrucktes Blatt umher, wovon sie, nach einer bekannten Melodie,
m‰flig munter ein zutrauliches Lied sangen:

"Bleiben, Gehen, Gehen, Bleiben
Sei fortan dem T¸cht'gen gleich.
Wo wir N¸tzliches betreiben,
Ist der werteste Bereich.
Dir zu folgen, wird ein Leichtes,
Wer gehorchet, der erreicht es,
Zeig' ein festes Vaterland.
Heil dem F¸hrer! Heil dem Band!

Du verteilest Kraft und B¸rde
Und erw‰gst es ganz genau,
Gibst dem Alten Ruh' und W¸rde,
J¸nglingen Gesch‰ft und Frau.
Wechselseitiges Vertrauen
Wird ein reinlich H‰uschen bauen,
Schlieflen Hof und Gartenzaun,
Auch der Nachbarschaft vertraun.

Wo an wohlgebahnten Straflen
Man in neuer Schenke weilt,
Wo dem Fremdling reicher Maflen
Ackerfeld ist zugeteilt,
Siedeln wir uns an mit andern.
Eilet, eilet, einzuwandern
In das feste Vaterland.
Heil dir F¸hrer! Heil dir Band!"

Dreizehntes Kapitel

Eine vollkommene Stille schlofl sich an diese lebhafte Bewegung der
vergangenen Tage. Die drei Freunde blieben allein gegen einander
¸ber stehen, und es ward gar bald merkbar, dafl zwei von ihnen,
Lenardo und Friedrich, von einer sonderbaren Unruhe bewegt wurden; sie
verbargen nicht, dafl sie beide ungeduldig seien, f¸r ihren Teil in
der Abreise von diesem Ort sich gehindert zu sehen. Sie erwarteten
einen Boten, hiefl es, und es kam indessen nichts Vern¸nftiges, nichts
Entscheidendes zur Sprache.

Endlich kommt der Bote, ein bedeutendes Paket ¸berbringend, wor¸ber
sich Friedrich sogleich herwirft, um es zu erˆffnen. Lenardo h‰lt
ihn ab und spricht: "Lafl es unber¸hrt, leg' es vor uns nieder auf den
Tisch; wir wollen es ansehen, denken und vermuten, was es enthalten
mˆge. Denn unser Schicksal ist seiner Bestimmung n‰her, und wenn wir
nicht selbst Herren dar¸ber sind, wenn es von dem Verstande, von den
Empfindungen anderer abh‰ngt, ein Ja oder Nein, ein So oder So zu
erwarten ist, dann ziemt es, ruhig zu stehen, sich zu fassen, sich zu
fragen, ob man es erdulden w¸rde als wenn es ein sogenanntes
Gottesurteil w‰re, wo uns auferlegt ist, die Vernunft gefangenzunehmen."

"Du bist nicht so gefaflt, als du scheinen willst", versetzte
Friedrich, "bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und
schalte dar¸ber nach Belieben, mich ber¸hren sie auf alle F‰lle nicht;
aber lafl mich indes diesem alten, gepr¸ften Freunde den Inhalt
offenbaren und die zweifelhaften Zust‰nde vorlegen, die wir ihm schon
so lange verheimlicht haben." Mit diesen Worten rifl er unsern Freund
mit sich weg, und schon unterwegs rief er aus: "Sie ist gefunden,
l‰ngst gefunden! und es ist nur die Frage, wie es mit ihr werden soll."

"Das wuflt' ich schon", sagte Wilhelm, "denn Freunde offenbaren
einander gerade das am deutlichsten, was sie einander verschweigen;
die letzte Stelle des Tagebuchs, wo sich Lenardo gerade mitten im
Gebirg des Briefes erinnert, den ich ihm schrieb, rief mir in der
Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und Gef¸hls jenes gute
Wesen hervor; ich sah ihn schon mit dem n‰chsten Morgen sich ihr
n‰hern, sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein. Da will
ich denn aber aufrichtig gestehen, dafl nicht Neugierde, sondern ein
redlicher Anteil, den ich ihr gewidmet habe, mich ¸ber euer Schweigen
und Zur¸ckhalten beunruhigte."

"Und in diesem Sinne", rief Friedrich, "bist du gerade bei diesem
angekommenen Paket haupts‰chlich mit interessiert; der Verfolg des
Tagebuchs war an Makarien gesandt, und man wollte dir durch Erz‰hlung
das ernst-anmutige Ereignis nicht verk¸mmern. Nun sollst du's auch
gleich haben; Lenardo hat gewifl indessen ausgepackt, und das braucht
er nicht zu seiner Aufkl‰rung."

Friedrich sprang hiermit nach alter Art hinweg, sprang wieder herbei
und brachte das versprochene Heft. "Nun mufl ich aber auch erfahren",
rief er, "was aus uns werden wird." Hiemit war er wieder entsprungen,
und Wilhelm las: Lenardos Tagebuch Fortsetzung

Freitag, den 19ten.

Da man heute nicht s‰umen durfte, um zeitig zu Frau Susanne zu
gelangen, so fr¸hst¸ckte man eilig mit der ganzen Familie, dankte mit
versteckten Gl¸ckw¸nschen und hinterliefl dem Geschirrfasser, welcher
zur¸ckblieb, die den Jungfrauen zugedachten Geschenke, etwas
reichlicher und br‰utlicher als die vorgestrigen, sie ihm heimlich
zuschiebend, wor¸ber der gute Mann sich sehr erfreut zeigte.

Diesmal war der Weg fr¸he zur¸ckgelegt; nach einigen Stunden
erblickten wir in einem ruhigen, nicht allzu weiten, flachen Tale,
dessen eine, felsige Seite von Wellen des klarsten Sees leicht
besp¸lt sich widerspiegelte, wohl und anst‰ndig gebaute H‰user, um
welche ein besserer, sorgf‰ltig gepflegter Boden, bei sonniger Lage,
einiges Gartenwesen beg¸nstigte. In das Haupthaus durch den
Garnboten eingef¸hrt und Frau Susannen vorgestellt, f¸hlte ich etwas
ganz Eigenes, als sie uns freundlich ansprach und versicherte: es sei
ihr sehr angenehm, dafl wir Freitags k‰men, als dem ruhigsten Tage der
Woche, da Donnerstags abends die gefertigte Ware zum See und in die
Stadt gef¸hrt werde. Dem einfallenden Garnboten, welcher sagte: "Die
bringt wohl Daniel jederzeit hinunter!", versetzte sie: "Gewifl, er
versieht das Gesch‰ft so lˆblich und treu, als wenn es sein eigenes
w‰re."--"Ist doch auch der Unterschied nicht grofl", versetzte jener;
¸bernahm einige Auftr‰ge von der freundlichen Wirtin und eilte, seine
Gesch‰fte in den Seitent‰lern zu vollbringen, versprach in einigen
Tagen wiederzukommen und mich abzuholen.

Mir war indessen ganz wunderlich zumute; mich hatte gleich beim
Eintritt eine Ahnung befallen, dafl es die Ersehnte sei; beim l‰ngeren
Hinblick war sie es wieder nicht, konnte es nicht sein, und doch beim
Wegblicken, oder wenn sie sich umkehrte, war sie es wieder; eben wie
im Traum Erinnerung und Phantasie ihr Wesen gegeneinander treiben.

Einige Spinnerinnen, die mit ihrer Wochenarbeit gezˆgert hatten,
brachten sie nach; die Herrin, mit freundlichster Ermahnung zum
Fleifle, marktete mit ihnen, ¸berliefl aber, um sich mit dem Gast zu
unterhalten, das Gesch‰ft an zwei M‰dchen, welche sie Gretchen und
Lieschen nannte und welche ich um desto aufmerksamer betrachtete, als
ich ausforschen wollte, wie sie mit der Schilderung des
Geschirrfassers allenfalls zusammentr‰fen. Diese beiden Figuren
machten mich ganz irre und zerstˆrten alle ‰hnlichkeit zwischen der
Gesuchten und der Hausfrau.

Aber ich beobachtete diese nur desto genauer, und sie schien mir
allerdings das w¸rdigste, liebensw¸rdigste Wesen von allen, die ich
auf meiner Gebirgsreise erblickte. Schon war ich von dem Gewerbe
unterrichtet genug, um mit ihr ¸ber das Gesch‰ft, welches sie gut
verstand, mit Kenntnis sprechen zu kˆnnen; meine einsichtige
Teilnahme erfreute sie sehr, und als ich fragte: woher sie ihre
Baumwolle beziehe, deren groflen Transport ¸bers Gebirg ich vor
einigen Tagen gesehen, so erwiderte sie, dafl eben dieser Transport ihr
einen ansehnlichen Vorrat mitgebracht. Die Lage ihres Wohnorts sei
auch deshalb so gl¸cklich, weil die nach dem See hinunterf¸hrende
Hauptstrafle etwa nur eine Viertelstunde ihres Tals hinabw‰rts
vorbeigehe, wo sie denn entweder in Person oder durch einen Faktor die
ihr von Triest bestimmten und adressierten Ballen in Empfang nehme,
wie denn das vorgestern auch geschehen.

Sie liefl nun den neuen Freund in einen groflen, l¸ftigen Keller
hineingehen, wo der Vorrat aufgehoben wird, damit die Baumwolle nicht
zu sehr austrockne, am Gewicht verliere und weniger geschmeidig werde.
Dann fand ich auch, was ich schon im einzelnen kannte, meistenteils
hier versammelt; sie deutete nach und nach auf dies und jenes, und
ich nahm verst‰ndigen Anteil. Indessen wurde sie stiller, aus ihren
Fragen konnt' ich erraten, sie vermute, dafl ich vom Handwerk sei.
Denn sie sagte, da die Baumwolle soeben angekommen, so erwarte sie nun
bald einen Kommis oder Teilnehmer der Triester Handlung, der nach
einer bescheidenen Ansicht ihres Zustandes die schuldige Geldpost
abholen werde; diese liege bereit f¸r einen jeden, welcher sich
legitimieren kˆnne.

Einigermaflen verlegen suchte ich auszuweichen und blickte ihr nach,
als sie eben einiges anzuordnen durchs Zimmer ging; sie erschien mir
wie Penelope unter den M‰gden.

Sie kehrt zur¸ck, und mich d¸nkt, es sei was Eigenes in ihr
vorgegangen. "Sie sind denn nicht vom Kaufmannsstande?" sagte sie,
"ich weifl nicht, woher mir das Vertrauen kommt und wie ich mich
unterfangen mag, das Ihrige zu verlangen; erdringen will ich's nicht,
aber gˆnnen Sie mir's, wie es Ihnen ums Herz ist." Dabei sah mich ein
fremdes Gesicht mit so ganz bekannten erkennenden Augen an, dafl ich
mich ganz durchdrungen f¸hlte und mich kaum zu fassen wuflte. Meine
Kniee, mein Verstand wollten mir versagen, als man sie
gl¸cklicherweise sehr eilig abrief. Ich konnte mich erholen, meinen
Vorsatz st‰rken, so lang als mˆglich an mich zu halten; denn es

Book of the day: