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Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 2 by Johann Wolfgang von Goethe

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II. Buch, Betrachtungen im Sinne der Wanderer--3

Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur
innigst verwebt; dafl ihm zur Erkenntnis das N‰chste nicht gen¸gt; da
doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick
das N‰chste ist und wir von ihr fordern kˆnnen, dafl sie sich selbst
erkl‰re, wenn wir kr‰ftig in sie dringen.

Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre Natur
ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen kˆnnen, wenn sie an
Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur mit dem
N‰chsten, sondern auch mit dem Weitesten und Fernsten zusammenzuh‰ngen,
woraus denn Irrtum ¸ber Irrtum entspringt. Das nahe Ph‰nomen h‰ngt
aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen, dafl sich alles auf
wenige grofle Gesetze bezieht, die sich ¸berall manifestieren.

Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen F‰lle.

Die Analogie hat zwei Verirrungen zu f¸rchten: einmal sich dem Witz
hinzugeben, wo sie in nichts zerflieflt; die andere, sich mit Tropen
und Gleichnissen zu umh¸llen, welches jedoch weniger sch‰dlich ist.

Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden.
Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie zu Nutz und Freude
der Welt zu behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschr‰nke sich
auf die n‰chste, klarste Gegenwart. Wollte derselbe jedoch
gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm jenes auch nicht
verwehrt.

Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als unabh‰ngig
voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann betrachte ich
sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem entschiedenen
Leben. Dies bezieh' ich vorz¸glich auf Natur; aber auch in bezug auf
die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese
Betrachtungsweise fruchtbar.

Alles, was wir Erfinden, Entdecken im hˆheren Sinne nennen, ist die
bedeutende Aus¸bung, Bet‰tigung eines originalen Wahrheitsgef¸hles,
das, im stillen l‰ngst ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle
zu einer fruchtbaren Erkenntnis f¸hrt. Es ist eine aus dem Innern am
‰uflern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine
Gott‰hnlichkeit vorahnen l‰flt. Es ist eine Synthese von Welt und
Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste
Versicherung gibt.

Der Mensch mufl bei dem Glauben verharren, dafl das Unbegreifliche
begreiflich sei; er w¸rde sonst nicht forschen.

Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise
anwenden l‰flt. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche n¸tzlich
werden.

Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst
identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese
Steigerung des geistigen Vermˆgens aber gehˆrt einer hochgebildeten
Zeit an.

Am widerw‰rtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen
Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre
Hypothesen abstrus und wunderlich.

Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die
allerschlimmsten.

Um zu begreifen, dafl der Himmel ¸berall blau ist, braucht man nicht
um die Welt zu reisen.

Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen; das Besondere ist das
Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.

Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; willst
du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so denke, dafl
du es nun mit dreien zu tun hast: mit dem Gegenstand und zwei
Subjekten.

Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: sich zu trennen, sich zu
vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren,
sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren und, wie das Lebendige
unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten und zu
verschwinden, zu solideszieren und zu schmelzen, zu erstarren und zu
flieflen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehen. Weil nun alle
diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann
alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen,
Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, Freud und Leid, alles wirkt
durcheinander, in gleichem Sinn und gleicher Mafle, deswegen denn auch
das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild und Gleichnis des
Allgemeinsten auftritt.

Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt auch,
dafl die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch bald
trennen, bald verbinden werden.

Als getrennt mufl sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene mufl
in einer entschiedenen Unabh‰ngigkeit bestehen und mit allen
liebenden, verehrenden, frommen Kr‰ften in die Natur und das heilige
Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbek¸mmert, was die
Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese mufl sich dagegen
unabh‰ngig von allem ‰uflern erkl‰ren, ihren eigenen groflen Geistesgang
gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen kann, wenn
sie wie bisher sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas
abzugewinnen oder anzupassen trachtet.

In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so
gut als im Sittlichen; nur bedenke man, dafl man dadurch nicht am Ende,
sondern erst am Anfang ist.

Das Hˆchste w‰re, zu begreifen, dafl alles Faktische schon Theorie
ist. Die Bl‰ue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der
Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Ph‰nomenen; sie selbst
sind die Lehre.

In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den
Ausnahmen nicht irremachen l‰flt und die Probleme zu ehren weifl.

Wenn ich mich beim Urph‰nomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch
nur Resignation; aber es bleibt ein grofler Unterschied, ob ich mich
an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer
hypothetischen Beschr‰nktheit meines bornierten Individuums.

Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man ¸ber
die Gabe des Bemerkens und f¸r was alles die Griechen Augen gehabt
haben. Nur begehen sie den Fehler der ¸bereilung, da sie von dem
Ph‰nomen unmittelbar zur Erkl‰rung schreiten, wodurch denn ganz
unzul‰ngliche theoretische Ausspr¸che zum Vorschein kommen. Dieses
ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird.

Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Sch¸ler
einlullt; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine
Beschr‰nkung kennen, er sieht: je weiter sich das Wissen ausbreitet,
desto mehr Probleme kommen zum Vorschein.

Unser Fehler besteht darin, dafl wir am Gewissen zweifeln und das
Ungewisse fixieren mˆchten. Meine Maxime bei der Naturforschung ist:
das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen.

L‰flliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam
schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu
lassen.

Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er
nichts Unn¸tzes lehrte.

Das N‰rrischste ist, dafl jeder glaubt ¸berliefern zu m¸ssen, was man
gewuflt zu haben glaubt.

Weil zum didaktischen Vortrag Gewiflheit verlangt wird, indem der
Sch¸ler nichts Unsicheres ¸berliefert haben will, so darf der Lehrer
kein Problem stehenlassen und sich etwa in einiger Entfernung da
herumbewegen. Gleich mufl etwas bestimmt sein ("bepaalt" sagt der
Holl‰nder), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu
besitzen, bis ein anderer die Pf‰hle wieder ausreiflt und sogleich
enger oder weiter abermals wieder bepf‰hlt.

Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und
Wirkung, Beruhigung in einer falschen Theorie sind von grofler nicht
zu entwickelnder Sch‰dlichkeit.

Wenn mancher sich nicht verpflichtet f¸hlte, das Unwahre zu
wiederholen, weil er's einmal gesagt hat, so w‰ren es ganz andre
Leute geworden.

Das Falsche hat den Vorteil, dafl man immer dar¸ber schw‰tzen kann,
das Wahre mufl gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.

Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag gern
daran m‰keln und h‰keln, damit er nur sein irriges m¸hseliges Treiben
einigermaflen beschˆnigen kˆnne.

Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die
Wissenschaften unzug‰nglich zu machen.

Der Engl‰nder ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis es
wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat f¸hrt. Man frage nun,
warum sie uns ¸berall voraus sind.

Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dafl er an die
Stelle, wo das unaufgelˆste Problem liegt, gerne ein Phantasiebild
hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das Problem auch
aufgelˆst und die Wahrheit am Tage ist.

Es gehˆrt eine eigene Geisteswendung dazu, um das gestaltlose
Wirkliche in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten
zu unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen
Wirklichkeit lebhaft aufdringen.

Bei Betrachtung der Natur im groflen wie im kleinen hab' ich
unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du
es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne betrachtete ich
auch Vorg‰nger und Mitarbeiter.

Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete,
vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sich eine
besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bem¸ht ist. T¸chtige
Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen
will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar
an ihrem Dasein.

Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen f¸hlte, w¸rde
mit niemandem streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern
wie seine eigene als ein Ph‰nomen betrachten. Denn wir erfahren fast
t‰glich, dafl der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern
zu denken unmˆglich ist, und zwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl
und Wehe nur irgendeinen Einflufl h‰tten, sondern in Dingen, die f¸r
uns vˆllig gleichg¸ltig sind.

Man weifl eigentlich das, was man weifl, nur f¸r sich selbst. Spreche
ich mit einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, unmittelbar
glaubt er's besser zu wissen, und ich mufl mit meinem Wissen immer
wieder in mich selbst zur¸ckkehren.

Das Wahre fˆrdert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er
verwickelt uns nur.

Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich nicht
enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen greift
er nach der n‰chsten als der besten und beruhigt sich dabei;
besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes.

Sieht man ein ¸bel, so wirkt man unmittelbar darauf, d. h. man
kuriert unmittelbar aufs Symptom los.

Die Vernunft hat nur ¸ber das Lebendige Herrschaft; die entstandene
Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher kann es
keine Geologie geben, denn die Vernunft hat hier nichts zu tun.

Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es zusammenlesen
und aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft durch ein
Analogon zu mir, und wenn es das Riesenfaultier w‰re.

Was nicht mehr entsteht, kˆnnen wir uns als entstehend nicht denken;
das Entstandene begreifen wir nicht.

Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein k¸hner Versuch,
die gegenw‰rtige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu
kn¸pfen.

Gleiche oder wenigstens ‰hnliche Wirkungen werden auf verschiedene
Weise durch Naturkr‰fte hervorgebracht.

Nichts ist widerw‰rtiger als die Majorit‰t: denn sie besteht aus
wenigen kr‰ftigen Vorg‰ngern, aus Schelmen die sich akkommodieren,
aus Schwachen die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt,
ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.

Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des inneren hˆheren
Sinnes, in der Aus¸bung ist sie eine Kunst wie die Beredsamkeit. F¸r
beide hat nichts Wert als die Form; der Gehalt ist ihnen gleichg¸ltig.
Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne, die Rhetorik
Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden vollkommen gleich.

Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein
solches Gesch‰ft betreibt, eine solche Kunst aus¸bt. Ein
durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache, ein durchdringender
Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich gott‰hnlich.

Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese, ist
sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgef¸hls?

Die Mathematik vermag kein Vorurteil wegzuheben, sie kann den
Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts
von allem Sittlichen vermag sie.

Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein
vollkommener Mensch ist, als er das Schˆne des Wahren in sich
empfindet; dann erst wird er gr¸ndlich, durchsichtig, umsichtig, rein,
klar, anmutig, ja elegant wirken. Das alles gehˆrt dazu, um La
Grange ‰hnlich zu werden.

Nicht die Sprache an und f¸r sich ist richtig, t¸chtig, zierlich,
sondern der Geist ist es der sich darin verkˆrpert; und so kommt es
nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden oder
Gedichten die w¸nschenswerten Eigenschaften verleihen will; es ist die
Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen
Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: das Vermˆgen der An--und
Durchschauung, die sittlichen: dafl er die bˆsen D‰monen ablehne, die
ihn hindern kˆnnten, dem Wahren die Ehre zu geben.

Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das
Schwierige erkl‰ren zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen
Kˆrper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl
anerkannt, aber nicht ¸berall eingestanden.

Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dafl die
Ph‰nomene sowie die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen
Wert haben.

Auf die Prim‰ren, die Urversuche kommt alles an, und das Kapitel,
das hierauf gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt auch
sekund‰re, terti‰re u.s.w. Gesteht man diesen das gleiche Recht zu,
so verwirren sie nur das, was von den ersten aufgekl‰rt war.

Ein grofles ¸bel in den Wissenschaften, ja ¸berall entsteht daher,
dafl Menschen, die kein Ideenvermˆgen haben, zu theoretisieren sich
vermessen, weil sie nicht begreifen, dafl noch so vieles Wissen hiezu
nicht berechtigt. Sie gehen im Anfange wohl mit einem lˆblichen
Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat seine Grenzen, und wenn er
sie ¸berschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu werden. Des
Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des
Tuns und Handelns. T‰tig wird er sich selten verirren; das hˆhere
Denken, Schlieflen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.

Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, weil
die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden l‰flt. Der
Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre.

Man sagt: zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die
Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das
Unschaubare, das ewig t‰tige Leben, in Ruhe gedacht.

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