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Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 1 by Johann Wolfgang von Goethe

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Association / Carnegie-Mellon University".

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This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.

Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 1
oder die Entsagenden

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Die Flucht nach ƒgypten

Im Schatten eines m‰chtigen Felsen safl Wilhelm an grauser,
bedeutender Stelle, wo sich der steile Gebirgsweg um eine Ecke herum
schnell nach der Tiefe wendete. Die Sonne stand noch hoch und
erleuchtete die Gipfel der Fichten in den Felsengr¸nden zu seinen
F¸flen. Er bemerkte eben etwas in seine Schreibtafel, als Felix, der
umhergeklettert war, mit einem Stein in der Hand zu ihm kam. "Wie
nennt man diesen Stein, Vater?" sagte der Knabe.

"Ich weifl nicht", versetzte Wilhelm.

"Ist das wohl Gold, was darin so gl‰nzt?" sagte jener.

"Es ist keins!" versetzte dieser, "und ich erinnere mich, dafl es die
Leute Katzengold nennen."

"Katzengold!" sagte der Knabe l‰chelnd, "und warum?"

"Wahrscheinlich weil es falsch ist und man die Katzen auch f¸r
falsch h‰lt."

"Das will ich mir merken", sagte der Sohn und steckte den Stein in
die lederne Reisetasche, brachte jedoch sogleich etwas anderes hervor
und fragte: "Was ist das?" --"Eine Frucht", versetzte der Vater, "und
nach den Schuppen zu urteilen, sollte sie mit den Tannenzapfen
verwandt sein."--"Das sieht nicht aus wie ein Zapfen, es ist ja rund.
"--"Wir wollen den J‰ger fragen; die kennen den ganzen Wald und alle
Fr¸chte, wissen zu s‰en, zu pflanzen und zu warten, dann lassen sie
die St‰mme wachsen und grofl werden, wie sie kˆnnen."--"Die J‰ger
wissen alles; gestern zeigte mir der Bote, wie ein Hirsch ¸ber den Weg
gegangen sei, er rief mich zur¸ck und liefl mich die F‰hrte bemerken,
wie er es nannte; ich war dar¸ber weggesprungen, nun aber sah ich
deutlich ein paar Klauen eingedr¸ckt; es mag ein grofler Hirsch
gewesen sein."--"Ich hˆrte wohl, wie du den Boten ausfragtest."--"Der
wuflte viel und ist doch kein J‰ger. Ich aber will ein J‰ger werden.
Es ist gar zu schˆn, den ganzen Tag im Walde zu sein und die Vˆgel zu
hˆren, zu wissen, wie sie heiflen, wo ihre Nester sind, wie man die
Eier aushebt oder die Jungen, wie man sie f¸ttert und wenn man die
Alten f‰ngt: das ist gar zu lustig."

Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab
eine sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schˆn wie der Tag, in
farbigen J‰ckchen, die man eher f¸r aufgebundene Hemdchen gehalten
h‰tte, sprangen einer nach dem andern herunter, und Wilhelm fand
Gelegenheit, sie n‰her zu betrachten, als sie vor ihm stutzten und
einen Augenblick stillhielten. Um des ‰ltesten Haupt bewegten sich
reiche blonde Locken, auf welche man zuerst blicken muflte, wenn man
ihn sah, und dann zogen seine klarblauen Augen den Blick an sich, der
sich mit Gefallen ¸ber seine schˆne Gestalt verlor. Der zweite, mehr
einen Freund als einen Bruder vorstellend, war mit braunen und
schlichten Haaren geziert, die ihm ¸ber die Schultern herabhingen und
wovon der Widerschein sich in seinen Augen zu spiegeln schien.

Wilhelm hatte nicht Zeit, diese beiden sonderbaren und in der
Wildnis ganz unerwarteten Wesen n‰her zu betrachten, indem er eine
m‰nnliche Stimme vernahm, welche um die Felsecke herum ernst, aber
freundlich herabrief. "Warum steht ihr stille? versperrt uns den Weg
nicht!"

Wilhelm sah aufw‰rts, und hatten ihn die Kinder in Verwunderung
gesetzt, so erf¸llte ihn das, was ihm jetzt zu Augen kam, mit
Erstaunen. Ein derber, t¸chtiger, nicht allzu grofler junger Mann,
leicht gesch¸rzt, von brauner Haut und schwarzen Haaren, trat kr‰ftig
und sorgf‰ltig den Felsweg herab, indem er hinter sich einen Esel
f¸hrte, der erst sein wohlgen‰hrtes und wohlgeputztes Haupt zeigte,
dann aber die schˆne Last, die er trug, sehen liefl. Ein sanftes,
liebensw¸rdiges Weib safl auf einem groflen, wohlbeschlagenen Sattel;
in einem blauen Mantel, der sie umgab, hielt sie ein Wochenkind, das
sie an ihre Brust dr¸ckte und mit unbeschreiblicher Lieblichkeit
betrachtete. Dem F¸hrer ging's wie den Kindern: er stutzte einen
Augenblick, als er Wilhelmen erblickte. Das Tier verzˆgerte seinen
Schritt, aber der Abstieg war zu j‰h, die Vor¸berziehenden konnten
nicht anhalten, und Wilhelm sah sie mit Verwunderung hinter der
vorstehenden Felswand verschwinden.

Nichts war nat¸rlicher, als dafl ihn dieses seltsame Gesicht aus
seinen Betrachtungen rifl. Neugierig stand er auf und blickte von
seiner Stelle nach der Tiefe hin, ob er sie nicht irgend wieder
hervorkommen s‰he. Und eben war er im Begriff, hinabzusteigen und
diese sonderbaren Wandrer zu begr¸flen, als Felix heraufkam und sagte:
"Vater, darf ich nicht mit diesen Kindern in ihr Haus? Sie wollen
mich mitnehmen. Du sollst auch mitgehen, hat der Mann zu mir gesagt.
Komm! dort unten halten sie."

"Ich will mit ihnen reden", versetzte Wilhelm.

Er fand sich auf einer Stelle, wo der Weg weniger abh‰ngig war, und
verschlang mit den Augen die wunderlichen Bilder, die seine
Aufmerksamkeit so sehr an sich gezogen hatten. Erst jetzt war es ihm
mˆglich, noch einen und den andern besondern Umstand zu bemerken. Der
junge, r¸stige Mann hatte wirklich eine Polieraxt auf der Schulter
und ein langes, schwankes eisernes Winkelmafl. Die Kinder trugen
grofle Schilfb¸schel, als wenn es Palmen w‰ren; und wenn sie von
dieser Seite den Engeln glichen, so schleppten sie auch wieder kleine
Kˆrbchen mit Eflwaren und glichen dadurch den t‰glichen Boten, wie sie
¸ber das Gebirg hin und her zu gehen pflegen. Auch hatte die Mutter,
als er sie n‰her betrachtete, unter dem blauen Mantel ein rˆtliches,
zart gef‰rbtes Unterkleid, so dafl unser Freund die Flucht nach
ƒgypten, die er so oft gemalt gesehen, mit Verwunderung hier vor
seinen Augen wirklich finden muflte.

Man begr¸flte sich, und indem Wilhelm vor Erstaunen und
Aufmerksamkeit nicht zu Wort kommen konnte, sagte der junge Mann:
"Unsere Kinder haben in diesem Augenblicke schon Freundschaft gemacht.
Wollt Ihr mit uns, um zu sehen, ob auch zwischen den Erwachsenen ein
gutes Verh‰ltnis entstehen kˆnne?"

Wilhelm bedachte sich ein wenig und versetzte dann: "Der Anblick
eures kleinen Familienzuges erregt Vertrauen und Neigung und, dafl
ich's nur gleich gestehe, ebensowohl Neugierde und ein lebhaftes
Verlangen, euch n‰her kennen zu lernen. Denn im ersten Augenblicke
mˆchte man bei sich die Frage aufwerfen, ob ihr wirkliche Wanderer
oder ob ihr nur Geister seid, die sich ein Vergn¸gen daraus machen,
dieses unwirtbare Gebirg durch angenehme Erscheinungen zu beleben."

"So kommt mit in unsere Wohnung", sagte jener. "Kommt mit!" riefen
die Kinder, indem sie den Felix schon mit sich fortzogen. "Kommt mit!"
sagte die Frau, indem sie ihre liebensw¸rdige Freundlichkeit von
dem S‰ugling ab auf den Fremdling wendete.

Ohne sich zu bedenken, sagte Wilhelm: "Es tut mir leid, dafl ich euch
nicht sogleich folgen kann. Wenigstens diese Nacht noch mufl ich oben
auf dem Grenzhause zubringen. Mein Mantelsack, meine Papiere, alles
liegt noch oben, ungepackt und unbesorgt. Damit ich aber Wunsch und
Willen beweise, eurer freundlichen Einladung genugzutun, so gebe ich
euch meinen Felix zum Pfande mit. Morgen bin ich bei euch. Wie weit
ist's hin?"

"Vor Sonnenuntergang erreichen wir noch unsere Wohnung", sagte der
Zimmermann, "und von dem Grenzhause habt Ihr nur noch anderthalb
Stunden. Euer Knabe vermehrt unsern Haushalt f¸r diese Nacht; morgen
erwarten wir Euch."

Der Mann und das Tier setzten sich in Bewegung. Wilhelm sah seinen
Felix mit Behagen in so guter Gesellschaft, er konnte ihn mit den
lieben Engelein vergleichen, gegen die er kr‰ftig abstach. F¸r seine
Jahre war er nicht grofl, aber st‰mmig, von breiter Brust und
kr‰ftigen Schultern; in seiner Natur war ein eigenes Gemisch von
Herrschen und Dienen; er hatte schon einen Palmzweig und ein Kˆrbchen
ergriffen, womit er beides auszusprechen schien. Schon drohte der Zug
abermals um eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm
zusammennahm und nachrief: "Wie soll ich euch aber erfragen?"

"Fragt nur nach Sankt Joseph!" erscholl es aus der Tiefe, und die
ganze Erscheinung war hinter den blauen Schattenw‰nden verschwunden.
Ein frommer, mehrstimmiger Gesang tˆnte verhallend aus der Ferne, und
Wilhelm glaubte die Stimme seines Felix zu unterscheiden.

Er stieg aufw‰rts und versp‰tete sich dadurch den Sonnenuntergang.
Das himmlische Gestirn, das er mehr denn einmal verloren hatte,
erleuchtete ihn wieder, als er hˆher trat, und noch war es Tag, als
er an seiner Herberge anlangte. Nochmals erfreute er sich der groflen
Gebirgsansicht und zog sich sodann auf sein Zimmer zur¸ck, wo er
sogleich die Feder ergriff und einen Teil der Nacht mit Schreiben
zubrachte.

Wilhelm an Natalien

Nun ist endlich die Hˆhe erreicht, die Hˆhe des Gebirgs, das eine
m‰chtigere Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum
bisher. F¸r mein Gef¸hl ist man noch immer in der N‰he seiner Lieben,
solange die Strˆme von uns zu ihnen laufen. Heute kann ich mir noch
einbilden, der Zweig, den ich in den Waldbach werfe, kˆnnte f¸glich zu
ihr hinabschwimmen, kˆnnte in wenigen Tagen vor ihrem Garten landen;
und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine Gef¸hle
bequemer abw‰rts. Aber dr¸ben, f¸rchte ich, stellt sich eine
Scheidewand der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch
ist das vielleicht nur eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird
wohl auch dr¸ben nicht anders sein als hier. Was kˆnnte mich von dir
scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet bin, wenngleich ein
wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel, dem ich
so nahe stand, unerwartet zuschlieflt. Ich hatte Zeit, mich zu fassen,
und doch h‰tte keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben,
h‰tte ich sie nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in
jenem entscheidenden Moment. Wie h‰tte ich mich losreiflen kˆnnen,
wenn der dauerhafte Faden nicht gesponnen w‰re, der uns f¸r die Zeit
und f¸r die Ewigkeit verbinden soll. Doch ich darf ja von allem dem
nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht ¸bertreten; auf
diesem Gipfel sei es das letztemal, dafl ich das Wort Trennung vor dir
ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare
Pflichten des Wanderers habe ich auszu¸ben und ganz eigene Pr¸fungen
zu bestehen. Wie l‰chle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen
durchlese, die mir der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches
wird gehalten, manches ¸bertreten; aber selbst bei der ¸bertretung
dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis von meiner letzten Beichte,
meiner letzten Absolution statt eines gebietenden Gewissens, und ich
lenke wieder ein. Ich h¸te mich, und meine Fehler st¸rzen sich nicht
mehr wie Gebirgswasser einer ¸ber den andern.

Doch will ich dir gern gestehen, dafl ich oft diejenigen Lehrer und
Menschenf¸hrer bewundere, die ihren Sch¸lern nur ‰uflere, mechanische
Pflichten auflegen. Sie machen sich's und der Welt leicht. Denn
gerade diesen Teil meiner Verbindlichkeiten, der mir erst der
beschwerlichste, der wunderlichste schien, diesen beobachte ich am
bequemsten, am liebsten.

Nicht ¸ber drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben. Keine
Herberge soll ich verlassen, ohne dafl ich mich wenigstens eine Meile
von ihr entferne. Diese Gebote sind wahrhaft geeignet, meine Jahre
zu Wanderjahren zu machen und zu verhindern, dafl auch nicht die
geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich finde. Dieser
Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen, ja mich der
gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient. Hier ist eigentlich das
erstemal, dafl ich stillhalte, das erstemal, dafl ich die dritte Nacht
in demselben Bette schlafe. Von hier sende ich dir manches bisher
Vernommene, Beobachtete, Gesparte, und dann geht es morgen fr¸h auf
der andern Seite hinab, f¸rerst zu einer wunderbaren Familie, zu einer
heiligen Familie mˆchte ich wohl sagen, von der du in meinem
Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses Blatt
mit dem Gef¸hl aus der Hand, dafl es nur eins zu sagen habe, nur eines
sagen und immer wiederholen mˆchte, aber es nicht sagen, nicht
wiederholen will, bis ich das Gl¸ck habe, wieder zu deinen F¸flen zu
liegen und auf deinen H‰nden mich ¸ber alle das Entbehren auszuweinen.

Morgens.

Es ist eingepackt. Der Bote schn¸rt den Mantelsack auf das Reff.
Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, die Nebel dampfen aus allen
Gr¸nden; aber der obere Himmel ist heiter. Wir steigen in die
d¸stere Tiefe hinab, die sich auch bald ¸ber unserm Haupte erhellen
wird. Lafl mich mein letztes Ach zu dir hin¸bersenden! Lafl meinen
letzten Blick zu dir sich noch mit einer unwillk¸rlichen Tr‰ne f¸llen!
Ich bin entschieden und entschlossen. Du sollst keine Klagen mehr
von mir hˆren; du sollst nur hˆren, was dem Wanderer begegnet. Und
doch kreuzen sich, indem ich schlieflen will, nochmals tausend
Gedanken, W¸nsche, Hoffnungen und Vors‰tze. Gl¸cklicherweise treibt
man mich hinweg. Der Bote ruft, und der Wirt r‰umt schon wieder auf
in meiner Gegenwart, eben als wenn ich hinweg w‰re, wie gef¸hllose,
unvorsichtige Erben vor dem Abscheidenden die Anstalten, sich in
Besitz zu setzen, nicht verbergen.

Zweites Kapitel

Sankt Joseph der Zweite

Schon hatte der Wanderer, seinem Boten auf dem Fufle folgend, steile
Felsen hinter und ¸ber sich gelassen, schon durchstrichen sie ein
sanfteres Mittelgebirg und eilten durch manchen wohlbestandnen Wald,
durch manchen freundlichen Wiesengrund immer vorw‰rts, bis sie sich
endlich an einem Abhange befanden und in ein sorgf‰ltig bebautes, von
H¸geln rings umschlossenes Tal hinabschauten. Ein grofles, halb in
Tr¸mmern liegendes, halb wohlerhaltenes Klostergeb‰ude zog sogleich
die Aufmerksamkeit an sich. "Dies ist Sankt Joseph", sagte der Bote;
"jammerschade f¸r die schˆne Kirche! Seht nur, wie ihre S‰ulen und
Pfeiler durch Geb¸sch und B‰ume noch so wohlerhalten durchsehen, ob
sie gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt."

"Die Klostergeb‰ude hingegen", versetzte Wilhelm, "sehe ich, sind
noch wohl erhalten."--"Ja", sagte der andere, "es wohnt ein Schaffner
daselbst, der die Wirtschaft besorgt, die Zinsen und Zehnten einnimmt,
welche man weit und breit hierher zu zahlen hat."

Unter diesen Worten waren sie durch das offene Tor in den ger‰umigen
Hof gelangt, der, von ernsthaften, wohlerhaltenen Geb‰uden umgeben,
sich als Aufenthalt einer ruhigen Sammlung ank¸ndigte. Seinen Felix
mit den Engeln von gestern sah er sogleich besch‰ftigt um einen
Tragkorb, den eine r¸stige Frau vor sich gestellt hatte; sie waren im
Begriff, Kirschen zu handeln; eigentlich aber feilschte Felix, der
immer etwas Geld bei sich f¸hrte. Nun machte er sogleich als Gast
den Wirt, spendete reichliche Fr¸chte an seine Gespielen, selbst dem
Vater war die Erquickung angenehm, mitten in diesen unfruchtbaren
Moosw‰ldern, wo die farbigen, gl‰nzenden Fr¸chte noch einmal so schˆn
erschienen. Sie trage solche weit herauf aus einem groflen Garten,
bemerkte die Verk‰uferin, um den Preis annehmlich zu machen, der den
K‰ufern etwas zu hoch geschienen hatte. Der Vater werde bald
zur¸ckkommen, sagten die Kinder, er solle nur einstweilen in den Saal
gehen und dort ausruhen.

Wie verwundert war jedoch Wilhelm, als die Kinder ihn zu dem Raume
f¸hrten, den sie den Saal nannten. Gleich aus dem Hofe ging es zu
einer groflen T¸r hinein, und unser Wanderer fand sich in einer sehr
reinlichen, wohlerhaltenen Kapelle, die aber, wie er wohl sah, zum
h‰uslichen Gebrauch des t‰glichen Lebens eingerichtet war. An der
einen Seite stand ein Tisch, ein Sessel, mehrere St¸hle und B‰nke, an
der andern Seite ein wohlgeschnitztes Ger¸st mit bunter Tˆpferware,
Kr¸gen und Gl‰sern. Es fehlte nicht an einigen Truhen und Kisten und,
so ordentlich alles war, doch nicht an dem Einladenden des h‰uslichen,
t‰glichen Lebens. Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite
herein. Was aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte,
waren farbige, auf die Wand gemalte Bilder, die unter den Fenstern
in ziemlicher Hˆhe, wie Teppiche, um drei Teile der Kapelle
herumreichten und bis auf ein Get‰fel herabgingen, das die ¸brige
Wand bis zur Erde bedeckte. Die Gem‰lde stellten die Geschichte des
heiligen Joseph vor. Hier sah man ihn mit einer Zimmerarbeit
besch‰ftigt; hier begegnete er Marien, und eine Lilie sproflte zwischen
beiden aus dem Boden, indem einige Engel sie lauschend umschwebten.
Hier wird er getraut; es folgt der englische Grufl. Hier sitzt er
miflmutig zwischen angefangener Arbeit, l‰flt die Axt ruhen und sinnt
darauf, seine Gattin zu verlassen. Zun‰chst erscheint ihm aber der
Engel im Traum, und seine Lage ‰ndert sich. Mit Andacht betrachtet er
das neugeborene Kind im Stalle zu Bethlehem und betet es an. Bald
darauf folgt ein wundersam schˆnes Bild. Man sieht mancherlei Holz
gezimmert; eben soll es zusammengesetzt werden, und zuf‰lligerweise
bilden ein paar St¸cke ein Kreuz. Das Kind ist auf dem Kreuze
eingeschlafen, die Mutter sitzt daneben und betrachtet es mit inniger
Liebe, und der Pflegevater h‰lt mit der Arbeit inne, um den Schlaf
nicht zu stˆren. Gleich darauf folgt die Flucht nach ƒgypten. Sie
erregte bei dem beschauenden Wanderer ein L‰cheln, indem er die
Wiederholung des gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah.

Nicht lange war er seinen Betrachtungen ¸berlassen, so trat der Wirt
herein, den er sogleich als den F¸hrer der heiligen Karawane
wiedererkannte. Sie begr¸flten sich aufs herzlichste, mancherlei
Gespr‰che folgten; doch Wilhelms Aufmerksamkeit blieb auf die Gem‰lde
gerichtet. Der Wirt merkte das Interesse seines Gastes und fing
l‰chelnd an: "Gewifl, Ihr bewundert die ¸bereinstimmung dieses
Geb‰udes mit seinen Bewohnern, die Ihr gestern kennenlerntet. Sie
ist aber vielleicht noch sonderbarer, als man vermuten sollte: das
Geb‰ude hat eigentlich die Bewohner gemacht. Denn wenn das Leblose
lebendig ist, so kann es auch wohl Lebendiges hervorbringen."

"O ja!" versetzte Wilhelm. "Es sollte mich wundern, wenn der Geist,
der vor Jahrhunderten in dieser Bergˆde so gewaltig wirkte und einen
so m‰chtigen Kˆrper von Geb‰uden, Besitzungen und Rechten an sich zog
und daf¸r mannigfaltige Bildung in der Gegend verbreitete, es sollte
mich wundern, wenn er nicht auch aus diesen Tr¸mmern noch seine
Lebenskraft auf ein lebendiges Wesen aus¸bte. Laflt uns jedoch nicht
im Allgemeinen verharren, macht mich mit Eurer Geschichte bekannt,
damit ich erfahre, wie es mˆglich war, dafl ohne Spielerei und
Anmaflung die Vergangenheit sich wieder in Euch darstellt und das, was
vor¸berging, abermals herantritt."

Eben als Wilhelm belehrende Antwort von den Lippen seines Wirtes
erwartete, rief eine freundliche Stimme im Hofe den Namen Joseph.
Der Wirt hˆrte darauf und ging nach der T¸r.

"Also heiflt er auch Joseph!" sagte Wilhelm zu sich selbst. "Das ist
doch sonderbar genug und doch eben nicht so sonderbar, als dafl er
seinen Heiligen im Leben darstellt." Er blickte zu gleicher Zeit
nach der T¸re und sah die Mutter Gottes von gestern mit dem Manne
sprechen. Sie trennten sich endlich: die Frau ging nach der
gegen¸berstehenden Wohnung. "Marie!" rief er ihr nach, "nur noch ein
Wort!"--"Also heiflt sie auch Marie!" dachte Wilhelm; "es fehlt nicht
viel, so f¸hle ich mich achtzehnhundert Jahre zur¸ckversetzt." Er
dachte sich das ernsthaft eingeschlossene Tal, in dem er sich befand,
die Tr¸mmer und die Stille, und eine wundersam altert¸mliche Stimmung
¸berfiel ihn. Es war Zeit, dafl der Wirt und die Kinder hereintraten.
Die letzteren forderten Wilhelm zu einem Spaziergange auf, indes der
Wirt noch einigen Gesch‰ften vorstehen wollte. Nun ging es durch die
Ruinen des s‰ulenreichen Kirchengeb‰udes, dessen hohe Giebel und
W‰nde sich in Wind und Wetter zu befestigen schienen, indessen sich
starke B‰ume von alters her auf den breiten Mauerr¸cken eingewurzelt
hatten und in Gesellschaft von mancherlei Gras, Blumen und Moos k¸hn
in der Luft h‰ngende G‰rten vorstellten. Sanfte Wiesenpfade f¸hrten
einen lebhaften Bach hinan, und von einiger Hˆhe konnte der Wanderer
nun das Geb‰ude nebst seiner Lage mit so mehr Interesse ¸berschauen,
als ihm dessen Bewohner immer merkw¸rdiger geworden und durch die
Harmonie mit ihrer Umgebung seine lebhafte Neugier erregt hatten.

Man kehrte zur¸ck und fand in dem frommen Saal einen Tisch gedeckt.
Obenan stand ein Lehnsessel, in den sich die Hausfrau niederliefl.
Neben sich hatte sie einen hohen Korb stehen, in welchem das kleine
Kind lag; den Vater sodann zur linken Hand und Wilhelm zur rechten.
Die drei Kinder besetzten den untern Raum des Tisches. Eine alte Magd
brachte ein wohlzubereitetes Essen. Speise--und Trinkgeschirr
deuteten gleichfalls auf vergangene Zeit. Die Kinder gaben Anlafl zur
Unterhaltung, indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner
heiligen Wirtin nicht genugsam beobachten konnte.

Nach Tische zerstreute sich die Gesellschaft; der Wirt f¸hrte seinen
Gast an eine schattige Stelle der Ruine, wo man von einem erhˆhten
Platze die angenehme Aussicht das Tal hinab vollkommen vor sich hatte
und die Berghˆhen des untern Landes mit ihren fruchtbaren Abh‰ngen
und waldigen R¸cken hintereinander hinausgeschoben sah. "Es ist
billig", sagte der Wirt, "dafl ich Ihre Neugierde befriedige, um so
mehr, als ich an Ihnen f¸hle, dafl Sie imstande sind, auch das
Wunderliche ernsthaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsten Grunde
beruht. Diese geistliche Anstalt, von der Sie noch die Reste sehen,
war der heiligen Familie gewidmet und vor alters als Wallfahrt wegen
mancher Wunder ber¸hmt. Die Kirche war der Mutter und dem Sohne
geweiht. Sie ist schon seit mehreren Jahrhunderten zerstˆrt. Die
Kapelle, dem heiligen Pflegevater gewidmet, hat sich erhalten, so auch
der brauchbare Teil der Klostergeb‰ude. Die Eink¸nfte bezieht schon
seit geraumen Jahren ein weltlicher F¸rst, der seinen Schaffner hier
oben h‰lt, und der bin ich, Sohn des vorigen Schaffners, der
gleichfalls seinem Vater in dieser Stelle nachfolgte.

Der heilige Joseph, obgleich jede kirchliche Verehrung hier oben
lange aufgehˆrt hatte, war gegen unsere Familie so wohlt‰tig gewesen,
dafl man sich nicht verwundern darf, wenn man sich besonders gut gegen
ihn gesinnt f¸hlte; und daher kam es, dafl man mich in der Taufe
Joseph nannte und dadurch gewissermaflen meine Lebensweise bestimmte.
Ich wuchs heran, und wenn ich mich zu meinem Vater gesellte, indem er
die Einnahmen besorgte, so schlofl ich mich ebenso gern, ja noch
lieber an meine Mutter an, welche nach Vermˆgen gern ausspendete und
durch ihren guten Willen und durch ihre Wohltaten im ganzen Gebirge
bekannt und geliebt war. Sie schickte mich bald da-, bald dorthin,
bald zu bringen, bald zu bestellen, bald zu besorgen, und ich fand
mich sehr leicht in diese Art von frommem Gewerbe.

¸berhaupt hat das Gebirgsleben etwas Menschlicheres als das Leben
auf dem flachen Lande. Die Bewohner sind einander n‰her und, wenn
man will, auch ferner; die Bed¸rfnisse geringer, aber dringender.
Der Mensch ist mehr auf sich gestellt, seinen H‰nden, seinen F¸flen
mufl er vertrauen lernen. Der Arbeiter, der Bote, der Lasttr‰ger, alle
vereinigen sich in einer Person; auch steht jeder dem andern n‰her,
begegnet ihm ˆfter und lebt mit ihm in einem gemeinsamen Treiben.

Da ich noch jung war und meine Schultern nicht viel zu schleppen
vermochten, fiel ich darauf, einen kleinen Esel mit Kˆrben zu
versehen und vor mir her die steilen Fuflpfade hinauf und hinab zu
treiben. Der Esel ist im Gebirg kein so ver‰chtlich Tier als im
flachen Lande, wo der Knecht, der mit Pferden pfl¸gt, sich f¸r besser
h‰lt als den andern, der den Acker mit Ochsen umreiflt. Und ich ging
um so mehr ohne Bedenken hinter meinem Tiere her, als ich in der
Kapelle fr¸h bemerkt hatte, dafl es zur Ehre gelangt war, Gott und
seine Mutter zu tragen. Doch war diese Kapelle damals nicht in dem
Zustande, in welchem sie sich gegenw‰rtig befindet. Sie ward als ein
Schuppen, ja fast wie ein Stall behandelt. Brennholz, Stangen,
Ger‰tschaften, Tonnen und Leitern, und was man nur wollte, war
¸bereinander geschoben. Gl¸cklicherweise, dafl die Gem‰lde so hoch
stehen und die T‰felung etwas aush‰lt. Aber schon als Kind erfreute
ich mich besonders, ¸ber alles das Gehˆlz hin und her zu klettern und
die Bilder zu betrachten, die mir niemand recht auslegen konnte.
Genug, ich wuflte, dafl der Heilige, dessen Leben oben gezeichnet war,
mein Pate sei, und ich erfreute mich an ihm, als ob er mein Onkel
gewesen w‰re. Ich wuchs heran, und weil es eine besondere Bedingung
war, dafl der, welcher an das eintr‰gliche Schaffneramt Anspruch
machen wollte, ein Handwerk aus¸ben muflte, so sollte ich, dem Willen
meiner Eltern gem‰fl, welche w¸nschten, dafl k¸nftig diese gute Pfr¸nde
auf mich erben mˆchte, ein Handwerk lernen, und zwar ein solches, das
zugleich hier oben in der Wirtschaft n¸tzlich w‰re.

Mein Vater war Bˆtticher und schaffte alles, was von dieser Arbeit
nˆtig war, selbst, woraus ihm und dem Ganzen grofler Vorteil erwuchs.
Allein ich konnte mich nicht entschlieflen, ihm darin nachzufolgen.
Mein Verlangen zog mich unwiderstehlich nach dem Zimmerhandwerke,
wovon ich das Arbeitszeug so umst‰ndlich und genau, von Jugend auf,
neben meinem Heiligen gemalt gesehen. Ich erkl‰rte meinen Wunsch;
man war mir nicht entgegen, um so weniger, als bei so mancherlei
Baulichkeiten der Zimmermann oft von uns in Anspruch genommen ward,
ja bei einigem Geschick und Liebe zu feinerer Arbeit, besonders in
Waldgegenden, die Tischler--und sogar die Schnitzerk¸nste ganz nahe
liegen. Und was mich noch mehr in meinen hˆheren Aussichten
best‰rkte, war jenes Gem‰lde, das leider nunmehr fast ganz verloschen
ist. Sobald Sie wissen, was es vorstellen soll, so werden Sie sich's
entziffern kˆnnen, wenn ich Sie nachher davor f¸hre. Dem heiligen
Joseph war nichts Geringeres aufgetragen, als einen Thron f¸r den
Kˆnig Herodes zu machen. Zwischen zwei gegebenen S‰ulen soll der
Prachtsitz aufgef¸hrt werden. Joseph nimmt sorgf‰ltig das Mafl von
Breite und Hˆhe und arbeitet einen kˆstlichen Kˆnigsthron. Aber wie
erstaunt ist er, wie verlegen, als er den Prachtsessel herbeischafft:
er findet sich zu hoch und nicht breit genug. Mit Kˆnig Herodes war,
wie bekannt, nicht zu spaflen; der fromme Zimmermeister ist in der
grˆflten Verlegenheit. Das Christkind, gewohnt, ihn ¸berallhin zu
begleiten, ihm in kindlich dem¸tigem Spiel die Werkzeuge nachzutragen,
bemerkt seine Not und ist gleich mit Rat und Tat bei der Hand. Das
Wunderkind verlangt vom Pflegevater, er solle den Thron an der einen
Seite fassen; es greift in die andere Seite des Schnitzwerks, und
beide fangen an zu ziehen. Sehr leicht und bequem, als w‰r' er von
Leder, zieht sich der Thron in die Breite, verliert verh‰ltnism‰flig
an der Hˆhe und paflt ganz vortrefflich an Ort und Stelle, zum grˆflten
Troste des beruhigten Meisters und zur vollkommenen Zufriedenheit des
Kˆnigs.

Jener Thron war in meiner Jugend noch recht gut zu sehen, und an den
Resten der einen Seite werden Sie bemerken kˆnnen, dafl am Schnitzwerk
nichts gespart war, das freilich dem Maler leichter fallen muflte, als
es dem Zimmermann gewesen w‰re, wenn man es von ihm verlangt h‰tte.

Hieraus zog ich aber keine Bedenklichkeit, sondern ich erblickte das
Handwerk, dem ich mich gewidmet hatte, in einem so ehrenvollen Lichte,
dafl ich nicht erwarten konnte, bis man mich in die Lehre tat;
welches um so leichter auszuf¸hren war, als in der Nachbarschaft ein
Meister wohnte, der f¸r die ganze Gegend arbeitete und mehrere
Gesellen und Lehrburschen besch‰ftigen konnte. Ich blieb also in der
N‰he meiner Eltern und setzte gewissermaflen mein voriges Leben fort,
indem ich Feierstunden und Feiertage zu den wohlt‰tigen Botschaften,
die mir meine Mutter aufzutragen fortfuhr, verwendete."

Die Heimsuchung

"So vergingen einige Jahre", fuhr der Erz‰hler fort. "Ich begriff
die Vorteile des Handwerks sehr bald, und mein Kˆrper, durch Arbeit
ausgebildet, war imstande, alles zu ¸bernehmen, was dabei gefordert
wurde. Nebenher versah ich meinen alten Dienst, den ich der guten
Mutter, oder vielmehr Kranken und Notd¸rftigen leistete. Ich zog mit
meinem Tier durchs Gebirg, verteilte die Ladung p¸nktlich und nahm
von Kr‰mern und Kaufleuten r¸ckw‰rts mit, was uns hier oben fehlte.
Mein Meister war zufrieden mit mir und meine Eltern auch. Schon
hatte ich das Vergn¸gen, auf meinen Wanderungen manches Haus zu sehen,
das ich mit aufgef¸hrt, das ich verziert hatte. Denn besonders
dieses letzte Einkerben der Balken, dieses Einschneiden von gewissen
einfachen Formen, dieses Einbrennen zierender Figuren, dieses
Rotmalen einiger Vertiefungen, wodurch ein hˆlzernes Berghaus den so
lustigen Anblick gew‰hrt, solche K¸nste waren mir besonders
¸bertragen, weil ich mich am besten aus der Sache zog, der ich immer
den Thron Herodes' und seine Zieraten im Sinne hatte.

Unter den hilfsbed¸rftigen Personen, f¸r die meine Mutter eine
vorz¸gliche Sorge trug, standen besonders junge Frauen obenan, die
sich guter Hoffnung befanden, wie ich nach und nach wohl bemerken
konnte, ob man schon in solchen F‰llen die Botschaften gegen mich
geheimnisvoll zu behandeln pflegte. Ich hatte dabei niemals einen
unmittelbaren Auftrag, sondern alles ging durch ein gutes Weib,
welche nicht fern das Tal hinab wohnte und Frau Elisabeth genannt
wurde. Meine Mutter, selbst in der Kunst erfahren, die so manchen
gleich beim Eintritt in das Leben zum Leben rettet, stand mit Frau
Elisabeth in fortdauernd gutem Vernehmen, und ich muflte oft von allen
Seiten hˆren, dafl mancher unserer r¸stigen Bergbewohner diesen beiden
Frauen sein Dasein zu danken habe. Das Geheimnis, womit mich
Elisabeth jederzeit empfing, die b¸ndigen Antworten auf meine
r‰tselhaften Fragen, die ich selbst nicht verstand, erregten mir
sonderbare Ehrfurcht f¸r sie, und ihr Haus, das hˆchst reinlich war,
schien mir eine Art von kleinem Heiligtume vorzustellen.

Indessen hatte ich durch meine Kenntnisse und Handwerkst‰tigkeit in
der Familie ziemlichen Einflufl gewonnen. Wie mein Vater als
Bˆtticher f¸r den Keller gesorgt hatte, so sorgte ich nun f¸r Dach
und Fach und verbesserte manchen schadhaften Teil der alten Geb‰ude.
Besonders wuflte ich einige verfallene Scheuern und Remisen f¸r den
h‰uslichen Gebrauch wieder nutzbar zu machen; und kaum war dieses
geschehen, als ich meine geliebte Kapelle zu r‰umen und zu reinigen
anfing. In wenigen Tagen war sie in Ordnung, fast wie Ihr sie sehet;
wobei ich mich bem¸hte, die fehlenden oder besch‰digten Teile des
T‰felwerks dem Ganzen gleich wiederherzustellen. Auch solltet Ihr
diese Fl¸gelt¸ren des Eingangs wohl f¸r alt genug halten; sie sind
aber von meiner Arbeit. Ich habe mehrere Jahre zugebracht, sie in
ruhigen Stunden zu schnitzen, nachdem ich sie vorher aus starken
eichenen Bohlen im ganzen t¸chtig zusammengef¸gt hatte. Was bis zu
dieser Zeit von Gem‰lden nicht besch‰digt oder verloschen war, hat
sich auch noch erhalten, und ich half dem Glasmeister bei einem neuen
Bau, mit der Bedingung, dafl er bunte Fenster herstellte.

Hatten jene Bilder und die Gedanken an das Leben des Heiligen meine
Einbildungskraft besch‰ftigt, so dr¸ckte sich das alles nur viel
lebhafter bei mir ein, als ich den Raum wieder f¸r ein Heiligtum
ansehen, darin, besonders zur Sommerszeit, verweilen und ¸ber das,
was ich sah oder vermutete, mit Mufle nachdenken konnte. Es lag eine
unwiderstehliche Neigung in mir, diesem Heiligen nachzufolgen; und da
sich ‰hnliche Begebenheiten nicht leicht herbeirufen lieflen, so
wollte ich wenigstens von unten auf anfangen, ihm zu gleichen: wie ich
denn wirklich durch den Gebrauch des lastbaren Tiers schon lange
begonnen hatte. Das kleine Geschˆpf, dessen ich mich bisher bedient,
wollte mir nicht mehr gen¸gen; ich suchte mir einen viel
stattlicheren Tr‰ger aus, sorgte f¸r einen wohlgebauten Sattel, der
zum Reiten wie zum Packen gleich bequem war. Ein paar neue Kˆrbe
wurden angeschafft, und ein Netz von bunten Schn¸ren, Flocken und
Quasten, mit klingenden Metallstiften untermischt, zierte den Hals
des langohrigen Geschˆpfs, das sich nun bald neben seinem Musterbilde
an der Wand zeigen durfte. Niemanden fiel ein, ¸ber mich zu spotten,
wenn ich in diesem Aufzuge durchs Gebirge kam: denn man erlaubt ja
gern der Wohlt‰tigkeit eine wunderliche Auflenseite.

Indessen hatte sich der Krieg, oder vielmehr die Folge desselben,
unserer Gegend gen‰hert, indem verschiedenemal gef‰hrliche Rotten von
verlaufenem Gesindel sich versammelten und hie und da manche
Gewaltt‰tigkeit, manchen Mutwillen aus¸bten. Durch die gute Anstalt
der Landmiliz, durch Streifungen und augenblickliche Wachsamkeit
wurde dem ¸bel zwar bald gesteuert; doch verfiel man zu geschwind
wieder in Sorglosigkeit, und ehe man sich's versah, brachen wieder
neue ¸beltaten hervor.

Lange war es in unserer Gegend still gewesen, und ich zog mit meinem
Saumrosse ruhig die gewohnten Pfade, bis ich eines Tages ¸ber die
frisch bes‰te Waldblˆfle kam und an dem Rande des Hegegrabens eine
weibliche Gestalt sitzend oder vielmehr liegend fand. Sie schien zu
schlafen oder ohnm‰chtig zu sein. Ich bem¸hte mich um sie, und als
sie ihre schˆnen Augen aufschlug und sich in die Hˆhe richtete, rief
sie mit Lebhaftigkeit aus: "Wo ist er? habt Ihr ihn gesehen?" Ich
fragte: "Wen?" Sie versetzte: "Meinen Mann!" Bei ihrem hˆchst
jugendlichen Ansehen war mir diese Antwort unerwartet; doch fuhr ich
nur um desto lieber fort, ihr beizustehen und sie meiner Teilnahme zu
versichern. Ich vernahm, dafl die beiden Reisenden sich wegen der
beschwerlichen Fuhrwege von ihrem Wagen entfernt gehabt, um einen
n‰hern Fuflweg einzuschlagen. In der N‰he seien sie von Bewaffneten
¸berfallen worden, ihr Mann habe sich fechtend entfernt, sie habe ihm
nicht weit folgen kˆnnen und sei an dieser Stelle liegengeblieben,
sie wisse nicht wie lange. Sie bitte mich inst‰ndig, sie zu
verlassen und ihrem Manne nachzueilen. Sie richtete sich auf ihre
F¸fle, und die schˆnste, liebensw¸rdigste Gestalt stand vor mir; doch
konnte ich leicht bemerken, dafl sie sich in einem Zustande befinde,
in welchem sie die Beih¸lfe meiner Mutter und der Frau Elisabeth wohl
bald bed¸rfen mˆchte. Wir stritten uns eine Weile: denn ich
verlangte, sie erst in Sicherheit zu bringen; sie verlangte zuerst
Nachricht von ihrem Manne. Sie wollte sich von seiner Spur nicht
entfernen, und alle meine Vorstellungen h‰tten vielleicht nicht
gefruchtet, wenn nicht eben ein Kommando unserer Miliz, welche durch
die Nachricht von neuen ¸beltaten rege geworden war, sich durch den
Wald her bewegt h‰tte. Diese wurden unterrichtet, mit ihnen das
Nˆtige verabredet, der Ort des Zusammentreffens bestimmt und so f¸r
diesmal die Sache geschlichtet. Geschwind versteckte ich meine Kˆrbe
in eine benachbarte Hˆhle, die mir schon ˆfters zur Niederlage gedient
hatte, richtete meinen Sattel zum bequemen Sitz und hob, nicht ohne
eine sonderbare Empfindung, die schˆne Last auf mein williges Tier,
das die gewohnten Pfade sogleich von selbst zu finden wuflte und mir
Gelegenheit gab, nebenher zu gehen.

Ihr denkt, ohne dafl ich es weitl‰ufig beschreibe, wie wunderlich mir
zumute war. Was ich so lange gesucht, hatte ich wirklich gefunden.
Es war mir, als wenn ich tr‰umte, und dann gleich wieder, als ob ich
aus einem Traume erwachte. Diese himmlische Gestalt, wie ich sie
gleichsam in der Luft schweben und vor den gr¸nen B‰umen sich her
bewegen sah, kam mir jetzt wie ein Traum vor, der durch jene Bilder
in der Kapelle sich in meiner Seele erzeugte. Bald schienen mir jene
Bilder nur Tr‰ume gewesen zu sein, die sich hier in eine schˆne
Wirklichkeit auflˆsten. Ich fragte sie manches, sie antwortete mir
sanft und gef‰llig, wie es einer anst‰ndig Betr¸bten ziemt. Oft bat
sie mich, wenn wir auf eine entblˆflte Hˆhe kamen, stillezuhalten,
mich umzusehen, zu horchen. Sie bat mich mit solcher Anmut, mit
einem solchen tief w¸nschenden Blick unter ihren langen schwarzen
Augenwimpern hervor, dafl ich alles tun muflte, was nur mˆglich war; ja
ich erkletterte eine freistehende, hohe, astlose Fichte. Nie war mir
dieses Kunstst¸ck meines Handwerks willkommener gewesen; nie hatte
ich mit mehr Zufriedenheit von ‰hnlichen Gipfeln, bei Festen und
Jahrm‰rkten, B‰nder und seidene T¸cher heruntergeholt. Doch kam ich
diesesmal leider ohne Ausbeute; auch oben sah und hˆrte ich nichts.
Endlich rief sie selbst mir, herabzukommen, und winkte gar lebhaft
mit der Hand; ja, als ich endlich beim Herabgleiten mich in
ziemlicher Hˆhe losliefl und heruntersprang, tat sie einen Schrei, und
eine s¸fle Freundlichkeit verbreitete sich ¸ber ihr Gesicht, da sie
mich unbesch‰digt vor sich sah.

Was soll ich Euch lange von den hundert Aufmerksamkeiten unterhalten,
womit ich ihr den ganzen Weg ¸ber angenehm zu werden, sie zu
zerstreuen suchte. Und wie kˆnnte ich es auch! denn das ist eben die
Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, dafl sie im Augenblick das
Nichts zu Allem macht. F¸r mein Gef¸hl waren die Blumen, die ich ihr
brach, die fernen Gegenden, die ich ihr zeigte, die Berge, die W‰lder,
die ich ihr nannte, so viel kostbare Sch‰tze, die ich ihr zuzueignen
dachte, um mich mit ihr in Verh‰ltnis zu setzen, wie man es durch
Geschenke zu tun sucht.

Schon hatte sie mich f¸r das ganze Leben gewonnen, als wir in dem
Orte vor der T¸re jener guten Frau anlangten und ich schon eine
schmerzliche Trennung vor mir sah. Nochmals durchlief ich ihre ganze
Gestalt, und als meine Augen an den Fufl herabkamen, b¸ckte ich mich,
als wenn ich etwas am Gurte zu tun h‰tte, und k¸flte den niedlichsten
Schuh, den ich in meinem Leben gesehen hatte, doch ohne dafl sie es
merkte. Ich half ihr herunter, sprang die Stufen hinauf und rief in
die Haust¸re: "Frau Elisabeth, Ihr werdet heimgesucht!" Die Gute trat
hervor, und ich sah ihr ¸ber die Schultern zum Hause hinaus, wie das
schˆne Wesen die Stufen heraufstieg, mit anmutiger Trauer und
innerlichem Selbstgef¸hl, dann meine w¸rdige Alte freundlich umarmte
und sich von ihr in das bessere Zimmer leiten liefl. Sie schlossen
sich ein, und ich stand bei meinem Esel vor der T¸r, wie einer, der
kostbare Waren abgeladen hat und wieder ein ebenso armer Treiber ist
als vorher." Der Lilienstengel

"Ich zauderte noch, mich zu entfernen, denn ich war unschl¸ssig, was
ich tun sollte, als Frau Elisabeth unter die T¸re trat und mich
ersuchte, meine Mutter zu ihr zu berufen, alsdann umherzugehen und wo
mˆglich von dem Manne Nachricht zu geben. "Marie l‰flt Euch gar sehr
darum ersuchen", sagte sie. "Kann ich sie nicht noch einmal selbst
sprechen?" versetzte ich.--"Das geht nicht an", sagte Frau Elisabeth,
und wir trennten uns. In kurzer Zeit erreichte ich unsere Wohnung;
meine Mutter war bereit, noch diesen Abend hinabzugehen und der
jungen Fremden h¸lfreich zu sein. Ich eilte nach dem Lande hinunter
und hoffte, bei dem Amtmann die sichersten Nachrichten zu erhalten.
Allein er war noch selbst in Ungewiflheit, und weil er mich kannte,
hiefl er mich die Nacht bei ihm verweilen. Sie ward mir unendlich
lang, und immer hatte ich die schˆne Gestalt vor Augen, wie sie auf
dem Tiere schwankte und so schmerzhaft freundlich zu mir heruntersah.
Jeden Augenblick hofft' ich auf Nachricht. Ich gˆnnte und w¸nschte
dem guten Ehemann das Leben, und doch mochte ich sie mir so gern als
Witwe denken. Das streifende Kommando fand sich nach und nach
zusammen, und nach mancherlei abwechselnden Ger¸chten zeigte sich
endlich die Gewiflheit, dafl der Wagen gerettet, der ungl¸ckliche Gatte
aber an seinen Wunden in dem benachbarten Dorfe gestorben sei. Auch
vernahm ich, dafl nach der fr¸heren Abrede einige gegangen waren,
diese Trauerbotschaft der Frau Elisabeth zu verk¸ndigen. Also hatte
ich dort nichts mehr zu tun noch zu leisten, und doch trieb mich eine
unendliche Ungeduld, ein unermeflliches Verlangen durch Berg und Wald
wieder vor ihre T¸re. Es war Nacht, das Haus verschlossen, ich sah
Licht in den Zimmern, ich sah Schatten sich an den Vorh‰ngen bewegen,
und so safl ich gegen¸ber auf einer Bank, immer im Begriff anzuklopfen
und immer von mancherlei Betrachtungen zur¸ckgehalten.

Jedoch was erz‰hl' ich umst‰ndlich weiter, was eigentlich kein
Interesse hat. Genug, auch am folgenden Morgen nahm man mich nicht
ins Haus auf. Man wuflte die traurige Nachricht, man bedurfte meiner
nicht mehr; man schickte mich zu meinem Vater, an meine Arbeit; man
antwortete nicht auf meine Fragen; man wollte mich los sein.

Acht Tage hatte man es so mit mir getrieben, als mich endlich Frau
Elisabeth hereinrief. "Tretet sachte auf, mein Freund", sagte sie,
"aber kommt getrost n‰her!" Sie f¸hrte mich in ein reinliches Zimmer,
wo ich in der Ecke durch halbgeˆffnete Bettvorh‰nge meine Schˆne
aufrecht sitzen sah. Frau Elisabeth trat zu ihr, gleichsam um mich
zu melden, hub etwas vom Bette auf und brachte mir's entgegen: in das
weifleste Zeug gewickelt den schˆnsten Knaben. Frau Elisabeth hielt
ihn gerade zwischen mich und die Mutter, und auf der Stelle fiel mir
der Lilienstengel ein, der sich auf dem Bilde zwischen Maria und
Joseph als Zeuge eines reinen Verh‰ltnisses aus der Erde hebt. Von
dem Augenblicke an war mir aller Druck vom Herzen genommen; ich war
meiner Sache, ich war meines Gl¸cks gewifl. Ich konnte mit Freiheit
zu ihr treten, mit ihr sprechen, ihr himmlisches Auge ertragen, den
Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Kufl auf die Stirn
dr¸cken.

"Wie danke ich Euch f¸r Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde!"
sagte die Mutter. --Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus: "Es ist
keine Waise mehr, wenn Ihr wollt!"

Frau Elisabeth, kl¸ger als ich, nahm mir das Kind ab und wuflte mich
zu entfernen.

Noch immer dient mir das Andenken jener Zeit zur gl¸cklichsten
Unterhaltung, wenn ich unsere Berge und T‰ler zu durchwandern
genˆtigt bin. Noch weifl ich mir den kleinsten Umstand zur¸ckzurufen,
womit ich Euch jedoch, wie billig, verschone. Wochen gingen vor¸ber;
Maria hatte sich erholt, ich konnte sie ˆfter sehen, mein Umgang mit
ihr war eine Folge von Diensten und Aufmerksamkeiten. Ihre
Familienverh‰ltnisse erlaubten ihr einen Wohnort nach Belieben. Erst
verweilte sie bei Frau Elisabeth; dann besuchte sie uns, meiner Mutter
und mir f¸r so vielen und freundlichen Beistand zu danken. Sie
gefiel sich bei uns, und ich schmeichelte mir, es geschehe zum Teil
um meinetwillen. Was ich jedoch so gern gesagt h‰tte und nicht zu
sagen wagte, kam auf eine sonderbare und liebliche Weise zur Sprache,
als ich sie in die Kapelle f¸hrte, die ich schon damals zu einem
wohnbaren Saal umgeschaffen hatte. Ich zeigte und erkl‰rte ihr die
Bilder, eins nach dem andern, und entwickelte dabei die Pflichten
eines Pflegevaters auf eine so lebendige und herzliche Weise, dafl ihr
die Tr‰nen in die Augen traten und ich mit meiner Bilderdeutung nicht
zu Ende kommen konnte. Ich glaubte ihrer Neigung gewifl zu sein, ob
ich gleich nicht stolz genug war, das Andenken ihres Mannes so
schnell auslˆschen zu wollen. Das Gesetz verpflichtet die Witwen zu
einem Trauerjahre, und gewifl ist eine solche Epoche, die den Wechsel
aller irdischen Dinge in sich begreift, einem f¸hlenden Herzen nˆtig,
um die schmerzlichen Eindr¸cke eines groflen Verlustes zu mildern.
Man sieht die Blumen welken und die Bl‰tter fallen, aber man sieht
auch Fr¸chte reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehˆrt den
Lebendigen an, und wer lebt, mufl auf Wechsel gefaflt sein.

Ich sprach nun mit meiner Mutter ¸ber die Angelegenheit, die mir so
sehr am Herzen lag. Sie entdeckte mir darauf, wie schmerzlich Marien
der Tod ihres Mannes gewesen und wie sie sich ganz allein durch den
Gedanken, dafl sie f¸r das Kind leben m¸sse, wieder aufgerichtet habe.
Meine Neigung war den Frauen nicht unbekannt geblieben, und schon
hatte sich Marie an die Vorstellung gewˆhnt, mit uns zu leben. Sie
verweilte noch eine Zeitlang in der Nachbarschaft; dann zog sie zu
uns herauf, und wir lebten noch eine Weile in dem frˆmmsten und
gl¸cklichsten Brautstande. Endlich verbanden wir uns. Jenes erste
Gef¸hl, das uns zusammengef¸hrt hatte, verlor sich nicht. Die
Pflichten und Freuden des Pflegevaters und Vaters vereinigten sich;
und so ¸berschritt zwar unsere kleine Familie, indem sie sich
vermehrte, ihr Vorbild an Zahl der Personen, aber die Tugenden jenes
Musterbildes an Treue und Reinheit der Gesinnungen wurden von uns
heilig bewahrt und ge¸bt. Und so erhalten wir auch mit freundlicher
Gewohnheit den ‰uflern Schein, zu dem wir zuf‰llig gelangt und der so
gut zu unserm Innern paflt: denn ob wir gleich alle gute Fuflg‰nger und
r¸stige Tr‰ger sind, so bleibt das lastbare Tier doch immer in
unserer Gesellschaft, um eine oder die andere B¸rde fortzubringen,
wenn uns ein Gesch‰ft oder Besuch durch diese Berge und T‰ler nˆtigt.
Wie Ihr uns gestern angetroffen habt, so kennt uns die ganze Gegend,
und wir sind stolz darauf, dafl unser Wandel von der Art ist, um jenen
heiligen Namen und Gestalten, zu deren Nachahmung wir uns bekennen,
keine Schande zu machen."

Drittes Kapitel

Wilhelm an Natalien

Soeben schliefle ich eine angenehme, halb wunderbare Geschichte, die
ich f¸r dich aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben
habe. Wenn es nicht ganz seine Worte sind, wenn ich hie und da meine
Gesinnungen bei Gelegenheit der seinigen ausgedr¸ckt habe, so war es
bei der Verwandtschaft, die ich hier mit ihm f¸hlte, ganz nat¸rlich.
Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht derjenigen, die ich
f¸r dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen dieser
beiden Liebenden etwas ‰hnliches mit dem unsrigen? Dafl er aber
gl¸cklich genug ist, neben dem Tiere herzugehen, das die doppelt
schˆne B¸rde tr‰gt, dafl er mit seinem Familienzug abends in das alte
Klostertor eindringen kann, dafl er unzertrennlich von seiner
Geliebten, von den Seinigen ist, dar¸ber darf ich ihn wohl im stillen
beneiden. Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen, weil
ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch
¸bernommen hast.

Gar manchen schˆnen Zug des Zusammenseins dieser frommen und heitern
Menschen mufl ich ¸bergehen: denn wie liefle sich alles schreiben!
Einige Tage sind mir angenehm vergangen, aber der dritte mahnt mich
nun, auf meinen weitern Weg bedacht zu sein.

Mit Felix hatte ich heut einen kleinen Handel: denn er wollte fast
mich nˆtigen, einen meiner guten Vors‰tze zu ¸bertreten, die ich dir
angelobt habe. Ein Fehler, ein Ungl¸ck, ein Schicksal ist mir's nun
einmal, dafl sich, ehe ich mich's versehe, die Gesellschaft um mich
vermehrt, dafl ich mir eine neue B¸rde auflade, an der ich nachher zu
tragen und zu schleppen habe. Nun soll auf meiner Wanderschaft kein
Dritter uns ein best‰ndiger Geselle werden. Wir wollen und sollen zu
zwei sein und bleiben, und eben schien sich ein neues, eben nicht
erfreuliches Verh‰ltnis ankn¸pfen zu wollen.

Zu den Kindern des Hauses, mit denen Felix sich spielend diese Tage
her ergˆtzte, hatte sich ein kleiner, munterer, armer Junge gesellt,
der sich eben brauchen und miflbrauchen liefl, wie es gerade das Spiel
mit sich brachte, und sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte.
Und ich merkte schon an allerlei ƒuflerungen, dafl dieser sich einen
Gespielen f¸r den n‰chsten Weg auserkoren hatte. Der Knabe ist hier
in der Gegend bekannt, wird wegen seiner Munterkeit ¸berall geduldet
und empf‰ngt gelegentlich ein Almosen. Mir aber gefiel er nicht, und
ich ersuchte den Hausherrn, ihn zu entfernen. Das geschah auch, aber
Felix war unwillig dar¸ber, und es gab eine kleine Szene.

Bei dieser Gelegenheit macht' ich eine Entdeckung, die mir angenehm
war. In der Ecke der Kapelle oder des Saals stand ein Kasten mit
Steinen, welchen Felix, der seit unserer Wanderung durchs Gebirg eine
gewaltsame Neigung zum Gestein bekommen, eifrig hervorzog und
durchsuchte. Es waren schˆne, in die Augen fallende Dinge darunter.
Unser Wirt sagte, das Kind kˆnne sich auslesen, was es wolle. Es sei
dieses Gestein ¸berblieben von einer groflen Masse, die ein Fremder
vor kurzem von hier weggesendet. Er nannte ihn Montan, und du kannst
denken, dafl ich mich freute, diesen Namen zu hˆren, unter dem einer
von unsern besten Freunden reist, dem wir so manches schuldig sind.
Indem ich nach Zeit und Umst‰nden fragte, kann ich hoffen, ihn auf
meiner Wanderung bald zu treffen.

Die Nachricht, dafl Montan sich in der N‰he befinde, hatte Wilhelmen
nachdenklich gemacht. Er ¸berlegte, dafl es nicht blofl dem Zufall zu
¸berlassen sei, ob er einen so werten Freund wiedersehen solle, und
erkundigte sich daher bei seinem Wirte, ob man nicht wisse, wohin
dieser Reisende seinen Weg gerichtet habe. Niemand hatte davon n‰here
Kenntnis, und schon war Wilhelm entschlossen, seine Wanderung nach
dem ersten Plane fortzusetzen, als Felix ausrief: "Wenn der Vater
nicht so eigen w‰re, wir wollten Montan schon finden." --"Auf welche
Weise?" fragte Wilhelm. Felix versetzte: "Der kleine Fitz sagte
gestern, er wolle den Herrn wohl aufsp¸ren, der schˆne Steine bei sich
habe und sich auch gut darauf verst¸nde." Nach einigem Hin--und
Widerreden entschlofl sich Wilhelm zuletzt, den Versuch zu machen und
dabei auf den verd‰chtigen Knaben desto mehr Acht zu geben. Dieser
war bald gefunden und brachte, da er vernahm, worauf es abgesehen sei,
Schlegel und Eisen und einen t¸chtigen Hammer nebst einem S‰ckchen
mit und lief in seiner bergm‰nnischen Tracht munter vorauf.

Der Weg ging seitw‰rts abermals bergauf. Die Kinder sprangen
miteinander von Fels zu Fels, ¸ber Stock und Stein, ¸ber Bach und
Quelle, und ohne einen Pfad vor sich zu haben, drang Fitz, bald
rechts bald links blickend, eilig hinauf. Da Wilhelm und besonders
der bepackte Bote nicht so schnell folgten, so machten die Knaben den
Weg mehrmals vor--und r¸ckw‰rts und sangen und pfiffen. Die Gestalt
einiger fremden B‰ume erregte die Aufmerksamkeit des Felix, der
nunmehr mit den L‰rchen--und Zirbelb‰umen zuerst Bekanntschaft machte
und von den wunderbaren Genzianen angezogen ward. Und so fehlte es
der beschwerlichen Wanderung von einer Stelle zur andern nicht an
Unterhaltung.

Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die
andern herbei: "Hˆrt ihr pochen?" sprach er. "Es ist der Schall
eines Hammers, der den Fels trifft." --"Wir hˆren's", versetzten die
andern.--"Das ist Montan!" sagte er, "oder jemand, der uns von ihm
Nachricht geben kann."--Als sie dem Schalle nachgingen, der sich von
Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine Waldblˆfle und sahen
einen steilen, hohen, nackten Felsen ¸ber alles hervorragen, die hohen
W‰lder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel erblickten sie
eine Person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden. Sogleich
machten sich die Kinder auf, die schroffen Pfade zu erklettern.
Wilhelm folgte mit einiger Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer
zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht immer sicherer, weil er sich
die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt, sieht nur, wohin
jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald den
Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. "Es ist
Jarno!" rief Felix seinem Vater entgegen, und Jarno trat sogleich an
eine schroffe Stelle, reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn
aufw‰rts. Sie umarmten und bewillkommten sich in der freien
Himmelsluft mit Entz¸cken.

Kaum aber hatten sie sich losgelassen, als Wilhelm ein Schwindel
¸berfiel, nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder ¸ber
dem ungeheuren Abgrunde h‰ngen sah. Jarno bemerkte es und hiefl alle
sogleich niedersetzen. "Es ist nichts nat¸rlicher", sagte er, "als
dafl uns vor einem groflen Anblick schwindelt, vor dem wir uns
unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit und unsere Grˆfle zu
f¸hlen. Aber es ist ja ¸berhaupt kein echter Genufl als da, wo man
erst schwindeln mufl."

"Sind denn das da unten die groflen Berge, ¸ber die wir gestiegen
sind?" fragte Felix. "Wie klein sehen sie aus! Und hier", fuhr er
fort, indem er ein St¸ckchen Stein vom Gipfel loslˆste, "ist ja schon
das Katzengold wieder; das ist ja wohl ¸berall?"--"Es ist weit und
breit", versetzte Jarno; "und da du nach solchen Dingen fragst, so
merke dir, dafl du gegenw‰rtig auf dem ‰ltesten Gebirge, auf dem
fr¸hesten Gestein dieser Welt sitzest."--"Ist denn die Welt nicht auf
einmal gemacht?" fragte Felix.--"Schwerlich", versetzte Montan; "gut
Ding will Weile haben."--"Da unten ist also wieder anderes Gestein",
sagte Felix, "und dort wieder anderes, und immer wieder anderes!"
indem er von den n‰chsten Bergen auf die entfernteren und so in die
Ebene hinab wies.

Es war ein sehr schˆner Tag, und Jarno liefl sie die herrliche
Aussicht im einzelnen betrachten. Noch standen hie und da mehrere
Gipfel, dem ‰hnlich, worauf sie sich befanden. Ein mittleres Gebirg
schien heranzustreben, aber erreichte noch lange die Hˆhe nicht.
Weiter hin verfl‰chte es sich immer mehr, doch zeigten sich wieder
seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in der Ferne die
Seen, die Fl¸sse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien sich
wie ein Meer auszubreiten. Zog sich der Blick wieder zur¸ck, so drang
er in schauerliche Tiefen, von Wasserf‰llen durchrauscht,
labyrinthisch miteinander zusammenh‰ngend.

Felix ward des Fragens nicht m¸de und Jarno gef‰llig genug, ihm jede
Frage zu beantworten; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte, dafl
der Lehrer nicht durchaus wahr und aufrichtig sei. Daher, als die
unruhigen Knaben weiterkletterten, sagte Wilhelm zu seinem Freunde:
"Du hast mit dem Kinde ¸ber diese Sachen nicht gesprochen, wie du mit
dir selber dar¸ber sprichst."--"Das ist auch eine starke Forderung",
versetzte Jarno. "Spricht man ja mit sich selbst nicht immer, wie
man denkt, und es ist Pflicht, andern nur dasjenige zu sagen, was sie
aufnehmen kˆnnen. Der Mensch versteht nichts, als was ihm gem‰fl ist.
Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten, ihnen eine Benennung, eine
Bezeichnung zu ¸berliefern, ist das Beste, was man tun kann. Sie
fragen ohnehin fr¸h genug nach den Ursachen."

"Es ist ihnen nicht zu verdenken", versetzte Wilhelm. "Die
Mannigfaltigkeit der Gegenst‰nde verwirrt jeden, und es ist bequemer,
anstatt sie zu entwickeln, geschwind zu fragen: woher? und
wohin?"--"Und doch kann man", sagte Jarno, "da Kinder die Gegenst‰nde
nur oberfl‰chlich sehen, mit ihnen vom Werden und vom Zweck auch nur
oberfl‰chlich reden."--"Die meisten Menschen", erwiderte Wilhelm,
"bleiben lebensl‰nglich in diesem Falle und erreichen nicht jene
herrliche Epoche, in der uns das Faflliche gemein und albern vorkommt.
"--"Man kann sie wohl herrlich nennen", versetzte Jarno, "denn es ist
ein Mittelzustand zwischen Verzweiflung und Vergˆtterung."--"Lafl uns
bei dem Knaben verharren", sagte Wilhelm, "der mir nun vor allem
angelegen ist. Er hat nun einmal Freude an dem Gestein gewonnen,
seitdem wir auf der Reise sind. Kannst du mir nicht so viel mitteilen,
dafl ich ihm, wenigstens auf eine Zeit, genugtue?"--"Das geht nicht
an", sagte Jarno. "In einem jeden neuen Kreise mufl man zuerst wieder
als Kind anfangen, leidenschaftliches Interesse auf die Sache werfen,
sich erst an der Schale freuen, bis man zu dem Kerne zu gelangen das
Gl¸ck hat."

"So sage mir denn", versetzte Wilhelm, "wie bist du zu diesen
Kenntnissen und Einsichten gelangt? denn es ist doch so lange noch
nicht her, dafl wir auseinandergingen!"--"Mein Freund", versetzte
Jarno, "wir muflten uns resignieren, wo nicht f¸r immer, doch f¸r eine
gute Zeit. Das erste, was einem t¸chtigen Menschen unter solchen
Umst‰nden einf‰llt, ist, ein neues Leben zu beginnen. Neue
Gegenst‰nde sind ihm nicht genug: diese taugen nur zur Zerstreuung; er
fordert ein neues Ganze und stellt sich gleich in dessen Mitte.
"--"Warum denn aber", fiel Wilhelm ihm ein, "gerade dieses
Allerseltsamste, diese einsamste aller Neigungen?"--"Eben deshalb",
rief Jarno, "weil sie einsiedlerisch ist. Die Menschen wollt' ich
meiden. Ihnen ist nicht zu helfen, und sie hindern uns, dafl man sich
selbst hilft. Sind sie gl¸cklich, so soll man sie in ihren
Albernheiten gew‰hren lassen; sind sie ungl¸cklich, so soll man sie
retten, ohne diese Albernheiten anzutasten; und niemand fragt jemals,
ob du gl¸cklich oder ungl¸cklich bist."--"Es steht noch nicht so ganz
schlimm mit ihnen", versetzte Wilhelm l‰chelnd.-- "Ich will dir dein
Gl¸ck nicht absprechen", sagte Jarno. "Wandre nur hin, du zweiter
Diogenes! Lafl dein L‰mpchen am hellen Tage nicht verlˆschen! Dort
hinabw‰rts liegt eine neue Welt vor dir; aber ich will wetten, es geht
darin zu wie in der alten hinter uns. Wenn du nicht kuppeln und
Schulden bezahlen kannst, so bist du unter ihnen nichts n¸tze.
"--"Unterhaltender scheinen sie mir doch", versetzte Wilhelm, "als
deine starren Felsen."--"Keineswegs", versetzte Jarno, "denn diese
sind wenigstens nicht zu begreifen."--"Du suchst eine Ausrede",
versetzte Wilhelm, "denn es ist nicht in deiner Art, dich mit Dingen
abzugeben, die keine Hoffnung ¸briglassen, sie zu begreifen. Sei
aufrichtig und sage mir, was du an diesen kalten und starren
Liebhabereien gefunden hast?"--"Das ist schwer von jeder Liebhaberei
zu sagen, besonders von dieser." Dann besann er sich einen Augenblick
und sprach: "Buchstaben mˆgen eine schˆne Sache sein, und doch sind
sie unzul‰nglich, die Tˆne auszudr¸cken; Tˆne kˆnnen wir nicht
entbehren, und doch sind sie bei weitem nicht hinreichend, den
eigentlichen Sinn verlauten zu lassen; am Ende kleben wir am
Buchstaben und am Ton und sind nicht besser dran, als wenn wir sie
ganz entbehrten; was wir mitteilen, was uns ¸berliefert wird, ist
immer nur das Gemeinste, der M¸he gar nicht wert."

"Du willst mir ausweichen", sagte der Freund; "denn was soll das zu
diesen Felsen und Zacken?"--"Wenn ich nun aber", versetzte jener,
"eben diese Spalten und Risse als Buchstaben behandelte, sie zu
entziffern suchte, sie zu Worten bildete und sie fertig zu lesen
lernte, h‰ttest du etwas dagegen?"--"Nein, aber es scheint mir ein
weitl‰ufiges Alphabet."--"Enger, als du denkst; man mufl es nur kennen
lernen wie ein anderes auch. Die Natur hat nur eine Schrift, und ich
brauche mich nicht mit so vielen Kritzeleien herumzuschleppen. Hier
darf ich nicht f¸rchten, wie wohl geschieht, wenn ich mich lange und
liebevoll mit einem Pergament abgegeben habe, dafl ein scharfer
Kritikus kommt und mir versichert, das alles sei nur untergeschoben.
"-- L‰chelnd versetzte der Freund: "Und doch wird man auch hier deine
Lesarten streitig machen."--"Eben deswegen", sagte jener, "red' ich
mit niemanden dar¸ber und mag auch mit dir, eben weil ich dich liebe,
das schlechte Zeug von ˆden Worten nicht weiter wechseln und
betrieglich austauschen."

Viertes Kapitel

Beide Freunde waren, nicht ohne Sorgfalt und M¸he, herabgestiegen,
um die Kinder zu erreichen, die sich unten an einem schattigen Orte
gelagert hatten. Fast eifriger als der Mundvorrat wurden die
gesammelten Steinmuster von Montan und Felix ausgepackt. Der letztere
hatte viel zu fragen, der erstere viel zu benennen. Felix freute
sich, dafl jener die Namen von allen wisse, und behielt sie schnell im
Ged‰chtnis. Endlich brachte er noch einen hervor und fragte: "Wie
heiflt denn dieser?" Montan betrachtete ihn mit Verwunderung und sagte:
"Wo habt ihr den her?" Fitz antwortete schnell: "Ich habe ihn
gefunden, er ist aus diesem Lande."--"Er ist nicht aus dieser Gegend",
versetzte Montan. Fitz freute sich, den ¸berlegenen Mann in einigem
Zweifel zu sehen.--"Du sollst einen Dukaten haben", sagte Montan,
"wenn du mich an die Stelle bringst, wo er ansteht."-- "Der ist
leicht zu verdienen", versetzte Fitz, "aber nicht gleich."-- "So
bezeichne mir den Ort genau, dafl ich ihn gewifl finden kann. Das ist
aber unmˆglich: denn es ist ein Kreuzstein, der von St. Jakob in
Compostell kommt und den ein Fremder verloren hat, wenn du ihn nicht
gar entwendet hast, da er so wunderbar aussieht." --"Gebt Euren
Dukaten", sagte Fitz, "dem Reisegef‰hrten in Verwahrung, und ich will
aufrichtig bekennen, wo ich den Stein her habe. In der verfallenen
Kirche zu St. Joseph befindet sich ein gleichfalls verfallener Altar.
Unter den auseinandergebrochenen obern Steinen desselben entdeckt'
ich eine Schicht von diesem Gestein, das jenen zur Grundlage diente,
und schlug davon so viel herunter, als ich habhaft werden konnte.
W‰lzte man die obern Steine weg, so w¸rde gewifl noch viel davon zu
finden sein."

"Nimm dein Goldst¸ck", versetzte Montan, "du verdienst es f¸r diese
Entdeckung. Sie ist artig genug. Man freut sich mit Recht, wenn die
leblose Natur ein Gleichnis dessen, was wir lieben und verehren,
hervorbringt. Sie erscheint uns in Gestalt einer Sibylle, die ein
Zeugnis dessen, was von der Ewigkeit her beschlossen ist und erst in
der Zeit wirklich werden soll, zum voraus niederlegt. Hierauf als
auf eine wundervolle, heilige Schicht hatten die Priester ihren Altar
gegr¸ndet."

Wilhelm, der eine Zeitlang zugehˆrt und bemerkt hatte, dafl manche
Benennung, manche Bezeichnung wiederkam, wiederholte seinen schon
fr¸her ge‰uflerten Wunsch, dafl Montan ihm so viel mitteilen mˆge, als
er zum ersten Unterricht des Knaben nˆtig h‰tte.--"Gib das auf",
versetzte Montan. "Es ist nichts schrecklicher als ein Lehrer, der
nicht mehr weifl, als die Sch¸ler allenfalls wissen sollen. Wer
andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weifl,
aber er darf nicht halbwissend sein." "Wo sind denn aber so
vollkommene Lehrer zu finden?"-- "Die triffst du sehr leicht",
versetzte Montan. "Wo denn?" sagte Wilhelm mit einigem Unglauben.
--"Da, wo die Sache zu Hause ist, die du lernen willst", versetzte
Montan. "Den besten Unterricht zieht man aus vollst‰ndiger Umgebung.
Lernst du nicht fremde Sprachen in den L‰ndern am besten, wo sie zu
Hause sind? wo nur diese und keine andere weiter dein Ohr
ber¸hrt?"--"Und so w‰rst du", fragte Wilhelm, "zwischen den Gebirgen
zur Kenntnis der Gebirge gelangt?" "Das versteht sich."--"Ohne mit
Menschen umzugehen?" fragte Wilhelm.-- "Wenigstens nur mit Menschen",
versetzte jener, "die bergartig waren. Da, wo Pygm‰en, angereizt
durch Metalladern, den Fels durchw¸hlen, das Innere der Erde
zug‰nglich machen und auf alle Weise die schwersten Aufgaben zu lˆsen
suchen, da ist der Ort, wo der wiflbegierige Denkende seinen Platz
nehmen soll. Er sieht handeln, tun, l‰flt geschehen und erfreut sich
des Gegl¸ckten und Miflgl¸ckten. Was n¸tzt, ist nur ein Teil des
Bedeutenden. Um einen Gegenstand ganz zu besitzen, zu beherrschen,
mufl man ihn um sein selbst willen studieren. Indem ich aber vom
Hˆchsten und Letzten spreche, wozu man sich erst sp‰t durch vieles
und reiches Gewahrwerden emporhebt, seh' ich die Knaben vor uns, bei
denen klingt es ganz anders. Jede Art von T‰tigkeit mˆchte das Kind
ergreifen, weil alles leicht aussieht, was vortrefflich ausge¸bt wird.
Aller Anfang ist schwer! Das mag in einem gewissen Sinne wahr sein;
allgemeiner aber kann man sagen: aller Anfang ist leicht, und die
letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen."
Wilhelm, der indessen nachgedacht hatte, sagte zu Montan: "Solltest
du wirklich zu der ¸berzeugung gegriffen haben, dafl die s‰mtlichen
T‰tigkeiten, wie in der Aus¸bung, so auch im Unterricht zu sondern
seien?"--"Ich weifl mir nichts anderes noch Besseres", erwiderte jener.
"Was der Mensch leisten soll, mufl sich als ein zweites Selbst von
ihm ablˆsen, und wie kˆnnte das mˆglich sein, w‰re sein erstes Selbst
nicht ganz davon durchdrungen?"--"Man hat aber doch eine vielseitige
Bildung f¸r vorteilhaft und notwendig gehalten."--"Sie kann es auch
sein zu ihrer Zeit", versetzte jener; "Vielseitigkeit bereitet
eigentlich nur das Element vor, worin der Einseitige wirken kann, dem
eben jetzt genug Raum gegeben ist. Ja, es ist jetzo die Zeit der
Einseitigkeiten; wohl dem, der es begreift, f¸r sich und andere in
diesem Sinne wirkt. Bei gewissen Dingen versteht sich's durchaus und
sogleich. ¸be dich zum t¸chtigen Violinisten und sei versichert, der
Kapellmeister wird dir deinen Platz im Orchester mit Gunst anweisen.
Mache ein Organ aus dir und erwarte, was f¸r eine Stelle dir die
Menschheit im allgemeinen Leben wohlmeinend zugestehen werde. Lafl uns
abbrechen! Wer es nicht glauben will, der gehe seinen Weg, auch der
gelingt zuweilen; ich aber sage: von unten hinauf zu dienen, ist
¸berall nˆtig. Sich auf ein Handwerk zu beschr‰nken, ist das Beste.
F¸r den geringsten Kopf wird es immer ein Handwerk, f¸r den besseren
eine Kunst, und der beste, wenn er eins tut, tut er alles, oder, um
weniger paradox zu sein, in dem einen, was er recht tut, sieht er das
Gleichnis von allem, was recht getan wird."

Dieses Gespr‰ch, das wir nur skizzenhaft wiederliefern, verzog sich
bis gegen Sonnenuntergang, der, so herrlich er war, doch die
Gesellschaft nachdenken liefl, wo man die Nacht zubringen wollte:
"Unter Dach w¸flte ich euch nicht zu f¸hren", sagte Fitz; "wollt ihr
aber bei einem guten alten Kˆhler, an warmer St‰tte die Nacht
versitzen oder verliegen, so seid ihr willkommen." Und so folgten
sie ihm alle durch wundersame Pfade zum stillen Ort, wo sich ein
jeder bald einheimisch f¸hlen sollte.

In der Mitte eines beschr‰nkten Waldraums lag dampfend und w‰rmend
der wohlgewˆlbte Kohlenmeiler, an der Seite die H¸tte von
Tannenreisern, ein helles Feuerchen daneben. Man setzte sich, man
richtete sich ein. Die Kinder waren sogleich um die Kˆhlersfrau
gesch‰ftig, welche, gastfreundlich bem¸ht, erhitzte Brotschnitten mit
Butter zu tr‰nken und durchziehen zu lassen, kˆstlich fette Bissen
den hungrig L¸sternen bereitete.

Indes nun darauf die Knaben durch die kaum erhellten Fichtenst‰mme
Versteckens spielten, wie Wˆlfe heulten, wie Hunde bellten, so dafl
auch wohl ein herzhafter Wanderer dar¸ber h‰tte erschrecken mˆgen,
besprachen sich die Freunde vertraulich ¸ber ihre Zust‰nde. Nun aber
gehˆrte zu den sonderbaren Verpflichtungen der Entsagenden auch die:
dafl sie, zusammentreffend, weder vom Vergangenen noch K¸nftigen
sprechen durften, nur das Gegenw‰rtige sollte sie besch‰ftigen.

Jarno, der von bergm‰nnischen Unternehmungen und den dazu
erforderlichen Kenntnissen und Tatf‰higkeiten den Sinn voll hatte,
trug Wilhelmen auf das genaueste und vollst‰ndigste mit Leidenschaft
vor, was er sich alles in beiden Weltteilen von solchen
Kunsteinsichten und Fertigkeiten verspreche; wovon sich jedoch der
Freund, der immer nur im menschlichen Herzen den wahren Schatz
gesucht, kaum einen Begriff machen konnte, vielmehr zuletzt l‰chelnd
erwiderte: "So stehst du ja mit dir selbst im Widerspruch, indem du
erst in deinen ‰ltern Tagen dasjenige zu treiben anf‰ngst, wozu man
von Jugend auf sollte eingeleitet sein." "Keineswegs!" erwiderte
jener; "denn eben dafl ich in meiner Kindheit bei einem liebenden
Oheim, einem hohen Bergbeamten, erzogen wurde, dafl ich mit den
Pochjungen grofl geworden bin, auf dem Berggraben mit ihnen kleine
Rindenschiffchen niederfahren liefl, das hat mich zur¸ck in diesen
Kreis gef¸hrt, wo ich mich nun wieder behaglich und verj¸ngt f¸hle.
Schwerlich kann dieser Kˆhlerdampf dir zusagen wie mir, der ich ihn
von Kindheit auf als Weihrauch einzuschl¸rfen gewohnt bin. Ich habe
viel in der Welt versucht und immer dasselbe gefunden: in der
Gewohnheit ruht das einzige Behagen des Menschen; selbst das
Unangenehme, woran wir uns gewˆhnten, vermissen wir ungern. Ich
qu‰lte mich einmal gar lange mit einer Wunde, die nicht heilen wollte,
und als ich endlich genas, war es mir hˆchst unangenehm, als der
Chirurg ausblieb, sie nicht mehr verband und das Fr¸hst¸ck nicht mehr
mit mir einnahm."

"Ich mˆchte aber doch", versetzte Wilhelm, "meinem Sohn einen
freieren Blick ¸ber die Welt verschaffen, als ein beschr‰nktes
Handwerk zu geben vermag. Man umgrenze den Menschen, wie man wolle,
so schaut er doch zuletzt in seiner Zeit umher; und wie kann er die
begreifen, wenn er nicht einigermaflen weifl, was vorhergegangen ist.
Und m¸flte er nicht mit Erstaunen in jeden Gew¸rzladen eintreten, wenn
er keinen Begriff von den L‰ndern h‰tte, woher diese unentbehrlichen
Seltsamkeiten bis zu ihm gekommen sind?"

"Wozu die Umst‰nde?" versetzte Jarno; "lese er die Zeitungen wie
jeder Philister und trinke Kaffee wie jede alte Frau. Wenn du es
aber doch nicht lassen kannst und auf eine vollkommene Bildung so
versessen bist, so begreif' ich nicht, wie du so blind sein kannst,
wie du noch lange suchen magst, wie du nicht siehst, dafl du dich ganz
in der N‰he einer vortrefflichen Erziehungsanstalt befindest."--"In
der N‰he?" sagte Wilhelm und sch¸ttelte den Kopf. "Freilich!"
versetzte jener; "was siehst du hier?"--"Wo denn?"--"Grad hier vor
der Nase." Jarno streckte seinen Zeigefinger aus und deutete und
rief ungeduldig: "Was ist denn das?" --"Nun denn!" sagte Wilhelm,
"ein Kohlenmeiler; aber was soll das hierzu?"--"Gut! endlich! ein
Kohlenmeiler! Wie verf‰hrt man, um ihn anzurichten?"--"Man stellt
Scheite an--und ¸bereinander."-- "Wenn das getan ist, was geschieht
ferner?"--"Wie mir scheint", sagte Wilhelm, "willst du auf
sokratische Weise mir die Ehre antun, mir begreiflich zu machen, mich
bekennen zu lassen, dafl ich ‰uflerst absurd und dickstirnig sei."

"Keineswegs!" versetzte Jarno; "fahre fort, mein Freund, p¸nktlich
zu antworten. Also! was geschieht nun, wenn der regelm‰flige Holzstofl
dicht und doch luftig geschichtet worden?"--"Nun, denn! man z¸ndet
ihn an."-- "Und wenn er nun durchaus entz¸ndet ist, wenn die Flamme
durch jede Ritze durchschl‰gt, wie betr‰gt man sich? l‰flt man's
fortbrennen?"-- "Keineswegs! man deckt eilig mit Rasen und Erde, mit
Kohlengestiebe und was man bei der Hand hat, die durch und durch
dringende Flamme zu."--"Um sie auszulˆschen?" --"Keineswegs! um sie
zu d‰mpfen."--"Und also l‰flt man ihr so viel Luft als nˆtig, dafl sich
alles mit Glut durchziehe, damit alles recht gar werde. Alsdann
verschlieflt man jede Ritze, verhindert jeden Ausbruch, damit ja alles
nach und nach in sich selbst verlˆsche, verkohle, verk¸hle, zuletzt
auseinandergezogen als verk‰ufliche Ware an Schmied und Schlosser, an
B‰cker und Koch abgelassen und, wenn es zu Nutzen und Frommen der
lieben Christenheit genugsam gedient, als Asche von W‰scherinnen und
Seifensiedern verbraucht werde."

"Nun", versetzte Wilhelm lachend, "in Bezug auf dieses Gleichnis,
wie siehst du dich denn an?"--"Das ist nicht schwer zu sagen",
erwiderte Jarno, "ich halte mich f¸r einen alten Kohlenkorb t¸chtig
b¸chener Kohlen, dabei aber erlaub' ich mir die Eigenheit, mich nur
um mein selbst willen zu verbrennen, deswegen ich denn den Leuten gar
wunderlich vorkomme."--"Und mich?" sagte Wilhelm, "wie wirst du mich
behandeln?"--"Jetzt besonders", sagte Jarno, "seh' ich dich an wie
einen Wanderstab, der die wunderliche Eigenschaft hat, in jeder Ecke
zu gr¸nen, wo man ihn hinstellt, nirgends aber Wurzel zu fassen. Nun
male dir das Gleichnis weiter aus und lerne begreifen, wenn weder
Fˆrster noch G‰rtner, weder Kˆhler noch Tischer, noch irgendein
Handwerker aus dir etwas zu machen weifl."

Unter solchem Gespr‰ch nun zog Wilhelm, ich weifl nicht zu welchem
Gebrauch, etwas aus dem Busen, das halb wie eine Brieftasche, halb
wie ein Besteck aussah und von Montan als ein Altbekanntes
angesprochen wurde. Unser Freund leugnete nicht, dafl er es als eine
Art von Fetisch bei sich trage, in dem Aberglauben, sein Schicksal
hange gewissermaflen von dessen Besitz ab.

Was es aber gewesen, d¸rfen wir an dieser Stelle dem Leser noch
nicht vertrauen, so viel aber m¸ssen wir sagen, dafl hieran sich ein
Gespr‰ch ankn¸pfte, dessen Resultate sich endlich dahin ergaben, dafl
Wilhelm bekannte: wie er schon l‰ngst geneigt sei, einem gewissen
besondern Gesch‰ft, einer ganz eigentlich n¸tzlichen Kunst sich zu
widmen, vorausgesetzt, Montan werde sich bei den Verb¸ndeten dahin
verwenden, dafl die l‰stigste aller Lebensbedingungen, nicht l‰nger
als drei Tage an einem Orte zu verweilen, baldigst aufgehoben und ihm
vergˆnnt werde, sich zu Erreichung seines Zweckes da oder dort, wie
es ihm belieben mˆge, aufzuhalten. Dies versprach Montan zu bewirken,
nachdem jener feierlich angelobt hatte, die vertraulich
ausgesprochene Absicht unabl‰ssig zu verfolgen und den einmal
gefaflten Vorsatz auf das treulichste festzuhalten.

Dieses alles ernstlich durchsprechend und einander unabl‰ssig
erwidernd, waren sie von ihrer Nachtst‰tte, wo sich eine wunderlich
verd‰chtige Gesellschaft nach und nach versammelt hatte, bei
Tagesanbruch aus dem Wald auf eine Blˆfle gekommen, an der sie einiges
Wild antrafen, das besonders dem frˆhlich auffassenden Felix viel
Freude machte. Man bereitete sich zum Scheiden, denn hier deuteten
die Pfade nach verschiedenen Himmelsgegenden. Fitz ward nun ¸ber die
verschiedenen Richtungen befragt, der aber zerstreut schien und gegen
seine Gewohnheit verworrene Antworten gab.

"Du bist ¸berhaupt ein Schelm", sagte Jarno; "diese M‰nner heute
nacht, die sich um uns herum setzten, kanntest du alle. Es waren
Holzhauer und Bergleute, das mochte hingehen, aber die letzten halt'
ich f¸r Schmuggler, f¸r Wilddiebe, und der lange, ganz letzte, der
immer Zeichen in den Sand schrieb und den die andern mit einiger
Achtung behandelten, war gewifl ein Schatzgr‰ber, mit dem du unter der
Decke spielst."

"Es sind alles gute Leute", liefl Fitz sich darauf vernehmen; "sie
n‰hren sich k¸mmerlich, und wenn sie manchmal etwas tun, was die
andern verbieten, so sind es arme Teufel, die sich selbst etwas
erlauben m¸ssen, nur um zu leben."

Eigentlich aber war der kleine, schelmische Junge, da er
Vorbereitungen der Freunde, sich zu trennen, bemerkte, nachdenklich;
er ¸berlegte sich etwas im stillen, denn er stand zweifelhaft,
welchem von beiden Teilen er folgen sollte. Er berechnete seinen
Vorteil: Vater und Sohn gingen leichtsinnig mit dem Silber um, Jarno
aber gar mit dem Golde; diesen nicht loszulassen, hielt er f¸rs beste.
Daher ergriff er sogleich eine dargebotene Gelegenheit, und als im
Scheiden Jarno zu ihm sagte: "Nun, wenn ich nach St. Joseph komme,
will ich sehen, ob du ehrlich bist, ich werde den Kreuzstein und den
verfallenen Altar suchen."--"Ihr werdet nichts finden", sagte Fitz,
"und ich werde doch ehrlich bleiben; der Stein ist dorther, aber ich
habe s‰mtliche St¸cke weggeschafft und sie hier oben verwahrt. Es ist
ein kostbares Gestein, ohne dasselbe l‰flt sich kein Schatz heben; man
bezahlt mir ein kleines St¸ck gar teuer. Ihr hattet ganz recht,
daher kam meine Bekanntschaft mit dem hagern Manne."

Nun gab es neue Verhandlungen, Fitz verpflichtete sich an Jarno,
gegen einen nochmaligen Dukaten, in m‰fliger Entfernung ein t¸chtiges
St¸ck dieses seltenen Minerals zu verschaffen, wogegen er den Gang
nach dem Riesenschlofl abriet; weil aber dennoch Felix darauf bestand,
dem Boten einsch‰rfte, die Reisenden nicht zu tief hineinzulassen,
denn niemand finde sich aus diesen Hˆhlen und Kl¸ften jemals wieder
heraus. Man schied, und Fitz versprach, zu guter Zeit in den Hallen
des Riesenschlosses wieder einzutreffen.

Der Bote schritt voran, die beiden folgten; jener war aber kaum den
Berg eine Strecke hinaufgestiegen, als Felix bemerkte, man gehe nicht
den Weg, auf welchen Fitz gedeutet habe. Der Bote versetzte jedoch:
"Ich mufl es besser wissen! Denn erst in diesen Tagen hat ein
gewaltiger Sturm die n‰chste Waldstrecke niedergest¸rzt; die kreuzweis
¸bereinandergeworfenen B‰ume versperren diesen Weg: folgt mir, ich
bring' euch an Ort und Stelle." Felix verk¸rzte sich den
beschwerlichen Pfad durch lebhaften Schritt und Sprung von Fels zu
Fels und freute sich ¸ber sein erworbenes Wissen, dafl er nun von
Granit zu Granit h¸pfe.

Und so ging es aufw‰rts, bis er endlich auf zusammengest¸rzten
schwarzen S‰ulen stehenblieb und auf einmal das Riesenschlofl vor
Augen sah. W‰nde und S‰ulen ragten auf einem einsamen Gipfel hervor,
geschlossene S‰ulenw‰nde bildeten Pforten an Pforten, G‰nge nach
G‰ngen. Ernstlich warnte der Bote, sich nicht hineinzuverlieren, und
an einem sonnigen, ¸ber weite Aussicht gebietenden Flecke, die
Aschenspur seiner Vorg‰nger bemerkend, war er gesch‰ftig, ein
prasselndes Feuer zu unterhalten. Indem er nun an solchen Stellen
eine frugale Kost zu bereiten schon gewohnt war und Wilhelm in der
himmelweiten Aussicht von der Gegend n‰her Erkundigung einzog, durch
die er zu wandern gedachte, war Felix verschwunden; er muflte sich in
die Hˆhle verloren haben, auf Rufen und Pfeifen antwortete er nicht
und kam nicht wieder zum Vorschein.

Wilhelm aber, der, wie es einem Pilger ziemt, auf manche F‰lle
vorbereitet war, brachte aus seiner Jagdtasche einen Knaul Bindfaden
hervor, band ihn sorgf‰ltig fest und vertraute sich dem leitenden
Zeichen, an dem er seinen Sohn hineinzuf¸hren schon die Absicht gehabt
hatte. So ging er vorw‰rts und liefl von Zeit zu Zeit sein Pfeifchen
erschallen, lange vergebens. Endlich aber erklang aus der Tiefe ein
schneidender Pfiff, und bald darauf schaute Felix am Boden aus einer
Kluft des schwarzen Gesteines hervor. "Bist du allein?" lispelte
bedenklich der Knabe.--"Ganz allein!" versetzte der Vater.--"Reiche
mir Scheite! reiche mir Kn¸ttel!" sagte der Knabe, empfing sie und
verschwand, nachdem er ‰ngstlich gerufen hatte: "Lafl niemand in die
Hˆhle!" Nach einiger Zeit aber tauchte er wieder auf, forderte noch
l‰ngeres und st‰rkeres Holz. Der Vater harrte sehnlich auf die
Lˆsung dieses R‰tsels. Endlich erhub sich der Verwegene schnell aus
der Spalte und brachte ein K‰stchen mit, nicht grˆfler als ein kleiner
Oktavband, von pr‰chtigem altem Ansehn, es schien von Gold zu sein,
mit Schmelz geziert. "Stecke es zu dir, Vater, und lafl es niemand
sehn!" Er erz‰hlte darauf mit Hast, wie er, aus innerem geheimem,
Antrieb, in jene Spalte gekrochen sei und unten einen d‰mmerhellen
Raum gefunden habe. In demselben stand, wie er sagte, ein grofler
eiserner Kasten, zwar nicht verschlossen, dessen Deckel jedoch nicht
zu erheben, kaum zu l¸ften war. Um nun dar¸ber Herr zu werden, habe
er die Kn¸ttel verlangt, sie teils als St¸tzen unter den Deckel
gestellt, teils als Keile dazwischengeschoben, zuletzt habe er den
Kasten zwar leer, in einer Ecke desselben jedoch das Prachtb¸chlein
gefunden. Sie versprachen sich beiderseits deshalb ein tiefes
Geheimnis.

Mittag war vor¸ber, etwas hatte man genossen, Fitz war noch nicht,
wie er versprochen, gekommen; Felix aber, besonders unruhig, sehnte
sich von dem Orte weg, wo der Schatz irdischer oder unterirdischer
Wiederforderung ausgesetzt schien. Die S‰ulen kamen ihm schw‰rzer,
die Hˆhlen tiefer vor. Ein Geheimnis war ihm aufgeladen, ein Besitz,
rechtm‰flig oder unrechtm‰flig? sicher oder unsicher? Die Ungeduld
trieb ihn von der Stelle, er glaubte die Sorge loszuwerden, wenn er
den Platz ver‰nderte.

Sie schlugen den Weg ein nach jenen ausgedehnten G¸tern des groflen
Landbesitzers, von dessen Reichtum und Sonderbarkeiten man ihnen so
viel erz‰hlt hatte. Felix sprang nicht mehr wie am Morgen, und alle
drei gingen stundenlang vor sich hin. Einigemal wollt' er das
K‰stchen sehn, der Vater, auf den Boten hindeutend, wies ihn zur Ruhe.
Nun war er voll Verlangen, Fitz mˆge kommen. Dann scheute er sich
wieder vor dem Schelmen; bald pfiff er, um ein Zeichen zu geben, dann
reute ihn schon, es getan zu haben, und so dauerte das Schwanken
immerfort, bis Fitz endlich sein Pfeifchen aus der Ferne hˆren liefl.
Er entschuldigte sein Auflenbleiben vom Riesenschlosse, er habe sich
mit Jarno versp‰tet, der Windbruch habe ihn gehindert; dann forschte
er genau, wie es ihnen zwischen S‰ulen und Hˆhlen gegangen sei? Wie
tief sie vorgedrungen? Felix erz‰hlte ihm ein M‰rchen ¸ber das andere,
halb ¸berm¸tig, halb verlegen; er sah den Vater l‰chelnd an, zupfte
ihn verstohlen und tat alles mˆgliche, um an den Tag zu geben, dafl er
heimlich besitze und dafl er sich verstelle.

Sie waren endlich auf einen Fuhrweg gelangt, der sie bequem zu jenen
Besitzt¸mern hinf¸hren sollte; Fitz aber behauptete, einen n‰heren
und bessern Weg zu kennen; auf welchem der Bote sie nicht begleiten
wollte und den geraden, breiten, eingeschlagenen Weg vor sich hinging.
Die beiden Wanderer vertrauten dem losen Jungen und glaubten
wohlgetan zu haben, denn nun ging es steil den Berg hinab, durch
einen Wald der hoch--und schlankst‰mmigsten L‰rchenb‰ume, der, immer
durchsichtiger werdend, ihnen zuletzt die schˆnste Besitzung, die man
sich nur denken kann, im klarsten Sonnenlichte sehen liefl.

Ein grofler Garten, nur der Fruchtbarkeit, wie es schien, gewidmet,
lag, obgleich mit Obstb‰umen reichlich ausgestattet, offen vor ihren
Augen, indem er regelm‰flig, in mancherlei Abteilungen, einen zwar im
ganzen abh‰ngigen, doch aber mannigfaltig bald erhˆhten, bald
vertieften Boden bedeckte. Mehrere Wohnh‰user lagen darin zerstreut,
so dafl der Raum verschiedenen Besitzern anzugehˆren schien, der
jedoch, wie Fitz versicherte, von einem einzigen Herrn beherrscht und
benutzt ward. ¸ber den Garten hinaus erblickten sie eine unabsehbare
Landschaft, reichlich bebaut und bepflanzt. Sie konnten Seen und
Fl¸sse deutlich unterscheiden.

Sie waren den Berg hinab immer n‰her gekommen und glaubten nun
sogleich im Garten zu sein, als Wilhelm stutzte und Fitz seine
Schadenfreude nicht verbarg: denn eine j‰he Kluft am Fufle des Berges
tat sich vor ihnen auf und zeigte gegen¸ber eine bisher verborgene
hohe Mauer, schroff genug von auflen, obgleich von innen durch das
Erdreich vˆllig ausgef¸llt. Ein tiefer Graben trennte sie also von
dem Garten, in den sie unmittelbar hineinsahen. "Wir haben noch
hin¸ber einen ziemlichen Umweg zu machen", sagte Fitz, "wenn wir die
Strafle, die hineinf¸hrt, erreichen wollen. Doch weifl ich auch einen
Eingang von dieser Seite, wo wir um ein gutes n‰her gehen. Die
Gewˆlbe, durch die das Bergwasser bei Regeng¸ssen in den Garten
geregelt hineinst¸rzt, ˆffnen sich hier; sie sind hoch und breit
genug, dafl man mit ziemlicher Bequemlichkeit hindurchkommen kann."
Als Felix von Gewˆlben hˆrte, konnte er vor Begierde sich nicht
lassen, diesen Eingang zu betreten. Wilhelm folgte den Kindern, und
sie stiegen zusammen die ganz trocken liegenden hohen Stufen dieser
Zuleitungsgewˆlbe hinunter. Sie befanden sich bald im Hellen, bald im
Dunkeln, je nachdem von Seitenˆffnungen her das Licht hereinfiel oder
von Pfeilern und W‰nden aufgehalten ward. Endlich gelangten sie auf
einen ziemlich gleichen Fleck und schritten langsam vor, als auf
einmal in ihrer N‰he ein Schufl fiel, zu gleicher Zeit sich zwei
verborgene Eisengitter schlossen und sie von beiden Seiten
einsperrten. Zwar nicht die ganze Gesellschaft: nur Wilhelm und
Felix waren gefangen. Denn Fitz, als der Schufl fiel, sprang sogleich
r¸ckw‰rts, und das zuschlagende Gitter faflte nur seinen weiten ƒrmel;
er aber, sehr geschwind das J‰ckchen abwerfend, war entflohen, ohne
sich einen Augenblick aufzuhalten.

Die beiden Eingekerkerten hatten kaum Zeit, sich von ihrem Erstaunen
zu erholen, als sie Menschenstimmen vernahmen, welche sich langsam zu
n‰hern schienen. Bald darauf traten Bewaffnete mit Fackeln an die
Gitter und neugierigen Blicks, was sie f¸r einen Fang mˆchten getan
haben. Sie fragten zugleich, ob man sich gutwillig ergeben wolle.
"Hier kann von keinem Ergeben die Rede sein", versetzte Wilhelm; "wir
sind in eurer Gewalt. Eher haben wir Ursache zu fragen, ob ihr uns
schonen wollt. Die einzige Waffe, die wir bei uns haben, liefere ich
euch aus", und mit diesen Worten reichte er seinen Hirschf‰nger
durchs Gitter; dieses ˆffnete sich sogleich, und man f¸hrte ganz
gelassen die Ankˆmmlinge mit sich vorw‰rts, und als man sie einen
Wendelstieg hinaufgebracht hatte, befanden sie sich bald an einem
seltsamen Orte; es war ein ger‰umiges, reinliches Zimmer, durch
kleine, unter dem Gesimse hergehende Fenster erleuchtet, die
ungeachtet der starken Eisenst‰be Licht genug verbreiteten. F¸r
Sitze, Schlafstellen, und was man allenfalls sonst in einer m‰fligen
Herberge verlangen kˆnnte, war gesorgt, und es schien dem, der sich
hier befand, nichts als die Freiheit zu fehlen.

Wilhelm hatte sich bei seinem Eintritt sogleich niedergesetzt und
¸berdachte den Zustand; Felix hingegen, nachdem er sich von dem
ersten Erstaunen erholt hatte, brach in eine unglaubliche Wut aus.
Diese steilen W‰nde, diese hohen Fenster, diese festen T¸ren, diese
Abgeschlossenheit, diese Einschr‰nkung war ihm ganz neu. Er sah sich
um, er rannte hin und her, stampfte mit den F¸flen, weinte, r¸ttelte
an den T¸ren, schlug mit den F‰usten dagegen, ja er war im Begriff,
mit dem Sch‰del dawiderzurennen, h‰tte nicht Wilhelm ihn gefaflt und
mit Kraft festgehalten.

"Besieh dir das nur ganz gelassen, mein Sohn", fing der Vater an,
"denn Ungeduld und Gewalt helfen uns nicht aus dieser Lage. Das
Geheimnis wird sich aufkl‰ren; aber ich m¸flte mich hˆchlich irren,
oder wir sind in keine schlechten H‰nde gefallen. Betrachte diese
Inschriften: "Dem Unschuldigen Befreiung und Ersatz, dem Verf¸hrten
Mitleiden, dem Schuldigen ahndende Gerechtigkeit." Alles dieses zeigt
uns an, dafl diese Anstalten Werke der Notwendigkeit, nicht der
Grausamkeit sind. Der Mensch hat nur allzusehr Ursache, sich vor dem
Menschen zu sch¸tzen. Der Miflwollenden gibt es gar viele, der
Miflt‰tigen nicht wenige, und um zu leben, wie sich's gehˆrt, ist nicht
genug, immer wohlzutun."

Felix hatte sich zusammengenommen, warf sich aber sogleich auf eine
der Lagerst‰tten, ohne weiteres ‰uflern noch Erwidern. Der Vater liefl
nicht ab und sprach ferner: "Lafl dir diese Erfahrung, die du so fr¸h
und unschuldig machst, ein lebhaftes Zeugnis bleiben, in welchem und
in was f¸r einem vollkommenen Jahrhundert du geboren bist. Welchen
Weg muflte nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch
gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen
Unmenschliche menschlich zu sein! Gewifl waren es M‰nner gˆttlicher
Natur, die dies zuerst lehrten, die ihr Leben damit zubrachten, die
Aus¸bung mˆglich zu machen und zu beschleunigen. Des Schˆnen sind die
Menschen selten f‰hig, ˆfter des Guten; und wie hoch m¸ssen wir daher
diejenigen halten, die dieses mit groflen Aufopferungen zu befˆrdern
suchen."

Diese trˆstlich belehrenden Worte, welche die Absicht der
einschlieflenden Umgebung vˆllig rein ausdr¸ckten, hatte Felix nicht
vernommen; er lag im tiefsten Schlafe, schˆner und frischer als je;
denn eine Leidenschaft, wie sie ihn sonst nicht leicht ergriff, hatte
sein ganzes Innerste auf die vollen Wangen hervorgetrieben. Ihn mit
Gef‰lligkeit beschauend, stand der Vater, als ein wohlgebildeter
junger Mann hereintrat, der, nachdem er den Ankˆmmling einige Zeit
freundlich angesehen, anfing, ihn ¸ber die Umst‰nde zu befragen, die
ihn auf den ungewˆhnlichen Weg und in diese Falle gef¸hrt h‰tten.
Wilhelm erz‰hlte die Begebenheit ganz schlicht, ¸berreichte ihm einige
Papiere, die seine Person aufzukl‰ren dienten, und berief sich auf
den Boten, der nun bald auf dem ordentlichen Wege von einer andern
Seite anlangen m¸sse. Als dieses alles so weit im klaren war,
ersuchte der Beamte seinen Gast, ihm zu folgen. Felix war nicht zu
erwecken, die Untergebenen trugen ihn daher auf der t¸chtigen
Matratze, wie ehmals den unbewuflten Ulyfl, in die freie Luft.

Wilhelm folgte dem Beamten in ein schˆnes Gartenzimmer, wo
Erfrischungen aufgesetzt wurden, die er genieflen sollte, indessen
jener ging, an hˆherer Stelle Bericht abzustatten. Als Felix
erwachend ein gedecktes Tischchen, Obst, Wein, Zwieback und zugleich
die Heiterkeit der offenstehenden T¸re bemerkte, ward es ihm ganz
wunderlich zumute. Er l‰uft hinaus, er kehrt zur¸ck, er glaubt
getr‰umt zu haben; und hatte bald bei so guter Kost und so angenehmer
Umgebung den vorhergegangenen Schrecken und alle Bedr‰ngnis, wie einen
schweren Traum am hellen Morgen, vergessen.

Der Bote war angelangt, der Beamte kam mit ihm und einem andern,
‰ltlichen, noch freundlichern Manne zur¸ck, und die Sache kl‰rte sich
folgendergestalt auf. Der Herr dieser Besitzung, im hˆhern Sinne
wohlt‰tig, dafl er alles um sich her zum Tun und Schaffen aufregte,
hatte aus seinen unendlichen Baumschulen, seit mehreren Jahren,
fleifligen und sorgf‰ltigen Anbauern die jungen St‰mme umsonst,
nachl‰ssigen um einen gewissen Preis und denen, die damit handeln
wollten, gleichfalls, doch um einen billigen, ¸berlassen. Aber auch
diese beiden Klassen forderten umsonst, was die W¸rdigen umsonst
erhielten, und da man ihnen nicht nachgab, suchten sie die St‰mme zu
entwenden. Auf mancherlei Weise war es ihnen gelungen. Dieses
verdrofl den Besitzer um so mehr, da nicht allein die Baumschulen
gepl¸ndert, sondern auch durch ¸bereilung verderbt worden waren. Man
hatte Spur, dafl sie durch die Wasserleitung hereingekommen, und
deshalb eine solche Gitterfalle mit einem Selbstschufl eingerichtet,
der aber nur als Zeichen gelten sollte. Der kleine Knabe hatte sich
unter mancherlei Vorw‰nden mehrmals im Garten sehen lassen, und es war
nichts nat¸rlicher, als dafl er aus K¸hnheit und Schelmerei die
Fremden einen Weg f¸hren wollte, den er fr¸her zu anderm Zwecke
ausgefunden. Man h‰tte gew¸nscht, seiner habhaft zu werden; indessen
wurde sein W‰mschen unter andern gerichtlichen Gegenst‰nden
aufgehoben.

F¸nftes Kapitel

Auf dem Wege nach dem Schlosse fand unser Freund zu seiner
Verwunderung nichts, was einem ‰lteren Lustgarten oder einem modernen
Park ‰hnlich gewesen w‰re; gradlinig gepflanzte Fruchtb‰ume,
Gem¸sfelder, grofle Strecken mit Heilkr‰utern bestellt, und was nur
irgend brauchbar konnte geachtet werden, ¸bersah er auf sanft
abh‰ngiger Fl‰che mit einem Blicke. Ein von hohen Linden
umschatteter Platz breitete sich w¸rdig als Vorhalle des ansehnlichen
Geb‰udes, eine lange, daranstoflende Allee, gleichen Wuchses und W¸rde,
gab zu jeder Stunde des Tags Gelegenheit, im Freien zu verkehren und
zu lustwandeln. Eintretend in das Schlofl, fand er die W‰nde der
Hausflur auf eigene Weise bekleidet; grofle, geographische Abbildungen
aller vier Weltteile fielen ihm in die Augen; stattliche Treppenw‰nde
waren gleichfalls mit Abrissen einzelner Reiche geschm¸ckt, und in
den Hauptsaal eingelassen, fand er sich umgeben von Prospekten der
merkw¸rdigsten St‰dte, oben und unten eingefaflt von landschaftlicher
Nachbildung der Gegenden, worin sie gelegen sind, alles kunstreich
dargestellt, so dafl die Einzelnheiten deutlich in die Augen fielen
und zugleich ein ununterbrochener Bezug durchaus bemerkbar blieb.

Der Hausherr, ein kleiner, lebhafter Mann von Jahren, bewillkommte
den Gast und fragte, ohne weitere Einleitung, gegen die W‰nde deutend:
ob ihm vielleicht eine dieser St‰dte bekannt sei, und ob er daselbst
jemals sich aufgehalten? Von manchem konnte nun der Freund
auslangende Rechenschaft geben und beweisen, dafl er mehrere Orte
nicht allein gesehen, sondern auch ihre Zust‰nde und Eigenheiten gar
wohl zu bemerken gewuflt.

Der Hausherr klingelte und befahl, ein Zimmer den beiden
Ankˆmmlingen anzuweisen, auch sie sp‰ter zum Abendessen zu f¸hren;
dies geschah denn auch. In einem groflen Erdsaale entgegneten ihm
zwei Frauenzimmer, wovon die eine mit grofler Heiterkeit zu ihm sprach:
"Sie finden hier kleine Gesellschaft, aber gute; ich, die j¸ngere
Nichte, heifle Hersilie, diese, meine ‰ltere Schwester, nennt man
Juliette, die beiden Herren sind Vater und Sohn, Beamte, die Sie
kennen, Hausfreunde, die alles Vertrauen genieflen, das sie verdienen.
Setzen wir uns!" Die beiden Frauenzimmer nahmen Wilhelm in die Mitte,
die Beamten saflen an beiden Enden, Felix an der andern langen Seite,
wo er sich sogleich Hersilien gegen¸ber ger¸ckt hatte und kein Auge
von ihr verwendete.

Nach vorl‰ufigem allgemeinem Gespr‰ch ergriff Hersilie Gelegenheit
zu sagen: "Damit der Fremde desto schneller mit uns vertraut und in
unsere Unterhaltung eingeweiht werde, mufl ich bekennen, dafl bei uns
viel gelesen wird und dafl wir uns, aus Zufall, Neigung, auch wohl
Widerspruchsgeist, in die verschiedenen Literaturen geteilt haben.
Der Oheim ist f¸rs Italienische, die Dame hier nimmt es nicht ¸bel,
wenn man sie f¸r eine vollendete Engl‰nderin h‰lt, ich aber halte
mich an die Franzosen, sofern sie heiter und zierlich sind. Hier,
Amtmann Papa erfreut sich des deutschen Altertums, und der Sohn mag
denn, wie billig, dem Neuern, J¸ngern seinen Anteil zuwenden.
Hiernach werden Sie uns beurteilen, hiernach teilnehmen, einstimmen
oder streiten; in jedem Sinne werden Sie willkommen sein." Und in
diesem Sinne belebte sich auch die Unterhaltung.

Indessen war die Richtung der feurigen Blicke des schˆnen Felix
Hersilien keineswegs entgangen, sie f¸hlte sich ¸berrascht und
geschmeichelt und sendete ihm die vorz¸glichsten Bissen, die er
freudig und dankbar empfing. Nun aber, als er beim Nachtisch ¸ber
einen Teller Apfel zu ihr hinsah, glaubte sie, in den reizenden
Fr¸chten ebenso viel Rivale zu erblicken. Gedacht, getan, sie faflte
einen Apfel und reichte ihn dem heranwachsenden Abenteurer ¸ber den
Tisch hin¸ber; dieser, hastig zugreifend, fing sogleich zu sch‰len an;
unverwandt aber nach der reizenden Nachbarin hinblickend, schnitt er
sich tief in den Daumen. Das Blut flofl lebhaft; Hersilie sprang auf,
bem¸hte sich um ihn, und als sie das Blut gestillt, schlofl sie die
Wunde mit englischem Pflaster aus ihrem Besteck. Indessen hatte der
Knabe sie angefaflt und wollte sie nicht loslassen; die Stˆrung ward
allgemein, die Tafel aufgehoben, und man bereitete sich zu scheiden.

"Sie lesen doch auch vor Schlafengehn?" fragte Hersilie zu Wilhelm;
"ich schicke Ihnen ein Manuskript, eine ¸bersetzung aus dem
Franzˆsischen von meiner Hand, und Sie sollen sagen, ob Ihnen viel
Artigeres vorgekommen ist. Ein verr¸cktes M‰dchen tritt auf, das
mˆchte keine sonderliche Empfehlung sein, aber wenn ich jemals
n‰rrisch werden mˆchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so w‰r' es
auf diese Weise." Die pilgernde Tˆrin

Herr von Revanne, ein reicher Privatmann, besitzt die schˆnsten
L‰ndereien seiner Provinz. Nebst Sohn und Schwester bewohnt er ein
Schlofl, das eines F¸rsten w¸rdig w‰re; und in der Tat, wenn sein Park,
seine Wasser, seine Pachtungen, seine Manufakturen, sein Hauswesen
auf sechs Meilen umher die H‰lfte der Einwohner ern‰hren, so ist er
durch sein Ansehn und durch das Gute, das er stiftet, wirklich ein
F¸rst.

Vor einigen Jahren spazierte er an den Mauern seines Parks hin auf
der Heerstrafle, und ihm gefiel, in einem Lustw‰ldchen auszuruhen, wo
der Reisende gern verweilt. Hochst‰mmige B‰ume ragen ¸ber junges,
dichtes Geb¸sch; man ist vor Wind und Sonne gesch¸tzt; ein sauber
gefaflter Brunnen sendet sein Wasser ¸ber Wurzeln, Steine und Rasen.
Der Spazierende hatte wie gewˆhnlich Buch und Flinte bei sich. Nun
versuchte er zu lesen, ˆfters durch Gesang der Vˆgel, manchmal durch
Wanderschritte angenehm abgezogen und zerstreut.

Ein schˆner Morgen war im Vorr¸cken, als jung und liebensw¸rdig ein
Frauenzimmer sich gegen ihn her bewegte. Sie verliefl die Strafle,
indem sie sich Ruhe und Erquickung an dem frischen Orte zu
versprechen schien, wo er sich befand. Sein Buch fiel ihm aus den
H‰nden, ¸berrascht wie er war. Die Pilgerin mit den schˆnsten Augen
von der Welt und einem Gesicht, durch Bewegung angenehm belebt,
zeichnete sich an Kˆrperbau, Gang und Anstand dergestalt aus, dafl er
unwillk¸rlich von seinem Platze aufstand und nach der Strafle blickte,
um das Gefolge kommen zu sehen, das er hinter ihr vermutete. Dann zog
die Gestalt abermals, indem sie sich edel gegen ihn verbeugte, seine
Aufmerksamkeit an sich, und ehrerbietig erwiderte er den Grufl. Die
schˆne Reisende setzte sich an den Rand des Quells, ohne ein Wort zu
sagen und mit einem Seufzer.

"Seltsame Wirkung der Sympathie!" rief Herr von Revanne, als er mir
die Begebenheit erz‰hlte, "dieser Seufzer ward in der Stille von mir
erwidert. Ich blieb stehen, ohne zu wissen, was ich sagen oder tun
sollte. Meine Augen waren nicht hinreichend, diese Vollkommenheiten
zu fassen. Ausgestreckt wie sie lag, auf einen Ellbogen gelehnt, es
war die schˆnste Frauengestalt, die man sich denken konnte! Ihre
Schuhe gaben mir zu eigenen Betrachtungen Anlafl; ganz bestaubt,
deuteten sie auf einen langen zur¸ckgelegten Weg, und doch waren ihre
seidenen Str¸mpfe so blank, als w‰ren sie eben unter dem Gl‰ttstein
hervorgegangen. Ihr aufgezogenes Kleid war nicht zerdr¸ckt; ihre
Haare schienen diesen Morgen erst gelockt; feines Weiflzeug, feine
Spitzen; sie war angezogen, als wenn sie zum Balle gehen sollte. Auf
eine Landstreicherin deutete nichts an ihr, und doch war sie's; aber
eine beklagenswerte, eine verehrungsw¸rdige.

Zuletzt benutzte ich einige Blicke, die sie auf mich warf, sie zu
fragen, ob sie allein reise. "Ja, mein Herr", sagte sie, "ich bin
allein auf der Welt."--"Wie? Madame, Sie sollten ohne Eltern, ohne
Bekannte sein?"--"Das wollte ich eben nicht sagen, mein Herr. Eltern
hab' ich, und Bekannte genug; aber keine Freunde."-- "Daran", fuhr
ich fort, "kˆnnen Sie wohl unmˆglich schuld sein. Sie haben eine
Gestalt und gewifl auch ein Herz, denen sich viel vergeben l‰flt."

Sie f¸hlte die Art von Vorwurf, den mein Kompliment verbarg, und ich
machte mir einen guten Begriff von ihrer Erziehung. Sie ˆffnete
gegen mich zwei himmlische Augen vom vollkommensten, reinsten Blau,
durchsichtig und gl‰nzend; hierauf sagte sie mit edlem Tone: sie kˆnne
es einem Ehrenmanne, wie ich zu sein scheine, nicht verdenken, wenn
er ein junges M‰dchen, das er allein auf der Landstrafle treffe,
einigermaflen verd‰chtig halte: ihr sei das schon ˆfter entgegen
gewesen; aber ob sie gleich fremd sei, obgleich niemand das Recht habe,
sie auszuforschen, so bitte sie doch zu glauben, dafl die Absicht
ihrer Reise mit der gewissenhaftesten Ehrbarkeit bestehen kˆnne.
Ursachen, von denen sie niemand Rechenschaft schuldig sei, nˆtigten
sie, ihre Schmerzen in der Welt umherzuf¸hren. Sie habe gefunden,
dafl die Gefahren, die man f¸r ihr Geschlecht bef¸rchte, nur
eingebildet seien und dafl die Ehre eines Weibes, selbst unter
Straflenr‰ubern, nur bei Schw‰che des Herzens und der Grunds‰tze
Gefahr laufe.

¸brigens gehe sie nur zu Stunden und auf Wegen, wo sie sich sicher
glaube, spreche nicht mit jedermann und verweile manchmal an
schicklichen Orten, wo sie ihren Unterhalt erwerben kˆnne durch
Dienstleistung in der Art, wonach sie erzogen worden. Hier sank ihre
Stimme, ihre Augenlider neigten sich, und ich sah einige Tr‰nen ihre
Wangen herabfallen.

Ich versetzte darauf, dafl ich keineswegs an ihrem guten Herkommen
zweifle, so wenig als an einem achtungswerten Betragen. Ich bedaure
sie nur, dafl irgendeine Notwendigkeit sie zu dienen zwinge, da sie so
wert scheine, Diener zu finden; und dafl ich, ungeachtet einer
lebhaften Neugierde, nicht weiter in sie dringen wolle, vielmehr mich
durch ihre n‰here Bekanntschaft zu ¸berzeugen w¸nsche, dafl sie
¸berall f¸r ihren Ruf ebenso besorgt sei als f¸r ihre Tugend. Diese
Worte schienen sie abermals zu verletzen, denn sie antwortete: Namen
und Vaterland verberge sie, eben um des Rufs willen, der denn doch am
Ende meistenteils weniger Wirkliches als Mutmaflliches enthalte.
Biete sie ihre Dienste an, so weise sie Zeugnisse der letzten H‰user
vor, wo sie etwas geleistet habe, und verhehle nicht, dafl sie ¸ber
Vaterland und Familie nicht befragt sein wolle. Darauf bestimme man
sich und stelle dem Himmel oder ihrem Worte die Unschuld ihres ganzen
Lebens und ihre Redlichkeit anheim."

‰uflerungen dieser Art lieflen keine Geistesverwirrung bei der schˆnen
Abenteurerin argwˆhnen. Herr von Revanne, der einen solchen
Entschlufl, in die Welt zu laufen, nicht gut begreifen konnte,
vermutete nun, dafl man sie vielleicht gegen ihre Neigung habe
verheiraten wollen. Hernach fiel er darauf, ob es nicht etwa gar
Verzweiflung aus Liebe sei; und wunderlich genug, wie es aber mehr zu
gehen pflegt, indem er ihr Liebe f¸r einen andern zutraute, verliebte
er sich selbst und f¸rchtete, sie mˆchte weiterreisen. Er konnte
seine Augen nicht von dem schˆnen Gesicht wegwenden, das von einem
gr¸nen Halblichte verschˆnert war. Niemals zeigte, wenn es je
Nymphen gab, auf den Rasen sich eine schˆnere hingestreckt; und die
etwas romanhafte Art dieser Zusammenkunft verbreitete einen Reiz, dem
er nicht zu widerstehen vermochte.

Ohne daher die Sache viel n‰her zu betrachten, bewog Herr von
Revanne die schˆne Unbekannte, sich nach dem Schlosse f¸hren zu
lassen. Sie macht keine Schwierigkeit, sie geht mit und zeigt sich
als eine Person, der die grofle Welt bekannt ist. Man bringt
Erfrischungen, welche sie annimmt, ohne falsche Hˆflichkeit und mit
dem anmutigsten Dank. In Erwartung des Mittagessens zeigt man ihr
das Haus. Sie bemerkt nur, was Auszeichnung verdient, es sei an
Mˆbeln, Malereien, oder es betreffe die schickliche Einteilung der
Zimmer. Sie findet eine Bibliothek, sie kennt die guten B¸cher und
spricht dar¸ber mit Geschmack und Bescheidenheit. Kein Geschw‰tz,
keine Verlegenheit. Bei Tafel ein ebenso edles und nat¸rliches
Betragen und den liebensw¸rdigsten Ton der Unterhaltung. So weit ist
alles verst‰ndig in ihrem Gespr‰ch, und ihr Charakter scheint so
liebensw¸rdig wie ihre Person.

Nach der Tafel machte sie ein kleiner mutwilliger Zug noch schˆner,
und indem sie sich an Fr‰ulein Revanne mit einem L‰cheln wendet, sagt
sie: es sei ihr Brauch, ihr Mittagsmahl durch eine Arbeit zu bezahlen
und, sooft es ihr an Geld fehle, N‰hnadeln von den Wirtinnen zu
verlangen. "Erlauben Sie", f¸gte sie hinzu, "dafl ich eine Blume auf
einem Ihrer Stickrahmen lasse, damit Sie k¸nftig bei deren Anblick der
armen Unbekannten sich erinnern mˆgen." Fr‰ulein von Revanne
versetzte darauf, dafl es ihr sehr leid tue, keinen aufgezogenen Grund
zu haben, und deshalb das Vergn¸gen, ihre Geschicklichkeit zu
bewundern, entbehren m¸sse. Alsbald wendete die Pilgerin ihren Blick
auf das Klavier. "So will ich denn", sagte sie, "meine Schuld mit
Windm¸nze abtragen, wie es auch ja sonst schon die Art
umherstreifender S‰nger war." Sie versuchte das Instrument mit zwei
oder drei Vorspielen, die eine sehr ge¸bte Hand ank¸ndigten. Man
zweifelte nicht mehr, dafl sie ein Frauenzimmer von Stande sei,
ausgestattet mit allen liebensw¸rdigen Geschicklichkeiten. Zuerst
war ihr Spiel aufgeweckt und gl‰nzend; dann ging sie zu ernsten Tˆnen
¸ber, zu Tˆnen einer tiefen Trauer, die man zugleich in ihren Augen
erblickte. Sie netzten sich mit Tr‰nen, ihr Gesicht verwandelte sich,
ihre Finger hielten an; aber auf einmal ¸berraschte sie jedermann,
indem sie ein mutwilliges Lied, mit der schˆnsten Stimme von der Welt,
lustig und l‰cherlich vorbrachte. Da man in der Folge Ursache hatte
zu glauben, dafl diese burleske Romanze sie etwas n‰her angehe, so
verzeiht man mir wohl, wenn ich sie hier einschalte.

Woher im Mantel so geschwinde,
Da kaum der Tag in Osten graut?
Hat wohl der Freund beim scharfen Winde
Auf einer Wallfahrt sich erbaut?
Wer hat ihm seinen Hut genommen?
Mag er mit Willen barfufl gehn?
Wie ist er in den Wald gekommen
Auf den beschneiten, wilden Hˆhn?

Gar wunderlich von warmer St‰tte,
Wo er sich bessern Spafl versprach,
Und wenn er nicht den Mantel h‰tte,
Wie gr‰fllich w‰re seine Schmach!
So hat ihn jener Schalk betrogen
Und ihm das B¸ndel abgepackt:
Der arme Freund ist ausgezogen,
Beinah wie Adam blofl und nackt.

Warum auch ging er solche Wege
Nach jenem Apfel voll Gefahr,
Der freilich schˆn im M¸hlgehege
Wie sonst im Paradiese war!
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen;
Er dr¸ckte schnell sich aus dem Haus,
Und bricht auf einmal nun im Freien
In bittre, laute Klagen aus:

"Ich las in ihren Feuerblicken
Doch keine Silbe von Verrat!
Sie schien mit mir sich zu entz¸cken
Und sann auf solche schwarze Tat!
Konnt ich in ihren Armen tr‰umen,
Wie meuchlerisch der Busen schlug?
Sie hiefl den raschen Amor s‰umen,
Und g¸nstig war er uns genug.

Sich meiner Liebe zu erfreuen,
Der Nacht, die nie ein Ende nahm,
Und erst die Mutter anzuschreien
Jetzt eben, als der Morgen kam!
Da drang ein Dutzend Anverwandten
Herein, ein wahrer Menschenstrom!
Da kamen Br¸der, guckten Tanten,
Da stand ein Vetter und ein Ohm!

Das war ein Toben, war ein W¸ten!
Ein jeder schien ein andres Tier.
Da forderten sie Kranz und Bl¸ten
Mit gr‰fllichem Geschrei von mir.
"Was dringt ihr alle wie von Sinnen
Auf den unschuld'gen J¸ngling ein!
Denn solche Sch‰tze zu gewinnen,
Da mufl man viel behender sein.

Weifl Amor seinem schˆnen Spiele
Doch immer zeitig nachzugehn:
Er l‰flt f¸rwahr nicht in der M¸hle
Die Blumen sechzehn Jahre stehn."
Da raubten sie das Kleiderb¸ndel
Und wollten auch den Mantel noch.
Wie nur so viel verflucht Gesindel
Im engen Hause sich verkroch!

Da sprang ich auf und tobt' und fluchte,
Gewifl, durch alle durchzugehn.
Ich sah noch einmal die Verruchte,
Und ach! sie war noch immer schˆn.
Sie alle wichen meinem Grimme,
Doch flog noch manches wilde Wort;
So macht' ich mich mit Donnerstimme
Noch endlich aus der Hˆhle fort.

Man soll euch M‰dchen auf dem Lande
Wie M‰dchen aus den St‰dten fliehn!
So lasset doch den Fraun von Stande
Die Lust, die Diener auszuziehn!
Doch seid ihr auch von den Ge¸bten
Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
So ‰ndert immer die Geliebten,
Doch sie verraten m¸flt ihr nicht."

So singt er in der Winterstunde,
Wo nicht ein armes H‰lmchen gr¸nt.
Ich lache seiner tiefen Wunde,
Denn wirklich ist sie wohlverdient;
So geh' es jedem, der am Tage
Sein edles Liebchen frech bel¸gt
Und nachts, mit allzu k¸hner Wage,
Zu Amors falscher M¸hle kriecht.

Wohl war es bedenklich, dafl sie sich auf eine solche Weise vergessen
konnte, und dieser Ausfall mochte f¸r ein Anzeichen eines Kopfes
gelten, der sich nicht immer gleich war. "Aber", sagte mir Herr von
Revanne, "auch wir vergaflen alle Betrachtungen, die wir h‰tten machen
kˆnnen, ich weifl nicht, wie es zuging. Uns muflte die
unaussprechliche Anmut, womit sie diese Possen vorbrachte, bestochen
haben. Sie spielte neckisch, aber mit Einsicht. Ihre Finger
gehorchten ihr vollkommen, und ihre Stimme war wirklich bezaubernd.
Da sie geendigt hatte, erschien sie so gesetzt wie vorher, und wir
glaubten, sie habe nur den Augenblick der Verdauung erheitern wollen.

Bald darauf bat sie um die Erlaubnis, ihren Weg wieder anzutreten;
aber auf meinen Wink sagte meine Schwester: wenn sie nicht zu eilen
h‰tte und die Bewirtung ihr nicht miflfiele, so w¸rde es uns ein Fest
sein, sie mehrere Tage bei uns zu sehen. Ich dachte ihr eine
Besch‰ftigung anzubieten, da sie sich's einmal gefallen liefl zu
bleiben. Doch diesen ersten Tag und den folgenden f¸hrten wir sie
nur umher. Sie verleugnete sich nicht einen Augenblick: sie war die
Vernunft, mit aller Anmut begabt. Ihr Geist war fein und treffend,
ihr Ged‰chtnis so wohl ausgeziert und ihr Gem¸t so schˆn, dafl sie gar
oft unsere Bewunderung erregte und alle unsere Aufmerksamkeit
festhielt. Dabei kannte sie die Gesetze eines guten Betragens und
¸bte sie gegen einen jeden von uns, nicht weniger gegen einige Freunde,
die uns besuchten, so vollkommen aus, dafl wir nicht mehr wuflten, wie
wir jene Sonderbarkeiten mit einer solchen Erziehung vereinigen
sollten.

Ich wagte wirklich nicht mehr, ihr Dienstvorschl‰ge f¸r mein Haus zu
tun. Meine Schwester, der sie angenehm war, hielt es gleichfalls f¸r
Pflicht, das Zartgef¸hl der Unbekannten zu schonen. Zusammen
besorgten sie die h‰uslichen Dinge, und hier liefl sich das gute Kind
ˆfters bis zur Handarbeit herunter und wuflte sich gleich darauf in
alles zu schicken, was hˆhere Anordnung und Berechnung erheischte.

In kurzer Zeit stellte sie eine Ordnung her, die wir bis jetzt im
Schlosse gar nicht vermiflt hatten. Sie war eine sehr verst‰ndige
Haush‰lterin; und da sie damit angefangen hatte, bei uns mit an Tafel
zu sitzen, so zog sie sich nunmehr nicht etwa aus falscher
Bescheidenheit zur¸ck, sondern speiste mit uns ohne Bedenken fort;
aber sie r¸hrte keine Karte, kein Instrument an, als bis sie die
¸bernommenen Gesch‰fte zu Ende gebracht hatte.

Nun mufl ich freilich gestehen, dafl mich das Schicksal dieses
M‰dchens innigst zu r¸hren anfing. Ich bedauerte die Eltern, die
wahrscheinlich eine solche Tochter sehr vermiflten; ich seufzte, dafl
so sanfte Tugenden, so viele Eigenschaften verlorengehen sollten.
Schon lebte sie mehrere Monate mit uns, und ich hoffte, das Vertrauen,
das wir ihr einzuflˆflen suchten, w¸rde zuletzt das Geheimnis auf ihre
Lippen bringen. War es ein Ungl¸ck, wir konnten helfen; war es ein
Fehler, so liefl sich hoffen, unsere Vermittelung, unser Zeugnis
w¸rden ihr Vergebung eines vor¸bergehenden Irrtums verschaffen kˆnnen;
aber alle unsere Freundschaftsversicherungen, unsre Bitten selbst
waren unwirksam. Bemerkte sie die Absicht, einige Aufkl‰rung von ihr
zu gewinnen, so versteckte sie sich hinter allgemeine Sittenspr¸che,
um sich zu rechtfertigen, ohne uns zu belehren. Zum Beispiel, wenn
wir von ihrem Ungl¸cke sprachen: "Das Ungl¸ck", sagte sie, "f‰llt
¸ber Gute und Bˆse. Es ist eine wirksame Arzenei, welche die guten
S‰fte zugleich mit den ¸blen angreift."

Suchten wir die Ursache ihrer Flucht aus dem v‰terlichen Hause zu
entdecken: "Wenn das Reh flieht", sagte sie l‰chelnd, "so ist es
darum nicht schuldig." Fragten wir, ob sie Verfolgungen erlitten:
"Das ist das Schicksal mancher M‰dchen von guter Geburt, Verfolgungen
zu erfahren und auszuhalten. Wer ¸ber eine Beleidigung weint, dem
werden mehrere begegnen." Aber wie hatte sie sich entschlieflen
kˆnnen, ihr Leben der Roheit der Menge auszusetzen, oder es
wenigstens manchmal ihrem Erbarmen zu verdanken? Dar¸ber lachte sie
wieder und sagte: "Dem Armen, der den Reichen bei Tafel begr¸flt, fehlt
es nicht an Verstand." Einmal, als die Unterhaltung sich zum Scherze
neigte, sprachen wir ihr von Liebhabern und fragten sie: ob sie den
frostigen Helden ihrer Romanze nicht kenne? Ich weifl noch recht gut,
dieses Wort schien sie zu durchbohren. Sie ˆffnete gegen mich ein
Paar Augen, so ernst und streng, dafl die meinigen einen solchen Blick
nicht aushalten konnten; und sooft man auch nachher von Liebe sprach,
so konnte man erwarten, die Anmut ihres Wesens und die Lebhaftigkeit
ihres Geistes getr¸bt zu sehen. Gleich fiel sie in ein Nachdenken,
das wir f¸r Gr¸beln hielten und das doch wohl nur Schmerz war. Doch
blieb sie im ganzen munter, nur ohne grofle Lebhaftigkeit, edel, ohne
sich ein Ansehn zu geben, gerade ohne Offenherzigkeit, zur¸ckgezogen
ohne ƒngstlichkeit, eher duldsam als sanftm¸tig, und mehr erkenntlich
als herzlich bei Liebkosungen und Hˆflichkeiten. Gewifl war es ein
Frauenzimmer, gebildet, einem groflen Hause vorzustehn; und doch schien
sie nicht ‰lter als einundzwanzig Jahre.

So zeigte sich diese junge, unerkl‰rliche Person, die mich ganz
eingenommen hatte, binnen zwei Jahren, die es ihr gefiel bei uns zu
verweilen, bis sie mit einer Torheit schlofl, die viel seltsamer ist,
als ihre Eigenschaften ehrw¸rdig und gl‰nzend waren. Mein Sohn,
j¸nger als ich, wird sich trˆsten kˆnnen; was mich betrifft, so
f¸rchte ich, schwach genug zu sein, sie immer zu vermissen."

Nun will ich die Torheit eines verst‰ndigen Frauenzimmers erz‰hlen,
um zu zeigen, dafl Torheit oft nichts weiter sei als Vernunft unter
einem andern ‰uflern. Es ist wahr, man wird einen seltsamen
Widerspruch finden zwischen dem edlen Charakter der Pilgerin und der
komischen List, deren sie sich bediente; aber man kennt ja schon zwei
ihrer Ungleichheiten, die Pilgerschaft selbst und das Lied.

Es ist wohl deutlich, dafl Herr von Revanne in die Unbekannte
verliebt war. Nun mochte er sich freilich auf sein funfzigj‰hriges
Gesicht nicht verlassen, ob er so schon frisch und wacker aussah als
ein Dreifliger; vielleicht aber hoffte er, durch seine reine, kindliche
Gesundheit zu gefallen, durch die G¸te, Heiterkeit, Sanftheit,
Groflmut seine Charakters; vielleicht auch durch sein Vermˆgen, ob er
gleich zart genug gesinnt war, um zu f¸hlen, dafl man das nicht
erkauft, was keinen Preis hat.

Aber der Sohn von der andern Seite, liebensw¸rdig, z‰rtlich, feurig,
ohne sich mehr als sein Vater zu bedenken, st¸rzte sich ¸ber Hals und
Kopf in das Abenteuer. Erst suchte er vorsichtig die Unbekannte zu

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