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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6 by Johann Wolfgang von Goethe

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6 by Johann Wolfgang von Goethe - Full Text Free Book
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This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.

Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6

Johann Wolfgang von Goethe

Sechstes Buch

Bekenntnisse einer schˆnen Seele

Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weifl mich aber
von dieser Zeit so wenig zu erinnern als von dem Tage meiner Geburt.
Mit dem Anfange des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz, und in
dem Augenblick war meine Seele ganz Empfindung und Ged‰chtnis. Die
kleinsten Umst‰nde dieses Zufalls stehn mir noch vor Augen, als h‰tte
er sich gestern ereignet.

W‰hrend des neunmonatlichen Krankenlagers, das ich mit Geduld aushielt,
ward, so wie mich d¸nkt, der Grund zu meiner ganzen Denkart gelegt,
indem meinem Geiste die ersten H¸lfsmittel gereicht wurden, sich nach
seiner eigenen Art zu entwickeln.

Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens.
In dem heftigsten Husten und abmattenden Fieber war ich stille wie
eine Schnecke, die sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Luft
hatte, wollte ich etwas Angenehmes f¸hlen, und da mir aller ¸brige
Genufl versagt war, suchte ich mich durch Augen und Ohren schadlos zu
halten. Man brachte mir Puppenwerk und Bilderb¸cher, und wer Sitz an
meinem Bette haben wollte, muflte mir etwas erz‰hlen.

Von meiner Mutter hˆrte ich die biblischen Geschichten gern an; der
Vater unterhielt mich mit Gegenst‰nden der Natur. Er besafl ein
artiges Kabinett. Davon brachte er gelegentlich eine Schublade nach
der andern herunter, zeigte mir die Dinge und erkl‰rte sie mir nach
der Wahrheit. Getrocknete Pflanzen und Insekten und manche Arten von
anatomischen Pr‰paraten, Menschenhaut, Knochen, Mumien und dergleichen
kamen auf das Krankenbette der Kleinen; Vˆgel und Tiere, die er auf
der Jagd erlegte, wurden mir vorgezeigt, ehe sie nach der K¸che gingen;
und damit doch auch der F¸rst der Welt eine Stimme in dieser
Versammlung behielte, erz‰hlte mir die Tante Liebesgeschichten und
Feenm‰rchen. Alles ward angenommen, und alles faflte Wurzel. Ich
hatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren Wesen
unterhielt; ich weifl noch einige Verse, die ich der Mutter damals in
die Feder diktierte.

Oft erz‰hlte ich dem Vater wieder, was ich von ihm gelernt hatte. Ich
nahm nicht leicht eine Arzenei, ohne zu fragen: "Wo wachsen die Dinge,
aus denen sie gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heiflen sie?" Aber
die Erz‰hlungen meiner Tante waren auch nicht auf einen Stein gefallen.
Ich dachte mich in schˆne Kleider und begegnete den allerliebsten
Prinzen, die nicht ruhen noch rasten konnten, bis sie wuflten, wer die
unbekannte Schˆne war. Ein ‰hnliches Abenteuer mit einem reizenden
kleinen Engel, der in weiflem Gewand und goldnen Fl¸geln sich sehr um
mich bem¸hte, setzte ich so lange fort, dafl meine Einbildungskraft
sein Bild fast bis zur Erscheinung erhˆhte.

Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war mir
aus der Kindheit nichts Wildes ¸briggeblieben. Ich konnte nicht
einmal mit Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebe
erwiderten. Hunde, Katzen und Vˆgel, dergleichen mein Vater von allen
Arten ern‰hrte, vergn¸gten mich sehr; aber was h‰tte ich nicht gegeben,
ein Geschˆpf zu besitzen, das in einem der M‰rchen meiner Tante eine
sehr wichtige Rolle spielte. Es war ein Sch‰fchen, das von einem
Bauerm‰dchen in dem Walde aufgefangen und ern‰hrt worden war, aber in
diesem artigen Tiere stak ein verw¸nschter Prinz, der sich endlich
wieder als schˆner J¸ngling zeigte und seine Wohlt‰terin durch seine
Hand belohnte. So ein Sch‰fchen h‰tte ich gar zu gerne besessen!

Nun wollte sich aber keines finden, und da alles neben mir so ganz
nat¸rlich zuging, muflte mir nach und nach die Hoffnung auf einen so
kˆstlichen Besitz fast vergehen. Unterdessen trˆstete ich mich, indem
ich solche B¸cher las, in denen wunderbare Begebenheiten beschrieben
wurden. Unter allen war mir der "Christliche deutsche Herkules" der
liebste; die and‰chtige Liebesgeschichte war ganz nach meinem Sinne.
Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr grausame
Dinge, so betete er erst, eh er ihr zu H¸lfe eilte, und die Gebete
standen ausf¸hrlich im Buche. Wie wohl gefiel mir das! Mein Hang zu
dem Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle Weise f¸hlte, ward
dadurch nur vermehrt; denn ein f¸r allemal sollte Gott auch mein
Vertrauter sein.

Als ich weiter heranwuchs, las ich, der Himmel weifl was, alles
durcheinander; aber die "Rˆmische Oktavia" behielt vor allen den Preis.
Die Verfolgungen der ersten Christen, in einen Roman gekleidet,
erregten bei mir das lebhafteste Interesse.

Nun fing die Mutter an, ¸ber das stete Lesen zu schm‰len; der Vater
nahm ihr zuliebe mir einen Tag die B¸cher aus der Hand und gab sie mir
den andern wieder. Sie war klug genug zu bemerken, dafl hier nichts
auszurichten war, und drang nur darauf, dafl auch die Bibel ebenso
fleiflig gelesen wurde. Auch dazu liefl ich mich nicht treiben, und ich
las die heiligen B¸cher mit vielem Anteil. Dabei war meine Mutter
immer sorgf‰ltig, dafl keine verf¸hrerischen B¸cher in meine H‰nde
k‰men, und ich selbst w¸rde jede sch‰ndliche Schrift aus der Hand
geworfen haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen waren alle
‰uflerst tugendhaft, und ich wuflte ¸brigens von der nat¸rlichen
Geschichte des menschlichen Geschlechts mehr, als ich merken liefl, und
hatte es meistens aus der Bibel gelernt. Bedenkliche Stellen hielt
ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen kamen, zusammen und
brachte bei meiner Wiflbegierde und Kombinationsgabe die Wahrheit
gl¸cklich heraus. H‰tte ich von Hexen gehˆrt, so h‰tte ich auch mit
der Hexerei bekannt werden m¸ssen.

Meiner Mutter und dieser Wiflbegierde hatte ich es zu danken, dafl ich
bei dem heftigen Hang zu B¸chern doch kochen lernte; aber dabei war
etwas zu sehen. Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden war f¸r mich ein
Fest. Dem Vater brachte ich die Eingeweide, und er redete mit mir
dar¸ber wie mit einem jungen Studenten und pflegte mich oft mit
inniger Freude seinen miflratenen Sohn zu nennen.

Nun war das zwˆlfte Jahr zur¸ckgelegt. Ich lernte Franzˆsisch, Tanzen
und Zeichnen und erhielt den gewˆhnlichen Religionsunterricht. Bei
dem letzten wurden manche Empfindungen und Gedanken rege, aber nichts,
was sich auf meinen Zustand bezogen h‰tte. Ich hˆrte gern von Gott
reden, ich war stolz darauf, besser als meinesgleichen von ihm reden
zu kˆnnen; ich las nun mit Eifer manche B¸cher, die mich in den Stand
setzten, von Religion zu schwatzen, aber nie fiel es mir ein zu denken,
wie es denn mit mir stehe, ob meine Seele auch so gestaltet sei, ob
sie einem Spiegel gleiche, von dem die ewige Sonne widergl‰nzen kˆnnte;
das hatte ich ein f¸r allemal schon vorausgesetzt.

Franzˆsisch lernte ich mit vieler Begierde. Mein Sprachmeister war
ein wackerer Mann. Er war nicht ein leichtsinniger Empiriker, nicht
ein trocknet Grammatiker; er hatte Wissenschaften, er hatte die Welt
gesehen. Zugleich mit dem Sprachunterrichte s‰ttigte er meine
Wiflbegierde auf mancherlei Weise. Ich liebte ihn so sehr, dafl ich
seine Ankunft immer mit Herzklopfen erwartete. Das Zeichnen fiel mir
nicht schwer, und ich w¸rde es weiter gebracht haben, wenn mein
Meister Kopf und Kenntnisse gehabt h‰tte; er hatte aber nur H‰nde und
¸bung.

Tanzen war anfangs nur meine geringste Freude; mein Kˆrper war zu
empfindlich, und ich lernte nur in der Gesellschaft meiner Schwester.
Durch den Einfall unsers Tanzmeisters, allen seinen Sch¸lern und
Sch¸lerinnen einen Ball zu geben, ward aber die Lust zu dieser ¸bung
ganz anders belebt.

Unter vielen Knaben und M‰dchen zeichneten sich zwei Sˆhne des
Hofmarschalls aus: der j¸ngste so alt wie ich, der andere zwei Jahre
‰lter, Kinder von einer solchen Schˆnheit, dafl sie nach dem
allgemeinen Gest‰ndnis alles ¸bertrafen, was man je von schˆnen
Kindern gesehen hatte. Auch ich hatte sie kaum erblickt, so sah ich
niemand mehr vom ganzen Haufen. In dem Augenblicke tanzte ich mit
Aufmerksamkeit und w¸nschte schˆn zu tanzen. Wie es kam, dafl auch
diese Knaben unter allen andern mich vorz¸glich bemerkten?--Genug, in
der ersten Stunde waren wir die besten Freunde, und die kleine
Lustbarkeit ging noch nicht zu Ende, so hatten wir schon ausgemacht,
wo wir uns n‰chstens wiedersehen wollten. Eine grofle Freude f¸r mich!
Aber ganz entz¸ckt war ich, als beide den andern Morgen, jeder in
einem galanten Billett, das mit einem Blumenstraufl begleitet war, sich
nach meinem Befinden erkundigten. So f¸hlte ich nie mehr, wie ich da
f¸hlte! Artigkeiten wurden mit Artigkeiten, Briefchen mit Briefchen
erwidert. Kirche und Promenaden wurden von nun an zu Rendezvous;
unsre jungen Bekannten luden uns schon jederzeit zusammen ein, wir
aber waren schlau genug, die Sache dergestalt zu verdecken, dafl die
Eltern nicht mehr davon einsahen, als wir f¸r gut hielten.

Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen. Ich war f¸r keinen
entschieden; sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste
zusammen. Auf einmal ward der ‰ltere sehr krank; ich war selbst schon
oft sehr krank gewesen und wuflte den Leidenden durch ¸bersendung
mancher Artigkeiten und f¸r einen Kranken schicklicher Leckerbissen zu
erfreuen, dafl seine Eltern die Aufmerksamkeit dankbar erkannten, der
Bitte des lieben Sohns Gehˆr gaben und mich samt meinen Schwestern,
sobald er nur das Bette verlassen hatte, zu ihm einluden. Die
Z‰rtlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, und von dem
Tage an war ich f¸r ihn entschieden. Er warnte mich gleich, vor
seinem Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu
verbergen, und die Eifersucht des J¸ngern machte den Roman vollkommen.
Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust vernichtete er unsre
Freunde und vermehrte dadurch die Leidenschaft, die er zu zerstˆren
suchte.

Nun hatte ich denn wirklich das gew¸nschte Sch‰fchen gefunden, und
diese Leidenschaft hatte, wie sonst eine Krankheit, die Wirkung auf
mich, dafl sie mich still machte und mich von der schw‰rmenden Freude
zur¸ckzog. Ich war einsam und ger¸hrt, und Gott fiel mir wieder ein.
Er blieb mein Vertrauter, und ich weifl wohl, mit welchen Tr‰nen ich
f¸r den Knaben, der fortkr‰nkelte, zu beten anhielt.

Soviel Kindisches in dem Vorgang war, soviel trug er zur Bildung
meines Herzens bei. Unserm franzˆsischen Sprachmeister muflten wir
t‰glich statt der sonst gewˆhnlichen ¸bersetzung Briefe von unsrer
eignen Erfindung schreiben. Ich brachte meine Liebesgeschichte unter
dem Namen Phyllis und Damon zu Markte. Der Alte sah bald durch, und
um mich treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar sehr. Ich
wurde immer k¸hner, ging offenherzig heraus und war bis ins Detail der
Wahrheit getreu. Ich weifl nicht mehr, bei welcher Stelle er einst
Gelegenheit nahm zu sagen: "Wie das artig, wie das nat¸rlich ist!
Aber die gute Phyllis mag sich in acht nehmen, es kann bald ernsthaft
werden."

Mich verdrofl, dafl er die Sache nicht schon f¸r ernsthaft hielt, und
fragte ihn pikiert, was er unter ernsthaft verstehe? Er liefl sich
nicht zweimal fragen und erkl‰rte sich so deutlich, dafl ich meinen
Schrecken kaum verbergen konnte. Doch da sich gleich darauf bei mir
der Verdrufl einstellte und ich ihm ¸belnahm, dafl er solche Gedanken
hegen kˆnne, faflte ich mich, wollte meine Schˆne rechtfertigen und
sagte mit feuerroten Wangen: "Aber, mein Herr, Phyllis ist ein
ehrbares M‰dchen!"

Nun war er boshaft genug, mich mit meiner ehrbaren Heldin aufzuziehen
und, indem wir Franzˆsisch sprachen, mit dem "honnete" zu spielen, um
die Ehrbarkeit der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzuf¸hren. Ich
f¸hlte das L‰cherliche und war ‰uflerst verwirrt. Er, der mich nicht
furchtsam machen wollte, brach ab, brachte aber das Gespr‰ch bei
andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn. Schauspiele und kleine
Geschichten, die ich bei ihm las und ¸bersetzte, gaben ihm oft Anlafl
zu zeigen, was f¸r ein schwacher Schutz die sogenannte Tugend gegen
die Aufforderungen eines Affekts sei. Ich widersprach nicht mehr,
‰rgerte mich aber immer heimlich, und seine Anmerkungen wurden mir zur
Last.

Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und nach aus aller Verbindung.
Die Schikanen des J¸ngern hatten unsern Umgang zerrissen. Nicht
lange Zeit darauf starben beide bl¸hende J¸nglinge. Es tat mir weh,
aber bald waren sie vergessen.

Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund und fing an, die Welt
zu sehen. Der Erbprinz verm‰hlte sich und trat bald darauf nach dem
Tode seines Vaters die Regierung an. Hof und Stadt waren in lebhafter
Bewegung. Nun hatte meine Neugierde mancherlei Nahrung. Nun gab es
Komˆdien, B‰lle und was sich daran anschlieflt, und ob uns gleich die
Eltern soviel als mˆglich zur¸ckhielten, so muflte man doch bei Hof, wo
ich eingef¸hrt war, erscheinen. Die Fremden strˆmten herbei, in allen
H‰usern war grofle Welt, an uns selbst waren einige Kavaliere empfohlen
und andre introduziert, und bei meinem Oheim waren alle Nationen
anzutreffen.

Mein ehrlicher Mentor fuhr fort, mich auf eine bescheidene und doch
treffende Weise zu warnen, und ich nahm es ihm immer heimlich ¸bel.
Ich war keinesweges von der Wahrheit seiner Behauptung ¸berzeugt, und
vielleicht hatte ich auch damals recht, vielleicht hatte er unrecht,
die Frauen unter allen Umst‰nden f¸r so schwach zu halten; aber er
redete zugleich so zudringlich, dafl mir einst bange wurde, er mˆchte
recht haben, da ich denn sehr lebhaft zu ihm sagte: "Weil die Gefahr
so grofl und das menschliche Herz so schwach ist, so will ich Gott
bitten, dafl er mich bewahre."

Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte meinen Vorsatz; aber
es war bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; diesmal war es
nur ein leeres Wort: denn die Empfindungen f¸r den Unsichtbaren waren
bei mir fast ganz verloschen. Der grofle Schwarm, mit dem ich umgeben
war, zerstreute mich und rifl mich wie ein starker Strom mit fort. Es
waren die leersten Jahre meines Lebens. Tagelang von nichts zu reden,
keinen gesunden Gedanken zu haben und nur zu schw‰rmen, das war meine
Sache. Nicht einmal der geliebten B¸cher wurde gedacht. Die Leute,
mit denen ich umgeben war, hatten keine Ahnung von Wissenschaften; es
waren deutsche Hofleute, und diese Klasse hatte damals nicht die
mindeste Kultur.

Ein solcher Umgang, sollte man denken, h‰tte mich an den Rand des
Verderbens f¸hren m¸ssen. Ich lebte in sinnlicher Munterkeit nur so
hin, ich sammelte mich nicht, ich betete nicht, ich dachte nicht an
mich noch an Gott; aber ich sah es als eine F¸hrung an, dafl mir keiner
von den vielen schˆnen, reichen und wohlgekleideten M‰nnern gefiel.
Sie waren liederlich und versteckten es nicht, das schreckte mich
zur¸ck; ihr Gespr‰ch zierten sie mit Zweideutigkeiten, das beleidigte
mich, und ich hielt mich kalt gegen sie; ihre Unart ¸berstieg manchmal
allen Glauben, und ich erlaubte mir, grob zu sein.

¸berdies hatte mir mein Alter einmal vertraulich erˆffnet, dafl mit den
meisten dieser leidigen Bursche nicht allein die Tugend, sondern auch
die Gesundheit eines M‰dchens in Gefahr sei. Nun graute mir erst vor
ihnen, und ich war schon besorgt, wenn mir einer auf irgendeine Weise
zu nahe kam. Ich h¸tete mich vor Gl‰sern und Tassen wie vor dem
Stuhle, von dem einer aufgestanden war. Auf diese Weise war ich
moralisch und physisch sehr isoliert, und alle die Artigkeiten, die
sie mir sagten, nahm ich stolz f¸r schuldigen Weihrauch auf.

Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, zeichnete sich
ein junger Mann besonders aus, den wir im Scherz Narzifl nannten. Er
hatte sich in der diplomatischen Laufbahn guten Ruf erworben und
hoffte bei verschiedenen Ver‰nderungen, die an unserm neuen Hofe
vorgingen, vorteilhaft plaziert zu werden. Er ward mit meinem Vater
bald bekannt, und seine Kenntnisse und sein Betragen ˆffneten ihm den
Weg in eine geschlossene Gesellschaft der w¸rdigsten M‰nner. Mein
Vater sprach viel zu seinem Lobe, und seine schˆne Gestalt h‰tte noch
mehr Eindruck gemacht, wenn sein ganzes Wesen nicht eine Art von
Selbstgef‰lligkeit gezeigt h‰tte. Ich hatte ihn gesehen, dachte gut
von ihm, aber wir hatten uns nie gesprochen.

Auf einem groflen Balle, auf dem er sich auch befand, tanzten wir eine
Menuett zusammen; auch das ging ohne n‰here Bekanntschaft ab. Als die
heftigen T‰nze angingen, die ich meinem Vater zuliebe, der f¸r meine
Gesundheit besorgt war, zu vermeiden pflegte, begab ich mich in ein
Nebenzimmer und unterhielt mich mit ‰ltern Freundinnen, die sich zum
Spiele gesetzt hatten.

VI. Buch--2

Narzifl, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in
das Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von
einem Nasenbluten, das ihn beim Tanzen ¸berfiel, erholt hatte, mit mir
¸ber mancherlei zu sprechen an. Binnen einer halben Stunde war der
Diskurs so interessant, ob sich gleich keine Spur von Z‰rtlichkeit
dreinmischte, dafl wir nun beide das Tanzen nicht mehr vertragen
konnten. Wir wurden bald von den andern dar¸ber geneckt, ohne dafl wir
uns dadurch irremachen lieflen. Den andern Abend konnten wir unser
Gespr‰ch wieder ankn¸pfen und schonten unsre Gesundheit sehr.

Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narzifl wartete mir und meinen
Schwestern auf, und nun fing ich erst wieder an gewahr zu werden, was
ich alles wuflte, wor¸ber ich gedacht, was ich empfunden hatte und
wor¸ber ich mich im Gespr‰che auszudr¸cken verstand. Mein neuer
Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte
aufler dem historischen und politischen Fache, das er ganz ¸bersah,
sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb nichts Neues,
besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt. Er brachte und
sendete mir manch angenehmes Buch, doch das muflte geheimer als ein
verbotenes Liebesverst‰ndnis gehalten werden. Man hatte die gelehrten
Weiber l‰cherlich gemacht, und man wollte auch die unterrichteten
nicht leiden, wahrscheinlich weil man f¸r unhˆflich hielt, so viel
unwissende M‰nner besch‰men zu lassen. Selbst mein Vater, dem diese
neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr erw¸nscht war,
verlangte ausdr¸cklich, dafl dieses literarische Kommerz ein Geheimnis
bleiben sollte.

So w‰hrte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht
sagen, dafl Narzifl auf irgendeine Weise Liebe oder Z‰rtlichkeit gegen
mich ge‰uflert h‰tte. Er blieb artig und verbindlich, aber zeigte
keinen Affekt; vielmehr schien der Reiz meiner j¸ngsten Schwester, die
damals auflerordentlich schˆn war, ihn nicht gleichg¸ltig zu lassen.
Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche Namen aus fremden Sprachen,
deren mehrere er sehr gut sprach und deren eigent¸mliche Redensarten
er gern ins deutsche Gespr‰ch mischte. Sie erwiderte seine
Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem andern F‰dchen
gebunden, und da sie ¸berhaupt sehr rasch und er empfindlich war, so
wurden sie nicht selten ¸ber Kleinigkeiten uneins. Mit der Mutter und
den Tanten wuflte er sich gut zu halten, und so war er nach und nach
ein Glied der Familie geworden.

Wer weifl, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt h‰tten, w‰ren
durch einen sonderbaren Zufall unsere Verh‰ltnisse nicht auf einmal
ver‰ndert worden. Ich ward mit meinen Schwestern in ein gewisses Haus
gebeten, wohin ich nicht gerne ging. Die Gesellschaft war zu gemischt,
und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom
plattsten Schlage mit ein. Diesmal war Narzifl auch mit geladen, und
um seinetwillen war ich geneigt hinzugehen: denn ich war doch gewifl,
jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten
konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen, denn einige
M‰nner hatten stark getrunken; nach Tische sollten und muflten Pf‰nder
gespielt werden. Es ging dabei sehr rauschend und lebhaft zu. Narzifl
hatte ein Pfand zu lˆsen; man gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft
etwas ins Ohr zu sagen, das jedermann angenehm w‰re. Er mochte sich
bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns, zu lange verweilen.
Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, dafl mir, die ich gleich daran
safl, der Puder in die Augen flog. Als ich die Augen ausgewischt und
mich vom Schrecken einigermaflen erholt hatte, sah ich beide M‰nner mit
bloflen Degen. Narzifl blutete, und der andere, aufler sich von Wein,
Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen ¸brigen Gesellschaft
zur¸ckgehalten werden. Ich nahm Narzissen beim Arm und f¸hrte ihn zur
T¸re hinaus, eine Treppe hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich
meinen Freund vor seinem tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte
ich die T¸re sogleich zu.

Wir hielten beide die Wunde nicht f¸r ernsthaft, denn wir sahen nur
einen leichten Hieb ¸ber die Hand; bald aber wurden wir einen Strom
von Blut, der den R¸cken hinunterflofl, gewahr, und es zeigte sich eine
grofle Wunde auf dem Kopfe. Nun ward mir bange. Ich eilte auf den
Vorplatz, um nach H¸lfe zu schicken, konnte aber niemand ansichtig
werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden Menschen zu
b‰ndigen. Endlich kam eine Tochter des Hauses heraufgesprungen, und
ihre Munterkeit ‰ngstigte mich nicht wenig, da sie sich ¸ber den
tollen Spektakel und ¸ber die verfluchte Komˆdie fast zu Tode lachen
wollte. Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie,
nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst
einen zu holen.

Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um
die Hand und ein Handtuch, das an der T¸re hing, um den Kopf. Er
blutete noch immer heftig: der Verwundete erblaflte und schien in
Ohnmacht zu sinken. Niemand war in der N‰he, der mir h‰tte beistehen
kˆnnen; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den Arm und suchte ihn durch
Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien die Wirkung eines
geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber safl totenbleich
da.

Nun kam endlich die t‰tige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie den
Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide mit
Blut ¸berstrˆmt sah: denn niemand hatte sich vorgestellt, dafl Narzifl
verwundet sei; alle meinten, ich habe ihn gl¸cklich hinausgebracht.

Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und
erfrischen konnte, im ¸berflufl da, nun kam auch der Wundarzt, und ich
h‰tte wohl abtreten kˆnnen; allein Narzifl hielt mich fest bei der Hand,
und ich w‰re, ohne gehalten zu werden, stehengeblieben. Ich fuhr
w‰hrend des Verbandes fort, ihn mit Wein anzustreichen, und achtete es
wenig, dafl die ganze Gesellschaft nunmehr umherstand. Der Wundarzt
hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen, verbindlichen
Abschied von mir und wurde nach Hause getragen.

Nun f¸hrte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie muflte mich ganz
auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, dafl ich, da man sein Blut
von meinem Kˆrper abwusch, zum erstenmal zuf‰llig im Spiegel gewahr
wurde, dafl ich mich auch ohne H¸lle f¸r schˆn halten durfte. Ich
konnte keines meiner Kleidungsst¸cke wieder anziehn, und da die
Personen im Hause alle kleiner oder st‰rker waren als ich, so kam ich
in einer seltsamen Verkleidung zum grˆflten Erstaunen meiner Eltern
nach Hause. Sie waren ¸ber mein Schrecken, ¸ber die Wunden des
Freundes, ¸ber den Unsinn des Hauptmanns, ¸ber den ganzen Vorfall
‰uflerst verdriefllich. Wenig fehlte, so h‰tte mein Vater selbst,
seinen Freund auf der Stelle zu r‰chen, den Hauptmann herausgefordert.
Er schalt die anwesenden Herren, dafl sie ein solches meuchlerisches
Beginnen nicht auf der Stelle geahndet; denn es war nur zu offenbar,
dafl der Hauptmann sogleich, nachdem er geschlagen, den Degen gezogen
und Narzissen von hinten verwundet habe; der Hieb ¸ber die Hand war
erst gef¸hrt worden, als Narzifl selbst zum Degen griff. Ich war
unbeschreiblich alteriert und affiziert, oder wie soll ich es
ausdr¸cken; der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war
auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekˆmmt. Und
wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen
und im stillen zu n‰hren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist,
durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden
und zu erkl‰ren. Man gab dem Tˆchterchen Arznei ein und legte es zu
Bette. Mit dem fr¸hesten Morgen eilte mein Vater zu dem verwundeten
Freund, der an einem starken Wundfieber recht krank darniederlag.

Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und
suchte mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben kˆnnte, zu
beruhigen. Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begn¸gen
kˆnne, ob die Sache gerichtlich werden m¸sse, und was dergleichen mehr
war. Ich kannte meinen Vater zu wohl, als dafl ich ihm geglaubt h‰tte,
dafl er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen w¸nschte; allein
ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater fr¸h gelernt, dafl
Weiber in solche H‰ndel sich nicht zu mischen h‰tten. ¸brigens schien
es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas vorgefallen w‰re,
das mich betroffen h‰tte; doch bald vertraute mein Vater den Inhalt
seiner weitern Unterredung meiner Mutter. Narzifl, sagte er, sei
‰uflerst ger¸hrt von meinem geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich
f¸r meinen ewigen Schuldner erkl‰rt, bezeigt, er verlange kein Gl¸ck,
wenn er es nicht mit mir teilen sollte; er habe sich die Erlaubnis
ausgebeten, ihn als Vater ansehn zu d¸rfen. Mama sagte mir das alles
treulich wieder, h‰ngte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf so
etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, d¸rfe man so sehr
nicht achten. "Ja freilich", antwortete ich mit angenommener K‰lte
und f¸hlte der Himmel weifl was und wieviel dabei.

Narzifl blieb zwei Monate krank, konnte wegen der Wunde an der rechten
Hand nicht einmal schreiben, bezeigte mir aber inzwischen sein
Andenken durch die verbindlichste Aufmerksamkeit. Alle diese mehr als
gewˆhnlichen Hˆflichkeiten hielt ich mit dem, was ich von der Mutter
erfahren hatte, zusammen, und best‰ndig war mein Kopf voller Grillen.
Die ganze Stadt unterhielt sich von der Begebenheit. Man sprach mit
mir davon in einem besondern Tone, man zog Folgerungen daraus, die,
sosehr ich sie abzulehnen suchte, mir immer sehr nahegingen. Was
vorher T‰ndelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun Ernst und Neigung.
Die Unruhe, in der ich lebte, war um so heftiger, je sorgf‰ltiger
ich sie vor allen Menschen zu verbergen suchte. Der Gedanke, ihn zu
verlieren, erschreckte mich, und die Mˆglichkeit einer n‰hern
Verbindung machte mich zittern. Der Gedanke des Ehestandes hat f¸r
ein halbkluges M‰dchen gewifl etwas Schreckhaftes.

Durch diese heftigen Ersch¸tterungen ward ich wieder an mich selbst
erinnert. Die bunten Bilder eines zerstreuten Lebens, die mir sonst
Tag und Nacht vor den Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen.
Meine Seele fing wieder an, sich zu regen; allein die sehr
unterbrochene Bekanntschaft mit dem unsichtbaren Freunde war so leicht
nicht wiederhergestellt. Wir blieben noch immer in ziemlicher
Entfernung; es war wieder etwas, aber gegen sonst ein grofler
Unterschied.

Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war vor¸ber,
ohne dafl ich etwas davon erfahren hatte, und die ˆffentliche Meinung
war in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder
auf dem Schauplatze erschien. Vor allen Dingen liefl er sich mit
verbundnem Haupt und eingewickelter Hand in unser Haus tragen. Wie
klopfte mir das Herz bei diesem Besuche! Die ganze Familie war
gegenw‰rtig; es blieb auf beiden Seiten nur bei allgemeinen
Danksagungen und Hˆflichkeiten; doch fand er Gelegenheit, mir einige
geheime Zeichen seiner Z‰rtlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe nur
zu sehr vermehrt ward. Nachdem er sich vˆllig wieder erholt, besuchte
er uns den ganzen Winter auf ebendem Fufl wie ehemals, und bei allen
leisen Zeichen von Empfindung und Liebe, die er mir gab, blieb alles
unerˆrtert.

Auf diese Weise ward ich in steter ¸bung gehalten. Ich konnte mich
keinem Menschen vertrauen, und von Gott war ich zu weit entfernt. Ich
hatte diesen w‰hrend vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte ich
dann und wann wieder an ihn, aber die Bekanntschaft war erkaltet; es
waren nur Zeremonienvisiten, die ich ihm machte, und da ich ¸berdies,
wenn ich vor ihm erschien, immer schˆne Kleider anlegte, meine Tugend,
Ehrbarkeit und Vorz¸ge, die ich vor andern zu haben glaubte, ihm mit
Zufriedenheit vorwies, so schien er mich in dem Schmucke gar nicht zu
bemerken.

Ein Hˆfling w¸rde, wenn sein F¸rst, von dem er sein Gl¸ck erwartet,
sich so gegen ihn betr¸ge, sehr beunruhigt werden; mir aber war nicht
¸bel dabei zumute. Ich hatte, was ich brauchte, Gesundheit und
Bequemlichkeit; wollte sich Gott mein Andenken gefallen lassen, so war
es gut; wo nicht, so glaubte ich doch meine Schuldigkeit getan zu
haben.

So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber es war doch die
wahrhafte Gestalt meiner Seele. Meine Gesinnungen zu ‰ndern und zu
reinigen, waren aber auch schon Anstalten gemacht.

Der Fr¸hling kam heran, und Narzifl besuchte mich unangemeldet zu einer
Zeit, da ich ganz allein zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber
und fragte mich, ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle,
wohlbesoldete Stelle erhielte, auch dereinst meine Hand schenken
wollte.

Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; allein anfangs hielt man
ihn, weil man sich vor seinem Ehrgeiz f¸rchtete, mehr zur¸ck, als dafl
man ihn schnell emporgehoben h‰tte, und liefl ihn, weil er eignes
Vermˆgen hatte, bei einer kleinen Besoldung.

Bei aller meiner Neigung zu ihm wuflte ich, dafl er der Mann nicht war,
mit dem man ganz gerade handeln konnte. Ich nahm mich daher zusammen
und verwies ihn an meinen Vater, an dessen Einwilligung er nicht zu
zweifeln schien und mit mir erst auf der Stelle einig sein wollte.
Endlich sagte ich ja, indem ich die Beistimmung meiner Eltern zur
notwendigen Bedingung machte. Er sprach alsdann mit beiden fˆrmlich;
sie zeigten ihre Zufriedenheit, man gab sich das Wort auf den bald zu
hoffenden Fall, dafl man ihn weiter avancieren werde. Schwestern und
Tanten wurden davon benachrichtigt und ihnen das Geheimnis auf das
strengste anbefohlen.

Nun war aus einem Liebhaber ein Br‰utigam geworden. Die
Verschiedenheit zwischen beiden zeigte sich sehr grofl. Kˆnnte jemand
die Liebhaber aller wohldenkenden M‰dchen in Br‰utigame verwandeln, so
w‰re es eine grofle Wohltat f¸r unser Geschlecht, selbst wenn auf
dieses Verh‰ltnis keine Ehe erfolgen sollte. Die Liebe zwischen
beiden Personen nimmt dadurch nicht ab, aber sie wird vern¸nftiger.
Unz‰hlige kleine Torheiten, alle Koketterien und Launen fallen gleich
hinweg. ‰uflert uns der Br‰utigam, dafl wir ihm in einer Morgenhaube
besser als in dem schˆnsten Aufsatze gefallen, dann wird einem
wohldenkenden M‰dchen gewifl die Frisur gleichg¸ltig, und es ist nichts
nat¸rlicher, als dafl er auch solid denkt und lieber sich eine Hausfrau
als der Welt eine Putzdocke zu bilden w¸nscht. Und so geht es durch
alle F‰cher durch.

Hat ein solches M‰dchen dabei das Gl¸ck, dafl ihr Br‰utigam Verstand
und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde
L‰nder geben kˆnnen. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er
ihr gibt, sondern sie sucht sich auch auf diesem Wege so immer
weiterzubringen. Die Liebe macht vieles Unmˆgliche mˆglich, und
endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so nˆtige und anst‰ndige
Unterwerfung sogleich an; der Br‰utigam herrscht nicht wie der Ehemann;
er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er
w¸nscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet.

So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht um vieles missen
mˆchte. Ich war gl¸cklich, wahrhaft gl¸cklich, wie man es in der Welt
sein kann, das heiflt auf kurze Zeit.

Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden hin. Narzifl gab mir
nicht die mindeste Gelegenheit zu Beschwerden; er ward mir immer
lieber, meine ganze Seele hing an ihm, das wuflte er wohl und wuflte es
zu sch‰tzen. Inzwischen entspann sich aus anscheinenden Kleinigkeiten
etwas, das unserm Verh‰ltnisse nach und nach sch‰dlich wurde.

Narzifl ging als Br‰utigam mit mir um, und nie wagte er es, das von mir
zu begehren, was uns noch verboten war. Allein ¸ber die Grenzen der
Tugend und Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener Meinung. Ich
wollte sichergehen und erlaubte durchaus keine Freiheit, als welche
allenfalls die ganze Welt h‰tte wissen d¸rfen. Er, an N‰schereien
gewˆhnt, fand diese Di‰t sehr streng; hier setzte es nun best‰ndigen
Widerspruch; er lobte mein Verhalten und suchte meinen Entschlufl zu
untergraben.

Mir fiel das "ernsthaft" meines alten Sprachmeisters wieder ein und
zugleich das H¸lfsmittel, das ich damals dagegen angegeben hatte.

Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden. Er hatte mir so
einen lieben Br‰utigam gegeben, und daf¸r wuflte ich ihm Dank. Die
irdische Liebe selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in
Bewegung, und meine Besch‰ftigung mit Gott widersprach ihr nicht.
Ganz nat¸rlich klagte ich ihm, was mich bange machte, und bemerkte
nicht, dafl ich selbst das, was mich bange machte, w¸nschte und
begehrte. Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht etwa: "Bewahre
mich vor Versuchung!" ¸ber die Versuchung war ich meinen Gedanken nach
weit hinaus. In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien
ich dreist vor Gott; er stiefl mich nicht weg; auf die geringste
Bewegung zu ihm hinterliefl er einen sanften Eindruck in meiner Seele,
und dieser Eindruck bewegte mich, ihn immer wieder aufzusuchen.

VI. Buch--3

Die ganze Welt war mir aufler Narzissen tot, nichts hatte aufler ihm
einen Reiz f¸r mich. Selbst meine Liebe zum Putz hatte nur den Zweck,
ihm zu gefallen; wuflte ich, dafl er mich nicht sah, so konnte ich keine
Sorgfalt darauf wenden. Ich tanzte gern; wenn er aber nicht dabei war,
so schien mir, als wenn ich die Bewegung nicht vertragen kˆnnte. Auf
ein brillantes Fest, bei dem er nicht zugegen war, konnte ich mir
weder etwas Neues anschaffen noch das Alte der Mode gem‰fl aufstutzen.
Einer war mir so lieb als der andere, doch mˆchte ich lieber sagen:
einer so l‰stig als der andere. Ich glaubte meinen Abend recht gut
zugebracht zu haben, wenn ich mir mit ‰ltern Personen ein Spiel
ausmachen konnte, wozu ich sonst nicht die mindeste Lust hatte, und
wenn ein alter, guter Freund mich etwa scherzhaft dar¸ber aufzog,
l‰chelte ich vielleicht das erstemal den ganzen Abend. So ging es mit
Promenaden und allen gesellschaftlichen Vergn¸gungen, die sich nur
denken lassen:

Ich hatt ihn einzig mir erkoren; Ich schien mir nur f¸r ihn geboren,
Begehrte nichts als seine Gunst.

So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und die vˆllige Einsamkeit
war mir meistens lieber. Allein mein gesch‰ftiger Geist konnte weder
schlafen noch tr‰umen; ich f¸hlte und dachte und erlangte nach und
nach eine Fertigkeit, von meinen Empfindungen und Gedanken mit Gott zu
reden. Da entwickelten sich Empfindungen anderer Art in meiner Seele,
die jenen nicht widersprachen. Denn meine Liebe zu Narzifl war dem
ganzen Schˆpfungsplane gem‰fl und stiefl nirgend gegen meine Pflichten
an. Sie widersprachen sich nicht und waren doch unendlich verschieden.
Narzifl war das einzige Bild, das mir vorschwebte, auf das sich meine
ganze Liebe bezog; aber das andere Gef¸hl bezog sich auf kein Bild und
war unaussprechlich angenehm. Ich habe es nicht mehr und kann es mir
nicht mehr geben.

Mein Geliebter, der sonst alle meine Geheimnisse wuflte, erfuhr nichts
hiervon. Ich merkte bald, dafl er anders dachte; er gab mir ˆfters
Schriften, die alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren heiflen
kann, mit leichten und schweren Waffen bestritten. Ich las die B¸cher,
weil sie von ihm kamen, und wuflte am Ende kein Wort von allem dem,
was darin gestanden hatte.

¸ber Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch nicht ohne Widerspruch
ab; er machte es wie alle M‰nner, spottete ¸ber gelehrte Frauen und
bildete unaufhˆrlich an mir. ¸ber alle Gegenst‰nde, die
Rechtsgelehrsamkeit ausgenommen, pflegte er mit mir zu sprechen, und
indem er mir Schriften von allerlei Art best‰ndig zubrachte,
wiederholte er oft die bedenkliche Lehre: dafl ein Frauenzimmer sein
Wissen heimlicher halten m¸sse als der Kalvinist seinen Glauben im
katholischen Lande; und indem ich wirklich auf eine ganz nat¸rliche
Weise vor der Welt mich nicht kl¸ger und unterrichteter als sonst zu
zeigen pflegte, war er der erste, der gelegentlich der Eitelkeit nicht
widerstehen konnte, von meinen Vorz¸gen zu sprechen.

Ein ber¸hmter und damals wegen seines Einflusses, seiner Talente und
seines Geistes sehr gesch‰tzter Weltmann fand an unserm Hofe groflen
Beifall. Er zeichnete Narzissen besonders aus und hatte ihn best‰ndig
um sich. Sie stritten auch ¸ber die Tugend der Frauen. Narzifl
vertraute mir weitl‰ufig ihre Unterredung; ich blieb mit meinen
Anmerkungen nicht dahinten, und mein Freund verlangte von mir einen
schriftlichen Aufsatz. Ich schrieb ziemlich gel‰ufig Franzˆsisch: ich
hatte bei meinem Alten einen guten Grund gelegt. Die Korrespondenz
mit meinem Freunde war in dieser Sprache gef¸hrt, und eine feinere
Bildung konnte man ¸berhaupt damals nur aus franzˆsischen B¸chern
nehmen. Mein Aufsatz hatte dem Grafen gefallen; ich muflte einige
kleine Lieder hergeben, die ich vor kurzem gedichtet hatte. Genug,
Narzifl schien sich auf seine Geliebte ohne R¸ckhalt etwas zugute zu
tun, und die Geschichte endigte zu seiner groflen Zufriedenheit mit
einer geistreichen Epistel in franzˆsischen Versen, die ihm der Graf
bei seiner Abreise zusandte, worin ihres freundschaftlichen Streites
gedacht war und mein Freund am Ende gl¸cklich gepriesen wurde, dafl er,
nach so manchen Zweifeln und Irrt¸mern, in den Armen einer reizenden
und tugendhaften Gattin, was Tugend sei, am sichersten erfahren w¸rde.

Dieses Gedicht ward mir vor allen und dann aber auch fast jedermann
gezeigt, und jeder dachte dabei, was er wollte. So ging es in
mehreren F‰llen, und so muflten alle Fremden, die er sch‰tzte, in
unserm Hause bekannt werden.

Eine gr‰fliche Familie hielt sich wegen unsres geschickten Arztes eine
Zeitlang hier auf. Auch in diesem Hause war Narzifl wie ein Sohn
gehalten; er f¸hrte mich daselbst ein, man fand bei diesen w¸rdigen
Personen eine angenehme Unterhaltung f¸r Geist und Herz, und selbst
die gewˆhnlichen Zeitvertreibe der Gesellschaft schienen in diesem
Hause nicht so leer wie anderw‰rts. Jedermann wuflte, wie wir zusammen
standen; man behandelte uns, wie es die Umst‰nde mit sich brachten,
und liefl das Hauptverh‰ltnis unber¸hrt. Ich erw‰hne dieser einen
Bekanntschaft, weil sie in der Folge meines Lebens manchen Einflufl auf
mich hatte.

Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, und mit ihm war
auch unser Fr¸hling dahin. Der Sommer kam, und alles wurde
ernsthafter und heifler.

Durch einige unerwartete Todesf‰lle waren ‰mter erledigt, auf die
Narzifl Anspruch machen konnte. Der Augenblick war nahe, in dem sich
mein ganzes Schicksal entscheiden sollte, und indes Narzifl und alle
Freunde sich bei Hofe die mˆglichste M¸he gaben, gewisse Eindr¸cke,
die ihm ung¸nstig waren, zu vertilgen und ihm den erw¸nschten Platz zu
verschaffen, wendete ich mich mit meinem Anliegen zu dem unsichtbaren
Freunde. Ich ward so freundlich aufgenommen, dafl ich gern wiederkam.
Ganz frei gestand ich meinen Wunsch, Narzifl mˆchte zu der Stelle
gelangen; allein meine Bitte war nicht ungest¸m, und ich forderte
nicht, dafl es um meines Gebets willen geschehen sollte.

Die Stelle ward durch einen viel geringern Konkurrenten besetzt. Ich
erschrak heftig ¸ber die Zeitung und eilte in mein Zimmer, das ich
fest hinter mir zumachte. Der erste Schmerz lˆste sich in Tr‰nen auf;
der n‰chste Gedanke war: Es ist aber doch nicht von ungef‰hr geschehen,
und sogleich folgte die Entschlieflung, es mir recht wohl gefallen zu
lassen, weil auch dieses anscheinende ¸bel zu meinem wahren Besten
gereichen w¸rde. Nun drangen die sanftesten Empfindungen, die alle
Wolken des Kummers zerteilten, herbei; ich f¸hlte, dafl sich mit dieser
H¸lfe alles ausstehen liefl. Ich ging heiter zu Tische, zum Erstaunen
meiner Hausgenossen.

Narzifl hatte weniger Kraft als ich, und ich muflte ihn trˆsten. Auch
in seiner Familie begegneten ihm Widerw‰rtigkeiten, die ihn sehr
dr¸ckten, und bei dem wahren Vertrauen, das unter uns statthatte,
vertraute er mir alles. Seine Negoziationen, in fremde Dienste zu
gehen, waren auch nicht gl¸cklicher; alles f¸hlte ich tief um seinet-
und meinetwillen, und alles trug ich zuletzt an den Ort, wo mein
Anliegen so wohl aufgenommen wurde.

Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto ˆfter suchte ich sie zu
erneuern und den Trost immer da, wo ich ihn so oft gefunden hatte;
allein ich fand ihn nicht immer: es war mir wie einem, der sich an der
Sonne w‰rmen will und dem etwas im Wege steht, das Schatten macht.
"Was ist das?" fragte ich mich selbst. Ich sp¸rte der Sache eifrig
nach und bemerkte deutlich, dafl alles von der Beschaffenheit meiner
Seele abhing; wenn die nicht ganz in der geradesten Richtung zu Gott
gekehrt war, so blieb ich kalt; ich f¸hlte seine R¸ckwirkung nicht und
konnte seine Antwort nicht vernehmen. Nun war die zweite Frage: Was
verhindert diese Richtung? Hier war ich in einem weiten Feld und
verwickelte mich in eine Untersuchung, die beinahe das ganze zweite
Jahr meiner Liebesgeschichte fortdauerte. Ich h‰tte sie fr¸her
endigen kˆnnen, denn ich kam bald auf die Spur; aber ich wollte es
nicht gestehen und suchte tausend Ausfl¸chte.

Ich fand sehr bald, dafl die gerade Richtung meiner Seele durch
tˆrichte Zerstreuung und Besch‰ftigung mit unw¸rdigen Sachen gestˆrt
werde; das Wie und Wo war mir bald klar genug. Nun aber wie
herauskommen in einer Welt, wo alles gleichg¸ltig oder toll ist? Gern
h‰tte ich die Sache an ihren Ort gestellt sein lassen und h‰tte auf
Geratewohl hingelebt wie andere Leute auch, die ich ganz wohlauf sah;
allein ich durfte nicht: mein Inneres widersprach mir zu oft. Wollte
ich mich der Gesellschaft entziehen und meine Verh‰ltnisse ver‰ndern,
so konnte ich nicht. Ich war nun einmal in einen Kreis hineingesperrt;
gewisse Verbindungen konnte ich nicht loswerden, und in der mir so
angelegenen Sache dr‰ngten und h‰uften sich die Fatalit‰ten. Ich
legte mich oft mit Tr‰nen zu Bette und stand nach einer schlaflosen
Nacht auch wieder so auf; ich bedurfte einer kr‰ftigen Unterst¸tzung,
und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der Schellenkappe
herumlief.

Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder Handlungen; Tanzen und
Spielen wurden am ersten in Untersuchung genommen. Nie ist etwas f¸r
oder gegen diese Dinge geredet, gedacht oder geschrieben worden, das
ich nicht aufsuchte, besprach, las, erwog, vermehrte, verwarf und mich
unerhˆrt herumplagte. Unterliefl ich diese Dinge, so war ich gewifl,
Narzissen zu beleidigen; denn er f¸rchtete sich ‰uflerst vor dem
L‰cherlichen, das uns der Anschein ‰ngstlicher Gewissenhaftigkeit vor
der Welt gibt. Weil ich nun das, was ich f¸r Torheit, f¸r sch‰dliche
Torheit hielt, nicht einmal aus Geschmack, sondern blofl um
seinetwillen tat, so wurde mir alles entsetzlich schwer.

Ohne unangenehme Weitl‰ufigkeiten und Wiederholungen w¸rde ich die
Bem¸hungen nicht darstellen kˆnnen, welche ich anwendete, um jene
Handlungen, die mich nun einmal zerstreuten und meinen innern Frieden
stˆrten, so zu verrichten, dafl dabei mein Herz f¸r die Einwirkungen
des unsichtbaren Wesens offenblieben und wie schmerzlich ich empfinden
muflte, dafl der Streit auf diese Weise nicht beigelegt werden kˆnne.
Denn sobald ich mich in das Gewand der Torheit kleidete, blieb es
nicht blofl bei der Maske, sondern die Narrheit durchdrang mich
sogleich durch und durch.

Darf ich hier das Gesetz einer blofl historischen Darstellung
¸berschreiten und einige Betrachtungen ¸ber dasjenige machen, was in
mir vorging? Was konnte das sein, das meinen Geschmack und meine
Sinnesart so ‰nderte, dafl ich im zweiundzwanzigsten Jahre, ja fr¸her,
kein Vergn¸gen an Dingen fand, die Leute von diesem Alter unschuldig
belustigen kˆnnen? Warum waren sie mir nicht unschuldig? Ich darf
wohl antworten: eben weil sie mir nicht unschuldig waren, weil ich
nicht wie andre meinesgleichen unbekannt mit meiner Seele war. Nein,
ich wuflte aus Erfahrungen, die ich ungesucht erlangt hatte, dafl es
hˆhere Empfindungen gebe, die uns ein Vergn¸gen wahrhaftig gew‰hrten,
das man vergebens bei Lustbarkeiten sucht, und dafl in diesen hˆhern
Freuden zugleich ein geheimer Schatz zur St‰rkung im Ungl¸ck
aufbewahrt sei.

Aber die geselligen Vergn¸gungen und Zerstreuungen der Jugend muflten
doch notwendig einen starken Reiz f¸r mich haben, weil es mir nicht
mˆglich war, sie zu tun, als t‰te ich sie nicht. Wie manches kˆnnte
ich jetzt mit grofler K‰lte tun, wenn ich nur wollte, was mich damals
irremachte, ja Meister ¸ber mich zu werden drohte. Hier konnte kein
Mittelweg gehalten werden: ich muflte entweder die reizenden
Vergn¸gungen oder die erquickenden innerlichen Empfindungen entbehren.

Aber schon war der Streit in meiner Seele ohne mein eigentliches
Bewufltsein entschieden. Wenn auch etwas in mir war, das sich nach den
sinnlichen Freuden hinsehnte, so konnte ich sie doch nicht mehr
genieflen. Wer den Wein noch so sehr liebt, dem wird alle Lust zum
Trinken vergehen, wenn er sich bei vollen F‰ssern in einem Keller
bef‰nde, in welchem die verdorbene Luft ihn zu ersticken drohte.
Reine Luft ist mehr als Wein, das f¸hlte ich nur zu lebhaft, und es
h‰tte gleich von Anfang an wenig ¸berlegung bei mir gekostet, das Gute
dem Reizenden vorzuziehen, wenn mich die Furcht, Narzissens Gunst zu
verlieren, nicht abgehalten h‰tte. Aber da ich endlich nach
tausendf‰ltigem Streit, nach immer wiederholter Betrachtung auch
scharfe Blicke auf das Band warf, das mich an ihm festhielt, entdeckte
ich, dafl es nur schwach war, dafl es sich zerreiflen lasse. Ich
erkannte auf einmal, dafl es nur eine Glasglocke sei, die mich in den
luftleeren Raum sperrte; nur noch so viel Kraft, sie entzweizuschlagen,
und du bist gerettet!

Gedacht, gewagt. Ich zog die Maske ab und handelte jedesmal, wie
mir's ums Herz war. Narzissen hatte ich immer z‰rtlich lieb; aber das
Thermometer, das vorher im heiflen Wasser gestanden, hing nun an der
nat¸rlichen Luft; es konnte nicht hˆher steigen, als die Atmosph‰re
warm war.

Ungl¸cklicherweise erk‰ltete sie sich sehr. Narzifl fing an, sich
zur¸ckzuziehen und fremd zu tun; das stand ihm frei; aber mein
Thermometer fiel, so wie er sich zur¸ckzog. Meine Familie bemerkte es,
man befragte mich, man wollte sich verwundern. Ich erkl‰rte mit
m‰nnlichem Trotz, dafl ich mich bisher genug aufgeopfert habe, dafl ich
bereit sei, noch ferner und bis ans Ende meines Lebens alle
Widerw‰rtigkeiten mit ihm zu teilen; dafl ich aber f¸r meine Handlungen
vˆllige Freiheit verlange, dafl mein Tun und Lassen von meiner
¸berzeugung abh‰ngen m¸sse; dafl ich zwar niemals eigensinnig auf
meiner Meinung beharren, vielmehr jede Gr¸nde gerne anhˆren wolle,
aber da es mein eignes Gl¸ck betreffe, m¸sse die Entscheidung von mir
abh‰ngen, und keine Art von Zwang w¸rde ich dulden. Sowenig das
R‰sonnement des grˆflten Arztes mich bewegen w¸rde, eine sonst
vielleicht ganz gesunde und von vielen sehr geliebte Speise zu mir zu
nehmen, sobald mir meine Erfahrung bewiesen dafl sie mir jederzeit
sch‰dlich sei, wie ich den Gebrauch des Kaffees zum Beispiel anf¸hren
kˆnnte, sowenig und noch viel weniger w¸rde ich mir irgend eine
Handlung, die mich verwirrte, als f¸r mich moralisch zutr‰glich
aufdemonstrieren lassen.

Da ich mich so lange im stillen vorbereitet hatte, so waren mir die
Debatten hier¸ber eher angenehm als verdriefllich. Ich machte meinem
Herzen Luft und f¸hlte den ganzen Wert meines Entschlusses. Ich wich
nicht ein Haar breit, und wem ich nicht kindlichen Respekt schuldig
war, der wurde derb abgefertigt. In meinem Hause siegte ich bald.
Meine Mutter hatte von Jugend auf ‰hnliche Gesinnungen, nur waren sie
bei ihr nicht zur Reife gediehen; keine Not hatte sie gedr‰ngt und den
Mut, ihre ¸berzeugung durchzusetzen, erhˆht. Sie freute sich, durch
mich ihre stillen W¸nsche erf¸llt zu sehen. Die j¸ngere Schwester
schien sich an mich anzuschlieflen; die zweite war aufmerksam und still.
Die Tante hatte am meisten einzuwenden. Die Gr¸nde, die sie
vorbrachte, schienen ihr unwiderleglich und waren es auch, weil sie
ganz gemein waren. Ich war endlich genˆtigt, ihr zu zeigen, dafl sie
in keinem Sinne eine Stimme in dieser Sache habe, und sie liefl nur
selten merken, dafl sie auf ihrem Sinne verharre. Auch war sie die
einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah und ganz ohne
Empfindung blieb. Ich tue ihr nicht zuviel, wenn ich sage, dafl sie
kein Gem¸t und die eingeschr‰nktesten Begriffe hatte.

Der Vater benahm sich ganz seiner Denkart gem‰fl. Er sprach weniges,
aber ˆfter mit mir ¸ber die Sache, und seine Gr¸nde waren verst‰ndig
und als seine Gr¸nde unwiderleglich; nur das tiefe Gef¸hl meines
Rechts gab mir St‰rke, gegen ihn zu disputieren. Aber bald
ver‰nderten sich die Szenen; ich muflte an sein Herz Anspruch machen.
Gedr‰ngt von seinem Verstande, brach ich in die affektvollsten
Vorstellungen aus. Ich liefl meiner Zunge und meinen Tr‰nen freien
Lauf. Ich zeigte ihm, wie sehr ich Narzissen liebte und welchen Zwang
ich mir seit zwei Jahren angetan hatte, wie gewifl ich sei, dafl ich
recht handle, dafl ich bereit sei, diese Gewiflheit mit dem Verlust des
geliebten Br‰utigams und anscheinenden Gl¸cks, ja wenn es nˆtig w‰re,
mit Hab und Gut zu versiegeln; dafl ich lieber mein Vaterland, Eltern
und Freunde verlassen und mein Brot in der Fremde verdienen als gegen
meine Einsichten handeln wolle. Er verbarg seine R¸hrung, schwieg
einige Zeit stille und erkl‰rte sich endlich ˆffentlich f¸r mich.

Narzifl vermied seit jener Zeit unser Haus, und nun gab mein Vater die
wˆchentliche Gesellschaft auf, in der sich dieser befand. Die Sache
machte Aufsehn bei Hofe und in der Stadt. Man sprach dar¸ber wie
gewˆhnlich in solchen F‰llen, an denen das Publikum heftigen Teil zu
nehmen pflegt, weil es verwˆhnt ist, auf die Entschlieflungen schwacher
Gem¸ter einigen Einflufl zu haben. Ich kannte die Welt genug und wuflte,
dafl man oft von ebenden Personen ¸ber das getadelt wird, wozu man
sich durch sie hat bereden lassen, und auch ohne das w¸rden mir bei
meiner innern Verfassung alle solche vor¸bergehende Meinungen weniger
als nichts gewesen sein.

VI. Buch--4

Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung zu Narzissen
nachzuh‰ngen. Er war mir unsichtbar geworden, und mein Herz hatte
sich nicht gegen ihn ge‰ndert. Ich liebte ihn z‰rtlich, gleichsam auf
das neue und viel gesetzter als vorher. Wollte er meine ¸berzeugung
nicht stˆren, so war ich die Seine; ohne diese Bedingung h‰tte ich ein
Kˆnigreich mit ihm ausgeschlagen. Mehrere Monate lang trug ich diese
Empfindungen und Gedanken mit mir herum, und da ich mich endlich still
und stark genug f¸hlte, um ruhig und gesetzt zu Werke zu gehen, so
schrieb ich ihm ein hˆfliches, nicht z‰rtliches Billett und fragte ihn,
warum er nicht mehr zu mir komme.

Da ich seine Art kannte, sich selbst in geringern Dingen nicht gern zu
erkl‰ren, sondern stillschweigend zu tun, was ihm gut deuchte, so
drang ich gegenw‰rtig mit Vorsatz in ihn. Ich erhielt eine lange und,
wie mir schien, abgeschmackte Antwort in einem weitl‰ufigen Stil und
unbedeutenden Phrasen: dafl er ohne bessere Stellen sich nicht
einrichten und mir seine Hand anbieten kˆnne, dafl ich am besten wisse,
wie hinderlich es ihm bisher gegangen, dafl er glaube, ein so lang
fortgesetzter fruchtloser Umgang kˆnne meiner Renommee schaden, ich
w¸rde ihm erlauben, sich in der bisherigen Entfernung zu halten;
sobald er imstande w‰re, mich gl¸cklich zu machen, w¸rde ihm das Wort,
das er mir gegeben, heilig sein.

Ich antwortete ihm auf der Stelle: da die Sache aller Welt bekannt sei,
mˆge es zu sp‰t sein, meine Renommee zu menagieren, und f¸r diese
w‰ren mir mein Gewissen und meine Unschuld die sichersten B¸rgen; ihm
aber g‰be ich hiermit sein Wort ohne Bedenken zur¸ck und w¸nschte, dafl
er dabei sein Gl¸ck finden mˆchte. In ebender Stunde erhielt ich eine
kurze Antwort, die im wesentlichen mit der ersten vˆllig gleichlautend
war. Er blieb dabei, dafl er nach erhaltener Stelle bei mir anfragen
w¸rde, ob ich sein Gl¸ck mit ihm teilen wollte.

Mir hiefl das nun soviel als nichts gesagt. Ich erkl‰rte meinen
Verwandten und Bekannten, die Sache sei abgetan, und sie war es auch
wirklich. Denn als er neun Monate hernach auf das erw¸nschteste
befˆrdert wurde, liefl er mir seine Hand nochmals antragen, freilich
mit der Bedingung, dafl ich als Gattin eines Mannes, der ein Haus
machen m¸flte, meine Gesinnungen w¸rde zu ‰ndern haben. Ich dankte
hˆflich und eilte mit Herz und Sinn von dieser Geschichte weg, wie man
sich aus dem Schauspielhause heraussehnt, wenn der Vorhang gefallen
ist. Und da er kurze Zeit darauf, wie es ihm nun sehr leicht war,
eine reiche und ansehnliche Partie gefunden hatte und ich ihn nach
seiner Art gl¸cklich wuflte, so war meine Beruhigung ganz vollkommen.

Ich darf nicht mit Stillschweigen ¸bergehen, dafl einigemal, noch eh er
eine Bedienung erhielt, auch nachher, ansehnliche Heiratsantr‰ge an
mich getan wurden, die ich aber ganz ohne Bedenken ausschlug, sosehr
Vater und Mutter mehr Nachgiebigkeit von meiner Seite gew¸nscht h‰tten.

Nun schien mir nach einem st¸rmischen M‰rz und April das schˆnste
Maiwetter beschert zu sein. Ich genofl bei einer guten Gesundheit eine
unbeschreibliche Gem¸tsruhe; ich mochte mich umsehen, wie ich wollte,
so hatte ich bei meinem Verluste noch gewonnen. Jung und voll
Empfindung, wie ich war, deuchte mir die Schˆpfung tausendmal schˆner
als vorher, da ich Gesellschaften und Spiele haben muflte, damit mir
die Weile in dem schˆnen Garten nicht zu lang wurde. Da ich mich
einmal meiner Frˆmmigkeit nicht sch‰mte, so hatte ich Herz, meine
Liebe zu K¸nsten und Wissenschaften nicht zu verbergen. Ich zeichnete,
malte, las und fand Menschen genug, die mich unterst¸tzten; statt der
groflen Welt, die ich verlassen hatte, oder vielmehr die mich verliefl,
bildete sich eine kleinere um mich her, die weit reicher und
unterhaltender war. Ich hatte eine Neigung zum gesellschaftlichen
Leben, und ich leugne nicht, dafl mir, als ich meine ‰ltern
Bekanntschaften aufgab, vor der Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich
hinl‰nglich, ja vielleicht zu sehr entsch‰digt. Meine Bekanntschaften
wurden erst recht weitl‰ufig, nicht nur mit Einheimischen, deren
Gesinnungen mit den meinigen ¸bereinstimmten, sondern auch mit Fremden.
Meine Geschichte war ruchtbar geworden, und es waren viele Menschen
neugierig, das M‰dchen zu sehen, die Gott mehr sch‰tzte als ihren
Br‰utigam. Es war damals ¸berhaupt eine gewisse religiˆse Stimmung in
Deutschland bemerkbar. In mehreren f¸rstlichen und gr‰flichen H‰usern
war eine Sorge f¸r das Heil der Seele lebendig. Es fehlte nicht an
Edelleuten, die gleiche Aufmerksamkeit hegten, und in den geringern
St‰nden war durchaus diese Gesinnung verbreitet.

Die gr‰fliche Familie, deren ich oben erw‰hnt, zog mich nun n‰her an
sich. Sie hatte sich indessen verst‰rkt, indem sich einige Verwandte
in die Stadt gewendet hatten. Diese sch‰tzbaren Personen suchten
meinen Umgang wie ich den ihrigen. Sie hatten grofle Verwandtschaft,
und ich lernte in diesem Hause einen groflen Teil der F¸rsten, Grafen
und Herren des Reichs kennen. Meine Gesinnungen waren niemanden ein
Geheimnis, und man mochte sie ehren oder auch nur schonen, so erlangte
ich doch meinen Zweck und blieb ohne Anfechtung.

Noch auf eine andere Weise sollte ich wieder in die Welt gef¸hrt
werden. Zu eben der Zeit verweilte ein Stiefbruder meines Vaters, der
uns sonst nur im Vorbeigehn besucht hatte, l‰nger bei uns. Er hatte
die Dienste seines Hofes, wo er geehrt und von Einflufl war, nur
deswegen verlassen, weil nicht alles nach seinem Sinne ging. Sein
Verstand war richtig und sein Charakter streng, und er war darin
meinem Vater sehr ‰hnlich; nur hatte dieser dabei einen gewissen Grad
von Weichheit, wodurch ihm leichter ward, in Gesch‰ften nachzugeben
und etwas gegen seine ¸berzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu
lassen und den Unwillen dar¸ber alsdann entweder in der Stille f¸r
sich oder vertraulich mit seiner Familie zu verkochen. Mein Oheim war
um vieles j¸nger, und seine Selbst‰ndigkeit ward durch seine ‰uflern
Umst‰nde nicht wenig best‰tigt. Er hatte eine sehr reiche Mutter
gehabt und hatte von ihren nahen und fernen Verwandten noch ein grofles
Vermˆgen zu hoffen; er bedurfte keines fremden Zuschusses, anstatt dafl
mein Vater bei seinem m‰fligen Vermˆgen durch Besoldung an den Dienst
fest gekn¸pft war.

Noch unbiegsamer war mein Oheim durch h‰usliches Ungl¸ck geworden. Er
hatte eine liebensw¸rdige Frau und einen hoffnungsvollen Sohn fr¸h
verloren, und er schien von der Zeit an alles von sich entfernen zu
wollen, was nicht von seinem Willen abhing.

In der Familie sagte man sich gelegentlich mit einiger
Selbstgef‰lligkeit in die Ohren, dafl er wahrscheinlich nicht wieder
heiraten werde und dafl wir Kinder uns schon als Erben seines groflen
Vermˆgens ansehen kˆnnten. Ich achtete nicht weiter darauf; allein
das Betragen der ¸brigen ward nach diesen Hoffnungen nicht wenig
gestimmt. Bei der Festigkeit seines Charakters hatte er sich gewˆhnt,
in der Unterredung niemand zu widersprechen, vielmehr die Meinung
eines jeden freundlich anzuhˆren und die Art, wie sich jeder eine
Sache dachte, noch selbst durch Argumente und Beispiele zu erheben.
Wer ihn nicht kannte, glaubte stets mit ihm einerlei Meinung zu sein;
denn er hatte einen ¸berwiegenden Verstand und konnte sich in alle
Vorstellungsarten versetzen. Mit mir ging es ihm nicht so gl¸cklich,
denn hier war von Empfindungen die Rede, von denen er gar keine Ahnung
hatte, und so schonend, teilnehmend und verst‰ndig er mit mir ¸ber
meine Gesinnungen sprach, so war es mir doch auffallend, dafl er von
dem, worin der Grund aller meiner Handlungen lag, offenbar keinen
Begriff hatte.

So geheim er ¸brigens war, entdeckte sich doch der Endzweck seines
ungewˆhnlichen Aufenthalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie
man endlich bemerken konnte, sich unter uns die j¸ngste Schwester
ausersehen, um sie nach seinem Sinne zu verheiraten und gl¸cklich zu
machen; und gewifl, sie konnte nach ihren kˆrperlichen und geistigen
Gaben, besonders wenn sich ein ansehnliches Vermˆgen noch mit auf die
Schale legte, auf die ersten Partien Anspruch machen. Seine
Gesinnungen gegen mich gab er gleichfalls pantomimisch zu erkennen,
indem er mir den Platz einer Stiftsdame verschaffte, wovon ich sehr
bald auch die Eink¸nfte zog.

Meine Schwester war mit seiner F¸rsorge nicht so zufrieden und nicht
so dankbar wie ich. Sie entdeckte mir eine Herzensangelegenheit, die
sie bisher sehr weislich verborgen hatte: denn sie f¸rchtete wohl, was
auch wirklich geschah, dafl ich ihr auf alle mˆgliche Weise die
Verbindung mit einem Manne, der ihr nicht h‰tte gefallen sollen,
widerraten w¸rde. Ich tat mein mˆglichstes, und es gelang mir. Die
Absichten des Oheims waren zu ernsthaft und zu deutlich und die
Aussicht f¸r meine Schwester bei ihrem Weltsinne zu reizend, als dafl
sie nicht eine Neigung, die ihr Verstand selbst miflbilligte,
aufzugeben Kraft h‰tte haben sollen.

Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims nicht mehr wie bisher
auswich, so war der Grund zu seinem Plane bald gelegt. Sie ward
Hofdame an einem benachbarten Hofe, wo er sie einer Freundin, die als
Oberhofmeisterin in groflem Ansehn stand, zur Aufsicht und Ausbildung
¸bergeben konnte. Ich begleitete sie zu dem Ort ihres neuen
Aufenthaltes. Wir konnten beide mit der Aufnahme, die wir erfuhren,
sehr zufrieden sein, und manchmal muflte ich ¸ber die Person, die ich
nun als Stiftsdame, als junge und fromme Stiftsdame, in der Welt
spielte, heimlich l‰cheln.

In fr¸hern Zeiten w¸rde ein solches Verh‰ltnis mich sehr verwirrt, ja
mir vielleicht den Kopf verr¸ckt haben; nun aber war ich bei allem,
was mich umgab, sehr gelassen. Ich liefl mich in grofler Stille ein
paar Stunden frisieren, putzte mich und dachte nichts dabei, als dafl
ich in meinem Verh‰ltnisse diese Galalivree anzuziehen schuldig sei.
In den angef¸llten S‰len sprach ich mit allen und jeden, ohne dafl mir
irgendeine Gestalt oder ein Wesen einen starken Eindruck
zur¸ckgelassen h‰tte. Wenn ich wieder nach Hause kam, waren m¸de
Beine meist alles Gef¸hl, was ich mit zur¸ckbrachte. Meinem Verstande
n¸tzten die vielen Menschen, die ich sah; und als Muster aller
menschlichen Tugenden, eines guten und edlen Betragens lernte ich
einige Frauen, besonders die Oberhofmeisterin, kennen, unter der meine
Schwester sich zu bilden das Gl¸ck hatte.

Doch f¸hlte ich bei meiner R¸ckkunft nicht so gl¸ckliche kˆrperliche
Folgen von dieser Reise. Bei der grˆflten Enthaltsamkeit und der
genausten Di‰t war ich doch nicht wie sonst Herr von meiner Zeit und
meinen Kr‰ften. Nahrung, Bewegung, Aufstehn und Schlafengehn,
Ankleiden und Ausfahren hing nicht wie zu Hause von meinem Willen und
meinem Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf man nicht
stocken, ohne unhˆflich zu sein, und alles, was nˆtig war, leistete
ich gern, weil ich es f¸r Pflicht hielt, weil ich wuflte, dafl es bald
vor¸bergehen w¸rde, und weil ich mich gesunder als jemals f¸hlte.
Dessenungeachtet muflte dieses fremde, unruhige Leben auf mich st‰rker,
als ich f¸hlte, gewirkt haben. Denn kaum war ich zu Hause angekommen
und hatte meine Eltern mit einer befriedigenden Erz‰hlung erfreut, so
¸berfiel mich ein Blutsturz, der, ob er gleich nicht gef‰hrlich war
und schnell vor¸berging, doch lange Zeit eine merkliche Schwachheit
hinterliefl.

Hier hatte ich nun wieder eine neue Lektion aufzusagen. Ich tat es
freudig. Nichts fesselte mich an die Welt, und ich war ¸berzeugt, dafl
ich hier das Rechte niemals finden w¸rde, und so war ich in dem
heitersten und ruhigsten Zustande und ward, indem ich Verzicht aufs
Leben getan hatte, beim Leben erhalten.

Eine neue Pr¸fung hatte ich auszustehen, da meine Mutter mit einer
dr¸ckenden Beschwerde ¸berfallen wurde, die sie noch f¸nf Jahre trug,
ehe sie die Schuld der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche
¸bung. Oft, wenn ihr die Bangigkeit zu stark wurde, liefl sie uns des
Nachts alle vor ihr Bette rufen, um wenigstens durch unsre Gegenwart
zerstreut, wo nicht gebessert zu werden. Schwerer, ja kaum zu tragen
war der Druck, als mein Vater auch elend zu werden anfing. Von Jugend
auf hatte er ˆfters heftige Kopfschmerzen, die aber aufs l‰ngste nur
sechsunddreiflig Stunden anhielten. Nun aber wurden sie bleibend, und
wenn sie auf einen hohen Grad stiegen, so zerrifl der Jammer mir das
Herz. Bei diesen St¸rmen f¸hlte ich meine kˆrperliche Schw‰che am
meisten, weil sie mich hinderte, meine heiligsten, liebsten Pflichten
zu erf¸llen, oder mir doch ihre Aus¸bung ‰uflerst beschwerlich machte.

Nun konnte ich mich pr¸fen, ob auf dem Wege, den ich eingeschlagen,
Wahrheit oder Phantasie sei, ob ich vielleicht nur nach andern gedacht
oder ob der Gegenstand meines Glaubens eine Realit‰t habe, und zu
meiner grˆflten Unterst¸tzung fand ich immer das letztere. Die gerade
Richtung meines Herzens zu Gott, den Umgang mit den "beloved ones"
hatte ich gesucht und gefunden, und das war, was mir alles
erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so eilte meine Seele
nach diesem Schutzort, wenn mich alles von auflen dr¸ckte, und kam
niemals leer zur¸ck.

In der neuern Zeit haben einige Verfechter der Religion, die mehr
Eifer als Gef¸hl f¸r dieselbe zu haben scheinen, ihre Mitgl‰ubigen
aufgefordert, Beispiele von wirklichen Gebetserhˆrungen
bekanntzumachen, wahrscheinlich weil sie sich Brief und Siegel
w¸nschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und juristisch zu Leibe
zu gehen. Wie unbekannt mufl ihnen das wahre Gef¸hl sein, und wie
wenig echte Erfahrungen mˆgen sie selbst gemacht haben!

Ich darf sagen, ich kam nie leer zur¸ck, wenn ich unter Druck und Not
Gott gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und
darf ich nicht mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem
kritischen Augenblicke f¸r mich war, so matt, so unbedeutend,
unwahrscheinlich w¸rde die Erz‰hlung werden, wenn ich einzelne F‰lle
anf¸hren wollte. Wie gl¸cklich war ich, dafl tausend kleine Vorg‰nge
zusammen, so gewifl als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir
bewiesen, dafl ich nicht ohne Gott auf der Welt sei. Er war mir nahe,
ich war vor ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung
aller theologischen Systemsprache mit grˆflter Wahrheit sagen kann.

Wie sehr w¸nschte ich, dafl ich mich auch damals ganz ohne System
befunden h‰tte; aber wer kommt fr¸h zu dem Gl¸cke, sich seines eignen
Selbsts, ohne fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewuflt zu sein?
Mir war es Ernst mit meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich
fremdem Ansehn; ich ergab mich vˆllig dem Hallischen Bekehrungssystem,
und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege hineinpassen.

Nach diesem Lehrplan mufl die Ver‰nderung des Herzens mit einem tiefen
Schrecken ¸ber die S¸nde anfangen; das Herz mufl in dieser Not bald
mehr, bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack
der Hˆlle kosten, der die Lust der S¸nde verbittert. Endlich mufl man
eine sehr merkliche Versicherung der Gnade f¸hlen, die aber im
Fortgange sich oft versteckt und mit Ernst wieder gesucht werden mufl.

Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott
aufrichtig suchte, so liefl er sich finden und hielt mir von
vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah hintennach wohl ein, wo ich
unw¸rdig gewesen, und wuflte auch, wo ich es noch war; aber die
Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen
Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hˆlle angekommen, ja die Idee
eines bˆsen Geistes und eines Straf- und Qu‰lortes nach dem Tode
konnte keinesweges in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand
die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen und der
Liebe gegen den Unsichtbaren zugeschlossen war, schon so ungl¸cklich,
dafl eine Hˆlle und ‰uflere Strafen mir eher f¸r sie eine Linderung zu
versprechen als eine Sch‰rfung der Strafe zu drohen schienen. Ich
durfte nur Menschen auf dieser Welt ansehen, die geh‰ssigen Gef¸hlen
in ihrem Busen Raum geben, die sich gegen das Gute von irgendeiner Art
verstecken und sich und andern das Schlechte aufdringen wollen, die
lieber bei Tage die Augen zuschlieflen, um nur behaupten zu kˆnnen, die
Sonne gebe keinen Schein von sich--wie ¸ber allen Ausdruck schienen
mir diese Menschen elend! Wer h‰tte eine Hˆlle schaffen kˆnnen, um
ihren Zustand zu verschlimmern!

Diese Gem¸tsbeschaffenheit blieb mir, einen Tag wie den andern, zehn
Jahre lang. Sie erhielt sich durch viele Proben, auch am
schmerzhaften Sterbebette meiner geliebten Mutter. Ich war offen
genug, um bei dieser Gelegenheit meine heitere Gem¸tsverfassung
frommen, aber ganz schulgerechten Leuten nicht zu verbergen, und ich
muflte dar¸ber manchen freundschaftlichen Verweis erdulden. Man meinte
mir eben zur rechten Zeit vorzustellen, welchen Ernst man anzuwenden
h‰tte, um in gesunden Tagen einen guten Grund zu legen.

An Ernst wollte ich es auch nicht fehlen lassen. Ich liefl mich f¸r
den Augenblick ¸berzeugen und w‰re um mein Leben gern traurig und voll
Schrecken gewesen. Wie verwundert war ich aber, da es ein f¸r allemal
nicht mˆglich war. Wenn ich an Gott dachte, war ich heiter und
vergn¸gt; auch bei meiner lieben Mutter schmerzensvollem Ende graute
mir vor dem Tode nicht. Doch lernte ich vieles und ganz andere Sachen,
als meine unberufenen Lehrmeister glaubten, in diesen groflen Stunden.

VI. Buch--5

Nach und nach ward ich an den Einsichten so mancher hochber¸hmten
Leute zweifelhaft und bewahrte meine Gesinnungen in der Stille. Eine
gewisse Freundin, der ich erst zuviel einger‰umt hatte, wollte sich
immer in meine Angelegenheiten mengen; auch von dieser war ich
genˆtigt mich loszumachen, und einst sagte ich ihr ganz entschieden,
sie solle ohne M¸he bleiben, ich brauche ihren Rat nicht; ich kenne
meinen Gott und wolle ihn ganz allein zum F¸hrer haben. Sie fand sich
sehr beleidigt, und ich glaube, sie hat mir's nie ganz verziehen.

Dieser Entschlufl, mich dem Rate und der Einwirkung meiner Freunde in
geistlichen Sachen zu entziehen, hatte die Folge, dafl ich auch in
‰uflerlichen Verh‰ltnissen meinen eigenen Weg zu gehen Mut gewann.
Ohne den Beistand meines treuen unsichtbaren F¸hrers h‰tte es mir ¸bel
geraten kˆnnen, und noch mufl ich ¸ber diese weise und gl¸ckliche
Leitung erstaunen. Niemand wuflte eigentlich, worauf es bei mir ankam,
und ich wuflte es selbst nicht.

Das Ding, das noch nie erkl‰rte bˆse Ding, das uns von dem Wesen
trennt, dem wir das Leben verdanken, von dem Wesen, aus dem alles, was
Leben genannt werden soll, sich unterhalten mufl, das Ding, das man
S¸nde nennt, kannte ich noch gar nicht.

In dem Umgange mit dem unsichtbaren Freunde f¸hlte ich den s¸flesten
Genufl aller meiner Lebenskr‰fte. Das Verlangen, dieses Gl¸ck immer zu
genieflen, war so grofl, dafl ich gern unterliefl, was diesen Umgang
stˆrte, und hierin war die Erfahrung mein bester Lehrmeister. Allein
es ging mir wie Kranken, die keine Arznei haben und sich mit der Di‰t
zu helfen suchen. Es tut etwas, aber lange nicht genug.

In der Einsamkeit konnte ich nicht immer bleiben, ob ich gleich in ihr
das beste Mittel gegen die mir so eigene Zerstreuung der Gedanken fand.
Kam ich nachher in Get¸mmel, so machte es einen desto grˆflern
Eindruck auf mich. Mein eigentlichster Vorteil bestand darin, dafl die
Liebe zur Stille herrschend war und ich mich am Ende immer dahin
wieder zur¸ckzog. Ich erkannte, wie in einer Art von D‰mmerung, mein
Elend und meine Schw‰che, und ich suchte mir dadurch zu helfen, dafl
ich mich schonte, dafl ich mich nicht aussetzte.

Sieben Jahre lang hatte ich meine di‰tetische Vorsicht ausge¸bt. Ich
hielt mich nicht f¸r schlimm und fand meinen Zustand w¸nschenswert.
Ohne sonderbare Umst‰nde und Verh‰ltnisse w‰re ich auf dieser Stufe
stehengeblieben, und ich kam nur auf einem sonderbaren Wege weiter.
Gegen den Rat aller meiner Freunde kn¸pfte ich ein neues Verh‰ltnis an.
Ihre Einwendungen machten mich anfangs stutzig. Sogleich wandte ich
mich an meinen unsichtbaren F¸hrer, und da dieser es mir vergˆnnte,
ging ich ohne Bedenken auf meinem Wege fort.

Ein Mann von Geist, Herz und Talenten hatte sich in der Nachbarschaft
angekauft. Unter den Fremden, die ich kennenlernte, war auch er und
seine Familie. Wir stimmten in unsern Sitten, Hausverfassungen und
Gewohnheiten sehr ¸berein und konnten uns daher bald aneinander
anschlieflen.

Philo, so will ich ihn nennen, war schon in gewissen Jahren und meinem
Vater, dessen Kr‰fte abzunehmen anfingen, in gewissen Gesch‰ften von
der grˆflten Beih¸lfe. Er ward bald der innige Freund unsers Hauses,
und da er, wie er sagte, an mir eine Person fand, die nicht das
Ausschweifende und Leere der groflen Welt und nicht das Trockne und
‰ngstliche der "Stillen im Lande" habe, so waren wir bald vertraute
Freunde. Er war mir sehr angenehm und sehr brauchbar.

Ob ich gleich nicht die mindeste Anlage noch Neigung hatte, mich in
weltliche Gesch‰fte zu mischen und irgendeinen Einflufl zu suchen, so
hˆrte ich doch gerne davon und wuflte gern, was in der N‰he und Ferne
vorging. Von weltlichen Dingen liebte ich mir eine gef¸hllose
Deutlichkeit zu verschaffen; Empfindung, Innigkeit, Neigung bewahrte
ich f¸r meinen Gott, f¸r die Meinigen und f¸r meine Freunde.

Diese letzten waren, wenn ich so sagen darf, auf meine neue Verbindung
mit Philo eifers¸chtig und hatten dabei von mehr als einer Seite recht,
wenn sie mich hier¸ber warnten. Ich litt viel in der Stille, denn
ich konnte selbst ihre Einwendungen nicht ganz f¸r leer oder
eigenn¸tzig halten. Ich war von jeher gewohnt, meine Einsichten
unterzuordnen, und doch wollte diesmal meine ¸berzeugung nicht nach.
Ich flehte zu meinem Gott, auch hier mich zu warnen, zu hindern, zu
leiten, und da mich hierauf mein Herz nicht abmahnte, so ging ich
meinen Pfad getrost fort.

Philo hatte im ganzen eine entfernte ‰hnlichkeit mit Narzissen; nur
hatte eine fromme Erziehung sein Gef¸hl mehr zusammengehalten und
belebt. Er hatte weniger Eitelkeit, mehr Charakter, und wenn jener in
weltlichen Gesch‰ften fein, genau, anhaltend und unerm¸dlich war, so
war dieser klar, scharf, schnell und arbeitete mit einer unglaublichen
Leichtigkeit. Durch ihn erfuhr ich die innersten Verh‰ltnisse fast
aller der vornehmen Personen, deren ‰ufleres ich in der Gesellschaft
hatte kennenlernen, und ich war froh, von meiner Warte dem Get¸mmel
von weiten zuzusehen. Philo konnte mir nichts mehr verhehlen: er
vertraute mir nach und nach seine ‰uflern und innern Verbindungen. Ich
f¸rchtete f¸r ihn, denn ich sah gewisse Umst‰nde und Verwickelungen
voraus, und das ¸bel kam schneller, als ich vermutet hatte; denn er
hatte mit gewissen Bekenntnissen immer zur¸ckgehalten, und auch
zuletzt entdeckte er mir nur so viel, dafl ich das Schlimmste vermuten
konnte.

Welche Wirkung hatte das auf mein Herz! Ich gelangte zu Erfahrungen,
die mir ganz neu waren. Ich sah mit unbeschreiblicher Wehmut einen
Agathon, der, in den Hainen von Delphi erzogen, das Lehrgeld noch
schuldig war und es nun mit schweren, r¸ckst‰ndigen Zinsen abzahlte,
und dieser Agathon war mein genau verbundener Freund. Meine Teilnahme
war lebhaft und vollkommen; ich litt mit ihm, und wir befanden uns
beide in dem sonderbarsten Zustande.

Nachdem ich mich lange mit seiner Gem¸tsverfassung besch‰ftigt hatte,
wendete sich meine Betrachtung auf mich selbst. Der Gedanke: "Du bist
nicht besser als er", stieg wie eine kleine Wolke vor mir auf,
breitete sich nach und nach aus und verfinsterte meine ganze Seele.

Nun dachte ich nicht mehr blofl: "Du bist nicht besser als er"; ich
f¸hlte es und f¸hlte es so, dafl ich es nicht noch einmal f¸hlen mˆchte:
und es war kein schneller ¸bergang. Mehr als ein Jahr muflte ich
empfinden, dafl, wenn mich eine unsichtbare Hand nicht umschr‰nkt h‰tte,
ich ein Girard, ein Cartouche, ein Damiens, und welches Ungeheuer man
nennen will, h‰tte werden kˆnnen: die Anlage dazu f¸hlte ich deutlich
in meinem Herzen. Gott, welche Entdeckung!

Hatte ich nun bisher die Wirklichkeit der S¸nde in mir durch die
Erfahrung nicht einmal auf das leiseste gewahr werden kˆnnen, so war
mir jetzt die Mˆglichkeit derselben in der Ahnung aufs schrecklichste
deutlich geworden, und doch kannte ich das ¸bel nicht, ich f¸rchtete
es nur; ich f¸hlte, dafl ich schuldig sein kˆnnte, und hatte mich nicht
anzuklagen.

So tief ich ¸berzeugt war, dafl eine solche Geistesbeschaffenheit,
wof¸r ich die meinige anerkennen muflte, sich nicht zu einer
Vereinigung mit dem hˆchsten Wesen, die ich nach dem Tode hoffte,
schicken kˆnne, so wenig f¸rchtete ich, in eine solche Trennung zu
geraten. Bei allem Bˆsen, das ich in mir entdeckte, hatte ich ihn
lieb und haflte, was ich f¸hlte, ja ich w¸nschte es noch ernstlicher zu
hassen, und mein ganzer Wunsch war, von dieser Krankheit und dieser
Anlage zur Krankheit erlˆst zu werden, und ich war gewifl, dafl mir der
grofle Arzt seine H¸lfe nicht versagen w¸rde.

Die einzige Frage war: Was heilt diesen Schaden? Tugend¸bungen? An
die konnte ich nicht einmal denken; denn zehn Jahre hatte ich schon
mehr als nur blofle Tugend ge¸bt, und die nun erkannten Greuel hatten
dabei tief in meiner Seele verborgen gelegen. H‰tten sie nicht auch
wie bei David losbrechen kˆnnen, als er Bathseba erblickte, und war er
nicht auch ein Freund Gottes, und war ich nicht im Innersten ¸berzeugt,
dafl Gott mein Freund sei?

Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schw‰che der Menschheit sein?
M¸ssen wir uns nun gefallen lassen, dafl wir irgendeinmal die
Herrschaft unsrer Neigung empfinden, und bleibt uns bei dem besten
Willen nichts andres ¸brig, als den Fall, den wir getan, zu
verabscheuen und bei einer ‰hnlichen Gelegenheit wieder zu fallen?

Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost schˆpfen. Weder ihre
Strenge, wodurch sie unsre Neigung meistern will, noch ihre
Gef‰lligkeit, mit der sie unsre Neigungen zu Tugenden machen mˆchte,
konnte mir gen¸gen. Die Grundbegriffe, die mir der Umgang mit dem
unsichtbaren Freunde eingeflˆflt hatte, hatten f¸r mich schon einen
viel entschiedenern Wert.

Indem ich einst die Lieder studierte, welche David nach jener
h‰fllichen Katastrophe gedichtet hatte, war mir sehr auffallend, dafl er
das in ihm wohnende Bˆse schon in dem Stoff, woraus er geworden war,
erblickte, dafl er aber ents¸ndigt sein wollte und dafl er auf das
dringendste um ein reines Herz flehte.

Wie nun aber dazu zu gelangen? Die Antwort aus den symbolischen
B¸chern wuflte ich wohl: es war mir auch eine Bibelwahrheit, dafl das
Blut Jesu Christi uns von allen S¸nden reinige. Nun aber bemerkte ich
erst, dafl ich diesen so oft wiederholten Spruch noch nie verstanden
hatte. Die Fragen: Was heiflt das? Wie soll das zugehen? arbeiteten
Tag und Nacht in mir sich durch. Endlich glaubte ich bei einem
Schimmer zu sehen, dafl das, was ich suchte, in der Menschwerdung des
ewigen Worts, durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu suchen
sei. Dafl der Uranf‰ngliche sich in die Tiefen, in denen wir stecken,
die er durchschaut und umfaflt, einstmal als Bewohner begeben habe,
durch unser Verh‰ltnis von Stufe zu Stufe, von der Empf‰ngnis und
Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen sei, dafl er durch diesen
sonderbaren Umweg wieder zu den lichten Hˆhen aufgestiegen, wo wir
auch wohnen sollten, um gl¸cklich zu sein: das ward mir, wie in einer
d‰mmernden Ferne, offenbart.

O warum m¸ssen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauchen,
die nur ‰uflere Zust‰nde anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder
Tiefes, etwas Dunkles oder Helles? Wir nur haben ein Oben und Unten,
einen Tag und eine Nacht. Und eben darum ist er uns ‰hnlich geworden,
weil wir sonst keinen Teil an ihm haben kˆnnten.

Wie kˆnnen wir aber an dieser unsch‰tzbaren Wohltat teilnehmen?
"Durch den Glauben", antwortet uns die Schrift. Was ist denn Glauben?
Die Erz‰hlung einer Begebenheit f¸r wahr halten, was kann mir das
helfen? Ich mufl mir ihre Wirkungen, ihre Folgen zueignen kˆnnen.
Dieser zueignende Glaube mufl ein eigener, dem nat¸rlichen Menschen
ungewˆhnlicher Zustand des Gem¸ts sein.

"Nun, Allm‰chtiger! so schenke mir Glauben!" flehte ich einst in dem
grˆflten Druck des Herzens. Ich lehnte mich auf einen kleinen Tisch,
an dem ich safl, und verbarg mein betr‰ntes Gesicht in meinen H‰nden.
Hier war ich in der Lage, in der man sein mufl, wenn Gott auf unser
Gebet achten soll, und in der man selten ist.

Ja, wer nur schildern kˆnnte, was ich da f¸hlte! Ein Zug brachte
meine Seele nach dem Kreuze hin, an dem Jesus einst erblaflte; ein Zug
war es, ich kann es nicht anders nennen, demjenigen vˆllig gleich,
wodurch unsre Seele zu einem abwesenden Geliebten gef¸hrt wird, ein
Zunahen, das vermutlich viel wesentlicher und wahrhafter ist, als wir
vermuten. So nahte meine Seele dem Menschgewordnen und am Kreuz
Gestorbenen, und in dem Augenblicke wuflte ich, was Glauben war.

"Das ist Glauben!" sagte ich und sprang wie halb erschreckt in die
Hˆhe. Ich suchte nun, meiner Empfindung, meines Anschauens gewifl zu
werden, und in kurzem war ich ¸berzeugt, dafl mein Geist eine F‰higkeit
sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm ganz neu war.

Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz
deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne
Phantasie, ohne Bild, und gaben doch ebendie Gewiflheit eines
Gegenstandes, auf den sie sich bezogen, als die Einbildungskraft,
indem sie uns die Z¸ge eines abwesenden Geliebten vormalt.

Als das erste Entz¸cken vor¸ber war, bemerkte ich, dafl mir dieser
Zustand der Seele schon vorher bekannt gewesen; allein ich hatte ihn
nie in dieser St‰rke empfunden. Ich hatte ihn niemals festhalten, nie
zu eigen behalten kˆnnen. Ich glaube ¸berhaupt, dafl jede
Menschenseele ein und das andere Mal davon etwas empfunden hat. Ohne
Zweifel ist er das, was einem jeden lehrt, dafl ein Gott ist.

Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur anwandelnden Kraft war
ich bisher sehr zufrieden gewesen, und w‰re mir nicht durch sonderbare
Schickung seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, w‰re
nicht dabei mein Kˆnnen und Vermˆgen bei mir selbst aufler allen Kredit
gekommen, so w‰re ich vielleicht mit jenem Zustande immer zufrieden
geblieben.

Nun hatte ich aber seit jenem groflen Augenblicke Fl¸gel bekommen. Ich
konnte mich ¸ber das, was mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein
Vogel singend ¸ber den schnellsten Strom ohne M¸he fliegt, vor welchem
das H¸ndchen ‰ngstlich bellend stehenbleibt.

Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich niemand etwas
davon entdeckte, so merkten doch die Meinigen eine ungewˆhnliche
Heiterkeit an mir, ohne begreifen zu kˆnnen, was die Ursache meines
Vergn¸gens w‰re. H‰tte ich doch immer geschwiegen und die reine
Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht! H‰tte ich mich doch
nicht durch Umst‰nde verleiten lassen, mit meinem Geheimnisse
hervorzutreten! dann h‰tte ich mir abermals einen groflen Umweg
ersparen kˆnnen.

Da in meinem vorhergehenden zehnj‰hrigen Christenlauf diese notwendige
Kraft nicht in meiner Seele war, so hatte ich mich in dem Fall anderer
redlichen Leute auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, dafl ich
die Phantasie immer mit Bildern erf¸llte, die einen Bezug auf Gott
hatten, und auch dieses ist schon wahrhaft n¸tzlich: denn sch‰dliche
Bilder und ihre bˆsen Folgen werden dadurch abgehalten. Sodann
ergreift unsre Seele oft ein und das andere von den geistigen Bildern
und schwingt sich ein wenig damit in die Hˆhe, wie ein junger Vogel
von einem Zweige auf den andern flattert. Solange man nichts Besseres
hat, ist doch diese ¸bung nicht ganz zu verwerfen.

Auf Gott zielende Bilder und Eindr¸cke verschaffen uns kirchliche
Anstalten, Glocken, Orgeln und Ges‰nge und besonders die Vortr‰ge
unsrer Lehrer. Auf sie war ich ganz uns‰glich begierig; keine
Witterung, keine kˆrperliche Schw‰che hielt mich ab, die Kirchen zu
besuchen, und nur das sonnt‰gige Gel‰ute konnte mir auf meinem
Krankenlager einige Ungeduld verursachen. Unsern Oberhofprediger, der
ein trefflicher Mann war, hˆrte ich mit grofler Neigung; auch seine
Kollegen waren mir wert, und ich wuflte die goldnen ‰pfel des
gˆttlichen Wortes auch aus irdenen Schalen unter gemeinem Obste
herauszufinden. Den ˆffentlichen ¸bungen wurden alle mˆglichen
Privaterbauungen, wie man sie nennt, hinzugef¸gt und auch dadurch nur
Phantasie und feinere Sinnlichkeit gen‰hrt. Ich war so an diesen Gang
gewˆhnt, ich respektierte ihn so sehr, dafl mir auch jetzt nichts
Hˆheres einfiel. Denn meine Seele hat nur F¸hlhˆrner und keine Augen;
sie tastet nur und sieht nicht; ach! dafl sie Augen bek‰me und schauen
d¸rfte!

Auch jetzt ging ich voll Verlangen in die Predigten; aber ach, wie
geschah mir! Ich fand das nicht mehr, was ich sonst gefunden. Diese
Prediger stumpften sich die Z‰hne an den Schalen ab, indessen ich den
Kern genofl. Ich muflte ihrer nun bald m¸de werden; aber mich an den
allein zu halten, den ich doch zu finden wuflte, dazu war ich zu
verwˆhnt. Bilder wollte ich haben, ‰uflere Eindr¸cke bedurfte ich und
glaubte ein reines geistiges Bed¸rfnis zu f¸hlen.

VI. Buch--6

Philos Eltern hatten mit der herrnhutischen Gemeinde in Verbindung
gestanden; in seiner Bibliothek fanden sich noch viele Schriften des
Grafen. Er hatte mir einigemal sehr klar und billig dar¸ber
gesprochen und mich ersucht, einige dieser Schriften durchzubl‰ttern,
und w‰re es auch nur, um ein psychologisches Ph‰nomen kennenzulernen.
Ich hielt den Grafen f¸r einen gar zu argen Ketzer; so liefl ich auch
das Ebersdorfer Gesangbuch bei mir liegen, das mir der Freund in
‰hnlicher Absicht gleichsam aufgedrungen hatte.

In dem vˆlligen Mangel aller ‰ufleren Ermunterungsmittel ergriff ich
wie von ungef‰hr das gedachte Gesangbuch und fand zu meinem Erstaunen
wirklich Lieder darin, die, freilich unter sehr seltsamen Formen, auf
dasjenige zu deuten schienen, was ich f¸hlte; die Originalit‰t und
Naivet‰t der Ausdr¸cke zog mich an. Eigene Empfindungen schienen auf
eine eigene Weise ausgedr¸ckt; keine Schulterminologie erinnerte an
etwas Steifes oder Gemeines. Ich ward ¸berzeugt, die Leute f¸hlten,
was ich f¸hlte, und ich fand mich nun sehr gl¸cklich, ein solches
Verschen ins Ged‰chtnis zu fassen und mich einige Tage damit zu tragen.

Seit jenem Augenblick, in welchem mir das Wahre geschenkt worden war,
verflossen auf diese Weise ungef‰hr drei Monate. Endlich faflte ich
den Entschlufl, meinem Freunde Philo alles zu entdecken und ihn um die
Mitteilung jener Schriften zu bitten, auf die ich nun ¸ber die Maflen
neugierig geworden war. Ich tat es auch wirklich, ungeachtet mir ein
Etwas im Herzen ernstlich davon abriet.

Ich erz‰hlte Philo die ganze Geschichte umst‰ndlich, und da er selbst
darin eine Hauptperson war, da meine Erz‰hlung auch f¸r ihn die
strengste Buflpredigt enthielt, war er ‰uflerst betroffen und ger¸hrt.
Er zerflofl in Tr‰nen. Ich freute mich und glaubte, auch bei ihm sei
eine vˆllige Sinnes‰nderung bewirkt worden.

Er versorgte mich mit allen Schriften, die ich nur verlangte, und nun
hatte ich ¸berfl¸ssige Nahrung f¸r meine Einbildungskraft. Ich machte
grofle Fortschritte in der Zinzendorfischen Art, zu denken und zu
sprechen. Man glaube nicht, dafl ich die Art und Weise des Grafen
nicht auch gegenw‰rtig zu sch‰tzen wisse; ich lasse ihm gern
Gerechtigkeit widerfahren; er ist kein leerer Phantast; er spricht von
groflen Wahrheiten meist in einem k¸hnen Fluge der Einbildungskraft,
und die ihn geschm‰ht haben, wuflten seine Eigenschaften weder zu
sch‰tzen noch zu unterscheiden.

Ich gewann ihn unbeschreiblich lieb. W‰re ich mein eigner Herr
gewesen, so h‰tte ich gewifl Vaterland und Freunde verlassen, w‰re zu
ihm gezogen; unfehlbar h‰tten wir uns verstanden, und schwerlich
h‰tten wir uns lange vertragen.

Dank sei meinem Genius, der mich damals in meiner h‰uslichen
Verfassung so eingeschr‰nkt hielt! Es war schon eine grofle Reise,
wenn ich nur in den Hausgarten gehen konnte. Die Pflege meines alten
und schw‰chlichen Vaters machte mir Arbeit genug, und in den
Ergˆtzungsstunden war die edle Phantasie mein Zeitvertreib. Der
einzige Mensch, den ich sah, war Philo, den mein Vater sehr liebte,
dessen offnes Verh‰ltnis zu mir aber durch die letzte Erkl‰rung
einigermaflen gelitten hatte. Bei ihm war die R¸hrung nicht tief
gedrungen, und da ihm einige Versuche, in meiner Sprache zu reden,
nicht gelungen waren, so vermied er diese Materie um so leichter, als
er durch seine ausgebreiteten Kenntnisse immer neue Gegenst‰nde des
Gespr‰chs herbeizuf¸hren wuflte.

Ich war also eine herrnhutische Schwester auf meine eigene Hand und
hatte diese neue Wendung meines Gem¸ts und meiner Neigungen besonders
vor dem Oberhofprediger zu verbergen, den ich als meinen Beichtvater
zu sch‰tzen sehr Ursache hatte und dessen grofle Verdienste auch
gegenw‰rtig durch seine ‰uflerste Abneigung gegen die herrnhutische
Gemeinde in meinen Augen nicht geschm‰lert wurden. Leider sollte
dieser w¸rdige Mann an mir und andern viele Betr¸bnis erleben!

Er hatte vor mehreren Jahren ausw‰rts einen Kavalier als einen
redlichen, frommen Mann kennenlernen und war mit ihm als einem, der
Gott ernstlich suchte, in einem ununterbrochenen Briefwechsel
geblieben. Wie schmerzhaft war es daher f¸r seinen geistlichen F¸hrer,
als dieser Kavalier sich in der Folge mit der herrnhutischen Gemeinde
einliefl und sich lange unter den Br¸dern aufhielt; wie angenehm
dagegen, als sein Freund sich mit den Br¸dern wieder entzweite, in
seiner N‰he zu wohnen sich entschlofl und sich seiner Leitung aufs neue
vˆllig zu ¸berlassen schien.

Nun wurde der Neuangekommene gleichsam im Triumph allen besonders
geliebten Sch‰fchen des Oberhirten vorgestellt. Nur in unser Haus
ward er nicht eingef¸hrt, weil mein Vater niemand mehr zu sehen
pflegte. Der Kavalier fand grofle Approbation; er hatte das Gesittete
des Hofs und das Einnehmende der Gemeinde, dabei viel schˆne
nat¸rliche Eigenschaften und ward bald der grofle Heilige f¸r alle, die
ihn kennenlernten, wor¸ber sich sein geistlicher Gˆnner ‰uflerst freute.
Leider war jener nur ¸ber ‰uflere Umst‰nde mit der Gemeine
brouilliert und im Herzen noch ganz Herrnhuter. Er hing zwar wirklich
an der Realit‰t der Sache; allein auch ihm war das T‰ndelwerk, das der
Graf darumgeh‰ngt hatte, hˆchst angemessen. Er war an jene
Vorstellungs- und Redensarten nun einmal gewˆhnt, und wenn er sich
nunmehr vor seinem alten Freunde sorgf‰ltig verbergen muflte, so war es
ihm desto notwendiger, sobald er ein H‰ufchen vertrauter Personen um
sich erblickte, mit seinen Verschen, Litaneien und Bilderchen
hervorzur¸cken, und er fand, wie man denken kann, groflen Beifall.

Ich wuflte von der ganzen Sache nichts und t‰ndelte auf meine eigene
Art fort. Lange Zeit blieben wir uns unbekannt.

Einst besuchte ich in einer freien Stunde eine kranke Freundin. Ich
traf mehrere Bekannte dort an und merkte bald, dafl ich sie in einer
Unterredung gestˆrt hatte. Ich liefl mir nichts merken, erblickte aber
zu meiner groflen Verwunderung an der Wand einige herrnhutische Bilder,
in zierlichen Rahmen. Ich faflte geschwinde, was in der Zeit, da ich
nicht im Hause gewesen, vorgegangen sein mochte, und bewillkommte
diese neue Erscheinung mit einigen angemessenen Versen.

Man denke sich das Erstaunen meiner Freundinnen. Wir erkl‰rten uns
und waren auf der Stelle einig und vertraut.

Ich suchte nun ˆfter Gelegenheit auszugehn. Leider fand ich sie nur
alle drei bis vier Wochen, ward mit dem adeligen Apostel und nach und
nach mit der ganzen heimlichen Gemeinde bekannt. Ich besuchte, wenn
ich konnte, ihre Versammlungen, und bei meinem geselligen Sinn war es
mir unendlich angenehm, das von andern zu vernehmen und andern
mitzuteilen, was ich nur bisher in und mit mir selbst ausgearbeitet
hatte.

Ich war nicht so eingenommen, dafl ich nicht bemerkt h‰tte, wie nur
wenige den Sinn der zarten Worte und Ausdr¸cke f¸hlten und wie sie
dadurch auch nicht mehr als ehemals durch die kirchlich symbolische
Sprache gefˆrdert waren. Dessenungeachtet ging ich mit ihnen fort und
liefl mich nicht irremachen. Ich dachte, dafl ich nicht zur
Untersuchung und Herzenspr¸fung berufen sei. War ich doch auch durch
manche unschuldige ¸bung zum Besseren vorbereitet worden. Ich nahm
meinen Teil hinweg, drang, wo ich zur Rede kam, auf den Sinn, der bei
so zarten Gegenst‰nden eher durch Worte versteckt als angedeutet wird,
und liefl ¸brigens mit stiller Vertr‰glichkeit einen jeden nach seiner
Art gew‰hren.

Auf diese ruhigen Zeiten des heimlichen gesellschaftlichen Genusses
folgten bald die St¸rme ˆffentlicher Streitigkeiten und
Widerw‰rtigkeiten, die am Hofe und in der Stadt grofle Bewegungen
erregten und, ich mˆchte beinahe sagen, manches Skandal verursachten.
Der Zeitpunkt war gekommen, in welchem unser Oberhofprediger, dieser
grofle Widersacher der herrnhutischen Gemeinde, zu seiner gesegneten
Dem¸tigung entdecken sollte, dafl seine besten und sonst anh‰nglichsten
Zuhˆrer sich s‰mtlich auf die Seite der Gemeinde neigten. Er war
‰uflerst gekr‰nkt, vergafl im ersten Augenblicke alle M‰fligung und
konnte in der Folge sich nicht, selbst wenn er gewollt h‰tte,
zur¸ckziehn. Es gab heftige Debatten, bei denen ich gl¸cklicherweise
nicht genannt wurde, da ich nur ein zuf‰lliges Mitglied der so sehr
verhaflten Zusammenk¸nfte war und unser eifriger F¸hrer meinen Vater
und meinen Freund in b¸rgerlichen Angelegenheiten nicht entbehren
konnte. Ich erhielt meine Neutralit‰t mit stiller Zufriedenheit; denn
mich von solchen Empfindungen und Gegenst‰nden selbst mit
wohlwollenden Menschen zu unterhalten war mir schon verdriefllich, wenn
sie den tiefsten Sinn nicht fassen konnten und nur auf der Oberfl‰che
verweilten. Nun aber gar ¸ber das mit Widersachern zu streiten,
wor¸ber man sich kaum mit Freunden verstand, schien mir unn¸tz, ja
verderblich. Denn bald konnte ich bemerken, dafl liebevolle, edle
Menschen, die in diesem Falle ihr Herz von Widerwillen und Hafl nicht
rein halten konnten, gar bald zur Ungerechtigkeit ¸bergingen und, um
eine ‰uflere Form zu verteidigen, ihr bestes Innerste beinahe
zerstˆrten.

Sosehr auch der w¸rdige Mann in diesem Fall unrecht haben mochte und
sosehr man mich auch gegen ihn aufzubringen suchte, konnte ich ihm
doch niemals eine herzliche Achtung versagen. Ich kannte ihn genau;
ich konnte mich in seine Art, diese Sachen anzusehen, mit Billigkeit
versetzen. Ich hatte niemals einen Menschen ohne Schw‰che gesehen;
nur ist sie auffallender bei vorz¸glichen Menschen. Wir w¸nschen und
wollen nun ein f¸r allemal, dafl die, die so sehr privilegiert sind,
auch gar keinen Tribut, keine Abgaben zahlen sollen. Ich ehrte ihn
als einen vorz¸glichen Mann und hoffte den Einflufl meiner stillen
Neutralit‰t, wo nicht zu einem Frieden, doch zu einem
Waffenstillstande zu nutzen. Ich weifl nicht, was ich bewirkt h‰tte;
Gott faflte die Sache k¸rzer und nahm ihn zu sich. Bei seiner Bahre
weinten alle, die noch kurz vorher um Worte mit ihm gestritten hatten.
Seine Rechtschaffenheit, seine Gottesfurcht hatte niemals jemand
bezweifelt.

Auch ich muflte um diese Zeit das Puppenwerk aus den H‰nden legen, das
mir durch diese Streitigkeiten gewissermaflen in einem andern Lichte
erschienen war. Der Oheim hatte seine Plane auf meine Schwester in
der Stille durchgef¸hrt. Er stellte ihr einen jungen Mann von Stande
und Vermˆgen als ihren Br‰utigam vor und zeigte sich in einer
reichlichen Aussteuer, wie man es von ihm erwarten konnte. Mein Vater
willigte mit Freuden ein; die Schwester war frei und vorbereitet und
ver‰nderte gerne ihren Stand. Die Hochzeit wurde auf des Oheims
Schlofl ausgerichtet, Familie und Freunde waren eingeladen, und wir
kamen alle mit heiterm Geiste.

Zum erstenmal in meinem Leben erregte mir der Eintritt in ein Haus
Bewunderung. Ich hatte wohl oft von des Oheims Geschmack, von seinem
italienischen Baumeister, von seinen Sammlungen und seiner Bibliothek
reden hˆren; ich verglich aber das alles mit dem, was ich schon
gesehen hatte, und machte mir ein sehr buntes Bild davon in Gedanken.
Wie verwundert war ich daher ¸ber den ernsten und harmonischen
Eindruck, den ich beim Eintritt in das Haus empfand und der sich in
jedem Saal und Zimmer verst‰rkte. Hatte Pracht und Zierat mich sonst
nur zerstreut, so f¸hlte ich mich hier gesammelt und auf mich selbst
zur¸ckgef¸hrt. Auch in allen Anstalten zu Feierlichkeiten und Festen
erregten Pracht und W¸rde ein stilles Gefallen, und es war mir ebenso
unbegreiflich, dafl ein Mensch das alles h‰tte erfinden und anordnen
kˆnnen, als dafl mehrere sich vereinigen kˆnnten, um in einem so groflen
Sinne zusammenzuwirken. Und bei dem allen schienen der Wirt und die
Seinigen so nat¸rlich; es war keine Spur von Steifheit noch von leerem
Zeremoniell zu bemerken.

Die Trauung selbst ward unvermutet auf eine herzliche Art eingeleitet;
eine vortreffliche Vokalmusik ¸berraschte uns, und der Geistliche
wuflte dieser Zeremonie alle Feierlichkeit der Wahrheit zu geben. Ich
stand neben Philo, und statt mir Gl¸ck zu w¸nschen, sagte er mit einem
tiefen Seufzer: "Als ich die Schwester sah die Hand hingeben, war
mir's, als ob man mich mit siedheiflem Wasser begossen h‰tte.
"--"Warum?" fragte ich. "Es ist mir allezeit so, wenn ich eine
Kopulation ansehe", versetzte er. Ich lachte ¸ber ihn und habe
nachher oft genug an seine Worte zu denken gehabt.

Die Heiterkeit der Gesellschaft, worunter viel junge Leute waren,
schien noch einmal so gl‰nzend, indem alles, was uns umgab, w¸rdig und
ernsthaft war. Aller Hausrat, Tafelzeug, Service und Tischaufs‰tze
stimmten zu dem Ganzen, und wenn mir sonst die Baumeister mit den
Konditoren aus einer Schule entsprungen zu sein schienen, so war hier
Konditor und Tafeldecker bei dem Architekten in die Schule gegangen.

Da man mehrere Tage zusammenblieb, hatte der geistreiche und
verst‰ndige Wirt f¸r die Unterhaltung der Gesellschaft auf das
mannigfaltigste gesorgt. Ich wiederholte hier nicht die traurige
Erfahrung, die ich so oft in meinem Leben gehabt hatte, wie ¸bel eine
grofle gemischte Gesellschaft sich befinde, die, sich selbst ¸berlassen,
zu den allgemeinsten und schalsten Zeitvertreiben greifen mufl, damit
ja eher die guten als die schlechten Subjekte Mangel der Unterhaltung
f¸hlen.

Ganz anders hatte es der Oheim veranstaltet. Er hatte zwei bis drei
Marsch‰lle, wenn ich sie so nennen darf, bestellt; der eine hatte f¸r
die Freuden der jungen Welt zu sorgen: T‰nze, Spazierfahrten, kleine
Spiele waren von seiner Erfindung und standen unter seiner Direktion,
und da junge Leute gern im Freien leben und die Einfl¸sse der Luft
nicht scheuen, so war ihnen der Garten und der grofle Gartensaal
¸bergeben, an den zu diesem Endzwecke noch einige Galerien und
Pavillons angebauet waren, zwar nur von Brettern und Leinwand, aber in
so edlen Verh‰ltnissen, dafl man nur an Stein und Marmor dabei erinnert
ward.

Wie selten ist eine Fete, wobei derjenige, der die G‰ste
zusammenberuft, auch die Schuldigkeit empfindet, f¸r ihre Bed¸rfnisse
und Bequemlichkeiten auf alle Weise zu sorgen!

Jagd und Spielpartien, kurze Promenaden, Gelegenheiten zu
vertraulichen, einsamen Gespr‰chen waren f¸r die ‰ltern Personen
bereitet, und derjenige, der am fr¸hsten zu Bette ging, war auch gewifl
am weitesten von allem L‰rm einquartiert.

Durch diese gute Ordnung schien der Raum, in dem wir uns befanden,
eine kleine Welt zu sein, und doch, wenn man es bei nahem betrachtete,
war das Schlofl nicht grofl, und man w¸rde ohne genaue Kenntnis
desselben und ohne den Geist des Wirtes wohl schwerlich so viele Leute
darin beherbergt und jeden nach seiner Art bewirtet haben.

So angenehm uns der Anblick eines wohlgestalteten Menschen ist, so
angenehm ist uns eine ganze Einrichtung, aus der uns die Gegenwart
eines verst‰ndigen, vern¸nftigen Wesens f¸hlbar wird. Schon in ein
reinliches Haus zu kommen ist eine Freude, wenn es auch sonst
geschmacklos gebauet und verziert ist: denn es zeigt uns die Gegenwart
wenigstens von einer Seite gebildeter Menschen. Wie doppelt angenehm
ist es uns also, wenn aus einer menschlichen Wohnung uns der Geist
einer hˆhern, obgleich auch nur sinnlichen Kultur entgegenspricht.

Mit vieler Lebhaftigkeit ward mir dieses auf dem Schlosse meines
Oheims anschaulich. Ich hatte vieles von Kunst gehˆrt und gelesen;
Philo selbst war ein grofler Liebhaber von Gem‰lden und hatte eine
schˆne Sammlung; auch ich selbst hatte viel gezeichnet; aber teils war
ich zu sehr mit meinen Empfindungen besch‰ftigt und trachtete nur, das
eine, was not ist, erst recht ins reine zu bringen, teils schienen
doch alle die Sachen, die ich gesehen hatte, mich wie die ¸brigen
weltlichen Dinge zu zerstreuen. Nun war ich zum erstenmal durch etwas
‰uflerliches auf mich selbst zur¸ckgef¸hrt, und ich lernte den
Unterschied zwischen dem nat¸rlichen, vortrefflichen Gesang der
Nachtigall und einem vierstimmigen Halleluja aus gef¸hlvollen
Menschenkehlen zu meiner grˆflten Verwunderung erst kennen.

Ich verbarg meine Freude ¸ber diese neue Anschauung meinem Oheim nicht,
der, wenn alles andere in sein Teil gegangen war, sich mit mir
besonders zu unterhalten pflegte. Er sprach mit grofler Bescheidenheit
von dem, was er besafl und hervorgebracht hatte, mit grofler Sicherheit
von dem Sinne, in dem es gesammelt und aufgestellt worden war, und ich
konnte wohl merken, dafl er mit Schonung f¸r mich redete, indem er nach
seiner alten Art das Gute, wovon er Herr und Meister zu sein glaubte,
demjenigen unterzuordnen schien, was nach meiner ¸berzeugung das
Rechte und Beste war.

VI. Buch--7

"Wenn wir uns", sagte er einmal, "als mˆglich denken kˆnnen, dafl der
Schˆpfer der Welt selbst die Gestalt seiner Kreatur angenommen und auf
ihre Art und Weise sich eine Zeitlang auf der Welt befunden habe, so
mufl uns dieses Geschˆpf schon unendlich vollkommen erscheinen, weil
sich der Schˆpfer so innig damit vereinigen konnte. Es mufl also in
dem Begriff des Menschen kein Widerspruch mit dem Begriff der Gottheit
liegen; und wenn wir auch oft eine gewisse Un‰hnlichkeit und
Entfernung von ihr empfinden, so ist es doch um desto mehr unsere
Schuldigkeit, nicht immer wie der Advokat des bˆsen Geistes nur auf
die Blˆflen und Schw‰chen unserer Natur zu sehen, sondern eher alle
Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch wir die Anspr¸che unsrer
Gott‰hnlichkeit best‰tigen kˆnnen."

Ich l‰chelte und versetzte: "Besch‰men Sie mich nicht zu sehr, lieber
Oheim, durch die Gef‰lligkeit, in meiner Sprache zu reden! Das, was
Sie mir zu sagen haben, ist f¸r mich von so grofler Wichtigkeit, dafl
ich es in Ihrer eigensten Sprache zu hˆren w¸nschte, und ich will
alsdann, was ich mir davon nicht ganz zueignen kann, schon zu
¸bersetzen suchen."

"Ich werde", sagte er darauf, "auch auf meine eigenste Weise ohne
Ver‰nderung des Tons fortfahren kˆnnen. Des Menschen grˆfltes
Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umst‰nde soviel als mˆglich
bestimmt und sich sowenig als mˆglich von ihnen bestimmen l‰flt. Das
ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein grofler Steinbruch vor dem
Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen
zuf‰lligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit
der grˆflten ˆkonomie, Zweckm‰fligkeit und Festigkeit zusammenstellt.
Alles aufler uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an
uns; aber tief in uns liegt diese schˆpferische Kraft, die das zu
erschaffen vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen und rasten l‰flt,
bis wir es aufler uns oder an uns, auf eine oder die andere Weise,
dargestellt haben. Sie, liebe Nichte, haben vielleicht das beste Teil
erw‰hlt; Sie haben Ihr sittliches Wesen, Ihre tiefe, liebevolle Natur
mit sich selbst und mit dem hˆchsten Wesen ¸bereinstimmend zu machen
gesucht, indes wir andern wohl auch nicht zu tadeln sind, wenn wir den
sinnlichen Menschen in seinem Umfange zu kennen und t‰tig in Einheit
zu bringen suchen."

Durch solche Gespr‰che wurden wir nach und nach vertrauter, und ich
erlangte von ihm, dafl er mit mir ohne Kondeszendenz wie mit sich
selbst sprach. "Glauben Sie nicht", sagte der Oheim zu mir, "dafl ich
Ihnen schmeichle, wenn ich Ihre Art zu denken und zu handeln lobe.
Ich verehre den Menschen, der deutlich weifl, was er will, unabl‰ssig
vorschreitet, die Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie zu ergreifen
und zu brauchen weifl; inwiefern sein Zweck grofl oder klein sei, Lob
oder Tadel verdiene, das kommt bei mir erst nachher in Betrachtung.
Glauben Sie mir, meine Liebe, der grˆflte Teil des Unheils und dessen,
was man bˆs in der Welt nennt, entsteht blofl, weil die Menschen zu
nachl‰ssig sind, ihre Zwecke recht kennenzulernen und, wenn sie solche
kennen, ernsthaft darauf loszuarbeiten. Sie kommen mir vor wie Leute,
die den Begriff haben, es kˆnne und m¸sse ein Turm gebauet werden, und
die doch an den Grund nicht mehr Steine und Arbeit verwenden, als man
allenfalls einer H¸tte unterschl¸ge. H‰tten Sie, meine Freundin,
deren hˆchstes Bed¸rfnis war, mit Ihrer innern sittlichen Natur ins
reine zu kommen, anstatt der groflen und k¸hnen Aufopferungen sich
zwischen Ihrer Familie, einem Br‰utigam, vielleicht einem Gemahl nur
so hin beholfen, Sie w¸rden, in einem ewigen Widerspruch mit sich
selbst, niemals einen zufriedenen Augenblick genossen haben."

"Sie brauchen", versetzte ich hier, "das Wort Aufopferung, und ich
habe manchmal gedacht, wie wir einer hˆhern Absicht gleichsam wie
einer Gottheit das Geringere zum Opfer darbringen, ob es uns schon am
Herzen liegt, wie man ein geliebtes Schaf f¸r die Gesundheit eines
verehrten Vaters gern und willig zum Altar f¸hren w¸rde."

"Was es auch sei", versetzte er, "der Verstand oder die Empfindung,
das uns eins f¸r das andere hingeben, eins vor dem andern w‰hlen heiflt,
so ist Entschiedenheit und Folge nach meiner Meinung das
Verehrungsw¸rdigste am Menschen. Man kann die Ware und das Geld nicht
zugleich haben; und der ist ebenso ¸bel daran, dem es immer nach der
Ware gel¸stet, ohne dafl er das Herz hat, das Geld hinzugeben, als der,
den der Kauf reut, wenn er die Ware in H‰nden hat. Aber ich bin weit
entfernt, die Menschen deshalb zu tadeln; denn sie sind eigentlich
nicht schuld, sondern die verwickelte Lage, in der sie sich befinden
und in der sie sich nicht zu regieren wissen. So werden Sie zum
Beispiel im Durchschnitt weniger ¸ble Wirte auf dem Lande als in den
St‰dten finden und wieder in kleinen St‰dten weniger als in groflen;
und warum? Der Mensch ist zu einer beschr‰nkten Lage geboren;
einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewˆhnt
sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er
aber ins Weite kommt, weifl er weder, was er will noch was er soll, und
es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenst‰nde zerstreut
oder ob er durch die Hˆhe und W¸rde derselben aufler sich gesetzt werde.
Es ist immer sein Ungl¸ck, wenn er veranlaflt wird, nach etwas zu
streben, mit dem er sich durch eine regelm‰flige Selbstt‰tigkeit nicht
verbinden kann.

F¸rwahr", fuhr er fort, "ohne Ernst ist in der Welt nichts mˆglich,
und unter denen, die wir gebildete Menschen nennen, ist eigentlich
wenig Ernst zu finden; sie gehen, ich mˆchte sagen, gegen Arbeiten und
Gesch‰fte, gegen K¸nste, ja gegen Vergn¸gungen nur mit einer Art von
Selbstverteidigung zu Werke; man lebt, wie man ein Pack Zeitungen
liest, nur damit man sie loswerde, und es f‰llt mir dabei jener junge
Engl‰nder in Rom ein, der abends in einer Gesellschaft sehr zufrieden
erz‰hlte: dafl er doch heute sechs Kirchen und zwei Galerien beiseite
gebracht habe. Man will mancherlei wissen und kennen, und gerade das,
was einen am wenigsten angeht, und man bemerkt nicht, dafl kein Hunger
dadurch gestillt wird, wenn man nach der Luft schnappt. Wenn ich
einen Menschen kennenlerne, frage ich sogleich: womit besch‰ftigt er
sich? und wie? und in welcher Folge? und mit der Beantwortung der
Frage ist auch mein Interesse an ihm auf zeitlebens entschieden."

"Sie sind, lieber Oheim", versetzte ich darauf, "vielleicht zu strenge
und entziehen manchem guten Menschen, dem Sie n¸tzlich sein kˆnnten,
Ihre h¸lfreiche Hand."

"Ist es dem zu verdenken", antwortete er, "der so lange vergebens an
ihnen und um sie gearbeitet hat? Wie sehr leidet man nicht in der
Jugend von Menschen, die uns zu einer angenehmen Lustpartie einzuladen
glauben, wenn sie uns in die Gesellschaft der Danaiden oder des
Sisyphus zu bringen versprechen. Gott sei Dank, ich habe mich von
ihnen losgemacht, und wenn einer ungl¸cklicherweise in meinen Kreis
kommt, suche ich ihn auf die hˆflichste Art hinauszukomplimentieren:
denn gerade von diesen Leuten hˆrt man die bittersten Klagen ¸ber den
verworrenen Lauf der Welth‰ndel, ¸ber die Seichtigkeit der
Wissenschaften, ¸ber den Leichtsinn der K¸nstler, ¸ber die Leerheit
der Dichter und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten,
dafl eben sie selbst und die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das
Buch nicht lesen w¸rden, das geschrieben w‰re, wie sie es fordern, dafl
ihnen die echte Dichtung fremd sei und dafl selbst ein gutes Kunstwerk
nur durch Vorurteil ihren Beifall erlangen kˆnne. Doch lassen Sie uns
abbrechen, es ist hier keine Zeit zu schelten noch zu klagen."

Er leitete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Gem‰lde, die an
der Wand aufgeh‰ngt waren; mein Auge hielt sich an die, deren Anblick
reizend oder deren Gegenstand bedeutend war; er liefl es eine Weile
geschehen, dann sagte er: "Gˆnnen Sie nun auch dem Genius, der diese
Werke hervorgebracht hat, einige Aufmerksamkeit. Gute Gem¸ter sehen
so gerne den Finger Gottes in der Natur; warum sollte man nicht auch
der Hand seines Nachahmers einige Betrachtung schenken?" Er machte
mich sodann auf unscheinbare Bilder aufmerksam und suchte mir
begreiflich zu machen, dafl eigentlich die Geschichte der Kunst allein
uns den Begriff von dem Wert und der W¸rde eines Kunstwerks geben
kˆnne, dafl man erst die beschwerlichen Stufen des Mechanismus und des
Handwerks, an denen der f‰hige Mensch sich jahrhundertelang
hinaufarbeitet, kennen m¸sse, um zu begreifen, wie es mˆglich sei, dafl
das Genie auf dem Gipfel, bei dessen bloflem Anblick uns schwindelt,
sich frei und frˆhlich bewege.

Er hatte in diesem Sinne eine schˆne Reihe zusammengebracht, und ich
konnte mich nicht enthalten, als er mir sie auslegte, die moralische
Bildung hier wie im Gleichnisse vor mir zu sehen. Als ich ihm meine
Gedanken ‰uflerte, versetzte er: "Sie haben vollkommen recht, und wir
sehen daraus, dafl man nicht wohltut, der sittlichen Bildung einsam, in
sich selbst verschlossen nachzuh‰ngen; vielmehr wird man finden, dafl
derjenige, dessen Geist nach einer moralischen Kultur strebt, alle
Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit auszubilden,
damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Hˆhe
herabzugleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen Phantasie
¸bergibt und in den Fall kommt, seine edlere Natur durch Vergn¸gen an
geschmacklosen T‰ndeleien, wo nicht an etwas Schlimmerem
herabzuw¸rdigen."

Ich hatte ihn nicht im Verdacht, dafl er auf mich ziele, aber ich
f¸hlte mich getroffen, wenn ich zur¸ckdachte, dafl unter den Liedern,
die mich erbauet hatten, manches abgeschmackte mochte gewesen sein und
dafl die Bildchen, die sich an meine geistlichen Ideen anschlossen,
wohl schwerlich vor den Augen des Oheims w¸rden Gnade gefunden haben.

Philo hatte sich indessen ˆfters in der Bibliothek aufgehalten und
f¸hrte mich nunmehr auch in selbiger ein. Wir bewunderten die Auswahl
und dabei die Menge der B¸cher. Sie waren in jenem Sinne gesammelt:
denn es waren beinahe auch nur solche darin zu finden, die uns zur
deutlichen Erkenntnis f¸hren oder uns zur rechten Ordnung anweisen,
die uns entweder rechte Materialien geben oder uns von der Einheit
unsers Geistes ¸berzeugen.

Ich hatte in meinem Leben uns‰glich gelesen, und in gewissen F‰chern
war mir fast kein Buch unbekannt; um desto angenehmer war mir's, hier
von der ¸bersicht des Ganzen zu sprechen und L¸cken zu bemerken, wo
ich sonst nur eine beschr‰nkte Verwirrung oder eine unendliche
Ausdehnung gesehen hatte.

Zugleich machten wir die Bekanntschaft eines sehr interessanten,
stillen Mannes. Er war Arzt und Naturforscher und schien mehr zu den
Penaten als zu den Bewohnern des Hauses zu gehˆren. Er zeigte uns das
Naturalienkabinett, das, wie die Bibliothek, in verschlossenen
Glasschr‰nken zugleich die W‰nde der Zimmer verzierte und den Raum
veredelte, ohne ihn zu verengen. Hier erinnerte ich mich mit Freuden
meiner Jugend und zeigte meinem Vater mehrere Gegenst‰nde, die er
ehemals auf das Krankenbette seines kaum in die Welt blickenden Kindes
gebracht hatte. Dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei folgenden
Unterredungen, dafl er sich mir in Absicht auf religiˆse Gesinnungen
n‰here, lobte dabei den Oheim auflerordentlich wegen seiner Toleranz
und Sch‰tzung von allem, was den Wert und die Einheit der menschlichen
Natur anzeige und befˆrdere, nur verlange er freilich von allen andern
Menschen ein Gleiches und pflege nichts so sehr als individuellen
D¸nkel und ausschlieflende Beschr‰nktheit zu verdammen oder zu fliehen.

Seit der Trauung meiner Schwester sah dem Oheim die Freude aus den
Augen, und er sprach verschiedenemal mit mir ¸ber das, was er f¸r sie
und ihre Kinder zu tun denke. Er hatte schˆne G¸ter, die er selbst
bewirtschaftete und die er in dem besten Zustande seinen Neffen zu
¸bergeben hoffte. Wegen des kleinen Gutes, auf dem wir uns befanden,
schien er besondere Gedanken zu hegen: "Ich werde es", sagte er, "nur
einer Person ¸berlassen, die zu kennen, zu sch‰tzen und zu genieflen
weifl, was es enth‰lt, und die einsieht, wie sehr ein Reicher und
Vornehmer, besonders in Deutschland, Ursache habe, etwas Musterm‰fliges
aufzustellen."

Schon war der grˆflte Teil der G‰ste nach und nach verflogen; wir
bereiteten uns zum Abschied und glaubten die letzte Szene der
Feierlichkeit erlebt zu haben, als wir aufs neue durch seine
Aufmerksamkeit, uns ein w¸rdiges Vergn¸gen zu machen, ¸berrascht
wurden. Wir hatten ihm das Entz¸cken nicht verbergen kˆnnen, das wir
f¸hlten, als bei meiner Schwester Trauung ein Chor Menschenstimmen
sich ohne alle Begleitung irgendeines Instruments hˆren liefl. Wir
legten es ihm nahe genug, uns das Vergn¸gen noch einmal zu verschaffen;
er schien nicht darauf zu merken. Wie ¸berrascht waren wir daher,
als er eines Abends zu uns sagte: "Die Tanzmusik hat sich entfernt;
die jungen, fl¸chtigen Freunde haben uns verlassen; das Ehepaar selbst
sieht schon ernsthafter aus als vor einigen Tagen, und in einer
solchen Epoche voneinander zu scheiden, da wir uns vielleicht nie,
wenigstens anders wiedersehen, regt uns zu einer feierlichen Stimmung,
die ich nicht edler n‰hren kann als durch eine Musik, deren
Wiederholung Sie schon fr¸her zu w¸nschen schienen."

Er liefl durch das indes verst‰rkte und im stillen noch mehr ge¸bte
Chor uns vierund achtstimmige Ges‰nge vortragen, die uns, ich darf
wohl sagen, wirklich einen Vorschmack der Seligkeit gaben. Ich hatte
bisher nur den frommen Gesang gekannt, in welchem gute Seelen oft mit
heiserer Kehle wie die Waldvˆgelein Gott zu loben glauben, weil sie
sich selbst eine angenehme Empfindung machen; dann die eitle Musik der
Konzerte, in denen man allenfalls zur Bewunderung eines Talents,
selten aber auch nur zu einem vor¸bergehenden Vergn¸gen hingerissen
wird. Nun vernahm ich eine Musik, aus dem tiefsten Sinne der
trefflichsten menschlichen Naturen entsprungen, die durch bestimmte
und ge¸bte Organe in harmonischer Einheit wieder zum tiefsten, besten
Sinne des Menschen sprach und ihn wirklich in diesem Augenblicke seine
Gott‰hnlichkeit lebhaft empfinden liefl. Alles waren lateinische
geistliche Ges‰nge, die sich wie Juwelen in dem goldnen Ringe einer
gesitteten weltlichen Gesellschaft ausnahmen und mich ohne Anforderung
einer sogenannten Erbauung auf das geistigste erhoben und gl¸cklich
machten.

Bei unserer Abreise wurden wir alle auf das edelste beschenkt. Mir
¸berreichte er das Ordenskreuz meines Stiftes, kunstm‰fliger und
schˆner gearbeitet und emailliert, als man es sonst zu sehen gewohnt
war. Es hing an einem groflen Brillanten, wodurch es zugleich an das
Band befestigt wurde, und den er als den edelsten Stein einer
Naturaliensammlung anzusehen bat.

Meine Schwester zog nun mit ihrem Gemahl auf seine G¸ter, wir andern
kehrten alle nach unsern Wohnungen zur¸ck und schienen uns, was unsere
‰uflren Umst‰nde anbetraf, in ein ganz gemeines Leben zur¸ckgekehrt zu
sein. Wir waren wie aus einem Feenschlofl auf die platte Erde gesetzt
und muflten uns wieder nach unsrer Weise benehmen und behelfen.

Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht
hatte, lieflen einen schˆnen Eindruck bei mir zur¸ck; doch blieb er
nicht lange in seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu
unterhalten und zu erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von
seinen besten und gef‰lligsten Kunstwerken zusandte und, wenn ich sie
lange genug genossen hatte, wieder mit andern vertauschte.

Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu besch‰ftigen, die
Angelegenheiten meines Herzens und meines Gem¸tes in Ordnung zu
bringen und mich davon mit ‰hnlich gesinnten Personen zu unterhalten,
als dafl ich mit Aufmerksamkeit ein Kunstwerk h‰tte betrachten sollen,
ohne bald auf mich selbst zur¸ckzukehren. Ich war gewohnt, ein
Gem‰lde und einen Kupferstich nur anzusehen wie die Buchstaben eines
Buchs. Ein schˆner Druck gef‰llt wohl; aber wer wird ein Buch des
Druckes wegen in die Hand nehmen? So sollte mir auch eine bildliche
Darstellung etwas sagen, sie sollte mich belehren, r¸hren, bessern;
und der Oheim mochte in seinen Briefen, mit denen er seine Kunstwerke
erl‰uterte, reden, was er wollte, so blieb es mit mir doch immer beim
alten.

Doch mehr als meine eigene Natur zogen mich ‰uflere Begebenheiten, die
Ver‰nderungen in meiner Familie von solchen Betrachtungen, ja eine
Weile von mir selbst ab; ich muflte dulden und wirken, mehr, als meine
schwachen Kr‰fte zu ertragen schienen.

Meine ledige Schwester war bisher mein rechter Arm gewesen; gesund,
stark und unbeschreiblich g¸tig hatte sie die Besorgung der
Haushaltung ¸ber sich genommen, wie mich die persˆnliche Pflege des
alten Vaters besch‰ftigte. Es ¸berf‰llt sie ein Katarrh, woraus eine
Brustkrankheit wird, und in drei Wochen liegt sie auf der Bahre; ihr
Tod schlug mir Wunden, deren Narben ich jetzt noch nicht gerne ansehe.

Ich lag krank zu Bette, ehe sie noch beerdiget war; der alte Schaden
auf meiner Brust schien aufzuwachen, ich hustete heftig und war so
heiser, dafl ich keinen lauten Ton hervorbringen konnte.

Die verheiratete Schwester kam vor Schrecken und Betr¸bnis zu fr¸h in
die Wochen. Mein alter Vater f¸rchtete, seine Kinder und die Hoffnung
seiner Nachkommenschaft auf einmal zu verlieren; seine gerechten
Tr‰nen vermehrten meinen Jammer; ich flehte zu Gott um Herstellung
einer leidlichen Gesundheit und bat ihn nur, mein Leben bis nach dem
Tode des Vaters zu fristen. Ich genas und war nach meiner Art wohl,
konnte wieder meine Pflichten, obgleich nur auf eine k¸mmerliche Weise,
erf¸llen.

VI. Buch--8

Meine Schwester ward wieder guter Hoffnung. Mancherlei Sorgen, die
in solchen F‰llen der Mutter anvertraut werden, wurden mir mitgeteilt;
sie lebte nicht ganz gl¸cklich mit ihrem Manne, das sollte dem Vater
verborgen bleiben; ich muflte Schiedsrichter sein und konnte es um so
eher, da mein Schwager Zutrauen zu mir hatte und beide wirklich gute
Menschen waren, nur dafl beide, anstatt einander nachzusehen,
miteinander rechteten und aus Begierde, vˆllig miteinander ¸berein zu
leben, niemals einig werden konnten. Nun lernte ich auch die
weltlichen Dinge mit Ernst angreifen und das aus¸ben, was ich sonst
nur gesungen hatte.

Meine Schwester gebar einen Sohn; die Unp‰fllichkeit meines Vaters
verhinderte ihn nicht, zu ihr zu reisen. Beim Anblick des Kindes war
er unglaublich heiter und froh, und bei der Taufe erschien er mir
gegen seine Art wie begeistert, ja ich mˆchte sagen, als ein Genius
mit zwei Gesichtern. Mit dem einen blickte er freudig vorw‰rts in
jene Regionen, in die er bald einzugehen hoffte, mit dem andern auf
das neue, hoffnungsvolle irdische Leben, das in dem Knaben entsprungen
war, der von ihm abstammte. Er ward nicht m¸de, auf dem R¸ckwege mich
von dem Kinde zu unterhalten, von seiner Gestalt, seiner Gesundheit
und dem Wunsche, dafl die Anlagen dieses neuen Weltb¸rgers gl¸cklich
ausgebildet werden mˆchten. Seine Betrachtungen hier¸ber dauerten
fort, als wir zu Hause anlangten, und erst nach einigen Tagen bemerkte
man eine Art Fieber, das sich nach Tisch ohne Frost durch eine etwas
ermattende Hitze ‰uflerte. Er legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des
Morgens aus und versah treulich seine Amtsgesch‰fte, bis ihn endlich
anhaltende, ernsthafte Symptome davon abhielten.

Nie werde ich die Ruhe des Geistes, die Klarheit und Deutlichkeit
vergessen, womit er die Angelegenheiten seines Hauses, die Besorgung
seines Begr‰bnisses, als wie das Gesch‰ft eines andern, mit der
grˆflten Ordnung vornahm.

Mit einer Heiterkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die bis zu
einer lebhaften Freude stieg, sagte er zu mir: "Wo ist die Todesfurcht
hingekommen, die ich sonst noch wohl empfand? Sollt ich zu sterben
scheuen? Ich habe einen gn‰digen Gott, das Grab erweckt mir kein
Grauen, ich habe ein ewiges Leben."

Mir die Umst‰nde seines Todes zur¸ckzurufen, der bald darauf erfolgte,
ist in meiner Einsamkeit eine meiner angenehmsten Unterhaltungen, und
die sichtbaren Wirkungen einer hˆhern Kraft dabei wird mir niemand
wegr‰sonieren.

Der Tod meines lieben Vaters ver‰nderte meine bisherige Lebensart.
Aus dem strengsten Gehorsam, aus der grˆflten Einschr‰nkung kam ich in
die grˆflte Freiheit, und ich genofl ihrer wie einer Speise, die man
lange entbehrt hat. Sonst war ich selten zwei Stunden aufler dem Hause;
nun verlebte ich kaum einen Tag in meinem Zimmer. Meine Freunde, bei
denen ich sonst nur abgerissene Besuche machen konnte, wollten sich
meines anhaltenden Umgangs sowie ich mich des ihrigen erfreuen; ˆfters
wurde ich zu Tische geladen, Spazierfahrten und kleine Lustreisen
kamen hinzu, und ich blieb nirgends zur¸ck. Als aber der Zirkel
durchlaufen war, sah ich, dafl das unsch‰tzbare Gl¸ck der Freiheit
nicht darin besteht, dafl man alles tut, was man tun mag und wozu uns
die Umst‰nde einladen, sondern dafl man das ohne Hindernis und R¸ckhalt
auf dem geraden Wege tun kann, was man f¸r recht und schicklich h‰lt,
und ich war alt genug, in diesem Falle ohne Lehrgeld zu der schˆnen
¸berzeugung zu gelangen.

Was ich mir nicht versagen konnte, war, so bald als nur mˆglich den
Umgang mit den Gliedern der herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und
fester zu kn¸pfen, und ich eilte, eine ihrer n‰chsten Einrichtungen zu
besuchen: aber auch da fand ich keinesweges, was ich mir vorgestellt
hatte. Ich war ehrlich genug, meine Meinung merken zu lassen, und man
suchte mir hinwieder beizubringen: diese Verfassung sei gar nichts
gegen eine ordentlich eingerichtete Gemeine. Ich konnte mir das
gefallen lassen; doch h‰tte nach meiner ¸berzeugung der wahre Geist
aus einer kleinen so gut als aus einer groflen Anstalt hervorblicken
sollen.

Einer ihrer Bischˆfe, der gegenw‰rtig war, ein unmittelbarer Sch¸ler
des Grafen, besch‰ftigte sich viel mit mir; er sprach vollkommen
Englisch, und weil ich es ein wenig verstand, meinte er, es sei ein
Wink, dafl wir zusammengehˆrten; ich meinte es aber ganz und gar nicht;
sein Umgang konnte mir nicht im geringsten gefallen. Er war ein
Messerschmied, ein geborner M‰hre; seine Art zu denken konnte das
Handwerksm‰flige nicht verleugnen. Besser verstand ich mich mit dem
Herrn von L***, der Major in franzˆsischen Diensten gewesen war; aber
zu der Untert‰nigkeit, die er gegen seine Vorgesetzten bezeigte,
f¸hlte ich mich niemals f‰hig; ja es war mir, als wenn man mir eine
Ohrfeige g‰be, wenn ich die Majorin und andere mehr oder weniger
angesehene Frauen dem Bischof die Hand k¸ssen sah. Indessen wurde
doch eine Reise nach Holland verabredet, die aber, und gewifl zu meinem
Besten, niemals zustande kam.

Meine Schwester war mit einer Tochter niedergekommen, und nun war die
Reihe an uns Frauen, zufrieden zu sein und zu denken, wie sie dereinst
uns ‰hnlich erzogen werden sollte. Mein Schwager war dagegen sehr
unzufrieden, als in dem Jahr darauf abermals eine Tochter erfolgte; er
w¸nschte bei seinen groflen G¸tern Knaben um sich zu sehen, die ihm
einst in der Verwaltung beistehen kˆnnten.

Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit still und bei einer
ruhigen Lebensart ziemlich im Gleichgewicht; ich f¸rchtete den Tod
nicht, ja ich w¸nschte zu sterben, aber ich f¸hlte in der Stille, dafl
mir Gott Zeit gebe, meine Seele zu untersuchen und ihm immer
n‰herzukommen. In den vielen schlaflosen N‰chten habe ich besonders
etwas empfunden, das ich eben nicht deutlich beschreiben kann.

Es war, als wenn meine Seele ohne Gesellschaft des Kˆrpers d‰chte; sie
sah den Kˆrper selbst als ein ihr fremdes Wesen an, wie man etwa ein
Kleid ansieht. Sie stellte sich mit einer auflerordentlichen
Lebhaftigkeit die vergangenen Zeiten und Begebenheiten vor und f¸hlte
daraus, was folgen werde. Alle diese Zeiten sind dahin; was folgt,
wird auch dahingehen: der Kˆrper wird wie ein Kleid zerreiflen, aber
ich, das wohlbekannte Ich, ich bin.

Diesem groflen, erhabenen und trˆstlichen Gef¸hle sowenig als nur
mˆglich nachzuh‰ngen, lehrte mich ein edler Freund, der sich mir immer
n‰her verband; es war der Arzt, den ich in dem Hause meines Oheims
hatte kennenlernen und der sich von der Verfassung meines Kˆrpers und
meines Geistes sehr gut unterrichtet hatte; er zeigte mir, wie sehr
diese Empfindungen, wenn wir sie unabh‰ngig von ‰uflern Gegenst‰nden in
uns n‰hren, uns gewissermaflen aushˆhlen und den Grund unseres Daseins
untergraben. "T‰tig zu sein", sagte er, "ist des Menschen erste
Bestimmung, und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen genˆtiget
ist, sollte er anwenden, eine deutliche Erkenntnis der ‰uflerlichen
Dinge zu erlangen, die ihm in der Folge abermals seine T‰tigkeit
erleichtert."

Da der Freund meine Gewohnheit kannte, meinen eigenen Kˆrper als einen
‰uflern Gegenstand anzusehn, und da er wuflte, dafl ich meine
Konstitution, mein ¸bel und die medizinischen H¸lfsmittel ziemlich
kannte und ich wirklich durch anhaltende eigene und fremde Leiden ein
halber Arzt geworden war, so leitete er meine Aufmerksamkeit von der
Kenntnis des menschlichen Kˆrpers und der Spezereien auf die ¸brigen
nachbarlichen Gegenst‰nde der Schˆpfung und f¸hrte mich wie im
Paradiese umher, und nur zuletzt, wenn ich mein Gleichnis fortsetzen
darf, liefl er mich den in der Abendk¸hle im Garten wandelnden Schˆpfer
aus der Entfernung ahnen.

Wie gerne sah ich nunmehr Gott in der Natur, da ich ihn mit solcher
Gewiflheit im Herzen trug; wie interessant war mir das Werk seiner
H‰nde, und wie dankbar war ich, dafl er mich mit dem Atem seines Mundes
hatte beleben wollen! Wir hofften aufs neue mit meiner Schwester auf
einen Knaben, dem mein Schwager so sehnlich entgegensah und dessen
Geburt er leider nicht erlebte. Der wackere Mann starb an den Folgen
eines ungl¸cklichen Sturzes vom Pferde, und meine Schwester folgte ihm,
nachdem sie der Welt einen schˆnen Knaben gegeben hatte. Ihre vier
hinterlassenen Kinder konnte ich nur mit Wehmut ansehn. So manche
gesunde Person war vor mir, der Kranken, hingegangen; sollte ich nicht
vielleicht von diesen hoffnungsvollen Bl¸ten manche abfallen sehen?
Ich kannte die Welt genug, um zu wissen, unter wie vielen Gefahren ein
Kind, besonders in dem hˆheren Stande, heraufw‰chst, und es schien mir,
als wenn sie seit der Zeit meiner Jugend sich f¸r die gegenw‰rtige
Welt noch vermehrt h‰tten. Ich f¸hlte, dafl ich bei meiner Schw‰che
wenig oder nichts f¸r die Kinder zu tun imstande sei; um desto
erw¸nschter war mir des Oheims Entschlufl, der nat¸rlich aus seiner
Denkungsart entsprang, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erziehung
dieser liebensw¸rdigen Geschˆpfe zu verwenden. Und gewifl, sie
verdienten es in jedem Sinne, sie waren wohlgebildet und versprachen
bei ihrer groflen Verschiedenheit s‰mtlich gutartige und verst‰ndige
Menschen zu werden.

Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht hatte, betrachtete ich
gern die Familien‰hnlichkeit in Kindern und Verwandten. Mein Vater
hatte sorgf‰ltig die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, sich selbst
und seine Kinder von leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine
Mutter und ihre Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten die
Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir sie oft untereinander
verglichen hatten, so suchten wir nun bei den Kindern die
‰hnlichkeiten des ‰uflern und Innern wieder auf. Der ‰lteste Sohn
meiner Schwester schien seinem Groflvater v‰terlicher Seite zu gleichen,
von dem ein jugendliches Bild, sehr gut gemalt, in der Sammlung
unseres Oheims aufgestellt war; auch liebte er wie jener, der sich
immer als ein braver Offizier gezeigt hatte, nichts so sehr als das
Gewehr, womit er sich immer, sooft er mich besuchte, besch‰ftigte.
Denn mein Vater hatte einen sehr schˆnen Gewehrschrank hinterlassen,
und der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein paar Pistolen
und eine Jagdflinte schenkte und bis er herausgebracht hatte, wie ein
deutsches Schlofl aufzuziehen sei. ¸brigens war er in seinen Handlungen
und seinem ganzen Wesen nichts weniger als rauh, sondern vielmehr
sanft und verst‰ndig.

Die ‰lteste Tochter hatte meine ganze Neigung gefesselt, und es mochte
wohl daher kommen, weil sie mir ‰hnlich sah und weil sie sich von
allen vieren am meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen, je
genauer ich sie beobachtete, da sie heranwuchs, desto mehr besch‰mte
sie mich, und ich konnte das Kind nicht ohne Bewunderung, ja ich darf
beinahe sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man sah nicht leicht eine
edlere Gestalt, ein ruhiger Gem¸t und eine immer gleiche, auf keinen
Gegenstand eingeschr‰nkte T‰tigkeit. Sie war keinen Augenblick ihres
Lebens unbesch‰ftigt, und jedes Gesch‰ft ward unter ihren H‰nden zur
w¸rdigen Handlung. Alles schien ihr gleich, wenn sie nur das
verrichten konnte, was in der Zeit und am Platz war, und ebenso konnte
sie ruhig, ohne Ungeduld bleiben, wenn sich nichts zu tun fand. Diese
T‰tigkeit ohne Bed¸rfnis einer Besch‰ftigung habe ich in meinem Leben
nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend auf ihr Betragen
gegen Notleidende und H¸lfsbed¸rftige. Ich gestehe gern, dafl ich
niemals das Talent hatte, mir aus der Wohlt‰tigkeit ein Gesch‰ft zu
machen; ich war nicht karg gegen Arme, ja ich gab oft in meinem
Verh‰ltnisse zuviel dahin, aber gewissermaflen kaufte ich mich nur los,
und es muflte mir jemand angeboren sein, wenn er mir meine Sorgfalt
abgewinnen wollte. Gerade das Gegenteil lobe ich an meiner Nichte.
Ich habe sie niemals einem Armen Geld geben sehen, und was sie von mir
zu diesem Endzweck erhielt, verwandelte sie immer erst in das n‰chste
Bed¸rfnis. Niemals erschien sie mir liebensw¸rdiger, als wenn sie
meine Kleider- und W‰schschr‰nke pl¸nderte; immer fand sie etwas, das
ich nicht trug und nicht brauchte, und diese alten Sachen
zusammenzuschneiden und sie irgendeinem zerlumpten Kinde anzupassen
war ihre grˆflte Gl¸ckseligkeit.

Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon anders; sie hatte
vieles von der Mutter, versprach schon fr¸he sehr zierlich und reizend
zu werden und scheint ihr Versprechen halten zu wollen; sie ist sehr
mit ihrem ‰uflern besch‰ftigt und wuflte sich von fr¸her Zeit an auf
eine in die Augen fallende Weise zu putzen und zu tragen. Ich
erinnere mich noch immer, mit welchem Entz¸cken sie sich als ein
kleines Kind im Spiegel besah, als ich ihr die schˆnen Perlen, die mir
meine Mutter hinterlassen hatte und die sie von ungef‰hr bei mir fand,
umbinden muflte.

Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, war es mir
angenehm zu denken, wie meine Besitzungen nach meinem Tode unter sie
zerfallen und durch sie wieder lebendig werden w¸rden. Ich sah die
Jagdflinten meines Vaters schon wieder auf dem R¸cken des Neffen im
Felde herumwandeln und aus seiner Jagdtasche schon wieder H¸hner
herausfallen; ich sah meine s‰mtliche Garderobe bei der
Osterkonfirmation, lauter kleinen M‰dchen angepaflt, aus der Kirche
herauskommen und mit meinen besten Stoffen ein sittsames B¸rgerm‰dchen
an ihrem Brauttage geschm¸ckt: denn zu Ausstattung solcher Kinder und
ehrbarer armer M‰dchen hatte Natalie eine besondere Neigung, ob sie
gleich, wie ich hier bemerken mufl, selbst keine Art von Liebe und,
wenn ich so sagen darf, kein Bed¸rfnis einer Anh‰nglichkeit an ein
sichtbares oder unsichtbares Wesen, wie es sich bei mir in meiner
Jugend so lebhaft gezeigt hatte, auf irgendeine Weise merken liefl.

Wenn ich nun dachte, dafl die J¸ngste an ebendemselben Tage meine
Perlen und Juwelen nach Hofe tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine
Besitzungen wie meinen Kˆrper den Elementen wiedergegeben.

Die Kinder wuchsen heran und sind zu meiner Zufriedenheit gesunde,
schˆne und wackre Geschˆpfe. Ich ertrage es mit Geduld, dafl der Oheim
sie von mir entfernt h‰lt, und sehe sie, wenn sie in der N‰he oder
auch wohl gar in der Stadt sind, selten.

Ein wunderbarer Mann, den man f¸r einen franzˆsischen Geistlichen h‰lt,
ohne dafl man recht von seiner Herkunft unterrichtet ist, hat die
Aufsicht ¸ber die s‰mtlichen Kinder, welche an verschiedenen Orten
erzogen werden und bald hier, bald da in der Kost sind.

Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung sehn, bis mir mein
Arzt zuletzt erˆffnete: der Oheim habe sich durch den Abbe ¸berzeugen
lassen, dafl, wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle,
m¸sse man sehen, wohin seine Neigungen und W¸nsche gehen. Sodann
m¸sse man ihn in die Lage versetzen, jene so bald als mˆglich zu
befriedigen, diese so bald als mˆglich zu erreichen, damit der Mensch,
wenn er sich geirret habe, fr¸h genug seinen Irrtum gewahr werde, und
wenn er das getroffen hat, was f¸r ihn paflt, desto eifriger daran
halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich w¸nsche, dafl dieser
sonderbare Versuch gelingen mˆge; bei so guten Naturen ist es
vielleicht mˆglich.

Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, dafl
sie alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange
mit sich selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde
f¸hren kˆnne. Ja, es verdrieflt mich oft von dem Oheim, dafl er mich
deshalb f¸r die Kinder f¸r gef‰hrlich h‰lt. Im Praktischen ist doch
kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, dafl er jedem seine
Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der
T‰tigkeit auszuschlieflen, die nicht so denken wie er.

Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betr¸bt mich desto mehr,
je mehr ich von der Realit‰t meines Glaubens ¸berzeugt sein kann.
Warum sollte er nicht einen gˆttlichen Ursprung, nicht einen
wirklichen Gegenstand haben, da er sich im Praktischen so wirksam
erweiset? Werden wir durchs Praktische doch unseres eigenen Daseins
selbst erst recht gewifl, warum sollten wir uns nicht auch auf ebendem
Wege von jenem Wesen ¸berzeugen kˆnnen, das uns zu allem Guten die
Hand reicht?

Dafl ich immer vorw‰rts, nie r¸ckw‰rts gehe, dafl meine Handlungen immer
mehr der Idee ‰hnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit
gemacht habe, dafl ich t‰glich mehr Leichtigkeit f¸hle, das zu tun, was
ich f¸r recht halte, selbst bei der Schw‰che meines Kˆrpers, der mir
so manchen Dienst versagt; l‰flt sich das alles aus der menschlichen
Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen habe, erkl‰ren? F¸r
mich nun einmal nicht.

Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt
eines Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht
f¸hret; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weifl sowenig von
Einschr‰nkung als von Reue. Gott sei Dank, dafl ich erkenne, wem ich
dieses Gl¸ck schuldig bin und dafl ich an diese Vorz¸ge nur mit Demut
denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eignes
Kˆnnen und Vermˆgen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe,
welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine hˆhere Kraft
uns nicht bewahrt, sich erzeugen und n‰hren kˆnne.

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