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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5 by Johann Wolfgang von Goethe

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5 by Johann Wolfgang von Goethe - Full Text Free Book
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This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.

Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5

Johann Wolfgang von Goethe

F¸nftes Buch

Erstes Kapitel

So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten Wunden abermals eine
frische dritte, die ihm nicht wenig unbequem war. Aurelie wollte
nicht zugeben, dafl er sich eines Wundarztes bediente; sie selbst
verband ihn unter allerlei wunderlichen Reden, Zeremonien und Spr¸chen
und setzte ihn dadurch in eine sehr peinliche Lage. Doch nicht er
allein, sondern alle Personen, die sich in ihrer N‰he befanden, litten
durch ihre Unruhe und Sonderbarkeit; niemand aber mehr als der kleine
Felix. Das lebhafte Kind war unter einem solchen Druck hˆchst
ungeduldig und zeigte sich immer unartiger, je mehr sie es tadelte und
zurechtwies.

Der Knabe gefiel sich in gewissen Eigenheiten, die man auch Unarten zu
nennen pflegt und die sie ihm keinesweges nachzusehen gedachte. Er
trank zum Beispiel lieber aus der Flasche als aus dem Glase, und
offenbar schmeckten ihm die Speisen aus der Sch¸ssel besser als von
dem Teller. Eine solche Unschicklichkeit wurde nicht ¸bersehen, und
wenn er nun gar die T¸re aufliefl oder zuschlug und, wenn ihm etwas
befohlen wurde, entweder nicht von der Stelle wich oder ungest¸m
davonrannte, so muflte er eine grofle Lektion anhˆren, ohne dafl er
darauf je einige Besserung h‰tte sp¸ren lassen. Vielmehr schien die
Neigung zu Aurelien sich t‰glich mehr zu verlieren; in seinem Tone war
nichts Z‰rtliches, wenn er sie Mutter nannte, er hing vielmehr
leidenschaftlich an der alten Amme, die ihm denn freilich allen Willen
liefl.

Aber auch diese war seit einiger Zeit so krank geworden, dafl man sie
aus dem Hause in ein stilles Quartier bringen muflte, und Felix h‰tte
sich ganz allein gesehen, w‰re nicht Mignon auch ihm als ein
liebevoller Schutzgeist erschienen. Auf das artigste unterhielten
sich beide Kinder miteinander; sie lehrte ihm kleine Lieder, und er,
der ein sehr gutes Ged‰chtnis hatte, rezitierte sie oft zur
Verwunderung der Zuhˆrer. Auch wollte sie ihm die Landkarten erkl‰ren,
mit denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie jedoch nicht mit
der besten Methode verfuhr. Denn eigentlich schien sie bei den
L‰ndern kein besonderes Interesse zu haben, als ob sie kalt oder warm
seien. Von den Weltpolen, von dem schrecklichen Eise daselbst und von
der zunehmenden W‰rme, je mehr man sich von ihnen entfernte, wuflte sie
sehr gut Rechenschaft zu geben. Wenn jemand reiste, fragte sie nur,
ob er nach Norden oder nach S¸den gehe, und bem¸hte sich, die Wege auf
ihren kleinen Karten aufzufinden. Besonders wenn Wilhelm von Reisen
sprach, war sie sehr aufmerksam und schien sich immer zu betr¸ben,
sobald das Gespr‰ch auf eine andere Materie ¸berging. Sowenig man sie
bereden konnte, eine Rolle zu ¸bernehmen oder auch nur, wenn gespielt
wurde, auf das Theater zu gehen, so gern und fleiflig lernte sie Oden
und Lieder auswendig und erregte, wenn sie ein solches Gedicht,
gewˆhnlich von der ernsten und feierlichen Art, oft unvermutet wie aus
dem Stegreife deklamierte, bei jedermann Erstaunen.

Serlo, der auf jede Spur eines aufkeimenden Talentes zu achten gewohnt
war, suchte sie aufzumuntern; am meisten aber empfahl sie sich ihm
durch einen sehr artigen, mannigfaltigen und manchmal selbst muntern
Gesang, und auf ebendiesem Wege hatte sich der Harfenspieler seine
Gunst erworben.

Serlo, ohne selbst Genie zur Musik zu haben oder irgendein Instrument
zu spielen, wuflte ihren hohen Wert zu sch‰tzen; er suchte sich sooft
als mˆglich diesen Genufl, der mit keinem andern verglichen werden kann,
zu verschaffen. Er hatte wˆchentlich einmal Konzert, und nun hatte
sich ihm durch Mignon, den Harfenspieler und Laertes, der auf der
Violine nicht ungeschickt war, eine wunderliche kleine Hauskapelle
gebildet.

Er pflegte zu sagen: "Der Mensch ist so geneigt, sich mir dem
Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen
die Eindr¸cke des Schˆnen und Vollkommenen ab, dafl man die F‰higkeit,
es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. Denn einen
solchen Genufl kann niemand ganz entbehren, und nur die Ungewohntheit,
etwas Gutes zu genieflen, ist Ursache, dafl viele Menschen schon am
Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergn¸gen finden.
Man sollte", sagte er, "alle Tage wenigstens ein kleines Lied hˆren,
ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gem‰lde sehen und, wenn es
mˆglich zu machen w‰re, einige vern¸nftige Worte sprechen."

Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermaflen nat¸rlich waren,
konnte es den Personen, die ihn umgaben, nicht an angenehmer
Unterhaltung fehlen. Mitten in diesem vergn¸glichen Zustande brachte
man Wilhelmen eines Tags einen schwarzgesiegelten Brief. Werners
Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht, und er erschrak nicht
wenig, als er den Tod seines Vaters nur mit einigen Worten angezeigt
fand. Nach einer unerwarteten, kurzen Krankheit war er aus der Welt
gegangen und hatte seine h‰uslichen Angelegenheiten in der besten
Ordnung hinterlassen.

Diese unvermutete Nachricht traf Wilhelmen im Innersten. Er f¸hlte
tief, wie unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, solange sie
sich mit uns des irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachl‰ssigt und
nur dann erst die Vers‰umnis bereut, wenn das schˆne Verh‰ltnis
wenigstens f¸r diesmal aufgehoben ist. Auch konnte der Schmerz ¸ber
das zeitige Absterben des braven Mannes nur durch das Gef¸hl gelindert
werden, dafl er auf der Welt wenig geliebt, und durch die ¸berzeugung,
dafl er wenig genossen habe.

Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf seine eigenen Verh‰ltnisse,
und er f¸hlte sich nicht wenig beunruhigt. Der Mensch kann in keine
gef‰hrlichere Lage versetzt werden, als wenn durch ‰uflere Umst‰nde
eine grofle Ver‰nderung seines Zustandes bewirkt wird, ohne dafl seine
Art zu empfinden und zu denken darauf vorbereitet ist. Es gibt
alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht nur ein desto
grˆflerer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, dafl er zu dem
neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.

Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich
selbst noch nicht einig werden konnte. Seine Gesinnungen waren edel,
seine Absichten lauter, und seine Vors‰tze schienen nicht verwerflich.
Das alles durfte er sich mit einigem Zutrauen selbst bekennen; allein
er hatte Gelegenheit genug gehabt zu bemerken, dafl es ihm an Erfahrung
fehle, und er legte daher auf die Erfahrung anderer und auf die
Resultate, die sie daraus mit ¸berzeugung ableiteten, einen
¸berm‰fligen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was ihm
fehlte, glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles Denkw¸rdige,
was ihm in B¸chern und im Gespr‰ch vorkommen mochte, zu erhalten und
zu sammeln untern‰hme. Er schrieb daher fremde und eigene Meinungen
und Ideen, ja ganze Gespr‰che, die ihm interessant waren, auf und
hielt leider auf diese Weise das Falsche so gut als das Wahre fest,
blieb viel zu lange an einer Idee, ja man mˆchte sagen an einer
Sentenz h‰ngen und verliefl dabei seine nat¸rliche Denk- und
Handelsweise, indem er oft fremden Lichtern als Leitsternen folgte.
Aureliens Bitterkeit und seines Freundes Laertes kalte Verachtung der
Menschen bestachen ˆfter als billig war sein Urteil: niemand aber war
ihm gef‰hrlicher gewesen als Jarno, ein Mann, dessen heller Verstand
von gegenw‰rtigen Dingen ein richtiges, strenges Urteil f‰llte, dabei
aber den Fehler hatte, dafl er diese einzelnen Urteile mit einer Art
von Allgemeinheit aussprach, da doch die Ausspr¸che des Verstandes
eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmtesten Falle gelten und
schon unrichtig werden, wenn man sie auf den n‰chsten anwendet.

So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst einig zu werden
strebte, immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser
Verwirrung ward es seinen Leidenschaften um so leichter, alle
Zur¸stungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und ihn ¸ber das, was er zu
tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.

Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich hatte er
auch t‰glich immer mehr Ursache, an eine andere Einrichtung seines
Schauspiels zu denken. Er muflte entweder seine alten Kontrakte
erneuern, wozu er keine grofle Lust hatte, indem mehrere Mitglieder,
die sich f¸r unentbehrlich hielten, t‰glich unleidlicher wurden; oder
er muflte, wohin auch sein Wunsch ging, der Gesellschaft eine ganz neue
Gestalt geben.

Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er Aurelien und Philinen
auf; und die ¸brigen Gesellen, die sich nach Engagement sehnten,
lieflen unserm Freunde gleichfalls keine Ruhe, so dafl er mit ziemlicher
Verlegenheit an einem Scheidewege stand. Wer h‰tte gedacht, dafl ein
Brief von Wernern, der ganz im entgegengesetzten Sinne geschrieben war,
ihn endlich zu einer Entschlieflung hindr‰ngen sollte. Wir lassen nur
den Eingang weg und geben ¸brigens das Schreiben mit weniger
Ver‰nderung.

V. Buch, 2. Kapitel

Zweites Kapitel

"--So war es, und so mufl es denn auch wohl recht sein, dafl jeder bei
jeder Gelegenheit seinem Gewerbe nachgeht und seine T‰tigkeit zeigt.
Der gute Alte war kaum verschieden, als auch in der n‰chsten
Viertelstunde schon nichts mehr nach seinem Sinne im Hause geschah.
Freunde, Bekannte und Verwandte dr‰ngten sich zu, besonders aber alle
Menschenarten, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu gewinnen haben.
Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; die einen
holten Wein und Kuchen, die andern tranken und aflen; niemanden sah ich
aber ernsthafter besch‰ftigt als die Weiber, indem sie die Trauer
aussuchten.

Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn ich bei dieser
Gelegenheit auch an meinen Vorteil dachte, mich deiner Schwester so
hilfreich und t‰tig als mˆglich zeigte und ihr, sobald es nur
einigermaflen schicklich war, begreiflich machte, dafl es nunmehr unsre
Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die unsre V‰ter aus
allzugrofler Umst‰ndlichkeit bisher verzˆgert hatten.

Nun muflt du aber ja nicht denken, dafl es uns eingefallen sei, das
grofle, leere Haus in Besitz zu nehmen. Wir sind bescheidner und
vern¸nftiger; unsern Plan sollst du hˆren. Deine Schwester zieht nach
der Heirat gleich in unser Haus her¸ber, und sogar auch deine Mutter
mit.

"Wie ist das mˆglich?" wirst du sagen; "ihr habt ja selbst in dem
Neste kaum Platz." Das ist eben die Kunst, mein Freund! Die
geschickte Einrichtung macht alles mˆglich, und du glaubst nicht,
wieviel Platz man findet, wenn man wenig Raum braucht. Das grofle Haus
verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute Gelegenheit darbietet; das
daraus gelˆste Geld soll hundertf‰ltige Zinsen tragen.

Ich hoffe, du bist damit einverstanden, und w¸nsche, dafl du nichts von
den unfruchtbaren Liebhabereien deines Vaters und Groflvaters geerbt
haben mˆgest. Dieser setzte seine hˆchste Gl¸ckseligkeit in eine
Anzahl unscheinbarer Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl sagen
niemand, mit ihm genieflen konnte: jener lebte in einer kostbaren
Einrichtung, die er niemand mit sich genieflen liefl. Wir wollen es
anders machen, und ich hoffe deine Beistimmung.

Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen Hause keinen Platz
als den an meinem Schreibepulte, und noch seh ich nicht ab, wo man
k¸nftig eine Wiege hinsetzen will; aber daf¸r ist der Raum aufler dem
Hause desto grˆfler. Die Kaffeeh‰user und Klubs f¸r den Mann, die
Spazierg‰nge und Spazierfahrten f¸r die Frau, und die schˆnen
Lustˆrter auf dem Lande f¸r beide. Dabei ist der grˆflte Vorteil, dafl
auch unser runder Tisch ganz besetzt ist und es dem Vater unmˆglich
wird, Freunde zu sehen, die sich nur desto leichtfertiger ¸ber ihn
aufhalten, je mehr er sich M¸he gegeben hat, sie zu bewirten.

Nur nichts ¸berfl¸ssiges im Hause! nur nicht zu viel Mˆbeln,
Ger‰tschaften, nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und
dann auf eine vern¸nftige Weise jeden Tag getan, was dir beliebt. Nur
keine Garderobe, immer das Neueste und Beste auf dem Leibe; der Mann
mag seinen Rock abtragen und die Frau den ihrigen vertrˆdeln, sobald
er nur einigermaflen aus der Mode kˆmmt. Es ist mir nichts
unertr‰glicher als so ein alter Kram von Besitztum. Wenn man mir den
kostbarsten Edelstein schenken wollte mit der Bedingung, ihn t‰glich
am Finger zu tragen, ich w¸rde ihn nicht annehmen; denn wie l‰flt sich
bei einem toten Kapital nur irgendeine Freude denken? Das ist also
mein lustiges Glaubensbekenntnis: seine Gesch‰fte verrichtet, Geld
geschafft, sich mit den Seinigen lustig gemacht und um die ¸brige Welt
sich nicht mehr bek¸mmert, als insofern man sie nutzen kann.

Nun wirst du aber sagen: wie ist denn in eurem saubern Plane an mich
gedacht? Wo soll ich unterkommen, wenn ihr mir das v‰terliche Haus
verkauft und in dem eurigen nicht der mindeste Raum ¸brigbleibt?'

Das ist freilich der Hauptpunkt, Br¸derchen, und auf den werde ich dir
gleich dienen kˆnnen, wenn ich dir vorher das geb¸hrende Lob ¸ber
deine vortrefflich angewendete Zeit werde entrichtet haben.

Sage nur, wie hast du es angefangen, in so wenigen Wochen ein Kenner
aller n¸tzlichen und interessanten Gegenst‰nde zu werden? Soviel
F‰higkeiten ich an dir kenne, h‰tte ich dir doch solche Aufmerksamkeit
und solchen Fleifl nicht zugetraut. Dein Tagebuch hat uns ¸berzeugt,
mit welchem Nutzen du die Reise gemacht hast; die Beschreibung der
Eisen- und Kupferh‰mmer ist vortrefflich und zeigt von vieler Einsicht
in die Sache. Ich habe sie ehemals auch besucht; aber meine Relation,
wenn ich sie dagegenhalte, sieht sehr st¸mperm‰flig aus. Der ganze
Brief ¸ber die Leinwandfabrikation ist lehrreich und die Anmerkung
¸ber die Konkurrenz sehr treffend. An einigen Orten hast du Fehler in
der Addition gemacht, die jedoch sehr verzeihlich sind.

Was aber mich und meinen Vater am meisten und hˆchsten freut, sind
deine gr¸ndlichen Einsichten in die Bewirtschaftung und besonders in
die Verbesserung der Feldg¸ter. Wir haben Hoffnung, ein grofles Gut,
das in Sequestration liegt, in einer sehr fruchtbaren Gegend zu
erkaufen. Wir wenden das Geld, das wir aus dem v‰terlichen Hause
lˆsen, dazu an; ein Teil wird geborgt, und ein Teil kann stehenbleiben;
und wir rechnen auf dich, dafl du dahin ziehst, den Verbesserungen
vorstehst, und so kann, um nicht zuviel zu sagen, das Gut in einigen
Jahren um ein Drittel an Wert steigen; man verkauft es wieder, sucht
ein grˆfleres, verbessert und handelt wieder, und dazu bist du der Mann.
Unsere Federn sollen indes zu Hause nicht m¸flig sein, und wir wollen
uns bald in einen beneidenswerten Zustand versetzen.

Jetzt lebe wohl! Geniefle das Leben auf der Reise und ziehe hin, wo du
es vergn¸glich und n¸tzlich findest. Vor dem ersten halben Jahre
bed¸rfen wir deiner nicht; du kannst dich also nach Belieben in der
Welt umsehen: denn die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf
Reisen. Lebe wohl, ich freue mich, so nahe mit dir verbunden, auch
nunmehr im Geist der T‰tigkeit mit dir vereint zu werden."

So gut dieser Brief geschrieben war und soviel ˆkonomische Wahrheiten
er enthalten mochte, miflfiel er doch Wilhelmen auf mehr als eine Weise.
Das Lob, das er ¸ber seine fingierten statistischen, technologischen
und ruralischen Kenntnisse erhielt, war ihm ein stiller Vorwurf; und
das Ideal, das ihm sein Schwager vom Gl¸ck des b¸rgerlichen Lebens
vorzeichnete, reizte ihn keineswegs; vielmehr ward er durch einen
heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit auf die
entgegengesetzte Seite getrieben. Er ¸berzeugte sich, dafl er nur auf
dem Theater die Bildung, die er sich zu geben w¸nschte, vollenden
kˆnne, und schien in seinem Entschlusse nur desto mehr best‰rkt zu
werden, je lebhafter Werner, ohne es zu wissen, sein Gegner geworden
war. Er faflte darauf alle seine Argumente zusammen und best‰tigte bei
sich seine Meinung nur um desto mehr, je mehr er Ursache zu haben
glaubte, sie dem klugen Werner in einem g¸nstigen Lichte darzustellen,
und auf diese Weise entstand eine Antwort, die wir gleichfalls
einr¸cken.

V. Buch, 3. Kapitel

Drittes Kapitel

"Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht,
dafl sich nichts mehr dazusetzen l‰flt. Du wirst mir aber verzeihen,
wenn ich sage, dafl man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten
und tun und doch auch recht haben kann. Deine Art, zu sein und zu
denken, geht auf einen unbeschr‰nkten Besitz und auf eine leichte,
lustige Art zu genieflen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen, dafl
ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.

Zuerst mufl ich dir leider bekennen, dafl mein Tagebuch aus Not, um
meinem Vater gef‰llig zu sein, mit H¸lfe eines Freundes aus mehreren
B¸chern zusammengeschrieben ist und dafl ich wohl die darin enthaltenen
Sachen und noch mehrere dieser Art weifl, aber keineswegs verstehe noch
mich damit abgeben mag. Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabrizieren,
wenn mein eigenes Inneres voller Schlacken ist? und was, ein Landgut
in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber uneins bin?

Dafl ich dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin,
auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine
Absicht. Noch hege ich ebendiese Gesinnungen, nur dafl mir die Mittel,
die mir es mˆglich machen werden, etwas deutlicher sind. Ich habe
mehr Welt gesehen, als du glaubst, und sie besser benutzt, als du
denkst. Schenke deswegen dem, was ich sage, einige Aufmerksamkeit,
wenn es gleich nicht ganz nach deinem Sinne sein sollte.

W‰re ich ein Edelmann, so w‰re unser Streit bald abgetan; da ich aber
nur ein B¸rger bin, so mufl ich einen eigenen Weg nehmen, und ich
w¸nsche, dafl du mich verstehen mˆgest. Ich weifl nicht, wie es in
fremden L‰ndern ist, aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine
gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf personelle Ausbildung mˆglich.
Ein B¸rger kann sich Verdienst erwerben und zur hˆchsten Not seinen
Geist ausbilden; seine Persˆnlichkeit geht aber verloren, er mag sich
stellen, wie er will. Indem es dem Edelmann, der mit den Vornehmsten
umgeht, zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen Anstand zu geben,
indem dieser Anstand, da ihm weder T¸r noch Tor verschlossen ist, zu
einem freien Anstand wird, da er mit seiner Figur, mit seiner Person,
es sei bei Hofe oder bei der Armee, bezahlen mufl: so hat er Ursache,
etwas auf sie zu halten und zu zeigen, dafl er etwas auf sie h‰lt.
Eine gewisse feierliche Grazie bei gewˆhnlichen Dingen, eine Art von
leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen kleidet ihn
wohl, weil er sehen l‰flt, dafl er ¸berall im Gleichgewicht steht. Er
ist eine ˆffentliche Person, und je ausgebildeter seine Bewegungen, je
sonorer seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes Wesen
ist, desto vollkommner ist er. Wenn er gegen Hohe und Niedre, gegen
Freunde und Verwandte immer ebenderselbe bleibt, so ist nichts an ihm
auszusetzen, man darf ihn nicht anders w¸nschen. Er sei kalt, aber
verst‰ndig; verstellt, aber klug. Wenn er sich ‰uflerlich in jedem
Momente seines Lebens zu beherrschen weifl, so hat niemand eine weitere
Forderung an ihn zu machen, und alles ¸brige, was er an und um sich
hat, F‰higkeit, Talent, Reichtum, alles scheinen nur Zugaben zu sein.

Nun denke dir irgendeinen B¸rger, der an jene Vorz¸ge nur einigen
Anspruch zu machen ged‰chte; durchaus mufl es ihm mifllingen, und er
m¸flte desto ungl¸cklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu jener
Art zu sein F‰higkeit und Trieb gegeben h‰tte.

Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man
aus ihm Kˆnige oder kˆnig‰hnliche Figuren erschaffen kann, so darf er
¸berall mit einem stillen Bewufltsein vor seinesgleichen treten; er
darf ¸berall vorw‰rtsdringen, anstatt dafl dem B¸rger nichts besser
ansteht als das reine, stille Gef¸hl der Grenzlinie, die ihm gezogen
ist. Er darf nicht fragen: "Was bist du?" sondern nur: "Was hast du?
welche Einsicht, welche Kenntnis, welche F‰higkeit, wieviel Vermˆgen?"
Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles gibt, so
gibt der B¸rger durch seine Persˆnlichkeit nichts und soll nichts
geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein, und was er
scheinen will, ist l‰cherlich oder abgeschmackt. Jener soll tun und
wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll einzelne F‰higkeiten
ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt,
dafl in seinem Wesen keine Harmonie sei noch sein d¸rfe, weil er, um
sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles ¸brige vernachl‰ssigen
mufl.

An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmaflung der Edelleute und
die Nachgiebigkeit der B¸rger, sondern die Verfassung der Gesellschaft
selbst schuld; ob sich daran einmal etwas ‰ndern wird und was sich
‰ndern wird, bek¸mmert mich wenig; genug, ich habe, wie die Sachen
jetzt stehen, an mich selbst zu denken und wie ich mich selbst und das,
was mir ein unerl‰flliches Bed¸rfnis ist, rette und erreiche.

Ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen Ausbildung meiner
Natur, die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung.
Ich habe, seit ich dich verlassen, durch Leibes¸bung viel gewonnen;
ich habe viel von meiner gewˆhnlichen Verlegenheit abgelegt und stelle
mich so ziemlich dar. Ebenso habe ich meine Sprache und Stimme
ausgebildet, und ich darf ohne Eitelkeit sagen, dafl ich in
Gesellschaften nicht miflfalle. Nun leugne ich dir nicht, dafl mein
Trieb t‰glich un¸berwindlicher wird, eine ˆffentliche Person zu sein
und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kˆmmt
meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung
steht, und das Bed¸rfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden,
damit ich nach und nach auch bei dem Genufl, den ich nicht entbehren
kann, nur das Gute wirklich f¸r gut, und das Schˆne f¸r schˆn halte.
Du siehst wohl, dafl das alles f¸r mich nur auf dem Theater zu finden
ist und dafl ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch r¸hren
und ausbilden kann. Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch
so gut persˆnlich in seinem Glanz als in den obern Klassen; Geist und
Kˆrper m¸ssen bei jeder Bem¸hung gleichen Schritt gehen, und ich werde
da so gut sein und scheinen kˆnnen als irgend anderswo. Suche ich
daneben noch Besch‰ftigungen, so gibt es dort mechanische Qu‰lereien
genug, und ich kann meiner Geduld t‰gliche ¸bung verschaffen.

Disputiere mit mir nicht dar¸ber; denn eh du mir schreibst, ist der
Schritt schon geschehen. Wegen der herrschenden Vorurteile will ich
meinen Namen ver‰ndern, weil ich mich ohnehin sch‰me, als Meister
aufzutreten. Lebe wohl. Unser Vermˆgen ist in so guter Hand, dafl ich
mich darum gar nicht bek¸mmere; was ich brauche, verlange ich
gelegentlich von dir; es wird nicht viel sein, denn ich hoffe, dafl
mich meine Kunst auch n‰hren soll."

Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm auf der Stelle Wort hielt
und zu Serlos und der ¸brigen groflen Verwunderung sich auf einmal
erkl‰rte: dafl er sich zum Schauspieler widme und einen Kontrakt auf
billige Bedingungen eingehen wolle. Man war hier¸ber bald einig, denn
Serlo hatte schon fr¸her sich so erkl‰rt, dafl Wilhelm und die ¸brigen
damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die ganze verungl¸ckte
Gesellschaft, mit der wir uns so lange unterhalten haben, ward auf
einmal angenommen, ohne dafl jedoch, aufler etwa Laertes, sich einer
gegen Wilhelmen dankbar erzeigt h‰tte. Wie sie ohne Zutrauen
gefordert hatten, so empfingen sie ohne Dank. Die meisten wollten
lieber ihre Anstellung dem Einflusse Philinens zuschreiben und
richteten ihre Danksagungen an sie. Indessen wurden die
ausgefertigten Kontrakte unterschrieben, und durch eine unerkl‰rliche
Verkn¸pfung von Ideen entstand vor Wilhelms Einbildungskraft in dem
Augenblicke, als er seinen fingierten Namen unterzeichnete, das Bild
jenes Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schofl gelegen. Auf
einem Schimmel kam die liebensw¸rdige Amazone aus den B¸schen, nahte
sich ihm und stieg ab. Ihr menschenfreundliches Bem¸hen hiefl sie
gehen und kommen; endlich stand sie vor ihm. Das Kleid fiel von ihren
Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt fing an zu gl‰nzen, und sie
verschwand. So schrieb er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne zu
wissen, was er tat, und f¸hlte erst, nachdem er unterzeichnet hatte,
dafl Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand
leise wegzuziehen versucht hatte.

V. Buch, 4. Kapitel

Viertes Kapitel

Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich aufs Theater begab, war
von Serlo nicht ohne Einschr‰nkung zugestanden worden. Jener
verlangte, dafl "Hamlet" ganz und unzerst¸ckt aufgef¸hrt werden sollte,
und dieser liefl sich das wunderliche Begehren insofern gefallen, als
es mˆglich sein w¸rde. Nun hatten sie hier¸ber bisher manchen Streit
gehabt; denn was mˆglich oder nicht mˆglich sei und was man von dem
St¸ck weglassen kˆnne, ohne es zu zerst¸cken, dar¸ber waren beide sehr
verschiedener Meinung.

Wilhelm befand sich noch in den gl¸cklichen Zeiten, da man nicht
begreifen kann, dafl an einem geliebten M‰dchen, an einem verehrten
Schriftsteller irgend etwas mangelhaft sein kˆnne. Unsere Empfindung
von ihnen ist so ganz, so mit sich selbst ¸bereinstimmend, dafl wir uns
auch in ihnen eine solche vollkommene Harmonie denken m¸ssen. Serlo
hingegen sonderte gern und beinah zuviel; sein scharfer Verstand
wollte in einem Kunstwerke gewˆhnlich nur ein mehr oder weniger
unvollkommenes Ganze erkennen. Er glaubte, so wie man die St¸cke
finde, habe man wenig Ursache, mit ihnen so gar bed‰chtig umzugehen,
und so muflte auch Shakespeare, so muflte besonders "Hamlet" vieles
leiden.

Wilhelm wollte gar nicht hˆren, wenn jener von der Absonderung der
Spreu von dem Weizen sprach. "Es ist nicht Spreu und Weizen
durcheinander", rief dieser, "es ist ein Stamm, ‰ste, Zweige, Bl‰tter,
Knospen, Bl¸ten und Fr¸chte. Ist nicht eins mit dem andern und durch
das andere?" Jener behauptete, man bringe nicht den ganzen Stamm auf
den Tisch; der K¸nstler m¸sse goldene ‰pfel in silbernen Schalen
seinen G‰sten reichen. Sie erschˆpften sich in Gleichnissen, und ihre
Meinungen schienen sich immer weiter voneinander zu entfernen.

Gar verzweifeln wollte unser Freund, als Serlo ihm einst nach langem
Streit das einfachste Mittel anriet, sich kurz zu resolvieren, die
Feder zu ergreifen und in dem Trauerspiele, was eben nicht gehen wolle
noch kˆnne, abzustreichen, mehrere Personen in eine zu dr‰ngen, und
wenn er mit dieser Art noch nicht bekannt genug sei oder noch nicht
Herz genug dazu habe, so solle er ihm die Arbeit ¸berlassen, und er
wolle bald fertig sein.

"Das ist nicht unserer Abrede gem‰fl", versetzte Wilhelm. "Wie kˆnnen
Sie bei soviel Geschmack so leichtsinnig sein?"

"Mein Freund", rief Serlo aus, "Sie werden es auch schon werden. Ich
kenne das Abscheuliche dieser Manier nur zu wohl, die vielleicht noch
auf keinem Theater in der Welt stattgefunden hat. Aber wo ist auch
eins so verwahrlost als das unsere? Zu dieser ekelhaften
Verst¸mmelung zwingen uns die Autoren, und das Publikum erlaubt sie.
Wieviel St¸cke haben wir denn, die nicht ¸ber das Mafl des Personals,
der Dekorationen und Theatermechanik, der Zeit, des Dialogs und der
physischen Kr‰fte des Akteurs hinausschritten? Und doch sollen wir
spielen und immer spielen und immer neu spielen. Sollen wir uns dabei
nicht unsers Vorteils bedienen, da wir mit zerst¸ckelten Werken
ebensoviel ausrichten als mit ganzen? Setzt uns das Publikum doch
selbst in den Vorteil! Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige
Menschen aller neuern Nationen haben Gef¸hl f¸r ein ‰sthetisches Ganze;
sie loben und tadeln nur stellenweise; sie entz¸cken sich nur
stellenweise: und f¸r wen ist das ein grˆfleres Gl¸ck als f¸r den
Schauspieler, da das Theater immer nur ein gestoppeltes und
gest¸ckeltes Wesen bleibt."

"Ist!" versetzte Wilhelm; "aber mufl es denn auch so bleiben, mufl denn
alles bleiben, was ist? ¸berzeugen Sie mich ja nicht, dafl Sie recht
haben; denn keine Macht in der Welt w¸rde mich bewegen kˆnnen, einen
Kontrakt zu halten, den ich nur im grˆbsten Irrtum geschlossen h‰tte."

Serlo gab der Sache eine lustige Wendung und ersuchte Wilhelmen, ihre
ˆftern Gespr‰che ¸ber "Hamlet" nochmals zu bedenken und selbst die
Mittel zu einer gl¸cklichen Bearbeitung zu ersinnen.

Nach einigen Tagen, die er in der Einsamkeit zugebracht hatte, kam
Wilhelm mit frohem Blicke zur¸ck. "Ich m¸flte mich sehr irren", rief
er aus, "wenn ich nicht gefunden h‰tte, wie dem Ganzen zu helfen ist;
ja ich bin ¸berzeugt, dafl Shakespeare es selbst so w¸rde gemacht haben,
wenn sein Genie nicht auf die Hauptsache so sehr gerichtet und nicht
vielleicht durch die Novellen, nach denen er arbeitete, verf¸hrt
worden w‰re."

"Lassen Sie hˆren", sagte Serlo, indem er sich gravit‰tisch aufs
Kanapee setzte; "ich werde ruhig aufhorchen, aber auch desto strenger
richten."

Wilhelm versetzte: "Mir ist nicht bange; hˆren Sie nur. Ich
unterscheide nach der genausten Untersuchung, nach der reiflichsten
¸berlegung in der Komposition dieses St¸cks zweierlei: das erste sind
die groflen innern Verh‰ltnisse der Personen und der Begebenheiten, die
m‰chtigen Wirkungen, die aus den Charakteren und Handlungen der
Hauptfiguren entstehen, und diese sind einzeln vortrefflich und die
Folge, in der sie aufgestellt sind, unverbesserlich. Sie kˆnnen durch
keine Art von Behandlung zerstˆrt, ja kaum verunstaltet werden. Diese
sind's, die jedermann zu sehen verlangt, die niemand anzutasten wagt,
die sich tief in die Seele eindr¸cken und die man, wie ich hˆre,
beinahe alle auf das deutsche Theater gebracht hat. Nur hat man, wie
ich glaube, darin gefehlt, dafl man das zweite, was bei diesem St¸ck zu
bemerken ist, ich meine die ‰uflern Verh‰ltnisse der Personen, wodurch
sie von einem Orte zum andern gebracht oder auf diese und jene Weise
durch gewisse zuf‰llige Begebenheiten verbunden werden, f¸r allzu
unbedeutend angesehen, nur im Vorbeigehn davon gesprochen oder sie gar
weggelassen hat. Freilich sind diese F‰den nur d¸nn und lose, aber
sie gehen doch durch's ganze St¸ck und halten zusammen, was sonst
auseinanderfiele, auch wirklich auseinanderf‰llt, wenn man sie
wegschneidet und ein ¸briges getan zu haben glaubt, dafl man die Enden
stehenl‰flt.

Zu diesen ‰uflern Verh‰ltnissen z‰hle ich die Unruhen in Norwegen, den
Krieg mit dem jungen Fortinbras, die Gesandtschaft an den alten Oheim,
den geschlichteten Zwist, den Zug des jungen Fortinbras nach Polen und
seine R¸ckkehr am Ende; angleichen die R¸ckkehr des Horatio von
Wittenberg, die Lust Hamlets, dahin zu gehen, die Reise des Laertes
nach Frankreich, seine R¸ckkunft, die Verschickung Hamlets nach
England, seine Gefangenschaft beim Seer‰uber, der Tod der beiden
Hofleute auf den Uriasbrief: alles dieses sind Umst‰nde und
Begebenheiten, die einen Roman weit und breit machen kˆnnen, die aber
der Einheit dieses St¸cks, in dem besonders der Held keinen Plan hat,
auf das ‰uflerste schaden und hˆchst fehlerhaft sind."

"So hˆre ich Sie einmal gerne!" rief Serlo.

"Fallen Sie mir nicht ein", versetzte Wilhelm, "Sie mˆchten mich nicht
immer loben. Diese Fehler sind wie fl¸chtige St¸tzen eines Geb‰udes,
die man nicht wegnehmen darf, ohne vorher eine feste Mauer
unterzuziehen. Mein Vorschlag ist also, an jenen ersten, groflen
Situationen gar nicht zu r¸hren, sondern sie sowohl im ganzen als
einzelnen mˆglichst zu schonen, aber diese ‰uflern, einzelnen,
zerstreuten und zerstreuenden Motive alle auf einmal wegzuwerfen und
ihnen ein einziges zu substituieren."

"Und das w‰re?" fragte Serlo, indem er sich aus seiner ruhigen
Stellung aufhob.

"Es liegt auch schon im St¸cke", erwiderte Wilhelm, "nur mache ich den
rechten Gebrauch davon. Es sind die Unruhen in Norwegen. Hier haben
Sie meinen Plan zur Pr¸fung.

Nach dem Tode des alten Hamlet werden die erst eroberten Norweger
unruhig. Der dortige Statthalter schickt seinen Sohn Horatio, einen
alten Schulfreund Hamlets, der aber an Tapferkeit und Lebensklugheit
allen andern vorgelaufen ist, nach D‰nemark, auf die Ausr¸stung der
Flotte zu dringen, welche unter dem neuen, der Schwelgerei ergebenen
Kˆnig nur saumselig vonstatten geht. Horatio kennt den alten Kˆnig,
denn er hat seinen letzten Schlachten beigewohnt, hat bei ihm in
Gunsten gestanden, und die erste Geisterszene wird dadurch nicht
verlieren. Der neue Kˆnig gibt sodann dem Horatio Audienz und schickt
den Laertes nach Norwegen mit der Nachricht, dafl die Flotte bald
anlanden werde, indes Horatio den Auftrag erh‰lt, die R¸stung
derselben zu beschleunigen; dagegen will die Mutter nicht einwilligen,
dafl Hamlet, wie er w¸nschte, mit Horatio zur See gehe."

"Gott sei Dank!" rief Serlo, "so werden wir auch Wittenberg und die
hohe Schule los, die mir immer ein leidiger Anstofl war. Ich finde
Ihren Gedanken recht gut: denn aufler den zwei einzigen fernen Bildern,
Norwegen und der Flotte, braucht der Zuschauer sich nichts zu denken;
das ¸brige sieht er alles, das ¸brige geht alles vor, anstatt dafl
sonst seine Einbildungskraft in der ganzen Welt herumgejagt w¸rde."

"Sie sehen leicht", versetzte Wilhelm, "wie ich nunmehr auch das
¸brige zusammenhalten kann. Wenn Hamlet dem Horatio die Missetat
seines Stiefvaters entdeckt, so r‰t ihm dieser, mit nach Norwegen zu
gehen, sich der Armee zu versichern und mit gewaffneter Hand
zur¸ckzukehren. Da Hamlet dem Kˆnig und der Kˆnigin zu gef‰hrlich
wird, haben sie kein n‰heres Mittel, ihn loszuwerden, als ihn nach der
Flotte zu schicken und ihm Rosenkranz und G¸ldenstern zu Beobachtern
mitzugeben; und da indes Laertes zur¸ckkommt, soll dieser bis zum
Meuchelmord erhitzte J¸ngling ihm nachgeschickt werden. Die Flotte
bleibt wegen ung¸nstigen Windes liegen; Hamlet kehrt nochmals zur¸ck,
seine Wanderung ¸ber den Kirchhof kann vielleicht gl¸cklich motiviert
werden; sein Zusammentreffen mit Laertes in Opheliens Grabe ist ein
grofler, unentbehrlicher Moment. Hierauf mag der Kˆnig bedenken, dafl
es besser sei, Hamlet auf der Stelle loszuwerden; das Fest der Abreise,
der scheinbaren Versˆhnung mit Laertes wird nun feierlich begangen,
wobei man Ritterspiele h‰lt und auch Hamlet und Laertes fechten. Ohne
die vier Leichen kann ich das St¸ck nicht schlieflen; es darf niemand
¸brigbleiben. Hamlet gibt, da nun das Wahlrecht des Volks wieder
eintritt, seine Stimme sterbend dem Horatio."

"Nur geschwind", versetzte Serlo, "setzen Sie sich hin und arbeiten
das St¸ck aus; die Idee hat vˆllig meinen Beifall; nur dafl die Lust
nicht verraucht."

V. Buch, 5. Kapitel

F¸nftes Kapitel

Wilhelm hatte sich schon lange mit einer ¸bersetzung "Hamlets"
abgegeben; er hatte sich dabei der geistvollen Wielandschen Arbeit
bedient, durch die er ¸berhaupt Shakespearen zuerst kennenlernte. Was
in derselben ausgelassen war, f¸gte er hinzu, und so war er im Besitz
eines vollst‰ndigen Exemplars in dem Augenblicke, da er mit Serlo ¸ber
die Behandlung so ziemlich einig geworden war. Er fing nun an, nach
seinem Plane auszuheben und einzuschieben, zu trennen und zu verbinden,
zu ver‰ndern und oft wiederherzustellen; denn so zufrieden er auch
mit seiner Idee war, so schien ihm doch bei der Ausf¸hrung immer, dafl
das Original nur verdorben werde.

Sobald er fertig war, las er es Serlo und der ¸brigen Gesellschaft vor.
Sie bezeugten sich sehr zufrieden damit; besonders machte Serlo
manche g¸nstige Bemerkung.

"Sie haben", sagte er unter anderm, "sehr richtig empfunden, dafl
‰uflere Umst‰nde dieses St¸ck begleiten, aber einfacher sein m¸ssen,
als sie uns der grofle Dichter gegeben hat. Was aufler dem Theater
vorgeht, was der Zuschauer nicht sieht, was er sich vorstellen mufl,
ist wie ein Hintergrund, vor dem die spielenden Figuren sich bewegen.
Die grofle, einfache Aussicht auf die Flotte und Norwegen wird dem
St¸cke sehr gut tun; n‰hme man sie ganz weg, so ist es nur eine
Familienszene, und der grofle Begriff, dafl hier ein ganzes kˆnigliches
Haus durch innere Verbrechen und Ungeschicklichkeiten zugrunde geht,
wird nicht in seiner ganzen W¸rde dargestellt. Bliebe aber jener
Hintergrund selbst mannigfaltig, beweglich, konfus: so t‰te er dem
Eindrucke der Figuren Schaden."

Wilhelm nahm nun wieder die Partie Shakespeares und zeigte, dafl er f¸r
Insulaner geschrieben habe, f¸r Engl‰nder, die selbst im Hintergrunde
nur Schiffe und Seereisen, die K¸ste von Frankreich und Kaper zu sehen
gewohnt sind, und dafl, was jenen etwas ganz Gewˆhnliches sei, uns
schon zerstreue und verwirre.

Serlo muflte nachgeben, und beide stimmten darin ¸berein, dafl, da das
St¸ck nun einmal auf das deutsche Theater solle, dieser ernstere,
einfachere Hintergrund f¸r unsre Vorstellungsart am besten passen
werde.

Die Rollen hatte man schon fr¸her ausgeteilt; den Polonius ¸bernahm
Serlo; Aurelie Ophelien; Laertes war durch seinen Namen schon
bezeichnet; ein junger, untersetzter, muntrer, neuangekommener
J¸ngling erhielt die Rolle des Horatio; nur wegen des Kˆnigs und des
Geistes war man in einiger Verlegenheit. F¸r beide Rollen war nur der
alte Polterer da. Serlo schlug den Pedanten zum Kˆnige vor; wogegen
Wilhelm aber aufs ‰uflerste protestierte. Man konnte sich nicht
entschlieflen.

Ferner hatte Wilhelm in seinem St¸cke die beiden Rollen von Rosenkranz
und G¸ldenstern stehenlassen. "Warum haben Sie diese nicht in eine
verbunden?" fragte Serlo, "diese Abbreviatur ist doch so leicht
gemacht."

"Gott bewahre mich vor solchen Verk¸rzungen, die zugleich Sinn und
Wirkung aufheben!" versetzte Wilhelm. "Das, was diese beiden Menschen
sind und tun, kann nicht durch einen vorgestellt werden. In solchen
Kleinigkeiten zeigt sich Shakespeares Grˆfle. Dieses leise Auftreten,
dieses Schmiegen und Biegen, dies Jasagen, Streicheln und Schmeicheln,
diese Behendigkeit, dies Schw‰nzeln, diese Allheit und Leerheit, diese
rechtliche Schurkerei, diese Unf‰higkeit, wie kann sie durch einen
Menschen ausgedr¸ckt werden? Es sollten ihrer wenigstens ein Dutzend
sein, wenn man sie haben kˆnnte; denn sie sind blofl in Gesellschaft
etwas, sie sind die Gesellschaft, und Shakespeare war sehr bescheiden
und weise, dafl er nur zwei solche Repr‰sentanten auftreten liefl.
¸berdies brauche ich sie in meiner Bearbeitung als ein Paar, das mit
dem einen, guten, trefflichen Horatio kontrastiert."

"Ich verstehe Sie", sagte Serlo, "und wir kˆnnen uns helfen. Den
einen geben wir Elmiren (so nannte man die ‰lteste Tochter des
Polterers); es kann nicht schaden, wenn sie gut aussehen, und ich will
die Puppen putzen und dressieren, dafl es eine Lust sein soll."

Philine freute sich auflerordentlich, dafl sie die Herzogin in der
kleinen Komˆdie spielen sollte. "Das will ich so nat¸rlich machen",
rief sie aus, "wie man in der Geschwindigkeit einen zweiten heiratet,
nachdem man den ersten ganz auflerordentlich geliebt hat. Ich hoffe
mir den grˆflten Beifall zu erwerben, und jeder Mann soll w¸nschen, der
dritte zu werden."

Aurelie machte ein verdrieflliches Gesicht bei diesen ‰uflerungen; ihr
Widerwille gegen Philinen nahm mit jedem Tage zu.

"Es ist recht schade", sagte Serlo, "dafl wir kein Ballett haben; sonst
sollten Sie mir mit Ihrem ersten und zweiten Manne ein Pas de deux
tanzen, und der Alte sollte nach dem Takt einschlafen, und Ihre
F¸flchen und W‰dchen w¸rden sich dort hinten auf dem Kindertheater ganz
allerliebst ausnehmen."

"Von meinen W‰dchen wissen Sie ja wohl nicht viel", versetzte sie
schnippisch, "und was meine F¸flchen betrifft", rief sie, indem sie
schnell unter den Tisch reichte, ihre Pantˆffelchen heraufholte und
nebeneinander vor Serlo hinstellte: "hier sind die Stelzchen, und ich
gebe Ihnen auf, niedlichere zu finden."

"Es war Ernst!" sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe betrachtete.
Gewifl, man konnte nicht leicht etwas Artigers sehen.

Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von der Gr‰fin zum
Geschenk erhalten, einer Dame, deren schˆner Fufl ber¸hmt war.

"Ein reizender Gegenstand!" rief Serlo, "das Herz h¸pft mir, wenn ich
sie ansehe."

"Welche Verzuckungen!" sagte Philine.

"Es geht nichts ¸ber ein Paar Pantˆffelchen von so feiner, schˆner
Arbeit", rief Serlo; "doch ist ihr Klang noch reizender als ihr
Anblick." Er hub sie auf und liefl sie einigemal hintereinander
wechselsweise auf den Tisch fallen.

"Was soll das heiflen? Nur wieder her damit!" rief Philine.

"Darf ich sagen", versetzte er mit verstellter Bescheidenheit und
schalkhaftem Ernst, "wir andern Junggesellen, die wir nachts meist
allein sind und uns doch wie andre Menschen f¸rchten und im Dunkeln
uns nach Gesellschaft sehnen, besonders in Wirtsh‰usern und fremden
Orten, wo es nicht ganz geheuer ist, wir finden es gar trˆstlich, wenn
ein gutherziges Kind uns Gesellschaft und Beistand leisten will. Es
ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, man schaudert, die T¸re
tut sich auf, man erkennt ein liebes, pisperndes Stimmchen, es
schleicht was herbei, die Vorh‰nge rauschen, klipp! klapp! die
Pantoffeln fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. Ach der
liebe, der einzige Klang, wenn die Abs‰tzchen auf den Boden
aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je feiner klingt's. Man spreche
mir von Philomelen, von rauschenden B‰chen, vom S‰useln der Winde und
von allem, was je georgelt und gepfiffen worden ist, ich halte mich an
das Klipp! Klapp!--Klipp! Klapp! ist das schˆnste Thema zu einem
Rondeau, das man immer wieder von vorne zu hˆren w¸nscht."

Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den H‰nden und sagte: "Wie ich sie
krummgetreten habe! Sie sind mir viel zu weit." Dann spielte sie
damit und rieb die Sohlen gegeneinander. "Was das heifl wird!" rief
sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die Wange hielt, dann
wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte. Er war gutm¸tig genug,
nach der W‰rme zu f¸hlen, und "Klipp! Klapp!" rief sie, indem sie ihm
einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, dafl er schreiend die
Hand zur¸ckzog. "Ich will euch lehren, bei meinen Pantoffeln was
anders denken!" sagte Philine lachend.

"Und ich will dich lehren, alte Leute wie Kinder anf¸hren!" rief Serlo
dagegen, sprang auf, faflte sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen
Kufl, deren jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar k¸nstlich
abzwingen liefl. ¸ber dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und
wickelten sich um die Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und
Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand mit
Verdrufl auf.

V. Buch, 6. Kapitel

Sechstes Kapitel

Obgleich bei der neuen Bearbeitung "Hamlets" manche Personen
weggefallen waren, so blieb die Anzahl derselben doch immer noch grofl
genug, und fast wollte die Gesellschaft nicht hinreichen.

"Wenn das so fortgeht", sagte Serlo, "wird unser Souffleur auch noch
aus dem Loche hervorsteigen m¸ssen, unter uns wandeln und zur Person
werden."

"Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert", versetzte Wilhelm.

"Ich glaube nicht, dafl es einen vollkommenern Einhelfer gibt", sagte
Serlo. "Kein Zuschauer wird ihn jemals hˆren; wir auf dem Theater
verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu
gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich
zulispelt. Er f¸hlt, welchen Teil seiner Rolle der Schauspieler
vollkommen innehat, und ahnet von weitem, wenn ihn das Ged‰chtnis
verlassen will. In einigen F‰llen, da ich die Rolle kaum ¸berlesen
konnte, da er sie mir Wort vor Wort vorsagte, spielte ich sie mit
Gl¸ck; nur hat er Sonderbarkeiten, die jeden andern unbrauchbar machen
w¸rden: er nimmt so herzlichen Anteil an den St¸cken, dafl er
pathetische Stellen nicht eben deklamiert, aber doch affektvoll
rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr als einmal irregemacht."

"So wie er mich", sagte Aurelie, "mit einer andern Sonderbarkeit einst
an einer sehr gef‰hrlichen Stelle steckenliefl."

"Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit mˆglich?" fragte Wilhelm.

"Er wird", versetzte Aurelie, "bei gewissen Stellen so ger¸hrt, dafl er
heifle Tr‰nen weint und einige Augenblicke ganz aus der Fassung kommt;
und es sind eigentlich nicht die sogenannten r¸hrenden Stellen, die
ihn in diesen Zustand versetzen; es sind, wenn ich mich deutlich
ausdr¸cke, die schˆnen Stellen, aus welchen der reine Geist des
Dichters gleichsam aus hellen, offenen Augen hervorsieht, Stellen, bei
denen wir andern uns nur hˆchstens freuen und wor¸ber viele Tausende
wegsehen."

"Und warum erscheint er mit dieser zarten Seele nicht auf dem
Theater?"

"Ein heiseres Organ und ein steifes Betragen schlieflen ihn von der
B¸hne und seine hypochondrische Natur von der Gesellschaft aus",
versetzte Serlo. "Wieviel M¸he habe ich mir gegeben, ihn an mich zu
gewˆhnen! aber vergebens. Er liest vortrefflich, wie ich nicht wieder
habe lesen hˆren; niemand h‰lt wie er die zarte Grenzlinie zwischen
Deklamation und affektvoller Rezitation."

"Gefunden!" rief Wilhelm, "gefunden! Welch eine gl¸ckliche Entdeckung!
Nun haben wir den Schauspieler, der uns die Stelle vom rauhen
Pyrrhus rezitieren soll."

"Man mufl so viel Leidenschaft haben wie Sie", versetzte Serlo, "um
alles zu seinem Endzwecke zu nutzen."

"Gewifl, ich war in der grˆflten Sorge", rief Wilhelm, "dafl vielleicht
diese Stelle wegbleiben m¸flte, und das ganze St¸ck w¸rde dadurch
gel‰hmt werden."

"Das kann ich doch nicht einsehen", versetzte Aurelie.

"Ich hoffe, Sie werden bald meiner Meinung sein", sagte Wilhelm.
"Shakespeare f¸hrt die ankommenden Schauspieler zu einem doppelten
Endzweck herein. Erst macht der Mann, der den Tod des Priamus mit so
viel eigner R¸hrung deklamiert, tiefen Eindruck auf den Prinzen selbst;
er sch‰rft das Gewissen des jungen, schwankenden Mannes: und so wird
diese Szene das Pr‰ludium zu jener, in welcher das kleine Schauspiel
so grofle Wirkung auf den Kˆnig tut. Hamlet f¸hlt sich durch den
Schauspieler besch‰mt, der an fremden, an fingierten Leiden so groflen
Teil nimmt; und der Gedanke, auf ebendie Weise einen Versuch auf das
Gewissen seines Stiefvaters zu machen, wird dadurch bei ihm sogleich
erregt. Welch ein herrlicher Monolog ist's, der den zweiten Akt
schlieflt! Wie freue ich mich darauf, ihn zu rezitieren:

"Oh! welch ein Schurke, welch ein niedriger Sklave bin ich!--Ist es
nicht ungeheuer, dafl dieser Schauspieler hier, nur durch Erdichtung,
durch einen Traum von Leidenschaft seine Seele so nach seinem Willen
zwingt, dafl ihre Wirkung sein ganzes Gesicht entf‰rbt:--Tr‰nen im Auge!
Verwirrung im Betragen! Gebrochene Stimme! Sein ganzes Wesen von
einem Gef¸hl durchdrungen! und das alles um nichts--um Hekuba!--Was
ist Hekuba f¸r ihn oder er f¸r Hekuba, dafl er um sie weinen sollte?""

"Wenn wir nur unsern Mann auf das Theater bringen kˆnnen!" sagte
Aurelie.

"Wir m¸ssen", versetzte Serlo, "ihn nach und nach hineinf¸hren. Bei
den Proben mag er die Stelle lesen, und wir sagen, dafl wir einen
Schauspieler, der sie spielen soll, erwarten, und so sehen wir, wie
wir ihm n‰herkommen."

Nachdem sie dar¸ber einig waren, wendete sich das Gespr‰ch auf den
Geist. Wilhelm konnte sich nicht entschlieflen, die Rolle des lebenden
Kˆnigs dem Pedanten zu ¸berlassen, damit der Polterer den Geist
spielen kˆnne, und meinte vielmehr, dafl man noch einige Zeit warten
sollte, indem sich doch noch einige Schauspieler gemeldet h‰tten und
sich unter ihnen der rechte Mann finden kˆnnte.

Man kann sich daher denken, wie verwundert Wilhelm war, als er unter
der Adresse seines Theaternamens abends folgendes Billett mit
wunderbaren Z¸gen versiegelt auf seinem Tische fand:

"Du bist, o sonderbarer J¸ngling, wir wissen es, in grofler
Verlegenheit. Du findest kaum Menschen zu deinem "Hamlet", geschweige
Geister. Dein Eifer verdient ein Wunder; Wunder kˆnnen wir nicht tun,
aber etwas Wunderbares soll geschehen. Hast du Vertrauen, so soll zur
rechten Stunde der Geist erscheinen! Habe Mut und bleibe gefaflt! Es
bedarf keiner Antwort; dein Entschlufl wird uns bekannt werden."

Mit diesem seltsamen Blatte eilte er zu Serlo zur¸ck, der es las und
wieder las und endlich mit bedenklicher Miene versicherte: die Sache
sei von Wichtigkeit; man m¸sse wohl ¸berlegen, ob man es wagen d¸rfe
und kˆnne. Sie sprachen vieles hin und wider; Aurelie war still und
l‰chelte von Zeit zu Zeit, und als nach einigen Tagen wieder davon die
Rede war, gab sie nicht undeutlich zu verstehen, dafl sie es f¸r einen
Scherz von Serlo halte. Sie bat Wilhelmen, vˆllig aufler Sorge zu sein
und den Geist geduldig zu erwarten.

¸berhaupt war Serlo von dem besten Humor; denn die abgehenden
Schauspieler gaben sich alle mˆgliche M¸he, gut zu spielen, damit man
sie ja recht vermissen sollte, und von der Neugierde auf die neue
Gesellschaft konnte er auch die beste Einnahme erwarten.

Sogar hatte der Umgang Wilhelms auf ihn einigen Einflufl gehabt. Er
fing an, mehr ¸ber Kunst zu sprechen, denn er war am Ende doch ein
Deutscher, und diese Nation gibt sich gern Rechenschaft von dem, was
sie tut. Wilhelm schrieb sich manche solche Unterredung auf; und wir
werden, da die Erz‰hlung hier nicht so oft unterbrochen werden darf,
denjenigen unsrer Leser, die sich daf¸r interessieren, solche
dramaturgische Versuche bei einer andern Gelegenheit vorlegen.

Besonders war Serlo eines Abends sehr lustig, als er von der Rolle des
Polonius sprach, wie er sie zu fassen gedachte. "Ich verspreche",
sagte er, "diesmal einen recht w¸rdigen Mann zum besten zu geben; ich
werde die gehˆrige Ruhe und Sicherheit, Leerheit und Bedeutsamkeit,
Annehmlichkeit und geschmackloses Wesen, Freiheit und Aufpassen,
treuherzige Schalkheit und erlogene Wahrheit da, wo sie hingehˆren,
recht zierlich aufstellen. Ich will einen solchen grauen, redlichen,
ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm aufs allerhˆflichste
vorstellen und vortragen, und dazu sollen mir die etwas rohen und
groben Pinselstriche unsers Autors gute Dienste leisten. Ich will
reden wie ein Buch, wenn ich mich vorbereitet habe, und wie ein Tor,
wenn ich bei guter Laune bin. Ich werde abgeschmackt sein, um jedem
nach dem Maule zu reden, und immer so fein, es nicht zu merken, wenn
mich die Leute zum besten haben. Nicht leicht habe ich eine Rolle mit
solcher Lust und Schalkheit ¸bernommen."

"Wenn ich nur auch von der meinigen soviel hoffen kˆnnte", sagte
Aurelie. "Ich habe weder Jugend noch Weichheit genug, um mich in
diesen Charakter zu finden. Nur eins weifl ich leider: das Gef¸hl, das
Ophelien den Kopf verr¸ckt, wird mich nicht verlassen."

"Wir wollen es ja nicht so genau nehmen", sagte Wilhelm; "denn
eigentlich hat mein Wunsch, den Hamlet zu spielen, mich bei allem
Studium des St¸cks aufs ‰uflerste irregef¸hrt. Je mehr ich mich in die
Rolle studiere, desto mehr sehe ich, dafl in meiner ganzen Gestalt kein
Zug der Physiognomie ist, wie Shakespeare seinen Hamlet aufstellt.
Wenn ich es recht ¸berlege, wie genau in der Rolle alles zusammenh‰ngt,
so getraue ich mir kaum, eine leidliche Wirkung hervorzubringen."

"Sie treten mit grofler Gewissenhaftigkeit in Ihre Laufbahn", versetzte
Serlo. "Der Schauspieler schickt sich in die Rolle, wie er kann, und
die Rolle richtet sich nach ihm, wie sie mufl. Wie hat aber
Shakespeare seinen Hamlet vorgezeichnet? Ist er Ihnen denn so ganz
un‰hnlich?"

"Zuvˆrderst ist Hamlet blond", erwiderte Wilhelm.

"Das heifl ich weit gesucht", sagte Aurelie. "Woher schlieflen Sie
das?"

"Als D‰ne, als Nordl‰nder ist er blond von Hause aus und hat blaue
Augen."

"Sollte Shakespeare daran gedacht haben?"

"Bestimmt find ich es nicht ausgedr¸ckt, aber in Verbindung mit andern
Stellen scheint es mir unwidersprechlich. Ihm wird das Fechten sauer,
der Schweifl l‰uft ihm vom Gesichte, und die Kˆnigin spricht: "Er ist
fett, laflt ihn zu Atem kommen." Kann man sich ihn da anders als blond
und wohlbeh‰glich vorstellen? Denn braune Leute sind in ihrer Jugend
selten in diesem Falle. Paflt nicht auch seine schwankende Melancholie,
seine weiche Trauer, seine t‰tige Unentschlossenheit besser zu einer
solchen Gestalt, als wenn Sie sich einen schlanken, braunlockigen
J¸ngling denken, von dem man mehr Entschlossenheit und Behendigkeit
erwartet?"

"Sie verderben mir die Imagination", rief Aurelie, "weg mit Ihrem
fetten Hamlet! Stellen Sie uns ja nicht Ihren wohlbeleibten Prinzen
vor! Geben Sie uns lieber irgendein Quiproquo, das uns reizt, das uns
r¸hrt. Die Intention des Autors liegt uns nicht so nahe als unser
Vergn¸gen, und wir verlangen einen Reiz, der uns homogen ist."

V. Buch, 7. Kapitel

Siebentes Kapitel

Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den
Vorzug verdiene. Serlo versicherte, es sei ein vergeblicher,
miflverstandener Streit; beide kˆnnten in ihrer Art vortrefflich sein,
nur m¸flten sie sich in den Grenzen ihrer Gattung halten.

"Ich bin selbst noch nicht ganz im klaren dar¸ber", versetzte Wilhelm.

"Wer ist es auch?" sagte Serlo, "und doch w‰re es der M¸he wert, dafl
man der Sache n‰herk‰me."

Sie sprachen viel her¸ber und hin¸ber, und endlich war folgendes
ungef‰hr das Resultat ihrer Unterhaltung:

Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der
Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht blofl in der ‰uflern Form,
nicht darin, dafl die Personen in dem einen sprechen und dafl in dem
andern gewˆhnlich von ihnen erz‰hlt wird. Leider viele Dramen sind
nur dialogierte Romane, und es w‰re nicht unmˆglich, ein Drama in
Briefen zu schreiben.

Im Roman sollen vorz¸glich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt
werden; im Drama Charaktere und Taten. Der Roman mufl langsam gehen,
und die Gesinnungen der Hauptfigur m¸ssen, es sei auf welche Weise es
wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwickelung aufhalten. Das
Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur mufl sich nach dem
Ende dr‰ngen und nur aufgehalten werden. Der Romanheld mufl leidend,
wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem dramatischen
verlangt man Wirkung und Tat. Grandison, Clarisse, Pamela, der
Landpriester von Wakefield, Tom Jones selbst sind, wo nicht leidende,
doch retardierende Personen, und alle Begebenheiten werden
gewissermaflen nach ihren Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt der
Held nichts nach sich, alles widersteht ihm, und er r‰umt und r¸ckt
die Hindernisse aus dem Wege oder unterliegt ihnen.

So vereinigte man sich auch dar¸ber, dafl man dem Zufall im Roman gar
wohl sein Spiel erlauben kˆnne; dafl er aber immer durch die
Gesinnungen der Personen gelenkt und geleitet werden m¸sse; dafl
hingegen das Schicksal, das die Menschen ohne ihr Zutun durch
unzusammenh‰ngende ‰uflere Umst‰nde zu einer unvorgesehenen Katastrophe
hindr‰ngt, nur im Drama statthabe; dafl der Zufall wohl pathetische,
niemals aber tragische Situationen hervorbringen d¸rfe; das Schicksal
hingegen m¸sse immer f¸rchterlich sein und werde im hˆchsten Sinne
tragisch, wenn es schuldige und unschuldige, voneinander unabh‰ngige
Taten in eine ungl¸ckliche Verkn¸pfung bringt.

Diese Betrachtungen f¸hrten wieder auf den wunderlichen "Hamlet" und
auf die Eigenheiten dieses St¸cks. Der Held, sagte man, hat
eigentlich auch nur Gesinnungen; es sind nur Begebenheiten, die zu ihm
stoflen, und deswegen hat das St¸ck etwas von dem Gedehnten des Romans;
weil aber das Schicksal den Plan gezeichnet hat, weil das St¸ck von
einer f¸rchterlichen Tat ausgeht und der Held immer vorw‰rts zu einer
f¸rchterlichen Tat gedr‰ngt wird, so ist es im hˆchsten Sinne tragisch
und leidet keinen andern als einen tragischen Ausgang.

Nun sollte Leseprobe gehalten werden, welche Wilhelm eigentlich als
ein Fest ansah. Er hatte die Rollen vorher kollationiert, dafl also
von dieser Seite kein Anstofl sein konnte. Die s‰mtlichen Schauspieler
waren mit dem St¸cke bekannt, und er suchte sie nur, ehe sie anfingen,
von der Wichtigkeit einer Leseprobe zu ¸berzeugen. Wie man von jedem
Musikus verlange, dafl er bis auf einen gewissen Grad vom Blatte
spielen kˆnne, so solle auch jeder Schauspieler, ja jeder wohlerzogene
Mensch sich ¸ben, vom Blatte zu lesen, einem Drama, einem Gedicht,
einer Erz‰hlung sogleich ihren Charakter abzugewinnen und sie mit
Fertigkeit vorzutragen. Alles Memorieren helfe nichts, wenn der
Schauspieler nicht vorher in den Geist und Sinn des guten
Schriftstellers eingedrungen sei; der Buchstabe kˆnne nichts wirken.

Serlo versicherte, dafl er jeder andern Probe, ja der Hauptprobe
nachsehen wolle, sobald der Leseprobe ihr Recht widerfahren sei: "Denn
gewˆhnlich", sagte er, "ist nichts lustiger, als wenn Schauspieler von
Studieren sprechen; es kommt mir ebenso vor, als wenn die Freim‰urer
von Arbeiten reden."

Die Probe lief nach Wunsch ab, und man kann sagen, dafl der Ruhm und
die gute Einnahme der Gesellschaft sich auf diese wenigen
wohlangewandten Stunden gr¸ndete.

"Sie haben wohlgetan, mein Freund", sagte Serlo, nachdem sie wieder
allein waren, "dafl Sie unsern Mitarbeitern so ernstlich zusprachen,
wenn ich gleich f¸rchte, dafl sie Ihre W¸nsche schwerlich erf¸llen
werden."

"Wieso?" versetzte Wilhelm.

"Ich habe gefunden", sagte Serlo, "dafl, so leicht man der Menschen
Imagination in Bewegung setzen kann, so gern sie sich M‰rchen erz‰hlen
lassen, ebenso selten ist es, eine Art von produktiver Imagination bei
ihnen zu finden. Bei den Schauspielern ist dieses sehr auffallend.
Jeder ist sehr wohl zufrieden, eine schˆne, lobensw¸rdige, brillante
Rolle zu ¸bernehmen; selten aber tut einer mehr, als sich mit
Selbstgef‰lligkeit an die Stelle des Helden setzen, ohne sich im
mindesten zu bek¸mmern, ob ihn auch jemand daf¸r halten werde. Aber
mit Lebhaftigkeit zu umfassen, was sich der Autor beim St¸ck gedacht
hat, was man von seiner Individualit‰t hingeben m¸sse, um einer Rolle
genugzutun, wie man durch eigene ¸berzeugung, man sei ein ganz anderer
Mensch, den Zuschauer gleichfalls zur ¸berzeugung hinreifle, wie man
durch eine innere Wahrheit der Darstellungskraft diese Bretter in
Tempel, diese Pappen in W‰lder verwandelt, ist wenigen gegeben. Diese
innere St‰rke des Geistes, wodurch ganz allein der Zuschauer get‰uscht
wird, diese erlogene Wahrheit, die ganz allein Wirkung hervorbringt,
wodurch ganz allein die Illusion erzielt wird, wer hat davon einen
Begriff?

Lassen Sie uns daher ja nicht zu sehr auf Geist und Empfindung dringen!
Das sicherste Mittel ist, wenn wir unsern Freunden mit Gelassenheit
zuerst den Sinn des Buchstabens erkl‰ren und ihnen den Verstand
erˆffnen. Wer Anlage hat, eilt alsdann selbst dem geistreichen und
empfindungsvollen Ausdrucke entgegen; und wer sie nicht hat, wird
wenigstens niemals ganz falsch spielen und rezitieren. Ich habe aber
bei Schauspielern, so wie ¸berhaupt, keine schlimmere Anmaflung
gefunden, als wenn jemand Anspr¸che an Geist macht, solange ihm der
Buchstabe noch nicht deutlich und gel‰ufig ist."

V. Buch, 8. Kapitel

Achtes Kapitel

Wilhelm kam zur ersten Theaterprobe sehr zeitig und fand sich auf den
Brettern allein. Das Lokal ¸berraschte ihn und gab ihm die
wunderbarsten Erinnerungen. Die Wald- und Dorfdekoration stand genau
so wie auf der B¸hne seiner Vaterstadt auch bei einer Probe, als ihm
an jenem Morgen Mariane lebhaft ihre Liebe bekannte und ihm die erste
gl¸ckliche Nacht zusagte. Die Bauernh‰user glichen sich auf dem
Theater wie auf dem Lande; die wahre Morgensonne beschien, durch einen
halb offenen Fensterladen hereinfallend, einen Teil der Bank, die
neben der T¸re schlecht befestigt war; nur leider schien sie nicht wie
damals auf Marianens Schofl und Busen. Er setzte sich nieder, dachte
dieser wunderbaren ¸bereinstimmung nach und glaubte zu ahnen, dafl er
sie vielleicht auf diesem Platze bald wiedersehen werde. Ach, und es
war weiter nichts, als dafl ein Nachspiel, zu welchem diese Dekoration
gehˆrte, damals auf dem deutschen Theater sehr oft gegeben wurde.

In diesen Betrachtungen stˆrten ihn die ¸brigen ankommenden
Schauspieler, mit denen zugleich zwei Theater- und Garderobenfreunde
hereintreten und Wilhelmen mit Enthusiasmus begr¸flten. Der eine war
gewissermaflen an Madame Melina attachiert; der andere aber ein ganz
reiner Freund der Schauspielkunst und beide von der Art, wie sich jede
gute Gesellschaft Freunde w¸nschen sollte. Man wuflte nicht zu sagen,
ob sie das Theater mehr kannten oder liebten. Sie liebten es zu sehr,
um es recht zu kennen; sie kannten es genug, um das Gute zu sch‰tzen
und das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung war ihnen das
Mittelm‰flige nicht unertr‰glich, und der herrliche Genufl, mit dem sie
das Gute vor und nach kosteten, war ¸ber allen Ausdruck. Das
Mechanische machte ihnen Freude, das Geistige entz¸ckte sie, und ihre
Neigung war so grofl, dafl auch eine zerst¸ckelte Probe sie in eine Art
von Illusion versetzte. Die M‰ngel schienen ihnen jederzeit in die
Ferne zu treten, das Gute ber¸hrte sie wie ein naher Gegenstand. Kurz,
sie waren Liebhaber, wie sie sich der K¸nstler in seinem Fache
w¸nscht. Ihre liebste Wanderung war von den Kulissen ins Parterre,
vom Parterre in die Kulissen, ihr angenehmster Aufenthalt in der
Garderobe, ihre emsigste Besch‰ftigung, an der Stellung, Kleidung,
Rezitation und Deklamation der Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr
lebhaftestes Gespr‰ch ¸ber den Effekt, den man hervorgebracht hatte,
und ihre best‰ndigste Bem¸hung, den Schauspieler aufmerksam, t‰tig und
genau zu erhalten, ihm etwas zugute oder zuliebe zu tun und ohne
Verschwendung der Gesellschaft manchen Genufl zu verschaffen. Sie
hatten sich beide das ausschlieflliche Recht verschafft, bei Proben und
Auff¸hrungen auf dem Theater zu erscheinen. Sie waren, was die
Auff¸hrung "Hamlets" betraf, mit Wilhelmen nicht bei allen Stellen
einig; hie und da gab er nach, meistens aber behauptete er seine
Meinung, und im ganzen diente diese Unterhaltung sehr zur Bildung
seines Geschmacks. Er liefl die beiden Freunde sehen, wie sehr er sie
sch‰tze, und sie dagegen weissagten nichts weniger von diesen
vereinten Bem¸hungen als eine neue Epoche f¸rs deutsche Theater.

Die Gegenwart dieser beiden M‰nner war bei den Proben sehr n¸tzlich.
Besonders ¸berzeugten sie unsre Schauspieler, dafl man bei der Probe
Stellung und Aktion, wie man sie bei der Auff¸hrung zu zeigen gedenke,
immerfort mit der Rede verbinden und alles zusammen durch Gewohnheit
mechanisch vereinigen m¸sse. Besonders mit den H‰nden solle man ja
bei der Probe einer Tragˆdie keine gemeine Bewegung vornehmen; ein
tragischer Schauspieler, der in der Probe Tabak schnupft, mache sie
immer bange: denn hˆchstwahrscheinlich werde er an einer solchen
Stelle bei der Auff¸hrung die Prise vermissen. Ja sie hielten daf¸r,
dafl niemand in Stiefeln probieren solle, wenn die Rolle in Schuhen zu
spielen sei. Nichts aber, versicherten sie, schmerze sie mehr, als
wenn die Frauenzimmer in den Proben ihre H‰nde in die Rockfalten
versteckten.

Auflerdem ward durch das Zureden dieser M‰nner noch etwas sehr Gutes
bewirkt, dafl n‰mlich alle Mannspersonen exerzieren lernten. "Da so
viele Milit‰rrollen vorkommen", sagten sie, "sieht nichts betr¸bter
aus, als Menschen, die nicht die mindeste Dressur zeigen, in
Hauptmanns- und Majorsuniform auf dem Theater herumschwanken zu sehen."

Wilhelm und Laertes waren die ersten, die sich der P‰dagogik eines
Unteroffiziers unterwarfen, und setzten dabei ihre Fecht¸bungen mit
grofler Anstrengung fort.

So viel M¸he gaben sich beide M‰nner mit der Ausbildung einer
Gesellschaft, die sich so gl¸cklich zusammengefunden hatte. Sie
sorgten f¸r die k¸nftige Zufriedenheit des Publikums, indes sich
dieses ¸ber ihre entschiedene Liebhaberei gelegentlich aufhielt. Man
wuflte nicht, wieviel Ursache man hatte, ihnen dankbar zu sein,
besonders da sie nicht vers‰umten, den Schauspielern oft den
Hauptpunkt einzusch‰rfen, dafl es n‰mlich ihre Pflicht sei, laut und
vernehmlich zu sprechen. Sie fanden hierbei mehr Widerstand und
Unwillen, als sie anfangs gedacht hatten. Die meisten wollten so
gehˆrt sein, wie sie sprachen, und wenige bem¸hten sich, so zu
sprechen, dafl man sie hˆren kˆnnte. Einige schoben den Fehler aufs
Geb‰ude, andere sagten, man kˆnne doch nicht schreien, wenn man
nat¸rlich, heimlich oder z‰rtlich zu sprechen habe.

Unsre Theaterfreunde, die eine uns‰gliche Geduld hatten, suchten auf
alle Weise diese Verwirrung zu lˆsen, diesem Eigensinne beizukommen.
Sie sparten weder Gr¸nde noch Schmeicheleien und erreichten zuletzt
doch ihren Endzweck, wobei ihnen das gute Beispiel Wilhelms besonders
zustatten kam. Er bat sich aus, dafl sie sich bei den Proben in die
entferntesten Ecken setzen und, sobald sie ihn nicht vollkommen
verstanden, mit dem Schl¸ssel auf die Bank pochen mˆchten. Er
artikulierte gut, sprach gem‰fligt aus, steigerte den Ton stufenweise
und ¸berschrie sich nicht in den heftigsten Stellen. Die pochenden
Schl¸ssel hˆrte man bei jeder Probe weniger; nach und nach lieflen sich
die andern dieselbe Operation gefallen, und man konnte hoffen, dafl das
St¸ck endlich in allen Winkeln des Hauses von jedermann w¸rde
verstanden werden.

Man sieht aus diesem Beispiel, wie gern die Menschen ihren Zweck nur
auf ihre eigene Weise erreichen mˆchten, wieviel Not man hat, ihnen
begreiflich zu machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und
wie schwer es ist, denjenigen, der etwas zu leisten w¸nscht, zur
Erkenntnis der ersten Bedingungen zu bringen, unter denen sein
Vorhaben allein mˆglich wird.

V. Buch, 9. Kapitel

Neuntes Kapitel

Man fuhr nun fort, die nˆtigen Anstalten zu Dekorationen und Kleidern,
und was sonst erforderlich war, zu machen. ¸ber einige Szenen und
Stellen hatte Wilhelm besondere Grillen, denen Serlo nachgab, teils in
R¸cksicht auf den Kontrakt, teils aus ¸berzeugung und weil er hoffte,
Wilhelmen durch diese Gef‰lligkeit zu gewinnen und in der Folge desto
mehr nach seinen Absichten zu lenken.

So sollte zum Beispiel Kˆnig und Kˆnigin bei der ersten Audienz auf
dem Throne sitzend erscheinen, die Hofleute an den Seiten und Hamlet
unbedeutend unter ihnen stehen. "Hamlet", sagte er, "mufl sich ruhig
verhalten; seine schwarze Kleidung unterscheidet ihn schon genug. Er
mufl sich eher verbergen als zum Vorschein kommen. Nur dann, wenn die
Audienz geendigt ist, wenn der Kˆnig mit ihm als Sohn spricht, dann
mag er herbeitreten und die Szene ihren Gang gehen."

Noch eine Hauptschwierigkeit machten die beiden Gem‰lde, auf die sich
Hamlet in der Szene mit seiner Mutter so heftig bezieht. "Mir sollen",
sagte Wilhelm, "in Lebensgrˆfle beide im Grunde des Zimmers neben der
Hauptt¸re sichtbar sein, und zwar mufl der alte Kˆnig in vˆlliger
R¸stung, wie der Geist, auf ebender Seite h‰ngen, wo dieser
hervortritt. Ich w¸nsche, dafl die Figur mit der rechten Hand eine
befehlende Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam ¸ber die
Schulter sehe, damit sie dem Geiste vˆllig gleiche in dem Augenblicke,
da dieser zur T¸re hinausgeht. Es wird eine sehr grofle Wirkung tun,
wenn in diesem Augenblick Hamlet nach dem Geiste und die Kˆnigin nach
dem Bilde sieht. Der Stiefvater mag dann im kˆniglichen Ornat, doch
unscheinbarer als jener, vorgestellt werden."

So gab es noch verschiedene Punkte, von denen wir zu sprechen
vielleicht Gelegenheit haben.

"Sind Sie auch unerbittlich, dafl Hamlet am Ende sterben mufl?" fragte
Serlo.

"Wie kann ich ihn am Leben erhalten", sagte Wilhelm, "da ihn das ganze
St¸ck zu Tode dr¸ckt? Wir haben ja schon so weitl‰ufig dar¸ber
gesprochen."

"Aber das Publikum w¸nscht ihn lebendig.'

"Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist's
unmˆglich. Wir w¸nschen auch, dafl ein braver, n¸tzlicher Mann, der an
einer chronischen Krankheit stirbt, noch l‰nger leben mˆge. Die
Familie weint und beschwˆrt den Arzt, der ihn nicht halten kann: und
sowenig als dieser einer Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag,
sowenig kˆnnen wir einer anerkannten Kunstnotwendigkeit gebieten. Es
ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die
Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht, die sie haben
sollen."

"Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen."

"Gewissermaflen; aber ein grofles Publikum verdient, dafl man es achte,
dafl man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will,
behandle. Man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gef¸hl und
Geschmack f¸r das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem
Vergn¸gen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei
dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie
einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es k¸nftig
aufzukl‰ren; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den
man nutzt, zu verewigen."

So handelten sie noch manches ab, das sich besonders auf die Frage
bezog: was man noch etwa an dem St¸cke ver‰ndern d¸rfe und was
unber¸hrt bleiben m¸sse. Wir lassen uns hierauf nicht weiter ein,
sondern legen vielleicht k¸nftig die neue Bearbeitung "Hamlets" selbst
demjenigen Teile unsrer Leser vor, der sich etwa daf¸r interessieren
kˆnnte.

V. Buch, 10. Kapitel

Zehntes Kapitel

Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte ¸berm‰flig lange gedauert. Serlo
und Wilhelm fanden noch manches zu besorgen: denn ungeachtet der
vielen Zeit, die man zur Vorbereitung verwendet hatte, waren doch sehr
notwendige Anstalten bis auf den letzten Augenblick verschoben worden.

So waren zum Beispiel die Gem‰lde der beiden Kˆnige noch nicht fertig,
und die Szene zwischen Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so
groflen Effekt hoffte, sah noch sehr mager aus, indem weder der Geist
noch sein gemaltes Ebenbild dabei gegenw‰rtig war. Serlo scherzte bei
dieser Gelegenheit und sagte: "Wir w‰ren doch im Grunde recht ¸bel
angef¸hrt, wenn der Geist ausbliebe, die Wache wirklich mit der Luft
fechten und unser Souffleur aus der Kulisse den Vortrag des Geistes
supplieren m¸flte."

"Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch unsern Unglauben
verscheuchen", versetzte Wilhelm; "er kommt gewifl zur rechten Zeit und
wird uns so gut als die Zuschauer ¸berraschen."

"Gewifl", rief Serlo, "ich werde froh sein, wenn das St¸ck morgen
gegeben ist: es macht uns mehr Umst‰nde, als ich geglaubt habe."

"Aber niemand in der Welt wird froher sein als ich, wenn das St¸ck
morgen gespielt ist", versetzte Philine, "sowenig mich meine Rolle
dr¸ckt. Denn immer und ewig von einer Sache reden zu hˆren, wobei
doch nichts weiter herauskommt als eine Repr‰sentation, die, wie so
viele hundert andere, vergessen werden wird, dazu will meine Geduld
nicht hinreichen. Macht doch in Gottes Namen nicht soviel Umst‰nde!
Die G‰ste, die vom Tische aufstehen, haben nachher an jedem Gerichte
was auszusetzen; ja wenn man sie zu Hause reden hˆrt, so ist es ihnen
kaum begreiflich, wie sie eine solche Not haben ausstehen kˆnnen."

"Lassen Sie mich Ihr Gleichnis zu meinem Vorteile brauchen, schˆnes
Kind", versetzte Wilhelm. "Bedenken Sie, was Natur und Kunst, was
Handel, Gewerke und Gewerbe zusammen schaffen m¸ssen, bis ein Gastmahl
gegeben werden kann. Wieviel Jahre mufl der Hirsch im Walde, der Fisch
im Flufl oder Meere zubringen, bis er unsre Tafel zu besetzen w¸rdig
ist, und was hat die Hausfrau, die Kˆchin nicht alles in der K¸che zu
tun! Mit welcher Nachl‰ssigkeit schl¸rft man die Sorge des
entferntesten Winzers, des Schiffers, des Kellermeisters beim
Nachtische hinunter, als m¸sse es nur so sein. Und sollten deswegen
alle diese Menschen nicht arbeiten, nicht schaffen und bereiten,
sollte der Hausherr das alles nicht sorgf‰ltig zusammenbringen und
zusammenhalten, weil am Ende der Genufl nur vor¸bergehend ist? Aber
kein Genufl ist vor¸bergehend: denn der Eindruck, den er zur¸ckl‰flt,
ist bleibend, und was man mit Fleifl und Anstrengung tut, teilt dem
Zuschauer selbst eine verborgene Kraft mit, von der man nicht wissen
kann, wie weit sie wirkt."

"Mir ist alles einerlei", versetzte Philine, "nur mufl ich auch diesmal
erfahren, dafl M‰nner immer im Widerspruch mit sich selbst sind. Bei
all eurer Gewissenhaftigkeit, den groflen Autor nicht verst¸mmeln zu
wollen, laflt ihr doch den schˆnsten Gedanken aus dem St¸cke."

"Den schˆnsten?" rief Wilhelm.

"Gewifl den schˆnsten, auf den sich Hamlet selbst was zugute tut."

"Und der w‰re?" rief Serlo.

"Wenn Sie eine Per¸cke aufh‰tten", versetzte Philine, "w¸rde ich sie
Ihnen ganz s‰uberlich abnehmen: denn es scheint nˆtig, dafl man Ihnen
das Verst‰ndnis erˆffne."

Die andern dachten nach, und die Unterhaltung stockte. Man war
aufgestanden, es war schon sp‰t, man schien auseinandergehen zu wollen.
Als man so unentschlossen dastand, fing Philine ein Liedchen, auf
eine sehr zierliche und gef‰llige Melodie, zu singen an:

Singet nicht in Trauertˆnen
Von der Einsamkeit der Nacht;
Nein, sie ist, o holde Schˆnen,
Zur Geselligkeit gemacht.

Wie das Weib dem Mann gegeben
Als die schˆnste H‰lfte war,
Ist die Nacht das halbe Leben,
Und die schˆnste H‰lfte zwar.

Kˆnnt ihr euch des Tages freuen,
Der nur Freuden unterbricht?
Er ist gut, sich zu zerstreuen;
Zu was anderm taugt er nicht.

Aber wenn in n‰cht'ger Stunde
S¸fler Lampe D‰mmrung flieflt
Und vom Mund zum nahen Munde
Scherz und Liebe sich ergieflt;

Wenn der rasche, lose Knabe,
Der sonst wild und feurig eilt,
Oft bei einer kleinen Gabe
Unter leichten Spielen weilt;

Wenn die Nachtigall Verliebten
Liebevoll ein Liedchen singt,
Das Gefangnen und Betr¸bten
Nur wie Ach und Wehe klingt:

Mit wie leichtem Herzensregen
Horchet ihr der Glocke nicht,
Die mit zwˆlf bed‰cht'gen Schl‰gen
Ruh und Sicherheit verspricht!

Darum an dem langen Tage
Merke dir es, liebe Brust:
Jeder Tag hat seine Plage,
Und die Nacht hat ihre Lust.

Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie geendigt hatte, und Serlo
rief ihr ein lautes Bravo zu. Sie sprang zur T¸r hinaus und eilte mit
Gel‰chter fort. Man hˆrte sie die Treppe hinunter singen und mit den
Abs‰tzen klappern.

Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie blieb vor Wilhelmen, der
ihr eine gute Nacht w¸nschte, noch einige Augenblicke stehen und sagte.

"Wie sie mir zuwider ist! recht meinem innern Wesen zuwider! bis auf
die kleinsten Zuf‰lligkeiten. Die rechte braune Augenwimper bei den
blonden Haaren, die der Bruder so reizend findet, mag ich gar nicht
ansehn, und die Schramme auf der Stirne hat mir so was Widriges, so
was Niedriges, dafl ich immer zehn Schritte von ihr zur¸cktreten mˆchte.
Sie erz‰hlte neulich als einen Scherz, ihr Vater habe ihr in ihrer
Kindheit einen Teller an den Kopf geworfen, davon sie noch das Zeichen
trage. Wohl ist sie recht an Augen und Stirne gezeichnet, dafl man
sich vor ihr h¸ten mˆge."

Wilhelm antwortete nichts, und Aurelie schien mit mehr Unwillen
fortzufahren:

"Es ist mir beinahe unmˆglich, ein freundliches, hˆfliches Wort mit
ihr zu reden, so sehr hasse ich sie, und doch ist sie so anschmiegend.
Ich wollte, wir w‰ren sie los. Auch Sie, mein Freund, haben eine
gewisse Gef‰lligkeit gegen dieses Geschˆpf, ein Betragen, das mich in
der Seele kr‰nkt, eine Aufmerksamkeit, die an Achtung grenzt und die
sie, bei Gott, nicht verdiente"

"Wie sie ist, bin ich ihr Dank schuldig", versetzte Wilhelm; "ihre
Auff¸hrung ist zu tadeln; ihrem Charakter mufl ich Gerechtigkeit
widerfahren lassen."

"Charakter!" rief Aurelie, "glauben Sie, dafl so eine Kreatur einen
Charakter hat? O ihr M‰nner, daran erkenne ich euch! Solcher Frauen
seid ihr wert!"

"Sollten Sie mich in Verdacht haben, meine Freundin?" versetzte
Wilhelm. "Ich will von jeder Minute Rechenschaft geben, die ich mit
ihr zugebracht habe."

"Nun, nun", sagte Aurelie, "es ist sp‰t, wir wollen nicht streiten.
Alle wie einer, einer wie alle! Gute Nacht, mein Freund! gute Nacht,
mein feiner Paradiesvogel!"

Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme.

"Ein andermal", versetzte Aurelie, "ein andermal. Man sagt, sie
h‰tten keine F¸fle, sie schwebten in der Luft und n‰hrten sich vom
‰ther. Es ist aber ein M‰rchen", fuhr sie fort, "eine poetische
Fiktion. Gute Nacht, laflt Euch was Schˆnes tr‰umen, wenn Ihr Gl¸ck
habt."

Sie ging in ihr Zimmer und liefl ihn allein; er eilte auf das seinige.

Halb unwillig ging er auf und nieder. Der scherzende, aber
entschiedne Ton Aureliens hatte ihn beleidigt: er f¸hlte tief, wie
unrecht sie ihm tat. Philine konnte er nicht widrig, nicht unhold
begegnen; sie hatte nichts gegen ihn verbrochen, und dann f¸hlte er
sich so fern von jeder Neigung zu ihr, dafl er recht stolz und
standhaft vor sich selbst bestehen konnte.

Eben war er im Begriffe, sich auszuziehen, nach seinem Lager zu gehen
und die Vorh‰nge aufzuschlagen, als er zu seiner grˆflten Verwunderung
ein Paar Frauenpantoffeln vor dem Bett erblickte; der eine stand, der
andere lag.--Es waren Philinens Pantoffeln, die er nur zu gut erkannte;
er glaubte auch eine Unordnung an den Vorh‰ngen zu sehen, ja es
schien, als bewegten sie sich; er stand und sah mit unverwandten Augen
hin.

Eine neue Gem¸tsbewegung, die er f¸r Verdrufl hielt, versetzte ihm den
Atem; und nach einer kurzen Pause, in der er sich erholt hatte, rief
er gefaflt:

"Stehen Sie auf, Philine! Was soll das heiflen? Wo ist Ihre Klugheit,
Ihr gutes Betragen? Sollen wir morgen das M‰rchen des Hauses werden?"

Es r¸hrte sich nichts.

"Ich scherze nicht", fuhr er fort, "diese Neckereien sind bei mir ¸bel
angewandt."

Kein Laut! Keine Bewegung!

Entschlossen und unmutig ging er endlich auf das Bette zu und rifl die
Vorh‰nge voneinander. "Stehen Sie auf", sagte er, "wenn ich Ihnen
nicht das Zimmer diese Nacht ¸berlassen soll."

Mit groflem Erstaunen fand er sein Bette leer, die Kissen und Decken in
schˆnsten Ruhe. Er sah sich um, suchte nach, suchte alles durch und
fand keine Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, den
Schr‰nken war nichts zu sehen; er suchte emsiger und emsiger; ja ein
boshafter Zuschauer h‰tte glauben mˆgen, er suche, um zu finden.

Kein Schlaf stellte sich ein; er setzte die Pantoffeln auf seinen
Tisch, ging auf und nieder, blieb manchmal bei dem Tische stehen, und
ein schelmischer Genius, der ihn belauschte, will versichern: er habe
sich einen groflen Teil der Nacht mit den allerliebsten Stelzchen
besch‰ftigt; er habe sie mit einem gewissen Interesse angesehen,
behandelt, damit gespielt und sich erst gegen Morgen in seinen
Kleidern aufs Bette geworfen, wo er unter den seltsamsten Phantasien
einschlummerte.

Und wirklich schlief er noch, als Serlo hereintrat und rief "Wo sind
Sie? Noch im Bette? Unmˆglich! Ich suchte Sie auf dem Theater, wo
noch so mancherlei zu tun ist."

V. Buch, 11. Kapitel

Eilftes Kapitel

Vor- und Nachmittag verflossen eilig. Das Haus war schon voll, und
Wilhelm eilte, sich anzuziehen. Nicht mit der Behaglichkeit, mit der
er die Maske zum erstenmal anprobierte, konnte er sie gegenw‰rtig
anlegen; er zog sich an, um fertig zu werden. Als er zu den Frauen
ins Versammlungszimmer kam, beriefen sie ihn einstimmig, dafl nichts
recht sitze; der schˆne Federbusch sei verschoben, die Schnalle passe
nicht; man fing wieder an, aufzutrennen, zu n‰hen, zusammenzustecken.
Die Symphonie ging an, Philine hatte etwas gegen die Krause
einzuwenden, Aurelie viel an dem Mantel auszusetzen. "Laflt mich, ihr
Kinder!" rief er, "diese Nachl‰ssigkeit wird mich erst recht zum
Hamlet machen." Die Frauen lieflen ihn nicht los und fuhren fort zu
putzen. Die Symphonie hatte aufgehˆrt, und das St¸ck war angegangen.
Er besah sich im Spiegel, dr¸ckte den Hut tiefer ins Gesicht und
erneuerte die Schminke.

In diesem Augenblick st¸rzte jemand herein und rief: "Der Geist! der
Geist!"

Wilhelm hatte den ganzen Tag nicht Zeit gehabt, an die Hauptsorge zu
denken, ob der Geist auch kommen werde. Nun war sie ganz weggenommen,
und man hatte die wunderlichste Gastrolle zu erwarten. Der
Theatermeister kam und fragte ¸ber dieses und jenes; Wilhelm hatte
nicht Zeit, sich nach dem Gespenst umzusehen, und eilte nur, sich am
Throne einzufinden, wo Kˆnig und Kˆnigin schon von ihrem Hofe umgeben
in aller Herrlichkeit gl‰nzten; er hˆrte nur noch die letzten Worte
des Horatio, der ¸ber die Erscheinung des Geistes ganz verwirrt sprach
und fast seine Rolle vergessen zu haben schien.

Der Zwischenvorhang ging in die Hˆhe, und er sah das volle Haus vor
sich. Nachdem Horatio seine Rede gehalten und vom Kˆnige abgefertigt
war, dr‰ngte er sich an Hamlet, und als ob er sich ihm, dem Prinzen,
pr‰sentiere, sagte er: "Der Teufel steckt in dem Harnische! Er hat
uns alle in Furcht gejagt."

In der Zwischenzeit sah man nur zwei grofle M‰nner in weiflen M‰nteln
und Kapuzen in den Kulissen stehen, und Wilhelm, dem in der
Zerstreuung, Unruhe und Verlegenheit der erste Monolog, wie er glaubte,
miflgl¸ckt war, trat, ob ihn gleich ein lebhafter Beifall beim Abgehen
begleitete, in der schauerlichen dramatischen Winternacht wirklich
recht unbehaglich auf. Doch nahm er sich zusammen und sprach die so
zweckm‰flig angebrachte Stelle ¸ber das Schmausen und Trinken der
Nordl‰nder mit der gehˆrigen Gleichg¸ltigkeit, vergafl, so wie die
Zuschauer, dar¸ber des Geistes und erschrak wirklich, als Horatio
ausrief: "Seht her, es kommt!" Er fuhr mit Heftigkeit herum, und die
edle, grofle Gestalt, der leise, unhˆrbare Tritt, die leichte Bewegung
in der schwer scheinenden R¸stung machten einen so starken Eindruck
auf ihn, dafl er wie versteinert dastand und nur mit halber Stimme:
"Ihr Engel und himmlischen Geister, besch¸tzt uns!" ausrufen konnte.
Er starrte ihn an, holte einigemal Atem und brachte die Anrede an den
Geist so verwirrt, zerst¸ckt und gezwungen vor, dafl die grˆflte Kunst
sie nicht so trefflich h‰tte ausdr¸cken kˆnnen.

Seine ¸bersetzung dieser Stelle kam ihm sehr zustatten. Er hatte sich
nahe an das Original gehalten, dessen Wortstellung ihm die Verfassung
eines ¸berraschten, erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gem¸ts
einzig auszudr¸cken schien.

"Sei du ein guter Geist, sei ein verdammter Kobold, bringe D¸fte des
Himmels mit dir oder D‰mpfe der Hˆlle, sei Gutes oder Bˆses dein
Beginnen, du kommst in einer so w¸rdigen Gestalt, ja ich rede mit dir,
ich nenne dich Hamlet, Kˆnig, Vater, o antworte mir!"-Man sp¸rte im
Publiko die grˆflte Wirkung. Der Geist winkte, der Prinz folgte ihm
unter dem lautesten Beifall.

Das Theater verwandelte sich, und als sie auf den entfernten Platz
kamen, hielt der Geist unvermutet inne und wandte sich um; dadurch kam
ihm Hamlet etwas zu nahe zu stehen. Mit Verlangen und Neugierde sah
Wilhelm sogleich zwischen das niedergelassene Visier hinein, konnte
aber nur tiefliegende Augen neben einer wohlgebildeten Nase erblicken.
Furchtsam aussp‰hend stand er vor ihm; allein als die ersten Tˆne aus
dem Helme hervordrangen, als eine wohlklingende, nur ein wenig rauhe
Stimme sich in den Worten hˆren liefl: "Ich bin der Geist deines
Vaters", trat Wilhelm einige Schritte schaudernd zur¸ck, und das ganze
Publikum schauderte. Die Stimme schien jedermann bekannt, und Wilhelm
glaubte eine ‰hnlichkeit mit der Stimme seines Vaters zu bemerken.
Diese wunderbaren Empfindungen und Erinnerungen, die Neugierde, den
seltsamen Freund zu entdecken, und die Sorge, ihn zu beleidigen,
selbst die Unschicklichkeit, ihm als Schauspieler in dieser Situation
zu nahe zu treten, bewegten Wilhelmen nach entgegengesetzten Seiten.
Er ver‰nderte w‰hrend der langen Erz‰hlung des Geistes seine Stellung
so oft, schien so unbestimmt und verlegen, so aufmerksam und so
zerstreut, dafl sein Spiel eine allgemeine Bewunderung so wie der Geist
ein allgemeines Entsetzen erregte. Dieser sprach mehr mit einem
tiefen Gef¸hl des Verdrusses als des Jammers, aber eines geistigen,
langsamen und un¸bersehlichen Verdrusses. Es war der Miflmut einer
groflen Seele, die von allem Irdischen getrennt ist und doch
unendlichen Leiden unterliegt. Zuletzt versank der Geist, aber auf
eine sonderbare Art: denn ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor,
der wie ein Dampf aus der Versenkung zu steigen schien, legte sich
¸ber ihn weg und zog sich mit ihm hinunter.

Nun kamen Hamlets Freunde zur¸ck und schwuren auf das Schwert. Da war
der alte Maulwurf so gesch‰ftig unter der Erde, dafl er ihnen, wo sie
auch stehen mochten, immer unter den F¸flen rief: "Schwˆrt!" und sie,
als ob der Boden unter ihnen brennte, schnell von einem Ort zum andern
eilten. Auch erschien da, wo sie standen, jedesmal eine kleine Flamme
aus dem Boden, vermehrte die Wirkung und hinterliefl bei allen
Zuschauern den tiefsten Eindruck.

Nun ging das St¸ck unaufhaltsam seinen Gang fort, nichts miflgl¸ckte,
alles geriet; das Publikum bezeigte seine Zufriedenheit; die Lust und
der Mut der Schauspieler schien mit jeder Szene zuzunehmen.

V. Buch, 12. Kapitel

Zwˆlftes Kapitel

Der Vorhang fiel, und der lebhafteste Beifall erscholl aus allen Ecken
und Enden. Die vier f¸rstlichen Leichen sprangen behend in die Hˆhe
und umarmten sich vor Freuden. Polonius und Ophelia kamen auch aus
ihren Gr‰bern hervor und hˆrten noch mit lebhaftem Vergn¸gen, wie
Horatio, als er zum Ank¸ndigen heraustrat, auf das heftigste
beklatscht wurde. Man wollte ihn zu keiner Anzeige eines andern
St¸cks lassen, sondern begehrte mit Ungest¸m die Wiederholung des
heutigen.

"Nun haben wir gewonnen", rief Serlo, "aber auch heute abend kein
vern¸nftig Wort mehr! Alles kommt auf den ersten Eindruck an. Man
soll ja keinem Schauspieler ¸belnehmen, wenn er bei seinen Deb¸ts
vorsichtig und eigensinnig ist."

Der Kassier kam und ¸berreichte ihm eine schwere Kasse. "Wir haben
gut deb¸tiert", rief er aus, "und das Vorurteil wird uns zustatten
kommen. Wo ist denn nun das versprochene Abendessen? Wir d¸rfen es
uns heute schmecken lassen."

Sie hatten ausgemacht, dafl sie in ihren Theaterkleidern beisammen
bleiben und sich selbst ein Fest feiern wollten. Wilhelm hatte
unternommen, das Lokal, und Madame Melina, das Essen zu besorgen.

Ein Zimmer, worin man sonst zu malen pflegte, war aufs beste ges‰ubert,
mit allerlei kleinen Dekorationen umstellt und so herausgeputzt
worden, dafl es halb einem Garten, halb einem S‰ulengange ‰hnlich sah.
Beim Hereintreten wurde die Gesellschaft von dem Glanz vieler Lichter
geblendet, die einen feierlichen Schein durch den Dampf des s¸flesten
R‰ucherwerks, das man nicht gespart hatte, ¸ber eine wohl geschm¸ckte
und bestellte Tafel verbreiteten. Mit Ausrufungen tobte man die
Anstalten und nahm wirklich mit Anstand Platz; es schien, als wenn
eine kˆnigliche Familie im Geisterreiche zusammenk‰me. Wilhelm safl
zwischen Aurelien und Madame Melina; Serlo zwischen Philinen und
Elmiren; niemand war mit sich selbst noch mit seinem Platze
unzufrieden.

Die beiden Theaterfreunde, die sich gleichfalls eingefunden hatten,
vermehrten das Gl¸ck der Gesellschaft. Sie waren einigemal w‰hrend
der Vorstellung auf die B¸hne gekommen und konnten nicht genug von
ihrer eignen und von des Publikums Zufriedenheit sprechen; nunmehr
ging's aber ans Besondere; jedes ward f¸r seinen Teil reichlich
belohnt.

Mit einer unglaublichen Lebhaftigkeit ward ein Verdienst nach dem
andern, eine Stelle nach der andern herausgehoben. Dem Souffleur, der
bescheiden am Ende der Tafel safl, ward ein grofles Lob ¸ber seinen
rauhen Pyrrhus; die Fecht¸bung Hamlets und Laertes' konnte man nicht
genug erheben; Opheliens Trauer war ¸ber allen Ausdruck schˆn und
erhaben; von Polonius' Spiel durfte man gar nicht sprechen; jeder
Gegenw‰rtige hˆrte sein Lob in dem andern und durch ihn.

Aber auch der abwesende Geist nahm seinen Teil Lob und Bewunderung
hinweg. Er hatte die Rolle mit einem sehr gl¸cklichen Organ und in
einem groflen Sinne gesprochen, und man wunderte sich am meisten, dafl
er von allem, was bei der Gesellschaft vorgegangen war, unterrichtet
schien. Er glich vˆllig dem gemalten Bilde, als wenn er dem K¸nstler
gestanden h‰tte, und die Theaterfreunde konnten nicht genug r¸hmen,
wie schauerlich es ausgesehen habe, als er unfern von dem Gem‰lde
hervorgetreten und vor seinem Ebenbilde vorbeigeschritten sei.
Wahrheit und Irrtum habe sich dabei so sonderbar vermischt, und man
habe wirklich sich ¸berzeugt, dafl die Kˆnigin die eine Gestalt nicht
sehe. Madame Melina ward bei dieser Gelegenheit sehr gelobt, dafl sie
bei dieser Stelle in die Hˆhe nach dem Bilde gestarrt, indes Hamlet
nieder auf den Geist gewiesen.

Man erkundigte sich, wie das Gespenst habe hereinschleichen kˆnnen,
und erfuhr vom Theatermeister, dafl zu einer hintern T¸re, die sonst
immer mit Dekorationen verstellt sei, diesen Abend aber, weil man den
gotischen Saal gebraucht, frei geworden, zwei grofle Figuren in weiflen
M‰nteln und Kapuzen hereingekommen, die man voneinander nicht
unterscheiden kˆnnen, und so seien sie nach geendigtem dritten Akt
wahrscheinlich auch wieder hinausgegangen.

Serlo lobte besonders an ihm, dafl er nicht so schneiderm‰flig gejammert
und sogar am Ende eine Stelle, die einem so groflen Helden besser zieme,
seinen Sohn zu befeuern, angebracht habe. Wilhelm hatte sie im
Ged‰chtnis behalten und versprach, sie ins Manuskript nachzutragen.

Man hatte in der Freude des Gastmahls nicht bemerkt, dafl die Kinder
und der Harfenspieler fehlten; bald aber machten sie eine sehr
angenehme Erscheinung. Denn sie traten zusammen herein, sehr
abenteuerlich ausgeputzt; Felix schlug den Triangel, Mignon das
Tamburin, und der Alte hatte die schwere Harfe umgehangen und spielte
sie, indem er sie vor sich trug. Sie zogen um den Tisch und sangen
allerlei Lieder. Man gab ihnen zu essen, und die G‰ste glaubten den
Kindern eine Wohltat zu erzeigen, wenn sie ihnen so viel s¸flen Wein
g‰ben, als sie nur trinken wollten; denn die Gesellschaft selbst hatte
die kˆstlichen Flaschen nicht geschont, welche diesen Abend als ein
Geschenk der Theaterfreunde in einigen Kˆrben angekommen waren. Die
Kinder sprangen und sangen fort, und besonders war Mignon ausgelassen,
wie man sie niemals gesehen. Sie schlug das Tamburin mit aller
mˆglichen Zierlichkeit und Lebhaftigkeit, indem sie bald mit
druckendem Finger auf dem Felle schnell hin und her schnurrte, bald
mit dem R¸cken der Hand, bald mit den Knˆcheln daraufpochte, ja mit
abwechselnden Rhythmen das Pergament bald wider die Knie, bald wider
den Kopf schlug, bald sch¸ttelnd die Schellen allein klingen liefl und
so aus dem einfachsten Instrumente gar verschiedene Tˆne hervorlockte.
Nachdem sie lange gel‰rmt hatten, setzten sie sich in einen
Lehnsessel, der gerade Wilhelmen gegen¸ber am Tische leer geblieben
war.

"Bleibt von dem Sessel weg!" rief Serlo, "er steht vermutlich f¸r den
Geist da; wenn er kommt, kann's euch ¸bel gehen."

"Ich f¸rchte ihn nicht", rief Mignon; "kommt er, so stehen wir auf.
Es ist mein Oheim, er tut mir nichts zuleide." Diese Rede verstand
niemand, als wer wuflte, dafl sie ihren vermeintlichen Vater den "Groflen
Teufel" genannt hatte.

Die Gesellschaft sah einander an und ward noch mehr in dem Verdacht
best‰rkt, dafl Serlo um die Erscheinung des Geistes wisse. Man
schwatzte und trank, und die M‰dchen sahen von Zeit zu Zeit furchtsam
nach der T¸re.

Die Kinder, die, in dem groflen Sessel sitzend, nur wie Pulcinellpuppen
aus dem Kasten ¸ber den Tisch hervorragten, fingen an, auf diese Weise
ein St¸ck aufzuf¸hren. Mignon machte den schnurrenden Ton sehr artig
nach, und sie stieflen zuletzt die Kˆpfe dergestalt zusammen und auf
die Tischkante, wie es eigentlich nur Holzpuppen aushalten kˆnnen.
Mignon ward bis zur Wut lustig, und die Gesellschaft, sosehr sie
anfangs ¸ber den Scherz gelacht hatte, muflte zuletzt Einhalt tun.
Aber wenig half das Zureden, denn nun sprang sie auf und raste, die
Schellentrommel in der Hand, um den Tisch herum. Ihre Haare flogen,
und indem sie den Kopf zur¸ck und alle ihre Glieder gleichsam in die
Luft warf, schien sie einer M‰nade ‰hnlich, deren wilde und beinah
unmˆgliche Stellungen uns auf alten Monumenten noch oft in Erstaunen
setzen.

Durch das Talent der Kinder und ihren L‰rm aufgereizt, suchte
jedermann zur Unterhaltung der Gesellschaft etwas beizutragen. Die
Frauenzimmer sangen einige Kanons, Laertes liefl eine Nachtigall hˆren,
und der Pedant gab ein Konzert pianissimo auf der Maultrommel.
Indessen spielten die Nachbarn und Nachbarinnen allerlei Spiele, wobei
sich die H‰nde begegnen und vermischen, und es fehlte manchem Paare
nicht am Ausdruck einer hoffnungsvollen Z‰rtlichkeit. Madame Melina
besonders schien eine lebhafte Neigung zu Wilhelmen nicht zu verhehlen.
Es war sp‰t in der Nacht, und Aurelie, die fast allein noch
Herrschaft ¸ber sich behalten hatte, ermahnte die ¸brigen, indem sie
aufstand, auseinanderzugehen.

Serlo gab noch zum Abschied ein Feuerwerk, indem er mit dem Munde auf
eine fast unbegreifliche Weise den Ton der Raketen, Schw‰rmer und
Feuerr‰der nachzuahmen wuflte. Man durfte die Augen nur zumachen, so
war die T‰uschung vollkommen. Indessen war jedermann aufgestanden,
und man reichte den Frauenzimmern den Arm, sie nach Hause zu f¸hren.
Wilhelm ging zuletzt mit Aurelien. Auf der Treppe begegnete ihnen der
Theatermeister und sagte: "Hier ist der Schleier, worin der Geist
verschwand. Er ist an der Versenkung h‰ngengeblieben, und wir haben
ihn eben gefunden."--"Eine wunderbare Reliquie!" rief Wilhelm und nahm
ihn ab.

In dem Augenblicke f¸hlte er sich am linken Arme ergriffen und
zugleich einen sehr heftigen Schmerz. Mignon hatte sich versteckt
gehabt, hatte ihn angefaflt und ihn in den Arm gebissen. Sie fuhr an
ihm die Treppe hinunter und verschwand.

Als die Gesellschaft in die freie Luft kam, merkte fast jedes, dafl man
f¸r diesen Abend des Guten zuviel genossen hatte. Ohne Abschied zu
nehmen, verlor man sich auseinander.

Wilhelm hatte kaum seine Stube erreicht, als er seine Kleider abwarf
und nach ausgelˆschtem Licht ins Bett eilte. Der Schlaf wollte
sogleich sich seiner bemeistern; allein ein Ger‰usch, das in seiner
Stube hinter dem Ofen zu entstehen schien, machte ihn aufmerksam.
Eben schwebte vor seiner erhitzten Phantasie das Bild des
geharnischten Kˆnigs; er richtete sich auf, das Gespenst anzureden,
als er sich von zarten Armen umschlungen, seinen Mund mit lebhaften
K¸ssen verschlossen und eine Brust an der seinigen f¸hlte, die er
wegzustoflen nicht Mut hatte.

V. Buch, 13. Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Wilhelm fuhr des andern Morgens mit einer unbehaglichen Empfindung in
die Hˆhe und fand sein Bett leer. Von dem nicht vˆllig
ausgeschlafenen Rausche war ihm der Kopf d¸ster, und die Erinnerung an
den unbekannten n‰chtlichen Besuch machte ihn unruhig. Sein erster
Verdacht fiel auf Philinen, und doch schien der liebliche Kˆrper, den
er in seine Arme geschlossen hatte, nicht der ihrige gewesen zu sein.
Unter lebhaften Liebkosungen war unser Freund an der Seite dieses
seltsamen, stummen Besuches eingeschlafen, und nun war weiter keine
Spur mehr davon zu entdecken. Er sprang auf, und indem er sich anzog,
fand er seine T¸re, die er sonst zu verriegeln pflegte, nur angelehnt
und wuflte sich nicht zu erinnern, ob er sie gestern abend
zugeschlossen hatte.

Am wunderbarsten aber erschien ihm der Schleier des Geistes, den er
auf seinem Bette fand. Er hatte ihn mit heraufgebracht und
wahrscheinlich selbst dahin geworfen. Es war ein grauer Flor, an
dessen Saum er eine Schrift mit schwarzen Buchstaben gestickt sah. Er
entfaltete sie und las die Worte: "Zum ersten- und letztenmal! Flieh!
J¸ngling, flieh!" Er war betroffen und wuflte nicht, was er sagen
sollte.

In eben dem Augenblick trat Mignon herein und brachte ihm das
Fr¸hst¸ck. Wilhelm erstaunte ¸ber den Anblick des Kindes, ja man kann
sagen, er erschrak. Sie schien diese Nacht grˆfler geworden zu sein;
sie trat mit einem hohen, edlen Anstand vor ihn hin und sah ihm sehr
ernsthaft in die Augen, so dafl er den Blick nicht ertragen konnte.
Sie r¸hrte ihn nicht an wie sonst, da sie gewˆhnlich ihm die Hand
dr¸ckte, seine Wange, seinen Mund, seinen Arm oder seine Schulter
k¸flte, sondern ging, nachdem sie seine Sachen in Ordnung gebracht,
stillschweigend wieder fort.

Die Zeit einer angesetzten Leseprobe kam nun herbei; man versammelte
sich, und alle waren durch das gestrige Fest verstimmt. Wilhelm nahm
sich zusammen, so gut er konnte, um nicht gleich anfangs gegen seine
so lebhaft gepredigten Grunds‰tze zu verstoflen. Seine grofle ¸bung
half ihm durch; denn ¸bung und Gewohnheit m¸ssen in jeder Kunst die
L¸cken ausf¸llen, welche Genie und Laune so oft lassen w¸rden.

Eigentlich aber konnte man bei dieser Gelegenheit die Bemerkung recht
wahr finden, dafl man keinen Zustand, der l‰nger dauern, ja der
eigentlich ein Beruf, eine Lebensweise werden soll, mit einer
Feierlichkeit anfangen d¸rfe. Man feire nur, was gl¸cklich vollendet
ist; alle Zeremonien zum Anfange erschˆpfen Lust und Kr‰fte, die das
Streben hervorbringen und uns bei einer fortgesetzten M¸he beistehen
sollen. Unter allen Festen ist das Hochzeitfest das unschicklichste;
keines sollte mehr in Stille, Demut und Hoffnung begangen werden als
dieses.

So schlich der Tag nun weiter, und Wilhelmen war noch keiner jemals so
allt‰glich vorgekommen. Statt der gewˆhnlichen Unterhaltung abends
fing man zu g‰hnen an; das Interesse an "Hamlet" war erschˆpft, und
man fand eher unbequem, dafl er des folgenden Tages zum zweitenmal
vorgestellt werden sollte. Wilhelm zeigte den Schleier des Geistes
vor; man muflte daraus schlieflen, dafl er nicht wiederkommen werde.
Serlo war besonders dieser Meinung; er schien mit den Ratschl‰gen der
wunderbaren Gestalt sehr vertraut zu sein; dagegen lieflen sich aber
die Worte: "Flieh! J¸ngling, flieh!" nicht erkl‰ren. Wie konnte
Serlo mit jemanden einstimmen, der den vorz¸glichsten Schauspieler
seiner Gesellschaft zu entfernen die Absicht zu haben schien.

Notwendig war es nunmehr, die Rolle des Geistes dem Polterer und die
Rolle des Kˆnigs dem Pedanten zu geben. Beide erkl‰rten, dafl sie
schon einstudiert seien, und es war kein Wunder, denn bei den vielen
Proben und der weitl‰ufigen Behandlung dieses St¸cks waren alle so
damit bekannt geworden, dafl sie s‰mtlich gar leicht mit den Rollen
h‰tten wechseln kˆnnen. Doch probierte man einiges in der
Geschwindigkeit, und als man sp‰t genug auseinanderging, fl¸sterte
Philine beim Abschiede Wilhelmen leise zu: "Ich mufl meine Pantoffeln
holen; du schiebst doch den Riegel nicht vor?" Diese Worte setzten
ihn, als er auf seine Stube kam, in ziemliche Verlegenheit; denn die
Vermutung, dafl der Gast der vorigen Nacht Philine gewesen, ward
dadurch best‰rkt, und wir sind auch genˆtigt, uns zu dieser Meinung zu
schlagen, besonders da wir die Ursachen, welche ihn hier¸ber
zweifelhaft machten und ihm einen andern, sonderbaren Argwohn
einflˆflen muflten, nicht entdecken kˆnnen. Er ging unruhig einigemal
in seinem Zimmer auf und ab und hatte wirklich den Riegel noch nicht
vorgeschoben.

Auf einmal st¸rzte Mignon in das Zimmer, faflte ihn an und rief:
"Meister! Rette das Haus! Es brennt!" Wilhelm sprang vor die T¸re,
und ein gewaltiger Rauch dr‰ngte sich die obere Treppe herunter ihm
entgegen. Auf der Gasse hˆrte man schon das Feuergeschrei, und der
Harfenspieler kam, sein Instrument in der Hand, durch den Rauch
atemlos die Treppe herunter. Aurelie st¸rzte aus ihrem Zimmer und
warf den kleinen Felix in Wilhelms Arme.

"Retten Sie das Kind!" rief sie, "wir wollen nach dem ¸brigen greifen."

Wilhelm, der die Gefahr nicht f¸r so grofl hielt, gedachte zuerst nach
dem Ursprunge des Brandes hinzudringen, um ihn vielleicht noch im
Anfange zu ersticken. Er gab dem Alten das Kind und befahl ihm, die
steinerne Wendeltreppe hinunter, die durch ein kleines Gartengewˆlbe
in den Garten f¸hrte, zu eilen und mit den Kindern im Freien zu
bleiben. Mignon nahm ein Licht, ihm zu leuchten. Wilhelm bat darauf
Aurelien, ihre Sachen auf ebendiesem Wege zu retten. Er selbst drang
durch den Rauch hinauf; aber vergebens setzte er sich der Gefahr aus.
Die Flamme schien von dem benachbarten Hause her¸berzudringen und
hatte schon das Holzwerk des Bodens und eine leichte Treppe gefaflt;
andre, die zur Rettung herbeieilten, litten wie er vom Qualm und Feuer.
Doch sprach er ihnen Mut ein und rief nach Wasser; er beschwor sie,
der Flamme nur Schritt vor Schritt zu weichen, und versprach, bei
ihnen zu bleiben. In diesem Augenblick sprang Mignon herauf und rief:
"Meister! Rette deinen Felix! Der Alte ist rasend! Der Alte bringt
ihn um!" Wilhelm sprang, ohne sich zu besinnen, die Treppe hinab, und
Mignon folgte ihm an den Fersen.

Auf den letzten Stufen, die ins Gartengewˆlbe f¸hrten, blieb er mit
Entsetzen stehen. Grofle B¸ndel Stroh und Reisholz, die man daselbst
aufgeh‰uft hatte, brannten mit heller Flamme; Felix lag am Boden und
schrie; der Alte stand mit niedergesenktem Haupte seitw‰rts an der
Wand. "Was machst du, Ungl¸cklicher?" rief Wilhelm. Der Alte schwieg,
Mignon hatte den Felix aufgehoben und schleppte mit M¸he den Knaben
in den Garten, indes Wilhelm das Feuer auseinanderzuzerren und zu
d‰mpfen strebte, aber dadurch nur die Gewalt und Lebhaftigkeit der
Flamme vermehrte. Endlich muflte er mit verbrannten Augenwimpern und
Haaren auch in den Garten fliehen, indem er den Alten mit durch die
Flamme rifl, der ihm mit versengtem Barte unwillig folgte.

Wilhelm eilte sogleich, die Kinder im Garten zu suchen. Auf der
Schwelle eines entfernten Lusth‰uschens fand er sie, und Mignon tat
ihr mˆglichstes, den Kleinen zu beruhigen. Wilhelm nahm ihn auf den
Schofl, fragte ihn, bef¸hlte ihn und konnte nichts Zusammenh‰ngendes
aus beiden Kindern herausbringen.

Indessen hatte das Feuer gewaltsam mehrere H‰user ergriffen und
erhellte die ganze Gegend. Wilhelm besah das Kind beim roten Schein
der Flamme; er konnte keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule
wahrnehmen. Er betastete es ¸berall, es gab kein Zeichen von Schmerz
von sich, es beruhigte sich vielmehr nach und nach und fing an, sich
¸ber die Flamme zu verwundern, ja sich ¸ber die schˆnen, der Ordnung
nach, wie eine Illumination, brennenden Sparren und Geb‰lke zu
erfreuen.

Wilhelm dachte nicht an die Kleider und was er sonst verloren haben
konnte; er f¸hlte stark, wie wert ihm diese beiden menschlichen
Geschˆpfe seien, die er einer so groflen Gefahr entronnen sah. Er
dr¸ckte den Kleinen mit einer ganz neuen Empfindung an sein Herz und
wollte auch Mignon mit freudiger Z‰rtlichkeit umarmen, die es aber
sanft ablehnte, ihn bei der Hand nahm und sie festhielt.

"Meister", sagte sie (noch niemals als diesen Abend hatte sie ihm
diesen Namen gegeben, denn anfangs pflegte sie ihn Herr und nachher
Vater zu nennen), "Meister! wir sind einer groflen Gefahr entronnen:
dein Felix war am Tode."

Durch viele Fragen erfuhr endlich Wilhelm, dafl der Harfenspieler, als
sie in das Gewˆlbe gekommen, ihr das Licht aus der Hand gerissen und
das Stroh sogleich angez¸ndet habe. Darauf habe er den Felix
niedergesetzt, mit wunderlichen Geb‰rden die H‰nde auf des Kindes Kopf
gelegt und ein Messer gezogen, als wenn er ihn opfern wolle. Sie sei
zugesprungen und habe ihm das Messer aus der Hand gerissen; sie habe
geschrien, und einer vom Hause, der einige Sachen nach dem Garten zu
gerettet, sei ihr zu H¸lfe gekommen, der m¸sse aber in der Verwirrung
wieder weggegangen sein und den Alten und das Kind allein gelassen
haben.

Zwei bis drei H‰user standen in vollen Flammen. In den Garten hatte
sich niemand retten kˆnnen wegen des Brandes im Gartengewˆlbe.
Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner Sachen.
Er getraute sich nicht, die Kinder zu verlassen, und sah das Ungl¸ck
sich immer vergrˆflern.

Er brachte einige Stunden in einer b‰nglichen Lage zu. Felix war auf
seinem Schofle eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand
fest. Endlich hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt
getan. Die ausgebrannten Geb‰ude st¸rzten zusammen, der Morgen kam
herbei, die Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner
leichten Kleidung der fallende Tau fast unertr‰glich. Er f¸hrte sie
zu den Tr¸mmern des zusammengest¸rzten Geb‰udes, und sie fanden neben
einem Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche W‰rme.

Der anbrechende Tag brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und
nach zusammen. Jedermann hatte sich gerettet, niemand hatte viel
verloren.

Wilhelms Koffer fand sich auch wieder, und Serlo trieb, als es gegen
zehn Uhr ging, zur Probe von "Hamlet", wenigstens einiger Szenen, die
mit neuen Schauspielern besetzt waren. Er hatte darauf noch einige
Debatten mit der Polizei. Die Geistlichkeit verlangte: dafl nach einem
solchen Strafgerichte Gottes das Schauspielhaus geschlossen bleiben
sollte, und Serlo behauptete: dafl teils zum Ersatz dessen, was er
diese Nacht verloren, teils zur Aufheiterung der erschreckten Gem¸ter
die Auff¸hrung eines interessanten St¸ckes mehr als jemals am Platz
sei. Diese letzte Meinung drang durch, und das Haus war gef¸llt. Die
Schauspieler spielten mit seltenem Feuer und mit mehr
leidenschaftlicher Freiheit als das erstemal. Die Zuschauer, deren
Gef¸hl durch die schreckliche n‰chtliche Szene erhˆht und durch die
Langeweile eines zerstreuten und verdorbenen Tages noch mehr auf eine
interessante Unterhaltung gespannt war, hatten mehr Empf‰nglichkeit
f¸r das Auflerordentliche. Der grˆflte Teil waren neue, durch den Ruf
des St¸cks herbeigezogene Zuschauer, die keine Vergleichung mit dem
ersten Abend anstellen konnten. Der Polterer spielte ganz im Sinne
des unbekannten Geistes, und der Pedant hatte seinem Vorg‰nger
gleichfalls gut aufgepaflt; daneben kam ihm seine Erb‰rmlichkeit sehr
zustatten, dafl ihm Hamlet wirklich nicht unrecht tat, wenn er ihn,
trotz seines Purpurmantels und Hermelinkragens, einen
zusammengeflickten Lumpenkˆnig schalt.

Sonderbarer als er war vielleicht niemand zum Throne gelangt; und
obgleich die ¸brigen, besonders aber Philine, sich ¸ber seine neue
W¸rde ‰uflerst lustig machten, so liefl er doch merken, dafl der Graf,
als ein grofler Kenner, das und noch viel mehr von ihm beim ersten
Anblick vorausgesagt habe; dagegen ermahnte ihn Philine zur Demut und
versicherte: sie werde ihm gelegentlich die Rock‰rmel pudern, damit er
sich jener ungl¸cklichen Nacht im Schlosse erinnern und die Krone mit
Bescheidenheit tragen mˆge.

V. Buch, 14. Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Man hatte sich in der Geschwindigkeit nach Quartieren umgesehen, und
die Gesellschaft war dadurch sehr zerstreut worden. Wilhelm hatte das
Lusthaus in dem Garten, bei dem er die Nacht zugebracht, liebgewonnen;
er erhielt leicht die Schl¸ssel dazu und richtete sich daselbst ein;
da aber Aurelie in ihrer neuen Wohnung sehr eng war, muflte er den
Felix bei sich behalten, und Mignon wollte den Knaben nicht verlassen.

Die Kinder hatten ein artiges Zimmer in dem ersten Stocke eingenommen,
Wilhelm hatte sich in dem untern Saale eingerichtet. Die Kinder
schliefen, aber er konnte keine Ruhe finden.

Neben dem anmutigen Garten, den der eben aufgegangene Vollmond
herrlich erleuchtete, standen die traurigen Ruinen, von denen hier und
da noch Dampf aufstieg; die Luft war angenehm und die Nacht
auflerordentlich schˆn. Philine hatte beim Herausgehen aus dem Theater
ihn mit dem Ellenbogen angestrichen und ihm einige Worte zugelispelt,
die er aber nicht verstanden hatte. Er war verwirrt und verdriefllich
und wuflte nicht, was er erwarten oder tun sollte. Philine hatte ihn
einige Tage gemieden und ihm nur diesen Abend wieder ein Zeichen
gegeben. Leider war nun die T¸re verbrannt, die er nicht zuschlieflen
sollte, und die Pantˆffelchen waren in Rauch aufgegangen. Wie die
Schˆne in den Garten kommen wollte, wenn es ihre Absicht war, wuflte er
nicht. Er w¸nschte sie nicht zu sehen, und doch h‰tte er sich gar zu
gern mit ihr erkl‰ren mˆgen.

Was ihm aber noch schwerer auf dem Herzen lag, war das Schicksal des
Harfenspielers, den man nicht wieder gesehen hatte. Wilhelm f¸rchtete,
man w¸rde ihn beim Aufr‰umen tot unter dem Schutte finden. Wilhelm
hatte gegen jedermann den Verdacht verborgen, den er hegte, dafl der
Alte schuld an dem Brande sei. Denn er kam ihm zuerst von dem
brennenden und rauchenden Boden entgegen, und die Verzweiflung im
Gartengewˆlbe schien die Folge eines solchen ungl¸cklichen Ereignisses
zu sein. Doch war es bei der Untersuchung, welche die Polizei
sogleich anstellte, wahrscheinlich geworden, dafl nicht in dem Hause,
wo sie wohnten, sondern in dem dritten davon der Brand entstanden sei,
der sich auch sogleich unter den D‰chern weggeschlichen hatte.

Wilhelm ¸berlegte das alles in einer Laube sitzend, als er in einem
nahen Gange jemanden schleichen hˆrte. An dem traurigen Gesange, der
sogleich angestimmt ward, erkannte er den Harfenspieler. Das Lied,
das er sehr wohl verstehen konnte, enthielt den Trost eines
Ungl¸cklichen, der sich dem Wahnsinne ganz nahe f¸hlt. Leider hat
Wilhelm davon nur die letzte Strophe behalten.

An die T¸ren will ich schleichen,
Still und sittsam will ich stehn,
Fromme Hand wird Nahrung reichen,
Und ich werde weitergehn.
Jeder wird sich gl¸cklich scheinen,
Wenn mein Bild vor ihm erscheint,
Eine Tr‰ne wird er weinen,
Und ich weifl nicht, was er weint.

Unter diesen Worten war er an die Gartent¸re gekommen, die nach einer
entlegenen Strafle ging; er wollte, da er sie verschlossen fand, an den
Spalieren ¸bersteigen; allein Wilhelm hielt ihn zur¸ck und redete ihn
freundlich an. Der Alte bat ihn, aufzuschlieflen, weil er fliehen
wolle und m¸sse. Wilhelm stellte ihm vor, dafl er wohl aus dem Garten,
aber nicht aus der Stadt kˆnne, und zeigte ihm, wie sehr er sich durch
einen solchen Schritt verd‰chtig mache; allein vergebens! Der Alte
bestand auf seinem Sinne. Wilhelm gab nicht nach und dr‰ngte ihn
endlich halb mit Gewalt ins Gartenhaus, schlofl sich daselbst mit ihm
ein und f¸hrte ein wunderbares Gespr‰ch mit ihm, das wir aber, um
unsere Leser nicht mit unzusammenh‰ngenden Ideen und b‰nglichen
Empfindungen zu qu‰len, lieber verschweigen als ausf¸hrlich mitteilen.

V. Buch, 15. Kapitel

Funfzehntes Kapitel

Aus der groflen Verlegenheit, worin sich Wilhelm befand, was er mit dem
ungl¸cklichen Alten beginnen sollte, der so deutliche Spuren des
Wahnsinns zeigte, rifl ihn Laertes noch am selbigen Morgen. Dieser,
der nach seiner alten Gewohnheit ¸berall zu sein pflegte, hatte auf
dem Kaffeehaus einen Mann gesehen, der vor einiger Zeit die heftigsten
Anf‰lle von Melancholie erduldete. Man hatte ihn einem
Landgeistlichen anvertraut, der sich ein besonders Gesch‰ft daraus
machte, dergleichen Leute zu behandeln. Auch diesmal war es ihm
gelungen; noch war er in der Stadt, und die Familie des
Wiederhergestellten erzeigte ihm grofle Ehre.

Wilhelm eilte sogleich, den Mann aufzusuchen, vertraute ihm den Fall
und ward mit ihm einig. Man wuflte unter gewissen Vorw‰nden ihm den
Alten zu ¸bergeben. Die Scheidung schmerzte Wilhelmen tief, und nur
die Hoffnung, ihn wiederhergestellt zu sehen, konnte sie ihm
einigermaflen ertr‰glich machen, so sehr war er gewohnt, den Mann um
sich zu sehen und seine geistreichen und herzlichen Tˆne zu vernehmen.
Die Harfe war mit verbrannt; man suchte eine andere, die man ihm auf
die Reise mitgab.

Auch hatte das Feuer die kleine Garderobe Mignons verzehrt, und als
man ihr wieder etwas Neues schaffen wollte, tat Aurelie den Vorschlag,
dafl man sie doch endlich als M‰dchen kleiden solle.

"Nun gar nicht!" rief Mignon aus und bestand mit grofler Lebhaftigkeit
auf ihrer alten Tracht, worin man ihr denn auch willfahren muflte.

Die Gesellschaft hatte nicht viel Zeit, sich zu besinnen; die
Vorstellungen gingen ihren Gang.

Wilhelm horchte oft ins Publikum, und nur selten kam ihm eine Stimme
entgegen, wie er sie zu hˆren w¸nschte, ja ˆfters vernahm er, was ihn
betr¸bte oder verdrofl. So erz‰hlte zum Beispiel gleich nach der
ersten Auff¸hrung "Hamlets" ein junger Mensch mit grofler Lebhaftigkeit,
wie zufrieden er an jenem Abend im Schauspielhause gewesen. Wilhelm
lauschte und hˆrte zu seiner groflen Besch‰mung, dafl der junge Mann zum
Verdrufl seiner Hinterm‰nner den Hut aufbehalten und ihn hartn‰ckig das
ganze St¸ck hindurch nicht abgetan hatte, welcher Heldentat er sich
mit dem grˆflten Vergn¸gen erinnerte.

Ein anderer versicherte: Wilhelm habe die Rolle des Laertes sehr gut
gespielt; hingegen mit dem Schauspieler, der den Hamlet unternommen,
kˆnne man nicht ebenso zufrieden sein. Diese Verwechslung war nicht
ganz unnat¸rlich, denn Wilhelm und Laertes glichen sich, wiewohl in
einem sehr entfernten Sinne.

Ein dritter lobte sein Spiel, besonders in der Szene mit der Mutter,
aufs lebhafteste und bedauerte nur: dafl eben in diesem feurigen
Augenblick ein weifles Band unter der Weste hervorgesehen habe, wodurch
die Illusion ‰uflerst gestˆrt worden sei.

In dem Innern der Gesellschaft gingen indessen allerlei Ver‰nderungen
vor. Philine hatte seit jenem Abend nach dem Brande Wilhelmen auch
nicht das geringste Zeichen einer Ann‰herung gegeben. Sie hatte, wie
es schien vors‰tzlich, ein entfernteres Quartier gemietet, vertrug
sich mit Elmiren und kam seltener zu Serlo, womit Aurelie wohl
zufrieden war. Serlo, der ihr immer gewogen blieb, besuchte sie
manchmal, besonders da er Elmiren bei ihr zu finden hoffte, und nahm
eines Abends Wilhelmen mit sich. Beide waren im Hereintreten sehr
verwundert, als sie Philinen in dem zweiten Zimmer in den Armen eines
jungen Offiziers sahen, der eine rote Uniform und weifle Unterkleider
anhatte, dessen abgewendetes Gesicht sie aber nicht sehen konnten.
Philine kam ihren besuchenden Freunden in das Vorzimmer entgegen und
verschlofl das andere. "Sie ¸berraschen mich bei einem wunderbaren
Abenteuer!" rief sie aus.

"So wunderbar ist es nicht", sagte Serlo; "lassen Sie uns den h¸bschen,
jungen, beneidenswerten Freund sehen; Sie haben uns ohnedem schon so
zugestutzt, dafl wir nicht eifers¸chtig sein d¸rfen."

"Ich mufl Ihnen diesen Verdacht noch eine Zeitlang lassen", sagte
Philine scherzend; "doch kann ich Sie versichern, dafl es nur eine gute
Freundin ist, die sich einige Tage unbekannt bei mir aufhalten will.
Sie sollen ihre Schicksale k¸nftig erfahren, ja vielleicht das
interessante M‰dchen selbst kennenlernen, und ich werde wahrscheinlich
alsdann Ursache haben, meine Bescheidenheit und Nachsicht zu ¸ben;
denn ich f¸rchte, die Herren werden ¸ber ihre neue Bekanntschaft ihre
alte Freundin vergessen."

Wilhelm stand versteinert da; denn gleich beim ersten Anblick hatte
ihn die rote Uniform an den so sehr geliebten Rock Marianens erinnert;
es war ihre Gestalt, es waren ihre blonden Haare, nur schien ihm der
gegenw‰rtige Offizier etwas grˆfler zu sein.

"Um des Himmels willen!" rief er aus, "lassen Sie uns mehr von Ihrer
Freundin wissen, lassen Sie uns das verkleidete M‰dchen sehen. Wir
sind nun einmal Teilnehmer des Geheimnisses; wir wollen versprechen,
wir wollen schwˆren, aber lassen Sie uns das M‰dchen sehen!"

"O wie er in Feuer ist!" rief Philine, "nur gelassen, nur geduldig,
heute wird einmal nichts draus."

"So lassen Sie uns nur ihren Namen wissen!" rief Wilhelm.

"Das w‰re alsdann ein schˆnes Geheimnis", versetzte Philine.

"Wenigstens nur den Vornamen."

"Wenn Sie ihn raten, meinetwegen. Dreimal d¸rfen Sie raten, aber
nicht ˆfter; Sie kˆnnten mich sonst durch den ganzen Kalender
durchf¸hren."

"Gut", sagte Wilhelm; "Cecilie also?"

"Nichts von Cecilien!"

"Henriette?"

"Keineswegs! Nehmen Sie sich in acht! Ihre Neugierde wird
ausschlafen m¸ssen."

Wilhelm zauderte und zitterte; er wollte seinen Mund auftun, aber die
Sprache versagte ihm. "Mariane?" stammelte er endlich, "Mariane!"

"Bravo!" rief Philine, "getroffen!" indem sie sich nach ihrer
Gewohnheit auf dem Absatze herumdrehte.

Wilhelm konnte kein Wort hervorbringen, und Serlo, der seine
Gem¸tsbewegung nicht bemerkte, fuhr fort, in Philinen zu dringen, dafl
sie die T¸re ˆffnen sollte.

Wie verwundert waren daher beide, als Wilhelm auf einmal heftig ihre
Neckerei unterbrach, sich Philinen zu F¸flen warf und sie mit dem
lebhaftesten Ausdrucke der Leidenschaft bat und beschwor. "Lassen Sie
mich das M‰dchen sehen", rief er aus, "sie ist mein, es ist meine
Mariane! Sie, nach der ich mich alle Tage meines Lebens gesehnt habe,
sie, die mir noch immer statt aller andern Weiber in der Welt ist!
Gehen Sie wenigstens zu ihr hinein, sagen Sie ihr, dafl ich hier bin,
dafl der Mensch hier ist, der seine erste Liebe und das ganze Gl¸ck
seiner Jugend an sie kn¸pfte. Er will sich rechtfertigen, dafl er sie
unfreundlich verliefl, er will sie um Verzeihung bitten, er will ihr
vergeben, was sie auch gegen ihn gefehlt haben mag, er will sogar
keine Anspr¸che an sie mehr machen, wenn er sie nur noch einmal sehen
kann, wenn er nur sehen kann, dafl sie lebt und gl¸cklich ist!"

Philine sch¸ttelte den Kopf und sagte: "Mein Freund, reden Sie leise!
Betriegen wir uns nicht; und ist das Frauenzimmer wirklich Ihre
Freundin, so m¸ssen wir sie schonen, denn sie vermutet keinesweges,
Sie hier zu sehen. Ganz andere Angelegenheiten f¸hren sie hierher,
und das wissen Sie doch, man mˆchte oft lieber ein Gespenst als einen
alten Liebhaber zur unrechten Zeit vor Augen sehen. Ich will sie
fragen, ich will sie vorbereiten, und wir wollen ¸berlegen, was zu tun
ist. Ich schreibe Ihnen morgen ein Billett, zu welcher Stunde Sie
kommen sollen, oder ob Sie kommen d¸rfen; gehorchen Sie mir p¸nktlich,
denn ich schwˆre, niemand soll gegen meinen und meiner Freundin Willen
dieses liebensw¸rdige Geschˆpf mit Augen sehen. Meine T¸ren werde ich
besser verschlossen halten, und mit Axt und Beil werden Sie mich nicht
besuchen wollen."

Wilhelm beschwor sie, Serlo redete ihr zu; vergebens! Beide Freunde
muflten zuletzt nachgeben, das Zimmer und das Haus r‰umen.

Welche unruhige Nacht Wilhelm zubrachte, wird sich jedermann denken.
Wie langsam die Stunden des Tages dahinzogen, in denen er Philinens
Billett erwartete, l‰flt sich begreifen. Ungl¸cklicherweise muflte er
selbigen Abend spielen; er hatte niemals eine grˆflere Pein
ausgestanden. Nach geendigtem St¸cke eilte er zu Philinen, ohne nur
zu fragen, ob er eingeladen worden. Er fand ihre T¸re verschlossen,
und die Hausleute sagten: Mademoiselle sei heute fr¸h mit einem jungen
Offizier weggefahren; sie habe zwar gesagt, dafl sie in einigen Tagen
wiederkomme, man glaube es aber nicht, weil sie alles bezahlt und ihre
Sachen mitgenommen habe.

Wilhelm war aufler sich ¸ber diese Nachricht. Er eilte zu Laertes und
schlug ihm vor, ihr nachzusetzen und, es koste, was es wolle, ¸ber
ihren Begleiter Gewiflheit zu erlangen. Laertes dagegen verwies seinem
Freunde seine Leidenschaft und Leichtgl‰ubigkeit. "Ich will wetten",
sagte er, "es ist niemand anders als Friedrich. Der Junge ist von
gutem Hause, ich weifl es recht wohl; er ist unsinnig in das M‰dchen
verliebt und hat wahrscheinlich seinen Verwandten so viel Geld
angelockt, dafl er wieder eine Zeitlang mit ihr leben kann."

Durch diese Einwendungen ward Wilhelm nicht ¸berzeugt, doch
zweifelhaft. Laertes stellte ihm vor, wie unwahrscheinlich das
M‰rchen sei, das Philine ihnen vorgespiegelt hatte, wie Figur und Haar
sehr gut auf Friedrichen passe, wie sie bei zwˆlf Stunden Vorsprung so
leicht nicht einzuholen sein w¸rden und haupts‰chlich, wie Serlo
keinen von ihnen beiden beim Schauspiele entbehren kˆnne.

Durch all diese Gr¸nde wurde Wilhelm endlich nur so weit gebracht, dafl
er Verzicht darauf tat, selbst nachzusetzen. Laertes wuflte noch in
selbiger Nacht einen t¸chtigen Mann zu schaffen, dem man den Auftrag
geben konnte. Es war ein gesetzter Mann, der mehreren Herrschaften
auf Reisen als Kurier und F¸hrer gedient hatte und eben jetzt ohne
Besch‰ftigung stillelag. Man gab ihm Geld, man unterrichtete ihn von
der ganzen Sache, mit dem Auftrage, dafl er die Fl¸chtlinge aufsuchen
und einholen, sie alsdann nicht aus den Augen lassen und die Freunde
sogleich, wo und wie er sie f‰nde, benachrichtigen solle. Er setzte
sich in derselbigen Stunde zu Pferde und ritt dem zweideutigen Paare
nach, und Wilhelm war durch diese Anstalt wenigstens einigermaflen
beruhigt.

V. Buch, 16. Kapitel--1

Sechzehntes Kapitel

Die Entfernung Philinens machte keine auffallende Sensation weder auf
dem Theater noch im Publiko. Es war ihr mit allem wenig Ernst; die
Frauen haflten sie durchg‰ngig, und die M‰nner h‰tten sie lieber unter
vier Augen als auf dem Theater gesehen, und so war ihr schˆnes und f¸r
die B¸hne selbst gl¸ckliches Talent verloren. Die ¸brigen Glieder der
Gesellschaft gaben sich desto mehr M¸he; Madame Melina besonders tat
sich durch Fleifl und Aufmerksamkeit sehr hervor. Sie merkte, wie
sonst, Wilhelmen seine Grunds‰tze ab, richtete sich nach seiner
Theorie und seinem Beispiel und hatte zeither ein ich weifl nicht was
in ihrem Wesen, das sie interessanter machte. Sie erlangte bald ein
richtiges Spiel und gewann den nat¸rlichen Ton der Unterhaltung
vollkommen und den der Empfindung bis auf einen gewissen Grad. Sie
wuflte sich in Serlos Launen zu schicken und beflifl sich des Singens
ihm zu Gefallen, worin sie auch bald so weit kam, als man dessen zur
geselligen Unterhaltung bedarf.

Durch einige neu angenommene Schauspieler ward die Gesellschaft noch
vollst‰ndiger, und indem Wilhelm und Serlo jeder in seiner Art wirkte,
jener bei jedem St¸cke auf den Sinn und Ton des Ganzen drang, dieser
die einzelnen Teile gewissenhaft durcharbeitete, belebte ein
lobensw¸rdiger Eifer auch die Schauspieler, und das Publikum nahm an
ihnen einen lebhaften Anteil.

"Wir sind auf einem guten Wege", sagte Serlo einst, "und wenn wir so
fortfahren, wird das Publikum auch bald auf dem rechten sein. Man
kann die Menschen sehr leicht durch tolle und unschickliche
Darstellungen irremachen; aber man lege ihnen das Vern¸nftige und
Schickliche auf eine interessante Weise vor, so werden sie gewifl
darnach greifen.

Was unserm Theater haupts‰chlich fehlt und warum weder Schauspieler
noch Zuschauer zur Besinnung kommen, ist, dafl es darauf im ganzen zu
bunt aussieht und dafl man nirgends eine Grenze hat, woran man sein
Urteil anlehnen kˆnnte. Es scheint mir kein Vorteil zu sein, dafl wir
unser Theater gleichsam zu einem unendlichen Naturschauplatze
ausgeweitet haben; doch kann jetzt weder Direktor noch Schauspieler
sich in die Enge ziehen, bis vielleicht der Geschmack der Nation in
der Folge den rechten Kreis selbst bezeichnet. Eine jede gute
Soziet‰t existiert nur unter gewissen Bedingungen, so auch ein gutes
Theater. Gewisse Manieren und Redensarten, gewisse Gegenst‰nde und
Arten des Betragens m¸ssen ausgeschlossen sein. Man wird nicht ‰rmer,
wenn man sein Hauswesen zusammenzieht."

Sie waren hier¸ber mehr oder weniger einig und uneinig. Wilhelm und
die meisten waren auf der Seite des englischen, Serlo und einige auf
der Seite des franzˆsischen Theaters.

Man ward einig, in leeren Stunden, deren ein Schauspieler leider so
viele hat, in Gesellschaft die ber¸hmtesten Schauspiele beider Theater
durchzugehen und das Beste und Nachahmenswerte derselben zu bemerken.
Man machte auch wirklich einen Anfang mit einigen franzˆsischen
St¸cken. Aurelie entfernte sich jedesmal, sobald die Vorlesung anging.
Anfangs hielt man sie f¸r krank; einst aber fragte sie Wilhelm
dar¸ber, dem es aufgefallen war.

"Ich werde bei keiner solchen Vorlesung gegenw‰rtig sein", sagte sie,
"denn wie soll ich hˆren und urteilen, wenn mir das Herz zerrissen
ist? Ich hasse die franzˆsische Sprache von ganzer Seele."

"Wie kann man einer Sprache feind sein", rief Wilhelm aus, "der man
den grˆflten Teil seiner Bildung schuldig ist und der wir noch viel
schuldig werden m¸ssen, ehe unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?"

"Es ist kein Vorurteil!" versetzte Aurelie, "ein ungl¸cklicher
Eindruck, eine verhaflte Erinnerung an meinen treulosen Freund hat mir
die Lust an dieser schˆnen und ausgebildeten Sprache geraubt. Wie ich
sie jetzt von ganzem Herzen hasse! W‰hrend der Zeit unserer
freundschaftlichen Verbindung schrieb er Deutsch, und welch ein
herzliches, wahres, kr‰ftiges Deutsch! Nun, da er mich los sein
wollte, fing er an, Franzˆsisch zu schreiben, das vorher manchmal nur
im Scherze geschehen war. Ich f¸hlte, ich merkte, was es bedeuten
sollte. Was er in seiner Muttersprache zu sagen errˆtete, konnte er
nun mit gutem Gewissen hinschreiben. Zu Reservationen, Halbheiten und
L¸gen ist es eine treffliche Sprache; sie ist eine perfide Sprache!
Ich finde, Gott sei Dank! kein deutsches Wort, um "perfid" in seinem
ganzen Umfange auszudr¸cken. Unser armseliges treulos ist ein
unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genufl, mit ¸bermut
und Schadenfreude. Oh, die Ausbildung einer Nation ist zu beneiden,
die so feine Schattierungen in einem Worte auszudr¸cken weifl!
Franzˆsisch ist recht die Sprache der Welt, wert, die allgemeine
Sprache zu sein, damit sie sich nur alle untereinander recht betr¸gen
und bel¸gen kˆnnen! Seine franzˆsischen Briefe lieflen sich noch immer
gut genug lesen. Wenn man sich's einbilden wollte, klangen sie warm
und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen waren es Phrasen,
vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle Freude an der ganzen Sprache,
an der franzˆsischen Literatur, selbst an dem schˆnen und kˆstlichen
Ausdruck edler Seelen in dieser Mundart verdorben; mich schaudert,
wenn ich ein franzˆsisches Wort hˆre!"

Auf diese Weise konnte sie stundenlang fortfahren, ihren Unmut zu
zeigen und jede andere Unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen.
Serlo machte fr¸her oder sp‰ter ihren launischen ‰uflerungen mit
einiger Bitterkeit ein Ende; aber gewˆhnlich war f¸r diesen Abend das
Gespr‰ch zerstˆrt.

¸berhaupt ist es leider der Fall, dafl alles, was durch mehrere
zusammentreffende Menschen und Umst‰nde hervorgebracht werden soll,
keine lange Zeit sich vollkommen erhalten kann. Von einer
Theatergesellschaft so gut wie von einem Reiche, von einem Zirkel
Freunde so gut wie von einer Armee l‰flt sich gewˆhnlich der Moment
angeben, wenn sie auf der hˆchsten Stufe ihrer Vollkommenheit, ihrer
¸bereinstimmung, ihrer Zufriedenheit und T‰tigkeit standen; oft aber
ver‰ndert sich schnell das Personal, neue Glieder treten hinzu, die
Personen passen nicht mehr zu den Umst‰nden, die Umst‰nde nicht mehr
zu den Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden war,
f‰llt nunmehr bald auseinander. So konnte man sagen, dafl Serlos
Gesellschaft eine Zeitlang so vollkommen war, als irgend eine deutsche
sich h‰tte r¸hmen kˆnnen. Die meisten Schauspieler standen an ihrem
Platze; alle hatten genug zu tun, und alle taten gern, was zu tun war.
Ihre persˆnlichen Verh‰ltnisse waren leidlich, und jedes schien in
seiner Kunst viel zu versprechen, weil jedes die ersten Schritte mit
Feuer und Munterkeit tat. Bald aber entdeckte sich, dafl ein Teil doch
nur Automaten waren, die nur das erreichen konnten, wohin man ohne
Gef¸hl gelangen kann, und bald mischten sich die Leidenschaften
dazwischen, die gewˆhnlich jeder guten Einrichtung im Wege stehen und
alles so leicht auseinanderzerren, was vern¸nftige und wohldenkende
Menschen zusammenzuhalten w¸nschen.

Philinens Abgang war nicht so unbedeutend, als man anfangs glaubte.
Sie hatte mit grofler Geschicklichkeit Serlo zu unterhalten und die
¸brigen mehr oder weniger zu reizen gewuflt. Sie ertrug Aureliens
Heftigkeit mit grofler Geduld, und ihr eigenstes Gesch‰ft war,
Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine Art von Bindungsmittel f¸rs
Ganze, und ihr Verlust muflte bald f¸hlbar werden.

Serlo konnte ohne eine kleine Liebschaft nicht leben. Elmire, die in
weniger Zeit herangewachsen und, man kˆnnte beinahe sagen, schˆn
geworden war, hatte schon lange seine Aufmerksamkeit erregt, und
Philine war klug genug, diese Leidenschaft, die sie merkte, zu
beg¸nstigen. "Man mufl sich", pflegte sie zu sagen, "beizeiten aufs
Kuppeln legen; es bleibt uns doch weiter nichts ¸brig, wenn wir alt
werden." Dadurch hatten sich Serlo und Elmire dergestalt gen‰hert,
dafl sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und der kleine
Roman interessierte sie beide um so mehr, als sie ihn vor dem Alten,
der ¸ber eine solche Unregelm‰fligkeit keinen Scherz verstanden h‰tte,
geheimzuhalten alle Ursache hatten. Elmirens Schwester war mit im
Verst‰ndnis, und Serlo muflte beiden M‰dchen daher vieles nachsehen.
Eine ihrer grˆflten Untugenden war eine unm‰flige N‰scherei, ja, wenn
man will, eine unleidliche Gefr‰fligkeit, worin sie Philinen
keinesweges glichen, die dadurch einen neuen Schein von
Liebensw¸rdigkeit erhielt, dafl sie gleichsam nur von der Luft lebte,
sehr wenig afl und nur den Schaum eines Champagnerglases mit der
grˆflten Zierlichkeit wegschl¸rfte.

Nun aber muflte Serlo, wenn er seiner Schˆnen gefallen wollte, das
Fr¸hst¸ck mit dem Mittagessen verbinden und an dieses durch ein
Vesperbrot das Abendessen ankn¸pfen. Dabei hatte Serlo einen Plan,
dessen Ausf¸hrung ihn beunruhigte. Er glaubte eine gewisse Neigung
zwischen Wilhelmen und Aurelien zu entdecken und w¸nschte sehr, dafl
sie ernstlich werden mˆchte. Er hoffte den ganzen mechanischen Teil
der Theaterwirtschaft Wilhelmen aufzub¸rden und an ihm, wie an seinem
ersten Schwager, ein treues und fleifliges Werkzeug zu finden. Schon
hatte er ihm nach und nach den grˆflten Teil der Besorgung unmerklich
¸bertragen, Aurelie f¸hrte die Kasse, und Serlo lebte wieder wie in
fr¸heren Zeiten ganz nach seinem Sinne. Doch war etwas, was sowohl
ihn als seine Schwester heimlich kr‰nkte.

Das Publikum hat eine eigene Art, gegen ˆffentliche Menschen von
anerkanntem Verdienste zu verfahren; es f‰ngt nach und nach an,
gleichg¸ltig gegen sie zu werden, und beg¸nstigt viel geringere, aber
neu erscheinende Talente; es macht an jene ¸bertriebene Forderungen
und l‰flt sich von diesen alles gefallen.

Serlo und Aurelie hatten Gelegenheit genug, hier¸ber Betrachtungen
anzustellen. Die neuen Ankˆmmlinge, besonders die jungen und
wohlgebildeten, hatten alle Aufmerksamkeit, allen Beifall auf sich
gezogen, und beide Geschwister muflten die meiste Zeit, nach ihren
eifrigsten Bem¸hungen, ohne den willkommenen Klang der
zusammenschlagenden H‰nde abtreten. Freilich kamen dazu noch
besondere Ursachen. Aureliens Stolz war auffallend, und von ihrer
Verachtung des Publikums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte
zwar jedermann im einzelnen, aber seine spitzen Reden ¸ber das Ganze
waren doch auch ˆfters herumgetragen und wiederholt worden. Die neuen
Glieder hingegen waren teils fremd und unbekannt, teils jung,
liebensw¸rdig und h¸lfsbed¸rftig und hatten also auch s‰mtlich Gˆnner
gefunden.

Nun gab es auch bald innerliche Unruhen und manches Miflvergn¸gen; denn
kaum bemerkte man, dafl Wilhelm die Besch‰ftigung eines Regisseurs
¸bernommen hatte, so fingen die meisten Schauspieler um desto mehr an,
unartig zu werden, als er nach seiner Weise etwas mehr Ordnung und
Genauigkeit in das Ganze zu bringen w¸nschte und besonders darauf
bestand, dafl alles Mechanische vor allen Dingen p¸nktlich und
ordentlich gehen solle.

In kurzer Zeit war das ganze Verh‰ltnis, das wirklich eine Zeitlang
beinahe idealisch gehalten hatte, so gemein, als man es nur irgend bei
einem herumreisenden Theater finden mag. Und leider in dem
Augenblicke, als Wilhelm durch M¸he, Fleifl und Anstrengung sich mit
allen Erfordernissen des Metiers bekannt gemacht und seine Person
sowohl als seine Gesch‰ftigkeit vollkommen dazu gebildet hatte, schien
es ihm endlich in tr¸ben Stunden, dafl dieses Handwerk weniger als
irgendein anders den nˆtigen Aufwand von Zeit und Kr‰ften verdiene.
Das Gesch‰ft war l‰stig und die Belohnung gering. Er h‰tte jedes
andere lieber ¸bernommen, bei dem man doch, wenn es vorbei ist, der
Ruhe des Geistes genieflen kann, als dieses, wo man nach ¸berstandenen
mechanischen M¸hseligkeiten noch durch die hˆchste Anstrengung des
Geistes und der Empfindung erst das Ziel seiner T‰tigkeit erreichen
soll. Er muflte die Klagen Aureliens ¸ber die Verschwendung des
Bruders hˆren, er muflte die Winke Serlos miflverstehen, wenn dieser ihn
zu einer Heirat mit der Schwester von ferne zu leiten suchte. Er
hatte dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das tiefste
dr¸ckte, indem der nach dem zweideutigen Offizier fortgeschickte Bote
nicht zur¸ckkam, auch nichts von sich hˆren liefl und unser Freund
daher seine Mariane zum zweitenmal verloren zu haben f¸rchten muflte.

Zu eben der Zeit fiel eine allgemeine Trauer ein, wodurch man genˆtigt
ward, das Theater auf einige Wochen zu schlieflen. Er ergriff diese
Zwischenzeit, um jenen Geistlichen zu besuchen, bei welchem der
Harfenspieler in der Kost war. Er fand ihn in einer angenehmen Gegend,
und das erste, was er in dem Pfarrhofe erblickte, war der Alte, der
einem Knaben auf seinem Instrumente Lektion gab. Er bezeugte viel
Freude, Wilhelmen wiederzusehen, stand auf und reichte ihm die Hand
und sagte: "Sie sehen, dafl ich in der Welt doch noch zu etwas n¸tze
bin; Sie erlauben, dafl ich fortfahre, denn die Stunden sind eingeteilt."

Der Geistliche begr¸flte Wilhelmen auf das freundlichste und erz‰hlte
ihm, dafl der Alte sich schon recht gut anlasse und dafl man Hoffnung zu
seiner vˆlligen Genesung habe.

Ihr Gespr‰ch fiel nat¸rlich auf die Methode, Wahnsinnige zu kurieren.

"Aufler dem Physischen", sagte der Geistliche, "das uns oft
un¸berwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt und wor¸ber ich einen
denkenden Arzt zu Rate ziehe, finde ich die Mittel, vom Wahnsinne zu
heilen, sehr einfach. Es sind ebendieselben, wodurch man gesunde
Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man errege ihre
Selbstt‰tigkeit, man gewˆhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen
Begriff, dafl sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben,
dafl das auflerordentliche Talent, das grˆflte Gl¸ck und das hˆchste
Ungl¸ck nur kleine Abweichungen von dem Gewˆhnlichen sind; so wird
sich kein Wahnsinn einschleichen und, wenn er da ist, nach und nach
wieder verschwinden. Ich habe des alten Mannes Stunden eingeteilt, er
unterrichtet einige Kinder auf der Harfe, er hilft im Garten arbeiten
und ist schon viel heiterer. Er w¸nscht von dem Kohle zu genieflen,
den er pflanzt, und w¸nscht meinen Sohn, dem er die Harfe auf den
Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der
Knabe ja auch brauchen kˆnne. Als Geistlicher suche ich ihm ¸ber
seine wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein t‰tiges Leben
f¸hrt so viele Ereignisse herbei, dafl er bald f¸hlen mufl, dafl jede Art
von Zweifel nur durch Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe
sachte zu Werke; wenn ich ihm aber noch seinen Bart und seine Kutte
wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen: denn es bringt uns nichts
n‰her dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern auszeichnen, und
nichts erh‰lt so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen Sinne
mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer
Erziehung und in unsern b¸rgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns
und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten."

Wilhelm verweilte bei diesem vern¸nftigen Manne einige Tage und erfuhr
die interessantesten Geschichten, nicht allein von verr¸ckten Menschen,
sondern auch von solchen, die man f¸r klug, ja f¸r weise zu halten
pflegt und deren Eigent¸mlichkeiten nahe an den Wahnsinn grenzen.

Dreifach belebt aber ward die Unterhaltung, als der Medikus eintrat,
der den Geistlichen, seinen Freund, ˆfters zu besuchen und ihm bei
seinen menschenfreundlichen Bem¸hungen beizustehen pflegte. Es war
ein ‰ltlicher Mann, der bei einer schw‰chlichen Gesundheit viele Jahre
in Aus¸bung der edelsten Pflichten zugebracht hatte. Er war ein
grofler Freund vom Landleben und konnte fast nicht anders als in freier
Luft sein; dabei war er ‰uflerst gesellig und t‰tig und hatte seit
vielen Jahren eine besondere Neigung, mit allen Landgeistlichen
Freundschaft zu stiften. Jedem, an dem er eine n¸tzliche
Besch‰ftigung kannte, suchte er auf alle Weise beizustehen; andern,
die noch unbestimmt waren, suchte er eine Liebhaberei einzureden; und
da er zugleich mit den Edelleuten, Amtm‰nnern und Gerichtshaltern in
Verbindung stand, so hatte er in Zeit von zwanzig Jahren sehr viel im
stillen zur Kultur mancher Zweige der Landwirtschaft beigetragen und
alles, was dem Felde, Tieren und Menschen erspriefllich ist, in
Bewegung gebracht und so die wahrste Aufkl‰rung befˆrdert. F¸r den
Menschen, sagte er, sei nur das eine ein Ungl¸ck, wenn sich irgendeine
Idee bei ihm festsetze, die keinen Einflufl ins t‰tige Leben habe oder
ihn wohl gar vom t‰tigen Leben abziehe. "Ich habe", sagte er,
"gegenw‰rtig einen solchen Fall an einem vornehmen und reichen Ehepaar,
wo mir bis jetzt noch alle Kunst miflgl¸ckt ist; fast gehˆrt der Fall
in Ihr Fach, lieber Pastor, und dieser junge Mann wird ihn nicht
weitererz‰hlen.

In der Abwesenheit eines vornehmen Mannes verkleidete man, mit einem
nicht ganz lobensw¸rdigen Scherze, einen jungen Menschen in die
Hauskleidung dieses Herrn. Seine Gemahlin sollte dadurch angef¸hrt
werden, und ob man mir es gleich nur als eine Posse erz‰hlt hat, so
f¸rchte ich doch sehr, man hatte die Absicht, die edle, liebensw¸rdige
Dame vom rechten Wege abzuleiten. Der Gemahl kommt unvermutet zur¸ck,
tritt in sein Zimmer, glaubt sich selbst zu sehen und f‰llt von der
Zeit an in eine Melancholie, in der er die ¸berzeugung n‰hrt, dafl er
bald sterben werde.

Er ¸berl‰flt sich Personen, die ihm mit religiˆsen Ideen schmeicheln,
und ich sehe nicht, wie er abzuhalten ist, mit seiner Gemahlin unter
die Herrenhuter zu gehen und den grˆflten Teil seines Vermˆgens, da er
keine Kinder hat, seinen Verwandten zu entziehen."

"Mit seiner Gemahlin?" rief Wilhelm, den diese Erz‰hlung nicht wenig
erschreckt hatte, ungest¸m aus.

"Und leider", versetzte der Arzt, der in Wilhelms Ausrufung nur eine
menschenfreundliche Teilnahme zu hˆren glaubte, "ist diese Dame mit
einem noch tiefern Kummer behaftet, der ihr eine Entfernung von der
Welt nicht widerlich macht. Eben dieser junge Mensch nimmt Abschied
von ihr, sie ist nicht vorsichtig genug, eine aufkeimende Neigung zu
verbergen; er wird k¸hn, schlieflt sie in seine Arme und dr¸ckt ihr das
grofle, mit Brillanten besetzte Portr‰t ihres Gemahls gewaltsam wider
die Brust. Sie empfindet einen heftigen Schmerz, der nach und nach
vergeht, erst eine kleine Rˆte und dann keine Spur zur¸ckl‰flt. Ich
bin als Mensch ¸berzeugt, dafl sie sich nichts weiter vorzuwerfen hat;
ich bin als Arzt gewifl, dafl dieser Druck keine ¸blen Folgen haben
werde, aber sie l‰flt sich nicht ausreden, es sei eine Verh‰rtung da,
und wenn man ihr durch das Gef¸hl den Wahn benehmen will, so behauptet
sie, nur in diesem Augenblick sei nichts zu f¸hlen; sie hat sich fest
eingebildet, es werde dieses ¸bel mit einem Krebsschaden sich endigen,
und so ist ihre Jugend, ihre Liebensw¸rdigkeit f¸r sie und andere
vˆllig verloren."

"Ich Ungl¸ckseliger!" rief Wilhelm, indem er sich vor die Stirne
schlug und aus der Gesellschaft ins Feld lief. Er hatte sich noch nie
in einem solchen Zustande befunden.

V. Buch, 16. Kapitel--2

Der Arzt und der Geistliche, ¸ber diese seltsame Entdeckung hˆchlich
erstaunt, hatten abends genug mit ihm zu tun, als er zur¸ckkam und bei
dem umst‰ndlichem Bekenntnis dieser Begebenheit sich aufs lebhafteste
anklagte. Beide M‰nner nahmen den grˆflten Anteil an ihm, besonders da
er ihnen seine ¸brige Lage nun auch mit schwarzen Farben der
augenblicklichen Stimmung malte.

Den andern Tag liefl sich der Arzt nicht lange bitten, mit ihm nach der
Stadt zu gehen, um ihm Gesellschaft zu leisten, um Aurelien, die ihr
Freund in bedenklichen Umst‰nden zur¸ckgelassen hatte, wo mˆglich
H¸lfe zu verschaffen.

Sie fanden sie auch wirklich schlimmer, als sie vermuteten. Sie hatte
eine Art von ¸berspringendem Fieber, dem um so weniger beizukommen war,
als sie die Anf‰lle nach ihrer Art vors‰tzlich unterhielt und
verst‰rkte. Der Fremde ward nicht als Arzt eingef¸hrt und betrug sich
sehr gef‰llig und klug. Man sprach ¸ber den Zustand ihres Kˆrpers und
ihres Geistes, und der neue Freund erz‰hlte manche Geschichten, wie
Personen ungeachtet einer solchen Kr‰nklichkeit ein hohes Alter
erreichen kˆnnten; nichts aber sei sch‰dlicher in solchen F‰llen als
eine vors‰tzliche Erneuerung leidenschaftlicher Empfindungen.
Besonders verbarg er nicht, dafl er diejenigen Personen sehr gl¸cklich
gefunden habe, die bei einer nicht ganz herzustellenden kr‰nklichen
Anlage wahrhaft religiˆse Gesinnungen bei sich zu n‰hren bestimmt
gewesen w‰ren. Er sagte das auf eine sehr bescheidene Weise und
gleichsam historisch und versprach dabei, seinen neuen Freunden eine
sehr interessante Lekt¸re an einem Manuskript zu verschaffen, das er
aus den H‰nden einer nunmehr abgeschiedenen vortrefflichen Freundin
erhalten habe. "Es ist mir unendlich wert", sagte er, "und ich
vertraue Ihnen das Original selbst an. Nur der Titel ist von meiner
Hand: "Bekenntnisse einer schˆnen Seele"."

¸ber di‰tetische und medizinische Behandlung der ungl¸cklichen,
aufgespannten Aurelie vertraute der Arzt Wilhelmen noch seinen besten
Rat, versprach zu schreiben und womˆglich selbst wiederzukommen.

Inzwischen hatte sich in Wilhelms Abwesenheit eine Ver‰nderung
vorbereitet, die er nicht vermuten konnte. Wilhelm hatte w‰hrend der
Zeit seiner Regie das ganze Gesch‰ft mit einer gewissen Freiheit und
Liberalit‰t behandelt, vorz¸glich auf die Sache gesehen und besonders
bei Kleidungen, Dekorationen und Requisiten alles reichlich und
anst‰ndig angeschafft, auch, um den guten Willen der Leute zu erhalten,
ihrem Eigennutze geschmeichelt, da er ihnen durch edlere Motive nicht
beikommen konnte; und er fand sich hierzu um so mehr berechtigt, als
Serlo selbst keine Anspr¸che machte, ein genauer Wirt zu sein, den
Glanz seines Theaters gerne loben hˆrte und zufrieden war, wenn
Aurelie, welche die ganze Haushaltung f¸hrte, nach Abzug aller Kosten
versicherte, dafl sie keine Schulden habe, und noch soviel hergab, als
nˆtig war, die Schulden abzutragen, die Serlo unterdessen durch
auflerordentliche Freigebigkeit gegen seine Schˆnen und sonst etwa auf
sich geladen haben mochte.

Melina, der indessen die Garderobe besorgte, hatte, kalt und
heimt¸ckisch wie er war, der Sache im stillen zugesehen und wuflte bei
der Entfernung Wilhelms und bei der zunehmenden Krankheit Aureliens
Serlo f¸hlbar zu machen, dafl man eigentlich mehr einnehmen, weniger
ausgeben und entweder etwas zur¸cklegen oder doch am Ende nach Willk¸r
noch lustiger leben kˆnne. Serlo hˆrte das gern, und Melina wagte
sich mit seinem Plane hervor.

"Ich will", sagte er, "nicht behaupten, dafl einer von den
Schauspielern gegenw‰rtig zuviel Gage hat: es sind verdienstvolle
Leute, und sie w¸rden an jedem Orte willkommen sein; allein f¸r die
Einnahme, die sie uns verschaffen, erhalten sie doch zuviel. Mein
Vorschlag w‰re, eine Oper einzurichten, und was das Schauspiel
betrifft, so mufl ich Ihnen sagen, Sie sind der Mann, allein ein ganzes
Schauspiel auszumachen. M¸ssen Sie jetzt nicht selbst erfahren, dafl
man Ihre Verdienste verkennt? Nicht, weil Ihre Mitspieler
vortrefflich, sondern weil sie gut sind, l‰flt man Ihrem
auflerordentlichen Talente keine Gerechtigkeit mehr widerfahren.

Stellen Sie sich, wie wohl sonst geschehen ist, nur allein hin, suchen
Sie mittelm‰flige, ja ich darf sagen: schlechte Leute f¸r geringe Gage
an sich zu ziehen, stutzen Sie das Volk, wie Sie es so sehr verstehen,
im Mechanischen zu, wenden Sie das ¸brige an die Oper, und Sie werden
sehen, dafl Sie mit derselben M¸he und mit denselben Kosten mehr
Zufriedenheit erregen und ungleich mehr Geld als bisher gewinnen
werden."

Serlo war zu sehr geschmeichelt, als dafl seine Einwendungen einige
St‰rke h‰tten haben sollen. Er gestand Melinan gern zu, dafl er bei
seiner Liebhaberei zur Musik l‰ngst so etwas gew¸nscht habe; doch sehe
er freilich ein, dafl die Neigung des Publikums dadurch noch mehr auf
Abwege geleitet und dafl bei so einer Vermischung eines Theaters, das
nicht recht Oper, nicht recht Schauspiel sei, notwendig der ¸berrest
von Geschmack an einem bestimmten und ausf¸hrlichen Kunstwerke sich
vˆllig verlieren m¸sse.

Melina scherzte nicht ganz fein ¸ber Wilhelms pedantische Ideale
dieser Art, ¸ber die Anmaflung, das Publikum zu bilden, statt sich von
ihm bilden zu lassen, und beide vereinigten sich mit grofler
¸berzeugung, dafl man nur Geld einnehmen, reich werden oder sich lustig
machen solle, und verbargen sich kaum, dafl sie nur jener Personen los
zu sein w¸nschten, die ihrem Plane im Wege standen. Melina bedauerte,
dafl die schw‰chliche Gesundheit Aureliens ihr kein langes Leben
verspreche, dachte aber gerade das Gegenteil. Serlo schien zu
beklagen, dafl Wilhelm nicht S‰nger sei, und gab dadurch zu verstehen,
dafl er ihn f¸r bald entbehrlich halte. Melina trat mit einem ganzen
Register von Ersparnissen, die zu machen seien, hervor, und Serlo sah
in ihm seinen ersten Schwager dreifach ersetzt. Sie f¸hlten wohl, dafl
sie sich ¸ber diese Unterredung das Geheimnis zuzusagen hatten, wurden
dadurch nur noch mehr aneinandergekn¸pft und nahmen Gelegenheit,
insgeheim ¸ber alles, was vorkam, sich zu besprechen, was Aurelie und
Wilhelm unternahmen, zu tadeln und ihr neues Projekt in Gedanken immer
mehr auszuarbeiten.

So verschwiegen auch beide ¸ber ihren Plan sein mochten und sowenig
sie durch Worte sich verrieten, so waren sie doch nicht politisch
genug, in dem Betragen ihre Gesinnungen zu verbergen. Melina
widersetzte sich Wilhelmen in manchen F‰llen, die in seinem Kreise
lagen, und Serlo, der niemals glimpflich mit seiner Schwester
umgegangen war, ward nur bitterer, je mehr ihre Kr‰nklichkeit zunahm
und je mehr sie bei ihren ungleichen, leidenschaftlichen Launen
Schonung verdient h‰tte.

Zu eben dieser Zeit nahm man "Emilie Galotti" vor. Dieses St¸ck war
sehr gl¸cklich besetzt, und alle konnten in dem beschr‰nkten Kreise
dieses Trauerspiels die ganze Mannigfaltigkeit ihres Spieles zeigen.
Serlo war als Marinelli an seinem Platze, Odoardo ward sehr gut
vorgetragen, Madame Melina spielte die Mutter mit vieler Einsicht,
Elmire zeichnete sich in der Rolle Emiliens zu ihrem Vorteil aus,
Laertes trat als Appiani mit vielem Anstand auf, und Wilhelm hatte ein
Studium von mehreren Monaten auf die Rolle des Prinzen verwendet. Bei
dieser Gelegenheit hatte er sowohl mit sich selbst als mit Serlo und
Aurelien die Frage oft abgehandelt: welch ein Unterschied sich
zwischen einem edlen und vornehmen Betragen zeige und inwiefern jenes
in diesem, dieses aber nicht in jenem enthalten zu sein brauche.

Serlo, der selbst als Marinelli den Hofmann rein, ohne Karikatur
vorstellte, ‰uflerte ¸ber diesen Punkt manchen guten Gedanken. "Der
vornehme Anstand", sagte er, "ist schwer nachzuahmen, weil er
eigentlich negativ ist und eine lange anhaltende ¸bung voraussetzt.
Denn man soll nicht etwa in seinem Benehmen etwas darstellen, das
W¸rde anzeigt: denn leicht f‰llt man dadurch in ein fˆrmliches,
stolzes Wesen; man soll vielmehr nur alles vermeiden, was unw¸rdig,
was gemein ist; man soll sich nie vergessen, immer auf sich und andere
achthaben, sich nichts vergeben, andern nicht zuviel, nicht zuwenig
tun, durch nichts ger¸hrt scheinen, durch nichts bewegt werden, sich
niemals ¸bereilen, sich in jedem Momente zu fassen wissen und so ein
‰ufleres Gleichgewicht erhalten, innerlich mag es st¸rmen, wie es will.
Der edle Mensch kann sich in Momenten vernachl‰ssigen, der vornehme
nie. Dieser ist wie ein sehr wohlgekleideter Mann: er wird sich
nirgends anlehnen, und jedermann wird sich h¸ten, an ihn zu streichen;
er unterscheidet sich vor andern, und doch darf er nicht allein
stehenbleiben; denn wie in jeder Kunst, also auch in dieser, soll
zuletzt das Schwerste mit Leichtigkeit ausgef¸hrt werden; so soll der
Vornehme ungeachtet aller Absonderung immer mit andern verbunden
scheinen, nirgends steif, ¸berall gewandt sein, immer als der Erste
erscheinen und sich nie als ein solcher aufdringen.

Man sieht also, dafl man, um vornehm zu scheinen, wirklich vornehm sein
m¸sse; man sieht, warum Frauen im Durchschnitt sich eher dieses
Ansehen geben kˆnnen als M‰nner, warum Hofleute und Soldaten am
schnellsten zu diesem Anstande gelangen."

Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, allein Serlo half ihm
wieder auf, indem er ihm ¸ber das Einzelne die feinsten Bemerkungen
mitteilte und ihn dergestalt ausstattete dafl er bei der Auff¸hrung,
wenigstens in den Augen der Menge, einen recht feinen Prinzen
darstellte.

Serlo hatte versprochen, ihm nach der Vorstellung die Bemerkungen
mitzuteilen, die er noch allenfalls ¸ber ihn machen w¸rde; allein ein
unangenehmer Streit zwischen Bruder und Schwester hinderte jede
kritische Unterhaltung. Aurelie hatte die Rolle der Orsina auf eine
Weise gespielt, wie man sie wohl niemals wieder sehen wird. Sie war
mit der Rolle ¸berhaupt sehr bekannt und hatte sie in den Proben
gleichg¸ltig behandelt; bei der Auff¸hrung selbst aber zog sie, mˆchte
man sagen, alle Schleusen ihres individuellen Kummers auf, und es ward
dadurch eine Darstellung, wie sie sich kein Dichter in dem ersten
Feuer der Empfindung h‰tte denken kˆnnen. Ein unm‰fliger Beifall des
Publikums belohnte ihre schmerzlichen Bem¸hungen, aber sie lag auch
halb ohnm‰chtig in einem Sessel, als man sie nach der Auff¸hrung
aufsuchte.

Serlo hatte schon ¸ber ihr ¸bertriebenes Spiel, wie er es nannte, und
¸ber die Entblˆflung ihres innersten Herzens vor dem Publikum, das doch
mehr oder weniger mit jener fatalen Geschichte bekannt war, seinen
Unwillen zu erkennen gegeben und, wie er es im Zorn zu tun pflegte,
mit den Z‰hnen geknirscht und mit den F¸flen gestampft. "Laflt sie",
sagte er, als er sie von den ¸brigen umgeben in dem Sessel fand, "sie
wird noch ehstens ganz nackt auf das Theater treten, und dann wird
erst der Beifall recht vollkommen sein."

"Undankbarer!" rief sie aus, "Unmenschlicher! Man wird mich bald
nackt dahin tragen, wo kein Beifall mehr zu unsern Ohren kommt!" Mit
diesen Worten sprang sie auf und eilte nach der T¸re. Die Magd hatte
vers‰umt, ihr den Mantel zu bringen, die Portechaise war nicht da; es
hatte geregnet, und ein sehr rauher Wind zog durch die Straflen. Man
redete ihr vergebens zu, denn sie war ¸berm‰flig erhitzt; sie ging
vors‰tzlich langsam und lobte die K¸hlung, die sie recht begierig
einzusaugen schien. Kaum war sie zu Hause, als sie vor Heiserkeit
kaum ein Wort mehr sprechen konnte; sie gestand aber nicht, dafl sie im
Nacken und den R¸cken hinab eine vˆllige Steifigkeit f¸hlte. Nicht
lange, so ¸berfiel sie eine Art von L‰hmung der Zunge, so dafl sie ein
Wort f¸rs andere sprach; man brachte sie zu Bette, durch h‰ufig
angewandte Mittel legte sich ein ¸bel, indem sich das andere zeigte.
Das Fieber ward stark und ihr Zustand gef‰hrlich.

Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. Sie liefl Wilhelm
rufen und ¸bergab ihm einen Brief. "Dieses Blatt", sagte sie, "wartet
schon lange auf diesen Augenblick. Ich f¸hle, dafl das Ende meines
Lebens bald herannaht; versprechen Sie mir, dafl Sie es selbst abgeben
und dafl Sie durch wenige Worte meine Leiden an dem Ungetreuen r‰chen
wollen. Er ist nicht f¸hllos, und wenigstens soll ihn mein Tod einen
Augenblick schmerzen."

Wilhelm ¸bernahm den Brief, indem er sie jedoch trˆstete und den
Gedanken des Todes von ihr entfernen wollte.

"Nein", versetzte sie, "benehmen Sie mir nicht meine n‰chste Hoffnung.
Ich habe ihn lange erwartet und will ihn freudig in die Arme
schlieflen."

Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene Manuskript an. Sie ersuchte
Wilhelmen, ihr daraus vorzulesen, und die Wirkung, die es tat, wird
der Leser am besten beurteilen kˆnnen, wenn er sich mit dem folgenden
Buche bekannt gemacht hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer
armen Freundin ward auf einmal gelindert. Sie nahm den Brief zur¸ck
und schrieb einen andern, wie es schien in sehr sanfter Stimmung; auch
forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er irgend durch die
Nachricht ihres Todes betr¸bt werden sollte, zu trˆsten, ihn zu
versichern, dafl sie ihm verziehen habe und dafl sie ihm alles Gl¸ck
w¸nsche.

Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen
Ideen zu besch‰ftigen, die sie sich aus dem Manuskript eigen zu machen
suchte, woraus ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen muflte. Die
Abnahme ihrer Kr‰fte war nicht sichtbar, und unvermutet fand sie
Wilhelm eines Morgens tot, als er sie besuchen wollte.

Bei der Achtung, die er f¸r sie, gehabt, und bei der Gewohnheit, mit
ihr zu leben, war ihm ihr Verlust sehr schmerzlich. Sie war die
einzige Person, die es eigentlich gut mit ihm meinte, und die K‰lte
Serlos in der letzten Zeit hatte er nur allzusehr gef¸hlt. Er eilte
daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten, und w¸nschte sich auf
einige Zeit zu entfernen. Von der andern Seite war f¸r Melina diese
Abreise sehr erw¸nscht: denn dieser hatte sich bei der weitl‰ufigen
Korrespondenz, die er unterhielt, gleich mit einem S‰nger und einer
S‰ngerin eingelassen, die das Publikum einstweilen durch
Zwischenspiele zur k¸nftigen Oper vorbereiten sollten. Der Verlust
Aureliens und Wilhelms Entfernung sollten auf diese Weise in der
ersten Zeit ¸bertragen werden, und unser Freund war mit allem
zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf einige Wochen erleichterte.

Er hatte sich eine sonderbar wichtige Idee von seinem Auftrage gemacht.
Der Tod seiner Freundin hatte ihn tief ger¸hrt, und da er sie so
fr¸hzeitig von dem Schauplatze abtreten sah, muflte er notwendig gegen
den, der ihr Leben verk¸rzt und dieses kurze Leben ihr so qualvoll
gemacht, feindselig gesinnt sein.

Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden nahm er sich doch
vor, bei ¸berreichung des Briefs ein strenges Gericht ¸ber den
ungetreuen Freund ergehen zu lassen, und da er sich nicht einer
zuf‰lligen Stimmung vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in
der Ausarbeitung pathetischer als billig ward. Nachdem er sich vˆllig
von der guten Komposition seines Aufsatzes ¸berzeugt hatte, machte er,
indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner Abreise. Mignon war
beim Einpacken gegenw‰rtig und fragte ihn, ob er nach S¸den oder nach
Norden reise, und als sie das letzte von ihm erfuhr, sagte sie. "So
will ich dich hier wieder erwarten." Sie bat ihn um die Perlenschnur
Marianens, die er dem lieben Geschˆpf nicht versagen konnte; das
Halstuch hatte sie schon. Dagegen steckte sie ihm den Schleier des
Geistes in den Mantelsack, ob er ihr gleich sagte, dafl ihm dieser Flor
zu keinem Gebrauch sei.

Melina ¸bernahm die Regie, und seine Frau versprach, auf die Kinder
ein m¸tterliches Auge zu haben, von denen sich Wilhelm ungern losrifl.
Felix war sehr lustig beim Abschied, und als man ihn fragte, was er
wolle mitgebracht haben, sagte er: "Hˆre! bringe mir einen Vater mit."
Mignon nahm den Scheidenden bei der Hand, und indem sie, auf die
Zehen gehoben, ihm einen treuherzigen und lebhaften Kufl, doch ohne
Z‰rtlichkeit, auf die Lippen dr¸ckte, sagte sie: "Meister! vergifl uns
nicht und komm bald wieder."

Und so lassen wir unsern Freund unter tausend Gedanken und
Empfindungen seine Reise antreten und zeichnen hier noch zum Schlusse
ein Gedicht auf, das Mignon mit groflem Ausdruck einigemal rezitiert
hatte und das wir fr¸her mitzuteilen durch den Drang so mancher
sonderbaren Ereignisse verhindert wurden.

Heifl mich nicht reden, heifl mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich mˆchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.

Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die finstre Nacht, und sie mufl sich erhellen,
Der harte Fels schlieflt seinen Busen auf,
Miflgˆnnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.

Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
Dort kann die Brust in Klagen sich ergieflen;
Allein ein Schwur dr¸ckt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschlieflen.

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