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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2 by Johann Wolfgang von Goethe

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2 by Johann Wolfgang von Goethe - Full Text Free Book
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This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.

Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2

Johann Wolfgang von Goethe

Zweites Buch

Erstes Kapitel

Jeder, der mit lebhaften Kr‰ften vor unsern Augen eine Absicht zu
erreichen strebt, kann, wir mˆgen seinen Zweck loben oder tadeln, sich
unsre Teilnahme versprechen; sobald aber die Sache entschieden ist,
wenden wir unser Auge sogleich von ihm weg; alles, was geendigt, was
abgetan daliegt, kann unsre Aufmerksamkeit keineswegs fesseln,
besonders wenn wir schon fr¸he der Unternehmung einen ¸beln Ausgang
prophezeit haben.

Deswegen sollen unsre Leser nicht umst‰ndlich mit dem Jammer und der
Not unsers verungl¸ckten Freundes, in die er geriet, als er seine
Hoffnungen und W¸nsche auf eine so unerwartete Weise zerstˆrt sah,
unterhalten werden. Wir ¸berspringen vielmehr einige Jahre und suchen
ihn erst da wieder auf, wo wir ihn in einer Art von T‰tigkeit und
Genufl zu finden hoffen, wenn wir vorher nur k¸rzlich so viel, als zum
Zusammenhang der Geschichte nˆtig ist, vorgetragen haben.

Die Pest oder ein bˆses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen
Kˆrper, den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der arme
Wilhelm unvermutet von einem ungl¸cklichen Schicksale ¸berw‰ltigt, dafl
in einem Augenblicke sein ganzes Wesen zerr¸ttet war. Wie wenn von
ungef‰hr unter der Zur¸stung ein Feuerwerk in Brand ger‰t und die
k¸nstlich gebohrten und gef¸llten H¸lsen, die, nach einem gewissen
Plane geordnet und abgebrannt, pr‰chtig abwechselnde Feuerbilder in
die Luft zeichnen sollten, nunmehr unordentlich und gef‰hrlich
durcheinander zischen und sausen: so gingen auch jetzt in seinem Busen
Gl¸ck und Hoffnung, Wollust und Freuden, Wirkliches und Getr‰umtes auf
einmal scheiternd durcheinander. In solchen w¸sten Augenblicken
erstarrt der Freund, der zur Rettung hinzueilt, und dem, den es trifft,
ist es eine Wohltat, dafl ihn die Sinne verlassen.

Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vorsatz erneuerten
Schmerzens folgten darauf; doch sind auch diese f¸r eine Gnade der
Natur zu achten. In solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte noch
nicht ganz verloren; seine Schmerzen waren unerm¸det erneuerte
Versuche, das Gl¸ck, das ihm aus der Seele entfloh, noch festzuhalten,
die Mˆglichkeit desselben in der Vorstellung wieder zu erhaschen,
seinen auf immer abgeschiedenen Freuden ein kurzes Nachleben zu
verschaffen. Wie man einen Kˆrper, solange die Verwesung dauert,
nicht ganz tot nennen kann, solange die Kr‰fte, die vergebens nach
ihren alten Bestimmungen zu wirken suchen, an der Zerstˆrung der Teile,
die sie sonst belebten, sich abarbeiten; nur dann, wenn sich alles
aneinander aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in gleichg¸ltigen Staub
zerlegt sehen, dann entsteht das erb‰rmliche, leere Gef¸hl des Todes
in uns, nur durch den Atem des Ewiglebenden zu erquicken.

In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gem¸te war viel zu zerreiflen, zu
zerstˆren, zu ertˆten, und die schnellheilende Kraft der Jugend gab
selbst der Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der
Streich hatte sein ganzes Dasein an der Wurzel getroffen. Werner, aus
Not sein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer
verhaflten Leidenschaft, dem Ungeheuer, ins innerste Leben zu dringen.
Die Gelegenheit war so gl¸cklich, das Zeugnis so bei der Hand, und
wieviel Geschichten und Erz‰hlungen wuflt er nicht zu nutzen. Er
trieb's mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor Schritt,
liefl dem Freunde nicht das Labsal des mindesten augenblicklichen
Betruges, vertrat ihm jeden Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der
Verzweiflung h‰tte retten kˆnnen, dafl die Natur, die ihren Liebling
nicht wollte zugrunde gehen lassen, ihn mit Krankheit anfiel, um ihm
von der andern Seite Luft zu machen.

Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzeneien, der
¸berspannung und der Mattigkeit; dabei die Bem¸hungen der Familie, die
Liebe der Mitgebornen, die durch Mangel und Bed¸rfnisse sich erst
recht f¸hlbar macht, waren so viele Zerstreuungen eines ver‰nderten
Zustandes und eine k¸mmerliche Unterhaltung. Erst als er wieder
besser wurde, das heiflt, als seine Kr‰fte erschˆpft waren, sah Wilhelm
mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines d¸rren Elendes hinab,
wie man in den ausgebrannten, hohlen Becher eines Vulkans
hinunterblickt.

Nunmehr machte er sich selbst die bittersten Vorw¸rfe, dafl er nach so
groflem Verlust noch einen schmerzenlosen, ruhigen, gleichg¸ltigen
Augenblick haben kˆnne. Er verachtete sein eigen Herz und sehnte sich
nach dem Labsal des Jammers und der Tr‰nen.

Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle
Szenen des vergangenen Gl¸cks. Mit der grˆflten Lebhaftigkeit malte er
sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur
mˆglichsten Hˆhe hinaufgearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein
voriger Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien,
sah er r¸ckw‰rts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der
zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter und erzwang von der Natur
die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausamkeit zerrifl er
sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingeh¸llten Kr‰ften ist,
weifl nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein
Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt, als wollte
sie dem Verlornen dadurch noch erst einen rechten Wert geben. Auch
war er so ¸berzeugt, dafl dieser Verlust der einzige, der erste und
letzte sei, den er in seinem Leben empfinden kˆnne, dafl er jeden Trost
verabscheute, der ihm diese Leiden als endlich vorzustellen unternahm.

II. Buch, 2. Kapitel

Zweites Kapitel

Gewˆhnt, auf diese Weise sich selbst zu qu‰len, griff er nun auch das
¸brige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die grˆflten Freuden
und Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler,
mit h‰mischer Kritik von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten
nichts als eine geistlose Nachahmung einiger hergebrachten Formen,
ohne innern Wert; er wollte darin nur steife Schulexerzitien erkennen,
denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit und Begeisterung fehle.
In seinen Gedichten fand er nur ein monotones Silbenmafl, in welchem,
durch einen armseligen Reim zusammengehalten, ganz gemeine Gedanken
und Empfindungen sich hinschleppten; und so benahm er sich auch jede
Aussicht, jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls h‰tte
wieder aufrichten kˆnnen.

Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, dafl
er nicht fr¸her die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmaflung zum
Grunde gelegen. Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung und
Deklamation muflten herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug,
jedes Verdienst, das ihn ¸ber das Gemeine emporgehoben h‰tte,
entscheidend ab und vermehrte seine stumme Verzweiflung dadurch auf
den hˆchsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe eines Weibes zu
entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von dem
Umgange der Musen sich loszureiflen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer
unw¸rdig zu erkl‰ren und auf den schˆnsten und n‰chsten Beifall, der
unsrer Person, unserm Betragen, unsrer Stimme ˆffentlich gegeben wird,
Verzicht zu tun.

So hatte sich denn unser Freund vˆllig resigniert und sich zugleich
mit groflem Eifer den Handelsgesch‰ften gewidmet. Zum Erstaunen seines
Freundes und zur grˆflten Zufriedenheit seines Vaters war niemand auf
dem Comptoir und der Bˆrse, im Laden und Gewˆlbe t‰tiger als er;
Korrespondenz und Rechnungen, und was ihm aufgetragen wurde, besorgte
und verrichtete er mit grˆfltem Fleifl und Eifer. Freilich nicht mit
dem heitern Fleifle, der zugleich dem Gesch‰ftigen Belohnung ist, wenn
wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge verrichten,
sondern mit dem stillen Fleifle der Pflicht, der den besten Vorsatz
zum Grunde hat, der durch ¸berzeugung gen‰hrt und durch ein innres
Selbstgef¸hl belohnt wird; der aber doch oft, selbst dann, wenn ihm
das schˆnste Bewufltsein die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer
kaum zu ersticken vermag.

Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und
sich ¸berzeugt, dafl jene harte Pr¸fung vom Schicksale zu seinem Besten
veranstaltet worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich
beizeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt dafl
andere sp‰ter und schwerer die Miflgriffe b¸flen, wozu sie ein
jugendlicher D¸nkel verleitet hat. Denn gewˆhnlich wehrt sich der
Mensch so lange, als er kann, den Toren, den er im Busen hegt, zu
verabschieden, einen Hauptirrtum zu bekennen und eine Wahrheit
einzugestehen, die ihn zur Verzweiflung bringt.

So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so
war doch einige Zeit nˆtig, um ihn von seinem Ungl¸cke vˆllig zu
¸berzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des
poetischen Hervorbringens und der persˆnlichen Darstellung mit
triftigen Gr¸nden so ganz in sich vernichtet, dafl er Mut faflte, alle
Spuren seiner Torheit, alles, was ihn irgend noch daran erinnern
kˆnnte, vˆllig auszulˆschen. Er hatte daher an einem k¸hlen Abende
ein Kaminfeuer angez¸ndet und holte ein Reliquienk‰stchen hervor, in
welchem sich hunderterlei Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden
Augenblicken von Marianen erhalten oder derselben geraubt hatte. Jede
vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch frisch in
ihren Haaren bl¸hte; jedes Zettelchen an die gl¸ckliche Stunde, wozu
sie ihn dadurch einlud; jede Schleife an den lieblichen Ruheplatz
seines Hauptes, ihren schˆnen Busen. Muflte nicht auf diese Weise jede
Empfindung, die er schon lange getˆtet glaubte, sich wieder zu bewegen
anfangen? Muflte nicht die Leidenschaft, ¸ber die er, abgeschieden von
seiner Geliebten, Herr geworden war, in der Gegenwart dieser
Kleinigkeiten wieder m‰chtig werden? Denn wir merken erst, wie
traurig und unangenehm ein tr¸ber Tag ist, wenn ein einziger
durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer heitern
Stunde darstellt.

Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligt¸mer
nacheinander in Rauch und Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt
er zaudernd inne und hatte noch eine Perlenschnur und ein flornes
Halstuch ¸brig, als er sich entschlofl, mit den dichterischen Versuchen
seiner Jugend das abnehmende Feuer wieder aufzufrischen.

Bis jetzt hatte er alles sorgf‰ltig aufgehoben, was ihm, von der
fr¸hsten Entwicklung seines Geistes an, aus der Feder geflossen war.
Noch lagen seine Schriften in B¸ndel gebunden auf dem Boden des
Koffers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf seiner Flucht
mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders erˆffnete er sie jetzt, als er
sie damals zusammenband!

Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umst‰nden geschrieben und
gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht
antrifft, sondern wieder zu uns zur¸ckgebracht wird, nach einiger Zeit
erˆffnen, ¸berf‰llt uns eine sonderbare Empfindung, indem wir unser
eignes Siegel erbrechen und uns mit unserm ver‰nderten Selbst wie mit
einer dritten Person unterhalten. Ein ‰hnliches Gef¸hl ergriff mit
Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paket erˆffnete und die
zerteilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam aufloderten, als
Werner hereintrat, sich ¸ber die lebhafte Flamme verwunderte und
fragte, was hier vorgehe.

"Ich gebe einen Beweis", sagte Wilhelm, "dafl es mir Ernst sei, ein
Handwerk aufzugeben, wozu ich nicht geboren ward"; und mit diesen
Worten warf er das zweite Paket in das Feuer. Werner wollte ihn
abhalten, allein es war geschehen.

"Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem kommst", sagte dieser.
"Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich
sind, gar vernichtet werden?"

"Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren
soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der
Kunst enthalten und sich vor jeder Verf¸hrung dazu ernstlich in acht
nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses
unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber
dieses Verlangen beweist gar nicht, dafl auch die Kraft in uns wohne,
mit dem, was wir unternehmen, zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben
an, wie sie jedesmal, sooft Seilt‰nzer in der Stadt gewesen, auf allen
Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis ein
anderer Reiz sie wieder zu einem ‰hnlichen Spiele hinzieht. Hast du
es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde bemerkt? Sooft sich ein
Virtuose hˆren l‰flt, finden sich immer einige, die sogleich dasselbe
Instrument zu lernen anfangen. Wie viele irren auf diesem Wege herum!
Gl¸cklich, wer den Fehlschlufl von seinen W¸nschen auf seine Kr‰fte
bald gewahr wird!"

Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konnte
nicht ohne Bewegung die Argumente, mit denen er sich selbst so oft
gequ‰lt hatte, gegen seinen Freund wiederholen. Werner behauptete, es
sei nicht vern¸nftig, ein Talent, zu dem man nur einigermaflen Neigung
und Geschick habe, deswegen, weil man es niemals in der grˆflten
Vollkommenheit aus¸ben werde, ganz aufzugeben. Es finde sich ja so
manche leere Zeit, die man dadurch ausf¸llen und nach und nach etwas
hervorbringen kˆnne, wodurch wir uns und andern ein Vergn¸gen bereiten.

Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm sogleich
ein und sagte mit grofler Lebhaftigkeit:

"Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, dafl ein Werk,
dessen erste Vorstellung die ganze Seele f¸llen mufl, in unterbrochenen,
zusammengegeizten Stunden kˆnne hervorgebracht werden. Nein, der
Dichter mufl ganz sich, ganz in seinen geliebten Gegenst‰nden leben.
Er, der vom Himmel innerlich auf das kˆstlichste begabt ist, der einen
sich immer selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er mufl auch
von auflen ungestˆrt mit seinen Sch‰tzen in der stillen Gl¸ckseligkeit
leben, die ein Reicher vergebens mit aufgeh‰uften G¸tern um sich
hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach Gl¸ck und
Vergn¸gen rennen! Ihre W¸nsche, ihre M¸he, ihr Geld jagen rastlos,
und wonach? Nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat,
nach dem Genufl der Welt, nach dem Mitgef¸hl seiner selbst in andern,
nach einem harmonischen Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren
Dingen.

Was beunruhiget die Menschen, als dafl sie ihre Begriffe nicht mit den
Sachen verbinden kˆnnen, dafl der Genufl sich ihnen unter den H‰nden
wegstiehlt, dafl das Gew¸nschte zu sp‰t kommt und dafl alles Erreichte
und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung tut, welche die Begierde
uns in der Ferne ahnen l‰flt. Gleichsam wie einen Gott hat das
Schicksal den Dichter ¸ber dieses alles hin¸bergesetzt. Er sieht das
Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche sich zwecklos bewegen,
er sieht die unauflˆslichen R‰tsel der Miflverst‰ndnisse, denen oft nur
ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt, uns‰glich verderbliche
Verwirrungen verursachen. Er f¸hlt das Traurige und das Freudige
jedes Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer
abzehrenden Melancholie ¸ber groflen Verlust seine Tage hinschleicht
oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale entgegengeht, so
schreitet die empf‰ngliche, leichtbewegliche Seele des Dichters wie
die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen ¸berg‰ngen
stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund
seines Herzens w‰chst die schˆne Blume der Weisheit hervor, und wenn
die andern wachend tr‰umen und von ungeheuren Vorstellungen aus allen
ihren Sinnen ge‰ngstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als
ein Wachender, und das Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich
Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleich Lehrer
Wahrsager, Freund der Gˆtter und der Menschen. Wie! willst du, dafl er
zu einem k¸mmerlichen Gewerbe heruntersteige? Er, der wie ein Vogel
gebaut ist, um die Welt zu ¸berschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten
und seine Nahrung von Knospen und Fr¸chten, einen Zweig mit dem andern
leicht verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am
Pfluge ziehen, wie der Hund sich auf eine F‰hrte gewˆhnen oder
vielleicht gar, an die Kette geschlossen, einen Meierhof durch sein
Bellen sichern?"

Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehˆrt.
"Wenn nur auch die Menschen", fiel er ihm ein, "wie die Vˆgel gemacht
w‰ren und, ohne dafl sie spinnen und weben, holdselige Tage in
best‰ndigem Genufl zubringen kˆnnten! Wenn sie nur auch bei Ankunft
des Winters sich so leicht in ferne Gegenden beg‰ben, dem Mangel
auszuweichen und sich vor dem Froste zu sichern!"

"So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrw¸rdige mehr erkannt
ward", rief Wilhelm aus, "und so sollten sie immer leben. Genugsam in
ihrem Innersten ausgestattet, bedurften sie wenig von auflen; die Gabe,
schˆne Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen in s¸flen, sich an
jeden Gegenstand anschmiegenden Worten und Melodien mitzuteilen,
bezauberte von jeher die Welt und war f¸r den Begabten ein reichliches
Erbteil. An der Kˆnige Hˆfen, an den Tischen der Reichen, vor den
T¸ren der Verliebten horchte man auf sie, indem sich das Ohr und die
Seele f¸r alles andere verschlofl, wie man sich seligpreist und
entz¸ckt stillesteht, wenn aus den Geb¸schen, durch die man wandelt,
die Stimme der Nachtigall gewaltig r¸hrend hervordringt! Sie fanden
eine gastfreie Welt, und ihr niedrig scheinender Stand erhˆhte sie nur
desto mehr. Der Held lauschte ihren Ges‰ngen, und der ¸berwinder der
Welt huldigte einem Dichter, weil er f¸hlte, dafl ohne diesen sein
ungeheures Dasein nur wie ein Sturmwind vor¸berfahren w¸rde; der
Liebende w¸nschte sein Verlangen und seinen Genufl so tausendfach und
so harmonisch zu f¸hlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern
verstand; und selbst der Reiche konnte seine Besitzt¸mer, seine
Abgˆtter, nicht mit eigenen Augen so kostbar sehen, als sie ihm vom
Glanz des allen Wert f¸hlenden und erhˆhenden Geistes beleuchtet
erschienen. Ja, wer hat, wenn du willst, Gˆtter gebildet, uns zu
ihnen erhoben, sie zu uns herniedergebracht, als der Dichter?"

"Mein Freund", versetzte Werner nach einigem Nachdenken, "ich habe
schon oft bedauert, dafl du das, was du so lebhaft f¸hlst, mit Gewalt
aus deiner Seele zu verbannen strebst. Ich m¸flte mich sehr irren,
wenn du nicht besser t‰test, dir selbst einigermaflen nachzugeben, als
dich durch die Widerspr¸che eines so harten Entsagens aufzureiben und
dir mit der einen unschuldigen Freude den Genufl aller ¸brigen zu
entziehen."

"Darf ich dir's gestehen, mein Freund",versetzte der andre, "und wirst
du mich nicht l‰cherlich finden, wenn ich dir bekenne, dafl jene Bilder
mich noch immer verfolgen, sosehr ich sie fliehe, und dafl, wenn ich
mein Herz untersuche, alle fr¸hen W¸nsche fest, ja noch fester als
sonst darin haften? Doch was bleibt mir Ungl¸cklichem gegenw‰rtig
¸brig? Ach, wer mir vorausgesagt h‰tte, dafl die Arme meines Geistes
so bald zerschmettert werden sollten, mit denen ich ins Unendliche
griff und mit denen ich doch gewifl ein Grofles zu umfassen hoffte, wer
mir das vorausgesagt h‰tte, w¸rde mich zur Verzweiflung gebracht haben.
Und noch jetzt, da das Gericht ¸ber mich ergangen ist, jetzt, da ich
die verloren habe, die anstatt einer Gottheit mich zu meinen W¸nschen
hin¸berf¸hren sollte, was bleibt mir ¸brig, als mich den bittersten
Schmerzen zu ¸berlassen? O mein Bruder", fuhr er fort, "ich leugne
nicht, sie war mir bei meinen heimlichen Anschl‰gen der Kloben, an den
eine Strickleiter befestigt ist; gef‰hrlich hoffend schwebt der
Abenteurer in der Luft, das Eisen bricht, und er liegt zerschmettert
am Fufle seiner W¸nsche. Es ist auch nun f¸r mich kein Trost, keine
Hoffnung mehr! Ich werde", rief er aus, indem er aufsprang, "von
diesen ungl¸ckseligen Papieren keines ¸briglassen." Er faflte abermals
ein paar Hefte an, rifl sie auf und warf sie ins Feuer. Werner wollte
ihn abhalten, aber vergebens. "Lafl mich!" rief Wilhelm, "was sollen
diese elenden Bl‰tter? F¸r mich sind sie weder Stufe noch
Aufmunterung mehr. Sollen sie ¸brigbleiben, um mich bis ans Ende
meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht einmal der Welt zum
Gespˆtte dienen, anstatt Mitleiden und Schauer zu erregen? Weh ¸ber
mich und ¸ber mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die Klagen der
Dichter, der aus Not weise gewordnen Traurigen. Wie lange hielt ich
mich f¸r unzerstˆrbar, f¸r unverwundlich, und ach! nun seh ich, dafl
ein tiefer fr¸her Schade nicht wieder auswachsen, sich nicht wieder
herstellen kann; ich f¸hle, dafl ich ihn mit ins Grab nehmen mufl. Nein!
keinen Tag des Lebens soll der Schmerz von mir weichen, der mich noch
zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken soll bei mir bleiben, mit mir
leben und sterben, das Andenken der Unw¸rdigen--ach, mein Freund! wenn
ich von Herzen reden soll--der gewifl nicht ganz Unw¸rdigen! Ihr Stand,
ihre Schicksale haben sie tausendmal bei mir entschuldigt. Ich bin
zu grausam gewesen, du hast mich in deine K‰lte, in deine H‰rte
unbarmherzig eingeweiht, meine zerr¸tteten Sinne gefangengehalten und
mich verhindert, das f¸r sie und f¸r mich zu tun, was ich uns beiden
schuldig war. Wer weifl, in welchen Zustand ich sie versetzt habe, und
erst nach und nach f‰llt mir's aufs Gewissen, in welcher Verzweiflung,
in welcher H¸lflosigkeit ich sie verliefl! War's nicht mˆglich, dafl
sie sich entschuldigen konnte? War's nicht mˆglich? Wieviel
Miflverst‰ndnisse kˆnnen die Welt verwirren, wieviel Umst‰nde kˆnnen
dem grˆflten Fehler Vergebung erflehen!--Wie oft denke ich mir sie, in
der Stille f¸r sich sitzend, auf ihren Ellenbogen gest¸tzt.--"Das ist",
sagt sie, "die Treue, die Liebe, die er mir zuschwur! Mit diesem
unsanften Schlag das schˆne Leben zu endigen, das uns verband!""--Er
brach in einen Strom von Tr‰nen aus, indem er sich mit dem Gesichte
auf den Tisch warf und die ¸bergebliebenen Papiere benetzte.

Werner stand in der grˆflten Verlegenheit dabei. Er hatte sich dieses
rasche Auflodern der Leidenschaft nicht vermutet. Etlichemal wollte
er seinem Freunde in die Rede fallen, etlichemal das Gespr‰ch
woandershin lenken, vergebens! er widerstand dem Strome nicht. Auch
hier ¸bernahm die ausdauernde Freundschaft wieder ihr Amt. Er liefl
den heftigsten Anfall des Schmerzens vor¸ber, indem er durch seine
stille Gegenwart eine aufrichtige, reine Teilnehmung am besten sehen
liefl, und so blieben sie diesen Abend; Wilhelm ins stille Nachgef¸hl
des Schmerzens versenkt und der andere erschreckt durch den neuen
Ausbruch einer Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten
Rat und eifriges Zureden ¸berw‰ltigt zu haben glaubte.

II. Buch, 3. Kapitel

Drittes Kapitel

Nach solchen R¸ckf‰llen pflegte Wilhelm meist nur desto eifriger sich
den Gesch‰ften und der T‰tigkeit zu widmen, und es war der beste Weg,
dem Labyrinthe, das ihn wieder anzulocken suchte, zu entfliehen.
Seine gute Art, sich gegen Fremde zu betragen, seine Leichtigkeit,
fast in allen lebenden Sprachen Korrespondenz zu f¸hren, gaben seinem
Vater und dessen Handelsfreunde immer mehr Hoffnung und trˆsteten sie
¸ber die Krankheit, deren Ursache ihnen nicht bekannt geworden war,
und ¸ber die Pause, die ihren Plan unterbrochen hatte. Man beschlofl
Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden ihn auf seinem Pferde,
den Mantelsack hinter sich, erheitert durch freie Luft und Bewegung,
dem Gebirge sich n‰hern, wo er einige Auftr‰ge ausrichten sollte.

Er durchstrich langsam T‰ler und Berge mit der Empfindung des grˆflten
Vergn¸gens. ¸berhangende Felsen, rauschende Wasserb‰che, bewachsene
W‰nde, tiefe Gr¸nde sah er hier zum erstenmal, und doch hatten seine
fr¸hsten Jugendtr‰ume schon in solchen Gegenden geschwebt. Er f¸hlte
sich bei diesem Anblicke wieder verj¸ngt; alle erduldeten Schmerzen
waren aus seiner Seele weggewaschen, und mit vˆlliger Heiterkeit sagte
er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten, besonders aus dem "Pastor
fido" vor, die an diesen einsamen Pl‰tzen scharenweis seinem
Ged‰chtnisse zuflossen. Auch erinnerte er sich mancher Stellen aus
seinen eigenen Liedern, die er mit einer besondern Zufriedenheit
rezitierte. Er belebte die Welt, die vor ihm lag, mit allen Gestalten
der Vergangenheit, und jeder Schritt in die Zukunft war ihm voll
Ahnung wichtiger Handlungen und merkw¸rdiger Begebenheiten.

Mehrere Menschen, die aufeinanderfolgend hinter ihm herkamen, an ihm
mit einem Grufle vorbeigingen und den Weg ins Gebirge, durch steile
Fuflpfade, eilig fortsetzten, unterbrachen einigemal seine stille
Unterhaltung, ohne dafl er jedoch aufmerksam auf sie geworden w‰re.
Endlich gesellte sich ein gespr‰chiger Gef‰hrte zu ihm und erz‰hlte
die Ursache der starken Pilgerschaft.

"Zu Hochdorf", sagte er, "wird heute abend eine Komˆdie gegeben, wozu
sich die ganze Nachbarschaft versammelt."

"Wie!" rief Wilhelm, "in diesen einsamen Gebirgen, zwischen diesen
undurchdringlichen W‰ldern hat die Schauspielkunst einen Weg gefunden
und sich einen Tempel aufgebaut? und ich mufl zu ihrem Feste
wallfahrten?"

"Sie werden sich noch mehr wundern", sagte der andere, "wenn Sie hˆren,
durch wen das St¸ck aufgef¸hrt wird. Es ist eine grofle Fabrik in dem
Orte, die viel Leute ern‰hrt. Der Unternehmer, der sozusagen von
aller menschlichen Gesellschaft entfernt lebt, weifl seine Arbeiter im
Winter nicht besser zu besch‰ftigen, als dafl er sie veranlaflt hat,
Komˆdie zu spielen. Er leidet keine Karten unter ihnen und w¸nscht
sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. So bringen sie die langen
Abende zu, und heute, da des Alten Geburtstag ist, geben sie ihm zu
Ehren eine besondere Festlichkeit."

Wilhelm kam zu Hochdorf an, wo er ¸bernachten sollte, und stieg bei
der Fabrik ab, deren Unternehmer auch als Schuldner auf seiner Liste
stand.

Als er seinen Namen nannte, rief der Alte verwundert aus: "Ei, mein
Herr, sind Sie der Sohn des braven Mannes, dem ich so viel Dank und
bis jetzt noch Geld schuldig bin? Ihr Herr Vater hat so viel Geduld
mit mir gehabt, dafl ich ein Bˆsewicht sein m¸flte, wenn ich nicht eilig
und frˆhlich bezahlte. Sie kommen eben zur rechten Zeit, um zu sehen,
dafl es mir Ernst ist."

Er rief seine Frau herbei, welche ebenso erfreut war, den jungen Mann
zu sehen; sie versicherte, dafl er seinem Vater gleiche, und bedauerte,
dafl sie ihn wegen der vielen Fremden die Nacht nicht beherbergen kˆnne.

Das Gesch‰ft war klar und bald berichtigt; Wilhelm steckte ein
Rˆllchen Gold in die Tasche und w¸nschte, dafl seine ¸brigen Gesch‰fte
auch so leicht gehen mˆchten.

Die Stunde des Schauspiels kam heran, man erwartete nur noch den
Oberforstmeister, der endlich auch anlangte, mit einigen J‰gern
eintrat und mit der grˆflten Verehrung empfangen wurde.

Die Gesellschaft wurde nunmehr ins Schauspielhaus gef¸hrt, wozu man
eine Scheune eingerichtet hatte, die gleich am Garten lag. Haus und
Theater waren, ohne sonderlichen Geschmack, munter und artig genug
angelegt. Einer von den Malern, die auf der Fabrik arbeiteten, hatte
bei dem Theater in der Residenz gehandlangt und hatte nun Wald, Strafle
und Zimmer, freilich etwas roh, hingestellt. Das St¸ck hatten sie von
einer herumziehenden Truppe geborgt und nach ihrer eigenen Weise
zurechtgeschnitten. So wie es war, unterhielt es. Die Intrige, dafl
zwei Liebhaber ein M‰dchen ihrem Vormunde und wechselsweise sich
selbst entreiflen wollen, brachte allerlei interessante Situationen
hervor. Es war das erste St¸ck, das unser Freund nach einer so langen
Zeit wieder sah; er machte mancherlei Betrachtungen. Es war voller
Handlung, aber ohne Schilderung wahrer Charaktere. Es gefiel und
ergˆtzte. So sind die Anf‰nge aller Schauspielkunst. Der rohe Mensch
ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht; der gebildete will
empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz ausgebildeten angenehm.

Den Schauspielern h‰tte er hie und da gerne nachgeholfen; denn es
fehlte nur wenig, so h‰tten sie um vieles besser sein kˆnnen.

In seinen stillen Betrachtungen stˆrte ihn der Tabaksdampf, der immer
st‰rker und st‰rker wurde. Der Oberforstmeister hatte bald nach
Anfang des St¸cks seine Pfeife angez¸ndet, und nach und nach nahmen
sich mehrere diese Freiheit heraus. Auch machten die groflen Hunde
dieses Herrn schlimme Auftritte. Man hatte sie zwar ausgesperrt;
allein sie fanden bald den Weg zur Hintert¸re herein, liefen auf das
Theater, rannten wider die Akteurs und gesellten sich endlich durch
einen Sprung ¸ber das Orchester zu ihrem Herrn, der den ersten Platz
im Parterre eingenommen hatte.

Zum Nachspiel ward ein Opfer dargebracht. Ein Portr‰t, das den Alten
in seinem Br‰utigamskleide vorstellte, stand auf einem Altar, mit
Kr‰nzen behangen. Alle Schauspieler huldigten ihm in demutvollen
Stellungen. Das j¸ngste Kind trat, weifl gekleidet, hervor und hielt
eine Rede in Versen, wodurch die ganze Familie und sogar der
Oberforstmeister, der sich dabei an seine Kinder erinnerte, zu Tr‰nen
bewegt wurde. So endigte sich das St¸ck, und Wilhelm konnte nicht
umhin, das Theater zu besteigen, die Aktricen in der N‰he zu besehen,
sie wegen ihres Spiels zu loben und ihnen auf die Zukunft einigen Rat
zu geben.

Die ¸brigen Gesch‰fte unsers Freundes, die er nach und nach in grˆflern
und kleinern Gebirgsorten verrichtete, liefen nicht alle so gl¸cklich
noch so vergn¸gt ab. Manche Schuldner baten um Aufschub, manche waren
unhˆflich, manche leugneten. Nach seinem Auftrage sollte er einige
verklagen; er muflte einen Advokaten aufsuchen, diesen instruieren,
sich vor Gericht stellen und was dergleichen verdrieflliche Gesch‰fte
noch mehr waren.

Ebensoschlimm erging es ihm, wenn man ihm eine Ehre erzeigen wollte.
Nur wenig Leute fand er, die ihn einigermaflen unterrichten konnten;
wenige, mit denen er in ein n¸tzliches Handelsverh‰ltnis zu kommen
hoffte. Da nun auch ungl¸cklicherweise Regentage einfielen und eine
Reise zu Pferd in diesen Gegenden mit unertr‰glichen Beschwerden
verkn¸pft war, so dankte er dem Himmel, als er sich dem flachen Lande
wieder n‰herte und am Fufle des Gebirges in einer schˆnen und
fruchtbaren Ebene, an einem sanften Flusse, im Sonnenscheine ein
heiteres Landst‰dtchen liegen sah, in welchem er zwar keine Gesch‰fte
hatte, aber eben deswegen sich entschlofl, ein paar Tage daselbst zu
verweilen, um sich und seinem Pferde, das von dem schlimmen Wege sehr
gelitten hatte, einige Erholung zu verschaffen.

II. Buch, 4. Kapitel--1

Viertes Kapitel

Als er in einem Wirtshause auf dem Markte abtrat, ging es darin sehr
lustig, wenigstens sehr lebhaft zu. Eine grofle Gesellschaft
Seilt‰nzer, Springer und Gaukler, die einen starken Mann bei sich
hatten, waren mit Weib und Kindern eingezogen und machten, indem sie
sich auf eine ˆffentliche Erscheinung bereiteten, einen Unfug ¸ber den
andern. Bald stritten sie mit dem Wirte, bald unter sich selbst; und
wenn ihr Zank unleidlich war, so waren die ‰uflerungen ihres Vergn¸gens
ganz und gar unertr‰glich. Unschl¸ssig, ob er gehen oder bleiben
sollte, stand er unter dem Tore und sah den Arbeitern zu, die auf dem
Platze ein Ger¸st aufzuschlagen anfingen.

Ein M‰dchen, das Rosen und andere Blumen herumtrug, bot ihm ihren Korb
dar, und er kaufte sich einen schˆnen Straufl, den er mit Liebhaberei
anders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster eines
an der Seite des Platzes stehenden andern Gasthauses sich auftat und
ein wohlgebildetes Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte
ungeachtet der Entfernung bemerken, dafl eine angenehme Heiterkeit ihr
Gesicht belebte. Ihre blonden Haare fielen nachl‰ssig aufgelˆst um
ihren Nacken; sie schien sich nach dem Fremden umzusehen. Einige Zeit
darauf trat ein Knabe, der eine Frisiersch¸rze umgeg¸rtet und ein
weifles J‰ckchen anhatte, aus der T¸re jenes Hauses, ging auf Wilhelmen
zu, begr¸flte ihn und sagte: "Das Frauenzimmer am Fenster l‰flt Sie
fragen, ob Sie ihr nicht einen Teil der schˆnen Blumen abtreten
wollen?"--"Sie stehn ihr alle zu Diensten", versetzte Wilhelm, indem
er dem leichten Boten das Bouquet ¸berreichte und zugleich der Schˆnen
ein Kompliment machte, welches sie mit einem freundlichen Gegengrufl
erwiderte und sich vom Fenster zur¸ckzog.

Nachdenkend ¸ber dieses artige Abenteuer ging er nach seinem Zimmer
die Treppe hinauf, als ein junges Geschˆpf ihm entgegensprang, das
seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit
geschlitzten spanischen ‰rmeln, knappe lange Beinkleider mit Puffen
standen dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und
Zˆpfen um den Kopf gekr‰uselt und gewunden. Er sah die Gestalt mit
Verwunderung an und konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie f¸r
einen Knaben oder f¸r ein M‰dchen erkl‰ren sollte. Doch entschied er
sich bald f¸r das letzte und hielt sie auf, da sie bei ihm vorbeikam,
bot ihr einen guten Tag und fragte sie, wem sie angehˆre, ob er schon
leicht sehen konnte, dafl sie ein Glied der springenden und tanzenden
Gesellschaft sein m¸sse. Mit einem scharfen schwarzen Seitenblick sah
sie ihn an, indem sie sich von ihm losmachte und in die K¸che lief,
ohne zu antworten.

Als er die Treppe hinaufkam, fand er auf dem weiten Vorsaale zwei
Mannspersonen, die sich im Fechten ¸bten oder vielmehr ihre
Geschicklichkeit aneinander zu versuchen schienen. Der eine war
offenbar von der Gesellschaft, die sich im Hause befand, der andere
hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm sah ihnen zu und hatte
Ursache, sie beide zu bewundern, und als nicht lange darauf der
schwarzb‰rtige, nervige Streiter den Kampfplatz verliefl, bot der
andere mit vieler Artigkeit Wilhelmen das Rapier an.

"Wenn Sie einen Sch¸ler", versetzte dieser, "in die Lehre nehmen
wollen, so bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige G‰nge zu wagen."
Sie fochten zusammen, und obgleich der Fremde dem Ankˆmmling weit
¸berlegen war, so war er doch hˆflich genug zu versichern, dafl alles
nur auf ¸bung ankomme; und wirklich hatte Wilhelm auch gezeigt, dafl er
fr¸her von einem guten und gr¸ndlichen deutschen Fechtmeister
unterrichtet worden war.

Ihre Unterhaltung ward durch das Getˆse unterbrochen, mit welchem die
bunte Gesellschaft aus dem Wirtshause auszog, um die Stadt von ihrem
Schauspiel zu benachrichtigen und auf ihre K¸nste begierig zu machen.
Einem Tambour folgte der Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine
T‰nzerin auf einem ‰hnlichen Gerippe, die ein Kind vor sich hielt, das
mit B‰ndern und Flintern wohl herausgeputzt war. Darauf kam die
¸brige Truppe zu Fufl, wovon einige auf ihren Schultern Kinder, in
abenteuerlichen Stellungen, leicht und bequem dahertrugen, unter denen
die junge, schwarzkˆpfige, d¸stere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit
aufs neue erregte.

Pagliasso lief unter der andringenden Menge drollig hin und her und
teilte mit sehr begreiflichen Sp‰flen, indem er bald ein M‰dchen k¸flte,
bald einen Knaben pritschte, seine Zettel aus und erweckte unter dem
Volke eine un¸berwindliche Begierde, ihn n‰her kennenzulernen.

In den gedruckten Anzeigen waren die mannigfaltigen K¸nste der
Gesellschaft, besonders eines Monsieur Narzifl und der Demoiselle
Landrinette herausgestrichen, welche beide als Hauptpersonen die
Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu enthalten, sich dadurch
ein vornehmeres Ansehn zu geben und grˆflere Neugier zu erwecken.

W‰hrend des Zuges hatte sich auch die schˆne Nachbarin wieder am
Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei
seinem Gesellschafter nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir
einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelmen zu ihr
hin¸ber zu begleiten. "Ich und das Frauenzimmer", sagte er l‰chelnd,
"sind ein paar Tr¸mmer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem
hier scheiterte. Die Anmut des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier
zu bleiben und unsre wenige gesammelte Barschaft in Ruhe zu verzehren,
indes ein Freund ausgezogen ist, ein Unterkommen f¸r sich und uns zu
suchen."

Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten zu Philinens T¸re,
wo er ihn einen Augenblick stehenliefl, um in einem benachbarten Laden
Zuckerwerk zu holen. "Sie werden mir es gewifl danken", sagte er,
indem er zur¸ckkam, "dafl ich Ihnen diese artige Bekanntschaft
verschaffe."

Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein Paar leichten Pantˆffelchen mit
hohen Abs‰tzen aus der Stube entgegengetreten. Sie hatte eine
schwarze Mantille ¸ber ein weifles Neglige geworfen, das, eben weil es
nicht ganz reinlich war, ihr ein h‰usliches und bequemes Ansehn gab;
ihr kurzes Rˆckchen liefl die niedlichsten F¸fle von der Welt sehen.

"Sein Sie mir willkommen!" rief sie Wilhelmen zu, "und nehmen Sie
meinen Dank f¸r die schˆnen Blumen." Sie f¸hrte ihn mit der einen
Hand ins Zimmer, indem sie mit der andern den Straufl an die Brust
dr¸ckte. Als sie sich niedergesetzt hatten und in gleichg¸ltigen
Gespr‰chen begriffen waren, denen sie eine reizende Wendung zu geben
wuflte, sch¸ttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in den Schofl, von denen
sie sogleich zu naschen anfing. "Sehn Sie, welch ein Kind dieser
junge Mensch ist!" rief sie aus, "er wird Sie ¸berreden wollen, dafl
ich eine grofle Freundin von solchen N‰schereien sei, und er ist's, der
nicht leben kann, ohne irgend etwas Leckeres zu genieflen."

"Lassen Sie uns nur gestehn", versetzte Laertes, "dafl wir hierin, wie
in mehrerem, einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel", sagte
er, "es ist heute ein sehr schˆner Tag; ich d‰chte, wir f¸hren
spazieren und n‰hmen unser Mittagsmahl auf der M¸hle."--"Recht gern",
sagte Philine, "wir m¸ssen unserm neuen Bekannten eine kleine
Ver‰nderung machen." Laertes sprang fort, denn er ging niemals, und
Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare, die von
der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. "Das
kˆnnen Sie hier!" sagte sie, rief ihren kleinen Diener, nˆtigte
Wilhelmen auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren
Pudermantel anzulegen und sich in ihrer Gegenwart frisieren zu lassen.
"Man mufl ja keine Zeit vers‰umen", sagte sie; "man weifl nicht, wie
lange man beisammen bleibt."

Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich
nicht zum besten, raufte Wilhelmen und schien so bald nicht fertig
werden zu wollen. Philine verwies ihm einigemal seine Unart, stiefl
ihn endlich ungeduldig hinweg und jagte ihn zur T¸re hinaus. Nun
¸bernahm sie selbst die Bem¸hung und kr‰uselte die Haare unsers
Freundes mit grofler Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie gleich auch
nicht zu eilen schien und bald dieses, bald jenes an ihrer Arbeit
auszusetzen hatte, indem sie nicht vermeiden konnte, mit ihren Knien
die seinigen zu ber¸hren und Straufl und Busen so nahe an seine Lippen
zu bringen, dafl er mehr als einmal in Versuchung gesetzt ward, einen
Kufl darauf zu dr¸cken.

Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermesser seine Stirne gereinigt hatte,
sagte sie zu ihm: "Stecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabei."
Es war ein artiges Messer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte
die freundlichen Worte: "Gedenkt mein". Wilhelm steckte es zu sich,
dankte ihr und bat um die Erlaubnis, ihr ein kleines Gegengeschenk
machen zu d¸rfen.

Nun war man fertig geworden. Laertes hatte die Kutsche gebracht, und
nun begann eine sehr lustige Fahrt. Philine warf jedem Armen, der sie
anbettelte, etwas zum Schlage hinaus, indem sie ihm zugleich ein
munteres und freundliches Wort zurief.

Sie waren kaum auf der M¸hle angekommen und hatten ein Essen bestellt,
als eine Musik vor dem Hause sich hˆren liefl. Es waren Bergleute, die
zu Zither und Triangel mit lebhaften und grellen Stimmen verschiedene
artige Lieder vortrugen. Es dauerte nicht lange, so hatte eine
herbeistrˆmende Menge einen Kreis um sie geschlossen, und die
Gesellschaft nickte ihnen ihren Beifall aus den Fenstern zu. Als sie
diese Aufmerksamkeit gesehen, erweiterten sie ihren Kreis und schienen
sich zu ihrem wichtigsten St¸ckchen vorzubereiten. Nach einer Pause
trat ein Bergmann mit einer Hacke hervor und stellte, indes die andern
eine ernsthafte Melodie spielten, die Handlung des Sch¸rfens vor.

Es w‰hrte nicht lange, so trat ein Bauer aus der Menge und gab jenem
pantomimisch drohend zu verstehen, dafl er sich von hier hinwegbegeben
solle. Die Gesellschaft war dar¸ber verwundert und erkannte erst den
in einen Bauer verkleideten Bergmann, als er den Mund auftat und in
einer Art von Rezitativ den andern schalt, dafl er wage, auf seinem
Acker zu hantieren. Jener kam nicht aus der Fassung, sondern fing an,
den Landmann zu belehren, dafl er recht habe, hier einzuschlagen, und
gab ihm dabei die ersten Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der die
fremde Terminologie nicht verstand, tat allerlei alberne Fragen,
wor¸ber die Zuschauer, die sich kl¸ger f¸hlten, ein herzliches
Gel‰chter aufschlugen. Der Bergmann suchte ihn zu berichten und
bewies ihm den Vorteil, der zuletzt auch auf ihn fliefle, wenn die
unterirdischen Sch‰tze des Landes herausgew¸hlt w¸rden. Der Bauer,
der jenem zuerst mit Schl‰gen gedroht hatte, liefl sich nach und nach
bes‰nftigen, und sie schieden als gute Freunde voneinander; besonders
aber zog sich der Bergmann auf die honorabelste Art aus diesem Streite.

"Wir haben", sagte Wilhelm bei Tische, "an diesem kleinen Dialog das
lebhafteste Beispiel, wie n¸tzlich allen St‰nden das Theater sein
kˆnnte, wie vielen Vorteil der Staat selbst daraus ziehen m¸flte, wenn
man die Handlungen, Gewerbe und Unternehmungen der Menschen von ihrer
guten, lobensw¸rdigen Seite und in dem Gesichtspunkte auf das Theater
br‰chte, aus welchem sie der Staat selbst ehren und sch¸tzen mufl.
Jetzt stellen wir nur die l‰cherliche Seite der Menschen dar; der
Lustspieldichter ist gleichsam nur ein h‰mischer Kontrolleur, der auf
die Fehler seiner Mitb¸rger ¸berall ein wachsames Auge hat und froh zu
sein scheint, wenn er ihnen eins anh‰ngen kann. Sollte es nicht eine
angenehme und w¸rdige Arbeit f¸r einen Staatsmann sein, den
nat¸rlichen, wechselseitigen Einflufl aller St‰nde zu ¸berschauen und
einen Dichter, der Humor genug h‰tte, bei seinen Arbeiten zu leiten?
Ich bin ¸berzeugt, es kˆnnten auf diesem Wege manche sehr
unterhaltende, zugleich n¸tzliche und lustige St¸cke ersonnen werden."

"Soviel ich", sagte Laertes, "¸berall, wo ich herumgeschw‰rmt bin,
habe bemerken kˆnnen, weifl man nur zu verbieten, zu hindern und
abzulehnen; selten aber zu gebieten, zu befˆrdern und zu belohnen.
Man l‰flt alles in der Welt gehn, bis es sch‰dlich wird; dann z¸rnt man
und schl‰gt drein."

"Laflt mit den Staat und die Staatsleute weg", sagte Philine, "ich kann
mir sie nicht anders als in Per¸cken vorstellen, und eine Per¸cke, es
mag sie aufhaben, wer da will, erregt in meinen Fingern eine
krampfhafte Bewegung; ich mˆchte sie gleich dem ehrw¸rdigen Herrn
herunternehmen, in der Stube herumspringen und den Kahlkopf auslachen."

Mit einigen lebhaften Ges‰ngen, welche sie sehr schˆn vortrug, schnitt
Philine das Gespr‰ch ab und trieb zu einer schnellen R¸ckfahrt, damit
man die K¸nste der Seilt‰nzer am Abende zu sehen nicht vers‰umen
mˆchte. Drollig bis zur Ausgelassenheit, setzte sie ihre
Freigebigkeit gegen die Armen auf dem Heimwege fort, indem sie zuletzt,
da ihr und ihren Reisegef‰hrten das Geld ausging, einem M‰dchen ihren
Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage hinauswarf.

Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, weil man, wie sie
sagte, aus ihren Fenstern das ˆffentliche Schauspiel besser als im
andern Wirtshause sehen kˆnne.

Als sie ankamen, fanden sie das Ger¸st aufgeschlagen und den
Hintergrund mit aufgeh‰ngten Teppichen geziert. Die Schwungbretter
waren schon gelegt, das Schlappseil an die Pfosten befestigt und das
straffe Seil ¸ber die Bˆcke gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk
gef¸llt und die Fenster mit Zuschauern einiger Art besetzt.

Pagliafl bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten,
wor¸ber die Zuschauer immer zu lachen pflegen, zur Aufmerksamkeit und
guten Laune vor. Einige Kinder, deren Kˆrper die seltsamsten
Verrenkungen darstellten, erregten bald Verwunderung, bald Grausen,
und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens nicht enthalten, als er
das Kind, an dem er beim ersten Anblicke teilgenommen, mit einiger
M¸he die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. Doch bald erregten
die lustigen Springer ein lebhaftes Vergn¸gen, wenn sie erst einzeln,
dann hintereinander und zuletzt alle zusammen sich vorw‰rts und
r¸ckw‰rts in der Luft ¸berschlugen. Ein lautes H‰ndeklatschen und
Jauchzen erscholl aus der ganzen Versammlung.

Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen ganz andern Gegenstand
gewendet. Die Kinder, eins nach dem andern, muflten das Seil betreten,
und zwar die Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre ¸bungen das
Schauspiel verl‰ngerten und die Schwierigkeit der Kunst ins Licht
setzten. Es zeigten sich auch einige M‰nner und erwachsene
Frauenspersonen mit ziemlicher Geschicklichkeit; allein es war noch
nicht Monsieur Narzifl, noch nicht Demoiselle Landrinette.

Endlich traten auch diese aus einer Art von Zelt hinter aufgespannten
roten Vorh‰ngen hervor und erf¸llten durch ihre angenehme Gestalt und
zierlichen Putz die bisher gl¸cklich gen‰hrte Hoffnung der Zuschauer.
Er ein munteres B¸rschchen von mittlerer Grˆfle, schwarzen Augen und
einem starken Haarzopf; sie nicht minder wohl und kr‰ftig gebildet;
beide zeigten sich nacheinander auf dem Seile mit leichten Bewegungen,
Spr¸ngen und seltsamen Posituren. Ihre Leichtigkeit, seine
Verwegenheit, die Genauigkeit, womit beide ihre Kunstst¸cke ausf¸hrten,
erhˆhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergn¸gen. Der
Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden Bem¸hungen der
andern um sie gaben ihnen das Ansehn, als wenn sie Herr und Meister
der ganzen Truppe w‰ren, und jedermann hielt sie des Ranges wert.

Die Begeisterung des Volks teilte sich den Zuschauern an den Fenstern
mit, die Damen sahen unverwandt nach Narzissen, die Herren nach
Landrinetten. Das Volk jauchzte, und das feinere Publikum enthielt
sich nicht des Klatschens; kaum dafl man noch ¸ber Pagliassen lachte.
Wenige nur schlichen sich weg, als einige von der Truppe, um Geld zu
sammeln, sich mit zinnernen Tellern durch die Menge dr‰ngten.

"Sie haben ihre Sache, d¸nkt mich, gut gemacht", sagte Wilhelm zu
Philinen, die bei ihm am Fenster lag, "ich bewundere ihren Verstand,
womit sie auch geringe Kunstst¸ckchen, nach und nach und zur rechten
Zeit angebracht, gelten zu machen wuflten, und wie sie aus der
Ungeschicklichkeit ihrer Kinder und aus der Virtuosit‰t ihrer Besten
ein Ganzes zusammenarbeiteten, das erst unsre Aufmerksamkeit erregte
und dann uns auf das angenehmste unterhielt."

Das Volk hatte sich nach und nach verlaufen, und der Platz war leer
geworden, indes Philine und Laertes ¸ber die Gestalt und die
Geschicklichkeit Narzissens und Landrinettens in Streit gerieten und
sich wechselsweise neckten. Wilhelm sah das wunderbare Kind auf der
Strafle bei andern spielenden Kindern stehen, machte Philinen darauf
aufmerksam, die sogleich nach ihrer lebhaften Art dem Kinde rief und
winkte und, da es nicht kommen wollte, singend die Treppe
hinunterklapperte und es herauff¸hrte.

II. Buch, 4. Kapitel--2

"Hier ist das R‰tsel", rief sie, als sie das Kind zur T¸re hereinzog.
Es blieb am Eingange stehen, eben als wenn es gleich wieder
hinausschl¸pfen wollte, legte die rechte Hand vor die Brust, die linke
vor die Stirn und b¸ckte sich tief. "F¸rchte dich nicht, liebe
Kleine", sagte Wilhelm, indem er auf sie losging. Sie sah ihn mit
unsicheren Blick an und trat einige Schritte n‰her.

"Wie nennest du dich?" fragte er. "Sie heiflen mich Mignon."--"Wieviel
Jahre hast du?"--"Es hat sie niemand gez‰hlt."--"Wer war dein
Vater?"--"Der grofle Teufel ist tot."

"Nun, das ist wunderlich genug!" rief Philine aus. Man fragte sie
noch einiges; sie brachte ihre Antworten in einem gebrochenen Deutsch
und mit einer sonderbar feierlichen Art vor; dabei legte sie jedesmal
die H‰nde an Brust und Haupt und neigte sich tief.

Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz
wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens
angezogen. Er sch‰tzte sie zwˆlf bis dreizehn Jahre; ihr Kˆrper war
gut gebaut, nur dafl ihre Glieder einen st‰rkern Wuchs versprachen oder
einen zur¸ckgehaltenen ank¸ndigten. Ihre Bildung war nicht regelm‰flig,
aber auffallend; ihre Stirne geheimnisvoll, ihre Nase auflerordentlich
schˆn, und der Mund, ob er schon f¸r ihr Alter zu sehr geschlossen
schien und sie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch
immer treuherzig und reizend genug. Ihre br‰unliche Gesichtsfarbe
konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt pr‰gte
sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und
vergafl der Gegenw‰rtigen ¸ber seinen Betrachtungen. Philine weckte
ihn aus seinem Halbtraume, indem sie dem Kinde etwas ¸briggebliebenes
Zuckerwerk reichte und ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Es
machte seinen B¸ckling wie oben und fuhr blitzschnell zur T¸re hinaus.

Als die Zeit nunmehr herbeikam, dafl unsre neuen Bekannten sich f¸r
diesen Abend trennen sollten, redeten sie vorher noch eine
Spazierfahrt auf den morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem
andern Orte, auf einem benachbarten J‰gerhause, ihr Mittagsmahl
einnehmen. Wilhelm sprach diesen Abend noch manches zu Philinens Lobe,
worauf Laertes nur kurz und leichtsinnig antwortete.

Den andern Morgen, als sie sich abermals eine Stunde im Fechten ge¸bt
hatten, gingen sie nach Philinens Gasthofe, vor welchem sie die
bestellte Kutsche schon hatten anfahren sehen. Aber wie verwundert
war Wilhelm, als die Kutsche verschwunden, und wie noch mehr, als
Philine nicht zu Hause anzutreffen war. Sie hatte sich, so erz‰hlte
man, mit ein paar Fremden, die diesen Morgen angekommen waren, in den
Wagen gesetzt und war mit ihnen davongefahren. Unser Freund, der sich
in ihrer Gesellschaft eine angenehme Unterhaltung versprochen hatte,
konnte seinen Verdrufl nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes und
rief: "So gef‰llt sie mir! Das sieht ihr ganz ‰hnlich! Lassen Sie
uns nur gerade nach dem Jagdhause gehen; sie mag sein, wo sie will,
wir wollen ihretwegen unsere Promenade nicht vers‰umen."

Als Wilhelm unterwegs diese Inkonsequenz des Betragens zu tadeln
fortfuhr, sagte Laertes: "Ich kann nicht inkonsequent finden, wenn
jemand seinem Charakter treu bleibt. Wenn sie sich etwas vornimmt
oder jemanden etwas verspricht, so geschieht es nur unter der
stillschweigenden Bedingung, dafl es ihr auch bequem sein werde, den
Vorsatz auszuf¸hren oder ihr Versprechen zu halten. Sie verschenkt
gern, aber man mufl immer bereit sein, ihr das Geschenkte wiederzugeben."

"Dies ist ein seltsamer Charakter", versetzte Wilhelm.

"Nichts weniger als seltsam, nur dafl sie keine Heuchlerin ist. Ich
liebe sie deswegen, ja ich bin ihr Freund, weil sie mir das Geschlecht
so rein darstellt, das ich zu hassen so viel Ursache habe. Sie ist
mir die wahre Eva, die Stammutter des weiblichen Geschlechts; so sind
alle, nur wollen sie es nicht Wort haben."

Unter mancherlei Gespr‰chen, in welchen Laertes seinen Hafl gegen das
weibliche Geschlecht sehr lebhaft ausdr¸ckte, ohne jedoch die Ursache
davon anzugeben, waren sie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm
sehr verstimmt eintrat, weil die ‰uflerungen des Laertes ihm die
Erinnerung an sein Verh‰ltnis zu Marianen wieder lebendig gemacht
hatten. Sie fanden nicht weit von einer beschatteten Quelle unter
herrlichen alten B‰umen Philinen allein an einem steinernen Tische
sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges Liedchen entgegen, und als
Laertes nach ihrer Gesellschaft fragte, rief sie aus: "Ich habe sie
schˆn angef¸hrt; ich habe sie zum besten gehabt, wie sie es verdienten.
Schon unterwegs setzte ich ihre Freigebigkeit auf die Probe, und da
ich bemerkte, dafl sie von den kargen N‰schern waren, nahm ich mir
gleich vor, sie zu bestrafen. Nach unsrer Ankunft fragten sie den
Kellner, was zu haben sei, der mit der gewˆhnlichen Gel‰ufigkeit
seiner Zunge alles, was da war, und mehr als da war, hererz‰hlte. Ich
sah ihre Verlegenheit, sie blickten einander an, stotterten und
fragten nach dem Preise; "Was bedenken Sie sich lange", rief ich aus,
"die Tafel ist das Gesch‰ft eines Frauenzimmers, lassen Sie mich daf¸r
sorgen." Ich fing darauf an, ein unsinniges Mittagmahl zu bestellen,
wozu noch manches durch Boten aus der Nachbarschaft geholt werden
sollte. Der Kellner, den ich durch ein paar schiefe M‰uler zum
Vertrauten gemacht hatte, half mir endlich, und so haben wir sie durch
die Vorstellung eines herrlichen Gastmahls dergestalt ge‰ngstigt, dafl
sie sich kurz und gut zu einem Spaziergange in den Wald entschlossen,
von dem sie wohl schwerlich zur¸ckkommen werden. Ich habe eine
Viertelstunde auf meine eigene Hand gelacht und werde lachen, sooft
ich an die Gesichter denke." Bei Tische erinnerte sich Laertes an
‰hnliche F‰lle; sie kamen in den Gang, lustige Geschichten,
Miflverst‰ndnisse und Prellereien zu erz‰hlen.

Ein junger Mann von ihrer Bekanntschaft aus der Stadt kam mit einem
Buche durch den Wald geschlichen, setzte sich zu ihnen und r¸hmte den
schˆnen Platz. Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf die
Bewegung der Zweige, auf die einfallenden Lichter und auf den Gesang
der Vˆgel aufmerksam. Philine sang ein Liedchen vom Kuckuck, welches
dem Ankˆmmling nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald.

"Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturszenen hˆren sollte",
rief Philine aus, als er weg war; "es ist nichts unertr‰glicher, als
sich das Vergn¸gen vorrechnen zu lassen, das man genieflt. Wenn schˆn
Wetter ist, geht man spazieren, wie man tanzt wenn aufgespielt wird.
Wer mag aber nur einen Augenblick an die Musik, wer ans schˆne Wetter
denken? Der T‰nzer interessiert uns, nicht die Violine, und in ein
Paar schˆne schwarze Augen zu sehen, tut einem Paar blauen Augen gar
zu wohl. Was sollen dagegen Quellen und Brunnen und alte, morsche
Linden!" Sie sah, indem sie so sprach, Wilhelmen, der ihr gegen¸ber
safl, mit einem Blick in die Augen, dem er nicht wehren konnte,
wenigstens bis an die T¸re seines Herzens vorzudringen.

"Sie haben recht", versetzte er mit einiger Verlegenheit, "der Mensch
ist dem Menschen das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz
allein interessieren. Alles andere, was uns umgibt, ist entweder nur
Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. Je
mehr wir uns dabei aufhalten, je mehr wir darauf merken und teil daran
nehmen, desto schw‰cher wird das Gef¸hl unsers eignen Wertes und das
Gef¸hl der Gesellschaft. Die Menschen, die einen groflen Wert auf
G‰rten, Geb‰ude, Kleider, Schmuck oder irgend ein Besitztum legen,
sind weniger gesellig und gef‰llig; sie verlieren die Menschen aus den
Augen, welche zu erfreuen und zu versammeln nur sehr wenigen gl¸ckt.
Sehn wir es nicht auch auf dem Theater? Ein guter Schauspieler macht
uns bald eine elende, unschickliche Dekoration vergessen, dahingegen
das schˆnste Theater den Mangel an guten Schauspielern erst recht
f¸hlbar macht."

Nach Tische setzte Philine sich in das beschattete hohe Gras. Ihre
beiden Freunde muflten ihr Blumen in Menge herbeischaffen. Sie wand
sich einen vollen Kranz und setzte ihn auf; sie sah unglaublich
reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem andern hin; auch den
flocht sie, indem sich beide M‰nner neben sie setzten. Als er unter
allerlei Scherz und Anspielungen fertig geworden war, dr¸ckte sie ihn
Wilhelmen mit der grˆflten Anmut aufs Haupt und r¸ckte ihn mehr als
einmal anders, bis er recht zu sitzen schien. "Und ich werde, wie es
scheint, leer ausgehen", sagte Laertes.

"Mitnichten", versetzte Philine. "Ihr sollt Euch keinesweges beklagen."
Sie nahm ihren Kranz vom Haupte und setzte ihn Laertes auf.

"W‰ren wir Nebenbuhler", sagte dieser, "so w¸rden wir sehr heftig
streiten kˆnnen, welchen von beiden du am meisten beg¸nstigst."

"Da w‰rt ihr rechte Toren", versetzte sie, indem sie sich zu ihm
hin¸berbog und ihm den Mund zum Kufl reichte, sich aber sogleich
umwendete, ihren Arm um Wilhelmen schlang und einen lebhaften Kufl auf
seine Lippen dr¸ckte. "Welcher schmeckt am besten?" fragte sie
neckisch.

"Wunderlich!" rief Laertes. "Es scheint, als wenn so etwas niemals
nach Wermut schmecken kˆnne."

"Sowenig", sagte Philine, "als irgend eine Gabe, die jemand ohne Neid
und Eigensinn genieflt. Nun h‰tte ich", rief sie aus, "noch Lust, eine
Stunde zu tanzen, und dann m¸ssen wir wohl wieder nach unsern
Springern sehen."

Man ging nach dem Hause und fand Musik daselbst. Philine, die eine
gute T‰nzerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war
nicht ungeschickt, allein es fehlte ihm an einer k¸nstlichen ¸bung.
Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn zu unterrichten.

Man versp‰tete sich. Die Seilt‰nzer hatten ihre K¸nste schon zu
produzieren angefangen. Auf dem Platze hatten sich viele Zuschauer
eingefunden, doch war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein
Get¸mmel merkw¸rdig, das eine grofle Anzahl Menschen nach dem Tore des
Gasthofes, in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezogen hatte.
Wilhelm sprang hin¸ber, um zu sehen, was es sei, und mit Entsetzen
erblickte er, als er sich durchs Volk dr‰ngte, den Herrn der
Seilt‰nzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus
dem Hause zu schleppen bem¸ht war und mit einem Peitschenstiel
unbarmherzig auf den kleinen Kˆrper losschlug.

Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und faflte ihn bei der Brust.
"Lafl das Kind los!" schrie er wie ein Rasender, "Oder einer von uns
bleibt hier auf der Stelle." Er faflte zugleich den Kerl mit einer
Gewalt, die nur der Zorn geben kann, bei der Kehle, dafl dieser zu
ersticken glaubte, das Kind losliefl und sich gegen den Angreifenden zu
verteidigen suchte. Einige Leute, die mit dem Kinde Mitleiden f¸hlten,
aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, fielen dem Seilt‰nzer
sogleich in die Arme, entwaffneten ihn und drohten ihm mit vielen
Schimpfreden. Dieser, der sich jetzt nur auf die Waffen seines Mundes
reduziert sah, fing gr‰fllich zu drohen und zu fluchen an: die faule,
unn¸tze Kreatur wolle ihre Schuldigkeit nicht tun; sie verweigere, den
Eiertanz zu tanzen, den er dem Publiko versprochen habe; er wolle sie
totschlagen, und es solle ihn niemand daran hindern. Er suchte sich
loszumachen, um das Kind, das sich unter der Menge verkrochen hatte,
aufzusuchen. Wilhelm hielt ihn zur¸ck und rief: "Du sollst nicht eher
dieses Geschˆpf weder sehen noch ber¸hren, bis du vor Gericht
Rechenschaft gibst, wo du es gestohlen hast; ich werde dich aufs
‰uflerste treiben; du sollst mir nicht entgehen." Diese Rede, welche
Wilhelm in der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen
Gef¸hl oder, wenn man will, aus Inspiration ausgesprochen hatte,
brachte den w¸tenden Menschen auf einmal zur Ruhe. Er rief: "Was hab
ich mit der unn¸tzen Kreatur zu schaffen! Zahlen Sie mir, was mich
ihre Kleider kosten, und Sie mˆgen sie behalten; wir wollen diesen
Abend noch einig werden." Er eilte darauf, die unterbrochene
Vorstellung fortzusetzen und die Unruhe des Publikums durch einige
bedeutende Kunstst¸cke zu befriedigen.

Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden war, nach dem Kinde, das
sich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf
den D‰chern der benachbarten H‰user gesehen haben. Nachdem man es
allerorten gesucht hatte, muflte man sich beruhigen und abwarten, ob es
nicht von selbst wieder herbeikommen wolle.

Indes war Narzifl nach Hause gekommen, welchen Wilhelm ¸ber die
Schicksale und die Herkunft des Kindes befragte. Dieser wuflte nichts
davon, denn er war nicht lange bei der Gesellschaft, erz‰hlte dagegen
mit grofler Leichtigkeit und vielem Leichtsinne seine eigenen
Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem groflen Beifall Gl¸ck w¸nschte,
dessen er sich zu erfreuen hatte, ‰uflerte er sich sehr gleichg¸ltig
dar¸ber. "Wir sind gewohnt" sagte er, "dafl man ¸ber uns lacht und
unsre K¸nste bewundert; aber wir werden durch den auflerordentlichen
Beifall um nichts gebessert. Der Entrepreneur zahlt uns und mag sehen,
wie er zurechtekˆmmt." Er beurlaubte sich darauf und wollte sich
eilig entfernen.

Auf die Frage, wo er so schnell hinwolle, l‰chelte der junge Mensch
und gestand, dafl seine Figur und Talente ihm einen solidern Beifall
zugezogen, als der des groflen Publikums sei. Er habe von einigen
Frauenzimmern Botschaft erhalten, die sehr eifrig verlangten, ihn
n‰her kennenzulernen, und er f¸rchte, mit den Besuchen, die er
abzulegen habe, vor Mitternacht kaum fertig zu werden. Er fuhr fort,
mit der grˆflten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu erz‰hlen, und h‰tte
die Namen, Straflen und H‰user angezeigt, wenn nicht Wilhelm eine
solche Indiskretion abgelehnt und ihn hˆflich entlassen h‰tte.

Laertes hatte indessen Landrinetten unterhalten und versicherte, sie
sei vollkommen w¸rdig, ein Weib zu sein und zu bleiben.

Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur wegen des Kindes an,
das unserm Freunde f¸r dreiflig Taler ¸berlassen wurde, gegen welche
der schwarzb‰rtige, heftige Italiener seine Anspr¸che vˆllig abtrat,
von der Herkunft des Kindes aber weiter nichts bekennen wollte, als
dafl er solches nach dem Tode seines Bruders, den man wegen seiner
auflerordentlichen Geschicklichkeit den groflen Teufel genannt, zu sich
genommen habe.

Der andere Morgen ging meist mit Aufsuchen des Kindes hin. Vergebens
durchkroch man alle Winkel des Hauses und der Nachbarschaft; es war
verschwunden, und man f¸rchtete, es mˆchte in ein Wasser gesprungen
sein oder sich sonst ein Leids angetan haben.

Philinens Reize konnten die Unruhe unsers Freundes nicht ableiten. Er
brachte einen traurigen, nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da
Springer und T‰nzer alle ihre Kr‰fte aufboten, um sich dem Publiko
aufs beste zu empfehlen, konnte sein Gem¸t nicht erheitert und
zerstreut werden.

Durch den Zulauf aus benachbarten Ortschaften hatte die Anzahl der
Menschen auflerordentlich zugenommen, und so w‰lzte sich auch der
Schneeball des Beifalls zu einer ungeheuren Grˆfle. Der Sprung ¸ber
die Degen und durch das Fafl mit papiernen Bˆden machte eine grofle
Sensation. Der starke Mann liefl zum allgemeinen Grausen, Entsetzen
und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den F¸flen auf ein Paar
auseinandergeschobene St¸hle legte, auf seinen hohlschwebenden Leib
einen Ambofl heben und auf demselben von einigen wackern
Schmiedegesellen ein Hufeisen fertig schmieden.

Auch war die sogenannte Herkulesst‰rke, da eine Reihe M‰nner, auf den
Schultern einer ersten Reihe stehend, abermals Frauen und J¸nglinge
tr‰gt, so dafl zuletzt eine lebendige Pyramide entsteht, deren Spitze
ein Kind, auf den Kopf gestellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in
diesen Gegenden noch nie gesehen worden und endigte w¸rdig das ganze
Schauspiel. Narzifl und Landrinette lieflen sich in Tragsesseln auf den
Schultern der ¸brigen durch die vornehmsten Straflen der Stadt unter
lautem Freudengeschrei des Volks tragen. Man warf ihnen B‰nder,
Blumenstr‰ufle und seidene T¸cher zu und dr‰ngte sich, sie ins Gesicht
zu fassen. Jedermann schien gl¸cklich zu sein, sie anzusehn und von
ihnen eines Blicks gew¸rdigt zu werden.

"Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja welcher Mensch
¸berhaupt w¸rde sich nicht auf dem Gipfel seiner W¸nsche sehen, wenn
er durch irgendein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen
Eindruck hervorbr‰chte? Welche kˆstliche Empfindung m¸flte es sein,
wenn man gute, edle, der Menschheit w¸rdige Gef¸hle ebenso schnell
durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entz¸cken
unter dem Volke erregen kˆnnte, als diese Leute durch ihre kˆrperliche
Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgef¸hl alles
Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Gl¸cks und
Ungl¸cks, der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit
entz¸nden, ersch¸ttern und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte
und reine Bewegung setzen kˆnntet" So sprach unser Freund, und da
weder Philine noch Laertes gestimmt schienen, einen solchen Diskurs
fortzusetzen, unterhielt er sich allein mit diesen
Lieblingsbetrachtungen, als er bis sp‰t in die Nacht um die Stadt
spazierte und seinen alten Wunsch, das Gute, Edle, Grofle durch das
Schauspiel zu versinnlichen, wieder einmal mit aller Lebhaftigkeit und
aller Freiheit einer losgebundenen Einbildungskraft verfolgte.

II. Buch, 5. Kapitel

F¸nftes Kapitel

Des andern Tages, als die Seilt‰nzer mit groflem Ger‰usch abgezogen
waren, fand sich Mignon sogleich wieder ein und trat hinzu, als
Wilhelm und Laertes ihre Fecht¸bungen auf dem Saale fortsetzten. "Wo
hast du gesteckt?" fragte Wilhelm freundlich, "du hast uns viel Sorge
gemacht." Das Kind antwortete nichts und sah ihn an. "Du bist nun
unser", rief Laertes, "wir haben dich gekauft"--"Was hast du bezahlt?"
fragte das Kind ganz trocken. "Hundert Dukaten", versetzte Laertes;
"wenn du sie wiedergibst, kannst du frei sein."--"Das ist wohl viel?"
fragte das Kind. "O ja, du magst dich nur gut auff¸hren."--"Ich will
dienen", versetzte sie.

Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was der Kellner den beiden
Freunden f¸r Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages
nicht mehr, dafl er ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst tun und
machte auch ihre Gesch‰fte, zwar langsam und mitunter unbeh¸lflich,
doch genau und mit grofler Sorgfalt.

Sie stellte sich oft an ein Gef‰fl mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit
so grofler Emsigkeit und Heftigkeit, dafl sie sich fast die Backen
aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, dafl sie die
Schminke von ihren Wangen auf alle Weise loszuwerden suche und ¸ber
dem Eifer, womit sie es tat, die Rˆte, die sie durchs Reiben
hervorgebracht hatte, f¸r die hartn‰ckigste Schminke halte. Man
bedeutete sie, und sie liefl ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe
gekommen war, zeigte sich eine schˆne braune, obgleich nur von wenigem
Rot erhˆhte Gesichtsfarbe.

Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die geheimnisvolle
Gegenwart des Kindes mehr, als er sich selbst gestehen durfte,
unterhalten, brachte Wilhelm verschiedene Tage in dieser sonderbaren
Gesellschaft zu und rechtfertigte sich bei sich selbst durch eine
fleiflige ¸bung in der Fecht- und Tanzkunst, wozu er so leicht nicht
wieder Gelegenheit zu finden glaubte.

Nicht wenig verwundert und gewissermaflen erfreut war er, als er eines
Tages Herrn und Frau Melina ankommen sah, welche gleich nach dem
ersten frohen Grufle sich nach der Direktrice und den ¸brigen
Schauspielern erkundigten und mit groflem Schrecken vernahmen, dafl jene
sich schon lange entfernt habe und diese bis auf wenige zerstreut
seien.

Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir
wissen, Wilhelm behilflich gewesen, an einigen Orten nach Engagement
umgesehen, keines gefunden und war endlich in dieses St‰dtchen
gewiesen worden, wo einige Personen, die ihnen unterwegs begegneten,
ein gutes Theater gesehen haben wollten.

Philinen wollte Madame Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes,
als sie Bekanntschaft machten, keinesweges gefallen. Sie w¸nschten
die neuen Ankˆmmlinge gleich wieder los zu sein, und Wilhelm konnte
ihnen keine g¸nstigen Gesinnungen beibringen, ob er ihnen gleich
wiederholt versicherte, dafl es recht gute Leute seien.

Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drei Abenteurer
durch die Erweiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestˆrt;
denn Melina fing im Wirtshause (er hatte in ebendemselben, in welchem
Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quengeln an.
Er wollte f¸r weniges Geld besseres Quartier, reichlichere Mahlzeit
und promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten Wirt und
Kellner verdrieflliche Gesichter, und wenn die andern, um froh zu leben,
sich alles gefallen lieflen und nur geschwind bezahlten, um nicht
l‰nger an das zu denken, was schon verzehrt war, so muflte die Mahlzeit,
die Melina regelm‰flig sogleich berichtigte, jederzeit von vorn wieder
durchgenommen werden, so dafl Philine ihn ohne Umst‰nde ein
wiederk‰uendes Tier nannte.

Noch verhaflter war Madame Melina dem lustigen M‰dchen. Diese junge
Frau war nicht ohne Bildung, doch fehlte es ihr g‰nzlich an Geist und
Seele. Sie deklamierte nicht ¸bel und wollte immer deklamieren;
allein man merkte bald, dafl es nur eine Wortdeklamation war, die auf
einzelnen Stellen lastete und die Empfindung des Ganzen nicht
ausdr¸ckte. Bei diesem allen war sie nicht leicht jemanden, besonders
M‰nnern, unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejenigen, die mit ihr
umgingen, gewˆhnlich einen schˆnen Verstand zu: denn sie war, was ich
mit einem Worte eine Anempfinderin nennen mˆchte; sie wuflte einem
Freunde, um dessen Achtung ihr zu tun war, mit einer besondern
Aufmerksamkeit zu schmeicheln, in seine Ideen so lange als mˆglich
einzugehen, sobald sie aber ganz ¸ber ihren Horizont waren, mit
Ekstase eine solche neue Erscheinung aufzunehmen. Sie verstand zu
sprechen und zu schweigen und, ob sie gleich kein t¸ckisches Gem¸t
hatte, mit grofler Vorsicht aufzupassen, wo des andern schwache Seite
sein mˆchte.

II. Buch, 6. Kapitel

Sechstes Kapitel

Melina hatte sich indessen nach den Tr¸mmern der vorigen Direktion
genau erkundigt. Sowohl Dekorationen als Garderobe waren an einige
Handelsleute versetzt, und ein Notarius hatte den Auftrag von der
Direktrice erhalten, unter gewissen Bedingungen, wenn sich Liebhaber
f‰nden, in den Verkauf aus freier Hand zu willigen. Melina wollte die
Sachen besehen und zog Wilhelmen mit sich. Dieser empfand, als man
ihnen die Zimmer erˆffnete, eine gewisse Neigung dazu, die er sich
jedoch selbst nicht gestand. In so einem schlechten Zustande auch die
geklecksten Dekorationen waren, so wenig scheinbar auch t¸rkische und
heidnische Kleider, alte Karikaturrˆcke f¸r M‰nner und Frauen, Kutten
f¸r Zauberer, Juden und Pfaffen sein mochten, so konnt er sich doch
der Empfindung nicht erwehren, dafl er die gl¸cklichsten Augenblicke
seines Lebens in der N‰he eines ‰hnlichen Trˆdelkrams gefunden hatte.
H‰tte Melina in sein Herz sehen kˆnnen, so w¸rde er ihm eifriger
zugesetzt haben, eine Summe Geldes auf die Befreiung, Aufstellung und
neue Belebung dieser zerstreuten Glieder zu einem schˆnen Ganzen
herzugeben. "Welch ein gl¸cklicher Mensch", rief Melina aus, "kˆnnte
ich sein, wenn ich nur zweihundert Taler bes‰fle, um zum Anfange den
Besitz dieser ersten theatralischen Bed¸rfnisse zu erlangen. Wie bald
wollt ich ein kleines Schauspiel beisammen haben, das uns in dieser
Stadt, in dieser Gegend gewifl sogleich ern‰hren sollte." Wilhelm
schwieg, und beide verlieflen nachdenklich die wieder eingesperrten
Sch‰tze.

Melina hatte von dieser Zeit an keinen andern Diskurs als Projekte und
Vorschl‰ge, wie man ein Theater einrichten und dabei seinen Vorteil
finden kˆnnte. Er suchte Philinen und Laertes zu interessieren, und
man tat Wilhelmen Vorschl‰ge, Geld herzuschieflen und Sicherheit
dagegen anzunehmen. Diesem fiel aber erst bei dieser Gelegenheit
recht auf, dafl er hier so lange nicht h‰tte verweilen sollen; er
entschuldigte sich und wollte Anstalten machen, seine Reise
fortzusetzen.

Indessen war ihm Mignons Gestalt und Wesen immer reizender geworden.
In alle seinem Tun und Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es
ging die Treppe weder auf noch ab, sondern sprang; es stieg auf den
Gel‰ndern der G‰nge weg, und eh man sich's versah, safl es oben auf dem
Schranke und blieb eine Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, dafl
es f¸r jeden eine besondere Art von Grufl hatte. Ihn gr¸flte sie seit
einiger Zeit mit ¸ber die Brust geschlagenen Armen. Manche Tage war
sie ganz stumm, zuzeiten antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen,
immer sonderbar, doch so, dafl man nicht unterscheiden konnte, ob es
Witz oder Unkenntnis der Sprache war, indem sie ein gebrochnes, mit
Franzˆsisch und Italienisch durchflochtenes Deutsch sprach. In seinem
Dienste war das Kind unerm¸det und fr¸h mit der Sonne auf; es verlor
sich dagegen abends zeitig, schlief in einer Kammer auf der nackten
Erde und war durch nichts zu bewegen, ein Bette oder einen Strohsack
anzunehmen. Er fand sie oft, dafl sie sich wusch. Auch ihre Kleider
waren reinlich, obgleich alles fast doppelt und dreifach an ihr
geflickt war. Man sagte Wilhelmen auch, dafl sie alle Morgen ganz fr¸h
in die Messe gehe, wohin er ihr einmal folgte und sie in der Ecke der
Kirche mit dem Rosenkranze knien und and‰chtig beten sah. Sie
bemerkte ihn nicht, er ging nach Hause, machte sich vielerlei Gedanken
¸ber diese Gestalt und konnte sich bei ihr nichts Bestimmtes denken.

Neues Andringen Melinas um eine Summe Geldes zur Auslˆsung der mehr
erw‰hnten Theaterger‰tschaften bestimmte Wilhelmen noch mehr, an seine
Abreise zu denken. Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm
gehˆrt hatten, noch mit dem heutigen Posttage schreiben; er fing auch
wirklich einen Brief an Wernern an und war mit Erz‰hlung seiner
Abenteuer, wobei er, ohne es selbst zu bemerken, sich mehrmal von der
Wahrheit entfernt hatte, schon ziemlich weit gekommen, als er zu
seinem Verdrufl auf der hintern Seite des Briefblatts schon einige
Verse geschrieben fand, die er f¸r Madame Melina aus seiner
Schreibtafel zu kopieren angefangen hatte. Unwillig zerrifl er das
Blatt und verschob die Wiederholung seines Bekenntnisses auf den
n‰chsten Posttag.

II. Buch, 7. Kapitel

Siebentes Kapitel

Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, und Philine, die
auf jedes Pferd, das vorbeikam, auf jeden Wagen, der anfuhr, ‰uflerst
aufmerksam war, rief mit grofler Lebhaftigkeit: "Unser Pedant! Da
kommt unser allerliebster Pedant! Wen mag er bei sich haben?" Sie
rief und winkte zum Fenster hinaus, und der Wagen hielt stille.

Ein k¸mmerlich armer Teufel, den man an seinem verschabten,
graulich-braunen Rocke und an seinen ¸belkonditionierten Unterkleidern
f¸r einen Magister, wie sie auf Akademien zu vermodern pflegen, h‰tte
halten sollen, stieg aus dem Wagen und entblˆflte, indem er, Philinen
zu gr¸flen, den Hut abtat, eine ¸belgepuderte, aber ¸brigens sehr
steife Per¸cke, und Philine warf ihm hundert Kuflh‰nde zu.

So wie sie ihre Gl¸ckseligkeit fand, einen Teil der M‰nner zu lieben
und ihre Liebe zu genieflen, so war das Vergn¸gen nicht viel geringer,
das sie sich sooft als mˆglich gab, die ¸brigen, die sie eben in
diesem Augenblicke nicht liebte, auf eine sehr leichtfertige Weise zum
besten zu haben.

¸ber den L‰rm, womit sie diesen alten Freund empfing, vergafl man, auf
die ¸brigen zu achten, die ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die
zwei Frauenzimmer und einen ‰ltlichen Mann, der mit ihnen hereintrat,
zu kennen. Auch entdeckte sich's bald, dafl er sie alle drei vor
einigen Jahren bei der Gesellschaft, die in seiner Vaterstadt spielte,
mehrmals gesehen hatte. Die Tˆchter waren seit der Zeit
herangewachsen; der Alte aber hatte sich wenig ver‰ndert. Dieser
spielte gewˆhnlich die gutm¸tigen, polternden Alten, wovon das
deutsche Theater nicht leer wird und die man auch im gemeinen Leben
nicht selten antrifft. Denn da es der Charakter unsrer Landsleute ist,
das Gute ohne viel Prunk zu tun und zu leisten, so denken sie selten
daran, dafl es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und
Anmut zu tun, und verfallen vielmehr, von einem Geiste des
Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein m¸rrisches
Wesen ihre liebste Tugend im Kontraste darzustellen.

Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie
so oft und ausschliefllich, dafl er dar¸ber eine ‰hnliche Art sich zu
betragen im gemeinen Leben angenommen hatte.

Wilhelm geriet in grofle Bewegung, sobald er ihn erkannte; denn er
erinnerte sich, wie oft er diesen Mann neben seiner geliebten Mariane
auf dem Theater gesehen hatte; er hˆrte ihn noch schelten, er hˆrte
ihre schmeichelnde Stimme, mit der sie seinem rauhen Wesen in manchen
Rollen zu begegnen hatte.

Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankˆmmlinge, ob ein Unterkommen
ausw‰rts zu finden und zu hoffen sei, ward leider mit Nein beantwortet,
und man muflte vernehmen, dafl die Gesellschaften, bei denen man sich
erkundigt, besetzt und einige davon sogar in Sorgen seien, wegen des
bevorstehenden Krieges auseinandergehen zu m¸ssen. Der polternde Alte
hatte mit seinen Tˆchtern aus Verdrufl und Liebe zur Abwechselung ein
vorteilhaftes Engagement aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er
unterwegs antraf, einen Wagen gemietet, um hieherzukommen, wo denn
auch, wie sie fanden, guter Rat teuer war.

Die Zeit, in welcher sich die ¸brigen ¸ber ihre Angelegenheiten sehr
lebhaft unterhielten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er w¸nschte
den Alten allein zu sprechen, w¸nschte und f¸rchtete, von Marianen zu
hˆren, und befand sich in der grˆflten Unruhe.

Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer konnten ihn nicht aus
seinem Traume reiflen; aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn
aufmerksam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen
aufzuwerten pflegte, sich aber diesmal lebhaft widersetzte, als er den
Tisch decken und Essen herbeischaffen sollte. "Ich habe mich
verpflichtet", rief er aus, "Ihnen zu dienen, aber nicht, allen
Menschen aufzuwarten." Sie gerieten dar¸ber in einen heftigen Streit.
Philine bestand darauf, er habe seine Schuldigkeit zu tun, und als er
sich hartn‰ckig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umst‰nde, er kˆnnte
gehn, wohin er wolle.

"Glauben Sie etwa, dafl ich mich nicht von Ihnen entfernen kˆnne?" rief
er aus, ging trotzig weg, machte seinen B¸ndel zusammen und eilte
sogleich zum Hause hinaus. "Geh, Mignon", sagte Philine, "und schaff
uns, was wir brauchen; sag es dem Kellner, und hilf aufwarten!"

Mignon trat vor Wilhelm hin und fragte in ihrer lakonischen Art: "Soll
ich? darf ich?" Und Wilhelm versetzte: "Tu, mein Kind, was
Mademoiselle dir sagt."

Das Kind besorgte alles und wartete den ganzen Abend mit grofler
Sorgfalt den G‰sten auf. Nach Tische suchte Wilhelm mit dem Alten
einen Spaziergang allein zu machen: es gelang ihm, und nach mancherlei
Fragen, wie es ihm bisher gegangen, wendete sich das Gespr‰ch auf die
ehemalige Gesellschaft, und Wilhelm wagte zuletzt, nach Marianen zu
fragen.

"Sagen Sie mir nichts von dem abscheulichen Geschˆpf!" rief der Alte,
"ich habe verschworen, nicht mehr an sie zu denken." Wilhelm erschrak
¸ber diese ‰uflerung, war aber noch in grˆflerer Verlegenheit, als der
Alte fortfuhr, auf ihre Leichtfertigkeit und Liederlichkeit zu
schm‰len. Wie gern h‰tte unser Freund das Gespr‰ch abgebrochen;
allein er muflte nun einmal die polternden Ergieflungen des wunderlichen
Mannes aushalten.

"Ich sch‰me mich", fuhr dieser fort, "dafl ich ihr so geneigt war.
Doch h‰tten Sie das M‰dchen n‰her gekannt, Sie w¸rden mich gewifl
entschuldigen. Sie war so artig, nat¸rlich und gut, so gef‰llig und
in jedem Sinne leidlich. Nie h‰tt ich mir vorgestellt, dafl Frechheit
und Undank die Hauptz¸ge ihres Charakters sein sollten."

Schon hatte sich Wilhelm gefaflt gemacht, das Schlimmste von ihr zu
hˆren, als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, dafl der Ton des
Alten milder wurde, seine Rede endlich stockte und er ein Schnupftuch
aus der Tasche nahm, um die Tr‰nen zu trocknen, die zuletzt seine Rede
unterbrachen.

"Was ist Ihnen?" rief Wilhelm aus. "Was gibt Ihren Empfindungen auf
einmal eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht;
ich nehme an dem Schicksale dieses M‰dchens mehr Anteil, als Sie
glauben; nur lassen Sie mich alles wissen."

"Ich habe wenig zu sagen", versetzte der Alte, indem er wieder in
seinen ernstlichen, verdriefllichen Ton ¸berging, "ich werde es ihr nie
vergeben, was ich um sie geduldet habe. Sie hatte", fuhr er fort,
"immer ein gewisses Zutrauen zu mir; ich liebte sie wie meine Tochter
und hatte, da meine Frau noch lebte, den Entschlufl gefaflt, sie zu mir
zu nehmen und sie aus den H‰nden der Alten zu retten, von deren
Anleitung ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau starb, das
Projekt zerschlug sich.

Gegen das Ende des Aufenthalts in Ihrer Vaterstadt, es sind nicht gar
drei Jahre, merkte ich ihr eine sichtbare Traurigkeit an; ich fragte
sie, aber sie wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. Sie
fuhr mit mir in einem Wagen, und ich bemerkte, was sie mir auch bald
gestand, dafl sie guter Hoffnung sei und in der grˆflten Furcht schwebe,
von unserm Direktor verstoflen zu werden. Auch dauerte es nur kurze
Zeit, so machte er die Entdeckung, k¸ndigte ihr den Kontrakt, der
ohnedies nur auf sechs Wochen stand, sogleich auf, zahlte, was sie zu
fordern hatte, und liefl sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in einem
kleinen St‰dtchen, in einem schlechten Wirtshause zur¸ck.

Der Henker hole alle liederlichen Dirnen!" rief der Alte mit Verdrufl,
"und besonders diese, die mir so manche Stunde meines Lebens verdorben
hat. Was soll ich lange erz‰hlen, wie ich mich ihrer angenommen, was
ich f¸r sie getan, was ich an sie geh‰ngt, wie ich auch in der
Abwesenheit f¸r sie gesorgt habe. Ich wollte lieber mein Geld in den
Teich werfen und meine Zeit hinbringen, r‰udige Hunde zu erziehen, als
nur jemals wieder auf so ein Geschˆpf die mindeste Aufmerksamkeit
wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe,
Nachricht von einigen Orten ihres Aufenthalts, und zuletzt kein Wort
mehr, nicht einmal Dank f¸r das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen
geschickt hatte. O die Verstellung und der Leichtsinn der Weiber ist
so recht zusammengepaart, um ihnen ein bequemes Leben und einem
ehrlichen Kerl manche verdrieflliche Stunde zu schaffen!"

II. Buch, 8. Kapitel

Achtes Kapitel

Man denke sich Wilhelms Zustand, als er von dieser Unterredung nach
Hause kam. Alle seine alten Wunden waren wieder aufgerissen und das
Gef¸hl, dafl sie seiner Liebe nicht ganz unw¸rdig gewesen, wieder
lebhaft geworden; denn in dem Interesse des Alten, in dem Lobe, das er
ihr wider Willen geben muflte, war unserm Freunde ihre ganze
Liebensw¸rdigkeit wieder erschienen; ja selbst die heftige Anklage des
leidenschaftlichen Mannes enthielt nichts, was sie vor Wilhelms Augen
h‰tte herabsetzen kˆnnen. Denn dieser bekannte sich selbst als
Mitschuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schweigen zuletzt schien ihm
nicht tadelhaft; er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken dar¸ber,
sah sie als Wˆchnerin, als Mutter in der Welt ohne H¸lfe herumirren,
wahrscheinlich mit seinem eigenen Kinde herumirren; Vorstellungen,
welche das schmerzlichste Gef¸hl in ihm erregten.

Mignon hatte auf ihn gewartet und leuchtete ihm die Treppe hinauf.
Als sie das Licht niedergesetzt hatte, bat sie ihn zu erlauben, dafl
sie ihm heute abend mit einem Kunstst¸cke aufwarten d¸rfe. Er h‰tte
es lieber verbeten, besonders da er nicht wuflte, was es werden sollte.
Allein er konnte diesem guten Geschˆpfe nichts abschlagen. Nach
einer kurzen Zeit trat sie wieder herein. Sie trug einen Teppich
unter dem Arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm liefl sie
gew‰hren. Sie brachte darauf vier Lichter, stellte eins auf jeden
Zipfel des Teppichs. Ein Kˆrbchen mit Eiern, das sie darauf holte,
machte die Absicht deutlicher. K¸nstlich abgemessen schritt sie
nunmehr auf dem Teppich hin und her und legte in gewissen Maflen die
Eier auseinander, dann rief sie einen Menschen herein, der im Hause
aufwartete und die Violine spielte. Er trat mit seinem Instrumente in
die Ecke; sie verband sich die Augen, gab das Zeichen und fing
zugleich mit der Musik, wie ein aufgezogenes R‰derwerk, ihre
Bewegungen an, indem sie Takt und Melodie mit dem Schlage der
Kastagnetten begleitete.

Behende, leicht, rasch, genau f¸hrte sie den Tanz. Sie trat so scharf
und so sicher zwischen die Eier hinein, bei den Eiern nieder, dafl man
jeden Augenblick dachte, sie m¸sse eins zertreten oder bei schnellen
Wendungen das andre fortschleudern. Mitnichten! Sie ber¸hrte keines,
ob sie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und weiten, ja
sogar mit Spr¸ngen und zuletzt halb kniend sich durch die Reihen
durchwand.

Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, und die sonderbare
Musik gab dem immer wieder von vorne anfangenden und losrauschenden
Tanze bei jeder Wiederholung einen neuen Stofl. Wilhelm war von dem
sonderbaren Schauspiele ganz hingerissen; er vergafl seiner Sorgen,
folgte jeder Bewegung der geliebten Kreatur und war verwundert, wie in
diesem Tanze sich ihr Charakter vorz¸glich entwickelte.

Streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen mehr
feierlich als angenehm zeigte sie sich. Er empfand, was er schon f¸r
Mignon gef¸hlt, in diesem Augenblicke auf einmal. Er sehnte sich,
dieses verlassene Wesen an Kindes Statt seinem Herzen einzuverleiben,
es in seine Arme zu nehmen und mit der Liebe eines Vaters Freude des
Lebens in ihm zu erwecken.

Der Tanz ging zu Ende; sie rollte die Eier mit den F¸flen sachte
zusammen auf ein H‰ufchen, liefl keines zur¸ck, besch‰digte keines und
stellte sich dazu, indem sie die Binde von den Augen nahm und ihr
Kunstst¸ck mit einem B¸cklinge endigte.

Wilhelm dankte ihr, dafl sie ihm den Tanz, den er zu sehen gew¸nscht,
so artig und unvermutet vorgetragen habe. Er streichelte sie und
bedauerte, dafl sie sich's habe so sauer werden lassen. Er versprach
ihr ein neues Kleid, worauf sie heftig antwortete: "Deine Farbe!"
Auch das versprach er ihr, ob er gleich nicht deutlich wuflte, was sie
darunter meine. Sie nahm die Eier zusammen, den Teppich unter den Arm,
fragte, ob er noch etwas zu befehlen habe, und schwang sich zur T¸re
hinaus.

Von dem Musikus erfuhr er, dafl sie sich seit einiger Zeit viele M¸he
gegeben, ihm den Tanz, welches der bekannte Fandango war, so lange
vorzusingen, bis er ihn habe spielen kˆnnen. Auch habe sie ihm f¸r
seine Bem¸hungen etwas Geld angeboten, das er aber nicht nehmen wollen.

II. Buch, 9. Kapitel

Neuntes Kapitel

Nach einer unruhigen Nacht, die unser Freund teils wachend, teils von
schweren Tr‰umen ge‰ngstigt zubrachte, in denen er Marianen bald in
aller Schˆnheit, bald in k¸mmerlicher Gestalt, jetzt mit einem Kinde
auf dem Arm, bald desselben beraubt sah, war der Morgen kaum
angebrochen, als Mignon schon mit einem Schneider hereintrat. Sie
brachte graues Tuch und blauen Taffet und erkl‰rte nach ihrer Art, dafl
sie ein neues Westchen und Schifferhosen, wie sie solche an den Knaben
in der Stadt gesehen, mit blauen Aufschl‰gen und B‰ndern haben wolle.

Wilhelm hatte seit dem Verlust Marianens alle muntern Farben abgelegt.
Er hatte sich an das Grau, an die Kleidung der Schatten, gewˆhnt, und
nur etwa ein himmelblaues Futter oder ein kleiner Kragen von dieser
Farbe belebte einigermaflen jene stille Kleidung. Mignon, begierig,
seine Farbe zu tragen, trieb den Schneider, der in kurzem die Arbeit
zu liefern versprach.

Die Tanz- und Fechtstunden, die unser Freund heute mit Laertes nahm,
wollten nicht zum besten gl¸cken. Auch wurden sie bald durch Melinas
Ankunft unterbrochen, der umst‰ndlich zeigte, wie jetzt eine kleine
Gesellschaft beisammen sei, mit welcher man schon St¸cke genug
auff¸hren kˆnne. Er erneuerte seinen Antrag, dafl Wilhelm einiges Geld
zum Etablissement vorstrecken solle, wobei dieser abermals seine
Unentschlossenheit zeigte.

Philine und die M‰dchen kamen bald hierauf mit Lachen und L‰rmen
herein. Sie hatten sich abermals eine Spazierfahrt ausgedacht: denn
Ver‰nderung des Orts und der Gegenst‰nde war eine Lust, nach der sie
sich immer sehnten. T‰glich an einem andern Orte zu essen war ihr
hˆchster Wunsch. Diesmal sollte es eine Wasserfahrt werden.

Das Schiff, womit sie die Kr¸mmungen des angenehmen Flusses
hinunterfahren wollten, war schon durch den Pedanten bestellt.
Philine trieb, die Gesellschaft zauderte nicht und war bald
eingeschifft.

"Was fangen wir nun an?" sagte Philine, indem sich alle auf die B‰nke
niedergelassen hatten.

"Das k¸rzeste w‰re", versetzte Laertes, "wir extemporierten ein St¸ck.
Nehme jeder eine Rolle, die seinem Charakter am angemessensten ist,
und wir wollen sehen, wie es uns gelingt."

"F¸rtrefflich!" sagte Wilhelm, "denn in einer Gesellschaft, in der man
sich nicht verstellt, in welcher jedes nur seinem Sinne folgt, kann
Anmut und Zufriedenheit nicht lange wohnen, und wo man sich immer
verstellt, dahin kommen sie gar nicht. Es ist also nicht ¸bel getan,
wir geben uns die Verstellung gleich von Anfang zu und sind nachher
unter der Maske so aufrichtig, als wir wollen."

"Ja", sagte Laertes, "deswegen geht sich's so angenehm mit Weibern um,
die sich niemals in ihrer nat¸rlichen Gestalt sehen lassen."

"Das macht", versetzte Madame Melina, "dafl sie nicht so eitel sind wie
die M‰nner, welche sich einbilden, sie seien schon immer liebensw¸rdig
genug, wie sie die Natur hervorgebracht hat."

Indessen war man zwischen angenehmen B¸schen und H¸geln, zwischen
G‰rten und Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer,
besonders aber Madame Melina, dr¸ckten ihr Entz¸cken ¸ber die Gegend
aus. Letztre fing sogar an, ein artiges Gedicht von der
beschreibenden Gattung ¸ber eine ‰hnliche Naturszene feierlich
herzusagen; allein Philine unterbrach sie und schlug ein Gesetz vor,
dafl sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstande
zu sprechen; sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporierten
Komˆdie mit Eifer durch. Der polternde Alte sollte einen
pensionierten Offizier, Laertes einen vazierenden Fechtmeister, der
Pedant einen Juden vorstellen, sie selbst wolle eine Tirolerin machen
und ¸berliefl den ¸brigen, sich ihre Rollen zu w‰hlen. Man sollte
fingieren, als ob sie eine Gesellschaft weltfremder Menschen seien,
die soeben auf einem Marktschiffe zusammenkomme.

Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen an, und eine
allgemeine Heiterkeit verbreitete sich.

Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer stillehielt, um mit
Erlaubnis der Gesellschaft noch jemand einzunehmen, der am Ufer stand
und gewinkt hatte.

"Das ist eben noch, was wir brauchten", rief Philine, "ein blinder
Passagier fehlte noch der Reisegesellschaft."

Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, den man an seiner
Kleidung und seiner ehrw¸rdigen Miene wohl f¸r einen Geistlichen h‰tte
nehmen kˆnnen. Er begr¸flte die Gesellschaft, die ihm nach ihrer Weise
dankte und ihn bald mit ihrem Scherz bekannt machte. Er nahm darauf
die Rolle eines Landgeistlichen an, die er zur Verwunderung aller auf
das artigste durchsetzte, indem er bald ermahnte, bald Histˆrchen
erz‰hlte, einige schwache Seiten blicken liefl und sich doch im Respekt
zu erhalten wuflte.

Indessen hatte jeder, der nur ein einziges Mal aus seinem Charakter
herausgegangen war, ein Pfand geben m¸ssen. Philine hatte sie mit
grofler Sorgfalt gesammelt und besonders den geistlichen Herrn mit
vielen K¸ssen bei der k¸nftigen Einlˆsung bedroht, ob er gleich selbst
nie in Strafe genommen ward. Melina dagegen war vˆllig ausgepl¸ndert,
Hemdenknˆpfe und Schnallen und alles, was Bewegliches an seinem Leibe
war, hatte Philine zu sich genommen; denn er wollte einen reisenden
Engl‰nder vorstellen und konnte auf keine Weise in seine Rolle
hineinkommen.

Die Zeit war indes auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine
Einbildungskraft und seinen Witz aufs mˆglichste angestrengt und jedes
seine Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffiert.
So kam man an dem Ort an, wo man sich den Tag ¸ber aufhalten wollte,
und Wilhelm geriet mit dem Geistlichen, wie wir ihn seinem Aussehn und
seiner Rolle nach nennen wollen, auf dem Spaziergange bald in ein
interessantes Gespr‰ch.

"Ich finde diese ¸bung", sagte der Unbekannte, "unter Schauspielern,
ja in Gesellschaft von Freunden und Bekannten sehr n¸tzlich. Es ist
die beste Art, die Menschen aus sich heraus- und durch einen Umweg
wieder in sich hineinzuf¸hren. Es sollte bei jeder Truppe eingef¸hrt
sein, dafl sie sich manchmal auf diese Weise ¸ben m¸flte, und das
Publikum w¸rde gewifl dabei gewinnen, wenn alle Monate ein nicht
geschriebenes St¸ck aufgef¸hrt w¸rde, worauf sich freilich die
Schauspieler in mehrern Proben m¸flten vorbereitet haben."

"Man d¸rfte sich", versetzte Wilhelm, "ein extemporiertes St¸ck nicht
als ein solches denken, das aus dem Stegreife sogleich komponiert
w¸rde, sondern als ein solches, wovon zwar Plan, Handlung und
Szeneneinteilung gegeben w‰ren, dessen Ausf¸hrung aber dem
Schauspieler ¸berlassen bliebe."

"Ganz richtig", sagte der Unbekannte, "und eben was diese Ausf¸hrung
betrifft, w¸rde ein solches St¸ck, sobald die Schauspieler nur einmal
im Gang w‰ren, auflerordentlich gewinnen. Nicht die Ausf¸hrung durch
Worte, denn durch diese mufl freilich der ¸berlegende Schriftsteller
seine Arbeit zieren, sondern die Ausf¸hrung durch Geb‰rden und Mienen,
Ausrufungen und was dazu gehˆrt, kurz, das stumme, halblaute Spiel,
welches nach und nach bei uns ganz verlorenzugehen scheint. Es sind
wohl Schauspieler in Deutschland, deren Kˆrper das zeigt, was sie
denken und f¸hlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch Winke, durch
zarte, anmutige Bewegungen des Kˆrpers eine Rede vorzubereiten und die
Pausen des Gespr‰chs durch eine gef‰llige Pantomime mit dem Ganzen zu
verbinden wissen; aber eine ¸bung, die einem gl¸cklichen Naturell zu
H¸lfe k‰me und es lehrte, mit dem Schriftsteller zu wetteifern, ist
nicht so im Gange, als es zum Troste derer, die das Theater besuchen,
wohl zu w¸nschen w‰re."

"Sollte aber nicht", versetzte Wilhelm, "ein gl¸ckliches Naturell, als
das Erste und Letzte, einen Schauspieler wie jeden andern K¸nstler, ja
vielleicht wie jeden Menschen, allein zu einem so hochaufgesteckten
Ziele bringen?"

"Das Erste und Letzte, Anfang und Ende mˆchte es wohl sein und bleiben;
aber in der Mitte d¸rfte dem K¸nstler manches fehlen, wenn nicht
Bildung das erst aus ihm macht, was er sein soll, und zwar fr¸he
Bildung; denn vielleicht ist derjenige, dem man Genie zuschreibt,
¸bler daran als der, der nur gewˆhnliche F‰higkeiten besitzt; denn
jener kann leichter verbildet und viel heftiger auf falsche Wege
gestoflen werden als dieser."

"Aber", versetzte Wilhelm, "wird das Genie sich nicht selbst retten,
die Wunden, die es sich geschlagen, selbst heilen?"

"Mitnichten", versetzte der andere, "Oder wenigstens nur notd¸rftig;
denn niemand glaube die ersten Eindr¸cke der Jugend ¸berwinden zu
kˆnnen. Ist er in einer lˆblichen Freiheit, umgeben von schˆnen und
edlen Gegenst‰nden, in dem Umgange mit guten Menschen aufgewachsen,
haben ihn seine Meister das gelehrt, was er zuerst wissen muflte, um
das ¸brige leichter zu begreifen, hat er gelernt, was er nie zu
verlernen braucht, wurden seine ersten Handlungen so geleitet, dafl er
das Gute k¸nftig leichter und bequemer vollbringen kann, ohne sich
irgend etwas abgewˆhnen zu m¸ssen, so wird dieser Mensch ein reineres,
vollkommneres und gl¸cklicheres Leben f¸hren als ein anderer, der
seine ersten Jugendkr‰fte im Widerstand und im Irrtum zugesetzt hat.
Es wird so viel von Erziehung gesprochen und geschrieben, und ich sehe
nur wenig Menschen, die den einfachen, aber groflen Begriff, der alles
andere in sich schlieflt, fassen und in die Ausf¸hrung ¸bertragen
kˆnnen."

"Das mag wohl wahr sein", sagte Wilhelm, "denn jeder Mensch ist
beschr‰nkt genug, den andern zu seinem Ebenbild erziehen zu wollen.
Gl¸cklich sind diejenigen daher, deren sich das Schicksal annimmt, das
jeden nach seiner Weise erzieht!"

"Das Schicksal", versetzte l‰chelnd der andere, "ist ein vornehmer,
aber teurer Hofmeister. Ich w¸rde mich immer lieber an die Vernunft
eines menschlichen Meisters halten. Das Schicksal, f¸r dessen
Weisheit ich alle Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch den es
wirkt, ein sehr ungelenkes Organ haben. Denn selten scheint dieser
genau und rein auszuf¸hren, was jenes beschlossen hatte."

"Sie scheinen einen sehr sonderbaren Gedanken auszusprechen",
versetzte Wilhelm.

"Mitnichten! Das meiste, was in der Welt begegnet, rechtfertigt meine
Meinung. Zeigen viele Begebenheiten im Anfange nicht einen groflen
Sinn, und gehen die meisten nicht auf etwas Albernes hinaus?"

"Sie wollen scherzen."

"Und ist es nicht", fuhr der andere fort, "mit dem, was einzelnen
Menschen begegnet, ebenso? Gesetzt, das Schicksal h‰tte einen zu
einem guten Schauspieler bestimmt (und warum sollt es uns nicht auch
mit guten Schauspielern versorgen?), ungl¸cklicherweise f¸hrte der
Zufall aber den jungen Mann in ein Puppenspiel, wo er sich fr¸h nicht
enthalten kˆnnte, an etwas Abgeschmacktem teilzunehmen, etwas Albernes
leidlich, wohl gar interessant zu finden und so die jugendlichen
Eindr¸cke, welche nie verlˆschen, denen wir eine gewisse
Anh‰nglichkeit nie entziehen kˆnnen, von einer falschen Seite zu
empfangen."

"Wie kommen Sie aufs Puppenspiel?" fiel ihm Wilhelm mit einiger
Best¸rzung ein.

"Es war nur ein willk¸rliches Beispiel; wenn es Ihnen nicht gef‰llt,
so nehmen wir ein andres. Gesetzt, das Schicksal h‰tte einen zu einem
groflen Maler bestimmt, und dem Zufall beliebte es, seine Jugend in
schmutzige H¸tten, St‰lle und Scheunen zu verstoflen, glauben Sie, dafl
ein solcher Mann sich jemals zur Reinlichkeit, zum Adel, zur Freiheit
der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm Sinn er das Unreine in
seiner Jugend angefaflt und nach seiner Art veredelt hat, desto
gewaltsamer wird es sich in der Folge seines Lebens an ihm r‰chen,
indem es sich, inzwischen dafl er es zu ¸berwinden suchte, mit ihm aufs
innigste verbunden hat. Wer fr¸h in schlechter, unbedeutender
Gesellschaft gelebt hat, wird sich, wenn er auch sp‰ter eine bessere
haben kann, immer nach jener zur¸cksehnen, deren Eindruck ihm zugleich
mit der Erinnerung jugendlicher, nur selten zu wiederholender Freuden
geblieben ist."

Man kann denken, dafl unter diesem Gespr‰ch sich nach und nach die
¸brige Gesellschaft entfernt hatte. Besonders war Philine gleich vom
Anfang auf die Seite getreten. Man kam durch einen Seitenweg zu ihnen
zur¸ck. Philine brachte die Pf‰nder hervor, welche auf allerlei Weise
gelˆst werden muflten, wobei der Fremde sich durch die artigsten
Erfindungen und durch eine ungezwungene Teilnahme der ganzen
Gesellschaft und besonders den Frauenzimmern sehr empfahl, und so
flossen die Stunden des Tages unter Scherzen, Singen, K¸ssen und
allerlei Neckereien auf das angenehmste vorbei.

II. Buch, 10. Kapitel

Zehntes Kapitel

Als sie sich wieder nach Hause begeben wollten, sahen sie sich nach
ihrem Geistlichen um; allein er war verschwunden und an keinem Orte zu
finden.

"Es ist nicht artig von dem Manne, der sonst viel Lebensart zu haben
scheint", sagte Madame Melina, "eine Gesellschaft, die ihn so
freundlich aufgenommen, ohne Abschied zu verlassen."

"Ich habe mich die ganze Zeit her schon besonnen", sagte Laertes, "wo
ich diesen sonderbaren Mann schon ehemals mˆchte gesehen haben. Ich
war eben im Begriff, ihn beim Abschiede dar¸ber zu befragen."

"Mir ging es ebenso", versetzte Wilhelm, "und ich h‰tte ihn gewifl
nicht entlassen, bis er uns etwas N‰heres von seinen Umst‰nden
entdeckt h‰tte. Ich m¸flte mich sehr irren, wenn ich ihn nicht schon
irgendwo gesprochen h‰tte."

"Und doch kˆnntet ihr euch", sagte Philine, "darin wirklich irren.
Dieser Mann hat eigentlich nur das falsche Ansehen eines Bekannten,
weil er aussieht wie ein Mensch und nicht wie Hans oder Kunz."

"Was soll das heiflen", sagte Laertes, "sehen wir nicht auch aus wie
Menschen?"

"Ich weifl, was ich sage", versetzte Philine, "und wenn ihr mich nicht
begreift, so laflt's gut sein. Ich werde nicht am Ende noch gar meine
Worte auslegen sollen."

Zwei Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt des Laertes, der sie
bestellt hatte. Philine nahm neben Madame Melina, Wilhelmen gegen¸ber,
Platz, und die ¸brigen richteten sich ein, so gut sie konnten.
Laertes selbst ritt auf Wilhelms Pferde, das auch mit herausgekommen
war, nach der Stadt zur¸ck.

Philine safl kaum in dem Wagen, als sie artige Lieder zu singen und das
Gespr‰ch auf Geschichten zu lenken wuflte, von denen sie behauptete,
dafl sie mit Gl¸ck dramatisch behandelt werden kˆnnten. Durch diese
kluge Wendung hatte sie gar bald ihren jungen Freund in seine beste
Laune gesetzt, und er komponierte aus dem Reichtum seines lebendigen
Bildervorrats sogleich ein ganzes Schauspiel mit allen seinen Akten,
Szenen, Charakteren und Verwicklungen. Man fand f¸r gut, einige Arien
und Ges‰nge einzuflechten; man dichtete sie, und Philine, die in alles
einging, paflte ihnen gleich bekannte Melodien an und sang sie aus dem
Stegreife.

Sie hatte eben heute ihren schˆnen, sehr schˆnen Tag; sie wuflte mit
allerlei Neckereien unsern Freund zu beleben; es ward ihm wohl, wie es
ihm lange nicht gewesen war.

Seitdem ihn jene grausame Entdeckung von der Seite Marianens gerissen
hatte, war er dem Gel¸bde treu geblieben, sich vor der
zusammenschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu h¸ten, das
treulose Geschlecht zu meiden, seine Schmerzen, seine Neigung, seine
s¸flen W¸nsche in seinem Busen zu verschlieflen. Die Gewissenhaftigkeit,
womit er dies Gel¸bde beobachtete, gab seinem ganzen Wesen eine
geheime Nahrung, und da sein Herz nicht ohne Teilnehmung bleiben
konnte, so ward eine liebevolle Mitteilung nun zum Bed¸rfnisse. Er
ging wieder wie von dem ersten Jugendnebel begleitet umher, seine
Augen faflten jeden reizenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war
sein Urteil ¸ber eine liebensw¸rdige Gestalt schonender gewesen. Wie
gef‰hrlich ihm in einer solchen Lage das verwegene M‰dchen werden
muflte, l‰flt sich leider nur zu gut einsehen.

Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zimmer schon alles zum Empfange
bereit, die St¸hle zu einer Vorlesung zurechtegestellt und den Tisch
in die Mitte gesetzt, auf welchem der Punschnapf seinen Platz nehmen
sollte.

Die deutschen Ritterst¸cke waren damals eben neu und hatten die
Aufmerksamkeit und Neigung des Publikums an sich gezogen. Der alte
Polterer hatte eines dieser Art mitgebracht, und die Vorlesung war
beschlossen worden. Man setzte sich nieder. Wilhelm bem‰chtigte sich
des Exemplars und fing zu lesen an.

Die geharnischten Ritter, die alten Burgen, die Treuherzigkeit,
Rechtlichkeit und Redlichkeit, besonders aber die Unabh‰ngigkeit der
handelnden Personen wurden mit groflem Beifall aufgenommen. Der
Vorleser tat sein mˆglichstes, und die Gesellschaft kam aufler sich.
Zwischen dem zweiten und dritten Akt kam der Punsch in einem groflen
Napfe, und da in dem St¸cke selbst sehr viel getrunken und angestoflen
wurde, so war nichts nat¸rlicher, als dafl die Gesellschaft bei jedem
solchen Falle sich lebhaft an den Platz der Helden versetzte,
gleichfalls anklingte und die G¸nstlinge unter den handelnden Personen
hochleben liefl.

Jedermann war von dem Feuer des edelsten Nationalgeistes entz¸ndet.
Wie sehr gefiel es dieser deutschen Gesellschaft, sich ihrem Charakter
gem‰fl auf eignem Grund und Boden poetisch zu ergˆtzen! Besonders
taten die Gewˆlbe und Keller, die verfallenen Schlˆsser, das Moos und
die hohlen B‰ume, ¸ber alles aber die n‰chtlichen Zigeunerszenen und
das heimliche Gericht eine ganz unglaubliche Wirkung. Jeder
Schauspieler sah nun, wie er bald in Helm und Harnisch, jede
Schauspielerin, wie sie mit einem groflen stehenden Kragen ihre
Deutschheit vor dem Publiko produzieren werde. Jeder wollte sich
sogleich einen Namen aus dem St¸cke oder aus der deutschen Geschichte
zueignen, und Madame Melina beteuerte, Sohn oder Tochter, wozu sie
Hoffnung hatte, nicht anders als Adelbert oder Mechtilde taufen zu
lassen.

Gegen den f¸nften Akt ward der Beifall l‰rmender und lauter, ja
zuletzt, als der Held wirklich seinem Unterdr¸cker entging und der
Tyrann gestraft wurde, war das Entz¸cken so grofl, dafl man schwur, man
habe nie so gl¸ckliche Stunden gehabt. Melina, den der Trank
begeistert hatte, war der lauteste, und da der zweite Punschnapf
geleert war und Mitternacht herannahte, schwur Laertes hoch und teuer,
es sei kein Mensch w¸rdig, an diese Gl‰ser jemals wieder eine Lippe zu
setzen, und warf mit dieser Beteurung sein Glas hinter sich und durch
die Scheiben auf die Gasse hinaus. Die ¸brigen folgten seinem
Beispiele, und ungeachtet der Protestationen des herbeieilenden Wirtes
wurde der Punschnapf selbst, der nach einem solchen Feste durch
unheiliges Getr‰nk nicht wieder entweiht werden sollte, in tausend
St¸cke geschlagen. Philine, der man ihren Rausch am wenigsten ansah,
indes die beiden M‰dchen nicht in den anst‰ndigsten Stellungen auf dem
Kanapee lagen, reizte die andern mit Schadenfreude zum L‰rm. Madame
Melina rezitierte einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im
Rausche nicht sehr liebensw¸rdig war, fing an, auf die schlechte
Bereitung des Punsches zu schelten, versicherte, dafl er ein Fest ganz
anders einzurichten verstehe, und ward zuletzt, als Laertes
Stillschweigen gebot, immer grˆber und lauter, so dafl dieser, ohne
sich lange zu bedenken, ihm die Scherben des Napfs an den Kopf warf
und dadurch den L‰rm nicht wenig vermehrte.

Indessen war die Scharwache herbeigekommen und verlangte, ins Haus
eingelassen zu werden. Wilhelm, vom Lesen sehr erhitzt, ob er gleich
nur wenig getrunken, hatte genug zu tun, um mit Beih¸lfe des Wirts die
Leute durch Geld und gute Worte zu befriedigen und die Glieder der
Gesellschaft in ihren mifllichen Umst‰nden nach Hause zu schaffen. Er
warf sich, als er zur¸ckkam, vom Schlafe ¸berw‰ltigt, voller Unmut
unausgekleidet aufs Bette, und nichts glich der unangenehmen
Empfindung, als er des andern Morgens die Augen aufschlug und mit
d¸sterm Blick auf die Verw¸stungen des vergangenen Tages, den Unrat
und die bˆsen Wirkungen hinsah, die ein geistreiches, lebhaftes und
wohlgemeintes Dichterwerk hervorgebracht hatte.

II. Buch, 11. Kapitel

Eilftes Kapitel

Nach einem kurzen Bedenken rief er sogleich den Wirt herbei und liefl
sowohl den Schaden als die Zeche auf seine Rechnung schreiben.
Zugleich vernahm er nicht ohne Verdrufl, dafl sein Pferd von Laertes
gestern bei dem Hereinreiten dergestalt angegriffen worden, dafl es
wahrscheinlich, wie man zu sagen pflegt, verschlagen habe und dafl der
Schmied wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen gebe.

Ein Grufl von Philinen, den sie ihm aus ihrem Fenster zuwinkte,
versetzte ihn dagegen wieder in einen heitern Zustand, und er ging
sogleich in den n‰chsten Laden, um ihr ein kleines Geschenk, das er
ihr gegen das Pudermesser noch schuldig war, zu kaufen, und wir m¸ssen
bekennen, er hielt sich nicht in den Grenzen eines proportionierten
Gegengeschenks. Er kaufte ihr nicht allein ein Paar sehr niedliche
Ohrringe, sondern nahm dazu noch einen Hut und Halstuch und einige
andere Kleinigkeiten, die er sie den ersten Tag hatte verschwenderisch
wegwerfen sehen.

Madame Melina, die ihn eben, als er seine Gaben ¸berreichte, zu
beobachten kam, suchte noch vor Tische eine Gelegenheit, ihn sehr
ernstlich ¸ber die Empfindung f¸r dieses M‰dchen zur Rede zu setzen,
und er war um so erstaunter, als er nichts weniger denn diese Vorw¸rfe
zu verdienen glaubte. Er schwur hoch und teuer, dafl es ihm keineswegs
eingefallen sei, sich an diese Person, deren ganzen Wandel er wohl
kenne, zu wenden; er entschuldigte sich, so gut er konnte, ¸ber sein
freundliches und artiges Betragen gegen sie, befriedigte aber Madame
Melina auf keine Weise, vielmehr ward diese immer verdriefllicher, da
sie bemerken muflte, dafl die Schmeichelei, wodurch sie sich eine Art
von Neigung unsers Freundes erworben hatte, nicht hinreiche, diesen
Besitz gegen die Angriffe einer lebhaften, j¸ngern und von der Natur
gl¸cklicher begabten Person zu verteidigen.

Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu Tische kamen, bei sehr
¸blem Humor, und er fing schon an, ihn ¸ber Kleinigkeiten auszulassen,
als der Wirt hereintrat und einen Harfenspieler anmeldete. "Sie
werden", sagte er, "gewifl Vergn¸gen an der Musik und an den Ges‰ngen
dieses Mannes finden; es kann sich niemand, der ihn hˆrt, enthalten,
ihn zu bewundern und ihm etwas weniges mitzuteilen."

"Lassen Sie ihn weg", versetzte Melina, "ich bin nichts weniger als
gestimmt, einen Leiermann zu hˆren, und wir haben allenfalls S‰nger
unter uns, die gern etwas verdienten." Er begleitete diese Worte mit
einem t¸ckischen Seitenblicke, den er auf Philinen warf. Sie verstand
ihn und war gleich bereit, zu seinem Verdrufl den angemeldeten S‰nger
zu besch¸tzen. Sie wendete sich zu Wilhelmen und sagte: "Sollen wir
den Mann nicht hˆren, sollen wir nichts tun, um uns aus der
erb‰rmlichen Langenweile zu retten?"

Melina wollte ihr antworten, und der Streit w‰re lebhafter geworden,
wenn nicht Wilhelm den im Augenblick hereintretenden Mann begr¸flt und
ihn herbeigewinkt h‰tte.

Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in
Erstaunen, und er hatte schon von einem Stuhle Besitz genommen, ehe
jemand ihn zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte.
Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren umkr‰nzt, grofle blaue
Augen blickten sanft unter langen weiflen Augenbrauen hervor. An eine
wohlgebildete Nase schlofl sich ein langer weifler Bart an, ohne die
gef‰llige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelbraunes Gewand
umh¸llte den schlanken Kˆrper vom Halse bis zu den F¸flen; und so fing
er auf der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu pr‰ludieren an.

Die angenehmen Tˆne, die er aus dem Instrumente hervorlockte,
erheiterten gar bald die Gesellschaft.

"Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter", sagte Philine.

"Gebt uns etwas, das Herz und Geist zugleich mit den Sinnen ergˆtze",
sagte Wilhelm. "Das Instrument sollte nur die Stimme begleiten; denn
Melodien, G‰nge und L‰ufe ohne Worte und Sinn scheinen mir
Schmetterlingen oder schˆnen bunten Vˆgeln ‰hnlich zu sein, die in der
Luft vor unsern Augen herumschweben, die wir allenfalls haschen und
uns zueignen mˆchten; da sich der Gesang dagegen wie ein Genius gen
Himmel hebt und das bessere Ich in uns ihn zu begleiten anreizt."

Der Alte sah Wilhelmen an, alsdann in die Hˆhe, tat einige Griffe auf
der Harfe und begann sein Lied. Es enthielt ein Lob auf den Gesang,
pries das Gl¸ck der S‰nger und ermahnte die Menschen, sie zu ehren.
Er trug das Lied mit so viel Leben und Wahrheit vor, dafl es schien,
als h‰tte er es in diesem Augenblicke und bei diesem Anlasse gedichtet.
Wilhelm enthielt sich kaum, ihm um den Hals zu fallen; nur die
Furcht, ein lautes Gel‰chter zu erregen, zog ihn auf seinen Stuhl
zur¸ck; denn die ¸brigen machten schon halblaut einige alberne
Anmerkungen und stritten, ob es ein Pfaffe oder ein Jude sei.

Als man nach dem Verfasser des Liedes fragte, gab er keine bestimmte
Antwort; nur versicherte er, dafl er reich an Ges‰ngen sei und w¸nsche
nur, dafl sie gefallen mˆchten. Der grˆflte Teil der Gesellschaft war
frˆhlich und freudig, ja selbst Melina nach seiner Art offen geworden,
und indem man untereinander schwatzte und scherzte, fing der Alte das
Lob des geselligen Lebens auf das geistreichste zu singen an. Er
pries Einigkeit und Gef‰lligkeit mit einschmeichelnden Tˆnen. Auf
einmal ward sein Gesang trocken, rauh und verworren, als er geh‰ssige
Verschlossenheit, kurzsinnige Feindschaft und gef‰hrlichen Zwiespalt
bedauerte, und gern warf jede Seele diese unbequemen Fesseln ab, als
er, auf den Fittichen einer vordringenden Melodie getragen, die
Friedensstifter pries und das Gl¸ck der Seelen, die sich wiederfinden,
sang.

Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: "Wer du auch seist,
der du als ein h¸lfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und
belebenden Stimme zu uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank!
f¸hle, dafl wir alle dich bewundern, und vertrau uns, wenn du etwas
bedarfst!"

Der Alte schwieg, liefl erst seine Finger ¸ber die Saiten schleichen,
dann griff er sie st‰rker an und sang:

"Was hˆr ich drauflen vor dem Tor,
Was auf der Br¸cke schallen?
Laflt den Gesang zu unserm Ohr
Im Saale widerhallen!"
Der Kˆnig sprach's, der Page lief,
Der Knabe kam, der Kˆnig rief:
"Bring ihn herein, den Alten!"

"Gegr¸flet seid, ihr hohen Herrn,
Gegr¸flt ihr, schˆne Damen!
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schlieflt, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergˆtzend

Der S‰nger dr¸ckt' die Augen ein
Und schlug die vollen Tˆne;
Der Ritter schaute mutig drein,
Und in den Schofl die Schˆne.
Der Kˆnig, dem das Lied gefiel,
Liefl ihm, zum Lohne f¸r sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.

"Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren k¸hnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und lafl ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.

Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet;
Doch darf ich bitten, bitt ich eins:
Lafl einen Trunk des besten Weins
In reinem Glase bringen."

Er setzt' es an, er trank es aus:
"O Trank der s¸flen Labe!
Oh! dreimal hochbegl¸cktes Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
F¸r diesen Trunk euch danke."

Da der S‰nger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das f¸r ihn
eingeschenkt dastand, ergriff und es mit freundlicher Miene, sich
gegen seine Wohlt‰ter wendend, austrank, entstand eine allgemeine
Freude in der Versammlung. Man klatschte und rief ihm zu, es mˆge
dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur St‰rkung seiner alten Glieder
gereichen. Er sang noch einige Romanzen und erregte immer mehr
Munterkeit in der Gesellschaft.

"Kannst du die Melodie, Alter", rief Philine, ""Der Sch‰fer putzte
sich zum Tanz"?"

"O ja", versetzte er; "wenn Sie das Lied singen und auff¸hren wollen,
an mir soll es nicht fehlen."

Philine stand auf und hielt sich fertig. Der Alte begann die Melodie,
und sie sang ein Lied, das wir unsern Lesern nicht mitteilen kˆnnen,
weil sie es vielleicht abgeschmackt oder wohl gar unanst‰ndig finden
kˆnnten.

Inzwischen hatte die Gesellschaft, die immer heiterer geworden war,
noch manche Flasche Wein ausgetrunken und fing an, sehr laut zu werden.
Da aber unserm Freunde die bˆsen Folgen ihrer Lust noch in frischem
Andenken schwebten, suchte er abzubrechen, steckte dem Alten f¸r seine
Bem¸hung eine reichliche Belohnung in die Hand, die andern taten auch
etwas, man liefl ihn abtreten und ruhen und versprach sich auf den
Abend eine wiederholte Freude von seiner Geschicklichkeit.

Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: "Ich kann zwar in Ihrem
Leibgesange weder ein dichterisches oder sittliches Verdienst finden;
doch wenn Sie mit ebender Naivet‰t, Eigenheit und Zierlichkeit etwas
Schickliches auf dem Theater jemals ausf¸hren, so wird Ihnen
allgemeiner, lebhafter Beifall gewifl zuteil werden."

"Ja", sagte Philine, "es m¸flte eine recht angenehme Empfindung sein,
sich am Eise zu w‰rmen."

"¸berhaupt", sagte Wilhelm, "wie sehr besch‰mt dieser Mann manchen
Schauspieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatische Ausdruck
seiner Romanzen war? Gewifl, es lebte mehr Darstellung in seinem
Gesang als in unsern steifen Personen auf der B¸hne; man sollte die
Auff¸hrung mancher St¸cke eher f¸r eine Erz‰hlung halten und diesen
musikalischen Erz‰hlungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben."

"Sie sind ungerecht!" versetzte Laertes, "ich gebe mich weder f¸r
einen groflen Schauspieler noch S‰nger; aber das weifl ich, dafl, wenn
die Musik die Bewegungen des Kˆrpers leitet, ihnen Leben gibt und
ihnen zugleich das Mafl vorschreibt; wenn Deklamation und Ausdruck
schon von dem Kompositeur auf mich ¸bertragen werden: so bin ich ein
ganz andrer Mensch, als wenn ich im prosaischen Drama das alles erst
erschaffen und Takt und Deklamation mir erst erfinden soll, worin mich
noch dazu jeder Mitspielende stˆren kann."

"Soviel weifl ich", sagte Melina, "dafl uns dieser Mann in einem Punkte
gewifl besch‰mt, und zwar in einem Hauptpunkte. Die St‰rke seiner
Talente zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir
vielleicht bald in Verlegenheit sein werden, wo wir eine Mahlzeit
hernehmen, bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm zu teilen. Er weifl uns
das Geld, das wir anwenden kˆnnten, um uns in einige Verfassung zu
setzen, durch ein Liedchen aus der Tasche zu locken. Es scheint so
angenehm zu sein, das Geld zu verschleudern, womit man sich und andern
eine Existenz verschaffen kˆnnte."

Das Gespr‰ch bekam durch diese Bemerkung nicht die angenehmste Wendung.
Wilhelm, auf den der Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete
mit einiger Leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht der grˆflten
Feinheit beflifl, brachte zuletzt seine Beschwerden mit ziemlich
trockenen Worten vor. "Es sind nun schon vierzehn Tage", sagte er,
"dafl wir das hier verpf‰ndete Theater und die Garderobe besehen haben,
und beides konnten wir f¸r eine sehr leidliche Summe haben. Sie
machten mir damals Hoffnung, dafl Sie mir soviel kreditieren w¸rden,
und bis jetzt habe ich noch nicht gesehen, dafl Sie die Sache weiter
bedacht oder sich einem Entschlufl gen‰hert h‰tten. Griffen Sie damals
zu, so w‰ren wir jetzt im Gange. Ihre Absicht zu verreisen haben Sie
auch noch nicht ausgef¸hrt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit ¸ber
auch nicht gespart zu haben; wenigstens gibt es Personen, die immer
Gelegenheit zu verschaffen wissen, dafl es geschwinder weggehe."

Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern Freund. Er versetzte
einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit und ergriff, da
die Gesellschaft aufstund und sich zerstreute, die T¸re, indem er
nicht undeutlich zu erkennen gab, dafl er sich nicht lange mehr bei so
unfreundlichen und undankbaren Menschen aufhalten wolle. Er eilte
verdriefllich hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor
dem Tore seines Gasthofs stand, und bemerkte nicht, dafl er halb aus
Lust, halb aus Verdrufl mehr als gewˆhnlich getrunken hatte.

II. Buch, 12. Kapitel

Zwˆlftes Kapitel

Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherlei Gedanken,
sitzend und vor sich hin sehend zugebracht hatte, schlenderte Philine
singend zur Haust¸re heraus, setzte sich zu ihm, ja man d¸rfte beinahe
sagen auf ihn, so nahe r¸ckte sie an ihn heran, lehnte sich auf seine
Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die
besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er mˆchte ja bleiben und sie
nicht in der Gesellschaft allein lassen, in der sie vor Langerweile
sterben m¸flte; sie kˆnne nicht mehr mit Melina unter einem Dache
ausdauern und habe sich deswegen her¸berquartiert.

Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, dafl er
l‰nger weder bleiben kˆnne noch d¸rfe. Sie liefl mit Bitten nicht ab,
ja unvermutet schlang sie ihren Arm um seinen Hals und k¸flte ihn mit
dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens.

"Sind Sie toll, Philine?" rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen
suchte, "die ˆffentliche Strafle zum Zeugen solcher Liebkosungen zu
machen, die ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich
kann nicht und ich werde nicht bleiben."

"Und ich werde dich festhalten", sagte sie, "und ich werde dich hier
auf ˆffentlicher Gasse so lange k¸ssen, bis du mir versprichst, was
ich w¸nsche. Ich lache mich zu Tode", fuhr sie fort; "nach dieser
Vertraulichkeit halten mich die Leute gewifl f¸r deine Frau von vier
Wochen, und die Ehem‰nner, die eine so anmutige Szene sehen, werden
mich ihren Weibern als ein Muster einer kindlich unbefangenen
Z‰rtlichkeit anpreisen."

Eben gingen einige Leute vorbei, und sie liebkoste ihn auf das
anmutigste, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle
des geduldigen Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie den Leuten
Gesichter im R¸cken und trieb voll ¸bermut allerhand Ungezogenheiten,
bis er zuletzt versprechen muflte, noch heute und morgen und ¸bermorgen
zu bleiben.

"Sie sind ein rechter Stock!" sagte sie darauf, indem sie von ihm
abliefl, "und ich eine Tˆrin, dafl ich so viel Freundlichkeit an Sie
verschwende." Sie stand verdriefllich auf und ging einige Schritte;
dann kehrte sie lachend zur¸ck und rief: "Ich glaube eben, dafl ich
darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen
Strickstrumpf holen, dafl ich etwas zu tun habe. Bleibe ja, damit ich
den steinernen Mann auf der steinernen Bank wiederfinde."

Diesmal tat sie ihm unrecht: denn sosehr er sich von ihr zu enthalten
strebte, so w¸rde er doch in diesem Augenblicke, h‰tte er sich mit ihr
in einer einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich
nicht unerwidert gelassen haben.

Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen Blick zugeworfen, in
das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr
Betragen einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne
selbst recht zu wissen warum, von der Bank, um ihr nachzugehen.

Er war eben im Begriff, in die T¸re zu treten, als Melina herbeikam,
ihn bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart
ausgesprochenen Ausdr¸cke um Verzeihung bat. "Sie nehmen mir nicht
¸bel", fuhr er fort, "wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich
befinde, mich vielleicht zu ‰ngstlich bezeige; aber die Sorge f¸r eine
Frau, vielleicht bald f¸r ein Kind, verhindert mich von einem Tag zum
andern, ruhig zu leben und meine Zeit mit dem Genufl angenehmer
Empfindungen hinzubringen, wie Ihnen noch erlaubt ist. ¸berdenken Sie,
und wenn es Ihnen mˆglich ist, so setzen Sie mich in den Besitz der
theatralischen Ger‰tschaften, die sich hier vorfinden. Ich werde
nicht lange Ihr Schuldner und Ihnen daf¸r ewig dankbar bleiben."

Wilhelm, der sich ungern auf der Schwelle aufgehalten sah, ¸ber die
ihn eine unwiderstehliche Neigung in diesem Augenblicke zu Philinen
hin¸berzog, sagte mit einer ¸berraschten Zerstreuung und eilfertigen
Gutm¸tigkeit: "Wenn ich Sie dadurch gl¸cklich und zufrieden machen
kann, so will ich mich nicht l‰nger bedenken. Gehn Sie hin, machen
Sie alles richtig. Ich bin bereit, noch diesen Abend oder morgen fr¸h
das Geld zu zahlen." Er gab hierauf Melinan die Hand zur Best‰tigung
seines Versprechens und war sehr zufrieden, als er ihn eilig ¸ber die
Strafle weggehen sah; leider aber wurde er von seinem Eindringen ins
Haus zum zweitenmal und auf eine unangenehmere Weise zur¸ckgehalten.

Ein junger Mensch mit einem B¸ndel auf dem R¸cken kam eilig die Strafle
her und trat zu Wilhelmen, der ihn gleich f¸r Friedrichen erkannte.

"Da bin ich wieder!" rief er aus, indem er seine groflen blauen Augen
freudig umher und hinauf an alle Fenster gehen liefl; "wo ist Mamsell?
Der Henker mag es l‰nger in der Welt aushalten, ohne sie zu sehen!"

Der Wirt, der eben dazugetreten war, versetzte: "Sie ist oben", und
mit wenigen Spr¸ngen war er die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb auf
der Schwelle wie eingewurzelt stehen. Er h‰tte in den ersten
Augenblicken den Jungen bei den Haaren r¸ckw‰rts die Treppe
herunterreiflen mˆgen; dann hemmte der heftige Krampf einer gewaltsamen
Eifersucht auf einmal den Lauf seiner Lebensgeister und seiner Ideen,
und da er sich nach und nach von seiner Erstarrung erholte, ¸berfiel
ihn eine Unruhe, ein Unbehagen, dergleichen er in seinem Leben noch
nicht empfunden hatte.

Er ging auf seine Stube und fand Mignon mit Schreiben besch‰ftigt.
Das Kind hatte sich eine Zeit her mit groflem Fleifle bem¸ht, alles, was
es auswendig wuflte, zu schreiben, und hatte seinem Herrn und Freund
das Geschriebene zu korrigieren gegeben. Sie war unerm¸det und faflte
gut; aber die Buchstaben blieben ungleich und die Linien krumm. Auch
hier schien ihr Kˆrper dem Geiste zu widersprechen. Wilhelm, dem die
Aufmerksamkeit des Kindes, wenn er ruhigen Sinnes war, grofle Freude
machte, achtete diesmal wenig auf das, was sie ihm zeigte; sie f¸hlte
es und betr¸bte sich dar¸ber nur desto mehr, als sie glaubte, diesmal
ihre Sache recht gut gemacht zu haben.

Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den G‰ngen des Hauses auf und ab und
bald wieder an die Haust¸re. Ein Reiter sprengte vor, der ein gutes
Ansehn hatte und der bei gesetzten Jahren noch viel Munterkeit verriet.
Der Wirt eilte ihm entgegen, reichte ihm als einem bekannten Freunde
die Hand und rief: "Ei, Herr Stallmeister, sieht man Sie auch einmal
wieder!"

"Ich will nur hier f¸ttern", versetzte der Fremde, "ich mufl gleich
hin¸ber auf das Gut, um in der Geschwindigkeit allerlei einrichten zu
lassen. Der Graf kˆmmt morgen mit seiner Gemahlin, sie werden sich
eine Zeitlang dr¸ben aufhalten, um den Prinzen von *** auf das beste
zu bewirten, der in dieser Gegend wahrscheinlich sein Hauptquartier
aufschl‰gt."

"Es ist schade, dafl Sie nicht bei uns bleiben kˆnnen", versetzte der
Wirt, "wir haben gute Gesellschaft." Der Reitknecht, der nachsprengte,
nahm dem Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der T¸re mit dem
Wirt unterhielt und Wilhelmen von der Seite ansah.

Dieser, da er merkte, dafl von ihm die Rede sei, begab sich weg und
ging einige Straflen auf und ab.

II. Buch, 13. Kapitel

Dreizehntes Kapitel

In der verdriefllichen Unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein, den
Alten aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bˆsen Geister zu
verscheuchen hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an
ein schlechtes Wirtshaus in einem entfernten Winkel des St‰dtchens und
in demselben die Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der s¸fle
Harfenklang aus einer Kammer entgegenschallte. Es waren herzr¸hrende,
klagende Tˆne, von einem traurigen, ‰ngstlichen Gesange begleitet.
Wilhelm schlich an die T¸re, und da der gute Alte eine Art von
Phantasie vortrug und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend
immer wiederholte, konnte der Horcher nach einer kurzen Aufmerksamkeit
ungef‰hr folgendes verstehen:

Wer nie sein Brot mit Tr‰nen afl, Wer nie die kummervollen N‰chte Auf
seinem Bette weinend safl, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen M‰chte.

Ihr f¸hrt ins Leben uns hinein, Ihr laflt den Armen schuldig werden,
Dann ¸berlaflt ihr ihn der Pein; Denn alle Schuld r‰cht sich auf Erden.

Die wehm¸tige, herzliche Klage drang tief in die Seele des Hˆrers. Es
schien ihm, als ob der Alte manchmal von Tr‰nen gehindert w¸rde
fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die
Stimme leise in gebrochenen Lauten dareinmischte. Wilhelm stand an
dem Pfosten, seine Seele war tief ger¸hrt, die Trauer des Unbekannten
schlofl sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgef¸hl
und konnte und wollte die Tr‰nen nicht zur¸ckhalten, die des Alten
herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen hervorlockte. Alle
Schmerzen, die seine Seele dr¸ckten, lˆsten sich zu gleicher Zeit auf,
er ¸berliefl sich ihnen ganz, stiefl die Kammert¸re auf und stand vor
dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrat dieser
armseligen Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genˆtigt gewesen.

"Was hast du mir f¸r Empfindungen rege gemacht, guter Alter!" rief er
aus, "alles, was in meinem Herzen stockte, hast du losgelˆst; lafl dich
nicht stˆren, sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst,
einen Freund gl¸cklich zu machen." Der Alte wollte aufstehen und
etwas reden, Wilhelm verhinderte ihn daran; denn er hatte zu Mittage
bemerkt, dafl der Mann ungern sprach; er setzte sich vielmehr zu ihm
auf den Strohsack nieder.

Der Alte trocknete seine Tr‰nen und fragte mit einem freundlichen
L‰cheln: "Wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen diesen Abend
wieder aufwarten."

"Wir sind hier ruhiger", versetzte Wilhelm, "singe mir, was du willst,
was zu deiner Lage paflt, und tue nur, als ob ich gar nicht hier w‰re.
Es scheint mir, als ob du heute nicht irren kˆnntest. Ich finde dich
sehr gl¸cklich, dafl du dich in der Einsamkeit so angenehm besch‰ftigen
und unterhalten kannst und, da du ¸berall ein Fremdling bist, in
deinem Herzen die angenehmste Bekanntschaft findest."

Der Alte blickte auf seine Saiten, und nachdem er sanft pr‰ludiert
hatte, stimmte er an und sang:

Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach! der ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt
Und l‰flt ihn seiner Pein.

Ja! laflt mich meiner Qual!
Und kann ich nur einmal
Recht einsam sein,
Dann bin ich nicht allein.

Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
Ob seine Freundin allein?
So ¸berschleicht bei Tag und Nacht
Mich Einsamen die Pein,

Mich Einsamen die Qual.
Ach werd ich erst einmal
Einsam im Grabe sein,
Da l‰flt sie mich allein!

Wir w¸rden zu weitl‰ufig werden und doch die Anmut der seltsamen
Unterredung nicht ausdr¸cken kˆnnen, die unser Freund mit dem
abenteuerlichen Fremden hielt. Auf alles, was der J¸ngling zu ihm
sagte, antwortete der Alte mit der reinsten ¸bereinstimmung durch
Ankl‰nge, die alle verwandten Empfindungen rege machten und der
Einbildungskraft ein weites Feld erˆffneten.

Wer einer Versammlung frommer Menschen, die sich, abgesondert von der
Kirche, reiner, herzlicher und geistreicher zu erbauen glauben,
beigewohnt hat, wird sich auch einen Begriff von der gegenw‰rtigen
Szene machen kˆnnen; er wird sich erinnern, wie der Liturg seinen
Worten den Vers eines Gesanges anzupassen weifl, der die Seele dahin
erhebt, wohin der Redner w¸nscht, dafl sie ihren Flug nehmen mˆge, wie
bald darauf ein anderer aus der Gemeinde in einer andern Melodie den
Vers eines andern Liedes hinzuf¸gt und an diesen wieder ein dritter
einen dritten ankn¸pft, wodurch die verwandten Ideen der Lieder, aus
denen sie entlehnt sind, zwar erregt werden, jede Stelle aber durch
die neue Verbindung neu und individuell wird, als wenn sie in dem
Augenblicke erfunden worden w‰re; wodurch denn aus einem bekannten
Kreise von Ideen, aus bekannten Liedern und Spr¸chen f¸r diese
besondere Gesellschaft, f¸r diesen Augenblick ein eigenes Ganzes
entsteht, durch dessen Genufl sie belebt, gest‰rkt und erquickt wird.
So erbaute der Alte seinen Gast, indem er durch bekannte und
unbekannte Lieder und Stellen nahe und ferne Gef¸hle, wachende und
schlummernde, angenehme und schmerzliche Empfindungen in eine
Zirkulation brachte, von der in dem gegenw‰rtigen Zustande unsers
Freundes das Beste zu hoffen war.

II. Buch, 14. Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Denn wirklich fing er auf dem R¸ckwege ¸ber seine Lage lebhafter, als
bisher geschehen, zu denken an und war mit dem Vorsatze, sich aus
derselben herauszureiflen, nach Hause gelangt, als ihm der Wirt
sogleich im Vertrauen erˆffnete, dafl Mademoiselle Philine an dem
Stallmeister des Grafen eine Eroberung gemacht habe, der, nachdem er
seinen Auftrag auf dem Gute ausgerichtet, in hˆchster Eile
zur¸ckgekommen sei und ein gutes Abendessen oben auf ihrem Zimmer mit
ihr verzehre.

In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; sie
gingen zusammen auf Wilhelms Zimmer, wo dieser, wiewohl mit einigem
Zaudern, seinem Versprechen Gen¸ge leistete, dreihundert Taler auf
Wechsel an Melina auszahlte, welche dieser sogleich dem Notarius
¸bergab und dagegen das Dokument ¸ber den geschlossenen Kauf der
ganzen theatralischen Ger‰tschaft erhielt, welche ihm morgen fr¸h
¸bergeben werden sollte.

Kaum waren sie auseinandergegangen, als Wilhelm ein entsetzliches
Geschrei in dem Hause vernahm. Er hˆrte eine jugendliche Stimme, die
zornig und drohend durch ein unm‰fliges Weinen und Heulen durchbrach.
Er hˆrte diese Wehklage von oben herunter an seiner Stube vorbei nach
dem Hausplatze eilen.

Als die Neugierde unsern Freund herunterlockte, fand er Friedrichen in
einer Art von Raserei. Der Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte
mit geballten F‰usten und stellte sich ganz ungeb‰rdig vor Zorn und
Verdrufl, Mignon stand gegen¸ber und sah mit Verwunderung zu, und der
Wirt erkl‰rte einigermaflen diese Erscheinung.

Der Knabe sei nach seiner R¸ckkunft, da ihn Philine gut aufgenommen,
zufrieden, lustig und munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis
zur Zeit, da der Stallmeister mit Philinen Bekanntschaft gemacht. Nun
habe das Mittelding zwischen Kind und J¸ngling angefangen, seinen
Verdrufl zu zeigen, die T¸ren zuzuschlagen und auf und nieder zu rennen.
Philine habe ihm befohlen, heute abend bei Tische aufzuwarten,
wor¸ber er nur noch m¸rrischer und trotziger geworden; endlich habe er
eine Sch¸ssel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu setzen,
zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich nahe zusammen
gesessen, hineingeworfen, worauf ihm der Stallmeister ein paar
t¸chtige Ohrfeigen gegeben und ihn zur T¸re hinausgeschmissen. Er,
der Wirt, habe darauf die beiden Personen s‰ubern helfen, deren
Kleider sehr ¸bel zugerichtet gewesen.

Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache vernahm, fing er laut zu
lachen an, indem ihm noch immer die Tr‰nen an den Backen
herunterliefen. Er freute sich einige Zeit herzlich, bis ihm der
Schimpf, den ihm der St‰rkere angetan, wieder einfiel, da er denn von
neuem zu heulen und zu drohen anfing.

Wilhelm stand nachdenklich und besch‰mt vor dieser Szene. Er sah sein
eignes Innerstes mit starken und ¸bertriebenen Z¸gen dargestellt; auch
er war von einer un¸berwindlichen Eifersucht entz¸ndet; auch er, wenn
ihn der Wohlstand nicht zur¸ckgehalten h‰tte, w¸rde gern seine wilde
Laune befriedigt, gern mit t¸ckischer Schadenfreude den geliebten
Gegenstand verletzt und seinen Nebenbuhler ausgefordert haben; er
h‰tte die Menschen, die nur zu seinem Verdrusse dazusein schienen,
vertilgen mˆgen.

Laertes, der auch herbeigekommen war und die Geschichte vernommen
hatte, best‰rkte schelmisch den aufgebrachten Knaben, als dieser
beteuerte und schwur: der Stallmeister m¸sse ihm Satisfaktion geben,
er habe noch keine Beleidigung auf sich sitzen lassen; weigere sich
der Stallmeister, so werde er sich zu r‰chen wissen.

Laertes war hier grade in seinem Fache. Er ging ernsthaft hinauf, den
Stallmeister im Namen des Knaben herauszufordern.

"Das ist lustig", sagte dieser; "einen solchen Spafl h‰tte ich mir heut
abend kaum vorgestellt." Sie gingen hinunter, und Philine folgte
ihnen. "Mein Sohn", sagte der Stallmeister zu Friedrichen, "du bist
ein braver Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur
da die Ungleichheit unsrer Jahre und Kr‰fte die Sache ohnehin etwas
abenteuerlich macht, so schlage ich statt anderer Waffen ein Paar
Rapiere vor; wir wollen die Knˆpfe mit Kreide bestreichen, und wer dem
andern den ersten oder die meisten Stˆfle auf den Rock zeichnet, soll
f¸r den ¸berwinder gehalten und von dem andern mit dem besten Weine,
der in der Stadt zu haben ist, traktiert werden."

Laertes entschied, dafl dieser Vorschlag angenommen werden kˆnnte;
Friedrich gehorchte ihm als seinem Lehrmeister. Die Rapiere kamen
herbei, Philine setzte sich hin, strickte und sah beiden K‰mpfern mit
grofler Gem¸tsruhe zu.

Der Stallmeister, der seht gut focht, war gef‰llig genug, seinen
Gegner zu schonen und sich einige Kreidenflecke auf den Rock bringen
zu lassen, worauf sie sich umarmten und Wein herbeigeschafft wurde.
Der Stallmeister wollte Friedrichs Herkunft und seine Geschichte
wissen, der denn ein M‰rchen erz‰hlte, das er schon oft wiederholt
hatte und mit dem wir ein andermal unsre Leser bekannt zu machen
gedenken.

In Wilhelms Seele vollendete indessen dieser Zweikampf die Darstellung
seiner eigenen Gef¸hle: denn er konnte sich nicht leugnen, dafl er das
Rapier, ja lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister zu
f¸hren w¸nschte, wenn er schon einsah, dafl ihm dieser in der
Fechtkunst weit ¸berlegen sei. Doch w¸rdigte er Philinen nicht eines
Blicks, h¸tete sich vor jeder ‰uflerung, die seine Empfindung h‰tte
verraten kˆnnen, und eilte, nachdem er einigemal auf die Gesundheit
der K‰mpfer Bescheid getan, auf sein Zimmer, wo sich tausend
unangenehme Gedanken auf ihn zudr‰ngten.

Er erinnerte sich der Zeit, in der sein Geist durch ein unbedingtes,
hoffnungsreiches Streben emporgehoben wurde, wo er in dem lebhaftesten
Genusse aller Art wie in einem Elemente schwamm. Es ward ihm deutlich,
wie er jetzt in ein unbestimmtes Schlendern geraten war, in welchem
er nur noch schl¸rfend kostete, was er sonst mit vollen Z¸gen
eingesogen hatte; aber deutlich konnte er nicht sehen, welches
un¸berwindliche Bed¸rfnis ihm die Natur zum Gesetz gemacht hatte und
wie sehr dieses Bed¸rfnis durch Umst‰nde nur gereizt, halb befriedigt
und irregef¸hrt worden war.

Es darf also niemand wundern, wenn er bei Betrachtung seines Zustandes,
und indem er sich aus demselben herauszudenken arbeitete, in die
grˆflte Verwirrung geriet. Es war nicht genug, dafl er durch seine
Freundschaft zu Laertes, durch seine Neigung zu Philinen, durch seinen
Anteil an Mignon l‰nger als billig an einem Orte und in einer
Gesellschaft festgehalten wurde, in welcher er seine Lieblingsneigung
hegen, gleichsam verstohlen seine W¸nsche befriedigen und, ohne sich
einen Zweck vorzusetzen, seinen alten Tr‰umen nachschleichen konnte.
Aus diesen Verh‰ltnissen sich loszureiflen und gleich zu scheiden,
glaubte er Kraft genug zu besitzen. Nun hatte er aber vor wenigen
Augenblicken sich mit Melina in ein Geldgesch‰ft eingelassen, er hatte
den r‰tselhaften Alten kennenlernen, welchen zu entziffern er eine
unbeschreibliche Begierde f¸hlte. Allein auch dadurch sich nicht
zur¸ckhalten zu lassen, war er nach lang hin und her geworfenen
Gedanken entschlossen oder glaubte wenigstens entschlossen zu sein.
"Ich mufl fort", rief er aus, "ich will fort!" Er warf sich in einen
Sessel und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte, ob sie ihn
aufwickeln d¸rfe. Sie kam still; es schmerzte sie tief, dafl er sie
heute so kurz abgefertigt hatte.

Nichts ist r¸hrender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen gen‰hrt,
eine Treue, die sich im verborgenen befestigt hat, endlich dem, der
ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt und ihm
offenbar wird. Die lange und streng verschlossene Knospe war reif,
und Wilhelms Herz konnte nicht empf‰nglicher sein.

Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. "Herr!" rief sie aus, "wenn
du ungl¸cklich bist, was soll aus Mignon werden?"--"Liebes Geschˆpf",
sagte er, indem er ihre H‰nde nahm, "du bist auch mit unter meinen
Schmerzen.--Ich mufl fort." Sie sah ihm in die Augen, die von
verhaltenen Tr‰nen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder.
Er behielt ihre H‰nde, sie legte ihr Haupt auf seine Knie und war
ganz still. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie
blieb lange ruhig. Endlich f¸hlte er an ihr eine Art Zucken, das ganz
sachte anfing und sich durch alle Glieder wachsend verbreitete. "Was
ist dir, Mignon?" rief er aus, "was ist dir?" Sie richtete ihr
Kˆpfchen auf und sah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit
einer Geb‰rde, welche Schmerzen verbeiflt. Er hob sie auf, und sie
fiel auf seinen Schofl; er dr¸ckte sie an sich und k¸flte sie. Sie
antwortete durch keinen H‰ndedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt
ihr Herz fest, und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen
Bewegungen des Kˆrpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch
sogleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein
gr‰fllicher Anblick! "Mein Kind!" rief er aus, indem er sie aufhob und
fest umarmte, "mein Kind, was ist dir?" Die Zuckung dauerte fort, die
vom Herzen sich den schlotternden Gliedern mitteilte; sie hing nur in
seinen Armen. Er schlofl sie an sein Herz und benetzte sie mit seinen
Tr‰nen. Auf einmal schien sie wieder angespannt, wie eins, das den
hˆchsten kˆrperlichen Schmerz ertr‰gt; und bald mit einer neuen
Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich
ihm, wie ein Ressort, das zuschl‰gt, um den Hals, indem in ihrem
Innersten wie ein gewaltiger Rifl geschah, und in dem Augenblicke flofl
ein Strom von Tr‰nen aus ihren geschlossenen Augen in seinen Busen.
Er hielt sie fest. Sie weinte, und keine Zunge spricht die Gewalt
dieser Tr‰nen aus. Ihre langen Haare waren aufgegangen und hingen von
der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von
Tr‰nen unaufhaltsam dahinzuschmelzen. Ihre starren Glieder wurden
gelinde, es ergofl sich ihr Innerstes, und in der Verirrung des
Augenblickes f¸rchtete Wilhelm, sie werde in seinen Armen zerschmelzen
und er nichts von ihr ¸brigbehalten. Er hielt sie nur fester und
fester. "Mein Kind!" rief er aus, "mein Kind! Du bist ja mein! Wenn
dich das Wort trˆsten kann. Du bist mein! Ich werde dich behalten,
dich nicht verlassen!" Ihre Tr‰nen flossen noch immer. Endlich
richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit gl‰nzte von ihrem
Gesichte. "Mein Vater!" rief sie, "du willst mich nicht verlassen!
willst mein Vater sein!--Ich bin dein Kind!"

Sanft fing vor der T¸re die Harfe an zu klingen; der Alte brachte
seine herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind
immer fester in Armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten
Gl¸ckes genofl.

Book of the day: