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Reineke Fuchs by Johann Wolfgang von Goethe

Part 3 out of 3

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Aber ich safl im Brunnen bek¸mmert und muflte den Tag lang
Harren und Schl‰ge genug am selbigen Abend erdulden,
Eh ich entkam. Es traten zum Brunnen einige Bauern,
Sie bemerkten mich da. Von grimmigem Hunger gepeinigt,
Safl ich in Trauer und Angst, erb‰rmlich war mir zumute.
Untereinander sprachen die Bauern: Da sieh nur, im Eimer
Sitzt da unten der Feind, der unsre Schafe vermindert.
Hol ihn herauf, versetzte der eine: ich halte mich fertig
Und empfang ihn am Rand, er soll uns die L‰mmer bezahlen!
Wie er mich aber empfing, das war ein Jammer! Es fielen
Schl‰g auf Schl‰ge mir ¸ber den Pelz, ich hatte mein Leben
Keinen traurigern Tag, und kaum entrann ich dem Tode.

Reineke sagte darauf. Bedenkt genauer die Folgen,
Und Ihr findet gewifl, wie heilsam die Schl‰ge gewesen.
Ich f¸r meine Person mag lieber dergleichen entbehren,
Und wie die Sache stand, so muflte wohl eines von beiden
Sich mit den Schl‰gen beladen, wir konnten zugleich nicht entgehen.
Wenn Ihrs Euch merkt, so nutzt es Euch wohl, und k¸nftig vertraut Ihr
Keinem so leicht in ‰hnlichen F‰llen. Die Welt ist voll Schalkheit.

Ja, versetzte der Wolf: was braucht es weiter Beweise!
Niemand verletzte mich mehr, als dieser bˆse Verr‰ter.
Eines erz‰hlt ich noch nicht, wie er in Sachsen mich einmal
Unter das Affengeschlecht zu Schand und Schaden gef¸hret.
Er beredete mich, in eine Hˆhle zu kriechen,
Und er wuflte voraus, es w¸rde mir ¸bels begegnen.
W‰r ich nicht eilig entflohn, ich w‰r um Augen und Ohren
Dort gekommen. Er sagte vorher mit gleisenden Worten:
Seine Frau Muhme find ich daselbst, er meinte die ‰ffin;
Doch es verdrofl ihn, dafl ich entkam. Er schickte mich t¸ckisch
In das abscheuliche Nest, ich dacht, es w‰re die Hˆlle.

Reineke sagte darauf vor allen Herren des Hofes:
Isegrim redet verwirrt, er scheint nicht vˆllig bei Sinnen.
Von der ‰ffin will er erz‰hlen, so sag er es deutlich.
Drittehalb Jahr sinds her, als nach dem Lande zu Sachsen
Er mit groflem Prassen gezogen, wohin ich ihm folgte.
Das ist wahr, das ¸brige l¸gt er. Es waren nicht Affen,
Meerkatzen warens, von welchen er redet; und nimmermehr werd ich
Diese f¸r meine Muhmen erkennen. Martin, der Affe,
Und Frau R¸ckenau sind mir verwandt; sie ehr ich als Muhme,
Ihn als Vetter, und r¸hme mich des. Notarius ist er
Und versteht sich aufs Recht. Doch was von jenen Geschˆpfen
Isegrim sagt, geschieht mir zum Hohn, ich habe mit ihnen
Nichts zu tun, und nie sinds meine Verwandten gewesen;
Denn sie gleichen dem hˆllischen Teufel. Und dafl ich die Alte
Damals Muhme geheiflen, das tat ich mit gutem Bedachte.
Nichts verlor ich dabei, das will ich gerne gestehen:
Gut gastierte sie mich, sonst h‰tte sie mˆgen ersticken.

Seht, Ihr Herren! wir hatten den Weg zur Seite gelassen,
Gingen hinter dem Berg, und eine d¸stere Hˆhle,
Tief und lang, bemerkten wir da. Es f¸hlte sich aber
Isegrim krank, wie gewˆhnlich, vor Hunger. Wann h‰tt ihn auch jemals
Einer so satt gesehen, dafl er zufrieden gewesen?
Und ich sagte zu ihm: In dieser Hˆhle befindet
Speise f¸rwahr sich genug, ich zweifle nicht, ihre Bewohner
Teilen gerne mit uns, was sie haben, wir kommen gelegen.
Isegrim aber versetzte darauf: Ich werde, mein Oheim,
Unter dem Baume hier warten, Ihr seid in allem geschickter,
Neue Bekannte zu machen, und wenn Euch Essen gereicht wird,
Tut mirs zu wissen! So dachte der Schalk, auf meine Gefahr erst
Abzuwarten, was sich erg‰be; ich aber begab mich
In die Hˆhle hinein. Nicht ohne Schauer durchwandert
Ich den langen und krummen Gang, er wollte nicht enden.
Aber was ich dann fand--den Schrecken wollt ich um vieles
Rotes Gold nicht zweimal in meinem Leben erfahren!
Welch ein Nest voll h‰fllicher Tiere, grofler und kleiner!
Und die Mutter dabei, ich dacht, es w‰re der Teufel.
Weit und grofl ihr Maul mit langen h‰fllichen Z‰hnen,
Lange N‰gel an H‰nden und F¸flen und hinten ein langer
Schwanz an den R¸cken gesetzt; so was Abscheuliches hab ich
Nicht im Leben gesehn! Die schwarzen leidigen Kinder
Waren seltsam gebildet, wie lauter junge Gespenster.
Greulich sah sie mich an. Ich dachte: w‰r ich von dannen!
Grˆfler war sie als Isegrim selbst, und einige Kinder
Fast von gleicher Statur. Im faulen Heue gebettet
Fand ich die garstige Brut und ¸ber und ¸ber beschlabbert
Bis an die Ohren mit Kot, es stank in ihrem Reviere
ƒrger als hˆllisches Pech. Die reine Wahrheit zu sagen:
Wenig gefiel es mir da, denn ihrer waren so viele,
Und ich stand nur allein. Sie zogen greuliche Fratzen.
Da besann ich mich denn, und einen Ausweg versucht ich,
Gr¸flte sie schˆn--ich meint es nicht so--und wuflte so freundlich
Und bekannt mich zu stellen. Frau Muhme! sagt ich zur Alten,
Vettern hiefl ich die Kinder und liefl es an Worten nicht fehlen.
Spar Euch der gn‰dige Gott auf lange gl¸ckliche Zeiten!
Sind das Eure Kinder? F¸rwahr! ich sollte nicht fragen;
Wie behagen sie mir! Hilf Himmel! wie sie so lustig,
Wie sie so schˆn sind! Man n‰hme sie alle f¸r Sˆhne des Kˆnigs.
Seid mir vielmal gelobt, dafl Ihr mit w¸rdigen Sprossen
Mehret unser Geschlecht, ich freue mich ¸ber die Maflen.
Gl¸cklich find ich mich nun, von solchen ˆhmen zu wissen;
Denn zu Zeiten der Not bedarf man seiner Verwandten.

Als ich ihr soviel Ehre geboten, wiewohl ich es anders
Meinte, bezeigte sie mir von ihrer Seite desgleichen,
Hiefl mich Oheim und tat so bekannt, so wenig die N‰rrin
Auch zu meinem Geschlechte gehˆrt. Doch konnte f¸r diesmal
Gar nicht schaden, sie Muhme zu heiflen. Ich schwitzte dazwischen
‹ber und ¸ber vor Angst; allein sie redete freundlich:
Reineke, werter Verwandter, ich heifl Euch schˆnstens willkommen!
Seid Ihr auch wohl? Ich bin Euch mein ganzes Leben verbunden,
Dafl Ihr zu mir gekommen. Ihr lehret kluge Gedanken
Meine Kinder fortan, dafl sie zu Ehren gelangen.
Also hˆrt ich sie reden; das hatt ich mit wenigen Worten,
Dafl ich sie Muhme genannt und dafl ich die Wahrheit geschonet,
Reichlich verdient. Doch w‰r ich so gern im Freien gewesen.
Aber sie liefl mich nicht fort und sprach: Ihr d¸rfet, mein Oheim,
Unbewirtet nicht weg! Verweilet, laflt Euch bedienen.
Und sie brachte mir Speise genug, ich w¸flte sie wahrlich
Jetzt nicht alle zu nennen; verwundert war ich zum hˆchsten,
Wie sie zu allem gekommen. Von Fischen, Rehen und anderm
Guten Wildbret, ich speiste davon, es schmeckte mir herrlich.
Als ich zur Gn¸ge gegessen, belud sie mich ¸ber das alles,
Bracht ein St¸ck vom Hirsche getragen, ich sollt es nach Hause
Zu den Meinigen bringen, und ich empfahl mich zum besten.
Reineke, sagte sie noch: besucht mich ˆfters. Ich h‰tte,
Was sie wollte, versprochen; ich machte, dafl ich herauskam.
Lieblich war es nicht da f¸r Augen und Nase, ich h‰tte
Mir den Tod beinahe geholt; ich suchte zu fliehen,
Lief behende den Gang bis zu der ˆffnung am Baume.
Isegrim lag und stˆhnte daselbst; ich sagte: Wie gehts Euch,
Oheim? Er sprach: Nicht wohl! ich mufl vor Hunger verderben.
Ich erbarmte mich seiner und gab ihm den kˆstlichen Braten,
Den ich mit mir gebracht. Er afl mit grofler Begierde,
Vielen Dank erzeigt' er mir da; nun hat ers vergessen!
Als er nun fertig geworden, begann er: Laflt mich erfahren,
Wer die Hˆhle bewohnt? Wie habt Ihrs drinne gefunden?
Gut oder schlecht? Ich sagt ihm darauf die lauterste Wahrheit,
Unterrichtet ihn wohl. Das Nest sei bˆse, dagegen
Finde sich drin viel kˆstliche Speise. Sobald er begehre,
Seinen Teil zu erhalten, so mˆg er kecklich hineingehn,
Nur vor allem sich h¸ten, die grade Wahrheit zu sagen.
Soll es Euch nach W¸nschen ergehn, so spart mir die Wahrheit!
Wiederholt ich ihm noch: denn f¸hrt sie jemand best‰ndig
Unklug im Munde, der leidet Verfolgung, wohin er sich wendet;
‹berall steht er zur¸ck, die andern werden geladen.
Also hiefl ich ihn gehn; ich lehrt ihn: was er auch f‰nde,
Sollt er reden, was jeglicher gerne zu hˆren begehret,
Und man werd ihn freundlich empfangen. Das waren die Worte,
Gn‰diger Kˆnig und Herr, nach meinem besten Gewissen.
Aber das Gegenteil tat er hernach, und kriegt' er dar¸ber
Etwas ab, so hab er es auch; er sollte mir folgen.
Grau sind seine Zotteln f¸rwahr, doch sucht man die Weisheit
Nur vergebens dahinter. Es achten solche Gesellen
Weder Klugheit noch feine Gedanken; es bleibet dem groben
Tˆlpischen Volke der Wert von aller Weisheit verborgen.
Treulich sch‰rft ich ihm ein, die Wahrheit diesmal zu sparen;
Weifl ich doch selbst, was sich ziemt! versetzt' er trotzig dagegen,
Und so trabt' er die Hˆhle hinein, da hat ers getroffen.
Hinten safl das abscheuliche Weib, er glaubte, den Teufel
Vor sich zu sehn! die Kinder dazu! da rief er betroffen:
Hilfe! Was f¸r abscheuliche Tiere! Sind diese Geschˆpfe
Eure Kinder? Sie scheinen f¸rwahr ein Hˆllengesindel.
Geht, ertr‰nkt sie, das w‰re das beste, damit sich die Brut nicht
‹ber die Erde verbreite! Wenn es die meinigen w‰ren,
Ich erdrosselte sie. Man finge wahrlich mit ihnen
Junge Teufel, man brauchte sie nur in einem Moraste
Auf das Schilf zu binden, die garstigen, schmutzigen Rangen!
Ja, Mooraffen sollten sie heiflen, da paflte der Name!

Eilig versetzte die Mutter und sprach mit zornigen Worten:
Welcher Teufel schickt uns den Boten? Wer hat Euch gerufen,
Hier uns grob zu begegnen? Und meine Kinder! Was habt Ihr,
Schˆn oder h‰fllich, mit ihnen zu tun? Soeben verl‰flt uns
Reineke Fuchs, der erfahrene Mann, der mufl es verstehen;
Meine Kinder, beteuert' er hoch, er finde sie s‰mtlich'
Schˆn und sittig, von guter Manier; er mochte mit Freuden
Sie f¸r seine Verwandten erkennen. Das hat er uns alles
Hier an diesem Platz vor einer Stunde versichert.
Wenn sie Euch nicht wie ihm gefallen, so hat Euch wahrhaftig
Niemand zu kommen gebeten. Das mˆgt Ihr, Isegrim, wissen.

Und er forderte gleich von ihr zu essen und sagte:
Holt herbei, sonst helf ich Euch suchen! Was wollen die Reden
Weiter helfen? Er machte sich dran und wollte gewaltsam
Ihren Vorrat betasten; das war ihm ¸bel geraten!
Denn sie warf sich ¸ber ihn her, zerbifl und zerkratzt' ihm
Mit den N‰geln das Fell und klaut' und zerrt' ihn gewaltig;
Ihre Kinder taten das gleiche, sie bissen und krammten
Greulich auf ihn; da heult' er und schrie mit blutigen Wangen,
Wehrte sich nicht und lief mit hastigen Schritten zur ˆffnung.
‹bel zerrissen sah ich ihn kommen, zerkratzt, und die Fetzen
Hingen herum, ein Ohr war gespalten und blutig die Nase,
Manche Wunde kneipten sie ihm und hatten das Fell ihm
Garstig zusammengeruckt. Ich fragt ihn, wie er heraustrat:
Habt Ihr die Wahrheit gesagt? Er aber sagte dagegen:
Wie ichs gefunden, so hab ich gesprochen. Die leidige Hexe
Hat mich ¸bel gesch‰ndet, ich wollte, sie w‰re hier auflen,
Teuer bezahlte sie mirs! Was d¸nkt Euch, Reineke? habt Ihr
Jemals solche Kinder gesehn? so garstig, so bˆse?
Da ichs ihr sagte, da war es geschehn, da fand ich nicht weiter
Gnade vor ihr und habe mich ¸bel im Loche befunden.

Seid Ihr verr¸ckt? versetzt ich ihm drauf. ich hab es Euch anders
Weislich geheiflen. Ich gr¸fl Euch zum schˆnsten (so solltet Ihr sagen),
Liebe Muhme, wie geht es mit Euch? Wie geht es den lieben
Artigen Kindern? Ich freue mich sehr, die groflen und kleinen
Neffen wiederzusehn. Doch Isegrim sagte dagegen:
Muhme das Weib zu begr¸flen? und Neffen die h‰fllichen Kinder?
Nehm sie der Teufel zu sich! Mir graut vor solcher Verwandtschaft.
Pfui! ein ganz abscheuliches Pack! ich seh sie nicht wieder.
Darum ward er so ¸bel bezahlt. Nun richtet, Herr Kˆnig!
Sagt er mit Recht, ich hab ihn verraten? Er mag es gestehen,
Hat die Sache sich nicht, wie ich erz‰hle, begeben?

Isegrim sprach entschlossen dagegen: Wir machen wahrhaftig
Diesen Streit mit Worten nicht aus. Was sollen wir keifen?
Recht bleibt Recht, und wer es auch hat, es zeigt sich am Ende.
Trotzig, Reineke, tretet Ihr auf, so mˆgt Ihr es haben!
K‰mpfen wollen wir gegeneinander, da wird es sich finden.
Vieles wiflt Ihr zu sagen, wie vor der Affen Behausung
Ich so groflen Hunger gelitten, und wie Ihr mich damals
Treulich gen‰hrt. Ich w¸flte nicht, wie! Es war nur ein Knochen,
Den Ihr brachtet, das Fleisch vermutlich speistet Ihr selber.
Wo Ihr stehet, spottet Ihr mein und redet verwegen,
Meiner Ehre zu nah. Ihr habt mit sch‰ndlichen L¸gen
Mich verd‰chtig gemacht, als h‰tt ich bˆse Verschwˆrung
Gegen den Kˆnig im Sinne gehabt und h‰tte sein Leben
Ihm zu rauben gew¸nscht; Ihr aber prahltet dagegen
Ihm von Sch‰tzen was vor; er mˆchte schwerlich sie finden!
Schm‰hlich behandeltet Ihr mein Weib und sollt es mir b¸flen.
Dieser Sachen klag ich Euch an! ich denke zu k‰mpfen
‹ber Altes und Neues und wiederhol es: ein Mˆrder,
Ein Verr‰ter seid Ihr, ein Dieb; und Leben um Leben
Wollen wir k‰mpfen, es endige nun das Keifen und Schelten.
Einen Handschuh biet ich Euch an, so wie ihn zu Rechte
Jeder Fordernde reicht, Ihr mˆgt ihn zum Pfande behalten,
Und wir finden uns bald. Der Kˆnig hat es vernommen,
Alle die Herren habens gehˆrt! ich hoffe, sie werden
Zeugen sein des rechtlichen Kampfs. Ihr sollt nicht entweichen,
Bis die Sache sich endlich entscheidet; dann wollen wir sehen.

Reineke dachte bei sich: Das geht um Vermˆgen und Leben!
Grofl ist er, ich aber bin klein, und kˆnnt es mir diesmal
Etwa mifllingen, so h‰tten mir alle die listigen Streiche
Wenig geholfen. Doch warten wirs ab. Denn, wenn ichs bedenke,
Bin ich im Vorteil: verlor er ja schon die vordersten Klauen!
Ist der Tor nicht k¸hler geworden, so soll er am Ende
Seinen Willen nicht haben, es koste, was es auch wolle.

Reineke sagte zum Wolfe darauf: Ihr mˆgt mir wohl selber
Ein Verr‰ter, Isegrim, sein, und alle Beschwerden,
Die Ihr auf mich zu bringen gedenket, sind alle gelogen.
Wollt Ihr k‰mpfen? ich wag es mit Euch und werde nicht wanken.
Lange w¸nscht ich mir das! hier ist mein Handschuh dagegen.

So empfing der Kˆnig die Pf‰nder, es reichten sie beide
K¸hnlich. Er sagte darauf: Ihr sollt mir B¸rgen bestellen,
Dafl Ihr morgen zum Kampfe nicht fehlt; denn beide Parteien
Find ich verworren, wer mag die Reden alle verstehen?

Isegrims B¸rgen wurden sogleich der B‰r und der Kater,
Braun und Hinze; f¸r Reineken aber verb¸rgten sich gleichfalls
Vetter Moneke, Sohn von M‰rtenaffe, mit Grimbart.

Reineke, sagte Frau R¸ckenau drauf: nun bleibet gelassen,
Klug von Sinnen! Es lehrte mein Mann, der jetzo nach Rom ist,
Euer Oheim, mich einst ein Gebet; es hatte dasselbe
Abt von Schluckauf gesetzt und gab es meinem Gemahle,
Dem er sich g¸nstig erwies, auf einen Zettel geschrieben.
Dieses Gebet, so sagte der Abt, ist heilsam den M‰nnern,
Die ins Gefecht sich begeben; man mufl es n¸chtern des Morgens
‹berlesen, so bleibt man des Tags von Not und Gefahren
Vˆllig befreit, vorm Tode gesch¸tzt, vor Schmerzen und Wunden.
Trˆstet Euch, Neffe, damit, ich will es morgen beizeiten
‹ber Euch lesen, so geht Ihr getrost und ohne Besorgnis.
Liebe Muhme, versetzte der Fuchs: ich danke von Herzen,
Ich gedenk es Euch wieder. Doch mufl mir immer am meisten
Meiner Sache Gerechtigkeit helfen und meine Gewandtheit.

Reinekens Freunde blieben beisammen die Nacht durch und scheuchten
Seine Grillen durch muntre Gespr‰che. Frau R¸ckenau aber
War vor allen besorgt und gesch‰ftig, sie liefl ihn behende
Zwischen Kopf und Schwanz und Brust und Bauche bescheren
Und mit Fett und ˆle bestreichen; es zeigte sich aber
Reineke fett und rund und wohl zu Fufle. Daneben
Sprach sie: Hˆret mich an, bedenket, was Ihr zu tun habt,
Hˆret den Rat verst‰ndiger Freunde, das hilft Euch am besten.
Trinket nur brav und haltet das Wasser, und kommt Ihr des Morgens
In den Kreis, so macht es gescheit, benetzet den rauhen
Wedel ¸ber und ¸ber und sucht den Gegner zu treffen;
Kˆnnt Ihr die Augen ihm salben, so ists am besten geraten,
Sein Gesicht verdunkelt sich gleich; es kommt Euch zustatten,
Und ihn hindert es sehr. Auch m¸flt Ihr anfangs Euch furchtsam
Stellen und gegen den Wind mit fl¸chtigen F¸flen entweichen.
Wenn er Euch folget, erregt nur den Staub, auf dafl Ihr die Augen
Ihm mit Unrat und Sande verschlieflt. Dann springet zur Seite,
Paflt auf jede Bewegung, und wenn er die Augen sich auswischt,
Nehmt des Vorteils gewahr und salbt ihm aufs neue die Augen
Mit dem ‰tzenden Wasser, damit er vˆllig erblinde,
Nicht mehr wisse, wo aus noch ein, und der Sieg Euch verbleibe.
Lieber Neffe, schlaft nur ein wenig, wir wollen Euch wecken,
Wenn es Zeit ist. Doch will ich sogleich die heiligen Worte
‹ber Euch lesen, von welchen ich sprach, auf dafl ich Euch st‰rke.
Und sie legt' ihm die Hand aufs Haupt und sagte die Worte:
Nekr‰ts negibaul geid sum namteflih dnudna mein tedahcs!
Nun Gl¸ck auf! nun seid Ihr verwahrt! Das N‰mliche sagte
Oheim Grimbart; dann f¸hrten sie ihn und legten ihn schlafen.
Ruhig schlief er. Die Sonne ging auf; da kamen die Otter
Und der Dachs, den Vetter zu wecken. Sie gr¸flten ihn freundlich,
Und sie sagten: Bereitet Euch wohl! Da brachte die Otter
Eine junge Ente hervor und reicht' sie ihm, sagend:
Eflt, ich habe sie Euch mit manchem Sprunge gewonnen
An dem Damme bei H¸nerbrot; laflts Euch belieben, mein Vetter.

Gutes Handgeld ist das, versetzte Reineke munter:
So was verschm‰h ich nicht leicht. Das mˆge Gott Euch vergelten,
Dafl Ihr meiner gedenkt! Er liefl das Essen sich schmecken
Und das Trinken dazu und ging mit seinen Verwandten
In den Kreis, auf den ebenen Sand, da sollte man k‰mpfen.

Zwˆlfter Gesang

Als der Kˆnig Reineken sah, wie dieser am Kreise
Glatt geschoren sich zeigte, mit ÷l und schl¸pfrigem Fette
‹ber und ¸ber gesalbt, da lacht' er ¸ber die Maflen.
Fuchs! wer lehrte dich das? so rief er: mag man doch billig
Reineke Fuchs dich heiflen, du bist best‰ndig der Lose!
Allerorten kennst du ein Loch und weiflt dir zu helfen.

Reineke neigte sich tief vor dem Kˆnige, neigte besonders
Vor der Kˆnigin sich und kam mit mutigen Spr¸ngen
In den Kreis. Da hatte der Wolf mit seinen Verwandten
Schon sich gefunden; sie w¸nschten dem Fuchs ein schm‰hliches Ende;
Manches zornige Wort und manche Drohung vernahm er.
Aber Lynx und Lupardus, die W‰rter des Kreises, sie brachten
Nun die Heilgen hervor, und beide K‰mpfer beschworen,
Wolf und Fuchs, mit Bedacht die zu behauptende Sache.

Isegrim schwur mit heftigen Worten und drohenden Blicken:
Reineke sei ein Verr‰ter, ein Dieb, ein Mˆrder und aller
Missetat schuldig, er sei auf Gewalt und Ehbruch betreten,
Falsch in jeglicher Sache; das gelte Leben um Leben!
Reineke schwur zur Stelle dagegen: er seie sich keiner
Dieser Verbrechen bewuflt, und Isegrim l¸ge wie immer,
Schwˆre falsch wie gewˆhnlich, doch soll' es ihm nimmer gelingen,
Seine L¸ge zur Wahrheit zu machen, am wenigsten diesmal.
Und es sagten die W‰rter des Kreises: Ein jeglicher tue,
Was er schuldig zu tun ist! das Recht wird bald sich ergeben.
Grofl und klein verlieflen den Kreis, die beiden alleine
Drin zu verschlieflen. Geschwind begann die ‰ffin zu fl¸stern:
Merket, was ich Euch sagte, vergeflt nicht, dem Rate zu folgen!
Reineke sagte heiter darauf: Die gute Vermahnung
Macht mich mutiger gehn. Getrost! ich werde der K¸hnheit
Und der List auch jetzt nicht vergessen, durch die ich aus manchen
Grˆflern Gefahren entronnen, worein ich ˆfters geraten,
Wenn ich mir dieses und jenes geholt, was bis jetzt nicht bezahlt ist,
Und mein Leben k¸hnlich gewagt. Wie sollt ich nicht jetzo
Gegen den Bˆsewicht stehen? Ich hoff, ihn gewifllich zu sch‰nden,
Ihn und sein ganzes Geschlecht, und Ehre den Meinen zu bringen.
Was er auch l¸gt, ich tr‰nk es ihm ein. Nun liefl man die beiden
In dem Kreise zusammen, und alle schauten begierig.

Isegrim zeigte sich wild und grimmig, reckte die Tatzen,
Kam daher mit offenem Maul und gewaltigen Spr¸ngen.
Reineke, leichter als er, entsprang dem st¸rmenden Gegner
Und benetzte behende den rauhen Wedel mit seinem
ƒtzenden Wasser und schleift' ihn im Staube, mit Sand ihn zu f¸llen.
Isegrim dachte, nun hab er ihn schon! da schlug ihm der Lose
‹ber die Augen den Schwanz, und Hˆren und Sehen verging ihm.
Nicht das erstemal ¸bt' er die List, schon viele Geschˆpfe
Hatten die sch‰dliche Kraft des ‰tzenden Wassers erfahren.
Isegrims Kinder blendet' er so, wie anfangs gesagt ist;
Und nun dacht er den Vater zu zeichnen. Nachdem er dem Gegner
So die Augen gesalbt, entsprang er seitw‰rts und stellte
Gegen den Wind sich, r¸hrte den Sand und jagte des Staubes
Viel in die Augen des Wolfs, der sich mit Reiben und Wischen
Hastig und ¸bel benahm und seine Schmerzen vermehrte.
Reineke wuflte dagegen geschickt den Wedel zu f¸hren,
Seinen Gegner aufs neue zu treffen und g‰nzlich zu blenden.
‹bel bekam es dem Wolfe! denn seinen Vorteil benutzte
Nun der Fuchs. Sobald er die schmerzlich tr‰nenden Augen
Seines Feindes erblickte, begann er mit heftigen Spr¸ngen,
Mit gewaltigen Schl‰gen auf ihn zu st¸rmen, zu kratzen
Und zu beiflen und immer die Augen ihm wieder zu salben.
Halb von Sinnen tappte der Wolf, da spottete seiner
Reineke dreister und sprach: Herr Wolf, Ihr habt wohl vorzeiten
Manch unschuldiges Lamm verschlungen, in Euerem Leben
Manch unstr‰fliches Tier verzehrt: ich hoffe, sie sollen
K¸nftig Ruhe genieflen, auf alle F‰lle bequemt Ihr
Euch, sie in Frieden zu lassen, und nehmet Segen zum Lohne.
Eure Seele gewinnt bei dieser Bufle, besonders
Wenn Ihr das Ende geduldig erwartet. Ihr werdet f¸r diesmal
Nicht aus meinen H‰nden entrinnen, Ihr m¸fltet mit Bitten
Mich versˆhnen, da schont ich Euch wohl und liefl' Euch das Leben.

Hastig sagte Reineke das und hatte den Gegner
Fest an der Kehle gepackt und hofft ihn also zu zwingen.
Isegrim aber, st‰rker als er, bewegte sich grimmig,
Mit zwei Z¸gen rifl er sich los. Doch Reineke griff ihm
Ins Gesicht, verwundet' ihn hart und rifl ihm ein Auge
Aus dem Kopfe, es rann ihm das Blut die Nase herunter.
Reineke rief: So wollt ich es haben! so ist es gelungen!
Blutend verzagte der Wolf, und sein verlorenes Auge
Macht' ihn rasend, er sprang, vergessend Wunden und Schmerzen,
Gegen Reineken los und druckt' ihn nieder zu Boden.
‹bel befand sich der Fuchs, und wenig half ihm die Klugheit.
Einen der vorderen F¸fle, die er als H‰nde gebrauchte,
Faflt' ihm Isegrim schnell und hielt ihn zwischen den Z‰hnen.
Reineke lag bek¸mmert am Boden, er sorgte zur Stunde
Seine Hand zu verlieren und dachte tausend Gedanken.
Isegrim brummte dagegen mit hohler Stimme die Worte:

Deine Stunde, Dieb, ist gekommen! Ergib dich zur Stelle,
Oder ich schlage dich tot f¸r deine betr¸glichen Taten!
Ich bezahle dich nun, es hat dir wenig geholfen,
Staub zu kratzen, Wasser zu lassen, das Fell zu bescheren,
Dich zu schmieren; wehe dir nun! du hast mir so vieles
‹bel getan, gelogen auf mich, mir das Auge geblendet,
Aber du sollst nicht entgehn, ergib dich, oder ich beifle!

Reineke dachte: Nun geht es mir schlimm, was soll ich beginnen?
Geb ich mich nicht, so bringt er mich um, und wenn ich mich gebe,
Bin ich auf ewig beschimpft. Ja, ich verdiene die Strafe,
Denn ich hab ihn zu ¸bel behandelt, zu grˆblich beleidigt.
S¸fle Worte versucht' er darauf, den Gegner zu mildern.
Lieber Oheim! sagt' er zu ihm: ich werde mit Freuden
Euer Lehnsmann sogleich mit allem, was ich besitze.
Gerne geh ich als Pilger f¸r Euch zum Heiligen Grabe,
In das Heilige Land, in alle Kirchen, und bringe
Ablafl genug von dannen zur¸ck. Es gereichet derselbe
Eurer Seele zu Nutz und soll f¸r Vater und Mutter
‹brig bleiben, damit sich auch die im ewigen Leben
Dieser Wohltat erfreun; wer ist nicht ihrer bed¸rftig?
Ich verehr Euch, als w‰rt Ihr der Papst, und schwˆre den teuren
Heiligen Eid, von jetzt auf alle k¸nftige Zeiten
Ganz der Eure zu sein mit allen meinen Verwandten.
Alle sollen Euch dienen zu jeder Stunde. So schwˆr ich!
Was ich dem Kˆnige selbst nicht verspr‰che, das sei Euch geboten.
Nehmt Ihr es an, so wird Euch dereinst die Herrschaft des Landes.
Alles, was ich zu fangen verstehe, das will ich Euch bringen:
G‰nse, H¸hner, Enten und Fische, bevor ich das mindste
Solcher Speise verzehre, ich lafl Euch immer die Auswahl,
Eurem Weib und Kindern. Ich will mit Fleifle darneben
Euer Leben beraten, es soll Euch kein ¸bel ber¸hren.
Lose heifl ich, und Ihr seid stark, so kˆnnen wir beide
Grofle Dinge verrichten. Zusammen m¸ssen wir halten,
Einer mit Macht, der andre mit Rat, wer wollt uns bezwingen?
K‰mpfen wir gegeneinander, so ist es ¸bel gehandelt.
Ja, ich h‰tt es niemals getan, wofern ich nur schicklich
H‰tte den Kampf zu vermeiden gewuflt; Ihr fordertet aber,
Und ich muflte denn wohl mich ehrenhalber bequemen.
Aber ich habe mich hˆflich gehalten und w‰hrend des Streites
Meine ganze Macht nicht bewiesen; es mufl dir, so dacht ich,
Deinen Oheim zu schonen, zur grˆflten Ehre gereichen.
H‰tt ich Euch aber gehaflt, es w‰r Euch anders gegangen.
Wenig Schaden habt Ihr gelitten, und wenn aus Versehen
Euer Auge verletzt ist, so bin ich herzlich bek¸mmert.
Doch das Beste bleibt mir dabei: ich kenne das Mittel,
Euch zu heilen, und teil ichs Euch mit, Ihr werdet mirs danken.
Bliebe das Auge gleich weg, und seid Ihr sonst nur genesen,
Ist es Euch immer bequem; Ihr habet, legt Ihr Euch schlafen,
Nur Ein Fenster zu schlieflen, wir andern bem¸hen uns doppelt.
Euch zu versˆhnen, sollen sogleich sich meine Verwandten
Vor Euch neigen, mein Weib und meine Kinder, sie sollen
Vor des Kˆniges Augen im Angesicht dieser Versammlung
Euch ersuchen und bitten, dafl Ihr mir gn‰dig vergebet
Und mein Leben mir schenkt. Dann will ich offen bekennen,
Dafl ich unwahr gesprochen und Euch mit L¸gen gesch‰ndet,
Euch betrogen, wo ich gekonnt. Ich verspreche, zu schwˆren,
Dafl mir von Euch nichts Bˆses bekannt ist und dafl ich von nun an
Nimmer Euch zu beleidigen denke. Wie kˆnntet Ihr jemals
Grˆflere S¸hne verlangen, als die, wozu ich bereit bin?
Schlagt Ihr mich tot, was habt Ihr davon? es bleiben Euch immer
Meine Verwandten zu f¸rchten und meine Freunde; dagegen,
Wenn Ihr mich schont, verlaflt Ihr mit Ruhm und Ehren den Kampfplatz,
Scheinet jeglichem edel und weise: denn hˆher vermag sich
Niemand zu heben, als wenn er vergibt. Es kommt Euch so bald nicht
Diese Gelegenheit wieder, benutzt sie. ¸brigens kann mir
Jetzt ganz einerlei sein, zu sterben oder zu leben.

Falscher Fuchs! versetzte der Wolf. wie w‰rst du so gerne
Wieder los! Doch w‰re die Welt von Golde geschaffen,
Und bˆtest du sie mir in deinen Nˆten, ich w¸rde
Dich nicht lassen! Du hast mir so oft vergeblich geschworen,
Falscher Geselle! Gewifl, nicht Eierschalen erhielt' ich
Liefl' ich dich los. Ich achte nicht viel auf deine Verwandten;
Ich erwarte, was sie vermˆgen, und denke so ziemlich
Ihre Feindschaft zu tragen. Du Schadenfroher! wie w¸rdest
Du nicht spotten, g‰b ich dich frei auf deine Beteurung.
Wer dich nicht kennte, w‰re betrogen. Du hast mich, so sagst du,
Heute geschont, du leidiger Dieb! und h‰ngt mir das Auge
Nicht zum Kopfe heraus? Du Bˆsewicht, hast du die Haut mir
Nicht an zwanzig Orten verletzt? und konnt ich nur einmal
Wieder zu Atem gelangen, da du den Vorteil gewonnen?
Tˆricht w‰r es gehandelt, wenn ich f¸r Schaden und Schande
Dir nun Gnad und Mitleid erzeigte. Du brachtest, Verr‰ter,
Mich und mein Weib in Schaden und Schmach, das kostet dein Leben.

Also sagte der Wolf. Indessen hatte der Lose
Zwischen die Schenkel des Gegners die andre Tatze geschoben;
Bei den empfindlichsten Teilen ergriff er denselben und ruckte,
Zerrt' ihn grausam, ich sage nicht mehr--Erb‰rmlich zu schreien
Und zu heulen begann der Wolf mit offenem Munde.
Reineke zog die Tatze behend aus den klemmenden Z‰hnen,
Hielt mit beiden den Wolf nun immer fester und fester,
Kneipt' und zog; da heulte der Wolf und schrie so gewaltig
Dafl er Blut zu speien begann, es brach ihm vor Schmerzen
‹ber und ¸ber der Schweifl durch seine Zotten, er lˆste
Sich vor Angst. Das freute den Fuchs, nun hofft' er zu siegen,
Hielt ihn immer mit H‰nden und Z‰hnen, und grofle Bedr‰ngnis,
Grofle Pein kam ¸ber den Wolf, er gab sich verloren.
Blut rann ¸ber sein Haupt, aus seinen Augen, er st¸rzte
Nieder, bet‰ubt. Es h‰tte der Fuchs des Goldes die F¸lle
Nicht f¸r diesen Anblick genommen; so hielt er ihn immer
Fest und schleppte den Wolf und zog, dafl alle das Elend
Sahen, und kneipt' und druckt' und bifl und klaute den Armen,
Der mit dumpfem Geheul im Staub und eigenen Unrat
Sich mit Zuckungen w‰lzte, mit ungeb‰rdigem Wesen.
Seine Freunde jammerten laut, sie baten den Kˆnig:
Aufzunehmen den Kampf, wenn es ihm also beliebte.
Und der Kˆnig versetzte: Sobald Euch allen bed¸nket,
Allen lieb ist, dafl es geschehe, so bin ichs zufrieden.

Und der Kˆnig gebot: die beiden W‰rter des Kreises,
Lynx und Lupardus, sollten zu beiden K‰mpfern hineingehn.
Und sie traten darauf in die Schranken und sprachen dem Sieger
Reineke zu: es sei nun genug, es w¸nsche der Kˆnig,
Aufzunehmen den Kampf, den Zwist geendigt zu sehen.
Er verlangt, so fuhren sie fort: Ihr mˆgt ihm den Gegner
‹berlassen, das Leben dem ¸berwundenen schenken.
Denn, wenn einer getˆtet in diesem Zweikampf erl‰ge,
W‰re es schade auf jeglicher Seite. Ihr habt ja den Vorteil!
Alle sahen es, Klein und Grofle. Auch fallen die besten
M‰nner Euch bei, Ihr habt sie f¸r Euch auf immer gewonnen.

Reineke sprach: Ich werde daf¸r mich dankbar beweisen!
Gerne folg ich dem Willen des Kˆnigs, und was sich geb¸hret,
Tu ich gern; ich habe gesiegt, und Schˆners verlang ich
Nichts zu erleben! Es gˆnne mir nur der Kˆnig das Eine,
Dafl ich meine Freunde befrage. Da riefen die Freunde
Reinekens alle: Es d¸nket uns gut, den Willen des Kˆnigs
Gleich zu erf¸llen. Sie kamen zu Scharen zum Sieger gelaufen,
Alle Verwandte, der Dachs und der Affe und Otter und Biber.
Seine Freunde waren nun auch der Marder, die Wiesel,
Hermelin und Eichhorn und viele, die ihn befeindet,
Seinen Namen zuvor nicht nennen mochten, sie liefen
Alle zu ihm. Da fanden sich auch, die sonst ihn verklagten,
Seine Verwandte anjetzt, und brachten Weiber und Kinder,
Grofle, mittlere, kleine, dazu die kleinsten; es tat ihm
Jeglicher schˆn, sie schmeichelten ihm und konnten nicht enden.

In der Welt gehts immer so zu. Dem Gl¸cklichen sagt man:
Bleibet lange gesund! er findet Freunde die Menge.
Aber wem es ¸bel ger‰t, der mag sich gedulden!
Ebenso fand es sich hier. Ein jeglicher wollte der n‰chste
Neben dem Sieger sich bl‰hn. Die einen flˆteten, andre
Sangen, bliesen Posaunen und schlugen Pauken dazwischen.
Reinekens Freunde sprachen zu ihm: Erfreut Euch, Ihr habet
Euch und Euer Geschlecht in dieser Stunde gehoben!
Sehr betr¸bten wir uns, Euch unterliegen zu sehen,
Doch es wandte sich bald, es war ein treffliches St¸ckchen.
Reineke sprach: Es ist mit gegl¸ckt, und dankte den Freunden.
Also gingen sie hin mit groflem Get¸mmel, vor allen
Reineke mit den W‰rtern des Kreises, und so gelangten
Sie zum Throne des Kˆnigs, da kniete Reineke nieder.
Aufstehn hiefl ihn der Kˆnig und sagte vor allen den Herren:
Euren Tag bewahrtet Ihr wohl, Ihr habet mit Ehren
Eure Sache vollf¸hrt, deswegen sprech ich Euch ledig;
Alle Strafe hebet sich auf, ich werde dar¸ber
N‰chstens sprechen im Rat mit meinen Edlen, sobald nur
Isegrim wieder geheilt ist; f¸r heute schliefl ich die Sache.

Eurem Rate, gn‰diger Herr, versetzte bescheiden
Reineke drauf: ist heilsam zu folgen; Ihr wiflt es am besten.
Als ich hierher kam, klagten so viele, sie logen dem Wolfe,
Meinem m‰chtigen Feinde, zulieb, der wollte mich st¸rzen,
Hatte mich fast in seiner Gewalt; da riefen die andern:
Kreuzige! klagten mit ihm, nur mich aufs letzte zu bringen,
Ihm gef‰llig zu sein; denn alle konnten bemerken:
Besser stand er bei Euch als ich, und keiner gedachte
Weder ans Ende, noch wie sich vielleicht die Wahrheit verhalte.
Jenen Hunden vergleich ich sie wohl, die pflegten in Menge
Vor der K¸che zu stehn und hofften, es werde wohl ihrer
Auch der g¸nstige Koch mit einigen Knochen gedenken.
Einen ihrer Gesellen erblickten die wartenden Hunde,
Der ein St¸ck gesottenes Fleisch dem Koche genommen
Und nicht eilig genug zu seinem Ungl¸ck davonsprang.
Denn es begofl ihn der Koch mit heiflem Wasser von hinten
Und verbr¸ht' ihm den Schwanz; doch liefl er die Beute nicht fallen,
Mengte sich unter die andern, sie aber sprachen zusammen:
Seht, wie diesen der Koch vor allen andern beg¸nstigt!
Seht, welch kˆstliches St¸ck er ihm gab! Und jener versetzte:
Wenig begreift ihr davon, ihr lobt und preist mich von vorne,
Wo es euch freilich gef‰llt, das kˆstliche Fleisch zu erblicken;
Aber beseht mich von hinten und preist mich gl¸cklich, wofern ihr
Eure Meinung nicht ‰ndert. Da sie ihn aber besahen,
War er schrecklich verbrannt, es fielen die Haare herunter,
Und die Haut verschrumpft' ihm am Leib. Ein Grauen befiel sie,
Niemand wollte zur K¸che, sie liefen und lieflen ihn stehen.
Herr, die Gierigen mein ich hiermit. Solange sie m‰chtig
Sind, verlangt sie ein jeder zu seinem Freunde zu haben.
St¸ndlich sieht man sie, sie tragen das Fleisch in dem Munde.
Wer sich nicht nach ihnen bequemt, der mufl es entgelten,
Loben mufl man sie immer, so ¸bel sie handeln, und also
St‰rkt man sie nur in str‰flicher Tat. So tut es ein jeder,
Der nicht das Ende bedenkt. Doch werden solche Gesellen
÷fters gestraft, und ihre Gewalt nimmt ein trauriges Ende.
Niemand leidet sie mehr, so fallen zur Rechten und Linken
Ihnen die Haare vom Leibe. Das sind die vorigen Freunde,
Grofl und klein, sie fallen nun ab und lassen sie nackend;
So wie s‰mtliche Hunde sogleich den Gesellen verlieflen,
Als sie den Schaden bemerkt und seine gesch‰ndete H‰lfte.
Gn‰diger Herr, Ihr werdet verstehn, von Reineken soll man
Nie so reden, es sollen die Freunde sich meiner nicht sch‰men.
Euer Gnaden dank ich aufs beste, und kˆnnt ich nur immer
Euren Willen erfahren, ich w¸rd ihn gerne vollbringen.

Viele Worte helfen uns nichts, versetzte der Kˆnig:
Alles hab ich gehˆrt und, was Ihr meinet, verstanden.
Euch, als edlen Baron, Euch will ich im Rate wie vormals
Wiedersehen, ich mach Euch zur Pflicht, zu jeglicher Stunde
Meinen geheimen Rat zu besuchen. So bring ich Euch wieder
Vˆllig zu Ehren und Macht, und Ihr verdient es, ich hoffe.
Helfet alles zum besten wenden. Ich kann Euch am Hofe
Nicht entbehren, und wenn Ihr die Weisheit mit Tugend verbindet,
So wird niemand ¸ber Euch gehn und sch‰rfer und kl¸ger
Rat und Wege bezeichnen. Ich werde k¸nftig die Klagen
‹ber Euch weiter nicht hˆren. Und Ihr sollt immer an meiner
Stelle reden und handeln als Kanzler des Reiches. Es sei Euch
Also mein Siegel befohlen, und was Ihr tuet und schreibet,
Bleibe getan und geschrieben.--So hat nun Reineke billig
Sich zu groflen Gunsten geschwungen, und alles befolgt man,
Was er r‰t und beschlieflt, zu Frommen oder zu Schaden.

Reineke dankte dem Kˆnig und sprach: Mein edler Gebieter,
Zu viel Ehre tut Ihr mir an, ich will es gedenken,
Wie ich hoffe Verstand zu behalten. Ihr sollt es erfahren.

Wie es dem Wolf indessen erging, vernehmen wir k¸rzlich.
‹berwunden lag er im Kreise und ¸bel behandelt,
Weib und Freunde gingen zu ihm und Hinze, der Kater,
Braun, der B‰r, und Kind und Gesind und seine Verwandten.
Klagend legten sie ihn auf eine Bahre, man hatte
Wohl mit Heu sie gepolstert, ihn warm zu halten, und trugen
Aus dem Kreis ihn heraus. Man untersuchte die Wunden,
Z‰hlete sechsundzwanzig; es kamen viele Chirurgen,
Die sogleich ihn verbanden und heilende Tropfen ihm reichten.
Alle Glieder waren ihm lahm. Sie rieben ihm gleichfalls
Kraut ins Ohr, er nieste gewaltig von vornen und hinten.
Und sie sprachen zusammen: Wir wollen ihn salben und baden;
Trˆsteten solchergestalt des Wolfes traurige Sippschaft,
Legten ihn sorglich zu Bette, da schlief er, aber nicht lange,
Wachte verworren und k¸mmerte sich, die Schande, die Schmerzen
Setzten ihm zu, er jammerte laut und schien zu verzweifeln;
Sorglich wartete Gieremund sein, mit traurigem Mute,
Dachte den groflen Verlust. Mit mannigfaltigen Schmerzen
Stand sie, bedauerte sich und ihre Kinder und Freunde,
Sah den leidenden Mann, er konnt es niemals verwinden,
Raste vor Schmerz, der Schmerz war grofl und traurig die Folgen.

Reineken aber behagte das wohl, er schwatzte vergn¸glich
Seinen Freunden was vor und hˆrte sich preisen und loben.
Hohen Mutes schied er von dannen. Der gn‰dige Kˆnig
Sandte Geleite mit ihm und sagte freundlich zum Abschied:
Kommt bald wieder! Da kniete der Fuchs am Throne zur Erden,
Sprach: Ich dank Euch von Herzen und meiner gn‰digen Frauen,
Eurem Rate, den Herren zusamt. Es spare, mein Kˆnig,
Gott zu vielen Ehren Euch auf, und was Ihr begehret,
Tu ich gern, ich lieb Euch gewifl und bin es Euch schuldig.
Jetzo, wenn Ihrs vergˆnnt, gedenk ich nach Hause zu reisen,
Meine Frau und Kinder zu sehn, sie warten und trauren.

Reiset nur hin, versetzte der Kˆnig: und f¸rchtet nichts weiter.
Also machte sich Reineke fort, vor allen beg¸nstigt.
Manche seines Gelichters verstehen dieselbigen K¸nste,
Rote B‰rte tragen nicht alle; doch sind sie geborgen.

Reineke zog mit seinem Geschlecht, mit vierzig Verwandten,
Stolz von Hofe, sie waren geehrt und freuten sich dessen.
Als ein Herr trat Reineke vor, es folgten die andern.
Frohen Mutes erzeigt' er sich da, es war ihm der Wedel
Breit geworden, er hatte die Gunst des Kˆnigs gefunden.
War nun wieder im Rat und dachte, wie er es nutzte.
Wen ich liebe, dem frommts, und meine Freunde genieflens,
Also dacht er: die Weisheit ist mehr als Gold zu verehren.

So begab sich Reineke fort, begleitet von allen
Seinen Freunden, den Weg nach Malepartus, der Feste.
Allen zeigt' er sich dankbar, die sich ihm g¸nstig erwiesen,
Die in bedenklicher Zeit an seiner Seite gestanden.
Seine Dienste bot er dagegen; sie schieden und gingen
Zu den Seinigen jeder, und er in seiner Behausung
Fand sein Weib, Frau Ermelyn, wohl: sie gr¸flt' ihn mit Freuden,
Fragte nach seinem Verdrufl, und wie er wieder entkommen.
Reineke sagte: Gelang es mir doch! ich habe mich wieder
In die Gunst des Kˆnigs gehoben, ich werde wie vormals
Wieder im Rate mich finden, und unserm ganzen Geschlechte
Wird es zur Ehre gedeihn. Er hat mich zum Kanzler des Reiches
Laut vor allen ernannt und mir das Siegel befohlen.
Alles, was Reineke tut und schreibt, es bleibet f¸r immer
Wohlgetan und geschrieben, das mag sich jeglicher merken!

Unterwiesen hab ich den Wolf in wenig Minuten,
Und er klagt mir nicht mehr. Geblendet ist er, verwundet
Und beschimpft sein ganzes Geschlecht; ich hab ihn gezeichnet!
Wenig n¸tzt er k¸nftig der Welt. Wir k‰mpften zusammen,
Und ich hab ihn untergebracht. Er wird mir auch schwerlich
Wieder gesund. Was liegt mir daran? Ich bleibe sein Vormann,
Aller seiner Gesellen, die mit ihm halten und stehen.

Reinekens Frau vergn¸gte sich sehr; so wuchs auch den beiden
Kleinen Knaben der Mut bei ihres Vaters Erhˆhung.
Untereinander sprachen sie froh: Vergn¸gliche Tage
Leben wir nun, von allen verehrt, und denken indessen
Unsre Burg zu befestgen und heiter und sorglos zu leben.

Hochgeehrt ist Reineke nun! Zur Weisheit bekehre
Bald sich jeder und meide das Bˆse, verehre die Tugend!
Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter
Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Bˆse vom Guten
Sondern mˆget und sch‰tzen die Weisheit, damit auch die K‰ufer
Dieses Buchs vom Laufe der Welt sich t‰glich belehren.
Denn so ist es beschaffen, so wird es bleiben, und also
Endigt sich unser Gedicht von Reinekens Wesen und Taten.
Uns verhelfe der Herr zur ewigen Herrlichkeit! Amen.

Book of the day: