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Rˆmische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen

Part 9 out of 12

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beteiligt; dennoch war sie mehr ein Sitz der Verzehrenden als der Erwerbenden.
Im ganzen Altertum gab es keine Stadt, in welcher das Geniessen des Lebens so
sehr die Hauptsache, und dessen Pflichten so beilaeufig waren wie in "Antiocheia
bei Daphne", wie die Stadt bezeichnend genannt wird, etwa wie wenn wir sagen
wuerden "Wien beim Prater". Denn Daphne ^8 ist der Lustgarten, eine deutsche
Meile von der Stadt, von zwei Meilen im Umkreis, beruehmt durch seine
Lorbeerbaeume, wonach er heisst, durch seine alten Zypressen, die noch die
christlichen Kaiser zu schonen befahlen, seine fliessenden und springenden
Wasser, seinen glaenzenden Apollotempel und die prachtvolle vielbesuchte
Festfeier des 10. August. Die ganze Umgegend der Stadt, die zwischen zwei
bewaldeten Bergzuegen in dem Tale des wasserreichen Orontes, drei deutsche
Meilen aufwaerts von der Muendung desselben liegt, ist noch heute trotz aller
Vernachlaessigung ein bluehender Garten und einer der anmutigsten Flecke der
Erde. Der Stadt selbst tat es an Pracht und Glanz der oeffentlichen Anlagen im
ganzen Reiche keine zuvor. Die Hauptstrasse, welche in der Ausdehnung von 36
Stadien, nahezu einer deutschen Meile, mit einer bedeckten Saeulenhalle zu
beiden Seiten und in der Mitte einem breiten Fahrweg, die Stadt in gerader
Richtung laengs des Flusses durchschnitt, ist in vielen antiken Staedten
nachgeahmt worden, aber hat ihresgleichen nicht einmal in dem kaiserlichen Rom.
Wie in jedem guten Hause in Antiocheia das Wasser lief ^9, so wandelte man in
jenen Hallen durch die ganze Stadt zu allen Jahrzeiten geschuetzt vor Regen wie
vor Sonnenglut, auch des Abends in erleuchteten Strassen, was sonst von keiner
Stadt des Altertums berichtet wird ^10.
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^7 Dies sagt Diodor (20, 47) von der Vorlaeuferin Antiocheias, der nur etwa
eine Meile weiter flussaufwaerts angelegten Stadt Antigoneia. Antiocheia ist
fuer das Syrien der alten Zeit ungefaehr gewesen, was fuer das heutige Aleppo
ist, der Knotenpunkt des inneren Verkehrs; nur dass bei jener Gruendung, wie
schon die gleichzeitige Anlage des Hafens von Seleukeia beweist, die
unmittelbare Verbindung mit dem Mittelmeer beabsichtigt und daher die Anlage
weiter nach Westen gelegt ward.
^8 Der Raum zwischen Antiocheia und Daphne war mit Landhaeusern und Vignen
gefuellt (Lib. or. 2 p. 213 Reiske), und es gab hier auch eine Vorstadt
Herakleia oder auch Daphne (K. O. Mueller, Antiquitates Antiochiae, S. 44; vgl.
vita Veri 7); aber wenn Tac. ann. 2, 83 diese Vorstadt Epidaphne nennt, so ist
dies einer seiner seltsamsten Schnitzer. Plinius (nat. 5, 21, 79) sagt korrekt:
Antiochia Epidaphnes cognominata.
^9 "Womit wir vornehmlich alle schlagen", sagt der Antiochener Libanios in
der unter Constantius gehaltenen Lobrede auf seine Heimat (or. 1, 354 R.),
nachdem er die Quellen der Daphne und die von dort nach der Stadt gefuehrten
Leitungen geschildert hat, "das ist die Bewaesserung unserer Stadt; wenn sonst
auch jemand es mit uns aufnehmen mag, so geben sie alle nach, sowie die Rede
kommt auf das Wasser, seine Fuelle wie seine Trefflichkeit. In den oeffentlichen
Baedern hat jeder Strom das Mass eines Flusses, in den privaten manche das
gleiche, die uebrigen nicht viel weniger. Wer die Mittel hat, ein neues Bad
anzulegen, tut dies unbesorgt um hinreichenden Zufluss und braucht nicht zu
fuerchten, dass, wenn fertig, es ihm trocken liegen werde. Deshalb ist jeder
Stadtbezirk [es gab deren achtzehn] auf die besondere Eleganz seiner Badeanstalt
bedacht; es sind diese Bezirksbadeanstalten um so viel schoener als die
allgemeinen, als sie kleiner sind als diese, und die Bezirksgenossen wetteifern
immer die einen, die anderen zu uebertreffen. Man ermisst die Fuelle der
fliessenden Wasser an der Menge der (guten) Wohnhaeuser; denn soviel der
Wohnhaeuser, soviel sind auch der fliessenden Wasser, ja sogar in den einzelnen
Haeusern oft mehrere; und auch die Mehrzahl der Werkstaetten hat den gleichen
Vorzug. Darum schlagen wir uns auch nicht an den oeffentlichen Brunnen darum,
wer zuerst zum Schoepfen kommt, an welchem Uebelstand so viele ansehnliche
Staedte leiden, wo um die Brunnen ein heftiges Gedraenge ist und Laerm um die
zerbrochenen Kruege. Bei uns fliessen die oeffentlichen Brunnen zur Zierde, da
jeder innerhalb der Tueren sein Wasser hat. Und es ist dies Wasser so klar, dass
der Eimer leer scheint, und so anmutend, dass es zum Trinken einladet."
^10 "Das Sonnenlicht", sagt derselbe Redner p. 363, "loesen andere Lichter
ab, Leuchten, die das aegyptische Illuminationsfest hinter sich lassen; und bei
uns unterscheidet sich die Nacht vom Tage nur durch die Verschiedenheit der
Beleuchtung; die fleissigen Haende finden keinen Unterschied und schmieden
weiter und wer da will, singt und tanzt, so dass Hephaestos und Aphrodite hier
in die Nacht sich teilen." Bei dem Strassensport, den der Prinz Gallus sich
gestattete, waren die antiochenischen Laternen ihm sehr unbequem (Amm. 14, 1,
9).
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Aber in diesem ueppigen Treiben fanden die Musen sich nicht zurecht; der
Ernst der Wissenschaft und die nicht minder ernste Kunst haben in Syrien und
namentlich in Antiocheia niemals rechte Pflege gefunden. Wie vollkommen analog
Aegypten und Syrien sonst sich entwickelt hatten, so scharf war ihr Gegensatz in
literarischer Hinsicht: diesen Teil der Erbschaft des grossen Alexanders traten
die Lagiden allein an. Pflegten sie die hellenische Literatur und foerderten
wissenschaftliche Forschung in aristotelischem Sinn und Geist, so haben die
besseren Seleukiden wohl durch ihre politische Stellung den Griechen den Orient
erschlossen - Seleukos' I. Sendung des Megasthenes nach Indien an Koenig
Tschandragupta und die Erkundung des Kaspischen Meeres durch seinen
Zeitgenossen, den Admiral Patrokles, haben in dieser Hinsicht Epoche gemacht;
aber von unmittelbarem Eingreifen in die literarischen Interessen von seiten der
Seleukiden weiss die Geschichte der griechischen Literatur nichts weiter zu
melden, als dass Antiochos der sogenannte Grosse den Dichter Euphorion zu seinem
Bibliothekar gemacht hat. Vielleicht darf die Geschichte der lateinischen
Literatur fuer Berytus, die lateinische Insel im Meer des orientalischen
Hellenismus, den Ernst wissenschaftlicher Arbeit in Anspruch nehmen. Es ist
vielleicht kein Zufall, dass die Reaktion gegen die literarisch modernisierende
Tendenz der julisch-claudischen Epoche und die Zurueckfuehrung der Sprache und
der Schriften der republikanischen Zeit in die Schule wie in die Literatur
ausgegangen ist von einem dem Mittelstand angehoerigen Berytier, dem Marcus
Valerius Probus, welcher in den zurueckgebliebenen Schulen seiner entlegenen
Heimat noch an den alten Klassikern sich gebildet hatte und dann in energischer,
mehr kritisch schriftstellerischer als eigentlich lehrender Taetigkeit fuer den
Klassizismus der spaeteren Kaiserzeit den Grund legte. Dasselbe Berytos ist
spaeter der Sitz des Studiums der fuer die Beamtenlaufbahn erforderlichen
Rechtswissenschaft fuer den ganzen Osten geworden und die ganze Kaiserzeit
hindurch geblieben. In der hellenischen Literatur sind freilich die Poesie des
Epigramms und der Witz des Feuilletons in Syrien zu Hause; mehrere der
namhaftesten griechischen Kleindichter, wie Meleagros und Philodemos von Gadara
und Antipatros von Sidon, sind Syrer und in sinnlichem Reiz wie in raffinierter
Verskunst unuebertroffen; und der Vater der Feuilletonliteratur ist Menippos von
Gadara. Aber diese Leistungen liegen meistens vor und zum Teil betraechtlich vor
der Kaiserzeit. In der griechischen Literatur dieser Epoche ist keine Landschaft
so geringfuegig vertreten wie die syrische, und Zufall ist dies schwerlich,
wenngleich bei der universalen Stellung des Hellenismus in der Kaiserzeit auf
die Heimat der einzelnen Schriftsteller nicht allzu viel Gewicht gelegt werden
darf. Dagegen hatte die in dieser Epoche um sich greifende untergeordnete
Schriftstellerei, die gedanken- und formlosen Liebes-, Raeuber-, Piraten-,
Kuppler-, Wahrsager- und Traumgeschichten und die Fabelreisen wahrscheinlich
eben hier ihren Hauptsitz. Unter den Kollegen des schon genannten Iamblichos,
Verfassers der babylonischen Geschichte, werden die Landsleute desselben
zahlreich gewesen sein; die Beruehrung dieser griechischen Literatur mit der
gleichartigen orientalischen ist wohl ohne Zweifel durch die Syrer vermittelt
worden. Das Luegen brauchten die Griechen freilich nicht von den Orientalen zu
lernen; aber die nicht mehr plastische, sondern phantastische Fabulierung ihrer
spaeteren Zeit ist aus Scheherazades Fuellhorn, nicht aus dem Scherz der
Chariten erwachsen. Vielleicht nicht zufaellig macht die Satire dieser Zeit,
indem sie den Homer als den Vater der Luegenreisen betrachtet, denselben zu
einem Babylonier mit eigentlichem Namen Tigranes. Abgesehen von dieser
Unterhaltungslektuere, deren auch die sich einigermassen schaemten, die damit
schreibend oder lesend die Zeit verdarben, ist aus diesen Gegenden kaum ein
anderer hervorragender Name zu nennen als der Zeitgenosse jenes Iamblichos, der
Kommagener Lukianos. Auch er hat nichts geschrieben als in Nachahmung des
Menippos Essays und Feuilletons, recht nach syrischer Art, witzig und lustig in
der persoenlichen Persiflage, aber wo diese zu Ende ist, unfaehig, die ernste
Wahrheit lachend zu sagen oder gar die Plastik der Komik zu handhaben. Diesem
Volke galt nur der Tag. Keine griechische Landschaft hat so wenig Denksteine
aufzuweisen wie Syrien; das grosse Antiocheia, die dritte Stadt des Reiches,
hat, um von dem Lande der Hieroglyphen und der Obelisken nicht zu reden, weniger
Inschriften hinterlassen als manches kleine afrikanische oder arabische Dorf.
Mit Ausnahme des Rhetors Libanios aus der Zeit Julians, welcher auch mehr
bekannt ist als bedeutend, hat diese Stadt der Literatur keinen einzigen
Schriftstellernamen geliefert. Nicht mit Unrecht nannte der tyanitische Messias
des Heidentums oder sein fuer ihn redender Apostel die Antiochener ein
ungebildetes und halb barbarisches Volk und meinte, dass Apollon wohl tun werde,
sie auch wie ihre Daphne zu verwandeln; denn in Antiocheia verstaenden wohl die
Zypressen zu fluestern, aber nicht die Menschen zu reden. In dem kuenstlerischen
Kreis hat Antiocheia eine fuehrende Stellung nur gehabt in Betreff des Theaters
und der Spiele ueberhaupt. Die Vorstellungen, welche das antiochenische Publikum
fesselten, waren, nach der Sitte dieser Zeit, weniger eigentlich dramatische als
rauschende Musikauffuehrungen, Ballette, Tierhetzen und Fechterspiele. Das
Klatschen oder Zischen dieses Publikums entschied den Ruf des Taenzers im ganzen
Reich. Die Jockeys und die sonstigen Circus- und Theaterhelden kamen
vorzugsweise aus Syrien ^11. Die Ballettaenzer und die Musiker sowie die Gaukler
und Possenreisser, welche Lucius Verus von der - seinerseits in Antiocheia
abgemachten - orientalischen Kampagne nach Rom zurueckbrachte, haben in der
Geschichte des italischen Schauspielwesens Epoche gemacht. Mit welcher
Leidenschaft das Publikum in Antiocheia diesem Vergnuegen sich hingab, dafuer
ist charakteristisch, dass der Ueberlieferung nach die schwerste Katastrophe,
welche in dieser Periode ueber Antiocheia gekommen ist, die Einnahme durch die
Perser im Jahre 260, die Buerger der Stadt im Theater ueberraschte und von der
Hoehe des Berges, an welchen dasselbe angelehnt war, die Pfeile in die Reihen
der Zuschauer flogen. In Gaza, der suedlichsten Stadt Syriens, wo das Heidentum
an dem beruehmten Marnas-Tempel eine feste Burg besass, liefen am Ende des 4.
Jahrhunderts bei den Rennspielen die Pferde eines eifrigen Heiden und eines
eifrigen Christen, und als dabei "Christus den Marnas schlug", da, erzaehlt der
heilige Hieronymus, liessen zahlreiche Heiden sich taufen.
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^11 Die merkwuerdige Reichsbeschreibung aus der Zeit des Constantius (C.
Mueller, Geographi Graeci Minores. Bd. 2, S. 513 f.), die einzige derartige
Schrift, worin die gewerblichen Zustaende eine gewisse Beruecksichtigung finden,
sagt von Syrien in dieser Hinsicht: "Antiocheia hat alles, was man begehrt, in
Fuelle, vor allem aber seine Rennspiele. Rennspiele haben auch Laodikeia,
Berytos, Tyros, Kaesareia (in Palaestina). Nach auswaerts sendet Laodikeia
Jockeys, Tyros und Berytos Schauspieler, Caesareia Taenzer (pantomimi),
Heliopolis am Libanos Floetenblaeser (choraulae), Gaza Musiker (auditores, womit
akroamata inkorrekt wiedergegeben ist), Askalon Ringkaempfer (athletae),
Kastabala (eigentlich schon in Kilikien) Faustkaempfer."
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In Zuegellosigkeit der Sitte wetteiferten zwar die Grossstaedte des
Roemischen Reiches alle; aber der Preis gebuehrt hierin wahrscheinlich
Antiocheia. Der ehrbare Roemer, den der derbe Sittenmaler der traianischen Zeit
schildert, wie er seiner Heimat den Ruecken wendet, weil sie eine Griechenstadt
geworden, setzt hinzu, dass von dem Unrat die Achaeer der geringste Teil seien;
laengst habe der syrische Orontes sich in den Tiberfluss ergossen und seine
Sprache und seine Art, seine Musikanten, Harfenistinnen, Triangelschlaegerinnen
und die Scharen seiner Freudenmaedchen ueber Rom ergossen. Von der syrischen
Floetistin, der Ambubaia ^12, sprachen die Roemer Augusts wie wir von der
Pariser Kokotte. In den syrischen Staedten, sagt schon in der letzten Zeit der
roemischen Republik Poseidonios, ein bedeutender, selbst in dem syrischen
Apameia heimischer Schriftsteller, haben die Buerger der harten Arbeit sich
entwoehnt; man denkt dort nur an Schmausen und Zechen, und alle Reunionen und
Kraenzchen dienen diesem Zweck; an der koeniglichen Tafel wird jedem Gast ein
Kranz aufgesetzt und dieser dann mit babylonischen Parfuems besprengt;
Floetenspiel und Harfenschlagen schallt durch die Gassen; die Turnanstalten sind
in Warmbaeder verwandelt - mit letzterem ist die wahrscheinlich in Syrien zuerst
aufgekommene und spaeterhin allgemein gewordene Einrichtung der sogenannten
Thermen gemeint, die im wesentlichen eine Verbindung von Turn- und
Warmbadanstalten waren. Vierhundert Jahre spaeter ging es in Antiocheia nicht
anders zu. Nicht so sehr um des Kaisers Bart entspann sich der Zank zwischen
Julian und diesen Staedtern, sondern weil er in dieser Stadt der Kneipen, die,
wie er sich ausdrueckt, nichts im Sinne habe als Tanzen und Trinken, den Wirten
die Preise regulierte. Von dieser wuesten und sinnlichen Wirtschaft ist auch und
vor allem das religioese Wesen der syrischen Landschaft durchdrungen. Der Kultus
der syrischen Goetter war oft eine Sukkursale des syrischen Bordells ^13.
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^12 Von dem syrischen Wort abbuba Pfeife.
^13 Das Schriftchen Lukians von der zu Hierapolis vom ganzen Orient
verehrten syrischen Goettin gibt eine Probe der wilden und wolluestigen
Fabulierung, welche dem syrischen Kultus eigen ist. In dieser Erzaehlung - der
Quelle von Wielands 'Kombabus' - wird die Selbstverstuemmelung ironisiert, wie
sie den Frommen als ein Akt hoher Moralitaet und gottseligen Glaubens galt.
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Es wuerde ungerecht sein, die roemische Regierung fuer diese syrischen
Zustaende verantwortlich zu machen; sie sind dieselben unter dem
Diadochenregiment gewesen und auf die Roemer nur vererbt. Aber in der Geschichte
dieser Zeit ist das syrohellenische Element ein wesentlicher Faktor, und obwohl
sein indirekter Einfluss bei weitem mehr ins Gewicht faellt, hat dasselbe doch
auch mehrfach unmittelbar in der Politik sich bemerklich gemacht. Von
eigentlicher politischer Parteiung kann bei den Antiochenern dieser und jeder
Zeit noch weniger die Rede sein als bei den Buergerschaften der uebrigen
Grossstaedte des Reiches; aber im Mokieren und Raesonnieren haben sie es allem
Anschein nach allen uebrigen, selbst den auch hierin mit ihnen wetteifernden
Alexandrinern zuvorgetan. Revolution gemacht haben sie nie, aber jeden
Praetendenten, den die syrische Armee aufstellte, bereitwillig und ernstlich
unterstuetzt, den Vespasianus gegen Vitellius, den Cassius gegen Marcus, den
Niger gegen Severus, immer bereit, wo sie Rueckhalt zu haben meinten, der
bestehenden Regierung den Gehorsam aufzukuendigen. Das einzige Talent, das ihnen
unwidersprochen zukommt, die Meisterschaft des Spottens, uebten sie nicht bloss
gegen die Schauspieler ihrer Buehne, sondern nicht minder gegen die in der
Residenz des Orients verweilenden Herrscher, und der Spott war ganz der gleiche
gegen den Akteur wie gegen den Kaiser: er galt der persoenlichen Erscheinung und
den individuellen Eigentuemlichkeiten, gleich als ob ihr Landesherr auch nur da
sei, um sie mit seiner Rolle zu amuesieren. So bestand zwischen dem Publikum von
Antiocheia und den Herrschern, namentlich denjenigen, die laengere Zeit daselbst
verweilten, Hadrian, Verus, Marcus, Severus, Julian, sozusagen ein dauernder
Hohnkrieg, aus welchem ein Aktenstueck, die Replik des letztgenannten Kaisers
gegen die antiochenischen "Bartspoetter", noch heute erhalten ist. Wenn dieser
kaiserliche Literat den Spottreden mit Spottschriften begegnete, so haben zu
anderen Zeiten die Antiochener ihre schlimmen Reden und ihre uebrigen Suenden
schwerer zu buessen gehabt. So entzog ihnen Hadrian das Recht der
Silberpraegung, Marcus das Versammlungsrecht und schloss auf einige Zeit das
Theater. Severus nahm sogar der Stadt den Primat von Syrien und uebertrug diesen
auf das in stetem Nachbarkrieg mit der Hauptstadt stehende Laodikeia; und wenn
diese beiden Anordnungen bald wieder zurueckgenommen wurden, so ist die Teilung
der Provinz, welche bereits Hadrian angedroht hatte, unter Severus, wie gesagt
ward, zur Ausfuehrung gekommen, und nicht zum wenigsten deswegen, weil die
Regierung die unbotmaessige Grossstadt demuetigen wollte. Selbst den
schliesslichen Untergang hat diese Stadt sich herangespottet. Als im Jahre 540
der Perserkoenig Chosroes Nuschirwan vor den Mauern Antiocheias erschien, wurde
er von den Zinnen derselben nicht bloss mit Pfeilschuessen empfangen, sondern
mit den ueblichen unflaetigen Spottrufen; und dadurch gereizt, erstuermte der
Koenig nicht bloss die Stadt, sondern fuehrte auch ihre Einwohner hinweg in das
von ihm unweit Ktesiphon angelegte Neu-Antiocheia.
Die glaenzende Seite der syrischen Zustaende ist die oekonomische; in
Fabrikation und Handel nimmt Syrien neben Aegypten unter den Provinzen des
roemischen Kaiserreichs den ersten Platz ein und behauptet in gewisser Beziehung
auch vor Aegypten den Vorrang. Die Bodenkultur gedieh unter dem dauernden
Friedensstand und unter der einsichtigen, namentlich auf Hebung der Bewaesserung
gerichteten Verwaltung in einem Umfang, der die heutige Zivilisation beschaemt.
Freilich sind manche Teile Syriens noch heute von ueppigster Fuelle; das Tal des
unteren Orontes, den reichen Garten um Tripolis mit seinen Palmengruppen,
Orangenhainen, Granat- und Jasmingebueschen, die fruchtbare Kuestenebene nord-
und suedwaerts von Gaza haben weder die Beduinen noch die Paschas bis jetzt
vermocht zu veroeden. Aber ihr Werk ist dennoch nicht gering anzuschlagen.
Apameia im mittleren Tal des Orontes, jetzt eine Felsenwildnis ohne Fluren und
Baeume, wo die duerftigen Herden auf den spaerlichen Weideplaetzen von den
Raeubern des Gebirges dezimiert werden, ist weit und breit mit Ruinen besaet,
und es ist urkundlich bezeugt, dass unter dem Statthalter Syriens Quirinius,
demselben, den die Evangelien nennen, diese Stadt mit Einschluss des Gebiets
117000 freie Einwohner gezaehlt hat. Ohne Frage ist einst das ganze Tal des
wasserreichen Orontes - schon bei Hemesa ist er 30 bis 40 Meter breit und 1´ bis
3 Meter tief - eine grosse Kulturstaette gewesen. Aber auch von den Strichen,
die jetzt voellige Wueste sind und wo dem heutigen Reisenden das Leben und
Gedeihen des Menschen unmoeglich scheint, war ein betraechtlicher Teil ehemals
das Arbeitsfeld ruehriger Arme. Oestlich von Hemesa, wo jetzt kein gruenes Blatt
und kein Tropfen Wasser ist, haben sich massenweise die schweren Basaltplatten
ehemaliger Oelpressen gefunden. Waehrend heute nur in den quelligen Taelern des
Libanos spaerliche Oliven wachsen, muessen einst die Oelwaelder weit ueber das
Orontestal hinausgegangen sein. Wer jetzt von Hemesa nach Palmyra reist, fuehrt
das Wasser auf dem Ruecken der Kamele mit sich, und diese ganze Wegstrecke ist
bedeckt mit den Resten einstmaliger Villen und Doerfer ^14. Den Marsch Aurelians
auf dieser Strecke vermoechte jetzt keine Armee zu unternehmen. Von dem, was
heutzutage Wueste heisst, ist ein guter Teil vielmehr Verwuestung der gesegneten
Arbeit besserer Zeiten. "Ganz Syrien", sagt eine Erdbeschreibung aus der Mitte
des 4. Jahrhunderts, "hat Ueberfluss an Getreide, Wein und Oel." Aber ein
eigentliches Exportland fuer die Bodenfruechte, wie Aegypten und Afrika, ist
Syrien auch im Altertum nicht gewesen, wenn auch die edlen Weine, zum Beispiel
der von Damaskos nach Persien, die von Laodikeia, Askalon, Gaza nach Aegypten
und von da aus bis nach Aethiopien und Indien versandt wurden, und auch die
Roemer den Wein von Byblos, von Tyros, von Gaza zu schaetzen wussten.
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^14 Der oesterreichische Ingenieur Joseph Tschernik (Ergaenzungsheft 44 zu
Petermanns geographischen Mittheilungen, 1875, S. 3, 9) fand Basaltplatten von
Oelpressen nicht bloss auf dem wuesten Plateau bei Kala'at el-Hossn zwischen
Hemesa und dem Meer, sondern auch in der Zahl von ueber zwanzig oestlich von
Hemesa bei el-Ferklus, wo der Basalt selbst nicht vorkommt, sowie ebendaselbst
zahlreiche gemauerte Terrassen und Ruinenhuegel; Terrassierungen auf der ganzen
Strecke von 16 Meilen zwischen Hemesa und Palmyra. K. E. Sachau (Reise in Syrien
und Mesopotamien. Leipzig 1883, S. 23, 55) fand Reste von Wasserleitungen an
verschiedenen Stellen der Strasse von Damaskos nach Palmyra. Die in den Fels
gehauenen Zisternen von Arados, deren schon Strabon (16, 2, 13 p. 753) gedenkt,
tun noch heute ihren Dienst (J. E. Renan, Mission de Phenicie. Paris 1874, S.
40).
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Weit mehr ins Gewicht fielen fuer die allgemeine Stellung der Provinz die
syrischen Fabriken. Eine Reihe von Industrien, die eben fuer den Export in
Betracht kommen, sind hier heimisch, insbesondere von Leinen, von Purpur, von
Seide, von Glas. Die Flachsweberei, von alters her in Babylonien zu Hause, ist
von da frueh nach Syrien verpflanzt worden; "ihr Leinen", sagt jene
Erdbeschreibung, "versenden Skytopolis (in Palaestina), Laodikeia, Byblos,
Tyros, Berytos in die ganze Welt", und in dem Tarifgesetz Diocletians werden dem
entsprechend als feine Leinenwaren die der drei erstgenannten Staedte neben
denen des benachbarten Tarsos und aegyptischen aufgefuehrt, und die syrischen
haben vor allen den Vorrang. Dass der Purpur von Tyros, so viele Konkurrenten
ihm auch entstanden, stets den ersten Platz behauptet hat, ist bekannt; und
neben der tyrischen gab es in Syrien zahlreiche ebenfalls beruehmte
Purpurfaerbereien an der Kueste ober- und unterhalb Tyros, in Sarepta, Dora,
Caesarea, selbst im Binnenland, in dem palaestinensischen Neapolis und in Lydda.
Die Rohseide kam in dieser Epoche aus China und vorzugsweise ueber das Kaspische
Meer, also nach Syrien; verarbeitet ward sie hauptsaechlich in den Fabriken von
Berytos und von Tyros, in welchem letzteren Orte besonders auch die viel
gebrauchte und hoch bezahlte Purpurseide hergestellt ward. Die Glasfabriken von
Sidon behaupteten in der Kaiserzeit ihren uralten Ruf, und zahlreiche
Glasgefaesse unserer Museen tragen den Stempel eines sidonischen Fabrikanten. Zu
dem Vertrieb dieser Waren, die ihrer Natur nach dem Weltmarkt angehoerten, kam
weiter die ganze Warenmasse, welche aus dem Orient auf den Euphratstrassen in
das Abendland gelangte. Freilich wendete der arabische und der indische Import
in dieser Zeit sich von dieser Strasse ab und nahm hauptsaechlich den Weg ueber
Aegypten; aber nicht bloss der mesopotamische Verkehr blieb notwendig den
Syrern, sondern es standen auch die Emporien der Euphratmuendung in
regelmaessigem Karawanenverkehr mit Palmyra und bedienten sich also der
syrischen Haefen. Wie bedeutend dieser Verkehr mit den oestlichen Nachbarn war,
zeigt nichts so deutlich wie die gleichartige Silberpraegung im roemischen
Orient und im parthischen Babylonien; in den Provinzen Syrien und Kappadokien
praegte die roemische Regierung Silber, abweichend von der Reichswaehrung, auf
die Sorten und auf den Fuss des Nachbarreiches. Die syrische Fabrikation selbst,
zum Beispiel von Leinen und Seide, ist eben durch den Import der gleichartigen
babylonischen Handelsartikel angeregt worden, und wie diese, so sind auch die
Leder- und die Pelzwaren, die Salben, die Spezereien, die Sklaven des Orients
waehrend der Kaiserzeit zu einem sehr betraechtlichen Teil ueber Syrien nach
Italien und ueberhaupt dem Westen gekommen. Das aber ist diesen Ursitzen des
Handelsverkehrs immer geblieben, dass die sidonischen Maenner und ihre
Landesgenossen, hierhin sehr verschieden von den Aegyptern, ihre Waren nicht
bloss den Auslaendern verkauften, sondern sie ihnen selber brachten, und wie die
Schiffskapitaene in Syrien einen hervorragenden und geachteten Stand bildeten
^15, so waren syrische Kaufleute und syrische Faktoreien in der Kaiserzeit
ungefaehr ebenso ueberall zu finden wie in den fernen Zeiten, von denen Homer
erzaehlt. Die Tyrier hatten derzeit Faktoreien in den beiden grossen
Importhaefen Italiens, Ostia und Puteoli, und wie diese selbst in ihren Urkunden
ihre Anstalten als die groessten und stattlichsten dieser Art bezeichnen, so
wird in der oefter angefuehrten Erdbeschreibung Tyros fuer Handel und Verkehr
der erste Platz des Orients genannt ^16; ebenso hebt Strabon bei Tyros und bei
Arados die ungewoehnlich hohen, aus vielen Stockwerken bestehenden Haeuser als
eine Besonderheit hervor. Aehnliche Faktoreien haben auch Berytos und Damaskos
und gewiss noch viele andere syrische und phoenikische Handelsstaedte in den
italienischen Haefen gehabt ^17. Dem entsprechend finden wir namentlich in der
spaeteren Kaiserzeit syrische, vornehmlich apamenische Kaufleute nicht bloss in
ganz Italien ansaessig, sondern ebenso in allen groesseren Emporien des
Okzidents, in Salonae in Dalmatien, Apulum in Dakien, Malaca in Spanien, vor
allem aber in Gallien und Germanien, zum Beispiel in Bordeaux, Lyon, Paris,
Orleans, Trier, so dass wie die Juden so auch diese syrischen Christen nach
ihren Gebraeuchen leben und in ihren Konventen sich ihres Griechischen bedienen
^18. Nur auf dieser Grundlage werden die frueher geschilderten Zustaende der
Antiochener und der syrischen Staedte ueberhaupt verstaendlich. Die vornehme
Welt daselbst besteht aus den reichen Fabrikanten und Kaufleuten, die Masse der
Bevoelkerung sind die Arbeiter und die Schiffer ^19, und wie spaeter der im
Orient erworbene Reichtum nach Genua und Venedig, so stroemte damals der
Handelsgewinn des Okzidents zurueck nach Tyros und Apameia. Bei dem ausgedehnten
Handelsgebiet, welches diesen Grosshaendlern offenstand, und bei den im ganzen
maessigen Grenz- und Binnenzoellen brachte schon der syrische, einen grossen
Teil der gewinnbringendsten und transportabelsten Artikel umfassende Export
ungeheure Kapitalien in ihre Haende; und ihr Geschaeft beschraenkte sich nicht
auf die heimatlichen Waren ^20. Welches Wohlleben einstmals hier geherrscht hat,
das lehren nicht die duerftigen Ueberbleibsel der untergegangenen grossen
Staedte, aber die mehr verlassene als verwuestete Landschaft am rechten Ufer des
Orontes von Apameia an bis zu der Wendung des Flusses gegen das Meer. In diesem
Strich von etwa 20 bis 25 deutschen Meilen Laenge stehen heute noch die Ruinen
von gegen hundert Ortschaften, ganze noch erkennbare Strassen, die Gebaeude, mit
Ausnahme der Daecher, ausgefuehrt in massivem Steinbau, die Wohnhaeuser von
Saeulenhallen umgeben, mit Galerien und Balkonen geschmueckt, Fenster und
Portale reich und oft geschmackvoll dekoriert mit Steinarabesken, dazu Garten-
und Badeanlagen, Wirtschaftsraeume im Erdgeschoss, Staelle, in den Felsen
gehauene Wein- und Oelpressen ^21, auch grosse, ebenfalls in den Felsen gehauene
Grabkammern mit Sarkophagen gefuellt und mit saeulengeschmueckten Eingaengen.
Spuren oeffentlichen Lebens begegnen nirgends; es sind die Landwohnungen der
Kaufleute und der Industriellen von Apameia und Antiocheia, deren gesicherter
Wohlstand und solider Lebensgenuss aus diesen Truemmern spricht. Es gehoeren
diese Ansiedlungen voellig gleichfoermigen Charakters durchaus der spaeten
Kaiserzeit an, die aeltesten dem Anfang des vierten Jahrhunderts, die spaetesten
der Mitte des sechsten, unmittelbar vor dem Ansturm des Islam, dem auch dieses
bluehende und gedeihliche Leben erlegen ist. Christliche Symbole und biblische
Sprueche begegnen ueberall und ebenso stattliche Kirchen und kirchliche Anlagen.
Indes hat diese Kulturentwicklung nicht erst unter Konstantin begonnen, sondern
in jenen Jahrhunderten nur sich gesteigert und konsolidiert. Sicher sind jenen
Steinbauten aehnliche, weniger dauerhafte Villen- und Gartenanlagen
vorausgegangen. Die Regeneration des Reichsregiments nach den wuesten Wirren des
dritten Jahrhunderts drueckt in dem Aufschwung sich aus, den die syrische
Kaufmannswelt damals nahm; aber bis zu einem gewissen Grade wird dies uns
gebliebene Abbild derselben auch auf die fruehere Kaiserzeit bezogen werden
duerfen.
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15 In Arados, einer zu Strabons Zeit (16, 2, 13 p. 753) sehr volkreichen
Stadt, erscheint unter Augustus ein proboylos t/o/n nayarch/e/sani/o/n (CIG 4736
h, besser bei Renan, Mission de Phinicie, S. 31).
16 Totius orbis descriptio c. 24: nulla forte civitas Orientis est eius
spissior in negotio. Die Urkunden der statio (CIG 5853; CIL X, 1601) geben von
diesen Faktoreien ein lebendiges Bild. Sie dienen zunaechst religioesen Zwecken,
das heisst fuer den Kult der tyrischen Goetter am fremden Ort; zu diesem Zwecke
wird in der groesseren Station von Ostia von den tyrischen Schiffern und
Kaufleuten eine Abgabe erhoben und aus deren Ertrag der kleineren ein
jaehrlicher Zuschuss von 1000 Sesterzen gewaehrt, der fuer die Miete des Lokals
verwendet wird; die uebrigen Kosten werden von den Tyriern in Puteoli, ohne
Zweifel durch freiwillige Beitraege, aufgebracht.
17 Fuer Berytos beweist dies die Puteolaner Inschrift CIL X,1634; fuer
Damaskos legt es die dem Jupiter optimus maximus Damascensus daselbst gesetzte
X, 1576 wenigstens nahe.
Uebrigens zeigt sich auch hier, mit wie gutem Grund Puteoli Klein-Delos
heisst. Auf Delos begegnen in der letzten Zeit seiner Bluete, das heisst etwa in
dem Jahrhundert vor dem Mithradatischen Krieg, die syrischen Faktoreien und die
syrischen Kulte in ganz gleicher Weise und in noch groesserer Fuelle: wir finden
dort die Gilde der Herakleisten von Tyros (to koinon t/o/n Tyri/o/n
/E/rakleist/o/n empor/o/n kai naykl/e/r/o/n CIG 2271), der Poseidoniasten von
Berytos (to koinon B/e/ryti/o/n Poseid/o/niast/o/n empor/o/n kai naykl/e/r/o/n
kai egdoche/o/n, BCH 7, 1883, S. 468), der Verehrer des Adad und der Atargatis
von Hierapolis (BCH 6, 1882, S. 495f.), abgesehen von den zahlreichen
Denksteinen syrischer Kaufleute. Vgl. Homolle, BCH 8, 1884, S. 110f.
18 Indem Salvianus (gegen 450) den gallischen Christen zu Gemuete fuehrt,
dass sie um nichts besser seien als die Heiden, weist er hin (gub. 4, 14, 69)
auf die nichtswuerdigen negotiatorum et Syricorum omnium turbae, quae maiorem
ferme civitatum universarum partem occupaverunt. Gregor von Tours erzaehlt, dass
Koenig Guntchram in Orleans von der gesamten Buergerschaft eingeholt wird und
gefeiert, wie in lateinischer Sprache so auch auf hebraeisch und auf syrisch (8,
1: hinc lingua Syrorum, hinc Latinorum, hinc ... Judaeorum in diversis laudibus
varie concrepabat) und dass nach Erledigung des Bischofsitzes von Paris ein
syrischer Kaufmann denselben sich zu verschaffen wusste und die dazu gehoerigen
Stellen an seine Landsleute vergab (10, 26: omnem scholam decessoris sui
abiciens Syros de genere suo ecclesiasticae domui ministros esse statuit).
Sidonius (um 450) schildert die verkehrte Welt von Ravenna (epist. 1, 8) mit den
Worten: fenerantur clerici, Syri psallunt ; negotiatores militant, monachi
negotiantur. Usque hodie, sagt Hieronymus (in Ezech. 27, vol. 5 p. 513 Vall.)
permanet in Syris ingenitus negotiationis ardor, qui per totum mundum lucri
cupiditate discurrunt et tantam mercandi habent vesaniam, ut occupato nunc orbe
Romano (geschrieben gegen Ende des 4. Jahrhunderts) inter gladios et miserorum
neces quaerant divitias et paupertatem periculis fugiant. Andere Belege gibt L.
Friedlaender, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. Bd. 2, 5. Aufl. S.
67. Ohne Bedenken wird man die zahlreichen Inschriften des Okzidents hinzufuegen
duerfen, welche von Syrern herruehren, auch wenn diese sich nicht ausdruecklich
als Kaufleute bezeichnen. Belehrend ist dafuer das Coemeterium der kleinen
norditalischen Landstadt Concordia aus dem 5. Jahrhundert; die auf demselben
bestatteten Auslaender sind alle Syrer, meist Apamener (CIL III, p. 1060);
ebenso gehoeren alle in Trier gefundenen griechischen Inschriften Syrern (CIG
9891, 9892, 9893). Diese Inschriften sind nicht bloss in syrischer Weise
datiert, sondern zeigen auch Besonderheiten des dortigen dialektischen
Griechisch (Hermes 19, 1884, S. 423).
Dass diese syrisch-christliche, zu dem Gegensatz des orientalischen und
okzidentalischen Klerus in Beziehung stehende Diaspora mit der juedischen nicht
zusammengeworfen werden darf, zeigt der Bericht bei Gregorius deutlich; sie hat
offenbar viel hoeher gestanden und durchgaengig den besseren Staenden angehoert.
19 Das ist zum Teil noch heute so. Die Zahl der Seidenarbeiter in Hoems
wird auf 3000 angeschlagen (Tschernik a. a. O.)
^20 Eine der aeltesten, das heisst nach Severus und vor Diocletian
gesetzten Grabschriften dieser Art ist die lateinisch-griechische, unweit Lyon
gefundene (Wilmanns 2498 vgl. Lebas-Waddington 2329) eines THaimos o kai
Ioylianos Saadoy (lateinisch Thaemus Iulianus Sati fil.), gebuertig aus Atheila
(de vico Athelani) unweit Kanatha in Syrien (noch jetzt 'Atil unweit Kanawat im
Hauran) und Decurio in Kanatha, ansaessig in Lyon (patran leip/o/n /e/ke t/o/d'
epi ch/o/r/o/) und hier Grosshaendler fuer aquitanische Waren (es prasin ech/o/n
enporion agorasm/o/n meston ek Akoyitani/e/s /o/d' epi Loygoydynoi/o/ -
negotiatori Luguduni et prov. Aquitanica). Danach muessen diese syrischen
Kaufleute nicht allein mit syrischen Waren gehandelt, sondern mit ihrem Kapital
und ihrer Geschaeftskenntnis den Grosshandel ueberhaupt betrieben haben.
^21 Charakteristisch ist das lateinische Epigramm an einem Kelterhause CIL
III, 188 in dieser Heimat der "apamenischen Traube" (vita Elagabali c. 21).
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Die Verhaeltnisse der Juden in der roemischen Kaiserzeit sind so eigenartig
und man moechte sagen so wenig abhaengig von der Provinz, die in der frueheren
Kaiserzeit mit ihrem, in der spaeteren vielmehr mit dem wiedererweckten Namen
der Philistaeer oder Palaestinenser benannt ward, dass es, wie schon gesagt
ward, angemessen erschien, diese in einem besonderen Abschnitt zu behandeln. Das
Wenige, was ueber das Land Palaestina zu bemerken ist, insbesondere die nicht
unbedeutende Beteiligung der Kuesten- und zum Teil auch der binnenlaendischen
Staedte an der syrischen Industrie und dem syrischen Handel, ist in der darueber
gegebenen Auseinandersetzung miterwaehnt worden. Die juedische Diaspora hatte
schon vor der Zerstoerung des Tempels sich in einer Weise erweitert, dass
Jerusalem, auch als es noch stand, mehr ein Symbol als eine Heimat war,
ungefaehr wie die Stadt Rom fuer die sogenannten roemischen Buerger der
spaeteren Zeit. Die Juden von Antiocheia und Alexandreia und die zahlreichen
aehnlichen Gemeinschaften minderen Rechts und geringeren Ansehens haben sich
selbstverstaendlich an dem Handel und Verkehr ihrer Wohnsitze beteiligt. Ihr
Judentum kommt dabei nur etwa insofern in Betracht, als die Gefuehle
gegenseitigen Hasses und gegenseitiger Verachtung, wie sie seit Zerstoerung des
Tempels und den mehrfach sich wiederholenden national-religioesen Kriegen
zwischen Juden und Nichtjuden sich entwickelt oder vielmehr gesteigert hatten,
auch in diesen Kreisen ihre Wirkung geuebt haben werden. Da die im Ausland sich
aufhaltenden syrischen Kaufleute sich zunaechst fuer den Kultus ihrer
heimatlichen Gottheiten zusammenfanden, so kann der syrische Jude in Puteoli den
dortigen syrischen Kaufmannsgilden nicht wohl angehoert haben; und wenn der Kult
der syrischen Goetter im Ausland mehr und mehr Anklang fand, so zog, was den
uebrigen Syrern zugute kam, zwischen den mosaisch-glaeubigen Syrern und den
Italikern eine Schranke mehr. Schlossen sich diejenigen Juden, die eine Heimat
ausser Palaestina gefunden hatten, ausserhalb derselben nicht ihren Wohnsitz-,
sondern ihren Religionsgenossen an, wie das nicht hat anders sein koennen, so
verzichteten sie damit auf die Geltung und die Duldung, welche den Alexandrinern
und den Antiochenern und so weiter im Ausland entgegenkam, und wurden genommen,
wie sie sich gaben, als Juden. Die palaestinensischen Juden des Okzidents aber
waren zum groessten Teil nicht hervorgegangen aus der kaufmaennischen
Emigration, sondern kriegsgefangene Leute oder Nachkommen solcher und in jeder
Hinsicht heimatlos; die Pariastellung, welche die Kinder Abrahams vor allem in
der roemischen Hauptstadt einnahmen, der Betteljude, dessen Hausrat in dem
Heubuendel und dem Schacherkorb besteht und dem kein Verdienst zu gering und zu
gemein ist, knuepft an den Sklavenmarkt an. Unter diesen Umstaenden begreift es
sich, weshalb im Okzident die Juden waehrend der Kaiserzeit neben den Syrern
eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Die religioese Gemeinschaft der
kaufmaennischen und der Proletariereinwanderung drueckte auf die Gesamtheit der
Juden noch neben der allgemeinen mit ihrer Stellung verbundenen Zuruecksetzung.
Mit Palaestina aber hat jene wie diese Diaspora wenig zu schaffen.
Es bleibt noch ein Grenzgebiet zu betrachten, von dem nicht haeufig die
Rede ist und das dennoch wohl Beruecksichtigung verdient: es ist die roemische
Provinz Arabia. Sie fuehrt ihren Namen mit Unrecht; der Kaiser, der sie
eingerichtet hat, Traianus, war ein Mann grosser Taten, aber noch groesserer
Worte. Die arabische Halbinsel, weiche das Euphratgebiet wie das Niltal
voneinander scheidet, regenarm, ohne Fluesse, allerseits mit felsiger und
hafenarmer Kueste, ist fuer den Ackerbau wie fuer den Handel wenig geeignet und
in alter Zeit zum weitaus groessten Teil den nicht sesshaften Wuestenbewohnern
zum unbestrittenen Erbteil verblieben. Insonderheit die Roemer, welche
ueberhaupt in Asien wie in Aegypten besser als irgendeine andere der wechselnden
Vormaechte es verstanden haben, ihren Besitz zu beschraenken, haben niemals auch
nur versucht, die arabische Halbinsel zu unterwerfen. Ihre wenigen
Unternehmungen gegen den suedoestlichen Teil derselben, den produktenreichsten
und wegen der Beziehung zu Indien auch fuer den Handel wichtigsten, werden bei
der Eroerterung der aegyptischen Verkehrsverhaeltnisse ihre Darstellung finden.
Das roemische Arabien umfasst schon als roemischer Klientelstaat und vor allem
als roemische Provinz nur einen maessigen Teil vom Norden der Halbinsel,
ausserdem aber das Land suedlich und oestlich von Palaestina zwischen diesem und
der grossen Wueste bis ueber Bostra hinaus. Mit diesem betrachten wir die zu
Syrien gehoerige Landschaft zwischen Bostra und Damaskos, die jetzt nach dem
Haurangebirge benannt zu werden pflegt, nach der alten Bezeichnung Trachonitis
und Batanaea.
Diese ausgedehnten Gebiete sind fuer die Zivilisation nur unter besonderen
Verhaeltnissen zu gewinnen. Das eigentliche Steppenland (Hamad) oestlich von der
Gegend, mit der wir uns hier beschaeftigen, bis zum Euphrat ist nie von den
Roemern in Besitz genommen worden und aller Kultur unfaehig; nur die
schweifenden Wuestenstaemme, wie heute zum Beispiel die Aneze, durchziehen
dasselbe, um ihre Rosse und ihre Kamele im Winter am Euphrat, im Sommer in den
Gebirgen suedlich von Bostra zu weiden und oft mehrmals im Jahre die Trift zu
wechseln. Schon auf einem hoeheren Grade der Kultur stehen westwaerts der Steppe
die sesshaften Hirtenstaemme, die namentlich Schafzucht in grosser Ausdehnung
betreiben. Aber auch fuer den Ackerbau ist in diesen Strecken vielfach Raum. Die
rote Erde des Hauran, zersetzte Lava, erzeugt im Urzustand viel wilden Roggen,
wilde Gerste und wilden Hafer und bestellt den schoensten Weizen. Einzelne
Tieftaeler mitten zwischen den Steinwuesten, wie das "Saatfeld", die Ruhbe, in
der Trachonitis, sind die fruchtbarsten Strecken in ganz Syrien; ohne dass
gepfluegt, geschweige denn geduengt wird, traegt der Weizen durchschnittlich
achtzig-, die Gerste hundertfaeltig und 26 Halme von einem Weizenkorn sind keine
Seltenheit. Dennoch bildet sich hier kein fester Wohnsitz, da in den
Sommermonaten die grosse Hitze und der Mangel an Wasser und Weide die Bewohner
zwingt, nach den Gebirgsweiden des Hauran zu wandern. Aber auch an Gelegenheit
zu fester Ansiedelung fehlt es nicht. Das von dem Baradafluss in vielfachen
Armen durchstroemte Gartenrevier um die Stadt Damaskos und die fruchtbaren, noch
heute volkreichen Bezirke, die dasselbe nach Osten, Norden und Sueden
einschliessen, waren in alter wie in neuer Zeit die Perle Syriens. Die Ebene um
Bostra, namentlich westlich davon die sogenannte Nukra, ist heute fuer Syrien
die Kornkammer, obgleich durch Regenmangel durchschnittlich jede vierte Ernte
verlorengeht und die aus der nahen Wueste oftmals einbrechenden Heuschrecken
eine unvertilgbare Landplage bleiben. Wo immer die Wasserlaeufe der Gebirge in
die Ebene gefuehrt werden, blueht unter ihnen das frische Leben auf. "Die
Fruchtbarkeit dieser Landschaft", sagt ein genauer Kenner, "ist unerschoepflich;
und noch heutigentags, wo die Nomaden dort weder Baum noch Strauch uebrig
gelassen haben, gleicht das Land, so weit das Auge reicht, einem Garten." Auch
auf den Lavaplateaus der gebirgigen Strecken haben die Lavastroeme nicht wenige
Stellen (Ka' im Auran genannt) fuer den Anbau freigelassen.
Diese Naturbeschaffenheit hat regelmaessig die Landschaft den Hirten und
den Raeubern ueberliefert. Die notwendige Unstetigkeit eines grossen Teils der
Bevoelkerung fuehrt zu ewigen Fehden namentlich um die Weideplaetze und zu
stetigen Ueberfaellen derjenigen Gegenden, die sich fuer feste Ansiedlung
eignen; mehr noch als anderswo bedarf es hier der Bildung solcher staatlicher
Gewalten, die imstande sind, in weiterem Umfange Ruhe und Frieden zu schaffen,
und fuer diese fehlt in der Bevoelkerung die rechte Unterlage. Es gibt in der
weiten Welt kaum eine Landschaft, wo gleich wie in dieser die Zivilisation nicht
aus sich selbst erwachsen, sondern allein durch uebermaechtige Eroberung von
aussen her ins Leben gerufen werden kann. Wenn Militaerstationen die
schweifenden Staemme der Wueste eindaemmen und diejenigen innerhalb der
Kulturgrenze zum friedlichen Hirtenleben zwingen, wenn in die kulturfaehigen
Gegenden Kolonisten gefuehrt und die Wasser der Berge von Menschenhand in die
Ebene geleitet werden, so, aber auch nur so, gedeiht hier froehliches und
reichliches Leben.
Die vorroemische Zeit hatte diesen Landschaften solchen Segen nicht
gebracht. Die Bewohner des gesamten Gebiets gehoeren bis gegen Damaskos hin zu
dem arabischen Zweig des grossen semitischen Stammes; die Personennamen
wenigstens sind durchgaengig arabisch. Es begegneten sich in demselben, wie in
dem noerdlichen Syrien, orientalische und okzidentalische Zivilisation; doch
hatten bis zu der Kaiserzeit beide nur geringe Fortschritte gemacht. Die Sprache
und die Schrift, deren die Nabataeer sich bedienen, sind die Syriens und der
Euphratlaender und koennen nur von dort her den Eingeborenen zugekommen sein.
Andererseits erstreckte die griechische Festsetzung in Syrien sich zum Teil
wenigstens auch auf diese Landschaften. Die grosse Handelsstadt Damaskos war mit
dem uebrigen Syrien griechisch geworden. Auch in das transjordanische Gebiet,
insbesondere in die noerdliche Dekapolis hatten die Seleukiden die griechische
Staedtegruendung getragen; weiter suedlich war hier wenigstens das alte Rabbath
Ammon durch die Lagiden die Stadt Philadelpheia geworden. Aber weiter abwaerts
und in den oestlichen, an die Wueste grenzenden Strichen hatten die
nabataeischen Koenige nicht viel mehr als dem Namen nach den syrischen oder den
aegyptischen Alexandriden gehorcht, und Muenzen oder Inschriften und Bauwerke,
welche dem vorroemischen Hellenismus beigelegt werden koennten, sind hier
nirgends zum Vorschein gekommen.
Als Syrien roemisch ward, war Pompeius bemueht, das hellenische
Staedtewesen, das er vorfand, zu festigen; wie denn die Staedte der Dekapolis
spaeterhin von dem Jahre 690/1 (64/63), in dem Palaestina zum Reich gekommen
war, ihre Jahre zaehlten ^22. Hauptsaechlich aber blieb in diesem Gebiet das
Regiment wie die Zivilisierung den beiden Vasallenstaaten, dem juedischen und
dem arabischen, ueberlassen.
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^22 Dass die Dekapolis und die Reorganisation des Pompeius wenigstens bis
nach Kanata (Kerak) nordwestlich von Bostra reichte, steht durch die Zeugnisse
der Schriftsteller und durch die nach der pompeianischen Aera datierten Muenzen
fest (Waddington zu 2412 d). Wahrscheinlich gehoeren derselben Stadt die Muenzen
mit dem Namen Gabeinia Kanatha und Daten derselben Aera (Reichard, Zeitschrift
fuer Numismatik 7,1880, S. 53); es wuerde danach dieser Ort zu den zahlreichen
von Gabinius restituierten gehoeren (Ios. ant. Iud. 14, 5, 3). Waddington
freilich (zu 2329) gibt diese Muenzen, so weit er sie kannte, dem zweiten Ort
dieses Namens, dem heutigen Kanawat, der eigentlichen Hauptstadt des Hauran,
nordwaerts von Bostra; aber es ist wenig wahrscheinlich, dass Pompeius' und
Gabinius' Organisation sich so weit ostwaerts erstreckt hat. Vermutlich ist
diese zweite Stadt juenger und benannt nach der ersten, der oestlichsten der
Dekapolis.
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Von dem Koenig der Juden, Herodes und seinem Hause, wird anderweitig noch
die Rede sein; hier haben wir seiner Taetigkeit zu gedenken fuer die Ausdehnung
der Zivilisation gegen Osten. Sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich ueber beide
Ufer des Jordan in seiner ganzen Ausdehnung, nordwaerts bis wenigstens nach
Chelbon, nordwestlich von Damaskos, suedlich bis an das Tote Meer, waehrend die
Landschaft weiter oestlich zwischen seinem Reich und der Wueste dem Araberkoenig
ueberwiesen war. Er und seine Nachkommen, die hier noch nach der Einziehung der
Herrschaft von Jerusalem bis auf Traian das Regiment fuehrten und spaeterhin in
Ceasarea Paneas im suedlichen Libanos residierten, waren energisch bemueht, die
Eingeborenen zu zaehmen. Die aeltesten Zeugnisse einer gewissen Kultur in diesen
Gegenden sind wohl die Hoehlenstaedte, von denen im Buch der Richter die Rede
ist, grosse unterirdische, durch Luftloecher bewohnbar gemachte Samtverstecke
mit Gassen und Brunnen, geeignet, Menschen und Herden zu bergen, schwer zu
finden und auch gefunden schwer zu bezwingen. Ihr blosses Dasein zeigt die
Vergewaltigung der friedlichen Bewohner durch die unsteten Soehne der Steppe.
"Diese Striche", sagt Josephus, wo er die Zustaende im Hauran unter Augustus
schildert, "wurden bewohnt von wilden Staemmen ohne Staedte und ohne feste
Aecker, welche mit ihren Herden unter der Erde in Hoehlen mit schmalem Eingang
und weiten verschlungenen Gassen hausten, aber mit Wasser und Vorraeten
reichlich versehen, schwer zu bezwingen waren." Einzelne dieser Hoehlenstaedte
fassen bis 400 Koepfe. Ein merkwuerdiges Edikt des ersten oder zweiten Agrippa,
wovon sich Bruchstuecke in Kanatha (Kanawat) gefunden haben, fordert die
Einwohner auf, von ihren "Tierzustaenden" zu lassen und das Hoehlenleben mit
zivilisierter Existenz zu vertauschen. Die nicht ansaessigen Araber lebten
hauptsaechlich vom Auspluendern teils der benachbarten Bauern, teils der
durchziehenden Karawanen; die Unsicherheit wurde dadurch gesteigert, dass der
kleine Fuerst Zenodoros von Abila nordwaerts Damaskos im Antilibanos, dem
Augustus die Aufsicht ueber den Trachon uebertragen hatte, es vorzog, mit den
Raeubern gemeinschaftliche Sache zu machen, und sich an ihrem Gewinn im stillen
beteiligte. Eben infolgedessen wies der Kaiser dies Gebiet dem Herodes zu, und
dessen ruecksichtsloser Energie gelang einigermassen die Baendigung dieser
Raeuberwirtschaft. Der Koenig scheint an der Ostgrenze eine Linie befestigter
und koeniglichen Kommandanten (eparchoi) unterstellter Militaerposten
eingerichtet zu haben. Er haette noch mehr erreicht, wenn das nabataeische
Gebiet den Raeubern nicht eine Freistatt geboten haette; es war dies eine der
Ursachen der Entzweiung zwischen ihm und seinem arabischen Kollegen ^23. Die
hellenisierende Tendenz tritt auf diesem Gebiete ebenso stark und minder
unerfreulich hervor wie in seinem Regiment in der Heimat. Wie alle Muenzen des
Herodes und der Herodeer griechisch sind, so traegt im transjordanischen Land
zwar das aelteste Denkmal mit Inschrift, das wir kennen, der Tempel des
Baalsamin bei Kanatha, eine aramaeische Dedikation; aber die dort aufgestellten
Ehrenbasen, darunter eine fuer Herodes den Grossen ^24, sind zweisprachig oder
bloss griechisch; unter seinen Nachfolgern herrscht das Griechische allein.
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^23 Die "fluechtigen Leute aus der Tetrarchie des Philippos", welche im
Heer des Tetrarchen von Galilaea Herodes Antipas dienen und in der Schlacht
gegen den Araber Aretas zum Feinde uebergehen (Ios. ant. Iud. 18, 5, 1), sind
ohne Zweifel auch aus der Trachonitis ausgetriebene Araber.
^24 Waddington 2366 = Vogue, Inscriptions du Haouran, n. 3. Zweisprachig
ist auch die aelteste Grabschrift dieser Gegend aus Suweda, Waddington 2320 =
Vogue n. 1, die einzige im Hauran, die das stumme Jota ausdrueckt. Die
Aufschriften sind auf beiden Denkmaelern so angebracht, dass nicht zu bestimmen
ist, welche Sprache voransteht.
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Neben dem juedischen stand der schon frueher erwaehnte "Koenig von Nabat",
wie er selber sich nennt. Die Residenz dieser Araberfuersten war die
"Felsenstadt", aramaeisch Sela, griechisch Petra, eine mittwegs zwischen dem
Toten Meere und der nordoestlichen Spitze des Arabischen Meerbusens gelegene
Felsenburg, von jeher ein Stapelplatz fuer den Verkehr Indiens und Arabiens mit
dem Mittelmeergebiet. Von der arabischen Halbinsel besassen diese Herrscher die
noerdliche Haelfte; ihre Gewalt erstreckte sich am Arabischen Meerbusen bis nach
Leuke Kome gegenueber der aegyptischen Stadt Berenike, im Binnenland wenigstens
bis in die Gegend des alten Thaema ^25. Noerdlich von der Halbinsel reichte ihr
Gebiet bis nach Damaskos, das unter ihrem Schutze stand ^26, und selbst ueber
Damaskos hinaus ^27 und umschloss wie mit einem Guertel das gesamte
palaestinensische Syrien. Nach der Besitznahme Judaeas stiessen die Roemer
feindlich mit ihnen zusammen, und Marcus Scaurus fuehrte eine Expedition gegen
Petra. Damals ist es nicht zu ihrer Unterwerfung gekommen; aber bald nachher
muss dieselbe erfolgt sein ^28. Unter Augustus ist ihr Koenig Obodas ebenso
reichsuntertaenig ^29 wie der Judenkoenig Herodes und leistet gleich diesem
Heerfolge bei der roemischen Expedition gegen das suedliche Arabien. Seit jener
Zeit muss der Schutz der Reichsgrenze im Sueden wie im Osten von Syrien bis
hinauf nach Damaskos zunaechst in der Hand dieses Araberkoenigs gelegen haben.
Mit dem juedischen Nachbarn lag er in bestaendiger Fehde. Augustus, erzuernt
darueber, dass der Araber statt bei dem Lehnsherrn gegen Herodes Recht zu
suchen, diesem mit den Waffen entgegengetreten war und dass des Obodas Sohn
Harethath oder griechisch Aretas nach dem Tode des Vaters, statt die Belehnung
abzuwarten, ohne weiteres die Herrschaft angetreten hatte, war im Begriff,
diesen abzusetzen und sein Gebiet mit dem juedischen zu vereinigen; aber das
Missregiment des Herodes in seinen spaeteren Jahren hielt ihn davon zurueck, und
so wurde (um 747 7) Aretas bestaetigt. Einige Dezennien spaeter begann derselbe
wieder auf eigene Hand Krieg gegen seinen Schwiegersohn, den Fuersten von
Galilaea, Herodes Antipas, wegen der Verstossung seiner Tochter zu Gunsten der
schoenen Herodias. Er behielt die Oberhand, aber der erzuernte Lehnsherr
Tiberius befahl dem Statthalter von Syrien die Exekution gegen ihn. Schon waren
die Truppen auf dem Marsche, als Tiberius starb (37); und sein Nachfolger Gaius,
der dem Antipas nicht wohl wollte, verzieh dem Araber. Des Aretas Nachfolger
Koenig Maliku oder Malchos focht unter Nero und Vespasian in dem Juedischen
Krieg als roemischer Vasall und vererbte die Herrschaft auf seinen Sohn Rabel,
den Zeitgenossen Traians, den letzten dieser Regenten. Namentlich nach der
Einziehung des Staates von Jerusalem und der Reduzierung der ansehnlichen
Herrschaft des Herodes auf das wenig schlagfertige Koenigreich von Caesarea
Paneas war unter den syrischen Klientelstaaten der arabische der ansehnlichste,
wie er denn auch zu dem Jerusalem belagernden Roemerheere unter den koeniglichen
das staerkste Kontingent stellte. Des Gebrauchs der griechischen Sprache hat
dieser Staat sich auch unter roemischer Oberhoheit enthalten; die unter der
Herrschaft seiner Koenige geschlagenen Muenzen tragen, von Damaskos abgesehen,
nur aramaeische Aufschrift. Aber es zeigen sich die Anfaenge geordneter
Zustaende und zivilisierten Regiments. Die Praegung selbst hat wahrscheinlich
erst begonnen, nachdem der Staat unter roemische Klientel gekommen war. Der
arabisch-indische Verkehr mit dem Mittelmeergebiet bewegt sich zum grossen Teil
auf der von Leuke Kome ueber Petra nach Gaza laufenden, von den Roemern
ueberwachten Karawanenstrasse ^30. Die Fuersten des Nabataeerreiches bedienen
sich, aehnlich wie die Gemeinde Palmyra, fuer die Beamten griechischer
Aemterbezeichnungen, wie zum Beispiel des Eparchen- und des Strategentitels.
Wenn unter Tiberius die durch die Roemer bewirkte gute Ordnung Syriens und die
durch die militaerische Besetzung herbeigefuehrte Sicherheit der Ernten ruehmend
hervorgehoben wird, so ist dies zunaechst zu beziehen auf die in den
Klientelstaaten von Jerusalem oder nachher von Caesarea Paneas und von Petra
getroffenen Einrichtungen.
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^25 Bei Medain Salih oder Hidjr, suedlich von Teima, dem alten Thaema, sind
kuerzlich von den Reisenden Doughty und Huber eine Reihe nabataeischer
Inschriften aufgefunden worden, die, grossenteils datiert, von der Zeit des
Augustus bis zum Tode Vespasians reichen. Lateinische Inschriften fehlen, und
die wenigen griechischen sind spaetester Zeit; allem Anschein nach ist bei der
Umwandlung des Nabataeischen Reiches in eine roemische Provinz, was von dem
inneren Arabien zu jenem gehoerte, von den Roemern aufgegeben worden.
^26 Die Stadt Damaskos unterwarf sich freiwillig unter den letzten
Seleukiden um die Zeit der Diktatur Sullas dem damaligen Koenig der Nabataeer,
vermutlich dem Aretas mit dem Scaurus schlug (Ios. ant. Iud. 13, 15). Auch die
Muenzen mit der Aufschrift basile?s Aretoy philell/e/nos; (Eckhel 3, 330;
Luynes, Revue numismatique N. S. 3, 1858, S. 311) sind vielleicht in Damaskos
geschlagen, als dies von den Nabataeern abhaengig war; die Jahreszahl auf einer
derselben ist zwar nicht mit Sicherheit bezogen, fuehrt aber vermutlich in die
letzte Zeit der roemischen Republik. Wahrscheinlich hat diese Abhaengigkeit der
Stadt von den nabataeischen Koenigen fortbestanden, solange es ueberhaupt solche
gab. Daraus, dass die Stadt Muenzen mit den Koepfen der roemischen Kaiser
gepraegt hat, folgt wohl die Abhaengigkeit von Rom und daneben die
Selbstverwaltung, aber nicht die Unabhaengigkeit von dem roemischen
Lehnsfuersten; die derartigen Schutzverhaeltnisse sind so mannigfaltig gestaltet
dass diese Ordnungen wohl sich miteinander vertragen konnten. Fuer die Fortdauer
des Nabataeerregiments spricht teils, dass der Ethnarch des Koenigs Aretas in
Damaskos den Apostel Paulus, wie dieser im 2. Brief an die Korinther (11, 32)
schreibt, verhaften lassen wollte, teils die seit kurzem festgestellte Tatsache
(Anm. 27), dass die Herrschaft der Nabataeer nordoestlich von Damaskos noch
unter Traian fortdauerte.
Indem man umgekehrt davon ausging, dass, wenn Aretas in Damaskos herrscht,
die Stadt nicht roemisch sein kann hat man auf verschiedenen Wegen versucht,
jenen Vorgang im Leben des Paulus chronologisch zu fixieren. Man hat an die
Verwicklung zwischen Aretas und der roemischen Regierung in den letzten Jahren
des Tiberius gedacht; aber wie diese verlief, ist es nicht wahrscheinlich, dass
sie in dem Besitzstand des Aretas eine dauernde Veraenderung herbeigefuehrt hat.
Melchior de Vogue (Melanges d'archeologie orientale. Paris 1869, S. 33) hat
darauf hingewiesen dass zwischen Tiberius und Nero - genauer zwischen den Jahren
33 und 62 (F. C. Saulcy, Numismatique de la Terre-Sainte. Paris 1874, S. 36) -
Kaisermuenzen von Damaskos fehlen und das Regiment der Nabataeer daselbst in
diese Zwischenzeit gesetzt, indem er annahm, dass Kaiser Gaius wie so vielen
anderen Lehnsfuersten, auch dem Araber seine Huld erwiesen und ihn mit Damaskos
belehnt habe. Aber derartige Unterbrechungen der Praegung treten haeufig auf und
fordern keine so tiefgreifende Erklaerung. Man wird wohl darauf verzichten
muessen, an dem Schalten des Nabataeerkoenigs in Damaskos fuer die
Lebensgeschichte des Paulus einen chronologischen Haltpunkt zu finden und
ueberhaupt Paulus Aufenthalt in dieser Stadt der Zeit nach zu definieren. Wenn
der auf jeden Fall stark verschobenen Darstellung des Vorgangs in der
Apostelgeschichte 9 insoweit zu trauen ist, ging Paulus nach Damaskos vor der
Bekehrung, um die Christenverfolgung, in welcher Stephanos umgekommen war, dort
fortzusetzen, und beschlossen dann, als er bekehrt in Damaskos vielmehr fuer die
Christen eintrat die dortigen Juden ihn umzubringen, wobei also vorausgesetzt
werden muss, dass der Beamte des Aretas, aehnlich wie Pilatus, der Ketzer-
Verfolgung der Juden Raum gab. Aus den zuverlaessigen Angaben des Galaterbriefes
folgt ferner, dass die Bekehrung bei Damaskos stattfand (denn dies zeigt das
ypestrepsa) und Paulus von da nach Arabien ging; ferner dass er drei Jahre nach
der Bekehrung zum ersten und siebzehn Jahre nach derselben zum zweiten Mal nach
Jerusalem kam, wonach die apokryphen Berichte der Apostelgeschichte ueber seine
Jerusalemreisen zu berichtigen sind (E. Zeller, Die Apostelgeschichte kritisch
untersucht. Stuttgart 1854, S. 216). Aber weder ist die Zeit des Todes des
Stephanos genau bestimmbar, noch viel weniger der Zeitraum zwischen diesem und
der Flucht des bekehrten Paulus aus Damaskos, noch die Zwischenzeit zwischen
seiner zweiten Reise nach Jerusalem und der Abfassung des Galaterbriefes, noch
das Jahr der Abfassung desselben selbst.
^27 Die kuerzlich bei Dmer, nordoestlich von Damaskos auf der Strasse nach
Palmyra, gefundene nabataeische Inschrift (Sachau, ZDMG 38, 1884 S. 535),
datiert aus dem Monat Ijjar des Jahres 405 nach roemischer (d. h.
seleukidischer) Zaehlung und dem 24. Jahr des Koenigs Rabel, des letzten
nabataeischen, also aus dem Mai 94 n. Chr., hat gezeigt, dass dieser Distrikt
bis auf die Einziehung dieses Reiches unter der Herrschaft der Nabataeer
geblieben ist. Uebrigens scheinen die Herrschaftsgebiete hier geographisch
durcheinander gewuerfelt gewesen zu sein; so stritten um das Gebiet von Gamala
am See Genezareth der Tetrarch von Galilaea und der Nabataeerkoenig (Ios. ant.
Iud. 18, 5, 1).
^28 Vielleicht durch Gabinius (App. Syr. 51).
^29 Strab. 16, 4, 21 p. 779. Die Muenzen dieser Koenige zeigen indes den
Kaiserkopf nicht. Aber dass im Nabataeischen Reiche nach roemischen Kaiserjahren
datiert werden konnte, beweist die nabataeische Inschrift von Hebraen (M. de
Vogue, l'Architecture civile et religieuse dans la Syrie centrale. 2 Bde. Paris
1865-77. Inscr. n. 1), datiert vom 7. Jahr des Claudius, also vom Jahre 47.
Hebran, wenig noerdlich von Bostra, scheint auch spaeter zu Arabien gerechnet
worden zu sein (Lebas-Waddington 2287), und nabataeische Inschriften
oeffentlichen Inhalts begegnen ausserhalb des Nabataeerstaats nicht; die wenigen
der Art aus der Trachonitis sind privater Natur.
^30 "Leuke Kome im Lande der Nabataeer", sagt Strabon unter Tiberius (16,
4, 23 p. 780), "ist ein grosser Handelsplatz, wohin und von wo die
Karawanenhaendler (kam/e/lemporoi) mit so zahlreichen Leuten und Kamelen sicher
und bequem von und nach Petra gehen, dass sie in nichts von Heerlagern sich
unterscheiden." Auch der unter Vespasian schreibende aegyptische Kaufmann
erwaehnt in seiner Kuestenbeschreibung des Roten Meeres c. 19 "den Hafen und die
Festung (phro?rion) Leuke Kome von wo der Weg nach Petra fuehrt zum Koenig der
Nabataeer Malichas. Er kann als Handelsplatz gelten fuer die auf nicht eben
grossen Schiffen dorthin aus Arabien verschifften Waren. Darum wird dorthin ein
Einnehmer geschickt (apostelletai) des Eingangszolls von einem Viertel des
Wertes und der Sicherheit wegen ein Centurio (ekatontarch/e/s) mit Mannschaft."
Da ein roemischer Reichsangehoeriger hier des Schickens von Beamten und Soldaten
erwaehnt, so koennen dies nur roemische sein; auch passt fuer das Heer des
Nabataeerkoenigs der Centurio nicht und ist die Steuerreform ganz die roemische.
Dass ein Klientelstaat in das Gebiet der Reichssteuer eingezogen wird, kommt
auch sonst, zum Beispiel in den Alpengegenden vor. Die Strasse von Petra nach
Gaza erwaehnt Plinius nat. 6, 28, 144.
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Unter Traianus trat an die Stelle dieser beiden Klientelstaaten die
unmittelbare roemische Herrschaft. Im Anfang seiner Regierung starb Koenig
Agrippa II., und es wurde sein Gebiet mit der Provinz Syrien vereinigt. Nicht
lange darauf, im Jahre 106, loeste der Statthalter Aulus Cornelius Palma das
bisherige Reich der Koenige von Nabat auf und machte aus dem groesseren Teil
desselben die roemische Provinz Arabia, waehrend Damaskos zu Syrien kam und was
der Nabataeerkoenig im Binnenland Arabiens besessen hatte, von den Roemern
aufgegeben ward. Die Einrichtung Arabiens wird als Unterwerfung bezeichnet, und
auch die Muenzen, welche die Besitzergreifung von Arabien feiern, sprechen
dafuer, dass die Nabataeer sich zur Wehr setzten, wie denn ueberhaupt die
Beschaffenheit ihres Gebiets sowie ihr bisheriges Verhalten eine relative
Selbstaendigkeit dieser Fuersten annehmen lassen. Aber nicht in dem Kriegserfolg
darf die geschichtliche Bedeutung dieser Vorgaenge gesucht werden; die beiden
ohne Zweifel zusammengehoerigen Einziehungen waren nicht mehr als vielleicht mit
militaerischer Gewalt durchgefuehrte Verwaltungsakte, und die Tendenz, diese
Gebiete der Zivilisation und speziell dem Hellenismus zu gewinnen, wird dadurch
nur gesteigert, dass die roemische Regierung die Arbeit selbst auf sich nimmt.
Der Hellenismus des Orients, wie ihn Alexander zusammengefasst hat, war eine
streitende Kirche, eine politisch, religioes, wirtschaftlich, literarisch
vordringende, durchaus erobernde Macht. Hier an dem Saum der Wueste, unter dem
Druck des antihellenischen Judentums und gehandhabt von dem geistlosen und
unsteten Seleukidenregiment, hatte er bisher wenig ausgerichtet. Aber jetzt das
Roemertum durchdringend, entwickelt er eine treibende Kraft, welche sich zu der
frueheren verhaelt wie die Macht der juedischen und der arabischen Lehnsfuersten
zu derjenigen des Roemischen Reiches. In diesem Lande, wo alles darauf ankam und
ankommt, durch Aufstellung einer ueberlegenen und staendigen Militaermacht den
Friedensstand zu schirmen, war die Einrichtung eines Legionslagers in Bostra
unter einem Kommandanten senatorischen Ranges ein epochemachendes Ereignis. Von
diesem Mittelpunkt aus wurden an den zweckmaessigen Stellen die erforderlichen
Posten eingerichtet und mit Besatzung versehen. Beispielsweise verdient
Erwaehnung das Kastell -von Namara (Nemara), einen starken Tagemarsch jenseits
der Grenzen des eigentlich bewohnbaren Berglandes, inmitten der Steinwueste,
aber gebietend ueber den einzigen, innerhalb derselben befindlichen Brunnen und
die daran sich anschliessenden bei der schon erwaehnten Oase von Ruhbe und
weiterhin am Djebel Ses; diese Besatzungen zusammen beherrschen das gesamte
Vorland des Hauran. Eine andere Reihe von Kastellen, dem syrischen Kommando und
zunaechst dem der bei Danava postierten Legion unterstellt und in
gleichmaessigen Distanzen von drei zu drei Stunden angelegt, sicherte die
Strasse von Damaskos nach Palmyra; das am besten bekannte davon, das zweite in
der Reihe, ist das von Dmer, ein laengeres Viereck von je 300 und 350 Schritt,
auf jeder Seite mit sechs Tuermen und einem fuenfzehn Schritte breiten Portal
versehen und umfasst von einer einstmals aussen mit schoenen Quadern bekleideten
Ringmauer von sechzehn Fuss Dicke.
Niemals war eine solche Aegide ueber dieses Land gebreitet worden. Es wurde
nicht eigentlich denationalisiert. Die arabischen Namen bleiben bis in die
spaeteste Zeit hinab, wenngleich nicht selten, eben wie in Syrien, dem
oertlichen ein roemisch-hellenischer beigefuegt wird: so nennt sich ein Scheich
"Adrianos oder Soaidos, Sohn des Malechos" ^31. Auch der einheimische Kultus
bleibt unangetastet: die Hauptgottheit der Nabataeer, der Dusaris, wird wohl mit
dem Dionysos geglichen, aber regelmaessig unter seinem oertlichen Namen auch
ferner verehrt, und bis in spaete Zeit feiern die Bostrener zu seinen Ehren die
Dusarien ^32. In gleicher Weise werden in der Provinz Arabia dem Aumu oder dem
Helios, dem Vasaeathu, dem Theandritos, dem Ethaos auch ferner Tempel geweiht
und Opfer dargebracht. Die Staemme und die Stammordnung bleiben nicht minder:
die Inschriften nennen Reihen von "Phylen" einheimischen Namens und oefter
Phylarchen oder Ethnarchen. Aber neben der hergebrachten Weise schreitet die
Zivilisierung und die Hellenisierung vorwaerts. Wenn aus vortraianischer Zeit im
Bereich des Nabataeerstaats kein griechisches Denkmal nachgewiesen werden kann,
so ist umgekehrt daselbst kein nachtraianisches in der Landessprache gefunden
worden ^33; allem Anschein nach hat die Reichsregierung den Schriftgebrauch des
Aramaeischen gleich bei der Einziehung unterdrueckt, obwohl dasselbe sicher die
eigentliche Landessprache blieb, wie dies ausser den Eigennamen auch der
"Dolmetsch der Steuereinnehmer" bezeugt.
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^31 Waddington 2196: Adriano? to? kai Soaidoy Malechoy ethnarchoy
strat/e/go? nomad/o/n to mn/e/mion.
^32 Epiphanius (haeres. 51 p. 483 Dind.) fuehrt aus, dass der 25. Dezember,
der Geburtstag Christi, schon in Rom in dem Saturnalienfest, in Alexandreia in
dem (auch im Dekret von Kanopos erwaehnten) Fest der Kikellia und in anderen
heidnischen Kulturen in analoger Art festlich begangen worden sei. "Dies
geschieht in Alexandreia in dem sogenannten Jungfrauenheiligtum (Korion) . ..
und wenn man die Leute fragt, was dies Mysterium bedeute, so antworten und sagen
sie, dass heute in dieser Stunde die Jungfrau den Ewigen (ton ai/o/na) geboren
habe. Dies geschieht in gleicher Weise in Petra, der Hauptstadt von Arabia, in
dem dortigen Tempel, und in arabischer Sprache besingen sie die Jungfrau, welche
sie auf arabisch Chaamu nennen, das heisst das Maedchen, und den aus ihr
Geborenen Dusares, das heisst den Eingeborenen des Herrn." Der Name Chaamu ist
vielleicht verwandt mit dem Aumu oder Aumos der griechischen Inschriften dieser
Gegend, der mit Ye?s anik/e/tos /E/lios geglichen wird (Waddington 2392-2395,
2441, 2455, 2456).
^33 Dabei ist abgesehen von der merkwuerdigen, in Harran unweit Zorava
gefundenen arabisch-griechischen Inschrift (man beachte die Folge) vom Jahre 568
n. Chr., gesetzt von dem Phylarchen Asaraelos, Sohn des Talemos (Waddington
2464). Dieser Christ ist ein Vorlaeufer Mohammeds.
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Ueber die Hebung des Ackerbaues fehlen uns redende Zeugen; aber wenn auf
der ganzen oestlichen und suedlichen Abdachung des Hauran von den Spitzen des
Gebirges bis zur Wueste hin die Steine, mit denen diese vulkanische Ebene einst
besaet war, zu Haufen geworfen oder in langen Zeilen geschichtet und so die
herrlichsten Aecker gewonnen sind, so darf man darin die Hand der einzigen
Regierung erkennen, die dieses Land so regiert hat, wie es regiert werden kann
und regiert werden sollte. In der Ledja, einem dreizehn Stunden langen und acht
bis neun breiten Lavaplateau, das jetzt fast menschenleer ist, wuchsen einst
Reben und Feigen zwischen den Lavastroemen; quer durch dasselbe fuehrt die
Bostra mit Damaskos verbindende Roemerstrasse; in der Ledja und um sie zaehlt
man die Ruinen von 12 groesseren und 39 kleineren Ortschaften. Erweislich ist
auf Geheiss desselben Statthalters, der die Provinz Arabia eingerichtet hat, der
maechtige Aquaedukt angelegt worden, welcher das Wasser vom Gebirge des Hauran
nach Kanatha (Kerak) in der Ebene fuehrte, und nicht weit davon ein aehnlicher
in Arrha (Raha), Bauten Traians, die neben dem Hafen von Ostia und dem Forum von
Rom genannt werden duerfen. Fuer das Aufbluehen des Handelsverkehrs spricht die
Wahl selbst der Hauptstadt der neuen Provinz. Bostra bestand unter der
nabataeischen Regierung und es hat sich dort eine Inschrift des Koenigs Malichu
gefunden; aber seine militaerische und kommerzielle Bedeutung beginnt mit dem
Eintritt des unmittelbaren roemischen Regiments. "Bostra", sagt Wetzstein, "hat
unter allen ostsyrischen Staedten die guenstigste Lage; selbst Damaskos, welches
seine Groesse der Menge seines Wassers und seiner durch den oestlichen Trachon
geschuetzten Lage verdankt, wird Bostra nur unter einer schwachen Regierung
ueberstrahlen, waehrend letzteres unter einem starken und weisen Regiment sich
in wenigen Jahrzehnten zu einer maerchenhaften Bluete emporschwingen muss. Es
ist der grosse Markt fuer die syrische Wueste, das arabische Hochgebirge und die
Peraea, und seine langen Reihen steinerner Buden legen noch jetzt in der
Veroedung Zeugnis ab von der Realitaet einer frueheren und der Moeglichkeit
einer kuenftigen Groesse." Die Reste der von dort ueber Salchat und Ezrak zum
Persischen Meerbusen fuehrenden roemischen Strasse beweisen, dass Bostra neben
Petra und Palmyra den Verkehr vom Osten zum Mittelmeer vermittelte. Diese Stadt
hat wahrscheinlich schon Traian hellenisch konstituiert; wenigstens heisst sie
seitdem "das neue traianische Bostra", und die griechischen Muenzen beginnen mit
Plus, waehrend spaeter infolge der Erteilung des Kolonialrechts durch Alexander
die Aufschrift lateinisch wird.
Auch Petra hat schon unter Hadrian griechische Stadtverfassung gehabt und
noch einzelne andere Ortschaften spaeterhin Stadtrecht empfangen; ueberwogen
aber hat in diesem Arabergebiet bis in die spaeteste Zeit der Stamm und das
Stammdorf.
Aus der Mischung nationaler und griechischer Elemente entwickelte sich in
diesen Landschaften in dem halben Jahrtausend zwischen Traian und Mohammed eine
eigenartige Zivilisation. Es ist uns davon ein volleres Abbild erhalten als von
anderen Gestaltungen der antiken Welt, indem die zum grossen Teil aus dem Felsen
herausgearbeiteten Anlagen von Petra und die bei dem Mangel des Holzes ganz aus
Stein aufgefuehrten Bauwerke im Hauran, verhaeltnismaessig wenig beschaedigt
durch die mit dem Islam hier wieder in ihr altes Unrecht eingesetzte
Beduinenherrschaft, zu einem betraechtlichen Teil noch heute vorhanden sind und
auf die Kunstfertigkeit und Lebensweise jener Jahrhunderte helles Licht werfen.
Der oben erwaehnte Tempel des Baalsamin von Kanatha, sicher unter Herodes
gebaut, zeigt in seinen urspruenglichen Teilen eine voellige Verschiedenheit von
der griechischen Architektur und in der architektonischen Anlage merkwuerdige
Analogien mit dem Tempelbau desselben Koenigs in Jerusalem, waehrend die bei
diesem vermiedenen bildlichen Darstellungen hier keineswegs fehlen. Aehnliches
ist auch bei den in Petra gefundenen Denkmaelern beobachtet worden. Spaeter ging
man weiter. Wenn unter den juedischen und den nabataeischen Herrschern die
Kultur nur langsam sich von den Einfluessen des Orients loeste, so scheint mit
der Verlegung der Legion nach Bostra hier eine neue Zeit begonnen zu haben. "Das
Bauen", sagt ein vortrefflicher franzoesischer Beobachter, Melchior de Vogue,
"erhielt damit einen Anstoss, der nicht wieder zum Stillstand kam. Ueberall
erhoben sich Haeuser, Palaeste, Baeder, Tempel, Theater, Aquaedukte,
Triumphbogen; Staedte stiegen aus dem Boden binnen weniger Jahre mit der
regelmaessigen Anlage, den symmetrisch gefuehrten Saeulenreihen, die die Staedte
ohne Vergangenheit bezeichnen und fuer diesen Teil Syriens waehrend der
Kaiserzeit gleichsam die unvermeidliche Uniform sind." Die oestliche und
suedliche Abdachung des Hauran weist ungefaehr dreihundert derartige veroedete
Staedte und Doerfer auf, waehrend dort jetzt nur fuenf neue Ortschaften
vorhanden sind; einzelne von jenen, zum Beispiel Busan, zaehlen bis 800 ein- bis
zweistoeckige Haeuser, durchaus aus Basalt gebaut, mit wohlgefuegten, ohne
Zement verbundenen Quadermauern, meist ornamentierten, oft auch mit Inschriften
versehenen Tueren, die flache Decke gebildet durch Steinbalken, welche von
Steinbogen getragen und oben durch eine Zementlage regenfrei gestellt werden.
Die Stadtmauer wird gewoehnlich nur durch die zusammengeschlossenen Rueckseiten
der Haeuser gebildet und ist durch zahlreiche Tuerme geschuetzt. Die duerftigen
Rekolonisierungsversuche der neuesten Zeiten finden die Haeuser bewohnbar vor;
es fehlt nur die fleissige Menschenhand oder vielmehr der starke Arm, der sie
beschuetzt. Vor den Toren liegen die oft unterirdischen oder mit kuenstlichem
Steindach versehenen Zisternen, von denen manche noch heute, wo diese
Staedtewueste zum Weideland geworden ist, von den Beduinen im Stande gehalten
werden, um daraus im Sommer ihre Herden zu traenken. Die Bauweise und die
Kunstuebung haben wohl einzelne Ueberreste der aelteren orientalischen Weise
bewahrt, zum Beispiel die haeufige Grabform des mit einer Pyramide gekroenten
Wuerfels, vielleicht auch die oft dem Grabmal beigefuegten, noch heute in ganz
Syrien haeufigen Taubentuerme, ist aber, im ganzen genommen, die gewoehnliche
griechische der Kaiserzeit. Nur hat das Fehlen des Holzes hier eine Entwicklung
des Steinbogens und der Kuppel hervorgerufen, die technisch wie kuenstlerisch
diesen Bauten einen originellen Charakter verleiht. Im Gegensatz zu der anderswo
ueblichen gewohnheitsmaessigen Wiederholung der ueberlieferten Formen herrscht
hier eine den Beduerfnissen und den Bedingungen selbstaendig genuegende, in der
Ornamentik masshaltende, durchaus gesunde und rationelle und auch der Eleganz
nicht entbehrende Architektur. Die Grabstaetten, welche in die oestlich und
westlich von Petra aufsteigenden Felswaende und in deren Seitentaeler
eingebrochen sind, mit ihren oft in mehreren Reihen uebereinandergestellten
dorischen oder korinthischen Saeulenfassaden und ihren an das aegyptische Theben
erinnernden Pyramiden und Propylaeen sind nicht kuenstlerisch erfreulich, aber
imponierend durch Masse und Reichtum. Nur ein reges Leben und ein hoher
Wohlstand hat also fuer seine Toten zu sorgen vermocht. Diesen architektonischen
Denkmaelern gegenueber befremdet es nicht, wenn die Inschriften eines Theaters
in dem "Dorf" (k/o/m/e/) Sakkaea, eines "theaterfoermigen Odeons" in Kanatha
Erwaehnung tun und ein Lokalpoet von Namara in der Batanaea sich selber feiert
als den "Meister der herrlichen Kunst stolzen ausonischen Lieds" ^34. Also ward
an dieser Ostgrenze des Reiches der hellenischen Zivilisation ein Grenzgebiet
gewonnen, das mit dem romanisierten Rheinland zusammengestellt werden darf; die
Bogen- und Kuppelbauten Ostsyriens halten wohl den Vergleich aus mit den
Schloessern und Grabmaelern der Edlen und der Kaufherren der Belgica.
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^34 Aysoni/o/n mo?s/e/s ypsinooy pr?tanis. G. Kaibel, Epigrammata Graeca.
Berlin 1878, 440.
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Aber es kam das Ende. Von den aus dem Sueden hierher einwandernden
Araberstaemmen schweigt die geschichtliche Ueberlieferung der Roemer, und was
die spaeten Aufzeichnungen der Araber ueber die der Ghassaniden und deren
Vorlaeufer berichten, ist wenigstens chronologisch kaum zu fixieren ^35. Aber
die Sabaeer, nach denen der Ort Borechath (Breka noerdlich von Kanawat) genannt
wird, scheinen in der Tat suedarabische Auswanderer zu sein; und diese sassen
hier bereits im 3. Jahrhundert. Sie und ihre Genossen moegen in Frieden gekommen
und unter roemischer Aegide sesshaft geworden sein, vielleicht sogar die
hochentwickelte und ueppige Kultur des suedwestlichen Arabien nach Syrien
getragen haben. Solange das Reich fest zusammenhielt und jeder dieser Staemme
unter seinem Scheich stand, gehorchten alle dem roemischen Oberherrn. Aber um
den unter einem Koenig geeinigten Arabern oder, wie sie jetzt heissen, Sarazenen
des Perserreiches besser zu begegnen, unterwarf Justinian waehrend des
Persischen Krieges im Jahre 531 saemtliche Phylarchen der den Roemern
untertaenigen Sarazenen dem Arethas, des Gabala Sohn, und verlieh diesem den
Koenigstitel, was bis dahin, wie hinzugesetzt wird, niemals geschehen war.
Dieser Koenig der saemtlichen in Syrien ansaessigen Araberstaemme war noch des
Reiches Lehnstraeger; aber indem er seine Landsleute abwehrte, bereitete er
zugleich ihnen die Staette. Ein Jahrhundert spaeter, im Jahre 637, unterlag
Arabien und Syrien dem Islam.
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^35 Nach den arabischen Berichten wanderten die Benu Salih aus der Gegend
von Mekka (um 190 n. Chr. nach den Ansetzungen von A. P. Caussin de Perceval,
Essai sur l'histoire des Arabes avant l'Islamisme. Bd. 1. Paris 1847, S. 212)
nach Syrien und siedelten sich hier an neben den Benu-Samaida, in denen
Waddington die phyl/e/ Somaith/e/n/o/n einer Inschrift von Suweda (n. 2308)
wiederfindet. Die Ghassaniden, die (nach Caussin um 205) von Batn-Marr ebenfalls
nach Syrien in dieselbe Gegend einwanderten, wurden von den Salihiten auf
Anweisung der Roemer gezwungen, Tribut zu zahlen und entrichteten diesen eine
Zeitlang, bis sie (nach demselben um das Jahr 292) die Salihiten ueberwanden und
ihr Fuehrer Thalaba, Sohn Amts, von den Roemern als Phylarch anerkannt ward.
Diese Erzaehlung mag richtige Elemente enthalten; aber massgebend bleibt immer
der im Text wiedergegebene Bericht Prokops (Pers. 1, 17). Die Phylarchen
einzelner Provinzen, von Arabia (d. h. Provinz Bostra: nov. 102 c. 1) und von
Palaestina (d. h. Provinz Petra: Prok. Pers. 1, 19) sind aelter, aber wohl nicht
um viel. Waere ein Oberscheich dieser Art in vorjustinianischer Zeit von den
Roemern anerkannt worden, so wuerden die roemischen Schriftsteller und die
Inschriften davon wohl die Spuren aufweisen; aber aus vorjustinianischer Zeit
fehlt es an solchen.
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11. Kapitel
Judaea und die Juden
Die Geschichte des juedischen Landes ist so wenig die Geschichte des
juedischen Volkes wie die Geschichte des Kirchenstaates die der Katholiken; es
ist ebenso erforderlich, beides zu sondern wie beides zusammen zu erwaegen.
Die Juden im Jordanland, mit welchen die Roemer zu schaffen hatten, waren
nicht dasjenige Volk, das unter seinen Richtern und Koenigen mit Moab und Edom
schlug und den Reden des Amos und Hosea lauschte. Die durch die Fremdherrschaft
ausgetriebene und durch den Wechsel der Fremdherrschaft wieder zurueckgefuehrte
kleine Gemeinde frommer Exulanten, welche ihre neue Einrichtung damit begann,
die Reste der in den alten Sitzen zurueckgebliebenen Stammgenossen schroff
zurueckzuweisen und zu der unversoehnlichen Fehde zwischen Juden und Samaritern
den Grund zu legen, das Ideal nationaler Exklusivitaet und priesterlicher
Geistesfesselung, hatte lange vor der roemischen Zeit unter dem Regiment der
Seleukiden die sogenannte mosaische Theokratie entwickelt, ein geistliches
Kollegium mit dem Erzpriester an der Spitze, welches bei der Fremdherrschaft,
sich beruhigend und auf staatliche Gestaltung verzichtend, die Besonderheit der
Seinigen wahrte und unter der Aegide der Schutzmacht dieselben beherrschte. Dies
den Staat ignorierende Festhalten der nationalen Eigenart in religioesen Formen
ist die Signatur des spaeteren Judentums. Wohl ist jeder Gottesbegriff in seiner
Bildung volkstuemlich; aber kein anderer Gott ist so von Haus aus der Gott nur
der Seinen gewesen wie Jahve, und keiner es so ohne Unterschied von Zeit und Ort
geblieben. Jene in das Heilige Land Zurueckwandernden, welche nach den Satzungen
Mosis zu leben meinten, und in der Tat lebten nach den Satzungen Ezras und
Nehemias, waren von den Grosskoenigen des Orients und spaeter von den Seleukiden
gerade ebenso abhaengig geblieben, wie sie es an den Wassern Babylons gewesen
waren. Ein politisches Element haftet dieser Organisation nicht mehr an als der
armenischen oder der griechischen Kirche unter ihren Patriarchen im tuerkischen
Reich; kein freier Luftzug staatlicher Entwicklung geht durch diese klerikale
Restauration; keine der schweren und ernsten Verpflichtungen des auf sich selbst
gestellten Gemeinwesens behinderte die Priester des Tempels von Jerusalem in der
Herstellung des Reiches Jahves auf Erden.
Der Gegenschlag blieb nicht aus. Jener Kirchenunstaat konnte nur dauern,
solange eine weltliche Grossmacht ihm als Schirmherr oder auch als Buettel
diente. Als das Reich der Seleukiden verfiel, ward durch die Auflehnung gegen
die Fremdherrschaft, die eben aus dem begeisterten Volksglauben ihre besten
Kraefte zog, wieder ein juedisches Gemeinwesen geschaffen. Der Erzpriester von
Salem wurde vom Tempel auf das Schlachtfeld gerufen. Das Geschlecht der
Hasmonaeer stellte nicht bloss das Reich Sauls und Davids ungefaehr in seinen
alten Grenzen wieder her, sondern diese kriegerischen Hohenpriester erneuerten
auch einigermassen das ehemalige, wahrhaft staatliche, den Priestern gebietende
Koenigtum. Aber dasselbe, von jener Priesterherrschaft zugleich das Erzeugnis
und der Gegensatz, war nicht nach dem Herzen der Frommen. Die Pharisaeer und die
Sadduzaeer schieden sich und begannen sich zu befehden. Weniger Glaubenssaetze
und rituelle Differenzen standen hier sich einander entgegen als einerseits das
Verharren bei einem lediglich die religioesen Ordnungen und Interessen
festhaltenden, im uebrigen fuer die Unabhaengigkeit und die Selbstbestimmung der
Gemeinde gleichgueltigen Priesterregiment, andererseits das Koenigtum,
hinstrebend zu staatlicher Entwicklung und bemueht, in dem politischen Ringen,
dessen Schauplatz damals das Syrische Reich war, dem juedischen Volke durch
Schlagen und Vertragen wieder seinen Platz zu verschaffen. Jene Richtung
beherrschte die Menge, diese ueberwog in der Intelligenz und in den vornehmen
Klassen; ihr bedeutendster Vertreter ist Koenig Iannaeos Alexandros, der
waehrend seiner ganzen Regierung nicht minder mit den syrischen Herrschern in
Fehde lag wie mit seinen Pharisaeern. Obwohl sie eigentlich nur der andere und
in der Tat der natuerlichere und maechtigere Ausdruck des nationalen Aufschwungs
ist, beruehrte sie sich doch in ihrem freieren Denken und Handeln mit dem
hellenischen Wesen und galt insbesondere den frommen Gegnern als fremdlaendisch
und unglaeubig.
Aber die Bewohner Palaestinas waren nur ein Teil, und nicht der
bedeutendste Teil der Juden; die babylonischen, syrischen, kleinasiatischen,
aegyptischen Judengemeinden waren den palaestinensischen auch nach der
Regeneration durch die Makkabaeer weit ueberlegen. Mehr als die letztere hat die
juedische Diaspora in der Kaiserzeit zu bedeuten gehabt; und sie ist eine
durchaus eigenartige Erscheinung.
Die Judenansiedlungen ausserhalb Palaestina sind nur in untergeordnetem
Grade aus demselben Triebe entwickelt wie die der Phoeniker und der Hellepen.
Von Haus aus ein ackerbauendes und fern von der Kueste wohnendes Volk, sind ihre
Ansiedlungen im Ausland eine unfreie und verhaeltnismaessig spaete Bildung, eine
Schoepfung Alexanders oder seiner Marschaelle ^1. An jenen immensen, durch
Generationen fortgesetzten griechischen Staedtegruendungen, wie sie in gleichem
Umfang nie vorher und nie nachher vorgekommen sind, haben die Juden einen
hervorragenden Anteil gehabt, so seltsam es auch war, eben sie bei der
Hellenisierung des Orients zur Beihilfe zu berufen. Vor allem gilt dies von
Aegypten. Die bedeutendste unter allen von Alexander geschaffenen Staedten,
Alexandreia am Nil, ist seit den Zeiten des ersten Ptolemaeers, der nach der
Einnahme Palaestinas eine Masse seiner Bewohner dorthin uebersiedelte, fast
ebenso sehr eine Stadt der Juden wie der Griechen, die dortige Judenschaft an
Zahl, Reichtum, Intelligenz, Organisation der jerusalemitischen mindestens
gleich zu achten. In der ersten Kaiserzeit rechnete man auf acht Millionen
Aegypter eine Million Juden, und ihr Einfluss reichte vermutlich ueber dieses
Zahlenverhaeltnis hinaus. Dass wetteifernd damit in der syrischen
Reichshauptstadt die Judenschaft in aehnlicher Weise organisiert und entwickelt
worden war, wurde schon bemerkt. Von der Ausdehnung und der Bedeutung der Juden
Kleinasiens zeugt unter anderem der Versuch, den unter Augustus die ionischen
Griechenstaedte, es scheint nach gemeinschaftlicher Verabredung, machten, ihre
juedischen Gemeindegenossen entweder zum Ruecktritt von ihrem Glauben oder zur
vollen Uebernahme der buergerlichen Lasten zu noetigen. Ohne Zweifel gab es
selbstaendig organisierte Judenschaften in saemtlichen neuhellenischen
Gruendungen ^2 und daneben in zahlreichen althellenischen Staedten, selbst im
eigentlichen Hellas, zum Beispiel in Korinth. Die Organisierung vollzog sich
durchaus in der Weise, dass den Juden ihre Nationalitaet mit den von ihnen
selbst daraus gezogenen weitreichenden Konsequenzen gewahrt, nur der Gebrauch
der griechischen Sprache von ihnen gefordert ward. So wurden bei dieser damals
von oben herab dem Orient aufgeschmeichelten oder aufgezwungenen Graezisierung
die Juden der Griechenstaedte griechisch redende Orientalen.
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^1 Ob die Rechtsstellung der Juden in Alexandreia mit Recht von Josephus
(c. Ap. 2, 4) auf Alexander zurueckgefuehrt wird, ist insofern zweifelhaft, als,
soweit wir wissen, nicht er, sondern der erste Ptolemaeer massenweise Juden dort
ansiedelte (Ios. ant. Iud. 12, 1; App. Syr. 50). Die merkwuerdige
Gleichartigkeit, mit der die Judenschaften in den verschiedenen Diadochenstaaten
sich gestaltet haben, muss, wenn sie nicht auf Alexanders Anordnungen beruht,
auf das Rivalisieren und Imitieren bei der Staedtegruendung zurueckgefuehrt
werden. Dass Palaestina bald aegyptisch, bald syrisch war, hat bei diesen
Ansiedlungen ohne Zweifel wesentlich mitgewirkt.
^2 Der Judengemeinde in Smyrna gedenkt eine kuerzlich daselbst gefundene
Inschrift (Reinach, Revue des Etudes Juives, 1883, S. 161): Roypheina Ioydaia
archisynag/o/gos kateske?asen to ensorion tois apeletherois kai thremmasin
m/e/denos alloy echoysian echontos thapsai tina. ei de tis tolm/e/sei, d/o/sei
t/o/ ier/o/tat/o/ tamei/o/ d/e/narioys aph, kai t/o/ ethnei t/o/n Ioydai/o/n
d/e/narioys a. Ta?t/e/s t/e/s epigraph/e/s to antigraphon apokeitai eis to
archeion. Einfache Kollegien werden in Strafandrohungen dieser Art nicht leicht
mit dem Staat oder der Gemeinde auf eine Linie gestellt.
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Dass bei den Judengemeinden der makedonischen Staedte die griechische
Sprache nicht bloss im natuerlichen Wege des Verkehrs zur Herrschaft gelangt,
sondern eine ihnen auferlegte Zwangsbestimmung ist, scheint aus der Sachlage
sich mit Notwendigkeit zu ergeben. In aehnlicher Weise hat spaeterhin Traian mit
kleinasiatischen Kolonisten Dakien romanisiert. Ohne diesen Zwang haette die
aeusserliche Gleichfoermigkeit der Staedtegruendung nicht durchgefuehrt, dies
Material fuer die Hellenisierung ueberhaupt nicht verwendet werden koennen. Dass
die heiligen Schriften der Juden schon unter den ersten Ptolemaeern in das
Griechische uebertragen wurden, mag wohl so wenig Veranstaltung der Regierung
gewesen sein wie die Bibeluebersetzung Luthers; aber im Sinne derselben lag
allerdings die sprachliche Hellenisierung der aegyptischen Juden, und sie
vollzog sich merkwuerdig rasch. Wenigstens im Anfang der Kaiserzeit,
wahrscheinlich lange vorher war die Kenntnis des Hebraeischen unter den
alexandrinischen Juden ziemlich so selten wie heutzutage in der christlichen
Welt die der Ursprachen der heiligen Originale; es wurde mit den
Uebersetzungsfehlern der sogenannten siebzig Alexandriner ungefaehr ebenso
argumentiert wie von unseren Frommen mit den Uebersetzungsfehlern Luthers. Die
nationale Sprache der Juden war in dieser Epoche ueberall aus dem lebendigen
Verkehr verschwunden und behauptete sich nur, etwa wie im katholischen
Religionsgebiet die lateinische, im kirchlichen Gebrauch. In Judaea selbst war
sie ersetzt worden durch die der hebraeischen freilich verwandte aramaeische
Volkssprache Syriens; die Judenschaften ausserhalb Judaeas, mit denen wir uns
beschaeftigen, hatten das semitische Idiom vollstaendig abgelegt, und erst lange
nach dieser Epoche ist jene Reaktion eingetreten, welche schulmaessig die
Kenntnis und den Gebrauch derselben allgemeiner bei den Juden zurueckgefuehrt
hat. Die literarischen Arbeiten, die sie waehrend dieser Epoche in grosser Zahl
geliefert haben, sind in der besseren Kaiserzeit alle griechisch. Wenn die
Sprache allein die Nationalitaet bedingte, so waere fuer diese Zeit von den
Juden wenig zu berichten.
Aber mit diesem anfaenglich vielleicht schwer empfundenen Sprachzwang
verbindet sich die Anerkennung der besonderen Nationalitaet mit allen ihren
Konsequenzen. Ueberall in den Staedten der Alexandermonarchie bildete sich die
Stadtbewohnerschaft aus den Makedoniern, das heisst den wirklich makedonischen
oder den ihnen gleichgeachteten Hellenen. Neben diesen stehen, ausser den
Fremden, die Eingeborenen, in Alexandreia die Aegypter, in Kyrene die Libyer und
ueberhaupt die Ansiedler aus dem Orient, welche zwar auch keine andere Heimat
haben als die neue Stadt, aber nicht als Hellenen anerkannt werden. Zu dieser
zweiten Kategorie gehoeren die Juden; aber ihnen, und nur ihnen, wird es
gestattet, sozusagen eine Gemeinde in der Gemeinde zu bilden und, waehrend die
uebrigen Nichtbuerger von den Behoerden der Buergerschaft regiert werden, bis zu
einem gewissen Grad sich selbst zu regieren ^3. "Die Juden", sagt Strabon,
"haben in Alexandreia ein eigenes Volkshaupt (ethnarch/e/s), welches dem Volke
(ethnos) vorsteht und die Prozesse entscheidet und ueber Vertraege und Ordnungen
verfuegt, als beherrsche es eine selbstaendige Gemeinde." Es geschah dies, weil
die Juden eine derartige spezifische Jurisdiktion als durch ihre Nationalitaet
oder, was auf dasselbe hinauskommt, ihre Religion gefordert bezeichneten. Weiter
nahmen die allgemeinen staatlichen Ordnungen auf die national-religioesen
Bedenken der Juden in ausgedehntem Umfang Ruecksicht und halfen nach
Moeglichkeit durch Exemptionen aus. Das Zusammenwohnen trat wenigstens haeufig
hinzu; in Alexandreia zum Beispiel waren von den fuenf Stadtquartieren zwei
vorwiegend von Juden bewohnt. Es scheint dies nicht das Ghettosystem gewesen zu
sein, sondern eher ein durch die anfaengliche Ansiedlung begruendetes und dann
von beiden Seiten festgehaltenes Herkommen, wodurch nachbarlichen Konflikten
einigermassen vorgebeugt ward.
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^3 Wenn die alexandrinischen Juden spaeter behaupteten, den
alexandrinischen Makedoniern rechtlich gleichgestellt zu sein (Ios. c. Ap. 2, 4;
bel. Iud. 2, 18, 7), so war dies eine Entstellung des wahren Sachverhaeltnisses.
Sie waren Schutzgenossen zunaechst der Phyle der Makedonier, wahrscheinlich der
vornehmsten von allen, und darum nach Dionysos benannt (Theophilus ad Autolycum
2, 7), und weil das Judenquartier ein Teil dieser Phyle war, macht Josephus in
seiner Weise sie selbst zu Makedoniern. Die Rechtsstellung der Bevoelkerung der
Griechenstaedte dieser Kategorie erhellt am deutlichsten aus der Nachricht
Strabons (bei Ios. ant. Iud. 14, 7, 2) ueber die vier Kategorien derjenigen von
Kyrene: Stadtbuerger, Landleute (ge/o/rgoi), Fremde und Juden. Sieht man von den
Metoeken ab, die ihre rechtliche Heimat auswaerts haben, so bleiben als
heimatberechtigte Kyrenaeer die vollberechtigten Buerger, also die Hellenen und
was man als solche gelten liess, und die zwei Kategorien der vom aktiven
Buergerrecht Ausgeschlossenen, die Juden, die eine eigene Gemeinde bilden, und
die Untertanen, die Libyer, welchen die Autonomie fehlt. Dies konnte leicht so
verschoben werden, dass die beiden privilegierten Kategorien auch als
gleichberechtigt erschienen.
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So kamen die Juden dazu, bei der makedonischen Hellenisierung des Orients
eine hervorragende Rolle zu spielen; ihre Gefuegigkeit und Brauchbarkeit
einerseits, ihre unnachgiebige Zaehigkeit andererseits muessen die sehr
realistischen Staatsmaenner, die diese Wege wiesen, bestimmt haben, sich zu
solchen Einrichtungen zu entschliessen. Nichtsdestoweniger bleibt die
ausserordentliche Ausdehnung und Bedeutung der juedischen Diaspora gegenueber
der engen und geringen Heimat wie einerseits eine Tatsache, so andererseits ein
Problem. Man wird dabei nicht uebersehen duerfen, dass die palaestinensischen
Juden fuer die des Auslandes nicht mehr als den Kern geliefert haben. Das
Judentum der aelteren Zeit ist nichts weniger als exklusiv, vielmehr von
missionarem Eifer nicht minder durchgedrungen wie spaeterhin das Christentum und
der Islam. Das Evangelium weiss von den Rabbis, welche Meer und Land
durchziehen, um einen Proselyten zu machen; die Zulassung der halben Proselyten,
denen die Beschneidung nicht zugemutet, aber dennoch eine religioese
Gemeinschaft gewaehrt wird, ist ein Zeugnis dieses Bekehrungseifers wie zu
gleicher Zeit eines seiner wirksamsten Mittel. Motive sehr verschiedener Art
kamen dieser Propaganda zustatten. Die buergerlichen Privilegien, welche die
Lagiden und die Seleukiden den Juden erteilten, muessen eine grosse Zahl
nichtjuedischer Orientalen und Halbhellenen veranlasst haben, sich in den
Neustaedten der privilegierten Kategorie der Nichtbuerger anzuschliessen. In
spaeterer Zeit kam der Verfall des traditionellen Landesglaubens der juedischen
Propaganda entgegen. Zahlreiche Personen besonders der gebildeten Staende, deren
glaeubige und sittliche Empfindung von dem, was die Griechen, und noch mehr von
dem, was die Aegypter Religion nannten, sich schaudernd oder spottend abwandte,
suchten Zuflucht in der einfacheren und reineren, der Vielgoetterei und dem
Bilderdienst absagenden juedischen Lehre, welche den aus dem Niederschlag der
philosophischen Entwicklung den gebildeten und halbgebildeten Kreisen
zugefuehrten religioesen Anschauungen weit entgegenkam. Es gibt ein
merkwuerdiges griechisches Moralgedicht, wahrscheinlich aus der spaeteren Epoche
der roemischen Republik, welches aus den mosaischen Buechern in der Weise
geschoepft ist, dass es die monotheistische Lehre und das allgemeine
Sittengesetz aufnimmt, aber alles dem Nichtjuden Anstoessige und alle
unmittelbare Opposition gegen die herrschende Religion vermeidet, offenbar
bestimmt, fuer dies denationalisierte Judentum weitere Kreise zu gewinnen.
Insbesondere die Frauen wandten sich mit Vorliebe dem juedischen Glauben zu. Als
die Behoerden von Damaskos im Jahre 66 die gefangenen Juden umzubringen
beschlossen, wurde verabredet, diesen Beschluss geheim zu halten, damit die den
Juden ergebene weibliche Bevoelkerung nicht die Ausfuehrung verhindere. Sogar im
Okzident, wo die gebildeten Kreise sonst dem juedischen Wesen abgeneigt waren,
machten vornehme Damen schon frueh eine Ausnahme; die aus edlem Geschlecht
entsprossene Gemahlin Neros, Poppaea Sabina, war, wie durch andere minder
ehrbare Dinge, so auch stadtkundig durch ihren frommen Judenglauben und ihr
eifriges Judenprotektorat. Foermliche Uebertritte zum Judentum kamen nicht
selten vor; das Koenigshaus von Adiabene zum Beispiel, Koenig Izates und seine
Mutter Helena sowie sein Bruder und Nachfolger wurden in der Zeit des Tiberius
und des Claudius in aller Form Juden. Sicher gilt von allen jenen Judenschaften,
was von der antiochenischen ausdruecklich bemerkt wird, dass sie zum grossen
Teil aus uebergetretenen bestanden.
Diese Verpflanzung des Judentums auf den hellenischen Boden unter Aneignung
einer fremden Sprache vollzog sich, wie sehr sie auch unter Festhaltung der
nationalen Individualitaet stattfand, nicht ohne in dem Judentum selbst eine
seinem Wesen zuwiderlaufende Tendenz zu entwickeln und bis zu einem gewissen
Grad dasselbe zu denationalisieren. Wie maechtig die inmitten der Griechen
lebenden Judenschaften von den Wellen des griechischen Geisteslebens erfasst
wurden, davon traegt die Literatur des letzten Jahrhunderts vor und des ersten
nach Christi Geburt die Spuren. Sie ist getraenkt von juedischen Elementen, und
es sind mit die hellsten Koepfe und die geistreichsten Denker, welche entweder
als Hellenen in das juedische oder als Juden in das hellenische Wesen den
Eingang suchen. Nikolaos von Damaskos, selber ein Heide und ein namhafter
Vertreter der aristotelischen Philosophie, fuehrte nicht bloss als Literat und
Diplomat des Koenigs Herodes bei Agrippa wie bei Augustus die Sache seines
juedischen Patrons und der Juden, sondern es zeigt auch seine historische
Schriftstellerei einen sehr ernstlichen und fuer jene Epoche bedeutenden
Versuch, den Orient in den Kreis der okzidentalischen Forschung hineinzuziehen,
waehrend die noch erhaltene Schilderung der Jugendjahre des ihm auch persoenlich
nahegetretenen Kaisers Augustus ein denkwuerdiges Zeugnis der Liebe und der
Verehrung ist, welche der roemische Herrscher in der griechischen Welt fand. Die
Abhandlung vom Erhabenen, geschrieben in der ersten Kaiserzeit von einem
unbekannten Verfasser, eine der feinsten uns aus dem Altertum erhaltenen
aesthetischen Arbeiten, ruehrt sicher wenn nicht von einem Juden, so doch von
einem Manne her, der Homeros und Moses gleichmaessig verehrte ^4. Eine andere,
ebenfalls anonyme Schrift ueber das Weltganze, gleichfalls ein in seiner Art
achtbarer Versuch, die Lehre des Aristoteles mit der der Stoa zu verschmelzen,
ist vielleicht auch von einem Juden geschrieben, sicher dem angesehensten und
hoechstgestellten Juden der neronischen Zeit, dem Generalstabschef des Corbulo
und des Titus, Tiberius Alexandros gewidmet. Am deutlichsten tritt uns die
Vermaehlung der beiden Geisteswelten entgegen in der juedisch-alexandrinischen
Philosophie, dem schaerfsten und greifbarsten Ausdruck einer das Wesen des
Judentums nicht bloss ergreifenden, sondern auch angreifenden religioesen
Bewegung. Die hellenische Geistesentwicklung lag im Kampf mit den nationalen
Religionen aller Art, indem sie deren Anschauungen entweder negierte oder auch
mit anderem Inhalt erfuellte, die bisherigen Goetter aus den Gemuetern der
Menschen austrieb und auf die leeren Plaetze entweder nichts setzte oder die
Gestirne und abstrakte Begriffe. Diese Angriffe trafen auch die Religion der
Juden. Es bildete sich ein Neujudentum hellenischer Bildung, das mit Jehova
nicht ganz so arg, aber doch nicht viel anders verfuhr als die gebildeten
Griechen und Roemer mit Zeus und Jupiter. Das Universalmittel der sogenannten
allegorischen Deutung, wodurch insbesondere die Philosophen der Stoa die
heidnischen Landesreligionen ueberall in hoeflicher Weise vor die Tuere gesetzt
hatten, passte fuer die Genesis ebenso gut und ebenso schlecht wie fuer die
Goetter der Ilias; wenn Moses mit Abraham eigentlich den Verstand, mit Sarah die
Tugend, mit Noah die Gerechtigkeit gemeint hatte, wenn die vier Stroeme des
Paradieses die vier Kardinaltugenden waren, so konnte der aufgeklaerteste
Hellene an die Thora glauben. Aber eine Macht war dies Pseudojudentum auch, und
der geistige Primat der Judenschaft Aegyptens tritt vor allem darin hervor, dass
diese Richtung vorzugsweise ihre Vertreter in Alexandreia gefunden hat.
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^4 Pseudo-Longinus peri ?psoys: "Weit besser als der Goetterkrieg ist bei
Homeros die Schilderung der Goetter in ihrer Vollkommenheit und echten Groesse
und Reinheit, wie die des Poseidon (Ilias 13,18 f.). Ebenso schreibt der
Gesetzgeber der Juden, kein geringer Mann (oych o tych/o/n an/e/r), nachdem er
die goettliche Gewalt in wuerdiger Weise erfasst und zum Ausdruck gebracht hat,
gleich zu Anfang der Gesetze (Gen. 1, 3): Es sprach der Gott - was? es werde
Licht! und es ward Licht; es werde die Erde! und die Erde ward."
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Trotz der innerlichen Scheidung, welche bei den palaestinensischen Juden
sich vollzogen und nur zu oft geradezu zum Buergerkrieg gesteigert hatte, trotz
der Versprengung eines grossen Teils der Judenschaft in das Ausland, trotz des
Eindringens fremder Massen in dieselbe und sogar des destruktiven
hellenistischen Elements in ihren innersten Kern blieb die Gesamtheit der Juden
in einer Weise vereinigt, fuer welche in der Gegenwart nur etwa der Vatikan und
die Kaaba eine gewisse Analogie bieten. Das heilige Salem blieb die Fahne, Zions
Tempel das Palladium der gesamten Judenschaft, mochten sie den Roemern oder den
Parthern gehorchen, aramaeisch oder griechisch reden, ja an den alten Jahve
glauben oder an den neuen, der keiner war. Dass der Schirmherr dem geistlichen
Oberhaupt der Juden eine gewisse weltliche Macht zugestanden hatte, bedeutete
fuer die Judenschaft ebensoviel, der geringe Umfang dieser Macht ebensowenig wie
seiner Zeit fuer die Katholiken der sogenannte Kirchenstaat. Jedes Mitglied
einer juedischen Gemeinde hatte jaehrlich nach Jerusalem ein Didrachmon als
Tempelschoss zu entrichten, welcher regelmaessiger einging als die
Staatssteuern; jedes war verpflichtet, wenigstens einmal in seinem Leben dem
Jehovah persoenlich an dein Orte zu opfern, der ihm allein in der Welt
wohlgefaellig war. Die theologische Wissenschaft blieb gemeinschaftlich; die
babylonischen und die alexandrinischen Rabbiner haben daran sich nicht minder
beteiligt wie die von Jerusalem. Das unvergleichlich zaehe Gefuehl der
nationalen Zusammengehoerigkeit, wie es in der rueckkehrenden Exulantengemeinde
sich festgesetzt und dann jene Sonderstellung der Juden in der Griechenwelt mit
durchgesetzt hatte, behauptete sich trotz Zerstreuung und Spaltung. Am
bemerkenswertesten ist das Fortleben des Judentums selbst in den davon in der
inneren Religion losgeloesten Kreisen. Der namhafteste, fuer uns der einzige
deutlich greifbare Vertreter dieser Richtung in der Literatur, Philon, einer der
vornehmsten und reichsten Juden aus der Zeit des Tiberius, steht in der Tat zu
seiner Landesreligion nicht viel anders als Cicero zu der roemischen; aber er
selbst glaubte, nicht sie aufzuloesen, sondern sie zu erfuellen. Auch ihm ist,
wie jedem anderen Juden, Moses die Quelle aller Wahrheit, seine geschriebene
Weisung bindendes Gesetz, seine Empfindung Ehrfurcht und Glaeubigkeit. Es ist
dies sublimierte Judentum dem sogenannten Goetterglauben der Stoa doch nicht
voellig identisch. Die Koerperlichkeit des Gottes verschwindet fuer Philon, aber
die Persoenlichkeit nicht, und es misslingt ihm vollstaendig, was das Wesen der
hellenischen Philosophie ist, die Goettlichkeit in die Menschenbrust zu
verlegen; es bleibt die Anschauung, dass der suendhafte Mensch abhaenge von
einem vollkommenen, ausser und ueber ihm stehenden Wesen. Ebenso fuegt das neue
Judentum sich dem nationalen Ritualgesetz weit unbedingter als das neue
Heidentum. Der Kampf des alten und des neuen Glaubens ist in dem juedischen
Kreise deswegen von anderer Art als in dem heidnischen, weil der Einsatz ein
groesserer war; das reformierte Heidentum streitet nur gegen den alten Glauben,
das reformierte Judentum wuerde in seiner letzten Konsequenz das Volkstum
aufheben, welches in dem Ueberfluten des Hellenismus mit der Verfluechtigung des
Landesglaubens notwendig verschwand, und scheut deshalb davor zurueck, diese
Konsequenz zu ziehen. Daher ist auf griechischem Boden und in griechischer
Sprache, wenn nicht das Wesen, doch die Form des alten Glaubens mit
beispielloser Hartnaeckigkeit festgehalten und verteidigt worden, verteidigt
auch von denen, die im Wesen vor dem Hellenismus kapitulieren. Philon selbst
hat, wie weiterhin erzaehlt werden soll, fuer die Sache der Juden gestritten und
gelitten. Darum aber hat auch die hellenistische Richtung im Judentum auf dieses
selbst nie uebermaechtig eingewirkt, niemals vermocht, dem nationalen Judentum
entgegenzutreten, kaum dessen Fanatismus zu mildern und die Verkehrtheiten und
Frevel desselben zu hemmen. In allen wesentlichen Dingen, insbesondere dem Druck
und der Verfolgung gegenueber, verschwinden die Differenzen des Judentums, und
wie unbedeutend der Rabbinerstaat war, die religioese Gemeinschaft, der er
vorstand, war eine ansehnliche, unter Umstaenden eine furchtbare Macht.
Diesen Verhaeltnissen fanden die Roemer sich gegenueber, als sie im Orient
die Herrschaft antraten. Die Eroberung zwingt dem Eroberer nicht minder die Hand
als dem Eroberten. Das Werk der Jahrhunderte, die makedonischen
Stadteinrichtungen konnten weder die Arsakiden noch die Caesaren ungeschehen
machen; weder Seleukeia am Euphrat noch Antiocheia und Alexandreia konnten von
den nachfolgenden Regierungen angetreten werden unter der Wohltat des Inventars.
Wahrscheinlich hat der dortigen juedischen Diaspora gegenueber der Begruender
des Kaiserregiments sich, wie in so vielen anderen Dingen, die Politik der
ersten Lagiden zur Richtschnur genommen und das Judentum des Orients in seiner
Sonderstellung eher gefoerdert als gehindert; und dies Verfahren ist dann fuer
seine Nachfolger durchgaengig massgebend gewesen. Es ist schon erzaehlt worden,
dass die vorderasiatischen Gemeinden unter Augustus den Versuch machten, ihre
juedischen Mitbuerger bei der Aushebung gleichmaessig heranzuziehen und ihnen
die Einhaltung des Sabbaths nicht ferner zu gestatten; Agrippa aber entschied
gegen sie und hielt den Status quo zu Gunsten der Juden aufrecht oder stellte
vielmehr die bisher wohl nur von einzelnen Statthaltern oder Gemeinden der
griechischen Provinzen nach Umstaenden zugelassene Befreiung der Juden vom
Kriegsdienst und das Sabbathprivilegium vielleicht jetzt erst rechtlich fest.
Augustus wies ferner die Statthalter von Asia an, die strengen Reichsgesetze
ueber Vereine und Versammlungen gegen die Juden nicht zur Anwendung zu bringen.
Aber die roemische Regierung hat es nicht verkannt, dass die den Juden im Orient
eingeraeumte exempte Stellung mit der unbedingten Verpflichtung der
Reichsangehoerigen zur Erfuellung der vom Staat geforderten Leistungen sich
nicht vereinigen liess, dass die garantierte Sonderstellung der Judenschaft den
Rassenhass und unter Umstaenden den Buergerkrieg in die einzelnen Staedte trug,
dass das fromme Regiment der Behoerden von Jerusalem ueber alle Juden des
Reiches eine bedenkliche Tragweite hatte und dass in allem diesem fuer den Staat
eine praktische Schaedigung und eine prinzipielle Gefahr lag. Der innerliche
Dualismus des Reiches drueckt in nichts sich schaerfer aus als in der
verschiedenen Behandlung der Juden in dem lateinischen und dem griechischen
Sprachgebiet. Im Okzident sind die autonomen Judenschaften niemals zugelassen
worden. Man tolerierte wohl daselbst die juedischen Religionsgebraeuche wie die
syrischen und die aegyptischen oder vielmehr etwas weniger als diese; der
Judenkolonie in der Vorstadt Roms jenseits des Tiber zeigte Augustus sich
guenstig und liess bei seinen Spenden den, der des Sabbaths wegen sich versaeumt
hatte, nachtraeglich zu. Aber er persoenlich vermied jede Beruehrung wie mit dem
aegyptischen so auch mit dem juedischen Kultus, und wie er selbst in Aegypten
dem heiligen Ochsen aus dem Wege gegangen war, so billigte er es durchaus, dass
sein Sohn Gaius, als er nach dem Orient ging, bei Jerusalem vorbeiging. Unter
Tiberius wurde sogar im Jahre 19 in Rom und ganz Italien der juedische Kultus
zugleich mit dem aegyptischen untersagt und diejenigen, die sich nicht dazu
verstanden, ihn oeffentlich zu verleugnen und die heiligen Geraete ins Feuer zu
werfen, aus Italien ausgewiesen, soweit sie nicht als tauglich fuer den
Kriegsdienst in Strafkompanien verwendet werden konnten, wo dann nicht wenige
ihrer religioesen Skrupel wegen dem Kriegsgericht verfielen. Wenn, wie wir
nachher sehen werden, eben dieser Kaiser im Orient jedem Konflikt mit dem Rabbi
fast aengstlich aus dem Wege ging, so zeigt sich hier deutlich, dass er, der
tuechtigste Herrscher, den das Reich gehabt hat, die Gefahren der juedischen
Immigration ebenso deutlich erkannte wie die Unbilligkeit und die
Unmoeglichkeit, da, wo das Judentum bestand, es zu beseitigen ^5. Unter den
spaeteren Regenten aendert, wie wir im weiteren Verlauf finden werden, in der
Hauptsache die ablehnende Haltung gegen die Juden des Okzidents sich nicht,
obwohl sie im uebrigen mehr dem Beispiel des Augustus folgen als dem des
Tiberius. Man hinderte die Juden nicht, die Tempelsteuer in der Form
freiwilliger Beitraege einzuziehen und nach Jerusalem zu senden. Es wurde ihnen
nicht gewehrt, wenn sie einen Rechtshandel lieber vor einen juedischen
Schiedsrichter brachten als vor ein roemisches Gericht. Von zwangsweiser
Aushebung zum Dienst, wie Tiberius sie anordnete, ist auch im Okzident
spaeterhin nicht weiter die Rede. Aber eine oeffentlich anerkannte
Sonderstellung und oeffentlich anerkannte Sondergerichte haben die Juden im
heidnischen Rom und ueberhaupt im lateinischen Westen niemals erhalten. Vor
allem aber haben im Okzident, abgesehen von der Hauptstadt, die der Natur der
Sache nach auch den Orient mit repraesentierte und schon in der ciceronischen
Zeit eine zahlreiche Judenschaft in sich schloss, die Judengemeinden in der
frueheren Kaiserzeit nirgends besondere Ausdehnung oder Bedeutung gehabt ^6. Nur
im Orient gab die Regierung von vornherein nach oder vielmehr, sie versuchte
nicht, die bestehenden Verhaeltnisse zu aendern und den daraus resultierenden
Gefahren vorzubeugen; und so haben denn auch, wie die heiligen Buecher der Juden
der lateinischen Welt erst in lateinischer Sprache durch die Christen bekannt
geworden sind, die grossen Judenbewegungen der Kaiserzeit sich durchaus auf den
griechischen Osten beschraenkt. Hier wurde kein Versuch gemacht, mit der
rechtlichen Sonderstellung des Juden die Quelle des Judenhasses allmaehlich zu
verstopfen, aber ebensowenig, von Laune und Verkehrtheiten einzelner Regenten
abgesehen, dem Judenhass und den Judenhetzen von Seiten der Regierung Vorschub
getan. In der Tat ist die Katastrophe des Judentums nicht aus der Behandlung der
juedischen Diaspora im Orient hervorgegangen. Lediglich die in verhaengnisvoller
Weise sich entwickelnden Beziehungen des Reichsregiments zu dem juedischen
Rabbistaat haben nicht bloss die Zerstoerung des Gemeinwesens von Jerusalem
herbeigefuehrt, sondern weiter die Stellung der Juden im Reiche ueberhaupt
erschuettert und verschoben. Wir wenden uns dazu, die Vorgaenge in Palaestina
unter der roemischen Herrschaft zu schildern.
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^5 Der Jude Philon schreibt die Behandlung der Juden in Italien auf
Rechnung des Seianus (leg. 24; in Flacc. 1), die der Juden im Osten auf die des
Kaisers selbst. Aber Josephus fuehrt vielmehr, was in Italien geschah, zurueck
auf einen Skandal in der Hauptstadt, welchen drei juedische fromme Schwindler
und eine zum Judentum bekehrte vornehme Dame gegeben hatten, und Philon selbst
gibt zu, dass Tiberius nach Seians Sturz den Statthaltern nur gewisse
Milderungen in dem Verfahren gegen die Juden aufgegeben habe. Die Politik des
Kaisers und die seiner Minister den Juden gegenueber war im wesentlichen
dieselbe.
^6 Agrippa II., der die juedischen Ansiedlungen im Ausland aufzaehlt (bei
Philon leg. ad Gaium 36), nennt keine Landschaft westlich von Griechenland, und
unter den in Jerusalem weilenden Fremden, die die Apostelgeschichte 2, 5 f.
verzeichnet, sind aus dem Westen nur Roemer genannt.
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Die Zustaende im suedlichen Syrien waren von den Feldherrn der Republik,
Pompeius und seinen naechsten Nachfolgern, in der Weise geordnet worden, dass
die groesseren Gewalten, die dort anfingen sich zu bilden, wieder herabgedrueckt
und das ganze Land in einzelne Stadtgebiete und Kleinherrschaften aufgeloest
wurde. Am schwersten waren davon die Juden betroffen worden; nicht bloss hatten
sie allen hinzugewonnenen Besitz, namentlich die ganze Kueste, herausgeben
muessen, sondern Gabinius hatte sogar den alten Bestand des Reiches in fuenf
selbstaendig sich verwaltende Kreise aufgeloest und dem Hohenpriester Hyrkanos
seine weltlichen Befugnisse entzogen. Damit war also wie einerseits die
Schutzmacht, so andererseits die reine Theokratie wieder hergestellt. Indes
aenderte dies sich bald. Hyrkanos oder vielmehr der fuer ihn regierende
Minister, der Idumaeer Antipatros ^7, gelangte wohl schon durch Gabinius selbst,
dem er bei seinen parthischen und aegyptischen Unternehmungen sich unentbehrlich
zu machen verstand, wiederum zu der fuehrenden Stellung im suedlichen Syrien.
Nach der Pluenderung des Tempels von Jerusalem durch Crassus ward der dadurch
veranlasste Aufstand der Juden hauptsaechlich durch ihn gedaempft. Es war fuer
ihn eine guenstige Fuegung, dass die juedische Regierung nicht genoetigt ward,
in die Krisis zwischen Caesar und Pompeius, fuer welchen sie wie der ganze Osten
sich erklaert hatte, handelnd einzugreifen. Dennoch waere wohl, nachdem der
Bruder und Rivale des Hyrkanos, Aristobulos, sowie dessen Sohn Alexander, wegen
ihres Eintretens fuer Caesar, durch die Pompeianer ihr Leben verloren hatten,
nach Caesars Sieg der zweite Sohn Antigonos von diesem in Judaea als Herrscher
eingesetzt worden. Aber als Caesar, nach dem entscheidenden Sieg nach Aegypten
gekommen, sich in Alexandreia in einer gefaehrlichen Lage befand, war es
vornehmlich Antipatros, der ihn aus dieser befreite, und dies schlug durch;
Antigonos musste zurueckstehen hinter der neueren, aber wirksameren Treue. Nicht
am wenigsten hat Caesars persoenliche Dankbarkeit die foermliche Restauration
des Judenstaates gefoerdert. Das Juedische Reich erhielt die beste Stellung, die
dem Klientelstaat gewaehrt werden konnte, voellige Freiheit von Abgaben an die
Roemer ^8 und von militaerischer Besatzung und Aushebung ^9, wogegen allerdings
auch die Pflichten und die Kosten der Grenzverteidigung von der einheimischen
Regierung zu uebernehmen waren. Die Stadt Ioppe und damit die Verbindung mit dem
Meer wurde zurueckgegeben, die Unabhaengigkeit der inneren Verwaltung sowie die
freie Religionsuebung garantiert, die bisher verweigerte Wiederherstellung der
von Pompeius geschleiften Festungswerke Jerusalems gestattet (707 47). Also
regierte unter dem Namen des Hasmonaeerfuersten ein Halbfremder - denn die
Idumaeer standen zu den eigentlichen, von Babylon zurueckgewanderten Juden
ungefaehr wie die Samariter - den Judenstaat unter dem Schutz und nach dem
Willen Roms. Die nationalgesinnten Juden waren dem neuen Regiment nichts weniger
als geneigt. Die alten Geschlechter, die im Rat von Jerusalem fuehrten, hielten
im Herzen zu Aristobulos und nach dessen Tode zu seinem Sohn Antigonos. In den
Bergen Galilaeas fochten die Fanatiker ebenso gegen die Roemer wie gegen die
eigene Regierung; als Antipatros' Sohn Herodes den Fuehrer dieser wilden Schar,
Ezekias, gefangengenommen und hatte hinrichten lassen, zwang der Priesterrat von
Jerusalem unter dem Vorwand verletzter Religionsvorschriften den schwachen
Hyrkanos, den Herodes zu verbannen. Dieser trat darauf in das roemische Heer ein
und leistete dem Caesarischen Statthalter von Syrien gegen die Insurrektion der
letzten Pompeianer gute Dienste. Aber als nach der Ermordung Caesars die
Republikaner im Osten die Oberhand gewannen, war Antipatros wieder der erste,
der dem Staerkeren nicht bloss sich fuegte, sondern sich die neuen Machthaber
verpflichtete durch rasche Beitreibung der von ihnen auferlegten Kontribution.
So kam es, dass der Fuehrer der Republikaner, als er aus Syrien abzog, den
Antipatros in seiner Stellung beliess und dem Sohne desselben, Herodes, sogar
ein Kommando in Syrien anvertraute. Als dann Antipatros starb, wie man sagt, von
einem seiner Offiziere vergiftet, glaubte Antigonos, der bei seinem Schwager,
dem Fuersten Ptolemaeos von Chalkis, Aufnahme gefunden hatte, den Augenblick
gekommen, um den schwachen Oheim zu beseitigen. Aber die Soehne des Antipatros,
Phasael und Herodes, schlugen seine Schar aufs Haupt, und Hyrkanos verstand sich
dazu, ihnen die Stellung des Vaters zu gewaehren, ja sogar den Herodes, indem er
ihm seine Enkelin Mariamme verlobte, gewissermassen in das regierende Haus
aufzunehmen. Inzwischen unterlagen die Fuehrer der republikanischen Partei bei
Philippi. Die Opposition in Jerusalem hoffte nun den Sturz der verhassten
Antipatriden bei den Siegern zu erwirken; aber Antonius, dem das Schiedsgericht
zufiel, wies deren Deputationen erst in Ephesos, dann in Antiocheia, zuletzt in
Tyros entschieden ab, ja liess die letzten Gesandten hinrichten, und bestaetigte
Phasael und Herodes foermlich als "Vierfuersten" ^10 - der Juden (723 41).
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^7 Antipatros begann seine Laufbahn als Statthalter (strat/e/gos) von
Idumaea (Ios. ant. Iud. 14, 1, 3), und heisst dann Verwalter des Juedischen
Reiches (o t/o/n Ioydai/o/n epimel/e/t/e/s daselbst 14, 8, 1), das heisst etwa
erster Minister. Mehr liegt auch nicht in der gegen Rom wie gegen Herodes
adulatorisch gefaerbten Erzaehlung des Josephus (ant. Iud. 14, 8, 5; bel. Iud.
1, 10, 3), dass Caesar dem Antipatros die Wahl ueberlassen habe, seine
Machtstellung (dynasteia) selbst zu bestimmen und, da dieser ihm die
Entscheidung anheimstellt, ihn zum Verwalter (epitropos) von Judaea bestellt
habe. Dies ist nicht, wie Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 408 will, die
(damals noch gar nicht bestehende) roemische Prokuratur der Kaiserzeit, sondern
ein formell von dem juedischen Ethnarchen verliehenes Amt, eine epitrop/e/, wie
die bei Ios. bel. Iud. 2, 18, 6 erwaehnte. In den Aktenstuecken aus Caesars Zeit
vertritt die Juden allein der Erzpriester und Ethnarch Hyrkanos; Caesar gab dem
Antipatros, was dem Untertanen eines abhaengigen Staats gewaehrt werden konnte,
das roemische Buergerrecht und die personale Immunitaet (Ios. ant. Iud. 14, 8,
3; bel. Iud. 1, 9, 5), aber er machte ihn nicht zum Beamten Roms. Dass Herodes,
aus Judaea vertrieben, von dem Roemern eine roemische Offizierstellung etwa in
Samaria erhalten hat, ist glaublich; aber die Bezeichnungen strat/e/gos t/e/s
Koil/e/s Syrias; (Ios. ant. Iud. 14 9, 5 c. 11, 4) oder strat/e/gos Koil/e/s
Syrias kai Samarias; (bel. Iud. 1, 10, 8) sind mindestens irrefuehrend, und
ebenso inkorrekt nennt derselbe Schriftsteller den Herodes spaeter deswegen,
weil er tois epitrpe?oysi t/e/s Syrias; als Ratgeber dienen soll (ant. Iud. 15,
10, 3), sogar Syrias ol/e/s epitropon (bel. Iud. 1, 20, 4, wo Marquardts
Aenderung [Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 408 Koil/e/s den Sinn zerstoert).
^8 In dem Dekret Caesars bei Josephus (ant. Iud. 14, 10, 5 u. 6) ist die
aus Epiphanius sich ergebende Lesung die einzig moegliche: danach wird das Land
von der (durch Pompeius auferlegten: Ios. ant. Iud. 14, 4, 4) Steuer, vom
zweiten Jahr der laufenden Verpachtung an, befreit und weiter verordnet, dass
die Stadt Joppe, die damals aus roemischem Besitz in juedischen ueberging, zwar
auch ferner den vierten Teil der Feldfruechte in Sidon an die Roemer abliefern,
aber dafuer dem Hyrkanos ebenfalls in Sidon als Aequivalent jaehrlich 20675
Scheffel Getreide gewaehrt werden sollen, woneben die Joppenser auch noch den
Zehnten an Hyrkanos entrichten. Auch zeigt die ganze sonstige Erzaehlung, dass
der juedische Staat seitdem von Tributzahlung frei ist; dass Herodes von den der
Kleopatra zugewiesenen Distrikten, die er ihr abpachtet, phoros zahlt (ant. Iud.
15, 4, 2 u. 4. c. 5, 3), bestaetigt nur die Regel. Wenn App. civ. 5, 75 unter
den von Antonius mit Tribut belegten Koenigen den Herodes fuer Idumaea und
Samaria auffuehrt, so fehlt Judaea auch hier nicht ohne guten Grund; und auch
fuer diese Nebenlaender kann ihm der Tribut von Augustus erlassen sein. Der
detaillierte und zuverlaessige Bericht ueber die Schatzung, die Quirinius
anordnet, zeigt mit voelliger Klarheit, dass das Land bis dahin von roemischer
Steuer frei war.
^9 In demselben Dekret heisst es: kai op/o/s m/e/deis m/e/te arch/o/n
m/e/te strat/e/gos /e/ presbeyt/e/s en tois orois t/o/n Ioydai/o/n anista
('vielleicht synista Wilamowitz) symmapsian kai strati/o/tas exi/e/ (so
Wilamowitz fuer exei), /e/ ta chr/e/mata to?t/o/n anep/e/reastoys (vgl. 14, 10,
2: paracheimasian de kai chr/e/mata prattesthai oth dokimaz/o/). Dies entspricht
im wesentlichen der Formel des wenig aelteren Freibriefs fuer Termessos (CIL I,
204): nei quis magistratu prove magistratu legatus ne[ive] quis alius meilites
in oppidum Thermesum . . . agrumve . . . hiemandi caussa introducito . . . nisei
senatus nominatim utei Thermesum . . . in hibernacula meilites deducantur
decreverit. Der Durchmarsch ist demnach gestattet. In dem Privilegium fuer
Judaea scheint ausserdem noch die Aushebung untersagt gewesen zu sein.
^10 Dieser Titel, der zunaechst das kollegialische Vierfuerstentum
bezeichnet, wie es bei den Galatern herkoemmlich war, ist dann allgemeiner fuer
die Samt-, ja auch fuer die Einherrschaft, immer aber als im Rang dem
koeniglichen nachstehend verwendet worden. In dieser Weise erscheint er ausser
in Galanen auch in Syrien vielleicht seit Pompeius, sicher seit Augustus. Die
Nebeneinanderstellung eines Ethnarchen und zweier Tetrarchen, wie sie im Jahre
713 (41) fuer Judaea nach Josephus (ant. Iud. 14, 13, 1; bel. Iud. 1, 12, 5)
angeordnet ward, begegnet sonst nicht wieder; analog ist Pheroras Tetrarch der
Peraea unter seinem Bruder Herodes (bel. Iud. 1, 24, 5).
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Bald rissen die Wendungen der grossen Politik den juedischen Staat noch
einmal in ihre Wogen. Der Herrschaft der Antipatriden machte im folgenden Jahre
(714 40) die Invasion der Parther zunaechst ein Ende. Der Praetendent Antigonos
schlug sich zu ihnen und bemaechtigte sich Jerusalems und fast des ganzen
Gebiets. Hyrkanos ging als Gefangener zu den Parthern, Phasael, Antipatros'
aeltester Sohn, gleichfalls gefangen, gab sich im Kerker den Tod. Mit genauer
Not barg Herodes die Seinigen in einem Felsenschloss am Saume Judaeas und ging
selbst fluechtig und Hilfe bittend zuerst nach Aegypten und, da er hier Antonius
nicht mehr fand, zu den beiden eben damals in neuer Eintracht schaltenden
Machthabern (724 40) nach Rom. Bereitwillig gestattete man ihm, was ja nur im
roemischen Interesse lag, das Juedische Reich fuer sich zurueckzugewinnen; er
kam nach Syrien zurueck, soweit es auf die Roemer ankam, als anerkannter
Herrscher und sogar ausgestattet mit dem koeniglichen Titel. Aber gleich wie ein
Praetendent hatte er das Land nicht so sehr den Parthern als den Patrioten zu
entreissen. Vorzugsweise mit Samaritern und Idumaeern und gedungenen Soldaten
schlug er seine Schlachten und gelangte endlich durch die Unterstuetzung der
roemischen Legionen auch in den Besitz der lange verteidigten Hauptstadt. Die
roemischen Henker befreiten ihn gleichfalls von seinem langjaehrigen Nebenbuhler
Antigonos, seine eigenen raeumten auf unter den vornehmen Geschlechtern des Rats
von Jerusalem.
Aber die Tage der Bedraengnis waren mit seiner Installation noch keineswegs
vorueber. Antonius' unglueckliche Expedition gegen die Parther blieb fuer
Herodes ohne Folgen, da die Sieger es nicht wagten, in Syrien einzuruecken; aber
schwer litt er unter den immer sich steigernden Anspruechen der aegyptischen
Koenigin, die damals mehr als Antonius den Osten beherrschte; ihre frauenhafte
Politik, zunaechst gerichtet auf die Erweiterung ihrer Hausmacht und vor allem
ihrer Einkuenfte, erreichte zwar bei Antonius bei weitem nicht alles, was sie
begehrte, aber sie entriss dem Koenig der Juden doch einen Teil seiner
wertvollsten Besitzungen an der syrischen Kueste und in dem aegyptisch-syrischen
Zwischengebiet, ja selbst die reichen Balsampflanzungen und Palmenhaine von
Jericho und legte ihm schwere finanzielle Lasten auf. Um den Rest seiner
Herrschaft zu behaupten, musste er die neuen syrischen Besitzungen der Koenigin
entweder selber abpackten oder fuer andere minder zahlungsfaehige Paechter
garantieren. Nach all diesen Bedraengnissen und in Erwartung noch aergerer und
ebensowenig abweisbarer Anforderungen war der Ausbruch des Krieges zwischen
Antonius und Caesar fuer ihn eine Hoffnung, und dass Kleopatra in ihrer
egoistischen Verkehrtheit ihm die taetige Teilnahme an dem Kriege erliess, weil
er seine Truppen brauche, um ihre syrischen Einkuenfte beizutreiben, ein
weiterer Gluecksfall, da dies ihm die Unterwerfung unter den Sieger
erleichterte. Das Glueck kam ihm noch weiter bei dem Parteiwechsel entgegen: er
konnte eine Schar getreuer Gladiatoren des Antonius abfangen, die aus Kleinasien
durch Syrien nach Aegypten marschierten, um ihrem Herrn Beistand zu leisten.
Indem er, bevor er sich zu Caesar nach Rhodos begab, um seine Begnadigung zu
erwirken, den letzten maennlichen Spross des Makkabaeerhauses, den
achtzigjaehrigen Hyrkanos, dem das Haus des Antipatros seine Stellung verdankte,
fuer alle Faelle hinrichten liess, uebertrieb er in der Tat die notwendige
Vorsicht. Caesar tat, was die Politik ihn tun hiess, zumal da fuer die
beabsichtigte aegyptische Expedition die Unterstuetzung des Herodes von
Wichtigkeit war; er bestaetigte den gern Besiegten in seiner Herrschaft und
erweiterte sie teils durch die Rueckgabe der von Kleopatra ihm entrissenen
Besitzungen, teils durch weitere Gaben: die ganze Kueste von Gaza bis zum
Stratonsturm, dem spaeteren Caesarea, die zwischen Judaea und Galilaea sich
einschiebende samaritanische Landschaft und eine Anzahl von Staedten oestlich
vom Jordan gehorchten seitdem dem Herodes. Mit der Konsolidierung der roemischen
Monarchie war auch das juedische Fuerstentum weiteren aeusseren Krisen entzogen.
Vom roemischen Standpunkt aus erscheint das Verhalten der neuen Dynastie in
einer Weise korrekt, dass dem Betrachtenden dabei die Augen uebergehen. Sie
tritt ein zuerst fuer Pompeius, dann fuer Caesar den Vater, dann fuer Cassius
und Brutus, dann fuer die Triumvirn, dann fuer Antonius, endlich fuer Caesar den
Sohn; die Treue wechselt wie die Parole. Dennoch ist diesem Verhalten die
Folgerichtigkeit und Festigkeit nicht abzusprechen. Die Parteiungen, die die
herrschende Buergerschaft zerrissen, ob Republik oder Monarchie, ob Caesar oder
Antonius, gingen die abhaengigen Landschaften, vor allem die des griechischen
Ostens, in der Tat nichts an. Die Entsittlichung, die mit allem revolutionaeren
Regimentswechsel verbunden ist, die entweihende Vermengung der inneren Treue und
des aeusseren Gehorsams, kam in diesem Fall in grellster Weise zum Vorschein;
aber der Pflichterfuellung, wie sie das roemische Gemeinwesen von seinen
Untertanen beanspruchte, hatte Koenig Herodes in einer Ausdehnung genuegt,
welcher edlere und grossartigere Naturen allerdings nicht faehig gewesen sein
wuerden. Den Parthern gegenueber hat er stets, auch in bedenklichen Lagen, fest
zu den einmal erkorenen Schutzherren gehalten.
Vom Standpunkt der inneren juedischen Politik aus ist das Regiment des
Herodes die Beseitigung der Theokratie und insofern eine Fortsetzung, ja eine
Steigerung des Regiments der Makkabaeer, als die Trennung des staatlichen und
des Kirchenregiments in schneidendster Schaerfe durchgefuehrt wird in dem
Gegensatz zwischen dem allmaechtigen, aber fremdgeborenen Koenig, und dem
machtlosen, oft und willkuerlich gewechselten Erzpriester. Freilich wurde dem
juedischen Hochpriester die koenigliche Stellung eher verziehen als dem fremden
und priesterlicher Weihe unfaehigen Mann; und wenn die Hasmonaeer die
Unabhaengigkeit des Judentums nach aussen hin vertraten, trug der Idumaeer seine
koenigliche Macht ueber die Juden von dem Schirmherrn zu Lehen. Die Rueckwirkung
dieses unloesbaren Konflikts auf eine tief leidenschaftliche Natur tritt in dem
ganzen Lebenslauf des Mannes uns entgegen, der viel Leid bereitet, aber
vielleicht nicht weniger empfunden hat. Immer sichern die Energie, die
Stetigkeit, die Fuegsamkeit in das Unvermeidliche, die militaerische und
politische Geschicklichkeit, wo dafuer Raum war, dem Judenkoenig einen gewissen
Platz in dem Gesamtbild einer merkwuerdigen Epoche.
Das fast vierzigjaehrige Regiment des Herodes - er starb im Jahre 750 (4) -
im einzelnen zu schildern, wie es die dafuer in grosser Ausfuehrlichkeit
erhaltenen Berichte gestatten, ist nicht die Aufgabe des Geschichtschreibers von
Rom. Es gibt wohl kein Koenigshaus irgendeiner Zeit, in welchem die Blutfehde
zwischen Eltern und Kindern, zwischen Gatten und Geschwistern in gleicher Weise
gewuetet hat; Kaiser Augustus und seine Statthalter in Syrien wandten schaudernd
sich ab von dem Anteil an dem Mordwerk, der ihnen angesonnen ward; nicht der
mindest entsetzliche Zug in diesem Greuelbild ist die voellige Zwecklosigkeit
der meisten, in der Regel auf grundlosen Verdacht verfuegten Exekutionen und die
stetig nachfolgende verzweifelnde Reue des Urhebers. Wie kraeftig und
verstaendig der Koenig das Interesse seines Landes, soweit er konnte und durfte,
wahrnahm, wie energisch er nicht bloss in Palaestina, sondern im ganzen Reich
mit seinen Schaetzen und mit seinem nicht geringen Einfluss fuer die Juden
eintrat -die den Juden guenstige Entscheidung Agrippas in dem grossen
kleinasiatischen Reichshandel hatten sie wesentlich ihm zu verdanken -, Liebe
und Treue fand er wohl in Idumaea und Samaria, aber nicht bei dem Volke Israel;
hier war und blieb er nicht so sehr der mit vielfacher Blutschuld beladene, als
vor allem der fremde Mann. Wie es eine der Haupttriebfedern jenes Hauskrieges
ist, dass er in seiner Gattin aus hasmonaeischem Geschlecht, der schoenen
Mariamne, und in deren Kindern mehr die Juden als die Seinen sah und fuerchtete,
so hat er es selbst ausgesprochen, dass er sich zu den Griechen ebenso
hingezogen fuehle, wie von den Juden abgestossen. Es ist bezeichnend, dass er
die Soehne, denen er zunaechst die Nachfolge zudachte, in Rom erziehen liess.
Waehrend er aus seinen unerschoepflichen Reichtuemern die Griechenstaedte des
Auslandes mit Gaben ueberhaeufte und mit Tempeln schmueckte, baute er fuer die
Juden wohl auch, aber nicht im juedischen Sinne. Die Circus- und Theaterbauten
in Jerusalem selbst wie die Tempel fuer den Kaiserkultus in den juedischen
Staedten galten dem frommen Israeliten als Aufforderung zur Gotteslaesterung.
Dass er den Tempel in Jerusalem in einen Prachtbau verwandelte, geschah halb
gegen den Willen der Frommen; wie sehr sie den Bau bewunderten, dass er an
demselben einen goldenen Adler anbrachte, wurde ihm mehr veruebelt als alle von
ihm verfuegten Todesurteile und fuehrte zu einem Volksaufstand, dem der Adler
zum Opfer fiel und dann freilich auch die Frommen, die ihn abrissen. Herodes
kannte das Land genug, um es nicht auf das aeusserste kommen zu lassen; wenn es
moeglich gewesen waere, dasselbe zu hellenisieren, der Wille dazu haette ihm
nicht gefehlt. An Tatkraft stand der Idumaeer hinter den besten Hasmonaeern
nicht zurueck. Der grosse Hafenbau beim Stratonsturm oder, wie die von Herodes
voellig umgebaute Stadt seitdem heisst, bei Caesarea, gab der hafenarmen Kueste
zuerst das, was sie brauchte, und die ganze Kaiserzeit hindurch ist die Stadt
ein Hauptemporium des suedlichen Syriens geblieben. Was sonst die Regierung zu
leisten vermag, Entwicklung der natuerlichen Hilfsquellen, Eintreten bei
Hungersnot und anderen Kalamitaeten, vor allen Dingen Sicherheit des Landes nach
innen und aussen, das hat Herodes geleistet. Der Raeuberunfug wurde abgestellt
und die in diesen Gegenden so ungemein schwierige Verteidigung der Grenze gegen
die streifenden Staemme der Wueste mit Strenge und Folgerichtigkeit
durchgefuehrt. Dadurch wurde die roemische Regierung bewogen, ihm noch weitere
Gebiete zu unterstellen, Ituraea, Trachonitis, Auranitis, Batanaea. Seitdem
erstreckte sich seine Herrschaft, wie dies schon erwaehnt ward, geschlossen
ueber das transjordanische Land bis gegen Damaskos und zum Hermongebirge; soviel
wir erkennen koennen, hat es nach jenen weiteren Zuweisungen in dem ganzen
bezeichneten Gebiet keine Freistadt und keine von Herodes unabhaengige
Herrschaft mehr gegeben. Die Grenzverteidigung selbst traf mehr den arabischen
Koenig als den der Juden; aber soweit sie ihm oblag, bewirkte die Reihe
wohlversehener Grenzkastelle auch hier einen Landfrieden, wie man ihn bisher in
diesen Gegenden nicht gekannt hatte. Man begreift es, dass Agrippa, nachdem er
die Hafen- und die Kriegsbauten des Herodes besichtigt hatte, in ihm einen
gleichstrebenden Gehilfen bei dem grossen Organisationswerk des Reiches erkannte
und ihn in diesem Sinne behandelte.
Dauernden Bestand hatte sein Reich nicht. Herodes selbst teilte es in
seinem Testament unter drei seiner Soehne, und Augustus bestaetigte die
Verfuegung im wesentlichen, indem er nur den wichtigen Hafen Gaza und die
transjordanischen Griechenstaedte unmittelbar unter den syrischen Statthalter
stellte. Die noerdlichen Reichsteile wurden von dem Hauptland abgetrennt; das
zuletzt von Herodes erworbene Gebiet suedlich von Damaskos, die Batanaea mit den
dazu gehoerigen Distrikten erhielt Philippos, Galilaea und die Peraea, das
heisst das transjordanische Gebiet, soweit es nicht griechisch war, Herodes
Antipas, beide als Tetrarchen; diese beiden Kleinfuerstentuemer haben anfangs
getrennt, dann unter Herodes des "Grossen" Urenkel Agrippa II. vereinigt, mit
geringen Unterbrechungen bis unter Traianus fortbestanden. Wir haben ihres
Regiments bei der Schilderung des oestlichen Syriens und Arabiens bereits
gedacht. Hier mag nur hinzugefuegt werden, dass diese Herodeer, wenn nicht mit
der Energie, doch im Sinn und Geist des Stifters der Dynastie weiterregierten.
Die von ihnen eingerichteten Staedte Caesarea, das alte Paneas, im noerdlichen
Gebiet und Tiberias in Galilaea sind ganz in der Art des Herodes hellenisch
geordnet; charakteristisch ist die Aechtung, welche die juedischen Rabbis wegen
eines bei der Anlage von Tiberias gefundenen Grabes ueber die unreine Stadt
verhaengten.
Das Hauptland, Judaea nebst Samaria noerdlich und Idumaea suedlich, bekam
nach dem Willen des Vaters Archelaos. Aber den Wuenschen der Nation entsprach
diese Erbfolge nicht. Die Orthodoxen, das heisst die Pharisaeer, beherrschten so
gut wie ausschliesslich die Masse, und wenn bisher die Furcht des Herrn
einigermassen niedergehalten war durch die Furcht vor dem ruecksichtslos
energischen Koenig, so stand doch der Sinn der grossen Majoritaet der Juden
darauf, unter der Schirmherrschaft Roms das reine gottselige Priesterregiment
wieder herzustellen, wie es einst die persischen Beamten eingerichtet hatten.
Unmittelbar nach dem Tode des alten Koenigs hatten die Massen in Jerusalem sich
zusammengerottet, um die Beseitigung des von Herodes ernannten Hohenpriesters
und die Ausweisung der Unglaeubigen aus der heiligen Stadt zu verlangen, wo eben
das Passah gefeiert werden sollte; Archelaos hatte sein Regiment damit beginnen
muessen, auf diese Massen einhauen zu lassen; man zaehlte eine Menge Tote, und
die Festfeier unterblieb. Der roemische Statthalter von Syrien - derselbe Varus,
dessen Unverstand bald darauf den Roemern Germanien kostete -, dem es zunaechst
oblag, waehrend des Interregnums die Ordnung im Lande aufrecht zu halten, hatte
diesen in Jerusalem meuternden Haufen gestattet, nach Rom, wo eben ueber die
Besetzung des juedischen Thrones verhandelt ward, eine Deputation von fuenfzig
Personen zu entsenden, um die Abschaffung des Koenigtums zu erbitten, und als
Augustus diese vorliess, gaben achttausend hauptstaedtische Juden ihr das Geleit
zum Tempel des Apollo. Die fanatisierten Juden daheim fuhren inzwischen fort,
sich selber zu helfen; die roemische Besatzung, die in den Tempel gelegt war,
wurde mit stuermender Hand angegriffen, und fromme Raeuberscharen erfuellten das
Land; Varus musste die Legionen ausruecken lassen und mit dem Schwert die Ruhe
wieder herstellen. Es war eine Warnung fuer den Oberherrn, eine nachtraegliche
Rechtfertigung fuer Koenig Herodes' gewalttaetiges, aber wirksames Regiment.
Aber mit der ganzen Schwaechlichkeit, welche er namentlich in spaeteren Jahren
so oft bewies, wies Augustus allerdings die Vertreter jener fanatischen Massen
mit ihrem Begehren ab, uebergab aber, im wesentlichen das Testament des Herodes
ausfuehrend, die Herrschaft in Jerusalem dem Archelaos, gemindert um den
koeniglichen Titel, den Augustus dem unerprobten jungen Mann zur Zeit nicht
zugestehen mochte, ferner gemindert um die noerdlichen Gebiete und mit der
Abnahme der Grenzverteidigung auch in der militaerischen Stellung
herabgedrueckt. Dass auf Augustus' Veranlassung die unter Herodes hochgespannten
Steuern herabgesetzt wurden, konnte die Stellung des Vierfuersten wenig bessern.
Archelaos' persoenliche Unfaehigkeit und Unwuerdigkeit brauchten kaum noch
hinzuzutreten, um ihn unmoeglich zu machen; wenige Jahre darauf (6 n. Chr.) sah
Augustus selbst sich genoetigt, ihn abzusetzen. Nun tat er nachtraeglich jenen
Meuterern ihren Willen: das Koenigtum wurde abgeschafft und das Land einerseits
in unmittelbare roemische Verwaltung genommen, andererseits, soweit neben dieser
ein inneres Regiment zugelassen ward, dasselbe dem Senat von Jerusalem
uebergeben. Bei diesem Verfahren moegen allerdings teils frueher in Betreff der
Erbfolge von Augustus dem Herodes gegebene Zusicherungen mitbestimmend gewesen
sein, teils die mehr und mehr hervortretende und im allgemeinen wohl
gerechtfertigte Abneigung der Reichsregierung gegen groessere, einigermassen
selbstaendig sich bewegende Klientelstaaten. Was in Galatien, in Kappadokien, in
Mauretanien kurz vorher oder bald nachher geschah, erklaert, warum auch in
Palaestina das Reich des Herodes ihn selbst kaum ueberdauerte. Aber wie in
Palaestina das unmittelbare Regiment geordnet ward, war es auch administrativ
ein arger Rueckschritt gegen das Herodische; vor allem aber lagen hier die
Verhaeltnisse so eigenartig und so schwierig, dass die allerdings von der
Priesterpartei selbst hartnaeckig erstrebte und schliesslich erlangte
unmittelbare Beruehrung der regierenden Roemer und der regierten Juden weder
diesen noch jenen zum Segen gereichte.
Judaea wurde somit im Jahre 6 n. Chr. eine roemische Provinz zweiten Ranges
^11 und ist, abgesehen von der ephemeren Restauration des jerusalemischen
Koenigreichs unter Claudius in den Jahren 41-44, seitdem roemische Provinz
geblieben. An die Stelle des bisherigen lebenslaenglichen und, unter Vorbehalt
der Bestaetigung durch die roemische Regierung, erblichen Landesfuersten trat
ein vom Kaiser auf Widerruf ernannter Beamter aus dem Ritterstand. Der Sitz der
roemischen Verwaltung wurde, wahrscheinlich sofort, die von Herodes nach
hellenischem Muster umgebaute Hafenstadt Caesarea. Die Befreiung des Landes von
roemischer Besatzung fiel selbstverstaendlich weg, aber, wie durchgaengig in den
Provinzen zweiten Ranges, bestand die roemische Truppenmacht nur aus einer
maessigen Zahl von Reiter- und Fussabteilungen der geringeren Kategorie;
spaeterhin lagen dort eine Ala und fuenf Kohorten, etwa 3000 Mann. Diese Truppen
wurden vielleicht von dem frueheren Regiment uebernommen, wenigstens zum grossen
Teil im Lande selbst, jedoch meist aus Samaritanern und syrischen Griechen
gebildet ^12. Legionarbesatzung erhielt die Provinz nicht, und auch in den
Judaea benachbarten Gebieten stand hoechstens eine von den vier syrischen
Legionen. Nach Jerusalem kam ein staendiger roemischer Kommandant, der in der
Koenigsburg seinen Sitz nahm, mit einer schwachen staendigen Besatzung; nur
waehrend der Passahzeit, wo das ganze Land und unzaehlige Fremde nach dem Tempel
stroemten, lag eine staerkere Abteilung roemischer Soldaten in einer zum Tempel
gehoerigen Halle. Dass mit der Einrichtung der Provinz die Steuerpflichtigkeit
Rom gegenueber eintrat, folgt schon daraus, dass die Kosten der
Landesverteidigung damit auf die Reichsregierung uebergingen. Nachdem diese bei
der Einsetzung des Archelaos eine Herabsetzung der Abgaben veranlasst hatte, ist
es wenig wahrscheinlich, dass sie bei der Einziehung des Landes eine sofortige
Erhoehung derselben in Aussicht nahm; wohl aber wurde, wie in jedem neu
erworbenen Gebiet, zu einer Revision der bisherigen Katastrierung geschritten
^13.
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^11 Die Angabe des Josephus, dass Judaea zur Provinz Syrien gezogen und
dessen Statthalter unterstellt worden sei (ant. Iud. 17 fin.: to? de Archelaoy
ch/o/ras ypotelo?s prosnem/e/theis/e/s t/e/ S?r/o/n; 18, 1, 1 : eis t/e/n
Ioydai/o/n prosth/e/k/e/n t/e/s Syrias; 4, 6) scheint unrichtig zu sein;
vielmehr bildete Judaea wahrscheinlich seitdem eine eigene prokuratorische
Provinz. Genaue Unterscheidung zwischen dem rechtlichen und dem faktischen
Eingreifen des syrischen Statthalters darf man bei Josephus nicht erwarten. Dass
derselbe die neue Provinz ordnete und die erste Schatzung leitete, entscheidet
nicht ueber die Frage, welche Einrichtung ihr gegeben ward. Wo die Juden sich
ueber ihren Prokurator bei dem Statthalter von Syrien beschweren und dieser
gegen denselben einschreitet, ist allerdings der Prokurator von dem Legaten
abhaengig; aber wenn L. Vitellius dies tat (Ios. ant. Iud. 18, 4, 2), so griff
dessen Macht eben ausserordentlicherweise hinaus ueber die Provinz (Tac. ann. 6,
32; Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, S. 822), und in dem andern Fall zeigen die
Worte des Tacitus (12, 54): quia Claudius ius statuendi etiam de procuratoribus
dederat, dass der Statthalter von Syrien kraft seiner allgemeinen Kompetenz ein
solches Urteil nicht haette faellen koennen. Sowohl das ius gladii dieser
Prokuratoren (Ios. bel. Iud. 2, 8, 1: mechri to? kteinein lab/o/n para to?
Kaisaros exoysian, ant. Iud. 18, 1, 1; /e/g/e/somenos Ioydai/o/n t/e/ epi pasin
exoysia) wie ihr ganzes Auftreten beweisen, dass sie nicht zu denen gehoerten,
die unter einem kaiserlichen Legaten stehend nur finanzielle Geschaefte
besorgten, sondern vielmehr wie die Prokuratoren von Noricum und Raetia auch
fuer Rechtspflege und Heerbefehl die hoechste Instanz bildeten. Also hatten die
Legaten von Syrien dort nur die Stellung wie die von Pannonien in Noricum und
der obergermanische in Raetien. Dies entspricht auch der allgemeinen Entwicklung
der Verhaeltnisse: alle groesseren Koenigreiche sind bei der Einziehung nicht
den benachbarten grossen Statthalterschaften zugelegt worden, deren Machtfuelle
zu steigern nicht in der Tendenz dieser Epoche liegt, sondern zu
selbststaendigen, meist zuerst ritterlichen Statthalterschaften gemacht worden.
^12 Nach Josephus (ant. Iud. 20, 8, 7, genauer als bel. Iud. 2, 13, 7)
bestand der groesste Teil der roemischen Truppen in Palaestina aus Caesareern
und Sebastenern. Die ala Sebastenorum focht im Juedischen Kriege unter Vespasian
(Ios. bel. Iud. 2, 12, 5). Vgl. Eph. epigr. V, p. 194. Alae und cohortes
Iudaeorum gibt es nicht.
^13 Die Einkuenfte des Herodes beliefen sich nach Josephus (ant. Iud. 17,
11, 4) auf etwa 1200 Talente, wovon auf Batanaea mit den Nebenlaendern etwa 100,
auf Galilaea und Peraea 200, das uebrige auf den Anteil des Archelaos entfallen;
dabei ist wohl das aeltere hebraeische Talent (zu etwa 7830 Mark) gemeint,
nicht, wie F. Hultsch (Griechische und roemische Metrologie. z. Aufl. Berlin
1882, S. 605) annimmt, das Denartalent (zu etwa 5220 Mark), da die Einkuenfte
desselben Gebiets unter Claudius bei demselben Josephus (ant. Iud. 19, 8, 2) auf
12 Mill. Denare (etwa 10 Mill. Mark) angesetzt werden. Den Hauptposten darin
bildete die Bodenabgabe, deren Hoehe wir nicht kennen; in syrischer Zeit betrug
sie wenigstens zeitweilig den dritten Teil vom Getreide und die Haelfte von Wein
und Oel (1. Makk. 10, 30), zu Caesars Zeit fuer Joppe ein Viertel der Frucht
(Anm. 8), woneben dann noch der Tempelzehnte stand. Dazu kamen eine Anzahl
anderer Steuern und Zoelle, Auktionsabgaben, Salzsteuer, Wege- und
Brueckengelder u. dgl. m.; diese sind es, auf welche die Zoellner der Evangelien
sich beziehen.
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Fuer die einheimischen Behoerden wurden in Judaea, wie ueberall, soweit
moeglich die Stadtgemeinden zum Fundament genommen. Samaria oder, wie die Stadt
jetzt heisst, Sebaste, das neu angelegte Caesarea und die sonstigen in dem
ehemaligen Reich des Archelaos enthaltenen staedtischen Gemeinden verwalteten
unter Aufsicht der roemischen Behoerde sich selbst. Auch das Regiment der
Hauptstadt mit dem grossen dazugehoerigen Gebiet wurde in aehnlicher Weise
geordnet. Schon in vorroemischer Zeit unter den Seleukiden hatte sich, wie wir
sahen, in Jerusalem ein Rat der Aeltesten gebildet, das Synhedrion oder
judaisiert der Sanhedrin. Den Vorsitz darin fuehrte der Hochpriester, welchen
der jedesmalige Herr des Landes, wenn er nicht etwa selber Hochpriester war, auf
Zeit bestellte. Dem Kollegium gehoerten die gewesenen Hochpriester und
angesehene Gesetzkundige an. Diese Versammlung, in der das aristokratische
Element ueberwog, funktionierte als hoechste geistliche Vertretung der gesamten
Judenschaft, und, soweit diese davon nicht zu trennen war, auch als die
weltliche Vertretung insbesondere der Gemeinde von Jerusalem. Zu einer
geistlichen Institution mosaischer Satzung hat das Synhedrion von Jerusalem erst
der spaetere Rabbinismus durch fromme Fiktion umgestempelt. Er entsprach
wesentlich dem Rat der griechischen Stadtverfassung, trug aber allerdings seiner
Zusammensetzung wie seinem Wirkungskreise nach einen mehr geistlichen Charakter,
als er den griechischen Gemeindevertretungen zukommt. Diesem Synhedrion und
seinem Hochpriester, den jetzt als Vertreter des kaiserlichen Landesherrn der
Prokurator ernannte, liess oder uebertrug die roemische Regierung diejenige
Kompetenz, welche in den hellenischen Untertanengemeinden den staedtischen
Behoerden und den Gemeinderaeten zukam. Sie liess mit gleichgueltiger
Kurzsichtigkeit dem transzendentalen Messianismus der Pharisaeer freien Lauf und
dem bis zum Eintreffen des Messias fungierenden, keineswegs transzendentalen
Landeskonsistorium ziemlich freies Schalten in Angelegenheiten des Glaubens, der
Sitte und des Rechts, wo die roemischen Interessen dadurch nicht geradezu
beruehrt wurden. Insbesondere betraf dies die Rechtspflege. Zwar soweit es sich
dabei um roemische Buerger handelte, wird die Justiz in Zivil- wie in
Kriminalsachen den roemischen Gerichten sogar schon vor der Einziehung des
Landes vorbehalten gewesen sein. Aber die Ziviljustiz ueber die Juden blieb auch
nach derselben hauptsaechlich der oertlichen Behoerde. Die Kriminaljustiz ueber
dieselben uebte diese wahrscheinlich im allgemeinen konkurrierend mit dem
roemischen Prokurator; nur Todesurteile konnte sie nicht anders vollstrecken
lassen als nach Bestaetigung durch den kaiserlichen Beamten.
Im wesentlichen waren diese Anordnungen die unabweisbaren Konsequenzen der
Abschaffung des Fuerstentums, und indem die Juden diese erbaten, erbaten sie in
der Tat jene mit. Gewiss war es auch die Absicht der Regierung, Haerte und
Schroffheit bei der Durchfuehrung soweit moeglich zu vermeiden. Publius
Sulpicius Quirinius, dem als Statthalter von Syrien die Einrichtung der neuen
Provinz uebertragen ward, war ein angesehener und mit den Verhaeltnissen des
Orients genau vertrauter Beamter, und alle Einzelberichte bestaetigen redend
oder schweigend, dass man die Schwierigkeiten der Verhaeltnisse kannte und
darauf Ruecksicht nahm. Die oertliche Praegung der Kleinmuenze, wie sie frueher
die Koenige geuebt hatten, ging jetzt auf den Namen des roemischen Herrschers;
aber der juedischen Bilderscheu wegen wurde nicht einmal der Kopf des Kaisers
auf die Muenze gesetzt. Das Betreten des inneren Tempelraumes blieb jedem
Nichtjuden untersagt bei Todesstrafe ^14. Wie ablehnend Augustus sich
persoenlich gegen die orientalischen Kulte verhielt, er verschmaehte es hier
sowenig wie in Aegypten, sie in ihrer Heimat mit dem Kaiserregiment zu
verknuepfen; prachtvolle Geschenke des Augustus, der Livia und anderer Glieder
des kaiserlichen Hauses schmueckten das Heiligtum der Juden, und nach
kaiserlicher Stiftung rauchte taeglich dort dem "hoechsten Gott" das Opfer eines
Stiers und zweier Laemmer. Die roemischen Soldaten wurden angewiesen, wenn sie
in Jerusalem Dienst hatten, die Feldzeichen mit den Kaiserbildern in Caesarea zu
lassen, und als ein Statthalter unter Tiberius davon abging, entsprach die
Regierung schliesslich den flehenden Bitten der Frommen und liess es bei dem
alten. Ja als auf einer Expedition gegen die Araber die roemischen Truppen durch
Jerusalem marschieren sollten, erhielten sie infolge der Bedenken der Priester
gegen die Bilder an den Feldzeichen eine andere Marschroute. Als ebenjener
Statthalter dem Kaiser an der Koenigsburg in Jerusalem Schilde ohne Bildwerke
weihte und die Frommen auch daran Aergernis nahmen, befahl Tiberius dieselben
abzunehmen und an dem Augustustempel in Caesarea aufzuhaengen. Das Festgewand
des Hohenpriesters, das sich auf der Burg in roemischem Gewahrsam befand und
daher vor der Anlegung erst sieben Tage lang von solcher Entweihung gereinigt
werden musste, wurde den Glaeubigen auf ihre Beschwerde ausgeliefert und der
Kommandant der Burg angewiesen, sich nicht weiter um dasselbe zu bekuemmern.
Allerdings konnte von der Menge nicht verlangt werden, dass sie darum die Folgen

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