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Rˆmische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen

Part 8 out of 12

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Parthischen Reiches selbst in einen roemischen Lehnsstaat sind Korollarien
desselben Gedankens. Es soll in keiner Weise geleugnet werden, dass bei der
Eroberungspolitik die Konsequenz ein bedenkliches Lob ist und dass Traianus nach
seiner Art bei diesen Unternehmungen dem Streben nach aeusserlichem Erfolg mehr
als billig nachgegeben und ueber das verstaendige Ziel hinausgegriffen hat; aber
es geschieht ihm Unrecht, wenn sein Auftreten im Osten auf blinde Eroberungslust
zurueckgefuehrt wird ^53. Er tat, was Caesar, wenn er gelebt haette, auch getan
haben wuerde. Seine Politik ist nur die andere Seite derjenigen der
Staatsmaenner Neros, und beide sind so entgegengesetzt wie gleich folgerichtig
und gleich berechtigt. Die Folgezeit hat mehr der erobernden Politik recht
gegeben als derjenigen der Nachgiebigkeit.
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^52 Fronto p. 209 Naber: cum praesens Traianus Euphratis et Tigridis
portoria equorum et camelorum trib[utaque ordinaret, Ma]cer (?) caesus est. Dies
geht auf den Moment, wo, waehrend Traian an der Tigrismuendung verweilte,
Babylonien und Mesopotamien abfielen.
^53 Ungefaehr mit gleichem Recht laesst Julian (Caes. p. 328) den Kaiser
sagen dass er gegen die Parther die Waffen nicht ergriffen habe, bevor sie das
Recht verletzt haetten, und wirft ihm Dio (68, 17) vor, den Krieg aus Ehrgeiz
gefuehrt zu haben.
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Fuer den Augenblick freilich kam es anders. Die orientalischen Eroberungen
Traians durchleuchten den trueben Abend des Roemerreiches wie die Blitzstrahlen
die dunkle Nacht, aber wie diese bringen sie keinen neuen Morgen. Der Nachfolger
fand sich vor die Wahl gestellt, das unfertige Werk der Unterwerfung der Parther
zu vollenden oder fallen zu lassen. Ohne bedeutende Steigerung der Armee wie des
Budgets konnte die Grenzerweiterung ueberall nicht durchgefuehrt werden; und die
damit unvermeidlich gegebene Verschiebung des Schwerpunktes nach Osten war eine
bedenkliche Staerkung des Reiches. Hadrian und Pius lenkten also voellig wieder
ein in die Bahnen der frueheren Kaiserzeit. Den roemischen Lehnskoenig von
Parthien, den Parthamaspates, liess Hadrian fallen und fand ihn in anderer Weise
ab. Er raeumte Assyrien und Mesopotamien und gab diese Provinzen freiwillig dem
frueheren Herrn zurueck. Nicht minder sandte er diesem die gefangene Tochter;
das bleibende Zeichen des gewonnenen Sieges, den goldenen Thron von Ktesiphon,
weigerte selbst der friedfertige Plus sich, den Parthern wieder auszuliefern.
Hadrianus sowohl wie Pius waren ernstlich bemueht, mit dem Nachbarn in Frieden
und Freundschaft zu leben, und zu keiner Zeit scheinen die Handelsbeziehungen
zwischen den roemischen Entrepots an der syrischen Ostgrenze und den
Kaufstaedten am Euphrat reger gewesen zu sein als in dieser Epoche.
Armenien hoerte ebenfalls auf roemische Provinz zu sein und trat in seine
fruehere Stellung zurueck als roemischer Lehnsstaat und parthische
Sekundogenitur ^54. Abhaengig blieben gleichfalls die Fuersten der Albaner und
Iberer am Kaukasus und die zahlreichen kleinen Dynasten in dem suedoestlichen
Winkel des Schwarzen Meeres ^55. Roemische Besatzungen standen nicht bloss an
der Kueste in Apsaros ^56 und am Phasis, sondern nachweislich unter Commodus in
Armenien selbst unweit Artaxata; militaerisch gehoerten alle diese Staaten zum
Sprengel des Kommandanten von Kappadokien ^57. Indes scheint diese ihrem Wesen
nach sehr unbestimmte Oberhoheit ueberhaupt, und namentlich von Hadrian ^58, in
einer Weise gehandhabt zu sein, dass sie mehr als ein Schutzrecht erschien denn
als eigentliche Untertaenigkeit, und wenigstens die maechtigeren unter diesen
Fuersten taten und liessen im wesentlichen, was ihnen gefiel. Das schon frueher
hervorgehobene gemeinsame Interesse der Abwehr der wilden transkaukasischen
Staemme trat in dieser Epoche noch bestimmter hervor und hat offenbar namentlich
zwischen Roemern und Parthern als ein Band gedient. Gegen das Ende der Regierung
Hadrians fielen die Alanen, im Einverstaendnis, wie es scheint, mit dem
damaligen Koenig von Iberien, Pharasmanes II., dem es zunaechst oblag, ihnen den
Kaukasuspass zu sperren, in die suedlichen Landschaften ein und pluenderten
nicht bloss das Gebiet der Albaner und der Armenier, sondern auch die parthische
Provinz Medien und die roemische Provinz Kappadokien; wenn es auch nicht zu
gemeinschaftlicher Kriegfuehrung kam, sondern das Gold des damals in Parthien
regierenden Herrschers Vologasos' III. und die Mobilmachung der kappadokischen
Armee von seiten der Roemer ^59 die Barbaren zur Umkehr bestimmten, so gingen
die Interessen doch zusammen und die Beschwerde, welche die Parther in Rom ueber
Pharasmanes von Iberien fuehrten, zeigt das Zusammenhalten der beiden
Grossmaechte ^60.
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^54 Unmoeglich kann Hadrian Armenien aus dem roemischen Lehnsverband
entlassen haben. Die Notiz des Biographen (c. 21): Armeniis regem habere
permisit, cum sub Traiano legatum habuissent fuehrt vielmehr auf das Gegenteil,
und wir finden am Ende der Hadrianischen Regierung im Heer des Statthalters von
Kappadokien das Kontingent der Armenier (Arr. Alan. 29). Pius hat nicht bloss
die Parther durch seine Vorstellungen bestimmt, von der beabsichtigten Invasion
Armeniens abzustehen (Vita 9), sondern auch Armenien in der Tat zu Lehen gegeben
(Muenzen aus den Jahren 140-144, Eckhel 7, S. 15). Auch dass Iberien sicher
unter Pius im Lehnsverband gestanden hat, weil sonst die Parther ueber deren
Koenig nicht haetten in Rom Beschwerde fuehren koennen (Dio 69, 15), setzt das
gleiche Lehnsverhaeltnis fuer Armenien voraus. Die Namen der armenischen Koenige
dieser Zeit sind nicht bekannt. Wenn die proximae gentes, mit deren Herrschaft
Hadrian den von Traian zum parthischen Koenig bestellten Partherfuersten
entschaedigte (vita c. 5), in der Tat die Armenier sind, was nicht
unwahrscheinlich ist, so liegt darin eine Bestaetigung sowohl der dauernden
Abhaengigkeit Armeniens von Rom wie der fortdauernden Herrschaft der Arsakiden
daselbst. Auch der A?r/e/lios Pakoros basileys megal/e/s Armenias der seinem in
Rom verstorbenen Bruder Aurelius Merithates dort ein Grabmal errichtete (CIG
6559), gehoert seinem Namen nach zu dem Haus der Arsakiden. Schwerlich aber ist
er der von Vologasos IV. ein- und von den Roemern abgesetzte Koenig von
Armenien; waere dieser gefangen nach Rom gekommen, so wuerden wir es wissen, und
es haette auch dieser kaum in einer roemischen Inschrift sich Koenig von Gross-
Armenien nennen duerfen.
^55 Als belehnt von Traianus oder Hadrianus fuehrt Arrian (peripl. m. Eux.
c. 15) auf die Heniocher und Machelonen (vgl. Dio 68,18; 71, 14); die Lazen
(vgl. Suidas u. d. W. Dometianos), denen auch Pius einen Koenig setzte (vita 9);
die Apsilen; die Absager; die Sanigen; diese alle innerhalb der bis Dioskurias =
Sebastopolis reichenden Reichsgrenze; jenseits derselben im Bereich des
bosporanischen Lehnstaats die Zicher oder Zincher (das. c. 27).
^56 Ausser Arrian (peripl. m. Eux. c. 7) bestaetigt dies der Offizier aus
hadrianischer Zeit praepositus numerorum tendentium in Ponto Absaro (CIL X,
1202).
^57 Vgl. Anm. 63. Auch das im Jahre 185 in Valarschapat (Etschmiazin)
unweit Artaxata garnisonierende Detachement wahrscheinlich von 1000 Mann (weil
unter einem Tribun) gehoerte zu einer der kappadokischen Legionen (CIL III,
6052).
^58 Hadrians Bemuehung um die Freundschaft der orientalischen Lehnsfuersten
wird oft hervorgehoben, nicht ohne Hindeutung darauf, dass er sich mehr als
billig von ihnen habe gefallen lassen (vita c. 13, 17, 21). Pharasmanes von
Iberien kam auf seine Einladung nicht nach Rom, folgte aber derjenigen des Pius
(vita Hadr. 13, 21; vita Pii 9; Dio 69, 15, 2, welches Exzerpt unter Pius
gehoert).
^59 Den merkwuerdigen Bericht des Statthalters von Kappadokien unter
Hadrian, Flavius Arrianus, ueber die Mobilmachung der kappadokischen Armee gegen
die "Skythen" besitzen wir noch unter dessen kleinen Schriften; er war selbst am
Kaukasus und besichtigte die dortigen Paesse (Lyd. mag. 3, 53).
^60 Das lehren die Truemmer des Dionischen Berichts bei Xiphilin, Zonaras
und in den Exzerpten; die richtige Lesung Alanoi statt Albanoi hat Zonaras
bewahrt; dass die Alanen auch das Albanergebiet pluenderten, ergibt die Fassung
der exc. urs. LXXII.
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Die Stoerungen des Status quo kamen wieder von parthischer Seite. Die
Oberherrlichkeit der Roemer ueber Armenien hat in der Geschichte eine aehnliche
Rolle gespielt wie die des deutschen Kaiserreiches ueber Italien; wesenlos wie
sie war, wurde sie doch stets als Uebergriff empfunden und trug die Kriegsgefahr
im Schosse. Schon unter Hadrian drohte der Konflikt; es gelang dem Kaiser, in
einer persoenlichen Zusammenkunft mit dem Partherfuersten den Friedensstand zu
wahren. Unter Pius schien abermals die parthische Invasion Armeniens
bevorzustehen; seine ernste Abmahnung war zunaechst von Erfolg. Aber selbst
dieser friedfertigste aller Kaiser, dem es mehr am Herzen lag, das Leben eines
Buergers zu sparen als tausend Feinde zu toeten, musste in der letzten Zeit
seiner Regierung sich auf den Angriff gefasst machen und die Heere des Orients
verstaerken. Kaum hatte er die Augen geschlossen (161), als sich das lange
drohende Gewitter entlud. Auf Befehl des Koenigs Vologasos IV. rueckte der
persische Feldherr Chosroes ^61 in Armenien ein und setzte den Arsakidenprinzen
Pakoros auf den Thron. Der Statthalter von Kappadokien, Severianus, tat, was
seine Pflicht war, und fuehrte seinerseits die roemischen Truppen ueber den
Euphrat. Bei Elegeia, eben da, wo ein Menschenalter zuvor der ebenfalls von den
Parthern auf den armenischen Thron gesetzte Koenig Parthomasiris sich vor Traian
vergeblich gedemuetigt hatte, stiessen die Heere aufeinander; das roemische
wurde nicht bloss geschlagen, sondern in dreitaegigem Kampfe vernichtet; der
unglueckliche Feldherr gab, wie einst Varus, sich selber den Tod. Die
siegreichen Orientalen begnuegten sich nicht mit der Einnahme Armeniens, sondern
ueberschritten den Euphrat und brachen in Syrien ein; auch das dort stehende
Heer wurde geschlagen und man fuerchtete fuer die Treue der Syrer. Die roemische
Regierung hatte keine Wahl. Da die Truppen des Orients auch bei dieser
Gelegenheit ihre geringe Schlagfaehigkeit bewiesen und ueberdies durch die
erlittene Niederlage geschwaecht und demoralisiert waren, wurden aus dem Westen,
selbst vom Rhein her weitere Legionen nach dem Osten gesandt und in Italien
selbst Aushebungen angeordnet. Der eine der beiden kurz vorher zur Regierung
gelangten Kaiser, Lucius Verus, ging selbst nach dem Orient (162), um den
Oberbefehl zu uebernehmen; und wenn er, weder kriegerisch noch auch nur
pflichttreu, sich der Aufgabe nicht gewachsen zeigte und von seinen Taten im
Orient kaum etwas anderes zu berichten ist, als dass er mit seiner Nichte
daselbst Hochzeit machte und wegen seines Theaterenthusiasmus selbst von den
Antiochenern ausgelacht ward, so fuehrten die Statthalter von Kappadokien und
von Syrien, dort zuerst Statius Priscus, dann Martius Verus, hier Avidius
Cassius ^62, die besten Generale dieser Epoche, die Sache Roms besser als der
Traeger der Krone. Noch einmal, bevor die Heere aneinander kamen, boten die
Roemer den Frieden; gern haette Marcus den schweren Krieg vermieden. Aber
Vologasos wies die billigen Vorschlaege schroff zurueck; und diesmal war der
friedfertige Nachbar auch der staerkere. Armenien wurde sofort wieder gewonnen;
schon im Jahre 163 nahm Priscus die Hauptstadt Artaxata ein und zerstoerte sie.
Nicht weit davon wurde die neue Landeshauptstadt, Kainepolis, armenisch Nor-
Khalakh oder Valarschapat (Etschmiazin), von den Roemern erbaut und mit starker
Besatzung belegt ^63. Im Jahre darauf wurde an Pakoros' Stelle Sohaemos, der
Abstammung nach auch ein Arsakide, aber roemischer Untertan und roemischer
Senator, zum Koenig von Gross-Armenien ernannt ^64. Rechtlich also aenderte in
Armenien sich nichts; doch wurden die Bande, die es an Rom knuepften, straffer
angezogen.
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^61 So heisst er bei Lukian hist. conscr. 21; wenn derselbe ihn Alex. 27
Othryades nennt, so schoepft er hier aus einem Historiker von dem Schlage derer,
welche er in jener Schrift verspottet und von denen ein anderer denselben Mann
als Oxyroes hellenisierte (hist. conscr. 18).
^62 Syrien verwaltete, als der Krieg ausbrach, L. Attidius Cornelianus (CIG
4661 vom Jahre 160; vita Marci 8; CIL III 129 vom Jahre 162), nach ihm Iulius
Verus (CIL III, 199, wahrscheinlich vom Jahre 163), alsdann Avidius Cassius,
vermutlich seit dem Jahre 164. Dass die uebrigen Provinzen des Ostens an
Cassius' Befehle gewiesen wurden (vit. soph. 1, 13; Dio 71, 3), aehnlich wie
dies bei Corbulo als Legaten von Kappadokien geschehen war, kann sich nur auf
die Zeit nach dem Abgang des Kaisers Verus beziehen; solange dieser den
nominellen Oberbefehl fuehrte, ist dafuer kein Raum.
^63 Ein wahrscheinlich Dionisches Fragment (bei Suidas unter Martios)
erzaehlt, dass Priscus in Armenien die Koin/e/ polis anlegte und mit roemischer
Besatzung versah, sein Nachfolger Martius Verus die dort entstandene nationale
Bewegung beschwichtigte und diese Stadt zur ersten Armeniens erklaerte. Dies ist
Valarschapat (Oyalasarpat oder Oyaleroktist/e/ bei Agathangelos), seitdem die
Hauptstadt Armeniens. Koin/e/ polis ist, wie mich Kiepert belehrt, schon von
Stilting erkannt als abersetzung des armenischen Ntr-Khalakh, welche zweite
Benennung Valarschapat bei den armenischen Autoren des fuenften Jahrhunderts
stets neben der gewoehnlichen fuehrt. Moses von Khorene laesst nach Bardesanes
die Stadt aus einer unter Koenig Tigran VI., der nach ihm 150-188 regiert,
hierhin gefuehrten Judenkolonie entstehen; ihre Ummauerung und Benennung fuehrt
er auf dessen Sohn Valarsch II. 188-208 zurueck. Dass die Stadt im Jahre 185
starke roemische Besatzung hatte, zeigt die Inschrift CIL III, 6052.
^64 Dass Sohaemos Achaemenide und Arsakide war (oder zu sein vorgab) und
Koenigssohn und Koenig so wie roemischer Senator und Konsul, bevor er Koenig von
Gross-Armenien ward, sagt sein Zeitgenosse Iamblichos (c. 10 des Auszugs bei
Photios). Wahrscheinlich gehoert er der Dynastenfamilie von Hemesa an (Ios. ant.
Iud. 20, 8, 4 und sonst). Wenn Iamblichos der Babylonier "unter ihm" schrieb, so
kann dies wohl nur so verstanden werden, dass er seinen Roman in Artaxata
verfasst hat. Dass Sohaemos vor Pakoros ueber Armenien geherrscht hat, wird
nirgend gesagt und ist nicht wahrscheinlich, da weder Frontos Worte (p. 127
Naber) quod Sohaemo potius quam Vologaeso regnum Armeniae dedisset aut quod
Pacorum regno privasset noch die des Fragments aus Dio (?) 71, 1: Martios
Oy/e/ros ton THoykydid/e/n ekpempei katagagein Sosimon es Arm/e/nian auf
Wiedereinsetzung fuehren, die Muenzen aber mit rex Armeniis datus (Eckhel 7, S.
91; vgl. vita Veri 7, 8) diese in der Tat ausschliessen. Den Vorgaenger des
Pakoros kennen wir nicht und wissen nicht einmal, ob der Thron, den er einnahm,
erledigt oder besetzt war.
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Ernster waren die Kaempfe in Syrien und Mesopotamien. Die Euphratlinie
wurde von den Parthern hartnaeckig verteidigt; nach einem lebhaften Gefecht am
rechten Ufer bei Sura wurde die Festung Nikephorion (Rakka) auf dem linken von
den Roemern erstuermt. Noch heftiger wurde um den Uebergang bei Zeugma
gestritten; aber auch hier blieb in der entscheidenden Schlacht bei Europos
(Djerabis, suedlich von Biredjik) den Roemern der Sieg. Sie rueckten nun
ihrerseits in Mesopotamien ein. Edessa wurde belagert, Dausara unweit davon
erstuermt; die Roemer erschienen vor Nisibis; der parthische Feldherr rettete
sich schwimmend ueber den Tigris. Die Roemer konnten von Mesopotamien aus den
Marsch nach Babylon antreten. Die Satrapen verliessen teilweise die Fahnen des
geschlagenen Grosskoenigs; Seleukeia, die grosse Kapitale der Hellenen am
Euphrat, oeffnete den Roemern freiwillig die Tore, wurde aber spaeter, weil die
Buergerschaft mit Recht oder mit Unrecht des Einverstaendnisses mit dem Feinde
beschuldigt ward, von den Roemern niedergebrannt. Auch die parthische Hauptstadt
Ktesiphon wurde genommen und zerstoert; mit gutem Grund konnte zu Anfang des
Jahres 165 der Senat die beiden Herrscher als die parthischen Grosssieger
begruessen. In dem Feldzug dieses Jahres drang Cassius sogar in Medien ein;
indes namentlich die in diesen Gegenden ausbrechende Pest dezimierte die Truppen
und noetigte zur Umkehr, beschleunigte vielleicht auch den Friedensschluss. Das
Ergebnis des Krieges war die Abtretung des westlichen Strichs von Mesopotamien:
die Fuersten von Edessa oder von Osrhoene traten in den roemischen Lehnsverband
und die Stadt Karrhae, seit langem gut griechisch gesinnt, wurde Freistadt unter
roemischem Schutz ^65. Dem Umfang nach war, zumal dem vollstaendigen
Kriegserfolg gegenueber, der Gebietszuwachs maessig, dennoch aber von Bedeutung,
insofern damit die Roemer Fuss fassten am linken Ufer des Euphrat. Im uebrigen
wurden die besetzten Gebiete den Parthern zurueckgegeben und der Status quo
wiederhergestellt. Im ganzen also gab man die zurueckhaltende, von Hadrian
aufgenommene Politik jetzt wieder auf und lenkte ein in die Bahn des Traianus.
Es ist dies um so bemerkenswerter, als der Regierung des Marcus gewiss nicht
Ehrgeiz und Vergroesserungsstreben zum Vorwurf gemacht werden kann; was sie tat,
tat sie notgedrungen und in bescheidenen Grenzen.
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^65 Dies zeigen die mesopotamischen Koenigs- und Stadtmuenzen. Berichte
ueber die Friedensbedingungen fehlen in unserer Ueberlieferung.
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Den gleichen Weg ging weiter und entschiedener Kaiser Severus. Das
Dreikaiserjahr 193 hatte zum Kriege zwischen den Legionen des Westens und denen
des Ostens gefuehrt, und mit Pescennius Niger waren diese unterlegen. Die
roemischen Lehnsfuersten des Ostens und nicht minder der Beherrscher der
Parther, Vologasos V., des Sanatrukios Sohn, hatten, wie begreiflich, den Niger
anerkannt und ihm sogar ihre Truppen zur Verfuegung gestellt; dieser hatte erst
dankend abgelehnt, dann, als seine Sache eine ueble Wendung nahm, ihre Hilfe
angerufen. Die uebrigen roemischen Lehnstraeger, vor allem der von Armenien,
hielten sich vorsichtig zurueck; nur der Fuerst von Edessa, Abgaros, sandte den
verlangten Zuzug. Die Parther versprachen Hilfe, und sie kam auch wenigstens aus
den naechsten Distrikten, von dem Fuersten Barsemias von Hatra in der
mesopotamischen Wueste und von jenseits des Tigris von dem Satrapen der
Adiabener. Auch nach Nigers Tod (194) blieben diese Fremden nicht bloss in dem
roemischen Mesopotamien, sondern forderten sogar das Herausziehen der daselbst
stehenden roemischen Besatzungen und die Rueckgabe dieses Gebiets ^66. Darauf
rueckte Severus in Mesopotamien ein und nahm die ganze ausgedehnte und wichtige
Landschaft in Besitz. Von Nisibis aus wurde eine Expedition gegen den
Araberfuersten von Hatra gefuehrt, der es indes nicht gelang, die feste Stadt zu
nehmen; auch jenseits des Tigris gegen den Satrapen von Adiabene richteten die
Generale des Severus nichts Bedeutendes aus ^67. Aber Mesopotamien, das heisst
das ganze Gebiet zwischen Euphrat und Tigris bis zum Chaboras, wurde roemische
Provinz und mit zwei dieser Gebietserweiterung wegen neu geschaffenen Legionen
belegt. Das Fuerstentum Edessa blieb als roemische Lehnsherrschaft bestehen, war
aber jetzt nicht mehr Grenzgebiet, sondern von unmittelbarem Reichsland
umschlossen. Hauptstadt der neuen Provinz und Sitz des Statthalters wurde die
ansehnliche und feste Stadt Nisibis, seitdem nach dem Namen des Kaisers genannt
und als roemische Kolonie geordnet. Nachdem also von dem Parthischen Reiche ein
wichtiger Gebietsteil abgerissen und gegen zwei von ihm abhaengige Satrapen
Waffengewalt gebraucht worden war, machte sich der Grosskoenig mit den Truppen
auf, um den Roemern entgegenzutreten. Severus bot die Hand zum Frieden und trat
fuer Mesopotamien einen Teil von Armenien ab. Indes war damit die
Waffenentscheidung nur vertagt. So wie Severus nach dem Westen aufgebrochen war,
wohin die Verwicklung mit seinem Mitherrscher in Gallien ihn abrief, brachen die
Parther den Frieden ^68 und rueckten in Mesopotamien ein; der Fuerst von
Osrhoene ward vertrieben, das Land besetzt und der Statthalter Laetus, einer der
vorzueglichsten Kriegsmaenner der Zeit, in Nisibis belagert. Er schwebte in
grosser Gefahr, als Severus, nachdem Albinus unterlegen war, im Jahre 198
abermals im Orient eintraf. Damit wendete sich das Kriegsglueck. Die Parther
wichen zurueck, und nun ergriff Severus die Offensive. Er rueckte in Babylonien
ein und gewann Seleukeia und Ktesiphon; der Partherkoenig rettete sich mit
wenigen Reitern durch die Flucht, der Kronschatz wurde die Beute der Sieger, die
parthische Hauptstadt den roemischen Soldaten zur Pluenderung preisgegeben und
ueber 100000 Gefangene auf den roemischen Sklavenmarkt gebracht. Besser freilich
als der Partherstaat selbst wehrten sich die Araber in Hatra; vergeblich
versuchte Severus in zwiefacher schwerer Belagerung, die Wuestenburg zu
bezwingen. Aber im wesentlichen war der Erfolg der beiden Feldzuege der Jahre
198 und 199 ein vollstaendiger. Durch die Einrichtung der Provinz Mesopotamien
und des grossen Kommandos daselbst verlor Armenien die Zwischenstellung, welche
es bisher gehabt hatte; es konnte in den bisherigen Verhaeltnissen verbleiben
und von der foermlichen Einverleibung abgesehen werden. Das Land behielt also
seine eigenen Truppen, und die Reichsregierung hat sogar fuer dieselben
spaeterhin einen Zuschuss aus der Reichskasse gezahlt ^69.
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^66 Der Anfang des ursinischen Exzerpts Dio 75, 1, 2 ist verwirrt. Oi
Orrs/e/noi, heisst es, kai oi Adiab/e/noi apostantes kai Nisibin poliorko?ntes
kai /e/tt/e/thentes ypo Seoy/e/roy epresbe?sano pros ayton meta ton to? Nigroy
thanaton. Osrhoene war damals roemisch, Adiabene parthisch; von wem fallen die
beiden Landschaften ab? und wessen Partei haben die Nisibener ergriffen? Dass
deren Gegner vor Absendung der Gesandtschaft von Severus geschlagen worden,
widerspricht dem Verlauf der Erzaehlung; denn weil ihre Gesandten dem Severus
ungenuegende Anerbietungen machen, ueberzieht sie dieser mit Krieg.
Wahrscheinlich ist die Unterstuetzung Nigers durch Untertanen der Parther und
deren Gemeinschaft mit Nigers roemischem Parteigaenger nun genau als Abfall von
Severus aufgefasst; dass die Leute nachher behaupten, sie haetten beabsichtigt,
vielmehr Severus zu unterstuetzen, wird deutlich als Ausflucht bezeichnet. Die
Nisibener moegen sich geweigert haben mitzutun und deshalb von den Anhaengern
Nigers angegriffen worden sein. So erklaert es sich, was auch aus dem
Xiphilinischen Auszug Dio 75, 2 erhellt, dass das linke Euphratufer fuer Severus
Feindesland war, nicht aber Nisibis; roemisch braucht die Stadt darum damals
nicht gewesen zu sein, vielmehr ist sie nach allen Spuren dies erst durch
Severus geworden.
^67 Da die Kriege gegen die Araber und die Adiabener in der Tat gegen die
Parther gerichtet waren, so war es in der Ordnung, dass dem Kaiser deswegen die
Titel Parthicus Arabicus und Parthicus Adiabenicus erteilt wurden; sie finden
sich auch, aber gewoehnlich bleibt Parthicus weg, offenbar weil, wie der
Biograph des Severus sagt (c. 9), excusavit Parthicum nomen, ne Parthos
lacesseret. Dazu stimmt die sicher in das Jahr 195 gehoerende Notiz bei Dio 75,
9, 6 ueber das friedliche Abkommen mit den Parthern und die Abtretung eines
Stueckes von Armenien an sie.
^68 Dass auch Armenien in ihre Gewalt geriet, deutet Herodian 5, 9, 2 an;
freilich ist seine Darstellung schief und fehlerhaft.
^69 Als bei dem Frieden im Jahre 218 das alte Verhaeltnis zwischen Rom und
Armenien erneuert wurde, machte der Koenig von Armenien sich Aussicht auf
Erneuerung der roemischen Jahresgelder (Dio 78, 27: to? Tiridatoy to arg?rion o
kat' etos para t/o/n R/o/mai/o/n eyrisketo elpisantos l/e/psesthai). Eigentliche
Tributzahlung der Roemer an die Armenier ist fuer die severische und die
vorseverische Zeit ausgeschlossen, stimmt auch keineswegs zu den Worten Dios;
der Zusammenhang wird der bezeichnete sein. Im 4. und 5. Jahrhundert wurde das
Kastell von Biriparach im Kaukasus, das den Darielpass sperrte, von den Persern,
die seit dem Frieden von 364 hier die Herren spielten, mit roemischem Zuschuss
unterhalten und dies ebenfalls als Tributzahlung aufgefasst (Lyd. mag. 3, 52,
53; Priscus fr. 31 Mueller).
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Die weitere Entwicklung dieser Nachbarverhaeltnisse ist bedingt durch die
Verschiebung der inneren Ordnung in den beiden Reichen. Wenn unter der Dynastie
Nervas und nicht minder unter Severus dem oft von Buergerkrieg und Thronfehde
zerrissenen Partherstaat die relativ stabile roemische Monarchie ueberlegen
gegenuebergestanden hatte, so brach diese Ordnung nach Severus' Tode zusammen,
und fast ein Jahrhundert lang folgten sich in dem Westreich meist elende und
durchaus ephemere Regenten, die dem Ausland gegenueber stetig schwankten
zwischen Uebermut und Schwaeche. Waehrend also die Schale des Westens sank,
stieg diejenige des Ostens. Wenige Jahre nach dem Tode des Severus (211) traf in
Iran eine Umwaelzung ein, welche nicht bloss, wie so viele fruehere Krisen, den
herrschenden Regenten stuerzte, nicht einmal bloss eine andere Dynastie an die
Stelle der verkommenen Arsakiden ans Regiment rief, sondern die nationalen und
religioesen Elemente zu gewaltigem Aufschwung entfesselnd an die Stelle der vom
Hellenismus durchdrungenen Bastardzivilisation des Partherstaats die
Staatsordnung, den Glauben, die Sitte und die Fuersten derjenigen Landschaft
setzte, welche das alte Perserreich geschaffen hatte und seit dessen Uebergang
an die parthische Dynastie wie die Graeber des Dareios und des Xerxes, so auch
die Keime der Wiedergeburt des Volkes in sich bewahrte. Es erfolgte die
Wiederherstellung des von Alexander niedergeworfenen Grosskoenigtums der Perser
durch das Eintreten der Dynastie der Sassaniden. Werfen wir auf diese neue
Gestaltung der Dinge einen Blick, bevor wir den Verlauf der roemisch-parthischen
Beziehungen im Orient weiter verfolgen.
Es ist schon ausgesprochen worden, dass die parthische Dynastie, obwohl in
der Tat sie Iran dem Hellenismus entrissen hatte, doch der Nation sozusagen als
illegitim galt. Artahschatr oder neupersisch Ardaschir, so berichtet die
offizielle Historiographie der Sassaniden, trat auf, um das Blut des von
Alexander ermordeten Dara zu raechen und um die Herrschaft an die legitime
Familie zurueckzubringen und sie so wieder herzustellen, wie sie zur Zeit seiner
Vorfahren, vor den Teilkoenigen gewesen war. In dieser Legende steckt ein gutes
Stueck Wirklichkeit. Die Dynastie, welche von dem Grossvater Ardaschirs, Sasan,
den Namen fuehrt, ist keine andere als die koenigliche der persischen
Landschaft; Ardaschirs Vater Papak oder Pabek ^70 und eine lange Reihe seiner
Ahnen hatten unter der Obergewalt der Arsakiden in diesem Stammlande der
iranischen Nation das Szepter gefuehrt ^71, in Istachr, unweit des alten
Persepolis, residiert und ihre Muenzen mit iranischer Sprache und iranischer
Schrift und mit den heiligen Emblemen des persischen Landesglaubens bezeichnet,
waehrend die Grosskoenige in dem halb griechischen Grenzland ihren Sitz hatten
und ihre Muenzen in griechischer Sprache und griechischer Weise praegen liessen.
Die Grundordnung des iranischen Staatensystems, das den Teilkoenigen
uebergeordnete Grosskoenigtum, ist unter den beiden Dynastien ebensowenig eine
verschiedene gewesen, wie die des Reiches Deutscher Nation unter den
saechsischen und den schwaebischen Kaisern. Nur darum wird in jener offiziellen
Version die Arsakidenzeit als die der Teilkoenige und Ardaschir als das erste
gemeinsame Haupt von ganz Iran nach dem letzten Dareios bezeichnet, weil im
alten Persischen Reich die persische Landschaft wie zu den uebrigen, so auch zu
den Parthern sich verhaelt wie im roemischen Staat Italien zu den Provinzen, und
der Perser dem Parther die Legitimation fuer das von Rechts wegen mit seiner
Landschaft verbundene Grosskoenigtum bestritt ^72.
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^70 Artaxares nennt seinen Vater Papakos in der Anm. 74 angefuehrten
Inschrift Koenig; wie damit auszugleichen ist, dass nicht bloss die einheimische
Legende (bei Agathias 2, 27) den Pabek zum Schuster macht, sondern auch der
Zeitgenosse Dion (wenn in der Tat Zon. 12, 15 diese Worte aus ihm entlehnt hat)
den Artaxares nennt ex aphan/o/n kai adox/o/n, wissen wir nicht. Natuerlich
nehmen die roemischen Schriftsteller fuer den schwachen legitimen Arsakiden
Partei gegen den gefaehrlichen Usurpator.
^71 Strabon (unter Tiberius) 15, 3, 24: n?n d'/e/d/e/ kath' ayto?s
synest/o/tes oi Persai basileas echoysin yp/e/kooys eterois basile?si, proteron
men Makedosi, n?n de Parthyaiois.
^72 Wenn Noeldeke sagt (Tabari, S. 449): "Dass die Hauptlaender der
Monarchie direkt der Krone unterworfen waren, bildete den Hauptunterschied des
Sassanidenreichs vom arsakidischen, welches in den verschiedensten Provinzen
wirkliche Koenige hatte", so wird die Macht des Grosskoenigtums ohne Zweifel
durchaus durch die Persoenlichkeit des Inhabers bedingt und unter den ersten
Sassaniden eine viel staerkere gewesen sein als unter den letzten verkommenen
Arsakiden. Aber ein prinzipieller Gegensatz ist nicht erfindlich. Von
Mithradates I. an, dem eigentlichen Gruender der Dynastie, nennt sich der
arsakidische Herrscher "Koenig der Koenige", eben wie spaeter der sassanidische,
waehrend Alexander der Grosse und die Seleukiden diesen Titel nie gefuehrt
haben. Auch unter ihnen herrschten einzelne Lehnskoenige, zum Beispiel in der
Persis (Anm. 71); aber die regelmaessige Form der Reichsverwaltung war das
Lehnskoenigtum damals nicht und die griechischen Herrscher nannten sich nicht
danach, so wenig wie die Caesaren wegen Kappadokien oder Numidien den
Grosskoenigtitel annahmen. Die Satrapen des Arsakidenstaats sind wesentlich die
Marzbanen der Sassaniden. Eher moegen die grossen Reichsaemter, welche in der
sassanidischen Staatsordnung den Oberverwaltungsstellen der Diocletianisch-
Konstantinischen Konstitution entsprechen und wahrscheinlich fuer diese das
Vorbild gewesen sind, dem Arsakidenstaat gemangelt haben; dann wuerden
allerdings beide sich aehnlich zueinander verhalten wie die Reichsordnung
Augusts zu der Konstantins. Aber wir wissen zu wenig von der Arsakidenordnung,
um dies mit Sicherheit zu behaupten.
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Wie dem Umfange nach das Sassanidenreich sich zu dem der Arsakiden
verhielt, ist eine Frage, auf die die Ueberlieferung keine genuegende Antwort
gibt. Die Provinzen des Westens sind, seit die neue Dynastie fest im Sattel
sass, saemtlich derselben untertaenig geblieben und die Ansprueche, die die
letztere gegen die Roemer erhob, gingen, wie wir sehen werden, weit hinaus ueber
die Praetensionen der Arsakiden. Aber wie weit die Herrschaft der Sassaniden
gegen den Osten gereicht hat und wann sie bis zum Oxos vorgedrungen ist, der
spaeter als die legitime Grenze zwischen Iran und Turan gilt, entzieht sich
unseren Blicken ^73.
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^73 Nach den in der arabischen Chronik des Tabari erhaltenen persischen
Aufzeichnungen aus der letzten Sassanidenzeit erobert Ardaschir, nachdem er
Ardawan eigenhaendig den Kopf abgehauen und den Titel Schahan-Schah, Koenig der
Koenige, angenommen hat, zuerst Hamadhan (Ekbatana) in Grossmedien, dann
Aserbeidschan (Atropatene), Armenien, Mosul (Adiabene); ferner Suristan oder
Sawad (Babylonien). Von da geht er nach Istachr in seine persische Heimat
zurueck und erobert dann, von neuem ausziehend, Sagistan, Gurgan (Hyrkanien),
Abraschahr (Nisapur im Partherland), Marw (Margiane), Balch (Baktra) und Charizm
(Chiwa) bis zu den aeussersten Grenzen von Chorasan. "Nachdem er viele Leute
getoetet und ihre Koepfe nach dem Feuertempel der Anahedh (in Istachr) geschickt
hatte, kehrte er von Marw nach Pars zurueck und liess sich in Gor (Feruzabad)
nieder." Wieviel hiervon Legende ist, wissen wir nicht (vgl. Noeldeke, Tabari,
S. 17, 116).
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Das Staatssystem Irans hat infolge des Eintritts der neuen Dynastie sich
nicht gerade prinzipiell umgestaltet. Die offizielle Titulatur des ersten
Sassanidenherrschers, wie sie unter dem Felsrelief von Nakschi-Rustam in drei
Sprachen gleichmaessig angegeben ist: "der Mazda-Diener Gott Artaxares, Koenig
der Koenige der Arianer, goettlicher Abstammung" ^74, ist im wesentlichen die
der Arsakiden, nur dass die iranische Nation, wie schon in der alteinheimischen
Koenigstitulatur, und der einheimische Gott jetzt ausdruecklich genannt werden.
Dass eine in der Persis heimische Dynastie an die Stelle einer urspruenglich
stammfremden und nur nationalisierten trat, war ein Werk und ein Sieg nationaler
Reaktion; aber den daraus sich ergebenden Konsequenzen setzte die Macht der
Verhaeltnisse vielfach unuebersteigliche Schranken. Persepolis oder, wie es
jetzt heisst, Istachr wird wieder dem Namen nach die Hauptstadt des Reiches, und
neben den gleichartigen des Dareios verkuenden dort auf derselben Felsenwand die
merkwuerdigen Bildwerke und noch merkwuerdigeren, eben erwaehnten Inschriften
den Ruhm Ardaschirs und Schapurs; aber die Verwaltung konnte von dieser
entlegenen Oertlichkeit aus nicht wohl gefuehrt werden, und ihr Mittelpunkt
blieb auch ferner Ktesiphon. Den rechtlichen Vorzug der Perser, wie er unter den
Achaemeniden bestanden hatte, nahm die neupersische Regierung nicht wieder auf;
wenn Dareios sich "einen Perser, Sohn eines Persers, einen Arier aus arischem
Stamm" nannte, so nannte Ardaschir sich, wie wir sahen, lediglich den Koenig der
Arianer. Ob in die grossen Geschlechter, abgesehen von dem koeniglichen,
persische Elemente neu eingefuehrt worden sind, wissen wir nicht; auf jeden Fall
sind mehrere von ihnen geblieben, wie die Suren und die Karen; nur unter den
Achaemeniden, nicht unter den Sassaniden sind dieselben ausschliesslich persisch
gewesen.
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^74 Griechisch (CIG 4675) lautet der Titel: Masdasnos; (Mazda-Diener, als
Eigenname behandelt) theos Artaxar/e/s basile?s basile/o/n Arian/o/n ek genoys
the/o/n; genau damit stimmt der Titel seines Sohnes Sapor 1. (das. 4676), nur
dass nach Arian/o/n eingeschoben ist kai Anarian/o/n, also die Erstreckung der
Herrschaft auf das Ausland hervorgehoben wird. In der Titulatur der Arsakiden,
soweit sie aus den griechischen und persischen Muenzaufschriften erhellt, kehren
theos, basile?s basile/o/n, theopat/o/r (=ek genoys the/o/n) wieder, dagegen
fehlt die Hervorhebung der Arianer und bezeichnenderweise der Mazda-Diener;
daneben erscheinen zahlreiche andere den syrischen Koenigen entlehnte Titel, wie
epiphan/e/s, nikat/o/r, , auch der roemische aytokrat/o/r.
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Auch in religioeser Beziehung trat ein eigentlicher Wechsel nicht ein; wohl
aber gewann der Glaube und gewannen die Priester unter den persischen
Grosskoenigen einen Einfluss und eine Macht, wie sie sie unter den parthischen
niemals besessen hatten. Es mag wohl sein, dass die zwiefache Propaganda fremder
Kulte gegen Iran, des Buddhatums vom Osten her und des juedisch-christlichen
Glaubens aus dem Westen, der alten Mazda-Religion eben durch die Fehde eine
Regeneration brachte. Der Stifter der neuen Dynastie, Ardaschir, war, wie
glaubhaft berichtet wird, ein eifriger Feueranbeter und nahm selbst die Weihen
des Priestertums; darum, heisst es weiter, wurde von da an der Stand der Magier
einflussreich und anmassend, waehrend er bis dahin keineswegs solche Ehre und
solche Freiheit gehabt, sondern bei den Machthabern nicht eben viel gegolten
hatte. "Seitdem ehren und verehren die Perser alle die Priester; die
oeffentlichen Angelegenheiten werden nach ihren Ratschlaegen und Orakeln
geordnet; jeder Vertrag und jeder Rechtsstreit unterliegt ihrer Aufsicht und
ihrem Urteil und nichts erscheint den Persern recht und gesetzlich, was nicht
von einem Priester bestaetigt worden ist." Dementsprechend begegnen wir einer
Ordnung der geistlichen Verwaltung, die an die Stellung des Papstes und der
Bischoefe neben dem Kaiser und den Fuersten erinnert. Jeder Kreis steht unter
einem Obermagier (Magupat, Magierherr, neupersisch Mobedh) und diese alle wieder
unter dem Obersten der Obermagier (Mobedhan-Mobedh), dem Abbild des "Koenigs der
Koenige", und er ist es jetzt, der den Koenig kroent. Die Folgen dieser
Priesterherrschaft blieben nicht aus: das starre Ritual, die beengenden
Vorschriften ueber Schuld und Suehne, die in wuestes Orakelwesen und Zauberkunst
sich aufloesende Wissenschaft haften zwar dem Parsentum von jeher an, sind aber
doch vermutlich erst in dieser Epoche zu voller Entwicklung gelangt.
Auch in dem Gebrauch der Landessprache und den Landesgebraeuchen zeigen
sich die Spuren der nationalen Reaktion. Die groesste Griechenstadt des
Partherreiches, die alte Seleukeia, blieb bestehen, aber sie heisst seitdem
nicht nach dem Namen des griechischen Marschalls, sondern nach dem ihres neuen
Herrn Beh, das heisst gut, Ardaschir. Die griechische Sprache, bisher, wenn auch
zerruettet und nicht mehr alleinherrschend, doch immer noch in Gebrauch,
verschwindet mit dem Eintritt der neuen Dynastie mit einem Schlag von den
Muenzen, und nur auf den Inschriften der ersten Sassaniden begegnet sie noch
eben und hinter der eigentlichen Landessprache. Die "Partherschrift", das
Pahlavi, behauptet sich, aber neben sie tritt eine zweite, wenig verschiedene
und zwar, wie die Muenzen beweisen, als eigentlich offizielle, wahrscheinlich
die bis dahin in der persischen Provinz gebrauchte, so dass die aeltesten
Denkmaeler der Sassaniden, aehnlich wie die der Achaemeniden, dreisprachig sind,
etwa wie im deutschen Mittelalter Lateinisch, Saechsisch und Fraenkisch
nebeneinander Anwendung gefunden haben. Nach Koenig Sapor I. (+ 272)
verschwindet die Zwiesprachigkeit und behauptet die zweite Schreibweise allein
den Platz, den Namen Pahlavi erbend. Das Jahr der Seleukiden und die dazu
gehoerigen Monatsnamen verschwinden mit dem Wechsel der Dynastie; dafuer treten
nach altem persischen Herkommen die Regentenjahre ein und die einheimischen
persischen Monatsnamen ^75. Selbst die altpersische Legende wird auf das neue
Persien uebertragen. Die noch vorhandene 'Geschichte von Ardaschir, Papaks
Sohn', welche diesen Sohn eines persischen Hirten an den medischen Hof geraten,
dort Knechtsdienste tun und dann den Befreier seines Volkes werden laesst, ist
nichts als das alte Maerchen vom Kyros auf die neuen Namen umgeschrieben. Ein
anderes Fabelbuch der indischen Parsen weiss zu berichten, wie Koenig Iskander
Rumi, das heisst "Alexander der Roemer", die heiligen Buecher Zarathustras habe
verbrennen lassen, dann aber sie hergestellt worden seien von dem frommen
Ardaviraf, als Koenig Ardaschir den Thron bestiegen habe. Hier steht der Roemer-
Hellene gegen den Perser; den arsakidischen Bastard hat die Sage, wie billig,
vergessen.
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^75 Frawardin, Ardhbehescht usw. (C. L. Ideler, Lehrbuch der Chronologie.
Berlin 1831, Bd. 2, S. 515). Merkwuerdigerweise haben wesentlich dieselben
Monatsnamen sich in dem provinzialen Kalender der roemischen Provinz Kappadokien
behauptet (Ideler, Bd. 1, S. 443); sie muessen aus der Zeit herruehren, wo
dieselbe persische Satrapie war.
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Im uebrigen werden die Zustaende wesentlich die alten geblieben sein. In
militaerischer Beziehung namentlich sind die Heere auch der Sassaniden sicher
keine stehenden und geschulten Truppen gewesen, sondern das Aufgebot der
wehrfaehigen Mannschaften, in das mit der nationalen Bewegung wohl ein neuer
Geist gefahren sein mag, aber das nach wie vor im wesentlichen auf dem adligen
Rossdienst ruhte. Auch die Verwaltung blieb, wie sie war: der tuechtige
Herrscher schritt mit unerbittlicher Strenge ein gegen den Strassenraeuber wie
gegen den erpressenden Beamten und, verglichen wenigstens mit der spaeteren
arabischen und der tuerkischen Herrschaft, befanden sich die Untertanen des
Sassanidenreiches im Wohlstand und der Staatsschatz in Fuelle.
Bedeutsam aber ist die Verschiebung der Stellung des neuen Reiches
gegenueber dem roemischen. Die Arsakiden haben den Caesaren sich nie voellig
ebenbuertig gefuehlt. Wie oft auch beide Staaten in Krieg und Frieden als
gleichgewogene Maechte sich einander entgegentraten, wie entschieden die
Anschauung der doppelten Grossmacht auch den roemischen Orient beherrscht, es
bleibt der roemischen Macht ein aehnlicher Vorrang, wie ihn das Heilige
Roemische Reich Deutscher Nation lange Jahrhunderte sehr zu seinem Schaden
besessen hat. Unterwerfungsakte, wie sie gegenueber Tiberius und Nero die
parthischen Grosskoenige auf sich nahmen, ohne durch die aeusserste
Notwendigkeit dazu gezwungen zu sein, lassen sich umgekehrt nicht einmal denken.
Deutlicher noch spricht die Unterlassung der Goldpraegung. Es kann nicht Zufall
sein, dass nie unter dem Regiment der Arsakiden eine Goldmuenze geschlagen
worden ist und gleich der erste Sassanidenherrscher die Goldpraegung geuebt hat;
es ist dieselbe das greifbarste Zeichen der durch keine Vasallenpflichten
beschraenkten Souveraenitaet. Dem Anspruch des Caesarenreiches, allein die
Weltmuenze schlagen zu koennen, hatten die Arsakiden ohne Ausnahme sich
wenigstens insoweit gefuegt, dass sie selber ueberhaupt sich der Praegung
enthielten und diese in Silber und Kupfer den Staedten oder den Satrapen
ueberliessen; die Sassaniden schlugen wieder Goldstuecke, auch wie Koenig
Dareios. Das Grosskoenigtum des Ostens fordert endlich sein volles Recht; die
Welt gehoert nicht ferner den Roemern allein. Mit der Unterwuerfigkeit der
Orientalen und der Oberherrlichkeit der Okzidentalen ist es vorbei. Dem
entsprechend tritt an die Stelle der bis dahin immer wieder zum Frieden
zurueckwendenden Beziehungen zwischen Roemern und Parthern durch Generationen
die erbitterte Fehde.
Nachdem die neue Staatsordnung dargestellt worden ist, mit der das sinkende
Rom bald zu ringen haben sollte, nehmen wir den Faden der Erzaehlung wieder auf.
Severus' Sohn und Nachfolger Antoninus, kein Krieger und Staatsmann wie sein
Vater, aber von beidem eine wueste Karikatur, muss die Absicht gehabt haben,
soweit bei solchen Persoenlichkeiten ueberhaupt von Absicht geredet werden kann,
den Osten ganz in roemische Gewalt zu bringen. Es hielt nicht schwer, die
Fuersten von Osrhoene und von Armenien, nachdem sie an den kaiserlichen Hof
entboten worden waren, gefangen zu setzen und diese Lehen fuer eingezogen zu
erklaeren. Aber schon auf die Kunde hin brach in Armenien ein Aufstand aus. Der
Arsakidenprinz Tiridates wurde zum Koenig ausgerufen und rief den Schutz der
Parther an. Darauf stellte sich Antoninus an die Spitze einer grossen
Truppenmacht und erschien im Jahre 216 im Osten, um die Armenier und
noetigenfalls auch die Parther niederzuwerfen. Tiridates selbst gab sogleich
seine Sache verloren, obwohl die nach Armenien gesandte Abteilung dort nachher
noch auf heftige Gegenwehr stiess, und fluechtete zu den Parthern. Die Roemer
forderten die Auslieferung. Die Parther waren nicht geneigt, sich seinetwegen
auf einen Krieg einzulassen, um so weniger als eben damals die beiden Soehne des
Koenigs Vologasos V., Vologasos VI. und Artabanos, in erbitterter Thronfehde
lagen. Der erstere fuegte sich, als die roemische Forderung gebieterisch
wiederholt ward und lieferte den Tiridates aus. Darauf begehrte der Kaiser von
dem inzwischen zur Anerkennung gelangten Artabanos die Hand seiner Tochter zu
dem ausgesprochenen Zwecke, damit das Reich zu erheiraten und Orient und
Okzident unter eine Herrschaft zu bringen. Die Zurueckweisung dieses wuesten
Vorschlags ^76 war das Signal zum Krieg; die Roemer erklaerten ihn und
ueberschritten den Tigris. Die Parther waren unvorbereitet; ohne Widerstand zu
finden brannten die Roemer die Staedte und Doerfer in Adiabene nieder und
zerstoerten mit ruchloser Hand sogar die alten Koenigsgraeber bei Arbela ^77.
Aber fuer den naechsten Feldzug machte Artabanos die aeussersten Anstrengungen
und stellte im Fruehjahr 217 eine gewaltige Heeresmacht in das Feld. Antoninus,
der den Winter in Edessa zugebracht hatte, wurde, eben als er zu dieser zweiten
Kampagne aufbrach, von seinen Offizieren ermordet. Sein Nachfolger Macrinus,
unbefestigt im Regiment und wenig angesehen, dazu an der Spitze einer der Zucht
und Haltung entbehrenden und durch den Kaisermord erschuetterten Armee, haette
gern des mutwillig angezettelten und sehr ernsthafte Verhaeltnisse annehmenden
Krieges sich entledigt. Er schickte dem Partherkoenig die Gefangenen zurueck und
warf die Schuld fuer die begangenen Frevel auf den Vorgaenger. Aber Artabanos
war damit nicht zufrieden; er forderte Ersatz fuer alle begangene Verwuestung
und die Raeumung Mesopotamiens. So kam es bei Nisibis zur Schlacht, in der die
Roemer den kuerzeren zogen. Dennoch gewaehrten die Parther, zum Teil weil ihr
Aufgebot sich aufzuloesen Miene machte, vielleicht auch unter dem Einfluss des
roemischen Goldes, den Frieden (218) auf verhaeltnismaessig guenstige
Bedingungen: Rom zahlte eine ansehnliche Kriegsentschaedigung (50 Mill. Denare),
behielt aber Mesopotamien; Armenien blieb dem Tiridates, aber dieser nahm es von
den Roemern zum Lehen. Auch in Osrhoene wurde das alte Fuerstenhaus wieder
eingesetzt.
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^76 So erzaehlt der zuverlaessige Dio 78, 1; unbeglaubigt ist die Version
Herodians 4, 11, dass Artabanos die Tochter zusagte und bei der Verlobungsfeier
Antoninus auf die anwesenden Parther einhauen liess.
^77 Wenn an der Nennung der Kadusier in der Biographie c. 6 etwas Wahres
ist, so veranlassten die Roemer diesen wilden, der Regierung nicht botmaessigen
Stamm im Suedwesten des Kaspischen Meeres, gleichzeitig ueber die Parther
herzufallen.
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Es ist dies der letzte Friedensvertrag, den die Arsakidendynastie mit Rom
geschlossen hat. Fast unmittelbar nachher und vielleicht mit infolge dieses
Pakts, der allerdings, wie die Verhaeltnisse lagen, von den Orientalen als eine
Preisgebung der erfochtenen Siege durch die eigene Regierung angesehen werden
konnte, begann die Insurrektion, welche den Staat der Parther in einen Staat der
Perser umwandelte. Ihr Fuehrer, Koenig Ardaschir oder Artaxares (224-241),
stritt manches Jahr mit den Anhaengern der alten Dynastie, bevor er vollen
Erfolg hatte ^78; nach drei grossen Schlachten, in deren letzter Koenig
Artabanos fiel, war er im eigentlichen Partherreich Herr und konnte in die
mesopotamische Wueste einruecken, um die Araber von Hatra zu unterwerfen und von
da aus gegen das roemische Mesopotamien vorzugehen. Aber die tapferen und
unabhaengigen Araber wehrten sich, wie frueher gegen die roemische Invasion, so
jetzt gegen die Perser in ihren gewaltigen Mauern mit gutem Erfolg, und
Artaxares fand sich veranlasst, zunaechst gegen Medien und Armenien zu
operieren, wo die Arsakiden sich noch behaupteten und auch die Soehne des
Artabanos eine Zuflucht gefunden hatten. Erst um das Jahr 230 wandte er sich
gegen die Roemer und erklaerte ihnen nicht bloss den Krieg, sondern forderte
alle Provinzen zurueck, die einst zum Reich seiner Vorgaenger, des Dareios und
des Xerxes, gehoert hatten, das heisst die Abtretung von ganz Asien. Den
drohenden Worten Nachdruck zu geben, fuehrte er ein gewaltiges Heer ueber den
Euphrat; Mesopotamien wurde besetzt und Nisibis belagert; die feindlichen Reiter
zeigten sich in Kappadokien und in Syrien. Den roemischen Thron nahm damals
Severus Alexander ein, ein Herrscher, an dem nichts kriegerisch war als der Name
und fuer den in der Tat die Mutter Mamaea das Regiment fuehrte. Dringende, fast
demuetige Friedensvorschlaege der roemischen Regierung blieben ohne Wirkung; es
blieb nichts uebrig als der Gebrauch der Waffen. Die aus dem ganzen Reiche
zusammengezogenen roemischen Heeresmassen wurden geteilt: der linke Fluegel nahm
die Richtung auf Armenien und Medien, der rechte auf Mesene an der Euphrat- und
Tigrismuendung, vielleicht in der Berechnung, dort wie hier auf den Anhang der
Arsakiden sich stuetzen zu koennen; die Hauptarmee ging gegen Mesopotamien vor.
Die Truppen waren zahlreich genug, aber ohne Zucht und Haltung; ein
hochgestellter roemischer Offizier dieser Zeit bezeugt es selbst, dass sie
verwoehnt und unbotmaessig waren, sich weigerten zu kaempfen, ihre Offiziere
erschlugen und haufenweise desertierten. Die Hauptmacht kam gar nicht ueber den
Euphrat ^79, da die Mutter dem Kaiser vorstellte, dass es nicht seine Sache sei,
sich fuer seine Untertanen, sondern dieser, sich fuer ihn zu schlagen. Der
rechte Fluegel, im Flachland von der persischen Hauptmacht angegriffen und von
dem Kaiser im Stich gelassen, wurde aufgerieben. Als darauf der Kaiser dem nach
Medien vorgedrungenen Fluegel Befehl erteilte, sich zurueckzuziehen, litt auch
dieser stark bei dem winterlichen Rueckmarsch durch Armenien. Wenn es bei diesem
ueblen Rueckzug der grossen orientalischen Armee nach Antiocheia blieb und zu
keiner vollstaendigen Katastrophe kam, sogar Mesopotamien in roemischer Gewalt
blieb, so scheint das nicht das Verdienst der roemischen Truppen oder ihrer
Fuehrer zu sein, sondern darauf zu beruhen, dass das persische Aufgebot des
Kampfes muede ward und nach Hause ging ^80. Aber sie gingen nicht auf lange, um
so mehr, als bald darauf nach der Ermordung des letzten Sprossen der Severischen
Dynastie die einzelnen Heerfuehrer und die Regierung in Rom um die Besetzung des
roemischen Thrones zu schlagen begannen und somit darin einig waren, die
Geschaefte der auswaertigen Feinde zu besorgen. Unter Maximinus (235-238) geriet
das roemische Mesopotamien in Ardaschirs Gewalt und schickten die Perser
abermals sich an, den Euphrat zu ueberschreiten ^81. Nachdem die inneren Wirren
einigermassen sich beruhigt hatten und Gordian III., fast noch ein Knabe, unter
dem Schutz des Kommandanten von Rom und bald seines Schwiegervaters Furius
Timesitheus unbestritten im ganzen Reiche gebot, wurde in feierlicher Weise den
Persern der Krieg erklaert, und im Jahre 242 rueckte eine grosse roemische Armee
unter persoenlicher Fuehrung des Kaisers oder vielmehr seines Schwiegervaters in
Mesopotamien ein. Sie hatte vollstaendigen Erfolg; Karrhae wurde wieder
gewonnen, bei Resaina zwischen Karrhae und Nisibis das Heer des Perserkoenigs
Schapur oder Sapor (reg. 241-272), welcher kurz vorher seinem Vater Ardaschir
gefolgt war, auf das Haupt geschlagen, infolge dieses Sieges auch Nisibis
besetzt. Ganz Mesopotamien war zurueckerobert; es wurde beschlossen, zum Euphrat
zurueck und von da stromabwaerts gegen die feindliche Hauptstadt Ktesiphon zu
marschieren. Ungluecklicherweise starb Timesitheus und sein Nachfolger, Marcus
Iulius Philippus, ein geborener Araber aus der Trachonitis, benutzte die
Gelegenheit, den jungen Herrscher zu beseitigen. Als das Heer den schwierigen
Marsch durch das Tal des Chaboras nach dem Euphrat zurueckgelegt hatte, fanden,
angeblich infolge der von Philippus getroffenen Anordnungen, die Soldaten in
Kirkesion am Einfluss des Chaboras in den Euphrat die erwarteten Lebensmittel
und Vorraete nicht vor und legten dies dem Kaiser zur Last. Nichtsdestoweniger
wurde der Marsch in der Richtung auf Ktesiphon angetreten; aber schon auf der
ersten Station bei Zaitha (etwas unterhalb Mejadin) erschlugen eine Anzahl
aufstaendischer Gardisten den Kaiser (Fruehling oder Sommer 244) und riefen
ihren Kommandanten Philippus an seiner Stelle zum Augustus aus. Der neue
Herrscher tat, was der Soldat oder wenigstens der Gardist begehrte, und gab
nicht bloss die beabsichtigte Expedition gegen Ktesiphon auf, sondern fuehrte
auch die Truppen sogleich nach Italien zurueck. Die Erlaubnis dazu erkaufte er
sich von dem ueberwundenen Feind durch die Abtretung von Mesopotamien und
Armenien, also der Euphratgrenze. Indes erregte dieser Friedensschluss eine
solche Erbitterung, dass der Kaiser es nicht wagte, denselben zur Ausfuehrung zu
bringen und in den abgetretenen Provinzen die Besatzungen stehen liess ^82. Dass
die Perser sich dies wenigstens vorlaeufig gefallen liessen, gibt das Mass
dessen, was sie damals vermochten. Nicht die Orientalen, sondern die Goten, die
fuenfzehn Jahre hindurch wuetende Pest und die Zwietracht der miteinander um die
Krone hadernden Korpsfuehrer brachen die letzte Kraft des Reiches.
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^78 Die spaeterhin rezipierte Chronologie setzt den Beginn der
Sassanidendynastie auf das Seleukidenjahr 538 = 1. Oktober 226/27 n. Chr. oder
das vierte (volle) Jahr des seit Fruehling 222 regierenden Severus Alexander
(Agathias 4, 24). Nach anderen Daten zaehlte Koenig Ardaschir das Jahr Herbst
223/24 n. Chr. als sein erstes, nahm also wohl in diesem den Grosskoenigtitel an
(Noeldeke, Tabari, S. 410). Die letzte bis jetzt bekannte datierte Muenze des
aelteren Systems ist vom Jahre 539. Als Dion schrieb, zwischen 230 und 234, war
Artabanos tot und sein Anhang ueberwaeltigt, und wurde das Einruecken des
Artaxares in Mesopotamien und Syrien erwartet.
^79 Der Kaiser blieb wahrscheinlich in Palmyra; wenigstens gedenkt eine
palmyrenische Inschrift CIG 4483 der epid/e/mia theo? Alexandroy.
^80 Die unvergleichlich schlechten Berichte ueber diesen Krieg (der relativ
beste ist der aus gemeinschaftlicher Quelle bei Herodian, Zonaras und Synkellos
p. 674 vorliegende) entscheiden nicht einmal die Frage, wer in diesen Kaempfen
Sieger blieb. Waehrend Herodian von einer beispiellosen Niederlage der Roemer
spricht, feiern die lateinischen Quellen, die Biographie sowohl wie Victor,
Eutrop und Rufius Festus, den Alexander als den Besieger des Artaxerxes oder
Xerxes, und nach diesen letzteren ist auch der weitere Verlauf der Dinge
guenstig. Die Vermittlung gibt Herodian (6, 6, 5) an die Hand. Nach den
armenischen Berichten (Gutschmid, ZDMG 31, 1877, S. 47) haben die Arsakiden mit
Unterstuetzung der Kaukasusvoelker sich in Armenien noch bis zum Jahre 237 gegen
Ardaschir behauptet; diese Diversion mag richtig und auch den Roemern zugute
gekommen sein.
^81 Den besten Bericht geben, aus derselben Quelle schoepfend, Synkellos
(p. 683) und Zonaras (12, 18). Damit stimmen die Einzelangaben Ammians (23, 5;
7, 17) und so ziemlich der gefaelschte Brief Gordians an den Senat in der
Biographie c. 27, aus dem die Erzaehlung c. 26 unkundig hergestellt ist;
Antiocheia war in Gefahr, aber nicht in den Haenden der Perser.
^82 So stellt Zon. 12, 19 den Hergang dar; damit stimmt Zos. hist. 3, 32,
und auch der spaetere Verlauf der Dinge zeigt Armenien nicht geradezu im
persischen Besitz. Wenn nach Euagr. 5, 7 damals bloss Klein-Armenien roemisch
blieb, so mag das insofern nicht unrichtig sein, als die Abhaengigkeit des
Lehnskoenigs von Gross-Armenien nach dem Frieden wohl nur eine nominelle war.
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Es wird hier, wo der roemische Orient im Ringen mit dem persischen auf sich
selber angewiesen ist, am Platz sein, eines merkwuerdigen Staates zu gedenken,
der, durch und fuer den Wuestenhandel geschaffen, jetzt fuer kurze Zeit in der
politischen Geschichte eine fuehrende Rolle uebernimmt. Die Oase Palmyra, in der
einheimischen Sprache Thadmor, liegt auf halbem Wege zwischen Damaskos und dem
Euphrat. Von Bedeutung ist sie lediglich als Zwischenstation zwischen dem
Euphratgebiet und dem Mittelmeer und hat auch diese Bedeutung erst spaet
gewonnen und frueh wieder verloren, so dass Palmyras Bluetezeit ungefaehr mit
derjenigen Periode zusammenfaellt, die wir hier schildern. Ueber das Emporkommen
der Stadt fehlt es an jeder Ueberlieferung ^83. Erwaehnt wird sie zuerst bei
Gelegenheit des Aufenthaltes des Antonius in Syrien im Jahre 713 (41), wo dieser
einen vergeblichen Versuch machte, sich ihrer Reichtuemer zu bemaechtigen; auch
die dort gefundenen Denkmaeler - die aelteste datierte palmyrenische Inschrift
ist vom Jahre 745 (9) - reichen schwerlich viel weiter zurueck. Es ist nicht
unwahrscheinlich, dass ihr Aufbluehen mit der Festsetzung der Roemer im
syrischen Kuestenland zusammenhaengt. So lange die Nabataeer und die Staedte der
Osrhoene nicht unmittelbar roemisch waren, hatten die Roemer ein Interesse
daran, eine andere direkte Verbindung mit dem Euphrat herzustellen, und diese
fuehrte dann notwendig ueber Palmyra. Eine roemische Gruendung ist Palmyra
nicht; als Veranlassung fuer jenen Raubzug nahm Antonius die Neutralitaet der
zwischen den beiden Grossstaaten den Verkehr vermittelnden Kaufleute, und die
roemischen Reiter kehrten unverrichteter Sache um vor der Schuetzenkette, die
die Palmyrener dem Angriff entgegenstellten. Aber schon in der ersten Kaiserzeit
muss die Stadt zum Reiche gerechnet worden sein, da die fuer Syrien ergangenen
Steuerverordnungen des Germanicus und des Corbulo auch fuer Palmyra zur
Anwendung kamen; in einer Inschrift vom Jahre 80 begegnet eine claudische Phyle
daselbst; seit Hadrian nennt sich die Stadt Hadriana Palmyra, und im dritten
Jahrhundert bezeichnet sie sich sogar als Kolonie.
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^83 Der biblische Bericht (1. Koen. 9, 18) ueber die Erbauung der Stadt
Thamar in Idumaea durch Koenig Salomo ist nur durch ein freilich altes
Missverstaendnis auf Thadmor uebertragen worden; immer enthaelt die irrige
Beziehung desselben auf diese Stadt bei den spaeteren Juden (Chron. 2, 8, 4 und
die griechische Uebersetzung von 1. Koen. 9, 4) das aelteste Zeugnis fuer deren
Existenz (Hitzig, ZDMG 8, 1854, S. 222).
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Indes war die Reichsuntertaenigkeit der Palmyrener anderer Art als die
gewoehnliche und einigermassen dem Klientelverhaeltnis der abhaengigen
Koenigreiche aehnlich. Noch in Vespasians Zeit heisst Palmyra ein Zwischengebiet
zwischen den beiden Grossmaechten und wurde bei jedem Zusammenstoss der Roemer
und der Parther gefragt, welche Politik die Palmyrener einhalten wuerden. Den
Schluessel fuer die Sonderstellung muessen wir in den Grenzverhaeltnissen und
den fuer den Grenzschutz getroffenen Ordnungen suchen. Die syrischen Truppen,
soweit sie am Euphrat selbst standen, haben ihre Hauptstellung bei Zeugma,
Biredjik gegenueber an der grossen Euphratpassage, gehabt. Weiter stromabwaerts
schiebt sich zwischen das unmittelbar roemische und das parthische Gebiet das
von Palmyra, das bis zum Euphrat reicht und die naechste bedeutende
Uebergangsstelle bei Sura gegenueber der mesopotamischen Stadt Nikephorion
(spaeter Kallinikon, heute er-Rakka) einschliesst. Es ist mehr als
wahrscheinlich, dass die Hut dieser wichtigen Grenzfestung sowie die Sicherung
der Wuestenstrasse zwischen dem Euphrat und Palmyra, auch wohl eines Teils der
Strasse von Palmyra nach Damaskos, der Gemeinde Palmyra ueberlassen ward und
dass sie also berechtigt und verpflichtet war, die fuer diese nicht geringe
Aufgabe erforderlichen militaerischen Einrichtungen zu treffen ^84. Spaeterhin
sind wohl die Reichstruppen naeher an Palmyra herangezogen und ist eine der
syrischen Legionen nach Danava zwischen Palmyra und Damaskos, die arabische nach
Bostra gelegt worden; seit Severus Mesopotamien mit dem Reich vereinigt hatte,
waren sogar hier beide Ufer des Euphrat in roemischer Gewalt und endigte das
roemische Gebiet am Euphrat nicht mehr bei Sura, sondern bei Kirkesion an der
Muendung des Chaboras in den Euphrat oberhalb Mejadin. Auch wurde damals
Mesopotamien stark mit Reichstruppen belegt. Aber die mesopotamischen Legionen
standen an der grossen Strasse im Norden bei Resaina und Nisibis, und auch die
syrischen und die arabischen Truppen machten die Mitwirkung der palmyrenischen
nicht entbehrlich. Es mag sogar die Hut von Kirkesion und dieses Teils des
Euphratufers eben den Palmyrenern anvertraut worden sein. Erst nach dem
Untergang Palmyras und vielleicht in Ersatz desselben ist Kirkesion ^85 von
Diocletian zu der starken Festung gemacht worden, die seitdem hier der
Stuetzpunkt der Grenzverteidigung gewesen ist.
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^84 Ausdruecklich berichtet wird dies nirgends; aber alle Umstaende
sprechen dafuer. Dass die roemisch-parthische Grenze, bevor die Roemer auf dem
linken Euphratufer sich festsetzten, am rechten wenig unterhalb Sura war, sagt
am bestimmtesten Plinius (nat. 5, 26, 89: a Sura proxime est Philiscum - vgl.
Anm. 85 - oppidum Parthorum ad Euphratem; ab eo Seleuciam dierum decem
navigatio), und hier ist sie bis zur Einrichtung der Provinz Mesopotamien unter
Severus geblieben. Die Palmyrene des Ptolemaeos (5, 15, 24, 25) ist eine
Landschaft Koilesyriens, die einen guten Teil des Gebiets suedlich von Palmyra
zu umfassen scheint, sicher aber bis an den Euphrat reicht und Sura
einschliesst; andere staedtische Zentren ausser Palmyra scheinen nicht
aufgefuehrt zu werden und nichts im Wege zu stehen, diesen grossen Distrikt als
Stadtgebiet zu fassen. Namentlich solange Mesopotamien parthisch war, aber auch
nachher noch hat mit Ruecksicht auf die angrenzende Wueste ein dauernder
Grenzschutz hier nicht fehlen koennen; wie denn im 4. Jahrhundert nach Ausweis
der Notitia die Palmyrene stark besetzt war, die noerdliche von den Truppen des
Dux von Syrien, Palmyra selbst und die suedliche Haelfte von denen des Dux von
Phoenike. Dass in der frueheren Kaiserzeit hier keine roemischen Truppen
gestanden haben, ist durch das Schweigen der Schriftsteller und das Fehlen der
in Palmyra selbst zahlreichen Inschriften verbuergt. Wenn in der Peutingerschen
Tafel unter Sura vermerkt ist: "fines exercitus Syriatici et commercium
barbarorum", d. h. "hier endigen die roemischen Besatzungen, und hier ist der
Zwischenort fuer den Barbarenverkehr", so ist damit nur gesagt, was in spaeterer
Zeit Ammian (23, 3, 7: Callinicum mumimentum robustum et commercandi opimitate
gratissimum) und noch Kaiser Honorius (Cod. Iust. 4, 63, 4) wiederholen, dass
Kallinikon zu den wenigen, dem roemisch-barbarischen Grenzhandel freigegebenen
Entrepots gehoert; aber nicht einmal fuer die Entstehungszeit der Tafel folgt
daraus, dass damals Reichstruppen dort standen, da ja die Palmyrener im
allgemeinen auch zur syrischen Armee gehoerten und bei dem exercitus Syriaticus
an sie gedacht sein kann. Es muss die Stadt eine eigene Truppenmacht aufgestellt
haben, aehnlich wie die Fuersten von Numidien und von Pantikapaeon. Dadurch
allein wird auch sowohl das Abweisen der Truppen des Antonius wie das Verhalten
der Palmyrener in den Wirren des 3. Jahrhunderts verstaendlich, nicht minder das
Auftreten der numeri Palmyrenorum unter den militaerischen Neuerungen derselben
Epoche.
^85 Amm. 23, 5, 2: Cercusium .. . Diocletiaenus exiguum ante hoc et
suspectum muris turribusque circumdedit celsis, . . . ne vagarentur per Syriam
Persae ita ut paucis ante annis cum magnis provinciarum contigerat damnis. Vgl.
Prok. aed. 2, 6. Vielleicht ist dieser Ort nicht verschieden von dem PHalga oder
PHaliga des Isidorus von Charax (mans. Parth. 1; Stephanus v. Byzanz, Ethnika,
unter diesem Wort) und dem Plinianischen Philiscum (Anm. 84).
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Die Spuren dieser Sonderstellung Palmyras sind auch in den Institutionen
nachweisbar. Das Fehlen des Kaisernamens auf den palmyrenischen Muenzen ist wohl
nicht aus ihr zu erklaeren, sondern daraus, dass die Gemeinde fast nur kleine
Scheidemuenze ausgegeben hat. Deutlich aber spricht die Behandlung der Sprache.
Von der sonst bei den Roemern fast ausnahmslos befolgten Regel, in dem
unmittelbaren Gebiet nur den Gebrauch der beiden Reichssprachen zu gestatten,
ist Palmyra ausgenommen. Hier hat diejenige Sprache, welche im uebrigen Syrien
und nicht minder seit dem Exil in Judaea die gewoehnliche im privaten Verkehr,
aber auf diesen beschraenkt war, sich im oeffentlichen Gebrauch behauptet,
solange die Stadt ueberhaupt bestanden hat. Wesentliche Verschiedenheiten des
palmyrenischen Syrisch von dem der uebrigen oben genannten Gegenden lassen sich
nicht nachweisen; die nicht selten arabisch oder juedisch, auch persisch
geformten Eigennamen zeigen die starke Voelkermischung, und zahlreiche
griechisch-roemische Lehnwoerter die Einwirkung der Okzidentalen. Es wird
spaeterhin Regel, dem syrischen Text einen griechischen beizufuegen, welcher in
einem Beschluss des palmyrenischen Gemeinderats vom Jahre 137 dem palmyrenischen
nach-, spaeter gewoehnlich voransteht; aber bloss griechische Inschriften
eingeborener Palmyrener sind seltene Ausnahmen. Sogar in Weihinschriften, welche
Palmyrener ihren heimischen Gottheiten in Rom gesetzt haben ^86, und in
Grabschriften der in Afrika oder Britannien verstorbenen palmyrenischen Soldaten
ist die palmyrenische Fassung zugefuegt. Ebenso wurde in Palmyra zwar das
roemische Jahr wie im uebrigen Reiche der Datierung zugrunde gelegt, aber die
Monatsnamen sind nicht die im roemischen Syrien offiziell rezipierten
makedonischen, sondern diejenigen, welche in demselben wenigstens bei den Juden
im gemeinen Verkehr galten und ausserdem bei den unter assyrischer und spaeter
persischer Herrschaft lebenden aramaeischen Staemmen in Gebrauch waren ^87.
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^86 Von den sieben bis jetzt ausserhalb Palmyra gefundenen Dedikationen an
den palmyrenischen Malach Belos haben die drei in Rom zum Vorschein gekommenen
(CIL VI, 51, 710; CIG 6015) neben griechischem oder lateinischem auch
palmyrenischen Text, zwei afrikanische (CIL VIII, 2497, 8795 add.) und zwei
dakische (Archaeologisch-epigraphische Mitteilungen aus Oesterreich 6, 1882,
109, 111) bloss lateinischen. Die eine der letzteren ist von einem offenbar aus
Palmyra gebuertigen Duoviralen von Sarmizegetusa, P. Aelius Theimes, gesetzt
diis patriis Malagbel et Bebellahamon et Benefal et Manavat.
^87 Woher diese Monatsnamen ruehren, ist dunkel; sie treten zuerst in der
assyrischen Keilschrift auf, sind aber nicht assyrischen Ursprungs. Infolge der
assyrischen Herrschaft sind sie dann in dem Bereich der syrischen Sprache in
Gebrauch geblieben. Abweichungen finden sich; der zweite Monat, der Dios der
griechisch redenden Syrer, unser November, heisst bei den Juden Markeschwan, bei
den Palmyrenern Kanun (Waddington 25746). Uebrigens sind diese Monatsnamen,
soweit sie innerhalb des Roemischen Reiches zur Anwendung kommen, wie die
makedonischen dem Julianischen Kalender angepasst, so dass nur die
Monatsbenennung differiert, der Jahranfang (1. Oktober) des syrisch-roemischen
Jahres auf die griechischen wie auf die aramaeischen Benennungen gleichmaessig
Anwendung findet.
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Die munizipale Ordnung ist im wesentlichen nach dem Muster der griechischen
des Roemerreichs gestaltet; die Beziehungen fuer Beamte und Rat ^88 und selbst
diejenige der Kolonie werden in den palmyrenischen Texten meistenteils aus den
Reichssprachen beibehalten. Aber auch in der Verwaltung behielt der Distrikt
eine groessere Selbstaendigkeit, als sie sonst den Stadtgemeinden zukommt. Neben
den staedtischen Beamten finden wir wenigstens im dritten Jahrhundert die Stadt
Palmyra mit ihrem Gebiet unter einem besonderen "Hauptmann" senatorischen Ranges
und roemischer Bestellung, aber gewaehlt aus dem angesehensten Geschlecht des
Ortes; Septimios Hairanes, des Odaenathos Sohn, ist der Sache nach ein Fuerst
der Palmyrener ^89, der von dem Legaten von Syrien wohl nicht anders abhaengig
war als die Klientelfuersten von den benachbarten Reichstatthaltern ueberhaupt.
Wenige Jahre spaeter begegnen wir seinem Sohn ^90 Septimios Odaenathos in der
gleichen, ja im Rang noch gesteigerten erbfuerstlichen Stellung ^91.
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^88 Zum Beispiel Archon, Grammateus, Proedros, Syndikos, Dekaprotoi.
^89 Dies lehrt die Inschrift von Palmyra CIG 4491, 4492 = Waddington 2600 =
Vogue 22, diesem Hairanes im Jahre 251 gesetzt von einem Soldaten der in Arabien
stehenden Legion. Sein Titel ist griechisch o lamprotatos synkl/e/tikos exarchos
(= princeps) Palmyr/e/n/o/n, palmyrenisch "erlauchter Senator, Haupt von
Thadmor". Die Grabschrift (CIG 4507 = Waddington 2621 = Vogue 21) des Vaters des
Hairanes, Septimios Odaenathos, Sohnes des Hairanes, Enkels des Vaballathos,
Urenkels des Nassoros, gibt auch ihm schon senatorischen Rang.
^90 Allerdings wird der Vater dieses Odaenathos nirgends genannt; aber es
ist so gut wie sicher, dass er der Sohn des eben genannten Hairanes ist und den
Namen von seinem Grossvater fuehrt. Auch Zosimus (hist. 1, 39) nennt ihn einen
von den Vorfahren her von der Regierung ausgezeichneten Palmyrener (andra
Palmyr/e/non kai ek progon/o/n t/e/s para t/o/n basile/o/n axi/o/thenta
tim/e/s).
^91 In der Inschrift Waddington 2603 = Vogue 23, die die Zunft der Gold-
und Silberarbeiter von Palmyra im Jahre 257 dem Odaenathos setzt, heisst es o
lamprotatos ypatikos, also vir consularis, und griechisch despot/e/s, syrisch
mbran. Die erstere Bezeichnung ist kein Amtstitel, sondern eine Angabe der
Rangklasse; so steht vir consularis nicht selten hinter dem Namen ganz wie vir
clarissimus (CIL X., p. 1117 und sonst) und findet sich o lamprotatos ypatikos
neben und vor verschiedenartigen Amtstiteln, zum Beispiel dem des Prokonsuls von
Afrika (CIG 2979 wo lamprotatos fehlt), des kaiserlichen Legaten von Pontus und
Bithynien (CIG 3747 3748, 3771) und von Palaestina (CIG 4151), des Statthalters
von Lykien und Pamphylien (CIG 4272); erst in nachkonstantinischer Zeit wird es
mit dem Namen der Provinz verbunden als Amtstitel verwendet (z. B. CIG 2596,
4266 e). Hieraus ist also fuer die Rechtsstellung des Odaenathos nichts zu
entnehmen. Ebenso darf in der syrischen Bezeichnung des Herrn nicht gerade der
Herrscher gefunden werden; sie wird auch einem Prokurator gegeben (Waddington
2606 = Vogue 25).
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Nicht minder bildete Palmyra einen abgeschlossenen Zollbezirk, in welchem
die Zoelle nicht von Staats-, sondern von Gemeindewegen verpachtet wurden ^92.
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^92 Syrien bildete in der Kaiserzeit ein eigenes Reichszollgebiet und es
ward der Reichszoll nicht bloss an der Kueste, sondern auch an der
Euphratgrenze, insonderheit bei Zeugma erhoben. Daraus folgt mit Notwendigkeit,
dass auch weiter suedwaerts, wo der Euphrat nicht mehr in roemischer Gewalt war,
an der roemischen Ostgrenze aehnliche Zoelle eingerichtet waren. Nun hat ein
Beschluss des Rats von Palmyra vom Jahre 137 gelehrt, dass die Stadt und ihr
Gebiet einen eigenen Zollbezirk bildeten und von allen ein- oder ausgehenden
Waren zu Gunsten der Stadt der Zoll erhoben ward. Dass dies Gebiet ausserhalb
des Reichszolles stand, ist wahrscheinlich, einmal weil, wenn eine das
palmyrenische Gebiet einschliessende Reichszollinie bestanden haette, deren
Erwaehnung in jener ausfuehrlichen Verfuegung nicht wohl fehlen koennte:
zweitens weil eine von den Reichszollinien eingeschlossene Gemeinde des Reiches
schwerlich das Recht gehabt hat, an ihrer Gebietsgrenze in diesem Umfang Zoelle
zu erheben. Man wird also in der Zollerhebung der Gemeinde Palmyra dieselbe
Sonderstellung zu erkennen haben, welche ihr in militaerischer Hinsicht
beigelegt werden muss. Vielleicht ist ihr dagegen zu Gunsten der Reichskasse
eine Auflage gemacht worden, etwa die Ablieferung einer Quote des Zollertrages
oder auch ein erhoehter Tribut. Aehnliche Einrichtungen wie fuer Palmyra moegen
auch fuer Bostra und Petra bestanden haben; denn zollfrei sind die Waren sicher
auch hier nicht eingegangen und nach Plin. nat. 12, 14, 65 scheint von dem
arabischen, ueber Gaza ausgehenden Weihrauch Reichszoll nur in Gaza an der
Kueste erhoben zu sein. Die Traegheit der roemischen Verwaltung ist staerker als
die Fiskalitaet; sie mag die unbequemen Landgrenzzoelle oefter von sich auf die
Gemeinden abgewaelzt haben.
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Die Bedeutung Palmyras ruht auf dem Karawanenverkehr. Die Haeupter der
Karawanen (synodiarchai), welche von Palmyra nach den grossen Entrepots am
Euphrat gingen, nach Vologasias, der schon erwaehnten parthischen Gruendung
unweit der Staette des alten Babylon, und nach Forath oder Charax Spasinu,
Zwillingsstaedten an der Muendung nahe am Persischen Meerbusen, erscheinen in
den Inschriften als die angesehensten Stadtbuerger ^93 und bekleiden nicht bloss
die Aemter ihrer Heimat, sondern zum Teil Reichsaemter; auch die Grosshaendler
(archemporoi) und die Zunft der Gold- und Silberarbeiter zeugen von der
Bedeutung der Stadt fuer den Handel und die Fabrikation, nicht minder fuer ihren
Wohlstand die noch heute stehenden Tempel der Stadt und die langen Saeulenreihen
der staedtischen Hallen so wie die massenhaften reich verzierten Grabmaeler. Dem
Feldbau ist das Klima wenig guenstig - der Ort liegt nahe an der Nordgrenze der
Dattelpalme und fuehrt nicht von dieser seinen griechischen Namen; aber es
finden sich in der Umgegend die Reste grosser unterirdischer Wasserleitungen und
ungeheurer, kuenstlich aus Quadern angelegter Wasserreservoirs, mit deren Hilfe
der jetzt aller Vegetation bare Boden einst eine reiche Kultur kuenstlich
entwickelt haben muss. Dieser Reichtum und diese auch in der Roemerherrschaft
nicht ganz beseitigte nationale Eigenart und administrative Selbstaendigkeit
erklaeren einigermassen Palmyras Rolle um die Mitte des dritten Jahrhunderts in
der grossen Krise, zu deren Darlegung wir jetzt uns zurueckwenden.
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^93 Diese Karawanen (synodiai) erscheinen auf den palmyrenischen
Inschriften als feste Genossenschaften, die dieselben Fahrten ohne Zweifel in
bestimmten Intervallen unter ihrem Vormann (synodiarch/e/s, Waddington 2589,
2590, 2596) unternehmen; so setzen einem solchen eine Bildsaeule "die mit ihm
nach Vologesias hinab gegangenen Kaufleute" (oi s?n ayt/o/ katelthontes eis
Ologesiada enporoi, Waddington 2599 vom Jahre 247) oder "herauf von Forath (vgl.
Plin. nat. 6, 28, 145) und Vologasias" (oi synanabantes met' ayto? emporoi apo
PHorathoy ke Ologasiados, Waddington 2589 vom Jahre 142) oder "herauf von
Spasinu Charax" (oi s?n ayt/o/ anabantes apo Stasinoy CHarakos, Waddington 2596
vom Jahre 193; aehnlich 2590 vom Jahre 155). Alle diese Fuehrer sind vornehme,
mit Ahnenreihen ausgestattete Maenner; ihre Ehrendenkmaeler stehen in der
grossen Kolonnade neben denen der Koenigin Zenobia und ihrer Familie. Besonders
merkwuerdig ist einer derselben, Septimius Vorodes, von dem es eine Reihe von
Ehrenbasen aus den Jahren 2b2-267 gibt (Waddington 2606-2610); auch er war
Karawanenhaupt (anakomisanta t/e/s synodias ek t/o/n idi/o/n kai
marthyr/e/thenta ypo t/o/n archempor/o/n, Waddington 2606 a; also bestritt er
die Kosten der Rueckreise fuer die ganze Begleitung und wurde wegen dieser
Freigebigkeit von den Grosshaendlern oeffentlich belobt). Aber er bekleidete
auch nicht bloss die staedtischen Aemter des Strategen und Agoranomen, sondern
war sogar kaiserlicher Prokurator zweiter Klasse (ducenarius) und Argapetes
(Anm. 102).
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Nachdem Kaiser Decius im Jahre 251 gegen die Goten in Europa gefallen war,
ueberliess die Regierung des Reiches, wenn es ueberhaupt damals ein Reich und
eine Regierung noch gab, den Osten voellig seinem Schicksal. Waehrend die
Piraten vom Schwarzen Meer her weit und breit die Kuesten und selbst das
Binnenland verheerten, ging auch der Perserkoenig Sapor wieder angriffsweise
vor. Wenn sein Vater sich damit begnuegt hatte, sich den Herrn von Iran zu
nennen, so hat er zuerst wie nach ihm die folgenden Herrscher sich bezeichnet
als den Grosskoenig von Iran und Nicht-Iran und damit gleichsam das Programm
seiner Eroberungspolitik hingestellt. Im Jahre 252 oder 253 besetzte er
Armenien, oder es unterwarf sich ihm freiwillig, ohne Zweifel mitergriffen von
jenem Aufflammen des alten Perserglaubens und Perserwesens; der rechtmaessige
Koenig Tiridates suchte Zuflucht bei den Roemern, die uebrigen Glieder des
koeniglichen Hauses stellten sich unter die Fahnen des Persers ^94. Nachdem also
Armenien persisch geworden war, ueberschwemmten die Scharen der Orientalen
Mesopotamien, Syrien und Kappadokien; sie verwuesteten weit und breit das platte
Land, aber die Bewohner der groesseren Staedte wiesen den Angriff der auf
Belagerung wenig eingerichteten Feinde ab, voran die tapferen Edessener. Im
Okzident war inzwischen wenigstens eine anerkannte Regierung hergestellt worden.
Der Kaiser Publius Licinius Valerianus, ein rechtschaffener und wohlgesinnter
Herrscher, aber kein entschlossener und schwierigen Verhaeltnissen gewachsener
Charakter, erschien endlich im Osten und begab sich nach Antiocheia. Von da aus
ging er nach Kappadokien, das die persischen Streif scharen raeumten. Aber die
Pest dezimierte sein Heer, und er zoegerte lange, den entscheidenden Kampf in
Mesopotamien aufzunehmen. Endlich entschloss er sich, dem schwer bedraengten
Edessa Hilfe zu bringen, und ueberschritt mit seinen Scharen den Euphrat. Hier,
unweit Edessa, trat die Katastrophe ein, welche fuer den roemischen Orient
ungefaehr das zu bedeuten hat, was fuer den Okzident der Sieg der Goten an der
Donaumuendung und der Fall des Decius: die Gefangennahme des Kaisers Valerianus
durch die Perser (Ende 259 oder Anfang 260) ^95. Ueber die naeheren Umstaende
gehen die Berichte auseinander. Nach der einen Version wurde er, als er mit
einer schwachen Schar versuchte, nach Edessa zu gelangen, von den weit
ueberlegenen Persern umzingelt und gefangen. Nach einer andern gelangte er, wenn
auch geschlagen, in die belagerte Stadt, fuerchtete aber, da er keine
ausreichende Hilfe brachte und die Lebensmittel nur um so rascher zu Ende
gingen, den Ausbruch einer Militaerinsurrektion und lieferte sich darum
freiwillig dem Feind in die Haende. Nach einer dritten knuepfte er, aufs
aeusserste bedraengt, Verhandlungen wegen der Uebergabe Edessas mit Sapor an; da
der Perserkoenig es ablehnte, mit Gesandten zu verhandeln, erschien er
persoenlich im feindlichen Lager und ward wortbruechigerweise zum Gefangenen
gemacht.
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^94 Nach dem griechischen Bericht (Zon. 12, 21) fluechtet Koenig Tiridates
zu den Roemern, seine Soehne aber treten auf die Seite der Perser; nach dem
armenischen wird Koenig Chosroes von seinen Bruedern ermordet und des Chosroes
Sohn Tiridates zu den Roemern gefluechtet (Gutschmid ZDMG 31, 1877, S. 48).
Vielleicht ist der letztere vorzuziehen.
^95 Den einzigen festen chronologischen Anhalt geben die alexandrinischen
Muenzen, nach welchen Valerianus zwischen 29. August 259 und 28. August 260
gefangen ward. Dass er nach seiner Gefangennahme nicht mehr als Kaiser galt,
erklaert sich, da die Perser ihn zwangen, seinen ehemaligen Untertanen Befehle
in ihrem Interesse zu erteilen (Dio Forts. fr. 3).
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Welche immer von diesen Erzaehlungen der Wahrheit am naechsten kommen mag,
der Kaiser ist in feindlicher Gefangenschaft gestorben ^96, und die Folge dieser
Katastrophe war der Verlust des Orients an die Perser. Vor allem Antiocheia, die
groesste und reichste Stadt des Ostens, geriet zum ersten Mal, seit sie roemisch
war, in die Gewalt des Landesfeindes, und zum guten Teil durch die Schuld der
eigenen Buerger. Ein vornehmer Antiochener, Mareades, den wegen unterschlagener
oeffentlicher Gelder der Rat ausgestossen hatte, fuehrte die persische Armee
nach seiner Vaterstadt; mag es auch Fabel sein, dass die Buergerschaft im
Theater selbst von den anrueckenden Feinden ueberrascht ward, daran ist kein
Zweifel, dass sie nicht bloss keinen Widerstand leistete, sondern ein grosser
Teil der niederen Bevoelkerung, teils mit Ruecksicht auf Mareades, teils in der
Hoffnung auf Anarchie und Raub, das Eindringen der Perser gern sah. So wurde die
Stadt mit allen ihren Schaetzen die Beute des Feindes und entsetzlich in
derselben gehaust, freilich auch Mareades, wir wissen nicht warum, von Koenig
Sapor zum Feuertode verurteilt ^97. Das gleiche Schicksal erlitten ausser
zahllosen kleineren Ortschaften die Hauptstaedte von Kilikien und Kappadokien,
Tarsos und Caesarea, letztere angeblich eine Stadt von 400000 Einwohnern. Die
endlosen Zuege der Gefangenen, die wie das Vieh einmal am Tage zur Traenke
gefuehrt wurden, bedeckten die Wuestenstrassen des Ostens. Auf der Heimkehr
sollen die Perser, um eine Schlucht rascher zu ueberschreiten, sie mit den
Leibern der mitgefuehrten Gefangenen ausgefuellt haben. Glaublicher ist es, dass
der grosse "Kaiserdamm" (Bend-i-Kaiser) bei Sostra (Schuschter) in Susiana,
durch welchen noch heute das Wasser des Pasitigris den hoeher gelegenen Gegenden
zugefuehrt wird, von diesen Gefangenen gebaut ward; wie ja auch Kaiser Neros
Architekten die Hauptstadt von Armenien bauen geholfen und ueberhaupt auf diesem
Gebiet die Okzidentalen stets ihre Ueberlegenheit behauptet haben. Auf eine
Gegenwehr des Reiches stiessen die Perser nirgends; aber Edessa hielt sich noch
immer, und auch Caesarea hatte sich tapfer verteidigt und war nur durch Verrat
gefallen. Die oertliche Gegenwehr ging allmaehlich hinaus ueber die Abwehr
hinter den staedtischen Waellen, und die durch die weite Ausdehnung des
eroberten Gebiets herbeigefuehrte Aufloesung der persischen Haufen war dem
kuehnen Parteigaenger guenstig. Einem selbstbestellten roemischen Fuehrer,
Kallistos ^98, gelang ein gluecklicher Handstreich: mit den Schiffen, die er in
den kilikischen Haefen zusammengebracht hatte, fuhr er nach Pompeiopolis, das
die Perser eben belagerten, waehrend sie gleichzeitig Lykaonien brandschatzten,
erschlug mehrere Tausend Mann und bemaechtigte sich des koeniglichen Harems.
Dies bestimmte den Koenig, unter dem Vorwand einer nicht aufzuschiebenden
Festfeier, sofort nach Hause zu gehen, in solcher Eile, dass er, um nicht
aufgehalten zu werden, von den Edessenern freien Durchzug durch ihr Gebiet gegen
alles von ihm erbeutete roemische Goldgeld erkaufte. Den von Antiocheia
heimkehrenden Scharen brachte der Fuerst von Palmyra, Odaenathos, bevor sie den
Euphrat ueberschritten, empfindliche Verluste bei. Aber kaum war die dringendste
Persergefahr beseitigt, als unter den sich selbst ueberlassenen Heerfuehrern des
Ostens zwei der namhaftesten, der die Kasse und das Depot der Armee in Samosata
verwaltende Offizier Fulvius Macrianus ^99 und der oben genannte Kallistos, dem
Sohne und Mitregenten und jetzt alleinigen Herrscher Gallienus, fuer den
freilich der Osten und die Perser nicht da waren, den Gehorsam aufkuendigten
und, selbst die Annahme des Purpurs verweigernd, die beiden Soehne des ersteren
Fulvius Macrianus und Fulvius Quietus zu Kaisern ausriefen (261). Dies Auftreten
der beiden angesehenen Feldherrn bewirkte, dass in Aegypten und im ganzen Osten,
mit Ausnahme von Palmyra, dessen Fuerst fuer Gallienus eintrat, die beiden
jungen Kaiser zur Anerkennung gelangten. Der eine von ihnen, Macrianus, ging mit
seinem Vater nach dem Westen ab, um auch hier dies neue Regiment einzusetzen.
Aber bald wandte sich das Glueck: in Illyricum verlor Macrianus, nicht gegen
Gallienus, sondern gegen einen anderen Praetendenten, Schlacht und Leben. Gegen
den in Syrien zurueckgebliebenen Bruder wandte sich Odaenathos; bei Hemesa, wo
die Heere aufeinandertrafen, antworteten die Soldaten des Quietus auf die
Aufforderung, sich zu ergeben, dass sie alles eher ueber sich ergehen lassen
wuerden, als einem Barbaren sich in die Haende zu liefern. Nichtsdestoweniger
verriet der Feldherr des Quietus, Kallistos, seinen Herrn an den Palmyrener
^100, und also endete auch dessen kurzes Regiment.
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^96 Die besseren Berichte wissen nur davon, dass Valerianus in persischer
Gefangenschaft starb. Dass Sapor ihn beim Besteigen des Pferdes als Schemel
benutzte (Lact. mort. pers. 5; Oros. hist. 7, 22, 4; Aur. Vict. epit. 33) und
schliesslich ihn schinden liess (Lact. a.a.O.; Agathias 4, 23; Cedrenus p. 454),
ist eine christliche Erfindung, die Vergeltung fuer die von Valerian angeordnete
Christenverfolgung.
^97 Die Tradition, wonach Mareades (so Amm. 23, 5, 3; Mariades Malalas 12
p. 295; Mariadnes Forts. des Dio fr. 1) oder, wie er hier heisst, Cyriades sich
zum Augustus ausrufen liess (vit. trig. tyr. 1), ist schwach beglaubigt; sonst
koennte darin wohl die Veranlassung gefunden werden, weshalb Sapor ihn
hinrichten liess.
^98 Kallistos heisst er in der einen wohl auf Dexippus zurueckgehenden
Ueberlieferung bei Synkellos p. 716 und Zon. 12, 23, dagegen Ballista in den
Kaiserbiographien und bei Zon. 12, 24.
^99 Er war nach dem zuverlaessigsten Bericht procurator summarum (epi t/o/n
katholoy log/o/n basile/o/s: Dionysios bei Eus. 7, 10, 5), also Finanzminister
mit Ritterrang; der Fortsetzer des Dio (fr. 3 Muell.) drueckt dies in der
Sprache der spaeteren Zeit aus mit kom/e/s t/o/n th/e/sayr/o/n kai ephest/o/s
t/e/ agora to? sitoy.
^100 Wenigstens nach dem Bericht, der den Kaiserbiographien zu Grunde liegt
(vita Gallieni 3 und sonst). Nach Zon. 12, 24, dem einzigen Schriftsteller, der
ausserdem das Ende des Kallistos erwaehnt, liess Odaenathos denselben toeten.
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Damit tritt Palmyra im Orient an den ersten Platz. Gallienus, durch die
Barbaren des Westens und die ueberall dort ausbrechenden Militaerinsurrektionen
mehr als ausreichend beschaeftigt, gab dem Fuersten von Palmyra, der in der eben
erzaehlten Krise allein ihm die Treue bewahrt hatte, eine beispiellose, indes
unter den obwaltenden Umstaenden wohl erklaerliche Ausnahmestellung: er wurde
als Erbfuerst oder, wie er jetzt heisst, Koenig von Palmyra zugleich zwar nicht
Mitherrscher, aber selbstaendiger Statthalter des Kaisers fuer den Osten ^101.
Die oertliche Verwaltung von Palmyra fuehrte unter ihm ein anderer Palmyrener,
zugleich als kaiserlicher Prokurator und als sein Stellvertreter ^102. Somit lag
die gesamte Reichsgewalt, soweit sie ueberhaupt im Osten noch bestand, in der
Hand des "Barbaren", und so rasch wie glaenzend stellte dieser mit seinen
Palmyrenern, welche durch die Truemmer der roemischen Heerkoerper und das
Aufgebot des Landes verstaerkt wurden, die Herrschaft Roms wieder her. Asien und
Syrien waren schon vom Feinde geraeumt. Odaenathos ging ueber den Euphrat,
machte endlich den tapferen Edessenern Luft und nahm den Persern die eroberten
Staedte Nisibis und Karrhae wieder ab (264). Wahrscheinlich ist auch Armenien
damals wieder unter roemische Botmaessigkeit zurueckgebracht worden ^103. Sodann
ergriff er, zuerst wieder seit Gordianus, die Offensive gegen die Perser und
marschierte auf Ktesiphon. In zwei verschiedenen Feldzuegen wurde die Hauptstadt
des Persischen Reiches von ihm umstellt und die Umgegend verheert, mit den
Persern unter den Mauern derselben gluecklich gefochten ^104. Selbst die Goten,
deren Raubzuege bis in das Binnenland sich erstreckten, wichen zurueck, als er
nach Kappadokien aufbrach. Eine Machtentwicklung dieser Art war ein Segen fuer
das bedraengte Reich und zugleich eine ernste Gefahr. Odaenathos beobachtete
freilich gegen den roemischen Oberherrn alle schuldigen Formen und sandte die
gefangenen feindlichen Offiziere und die Beutestuecke nach Rom an den Kaiser,
der es nicht verschmaehte, daraufhin zu triumphieren; aber in der Tat war der
Orient unter Odaenathos nicht viel weniger selbstaendig als der Westen unter
Postumus, und es begreift sich, dass die roemisch gesinnten Offiziere dem
palmyrenischen Vizekaiser Opposition machten ^105 und einerseits die Rede ist
von Versuchen des Odaenathos, sich den Persern anzuschliessen, die nur an Sapors
Uebermut gescheitert sein sollen ^106, andererseits Odaenathos' Ermordung in
Hemesa im Jahre 266/67 auf Anstiften der roemischen Regierung zurueckgefuehrt
ward ^107. Indes der eigentliche Moerder war ein Brudersohn des Odaenathos und
Beweise fuer die Beteiligung der Regierung liegen nicht vor. Auf jeden Fall
aenderte das Verbrechen in der Lage der Dinge nichts. Die Gattin des
Verstorbenen, die Koenigin Bat Zabbai oder griechisch Zenobia, eine schoene und
kluge Frau von maennlicher Tatkraft ^108, nahm kraft des erblichen
Fuerstenrechts fuer ihren und Odaenathos' noch im Knabenalter stehenden Sohn
Vaballathos oder Athenodoros ^109 - der aeltere, Herodes, war mit dem Vater
umgekommen - die Stellung des Verstorbenen in Anspruch und drang in der Tat
damit sowohl in Rom wie im Orient durch; die Regierungsjahre des Sohnes werden
gezaehlt vom Tode des Vaters. Fuer den nicht regierungsfaehigen Sohn trat die
Mutter in Rat und Tat ein ^110, und sie beschraenkte sich auch nicht darauf, den
Besitzstand zu wahren, sondern ihr Mut oder ihr Uebermut strebten nach der
Herrschaft ueber das gesamte Reichsgebiet griechischer Zunge. In dem Kommando
ueber den Orient, welches dem Odaenathos uebertragen und von ihm auf seinen Sohn
vererbt war, mag wohl dem Rechte nach die Obergewalt ueber Kleinasien und
Aegypten mitbegriffen gewesen sein; aber tatsaechlich hatte Odaenathos nur
Syrien und Arabien und etwa noch Armenien, Kilikien, Kappadokien in der Gewalt
gehabt. Jetzt forderte ein einflussreicher Aegypter, Timagenes, die Koenigin
auf, Aegypten zu besetzen; dem entsprechend entsandte sie ihren Oberfeldherrn
Zabdas mit einem Heer, angeblich 70000 Mann, an den Nil. Das Land widersetzte
sich energisch; aber die Palmyrener schlugen das aegyptische Aufgebot und
bemaechtigten sich Aegyptens. Ein roemischer Admiral, Probus, versuchte sie
wieder zu vertreiben und ueberwand sie auch, so dass sie nach Syrien aufbrachen;
aber als er ihnen bei dem aegyptischen Babylon unweit Memphis den Weg zu
verlegen suchte, wurde er durch die bessere Ortskunde des palmyrenischen
Feldherrn Timagenes geschlagen und gab sich selber den Tod ^111. Als um die
Mitte des Jahres 270 nach Kaiser Claudius' Tode Aurelianus an seine Stelle trat,
geboten die Palmyrener ueber Alexandreia. Auch in Kleinasien machten sie
Anstalt, sich festzusetzen; ihre Besatzungen waren bis nach Ankyra in Galatien
vorgeschoben und selbst in Kalchedon, Byzanz gegenueber; hatten sie versucht,
die Herrschaft ihrer Koenigin zur Geltung zu bringen. Alles dies geschah, ohne
dass die Palmyrener der roemischen Regierung absagten, ja wahrscheinlich in der
Weise, dass das von der roemischen Regierung dem Fuersten von Palmyra
uebertragene Regiment des Ostens auf diese Weise verwirklicht ward und man die
roemischen Offiziere, die sich der Ausdehnung der palmyrenischen Herrschaft
widersetzten, der Auflehnung gegen die kaiserlichen Anordnungen zieh; die in
Alexandreia geschlagenen Muenzen nennen Aurelianus und Vaballathos nebeneinander
und geben nur dem ersteren den Augustustitel. Der Sache nach loeste freilich
hier der Osten sich vom Reiche ab, und in Ausfuehrung einer dem elenden
Gallienus durch die Not abgezwungenen Anordnung wurde dasselbe gehaelftet.
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^101 Dass Odaenathos so wie nach ihm sein Sohn Vaballathos (abgesehen
natuerlich von der Zeit nach dem Bruche mit Aurelianus) keineswegs Augusti waren
(wie die vita Gallieni 12 faelschlich angibt), zeigt sowohl das Fehlen des
Augustusnamens auf den Muenzen wie auch der nur fuer einen Untertan moegliche
Titel v(ir) c(onsularis) = y(patikos), den wie der Vater (Anm. 91) so auch der
Sohn noch fuehrt. Die Statthalterstellung wird auf den Muenzen des Sohnes mit
im(perator) d(ux) R(omanorum) = ayt(okrat/o/r) s(trat/e/gos) bezeichnet;
uebereinstimmend damit sagen Zonaras (12, 23 und abermals 12, 24) und Synkellos
(p. 716), dass Gallienus den Odaenathos wegen eines Sieges ueber die Perser und
den Ballista zum strat/e/gos t/e/s e/o/as oder pas/e/s anatol/e/s; bestellte;
der Biograph des Gallienus c. 10, dass er obtinuit totius Orientis imperium.
Damit werden alle asiatischen Provinzen und Aegypten gemeint sein das
hinzugefuegte imperator = aytokrat/o/r (vgl. vit. trig. tyr. 15, 6; post reditum
de Perside - Herodes des Odaenathos Sohn - cum patre imperator est appellatus)
soll ohne Zweifel die von der gewoehnlichen statthalterlichen verschiedene,
freiere Handhabung der Gewalt ausdruecken.
Dazu tritt weiter der jetzt foermlich angenommene Titel seines Koenigs von
Palmyra (trig. tyr.15, 2: adsumpto nomine regali), welchen auch der Sohn nicht
auf den aegyptischen, aber wohl auf den syrischen Muenzen fuehrt. Dass
Odaenathos in einer im August 271, also nach seinem Tode und waehrend des
Krieges der Seinigen mit Aurelian gesetzten Inschrift wahrscheinlich melekh
malke, "Koenig der Koenige" heisst (Vogue 28), gehoert zu den revolutionaeren
Demonstrationen dieses Zeitraumes und macht fuer die fruehere Zeit keinen
Beweis.
^102 Die zahlreichen Inschriften des Septimius Vorodes, gesetzt in den
Jahren 262 bis 267 (Waddington 2606-2610), also bei Lebzeiten Odaenaths,
bezeichnen ihn saemtlich als kaiserlichen Prokurator zweiter Klasse
(ducenarius), daneben aber teils mit dem Titel argapet/e/s, welches persische,
aber auch bei den Juden gangbare Wort "Burgherr", "Vizekoenig" bedeutet (Levy,
ZDMG 18, 1864, S. 90; Noeldeke, das. 24, 1869, S. 107), teils als dikaiodot/e/s
t/e/s m/e/tropol/o/nias, was ohne Zweifel, wenn nicht sprachlich, so doch
sachlich dasselbe Amt ist. Vermutlich ist darunter dasjenige zu verstehen,
weshalb Odaenaths Vater das "Haupt von Thadmor" heisst (Anm. 89): der fuer das
Kriegsrecht wie fuer die Rechtspflege kompetente Einzelvorsteher von Palmyra;
nur dass, seit der erweiterten Stellung Odaenaths, dieser Posten als Unteramt
von einem Manne ritterlichen Ranges bekleidet wird. Der Vermutung Sachaus (ZDMG
35, 1881, S. 738), dass dieser Vorodes der "Wurud" einer Kupfermuenze aus
hiesigen Kabinetts und beide mit dem zugleich mit dem Vater umgebrachten
aelteren Sohn des Odaenathos Herodes identisch seien, stehen ernstliche Bedenken
entgegen. Herodes und Orodes sind verschiedene Namen (in der palmyrenischen
Inschrift Waddington 2610 stehen beide nebeneinander); der Sohn eines Senators
kann nicht fueglich ein Ritteramt bekleiden; ein mit seinem Bildnis muenzender
Prokurator ist selbst fuer diese exzeptionellen Verhaeltnisse nicht denkbar.
Wahrscheinlich ist die Muenze ueberhaupt nicht palmyrenisch. "Sie ist", schreibt
mir v. Sallet, "wahrscheinlich aelter als Odaenathos und gehoert wohl einem
Arsakiden des 2. Jahrhunderts n. Chr.; sie zeigt einen Kopf mit einem dem
sassanidischen aehnlichen Kopfputz; die Rueckseite, S C im Lorbeerkranz, scheint
den Muenzen von Antiocheia nachgeahmt." Wenn spaeter, nach dem Bruch mit Rom im
Jahre 271, in einer Inschrift von Palmyra (Waddington 2611) zwei Feldherren der
Palmyrener unterschieden werden, o megas strat/e/lat/e/s, der auch geschichtlich
bekannte Zabdas, und o enthade strat/e/lat/e/s Zabbaeos, so ist der letztere
vermutlich eben der Argapetes.
^103 Dafuer spricht die Sachlage; Zeugnisse fehlen. In den
Kaiserbiographien dieser Epoche pflegen die Armenier unter den von Rom
unabhaengigen Grenzvoelkern aufgefuehrt zu werden (Val. Max. 6; vit. trig. tyr.
30, 7, 18; Aur. Vict. 11, 27, 28, 41); aber dies gehoert zu ihren voellig
unzuverlaessigen, dekorativen Bestandteilen.
^104 Dieser bescheidenere Bericht (Eutr. 9, 10; vita Gall. 10; vit. trig.
tyr. 15, 4; Zos. hist. 1, 39, der allein die zweimalige Expedition bezeugt) wird
dem, der die Einnahme der Stadt meldet (Synkellos p. 716), vorgehen muessen.
^105 Dies zeigen die Erzaehlungen ueber den Carinus (Dios Forts. p. 8) und
ueber den Rufinus (Anm. 107). Dass nach Odaenathos' Tode ein auf Gallienus'
Geheiss gegen die Perser agierender Feldherr, Heraclianus von Zenobia,
angegriffen und ueberwunden ward (vita Gall. 13, 5), ist an sich nicht
unmoeglich, da ja die Fuersten von Palmyra das Oberkommando im ganzen Osten von
Rechts wegen besassen und eine solche Aktion, auch wenn sie von Gallienus
veranlasst war, behandelt werden konnte als dagegen verstossend, und es wuerde
dies das gespannte Verhaeltnis deutlich bezeichnen; aber der Gewaehrsmann ist so
schlecht, dass darauf wenig zu geben ist.
^106 Das lehrt die charakteristische Erzaehlung des Petrus fr. 10, welches
vor fr. 11 zu stellen ist.
^107 Die Erzaehlung des Fortsetzers des Dio fr. 7, dass der alte Odaenathos
als des Hochverrats verdaechtig von einem (sonst nicht erwaehnten) Rufinus
getoetet und der juengere, als er diesen bei dem Kaiser Gallienus verklagt habe,
auf die Erklaerung des Rufinus, dass der Klaeger das gleiche Schicksal verdiene,
abgewiesen sei, kann so, wie sie liegt, nicht richtig sein. Aber Waddingtons
Vorschlag, dem Gallienus den Gallus zu substituieren und in dem Klaeger den
Gatten Zenobias zu erkennen, ist nicht statthaft, da der Vater dieses Odaenathos
Hairanes war, bei diesem fuer eine derartige Exekution gar kein Grund vorliegt
und das Exzerpt in seiner ganzen Beschaffenheit unzweifelhaft auf Gallienus
geht. Vielmehr wird der alte Odaenathos der Gemahl der Zenobia sein und der
Schriftsteller dem Vaballathos, auf dessen Namen geklagt ward, irrig den
Vaternamen beigelegt haben.
^108 Alle Einzelheiten, die in unseren Erzaehlungen ueber die Zenobia
umlaufen, stammen aus den Kaiserbiographien; und wiederholen wird sie nur, wer
diese Quelle nicht kennt.
^109 Den Namen Vaballathos geben, ausser den Muenzen und den Inschriften,
Pol. Silv. chron. p. 243 meiner Ausgabe und der Biograph des Aurelianus c. 38,
indem er die Angabe, dass Odaenathos zwei Soehne, Timolaus und Herennianus,
hinterlassen habe, als unrichtig bezeichnet. In der Tat scheinen diese beiden,
lediglich in den Kaiserbiographien auftretenden Personen nebst allem, was daran
haengt, von dem Skribenten erfunden, auf den die Durchfaelschung dieser
Biographien zurueckgeht. Auch Zosimus (hist. 1, 59) weiss nur von einem mit der
Mutter in Gefangenschaft geratenen Sohn.
^110 Ob Zenobia fuer sich die formelle Mitregierung in Anspruch genommen
hat, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden. In Palmyra nennt sie sich selbst
noch nach dem Bruch mit Rom bloss basiliss/e/ (Waddington 2611, 2628). Im
uebrigen Reich mag sie den Titel Augusta, Sebast/e/ in Anspruch genommen haben;
denn wenn auch Muenzen der Zenobia aus der Zeit vor dem Bruch mit Rom fehlen, so
kann doch einerseits die alexandrinische Inschrift mit basiliss/e/s kai
basile/o/s prostaxant/o/n (Eph. epigr. IV, p. 25 n. 33) keinen Anspruch machen
auf offizielle Redaktion und gibt andrerseits die Inschrift von Byblos CIG 4503
b = Waddington zu 2611 in der Tat der Zenobia den Titel Sebast/e/ neben Claudius
oder Aurelian, waehrend sie denselben dem Vaballathos versagt. Dies ist auch
insofern begreiflich, als Augusta eine Ehren-, Augustus eine Amtsbezeichnung
ist, also dem Weibe wohl eingeraeumt werden konnte, was man dem Mann versagte.
^111 So erzaehlt Zosimus (hist. 1, 44) den Hergang, mit dem Zonaras (12,
27) und Synkellos (p. 721) im wesentlichen stimmen. Der Bericht im Leben des
Claudius c. 11 ist mehr verschoben als eigentlich widersprechend; die erste
Haelfte ist nur durch die Nennung des Saba angedeutet; die Erzaehlung beginnt
mit dem erfolgreichen Versuch des Timagenes, den Angriff des Probus (hier
Probatus) abzuwehren. Was ich darueber bei A. v. Sallet (Die Fuersten von
Palmyra, Berlin 1866, S. 44) aufgestellt habe, ist nicht haltbar.
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Der kraeftige und umsichtige Kaiser, dem jetzt die Herrschaft zugefallen
war, brach sofort mit der palmyrenischen Nebenregierung, was dann zur Folge
haben musste und hatte, dass Vaballathos von den Seinen selber zum Kaiser
ausgerufen ward. Aegypten wurde schon im Ausgang des Jahres 270 durch den
tapferen Feldherrn Probus, den spaeteren Nachfolger Aurelians, nach harten
Kaempfen wieder zum Reiche gebracht ^112. Freilich zahlte diesen Sieg die zweite
Stadt des Reiches Alexandreia fast mit ihrer Existenz, wie dies in einem
folgenden Abschnitt dargelegt werden soll. Schwieriger war die Bezwingung der
entlegenen syrischen Oase. Alle anderen orientalischen Kriege der Kaiserzeit
sind hauptsaechlich von dort heimischen Reichstruppen gefuehrt worden; hier, wo
der Okzident den abgefallenen Osten abermals zu unterwerfen hatte, schlugen
wieder einmal, wie in der Zeit der freien Republik, Okzidentalen gegen
Orientalen ^113, die Soldaten vom Rhein und der Donau mit denen der syrischen
Wueste. Gegen den Ausgang des Jahres 271, wie es scheint, begann die gewaltige
Expedition. Ohne auf Gegenwehr zu treffen, gelangte das roemische Heer bis an
die Grenze von Kappadokien; hier leistete die Stadt Tyana, die die kilikischen
Paesse sperrte, ernstlichen Widerstand. Nachdem sie gefallen war und Aurelian
durch milde Behandlung der Bewohner sich den Weg zu weiteren Erfolgen geebnet
hatte, ueberschritt er den Taurus und gelangte durch Kilikien nach Syrien. Wenn
Zenobia, wie nicht zu bezweifeln ist, auf taetige Unterstuetzung von seiten des
Perserkoenigs gerechnet hatte, so fand sie sich getaeuscht. Der hochbetagte
Koenig Schapur griff nicht in diesen Krieg ein und die Herrscherin des
roemischen Ostens blieb auf ihre eigenen Streitkraefte angewiesen, von denen
vielleicht auch noch ein Teil auf die Seite des legitimen Augustus trat. In
Antiocheia vertrat die palmyrenische Hauptmacht unter dem Feldherrn Zabdas dem
Kaiser den Weg; auch Zenobia selbst war anwesend. Ein glueckliches Gefecht gegen
die ueberlegene palmyrenische Reiterei am Orontes lieferte Aurelian die Stadt in
die Haende, welche nicht minder wie Tyana volle Verzeihung empfing -
gerechterweise erkannte er an, dass die Reichsuntertanen kaum eine Schuld traf,
wenn sie dem von der roemischen Regierung selbst zum Oberkommandanten bestellten
palmyrenischen Fuersten sich gefuegt hatten. Die Palmyrener zogen ab, nachdem
sie bei der Vorstadt von Antiocheia, Daphne, ein Rueckzugsgefecht geliefert
hatten, und schlugen die grosse Strasse ein, die von der Hauptstadt Syriens nach
Hemesa und von da durch die Wueste nach Palmyra fuehrt. Aurelianus forderte die
Koenigin auf, sich zu unterwerfen, hinweisend auf die namhaften in den Kaempfen
am Orontes erlittenen Verluste. Es seien das ja nur Roemer, antwortete die
Koenigin; noch gaben die Orientalen sich nicht ueberwunden. Bei Hemesa ^114
stellte sie sich zu der entscheidenden Schlacht. Sie war lang und blutig; die
roemische Reiterei unterlag und loeste fluechtend sich auf; aber die Legionen
entschieden und der Sieg blieb den Roemern. Schwieriger als der Kampf war der
Marsch. Die Entfernung von Hemesa nach Palmyra betraegt in gerader Richtung 18
deutsche Meilen, und wenn auch in jener Epoche der hochgesteigerten syrischen
Zivilisation die Gegend nicht in dem Grade wuest war wie heutzutage, so bleibt
der Zug Aurelians dennoch eine bedeutende Leistung, zumal da die leichten Reiter
des Feindes das roemische Heer auf allen Seiten umschwaermten. Indes Aurelian
gelangte zum Ziel und begann die Belagerung der festen und wohl
verproviantierten Stadt; schwieriger als diese selbst war die Herbeifuehrung der
Lebensmittel fuer das belagernde Heer. Endlich sank der Fuerstin der Mut, und
sie entwich aus der Stadt, um Hilfe bei den Persern zu suchen. Doch das Glueck
stand dem Kaiser weiter bei. Die nachsetzenden roemischen Reiter nahmen sie mit
ihrem Sohne gefangen, als sie eben am Euphrat angelangt das rettende Boot
besteigen wollte, und die durch ihre Flucht entmutigte Stadt kapitulierte (272).
Aurelianus gewaehrte auch hier wie in diesem ganzen Feldzug den unterworfenen
Buergerschaften volle Verzeihung. Aber ueber die Koenigin und ihre Beamten und
Offiziere erging ein strenges Strafgericht. Zenobia verschmaehte es nicht,
nachdem sie mit maennlicher Tatkraft jahrelang die Herrschaft gefuehrt hatte,
jetzt die Frauenprivilegien anzurufen und die Verantwortung auf ihre Berater zu
werfen, von denen nicht wenige, unter ihnen der gefeierte Gelehrte Cassius
Longinus, unter dem Henkerbeil endigten. Sie selbst durfte in dem Triumphzug des
Kaisers nicht fehlen, und sie ging nicht den Weg Kleopatras, sondern zog in
goldenen Ketten zur Schau der roemischen Menge vor dem Wagen des Siegers auf das
roemische Kapitol. Aber bevor Aurelianus seinen Sieg feiern konnte, hatte er ihn
zu wiederholen. Wenige Monate nach der Uebergabe erhoben sich die Palmyrener
abermals, erschlugen die kleine dort garnisonierende roemische Besatzung und
riefen einen gewissen Antiochos ^115 zum Herrscher aus, indem sie zugleich
versuchten, den Statthalter von Mesopotamien, Marcellinus, zur Auflehnung zu
bestimmen. Die Kunde erreichte den Kaiser, als er eben den Hellespont
ueberschritten hatte. Er kehrte sofort um und stand, frueher als es Freund oder
Feind geahnt hatte, abermals vor den Mauern der insurgierten Stadt. Die Empoerer
waren darauf nicht gefasst gewesen; es gab diesmal keine Gegenwehr, aber auch
keine Gnade. Palmyra wurde zerstoert, das Gemeinwesen aufgeloest, die Mauern
geschleift, die Prunkstuecke des herrlichen Sonnentempels in den Tempel
uebertragen, den in Erinnerung an diesen Sieg der Kaiser dem Sonnengott des
Ostens in Rom erbaute. Nur die verlassenen Hallen und Mauern blieben, wie sie
zum Teil noch heute stehen. Das geschah im Jahre 273 ^116. Die Bluete Palmyras
war eine kuenstliche, erzeugt durch die dem Handel gewiesenen Strassen und die
grossen dadurch bedingten oeffentlichen Bauten. Jetzt zog die Regierung von der
ungluecklichen Stadt ihre Hand ab. Der Handel suchte und fand andere Bahnen; da
Mesopotamien damals als roemische Provinz betrachtet ward und bald auch wieder
zum Reich kam, ebenfalls das Nabataeergebiet bis zu dem Hafen von Aelana in
roemischer Hand war, so konnte diese Zwischenstation entbehrt werden und mag der
Verkehr sich dafuer nach Bostra oder Beroea (Aleppo) gezogen haben. Dem kurzen
meteorartigen Aufleuchten Palmyras und seiner Fuersten folgte unmittelbar die
Oede und Stille, die seither bis auf den heutigen Tag ueber dem kuemmerlichen
Wuestendorf und seinen Kolonnadenruinen lagert.
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^112 Die Zeitbestimmung beruht darauf, dass die Usurpationsmuenzen des
Vaballathos schon in seinem fuenften aegyptischen Regierungsjahr, das heisst 29.
August 270/71 aufhoeren; dass sie sehr selten sind, spricht fuer den Anfang des
Jahres. Damit stimmt wesentlich ueberein, dass die Erstuermung des Prucheion
(das uebrigens kein Stadtteil war, sondern eine Lokalitaet dicht bei der Stadt
nach der Seite der grossen Oase: Hier. vita Hilar. 33, 34, vol. 2 p. 32 Vall.)
von Eusebius in der Chronik in das 1. Jahr des Claudius, von Ammian (22, 16, 15)
unter Aurelian gesetzt wird; der genaueste Bericht bei Eusebius (hist. eccl. 7,
32) ist nicht datiert. Die Rueckeroberung Aegyptens durch Probus steht nur in
der Biographie desselben (c. 9); sie kann so, wie sie erzaehlt wird, verlaufen
sein, aber moeglich ist es auch, dass in dieser durch und durch verfaelschten
Quelle die Timagenes-Geschichte mutatis mutandis auf den Kaiser uebertragen ist.
^113 Das hat wohl der von Zosimus (hist. 1, 52) ausgezogene Bericht ueber
die Schlacht von Hemesa hervorheben wollen, indem er unter den Truppen Aurelians
die Dalmatiner, Moeser, Pannonier, Noriker, Raeter, Mauretaner und die Garde
aufzaehlt. Wenn er diesen die Truppen von Tyana und einige Abteilungen aus
Mesopotamien, Syrien, Phoenike, Palaestina zugesellt, so geht dies ohne Zweifel
auf die kappadokischen Besatzungen, die nach der Einnahme von Tyana sich
angeschlossen hatten, und auf einige bei dem Einruecken Aurelians in Syrien zu
ihm uebergegangene roemisch gesinnte Abteilungen der Armeen des Ostens.
^114 Aus Versehen setzt Eutropius (9, 13) die entscheidende Schlacht haud
longe ab Antiochia; gesteigert ist dasselbe bei Rufius c. 24 (von dem Hier.
chron. a. Abr. 2289 abhaengt) und bei Synkellos p. 721 durch den Zusatz apud
Immas, en Immais, welcher 33 roemische Meilen von Antiocheia auf der Strasse
nach Chalkis zu liegende Ort von Hemesa weit abliegt. Die beiden Hauptberichte
bei Zosimus und dem Biographen Aurelians stimmen in allem wesentlichen ueberein.
^115 Diesen Namen haben Zos. hist. 1, 60 und Pol. Silv. chron. p. 243; der
Achilleus des Biographen Aurelians c. 31 scheint eine Verwechslung mit dem
Usurpator der diocletianischen Zeit. Dass gleichzeitig auch in Aegypten ein
Parteigaenger der Zenobia und zugleich Raeuberhauptmann namens Firmus sich gegen
die Regierung erhoben hat, ist wohl moeglich, beruht aber nur auf den
Kaiserbiographien, und die hinzugefuegten Details klingen sehr bedenklich.
^116 Die Chronologie dieser Ereignisse steht nicht voellig fest. Die
Seltenheit der syrischen Muenzen Vaballaths als Augustus beweisen, dass dem
Bruch mit Aurelian (Ende 270) die Ueberwaeltigung bald nachfolgte. Nach den
datierten Inschriften des Odaenathos und der Zenobia vom August 271 (Waddington
2611) stand damals die Herrschaft der Koenigin noch aufrecht. Da eine Expedition
dieser Art nach den klimatischen Verhaeltnissen nicht wohl anders als im
Fruehling stattfinden kann, so wird die erste Einnahme Palmyras im Fruehjahr 272
erfolgt sein. Die juengste (bloss palmyrenische) Inschrift, die wir von da
kennen (Vogue 116) ist vom August 272. In diese Zeit mag die Insurrektion
fallen, die zweite Einnahme und die Zerstoerung etwa in den Fruehling 273
(wonach 6, 154 A. zu berichtigen ist).
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Das ephemere Reich von Palmyra ist in seinem Entstehen wie in seinem Fall
eng mit den Beziehungen der Roemer zu dem nicht roemischen Osten verwachsen,
aber nicht minder ein Stueck der allgemeinen Reichsgeschichte. Denn wie das
Westreich des Postumus, so ist das Ostreich der Zenobia eine jener Massen, in
die damals das gewaltige Ganze sich schien aufloesen zu sollen. Wenn waehrend
seines Bestehens seine Leiter dem Ansturm der Perser ernstlich Schranken zu
setzen versuchten, ja ihre Machtentwicklung eben darauf beruhte, so hat es bei
seinem Zusammenbrechen nicht bloss bei denselben Persern Rettung gesucht,
sondern wahrscheinlich sind infolge des Abfalls der Zenobia Armenien und
Mesopotamien den Roemern verlorengegangen und hat auch nach der Unterwerfung
Palmyras der Euphrat wieder eine Zeitlang die Grenze gemacht. An ihm angelangt,
hoffte die Koenigin Aufnahme bei den Persern zu finden; und ueber ihn hinueber
die Legionen zu fuehren, unterliess Aurelianus, da Gallien nebst Britannien und
Spanien damals noch der Regierung die Anerkennung verweigerten. Er und sein
Nachfolger Probus kamen nicht dazu, diesen Kampf aufzunehmen. Aber als im Jahre
282 nach dem vorzeitigen Ende des letzteren die Truppen den naechsthoechsten
Befehlshaber Marcus Aurelius Carus zum Kaiser ausriefen, war es das erste Wort
des neuen Herrschers, dass die Perser dieser Wahl gedenken sollten, und er hat
es gehalten. Sogleich rueckte er mit dem Heere in Armenien ein und stellte dort
die fruehere Ordnung wieder her. An der Landesgrenze kamen ihm persische
Gesandte entgegen, die sich bereit erklaerten, alles Billige zu gewaehren ^117;
aber sie wurden kaum angehoert, und der Marsch ging unaufhaltsam weiter. Auch
Mesopotamien wurde abermals roemisch und die parthischen Residenzstaedte
Seleukeia und Ktesiphon einmal mehr von den Roemern besetzt, ohne dass diese auf
nachhaltigen Widerstand getroffen waeren, wozu der damals im Persischen Reiche
wuetende Bruderkrieg das seinige beitrug ^118. Der Kaiser war eben ueber den
Tigris gegangen und im Begriff, in das Herz des feindlichen Landes einzudringen,
als er auf gewaltsame Weise, vermutlich durch Moerderhand, den Tod und damit
auch der Feldzug sein Ende fand. Sein Nachfolger aber erlangte im Frieden die
Abtretung von Armenien und Mesopotamien ^119; obwohl Carus wenig ueber ein Jahr
den Purpur trug, wurde die Reichsgrenze des Severus durch ihn wiederhergestellt.
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^117 Es lehrt nichts fuer die Stellung der Armenier, dass in uebrigens
durchaus apokryphen Schilderungen (vita Valer. 6; vita Aurel. 27, 28) die
Armenier nach der Katastrophe Valerians zu den Persern halten und in der letzten
Krise der Palmyrener als Bundesgenossen der Zenobia neben den Persern
erscheinen; beides sind selbstverstaendliche Konsequenzen aus der allgemeinen
Lage der Dinge. Dass Aurelian Armenien so wenig wie Mesopotamien unterwarf,
dafuer spricht in diesem Falle teils das Schweigen der Quellen, teils die
Nachricht des Synesios (regn. 17), dass Kaiser Carinus (vielmehr Carus) in
Armenien hart an der Grenze des persischen Gebiets eine persische Gesandtschaft
kurzerhand abgefertigt und, durch deren Bericht erschreckt, der junge
Perserkoenig sich zu jeder Konzession bereit erklaert habe. Wie diese Erzaehlung
auf Probus bezogen werden kann, wie v. Gutschmid meint (ZDMG 31, 1877, S. 50),
sehe ich nicht ein; zu Carus' persischer Expedition dagegen passt sie recht gut.
^118 Die Wiedereroberung Mesopotamiens berichtet nur der Biograph c. 8;
aber bei dem Ausbruch des Perserkrieges unter Diocletian ist dasselbe roemisch.
Der inneren Unruhen im Perserreich wird ebendaselbst gedacht; auch wird in einem
im Jahre 289 gehaltenen Vortrag (Paneg. 3, 17) der Krieg erwaehnt, den gegen den
Koenig von Persien - es war dies Bahram II. - der eigene Bruder Ormies oder
vielmehr Hormizd fuehrt adscitis Sacis et Ruffis (?) et Gellis (vgl. Noeldeke,
Tabari, S. 479). Wir haben ueberhaupt ueber diesen wichtigen Feldzug nur einige
abgerissene Notizen.
^119 Das sagt deutlich Mamertinus (Paneg. 2, 7, vgl. 2, 10; 3, 6) in der im
Jahre 289 gehaltenen Rede: Syriam velut amplexu suo tegebat Eupbrates antequam
Diocletiano sponte (das heisst, ohne dass Diocletian zu den Waffen zu greifen
brauchte, wie dann weiter ausgefuehrt wird) se dederent regna Persarum; ferner
ein anderer Lobredner aus dem Jahre 296 (Paneg. 5, 3): Partho ultra Tagrim
reducto. Wendungen wie die bei Aur. Vict. Caes. 39, 33, dass Galerius relictis
finibus nach Mesopotamien marschiert sei, oder dass Narseh nach Ruf. Fest. 25 im
Frieden Mesopotamien abtrat, koennen dagegen nicht geltend gemacht werden;
ebensowenig, dass orientalische Quellen die roemische Besitznahme von Nisibis in
609 Sel. = 297/98 n. Chr. setzen (Noeldeke, Tabari, S. 50). Waere dies richtig,
so koennte der genaue Bericht ueber die Friedensverhandlungen von 297 bei Petrus
Patricius fr. 14 unmoeglich von der Abtretung Mesopotamiens schweigen und bloss
der Regulierung des Grenzverkehrs Erwaehnung tun.
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Einige Jahre darauf (293) bestieg ein neuer Herrscher, Narseh, des Koenigs
Schapur Sohn, den Thron von Ktesiphon, und erklaerte im Jahre 296 wegen des
Besitzes von Mesopotamien und Armenien den Roemern den Krieg ^120. Diocletianus,
der damals die oberste Leitung wie des Reiches ueberhaupt, so namentlich des
Orients hatte, beauftragte mit der Fuehrung desselben seinen Reichsgehilfen
Galerius Maximianus, einen rohen, aber tapferen Feldherrn. Der Anfang war
unguenstig. Die Perser fielen in Mesopotamien ein und gelangten bis nach
Karrhae; gegen sie fuehrte der Caesar die syrischen Legionen bei Nikephorion
ueber den Euphrat; zwischen diesen beiden Positionen stiessen die Armeen
aufeinander, und die weit schwaechere roemische unterlag. Es war ein harter
Schlag und der junge Feldherr musste schwere Vorwuerfe ueber sich ergehen
lassen; aber er verzagte nicht. Fuer den naechsten Feldzug wurden aus dem ganzen
Reich Verstaerkungen herangezogen und beide Regenten rueckten persoenlich in das
Feld; Diocletian nahm Stellung in Mesopotamien mit der Hauptmacht, waehrend
Galerius, verstaerkt durch die inzwischen herangezogenen illyrischen
Kerntruppen, mit einem Heer von 25000 Mann in Armenien dem Feind entgegentrat
und ihm eine entscheidende Niederlage beibrachte. Das Lager und der Schatz, ja
selbst der Harem des Grosskoenigs fielen den Kriegern in die Haende, und mit Not
entging Narseh selbst der Gefangenschaft. Um nur die Frauen und die Kinder
wieder zu erlangen, erklaerte der Koenig sich bereit, auf jede Bedingung Frieden
zu schliessen; sein Abgesandter Apharban beschwor den Roemer, des Persers zu
schonen: die beiden Reiche, das Roemische und das Persische, seien gleichsam die
beiden Augen der Welt und keines koenne des anderen entbehren. Es haette in der
Macht der Roemer gestanden, ihren orientalischen Provinzen eine mehr
hinzuzufuegen; der vorsichtige Herrscher begnuegte sich mit der Regulierung der
Besitzverhaeltnisse im Nordosten. Mesopotamien blieb selbstverstaendlich im
roemischen Besitz; der wichtige Handelsverkehr mit dem benachbarten Ausland
wurde unter strenge staatliche Kontrolle gestellt und wesentlich nach der festen
Stadt Nisibis gewiesen, dem Stuetzpunkt der roemischen Grenzwacht im oestlichen
Mesopotamien. Als Grenze der unmittelbaren roemischen Herrschaft wurde der
Tigris anerkannt, jedoch in der Ausdehnung, dass das ganze suedliche Armenien
bis zum See Thospitis (Vansee) und zum Euphrat, also das gesamte obere Tigristal
zum Roemischen Reich gehoeren solle. Eigentliche Provinz ward dies Vorland von
Mesopotamien nicht, sondern nach der bisherigen Weise als roemische Satrapie
Sophene verwaltet. Einige Dezennien spaeter ward hier die starke Festung Amida
(Diarbekr) angelegt, seitdem die Hauptburg der Roemer im Gebiet des oberen
Tigris. Zugleich ward die Grenze zwischen Armenien und Medien neu reguliert und
die Lehnsherrlichkeit Roms ueber jenes Land wie ueber Iberien abermals
bestaetigt. Bedeutende Gebietsabtretungen legte der Friede den Besiegten nicht
auf, aber er stellte eine den Roemern guenstige Grenze her, welche auf laengere
Zeit hinaus in diesen vielumstrittenen Gebieten die beiden Reiche schied ^121.
Die Politik Traians erhielt damit ihre vollstaendige Durchfuehrung; allerdings
verschob sich auch eben damals der Schwerpunkt der roemischen Herrschaft aus dem
Westen nach dem Osten.
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^120 Dass Narseh in das damals roemische Armenien einbrach, sagt Amm. 23,
5, 11; fuer Mesopotamien folgt dasselbe aus Eutr. 9, 24. Noch am 1. Maerz 296
bestand der Friede oder war doch die Kriegserklaerung im Okzident nicht bekannt
(Paneg. 5, 10).
^121 Die Differenzen in den ausnahmsweise guten Berichten namentlich des
Petrus Patricius fr. 14 und Ammians (25, 7, 9) sind wohl nur formaler Art. Dass
der Tigris die eigentliche Reichsgrenze sein sollte, wie Priscus sagt, schliesst
nicht aus, zumal bei der eigentuemlichen Beschaffenheit seines Oberlaufs, dass
dieselbe dort teilweise darueber hinausgriff; vielmehr scheinen die fuenf vorher
bei Petrus genannten Distrikte eben als transtigritanische und von der folgenden
allgemeinen Bestimmung auszunehmende aufgefuehrt zu werden. Die Distrikte,
welche Priscus hier und, ausdruecklich als transtigritanische, Ammian auffuehren
- es sind dies bei beiden Arzanene, Karduene und Zabdicene, bei Priscus Sophene
und Intilene ("vielmehr Ingiline, armenisch Angel, jetzt Egil": Kiepen), bei
Ammian Moxoene und Rehimene (?) - koennen unmoeglich alle vor dem Frieden, wo
doch Armenien schon Romano iuri obnoxia war (Amm. 23, 5, 11), von den Roemern
als persische betrachtet worden sein; ohne Zweifel bildeten die westlicheren
derselben schon damals einen Teil des roemischen Armeniens und stehen hier nur
insofern, als sie infolge des Friedens dem Reiche als Satrapie Sophene
einverleibt wurden. Dass es sich hier nicht um die Grenze der Abtretung, sondern
um die des unmittelbaren Reichsgebiets handelte, zeigt der Folgesatz, der die
Grenze zwischen Armenien und Medien feststellt.
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10. Kapitel
Syrien und das Nabataeerland
Sehr allmaehlich haben die Roemer sich dazu entschlossen, nach der
westlichen auch der oestlichen Haelfte der Kuesten des Mittelmeeres sich zu
bemaechtigen; nicht an dem Widerstand, auf den sie hier verhaeltnismaessig in
geringem Masse trafen, sondern an der wohlbegruendeten Scheu vor den
denationalisierenden Konsequenzen dieser Eroberungen hat es gelegen, dass sie so
lange wie moeglich sich nur bemuehten, in jenen Gegenden den entscheidenden
politischen Einfluss zu bewahren, und dass die eigentliche Einverleibung
wenigstens Syriens und Aegyptens erst stattfand, als der Staat schon fast eine
Monarchie war. Wohl wurde dadurch das Roemerreich geographisch geschlossen, das
Mittelmeer, Roms eigentliche Basis, seit es eine Grossmacht war, nach allen
Seiten hin ein roemischer Binnensee, Schiffahrt und Handel auf und an demselben
zum Segen aller Anwohner staatlich geeinigt. Aber der geographischen
Geschlossenheit zur Seite ging die nationale Zweiteilung. Durch Griechenland und
Makedonien waere der Roemerstaat nie binational geworden, so wenig wie die
Griechenstaedte Neapolis und Massalia Kampanien und die Provence hellenisiert
haben. Aber wenn in Europa und Afrika das griechische Gebiet gegenueber der
geschlossenen Masse des lateinischen verschwindet, so gehoert, was von dem
dritten Erdteil mit dem von Rechts wegen dazu gehoerigen Niltal in diesen
Kulturkreis hineingezogen ward, ausschliesslich den Griechen, und namentlich
Antiocheia und Alexandreia sind die rechten Traeger der in Alexander ihren
Hoehepunkt erreichenden hellenischen Entwicklung, Mittelpunkte hellenischen
Lebens und hellenischer Bildung und Grossstaedte wie Rom auch. Nachdem in dem
vorhergehenden Kapitel der die ganze Kaiserzeit ausfuellende Kampf des Ostens
und des Westens in und um Armenien und Mesopotamien dargestellt worden ist,
wenden wir uns dazu, die Verhaeltnisse der syrischen Landschaften zu schildern,
wie sie gleichzeitig sich gestalteten. Gemeint ist das Gebiet, das der Bergstock
Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens von Kleinasien, die oestliche Fortsetzung
desselben Gebirges und der Euphrat von Armenien und Mesopotamien, die arabische
Wueste von dem Parthischen Reiche und von Aegypten scheiden; nur schien es
angemessen, die eigenartigen Schicksale Judaeas in einem besonderen Abschnitt zu
behandeln. Der Verschiedenheit der politischen Entwicklung unter dem
Kaiserregiment entsprechend soll zunaechst von dem eigentlichen Syriens dem
noerdlichen Teil dieses Gebiets und von der unter dem Libanos sich hinziehenden
phoenikischen Kueste, weiter von dem Hinterlande Palaestinas, dem Gebiet der
Nabataeer gesprochen werden. Was ueber Palmyra zu sagen war, hat schon im
vorigen Kapitel seinen Platz gefunden.
Seit der Teilung der Provinzen zwischen dem Kaiser und dem Senat hat Syrien
unter kaiserlicher Verwaltung gestanden und ist im Orient, wie Gallien im
Westen, der Schwerpunkt der kaiserlichen zivilen und militaerischen Verwaltung
gewesen. Diese Statthalterschaft war von Anfang an von allen die angenehmste und
wurde dies im Lauf der Zeit nur noch in hoeherem Grade. Ihr Inhaber fuehrte,
gleich den Statthaltern der beiden Germanien, das Kommando ueber vier Legionen,
und waehrend den Kommandanten der Rheinarmee die Verwaltung der inneren
gallischen Landschaften abgenommen ward und schon in ihrem Nebeneinanderstehen
eine gewisse Beschraenkung lag, behielt der Statthalter von Syrien auch die
Zivilverwaltung der ganzen grossen Provinz ungeschmaelert und fuehrte lange Zeit
in ganz Asien allein ein Kommando ersten Ranges. Unter Vespasian erhielt er zwar
an den Statthaltern von Palaestina und von Kappadokien zwei ebenfalls Legionen
befehligende Kollegen; andererseits aber wuchsen durch die Einziehung des
Koenigreichs Kommagene und bald darauf auch der Fuerstentuemer im Libanos deren
Gebiete seiner Verwaltung zu. Erst im Laufe des zweiten Jahrhunderts trat eine
Schmaelerung seiner Befugnisse ein, indem Hadrian eine der vier Legionen dem
Statthalter von Syrien nahm und sie dem von Palaestina ueberwies. Den ersten
Platz in der roemischen Militaerhierarchie hat erst Severus dem syrischen
Statthalter entzogen. Nachdem dieser die Provinz, die wie einst ihren
Statthalter Vespasian, so damals den Niger zum Kaiser hatte machen wollen, unter
Widerstreben namentlich der Hauptstadt Antiocheia unterworfen hatte, verfuegte
er die Teilung derselben in eine noerdliche und eine suedliche Haelfte und gab
dem Statthalter jener, der sogenannten Syria Koile, zwei, dem Statthalter
dieser, der Provinz Syrophoenicia, eine Legion.
Auch insofern darf Syrien mit Gallien zusammengestellt werden, als dieser
kaiserliche Verwaltungsbezirk schaerfer als die meisten sich in befriedete
Landschaften und schutzbeduerftige Grenzdistrikte schied. Wenn die ausgedehnte
Kueste Syriens und die westlichen Landschaften ueberhaupt feindlichen Angriffen
nicht ausgesetzt waren und die Deckung an der Wuestengrenze gegen die
schweifenden Beduinen den arabischen und juedischen Fuersten und spaeterhin den
Truppen der Provinz Arabien, auch den Palmyrenern, mehr oblag als den syrischen
Legionen, so erforderte, namentlich bevor Mesopotamien roemisch ward, die
Euphratgrenze eine aehnliche Bewachung gegen die Parther wie der Rhein gegen die
Germanen. Aber wenn die syrischen Legionen an der Grenze zur Verwendung kamen,
so konnte man doch auch in dem westlichen Syrien ihrer nicht entraten ^1. Die
Rheintruppen waren allerdings auch der Gallier wegen da; dennoch durften die
Roemer mit berechtigtem Stolz sagen, dass fuer die grosse Hauptstadt Galliens
und die drei gallischen Provinzen eine unmittelbare Besatzung von 1200 Mann
ausreiche. Aber fuer die syrische Bevoelkerung und insbesondere fuer die
Hauptstadt des roemischen Asiens genuegte es nicht, die Legionen am Euphrat
aufzustellen. Nicht bloss am Saum der Wueste, sondern auch in den Schlupfwinkeln
der Gebirge hausten in der Nachbarschaft der reichen Aecker und der grossen
Staedte, nicht in dem Grade wie heutzutage, aber doch auch damals stetig,
verwegene Raeuberbanden und pluenderten, oft als Kaufleute oder Soldaten
verkleidet, die Landhaeuser und die Doerfer. Aber auch die Staedte selbst, vor
allem Antiocheia, verlangten, wie Alexandreia, eigene Besatzung. Ohne Zweifel
ist dies der Grund gewesen, weshalb eine Teilung in Zivil- und Militaerbezirke,
wie sie fuer Gallien schon Augustus verfuegte, in Syrien niemals auch nur
versucht worden ist und weshalb die grossen, auf sich selbst stehenden
Lageransiedlungen, aus denen zum Beispiel Mainz am Rhein, Leon in Spanien,
Chester in England hervorgegangen sind, im roemischen Orient gaenzlich fehlen.
Ohne Zweifel aber ist dies auch der Grund, weshalb die syrische Armee in Zucht
und Geist so sehr zurueckstand gegen die der Westprovinzen; weshalb die stramme
Disziplin, wie sie in den militaerischen Standlagern des Okzidents gehandhabt
ward, in den staedtischen Kantonnements des Ostens nie Fuss fassen konnte. Wo
der stehenden Truppe neben ihrer naechsten Bestimmung noch die Aufgabe der
Polizei zufaellt, wirkt dies an sich demoralisierend, und nur zu oft wird, wo
sie unruhige staedtische Massen in Zucht halten soll, vielmehr ihre eigene
Disziplin dadurch untergraben. Die frueher geschilderten syrischen Kriege
liefern dazu den unerfreulichen Kommentar; keiner derselben fand eine
kriegsfaehige Armee vor und regelmaessig bedurfte es erst herangezogener
okzidentalischer Truppen, um dem Kampfe die Wendung zu geben.
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^1 Die Standquartiere der syrischen Legionen genau zu bestimmen, vermoegen
wir nicht; doch ist, was hier gesagt ist, wesentlich gesichert. Unter Nero stand
die 10. Legion in Raphaneae suedwestlich von Hamath (Ios. bel. Iud. 7, 1, 3) und
ebendaselbst oder doch ungefaehr in dieser Gegend unter Tiberius die 6. (Tac.
ann. 2, 79); wahrscheinlich in oder bei Antiocheia die 12. unter Nero (Ios. bel.
Iud. 2, 18, 9). Wenigstens eine Legion stand am Euphrat; fuer die Zeit vor der
Einziehung Kommagenes bezeugt dies Ios. bel. Iud. 7, 1, 3, und spaeterhin hatte
eine der syrischen Legionen ihr Hauptquartier in Samosata (Ptol. geogr. 5; 15,
11; Inschrift aus Severus' Zeit CIL VI, 1409; Itin. Anton. Aug. p. 186).
Wahrscheinlich hatten die Staebe der meisten syrischen Legionen ihren Sitz in
den westlichen Distrikten und geht die immer wiederkehrende Beschwerde, dass das
Lagern in den Staedten die syrische Armee zerruette, hauptsaechlich auf diese
Einrichtung. Ob in der besseren Zeit an dem Wuestensaum eigentliche
Legionshauptquartiere bestanden haben, ist zweifelhaft; bei den Grenzposten
daselbst haben auch Detachements der Legionen Verwendung gefunden, und
namentlich ist der besonders unruhige Distrikt zwischen Damaskos und Bostra
stark mit Legionaeren belegt worden, die einerseits das Kommando von Syrien
stellte, andererseits das arabische seit Einrichtung desselben durch Traian.
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Syrien im engeren Sinne und seine Nebenlaender, das ebene Kilikien und
Phoenike haben unter den roemischen Kaisern eine Geschichte im eigentlichen
Sinne nicht gehabt. Die Bewohner dieser Landschaften gehoeren dem gleichen
Stamme an wie die Bewohner Judaeas und Arabiens, und die Stammvaeter der Syrer
und der Phoeniker haben in ferner Zeit an einem Orte gesessen mit denen der
Juden und der Araber und eine Sprache geredet. Aber wenn die letzteren an ihrer
Eigenart und an ihrer Sprache festgehalten haben, so haben die Syrer und die
Phoeniker sich hellenisiert, schon bevor sie unter roemische Herrschaft
gelangten. Es vollzog sich diese Hellenisierung durchgaengig in der Bildung von
hellenischen Politien. Den Grund dazu hatte freilich die einheimische
Entwicklung gelegt, namentlich an der phoenikischen Kueste die alten und grossen
Kaufstaedte. Aber vor allem hat die Staatenbildung Alexanders und der
Alexandriden, eben wie die der roemischen Republik, zu ihrem Fundament nicht den
Stamm, sondern die Stadtgemeinde; nicht das altmakedonische Erbfuerstentum,
sondern die griechische Politie hat Alexander in den Osten getragen, und nicht
aus Staemmen, sondern aus Staedten gedachte er und gedachten die Roemer ihr
Reich zusammenzusetzen. Der Begriff der autonomen Buergerschaft ist ein
dehnbarer und die Autonomie Athens und Thebens eine andere als die der
makedonischen und der syrischen Stadt, eben wie im roemischen Kreis die
Autonomie des freien Capua einen anderen Inhalt hatte als die der latinischen
Pflanzstaedte der Republik oder gar der Stadtgemeinden des Kaiserreichs; aber
der Grundgedanke ist ueberall das sich selbst verwaltende, in seinem Mauerring
souveraene Buergertum. Nach dem Sturz des Perserreichs ist Syrien nebst dem
benachbarten Mesopotamien als die militaerische Verbindungsbruecke zwischen dem
Westen und dem Osten wie kein anderes Land mit makedonischen Ansiedlungen
bedeckt worden; die dort in weitester Ausdehnung uebernommenen, sonst im ganzen
Alexanderreich nirgends also sich wiederfindenden makedonischen Ortsnamen
beweisen es, dass hier der Kern der hellenischen Eroberer des Ostens angesiedelt
wurde und dass Syrien fuer diesen Staat das Neu-Makedonien werden sollte; wie
denn auch, solange das Reich Alexanders eine Zentralregierung behielt, diese
dort ihren Sitz gehabt hat. Den syrischen Reichsstaedten hatten dann die Wirren
der letzten Seleukidenzeit zu groesserer Selbstaendigkeit verholfen. Diese
Einrichtungen fanden die Roemer vor. Unmittelbar vom Reich verwaltete, nicht
staedtische Distrikte gab es schon nach der von Pompeius vorgenommenen
Organisation in Syrien wahrscheinlich gar nicht, und wenn die abhaengigen
Fuerstentuemer in der ersten Epoche der roemischen Herrschaft einen grossen Teil
des suedlichen Binnenlandes der Provinz umfassten, so waren diese meist
gebirgigen und schwach bewohnten Distrikte doch von untergeordneter Bedeutung.
Im ganzen genommen blieb den Roemern in Syrien fuer die Hebung der staedtischen
Entwicklung nicht viel zu tun uebrig, weniger als in Kleinasien. Eigentliche
Staedtegruendung ist daher aus der Kaiserzeit fuer Syrien kaum zu berichten. Die
wenigen Kolonien, welche hier angelegt worden sind, wie unter Augustus Berytus
und wahrscheinlich auch Heliopolis, haben keinen anderen Zweck gehabt als die
nach Makedonien gefuehrten, naemlich die Unterbringung der Veteranen.
Wie sich die Griechen und die aeltere Bevoelkerung in Syrien zueinander
stellten, laesst sich schon an den oertlichen Benennungen deutlich verfolgen.
Landschaften und Staedte tragen hier der Mehrzahl nach griechische Namen,
grossenteils, wie bemerkt, der makedonischen Heimat entlehnte wie Pieria,
Anthemus, Arethusa, Beroea, Chalkis, Edessa, Europos, Kyrrhos, Larisa, Pella,
andere benannt nach Alexander oder den Gliedern des seleukidischen Hauses, wie
Alexandreia, Antiocheia, Seleukis und Seleukeia, Apameia, Laodikeia, Epiphaneia.
Die alten einheimischen Namen behaupten sich wohl daneben, wie Beroea, zuvor
aramaeisch Chaleb, auch Chalybon, Edessa oder Hierapolis, zuvor Mabog, auch
Bambyke, Epiphaneia, zuvor Hamat, auch Amathe genannt wird. Aber meistens traten
die aelteren Benennungen vor den fremden zurueck und nur wenige Landschaften und
groessere Orte wie Kommagene, Samosata, Hemesa, Damaskos entbehren
neugeschoepfter griechischer Namen. Das oestliche Kilikien hat wenig
makedonische Gruendungen aufzuweisen; aber die Hauptstadt Tarsos hat sich frueh
und vollstaendig hellenisiert und ist lange vor der roemischen Zeit eines der
Zentren der hellenischen Bildung geworden. Etwas anderes ist es in Phoenike: die
altberuehmten Kaufstaedte Arados, Byblos, Berytos, Sidon, Tyros haben die
einheimischen Namen nicht eigentlich abgelegt; aber wie auch hier das
Griechische die Oberhand gewann, zeigt die hellenisierende Umbildung eben dieser
Namen, und noch deutlicher, dass Neu-Arados uns nur unter dem griechischen Namen
Antarados bekannt ist, ebenso die von den Tyriern, den Sidoniern und den
Aradiern gemeinschaftlich an dieser Kueste gegruendete neue Stadt nur unter dem
Namen Tripolis, und beide ihre heutigen Benennungen Tartus und Tarabulus aus den
griechischen entwickelt haben. Schon in der Seleukidenzeit tragen die Muenzen im
eigentlichen Syrien ausschliesslich, die der phoenikischen Staedte weit
ueberwiegend griechische Aufschrift; und von Anfang der Kaiserzeit an steht die
Alleinherrschaft des Griechischen hier fest ^2.
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^2 Von Byblos gibt es eine Muenze aus Augustus' Zeit mit griechischer und
phoenikischer Aufschrift (Imhoof-Blumer, Monnaies grecques, Leipzig 1883, S.
443).
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Nur die nicht bloss durch weite Wuestenstrecken geschiedene, sondern auch
eine gewisse politische Selbstaendigkeit bewahrende Oase Palmyra macht, wie wir
sahen, hierin eine Ausnahme. Aber in dem Verkehr blieben die einheimischen
Idiome. In den Bergen des Libanos und des Antilibanos, wo auch in Hemesa (Roms),
Chalkis, Abila (beide zwischen Berytus und Damaskos) kleine Fuerstenhaeuser
einheimischen Ursprungs bis gegen das Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr.
schalteten, hat die einheimische Sprache in der Kaiserzeit wahrscheinlich die
Alleinherrschaft gehabt, wie denn in den schwer zugaenglichen Gebirgen der
Drusen die Sprache Arams erst in neuerer Zeit dem Arabischen gewichen ist. Aber
vor zwei Jahrtausenden war dieselbe in der Tat in ganz Syrien die Sprache des
Volkes ^3. Dass bei den doppelnamigen Staedten im gewoehnlichen Leben die
syrische Benennung ebenso ueberwog wie in der Literatur die griechische, zeigt
sich darin, dass heute Beroea-Chalybon Haleb (Aleppo), Epiphaneia-Amathe Hama,
Hierapolis-Bambyke-Mabog Membidj, Tyros mit seinem phoenikischen Namen Sur
genannt wird; dass die uns aus den Urkunden und den Schriftstellern nur als
Heliopolis bekannte syrische Stadt ihren uralten einheimischen Namen Baalbek
noch heute fuehrt, ueberhaupt allgemein die heutigen Ortsnamen nicht aus den
griechischen, sondern aus den aramaeischen hervorgegangen sind.
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^3 Johannes Chrysostomos aus Antiocheia (t 407) weist mehrfach (De sanctis
martyros. Opera. Paris 1718 ff. Vol. 2, p. 651; homil. 19, a. a. O., p. 188) hin
auf die eterophonia, die barbaros phon/e/ des laos im Gegensatz zu der Sprache
der Gebildeten.
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Ebenso zeigt der Kultus das Fortleben des syrischen Volkstums. Die Syrer
von Beroea bringen ihre Weihgeschenke mit griechischer Aufschrift dem Zeus
Malbachos, die von Apameia dem Zeus Belos, die von Berytus als roemische Buerger
dem Jupiter Balmarcodes, alles Gottheiten, an denen weder Zeus noch Jupiter
wirklichen Teil hatten. Jener Zeus Belos ist kein anderer als der in Palmyra in
syrischer Sprache verehrte Malach Belos. Wie lebendig die heimische
Goetterverehrung in Syrien gewesen und geblieben ist, dafuer legt das
deutlichste Zeugnis ab, dass die Dame von Hemesa, die durch ihre Verschwaegerung
mit dem Severischen Hause fuer ihren Tochtersohn im Anfang des 3. Jahrhunderts
die Kaiserwuerde erlangte, nicht damit zufrieden, dass der Knabe Oberpontifex
des roemischen Volkes hiess, ihn auch anhielt, sich den Oberpriester des
heimischen Sonnengottes Elagabalus vor allen Roemern zu titulieren. Die Roemer
mochten die Syrer besiegen; aber die roemischen Goetter haben in ihrer eigenen
Heimat vor den syrischen das Feld geraeumt.
Nicht minder sind die zahlreichen auf uns gekommenen syrischen Eigennamen
ueberwiegend ungriechisch und Doppelnamen nicht selten; der Messias heisst auch
Christos, der Apostel Thomas auch Didymos, die von Petrus wiedererweckte Frau
aus Joppe das "Reh", Tabitha oder Dorkas. Aber fuer die Literatur und vermutlich
auch fuer den Geschaeftsverkehr und den Verkehr der Gebildeten war das syrische
Idiom so wenig vorhanden wie im Westen das keltische; in diesen Kreisen
herrschte ausschliesslich das Griechische, abgesehen von dem auch im Osten fuer
das Militaer geforderten Latein. Ein Literat aus der zweiten Haelfte des zweiten
Jahrhunderts, den der frueher erwaehnte Koenig von Armenien Sohaemos an seinen
Hof zog, hat einen Roman, der in Babylon spielt, einiges ueber seine eigene
Lebensgeschichte eingelegt, das diese Verhaeltnisse erlaeutert. Er sei, sagt er,
ein Syrer, aber nicht von den eingewanderten Griechen, sondern von Vater- und
Mutterseite einheimischer Abkunft, Syrer nach Sprache und Sitte, auch
babylonischer Sprache und persischer Magie kundig. Aber eben dieser, das
hellenische Wesen in gewissem Sinne ablehnende Mann fuegt hinzu, dass er
hellenische Bildung sich angeeignet habe, und ist ein angesehener Jugendlehrer
in Syrien und ein namhafter Romanschriftsteller der spaeteren griechischen
Literatur geworden ^4.
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^4 Der Auszug des Photios aus dem Roman des Iamblichos c. 11, welcher den
Verfasser irrig zu einem Babylonier macht, wird durch das Scholion dazu
wesentlich berichtigt und ergaenzt. Der Geheimschreiber der Grosskoenigs, der
unter den traianischen Gefangenen nach Syrien kommt, dort des Iamblichos
Erzieher wird und ihn in der "barbarischen Weisheit" unterweist, ist natuerlich
eine Figur des in Babylon spielenden Romans, den Iamblichos von diesem seinem
Lehrmeister vernommen haben will; aber charakteristisch fuer die Zeit ist der
armenische Hofliterat und Prinzenerzieher (denn als "guten Rhetor" hat ihn doch
wohl Sohaemos nach Valarschapat berufen) selbst, der kraft seiner magischen
Kunst nicht bloss den Fliegenzauber und die Geisterbeschwoerung versteht,
sondern auch dem Verus den Sieg ueber Vologasos vorhersagt und zugleich
Geschichten, wie sie auch in 'Tausendundeiner Nacht' stehen koennten, den
Griechen griechisch erzaehlt.
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Wenn spaeterhin das syrische Idiom wieder zur Schriftsprache geworden ist
und eine eigene Literatur entwickelt hat, so ist dies nicht auf eine Ermannung
des Nationalgefuehls zurueckzufuehren, sondern auf das unmittelbare Beduerfnis
der christlichen Propaganda: jene syrische Literatur, ausgegangen von der
Uebersetzung der christlichen Bekenntnisschriften in das Syrische, blieb gebannt
in den Kreis der spezifischen Bildung des christlichen Klerus und nahm daher von
der allgemeinen hellenischen Bildung nur den kleinen Bruchteil auf, den die
Theologen jener Zeit ihren Zwecken zutraeglich oder doch damit vertraeglich
fanden ^5; ein hoeheres Ziel als die Uebertragung der griechischen
Klosterbibliothek auf die Maronitenkloester hat diese Schriftstellerei nicht
erreicht und wohl auch nicht erstrebt. Sie reicht auch schwerlich weiter zurueck
als in das zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung und hat ihren Mittelpunkt
nicht in Syrien, sondern in Mesopotamien, namentlich in Edessa ^6, wo
wahrscheinlich, anders als in dem aelteren roemischen Gebiet, sich die Anfaenge
einer vorchristlichen Literatur in der Landessprache entwickelt hatten.
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^5 Die syrische Literatur besteht fast ausschliesslich aus Uebersetzungen
griechischer Werke. Unter den Profanschriften stehen in erster Reihe
Aristotelische und Plutarchische Traktate, dann praktische Schriften
juristischen oder agronomischen Inhalts und populaere Unterhaltungsbuecher wie
der Alexanderroman, Aesops Fabeln, Menanders Sentenzen.
^6 Die syrische Uebersetzung des Neuen Testaments, der aelteste uns
bekannte syrische Sprachtext, ist wahrscheinlich in Edessa entstanden; die
strati/o/tai der Apostelgeschichte heissen hier "Roemer".
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Unter den mannigfaltigen Bastardformen, welche der Hellenismus in seiner
zugleich zivilisierenden und degenerierenden Propaganda angenommen hat, ist die
syrohellenische wohl diejenige, in welcher die beiden Elemente am meisten im
Gleichgewicht standen, vielleicht aber zugleich diejenige, die die
Gesamtentwicklung des Reiches am entschiedensten beeinflusst hat. Die Syrer
empfingen wohl die griechische Staedteordnung und eigneten sich hellenische
Sprache und Sitte an; dennoch hoerten sie nie auf, sich als Orientalen zu
fuehlen oder vielmehr als Traeger einer doppelten Zivilisation. Nirgends
vielleicht ist dies schaerfer ausgesprochen als in dem kolossalen Grabtempel,
welchen im ersten Anfang der Kaiserzeit Koenig Antiochos von Kommagene sich auf
einem einsamen Berggipfel unweit des Euphrat errichtet hat. Er nennt in der
ausfuehrlichen Grabschrift sich einen Perser; im persischen Gewande, wie das
Herkommen seines Geschlechts es erheischt, soll der Priester des Heiligtums ihm
die Gedaechtnisopfer darbringen; aber wie die Perser nennt er auch die Hellenen
die gesegneten Wurzeln seines Geschlechts und fleht den Segen aller Goetter der
Persis wie der Maketis, das heisst des persischen wie des makedonischen Landes
auf seine Nachkommen herab. Denn er ist der Sohn eines einheimischen Koenigs vom
Geschlecht der Achaemeniden und einer griechischen Fuerstentochter aus dem Hause
des Seleukos, und dem entsprechend schmueckten das Grabmal in langer Doppelreihe
die Abbilder einerseits seiner vaeterlichen Ahnen bis auf den ersten Dareios,
andererseits seiner muetterlichen bis zu dem Marschall Alexanders. Die Goetter
aber, die er verehrt, sind zugleich persisch und griechisch, Zeus Oromasdes,
Apollon Mithras Helios Hermes, Artagnes Herakles Ares, und dieses letzteren Bild
zum Beispiel traegt die Keule des griechischen Heros und zugleich die persische
Tiara. Dieser persische Fuerst, der zugleich sich einen Freund der Hellenen und
als loyaler Untertan des Kaisers einen Freund der Roemer nennt, wie nicht minder
jener von Marcus und Lucius auf den Thron von Armenien berufene Achaemenide
Sohaemos, sind echte Vertreter der einheimischen, die persischen Erinnerungen
und die roemisch-hellenische Gegenwart gleichmaessig im Sinne tragenden
Aristokratie des kaiserlichen Syriens. Aus solchen Kreisen ist der persische
Mithraskult in den Okzident gelangt. Aber die Bevoelkerung, welche zugleich
unter diesem persischen oder sich persisch nennenden Grossadel und unter dem
Regiment der makedonischen und spaeter der italienischen Herren stand, war in
Syrien wie in Mesopotamien und in Babylonien aramaeisch; sie erinnert vielfach
an die heutigen Rumaenen gegenueber den vornehmen Sachsen und Magyaren. Sicher
waren sie das verderbteste und das verderbendste Element in dem roemisch-
hellenischen Voelkerkonglomerat. Von dem sogenannten Caracalla, der als Sohn
eines afrikanischen Vaters und einer syrischen Mutter in Lyon geboren war, wird
gesagt, dass er die Laster dreier Staemme in sich vereinigt habe, die gallische
Leichtfertigkeit, die afrikanische Wildheit und die syrische Spitzbueberei.
Diese Durchdringung des Orients und des Hellenismus, die nirgends so
vollstaendig wie in Syrien sich vollzogen hat, tritt uns ueberwiegend in der
Gestalt entgegen, dass in der Mischung das Gute und Edle zugrunde geht. Indes
ist dies nicht ueberall der Fall; die spaetere Entwicklung der Religion wie der
Spekulation, das Christentum und der Neuplatonismus, sind aus der gleichen
Paarung hervorgegangen; wenn mit jenem der Osten in den Westen dringt, so ist
dieser die Umgestaltung der okzidentalischen Philosophie im Sinn und Geist des
Ostens, eine Schoepfung zunaechst des Aegypters Plotinos (204 bis 270) und
seines bedeutendsten Schuelers, des Tyriers Malchos oder Porphyrios (233 bis
nach 300), und dann vorzugsweise in den Staedten Syriens gepflegt. Beide
welthistorischen Bildungen zu eroertern, ist hier nicht der Platz; vergessen
aber duerfen sie auch bei der Wuerdigung der syrischen Verhaeltnisse nicht
werden.
Die syrische Art findet ihren eminenten Ausdruck in der Hauptstadt des
Landes und vor Konstantinopels Gruendung des roemischen Ostens ueberhaupt, der
Volkszahl nach in dieser Epoche nur hinter Rom und Alexandreia und etwa noch dem
babylonischen Seleukeia zurueckstehend, Antiocheia, bei welchem es erforderlich
scheint, einen Augenblick zu verweilen. Die Stadt, eine der juengsten Syriens
und heutzutage von geringer Bedeutung, ist nicht durch die natuerlichen
Verkehrsverhaeltnisse Grossstadt geworden, sondern eine Schoepfung monarchischer
Politik. Die makedonischen Eroberer haben sie ins Leben gerufen zunaechst aus
militaerischen Ruecksichten, als geeignete Zentralstelle fuer eine Herrschaft,
die zugleich Kleinasien, das Euphratgebiet und Aegypten umspannte und auch dem
Mittelmeer nahe sein wollte ^7. Das gleiche Ziel und die verschiedenen Wege der
Seleukiden und der Lagiden finden ihren treuen Ausdruck in der Gleichartigkeit
und dem Gegensatz von Antiocheia und Alexandreia; wie dieses fuer die Seemacht
und die maritime Politik der aegyptischen Herrscher, so ist Antiocheia der
Mittelpunkt fuer die kontinentale Orientmonarchie der Herrscher Asiens. Zu
verschiedenen Malen haben die spaeteren Seleukiden hier grosse Neugruendungen
vorgenommen, so dass die Stadt, als sie roemisch wurde, aus vier selbstaendigen
und ummauerten Bezirken bestand, die wieder alle eine gemeinsame Mauer
einschloss. Auch an Einwanderern aus der Ferne fehlte es nicht. Als das
eigentliche Griechenland unter die Herrschaft der Roemer geriet und Antiochos
der Grosse vergeblich versucht hatte, diese dort zu verdraengen, gewaehrte er
wenigstens den auswandernden Euboeern und Aetolern in seiner Residenz eine
Freistatt. Wie in der Hauptstadt Aegyptens ist auch in derjenigen Syriens den
Juden ein gewissermassen selbstaendiges Gemeinwesen und eine privilegierte
Stellung eingeraeumt worden, und ihre Stellung als Zentren der juedischen
Diaspora ist nicht das schwaechste Element in der Entwicklung beider Staedte
geworden. Einmal zur Residenz und zum Sitz der obersten Verwaltung eines grossen
Reiches gemacht, blieb Antiocheia auch in roemischer Zeit die Hauptstadt der
asiatischen Provinzen Roms. Hier residierten die Kaiser, wenn sie im Orient
verweilten, und regelmaessig der Statthalter von Syrien; hier wurde die
Reichsmuenze fuer den Osten geschlagen und hier vornehmlich, daneben in Damaskos
und in Edessa befanden sich die Reichswaffenfabriken. Freilich hatte die Stadt
fuer das Roemerreich ihre militaerische Bedeutung verloren und unter den
veraenderten Verhaeltnissen wurde die schlechte Verbindung mit dem Meer als ein
grosser Uebelstand empfunden, nicht so sehr wegen der Entfernung als weil der
Hafen, die zugleich mit Antiocheia angelegte Stadt Seleukeia, fuer den grossen
Verkehr wenig geeignet war. Ungeheure Summen haben die roemischen Kaiser von den
Flaviern an bis auf Constantius aufgewandt, um in die diese Oertlichkeit
umgebenden Felsenmassen die erforderlichen Docks mit den Zuzugs-Kanaelen zu
brechen und genuegende Molen herzustellen; aber die Kunst der Ingenieure,
welcher an der Muendung des Nil die hoechsten Wuerfe gluecklich gelangen, rang
in Syrien vergeblich mit den unueberwindlichen Schwierigkeiten des Terrains.
Selbstverstaendlich hat die groesste Stadt Syriens an der Fabrikation und dem
Handel dieser Provinz, wovon noch weiter die Rede sein wird, sich lebhaft

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