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Rˆmische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen

Part 5 out of 12

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Beispiel die eine Stimme der peloponnesischen Dorier wechselte zwischen Argos,
Sikyon, Korinth und Megara. Eine Gesamtvertretung der europaeischen Hellenen
waren die Amphiktyonen insofern auch jetzt nicht, als die frueher
ausgeschlossenen Voelkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Teil der
Peloponnesier und die nicht zu Nikopolis gezogenen Aetoler, darin nicht
repraesentiert waren.
^2 Die stehenden Zusammenkuenfte in Delphi und an den Thermopylen waehrten
fort (Paus. 7, 24, 3; Vita Apoll. 4, 23) und natuerlich auch die Ausrichtung der
Pythischen Spiele nebst der Erteilung der Preise durch das Kollegium der
Amphiktyonen (vit. soph. 2, 27); dasselbe hat die Verwaltung der "Zinsen und
Einkuenfte" des Tempels (Inschrift von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2,
1843, S. 111) und legt aus denselben, zum Beispiel in Delphi, eine Bibliothek an
(Lebas-Foucart II, S. 845) oder setzt daselbst Bildsaeulen.
^3 Die Mitglieder des Kollegiums der Ampsiktiones oder, wie sie in dieser
Epoche heissen, Ampsikt?ones, werden von den einzelnen Staedten in der frueher
bezeichneten Weise bald von Fall zu Fall (Iteration: CIG 1085), bald auf
Lebenszeit (Plut. an seni 20) bestellt; was wohl davon abhaengt, ob die Stimme
staendig war oder alternierend (Wilamowitz). Ihr Vorsteher heisst in frueherer
Zeit epimel/e/t/e/s to? koino? t/o/n Ampsiktyon/o/n (Inschriften von Delphi,
Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111; CIG 1713), spaeter Elladarch/e/s
t/o/n Ampsiktyon/o/n (CIG 1124).
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Hand in Hand mit der sakralen Einigung der europaeischen Griechen ging die
administrative Aufloesung der griechisch-makedonischen Statthalterschaft der
Republik. An der Teilung der Reichsverwaltung unter Kaiser und Senat hing sie
nicht, da dieses gesamte Gebiet und nicht minder die vorliegenden
Donaulandschaften bei der urspruenglichen Teilung dem Senat zugewiesen wurden;
ebensowenig haben militaerische Ruecksichten hier eingegriffen, da die ganze
Halbinsel bis hinauf zur thrakischen Grenze, als gedeckt teils durch diese
Landschaft, teils durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befriedeten
Binnenlande zugerechnet worden ist. Wenn der Peloponnes und das attisch-
boeotische Festland damals seinen eigenen Prokonsul erhielt und von Makedonien
getrennt ward, was wohl schon Caesar beabsichtigt haben mag, so war dabei, neben
der allgemeinen Tendenz, die senatorischen Statthalterschaften nicht zu gross zu
nehmen, vermutlich die Ruecksicht massgebend, das rein hellenische Gebiet von
dem halb hellenischen zu scheiden. Die Grenze der Provinz Achaia war anfaenglich
der Oeta, und auch nachdem die Aetoler spaeter dazu gelegt worden ^4, ist sie
nicht hinausgegangen ueber den Acheloos und die Thermopylen.
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^4 Die urspruenglichen Grenzen der Provinz bezeichnet Strabon (17, 3, 25 p.
840) in der Aufzaehlung der senatorischen Provinzen: Achaia mechri THettalias
kai Ait/o/l/o/n kai Akarnan/o/n kai tin/o/n /E/peir/o/tik/o/n ethn/o/n osa t/e/
Makedonia pros/o/risto, wobei der uebrige Teil von Epirus der (von Strabon hier,
fuer seine Zeit irrig, den senatorischen zugezaehlten) Provinz Illyricum
zugeteilt zu werden scheint. Mechri einschliessend zu nehmen geht, von
sachlichen Erwaegungen abgesehen, schon deswegen nicht an, weil nach den
Schlussworten die vorher genannten Gebiete "Makedonien zugeteilt sind".
Spaeterhin finden wir die Aetoler zu Achaia gelegt (Ptol. geogr. 3, 14). Dass
Epirus eine Zeitlang auch dazu gehoert hat, ist moeglich, nicht so sehr wegen
der Angabe bei Dio 53, 12, die weder fuer Augustus' Zeit noch fuer diejenige
Dios verteidigt werden kann, sondern weil Tacitus zum Jahre 17 (ann. 2, 53)
Nikopolis zu Achaia rechnet. Aber wenigstens seit Traian bildet Epirus mit
Akarnanien eine eigene prokuratorische Provinz (Ptol. geogr. 3, 13; CIL III,
536; Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 331). Thessalien und alles
Land noerdlich vom Oeta ist stets bei Makedonien geblieben.
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Diese Ordnungen betrafen die Landschaft im ganzen. Wir wenden uns zu der
Stellung, welche den einzelnen Stadtgemeinden unter der roemischen Herrschaft
gegeben ward.
Die urspruengliche Absicht der Roemer, die Gesamtheit der griechischer.
Stadtgemeinden in aehnlicher Weise an das eigene Gemeinwesen anzuschliessen, wie
dies mit den italischen geschehen war, hatte infolge des Widerstandes, auf den
diese Einrichtungen trafen, insbesondere infolge der Auflehnung des Achaeischen
Bundes im Jahre 608 (146) und des Abfalls der meisten Griechenstaedte zu Koenig
Mithradates im Jahre 666 (88) wesentliche Einschraenkungen erfahren. Die
Staedtebuende, das Fundament aller Machtentwicklung in Hellas wie in Italien,
und von den Roemern anfaenglich akzeptiert, waren saemtlich, namentlich der
wichtigste der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, der Achaeer, aufgeloest
und die einzelnen Staedte angehalten worden, ihr Gemeinwesen fuer sich zu
ordnen. Es wurden ferner fuer die einzelnen Gemeindeverfassungen von der
Vormacht gewisse allgemeine Normen aufgestellt und nach diesem Schema dieselben
in antidemokratischer Tendenz reorganisiert. Nur innerhalb dieser Schranken
blieb der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die eigene Magistratur. Es
blieben ihr auch die eigenen Gerichte; aber daneben stand der Grieche von Rechts
wegen unter den Ruten und Beilen des Praetors, und wenigstens konnte wegen eines
jeden Vergehens, das als Auflehnung gegen die Vormacht sich betrachten liess,
von den roemischen Beamten auf Geldbusse oder Ausweisung oder auch Lebensstrafe
erkannt werden ^5. Die Gemeinden besteuern sich selbst; aber sie hatten
durchgaengig eine bestimmte, im ganzen, wie es scheint, nicht hoch gegriffene
Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungen wurden nicht so, wie einst in
makedonischer Zeit, in die Staedte gelegt, da die in Makedonien stehenden
Truppen noetigenfalls in der Lage waren, auch in Griechenland einzuschreiten.
Aber schwerer als die Zerstoerung Thebens auf dem Andenken Alexanders, lastet
auf der roemischen Aristokratie die Schleifung Korinths. Die uebrigen
Massregeln, wie gehaessig und erbitternd sie auch teilweise waren, namentlich
als von der Fremdherrschaft oktroyiert, mochten im ganzen genommen unvermeidlich
sein und vielfach heilsam wirken; sie waren die unvermeidliche Palinodie der
urspruenglichen, zum Teil recht unpolitischen roemischen Politik des Verzeihens
und Verziehens gegenueber den Hellenen. Aber in der Behandlung Korinths hatte
sich der kaufmaennische Egoismus in unheimlicher Weise maechtiger erwiesen als
alles Philhellenentum.
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^5 Nichts gibt von der Lage der Griechen des letzten Jahrhunderts der
roemischen Republik ein deutlicheres Bild als das Schreiben eines dieser
Statthalter an die achaeische Gemeinde Dyme (CIG 1543). Weil diese Gemeinde sich
Gesetze gegeben hat, welche der im allgemeinen den Griechen geschenkten Freiheit
(/e/ apodedomen/e/ kata koinon tois 'Ell/e/sin eleytheria) und der von den
Roemern den Achaeern gegebenen Ordnung (/e/ apodeytheisa tois Achaiois ypo
R/o/mai/o/n politeia; wahrscheinlich unter Mitwirkung des Polybios Paus. 8, 30,
9) zuwiderliefen, worueber es allerdings auch zu Auflaeufen gekommen war, zeigt
der Statthalter der Gemeinde an, dass er die beiden Raedelsfuehrer habe
hinrichten, lassen und ein minder schuldiger Dritter nach Rom exiliert sei.
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Bei allem dem war der Grundgedanke der roemischen Politik, die griechischen
Staedte dem italischen Staedtebund anzugliedern, nie vergessen worden; gleich
wie Alexander niemals Griechenland hat beherrschen wollen wie Illyrien und
Aegypten, so haben auch seine roemischen Nachfolger das Untertanenverhaeltnis
nie vollstaendig auf Griechenland angewandt und schon in republikanischer Zeit
von dem strengen Recht des den Roemern aufgezwungenen Krieges wesentlich
nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenueber Athen. Keine griechische
Stadt hat vom Standpunkt der roemischen Politik aus so schwer gegen Rom gefehlt
wie diese; ihr Verhalten im Mithradatischen Kriege haette bei jedem anderen
Gemeinwesen unvermeidlich die Schleifung herbeigefuehrt. Aber vom
philhellenischen Standpunkt aus freilich war Athen das Meisterstueck der Weit,
und es knuepften sich an dasselbe fuer die vornehme Welt des Auslandes aehnliche
Neigungen und Erinnerungen wie fuer unsere gebildeten Kreise an Pforta und an
Bonn; dies ueberwog damals wie frueher. Athen hat nie unter den Beilen des
roemischen Statthalters gestanden und niemals nach Rom gesteuert, hat immer mit
Rom beschworenes Buendnis gehabt und nur ausserordentlicher und, wenigstens der
Form nach, freiwilliger Weise den Roemern Beihilfe gewaehrt. Die Kapitulation
nach der Sullanischen Belagerung fuehrte wohl eine Aenderung der
Gemeindeverfassung herbei, aber das Buendnis ward erneuert, ja sogar alle
auswaertigen Besitzungen zurueckgegeben; selbst die Insel Delos, welche, als
Athen zu Mithradates uebertrat, sich losgemacht und als selbstaendiges
Gemeinwesen konstituiert hatte und zur Strafe fuer ihre Treue gegen Rom von der
pontischen Flotte ausgeraubt und zerstoert worden war ^6.
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^6 Die delischen Ausgrabungen der letzten Jahre haben die Beweise
geliefert, dass die Insel, nachdem die Roemer sie einmal an Athen gegeben
hatten, bestaendig athenisch geblieben ist und sich zwar infolge des Abfalls der
Athener von Rom als Gemeinde der "Delier" konstituierte (Eph, epigr. V, p. 604),
aber schon sechs Jahre nach der Kapitulation Athens wieder athenisch war (Ep h.
epigr. V, n. 184; Homolle im BCH 8, 1884, S. 142).
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Mit aehnlicher Ruecksicht, und wohl auch zum guten Teil seines grossen
Namens wegen, ist Sparta behandelt worden. Auch einige andere Staedte der
spaeter zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung bereits unter der
Republik. Wohl kamen dergleichen Ausnahmen in jeder roemischen Provinz vor; aber
dem griechischen Gebiet ist dies von Haus aus eigen, dass eben die beiden
namhaftesten Staedte desselben ausserhalb des Untertanenverhaeltnisses standen
und dieses demnach nur die geringeren Gemeinwesen traf.
Auch fuer die untertaenigen Griechenstaedte traten schon unter der Republik
Milderungen ein. Die anfaenglich untersagten Staedtebuende lebten allmaehlich
wieder auf, insbesondere die kleineren und machtlosen, wie der boeotische, sehr
bald ^7; mit der Gewoehnung an die Fremdherrschaft schwanden die oppositionellen
Tendenzen, welche ihre Aufhebung herbeigefuehrt hatten, und ihre enge
Verknuepfung mit dem sorgfaeltig geschonten, althergebrachten Kultus wird ihnen
weiter zugute gekommen sein, wie denn schon bemerkt worden ist, dass die
roemische Republik die Amphiktyonie in ihren urspruenglichen nicht politischen
Funktionen wiederherstellte und schuetzte. Gegen das Ende der republikanischen
Zeit scheint die Regierung den Boeotern sogar gestattet zu haben, mit den
kleinen noerdlich angrenzenden Landschaften und der Insel Euboea eine
Gesamtverbindung einzugehen ^8.
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^7 Ob das koinon t/o/n Achai/o/n, das in der eigentlich republikanischen
Zeit natuerlicherweise nicht vorkommt, schon am Ende derselben oder erst nach
Einfuehrung der kaiserlichen Provinzialordnung rekonstruiert worden ist, ist
zweifelhaft. Inschriften wie die olympische des Proquaestors Q. Ancharius Q. f.
(Archaeologische Zeitung 36, 1878, S. 38, n. 114) sprechen mehr fuer die erstere
Annahme; doch kann sie nicht mit Gewissheit als voraugustisch bezeichnet werden.
Das aelteste sichere Zeugnis fuer die Existenz dieser Vereinigung ist die von
ihr dem Augustus in Olympia gesetzte Inschrift (Archaeologische Zeitung 35,
1877, S. 36, n. 33). Vielleicht sind dies Ordnungen des Diktators Caesar und im
Zusammenhang mit dem unter ihm begegnenden Statthalter "Griechenlands",
wahrscheinlich des Achaia der Kaiserzeit (Cic. ad fam. 6, 6, 10).
Uebrigens haben sicher auch unter der Republik, nach Ermessen des
jedesmaligen Statthalters, mehrere Gemeinden fuer einen bestimmten Gegenstand
durch Deputierte zusammentreten und Beschluesse fassen koennen; wie das koinon
der Sikelioten also dem Verres eine Statue dekretierte (Cic. Verr. 1, 2, 46,
114), wird aehnliches auch in Griechenland unter der Republik vorgekommen sein.
Aber die regelmaessigen provinzialen Landtage mit ihren festen Beamten und
Priestern sind eine Einrichtung der Kaiserzeit.
^8 Dies ist das koinon Boi/o/t/o/n Eyboe/o/n Lokr/o/n PH/o/ke/o/n
D/o/rie/o/n merkwuerdigen, wahrscheinlich kurz vor der Attischen Schlacht
gesetzten Inschrift CIA III, 568. Unmoeglich kann mit Dittenberger
(Archaeologische Zeitung 34, 1876, S. 220) auf diesen Bund die Meldung des
Pausanias (7, 16, 10) bezogen werden, dass die Roemer "nicht viele Jahre" nach
der Zerstoerung Korinths sich der Hellenen erbarmt und ihnen die
landschaftlichen Vereinigungen (synedria kata ethnos ekastois) wieder gestattet
haetten; dies geht auf die kleineren Einzelbuende.
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Den Schlussstein der republikanischen Epoche macht die Suehnung der
Schleifung Korinths durch den groessten aller Roemer und aller Philhellenen, den
Diktatar Caesar, und die Erneuerung des Sternes von Hellas in der Form einer
selbstaendigen Gemeinde roemischer Buerger, der neuen "julischen Ehre".
Diese Verhaeltnisse fand das eintretende Kaiserregiment in Griechenland
vor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem unmittelbaren Eingreifen
der Provinzialregierung und von der Steuerzahlung an das Reich befreiten
Gemeinden, denen die Kolonien der roemischen Buerger in vieler Hinsicht
gleichstehen, begreifen weitaus den groessten und besten Teil der Provinz
Achaia: im Peloponnes Sparta, mit seinem zwar geschmaelerten, aber doch jetzt
wieder die noerdliche Haelfte Lakoniens umfassenden Gebiet ^9, immer noch das
Gegenbild Athens, sowohl in den versteinerten altfraenkischen Institutionen wie
in der wenigstens aeusserlich bewahrten Ordnung und Haltung; ferner die achtzehn
Gemeinden der freien Lakonen, die suedliche Haelfte der lakonischen Landschaft,
einst spartanische Untertanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den Roemern als
selbstaendiger Staedtebund organisiert und von Augustus gleich Sparta mit der
Freiheit beliehen ^10; endlich in der Landschaft der Achaeer ausser Dyme, das
schon von Pompeius mit Piratenkolonisten belegt worden war und dann durch Caesar
neue roemische Ansiedler empfangen hatte ^11, vor allem Patrae, aus einem
herabgekommenen Flecken von Augustus, seiner fuer den Handel guenstigen Lage
wegen, teils durch Zusammenziehung der umliegenden kleinen Ortschaften, teils
durch Ansiedelung zahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten und
bluehendsten Stadt der Halbinsel umgeschaffen und als roemische Buergerkolonie
konstituiert, unter die auch auf der gegenueberliegenden lokrischen Kueste
Naupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. Auf dem Isthmos war Korinth, wie es
einst das Opfer der Gunst seiner Lage geworden war, so jetzt nach seiner
Wiederherstellung, aehnlich wie Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb-
und volkreichste Stadt Griechenlands, ueberdies der regelmaessige Sitz der
Regierung. Wie die Korinther die ersten Griechen gewesen waren, welche die
Roemer als Landsleute anerkannt hatten durch Zulassung zu den Isthmischen
Spielen, so leitete dieselbe Stadt jetzt, obgleich roemische Buergergemeinde,
dieses hohe griechische Nationalfest. Auf dem Festlande gehoerten zu den
befreiten Distrikten nicht bloss Athen mit seinem ganz Attika und zahlreiche
Inseln des Aegaeischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch Tanagra und
Thespiae, damals die beiden ansehnlichsten Staedte der boeotischen Landschaft,
ferner Plataeae ^12; in Phokis Delphi, Abae, Elateia, sowie die ansehnlichste
der lokrischen Staedte, Amphissa. Was die Republik begonnen hatte, das
vollendete Augustus in der eben dargelegten, wenigstens in den Hauptzuegen von
ihm festgestellten und auch spaeter im wesentlichen festgehaltenen Ordnung.
Wenngleich die dem Prokonsul unterworfenen Gemeinden der Provinz der Zahl nach
gewiss und vielleicht auch nach der Gesamtbevoelkerung ueberwogen, so sind in
echt philhellenischem Geiste die durch materielle Bedeutung oder durch grosse
Erinnerungen ausgezeichnetsten Staedte Griechenlands befreite ^13.
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^9 Dazu gehoerte nicht bloss das nahe Amyklae, sondern auch Kardmyle (durch
Schenkung Augusts, Paus. 3, 26, 7), Pherae (Paus. 4, 30, 2), Thuria (das. 4, 31,
1) und eine Zeitlang auch Korone (CIG 1258; vgl. Lebas-Foucart II, S. 305) am
Messenischen Busen, ferner die Insel Kythera (Dio 54, 7).
^10 In republikanischer Zeit erscheint dieser Distrikt als to koinon t/o/n
Lakedaimoni/o/n (Lebas-Foucart II, S. 110); Pausanias (3, 21, 6) irrt also, wenn
er ihn erst durch Augustus von Sparta loesen laesst. Aber Eleytherolakones
nennen sie sich erst seit Augustus, und die Erteilung der Freiheit wird also mit
Recht auf diesen zurueckgefuehrt.
^11 Es gibt Muenzen dieser Stadt mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia)
D(ume)und dem Kopf Caesars, andere mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia)
A(ugusta) Du m(e) und dem Kopf Augusts neben dem des Tiberius (F. Imhoof-Blumer,
Monnaies Grecques. Leipzig 1883, S. 165). Dass Augustus Dyme der Kolonie Patrae
zugeteilt hat, ist wohl ein Irrtum des Pausanias (7,17, 5); moeglich bleibt es
freilich, dass Augustus in seinen spaeteren Jahren diese Vereinigung verfuegt
hat.
^12 Dies zeigt, wenigstens fuer die Zeit des Pius, die afrikanische
Inschrift CIL VIII, 7059 (vgl. Plut. Arist. 21). Die Schriftstellernachrichten
ueber die befreiten Gemeinden geben ueberhaupt keine Gewaehr fuer die
Vollstaendigkeit der Liste. Wahrscheinlich gehoert zu denselben auch Elis, das
von der Katastrophe der Achaeer nicht betroffen ward und auch spaeter noch nach
Olympiaden, nicht nach der Aera der Provinz datierte; ueberdies ist es
unglaublich, dass die Stadt der olympischen Feier nicht bestes Recht gehabt hat.
^13 Scharf drueckt dies Aristeides aus in der Lobrede auf Rom (or. p. 224
Jebb): diateleite t/o/n men Ell/e/n/o/n /o/sper trophe/o/n epimelomenoi ... to?s
men aristoys kai palai /e/gemonas (Athen und Sparta) eleytheroys kai aytonomoys
apheikotes ayt/o/n, t/o/n d'all/o/n metri/o/s ... ex/e/go?menoi, to?s de
barbaroys pros t/e/n ekastois ayt/o/n o?san ph?sin paid?ontes.
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Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der letzte
Kaiser des Claudischen Hauses, einer vom Schlage der verdorbenen Poeten und
insofern allerdings ein geborener Philhellene. Zum Dank fuer die Anerkennung,
die seine kuenstlerischen Leistungen in dem Heimatlande der Musen gefunden
hatten, sprach Nero, wie einst Titus Flamininus und wieder in Korinth bei den
Isthmischen Spielen, die saemtlichen Griechen des roemischen Regiments ledig,
frei von Tributen und gleich den Italikern keinem Statthalter untertan. Sofort
entstanden in ganz Griechenland Bewegungen, welche Buergerkriege gewesen sein
wuerden, wenn diese Leute mehr haetten fertig bringen koennen als Schlaegereien;
und nach wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, dass die
Griechen verlernt haetten, frei zu sein, die Provinzialverfassung wieder her
^14, so weit sie reichte.
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^14 Aber dankbar blieben die hellenischen Literaten ihrem Kollegen und
Patron. In dem Apolloniusroman schlaegt der grosse Weise aus Kappadokien
Vespasian die Ehre seiner Begleitung ab, weil er die Hellenen zu Sklaven gemacht
habe, wie sie eben im Begriff waren, wieder ionisch und dorisch zu reden, und
schreibt ihm verschiedene Billets von ergoetzlicher Grobheit. Ein Mann aus
Soloi, der den Hals brach und dann wieder auflebte und bei dieser Gelegenheit
alles sah, was Dante schaute, berichtete, dass er Neros Seele getroffen habe, in
welche die Arbeiter des Weltgerichts Flammennaegel getrieben hatten und
beschaeftigt waren sie in eine Natter umzugestalten; allein eine himmlische
Stimme habe Einspruch getan und geboten, den Mann wegen seines irdischen
Philhellenismus in eine minder abscheuliche Bestie zu verwandeln (Plut. de Sera
num. vind. a. E.).
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Die Rechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im wesentlichen dieselbe
wie unter der Republik. Soweit nicht roemische Buerger in Frage kamen, behielten
sie die volle Justizhoheit; nur scheinen die allgemeinen Bestimmungen ueber die
Appellationen an den Kaiser einer- und die Senatsbehoerden andererseits auch die
freien Staedte eingeschlossen zu haben ^15. Vor allem behielten sie die volle
Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Athen zum Beispiel hat in der Kaiserzeit
das Praegerecht geuebt, ohne je einen Kaiserkopf auf seine Muenzen zu setzen,
und auch auf spartanischen Muenzen der ersten Kaiserzeit fehlt derselbe haeufig.
In Athen blieb auch die alte Rechnung nach Drachmen und Obolen, nur dass
freilich die oertliche attische Drachme dieser Zeit nichts als lokale
Scheidemuenze war und dem Wert nach als Obol der attischen Reichsdrachme oder
des roemischen Denars kursierte. Selbst die formale Ausuebung des Rechts ueber
Krieg und Frieden war in einzelnen Vertraegen dergleichen Staaten gewahrt ^16.
Zahlreiche der italischen Gemeindeordnung voellig widerstreitende Institutionen
blieben bestehen, wie der jaehrliche Wechsel der Ratsmitglieder und die
Tagegelder dieser und der Geschworenen, welche, wenigstens in Rhodos, noch in
der Kaiserzeit gezahlt worden sind. Selbstverstaendlich uebte die roemische
Regierung nichtsdestoweniger auf die Konstituierung auch der befreiten Gemeinden
fortwaehrend einen massgebenden Einfluss. So ist zum Beispiel die athenische
Verfassung, sei es am Ausgang der Republik, sei es durch Caesar oder Augustus,
in der Weise modifiziert worden, dass nicht mehr jedem Buerger, sondern, wie
nach roemischer Ordnung, nur bestimmten Beamten das Recht zustand, einen Antrag
an die Buergerschaft zu bringen; und unter der grossen Zahl der bloss
figurierenden Beamten wurde einem einzigen, dem Strategen, die Geschaeftsleitung
in die Hand gelegt. Sicher sind auf diesem Wege noch mancherlei weitere Reformen
durchgefuehrt worden, deren Eintreten in dem abhaengigen wie unabhaengigen
Griechenland wir ueberall erkennen, ohne dass Zeit und Anlass der Reform sich
bestimmen laesst. So ist das Recht oder vielmehr das Unrecht der Asyle, welche
als Ueberreste einer rechtlosen Zeit jetzt fromme Schlupfwinkel fuer schlechte
Schuldner und Verbrecher geworden waren, gewiss auch in dieser Provinz wenn
nicht beseitigt, so doch eingeschraenkt worden. Das Institut der Proxenie,
urspruenglich eine unseren auslaendischen Konsulaten vergleichbare zweckmaessige
Einrichtung, aber durch die Verleihung voller buergerlicher Rechte und oft auch
noch des Privilegiums der Steuerfreiheit an den befreundeten Auslaender,
besonders bei der Ausdehnung, in der es gewaehrt ward, politisch bedenklich, ist
durch die roemische Regierung, wie es scheint erst im Anfang der Kaiserzeit,
beseitigt worden; wofuer dann nach italischer Weise das mit dem Steuerwesen sich
nicht beruehrende inhaltlose Stadtpatronat an die Stelle trat. Endlich hat die
roemische Regierung, als Inhaberin der obersten Souveraenitaet ueber diese
abhaengigen Republiken ebenso wie ueber die Klientelfuersten, immer es als ihr
Recht betrachtet und geuebt, die freie Verfassung im Fall des Missbrauchs
aufzuheben und die Stadt in eigene Verwaltung zu nehmen. Indes teils der
beschworene Vertrag, teils die Machtlosigkeit dieser nominell verbuendeten
Staaten hat diesen Vertraegen eine groessere Stabilitaet gegeben, als sie in dem
Verhaeltnis zu den Klientelfuersten wahrgenommen wird.
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^15 Wenigstens wird in der Verordnung Hadrians ueber die den athenischen
Grundbesitzern obliegenden Oellieferungen an die Gemeinde (CIA III, 18) die
Entscheidung zwar der Bule und der Ekklesia gegeben, aber Appellation an den
Kaiser oder den Prokonsul gestattet.
^16 Was Strabon (14, 3, 3, p. 665) von dem zu seiner Zeit autonomen
Lykischen Staedtebund berichtet, dass ihm das Kriegs- und Friedens- und das
Buendnisrecht fehle, ausser wenn die Roemer dasselbe gestatten oder es zu ihrem
Nutzen geschieht, wird ohne weiteres auch auf Athen bezogen werden duerfen.
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Wenn den befreiten Gemeinden Achaias ihre bisherige Rechtsstellung unter
dem Kaisertum blieb, so hat Augustus denen der Provinz, welchen die Freiheit
nicht gewaehrt war oder ward, eine neue und bessere Rechtsstellung verliehen.
Wie er in der reorganisierten Delphischen Amphiktyonie den Griechen Europas
einen gemeinsamen Mittelpunkt gegeben hatte, gestattete er auch den saemtlichen
Staedten der Provinz Achaia, soweit sie unter roemischer Verwaltung standen,
sich als Gesamtverband zu konstituieren und jaehrlich in Argos, der
bedeutendsten Stadt des unfreien Griechenlands, zur Landesversammlung
zusammenzutreten ^17. Damit wurde der nach dem achaeischen Kriege aufgeloeste
Achaeische Bund nicht bloss rekonstituiert, sondern ihm auch die frueher
erwaehnte, erweiterte boeotische Vereinigung eingefuegt. Wahrscheinlich ist eben
durch die Zusammenlegung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der Provinz Achaia
herbeigefuehrt worden. Der neue Verband der Achaeer, Boeoter, Lokrer, Phokier,
Dorer und Euboeer ^18 oder, wie er gewoehnlich gleich wie die Provinz bezeichnet
wird, der Verband der Achaeer hat vermutlich weder mehr noch weniger Rechte
gehabt, als die sonstigen Provinziallandtage des Kaiserreichs. Eine gewisse
Kontrolle der roemischen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden
darum auch die dem Prokonsul nicht unterstellten Staedte, wie Athen und Sparta,
von demselben ausgeschlossen worden sein. Daneben wird diese Tagsatzung, wie
alle aehnlichen, hauptsaechlich in dem gemeinschaftlichen, das ganze Land
umfassenden Kultus den Mittelpunkt ihrer Taetigkeit gefunden haben. Aber wenn in
den uebrigen Provinzen dieser Landeskult ueberwiegend an Rom anknuepfte, so
wurde der Landtag von Achaia vielmehr ein Brennpunkt des Hellenismus und sollte
es vielleicht werden. Schon unter den julischen Kaisern betrachtete er sich als
den rechten Vertreter der griechischen Nation und legte seinem Vorstand den
Namen des Helladarchen bei, sich selbst sogar den der Panhellenen ^19. Die
Versammlung entfernte sich also von ihrer provinzialen Grundlage, und ihre
bescheidenen administrativen Befugnisse traten in den Hintergrund.
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^17 Allerdings sind die bis jetzt bekannten Vorsteher des koinon t/o/n
Achai/o/n, deren Heimat feststeht, aus Argos, Messene, Korone in Messenien
(Lebas-Foucart II, S. 305) und haben sich darunter bisher nicht bloss keine
Buerger der befreiten Gemeinden, wie Athen und Sparta, sondern auch keine der zu
der Konfoederation der Boeoter und Genossen gehoerigen (Anm. 8) gefunden.
Vielleicht beschraenkte sich dies koinon rechtlich auf das Gebiet, das die
Roemer die Republik Achaia nannten, das heisst das des Achaeischen Bundes bei
seinem Untergang, und sind die Boeoter und Genossen mit dem eigentlichen koinon
der Achaeer zu demjenigen weiteren Bunde vereinigt, dessen Vorhandensein und
Tagen in Argos die Inschriften von Akraephia (Anm. 18) dokumentieren. Uebrigens
bestand neben diesem koinon der Achaeer noch ein engeres der Landschaft Achaia
im eigentlichen Sinn, dessen Vertreter in Aegion zusammentraten (Paus. 7, 24,
4), eben wie das koinon t/o/n Arkad/o/n (Archaeologische Zeitung 37, 1879, S.
139, n. 274) und zahlreiche andere. Wenn nach Paus. 5, 12, 6 in Olympia dem
Traian oi pantes Ell/e/nes, dem Hadrian ai es to Achaikon telo?sai Bildsaeulen
gesetzt hatten und hier kein Missverstaendnis untergelaufen ist, so wird die
letztere Dedikation auf dem Landtag von Aegion stattgefunden haben.
^18 So (nur dass die Dorer fehlen; vgl. Anm. 8) heisst der Verein auf der
Inschrift von Akraephia (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Eben
diese Urkunde aber nebst der gleichzeitigen CIG 1625 liefert den Beweis, dass
der Verein unter Kaiser Gaius statt dieser wohl eigentlich offiziellen Benennung
sich auch einerseits als Verein der Achaeer bezeichnet, andererseits als to
koinon t/o/n Panell/e/n/o/n oder /e/ s?nodos t/o/n Ell/e/n/o/n, auch to t/o/n
Achai/o/n kai Panell/e/n/o/n synedrion. Diese Ruhmredigkeit tritt anderswo nicht
so grell hervor wie in jenem boeotischen Landstaedtchen; aber auch in Olympia,
wo der Verein seine Denkmaeler vorzugsweise aufstellte nennt er sich zwar
meistens to koinon t/o/n Achai/o/n, aber zeigt oft genug dieselbe Tendenz, zum
Beispiel wenn to koinon t/o/n Achai/o/n P. Ailio Aristona ... synpantes oi
Ell/e/nes anestesan (Archaeologische Zeitung 38, 1880, S. 86, n. 344). Ebenso
setzen in Sparta dem Caesar Marcus oi Ell/e/nes eine Bildsaeule apo to? koino?
t/o/n Achai/o/n (CIG 1318).
^19 Auch in Asia, Bithynien, Niedermoesien heisst der Vorsteher der der
betreffenden Provinz angehoerigen Griechenstaedte Elladarch/e/s, ohne dass damit
mehr aus gedrueckt wuerde als der Gegensatz gegen die Nichtgriechen. Aber wie
der Hellenenname in Griechenland verwendet wird, in einem gewissen Gegensatz zu
dem eigentlich korrekten der Achaeer, ist dies sicher von derselben Tendenz
eingegeben die in den Panhellenea von Argos am deutlichsten sich zeichnete. So
findet sich strat/e/gos to? koino? t/o/n Achai/o/n kai prostat/e/s dia bioy
t/o/n Ell/e/n/o/n (Archaeologische Zeitung 35, 1877, S. 192, n. 98) oder auf
einem anderen Dokument desselben prostat/e/s dia bioy t/o/n Ell/e/n/o/n to?
koino? t/o/n Achai/o/n Mannes prostat/e/s dia bioy to? koino? t/o/n Achai/o/n
(Lebas-Foucart, n. 305); ein (Archaeologische Zeitung 35, 1877, S. 195, n. 106),
strat/e/gos asynkrit/o/s arxas t/e/s Ellados (das. S. 40, n. 42), strat/e/gos
kai Elladarch/e/s (das. 34, 1876, S. 8, S. 226), alle ebenfalls auf Inschriften
des koinon t/o/n Achai/o/n. Dass in diesem, mag es auch vielleicht bloss auf den
Peloponnes bezogen werden (Anm. 17), die panhellenische Tendenz darum nicht
weniger sich geltend machte, ist begreiflich.
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Diese Panhellenen nannten sich missbraeuchlich also und wurden von der
Regierung nur toleriert. Aber Hadrian schuf wie ein neues Athen, so auch ein
neues Hellas. Unter ihm durften die Vertreter der saemtlichen autonomen oder
nicht autonomen Staedte der Provinz Achaia in Athen sich als das vereinigte
Griechenland, als die Panhellenen ^20 konstituieren. Die in besseren Zeiten oft
getraeumte und nie erreichte nationale Einigung war damit geschaffen, und was
die Jugend gewuenscht, das besass das Alter in kaiserlicher Fuelle. Freilich,
politische Befugnisse erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Kaisergunst
und Kaisergold gewaehren konnte, daran war kein Mangel. Es erhob sich in Athen
der Tempel des neuen Zeus Panhellenios, und glaenzende Volksfeste und Spiele
wurden mit dieser Stiftung verbunden, deren Ausrichtung dem Kollegium der
Panhellenen zustand, und zwar zunaechst dem Priester des Hadrian als des
stiftenden lebendigen Gottes. Einen der Akte, welche dieselben alljaehrlich
begingen, war das dem Zeus-Befreier dargebrachte Opfer in Plataeae zum
Gedaechtnis der hier im Kampf gegen die Perser gefallenen Hellenen am Jahrestag
der Schlacht, dem 4. Boedromion; dies zeichnet seine Tendenz ^21. Noch
deutlicher zeigt dieselbe sich darin, dass Griechenstaedten ausserhalb Hellas',
welche der nationalen Gemeinschaft wuerdig erschienen, von der Versammlung in
Athen ideale Buergerbriefe des Hellenismus ausgestellt wurden ^22.
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^20 Die hadrianischen Panhellenen nennen sich to koinon synedrion t/o/n
Ell/e/n/o/n t/o/n eis Plat/e/as syniont/o/n (Theben: Keil, Sylloge lnscriptionum
Boeoticarum, n. 31, vgl. Plut. Arist. 19 u. 21), koinon t/e/s Ellados (CIG
5852), to /o/n (ebenda). Ihr Vorsteher heisst o arch/o/n t/o/n Panell/e/n/o/n
(CIA III, 681, 682; CIG 3832, vgl. CIA III, 10: a[nt[arch/o/n to? ier/o/tatoy
a[g/o/nos to? P]an[el]l/e/nioy), der einzelne Deputierte Panell/e/n (z. B. CIA
III, 534; CIG 1124). Daneben treten auch in nachhadrianischer Zeit noch das
koinon t/o/n Achai/o/n und dessen strat/e/gos oder Elladarch/e/s auf, welche
wohl von jenen zu scheiden sein werden, obwohl letzterer seine Ehrendekrete
jetzt nicht bloss in Olympia aufstellt, sondern auch in Athen (CIA 18; zweites
Exemplar in Olympia, Archaeologische Zeitung 37, 1879, S. 52).
^21 Dass die Bemerkung Dions von Prusa (or. 38, p. 148 R.) ueber den Streit
der Athener und der Lakedaemonier yper t/e/s propompeias sich auf das Fest in
Plataeae bezieht, ergibt sich aus (Lucian) Er/o/tes 18: /o/s peri propompeias
ag/o/nio?menoi Plataiasin. Auch der Sophist Irenaeos schrieb (Suidas u. d. W.)
und Hermogenes (id. II p. 373 Walz) gibt als Redestoff Ay/e/naioi kai
Lakedaimonioi peri t/e/s propompeias kata ta M/e/dika (Mitteilung von
Wilamowitz).
^22 Es haben sich zwei derselben erhalten, fuer Kibyra in Phrygien (CIG
5882), ausgestellt vom koinon t/e/s Ellados durch ein dogma to? Panell/e/nioy
und fuer Magnesia am Maeandros (CIA III, 16). In beiden wird die gut hellenische
Abstammung der betreffenden Koerperschaften nebst den sonstigen Verdiensten um
die Hellenen hervorgehoben. Charakteristisch sind auch die Empfehlungsbriefe,
welche diese Panhellenen einem um ihr Gemeinwesen wohlverdienten Mann an seine
Heimatgemeinde Aezani in Phrygien, an den Kaiser Pius und an die Hellenen in
Asia insgemein mitgeben (CIG 3832, 3833, 3834).
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Wenn die Kaiserherrschaft in dem ganzen weiten Reich die Verwuestungen
eines zwanzigjaehrigen Buergerkrieges vorfand und vielerorts die Folgen
desselben niemals voellig verwunden wurden, so ist wohl kein Gebiet davon so
schwer betroffen worden wie die griechische Halbinsel. Das Schicksal hatte es so
gefuegt, dass die drei grossen Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos,
Philippi, Aktion auf ihrem Boden oder an ihrer Kueste geschlagen wurden; und die
militaerischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben einleiteten,
hatten ihre Opfer von Menschenleben und Menschenglueck hier vor allem gefordert.
Noch dem Plutarch erzaehlte sein Aeltervater, wie die Offiziere des Antonius die
Buerger von Chaeroneia gezwungen haetten, da sie Sklaven und Lasttiere nicht
mehr besassen, ihr letztes Getreide auf den eigenen Schultern nach dem naechsten
Hafenort zu schleppen zur Verschiffung fuer das Heer; und wie dann, als eben der
zweite Transport abgehen sollte, die Nachricht von der Actischen Schlacht wie
eine erloesende Freudenbotschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem
Siege Caesar tat, war die Verteilung der in seine Gewalt geratenen feindlichen
Getreidevorraete unter die hungernde Bevoelkerung Griechenlands. Dieses
schwerste Mass des Leidens traf auf vorzugsweise schwache Widerstandskraft.
Schon mehr als ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht hatte Polybios
ausgesprochen, dass ueber ganz Griechenland in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der
Ehen und Einschwinden der Bevoelkerung gekommen sei, ohne dass Seuchen oder
schwere Kriege das Land betroffen haetten. Nun hatten diese Geisseln in
furchtbarer Weise sich eingestellt; und Griechenland blieb veroedet fuer alle
Folgezeit. Im ganzen Roemerreich, meint Plutarch, sei infolge der verwuestenden
Kriege die Bevoelkerung zurueckgegangen, am meisten aber in Griechenland, das
jetzt nicht imstande sei, aus den besseren Kreisen der Buergerschaften die 3000
Hopliten zu stellen, mit denen einst die kleinste der griechischen Landschaften,
Megara, bei Plataeae gestritten hatte ^23. Caesar und Augustus haben versucht,
dieser auch fuer die Regierung erschreckenden Entvoelkerung durch Entsendung
italischer Kolonisten aufzuhelfen, und in der Tat sind die beiden bluehendsten
Staedte Griechenlands eben diese Kolonien; die spaeteren Regierungen haben
solche Entsendungen nicht wiederholt. Zu der anmutigen euboeischen Bauernidylle
des Dion von Prusa bildet den Hintergrund eine entvoelkerte Stadt, in der
zahlreiche Haeuser leer stehen, die Herden am Rathaus und am Stadtarchiv weiden,
zwei Drittel des Gebiets aus Mangel an Haenden unbestellt liegen; und wenn dies
der Erzaehler als Selbsterlebtes berichtet, so schildert er damit sicher
zutreffend die Zustaende zahlreicher kleiner griechischer Landstaedte in der
Zeit Traians. "Theben in Boeotien", sagt Strabon in der augustischen Zeit, "ist
jetzt kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, und mit Ausnahme von Tanagra und
Thespiae gilt dasselbe von saemtlichen boeotischen Staedten." Aber nicht bloss
der Zahl nach schwanden die Menschen zusammen, auch der Schlag verkam. Schoene
Frauen gibt es wohl noch, sagt einer der feinsten Beobachter um das Ende des
ersten Jahrhunderts, aber schoene Maenner sieht man nicht mehr; die olympischen
Sieger der neueren Zeit erscheinen, verglichen mit den aelteren, niedrig und
gemein, zum Teil freilich durch die Schuld der Kuenstler, aber hauptsaechlich,
weil sie eben sind, wie sie sind. Die koerperliche Ausbildung der Jugend ist in
diesem gelobten Lande der Epheben und Athleten in einer Ausdehnung gefoerdert
worden, als ob es der Zweck der Gemeindeverfassung sei, die Knaben zu Turnern
und die Maenner zu Boxern zu erziehen; aber wenn keine Provinz so viele
Ringkuenstler besass, so stellte auch keine so wenig Soldaten zur Reichsarmee.
Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, der in aelterer Zeit das
Speerwerfen, das Bogenschiessen, die Geschuetzbedienung, das Ausmarschieren und
das Lagerschlagen einschloss, verschwindet jetzt dieses Soldatenspiel der
Knaben. Die griechischen Staedte des Reiches werden ueberhaupt bei der Aushebung
so gut wie gar nicht beruecksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch
untauglich erschienen, sei es, weil dieses Element im Heere bedenklich erschien;
es war ein kaiserlicher Launscherz, dass der karikierte Alexander, Severus
Antoninus, die roemische Armee fuer den Kampf gegen die Perser durch einige
Lochen Spartiaten verstaerkte ^24. Was fuer die innere Ordnung und Sicherheit
ueberhaupt geschah, muss von den einzelnen Gemeinden ausgegangen sein, da
roemische Truppen in der Provinz nicht standen; Athen zum Beispiel unterhielt
Besatzung auf der Insel Delos, und wahrscheinlich lag eine Milizabteilung auch
auf der Burg ^25. In den Krisen des dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von
Elateia und derjenige von Athen die Kostoboker und die Goten tapfer
zurueckgeschlagen und in wuerdigerer Weise, als die Enkel der Kaempfer von
Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gotischen die Enkel der
Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in die Annalen der alten Geschichte
eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen Vorgaenge davon abhalten muessen, die
Griechen dieser Epoche schlechtweg zu dem verkommenen Gesindel zu werfen, so hat
das Sinken der Bevoelkerung an Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit
stetig angehalten, bis dann seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts die diese
Landschaften ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die namentlich die
Ostkueste treffenden Einfaelle der Land- und Seepiraten, endlich das
Zusammenbrechen der Reichsgewalt in der gallienischen Zeit das chronische Leiden
zur akuten Katastrophe steigerten.
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^23 Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8) nicht
sagen, dass Griechenland ueberhaupt nicht 3000 Waffenfaehige zu stellen
vermoege, sondern dass, wenn Buergerheere nach alter Art gebildet wuerden, man
nicht imstande sein wuerde, 3000 "Hopliten" aufzustellen. In diesem Sinn mag die
Aeusserung wohl soweit richtig sein, als dies bei dergleichen allgemeinen Klagen
ueberhaupt erwartet werden kann. Die Zahl der Gemeinden der Provinz belaeuft
sich ungefaehr auf hundert.
^24 Davon erzaehlt Herodian (4, 8, 3; c. 9, 4) und wir haben die
Inschriften zweier dieser Spartiaten, des Nikokles strateymenos dis kata
Pers/o/n (CIG 1253) und des Dioskoras apelth/o/n eis t/e/n eytychestat/e/n
symmachian (= expeditio) t/e/n kata Pers/o/n (CIG 1495).
^25 Das phro?rion (CIA III, 826) kann nicht wohl anders verstanden werden.
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In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die
Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in der
Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion, um die Zeit Vespasians an
die Rhodier richtete. Diese galten, nicht mit Unrecht, als die trefflichsten
unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser fuer die niedere Bevoelkerung
gesorgt und trug diese Fuersorge mehr den Stempel nicht des Almosens, sondern
des Arbeitgebens. Als nach dem grossen Buergerkriege Augustus im Orient alle
Privatschulden klaglos machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche
Verguenstigung zurueck. War auch die grosse Epoche des rhodischen Handels
vorueber, so gab es dort immer noch zahlreiche bluehende Geschaefte und
vermoegende Haeuser ^26. Aber viele Missstaende waren auch hier eingerissen, und
deren Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um der
Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. "Einst ruhte die Ehre von Hellas
auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die Athener, die Lakedaemonier,
Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner Zeit Argos. Nun aber ist es mit den
anderen nichts; denn einige sind gaenzlich heruntergekommen und zerstoert,
andere fuehren sich, wie ihr wisst, und sind entehrt und ihres alten Ruhmes
Zerstoerer. Ihr seid uebrig; ihr allein seid noch etwas und werdet nicht voellig
verachtet; denn wie es jene treiben, waeren laengst alle Hellehen tiefer
gesunken als die Phryger und die Thraker. Wie wenn ein grosses und reiches
Geschlecht auf zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses suendigt, alle
Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt nicht die ersten der
Hellehen zu sein; ihr seid die einzigen. Sieht man auf jene erbaermlichen
Schandbuben, so werden selbst die grossen Geschicke der Vergangenheit
unbegreiflich: die Steine und die Staedtetruemmer zeigen deutlicher den Stolz
und die Groesse von Hellas als diese nicht einmal mysischer Ahnen wuerdigen
Nachfahren; und besser als den von diesen bewohnten ist es den Staedten
ergangen, welche in Truemmern liegen, denn deren Andenken bleibt in Ehren und
ihr wohlerworbener Ruhm unbefleckt - besser die Leiche verbrennen, als sie
faulend liegen lassen."
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^26 "An Mitteln", sagt Diodor. 31, p. 566), "fehlt es euch nicht, und
Tausende und aber Tausende gibt es hier, denen es nuetzlich waere, minder reich
zu sein"; und weiterhin (p. 620): "ihr seid reich, wie sonst niemand in Hellas.
Mehr als ihr besassen eure Vorfahren auch nicht. Die Insel ist nicht schlechter
geworden; ihr zieht die Nutzung von Karien und einem Teil Lykiens; eine Anzahl
Staedte sind euch steuerpflichtig; stets empfaengt die Stadt reiche Gaben von
zahlreichen Buergern." Er fuehrt weiter aus, dass neue Ausgaben nicht
hinzugetreten, wohl aber die frueheren fuer Heer und Flaue fast weggefallen
seien; nur ein oder zwei kleine Schiffe haetten sie jaehrlich nach Korinth (zur
roemischen Flotte also) zu stellen.
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Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine Gegenwart an
der grossen Vergangenheit mass und, wie dies nicht ausbleiben kann, jene mit
widerwilligen Augen, diese in der Verklaerung des Dagewesenseins anschaute,
nicht zu nahe treten mit dem Hinweis darauf, dass die alte gute hellenische
Sitte damals und noch lange nachher denn doch nicht bloss in Rhodos zu finden,
vielmehr in vieler Hinsicht noch allerorts Lebendig war. Die innerliche
Selbstaendigkeit, das wohlberechtigte Selbstgefuehl der immer noch an der Spitze
der Zivilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des Untertanen-
und aller Demut des Parasitenrums den Hellenen auch dieser Zeit nicht abhanden
gekommen. Die Roemer entlehnen die Goetter von den alten Hellenen und die
Verwaltungsform von den Alexandrinern; sie suchen sich der griechischen Sprache
zu bemaechtigen und die eigene in Mass und Stil zu hellenisieren. Die Hellenen
auch der Kaiserzeit tun nicht das gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens,
wie Silvanus und die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und keiner
griechischen Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen, die von ihrem
Polybios als die beste gefeierte politische Ordnung bei sich einzufuehren.
Insofern die Kenntnis des Lateinischen fuer die hoehere wie die niedere
Aemterlaufbahn bedingend war, haben die Griechen, die diese betraten, sich
dieselbe angeeignet; denn wenn es auch praktisch nur dem Kaiser Claudius
einfiel, den Griechen, die kein Lateinisch verstanden, das roemische
Buergerrecht zu entziehen, so war allerdings die wirkliche Ausuebung der mit
diesem verknuepften Rechte und Pflichten nur dem moeglich, der der Reichssprache
maechtig war. Aber von dem oeffentlichen Leben abgesehen, ist nie in Griechen
land so lateinisch gelernt worden wie in Rom griechisch; Plutarchos, der
schriftstellerisch die beiden Reichshaelften gleichsam vermaehlte und dessen
Parallelbiographien roemischer und griechischer beruehmter Maenner, vor allem
durch diese Nebeneinanderstellung, sich empfahlen und wirkten, verstand nicht
sehr viel mehr lateinisch als Diderot russisch, und beherrschte wenigstens, wie
er selbst sagt, die Sprache nicht; die des Lateinischen wirklich maechtigen
griechischen Literaten waren entweder Beamte, wie Appianus und Cassius Dion,
oder Neutrale, wie Koenig Juba. In der Tat war Griechenland in sich selbst weit
weniger veraendert als in seiner aeusseren Stellung. Das Regiment von Athen war
recht schlecht, aber auch in der Zeit von Athens Groesse war es gar nicht
musterhaft gewesen. "Es ist", sagt Plutarchos, "derselbe Volksschlag, dieselben
Unruhen, der Ernst und der Scherz, die Anmut und die Bosheit wie bei den
Vorfahren." Auch diese Epoche weist in dem Leben des griechischen Volkes noch
einzelne Zuege auf, die seines zivilisatorischen Prinzipats wuerdig sind. Die
Fechterspiele, die von Italien aus sich ueberall hin, namentlich auch nach
Kleinasien und Syrien verbreiteten, haben am spaetesten von allen Landschaften
in Griechenland Eingang gefunden; laengere Zeit beschraenkten sie sich auf das
halb italische Korinth, und als die Athener, um hinter diesen nicht
zurueckzustehen, sie auch bei sich einfuehrten, ohne auf die Stimme eines ihrer
Besten zu hoeren, der sie fragte, ob sie nicht zuvor dem Gotte des Erbarmens
einen Altar setzen moechten, da wandten manche der Edelsten unwillig sich weg
von der sich selber entehrenden Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt
sind die Sklaven mit solcher Humanitaet behandelt worden wie in Hellas; nicht
das Recht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einen nicht
griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser Landschaft den
eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier finden wir in der Kaiserzeit bei den
Buergerschmaeusen und den Oelspenden an die Buergerschaft auch die unfreien
Leute mit bedachte ^27. Nur hier konnte ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter
Traian, in seiner mehr als bescheidenen aeusseren Existenz in dem epirotischen
Nikopolis mit angesehenen Maennern senatorischen Standes in der Weise verkehren
wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so dass sie seiner muendlichen
Belehrung wie Schueler dem Meister lauschten und die Gespraeche aufzeichneten
und veroeffentlichten. Die Milderungen der Sklaverei durch das Kaiserrecht gehen
wesentlich zurueck auf den Einfluss der griechischen Anschauungen, zum Beispiel
bei Kaiser Marcus, der zu jenem nikopolitanischen Sklaven wie zu seinem Meister
und Muster emporsah. Unuebertrefflich schildert der Verfasser eines unter den
lukianischen erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen
Stadtbuergers in seinen engen Verhaeltnissen gegenueber dem vornehmen und
reichen, reisenden Publikum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifelhafter
Rohen: wie man es dem reichen Auslaender abgewoehnt, im oeffentlichen Bade mit
einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in Athen nicht
ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, wie man es ihm abgewoehnt, auf
der Strasse mit dem Purpurgewand sich zu zeigen, indem die Leute sich freundlich
erkundigen, ob es nicht das seiner Mama sei. Er zieht die Parallele zwischen
roemischer und athenischer Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die
noch beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der
Bedientenschwaerme und des haeuslichen Luxus, die Laestigkeiten der
Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Uebermass, die
Vielfaeltigkeit, die Unruhe des hauptstaedtischen Treibens; hier die Anmut der
Armut, die freie Rede im Freundeskreis, die Muse fuer geistigen Genuss, die
Moeglichkeit des Lebensfriedens und der Lebensfreude - "wie konntest du", fragt
ein Grieche in Rom den andern, "das Licht der Sonne, Hellas und sein Glueck und
seine Freiheit, um dieses Gedraenges willen verlassen?" In diesem Grundakkord
begegnen sich alle feiner und reiner organisierten Naturen dieser Epoche; eben
die besten Hellenen mochten nicht mit den Roemern tauschen. Kaum gibt es etwas
gleich Erfreuliches in der Literatur der Kaiserzeit wie Dions schon erwaehnte
euboeische Idylle: sie schildert die Existenz zweier Jaegerfamilien im einsamen
Walde, deren Vermoegen acht Ziegen sind, eine Kuh ohne Horn und ein schoenes
Kalb, vier Sicheln und drei Jagdspeere, welche weder von Geld noch von Steuern
etwas wissen, und die dann, vor die tobende Buergerversammlung der Stadt
gestellt, von dieser schliesslich unbehelligt entlassen werden zum Freuen und
zum Freien. Die reale Durchfuehrung dieser poetisch verklaerten Lebensauffassung
ist Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmutigsten und belesensten und nicht
minder einer der wirksamsten Schriftsteller des Altertums. Einer vermoegenden
Familie jener kleinen boeotischen Landstadt entsprossen und erst daheim, dann in
Athen und in Alexandreia in die volle hellenische Bildung eingefuehrt, auch
durch seine Studien und vielfaeltige persoenliche Beziehungen sowie durch Reisen
in Italien mit roemischen Verhaeltnissen wohlvertraut, verschmaehte er es, nach
der ueblichen Weise der begabten Griechen in den Staatsdienst zu treten oder die
Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner Heimat treu, mit der
trefflichen Frau und den Kindern und mit den Freunden und Freundinnen des
haeuslichen Lebens im schoensten Sinne des Wortes geniessend, sich bescheidend
mit den Aemtern und Ehren, die sein Boeotien ihm zu bieten vermochte, und mit
dem maessigen angeerbten Vermoegen. In diesem Chaeroneer drueckt der Gegensatz
der Hellenen und der Hellenisierten sich aus; ein solches Griechentum war weder
in Smyrna moeglich noch in Antiocheia; es gehoerte zum Boden wie der Honig vom
Hymettos. Es gibt genug maechtigere Talente und tiefere Naturen, aber schwerlich
einen zweiten Schriftsteller, der mit so gluecklichem Mass sich in das
Notwendige mit Heiterkeit zu finden und so wie er den Stempel seines
Seelenfriedens und seines Lebensglueckes seinen Schriften aufzupraegen gewusst
hat.
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^27 Bei den Volksfesten, die in Tiberius' Zeit ein reicher Mann in
Akraephia in Boeotien ausrichtete, lud er die erwachsenen Sklaven, seine Gattin
die Sklavinnen mit den Freien zu Gaste (CIG 1625). In einer Stiftung zur
Verteilung von Oel in der Turnanstalt (gymnasion) von Gytheion in Lakonien wird
festgesetzt, dass an sechs Tagen im Jahr auch die Sklaven daran Anteil haben
sollen (Lebas-Foucart, n. 243 a). Aehnliche Spenden begegnen in Argos (CIG 1122,
1123).
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Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des oeffentlichen
Lebens sich nicht in der Reinheit und Schoenheit offenbaren wie in der stillen
Heimstatt, nach der die Geschichte und sie nach der Geschichte gluecklicherweise
nicht fragt. Wenden wir uns den oeffentlichen Verhaeltnissen zu, so ist mehr vom
Missregiment als vom Regiment zu berichten, sowohl der roemischen Regierung wie
der griechischen Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, als
der roemische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener beherrscht
als die republikanische. Er aeussert sich ueberall im Grossen wie im Kleinen, in
der Fortfuehrung der Hellenisierung der oestlichen Provinzen und der Anerkennung
der doppelten offiziellen Reichssprache wie in den hoeflichen Formen, in welchen
die Regierung auch mit der kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre
Beamten zu verkehren anhaelt ^28. Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten
zu Gunsten dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das meiste der Art
nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine grosse Wasserleitung zum Besten von
Korinth, Plus die Heilanstalt von Epidauros. Aber die ruecksichtsvolle
Behandlung der Griechen insgemein und die besondere Huld, welche dem
eigentlichen Hellas von der kaiserlichen Regierung zuteil wurde, weil es in
gewissem Sinn gleich wie Italien als Mutterland galt, sind weder dem Regiment
noch der Landschaft recht zum Vorteil ausgeschlagen. Der jaehrliche Wechsel der
Oberbeamten und die schlaffe Kontrolle der Zentralstelle liessen alle
senatorischen Provinzen, soweit das Statthalterregiment reichte, mehr den Druck
als den Segen einheitlicher Verwaltung empfinden, und diese doppelt bei ihrer
Kleinheit und ihrer Armut. Noch unter Augustus selbst machten diese Missstaende
sich in dem Grade geltend, dass es eine der ersten Regierungshandlungen seines
Nachfolgers war, sowohl Griechenland wie Makedonien in eigene Verwaltung zu
nehmen ^29, wie es hiess vorlaeufig, in der Tat auf die ganze Dauer seiner
Regierung. Es war sehr konstitutionell, aber vielleicht nicht ebenso weise, dass
Kaiser Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die alte Ordnung wiederherstellte.
Seitdem hat es dann bei dieser sein Bewenden gehabt und ist Achaia nicht von
ernannten, sondern von erlosten Beamten verwaltet worden, bis diese
Verwaltungsform ueberhaupt abkam.
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^28 Auf eine der unzaehligen Beschwerden, mit welchen die kleinasiatischen
Staedte wegen ihrer Titel- und Rangstreitigkeiten die Regierung belaestigten,
antwortete Pius den Ephesiern (W. H. Waddington, Aristide, S. 51), erhoere gern,
dass die Pergamener ihnen die neue Titulatur gegeben haetten; die Smyrnaeer
haetten es wohl nur zufaellig unterlassen und wuerden sicher in Zukunft
gutwillig das Richtige tun, wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten
Titel beilegen wuerden. Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestaetigung
eines von ihr gefassten Beschlusses bei dem Prokonsul einkommt, erwidert dieser
(O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884, Bd. 1, S. 71), treffliche
Anordnungen verlangten nur Lob, keine Bestaetigung; diese liege in der Sache.
Die Rhetorenschulen dieser Epoche liefern auch die Konzipienten fuer die
kaiserliche Kanzlei; aber dies tut es nicht allein. Es gehoert zum Wesen des
Prinzipals, das Untertanverhaeltnis nicht aeusserlich zu akzentuieren, und
namentlich nicht gegen Griechen.
^29 Eine formale Aenderung der Steuerordnung folgt an sich aus diesem
Wechsel nicht und ist auch bei Tacitus (ann. 1, 76) nicht angedeutet; wenn die
Einrichtung getroffen wird, weil die Provinzialen ueber Steuerdruck klagen
(onera deprecantes), so konnten bessere Statthalter durch zweckmaessige
Repartierung, eventuell durch Erwirkung von Remission, den Provinzen aufhelfen.
Dass die Befoerderung der Reichspost besonders in dieser Provinz als drueckende
Last empfunden ward, zeigt das Edikt des Claudius aus Tegea (Eph. epigr. V, p.
69).
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Aber bei weitem uebler noch stand es um die von dem Statthalterregiment
eximierten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht, diese Gemeinwesen zu
beguenstigen, durch die Befreiung von Tribut und Aushebung wie nicht minder
durch die moeglichst geringe Beschraenkung der Rechte des souveraenen Staates,
hat, wenigstens in vielen Faellen, zu dem Gegenteil gefuehrt. Die innere
Unwahrheit der Institutionen raechte sich. Zwar bei den weniger bevorrechteten
oder besser verwalteten Gemeinden mag die kommunale Autonomie ihren Zweck
erfuellt haben; wenigstens vernehmen wir nicht, dass es mit Sparta, Korinth,
Patrae besonders uebel bestellt gewesen sei. Aber Athen war nicht geschaffen,
sich selbst zu verwalten, und bietet das abschreckende Bild eines von der
Obergewalt verhaetschelten und finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens.
Von Rechts wegen haette dasselbe in bluehendem Zustande sich befinden muessen.
Wenn es den Athenern misslang, die Nation unter ihrer Hegemonie zu vereinigen,
so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands wie Italiens gewesen, welche
die landschaftliche Einigung vollstaendig durchgefuehrt hat; ein eigenes Gebiet,
wie es die Attike ist, von etwa 40 Quadratmeilen, der doppelten Groesse der
Insel Ruegen, hat keine Stadt des Altertums sonst besessen. Aber auch ausserhalb
Attikas blieb ihnen, was sie besassen, sowohl nach dem Mithradatischen Kriege
durch Sullas Gnade wie nach der Pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten
des Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars - er fragte sie nur, wie
oft sie noch sich selber zugrunde richten und dann durch den Ruhm ihrer
Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt gehoerte immer noch nicht bloss das
ehemals haliartische Gebiet in Boeotien, sondern auch an ihrer eigenen Kueste
Salamis, der alte Ausgangspunkt ihrer Seeherrschaft, im Thrakischen Meer die
eintraeglichen Inseln Skyros, Lemnos und Imbros sowie im Aegaeischen Delos;
freilich war diese Insel seit dem Ende der Republik nicht mehr das zentrale
Emporium des Handels mit dem Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den
Haefen der italischen Westkueste gezogen hatte, und es war dies fuer die Athener
ein unersetzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie Antonius
abzuschmeicheln gewusst hatten, nahm ihnen Augustas, gegen den sie Partei
ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euboea, aber die kleineren
Inseln des Thrakischen Meeres, Ikos, Peparethos, Skiathos, ferner Keos vor der
Sunischen Landspitze durften sie behalten; und Hadrian gab ihnen weiter den
besten Teil der grossen Insel Kephallenia im Ionischen Meer. Erst durch den
Kaiser Severus, der ihnen nicht wohlwollte, wurde ihnen ein Teil dieser
auswaertigen Besitzungen entzogen. Hadrian gewaehrte ferner den Athenern die
Lieferung eines gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des Reiches und
erkannte durch die Erstreckung dieses, bisher der Reichshauptstadt vorbehaltenen
Privilegiums Athen gleichsam an als eine der Reichsmetropolen. Nicht minder
wurde das segensreiche Institut der Alimentarstiftungen, dessen Italien sich
seit Traian erfreute, von Hadrian auf Athen ausgedehnt und das dazu
erforderliche Kapital sicher aus seiner Schatulle den Athenern geschenkt. Eine
Wasserleitung, die er ebenfalls seinem Athen widmete, wurde erst nach seinem
Tode von Pius vollendet. Dazu kam der Zusammenfluss der Reisenden und der
Studierenden und die in immer steigender Zahl von den roemischen Grossen und den
auswaertigen Fuersten der Stadt verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde
in stetiger Bedraengnis. Mit dem Buergerrecht wurde nicht bloss das ueberall
uebliche Geschaeft auf Nehmen und Geben, sondern foermlich und offenkundig
Schacher getrieben, so dass Augustas mit einem Verbot dagegen einschritt. Einmal
ueber das andere beschloss der Rat von Athen, diese oder jene seiner Inseln zu
verkaufen, und nicht immer fand sich ein opferwilliger Reicher gleich dem Iulius
Nikanor, der unter Augustas den bankrotten Athenern die Insel Salamis
zurueckkaufte und dafuer von dem Rat derselben den Ehrentitel des "neuen
Themistokles" sowie, da er auch Verse machte, nebenbei den des "neuen Homer" und
mit den edlen Ratsherren zusammen von dem Publikum den wohlverdienten Hohn
erntete. Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen fortfuhr sich zu schmuecken,
erhielt es ohne Ausnahme von den Fremden, unter anderen von den reichen Koenigen
Antiochos von Kommagene und Herodes von Judaea, vor allen aber von dem Kaiser
Hadrian, der eine voellige "Neustadt" (novae Athenae) am Ilisos anlegte und
ausser zahllosen anderen Gebaeuden, darunter dem schon erwaehnten Panhellenion,
das Wunder der Welt, den von Peisistratos begonnenen Riesenbau des Olympieion
mit seinen 120, zum Teil noch stehenden Saeulen, den groessten von allen, die
heute aufrecht sind, sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in wuerdiger Weise
abschloss. Selbst hatte diese Stadt kein Geld, nicht bloss fuer ihre
Hafenmauern, die jetzt allerdings entbehrlich waren, sondern nicht einmal fuer
den Hafen. Zu Augusts Zeit war der Peiraeeus ein geringes Dorf von wenigen
Haeusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei in den Tempelhallen.
Handel und Industrie gab es in Athen fast nicht mehr, oder fuer die
Buergerschaft insgemein wie fuer den einzelnen Buerger nur ein einziges
bluehendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb es nicht bei der Finanzbedraengnis.
Die Welt hatte wohl Frieden, aber nicht die Strassen und Plaetze von Athen. Noch
unter Augustas hat ein Aufstand in Athen solche Verhaeltnisse angenommen, dass
die roemische Regierung gegen die Freistadt einschreiten musste ^30; und wenn
auch dieser Vorgang vereinzelt steht, so gehoerten Auflaeufe auf der Gasse wegen
der Brotpreise und aus anderen geringfuegigen Anlaessen in Athen zur
Tagesordnung. Viel besser wird es in zahlreichen anderen Freistaedten nicht
ausgesehen haben, von denen weniger die Rede ist. Einer solchen Buergerschaft
die Kriminaljustiz unbeschraenkt in die Hand zu geben, war kaum zu verantworten;
und doch stand dieselbe den zu internationaler Foederation zugelassenen
Gemeinden, wie Athen und Rhodos, von Rechts wegen zu. Wenn der athenische
Areopag in augustischer Zeit sich weigerte, einen wegen Faelschung verurteilten
Griechen auf die Verwendung eines vornehmen Roemers hin von der Strafe zu
entbinden, so wird er in seinem Recht gewesen sein; aber dass die Kyzikener
unter Tiberius roemische Buerger einsperrten, unter Claudius gar die Rhodier
einen roemischen Buerger ans Kreuz schlugen, waren auch formale
Rechtsverletzungen, und ein aehnlicher Vorgang hat unter Augustus den Thessalern
ihre Autonomie gekostet. Uebermut und Uebergriff wird durch die Machtlosigkeit
nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen Schutzbefohlenen eben
daraufhin gewagt. Bei aller Achtung fuer grosse Erinnerungen und beschworene
Vertraege mussten doch jeder gewissenhaften Regierung diese Freistaaten nicht
viel minder als ein Bruch in die allgemeine Rechtsordnung erscheinen, wie das
noch viel altheiligere Asylrecht der Tempel.
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^30 Der athenische Aufstand unter Augustus ist sicher beglaubigt durch die
aus Africanus geflossene Notiz bei Eusebius zum Jahre Abrahams 2025 (daraus
Oros. hist. 6, 22, 2). Die Auflaeufe gegen den Strategen werden oft erwaehnt:
Plut. q. sympos. 8, 3 z. A.; (Lucian) Demonax 11, 64; vit. soph. 1, 23. 2, 1,
11.
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Schliesslich griff die Regierung durch und stellte die freien Staedte
hinsichtlich ihrer Wirtschaft unter die Oberaufsicht von Beamten kaiserlicher
Ernennung, die allerdings zunaechst als ausserordentliche Kommissarien "zur
Korrektur der bei den Freistaedten eingerissenen Uebelstaende" charakterisiert
werden und davon spaeterhin die Bezeichnung Korrektoren als titulare fuehren.
Die Anfaenge derselben lassen sich bis in die traianische Zeit verfolgen; als
stehende Beamte finden wir sie in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese, neben
den Prokonsuln fungierenden, vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Teil
des Roemischen Reichs so frueh sich ein und sind in keinem so frueh staendig
geworden sie in dem halb aus Freistaedten bestehenden Achaia.
Das an sich wohlberechtigte und durch die Haltung der roemischen Regierung
wie vielleicht noch mehr durch die des roemischen Publikums genaehrte
Selbstgefuehl der Hellenen, das Bewusstsein des geistigen Primats rief daselbst
einen Kultus der Vergangenheit ins Leben, der sich zusammensetzt aus dem treuen
Festhalten an den Erinnerungen groesserer und gluecklicherer Zeiten und dem
barocken Zurueckdrehen der gereiften Zivilisation auf ihre zum Teil sehr
primitiven Anfaenge. Zu den auslaendischen Kulten, wenn man absieht von dem
schon frueher durch die Handelsverbindungen eingebuergerten Dienst der
aegyptischen Gottheiten, namentlich der Isis, haben die Griechen im eigentlichen
Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten; wenn dies von Korinth am wenigsten
gilt, so ist dies auch die am wenigsten griechische Stadt von Hellas. Die alte
Landesreligion schuetzt nicht der innige Glaube, von dem diese Zeit sich laengst
geloest hatte ^31; aber die heimische Weise und das Gedaechtnis der
Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und darum wird sie nicht bloss mit
Zaehigkeit festgehalten, sondern sie wird auch, zum guten Teil durch gelehrte
Repristination, im Laufe der Zeit immer starrer und altertuemlicher, immer mehr
ein Sonderbesitz der Studierten.
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^31 Dem Beamten, auch dem gebildeten, das heisst dem Freidenker, wird
angeraten, die Spenden, die er mache, an die religioesen Feste anzuknuepfen;
denn die Menge werde in ihrem Glauben bestaerkt, wenn sie sehe, dass auch die
Vornehmen der Stadt auf die Goetterverehrung etwas geben und sogar dafuer etwas
aufwenden (Plut. praec. ger. reip. 30).
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Aehnlich verhaelt es sich mit dem Kultus der Stammbaeume, in welchem die
Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und die adelsstolzesten Roemer weit
hinter sich gelassen haben. In Athen spielt das Geschlecht der Eumolpiden eine
hervorragende Rolle bei der Reorganisierung des Eleusinischen Festes unter
Marcus. Dessen Sohn Commodus verlieh dem Haupt des Geschlechtes der Keryken das
roemische Buergerrecht, und aus demselben stammt der tapfere und gelehrte
Athener, der, .fast wie Thukydides, mit den Goten schlug und dann den Gotenkrieg
beschrieb. Des Marcus Zeitgenosse, der Professor und Konsular Herodes Atticus,
gehoerte ebendiesem Geschlechte an, und sein Hofpoet singt von ihm, dass dem
hochgeborenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekropstochter Herse,
der rote Schuh des roemischen Patriziats wohl angestanden habe, waehrend einer
seiner Lobredner in Prosa ihn als Aeakiden feiert und zugleich als Abkoemmling
von Miltiades und Kimon. Aber auch Athen wurde hierin noch weit ueberboten von
Sparta; mehrfach begegnen Spartiaten, die sich der Herkunft von den Dioskuren,
dem Herakles, dem Poseidon und des seit vierzig und mehr Generationen in ihrem
Hause erblichen Priestertums dieser Altvordern beruehmen. Es ist
charakteristisch fuer dieses Adelsrum, dass es sich hauptsaechlich erst mit dem
Ende des zweiten Jahrhunderts einstellt; die Heraldiker, welche diese
Geschlechtstafeln entwarfen, werden fuer die Beweisstuecke weder in Athen noch
in Sparta die Goldwaage angewandt haben.
Dieselbe Tendenz zeigt sich in der Behandlung der Sprache oder vielmehr der
Dialekte. Waehrend in dieser Zeit in den sonstigen griechisch redenden Laendern
und auch in Hellas im gewoehnlichen Verkehr das sogenannte gemeine, im
wesentlichen aus der attischen Mundart heraus verschliffene Griechisch
vorherrscht, strebt die Schriftsprache dieser Epoche nicht bloss nach der
Beseitigung der eingerissenen Sprachfehler und Neuerungen, sondern vielfach
werden dialektische Besonderheiten, dem Sprachgebrauch entgegen, wieder
aufgenommen und hier, wo er am wenigsten berechtigt war, der alte
Partikularismus in scheinhafter Weise zurueckgefuehrt. Den Standbildern, welche
die Thespier den Musen im Hain des Helikon setzten, wurden auf gut boeotisch die
Namen Orania und Thalea beigeschrieben, waehrend die dazu gehoerigen Epigramme,
verfasst von einem Poeten roemischen Namens, sie auf gut ionisch Uranie und
Thaleie nannten, und die nicht gelehrten Boeoter, wenn sie sie kannten, sie
nannten, wie alle anderen Griechen, Urania und Thaleia. Von den Spartanern vor
allem ist darin Unglaubliches geleistet und nicht selten mehr fuer den Schatten
des Lykurgos als fuer die zur Zeit lebenden Aelier und Aurelier geschrieben
worden ^32. Daneben kommt der korrekte Gebrauch der Sprache in dieser Zeit auch
in Hellas allmaehlich ins Schwanken; Archaismen und Barbarismen gehen in den
Dokumenten der Kaiserzeit haeufig friedlich nebeneinander her. Athens sehr mit
Fremden gemischte Bevoelkerung hat in dieser Hinsicht sich zu keiner Zeit
besonders ausgezeichnet ^33, und obwohl die staedtischen Urkunden sich
verhaeltnismaessig rein halten, macht doch seit Augustus die allgemein
einreissende Sprachverderbnis auch hier sich fuehlbar. Die strengen Grammatiker
der Zeit haben ganze Buecher gefuellt mit den Sprachschnitzern, die der eben
erwaehnte, viel gefeierte Rhetor Herodes Atticus und die uebrigen beruehmten
Schulredner des zweiten Jahrhunderts sich zuschulden kommen liessen ^34, ganz
abgesehen von der verzwickten Kuenstelei und der manierierten Pointierung ihrer
Rede. Die eigentliche Verwilderung aber in Sprache und Schrift reisst in Athen
und ganz Griechenland, eben wie in Rom, ein mit Septimius Severus ^35.
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^32 Ein Musterstueck ist die Inschrift (Lebas-Foucart II, S. 142, n. 162)
des M(ark/o/r) Ayr(/e/lior) Ze?xippoy o kai Kleandror PHilomois/o/, eines
Zeitgenossen also des Pius und Marcus, welcher war iere?s Lethkippid/o/n kai
Tindaridan, der Dioskuren und ihrer Gattinnen, der Toechter des Leukippos, aber,
damit zu dem Alten das Neue nicht fehle, auch archiereos t/o/ Sebast/o/ kai
t/o/on thei/o/n progon/o/n /o/t/o/. Er war in seiner Jugend ferner gewesen
boyagor mikkichiddomen/o/n, woertlich Stierfuehrer der Kleinen, naemlich
Anfuehrer der dreijaehrigen Knaben - die lykurgischen Knabenherden gingen mit
dem siebenten Jahr an, aber seine Nachfahren hatten das Fehlende nachgeholt und
von den Einjaehrigen an alle eingeherdet und mit "Fuehrern" versehen. Dieser
selbe Mann siegte (neikaar = nik/e/sas) kass/e/ratorin, m/o/an kai l/o/an; was
das heisst, weiss vielleicht Lykurgos.
^33 "Das innere Attika", sagt ein Bewohner desselben bei Philostratos (vit.
soph. 2, 7), "ist eine gute Schule fuer den, der sprechen lernen will; die
Stadtbewohner dagegen von Athen, welche den aus Thrakien und dem Pontus und
andern barbarischen Landschaften herbeistroemenden jungen Leuten Wohnungen
vermieten, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich verderben als dass sie ihnen
das gute Sprechen beibringen. Aber im Binnenland, dessen Bewohner nicht mit
Barbaren vermischt sind, ist die Aussprache und die Rede gut".
^34 Karl Keil (RE 1, z. Aufl., S. 2100) weist hin auf tinos fuer /e/s tinos
und ta ch/o/ria gegonan der Inschrift der Gattin des Herodes (CIL VI, 1342).
^35 Dittenberger in Hermes 1, 1866, S. 414. Dahin gehoert auch, was der
plumpe Vertreter des Apollonios seinen Helden an die alexandrinischen
Professoren schreiben laesst (ep. 34), dass er Argos, Sikyon, Megara, Phokis,
Lokris verlassen habe, um nicht, wenn er laenger in Hellas verweile, voellig zum
Barbaren zu werden.
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Die Schadhaftigkeit der hellenischen Existenz lag in der Beschraenktheit
ihres Kreises: es mangelte dem hohen Ehrgeiz an dem entsprechenden Ziel und
darum ueberwucherte die niedere und erniedrigende Ambition. Auch in Hellas
fehlte es nicht an einheimischen Familien von grossem Reichtum und bedeutendem
Einfluss ^36. Das Land war wohl im ganzen arm, aber es gab doch Haeuser von
ausgedehntem Grundbesitz und altbefestigtem Wohlstand. In Sparta zum Beispiel
hat das des Lachares von Augustus bis wenigstens in die hadrianische Zeit eine
Stellung eingenommen, welche tatsaechlich von dem Fuerstentum nicht allzuweit
abstand. Den Lachares hatte Antonius wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafuer
war dessen Sohn Eurykles einer der entschiedensten Parteigaenger Augusts und
einer der tapfersten Kapitaene in der entscheidenden Seeschlacht, der fast den
besiegten Feldherrn persoenlich zum Gefangenen gemacht haette; er empfing von
dem Sieger unter anderen reichen Gaben als Privateigentum die Insel Kythere
(Cerigo). Spaeter spielte er eine hervorragende und bedenkliche Rolle, nicht
bloss in seinem Heimatland, ueber welches er eine dauernde Vorstandschaft
ausgeuebt haben muss, sondern auch an den Hoefen von Jerusalem und Caesarea,
wobei das dem Spartiaten von den Orientalen gezollte Ansehen nicht wenig
mitwirkte. Deswegen von dem Kaisergericht mehrfach zur Verantwortung gezogen,
wurde er schliesslich verurteilt und ins Exil gesandt; aber der Tod entzog ihn
rechtzeitig den Folgen des Urteilsspruches und sein Sohn Lakon trat in das
Vermoegen und wesentlich auch, wenngleich in vorsichtigerer Form, in die
Machtstellung des Vaters ein. Aehnlich stand in Athen das Geschlecht des oft
genannten Herodes; wir koennen dasselbe aufsteigend durch vier Generationen bis
in die Zeit Caesars zurueckverfolgen, und ueber des Herodes Grossvater ist,
aehnlich wie ueber den Spartaner Eurykles, wegen seiner uebergreifenden
Machtstellung in Athen die Konfiskation verhaengt worden. Die ungeheuren
Latifundien, welche der Enkel in seiner armen Heimat besass, die zu Grabzwecken
seiner Lustknaben verwendeten weiten Flaechen erregten den Unwillen selbst der
roemischen Statthalter. Derartige maechtige Familien gab es vermutlich in den
meisten Landschaften von Hellas, und wenn sie auf dem Landtag der Provinz in der
Regel entschieden, so waren sie auch in Rom nicht ohne Verbindungen und
Einfluss. Aber obwohl diejenigen rechtlichen Schranken, welche den Gallier und
den Alexandriner noch nach erlangtem Buergerrecht vom Reichssenat ausschlossen,
diesen vornehmen Griechen schwerlich entgegenstanden, vielmehr unter den Kaisern
diejenige politische und militaerische Laufbahn, welche dem Italiker sich
darbot, von Rechts wegen dem Hellenen gleichfalls offenstand, so sind dieselben
doch tatsaechlich erst in spaeter Zeit und in beschraenktem Umfang in den
Staatsdienst eingetreten, zum Teil wohl, weil die roemische Regierung der
frueheren Kaiserzeit die Griechen als Auslaender ungern zuliess, zum Teil, weil
diese selbst die mit dem Eintritt in diese Laufbahn verknuepfte Uebersiedlung
nach Rom scheuten und es vorzogen, statt einer mehr unter den vielen Senatoren
daheim die ersten zu sein. Erst des Lachares Urenkel Herklanos ist in
traianischer Zeit, und in der Familie des Herodes wahrscheinlich zuerst dessen
Vater um dieselbe Zeit in den roemischen Senat eingetreten ^37.
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^36 Tacitus (zum Jahre 62 ann. 15, 20) charakterisiert einen dieser reichen
und einflussreichen Provinzialen, den Claudius Timarchides aus Kreta, der in
seinem Kreis allmaechtig ist (ut solent praevalidi provincialium et opibus
nimiis ad iniurias minorum elati) und ueber den Landtag, also auch ueber das
obligate, aber fuer den abgehenden Prokonsul mit Ruecksicht auf die moeglichen
Rechenschaftsklagen sehr wuenschenswerte Danksagungsdekret desselben verfuegt
(in sua potestate situm, an proconsulibus, qui Cretam obtinuissent, grates
agerentur). Die Opposition beantragt die Untersagung dieser Dankdekrete, aber es
gelingt ihr nicht, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Von einer andern Seite
schildert Plutarch (praec. ger. reip. 19, 3) diese vornehmen Griechen.
^37 Herodes war ex ypat/o/n (vit. soph. 1, 25, 5, p. 536), etelei ek
pater/o/n es to?s disypatoys (das. 2 z. A., p. 545). Sonst ist von Konsulaten
seiner Ahnen nichts bekannt; aber sicher ist der Grossvater Hipparchos nicht
Senator gewesen. Moeglicherweise handelt es sich sogar nur um kognatische
Aszendenten. Das roemische Buergerrecht hat die Familie nicht unter den Juliern
(vgl. CIA III, 489), sondern erst unter den Claudiern empfangen.
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Die andere Laufbahn, welche erst in der Kaiserzeit sich auftat, der
persoenliche Dienst des Kaisers, gab wohl im guenstigen Fall Reichtum und
Einfluss und ist auch frueher und haeufiger von den Griechen betreten worden;
aber da die meisten und wichtigsten dieser Stellungen an den Offizierdienst
geknuepft waren, scheint auch fuer diese laengere Zeit ein faktischer Vorzug der
Italiker bestanden zu haben und war der gerade Weg auch hier den Griechen
einigermassen verlegt. In untergeordneten Stellungen sind Griechen am
kaiserlichen Hofe von jeher und in grosser Anzahl verwendet worden und auf
Umwegen oftmals zu Vertrauen und Einfluss gelangt; aber dergleichen
Persoenlichkeiten kamen mehr aus den hellenisierten Landschaften als aus Hellas
selbst und am wenigsten aus den besseren hellenischen Haeusern. Fuer die
legitime Ambition des jungen Mannes von Herkunft und Vermoegen gab es, wenn er
ein Grieche war, im roemischen Kaiserreich nur beschraenkten Spielraum.
Es blieb ihm die Heimat, und in dieser fuer das gemeine Wohl taetig zu
sein, war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr bescheidene Pflichten
und noch viel bescheidenere Ehren. "Eure Aufgabe", sagt Dion weiter seinen
Rhodiern, "ist eine andere, als die der Vorfahren war. Sie konnten ihre
Tuechtigkeit nach vielen Seiten hin entwickeln, nach dem Regiment streben, den
Unterdrueckten beistehen, Bundesgenossen gewinnen, Staedte gruenden, kriegen und
siegen; von allem dem vermoegt ihr nichts mehr zu tun. Es bleibt euch die
Fuehrung des Hauswesens, die Verwaltung der Stadt, die Verleihung von Ehren und
Auszeichnungen mit Wahl und Mass, der Sitz im Rat und im Gericht, der
Gottesdienst und die Feier der Feste; in allem diesem koennt ihr euch vor andern
Staedten auszeichnen. Auch das ist nichts Geringes, die anstaendige Haltung, die
Sorgfalt fuer Haar und Bart, der gesetzte Gang auf der Strasse, so dass bei euch
selbst die anders gewoehnten Fremden sich es abgewoehnen zu rennen, die
schickliche Tracht, sogar, wenn es auch laecherlich erscheinen mag, der schmale
und knappe Purpursaum, die Ruhe im Theater, das Masshalten im Klatschen: das
alles macht die Ehre eurer Stadt, und mehr als in euren Haefen und Mauern und
Docks zeigt sich hierin das gute alte hellenische Wesen und erkennt hierin auch
der Barbar, der den Namen der Stadt nicht weiss, dass er in Griechenland ist und
nicht in Syrien oder Kilikien." Das traf alles zu; aber wenn es jetzt nicht mehr
von dem Buerger verlangt ward, fuer die Vaterstadt zu sterben, so war doch die
Frage nicht ohne Berechtigung, ob es noch der Muehe wert sei, fuer diese
Vaterstadt zu leben. Es gibt von Plutarchos eine Auseinandersetzung ueber die
Stellung der griechischen Gemeindebeamten zu seiner Zeit, worin er mit der ihm
eigenen Billigkeit und Umsicht diese Verhaeltnisse eroertert. Die alte
Schwierigkeit, die gute Verwaltung der oeffentlichen Angelegenheiten zu fuehren
mittels der Majoritaeten der unsicheren, launenhaften, oft mehr den eigenen
Vorteil als den des Gemeinwesens bedenkenden Buergerschaft oder auch der sehr
zahlreichen Ratsversammlung - die athenische zaehlte in der Kaiserzeit erst 600,
dann 500, spaeter 750 Stadtraete -, bestand wie frueher, so auch jetzt; es ist
die Pflicht des tuechtigen Beamten zu verhindern, dass das "Volk" nicht dem
einzelnen Buerger Unrecht tut, nicht das Privatvermoegen unerlaubterweise an
sich zieht, nicht das Gemeindegut unter sich verteilt - Aufgaben, die dadurch
nicht leichter werden, dass der Beamte kein Mittel dafuer hat als die
verstaendige Ermahnung und die Kunst des Demagogen, dass ihm ferner geraten
wird, in kleinen Dingen nicht allzu sproede zu sein und wenn bei einem Stadtfest
eine maessige Spende an die Buergerschaft in Antrag kommt, es nicht solcher
Kleinigkeit wegen mit den Leuten zu verderben. Im uebrigen aber hatten die
Verhaeltnisse sich voellig veraendert, und es muss der Beamte in die
gegenwaertigen sich schicken lernen. Vor allem hat er die Machtlosigkeit der
Hellenen sich selbst wie den Mitbuergern jeden Augenblick gegenwaertig zu
halten. Die Freiheit der Gemeinde reicht soweit die Herrscher sie gestatten, und
ein Mehr wuerde auch wohl vom Uebel sein. Wenn Perikles die Amtstracht anlegte,
so rief er sich zu, nicht zu vergessen, dass er ueber Freie und Griechen
herrsche; heute hat der Beamte sich zu sagen, dass er unter einem Herrscher
herrsche, ueber eine den Prokonsuln und den kaiserlichen Prokuratoren
untergebene Stadt, dass er nichts sein koenne und duerfe als das Organ der
Regierung, dass ein Federstrich des Statthalters genuege, um jedes seiner
Dekrete zu vernichten. Darum ist es die erste Pflicht eines guten Beamten, sich
mit den Roemern in gutes Einvernehmen zu setzen und womoeglich einflussreiche
Verbindungen in Rom anzuknuepfen, damit diese der Heimat zugute kommen. Freilich
warnt der rechtschaffene Mann eindringlich vor der Servilitaet; noetigenfalls
soll der Beamte mutig dem schlechten Statthalter entgegentreten, und als die
hoechste Leistung erscheint die entschlossene Vertretung der Gemeinde in solchen
Konflikten in Rom vor dem Kaiser. In bezeichnender Weise tadelt er scharf
diejenigen Griechen, die - ganz wie in den Zeiten des Achaeischen Bundes - bei
jedem oertlichen Hader die Intervention des roemischen Statthalters
herbeifuehren, und mahnt dringend, die Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb
der Gemeinde zu erledigen, als durch Appellation sich nicht so sehr der
Oberbehoerde, als den bei ihr taetigen Sachwaltern und Advokaten in die Haende
zu liefern. Alles dieses ist verstaendig und patriotisch, so verstaendig und so
patriotisch wie einstmals die Politik des Polybios, auf die auch ausdruecklich
hingewiesen wird. In dieser Epoche des voelligen Weltfriedens, wo es weder einen
Griechen- noch einen Barbarenkrieg irgendwo gibt, wo die staedtischen Kommandos,
die staedtischen Friedensschluesse und Buendnisse lediglich der Geschichte
angehoeren, war der Rat sehr am Platze, Marathon und Plataeae den Schulmeistern
zu ueberlassen und nicht die Koepfe der Ekklesia mit dergleichen grossen Worten
zu erhitzen, vielmehr in dem engen Kreise der noch gestatteten freien Bewegung
sich zu bescheiden. Aber die Welt gehoert nicht dem Verstande, sondern der
Leidenschaft. Der hellenische Buerger konnte auch jetzt noch gegen das Vaterland
seine Pflicht tun; aber fuer den rechten politischen, nach Grossem ringenden
Ehrgeiz, fuer die Perikleische und Alkibiadische Leidenschaft war in diesem
Hellas, vom Schreibtisch etwa abgesehen, nirgends ein Raum, und in der Luecke
wucherten die Giftkraeuter, die da, wo das hohe Streben erstickt ist, die
Menschenbrust versehren und das Menschenherz vergiften.
Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen, inhaltlosen
Ambition, unter den vielen schweren Schaeden der sinkenden antiken Zivilisation
vielleicht des am meisten allgemeinen, und sicher eines der verderblichsten.
Dabei stehen in erster Reihe die Volksfeste mit ihrer Preiskonkurrenz. Die
olympischen Wettkaempfe stehen dem jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das
allgemeine Turnerfest der griechischen Staemme und Staedte und der nach dem
Spruch der "Hellasrichter" dem tuechtigsten Wettlaeufer aus den Zweigen des
Oelbaums geflochtene Kranz ist der unschuldige und einfache Ausdruck der
Zusammengehoerigkeit der jungen Nation. Aber die politische Entwicklung hatte
bald ueber diese Morgenroete hinausgefuehrt. Schon in den Tagen des Athenischen
Seebundes und gar erst der Alexandermonarchie war jenes Hellenenfest ein
Anachronismus, ein im Mannesalter fortgefuehrtes Kinderspiel; dass der Besitzer
jenes Oelkranzes wenigstens sich und seinen Mitbuergern als Inhaber des
nationalen Primats galt, kam ungefaehr darauf hinaus, wie wenn man in England
die Sieger der Studentenregatten mit Pitt und Beaconsfield in eine Linie stellen
wollte. Die Ausdehnung der hellenischen Nation durch Kolonisierung und
Hellenisierung fand in ihrer idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem
traumhaften Reich des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische
Realpolitik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe, wie billig, wenig
bekuemmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den panhellenischen Gedanken
aufnahm und die Roemer in die Rechte und die Pflichten der Hellenen eintraten,
da blieb oder ward fuer das roemische Allhellas Olympia das rechte Symbol;
erscheint doch unter Augustus der erste roemische Olympionike, und zwar kein
geringerer als Augustus' Stiefsohn, der spaetere Kaiser Tiberius ^38. Das nicht
reinliche Ehebuendnis, welches das Allhellenentum mit dem Daemon des Spiels
einging, machte aus diesen Festen eine ebenso maechtige und dauernde wie im
allgemeinen und besonders fuer Hellas schaedliche Institution. Die gesamte
hellenische und hellenisierende Welt beteiligte sich daran, sie beschickend und
sie nachahmend; ueberall sprangen aehnliche, fuer die ganze griechische Welt
bestimmte Feste aus dem Boden und die eifrige Anteilnahme der breiten Massen,
das allgemeine Interesse fuer den einzelnen Wettkaempfer, der Stolz des Siegers
nicht bloss, sondern seines Anhangs und seiner Heimat liessen fast vergessen, um
welche Dinge eigentlich gestritten ward. Die roemische Regierung liess diesem
Wetturnen und den sonstigen Wettkaempfen nicht bloss freien Lauf, sondern
beteiligte das Reich an denselben; das Recht der feierlichen Einholung des
Siegers in seine Heimatstadt hing in der Kaiserzeit nicht von dem Belieben der
betreffenden Buergerschaft ab, sondern wurde den einzelnen Spielinstituten durch
kaiserliches Privilegium verliehen ^39 und in diesem Fall auch die dem Sieger
zustehende jaehrliche Pension (sit/e/sis) auf die Reichskasse uebernommen, die
bedeutenderen Spielinstitute also geradezu als Reichseinrichtungen behandelt.
Dieses Spielwesen erfasste wie das Reich selbst so alle Provinzen; immer aber
war das eigentliche Griechenland der ideale Mittelpunkt solcher Kaempfe und
Siege, hier ihre Heimat am Alpheios, hier der Sitz der aeltesten Nachbildungen,
der noch der grossen Zeit des hellenischen Namens angehoerigen und von ihren
klassischen Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht minder
einer Anzahl juengerer, aber reich ausgestatteter, aehnlicher Feste, der
Eurykleen, die der oben erwaehnte Herr von Sparta unter Augustus gegruendet, der
athenischen Panathenaeen, der von Hadrian mit kaiserlicher Munifizenz dotierten,
ebenfalls in Athen gefeierten Panhellenien. Man durfte sich verwundern, dass die
ganze Welt des weiten Reiches sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber
nicht darueber, dass an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen
sich berauschten, und dass das politische Stilleben, das ihre besten Maenner
ihnen anempfahlen, durch die Kraenze und die Statuen und die Privilegien der
Festsieger in schaedlichster Weise verwirrt ward.
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^38 Der erste roemische Olympionike, von dem wir wissen, ist Ti. Claudius
Ti. f. Nero, ohne Zweifel der spaetere Kaiser, mit dem Viergespann
(Archaeologische Zeitung 38, 1880, S. 53); es faellt dieser Sieg wahrscheinlich
Ol. 195 (n. Chr. 1), nicht Ol. 199 (n. Chr. 17), wie die Liste des Africanus
angibt (Eus. thron. 1, p. 214 Schoene). In diesem Jahre siegte vielmehr sein
Sohn Germanicus, ebenfalls mit dem Viergespann (Archaeologische Zeitung 37,
1879, S. 36). Unter den eponymen Olympioniken, den Siegern im Stadium, findet
sich kein Roemer; diese Verletzung des griechischen Nationalgefuehls scheint
vermieden worden zu sein.
^39 Ein also privilegiertes Spielinstitut heisst ag/o/n ieros, certamen
sacrum (das heisst mit Pensionierung: Dio Sl, 1) oder ag/o/n eiselastikos,
certamen iselasticum (vgl. unter anderen Plin. ep. ad Trai. 118, 119; CIL X,
515). Auch die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Faellen, vom Kaiser
verliehen (Dittenberger in Heymes 12, 1877, S. 17f.). Nicht mit Unrecht nennen
diese Institute sich "Weltspiele" (ag/o/n oikoymenikos).
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Einen aehnlichen Weg gingen die staedtischen Institutionen, allerdings im
ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Als es dort noch grosse
Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben wie in Rom, die Bewerbung um
die Gemeindeaemter und die Gemeindeehren den Mittelpunkt des politischen
Wetteifers gebildet und neben vielem Leeren, Laecherlichen, Boesartigen auch die
tuechtigsten und edelsten Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern
verschwunden, die Schale geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar die
Haeuser ohne Dach und wohnten die Buerger in Huetten, aber es war noch eine
Stadt, ja ein Staat, und bei dem Aufzug der phokischen Gemeinden fehlten die
Panopeer nicht. Diese Staedte trieben mit ihren Aemtern und Priestertuemern, mit
den Belobigungsdekreten durch Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den
oeffentlichen Versammlungen, mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit den
Statuen zu Fuss und zu Ross ein Eitelkeits- und Geldgeschaeft schlimmer als der
kleinste Duodezfuerst der neueren Zeit mit seinen Orden und Titeln. Es wird ja
auch in diesen Vorgaengen das wirkliche Verdienst und die ehrliche Dankbarkeit
nicht gefehlt haben; aber durchgaengig war es ein Handel auf Geben und Nehmen
oder, mit Plutarch zu reden, ein Geschaeft wie zwischen der Kurtisane und ihren
Kunden. Wie heutzutage die private Munifizenz im Positiv den Orden und im
Superlativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den priesterlichen Purpur
und die Bildsaeule auf dem Markt; und nicht ungestraft treibt der Staat mit
seinen Ehren Falschmuenzerei. In der Massenhaftigkeit derartiger Prozeduren und
der Roheit ihrer Formen stehen die heutigen Leistungen hinter denen der alten
Welt betraechtlich zurueck, wie natuerlich, da die durch den Staatsbegriff nicht
genuegend gebaendigte scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet
ungehindert schaltete und die dekretierenden Behoerden durchgaengig die
Buergerschaften oder die Raete von Kleinstaedten waren. Die Folgen waren nach
beiden Seiten verderblich: die Gemeindeaemter wurden mehr nach der
Zahlungsfaehigkeit als nach der Tuechtigkeit der Bewerber vergeben; die
Schmaeuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und den Schenker
oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und dem Vermoegensverfall der
guten Familien traegt diese Unsitte ihren vollgemessenen Anteil. Auch die
Wirtschaft der Gemeinden selbst litt schwer unter dem Umsichgreifen der
Adulation. Zwar waren die Ehren, mit welchen die Gemeinde dem einzelnen
Wohltaeter dankte, grossenteils nach demselben verstaendigen Prinzip der
Billigkeit bemessen, welches heutzutage die aehnlichen dekorativen
Verguenstigungen beherrscht; und wo das nicht der Fall war, fand haeufig der
Wohltaeter sich bereit, zum Beispiel die ihm zu setzende Bildsaeule selber zu
bezahlen. Aber nicht dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, welche die Gemeinde
vornehmen Auslaendern, vor allem den Statthaltern und den Kaisern wie den
Gliedern des kaiserlichen Hauses erwies. Die Richtung der Zeit auf
Wertschaetzung auch der inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den
kaiserlichen Hof und die roemischen Senatoren nicht so wie die Kreise des
kleinstaedtischen Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fuehlbarer Weise; und
selbstverstaendlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im Laufe der
Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in demselben Mass, wie die
Geringhaltigkeit der regierenden oder an der Regierung beteiligten
Persoenlichkeiten. Begreiflicherweise war in dieser Hinsicht das Angebot immer
staerker als die Nachfrage und diejenigen, die solche Huldigungen richtig
wuerdigten, um davon verschont zu bleiben, genoetigt, sie abzuwehren, was im
einzelnen Fall oft genug ^40, aber konsequenterweise selten geschehen zu sein
scheint - fuer Tiberius darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsaeulen
vielleicht unter seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben fuer
Ehrendenkmaeler, die oft weit ueber die einfache Statue hinausgingen, und fuer
Ehrengesandtschaften ^41 sind ein Krebsschaden gewesen und immer mehr geworden
an dem Gemeindehaushalt aller Provinzen. Aber keine wohl hat im Verhaeltnis zu
ihrer geringen Leistungsfaehigkeit so grosse Summen unnuetz aufgewandt wie die
Provinz von Hellas, das Mutterland wie der Festsieger- so auch der Gemeindeehren
und in einem Prinzipat in dieser Zeit unuebertroffen, in dem der Bedientendemut
und untertaenigen Huldigung.
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^40 Kaiser Gaius zum Beispiel verbittet sich in seinem Schreiben an den
Landtag von Achaia die "grosse Zahl" der ihm zuerkannten Bildsaeulen und
begnuegt sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Isthmos (Keil,
Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Derselbe Landtag beschliesst, dem
Kaiser Hadrian in jeder seiner Staedte eine Bildsaeule zu setzen, von welchen
die Basis der in Abea in Messenien aufgestellten sich erhalten hat (CIG 1307).
Kaiserliche Autorisation ist fuer solche Setzungen von jeher gefordert worden.
^41 Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius, dass
jaehrlich 12000 Sesterzen (2500 Mark) fuer den dem Kaiser und 3000 Sesterzen
(650 Mark) fuer den dem Statthalter von Moesien durch eine besondere Deputation
zu ueberreichenden Neujahrsglueckwunsch angesetzt waren. Plinius weist die
Behoerden an, diese Glueckwuensche fortan nur schriftlich einzusenden, was
Traian billigt (ep. ad Trai. 43, 44).
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Dass die wirtschaftlichen Zustaende Griechenlands nicht guenstig waren,
braucht kaum noch besonders ausgefuehrt zu werden. Das Land, im ganzen genommen,
ist nur von maessiger Fruchtbarkeit, die Ackerfluren von beschraenkter
Ausdehnung, der Weinbau auf dem Kontinent nicht von hervorragender Bedeutung,
mehr die Kultur der Olive. Da die Brueche des beruehmten Marmors, des glaenzend
weissen attischen wie des gruenen karystischen, wie die meisten uebrigen zum
Domanialbesitz gehoerten, kam deren Ausbeutung durch die kaiserlichen Sklaven
der Bevoelkerung wenig zugute.
Die gewerbfleissigste der griechischen Landschaften war die der Achaeer, wo
die seit langem bestehende Fabrikation von Wollenstoffen sich behauptete und in
der wohlbevoelkerten Stadt Patrae zahlreiche Spinnereien den feinen elischen
Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen verarbeiteten. Die Kunst und das Kunsthandwerk
blieben auch jetzt noch vorzugsweise den Griechen, und von den Massen besonders
pentelischen Marmors, welche die Kaiserzeit verbraucht hat, muss ein nicht
geringer Teil an Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Ueberwiegend aber
uebten die Griechen beide im Ausland; von dem frueher so bedeutenden Export des
griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die Rede. Den regsten
Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, die allen Hellenen
gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metropole, wie ein Redner sie
bezeichnet. In den beiden roemischen Kolonien Korinth und Patrae, und ausserdem
in dem stets von schauenden und lernenden Auslaendern gefuellten Athen
konzentrierte sich das groessere Bankiergeschaeft der Provinz, welches in der
Kaiserzeit wie in der republikanischen zum grossen Teil in den Haenden dort
ansaessiger Italiker lag. Auch in Plaetzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis,
Mantineia im Peloponnes, bilden die ansaessigen roemischen Kaufleute eigene,
neben der Buergerschaft stehende Genossenschaften. Im allgemeinen lag in Achaia
Handel und Verkehr darnieder, namentlich seit Rhodos und Delos aufgehoert
hatten, Stapelplaetze fuer den Zwischenverkehr zwischen Asien und Europa zu sein
und dieser sich nach Italien gezogen hatte. Die Piraterie war gebaendigt und
auch die Landstrassen wohl leidlich sicher ^42; aber damit kehrte die alte
glueckliche Zeit noch nicht zurueck. Der Veroedung des Peiraeeus wurde schon
gedacht; es war ein Ereignis, wenn eines der grossen aegyptischen
Getreideschiffe sich einmal dorthin verirrte. Nauplia, der Hafen von Argos, nach
Patrae der bedeutendsten Kuestenstadt des Peloponnes, lag ebenso wuest ^43.
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^42 Dass die Landstrassen in Griechenland besonders unsicher gewesen seien,
erfahren wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pius (vita 5, 4) ist seiner Art
nach voellig dunkel. Wenn der Raeuberhauptmann ueberhaupt - nicht eben gerade
der griechische - in der geringen Literatur der Epoche eine hervorragende Rolle
spielt, so ist dies Vehikel den schlechten Romanschreibern aller Zeiten gemein.
Das euboeische Oedland des feineren Dion ist nicht ein Raeubernest, sondern es
sind die Truemmer einer grossen Gutswirtschaft, deren Inhaber seines Reichtums
wegen vom Kaiser verurteilt worden ist und die seitdem wuest liegt. Uebrigens
zeigt sich hier, was freilich wenigstens fuer Nicht-Gelehrte keines Beweises
bedarf, dass diese Geschichte gerade ebenso wahr ist wie die meisten, welche
damit anfangen, dass der Erzaehler sie selbst von dem Beteiligten habe; waere
die Konfiskation historisch, so wuerde der Besitz an den Fiskus gekommen sein,
nicht an die Stadt, welche der Erzaehler denn auch sich wohl huetet zu nennen.
^43 Des aegyptischen Kaufmanns aus Constantius Zeit naive Schilderung
Achaias mag hier noch Platz finden: "Das Land Achaia, Griechenland und Lakonien
hat viel Gelehrsamkeit, aber fuer die uebrigen Beduerfnisse ist es
unzulaenglich: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann nicht viel
Getreide liefern, erzeugt aber etwas Oel und den attischen Honig, und kann mehr
wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen werden, nicht aber so in den
meisten uebrigen Beziehungen. Von Staedten hat es Korinth und Athen. Korinth hat
viel Handel und ein schoenes Gebaeude, das Amphitheater, Athen aber die alten
Bilder (historias antiquas) und ein erwaehnenswertes Werk, die Burg, wo viele
Bildsaeulen stehen und wunderbar die Kriegstaten der Vorfahren darstellen (ubi
multis statuis stantibus mirabile est videre dicendum antiquorum bellum).
Lakonien soll allein den Marmor von Krokeae aufzuweisen haben, den man den
lakedaemonischen nennt." Die Barbarei des Ausdrucks kommt nicht auf Rechnung des
Schreibers, sondern auf die des viel spaeteren Uebersetzers.
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Dem entspricht es, dass fuer die Strassen dieser Provinz in der Kaiserzeit
so gut wie nichts geschehen ist; roemische Meilensteine haben sich nur in der
naechsten Naehe von Patrae und von Athen gefunden und auch diese gehoeren den
Kaisern aus dem Ende des dritten und dem vierten Jahrhundert; offenbar haben die
frueheren Regierungen darauf verzichtet, hier Kommunikationen herzustellen. Nur
Hadrian unternahm es, wenigstens die so wichtige wie kurze Landverbindung
zwischen Korinth und Megara ueber den schlimmen skironischen Klippenpass durch
gewaltige, ins Meer geworfene Daemme zu einer fahrbaren Strasse zu machen.
Der seit langem verhandelte Plan, die korinthische Landenge zu
durchstechen, den der Diktator Caesar aufgefasst hatte, ist spaeterhin erst von
Kaiser Gaius, dann von Nero in Angriff genommen worden. Letzterer hat sogar bei
seinem Aufenthalt in Griechenland persoenlich zu dem Kanal den ersten Stich
getan und eine Reihe von Monaten hindurch 6000 juedische Kriegsgefangene an
demselben arbeiten lassen. Bei den in unseren Tagen wieder aufgenommenen
Durchsticharbeiten sind bedeutende Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen,
welche zeigen, dass die Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie
abbrach, wahrscheinlich nicht infolge der einige Zeit nachher im Westen
ausbrechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem aehnlichen
aegyptischen Kanal, infolge des irrigerweise vorausgesetzten verschiedenen
Hoehestandes der beiden Meere bei Vollendung des Kanals den Untergang der Insel
Aegina und weiteres Unheil befuerchtete. Freilich wuerde dieser Kanal, wenn er
vollendet worden waere, wohl den Verkehr zwischen Asien und Italien abgekuerzt
haben, aber Griechenland selbst nicht vorwiegend zugute gekommen sein.
Dass die Landschaften noerdlich von Hellas, Thessalien und Makedonien und,
wenigstens seit Traian, auch Epirus, in der Kaiserzeit administrativ von
Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt worden. Von diesen hat die
kleine epirotische Provinz, die von einem kaiserlichen Statthalter zweiten
Ranges verwaltet wurde, sich niemals von der Verwuestung erholt, welche im
Verlauf des Dritten makedonischen Krieges ueber sie ergangen war. Das bergige
und arme Binnenland besass keine namhafte Stadt und eine duenn gesaete
Bevoelkerung. Die nicht minder veroedete Kueste war Augustus zu heben bemueht
durch eine doppelte Staedteanlage, durch die Vollendung der schon von Caesar
beschlossenen Kolonie roemischer Buerger in Buthrotum, Kerkyra gegenueber, die
indes zu keiner rechten Bluete gelangte, und durch die Gruendung der
griechischen Stadt Nikopolis an eben der Stelle, wo vor der Aktischen
Entscheidungsschlacht das Hauptquartier gestanden hatte, an dem suedlichsten
Punkte von Epirus, anderthalb Stunden noerdlich von Prevesa, nach Augustus'
Absicht zugleich ein dauerndes Denkmal des grossen Seesiegs und der Mittelpunkt
neu aufbluehenden hellenischen Lebens. Diese Gruendung ist in ihrer Art als
roemische neu.
An Ambrakias Statt und des amphilochischen Argos,
an Thyreions und an Anaktorions Statt,
auch an Leukas Statt und was von Staedten noch ringsum
rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt,
gruendet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem Koenig
Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg.
Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen einfach
aus, was Augustus hier getan hat: das ganze umliegende Gebiet, das suedliche
Epirus, die gegenueberliegende Landschaft Akarnanien mit der Insel Leukas,
selbst einen Teil von Aetolien vereinigte er zu einem Stadtgebiet und siedelte
die in den dort vorhandenen, verkuemmernden Ortschaften noch uebrigen Bewohner
ueber nach der neuen Stadt Nikopolis, der gegenueber auf dem akarnanischen Ufer
der alte Tempel des aktischen Apollon in prachtvoller Weise erneuert und
erweitert ward. Eine roemische Stadt ist nie in dieser Weise gegruendet worden;
dies ist der Synoekismos der Alexandriden. Ganz in derselben Weise haben Koenig
Kassandros die makedonischen Staedte Thessalonike und Kassandreia, Demetrios der
Staedtebezwinger die thessalische Stadt Demetrias, Lysimachos die Stadt
Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersones aus einer Anzahl umliegender, ihrer
Selbstaendigkeit entkleideter Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen
Charakter der Gruendung entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines
Stifters eine griechische Grossstadt werden ^44. Sie erhielt Freiheit und
Autonomie wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits angegeben ward, in der
das gesamte Hellas vertretenden Amphiktyonie den fuenften Teil der Stimmen
fuehren und zwar, wie Athen, ohne mit anderen Staedten zu wechseln. Das neue
aktische Apolloheiligtum war voellig nach dem Muster von Olympia eingerichtet,
mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des olympischen neben dem eigenen
fuehrte, gleichen Rang und gleiche Privilegien, auch seine Aktfaden wie jenes
seine Olympiaden hatte ^45; die Stadt Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt
Elis zu dem olympischen Tempel ^46. Sorgfaeltig ward bei der staedtischen
Einrichtung sowohl wie bei den religioesen Ordnungen alles eigentlich Italische
vermieden, so nahe es lag, die mit der Reichsbegruendung so innig verknuepfte
Siegesstadt in roemischer Weise zu gestalten. Wer die Augustischen Ordnungen in
Hellas im Zusammenhang erwaegt und namentlich diesen merkwuerdigen Schlussstein,
wird sich der Ueberzeugung nicht verschliessen koennen, dass Augustus eine
Reorganisation von Hellas unter dem Schutz des roemischen Prinzipats ausfuehrbar
geglaubt hat und hat ausfuehren wollen. Die Oertlichkeit wenigstens war dafuer
wohl gewaehlt, da es damals, vor der Gruendung von Patrae, an der ganzen
griechischen Westkueste keine groessere Stadt gab. Aber was Augustus im Anfang
seiner Alleinherrschaft hoffen mochte, hat er nicht erreicht, vielleicht selbst
schon spaeterhin aufgegeben, als er Patrae die Form der roemischen Kolonie gab.
Nikopolis blieb, wie die ausgedehnten Ruinen und die zahlreichen Muenzen
beweisen, verhaeltnismaessig bevoelkert und bluehend ^47, aber seine Buerger
scheinen weder im Handel und Gewerbe noch anderweitig hervorragend eingegriffen
zu haben. Das noerdliche Epirus, welches, aehnlich wie das angrenzende, zu
Makedonien gelegte Illyricum, zum groesseren Teil von albanesischen
Voelkerschaften bewohnt war und nicht unter Nikopolis gelegt ward, ist in der
Kaiserzeit in seinen einigermassen noch heute fortbestehenden primitiven
Verhaeltnissen verblieben. "Epirus und Illyricum", sagt Strabon, "ist zum
grossen Teil eine Einoede; wo sich Menschen finden, wohnen sie in Doerfern und
in Truemmern frueherer Staedte; auch das" - im Mithradatischen Kriege von den
Thrakern verwuestete - "Orakel von Dodona ist erloschen wie das uebrige alles."
^48
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^44 Wenn Tacitus (arm. 5, 10) Nikopolis eine colonia Romana nennt, so ist
das zwar missverstaendlich, aber nicht gerade unrichtig, irrig aber des Plinius
(nat. 4, 1, 5) colonia Augusti Actium cum .. . civitate libera Nicopolitana, da
Aktion Stadt so wenig gewesen ist wie Olympia.
^45 O ag/o/n Ol?mpios ta Aktia: Strab. 7, 7, 6, p. 325; Aktias: Ios. bel.
Iud. 1, 20, 4; Aktionik/e/s oefter. Wie die vier grossen griechischen
Landesfeste bekanntlich /e/ periodos heissen, der in allen vier gekroente
Sieger, periodonik/e/s, so wird CIG 4472 auch den Spielen von Nikopolis
beigefuegt t/e/s periodoy und jene Periodos als die alte (archaia) bezeichnet.
Wie die Wettspiele oefter isol?mpia heissen, so findet sich auch ag/o/n isaktios
(CIG 4472) oder certamen ad exemplar Actiacae religionis (Tac. ann. 15, 23).
^46 So nennt sich ein Nikopolit arch/o/n t/e/s ieras Aktiak/e/s boyl/e/s
(Delphi; Rheinisches Museum N. F. 2, 1843, S. 111), wie in Elis es heisst /e/
polis /E/lei/o/n kai /e/ Olympik/e/ boyl/e/ (Archaeologische Zeitung 34, 1876,
S. 57; aehnlich daselbst 35, 1877, S. 40 und 41 und sonst). uebrigens erhielten
die Spartaner, als die einzigen an dem Aktischen Siege mitbeteiligten Hellenen,
die Leitung (epimeleia) der Aktischen Spiele (Strab. 7, 7, 6, p. 325); ihr
Verhaeltnis zu der boyl/e/ Aktiak/e/ von Nikopolis kennen wir nicht.
^47 Die Schilderung seines Verfalls in der Zeit des Constantius (Paneg. 11,
9) beweist fuer die fruehere Kaiserzeit vielmehr das Gegenteil.
^48 Die Ausgrabungen in Dodona haben dies bestaetigt; alle Fundstuecke
gehoeren der vorroemischen Epoche an, mit Ausnahme einiger Muenzen. Allerdings
hat ein Restaurationsbau stattgefunden, dessen Zeit sich nicht bestimmen laesst;
vielleicht ist er ganz spaet. Wenn Hadrian, der Ze?s D/o/d/o/naios genannt wird
(CIG 1822), Dodona besucht hat (Duerr, Reisen Hadrians, S. 56), so tat er es als
Archaeologe. Eine Befragung des Orakels in der Kaiserzeit wird nur, und auch
nicht in glaubwuerdigster Weise, berichtet von Kaiser Julian (Theodoretus hist.
eccl. 3, 21).
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Thessalien, an sich eine rein hellenische Landschaft so gut wie Aetolien
und Akarnanien, war in der Kaiserzeit administrativ von der Provinz Achaia
getrennt und stand unter dem Statthalter von Makedonien. Was von
Nordgriechenland gilt, trifft auch auf Thessalien zu. Die Freiheit und
Autonomie, welche Caesar den Thessalern allgemein zugestanden oder vielmehr
nicht entzogen hatte, scheint ihnen wegen Missbrauchs von Augustus genommen
worden zu sein, so dass spaeterhin nur Pharsalos diese Rechtsstellung behalten
hat ^49; roemische Kolonisten sind in der Landschaft nicht angesiedelt worden.
Ihren besonderen Landtag in Larisa behielt sie, und auch die staedtische
Selbstverwaltung ist, wie den abhaengigen Griechen in Achaia, so den Thessalern
geblieben. Thessalien ist weitaus die fruchtbarste Landschaft der ganzen
Halbinsel und fuehrte noch im vierten Jahrhundert Getreide aus;
nichtsdestoweniger sagt Dion von Prusa, dass auch der Peneios durch wuestes Land
fliesse, und es ist in der Kaiserzeit in dieser Landschaft nur in sehr geringem
Umfang gemuenzt worden. Um die Herstellung von Landstrassen haben Hadrian und
Diocletian sich bemueht, aber auch, soviel wir sehen, von den roemischen Kaisern
sie allein.
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^49 Die Verfuegung Caesars bezeugen Appian (civ. 2, 88) und Plutarch (Caes.
48), und sie stimmt zu seinem eigenen Bericht (civ. 3, 80) recht gut; dagegen
nennt Plinius (nat. 4, 8, 29) nur Pharsalos als freie Stadt. Zu Augustus' Zeit
wurde ein vornehmer Thessaler Petraeos (wahrscheinlich der Caesarianer, civ. 3,
35) lebendig verbrannt (Plut. praec. ger. reip. 19), ohne Zweifel nicht durch
ein Privatverbrechen, sondern nach Beschluss des Landtags, und es wurden die
Thessaler vor das Kaisergericht gestellt (Suet. Tib. 8). Vermutlich gehoeren
beide Vorgaenge und ebenso der Verlust der Freiheit zusammen.
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Makedonien als roemischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist, verglichen
mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert. Allerdings reicht es
wie dieses von Meer zu Meer, indem die Kueste sowohl des Aegaeischen Meeres von
der zu Makedonien gehoerigen Landschaft Thessalien an bis zur Muendung des
Nestos (Mesta), wie auch die des Adriatischen vom Aoos ^50 bis zum Drilon (Drin)
diesem Distrikt zugerechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich
makedonisches, sondern illyrisches Land, aber schon in republikanischer Zeit dem
Statthalter Makedoniens zugewiesen, ist auch in der Kaiserzeit bei der Provinz
geblieben. Aber dass Griechenland suedlich vom Oeta davon getrennt ward, wurde
schon gesagt. Die Nordgrenze gegen Moesien und die Ostgrenze gegen Thrakien
blieben zwar insofern unveraendert, als die Provinz in der Kaiserzeit so weit
reichte, wie auch das eigentliche Makedonien der Republik gereicht hatte, das
heisst noerdlich etwa bis zum Tal des Erigon, oestlich bis zum Flusse Nestos;
aber wenn in republikanischer Zeit die Dardaner und die Thraker und saemtliche
dem makedonischen Gebiet benachbarte Voelkerschaften des Nordens und des
Nordostens in ihren friedlichen wie in ihren kriegerischen Beruehrungen mit
diesem Statthalter zu tun hatten und insofern gesagt werden konnte, dass die
makedonische Grenze so weit reiche wie die roemischen Lanzen, so gebot der
makedonische Statthalter der Kaiserzeit nur ueber den ihm angewiesenen, nirgends
mehr mit halb oder ganz unabhaengigen Nachbarn grenzenden Bezirk. Da der
Grenzschutz zunaechst auf das in roemische Botmaessigkeit gelangte Thrakerreich
und bald auf den Statthalter der neuen Provinz Moesien ueberging, so wurde der
von Makedonien seines Kommandos von vornherein enthoben. Es ist auch auf
makedonischem Boden in der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die
barbarischen Dardaner am oberen Axios (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die
friedliche Nachbarprovinz. Auch von oertlichen Auflehnungen wird aus dieser
Provinz nichts berichtet.
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^50 In der Zeit der Republik scheint Skodra zu Makedonien gehoert zu haben;
in der Kaiserzeit sind dies und Lissus dalmatische Staedte und macht die Grenze
an der Kueste die Muendung des Drin.
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Von den suedlicheren griechischen Landschaften entfernt sich diese
noerdlichste sowohl in dem nationalen Fundament wie in der Stufe der
Zivilisation. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unterlauf des Haliakmon
(Vistritza) und des Axios (Vardar) bis zum Strymon ein urspruenglich
griechischer Stamm sind, dessen Verschiedenheit von den suedlicheren Hellenen
fuer die gegenwaertige Epoche keine Bedeutung mehr hat, und wenn die hellenische
Kolonisation beide Kuesten in ihren Kreis hineingezogen hat, im Westen mit
Apollonia und Dyrrhachion, im Osten namentlich mit den Ortschaften der Halbinsel
Chalkidike, so ist dagegen das Binnenland der Provinz von einem Gewimmel
ungriechischer Voelker erfuellt, das von den heutigen Zustaenden auf dem
gleichen Gebiet mehr in seinen Elementen als in seinem Ergebnis sich
unterschieden haben wird. Nachdem die bis in diese Gegend vorgedrungenen Kelten,
die Skordisker, von den Feldherren der roemischen Republik zurueckgedraengt
worden waren, teilten sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische
Staemme im Westen und Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon frueher
gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als die griechische
Ordnung, wenigstens die staedtische, bei diesen Staemmen wohl wie in der
frueheren ^51 so auch in der Kaiserzeit nur in beschraenktem Masse eingefuehrt
worden ist. Ueberall ist ein energischer Zug staedtischer Entwicklung nie durch
das makedonische Binnenland gegangen, die entlegeneren Landschaften sind
wenigstens der Sache nach kaum ueber die Dorfwirtschaft hinausgekommen.
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^51 Die staedtischen Gruendungen in diesen Gegenden ausserhalb des
eigentlichen Makedoniens tragen ganz den Charakter eigentlicher Kolonien: so die
von Philippi im Thrakerland und besonders die von Derriopos in Paeonien (Liv. 39
53), fuer welchen letzteren Ort auch die spezifisch makedonischen Politarchen
inschriftlich bezeugt sind. Inschrift vom Jahre 197 n. Chr.: t/o/n peri
Alexandron PHilippoy en Derriop/o/ politarch/o/n (Duchesne und Bayet, Mission au
mont Athos, S. 103).
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Die griechische Politie selbst ist in diesem Koenigsland nicht so wie in
dem eigentlichen Hellas aus sich selber erwachsen, sondern durch die Fuersten
eingefuehrt worden, die mehr Hellenen waren als ihre Untertanen. Welche Gestalt
sie gehabt hat, ist wenig bekannt; doch laesst die in Thessalonike, Edessa, Lete
gleichmaessig wiederkehrende, anderswo nicht begegnende Stadtvorstandschaft der
Politarchen auf eine merkliche und ja auch an sich wahrscheinliche
Verschiedenheit der makedonischen Stadtverfassung von der sonst in Hellas
ueblichen schliessen. Die griechischen Staedte, welche die Roemer vorfanden,
haben ihre Organisation und ihre Rechte behalten, die bedeutendste derselben,
Thessalonike, auch die Freiheit und die Autonomie. Es bestand ein Bund und ein
Landtag (koinon) der makedonischen Staedte, aehnlich wie in Achaia und
Thessalien. Erwaehnung verdient als ein Zeugnis fuer die nachwirkende Erinnerung
der alten grossen Zeit, dass noch in der Mitte des dritten Jahrhunderts nach
Christus der Landtag von Makedonien und einzelne makedonische Staedte Muenzen
gepraegt haben, auf denen der Kopf und der Name des regierenden Kaisers durch
den Alexanders des Grossen ersetzt sind. Die ziemlich zahlreichen Kolonien
roemischer Buerger, welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, Byllis
unweit Apollonia, Dyrrachium am Adriatischen Meer, an der anderen Kueste Dium,
Pella, Cassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippi, sind saemtlich
aeltere griechische Staedte, welche nur eine Anzahl Neubuerger und eine andere
Rechtsstellung erhielten, und zunaechst ins Leben gerufen durch das Beduerfnis,
die ausgedienten italischen Soldaten, fuer die in Italien selbst kein Platz mehr
war, in einer zivilisierten und nicht stark bevoelkerten Provinz unterzubringen.
Auch die Gewaehrung des italischen Rechts erfolgte gewiss nur, um den Veteranen
die Ansiedelung im Ausland zu vergolden. Dass ein Hineinziehen Makedoniens in
die italische Kulturentwicklung niemals beabsichtigt ward, dafuer zeugt, von
allem andern abgesehen, dass Thessalonike griechisch und die Hauptstadt des
Landes blieb. Daneben gedieh Philippi, eigentlich eine der nahen Goldbergwerke
wegen angelegte Grubenstadt, von den Kaisern beguenstigt als Staette der die
Monarchie definitiv begruendenden Schlacht und wegen der zahlreichen an
derselben beteiligten und nachher dort angesiedelten Veteranen. Roemische, nicht
koloniale Gemeindeverfassung hat bereits in der ersten Kaiserzeit Stobi
erhalten, die schon erwaehnte noerdlichste Grenzstadt Makedoniens gegen Moesien
am Einfluss des Erigon in den Axios, kommerziell wie militaerisch eine wichtige
Position und vermutlich schon in makedonischer Zeit zu griechischer Politie
gelangt.
In wirtschaftlicher Hinsicht ist fuer Makedonien auch unter den Kaisern von
Staats wegen wenig geschehen; wenigstens tritt eine besondere Fuersorge
derselben fuer diese nicht unter ihrer eigenen Verwaltung stehende Provinz
nirgends hervor. Um die schon unter der Republik angelegte Militaerstrasse quer
durch das Land von Dyrrachium nach Thessalonike, eine der wichtigsten
Verkehrsadern des ganzen Reiches, haben sich, so viel wir wissen, erst die
Kaiser des dritten Jahrhunderts, zuerst Severus Antoninus, wieder bemueht; die
ihr anliegenden Staedte Lychnidos am Ochrida-See und Herakleia Lynkestis
(Bitolia) haben nie viel bedeutet. Dennoch war Makedonien wirtschaftlich besser
bestellt als Griechenland. Es uebertrifft dasselbe weitaus an Fruchtbarkeit; wie
noch heute die Provinz von Thessalonike relativ gut bebaut und wohlbevoelkert
ist, so wird auch in der Reichsbeschreibung aus Constantius' Zeit, allerdings
als Konstantinopel schon bestand, Makedonien zu den besonders wohlhabenden
Bezirken gerechnet. Wenn fuer Achaia und Thessalien unsere die roemische
Aushebung betreffenden Dokumente schlechthin versagen, so ist dagegen Makedonien
dabei, namentlich auch fuer die Kaisergarde, in bedeutendem Umfang, staerker als
die meisten griechischen Landschaften, in Anspruch genommen worden, wobei
freilich die Gewoehnung der Makedonier an den regelmaessigen Kriegsdienst und
ihre vorzuegliche Qualifikation fuer denselben, wohl auch die relativ geringe
Entwicklung des staedtischen Wesens in dieser Provinz in Anschlag zu bringen
sind. Thessalonike, die Metropole der Provinz und deren volkreichste und
gewerbreichste Stadt dieser Zeit, gleichfalls in der Literatur mehrfach
vertreten, hat auch in der politischen Geschichte durch den tapferen Widerstand,
den seine Buergerin den schrecklichen Zeiten der Goteneinfaelle den Barbaren
entgegensetzten, sich einen Ehrenplatz gesichert.
Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein nicht
griechisches Land. Von dem grossen, aber fuer uns verschollenen thrakischen
Stamm ist frueher gesprochen worden. In seinen Bereich ist der Hellenismus
lediglich von aussen gelangt; und es wird nicht ueberfluessig sein, zunaechst
rueckblickend darzulegen, wie oft der Hellenismus an die Pforten der
suedlichsten Landschaft, welche dieser Stamm inne hatte und die wir noch nach
ihm nennen, bis dahin gepocht und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht
hatte, um deutlich zu machen, was Rom hier nachzuholen blieb und was es
nachgeholt hat. Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf Thrakien und
gruendete nicht bloss Kalybe in der Naehe von Byzantion, sondern im Herzen des
Landes die Stadt, die seitdem seinen Namen traegt. Alexander, auch hier der
Vorlaeufer der roemischen Politik, gelangte an und ueber die Donau und machte
diesen Strom zur Nordgrenze seines Reiches; die Thraker in seinem Heere haben
bei der Unterwerfung Asiens nicht die letzte Rolle gespielt. Nach seinem Tode
schien der Hellespont einer der grossen Mittelpunkte der neuen Staatenbildung,
das weite Gebiet von dort bis an die Donau ^52 die noerdliche Haelfte eines
griechischen Reiches werden zu sollen, der Residenz des ehemaligen Statthalters
von Thrakien, Lysimachos, der auf dem Thrakischen Chersones neugegruendeten
Stadt Lysimacheia eine aehnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der
Marschaelle von Syrien und Aegypten. Indes es kam dazu nicht; die
Selbstaendigkeit dieses Reiches ueberdauerte den Fall seines ersten Herrschers
(473 281) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bis auf die Begruendung der
Vormachtstellung Roms im Orient verging, versuchten bald die Seleukiden, bald
die Ptolemaeer, bald die Attaliden die europaeischen Besitzungen des Lysimachos
in ihre Gewalt zu bringen, aber saemtlich ohne dauernden Erfolg. Das Reich von
Tylis im Haemus, welches die Kelten nicht lange nach dem Tode Alexanders,
ungefaehr gleichzeitig mit ihrer bleibenden Niederlassung in Kleinasien, im
moesisch-thrakischen Gebiet gegruendet hatten, vernichtete die Saat griechischer
Zivilisation in seinem Bereich und erlag selber waehrend des Hannibalischen
Krieges den Angriffen der Thraker, die diese Eingedrungenen bis auf den letzten
Mann ausrotteten. Seitdem gab es in Thrakien eine fuehrende Macht ueberhaupt
nicht; die zwischen den griechischen Kuestenstaedten und den Fuersten der
einzelnen Staemme bestehenden Verhaeltnisse, die ungefaehr denen vor Alexander
entsprechen mochten, erlaeutert die Schilderung, die Polybios von der
bedeutendsten dieser Staedte gibt: wo die Byzantier gesaet haben, da ernten die
thrakischen Barbaren, und es hilft gegen diese weder das Schwert noch das Geld;
schlagen die Buerger einen der Fuersten, so fallen dafuer drei andere in ihr
Gebiet, und kaufen sie einen ab, so verlangen fuenf mehr den gleichen Jahrzins.
Dem Bestreben der spaeteren makedonischen Herrscher, in Thrakien wieder festen
Fuss zu fassen und namentlich die griechischen Staedte der Suedkueste in ihre
Gewalt zu bringen, traten die Roemer entgegen, teils um Makedoniens
Machtentwicklung ueberhaupt niederzuhalten, teils um nicht die wichtige, nach
dem Orient fuehrende "Koenigsstrasse", diejenige, auf der Xerxes nach
Griechenland, die Scipionen gegen Antiochos marschierten, in ihrer ganzen
Ausdehnung in makedonische Hand kommen zu lassen. Schon nach der Schlacht bei
Kynoskephalae wurde die Grenzlinie ungefaehr so gezogen, wie sie seitdem
geblieben ist. oefter versuchten die beiden letzten makedonischen Herrscher,
sich dennoch in Thrakien sei es geradezu festzusetzen, sei es dessen einzelne
Fuersten durch Vertraege an sich zu knuepfen; der letzte Philippos hat sogar
Philippopolis abermals gewonnen und Besatzung hineingelegt, die die Odrysen
freilich bald wieder vertrieben. Zu dauernder Festsetzung gelangte weder er noch
sein Sohn, und die nach der Aufloesung Makedoniens den Thrakern von Rom
eingeraeumte Selbstaendigkeit zerstoerte, was dort etwa von hellenischen
Anfaengen noch uebrig sein mochte. Thrakien selbst wurde zum Teil schon in
republikanischer, entschiedener in der Kaiserzeit roemisches Lehnsfuerstentum,
dann im Jahre 46 n. Chr. roemische Provinz; aber die Hellenisierung des Landes
war nicht hinausgekommen ueber den Saum griechischer Pflanzstaedte, welcher in
fruehester Zeit sich auch um diese Kueste gelegt hatte, und im Lauf der Zeit
eher gesunken als gestiegen. So maechtig und bleibend die makedonische
Kolonisation den Osten ergriffen, so schwach und vergaenglich hat sie Thrakien
beruehrt; Philipp und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem
Lande widerwillig vorgenommen und geringgeschaetzt zu haben ^53. Bis weit in die
Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, sind die an der Kueste
uebriggebliebenen, fast alle heruntergekommenen Griechenstaedte ohne
griechisches Hinterland geblieben.
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^52 Dass auch fuer Lysimachos die Donau Reichsgrenze war, geht hervor aus
Paus. 1,9,6.
^53 Kalybe bei Byzantion entstand nach Strabon (7, 6, 2, p. 320) PHilippoy
to? Am?ntoy to?s pon/e/ratotoys enta?tha idr?santos. Philippopolis soll sogar
nach dem Bericht Theopomps (fr. 122 Mueller) als Pon/e/ropolis gegruendet sein
und die entsprechenden Kolonisten empfangen haben. Wie wenig Vertrauen diese
Angaben auch verdienen, so druecken sie doch in ihrem Zusammentreffen den
Botany-Bay-Charakter dieser Gruendungen aus.
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Dieser von der makedonischen Grenze an bis zum Taurischen Chersonesos sich
erstreckende Kranz hellenischer Staedte ist sehr ungleich geflochten. Im Sueden
ist er dicht geschlossen von Abdera an bis nach Byzantion an den Dardanellen;
doch hat keine dieser Staedte in spaeterer Zeit eine hervorragende Bedeutung
gehabt, mit Ausnahme von Byzantion, das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes,
die eintraegliche Thunfischerei, die ungemein guenstige Handelslage, den
Gewerbefleiss und die durch die exponierte Lage nur gesteigerte und gestaehlte
Tuechtigkeit seiner Buerger auch den schwersten Zeiten der hellenischen Anarchie
zu trotzen gewusst hatte. Bei weitem duerftiger hatte die Ansiedlung sich an der
Westkueste des Schwarzen Meeres entwickelt; an der spaeter zur roemischen
Provinz Thrakien gehoerigen war nur Mesembria von einiger Bedeutung, an der
spaeter moesischen Odessos (Varna) und Tomis (Kuestendsche). Jenseits der
Donaumuendung und der roemischen Reichsgrenze an dem Nordgestade des Pontus
lagen mitten im Barbarenland Tyra ^54 und Olbia; weiterhin machten die alten und
grossen griechischen Kaufstaedte auf der heutigen Krim, Herakleia oder
Chersonesos und Pantikapaeon, einen stattlichen Schlussstein. Alle diese
Ansiedlungen genossen des roemischen Schutzes, seit die Roemer ueberhaupt die
Vormacht auf dem griechisch-asiatischen Kontinent geworden waren, und der starke
Arm, der das eigentliche hellenische Land oft schwer traf, verhinderte hier
wenigstens Katastrophen wie die Zerstoerung von Lysimacheia. Die Beschuetzung
dieser Griechen gehoerte in republikanischer Zeit zu den Obliegenheiten teils
des Statthalters von Makedonien, teils des von Bithymen, seit auch dies roemisch
war; Byzantion ist spaeter bei Bithynien geblieben ^55. Im uebrigen ging in der
Kaiserzeit nach Einrichtung der Statthalterschaft von Moesien und spaeter
derjenigen von Thrakien die Schutzleistung auf diese ueber.
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^54 Doch reicht die noerdliche bessarabische Linie, die vielleicht roemisch
ist, bis nach Tyra.
^55 Dass Byzantion noch in traianischer Zeit unter dem Statthalter von
Bithynien stand, folgt aus Plin. ep. ad Trai. 43. Aus den Gratulationen der
Byzantier an die Legaten von Moesien kann die ihrer Lage nach kaum moegliche
Zugehoerigkeit zu dieser Statthalterschaft nicht geschlossen werden; die
Beziehungen zu dem Statthalter von Moesien erklaeren sich aus den
Handelsverbindungen der Stadt mit den moesischen Hafenplaetzen. Dass Byzanz auch
im Jahre 53 unter dem Senat stand, also nicht zu Thrakien gehoerte, geht aus
Tacitus ann. 12, 62 hervor. Zugehoerigkeit zu Makedonien unter der Republik
bezeugt Cicero (Pis. 35, 86; prov. 4, 6) nicht, da die Stadt damals frei war.
Diese Freiheit scheint, wie bei Rhodos, oft gegeben und oft genommen zu sein.
Cicero, a. a. O., spricht sie ihr zu; im Jahre 53 ist sie tributpflichtig;
Plinius (nat. 4, 11, 46) fuehrt sie als freie Stadt auf; Vespasian entzieht ihr
die Freiheit (Suet. Vesp. 8).
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Schutz und Gunst gewaehrte diesen Griechen Rom von jeher; aber um die
Ausdehnung des Hellenismus hat weder die Republik noch die fruehere Kaiserzeit
sich bemueht ^56. Nachdem Thrakien roemisch geworden war, ist es in Landkreise
eingeteilt worden ^57; und bis fast an das Ende des ersten Jahrhunderts ist dort
keine Stadtanlage zu verzeichnen, mit Ausnahme zweier Pflanzstaedte des Claudius
und des Vespasianus, Apri im Binnenland, nicht weit von Perinthos, und Deultus
an der noerdlichsten Kueste ^58. Domitian hat damit begonnen, griechische
Stadtverfassung im Binnenland einzufuehren, zuerst fuer die Landeshauptstadt
Philippopolis. Unter Traianus erhielten eine Reihe anderer thrakischer
Ortschaften das gleiche Stadtrecht: Topeiros unweit Abdera, Nikopolis am Nestos,
Plotinopolis am Hebros, Pautalia bei Koestendil, Serdica jetzt Sofia, Augusta
Traiana bei Alt-Zagora, ein zweites Nikopolis am noerdlichen Abhang des Haemus
^59 ausserdem an der Kueste Traianopolis an der Hebrosmuendung; ferner unter
Hadrian Adrianopolis, das heutige Adrianopel. Alle diese Staedte waren nicht
Kolonien von Auslaendern, sondern nach dem von Augustus in dem epirotischen
Nikopolis aufgestellten Muster zusammengefasste, griechisch organisierte
Poliden; es war eine Zivilisierung und Hellenisierung der Provinz von oben
herab. Ein thrakischer Landtag bestand seitdem in Philippopolis ebenso wie in
den eigentlich griechischen Landschaften. Dieser letzte Trieb des Hellenismus
ist nicht der schwaechste. Das Land ist reich und anmutig - eine Muenze der
Stadt Pautalia preist den vierfachen Segen der Aehren, der Trauben, des Silbers
und des Goldes; und Philippopolis sowie das schoene Tal der Tundja sind die
Heimat der Rosenzucht und des Rosenoels - und die Kraft des thrakischen Schlages
war nicht gebrochen. Es entwickelte sich hier eine dichte und wohlhabende
Bevoelkerung; der starken Aushebung in Thrakien wurde schon gedacht und in der
Taetigkeit der staedtischen Muenzstaetten stehen fuer diese Epoche wenige
Gebiete Thrakien gleich. Als Philippopolis im Jahre 251 den Goten erlag, soll es
hunderttausend Einwohner gezaehlt haben. Auch die energische Parteinahme der
Byzantier fuer den Kaiser des griechischen Ostens, Pescennius Niger, und der
mehrjaehrige Widerstand, den die Stadt noch nach dessen Untergang dem Sieger
entgegenstellte, zeigen die Mittel und den Mut dieser thrakischen Staedter. Wenn
die Byzantier auch hier unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht
einbuessten, so sollte bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sich
vorbereitende Zeit eintreten, wo Byzantion das neue hellenische Rom und die
Hauptresidenz des umgewandelten Reiches ward.
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^56 Dies verbuergt das Fehlen von Muenzen der thrakischen Binnenstaedte,
welche nach Metall und Stil in die aeltere Zeit gesetzt werden koennten. Dass
eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fuersten zum Teil schon in recht
frueher Zeit gepraegt haben, beweist nur, dass sie ueber Kuestenplaetze mit
griechischer oder halbgriechischer Bevoelkerung geboten. Ebenso wird auch zu
urteilen sein ueber die ganz vereinzelt stehenden Tetradrachmen der "Thraker"
(A. v. Sallet in Zeitschrift fuer Numismatik 3, 1876, S. 241).
Auch die im thrakischen Binnenland gefundenen Inschriften sind durchgaengig
aus roemischer Zeit. Das in Bessapara, jetzt Tatar Bazardjik, westlich von
Philippopolis, von Dumont (Inscriptions de la Thrace, S. 7) gefundene Dekret
einer nicht genannten Stadt wird freilich in gute makedonische Zeit gesetzt,
aber nur nach dem Charakter der Schrift, welcher vielleicht truegt.
^57 Die fuenfzig Strategien Thrakiens (Plin. nat. 4,11, 40; Ptol. geogr. 3,
11, 6) sind nicht Militaerbezirke, sondern, wie dies namentlich bei Ptolemaeos
deutlich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Staemmen decken
(strat/e/gi/e/ Maidik/e/, Bessik/e/ u.s.w.) und Gegensatz zu den Staedten
bilden. Die Bezeichnung strat/e/gos hat, ebenso wie praetor, ihren urspruenglich
militaerischen Wert spaeter eingebuesst. Hier liegt wohl zunaechst die Analogie
von Aegypten zu Grunde, das ebenso in Stadtgebiete unter staedtischen
Magistraten und in Landkreise unter Strategen zerfiel. Ein strat/e/gos peri
Perinthon aus roemischer Zeit: Eph. epigr. II, p. 252.
^58 In Deultus, der colonia Flavia Pacis Deultensium, wurden Veteranen der
8. Legion versorgt (CIL VI, 3828). Flaviopolis auf dem Chersones, das alte
Coela, ist gewiss nicht Kolonie gewesen (Plin, nat. 4, 11, 47), sondern gehoert
zu der eigenartigen Ansiedelung des Kaisergesindes auf diesem Domanialbesitz
(Eph. epigr. V, p. 82).
^59 Diese Stadt Nikopolis /e/ peri Aim/o/n des Ptolemaeos (geogr. 3, 11,
7), Nikopolis pros Istron der Muenzen, das heutige Nikup an der Jantra, gehoert
geographisch zu Untermoesien und, wie die Statthalternamen der Muenzen zeigen,
seit Severus auch administrativ; aber nicht bloss fuehrt Ptolemaeos es bei
Thrakien auf, sondern die Fundorte der hadrianischen Terminalsteine (CIL III,
736, vgl. p. 992) scheinen es ebenfalls zu Thrakien zu stellen. Da diese
griechische Binnenstadt weder zu den lateinischen Stadtgemeinden Untermoesiens
noch zu dem koinon des moesischen Pontus passte, ist sie bei der ersten Ordnung
der Verhaeltnisse dem koinon der Thraker zugewiesen worden. Spaeter muss sie
freilich einem oder dem andern jener moesischen Verbaende angeschlossen worden
sein.
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In der benachbarten Provinz Untermoesien hat sich, freilich in geringerem
Masse, eine aehnliche Entwicklung vollzogen. Die griechischen Kuestenstaedte,
deren Metropole wenigstens in roemischer Zeit Tomis war, wurden, wahrscheinlich
bei Konstituierung der roemischen Provinz Moesien, zusammengefasst als
"Fuenfstaedtebund des linken Ufers des Schwarzen Meeres" oder, wie er auch sich
nennt, "der Griechen", das heisst der Griechen dieser Provinz. Spaeter ist als
sechste Stadt die unweit der Kueste an der thrakischen Grenze von Traian
angelegte und gleich den thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopolis
diesem Bund angeschlossen worden ^60. Dass die Lagerstaedte am Donauufer und
ueberhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben gerufenen Ortschaften nach
italischem Muster eingerichtet wurden, ist frueher bemerkt worden; Untermoesien
ist die einzige durch die Sprachgrenze durchschnittene roemische Provinz, indem
der tomitanische Staedtebund dem griechischen, die Donaustaedte wie Durostorum
und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet angehoeren. Im uebrigen gilt von diesem
moesischen Staedtebund wesentlich das gleiche, was ueber Thrakien bemerkt ward.
Wir haben eine Schilderung von Tomis aus den letzten Jahren des Augustus,
freilich von einem dahin zur Strafe Verbannten, aber sicher im wesentlichen
getreu. Die Bevoelkerung besteht zum groesseren Teil aus Geten und Sarmaten; sie
tragen, wie die Daker auf der Traianssaeule, Pelze und Hosen, langes flatterndes
Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Strasse zu Pferde und mit dem
Bogen bewaffnet, den Koecher auf der Schulter, das Messer im Guertel. Die
wenigen Griechen, die unter ihnen sich finden, haben die barbarische Sitte
angenommen mit Einschluss der Hosen und wissen ebensogut oder besser getisch als
griechisch sich auszudruecken; der ist verloren, der sich nicht auf getisch
verstaendlich machen kann, und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. Vor den
Toren hausen raeuberische Scharen der verschiedensten Voelker und ihre Pfeile
fliegen nicht selten ueber die schuetzende Stadtmauer; wer seinen Acker zu
bestellen wagt, der tut es mit Lebensgefahr, und pfluegt bewaffnet - war doch um
die Zeit von Caesars Diktatur bei dem Zuge des Burebista die Stadt den Barbaren
in die Haende gefallen und wenige Jahre, bevor jener Verbannte nach Tomis kam,
waehrend der dalmatisch-pannonischen Insurrektion ueber diese Gegend abermals
die Kriegsfurie hingebraust. Zu diesen Erzaehlungen passen die Muenzen und die
Inschriften derselben Stadt insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen
Staedtebundes in der vorroemischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche
andere dieser Staedte taten, und dass ueberhaupt Muenzen wie Inschriften aus der
Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 2. und 3. Jahrhundert ist sie
umgewandelt und kann ziemlich mit demselben Recht eine Gruendung Traians heissen
wie das ebenfalls rasch zu bedeutender Entwicklung gelangte Markianopolis. Die
frueher erwaehnte Sperrung in der Dobrudscha diente zugleich als Schutzmauer
fuer die Stadt Tomis. Hinter dieser bluten daselbst Handel und Schiffahrt auf.
Es gab in der Stadt eine Genossenschaft alexandrinischer Kaufleute mit ihrer
eigenen Serapiskapelle ^61; in munizipaler Freigebigkeit und munizipaler
Ambition steht die Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurueck;
zweisprachig ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, dass neben der auf den
Muenzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der Grenze der beiden
Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach selbst auf oeffentlichen
Denkmaelern angewendet wird.
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^60 Das koinon t/e/s Pentapole/o/s findet sich auf einer Inschrift von
Odessos (CIG 2056 c) die fueglich der frueheren Kaiserzeit angehoeren kann, die
pontische Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis wahrscheinlich des 2.
Jahrhunderts n. Chr. (Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 1, z. Aufl., S.
305; Hirschfeld in Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen 6, 1882, S. 22).
Die Hexapolis muss auf jeden Fall und danach wahrscheinlich auch die Pentapolis,
mit den roemischen Provinzialgrenzen in Einklang gebracht werden, das heisst die
griechischen Staedte Untermoesiens in sich schliessen. Diese finden sich auch,
wenn man den sichersten Fuehrern, den Muenzen der Kaiserzeit, folgt.
Muenzstaetten (von Nikopolis abgesehen, Anm. 59) gibt es in Untermoesien sechs:
Istros, Tomis, Kallatis, Dionysopolis, Odessos und Markianopolis, und da die
letzte Stadt von Traian gegruendet ward, so erklaert sich damit zugleich die
Pentapolis. Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehoert; wenigstens zeigen die
zahlreichen und redseligen Denkmaeler der letzteren Stadt nirgends eine
Anknuepfung an diesen Staedtebund. Koinon t/o/n Ell/e/n/o/n heisst derselbe auf
einer Inschrift von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nur in der
athenischen Pandora vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: Agath/e/ t?ch/e/. Kata ta
doxanta t/e/ krat/e/st/e/ boyl/e/ kai t/o/ lamprotat/o/ d/e/m/o/ t/e/s
lamprotat/e/s metropole/o/s kai a toi epon?moy Pontoy Tome/o/s ton Pontarch/e/n
Preiskion Annianon arxanta toi koino? t/o/n Ell/e/n/o/n kai t/e/s metropole/o/s
t/e/n a' arch/e/n agn/o/s, kai archierasamenon, t/e/n diopl/o/n kyneg/e/si/o/n
endox/o/s philoteimian m/e/ dialiponta, alla kai boyleyt/e/n kai t/o/n
pr/o/teyont/o/n PHlabias Neas pole/o/s, kai t/e/n archiereian s?mbion ayto?
Ioylian Apolaist/e/n pas/e/s teim/e/s charein.
^61 Das zeigt die merkwuerdige Inschrift bei Allard, La Bulgarie Orientale.
Paris 1863, S. 263: THe/o/ megal/o/ Sarap{idi kai} tois synnaiois theois kai
t/o/ aytokratori T. Aili/o/ Adrian/o/ Ant/o/nein/o/ Sebast/o/ Eysebei kai M.
Ayr/e/li/o/ Oy/e/r/o/ Kaisari Karpi/o/n Anoybi/o/nos t/o/ oik/o/ Alexandre/o/n
ton b/o/mon ek t/o/n idi/o/n aneth/e/ken etoys kg' m/e/nos PHarmoythi a' epi
iere/o/n Kornoytoy to? kai Sarapi/o/nos Pol?mnoy to? kai Longeinoy. Die
Schiffergilde von Tomis begegnet mehrfach in den Inschriften der Stadt.
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Jenseits der Reichsgrenze, zwischen der Donaumuendung und der Krim, hatte
der griechische Kaufmann die Kueste wenig besiedelt; es gab hier nur zwei
namhafte griechische Staedte, beide von Miletos aus in ferner Zeit gegruendet,
Tyra an der Muendung des gleichnamigen Flusses, des heutigen Dnjestr, und Olbia
an dem Busen, in welchen der Borysthenes (Dnjepr) und der Hypanis (Bug) fallen.
Die verlorene Stellung dieser Hellenen unter den sie umdraengenden Barbaren in
der Diadochenzeit sowohl wie waehrend der Vorherrschaft der roemischen Republik
ist frueher geschildert worden. Die Kaiser brachten Hilfe. Im Jahre 56, also in
dem musterhaften Anfang der Neronischen Regierung, ist Tyra zur Provinz Moesien
gezogen worden. Von dem entfernteren Olbia besitzen wir eine Schilderung aus
traianischer Zeit ^62: die Stadt blutete noch aus ihren alten Wunden; die
elenden Mauern umschlossen gleich elende Haeuser und das damals bewohnte
Quartier fuellte einen kleinen Teil des alten ansehnlichen Stadtringes, von dem
einzelne uebriggebliebene Tuerme weit hinaus auf dem wuesten Felde standen; in
den Tempeln gab es kein Goetterbild, das nicht die Spuren der Barbarenfaeuste
trug; die Bewohner hatten ihr Hellenentum nicht vergessen, aber sie trugen und
schlugen sich nach Art der Skythen, mit denen sie taeglich im Gefecht lagen.
Ebenso oft wie mit griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen, das
heisst mit denen der den Iraniern verwandten sarmatischen Staemme ^63; ja im
Koenigshause selbst ward Sauromates ein gewoehnlicher Name. Ihr Fortbestehen
selbst hatten diese Staedte wohl weniger der eigenen Kraft zu danken als dem
guten Willen oder vielmehr dem eigenen Interesse der Eingeborenen. Die an dieser
Kueste sitzenden Voelkerschaften waren weder imstande, den auswaertigen Handel
aus eigenen Emporien zu fuehren, noch mochten sie ihn entbehren; in den
hellenischen Kuestenstaedten kauften sie Salz, Kleidungstuecke, Wein, und die
zivilisierteren Fuersten schuetzten einigermassen die Fremden gegen die Angriffe
der eigentlichen Wilden. Die frueheren Regenten Roms muessen Bedenken getragen
haben, den schwierigen Schutz dieser entlegenen Niederlassung zu uebernehmen;
dennoch sandte Pius, als die Skythen sie wieder einmal belagerten, ihnen
roemische Hilfstruppen und zwang die Barbaren, Frieden zu bieten und Geiseln zu
stellen. Durch Severus, von dem an Olbia Muenzen mit dem Bildnis der roemischen
Herrscher schlug, muss die Stadt dem Reiche geradezu einverleibt worden sein.
Selbstverstaendlich erstreckte sich diese Annektierung nur auf die Stadtgebiete
selbst und ist nie daran gedacht worden, die barbarischen Umwohner Tyras und
Olbias unter das roemische Szepter zu bringen. Es ist schon bemerkt worden, dass
diese Staedte die ersten waren, welche, vermutlich unter Alexander ( + 235), dem
beginnenden Gotensturm erlagen.
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^62 Das stets bekriegte und oft zerstoerte Olbia erlitt nach der Angabe
Dios (Borysth. p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seiner Zeit das heisst etwa vor dem
Jahre 100 n. Chr., also wahrscheinlich bei dem Zug des Burebista, die letzte und
schwerste Eroberung (t/e/n teleytaian kai megist/e/n al/o/sin). Eilon de, faehrt
Dion fort, kai ta?t/e/n Getai kai tas allas tas en tois aristerois to? Pontoy
poleis mechri Apoll/o/nias (Sozopolis oder Sizebolu, die letzte namhafte
Griechenstadt an der pontischen Westkueste) othen d/e/ kai sphodra tapeina ta
pragmata katest/e/ t/o/n ta?t/e/ Ell/e/n/o/n, t/o/n men oyketi syoikistheis/o/n
pole/o/n, t/o/n de pha?l/o/s kai t/o/n pleist/o/n barbar/o/n eis aytas
syrryent/o/n. Der junge vornehme Stadtbuerger ausgepraegter ionischer
Physiognomie, dem Dion dann begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten erschlagen
oder gefangen hat, und zwar den Phokylides nicht kennt, aber den Homer auswendig
weiss, traegt Mantel und Hosen nach Skythenart und das Messer im Gurt. Die
Stadtbuerger alle tragen langes Haar und langen Bart und nur einer beides
geschoren, was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Roemer verdacht wird.
Also ein Jahrhundert spaeter sah es dort ganz so aus, wie Ovidius Tomis
schildert.
^63 Ganz gewoehnlich heisst der Vater skythisch, der Sohn griechisch, oder
auch umgekehrt; zum Beispiel verzeichnet eine unter oder nach Traian gesetzte
Inschrift von Olbia (CIG 2074) sechs Strategen: M. Ulpius Pyrrhus Sohn des
Arseuaches, Demetrios Sohn des Xessagaros, Zoilos Sohn des Arsakes, Badakes Sohn
des Radanpson, Epikrates Sohn des Koxuros, Ariston Sohn des Vargadakes.
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Wenn auf dem Kontinent im Norden des Pontus die Griechen sich nur spaerlich
angesiedelt hatten, so war die grosse, aus dieser Kueste vorspringende
Halbinsel, der Taurische Chersonesos, die heutige Krim, seit langem zum grossen
Teil in ihren Haenden. Getrennt durch die Gebirge, welche die Taurier
innehatten, waren die beiden Mittelpunkte der griechischen Niederlassung auf ihr
am westlichen Ende die dorische freie Stadt Herakleia oder Chersonesos
(Sevastopol), am oestlichen das Fuerstenrum von Pantikapaeon oder Bosporus
(Kertsch). Koenig Mithradates hatte auf der Hoehe seiner Macht beide vereinigt
und hier sich ein zweites Nordreich gegruendet, das dann nach dem Zusammenbruch
seiner Herrschaft als einziger Ueberrest derselben seinem Sohn und Moerder
Pharnakes verblieb. Als dieser waehrend des Krieges zwischen Caesar und Pompeius
versuchte, die vaeterliche Herrschaft in Kleinasien wieder zu gewinnen, hatte
Caesar ihn besiegt und ihn auch des Bosporanischen Reiches verlustig erklaert.
In diesem hatte inzwischen der von Pharnakes daselbst zurueckgelassene
Statthalter Asandros dem Koenig den Gehorsam aufgekuendigt, in der Hoffnung,
durch diesen Caesar erwiesenen Dienst selbst das Koenigtum zu erlangen. Als
Pharnakes nach der Niederlage in sein Bosporanisches Reich zurueckkam,
bemaechtigte er zwar zunaechst sich wieder seiner Hauptstadt, unterlag aber
schliesslich und fiel tapfer fechtend in der letzten Schlacht, als Soldat
wenigstens seinem Vater nicht ungleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der
tatsaechlich Herr des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tuechtiger
Offizier Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fuerstenrum belehnt hatte;
beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus herrschende Dynastie
und den grossen Mithradates, indem Asandros sich mit der Tochter des Pharnakes,
Dynamis, vermaehlte, Mithradates, einem pergamenischen Buergerhaus entsprossen,
ein Bastardsohn des grossen Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun,
dass dieses Gerede die Auswahl bestimmte, sei es, dass es zur Rechtfertigung der
Auswahl in Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst zunaechst durch wichtigere
Aufgaben in Anspruch genommen war, so entschieden zwischen dem legitimen und dem
illegitimen Caesarianer die Waffen, und zwar wieder zu Gunsten des letzteren;
Mithradates fiel im Gefecht und Asandros blieb Herr im Bosporus. Er vermied es
anfaenglich, ohne Zweifel, weil ihm die Bestaetigung des Lehnsherrn fehlte, sich
den Koenigsnamen beizulegen, und begnuegte sich mit dem auch von den aelteren
Fuersten von Pantikapaeon gefuehrten Archontentitel; aber bald, wahrscheinlich
noch von Caesar selbst, erwirkte er die Bestaetigung seiner Herrschaft und den
koeniglichen Titel ^64. Bei seinem Tode (737/38 17/16) hinterliess er sein Reich
der Gemahlin Dynamis. So stark war immer noch die Macht der Erbfolge und des
Mithradatischen Namens, dass sowohl ein gewisser Scribonianus, der zunaechst
Asandros' Stelle einzunehmen versuchte, wie nach ihm der Koenig Polemon von
Pontus, dem Augustus das Bosporanische Reich zusprach, mit der Uebernahme der
Herrschaft ein Ehebuendnis mit der Dynamis verbanden; ueberdies behauptete
jener, selber ein Enkel des Mithradates zu sein, waehrend Koenig Polemon bald
nach dem Tode der Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des
Kaiserhauses heiratete. Nach seinem fruehen Tode - er fiel im Kampfe gegen die
Aspurgianer an der asiatischen Kueste - folgten seine unmuendigen Kinder ihm
nicht und auch seinem gleichnamigen Enkel, den Kaiser Gaius trotz seines
Knabenalters im Jahre 38 in die beiden Fuerstenroemer seines Vaters wieder
einsetzte, blieb das bosporanische nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser
Claudius einen wirklichen oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator,
und diesem Hause ist, wie es scheint, das Fuerstenrum von da an verblieben ^65.
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^64 Da Asandros sein Archontat wahrscheinlich schon von seinem Abfall von
Pharnakes, also vom Sommer des Jahres 707 (47) gezaehlt hat und bereits im
vierten Jahre seiner Regierung den Koenigstitel annimmt, so kann dieses Jahr
fueglich auf Herbst 709/710 (45/44) gesetzt werden, die Bestaetigung also von
Caesar erfolgt sein. Antonius kann sie nicht wohl erteilt haben, da er erst Ende
712 (42) nach Asien kam; noch weniger ist an Augustus zu denken, den Pseudo-
Lukianos (macrob. 15) nennt, Vater und Sohn verwechselnd.
^65 Mithradates den Claudius im Jahre 41 zum Koenig des Bosporus machte,
fuehrte sein Geschlecht auf Eupator zurueck (Dio 60, 8; Tac. ann. 12, 18) und
ihm folgte sein Bruder Kotys (Tac. a. a. O.). Ihr Vater heisst Aspurgos (CIG II,
p. 95), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strab. 11, 2, 19, p. 415) gewesen
zu sein. Von einem spaeteren Dynastiewechsel wird nicht berichtet; Koenig
Eupator in Pius Zeit (Lukian. Alex. 57; vita Pii 9) weist auf das gleiche Haus.
Wahrscheinlich haben uebrigens diese spaeteren bosporanischen Koenige so wie die
uns nicht einmal dem Namen nach bekannten naechsten Nachfolger Polemons auch zu
den Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden, wie denn der
erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau gehabt hatte. Die
thrakischen Koenigsnamen, wie Kotys und Rhaskuporis, die in dem bosporanischen
Koenigshaus gewoehnlich sind, knuepfen wohl an den Schwiegersohn des Polemon,
den thrakischen Koenig Kotys, an. Die Benennung Sauromates, welche seit dem Ende
des 1. Jahrhunderts haeufig auftritt, ist ohne Zweifel durch Verschwaegerung mit

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