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Rˆmische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen

Part 3 out of 12

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breit die Ortschaften, namentlich das heutige Baden bei Zuerich, jagten die in
die Berge Fluechtenden aus ihrem Versteck auf und machten sie zu Tausenden
nieder oder verkauften die Gefangenen nach Kriegsrecht. Obwohl die Hauptstadt
Aventicum (Avenches bei Murten) sich ohne Gegenwehr unterwarf, forderten die
Agitatoren der Armee ihre Schleifung und alles, was der Feldherr gewaehrte, war
die Verweisung der Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des
grossen Hauptquartiers; diese sassen ueber das Schicksal der Stadt zu Gericht
und nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstoerung.
Dergleichen Misshandlungen brachten die Provinzialen aufs aeusserste; noch bevor
Vitellius Gallien verliess, trat ein gewisser Mariccus aus dem von den Haeduern
abhaengigen Gau der Boier auf, ein Gott auf Erden, wie er sagte, und bestimmt,
die Freiheit der Kelten wieder herzustellen; und scharenweise stroemten die
Leute unter seine Fahnen. Indes kam auf die Erbitterung im Keltenland nicht
allzu viel an. Eben der Aufstand des Vindex hatte auf das deutlichste gezeigt,
wie voellig unfaehig die Gallier waren, sich der roemischen Umklammerung zu
entwinden. Aber die Stimmung der zu Gallien gerechneten germanischen Distrikte
in den heutigen Niederlanden, der Bataver, der Cannenefaten, der Friesen, deren
Sonderstellung schon hervorgehoben ward, hatte etwas mehr zu bedeuten; und es
traf sich, dass eben diese einerseits aufs aeusserste erbittert worden waren,
andererseits ihre Kontingente zufaellig sich in Gallien befanden. Die Masse der
batavischen Truppen, 8000 Mann, der 14. Legion beigegeben, hatte laengere Zeit
mit dieser bei dem oberen Rheinheere gestanden und war dann unter Claudius bei
der Besetzung Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo dieses Korps kurz zuvor
die entscheidende Schlacht unter Paullinus durch seine unvergleichliche
Tapferkeit fuer die Roemer gewonnen hatte; von diesem Tag an nahm dasselbe unter
allen roemischen Heeresabteilungen unbestritten den ersten Platz ein. Eben
dieser Auszeichnung wegen von Nero abberufen, um mit ihm zum Kriege in den
Orient abzugehen, hatte die in Gallien ausbrechende Revolution ein Zerwuerfnis
zwischen der Legion und ihren Hilfsmannschaften herbeigefuehrt: jene, dem Nero
treu ergeben, eilte nach Italien, die Bataver dagegen weigerten sich zu folgen.
Vielleicht hing dies damit zusammen, dass zwei ihrer angesehensten Offiziere,
die Brueder Paulus und Civilis, ohne jeden Grund und ohne Ruecksicht auf
vieljaehrige treue Dienste und ehrenvolle Wunden, kurz vorher als des
Hochverrats verdaechtig in Untersuchung gezogen, der erstere hingerichtet, der
zweite gefangengesetzt worden war. Nach Neros Sturz, zu welchem der Abfall der
batavischen Kohorten wesentlich beigetragen hatte, gab Galba den Civilis frei
und sandte die Bataver in ihr altes Standquartier nach Britannien zurueck.
Waehrend sie auf dem Marsch dahin bei den Lingonen (Langres) lagerten, fielen
die Rheinlegionen von Galba ab und riefen den Vitellius zum Kaiser aus. Die
Bataver schlossen nach laengerem Schwanken schliesslich sich an; dieses
Schwanken vergab ihnen Vitellius nicht, doch wagte er nicht, den Fuehrer des
maechtigen Korps geradezu zur Verantwortung zu ziehen. So waren die Bataver mit
den Legionen von Untergermanien nach Italien marschiert und hatten mit gewohnter
Tapferkeit in der Schlacht von Betriacum fuer Vitellius gefochten, waehrend ihre
alten Legionskameraden ihnen in dem Heere Othos gegenueberstanden. Aber der
Uebermut dieser Germanen erbitterte ihre roemischen Siegesgenossen, wie sehr sie
ihre Tapferkeit im Kampf anerkannten; auch die kommandierenden Generale trauten
ihnen nicht und machten sogar einen Versuch, durch Detachierung sie zu teilen,
was freilich in diesem Krieg, in dem die Soldaten kommandierten und die Generale
gehorchten, nicht durchzufuehren war und fast dem General das Leben gekostet
haette. Nach dem Siege wurden sie beauftragt, ihre feindlichen Kameraden von der
14. Legion nach Britannien zu eskortieren; aber da es zwischen beiden in Turin
zum Handgemenge gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach
Germanien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen worden,
und waehrend infolgedessen Vitellius sowohl den batavischen Kohorten
Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern neue umfassende
Aushebungen anordnete, knuepften Vespasians Beauftragte mit den batavischen
Offizieren an, um diesen Abmarsch zu verhindern und in Germanien selbst einen
Aufstand hervorzurufen, der die Truppen dort festhielte. Civilis ging darauf
ein. Er begab sich in seine Heimat und gewann leicht die Zustimmung der
Seinigen, sowie der benachbarten Cannenefaten und Friesen. Bei jenen brach der
Aufstand aus; die beiden Kohortenlager in der Naehe wurden ueberfallen und die
roemischen Posten aufgehoben; die roemischen Rekruten schlugen sich schlecht;
bald warf Civilis mit seiner Kohorte, die er hatte nachkommen lassen, um sie
angeblich gegen die Insurgenten zu gebrauchen, sich selbst offen in die
Bewegung, sagte mit den drei germanischen Gauen dem Vitellius auf und forderte
die uebrigen, eben damals von Mainz zum Abmarsch nach Italien aufbrechenden
Bataver und Cannenefaten auf, sich ihm anzuschliessen.
Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrektion der Provinz
oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rheinlegionen mit denen von der
Donau und weiter mit diesen und der Euphratarmee schlugen, so war es nur
folgerichtig, dass auch die Soldaten zweiter Klasse, und vor allem die
angesehenste Truppe derselben, die batavische, selbstaendig in diesen Korpskrieg
eintrat. Wer diese Bewegung bei den Kohorten der Bataver und den
linksrheinischen Germanen mit der Insurrektion der rechtsrheinischen unter
Augustus zusammenstellt, der darf nicht uebersehen, dass in jener die Alen und
Kohorten die Rolle des Landsturms der Cherusker uebernahmen; und wenn der
treulose Offizier des Varus seine Nation aus der Roemerherrschaft erloeste, so
handelte der batavische Fuehrer im Auftrag Vespasians, ja vielleicht auf geheime
Anweisung des im stillen Vespasian geneigten Statthalters seiner Provinz, und
richtete sich der Aufstand zunaechst lediglich gegen Vitellius. Freilich war die
Lage der Dinge von der Art, dass dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in
einen Germanenkrieg gefaehrlichster Art sich verwandeln konnte. Dieselben
roemischen Truppen, die den Rhein gegen die Germanen des rechten Ufers deckten,
standen infolge der Korpskriege den linksrheinischen Germanen feindlich
gegenueber; die Rollen waren solcher Art, dass es fast leichter schien, sie zu
wechseln als sie durchzufuehren. Civilis selbst mag es wohl auf den Erfolg haben
ankommen lassen, ob die Bewegung auf einen Kaiserwechsel oder auf die
Vertreibung der Roemer aus Gallien durch die Germanen hinauslaufen werde.
Das Kommando ueber die beiden Rheinarmeen fuehrte damals, nachdem der
Statthalter von Untergermanien Kaiser geworden war, sein bisheriger Kollege in
Obergermanien Hordeonius Flaccus, ein hochbejahrter podagrischer Mann, ohne
Energie und ohne Autoritaet, dazu entweder in der Tat im geheimen zu Vespasian
haltend oder doch bei den eifrig dem Kaiser ihrer Mache anhaengenden Legionen
solcher Treulosigkeit sehr verdaechtig. Es zeichnet ihn und seine Stellung, dass
er, um sich von dem Verdacht des Verrats zu reinigen, Befehl gab, die
einlaufenden Regierungsdepeschen uneroeffnet den Adlertraegern der Legionen
zuzustellen und diese sie zunaechst den Soldaten vorlasen, bevor sie dieselben
an ihre Adresse befoerderten. Von den vier Legionen des unteren Heeres, das
zunaechst mit den Aufstaendischen zu tun hatte, standen zwei, die 5. und die
15., unter dem Legaten Munius Lupercus im Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter
Numisius Rufus in Novaesium (Neuss), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna
(Bonn). Von dem oberen Heer, das damals nur drei Legionen zaehlte ^8, blieb die
eine, die 21., in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgaengen fern, wenn
sie nicht vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden anderen, die
4. makedonische und die 22., standen im Hauptquartier Mainz, wo auch Flaccus
sich befand und faktisch der tuechtige Legat des letzteren, Dillius Vocula, den
Oberbefehl fuehrte. Die Legionen hatten durchgaengig nur die Haelfte der vollen
Zahl, und die meisten Soldaten waren Halbinvalide oder Rekruten.
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^8 Die 4. obergermanische Legion war im Jahre 58 nach Kleinasien geschickt,
wegen des Armenisch-Parthischen Krieges (Tac. ann. 13, 35).
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Civilis, an der Spitze einer kleinen Zahl regulaerer Truppen, aber des
Gesamtaufgebots der Bataver, Cannenefaten und Friesen, ging aus der Heimat zum
Angriff vor. Zunaechst am Rhein stiess er auf Reste der aus den noerdlichen
Gauen vertriebenen roemischen Besatzungen und eine Abteilung der roemischen
Rheinflotte; als er angriff, lief nicht bloss die grossenteils aus Batavern
bestehende Schiffsmannschaft zu ihm ueber, sondern auch eine Kohorte der Tungrer
- es war der erste Abfall einer gallischen Abteilung; was von italischen
Mannschaften dabei war, wurde erschlagen oder gefangen. Dieser Erfolg brachte
endlich die rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. Was sie seit langem
vergeblich gehofft hatten, die Erhebung der roemischen Untertanen auf dem
anderen Ufer, ging nun in Erfuellung und sowohl die Chauker und die Friesen an
der Kueste wie vor allem die Bructerer zu beiden Seiten der oberen Ems bis hinab
zur Lippe, und am Mittelrhein, Koeln gegenueber, die Tencterer, in minderem
Masse die suedlich an diese sich anschliessenden Voelkerschaften, Usiper,
Mattiaker, Chatten, warfen sich in den Kampf. Als auf Befehl des Flaccus die
beiden schwachen Legionen von Vetera gegen die Insurgenten ausrueckten, konnten
ihnen diese schon mit zahlreichem ueberrheinischem Zuzug entgegentreten; und die
Schlacht endigte wie das Gefecht am Rhein mit einer Niederlage der Roemer durch
den Abfall der batavischen Reiterei, welche zu der Garnison von Vetera gehoerte,
und durch die schlechte Haltung der Reiter der Ubier wie der Treverer. Die
insurgierten wie die zustroemenden Germanen schritten dazu, das Hauptquartier
des unteren Heeres zu umstellen und zu belagern. Waehrend dieser Belagerung
erreichte die Kunde der Vorgaenge am Unterrhein die uebrigen batavischen
Kohorten in der Naehe von Mainz; sie machten sofort kehrt gegen Norden. Statt
sie zusammenhauen zu lassen, liess der schwachmuetige Oberfeldherr sie ziehen,
und als der Legionskommandant in Bonn sich ihnen entgegenwarf, unterstuetzte
Flaccus diesen nicht, wie er es gekonnt und sogar anfaenglich zugesagt hatte. So
sprengten die tapferen Germanen die Bonner Legion auseinander und gelangten
gluecklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines Heeres, in welchem
jetzt die roemischen Kohortenfahnen neben den Tierstandarten aus den heiligen
Hainen der Germanen standen. Noch immer aber hielt der Bataver, wenigstens
angeblich, an Vespasian; er schwur die roemischen Truppen auf dessen Namen ein
und forderte die Besatzung von Vetera auf, sich mit ihm fuer diesen zu
erklaeren. Indes diese Mannschaften sahen darin, vermutlich mit Recht, nur einen
Versuch der Ueberlistung und wiesen diesen ebenso entschlossen ab wie die
anstuermenden Scharen der Feinde, die bald durch die ueberlegene roemische
Taktik sich gezwungen sahen, die Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Aber
da die roemische Heerleitung durch diese Vorgaenge ueberrascht worden war, waren
die Vorraete knapp und baldiger Entsatz dringend geboten. Um diesen zu bringen,
brachen Flaccus und Vocula mit ihrer gesamten Mannschaft von Mainz auf, zogen
unterwegs die beiden Legionen aus Bonna und Novaesium sowie die auf den
erhaltenen Befehl zahlreich sich einstellenden Hilfstruppen der gallischen Gaue
an sich und naeherten sich Vetera. Aber statt sofort die gesamte Macht von innen
und aussen auf die Belagerer zu werfen, mochte deren Ueberzahl noch so gewaltig
sein, schlug Vocula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein, unweit Krefeld),
einen starken Tagemarsch entfernt von Vetera, waehrend Flaccus weiter
zurueckstand. Die Nichtigkeit des sogenannten Feldherrn und die immer steigende
Demoralisation der Truppen, vor allem das oft bis zu Misshandlungen und
Mordanschlaegen sich steigernde Misstrauen gegen die Offiziere kann allein dies
Einhalten wenigstens erklaeren. Also zog sich das Unheil immer dichter von allen
Seiten zusammen. Ganz Germanien schien sich an dem Krieg beteiligen zu wollen;
waehrend die belagernde Armee bestaendig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen
andere Schwaerme ueber den in diesem trocknen Sommer ungewoehnlich niedrigen
Rhein teils in den Ruecken der Roemer in die Gaue der Ubier und der Treverer,
das Moseltal zu brandschatzen, teils unterhalb Vetera in das Gebiet der Maas und
der Schelde; weitere Haufen erschienen vor Mainz und machten Miene, dies zu
belagern. Da kam die Nachricht von der Katastrophe in Italien. Auf die Kunde von
der zweiten Schlacht bei Betriacum im Herbst des Jahres 69 gaben die
germanischen Legionen die Sache des Vitellius verloren und schwuren, wenn auch
widerwillig, dem Vespasian; vielleicht in der Hoffnung, dass Civilis, der ja
auch den Namen Vespasians auf seine Fahnen geschrieben hatte, dann seinen
Frieden machen werde. Aber die germanischen Schwaerme, die inzwischen ueber ganz
Nordgallien sich ergossen hatten, waren nicht gekommen, um die Flavische
Dynastie einzusetzen; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetzt
haette er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und sprach es offen aus,
was freilich laengst feststand, dass die Germanen Nordgalliens sich mit Hilfe
der freien Landsleute der roemischen Herrschaft zu entwinden gedachten.
Aber das Kriegsglueck schlug um. Civilis versuchte das Lager von Gelduba zu
ueberrumpeln; der Ueberfall begann gluecklich und der Abfall der Kohorten der
Nervier brachte Voculas kleine Schar in eine kritische Lage. Da fielen
ploetzlich zwei spanische Kohorten den Germanen in den Ruecken; die drohende
Niederlage verwandelte sich in einen glaenzenden Sieg; der Kern der angreifenden
Armee blieb auf dem Schlachtfeld. Vocula rueckte zwar nicht sofort gegen Vetera
vor, was er wohl gekonnt haette, aber drang einige Tage spaeter, nach einem
abermaligen heftigen Gefecht mit den Feinden, in die belagerte Stadt. Freilich
Lebensmittel brachte er nicht; und da der Fluss in der Gewalt des Feindes war,
mussten diese auf dem Landweg von Novaesium herbeigeschafft werden, wo Flaccus
lagerte. Der erste Transport kam durch; aber die inzwischen wieder gesammelten
Feinde griffen die zweite Proviantkolonne unterwegs an und noetigten sie, sich
nach Gelduba zu werfen. Zu ihrer Unterstuetzung ging Vocula mit seinen Truppen
und einem Teil der alten Besatzung von Vetera dorthin ab. In Gelduba angelangt,
weigerten sich die Mannschaften, nach Vetera zurueckzukehren und die Leiden der
abermals in Aussicht stehenden Belagerung weiter auf sich zu nehmen; statt
dessen marschierten sie nach Novaesium, und Vocula, welcher den Rest der alten
Garnison von Vetera einigermassen verproviantiert wusste, musste wohl oder uebel
folgen. In Novaesium war inzwischen die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die
Soldaten hatten in Erfahrung gebracht, dass ein von Vitellius fuer sie
bestimmtes Donativ an den Feldherrn gelangt sei und erzwangen dessen Verteilung
auf den Namen Vespasians. Kaum hatten sie es, so brach in den wuesten Gelagen,
welche die Spende im Gefolge hatte, der alte Soldatengroll wieder hervor; sie
pluenderten das Haus des Feldherrn, der die Rheinarmee an den General der
syrischen Legionen verraten hatte, erschlugen ihn und haetten auch dem Vocula
das gleiche Schicksal bereitet, wenn dieser nicht in Vermummung entkommen waere.
Darauf riefen sie abermals den Vitellius zum Kaiser aus, nicht wissend, dass
dieser schon tot war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Teil der
Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen, einigermassen zur
Besinnung; sie vertauschten an ihren Standarten das Bildnis des Vitellius wieder
mit dem Vespasians und stellten sich unter Voculas Befehle; dieser fuehrte sie
nach Mainz, wo er den Rest des Winters 69/70 verblieb. Civilis besetzte Gelduba
und schnitt damit Vetera ab, das aufs neue eng blockiert ward; die Lager von
Novaesium und Bonna wurden noch gehalten.
Bisher hatte das gallische Land, abgesehen von den wenigen insurgierten
germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. Allerdings ging die
Parteiung durch die einzelnen Gaue; unter den Tungrern zum Beispiel hatten die
Bataver starken Anhang, und die schlechte Haltung der gallischen
Hilfsmannschaften waehrend des ganzen Feldzugs wird wohl zum Teil durch
dergleichen roemerfeindliche Stimmungen hervorgerufen sein. Aber auch unter den
Insurgierten gab es eine ansehnliche roemisch gesinnte Partei; ein vornehmer
Bataver, Claudius Labeo, fuehrte gegen seine Landsleute in seiner Heimat und der
Nachbarschaft einen Parteigaengerkrieg nicht ohne Erfolg und Civilis'
Schwestersohn Iulius Briganticus fiel in einem dieser Gefechte an der Spitze
einer roemischen Reiterschar. Dem Befehl, Zuzug zu senden, hatten alle
gallischen Gaue ohne weiteres Folge geleistet; die Ubier, obwohl germanischer
Herkunft, waren auch in diesem Kriege lediglich ihres Roemerrums eingedenk und
sie, wie die Treverer, hatten den in ihr Gebiet einbrechenden Germanen tapferen
und erfolgreichen Widerstand geleistet. Es war das begreiflich. Die Dinge lagen
in Gallien noch so wie in den Zeiten Caesars und Ariovists; eine Befreiung der
gallischen Heimat von der roemischen Herrschaft durch diejenigen Schwaerme,
welche, um dem Civilis landsmannschaftlichen Beistand zu leisten, eben damals
das Mosel-, Maas- und Scheldetal ausraubten, war ebensosehr eine Auslieferung
des Landes an die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer Fehde
zwischen zwei roemischen Truppenkorps zu einem roemisch-germanischen sich
entwickelt hatte, waren die Gallier eigentlich nichts als der Einsatz und die
Beute. Dass die Stimmung der Gallier, trotz aller wohlbegruendeten allgemeinen
und besonderen Beschwerden ueber das roemische Regiment, ueberwiegend
antigermanisch war und fuer jene aufflammende und ruecksichtslose nationale
Erhebung, wie sie vor Zeiten wohl durch das Volk gegangen war, in diesem
inzwischen halb romanisierten Gallien der Zuendstoff fehlte, hatten die
bisherigen Vorgaenge auf das deutlichste gezeigt. Aber unter den bestaendigen
Misserfolgen der roemischen Armee wuchs allmaehlich den roemerfeindlichen
Galliern der Mut, und ihr Abfall vollendete die Katastrophe. Zwei vornehme
Treverer, Iulius Classicus, der Befehlshaber der treverischen Reiterei, und
Iulius Tutor, der Kommandant der Uferbesatzungen am Mittelrhein, der Lingone
Iulius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens sich beruehmte, eines Bastards
Caesars, und einige andere gleichgesinnte Maenner aus verschiedenen Gauen
glaubten in der fahrigen keltischen Weise zu erkennen, dass der Untergang Roms
in den Sternen geschrieben und durch den Brand des Kapitols (Dezember 69) der
Welt verkuendigt sei. So beschlossen sie, die Roemerherrschaft zu beseitigen und
ein Gallisches Reich zu errichten. Dazu gingen sie den Weg des Arminius. Vocula
liess sich wirklich durch gefaelschte Rapporte dieser roemischen Offiziere
bestimmen, mit den unter ihrem Kommando stehenden Kontingenten und einem Teil
der Mainzer Besatzung im Fruehjahr 70 nach dem Unterrhein aufzubrechen, um mit
diesen Truppen und den Legionen von Bonna und Novaesium das hart bedraengte
Vetera zu entsetzen. Auf dem Marsch von Novaesium nach Vetera verliessen
Classicus und die mit ihm einverstandenen Offiziere das roemische Heer und
proklamierten das neue Gallische Reich. Vocula fuehrte die Legionen zurueck nach
Novaesium; unmittelbar davor schlug Classicus sein Lager auf. Vetera konnte sich
nicht mehr lange halten; die Roemer mussten erwarten, nach dessen Fall die
gesamte Macht des Feindes sich gegenueber zu finden. Dies vor Augen, versagten
die roemischen Truppen und kapitulierten mit den abgefallenen Offizieren.
Vergeblich versuchte Vocula noch einmal die Bande der Zucht und der Ehre
anzuziehen; die Legionen Roms liessen es geschehen, dass ein roemischer
Ueberlaeufer von der ersten Legion auf Befehl des Classicus den tapferen
Feldherrn niederstiess und lieferten selbst die uebrigen Oberoffiziere gefesselt
an den Vertreter des Reiches Gallien aus, der dann die Soldaten auf dieses Reich
in Eid und Pflicht nahm. Denselben Schwur leistete in die Haende der
eidbruechigen Offiziere die Besatzung von Vetera, die, durch Hunger bezwungen,
sofort sich ergab, und ebenso die Besatzung von Mainz, wo nur wenige einzelne
der Schande sich durch Flucht oder Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die
erste Armee des Reiches, hatte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien
kapituliert.
Es war ein Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das Gallische Reich
verlief, wie es musste. Civilis und seine Germanen liessen es zunaechst sich
wohl gefallen, dass der Zwist im roemischen Lager ihnen die eine wie die andere
Haelfte der Feinde in die Haende lieferte, aber er dachte nicht daran, jenes
Reich anzuerkennen, und noch weniger seine rechtsrheinischen Genossen.
Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wobei
allerdings der schon bei dem Aufstand des Vindex hervorgetretene Riss zwischen
den oestlichen Distrikten und dem uebrigen Lande mit ins Gewicht fiel. Die
Treverer und die Lingonen, deren leitende Maenner jene Lagerverschwoerung
angezettelt hatten, standen zu ihren Fuehrern, aber sie blieben so gut wie
allein, nur die Vangionen und Triboker schlossen sich an. Die Sequaner, in deren
Gebiet die benachbarten Lingonen einrueckten, um sie zum Beitritt zu bestimmen,
schlugen dieselben kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der
fuehrende Gau in der Belgica, riefen den Landtag der drei Gallien ein, und
obwohl es an politischen Freiheitsrednern auf demselben nicht mangelte, so
beschloss derselbe lediglich, die Treverer von der Auflehnung abzumahnen.
Wie die Verfassung des neuen Reiches ausgefallen sein wuerde, wenn es
zustande gekommen waere, ist schwer zu sagen; wir erfahren nur, dass jener
Sabinus, der Urenkel der Kebse Caesars, sich auch Caesar nannte und in dieser
Eigenschaft sich von den Sequanern schlagen liess, Classicus dagegen, dem solche
Aszendenz nicht zu Gebote stand, die Abzeichen der roemischen Magistratur
anlegte, also wohl den republikanischen Prokonsul spielte. Dazu passt eine
Muenze, die von Classicus oder seinen Anhaengern geschlagen sein muss, welche
den Kopf der Gallia zeigt, wie die Muenzen der roemischen Republik den der Roma,
und daneben das Legionssymbol mit der recht verwegenen Umschrift der "Treue"
(fides).
Zunaechst am Rhein freilich hatten die Reichsmaenner in Gemeinschaft mit
den insurgierten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Legionen, die in
Vetera kapituliert hatten, wurden gegen die Kapitulation und gegen Civilis'
Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und Bonna nach Trier geschickt,
die saemtlichen roemischen Rheinlager, grosse und kleine, mit Ausnahme von
Mogontiacum niedergebrannt. In der schlimmsten Lage fanden sich die
Agrippinenser. Die Reichsmaenner hatten sich allerdings darauf beschraenkt, von
ihnen den Treueid zu fordern; aber ihnen vergassen es die Germanen nicht, dass
sie eigentlich die Ubier waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten
Rheinufer - es war dies einer der Staemme, deren alte Heimat die Roemer
oedegelegt hatten und als Viehtrift benutzten, und die infolgedessen sich andere
Wohnsitze hatten suchen muessen - forderte die Schleifung dieses Hauptsitzes der
germanischen Apostaten und die Hinrichtung aller ihrer Buerger roemischer
Herkunft. Dies waere auch wohl beschlossen worden, wenn nicht sowohl Civilis,
der ihnen persoenlich verpflichtet war, wie auch die germanische Prophetin,
Veleda im Bructerergau, welche diesen Sieg vorhergesagt hatte und deren
Autoritaet das ganze Insurgentenheer anerkannte, ihr Fuerwort eingelegt haetten.
Lange Zeit blieb den Siegern nicht, ueber die Beute zu streiten. Die
Reichsmaenner versicherten allerdings, dass der Buergerkrieg in Italien
ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde ueberzogen und Vespasianus
wahrscheinlich tot sei; aber der schwere Arm Roms wurde bald genug empfunden.
Das neu befestigte Regiment konnte die besten Feldherren und zahlreiche Legionen
an den Rhein entsenden, und es bedurfte allerdings hier einer imposanten
Machtentwicklung. Annius Gallus uebernahm das Kommando in der oberen, Petillius
Cerialis in der unteren Provinz, der letztere, ein ungestuemer und oft
unvorsichtiger, aber tapferer und faehiger Offizier, die eigentliche Aktion.
Ausser der 21. Legion von Vindonissa kamen fuenf aus Italien, drei aus Spanien,
eine nebst der Flotte aus Britannien, dazu ein weiteres Korps von der raetischen
Besatzung. Dieses und die 21. Legion trafen zuerst ein. Die Reichsmaenner hatten
wohl davon geredet, die Alpenpaesse zu sperren; aber geschehen war nichts und
das ganze oberrheinische Land bis nach Mainz lag offen da. Die beiden Mainzer
Legionen hatten zwar dem gallischen Reich geschworen und leisteten anfaenglich
Widerstand; aber sowie sie erkannten, dass eine groessere roemische Armee ihnen
gegenueberstand, kehrten sie zum Gehorsam zurueck und ihrem Beispiel folgten
sofort die Vangionen und die Triboker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne
Schwertstreich, bloss gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000 waffenfaehigen
Maenner ^9. Fast haetten die Treverer selbst das gleiche getan; doch wurden sie
daran durch den Adel verhindert. Die beiden von der niederrheinischen Armee
uebriggebliebenen Legionen, die hier standen, hatten auf die erste Kunde von dem
Annahen der Roemer die gallischen Insignien von ihren Feldzeichen gerissen und
rueckten ab zu den treugebliebenen Mediomatrikern (Metz), wo sie sich der Gnade
des neuen Feldherrn unterwarfen. Als Cerialis bei dem Heer eintraf, fand er
schon ein gutes Stueck der Arbeit getan. Die Insurgentenfuehrer freilich boten
das Aeusserste auf - damals sind auf ihr Geheiss die bei Novaesium
ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden -, aber militaerisch waren sie
ohnmaechtig und ihr letzter politischer Schachzug, dem roemischen Feldherrn
selber die Herrschaft des Gallischen Reiches anzutragen, des Anfangs wuerdig.
Nach kurzem Gefecht besetzte Cerialis die Hauptstadt der Treverer, nachdem die
Fuehrer und der ganze Rat zu den Germanen gefluechtet waren; das war das Ende
des Gallischen Reiches.
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^9 Frontin strat. 4, 3, 14. In ihrem Gebiet muessen die einrueckenden
Truppen eine Reservestellung und ein Depot angelegt haben; nach kuerzlich bei
Mirabeau-sur-Beze, 22 Kilometer nordoestlich von Dijon, gefundenen Ziegeln haben
Mannschaften von wenigstens fuenf der einrueckenden Legionen hier Bauten
ausgefuehrt (Heymes 19, 1884, S. 437).
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Ernster war der Kampf mit den Germanen. Civilis ueberfiel mit seiner
gesamten Streitmacht, den Batavern, dem Zuzug der Germanen und den
landfluechtigen Scharen der gallischen Insurgenten die viel schwaechere
roemische Armee in Trier selbst; schon war das roemische Lager in seiner Gewalt
und die Moselbruecke von ihm besetzt, als seine Leute, statt den gewonnenen Sieg
zu verfolgen, vorzeitig zu pluendern begannen und Cerialis, seine
Unvorsichtigkeit durch glaenzende Tapferkeit wiedergutmachend, den Kampf
wiederherstellte und schliesslich die Germanen aus dem Lager und der Stadt
hinausschlug. Es gelang nichts mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser schlugen
sich sofort wieder zu den Roemern und brachten die bei ihnen weilenden Germanen
in den Haeusern um; eine ganze dort lagernde germanische Kohorte wurde
eingesperrt und in ihrem Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den
Germanen hielt, brachte die aus Britannien eintreffende Legion zum Gehorsam
zurueck; ein Sieg der Cannenefaten ueber die roemischen Schiffe, die die Legion
gelandet hatten, andere einzelne Erfolg der tapferen germanischen Haufen und vor
allem der zahlreicheren und besser gefuehrten germanischen Schiffe aenderten die
allgemeine Kriegslage nicht. Auf den Ruinen von Vetera bot Civilis dem Feind die
Stirn; aber dem inzwischen verdoppelten roemischen Heere musste er weichen, dann
endlich auch die eigene Heimat nach verzweifelter Gegenwehr dem Feind
ueberlassen. Wie immer stellte im Gefolge des Ungluecks die Zwietracht sich ein;
Civilis war seiner eigenen Leute nicht mehr sicher und suchte und fand Schutz
vor ihnen bei den Feinden. Im Spaetherbst des Jahres 70 war der ungleiche Kampf
entschieden; die Auxilien kapitulierten nun ihrerseits vor den Buergerlegionen
und die Priesterin Veleda kam als Gefangene nach Rom.
Blicken wir zurueck auf diesen Krieg, einen der seltsamsten und einen der
entsetzlichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine gleich schwere
Aufgabe gestellt worden wie den beiden roemischen Rheinheeren in den Jahren 69
und 70: im Laufe weniger Monate Soldaten Neros, dann des Senats, dann Galbas,
dann des Vitellius, dann Vespasians; die einzige Stuetze der Herrschaft Italiens
ueber die zwei maechtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die
Soldaten der Auxilien fast ganz, die der Legionen grossenteils aus eben diesen
Nationen genommen; ihrer besten Mannschaften beraubt, meist ohne Loehnung und
oft hungernd und ueber alle Massen elend gefuehrt, ist ihnen allerdings
innerlich wie aeusserlich Uebermenschliches zugemutet worden. Sie haben die
schwere Probe uebel bestanden. Es ist dieser Krieg weniger einer gewesen
zwischen zwei Armeekorps, wie die anderen Buergerkriege dieser entsetzlichen
Zeit, als ein Krieg der Soldaten und vor allem der Offiziere zweiter Klasse
gegen die der ersten, verbunden mit einer gefaehrlichen Insurrektion und
Invasion der Germanen und einer beilaeufigen und unbedeutenden Auflehnung
einiger keltischer Distrikte. In der roemischen Militaergeschichte sind Cannae
und Karrhae und der Teutoburger Wald Ruhmesblaetter, verglichen mit der
Doppelschmach von Novaesium; nur wenige einzelne Maenner, keine einzige Truppe
hat in der allgemeinen Verunehrung sich reinen Schild bewahrt. Die grauenhafte
Zerruettung des Staats- und vor allem des Heerwesens, welche bei dem Untergang
der Julisch-Claudischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint deutlicher noch
als in der fuehrerlosen Schlacht von Betriacum in diesen Vorgaengen am Rhein,
derengleichen die Geschichte Roms nie vorher und nie nachher aufweist.
Bei dem Umfang und der Allgemeinheit dieser Frevel war ein entsprechendes
Strafgericht unmoeglich. Es verdient Anerkennung, dass der neue Herrscher, der
gluecklicherweise persoenlich all diesen Vorgaengen fern geblieben war, in echt
staatsmaennischer Weise das Vergangene vergangen sein liess und nur bemueht war,
der Wiederholung aehnlicher Auftritte vorzubeugen. Dass die hervorragenden
Schuldigen, sowohl aus den Reihen der Truppen wie aus den Insurgenten, fuer ihre
Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden, versteht sich von selbst; man mag
das Strafgericht daran messen, dass, als fuenf Jahre spaeter einer der
gallischen Insurgentenfuehrer in einem Versteck aufgefunden wurde, in dem seine
Gattin ihn bis dahin verborgen gehalten hatte, Vespasian ihn wie sie dem Henker
uebergab. Aber man gestattete den abtruennigen Legionen, mit gegen die Deutschen
zu kaempfen und in den heissen Schlachten bei Trier und bei Vetera ihre Schuld
einigermassen zu suehnen. Allerdings wurden nichtsdestoweniger die vier Legionen
des unterrheinischen Heeres alle, und von den beiden beteiligten oberrheinischen
die eine kassiert - gern moechte man glauben, dass die 22. verschont ward in
ehrender Erinnerung an ihren tapferen Legaten. Auch von den batavischen Kohorten
ist wahrscheinlich eine betraechtliche Anzahl von dem gleichen Schicksal
betroffen worden, nicht minder, wie es scheint, das Reiterregiment der Treverer
und vielleicht noch manche andere besonders hervorgetretene Truppe. Noch viel
weniger als gegen die abtruennigen Soldaten konnte gegen die insurgierten
keltischen und germanischen Gaue mit der vollen Schaerfe des Gesetzes
eingeschritten werden; dass die roemischen Legionen die Schleifung der
treverischen Augustuskolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondern der
Rache wegen, ist wenigstens ebenso begreiflich wie die von den Germanen begehrte
Zerstoerung der Ubierstadt; aber wie Civilis diese, so schuetzte jene Vespasian.
Selbst den linksrheinischen Germanen wurde ihre bisherige Stellung im ganzen
gelassen. Wahrscheinlich aber trat - wir sind hier ohne sichere Ueberlieferung -
in der Aushebung und der Verwendung der Auxilien eine wesentliche Aenderung ein,
welche die in dem Auxilienwesen liegende Gefahr minderte. Den Batavern blieb die
Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes Dienstverhaeltnis; hatte doch ein
nicht ganz geringer Teil derselben die Sache der Roemer mit den Waffen
verfochten. Aber die batavischen Truppen wurden betraechtlich verringert, und
wenn ihnen bisher, wie es scheint von Rechts wegen, die Offiziere aus dem
eigenen Adel gesetzt worden waren, und auch gegenueber den sonstigen
germanischen und keltischen das gleiche wenigstens haeufig geschehen war, so
werden die Offiziere der Alen und Kohorten spaeterhin ueberwiegend aus dem
Stande genommen, dem Vespasian selber entstammte, aus dem guten staedtischen
Mittelstand Italiens und der italisch geordneten Provinzialstaedte. Offiziere
von der Stellung des Cheruskers Arminius, des Batavers Civilis, des Treverers
Classicus begegnen seitdem nicht wieder. Die bisherige Geschlossenheit der aus
dem gleichen Gau ausgehobenen Truppen findet sich spaeter ebensowenig, sondern
die Leute dienen ohne Unterschied ihrer Herkunft in den verschiedensten
Abteilungen; es ist das wahrscheinlich eine Lehre, welche die roemische
Militaerverwaltung sich aus diesem Kriege gezogen hat. Eine andere durch diesen
Krieg gewiesene Aenderung wird es sein, dass, wenn bis dahin die in Germanien
verwendeten Auxilien der Mehrzahl nach aus den germanischen und den benachbarten
Gauen genommen waren, seitdem eben, wie die dalmatischen und pannonischen
infolge des Batonischen Krieges, fortan auch die germanischen Auxiliartruppen
ueberwiegend ausserhalb ihrer Heimat Verwendung fanden. Vespasian war ein
einsichtiger und erfahrener Militaer; es ist wahrscheinlich zum guten Teil sein
Verdienst, wenn von Auflehnung der Auxilien gegen ihre Legionen kein spaeteres
Beispiel begegnet.
Dass die eben berichtete Insurrektion der linksrheinischen Germanen, obwohl
sie, infolge der zufaelligen Vollstaendigkeit der darueber erhaltenen Berichte,
allein uns einen deutlichen Einblick in die politischen und militaerischen
Verhaeltnisse am Unterrhein und Galliens ueberhaupt gewaehrt und darum auch eine
ausfuehrliche Erzaehlung verdiente, dennoch mehr durch aeussere und zufaellige
Ursachen als durch die innere Notwendigkeit der Dinge hervorgerufen wurden,
beweist die nun folgende, anscheinend vollstaendige Ruhe daselbst und der,
soviel wir sehen, ununterbrochene Status quo eben in dieser Gegend. Die
roemischen Germanen sind in dem Reiche nicht minder vollstaendig aufgegangen als
die roemischen Gallier; von Insurrektionsversuchen jener ist nie wieder die
Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhunderts wird von den ueber den Unterrhein in
Gallien einbrechenden Franken auch das batavische Gebiet mit erfasst; doch haben
sich die Bataver in ihren alten, wenn auch geschmaelerten Sitzen und ebenso die
Friesen selbst waehrend der Wirren der Voelkerwanderung behauptet und, soviel
wir wissen, auch dem baufaelligen Reichsganzen die Treue bewahrt.
Wenden wir uns von den roemischen zu den freien Germanen oestlich vom
Rhein, so ist fuer diese mit ihrer Beteiligung an jener batavischen Insurrektion
das offensive Vorgehen nicht minder vorbei, wie mit den Expeditionen des
Germanicus die Versuche der Roemer zu Ende sind, eine Grenzveraenderung im
grossen Stil in diesen Gebieten herbeizufuehren.
Unter den freien Germanen sind die dem roemischen Gebiet naechstwohnenden
die Bructerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in dem Quellgebiet der Ems
und der Lippe, weshalb sie auch vor allen uebrigen Germanen sich an der
batavischen Insurrektion beteiligten. Aus ihrem Gau war das Maedchen Veleda, die
ihre Landsleute in den Krieg gegen Rom entsandte und ihnen den Sieg verhiess,
deren Ausspruch ueber das Schicksal der Ubierstadt entschied, zu deren hohem
Turm die gefangenen Senatoren und das erbeutete Admiralschiff der Rheinflotte
gesendet wurden. Die Niederwerfung der Bataver traf auch sie, vielleicht noch
ein besonderer Gegenschlag der Roemer, da jene Jungfrau spaeterhin gefangen nach
Rom gefuehrt ward. Diese Katastrophe sowie Fehden mit den benachbarten Voelkern
brachen ihre Macht; unter Nerva ist ihnen ein Koenig, den sie nicht wollten, von
ihren Nachbarn unter passiver Assistenz des roemischen Legaten mit den Waffen
aufgezwungen worden.
Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus' und Tiberius' Zeit der
fuehrende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode selten genannt,
immer aber als in guten Beziehungen zu den Roemern stehend. Als der
Buergerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius' Fall weiter gewuetet haben muss,
ihr ganzes Fuerstengeschlecht hingerafft, erbaten sie sich den letzten des
Hauses, den in Italien lebenden Brudersohn Armins, Italicus, von der roemischen
Regierung zum Herrscher; freilich entzuendete die Heimkehr des tapferen, aber
mehr seinem Namen als seiner Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde abermals
und, von den Seinen vertrieben, setzten ihn noch einmal die Langobarden auf den
wankenden Herrschersitz. Einer seiner Nachfolger, der Koenig Chariomerus,
ergriff in dem Chattenkrieg Domitians so ernstlich fuer die Roemer Partei, dass
er nach dessen Beendigung, von den Chatten vertrieben, zu den Roemern fluechtete
und deren Intervention, freilich vergebens, anrief. Durch diese ewigen inneren
und aeusseren Fehden ward das Cheruskervolk so geschwaecht, dass es seitdem aus
der aktiven Politik verschwindet. Der Name der Marser wird seit den Zuegen des
Germanicus ueberhaupt nicht mehr gefunden. Dass die weiter oestlich an der Elbe
wohnenden Voelkerschaften, wie alle entfernteren Germanen, an den Kaempfen der
Bataver und ihrer Genossen in den Jahren 69 und 70 sich so wenig beteiligt haben
wie diese an den germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei der
Ausfuehrlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie spaeterhin
einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung gegen die Roemer.
Dass die Langobarden den roemischen Cheruskerkoenig wieder einsetzten, wurde
schon erwaehnt. Der Koenig der Semnonen, Masuus, und merkwuerdigerweise mit ihm
die Prophetin Ganna, welche bei diesem, wegen besonderer Glaeubigkeit beruehmten
Stamme in hohem Ansehen stand, besuchten den Kaiser Domitianus in Rom und wurden
an dessen Hofe freundlich aufgenommen. Es mag in den Gegenden von der Weser bis
zur Elbe in diesen Jahrhunderten manche Fehde getobt, manche Machtstellung sich
verschoben, mancher Gau den Namen gewechselt oder sich anderer Verbindung
eingefuegt haben; den Roemern gegenueber trat, nachdem der feste Verzicht
derselben auf Unterwerfung dieser Landschaft allgemein empfunden ward, ein
dauernder Grenzfriede ein. Auch Invasionen aus dem fernen Osten koennen
denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestoert haben; denn der Rueckschlag
davon auf die roemische Grenzwacht haette nicht ausbleiben koennen und von
ernsteren Krisen auf diesem Gebiet wuerde die Kunde nicht fehlen. Zu allem
diesem gibt das Siegel die Reduktion der niederrheinischen Armee auf die Haelfte
des frueheren Bestandes, welche, wir wissen nicht genau wann, aber in dieser
Epoche eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu
kaempfen hatte, zaehlte vier Legionen, das der traianischen Zeit vermutlich die
gleiche Zahl, mindestens drei ^10; wahrscheinlich schon unter Hadrian, gewiss
unter Marcus, standen daselbst nicht mehr als zwei, die 1. minervische und die
30. Traians.
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^10 Unter dem Legaten Q. Acutius Nerva, welcher wahrscheinlich der Konsul
des Jahres 100 ist, also nach diesem Jahre Untergermanien verwaltete, standen
nach Inschriften von Brohl (Brambach 660, 662, 679, 680) in dieser Provinz vier
Legionen, die 1. Minervia, 6. victrix, 10. gemina, 22. primigenia. Da jede
dieser Inschriften nur zwei oder drei nennt, so kann die Besatzung damals nur
aus drei Legionen bestanden haben, wenn waehrend Acutius' Statthalterschaft die
1. Minervia fuer die anderswohin abgegebene 22. primigenia eintrat. Aber bei
weitem wahrscheinlicher ist es, da bei den Detachierungen in die Steinbrueche
bei Brohl nicht immer alle Legionen beteiligt waren, dass jene vier Legionen
gleichzeitig in Untergermanien garnisonierten. Diese vier Legionen sind
wahrscheinlich eben die, welche bei der Reorganisation der germanischen Heere
durch Vespasian nach Untergermanien kamen, nur dass die 1. Minervia von Domitian
an die Stelle der wahrscheinlich von ihm aufgeloesten 21. gesetzt ist.
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In anderer Weise entwickelten sich die germanischen Verhaeltnisse in der
oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser angehoerten, den
Tribokern, Nemetern, Vangionen, ist geschichtlich nichts hervorzuheben als dass
sie, seit langem unter den Kelten ansaessig, die Schicksale Galliens teilten.
Die hauptsaechliche Verteidigungslinie der Roemer ist auch hier der Rhein immer
geblieben. Alle Standlager der Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken
Rheinufer; nicht einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt worden,
als das ganze Neckargebiet roemisch war. Aber wenn in der unteren Provinz die
roemische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im Laufe der Zeit beschraenkt
wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert. Die von Augustus beabsichtigte
Verknuepfung der Rheinlager mit denen an der Donau durch Vorschiebung der
Reichsgrenze in oestlicher Richtung, welche, wenn sie zur Ausfuehrung gekommen
waere, mehr Ober- als Untergermanien erweitert haben wuerde, ist in diesem
Kommando wohl niemals voellig aufgegeben und spaeterhin, wenn auch in
bescheidenerem Massstabe, wieder aufgenommen worden. Die Ueberlieferung
gestattet uns nicht, die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fortgefuehrten
Operationen, die dazu gehoerigen Strassen- und Wallbauten, die deshalb
gefuehrten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und auch der noch vorhandene
grosse Militaerbau, dessen gleichfalls Jahrhunderte umfassende Entstehung einen
guten Teil jener Geschichte in sich schliessen muss, ist bisher nicht so, wie es
wohl geschehen koennte, von militaerisch geschaerften Augen in seiner Gesamtheit
untersucht worden - die Hoffnung, dass das geeinigte Deutschland sich auch zu
der Erforschung dieses seines aeltesten geschichtlichen Gesamtdenkmals
vereinigen werde, ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den Truemmern der
roemischen Annalen oder der roemischen Kastelle darueber ans Licht gekommen ist,
soll hier versucht werden zusammenzufassen.
Auf dem rechten Ufer legt sich, nicht weit von dem noerdlichen Ende der
Provinz, dem ebenen oder huegeligen niederrheinischen Land in westoestlicher
Richtung die Taunuskette vor, die gegenueber Bingen auf den Rhein stoesst.
Diesem Bergzug parallel, auf der anderen Seite abgeschlossen durch die
Auslaeufer des Odenwaldes, erstreckt sich die Ebene des unteren Maintales, der
rechte Zugang zum inneren Deutschland, beherrscht von der Schluesselstellung an
der Muendung des Mains in den Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit Drusus' Zeit
bis zum Ausgang Roms der Ausfallsburg der Roemer aus Gallien gegen Germanien ^11
wie heutzutage dem rechten Riegel Deutschlands gegen Frankreich. Hier behielten
die Roemer, auch nachdem sie auf die Herrschaft im ueberrheinischen Land im
allgemeinen verzichtet hatten, nicht bloss den Brueckenkopf am anderen Ufer, das
castellum Mogontiacense (Kastel), sondern jene Mainebene selbst in ihrem Besitz;
und in diesem Gebiet durfte auch die roemische Zivilisation sich festsetzen. Es
war dies urspruenglich chattisches Land und ein chattischer Stamm, die
Mattiaker, sind auch unter roemischer Herrschaft hier ansaessig geblieben; aber
nachdem die Chatten diesen Distrikt an Drusus hatten abtreten muessen, ist
derselbe ein Teil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der naechsten
Naehe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich in Vespasians
Zeit, und sicher schon lange vorher, von den Roemern benutzt; unter Claudius
wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker haben schon frueh wie andere
Untertanendistrikte Truppen zur Armee gestellt. An der allgemeinen Auflehnung
der Germanen unter Civilis nahmen sie Anteil; aber nach der Besiegung stellten
die frueheren Verhaeltnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten
Jahrhunderts finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter roemisch
geordneten Behoerden ^12.
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^11 Nach Zangemeisters (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3,
1884, S. 307ff.) schoenen Entzifferungen steht es fest, dass eine
Militaerstrasse am linken Rheinufer von Mainz bis an die Grenze der
obergermanischen Provinz schon unter Claudius angelegt ward.
^12 Der volle Name c(ivitas) M(attiacorum) Ta(unensium) erscheint auf der
Inschrift von Kastel (Brambach 1330); als civitas Mattiacorum oder civitas
Taunensium kommt sie oefter vor, mit Duovirn Aedilen, Decurionen, Sacerdotalen
Sevirn; eigentuemlich und fuer die Grenzstadt bezeichnend sind die
wahrscheinlich als Munizipalmiliz zu fassenden hastiferi civitatis Mattiacorum
(Brambach 1336). Das aelteste datierte Dokument dieser Gemeinde ist vom Jahre
198 (Brambach 956).
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Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedraengt, erscheinen in der folgenden
Zeit als der maechtigste Stamm unter denen des germanischen Binnenlandes, die
mit den Roemern in Beziehung kamen; die Fuehrung, die unter Augustur und
Tiberius die Cherusker an der mittleren Weser gehabt hatten, ging in der
stetigen Fehde mit diesen, ihren stammverwandten suedlichen Nachbarn auf die
letzteren ueber. Alle Kriege zwischen Roemern und Germanen, von denen wir aus
der Zeit nach Arminius' Tod bis auf die beginnende Voelkerverschiebung am Ende
des 3. Jahrhunderts Kunde haben, sind gegen die Chatten gefuehrt worden; so im
Jahre 41 unter Claudius durch den spaeteren Kaiser Galba, im Jahre 50 unter
demselben Kaiser durch den als Dichter gefeierten Publius Pomponius Secundus.
Dies waren die ueblichen Grenzeinfaelle, und an dem grossen Batavischen Kriege
waren die Chatten zwar auch, aber nur nebenbei beteiligt. Aber in dem Feldzug,
den der Kaiser Domitianus im Jahre 83 unternahm, waren die Roemer die
Angreifenden, und dieser Krieg fuehrte zwar nicht zu glaenzenden Siegen, aber
wohl zu einer bedeutenden und folgenreichen Vorschiebung der roemischen Grenze
^13. Damals wird die Grenzlinie so, wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet
und in dieselbe, welche in ihrem noerdlichsten Stueck sich nicht weit vom Rhein
entfernte, hier ein grosser Teil des Taunus und das Maingebiet bis oberhalb
Friedberg hineingezogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer schon
berichteten Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Vespasians in der Naehe
von Mainz auftreten und oestlich von den Mattiakern an der Kinzig oder im
Fuldischen neue Sitze gefunden haben moegen, sind damals zum Reiche gezogen
worden, und zugleich mit ihnen eine Anzahl kleinerer, von den Chatten
abgesprengter Voelkerschaften. Als dann im Jahre 88 unter dem Statthalter Lucius
Antonius Saturninus das obergermanische Heer gegen Domitian sich erhob, haette
fast der Krieg sich erneuert; die abgefallenen Truppen machten gemeinschaftliche
Sache mit den Chatten ^14 und nur die Unterbrechung der Kommunikationen, indem
das Eis auf dem Rhein aufging, machte den treu gebliebenen Regimentern moeglich,
mit den abgefallenen fertigzuwerden, bevor der gefaehrliche Zuzug eintraf. Es
wird berichtet, dass die roemische Herrschaft von Mainz landeinwaerts 80 Leugen
weit, also noch ueber Fulda hinaus, sich erstreckt hat ^15; und diese Nachricht
erscheint glaubwuerdig, wenn dabei in Betracht gezogen wird, dass die
militaerische Grenzlinie, die allerdings nicht weit ueber Friedberg
hinausgegangen zu sein scheint, sich wohl auch hier innerhalb der Gebietsgrenze
hielt.
^13 Die Berichte ueber diesen Krieg sind verloren gegangen; Zeit und Ort
lassen sich bestimmen. Da die Muenzen dem Domitian den Titel Germanicus seit dem
Anfang des Jahres 84 geben (Eckhel, Bd. 6, S. 378, 397), so faellt der Feldzug
in das Jahr 83. Dazu stimmt die in eben dieses Jahr fallende Aushebung der
Usiper und ihr verzweifelter Fluchtversuch (Tac. Agr. 28; vgl. Matt. 6, 60). Es
war ein Angriffskrieg (Suet. Dom. 6: expeditio sponte suscepta; Zon. 11, 19: le
plt/e/as tina t/o/n peran R/e/noy t/o/n espond/o/n}). Die Verlegung der
Postenlinie bezeugt Frontmus, der den Krieg mitgemacht hat (strat. 2, 11, 7):
cum in finibus Cubiorum (Name unbekannt und wohl verdorben) castella poneret und
(strat. 1, 3, 10): limitibus per CXX m. p. actis, was hier mit den
militaerischen Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher auch
von dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die laengst in
roemischer Gewalt stehenden agri decumates bezogen werden darf. Auch ist das
Mass von 177 Kilometern wohl denkbar fuer die Militaerlinie, die Domitian am
Taunus angelegt hat (nach v. Cohausens Ansetzungen - Der roemische Grenzwall in
Deutschland. Wiesbaden 1884, S. 8 - stellt sich der spaetere Limes vom Rhein um
den Taunus herum bis zum Main auf 237´ Kilometer), aber viel zu klein, um auf
die Verbindungslinie von da bis Regensburg bezogen werden zu koennen.
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^14 Die Germanen (Suet. Dom. 6) koennen nur die Chatten und deren fruehere
Verbuendete sein, vielleicht zunaechst eben die Usiper und ihre
Schicksalsgenossen. Ausgebrochen ist der Aufstand in Mainz, das allein ein
Doppellager zweier Legionen war. Saturninus wurde von Raetien aus angegriffen
durch die Truppen des L. Appius Maximus Korbanus. Denn anders kann das Epigramm
Martials 9, 84 um so weniger gefasst werden, als sein Besiegen senatorischen
Standes wie er war, ein regulaeres Kommando in Raetien und Vindelicien nicht
verwalten und nur durch einen Kriegsfall in diese Landschaft gefuehrt werden
konnte, wie denn auch die sacrilegi furores deutlich auf den Aufstand weisen.
Die Ziegel desselben Appius, die in den Provinzen Obergermanien und Aquitanien
sich gefunden haben, berechtigen nicht, ihn zum Legaten der Lugdunensis zu
machen, wie Asbach (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3, 1884, S.
9) vorschlaegt, sondern muessen auf die Epoche nach der Ueberwindung des
Antonius bezogen werden (Heymes 19, 1884, S. 438). Wo die Schlacht geliefert
ward, bleibt zweifelhaft; am naechsten liegt die Gegend von Vindonissa, bis
wohin Saturninus dem Norbanus entgegen gegangen sein kann. Waere Norbanus erst
bei Mainz auf die Aufstaendischen gestossen, was an sich auch denkbar erscheint,
so hatten diese den Rheinuebergang in der Gewalt und konnte der Zuzug der
Germanen durch das Aufgehen des Rheines nicht verhindert werden.
^15 Die abgerissene Notiz findet sich hinter dem Veroneser
Provinzialverzeichnis (Notitia dignitatum, ed. Seeck, p. 253): nomina civitatum
trans Renum fluvium quae sunt: Usiphorum (schr. Usiporum) - Tuvanium (schr.
Tubantum) - Nictrensium - Novarii - Casuariorum: istae omnes civitates trans
Renum in formulam Belgicae primae redactae trans castellum .Montiacese: nam LXXX
leugas trans Renum Romani possederunt. Istae civitates sub Gallieno imperatore a
barbaris occupatae sunt. Dass die Usiper spaeter in dieser Gegend gewohnt haben,
bestaetigt Tacitus (hist. 4, 37; Germ. 32); dass sie im Jahre 83 zum Reich
gehoert haben, vielleicht aber erst kurz vorher unterworfen waren, geht aus der
Erzaehlung Agr. 28 hervor. Die Tubanten und Chasuarier stellt Ptolemaeos (geogr.
2, 11, 11) in die Naehe der Chatten; dass sie das Schicksal der Usiper teilten,
ist demnach wahrscheinlich. Eine sichere Identifikation der anderen beiden
verdorbenen Namen ist bisher nicht gefunden; vielleicht standen die Tencterer
hier oder einige der kleinen, nur bei Ptolemaeos (geogr. 2, 11, 6) mit diesen
genannten Staemme. Die Notiz nannte in ihrer urspruenglichen Form die Belgica
schlechthin, da die Provinz erst durch Diocletian geteilt worden ist, und diese
insofern mit Recht, als die beiden Germanien geographisch zu Belgica gehoerten.
Das angegebene Mass fuehrt, wenn man das Kinzigtal nach Nordosten verfolgt,
ueber Fulda hinaus nahezu bis Hersfeld. Auch Inschriftenfunde reichen hier
oestlich weit ueber den Rhein hinaus, bis in die Wetterau; Friedberg und
Butzbach waren stark belegte Militaerpositionen; in Altenstadt zwischen
Friedberg und Buedingen ist eine auf Grenzschutz deutende (collegium iuventutis)
Inschrift vom Jahre 242 (CIRh 1410) gefunden worden.
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Aber nicht bloss das untere Maintal vorwaerts Mainz ist in die
militaerische Grenzlinie hineingezogen worden; auch im suedwestlichen
Deutschland wurde die Grenze noch in groesserem Massstab vorgeschoben. Das
Neckargebiet, einst von den keltischen Helvetiern eingenommen, dann lange Zeit
streitiges Grenzland zwischen diesen und den vordringenden Germanen und darum
das helvetische Oedland genannt, spaeterhin vielleicht teilweise von den
Markomannen besetzt, bevor diese nach Boehmen zurueckwichen, kam bei der
Regulierung der germanischen Grenzen nach der Varusschlacht in die gleiche
Verfassung wie der groesste Teil des rechten unterrheinischen Ufers. Es wird
auch hier schon damals eine Grenzlinie bezeichnet worden sein, innerhalb deren
germanische Ansiedlungen nicht geduldet wurden. Wie auf nicht eingedeichter
Marsch liessen dann einzelne, meist gallische Einwanderer, die nicht viel zu
verlieren hatten, in diesen fruchtbaren, aber wenig geschuetzten Strichen, dem
damals sogenannten Dekumatenland sich nieder ^16. Dieser vermutlich von der
Regierung nur geduldeten privaten Okkupation folgte die foermliche Besetzung
wahrscheinlich unter Vespasian. Da schon um das Jahr 74 von Strassburg aus eine
Chaussee auf das rechte Rheinufer wenigstens bis nach Offenburg gefuehrt worden
ist ^17, so wird um diese Zeit in diesem Gebiet ein ernstlicherer Grenzschutz
eingerichtet worden sein, als ihn das blosse Verbot germanischer Siedelung
gewaehrte. Was der Vater begonnen hatte, fuehrten die Soehne durch. Vielleicht
ist sogar, sei es von Vespasian, sei es von Titus oder Domitian, durch die
Anlegung der "Flavischen Altaere" ^18 an der Neckarquelle bei dem heutigen
Rottweil, von welcher Ansiedlung wir freilich nichts als den Namen kennen, fuer
das rechtsrheinische neue Obergermanien ein aehnlicher Mittelpunkt geschaffen
worden, wie es frueher der ubische Altar fuer Grossgermanien hatte werden sollen
und bald nachher fuer das neu eroberte Dakien der Altar von Sarmizegetusa wurde.
Die erste Einrichtung der weiterhin zu schildernden Grenzwehr, durch welche das
Neckartal in die roemische Linie hineingezogen wurde, ist also das Werk der
Flavier, hauptsaechlich wohl Domitians ^19, welcher damit die Anlage am Taunus
weiterfuehrte. Die rechtsrheinische Militaerstrasse von Mogontiacum ueber
Heidelberg und Baden in der Richtung auf Offenburg, die notwendige Konsequenz
dieser Einziehung des Neckargebiets, ist, wie wir jetzt wissen ^20, im Jahre 100
von Traian angelegt und ein Teil der von demselben Kaiser hergestellten
direkteren Verbindung Galliens mit der Donaulinie. Die Soldaten sind bei diesen
Werken taetig gewesen, aber schwerlich die Waffen; germanische Voelkerschaften
wohnten im Neckargebiet nicht, und noch weniger kann der schmale Streifen am
linken Ufer der Donau, welcher dadurch mit in die Grenzlinie gezogen ward,
ernstliche Kaempfe gekostet haben. Das naechste namhafte germanische Volk
daselbst, die Hermunduren, waren den Roemern freundlich gesinnt wie kein anderes
und fuehrten in der Vindelikerstadt Augusta mit ihnen lebhaften Handelsverkehr;
dass bei ihnen diese Vorschiebung keinen Widerstand gefunden hat, davon werden
wir weiterhin die Spuren finden. Unter den folgenden Regierungen, des Hadrian,
des Pius, des Marcus, ist dann an diesen militaerischen Einrichtungen
weitergebaut worden.
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^16 Was die nur bei Tacitus (Germ. 29) vorkommende Benennung agri decumates
denn mit agri wird das letztere Wort doch zu verbinden sein) bedeutet, ist
ungewiss; moeglich ist es, dass das in der frueheren Kaiserzeit gewiss als
Eigentum des Staats oder vielmehr des Kaisers betrachtete Gebiet, wie der alte
ager occupatorius der Republik, von dem zuerst Besitz Ergreifenden gegen Abgabe
des Zehnten benutzt werden konnte; aber weder ist es sprachlich erwiesen, dass
decumas "zehntpflichtig" heissen kann, noch kennen wir derartige Einrichtungen
der Kaiserzeit. Uebrigens sollte man nicht uebersehen, dass die Schilderung des
Tacitus sich auf die Zeit vor der Einrichtung der Neckarlinie bezieht; auf die
spaetere passt sie so wenig wie die zwar nicht klare, aber doch sicher mit dem
frueheren Rechtsverhaeltnis zusammenhaengende Benennung.
^17 Dies hat Zangemeister (a. a.O., S. 246) erwiesen.
^18 Dass hier mehrere Altaere dediziert wurden, waehrend sonst bei diesen
Zentralheiligtuemern nur einer genannt wird, erklaert sich vielleicht durch das
Zuruecktreten des Romakults neben dem der Kaiser. Wenn gleich zu Anfang mehrere
Altaere errichtet wurden, was wahrscheinlich ist, so hat einer der Soehne sowohl
dem oder den verstorbenen flavischen Kaisern wie auch seinem eigenen Genius
Altaere setzen lassen.
^19 Dass die Verlegung stattfand, kurz bevor Tacitus im Jahre 98 die
'Germania' schrieb, sagt er, und dass Domitian der Urheber ist, folgt auch
daraus, dass er den Urheber nicht nennt.
^20 Auch dies hat Karl Zangemeister (a.a.O., S. 237f.) urkundlich
festgestellt.
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Den Grenzschutz zwischen Rhein und Donau, wie er zum grossen Teil in seinen
Fundamenten noch heute besteht, vermoegen wir nicht in seiner
Entstehungsgeschichte zu verfolgen, wohl aber zu erkennen nicht bloss, wie er
lief, sondern auch, wozu er diente. Die Anlage ist nach Art und Zweck eine
andere in Obergermanien und eine andere in Raetien. Der obergermanische
Grenzschutz, in der Gesamtlaenge von etwa 250 roemischen Milien (368 Kilometer)
^21, beginnt unmittelbar an der Nordgrenze der Provinz, umfasst, wie schon
gesagt ward, den Taunus und die Mainebene bis in die Gegend von Friedberg und
wendet sich von da suedwaerts dem Main zu, auf welchen er bei Grosskrotzenburg,
oberhalb Hanau, trifft. Dem Main von da bis Woerth folgend, schlaegt er hier die
Richtung nach dem Neckar ein, den er etwas unterhalb Wimpfen erreicht und nicht
wieder verlaesst. Spaeter ist der suedlichen Haelfte dieser Grenzlinie eine
zweite vorgelegt worden, die dem Main ueber Woerth hinaus bis nach Miltenberg
folgt und von da, zum groesseren Teil in schnurgerader Richtung, auf Lorch,
zwischen Stuttgart und Aalen, gefuehrt ist. Hier schliesst an den
obergermanischen der raetische Grenzschutz an von nur 120 Milien (174 Kilometer)
Laenge; er verlaesst die Donau bei Kelheim, oberhalb Regensburg, und laeuft von
da, zweimal die Altmuehl ueberschreitend, im Bogen nach Westen zu, ebenfalls bis
Lorch.
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^21 Dies Mass gilt fuer die Kastellinie von Rheinbrohl bis Lorch (v.
Cohausen, Der roemische Grenzwall, S. 7f.). Fuer den Erdwall kommt die
Mainstrecke von Miltenberg bis Grosskrotzenburg von etwa 30 roemischen Milien in
Abzug. Bei der aelteren Neckarlinie ist der Erdwall betraechtlich kuerzer, da
statt desjenigen von Miltenberg bis Lorch hier der viel kuerzere des Odenwaldes
von Woerth bis Wimpfen ein tritt.
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Der obergermanische Limes besteht aus einer Reihe von Kastellen, die
hoechstens einen halben Tagemarsch (15 Kilometer) voneinander entfernt sind. Wo
die Verbindungslinien zwischen den Kastellen nicht durch den Main oder den
Neckar, wie angegeben, gesperrt sind, ist eine kuenstliche Sperrung angebracht,
anfangs vielleicht bloss durch Verhaue ^22, spaeterhin durch einen fortlaufenden
Wall von maessiger Hoehe mit aussen vorgelegtem Graben und in kurzen
Entfernungen auf der inneren Seite eingebauten Wachttuermen. ^23 Die Kastelle
sind in den Wall nicht eingezogen, aber unmittelbar hinter ihm angelegt, nicht
leicht ueber einen halben Kilometer von ihm entfernt.
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^22 Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Angabe, dass Hadrian die
Reichsgrenzstrassen durch Verhaue gegen die Barbaren sperrte, mit und vielleicht
zunaechst auf die obergermanische sich bezieht, so ist der Wall, dessen Reste
vorhanden sind, sein Werk nicht; mag dieser Pallisaden getragen haben oder
nicht, kein Bericht wuerde diese erwaehnen und den Wallbau uebergehen. Dass
Hadrian die Grenzverteidigung im ganzen Reiche revidierte, sagt Dio 69, 9.
Die Benennung des Pfahls oder Pfahlgrabens kann nicht roemisch sein;
roemisch heissen die Pfaehle, welche, in den Lagerwall eingerammt, auf demselben
eine Pallisadenkette bilden, nicht pali, sondern valli oder sudes, ebenso der
Wall selbst nie anders als vallum. Wenn die, wie es scheint, auf der ganzen
Linie bei den Germanen dafuer von jeher uebliche Bezeichnung wirklich von den
Pallisaden entlehnt ist, so muss sie germanischen Ursprungs sein und kann nur
aus der Zeit herstammen, wo dieser Wall ihnen in seiner Integritaet und seiner
Bedeutung vor Augen stand. Ob die "Gegend" Palas, die Ammian (18, 2, 15)
erwaehnt, damit zusammenhaengt, ist zweifelhaft.
^23 In einem solchen, kuerzlich zwischen den Kastellen von Schlossau und
Hesselbach, 1700 Meter von dem ersteren, vier bis fuenf Kilometer von dem
letzteren, aufgedeckten hat sich eine Weihinschrift (Korrespondenzblatt der
Westdeutschen Zeitschrift, 1. Juli 1884) gefunden, welche die Truppe, die ihn
erbaut hat, ein Detachement der 1. Kohorte der Sequaner und Rauriker unter
Kommando eines Centurionen der 22. Legion, gesetzt hat als Danksagung ob burgum
explic(itum). Diese Tuerme also waren burgi.
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Der raetische Grenzschutz ist eine blosse, durch Aufschuettung von
Bruchsteinen bewirkte Sperrung; Graben und Wachttuerme fehlen und die hinter dem
Limes ohne regelrechte Folge und in ungleichen Abstaenden (keines naeher als 4
bis 5 Kilometer) angelegten Kastelle stehen mit der Sperrlinie in keiner
unmittelbaren Verbindung. Ueber die zeitliche Folge der Anlagen fehlen bestimmte
Zeugnisse; erwiesen ist, dass die obergermanische Neckarlinie unter Pius ^24,
die ihr vorgelegte von Miltenberg nach Lorch unter Marcus ^25 bestand.
Gemeinschaftlich ist beiden sonst so verschiedenen Anlagen die Grenzsperrung;
dass in dem einen Fall die Erdaufschuettung vorgezogen ist, durch welche der
Graben sich meistens von selber ergab, in dem andern die Steinschichtung, beruht
wahrscheinlich nur auf der Verschiedenartigkeit des Bodens und des Baumaterials.
Gemeinschaftlich ist ihnen ferner, dass weder die eine noch die andere angelegt
ist zur Gesamtverteidigung der Grenze. Nicht bloss ist das Hindernis, welches
die Erd- oder Steinschuettung dem Angreifer entgegenstellt, an sich
geringfuegig, sondern es begegnen auf der Linie ueberall ueberhoehende
Stellungen, hinterliegende Suempfe, Verzicht auf den Ausblick in das Vorland und
aehnliche deutliche Spuren davon, dass bei deren Trassierung an Kriegszwecke
ueberhaupt nicht gedacht ist. Die Kastelle sind natuerlich jedes fuer sich zur
Verteidigung eingerichtet, aber sie sind nicht durch chaussierte Querstrassen
verbunden; also stuetzte die einzelne Besatzung sich nicht auf die der
benachbarten Kastelle, sondern auf den Rueckhalt, zu welchem die Strasse
fuehrte, welche eine jede besetzt hielt. Es waren ferner diese Besatzungen nicht
eingefuegt in ein militaerisches System der Grenzverteidigung, mehr befestigte
Stellungen fuer den Notfall als strategisch gewaehlte fuer die Okkupation des
Gebiets, wie denn auch schon die Ausdehnung der Linie selbst, verglichen mit der
disponiblen Truppenzahl, die Moeglichkeit einer Gesamtverteidigung ausschliesst.
^26 Also haben diese ausgedehnten militaerischen Anlagen nicht den Zweck gehabt,
wie der Britannische Wall, dem Feinde den Einbruch zu wehren. Es sollten
vielmehr, wie an den Flussgrenzen die Bruecken, so an den Landgrenzen die
Strassen durch die Kastelle beherrscht werden, im uebrigen aber, wie an den
Wassergrenzen der Fluss, so an den Landgrenzen der Wall die nicht kontrollierte
Ueberschreitung der Grenzen hindern. Anderweitige Benutzung mochte sich damit
verbinden; die oft hervortretende Bevorzugung der geradlinigen Richtung deutet
auf Verwendung fuer Signale, und gelegentlich mag die Anlage auch geradezu fuer
Kriegszwecke benutzt worden sein. Aber der eigentliche und naechste Zweck der
Anlage war die Verhinderung der Grenzueberschreitung. Dass dabei nicht an der
raetischen, wohl aber an der obergermanischen Grenze Wachtposten und Forts
eingerichtet worden sind, erklaert sich aus dem verschiedenen Verhaeltnis zu den
Nachbarn, dort den Hermunduren, hier den Chatten. Die Roemer standen in
Obergermanien ihren Nachbarn nicht so gegenueber wie den britannischen
Hochlaendern, gegen die die Provinz sich stets im Belagerungsstand befand; aber
die Abwehr raeuberischer Einbrecher sowie die Erhebung der Grenzzoelle forderten
doch bereite und nahe militaerische Hilfe. Man konnte die obergermanische Armee
und dementsprechend die Besatzungen am Limes allmaehlich reduzieren, aber
entbehrlich ward das roemische Pilum im Neckarlande nie. Wohl aber war es
entbehrlich gegenueber den Hermunduren, welchen in traianischer Zeit allein von
allen Germanen das ueberschreiten der Reichsgrenze ohne besondere Kontrolle und
der freie Verkehr im roemischen Gebiet, namentlich in Augsburg, freistand, und
mit denen, soviel wir wissen, niemals Grenzkollisionen stattgefunden haben. Es
war also fuer diese Zeit zu einer aehnlichen Anlage an der raetischen Grenze
keine Veranlassung; die Kastelle nordwaerts der Donau, welche erweislich bereits
in traianischer Zeit bestandenem ^27, genuegten hier fuer den Schutz der Grenze
und die Kontrolle des Grenzverkehrs. Dem kommt die Wahrnehmung entgegen, dass
der raetische Limes, wie er uns vor Augen steht, allein mit der juengeren,
vielleicht erst unter Marcus angelegten obergermanischen Sperrlinie
korrespondiert. Damals fehlte dazu die Veranlassung nicht. Die Chattenkriege
ergriffen, wie wir sehen werden, in dieser Zeit auch Raetien; auch die
Verstaerkung der Besatzung der Provinz kann fueglich mit der Einrichtung dieses
Limes in Verbindung stehen, welcher, wie wenig er fuer militaerische Zwecke
eingerichtet ist, doch wohl ebenfalls einer wenn auch milderen Grenzsperre wegen
angelegt wurde ^28.
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^24 Das aelteste datierte Zeugnis fuer diese sind zwei Inschriften der
Besatzung von Boeckingen, gegenueber Heilbronn am linken Ufer des Neckar, vom
Jahre 148 (Brambach CIRh, 1583, 1590).
^25 Das aelteste datierte Zeugnis fuer die Existenz dieser Linie ist die
Inschrift von vicus Aurelii (Oehringen) vom Jahre 169 (Brambach CIRh, 1558),
zwar nur privat, aber gewiss nicht gesetzt vor der Anlage dieses zu der Linie
Miltenberg-Lorch gehoerenden Kastells; wenig juenger die von dem ebenfalls dazu
gehoerigen Jagsthausen vom Jahre 179 (CIRh, 1618). Danach duerfte vicus Aurelii
seinen Namen von Marcus fuehren, nicht von Caracalla, wenn auch von diesem
bezeugt ist, dass er manche Kastelle in diesen Gegenden anlegte und nach sich
benannte (Dio 77, 13).
^26 Ueber die Dislokation der obergermanischen Truppen fehlt es zwar an
genuegender Kunde, doch nicht ganz an Anhaltspunkten. Von den beiden
Hauptquartieren in Obergermanien ist das von Strassburg nach der Einrichtung der
Neckarlinie erweislich nur schwach belegt und wahrscheinlich mehr
administratives als militaerisches Zentrum gewesen (Korrespondenzblatt der
Westdeutschen Zeitschrift, 3,1884, S. 132). Dagegen hat die Besatzung von Mainz
immer einen betraechtlichen Teil der Gesamtstaerke in Anspruch genommen, um so
mehr, als dieselbe wahrscheinlich der einzige groessere, geschlossene
Truppenkoerper in ganz Obergermanien war. Die uebrigen Truppen verteilen sich
teils auf den Limes, dessen Kastelle nach v. Cohausens (Der roemische Grenzwall,
S. 335) Schaetzung durchschnittlich acht Kilometer voneinander entfernt, also
insgesamt gegen 50 waren, teils auf die inneren Kastelle, insbesondere an der
Odenwaldlinie von Gundelsheim bis Woerth; dass die letzteren wenigstens zum Teil
auch nach Anlegung des aeusseren Limes besetzt blieben, ist mindestens
wahrscheinlich. Bei der ungleichen Groesse der noch messbaren Kastelle ist es
schwer zu sagen, welche Truppenzahl erforderlich war, um sie verteidigungsfaehig
zu machen. Cohausen (S. 340) rechnet auf ein mittelgrosses Kastell
einschliesslich der Reserve 720 Mann. Da die gewoehnliche Kohorte der Legion wie
der Auxilien 500 Mann zaehlt und die Kastenbauten notwendig auf diese Zahl haben
Ruecksicht nehmen muessen, wird die Besatzung des Kastells fuer den Fall der
Belagerung durchschnittlich mindestens auf diese Zahl angesetzt werden muessen.
Unmoeglich hat nach der Reduktion die obergermanische Armee die Kastelle auch
nur des Limes gleichzeitig in dieser Staerke besetzen koennen. Noch weit weniger
konnte sie, selbst vor der Reduktion, mit ihren 30000 Mann die zwischen den
Kastellen befindlichen Linien auch nur besetzt halten; wenn aber dies nicht
moeglich war, so hatte die gleichzeitige Besetzung auch der saemtlichen Kastelle
in der Tat keinen Zweck. Allem Anschein nach ist wohl jedes Kastell in der Weise
angelegt worden, dass es, gehoerig besetzt, gehalten werden konnte, aber der
Regel nach - und an dieser Grenze war der Friedensstand Regel - war das einzelne
Kastell nicht nach Kriegsfuss, sondern nur insoweit mit Truppen belegt, dass die
Posten in den Wachttuermen ausgesetzt und die Strassen sowie die Schleichwege
unter Aufsicht gehalten werden konnten. Die staendigen Besatzungen der Kastelle
sind vermutlich sehr viel schwaecher gewesen, als gewoehnlich angenommen wird.
Wir besitzen aus dem Altertum ein einziges Verzeichnis einer derartigen
Besatzung; es ist vom Jahre 155 und betrifft das Kastell von Kutlowitza,
noerdlich von Sofia (Eph. epigr. IV, p. 524), wofuer die Armee von Untermoesien,
und zwar die 11. Legion, die Besatzung stellte. Diese Truppe zaehlte damals
ausser dem kommandierenden Centurionen nur 76 Mann.
Die raetische Armee war, wenigstens vor Marcus, noch viel weniger imstande,
ausgedehnte Linien zu besetzen: sie zaehlte damals hoechstens 10000 Mann und
hatte ausser dem raetischen Limes noch die Donaulinie von Regensburg bis Passau
zu belegen.
^27 Dies beweist die bei Weissenburg gefundene Urkunde Traians vom Jahre
107.
^28 Die bisherigen Untersuchungen ueber den raetischen Limes haben die
Bestimmung dieser Anlage noch wenig aufgeklaert; ausgemacht ist nur, dass sie
weniger als die analoge obergermanische auf militaerische Besetzung eingerichtet
war. Eine derartige schwaechere Grenzsperrung kann fueglich schon vor dem
Markomannenkrieg den Hermunduren gegenueber beliebt worden sein; auch schliesst,
was Tacitus ueber deren Verkehr in Augusta Vindelicum berichtet, die damalige
Existenz eines raetischen Limes keineswegs aus. Nur muesste man dann erwarten,
dass er nicht in Lorch endigte, sondern sich an die Neckarlinie anschloss;
einigermassen tut er dies auch, insofern bei Lorch an die Stelle des Limes die
Rems tritt, welche bei Cannstatt in den Neckar einmuendet.
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Militaerisch wie politisch ist die verlegte Grenze oder vielmehr der
verstaerkte Grenzschutz eingreifend und nuetzlich gewesen. Wenn frueher die
roemische Postenkette in Obergermanien und Raetien wahrscheinlich rheinaufwaerts
ueber Strassburg nach Basel und an Vindonissa vorbei an den Bodensee, dann von
da zu der oberen Donau gegangen war, so wurden jetzt das obergermanische
Hauptquartier in Mainz und das raetische in Regensburg und ueberhaupt die beiden
Hauptarmeen des Reiches einander betraechtlich genaehert. Das Legionslager von
Vindonissa (Windfisch bei Zuerich) wurde dadurch ueberfluessig. Das
oberrheinische Heer konnte, wie das benachbarte, nach einiger Zeit auf die
Haelfte seines frueheren Bestandes herabgesetzt werden. Die anfaengliche Zahl
von vier Legionen, welche waehrend des batavischen Krieges nur zufaellig auf
drei vermindert war, bestand allerdings wahrscheinlich noch unter Traian ^29;
unter Marcus aber war die Provinz nur mit zwei Legionen besetzt, der achten und
der zweiundzwanzigsten, von denen die erste in Strassburg stand, die zweite in
dem Hauptquartier Mainz, waehrend die meisten Truppen, in kleinere Posten
aufgeloest, an dem Grenzwall lagerten. Innerhalb der neuen Linie bluehte das
staedtische Leben auf fast wie links vom Rheinland: Sumelocenna (Rottenburg am
Neckar), Aquae (civitas Aurelia Aquensis, Baden), Lopodunum (Ladenburg) hatten,
wenn man von Koeln und Trier absieht, in roemisch-staedtischer Entwicklung den
Vergleich mit keiner Stadt der Belgica zu scheuen. Das Emporkommen dieser
Ansiedlungen ist hauptsaechlich das Werk Traians, welcher sein Regiment mit
dieser Friedenstat eroeffnete ^30; "den auf beiden Ufern roemischen Rhein" fleht
ein roemischer Dichter an, den noch nicht gesehenen Herrscher ihnen bald
zuzusenden. Die grosse und fruchtbare Landschaft, die auf diese Weise unter den
Schutz der Legionen gestellt ward, war dieses Schutzes beduerftig, aber auch
wert gewesen. Wohl bezeichnet die Varusschlacht die beginnende Ebbe der
roemischen Macht, aber nur insofern, als das Vorschreiten damit ein Ende hat und
die Roemer seitdem sich im allgemeinen begnuegten, das damals Festgehaltene
staerker und dauernder zu schirmen.
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^29 Von den sieben Legionen, die bei Neros Tode in den beiden Germanien
standen, loeste Vespasian fuenf auf; es blieben die 21. und die 22., wozu dann
die zur Niederwerfung des Aufstandes eingerueckten sieben oder acht Legionen,
die 1. adiutrix, 2. adiutrix, 6. victrix, 8., 10. gemina, 11., 13. (?) und 14.
hinzutraten. Von diesen ist nach Beendigung des Krieges die 1. adiutrix
wahrscheinlich nach Spanien, die 2. adiutrix wahrscheinlich nach Britannien, die
13. gemina (wenn diese ueberhaupt nach Germanien kam) nach Pannonien gesandt
worden; die anderen sieben blieben, und zwar in der unteren Provinz die 6., 10.,
21. und 22., in der oberen die 8., 11, und 14. Zu den letzteren trat
wahrscheinlich im Jahre 88 die aus Spanien abermals nach Obergermanien gesandte
1. adiutrix hinzu. Dass unter Traian die 1. adiutrix und die 11. in
Obergermanien standen beweist die Inschrift von Baden-Baden, Brambach 1666. Die
8. und die 14. sind erwiesenermassen beide mit Cerialis nach Germanien gekommen
und haben beide laengere Zeit daselbst garnisoniert.
^30 Traianus ward von Nerva im Jahre 96 oder 97 als Legat nach Germanien
gesandt, wahrscheinlich dem oberen, da dem unteren damals Vestricius Spurinna
vorgestanden zu haben scheint. Hier im Oktober des Jahres 97 zum Mitregenten
ernannt, erhielt er die Nachricht von Nervas Tode und seiner Ernennung zum
Augustus im Februar 98 in Koeln. Den Winter und den folgenden Sommer mag er dort
geblieben sein; im Winter 98/99 war er an der Donau. Die Worte des Eutropius (8,
2): urbes trans Rhenum in Germania reparavit (woraus die oft gemissbrauchte
Notiz bei Orosius, hist. 7, 12, 2, abgeschrieben ist), welche nur auf die obere
Provinz bezogen werden koennen, aber natuerlich nicht dem Legaten, sondern dem
Caesar oder dem Augustur gelten, erhalten eine Bestaetigung durch die civitas
Ulpia s(altus?) N(icerini?) Lopodunum der Inschriften. Die "Wiederherstellung"
duerfte im Gegensatz stehen nicht zu den Einrichtungen Domitians, sondern zu den
ungeordneten Anfaengen staedtischer Anlagen im Decumatenland vor der Verlegung
der Militaergrenze. Auf kriegerische Vorgaenge unter Traian fuehrt keine Spur;
dass er ein castellum in Alamannorum solo, nach dem Zusammenhang am Main unweit
Mainz, anlegte und nach seinem Namen nannte (Amm. 17, 1, 11), beweist dafuer
ebenso wenig, wie dass ein spaeter Dichter (Sidon. carm. 7, 115), Altes und
Neues vermengend, Agrippina unter ihm den Schrecken der Sugambrer, das heisst in
seinem Sinn der Franken nennt.
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Bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts zeigt die roemische Macht am Rhein
keine Spuren des Schwankens. Waehrend des Markomannenkrieges unter Marcus blieb
in der unteren Provinz alles ruhig. Wenn ein Legat der Belgica damals den
Landsturm gegen die Chauker aufbieten musste, so ist dies vermutlich ein
Piratenzug gewesen, wie sie die Nordkueste oftmals, in dieser Zeit ebenso wie
frueher und spaeter, heimgesucht haben. An die Donauquellen und selbst bis in
das Rheingebiet reichte der Wellenschlag der grossen Voelkerbewegung; aber die
Fundamente erschuetterte er hier nicht. Die Chatten, das einzige bedeutende
germanische Volk an der obergermanisch-raetischen Grenzwacht, brachen in beiden
Richtungen vor und sind wahrscheinlich damals selbst unter den in Italien
einfallenden Germanen gewesen, wie dies weiterhin bei der Darstellung dieses
Krieges gezeigt werden soll. Auf jeden Fall kann die von Marcus damals verfuegte
Verstaerkung der raetischen Armee und ihre Umwandlung in ein Kommando erster
Klasse mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen der Chatten zu
steuern, und beweist, dass man sie auch fuer die Zukunft nicht leicht nahm. Die
schon erwaehnte Verstaerkung der Grenzverteidigung wird damit ebenfalls in
Verbindung stehen. Fuer das naechste Menschenalter muessen diese Massregeln
ausgereicht haben.
Unter Antoninus, dem Sohn des Severus, brach (213) abermals in Raetien ein
neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen die Chatten gefuehrt
worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das hier zum erstenmal
begegnet, das der Alamannen. Woher sie kamen, wissen wir nicht. Einem wenig
spaeter schreibenden Roemer zufolge war es zusammengelaufenes Mischvolk; auf
einen Gemeindebund scheint auch die Benennung hinzuweisen sowie, dass spaeter
noch die verschiedenen, unter diesem Namen zusammengefassten Staemme mehr als
bei den sonstigen grossen germanischen Voelkern in ihrer Besonderheit
hervortreten, und die Juthungen, die Lentienser und andere Alamannenvoelker
nicht selten selbstaendig handeln. Aber dass es nicht die Germanen dieser Gegend
sind, welche unter dem neuen Namen verbuendet und durch den Bund verstaerkt hier
auftreten, zeigt sowohl die Nennung der Alamannen neben den Chatten wie die
Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der Alamannen im Reitergefecht.
Vielmehr sind es der Hauptsache nach sicher aus dem Osten nachrueckende Scharen
gewesen, die dem fast erloschenen Widerstand der Germanen am Rhein neue Kraft
verliehen haben; es ist nicht unwahrscheinlich, dass die in frueherer Zeit an
der mittleren Elbe hausenden maechtigen Semnonen, deren seit dem Ende des 2.
Jahrhunderts nicht wieder gedacht wird, zu den Alamannen ein starkes Kontingent
gestellt haben. Das stetig sich steigernde Missregiment im Roemischen Reich hat
natuerlich auch, wenngleich nur in zweiter Reihe, zu der Machtverschiebung
seinen Teil beigetragen. Der Kaiser zog persoenlich gegen die neuen Feinde ins
Feld; im August des Jahres 213 ueberschritt er die roemische Grenze und ein Sieg
ueber sie am Main wurde erfochten oder wenigstens gefeiert; es wurden noch
Kastelle angelegt; die Voelkerschaften von der Elbe und der Nordsee beschickten
den roemischen Herrscher und verwunderten sich, wenn er sie in ihrer eigenen
Tracht empfing, in silberbeschlagener Jacke und Haar und Bart nach deutscher Art
gefaerbt und geordnet. Aber von da an hoeren die Kriege am Rhein nicht auf, und
die Angreifer sind die Germanen; die sonst so fuegsamen Nachbarn waren wie
ausgetauscht. Zwanzig Jahre spaeter wurden an der Donau wie am Rhein die
Einfaelle der Barbaren so stetig und so ernsthaft, dass Kaiser Alexander
deswegen den weniger unmittelbar gefaehrlichen Persischen Krieg abbrechen und
sich persoenlich in das Lager von Mainz begeben masste, nicht so sehr, um das
Gebiet zu verteidigen, als um von den Deutschen den Frieden durch hohe
Geldsummen zu erkaufen. Die Erbitterung der Soldaten darueber fuehrte zu seiner
Ermordung (235) und damit zu dem Untergang der Severischen Dynastie, der
letzten, die es bis auf die Regeneration des Staats ueberhaupt gegeben hat. Sein
Nachfolger Maximinus, ein roher, aber tapferer, vom gemeinen Soldaten
aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten seines Vorgaengers wieder gut
durch einen nachdruecklichen Feldzug tief in Germanien hinein. Noch wagten die
Barbaren nicht, einem starken und wohlgefuehrten Roemerheere die Spitze zu
bieten; sie wichen in ihre Waelder und Suempfe, und auch dahin ihnen folgend,
focht im Handgemenge der tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kaempfen, die
ohne Zweifel von Mainz aus zunaechst gegen die Alamannen sich richteten, durfte
er mit Recht sich Germanicus nennen; und auch fuer die Zukunft hat die
Expedition vom Jahre 236, auf lange hinaus der letzte grosse Sieg, den die
Roemer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet. Obwohl die stetigen und
blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen im Osten und an der Donau
die Roemer nicht zu Atem kommen liessen, ist doch durch die naechsten zwanzig
Jahre am Rhein wenn nicht eigentlich die Ruhe erhalten worden, doch eine
groessere Katastrophe nicht eingetreten. Es scheint sogar damals eine der
obergermanischen Legionen nach Afrika geschickt worden zu sein, ohne dass dafuer
Ersatz kam, also Obergermanien als wohl gesichert gegolten zu haben. Aber als im
Jahre 253 wieder einmal die verschiedenen Feldherren Roms um die Kaiserwuerde
untereinander schlugen und die Rheinlegionen nach Italien marschierten, um ihren
Kaiser Valerianus gegen den Aemilianus der Donauarmee durchzufechten, scheint
dies das Signal gewesen zu sein ^31 fuer das Vorbrechen der Germanen namentlich
auch gegen den Unterrhein ^32. Diese Germanen sind die hier zuerst auftretenden
Franken, allerdings vielleicht nur dem Namen nach neue Gegner; denn obwohl die
schon im spaeteren Altertum begegnende Identifikation derselben mit frueher am
Unterrhein genannten Voelkerschaften, teils den neben den Bructerern sitzenden
Chamavern, teils den frueher genannten, den Roemern untertaenigen Sugambrern,
unsicher und mindestens unzulaenglich ist, so hat es hier groessere
Wahrscheinlichkeit als bei den Alamannen, dass die bisher von Rom abhaengigen
Germanen am rechten Rheinufer und die frueher vom Rhein abgedraengten
germanischen Staemme damals unter dem Gesamtnamen der "Freien" gemeinschaftlich
die Offensive gegen die Roemer ergriffen haben. Solange Gallienus selbst am
Rhein blieb, hielt er, trotz der geringen, ihm zur Verfuegung stehenden
Streitkraefte, die Gegner einigermassen im Zaum, verhinderte sie am
Ueberschreiten des Flusses oder schlug die Eingedrungenen wieder hinaus, raeumte
auch wohl einem der germanischen Fuehrer einen Teil des begehrten Ufergebietes
ein unter der Bedingung, die roemische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz
gegen seine Landsleute zu verteidigen, was freilich schon fast auf eine
Kapitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die noch
gefaehrlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab und in Gallien
als Repraesentanten seinen noch im Knabenalter stehenden aelteren Sohn
zurueckliess, liess einer der Offiziere, denen er die Verteidigung der Grenze
und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, Marcus Cassianius Latinius Postumus
^33, sich von seinen Leuten zum Kaiser ausrufen und belagerte in Koeln den
Hueter des Kaisersohnes Silvanus. Es gelang ihm, die Stadt einzunehmen und
seinen frueheren Kollegen sowie den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu
bekommen, worauf er beide hinrichten liess. Aber waehrend dieser Wirren brachen
die Franken ueber den Rhein und ueberschwemmten nicht bloss ganz Gallien,
sondern drangen auch in Spanien ein, ja pluenderten selbst die afrikanische
Kueste. Bald nachher, nachdem Valerians Gefangennahme durch die Perser das Mass
des Unheils voll gemacht hatte, ging in der oberrheinischen Provinz alles
roemische Land auf dem linken Rheinufer verloren, ohne Zweifel an die Alamannen,
deren Einbruch in Italien in den letzten Jahren des Gallienus diesen Verlust
notwendig voraussetzt. Dieser ist der letzte Kaiser, dessen Name auf
rechtsrheinischen Denkmaelern gefunden wird. Seine Muenzen feiern ihn wegen
fuenf grosser Siege ueber die Germanen, und nicht minder sind die seines
Nachfolgers in der gallischen Herrschaft, des Postumus, voll des Preises der
deutschen Siege des Retters von Gallien. Gallienus hatte in seinen frueheren
Jahren nicht ohne Energie den Kampf am Rhein aufgenommen, und Postumus war sogar
ein vorzueglicher Offizier und waere gern auch ein guter Regent gewesen. Aber
bei der Meisterlosigkeit, welche damals in dem roemischen Staat oder vielmehr in
der roemischen Armee waltete, nuetzte Talent und Tuechtigkeit des Einzelnen
weder ihm noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe bluehender roemischer Staedte wurde
damals von den einfallenden Barbaren oedegelegt, und das rechte Rheinufer ging
den Roemern auf immer verloren.
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^31 Nicht bloss der ursaechliche Zusammenhang, sondern selbst die zeitliche
Folge dieser wichtigen Vorgaenge liegen im unklaren. Der relativ beste Bericht
bei Zosimus (hist. 1, 29) bezeichnet den germanischen Krieg als die Ursache,
weshalb Valerianus gleich bei seiner Thronbesteigung 253 seinen Sohn zum
Mitherrscher gleichen Rechts gemacht habe; und den Titel Germanicus maximus
fuehrt Valerian schon im Jahre 256 (CIL VIII, 2380; ebenso 259 CIL XI, 826),
vielleicht sogar, wenn der Muenze Cohen n. 54 zu trauen ist, den Titel
Germanicus maximus ter.
^32 Dass die Germanen, gegen die Gallienus zu streiten hatte, wenigstens
hauptsaechlich am Unterrhein zu suchen sind, zeigt die Residenz seines Sohnes in
Agrippina, wo er doch nur als nomineller Repraesentant des Vaters
zurueckgeblieben sein kann. Auch der Biograph (c. 8) nennt die Franken.
^33 Von dem Grade der Geschichtsfaelschung, welche in einem Teil der
Kaiserbiographien herrscht, macht man sich schwer eine Vorstellung; es wird
nicht unnuetz sein, hier an dem Bericht ueber Postumus dies beispielsweise zu
zeigen. Er heisst hier (freilich in einer Einlage) Iulius Postumus (tyr. 6), auf
den Muenzen und Inschriften al. Cassianius Latinius Postumus, im epitomierten
Victor 32 Cassius Labienus Postemus.
Er regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 3 und 5); Muenzen nennen seine tr.
p. X, und zehn Jahre gibt ihm Eutropius (9, 10).
Sein Gegner heisst Lollianus, nach den Muenzen Ulpius Cornelias Laelianus,
Laelianus bei Eutropius (9, 9; nach der einen Handschriftenklasse, waehrend die
andere der Interpolation der Biographen folgt) und bei Victor (c. 33), Aelianus
in der Victorianischen Epitome.
Postumus und Victorinus herrschen nach dem Biographen gemeinschaftlich;
aber es gibt keine beiden gemeinschaftliche Muenzen, und somit bestaetigen diese
den Bericht bei Victor und Eutropius, dass Victorinus der Nachfolger des
Postumus gewesen ist.
Es ist eine Besonderheit dieser Kategorie von Faelschungen, dass sie in den
eingelegten Urkunden gipfeln. Das Koelner Epitaphium der beiden Victorinus (tyr.
7): hic duo Victorini tyranni(!) siti sunt kritisiert sich selbst. Das
angebliche Patent Valerians (tyr. 3), womit dieser den Galliern die Ernennung
des Postumus mitteilt, ruehmt nicht bloss prophetisch des Postumus
Herrschergaben, sondern nennt auch verschiedene unmoegliche Aemter: einen
Transrhenani limitis dux et Galliae praeses hat es zu keiner Zeit gegeben und
kann Postumus arch/e/n en Keltois strati/o/t/o/n empepisteymenos ;Zos. hist. 1,
38) nur praeses einer der beiden Germanien oder, wenn sein Kommando ein
ausserordentliches war, dux per Germanias gewesen sein. Ebenso unmoeglich ist in
derselben Quasi-Urkunde der tribunatus Vocontiorum des Sohnes, eine offenbare
Nachbildung der Tribunate, wie sie in der Notitia dignitatum aus der Zeit des
Honorius auftreten.
Gegen Postumus und Victorinus, unter denen die Gallier und die Franken
fechten, zieht Gallienus mit Aureolus, spaeter seinem Gegner, und dem spaeteren
Kaiser Claudius; er selbst wird durch einen Pfeilschuss verwundet, siegt aber,
ohne dass durch den Sieg sich etwas aendert. Von diesem Kriege wissen die
anderen Berichte nichts. Postumus faellt in dem von dem sogenannten Lollianus
angezettelten Militaeraufstand, waehrend nach dem Bericht bei Victor und
Eutropius Postumus dieser Mainzer Insurrektion Herr wird, aber dann die Soldaten
ihn erschlagen, weil er ihnen Mainz nicht zur Pluenderung ueberliefern will.
Ueber die Erhebung des Postumus steht neben der im wesentlichen mit der
gewoehnlichen uebereinstimmenden Erzaehlung, dass Postumus den seiner Hut
anvertrauten Sohn des Gallienus treulos beseitigt habe, eine andere, offenbar
als Rettung erfundene, wonach das Volk in Gallien dies tat und dann dem Postumus
die Krone antrug. Die enkomiastische Tendenz fuer den, der Gallien das Schicksal
der Donaulaender und Asiens erspart und es vor den Germanen gerettet habe, tritt
hier und ueberall (am offenbarsten tyr. 5) zutage; womit denn zusammenhaengt,
dass dieser Bericht den Verlust des rechten Rheinufers und die Zuege der Franken
nach Gallien, Spanien und Afrika nicht kennt. Bezeichnend ist noch, dass der
angebliche Stammvater des konstantinischen Hauses auch hier mit einer
ehrenvollen Nebenrolle bedacht wird. Diese nicht zerruettete, sondern
durchgefaelschte Erzaehlung wird voellig beseitigt werden muessen; die Berichte
einerseits bei Zosimus, andererseits der aus einer gemeinschaftlichen Quelle
schoepfenden Lateiner Victor und Eutropius, kurz und zerruettet wie sie sind,
koennen allein in Betracht kommen.
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Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing zunaechst ab von
dem Zusammenhalten des Reichs ueberhaupt; solange die italischen Kaiser ihre
Truppen in der Narbonensis aufstellten, um den gallischen Rivalen zu beseitigen
und dieser wieder Miene machte, die Alpen zu ueberschreiten, war eine wirksame
Operation gegen die Germanen von selber ausgeschlossen. Erst nachdem um das Jahr
272 ^34 der damalige Herrscher Galliens, Tetricus, seiner undankbaren Rolle
muede, selbst dazu getan hatte, dass seine Truppen sich dem vom roemischen Senat
anerkannten Kaiser Aurelianus unterwarfen, konnte wieder daran gedacht werden,
den Germanen zu wehren. Den Zuegen der Alamannen, die fast ein Jahrzehnt
hindurch das obere Italien bis nach Ravenna hinab heimgesucht hatten, setzte
derselbe tuechtige Herrscher, der Gallien wieder zum Reich gebracht hatte, fuer
lange Zeit ein Ziel und schlug an der oberen Donau nachdruecklich einen ihrer
Staemme, die Juthungen. Haette sein Regiment Dauer gehabt, so wuerde er wohl
auch in Gallien den Grenzschutz erneuert haben; nach seinem baldigen und jaehen
Ende (275) ueberschritten die Germanen abermals den Rhein und verheerten weit
und breit das Land. Sein Nachfolger Probus (seit 276), auch ein tuechtiger
Soldat, warf sie nicht bloss wieder hinaus - siebzig Staedte soll er ihnen
abgenommen haben -, sondern ging auch wieder angreifend vor, ueberschritt den
Rhein und trieb die Deutschen ueber den Neckar zurueck; aber die Linien der
frueheren Zeit erneuerte er nicht ^35, sondern begnuegte sich, an den
wichtigeren Rheinpositionen Brueckenkoepfe auf dem anderen Ufer einzurichten und
zu besetzen - das heisst, er kam etwa auf die Einrichtungen zurueck, wie sie
hier vor Vespasian bestanden hatten. Gleichzeitig wurden durch seine Feldherren
in der noerdlichen Provinz die Franken niedergeschlagen. Grosse Massen der
ueberwundenen Germanen wurden als gezwungene Ansiedler nach Gallien und vor
allem nach Britannien gesandt. In dieser Weise wurde die Rheingrenze wieder
gewonnen und auf das spaetere Kaiserreich uebertragen. Freilich war wie die
Herrschaft am rechten Rheinufer so auch der Friede am linken unwiderbringlich
dahin. Drohend standen die Alamannen gegenueber Basel und Strassburg, die
Franken gegenueber Koeln. Daneben melden sich andere Staemme. Dass auch die
Burgundionen, einst jenseits der Elbe sesshaft, westwaerts vorrueckend bis an
den oberen Main, Gallien bedrohen, davon ist zuerst unter Kaiser Probus die
Rede; wenige Jahre spaeter beginnen die Sachsen in Gemeinschaft mit den Franken
ihre Angriffe zur See auf die gallische Nordkueste wie auf das roemische
Britannien. Aber unter den groesstenteils tuechtigen und faehigen Kaisern des
Diocletianisch-Konstantinischen Hauses und noch unter den naechsten Nachfolgern
hielt der Roemer die drohende Voelkerflut in gemessenen Schranken.
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^34 Postumus Herrschaft dauerte zehn Jahre. Dass im Jahre 259 der aeltere
Sohn des Gallienus bereits tot war, lehrt die Inschrift von Modena CIL XI, 826;
also faellt Postumus Abfall sicher in oder vor dieses Jahr. Da die Gefangennahme
des Tetricus nicht wohl spaeter als 272, unmittelbar nach der zweiten Expedition
gegen Zenobia, angesetzt werden kann und die drei gallischen Herrscher Postumus
zehn, Victorinus zwei (Eutr. 9, 9), Tetricus zwei (Aur. Vict. Caes. 35) Jahre
regiert haben, so bringt dies Postumus Abfall etwa auf 259; doch sind
dergleichen Zahlen haeufig etwas verschoben. Wenn die Dauer der Germanenzuege in
Spanien unter Gallienus auf zwoelf Jahre bestimmt wird (Oros. hist. 7, 41, 2),
so scheint dies nach der Hieronymischen Chronik oberflaechlich berechnet zu
sein. Die ueblichen genauen Zahlen sind unbeglaubigt und taeuschend.
^35 Nach dem Biographen (c. 14, 15) hat Probus die Germanen des rechten
Rheinufers in Abhaengigkeit gebracht, so dass sie den Roemern tributpflichtig
sind und die Grenze fuer sie verteidigen (omnes iam barbari vobis arant, vobis
iam serviunt et contra interiores gentes militant); das Recht der Waffenfuehrung
wird ihnen vorlaeufig gelassen, aber daran gedacht, bei weiteren Erfolgen die
Grenze vorzuschieben und eine Provinz Germanien einzurichten. Auch als freie
Phantasien eines Roemers des vierten Jahrhunderts - mehr ist es nicht - haben
diese Aeusserungen ein gewisses Interesse.
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Die Germanen in ihrer nationalen Entwicklung darzustellen, ist nicht die
Aufgabe des Geschichtschreibers der Roemer; fuer ihn erscheinen sie nur hemmend
oder auch zerstoerend. Eine Durchdringung der beiden Nationalitaeten und eine
daraus hervorgehende Mischkultur, wie das romanisierte Keltenland, hat das
roemische Germanien nicht aufzuweisen oder sie faellt fuer unsere Auffassung mit
der roemisch-gallischen um so mehr zusammen, als die laengere Zeit in roemischem
Besitz gebliebenen germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufer durchaus mit
keltischen Elementen durchsetzt waren und auch die auf dem rechten, ihrer
urspruenglichen Bevoelkerung groesstenteils beraubt, die Mehrzahl der neuen
Ansiedler aus Gallien erhielten. Dem germanischen Element fehlten die kommunalen
Zentren, wie sie das Keltentum zahlreich besass. Teils deswegen, teils infolge
aeusserer Umstaende konnte, wie schon hervorgehoben worden ist, in dem
germanischen Osten das roemische Element sich eher und voller entwickeln als in
den keltischen Gegenden. Von wesentlichstem Einfluss darauf sind die Heerlager
der Rheinarmee geworden, die alle auf das roemische Germanien fallen. Die
groesseren derselben erhielten teils durch die Handelsleute, die dem Heere sich
anschlossen, teils und vor allem durch die Veteranen, die in ihren gewohnten
Quartieren auch nach der Entlassung verblieben, einen staedtischen Anhang, eine
von den eigentlichen Militaerquartieren gesonderte Budenstadt (canabae);
ueberall und namentlich in Germanien sind aus diesen bei den Legionslagern und
besonders den Hauptquartieren mit der Zeit eigentliche Staedte erwachsen. An der
Spitze steht die roemische Ubierstadt, urspruenglich das zweitgroesste Lager der
niederrheinischen Armee, dann seit dem Jahre 50 roemische Kolonie und von
bedeutendster Wirksamkeit fuer die Hebung der roemischen Zivilisation im
Rheinland. Hier wich die Lagerstadt der roemischen Pflanzstadt; spaeterhin
erhielten, ohne Verlegung der Truppen, Stadtrecht die zu den beiden grossen
unterrheinischen Lagern gehoerenden Ansiedlungen Ulpia Noviomagus im Bataverland
und Ulpia Traiana bei Vetera durch Traianus, im dritten Jahrhundert die
Militaerhauptstadt Obergermaniens Mogontiacum. Freilich haben diese Zivilstaedte
neben den davon unabhaengigen militaerischen Verwaltungszentren immer eine
untergeordnete Stellung behalten.
Blicken wir ueber die Grenze hinueber, wo diese Erzaehlung abschliesst, so
begegnet uns allerdings anstatt der Romanisierung der Germanen gewissermassen
eine Germanisierung der Romanen. Die letzte Phase des roemischen Staats ist
bezeichnet durch dessen Barbarisierung und speziell dessen Germanisierung; und
die Anfaenge reichen weiter zurueck. Sie beginnt mit der Bauernschaft in dem
Kolonat, geht weiter zu der Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfasst
dann die Offiziere und Beamte und endigt mit den roemisch-germanischen
Mischstaaten der Westgoten in Spanien und Gallien, der Vandalen in Afrika, vor
allem dem Italien Theoderichs. Fuer das Verstaendnis dieser letzten Phase bedarf
es allerdings der Einsicht in die staatliche Entwicklung der einen wie der
anderen Nation. Freilich steht in dieser Beziehung die germanische Forschung
sehr im Nachteil. Die staatlichen Einrichtungen, in welche diese Germanen
dienend oder mitherrschend eintraten, sind wohlbekannt, weit besser als die
pragmatische Geschichte der gleichen Epoche; aber ueber den germanischen
Anfaengen liegt ein Dunkel, mit dem verglichen die Anfaenge von Rom und von
Hellas lichte Klarheit sind. Waehrend die nationale Gottesverehrung der antiken
Welt relativ erkennbar ist, ist die Kunde des deutschen Heidentums, vom fernen
Norden abgesehen, vor der historischen Zeit untergegangen. Die Anfaenge der
staatlichen Entwicklung der Germanen schildert uns teils die schillernde und in
der Gedankenschablone des sinkenden Altertums befangene, die eigentlich
entscheidenden Momente nur zu oft auslassende Darstellung des Tacitus, teils
muessen wir sie den auf ehemals roemischem Boden entstandenen, ueberall mit
roemischen Elementen durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen. Wie die germanischen
Worte hier ueberall fehlen und wir fast ausschliesslich auf lateinische,
notwendig inadaequate Bezeichnungen angewiesen sind, so versagen auch
durchgaengig die scharfen Grundanschauungen, derer unsere Kunde des klassischen
Altertums nicht entbehrt. Es gehoert zur Signatur unserer Nation, dass es ihr
versagt geblieben ist, sich aus sich selbst zu entwickeln; und dazu gehoert es
mit, dass deutsche Wissenschaft vielleicht weniger vergeblich bemueht gewesen
ist, die Anfaenge und die Eigenart anderer Nationen zu erkennen als die der
eigenen.
5. Kapitel
Britannien
Siebenundneunzig Jahre waren vergangen, seitdem roemische Truppen das
grosse Inselland im nordwestlichen Ozean betreten und unterworfen und wiederum
verlassen hatten, bevor die roemische Regierung sich entschloss, die Fahrt zu
wiederholen und Britannien bleibend zu besetzen. Allerdings war Caesars
britannische Expedition nicht bloss, wie seine Zuege gegen die Germanen, ein
defensiver Vorstoss gewesen. So weit sein Arm reichte, hatte er die einzelnen
Voelkerschaften reichsuntertaenig gemacht und ihre Jahresabgabe an das Reich
hier wie in Gallien geordnet. Auch die fuehrende Voelkerschaft, welche durch
ihre bevorzugte Stellung fest an Rom geknuepft und somit der Stuetzpunkt der
roemischen Herrschaft werden sollte, war gefunden: die Trinovanten (Essex)
sollten auf der keltischen Insel dieselbe, mehr vorteilhafte als ehrenvolle
Rolle uebernehmen wie auf dem gallischen Kontinent die Haeduer und die Reiner.
Die blutige Fehde zwischen dem Fuersten Cassivellaunus und dem Fuerstenhaus von
Camalodunum (Colchester) hatte unmittelbar die roemische Invasion
herbeigefuehrt; dieses wieder einzusetzen, war Caesar gelandet, und der Zweck
ward fuer den Augenblick erreicht. Ohne Zweifel hat Caesar sich nie darueber
getaeuscht, dass jene Tribute ebenso wie diese Schutzherrschaft zunaechst nur
Worte waren; aber diese Worte waren ein Programm, das die bleibende Besetzung
der Insel durch roemische Truppen herbeifuehren masste und herbeifuehren sollte.
Caesar selbst kam nicht dazu, die Verhaeltnisse der unterworfenen Insel
bleibend zu ordnen; und fuer seine Nachfolger war Britannien eine Verlegenheit.
Die reichsuntertaenig gewordenen Briten entrichteten den schuldigen Tribut
gewiss nicht lange, vielleicht ueberhaupt niemals; das Protektorat ueber die
Dynastie von Camalodunum wird noch weniger respektiert worden sein und hatte
lediglich zur Folge, dass Fuersten und Prinzen dieses Hauses wieder und wieder
in Rom erschienen und die Intervention der roemischen Regierung gegen Nachbarn
und Rivalen anriefen - so kam Koenig Dubnovellaunus, wahrscheinlich der
Nachfolger des von Caesar bestaetigten Trinovantenfuersten, als Fluechtling nach
Rom zu Kaiser Augustas, so spaeter einer der Prinzen desselben Hauses zu Kaiser
Gaius ^1.
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^1 Allem Anschein nach sind die politischen Relationen zwischen Rom und
Britannien in der Zeit vor der Eroberung wesentlich auf das von Caesar
wiederhergestellte und garantierte (Gall. 5, 22) Fuerstentum der Trinovanten zu
beziehen. Dass Koenig Dubnovellaunus, der nebst einem anderen ganz unbekannten
Britannerfuersten bei Augustas Schutz suchte, hauptsaechlich in Essex herrschte,
zeigen seine Muenzen (mein Monumentum Ancyranum. 2. Aufl. 1883, S. 138f.). Die
britannischen Fuersten, die den Augustus beschickten und seine Oberherrschaft
anerkannten (denn so scheint Strab. 4, 5, 3, p. 200 gefasst werden zu muessen;
vgl. Tac. ann. 2, 24), haben wir auch zunaechst dort zu suchen. Cunobelinus,
nach den Muenzen der Sohn des Koenigs Tasciovanus, von dem die Geschichte
schweigt, gestorben, wie es scheint, bejahrt, zwischen 40 und 43, im Regiment
also wahrscheinlich dem spaeteren des Augustus und denen des Tiberius und Gaius
parallel gehend, residierte in Camalodunum (Dio 60, 21); um ihn und um seine
Soehne dreht sich die Vorgeschichte der Invasion. Wohin Bericus, der zum
Claudias kam (Dio 60, 19), gehoert, wissen wir nicht, und es moegen auch andere
brittische Dynasten dem Beispiel derer von Colchester gefolgt sein; aber an der
Spitze stehen diese.
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In der Tat war die Expedition nach Britannien ein notwendiger Teil der
Caesarischen Erbschaft; es hatte auch schon waehrend der Zweiherrschaft Caesar
der Sohn zu einer solchen einen Anlauf genommen und nur davon abgesehen wegen
der dringenderen Notwendigkeit, in Illyricum Ruhe zu schaffen, oder auch wegen
des gespannten Verhaeltnisses zu Antonius, das zunaechst den Parthern sowohl wie
den Britannern zustatten kam. Die hoefischen Poeten aus Augustus' frueheren
Jahren haben die britannische Eroberung vielfach antizipierend gefeiert; das
Programm Caesars also nahm der Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie
feststand, erwartete ganz Rom, dass der Beendigung des Buergerkrieges die
britannische Expedition auf dem Fusse folgen werde; die Klagen der Poeten ueber
den schrecklichen Hader, ohne welchen laengst die Britanner im Siegeszug zum
Kapitol gefuehrt worden waeren, verwandelten sich in die stolze Hoffnung auf die
neu zum Reich hinzutretende Provinz Britannien. Die Expedition wurde auch zu
wiederholten Malen angekuendigt (727, 728 27, 26); dennoch stand Augustus, ohne
das Unternehmen foermlich fallenzulassen, bald von der Durchfuehrung ab, und
Tiberius hielt, seiner Maxime getreu, auch in dieser Frage an dem System des
Vaters fest ^2. Die nichtigen Gedanken des letzten Julischen Kaisers schweiften
wohl auch ueber den Ozean hinueber; aber ernste Dinge vermochte er nicht einmal
zu planen. Erst die Regierung des Claudius nahm den Plan des Diktators wieder
auf und fuehrte ihn durch.
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^2 Tac. Agr. 13: consilium id divus Augustas vocabat, Tiberius praeceptum.
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Welche Motive nach der einen wie nach der andern Seite hin bestimmend
waren, laesst sich teilweise wenigstens erkennen. Augustus selbst hat geltend
gemacht, dass die Besetzung der Insel militaerisch nicht noetig sei, da ihre
Bewohner nicht imstande seien, die Roemer auf dem Kontinent zu belaestigen, und
fuer die Finanzen nicht vorteilhaft; was aus Britannien zu ziehen sei, fliesse
in Form des Einfuhr- und Ausfuhrzolles der gallischen Haefen in die Kasse des
Reiches; als Besatzung werde wenigstens eine Legion und etwas Reiterei
erforderlich sein und nach Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel
nicht viel uebrig bleiben ^3. Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch
keineswegs genug; die Erfahrung erwies spaeter, dass eine Legion bei weitem
nicht ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen ist, was die Regierung
zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, dass bei der Schwaeche des
roemischen Heeres, wie sie durch die innere Politik Augusts einmal
herbeigefuehrt war, es sehr bedenklich erscheinen musste, einen erheblichen
Bruchteil desselben ein fuer allemal auf eine ferne Insel des Nordmeers zu
bannen. Man hatte vermutlich nur die Wahl, von Britannien abzusehen oder
deswegen das Heer zu vermehren; und bei Augustus hat die Ruecksicht auf die
innere Politik stets die auf die aeussere ueberwogen.
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^3 Die Auseinandersetzung bei Strabon (2, 5, 8, p. 115; 4, 5, 3, p. 200)
gibt offenbar die gouvernementale Version. Dass nach Einziehung der Insel der
freie Verkehr und damit der Ertrag der Zoelle sinken werde, muss wohl als
Eingestaendnis des Satzes genommen werden, dass die roemische Herrschaft und die
roemischen Tribute den Wohlstand der Untertanen herabdrueckten.
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Aber dennoch muss die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Unterwerfung
Britanniens bei den roemischen Staatsmaennern vorgewogen haben. Caesars
Verhalten wuerde unbegreiflich sein, wenn man sie nicht bei ihm voraussetzt.
Augustus hat das von Caesar gesteckte Ziel trotz seiner Unbequemlichkeit zuerst
foermlich anerkannt und niemals foermlich verleugnet. Gerade die weitsichtigsten
und folgerichtigsten Regierungen, die des Claudius, des Nero, des Domitian,
haben zu der Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie erweitert; und sie
ist, nachdem sie erfolgt war, nie betrachtet worden wie etwa die Traianische von
Dakien und Mesopotamien. Wenn die sonst so gut wie unverbruechlich festgehaltene
Regierungsmaxime, dass das Roemische Reich seine Grenzen nur zu erfuellen, nicht
aber auszudehnen habe, allein in betreff Britanniens dauernd beiseite gesetzt
worden ist, so liegt die Ursache darin, dass die Kelten so, wie Roms Interesse
es erheischte, auf dem Kontinent allein nicht unterworfen werden konnten. Diese
Nation war allem Anschein nach durch den schmalen Meeresarm, der England und
Frankreich trennt, mehr verbunden als geschieden; dieselben Voelkernamen
begegnen hueben und drueben; die Grenzen der einzelnen Staaten griffen oefter
ueber den Kanal hinueber; der Hauptsitz des hier mehr wie irgendwo sonst das
ganze Volkstum durchdringenden Priestertums waren von jeher die Inseln der
Nordsee. Den roemischen Legionen das Festland Galliens zu entreissen, vermochten
diese Insulaner freilich nicht; aber wenn der Eroberer Galliens selbst, und
weiter die roemische Regierung in Gallien andere Zwecke verfolgte als in Syrien
und Aegypten, wenn die Kelten der italischen Nation angegliedert werden sollten,
so war diese Aufgabe wohl unausfuehrbar, solange das unterworfene und das freie
Keltengebiet ueber das Meer hin sich beruehrten und der Roemerfeind wie der
roemische Deserteur in Britannien eine Freistatt fand ^4. Zunaechst genuegte
dafuer schon die Unterwerfung der Suedkueste, obwohl die Wirkung natuerlich sich
steigerte, je weiter das freie Keltengebiet zurueckgeschoben ward. Claudius'
besondere Ruecksicht auf seine gallische Heimat und seine Kenntnis gallischer
Verhaeltnisse mag auch hierbei mit im Spiel gewesen sein ^5. Den Anlass zum
Kriege gab, dass eben dasjenige Fuerstentum, welches von Rom in einer gewissen
Abhaengigkeit stand, unter der Fuehrung seines Koenigs Cunobelinus - es ist dies
Shakespeares Cymbeline - seine Herrschaft weit ausbreitete ^6 und sich von der
roemischen Schutzherrschaft emanzipierte. Einer der Soehne desselben, Adminius,
der gegen den Vater sich aufgelehnt hatte, kam schutzbegehrend zum Kaiser Gaius,
und darueber, dass dessen Nachfolger sich weigerte, dem britischen Herrscher
diese seine Untertanen auszuliefern, entspann sich der Krieg zunaechst gegen den
Vater und die Brueder dieses Adminius. Der eigentliche Grund desselben freilich
war der unerlaessliche Abschluss der Unterwerfung einer bisher nur halb
besiegten, eng zusammenhaltenden Nation.
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^4 Als Ursache des Krieges gibt Sueton (Claud. 17) an: Britanniam tunc
tumultuantem ob non redditos transfugas; was O. Hirschfeld mit Recht in
Verbindung bringt mit Gai. 44: Adminio Cunobellini Britannorum regis filio, qui
pulsus a patre cum exigua mani transfugerat, in deditionem recepto. Mit dem
tumultuari werden wohl wenigstens beabsichtigte Pluenderfahrten nach der
gallischen Kueste gemeint sein. Um den Bericus (Dio 60, 19) ist der Krieg gewiss
nicht gefuehrt worden.
^5 Ebenso war Mona nachher receptaculum perfugarum (Tac. ann. 14, 29).
^6 Tac. ann. 12, 37: pluribus gentibus imperitantem.
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Dass die Besetzung Britanniens nicht erfolgen koenne ohne gleichzeitige
Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht derjenigen Staatsmaenner,
die sie veranlassten; es wurden drei der Rhein-, eine der Donaulegionen dazu
bestimmt ^7, gleichzeitig aber zwei neu errichtete Legionen den germanischen
Heeren zugeteilt. Zum Fuehrer dieser Expedition und zugleich zum ersten
Statthalter der Provinz wurde ein tuechtiger Soldat, Aulus Plautius, ausersehen;
sie ging im Jahre 43 nach der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig,
wohl mehr wegen der Verbannung auf die ferne Insel als aus Furcht vor dem
Feinde. Einer der leitenden Maenner, vielleicht die Seele des Unternehmens, der
kaiserliche Kabinettssekretaer Narcissus, wollte ihnen Mut einsprechen - sie
liessen den Sklaven vor hoehnendem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber taten, wie
er wollte, und schifften sich ein.
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^7 Die drei Legionen vom Rhein sind die 2. Augusta, die 14. und die 20.;
aus Pannonien kam die 9. spanische. Dieselben vier Legionen standen dort noch zu
Anfang der Regierung Vespasians; dieser rief die 14. ab zum Kriege gegen
Civilis, und diese kam nicht zurueck, dafuer aber wahrscheinlich die 2.
adiutrix. Diese ist vermutlich unter Domitian nach Pannonien verlegt, unter
Hadrian die 9. aufgeloest und durch die 6. victrix ersetzt worden. Die beiden
anderen Legionen, 2. Augusta und 20., haben vom Anfang bis zum Ende der
Roemerherrschaft in England gestanden.
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Besondere Schwierigkeit hatte die Besetzung der Insel nicht. Die
Eingeborenen standen politisch wie militaerisch auf derselben niedrigen
Entwicklungsstufe, welche Caesar auf der Insel vorgefunden hatte. Koenige oder
Koeniginnen regierten in den einzelnen Gauen, die kein aeusseres Band
zusammenschloss und die in ewiger Fehde miteinander lagen. Die Mannschaften
waren wohl von ausdauernder Koerperkraft und von todesverachtender Tapferkeit
und namentlich tuechtige Reiter. Aber der homerische Streitwagen, der hier noch
eine Wirklichkeit war und auf dem die Fuersten des Landes selber die Zuegel
fuehrten, hielt den geschlossenen roemischen Reiterschwadronen ebensowenig
stand, wie der Infanterist ohne Panzer und Helm, nur durch den kleinen Schild
verteidigt, mit seinem kurzen Wurfspiess und seinem breiten Schwert im Nahkampf
dem kurzen roemischen Messer gewachsen war oder gar dem schweren Pilum des
Legionaers und dem Schleuderblei und dem Pfeil der leichten roemischen Truppen.
Der Heermasse von etwa 40000 wohlgeschulten Soldaten hatten die Eingeborenen
ueberall keine entsprechende Abwehr entgegenzustellen. Die Ausschiffung traf
nicht einmal auf Widerstand; die Briten hatten Kunde von der schwierigen
Stimmung der Truppen und die Landung nicht mehr erwartet. Koenig Cunobelinus war
kurz vorher gestorben; die Gegenwehr fuehrten seine beiden Soehne, Caratacus und
Togodumnus. Der Marsch des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum gerichtet
^8 und in raschem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse; hier wurde Halt
gemacht, vielleicht hauptsaechlich, um dem Kaiser die Gelegenheit zu geben, den
leichten Lorbeer persoenlich zu pfluecken. Sobald er eintraf, ward der Fluss
ueberschritten, das britische Aufgebot geschlagen, wobei Togodumnus den Tod
fand, Camalodunum selber genommen. Wohl setzte der Bruder Caratacus den
Widerstand hartnaeckig fort und gewann sich, siegend oder geschlagen, einen
stolzen Namen bei Freund und Feind; aber das Vorschreiten der Roemer war dennoch
unaufhaltsam. Ein Fuerst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt - elf
britische Koenige nennt der Ehrenbogen des Claudius als von ihm besiegt; und was
den roemischen Waffen nicht erlag, das ergab sich den roemischen Spenden.
Zahlreiche vornehme Maenner nahmen die Besitzungen an, die auf Kosten ihrer
Landsleute der Kaiser ihnen verlieh; auch manche Koenige fuegten sich in die
bescheidene Lehnsstellung, wie denn der der Regner (Chichester), Cogidumnus, und
der der Icener (Norfolk), Prasutagus, eine Reihe von Jahren als Lehnsfuersten
die Herrschaft gefuehrt haben. Aber in den meisten Distrikten der bis dahin
durchgaengig monarchisch regierten Insel fuehrten die Eroberer ihre
Gemeindeverfassung ein und gaben, was noch zu verwalten blieb, den oertlichen
Vornehmen in die Hand; was denn freilich schlimme Parteiungen und innere
Zerwuerfnisse im Gefolge hatte. Noch unter dem ersten Statthalter scheint das
gesamte Flachland bis etwa zum Humber hinauf in roemische Gewalt gekommen zu
sein; die Icener zum Beispiel haben bereits ihm sich ergeben. Aber nicht bloss
mit dem Schwert bahnten die Roemer sich den Weg. Unmittelbar nach der Einnahme
wurden nach Camalodunum Veteranen gefuehrt und die erste Stadt roemischer
Ordnung und roemischen Buergerrechts, die "Claudische Siegeskolonie", in
Britannien gegruendet, bestimmt zur Landeshauptstadt. Unmittelbar nachher begann
auch die Ausbeutung der britannischen Bergwerke, namentlich der ergiebigen
Bleigruben; es gibt britannische Bleibarren aus dem sechsten Jahre nach der
Invasion. Offenbar hat in gleicher Schleunigkeit der Strom roemischer Kaufleute
und Industrieller sich ueber das neu geschlossene Gebiet ergossen; wenn
Camalodunum roemische Kolonisten empfing, so bildeten anderswo im Sueden der
Insel, namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in Verulamium (St.
Albans, nordwestlich von London) und vor allem in dem natuerlichen Emporium des
Grossverkehrs, in Londinium an der Themsemuendung, bloss infolge des freien
Verkehrs und der Einwanderung sich roemische Ortschaften, die bald auch formell
staedtische Organisation erhielten. Die vordringende Fremdherrschaft machte
nicht bloss in den neuen Abgaben und Aushebungen, sondern vielleicht mehr noch
in Handel und Gewerbe ueberall sich geltend. Als Plautius nach vierjaehriger
Verwaltung abberufen ward, zog er, der letzte Private, der zu solcher Ehre
gelangt ist, triumphierend in Rom ein, und Ehren und Orden stroemten herab auf
die Offiziere und Soldaten der siegreichen Legionen; dem Kaiser wurden in Rom
und danach in anderen Staedten Triumphbogen errichtet wegen des "ohne
irgendwelche Verluste" errungenen Sieges; der kurz vor der Invasion geborene
Kronprinz erhielt anstatt des grossvaeterlichen den Namen Britannicus. Man wird
hierin die unmilitaerische, der Siege mit Verlust entwoehnte Zeit und die der
politischen Altersschwaeche angemessene Ueberschwenglichkeit erkennen duerfen;
aber wenn die Invasion Britanniens vom militaerischen Standpunkt aus nicht viel
bedeuten will, so muss doch den leitenden Maennern das Zeugnis gegeben werden,
dass sie das Werk in energischer und folgerichtiger Weise angriffen und die
peinliche und gefahrvolle Zeit des Uebergangs von der Unabhaengigkeit zur
Fremdherrschaft in Britannien eine ungewoehnlich kurze war.
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^8 Die nur auf bedenkliche Emendationen gestuetzte Identifikation der
Boduner und Catuellaner bei Dio 60, 20 mit Voelkerschaften aehnlichen Namens bei
Ptolemaeos kann nicht richtig sein; diese ersten Kaempfe muessen zwischen der
Kueste und der Themse stattgefunden haben.
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Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten auch hier sich die
Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Besetzung der Insel nicht
bloss den Eroberten brachte, sondern auch den Eroberern.
Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des Meeres. Vor
allem der Westen machte den Roemern zu schaffen. Zwar im aeussersten Suedwest,
im heutigen Cornwall, hielt sich das alte Volkstum wohl mehr, weil die Eroberer
sich um diese entlegene Ecke wenig kuemmerten, als weil es geradezu sich gegen
sie auflehnte. Aber die Siluren im Sueden des heutigen Wales und ihre
noerdlichen Nachbarn, die Ordoviker, trotzten beharrlich den roemischen Waffen;
die den letzteren anliegende Insel Mona (Anglesey) war der rechte Herd der
nationalen und religioesen Gegenwehr. Nicht die Bodenverhaeltnisse allein
hemmten das Vordringen der Roemer; was Britannien fuer Gallien gewesen, das war
jetzt fuer Britannien, und insbesondere fuer diese Westkueste, die grosse Insel
Ivernia; die Freiheit drueben liess die Fremdherrschaft hueben nicht feste
Wurzel fassen. Deutlich erkennt man an der Anlegung der Legionslager, dass die
Invasion hier zum Stehen kam. Unter Plautius' Nachfolger wurde das Lager fuer
die vierzehnte Legion am Einfluss des Tern in den Severn bei Viroconium
(Wroxeter, unweit Shrewsbury ^9) angelegt, vermutlich um dieselbe Zeit suedlich
davon das von Isca (Caerleon = castra legionis) fuer die zweite, noerdlich das
von Deva (Chester = castra) fuer die zwanzigste; diese drei Lager schlossen das
walisische Gebiet ab gegen Sueden, Norden und Westen und schuetzten also das
befriedete Land gegen das frei gebliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem
seine Heimat roemisch geworden war, der letzte Fuerst von Camalodunum,
Caratacus. Er wurde von dem Nachfolger des Plautius, Publius Ostorius Scapula,
im Ordovikergebiet geschlagen und bald darauf von den geschreckten Briganten, zu
denen er gefluechtet war, den Roemern ausgeliefert (51) und mit all den Seinen
nach Italien gefuehrt. Verwundert fragte er, als er die stolze Stadt sah, wie es
die Herren solcher Palaeste nach den armen Huetten seiner Heimat verlangen
koenne. Aber damit war der Westen keineswegs bezwungen; die Siluren vor allem
verharrten in hartnaeckiger Gegenwehr, und dass der roemische Feldherr
ankuendigte, sie bis auf den letzten Mann ausrotten zu wollen, trug auch nicht
dazu bei, sie fuegsamer zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius
Paullinus versuchte einige Jahre spaeter (61), den Hauptsitz des Widerstandes,
die Insel Mona, in roemische Gewalt zu bringen, und trotz der wuetenden
Gegenwehr, welche ihn hier empfing und in der die Priester und die Weiber
vorangingen, fielen die heiligen Baeume, unter denen mancher roemische Gefangene
geblutet hatte, unter den Aexten der Legionaere. Aber aus der Besetzung dieses
letzten Asyls der keltischen Priesterschaft entwickelte sich eine gefaehrliche
Krise in dem unterworfenen Gebiete selbst, und die Eroberung Monas zu vollenden,
war dem Statthalter nicht beschieden.
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^9 Tac. ann. 12, 31: (P. Ostorius) cuncta castris ad . . . ntonam
(ueberliefert ist castris antonam) et Sabrinam fluvios cohibere parat. So ist
hier herzustellen, nur dass der sonst nicht ueberlieferte Name des Flusses Tern
nicht ergaenzt werden kann. Die einzigen in England gefundenen Inschriften von
Soldaten der 14. Legion, die unter Nero England verliess, sind in Wroxeter, dem
sogenannten "englischen Pompeii" zum Vorschein gekommen. Da dort sich auch die
Grabschrift eines Soldaten der 20. gefunden hat, war das von Tacitus bezeichnete
Lager vielleicht anfaenglich beiden Legionen gemeinsam und ist die 20. erst
spaeter nach Deva gekommen. Dass das Lager bei Isca gleich nach der Invasion
angelegt ward, geht aus Tac. ann. 12, 32 u. 38 hervor.
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Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der nationalen
Insurrektion zu bestehen. Was Mithradates in Kleinasien, Vercingetorix bei den
Kelten des Kontinents, Civilis bei den unterworfenen Germanen unternahmen, das
versuchte bei den Inselkelten eine Frau, die Gattin eines jener von Rom
bestaetigten Vasallenfuersten, die Koenigin der Icener, Boudicca. Ihr
verstorbener Gatte hatte, um seiner Frau und seiner Toechter Zukunft zu sichern,
seine Herrschaft dem Kaiser Nero vermacht, sein Vermoegen zwischen ihm und den
Seinigen geteilt. Der Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was ihm nicht zufallen
sollte, dazu; die fuerstlichen Vettern wurden in Ketten gelegt, die Witwe
geschlagen, die Toechter in schaendlicherer Weise misshandelt. Dazu kam andere
Unbill des spaeteren Neronischen Regiments. Die in Camalodunum angesiedelten
Veteranen jagten die frueheren Besitzer von Haus und Hof, wie es ihnen beliebte,
ohne dass die Behoerden dagegen einschritten. Die vom Kaiser Claudius
verliehenen Geschenke wurden als widerrufliche Gaben eingezogen. Roemische
Minister, die zugleich Geldgeschaefte machten, trieben auf diesem Wege die
britannischen Gemeinden eine nach der anderen zum Bankrott. Der Moment war
guenstig. Der mehr tapfere als vorsichtige Statthalter Paullinus befand sich,
wie gesagt wurde, mit dem Kern der roemischen Armee auf der entlegenen Insel
Mona, und dieser Angriff auf den heiligsten Sitz der nationalen Religion
erbitterte ebenso die Gemueter, wie er dem Aufstande den Weg ebnete. Der alte
gewaltige Keltenglaube, der den Roemern so viel zu schaffen gemacht, loderte
noch einmal, zum letzten Mal, in maechtiger Flamme empor. Die geschwaechten und
weitgetrennten Legionslager im Westen und im Norden gewaehrten dem ganzen
Suedosten der Insel mit seinen aufbluehenden roemischen Staedten keinen Schutz.
Vor allem die Hauptstadt Camalodunum war voellig wehrlos, eine Besatzung nicht
vorhanden, die Mauern nicht vollendet, wohl aber der Tempel ihres kaiserlichen
Stifters, des neuen Gottes Claudius. Der Westen der Insel, wahrscheinlich
niedergehalten durch die dort stehenden Legionen, scheint sich bei der
Schilderhebung nicht beteiligt zu haben und ebensowenig der nicht botmaessige
Norden; aber, wie das bei keltischen Aufstaenden oefter vorgekommen ist, es
erhob sich im Jahre 61 auf die vereinbarte Losung das ganze uebrige unterworfene
Gebiet auf einen Schlag gegen die Fremden, voran die aus ihrer Hauptstadt
vertriebenen Trinovanten. Der zweite Befehlshaber, der zur Zeit den Statthalter
vertrat, der Prokurator Decianus Catus, hatte im letzten Augenblick, was er von
Soldaten hatte, dieser zum Schutz gesandt: es waren 200 Mann. Sie wehrten sich
mit den Veteranen und den sonstigen waffenfaehigen Roemern zwei Tage im Tempel;
dann wurden sie ueberwaeltigt und was in der Stadt roemisch war, umgebracht bis
auf den letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr das Hauptemporium des roemischen
Handels, Londinium, und eine dritte aufbluehende roemische Stadt, Verulamium
(St. Albans, nordwestlich von London), nicht minder die auf der Insel
zerstreuten Auslaender - es war eine nationale Vesper, gleich jener
Mithradatischen und die Zahl der Opfer - angeblich 70000 - nicht geringer. Der
Prokurator gab die Sache Roms verloren und fluechtete nach dem Kontinent. Auch
die roemische Armee ward in die Katastrophe verwickelt. Eine Anzahl zerstreuter
Detachements und Besatzungen erlag den Angriffen der Insurgenten. Quintus
Petillius Cerialis, der im Lager von Lindum den Befehl fuehrte, marschierte auf
Camalodunum mit der neunten Legion; zur Rettung kam er zu spaet und verlor, von
ungeheurer Uebermacht angegriffen, in der Feldschlacht sein gesamtes Fussvolk;
das Lager erstuermten die Briganten. Es fehlte nicht viel, dass den obersten
Feldherrn das gleiche Schicksal erreichte. Eilig zurueckkehrend von der Insel
Mona, rief er die bei Isca stehende zweite Legion heran; aber sie gehorchte dem
Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann musste Paullinus den ungleichen Kampf
gegen das zahllose und siegreiche Insurgentenheer aufnehmen. Wenn je der Soldat
die Fehler der Fuehrung gutgemacht hat, so war es an dem Tage, wo dieser kleine
Haufen, hauptsaechlich die seitdem gefeierte vierzehnte Legion, wohl zu seiner
eigenen Ueberraschung den vollen Sieg erfocht und die roemische Herrschaft in
Britannien abermals festigte; viel fehlte nicht, dass Paullinus Name neben dem
des Varus genannt worden waere. Aber der Erfolg entscheidet, und hier blieb er
den Roemern ^10. Der schuldige Kommandant der ausgebliebenen Legion kam dem
Kriegsgericht zuvor und stuerzte sich in sein Schwert. Die Koenigin Boudicca
trank den Giftbecher. Der uebrigens tapfere Feldherr wurde zwar nicht in
Untersuchung gezogen, wie anfangs die Absicht der Regierung zu sein schien, aber
bald unter einem schicklichen Vorwand abgerufen.
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^10 Eine schlechtere Relation als die des Tacitus ueber diesen Krieg (14,
31-39) ist selbst bei diesem unmilitaerischsten aller Schriftsteller kaum
aufzufinden. Wo die Truppen standen und wo die Schlachten geliefert wurden,
hoeren wir nicht dafuer aber von Zeichen und Wundern genug und leere Worte nur
zu viel. Die wichtigen Tatsachen, die im Leben des Agricola (31) erwaehnt
werden, fehlen im Hauptbericht insonderheit die Erstuermung des Lagers. Dass
Paullinus, von Mona kommend, nicht bedacht ist, die Roemer im Suedosten zu
retten, sondern seine Truppen Zu vereinigen, begreift sich, aber nicht, warum
er, wenn er Londinium aufopfern wollte, deswegen dahin marschiert. Ist er
wirklich dorthin gekommen, so kann er nur mit einer persoenlichen Bedeckung,
ohne das Korps, das er auf Mona bei sich gehabt, dort erschienen sein; was
freilich auch keinen Sinn hat. Das Gros der roemischen Truppen, sowohl der von
Mona zurueckgefuehrten wie der sonst noch vorhandenen, kann nach Rufreibung der
9. Legion nur auf der Linie Deva - Viroconium - Isca gestanden haben; Paullinus
schlug die Schlacht mit den beiden in den beiden ersten dieser Lager stehenden
Legionen der 14. und der (unvollstaendigen) 20. Dass Paullinus schlug, weil er
schlagen masste, sagt Dio (62, 1-12), und wenngleich dessen Erzaehlung sonst
auch nicht gebraucht werden kann, um die des Tacitus zu bessern, so scheint dies
durch die Sachlage selbst gefordert.
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Die Unterwerfung der westlichen Teile der Insel wurde von Paullinus
Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt. Erst der tuechtige Feldherr Sextus
Iulius Frontinus unter Vespasian zwang die Siluren zur Anerkennung der
roemischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus Iulius Agricola fuehrte nach
harten Kaempfen mit den Ordovikern das aus, was Paullinus nicht erreicht hatte,
und besetzte im Jahre 78 die Insel Mona. Nachher ist von aktivem Widerstand in
diesen Gegenden nicht die Rede; das Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich
um diese Zeit, aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im noerdlichen
Britannien verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager von Isca und
von Deva sind noch bis in die diocletianische Zeit an Ort und Stelle geblieben
und erst in dem spaeteren Besatzungsstand verschwunden. Wenn dabei auch
politische Ruecksichten mitgewirkt haben moegen, so ist doch der Widerstand des
Westens wahrscheinlich, vielleicht gestuetzt auf Verbindungen mit Ivernia, auch
spaeter noch fortgefuehrt worden. Dafuer spricht ferner das voellige Fehlen
roemischer Spuren in dem inneren Wales und das daselbst bis auf den heutigen Tag
sich behauptende keltische Volkstum.
Im Norden bildete den Mittelpunkt der roemischen Stellung, oestlich von
Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum (Lincoln).
Zunaechst mit diesem beruehrte sich in Nordengland das maechtigste Fuerstentum
der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es hatte sich nicht eigentlich
unterworfen, aber die Koenigin Cartimandus suchte doch mit den Eroberern Frieden
zu halten und erwies sich ihnen gefuegig. Die Partei der Roemerfeinde hatte hier
im Jahre 50 loszuschlagen versucht, aber der Versuch war rasch unterdrueckt
worden. Caratacus, im Westen geschlagen, hatte gehofft, seinen Widerstand im
Norden fortfuehren zu koennen, aber die Koenigin lieferte ihn, wie schon gesagt
ward, den Roemern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und haeuslichen Haendel
muessen dann in dem Aufstand gegen Paullinus, bei dem wir die Briganten in einer
fuehrenden Stellung fanden und der eben die Legion des Nordens mit seiner ganzen
Schwere traf, mit im Spiel gewesen sein. Indes war die roemische Partei der
Briganten einflussreich genug, um nach Niederwerfung des Aufstandes die
Wiederherstellung des Regiments der Cartimandus zu erlangen. Aber einige Jahre
nachher bewirkte die Patriotenpartei daselbst, getragen durch die Losung des
Abfalles von Rom, welche waehrend des Buergerkrieges nach Neros Katastrophe den
ganzen Westen erfuellte, eine neue Schilderhebung der Briganten gegen die
Fremdherrschaft, an deren Spitze Cartimandus' frueherer, von ihr beseitigter und
beleidigter Gemahl, der kriegserfahrene Venutius stand; erst nach laengeren
Kaempfen bezwang Petillius Cerialis das maechtige Volk, derselbe, der unter
Paullinus nicht gluecklich gegen eben diese Briten gefochten hatte, jetzt einer
der namhaftesten Feldherren Vespasians und der erste von ihm ernannte
Statthalter der Insel. Der allmaehlich nachlassende Widerstand des Westens
machte es moeglich, die eine der drei bisher dort stationierten Legionen mit der
in Lindum stehenden zu vereinigen und das Lager selbst von Lindum nach dem
Hauptort der Briganten, Eburacum (York), vorzuschieben. Indes so lange der
Westen ernstliche Gegenwehr leistete, geschah im Norden nichts weiter fuer die
Ausdehnung der roemischen Grenze; am Kaledonischen Walde, sagt ein
Schriftsteller vespasianischer Zeit stocken seit dreissig Jahren die roemischen
Waffen. Erst Agricola griff, nachdem er im Westen fertig war, die Unterwerfung
auch des Nordens energisch an. Er schuf vor allem sich eine Flotte, ohne welche
die Verpflegung der Truppen in diesen, wenige Hilfsmittel darbietenden Gebirgen
unmoeglich gewesen sein wuerde. Gestuetzt auf diese gelangte er unter Titus (80)
bis an die Tava-Bucht (Firth of Tay) in die Gegend von Perth und Dundee und
wandte die drei folgenden Feldzuege daran, die weiten Landstriche zwischen
dieser Bucht und der bisherigen roemischen Grenze an beiden Meeren genau zu
erkunden, den oertlichen Widerstand ueberall zu brechen und an den geeigneten
Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die natuerliche
Verteidigungslinie, welche durch die beiden tief einschneidenden Buchten Clota
(Firth of Clyde) bei Glasgow und Bodotria (Firth of Forth) bei Edinburgh
gebildet wird, zum Rueckhalt ausersehen ward. Dieser Vorstoss rief das gesamte
Hochland unter die Waffen; aber die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten
kaledonischen Staemme den Legionen zwischen den beiden Buchten Forth und Tay an
den Graupischen Bergen lieferten, endigte mit dem Siege Agricolas. Nach seiner
Ansicht musste die Unterwerfung der Insel, einmal begonnen, auch vollendet, ja
auch auf Ivernia ausgedehnt werden; und es liess sich dafuer mit Ruecksicht auf
das roemische Britannien geltend machen, was mit Ruecksicht auf Gallien die
Besetzung der Insel herbeigefuehrt hatte; hinzu kam, dass bei energischer
Durchfuehrung der Besetzung des gesamten Inselkomplexes der Aufwand an Menschen
und Geld fuer die Zukunft wahrscheinlich sich verringert haben wuerde.
Die roemische Regierung folgte diesen Ratschlaegen nicht. Wieweit bei der
Rueckberufung des siegreichen Feldherrn im Jahre 85, der uebrigens laenger, als
sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte geblieben war, persoenliche und
gehaessige Motive mitgewirkt haben, muss dahingestellt bleiben; das
Zusammentreffen der letzten Siege des Generals in Schottland und der ersten
Niederlagen des Kaisers im Donauland war allerdings in hohem Grade peinlich.
Aber fuer das Einstellen der Operationen in Britannien ^11 und fuer die, wie es
scheint, damals erfolgte Abberufung einer der vier Legionen, mit denen Agricola
seine Feldzuege ausgefuehrt hatte, nach Pannonien, gibt die damalige
militaerische Lage des Staats, die Ausdehnung der roemischen Herrschaft auf dem
rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der gefaehrlichen Kriege in
Pannonien, eine voellig hinreichende Erklaerung. Das freilich ist damit nicht
erklaert, warum hiermit dem Vordringen gegen Norden ueberhaupt ein Ziel gesetzt
und Nordschottland sowohl wie Irland sich selber ueberlassen wurden. Dass
seitdem die Regierung, nicht wegen Zufaelligkeiten der augenblicklichen Lage,
sondern ein fuer allemal von der Vorschiebung der Reichsgrenze absah und daran
bei allem Wechsel der Persoenlichkeiten festhielt, lehrt die gesamte spaetere
Geschichte der Insel und lehren insbesondere die gleich zu erwaehnenden
muehsamen und kostspieligen Wallbauten. Ob sie im rechten Interesse des Staates
auf die Vollendung der Eroberung verzichtet hat, ist eine andere Frage. Dass die
Reichsfinanzen bei dieser Erweiterung der Grenzen nur einbuessen wuerden, wurde
auch jetzt ebenso geltend gemacht ^12, wie frueher gegen die Besetzung der Insel
selbst, konnte aber freilich nicht entscheiden. Militaerisch durchfuehrbar war
die Besetzung so, wie Agricola sie gedacht hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche
Schwierigkeit. Aber ins Gewicht mochte die Erwaegung fallen, dass die
Romanisierung der noch freien Gebiete grosse Schwierigkeit bereitet haben wuerde
wegen der Stammesverschiedenheit. Die Kelten im eigentlichen England gehoerten
durchaus zu denen des Festlands; Volksname, Glaube, Sprache waren beiden
gemeinsam. Wenn die keltische Nationalitaet des Kontinents einen Rueckhalt an
der Insel gefunden hatte, so griff umgekehrt die Romanisierung Galliens
notwendig auch nach England hinueber, und diesem vornehmlich verdankte es Rom,
dass in so ueberraschender Schnelligkeit Britannien sich gleichfalls
romanisierte. Aber die Bewohner Irlands und Schottlands gehoerten einem anderen
Stamme an und redeten eine andere Sprache; ihr Gadhelisch verstand der Brite
wahrscheinlich so wenig wie der Germane die Sprache der Skandinaven. Als
Barbaren wildester Art werden die Kaledonier - mit den Ivernern haben die Roemer
sich kaum beruehrt - durchaus geschildert. Andererseits waltete der
Eichenpriester (Derwydd, Druida) seines Amtes an der Rhone wie in Anglesey, aber
nicht auf der Insel des Westens noch in den Bergen des Nordens. Wenn die Roemer
den Krieg hauptsaechlich gefuehrt hatten, um das Druidengebiet ganz in ihre
Gewalt zu bringen, so war dieses Ziel einigermassen erreicht. Ohne Frage haetten
in anderer Zeit alle diese Erwaegungen die Roemer nicht vermocht, auf die so
nahe gerueckte Seegrenze im Norden zu verzichten und wenigstens Kaledonien waere
besetzt worden. Aber weitere Landschaften mit roemischem Wesen zu durchdringen,
vermochte das damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und der vorschreitende
Volksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens diejenige Eroberung, die nicht
durch Verordnungen und Maersche erzwungen werden kann, waere, wenn man sie
versucht haette, schwerlich gelungen.
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^11 Tac. hist. I, 2 fasst das Resultat zusammen in die Worte perdomita
Britannia et statim missa.
^12 Der kaiserliche Finanzbeamte unter Pius, Appian (prooem. 5), bemerkt,
dass die Roemer den besten Teil (to kratiston) der britischen Insel besetzt
haetten oiden t/e/s all/e/s deomenoi. oy' gar e?phoros aytois estin oyd' /e/n
echoysin. Das ist die Antwort der Gouvernementalen an Agricola und seine
Meinungsgenossen.
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Es kam also darauf an, die Nordgrenze fuer die Verteidigung in geeigneter
Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die militaerische Arbeit.
Der militaerische Mittelpunkt blieb Eburacum. Das weite, von Agricola besetzte
Gebiet wurde festgehalten und mit Kastellen belegt, die als vorgeschobene Posten
fuer das zurueckliegende Hauptquartier dienten; wahrscheinlich ist der groesste
Teil der nicht legionaeren Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Spaeter
folgte die Anlage zusammenhaengender Befestigungslinien. Die erste der Art
ruehrt von Hadrian her und ist auch insofern merkwuerdig, als sie in gewissem
Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollstaendiger bekannt ist als
irgendeine andere der grossen militaerischen Bauten der Roemer. Es ist genau
genommen eine von Meer zu Meer in der Laenge von etwa 16 deutschen Meilen
westlich an den Solway Firth, oestlich an die Muendung der Tyne fuehrende, nach
beiden Seiten hin festungsmaessig geschuetzte Heerstrasse. Die Verteidigung
bildet noerdlich eine gewaltige urspruenglich mindestens 16 Fuss hohe und 8 Fuss
dicke, an beiden Aussenseiten aus Quadersteinen erbaute, dazwischen mit
Bruchsteinen und Moertel ausgefuellte Mauer, vor welcher ein nicht minder
imponierender, 9 Fuss tiefer, oben bis 34 Fuss und mehr breiter Graben sich
hinzieht. Gegen Sueden ist die Strasse geschuetzt durch zwei parallele, noch
jetzt 6 bis 7 Fuss hohe Erddaemme, zwischen denen ein 7 Fuss tiefer Graben mit
einem nach Sueden aufgehoehten Rande sich hinzieht, so dass die Anlage von Damm
zu Damm eine Gesamtbreite von 24 Fuss hat. Zwischen der Steinmauer und den
Erddaemmen, auf der Strasse selbst, liegen die Lagerplaetze und Wachthaeuser,
naemlich in der Entfernung einer kleinen Meile voneinander die Kohortenlager,
angelegt als selbstaendig wehrfaehige Kastelle mit Toroeffnungen nach allen vier
Seiten; zwischen je zweien derselben eine kleinere Anlage aehnlicher Art mit
Ausfallstoren nach Norden und Sueden; zwischen je zweien von diesen vier
kleinere Wachthaeuser in Rufweite voneinander. Diese Anlage von grossartiger
Soliditaet, welche als Besatzung 10000 bis 12000 Mann erfordert haben muss,
bildete seitdem das Fundament der militaerischen Operationen im noerdlichen
England. Eigentlicher Grenzwall war sie nicht; vielmehr haben nicht bloss die
schon seit Agricolas Zeit weit darueber hinaus vorgeschobenen Posten daneben
fortbestanden, sondern es ist spaeterhin, zuerst unter Pius, dann in
umfassenderer Weise unter Severus gleichsam als Vorposten fuer den Hadrianswall
^13 die schon von Agricola mit einer Postenreihe besetzte, um die Haelfte
kuerzere Linie vom Firth of Clyde zum Firth of Forth in aehnlicher, aber
schwaecherer Weise befestigt worden. Der Anlage nach war diese Linie von der
Hadrianischen nur insofern verschieden, als sie sich auf einen ansehnlichen
Erdwall, mit Graben davor und Strasse dahinter, beschraenkte, nach Sueden also
nicht zur Verteidigung eingerichtet war; im uebrigen schloss auch sie eine
Anzahl kleinerer Lager in sich. An dieser Linie endigten die roemischen
Reichsstrassen ^14, und obwohl auch jenseits dieser noch roemische Posten
standen - der noerdlichste Punkt, auf dem der Grabstein eines roemischen
Soldaten sich gefunden hat, ist Ardoch zwischen Stirling und Perth -, kann die
Grenze der Zuege Agricolas, der Firth of Tay, auch spaeter noch als die Grenze
des Roemischen Reiches angesehen werden.
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^13 Die Meinung, dass der noerdliche Wall an die Stelle des suedlichen
getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Kohortenlager am
Hadrianswall, wie sie uns die Inschriften des 2. Jahrhunderts zeigen, bestanden
im wesentlichen unveraendert noch am Ende des 3. (denn dieser Epoche gehoert der
betreffende Abschnitt der Notitia an). Beide Anlagen haben nebeneinander
bestanden, seit die juengere hinzugetreten war; auch zeigt die Masse der
Denkmaeler am Severuswall mit Evidenz, dass er bis zum Ende der roemischen
Herrschaft in Britannien besetzt geblieben ist.
Der Bau des Severus kann nur auf die noerdliche Anlage bezogen werden.
Einmal war die Anlage des Hadrian von der Art, dass eine etwaige
Wiederherstellung unmoeglich, wie dies von der Severischen gesagt wird, als
Neubau aufgefasst werden konnte; aber die Anlage des Pius war ein blosser
Erddamm (murus cespiticius, vita c. 5) und unterliegt hier die gleiche Annahme
minderem Bedenken. Zweitens passt die Laenge des Severuswalles von 32 Milien
(Aur. Vict. epit. 20; die unmoegliche Zahl 132 ist ein Schreibfehler unserer
Handschriften des Eutropius 8, 19 - wo Paulus das Richtige bewahrt hat -, der
dann von Hier. chron. a. Abr. 2221, Oros. hist. 7, 17, 7 und Cassiod. chron. zum
Jahre 207 uebernommen worden ist) nicht auf den Hadrianswall von 80 Milien; aber
die Anlage des Pius, die nach den inschriftlichen Erhebungen etwa 40 Milien lang
war, kann wohl gemeint sein, da die Endpunkte der Severischen Anlage an den
beiden Meeren recht wohl andere und naeher gelegene gewesen sein koennen. Wenn
endlich nach Dio 76,12 von der Mauer, welche die Insel in zwei Teile teilt,
noerdlich die Kaledonien suedlich die Maeaten wohnen, so sind zwar die Wohnsitze
der letzteren sonst nicht bekannt (vgl. Dio 75, 5), koennen aber unmoeglich auch
nach der Schilderung, die Dio von ihrer Gegend macht, suedlich vom Hadrianswall
angesetzt und die der Kaledonier bis an diesen erstreckt werden. Also ist hier
die Linie Glasgow-Edinburgh gemeint.
^14 A limite id est a vallo heisst es im Itinerarium, p. 464.
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Weniger als von diesen imponierenden Verteidigungsanlagen wissen wir von
der Anwendung, die sie gefunden haben und ueberhaupt den spaeteren Ereignissen
auf diesem fernen Kriegsschauplatz. Unter Hadrian ist eine schwere Katastrophe
hier eingetreten, allem Anschein nach ein Ueberfall des Lagers von Eburacum und
die Vernichtung der dort stehenden Legion ^15, derselben neunten, die im
Boudiccakrieg so ungluecklich gefochten hatte. Wahrscheinlich ist diese nicht
durch feindlichen Einfall herbeigefuehrt, sondern durch den Abfall der
noerdlichen als reichsuntertaenig geltenden Voelkerschaften, insbesondere der
Briganten. Damit wird in Verbindung zu bringen sein, dass der Hadrianswall
ebenso gegen Sueden wie gegen Norden Front macht; offenbar war er auch dazu
bestimmt, das nur oberflaechlich unterworfene Nordengland niederzuhalten. Auch
unter Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kaempfe stattgefunden, an denen die
Briganten wieder beteiligt waren; doch laesst sich Genaueres nicht erkennen ^16.
Der erste ernstliche Angriff auf diese Reichsgrenze und die erste nachweisliche
Ueberschreitung der Mauer - ohne Zweifel derjenigen des Pius - erfolgte unter
Marcus und weiter unter Commodus; wie denn auch Commodus der erste Kaiser ist,
der den Siegesbeinamen des Britannikers angenommen hat, nachdem der tuechtige
General Ulpius Marcellus die Barbaren zu Paaren getrieben hatte. Aber das Sinken
der roemischen Macht tritt seitdem hier ebenso hervor wie an der Donau und am
Euphrat. In den unruhigen Anfangsjahren des Severus hatten die Kaledonier ihre
Zusage, sich nicht mit den roemischen Untertanen einzulassen, gebrochen, und,
auf sie gestuetzt, ihre suedlichen Nachbarn, die Maeaten, den roemischen
Statthalter Lupus genoetigt, gefangene Roemer mit grossen Summen zu loesen.
Dafuer traf sie Severus' schwerer Arm nicht lange vor seinem Tode; er drang in
ihr eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung betraechtlicher Strecken ^17,
aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser im Jahre 211 im Lager von Eburacum
gestorben war, seine Soehne die Besatzungen sofort freiwillig zurueckzogen, um
der laestigen Verteidigung ueberhoben zu sein.
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^15 Der Hauptbeweis dafuer liegt in dem unzweifelhaft bald nach dem Jahre
108 (CIL VII, 241) eintretenden Verschwinden dieser Legion und ihrer Ersetzung
durch die 6. victrix. Die beiden Notizen, welche auf dies Ereignis hindeuten
(Fronto p. 217 Naher: Hadriano imperium obtinente quantum militum a Britannis
caesum? Vita 5: Britanni teneri sub Romana dicione non poterant) sowie die
Anspielung bei Iuvenal (14, 196: castella Brigantum) fuehren auf einen Aufstand,
nicht auf einen Einfall.
^16 Wenn Pius nach Pausanias (8, 43, 4) apetemeto t/o/n en Britannia
Brigant/o/n t/e/n poll/e/n oti epesbainein kai o?toi s?n oplois /e/rxan eis
t/e/n Genoynian moiran (unbekannt, vielleicht, wie O. Hirschfeld vorschlaegt,
die Brigantenstadt Vinovia) ypkooys R/o/mai/o/n, so folgt daraus nicht, dass es
auch Briganten in Kaledonien gab, sondern dass die Briganten in Nordengland
damals das befriedete Brittenland heimsuchten und darum ein Teil ihres Gebiets
konfisziert ward.
^17 Dass er die Absicht gehabt hat, den ganzen Norden in roemische Gewalt
zu bringen (Dio 76, 13), vertraegt sich weder recht mit der Abtretung (a. a. O.)
noch mit dem Mauerbau und ist wohl ebenso fabelhaft wie der roemische Verlust
von 50000 Mann, ohne dass es auch nur zum Kampfe kam.
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Aus dem dritten Jahrhundert wird von den Schicksalen der Insel kaum etwas
gemeldet. Da keiner der Kaiser, bis auf Diocletian und seine Kollegen, den
Siegernamen von der Insel gefuehrt hat, moegen ernstere Kaempfe hier nicht
stattgefunden haben, und wenn auch in dem Landstrich zwischen den Waellen des
Pius und des Hadrianus das roemische Wesen wohl nie festen Fuss gefasst hat,
scheint doch wenigstens der Hadrianswall was er sollte, auch damals geleistet
und hinter ihm die fremdlaendische Zivilisation gesichert sich entwickelt zu
haben. In der Zeit Diocletians finden wir den Bezirk zwischen beiden Waellen
geraeumt, aber den Hadrianswall nach wie vor besetzt und das uebrige roemische
Heer zwischen ihm und dem Hauptquartier Eburacum kantonierend zur Abwehr der
seitdem oft erwaehnten Raubzuege der Kaledonier, oder wie sie jetzt gewoehnlich
heissen, der Taetowierten (picti) und der von Ivernia her einstroemenden Skoten.
Eine staendige Flotte haben die Roemer in Britannien gehabt; aber wie das
Seewesen immer die schwache Seite der roemischen Wehrordnung geblieben ist, war
auch die britische Flotte nur unter Agricola voruebergehend von Bedeutung.
Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Regierung darauf gerechnet hatte,
nach erfolgter Besetzung der Insel den groessten Teil der dorthin gesandten
Truppen zuruecknehmen zu koennen, so erfuellte diese Hoffnung sich nicht: nur
eine der entsendeten vier Legionen ist, wie wir sahen, unter Domitian abberufen
worden; die drei anderen muessen unentbehrlich gewesen sein, denn es ist nie der
Versuch gemacht worden, sie zu verlegen. Dazu kamen die Auxilien, die zu dem
wenig einladenden Dienst auf der abgelegenen Nordseeinsel dem Anschein nach im
Verhaeltnis staerker als die Buergertruppen herangezogen wurden. In der Schlacht
am Graupischen Berge im Jahre 84 fochten ausser den vier Legionen 8000 zu Fuss
und 3000 zu Pferde von den Hilfssoldaten. Fuer die Zeit von Traian und Hadrian,
wo von diesen in Britannien sechs Alen und 21 Kohorten, zusammen etwa 15000 Mann
standen, wird man das gesamte britannische Heer auf etwa 30000 Mann anzuschlagen
haben. Britannien war von Haus aus ein Kommandobezirk ersten Ranges, den beiden
rheinischen und dem syrischen vielleicht im Rang, aber nicht an Bedeutung
nachstehend, gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich die
angesehenste aller Statthalterschaften. Es lag nur an der weiten Entfernung,
dass die britannischen Legionen in der Korpsparteiung der frueheren Kaiserzeit
in zweiter Reihe erscheinen; bei dem Korpskrieg nach dem Erloeschen des
Antoninischen Hauses fochten sie in der ersten. Darum aber war es auch eine der
Konsequenzen des Sieges des Severus, dass die Statthalterschaft geteilt ward.
Seitdem standen die beiden Legionen von Isca und Deva unter dem Legaten der
oberen, die eine von Eburacum und die Truppen an den Waellen, also die
Hauptmasse der Auxilien, unter dem der unteren Provinz ^18. Wahrscheinlich ist
die Verlegung der ganzen Besatzung nach dem Norden, die, wie oben bemerkt ward,
nach bloss militaerischen Ruecksichten wohl zweckmaessig gewesen sein wuerde,
mit deswegen unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die Hand

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