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Rˆmische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen

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Vorstandschaft des Museums zwei verschiedene Aemter sind, zeigt die Inschrift
selbst. Dasselbe lehrt die Inschrift eines koeniglichen Oberarztes aus guter
Lagidenzeit, der daneben sowohl Exeget ist wie Vorsteher des Museums (CHr?sermon
/E/rakleitoy Alexandrea ton sthggen/e/ basile/o/s Ptolemaioy kai ex/e/g/e/t/e/n
kai epi t/o/n iatr/o/n kai epistat/e/n to? Mo?seioy). Aber beide Denkmaeler
legen zugleich nahe, dass die Stellung des ersten Beamten von Alexandreia und
die Vorstandschaft des Museums haeufig demselben Manne uebertragen worden sind,
obwohl in roemischer Zeit jene vom Praefekten, diese vom Kaiser vergeben ward.
^24 Nicht zu verwechseln mit dem gleichartigen Amt, das Philon (in Flacc.
16) erwaehnt und Lukianos (apolog. 12) bekleidete; dies ist kein staedtisches,
sondern eine Subalternstelle bei der Praefektur von Aegypten, lateinisch a
commentariis oder ab actis.
^25 Dies ist der procurator Neaspoleos et mausolei Alexandriae (CIL VIII,
8934; Henzen 6929). Beamte gleicher Art und gleichen Ranges, deren Kompetenz
aber nicht klar erhellt, sind der procurator ad Mercurium Alexandreae (CIL X,
3847) und der procurator Alexandreae Pelusii (CIL VI, 1624). Auch der Pharus
steht unter einem kaiserlichen Freigelassenen (CIL VI, 8582).
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Selbstverstaendlich sind Alexandriner und Aegypter in diejenigen
Praetendentenbewegungen hineingezogen worden, die vom Orient ausgingen, und
haben dabei regelmaessig mitgemacht; auf diese Weise sind hier Vespasian,
Cassius, Niger, Macrianus, Vaballathus, der Sohn der Zenobia, Probus zu
Herrschern ausgerufen worden. Die Initiative aber haben in allen diesen Faellen
weder die Buerger von Alexandreia ergriffen noch die wenig angesehenen
aegyptischen Truppen, und die meisten dieser Revolutionen, auch die
misslungenen, haben fuer Aegypten keine besonders empfindlichen Folgen gehabt.
Aber die an den Namen der Zenobia sich knuepfende Bewegung ist fuer Alexandreia
und fuer ganz Aegypten fast ebenso verhaengnisvoll geworden wie fuer Palmyra. In
Stadt und Land standen die palmyrenisch und roemisch Gesinnten mit den Waffen
und der Brandfackel in der Hand sich gegenueber. An der Suedgrenze rueckten die
barbarischen Blemyer ein, wie es scheint im Einverstaendnis mit dem palmyrenisch
gesinnten Teil der Bewohner Aegyptens, und bemaechtigten sich eines grossen
Teils von Oberaegypten ^26. In Alexandreia war der Verkehr zwischen den beiden
feindlichen Quartieren aufgehoben, selbst Briefe zu befoerdern, war schwierig
und gefaehrlich ^27. Die Gassen starrten von Blut und von unbegrabenen Leichen.
Die dadurch erzeugten Seuchen wueteten noch aerger als das Schwert; und damit
keines der vier Rosse des Verderbens mangele, versagte auch der Nil und gesellte
sich die Hungersnot zu den uebrigen Geisseln. Die Bevoelkerung schmolz in der
Weise zusammen, dass, wie ein Zeitgenosse sagt, es frueher in Alexandreia mehr
Greise gab als nachher Buerger. Als der von Claudius gesandte Feldherr Probus
endlich die Oberhand gewann, warfen sich die palmyrenisch Gesinnten, darunter
die Mehrzahl der Ratsmitglieder, in das feste Kastell Prucheion in der
unmittelbaren Naehe der Stadt; und obwohl, als Probus den Austretenden Schonung
des Lebens verhiess, die grosse Mehrzahl sich unterwarf, harrte doch ein
betraechtlicher Teil der Buergerschaft bis zum Aeussersten aus in dem Kampf der
Verzweiflung. Die Festung, endlich durch Hunger bezwungen (270), wurde
geschleift und lag seitdem oede; die Stadt aber verlor ihre Mauern. In dem Lande
haben die Blemyer sich noch jahrelang behauptet; erst Kaiser Probus hat
Ptolemais und Koptos ihnen wieder entrissen und sie aus dem Lande
hinausgeschlagen. Der Notstand, den diese durch eine Reihe von Jahren sich
hinziehenden Unruhen hervorgerufen haben muessen, mag dann wohl die einzige
nachweislich in Aegypten entstandene Revolution ^28 zum Ausbruch gebracht haben.
Unter der Regierung Diocletians lehnten sich, wir wissen nicht warum und wozu,
sowohl die eingeborenen Aegypter wie die Buergerschaft von Alexandreia gegen die
bestehende Regierung auf. Es wurden Gegenkaiser aufgestellt, Lucius Domitius
Domitianus und Achilleus, falls nicht etwa beide Namen dieselbe Persoenlichkeit
bezeichnen; die Empoerung waehrte drei bis vier Jahre; die Staedte Busiris im
Delta und Koptos unweit Theben wurden von den Truppen der Regierung zerstoert
und schliesslich unter der eigenen Fuehrung Diocletians im Fruehjahr 297 die
Hauptstadt nach achtmonatlicher Belagerung bezwungen. Von dem Herunterkommen des
reichen, aber durchaus auf den inneren und aeusseren Frieden angewiesenen Landes
zeugt nichts so deutlich wie die im Jahre 302 erlassene Verfuegung desselben
Diocletian, dass ein Teil des bisher nach Rom gesandten aegyptischen Getreides
in Zukunft der alexandrinischen Buergerschaft zugute kommen solle ^29.
Allerdings gehoert dies zu den Massregeln, welche die Dekapitalisierung Roms
bezweckten; aber den Alexandrinern, die zu beguenstigen dieser Kaiser wahrlich
keine Ursache hatte, waere die Lieferung nicht zugewandt worden, wenn sie sie
nicht dringend gebraucht haetten.
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^26 Auf die Allianz der Palmyrener und der Blemyer deutet die Notiz der
vita Firmi c. 3 und dass nach Zosimus (hist. 1, 71) Ptolemais zu den Blemyern
abfiel (vgl. Eus. hist. eccl. 7, 32). Aurelian hat mit diesen nur verhandelt
(vita 34. 41); Probus erst warf sie wieder aus Aegypten (Zos. a. a. O.; vita
17).
^27 Wir besitzen noch dergleichen Briefe, von dem damaligen Bischof der
Stadt Dionysios (+ 265), an die in der feindlichen Stadthaelfte abgesperrten
Gemeindeglieder gerichtet (Eus. hist. eccl. 7, 21, 22 vgl. 32). Wenn es darin
heisst: "leichter kommt man vom Orient in den Okzident als von Alexandreia nach
Alexandreia" und /e/ mesaitat/e/ t/e/s pole/o/s odos, also die von der
Lochiasspitze quer durch die Stadt laufende, mit Saeulenhallen besetzte Strasse
(vgl. Lumbroso, L'Egitto, S. 137) mit der Wueste zwischen Aegypten und dem
Gelobten Lande verglichen wird, so scheint es fast, als habe Severus Antoninus
seine Drohung ausgefuehrt, eine Mauer quer durch die Stadt zu ziehen und
militaerisch zu besetzen (Dio 77, 23). Die Schleifung der Mauern nach der
Niederwerfung des Aufstandes (Amm. 22,16,15) wuerde dann auf ebendiesen Bau zu
beziehen sein.
^28 Die angeblich aegyptischen Tyrannen Aemilianus, Firmus, Saturninus sind
als solche wenigstens nicht beglaubigt. Die sogenannte Lebensbeschreibung des
zweiten ist nichts als die arg entstellte Katastrophe des Prucheion.
^29 Chr. Pasch. p. 514; Prok. hist. 26; Gothofred zu Cod. Theod. 14, 26, 2.
Staendige Kornverteilungen sind schon frueher in Alexandreia eingerichtet
worden, aber, wie es scheint, nur fuer altersschwache Personen, und vermutlich
fuer Rechnung der Stadt, nicht des Staats (Eus. hist. eccl. 7, 21).
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Wirtschaftlich ist Aegypten bekanntlich vor allem das Land des Ackerbaues.
Zwar ist die "schwarze Erde" - das bezeichnet der einheimische Landesname Chemi
- nur ein schmaler Doppelstreifen zu beiden Seiten des maechtigen, von der
letzten Stromschnelle bei Syene, der Suedgrenze des eigentlichen Aegyptens, auf
120 Meilen in breiter Fuelle durch die rechts und links sich ausdehnende gelbe
Wueste zum Mittellaendischen Meer stroemenden Nils; nur an seinem letzten Ende
breitet die "Gabe des Flusses", das Nildelta, zwischen den mannigfaltigen Armen
seiner Muendung sich zu beiden Seiten weiter aus. Auch der Ertrag dieser
Strecken haengt Jahr fuer Jahr ab von dem Nil und den sechzehn Ellen seiner
Schwelle, den den Vater umspielenden sechzehn Kindern, wie die Kunst der
Griechen den Flussgott darstellt; mit gutem Grund nennen die Araber die
niedrigen Ellen mit den Namen der Engel des Todes, denn erreicht der Fluss die
volle Hoehe nicht, so trifft das ganze aegyptische Land Hunger und Verderben. Im
allgemeinen aber vermag Aegypten, wo die Bestellungskosten verschwindend niedrig
sind, der Weizen hundertfaeltig traegt und auch die Gemuesezucht, der Weinbau,
die Baumkultur, namentlich die Dattelpalme, und die Viehzucht guten Ertrag
bringen, nicht bloss eine dichte Bevoelkerung zu ernaehren, sondern auch
reichlich Getreide in das Ausland zu senden. Dies fuehrte dazu, dass nach der
Einsetzung der Fremdherrschaft dem Lande selbst von seinem Reichtum nicht viel
verblieb. Ungefaehr wie in persischer Zeit und wie heutzutage schwoll damals der
Nil und fronten die Aegypter hauptsaechlich fuer das Ausland, und zunaechst
dadurch spielt Aegypten in der Geschichte des kaiserlichen Rom eine wichtige
Rolle. Nachdem Italiens eigener Getreidebau gesunken und Rom die groesste Stadt
der Welt geworden war, bedurfte dasselbe der stetigen Zufuhr billigen
ueberseeischen Getreides; und vor allem durch die Loesung der nicht leichten
wirtschaftlichen Aufgabe, die hauptstaedtische Zufuhr finanziell moeglich zu
machen und sicherzustellen hat der Prinzipat sich befestigt. Diese Loesung ruhte
auf dem Besitz Aegyptens, und insofern hier der Kaiser ausschliesslich gebot,
hielt er durch Aegypten das Land Italien mit seinen Dependenzen in Schach. Als
Vespasianus die Herrschaft ergriff, sandte er seine Truppen nach Italien, er
selbst aber ging nach Aegypten und bemaechtigte sich Roms durch die Kornflotte.
Wo immer ein roemischer Regent daran gedacht hat oder haben soll, den Sitz der
Regierung nach dem Osten zu verlegen, wie uns von Caesar, Antonius, Nero, Geta
erzaehlt wird, da richten sich die Gedanken wie von selber nicht nach
Antiocheia, obwohl dies damals die regelmaessige Residenz des Ostens war,
sondern nach der Geburtsstaette und der festen Burg des Prinzipats, nach
Alexandreia.
Deshalb war denn auch die roemische Regierung auf die Hebung des Feldbaues
in Aegypten eifriger bedacht als irgendwo sonst. Da derselbe von der
Nilueberschwemmung abhaengig ist, ward es moeglich, durch systematisch
durchgefuehrte Wasserbau ten, kuenstliche Kanaele, Daemme, Reservoirs die fuer
den Feldbau geeignete Flaeche bedeutend zu erweitern. In den guten Zeiten
Aegyptens, des Heimatlandes der Messschnur und des Kunstbaus, war dafuer viel
geschehen, aber diese segensreichen Anlagen unter den letzten elenden und
finanziell bedraengten Regierungen in argen Verfall geraten. So fuehrte die
roemische Besitznahme sich wuerdig damit ein, dass Augustus durch die in
Aegypten stehenden Truppen die Nilkanaele einer durchgreifenden Reinigung und
Erneuerung unterwarf. Wenn zur Zeit der roemischen Besitzergreifung die volle
Ernte einen Stand des Flusses von vierzehn Ellen erfordert hatte und bei acht
Ellen Missernte eintrat, so genuegten spaeter, nachdem die Kanaele in Stand
gesetzt waren, schon zwoelf Ellen fuer eine volle Ernte und gaben acht Ellen
noch einen genuegenden Ertrag. Jahrhunderte nachher hat Kaiser Probus Aegypten
nicht bloss von den Aethiopen befreit, sondern auch die Wasserbauten am Nil
wieder instand gesetzt. Es darf ueberhaupt angenommen werden, dass die besseren
Nachfolger Augusts in aehnlichem Sinne administrierten und dass, zumal bei der
durch Jahrhunderte kaum unterbrochenen inneren Ruhe und Sicherheit, der
aegyptische Ackerbau unter dem roemischen Prinzipat in dauerndem Flor gestanden
hat. Welche Rueckwirkung diese Verhaeltnisse auf die Aegypter selbst hatten,
vermoegen wir genauer nicht zu verfolgen. Zu einem grossen Teil beruhten die
Einkuenfte aus Aegypten auf dem kaiserlichen Domanialbesitz, welcher in
roemischer wie in frueherer Zeit einen betraechtlichen Teil des ganzen Areals
ausmachte ^30; hier wird, zumal bei der wenig kostspieligen Bestellung, den
Kleinpaechtern, die dieselbe beschafften, nur eine maessige Quote des Ertrags
geblieben oder eine hohe Geldpacht auferlegt worden sein. Aber auch die
zahlreichen und durchgaengig kleineren Eigentuemer werden eine hohe Grundsteuer
in Getreide oder in Geld entrichtet haben. Die ackerbauende Bevoelkerung,
genuegsam wie sie war, blieb in der Kaiserzeit wohl zahlreich; aber sicher
lastete der Steuerdruck, sowohl an sich wie wegen der Verwendung des Ertrags im
Ausland, schwerer auf Aegypten unter der roemischen Fremdherrschaft als unter
dem keineswegs schonenden Regiment der Ptolemaeer.
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^30 In der Stadt Alexandreia scheint es kein eigentliches Grundeigentum
gegeben zu haben, sondern nur eine Art Erbmiete (Amm. 22, 11, 6; Roemisches
Staatsrecht, Bd. 2, 963, A. 1); im uebrigen aber hat das Privateigentum am Boden
in dem Sinn, wie das Provinzialrecht ueberhaupt ein solches kennt, auch in
Aegypten gegolten. Von Domanialbesitz ist oft die Rede, zum Beispiel sagt
Strabon (17, 1, 51 p. 828), dass die besten aegyptischen Datteln auf einer Insel
wachsen, auf der Private kein Land besitzen duerften, sondern sie sei frueher
koeniglich, jetzt kaiserlich und bringe eine grosse Einnahme. Vespasian
verkaufte einen Teil der aegyptischen Domaenen und erbitterte dadurch die
Alexandriner (Dio 66, 8), ohne Zweifel die Grosspaechter, die dann das Land an
die eigentlichen Bauern in Unterpacht gaben. Ob der Grundbesitz in toter Hand,
insbesondere der Priesterkollegien, in der roemischen Zeit noch so ausgedehnt
war wie frueher, kann in Zweifel gezogen werden; ebenso ob im uebrigen der
Grossgrundbesitz oder das Kleineigentum ueberwog; die Kleinwirtschaft war sicher
allgemein. Ziffern besitzen wir weder fuer die Domanial- noch fuer die
Grundsteuerquote; dass die fuenfte Garbe bei Orosius (hist. 1, 8, 9) mit
Einschluss des usque ad nunc aus der Genesis abgeschrieben ist, hat Lumbroso,
Recherches, S. 94, mit Recht bemerkt. Die Domanialrente kann nicht unter der
Haelfte betragen haben; auch fuer die Grundsteuer moechte der Zehnte (Lumbroso
a. a. O., S. 289, 293) kaum genuegen.
Anderweitige Ausfuhr des Getreides aus Aegypten bedurfte der Bewilligung
des Statthalters (Hirschfeld, Annona, S. 23), ohne Zweifel weil sonst in dem
dichtbevoelkerten Lande leicht Mangel haette eintreten koennen. Doch ist diese
Einrichtung sicher mehr kontrollierend gewesen als prohibitiv; in dem Periplus
des Aegypters wird mehrfach (c. 7, 17, 24, 28 vgl. 56) Getreide unter den
Exportartikeln aufgefuehrt. Auch die Bestellung der Aecker scheint aehnlich
kontrolliert worden zu sein; "die Aegypter", heisst es, "bauen lieber Rueben als
Getreide, soweit sie duerfen, wegen des Rueboels" (Plin. nat. 19, 5, 79).
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Von der Wirtschaft Aegyptens bildete der Ackerbau nur einen Teil; wie
dasselbe in dieser Hinsicht Syrien weit voranstand, so hatte es vor dem
wesentlich agrikolen Afrika die hohe Bluete der Fabriken und des Handels voraus.
Die Linnenfabrikation in Aegypten steht an Alter und Umfang und Ruhm der
syrischen mindestens gleich und hat, wenn auch die feineren Sorten in dieser
Epoche vorzugsweise in Syrien und Phoenizien fabriziert wurden ^31, sich durch
die ganze Kaiserzeit gehalten; als Aurelian die Lieferungen aus Aegypten an die
Reichshauptstadt auf andere Gegenstaende als Getreide erstreckte, fehlten unter
diesen die Leinwand und der Werg nicht. In feinen Glaswaren behaupteten, sowohl
in der Faerbung wie in der Formung, die Alexandriner entschieden den ersten
Platz, ja, wie sie meinten insofern das Monopol, als gewisse beste Sorten nur
mit aegyptischem Material herzustellen seien. Unbestritten hatten sie ein
solches in dem Papyrus. Diese Pflanze, die im Altertum massenweise auf den
Fluessen und Seen Unteraegyptens kultiviert ward und sonst nirgends gedieh,
lieferte den Eingeborenen sowohl Nahrung wie das Material fuer Stricke, Koerbe
und Kaehne, das Schreibmaterial aber damals fuer die ganze schreibende Welt.
Welchen Ertrag sie gebracht haben muss, ermisst man aus den Massregeln, die der
roemische Senat ergriff, als einmal auf dem roemischen Platz der Papyrus knapp
ward und zu fehlen drohte; und da die muehsame Zubereitung nur an Ort und Stelle
erfolgen kann, muessen zahllose Menschen davon in Aegypten gelebt haben. Auf
Glas und Papyrus ^32 erstreckten sich neben dem Leinen die von Aurelian zu
Gunsten der Reichshauptstadt eingefuehrten alexandrinischen Warenlieferungen.
Vielfach muss der Verkehr mit dem Osten auf die aegyptische Fabrikation bietend
und verlangend eingewirkt haben. Gewebe wurden daselbst fuer den Export nach dem
Orient fabriziert und zwar in der durch den Landesgebrauch geforderten Weise:
die gewoehnlichen Kleider der Bewohner von Habesch waren aegyptisches Fabrikat;
nach Arabien und Indien gingen die Prachtstoffe besonders der in Alexandreia
kunstvoll betriebenen Bunt- und Goldwirkerei. Ebenso spielten die in Aegypten
angefertigten Glaskorallen in dem Handel der afrikanischen Kueste dieselbe Rolle
wie heutzutage. Indien bezog teils Glasbecher, teils unverarbeitetes Glas zur
eigenen Fabrikation; selbst am chinesischen Hof sollen die Glasgefaesse, mit
welchen die roemischen Fremden dem Kaiser huldigten, hohe Bewunderung erregt
haben. Aegyptische Kaufleute brachten dem Koenig der Axomiten (Habesch) als
stehende Geschenke nach dortiger Landesart angefertigte Gold- und
Silbergefaesse, den zivilisierten Herrschern der suedarabischen und der
indischen Kueste unter anderen Gaben auch Statuen, wohl von Bronze, und
musikalische Instrumente. Dagegen sind die Materialien der Luxusfabrikation, die
aus dem Orient kamen, insbesondere Elfenbein und Schildpatt, schwerlich
vorzugsweise in Aegypten, hauptsaechlich wohl in Rom verarbeitet worden. Endlich
kam in einer Epoche, welche in oeffentlichen Prachtbauten ihresgleichen niemals
in der Welt gehabt hat, das kostbare Baumaterial, welches die aegyptischen
Steinbrueche lieferten, in ungeheuren Massen auch ausserhalb Aegyptens zur
Verwendung: der schoene rote Granit von Syene, die Breccia verde aus der Gegend
von Koser, der Basalt, der Alabaster, seit Claudius der graue Granit und
besonders der Porphyr der Berge oberhalb Myos Hormos. Die Gewinnung derselben
ward allerdings groesstenteils fuer kaiserliche Rechnung durch Strafkolonisten
bewirkt; aber wenigstens der Transport muss dem ganzen Lande und namentlich der
Stadt Alexandreia zugute gekommen sein. Welchen Umfang der aegyptische Verkehr
und die aegyptische Fabrikation gehabt hat, zeigt eine zufaellig erhaltene Notiz
ueber die Ladung eines durch seine Groesse ausgezeichneten Lastschiffes
(akatos), das unter Augustus den jetzt an der Porta del Popolo stehenden
Obelisken mit seiner Basis nach Rom brachte; es fuehrte ausserdem 200 Matrosen,
1200 Passagiere, 400000 roem. Scheffel (34000 Hektoliter) Weizen und eine Ladung
von Leinwand, Glas, Papier und Pfeffer. "Alexandreia", sagt ein roemischer
Schriftsteller des 3. Jahrhunderts ^33, "ist eine Stadt der Fuelle, des
Reichtums und der Ueppigkeit, in der niemand muessig geht; dieser ist
Glasarbeiter, jener Papierfabrikant, der dritte Leinweber; der einzige Gott ist
das Geld." Es gilt dies verhaeltnismaessig von dem ganzen Lande.
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^31 Im Diocletianischen Edikt sind unter den fuenf feinen Linnensorten die
vier ersten syrisch oder kilikisch (tarsisch), und das aegyptische Leinen
erscheint nicht bloss an letzter Stelle, sondern wird auch bezeichnet als
tarsisches alexandrinisches, das heisst nach tarsischem Muster in Alexandreia
verfertigtes.
^32 Einem reichen Mann in Aegypten wurde nachgesagt, dass er seinen Palast
mit Glas statt mit Marmor getaefelt habe und Papyrus und Leim genug besitze, um
ein Heer damit zu fuettern (vita Firmi 3).
^33 Dass der angebliche Brief Hadrians (vita Saturnini 8) ein spaetes
Machwerk ist, zeigt zum Beispiel, dass der Kaiser sich in diesem an seinen
Schwager Servianus gerichteten, hoechst freundschaftlichen Brief beklagt ueber
die Injurien, mit denen die Alexandriner bei seiner ersten Abreise seinen Sohn
Verus ueberhaeuft haetten, waehrend andererseits feststeht, dass dieser
Servianus neunzigjaehrig im Jahre 136 hingerichtet ward, weil er die kurz zuvor
erfolgte Adoption des Verus gemissbilligt hatte.
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Von dem Handelsverkehr Aegyptens mit den suedlich angrenzenden Landschaften
sowie mit Arabien und Indien wird weiterhin eingehend die Rede sein. Derjenige
mit den Laendern des Mittelmeers tritt in der Ueberlieferung weniger hervor, zum
Teil wohl, weil er zu dem gewoehnlichen Gang der Dinge gehoerte und nicht oft
sich Veranlassung fand, seiner besonders zu gedenken. Das aegyptische Getreide
wurde von alexandrinischen Schiffern nach Italien gefuehrt und infolgedessen
entstand in Portus bei Ostia ein dem alexandrinischen Sarapistempel
nachgebildetes Heiligtum mit seiner Schiffergemeinde ^34; aber an dem Vertrieb
der aus Aegypten nach dem Westen gehenden Waren werden diese Lastschiffe
schwerlich in bedeutendem Umfang beteiligt gewesen sein. Dieser lag
wahrscheinlich ebenso sehr und vielleicht mehr in der Hand der italischen Reeder
und Kapitaene als der aegyptischen; wenigstens gab es schon unter den Lagiden
eine ansehnliche italische Niederlassung in Alexandreia ^35 und haben im
Okzident die aegyptischen Kaufleute nicht die gleiche Verbreitung gehabt wie die
syrischen ^36. Die spaeter zu erwaehnenden Anordnungen Augusts, welche auf dem
Arabischen und dem Indischen Meer den Handelsverkehr umgestalteten, fanden auf
die Schiffahrt des Mittellaendischen keine Anwendung; die Regierung hatte kein
Interesse daran, hier die aegyptischen Kaufleute vor den uebrigen zu
beguenstigen. Es blieb dort der Verkehr vermutlich wie er war.
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^34 Die na?kl/e/roi to? pore?tikoy Alexandrino? stoloy, die den ohne
Zweifel nach Portus gehoerigen Stein CIG 5889 gesetzt haben, sind die Kapitaene
dieser Getreideschiffe. Aus dem Serapeum von Ostia besitzen wir eine Reihe von
Inschriften (CIL XIV, 47), wonach dasselbe in allen Stuecken die Kopie des
alexandrinischen war; der Vorsteher ist zugleich epimel/e/t/e/s pantos to?
Alexandreinoy stoloy (CIG 5973). Wahrscheinlich waren diese Fahrzeuge wesentlich
mit dem Korntransport beschaeftigt und erfolgte dieser also sukzessiv, worauf
auch die von Kaiser Gaius in der Meerenge von Reggio getroffenen Vorkehrungen
(Ios. ant. Iud. 19, 2, 5) hinweisen. Damit ist wohl vereinbar, dass das erste
Erscheinen der alexandrinischen Flotte im Fruehjahr fuer Puteoli ein Fest war
(Sen. epist. 77, 1).
^35 Dies zeigen die merkwuerdigen delischen Inschriften Eph. epigr. V, p.
600, 602.
^36 Schon in den delischen Inschriften des letzten Jahrhunderts der
Republik wiegen die Syrer vor. Die aegyptischen Gottheiten haben dort wohl ein
viel verehrtes Heiligtum gehabt, aber unter den zahlreichen Priestern und
Dedikanten begegnet nur ein einziger Alexandriner (Hauvette-Besnault, BCH 6,
1882, S. 316 f.). Gilden alexandrinischer Kaufleute kennen wir von Tomi und von
Perinthos (CIG 2024).
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Aegypten war also nicht bloss in seinen anbaufaehigen Teilen mit einer
dichten ackerbauenden Bevoelkerung besetzt, sondern auch, wie schon die
zahlreichen und zum Teil sehr ansehnlichen Flecken und Staedte dies erkennen
lassen, ein Fabrikland und daher denn auch weitaus die am staerksten bevoelkerte
Provinz des Roemischen Reiches. Das alte Aegypten soll eine Bevoelkerung von 7
Millionen gehabt haben; unter Vespasian zaehlte man in den offiziellen Listen 7´
Millionen kopfsteuerpflichtiger Einwohner, wozu die von der Kopfsteuer befreiten
Alexandriner und sonstigen Griechen, sowie die wahrscheinlich nicht sehr
zahlreichen Sklaven hinzutreten, so dass die Bevoelkerung mindestens auf 8
Millionen Koepfe anzusetzen ist. Da das anbaufaehige Areal heutzutage auf 500
deutsche Quadratmeilen, fuer die roemische Zeit hoechstens auf 700 veranschlagt
werden kann, so wohnten damals in Aegypten auf der Quadratmeile durchschnittlich
etwa 11000 Menschen.
Wenn wir den Blick auf die Bewohner Aegyptens richten, so sind die beiden
das Land bewohnenden Nationen, die grosse Masse der Aegypter und die kleine
Minderzahl der Alexandriner, durchaus verschiedene Kreise ^37, wenngleich
zwischen beiden die Ansteckungskraft des Lasters und die allem Laster eigene
Gleichartigkeit eine schlimme Gemeinschaft des Boesen gestiftet hat.
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^37 Nachdem Juvenal die wuesten Zechgelage der eingeborenen Aegypter zu
Ehren der Lokalgoetter der einzelnen Nomen geschildert hat, fuegt er hinzu, dass
darin die Eingeborenen dem Kanopos, das heisst dem durch seine zuegellose
Ausgelassenheit beruechtigten alexandrinischen Sarapisfest (Strab. 17, 1, 17 p.
801) in keiner Hinsicht nachstaenden: horrida sane Aegyptus, sed luxuria,
quantum ipse notavi, barbara famoso non cedit turba Canopo (sat. 15, 44).
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Die eingeborenen Aegypter werden von ihren heutigen Nachkommen weder in der
Lage noch in der Art sich weit entfernt haben. Sie waren genuegsam, nuechtern,
arbeitsfaehig und taetig, geschickte Handwerker und Schiffer und gewandte
Kaufleute, festhaltend am alten Herkommen und am alten Glauben. Wenn die Roemer
versichern, dass die Aegypter stolz seien auf die Geisselmale wegen begangener
Steuerdefrauden ^38, so sind dies Anschauungen vom Standpunkt aus des
Steuerbeamten. Es fehlte in der nationalen Kultur nicht an guten Keimen; bei
aller Ueberlegenheit der Griechen auch in dem geistigen Kampfe der beiden so
voellig verschiedenen Rassen hatten die Aegypter wieder manche und wesentliche
Dinge vor den Hellenen voraus, und sie empfanden dies auch. Es ist schliesslich
doch der Rueckschlag ihrer eigenen Empfindung, wenn die aegyptischen Priester
der griechischen Unterhaltungsliteratur die von den Hellenen sogenannte
Geschichtsforschung und ihre Behandlung poetischer Maerchen als wirklicher
Ueberlieferung aus vergangenen Urzeiten verspotten; in Aegypten mache man keine
Verse, aber ihre ganze alte Geschichte sei eingeschrieben auf den Tempeln und
Gedaechtnissteinen; freilich seien jetzt nur noch wenige derselben kundig, da
viele Denkmale zerstoert seien und die Ueberlieferung zugrunde gehe durch die
Unwissenheit und die Gleichgueltigkeit der Spaeteren. Aber diese berechtigte
Klage traegt in sich selbst die Hoffnungslosigkeit; der ehrwuerdige Baum der
aegyptischen Zivilisation war laengst zum Niederschlagen gezeichnet. Der
Hellenismus drang zersetzend bis an die Priesterschaft selbst. Ein aegyptischer
Tempelschreiber, Chaeremon, der als Lehrer der griechischen Philosophie an den
Hof des Claudius fuer den Kronprinzen berufen ward, legte in seiner
'Aegyptischen Geschichte' den alten Landesgoettern die Elemente der stoischen
Physik unter und die in der Landesschrift geschriebenen Urkunden in diesem Sinne
aus. In dem praktischen Leben der Kaiserzeit kam das alte aegyptische Wesen fast
nur noch in Betracht auf dem religioesen Gebiet. Religion war diesem Volke eins
und alles. Die Fremdherrschaft an sich wurde willig ertragen, man moechte sagen
kaum empfunden, solange sie die heiligen Gebraeuche des Landes und was damit
zusammenhing nicht antastete. Freilich hing damit in dem inneren Landesregiment
so ziemlich alles zusammen, Schrift und Sprache, Priesterprivilegien und
Priesterhoffart, Hofsitte und Landesart; die Fuersorge der Regierung fuer den
derzeit lebenden heiligen Ochsen, die Leistungen fuer dessen Bestattung bei
seinem Ableben und fuer die Auffindung des geeigneten Nachfolgers galten diesen
Priestern und diesem Volke als das Kriterium der Tuechtigkeit des jedesmaligen
Landesherrn und als der Massstab fuer die ihm schuldige Achtung und Treue. Der
erste Perserkoenig fuehrte sich damit in Aegypten ein, dass er das Heiligtum der
Neith in Sais seiner Bestimmung, das heisst den Priestern zurueckgab; der erste
Ptolemaeos brachte, noch als makedonischer Statthalter, die nach Asien
entfuehrten aegyptischen Goetterbilder an ihre alte Staette zurueck und
restituierte den Goettern von Pe und Tep die ihnen entfremdeten Landschenkungen;
fuer die bei dem grossen Siegeszuge des Euergetes aus Persien heimgebrachten
heiligen Tempelbilder statten die Landespriester in dem beruehmten Kanopischen
Dekret vom Jahre 238 v. Chr. dem Koenig ihren Dank ab; die landuebliche
Einreihung der lebenden Herrscher und Herrscherinnen in den Kreis der
Landesgoetter haben diese Auslaender ebenso mit sich vornehmen lassen wie die
aegyptischen Pharaonen. Die roemischen Herrscher sind diesem Beispiel nur in
beschraenktem Masse gefolgt. In der Titulatur gingen sie wohl, wie wir sahen,
einigermassen auf den Landeskultus ein, vermieden aber doch, selbst in
aegyptischer Fassung, die mit den okzidentalischen Anschauungen in allzu grellem
Kontrast stehenden landueblichen Praedikate. Da diese Lieblinge des Ptah und der
Isis in Italien gegen die aegyptische Goetterverehrung aehnlich wie gegen die
juedische einschritten, liessen sie von solcher Liebe sich erklaerlicherweise
ausserhalb der Hieroglyphen nichts merken und beteiligten sich auch in Aegypten
in keiner Weise an dem Dienst der Landesgoetter. Wie hartnaeckig immer die
Landesreligion noch unter der Fremdherrschaft bei den eigentlichen Aegyptern
festgehalten ward, die Pariastellung, in welcher diese selbst neben den
herrschenden Griechen und Roemern sich befanden, drueckte notwendig auf den
Kultus und die Priester, und von der fuehrenden Stellung, dem Einflusse, der
Bildung des alten aegyptischen Priesterstandes sind unter dem roemischen
Regiment nur duerftige Reste wahrzunehmen. Dagegen diente die von Hause aus
schoener Gestaltung und geistiger Verklaerung abgewandte Landesreligion in und
ausser Aegypten als Ausgangs- und Mittelpunkt fuer allen erdenklichen frommen
Zauber und heiligen Schwindel - es genuegt dafuer zu erinnern an den in Aegypten
heimischen dreimal groessten Hermes mit der an seinen Namen sich knuepfenden
Literatur von Traktaetchen und Wunderbuechern sowie der entsprechenden
weitverbreiteten Praxis. In den Kreisen aber der Eingeborenen knuepften sich in
dieser Epoche an den Kultus die aergsten Missbraeuche - nicht bloss viele Tage
hindurch fortgesetzte Zechgelage zu Ehren der einzelnen Ortsgottheiten mit der
dazu gehoerigen Unzucht, sondern auch dauernde Religionsfehden zwischen den
einzelnen Sprengeln um den Vorrang des Ibis vor der Katze, des Krokodils vor dem
Pavian. Im Jahre 127 n. Chr. wurden wegen eines solchen Anlasses die Ombiten im
suedlichen Aegypten von einer benachbarten Gemeinde ^39 bei einem Festgelage
ueberfallen und es sollen die Sieger einen der Erschlagenen gefressen haben.
Bald nachher verzehrte die Hundegemeinde der Hechtgemeinde zum Trotz einen Hecht
und diese jener zum Trotze einen Hund, und es brach darueber zwischen diesen
beiden Nomen ein Krieg aus, bis die Roemer einschritten und beide Parteien
abstraften. Dergleichen Vorgaenge waren in Aegypten an der Tagesordnung. Auch
sonst fehlte es an Unruhen im Lande nicht. Gleich der erste von Augustus
bestellte Vizekoenig von Aegypten musste wegen vermehrter Steuern Truppen nach
Oberaegypten senden, nicht minder, vielleicht ebenfalls infolge des
Steuerdrucks, nach Heroonpolis am oberen Ende des Arabischen Meerbusens. Einmal,
unter Kaiser Marcus, nahm ein Aufstand der eingeborenen Aegypter sogar einen
bedrohlichen Charakter an. Als in den schwer zugaenglichen Kuestensuempfen
ostwaerts von Alexandreia, der sogenannten "Rinderweide" (bucolia), welche den
Verbrechern und den Raeubern als Zufluchtsort diente und eine Art Kolonie
derselben bildete, einige Leute von einer roemischen Truppenabteilung
aufgegriffen wurden, erhob sich zu deren Befreiung die ganze Raeuberschaft, und
die Landbevoelkerung schloss sich an. Die roemische Legion aus Alexandreia ging
ihnen entgegen, aber sie wurde geschlagen und fast waere Alexandreia selbst den
Aufstaendischen in die Haende gefallen. Der Statthalter des Ostens, Avidius
Cassius, rueckte wohl mit seinen Truppen ein, wagte aber auch nicht gegen die
Ueberzahl den Kampf, sondern zog es vor, in dem Bunde der Aufstaendischen
Zwietracht hervorzurufen; nachdem die eine Bande gegen die andere stand, wurde
die Regierung leicht ihrer aller Herr. Auch dieser sogenannte
Rinderhirtenaufstand hat wahrscheinlich, wie dergleichen Bauernkriege meistens,
einen religioesen Charakter getragen; der Fuehrer Isidoros, der tapferste Mann
Aegyptens, war seinem Stande nach ein Priester, und dass zur Bundesweihe nach
Ableistung des Eides ein gefangener roemischer Offizier geopfert und von den
Schwoerenden gegessen ward, passt sowohl dazu wie zu dem Kannibalismus des
Ombitenkrieges. Einen Nachklang dieser Vorgaenge bewahren die aegyptischen
Raeubergeschichten der spaetgriechischen untergeordneten Literatur. Wie sehr
uebrigens dieselben der roemischen Verwaltung zu schaffen gemacht haben moegen,
einen politischen Zweck haben sie nicht gehabt und auch die allgemeine Ruhe des
Landes nur partiell und temporaer unterbrochen.
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^38 Amm. 22, 16, 23: erubescit apud (Aegyptios), si qui non infitiando
tributa plurimas in corpore vibices ostendat.
^39 Dies ist nach Juvenal Tentyra, was ein Fehler sein muss, wenn das
bekannte gemeint ist; aber auch die Liste des Ravennaten 3, 2 nennt beide Orte
zusammen.
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Neben den Aegyptern stehen die Alexandriner, einigermassen wie in Ostindien
die Englaender neben den Landeseingeborenen. Allgemein gilt Alexandreia in der
vorkonstantinischen Kaiserzeit als die zweite Stadt des Roemischen Reiches und
die erste Handelsstadt der Welt. Sie zaehlte am Ende der Lagidenherrschaft ueber
300000 freie Einwohner, in der Kaiserzeit ohne Zweifel noch mehr. Die
Vergleichung der beiden grossen, im Wetteifer miteinander erwachsenen Kapitalen
am Nil und am Orontes ergibt ebenso viele Gleichartigkeiten wie Gegensaetze.
Beides sind verhaeltnismaessig neue Staedte, monarchische Schoepfungen aus dem
Nichts, von planmaessiger Anlage und regelmaessiger staedtischer Einrichtung;
das Wasser laeuft in jedem Hause wie in Antiocheia so auch in Alexandreia. An
Schoenheit der Lage und Pracht der Gebaeude war die Stadt im Orontestal der
Rivalin ebenso ueberlegen wie diese ihr in der Gunst der Oertlichkeit fuer den
Grosshandel und an Volkszahl. Die grossen oeffentlichen Bauten der aegyptischen
Hauptstadt, der koenigliche Palast, das der Akademie gewidmete Museion, vor
allem der Tempel des Sarapis waren Wunderwerke einer frueheren, architektonisch
hoch entwickelten Epoche; aber der grossen Zahl kaiserlicher Anlagen in der
syrischen Residenz hat die von wenigen der Caesaren betretene aegyptische
Hauptstadt nichts Entsprechendes entgegenzustellen.
In der Unbotmaessigkeit und der Oppositionslust gegen das Regiment stehen
Antiochener und Alexandriner einander gleich; man kann hinzusetzen, auch darin,
dass beide Staedte, und namentlich Alexandreia, eben unter der roemischen
Regierung und durch dieselbe bluehten und viel mehr Ursache hatten zu danken als
zu frondieren. Wie die Alexandriner sich zu ihren hellenischen Regenten
verhielten, davon zeugt die lange Reihe zum Teil noch heute gebraeuchlicher
Spottnamen, welche die koeniglichen Ptolemaeer ohne Ausnahme dem Publikum ihrer
Hauptstadt verdankten. Auch Kaiser Vespasianus empfing von den Alexandrinern
fuer die Einfuehrung einer Steuer auf Salzfisch den Titel des Sardellensaecklers
(Kybiosakt/e/s), der Syrer Severus Alexander den des Oberrabbiners; aber die
Kaiser kamen selten nach Aegypten und die fernen und fremden Herrscher boten
diesem Spott keine rechte Zielscheibe. In ihrer Abwesenheit widmete das Publikum
wenigstens den Vizekoenigen die gleiche Aufmerksamkeit mit beharrlichem Eifer;
selbst die Aussicht auf unausbleibliche Zuechtigung vermochte die oft witzige
und immer freche Zunge dieser Staedter nicht zum Schweigen zu bringen ^40.
Vespasian begnuegte sich in Vergeltung jener ihm bewiesenen Aufmerksamkeit, die
Kopfsteuer um sechs Pfennige zu erhoehen, und bekam dafuer den weiteren Namen
des Sechspfennigmanns; aber ihre Reden ueber Severus Antoninus, den kleinen
Affen des grossen Alexander und den Geliebten der Mutter Iokaste, sollten ihnen
teuer zu stehen kommen. Der tueckische Herrscher erschien in aller Freundschaft
und liess sich vom Volke feiern, dann aber seine Soldaten auf die festliche
Menge einhauen, so dass Tage lang die Plaetze und Strassen der grossen Stadt im
Blute schwammen; ja er ordnete die Aufloesung der Akademie an und die Verlegung
der Legion in die Stadt selbst, was freilich beides nicht zur Ausfuehrung kam.
Aber wenn es in Antiocheia in der Regel bei den Spottreden blieb, so griff der
alexandrinische Poebel bei dem geringsten Anlass zum Stein und zum Knittel. Im
Krawallieren, sagt ein selbst alexandrinischer Gewaehrsmann, sind die Aegypter
allen anderen voraus; der kleinste Funken genuegt hier, um einen Tumult zu
entfachen. Wegen versaeumter Visiten, wegen Konfiskation verdorbener
Lebensmittel, wegen Ausschliessung aus einer Badeanstalt, wegen eines Streites
zwischen dem Sklaven eines vornehmen Alexandriners und einem roemischen
Infanteristen ueber den Wert oder Unwert der beiderseitigen Pantoffel haben die
Legionen auf die Buergerschaft von Alexandreia einhauen muessen. Es kam hier zum
Vorschein, dass die niedere Schicht der alexandrinischen Bevoelkerung zum
groesseren Teil aus Eingeborenen bestand; bei diesen Auflaeufen spielten die
Griechen freilich die Anstifter, wie denn die Rhetoren, das heisst hier die
Hetzredner, dabei ausdruecklich erwaehnt werden ^41, aber im weiteren Verlauf
tritt dann die Tuecke und die Wildheit des eigentlichen Aegypters ins Gefecht.
Die Syrer sind feige und als Soldaten sind es die Aegypter auch; aber im
Strassentumult sind sie imstande, einen Mut zu entwickeln, der eines besseren
Zieles wuerdig waere ^42. An den Rennpferden ergoetzten sich die Antiochener wie
die Alexandriner; aber hier endigte kein Wagenrennen ohne Steinwuerfe und
Messerstiche. Von der Judenhetze unter Kaiser Gaius wurden beide Staedte
ergriffen; aber in Antiocheia genuegte ein ernstes Wort der Behoerde, um ihr ein
Ende zu machen, waehrend der alexandrinischen, von einigen Bengeln durch eine
Puppenparade angezettelten Tausende von Menschenleben zum Opfer fielen. Die
Alexandriner, heisst es, gaben, wenn ein Auflauf entstand, nicht Frieden, bevor
sie Blut gesehen hatten. Die roemischen Beamten und Offiziere hatten daselbst
einen schweren Stand. "Alexandreia", sagt ein Berichterstatter aus dem 4.
Jahrhundert, "betreten die Statthalter mit Zittern und Zagen, denn sie fuerchten
die Volksjustiz; wo ein Statthalter ein Unrecht begeht, da folgt sofort das
Anstecken des Palastes und die Steinigung." Das naive Vertrauen auf die
Gerechtigkeit dieser Prozedur bezeichnet den Standpunkt des Schreibers, der zu
diesem "Volke" gehoert hat. Die Fortsetzung dieses die Regierung wie die Nation
gleich entehrenden Lynchsystems liefert die sogenannte Kirchengeschichte, die
Ermordung des den Heiden und den Orthodoxen gleich missliebigen Bischofs
Georgios und seiner Genossen unter Julian und die der schoenen Freidenkerin
Hypatia durch die fromme Gemeinde des Bischofs Kyrillos unter Theodosius II.
Tueckischer, unberechenbarer, gewalttaetiger waren diese alexandrinischen
Auflaeufe als die antiochenischen, aber ebenso wie diese weder fuer den Bestand
des Reiches gefaehrlich noch auch nur fuer die einzelne Regierung. Leichtfertige
und boesartige Buben sind recht unbequem, aber auch nur unbequem, im Hause wie
im Gemeinwesen.
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^40 Sen. dial. 19, 6: loquax et in contumelias praefectorum irgeniosa
provincia . . . etiam periculosi sales placent.
^41 Dion Chrysostomos sagt in seiner Ansprache an die Alexandriner (or. 32
p. 663 Reiske): "Weil nun (die Verstaendigen) zuruecktreten und schweigen, daher
entstehen bei euch die ewigen Streitigkeiten und Haendel und das wueste Geschrei
und die schlimmen und zuegellosen Reden, die Anklaeger, die Verdaechtigungen,
die Prozesse, der Rednerpoebel." In der alexandrinischen Judenhetze, die Philon
so drastisch schildert, sieht man diese Volksredner an der Arbeit.
^42 Dio Cass. 39, 58: "Die Alexandriner leisten in aller Hinsicht das
Moegliche an Dreistigkeit und reden heraus, was ihnen in den Mund kommt. Im
Krieg und seinen Schrecken benehmen sie sich feige; bei den Auflaeufen aber, die
bei ihnen sehr haeufig und sehr ernst sind, greifen sie ohne weiteres zum
Totschlagen und achten um des augenblicklichen Erfolgs willen das Leben fuer
nichts, ja sie gehen in ihr Verderben, als handelte es sich um die hoechsten
Dinge."
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Auch in dem religioesen Wesen haben beide Staedte eine analoge Stellung.
Den Landeskultus, wie die einheimische Bevoelkerung ihn in Syrien wie in
Aegypten festhielt, haben in seiner urspruenglichen Gestalt wie die Antiochener
so auch die Alexandriner abgelehnt. Aber wie die Seleukiden, so haben auch die
Lagiden sich wohl gehuetet, an den Grundlagen der alten Landesreligion zu
ruetteln, und nur, die aelteren nationalen Anschauungen und Heiligtuemer mit den
schmiegsamen Gestalten des griechischen Olymp verquickend, sie aeusserlich
einigermassen hellenisiert, zum Beispiel den griechischen Gott der Unterwelt,
den Pluton, unter dem bis dahin wenig genannten aegyptischen Goetternamen
Sarapis in den Landeskultus eingefuehrt und auf diesen dann den alten Osiriskult
allmaehlich uebertragen ^43. So spielten die echt aegyptische Isis und der
pseudo-aegyptische Sarapis in Alexandreia eine aehnliche Rolle wie in Syrien der
Belos und der Elagabalos, und drangen auch in aehnlicher Weise wie diese,
wenngleich weniger maechtig und heftiger angefochten, in der Kaiserzeit
allmaehlich in den okzidentalischen Kultus ein. In der bei Gelegenheit dieser
religioesen Gebraeuche und Feste entwickelten Unsittlichkeit und der durch
priesterlichen Segen approbierten und stimulierten Unzucht hatten beide Staedte
sich einander nichts vorzuwerfen.
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^43 Die "frommen Aegypter" wehrten sich dagegen, wie Macrobius (Sat. 1, 7,
14) berichtet, aber tyrannide Ptolemaeorum pressi hos quoque deos (Sarapis und
Saturnus) in cultum recipere Alexandrinorum more, apud quos potissimum
colebantur, coacti sunt. Da sie also blutige Opfer darbringen mussten, was gegen
ihr Ritual war, liessen sie diese Goetter wenigstens in den Staedten nicht zu:
nullum Aegypti oppidum intra muros suos aut Saturni aut Sarapis fanum recepit.
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Bis in spaete Zeit hinab hat der alte Kultus in dem frommen Lande Aegypten
seine festeste Burg behauptet ^44. Die Restauration des alten Glaubens, sowohl
wissenschaftlich in der an denselben sich anlehnenden Philosophie wie auch
praktisch in der Abwehr der von den Christen gegen den Polytheismus gerichteten
Angriffe, und in der Wiederbelebung des heidnischen Tempeldienstes und der
heidnischen Mantik, hat ihren rechten Mittelpunkt in Alexandreia. Als dann der
neue Glaube auch diese Burg eroberte, blieb die Landesart sich dennoch treu; die
Wiege des Christentums ist Syrien, die des Moenchtums Aegypten. Von der
Bedeutung und der Stellung der Judenschaft, in welcher ebenfalls beide Staedte
sich gleichen, ist schon in anderer Verbindung die Rede gewesen. Von der
Regierung ins Land gerufene Einwanderer wie die Hellenen, standen sie wohl
diesen nach und waren kopfsteuerpflichtig wie die Aegypter, aber hielten sich
und galten mehr als diese. Ihre Zahl betrug unter Vespasian eine Million, etwa
den achten Teil der Gesamtbevoelkerung Aegyptens, und wie die Hellenen wohnten
sie vorzugsweise in der Hauptstadt, von deren fuenf Vierteln zwei juedisch
waren. An anerkannter Selbstaendigkeit, an Ansehen, Bildung und Reichtum war die
alexandrinische Judenschaft schon vor dem Untergang Jerusalems die erste der
Welt; und infolgedessen hat ein guter Teil der letzten Akte der juedischen
Tragoedie, wie dies frueher dargelegt worden ist, auf aegyptischem Boden sich
abgespielt.
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^44 Der oft angefuehrte anonyme Verfasser einer Reichsbeschreibung aus der
Zeit des Constantius, ein guter Heide, preist Aegypten namentlich auch wegen
seiner musterhaften Froemmigkeit: "Nirgends werden die Mysterien der Goetter so
gut gefeiert wie dort von alters her und noch heute." Freilich, fuegt er hinzu,
meinten einige, dass die Chaldaeer - er meint den syrischen Kult - die Goetter
besser verehrten; aber er halte sich an das, was er mit Augen gesehen. "Hier
gibt es Heiligtuemer aller Art und praechtig geschmueckte Tempel, und in Menge
finden sich Kuester und Priester und Propheten und Glaeubige und treffliche
Theologen, und alles geht nach seiner Ordnung; du findest die Altaere immer von
Flammen lodern und die Priester mit ihren Binden und die Weihrauchfaesser mit
herrlich duftenden Spezereien." Aus derselben Zeit etwa (nicht vor Hadrian) und
offenbar auch von kundiger Hand ruehrt eine andere boshaftere Schilderung her
(vita Saturnini 8): "Wer in Aegypten den Sarapis verehrt, ist auch Christ, und
die sich christliche Bischoefe nennen, verehren gleichfalls den Sarapis; jeder
Grossrabbi der Juden, jeder Samariter, jeder christliche Geistliche ist da
zugleich ein Zauberer, ein Prophet, ein Quacksalber (aliptes). Selbst wenn der
Patriarch nach Aegypten kommt, fordern die einen, dass er zum Sarapis, die
andern, dass er zu Christus beten." Diese Diatribe haengt sicher damit zusammen,
dass die Christen den aegyptischen Gott fuer den Joseph der Bibel erklaerten,
den Urenkel der Sara und mit Recht den Scheffel tragend. In ernsterem Sinn fasst
die Lage der aegyptischen Altglaeubigen der vermutlich dem 3. Jahrhundert
angehoerige Verfasser des in lateinischer Uebersetzung unter den dem Apuleius
beigelegten Schriften erhaltenen Goettergespraechs, in welchem der dreimal
groesste Hermes dem Asklepios die zukuenftigen Dinge verkuendet: "Du weisst
doch, Asklepios, dass Aegypten ein Abbild des Himmels oder, um richtiger zu
reden, eine Uebersiedelung und Niederfahrt der ganzen himmlischen Waltung und
Taetigkeit ist; ja, um noch richtiger zu reden, unser Vaterland ist der Tempel
des gesamten Weltalls. Und dennoch: eintreten wird eine Zeit, wo es den Anschein
gewinnt, als haette Aegypten vergeblich mit frommem Sinn in emsigem Dienst das
Goettliche gehegt, wo alle heilige Verehrung der Goetter erfolglos und verfehlt
sein wird. Denn die Gottheit wird zurueck in den Himmel sich begeben, Aegypten
wird verlassen und das Land, welches der Sitz der Goetterdienste war, wird der
Anwesenheit goettlicher Macht beraubt und auf sich selbst angewiesen sein. Dann
wird dieses geweihte Land, die Staette der Heiligtuemer und Tempel, dicht mit
Graebern und Leichen angefuellt sein. O Aegypten, Aegypten, von deinen
Goetterdiensten werden nur Geruechte sich erhalten, und auch diese werden deinen
kommenden Geschlechtern unglaublich duenken, nur Worte werden sich erhalten auf
den Steinen, die von deinen frommen Taten erzaehlen, und bewohnen wird Aegypten
der Skythe oder Inder oder sonst einer aus dem benachbarten Barbarenland. Neue
Rechte werden eingefuehrt werden, neues Gesetz, nichts heiliges, nichts
gottesfuerchtiges, nichts des Himmels und der Himmlischen Wuerdiges wird gehoert
noch im Geiste geglaubt werden. Eine schmerzliche Trennung der Goetter von den
Menschen tritt ein; nur die boesen Engel bleiben da, die unter die Menschheit
sich mengen." (Nach J. Bernays' Uebersetzung, Gesammelte Abhandlungen, Bd. 1, S.
330).
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Alexandreia wie Antiocheia sind vorzugsweise Sitze der wohlhabenden Handel-
und Gewerbetreibenden; aber in Antiocheia fehlt der Seehafen und was daran
haengt, und wie rege es dort auf den Gassen herging, sie hielten doch keinen
Vergleich aus gegen das Leben und Treiben der alexandrinischen Fabrikarbeiter
und Matrosen. Dagegen hatte fuer den Lebensgenuss, das Schauspiel, das Diner,
die Liebesfreuden Antiocheia mehr zu bieten als die Stadt, in der "niemand
muessig ging". Auch das eigentliche, vorzugsweise an die rhetorischen
Exhibitionen anknuepfende Literatentreiben, welches wir in der Schilderung
Kleinasiens skizzierten, trat in Aegypten zurueck ^45, wohl mehr im Drang der
Geschaefte des Tages als durch den Einfluss der zahlreichen und gut bezahlten,
in Alexandreia lebenden und grossenteils auch dort heimischen Gelehrten. Fuer
den Gesamtcharakter der Stadt kamen diese Maenner des Museums, von denen noch
weiter die Rede sein wird, vor allem, wenn sie in fleissiger Arbeit ihre
Schuldigkeit taten, nicht in hervorragender Weise in Betracht. Die
alexandrinischen Aerzte aber galten als die besten im ganzen Reich; freilich war
Aegypten nicht minder die rechte Heimstaette der Quacksalber und der
Geheimmittel und jener wunderlichen zivilisierten Form der Schaefermedizin, in
welcher fromme Einfalt und spekulierender Betrug sich im Mantel der Wissenschaft
drapieren. Des dreimal groessten Hermes haben wir schon gedacht; auch der
alexandrinische Sarapis hat im Altertum mehr Wunderkuren verrichtet als
irgendeiner seiner Kollegen und selbst den praktischen Kaiser Vespasian
angesteckt, dass auch er die Blinden und Lahmen heilte, jedoch nur in
Alexandreia.
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^45 Als die Roemer von dem beruehmten Rhetor Proaeresios (Ende 3., Anfang
4. Jahrhundert) einen seiner Schueler fuer einen Lehrstuhl erbitten, sendet er
ihnen den Eusebios aus Alexandreia; "hinsichtlich der Rhetorik", heisst es von
diesem (Eun. proaer. p. 92 Boiss.), "genuegt es zu sagen, dass er ein Aegypter
war; denn dieses Volk treibt zwar mit Leidenschaft das Versemachen, aber die
ernste Redekunst (o spoydaios Erm/e/s) ist bei ihnen nicht zu Hause". Die
merkwuerdige Wiederaufnahme der griechischen Poesie in Aegypten, der zum
Beispiel das Epos des Nonnos angehoert, liegt jenseits der Grenzen unserer
Darstellung.
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Obgleich der Platz, welchen Alexandreia in der geistigen und literarischen
Entwicklung des spaeteren Griechenlands und der okzidentalischen Kultur
ueberhaupt einnimmt oder einzunehmen scheint, nicht in einer Schilderung der
oertlichen Zustaende Aegyptens, sondern nur in derjenigen dieser Entwicklung
selbst entsprechend gewuerdigt werden kann, ist das alexandrinische
Gelehrtenwesen und dessen Fortdauer unter dem roemischen Regiment eine allzu
merkwuerdige Erscheinung, um nicht auch in dieser Verbindung in seiner
allgemeinen Stellung beruehrt zu werden. Dass die Verschmelzung der
orientalischen und der hellenischen Geisteswelt neben Syrien vorzugsweise in
Aegypten sich vollzog, wurde schon bemerkt; und wenn der neue Glaube, der den
Okzident erobern sollte, von Syrien ausging, so kam die ihm homogene
Wissenschaft, diejenige Philosophie, welche neben dem Menschengeist und
ausserhalb desselben den ueberweltlichen Gott und die goettliche Offenbarung
anerkennt und verkuendet, vorzugsweise aus Aegypten, wahrscheinlich schon der
neue Pythagoreismus, sicher das philosophische Neujudentum, von dem frueher die
Rede war, sowie der neue Platonismus, dessen Begruender, der Aegypter Plotinos,
ebenfalls schon erwaehnt ward. Auf dieser vorzugsweise in Alexandreia sich
vollziehenden Durchdringung der hellenischen und der orientalischen Elemente
beruht es hauptsaechlich, dass, wie dies in der Darstellung der italischen
Verhaeltnisse naeher darzulegen ist, der dortige Hellenismus in der frueheren
Kaiserzeit vorzugsweise aegyptische Form traegt. Wie die an Pythagoras, Moses,
Platon anknuepfenden altneuen Weisheiten von Alexandreia aus in Italien
eindrangen, so spielte die Isis und was dazu gehoert die erste Rolle in der
bequemen Modefroemmigkeit, welche die roemischen Poeten der augustischen Zeit
und die pompeianischen Tempel aus der des Claudius uns zeigen. Die aegyptische
Kunstuebung herrscht vor in den kampanischen Fresken derselben Epoche wie in der
tiburtinischen Villa Hadrians. Dem entspricht die Stellung, welche das
alexandrinische Gelehrtenwesen in dem geistigen Leben der Kaiserzeit einnimmt.
Nach aussen hin beruht dasselbe auf der staatlichen Pflege der geistigen
Interessen und wuerde mit mehr Recht an den Namen Alexanders anknuepfen als an
den Alexandreias; es ist die Realisierung des Gedankens, dass in einem gewissen
Stadium der Zivilisation Kunst und Wissenschaft durch das Ansehen und die
Machtmittel des Staats gestuetzt und gefoerdert werden muessen, die Konsequenz
des genialen Moments der Weltgeschichte, welcher Alexander und Aristoteles
nebeneinander stellte. Es soll hier nicht gefragt werden, wie in dieser
maechtigen Konzeption Wahrheit und Irrtum, Beschaedigung und Hebung des
geistigen Lebens sich miteinander mischen, nicht die duerftige Nachbluete des
goettlichen Singens und des hohen Denkens der freien Hellenen einmal mehr
gestellt werden neben den ueppigen und doch auch grossartigen Ertrag des
spaeteren Sammelns, Forschens und Ordnens. Konnten die Institutionen, welche
diesem Gedanken entsprangen, der griechischen Nation unwiederbringlich
Verlorenes nicht oder, was schlimmer ist, nur scheinhaft erneuern, so haben sie
ihr auf dem noch freien Bauplatz der geistigen Welt den einzig moeglichen und
auch einen herrlichen Ersatz gewaehrt. Fuer unsere Erwaegung kommen vor allem
die oertlichen Verhaeltnisse in Betracht. Kunstgaerten sind einigermassen
unabhaengig vom Boden, und nicht anders ist es mit diesen wissenschaftlichen
Institutionen, nur dass sie ihrem Wesen nach an die Hoefe gewiesen sind. Die
materielle Unterstuetzung kann ihnen auch anderswo zuteil werden; aber wichtiger
als diese ist die Gunst der hoechsten Kreise, die ihnen die Segel schwellt, und
die Verbindungen, welche, in den grossen Zentren zusammenlaufend, diese Kreise
der Wissenschaft fuellen und erweitern. In der besseren Zeit der
Alexandermonarchien hatte es solcher Zentren so viele gegeben als es Staaten
gab, und dasjenige des Lagidenhofs war nur das angesehenste unter ihnen gewesen.
Die roemische Republik hatte die uebrigen eines nach dem andern in ihre Gewalt
gebracht und mit den Hoefen auch die dazugehoerigen wissenschaftlichen Anstalten
und Kreise beseitigt. Dass der kuenftige Augustus, als er den letzten dieser
Hoefe aufhob, die damit verknuepften gelehrten Institute bestehen liess, ist die
rechte und nicht die schlechteste Signatur der veraenderten Zeit. Der
energischere und hoehere Philhellenismus des Caesarenregiments unterschied sich
zu seinem Vorteil von dem republikanischen dadurch, dass er nicht bloss
griechischen Literaten in Rom zu verdienen gab, sondern die grosse Tutel der
griechischen Wissenschaft als einen Teil der Alexanderherrschaft betrachtete und
behandelte. Freilich war, wie in dieser gesamten Regeneration des Reiches, der
Bauplan grossartiger als der Bau. Die koeniglich patentierten und pensionierten
Musen, welche die Lagiden nach Alexandreia gerufen hatten, verschmaehten es
nicht, die gleichen Bezuege auch von den Roemern anzunehmen; und die kaiserliche
Munifizenz stand hinter der frueheren koeniglichen nicht zurueck. Der
Bibliothekfonds von Alexandreia und der Fonds der Freistellen fuer Philosophen,
Poeten, Aerzte und Ge lehrte aller Art ^46 sowie die diesen gewaehrten
Immunitaeten wurden von Augustus nicht vermindert, von Kaiser Claudius vermehrt,
freilich mit der Auflage, dass die neuen Claudischen Akademiker die griechischen
Geschichtswerke des wunderlichen Stifters Jahr fuer Jahr in ihren Sitzungen zum
Vortrag zu bringen hatten. Mit der ersten Bibliothek der Welt behielt
Alexandreia zugleich durch die ganze Kaiserzeit einen gewissen Primat der
wissenschaftlichen Arbeit, bis das Museion zugrunde ging und der Islam die
antike Zivilisation erschlug. Es war auch nicht bloss die damit gebotene
Gelegenheit, sondern zugleich die alte Tradition und die Geistesrichtung dieser
Hellenen, welche der Stadt jenen Vorrang bewahrte, wie denn unter den Gelehrten
die geborenen Alexandriner an Zahl und Bedeutung hervorragen. Auch in dieser
Epoche sind zahlreiche und achtbare gelehrte Arbeiten, namentlich philologische
und physikalische, aus dem Kreise der Gelehrten "vom Museum", wie sie gleich den
Parisern "vom Institut" sich titulierten, hervorgegangen; aber die literarische
Bedeutung, welche die alexandrinische und die pergamenische Hofwissenschaft und
Hofkunst in der besseren Epoche des Hellenismus fuer die gesamte hellenische und
hellenisierende Welt gehabt hat, knuepfte nie auch nur entfernt sich an die
roemisch-alexandrinische. Die Ursache liegt nicht in dem Mangel an Talenten oder
anderen Zufaelligkeiten, am wenigsten daran, dass der Platz im Museum vom Kaiser
zuweilen nach Gaben und immer nach Gunst vergeben ward und die Regierung damit
voellig schaltete wie mit dem Ritterpferd und den Hausbeamtenstellungen; das war
auch an den aelteren Hoefen nicht anders gewesen. Hofphilosophen und Hofpoeten
blieben in Alexandreia, aber nicht der Hof; es zeigte sich hier recht deutlich,
dass es nicht auf die Pensionen und Gratifikationen ankam, sondern auf die fuer
beide Teile belebende Beruehrung der grossen politischen und der grossen
wissenschaftlichen Arbeit. Diese stellte wohl fuer die neue Monarchie sich ein
und damit auch ihre Konsequenzen; aber die Staette dafuer war nicht Alexandreia:
diese Bluete der politischen Entwicklung gehoerte billig den Lateinern und der
lateinischen Hauptstadt. Die augustische Poesie und die augustische Wissenschaft
sind unter aehnlichen Verhaeltnissen zu aehnlicher bedeutender und erfreulicher
Entwicklung gelangt wie die hellenistische an dem Hof der Pergamener und der
frueheren Ptolemaeer. Sogar indem griechischen Kreise knuepfte, soweit die
roemische Regierung auf denselben im Sinne der Lagiden einwirkte, mehr als an
Alexandreia sich dies an Rom an. Die griechischen Bibliotheken der Hauptstadt
standen freilich der alexandrinischen nicht gleich und ein dem alexandrinischen
Museum vergleichbares Institut gab es in Rom nicht. Aber die Stellung an den
roemischen Bibliotheken oeffnete die Beziehungen zu dem Hofe. Auch die von
Vespasian eingerichtete, von der Regierung besetzte und besoldete
hauptstaedtische Professur der griechischen Rhetorik gab ihrem Inhaber, wenn er
gleich nicht in dem Sinne Hausbeamter war wie der kaiserliche Bibliothekar, eine
aehnliche Stellung und galt, ohne Zweifel deswegen, als der vornehmste Lehrstuhl
des Reiches ^47. Vor allem aber war das kaiserliche Kabinettssekretariat in
seiner griechischen Abteilung die angesehenste und einflussreichste Stellung, zu
der ein griechischer Literat ueberhaupt gelangen konnte. Versetzung von der
alexandrinischen Akademie in ein derartiges hauptstaedtisches Amt war
nachweislich Befoerderung ^48. Auch abgesehen von allem, was die griechischen
Literaten sonst allein in Rom fanden, genuegten die Hofstellungen und die
Hofaemter, um den angesehensten von ihnen den Zug vielmehr dahin zu geben als an
den aegyptischen "Freitisch". Das gelehrte Alexandreia dieser Zeit ward eine Art
Witwensitz der griechischen Wissenschaft, achtungswert und nuetzlich, aber auf
den grossen Zug der Bildung wie der Verbildung der Kaiserzeit von keinem
durchschlagenden Einfluss; die Plaetze im Museum wurden, wie billig, nicht
selten an namhafte Gelehrte von auswaerts vergeben, und fuer das Institut selbst
kamen die Buecher der Bibliothek mehr in Betracht als die Buerger der grossen
Handels- und Fabrikstadt.
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^46 Ein "homerischer Poet" ek Moyseioy bringt es fertig, den Memnon in vier
homerischen Versen anzusingen, ohne ein Wort von dem Seinen hinzuzutun (CIG
4748). Hadrian macht einen alexandrinischen Poeten zum Lohn fuer ein loyales
Epigramm zum Mitglied (Athenaeos 15 p. 677 e). Beispiele von Rhetoren aus
hadrianischer Zeit bei Philostratos vit. soph. 1, 22, 3. c. 25, 3. Ein
philosophos apo Moyseioy in Halikarnassos (BCH 4, 1880, S. 405). In spaeterer
Zeit, wo der Circus alles ist, finden wir einen namhaften Ringkaempfer -
vielleicht darf man sagen, als Ehrenmitglied der philosophischen Klasse
(Inschrift aus Rom CIG 5914: ne/o/koros to? megaloy Sarapidos kai t/o/n en t/o/
Moysei/o/ seitoymen/o/n atel/o/n philosoph/o/n; vgl. das. 4724 und Firm. err.
13,3). Oi en Ephes/o/ apo to? Moyseioy iatroi (Wood, Ephesus. Inscriptions from
tombs, n. 7), eine Gesellschaft ephesischer Aerzte, beziehen sich wohl auch auf
das Museum von Alexandreia, aber sind schwerlich Mitglieder desselben, sondern
in demselben gebildet.
^47 O an/o/ thronos bei Philostratos vit. soph. 2, 10, 5.
^48 Beispiele sind Chaeremon, der Lehrer Neros, vorher angestellt in
Alexandreia (Suidas Aeion?sios Alexandre?s; vgl. Zeller, Hermes 11, 1876, S. 430
und oben 7, 275); Dionysios, des Glaukos Sohn, zuerst in Alexandreia Nachfolger
Chaeremons, dann von Nero bis auf Traian Bibliothekar in Rom und kaiserlicher
Kabinettssekretaer (Suidas. a. a. O.); L. Julius Vestinus unter Hadrian, der
sogar nach der Vorstandschaft des Museums dieselben Stellungen wie Dionysios in
Rom bekleidete, auch als philologischer Schriftsteller bekannt.
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Die militaerischen Verhaeltnisse Aegyptens stellten, eben wie in Syrien,
den Truppen daselbst eine zwiefache Aufgabe: den Schutz der Suedgrenze und der
Ostkueste, der freilich mit dem fuer die Euphratlinie erforderlichen nicht
entfernt verglichen werden kann, und die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung
im Lande wie in der Hauptstadt. Die roemische Besatzung bestand, abgesehen von
den bei Alexandreia und auf dem Nil stationierten Schiffen, die hauptsaechlich
fuer die Zollkontrolle gedient zu haben scheinen, unter Augustus aus drei
Legionen nebst den dazugehoerigen, nicht zahlreichen Hilfstruppen, zusammen etwa
20000 Mann. Es war dies etwa halb soviel, als er fuer die saemtlichen
asiatischen Provinzen bestimmte, was der Wichtigkeit dieser Provinz fuer die
neue Monarchie entsprach. Die Besatzung wurde aber wahrscheinlich noch unter
Augustus selbst um ein Drittel und dann unter Domitian um ein weiteres Drittel
vermindert. Anfaenglich waren zwei Legionen ausserhalb der Hauptstadt
stationiert; das Hauptlager aber und bald das einzige lag vor den Toren
derselben, da wo Caesar der Sohn den letzten Kampf mit Antonius ausgefochten
hatte, in der danach benannten Vorstadt Nikopolis. Diese hatte ihr eigenes
Amphitheater und ihr eigenes kaiserliches Volksfest und war voellig selbstaendig
eingerichtet, so dass eine Zeitlang die oeffentlichen Lustbarkeiten von
Alexandreia durch die ihrigen in Schatten gestellt wurden. Die unmittelbare
Bewachung der Grenze fiel den Auxilien zu. Dieselben Ursachen also, welche in
Syrien die Disziplin lockerten, die zunaechst polizeiliche Aufgabe und die
unmittelbare Beruehrung mit der grossen Hauptstadt, kamen auch fuer die
aegyptischen Truppen ins Spiel; hier trat noch hinzu, dass die ueble Gewohnheit,
den Soldaten bei der Fahne das eheliche Leben oder doch ein Surrogat desselben
zu gestatten und die Truppe aus diesen Lagerkindern zu ergaenzen, bei den
makedonischen Regimentern der Ptolemaeer seit langem einheimisch war und rasch
auch bei den Roemern sich wenigstens bis zu einem gewissen Grade einbuergerte.
Dem entsprechend scheint das aegyptische Korps, in welchem die Okzidentalen noch
seltener dienten als in den uebrigen Armeen des Ostens und das zum grossen Teil
aus der Buergerschaft und dem Lager von Alexandreia sich rekrutierte, unter
allen Armeekorps das am wenigstens angesehene gewesen zu sein, wie denn auch die
Offiziere dieser Legion, wie schon bemerkt ward, im Rang denen der uebrigen
nachstanden.
Die eigentlich militaerische Aufgabe der aegyptischen Truppen haengt eng
zusammen mit den Massregeln fuer die Hebung des aegyptischen Handels. Es wird
angemessen sein, beides zusammenzufassen und zunaechst die Beziehungen zu den
kontinentalen Nachbarn im Sueden, sodann diejenigen zu Arabien und Indien im
Zusammenhang darzulegen.
Aegypten reicht nach Sueden, wie schon bemerkt, bis zu der Schranke, welche
der letzte Katarakt unweit Syene (Assuan) der Schiffahrt entgegenstellt.
Jenseits Syene beginnt der Stamm der Kesch, wie die Aegypter sie nennen, oder,
wie die Griechen uebersetzen, der Dunkelfarbigen, der Aethiopen, wahrscheinlich
den spaeter zu erwaehnenden Urbewohnern Abessiniens stammverwandt, und, wenn
auch vielleicht aus der gleichen Wurzel wie die Aegypter entsprungen, doch in
der geschichtlichen Entwicklung als fremdes Volk ihnen gegenueberstehend. Weiter
suedwaerts folgen die Nahsiu der Aegypter, das heisst die Schwarzen, die Nubier
der Griechen, die heutigen Neger. Die Koenige Aegyptens hatten in besseren
Zeiten ihre Herrschaft weit in das Binnenland hinein ausgedehnt oder es hatten
wenigstens auswandernde Aegypter hier sich eigene Herrschaften gegruendet; die
schriftlichen Denkmaeler des pharaonischen Regiments gehen bis oberhalb des
dritten Katarakts nach Dongola hinein, wo Nabata (bei Nuri) der Mittelpunkt
ihrer Niederlassungen gewesen zu sein scheint; und noch betraechtlich weiter
stromaufwaerts, etwa sechs Tagereisen noerdlich von Khartum, bei Schendi im
Sennaar, in der Naehe der frueh verschollenen Aethiopenstadt Meroâ finden sich
Gruppen freilich schriftloser Tempel und Pyramiden. Als Aegypten roemisch ward,
war es mit dieser Machtentwicklung laengst vorbei und herrschte jenseits Syene
ein aethiopischer Stamm unter Koeniginnen, die stehend den Namen oder den Titel
Kandake fuehrten ^49 und in jenem einst aegyptischen Nabata in Dongola
residierten; ein Volk auf niedriger Stufe der Zivilisation, ueberwiegend Hirten,
imstande, ein Heer von 30000 Mann aufzubringen, aber geruestet mit Schilden von
Rindshaeuten, bewehrt meist nicht mit Schwertern, sondern mit Beilen oder Lanzen
und eisenbeschlagenen Keulen; raeuberische Nachbarn, im Gefecht den Roemern
nicht gewachsen. Diese fielen im Jahre 730 (24) oder 731 (23) in das roemische
Gebiet ein, wie sie behaupteten, weil die Vorsteher der naechsten Nomen sie
geschaedigt haetten, wie die Roemer meinten, weil die aegyptischen Truppen
damals grossenteils in Arabien beschaeftigt waren und sie hofften, ungestraft
pluendern zu koennen. In der Tat ueberwanden sie die drei Kohorten, die die
Grenze deckten, und schleppten aus den naechsten aegyptischen Distrikten Philae,
Elephantine, Syene die Bewohner als Sklaven fort und als Siegeszeichen die
Statuen des Kaisers, die sie dort vorfanden. Aber der Statthalter, der eben
damals die Verwaltung des Landes uebernahm, Gaius Petronius, vergalt den Angriff
rasch; mit 10000 Mann zu Fuss und 800 Reitern trieb er sie nicht bloss zum Lande
hinaus, sondern folgte ihnen den Nil entlang in ihr eigenes Land, schlug sie
nachdruecklich bei Pselchis (Dakke) und erstuermte ihre feste Burg Premis
(Ibrim) so wie die Hauptstadt selbst, die er zerstoerte. Zwar erneuerte die
Koenigin, ein tapferes Weib, im naechsten Jahre den Angriff und versuchte
Premis, wo roemische Besatzung geblieben war, zu erstuermen; aber Petronius
brachte rechtzeitig Ersatz, und so entschloss sich die Aethiopin, Gesandte zu
senden und um Frieden zu bitten. Der Kaiser gewaehrte ihn nicht bloss, sondern
befahl, das unterworfene Gebiet zu raeumen, und wies den Vorschlag seines
Statthalters ab, die Besiegten tributpflichtig zu machen. Insofern ist dieser
sonst nicht bedeutende Vorgang bemerkenswert, als gleich damals der bestimmte
Entschluss der roemischen Regierung sich zeigte, zwar das Niltal, soweit der
Fluss schiffbar ist, unbedingt zu behaupten, aber von der Besitznahme der weiten
Landschaften am oberen Nil ein fuer allemal abzusehen. Nur die Strecke von
Syene, wo unter Augustus die Grenztruppen standen, bis nach Hiera Sykaminos
(Maharraka), das sogenannte Zwoelfmeilenland (D/o/dekaschoinos) ist zwar niemals
als Nomos eingerichtet und nie als ein Teil Aegyptens, aber doch als zum Reiche
gehoerig betrachtet worden; und spaetestens unter Domitian wurden selbst die
Posten bis nach Hiera Sykaminos vorgerueckt ^^50. Dabei ist es im wesentlichen
geblieben. Die von Nero geplante orientalische Expedition sollte allerdings auch
Aethiopien umfassen; aber es blieb bei der vorlaeufigen Erkundung des Landes
durch roemische Offiziere bis ueber Meroâ hinauf. Das nachbarliche Verhaeltnis
muss an der aegyptischen Suedgrenze bis in die Mitte des dritten Jahrhunderts im
ganzen friedlicher Art gewesen sein, wenn es auch an kleineren Haendeln mit
jener Kandake und mit ihren Nachfolgerinnen, die laengere Zeit sich behauptet zu
haben scheinen, spaeter vielleicht mit anderen, jenseits der Reichsgrenze zur
Vormacht gelangenden Staemmen, nicht gefehlt haben wird. Erst als das Reich in
der valerianisch-gallienischen Zeit aus den Fugen ging, brachen die Nachbarn
auch ueber diese Grenze. Es ist schon erwaehnt worden, dass die in den Gebirgen
an der Suedostgrenze ansaessigen, frueher den Aethiopen gehorchenden Blemyer,
ein Barbarenvolk von entsetzlicher Roheit, welches noch Jahrhunderte spaeter
sich der Menschenopfer nicht entwoehnt hatte, in dieser Epoche selbstaendig
gegen Aegypten vorging und im Einverstaendnis mit den Palmyrenern einen guten
Teil Oberaegyptens besetzte und eine Reihe von Jahren behauptete. Der tuechtige
Kaiser Probus vertrieb sie; aber die einmal begonnenen Einfaelle hoerten nicht
auf ^51, und Kaiser Diocletianus entschloss sich, die Grenze zurueckzunehmen.
Das schmale Zwoelfmeilenland forderte starke Besatzung und trug dem Staate wenig
ein. Die Nubier, welche in der libyschen Wueste hausten und besonders die grosse
Oase stetig heimsuchten, gingen darauf ein, ihre alten Sitze aufzugeben und sich
in dieser Landschaft anzusiedeln, die ihnen foermlich abgetreten ward; zugleich
wurden ihnen sowohl wie ihren oestlichen Nachbarn, den Blemyern, feste
Jahrgelder ausgesetzt, dem Namen nach, um sie fuer die Grenzbewachung zu
entschaedigen, in der Tat ohne Zweifel als Abkaufsgelder fuer ihre
Pluenderzuege, die natuerlich dennoch nicht aufhoerten. Es war ein Schritt
zurueck, der erste, seit Aegypten roemisch war.
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^49 Der Eunuch der Kandake, der im Jesaias liest (Apostelgeschichte 8, 27),
ist bekannt; eine Kandake regiert auch zu Neros Zeit (Plin. nat. 6, 29, 182) und
spiele eine Rolle im Alexanderroman (3, 18 f.).
^50 Dass die Reichsgrenze bis Hiera Sykaminos reichte, ergibt sich fuer das
2. Jahrhundert aus Ptol. geogr. 5, 5, 74, fuer die Zeit Diocletians aus den die
Reichsstrassen bis dahin fuehrenden Itinerarien. In der ein Jahrhundert
juengeren Notitia dignitatum reichen die Posten wieder nicht hinaus ueber Syene,
Philae, Elephantine. In der Strecke von Philae nach Hiera Sykaminos, der
Dodekaschoenos Herodots (2, 29), scheinen schon in frueher Zeit fuer die
Aegyptern und Aethiopen immer gemeinschaftliche Isis von Philae Tempelabgaben
erhoben worden zu sein; aber griechische Inschriften aus der Lagidenzeit haben
sich hier nicht gefunden, dagegen zahlreiche datierte aus roemischer, die
aeltesten aus der des Augustus (Pselchis, 2 n. Chr.: CIG 5086) und des Tiberius
(ebenda, J. 26: 5104; J. 33: 5101), die juengste aus der des Philippus
(Kardassi, J. 248: 5010). Diese beweisen nicht unbedingt fuer die
Reichsangehoerigkeit des betreffenden Fundorts; aber die eines landvermessenden
Soldaten vom Jahre 33 (5101) und die eines praesidium vom Jahre 84 (Talmis, 5042
f.), sowie zahlreiche andere setzen dieselbe allerdings voraus. Jenseits der
bezeichneten Grenze hat sich nie ein aehnlicher Stein gefunden; denn die
merkwuerdige Inschrift der regina (CIL III, 83), bei Messaurat, suedlich von
Schendi (16¯ 25' Breite, 5 Lieues noerdlich von den Ruinen von Naga) gefunden,
die suedlichste aller bekannten lateinischen Inschriften, jetzt im Berliner
Museum, hat nicht ein roemischer Untertan gesetzt, sondern vermutlich ein aus
Rom zurueckkehrender Abgesandter einer afrikanischen Koenigin, der lateinisch
redet, vielleicht nur, um zu zeigen, dass er in Rom gewesen sei.
^51 Die tropaea Niliaca, sub quibus Aethiops et Indus intremuit, in einer
wahrscheinlich im Jahre 296 gehaltenen Rede (Paneg. 5, 5) gehen auf ein
derartiges Rencontre, nicht auf die aegyptische Insurrektion; von Angriffen der
Blemyer spricht eine andere Rede vom Jahre 289 (Paneg. 3, 17).
Ueber die Abtretung des Zwoelfmeilengebiets an die Nubier berichtet Prok.
Pers. 1, 19. Als unter der Herrschaft nicht der Nubier, sondern der Blemyer
stehend erwaehnen dasselbe Olympiodorus (fr. 37 Mueller) und die Inschrift des
Silko CIG 5072. Das kuerzlich zum Vorschein gekommene Fragment eines
griechischen Heldengedichts auf den Blemyersieg eines spaetroemischen Kaisers
bezieht Buecheler (Rheinisches Museum N. F. 39, 1880, S. 279 f.) auf den des
Marcianus im Jahre 451 (vgl. Priscus fr. 21).
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Von dem kaufmaennischen Verkehr an dieser Grenze ist aus dem Altertum wenig
ueberliefert. Da die Katarakte des oberen Nils den unmittelbaren Wasserweg
sperrten, hat sich der Verkehr zwischen dem inneren Afrika und den Aegyptern,
namentlich der Elfenbeinhandel in roemischer Zeit mehr ueber die abessinischen
Haefen als am Nil hin bewegt; aber gefehlt hat er auch in dieser Richtung nicht
^52. Die auf der Insel Philae zahlreich neben den Aegyptern wohnenden Aethiopen
sind offenbar meistens Kaufleute gewesen, und der hier vorwaltende Grenzfrieden
wird das Seinige beigetragen haben zum Aufbluehen der oberaegyptischen
Grenzstaedte und des aegyptischen Handels ueberhaupt.
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^52 Juvenal erwaehnt sat. 11, 124 die Elefantenzaehne, quos mittit porta
Syenes.
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Die Ostkueste Aegyptens stellt der Entwicklung des Weltverkehrs eine schwer
zu loesende Aufgabe. Der durchgaengig oede und felsige Strand ist eigentlicher
Kultur unfaehig und in alter wie in neuer Zeit eine Wueste ^52. Dagegen naehern
die beiden fuer die Kulturentwicklung der alten Welt vorzugsweise wichtigen
Meere, das Mittellaendische und das Rote oder Indische sich einander am meisten
an den beiden noerdlichsten Spitzen des letzteren, dem Persischen und dem
Arabischen Golf; jener nimmt den Euphrat in sich auf, der in seinem mittleren
Lauf dem Mittellaendischen Meere nahekommt; dieser ist nur wenige Tagemaersche
entfernt von dem in dasselbe Meer fliessenden Nil. Daher nimmt in alter Zeit der
Handelsverkehr zwischen dem Osten und dem Westen ueberwiegend entweder die
Richtung auf dem Euphrat zu der syrischen und der arabischen Kueste oder er
wendet sich von der Ostkueste Aegyptens nach dem Nil. Die Verkehrswege vom
Euphrat her sind aelter als die ueber den Nil; aber die letzteren haben den
Vorzug der besseren Schiffbarkeit des Stromes und des kuerzeren Landtransports;
Die Beseitigung des letzteren durch Herstellung einer kuenstlichen Wasserstrasse
ist bei dem Euphratweg ausgeschlossen, bei dem aegyptischen in alter wie in
neuer Zeit wohl schwierig, aber nicht unmoeglich befunden. Sonach ist dem Land
Aegypten von der Natur selbst vorgeschrieben, die Ostkueste mit dem Nillauf und
der noerdlichen Kueste durch Land- oder Wasserstrassen zu verbinden; und es
gehen auch die Anfaenge derartiger Anlagen bis zurueck in die Zeit derjenigen
einheimischen Herrscher, welche zuerst Aegypten dem Ausland und dem grossen
Handelsverkehr erschlossen. Auf den Spuren, wie es scheint, aelterer Anlagen der
grossen Regenten Aegyptens, Sethi I. und Rhamses II., begann der Sohn
Psammetichs, Koenig Necho (610-594 v. Chr.), den Bau eines Kanals, der in der
Naehe von Kairo vom Nil abzweigend eine Wasserverbindung mit den Bitterseen bei
Ismailia und durch diese mit dem Roten Meer herstellen sollte, ohne indes das
Werk vollenden zu koennen. Dass er dabei nicht bloss die Beherrschung des
Arabischen Golfs und den Handelsverkehr mit den Arabern in das Auge fasste,
sondern das Persische und das Indische Meer und der entlegenere Osten bereits in
den Horizont dieses Aegypterkoenigs getreten waren, ist deswegen wahrscheinlich,
weil derselbe Herrscher die einzige im Altertum ausgefuehrte Umschiffung Afrikas
veranlasst hat. Ausser Zweifel ist dies fuer Koenig Dareios I., den Herrn sowohl
Persiens wie Aegyptens; er vollendete den Kanal, aber, wie seine an Ort und
Stelle aufgefundenen Denksteine melden, liess er ihn selbst wieder verschuetten,
wahrscheinlich weil seine Ingenieure befuerchteten, dass das Meerwasser,
eingelassen in den Kanal, die Gefilde Aegyptens ueberschwemmen werde.
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^52 Nach der Art, wie Ptolemaeos 4, 5, 14 u. 15 diese Kueste behandelt,
scheint sie, eben wie das Zwoelfmeilenland, ausserhalb der Nomeneinteilung
gestanden zu haben.
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Der Wettkampf der Lagiden und der Seleukiden, welcher die Politik der
nachalexandrischen Zeit ueberhaupt beherrscht, war zugleich ein Kampf zwischen
dem Euphrat und dem Nil. Jener war im Besitz, dieser der Praetendent; und in der
besseren Zeit der Lagiden ist die friedliche Offensive mit grosser Energie
gefuehrt worden. Nicht bloss wurde jener von Necho und Dareios unternommene
Kanal, jetzt der "Fluss Ptolemaeos" genannt, durch den zweiten Ptolemaeer
Philadelphos (+ 247 v. Chr.) zum ersten Mal der Schiffahrt eroeffnet, sondern es
wurden auch an den fuer die Sicherheit der Schiffe und fuer die Verbindung mit
dem Nil am besten geeigneten Punkten der schwierigen Ostkueste umfassende
Hafenbauten ausgefuehrt. Vor allem geschah dies an der Muendung des zum Nil
fuehrenden Kanals, bei den Ortschaften Arsinoe, Kleopatris, Klysma, alle drei in
der Gegend des heutigen Suez. Weiter abwaerts entstanden ausser manchen
kleineren Anlagen die beiden bedeutenden Emporien Myos Hormos, etwas oberhalb
des heutigen Koser, und Berenike im Trogodytenland, ungefaehr in gleicher Breite
mit Syene am Nil sowie mit dem arabischen Hafen Leuke Kome, von der Stadt
Koptos, bei der der Nil am weitesten oestlich vorspringt, jenes sechs bis
sieben, dieses elf Tagemaersche entfernt und durch quer durch die Wueste
angelegte, mit grossen Zisternen versehene Strassen mit diesem Hauptemporium am
Nil verbunden. Der Warenverkehr der Ptolemaeerzeit ist wahrscheinlich weniger
durch den Kanal gegangen als ueber diese Landwege nach Koptos.
Ueber jenes Berenike im Trogodytenland hinaus hat sich das eigentliche
Aegypten der Lagiden nicht erstreckt. Die weiter gegen Sueden liegenden
Ansiedlungen Ptolemais "fuer die Jagd" unterhalb Suakin und die suedlichste
Ortschaft des Lagidenreichs, das spaetere Adulis, damals vielleicht "Berenike
die goldene" oder "bei Saba" genannt, Zula unweit des heutigen Massaua, bei
weitem der beste Hafen an dieser ganzen Kueste, sind nicht mehr gewesen als
Kuestenforts und haben mit Aegypten nicht in Landverbindung gestanden. Auch sind
diese entlegenen Ansiedlungen ohne Zweifel unter den spaeteren Lagiden entweder
verlorengegangen oder freiwillig aufgegeben worden, und war in der Epoche, wo
die roemische Herrschaft eintritt, wie im Binnenland Syene, so an der Kueste das
trogodytische Berenike die Reichsgrenze.
In diesem von den Aegyptern nie besetzten oder frueh geraeumten Gebiet
bildete sich, sei es am Ausgang der Lagidenepoche, sei es in der ersten
Kaiserzeit, ein unabhaengiger Staat von Ausdehnung und Bedeutung, derjenige der
Axomiten ^54, entsprechend dem heutigen Habesch. Er fuehrt seinen Namen von der
im Herzen dieses Alpenlandes, acht Tagereisen vom Meer in der heutigen
Landschaft Tigre gelegenen Stadt Axomis, dem heutigen Aksum; als Hafen dient ihm
das schon erwaehnte beste Emporium an dieser Kueste, Adulis in der Bucht von
Massaua. Die urspruengliche Bevoelkerung dieser Landschaft mag wohl das Agau
gesprochen haben, von welcher Sprache sich noch heute in einzelnen Strichen des
Suedens reine Ueberreste behaupten und die dem gleichen hamitischen Kreise mit
den heutigen Bedscha, Dankali, Somali, Galla angehoert; der aegyptischen
Bevoelkerung scheint dieser Sprachkreis in aehnlicher Weise verwandt wie die
Griechen mit den Kelten und den Slaven, so dass hier wohl fuer die Forschung
eine Verwandtschaft, fuer das geschichtliche Dasein aber vielmehr allein der
Gegensatz besteht. Aber bevor unsere Kunde von diesem Lande auch nur beginnt,
muessen ueberlegene Semitische, zu den himjaritischen Staemmen des suedlichen
Arabiens gehoerige Einwanderer den schmalen Meerbusen ueberschritten und ihre
Sprache wie ihre Schrift dort einheimisch gemacht haben. Die alte, erst lange
nach roemischer Zeit im Volksgebrauch erloschene Schriftsprache von Habesch, das
Ge'ez oder, wie sie faelschlich meist genannt wird, die aethiopische ^55, ist
rein semitisch ^56, und die jetzt noch lebenden Dialekte, namentlich das
Tigrina, sind es im wesentlichen auch, nur durch die Einwirkung des aelteren
Agau getruebt.
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^54 Das Beste, was wir ueber das Reich von Axomis wissen, lehrt der von
einem ihrer Koenige ohne Zweifel in der besseren Kaiserzeit in Adulis gesetzte
Stein (CIG 5127b), eine Art von Denkschrift ueber die Taten dieses anscheinenden
Reichsgruenders im Stil der persepolitanischen des Dareios oder der
ancyranischen des Augustus und angebracht an dem Koenigsthron, vor welchem bis
in das 6. Jahrhundert hinein die Verbrecher hingerichtet wurden. Die sachkundige
Eroerterung Dillmanns (Abhandlungen der Berliner Akademie, 1877, S. 195 f.)
erklaert, was davon erklaerbar ist. Vom roemischen Standpunkt aus ist
hervorzuheben, dass der Koenig zwar die Roemer nicht nennt, aber deutlich auf
ihre Reichsgrenzen Ruecksicht nimmt, indem er die Tangaiten unterwirft mechri
t/o/n t/e/s Aig?ptoy ori/o/n und eine Strasse anlegt apo t/o/n t/e/s em/e/s
basileias top/o/n mechri Aig?ptoy, ferner als Nordgrenze seiner arabischen
Expedition Leuke Kome nennt, die letzte roemische Station an der arabischen
Westkueste. Daraus folgt weiter, dass diese Inschrift juenger ist als der unter
Vespasian geschriebene Periplus des Roten Meeres; denn nach diesem (c. 5)
herrscht der Koenig von Axomis apo t/o/n Moschophag/o/n mechri t/e/s all/e/s
barbarias, und zwar ist dies ausschliesslich zu verstehen, da er c. 2 die
t?rannoi der Moschophagen nennt und ebenso c. 14 bemerkt, dass jenseits der
Strasse Bab el Mandeb kein "Koenig" sei, sondern nur "Tyrannen". Also reichte
damals das Axomitanische Reich noch nicht bis zur roemischen Grenze, sondern nur
bis etwa nach Ptolemais "der Jagd", ebenso nach der anderen Richtung nicht bis
zum Kap Guardafui, sondern nur bis zur Strasse Bab el Mandeb. Auch an der
arabischen Kueste spricht der Periplus von Besitzungen des Koenigs von Axomis
nicht, obwohl er mehrfach der Dynasten daselbst gedenkt.
^55 Der Name der Aethiopen haftet in besserer Zeit an dem Land am oberen
Nil, insbesondere den Reichen von Meroâ und Nabata, also an dem Gebiet, das wir
jetzt Nubien nennen. Im spaeteren Altertum, zum Beispiel von Prokopios, wird die
Benennung auf den Staat von Axomis bezogen, und daher bezeichnen die Abessinier
seit langem ihr Reich mit diesem Namen.
^56 Daher die Legende, dass die Axomiten von Alexander in Afrika
angesiedelte Syrer seien und noch syrisch spraechen (Philostorgius hist. eccl.
3, 6).
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Ueber die Anfaenge dieses Gemeinwesens hat sich keine Ueberlieferung
erhalten. Am Ausgang der neronischen Zeit und vielleicht schon lange vorher
herrschte der Koenig der Axomiten an der afrikanischen Kueste etwa von Suakin
bis zur Strasse Bab el Mandeb. Einige Zeit darauf - naeher laesst sich die
Epoche nicht bestimmen - finden wir ihn als Grenznachbarn der Roemer an der
Suedgrenze Aegyptens, auch an der anderen Kueste des Arabischen Meerbusens in
dem Zwischengebiet zwischen dem roemischen Besitz und dem der Sabaeer in
kriegerischer Taetigkeit, also nach Norden mit dem roemischen Gebiet auch in
Arabien sich unmittelbar beruehrend, ueberdies die afrikanische Kueste
ausserhalb des Busens vielleicht bis zum Kap Guardafui beherrschend. Wie weit
sich sein Gebiet von Axomis landeinwaerts erstreckt hat, erhellt nicht;
Aethiopien, das heisst Sennaar und Dongola, haben wenigstens in der frueheren
Kaiserzeit schwerlich dazu gehoert; vielmehr mag zu der Zeit das Reich von
Nabata neben dem axomitischen bestanden haben. Wo uns die Axomiten
entgegentreten, finden wir sie auf einer verhaeltnismaessig vorgeschrittenen
Stufe der Entwicklung. Unter Augustus hob sich der aegyptische Handelsverkehr
nicht minder wie mit Indien so mit diesen afrikanischen Haefen. Der Koenig gebot
nicht bloss ueber ein Heer, sondern, wie dies schon seine Beziehungen zu Arabien
voraussetzen, auch ueber eine Flotte. Den Koenig Zoskales, der in Vespasians
Zeit in Axomis regierte, nennt ein griechischer Kaufmann, der in Adulis gewesen
war, einen rechtschaffenen und der griechischen Schrift kundigen Mann; einer
seiner Nachfolger hat an Ort und Stelle eine in gelaeufigem Griechisch verfasste
Denkschrift aufgestellt, die seine Taten den Fremden erzaehlte; er selbst nennt
sich in derselben einen Sohn des Ares, welchen Titel die Koenige der Axomiten
bis in das vierte Jahrhundert hinab beibehielten, und widmet den Thron, der jene
Denkschrift traegt, dem Zeus, dem Ares und dem Poseidon. Schon zu Zoskales' Zeit
nennt jener Fremde Adulis einen wohlgeordneten Handelsplatz; seine Nachfolger
noetigten die schweifenden Staemme der arabischen Kueste, zu Lande wie zur See
Frieden zu halten, und stellten eine Landverbindung her von ihrer Hauptstadt bis
an die roemische Grenze, was bei der Beschaffenheit dieser zunaechst auf
Seeverbindung angewiesenen Landschaft nicht gering anzuschlagen ist. Unter
Vespasian dienten Messingstuecke, die nach Beduerfnis geteilt wurden, den
Eingeborenen statt des Geldes und zirkulierte die roemische Muenze nur bei den
Adulis ansaessigen Fremden; in der spaeteren Kaiserzeit haben die Koenige selber
gepraegt. Daneben nennt der axomitische Herrscher sich Koenig der Koenige, und
keine Spur deutet auf roemische Klientel; er uebt die Praegung in Gold, was die
Roemer nicht bloss in ihrem Gebiet, sondern auch in ihrem Machtbereich nicht
zuliessen. Es gibt in der Kaiserzeit ausserhalb der roemisch-hellenischen
Grenzen kaum ein anderes Land, welches in gleicher Selbstaendigkeit dem
hellenischen Wesen bei sich eine Staette bereitet haette wie der Staat von
Habesch. Dass im Lauf der Zeit die einheimische oder vielmehr aus Arabien
eingebuergerte Volkssprache die Alleinherrschaft zurueckgewann und das
Griechische verdraengte, ist wahrscheinlich teils auf arabischen Einfluss
zurueckzufuehren, teils auf den des Christentums und die damit zusammenhaengende
Wiederbelebung der Volksdialekte, wie wir sie auch in Syrien und in Aegypten
fanden, und schliesst nicht aus, dass die griechische Sprache in Axomis und
Adulis im 1. und 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung eine aehnliche Stellung
gehabt hat wie in Syrien und in Aegypten, soweit es eben gestattet ist, Kleines
mit Grossem zu vergleichen.
Von politischen Beziehungen der Roemer zu dem Staat von Axomis wird aus den
ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, auf welche unsere Erzaehlung
sich beschraenkt, kaum etwas gemeldet. Mit dem uebrigen Aegypten nahmen sie auch
die Haefen der Ostkueste in Besitz bis hinab zu dem abgelegenen und darum in
roemischer Zeit unter einen eigenen Kommandanten gestellten trogodytischen
Berenike ^57. An Gebietserweiterung in die unwirtlichen und wertlosen
Kuestengebirge hinein ist hier nie gedacht worden; auch kann die duenne und auf
der niedrigsten Stufe der Entwicklung stehende Bevoelkerung des naechst
angrenzenden Gebiets den Roemern niemals ernsthaft zu schaffen gemacht haben.
Ebensowenig haben die Caesaren so, wie es die frueheren Lagiden getan hatten,
sich der Emporien der axomitanischen Kueste zu bemaechtigen versucht.
Ausdruecklich gemeldet wird nur, dass Gesandte des Axomitenkoenigs mit Kaiser
Aurelian verhandelten. Aber eben dieses Stillschweigen sowie die frueher
bezeichnete unabhaengige Stellung des Herrschers ^58 fuehren darauf, dass hier
die geltenden Grenzen beiderseits dauernd respektiert wurden und ein gutes
nachbarliches Verhaeltnis bestand, welches den Interessen des Friedens und
vornehmlich dem aegyptischen Handelsverkehr zugute kam. Dass dieser,
insbesondere der wichtige Elfenbeinhandel, in welchem Adulis fuer das innere
Afrika das hauptsaechliche Entrepot war, ueberwiegend von Aegypten aus und auf
aegyptischen Schiffen gefuehrt worden ist, kann bei der ueberlegenen
Zivilisation Aegyptens schon fuer die Lagidenzeit keinem Zweifel unterliegen,
und auch in roemischer Zeit hat dieser Verkehr sich wohl nur gesteigert, nicht
weiter geaendert.
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^57 Dies ist der praefectus praesidiorum et montis Beronices (CIL IX,
3083), praefectus montis Berenicidis (Orelli 3881), praefectus Bernicidis (CIL
X, 1129), ein Offizier von Ritterrang, analog den oben angefuehrten, in
Alexandreia stationierten.
^58 Auch das Schreiben, das Kaiser Constantius im Jahre 356 an den
damaligen Koenig von Axomis, Aeizanas, richtet, ist das eines Herrschers an
einen anderen gleichgestellten: er ersucht ihn um freundnachbarlichen Beistand
gegen die Ausbreitung der athanasischen Ketzerei und um Absetzung und
Auslieferung eines derselben verdaechtigen axomitischen Geistlichen. Die
Kulturgemeinschaft tritt hier nur um so bestimmter hervor, als der Christ gegen
den Christen den Arm des Heiden anruft.
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Bei weitem wichtiger als der Verkehr mit dem afrikanischen Sueden war fuer
Aegypten und das Roemische Reich ueberhaupt der Verkehr mit Arabien und den
weiter oestlich gelegenen Kuesten. Die arabische Halbinsel ist dem hellenischen
Kulturkreise ferngeblieben. Es waere wohl anders gekommen, wenn Koenig Alexander
ein Jahr laenger gelebt haette; der Tod raffte ihn weg mitten in den
Vorbereitungen, die bereits erkundete arabische Suedkueste vom Persischen
Meerbusen aus zu umfahren und zu besetzen. Aber die Fahrt, die der grosse Koenig
nicht hatte antreten koennen, hat nach ihm nie ein Grieche unternommen. Seit
fernster Zeit hat dagegen zwischen den beiden Kuesten des Arabischen Meerbusens
ein lebhafter Verkehr ueber das maessig breite Wasser hinueber stattgefunden. In
den aegyptischen Berichten aus der Pharaonenzeit spielen die Seefahrten nach dem
Land Punt, die von dort heimgebrachte Beute an Weihrauch, Ebenholz, Smaragden,
Leopardenfellen eine bedeutende Rolle. Dass spaeterhin der noerdliche Teil der
arabischen Westkueste zu dem Gebiet der Nabataeer gehoerte und mit diesem in die
Gewalt der Roemer kam, ist schon angegeben worden. Es war dies ein oedes Gestade
^59; nur das Emporium Leuke Kome, die letzte Stadt der Nabataeer und insofern
auch des Roemischen Reiches, stand nicht bloss mit dem gegenueberliegenden
Berenike in Seeverkehr, sondern war auch der Ausgangspunkt der nach Petra und
von da zu den Haefen des suedlichen Syriens fuehrenden Karawanenstrasse und
insofern einer der Knotenpunkte des orientalisch-okzidentalischen Handels. Die
suedlich angrenzenden Gebiete, nord- und suedwaerts von dem heutigen Mekka,
entsprachen in ihrer Naturbeschaffenheit dem gegenueberliegenden Trogodytenland
und sind gleich diesem im Altertum weder politisch noch kommerziell von
Bedeutung, auch dem Anschein nach nicht unter einem Szepter geeinigt, sondern
von schweifenden Staemmen besetzt gewesen. Aber am Suedende des Busens ist der
einzige arabische Stamm zu Hause, welcher in der vorislamischen Zeit zu
groesserer Bedeutung gelangt ist. Die Griechen und die Roemer nennen diese
Araber in aelterer Zeit nach der damals am meisten hervortretenden Voelkerschaft
Sabaeer, in spaeterer nach einer anderen gewoehnlich Homeriten, wir nach der
neu-arabischen Form des letzteren Namens jetzt meistens Himjariten. Die
Entwicklung dieses merkwuerdigen Volkes hatte lange vor dem Beginn der
roemischen Herrschaft ueber Aegypten eine bedeutende Stufe erreicht ^60. Seine
Heimstatt, das "glueckliche Arabien" der Alten, die Gegend von Mocha und Aden,
ist von einer schmalen, gluehend heissen und oeden Strandebene umsaeumt, aber
das gesunde und temperierte Innere von Jemen und Hadramaut erzeugt an den
Gebirgshaengen und in den Taelern eine ueppige Vegetation, und die zahlreichen
Bergwaesser gestatten bei sorgfaeltiger Wirtschaft vielfach eine gartenartige
Kultur. Von der reichen und eigenartigen Zivilisation dieser Landschaft geben
noch heute ein redendes Zeugnis die Reste von Stadtmauern und Tuermen, von Nutz-
, namentlich Wasserbauten und mit Inschriften bedeckten Tempeln, welche die
Schilderung der alten Schriftsteller von der Pracht und dem Luxus dieser
Landschaft vollkommen bestaetigen; ueber die Burgen und Schloesser der
zahlreichen Kleinfuersten Jemens haben die arabischen Geographen Buecher
geschrieben. Beruehmt sind die Truemmer des maechtigen Dammes, welcher einst in
dem Tal bei Mariaba den Danafluss staute und es moeglich machte, die Fluren
aufwaerts zu bewaessern ^61, und von dessen Durchbruch und der dadurch angeblich
veranlassten Auswanderung der Bewohner von Jemen nach Norden die Araber lange
Zeit ihre Jahre gezaehlt haben. Vor allem aber ist dieser Bezirk einer der
Ursitze des Grosshandels zu Lande wie zur See, nicht bloss weil seine Produkte,
der Weihrauch, die Edelsteine, das Gummi, die Kassia, Aloe, Senna, Myrrhe und
zahlreiche andere Drogen den Export hervorrufen, sondern auch weil dieser
semitische Stamm, aehnlich wie der der Phoeniker, seiner ganzen Art nach fuer
den Handel geschaffen ist; eben wie die neueren Reisenden sagt auch Strabon,
dass die Araber alle Haendler und Kaufleute sind. Die Silberpraegung ist hier
alt und eigenartig; die Muenzen sind anfaenglich athenischen Stempeln, spaeter
roemischen des Augustus nachgepraegt, aber auf einen selbstaendigen,
wahrscheinlich babylonischen Fuss ^62. Aus dem Land dieser Araber fuehrten die
uralten Weihrauchstrassen quer durch die Wueste nach den Stapelplaetzen am
Arabischen Meerbusen Aelana und dem schon genannten Leuke Kome und den Emporien
Syriens, Petra und Gaza ^63; diese Wege des Landhandels, welche neben denen des
Euphrat und des Nil den Verkehr zwischen Orient und Okzident seit aeltester Zeit
vermitteln, sind vermutlich die eigentliche Grundlage des Aufbluehens von Jemen.
Aber der Seeverkehr gesellte ebenfalls bald sich dazu; der grosse Stapelplatz
dafuer ward Adane, das heutige Aden. Von hier aus gingen die Waren zu Wasser,
sicher ueberwiegend auf arabischen Schiffen, entweder nach eben jenen
Stapelplaetzen am Arabischen Meerbusen und also nach den syrischen Haefen oder
nach Berenike und Myos Hormos und von da nach Koptos und Alexandreia. Dass
dieselben Araber ebenfalls in sehr frueher Zeit sich der gegenueberliegenden
Kueste bemaechtigten und ihre Sprache und Schrift und ihre Zivilisation nach
Habesch verpflanzten, wurde schon gesagt. Wenn Koptos, das Nil-Emporium fuer den
oestlichen Handel, ebenso viel Araber wie Aegypter zu Bewohnern hatte, wenn
sogar die Smaragdgruben oberhalb Berenike (bei Djebel Zebara) von den Arabern
ausgebeutet wurden, so zeigt dies, dass sie im Lagidenstaat selbst den Handel
bis zu einem gewissen Grad in der Hand hatten; und dessen passives Verhalten in
Betreff des Verkehrs auf dem Arabischen Meer, wohin hoechstens einmal ein Zug
gegen die Piraten unternommen wurde ^64, wird eher begreiflich, wenn ein
seemaechtiger und geordneter Staat diese Gewaesser beherrschte. Auch ausserhalb
ihres eigenen Meeres begegnen wir den Arabern des Jemen. Adane blieb bis in die
roemische Kaiserzeit hinein Stapelplatz des Verkehrs einerseits mit Indien,
andererseits mit Aegypten und gedieh trotz seiner eigenen unguenstigen Lage an
dem baumlosen Strand zu solcher Bluete, dass die Benennung des "gluecklichen
Arabien" zunaechst auf diese Stadt sich bezieht. Die Herrschaft, die in unseren
Tagen der Imam von Maskat im Suedosten der Halbinsel ueber die Inseln Sokotra
und Sansibar und die afrikanische Ostkueste vom Kap Guardafui suedlich ausgeuebt
hat, stand in vespasianischer Zeit "von alters her" den Fuersten Arabiens zu:
die Dioskorides-Insel, eben jenes Sokotra, gehorchte damals dem Koenig von
Hadramaut, Azania, das heisst die Kueste Somal und weiter suedlich einem der
Unterkoenige seines westlichen Nachbarn, des Koenigs der Homeriten. Die
suedlichste Station an der ostafrikanischen Kueste, von welcher die aegyptischen
Kaufleute wussten, Rhapta in der Gegend von Sansibar, pachteten von diesem
Scheich die Kaufleute von Muza, das ist ungefaehr das heutige Mocha, "und senden
dorthin ihre Handelsschiffe, meistens bemannt mit arabischen Kapitaenen und
Matrosen, welche mit den Eingeborenen zu verkehren gewohnt und oft durch Heirat
verknuepft und der Oertlichkeiten und der Landessprachen kundig sind". Die
Bodenkultur und die Industrie reichten dem Handel die Hand: in den vornehmen
Haeusern Indiens trank man neben dem italischen Falerner und dem syrischen
Laodikener auch arabischen Wein; und die Lanzen und die Schusterpfriemen, welche
die Eingeborenen der Kueste von Sansibar von den fremden Haendlern kauften,
waren Fabrikat von Muza. So ward diese Landschaft, die zudem viel verkaufte und
wenig kaufte, eine der reichsten der Welt.
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^59 Landeinwaerts liegt das uralte Teima, der Sohn Ismaels der Genesis, von
dem assyrischen Koenig Tiglatpilesar im achten Jahrhundert vor Chr. unter seinen
Eroberungen aufgezaehlt, von dem Propheten Jeremias zusammen mit Sidon genannt,
ein merkwuerdiger Knotenpunkt assyrischer, aegyptischer, arabischer Beziehungen,
dessen weitere Entfaltung, nachdem kuehne Reisende ihn erschlossen haben, wir
von der orientalischen Forschung erwarten duerfen. In Teima selbst fand
kuerzlich Euting aramaeische Inschriften aeltester Epoche (Noeldeke, SB Berlin
1884, S. 813 f.) Aus dem nicht weit entfernten Orte Medain-Salih (Hidjr) stammen
gewisse, den attischen nachgepraegte Muenzen, welche zum Teil die Eule der
Pallas durch dasjenige Goetterbild ersetzen, das die Aegypter bezeichnen als
Besa, den Herrn von Punt, das heisst von Arabien (Erman, Zeitschrift fuer
Numismatik 9, 1880, S. 296f.). Der ebendaselbst gefundenen nabataeischen
Inschriften wurde schon gedacht Nicht weit von da bei 'Ola (el-Ally) haben sich
Inschriften gefunden, die in der Schrift und in den Goetter- und Koenigsnamen
denen der suedarabischen Minaeer entsprechen und zeigen, dass diese hier,
sechzig Tagereisen von ihrer Heimat, aber auf der von Eratosthenes erwaehnten
Weihrauchstrasse von Minaea nach Aelana, eine bedeutende Station gehabt haben;
daneben andere eines verwandten, aber nicht identischen suedarabischen Stammes
(D. H. Mueller in den Berichten der Wiener Akademie vom 17. Dezember 1884). Die
minaeischen Inschriften gehoeren ohne Zweifel der vorroemischen Zeit an. Da bei
der Einziehung des nabataeischen Koenigreichs durch Traian diese Landstriche
aufgegeben wurden, so mag von da an ein anderer suedarabischer Stamm dort
geherrscht haben.
^60 Die an den Weihrauchhandel anknuepfenden Nachrichten bei Theophrastos
(+ 287 vor Chr.; hist. plant. 9, 4) und vollstaendiger bei Eratosthenes (t 194
vor Chr.; bei Strabon 16, 4, 2 p. 768) von den vier grossen Voelkerschaften der
Minaeer (Mamali Theophr.?) mit der Hauptstadt Karna; der Sabaeer (Saba Theophr.)
mit der Hauptstadt Mariaba; der Kattabanen (Kitibaena Theophr.) mit der
Hauptstadt Tamna; der Chatramotiten (Hadramyta Theophr.) mit der Hauptstadt
Sabata umschreiben eben den Kreis, aus dem das Homeritenreich sich entwickelt
hat, und bezeichnen seine Anfaenge. Die viel gesuchten Minaeer sind jetzt mit
Sicherheit nachgewiesen in Ma'in im Binnenland oberhalb Marib und Hadramaut, wo
Hunderte von Inschriften sich gefunden und schon nicht weniger als 26
Koenigsnamen ergeben haben. Mariaba heisst heute noch Marib. Die Landschaft
Chatramotitis oder Chatramitis ist Hadramaut.
^61 Die merkwuerdigen Reste dieses mit groesster Praezision und
Geschicklichkeit ausgefuehrten Bauwerks sind beschrieben von Arnaud (Journal
Asiatique, 7. serie, tome 3 a. 1874, S. 3 f. mit Plaenen; vgl. Ritter, Erdkunde,
Bd. 12, S. 861). Zu beiden Seiten des jetzt fast ganz verschwundenen Dammes
stehen je zwei aus Quadern aufgefuehrte Steinbauten von konischer, fast
zylindrischer Form, zwischen denen eine schmale Oeffnung fuer das aus dem Bassin
ausfliessende Wasser sich befindet; wenigstens auf der einen Seite fuehrt ein
mit Kieseln ausgelegter Kanal dasselbe an diese Pforte. Dieselbe war einstmals
mit uebereinander gesetzten Bohlen geschlossen, welche einzeln entfernt werden
konnten, um das Wasser nach Beduerfnis abzufuehren. Der eine dieser
Steinzylinder traegt die folgende Inschrift (nach der allerdings nicht in allen
Einzelheiten gesicherten Uebersetzung von D. H. Mueller, SB Wien 97, 1880, S.
965): "Jata'amar der Herrliche, Sohn des Samah'ali des Erhabenen, Fuerst von
Saba, liess den Balap[berg] durchstechen [und errichtete] den Schleusenbau,
genannt Rahab, zur leichteren Bewaesserung." Fuer die chronologische Fixierung
dieses und zahlreicher anderer Koenigsnamen der sabaeischen Inschriften fehlt es
an sicheren Anhaltspunkten. Der assyrische Koenig Sargon sagt in der Khorsabad-
Inschrift, nachdem er die Ueberwindung des Koenigs von Gaza, Hanno, im Jahre 716
vor Chr. erzaehlt hat: "ich empfing den Tribut des Pharao, des Koenigs von
Aegypten, der Schamsijja, der Koenigin von Arabien, und des Ithamara, des
Sabaeers: Gold, Kraeuter des Ostlandes, Sklaven, Pferde und Kamele" (Mueller, a.
a. O., S. 988; M. Duncker, Geschichte des Altertums. 5. Aufl. Berlin 1878-83.
Bd. 2, S. 327.
^62 Sallet in der Berliner Zeitschrift fuer Numismatik 8, 1881, S. 243. J.
H. Mordtmann in der Wiener numismatischen Zeitschrift 12, S. 289.
^63 Plinius (nat. 12, 14, 65) berechnet die Kosten einer Kamellast
Weihrauch auf dem Landweg von der arabischen Kueste bis nach Gaza auf 688 Denare
(= 600 Mark). "Auf der ganzen Strecke", sagt er, "ist zu zahlen fuer Futter und
Wasser und Unterkunft und fuer verschiedene Zoelle; dann fordern die Priester
gewisse Anteile und die Schreiber der Koenige; ausserdem erpressen die Wachen
und die Trabanten und die Leibwaechter und Diener; dazu kommen dann unsere
Reichszoelle." Bei dem Wassertransport fielen diese Zwischenkosten weg.
^64 Die Zuechtigung der Piraten berichtet Agatharchides bei Diod. 3, 43 und
Strab. 16, 4, 18 p. 777. Ezion Geber aber in Palaestina am aelanitischen
Meerbusen, /e/ n?n Berenik/e/ kaleitai (Ios. ant. Iud. 8, 6, 4), heisst sicher
so nicht von einer Aegypterin (J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus, Bd. 3,
2, S. 349), sondern von der Juedin des Tims.
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Wie weit die politische Entwicklung derselben mit der wirtschaftlichen
Schritt gehalten hatte, laesst sich fuer die vorroemische und die fruehere
Kaiserzeit nicht bestimmen; nur so viel scheint sowohl aus den Berichten der
Okzidentalen wie aus den einheimischen Inschriften sich zu ergeben, dass diese
Suedwestspitze Arabiens unter mehrere selbstaendige Herrscher mit Gebieten von
maessiger Groesse geteilt war. Es standen dort neben den am meisten
hervortretenden Sabaeern und Homeriten die schon genannten Chatramotiten in
Hadramaut und noerdlich im Binnenland die Minaeer, alle unter eigenen Fuersten.
Den Arabern Jemens gegenueber haben die Roemer die gerade entgegengesetzte
Politik befolgt wie gegenueber den Axomiten. Augustus, fuer den die
Nichterweiterung der Grenzen der Ausgangspunkt des Reichsregiments war, und der
die Eroberungsplaene seines Vaters und Meisters beinahe alle fallenliess, hat
eine Ausnahme mit der arabischen Suedwestkueste gemacht und ist hier nach freiem
Entschluss angreifend vorgegangen. Es geschah dies wegen der Stellung, welche
diese Voelkergruppe in dem indisch-aegyptischen Handelsverkehr damals einnahm.
Um die politisch und finanziell wichtigste Landschaft seines Herrschaftsgebiets
wirtschaftlich auf die Hoehe zu bringen, welche seine Vorherrschen herzustellen
versaeumt hatten oder hatten verfallen lassen, bedurfte er vor allem der
Gewinnung des Zwischenverkehrs zwischen Arabien und Indien einer- und Europa
andererseits. Der Nilweg konkurrierte seit langem erfolgreich mit den arabischen
und den Euphratstrassen; aber Aegypten spielte dabei, wie wir sahen, wenigstens
unter den spaeteren Lagiden eine untergeordnete Rolle. Nicht mit den Axomiten,
aber wohl mit den Arabern bestand Handelskonkurrenz; sollte der aegyptische
Verkehr aus einem passiven ein aktiver, aus einem indirekten ein direkter
werden, so mussten die Araber niedergeworfen werden; und dies ist es, was
Augustus gewollt und das roemische Regiment einigermassen auch erreicht hat.
Im sechsten Jahre seiner Regierung in Aegypten (Ende 729 25) entsandte
Augustus eine eigens fuer diese Expedition hergestellte Flotte von 80 Kriegs-
und 130 Transportschiffen und die Haelfte der aegyptischen Armee, ein Korps von
10000 Mann, ungerechnet die Zuzuege der beiden naechsten Klientelkoenige, des
Nabataeers Obodas und des Juden Herodes, gegen die Staaten der Jemen, um
dieselben entweder zu unterwerfen oder wenigstens zugrunde zu richten ^65,
woneben die dort aufgehaeuften Schaetze sicher auch in Rechnung kamen. Aber das
Unternehmen schlug vollstaendig fehl, und zwar durch die Unfaehigkeit des
Fuehrers, des damaligen Statthalters von Aegypten, Gaius Aelius Gallus ^66. Da
auf die Besetzung und den Besitz der oeden Kueste von Leuke Kome abwaerts bis an
die Grenze des feindlichen Gebiets gar nichts ankam, so musste die Expedition
unmittelbar gegen dieses gerichtet und aus dem suedlichsten aegyptischen Hafen
die Armee sofort in das glueckliche Arabien gefuehrt werden ^67. Stattdessen
wurde die Flotte in dem noerdlichsten, dem von Arsinoe (Suez) fertiggestellt und
das Heer in Leuke Kome ans Land gesetzt, gleich als waere es darauf angekommen,
die Fahrt der Flotte und den Marsch der Truppen moeglichst zu verlaengern.
Ueberdies waren die Kriegsschiffe ueberfluessig, da die Araber keine
Kriegsflotte besassen, die roemischen Seeleute mit der Fahrt an der arabischen
Kueste unbekannt und die Fahrzeuge, obwohl besonders fuer diese Expedition
gebaut, fuer ihre Bestimmung ungeeignet. Die Piloten fanden sich nicht zurecht
zwischen den Untiefen und Klippen, und schon die Fahrt auf den roemischen
Gewaessern von Arsinoe nach Leuke Kome kostete viele Schiffe und Leute. Hier
wurde ueberwintert; im Fruehjahr 730 (24) begann der Zug in Feindesland. Die
Araber hinderten ihn nicht, aber wohl Arabien. Wo einmal die Doppelaexte und die
Schleudern und Bogen mit dem Pilum und dem Schwert zusammenstiessen, stoben die
Eingeborenen auseinander wie die Spreu vor dem Winde; aber die Krankheiten, die
im Lande endemisch sind, der Skorbut, der Aussatz, die Gliederlaehmung
dezimierten die Soldaten aerger als die blutigste Schlacht, und um so mehr, als
der Feldherr es nicht verstand, die schwerfaellige Heermasse rasch vorwaerts zu
bringen. Dennoch gelangte die roemische Armee bis vor die Mauern der Hauptstadt
der zunaechst von dem Angriff betroffenen Sabaeer, Mariaba. Aber da die
Einwohner die Tore ihrer maechtigen, heute noch stehenden Mauern ^68 schlossen
und energische Gegenwehr leisteten, verzweifelte der roemische Feldherr an der
Loesung der ihm gestellten Aufgabe und trat, nachdem er sechs Tage vor der Stadt
gelegen hatte, den Rueckzug an, den die Araber kaum ernstlich stoerten und der
im Drang der Not, freilich unter schlimmer Einbusse an Mannschaften,
verhaeltnismaessig schnell gelang.
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^65 Dies (prosoikeio?sthai to?toys - to?s Arabas - /e/ katastrephesthai:
Strab. 16, 4, 22 p. 780; ei m/e/ o Syllaios ayton - ton Gallon - proydidoy, kan
katestrepsato t/e/n Eydaimona pasan: ders. 17, 1, 53 p. 819) war der eigentliche
Zweck der Expedition, obwohl auch die Hoffnung auf die fuer das Aerarium eben
damals sehr willkommene Beute ausdruecklich erwaehnt wird.
^66 Der Bericht Strabons (16, 4, 22 f. p. 780) ueber die arabische
Expedition seines "Freundes" Gallus (philos amin kai etairos Strab. 2, 5, 12 p.
118), in dessen Gefolge er Aegypten bereiste, ist zwar zuverlaessig und ehrlich
wie alle seine Meldungen, aber augenscheinlich von diesem Freunde ohne jede
Kritik uebernommen. Die Schlacht, in der 10000 Feinde und zwei Roemer fielen,
und die Gesamtzahl der in diesem Feldzug Gefallenen, welche sieben ist, richten
sich selbst; aber nicht besser ist der Versuch, den Misserfolg auf den
nabataeischen Wesir Syllaeos abzuwaelzen durch einen "Verrat", wie er
geschlagenen Generalen gelaeufig ist. Allerdings eignete sich dieser insofern
zum Suendenbock, als er einige Jahre nachher auf Betreiben des Herodes von
Augustus in Untersuchung gezogen und verurteilt und hingerichtet ward (Ios. ant.
Iud. 16, 10); aber obwohl wir den Bericht des Agenten besitzen, der diese Sache
fuer Herodes in Rom gefuehrt hat, ist darin von diesem Verrat kein Wort zu
finden. Dass Syllaeos die Absicht gehabt haben soll, erst die Araber durch die
Roemer und dann diese selbst zugrunde zu richten, wie Strabo "meint", ist bei
der Stellung der Klientelstaaten Roms geradezu unvernuenftig. Eher liesse sich
denken, dass Syllaeos der Expedition deshalb abgeneigt war, weil der
Handelsverkehr durch das Nabataeerland durch sie beeintraechtigt werden konnte.
Aber den arabischen Minister deswegen des Verrats zu beschuldigen, weil die
roemischen Fahrzeuge fuer die arabische Kuestenfahrt ungeeignet waren oder weil
das roemische Heer genoetigt war, das Wasser auf Kamelen mitzufuehren, Durra und
Datteln statt Brot und Fleisch, Butter statt oel zu essen; als Entschuldigung
dafuer, dass auf die bei dem Rueckmarsch in 60 Tagen zurueckgelegte Strecke fuer
den Hinmarsch 180 verwendet wurden, die betruegerische Wegweisung vorzufuehren;
endlich die vollkommen richtige Bemerkung des Syllaeos, dass ein Landmarsch von
Arsinoe nach Leuke Kome untunlich sei, damit zu kritisieren, dass von da nach
Petra eine Karawanenstrasse gehe, zeigt nur, was ein vornehmer Roemer einem
griechischen Literaten aufzubinden vermochte.
^67 Die schaerfste Kritik des Feldzugs gibt die Auseinandersetzung des
aegyptischen Kaufmanns ueber die Zustaende auf der arabischen Kueste von Leuke
Kome (el-Haura, noerdlich von Janbo, der Hafenstadt von Medina) bis zur
Katakekaumene-Insel (Djebel Tair bei Lohaia). "Verschiedene Voelker bewohnen
sie, die teils etwas, teils voellig verschiedene Sprachen reden. Die Bewohner
der Kueste leben in Huerden wie die 'Fischesser' auf dem entgegengesetzten Ufer"
(diese Huerden beschreibt er c. 2 als vereinzelt liegend und in die Felsspalten,
eingebaut), "die des Binnenlandes in Doerfern und Weidegemeinschaften; es sind
boesartige zwiesprachige Menschen, welche die aus der Fahrstrasse verschlagenen
Seefahrer pluendern und die Schiffbruechigen in die Sklaverei schleppen. Deshalb
wird von den Unter- und den Oberkoenigen Arabiens bestaendig auf sie Jagd
gemacht; sie heissen Kanraiten (oder Kassaviten). ueberhaupt ist die Schiffahrt
an dieser ganzen Kueste gefaehrlich, der Strand hafenlos und unzugaenglich, von
boeser Brandung, klippig und ueberhaupt sehr schlimm. Darum halten wir, wenn wir
in diese Gewaesser einfahren, uns in der Mitte und eilen, in das arabische
Gebiet zu kommen zur Insel Katakekaumene; von da an sind die Bewohner gastlich
und begegnen zahlreiche Herden von Schafen und Kamelen." Dieselbe Gegend
zwischen der roemischen und der homeritischen Grenze und dieselben Zustaende hat
auch der axomitische Koenig im Sinn, wenn er schreibt: peran de t/e/s erythras
thalass/e/s oiko?ntas Arrabitas kai Kinaidokolpitas (vgl. Ptol. geogr. 6, 7,
20), srateyma naytikon kai pezikon diapempsamenos kai ypotaxas ayt/o/n to?s
basileias, phoroys t/e/s g/e/s telein ekelysa kai ode?esthai met' eir/e/n/e/s
kai pleesthai, apo te Deyk/e/s k/o/m/e/s e/o/s t/o/n Sabai/o/n ch/o/ras
epolem/e/sa.
^68 Diese Mauern, von Bruchstein erbaut, bilden einen Kreis von einer
Viertelstunde im Durchmesser. Sie sind beschrieben von Arnaud, a. a. O. (vgl.
Anm. 61).
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Es war ein uebler Misserfolg; aber Augustus gab die Eroberung Arabiens
nicht auf. Es ist schon erzaehlt worden, dass die Orientfahrt, die der Kronprinz
Gaius im Jahre 753 antrat, in Arabien endigen sollte; es war diesmal im Plan,
nach der Unterwerfung Armeniens im Einverstaendnis mit der parthischen
Regierung, oder noetigenfalls nach Niederwerfung ihrer Armeen, an die
Euphratmuendung zu gelangen und von da aus den Seeweg, den einst der Admiral
Nearchos fuer Alexander erkundet hatte, nach dem gluecklichen Arabien zu nehmen
^69. In anderer, aber nicht minder ungluecklicher Weise endigten diese
Hoffnungen durch den parthischen Pfeil, der den Kronprinzen vor den Mauern von
Artageira traf. Mit ihm ward der arabische Eroberungsplan fuer alle Zukunft
begraben. Die grosse Halbinsel ist in der ganzen Kaiserzeit, abgesehen von dem
noerdlichen und nordwestlichen Kuestenstriche, in derjenigen Freiheit
verblieben, aus welcher seinerzeit der Henker des Hellenentums, der Islam
hervorgehen sollte.
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^69 Dass die orientalische Expedition des Gaius zum Endziel Arabien hatte,
sagt Plinius (namentlich nat. 12, 14, 55, 56; vgl. 2, 67, 168; 6, 27, 141; c.
28, 160; 32, 1, 10) ausdruecklich. Dass sie von der Euphratmuendung ausgehen
sollte, folgt daraus, dass die Expedition nach Armenien und Verhandlungen mit
der parthischen Regierung ihr vorausgingen. Darum lagen auch den Kollektaneen
Jubas ueber die bevorstehende Expedition die Berichte der Feldherren Alexanders
ueber ihre Erkundung Arabiens zu Grunde.
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Aber gebrochen ward der arabische Handel allerdings, teils durch die
weiterhin zu eroerternden Massregeln der roemischen Regierung zum Schutz der
aegyptischen Schiffahrt, teils durch einen gegen den Hauptstapelplatz des
indisch-arabischen Verkehrs von den Roemern gefuehrten Schlag. Sei es unter
Augustus selbst, moeglicherweise bei den Vorbereitungen zu der von Gaius
auszufuehrenden Invasion, sei es unter einem seiner naechsten Nachfolger, es
erschien eine roemische Flotte vor Adane und zerstoerte den Platz; in Vespasians
Zeit war er ein Dorf und seine Bluete vorueber. Wir kennen nur die nackte
Tatsache ^70, aber sie spricht fuer sich selber. Ein Seitenstueck zu der
Zerstoerung Korinths und Karthagos durch die Republik, hat sie wie diese ihren
Zweck erreicht und dem roemisch-aegyptischen Handel die Suprematie im Arabischen
Meerbusen und im Indischen Meere gesichert.
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^70 Die einzige Kunde von dieser merkwuerdigen Expedition hat der
aegyptische Kapitaen aufbewahrt der um das Jahr 75 die Fahrt an den Kuesten des
Roten Meeres beschrieben hat. Er kennt (c. 26) das Adane der Spaeteren, das
heutige Aden, als ein Dorf an der Kueste (k/o/m/e/ parathalassios), das zum
Reiche des Koenigs der Homeriten Charibael gehoert, aber frueher eine bluehende
Stadt war und davon heisst (eydaim/o/n d' epekl/e/th/e/ proteron o?sa polis),
weil vor der Einrichtung des unmittelbaren indisch-aegyptischen Verkehrs dieser
Ort als Stapelplatz diente: n?n de oy pro pollo? t/o/n /e/meter/o/n chron/o/n
Kaisar ayt/e/n katestrepsato. Das letzte Wort kann hier nur "zerstoeren"
heissen, nicht, wie haeufiger, "unterwerfen", weil die Umwandlung der Stadt in
ein Dorf motiviert werden soll. Fuer Kaisar hat Schwanbeck (Rheinisches Museum
N. F. 7, 1848, S. 353) CHariba/e/l, C. Moeller Ilasar (wegen Strab. 16, 4, 21 p.
782) vorgeschlagen; beides ist nicht moeglich, dieses nicht, weil dieser
arabische Dynast in einem weit entlegenen Distrikt herrschte, auch unmoeglich
als bekannt vorausgesetzt werden konnte, jenes nicht, weil Charibael Zeitgenosse
des Schreibers war und hier ein vor der Zeit desselben vorgefallenes Ereignis
berichtet wird. An der Ueberlieferung wird man nicht Anstoss nehmen, wenn man
ueberlegt, welches Interesse die Roemer daran haben mussten, den arabischen
Stapelplatz zwischen Indien und Aegypten zu beseitigen und den direkten Verkehr
herbeizufuehren. Dass die roemischen Berichte von diesem Vorgang schweigen, ist
ihrem Wesen angemessen; die Expedition, welche ohne Zweifel durch eine
aegyptische Flotte ausgefuehrt ward und lediglich in der Zerstoerung eines
vermutlich wehrlosen Kuestenplatzes bestand, wird vermutlich von keinem Belang
gewesen sein; um den grossen Handelsverkehr haben die Annalisten sich nie
gekuemmert, und ueberhaupt sind die Vorgaenge in Aegypten noch weniger als die
in den andern kaiserlichen Provinzen zur Kenntnis des Senats und damit der
Annalisten gekommen. Die nackte Bezeichnung Kaisar, wobei nach Lage der Sache
der damals regierende ausgeschlossen ist, erklaert sich wohl daraus, dass der
berichtende Kapitaen wohl die Tatsache der Zerstoerung durch die Roemer, aber
Zeit und Urheber nicht kannte.
Moeglich ist es, dass hierauf die Notiz bei Plinius (nat. 2, 67, 168) zu
beziehen ist: maiorem (oceana) partem et orientis victoriae magni Alexandri
lustravere usque in Arabicum sinum, in quo res gerente C. Caesare Aug. f. signa
navium ex Hispaniensibus naufragiis feruntur agnita. Gaius kam nicht nach
Arabien (Plin. nat. 6, 28, 160); aber recht wohl kann waehrend der armenischen
Expedition von Aegypten aus ein roemisches Geschwader von einem seiner
Unterbefehlshaber an diese Kueste gefuehrt worden sein, um die Hauptexpedition
vorzubereiten. Dass darueber sonst Stillschweigen herrscht, kann auch nicht
befremden. Die arabische Expedition des Gaius war so feierlich angekuendigt und
dann in so uebler Weise aufgegeben worden, dass loyale Berichterstatter alle
Ursache hatten, eine Tatsache zu verwischen, die nicht wohl erwaehnt werden
konnte, ohne auch das Scheitern des groesseren Planes zu berichten.
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Indes die Bluete des gesegneten Landes von Jemen war zu fest begruendet, um
diesem Schlag zu erliegen; politisch hat es sogar vielleicht erst in dieser
Epoche sich straffer zusammengefasst. Mariaba war, als die Waffen des Gallus an
seinen Mauern scheiterten, vielleicht nicht mehr als die Hauptstadt der Sabaeer;
aber schon damals war die Voelkerschaft der Homeriten, deren Hauptstadt Sapphar
etwas suedlich von Mariaba auch im Binnenland liegt, die staerkste des
gluecklichen Arabiens. Ein Jahrhundert spaeter finden wir beide vereinigt unter
einem in Sapphar regierenden Koenig der Homeriten und der Sabaeer, dessen
Herrschaft bis Mocha und Aden und, wie schon gesagt ward, ueber die Insel
Sokotra und die Kueste von Somal und Sansibar sich erstreckt; und wenigstens von
dieser Zeit an kann von einem Reich der Homeriten die Rede sein. Die Wuestenei
noerdlich von Mariaba bis zur roemischen Grenze gehoerte damals nicht dazu und
stand ueberhaupt unter keiner geordneten Gewalt ^71; die Fuerstentuemer der
Minaeer und der Chatramotiten blieben auch ferner unter eigenen Landesherren.
Die oestliche Haelfte Arabiens hat bestaendig einen Teil des Persischen Reiches
gebildet und niemals unter dem Szepter der Beherrscher des gluecklichen Arabien
gestanden. Auch jetzt also waren die Grenzen enge und sind es wohl geblieben; es
ist wenig ueber die weitere Entwicklung der Verhaeltnisse bekannt ^72. In der
Mitte des 4. Jahrhunderts war das Reich der Homeriten mit dem der Axomiten
vereinigt und wurde von Axomis aus beherrscht ^73, welche Untertaenigkeit indes
spaeterhin sich wieder geloest hat. Sowohl das Reich der Homeriten wie das
vereinigte axomitisch-homeritische stand als unabhaengiger Staat in der
spaeteren Kaiserzeit mit Rom in Verkehr und Vertrag.
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^71 Der aegyptische Kaufmann unterscheidet den enthesmos basile?s der
Homeriten (c. 23) scharf von den t?rannoi, den bald unter ihm stehenden, bald
unabhaengigen (c. 14) Stammhaeuptern, und ebenso scharf diese geordneten
Zustaende von der Rechtlosigkeit der Wuestenbewohner (c. 2). Wenn Strabon und
Tacitus fuer diese Dinge so offene Augen gehabt haetten wie jener praktische
Mann, so wuessten wir etwas mehr vom Altertum.
^72 Der Krieg des Macrinus gegen die Arabes eudaemones (vita 12) und die an
Aurelian geschickten Boten derselben (vita 33), die neben denen der Axomiten
genannt werden, wuerden deren damals fortdauernde Selbstaendigkeit beweisen,
wenn auf diese Angaben Verlass waere.
^73 Der Koenig nennt sich um das Jahr 356 (Anm. 58) in einer Urkunde (CIG
5128) basile?s Ax/o/mit/o/n kai Om/e/rit/o/n kai to? Raeidan (Schloss in
Sapphar, der Hauptstadt der Homeriten: Dillmann, Abhandlungen der Berliner
Akademie, 1878, S. 207) . . . kai Sabaeit/o/n kai to? Sile/e/ (Schloss in
Mariaba, der Hauptstadt der Sabaeer: Dillmann a. a. O.). Dazu stimmt die
gleichzeitige Sendung von Gesandten ad gentem Axumitarum et Homerita[rum] (Cod.
Theod. 12, 12, 2). Ueber die spaeteren Verhaeltnisse vgl. besonders Nonnosus
(FEIG 4 p. 179 Mueller) und Prok. Pers. 1, 20.
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In dem Handel und der Schiffahrt haben die Araber des Suedwestens der
Halbinsel auch spaeter noch, wenn nicht mehr den Platz der Vormacht, doch die
ganze Kaiserzeit hindurch eine hervorragende Stelle eingenommen. Nach der
Zerstoerung von Adane ist Muza die Handelsmetropole dieser Landschaft geworden.
Noch fuer die vespasianische Zeit trifft die frueher gegebene Darstellung im
wesentlichen zu. Der Ort wird uns in dieser Zeit geschildert als ausschliesslich
arabisch, bewohnt von Reedern und Seeleuten und voll ruehrigen kaufmaennischen
Treibens; mit ihren eigenen Schiffen befahren die Muzaiten die ganze
afrikanische Ost- und die indische Westkueste und verfrachten nicht bloss die
Waren des eigenen Landes, sondern bringen auch die nach orientalischem Geschmack
in den Fabriken des Okzidents gefertigten Purpurstoffe und Goldstickereien und
die feinen Weine Syriens und Italiens den Orientalen, hinwiederum den
Westlaendern die edlen Waren des Ostens. In dem Weihrauch und den sonstigen
Aromen muessen Muza und das Emporium des benachbarten Reiches von Hadramaut,
Kane, oestlich von Aden, eine Art tatsaechlichen Monopols immer behalten haben;
erzeugt wurde diese im Altertum sehr viel mehr als heute gebrauchte Ware wie auf
der suedlichen arabischen, so auch auf der afrikanischen Kueste von Adulis bis
zum "Vorgebirge der Arome", dem Kap Guardafui, aber von hier holten sie die
Kaufleute von Muza, und sie brachten sie in den Welthandel. Auf der schon
erwaehnten Dioskorides-Insel war eine gemeinschaftliche Handelsniederlassung der
drei grossen seefahrenden Nationen dieser Meere, der Hellenen, das heisst der
Aegypter, der Araber und der Inder. Von Beziehungen aber zum Hellenismus, wie
wir sie auf der gegenueberliegenden Kueste bei den Axomiten fanden, begegnet im
Lande Jemen keine Spur; wenn die Muenzpraegung durch okzidentalische Stempel
bestimmt ist, so waren diese eben im ganzen Orient gangbar. Sonst haben sich
Schrift und Sprache und Kunstuebung, soweit wir zu urteilen vermoegen, hier
ebenso selbstaendig entwickelt wie Handel und Schiffahrt, und sicher ist es
dadurch mit bewirkt worden, dass die Axomiten, waehrend sie politisch die
Homeriten sich unterwarfen, spaeter aus der hellenischen Bahn in die arabische
zuruecklenkten.
In dem gleichen Sinn wie fuer die Beziehungen zu dem suedlichen Afrika und
zu den arabischen Staaten und in erfreulicherer Weise ist in Aegypten selbst
fuer die Wege des Handelsverkehrs zunaechst von Augustus und ohne Zweifel von
allen verstaendigen Regenten gesorgt worden. Das von den frueheren Ptolemaeern
auf den Spuren der Pharaonen eingerichtete Strassen- und Hafensystem war, wie
die gesamte Verwaltung, in den Wirren der letzten Lagidenzeit arg
heruntergekommen. Es wird nicht ausdruecklich gemeldet, dass Augustus die Land-
und die Wasserwege und die Haefen Aegyptens wieder instand gesetzt hat; aber
dass es geschehen, ist darum nicht minder gewiss. Koptos ist die ganze
Kaiserzeit hindurch der Knotenpunkt dieses Verkehrs geblieben ^74. Aus einer
kuerzlich aufgefundenen Urkunde hat sich ergeben, dass in der ersten Kaiserzeit
die beiden von danach den Haefen von Myos Hormos und von Berenike fuehrenden
Strassen durch die roemischen Soldaten repariert und an den geeigneten Stellen
mit den erforderlichen Zisternen versehen worden sind ^75. Der Kanal, der das
Rote Meer mit dem Nil und also mit dem Mittellaendischen Meer verband, ist auch
in roemischer Zeit nur in zweiter Reihe, hauptsaechlich vielleicht fuer den
Transport der Marmor- und Porphyrbloecke von der aegyptischen Ostkueste an das
Mittelmeer benutzt worden; aber fahrbar blieb er durch die ganze Kaiserzeit.
Kaiser Traianus hat ihn erneuert und wohl auch erweitert - vielleicht ist er es
gewesen, der ihn mit dem noch ungeteilten Nil bei Babylon (unweit Kairo) in
Verbindung gesetzt und dadurch seine Wassermenge verstaerkt hat - und ihm den
Namen des Traianus- oder des Kaiserflusses (Augustus amnis) beigelegt, von
welchem in spaeterer Zeit dieser Teil Aegyptens benannt wurde (Augustamnica).
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^74 Aristeides (or. 48 p. 485 Dind.) nennt Koptos den indischen und
arabischen Stapelplatz. In dem Roman des Ephesiers Xenophon (4, 1) begeben sich
die syrischen Raeuber nach Koptos; "denn dort passieren eine Menge von
Kaufleuten durch, die nach Aethiopien und Indien reisen."
^75 Spaeter legte Hadrian die "neue Hadriansstrasse" an, welche von seiner
Antinoosstadt bei Hermopolis, wahrscheinlich durch die Wueste nach Myos Hormos
und von Myos Hormos am Meer hin, nach Berenike fuehrte, und versah sie mit
Zisternen, Quartieren (stathmoi) und Kastellen (Inschrift: Revue archiologique
N. S. 21, 1870, S. 314). Indes ist von dieser Strasse nachher nicht die Rede,
und es fragt sich, ob sie Bestand gehabt hat.
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Auch fuer die Unterdrueckung der Piraterie auf dem Roten und dem Indischen
Meer ist Augustus ernstlich taetig gewesen; die Aegypter dankten es ihm noch
lange nach seinem Tode, dass durch ihn die Piratensegel vom Meer verschwanden
und den Handelsschiffen wichen. Freilich geschah dafuer bei weitem nicht genug.
Dass die Regierung in diesen Gewaessern wohl von Zeit zu Zeit Schiffsgeschwader
in Taetigkeit setzte, aber eine staendige Kriegsflotte nicht daselbst
stationierte; dass die roemischen Kauffahrer regelmaessig im Indischen Meer
Schuetzen an Bord nahmen, um die Angriffe der Piraten abzuweisen, wuerde
befremden, wenn nicht die relative Gleichgueltigkeit gegen die Unsicherheit der
Meere ueberall, hier so gut wie an der belgischen Kueste und an denen des
Schwarzen Meeres, wie eine Erbsuende dem roemischen Kaiserregiment oder vielmehr
dem roemischen Regiment ueberhaupt anhaftete. Freilich waren die Regierungen von
Axomis und von Sapphar durch ihre geographische Lage noch mehr als die Roemer in
Berenike und Leuke Kome dazu berufen, der Piraterie zu steuern, und es mag
diesem Umstand mit zuzuschreiben sein, dass die Roemer mit diesen teils
schwaecheren, teils unentbehrlichen Nachbarn im ganzen in gutem Einvernehmen
geblieben sind.
Dass der Seeverkehr Aegyptens, wenn nicht mit Adulis, so doch mit Arabien
und Indien in derjenigen Epoche, welche der Roemerherrschaft unmittelbar
vorherging, in der Hauptsache nicht durch die Aegypter vermittelt ward, ist
frueher gezeigt worden. Den grossen Seeverkehr nach Osten erhielt Aegypten erst
durch die Roemer. "Nicht zwanzig aegyptische Schiffe im Jahr", sagt ein
Zeitgenosse des Augustus, "wagten unter den Ptolemaeern sich aus dem Arabischen
Golf hinaus; jetzt fahren jaehrlich 120 Kauffahrer allein aus dem Hafen von Myos
Hormos nach Indien." Der Handelsgewinn, den der roemische Kaufmann bis dahin mit
dem persischen oder arabischen Zwischenhaendler hatte teilen muessen, floss seit
der Eroeffnung der direkten Verbindung mit dem ferneren Osten ihm in seinem
ganzen Umfang zu. Dies ist wahrscheinlich zunaechst dadurch erreicht worden,
dass den arabischen und indischen Fahrzeugen die aegyptischen Haefen wenn nicht
geradezu gesperrt, so doch durch Differenzialzoelle tatsaechlich geschlossen
wurden ^76; nur durch die Voraussetzung einer solchen Navigationsakte zu Gunsten
der eigenen Schiffahrt konnte diese ploetzliche Umgestaltung der
Handelsverhaeltnisse herbeigefuehrt werden. Aber der Verkehr wurde nicht bloss
gewaltsam aus einem passiven in einen aktiven umgewandelt; er wurde auch absolut
gesteigert, teils infolge der vermehrten Nachfrage im Okzident nach den Waren
des Ostens, teils auf Kosten der uebrigen Verkehrsstrassen durch Arabien und
Syrien. Fuer den arabischen und den indischen Handel mit dem Okzident erwies
sich der Weg ueber Aegypten mehr und mehr als der kuerzeste und der billigste.
Der Weihrauch, der in aelterer Zeit grossenteils auf dem Landweg durch das
innere Arabien nach Gaza ging, kam spaeterhin meistens zu Wasser ueber Aegypten.
Einen neuen Aufschwung nahm um die Zeit Neros der indische Verkehr, indem ein
kundiger und mutiger aegyptischer Kapitaen, Hippalos, es wagte, statt an der
langgestreckten Kueste hin vielmehr vom Ausgang des Arabischen Golfs durch das
offene Meer geradewegs nach Indien zu steuern; er kannte den Monsun, den seitdem
die Schiffer, die nach ihm diese Strasse befuhren, den Hippalos nannten. Seitdem
war die Fahrt nicht bloss wesentlich kuerzer, sondern auch den Land- und den
Seepiraten weniger ausgesetzt. In welchem Umfang der sichere Friedensstand und
der zunehmende Luxus den Verbrauch orientalischer Waren im Okzident steigerte,
lassen einigermassen die Klagen erkennen, welche in der Zeit Vespasians laut
wurden ueber die ungeheuren Summen, welche dafuer aus dem Reiche hinausgingen.
Den Gesamtbetrag der jaehrlich den Arabern und den Indern gezahlten Kaufgelder
schlaegt Plinius auf 100 (= 22 Mill. Mark), fuer Arabien allein auf 55 Mill.
Sesterzen (= 12 Mill. Mark) an, wovon freilich ein Teil durch Warenexport
gedeckt ward. Die Araber und die Inder kauften wohl die Metalle des Okzidents,
Eisen, Kupfer, Blei, Zinn, Arsenik, die frueher erwaehnten aegyptischen Artikel,
den Wein, den Purpur, das Gold- und Silbergeraet, auch Edelsteine, Korallen,
Krokusbalsam; aber sie hatten dem fremden Luxus immer weit mehr zu bieten, als
fuer ihren eigenen zu empfangen. Daher ging nach den grossen arabischen und
indischen Emporien das roemische Gold- und Silbergeld in ansehnlichen
Quantitaeten. In Indien hatte dasselbe schon unter Vespasian sich so
eingebuergert, dass man es mit Vorteil dort ausgab. Von diesem orientalischen
Verkehr kam der groesste Teil auf Aegypten; und wenn die Steigerung des Verkehrs
durch die vermehrten Zolleinnahmen der Regierungskasse zugute kam, so hob die
Noetigung zu eigenem Schiffbau und eigener Kauffahrt den Wohlstand der Privaten.
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^76 Ausdruecklich gesagt wird dies nirgends, aber es geht deutlich aus dem
Periplus des Aegypters hervor. Er spricht an zahlreichen Stellen von dem Verkehr
des nicht roemischen Afrika mit Arabien (c. 7. 8) und umgekehrt der Araber mit
dem nicht roemischen Afrika (c. 17. 21. 31; danach Ptol. geogr. 1, 17, 6) und
mit Persien (c. 27. 33) und Indien (c. 21. 27. 49); ebenso von dem der Perser
mit Indien (c. 36) so wie der indischen Kauffahrer mit dem nicht roemischen
Afrika (c. 14. 31. 32) und mit Persien (c. 36) und Arabien (c. 32). Aber mit
keinem Worte deutet er an, dass diese fremden Kaufleute auch nach Berenike, Myos
Hormos, Leuke Kome kaemen; ja wenn er bei dem wichtigsten Handelsplatz dieses
ganzen Kreises, bei Muza bemerkt, dass diese Kaufleute mit ihren eigenen
Schiffen nach der afrikanischen Kueste ausserhalb der Strasse Bab el Mandeb
(denn das ist ihm to peran) und nach Indien fahren, so kann Aegypten unmoeglich
zufaellig fehlen.
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Waehrend also die roemische Regierung ihre Herrschaft in Aegypten auf den
engen Raum beschraenkte, den die Schiffbarkeit des Nils abgrenzt, und sei es nun
in Kleinmut oder in Weisheit, auf jeden Fall mit folgerichtiger Energie weder
Nubien noch Arabien jemals zu erobern versuchte, erstrebte sie mit gleicher
Energie den Besitz des arabischen und des indischen Grossverkehrs und erreichte
wenigstens eine bedeutende Beschraenkung der Konkurrenten. Die ruecksichtslose
Verfolgung der Handelsinteressen bezeichnet wie die Politik der Republik so
nicht minder, und vor allem in Aegypten, die des Prinzipats.
Wie weit ueberhaupt gegen Osten der direkte roemische Seeverkehr gegangen
ist, laesst sich nur annaehernd bestimmen. Zunaechst nahm er die Richtung auf
Barygaza (Barotsch am Meerbusen von Cambay, oberhalb Bombay), welcher grosse
Handelsplatz durch die ganze Kaiserzeit der Mittelpunkt des aegyptisch-indischen
Verkehrs geblieben sein wird; mehrere Orte auf der Halbinsel Gudjarat fuehren
bei den Griechen griechische Benennungen, wie Naustathmos und Theophila. In der
flavischen Zeit, in welcher die Monsunfahrten schon stehend geworden waren, ist
die ganze Westkueste Vorderindiens den roemischen Kaufleuten erschlossen bis
hinab zu der Kueste von Malabar, der Heimat des hoch geschaetzten und teuer
bezahlten Pfeffers, dessen wegen sie die Haefen von Muziris (wahrscheinlich
Mangaluru) und Nelkynda (indisch wohl Nilakantha, von einem der Beinamen des
Gottes Schiwa; wahrscheinlich das heutige Nileswara) besuchten; etwas weiter
suedlich bei Kananor haben sich zahlreiche roemische Goldmuenzen der julisch-
claudischen Epoche gefunden, einst eingetauscht gegen die fuer die roemischen
Kuechen bestimmten Gewuerze. Auf der Insel Salike, der Taprobane der aelteren
griechischen Schiffer, dem heutigen Ceylon, hatte in Claudius' Zeit ein
roemischer Angestellter, der von der arabischen Kueste durch Stuerme dorthin
verschlagen worden war, freundliche Aufnahme bei dem Landesherrn gefunden, und
es hatte dieser, verwundert, wie der Bericht sagt, ueber das gleichmaessige
Gewicht der roemischen Muenzstuecke trotz der Verschiedenheit der Kaiserkoepfe,
mit dem Schiffbruechigen zugleich Gesandte an seinen roemischen Kollegen
geschickt. Dadurch erweiterte sich zunaechst nur der Kreis der geographischen
Kunde; erst spaeter, wie es scheint, wurde die Schiffahrt bis nach jener grossen
und produktenreichen Insel ausgedehnt, auf der auch mehrfach roemische Muenzen
zum Vorschein gekommen sind. Aber ueber das Kap Komorin und Ceylon gehen die
Muenzfunde nur ausnahmsweise hinaus ^77, und schwerlich hat auch nur die Kueste
von Kornmandel und die Gangesmuendung, geschweige denn die hinterindische
Halbinsel und China staendigen Handelsverkehr mit den Okzidentalen unterhalten.
Die chinesische Seide ist allerdings schon frueh regelmaessig nach dem Westen
vertrieben worden, aber, wie es scheint, ausschliesslich auf dem Landweg und
durch Vermittlung teils der Inder von Barygaza, teils und vornehmlich der
Parther: die Seidenleute oder die Serer (von dem chinesischen Namen der Seide,
Ser) der Okzidentalen sind die Bewohner des Tarim-Beckens, nordwestlich von
Tibet, wohin die Chinesen ihre Seide brachten, und auch den Verkehr dorthin
hueteten eifersuechtig die parthischen Zwischenhaendler. Zur See sind allerdings
einzelne Schiffer zufaellig oder erkundend wenigstens an die hinterindische
Ostkueste und vielleicht noch weiter gelangt; der im Anfang des zweiten
Jahrhunderts n. Chr. den Roemern bekannte Hafenplatz Kattigara ist eine der
chinesischen Kuestenstaedte, vielleicht Hang-tschau-fu an der Muendung des Yang-
tse-kiang. Der Bericht der chinesischen Annalen, dass im Jahre 166 n. Chr. eine
Gesandtschaft des Kaisers An-tun von Ta- (das ist Gross) Tsin (Rom) in Ji-Nan
(Tongking) gelandet und von da auf dem Landweg in die Hauptstadt Lo-yang (oder
Ho-nan-fu am mittleren Hoang-ho) zum Kaiser Hwan-ti gelangt sei, mag mit Recht
auf Rom und den Kaiser Marcus Antoninus bezogen werden. Indes dieser Vorfall und
was die chinesischen Quellen von aehnlichem Auftreten der Roemer in ihrem Lande
im Lauf des 3. Jahrhunderts melden, wird kaum von oeffentlichen Sendungen
verstanden werden koennen, da hierueber roemische Angaben schwerlich fehlen
wuerden; wohl aber moegen einzelne Kapitaene dem chinesischen Hof als Boten
ihrer Regierung gegolten haben. Bemerkbare Folgen haben diese Verbindungen nur
insofern gehabt, als ueber die Gewinnung der Seide die frueheren Maerchen
allmaehlich besserer Kunde wichen.
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^77 In Bamanghati (Distrikt Singhbhum) westlich von Kalkutta soll ein
grosser Schatz Goldmuenzen roemischer Kaiser (genannt werden Gordian und
Konstantin) zum Vorschein gekommen sein (Beglar bei A. Cunningham,
Archaeological survey of India, Bd. 13, S. 72); aber ein solcher vereinzelter
Fund beweist nicht, dass der staendige Verkehr sich so weit erstreckt hat. Im
noerdlichen China in der Provinz Schensi westlich von Peking sollen neuerlichst
roemische Muenzen von Nero an bis hinab auf Aurelian zum Vorschein gekommen
sein, sonst sind weder aus Hinterindien noch aus China dergleichen Funde
bekannt.
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Boden- und Geldwirtschaft der roemischen Kaiserzeit
Die oekonomische Herrschaftsstellung Italiens, wie sie in den letzten
Jahrhunderten der Republik sich festgestellt hatte, zeigt sich in dieser Epoche
und ueber dieselbe hinaus im Stande des Beharrens und fester noch gegruendet als
die politische Praerogative. Wenn der reichste Mann der caesarischen Zeit,
Marcus Crassus, auf 170 Millionen Sesterzen geschaetzt worden war, so sahen die
folgenden Generationen darauf zurueck wie auf eine Zeit der Armut ^1. Mit dem
Frieden, der auf die Buergerkriege folgte, kam eine Epoche der Fuelle und des
Reichtums, wie die Republik sie nicht gekannt hatte. Als der Reichste unter
Augustus wird genannt Gnaeus Lentulus der Augur (Konsul 740 14) mit einem
Vermoegen von 400 Mill. Sesterzen ^2. Das gleiche wird dem maechtigen
Freigelassenen des Claudius, Narcissus, zugeschrieben ^3. Das Vermoegen des
Ministers Neros, Seneca, wird, allerdings von seinen Feinden, auf 300 Mill.
geschaetzt ^4, ebenso hoch das des gefeierten Sachwalters unter Nero und
Vespasian, Vibius Crispus, dessen Reichtum lange sprichwoertlich blieb ^5. Am
Ende des 3. Jahrhunderts warf Kaiser Tacitus bei seiner Thronbesteigung sein
fundiertes Privatvermoegen von 280 Mill. Sesterzen in den Staatsschatz ein ^6.
Noch am Anfang des 5. Jahrhunderts bezogen die ersten senatorischen Haeuser in
der alten Reichshauptstadt eine Jahresrente, die einem Kapital von mindestens
400 Mill. Sesterzen nach der aelteren Rechnung gleichkam ^7. Wichtiger als diese
Angaben ueber ausnahmsweise grosse Vermoegen sind einige andere, welche die
Mittelklasse der Aristokratie betreffen: ein Vermoegen von 20 Mill. Sesterzen
gilt unter Marcus als maessiger Reichtum ^8; Familien mit einem Vermoegen von
100 Mill. Sesterzen werden im 5. Jahrhundert als reiche zweiten Ranges
betrachtet. Der senatorische Zensus von einer Mill. Sesterzen ist also offenbar
eine aeusserste Grenze, welche bei der Mehrzahl sicher ansehnlich ueberschritten
ward. In den Angaben ueber das im Jahre 746 (8) errichtete Testament eines
begueterten Freigelassenen, welcher ausser seinen Liegenschaften ueber 4116
Sklaven, 3600 Paar Ochsen, 257000 Schafe und 60 Mill. Sesterzen bar verfuegt,
treten die einzelnen Bestandteile eines solchen Grossvermoegens an Ackerland,
Weide und Kapitaliengeschaeft deutlich hervor ^9. Dass bei solchen
Vermoegensbestaenden die Reichen der oberen Klassen eine Herrenstellung in den
Ortschaften einnahmen, aus denen sie hervorgingen, und eine Art von Hof und
Gefolge sich um jeden von ihnen sammelte, ist erklaerlich. Sie stellen zum guten
Teil durch ihre Freigebigkeit die oeffentlichen Gebaeude, namentlich die
Luxusanlagen, wie Theater, Baeder, Hallen her; auf ihre Kosten schmausen die
Buergerschaften und leben die Klienten, und auch in die besseren Kreise hinein
reichen dergleichen Spenden. Der juengere Plinius unter Traianus, ein
vermoegender Senator, aber keineswegs in dieser Hinsicht hervorragend, hat
seiner Vaterstadt Comum fuer die Gruendung und Vermehrung einer oeffentlichen
Bibliothek, fuer die Anlage und die Ausstattung eines Warmbades, zur
Alimentation von Kindern und zu oeffentlichen Schmaeusen teils bei Lebzeiten,
teils im Testament Zuwendungen im Gesamtbetrag von mindestens 5 Mill. Sesterzen
gemacht, ausserdem in anderen Staedten, zu denen er Beziehungen hatte, Tempel
und Hallen auf seine. Kosten gebaut und seinen Freunden, dem einen zur
Ausstattung der Tochter, dem andern zur Equipierung fuer den
Unteroffiziersdienst, dem dritten, um ihm den Eintritt in den Ritterstand
moeglich zu machen, persoenliche Geschenke bis zu 300000 Sesterzen gemacht.
Diese durch die Individualitaet des Charakters und der Beziehungen vielfach
bedingte, aber im Wesen nicht persoenliche, sondern standesmaessig geforderte
Liberalitaet ist fuer alle Zeiten von dem vornehmen Roemer und vor allem von dem
Senator des Reiches geuebt worden, aber keineswegs zu allen Zeiten in gleicher
Weise. Mit Sehnsucht gedachten die Klienten der domitianischen Epoche der
bessern Zeiten, wo unter den Spenden dieser Art der Ritterring nichts Seltenes
war ^10; Gaius Piso, der Rivale Neros, dessen koenigliche Freigebigkeit
seinesgleichen nicht hatte, war gewohnt, jaehrlich einer gewissen Zahl seiner
Freunde den Ritterzensus zu schenken, so wie die Kaiser in gleicher Weise
senatorische Vermoegen zu schenken pflegten ^11. "Es war frueher Sitte",
schreibt Plinius ^12 unter Traian, "dass wem ein Poet ein Carmen widmete, ihm
dafuer eine Verehrung machte; jetzt aber ist mit anderen stattlichen Dingen vor
allem auch dies abgekommen, und es kommt uns albern vor, uns feiern zu lassen."
Dies ist nur eine einzelne Konsequenz einer tiefgreifenden sozialen Revolution
^13. Die Diarchie, die Augustus begruendet, die Samtherrschaft des Kaisers und
des Senats, offenbart sich auf diesem Gebiet noch energischer als in der
eigentlichen Politik. Die Epoche von der Actischen Schlacht bis zum
Vierkaiserjahr, das julisch-claudische Saeculum, bezeichnet Tacitus als die
Glanzzeit der roemischen Aristokratie. Die alten reichen oder erlauchten Haeuser
wetteiferten in grossartigem Prunk; man warb noch um die Stimmen der
Buergerschaft, um die Ehrenbezeugungen der Provinzen und der abhaengigen
Koenige, um eine stattliche Klientel. Das Rom der augustischen und der
claudischen Zeit erinnert vielfach an das der Paepste und der Kardinaele des
sechzehnten Jahrhunderts; das Kaiserhaus war in der Tat nur das erste unter
vielen strahlenden Gestirnen. Aber dieser Wetteifer hatte vielfach den
oekonomischen Ruin im Gefolge; die Dezimierung der Aristokratie unter den
naechsten Nachfolgern des Augustus traf vorzugsweise die grossen Vermoegen und
fuehrte zu deren Zertruemmerung; die neuen durch Vespasian aus den Landstaedten
nach Rom verpflanzten Senatoren brachten die buergerliche Sparsamkeit mit sich,
und die alten glaenzenden Traditionen der Lentuler und der Pisonen ersetzten
sich nicht. Der Senat, dem Plinius und Tacitus angehoerten, ist wohl nicht
minder reich gewesen wie derjenige, in dem Piso und Seneca sassen; aber wie das
Bewusstsein oder, wenn man will, die Illusion des Mitregiments allmaehlich
schwand und die Monarchie in allen ihren Konsequenzen sich geltend machte, so
kam auch die Vermoegensverwaltung der vornehmen Welt von fuerstlicher
Freigebigkeit und fuerstlicher Verschuldung zu dem gewoehnlichen bequemen und
soliden Lebensgenuss des festbegruendeten Reichtums.
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^1 Plin. 13, 92.
^2 Sen. benef. 2, 27.
^3 Dio 60, 34.
^4 Tac. ann. 13, 42; Dio 61, 10.
^5 Mart. epigr. 4, 54, 7.
^6 vita 10.
^7 Die Angabe Olympiodors (p. 44 Mueller), dass zahlreiche Haeuser Roms je
4000 Pfund Gold (ana tessarakonta chryso? kent/e/naria), ungerechnet die etwa
ein Drittel der Summe erreichenden Naturallieferungen, die Haeuser zweiten
Ranges 1500 bis 1000 Pfund Gold an Einkuenften bezogen haetten, kann nur in der
oben angegebenen Beschraenkung richtig sein, da die Einkuenfte doch nicht von
1500 auf 4000 gesprungen sein werden. 4000 Pfund Gold Einkuenfte geben nach
alter Rechnung, das Goldpfund zu 4000 Sesterzen gerechnet und mit 5 Prozent
kapitalisiert, ein Vermoegen von 320 Mill. Sesterzen, wozu dann die
Naturalabgaben kommen.
^8 In der lustigen Geschichte, die der Arzt Galenus (13 p. 636 Kuehn) "ohne
Namen zu nennen" erzaehlt, von dem Roemer, "der nicht mehr als 5 Mill. Denare
Vermoegen hat", wird dieser medizinische Amateur, der es unter seiner Wuerde
haelt, sich billiger Rezepte zu bedienen, keineswegs als ein armer Mann
bezeichnet, sondern vielmehr immer "der Reiche" genannt, aber wohl
entgegengesetzt den "noch viel Reicheren oder den Koenigen", welche mit recht
teuren Rezepten zu versehen hier Galenus seine Kollegen instandsetzt. Noch
weniger duerfte aus der Anekdote bei Epiktetos (diss. 1, 26, 11) gefolgert
werden, dass ein Vermoegen von 1´ Mill. Denaren jemals ernsthaft als Armut
betrachtet worden ist. Ebenso wird, wenn der juengere Plinius (epist. 2, 4) von
seinen modicae facultates spricht, in Anschlag zu bringen sein, dass der
gebildete Reiche sich nicht gern selbst so nennt.
^9 Plin. epist. 33, 135. Aehnlich laesst Martialis (epigr. 4, 37) den
reichen Mann, der seine Gaeste mit der Aufzaehlung seiner Reichtuemer langweilt,
erst die an verschiedene Leute ausgeliehenen Summen, zusammen etwa 3 Mill.,
auffuehren, dann die Renten aus Haeusern und Grundstuecken mit 3 Mill., dann die
der Weiden von Parma mit 600000 Sesterzen. In einem anderen Epigramm 5, 13
vergleicht er sein bescheidenes Dichterlos mit dem eines Reichen, dem die Kasten
der Freigelassenen, das heisst der staedtischen Geschaeftsleute, der Boden
Aegyptens und die Weiden von Parma zinsen.
^10 Mart. 14, 122.
^11 schol. Iuv. zu V, 109.
^12 epist. 3, 21.
^13 Tac. ann. 3, 55.
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Wenngleich bei der Ausdehnung des roemischen Staates unter den Kaisern und
bei der Mannigfaltigkeit seiner Bestandteile die wirtschaftlichen Fragen im
besonderen nur nach diesen Bestandteilen einigermassen genuegend gewuerdigt
werden koennen, so bleibt doch einmal auch noch in dieser Periode Italien so
sehr das herrschende Gebiet, dass dessen wirtschaftliche Verhaeltnisse in
gewissem Sinne immer noch die des Reiches sind; andererseits aber sind doch als
Ursache wie als Ergebnis eine Reihe von Momenten hier zu verzeichnen, welche nur
in einer allgemeinen, Italien vorzugsweise, aber daneben das Reich ueberhaupt
beruecksichtigenden Eroerterung zu ihrem Rechte gelangen.
In erster Reihe steht hier der Gegensatz des grossen und des kleinen
Bodeneigentums, wobei zunaechst abzusehen ist von der wirtschaftlichen Form der
Nutzung. Die wirtschaftlichen Verhaeltnisse der griechischen wie der roemischen
Welt gehen vom Kleinbesitz aus und streben zum Grossbesitz; ausser den
allgemeinen, noch heute in gleicher Richtung wirkenden Ursachen kommen hier noch
besonders in Betracht die der Bildung des Grosskapitals foerderliche
Sklaveninstitution und die die ganze alte Welt beherrschende Tendenz, die
Rentenziehung durch Grundbesitz als die sicherste und anstaendigste, der freien
Entwicklung des Mannes buergerlich wie intellektuell guenstigste zu betrachten.
Diese Richtung auf Steigerung des Grossbesitzes waltet wie in der Gemeinde der
Stadt Rom so auch in der Reichsbuergerschaft der Kaiserzeit ohne Unterschied der
Provinzen; die Latifundien, wie die Grossbesitzungen in der Kaiserzeit genannt
zu werden pflegen, bilden sich in Italien wie in Gallien, Afrika, Syrien mit
einer Notwendigkeit, die von dem Naturgesetz sich kaum wesentlich unterscheidet.
Dass die hierfuer massgebenden Ursachen in der Kaiserzeit staerker wirkten als
frueher, wird im allgemeinen nicht behauptet werden koennen.
Der Konzentrierung der Kapitalien in wenigen Haenden war die spaetere
Epoche der Republik und die augustische Zeit wahrscheinlich guenstiger als die
folgenden Epochen, und der schnelle Wechsel der grossen Haeuser, den im
Gegensatz zu jener Periode die spaetere Kaiserzeit aufweist, muss notwendig
eine, man moechte sagen periodische Zerschlagung der grossen Vermoegen
herbeigefuehrt und eine gewisse, allerdings in hohem Grade bedenkliche Schranke
gegen die Akkumulation des Grossvermoegens und insbesondere des Grosseigentums
gebildet haben.
Sehr verstaendig hielt die Regierung daran fest, der faktischen
Konzentrierung des Grundbesitzes die rechtliche Geschlossenheit nicht zu
gewaehren; die Gesetzgebung hielt unentwegt durch alle Krisen und allen Verfall
an dem Grundsatze fest, dass der Grundbesitz dem Verkehr nicht auf die Dauer
entzogen werden kann, und gibt sich nicht dazu her, der Deszendenz den
Grundbesitz des Aszendenten fuer die Zukunft zu sichern. Dass dieser bei weitem

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