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Rˆmische Geschichte Book 8 by Theodor Mommsen

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Theodor Mommsen
Roemische Geschichte
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian
Der Wunsch, dass die 'Roemische Geschichte' fortgesetzt werden moege, ist
mir oefter geaeussert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen, so
schwer es auch ist, nach dreissig Jahren den Faden da wieder aufzunehmen, wo ich
ihn fallen lassen musste. Wenn er nicht unmittelbar anknuepft, so ist daran
wenig gelegen; ein Fragment wuerde der vierte Band ohne den fuenften ebenso
sein, wie es der fuenfte jetzt ist ohne den vierten. Ueberdies meine ich, dass
die beiden zwischen diesem und den frueheren fehlenden Buecher fuer das
gebildete Publikum, dessen Verstaendnis des roemischen Altertums zu foerdern
diese Geschichte bestimmt ist, eher durch andere Werke vertreten werden koennen
als das vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die durch Caesar
errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, welche in dem Sechsten
Buch erzaehlt werden sollen, sind so gut aus dem Altertum ueberliefert, dass
jede Darstellung wesentlich auf eine Nacherzaehlung hinauslaeuft. Das
monarchische Regiment in seiner Eigenart und die Fluktuationen der Monarchie
sowie die durch die Persoenlichkeit der einzelnen Herrscher bedingten
allgemeinen Regierungsverhaeltnisse, denen das Siebente Buch bestimmt ist, sind
wenigstens oftmals zum Gegenstand der Darstellung gemacht worden. Was hier
gegeben wird, die Geschichte der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf
Diocletian, liegt, wenn ich nicht irre, dem Publikum, an das dieses Werk sich
wendet, in zugaenglicher Zusammenfassung nirgends vor, und dass dies nicht der
Fall ist, scheint mir die Ursache zu sein, weshalb dasselbe die roemische
Kaiserzeit haeufig unrichtig und unbillig beurteilt. Freilich kann diese meines
Erachtens fuer das richtige Verstaendnis der Geschichte der roemischen
Kaiserzeit vorbedingende Trennung dieser Spezialgeschichten von der allgemeinen
des Reiches fuer manche Abschnitte, insbesondere fuer die Epoche von Gallienus
bis auf Diocletian, wieder nicht vollstaendig durchgefuehrt werden und hat hier
die noch ausstehende allgemeine Darstellung ergaenzend einzutreten.
Wenn ueberhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Faellen nur mit und durch
die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser Darstellung des Reiches
der drei Erdteile nach seinen Provinzen in besonderem Grade, waehrend hierfuer
genuegende Karten nur in den Haenden weniger Leser sein koennen. Dieselben
werden also mit mir meinem Freunde Kiepert es danken, dass er, in der Weise und
in der Begrenzung, wie der Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, demselben
zunaechst ein allgemeines Uebersichtsblatt, das ausserdem mehrfach fuer die
Spezialkarten ergaenzend eintritt, und weiter Spezialkarten der einzelnen
Reichsteile hinzugefuegt hat ...
Berlin, im Februar 1885
Einige Versehen, auf die ich aufmerksam gemacht worden bin und die in den
Platten sich beseitigen liessen, sind bei dem dritten Abzuge verbessert worden,
der vierte ist ein unveraenderter Abdruck des vorigen.
Februar 1886; September 1894
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian
Gehe durch die Welt und sprich mit jedem.
Firdusi
Einleitung
Die Geschichte der roemischen Kaiserzeit stellt aehnliche Probleme wie
diejenige der frueheren Republik.
Was aus der literarischen Ueberlieferung unmittelbar entnommen werden kann,
ist nicht bloss ohne Farbe und Gestalt, sondern in der Tat meistens ohne Inhalt.
Das Verzeichnis der roemischen Monarchen ist ungefaehr ebenso glaubwuerdig wie
das der Konsuln der Republik und ungefaehr ebenso instruktiv. Die den ganzen
Staat erschuetternden grossen Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel
besser aber als ueber die Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet ueber
die germanischen unter den Kaisern Augustus und Marcus. Der republikanische
Anekdotenschatz ist sehr viel ehrbarer als der gleiche der Kaiserzeit; aber die
Erzaehlungen von Fabricius und die vom Kaiser Gaius sind ziemlich gleich flach
und gleich verlogen. Die innerliche Entwicklung des Gemeinwesens liegt
vielleicht fuer die fruehere Republik in der Ueberlieferung vollstaendiger vor
als fuer die Kaiserzeit; dort bewahrt sie eine, wenn auch getruebte und
verfaelschte Schilderung der schliesslich wenigstens auf dem Markte Roms
endigenden Wandlungen der staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im
kaiserlichen Kabinett und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgueltigkeiten
in die Oeffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehnung des Kreises und die
Verschiebung der lebendigen Entwicklung vom Zentrum in die Peripherie. Die
Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des Landes Italien, diese zu der der
Welt des Mittelmeers erweitert, und worauf es am meisten ankommt, davon erfahren
wir am wenigsten. Der roemische Staat dieser Epoche gleicht einem gewaltigen
Baum, um dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm maechtige Nebentriebe rings
emporstreben. Der roemische Senat und die roemischen Herrscher entstammen bald
jedem anderen Reichsland ebensosehr wie Italien; die Quiriten dieser Epoche,
welche die nominellen Erben der weltbezwingenden Legionaere geworden sind, haben
zu den grossen Erinnerungen der Vorzeit ungefaehr dasselbe Verhaeltnis wie
unsere Johanniter zu Rhodos und Malta und betrachten ihre Erbschaft als ein
nutzbares Recht, als stiftungsmaessige Versorgung arbeitsscheuer Armer. Wer an
die sogenannten Quellen dieser Epoche, auch die besseren, geht, bemeistert
schwer den Unwillen ueber das Sagen dessen, was verschwiegen zu werden
verdiente, und das Verschweigen dessen, was notwendig war zu sagen. Denn gross
Gedachtes und weithin Wirkendes ist auch in dieser Epoche geschaffen worden; die
Fuehrung des Weltregiments ist selten so lange in geordneter Folge verblieben,
und die festen Verwaltungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren Nachfolgern
vorzeichneten, haben sich im ganzen mit merkwuerdiger Festigkeit behauptet,
trotz allem Wechsel der Dynastien und der Dynasten, welcher in der nur darauf
blickenden und bald zu Kaiserbiographien zusammenschwindenden Ueberlieferung
mehr als billig im Vordergrunde steht. Die scharfen Abschnitte, welche in der
landlaeufigen, durch jene Oberflaechlichkeit der Grundlage geirrten Auffassung
die Regierungswechsel machen, gehoeren weit mehr dem Hoftreiben an als der
Reichsgeschichte. Das eben ist das Grossartige dieser Jahrhunderte, dass das
einmal angelegte Werk, die Durchfuehrung der lateinisch-griechischen
Zivilisierung in der Form der Ausbildung der staedtischen Gemeindeverfassung,
die allmaehliche Einziehung der barbarischen oder doch fremdartigen Elemente in
diesen Kreis, eine Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahrhunderte stetiger
Taetigkeit und ruhiger Selbstentwicklung erforderte, diese lange Frist und
diesen Frieden zu Lande und zur See gefunden hat. Das Greisenalter vermag nicht
neue Gedanken und schoepferische Taetigkeit zu entwickeln, und das hat auch das
roemische Kaiserregiment nicht getan; aber es hat in seinem Kreise, den die,
welche ihm angehoerten, nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden
und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen laenger und vollstaendiger
gehegt, als es irgendeiner anderen Vormacht je gelungen ist. In den
Ackerstaedten Afrikas, in den Winzerheimstaetten an der Mosel, in den bluehenden
Ortschaften der lykischen Gebirge und des syrischen Wuestenrandes ist die Arbeit
der Kaiserzeit zu suchen und auch zu finden. Noch heute gibt es manche
Landschaft des Orients wie des Okzidents, fuer welche die Kaiserzeit den an sich
sehr bescheidenen, aber doch vorher wie nachher nie erreichten Hoehepunkt des
guten Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz
aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet damals oder
heute mit groesserem Verstande und mit groesserer Humanitaet regiert worden ist,
ob Gesittung und Voelkerglueck im allgemeinen seitdem vorwaerts- oder
zurueckgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der Spruch zu Gunsten der
Gegenwart ausfallen wuerde. Aber wenn wir finden, dass dieses also war, so
fragen wir die Buecher, die uns geblieben sind, meistens umsonst, wie dieses
also geworden ist. Sie geben darauf sowenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung
der frueheren Republik die gewaltige Erscheinung des Rom erklaert, welches in
Alexanders Spuren die Welt unterwarf und zivilisierte.
Ausfuellen laesst sich die eine Luecke sowenig wie die andere. Aber es
schien des Versuches wert, einmal abzusehen sowohl von den Regentenschilderungen
mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu oft gefaelschten Farben wie auch
von dem scheinhaft chronologischen Aneinanderreihen nicht zusammenpassender
Fragmente, und dafuer zu sammeln und zu ordnen, was fuer die Darstellung des
roemischen Provinzialregiments die Ueberlieferung und die Denkmaeler bieten, der
Muehe wert, durch diese oder durch jene zufaellig erhaltene Nachrichten, in dem
Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen in ihrer
Beziehung auf die einzelnen Landesteile, mit den fuer jeder. derselben, durch
die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen Bedingungen, durch die
Phantasie, welche wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter ist, nicht zu
einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Aber die
Epoche Diocletians habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue
Regiment, welches damals geschaffen wurde, hoechstens im zusammenfassenden
Ausblick den Schlussstein dieser Erzaehlung bilden kann; seine volle Wuerdigung
verlangt eine besondere Erzaehlung und einen anderen Weltrahmen, ein bei
schaerferem Verstaendnis des Einzelnen in dem grossen Sinn und mit dem weiten
Blick Gibbons durchgefuehrtes selbstaendiges Geschichtswerk. Italien und seine
Inseln sind ausgeschlossen worden, da diese Darstellung von der des allgemeinen
Reichsregiments nicht getrennt werden kann. Die sogenannte aeussere Geschichte
der Kaiserzeit ist aufgenommen als integrierender Teil der Provinzialverwaltung;
was wir Reichskriege nennen wuerden, sind gegen das Ausland unter der Kaiserzeit
nicht gefuehrt worden, wenngleich die durch die Arrondierung oder Verteidigung
der Grenzen hervorgerufenen Kaempfe einige Male Verhaeltnisse annahmen, dass sie
als Kriege zwischen zwei gleichartigen Maechten erscheinen, und der
Zusammensturz der roemischen Herrschaft in der Mitte des dritten Jahrhunderts,
welcher einige Dezennien hindurch ihr definitives Ende werden zu sollen schien,
aus der an mehreren Stellen gleichzeitig ungluecklich gefuehrten
Grenzverteidigung sich entwickelte. Die grosse Vorschiebung und Regulierung der
Nordgrenze, wie sie unter Augustus teilweise ausgefuehrt ward, teilweise
misslang, leitet die Erzaehlung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem
jeden der drei hauptsaechlichsten Schauplaetze der Grenzverteidigung, des
Rheins, der Donau, des Euphrat, zusammengefasst worden. Im uebrigen ist die
Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im einzelnen fesselndes Detail,
Stimmungsschilderungen und Charakterkoepfe hat sie nicht zu bieten; es ist dem
Kuenstler, aber nicht dem Geschichtschreiber erlaubt, das Antlitz des Arminius
zu erfinden. Mit Entsagung ist dies Buch geschrieben und mit Entsagung moechte
es gelesen sein.
1. Kapitel
Die Nordgrenze Italiens
Die roemische Republik hat ihr Gebiet hauptsaechlich auf den Seewegen gegen
Westen, Sueden und Osten erweitert; nach derjenigen Richtung hin, in welcher
Italien und die von ihm abhaengigen beiden Halbinseln im Westen und im Osten mit
dem grossen Kontinent Europas zusammenhaengen, war dies wenig geschehen. Das
Hinterland Makedoniens gehorchte den Roemern nicht und nicht einmal der
noerdliche Abhang der Alpen; nur das Hinterland der gallischen Suedkueste war
durch Caesar zum Reiche gekommen. Bei der Stellung, die das Reich im allgemeinen
einnahm, durfte dies so nicht bleiben; die Beseitigung des traegen und
unsicheren Regiments der Aristokratie musste vor allem an dieser Stelle sich
geltend machen. Nicht so geradezu wie die Eroberung Britanniens hatte Caesar die
Ausdehnung des roemischen Gebiets am Nordabhang der Alpen und am rechten Ufer
des Rheins den Erben seiner Machtstellung aufgetragen; aber der Sache nach war
die letztere Grenzerweiterung bei weitem naeher gelegt und notwendiger als die
Unterwerfung der ueberseeischen Kelten, und man versteht es, dass Augustus diese
unterliess und jene aufnahm. Dieselbe zerfiel in drei grosse Abschnitte: die
Operationen an der Nordgrenze der griechisch-makedonischen Halbinsel im Gebiet
der mittleren und unteren Donau, in Illyricum; die an der Nordgrenze Italiens
selbst, im oberen Donaugebiet, in Raetien und Noricum; endlich die am rechten
Rheinufer, in Germanien. Meistens selbstaendig gefuehrt, haengen die
militaerisch-politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch innerlich zusammen,
und wie sie saemtlich aus der freien Initiative der roemischen Regierung
hervorgegangen sind, koennen sie auch in ihrem Gelingen wie in ihrem teilweisen
Misslingen nur in ihrer Gesamtheit militaerisch und politisch verstanden werden.
Sie werden darum auch mehr im oertlichen als wie zeitlichen Zusammenhang
dargelegt werden; das Gebaeude, von dem sie doch nur Teile sind, wird besser in
seiner inneren Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet.
Das Vorspiel zu dieser grossen Gesamtaktion machen die Einrichtungen,
welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sizilien freie Hand gewonnen
hatte, an den oberen Kuesten des Adriatischen Meeres und im angrenzenden
Binnenland vornahm. In den hundertundfuenfzig Jahren, die seit der Gruendung
Aquileias verflossen waren, hatte wohl der roemische Kaufmann von dort aus sich
des Verkehrs mehr und mehr bemaechtigt, aber der Staat unmittelbar nur geringe
Fortschritte gemacht. An den Haupthaefen der dalmatinischen Kueste, ebenso auf
der von Aquileia in das Savetal fuehrenden Strasse bei Nauportus (Ober-Laibach)
hatten sich ansehnliche Handelsniederlassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien,
Istrien und die Krain galten als roemisches Gebiet und wenigstens das
Kuestenland war in der Tat botmaessig; aber die rechtliche Staedtegruendung
stand noch ebenso aus wie die Baendigung des unwirtlichen Binnenlandes. Hier
aber kam noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen Caesar und
Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso entschieden fuer den letzteren
Partei ergriffen wie die dort ansaessigen Roemer fuer Caesar; auch nach der
Niederlage des Pompeius bei Pharsalos und nach der Verdraengung der
Pompeianischen Flotte aus den illyrischen Gewaessern setzten die Eingeborenen
den Widerstand energisch und erfolgreich fort. Der tapfere und faehige Publius
Vatinius, der frueher in diese Kaempfe mit grossem Erfolg eingegriffen hatte,
wurde mit einem starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem
Jahre vor Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit welchem der
Diktator selbst nachfolgend die eben damals maechtig emporstrebenden Daker
niederzuwerfen und die Verhaeltnisse im ganzen Donaugebiet zu ordnen
beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Moerder ab; man musste sich
gluecklich schaetzen, dass die Daker nicht ihrerseits in Makedonien eindrangen,
und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater ungluecklich und mit starken
Verlusten. Als dann die Republikaner im Osten ruesteten, ging das illyrische
Heer in das des Brutus ueber und die Dalmatiner blieben laengere Zeit
unangefochten. Nach der Niederwerfung der Republikaner liess Antonius, dem bei
der Teilung des Reiches Makedonien zugefallen war, im Jahre 715 (39) die
unbotmaessigen Dardaner im Nordwesten und die Parthiner an der Kueste (oestlich
von Durazzo) zu Paaren treiben, wobei der beruehmte Redner Gaius Asinius Pollio
die Ehren des Triumphes gewann. In Illyricum, welches unter Caesar stand, konnte
nichts geschehen, solange dieser seine ganze Macht auf den sizilischen Krieg
gegen Sextus Pompeius wenden musste; aber nach dessen gluecklicher Beendigung
warf Caesar selbst sich mit aller Kraft auf diese Aufgabe. Die kleinen
Voelkerschaften von Doclea (Cernagora) bis zu den Japuden (bei Fiume) wurden in
dem ersten Feldzug (719 35) zur Botmaessigkeit zurueckgebracht oder jetzt zuerst
gebaendigt. Es war kein grosser Krieg mit namhaften Feldschlachten, aber die
Gebirgskaempfe gegen die tapferen und verzweifelnden Staemme und das Brechen der
festen, zum Teil mit roemischen Maschinen ausgeruesteten Burgen waren keine
leichte Aufgabe; in keinem seiner Kriege hat Caesar in gleichem Grade eigene
Energie und persoenliche Tapferkeit entwickelt. Nach der muehsamen Unterwerfung
des Japudengebiets marschierte er noch in demselben Jahre im Tal der Kulpa
aufwaerts zu deren Muendung in die Save; die dort gelegene feste Ortschaft
Siscia (Sziszek), der Hauptwaffenplatz der Pannonier, gegen den bisher die
Roemer noch nie mit Erfolg vorgegangen waren, ward jetzt besetzt und zum
Stuetzpunkt bestimmt fuer den Krieg gegen die Daker, den Caesar demnaechst
aufzunehmen gedachte. In den beiden folgenden Jahren (720, 721 34, 33) wurden
die Dalmater, die seit einer Reihe von Jahren gegen die Roemer in Waffen
standen, nach dem Fall ihrer Feste Promona (Promina bei Dernis, oberhalb
Sebenico) zur Unterwerfung gezwungen. Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war
das Friedenswerk, das zugleich sich vollzog und zu dessen Sicherung sie dienen
sollten. Ohne Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplaetze an der
istrischen und dalmatinischen Kueste, soweit sie in dem Machtbereich Caesars
lagen, Tergeste (Triest), Pola, Iader (Zara), Salome (bei Spalato), Narona (an
der Narentamuendung), nicht minder jenseits der Alpen, auf der Strasse von
Aquileia ueber die Julische Alpe zur Save, Emona (Laibach), durch den zweiten
Julier zum Teil staedtische Mauern, saemtlich staedtisches Recht. Die Plaetze
selbst bestanden wohl alle schon laengst als roemische Flecken; aber es war
immer von wesentlicher Bedeutung, dass sie jetzt unter die italischen Gemeinden
gleichberechtigt eingereiht wurden.
Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Buergerkrieg ging zum zweitenmal ihm
vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den Osten; und der grosse
Entscheidungskampf zwischen Caesar und Antonius warf seine Wellen bis in das
ferne Donaugebiet. Das durch den Koenig Burebista geeinigte und gereinigte Volk
der Daker, jetzt unter dem Koenig Cotiso, sah sich von beiden Gegnern umworben -
Caesar wurde sogar beschuldigt, des Koenigs Tochter zur Ehe begehrt und ihm
dagegen die Hand seiner fuenfjaehrigen Tochter Julia angetragen zu haben. Dass
der Daker im Hinblick auf die von dem Vater geplante, von dem Sohn durch die
Befestigung Siscias eingeleitete Invasion sich auf Antonius' Seite schlug, ist
begreiflich; und haette er ausgefuehrt, was man in Rom besorgte, waere er,
waehrend Caesar im Osten focht, vom Norden her in das wehrlose Italien
eingedrungen, oder haette Antonius nach dem Vorschlag der Daker die Entscheidung
statt in Epirus vielmehr in Makedonien gesucht und dort die dakischen Scharen an
sich gezogen, so waeren die Wuerfel des Kriegsgluecks vielleicht anders
gefallen. Aber weder das eine noch das andere geschah; zudem brach eben damals
der durch Burebistas kraeftige Hand geschaffene Dakerstaat wieder auseinander;
die inneren Unruhen, vielleicht auch von Norden her die Angriffe der
germanischen Bastarner und der spaeterhin Dakien nach allen Richtungen
umklammernden sarmatischen Staemme, verhinderten die Daker, in den auch ueber
ihre Zukunft entscheidenden roemischen Buergerkrieg einzugreifen.
Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, wandte sich
Caesar zu der Regulierung der Verhaeltnisse an der unteren Donau. Indes da teils
die Daker selbst nicht mehr so wie frueher zu fuerchten waren, teils Caesar
jetzt nicht mehr bloss ueber Illyricum, sondern ueber die ganze griechisch-
makedonische Halbinsel gebot, wurde zunaechst diese die Basis der roemischen
Operationen. Vergegenwaertigen wir uns die Voelker und die
Herrschaftsverhaeltnisse; die Augustus dort vorfand.
Makedonien war seit Jahrhunderten roemische Provinz. Als solche reichte es
nicht hinaus noerdlich ueber Stobi und oestlich ueber das Rhodopegebirge; aber
der Machtbereich Roms erstreckte sich weit ueber die eigentliche Landesgrenze,
obwohl in schwankendem Umfang und ohne feste Form. Ungefaehr scheinen die Roemer
damals bis zum Haemus (Balkan) die Vormacht gehabt zu haben, waehrend das Gebiet
jenseits des Balkan bis zur Donau wohl einmal von roemischen Truppen betreten,
aber keineswegs von Rom abhaengig war ^1. Jenseits des Rhodopegebirges waren die
Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich die der Odrysen, denen
der groesste Teil der Suedkueste und ein Teil der Kueste des Schwarzen Meeres
botmaessig war, durch die Expedition des Lucullus unter roemische
Schutzherrschaft gekommen, waehrend die Bewohner der mehr binnenlaendischen
Gebiete, namentlich die Besser an der oberen Mariza Untertanen wohl hiessen,
aber nicht waren und ihre Einfaelle in das befriedete Gebiet sowie die
Vergeltungszuege in das ihrige stetig fortgingen. So hatte um das Jahr 694 (60)
der leibliche Vater des Augustus, Gaius Octavius, und im Jahre 711 (43) waehrend
der Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die Triumvirn Marcus Brutus gegen sie
gestritten. Eine andere thrakische Voelkerschaft, die Dentheleten (in der Gegend
von Sofia), hatten noch in Ciceros Zeit bei einem Einfall in Makedonien Miene
gemacht, dessen Hauptstadt Thessalonike zu belagern. Mit den Dardanern, den
westlichen Nachbarn der Thraker, einem Zweig der illyrischen Voelkerfamilie,
welche das suedliche Serbien und den Distrikt Prisrend bewohnten, hatte der
Amtsvorgaenger des Lucullus, Curio, mit Erfolg und ein Dezennium spaeter Ciceros
Kollege im Konsulat, Gaius Antonius, im Jahre 692 (62) ungluecklich gefochten.
Unterhalb des dardanischen Gebiets, unmittelbar an der Donau, sassen wieder
thrakische Staemme, die einstmals maechtigen, jetzt herabgekommenen Triballer im
Tal des Oescus (in der Gegend von Plewna), weiterhin an beiden Ufern der Donau
bis zur Muendung Daker, oder wie sie am rechten Donauufer mit dem alten, auch
den asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen gewoehnlich genannt wurden,
Myser oder Moeser, wahrscheinlich zu Burebistas Zeit ein Teil seines Reiches,
jetzt wieder in verschiedene Fuerstentuemer zersplittert. Die maechtigste
Voelkerschaft aber zwischen Balkan und Donau waren damals die Bastarner. Wir
sind diesem tapferen und zahlreichen Stamm, dem oestlichsten Zweig der grossen
germanischen Sippe, schon mehrfach begegnet. Eigentlich ansaessig hinter den
transdanuvianischen Dakern jenseits der Gebirge, die Siebenbuergen von der
Moldau scheiden, an den Donaumuendungen und in dem weiten Gebiet von da zum
Dnjestr, befanden sie sich selber ausserhalb des roemischen Bereichs; aber
vorzugsweise aus ihnen hatte sowohl Koenig Philipp von Makedonien wie Koenig
Mithradates von Pontus seine Heere gebildet und in dieser Weise hatten die
Roemer schon frueher oft mit ihnen gestritten. Jetzt hatten sie in grossen
Massen die Donau ueberschritten und sich noerdlich vom Haemus festgesetzt;
insofern der dakische Krieg, wie ihn Caesar der Vater und dann der Sohn geplant
hatten, ohne Zweifel der Gewinnung des rechten Ufers der unteren Donau galt, war
er nicht minder gegen sie gerichtet wie gegen die rechtsufrigen dakischen
Moeser. Die griechischen Kuestenstaedte in dem Barbarenland Odessos (bei Varna),
Tomis, Istropolis, schwer bedraengt durch dies Voelkergewoge, waren hier wie
ueberall die geborenen Klienten der Roemer.
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^1 Dies sagt ausdruecklich Dio (51, 23) zum Jahre 725 (29): teos men o?n
ta?t epoioyn (d. h. solange die Bastarner nur die Triballer - bei Oescus in
Niedermoesien - und die Dardaner in Obermoesien angriffen), oyden sphisi pragma
pros to?s R/o/maioys /e/n. Epei de ton te Aimon yperebesan kai t/e/n THrak/e/n
t/e/n Denthel/e/t/o/n enspondon aytois o?san katedramon k. t. l. Die
Bundesgenossen in Moesien, von denen Dio 38, 10 spricht, sind die
Kuestenstaedte.
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Zur Zeit der Diktatur Caesars, als Burebista auf der Hoehe seiner Macht
stand, hatten die Daker an der Kueste bis hinab nach Apollonia jenen
fuerchterlichen Verheerungszug ausgefuehrt, dessen Spuren noch nach anderthalb
Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl zunaechst dieser Einfall
gewesen sein, welcher Caesar den Vater bestimmte, den Dakerkrieg zu unternehmen;
und nachdem der Sohn jetzt auch ueber Makedonien gebot, musste er allerdings
sich verpflichtet fuehlen, eben hier sofort und energisch einzugreifen. Die
Niederlage, die Ciceros Kollege Antonius bei Istropolis durch die Bastarner
erlitten hatte, darf als ein Beweis dafuer genommen werden, dass diese Griechen
wieder einmal der Hilfe der Roemer bedurften.
In der Tat wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725 29) Marcus Licinius
Crassus, der Enkel des bei Karrhae gefallenen, von Caesar als Statthalter nach
Makedonien gesandt und beauftragt, den zweimal verhinderten Feldzug nun
auszufuehren. Die Bastarner, welche eben damals in Thrakien eingefallen waren,
fuegten sich ohne Widerstand, als Crassus sie auffordern liess, das roemische
Gebiet zu verlassen; aber ihr Rueckzug genuegte dem Roemer nicht. Er
ueberschritt seinerseits den Haemus ^2, schlug am Einfluss des Cibrus
(Tzibritza) in die Donau die Feinde, deren Koenig Deldo auf der Wahlstatt blieb,
und nahm, was aus der Schlacht in eine nahe Festung entkommen war, mit Hilfe
eines zu den Roemern haltenden Dakerfuersten gefangen. Ohne weiteren Widerstand
zu leisten, unterwarf sich dem Ueberwinder der Bastarner das gesamte moesische
Gebiet. Diese kamen im naechsten Jahr wieder, um die erlittene Niederlage
wettzumachen; aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, was von den moesischen
Staemmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. Damit waren diese Feinde von dem
rechten Donauufer ein fuer allemal ausgewiesen und dieses vollstaendig der
roemischen Herrschaft unterworfen. Zugleich wurden die noch nicht botmaessigen
Thraker gebaendigt, den Bessern das nationale Heiligtum des Dionysos genommen
und die Verwaltung desselben den Fuersten der Odrysen uebertragen, welche
ueberhaupt seitdem unter dem Schutz der roemischen Obergewalt die
Oberherrlichkeit ueber die thrakischen Voelkerschaften suedlich vom Haemus
fuehrten oder doch fuehren sollten. Unter seinen Schutz wurden ferner die
griechischen Kuestenstaedte am Schwarzen Meere gestellt und auch das uebrige
eroberte Gebiet verschiedenen Lehnsfuersten zugeteilt, auf die somit zunaechst
der Schutz der Reichsgrenze ueberging ^3; eigene Legionen hatte Rom fuer diese
fernen Landschaften nicht uebrig. Makedonien wurde dadurch zur Binnenprovinz,
die der militaerischen Verwaltung nicht ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen
dakischen Kriegsplaenen ins Auge gefasst worden war, war erreicht.
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^2 Wenn Dio sagt (51, 23): t/e/n Segetik/e/n kakoymen/e/n prosepoi/e/sato
kai es t/e/n Mysida enebale, so kann jene Stadt wohl nur Serdica sein, das
heutige Sofia, am oberen Oescus, der Schluessel fuer das moesische Land.
^3 Nach dem Feldzug des Crassus ist das eroberte Land wahrscheinlich in der
Weise organisiert worden, dass die Kueste zum Thrakischen Reich kam, wie dies G.
Zippel (Die roemische Herrschaft in Illyricum bis auf Augustus. Leipzig 1877, S.
243) dargetan hat, der westliche Teil aber, aehnlich wie Thrakien den
einheimischen Fuersten zu Lehen gegeben ward, an deren eines Stelle der noch
unter Tiberius fungierende praefectus civitatium Moesiae et Triballiae (CIL V,
1838) getreten sein muss. Die uebliche Annahme, dass Moesien anfaenglich mit
Illyricum verbunden gewesen sei, ruht nur darauf, dass dasselbe bei der
Aufzaehlung der im Jahre 727 (27) zwischen Kaiser und Senat geteilten Provinzen
bei Dio 53, 12 nicht genannt werde und also in "Dalmatien" enthalten sei. Aber
auf die Lehnsstaaten und die prokuratorischen Provinzen erstreckt sich diese
Aufzaehlung ueberhaupt nicht und insofern ist bei jener Annahme alles in
Ordnung. Dagegen sprechen gegen die gewoehnliche Auffassung schwerwiegende
Argumente. Waere Moesien urspruenglich ein Teil der Provinz Illyricum gewesen,
so haette es diesen Namen behalten; denn bei Teilung der Provinz pflegt der Name
zu bleiben und nur ein Determinativ hinzuzutreten. Die Benennung Illyricum aber,
die Dio ohne Zweifel a. a. O. wiedergibt, hat sich in dieser Verbindung immer
beschraenkt auf das obere (Dalmatien) und das untere (Pannonien). Ferner bleibt,
wenn Moesien ein Teil von Illyricum war, fuer jenen Praefekten von Moesien und
Triballien, resp. seinen koeniglichen Vorgaenger kein Raum. Endlich ist es wenig
wahrscheinlich, dass im Jahre 727 (27) einem einzigen senatorischen Statthalter
ein Kommando von dieser Ausdehnung und Wichtigkeit anvertraut worden ist.
Dagegen erklaert sich alles einfach, wenn nach dem Kriege des Crassus in Moesien
kleine Klientelstaaten entstanden; diese standen als solche von Haus aus unter
dem Kaiser, und da bei deren sukzessiver Einziehung und Umwandlung in eine
Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den Annalen
ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem Jahre 743 (11), da der damals
den Krieg gegen die Thraker fuehrende Statthalter L. Calpurnius Piso, dem Dio
54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, als Provinz nur Pannonien oder
Moesien gehabt haben kann und da in Pannonien damals Tiberius als Legat
fungierte, fuer ihn nur Moesien uebrig bleibt. Im Jahre 6 n. Chr. erscheint
sicher ein kaiserlicher Statthalter von Moesien.
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Allerdings war dieses Ziel nur ein vorlaeufiges. Aber bevor Augustus die
definitive Regulierung der Nordgrenze in die Hand nahm, wandte er sich zu der
Reorganisation der schon zum Reiche gehoerigen Landschaften; ueber ein Dezennium
verging mit der Ordnung der Dinge in Spanien, Gallien, Asien, Syrien. Wie er
dann, als dort das Noetige geschehen war, das umfassende Werk angriff, soll nun
erzaehlt werden.
Italien, das ueber drei Weltteile gebot, war, wie gesagt, noch keineswegs
unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen Norden beschirmen,
waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Meer zum andern angefuellt mit
kleinen, wenig zivilisierten Voelkerschaften illyrischer, raetischer, keltischer
Nationalitaet, deren Gebiete zum Teil hart angrenzten an die der grossen Staedte
der Transpadana - so das der Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das
der Camunner (Val Camonica, oberhalb des Lago d'Iseo) an die Stadt Bergomum, das
der Salasser (Val d'Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs friedliche
Nachbarschaft pflogen. Oft genug ueberwunden und als besiegt auf dem Kapitol
proklamiert, pluenderten diese Staemme, allen Lorbeeren der vornehmen
Triumphatoren zum Trotz, fortwaehrend die Bauern und die Kaufleute Oberitaliens.
Ernstlich zu steuern war dem Unwesen nicht, solange die Regierung sich nicht
entschloss, die Alpenhoehen zu ueberschreiten und auch den noerdlichen Abhang in
ihre Gewalt zu bringen; denn ohne Zweifel stroemten bestaendig zahlreiche dieser
Raubgesellen ueber die Berge herueber, um das reiche Nachbarland zu
brandschatzen. Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu tun; die
Voelkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) waren zwar von Caesar
unterworfen worden, aber sind auch unter denen genannt, die den Feldherren
seines Sohnes zu schaffen machten. Andererseits klagten die friedlichen
gallischen Grenzdistrikte ueber die stetigen Einfaelle der Raeter. Eine
Geschichtserzaehlung leiden und fordern die zahlreichen Expeditionen nicht,
welche Augustus dieser Missstaende halber veranstaltet hat; in den
Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und gehoeren auch nicht hinein, aber
sie gaben Italien zum ersten Mal Befriedung des Nordens. Erwaehnt moegen werden
die Niederwerfung der oben erwaehnten Camunner im Jahre 738 (16) durch den
Statthalter von Illyricum und die gewisser ligurischer Voelkerschaften in der
Gegend von Nizza im Jahre 740 (14), weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der
augustischen Zeit diese unbotmaessigen Staemme unmittelbar auf Italien
drueckten. Wenn der Kaiser spaeterhin in dem Gesamtbericht ueber seine
Reichsverwaltung erklaerte, dass gegen keine dieser kleinen Voelkerschaften von
ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird dies dahin zu verstehen
sein, dass ihnen Gebietsabtretungen und Sitzwechsel angesonnen wurden und sie
sich dagegen zur Wehr setzten; nur der unter Koenig Cottius von Segusio (Susa)
vereinigte kleine Gauverband fuegte sich ohne Kampf in die neue Ordnung.
Der Schauplatz dieser Kaempfe waren die suedlichen Abhaenge und die Taeler
der Alpen. Es folgte die Festsetzung auf dem Nordabhang der Gebirge und in dem
noerdlichen Vorlande im Jahre 739 (15). Die beiden dem kaiserlichen Hause
zugezaehlten Stiefsoehne Augusts, Tiberius, der spaetere Kaiser, und sein Bruder
Drusus, wurden damit in die ihnen bestimmte Feldherrnlaufbahn eingefuehrt - es
waren sehr sichere und sehr dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt
wurden. Von Italien aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die raetischen
Berge ein und erfocht hier einen ersten Sieg; fuer das weitere Vordringen
reichte ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet aus
die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die roemischen Trieren die Boote der
Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 739 (15), wurde in der Umgegend der
Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen, durch die Raetien und das
Vindelikerland, das heisst Tirol, die Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile
des Roemischen Reiches wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen,
um den Krieg und die Einrichtung der neuen Provinz zu ueberwachen. Da wo die
Alpen am Golf von Genua endigen, auf der Hoehe oberhalb Monaco, wurde einige
Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus ein weit in das
Tyrrhenische Meer hinausschauendes, noch heute nicht ganz verschwundenes Denkmal
dafuer errichtet, dass unter seinem Regiment die Alpenvoelker alle vom oberen
zum unteren Meer - ihrer sechsundvierzig zaehlt die Inschrift auf - in die
Gewalt des roemischen Volkes gebracht worden waren. Es war nicht mehr als die
einfache Wahrheit, und dieser Krieg das, was der Krieg sein soll, der Schirmer
und der Buerge des Friedens.
Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Organisation des
neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren politischen
Verhaeltnisse hier zum Teil recht stoerend eingriffen. Da nach der Lage der
Dinge das militaerische Schwergewicht nicht in Italien liegen durfte, so musste
die Regierung darauf bedacht sein, die grossen Militaerkommandos aus der
unmittelbaren Naehe Italiens moeglichst zu entfernen; ja es hat wohl bei der
Besetzung Raetiens selbst das Bestreben mitgewirkt, das Kommando, welches
wahrscheinlich bis dahin in Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden
koennen, definitiv von dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausfuehrung kam.
Was man zunaechst erwarten sollte, dass fuer die in dem neugewonnenen Gebiet
unentbehrlichen militaerischen Aufstellungen ein grosser Mittelpunkt am
Nordabhang der Alpen geschaffen worden waere, davon geschah das gerade
Gegenteil. Es wurde zwischen Italien einer- und den grossen Rhein- und
Donaukommandos andererseits ein Guertel kleinerer Statthalterschaften gezogen,
die nicht bloss alle vom Kaiser, sondern auch durchaus mit dem Senat nicht
angehoerigen Maennern besetzt wurden. Italien und die suedgallische Provinz
wurden geschieden durch die drei kleinen Militaerdistrikte der Seealpen
(Departement der Seealpen und Provinz Cuneo), der Kottischen mit der Hauptstadt
Segusio (Susa) und wahrscheinlich der Graischen (Ostsavoyen), unter denen der
zweite, von dem schon genannten Gaufuersten Cottius und seinen Nachkommen eine
Zeitlang in den Formen der Klientel verwaltete ^4 am meisten bedeutete, die aber
alle eine gewisse Militaergewalt besassen und deren naechste Bestimmung war, in
dem betreffenden Gebiet und vor allem auf den wichtigen, dasselbe
durchschneidenden Reichsstrassen die oeffentliche Sicherheit zu erhalten. Das
obere Rhonetal dagegen, also das Wallis, und das neu eroberte Raetien wurden
einem nicht im Rang, aber wohl an Macht hoeher stehenden Befehlhaber untergeben;
ein relativ ansehnliches Korps war hier nun einmal unumgaenglich erforderlich.
Indes wurde, um dasselbe moeglichst verringern zu koennen, Raetien durch
Entfernung seiner Bewohner im grossen Massstab entvoelkert. Den Ring schloss die
aehnlich organisierte Provinz Noricum, den groessten Teil des heutigen deutschen
Osterreich umfassend. Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich ohne
wesentlichen Widerstand der roemischen Herrschaft unterworfen, wahrscheinlich in
der Form, dass hier zunaechst ein abhaengiges Fuerstenrum entstand, bald aber
der Koenig dem kaiserlichen Prokurator wich, von dem er ohnehin sich nicht
wesentlich unterschied. Von den Rhein- und Donaulegionen erhielten allerdings
einige ihre Standlager in der unmittelbaren Naehe, einerseits der raetischen
Grenze bei Vindonissa, andererseits der norischen bei Poetovio, offenbar, um auf
die Nachbarprovinz zu druecken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter
senatorischen Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie
senatorische Statthalter. Das Misstrauen gegen das neben dem Kaiser den Staat
regierende Kollegium findet in dieser Einrichtung einen sehr drastischen
Ausdruck.
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^4 Der offizielle Titel des Cottius war nicht Koenig, wie der seines Vaters
Donnus, sondern "Gauverbandsvorstand" (praefectus civitatium), wie er auf dem
noch stehenden, im Jahre 745/46 (9/8) von ihm zu Ehren des Augustus errichteten
Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung war ohne Zweifel lebenslaenglich
und, unter Vorbehalt der Bestaetigung des Lehnsherrn, auch erblich, also
insofern der Verband allerdings ein Fuerstentum, wie er auch gewoehnlich heisst.
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Naechst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Organisation die
Sicherung seiner Kommunikationen mit dem Norden, die fuer den Handelsverkehr von
nicht minder einschneidender Bedeutung war wie in militaerischer Beziehung. Mit
besonderer Energie griff Augustus diese Aufgabe an und es ist wohl verdient,
dass in den Namen Aosta und Augsburg, vielleicht auch in dem der Julischen Alpen
der seinige noch heute fortlebt. Die alte Kuestenstrasse, die Augustus von der
ligurischen Kueste durch Gallien und Spanien bis an den Atlantischen Ozean teils
erneuerte, teils herstellte, hat nur Handelszwecken dienen koennen. Auch die
Strasse ueber die Kottische Alpe, schon durch Pompeius eroeffnet, ist unter
Augustus durch den schon erwaehnten Fuersten von Susa ausgebaut und nach ihm
benannt worden; ebenfalls eine Handelsstrasse, verknuepft sie Italien ueber
Turin und Susa mit der Handelshauptstadt Suedgalliens Arelate. Aber die
eigentliche Militaerlinie, die unmittelbare Verbindung zwischen Italien und den
Rheinlagern fuehrt durch das Tal der Dora Baltea aus Italien teils nach der
Hauptstadt Galliens, Lyon, teils nach dem Rhein. Hatte die Republik sich darauf
beschraenkt, den Eingang jenes Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in
ihre Gewalt zu bringen, so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise,
dass er dessen Bewohner, die immer noch unruhigen und schon waehrend des
dalmatinischen Krieges von ihm bekaempften Salasser, nicht bloss unterwarf,
sondern geradezu austilgte - ihrer 36000, darunter 8000 streitbare Maenner,
wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei verkauft und
den Kaeufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem derselben die Freiheit zu
gewaehren. Das Feldlager selbst, von dem aus sein Feldherr Varro Murena im Jahre
729 (25) sie schliesslich aufs Haupt geschlagen hatte, wurde die Festung,
welche, besetzt mit 3000 der Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die
Verbindungen sichern sollte, die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta,
deren damals errichtete Mauern und Tore noch heute stehen. Sie beherrschte
spaeter zwei Alpenstrassen, sowohl die ueber die Grafische Alpe oder den Kleinen
St. Bernhard an der oberen Isere und der Rhone nach Lyon fuehrende wie die,
welche ueber die Poeninische Alpe, den Grossen St. Bernhard, zum Rhonetal und
zum Genfer See und von da in die Taeler der Aare und des Rheins lief. Aber fuer
die erste dieser Strassen ist die Stadt angelegt worden, da sie urspruenglich
nur nach Osten und Westen fuehrende Tore gehabt hat, und es konnte dies auch
nicht anders sein, da die Festung ein Dezennium vor der Besetzung Raetiens
gebaut ward, auch in jenen Jahren die spaetere Organisation der Rheinlager noch
nicht bestand und die direkte Verbindung der Hauptstaedte Italiens und Galliens
durchaus in erster Reihe stand. In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage
von Emona an der oberen Save auf der alten Handelsstrasse von Aquileia ueber die
Julische Alpe in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese Strasse war
zugleich die Hauptader der militaerischen Verbindung von Italien mit dem
Donaugebiet. Mit der Eroberung Raetiens endlich verband sich die Eroeffnung der
Strasse, welche von der letzten italischen Stadt Tridentum (Trient) das Etschtal
hinauf zu der im Lande der Vindeliker neu angelegten Augusta, dem heutigen
Augsburg, und weiter zur oberen Donau fuehrte. Als dann der Sohn des Feldherrn,
der dieses Gebiet zuerst aufgeschlossen hatte, zur Regierung gelangte, ist
dieser Strasse der Name der Claudischen beigelegt worden ^5. Sie stellte
zwischen Raetien und Italien die militaerisch unentbehrliche Verbindung her;
indes hat sie in Folge der relativ geringen Bedeutung der raetischen Armee und
wohl auch in Folge der schwierigeren Kommunikation niemals die Bedeutung gehabt
wie die Strasse von Aosta.
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^5 Wir kennen diese Strasse nur in der Gestalt, die der Sohn des Erbauers,
Kaiser Claudius, ihr gab; urspruenglich kann sie natuerlich nicht via Claudia
Augusta geheissen haben, sondern nur via Augusta, und schwerlich als ihr
Endpunkt in Italien Altinum, ungefaehr das heutige Venedig, betrachtet worden
sein, da unter Augustus noch alle Reichsstrassen nach Rom fuehrten. Dass die
Strasse auch durch das obere Etschtal lief, ist erwiesen durch den bei Meran
gefundenen Meilenstein (CIL V 8003); dass sie an die Donau fuehrte, ist bezeugt,
die Verbindung dieses Strassenbaus mit der Anlage von Augusta Vindelicum, wenn
dies auch zunaechst nur Marktflecken (forum) war, mehr als wahrscheinlich (CIL
III, p. 711); auf welchem Wege von Meran aus Augsburg und die Donau erreicht
wurden, wissen wir nicht. Spaeterhin ist die Strasse dahin korrigiert worden,
dass sie bei Bozen die Etsch verlaesst und das Eisacktal hinauf ueber den
Brenner nach Augsburg fuehrt.
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Die Alpenpaesse und der Nordabhang der Alpen waren somit in gesichertem
roemischen Besitz. Jenseits der Alpen erstreckte sich oestlich vom Rhein das
germanische Land, suedwaerts der Donau das der Pannonier und der Moeser. Auch
hier wurde kurz nach der Besetzung Raetiens, und ziemlich gleichzeitig nach
beiden Seiten hin, die Offensive ergriffen. Betrachten wir zunaechst die
Vorgaenge an der Donau.
Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum Jahre 727 (27) mit Oberitalien
zusammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des Reiches ein
selbstaendiger Verwaltungsbezirk Illyricum unter eigenem Statthalter. Er bestand
aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum Drin, waehrend die Kueste weiter
suedwaerts seit langem zur Statthalterschaft Makedonien gehoerte, und den
roemischen Besitzungen im Lande der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen
dem Haemus und der Donau bis zum Schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in
Reichsabhaengigkeit gebracht hatte, sowie nicht minder Noricum und Raetien
standen im Klientelverhaeltnis zu Rom, gehoerten also zwar nicht zu diesem
Sprengel, aber hingen doch zunaechst von dem Statthalter Illyricums ab. Auch das
noch keineswegs beruhigte Thrakien suedlich vom Haemus fiel militaerisch in
denselben Bereich. Es ist eine bis in spaete Zeit bestehende Fortwirkung dieser
urspruenglichen Organisation gewesen, dass das ganze Donaugebiet von Raetien bis
Moesien als ein Zollbezirk unter dem Namen Illyricum im weiteren Sinne
zusammengefasst worden ist. Legionen standen nur in dem eigentlichen Illyricum,
in den uebrigen Distrikten wahrscheinlich gar keine Reichstruppen, hoechstens
kleinere Detachements; das Oberkommando fuehrte der aus dem Senat hervorgehende
Prokonsul der neuen Provinz, waehrend die Soldaten und die Offiziere
selbstverstaendlich kaiserlich waren. Es zeugt von dem ernsten Charakter der
nach der Eroberung Raetiens beginnenden Offensive, dass zunaechst der
Nebenherrscher Agrippa das Kommando im Donaugebiet uebernahm, dem der Prokonsul
von Illyricum von Rechts wegen sich unterzuordnen hatte, und dann, als Agrippas
ploetzlicher Tod im Fruehjahr 742 (12) diese Kombination scheitern machte, im
Jahre darauf Illyricum in kaiserliche Verwaltung ueberging, also die
kaiserlichen Feldherren hier das Oberkommando erhielten. Bald bildeten sich hier
drei militaerische Mittelpunkte, welche dann auch die administrative Dreiteilung
des Donaugebiets herbeifuehrten. Die kleinen Fuerstentuemer in dem von Crassus
eroberten Gebiet machten der Provinz Moesien Platz, deren Statthalter fortan in
dem heutigen Serbien und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen Daker und
Bastarner. In der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Teil der Legionen an
der Kerka und der Cettina postiert, um die immer noch schwierigen Dalmater im
Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in Pannonien an der damaligen Reichsgrenze,
der Save. Chronologisch genau laesst sich diese Dislokation der Legionen und
Organisation der Provinzen nicht fixieren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig
gefuehrten ernsthaften Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir
gleich zu berichten haben werden, zunaechst dazu gefuehrt, die Statthalterschaft
von Moesien einzurichten, und haben erst einige Zeit nachher die dalmatischen
Legionen und die an der Save eigene Oberbefehlshaber erhalten.
Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen gleichsam eine
Wiederholung des raetischen Feldzugs in erweitertem Massstab sind, so waren auch
die Fuehrer, welche mit dem Titel kaiserlicher Legaten an die Spitze gestellt
wurden, dieselben; wieder die beiden Prinzen des kaiserlichen Hauses, Tiberius,
der an Agrippas Stelle das Kommando in Illyricum uebernahm, und Drusus, der an
den Rhein ging, beide jetzt nicht mehr unerprobte Juenglinge, sondern Maenner in
der Bluete ihrer Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen.
An naechsten Anlaessen fuer die Kriegfuehrung fehlte es in der Donaugegend
nicht. Raubgesindel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen Noricum
pluenderte im Jahre 738 (16) bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre darauf
ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die Waffen und obwohl
sie dann, als Agrippa im Herbst des Jahres 741 (13) das Kommando uebernahm, ohne
Widerstand zu leisten zum Gehorsam zurueckkehrten, sollen doch unmittelbar nach
seinem Tode die Unruhen aufs neue begonnen haben. Wir vermoegen nicht zu sagen,
wieweit diese roemischen Erzaehlungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche
Grund und Zweck dieses Krieges war gewiss die durch die allgemeine politische
Lage geforderte Vorschiebung der roemischen Grenze. Ueber die drei Kampagnen des
Tiberius in Pannonien 742 bis 744 (12-10) sind wir sehr unvollkommen
unterrichtet. Als Ergebnis derselben wurde von der Regierung die Feststellung
der Donaugrenze fuer die Provinz Illyricum angegeben. Dass diese seitdem in
ihrem ganzen Laufe als die Grenze des roemischen Gebiets angesehen wurde, ist
ohne Zweifel richtig, aber eine eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung
dieses ganzen weiten Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Hauptsaechlichen
Widerstand gegen Tiberius leisteten die schon frueher fuer roemisch erklaerten
Voelkerschaften, insbesondere die Dalmater; unter den damals zuerst effektiv
unterworfenen ist die namhafteste die der pannonischen Breuker an der unteren
Save. Schwerlich haben die roemischen Heere waehrend dieser Feldzuege die Drau
auch nur ueberschritten, auf keinen Fall ihre Standlager an die Donau verlegt.
Das Gebiet zwischen Save und Drau wurde allerdings besetzt und das Hauptquartier
der illyrischen Nordarmee von Siscia an der Save nach Poetovio (Pettau) an der
mittleren Drau verlegt, waehrend in dem vor kurzem besetzten norischen Gebiet
die roemischen Besatzungen bis an die Donau bei Carnuntum reichten (Petronell
bei Wien), damals die letzte norische Stadt gegen Osten. Das weite und grosse
Gebiet zwischen der Drau und der Donau, das heutige westliche Ungarn, ist allem
Anschein nach damals nicht einmal militaerisch besetzt worden. Es entsprach dies
dem Gesamtplan der begonnenen Offensive; man suchte die Fuehlung mit dem
gallischen Heer, und fuer die neue Reichsgrenze im Nordosten war der natuerliche
Stuetzpunkt nicht Ofen, sondern Wien.
Gewissermassen eine Ergaenzung zu dieser pannonischen Expedition des
Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thraker von Lucius Piso
unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen Statthalter, den Moesien gehabt
hat. Die beiden grossen benachbarten Nationen, die Illyriker und die Thraker,
von denen in einem spaeteren Abschnitt eingehender gehandelt werden wird,
standen damals gleichmaessig zur Unterwerfung. Die Voelkerschaften des inneren
Thrakiens erwiesen sich noch stoerriger als die Illyriker und den von Rom ihnen
gesetzten Koenigen wenig botmaessig; im Jahre 738 (16) musste ein roemisches
Heer dort einruecken und den Fuersten gegen die Besser zu Hilfe kommen. Wenn wir
genauere Berichte ueber die dort wie hier in den Jahren 741 bis 743 (13-11)
gefuehrten Kaempfe haetten, wuerde das gleichzeitige Handeln der Thraker und der
Illyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen. Gewiss ist es, dass die
Masse der Thrakerstaemme suedlich vom Haemus und vermutlich auch die in Moesien
sitzenden sich an diesem Nationalkrieg beteiligten, und dass die Gegenwehr der
Thraker nicht minder hartnaeckig war als die der Illyriker. Es war fuer sie
zugleich ein Religionskrieg; das den Bessern genommene und den roemisch
gesinnten Odrysenfuersten ueberwiesene Dionysosheiligtum ^6 war nicht vergessen;
ein Priester dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrektion und sie
richtete sich zunaechst eben gegen jene Odrysenfuersten. Der eine derselben
wurde gefangen und getoetet, der andere verjagt; die zum Teil nach roemischem
Muster bewaffneten und disziplinierten Insurgenten siegten indem ersten Treffen
ueber Piso und drangen vor bis nach Makedonien und in den Thrakischen Chersones;
man fuerchtete fuer Asien. Indes die roemische Zucht behielt doch schliesslich
das Uebergewicht auch ueber diese tapferen Gegner; in mehreren Feldzuegen wurde
Piso des Widerstandes Herr, und das entweder schon bei dieser Gelegenheit oder
bald nachher auf dem "thrakischen Ufer" eingerichtete Kommando von Moesien brach
den Zusammenhang der dakisch-thrakischen Voelkerschaften, indem es die Staemme
am linken Ufer der Donau und die verwandten suedlich vom Haemus voneinander
schied, und sicherte dauernd die roemische Herrschaft im Gebiet der unteren
Donau.
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^6 Die Oertlichkeit, "in welcher die Besser den Gott Dionysos verehren" und
die Crassus ihnen nahm und den Odrysen gab (Dio 51, 25), ist gewiss derselbe
Liberi patris lucus, in welchem Alexander opferte und der Vater des Augustus,
cum per secreta Thraciae exercitum duceret, das Orakel wegen seines Sohnes
befragte (Suet. Aug. 94) und das schon Herodot (2, 111; vgl. Eur. Hek. 1267) als
unter Obhut der Besser stehendes Orakelheiligtum erwaehnt. Gewiss ist es
nordwaerts der Rhodope zu suchen; wiedergefunden ist es noch nicht.
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Naeher noch als von den Pannoniern und den Thrakern ward es den Roemern von
den Germanen gelegt, dass der damalige Zustand der Dinge auf die Dauer nicht
bleiben koenne. Die Reichsgrenze war seit Caesar der Rhein, vom Bodensee bis zu
seiner Muendung. Eine Voelkerscheide war er nicht, da schon von alters her im
Nordosten Galliens die Kelten sich vielfach mit Deutschen gemischt hatten, die
Treuerer und die Nervier Germanen wenigstens gern gewesen waeren, am mittleren
Rhein Caesar selbst die Reste der Scharen des Ariovistus, Triboker (im Elsass),
Nemeter (um Speyer), Vangionen (um Worms) sesshaft gemacht hatte. Freilich
hielten diese linksrheinischen Deutschen fester zu der roemischen Herrschaft als
die keltischen Gaue und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten Ufer die
Pforten Galliens geoeffnet. Aber diese, seit langem der Plunderzuege ueber den
Fluss gewohnt und der mehrfach halb geglueckten Versuche, dort sich
festzusetzen, keineswegs vergessen, kamen auch ungerufen. Die einzige
germanische Voelkerschaft jenseits des Rheines, die schon in Caesars Zeit sich
von ihren Landsleuten getrennt und unter roemischen Schutz gestellt hatte, die
Ubier, hatten vor dem Hass ihrer erbitterten Stammgenossen weichen und auf dem
roemischen Ufer Schutz und neue Wohnsitze suchen muessen (716 38); Agrippa,
obwohl persoenlich in Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals
bevorstehenden sizilischen Krieges nicht vermocht, ihnen in anderer Weise zu
helfen, und den Rhein nur ueberschritten, um die Ueberfuehrung zu bewirken. Aus
dieser ihrer Siedlung ist spaeter unser Koeln erwachsen. Nicht bloss die auf dem
rechten Rheinufer Handel treibenden Roemer wurden vielfaeltig von den Germanen
geschaedigt, so dass sogar im Jahre 729 (25) deswegen ein Vorstoss ueber den
Rhein ausgefuehrt ward und Agrippa im Jahre 734 (20) vom Rhein heruebergekommene
germanische Schwaerme aus Gallien hinauszuschlagen hatte; es geriet im Jahre 738
(16) das jenseitige Ufer in eine allgemeinere, auf einen Einbruch in grossem
Massstab hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr gingen voran, mit
ihnen ihre Nachbarn, noerdlich im Lippetal die Usiper, suedlich die Tencterer;
sie griffen die bei ihnen verweilenden roemischen Haendler auf und schlugen sie
ans Kreuz, ueberschritten dann den Rhein, pluenderten weit und breit die
gallischen Gaue, und als ihnen der Statthalter von Germanien den Legaten Marcus
Lollius mit der fuenften Legion entgegenschickte, fingen sie erst deren Reiterei
ab und schlugen dann die Legion selbst in schimpfliche Flucht, wobei ihnen sogar
deren Adler in die Haende fiel. Nach allem diesem kehrten sie unangefochten
zurueck in ihre Heimat. Dieser Misserfolg der roemischen Waffen, wenn auch an
sich nicht von Gewicht, war doch der germanischen Bewegung und selbst der
schwierigen Stimmung in Gallien gegenueber nichts weniger als unbedenklich;
Augustus selbst ging nach der angegriffenen Provinz, und es mag dieser Vorgang
wohl die naechste Veranlassung gewesen sein zur Aufnahme jener grossen
Offensive, die, mit dem Raetischen Krieg 739 (15) beginnend, weiter zu den
Feldzuegen des Tiberius in Illyricum und des Drusus in Germanien fuehrte.
Nero Claudius Drusus, geboren im Jahre 716 (38) von Livia im Hause ihres
neuen Gemahls, des spaeteren Augustus, und von diesem gleich einem Sohn - die
boesen Zungen sagten, als sein Sohn - geliebt und gehalten, ein Bild maennlicher
Schoenheit und von gewinnender Anmut im Verkehr, ein tapferer Soldat und ein
tuechtiger Feldherr, dazu ein erklaerter Lobredner der alten republikanischen
Ordnung und in jeder Hinsicht der populaerste Prinz des kaiserlichen Hauses,
uebernahm bei Augustus' Rueckkehr nach Italien (741 13) die Verwaltung von
Gallien und den Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt
ernstlich in das Auge gefasst ward. Wir vermoegen weder die Staerke der damals
am Rhein stehenden Armee noch die bei den Germanen obwaltenden Zustaende
genuegend zu erkennen; nur das tritt deutlich hervor, dass die letzteren nicht
imstande waren, dem geschlossenen Angriff in entsprechender Weise zu begegnen.
Das Neckargebiet, ehemals von den Helvetiern besessen, dann lange Zeit
streitiges Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag veroedet und
beherrscht einerseits durch die juengst unterworfene Landschaft der Vindeliker,
andererseits durch die roemisch gesinnten Germanen um Strassburg, Speyer und
Worms. Weiter nordwaerts, in der oberen Maingegend, sassen die Markomannen,
vielleicht der maechtigste der suebischen Staemme, aber mit den Germanen des
Mittelrheins seit alters her verfeindet. Nordwaerts des Mains folgten zunaechst
im Taunus die Chatten, weiter rheinabwaerts die schon genannten Tencterer,
Sugambrer und Usiper; hinter ihnen die maechtigen Cherusker an der Weser,
ausserdem eine Anzahl Voelkerschaften zweiten Ranges. Wie diese
mittelrheinischen Staemme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das roemische
Gallien ausgefuehrt hatten, so richtete sich auch der Vergeltungszug des Drusus
hauptsaechlich gegen sie, und sie auch verbanden sich gegen Drusus zur
gemeinschaftlichen Abwehr und zur Aufstellung eines aus dem Zuzug aller dieser
Gaue zu bildenden Volksheers. Aber die friesischen Staemme an der Nordseekueste
schlossen sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen eigenen Isolierung.
Es waren die Germanen, die die Offensive ergriffen. Die Sugambrer und ihre
Verbuendeten griffen wieder alle Roemer auf, deren sie auf ihrem Ufer habhaft
werden konnten, und schlugen die Centurionen darunter, ihrer zwanzig an der
Zahl, ans Kreuz. Die verbuendeten Staemme beschlossen, abermals in Gallien
einzufallen, und teilten auch die Beute im voraus - die Sugambrer sollten die
Leute, die Cherusker die Pferde, die suebischen Staemme das Gold und Silber
erhalten. So versuchten sie im Anfang des Jahres 742 (12) wieder den Rhein zu
ueberschreiten und hofften auf die Unterstuetzung der linksrheinischen Germanen
und selbst auf eine Insurrektion der eben damals durch das ungewohnte
Schaetzungsgeschaeft erregten gallischen Gaue. Aber der junge Feldherr traf
seine Massregeln gut: er erstickte die Bewegung im roemischen Gebiet, noch ehe
sie recht in Gang kam, warf die Eindringenden bei dem Flussuebergang selbst
zurueck und ging dann seinerseits ueber den Strom, um das Gebiet der Usiper und
Sugambrer zu brandschatzen. Dies war eine vorlaeufige Abwehr; der eigentliche
Kriegsplan, in groesserem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung der
Nordseekueste und der Muendungen der Eins und der Elbe. Der zahlreiche und
tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem Anschein nach damals und
durch guetliche Vereinbarung, dem Roemischen Reiche einverleibt worden; mit
ihrer Hilfe wurde vom Rheine zur Zuidersee und aus dieser in die Nordsee eine
Wasserverbindung hergestellt, welche der Rheinflotte einen sichereren und
kuerzeren Weg zur Ems- und Elbemuendung eroeffnete. Die Friesen an der
Nordkueste folgten dem Beispiel der Bataver und fuegten sich gleichfalls der
Fremdherrschaft. Es war wohl mehr noch die masshaltende Politik als die
militaerische Uebergewalt, die hier den Roemern den Weg bahnte: diese
Voelkerschaften blieben fast ganz steuerfrei und wurden zum Kriegsdienst in
einer Weise herangezogen, die nicht schreckte, sondern lockte. Von da ging die
Expedition an der Nordseekueste hinauf; im offenen Meer wurde die Insel
Burchanis (vielleicht Borkum vor Ostfriesland) mit stuermender Hand genommen,
auf der Ems die Bootflotte der Bructerer von der roemischen Flotte besiegt; bis
an die Muendung der Weser zu den Chaukern ist Drusus gelangt. Freilich geriet
die Flotte heimkehrend auf die gefaehrlichen und unbekannten Watten, und wenn
die Friesen nicht der schiffbruechigen Armee sicheres Geleit gewaehrt haetten,
waere sie in sehr kritische Lage geraten. Nichtsdestoweniger war durch diesen
ersten Feldzug die Kueste von der Rhein- zur Wesermuendung roemisch geworden.
Nachdem also die Kueste umfasst war, begann im naechsten Jahr (743 11) die
Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich erleichtert durch den Zwist
unter den mittelrheinischen Germanen. Zu dem im Jahre vorher versuchten Angriff
auf Gallien hatten die Chatten den versprochenen Zuzug nicht gestellt; in
begreiflichem, aber noch vielmehr unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit
gesamter Hand das Chattenland ueberfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet sowie
das ihrer naechsten Nachbarn am Rhein ohne Schwierigkeit von den Roemern
besetzt. Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer Feinde ohne
Gegenwehr; nichtsdestoweniger wurden sie angewiesen, das Rheinufer zu raeumen
und dafuer dasjenige Gebiet zu besetzen, das bis dahin die Sugambrer innegehabt
hatten. Nicht minder unterlagen weiter landeinwaerts die maechtigen Cherusker an
der mittleren Weser. Die an der unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr
zuvor von der Seeseite, so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesamte
Gebiet zwischen Rhein und Weser wenigstens an den militaerisch entscheidenden
Stellen in Besitz genommen. Der Rueckweg waere allerdings, eben wie im vorigen
Jahre, fast verhaengnisvoll geworden; bei Arbalo (unbekannter Lage) sahen sich
die Roemer in einem Engpass von allen Seiten von den Germanen umzingelt und
ihrer Verbindungen verlustig; aber die feste Zucht der Legionaere und daneben
die uebermuetige Siegesgewissheit der Deutschen verwandelten die drohende
Niederlage in einen glaenzenden Sieg ^7. Im naechsten Jahr (744 10) standen die
Chatten auf, erbittert ueber den Verlust ihrer alten schoenen Heimstatt; aber
jetzt blieben sie ihrerseits allein und wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr und
nicht ohne empfindlichen Verlust von den Roemern ueberwaeltigt (745 9). Die
Markomannen am oberen Main, die nach der Einnahme des Chattengebiets zunaechst
dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus und zogen sich rueckwaerts in das
Land der Boier, das heutige Boehmen, ohne von hier aus, wo sie dem unmittelbaren
Machtkreise Roms entrueckt waren, in die Kaempfe am Rhein einzugreifen. In dem
ganzen Gebiet zwischen Rhein und Weser war der Krieg zu Ende. Drusus konnte im
Jahre 745 (9) im Cheruskergau das rechte Weserufer betreten und von da vorgehen
bis an die Elbe, die er nicht ueberschritt, vermutlich angewiesen war, nicht zu
ueberschreiten. Manches harte Gefecht wurde geliefert, erfolgreicher Widerstand
nirgends geleistet. Aber auf dem Rueckweg, der, wie es scheint, die Saale hinauf
und von da zur Weser genommen ward, traf die Roemer ein schwerer Schlag, nicht
durch den Feind, aber durch einen unberechenbaren Ungluecksfall. Der Feldherr
stuerzte mit dem Pferd und brach den Schenkel; nach dreissigtaegigen Leiden
verschied er in dem fernen Lande zwischen Saale und Weser ^8, das nie vor ihm
eine roemische Armee betreten hatte, in den Armen des aus Rom herbeigeeilten
Bruders, im dreissigsten Jahre seines Alters, im Vollgefuehl seiner Kraft und
seiner Erfolge, von den Seinigen und dem ganzen Volke tief und lange betrauert,
vielleicht gluecklich zu preisen, weil die Goetter ihm gaben, jung aus dem Leben
zu scheiden und den Enttaeuschungen und Bitterkeiten zu entgehen, welche die
Hoechstgestellten am schmerzlichsten treffen, waehrend in der Erinnerung der
Welt noch heute seine glaenzende Heldengestalt fortlebt.
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^7 Dass die Schlacht bei Arbalo (Plin. nat. 11, 17, 55) in dieses Jahr
gehoert, zeigt Obsequens 72 und also geht auf sie die Erzaehlung bei Dio 54, 33.
^8 Dass der Sturz des Drusus in der Saalegegend erfolgte, wird aus Strabon
7,1, 3 p. 291 gefolgert werden duerfen, obwohl er nur sagt, dass er auf dem
Heerzuge zwischen Salas und Rhein umkam und die Identifikation des Salas mit der
Saale allein auf der Namensaehnlichkeit beruht. Von der Ungluecksstaette wurde
er dann bis in das Sommerlager transportiert (Sen. dial. ad Marciam 3: ipsis
illum hostibus aegrum cum veneratione et pace mutua prosequentibus nec optare
quod expediebat audentibus) und in diesem ist er gestorben (Suet. Claud. 1).
Dies lag tief im Barbarenland (Val. Max. 5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem
Schlachtfelde des Varus (Tac. ann. 2, 7, wo die vetus ara Druso sita gewiss auf
den Sterbeplatz zu beziehen ist); man wird dasselbe im Wesergebiet suchen
duerfen. Die Leiche wurde dann in das Winterlager geschafft (Dio 55, 2) und dort
verbrannt; diese Staette galt nach roemischem Gebrauch auch als Grabstaette,
obwohl die Beisetzung der Asche in Rom stattfand, und darauf ist der honorarius
tumulus mit der jaehrlichen Leichenfeier zu beziehen (Suet. a. a. O.).
Wahrscheinlich hat man dessen Staette in Vetera zu suchen. Wenn ein spaeterer
Schriftsteller (Eutr. 7, 13) von dem monumentum des Drusus bei Mainz spricht, so
ist dies nicht wohl das Grabmal, sondern das anderweitig erwaehnte Tropaeum
(Flor. epit. 2, 30: Marcomanorum spoliis et insignibus quendam editum tumulum in
tropaei modum excoluit).
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In dem grossen Gang der Dinge aenderte, wie billig, der Tod des tuechtigen
Feldherrn nichts. Sein Bruder Tiberius kam frueh genug, nicht bloss um ihm die
Augen zuzudruecken, sondern auch um mit seiner sicheren Hand das Heer zurueck
und die Eroberung Germaniens weiter zu fuehren. Er kommandierte dort waehrend
der beiden folgenden Jahre (746, 747 8, 7); zu groesseren Kaempfen ist es
waehrend derselben nicht gekommen, aber weit und breit zwischen Rhein und Elbe
zeigten sich die roemischen Truppen, und als Tiberius die Forderung stellte,
dass saemtliche Gaue die roemische Herrschaft foermlich anzuerkennen haetten,
und zugleich erklaerte, die Anerkennung nur von saemtlichen Gauen zugleich
entgegennehmen zu koennen, fuegten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt von allen die
Sugambrer, fuer die es freilich einen wirklichen Frieden nicht gab. Wie weit man
militaerisch gelangt war, beweist die wenig spaeter fallende Expedition des
Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser konnte als Statthalter von Illyricum,
wahrscheinlich von Vindelizien aus, einem unsteten Hermundurenschwarm im
Markomannenlande selbst Sitze anweisen und gelangte bei dieser Expedition bis an
und ueber die obere Elbe, ohne auf Widerstand zu treffen ^9. Die Markomannen in
Boehmen waren voellig isoliert, und das uebrige Germanien zwischen Rhein und
Elbe eine, wenn auch noch keineswegs befriedete, roemische Provinz.
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^9 Die Mitteilung Dios (55, IOa), zum Teil bestaetigt durch Tacitus (arm.
4, 44) kann nicht anders aufgefasst werden. Diesem Statthalter muss
ausnahmsweise auch Noricum und Raetien unterstellt gewesen sein oder der Lauf
der Operationen veranlasste ihn, die Grenze seiner Statthalterschaft zu
ueberschreiten. Dass er Boehmen selbst durchschritten habe, was in noch
groessere Schwierigkeiten verwickeln wuerde, fordert der Bericht nicht.
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Die militaerisch-politische Organisation Germaniens, wie sie damals
angelegt ward, vermoegen wir nur unvollkommen zu erkennen, da uns einmal ueber
die in frueherer Zeit zum Schutz der gallischen Ostgrenze getroffenen
Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andererseits diejenigen der beiden
Brueder durch die spaetere Entwicklung der Dinge grossenteils zerstoert worden
sind. Eine Verlegung der roemischen Grenzhut vom Rhein weg hat keineswegs
stattgefunden; so weit wollte man vielleicht kommen, aber war man nicht.
Aehnlich wie in Illyricum damals die Donau, war die Elbe wohl die politische
Reichsgrenze, aber der Rhein die Linie der Grenzverteidigung, und von den
Rheinlagern liefen die rueckwaertigen Verbindungen nach den grossen Staedten
Galliens und nach dessen Haefen ^10. Das grosse Hauptquartier waehrend dieser
Feldzuege ist das spaetere sogenannte "alte Lager", Castra vetera (Birten bei
Xanten), die erste bedeutende Hoehe abwaerts Bonn am linken Rheinufer,
militaerisch etwa dem heutigen Wesel am rechten entsprechend. Dieser Platz,
besetzt vielleicht seit den Anfaengen der Roemerherrschaft am Rhein, ist von
Augustus eingerichtet worden als Zwingburg fuer Germanien; und wenn die Festung
zu allen Zeiten der Stuetzpunkt fuer die roemische Defensive am linken Rheinufer
gewesen ist, so war sie fuer die Invasion des rechten nicht weniger wohl
gewaehlt, gelegen gegenueber der Muendung der weit hinauf schiffbaren Lippe und
mit dem rechten Ufer durch eine feste Bruecke verbunden. Den Gegensatz zu diesem
"alten Lager" an der Muendung der Lippe, bildete wahrscheinlich das an der
Muendung des Main, Mogontiacum, das heutige Mainz, allem Anschein nach eine
Schoepfung des Drusus; wenigstens zeigen die schon erwaehnten, den Chatten
auferlegten Gebietsabtretungen, sowie die weiterhin zu erwaehnenden Anlagen im
Taunus, dass Drusus die militaerische Wichtigkeit der Mainlinie und also auch
die ihres Schluessels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt hat. Wenn das
Legionslager an der Aare, wie es scheint, eingerichtet worden ist, um die Raeter
und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten, so faellt dessen Anlage vermutlich schon
in diese Zeit, aber es ist dann auch mit den gallisch-germanischen
Militaereinrichtungen nur aeusserlich verknuepft gewesen. Das Strassburger
Legionslager reicht schwerlich bis in so fruehe Zeit hinauf. Die Basis der
roemischen Heerstellung bildet die Linie von Mainz bis Wesel. Dass Drusus und
Tiberius, abgesehen von der damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen
Provinz, sowohl die Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Kommando der
saemtlichen rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen
Prinzen abgesehen, mag damals wohl die Zivilverwaltung Galliens von dem Kommando
der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwerlich war das letztere damals
schon in zwei koordinierte Kommandos geteilt ^11.
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^10 Auf eine rueckwaertige Verbindung der Rheinlager mit dem Hafen von
Boulogne duerfte die viel bestrittene Notiz des Florus (epit. 2, 30) zu beziehen
sein: Bonnam (oder Bormam) et Gessoriacum pontibus iunxit classibusque firmavit,
womit zu vergleichen sind die von demselben Schriftsteller erwaehnten Kastelle
an der Maas. Bonn kann damals fueglich die Station der Rheinflotte gewesen sein;
Boulogne ist auch in spaeterer Zeit noch Flottenstation gewesen. Drusus konnte
wohl Veranlassung haben den kuerzesten und sichersten Landweg zwischen den
beiden Flottenlagern fuer Transporte brauchbar zu machen, wenn auch der
Schreiber wahrscheinlich, um das Auffallende bemueht, durch zugespitzte
Ausdrucksweise Vorstellungen erweckt, die so nicht richtig sein koennen.
^11 Ueber die administrative Teilung Galliens fehlt es, abgesehen von der
Abtrennung der Narbonensis, an allen Nachrichten, da sie nur auf kaiserlichen
Verfuegungen beruhte und darueber nichts in die Senatsprotokolle kam. Aber von
der Existenz eines gesonderten ober- und untergermanischen Kommandos geben die
erste Kunde die Feldzuege des Germanicus, und die Varusschlacht ist unter jener
Voraussetzung kaum zu verstehen; hier erscheinen wohl die hiberna inferiora, die
von Vetera (Vell. 2, 120), und den Gegensatz dazu, die superiora koennen nur die
von Mainz gemacht haben, aber auch diese stehen nicht unter einem Kollegen,
sondern unter dem Neffen, also einem Unterbefehlshaber des Varus. Wahrscheinlich
hat die Teilung erst in Folge der Niederlage in den letzten Jahren des Augustus
stattgefunden.
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Ueber den Bestand der damaligen Rheinarmee koennen wir nur etwa sagen, dass
die Armee des Drusus schwerlich staerker, vielleicht geringer war als die,
welche zwanzig Jahre spaeter in Germanien stand, von fuenf bis sechs Legionen,
etwa 50000 bis 60000 Mann.
Diesen militaerischen Einrichtungen am linken Rheinufer sind die am rechten
getroffenen korrelat. Zunaechst nahmen die Roemer dieses selbst in Besitz. Es
traf dies vor allem die Sugambrer, wobei allerdings die Vergeltung fuer den
erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlagenen Centurionen mitgewirkt hat. Die
zur Erklaerung der Unterwerfung abgesandten Boten, die Vornehmsten der Nation,
wurden gegen das Voelkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den
italischen Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 Koepfe aus
ihrer Heimat entfernt und auf dem gallischen Ufer angesiedelt, wo sie spaeter
vielleicht unter dem Namen der Cugerner begegnen. Nur ein geringer und
ungefaehrlicher Ueberrest des maechtigen Stammes durfte in den alten Wohnsitzen
bleiben. Auch suebische Haufen sind nach Gallien uebergefuehrt, andere
Voelkerschaften weiter landeinwaerts gedraengt worden, wie die Marser und ohne
Zweifel auch die Chatten; am Mittelrhein wurde ueberall die eingeborene
Bevoelkerung des rechten Ufers verdraengt oder doch geschwaecht. Laengs dieses
Rheinufers wurden ferner befestigte Posten, fuenfzig an der Zahl, eingerichtet.
Vorwaerts Mogontiacum wurde das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdem der Gau
der Mattfiaker bei dem heutigen Wiesbaden, in die roemischen Linien gezogen und
die Hoehe des Taunus stark befestigt ^12. Vor allem aber wurde von Vetera aus
die Lippelinie in Besitz genommen; von der doppelten, von Tagemarsch zu
Tagemarsch mit Kastellen besetzten Militaerstrasse an den beiden Ufern des
Flusses ist wenigstens die rechtsuferige sicher ebenso das Werk des Drusus wie
dies bezeugt ist von der Festung Aliso im Quellgebiet der Lippe, wahrscheinlich
dem heutigen Dorfe Elsen unweit Paderborn ^13.
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^12 Das von Drusus in monte Tauno angelegte praesidium (Tac. ann. 1, 56)
und das mit Aliso zusammengestellte (phro?rion en CHa`attois par' ayt/o/ t/o/
R/e/n/o/ (Dio 54, 33) sind wahrscheinlich identisch, und die besondere Stellung
des Mattiakergaus haengt augenscheinlich mit der Anlage von Mogontiacum
zusammen.
^13 Dass das "Kastell am Zusammenfluss des Lupias und des Helison" bei Dio
54, 33 identisch ist mit dem oefter genannten Aliso und dies an der oberen Lippe
gesucht werden muss, ist keinem Zweifel unterworfen, und dass das roemische
Winterlager an den Lippequellen (ad caput Lupiae, Vell. 2, 105), unseres Wissens
das einzige derartige auf germanischem Boden, eben dort zu suchen ist,
wenigstens sehr wahrscheinlich. Dass die beiden an der Lippe hin laufenden
Roemerstrassen und deren befestigte Marschlager wenigstens bis in die Gegend von
Lippstadt fuehrten, haben namentlich Hoelzermanns Untersuchungen dargetan. Die
obere Lippe hat nur einen namhaften Zufluss, die Alme, und da unweit der
Muendung dieser in die Lippe das Dorf Elsen liegt, so darf hier der
Namensaehnlichkeit einiges Gewicht beigelegt werden.
Der Ansetzung von Aliso an der Muendung der Glenne (und Liese) in die
Lippe, welche unter andern Schmidt vertritt, steht vornehmlich entgegen, dass
das Lager ad caput Lupiae dann von Aliso verschieden gewesen sein muss,
ueberhaupt dieser Punkt von der Weserlinie zu weit abliegt, waehrend von Elsen
aus der Weg geradezu durch die Doerenschlucht in das Werretal fuehrt. ueberhaupt
bemerkt Schmidt (Westfaelische Zeitschrift fuer Gesch. und Alterthumskunde 20,
1862, S. 259), kein Anhaenger der Identifikation von Aliso und Elsen, dass die
Hoehen von Wever (unweit Elsen) und ueberhaupt der linke Talrand der Alme der
Mittelpunkt eines Halbkreises sind, welchen die vorliegenden Gebirge bilden, und
diese hochgelegene, trockene, bis zu dem Gebirge eine genaue Uebersicht
gestattende Gegend, welche das ganze lippische Land deckt und selbst in der
Front durch die Alme gedeckt ist, sich gut eignet zum Ausgangspunkt eines Zuges
gegen die Weser.
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Dazu kam der schon erwaehnte Kanal von der Rheinmuendung zur Zuidersee und
ein von Lucius Domitius Ahenobarbus durch eine laengere Sumpfstrecke zwischen
der Eins und dem Unterrhein gezogener Damm, die sogenannten "langen Bruecken".
Ausserdem standen durch das ganze Gebiet zerstreut einzelne roemische Posten;
dergleichen werden spaeterhin erwaehnt bei den Friesen und den Chaukern, und in
diesem Sinne mag es richtig sein, dass die roemischen Besatzungen bis zur Weser
und bis zur Elbe reichten. Endlich lagerte das Heer wohl im Winter am Rhein, im
Sommer aber, auch wenn nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden,
durchgaengig im eroberten Lande, in der Regel bei Aliso.
Aber nicht bloss militaerisch richteten die Roemer in dem neugewonnenen
Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten, wie andere Provinzialen, von
dem roemischen Statthalter Recht zu nehmen und die Sommerexpeditionen des
Feldherrn entwickelten sich allmaehlich zu den ueblichen Gerichtsreisen des
Statthalters. Anklage und Verteidigung der Angeschuldigten fand in lateinischer
Zunge statt; die roemischen Sachwalter und Rechtsbeistaende begannen wie
diesseits so jenseits des Rheines ihre ueberall schwer empfundene, hier die
solcher Dinge ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte viel
zur voelligen Durchfuehrung der provinzialen Einrichtung; an foermliche Umlage
der Schatzung, an regulierte Aushebung fuer das roemische Heer ward noch nicht
gedacht. Aber wie der neue Gauverband eben jetzt in Gallien im Anschluss an die
daselbst eingefuehrte goettliche Verehrung des Monarchen eingerichtet ward, so
wurde eine aehnliche Einrichtung auch in dem neuen Germanien getroffen; als
Drusus fuer Gallien den Augustusaltar in Lyon weihte, wurden die zuletzt auf dem
linken Rheinufer angesiedelten Germanen, die Ubier, nicht in diese Vereinigung
aufgenommen, sondern in ihrem Hauptort, der der Lage nach fuer Germanien
ungefaehr war, was Lyon fuer die drei Gallien, ein gleichartiger Altar fuer die
germanischen Gaue errichtet, dessen Priestertum im Jahre 9 der junge
Cheruskerfuerst Segimundus, des Segestes Sohn, verwaltete.
Den vollen militaerischen Erfolg brach oder unterbrach doch die kaiserliche
Familienpolitik. Das Zerwuerfnis zwischen Tiberius und seinem Stiefvater fuehrte
dazu, dass jener im Anfang des Jahres 748 (6) das Kommando niederlegte. Das
dynastische Interesse gestattete es nicht, umfassende militaerische Operationen
anderen Generalen als Prinzen des kaiserlichen Hauses anzuvertrauen; und nach
Agrippas und Drusus' Tod und Tiberius' Ruecktritt gab es faehige Feldherrn in
demselben nicht. Allerdings werden in den zehn Jahren, wo Statthalter mit
gewoehnlicher Befugnis in Illyricum und in Germanien schalteten, die
militaerischen Operationen daselbst wohl nicht so vollstaendig unterbrochen
worden sein, wie es uns erscheint, da die hoefisch gefaerbte Ueberlieferung
ueber die mit und die ohne Prinzen gefuehrten Kampagnen nicht in gleicher Weise
berichtet; aber das Stocken ist unverkennbar, und dieses selbst war ein
Rueckschritt. Ahenobarbus, der infolge seiner Verschwaegerung mit dem
kaiserlichen Hause - seine Gattin war die Schwestertochter Augusts - freiere
Hand hatte als andere Beamte und der in seiner illyrischen Statthalterschaft die
Elbe ueberschritten hatte, ohne Widerstand zu finden, erntete spaeter als
Statthalter Germaniens dort keine Lorbeeren. Nicht bloss die Erbitterung, auch
der Mut der Germanen waren wieder im Steigen und im Jahre 2 erscheint das Land
wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Waffen. Inzwischen
hatte am Kaiserhofe der Tod sich ins Mittel geschlagen und der Wegfall der
jungen Soehne des Augustus diesen und Tiberius ausgesoehnt. Kaum war diese
Versoehnung durch die Annahme an Kindesstatt besiegelt und proklamiert (4), so
nahm Tiberius das Werk da wieder auf, wo es unterbrochen worden war, und fuehrte
abermals in diesem und den beiden folgenden Sommern (5-6) die Heere ueber den
Rhein. Es war eine Wiederholung und Steigerung der frueheren Feldzuege. Die
Cherusker wurden im ersten Feldzug, die Chauker im zweiten zum Gehorsam
zurueckgebracht; die den Batavern benachbarten und an Tapferkeit nicht
nachstehenden Cannenefaten, die im Quellgebiet der Lippe und an der Ems
sitzenden Bructerer und andere Gaue mehr unterwarfen sich, ebenso die hier
zuerst erwaehnten maechtigen Langobarden, damals hausend zwischen der Weser und
Elbe. Der erste Feldzug fuehrte ueber die Weser hinein in das Innere; in dem
zweiten standen an der Elbe selbst die roemischen Legionen dem germanischen
Landsturm am anderen Ufer gegenueber. Vom Jahre 4 auf 5 nahm, es scheint zum
ersten Mal, das roemische Heer das Winterlager auf germanischem Boden bei Aliso.
Alles dies wurde erreicht ohne erhebliche Kaempfe; die umsichtige Kriegfuehrung
brach nicht die Gegenwehr, sondern machte sie unmoeglich. Diesem Feldherrn war
es nicht um unfruchtbare Lorbeeren zu tun, sondern um dauernden Erfolg. Nicht
minder wurde die Seefahrt wiederholt; wie die erste Kampagne des Drusus, so ist
die letzte des Tiberius ausgezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee. Aber
die roemische Flotte gelangte diesmal weiter: die ganze Kueste der Nordsee bis
zum Vorgebirge der Kimbrer, das heisst zur juetischen Spitze, ward von ihr
erkundet und sie vereinigte sich dann, die Elbe hinauffahrend, mit dem an dieser
aufgestellten Landheer. Diese zu ueberschreiten, hatte der Kaiser ausdruecklich
untersagt; aber die Voelker jenseits der Elbe, die eben genannten Kimbrer im
heutigen Juetland, die Charuden suedlich von ihnen, die maechtigen Semnonen
zwischen Elbe und Oder traten wenigstens in Beziehung zu den neuen Nachbarn.
Man konnte meinen, am Ziel zu sein. Aber eines fehlte doch noch zur
Herstellung des eisernen Ringes, der Grossdeutschland umklammern sollte: es war
die Herstellung der Verbindung zwischen der mittleren Donau und der oberen Elbe,
die Besitznahme des alten Boierheims, das in seinem Bergkranz gleich einer
gewaltigen Festung zwischen Noricum und Germanien sich einschob. Der Koenig
Maroboduus, aus edlem Markomannengeschlecht, aber in jungen Jahren durch
laengeren Aufenthalt in Rom eingefuehrt in dessen straffere Heer- und
Staatsordnung, hatte nach der Heimkehr, vielleicht waehrend der ersten Feldzuege
des Drusus und der dadurch herbeigefuehrten Uebersiedlung der Markomannen vom
Main an die obere Elbe, sich nicht bloss zum Fuersten seines Volkes erhoben,
sondern auch diese seine Herrschaft nicht in der lockeren Weise des germanischen
Koenigtums, sondern, man moechte sagen, nach dem Muster der augustischen
gestaltet. Ausser seinem eigenen Volk gebot er ueber den maechtigen Stamm der
Lugier (im heutigen Schlesien) und seine Klientel muss sich ueber das ganze
Gebiet der Elbe erstreckt haben, da die Langobarden und die Semnonen als ihm
untertaenig bezeichnet werden. Bisher hatte er den Roemern wie den uebrigen
Germanen gegenueber voellige Neutralitaet beobachtet; er gewaehrte wohl den
fluechtigen Roemerfeinden in seinem Lande eine Freistatt, aber taetig mischte er
sich in den Kampf nicht, nicht einmal, als die Hermunduren von dem roemischen
Statthalter auf markomannischem Gebiet Wohnsitze angewiesen erhielten und als
das linke Elbufer den Roemern botmaessig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht,
aber er nahm alle jene Vorgaenge hin, ohne darum die freundlichen Beziehungen zu
den Roemern zu unterbrechen. Durch diese gewiss nicht grossartige und schwerlich
auch nur kluge Politik hatte er erreicht, als der letzte angegriffen zu werden;
nach den vollkommen gelungenen germanischen Feldzuegen der Jahre 4 und 5 kam die
Reihe an ihn. Von zwei Seiten her, von Germanien und Noricum aus, rueckten die
roemischen Heere vor gegen den boehmischen Bergring; den Main hinauf, die
dichten Waelder vom Spessart zum Fichtelgebirge mit Axt und Feuer lichtend, ging
Gaius Sentius Saturninus, von Carnuntum aus, wo die illyrischen Legionen durch
den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, Tiberius selbst gegen die Markomannen vor;
die beiden Heere, zusammen zwoelf Legionen, waren den Gegnern, deren Streitmacht
auf 70000 Mann zu Fuss und 4000 Reiter geschaetzt wurde, schon der Zahl nach
fast um das Doppelte ueberlegen. Die umsichtige Strategik des Feldherrn schien
den Erfolg auch diesmal voellig sichergestellt zu haben, als ein ploetzlicher
Zwischenfall den weiteren Vormarsch der Roemer unterbrach.
Die dalmatinischen Voelkerschaften und die pannonischen wenigstens des
Savegebietes gehorchten seit kurzem den roemischen Statthaltern; aber sie
ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor allem wegen der
ungewohnten und schonungslos gehandhabten Steuern. Als Tiberius spaeter einen
der Fuehrer nach den Gruenden des Abfalls fragte, antwortete ihm dieser, es sei
geschehen, weil die Roemer ihren Herden zu Huetern nicht Hunde noch Hirten,
sondern Woelfe setzten. Jetzt waren die Legionen aus Dalmatien an die Donau
gefuehrt und die wehrhaften Leute aufgeboten worden, um eben dahin zur
Verstaerkung der Armeen gesendet zu werden. Diese Mannschaften machten den
Anfang und ergriffen die Waffen nicht fuer, sondern gegen Rom; ihr Fuehrer war
ein Daesitiate (um Serajevo), Bato. Dem Beispiel folgten die Pannonier unter
Fuehrung zweier Breuker, eines anderen Bato und des Pinnes. Mit unerhoerter
Schnelligkeit und Eintraechtigkeit erhob sich ganz Illyricum; auf 200000 zu Fuss
und 9000 zu Pferde wurde die Zahl der insurgierten Mannschaften geschaetzt. Die
Aushebung fuer die Auxiliartruppen, welche namentlich bei den Pannoniern in
bedeutendem Masse stattfand, hatte die Kunde des roemischen Kriegswesens,
zugleich mit der roemischen Sprache und selbst der roemischen Bildung in
weiterem Umfang verbreitet; diese gedienten roemischen Soldaten bildeten jetzt
den Kern der Insurrektion ^14. Die in den insurgierten Gebieten in grosser Zahl
angesessenen oder verweilenden roemischen Buerger, die Kaufleute und vor allem
die Soldaten, wurden ueberall aufgegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen
Voelkerschaften kamen auch die unabhaengigen in Bewegung. Die den Roemern ganz
ergebenen Fuersten der Thraker fuehrten allerdings ihre ansehnlichen und
tapferen Scharen den roemischen Feldherrn zu; aber vom anderen Ufer der Donau
brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten, in Moesien ein. Das ganze weite
Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der Fremdherrschaft ein jaehes
Ende zu bereiten.
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^14 Das und nicht mehr sagt Velleius (2, 110): in omnibus Pannoniis non
disciplinae (= Kriegszucht) tantummodo, sed linguae quoque notitia Romanae,
plerisque etiam litterarum Usus et familiaris animorum erat exercitatio. Es sind
das dieselben Erscheinungen, wie sie bei den Cheruskerfuersten begegnen, nur in
gesteigertem Masse; und sie sind vollkommen begreiflich, wenn man sich der von
Augustus aufgestellten pannonischen und breukischen Alen und Kohorten erinnert.
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Die Insurgenten waren nicht gemeint, den Angriff abzuwarten, sondern sie
planten einen Ueberfall Makedoniens und sogar Italiens. Die Gefahr war ernst;
ueber die Julischen Alpen hinueber konnten die Aufstaendischen in wenigen Tagen
wiederum vor Aquileia und Tergeste stehen - sie hatten den Weg dahin noch nicht
verlernt - und in zehn Tagen vor Rom, wie der Kaiser selbst im Senat es
aussprach, allerdings um sich der Zustimmung desselben zu den umfassenden und
drueckenden militaerischen Veranstaltungen zu versichern. In schleunigster Eile
wurden neue Mannschaften auf die Beine gebracht und die zunaechst bedrohten
Staedte mit Besatzung versehen; ebenso, was irgendwo von Truppen entbehrlich
war, nach den bedrohten Punkten geschickt. Der erste zur Stelle war der
Statthalter von Moesien, Aulus Caecina Severus, und mit ihm der thrakische
Koenig Rhoemetalkes; bald folgten andere Truppen aus den ueberseeischen
Provinzen nach. Vor allen Dingen aber musste Tiberius, statt in Boehmen
einzudringen, zurueckkehren nach Illyricum. Haetten die Insurgenten abgewartet,
bis die Roemer mit Maroboduus im Kampfe lagen, oder dieser mit ihnen
gemeinschaftliche Sache gemacht, so konnte die Lage fuer die Roemer eine sehr
kritische werden. Aber jene schlugen zu frueh los, und dieser, getreu seinem
System der Neutralitaet, liess sich dazu herbei, eben jetzt auf der Basis des
Status quo mit den Roemern Frieden zu schliessen. So musste Tiberius zwar die
Rheinlegionen zuruecksenden, da Germanien unmoeglich von Truppen entbloesst
werden konnte, aber sein illyrisches Heer konnte er mit den aus Moesien, Italien
und Syrien anlangenden Truppen vereinigen und gegen die Insurgenten verwenden.
In der Tat war der Schrecken groesser als die Gefahr. Die Dalmater brachen zwar
zu wiederholten Malen in Makedonien ein und pluenderten die Kueste bis nach
Apollonia hinab; aber zu dem Einfall in Italien kam es nicht, und bald war der
Brand auf seinen urspruenglichen Herd beschraenkt.
Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie ueberall war die
abermalige Niederwerfung der Unterworfenen muehsamer als die Unterwerfung
selbst. Niemals ist in augustischer Zeit eine gleiche Truppenmasse unter
demselben Kommando vereinigt gewesen; schon im ersten Kriegsjahre bestand das
Heer des Tiberius aus zehn Legionen nebst den entsprechenden Hilfsmannschaften,
dazu zahlreichen freiwillig wieder eingetretenen Veteranen und anderen
Freiwilligen, zusammen etwa 120000 Mann; spaeterhin hatte er fuenfzehn Legionen
unter seinen Fahnen vereinigt ^15. Im ersten Feldzug (6) wurde mit sehr
abwechselndem Glueck gestritten; es gelang wohl, die grossen Ortschaften, wie
Siscia und Sirmium, gegen die Insurgenten zu schuetzen, aber der Dalmatiner Bato
focht ebenso hartnaeckig und zum Teil gluecklich gegen den Statthalter von
Pannonien, Marcus Valerius Messalla, des Redners Sohn, wie sein pannonischer
Namensgenosse gegen den von Moesien, Aulus Caecina. Vor allem der kleine Krieg
machte den roemischen Truppen viel zu schaffen. Auch das folgende Jahr (7), in
welchem neben Tiberius sein Neffe, der junge Germanicus, auf den
Kriegsschauplatz trat, brachte kein Ende der ewigen Kaempfe. Erst im dritten
Feldzug (8) gelang es, zunaechst die Pannonier zu unterwerfen, hauptsaechlich,
wie es scheint, dadurch, dass ihr Fuehrer Bato, von den Roemern gewonnen, seine
Truppen bewog, am Fluss Bathinus samt und sonders die Waffen zu strecken und den
Kollegen im Oberbefehl, Pinnes, den Roemern auslieferte, wofuer er von diesen
als Fuerst der Breuker anerkannt ward. Zwar traf den Verraeter bald die Strafe:
sein dalmatinischer Namensgenosse fing ihn und liess ihn hinrichten, und noch
einmal flackerte bei den Breukern der Aufstand auf; aber er ward rasch wieder
erstickt und der Dalmater beschraenkt auf die Verteidigung der eigenen Heimat.
Hier hatte Germanicus und andere Korpsfuehrer in diesem wie noch im folgenden
Jahr (9) in den einzelnen Gauen heftige Kaempfe zu bestehen; in dem letzteren
wurden die Pirusten (an der epirotischen Grenze) und der Gau, dem der Fuehrer
selbst angehoerte, die Daesitiaten bezwungen, ein tapfer verteidigtes Kastell
nach dem andern gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschien Tiberius
selbst wieder im Felde und setzte die gesamten Streitkraefte gegen die Reste der
Insurrektion in Bewegung. Auch Bato, in dem festen Andetrium (Muck, oberhalb
Salome), seiner letzten Zufluchtstau, von dem roemischen Heere eingeschlossen,
gab die Sache verloren. Er verliess die Stadt, da er nicht vermochte, die
Verzweifelten zur Unterwerfung zu bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei
dem er ehrenvolle Behandlung fand; er ist, als politischer Gefangener
interniert, in Ravenna gestorben. Ohne den Fuehrer setzte die Mannschaft den
vergeblichen Kampf noch eine Zeitlang fort, bis die Roemer das Kastell mit
stuermender Hand einnahmen - wahrscheinlich diesen Tag, den 3. August,
verzeichnen die roemischen Kalender als den Jahrestag des von Tiberius in
Illyricum erfochtenen Sieges.
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^15 Nimmt man an, dass von den zwoelf Legionen, die gegen Maroboduus im
Marsch waren (Tac. ann. 2, 46), so viele, als wir bald nachher in Germanien
finden, also fuenf, auf dieses Heer kommen, so zaehlte das illyrische Heer des
Tiberius sieben, und die Zahl von zehn (Vell. 2, 113) kann fueglich bezogen
werden auf den Zuzug aus Moesien und Italien, die fuenfzehn auf den Zuzug aus
Aegypten oder Syrien und auf die weiteren Aushebungen in Italien, von wo die neu
ausgehobenen Legionen zwar nach Germanien, aber die dadurch abgeloesten zu
Tiberius' Heer kamen. Ungenau spricht Velleius (2, 112) gleich im Beginn des
Krieges von fuenf durch A. Caecina und Plautius Silvanus ex transmarinis
provinciis herangefuehrten Legionen; einmal konnten die ueberseeischen Truppen
nicht sofort zur Stelle sein, und zweitens sind die Legionen des Caecina
natuerlich die moesischen. Vgl. meinen Kommentar zum Monumentum Ancyranum (Res
gestae divi Augusti), 2. Aufl. 1883, S. 71.
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Auch die Daker jenseits der Donau traf die Vergeltung. Wahrscheinlich in
dieser Zeit, nachdem der illyrische Krieg sich zu Gunsten Roms entschieden
hatte, fuehrte Gnaeus Lentulus ein starkes roemisches Heer ueber die Donau,
gelangte bis an den Marisus (Marosch) und schlug sie nachdruecklich in ihrem
eigenen Lande, das damals zuerst eine roemische Armee betrat. Fuenfzigtausend
gefangene Daker wurden in Thrakien ansaessig gemacht.
Die Spaeteren haben den "Batonischen Krieg" der Jahre 6 bis 9 den
schwersten genannt, den Rom seit dem Hannibalischen gegen einen auswaertigen
Feind zu bestehen gehabt hat. Dem illyrischen Land hat er arge Wunden
geschlagen; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, als der junge Germanicus
die Botschaft des entscheidenden Erfolges nach der Hauptstadt ueberbrachte.
Lange hat der Jubel nicht gewaehrt; fast gleichzeitig mit der Kunde von diesem
Erfolg kam die Nachricht von einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustes in
seiner fuenfzigjaehrigen Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen
noch viel bedeutsamer war als in sich selbst.
Die Zustaende in der Provinz Germanien sind frueher dargelegt worden. Der
Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Unvermeidlichkeit eines
Naturereignisses folgt und der soeben in dem illyrischen Lande eingetreten war,
bereitete auch dort, in den mittelrheinischen Gauen, sich vor. Die Reste der
unmittelbar am Rhein sitzenden Staemme waren freilich voellig entmutigt, aber
die weiter zurueck wohnenden, vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer,
Marser, kaum minder geschaedigt und keineswegs ohnmaechtig. Wie immer in solchen
Lagen, bildete sich in jedem Gau eine Partei der fuegsamen Roemerfreunde und
eine nationale, die Wiedererhebung im Verborgenen vorbereitende. Die Seele von
dieser war ein junger, sechsundzwanzigjaehriger Mann aus dem Fuerstengeschlecht
der Cherusker, Arminius, des Sigimer Sohn; er und sein Bruder Flavus waren vom
Kaiser Augustes mit dem roemischen Buergerrecht und mit Ritterrang beschenkt
worden ^16 und beide hatten als Offiziere in den letzten roemischen Feldzuegen
unter Tiberius mit Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch im roemischen
Heer und hatte sich in Italien eine Heimstatt begruendet. Begreiflicherweise
galt auch Arminius den Roemern als ein Mann besonderen Vertrauens; die
Anschuldigungen, die sein besser unterrichteter Landsmann Segestes gegen ihn
vorbrachte, vermochten dies Zutrauen bei der wohlbekannten, zwischen beiden
bestehenden Verfeindung nicht zu erschuettern. Von den weiteren Vorbereitungen
haben wir keine Kunde; dass der Adel und vor allem die adlige Jugend auf der
Seite der Patrioten stand, versteht sich von selbst und findet darin deutlichen
Ausdruck, dass Segestes' eigene Tochter Thusnelda wider das Verbot ihres Vaters
sich dem Arminius vermaehlte, auch ihr Bruder Segimundus und Segestes' Bruder
Segimer sowie sein Neffe Sesithacus bei der Insurrektion eine hervorragende
Rolle spielten. Weiten Umfang hat sie nicht gehabt, bei weitem nicht den der
illyrischen Erhebung; kaum darf sie, streng genommen, eine germanische genannt
werden. Die Bataver, die Friesen, die Chauker an der Kueste waren nicht daran
beteiligt, ebensowenig was von suebischen Staemmen unter roemischer Herrschaft
stand, noch weniger Koenig Marobod; es erhoben sich in der Tat nur diejenigen
Germanen, die einige Jahre zuvor sich gegen Rom konfoederiert hatten und gegen
die Drusus' Offensive zunaechst gerichtet gewesen war. Der illyrische Aufstand
hat die Gaerung in Germanien ohne Zweifel gefoerdert, aber von verbindenden
Faeden zwischen den beiden gleichartigen und fast gleichzeitigen Insurrektionen
fehlt jede Spur; auch wuerden, haetten sie bestanden, die Germanen schwerlich
mit dem Losschlagen gewartet haben, bis der pannonische Aufstand ueberwaeltigt
war und in Dalmatien eben die letzten Burgen kapitulierten. Arminius war der
tapfere und verschlagene und vor allen Dingen glueckliche Fuehrer in dem
Verzweiflungskampf um die verlorene nationale Unabhaengigkeit; nicht weniger,
aber auch nicht mehr.
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^16 Das sagt Velleius (2, 118): adsiduus militiae nostrae prioris comes,
iure etiam civitatis Romanae eius equestres consequens gradus; was mit dem
ductor popularium des Tacitus (ann. 2, 10) zusammenfaellt. In dieser Zeit
muessen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen sein; so fochten in dem
dritten Feldzug des Drusus inter primores Chumstinctus et Avectius tribuni ex
civitate Nerviorum (Liv. ep. 141) und unter Germanicus Chariovalda dux Batavorum
(Tac. ann. 2, 11).
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Es war mehr die Schuld der Roemer als das Verdienst der Insurgenten, wenn
deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg hier allerdings
eingegriffen. Die tuechtigen Fuehrer und allem Anschein nach auch die erprobten
Truppen waren vom Rhein an die Donau gezogen worden. Vermindert war das
germanische Heer, wie es scheint, nicht, aber der groesste Teil desselben
bestand aus neuen, waehrend des Krieges gebildeten Legionen. Schlimmer noch war
es um die Fuehrerschaft bestellt. Der Statthalter Publius Quinctilius Varus ^17
war wohl der Gemahl einer Nichte des Kaisers und ein Mann von uebel erworbenem,
aber fuerstlichem Reichtum und von fuerstlicher Hoffart, aber von traegem
Koerper und stumpfem Geist und ohne jede militaerische Begabung und Erfahrung,
einer jener vielen hochgestellten Roemer, welche infolge des Festhaltens an der
alten Zusammenwerfung der Administrativ- und der Oberoffiziersstellungen die
Feldherrnschaerpe nach dem Muster Ciceros trugen. Er wusste die neuen Untertanen
weder zu schonen noch zu durchschauen; Bedrueckung und Erpressung wurden geuebt,
wie er es von seiner frueheren Statthalterschaft ueber das geduldige Syrien her
gewohnt war; das Hauptquartier wimmelte von Advokaten und Klienten, und in
dankbarer Demut nahmen insbesondere die Verschworenen bei ihm Urteil und Recht,
waehrend sich das Netz um den hoffaertigen Praetor dichter und dichter
zusammenzog.
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^17 Das Bildnis des Varus zeigt eine Kupfermuenze der afrikanischen Stadt
Achulla, geschlagen unter seinem Prokonsulat von Afrika im Jahre 747/48 (7/6)
(L. Mueller, Numismatique de l'ancienne Afrique. Kopenhagen 18674, Bd. 2, S. 44,
vgl. S. 52). Die Basis, welche einst die ihm von der Stadt Pergamon gesetzte
Bildsaeule trug, haben die Ausgrabungen daselbst wieder ans Licht gebracht; die
Unterschrift lautet: o d/e/mos [etim/e/sen] Poplion Koinktilion Sextoy yion
Oyar[on] pas/e/s aret/e/[s eneka].
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Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen mindestens fuenf
Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager in Mogontiacum, drei in
Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommerlager hatten die letzteren im Jahre
9 an der Weser genommen. Die natuerliche Verbindungsstrasse von der oberen Lippe
zur Weser fuehrt ueber den niederen Hoehenzug des Osning und des Lippischen
Waldes, welcher das Tal der Ems von dem der Weser scheidet, durch die
Doerenschlucht in das Tal der Werre, die bei Rehme unweit Minden in die Weser
faellt. Hier also ungefaehr lagerten damals die Legionen des Varus.
Selbstverstaendlich war dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stuetzpunkt der
roemischen Stellungen am rechten Rheinufer, durch eine Etappenstrasse verbunden.
Die gute Jahreszeit ging zu Ende und man schickte sich zum Rueckmarsch an. Da
kam die Meldung, dass ein benachbarter Gau im Aufstand sei, und Varus entschloss
sich, statt auf jener Etappenstrasse das Heer zurueckzufuehren, einen Umweg zu
nehmen und unterwegs die Abgefallenen zum Gehorsam zurueckzubringen ^18. So
brach man auf; das Heer bestand nach zahlreichen Detachierungen aus drei
Legionen und neun Abteilungen der Truppen zweiter Klasse, zusammen etwa 20000
Mann ^19. Als nun die Armee sich von ihrer Kommunikationslinie hinreichend
entfernt hatte und tief genug in das unwegsame Land eingedrungen war, standen in
den benachbarten Gauen die Konfoederierten auf, machten die bei ihnen
stationierten kleinen Truppenabteilungen nieder und brachen von allen Seiten aus
den Schluchten und Waeldern gegen das marschierende Heer des Statthalters vor.
Arminius und die namhaftesten Fuehrer der Patrioten waren bis zum letzten
Augenblick im roemischen Hauptquartier geblieben, um Varus sicher zu machen;
noch am Abend vor dem Tage, an dem die Insurrektion losbrach, hatten sie im
Feldherrnzelt bei Varus gespeist und Segestes, indem er den bevorstehenden
Ausbruch des Aufstandes ankuendigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst sowie
die Angeschuldigten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung seiner
Anklage von den Tatsachen zu erwarten. Varus' Vertrauen war nicht zu
erschuettern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den Insurgenten und stand den
anderen Tag vor den Waellen des roemischen Lagers. Die militaerische Situation
war weder besser noch schlimmer als die der Armee des Drusus vor der Schlacht
bei Arbalo und als sie unter aehnlichen Verhaeltnissen oftmals fuer roemische
Armeen eingetreten ist; die Kommunikationen waren fuer den Augenblick verloren,
die mit schwerem Tross beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer,
regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemaersche von Aliso getrennt, die
Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Roemern weit ueberlegen. In solchen
Lagen entscheidet die Tuechtigkeit der Truppe; und wenn die Entscheidung hier
einmal zu Ungunsten der Roemer fiel, so wird die Unerfahrenheit der jungen
Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- und Mutlosigkeit des Feldherrn dabei
wohl das meiste getan haben. Nach erfolgtem Angriff setzte das roemische Heer
seinen Marsch, jetzt ohne Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage
fort, unter stetig steigender Bedraengnis und steigender Demoralisation. Auch
die hoeheren Offiziere taten teilweise ihre Schuldigkeit nicht; einer von ihnen
ritt mit der gesamten Reiterei vom Schlachtfeld weg und liess das Fussvolk
allein den Kampf bestehen. Der erste, der voellig verzagte, war der Feldherr
selbst; verwundet im Kampfe, gab er sich den Tod, ehe die letzte Entscheidung
gefallen war, so frueh, dass die Seinigen noch den Versuch machten, die Leiche
zu verbrennen und der Verunehrung durch den Feind zu entziehen. Seinem Beispiel
folgte eine Anzahl der Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, kapitulierte
der uebriggebliebene Fuehrer und gab auch das aus der Hand, was diesen letzten
noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der Taeler der das
Muensterland begrenzenden Hoehenzuege im Herbst des Jahres 9 n. Chr. das
germanische Heer Zugrunde ^20. Die Adler fielen alle drei in Feindeshand. Keine
Abteilung schlug sich durch, auch jene Reiter nicht, die ihre Kameraden im Stich
gelassen hatten; nur wenige Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu
retten. Die Gefangenen, vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden ans
Kreuz geschlagen oder lebendig begraben oder bluteten unter dem Opfermesser der
germanischen Priester. Die abgeschnittenen Koepfe wurden als Siegeszeichen an
die Baeume der heiligen Haine genagelt. Weit und breit stand das Land auf gegen
die Fremdherrschaft; man hoffte auf den Anschluss Marobods; die roemischen
Posten und Strassen fielen auf dem ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die
Gewalt der Sieger. Nur in Aliso leistete der tapfere Kommandant Lucius
Caedicius, kein Offizier, aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen
Widerstand und seine Schuetzen wussten den Germanen, die Fernwaffen nicht
besassen, das Lagern vor den Waellen so zu verleiden, dass sie die Belagerung in
eine Blockade umwandelten. Als die letzten Vorraete der Belagerten erschoepft
waren und immer noch kein Entsatz kam, brach Caedicius in einer finsteren Nacht
auf, und dieser Rest des Heeres erreichte in der Tat, wenn auch beschwert mit
zahlreichen Frauen und Kindern und durch die Angriffe der Germanen starke
Verluste erleidend, schliesslich das Lager von Vetera. Dorthin waren auch die
beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius Nonius Asprenas auf die
Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die entschlossene Verteidigung von Aliso
und Asprenas rasches Eingreifen verhinderten die Germanen, ihren Sieg auf dem
linken Rheinufer zu verfolgen, vielleicht die Gallier, sich gegen Rom zu
erheben.
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^18 Der Dionische Bericht, der einzige, der diese Katastrophe in einigem
Zusammenhang ueberliefert, erklaert den Verlauf derselben in genuegender Weise,
wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt, das allgemeine Verhaeltnis
des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt und die von Ranke (Weltgeschichte.
Leipzig 1881-88. Bd. 3, 2, S. 275) mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine
lokale Insurrektion das ganze Heer hat marschieren koennen, damit beantwortet.
Der Bericht des Florus beruht keineswegs auf urspruenglich anderen Quellen, wie
derselbe Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen
Zusammenruecken der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist.
Die friedliche Rechtspflege des Varus und die Erstuermung des Lagers kennt die
bessere Ueberlieferung beide auch und in ihrem ursaechlichen Zusammenhang; die
laecherliche Schilderung, dass, waehrend Varus auf dem Gerichtsstuhl sitzt und
der Herold die Parteien vorladet, die Germanen zu allen Toren in das Lager
einbrechen, ist nicht Ueberlieferung, sondern aus dieser verfertigtes Tableau.
Dass dieses ausser mit der gesunden Vernunft auch mit Tacitus' Schilderung der
drei Marschlager in unloesbarem Widerspruch steht, leuchtet ein.
^19 Die normale Staerke der drei Alen und der sechs Kohorten ist insofern
nicht genau zu berechnen, als darunter einzelne Doppelabteilungen (miliariae)
gewesen sein koennen; aber viel ueber 20000 Mann kann das Heer nicht gezaehlt
haben. Andererseits liegt keine Ursache vor, eine wesentliche Differenz der
effektiven Staerke von der normalen anzunehmen. Die zahlreichen Detachierungen,
deren Erwaehnung geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck in der
verhaeltnismaessig geringen Zahl der Auxilien, die immer dafuer vorzugsweise
verwendet wurden.
^20 Da Germanicus, von der Ems kommend, das Gebiet zwischen Ems und Lippe,
das heisst das Muensterland, verheert, und nicht weit davon der Teutoburgiensis
saltus liegt, wo Varus' Heer zugrunde ging (Tat. ann. 1, 61), so liegt es am
naechsten, diese Bezeichnung, welche auf das flache Muensterland nicht passt,
von dem das Muensterland nordoestlich begrenzenden Hoehenzug, dem Osning zu
verstehen; aber auch an das etwas weiter noerdlich parallel mit dem Osning von
Minden zur Huntequelle streichende Wiehengebirge kann gedacht werden. Den Punkt
an der Weser, an dem das Sommerlager stand, kennen wir nicht; indes ist nach der
Lage von Aliso bei Paderborn und nach den zwischen diesem und der Weser
bestehenden Verbindungen wahrscheinlich dasselbe etwa bei Minden gewesen. Die
Richtung des Rueckmarsches kann jede andere, nur nicht die naechste nach Aliso
gewesen sein, und die Katastrophe erfolgte also nicht auf der militaerischen
Verbindungslinie zwischen Minden und Paderborn selbst, sondern in groesserer
oder geringerer Entfernung von dieser. Varus mag von Minden etwa in der Richtung
auf Osnabrueck marschiert sein, dann nach dem Angriff von dort aus nach
Paderborn zu gelangen versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden
Hoehenzuege sein Ende gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von
Venne an der Huntequelle eine auffallend grosse Anzahl von roemischen Gold-,
Silber- und Kupfermuenzen gefunden worden, wie sie in augustischer Zeit
umliefen, waehrend spaetere Muenzen daselbst so gut wie gar nicht vorkommen
(vgl. die Nachweisungen bei Paul Hoefen Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16.
Gotha 1884, S. 82 f.). Einem Muenzschatz koennen diese Funde nicht angehoeren,
wegen des zerstreuten Vorkommens und der Verschiedenheit der Metalle; einer
Handelsstaette auch nicht, wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz
aus wie der Nachlass einer grossen aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden
Berichte ueber die Varusschlacht lassen sich mit dieser Lokalitaet vereinigen.
Ueber das Jahr der Katastrophe haette nie gestritten werden sollen; die
Verschiebung in das Jahr 10 ist ein blosses Versehen. Die Jahreszeit wird
einigermassen dadurch bestimmt, dass zwischen der Anordnung der illyrischen
Siegesfeier und dem Eintreffen der Ungluecksbotschaft in Rom nur fuenf Tage
liegen und jene wahrscheinlich den Sieg vom 3. August zur Voraussetzung hat wenn
sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt ist. Danach wird die Niederlage
etwa im September oder Oktober stattgefunden haben, was auch dazu stimmt, dass
der letzte Marsch des Varus offenbar der Rueckmarsch aus dem Sommer- in das
Winterlager gewesen ist.
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Die Niederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die Rheinarmee
sofort nicht bloss ergaenzt, sondern ansehnlich verstaerkt ward. Tiberius
uebernahm abermals das Kommando derselben und wenn aus dem auf die Varusschlacht
folgenden Jahr (10) die Kriegsgeschichte Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so
ist wahrscheinlich damals die Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und
wohl gleichzeitig die Teilung dieses Kommandos in das der oberen Armee mit dem
Hauptquartier Mainz und das der unteren mit dem Hauptquartier Vetera, ueberhaupt
also diejenige Einrichtung daselbst getroffen worden, die dann durch
Jahrhunderte massgebend geblieben ist. Man musste erwarten, dass auf diese
Vermehrung der Rheinarmee die energische Wiederaufnahme der Operationen auf dem
rechten Rheinufer gefolgt waere. Der roemisch-germanische Kampf war nicht ein
Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht stehenden Maechten, in welchem
die Niederlage der einen einen unguenstigen Friedensschluss rechtfertigen kann;
es war der Kampf eines zivilisierten und organisierten Grossstaates gegen eine
tapfere, aber politisch und militaerisch barbarische Nation, in welchem das
schliessliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter Misserfolg
in dem vorgezeichneten Plan so wenig etwas aendern darf, wie das Schiff darum
seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoss es aus der Bahn wirft. Aber es kam
anders. Wohl ging Tiberius im folgenden Jahr (11) ueber den Rhein; aber diese
Expedition glich den frueheren nicht. Er blieb den Sommer drueben und feierte
dort des Kaisers Geburtstag, aber die Armee hielt sich in der unmittelbaren
Naehe des Rheins und von Zuegen an die Weser und an die Elbe war keine Rede - es
sollte offenbar den Germanen nur gezeigt werden, dass die Roemer den Weg in ihr
Land noch zu finden wussten, vielleicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten
Rheinufer getroffen werden, welche die veraenderte Politik erforderte.
Das grosse, beide Heere umfassende Kommando blieb und es blieb also auch im
kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im Jahre 11 neben Tiberius
gefuehrt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des Konsulats in Rom
festhielt, kommandierte Tiberius allein am Rhein; mit dem Anfang des Jahres 13
uebernahm Germanicus den alleinigen Oberbefehl. Man betrachtete sich als im
Kriegsstand gegen die Germanen; aber es waren tatenlose Jahre ^21. Ungern ertrug
der feurige und ehrgeizige Erbprinz den ihm auferlegten Zwang, und man begreift
es von dem Offizier, dass er die drei Adler in Feindeshand nicht vergass, von
dem leiblichen Sohn des Drusus, dass er dessen zerstoerten Bau wieder
aufzurichten wuenschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er nahm sie.
Am 19. August des Jahres 14 starb Kaiser Augustus. Der erste Thronwechsel in der
neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und Germanicus hatte Gelegenheit, durch
Taten seinem Vater zu beweisen, dass er gesonnen war, ihm die Treue zu wahren.
Darin aber fand er zugleich die Rechtfertigung, die lange gewuenschte Invasion
Germaniens auch ungeheissen wieder aufzunehmen; er erklaerte, die nicht
unbedenkliche, durch den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gaerung
durch diesen frischen Kriegszug ersticken zu muessen. Ob dies ein Grund oder ein
Vorwand war, wissen wir nicht und wusste vielleicht er selber nicht. Dem
Kommandanten der Rheinarmee konnte das Ueberschreiten der Grenze ueberall nicht
gewehrt werden, und es hing immer bis zu einem gewissen Grade von ihm ab, wie
weit gegen die Germanen vorgegangen werden sollte. Vielleicht auch glaubte er,
im Sinne des neuen Herrschers zu handeln, der ja wenigstens ebensoviel Anspruch
wie sein Bruder auf den Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen
angekuendigtes Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefasst werden konnte, als
komme er, um die auf Augustus' Geheiss abgebrochene Eroberung Germaniens wieder
aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseits des Rheins begann aufs
neue. Noch im Herbst des Jahres 14 fuehrte Germanicus selbst Detachements aller
Legionen bei Vetera ueber den Rhein und drang an der Lippe hinauf ziemlich tief
in das Binnenland vor, weit und breit das Land verheerend, die Eingeborenen
niedermachend, die Tempel - so den hochgeehrten der Tanfana - zerstoerend. Die
Betroffenen, es waren vornehmlich Bructerer, Tubanten und Usiper, suchten dem
Kronprinzen auf der Heimkehr das Schicksal des Varus zu bereiten; aber an der
energischen Haltung der Legionen prallte der Angriff ab. Da dieser Vorstoss
keinen Tadel fand, vielmehr dem Feldherrn dafuer Danksagungen und
Ehrenbezeugungen dekretiert wurden, ging er weiter. Im Fruehling des Jahres 15
versammelte er seine Hauptmacht zunaechst am Mittelrhein und ging selbst von
Mainz vor gegen die Chatten bis an die oberen Zufluesse der Weser, waehrend das
untere Heer weiter nordwaerts die Cherusker und die Marser angriff. Eine gewisse
Rechtfertigung fuer dies Vorgehen lag darin, dass die roemisch gesinnten
Cherusker, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe des Varus
sich den Patrioten hatten anschliessen muessen, jetzt wieder mit der viel
staerkeren Nationalpartei in offenem Kampfe lagen und die Intervention des
Germanicus anriefen. In der Tat gelang es, den von seinen Landsleuten hart
bedraengten Roemerfreund Segestes zu befreien und dabei dessen Tochter, die
Gattin des Arminius, in die Gewalt zu bekommen; auch des Segestes Bruder
Segimerus, einst neben Arminius der Fuehrer der Patrioten, unterwarf sich; die
inneren Zerwuerfnisse der Germanen ebneten einmal mehr der Fremdherrschaft die
Wege. Noch im selben Jahre unternahm Germanicus den Hauptzug nach dem Emsgebiet;
Caecina rueckte von Vetera aus an die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte
von der Rheinmuendung aus eben dorthin; die Reiterei zog die Kueste entlang
durch das Gebiet der treuen Friesen. Wieder vereinigt, verwuesteten die Roemer
das Land der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und machten
von da aus einen Zug nach der Ungluecksstaette, wo sechs Jahre zuvor das Heer
des Varus geendigt hatte, um den gefallenen Kameraden das Grabmal zu errichten.
Bei dem weiteren Vormarsch wurde die roemische Reiterei von Arminius und den
erbitterten Patriotenscharen in einen Hinterhalt gelockt und waere aufgerieben
worden, wenn nicht die anrueckende Infanterie groesseres Unheil verhindert
haette. Schwerere Gefahren brachte die Heimkehr von der Ems, welche auf
denselben Wegen angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei gelangte
unbeschaedigt in das Winterlager. Dafuer das Fussvolk der vier Legionen die
Flotte bei der schwierigen Fahrt - es war um die Zeit der Herbstnachtgleiche -
nicht genuegte, so schiffte Germanicus zwei derselben wieder aus und liess sie
am Strande zurueckgehen; aber mit dem Verhaeltnis von Ebbe und Flut in dieser
Jahreszeit ungenuegend bekannt, verloren sie ihr Gepaeck und gerieten in Gefahr,
massenweise zu ertrinken. Der Rueckmarsch der vier Legionen des Caecina von der
Ems zum Rhein glich genau dem des Varus, ja das schwere sumpfige Land bot wohl
noch groessere Schwierigkeiten als die Schluchten der Waldgebirge. Die ganze
Masse der Eingeborenen, an ihrer Spitze die beiden Cheruskerfuersten, Arminius
und dessen hochangesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden
Truppen in der sicheren Hoffnung, ihnen das gleiche Schicksal zu bereiten, und
fuellte ringsum die Suempfe und Waelder. Der alte Feldherr aber, in
vierzigjaehrigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltbluetig auch in der aeussersten
Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden Mannschaften fest in der Hand.
Dennoch haette auch er vielleicht das Unheil nicht abwenden koennen, wenn nicht
nach einem gluecklichen Angriff waehrend des Marsches, bei dem die Roemer einen
grossen Teil ihrer Reiterei und fast das ganze Gepaeck einbuessten, die
siegesgewissen und beutelustigen Deutschen gegen Arminius Rat dem anderen
Fuehrer gefolgt waeren und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu
den Sturm auf das Lager versucht haetten. Caecina liess die Germanen bis an die
Waelle herankommen, brach aber dann aus allen Toren und Pforten mit solcher
Gewalt auf die Stuermenden ein, dass sie eine schwere Niederlage erlitten und
infolgedessen der weitere Rueckzug ohne wesentliche Hinderung stattfand. Am
Rhein hatte man die Armee schon verloren gegeben und war im Begriff gewesen, die
Bruecke bei Vetera abzuwerfen, um wenigstens das Eindringen der Germanen in
Gallien zu verhindern; nur die entschlossene Einrede einer Frau, der Gattin des
Germanicus, der Tochter Agrippas, hatte den verzagten und schimpflichen
Entschluss vereitelt.
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^21 Den fortdauernden Kriegsstand bezeugen Tacitus (ann. 1, 9) und Dio (56,
26); aber berichtet wird gar nichts aus den nominellen Feldzuegen der Sommer 12,
13 und 14, und die Expedition vom Herbst des Jahres 14 erscheint als die erste
von Germanicus unternommene. Allerdings ist Germanicus wahrscheinlich noch bei
Augustus' Lebzeiten als Imperator ausgerufen worden (Monumentum Ancyranum, S.
17); aber es steht nichts im Wege, dies auf den Feldzug des Jahres 11 zu
beziehen, in dem Germanicus mit prokonsularischer Gewalt neben Tiberius
kommandierte (Dio 56, 25). Im Jahre 12 war er in Rom zur Verwaltung des
Konsulats, welche er das ganze Jahr hindurch behielt und mit welcher es damals
noch ernsthaft genommen wurde; dies erklaert, weshalb Tiberius, wie dies jetzt
erwiesen ist (Hermann Schulz, Quaestiones Ovidianae. Greifswald 1883, S. 15 f.),
noch im Jahre 12 nach Germanien ging und sein Rheinkommando erst im Anfang des
Jahres 13 mit der pannonischen Siegesfeier niederlegte.
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Die Wiederaufnahme der Unterwerfung Germaniens begann also nicht gerade mit
Glueck. Das Gebiet zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten und
durchschritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Roemer nicht
aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an Pferden, wurde
schwer empfunden, so dass, wie in Scipios Zeiten, die Staedte Italiens und der
westlichen Provinzen bei dem Ersatz des Verlorenen mit patriotischen Beisteuern
sich beteiligten.
Germanicus aenderte fuer den naechsten Feldzug (16) seinen Kriegsplan: er
versuchte, die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und die Flotte zu
stuetzen, teils weil die Voelkerschaften an der Kueste, die Bataver, Friesen,
Chauker mehr oder minder zu den Roemern hielten, teils um die zeitraubenden und
verlustvollen Maersche vom Rhein zur Weser und zur Elbe und wieder zurueck
abzukuerzen. Nachdem er dieses Fruehjahr wie das vorige zu raschen Vorstoessen
am Main und an der Lippe verwendet hatte, schiffte er im Anfang des Sommers auf
der inzwischen fertiggestellten gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln sein
gesamtes Heer an der Rheinmuendung ein und gelangte in der Tat ohne Verlust bis
an die der Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, vermutlich die Ems hinauf bis
an die Haasemuendung und dann an dieser hinauf in das Werretal, durch dieses an
die Weser. Damit war die Durchfuehrung der bis 80000 Mann starken Armee durch
den Teutoburger Wald, welche namentlich fuer die Verpflegung mit grossen
Schwierigkeiten verbunden war, vermieden, in dem Flottenlager fuer die Zufuhr
ein sicherer Rueckhalt gegeben, und die Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser
statt von vorn in der Flanke angegriffen. Auf diesem trat den Roemern das
Gesamtaufgebot der Germanen entgegen, wiederum gefuehrt von den beiden Haeuptern
der Patriotenpartei, Arminius und Inguiomerus; ueber welche Streitkraefte
dieselben geboten, beweist, dass sie im Cheruskerland zunaechst an der Weser
selbst, dann etwas weiter landeinwaerts ^22, zweimal kurz nacheinander gegen das
gesamte roemische Heer in offener Feldschlacht schlugen und in beiden den Sieg
hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Roemern zu und von den germanischen
Patrioten blieb ein betraechtlicher Teil auf den Schlachtfeldern - Gefangene
wurden nicht gemacht und von beiden Seiten mit aeusserster Erbitterung
gefochten; das zweite Tropaeum des Germanicus sprach von der Niederwerfung aller
germanischen Voelker zwischen Rhein und Elbe; der Sohn stellte diese seine
Kampagne neben die glaenzenden des Vaters und berichtete nach Rom, dass er im
naechsten Feldzug die Unterwerfung Germaniens vollendet haben werde. Aber
Arminius entkam, obwohl verwundet, und blieb auch ferner an der Spitze der
Patrioten, und ein unvorhergesehenes Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der
Heimkehr, die von dem groessten Teil der Legionen zu Schiff gemacht wurde,
geriet die Transportflotte in die Herbststuerme der Nordsee; die Schiffe wurden
nach allen Seiten ueber die Inseln der Nordsee und bis an die britische Kueste
hin geschleudert, ein grosser Teil ging zugrunde und die sich retteten, hatten
groesstenteils Pferde und Gepaeck ueber Bord werfen und froh sein muessen, das
nackte Leben zu bergen. Der Fahrtverlust kam, wie in den Zeiten der Punischen
Kriege, einer Niederlage gleich; Germanicus selbst, mit dem Admiralschiff
einzeln verschlagen an den oeden Strand der Chauker, war in Verzweiflung ueber
diesen Misserfolg drauf und dran, seinen Tod in demselben Ozean zu suchen,
dessen Beistand er im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und so vergeblich
angerufen hatte. Wohl erwies sich spaeterhin der Menschenverlust nicht ganz so
gross, wie es anfaenglich geschienen hatte, und einige erfolgreiche Schlaege,
die der Feldherr nach der Rueckkehr an den Rhein den naechstwohnenden Barbaren
versetzte, hoben den gesunkenen Mut der Truppen. Aber im ganzen genommen endigte
der Feldzug des Jahres 16, verglichen mit dem des vorigen, wohl mit
glaenzenderen Siegen, aber auch mit viel empfindlicherer Einbusse.
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^22 Die Annahme Schmidts (Westfaelische Zeitschrift 20, 1862, S. 301), dass
die erste Schlacht auf dem Idistavisischen Feld, etwa bei Bueckeburg, geschlagen
sei, die zweite, wegen der dabei erwaehnten Suempfe, vielleicht am Steinhuder
See, bei dem suedlich von diesem liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der
Wahrheit sich nicht weit entfernen und kann wenigstens als Veranschaulichung
gelten. Auf ein gesichertes Ergebnis muss bei diesem wie bei den meisten
Taciteischen Schlachtberichten verzichtet werden.
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Germanicus Abberufung war zugleich die Aufhebung des Oberkommandos der
rheinischen Armee. Die blosse Teilung des Kommandos setzte der bisherigen
Kriegfuehrung ein Ziel; dass Germanicus nicht bloss abberufen ward, sondern
keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus auf die Anordnung der Defensive am Rhein.
So ist denn auch der Feldzug des Jahres 16 der letzte gewesen, den die Roemer
gefuehrt haben, um Germanien zu unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an
die Elbe zu verlegen. Dass die Feldzuege des Germanicus dieses Ziel hatten,
lehrt ihr Verlauf selbst und das die Elbgrenze feiernde Tropaeum. Auch die
Wiederherstellung der rechtsrheinischen militaerischen Anlagen, der
Taunuskastelle sowohl wie der Festung Aliso und der diese mit Vetera
verbindenden Linie, gehoert nur zum Teil zu derjenigen Besetzung des rechten
Rheinufers, wie sie auch mit dem beschraenkten Operationsplan nach der
Varusschlacht sich vertrug, zum Teil griff sie weit ueber denselben hinaus. Aber
was der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht oder nicht ganz. Es ist mehr
als wahrscheinlich, dass Tiberius die Unternehmungen des Germanicus am Rhein von
Haus aus mehr hat geschehen lassen, und gewiss, dass er durch dessen Abberufung
im Winter 16/17 denselben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich
ein guter Teil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die Besatzung
zurueckgezogen worden. Wie Germanicus von dem im Teutoburger Walde errichteten
Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen Stein mehr fand, so sind auch die
Ergebnisse seiner Siege wie ein Schlag ins Wasser verschwunden, und keiner
seiner Nachfolger hat auf diesem Grunde weiter gebaut.
Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht verloren
gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung abermals in Angriff
genommen worden war, sie abzubrechen befahl, so ist die Frage wohl berechtigt,
welche Motive die beiden bedeutenden Regenten hierbei geleitet haben und was
diese wichtigen Vorgaenge fuer die allgemeine Reichspolitik bedeuten.
Die Varusschlacht ist ein Raetsel, nicht militaerisch, aber politisch,
nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht unrecht, wenn
er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder dem Schicksal, sondern von
dem Feldherrn zurueckforderte; es war ein Ungluecksfall, wie ungeschickte
Korpsfuehrer sie von Zeit zu Zeit fuer jeden Staat herbeifuehren; schwer
begreift man, dass die Aufreibung einer Armee von 20000 Mann ohne weitere
unmittelbare militaerische Konsequenzen der grossen Politik eines einsichtig
regierten Weltstaates eine entscheidende Wendung gegeben hat. Und doch haben die
beiden Herrscher jene Niederlage mit einer beispiellosen und fuer die Stellung
der Regierung, der Armee wie den Nachbarn gegenueber bedenklichen und
gefaehrlichen Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschluss mit Marobod,
der ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte, zu einem
definitiven werden lassen und nicht weiter versucht, das obere Elbtal in die
Hand zu bekommen. Es muss Tiberius nicht leicht angekommen sein, den grossen,
mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach dessen Tode von ihm fast
vollendeten Bau zusammenstuerzen zu sehen; der gewaltige Eifer, womit er, sowie
er in das Regiment wieder eingetreten war, den vor zehn Jahren begonnenen
germanischen Krieg aufgenommen hatte, laesst ermessen, was diese Entsagung ihn
gekostet haben muss. Wenn dennoch nicht bloss Augustus bei derselben beharrte,
sondern auch nach dessen Tode er selbst, so ist dafuer ein anderer Grund nicht
zu finden, als dass sie die durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Plaene zur
Veraenderung der Nordgrenze als unausfuehrbar erkannten und die Unterwerfung und
Behauptung des Gebietes zwischen dem Rhein und der Elbe ihnen die Kraefte des
Reiches zu uebersteigen schien.
Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an deren Quelle
und den oberen Rhein und dann rheinabwaerts lief, so wurde sie allerdings durch
die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der mittleren Donau sich naehernde
Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich verkuerzt und verbessert; wobei
wahrscheinlich ausser dem evidenten militaerischen Gewinn auch noch das
politische Moment in Betracht kam, dass die moeglichst weite Entfernung der
grossen Kommandos von Rom und Italien eine der leitenden Maximen der
Augusteischen Politik war und ein Elbheer in der weiteren Entwicklung Roms
schwerlich dieselbe Rolle gespielt haben wuerde, wie sie die Rheinheere nur zu
bald uebernahmen. Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung der germanischen
Patriotenpartei und des Suebenkoenigs in Boehmen, waren keine leichten Aufgaben;
indes man hatte dem Gelingen derselben schon einmal ganz nahe gestanden und bei
richtiger Fuehrung konnten diese Erfolge nicht verfehlt werden. Aber eine andere
Frage war es, ob nach der Einrichtung der Elbgrenze die Truppen aus dem
zwischenliegenden Gebiet weggezogen werden konnten; diese Frage hatte der
dalmatisch-pannonische Krieg in sehr ernster Weise der roemischen Regierung
gestellt. Wenn schon das bevorstehende Einruecken der roemischen Donauarmee in
Boehmen einen mit Anstrengung aller militaerischen Hilfsmittel erst nach
vierjaehrigem Kampf niedergeworfenen Volksaufstand in Illyricum hervorgerufen
hatte, so durfte weder zur Zeit noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet
sich selbst ueberlassen werden. Aehnlich stand es ohne Zweifel am Rhein. Das
roemische Publikum pflegte wohl sich zu ruehmen, dass der Staat ganz Gallien in
Unterwuerfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung von Lyon; aber die
Regierung konnte nicht vergessen, dass die beiden grossen Armeen am Rhein nicht
bloss die Germanen abwehrten, sondern auch fuer die keineswegs durch Fuegsamkeit
sich auszeichnenden gallischen Gaue gar sehr in Betracht kamen. An der Weser
oder gar an der Elbe aufgestellt, haetten sie diesen Dienst nicht in gleichem
Masse geleistet; und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten, vermochte
man nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluss kommen, dass mit dem
damaligen, allerdings seit kurzem erheblich verstaerkten, aber immer noch tief
unter dem Mass des wirklich Erforderlichen stehenden Heerbestand jene grosse
Grenzregulierung nicht auszufuehren sei; die Frage ward damit aus einer
militaerischen zu einer Frage der inneren Politik und insonderheit zu einer
Finanzfrage. Die Kosten der Armee noch weiter zu steigern, hat weder Augustus
noch Tiberius sich getraut. Man kann dies tadeln. Der laehmende Doppelschlag der
illyrischen und der germanischen Insurrektion mit ihren schweren Katastrophen,
das hohe Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, die zunehmende Abneigung
des Tiberius gegen frisches Handeln und grosse Initiative und vor allem gegen
jede Abweichung von der Politik des Augustus, haben dabei ohne Zweifel
bestimmend mit- und vielleicht zum Nachteil des Staates gewirkt. Man fuehlt es
in dem nicht zu billigenden, aber wohl erklaerlichen Auftreten des Germanicus,
wie das Militaer und die Jugend das Aufgeben der neuen Provinz Germanien
empfanden. Man erkennt in dem duerftigen Versuch, mit Hilfe der paar
linksrheinischen deutschen Gaue wenigstens dem Namen nach das verlorene
Germanien festzuhalten, in den zweideutigen und unsicheren Worten, mit denen
Augustus selbst in seinem Rechenschaftsbericht Germanien als roemisch in
Anspruch nimmt oder auch nicht, wie verlegen die Regierung in dieser Sache der
oeffentlichen Meinung gegenueber stand. Der Griff nach der Elbgrenze war ein
gewaltiger, vielleicht ueberkuehner gewesen; vielleicht von Augustus, dessen
Flug im allgemeinen so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem Zaudern und wohl
nicht ohne den bestimmenden Einfluss des ihm vor allen nahestehenden juengeren
Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kuehnen Schritt zurueckzutun ist in der
Regel nicht eine Verbesserung des Fehlers, sondern ein zweiter. Die Monarchie
brauchte die unbefleckte kriegerische Ehre und den unbedingten kriegerischen
Erfolg in ganz anderer Weise als das ehemalige Buergermeisterregiment; das
Fehlen der seit der Varusschlacht niemals ausgefuellten Nummern 17, 18 und 19 in
der Reihe der Regimenter passte wenig zu dem militaerischen Prestige, und den
Frieden mit Marobod aufgrund des Status quo konnte die loyalste Rhetorik nicht
in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, dass Germanicus einem eigentlichen Befehl
seiner Regierung zuwider jene weit aussehenden Unternehmungen begonnen hat,
verbietet seine ganze politische Stellung; aber den Vorwurf, dass er seine
doppelte Stellung als Hoechstkommandierender der ersten Armee des Reiches und
als kuenftiger Thronfolger dazu benutzt hat, um seine politisch-militaerischen
Plaene auf eigene Faust durchzufuehren, wird man ihm so wenig ersparen koennen
wie dem Kaiser den nicht minder schweren, zurueckgescheut zu sein vielleicht vor
dem Fassen, vielleicht auch nur vor dem klaren Aussprechen und dem scharfen
Durchfuehren der eigenen Entschluesse. Wenn Tiberius die Wiederaufnahme der
Offensive wenigstens geschehen liess, so muss er empfunden haben, wieviel fuer
eine kraeftigere Politik sprach; wie es ueberbedaechtige Leute wohl tun, mag er
wohl sozusagen dem Schicksal die Entscheidung ueberlassen haben, bis dann der
wiederholte und schwere Misserfolg des Kronprinzen die Politik der Verzagtheit
abermals rechtfertigte. Leicht war es fuer die Regierung nicht, einer Armee Halt
zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern zwei zurueckgebracht hatte; aber
es geschah. Was immer die sachlichen und die persoenlichen Motive gewesen sein
moegen, wir stehen hier an einem Wendepunkt der Voelkergeschicke. Auch die
Geschichte hat ihre Flut und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochflut des
roemischen Weltregiments die Ebbe ein. Nordwaerts von Italien hatte wenige Jahre
hindurch die roemische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der
Varusschlacht sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Maerchen, aber ein
altes, berichtet, dass dem ersten Eroberer Germaniens, dem Drusus, auf seinem
letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauengestalt germanischer Art
erschienen sei und ihm in seiner Sprache das Wort zugerufen habe "Zurueck!" Es
ist nicht gesprochen worden, aber es hat sich erfuellt.
Indes die Niederlage der Augusteischen Politik, wie der Friede mit
Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl bezeichnet werden
darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der Varusschlacht muss wohl durch die
Gemueter der Besten die Hoffnung gegangen sein, dass der Nation aus dem
herrlichen Sieg der Cherusker und ihrer Verbuendeten und aus dem Zurueckweichen
des Feindes im Westen wie im Sueden eine gewisse Einigung erwachsen werde. Den
sonst sich fremd gegenueberstehenden Sachsen und Sueben mag vielleicht eben in
diesen Krisen das Gefuehl der Einheit aufgegangen sein. Dass die Sachsen vom
Schlachtfelde weg den Kopf des Varus an den Suebenkoenig schickten, kann nichts
sein als der wilde Ausdruck des Gedankens, dass fuer alle Germanen die Stunde
gekommen sei, in gemeinschaftlichem Ansturm sich auf das Roemische Reich zu
stuerzen und des Landes Grenze und des Landes Freiheit so zu sichern, wie sie
allein gesichert werden koennen, durch Niederschlagen des Erbfeindes in seinem
eigenen Heim. Aber der gebildete Mann und staatskluge Koenig nahm die Gabe der
Insurgenten nur an, um den Kopf dem Kaiser Augustus zur Beisetzung zu senden; er
tat nichts fuer, aber auch nichts gegen die Roemer und beharrte
unerschuetterlich in seiner Neutralitaet. Unmittelbar nach dem Tode des Augustus
hatte man in Rom den Einbruch der Markomannen in Raetien gefuerchtet, aber, wie
es scheint, ohne Ursache, und als dann Germanicus die Offensive gegen die
Germanen vom Rhein aus wieder aufnahm, hatte der maechtige Markomannenkoenig
untaetig zugesehen. Diese Politik der Feinheit oder der Feigheit in der wild
bewegten, von patriotischen Erfolgen und Hoffnungen trunkenen germanischen Welt
grub sich ihr eigenes Grab. Die entfernteren, nur lose mit dem Reich
verknuepften Suebenstaemme, die Semnonen, Langobarden und Gothonen, sagten dem
Koenig ab und machten gemeinschaftliche Sache mit den saechsischen Patrioten; es
ist nicht unwahrscheinlich, dass die ansehnlichen Streitkraefte, ueber welche
Arminius und Inguiomerus in den Kaempfen gegen Germanicus offenbar geboten,
ihnen grossenteils von daher zugestroemt sind. Als bald darauf der roemische
Angriff ploetzlich abgebrochen ward, wendeten sich die Patrioten (17) zum
Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff auf das Koenigtum ueberhaupt,
wenigstens wie dieser es nach roemischem Muster verwaltete ^23. Aber auch unter
ihnen selbst waren Spaltungen eingetreten; die beiden nah verwandten
cheruskischen Fuersten, die in den letzten Kaempfen die Patrioten wenn nicht
siegreich, doch tapfer und ehrenvoll gefuehrt und bisher stets Schulter an
Schulter gefochten hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der
Oheim Inguiomerus ertrug es nicht noch laenger, neben dem Neffen der zweite zu
sein, und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus' Seite. So kam es zur
Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Germanen, ja zwischen denselben
Staemmen; denn in beiden Armeen fochten sowohl Sueben wie Cherusker. Lange
schwankte der Kampf; beide Heere hatten von der roemischen Taktik gelernt, und
auf beiden Seiten war die Leidenschaft und die Erbitterung gleich. Einen
eigentlichen Sieg erfocht Arminius nicht, aber der Gegner ueberliess ihm das
Schlachtfeld, und da Maroboduus den kuerzeren gezogen zu haben schien,
verliessen ihn die bisher noch zu ihm gehalten hatten und fand er sich auf sein
eigenes Reich beschraenkt. Als er roemische Hilfe gegen die uebermaechtigen
Landsleute erbat, erinnerte ihn Tiberius an sein Verhalten nach der
Varusschlacht und erwiderte, dass jetzt die Roemer ebenfalls neutral bleiben
wuerden. Es ging nun schleunig mit ihm zu Ende. Schon im folgenden Jahr (18)
wurde er von einem Gothonenfuersten Catualda, den er frueher persoenlich
beleidigt hatte und der dann mit den uebrigen ausserboehmischen Sueben von ihm
abgefallen war, in seinem Koenigssitz selbst ueberfallen und rettete, von den
Seinigen verlassen, mit Not sich zu den Roemern, die ihm die erbetene Freistatt
gewaehrten - als roemischer Pensionaer ist er viele Jahre spaeter in Ravenna
gestorben.
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^23 Die Angabe des Tacitus (ann. 2, 45), dass dies eigentlich ein Krieg der
Republikaner gegen die Monarchisten gewesen sei, ist wohl nicht frei von
Uebertragung hellenisch-roemischer Anschauungen auf die sehr verschiedene
germanische Welt. Soweit der Krieg eine ethisch-politische Tendenz gehabt hat,
wird ihn nicht das nomen regis, wie Tacitus sagt, sondern das certum imperium
visque regia des Velleius (2, 108) hervorgerufen haben.
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Also waren Arminius' Gegner wie seine Nebenbuhler fluechtig geworden, und
die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. Aber diese Groesse war
seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen Landsleute, vor allem sein
eigenes Geschlecht schuldigte ihn an, den Weg Marobods zu gehen und nicht bloss
der Erste, sondern auch der Herr und der Koenig der Germanen sein zu wollen - ob
mit Grund oder nicht und ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicht das
Rechte wollte, wer vermag es zu sagen? Es kam zum Buergerkrieg zwischen ihm und
diesen Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus' Verbannung fiel
auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahestehender, republikanisch
gesinnter Adliger. Seine Gattin Thusnelda und sein in der Gefangenschaft
geborener Sohn Thumelicus, den er nie mit Augen gesehen hat, zogen bei dem
Triumph des Germanicus (26. Mai 17) unter den anderen vornehmen Germanen
gefesselt mit auf das Kapitol; der alte Segestes ward fuer seine Treue gegen die
Roemer mit einem Ehrenplatz bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner Tochter und
seines Enkels zuschauen durfte. Sie alle sind im Roemerreich gestorben; mit
Maroboduus fanden auch Gattin und Sohn seines Gegners im Exil von Ravenna sich
zusammen. Wenn Tiberius bei Abberufung des Germanicus bemerkte, dass es gegen
die Deutschen der Kriegfuehrung nicht beduerfe und dass sie das fuer Rom
Erforderliche schon weiter selber besorgen wuerden, so kannte er seine Gegner;
darin allerdings hat die Geschichte ihm recht gegeben. Aber dem hochsinnigen
Mann, der sechsundzwanzigjaehrig seine saechsische Heimat von der italischen
Fremdherrschaft erloest hatte, der dann in siebenjaehrigem Kampfe fuer die
wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat gewesen war, der nicht bloss Leib
und Leben, sondern auch Weib und Kind fuer seine Nation eingesetzt hatte, um
dann siebenunddreissigjaehrig von Moerderhand zu fallen, diesem Mann gab sein
Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedaechtnis im Heldenlied.
2. Kapitel
Spanien
Die Zufaelligkeiten der aeusseren Politik bewirkten es, dass die Roemer
frueher als in irgendeinem anderen Teil des ueberseeischen Kontinents sich auf
der Pyrenaeischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches staendiges
Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht, wie in Gallien und in
Illyricum, sich darauf beschraenkt, die Kuesten des italischen Meeres zu
unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach dem Vorgang der Barkiden, die
Eroberung der ganzen Halbinsel in das Auge gefasst. Mit den Lusitanern (in
Portugal und Estremadura) hatten die Roemer gestritten, seit sie sich Herren von
Spanien nannten; die "entferntere Provinz" war recht eigentlich gegen diese und
zugleich mit der naeheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden
ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Roemern botmaessig; kurz vor
derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spaetere Diktator Caesar die
roemischen Waffen bis nach Brigantium (Coruna) getragen und die Zugehoerigkeit
dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue befestigt. Es haben dann
in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in
Nordspanien niemals geruht: nicht weniger als sechs Statthalter haben in dieser
kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung
des suedlichen Abhangs der Pyrenaeen vorzugsweise in diese Epoche ^1. Die Kriege
mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des Gebirges, die in die
gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im Jahre 727 (27) siegreich zu
Ende ging, werden damit in Zusammenhang stehen. Bei der Reorganisation der
Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die Halbinsel an Augustus, weil dort
ausgedehnte militaerische Operationen in Aussicht genommen waren und sie einer
dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das suedliche Drittel der entfernteren
Provinz, seitdem benannt vom Baetisfluss (Guadalquivir), dem Regiment des Senats
bald zurueckgegeben wurde ^2, blieb doch der bei weitem groessere Teil der
Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der groessere Teil der
entfernteren Provinz, Lusitanien und Callaekien ^3, wie die ganze grosse
naehere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich Augustus
persoenlich nach Spanien, um in zweijaehrigem Aufenthalt (728, 729 26, 25) die
neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch nicht botmaessigen
Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus, und es wurde damals
ueberhaupt der Sitz der Regierung der naeheren Provinz von Neukarthago nach
Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese Provinz auch seitdem gewoehnlich
genannt wird. Wenn es einerseits notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung
nicht von der Kueste zu entfernen, so beherrschte andererseits die neue
Hauptstadt das Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den
Pyrenaeen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem
die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich hartnaeckig
in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue ueberliefen, zog sich mit
Unterbrechungen, die die Roemer Siege nannten, der schwere und verlustvolle
Krieg acht Jahre hin, bis es endlich Agrippa gelang, durch Zerstoerung der
Bergstaedte und Verpflanzung der Bewohner in die Taeler den offenen Widerstand
zu brechen.
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^1 Es triumphierten ueber Spanien, abgesehen von dem wohl politischen
Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul 714 40), im
Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38), zwischen 720 (34) und 725
(29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und Appius Claudius Pulcher (Konsul
716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728
(26) Sex. Appuleius (Konsul 725 29). Die Schriftsteller erwaehnen nur den Sieg,
den Calvinus ueber die Cerretaner (bei Puycerda in den oestlichen Pyrenaeen)
erfocht (Dio 48, 42; vgl. Vell. 2, 78 und die Muenze des Sabinus mit Osca,
Eckhel, Bd. 5, S. 203).
^2 Da Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward
(Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen Augustus
Kolonien gegruendet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S. 222), nicht
fueglich unberuecksichtigt geblieben sein kann, so wird die Trennung von
Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem kantabrischen Kriege stattgefunden
haben.
^3 Callaekien ist nicht bloss von der Ulterior aus eingenommen worden,
sondern muss noch in der frueheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehoert
haben, ebenso Asturien anfaenglich zu dieser Provinz geschlagen worden sein.
Sonst ist die Erzaehlung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Carisius, der
Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von Lusitanien, C. Furnius der
der Tarraconensis. Damit stimmt auch die parallele Darstellung bei Florus (epit.
2, 33), denn die Drigaecini der Handschriften sind sicher die Brigaikinoi, die
Ptolemaeos (2, 6, 29) unter den Asturern auffuehrt. Darum fasst auch Agrippa in
seinen Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4, 22,
118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als frueher
Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen Provinzen
erwaehnt Strabon (3, 4, 19, p. 166).
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Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Kueste des Ozeans von
Cadiz bis zur Elbmuendung den Roemern gehorchte, so war in diesem Winkel
derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem Verlass. Zu einer
eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen Spanien noch lange nicht
gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von Kriegszuegen gegen die Asturer die
Rede. Deutlicher noch spricht die Besetzung des Landes, wie Augustus sie
angeordnet hat. Callaekien wurde von Lusitanien getrennt und mit der
tarraconensischen Provinz vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer
Hand zu konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloss damals die einzige gewesen,
welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militaerkommando erhalten
hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei Legionen ^4 dorthin
gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien, und trotz der militaerischen
Bedraengnis in Germanien und in Illyricum ward diese Besatzung nicht vermindert.
Das Hauptquartier ward zwischen der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der
neuen, Asturica Augusta (Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den
Namen fuehrenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens haengen
wahrscheinlich die daselbst in der frueheren Kaiserzeit in bedeutendem Umfange
vorgenommenen Strassenanlagen zusammen, obwohl wir, da die Dislokation dieser
Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist, den Zusammenhang im
einzelnen nicht nachzuweisen vermoegen. So ist von Augustus und Tiberius fuer
die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga) eine Verbindung mit Asturica, das
heisst mit dem grossen Hauptquartier, nicht minder mit den noerdlich,
nordoestlich und suedlich benachbarten Staedten hergestellt worden. Aehnliche
Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasconen und in Kantabrien ^5. Allmaehlich
konnte die Besatzung verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine
zweite anderswo verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert
angesehen, und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische
Besatzung wieder ihre fruehere Staerke; eigentlich reduziert haben sie erst die
Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da an bis in die
diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. gemina und eine gewisse
Zahl von Hilfskontingenten in Leon garnisoniert.
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^4 Es sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina. Die
erste von diesen kam in Folge der durch Claudius' britannische Expedition
veranlassten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die beiden anderen,
obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen noch im Anfang der
Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit ihnen anstatt der 4. die
von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac. hist. 1, 44). Alle drei wurden in
Veranlassung des Bataverkrieges an den Rhein geschickt, und es kam davon nur
eine zurueck. Denn noch im Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin.
paneg. 14; vgl. Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor
dem Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die zweite

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