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Rˆmische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen

Part 8 out of 11

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Angaben der Alten ueber beide Fluesse. Nur muss freilich mit Leake angenommen
werden, dass der durch die Vereinigung des Fersaliti und des Sofadhitiko
gebildete, zum Peneios gehende Fluss von Vlokho bei den Alten, wie der
Sofadhitiko, Apidanos hiess: was aber auch um so natuerlicher ist als wohl der
Sofadhitiko, nicht aber der Fersaliti bestaendig Wasser hat (Leake, Bd. 4, S.
321). Zwischen Fersala also und dem Fersaliti muss Altpharsalos gelegen haben,
wovon die Schlacht den Namen traegt. Demnach ward die Schlacht am linken Ufer
des Fersaliti gefochten, und zwar so, dass die Pompeianer, mit dem Gesicht nach
Pharsalos stehend, ihren rechten Fluegel an den Fluss lehnten (Caes. civ. 3, 83.
Frontin. strat. 2, 3, 22). Aber das Lager der Pompeianer kann hier nicht
gestanden haben, sondern nur am Abhang der Hoehen von Kynoskephalae am rechten
Ufer des Enipeus, teils weil sie Caesar den Weg nach Skotussa verlegten, teils
weil ihre Rueckzugslinie offenbar ueber die oberhalb des Lagers befindlichen
Berge nach Larisa ging; haetten sie, nach Leakes (Bd. 4, S. 482) Annahme,
oestlich von Pharsalos am linken Ufer des Enipeus gelagert, so konnten sie
nimmermehr durch diesen gerade hier tief eingeschnittenen Bach (Leake, Bd. 4, S.
469) nordwaerts gelangen und Pompeius haette statt nach Larisa, nach Lamia
fluechten muessen. Wahrscheinlich schlugen also die Pompeianer am rechten Ufer
des Fersaliti ihr Lager und passierten den Fluss, sowohl um zu schlagen, als um
nach der Schlacht wieder in ihr Lager zu gelangen von wo sie sodann sich die
Abhaenge von Krannon und Skotussa hinaufzogen, die ueber dem letzteren Orte zu
den Hoehen von Kynoskephalae sich gipfeln. Unmoeglich war dies nicht. Der
Enipeus ist ein schmaler, langsam fliessender Bach, den Leake im November zwei
Fuss tief fand und der in der heissen Jahreszeit oft ganz trocken liegt (Leake,
Bd. 1, S. 448 und Bd. 4, S. 472; vgl. Lucan. 6, 373), und die Schlacht ward im
Hochsommer geschlagen. Ferner standen die Heere vor der Schlacht drei
Viertelmeilen auseinander (App. civ. 2, 65), so dass die Pompeianer alle
Vorbereitungen treffen und auch die Verbindung mit ihrem Lager durch Bruecken
gehoerig sichern konnten. Waere die Schlacht in eine voellige Deroute
ausgegangen, so haette freilich der Rueckzug an und ueber den Fluss nicht
ausgefuehrt werden koennen, und ohne Zweifel aus diesem Grunde verstand Pompeius
nur ungern sich dazu, hier zu schlagen. Der am weitesten von der Rueckzugsbasis
entfernte linke Fluegel der Pompeianer hat dies auch empfunden; aber der
Rueckzug wenigstens ihres Zentrums und ihres rechten Fluegels ward nicht in
solcher Hast bewerkstelligt, dass er unter den gegebenen Bedingungen
unausfuehrbar waere. Caesar und seine Ausschreiber verschweigen die
Ueberschreitung des Flusses, weil dieselbe die uebrigens aus der ganzen
Erzaehlung hervorgehende Kampfbegierde der Pompeianer zu deutlich ins Licht
stellen wuerde, und ebenso die fuer diese guenstigen Momente des Rueckzugs.
^7 In diesen Zusammenhang gehoert die bekannte Anweisung Caesars an seine
Soldaten, nach den Gesichtern der feindlichen Reiter zu stossen. Die Infanterie,
welche hier in ganz irregulaerer Weise offensiv gegen die Kavallerie auftrat,
der mit den Saebeln nicht beizukommen war, sollte ihre Pila nicht abwerfen,
sondern sie als Handspeere gegen die Reiter brauchen und, um dieser sich besser
zu erwehren, damit nach oben zu stossen (Plut. Pomp. 69. 71; Plut. Caes. 45;
App, civ. 2, 76, 78; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15; irrig Frontin strat.
4, 7, 32). Die anekdotenhafte Umwandlung dieser Instruktion, dass die
Pompeianischen Reiter durch die Furcht vor Schmarren im Gesicht zum Weglaufen
sollten gebracht werden und auch wirklich "die Haende vor die Augen haltend"
(Plutarch) davongaloppiert seien, faellt in sich selbst zusammen: denn sie hat
nur dann eine Pointe, wenn die Pompeianische Reiterei hauptsaechlich aus dem
jungen Adel Roms, den "artigen Taenzern", bestand; und dies ist falsch.
Hoechstens kann es sein, dass der Lagerwitz jener einfachen und zweckmaessigen
militaerischen Ordre diese sehr unsinnige, aber allerdings lustige Wendung gab.
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Es dauerte einige Zeit, bevor die Folgen des 9. August 706 (48)
vollstaendig sich uebersehen liessen. Was am wenigsten Zweifel litt, war der
Uebertritt aller derer, die zu der bei Pharsalos ueberwundenen Partei nur als zu
der maechtigeren sich geschlagen hatten, auf die Seite Caesars; die Niederlage
war eine so voellig entscheidende, dass dem Sieger alles zufiel, was nicht fuer
eine verlorene Sache streiten wollte oder musste. Alle die Koenige, Voelker und
Staedte, die bisher Pompeius' Klientel gebildet hatten, riefen jetzt ihre
Flotten- und Heereskontingente zurueck und verweigerten den Fluechtlingen der
geschlagenen Partei die Aufnahme - so Aegypten, Kyrene, die Gemeinden Syriens,
Phoenikiens, Kilikiens und Kleinasiens, Rhodos, Athen und ueberhaupt der ganze
Osten. Ja, Koenig Pharnakes vom Bosporus trieb den Diensteifer so weit, dass er
auf die Nachricht von der Pharsalischen Schlacht nicht bloss die manches Jahr
zuvor vom Pompeius frei erklaerte Stadt Phanagoria und die Gebiete der von ihm
bestaetigten kolchischen Fuersten, sondern selbst das von demselben dem Koenig
Deiotarus verliehene Koenigreich Klein-Armenien in Besitz nahm. Fast die
einzigen Ausnahmen von dieser allgemeinen Unterwerfung waren die kleine Stadt
Megara, die von den Caesarianern sich belagern und erstuermen liess, und Koenig
Juba von Numidien, der von Caesar die Einziehung seines Reiches schon laengst
und nach dem Siege ueber Curio nur um so sicherer zu gewaertigen hatte und also
freilich, wohl oder uebel, bei der geschlagenen Partei ausharren musste. Ebenso
wie die Klientelgemeinden sich dem Sieger von Pharsalos unterwarfen, kam auch
der Schweif der Verfassungspartei, alle, die mit halbem Herzen mitgemacht hatten
oder gar, wie Marcus Cicero und seinesgleichen, nur um die Aristokratie
herumtrippelten wie die Halbhexen um den Blocksberg, herbei, um mit dem neuen
Alleinherrscher ihren Frieden zu machen, den denn auch dessen geringschaetzige
Nachsicht den Bittstellern bereitwillig und hoeflich gewaehrte. Aber der Kern
der geschlagenen Partei transigierte nicht. Mit der Aristokratie war es vorbei;
aber die Aristokraten konnten doch sich nimmermehr zur Monarchie bekehren. Auch
die hoechsten Offenbarungen der Menschheit sind vergaenglich; die einmal wahre
Religion kann zur Luege, die einst segenhafte Staatsordnung zum Fluche werden;
aber selbst das vergangene Evangelium noch findet Bekenner, und wenn solcher
Glaube nicht Berge versetzen kann wie der Glaube an die lebendige Wahrheit, so
bleibt er doch sich selber bis zu seinem Untergange treu und weicht aus dem
Reiche der Lebendigen nicht, bevor er seine letzten Priester und seine letzten
Buerger sich nachgezogen hat und ein neues Geschlecht, von jenen Schemen des
Gewesenen und Verwesenden befreit, ueber die verjuengte Welt regiert. So war es
in Rom. In welchen Abgrund der Entartung auch jetzt das aristokratische Regiment
versunken war, es war einst ein grossartiges politisches System gewesen; das
heilige Feuer, durch das Italien erobert und Hannibal besiegt worden war,
gluehte, wie getruebt und verdumpft, dennoch fort in dem roemischen Adel,
solange es einen solchen gab, und machte eine innerliche Verstaendigung zwischen
den Maennern des alten Regiments und dem neuen Monarchen unmoeglich. Ein grosser
Teil der Verfassungspartei fuegte sich wenigstens aeusserlich und erkannte die
Monarchie insofern an, als sie von Caesar Gnade annahmen und soweit moeglich,
sich ins Privatleben zurueckzogen; was freilich regelmaessig nicht ohne den
Hintergedanken geschah, sich damit auf einen kuenftigen Umschwung der Dinge
aufzusparen. Vorzugsweise taten dies die minder namhaften Parteigenossen; doch
zaehlte auch der tuechtige Marcus Marcellus, derselbe, der den Bruch mit Caesar
herbeigefuehrt hatte, zu diesen Verstaendigen und verbannte sich freiwillig nach
Lesbos. Aber in der Majoritaet der echten Aristokratie war die Leidenschaft
maechtiger als die kuehle Ueberlegung; wobei freilich auch Selbsttaeuschungen
ueber den noch moeglichen Erfolg und Besorgnisse vor der unvermeidlichen Rache
des Siegers mannigfaltig mitwirkten. Keiner wohl beurteilte mit so schmerzlicher
Klarheit und so frei von Furcht wie von Hoffnung fuer sich die Lage der Dinge
wie Marcus Cato. Vollkommen ueberzeugt, dass nach den Tagen von Ilerda und
Pharsalos die Monarchie unvermeidlich sei, und sittlich fest genug, um auch
diese bittere Wahrheit sich einzugestehen und danach zu handeln, schwankte er
einen Augenblick, ob die Verfassungspartei den Krieg ueberhaupt noch fortsetzen
duerfe, der notwendig fuer eine verlorene Sache vielen Opfer zumutete, die nicht
wussten, wofuer sie sie brachten. Aber wenn er sich entschloss, weiter gegen die
Monarchie zu kaempfen, nicht um den Sieg, sondern um rascheren und ehrenvolleren
Untergang, so suchte er doch soweit moeglich in diesen Krieg keinen
hineinzuziehen, der den Untergang der Republik ueberleben und mit der Monarchie
sich abfinden mochte. Solange die Republik nur bedroht gewesen, meinte er, habe
man das Recht und die Pflicht gehabt, auch den lauen und schlechten Buerger zur
Teilnahme an dem Kampfe zu zwingen; aber jetzt sei es sinnlos und grausam, den
einzelnen zu noetigen, dass er mit der verlorenen Republik sich zugrunde richte.
Nicht bloss entliess er selbst jeden, der nach Italien heimzukehren begehrte;
als der wildeste unter den wilden Parteimaennern, Gnaeus Pompeius der Sohn, auf
die Hinrichtung dieser Leute, namentlich des Cicero drang, war es einzig Cato,
der sie durch seine sittliche Autoritaet verhinderte.
Auch Pompeius begehrte keinen Frieden. Waere er ein Mann gewesen, der es
verdiente, an dem Platze zu stehen, wo er stand, so moechte man meinen, er habe
es begriffen, dass, wer nach der Krone greift, nicht wieder zurueck kann in das
Geleise der gewoehnlichen Existenz und darum fuer den, der fehlgegriffen, kein
Platz mehr auf der Erde ist. Allein schwerlich dachte Pompeius zu gross, um eine
Gnade zu erbitten, die der Sieger vielleicht hochherzig genug gewesen waere, ihm
nicht zu versagen, sondern vielmehr wahrscheinlich dazu zu gering. Sei es, dass
er es nicht ueber sich gewann, Caesar sich anzuvertrauen, sei es, dass er in
seiner gewoehnlichen unklaren und unentschiedenen Weise, nachdem der erste
unmittelbare Eindruck der Katastrophe von Pharsalos geschwunden war, wieder
anfing, Hoffnung zu schoepfen, Pompeius war entschlossen, den Kampf gegen Caesar
fortzusetzen und nach dem Pharsalischen noch ein anderes Schlachtfeld sich zu
suchen.
So ging also, wie Caesar immer durch Klugheit und Maessigung den Groll
seiner Gegner zu beschwichtigen und ihre Zahl zu mindern bemueht war, der Kampf
nichtsdestoweniger unabaenderlich weiter. Allein die fuehrenden Maenner hatten
fast alle bei Pharsalos mitgefochten, und obwohl sie, mit Ausnahme von Lucius
Domitius Ahenobarbus, der auf der Flucht niedergemacht ward, saemtlich sich
retteten, wurden sie doch nach allen Seiten hin versprengt, weshalb sie nicht
dazu kamen, einen gemeinschaftlichen Plan fuer die Fortsetzung des Feldzuges zu
verabreden. Die meisten von ihnen gelangten, teils durch die oeden makedonischen
und illyrischen Gebirge, teils mit Hilfe der Flotte, nach Kerkyra, wo Marcus
Cato die zurueckgelassene Reserve kommandierte. Hier fand unter Catos Vorsitz
eine Art Kriegsrat statt, dem Metellus Scipio, Titus Labienus, Lucius Afranius,
Gnaeus Pompeius der Sohn und andere beiwohnten; allein teils die Abwesenheit des
Oberfeldherrn und die peinliche Ungewissheit ueber sein Schicksal, teils die
innere Zerfahrenheit der Partei verhinderte eine gemeinsame Beschlussfassung,
und es schlug schliesslich jeder den Weg ein, der ihm fuer sich oder fuer die
gemeine Sache der zweckmaessigste zu sein schien. Es war in der Tat in hohem
Grade schwierig, unter den vielen Strohhalmen, an die man etwa sich anklammern
konnte, denjenigen zu bezeichnen, der am laengsten ueber Wasser halten wuerde.
Makedonien und Griechenland waren durch die Schlacht von Pharsalos verloren.
Zwar hielt Cato, nachdem er auf die Nachricht von der Niederlage Dyrrhachion
sogleich geraeumt hatte, nach Kerkyra, Rutilius Lupus noch den Peloponnes eine
Zeitlang fuer die Verfassungspartei. Einen Augenblick schien es auch, als
wollten die Pompeianer sich in Patrae auf dem Peloponnes verteidigen; allein die
Nachricht von Calenus' Anruecken genuegte, um sie von hier zu verscheuchen.
Kerkyra zu behaupten wurde ebensowenig versucht. An der italischen und
sizilischen Kueste hatten die nach den Siegen von Dyrrhachion dorthin entsandten
Pompeianischen Geschwader gegen die Haefen von Brundisium, Messana und Vibo
nicht unbedeutende Erfolge errungen und in Messana namentlich die ganze in der
Ausruestung begriffene Flotte Caesars niedergebrannt; allein die hier taetigen
Schiffe, groesstenteils kleinasiatische und syrische, wurden infolge der
Pharsalischen Schlacht von ihren Gemeinden abberufen, so dass die Expedition
damit von selber ein Ende nahm. In Kleinasien und Syrien standen augenblicklich
gar keine Truppen, weder der einen noch der anderen Partei, mit Ausnahme der
bosporanischen Armee des Pharnakes, die, angeblich fuer Rechnung Caesars,
verschiedene Landschaften der Gegner desselben eingenommen hatte. In Aegypten
stand zwar noch ein ansehnliches roemisches Heer, gebildet aus den dort von
Gabinius zurueckgelassenen und seitdem aus italischen Landstreichern und
syrischem oder kilikischem Raeubergesindel rekrutierten Truppen; allein es
verstand sich von selbst und ward durch die Rueckberufung der aegyptischen
Schiffe bald offiziell bestaetigt, dass der Hof von Alexandreia keineswegs die
Absicht hatte, bei der geschlagenen Partei auszuhalten oder gar ihr seine
Truppenmacht zur Verfuegung zu stellen. Etwas guenstigere Aussichten boten sich
den Besiegten im Westen dar. In Spanien waren unter der Bevoelkerung die
Pompeianischen Sympathien so maechtig, dass die Caesarianer den von dort aus
gegen Afrika beabsichtigten Angriff deswegen unterlassen mussten und eine
Insurrektion unausbleiblich schien, sowie ein namhafter Fuehrer auf der
Halbinsel sich zeigen wuerde. In Afrika aber hatte die Koalition oder vielmehr
der eigentliche Machthaber daselbst, Koenig Juba von Numidien, seit dem Herbst
705 (49) ungestoert geruestet. Wenn also der ganze Osten durch die Schlacht von
Pharsalos der Koalition verloren war, so konnte sie dagegen in Spanien
wahrscheinlich und sicher in Afrika den Krieg in ehrenhafter Weise
weiterfuehren; denn die Hilfe des laengst der roemischen Gemeinde untertaenigen
Koenigs von Numidien gegen revolutionaere Mitbuerger in Anspruch zu nehmen, war
fuer den Roemer wohl eine peinliche Demuetigung, aber keineswegs ein
Landesverrat. Wem freilich in diesem Kampfe der Verzweiflung weder Recht noch
Ehre etwas weiter galt, der mochte auch, sich selber ausserhalb des Gesetzes
erklaerend, die Raeuberfehde eroeffnen oder, mit unabhaengigen Nachbarstaaten in
Buendnis tretend, den Landesfeind in den inneren Streit hineinziehen oder
endlich, die Monarchie mit den Lippen bekennend, die Restauration der legitimen
Republik mit dem Dolch des Meuchelmoerders betreiben. Dass die Ueberwundenen
austraten und der neuen Monarchie absagten, war wenigstens der natuerliche und
insofern richtigste Ausdruck ihrer verzweifelten Lage. Das Gebirge und vor allem
das Meer waren in jener Zeit seit Menschengedenken wie die Freistatt allen
Frevels, so auch die des unertraeglichen Elends und des unterdrueckten Rechtes;
Pompeianern und Republikanern lag es nahe, der Monarchie Caesars, die sie
ausstiess, in den Bergen und auf den Meeren trotzig den Krieg zu machen, und
namentlich nahe, die Piraterie in groesserem Massstab, in festerer
Geschlossenheit, mit bestimmteren Zielen aufzunehmen. Selbst nach der Abberufung
der aus dem Osten gekommenen Geschwader besassen sie noch eine sehr ansehnliche
eigene Flotte, waehrend Caesar immer noch so gut wie ohne Kriegsschiffe war; und
ihre Verbindung mit den Delmatern, die im eigenen Interesse gegen Caesar
aufgestanden waren, ihre Herrschaft ueber die wichtigsten Meere und
Hafenplaetze, gaben fuer den Seekrieg, namentlich im kleinen, die
vorteilhaftesten Aussichten. Wie einst Sullas Demokratenhetze geendigt hatte mit
dem Sertorianischen Aufstand, der anfangs Piraten-, dann Raeuberfehde war und
schliesslich doch ein sehr ernstlicher Krieg ward, so konnte, wenn in der
catonischen Aristokratie oder unter den Anhaengern des Pompeius so viel Geist
und Feuer war wie in der marianischen Demokratie, und wenn in ihr der rechte
Seekoenig sich fand, auf dem noch unbezwungenen Meere wohl ein von Caesars
Monarchie unabhaengiges und vielleicht dieser gewachsenes Gemeinwesen entstehen.
In jeder Hinsicht weit schaerfere Missbilligung verdient der Gedanke, einen
unabhaengigen Nachbarstaat in den roemischen Buergerkrieg hineinzuziehen und
durch ihn eine Konterrevolution herbeizufuehren: Gesetz und Gewissen verurteilen
den Ueberlaeufer strenger als den Raeuber, und leichter findet die siegreiche
Raeuberschar den Rueckweg zu einem freien und geordneten Gemeinwesen, als die
vom Landesfeind zurueckgefuehrte Emigration. Uebrigens war es auch kaum
wahrscheinlich, dass die geschlagene Partei auf diesem Wege eine Restauration
wuerde bewirken koennen. Der einzige Staat, auf den sie versuchen konnte sich zu
stuetzen, war der der Parther; und von diesem war es wenigstens zweifelhaft, ob
er ihre Sache zu der seinigen machen, und sehr unwahrscheinlich, dass er gegen
Caesar sie durchfechten werde. Die Zeit der republikanischen Verschwoerungen
aber war noch nicht gekommen.
Waehrend also die Truemmer der geschlagenen Partei ratlos vom Schicksal
sich treiben liessen und auch die den Kampf fortzusetzen entschieden waren nicht
wussten, wie noch wo, hatte Caesar, wie immer rasch entschlossen und rasch
handelnd, alles beiseite gelassen, um Pompeius zu verfolgen, den einzigen seiner
Gegner, den er als Offizier achtete, und denjenigen, dessen persoenliche
Gefangennahme die eine und vielleicht die gefaehrlichere Haelfte seiner Gegner
wahrscheinlich paralysiert haben wuerde. Mit weniger Mannschaft fuhr er ueber
den Hellespont - seine einzelne Barke traf in demselben auf eine feindliche,
nach dem Schwarzen Meere bestimmte Flotte und nahm die ganze, durch die Kunde
von der Pharsalischen Schlacht wie mit Betaeubung geschlagene Mannschaft
derselben gefangen - und eilte, sowie die notwendigsten Anordnungen getroffen
waren, Pompeius in den Osten nach. Dieser war vom Pharsalischen Schlachtfeld
nach Lesbos gegangen, wo er seine Gemahlin und seinen zweiten Sohn Sextus
abholte, und weiter um Kleinasien herum nach Kilikien und von da nach Kypros
gesegelt. Er haette zu seinen Parteigenossen nach Kerkyra oder Afrika gelangen
koennen; allein der Widerwille gegen seine aristokratischen Verbuendeten und der
Gedanke an die Aufnahme, die nach dem Tage von Pharsalos und vor allem nach
seiner schimpflichen Flucht ihn dort erwartete, scheinen ihn bewogen zu haben,
seinen Weg fuer sich zu gehen und lieber in den Schutz des Partherkoenigs als in
den Catos sich zu begeben. Waehrend er beschaeftigt war, von den roemischen
Steuerpaechtern und Kaufleuten auf Kypros Geld und Sklaven beizutreiben und
einen Haufen von 2000 Sklaven zu bewaffnen, erhielt er die Nachricht, dass
Antiocheia sich fuer Caesar erklaert habe und der Weg zu den Parthern nicht mehr
offen sei. So aenderte er seinen Plan und ging unter Segel nach Aegypten, wo in
dem Heere eine Menge seiner alten Soldaten dienten und die Lage und die reichen
Hilfsmittel des Landes Zeit und Gelegenheit gewaehrten, den Krieg zu
reorganisieren.
In Aegypten hatten nach Ptolemaeos Auletes' Tode (Mai 703 51) dessen
Kinder, die etwa sechzehnjaehrige Kleopatra und der zehnjaehrige Ptolemaeos
Dionysos, nach dem Willen ihres Vaters gemeinschaftlich und als Gatten, den
Thron bestiegen; allein bald hatte der Bruder oder vielmehr dessen Vormund
Potheinos die Schwester aus dem Reiche getrieben und sie genoetigt, eine
Zuflucht in Syrien zu suchen, von wo aus sie Anstalten traf, um in ihr
vaeterliches Reich zurueckzugelangen. Ptolemaeos und Potheinos standen eben, um
gegen sie die Ostgrenze zu decken, mit der ganzen aegyptischen Armee bei
Pelusion, als Pompeius bei dem Kasischen Vorgebirge vor Anker ging und den
Koenig ersuchen liess, ihm die Landung zu gestatten. Der aegyptische Hof,
laengst von der Katastrophe bei Pharsalos unterrichtet, war im Begriffe,
Pompeius zurueckzuweisen; allein der Hofmeister des Koenigs, Theodotos, wies
darauf hin, dass in diesem Falle Pompeius wahrscheinlich seine Verbindungen in
der aegyptischen Armee benutzen werde, um dieselbe aufzuwiegeln; es sei sicherer
und auch mit Ruecksicht auf Caesar vorzuziehen, wenn man die Gelegenheit
wahrnehme, um Pompeius aus der Welt zu schaffen. Dergleichen politische
Raesonnements verfehlten bei den Staatsmaennern der hellenischen Welt nicht
leicht ihre Wirkung. Der General der koeniglichen Truppen, Achillas, und einige
von Pompeius' ehemaligen Soldaten fuhren mit einem Kahn an Pompeius' Schiff
heran und luden ihn ein, zum Koenig zu kommen und, da das Fahrwasser seicht sei,
ihre Barke zu besteigen. Im Aussteigen stach der Kriegstribun Lucius Septimius
ihn hinterruecks nieder, unter den Augen seiner Gattin und seines Sohnes, welche
von dem Verdeck ihres Schiffes aus dem Morde zusehen mussten, ohne retten oder
raechen zu koennen (28. September 706 48). An demselben Tage, an dem er dreizehn
Jahre zuvor, ueber Mithradates triumphierend, in die Hauptstadt eingezogen war,
endigte auf einer oeden Duene des unwirtlichen kasischen Strandes durch die Hand
eines seiner alten Soldaten der Mann, der ein Menschenalter hindurch der Grosse
geheissen und Jahre lang Rom beherrscht hatte. Ein guter Offizier, uebrigens
aber von mittelmaessigen Gaben des Geistes und des Herzens, hatte das Schicksal
mit dreissigjaehriger daemonischer Bestaendigkeit alle glaenzenden muehelosen
Aufgaben nur darum ihm zu loesen gewaehrt, alle von anderen gepflanzten und
gepflegten Lorbeeren nur darum ihm zu brechen gestattet, nur darum alle
Bedingungen zur Erlangung der hoechsten Gewalt ihm entgegengetragen, um an ihm
ein Beispiel falscher Groesse aufzustellen, wie die Geschichte kein zweites
kennt. Unter allen klaeglichen Rollen gibt es keine klaeglichere als die, mehr
zu gelten als zu sein; und es ist das Verhaengnis der Monarchie, da doch kaum
alle tausend Jahre in dem Volke ein Mann aufsteht, welcher Koenig nicht bloss
heisst, sondern auch ist, dass diese Klaeglichkeit unvermeidlich an ihr haftet.
Wenn dies Missverhaeltnis zwischen Scheinen und Sein vielleicht nie so schroff
hervorgetreten ist wie in Pompeius, so mag der ernste Gedanke wohl dabei
verweilen, dass er eben in gewissem Sinn die Reihe der roemischen Monarchen
eroeffnet.
Als Caesar, Pompeius' Spuren folgend, auf der Reede von Alexandreia
eintraf, war bereits alles vorueber. Mit tiefer Erschuetterung wandte er sich
ab, als ihm der Moerder das Haupt des Mannes auf das Schiff entgegentrug, der
sein Schwiegersohn und lange Jahre sein Genosse in der Herrschaft gewesen und
den lebend in seine Gewalt zu bringen er nach Aegypten gekommen war. Die Antwort
auf die Frage, wie Caesar mit dem gefangenen Pompeius verfahren sein wuerde, hat
der Dolch des voreiligen Moerders abgeschnitten; aber wenn die menschliche
Teilnahme, die in Caesars grosser Seele noch neben dem Ehrgeiz Raum fand, ihm
die Schonung des ehemaligen Freundes gebot, so forderte auch sein Interesse,
denselben auf andere Art zu annullieren als durch den Henker. Pompeius war
zwanzig Jahre lang der anerkannte Gebieter von Rom gewesen; eine so tief
gewurzelte Herrschaft geht nicht unter mit dem Tode des Herrn. Pompeius' Tod
loeste die Pompeianer nicht auf, sondern gab ihnen statt eines bejahrten,
unfaehigen und vernutzten Hauptes an dessen beiden Soehnen Gnaeus und Sextus
zwei Fuehrer, welche beide jung und ruehrig und von denen der zweite eine
entschiedene Kapazitaet war. Der neugegruendeten Erbmonarchie heftete sogleich
parasitisch sich das erbliche Praetendententum an, und es war sehr zweifelhaft,
ob bei diesem Wechsel der Personen Caesar nicht mehr verlor, als er gewann.
Indes in Aegypten hatte Caesar jetzt nichts weiter zu tun, und Roemer und
Aegypter erwarteten, dass er sofort wieder unter Segel gehen und sich an die
Unterwerfung Afrikas und an das unermessliche Organisationswerk machen werde,
das ihm nach dem Siege bevorstand. Allein Caesar, seiner Gewohnheit getreu, wo
er einmal in dem weiten Reiche sich befand, die Verhaeltnisse sogleich und
persoenlich endgueltig zu regeln, und fest ueberzeugt, dass weder von der
roemischen Besatzung noch von dem Hofe irgendein Widerstand zu erwarten sei,
ueberdies in dringender Geldverlegenheit, landete in Alexandreia mit den zwei
ihn begleitenden, auf 3200 Mann zusammengeschmolzenen Legionen und 800
keltischen und deutschen Reitern, nahm Quartier in der koeniglichen Burg und
ging daran, die noetigen Summen beizutreiben und die aegyptische Erbfolge zu
ordnen, ohne sich stoeren zu lassen durch Potheinos' naseweise Bemerkung, dass
Caesar doch ueber diese Kleinigkeiten nicht seine so wichtigen eigenen
Angelegenheiten versaeumen moege. Gegen die Aegypter verfuhr er dabei gerecht
und selbst nachsichtig. Obwohl der Beistand, den sie Pompeius geleistet hatten,
zur Auflegung einer Kriegskontribution berechtigte, ward doch das erschoepfte
Land damit verschont und unter Erlass dessen, was auf die im Jahre 695 (59)
stipulierte und seitdem erst etwa zur Haelfte abbezahlte Summe weiter
rueckstaendig war, lediglich eine Schlusszahlung von 10 Mill. Denaren (3 Mill.
Taler) gefordert. Den beiden kriegfuehrenden Geschwistern ward die sofortige
Einstellung der Feindseligkeiten anbefohlen und beide zur Untersuchung und
Entscheidung des Streites vor den Schiedsherrn geladen. Man fuegte sich; der
koenigliche Knabe befand sich bereits in der Burg und auch Kleopatra stellte
dort sich ein. Caesar sprach das Reich Aegypten, dem Testament des Auletes
gemaess, den beiden geschwisterlichen Gatten Kleopatra und Ptolemaeos Dionysos
zu und gab ferner unaufgefordert, unter Kassierung der frueher verfuegten
Einziehung des Kyprischen Reiches, dieses als aegyptische Sekundogenitur an die
juengeren Kinder des Auletes Arsinoe und Ptolemaeos den Juengeren.
Allein im stillen bereitete ein Ungewitter sich vor. Alexandreia war eine
Weltstadt so gut wie Rom, an Einwohnerzahl der italischen Hauptstadt schwerlich
nachstehend, an ruehrigem Handelsgeist, an Handwerkergeschick, an Sinn fuer
Wissenschaft und Kunst ihr weit ueberlegen; in der Buergerschaft war ein reges
nationales Selbstgefuehl und wenn kein politischer Sinn, doch ein unruhiger
Geist, der sie ihre Strassenkrawalle so regelmaessig und so herzhaft abhalten
liess wie heutzutage die Pariser; man kann sich ihre Empfindungen denken, als
sie in der Residenz der Lagiden den roemischen Feldherrn schalten und ihre
Koenige vor seinem Tribunal Recht nehmen sah. Potheinos und der koenigliche
Knabe, beide begreiflicherweise sehr unzufrieden sowohl mit der peremtorischen
Einmahnung alter Schulden wie mit der Intervention in dem Thronstreit, welche
nur zu Gunsten der Kleopatra ausfallen konnte und ausfiel, schickten zur
Befriedigung der roemischen Forderungen die Schaetze der Tempel und das goldene
Tischgeraet des Koenigs mit absichtlicher Ostentation zum Einschmelzen in die
Muenze; mit tiefer Erbitterung schauten die aberglaeubisch frommen und der
weltberuehmten Pracht ihres Hofes wie eines eigenen Besitzes sich erfreuenden
Aegypter die nackten Waende ihrer Tempel und die hoelzernen Becher auf der Tafel
ihres Koenigs. Auch die roemische Okkupationsarmee, welche durch den langen
Aufenthalt in Aegypten und die vielen Zwischenheiraten zwischen den Soldaten und
aegyptischen Maedchen wesentlich denationalisiert war und ueberdies eine Menge
alter Soldaten des Pompeius und verlaufener italischer Verbrecher und Sklaven in
ihren Reihen zaehlte, grollte Caesar, auf dessen Befehl sie ihre Aktion an der
syrischen Grenze hatte einstellen muessen, und seiner Handvoll hochmuetiger
Legionaere. Schon der Auflauf bei der Landung, als die Menge die roemischen
Beile in die alte Koenigsburg tragen sah, und die zahlreichen Meuchelmorde,
welche gegen seine Soldaten in der Stadt veruebt wurden, hatten Caesar darueber
belehrt, in welcher ungeheuren Gefahr er mit seinen wenigen Leuten dieser
erbitterten Menge gegenueber schwebte. Allein die Umkehr war wegen der in dieser
Jahreszeit herrschenden Nordwestwinde schwierig, und der Versuch der
Einschiffung konnte leicht das Signal zum Ausbruch der Insurrektion werden;
ueberhaupt lag es nicht in Caesars Art, unverrichteter Sache sich davonzumachen.
Er beorderte also zwar sogleich Verstaerkungen aus Asien herbei, trug aber, bis
diese eintrafen, zunaechst die groesste Sicherheit zur Schau. Nie war es
lustiger in seinem Lager hergegangen als waehrend dieser alexandrinischen Rast;
und wenn die schoene und geistreiche Kleopatra mit ihren Reizen ueberhaupt
nicht, und am wenigsten gegen ihren Richter, sparsam war, so schien auch Caesar
unter all seinen Siegen die ueber schoene Frauen am hoechsten zu schaetzen. Es
war ein lustiges Vorspiel zu sehr ernsten Auftritten. Unter Fuehrung des
Achillas und, wie spaeter sich auswies, auf geheimen Befehl des Koenigs und
seines Vormundes, erschien die in Aegypten stehende roemische Okkupationsarmee
unvermutet in Alexandreia; und sowie die Buergerschaft sah, dass sie kam, um
Caesar anzugreifen, machte sie mit den Soldaten gemeinschaftliche Sache. Mit
einer Geistesgegenwart, die seine fruehere Tolldreistigkeit gewissermassen
rechtfertigt, raffte Caesar schleunigst seine zerstreuten Mannschaften zusammen,
bemaechtigte sich der Person des Koenigs und seiner Minister, verschanzte sich
in der koeniglichen Burg und dem benachbarten Theater, liess, da es an Zeit
gebrach, die in dem Haupthafen unmittelbar vor dem Theater stationierte
Kriegsflotte in Sicherheit zu bringen, dieselbe anzuenden und die den Hafen
beherrschende Leuchtturminsel Pharos durch Boote besetzen. So war wenigstens
eine beschraenkte Verteidigungsstellung gewonnen und der Weg offen gehalten, um
Zufuhr und Verstaerkungen herbeizuschaffen. Zugleich ging dem Kornmandanten von
Kleinasien sowie den naechsten untertaenigen Landschaften, den Syrern und
Nabataeern, den Kretensern und den Rhodiern, der Befehl zu, schleunigst Truppen
und Schiffe nach Aegypten zu senden. Die Insurrektion, an deren Spitze die
Prinzessin Arsinoe und deren Vertreter, der Eunuch Ganymedes, sich gestellt
hatten, schaltete indes frei in ganz Aegypten und in dem groessten Teil der
Hauptstadt, in deren Strassen taeglich gefochten ward, ohne dass es weder Caesar
gelang, sich freier zu entwickeln und bis zu dem hinter der Stadt befindlichen
Suesswassersee von Marea durchzubrechen, wo er sich mit Wasser und mit Fourage
haette versorgen koennen, noch den Alexandrinern, der Belagerten Herr zu werden
und sie alles Trinkwassers zu berauben; denn als die Nilkanaele in Caesars
Stadtteil durch hineingeleitetes Seewasser verdorben waren, fand sich unerwartet
trinkbares Wasser in den am Strande gegrabenen Brunnen. Da Caesar von der
Landseite nicht zu ueberwaeltigen war, richteten sich die Anstrengungen der
Belagerer darauf, seine Flotte zu vernichten und ihn von der See abzuschneiden,
auf der die Zufuhr ihm zukam. Die Leuchtturminsel und der Damm, durch den diese
mit dem Festland zusammenhing, teilte den Hafen in eine westliche und eine
oestliche Haelfte, die durch zwei Bogenoeffnungen des Dammes miteinander in
Verbindung standen. Caesar beherrschte die Insel und den Osthafen, waehrend der
Damm und der Westhafen im Besitz der Buergerschaft war, und seine Schiffe
fuhren, da die alexandrinische Flotte verbrannt war, ungehindert ab und zu. Die
Alexandriner, nachdem sie vergeblich versucht hatten, aus dem Westhafen in den
oestlichen Brander einzufuehren, stellten darauf mit den Resten ihres Arsenals
ein kleines Geschwader her und verlegten damit Caesars Schiffen den Weg, als
dieselben eine Transportflotte mit einer aus Kleinasien nachgekommenen Legion
hereinbugsierten; indes wurden Caesars vortreffliche rhodische Seeleute des
Feindes Herr. Nicht lange darauf nahmen indes die Buerger die Leuchtturminsel
weg ^8 und sperrten von da aus die schmale und klippige Muendung des Osthafens
fuer groessere Schiffe gaenzlich; so dass Caesars Flotte genoetigt war, auf der
offenen Reede vor dem Osthafen zu stationieren und seine Verbindung mit der See
nur noch an einem schwachen Faden hing. Caesars Flotte, auf jener Reede zu
wiederholten Malen von der ueberlegenen feindlichen Seemacht angegriffen, konnte
weder dem ungleichen Kampf ausweichen, da der Verlust der Leuchtturminsel ihr
den inneren Hafen verschloss, noch auch das Weite suchen, da der Verlust der
Reede Caesar ganz von der See abgesperrt haben wuerde. Wenn auch die tapfern
Legionaere, unterstuetzt durch die Gewandtheit der rhodischen Matrosen, bisher
noch immer diese Gefechte zu Gunsten der Roemer entschieden hatten, so
erneuerten und steigerten doch die Alexandriner mit unermuedeter Beharrlichkeit
ihre Flottenruestungen; die Belagerten mussten schlagen, so oft es den
Belagerern beliebte, und wurden jene ein einziges Mal ueberwunden, so war Caesar
vollstaendig eingeschlossen und wahrscheinlich verloren. Es ward schlechterdings
noetig, einen Versuch zur Wiedergewinnung der Leuchtturminsel zu machen. Der
zwiefache Angriff, der durch Boote von der Hafen-, durch die Kriegsschiffe von
der Seeseite her gemacht ward, brachte in der Tat nicht bloss die Insel, sondern
auch den unteren Teil des Dammes in Caesars Gewalt; erst bei der zweiten
Bogenoeffnung des Dammes befahl Caesar anzuhalten und den Damm hier gegen die
Stadt zu durch einen Querwall zu sperren. Allein waehrend hier um die
Schanzenden ein hitziges Gefecht sich entspann, entbloessten die roemischen
Truppen den unteren, an die Insel anstossenden Teil des Dammes; unversehens
landete hier eine Abteilung Aegypter, griff die auf dem Damm am Querwall
zusammengedraengten roemischen Soldaten und Matrosen von hinten an und sprengte
die ganze Masse in wilder Verwirrung in das Meer. Ein Teil ward von den
roemischen Schiffen aufgenommen; die meisten ertranken. Etwa 400 Soldaten und
eine noch groessere Zahl von der Flottenmannschaft wurden das Opfer dieses
Tages; der Feldherr selbst, der das Schicksal der Seinigen geteilt, hatte sich
auf sein Schiff und, als dieses von Menschen ueberschwert sank, schwimmend auf
ein anderes retten muessen. Indes so empfindlich auch der erlittene Verlust war,
er ward durch den Wiedergewinn der Leuchtturminsel, die samt dem Damm bis zur
ersten Bogenoeffnung in Caesars Haenden blieb, reichlich aufgewogen. Endlich kam
der ersehnte Entsatz. Mithradates von Pergamon, ein tuechtiger Kriegsmann aus
der Schule des Mithradates Eupator, dessen natuerlicher Sohn er zu sein
behauptete, fuehrte zu Lande von Syrien her eine buntscheckige Armee heran: die
Ityraeer des Fuersten von Libanos, die Beduinen des Jamblichos, Sampsikeramos'
Sohn, die Juden unter dem Minister Antipatros, ueberhaupt die Kontingente der
kleinen Haeuptlinge und Gemeinden Kilikiens und Syriens. Von Pelusion, das
Mithradates am Tage seiner Ankunft zu besetzen geglueckt war, schlug er, um das
durchschnittene Terrain des Delta zu vermeiden und den Nil vor seiner Teilung zu
ueberschreiten, die grosse Strasse nach Memphis ein, wobei seine Truppen von den
besonders in diesem Teil Aegyptens zahlreich ansaessigen Juden vielfache
landsmannschaftliche Unterstuetzung empfingen. Die Aegypter, jetzt den jungen
Koenig Ptolemaeos an der Spitze, welchen Caesar in der vergeblichen Hoffnung,
die Insurrektion durch ihn zu beschwichtigen, zu den Seinigen entlassen hatte,
entsandten ein Heer auf dem Nil, um Mithradates auf dessen jenseitigem Ufer
festzuhalten. Dasselbe traf auch, noch jenseits Memphis bei dem sogenannten
Judenlager, zwischen Omion und Heliopolis, auf den Feind; allein Mithradates,
geuebt, in roemischer Weise zu manoevrieren und zu lagern, gewann dennoch unter
gluecklichen Gefechten das andere Ufer bei Memphis. Caesar andererseits, sowie
er von dem Eintreffen der Entsatzarmee Kunde erhielt, fuehrte einen Teil seiner
Truppen auf Schiffen an die Spitze des Sees von Marea westlich von Alexandreia
und marschierte um diesen herum und den Nil hinab dem flussaufwaerts
herankommenden Mithradates entgegen. Die Vereinigung erfolgte, ohne dass der
Feind sie zu hindern versucht haette. Caesar rueckte dann in das Delta, wohin
der Koenig sich zurueckgezogen hatte, warf, trotz des tiefeingeschnittenen
Kanals vor ihrer Front, die aegyptische Vorhut im ersten Anlauf und stuermte
sofort das aegyptische Lager selbst. Es befand sich am Fuss einer Anhoehe
zwischen dem Nil, von dem nur ein schmaler Weg es trennte, und schwer
zugaenglichen Suempfen. Caesar liess zugleich von vorn und seitwaerts auf dem
Weg am Nil das Lager berennen und waehrend dieses Sturmes ein drittes
Detachement die Anhoehen hinter dem Lager ungesehen ersteigen. Der Sieg war
vollstaendig; das Lager ward genommen und was von den Aegyptern nicht unter den
feindlichen Schwertern fiel, ertrank bei dem Versuch, zu der Nilflotte zu
entkommen. Mit einem der Boote, die mit Menschen ueberladen sanken, verschwand
auch der junge Koenig in den Wellen seines heimischen Stromes. Unmittelbar vom
Schlachtfeld rueckte Caesar von der Landseite her geradeswegs an der Spitze
seiner Reiterei in den von den Aegyptern besetzten Teil der Hauptstadt. Im
Trauergewande, ihre Goetterbilder in den Haenden, empfingen ihn um Friede
bittend die Feinde, die Seinigen aber, da sie ihn von der anderen Seite, als von
der er ausgezogen als Sieger wiederkehren sahen, mit grenzenlosem Jubel. Das
Schicksal der Stadt, die den Herrn der Welt in seinen Plaenen zu kreuzen gewagt
und um ein Haar seinen Untergang herbeigefuehrt hatte, lag in Caesars Hand;
allein er war zu sehr Regent, um empfindlich zu sein, und verfuhr mit den
Alexandrinern wie mit den Massalioten. Caesar, hinweisend auf die arg
verwuestete und bei Gelegenheit des Flottenbrandes ihrer Kornmagazine, ihrer
weltberuehmten Bibliothek und anderer bedeutender oeffentlicher Gebaeude
beraubte Stadt, ermahnte die Einwohnerschaft, sich kuenftig allein der Kuenste
des Friedens ernstlich zu befleissigen und die Wunden zu heilen, die sie sich
selber geschlagen; uebrigens begnuegte er sich, den in Alexandreia angesessenen
Juden dieselben Rechte zu gewaehren, deren die griechische Stadtbevoelkerung
genoss, und anstatt der bisherigen, wenigstens dem Namen nach den Koenigen von
Aegypten gehorchenden roemischen Okkupationsarmee eine foermliche roemische
Besatzung, zwei der daselbst belagerten und eine dritte spaeter aus Syrien
nachgekommene Legion, unter einem von ihm selbst ernannten Befehlshaber nach
Alexandreia zu legen. Zu diesem Vertrauensposten ward absichtlich ein Mann
ausersehen, dessen Geburt es ihm unmoeglich machte, denselben zu missbrauchen,
Rufio, ein tuechtiger Soldat, aber eines Freigelassenen Sohn. Das Regiment
Aegyptens unter Roms Oberhoheit erhielten Kleopatra und deren juengerer Bruder
Ptolemaeos; die Prinzessin Arsinoe ward, um nicht den nach orientalischer Art
der Dynastie ebenso ergebenen wie gegen den einzelnen Dynasten gleichgueltigen
Aegyptern abermals als Vorwand fuer Insurrektionen zu dienen, nach Italien
abgefuehrt; Kypros wurde wieder ein Teil der roemischen Provinz Kilikien.
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^8 Der Verlust der Leuchtturminsel muss in der Luecke Bell. Alex. 12
ausgefallen sein, da die Insel anfaenglich ja in Caesars Gewalt war (civ. 3,112;
Bell. Alex. 8). Der Damm muss bestaendig in der Gewalt der Feinde gewesen sein,
da Caesar mit der Insel nur durch Schiffe verkehrte.
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Dieser alexandrinische Aufstand, so geringfuegig er an sich war und so
wenig er innerlich zusammenhing mit den weltgeschichtlichen Ereignissen, die
zugleich im roemischen Staate sich vollzogen, griff dennoch insofern in
dieselben folgenreich ein, als er den Mann, der alles in allem war und ohne den
nichts gefoerdert und nichts geloest werden konnte, vom Oktober 706 (48) bis zum
Maerz 707 (47) noetigte, seine eigentlichen Aufgaben liegen zu lassen, um mit
Juden und Beduinen gegen einen Stadtpoebel zu kaempfen. Die Folgen des
persoenlichen Regiments fingen an, sich fuehlbar zu machen. Man hatte die
Monarchie; aber ueberall herrschte die entsetzlichste Verwirrung und der Monarch
war nicht da. Ebenwie die Pompeianer waren augenblicklich auch die Caesarianer
ohne obere Leitung; es entschied ueberall die Faehigkeit der einzelnen Offiziere
und vor allen Dingen der Zufall.
In Kleinasien stand bei Caesars Abreise nach Aegypten kein Feind. Indes
hatte Caesars Statthalter daselbst, der tuechtige Gnaeus Domitius Calvinus,
Befehl erhalten, dem Koenig Pharnakes wiederabzunehmen, was derselbe den
Verbuendeten des Pompeius ohne Auftrag entrissen hatte; und da dieser, ein
starrkoepfiger und uebermuetiger Despot wie sein Vater, die Raeumung Klein-
Armeniens beharrlich verweigerte, so blieb nichts uebrig, als gegen ihn
marschieren zu lassen. Calvinus hatte von den drei ihm zurueckgelassenen, aus
pharsalischen Kriegsgefangenen gebildeten Legionen zwei nach Aegypten absenden
muessen; er ergaenzte die Luecke durch eine eiligst aus den im Pontus
domizilierten Roemern zusammengeraffte und zwei nach roemischer Art exerzierte
Legionen des Deiotarus und rueckte in Klein-Armenien ein. Allein das
bosporanische, in zahlreichen Kaempfen mit den Anwohnern des Schwarzen Meeres
erprobte Heer erwies sich tuechtiger als das seinige. In dem Treffen bei
Nikopolis ward Calvinus' pontisches Aufgebot zusammengehauen und liefen die
galatischen Legionen davon; nur die eine alte Legion der Roemer schlug mit
maessigem Verlust sich durch. Statt Klein-Armenien zu erobern, konnte Calvinus
nicht einmal verhindern, dass Pharnakes sich seiner pontischen "Erbstaaten"
wieder bemaechtigte und ueber deren Bewohner, namentlich die ungluecklichen
Amisener, die ganze Schale seiner scheusslichen Sultanslaunen ausgoss (Winter
706/07 48/47). Als dann Caesar selbst in Kleinasien eintraf und ihm sagen liess,
dass der Dienst, den Pharnakes ihm persoenlich geleistet, indem er Pompeius
keine Hilfe gewaehrt habe, nicht in Betracht kommen duerfe gegen den dem Reiche
zugefuegten Schaden und dass vor jeder Unterhandlung er die Provinz Pontus
raeumen und das geraubte Gut zurueckstellen muesse, erklaerte er sich zwar
bereit zu gehorchen; aber wohl wissend, wie guten Grund Caesar hatte, nach dem
Westen zu eilen, machte er dennoch keine ernstlichen Anstalten zur Raeumung. Er
wusste nicht, dass Caesar abtat, was er angriff. Ohne weiter zu verhandeln, nahm
Caesar die eine von Alexandreia mitgebrachte Legion und die Truppen des Calvinus
und Deiotarus zusammen und rueckte gegen Pharnakes' Lager bei Ziela. Wie die
Bosporaner ihn kommen sahen, durchschritten sie keck den tiefen Bergspalt, der
ihre Front deckte, und griffen den Huegel hinauf die Roemer an. Caesars Soldaten
waren noch mit dem Lagerschlagen beschaeftigt und einen Augenblick schwankten
die Reihen; allein die kriegsgewohnten Veteranen sammelten sich rasch und gaben
das Beispiel zum allgemeinen Angriff und zum vollkommenen Siege (2. August 707
47). In fuenf Tagen war der Feldzug beendigt - zu dieser Zeit, wo jede Stunde
kostbar war, ein unschaetzbarer Gluecksfall. Mit der Verfolgung des Koenigs, der
ueber Sinope heimgegangen war, beauftragte Caesar des Pharnakes illegitimen
Bruder, den tapferen Mithradates von Pergamon, welcher zum Lohn fuer die in
Aegypten geleisteten Dienste an Pharnakes' Stelle die bosporanische Koenigskrone
empfing. Im uebrigen wurden die syrischen und kleinasiatischen Angelegenheiten
friedlich geschlichtet, die eigenen Bundesgenossen reich belohnt, die des
Pompeius im ganzen mit Geldbussen oder Verweisen entlassen. Nur der maechtigste
unter den Klienten des Pompeius, Deiotarus, wurde wieder auf sein angestammtes
enges Gebiet, den tolistobogischen Gau, beschraenkt. An seiner Stelle ward mit
Klein-Armenien Koenig Ariobarzanes von Kappadokien belehnt, mit dem von
Deiotarus usurpierten Vierfuerstentum der Trokmer aber der neue Koenig des
Bosporus, welcher wie von vaeterlicher Seite dem pontischen, so von
muetterlicher einem der galatischen Fuerstengeschlechter entstammte.
Auch in Illyrien hatten, waehrend Caesar in Aegypten war, sehr ernsthafte
Auftritte sich zugetragen. Die delmatische Kueste war seit Jahrhunderten ein
wunder Fleck der roemischen Herrschaft und die Bewohner mit Caesar seit den
Kaempfen um Dyrrhachion in offener Fehde; im Binnenland aber wimmelte es noch
von dem thessalischen Kriege her von versprengten Pompeianern. Indes hatte
Quintus Cornificius mit den aus Italien nachrueckenden Legionen sowohl die
Eingeborenen wie die Fluechtlinge im Zaum gehalten und zugleich der in diesen
rauben Gegenden so schwierigen Verpflegung der Truppen genuegt. Selbst als der
tuechtige Marcus Octavius, der Sieger von Curicta, mit einem Teil der
Pompeianischen Flotte in diesen Gewaessern erschien, um hier zur See und zu
Lande den Krieg gegen Caesar zu leiten, wusste Cornificius, gestuetzt auf die
Schiffe und den Hafen der Iadestiner (Zara), nicht bloss sich zu behaupten,
sondern bestand auch selbst zur See gegen die Flotte des Gegners manches
glueckliche Gefecht. Aber als der neue Statthalter von Illyrien, der von Caesar
aus dem Exil zurueckberufene Aulus Gabinius, mit fuenfzehn Kohorten und 3000
Reitern im Winter 706/07 (48/47) auf dem Landweg in Illyrien eintraf, wechselte
das System der Kriegfuehrung. Statt wie sein Vorgaenger sich auf den kleinen
Krieg zu beschraenken, unternahm der kuehne taetige Mann sogleich, trotz der
rauben Jahreszeit, mit seiner gesamten Streitmacht eine Expedition in die
Gebirge. Aber die unguenstige Witterung, die Schwierigkeit der Verpflegung und
der tapfere Widerstand der Delmater rieben das Heer auf; Gabinius musste den
Rueckzug antreten, ward auf diesem von den Delmatern angegriffen und schmaehlich
geschlagen, und erreichte mit den schwachen Ueberresten seiner stattlichen Armee
muehsam Salome, wo er bald darauf starb. Die meisten illyrischen Kuestenstaedte
ergaben sich hierauf der Flotte des Octavius; die an Caesar festhielten, wie
Salome und Epidauros (Ragusa vecchia), wurden von der Flotte zur See, zu Lande
von den Barbaren so heftig bedraengt, dass die Uebergabe und die Kapitulation
der in Salome eingeschlossenen Heerestruemmer nicht mehr fern schien. Da liess
der Kommandant des brundisischen Depots, der energische Publius Vatinius, in
Ermangelung von Kriegsschiffen gewoehnliche Boote mit Schnaebeln versehen und
sie mit den aus den Hospitaelern entlassenen Soldaten bemannen und lieferte mit
dieser improvisierten Kriegsflotte der weit ueberlegenen Octavianischen bei der
Insel Tauris (Torcola zwischen Lelina und Curzola) ein Treffen, in dem die
Tapferkeit des Anfuehrers und der Schiffssoldaten wie so oft ersetzte, was den
Schiffen abging, und die Caesarianer einen glaenzenden Sieg erfochten. Marcus
Octavius verliess diese Gewaesser und begab sich nach Afrika (Fruehjahr 707 47);
die Delmater setzten zwar noch Jahre lang mit grosser Hartnaeckigkeit sich zur
Wehr, allein es war dies nichts als ein oertlicher Gebirgskrieg. Als Caesar aus
Aegypten zurueckkam, hatte sein entschlossener Adjutant die in Illyrien drohende
Gefahr bereits beseitigt.
Um so ernster stand es in Afrika, wo die Verfassungspartei vom Anfang des
Buergerkrieges an unumschraenkt geherrscht und ihre Macht fortwaehrend
gesteigert hatte. Bis zur Pharsalischen Schlacht hatte hier eigentlich Koenig
Juba das Regiment gefuehrt; er hatte Curio ueberwunden, und die Kraft des Heeres
waren seine fluechtigen Reiter und seine zahllosen Schuetzen; der Pompeianische
Statthalter Varus spielte neben ihm eine so subalterne Rolle, dass er sogar
diejenigen Soldaten Curios, die sich ihm ergeben hatten, dem Koenig hatte
ausliefern und deren Hinrichtung oder Abfuehrung in das innere Numidien hatte
mitansehen muessen. Dies aenderte sich nach der Pharsalischen Schlacht. An eine
Flucht zu den Parthern dachte, mit Ausnahme des Pompeius selbst, kein namhafter
Mann der geschlagenen Partei. Ebensowenig versuchte man, die See mit vereinten
Kraeften zu behaupten; Marcus Octavius' Kriegfuehrung in den illyrischen
Gewaessern stand vereinzelt und war ohne dauernden Erfolg. Die grosse Majoritaet
der Republikaner wie der Pompeianer wandte sich nach Afrika, wo allein noch ein
ehrenhafter und verfassungsmaessiger Kampf gegen den Usurpator moeglich schien.
Dort fanden die Truemmer der bei Pharsalos zersprengten Armee, die
Besatzungstruppen von Dyrrhachion, Kerkyra und dem Peloponnes, die Reste der
illyrischen Flotte sich allmaehlich zusammen; es trafen dort ein der zweite
Oberfeldherr Metellus Scipio, die beiden Soehne des Pompeius, Gnaeus und Sextus,
der politische Fuehrer der Republikaner Marcus Cato, die tuechtigen Offiziere
Labienus, Afranius, Petreius, Octavius und andere. Wenn die Kraefte der
Emigration verringert waren, so hatte dagegen ihr Fanatismus sich womoeglich
noch gesteigert. Man fuhr nicht bloss fort, die Gefangenen und selbst die
Parlamentaere Caesars zu ermorden, sondern Koenig Juba, in dem die Erbitterung
des Parteimannes mit der Wut des halbbarbarischen Afrikaners zusammenfloss,
stellte die Maxime auf, dass in jeder der Sympathien mit dem Feinde
verdaechtigen Gemeinde die Buergerschaft ausgerottet und die Stadt
niedergebrannt werden muesse, und fuehrte auch gegen einige Ortschaften, zum
Beispiel das unglueckliche Vaga bei Hadrumetum, diese Theorie in der Tat
praktisch durch. Ja dass nicht die Hauptstadt der Provinz selber, das bluehende,
ebenwie einst Karthago von den numidischen Koenigen laengst mit scheelem Auge
angesehene Utica, von Koenig Juba dieselbe Behandlung erfuhr und dass man gegen
die, allerdings nicht mit Unrecht, der Hinneigung zu Caesar beschuldigte
Buergerschaft mit Vorsichtsmassregeln sich begnuegte, hatte sie nur Catos
energischem Auftreten zu danken.
Da weder Caesar selbst noch einer seiner Statthalter das geringste gegen
Afrika unternahm, so hatte die Koalition vollkommen Zeit, sich dort politisch
und militaerisch zu reorganisieren. Vor allem war es notwendig, die durch
Pompeius' Tod erledigte Oberfeldherrnstelle aufs neue zu besetzen. Koenig Juba
hatte nicht uebel Lust, die Stellung, die er bis auf die Pharsalische Schlacht
in Afrika gehabt, auch ferner zu behaupten; wie er denn ueberhaupt nicht mehr
als Klient der Roemer, sondern als gleichberechtigter Verbuendeter oder gar als
Schutzherr auftrat und zum Beispiel es sich herausnahm, roemisches Silbergeld
mit seinem Namen und Wappen zu schlagen, ja sogar den Anspruch erhob, allein im
Lager den Purpur zu fuehren und den roemischen Heerfuehrern ansann, den
purpurnen Feldherrnmantel abzulegen. Metellus Scipio ferner forderte den
Oberbefehl fuer sich, weil Pompeius ihn, mehr aus schwiegersoehnlichen als aus
militaerischen Ruecksichten, im thessalischen Feldzug als sich gleichberechtigt
anerkannt hatte. Die gleiche Forderung erhob Varus als - freilich
selbsternannter - Statthalter von Afrika, da der Krieg in seiner Provinz
gefuehrt werden sollte. Endlich die Armee begehrte zum Fuehrer den Propraetor
Marcus Cato. Offenbar hatte sie recht. Cato war der einzige Mann, der fuer das
schwere Amt die erforderliche Hingebung, Energie und Autoritaet besass; wenn er
kein Militaer war, so war es doch unendlich besser, einen Nichtmilitaer, der
sich zu bescheiden und seine Unterfeldherrn handeln zu lassen verstand, als
einen Offizier von unerprobter Faehigkeit, wie Varus, oder gar einen von
erprobter Unfaehigkeit, wie Metellus Scipio, zum Oberfeldherrn zu bestellen.
Indes die Entscheidung fiel schliesslich auf ebendiesen Scipio, und Cato selbst
war es, der sie im wesentlichen bestimmte. Es geschah dies nicht, weil er jener
Aufgabe sich nicht gewachsen fuehlte oder weil seine Eitelkeit bei dem
Ausschlagen mehr ihre Rechnung fand als bei dem Annehmen; noch weniger, weil er
Scipio liebte oder achtete, mit dem er vielmehr persoenlich verfeindet war und
der ueberall bei seiner notorischen Untuechtigkeit einzig durch seine
Schwiegervaterschaft zu einer gewissen Bedeutung gelangt war; sondern einzig und
allein, weil sein verbissener Rechtsformalismus lieber die Republik von Rechts
wegen zugrunde gehen liess, als sie auf irregulaere Weise rettete. Als er nach
der Pharsalischen Schlacht auf Kerkyra mit Marcus Cicero zusammentraf, hatte er
sich erboten, diesem, der noch von seiner kilikischen Statthalterschaft her mit
der Generalschaft behaftet war, als dem hoeherstehenden Offizier, wie es
Rechtens war, das Kommando in Kerkyra zu uebertragen und den ungluecklichen
Advokaten, der seine Lorbeeren vom Amanos jetzt tausendmal verwuenschte, durch
diese Bereitwilligkeit fast zur Verzweiflung, aber auch alle halbwegs
einsichtigen Maenner zum Erstaunen gebracht. Die gleichen Prinzipien wurden hier
geritten, wo etwas mehr darauf ankam; Cato erwog die Frage, wem die
Oberfeldherrnstelle gebuehre, als handelte es sich um ein Ackerfeld bei
Tusculum, und sprach sie dem Scipio zu. Durch diesen Ausspruch wurde seine
eigene und die Kandidatur des Varus beseitigt. Er war es aber auch, und er
allein, der mit Energie den Anspruechen des Koenigs Juba entgegentrat und es ihn
fuehlen liess, dass der roemische Adel zu ihm nicht bittend komme wie zu dem
Grossfuersten der Parther, um bei dem Schutzherrn Beistand zu suchen, sondern
befehlend und von dem Untertan Beistand fordernd. Bei dem gegenwaertigen Stande
der roemischen Streitkraefte in Afrika konnte Juba nicht umhin, etwas gelindere
Saiten aufzuziehen, obgleich er freilich bei dem schwachen Scipio es dennoch
durchsetzte, dass die Besoldung seiner Truppen der roemischen Kasse aufgebuerdet
und fuer den Fall des Sieges ihm die Abtretung der Provinz Afrika zugesichert
ward.
Dem neuen Oberfeldherrn zur Seite trat wiederum der Senat der
"Dreihundert", der in Utica seinen Sitz aufschlug und seine gelichteten Reihen
durch Aufnahme der angesehensten und vermoegendsten Maenner des Ritterstandes
ergaenzte.
Die Ruestungen wurden, hauptsaechlich durch Catos Eifer, mit der groessten
Energie gefoerdert und jeder waffenfaehige Mann, selbst Freigelassene und
Libyer, in die Legionen eingestellt; wodurch dem Ackerbau die Haende so sehr
entzogen wurden, dass ein grosser Teil der Felder unbestellt blieb, aber
allerdings auch ein imposantes Resultat erzielt ward. Das schwere Fussvolk
zaehlte vierzehn Legionen, wovon zwei bereits durch Varus aufgestellt, acht
andere teils aus den Fluechtigen, teils aus den in der Provinz Konskribierten
gebildet und vier roemisch bewaffnete Legionen des Koenigs Juba waren. Die
schwere Reiterei, bestehend aus den mit Labienus eingetroffenen Kelten und
Deutschen und allerlei darunter eingereihten Leuten, war ohne Jubas roemisch
geruestete Reiterschar 1600 Mann stark. Die leichten Truppen bestanden aus
zahllosen Massen ohne Zaum und Zuegel reitender und bloss mit Wurfspeeren
bewaffneter Numidier, aus einer Anzahl berittener Bogenschuetzen und grossen
Schwaermen von Schuetzen zu Fuss. Dazu kamen endlich Jubas 120 Elefanten und die
von Publius Varus und Marcus Octavius befehligte 55 Segel starke Flotte. Dem
drueckenden Geldmangel wurde einigermassen durch eine Selbstbesteuerung des
Senats abgeholfen, die um so ergiebiger war, als die reichsten afrikanischen
Kapitalisten in denselben einzutreten veranlasst worden waren. Getreide und
andere Vorraete hatte man in den verteidigungsfaehigen Festungen in ungeheuren
Massen aufgehaeuft, zugleich aus den offenen Ortschaften die Vorraete moeglichst
entfernt. Die Abwesenheit Caesars, die schwierige Stimmung seiner Legionen, die
Gaerung in Spanien und Italien hoben allmaehlich die Stimmung, und die
Erinnerung an die Pharsalische Schlacht fing an, neuen Siegeshoffnungen zu
weichen.
Die von Caesar in Aegypten verlorene Zeit raechte nirgend sich schwerer als
hier. Haette er unmittelbar nach Pompeius' Tode sich nach Afrika gewendet, so
wuerde er daselbst ein schwaches, desorganisiertes und konsterniertes Heer und
vollstaendige Anarchie unter den Fuehrern vorgefunden haben; wogegen jetzt,
namentlich durch Catos Energie, eine der bei Pharsalos geschlagenen an Zahl
gleiche Armee unter namhaften Fuehrern und unter einer geregelten Oberleitung in
Afrika stand.
Es schien ueberhaupt ueber dieser afrikanischen Expedition Caesars ein
eigener Unstern zu walten. Noch vor seiner Einschiffung nach Aegypten hatte
Caesar in Spanien und Italien verschiedene Massregeln zur Einleitung und
Vorbereitung des afrikanischen Krieges angeordnet; aus allen war aber nichts als
Unheil entsprungen. Von Spanien aus sollte, Caesars Anordnung zufolge, der
Statthalter der suedlichen Provinz, Quintus Cassius Longinus, mit vier Legionen
nach Afrika uebersetzen, dort den Koenig Bogud von Westmauretanien ^9 an sich
ziehen und mit ihm gegen Numidien und Afrika vorgehen. Aber jenes nach Afrika
bestimmte Heer schloss eine Menge geborener Spanier und zwei ganze ehemals
Pompeianische Legionen in sich; Pompeianische Sympathien herrschten in der Armee
wie in der Provinz, und das ungeschickte und tyrannische Auftreten des
Caesarischen Statthalters war nicht geeignet, sie zu beschwichtigen. Es kam
foermlich zum Aufstande; Truppen und Staedte ergriffen Partei fuer oder gegen
den Statthalter; schon war es darauf oder daran, dass die, welche gegen den
Statthalter Caesars sich erhoben hatten, offen die Fahne des Pompeius
aufsteckten; schon hatte Pompeius' aeltester Sohn Gnaeus, um diese guenstige
Wendung zu benutzen, sich von Afrika nach Spanien eingeschifft, als die
Desavouierung des Statthalters durch die angesehensten Caesarianer selbst und
das Einschreiten des Befehlshabers der noerdlichen Provinz den Aufstand eben
noch rechtzeitig unterdrueckten. Gnaeus Pompeius, der unterwegs mit einem
vergeblichen Versuch, sich in Mauretanien festzusetzen, Zeit verloren hatte, kam
zu spaet; Gaius Trebonius, den Caesar nach seiner Heimkehr aus dem Osten zur
Abloesung des Cassius nach Spanien sandte (Herbst 707 47), fand ueberall
unweigerlichen Gehorsam. Aber natuerlich war ueber diesen Irrungen von Spanien
aus nichts geschehen, um die Organisation der Republikaner in Afrika zu stoeren;
ja es war sogar, infolge der Verwicklungen mit Longinus, Koenig Bogud von
Westmauretanien, der auf Caesars Seite stand und wenigstens Koenig Juba einige
Hindernisse haette in den Weg legen koennen, mit seinen Truppen nach Spanien
abgerufen worden.
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^9 Die Staatengestaltung im nordwestlichen Afrika waehrend dieser Zeit
liegt sehr im Dunkel. Nach dem Jugurthinischen Kriege herrschte Koenig Bocchus
von Mauretanien wahrscheinlich vom westlichen Meere bis zum Hafen von Saldae, in
dem heutigen Marokko und Algier; die von den mauretanischen Oberkoenigen wohl
von Haus aus verschiedenen Fuersten von Tingis (Tanger), die schon frueher
vorkommen (Plut. Sert. 9) und zu denen vermutlich Sallusts (hist. 3, 31 Kritz)
Leptasta und Ciceros (Vat. 5, 12) Mastanesosus gehoeren, moegen in beschraenkten
Grenzen selbstaendig gewesen oder auch bei ihm zu Lehen gegangen sein; aehnlich
wie schon Syphax ueber viele Stammfuersten gebot (App. Pun. 10) und um diese
Zeit in dem benachbarten Numidien Cirta, wahrscheinlich doch unter Jubas
Oberherrlichkeit, von dem Fuersten Massinissa besessen ward (App. civ. 4, 54).
Um 672 (82) finden wir an Bocchus' Stelle einen Koenig Bocud oder Bogud (Oros.
hist. 5, 21, 14), des Bocchus Sohn. Von 705 (49) an erscheint das Reich geteilt
zwischen dem Koenig Bogud, der die westliche, und dem Koenig Bocchus, der die
oestliche Haelfte besitzt und auf welche die spaetere Scheidung Mauretaniens in
Boguds Reich oder den Staat von Tingis und Bocchus' Reich oder den Staat von Jol
(Caesarea) zurueckgeht (Plin. nat. 5, 2, 19, vergl. Bell. Afr. 23).
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Bedenklicher noch waren die Vorgaenge unter den Truppen, die Caesar im
suedlichen Italien hatte zusammenziehen lassen, um mit ihnen nach Afrika
ueberzuschiffen. Es waren groesstenteils die alten Legionen, die in Gallien,
Spanien, Thessalien Caesars Thron begruendet hatten. Den Geist dieser Truppen
hatten die Siege nicht gebessert, die lange Rast in Unteritalien vollstaendig
zerruettet. Die fast uebermenschlichen Zumutungen, die der Feldherr an sie
machte und deren Folgen in den schrecklich gelichteten Reihen nur zu grell
hervortraten, liessen selbst in diesen Eisenmaennern einen Sauerteig des Grolls
zurueck, der nur der Zeit und Ruhe bedurfte, um die Gemueter in Gaerung zu
bringen. Der einzige Mann, der ihnen imponierte, war seit einem Jahre fern und
fast verschollen, ihre vorgesetzten Offiziere aber scheuten weit mehr sich vor
den Soldaten als diese vor ihnen und sahen den Weltbesiegern jede Brutalitaet
gegen ihre Quartiergeber und jede Indisziplin nach. Als nun der Befehl, sich
nach Sizilien einzuschiffen, kam und der Soldat das ueppige Wohlleben in
Kampanien wieder mit einer dritten, der spanischen und thessalischen an
Drangsalen sicher nicht nachstehenden Kampagne vertauschen sollte, rissen die
allzulange gelockerten und allzuploetzlich wiederangezogenen Zuegel. Die
Legionen weigerten sich zu gehorchen, bevor die versprochenen Geschenke ihnen
gezahlt seien, und wiesen die von Caesar gesandten Offiziere mit Hohnreden, ja
mit Steinwuerfen zurueck. Ein Versuch, den beginnenden Aufstand durch Steigerung
der versprochenen Summen zu daempfen, hatte nicht bloss keinen Erfolg, sondern
die Soldaten brachen massenweise auf, um die Erfuellung der Versprechungen in
der Hauptstadt von dem Feldherrn zu erpressen. Einzelne Offiziere, die die
meuterischen Rotten unterwegs zurueckzuhalten versuchten, wurden erschlagen. Es
war eine furchtbare Gefahr. Caesar liess die wenigen in der Stadt befindlichen
Soldaten die Tore besetzen, um die mit Recht befuerchtete Pluenderung wenigstens
fuer den ersten Anlauf abzuwehren, und erschien ploetzlich unter dem tobenden
Haufen mit der Frage, was sie begehrten. Man rief: den Abschied. Augenblicklich
ward er, wie gebeten, erteilt. Wegen der Geschenke, fuegte Caesar hinzu, welche
er fuer den Triumph seinen Soldaten zugesagt habe, sowie wegen der Aecker, die
er ihnen nicht versprochen, aber bestimmt gehabt, moechten sie an dem Tage, wo
er mit den anderen Soldaten triumphieren werde, sich bei ihm melden; an dem
Triumphe selbst freilich koennten sie, als vorher entlassen, natuerlich nicht
teilnehmen. Auf diese Wendung waren die Massen nicht gefasst; ueberzeugt, dass
Caesar ihrer fuer den afrikanischen Feldzug nicht entraten koenne, hatten sie
den Abschied nur gefordert, um, wenn er ihnen verweigert werde, daran ihre
Bedingungen zu knuepfen. Halb irre geworden in dem Glauben an ihre eigene
Unentbehrlichkeit; zu unbehilflich um wieder einzulenken und die verfahrene
Unterhandlung in das rechte Geleise zurueckzubringen; als Menschen beschaemt
durch die Treue, mit der der Imperator auch seinen treuvergessenen Soldaten Wort
hielt, und durch die Hochherzigkeit desselben, welche ebenjetzt weit mehr
gewaehrte, als er je zugesagt hatte; als Soldaten tief ergriffen, da der
Feldherr ihnen in Aussicht stellte, dem Triumph ihrer Kameraden als
Buergersleute zuschauen zu muessen und da er sie nicht mehr "Kameraden" hiess,
sondern "Buerger" und mit dieser aus seinem Munde so fremdartig klingenden
Anrede gleichsam mit einem Schlage ihre ganze stolze Soldatenvergangenheit
zerstoerte, und zu alledem unter dem Zauber des unwiderstehlich gewaltigen
Menschen - standen die Soldaten eine Weile stumm und zaudernd, bis von allen
Seiten der Ruf erscholl, dass der Feldherr sie wieder zu Gnaden annehmen und es
ihnen wieder gestatten moege, Caesars Soldaten zu heissen. Caesar gestattete es,
nachdem er hinreichend sich hatte bitten lassen; den Raedelsfuehrern bei dieser
Meuterei aber wurde an ihren Triumphalgeschenken ein Dritteil gekuerzt. Ein
groesseres psychologisches Meisterstueck kennt die Geschichte nicht, und keines,
das vollstaendiger gelungen waere.
Auf den afrikanischen Feldzug wirkte diese Meuterei immerhin wenigstens
insofern nachteilig ein, als sie die Eroeffnung desselben betraechtlich
verzoegerte. Als Caesar in dem zur Einschiffung bestimmten Hafen von Lilybaeon
eintraf, waren die zehn nach Afrika bestimmten Legionen dort bei weitem noch
nicht vollstaendig versammelt und eben die erprobten Truppen noch am weitesten
zurueck. Indes kaum waren sechs Legionen, darunter fuenf neu gebildete, daselbst
angelangt und die noetigen Kriegs- und Transportschiffe angekommen, als Caesar
mit denselben in See stach (25. Dezember 707 47 des unberichtigten, etwa 8.
Oktober des Julianischen Kalenders). Die feindliche Flotte, die der herrschenden
Aequinoktialstuerme wegen bei der Insel Aegimuros vor der Karthagischen Bucht
auf den Strand gezogen war, hinderte die Ueberfahrt nicht; allein dieselben
Stuerme zerstreuten die Flotte Caesars nach allen Richtungen, und als Caesar
unweit Hadrumetum (Susa) die Gelegenheit zu landen ersah, konnte er nicht mehr
als etwa 3000 Mann, groesstenteils Rekruten, und 150 Reiter ausschiffen. Der
Versuch, das vom Feinde stark besetzte Hadrumetum wegzunehmen, misslang; dagegen
bemaechtigte Caesar sich der beiden nicht weit voneinander entfernten
Hafenplaetze Ruspina (Monastir bei Susa) und Klein-Leptis. Hier verschanzte er
sich; aber seine Stellung war so unsicher, dass er seine Reiter auf den Schiffen
und diese segelfertig und mit Wasservorrat versehen hielt, um jeden Augenblick,
wenn er mit Uebermacht sollte angegriffen werden, wieder sich einschiffen zu
koennen. Indes war dies nicht noetig, da eben noch zu rechter Zeit die
verschlagenen Schiffe anlangten (3. Januar 708 46). Gleich am folgenden Tage
unternahm Caesar, dessen Heer infolge der von den Pompeianern getroffenen
Anstalten Mangel an Getreide litt, mit drei Legionen einen Zug in das innere
Land, ward aber nicht weit von Ruspina auf dem Marsche von den Heerhaufen
angegriffen, die Labienus heranfuehrte, um Caesar von der Kueste zu vertreiben.
Da Labienus ausschliesslich Reiterei und Schuetzen, Caesar fast nichts als
Linieninfanterie hatte, so wurden die Legionen rasch umzingelt und den
Geschossen der Feinde preisgegeben, ohne sie erwidern oder mit Erfolg angreifen
zu koennen. Zwar machte die Deployierung der ganzen Linie die Fluegel wieder
frei und mutige Angriffe retteten die Ehre der Waffen; allein der Rueckzug war
unvermeidlich, und waere Ruspina nicht so nahe gewesen, so haette der maurische
Wurfspeer vielleicht hier dasselbe ausgerichtet, was bei Karrhae der parthische
Bogen. Caesar, den dieser Tag von der ganzen Schwierigkeit des bevorstehenden
Krieges ueberzeugt hatte, wollte seine unerprobten und durch die neue
Gefechtsweise entmutigten Soldaten keinem solchen Angriff wieder aussetzen,
sondern wartete das Eintreffen seiner Veteranenlegionen ab. Die Zwischenzeit
wurde benutzt, um die drueckende Ueberlegenheit des Feindes in den Fernwaffen
einigermassen auszugleichen. Dass die geeigneten Leute von der Flotte als
leichte Reiter oder Schuetzen in die Landarmee eingereiht wurden, konnte nicht
viel helfen. Etwas mehr wirkten die von Caesar veranlassten Diversionen. Es
gelang, die am suedlichen Abhang des Grossen Atlas gegen die Sahara zu
schweifenden gaetulischen Hirtenstaemme gegen Juba in Waffen zu bringen; denn
selbst bis zu ihnen hatten die Schlaege der marianisch-sullanischen Zeit sich
erstreckt, und ihr Groll gegen den Pompeius, der sie damals den numidischen
Koenigen untergeordnet hatte, machte sie den Erben des maechtigen, bei ihnen
noch vom Jugurthinischen Feldzug her in gutem Andenken lebenden Marius von vorn
herein geneigt. Die mauretanischen Koenige, Bogud in Tingis, Bocchus in Jol,
waren Jubas natuerliche Rivalen und zum Teil laengst mit Caesar in Buendnis.
Endlich streifte in dem Grenzgebiet zwischen den Reichen des Juba und des
Bocchus noch der letzte der Catilinarier, jener Publius Sittius aus Nuceria, der
achtzehn Jahre zuvor aus einem bankrotten italischen Kaufmann sich in einen
mauretanischen Freischarenfuehrer verwandelt und seitdem in den libyschen
Haendeln sich einen Namen und ein Heergefolge geschaffen hatte. Bocchus und
Sittius fielen vereinigt in das numidische Land, besetzten die wichtige Stadt
Cirta, und ihr Angriff sowie der der Gaetuler noetigte den Koenig Juba, einen
Teil seiner Truppen an seine Sued- und Westgrenze zu senden. Indes blieb Caesars
Lage unbequem genug. Seine Armee war auf den Raum einer Quadratmeile
zusammengedraengt; wenn auch die Flotte Getreide herbeischaffte, so ward doch
der Mangel an Fourage von Caesars Reitern ebenso gefuehlt wie vor Dyrrhachion
von denen des Pompeius. Die leichten Truppen des Feindes blieben, aller
Anstrengungen Caesars ungeachtet, den seinigen so unermesslich ueberlegen, dass
es fast unmoeglich schien, die Offensive in das Binnenland hinein auch mit
Veteranen durchzufuehren. Wenn Scipio zurueckwich und die Kuestenstaedte
preisgab, so konnte er vielleicht einen Sieg erfechten wie die, welche des
Orodes Wesir ueber Crassus, Juba ueber Curio davongetragen hatten, wenigstens
aber den Krieg ins unendliche hinausziehen. Diesen Feldzugsplan ergab die
einfachste Ueberlegung: selbst Cato, obwohl nichts weniger als ein Strateg, riet
dazu und erbot sich, zugleich mit einem Korps nach Italien ueberzufahren und
dort die Republikaner unter die Waffen zu rufen, was bei der gruendlichen
Verwirrung daselbst gar wohl Erfolg haben konnte. Allein Cato konnte nur raten,
nicht befehlen; der Oberbefehlshaber Scipio entschied, dass der Krieg in der
Kuestenlandschaft gefuehrt werden solle. Es war dies nicht bloss insofern
verkehrt, als man damit einen sicheren Erfolg verheissenden Kriegsplan fahren
liess, sondern auch insofern, als die Landschaft, in die man den Krieg verlegte,
in bedenklicher Gaerung, und das Heer, das man Caesar gegenueberstellte, zum
guten Teil ebenfalls schwierig war. Die fuerchterlich strenge Aushebung, die
Wegschleppung der Vorraete, die Verwuestung der kleineren Ortschaften,
ueberhaupt das Gefuehl einer von Haus aus fremden und bereits verlorenen Sache
aufgeopfert zu werden, hatten die einheimische Bevoelkerung erbittert gegen die
auf afrikanischem Boden ihren letzten Verzweiflungskampf kaempfenden roemischen
Republikaner; und das terroristische Verfahren der letzteren gegen alle auch nur
der Gleichgueltigkeit verdaechtigen Gemeinden hatte diese Erbitterung zum
furchtbarsten Hass gesteigert. Die afrikanischen Staedte erklaerten, wo sie
irgend es wagen konnten, sich fuer Caesar; unter den Gaetulern und den Libyern,
die unter den leichten Truppen und selbst in den Legionen in Menge dienten, riss
die Desertion ein. Indes Scipio beharrte mit aller dem Unverstand eigenen
Hartnaeckigkeit auf seinem Plan, zog mit gesamter Heeresmacht von Utica her vor
die von Caesar besetzten Staedte Ruspina und Klein-Leptis, belegte noerdlich
davon Hadrumetum, suedlich Thapsus (am Vorgebirge Ras Dimas) mit starken
Besatzungen und bot in Gemeinschaft mit Juba, der mit all seinen nicht durch die
Grenzverteidigung in Anspruch genommenen Truppen gleichfalls vor Ruspina
erschien, zu wiederholten Malen dem Feinde die Schlacht an. Aber Caesar war
entschlossen, seine Veteranenlegionen zu erwarten. Als diese dann nach und nach
eintrafen und auf dem Kampfplatz erschienen, verloren Scipio und Juba die Lust,
eine Feldschlacht zu wagen, und Caesar hatte kein Mittel, sie bei ihrer
ausserordentlichen Ueberlegenheit an leichter Reiterei zu einer solchen zu
zwingen. Ueber Maersche und Scharmuetzel in der Umgegend von Ruspina und
Thapsus, die hauptsaechlich um die Auffindung der landueblichen Kellerverstecke
(Silos) und um Ausbreitung der Posten sich bewegten, verflossen fast zwei
Monate. Caesar, durch die feindlichen Reiter genoetigt, sich moeglichst auf den
Anhoehen zu halten oder auch seine Flanken durch verschanzte Linien zu decken,
gewoehnte doch waehrend dieser muehseligen und aussichtslosen Kriegfuehrung
allmaehlich seine Soldaten an die fremdartige Kampfweise. Freund und Feind
erkannten in dem vorsichtigen Fechtmeister, der seine Leute sorgfaeltig und
nicht selten persoenlich einschulte, den raschen Feldherrn nicht wieder und
wurden fast irre an dieser im Zoegern wie im Zuschlagen sich gleichbleibenden
Meisterschaft. Endlich wandte Caesar, nachdem er seine letzten Verstaerkungen an
sich gezogen hatte, sich seitwaerts gegen Thapsus. Scipio hatte diese Stadt, wie
gesagt, stark besetzt und damit den Fehler begangen, seinem Gegner ein leicht zu
fassendes Angriffsobjekt darzubieten; zu dem ersten fuegte er bald den zweiten,
noch minder verzeihlichen hinzu, die von Caesar gewuenschte und von Scipio mit
Recht bisher verweigerte Feldschlacht jetzt zur Rettung von Thapsus auf einem
Terrain zu liefern, das die Entscheidung in die Haende der Linieninfanterie gab.
Unmittelbar am Strande, Caesars Lager gegenueber, traten Scipios und Jubas
Legionen an, die vorderen Reihen kampffertig, die hinteren beschaeftigt, ein
verschanztes Lager zu schlagen; zugleich bereitete die Besatzung von Thapsus
einen Ausfall vor. Den letzteren zurueckzuweisen, genuegten Caesars Lagerwachen.
Seine kriegsgewohnten Legionen, schon nach der unsicheren Aufstellung und den
schlecht geschlossenen Gliedern den Feind richtig wuerdigend, zwangen, waehrend
drueben noch geschanzt ward und ehe noch der Feldherr das Zeichen gab, einen
Trompeter, zum Angriff zu blasen, und gingen auf der ganzen Linie vor, allen
voran Caesar selbst, der, da er die Seinigen ohne seinen Befehl abzuwarten
vorruecken sah, an ihrer Spitze auf den Feind eingaloppierte. Der rechte
Fluegel, den uebrigen Abteilungen voran, scheuchte die ihm gegenueberstehende
Linie der Elefanten - es war dies die letzte grosse Schlacht, in der die Bestien
verwendet worden sind - durch Schleuderkugeln und Pfeile zurueck auf ihre
eigenen Leute. Die Deckungsmannschaft ward niedergehauen, der linke Fluegel der
Feinde gesprengt und die ganze Linie aufgerollt. Die Niederlage war um so
vernichtender, als das neue Lager der geschlagenen Armee noch nicht fertig und
das alte betraechtlich entfernt war; beide wurden nacheinander fast ohne
Gegenwehr erobert. Die Masse der geschlagenen Armee warf die Waffen weg und bat
um Quartier; aber Caesars Soldaten waren nicht mehr dieselben, die vor Ilerda
willig der Schlacht sich enthalten, bei Pharsalos der Wehrlosen ehrenvoll
geschont hatten. Die Gewohnheit des Buergerkrieges und der von der Meuterei
zurueckgebliebene Groll machten auf dem Schlachtfelde von Thapsus in
schrecklicher Weise sich geltend. Wenn der Hydra, mit der man kaempfte, stets
neue Koepfe nachwuchsen, wenn die Armee von Italien nach Spanien, von Spanien
nach Makedonien, von Makedonien nach Afrika geschleudert ward, die immer heisser
ersehnte Ruhe immer nicht kam, so suchte, und nicht ganz ohne Ursache, der
Soldat davon den Grund in Caesars unzeitiger Milde. Er hatte es sich geschworen
nachzuholen, was der Feldherr versaeumt, und blieb taub fuer das Flehen der
entwaffneten Mitbuerger wie fuer die Befehle Caesars und der hoeheren Offiziere.
Die fuenfzigtausend Leichen, die das Schlachtfeld von Thapsus bedeckten,
darunter auch mehrere als heimliche Gegner der neuen Monarchie bekannte und
deshalb bei dieser Gelegenheit von ihren eigenen Leuten niedergemachte
Caesarische Offiziere, zeigten, wie der Soldat sich Ruhe schafft. Die siegende
Armee dagegen zaehlte nicht mehr als fuenfzig Tote (6. April 708 46).
Eine Fortsetzung des Kampfes fand nach der Schlacht von Thapsus so wenig in
Afrika statt, wie anderthalb Jahre zuvor im Osten nach der Pharsalischen
Niederlage. Cato als Kommandant von Utica berief den Senat, legte den Stand der
Verteidigungsmittel dar und stellte es zur Entscheidung der Versammelten, ob man
sich unterwerfen oder bis auf den letzten Mann sich verteidigen wolle, einzig
sie beschwoerend, nicht jeder fuer sich, sondern alle fuer einen zu beschliessen
und zu handeln. Die mutigere Meinung fand manchen Vertreter; es wurde beantragt,
die waffenfaehigen Sklaven von Staats wegen freizusprechen, was aber Cato als
einen ungesetzlichen Eingriff in das Privateigentum zurueckwies und statt dessen
einen patriotischen Aufruf an die Sklaveneigentuemer vorschlug. Allein bald
verging der groesstenteils aus afrikanischen Grosshaendlern bestehenden
Versammlung diese Anwandlung von Entschlossenheit, und man ward sich einig zu
kapitulieren. Als dann Faustus Sulla, des Regenten Sohn, und Lucius Afranius mit
einer starken Abteilung Reiterei vom Schlachtfelde her in Utica eintrafen,
machte Cato noch einen Versuch, durch sie die Stadt zu halten; allein ihre
Forderung, sie zuvoerderst die unzuverlaessige Buergerschaft von Utica insgesamt
niedermachen zu lassen, wies er unwillig zurueck und liess lieber die letzte
Burg der Republikaner dem Monarchen ohne Gegenwehr in die Haende fallen als die
letzten Atemzuege der Republik durch eine solche Metzelei entweihen. Nachdem er,
teils durch seine Autoritaet, teils durch freigebige Spenden, dem Wueten der
Soldateska gegen die ungluecklichen Uticenser nach Vermoegen gesteuert und,
soweit es in seiner Macht stand, denen, die Caesars Gnade sich nicht anvertrauen
mochten, die Mittel zur Flucht, denen, die bleiben wollten, die Gelegenheit,
unter moeglichst leidlichen Bedingungen zu kapitulieren mit ruehrender Sorgfalt
gewaehrt und durchaus sich ueberzeugt hatte, dass er niemand weiter Hilfe zu
leisten vermoege, hielt er seines Kommandos sich entbunden, zog sich in sein
Schlafgemach zurueck und stiess sich das Schwert in die Brust. Auch von den
uebrigen gefluechteten Reitern retteten sich nur wenige. Die von Thapsus
gefluechteten Reiter stiessen auf die Scharen des Sittius und wurden von ihnen
niedergehauen oder gefangen; ihre Fuehrer Afranius und Faustus wurden an Caesar
ausgeliefert und, da dieser sie nicht sogleich hinrichten liess, von dessen
Veteranen in einem Auflauf erschlagen. Der Oberfeldherr Metellus Scipio geriet
mit der Flotte der geschlagenen Partei in die Gewalt der Kreuzer des Sittius und
durchbohrte sich selbst, da man Hand an ihn legen wollte. Koenig Juba, nicht
unvorbereitet auf einen solchen Ausgang, hatte fuer diesen Fall beschlossen, zu
enden, wie es ihm koeniglich duenkte, und auf dem Markte seiner Stadt Zama einen
ungeheuren Scheiterhaufen ruesten lassen, der mit seinem Koerper auch all seine
Schaetze und die Leichen der gesamten Buergerschaft von Zama verzehren sollte.
Allein die Stadtbewohner verspuerten kein Verlangen, bei der Leichenfeier des
afrikanischen Sardanapal sich als Dekoration verwenden zu lassen und schlossen
dem Koenig, da er, vom Schlachtfeld fluechtend, in Begleitung von Marcus
Petreius vor der Stadt erschien, die Tore. Der Koenig, eine jener im grellen und
uebermuetigen Lebensgenuss verwilderten Naturen, die auch aus dem Tode sich ein
Taumelfest bereiten, begab sich mit seinem Begleiter nach einem seiner
Landhaeuser, liess einen reichlichen Schmaus auftragen und forderte nach
geendeter Mahlzeit den Petreius auf, mit ihm im Zweikampf um den Tod zu fechten.
Es war der Besieger Catilinas, der ihn von der Hand des Koenigs empfing; der
Koenig liess darauf von einem seiner Sklaven sich durchbohren. Die wenigen
angesehenen Maenner, welche entkamen, wie Labienus und Sextus Pompeius, folgten
dem aelteren Bruder des letzteren nach Spanien und suchten, wie einst Sertorius,
in den Gebirgen und Gewaessern dieser immer noch halb unabhaengigen Landschaften
ein letztes Raeuber- und Piratenasyl. Ohne Widerstand ordnete Caesar die
afrikanischen Verhaeltnisse. Wie schon Curio beantragt hatte, ward das Reich des
Massinissa aufgeloest. Der oestlichste Teil oder die Landschaft von Sitifis ward
mit dem Reich des Koenigs Bocchus von Ostmauretanien vereinigt, auch der treue
Koenig Bogud von Tingis mit ansehnlichen Gaben bedacht. Cirta (Constantine) und
den umliegenden Landstrich, die bisher, unter Jubas Oberhoheit, der Fuerst
Massinissa und dessen Sohn Arabion besessen hatten, erhielt der Condottiere
Publius Sittius, um seine halbroemischen Scharen daselbst anzusiedeln ^10;
zugleich aber wurde dieser Distrikt sowie ueberhaupt der bei weitem groesste und
fruchtbarste Teil des bisherigen Numidischen Reiches als "Neuafrika" mit der
aelteren Provinz Afrika vereinigt und die Verteidigung der Kuestenlandschaft
gegen die schweifenden Staemme der Wueste, welche die Republik einem
Klientelkoenig ueberlassen hatte, von dem neuen Herrscher auf das Reich selbst
uebernommen.
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^10 Die Inschriften der bezeichneten Gegend bewahren zahlreiche Spuren
dieser Kolonisierung. Der Name der Sittier ist dort ungemein haeufig; die
afrikanische Ortschaft Milev fuehrt als roemische den Namen colonia Sarnensis
(CIL VIII, p. 1094), offenbar von dem nucerinischen Flussgott Sarnus (Suet.
rhet. 4).
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Der Kampf, den Pompeius und die Republikaner gegen Caesars Monarchie
unternommen hatten, endigte also nach vierjaehriger Dauer mit dem vollstaendigen
Sieg des neuen Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht erst auf den
Schlachtfeldern von Pharsalos und Thapsus festgestellt; sie durfte bereits sich
datieren von dem Augenblick, wo Pompeius und Caesar im Bunde die
Gesamtherrschaft begruendet und die bisherige aristokratische Verfassung ueber
den Haufen geworfen hatten. Doch waren es erst jene Bluttaufen des 9. August 706
(48) und des 6. April 708 (46), die das dem Wesen der Alleinherrschaft
widerstreitende Gesamtregiment beseitigten und der neuen Monarchie festen
Bestand und foermliche Anerkennung verliehen. Praetendenteninsurrektionen und
republikanische Verschwoerungen mochten nachfolgen und neue Erschuetterungen,
vielleicht sogar neue Revolutionen und Restaurationen hervorrufen; aber die
waehrend eines halben Jahrtausend ununterbrochene Kontinuitaet der freien
Republik war durchrissen und im ganzen Umfang des weiten Roemischen Reiches
durch die Legitimitaet der vollendeten Tatsache die Monarchie begruendet. Der
verfassungsmaessige Kampf war zu Ende; und dass er zu Ende war, das sprach
Marcus Cato aus, als er zu Utica sich in sein Schwert stuerzte. Seit vielen
Jahren war er in dem Kampfe der legitimen Republik gegen ihre Bedraenger der
Vormann gewesen; er hatte ihn fortgesetzt, lange nachdem jede Hoffnung zu siegen
in ihm erloschen war. Jetzt aber war der Kampf selbst unmoeglich geworden; die
Republik, die Marcus Brutus begruendet hatte, war tot und niemals wieder zum
Leben zu erwecken; was sollten die Republikaner noch auf der Erde? Der Schatz
war geraubt, die Schildwache damit abgeloest; wer konnte sie schelten, wenn sie
heimging? Es ist mehr Adel und vor allem mehr Verstand in Catos Tode, als in
seinem Leben gewesen war. Cato war nichts weniger als ein grosser Mann; aber bei
all jener Kurzsichtigkeit, jener Verkehrtheit, jener duerren Langweiligkeit und
jenen falschen Phrasen, die ihn, fuer seine wie fuer alle Zeit, zum Ideal des
gedankenlosen Republikanertums und zum Liebling aller damit spielenden
Individuen gestempelt haben, war er dennoch der einzige, der das grosse, dem
Untergang verfallene System in dessen Agonie ehrlich und mutig vertrat. Darum,
weil vor der einfaeltigen Wahrheit die kluegste Luege innerlich sich zernichtet
fuehlt und weil alle Hoheit und Herrlichkeit der Menschennatur schliesslich
nicht auf der Klugheit beruht, sondern auf der Ehrlichkeit, darum hat Cato eine
groessere geschichtliche Rolle gespielt als viele an Geist ihm weit ueberlegene
Maenner. Es erhoeht nur die tiefe und tragische Bedeutung seines Todes, dass er
selber ein Tor war: eben weil Don Quichotte ein Tor ist, ist er ja eine
tragische Gestalt. Es ist erschuetternd, dass auf jener Weltbuehne, darauf so
viele grosse und weise Maenner gewandelt und gehandelt hatten, der Narr bestimmt
war zu epilogieren. Auch ist er nicht umsonst gestorben. Es war ein furchtbar
schlagender Protest der Republik gegen die Monarchie, dass der letzte
Republikaner ging, als der erste Monarch kam; ein Protest, der all jene
sogenannte Verfassungsmaessigkeit, mit welcher Caesar seine Monarchie
umkleidete, wie Spinneweben zerriss und das Schibboleth der Versoehnung aller
Parteien, unter dessen Aegide das Herrentum erwuchs, in seiner ganzen
gleisnerischen Luegenhaftigkeit prostituierte. Der unerbittliche Krieg, den das
Gespenst der legitimen Republik Jahrhunderte lang, von Cassius und Brutus an bis
auf Thrasea und Tacitus, ja noch viel weiter hinab, gegen die Caesarische
Monarchie gefuehrt hat - dieser Krieg der Komplotte und der Literatur ist die
Erbschaft, die Cato sterbend seinem Feinde vermachte. Ihre ganze vornehme,
rhetorisch transzendentale, anspruchsvoll strenge, hoffnungslose und bis zum
Tode getreue Haltung hat diese republikanische Opposition von Cato uebernommen
und dann auch den Mann, der im Leben nicht selten ihr Spott und ihr Aergernis
gewesen war, schon unmittelbar nach seinem Tode als Heiligen zu verehren
begonnen. Die groesste aber unter diesen Huldigungen war die unfreiwillige, die
Caesar ihm erwies, indem er von der geringschaetzigen Milde, mit welcher er
seine Gegner, Pompeianer wie Republikaner, zu behandeln gewohnt war, allein
gegen Cato eine Ausnahme machte und noch ueber das Grab hinaus ihn mit
demjenigen energischen Hasse verfolgte; welchen praktische Staatsmaenner zu
empfinden pflegen gegen die auf dem idealen Gebiet, ihnen ebenso gefaehrlich wie
unerreichbar, opponierenden Gegner.
11. Kapitel
Die alte Republik und die neue Monarchie
Der neue Monarch von Rom, der erste Herrscher ueber das ganze Gebiet
roemisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im
sechsundfuenfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652 ? 102), als die Schlacht bei
Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette folgenschwerer Siege, die
Entscheidung ueber die Zukunft der Welt in seine Haende legte. Weniger Menschen
Spannkraft ist also auf die Probe gestellt worden wie die dieses einzigen
schoepferischen Genies, das Rom, und des letzten, das die alte Welt
hervorgebracht und in dessen Bahnen sie denn auch bis zu ihrem eigenen
Untergange sich bewegt hat. Der Sproessling einer der aeltesten Adelsfamilien
Latiums, welche ihren Stammbaum auf die Helden der Ilias und die Koenige Roms,
ja auf die beiden Nationen gemeinsame Venus-Aphrodite zurueckfuehrte, waren
seine Knaben- und ersten Juenglingsjahre vergangen, wie sie der vornehmen Jugend
jener Epoche zu vergehen pflegten. Auch er hatte von dem Becher des Modelebens
den Schaum wie die Hefen gekostet, hatte rezitiert und deklamiert, auf dem
Faulbett Literatur getrieben und Verse gemacht, Liebeshaendel jeder Gattung
abgespielt und sich einweihen lassen in alle Rasier-, Frisier- und
Manschettenmysterien der damaligen Toilettenweisheit, sowie in die noch weit
geheimnisvollere Kunst, immer zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame
Stahl dieser Natur widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben;
Caesar blieb sowohl die koerperliche Frische ungeschwaecht wie die Spannkraft
des Geistes und des Herzens. Im Fechten und im Reiten nahm er es mit jedem
seiner Soldaten auf, und sein Schwimmen rettete ihm bei Alexandreia das Leben;
die unglaubliche Schnelligkeit seiner gewoehnlich des Zeitgewinns halber
naechtlichen Reisen - das rechte Gegenstueck zu der prozessionsartigen
Langsamkeit, mit der Pompeius sich von einem Ort zum andern bewegte - war das
Erstaunen seiner Zeitgenossen und nicht die letzte Ursache seiner Erfolge. Wie
der Koerper war der Geist. Sein bewunderungswuerdiges Anschauungsvermoegen
offenbarte sich in der Sicherheit und Ausfuehrbarkeit all seiner Anordungen,
selbst wo er befahl, ohne mit eigenen Augen zu sehen. Sein Gedaechtnis war
unvergleichlich und es war ihm gelaeufig, mehrere Geschaefte mit gleicher
Sicherheit nebeneinander zu betreiben.: Obgleich Gentleman, Genie und Monarch
hatte er dennoch ein Herz. Solange er lebte, bewahrte er fuer seine wuerdige
Mutter Aurelia - der Vater starb ihm frueh - die reinste Verehrung; seinen
Frauen und vor allem seiner Tochter Iulia widmete er eine ehrliche Zuneigung,
die selbst auf die politischen Verhaeltnisse nicht ohne Rueckwirkung blieb. Mit
den tuechtigsten und kernigsten Maennern seiner Zeit, hohen und niederen Ranges,
stand er in einem schoenen Verhaeltnis gegenseitiger Treue, mit jedem nach
seiner Art. Wie er selbst niemals einen der Seinen in Pompeius' kleinmuetiger
und gefuehlloser Art fallen liess und, nicht bloss aus Berechnung, in guter und
boeser Zeit ungeirrt an den Freunden festhielt, so haben auch von diesen manche,
wie Aulus Hirtius und Gaius Matius, noch nach seinem Tode ihm in schoenen
Zeugnissen ihre Anhaenglichkeit bewahrt. Wenn in einer so harmonisch
organisierten Natur ueberhaupt eine einzelne Seite als charakteristisch
hervorgehoben werden kann, so ist es die, dass alle Ideologie und alles
Phantastische ihm fern lag. Es versteht sich von selbst, dass Caesar ein
leidenschaftlicher Mann war, denn ohne Leidenschaft gibt es keine Genialitaet;
aber seine Leidenschaft war niemals maechtiger als er. Er hatte eine Jugend
gehabt, und Lieder, Liebe und Wein waren auch in sein Gemuet in lebendigem Leben
eingezogen; aber sie drangen ihm doch nicht bis in den innerlichsten Kern seines
Wesens. :Die Literatur beschaeftigte ihn lange und ernstlich; aber wenn
Alexandern der homerische Achill nicht schlafen liess, so stellte Caesar in
seinen schlaflosen Stunden Betrachtungen ueber die Beugungen der lateinischen
Haupt- und Zeitwoerter an. Er machte Verse wie damals jeder, aber sie waren
schwach; dagegen interessierten ihn astronomische und naturwissenschaftliche
Gegenstaende. Wenn der Wein fuer Alexander der Sorgenbrecher war und blieb, so
mied nach durchschwaermter Jugendzeit der nuechterne Roemer denselben durchaus.
Wie allen denen, die in der Jugend der volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt
hat, blieb ein Schimmer davon unvergaenglich auf ihm ruhen: noch in spaeteren
Jahren begegneten ihm Liebesabenteuer und Erfolge bei Frauen und blieb ihm eine
gewisse Stutzerhaftigkeit im aeusseren Auftreten oder richtiger das erfreuliche
Bewusstsein der eigenen maennlich schoenen Erscheinung. Sorgfaeltig deckte er
mit dem Lorbeerkranz, mit dem er in spaeteren Jahren oeffentlich erschien, die
schmerzlich empfundene Glatze und haette ohne Zweifel manchen seiner Siege darum
gegeben, wenn er damit die jugendlichen Locken haette zurueckkaufen koennen.
Aber wie gern er auch noch als Monarch mit den Frauen verkehrte, so hat er doch
nur mit ihnen gespielt und ihnen keinerlei Einfluss ueber sich eingeraeumt;
selbst sein vielbesprochenes Verhaeltnis zu der Koenigin Kleopatra ward nur
angesponnen, um einen schwacher Punkt in seiner politischen Stellung zu
maskieren. Caesar war durchaus Realist und Verstandesmensch; und was er angriff
und tat, war von der genialen Nuechternheit durchdrungen und getragen, die seine
innerste Eigentuemlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte er das Vermoegen, unbeirrt
durch Erinnern und Erwarten energisch im Augenblick zu leben; ihr die
Faehigkeit, in jedem Augenblick mit gesammelter Kraft zu handeln und auch dem
kleinsten und beilaeufigsten Beginnen seine volle Genialitaet zuzuwenden; ihr
die Vielseitigkeit, mit der er erfasste und beherrschte, was der Verstand
begreifen und der Wille zwingen kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er
seine Perioden fuegte, wie seine Feldzuege entwarf; ihr die "wunderbare
Heiterkeit", die in guten und boesen Tagen ihm treu blieb; ihr die vollendete
Selbstaendigkeit, die keinem Liebling und keiner Maetresse, ja nicht einmal dem
Freunde Gewalt ueber sich gestattete. Aus dieser Verstandesklarheit ruehrt es
aber auch her, dass Caesar sich ueber die Macht des Schicksals und das Koennen
des Menschen niemals Illusionen machte; fuer ihn war der holde Schleier gehoben,
der dem Menschen die Unzulaenglichkeit seines Wirkens verdeckt. Wie klug er auch
plante und alle Moeglichkeiten bedachte, das Gefuehl wich doch nie aus seiner
Brust, dass in allen Dingen das Glueck, das heisst der Zufall das gute Beste tun
muesse; und damit mag es denn auch zusammenhaengen, dass er so oft dem Schicksal
Paroli geboten und namentlich mit verwegener Gleichgueltigkeit seine Person
wieder und wieder auf das Spiel gesetzt hat. Wie ja wohl ueberwiegend
verstaendige Menschen in das reine Hasardspiel sich fluechten, so war auch in
Caesars Rationalismus ein Punkt, wo er mit dem Mystizismus gewissermassen sich
beruehrte.
Aus einer solchen Anlage konnte nur ein Staatsmann hervorgehen. Von frueher
Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne des Wortes und
sein Ziel das hoechste, das dem Menschen gestattet ist sich zu stecken: die
politische, militaerische, geistige und sittliche Wiedergeburt der
tiefgesunkenen eigenen und der noch tiefer gesunkenen, mit der seinigen innig
verschwisterten hellenischen Nation. Die harte Schule dreissigjaehriger
Erfahrungen aenderte seine Aerasichten ueber die Mittel, wie dies Ziel zu
erreichen sei; das Ziel blieb ihm dasselbe in den Zeiten hoffnungsvoller
Erniedrigung wie unbegrenzter Machtvollkommenheit, in den Zeiten, wo er als
Demagog und Verschworener auf dunklen Wegen zu ihm hinschlich, wie da er als
Mitinhaber der hoechsten Gewalt und sodann als Monarch vor den Augen einer Welt
im vollen Sonnenschein an seinem Werke schuf. Alle zu den verschiedensten Zeiten
von ihm ausgegangenen Massregeln bleibender Art ordnen in den grossen Bauplan
zweckmaessig sich ein. Von einzelnen Leistungen Caesars sollte darum eigentlich
nicht geredet werden; er hat nichts Einzelnes geschaffen. Mit Recht ruehmt man
den Redner Caesar wegen seiner aller Advokatenkunst spottenden maennlichen
Beredsamkeit, die wie die klare Flamme zugleich erleuchtete und erwaermte. Mit
Recht bewundert man an dem Schriftsteller Caesar die unnachahmliche Einfachheit
der Komposition, die einzige Reinheit und Schoenheit der Sprache. Mit Recht
haben die groessten Kriegsmeister aller Zeiten den Feldherrn Caesar gepriesen,
der wie kein anderer ungeirrt von Routine und Tradition immer diejenige
Kriegfuehrung zu finden wusste, durch welche in dem gegebenen Falle der Feind
besiegt wird und welche also in dem gegebenen Falle die rechte ist; der mit
divinatorischer Sicherheit fuer jeden Zweck das rechte Mittel fand; der nach der
Niederlage schlagfertig dastand, wie Wilhelm von Oranien, und mit dem Siege ohne
Ausnahme den Feldzug beendigte; der das Element der Kriegfuehrung, dessen
Behandlung das militaerische Genie von der gewoehnlichen Offiziertuechtigkeit
unterscheidet, die rasche Bewegung der Massen mit unuebertroffener
Vollkommenheit handhabte und nicht in der Massenhaftigkeit der Streitkraefte,
sondern in der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, nicht im langen Vorbereiten,
sondern im raschen, ja verwegenen Handeln, selbst mit unzulaenglichen Mitteln,
die Buergschaft des Sieges fand. Allein alles dieses ist bei Caesar nur
Nebensache; er war zwar ein grosser Redner, Schriftsteller und Feldherr, aber
jedes davon ist er nur geworden, weil er ein vollendeter Staumann war.
Namentlich spielt der Soldat in ihm eine durchaus beilaeufige Rolle, und es ist
eine der hauptsaechlichsten Eigentuemlichkeiten, die ihn von Alexander, Hannibal
und Napoleon unterscheidet, dass in ihm nicht der Offizier, sondern der Demagog
der Ausgangspunkt der politischen Taetigkeit war. Seinem urspruenglichsten Plan
zufolge hatte er sein Ziel wie Perikles und Gaius Gracchus ohne Waffengewalt zu
erreichen gedacht, und achtzehn Jahre hindurch hatte er als Fuehrer der
Popularpartei ausschliesslich in politischen Plaenen und Intrigen sich bewegt,
bevor er, ungern sich ueberzeugend von der Notwendigkeit eines militaerischen
Rueckhalts, schon ein Vierziger, an die Spitze einer Armee trat. Es war
erklaerlich, dass er auch spaeterhin immer noch mehr Staatsmann blieb als
General - aehnlich wie Cromwell, der auch aus dem Oppositionsfuehrer zum
Militaerchef und Demokratenkoenig sich umschuf und der ueberhaupt, wie wenig der
Puritanerfuerst dem lockeren Roemer zu gleichen scheint, doch in seiner
Entwicklung wie in seinen Zielen und Erfolgen vielleicht unter allen
Staatsmaennern Caesar am naechsten verwandt ist. Selbst in seiner Kriegfuehrung
ist diese improvisierte Feldherrnschaft noch wohl zu erkennen; in Napoleons
Unternehmungen gegen Aegypten und gegen England ist der zum Feldherrn
aufgediente Artillerieleutnant nicht deutlicher sichtbar wie in den
gleichartigen Caesars der zum Feldherrn metamorphosierte Demagog. Ein geschulter
Offizier wuerde es schwerlich fertig gebracht haben, aus politischen
Ruecksichten nicht durchaus zwingender Natur die gegruendetsten militaerischen
Bedenken in der Art beiseite zu schieben, wie dies Caesar mehrmals, am
auffallendsten bei seiner Landung in Epirus getan hat. Einzelne seiner
Handlungen sind darum militaerisch tadelhaft; aber der Feldherr verliert nur,
was der Staatsmann gewinnt. Die Aufgabe des Staatsmanns ist universeller Natur
wie Caesars Genie: wenn er die vielfaeltigsten und voneinander entlegensten
Dinge angriff, so gingen sie doch alle ohne Ausnahme zurueck auf das eine grosse
Ziel, dem er mit unbedingter Treue und Folgerichtigkeit diente; und nie hat er
von den vielfaeltigen Seiten und Richtgen seiner grossen Taetigkeit eine vor der
andern bevorzugt. Obwohl ein Meister der Kriegskunst, hat er doch aus
staatsmaennischen Ruecksichten das Aeusserste getan, um den Buergerkrieg
abzuwenden und um, da er dennoch begann, wenigstens so unblutige Lorbeeren wie
moeglich zu ernten. Obwohl der Begruender der Militaermonarchie, hat er doch mit
einer in der Geschichte beispiellosen Energie weder Marschallshierarchie noch
Praetorianerregiment aufkommen lassen. Wenn ueberhaupt eine Seite der
buergerlichen Verdienste, so wurden von ihm vielmehr die Wissenschafter, und die
Kuenste des Friedens vor den militaerischen bevorzugt. Die bemerkenswerteste
Eigentuemlichkeit seines staatsmaennischen Schaffens ist dessen vollkommene
Harmonie. In der Tat waren alle Bedingungen zu dieser schwersten aller
menschlichen Leistungen in Caesar vereinigt. Durch und durch Realist, liess er
die Bilder der Vergangenheit und die ehrwuerdige Tradition nirgends sich
anfechten: ihm galt nichts in der Politik als die lebendige Gegenwart und das
verstaendige Gesetz, ebenwie er, auch als Grammatiker die historisch-
antiquarische Forschung beiseite schob und nichts anerkannte als einerseits den
lebendigen Sprachgebrauch, andererseits die Regel der Gleichmaessigkeit Ein
geborener Herrscher, regierte er die Gemueter der Menschen, wie der Wind die
Wolken zwingt, und noetigte die verschiedenartigsten Naturen, ihm sich zu eigen
zu geben, den schlichten Buerger und den derben Unteroffizier, die vornehmen
Damen Roms und die schoenen Fuerstinnen Aegyptens und Mauretaniens, den
glaenzenden Kavalleriegeneral und den kalkulierenden Bankier. Sein
Organisationstalent ist wunderbar; nie hat ein Staatsmann seine Buendnisse, nie
ein Feldherr seine Armee aus ungefuegen und widerstrebenden Elementen so
entschieden zusammengezwungen und so fest zusammengehalten wie Caesar seine
Koalitionen und seine Legionen; nie ein Regent mit so scharfem Blick seine
Werkzeuge beurteilt und ein jedes an den ihm angemessenen Platz gestellt. Er war
Monarch; aber nie hat er den Koenig gespielt. Auch als unumschraenkter Herr von
Rom blieb er in seinem Auftreten der Parteifuehrer; vollkommen biegsam und
geschmeidig, bequem und anmutig in der Unterhaltung, zuvorkommend gegen jeden,
schien er nichts sein zu wollen als der Erste unter seinesgleichen. Den Fehler
so vieler ihm sonst ebenbuertiger Maenner, den militaerischen Kommandoton auf
die Politik zu uebertragen, hat Caesar durchaus vermieden; wie vielen Anlass das
verdriessliche Verhaeltnis zum Senat ihm auch dazu gab, er hat nie zu
Brutalitaeten gegriffen, wie die des achtzehnten Brumaire eine war. Caesar war
Monarch; aber nie hat ihn der Tyrannenschwindel erfasst. Er ist vielleicht der
einzige unter den Gewaltigen des Herrn, welcher im grossen wie im kleinen nie
nach Neigung oder Laune, sondern ohne Ausnahme nach seiner Regentenpflicht
gehandelt hat, und der, wenn er auf sein Leben zuruecksah, wohl falsche
Rechnungen zu bedauern, aber keinen Fehltritt der Leidenschaft zu bereuen fand.
Es ist nichts in Caesars Lebensgeschichte, das auch nur im kleinen ^1 sich
vergleichen liesse mit jenen poetisch-sinnlichen Aufwallungen, mit der Ermordung
des Kleitos oder dem Brand von Persepolis, welche die Geschichte von seinem
grossen Vorgaenger im Osten berichtet. Er ist endlich vielleicht der einzige
unter jenen Gewaltigen, der den staatsmaennischen Takt fuer das Moegliche und
Unmoegliche bis an das Ende seiner Laufbahn sich bewahrt hat und nicht
gescheitert ist an derjenigen Aufgabe, die fuer grossartig angelegte Naturen von
allen die schwerste ist, an der Aufgabe, auf der Zinne des Erfolgs dessen
natuerliche Schranken zu erkennen. Was moeglich war, hat er geleistet und nie um
des unmoeglichen Besseren willen das moegliche Gute unterlassen, nie es
verschmaeht, unheilbare Uebel durch Palliative wenigstens zu lindern. Aber wo er
erkannte, dass das Schicksal gesprochen, hat er immer gehorcht. Alexander am
Hypanis, Napoleon in Moskau kehrten um, weil sie mussten, und zuernten dem
Geschick, dass es auch seinen Lieblingen nur begrenzte Erfolge goennt; Caesar
ist an der Themse und am Rhein freiwillig zurueckgegangen und gedachte auch an
der Donau und am Euphrat nicht ungemessene Plaene der Weltueberwindung, sondern
bloss wohlerwogene Grenzregulierungen ins Werk zu setzen.
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^1 Wenn der Handel mit Laberius, den der bekannte Prolog erzaehlt, als ein
Beispiel von Caesars Tyrannenlaunen angefuehrt worden ist, so hat man die Ironie
der Situation wie des Dichters gruendlich verkannt; ganz abgesehen von der
Naivitaet, den sein Honorar bereitwillig einstreichenden Poeten als Maertyrer zu
behandeln.
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So war dieser einzige Mann, den zu schildern so leicht scheint und doch so
unendlich schwer ist. Seine ganze Natur ist durchsichtige Klarheit; und die
Ueberlieferung bewahrt ueber ihn ausgiebigere und lebendigere Kunde als ueber
irgendeinen seiner Pairs in der antiken Welt. Eine solche Persoenlichkeit konnte
wohl flacher oder tiefer, aber nicht eigentlich verschieden aufgefasst werden;
jedem nicht ganz verkehrten Forscher ist das hohe Bild mit denselben
wesentlichen Zuegen erschienen, und doch ist dasselbe anschaulich wiederzugeben
noch keinem gelungen. Das Geheimnis liegt in dessen Vollendung. Menschlich wie
geschichtlich steht Caesar in dem Gleichungspunkt, in welchem die grossen
Gegensaetze des Daseins sich ineinander aufheben. Von gewaltiger Schoepferkraft
und doch zugleich vom durchdringendsten Verstande; nicht mehr Juengling und noch
nicht Greis; vom hoechsten Wollen und vom hoechsten Vollbringen; erfuellt von
republikanischen Idealen und zugleich geboren zum Koenig; ein Roemer im tiefsten
Kern seines Wesens und wieder berufen, die roemische und die hellenische
Entwicklung in sich wie nach aussen hin zu versoehnen und zu vermaehlen, ist
Caesar der ganze und vollstaendige Mann. Darum fehlt es denn auch bei ihm mehr
als bei irgendeiner anderen geschichtlichen Persoenlichkeit an den sogenannten
charakteristischen Zuegen, welche ja doch nichts anderes sind als Abweichungen
von der naturgemaessen menschlichen Entwicklung. Was dem ersten oberflaechlichen
Blick dafuer gilt, zeigt sich bei naeherer Betrachtung nicht als
Individualitaet, sondern als Eigentuemlichkeit der Kulturepoche oder der Nation;
wie denn seine Jugendabenteuer ihm mit allen gleichgestellten begabteren
Zeitgenossen gemein sind, sein unpoetisches, aber energisch logisches Naturell
das Naturell der Roemer ueberhaupt ist. Es gehoert dies mit zu Caesars voller
Menschlichkeit, dass er im hoechsten Grade durch Zeit und Ort bedingt ward; denn
eine Menschlichkeit an sich gibt es nicht, sondern der lebendige Mensch kann
eben nicht anders als in einer gegebenen Volkseigentuemlichkeit und in einem
bestimmten Kulturzug stehen. Nur dadurch war Caesar ein voller Mann, weil er wie
kein anderer mitten in die Stroemungen seiner Zeit sich gestellt hatte und weil
er die kernige Eigentuemlichkeit der roemischen Nation, die reale buergerliche
Tuechtigkeit vollendet wie kein anderer in sich trug; wie denn auch sein
Hellenismus nur der mit der italischen Nationalitaet laengst innig verwachsene
war. Aber eben hierin liegt auch die Schwierigkeit, man darf vielleicht sagen
die Unmoeglichkeit, Caesar anschaulich zu schildern. Wie der Kuenstler alles
machen kann, nur nicht die vollendete Schoenheit, so kann auch der
Geschichtschreiber, wo ihm alle tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet,
nur darueber schweigen. Denn es laesst die Regel wohl sich aussprechen, aber sie
gibt uns nur die negative Vorstellung von der Abwesenheit des Mangels; das
Geheimnis der Natur, in ihren vollendetsten Offenbarungen Normalitaet und
Individualitaet miteinander zu verbinden, ist unaussprechlich. Uns bleibt
nichts, als diejenigen gluecklich zu preisen, die dieses Vollkommene schauten,
und eine Ahnung desselben aus dem Abglanz zu gewinnen, der auf den von dieser
grossen Natur geschaffenen Werken unvergaenglich ruht. Zwar tragen auch diese
den Stempel der Zeit. Der roemische Mann selbst stellte seinem jugendlichen
griechischen Vorgaenger nicht bloss ebenbuertig, sondern ueberlegen sich an die
Seite; aber die Welt war inzwischen alt geworden und ihr Jugendschimmer
verblasst. Caesars Taetigkeit ist nicht mehr wie die Alexanders ein freudiges
Vorwaertsstreben in die ungemessene Weite; er baute auf und aus Ruinen und war
zufrieden, in den einmal angewiesenen weiten, aber begrenzten Raeumen moeglichst
ertraeglich und moeglichst sicher sich einzurichten. Mit Recht hat denn auch der
feine Dichtertakt der Voelker um den unpoetischen Roemer sich nicht bekuemmert
und dagegen den Sohn des Philippos mit allem Goldglanz der Poesie, mit allen
Regenbogenfarben der Sage bekleidet. Aber mit gleichem Recht hat das staatliche
Leben der Nationen seit Jahrtausenden wieder und wieder auf die Linien
zurueckgelenkt, die Caesar gezogen hat, und wenn die Voelker, denen die Welt
gehoert, noch heute mit seinem Namen die hoechsten ihrer Monarchen nennen, so
liegt darin eine tiefsinnige, leider auch eine beschaemende Mahnung.
Wenn es gelingen sollte, aus den alten in jeder Hinsicht heillosen
Zustaenden herauszukommen und das Gemeinwesen zu verjuengen, so musste vor allen
Dingen das Land tatsaechlich beruhigt und der Boden von den Truemmern, die von
der letzten Katastrophe her ueberall ihn bedeckten, gesaeubert werden. Caesar
ging dabei aus von dem Grundsatz der Versoehnung der bisherigen Parteien oder,
richtiger gesagt - denn von wirklicher Ausgleichung kann bei unversoehnlichen
Gegensaetzen nicht gesprochen werden -, von dem Grundsatz, dass der Kampfplatz,
auf dem die Nobilitaet und die Popularen bisher miteinander gestritten hatten,
von beiden Teilen aufzugeben sei und beide auf dem Boden der neuen monarchischen
Verfassung sich zusammenzufinden haetten. Vor allen Dingen also galt aller
aeltere Hader der republikanischen Vergangenheit als abgetan fuer immer und
ewig. Waehrend Caesar die auf die Nachricht von der Pharsalischen Schlacht von
dem hauptstaedtischen Poebel umgestuerzten Bildsaeulen Sullas wiederaufzurichten
befahl und also es anerkannte, dass ueber diesen grossen Mann einzig der
Geschichte Gericht zu halten gebuehre, hob er zugleich die letzten noch
nachwirkenden Folgen seiner Ausnahmegesetze auf, rief die noch von den
cinnanischen und sertorianischen Wirren her Verbannten aus dem Exil zurueck und
gab den Kindern der von Sulla Geaechteten die verlorene passive Wahlfaehigkeit
wieder. Ebenso wurden alle diejenigen restituiert, die in dem vorbereitenden
Stadium der letzten Katastrophe durch Zensorenspruch oder politischen Prozess,
namentlich durch die auf Grund der Exzeptionalgesetze von 702 (52) erhobenen
Anklagen, ihren Sitz im Senat oder ihre buergerliche Existenz eingebuesst
hatten. Nur blieben, wie billig, diejenigen, die Geaechtete fuer Geld getoetet
hatten, auch ferner bescholten und ward der verwegenste Condottiere der
Senatspartei, Milo, von der allgemeinen Begnadigung ausgeschlossen.
Weit schwieriger als die Ordnung dieser im wesentlichen bereits der
Vergangenheit anheimgefallenen Fragen war die Behandlung der im Augenblick sich
gegenueberstehenden Parteien: teils des eigenen demokratischen Anhangs Caesars,
teils der gestuerzten Aristokratie. Dass jener mit Caesars Verfahren nach dem
Sieg und mit seiner Aufforderung, den alten Parteistandpunkt aufzugeben,
womoeglich noch minder einverstanden war als diese, versteht sich von selbst.
Caesar selbst wollte wohl im ganzen dasselbe, was Gaius Gracchus im Sinne
getragen hatte; allein die Absichten der Caesarianer waren nicht mehr die der
Gracchaner. Die roemische Popularpartei war in immer steigender Progression aus
der Reform in die Revolution, aus der Revolution in die Anarchie, aus der
Anarchie in den Krieg gegen das Eigentum gedraengt worden; sie feierte unter
sich das Andenken der Schreckensherrschaft und schmueckte, wie einst der
Gracchen, so jetzt des Catilina Grab mit Blumen und Kraenzen; sie hatte unter
Caesars Fahne sich gestellt, weil sie von ihm das erwartete, was Catilina ihr
nicht hatte verschaffen koennen. Als nun aber sehr bald sich herausstellte, dass
Caesar nichts weniger sein wollte als der Testamentsvollstrecker Catilinas, dass
die Verschuldeten von ihm hoechstens Zahlungserleichterungen und
Prozessmilderungen zu hoffen hatten, da ward die erbitterte Frage laut, fuer wen
denn die Volkspartei gesiegt habe, wenn nicht fuer das Volk? und fing das
vornehme und niedere Gesindel dieser Art vor lauter Aerger ueber die
fehlgeschlagenen politisch-oekonomischen Saturnalien erst an, mit den
Pompeianern zu liebaeugeln, dann sogar waehrend Caesars fast zweijaehriger
Abwesenheit von Italien (Januar 706 48 bis Herbst 707 47) daselbst einen
Buergerkrieg im Buergerkriege anzuzetteln. Der Praetor Marcus Caelius Rufus, ein
guter Adliger und schlechter Schuldenbezahler, von einigem Talent und vieler
Bildung, als ein heftiger und redefertiger Mann bisher im Senat und auf dem
Markte einer der eifrigsten Vorkaempfer fuer Caesar, brachte, ohne hoeheren
Auftrag, bei dem Volke ein Gesetz ein, das den Schuldnern ein sechsjaehriges
zinsfreies Moratorium gewaehrte, sodann, da man ihm hierbei in den Weg trat, ein
zweites, das gar alle Forderungen aus Darlehen und laufenden Hausmieten
kassiert; worauf der Caesarische Senat ihn seines Amtes entsetzte. Es war eben
die Zeit vor der Pharsalischen Schlacht, und die Waagschale in dem grossen
Kampfe schien sich auf die Seite der Pompeianer zu neigen; Rufus trat mit dem
alten senatorischen Bandenfuehrer Milo in Verbindung und beide stifteten eine
Konterrevolution an, die teils die republikanische Verfassung, teils Kassation
der Forderungen und Freierklaerung der Sklaven auf ihr Panier schrieb. Milo
verliess seinen Verbannungsort Massalia und rief in der Gegend von Thurii die
Pompeianer und die Hirtensklaven unter die Waffen; Rufus machte Anstalt, sich
durch bewaffnete Sklaven der Stadt Capua zu bemaechtigen. Allein der letztere
Plan ward vor der Ausfuehrung entdeckt und durch die capuanische Buergerwehr
vereitelt; Quintus Pedius, der mit einer Legion in das thurinische Gebiet
einrueckte, zerstreute die daselbst hausende Bande; und der Fall der beiden
Fuehrer machte dem Skandal ein Ende (706 48). Dennoch fand sich das Jahr darauf
(707 47) ein zweiter Tor, der Volkstribun Publius Dolabella, der, gleich
verschuldet, aber ungleich weniger begabt als sein Vorgaenger, dessen Gesetz
ueber die Forderungen und Hausmieten abermals einbrachte und mit seinem Kollegen
Lucius Trebellius darueber noch einmal - es war das letzte Mal - den
Demagogenkrieg begann; es gab arge Haendel zwischen den, beiderseitigen
bewaffneten Banden und vielfachen Strassenlaerm, bis der Kommandant von Italien,
Marcus Antonius, das Militaer einschreiten liess und bald darauf Caesars
Rueckkehr aus dem Osten dem tollen Treiben vollstaendig ein Ziel setzte. Caesar
legte diesen hirnlosen Versuchen, die Catilinarischen Projekte wieder
aufzuwaermen, so wenig Gewicht bei, dass er selbst den Dolabella in Italien
duldete, ja nach einiger Zeit ihn sogar wieder zu Gnaden annahm. Gegen solches
Gesindel, dem es nicht um irgend welche politische Frage, sondern einzig um den
Krieg gegen das Eigentum zu, tun ist, genuegt, wie gegen die Raeuberbanden, das
blosse Dasein einer starken Regierung; und Caesar war zu gross und zu besonnen,
um mit der Angst, die die italischen Trembleurs vor diesen damaligen Kommunisten
empfanden, Geschaefte zu machen und damit seiner Monarchie eine falsche
Popularitaet zu erschwindeln.
Wenn Caesar also die gewesene demokratische Partei ihrem schon bis an die
aeusserste Grenze vorgeschrittenen Zersetzungsprozess ueberlassen konnte und
ueberliess, so hatte er dagegen gegenueber der bei weitem lebenskraeftigeren
ehemaligen aristokratischen Partei durch die gehoerige Verbindung des
Niederdrueckens und des Entgegenkommens die Aufloesung nicht herbeizufuehren -
dies vermochte nur die Zeit - sondern sie vorzubereiten und einzuleiten. Es war
das wenigste, dass Caesar, schon aus natuerlichem Anstandsgefuehl, es vermied,
die gestuerzte Partei durch leeren Hohn zu erbittern, ueber die besiegten
Mitbuerger nicht triumphierte ^2, des Pompeius oft und immer mit Achtung
gedachte und sein vom Volke umgestuerztes Standbild am Rathaus bei der
Herstellung des Gebaeudes an dem frueheren ausgezeichneten Platze wiederum
errichten liess. Der politischen Verfolgung nach dem Siege steckte Caesar die
moeglichst engen Grenzen. Es fand keine Untersuchung statt ueber die vielfachen
Verbindungen, die die Verfassungspartei auch mit nominellen Caesarianern gehabt
hatte; Caesar warf die in den feindlichen Hauptquartieren von Pharsalos und
Thapsus vorgefundenen Papierstoesse ungelesen ins Feuer und verschonte sich und
das Land mit politischen Prozessen gegen des Hochverrats verdaechtige
Individuen. Ferner gingen straffrei aus alle gemeinen Soldaten, die ihren
roemischen oder provinzialen Offizieren in den Kampf gegen Caesar gefolgt waren.
Eine Ausnahme ward nur gemacht mit denjenigen roemischen Buergern, die in dem
Heere des numidischen Koenigs Juba Dienste genommen hatten; ihnen wurde zur
Strafe des Landesverrates das Vermoegen eingezogen. Auch den Offizieren der
besiegten Partei hatte Caesar bis zum Ausgang des spanischen Feldzugs 705 (49)
uneingeschraenkte Begnadigung gewaehrt; allein er ueberzeugte sich, dass er
hiermit zu weit gegangen und dass die Beseitigung wenigstens der Haeupter
unvermeidlich sei. Die Regel, die er von jetzt an zur Richtschnur nahm, war,
dass wer nach der Kapitulation von Ilerda im feindlichen Heere als Offizier
gedient oder im Gegensenat gesessen hatte, wenn er das Ende des Kampfes erlebte,
sein Vermoegen und seine politischen Rechte verlor und fuer Lebenszeit aus
Italien verbannt ward, wenn er das Ende des Kampfes nicht erlebte, wenigstens
sein Vermoegen an den Staat fiel, wer aber von diesen frueher von Caesar Gnade
angenommen hatte und abermals in den feindlichen Reihen betroffen ward, damit
das Leben verwirkt hatte. In der Ausfuehrung indes wurden diese Saetze
wesentlich gemildert. Todesurteile wurden nur gegen die wenigsten unter den
zahlreichen Rueckfaelligen wirklich vollstreckt. Bei der Konfiskation des
Vermoegens der Gefallenen wurden nicht nur die auf den einzelnen Massen
haftenden Schulden sowie die Mitgiftforderungen der Witwen wie billig
ausgezahlt, sondern auch den Kindern der Toten ein Teil des vaeterlichen
Vermoegens gelassen. Von denjenigen endlich, die jenen Regeln zufolge Verbannung
und Vermoegenskonfiskation traf, wurden nicht wenige sogleich ganz begnadigt
oder kamen, wie die zu Mitgliedern des Senats von Utica gepressten afrikanischen
Grosshaendler, mit Geldbussen davon. Aber auch den uebrigen ward fast ohne
Ausnahme Freiheit und Vermoegen zurueckgegeben, wenn sie nur es ueber sich
gewannen, deshalb bittend bei Caesar einzukommen; manchem, der dessen sich
weigerte, wie zum Beispiel dem Konsular Marcus Marcellus, ward die Begnadigung
auch ungebeten oktroyiert und endlich im Jahre 710 (44) fuer alle noch nicht
Zurueckberufenen eine allgemeine Amnestie erlassen.
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^2 Auch der Triumph nach der spaeter zu erzaehlenden Schlacht bei Munda
galt wohl nur den zahlreich in dem besiegten Heer dienenden Lusitanern.
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Die republikanische Opposition liess sich denn begnadigen; aber sie war
nicht versoehnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und Erbitterung
gegen den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem politischen
Widerstand gab es freilich keine Gelegenheit mehr - es kam kaum in Betracht,
dass einige oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der Titelfrage durch
demonstratives Einschreiten gegen die, welche Caesar Koenig genannt hatten, sich
die republikanische Maertyrerkrone erwarben; aber um so entschiedener aeusserte
der Republikanismus sich als Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und
Wuehlen. Keine Hand regte sich, wenn der Imperator oeffentlich erschien. Es
regnete Maueranschlaege und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire
gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische Anspielung
wagte, begruesste ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und Preis war das
Modethema der oppositionellen Broschuerenschreiber, und die Schriften derselben
fanden nur ein um so dankbareres Publikum, weil auch die Literatur nicht mehr
frei war. Caesar bekaempfte zwar auch jetzt noch die Republikaner auf dem
eigenen Gebiet; er selbst und seine faehigeren Vertrauten antworteten auf die
Catoliteratur mit Anticatonen, und es ward zwischen den republikanischen und den
Caesarischen Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen
Troern und Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich von
selbst, dass in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch gestimmte
Publikum Richter war, die Caesarianer den kuerzeren zogen. Es blieb nichts
uebrig, als die Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb denn unter den
Verbannten die literarisch bekannten und gefaehrlichen Maenner, wie Publius
Nigidius Figulus und Aulus Caecina, schwerer als andere die Erlaubnis zur
Rueckkehr nach Italien erhielten, die in Italien geduldeten oppositionellen
Schriftsteller aber einer tatsaechlichen Zensur unterworfen wurden, die um so
peinlicher fesselte, weil das Mass der zu befuerchtenden Strafe durchaus
arbitraer war ^3. Das Wuehlen und Treiben der gestuerzten Parteien gegen die
neue Monarchie wird zweckmaessiger in einem andern Zusammenhang dargestellt
werden; hier genuegt es zu sagen, dass Praetendenten- wie republikanische
Aufstaende unaufhoerlich im ganzen Umfange des Roemischen Reiches gaerten, dass
die Flamme des Buergerkrieges, bald von den Pompeianern, bald von den
Republikanern angefacht, an verschiedenen Orten hell wieder emporschlug und in
der Hauptstadt die Verschwoerung gegen das Leben des Herrschers in Permanenz
blieb, Caesar aber durch die Anschlaege sich nicht einmal bewegen liess, auf die
Dauer sich mit einer Leibwache zu umgeben und in der Regel sich begnuegte, die
entdeckten Konspirationen durch oeffentliche Anschlaege bekannt zu machen. Wie
sehr Caesar alle seine persoenliche Sicherheit angehenden Dinge mit
gleichgueltiger Verwegenheit zu behandeln pflegte, die ernste Gefahr konnte er
doch sich unmoeglich verhehlen, mit der diese Masse Missvergnuegter nicht bloss
ihn, sondern auch seine Schoepfungen bedrohte. Wenn er dennoch, alles Warnens
und Hetzens seiner Freunde nicht achtend, ohne ueber die Unversoehnlichkeit auch
der begnadigten Gegner sich zu taeuschen, mit einer wunderbar kaltbluetigen
Energie dabei beharrte, der bei weitem groesseren Anzahl derselben zu verzeihen,
so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit einer stolzen, noch Gefuehlsmilde
einer weichen Natur, sondern es war die richtige staatsmaennische Erwaegung,
dass ueberwundene Parteien rascher und mit minderem Schaden fuer den Staat
innerhalb des Staats sich absorbieren, als wenn man sie durch Aechtung
auszurotten oder durch Verbannung aus dem Gemeinwesen auszuscheiden versucht.
Caesar konnte fuer seine hohen Zwecke die Verfassungspartei selbst nicht
entbehren, die ja nicht etwa bloss die Aristokratie, sondern alle Elemente des
Freiheits- und des Nationalsinns innerhalb der italischen Buergerschaft in sich
schloss; fuer seine Plaene zur Verjuengung des alternden Staats bedurfte er der
ganzen Masse von Talenten, Bildung, ererbtem und selbsterworbenem Ansehen, die
diese Partei in sich schloss; und wohl in diesem Sinne mag er die Begnadigung
der Gegner den schoensten Lohn des Siegs genannt haben. So wurden denn zwar die
hervorragendsten Spitzen der geschlagenen Parteien beseitigt; aber den Maennern
zweiten und dritten Ranges und namentlich der juengeren Generation ward die
volle Begnadigung nicht vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in
passiver Opposition zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder minder
gelinden Zwang veranlasst, sich an der neuen Verwaltung taetig zu beteiligen und
Ehren und Aemter von ihr anzunehmen. Wie fuer Heinrich IV. und Wilhelm von
Oranien so begannen auch fuer Caesar die groessten Schwierigkeiten erst nach dem
Siege. Jeder revolutionaere Sieger macht die Erfahrung, dass, wenn er nach
Ueberwaeltigung der Gegner nicht, wie Cinna und Sulla, Parteihaupt bleibt,
sondern wie Caesar, wie Heinrich IV. und Wilhelm von Oranien, an die Stelle des
notwendig einseitigen Parteiprogramms die Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen
will, augenblicklich alle Parteien, die eigene wie die besiegt, sich gegen das
neue Oberhaupt vereinigen; und um so mehr, je groesser und reiner dasselbe
seinen neuen Beruf auffasst. Die Verfassungsfreunde und die Pompeianer, wenn sie
auch mit den Lippen Caesar huldigten, grollten doch im Herzen entweder der
Monarchie oder wenigstens der Dynastie; die gesunkene Demokratie war, seit sie
begriffen, dass Caesars Zwecke keineswegs die ihrigen waren, gegen denselben in
offenem Aufruhr; selbst die persoenlichen Anhaenger Caesars murrten, als sie ihr
Haupt statt eines Condottierstaats eine allen gliche und gerechte Monarchie
gruenden und die auf sie treffenden Gewinnportionen durch das Hinzutreten der
Besiegten sich verringern sahen. Diese Ordnung des Gemeinwesens war keiner
Partei genehm und musste den Genossen nicht minder als den Gegnern oktroyiert
werden. Caesars eigene Stellung war jetzt in gewissem Sinne gefaehrdeter als vor
dem Siege; aber was er verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien
vernichtete und die Parteimaenner nicht bloss schonte, sondern jeden Mann von
Talent oder auch nur von guter Herkunft, ohne Ruecksicht auf seine politische
Vergangenheit, zu Aemtern gelangen liess, gewann er nicht bloss fuer seinen
grossen Bau alle im Staate vorhandene Arbeitskraft, sondern das freiwillige oder
gezwungene Schaffen der Maenner aller Parteien an demselben Werke fuehrte auch
unmerklich die Nation hinueber auf den neubereiteten Boden. Wenn diese
Ausgleichung der Parteien fuer den Augenklick nur aeusserlicher Art war und
dieselben sich fuer jetzt viel weniger in der Anhaenglichkeit an die neuen
Zustaende begegneten als in dem Hasse gegen Caesar, so irrte dies ihn nicht; er
wusste es wohl, dass die Gegensaetze doch in solcher aeusserlichen Vereinigung
sich abstumpfen und dass nur auf diesem Wege der Staatsmann der Zeit
vorarbeitet, welche freilich allein vermag, solchen Hader schliesslich zu
suehnen, indem sie das alte Geschlecht ins Grab legt. Noch weniger fragte er,
wer ihn hasste oder auf Mord gegen ihn sann. Wie jeder echte Staatsmann diente
er dem Volke nicht um Lohn, auch nicht um den Lohn seiner Liebe, sondern gab die
Gunst der Zeitgenossen hin fuer den Segen der Zukunft und vor allem fuer die
Erlaubnis, seien Nation retten und verjuengen zu duerfen.
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^3 Wer alte und neue Schriftstellerbedraengnisse zu vergleichen wuenscht,
wird in dem Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu finden.
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Versuchen wir im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Ueberfuehrung der
alten Zustaende in die neue Bahn, so ist zunaechst daran zu erinnern, dass
Caesar nicht kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan zu einer
zeitgemaessen Politik, laengst von Gaius Gracchus entworfen, war von seinen
Anhaengern und Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist und Glueck, aber ohne
Schwanken festgehalten worden. Caesar, von Haus aus und gleichsam schon nach
Erbrecht das Haupt der Popularpartei, hatte seit dreissig Jahren deren Schild
hoch emporgehalten, ohne je die Farbe zu wechseln oder auch nur zu decken; er
blieb Demokrat auch als Monarch. Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen
natuerlich von den catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschraenkt
antrat, der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst
persoenlichen Hass zollte und die wesentlichen Gedanken der roemischen
Demokratie: die Milderung der Lage der Schuldner, die ueberseeische
Kolonisation, die allmaehliche Nivellierung der unter den Klassen der
Staatsangehoerigen bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die Emanzipierung der
exekutiven Gewalt vom Senat, unveraendert festhielt, so war auch seine Monarchie
so wenig mit der Demokratie im Widerspruch, dass vielmehr diese erst durch jene
zur Vollendung und Erfuellung gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die
orientalische Despotie von Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius
Gracchus sie gruenden wollte, wie Perikles und Cromwell sie gruendeten: die
Vertretung der Nation durch ihren hoechsten und unumschraenkten Vertrauensmann.
Es waren insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen, nicht
eigentlich neue; aber ihm gehoert ihre Verwirklichung, die zuletzt ueberall die
Hauptsache bleibt, und ihm die Grossheit der Ausfuehrung, die selbst den
genialen Entwerfer, wenn er sie haette schauen koennen, ueberrascht haben
moechte und die jeden, dem sie in lebendiger Wirklichkeit oder im Spiegel der
Geschichte entgegengetreten ist, welcher geschichtlichen Epoche und welcher
politischen Farbe immer er angehoere, je nach dem Mass seiner Fassungskraft fuer
menschliche und geschichtliche Groesse mit tiefer und tieferer Bewegung und
Bewunderung ergriffen hat und ewig ergreifen wird.
Wohl aber wird es gerade hier am Orte sein, das, was der Geschichtschreiber
stillschweigend ueberall voraussetzt, einmal ausdruecklich zu fordern und
Einspruch zu tun gegen die der Einfalt und der Perfidie gemeinschaftliche Sitte,
geschichtliches Lob und geschichtlichen Tadel, von den gegebenen Verhaeltnissen
abgeloest, als allgemein gueltige Phrase zu verbrauchen, in diesem Falle das
Urteil ueber Caesar in ein Urteil ueber den sogenannten Caesarismus umzudeuten.
Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die Lehrmeisterin des
laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als koenne man die
Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten ueber die Vergangenheit nur einfach
wiederaufblaettern und aus denselben der politischen Diagnose und Rezeptierkunst
die Symptome und Spezifika zusammenlesen; sondern sie ist lehrhaft einzig
insofern, als die Beobachtung der aelteren Kulturen die organischen Bedingungen
der Zivilisation ueberhaupt, die ueberall gleichen Grundkraefte und die ueberall
verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart und statt zum gedankenlosen
Nachahmen vielmehr zum selbstaendigen Nachschoepfen anleitet und begeistert. In
diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und des roemischen Caesarentums, bei
aller unuebertroffenen Grossheit des Werkmeisters, bei aller geschichtlichen
Notwendigkeit des Werkes, wahrlich eine schaerfere Kritik der modernen
Autokratie, als eines Menschen Hand sie zu schreiben vermag. Nach dem gleichen
Naturgesetz, weshalb der geringste Organismus unendlich mehr ist als die
kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so mangelhafte Verfassung, die der
freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von Buergern Spielraum laesst, unendlich
mehr als der genialste und humanste Absolutismus; denn jene ist der Entwicklung
faehig, also lebendig, dieser ist was er ist, also tot. Dieses Naturgesetz hat
auch an der roemischen absoluten Militaermonarchie sich bewaehrt und nur um so
vollstaendiger sich bewaehrt, als sie, unter dem genialen Impuls ihres
Schoepfers und bei der Abwesenheit aller wesentlichen Verwicklungen mit dem
Ausland, sich reiner und freier als irgendein aehnlicher Staat gestaltet hat.
Von Caesar an hielt, wie die spaeteren Buecher dies darlegen werden und Gibbon
laengst es dargelegt hat, das roemische Wesen nur noch aeusserlich zusammen und
ward nur mechanisch erweitert, waehrend es innerlich eben mit ihm voellig
vertrocknete und abstarb. Wenn in den Anfaengen der Autokratie und vor allem in
Caesars eigener Seele noch der hoffnungsreiche Traum einer Vereinigung freier
Volksentwicklung und absoluter Herrschaft waltet, so hat schon das Regiment der
hochbegabten Kaiser des Julianischen Geschlechts in schrecklicher Weise gelehrt,
inwiefern es moeglich ist, Feuer und Wasser in dasselbe Gefaess zu fassen.
Caesars Werk war notwendig und heilsam, nicht weil es an sich Segen brachte oder
auch nur bringen konnte, sondern weil, bei der antiken, auf Sklavenrum gebauten,
von der republikanisch-konstitutionellen Vertretung voellig abgewandten
Volksorganisation und gegenueber der legitimen, in der Entwicklung eines halben
Jahrtausends zum oligarchischen Absolutismus herangereiften Stadtverfassung, die
absolute Militaermonarchie der logisch notwendige Schlussstein und das geringste
Uebel war. Wenn einmal in Virginien und den Carolinas die
Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben wird wie ihre Wahlverwandten
in dem sullanischen Rom, so wird dort auch der Caesarismus vor dem Geist der
Geschichte legitimiert sein ^4; wo er unter andern Entwicklungsverhaeltnissen
auftritt, ist er zugleich eine Fratze und eine Usurpation. Die Geschichte aber
wird sich nicht bescheiden, dem rechten Caesar deshalb die Ehre zu verkuerzen,
weil ein solcher Wahlspruch den schlechten Caesaren gegenueber die Einfalt irren
und der Bosheit zu Lug und Trug Gelegenheit geben kann. Sie ist auch eine Bibel,
und wenn sie so wenig wie diese, weder dem Toren es wehren kann sie
misszuverstehen, noch dem Teufel sie zu zitieren, so wird auch sie imstande
sein, beides zu ertragen wie zu vergiften.
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^4 Als dies geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht wissen,
wie bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten Sieg, den die
Geschichte des Menschengeschlechts bisher verzeichnet hat, demselben diese
furchtbare Probe erspart und dessen Zukunft der unbedingten, durch keinen
fokalen Caesarismus auf dir Dauer zu hemmenden sich selbst beherrschenden
Freiheit gesichert werden sollte.
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Die Stellung des neuen Staatsoberhaupts erscheint formell, zunaechst
wenigstens, als Diktatur. Caesar uebernahm dieselbe zuerst nach der Rueckkehr
aus Spanien im Jahre 705 (49), legte sie aber nach wenigen Tagen wieder nieder
und fuehrte den entscheidenden Feldzug des Jahres 706 (48) lediglich als Konsul
- es war dies das Amt, ueber dessen Bekleidung zunaechst der Buergerkrieg
ausgebrochen war. Aber im Herbst dieses Jahres, nach der Pharsalischen Schlacht,
kam er wieder auf die Diktatur zurueck und liess sich dieselbe abermals
uebertragen, zuerst auf unbestimmte Zeit, jedoch vom 1. Januar 709 (45) an als
Jahresamt, alsdann im Januar oder Februar 710 ^5 (44) auf die Dauer seines
Lebens, so dass er die frueher vorbehaltene Niederlegung des Amtes schliesslich
ausdruecklich fallen liess und der Lebenslaenglichkeit des Amtes in dem neuen
Titel dictator perpetuus formellen Ausdruck gab. Diese Diktatur, sowohl jene
erste ephemere wie die zweite dauernde, ist nicht die der alten Verfassung,
sondern das nur in dem Namen mit dieser zusammentreffende hoechste Ausnahmeamt
nach der Ordnung Sullas; ein Amt, dessen Kompetenz nicht durch die
verfassungsmaessigen Ordnungen ueber das hoechste Einzelamt, sondern durch
besonderen Volksschluss festgestellt ward und zwar dahin, dass der Inhaber in
dem Auftrag, Gesetze zu entwerfen und das Gemeinwesen zu ordnen, eine rechtlich
unumschraenkte, die republikanische Teilung der Gewalten aufhebende Amtsbefugnis
empfing. Es sind nur Anwendungen von dieser allgemeinen Befugnis auf den
einzelnen Fall, wenn dem Machthaber das Recht ohne Befragen des Senats und des
Volkes ueber Krieg und Frieden zu entscheiden, die selbstaendige Verfuegung
ueber Heere und Kassen, die Ernennung der Provinzialstatthalter nach durch
besondere Akte uebertragen wurden. Selbst solche Befugnisse, welche ausserhalb
der magistratischen, ja ausserhalb der Kompetenz der Staatsgewalten ueberhaupt
lagen, konnte Caesar hiernach von Rechts wegen sich beilegen; und es erscheint
fast als eine Konzession seinerseits, dass er darauf verzichtete, die Magistrate
anstatt der Komitien zu ernennen, und sich darauf beschraenkte, fuer einen Teil
der Praetoren und der niederen Magistrate ein bindendes Vorschlagsrecht in
Anspruch zu nehmen; dass er sich ferner zu der nach dem Herkommen ueberhaupt
nicht statthaften Kreierung von Patriziern noch durch besonderen Volksschluss
ermaechtigen liess.
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^5 Am 26. Januar 710 ;44) heisst Caesar noch dictator IIII
(Triumphaltafel); am 25. Februar des Jahres war er bereits dictator perpetuus
(Cic. Phil. 2, 34, 87). Vgl. Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl.. S. 726.
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Fuer andere Aemter im eigentlichen Sinn bleibt neben dieser Diktatur kein
Raum. Die Zensur als solche hat Caesar nicht uebernommen ^6, wohl aber die
zensorischen Rechte, namentlich das wichtige der Senatorenernennung in
umfassender Weise geuebt.
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^6 Die Formulierung jener Diktatur scheint die "Sittenbesserung"
ausdruecklich mithervorgehoben zu haben; aber ein eigenes Amt derart hat Caesar
nicht bekleidet (Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 705).
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Das Konsulat hat er haeufig neben der Diktatur, einmal auch ohne Kollegen
bekleidet, aber keineswegs dauernd an seine Person geknuepft und den
Aufforderungen, dasselbe auf fuenf oder gar auf zehn Jahre nacheinander zu
uebernehmen, keine Folge gegeben.
Die Oberaufsicht ueber den Kult brauchte Caesar nicht erst sich uebertragen
zu lassen, da er bereits Oberpontifex war. Es versteht sich, dass auch die
Mitgliedschaft des Augurnkollegiums ihm zuteil ward und ueberhaupt alte und neue
Ehrenrechte in Fuelle, wie der Titel eines Vaters des Vaterlandes, die Benennung
seines Geburtsmonats mit dem Namen, den er nach heute fuehrt, des Julius, und
andere, zuletzt in platte Vergoetterung sich verlaufende Manifestationen des
beginnenden Hoftons. Hervorgehoben zu werden verdienen nur zwei Einrichtungen:
dass Caesar den Tribunen des Volkes namentlich in ihrer besonderen persoenlichen
Unverletzlichkeit gleichgestellt und dass die Imperatorenbenennung dauernd an
seine Person geknuepft und neben den sonstigen Amtsbezeichnungen von ihm als
Titel gefuehrt ward ^7.
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^7 Caesar fuehrt die Bezeichnung Imperator immer ohne Iterationsziffer und
immer hinter dem Namen an erster Stelle (Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3.
Aufl., S. 767, A. 1).
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Fuer den Verstaendigen wird es weder dafuer eines Beweises beduerfen, dass
Caesar beabsichtigte, die hoechste Gewalt dem Gemeinwesen einzufuegen, und zwar
nicht nur auf einige Jahre oder auch als persoenliches Amt auf unbestimmte Zeit,
etwa wie Sullas Regentschaft, sondern als wesentliches und bleibendes Organ,
noch auch dafuer, dass er fuer die neue Institution eine entsprechende und
einfache Bezeichnung ausersah; denn wenn es ein politischer Fehler ist,
inhaltlose Namen zu schaffen, so ist es kaum ein geringerer, den Inhalt der
Machtfuelle ohne Namen hinzustellen. Nur ist es freilich, teils weil in dieser
Uebergangszeit die ephemeren und die bleibenden Bauten sich noch nicht klar
voneinander sondern, teils weil die dem Winke bereits zuvorkommende Devotion der
Klienten den Herrn mit einer ohne Zweifel ihm selbst widerwaertigen Fuelle von
Vertrauensdekreten und Ehrengesetzen ueberschuettete, nicht leicht
festzustellen, welche definitive Formulierung Caesar im Sinne gehabt hat. Am
wenigsten konnte die neue Monarchie an das Konsulat anknuepfen, schon wegen der
von diesem Amt nicht wohl zu trennenden Kollegialitaet, es hat auch Caesar
offenbar darauf hingearbeitet, dieses bisher hoechste Amt zum leeren Titel
herabzusetzen und spaeterhin, wenn er es uebernahm, dasselbe nicht das ganze
Jahr hindurch gefuehrt, sondern vor dem Ablauf an Personen zweiten Ranges
abgegeben. Die Diktatur tritt praktisch am haeufigsten und bestimmtesten hervor,
aber wahrscheinlich nur, weil Caesar sie als das benutzen wollte, was sie von
alters her im Verfassungsorganismus bedeutet hatte, als ausserordentliche
Vorstandschaft zur Ueberwindung ausserordentlicher Krisen. Als Traegerin der
neuen Monarchie dagegen empfahl sie sich wenig, da Exzeptionalitaet und
Unpopularitaet diesem Amte einmal anhafteten und es dem Vertreter der Demokratie
kaum zugetraut werden kann, diejenige Form, die der genialste Vorfechter der
Gegenpartei fuer seine Zwecke geschaffen hatte, fuer die dauernde Organisation
zu waehlen. Bei weitem geeigneter fuer die Formulierung der Monarchie erscheint
der neue Imperatorenname, schon darum, weil er in dieser Verwendung ^8 neu ist
und kein bestimmter aeusserer Anlass zur Einfuehrung desselben erhellt. Der neue
Wein durfte nicht in alte Schlaeuche gefuellt werden: hier ist zu der neuen
Sache der neue Name und in demselben in praegnantester Weise zusammengefasst,
was schon in dem Gabinischen Gesetz, nur mit minderer Schaerfe, die
demokratische Partei als Kompetenz ihres Oberhauptes formuliert hatte: die
Konzentrierung und Perpetuierung der Amtsgewalt (imperium) in der Hand eines vom
Senat unabhaengigen Volkshauptes. Auch begegnet auf Caesars Muenzen, namentlich
auf denen der letzten Zeit, neben der Diktatur vorwiegend der Imperatorentitel
und scheint in Caesars Gesetz ueber politische Verbrechen der Monarch mit diesem
Ausdruck bezeichnet worden zu sein. Es hat denn auch die Folgezeit, wenngleich
nicht unmittelbar, die Monarchie an den Imperatornamen geknuepft. Um diesem
neuen Amt zugleich die demokratische und die religioese Weihe zu verleihen,
beabsichtigte Caesar wahrscheinlich, mit demselben teils die tribunizische
Gewalt, teils das Oberpontifikat ein fuer allemal zu verknuepfen.
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^8 In republikanischer Zeit wird der Imperatorname, der den siegreichen
Feldherrn bezeichnet, abgelegt mit dem Ende des Feldzugs; als dauernde Titulatur
erscheint er bei Caesar zuerst.
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Dass die neue Organisation nicht bloss auf die Lebenszeit ihres Stifters
beschraenkt bleiben sollte, ist unzweifelhaft; aber derselbe ist nicht dazu
gelangt, die vor allem schwierige Frage der Nachfolge zu erledigen, und es muss
dahingestellt bleiben, ob er die Aufstellung irgendeiner Form fuer die
Nachfolgerwahl im Sinn gehabt hat, wie sie bei dem urspruenglichen Koenigtum
bestanden hatte, oder ob er fuer das hoechste Amt wie die Lebenslaenglichkeit,
so auch die Erblichkeit hat einfuehren wollen, wie dies sein Adoptivsohn
spaeterhin behauptet hat ^9. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er die Absicht
gehabt hat, beide Systeme gewissermassen miteinander zu verbinden und die
Nachfolge, aehnlich wie Cromwell und wie Napoleon, in der Weise zu ordnen, dass
dem Herrscher der Sohn in der Herrschaft nachfolgt, wenn er aber keinen Sohn hat
oder der Sohn ihm nicht zur Nachfolge geeignet scheint, der Herrscher in der
Form der Adoption den Nachfolger nach freier Wahl ernennt.
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^9 Dass bei Caesars Lebzeiten das Imperium sowohl wie das Oberpontifikat
fuer seine agnatische - leibliche oder durch Adoption vermittelte - Deszendenz
durch einen foermlichen legislatorischen Akt erblich gemacht worden ist, hat
Caesar der Sohn als seinen Rechtstitel zur Herrschaft geltend gemacht. Nach der
Beschaffenheit unserer Ueberlieferung muss die Existenz eines derartigen
Gesetzes oder Senatsbeschlusses entschieden in Abrede gestellt werden; es bleibt
aber wohl moeglich, dass Caesar die Erlassung eines solchen beabsichtigt hat.
Vgl. Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 767, 1106.
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Staatsrechtlich lehnte das neue Imperatorenamt sich an an die Stellung,
welche die Konsuln oder Prokonsuln ausserhalb der Bannmeile einnahmen, so dass
zunaechst das militaerische Kommando, daneben aber auch die hoechste
richterliche und folgeweise auch die administrative Gewalt darin enthalten war
^10. Insofern aber war die Gewalt des Imperators qualitativ der konsularisch-
prokonsularischen ueberlegen, als jene nicht nach Zeit und Raum begrenzt,
sondern lebenslaenglich und auch in der Hauptstadt wirksam war ^11, als der
Imperator nicht, wohl aber der Konsul, durch gleich maechtige Kollegen gehemmt
werden konnte und als alle im Laufe der Zeit der urspruenglicher. hoechsten
Amtsgewalt gesetzten Beschraenkungen, namentlich die Verpflichtung der
Provokation stattzugeben und die Ratschlaege des Senats zu beachten, fuer den
Imperator wegfielen. Um es mit einem Worte zu sagen: dies neue Imperatorenamt
war nichts anderes als das wiederhergestellte uralte Koenigtum; denn ebenjene
Beschraenkungen in der zeitlichen und oertlichen Begrenzung der Gewalt, in der
Kollegialitaet und der fuer gewisse Faelle notwendigen Mitwirkung des Rats oder
der Gemeinde waren es ja, die den Konsul vom Koenig unterschieden. Es ist kaum
ein Zug der neuen Monarchie, der nicht in der alten sich wiederfaende: die
Vereinigung der hoechsten militaerischen, richterlichen und administrativen
Gewalt in der Hand des Fuersten; eine religioese Vorstandschaft ueber das
Gemeinwesen; das Recht, Verordnungen mit bindender Kraft zu erlassen; die
Herabdrueckung des Senats zum Staatsrat; die Wiedererweckung des Patriziats und
der Stadtpraefektur. Aber schlagender noch als diese Analogien ist die innere
Gleichartigkeit der Monarchie des Servius Tullius und der Monarchie Caesars:
wenn jene alten Koenige vor. Rom bei all ihrer Vollgewalt doch Herrn einer
freien Gemeinde und eben sie die Schutzmaenner des gemeinen Mannes gegen den
Adel gewesen waren, so war auch Caesar nicht gekommen, um die Freiheit
aufzuloesen, sondern um sie zu erfuellen, und zunaechst, um das unertraegliche
Joch der Aristokratie zu brechen. Es darf auch nicht befremden, dass Caesar,
nichts weniger als ein politischer Antiquarius, ein halbes Jahrtausend
zurueckgriff, um zu seinem neuen Staat das Muster zu finden; denn da das
hoechste Amt des roemischen Gemeinwesens zu allen Zeiten ein durch eine Anzahl
Spezialgesetze eingeschraenktes Koenigtum geblieben war, war auch der Begriff
des Koenigtums selbst keineswegs verschollen. Zu den verschiedensten Zeiten und
von sehr verschiedenen Seiten her, in der Dezemviralgewalt, in der Sullanischen
und in seiner eigenen Diktatur, war man waehrend der Republik praktisch auf
denselben zurueckgekommen; ja mit einer gewissen logischen Notwendigkeit trat
ueberall, wo das Beduerfnis einer Ausnahmegewalt .sich zeigte, im Gegensatz
gegen das gewoehnliche beschraenkte das unbeschraenkte Imperium hervor, welches
eben nichts anderes war als die koenigliche Gewalt. Endlich empfahlen auch
aeussere Ruecksichten dies Zurueckgehen auf das ehemalige Koenigtum. Die
Menschheit gelangt zu Neuschoepfungen unsaeglich schwer und hegt darum die
einmal entwickelten Formen als ein heiliges Erbstueck. Darum knuepfte Caesar mit
gutem Bedacht an Servius Tullius in aehnlicher Weise an, wie spaeter Karl der
Grosse an ihn angeknuepft hat und Napoleon an Karl den Grossen wenigstens
anzuknuepfen versuchte. Er tat dies auch nicht etwa auf Umwegen und heimlich,
sondern so gut wie seine Nachfahren in moeglichst offenkundiger Weise; es war ja
eben der Zweck dieser Anknuepfung, eine klare, nationale und populaere
Formulierung fuer den neuen Staat zu finden. Seit alter Zeit standen auf dem
Kapitol die Standbilder derjenigen sieben Koenige, welche die konventionelle
Geschichte Roms aufzufuehren pflegte; Caesar befahl, daneben das seinige als das
achte zu errichten. Er erschien oeffentlich in der Tracht der alten Koenige von
Alba. In seinem neuen Gesetz ueber politische Verbrechen war die
hauptsaechlichste Abweichung von dem Sullanischen die, dass neben die
Volksgemeinde und auf eine Linie mit ihr der Imperator als der lebendige und
persoenliche Ausdruck des Volkes gestellt ward. In der fuer die politischen Eide
ueblichen Formel ward zu dem Jovis und den Penaten des roemischen Volkes der
Genius des Imperator hinzugefuegt. Das aeussere Kennzeichen der Monarchie war
nach der im ganzen Altertum verbreiteten Ansicht das Bild des Monarchen auf den
Muenzen: seit dem Jahre 710 (44) erscheint auf denen des roemischen Staats der
Kopf Caesars. Man konnte hiernach wenigstens darueber sich nicht beschweren,
dass Caesar das Publikum ueber die Auffassung seiner Stellung im dunkeln liess;
so bestimmt und so foermlich wie moeglich trat er auf, nicht bloss als Monarch,
sondern eben als Koenig von Rom. Moeglich ist es sogar, obwohl nicht gerade
wahrscheinlich und auf jeden Fall von untergeordneter Bedeutung, dass er im
Sinne gehabt hat, seine Amtsgewalt nicht mit dem neuen Imperatoren-, sondern
geradezu mit dem alten Koenigsnamen zu bezeichnen ^12. Schon bei seinen
Lebzeiten waren viele seiner Feinde wie seine Freunde der Ansicht, dass er
beabsichtige, sich ausdruecklich zum Koenig von Rom ernennen zu lassen; ja
einzelne seiner leidenschaftlichsten Anhaenger legten ihm die Aufsetzung der
Krone auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten nahe; am
auffallendsten Marcus Antonius, indem er als Konsul vor allem Volke Caesar das
Diadem darbot (15. Februar 710 44). Caesar aber wies diese Antraege ohne
Ausnahme von der Hand. Wenn er zugleich gegen diejenigen einschritt, die diese
Vorfaelle benutzten, um republikanische Opposition zu machen, so folgt daraus
noch keineswegs, dass es ihm mit der Zurueckweisung nicht Ernst war. Die Annahme
nun gar, dass diese Aufforderungen auf sein Geheiss erfolgt seien, um die Menge
auf das ungewohnte Schauspiel des roemischen Diadems vorzubereiten, verkennt
voellig die gewaltige Macht der Gesinnungsopposition, mit welcher Caesar zu
rechnen hatte und die durch eine solche oeffentliche Anerkennung ihrer
Berechtigung von Seiten Caesars selbst nicht nachgiebiger werden konnte,
vielmehr notwendig dadurch weiteren Boden gewann. Es kann der unberufene Eifer
leidenschaftlicher Anhaenger allein diese Auftritte veranlasst haben; es kann
auch sein, dass Caesar die Szene mit Antonius nur zuliess oder auch
veranstaltete, um durch die vor den Augen der Buergerschaft erfolgte und auf
seinen Befehl selbst in die Kalender des Staats eingetragene, in der Tat nicht
wohl wieder zurueckzunehmende Ablehnung des Koenigstitels dem unbequemen Klatsch
auf moeglichst eklatante Weise ein Ende zu machen. Die Wahrscheinlichkeit
spricht dafuer, dass Caesar, der den Wert einer gelaeufigen Formulierung ebenso
wuerdigte wie die mehr an die Namen als an das Wesen der Dinge sich heftenden
Antipathien der Menge, entschlossen war, den mit uraltem Bannfluch behafteten
und den Roemern seiner Zeit mehr noch fuer die Despoten des Orients als fuer
ihren Numa und Servius gelaeufigen Koenigsnamen zu vermeiden und das Wesen des
Koenigtums unter dem Imperatorentitel sich anzueignen.
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^10 Die verbreitete Meinung, die in dem kaiserlichen Imperatorenamt nichts
als die lebenslaengliche Reichsfeldherrnwuerde sieht, wird weder durch die
Bedeutung des Wortes noch durch die Auffassung der alten Berichterstatter
gerechtfertigt. Imperium ist die Befehlsgewalt, imperator der Inhaber derselben;
in diesen Worten wie in den entsprechenden griechischen Ausdrucken krat/o/r,
aytokrat/o/r liegt so wenig eine spezifisch militaerische Beziehung, dass es
vielmehr eben das Charakteristische der roemischen Amtsgewalt ist, wo sie rein
und vollstaendig auftritt, Krieg und Prozess, das ist die militaerische und die
buergerliche Befehlsgewalt, als ein untrennbares Ganze in sich zu enthalten.
Ganz richtig sagt Dio Cassius (53, 17, vgl. 43, 44; 52, 41), dass der Name
Imperator von den Kaisern angenommen ward "zur Anzeige ihrer Vollgewalt anstatt
des Koenigs- und Diktaturtitels (pros d/e/l/o/sin t/e/s aytotelo?s sph/o/n
exoysias, anti t/e/s to? basile/o/s to? te diktat/o/ros epikl/e/se/o/s); denn
diese aelteren Titel sind dem Namen nach verschwunden, der Sache nach aber gibt
der Imperatorname dieselben Befugnisse (to de d/e/ ergon ayt/o/n t/e/ to?
aytokrat/o/ros pros/e/goria bebais?ntai), zum Beispiel das Recht, Soldaten
auszuheben, Steuern; auszuschreiben, Krieg zu erklaeren und Frieden zu
schliessen, ueber Buerger und Nichtbuerger in und ausser der Stadt die hoechste
Gewalt zu ueben und jeden an jedem Orte am Leben oder sonst zu strafen.,
ueberhaupt der mit dem hoechsten Imperium in aeltester Zeit verbundenen
Befugnisse sich anzumassen". Deutlicher kann es wohl nicht gesagt werden, dass
imperator eben gar nichts ist als ein Synonym fuer rex, so gut wie imperare mit
regere zusammenfaellt.
^11 Als Augustus bei Konstituierung des Prinzipats das Caesarische Imperium
wiederaufnahm, geschah dies mit der Beschraenkung, dass es raeumlich und in
gewissem Sinn auch zeitlich begrenzt sein solle; die prokonsularische Gewalt der
Kaiser, welche nichts ist als ebendies Imperium, sollte fuer Rom und Italien
nicht zur Anwendung kommen (Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3, Aufl., S. 854j.
Auf diesem Moment ruht der wesentliche Unterschied des Caesarischen Imperiums
und des Augustfischen Prinzipats, sowie andererseits auf der schon prinzipiell
und mehr noch praktisch unvollstaendigen Verwirklichung jener Schranke die reale
Gleichheit beider Institutionen.
^12 Ueber diese Frage laesst sich streiten; dagegen muss die Annahme, dass
es Caesars Absicht gewesen, die Roemer als Imperator, die Nichtroemer als Rex zu
beherrschen, einfach verworfen werden. Sie stuetzt sich einzig auf die
Erzaehlung, dass in der Senatssitzung, in welcher Caesar ermordet ward, von
einem der Orakelpriester Lucius Cotta ein Sibyllenspruch, wonach die Parther nur
von einem "Koenig" koennten ueberwunden werden, habe vorgelegt und infolgedessen
der Beschluss gefasst werden sollen, Caesar das Koenigtum ueber die roemischen
Provinzen zu uebertragen. Diese Erzaehlung war allerdings schon unmittelbar nach
Caesars Tod in Umlauf. Allein nicht bloss findet sie nirgends irgendwelche auch

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