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Rˆmische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen

Part 7 out of 11

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festhielt, Pompeius gezwungen, den Krieg zu erklaeren, und ihn zu erklaeren
nicht als Vertreter der legitimen Gewalt, sondern als Feldherr einer offenbar
revolutionaeren und die Mehrheit terrorisierenden Senatsminoritaet. Es war
dieser Erfolg nicht gering anzuschlagen, wenngleich der Instinkt der Massen sich
keinen Augenblick darueber taeuschen konnte und taeuschte, dass es in diesem
Krieg sich um andere Dinge handelte als um formale Rechtsfragen. Nun, wo der
Krieg erklaert war, lag es in Caesars Interesse, baldmoeglichst zum Schlagen zu
kommen. Die Ruestungen der Gegner waren erst im Beginnen und selbst die
Hauptstadt unbesetzt. In zehn bis zwoelf Tagen konnte daselbst eine den in
Oberitalien stehenden Truppen Caesars dreifach ueberlegene Armee beisammen sein;
aber noch war es nicht unmoeglich, Rom unverteidigt zu ueberrumpeln, ja
vielleicht durch einen raschen Winterfeldzug ganz Italien einzunehmen und den
Gegnern ihre besten Hilfsquellen zu verschliessen, bevor sie noch dieselben
nutzbar zu machen vermochten. Der kluge und energische Curio, der nach
Niederlegung seines Tribunats (9. Dezember 704 50) sofort zu Caesar nach Ravenna
gegangen war, stellte seinem Meister die Lage der Dinge lebhaft vor, und es
bedurfte dessen schwerlich, um Caesar zu ueberzeugen, dass jetzt laengeres
Zaudern nur schaden koenne. Allein da er, um nicht den Gegnern Veranlassung zu
Beschwerden zu geben, nach Ravenna selbst bisher keine Truppen gezogen hatte,
konnte er fuer jetzt nichts tun, als seinen saemtlichen Korps den Befehl zum
schleunigsten Aufbruch zufertigen und musste warten, bis wenigstens die eine in
Oberitalien stehende Legion in Ravenna eintraf. Inzwischen sandte er ein
Ultimatum nach Rom, das, wenn zu nichts anderem, doch dazu nuetzlich war, dass
es durch Nachgiebigkeit bis aufs aeusserste seine Gegner noch weiter in der
oeffentlichen Meinung kompromittierte und vielleicht sogar, indem er selber zu
zaudern schien, sie bestimmte, die Ruestungen gegen ihn laessiger zu betreiben.
In diesem Ultimatum liess Caesar alle frueheren an Pompeius gestellten
Gegenforderungen fallen und erbot sich seinerseits, bis zu der von dem Senate
festgesetzten Frist sowohl die Statthalterschaft des Jenseitigen Galliens
niederzulegen als auch von den zehn ihm eigenen Legionen acht aufzuloesen; er
erklaerte sich befriedigt, wenn der Senat ihm entweder die Statthalterschaft des
Diesseitigen Galliens und Illyriens mit einer oder auch die des Diesseitigen
Galliens allein mit zwei Legionen, nicht etwa bis zur Uebernahme des Konsulats,
sondern bis nach Beendigung der Konsulwahlen fuer 706 (48) belasse. Er ging also
auf diejenigen Vergleichsvorschlaege ein, mit denen zu Anfang der Verhandlungen
die Senatspartei, ja Pompeius selbst erklaert hatten, sich befriedigen zu
wollen, und zeigte sich bereit, von der Wahl zum Konsulat bis zum Antritt
desselben im Privatstand zu verharren. Ob es Caesar mit diesen erstaunlichen
Zugestaendnissen Ernst war und er sein Spiel gegen Pompeius selbst bei solchem
Vorgeben durchfuehren zu koennen sich getraute oder ob er darauf rechnete, dass
man auf der andern Seite bereits zu weit gegangen sei, um in diesen
Vergleichsvorschlaegen mehr zu finden als den Beweis dafuer, dass Caesar seine
Sache selbst als verloren betrachte, laesst sich nicht mehr mit Sicherheit
entscheiden. Die Wahrscheinlichkeit ist dafuer, dass Caesar weit eher den Fehler
allzukecken Spielens als den schlimmeren beging, etwas zu versprechen, was er
nicht zu halten gesonnen war, und dass, wenn wunderbarerweise seine Vorschlaege
angenommen worden waeren, er sein Wort gutgemacht haben wuerde. Curio uebernahm
es, seinen Herrn noch einmal in der Hoehle des Loewen zu vertreten. In drei
Tagen durchflog er die Strasse von Ravenna nach Rom; als die neuen Konsuln
Lucius Lentulus und Gaius Marcellus der juengere ^3 zum erstenmal am 1. Januar
705 (49) den Senat versammelten, uebergab er in voller Sitzung das von dem
Feldherrn an den Senat gerichtete Schreiben. Die Volkstribune Marcus Antonius,
in der Skandalchronik der Stadt bekannt als Curios vertrauter Freund und aller
seiner Torheiten Genosse, aber zugleich auch aus den aegyptischen und gallischen
Feldzuegen als glaenzender Reiteroffizier, und Quintus Cassius, Pompeius'
ehemaliger Quaestor, welche beide jetzt an Curios Stelle Caesars Sache in Rom
fuehrten, erzwangen die sofortige Verlesung der Depesche. Die ernsten und klaren
Warte, in denen Caesar den drohenden Buergerkrieg, den allgemeinen Wunsch nach
Frieden, Pompeius' Uebermut, seine eigene Nachgiebigkeit mit der ganzen
unwiderstehlichen Macht der Wahrheit darlegte, die Vergleichsvorschlaege von
einer ohne Zweifel seine eigenen Anhaenger ueberraschenden Maessigung, die
bestimmte Erklaerung, dass hiermit die Hand zum Frieden zum letztenmal geboten
sei, machten den tiefsten Eindruck. Trotz der Furcht vor den zahlreich in die
Hauptstadt gestroemten Soldaten des Pompeius war die Gesinnung der Majoritaet
nicht zweifelhaft; man durfte nicht wagen, sie sich aussprechen zu lassen. Ueber
den von Caesar erneuerten Vorschlag, dass beiden Statthaltern zugleich die
Niederlegung ihres Kommandos aufgegeben werden moege, ueber alle durch sein
Schreiben nahegelegten Vergleichsvorschlaege und ueber den von Marcus Caelius
Rufus und Marcus Calidius gestellten Antrag, Pompeius zur sofortigen Abreise
nach Spanien zu veranlassen, weigerten sich die Konsuln, wie sie als Vorsitzende
es durften, die Abstimmung zu eroeffnen. Selbst der Antrag eines der
entschiedensten Gesinnungsgenossen, der nur nicht gegen die militaerische Lage
der Dinge so blind war wie seine Partei, des Marcus Marcellus: die
Beschlussfassung auszusetzen, bis der italische Landsturm unter Waffen stehe und
den Senat zu schuetzen vermoege, durfte nicht zur Abstimmung gebracht werden.
Pompeius liess durch sein gewoehnliches Organ Quintus Scipio erklaeren, dass er
jetzt oder nie die Sache des Senats aufzunehmen entschlossen sei und sie fallen
lasse, wenn man noch laenger zaudere. Der Konsul Lentulus sprach es unumwunden
aus, dass es gar auf den Beschluss des Senats nicht mehr ankomme, sondern, wenn
derselbe bei seiner Servilitaet verharren sollte, er von sich aus handeln und
mit seinen maechtigen Freunden das weitere veranlassen werde. So terrorisiert,
beschloss die Majoritaet, was ihr befohlen ward: dass Caesar bis zu einem
bestimmten, nicht fernen Tage das Jenseitige Gallien an Lucius Domitius
Ahenobarbus, das Diesseitige an Marcus Servilius Nonianus abzugeben und das Heer
zu entlassen habe, widrigenfalls er als Hochverraeter erachtet werde. Als die
Tribune von Caesars Partei gegen diesen Beschluss ihres Interzessionsrechts sich
bedienten, wurden sie nicht bloss, wie sie wenigstens behaupteten, in der Kurie
selbst von Pompeianischen Soldaten mit den Schwertern bedroht und, um ihr Leben
zu retten, in Sklavenkleidern aus der Hauptstadt zu fluechten gezwungen, sondern
es behandelte auch der nun hinreichend eingeschuechterte Senat ihr formell
durchaus verfassungsmaessiges Einschreiten wie einen Revolutionsversuch,
erklaerte das Vaterland in Gefahr und rief in den ueblichen Formen die gesamte
Buergerschaft unter die Waffen und an die Spitze der Bewaffneten die saemtlichen
verfassungstreuen Beamten (7. Januar 705 49).
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^3 Zu unterscheiden von dem gleichnamigen Konsul des Jahres 704 (SO);
dieser war ein Vetter, der Konsul des Jahres 705 (49) ein Bruder des Marcus
Marcellus, Konsul 703 (51).
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Nun war es genug. Wie Caesar durch die schutzflehend zu ihm ins Lager
fluechtenden Tribune von der Aufnahme in Kenntnis gesetzt ward, welche seine
Vorschlaege in der Hauptstadt gefunden hatten, rief er die Soldaten der
dreizehnten Legion, die inzwischen aus ihren Kantonierungen bei Tergeste
(Triest) in Ravenna eingetroffen war, zusammen und entwickelte vor ihnen den
Stand der Dinge. Es war nicht bloss der geniale Herzenskuendiger und
Geisterbeherrscher, dessen glaenzende Rede in diesem erschuetternden Wendepunkt
seines und des Weltgeschicks hoch emporleuchtete und flammte; nicht bloss der
freigebige Heermeister und der sieghafte Feldherr, welcher zu den Soldaten
sprach, die von ihm selbst unter die Waffen gerufen und seit acht Jahren mit
immer steigender Begeisterung seinen Fahnen gefolgt waren; es sprach vor allem
der energische und konsequente Staatsmann, der nun seit neunundzwanzig Jahren
die Sache der Freiheit in guter und boeser Zeit vertreten, fuer sie den Dolchen
der Moerder und den Henkern der Aristokratie, den Schwertern der Deutschen und
den Fluten des unbekannten Ozeans Trotz geboten hatte, ohne je zu weichen und zu
wanken, der die Sullanische Verfassung zerrissen, das Regiment des Senats
gestuerzt, die wehr- und waffenlose Demokratie in dem Kampfe jenseits der Alpen
beschildet und bewehrt hatte; und er sprach nicht zu dem clodianischen Publikum,
dessen republikanischer Enthusiasmus laengst zu Asche und Schlacken
niedergebrannt war, sondern zu den jungen Mannschaften aus den Staedten und
Doerfern Norditaliens, die den maechtigen Gedanken der buergerlichen Freiheit
noch frisch und rein empfanden, die noch faehig waren, fuer Ideale zu fechten
und zu sterben, die selbst fuer ihre Landschaft das von der Regierung ihnen
versagte Buergerrecht in revolutionaerer Weise von Caesar empfangen hatten, die
Caesars Sturz den Ruten und Beilen abermals preisgab und die die tatsaechlichen
Beweise bereits davon besassen, wie unerbittlichen Gebrauch die Oligarchie davon
gegen die Transpadaner zu machen gedachte. Vor solchen Zuhoerern legte ein
solcher Redner die Tatsachen dar: den Dank fuer die Eroberung Galliens, den der
Adel dem Feldherrn und dem Heer bereitete, die geringschaetzige Beseitigung der
Komitien, die Terrorisierung des Senats, die heilige Pflicht, das vor einem
halben Jahrtausend von den Vaetern mit den Waffen in der Hand dem Adel
abgezwungene Volkstribunat mit gewaffneter Hand zu schirmen, den alten Schwur zu
halten, den jene fuer sich wie fuer die Enkel ihrer Enkel geleistet, fuer die
Tribune der Gemeinde Mann fuer Mann einzustehen bis in den Tod. Als dann er, der
Fuehrer und Feldherr der Popularpartei, die Soldaten des Volkes aufrief, jetzt,
nachdem der Gueteversuch erschoepft, die Nachgiebigkeit an den aeussersten
Grenzen angelangt war, jetzt ihm zu folgen in den letzten, den unvermeidlichen,
den entscheidenden Kampf gegen den ebenso verhassten wie verachteten, ebenso
perfiden wie unfaehigen und bis zur Laecherlichkeit unverbesserlichen Adel - da
war kein Offizier und kein Soldat, der sich zurueckgehalten haette. Der Aufbruch
war befohlen; an der Spitze seines Vortrabs ueberschritt Caesar den schmalen
Bach, der seine Provinz von Italien schied und jenseits dessen die Verfassung
den Prokonsul von Gallien bannte. Indem er nach neunjaehriger Abwesenheit den
Boden des Vaterlandes wieder betrat, betrat er zugleich die Bahn der Revolution.
"Die Wuerfel waren geworfen."
10. Kapitel
Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus
Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also die
Waffen entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster Alleinherrscher zu
sein. Sehen wir, wie fuer die bevorstehende Kriegfuehrung zwischen Caesar und
Pompeius sich das Machtverhaeltnis gestellt hatte.
Caesars Macht ruhte zunaechst auf der voellig unumschraenkten Gewalt, deren
er innerhalb seiner Partei genoss. Wenn die Ideen der Demokratie und der
Monarchie in ihr zusammenflossen, so war dies nicht die Folge einer zufaellig
eingegangenen und zufaellig loesbaren Koalition, sondern es war im tiefsten
Wesen der Demokratie ohne Repraesentativverfassung begruendet, dass Demokratie
wie Monarchie zugleich ihren hoechsten und letzten Ausdruck in Caesar fanden.
Politisch wie militaerisch entschied Caesar durchaus in erster und letzter
Instanz. In wie hohen Ehren er auch jedes brauchbare Werkzeug hielt, so blieb es
doch immer Werkzeug: Caesar stand innerhalb seiner Partei ohne Genossen, nur
umgeben von militaerisch-politischen Adjutanten, die in der Regel aus der Armee
hervorgegangen und als Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und Zweck zu
fragen, sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in dem
entscheidenden Augenblick, als der Buergerkrieg begann, von allen Soldaten und
Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam verweigert; und es
bestaetigt nur diese Auffassung des Verhaeltnisses Caesars zu seinen Anhaengern,
dass dieser eine eben von allen der Erste war. Titus Labienus hatte mit Caesar
alle Drangsale der duesteren catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen
Siegeslaufbahn geteilt, hatte regelmaessig selbstaendig befehligt und haeufig
die halbe Armee gefuehrt; er war ohne Frage wie der aelteste, tuechtigste und
treueste unter Caesars Adjutanten, so auch der hoechstgestellte und am hoechsten
geehrte. Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den Oberbefehl im Diesseitigen
Gallien uebertragen, um teils diesen Vertrauensposten in sichere Hand zu geben,
teils zugleich Labienus in seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu foerdern.
Allein ebenhier trat Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim
Beginn der Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in Pompeius'
Hauptquartier und kaempfte waehrend des ganzen Buergerkrieges mit beispielloser
Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn. Wir sind weder ueber
Labienus' Charakter noch ueber die einzelnen Umstaende seines Parteiwechsels
genuegend unterrichtet; im wesentlichen aber liegt hier sicher nichts vor als
ein weiterer Beleg dafuer, dass der Kriegsfuerst weit sicherer auf seine
Hauptleute als auf seine Marschaelle zaehlen kann. Allem Anschein nach war
Labienus eine jener Persoenlichkeiten, die mit militaerischer Brauchbarkeit
vollstaendige staatsmaennische Unfaehigkeit vereinigen und die dann, wenn sie
ungluecklicherweise Politik machen wollen oder muessen, jenen tollen
Schwindelanfaellen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der Napoleonischen
Marschaelle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt. Er mochte wohl sich
berechtigt halten, als das zweite Haupt der Demokratie neben Caesar zu gelten;
und dass er mit diesem Anspruch zurueckgewiesen ward, wird ihn in das Lager der
Gegner gefuehrt haben. Es zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des
Uebelstandes, dass Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbstaendiger
Adjutanten keine zur Uebernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Maenner
in seinem Lager emporkommen liess, waehrend er doch bei der leicht
vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegfuehrung durch alle
Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Maenner dringend bedurfte. Allein
dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste und nur um diesen
Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs, die Einheit der obersten
Leitung.
Die einheitliche Leitung erhielt ihre volle Gewalt durch die Brauchbarkeit
der Werkzeuge. Hier kam in erster Linie in Betracht die Armee. Sie zaehlte noch
neun Legionen Infanterie oder hoechstens 50000 Mann, welche aber alle vor dem
Feinde gestanden und von denen zwei Drittel saemtliche Feldzuege gegen die
Kelten mitgemacht hatten. Die Reiterei bestand aus deutschen und norischen
Soeldnern, deren Brauchbarkeit und Zuverlaessigkeit in dem Kriege gegen
Vercingetorix erprobt worden war. Der achtjaehrige Krieg voll mannigfacher
Wechselfaelle gegen die tapfere, wenn auch militaerisch der italischen
entschieden nachstehende keltische Nation hatte Caesar die Gelegenheit gegeben,
seine Armee zu organisieren, wie nur er zu organisieren verstand. Alle
Brauchbarkeit des Soldaten setzt physische Tuechtigkeit voraus: bei Caesars
Aushebungen wurde auf Staerke und Gewandtheit der Rekruten mehr als auf
Vermoegen und Moralitaet gesehen. Aber die Leistungsfaehigkeit der Armee beruht,
wie die einer jeden Maschine, vor allen Dingen auf der Leichtigkeit und
Schnelligkeit der Bewegung: in der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder
Zeit und in der Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine
selten erreichte und wohl nie uebertroffene Vollkommenheit. Mut galt natuerlich
ueber alles: die Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den Korpsgeist
anzufachen, so dass die Bevorzugung einzelner Soldaten und Abteilungen selbst
den Zurueckstehenden als die notwendige Hierarchie der Tapferkeit erschien,
uebte Caesar mit unerreichter Meisterschaft. Er gewoehnte den Leuten das
Fuerchten ab, indem er, wo es ohne ernste Gefahr geschehen konnte, die Soldaten
nicht selten von einem bevorstehenden Kampf nicht in Kenntnis setzte, sondern
sie unvermutet auf den Feind treffen liess. Aber der Tapferkeit gleich stand der
Gehorsam. Der Soldat wurde angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach Ursache
und Absicht zu fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig als Uebung in der
schweren Kunst der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt. Die Disziplin war streng,
aber nicht peinlich: unnachsichtlich ward sie gehandhabt, wenn der Soldat vor
dem Feinde stand; zu anderen Zeiten, vor allem nach dem Siege, wurden die Zuegel
nachgelassen, und wenn es dem sonst brauchbaren Soldaten dann beliebte, sich zu
parfuemieren oder mit eleganten Waffen und andern Dingen sich zu putzen, ja
sogar, wenn er Brutalitaeten oder Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art
sich zu Schulden kommen liess und nur nicht zunaechst die militaerischen
Verhaeltnisse dadurch beruehrt wurden, so ging die Narrenteidung wie das
Verbrechen ihm hin und die desfaelligen Klagen der Provinzialen fanden bei dem
Feldherrn ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloss den Anstiftern,
sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der rechte Soldat soll nicht
bloss ueberhaupt tuechtig, tapfer und gehorsam, sondern er soll dies alles
willig, ja freiwillig sein; und nur genialen Naturen ist es gegeben, durch
Beispiel und durch Hoffnung und vor allem durch das Bewusstsein, zweckmaessig
gebraucht zu werden, die beseelte Maschine, die sie regieren, zum freudigen
Dienen zu bestimmen. Wenn der Offizier, um von seinen Leuten Tapferkeit zu
verlangen, selbst mit ihnen der Gefahr ins Auge gesehen haben muss, so hatte
Caesar auch als Feldherr Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich
dem Besten ihn gebraucht; an Taetigkeit aber und Strapazen mutete er stets sich
selbst weit mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafuer, dass an den Sieg,
der zunaechst freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch auch fuer den Soldaten
sich persoenliche Hoffnungen knuepften. Dass er es verstand, die Soldaten fuer
die Sache der Demokratie zu begeistern, soweit die prosaisch gewordene Zeit noch
Begeisterung gestattet, und dass die politische Gleichstellung der
transpadanischen Landschaft, der Heimat seiner meisten Soldaten, mit dem
eigentlichen Italien als eines der Kampfziele hingestellt ward, wurde schon
erwaehnt. Es versteht sich, dass daneben auch materielle Praemien nicht fehlten,
sowohl besondere fuer hervorragende Waffentaten, wie allgemeine fuer jeden
tuechtigen Soldaten; dass die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und fuer
den Triumph die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden. Aber vor
allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in jedem einzelnen
grossen oder kleinen Triebrad des maechtigen Instruments das Gefuehl
zweckmaessiger Verwendung zu erwecken. Der gewoehnliche Mensch ist zum Dienen
bestimmt und er straeubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn er fuehlt, dass ein
Meister ihn lenkt. Allgegenwaertig und jederzeit ruhte der Adlerblick des
Feldherrn auf dem ganzen Heer, mit unparteiischer Gerechtigkeit belohnend und
bestrafend und der Taetigkeit eines jeden die zum Besten aller dienenden Wege
weisend, so dass auch mit des Geringsten Schweiss und Blut nicht experimentiert
oder gespielt, darum aber auch, wo es noetig war, unbedingte Hingebung bis in
den Tod gefordert ward. Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den Einblick
zu gestatten, liess Caesar ihn doch genug von dem politischen und militaerischen
Zusammenhang der Dinge ahnen, um als Staatsmann und Feldherr von dem Soldaten
erkannt, auch wohl idealisiert zu werden. Durchaus behandelte er die Soldaten
nicht als seinesgleichen, aber als Maenner, welche Wahrheit zu fordern
berechtigt und zu ertragen faehig waren, und die den Versprechungen und
Versicherungen des Feldherrn Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu
vermuten oder auf Geruechte zu horchen; als langjaehrige Kameraden in Krieg und
Sieg, unter denen kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem sich
nicht in all den Feldzuegen ein mehr oder minder persoenliches Verhaeltnis zu
dem Feldherrn gebildet haette; als gute Genossen, mit denen er zutraulich und
mit der ihm eigenen heiteren Elastizitaet schwatzte und verkehrte; als
Schutzbefohlene, deren Dienste zu vergelten, deren Unbill und Tod zu raechen ihm
heilige Pflicht war. Vielleicht nie hat es eine Armee gegeben, die so vollkommen
war, was die Armee sein soll: eine fuer ihre Zwecke faehige und fuer ihre Zwecke
willige Maschine in der Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene Spannkraft
uebertraegt. Caesars Soldaten waren und fuehlten sich zehnfacher Uebermacht
gewachsen: wobei nicht uebersehen werden darf, dass bei der durchaus auf das
Handgemenge und vornehmlich den Schwertkampf berechneten roemischen Taktik der
geuebte roemische Soldat dem Neuling in noch weit hoeherem Grade ueberlegen war,
als dies unter den heutigen Verhaeltnissen der Fall ist ^1. Aber noch mehr als
durch die ueberlegene Tapferkeit fuehlten die Gegner sich gedemuetigt durch die
unwandelbare und ruehrende Treue, mit der Caesars Soldaten an ihrem Feldherrn
hingen. Es ist wohl ohne Beispiel in der Geschichte, dass, als der Feldherr
seine Soldaten aufrief, ihm in den Buergerkrieg zu folgen, mit der einzigen,
schon erwaehnten Ausnahme des Labienus kein roemischer Offizier und kein
roemischer Soldat ihn im Stich liess. Die Hoffnungen der Gegner auf eine
ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmaehlich wie der fruehere Versuch,
sein Heer wie das des Lucullus auseinander zu sprengen; selbst Labienus erschien
in Pompeius' Lager wohl mit einem Haufen keltischer und deutscher Reiter, aber
ohne einen einzigen Legionaer. Ja die Soldaten, als wollten sie zeigen, dass der
Krieg ganz ebenso ihre Sache sei wie die des Feldherrn, machten unter sich aus,
dass sie den Sold, den ihnen Caesar beim Ausbruch des Buergerkrieges zu
verdoppeln versprochen hatte, bis zu dessen Beendigung dem Feldherrn kreditieren
und inzwischen die aermeren Kameraden aus allgemeinen Mitteln unterstuetzen
wollten; ueberdies ruestete und besoldete jeder Unteroffizier einen Reiter aus
seiner Tasche.
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^1 Ein gefangener Centurio von der zehnten Legion Caesars erklaerte dem
feindlichen Oberfeldherrn dass er bereit sei, es mit zehn von seinen Leuten
gegen die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell. Afr. 45). "In
der Fechtweise der Alten", urteilt Napoleon I., "bestand die Schlacht aus lauter
Zweikaempfen; in dem Munde des heutigen Soldaten wuerde es Prahlerei sein, was
in dem jenes Centurionen nur richtig war." Von dem Soldatengeist, der Caesars
Armee durchdrang, legen die seinen Memoiren angehaengten Berichte ueber den
Afrikanischen und den Zweiten Spanischen Krieg, von denen jener einen Offizier
zweiten Ranges zum Verfasser zu haben scheint, dieser ein in jeder Beziehung
subalternes Lagerjournal ist, lebendigen Beweis ab.
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Wenn also Caesar das eine hatte, was not tat: unbeschraenkte politische und
militaerische Gewalt und eine schlagfertige zuverlaessige Armee, so dehnte seine
Macht verhaeltnismaessig sich nur ueber einen sehr beschraenkten Raum aus. Sie
ruhte wesentlich auf der oberitalischen Provinz. Diese Landschaft war nicht
bloss die am besten bevoelkerte unter allen italischen, sondern auch der Sache
der Demokratie als ihrer eigenen ergeben. Von der daselbst herrschenden Stimmung
zeugt das Verhalten einer Abteilung Rekruten von Opitergium (Oderzo in der
Delegation Treviso), die nicht lange nach dem Ausbruch des Krieges in den
illyrischen Gewaessern, auf einem elenden Floss von den feindlichen
Kriegsschiffen umzingelt, den ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne sich
zusammenschiessen liessen, ohne sich zu ergeben, und, soweit sie den Geschossen
entgangen waren, in der folgenden Nacht mit eigener Hand sich den Tod gaben. Man
begreift, was einer solchen Bevoelkerung zugemutet werden konnte. Wie sie Caesar
bereits die Mittel gewaehrt hatte, seine urspruengliche Armee mehr als zu
verdoppeln, so stellten auch nach Ausbruch des Buergerkrieges zu den sofort
angeordneten umfassenden Aushebungen die Rekruten zahlreich sich ein. In dem
eigentlichen Italien dagegen war Caesars Einfluss dem der Gegner nicht entfernt
zu vergleichen. Wenn er auch durch geschickte Manoever die Catonische Partei ins
Unrecht zu setzen gewusst und alle, die einen Vorwand wuenschten, um mit gutem
Gewissen entweder neutral zu bleiben, wie die Senatsmajoritaet, oder seine
Partei zu ergreifen, wie seine Soldaten und die Transpadaner, von seinem guten
Recht hinreichend ueberzeugt hatte, so liess sich doch die Masse der
Buergerschaft natuerlich dadurch nicht irren und sah, als der Kommandant von
Gallien seine Legionen gegen Rom in Bewegung setzte, allen formalen
Rechtseroerterungen zum Trotz, in Cato und Pompeius die Verteidiger der
legitimen Republik, in Caesar den demokratischen Usurpator. Allgemein erwartete
man ferner von dem Neffen des Marius, dem Schwiegersoehne des Cinna, dem
Verbuendeten des Catilina die Wiederholung der Marianisch-Cinnanischen Greuel,
die Realisierung der von Catilina entworfenen Saturnalien der Anarchie; und wenn
auch Caesar hierdurch allerdings Verbuendete gewann, die politischen
Fluechtlinge sofort in Masse sich ihm zur Verfuegung stellten, die verlorenen
Leute ihren Erloeser in ihm sahen, die niedrigsten Schichten des haupt- und
landstaedtischen Poebels auf die Kunde von seinem Anmarsch in Gaerung gerieten,
so waren dies doch von den Freunden, die gefaehrlicher als die Feinde sind. Noch
weniger als in Italien hatte Caesar in den Provinzen und den Klientelstaaten
Einfluss. Das Transalpinische Gallien bis zum Rhein und zum Kanal gehorchte ihm
zwar, und die Kolonisten von Narbo sowie die sonst daselbst ansaessigen
roemischen Buerger waren ihm ergeben; allein selbst in der Narbonensischen
Provinz hatte die Verfassungspartei zahlreiche Anhaenger, und nun gar die
neueroberten Landschaften waren fuer Caesar in dem bevorstehenden Buergerkrieg
weit mehr eine Last als ein Vorteil, wie er denn aus guten Gruenden in demselben
von dem keltischen Fussvolk gar keinen, von der Reiterei nur sparsamen Gebrauch
machte. In den uebrigen Provinzen und den benachbarten, halb oder ganz
unabhaengigen Staaten hatte Caesar wohl auch versucht, sich Rueckhalt zu
verschaffen, hatte den Fuersten reiche Geschenke gespendet, in manchen Staedten
grosse Bauten ausfuehren lassen und in Notfaellen ihnen finanziellen und
militaerischen Beistand gewaehrt; allein im ganzen war natuerlich damit nicht
viel erreicht worden, und die Beziehungen zu den deutschen und keltischen
Fuersten in den Rhein- und Donaulandschaften, namentlich die der Reiterwerbung
wegen wichtige zu dem norischen Koenig Voccio waren wohl die einzigen derartigen
Verhaeltnisse, die fuer ihn etwas bedeuten mochten.
Wenn Caesar also in den Kampf eintrat nur als Kommandant von Gallien, ohne
andere wesentliche Hilfsmittel als brauchbare Adjutanten, ein treues Heer und
eine ergebene Provinz, so begann ihn Pompeius als tatsaechliches Oberhaupt des
roemischen Gemeinwesens und im Vollbesitz aller der legitimen Regierung des
grossen roemischen Reiches zur Verfuegung stehenden Hilfsquellen. Allein wenn
seine Stellung politisch und militaerisch weit ansehnlicher war, so war sie
dagegen auch weit minder klar und fest. Die Einheit der Oberleitung, die aus
Caesars Stellung sich von selbst und mit Notwendigkeit ergab, war dem Wesen der
Koalition zuwider; und obwohl Pompeius, zu sehr Soldat, um sich ueber die
Unentbehrlichkeit derselben zu taeuschen, sie der Koalition aufzuzwingen
versuchte und sich vom Senat zum alleinigen und unumschraenkten Oberfeldherrn zu
Lande und zur See ernennen liess, so konnte doch der Senat selbst nicht
beseitigt und ein ueberwiegender Einfluss auf die politische, ein gelegentliches
und darum doppelt schaedliches Eingreifen in die militaerische Oberleitung ihm
nicht verwehrt werden. Die Erinnerung an den zwanzigjaehrigen, auf beiden Seiten
mit vergifteten Waffen gefuehrten Krieg zwischen Pompeius und der
Verfassungspartei, das auf beiden Seiten lebhaft vorhandene und muehsam
verhehlte Bewusstsein, dass die naechste Folge des erfochtenen Sieges der Bruch
zwischen den Siegern sein werde, die Verachtung, die man gegenseitig und von
beiden Seiten mit nur zu gutem Grund sich zollte, die unbequeme Anzahl
angesehener und einflussreicher Maenner in den Reihen der Aristokratie und die
geistige und sittliche Inferioritaet fast aller Beteiligten erzeugten ueberhaupt
bei den Gegnern Caesars ein widerwilliges und widersetzliches Zusammenwirken,
das mit dem eintraechtigen und geschlossenen Handeln auf der anderen Seite den
uebelsten Kontrast bildet.
Wenn also alle Nachteile der Koalition unter sich feindlicher Maechte von
Caesars Gegnern in ungewoehnlichem Masse empfunden wurden, so war doch
allerdings auch diese Koalition eine sehr ansehnliche Macht. Die See beherrschte
sie ausschliesslich: alle Haefen, alle Kriegsschiffe, alles Flottenmaterial
standen zu ihrer Verfuegung. Die beiden Spanien, gleichsam Pompeius' Hausmacht
so gut wie die beiden Gallien Caesars, waren ihrem Herrn treu anhaenglich und in
den Haenden tuechtiger und zuverlaessiger Verwalter. Auch in den uebrigen
Provinzen, natuerlich mit Ausnahme der beiden Gallien, waren die Statthalter-
und Kommandantenstellen waehrend der letzten Jahre unter dem Einfluss von
Pompeius und der Senatsminoritaet mit sicheren Maennern besetzt worden. Durchaus
und mit grosser Entschiedenheit ergriffen die Klientelstaaten Partei gegen
Caesar und fuer Pompeius. Die bedeutendsten Fuersten und Staedte waren in den
verschiedenen Abschnitten seiner mannigfaltigen Wirksamkeit zu Pompeius in die
engsten persoenlichen Beziehungen getreten - wie er denn in dem Kriege gegen die
Marianer der Waffengenosse der Koenige von Numidien und Mauretanien gewesen war
und das Reich des ersteren wiederaufgerichtet hatte; wie er im Mithradatischen
Kriege ausser einer Menge anderer kleinerer geistlicher und weltlicher
Fuerstentuemer die Koenigreiche Bosporus, Armenien und Kappadokien
wiederhergestellt, das galatische des Deiotarus geschaffen hatte; wie zunaechst
auf seine Veranlassung der Aegyptische Krieg unternommen und durch seinen
Adjutanten die Lagidenherrschaft neu befestigt worden war. Selbst die Stadt
Massalia in Caesars eigener Provinz verdankte wohl auch diesem manche
Verguenstigungen, aber Pompeius vom Sertorianischen Kriege her eine sehr
ansehnliche Gebietserweiterung, und es stand ausserdem die hier regierende
Oligarchie mit der roemischen in einem natuerlichen und durch vielfache
Zwischenbeziehungen befestigten Bunde. Diese persoenlichen Ruecksichten und
Verhaeltnisse sowie die Glorie des Siegers in drei Weltteilen, welche in diesen
abgelegeneren Teilen des Reiches die des Eroberers von Gallien noch weit
ueberstrahlte, schadeten indes hier Caesar vielleicht weniger noch als die
daselbst nicht unbekannt gebliebenen An- und Absichten des Erben des Gaius
Gracchus ueber die Notwendigkeit der Reunion der abhaengigen Staaten und die
Nuetzlichkeit der Provinzialkolonisationen. Keiner unter den abhaengigen
Dynasten sah von dieser Gefahr sich naeher bedroht als Koenig Juba von Numidien.
Nicht bloss war er vor Jahren, noch bei Lebzeiten seines Vaters Hiempsal, mit
Caesar persoenlich aufs heftigste zusammengeraten, sondern es hatte auch
kuerzlich derselbe Curio, der jetzt unter Caesars Adjutanten fast den ersten
Platz einnahm, bei der roemischen Buergerschaft den Antrag auf Einziehung des
Numidischen Reiches gestellt. Sollte endlich es so weit kommen, dass die
unabhaengigen Nachbarstaaten in den roemischen Buergerkrieg eingriffen, so war
der einzige wirklich maechtige, der der Parther, durch die zwischen Pakoros und
Bibulus angeknuepfte Verbindung tatsaechlich bereits mit der aristokratischen
Partei alliiert, waehrend Caesar viel zu sehr Roemer war, um aus
Parteiinteressen sich mit den Ueberwindern seines Freundes Crassus zu
verkuppeln.
Was Italien anlangt, so war, wie schon gesagt, die grosse Majoritaet der
Buergerschaft Caesar abgeneigt; vor allem natuerlich die gesamte Aristokratie
mit ihrem sehr betraechtlichen Anhang, nicht viel minder aber auch die hohe
Finanz, die nicht hoffen durfte, bei einer durchgreifenden Reform des
Gemeinwesens ihre parteiischen Geschworenengerichte und ihr Erpressungsmonopol
zu konservieren. Ebenso antidemokratisch gesinnt waren die kleinen Kapitalisten,
die Landgutsbesitzer und ueberhaupt alle Klassen, die etwas zu verlieren hatten;
nur dass freilich in diesen Schichten die Sorge um die naechsten Zinstermine und
um Saaten und Ernten in der Regel jede andere Ruecksicht ueberwog.
Die Armee, ueber die Pompeius verfuegte, bestand hauptsaechlich in den
spanischen Truppen, sieben krieggewohnten und in jeder Hinsicht zuverlaessigen
Legionen, wozu die weiter in Syrien, Asia, Makedonien, Afrika, Sizilien und
sonst befindlichen, freilich schwachen und sehr zerstreuten Truppenabteilungen
kamen. In Italien standen unter den Waffen zunaechst nur die zwei von Caesar
kuerzlich abgegebenen Legionen, deren Effektivbestand sich nicht ueber 7000 Mann
belief und deren Zuverlaessigkeit mehr als zweifelhaft war, da sie, ausgehoben
im Diesseitigen Gallien und alte Waffengefaehrten Caesars, ueber die unfeine
Intrige, durch die man sie das Lager hatte wechseln machen, in hohem Grade
missvergnuegt waren und ihres Feldherrn, der die fuer den Triumph jedem Soldaten
versprochenen Geschenke ihnen vor ihrem Abmarsch grossmuetig vorausgezahlt
hatte, sehnsuechtig gedachten. Allein abgesehen davon, dass die spanischen
Truppen mit dem Fruehjahr entweder auf dem Landweg durch Gallien oder zur See in
Italien eintreffen konnten, konnten in Italien die Mannschaften der von den
Aushebungen von 699 (55) noch uebrigen drei Legionen sowie das im Jahre 702 (52)
in Pflicht genommene italische Aufgebot aus dem Urlaub einberufen werden. Mit
Einrechnung dieser stellte sich die Zahl der Pompeius im ganzen zur Verfuegung
stehenden Truppen, ohne die sieben Legionen in Spanien und die in den andern
Provinzen zerstreuten zu rechnen, bloss in Italien auf zehn Legionen ^2 oder
gegen 60000 Mann, so dass es eben keine Uebertreibung war, wenn Pompeius
behauptete, nur mit dem Fusse stampfen zu duerfen, um den Boden mit Bewaffneten
zu bedecken. Freilich bedurfte es wenn auch kurzer, doch einiger Frist, um diese
Truppen zu mobilisieren; die Anstalten dazu sowie zur Effektuierung der neuen,
infolge des Ausbruchs des Buergerkrieges vom Senat angeordneten Aushebungen
waren aber auch bereits ueberall im Gange. Unmittelbar nach dem entscheidenden
Senatsbeschluss (7. Januar 705 49), mitten im tiefen Winter, waren die
angesehensten Maenner der Aristokratie in die verschiedenen Landschaften
abgegangen, um die Einberufung der Rekruten und die Anfertigung von Waffen zu
beschleunigen. Sehr empfindlich war der Mangel an Reiterei, da man fuer diese
gewohnt war, sich gaenzlich auf die Provinzen und namentlich die keltischen
Kontingente zu verlassen; um wenigstens einen Anfang zu machen, wurden
dreihundert Caesar gehoerende Gladiatoren aus den Fechtschulen von Capua
entnommen und beritten gemacht, was indes so allgemeine Missbilligung fand, dass
Pompeius diese Truppe wieder aufloeste und dafuer aus den berittenen
Hirtensklaven Apuliens 300 Reiter aushob.
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^2 Diese Ziffer gab Pompeius selbst an (Caes. civ. 1, 6) und es stimmt
damit, dass er in Italien etwa 60 Kohorten oder 30000 Mann einbuesste und 25000
nach Griechenland ueberfuehrte (Caes, civ. 3, 10).
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In der Staatskasse war Ebbe wie gewoehnlich; man war beschaeftigt, aus den
Gemeindekassen und selbst den Tempelschaetzen der Munizipien den unzureichenden
Barbestand zu ergaenzen.
Unter diesen Umstaenden ward zu Anfang Januar 705 (49) der Krieg eroeffnet.
Von marschfaehigen Truppen hatte Caesar nicht mehr als eine Legion, 5000 Mann
Infanterie und 300 Reiter, bei Ravenna, das auf der Chaussee etwa 50 deutsche
Meilen von Rom entfernt war; Pompeius zwei schwache Legionen, 7000 Mann
Infanterie und eine geringe Reiterschar, unter Appius Claudius' Befehlen bei
Luceria, von wo man, ebenfalls auf der Chaussee, ungefaehr ebensoweit nach der
Hauptstadt hatte. Die anderen Truppen Caesars, abgesehen von den rohen, noch in
der Bildung begriffenen Rekrutenabteilungen, standen zur Haelfte an der Saone
und Loire, zur Haelfte in Belgien, waehrend Pompeius' italische Reserven bereits
von allen Seiten in den Sammelplaetzen eintrafen; lange bevor auch nur die
Spitze der transalpinischen Heerhaufen Caesars in Italien einruecken konnte,
wusste hier ein weit ueberlegenes Heer bereit stehen, sie zu empfangen. Es
schien eine Torheit, mit einem Haufen von der Staerke des Catilinarischen und
augenblicklich ohne wirksame Reserve angreifend vorzugehen gegen eine
ueberlegene und stuendlich anwachsende Armee unter einem faehigen Feldherrn;
allein es war eine Torheit im Geiste Hannibals. Wenn der Anfang des Kampfes bis
zum Fruehjahr sich hinauszog, so ergriffen Pompeius' spanische Truppen im
Transalpinischen, seine italischen im Cisalpinischen Gallien die Offensive, und
Pompeius, als Taktiker Caesar gewachsen, an Erfahrung ihm ueberlegen, war in
einem solchen regelmaessig verlaufenden Feldzug ein furchtbarer Gegner. Jetzt
liess er vielleicht, gewohnt, mit ueberlegenen Massen langsam und sicher zu
operieren, durch einen durchaus improvisierten Angriff sich deroutieren; und was
Caesars dreizehnte Legion nach der ernsten Probe des gallischen Ueberfalls und
der Januarkampagne im Bellovakerland nicht aus der Fassung bringen konnte, die
Ploetzlichkeit des Krieges und die Muehsal des Winterfeldzuges, masste die
Pompeianischen aus alten Caesarischen Soldaten oder auch schlecht geuebten
Rekruten bestehenden und noch in der Bildung begriffenen Heerhaufen
desorganisieren.
So rueckte denn Caesar in Italien ein ^3. Zwei Chausseen fuehrten damals
aus der Romagna nach Sueden: die Aemilisch-Cassische, die von Bononia ueber den
Apennin nach Arretium und Rom, und die Popillisch-Flaminische, die von Ravenna
an der Kueste des Adriatischen Meeres nach Fanum und, dort sich teilend, in
westlicher Richtung durch den Furlopass nach Rom, in suedlicher nach Ancona und
weiter nach Apulien lief. Auf der ersteren gelangte Marcus Antonius bis
Arretium; auf der zweiten drang Caesar selbst vor. Widerstand ward nirgends
geleistet: die vornehmen Werbeoffiziere waren keine Militaers, die
Rekrutenmassen keine Soldaten, die Landstaedter nur besorgt, nicht in eine
Belagerung verwickelt zu werden. Als Curio mit 1500 Mann auf Iguvium anrueckte,
wo ein paar tausend umbrische Rekruten unter dem Praetor Quintus Minucius
Thermus sich gesammelt hatten, suchten, auf die blosse Meldung seines
Anmarsches, General und Soldaten das Weite; und aehnlich ging es im kleinen
ueberall. Caesar hatte die Wahl, entweder gegen Rom, dem seine Reiter in
Arretium bereits auf 28 deutsche Meilen sich genaehert hatten, oder gegen die
bei Luceria lagernden Legionen zu marschieren. Er waehlte das letztere. Die
Konsternation der Gegenpartei war grenzenlos. Pompeius erhielt die Meldung von
Caesars Anmarsch in Rom; er schien anfangs die Hauptstadt verteidigen zu wollen,
aber als die Nachricht von Caesars Einruecken in das Picenische und von seinen
ersten Erfolgen daselbst einlief, gab er sie auf und befahl die Raeumung. Ein
panischer Schreck, vermehrt durch das falsche Geruecht, dass vor den Toren sich
Caesars Reiter gezeigt haetten, kam ueber die vornehme Welt. Die Senatoren,
denen angezeigt worden war, dass man jeden in der Hauptstadt Zurueckbleibenden
als Mitschuldigen des Rebellen Caesar behandeln werde, stroemten scharenweise
aus den Toren. Die Konsuln selbst hatten so vollstaendig den Kopf verloren, dass
sie nicht einmal die Kassen in Sicherheit brachten; als Pompeius sie
aufforderte, dies nachzuholen, wozu ausreichend Zeit war, liessen sie ihm
zuruecksagen, dass sie es fuer sicherer hielten, wenn er zuvor Picenum besetze!
Man war ratlos; also ward grosser Kriegsrat in Teanum Sidicinum gehalten (23.
Januar), dem Pompeius, Labienus und beide Konsuln beiwohnten. Zunaechst lagen
wieder Vergleichsvorschlaege Caesars vor: selbst jetzt noch erklaerte dieser
sich bereit, sein Heer sofort zu entlassen, seine Provinzen den ernannten
Nachfolgern zu uebergeben und sich in regelrechter Weise um das Konsulat zu
bewerben, wofern Pompeius nach Spanien abgehe und Italien entwaffnet werde. Die
Antwort war, dass man, wenn Caesar sogleich in seine Provinz zurueckkehre, sich
anheischig mache, die Entwaffnung Italiens und die Abreise des Pompeius durch
einen ordnungsmaessig in der Hauptstadt zu fassenden Senatsbeschluss
herbeizufuehren; was vielleicht nicht eine plumpe Prellerei, sondern eine
Annahme des Vergleichsvorschlags sein sollte, jedenfalls aber der Sache nach das
Gegenteil war. Die von Caesar gewuenschte persoenliche Zusammenkunft mit
Pompeius lehnte dieser ab und musste sie ablehnen, um nicht durch den Anschein
einer neuen Koalition mit Caesar das schon rege Misstrauen der Verfassungspartei
noch mehr zu reizen. Die Kriegfuehrung anlangend einigte man in Teanum sich
dahin, dass Pompeius das Kommando der bei Luceria stehenden Truppen, auf denen
trotz ihrer Unzuverlaessigkeit doch alle Hoffnung beruhte, uebernehmen, mit
diesen in seine und Labienus' Heimat, in Picenum, einruecken, dort wie einst vor
fuenfunddreissig Jahren den Landsturm persoenlich zu den Waffen rufen und an der
Spitze der treuen picenischen und der kriegsgewohnten, ehemals Caesarischen
Kohorten versuchen solle, dem Vordringen des Feindes eine Schranke zu setzen. Es
kam nur darauf an, ob die picenische Landschaft sich so lange hielt, bis
Pompeius zu ihrer Verteidigung herankam. Bereits war Caesar mit seiner
wiedervereinigten Armee auf der Kuestenstrasse ueber Ancona in dieselbe
eingedrungen. Auch hier waren die Ruestungen in vollem Gange; gleich in der
noerdlichsten picenischen Stadt Auximum stand ein ansehnlicher Haufe von
Rekruten unter Publius Attius Varus beisammen; allein auf Ersuchen der
Munizipalitaet raeumte Varus die Stadt, noch ehe Caesar erschien, und eine
Handvoll von dessen Soldaten, die den Trupp unweit Auximum einholten,
zerstreuten ihn vollstaendig nach kurzem Gefecht - es war das erste in diesem
Kriege. Ebenso raeumten bald darauf Gaius Lucilius Hirrus mit 3000 Mann
Camerinum, Publius Lentulus Spinther mit 5000 Asculum. Die Pompeius ganz
ergebenen Mannschaften liessen zum groessten Teil Haus und Hof willig im Stich
und folgten den Fuehrern ueber die Grenze: die Landschaft selbst aber war schon
verloren, als der zur vorlaeufigen Leitung der Verteidigung von Pompeius
gesandte Offizier Lucius Vibullius Rufus, kein vornehmer Senator, aber ein
kriegskundiger Militaer, daselbst eintraf; er musste sich begnuegen, die
geretteten etwa 6000 bis 7000 Rekruten den unfaehigen Werbeoffizieren abzunehmen
und sie vorlaeufig nach dem naechsten Sammelplatz zu fuehren. Dies war
Corfinium, der Mittelpunkt der Aushebungen im albensischen, marsischen und
paelignischen Gebiet; die hier versammelte Rekrutenmasse von beilaeufig 15000
Mann war das Kontingent der streitbarsten und der zuverlaessigsten Landschaften
Italiens und der Kern des in der Bildung begriffenen Heeres der
Verfassungspartei. Als Vibullius hier eintraf, war Caesar noch mehrere
Tagemaersche zurueck; es war nichts im Wege, Pompeius' Instruktionen gemaess
sofort aufzubrechen und die geretteten picenischen nebst den in Corfinium
gesammelten Rekruten dem Hauptheer in Apulien zuzufuehren. Allein in Corfinium
kommandierte der designierte Nachfolger Caesars in der Statthalterschaft des
Jenseitigen Gallien, Lucius Domitius, einer der borniertesten Starrkoepfe der
roemischen Aristokratie; und dieser weigerte sich nicht bloss, Pompeius'
Befehlen Folge zu leisten, sondern verhinderte auch den Vibullius, wenigstens
mit der picenischen Mannschaft nach Apulien abzuruecken. So fest hielt er sich
ueberzeugt, dass Pompeius nur aus Eigensinn zaudere und notwendig zum Entsatz
herbeikommen muesse, dass er kaum sich ernstlich auf die Belagerung gefusst
machte und nicht einmal die in die umliegenden Staedte verlegten Rekrutenhaufen
in Corfinium zusammenzog. Pompeius aber erschien nicht und aus guten Gruenden;
denn seine beiden unzuverlaessigen Legionen konnte er wohl als Rueckhalt fuer
den picenischen Landsturm verwenden, aber nicht mit ihnen allein Caesar die
Schlacht anbieten. Dafuer kam nach wenigen Tagen Caesar (14. Februar). Zu den
Truppen desselben war in Picenum die zwoelfte und vor Corfinium die achte von
den transalpinischen Legionen gestossen, und ausserdem wurden teils aus den
gefangenen oder freiwillig sich stellenden Pompeianischen Mannschaften, teils
aus den ueberall sofort ausgehobenen Rekruten drei neue Legionen gebildet, so
dass Caesar vor Corfinium bereits an der Spitze einer Armee von 40000 Mann, zur
Haelfte gedienter Leute, stand. Solange Domitius auf Pompeius' Eintreffen
hoffte, liess er die Stadt verteidigen; als dessen Briefe ihn endlich
enttaeuscht hatten, beschloss er nicht etwa, auf dem verlorenen Posten
auszuharren, womit er seiner Partei den groessten Dienst geleistet haben wuerde,
auch nicht einmal zu kapitulieren, sondern, waehrend dem gemeinen Soldaten der
Entsatz als nahe bevorstehend angekuendigt ward, selber mit den vornehmen
Offizieren in der naechsten Nacht auszureissen. Indes selbst diesen sauberen
Plan ins Werk zu setzen verstand er nicht. Sein verwirrtes Benehmen verriet ihn.
Ein Teil der Mannschaften fing an zu meutern: die marsischen Rekruten, die eine
solche Schaendlichkeit ihres Feldherrn nicht fuer moeglich hielten, wollten
gegen die Meuterer kaempfen; aber auch sie mussten sich widerwillig von der
Wahrheit der Anschuldigung ueberzeugen, worauf denn die gesamte Besatzung ihren
Stab festnahm und ihn, sich und die Stadt an Caesar uebergab (20. Februar). Das
3000 Mann starke Korps in Alba und 1500 in Tarracina gesammelte Rekruten
streckten hierauf die Waffen, sowie Caesars Reiterpatrouillen sich zeigten; eine
dritte Abteilung in Sulmo von 3500 Mann war bereits frueher genoetigt worden zu
kapitulieren.
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^3 Der Senatsbeschluss war vom 7. Januar; am 18. wusste man schon in Rom
seit mehreren Tagen, dass Caesar die Grenze ueberschritten habe (Cic. Att. 7,
10; 9, 10, 4); der Bote brauchte von Rom nach Ravenna allermindestens drei Tage.
Danach faellt der Aufbruch um den 12. Januar, welcher nach der gangbaren
Reduktion dem julianischen 24. November 704 (50) entspricht.
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Pompeius hatte Italien verloren gegeben, sowie Caesar Picenum eingenommen
hatte; nur wollte er die Einschiffung so lange wie moeglich verzoegern, um von
den Mannschaften zu retten, was noch zu retten war. Langsam hatte er demnach
sich nach dem naechsten Hafenplatz Brundisium in Bewegung gesetzt. Hier fanden
die beiden Legionen von Luceria und was Pompeius in dem menschenleeren Apulien
an Rekruten in der Eile hatte zusammenraffen koennen, sowie die von den Konsuln
und sonstigen Beauftragten in Kompanien ausgehobenen und eiligst nach Brundisium
gefuehrten Leute sich ein; ebendahin begab sich eine Menge politischer
Fluechtlinge, unter ihnen die angesehensten Senatoren in Begleitung ihrer
Familien. Die Einschiffung begann; allein die vorraetigen Fahrzeuge genuegten
nicht, um die ganze Masse, die sich doch noch auf 25000 Koepfe belief, auf
einmal zu transportieren. Es blieb nichts uebrig, als das Heer zu teilen. Die
groessere Haelfte ging vorauf (4. Maerz), mit der kleineren von etwa 10000 Mann
erwartete Pompeius in Brundisium die Rueckkehr der Flotte; denn wie
wuenschenswert fuer einen etwaigen Versuch, Italien wieder einzunehmen, auch der
Besitz von Brundisium war, so getraute man sich doch nicht, den Platz auf die
Dauer gegen Caesar zu halten. Inzwischen traf Caesar vor Brundisium ein; die
Belagerung begann. Caesar versuchte vor allem, die Hafenmuendung durch Daemme
und schwimmende Bruecken zu schliessen, um die rueckkehrende Flotte
auszusperren; allein Pompeius liess die im Hafen liegenden Handelsfahrzeuge
armieren und wusste die voellige Schliessung des Hafens so lange zu verhindern,
bis die Flotte erschien und die von Pompeius, trotz der Wachsamkeit der
Belagerer und der feindlichen Gesinnung der Stadtbewohner, mit grosser
Geschicklichkeit bis auf den letzten Mann unbeschaedigt aus der Stadt
herausgezogenen Truppen aus Caesars Bereich nach Griechenland entfuehrte (17.
Maerz). An dem Mangel einer Flotte scheiterte wie die Belagerung selbst, so auch
die weitere Verfolgung.
In einem zweimonatlichen Feldzug, ohne ein einziges ernstliches Gefecht,
hatte Caesar eine Armee von zehn Legionen so aufgeloest, dass mit genauer Not
die kleinere Haelfte derselben in verwirrter Flucht ueber das Meer entkommen,
die ganze italische Halbinsel aber mit Einschluss der Hauptstadt nebst der
Staatskasse und allen daselbst aufgehaeuften Vorraeten in die Gewalt des Siegers
geraten war. Nicht ohne Grund klagte die geschlagene Partei ueber die
schauerliche Raschheit, Einsicht und Energie des "Ungeheuers".
Indes es liess sich fragen, ob Caesar durch die Eroberung Italiens mehr
gewann oder mehr verlor. In militaerischer Hinsicht wurden zwar jetzt sehr
ansehnliche Hilfsquellen nicht bloss den Gegnern entzogen, sondern auch fuer
Caesar fluessig gemacht; schon im Fruehjahr 705 (49) zaehlte seine Armee infolge
der ueberall angeordneten massenhaften Aushebungen ausser den neun alten eine
bedeutende Anzahl von Rekrutenlegionen. Andererseits aber wurde es jetzt nicht
bloss noetig, in Italien eine ansehnliche Besatzung zurueckzulassen, sondern
auch Massregeln zu treffen gegen die von den seemaechtigen Gegnern beabsichtigte
Sperrung des ueberseeischen Verkehrs und die infolgedessen namentlich der
Hauptstadt drohende Hungersnot, wodurch Caesars bereits hinreichend verwickelte
militaerische Aufgabe noch weiter sich komplizierte. Finanziell war es
allerdings von Belang, dass es Caesar geglueckt war, der hauptstaedtischen
Kassenbestaende sich zu bemaechtigen; aber die hauptsaechlichsten
Einnahmequellen, namentlich die Abgaben aus dem Orient, waren doch in den
Haenden des Feindes und bei den so sehr vermehrten Beduerfnissen fuer das Heer
sowie der neuen Verpflichtung, fuer die darbende hauptstaedtische Bevoelkerung
zu sorgen, zerrannen die vorgefundenen ansehnlichen Summen so schnell, dass
Caesar sich bald genoetigt sah, den Privatkredit anzusprechen, und, da er
unmoeglich damit lange sich fristen zu koennen schien, allgemein als die einzig
uebrig bleibende Aushilfe umfassende Konfiskationen erwartet wurden.
Ernstere Schwierigkeiten noch bereiteten die politischen Verhaeltnisse, in
welche Caesar mit der Eroberung Italiens eintrat. Die Besorgnis der besitzenden
Klassen vor einer anarchischen Umwaelzung war allgemein. Feinde und Freunde
sahen in Caesar einen zweiten Catilina; Pompeius glaubte oder behauptete zu
glauben, dass Caesar nur durch die Unmoeglichkeit, seine Schulden zu bezahlen,
zum Buergerkrieg getrieben worden sei. Das war allerdings absurd; aber in der
Tat waren Caesars Antezedentien nichts weniger als beruhigend und noch weniger
beruhigend der Hinblick auf das Gefolge, das jetzt ihn umgab. Individuen des
anbruechigsten Rufes, stadtkundige Gesellen wie Quintus Hortensius, Gaius Curio,
Marcus Antonius - dieser der Stiefsohn des auf Ciceros Befehl hingerichteten
Catilinariers Lentulus - spielten darin die ersten Rollen; die hoechsten
Vertrauensposten wurden an Maenner vergeben, die es laengst aufgegeben hatten,
ihre Schulden auch nur zu summieren; man sah Caesarische Beamte Taenzerinnen
nicht bloss unterhalten - das taten andere auch -, sondern oeffentlich in
Begleitung solcher Dirnen erscheinen. War es ein Wunder, dass auch ernsthafte
und politisch parteilose Maenner Amnestie fuer alle landfluechtigen Verbrecher,
Vernichtung der Schuldbuecher, umfassende Konfiskations-, Acht- und Mordbefehle
erwarteten, ja eine Pluenderung Roms durch die gallische Soldateska?
Indes hierin taeuschte das "Ungeheuer" die Erwartungen seiner Feinde wie
seiner Freunde. Schon wie Caesar die erste italische Stadt Ariminum besetzte,
untersagte er allen gemeinen Soldaten, sich bewaffnet innerhalb der Mauern sehen
zu lassen; durchaus und ohne Unterschied, ob sie ihn freundlich oder feindlich
empfangen hatten, wurden die Landstaedte vor jeder Unbill geschuetzt. Als die
meuterische Garnison am spaeten Abend Corfinium uebergab, verschob er, gegen
jede militaerische Ruecksicht, die Besetzung der Stadt bis zum anderen Morgen,
einzig, um die Buergerschaft nicht einem naechtlichen Einmarsch seiner
erbitterten Soldaten preiszugeben. Von den Gefangenen wurden die Gemeinen, als
voraussetzlich politisch indifferent, in die eigene Armee eingereiht, die
Offiziere aber nicht bloss verschont, sondern auch ohne Unterschied der Person
und ohne Annahme irgendwelcher Zusagen frei entlassen, und was sie als
Privateigentum in Anspruch nahmen, ohne auch nur die Berechtigung der
Reklamationen mit Strenge zu untersuchen, ihnen ohne Weiterungen verabfolgt. So
ward selbst Lucius Domitius behandelt, ja sogar dem Labienus das
zurueckgelassene Geld und Gepaeck ins feindliche Lager nachgesandt. In der
peinlichsten Finanznot wurden dennoch die ungeheuren Gueter der anwesenden wie
der abwesenden Gegner nicht angegriffen; ja Caesar borgte lieber bei den
Freunden, als dass er auch nur durch Ausschreibung der formell zulaessigen, aber
tatsaechlich antiquierten Grundsteuer die Besitzenden gegen sich aufgeregt
haette. Nur die Haelfte, und nicht die schwerere, seiner Aufgabe betrachtete der
Sieger als mit dem Siege geloest; die Buergschaft der Dauer sah er nach seiner
eigenen Aeusserung allein in der unbedingten Begnadigung der Besiegten und hatte
darum auch auf dem ganzen Marsche von Ravenna bis Brundisium unablaessig die
Versuche erneuert, eine persoenliche Zusammenkunft mit Pompeius und einen
ertraeglichen Vergleich einzuleiten. Aber wenn die Aristokratie schon frueher
von keiner Aussoehnung hatte wissen wollen, so hatte die unerwartete und so
schimpfliche Emigration ihren Zorn bis zum Wahnsinn gesteigert, und das wilde
Racheschnauben der Geschlagenen kontrastierte seltsam mit der Versoehnlichkeit
des Siegers. Die aus dem Emigrantenlager den in Italien zurueckgebliebenen
Freunden regelmaessig zukommenden Mitteilungen flossen ueber von Entwuerfen zu
Konfiskationen und Proskriptionen, von Epurationsplaenen des Senats und des
Staats, gegen die Sullas Restaurationen Kinderspiel waren und die selbst die
gemaessigten Parteigenossen mit Entsetzen vernahmen. Die tolle Leidenschaft der
Ohnmacht, die weise Maessigung der Macht taten ihre Wirkung. Die ganze Masse,
der die materiellen Interessen ueber die politischen gingen, warf sich Caesar in
die Arme. Die Landstaedte vergoetterten "die Rechtschaffenheit, die Maessigung,
die Klugheit" des Siegers; und selbst die Gegner raeumten ein, dass es mit
diesen Huldigungen Ernst war. Die hohe Finanz, Steuerpaechter und Geschworene
verspuerten nach dem argen Schiffbruch, der die Verfassungspartei in Italien
betroffen hatte, keine besondere Lust, sich weiter denselben Steuermaennern
anzuvertrauen; die Kapitalien kamen wieder zum Vorschein und "die reichen Herren
begaben sich wieder an ihr Tagewerk, die Zinsbuecher zu schreiben". Selbst die
grosse Majoritaet des Senats, wenigstens der Zahl nach - denn allerdings
befanden sich von den vornehmeren und einflussreichen Senatsmitgliedern nur
wenige darunter - war, trotz der Befehle des Pompeius und der Konsuln, in
Italien, zum Teil sogar in der Hauptstadt selbst zurueckgeblieben und liess
Caesars Regiment sich gefallen. Caesars eben in ihrer scheinbaren
Ueberschwenglichkeit wohlberechnete Milde erreichte ihren Zweck: die zappelnde
Angst der besitzenden Klassen vor der drohenden Anarchie wurde einigermassen
beschwichtigt. Wohl war dies fuer die Folgezeit ein unberechenbarer Gewinn; die
Abwendung der Anarchie und der fast nicht minder gefaehrlichen Angst vor der
Anarchie war die Vorbedingung der kuenftigen Reorganisation des Gemeinwesens.
Aber fuer den Augenblick war diese Milde fuer Caesar gefaehrlicher als die
Erneuerung der cinnanischen und catilinarischen Raserei gewesen sein wuerde; sie
verwandelte Feinde nicht in Freunde und Freunde in Feinde. Caesars
catilinarischer Anhang grollte, dass das Morden und Pluendern unterblieb; von
diesen verwegenen, verzweifelten und zum Teil talentvollen Gesellen waren die
bedenklichsten Querspruenge zu erwarten. Die Republikaner aller Schattierungen
dagegen wurden durch die Gnade des Ueberwinders weder bekehrt noch versoehnt.
Nach dem Credo der Catonischen Partei entband die Pflicht gegen das, was sie
Vaterland nannte, von jeder anderen Ruecksicht; selbst wer Caesar Freiheit und
Leben verdankte, blieb befugt und verpflichtet, gegen ihn die Waffen zu
ergreifen oder doch mindestens gegen ihn zu komplottieren. Die minder
entschiedenen Fraktionen der Verfassungspartei liessen zwar allenfalls sich
willig finden, von dem neuen Monarchen Frieden und Schutz anzunehmen; aber sie
hoerten doch darum nicht auf, die Monarchie wie den Monarchen von Herzen zu
verwuenschen. Je offenbarer die Verfassungsaenderung hervortrat, desto
bestimmter kam der grossen Majoritaet der Buergerschaft, sowohl in der politisch
lebhaften, aufgeregten Hauptstadt wie in der energischen laendlichen und
landstaedtischen Bevoelkerung, ihre republikanische Besinnung zum Bewusstsein;
insofern berichteten die Verfassungsfreunde in Rom mit Recht an ihre
Gesinnungsgenossen im Exil, dass daheim alle Klassen und alle Individuen
pompeianisch gesinnt seien. Die schwierige Stimmung all dieser Kreise wurde noch
gesteigert durch den moralischen Druck, den die entschiedeneren und vornehmeren
Gesinnungsgenossen eben als Emigranten auf die Menge der Geringeren und Lauen
ausuebten. Dem ehrlichen Mann schlug ueber sein Verbleiben in Italien das
Gewissen; der Halbaristokrat glaubte sich zu den Plebejern zu stellen, wenn er
nicht mit den Domitiern und den Metellern ins Exil ging und gar, wenn er in dem
Caesarischen Senat der Nullitaeten mitsass. Die eigene Milde des Siegers gab
dieser stillen Opposition erhoehte politische Bedeutung: da Caesar nun einmal
des Terrorismus sich enthielt, so schienen die heimlichen Gegner ihre Abneigung
gegen sein Regiment ohne viele Gefahr betaetigen zu koennen. Sehr bald machte er
in dieser Beziehung merkwuerdige Erfahrungen mit dem Senat. Caesar hatte den
Kampf begonnen, um den terrorisierten Senat von seinen Unterdrueckern zu
befreien. Dies war geschehen; er wuenschte also von dem Senat die Billigung des
Geschehenen, die Vollmacht zu weiterer Fortsetzung des Krieges zu erlangen. Zu
diesem Zwecke beriefen, als Caesar vor der Hauptstadt erschien (Ende Maerz), die
Volkstribune seiner Partei ihm den Senat (1. April). Die Versammlung war
ziemlich zahlreich, aber selbst von den in Italien verbliebenen Senatoren waren
doch die namhaftesten ausgeblieben, sogar der ehemalige Fuehrer der servilen
Majoritaet, Marcus Cicero, und Caesars eigener Schwiegervater Lucius Piso; und
was schlimmer war, auch die Erschienenen waren nicht geneigt, auf Caesars
Vorschlaege einzugehen. Als Caesar von einer Vollmacht zur Fortsetzung des
Krieges sprach, meinte der eine der zwei einzigen anwesenden Konsulare, Servius
Sulpicius Rufus, ein urfurchtsamer Mann, der nichts wuenschte als einen ruhigen
Tod in seinem Bette, dass Caesar sich mehr um das Vaterland verdient machen
werde, wenn er es aufgebe, den Krieg nach Griechenland und Spanien zu tragen.
Als dann Caesar den Senat ersuchte, wenigstens seine Friedensvorschlaege an
Pompeius zu uebermitteln, war man dem an sich zwar nicht entgegen, aber die
Drohungen der Emigranten gegen die Neutralen hatten diese so in Furcht gesetzt,
dass niemand sich fand, um die Friedensbotschaft zu uebernehmen. An der
Abneigung der Aristokratie, den Thron des Monarchen errichten zu helfen, und an
derselben Schlaffheit des hohen Kollegiums, durch die kurz zuvor Caesar
Pompeius' legale Ernennung zum Oberfeldherrn in dem Buergerkrieg vereitelt
hatte, scheiterte jetzt auch er mit dem gleichen Verlangen. Andere Hemmungen
kamen hinzu. Caesar wuenschte, um seine Stellung doch irgendwie zu regulieren,
zum Diktator ernannt zu werden; es geschah nicht, weil ein solcher
verfassungsmaessig nur von einem der Konsuln bestellt werden konnte und der
Versuch, den Konsul Lentulus zu kaufen, wozu bei dessen zerruetteten
Vermoegensverhaeltnissen wohl Aussicht war, dennoch fehlschlug. Der Volkstribun
Lucius Metellus ferner legte gegen saemtliche Schritte des Prokonsuls Protest
ein und machte Miene, die Staatskasse, als Caesars Leute kamen, um sie zu
leeren, mit seinem Leibe zu decken. Caesar konnte in diesem Falle nicht umhin,
den Unverletzlichen so saenftiglich wie moeglich beiseiteschieben zu lassen;
uebrigens blieb er dabei, sich aller Gewaltschritte zu enthalten. Dem Senat
erklaerte er, ebenwie es kurz zuvor die Verfassungspartei getan, dass er zwar
gewuenscht habe, auf gesetzlichem Wege und mit Beihilfe der hoechsten Behoerde
die Verhaeltnisse zu ordnen; allein da diese verweigert werde, koenne er ihrer
auch entraten. Ohne weiter um den Senat und die staatsrechtlichen Formalien sich
zu kuemmern, uebergab er die einstweilige Verwaltung der Hauptstadt dem Praetor
Marcus Aemilius Lepidus als Stadtpraefekten und ordnete fuer die Verwaltung der
ihm gehorchenden Landschaften und die Fortsetzung des Krieges das Erforderliche
an. Selbst unter dem Getoese des Riesenkampfes und neben dem lockenden Klang der
verschwenderischen Versprechungen Caesars machte es noch tiefen Eindruck auf die
hauptstaedtische Menge, als sie in ihrem freien Rom zum erstenmal den Monarchen
als Monarchen schalten und die Tuer der Staatskasse durch seine Soldaten
aufsprengen sah. Allein die Zeiten waren nicht mehr, wo Eindruecke und
Stimmungen der Masse den Gang der Ereignisse bestimmten; die Legionen
entschieden und auf einige schmerzliche Empfindungen mehr oder weniger kam eben
nichts weiter an.
Caesar eilte, den Krieg wiederaufzunehmen. Seine bisherigen Erfolge
verdankte er der Offensive, und er gedachte auch ferner, dieselbe festzuhalten.
Die Lage seines Gegners war seltsam. Nachdem der urspruengliche Plan, den
Feldzug zugleich von Italien und Spanien aus in den beiden Gallien offensiv zu
fuehren, durch Caesars Angriff vereitelt war, hatte Pompeius nach Spanien zu
gehen beabsichtigt. Hier hatte er eine sehr starke Stellung. Das Heer zaehlte
sieben Legionen; es dienten darin eine grosse Anzahl von Pompeius' Veteranen,
und die mehrjaehrigen Kaempfe in den lusitanischen Bergen hatten Soldaten und
Offiziere gestaehlt. Unter den Anfuehrern war Marcus Varro zwar nichts als ein
beruehmter Gelehrter und ein getreuer Anhaenger; aber Lucius Afranius hatte mit
Auszeichnung im Orient und in den Alpen gefochten, und Marcus Petreius, der
Ueberwinder Catilinas, war ein ebenso unerschrockener wie faehiger Offizier.
Wenn in der jenseitigen Provinz Caesar noch von seiner Statthalterschaft her
mancherlei Anhang hatte, so war dagegen die wichtigere Ebroprovinz mit allen
Banden der Verehrung und der Dankbarkeit an den beruehmten General gefesselt,
der zwanzig Jahre zuvor im Sertorianischen Kriege in ihr das Kommando gefuehrt
und nach dessen Beendigung sie neu eingerichtet hatte. Pompeius konnte nach der
italischen Katastrophe offenbar nichts Besseres tun als mit den geretteten
Heerestruemmern sich dorthin begeben und an der Spitze seiner gesamten Macht
Caesar entgegentreten. Ungluecklicherweise aber hatte er, in der Hoffnung, die
in Corfinium stehenden Truppen noch retten zu koennen, so lange in Apulien sich
verweilt, dass er statt der kampanischen Haefen das naehere Brundisium zum
Einschiffungsort zu waehlen genoetigt war. Warum er, Herr der See und Siziliens,
nicht spaeterhin auf den urspruenglichen Plan wieder zurueck kam, laesst sich
nicht entscheiden; ob vielleicht die Aristokratie in ihrer kurzsichtigen und
misstrauischen Art keine Lust bezeigte, sich den spanischen Truppen und der
spanischen Bevoelkerung anzuvertrauen - genug, Pompeius blieb im Osten und
Caesar hatte die Wahl, den naechsten Angriff entweder gegen die Armee zu
richten, die in Griechenland unter Pompeius' eigenem Befehl sich organisierte,
oder gegen die schlagfertige seiner Unterfeldherren in Spanien. Er hatte fuer
das letztere sich entschieden und, sowie der italische Feldzug zu Ende ging,
Massregeln getroffen, um neun seiner besten Legionen, ferner 6000 Reiter, teils
in den Keltengauen von Caesar einzeln ausgesuchte Leute, teils deutsche
Soeldner, und eine Anzahl iberischer und ligurischer Schuetzen an der unteren
Rhone zusammenzuziehen.
Aber ebenhier waren auch seine Gegner taetig gewesen. Der vom Senat an
Caesars Stelle zum Statthalter des Jenseitigen Galliens ernannte Lucius Domitius
hatte von Corfinium aus, sowie Caesar ihn freigegeben, sich mit seinem Gesinde
und mit Pompeius' Vertrauensmann Lucius Vibullius Rufus nach Massalia auf den
Weg gemacht und in der Tat die Stadt bestimmt, sich fuer Pompeius zu erklaeren,
ja Caesars Truppen den Durchmarsch zu weigern. Von den spanischen Truppen
blieben die zwei am wenigsten zuverlaessigen Legionen unter Varros Oberbefehl in
der jenseitigen Provinz stehen; dagegen hatten die fuenf besten, verstaerkt
durch 40000 Mann spanischen Fussvolks, teils keltiberischer Linieninfanterie,
teils lusitanischer und anderer Leichten, und durch 5000 spanische Reiter, unter
Afranius und Petreius, den durch Vibullius ueberbrachten Befehlen des Pompeius
gemaess sich aufgemacht, um die Pyrenaeen dem Feinde zu sperren.
Hierueber traf Caesar selbst in Gallien ein und entsandte sogleich, da die
Einleitung der Belagerung von Massalia ihn selber noch zurueckhielt, den
groessten Teil seiner an der Rhone versammelten Truppen, sechs Legionen und die
Reiterei, auf der grossen, ueber Narbo (Narbonne) nach Rhode (Rosas) fuehrenden
Chaussee, um an den Pyrenaeen dem Feinde zuvorzukommen. Es gelang; als Afranius
und Petreius an den Paessen anlangten, fanden sie dieselben bereits besetzt von
den Caesarianern und die Linie der Pyrenaeen verloren. Sie nahmen darauf
zwischen diesen und dem Ebro eine Stellung bei Ilerda (Lerida). Diese Stadt
liegt vier Meilen noerdlich vom Ebro an dem rechten Ufer eines Nebenflusses
desselben, des Sicoris (Segre), ueber den nur eine einzige solide Bruecke
unmittelbar bei Ilerda fuehrte. Suedlich von Ilerda treten die das linke Ufer
des Ebro begleitenden Gebirge ziemlich nahe an die Stadt hinan; nordwaerts
erstreckt sich zu beiden Seiten des Sicoris ebenes Land, das von dem Huegel, auf
welchem die Stadt gebaut ist, beherrscht wird. Fuer eine Armee, die sich musste
belagern lassen, war es eine vortreffliche Stellung; aber die Verteidigung
Spaniens konnte, nachdem die Besetzung der Pyrenaeenlinie versaeumt war, doch
nur hinter dem Ebro ernstlich aufgenommen werden, und da weder eine feste
Verbindung zwischen Ilerda und dem Ebro hergestellt, noch dieser Fluss
ueberbrueckt war, so war der Rueckzug aus der vorlaeufigen in die wahre
Verteidigungsstellung nicht hinreichend gesichert. Die Caesarianer setzten sich
oberhalb Ilerda in dem Delta fest, das der Fluss Sicoris mit dem unterhalb
Ilerda mit ihm sich vereinigenden Cinga (Cinca) bildet; indes ward es mit dem
Angriff erst Ernst, nachdem Caesar im Lager eingetroffen war (23. Juni). Unter
den Mauern der Stadt ward von beiden Teilen gleich erbittert und gleich tapfer
mit vielfach wechselndem Erfolg gekaempft; ihren Zweck aber: zwischen dem
Pompeianischen Lager und der Stadt sich festzusetzen und dadurch der
Steinbruecke sich zu bemaechtigen., erreichten die Caesarianer nicht und blieben
also fuer ihre Kommunikation mit Gallien lediglich angewiesen auf zwei Bruecken,
welche sie ueber den Sicoris und zwar, da der Fluss bei Ilerda selbst zu solcher
Ueberbrueckung schon zu ansehnlich war, vier bis fuenf deutsche Meilen weiter
oberwaerts in der Eile geschlagen hatten. Als dann mit der Schneeschmelze die
Hochwasser kamen, wurden diese Notbruecken weggerissen; und da es an Schiffen
fehlte, um die hochangeschwollenen Fluesse zu passieren, und unter diesen
Umstaenden an Wiederherstellung der Bruecken zunaechst nicht gedacht werden
konnte, so war die Caesarische Armee beschraenkt auf den schmalen Raum zwischen
der Cinca und dem Sicoris, das linke Ufer des Sicoris aber und damit die
Strasse, auf der die Armee mit Gallien und Italien kommunizierte, fast
unverteidigt den Pompeianern preisgegeben, die den Fluss teils auf der
Stadtbruecke, teils nach lusitanischer Art auf Schlaeuchen schwimmend
passierten. Es war die Zeit kurz vor der Ernte; die alte Frucht war fast
aufgebraucht, die neue noch nicht eingebracht und der enge Landstreif zwischen
den beiden Baechen bald ausgezehrt. Im Lager herrschte foermliche Hungersnot -
der preussische Scheffel Weizen kostete 300 Denare (90 Taler) - und brachen
bedenkliche Krankheiten aus; dagegen haeufte am linken Ufer Proviant und die
mannigfaltigste Zufuhr sich an, dazu Mannschaften aller Art: Nachschub aus
Gallien von Reiterei und Schuetzen, beurlaubte Offiziere und Soldaten,
heimkehrende Streifscharen, im ganzen eine Masse von 6000 Koepfen, welche von
den Pompeianern mit ueberlegener Macht angegriffen und mit grossem Verlust in
die Berge gedraengt wurden, waehrend die Caesarianer am rechten Ufer dem
ungleichen Gefecht untaetig zusehen mussten. Die Verbindungen der Armee waren in
den Haenden der Pompeianer; in Italien blieben die Nachrichten aus Spanien
ploetzlich aus, und die bedenklichen Geruechte, die dort umzulaufen begannen,
waren von der Wahrheit nicht allzuweit entfernt. Haetten die Pompeianer ihren
Vorteil mit einigem Nachdruck verfolgt, so konnte es ihnen nicht fehlen, die auf
dem linken Ufer des Sicoris zusammengedraengte, kaum widerstandsfaehige Masse
entweder in ihre Gewalt zu bringen oder wenigstens nach Gallien zurueckzuwerfen
und dies Ufer so vollstaendig zu besetzen, dass ohne ihr Wissen kein Mann den
Fluss ueberschritt. Allein beides war versaeumt worden; jene Haufen waren wohl
mit Verlust beiseite gedraengt, aber doch weder vernichtet noch voellig
zurueckgeworfen worden, und die Ueberschreitung des Flusses zu wehren,
ueberliess man wesentlich dem Flusse selbst. Hierauf baute Caesar seinen Plan.
Er liess tragbare Kaehne von leichtem Holzgestell und Korbgeflecht mit lederner
Bekleidung, nach dem Muster der im Kanal bei den Briten und spaeter den Sachsen
ueblichen, im Lager anfertigen und sie auf Wagen an den Punkt, wo die Bruecken
gestanden hatten, transportieren. Auf diesen gebrechlichen Nachen wurde das
andere Ufer erreicht und, da man es unbesetzt fand, ohne grosse Schwierigkeit
die Bruecke wiederhergestellt; rasch war dann auch die Verbindungsstrasse
freigemacht und die sehnlich erwartete Zufuhr in das Lager geschafft. Caesars
gluecklicher Einfall riss also das Heer aus der ungeheuren Gefahr, in der es
schwebte. Sofort begann dann Caesars an Tuechtigkeit der feindlichen weit
ueberlegene Reiterei, die Landschaft am linken Ufer des Sicoris zu
durchstreifen; schon traten die ansehnlichsten spanischen Gemeinden zwischen den
Pyrenaeen und dem Ebro, Osca, Tarraco, Dertosa und andere, ja selbst einzelne
suedlich vom Ebro auf Caesars Seite. Durch die Streiftrupps Caesars und die
Uebertritte der benachbarten Gemeinden wurde nun den Pompeianern die Zufuhr
knapp; sie entschlossen sich endlich zum Rueckzug hinter die Ebrolinie und
gingen eiligst daran, unterhalb der Sicorismuendung eine Schiffbruecke ueber den
Ebro zu schlagen. Caesar suchte den Gegnern den Rueckweg ueber den Ebro
abzuschneiden und sie in Ilerda festzuhalten; allein solange die Feinde im
Besitz der Bruecke bei Ilerda blieben und er dort weder Furt noch Bruecken in
seiner Gewalt hatte, durfte er seine Armee nicht auf die beiden Flussufer
verteilen und konnte Ilerda nicht einschliessen. Seine Soldaten schanzten also
Tag und Nacht, um durch Abzugsgraeben den Fluss so viel tiefer zu legen, dass
die Infanterie ihn durchwaten koenne. Aber die Vorbereitungen der Pompeianer,
den Ebro zu passieren, kamen frueher zu Ende als die Anstalten der Caesarianer
zur Einschliessung von Ilerda; als jene nach Vollendung der Schiffbruecke den
Marsch nach dem Ebro zu am linken Ufer des Sicoris antraten, schienen die
Ableitungsgraeben der Caesarianer dem Feldherrn doch nicht weit genug
vorgerueckt, um die Furt fuer die Infanterie zu benutzen; nur seine Reiter liess
er den Strom passieren und, dem Feinde an die Fersen sich heftend, wenigstens
ihn aufhalten und schaedigen. Allein als Caesars Legionen am grauenden Morgen
die seit Mitternacht abziehenden feindlichen Kolonnen erblickten, begriffen sie
mit der instinktmaessigen Sicherheit krieggewohnter Veteranen die strategische
Bedeutung dieses Rueckzugs, der sie noetigte, dem Gegner in ferne, unwegsame und
von feindlichen Scharen erfuellte Landschaften zu folgen; auf ihre eigene Bitte
wagte es der Feldherr, auch das Fussvolk in den Fluss zu fuehren, und obwohl den
Leuten das Wasser bis an die Schultern ging, ward er doch ohne Unfall
durchschritten. Es war die hoechste Zeit. Wenn die schmale Ebene, welche die
Stadt Ilerda von den den Ebro einfassenden Gebirgen trennt, einmal
durchschritten und das Heer der Pompeianer in die Berge eingetreten war, so
konnte der Rueckzug an den Ebro ihnen nicht mehr verwehrt werden. Schon hatten
dieselben, trotz der bestaendigen, den Marsch ungemein verzoegernden Angriffe
der feindlichen Reiterei, den Bergen sich bis auf eine Meile genaehert, als sie,
seit Mitternacht auf dem Marsche und unsaeglich erschoepft, ihren
urspruenglichen Plan, die Ebene noch an diesem Tage ganz zu durchschreiten,
aufgaben und Lager schlugen. Hier holte Caesars Infanterie sie ein und lagerte
am Abend und in der Nacht ihnen gegenueber, indem der anfaenglich beabsichtigte
naechtliche Weitermarsch von den Pompeianern aus Furcht vor den naechtlichen
Angriffen der Reiterei wieder aufgegeben ward. Auch am folgenden Tage standen
beide Heere unbeweglich, nur beschaeftigt, die Gegend zu rekognoszieren. Am
fruehen Morgen des dritten brach Caesars Fussvolk auf, um, durch die pfadlosen
Berge zur Seite der Strasse die Stellung der Feinde umgehend, ihnen den Weg zum
Ebro zu verlegen. Der Zweck des seltsamen Marsches, der anfangs in das Lager vor
Ilerda sich zurueckzuwenden schien, ward von den Pompeianischen Offizieren nicht
sogleich erkannt. Als sie ihn fassten, opferten sie Lager und Gepaeck und
rueckten im Gewaltmarsch auf der Hauptstrasse vor, um den Uferkamm vor den
Caesarianern zu gewinnen. Indes es war bereits zu spaet; schon hielten, als sie
herankamen, auf der grossen Strasse selbst die geschlossenen Massen des Feindes.
Ein verzweifelter Versuch der Pompeianer, ueber die Bergsteile andere Wege zum
Ebro ausfindig zu machen, ward von Caesars Reiterei vereitelt, welche die dazu
vorgesandten lusitanischen Truppen umzingelte und zusammenhieb. Waere es
zwischen der Pompeianischen Armee, die die feindlichen Reiter im Ruecken, das
Fussvolk von vorne sich gegenueber hatte und gaenzlich demoralisiert war, und
den Caesarianern zu einer Schlacht gekommen, so war deren Ausgang kaum
zweifelhaft, und die Gelegenheit zum Schlagen bot mehrfach sich dar; aber Caesar
machte keinen Gebrauch davon und zuegelte nicht ohne Muehe die ungeduldige
Kampfeslust seiner siegesgewissen Soldaten. Die Pompeianische Armee war ohnehin
strategisch verloren; Caesar vermied es, durch nutzloses Blutvergiessen sein
Heer zu schwaechen und die arge Fehde noch weiter zu vergiften. Schon am Tage,
nachdem es gelungen war, die Pompeianer vom Ebro abzuschneiden, hatten die
Soldaten der beiden Heere miteinander angefangen zu fraternisieren und wegen der
Uebergabe zu unterhandeln, ja es waren bereits die von den Pompeianern
geforderten Bedingungen, namentlich Schonung der Offiziere, von Caesar
zugestanden worden, als Petreius mit seiner aus Sklaven und Spaniern bestehenden
Eskorte ueber die Unterhaendler zukam und die Caesarianer, deren er habhaft
ward, niedermachen liess. Caesar sandte dennoch die zu ihm in das Lager
gekommenen Pompeianer ungeschaedigt zurueck und beharrte dabei, eine friedliche
Loesung zu suchen. Ilerda, wo die Pompeianer noch Besatzung und ansehnliche
Magazine hatten, ward jetzt das Ziel ihres Marsches; allein vor sich das
feindliche Heer und zwischen sich und der Festung den Sicoris, marschierten sie,
ohne ihrem Ziele naeher zu kommen. Ihre Reiterei ward allmaehlich so
eingeschuechtert, dass das Fussvolk sie in die Mitte nehmen und Legionen in die
Nachhut gestellt werden mussten; die Beschaffung von Wasser und Fourage ward
immer schwieriger; schon musste man die Lasttiere niederstossen, da man sie
nicht ernaehren konnte. Endlich fand die umherirrende Armee sich foermlich
eingeschlossen, den Sicoris im Ruecken, vor sich das feindliche Heer, das Wall
und Graben um sie herumzog. Sie versuchte den Fluss zu ueberschreiten, aber
Caesars deutsche Reiter und leichte Infanterie kamen in der Besetzung des
entgegenstehenden Ufers ihr zuvor. Alle Tapferkeit und alle Treue konnten die
unvermeidliche Kapitulation nicht laenger abwenden (2. August 705 49). Caesar
gewaehrte nicht bloss Offizieren und Soldaten Leben und Freiheit und sowohl den
Besitz der ihnen noch gebliebenen Habe wie auch die Zurueckgabe der bereits
ihnen abgenommenen, deren vollen Wert er selber seinen Soldaten zu erstatten
uebernahm, sondern waehrend er die in Italien gefangenen Rekruten zwangsweise in
seine Armee eingereiht hatte, ehrte er diese alten Legionaere des Pompeius durch
die Zusage, dass keiner wider seinen Willen genoetigt werden solle, in sein Heer
einzutreten. Er forderte nur, dass ein jeder die Waffen abgebe und sich in seine
Heimat verfuege. Demgemaess wurden die aus Spanien gebuertigen Soldaten, etwa
der dritte Teil der Armee, sogleich, die italischen an der Grenze des Jen- und
Diesseitigen Galliens verabschiedet.
Das Diesseitige Spanien fiel mit der Aufloesung dieser Armee von selbst in
die Gewalt des Siegers. Im Jenseitigen, wo Marcus Varro fuer Pompeius den
Oberbefehl fuehrte, schien es diesem, als er die Katastrophe von Ilerda erfuhr,
das raetlichste, sich in die Inselstadt Gades zu werfen und die betraechtlichen
Summen, die er durch Einziehung der Tempelschaetze und der Vermoegen angesehener
Caesarianer zusammengebracht hatte, die nicht unbedeutende von ihm aufgestellte
Flotte und die ihm anvertrauten zwei Legionen dorthin in Sicherheit zu bringen.
Allein auf das blosse Geruecht von Caesars Ankunft erklaerten die namhaftesten
Staedte der Caesar seit langem anhaenglichen Provinz sich fuer diesen und
verjagten die Pompeianischen Besatzungen oder bestimmten sie zu gleichem Abfall:
so Corduba, Carmo und Gades selbst. Auch eine der Legionen brach auf eigene Hand
nach Hispalis auf und trat mit dieser Stadt zugleich auf Caesars Seite. Als
endlich selbst Italica dem Varro die Tore sperrte, entschloss dieser sich zu
kapitulieren.
Ungefaehr gleichzeitig unterwarf sich auch Massalia. Mit seltener Energie
hatten die Massalioten nicht bloss die Belagerung ertragen, sondern auch die See
gegen Caesar behauptet; es war ihr heimisches Element und sie durften hoffen,
auf diesem kraeftige Unterstuetzung von Pompeius zu empfangen, welcher ja das
Meer ausschliesslich beherrschte. Indes Caesars Unterfeldherr, der tuechtige
Decimus Brutus, derselbe, der ueber die Veneter den ersten Seesieg im Ozean
erfochten hatte, wusste rasch eine Flotte herzustellen und, trotz der wackeren
Gegenwehr der feindlichen, teils aus albioekischen Soldknechten der Massalioten,
teils aus Hirtensklaven des Domitius bestehenden Flottenmannschaft, durch seine
tapferen, aus den Legionen auserlesenen Schiffssoldaten die staerkere
massaliotische Flotte zu ueberwinden und die groessere Haelfte der Schiffe zu
versenken oder zu erobern. Als dann ein kleines Pompeianisches Geschwader unter
Lucius Nasidius aus dem Osten ueber Sizilien und Sardinien im Hafen von Massalia
eintraf, erneuerten die Massalioten noch einmal ihre Seeruestung und liefen
zugleich mit den Schiffendes Nasidius gegen Brutus aus. Haetten in dem Treffen,
das auf der Hoehe von Tauroeis (La Ciotat, oestlich von Marseille) geschlagen
ward, die Schiffe des Nasidius mit demselben verzweifelten Mut gestritten, den
die massaliotischen an diesem Tage bewiesen, so moechte das Ergebnis desselben
wohl ein verschiedenes gewesen sein; allein die Flucht der Nasidianer entschied
den Sieg fuer Brutus und die Truemmer der Pompeianischen Flotte fluechteten nach
Spanien. Die Belagerten waren von der See vollstaendig verdraengt. Auf der
Landseite, wo Gaius Trebonius die Belagerung leitete, ward auch nachher noch die
entschlossenste Gegenwehr fortgesetzt; allein trotz der haeufigen Ausfaelle der
albioekischen Soeldner und der geschickten Verwendung der ungeheuren, in der
Stadt aufgehaeuften Geschuetzvorraete rueckten endlich doch die Arbeiten der
Belagerer bis an die Mauer vor und einer der Tuerme stuerzte zusammen. Die
Massalioten erklaerten, dass sie die Verteidigung aufgaeben, aber mit Caesar
selbst die Kapitulation abzuschliessen wuenschten, und ersuchten den roemischen
Befehlshaber, bis zu Caesars Ankunft die Belagerungsarbeiten einzustellen.
Trebonius hatte von Caesar gemessenen Befehl, die Stadt so weit irgend moeglich
zu schonen; er gewaehrte den erbetenen Waffenstillstand. Allein da die
Massalioten ihn zu einem tueckischen Ausfall benutzten, in dem sie die eine
Haelfte der fast unbewachten roemischen Werke vollstaendig niederbrannten,
begann von neuem und mit gesteigerter Erbitterung der Belagerungskampf. Der
tuechtige Befehlshaber der Roemer stellte mit ueberraschender Schnelligkeit die
vernichteten Tuerme und den Damm wieder her; bald waren die Massalioten abermals
vollstaendig eingeschlossen. Als Caesar, von der Unterwerfung Spaniens
zurueckkehrend, vor ihrer Stadt ankam, fand er dieselbe teils durch die
feindlichen Angriffe, teils durch Hunger und Seuchen aufs Aeusserste gebracht
und zum zweitenmal, und diesmal ernstlich, bereit, auf jede Bedingung zu
kapitulieren. Nur Domitius, der schmaehlich missbrauchten Nachsicht des Siegers
eingedenk, bestieg einen Nachen und schlich sich durch die roemische Flotte, um
fuer seinen unversoehnlichen Groll ein drittes Schlachtfeld zu suchen. Caesars
Soldaten hatten geschworen, die ganze maennliche Bevoelkerung der treubruechigen
Stadt ueber die Klinge springen zu lassen und forderten mit Ungestuem von dem
Feldherrn das Zeichen zur Pluenderung. Allein Caesar, seiner grossen Aufgabe,
die hellenisch-italische Zivilisation im Westen zu begruenden auch hier
eingedenk, liess sich nicht zwingen, zu der Zerstoerung Korinths die Fortsetzung
zu liefern. Massalia, von jenen einst so zahlreichen freien und seemaechtigen
Staedten der alten ionischen Schiffernation die von der Heimat am weitesten
entfernte und fast die letzte, in der das hellenische Seefahrerleben noch rein
und frisch sich erhalten hatte, wie denn auch die letzte griechische Stadt, die
zur See geschlagen hat - Massalia musste zwar seine Waffen- und Flottenvorraete
an den Sieger abliefern und verlor einen Teil seines Gebietes und seiner
Privilegien, aber behielt seine Freiheit und seine Nationalitaet und blieb, wenn
auch materiell in geschmaelerten Verhaeltnissen, doch geistig nach wie vor der
Mittelpunkt der hellenischen Kultur in der fernen, eben jetzt zu neuer
geschichtlicher Bedeutung gelangenden keltischen Landschaft.
Waehrend also in den westlichen Landschaften der Krieg nach manchen
bedenklichen Wechselfaellen schliesslich sich durchaus zu Caesars Gunsten
entschied und Spanien und Massalia unterworfen, die feindliche Hauptarmee bis
auf den letzten Mann gefangengenommen wurde, hatte auch auf dem zweiten
Kriegsschauplatze, auf welchem Caesar es notwendig gefunden, sofort nach der
Eroberung Italiens die Offensive zu ergreifen, die Waffenentscheidung
stattgefunden.
Es ward schon gesagt, dass die Pompeianer die Absicht hatten, Italien
auszuhungern. Die Mittel dazu hatten sie in Haenden. Sie beherrschten die See
durchaus und arbeiteten allerorts, in Gades, Utica, Messana, vor allem im Osten,
mit grossem Eifer an der Vermehrung ihrer Flotte; sie hatten ferner die
saemtlichen Provinzen inne, aus denen die Hauptstadt ihre Subsistenzmittel zog:
Sardinien und Korsika durch Marcus Cotta, Sizilien durch Marcus Cato, Afrika
durch den selbst ernannten Oberfeldherrn Titus Attius Varus und ihren
Verbuendeten, den Koenig Juba von Numidien. Es war fuer Caesar unumgaenglich
noetig, diese Plaene des Feindes zu durchkreuzen und demselben die
Getreideprovinzen zu entreissen. Quintus Valerius ward mit einer Legion nach
Sardinien gesandt und zwang den Pompeianischen Statthalter, die Insel zu
raeumen. Die wichtigere Unternehmung, Sizilien und Afrika dem Feinde abzunehmen,
wurde unter Beistand des tuechtigen und kriegserfahrenen Gaius Caninius Rebilus
dem jungen Gaius Curio anvertraut. Sizilien ward von ihm ohne Schwertstreich
besetzt; Cato, ohne rechte Armee und kein Mann des Degens, raeumte die Insel,
nachdem er in seiner rechtschaffenen Art die Sikelioten vorher gewarnt hatte,
sich nicht durch unzulaenglichen Widerstand nutzlos zu kompromittieren. Curio
liess zur Deckung dieser fuer die Hauptstadt so wichtigen Insel die Haelfte
seiner Truppen zurueck und schiffte sich mit der anderen, zwei Legionen und 500
Reitern, nach Afrika ein. Hier durfte er erwarten, ernsteren Widerstand zu
finden: ausser der ansehnlichen und in ihrer Art tuechtigen Armee Jubas hatte
der Statthalter Varus aus den in Afrika ansaessigen Roemern zwei Legionen
gebildet und auch ein kleines Geschwader von zehn Segeln aufgestellt. Mit Hilfe
seiner ueberlegenen Flotte bewerkstelligte indes Curio ohne Schwierigkeit die
Landung zwischen Hadrumetum, wo die eine Legion der Feinde nebst ihren
Kriegsschiffen, und Utica, vor welcher Stadt die zweite Legion unter Varus
selbst stand. Curio wandte sich gegen die letztere und schlug sein Lager unweit
Utica, ebenda, wo anderthalb Jahrhunderte zuvor der aeltere Scipio sein erstes
Winterlager in Afrika genommen hatte. Caesar, genoetigt, seine Kerntruppen fuer
den Spanischen Krieg zusammenzuhalten, hatte die sizilisch-afrikanische Armee
groesstenteils aus den vom Feind uebernommenen Legionen, namentlich den
Kriegsgefangenen von Corfinium, zusammensetzen muessen; die Offiziere der
Pompeianischen Armee in Afrika, die zum Teil bei denselben in Corfinium
ueberwundenen Legionen gestanden hatten, liessen jetzt kein Mittel unversucht,
ihre alten, nun gegen sie fechtenden Soldaten zu ihrem ersten Eidschwur wieder
zurueckzubringen. Indes Caesar hatte in seinem Stellvertreter sich nicht
vergriffen. Curio verstand es, ebensowohl die Bewegung des Heeres und der Flotte
zu lenken, als auch persoenlichen Einfluss auf die Soldaten zu gewinnen; die
Verpflegung war reichlich, die Gefechte ohne Ausnahme gluecklich. Als Varus, in
der Voraussetzung, dass es den Truppen Curios an Gelegenheit fehlte, auf seine
Seite ueberzugehen, hauptsaechlich, um ihnen diese zu verschaffen, sich
entschloss, eine Schlacht zu liefern, rechtfertigte der Erfolg seine Erwartungen
nicht. Begeistert durch die feurige Ansprache ihres jugendlichen Fuehrers
schlugen Curios Reiter die feindlichen in die Flucht und saebelten im Angesichte
beider Heere die mit den Reitern ausgerueckte leichte Infanterie der Feinde
nieder; und ermutigt durch diesen Erfolg und durch Curios persoenliches
Beispiel, gingen auch seine Legionen durch die schwierige, die beiden Linien
trennende Talschlucht vor zum Angriff, den die Pompeianer aber nicht erwarteten,
sondern schimpflich in ihr Lager zurueckflohen und auch dies die Nacht darauf
raeumten. Der Sieg war so vollstaendig, dass Curio sofort dazu schritt, Utica zu
belagern. Als indes die Meldung eintraf, dass Koenig Juba mit seiner gesamten
Heeresmacht zum Entsatz heranrueckte, entschloss sich Curio, ebenwie bei Syphax'
Eintreffen Scipio getan, die Belagerung aufzuheben und in Scipios ehemaliges
Lager zurueckzugehen, bis aus Sizilien Verstaerkung nachkommen werde. Bald
darauf lief ein zweiter Bericht ein, dass Koenig Juba durch Angriffe seiner
Nachbarfuersten veranlasst worden sei, mit seiner Hauptmacht wieder umzukehren,
und den Belagerten nur ein maessiges Korps unter Saburra zur Hilfe sende. Curio,
der bei seinem lebhaften Naturell nur sehr ungern sich entschlossen hatte zu
rasten, brach nun sofort wieder auf, um mit Saburra zu schlagen, bevor derselbe
mit der Besatzung von Utica in Verbindung treten koenne. Seiner Reiterei, die am
Abend voraufgegangen war, gelang es in der Tat, das Korps des Saburra am
Bagradas bei naechtlicher Weile zu ueberraschen und uebel zuzurichten; und auf
diese Siegesbotschaft beschleunigte Curio den Marsch der Infanterie, um durch
sie die Niederlage zu vollenden. Bald erblickte man auf den letzten Abhaengen
der gegen den Bagradas sich senkenden Anhoehen das Korps des Saburra, das mit
den roemischen Reitern sich herumschlug; die heranrueckenden Legionen halfen,
dasselbe voellig in die Ebene hinabdraengen. Allein hier wendete sich das
Gefecht. Saburra stand nicht, wie man meinte, ohne Rueckhalt, sondern nicht viel
mehr als eine deutsche Meile entfernt von der numidischen Hauptmacht. Bereits
trafen der Kern des numidischen Fussvolks und 2000 gallische und spanische
Reiter auf dem Schlachtfeld ein, um Saburra zu unterstuetzen, und der Koenig
selbst mit dem Gros der Armee und sechzehn Elefanten war im Anmarsch. Nach dem
Nachtmarsch und dem hitzigen Gefecht waren von den roemischen Reitern
augenblicklich nicht viel ueber 200 beisammen, und diese sowie die Infanterie
von den Strapazen und dem Fechten aufs aeusserste erschoepft, alle in der weiten
Ebene, in die man sich hatte verlocken lassen, rings eingeschlossen von den
bestaendig sich mehrenden feindlichen Scharen. Vergeblich suchte Curio,
handgemein zu werden; die libyschen Reiter wichen, wie sie pflegten, sowie eine
roemische Abteilung vorging, um, wenn sie umkehrte, sie zu verfolgen. Vergeblich
versuchte er, die Hoehen wiederzugewinnen; sie wurden von den feindlichen
Reitern besetzt und versperrt. Es war alles verloren. Das Fussvolk ward
niedergehauen bis auf den letzten Mann. Von der Reiterei gelang es einzelnen
sich durchzuschlagen; und Curio haette wohl sich zu retten vermocht, aber er
ertrug es nicht, ohne das ihm anvertraute Heer allein vor seinem Herrn zu
erscheinen, und starb mit dem Degen in der Hand. Selbst die Mannschaft, die im
Lager vor Utica sich zusammenfand, und die Flottenbesatzung, die sich so leicht
nach Sizilien haette retten koennen, ergaben sich unter dem Eindruck der
fuerchterlich raschen Katastrophe den Tag darauf an Varus (August oder September
705 49).
So endigte die von Caesar angeordnete sizilisch-afrikanische Expedition.
Sie erreichte insofern ihren Zweck, als durch die Besetzung Siziliens in
Verbindung mit der von Sardinien wenigstens dem dringendsten Beduerfnis der
Hauptstadt abgeholfen ward; die vereitelte Eroberung Afrikas, aus welcher die
siegende Partei keinen weiteren wesentlichen Gewinn zog, und der Verlust zweier
unzuverlaessiger Legionen liessen sich verschmerzen. Aber ein unersetzlicher
Verlust fuer Caesar, ja fuer Rom, war Curios frueher Tod. Nicht ohne Ursache
hatte Caesar dem militaerisch unerfahrenen und wegen seines Lotterlebens
berufenen jungen Mann das wichtigste selbstaendige Kommando anvertraut; es war
ein Funken von Caesars eigenem Geist in dem feurigen Juengling. Auch er hatte
wie Caesar den Becher der Lust bis auf die Hefen geleert; auch er ward nicht
darum Staatsmann, weil er Offizier war, sondern es gab seine politische
Taetigkeit ihm das Schwert in die Hand; auch seine Beredsamkeit war nicht die
der gerundeten Perioden, sondern die Beredsamkeit des tief empfundenen
Gedankens; auch seine Kriegfuehrung ruhte auf dem raschen Handeln mit geringen
Mitteln; auch sein Wesen war Leichtigkeit und oft Leichtfertigkeit, anmutige
Offenherzigkeit und volles Leben im Augenblick. Wenn, wie sein Feldherr von ihm
sagt, Jugendfeuer und hoher Mut ihn zu Unvorsichtigkeiten hinrissen und wenn er,
um nicht einen verzeihlichen Fehler sich verzeihen zu lassen, allzu stolz den
Tod nahm, so fehlen Momente gleicher Unvorsichtigkeit und gleichen Stolzes auch
in Caesars Geschichte nicht. Man darf es beklagen, dass es dieser
uebersprudelnden Natur nicht vergoennt war, auszuschaeumen und sich
aufzubewahren fuer die folgende, an Talenten so bettelarme, dem schrecklichen
Regiment der Mittelmaessigkeiten so rasch verfallende Generation.
Inwiefern diese Kriegsvorgaenge des Jahres 705 (49) in Pompeius'
allgemeinen Feldzugsplan eingriffen, namentlich welche Rolle in diesem nach dem
Verlust Italiens den wichtigen Heereskoerpern im Westen zugeteilt war, laesst
sich nur vermutungsweise bestimmen. Dass Pompeius die Absicht gehabt, seinem in
Spanien fechtenden Heer zu Lande ueber Afrika und Mauretanien zu Hilfe zu
kommen, war nichts als ein im Lager von Ilerda umherlaufendes abenteuerliches
und ohne Zweifel durchaus grundloses Geruecht. Viel wahrscheinlicher ist es,
dass er bei seinem frueheren Plan, Caesar im Dies- und Jenseitigen Gallien von
zwei Seiten anzugreifen, selbst nach dem Verlust von Italien noch beharrte und
einen kombinierten Angriff zugleich von Spanien und Makedonien aus
beabsichtigte. Vermutlich sollte die spanische Armee so lange an den Pyrenaeen
sich defensiv verhalten, bis die in der Organisation begriffene makedonische
gleichfalls marschfaehig war; worauf dann beide zugleich aufgebrochen sein und,
je nach den Umstaenden, entweder an der Rhone oder am Po sich die Hand gereicht,
auch die Flotte vermutlich gleichzeitig versucht haben wuerde, das eigentliche
Italien zurueckzuerobern. In dieser Voraussetzung, wie es scheint, hatte Caesar
zunaechst sich darauf gefasst gemacht, einem Angriff auf Italien zu begegnen.
Einer der tuechtigsten seiner Offiziere, der Volkstribun Marcus Antonius,
befehligte hier mit propraetorischer Gewalt. Die suedoestlichen Haefen Sipus,
Brundisium, Tarent, wo am ersten ein Landungsversuch zu erwarten war, hatten
eine Besatzung von drei Legionen erhalten. Ausserdem zog Quintus Hortensius, des
bekannten Redners ungeratener Sohn, eine Flotte im Tyrrhenischen, Publius
Dolabella eine zweite im Adriatischen Meere zusammen, welche teils die
Verteidigung unterstuetzten, teils fuer die bevorstehende Ueberfahrt nach
Griechenland mitverwandt werden sollten. Falls Pompeius versuchen wuerde, zu
Lande in Italien einzudringen, hatten Marcus Licinius Crassus, der aelteste Sohn
des alten Kollegen Caesars, die Verteidigung des Diesseitigen Galliens, des
Marcus Antonius juengerer Bruder Gaius die von Illyricum zu leiten. Indes der
vermutete Angriff liess lange auf sich warten. Erst im Hochsommer des Jahres
ward man in Illyrien handgemein. Hier stand Caesars Statthalter Gaius Antonius
mit seinen zwei Legionen auf der Insel Curicta (Veglia, im Golf von Quarnero),
Caesars Admiral Publius Dolabella mit 40 Schiffen in dem schmalen Meerarm
zwischen dieser Insel und dem Festland. Das letztere Geschwader griffen
Pompeius' Flottenfuehrer im Adriatischen Meer, Marcus Octavius mit der
griechischen, Lucius Scribonius Libo mit der illyrischen Flottenabteilung an,
vernichteten saemtliche Schiffe Dolabellas und schnitten Antonius auf seiner
Insel ab. Ihn zu retten, kamen aus Italien ein Korps unter Basilus und
Sallustius und das Geschwader des Hortensius aus dem Tyrrhenischen Meer; allein
weder jenes noch dieses vermochten der weit ueberlegenen feindlichen Flotte
etwas anzuhaben. Die Legionen des Antonius mussten ihrem Schicksal ueberlassen
werden. Die Vorraete gingen zu Ende, die Truppen wurden schwierig und
meuterisch; mit Ausnahme weniger Abteilungen, denen es gelang, auf Floessen das
Festland zu erreichen, streckte das Korps, immer noch fuenfzehn Kohorten stark,
die Waffen und ward auf den Schiffen Libos nach Makedonien gefuehrt, um dort in
die Pompeianische Armee eingereiht zu werden, waehrend Octavius zurueckblieb, um
die Unterwerfung der von Truppen entbloessten illyrischen Kueste zu vollenden.
Die Delmater, jetzt in diesen Gegenden die bei weitem maechtigste Voelkerschaft,
die wichtige Inselstadt Issa (Lissa) und andere Ortschaften ergriffen die Partei
des Pompeius; allein die Anhaenger Caesars behaupteten sich in Salome (Spalato)
und Lissos (Alessio) und hielten in der ersteren Stadt nicht bloss die
Belagerung mutig aus, sondern machten, als sie aufs Aeusserste gebracht waren,
einen Ausfall mit solchem Erfolg, dass Octavius die Belagerung aufhob und nach
Dyrrhachion abfuhr, um dort zu ueberwintern.
Dieser in Illyricum von der Pompeianischen Flotte erfochtene Erfolg, obwohl
an sich nicht unbedeutend, wirkte doch auf den Gesamtgang des Feldzuges wenig
ein; und zwerghaft gering erscheint er, wenn man erwaegt, dass die Verrichtungen
der unter Pompeius' Oberbefehl stehenden Land- und Seemacht waehrend des ganzen
ereignisreichen Jahres 705 (49) sich auf diese einzige Waffentat beschraenkten
und dass vom Osten her, wo der Feldherr, der Senat, die zweite grosse Armee, die
Hauptflotte, ungeheure militaerische und noch ausgedehntere finanzielle
Hilfsmittel der Gegner Caesars vereinigt waren, da, wo es not tat, in jenen
allentscheidenden Kampf im Westen gar nicht eingegriffen ward. Der aufgeloeste
Zustand der in der oestlichen Haelfte des Reiches befindlichen Streitkraefte,
die Methode des Feldherrn, nie anders als mit ueberlegenen Massen zu operieren,
seine Schwerfaelligkeit und Weitschichtigkeit und die Zerfahrenheit der
Koalition mag vielleicht die Untaetigkeit der Landmacht zwar nicht
entschuldigen, aber doch einigermassen erklaeren; aber dass die Flotte, die doch
ohne Nebenbuhler das Mittelmeer beherrschte, so gar nichts tat, um den Gang der
Dinge bestimmen zu helfen, nichts fuer Spanien, so gut wie nichts fuer die
treuen Massalioten, nichts, um Sardinien, Sizilien, Afrika zu verteidigen und
Italien wo nicht wieder zu besetzen, doch wenigstens ihm die Zufuhr abzusperren
- das macht an unsere Vorstellungen von der im Pompeianischen Lager herrschenden
Verwirrung und Verkehrtheit Ansprueche, denen wir nur mit Muehe zu genuegen
vermoegen.
Das Gesamtresultat dieses Feldzugs war entsprechend. Caesars doppelte
Offensive gegen Spanien und gegen Sizilien und Afrika war dort vollstaendig,
hier wenigstens teilweise gelungen; dagegen ward Pompeius' Plan, Italien
auszuhungern, durch die Wegnahme Siziliens in der Hauptsache, sein allgemeiner
Feldzugsplan durch die Vernichtung der spanischen Armee vollstaendig vereitelt;
und in Italien waren Caesars Verteidigungsanstalten nur zum kleinsten Teil zur
Verwendung gekommen. Trotz der empfindlichen Verluste in Afrika und Illyrien
ging doch Caesar in der entschiedensten und entscheidendsten Weise aus diesem
ersten Kriegsjahr als Sieger hervor.
Wenn indes vom Osten aus nichts Wesentliches geschah, um Caesar an der
Unterwerfung des Westens zu hindern, so arbeitete man doch wenigstens dort in
der so schmaehlich gewonnenen Frist daran, sich politisch und militaerisch zu
konsolidieren. Der grosse Sammelplatz der Gegner Caesars ward Makedonien.
Dorthin begab sich Pompeius selbst und die Masse der brundisinischen Emigranten;
dorthin die uebrigen Fluechtlinge aus dem Westen: Marcus Cato aus Sizilien,
Lucius Domitius von Massalia; namentlich aber aus Spanien eine Menge der besten
Offiziere und Soldaten der aufgeloesten Armee, an der Spitze ihre Feldherrn
Afranius und Varro. In Italien ward die Emigration unter den Aristokraten
allmaehlich nicht bloss Ehren-, sondern fast Modesache, und neuen Schwung
erhielt sie durch die unguenstigen Nachrichten, die ueber Caesars Lage vor
Ilerda eintrafen; auch von den laueren Parteigenossen und den politischen
Achseltraegern kamen nach und nach nicht wenige an, und selbst Marcus Cicero
ueberzeugte sich endlich, dass er seiner Buergerpflicht nicht ausreichend damit
genuege, wenn er eine Abhandlung ueber die Eintracht schreibe. Der
Emigrantensenat in Thessalonike, wo das offizielle Rom seinen interimistischen
Sitz aufschlug, zaehlte gegen 200 Mitglieder, darunter manche hochbejahrte
Greise und fast saemtliche Konsulare. Aber freilich waren es Emigranten. Auch
dieses roemische Koblenz stellte die hohen Ansprueche und duerftigen Leistungen
der vornehmen Welt Roms, ihre unzeitigen Reminiszenzen und unzeitigeren
Rekriminationen, ihre politischen Verkehrtheiten und finanziellen Verlegenheiten
in klaeglicher Weise zur Schau. Es war das wenigste, dass man, waehrend der alte
Bau zusammensank, mit der peinlichsten Wichtigkeit jeden alten Schnoerkel und
Rostfleck der Verfassung in Obacht nahm: am Ende war es bloss laecherlich, wenn
es den vornehmen Herren Gewissensskrupel machte, ausserhalb des geheiligten
staedtischen Bodens ihre Ratversammlung Senat zu heissen und sie vorsichtig sich
die "Dreihundert" titulierten ^4; oder wenn man weitlaeufige staatsrechtliche
Untersuchungen anstellte, ob und wie ein Kuriatgesetz von Rechts wegen sich
anderswo zustande bringen lasse als im roemischen Mauerring. Weit schlimmer war
die Gleichgueltigkeit der Lauen und die bornierte Verbissenheit der Ultras. Jene
waren weder zum Handeln zu bringen noch auch nur zum Schweigen. Wurden sie
aufgefordert, in einer bestimmten Weise fuer das gemeine Beste taetig zu sein,
so betrachteten sie, mit der schwachen Leuten eigenen Inkonsequenz, jedes solche
Ansinnen als einen boeswilligen Versuch, sie noch weiter zu kompromittieren und
taten das Befohlene gar nicht oder mit halbem Herzen. Dabei aber fielen sie
natuerlich mit ihrem verspaeteten Besserwissen und ihren superklugen
Unausfuehrbarkeiten den Handelnden bestaendig zur Last; ihr Tagewerk bestand
darin, jeden kleinen und grossen Vorgang zu bekritteln, zu bespoetteln und zu
beseufzen und durch ihre eigene Laessigkeit und Hoffnungslosigkeit die Menge
abzuspannen und zu entmutigen. Wenn hier die Atome der Schwaeche zu schauen war,
so stand dagegen deren Hypertonie bei den Ultras in voller Bluete. Hier hatte
man es kein Hehl, dass die Vorbedingung fuer jede Friedensverhandlung die
Ueberbringung von Caesars Kopf sei: jeder der Friedensversuche, die Caesar auch
jetzt noch wiederholentlich machte, ward unbesehen von der Hand gewiesen oder
nur benutzt, um auf heimtueckische Weise den Beauftragten des Gegners nach dem
Leben zu stellen. Dass die erklaerten Caesarianer samt und sonders Leben und Gut
verwirkt hatten, verstand sich von selbst; aber auch den mehr oder minder
Neutralen ging es wenig besser. Lucius Domitius, der Held von Corfinium, machte
im Kriegsrat alles Ernstes den Vorschlag, diejenigen Senatoren, die im Heer des
Pompeius gefochten haetten, ueber alle, die entweder neutral geblieben oder zwar
emigriert, aber nicht in das Heer eingetreten seien, abstimmen zu lassen und
diese einzeln je nach Befinden freizusprechen oder mit Geldbusse oder auch mit
dem Verlust des Lebens und des Vermoegens zu bestrafen. Ein anderer dieser
Ultras erhob bei Pompeius gegen Lucius Afranius wegen seiner mangelhaften
Verteidigung Spaniens eine foermliche Anklage auf Bestechung und Verrat. Diesen
in der Wolle gefaerbten Republikanern nahm ihre politische Theorie fast den
Charakter eines religioesen Glaubensbekenntnisses an; sie hassten denn auch die
laueren Parteigenossen und den Pompeius mit seinem persoenlichen Anhang
womoeglich noch mehr als die offenbaren Gegner, und durchaus mit jener
Stupiditaet des Hasses, wie sie orthodoxen Theologen eigen zu sein pflegt; sie
wesentlich verschuldeten die zahllosen und erbitterten Sonderfehden, welche die
Emigrantenarmee und den Emigrantensenat zerrissen. Aber sie liessen es nicht bei
Worten. Marcus Bibulus, Titus Labienus und andere dieser Koterie fuehrten ihre
Theorie praktisch durch und liessen, was ihnen von Caesars Armee an Offizieren
oder Soldaten in die Haende fiel, in Masse hinrichten; was begreiflicherweise
Caesars Truppen nicht gerade bewog, mit minderer Energie zu fechten. Wenn
waehrend Caesars Abwesenheit von Italien die Konterrevolution zu Gunsten der
Verfassungsfreunde, zu der alle Elemente vorhanden waren, dennoch daselbst nicht
ausbrach, so lag, nach der Versicherung einsichtiger Gegner Caesars, die Ursache
hauptsaechlich in der allgemeinen Besorgnis vor dem unbezaehmbaren Wueten der
republikanischen Ultras nach erfolgter Restauration. Die Besseren im
Pompeianischen Lager waren in Verzweiflung ueber dies rasende Treiben. Pompeius,
selbst ein tapferer Soldat, schonte, soweit er durfte und konnte, der
Gefangenen; aber er war zu schwachmuetig und in einer zu schiefen Stellung, um,
wie es ihm als Oberfeldherrn zukam, alle Greuel dieser Art zu hemmen oder gar zu
ahnden. Energischer versuchte der einzige Mann, der wenigstens mit sittlicher
Haltung in den Kampf eintrat, Marcus Cato, diesem Treiben zu steuern, er
erwirkte, dass der Emigrantensenat durch ein eigenes Dekret es untersagte,
untertaenige Staedte zu pluendern und einen Buerger anders als in der Schlacht
zu toeten. Ebenso dachte der tuechtige Marcus Marcellus. Freilich wusste es
niemand besser als Cato und Marcellus, dass die extreme Partei ihre rettenden
Taten wenn noetig allen Senatsbeschluessen zum Trotze vollzog. Wenn aber bereits
jetzt, wo man noch Klugheitsruecksichten zu beobachten hatte, die Wut der Ultras
sich nicht baendigen liess, so mochte man nach dem Siege auf eine
Schreckensherrschaft sich gefasst machen, von der Marius und Sulla selbst sich
schaudernd abgewandt haben wuerden; und man begreift es, dass Cato, seinem
eigenen Gestaendnis zufolge, mehr noch als vor der Niederlage, graute vor dem
Siege seiner eigenen Partei.
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^4 Da nach formellem Recht die "gesetzliche Ratversammlung" unzweifelhaft
ebenso wie das "gesetzliche Gericht" nur in der Stadt selbst oder innerhalb der
Bannmeile stattfinden konnte, so nannte die bei dem afrikanischen Heer den Senat
vertretende Versammlung sich die "Dreihundert" (Bell. Afr. 88, 90; App. hist. 2,
95), nicht weil er aus 300 Mitgliedern bestand, sondern weil dies die uralte
Normzahl der Senatoren war. Es ist sehr glaublich, dass diese Versammlung sich
durch angesehene Ritter verstaerkte; aber wenn Plutarch (Cato min. 59, 61) die
Dreihundert zu italischen Grosshaendlern macht, so hat er seine Quelle (Bell.
Afr. 90) missverstanden. Aehnlich wird der Quasisenat schon in Thessalonike
geordnet gewesen sein.
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Die Leitung der militaerischen Vorbereitungen im makedonischen Lager lag in
der Hand des Oberfeldherrn Pompeius. Die stets schwierige und gedrueckte
Stellung desselben hatte durch die ungluecklichen Ereignisse des Jahres 705 (49)
sich noch verschlimmert. In den Augen seiner Parteigenossen trug wesentlich er
davon die Schuld. Es war das in vieler Hinsicht nicht gerecht. Ein guter Teil
der erlittenen Unfaelle kam auf Rechnung der Verkehrtheit und Unbotmaessigkeit
der Unterfeldherren, namentlich des Konsuls Lentulus und des Lucius Domitius;
von dem Augenblick an, wo Pompeius an die Spitze der Armee getreten war, hatte
er sie geschickt und mutig gefuehrt und wenigstens sehr ansehnliche
Streitkraefte aus dem Schiffbruch gerettet; dass er Caesars jetzt von allen
anerkanntem, durchaus ueberlegenem Genie nicht gewachsen war, konnte
billigerweise ihm nicht vorgeworfen werden. Indes es entschied allein der
Erfolg. Im Vertrauen auf den Feldherrn Pompeius hatte die Verfassungspartei mit
Caesar gebrochen; die verderblichen Folgen dieses Bruches fielen auf den
Feldherrn Pompeius zurueck, und wenn auch bei der notorischen militaerischen
Unfaehigkeit aller uebrigen Chefs kein Versuch gemacht ward, das Oberkommando zu
wechseln, so war doch wenigstens das Vertrauen zu dem Oberfeldherrn paralysiert.
Zu diesen Nachwehen der erlittenen Niederlagen kamen die nachteiligen Einfluesse
der Emigration. Unter den eintreffenden Fluechtlingen war allerdings eine Anzahl
tuechtiger Soldaten und faehiger Offiziere namentlich der ehemaligen spanischen
Armee; allein die Zahl derer, die kamen, um zu dienen und zu fechten, war ebenso
gering, wie zum Erschrecken gross die der vornehmen Generale, die mit ebenso
gutem Fug wie Pompeius sich Prokonsuln und Imperatoren nannten, und der
vornehmen Herren, die mehr oder weniger unfreiwillig am aktiven Kriegsdienst
sich beteiligten. Durch diese ward die hauptstaedtische Lebensweise in das
Feldlager eingebuergert, keineswegs zum Vorteil des Heeres: die Zelte solcher
Herren waren anmutige Lauben, der Boden mit frischem Rasen zierlich bedeckt, die
Waende mit Efeu bekleidet; auf dem Tisch stand silbernes Tafelgeschirr und oft
kreiste dort schon am hellen Tage der Becher. Diese eleganten Krieger machten
einen seltsamen Kontrast mit Caesars Grasteufeln, vor deren grobem Brot jene
erschraken und die in Ermangelung dessen auch Wurzeln assen und schwuren, eher
Baumrinde zu kauen als vom Feinde abzulassen. Wenn ferner die unvermeidliche
Ruecksicht auf eine kollegialische und ihm persoenlich abgeneigte Behoerde
Pompeius schon an sich in seiner Taetigkeit hemmte, so steigerte diese
Verlegenheit sich ungemein, als der Emigrantensenat beinahe im Hauptquartier
selbst seinen Sitz aufschlug und nun alles Gift der Emigration in diesen
Senatssitzungen sich entleerte. Eine bedeutende Persoenlichkeit endlich, die
gegen all diese Verkehrtheiten ihr eigenes Gewicht haette einsetzen koennen, war
nirgends vorhanden. Pompeius selbst war dazu geistig viel zu untergeordnet und
viel zu zoegernd, schwerfaellig und versteckt. Marcus Cato wuerde wenigstens die
erforderliche moralische Autoritaet gehabt und auch des guten Willens, Pompeius
damit zu unterstuetzen, nicht ermangelt haben; allein Pompeius, statt ihn zum
Beistand aufzufordern, setzte ihn mit misstrauischer Eifersucht zurueck und
uebertrug zum Beispiel das so wichtige Oberkommando der Flotte lieber an den in
jeder Beziehung unfaehigen Bibulus als an Cato. Wenn somit Pompeius die
politische Seite seiner Stellung mit der ihm eigenen Verkehrtheit behandelte und
was an sich schon verdorben war, nach Kraeften weiter verdarb, so widmete er
dagegen mit anerkennenswertem Eifer sich seiner Pflicht, die bedeutenden, aber
aufgeloesten Streitkraefte der Partei militaerisch zu organisieren. Den Kern
derselben bildeten die aus Italien mitgebrachten Truppen, aus denen mit den
Ergaenzungen aus den illyrischen Kriegsgefangenen und den in Griechenland
domizilierten Roemern zusammen fuenf Legionen gebildet wurden. Drei andere kamen
aus dem Osten: die beiden aus den Truemmern der Armee des Crassus gebildeten
syrischen und eine aus den zwei schwachen, bisher in Kilikien stehenden
kombinierte. Der Wegziehung dieser Besatzungstruppen stellte sich nichts in den
Weg, da teils die Pompeianer mit den Parthern im Einvernehmen standen und selbst
ein Buendnis mit ihnen haetten haben koennen, wenn Pompeius nicht unwillig sich
geweigert haette, den geforderten Preis: die Abtretung der von ihm selbst zum
Reiche gebrachten syrischen Landschaft, dafuer zu zahlen; teils Caesars Plan,
zwei Legionen nach Syrien zu entsenden und durch den in Rom gefangengehaltenen
Prinzen Aristobulos die Juden abermals unter die Waffen zu bringen, zum Teil
durch andere Ursachen, zum Teil durch Aristobulos' Tod vereitelt ward. Weiter
wurden aus den in Kreta und Makedonien angesiedelten gedienten Soldaten eine,
aus den kleinasiatischen Roemern zwei neue Legionen ausgehoben. Zu allem dem
kamen 2000 Freiwillige, die aus den Truemmern der spanischen Kernscharen und
anderen aehnlichen Zuzuegen hervorgingen, und endlich die Kontingente der
Untertanen. Wie Caesar hatte Pompeius es verschmaeht, von denselben Infanterie
zu requirieren; nur zur Kuestenbesatzung waren die epirotischen, aetolischen und
thrakischen Milizen aufgeboten und ausserdem an leichten Truppen 3000
griechische und kleinasiatische Schuetzen und 1200 Schleuderer angenommen
worden. Die Reiterei dagegen bestand, ausser einer aus dem jungen Adel Roms
gebildeten, mehr ansehnlichen als militaerisch bedeutenden Nobelgarde und den
von Pompeius beritten gemachten apulischen Hirtensklaven, ausschliesslich aus
den Zuzuegen der Untertanen und Klienten Roms. Den Kern bildeten die Kelten,
teils von der Besatzung von Alexandreia, teils die Kontingente des Koenigs
Deiotarus, der trotz seines hohen Alters an der Spitze seiner Reiterei in Person
erschienen war, und der uebrigen galatischen Dynasten. Mit ihnen wurden
vereinigt die vortrefflichen thrakischen Reiter, die teils von ihren Fuersten
Sadala und Rhaskuporis herangefuehrt, teils von Pompeius in der makedonischen
Provinz angeworben waren; die kappadokische Reiterei; die von Koenig Antiochos
von Kommagene gesendeten, berittenen Schuetzen; die Zuzuege der Armenier von
diesseits des Euphrat unter Taxiles, von jenseits desselben unter Megabares und
die von Koenig Juba gesandten numidischen Scharen - die gesamte Masse stieg auf
7000 Pferde.
Sehr ansehnlich endlich war die Pompeianische Flotte. Sie ward gebildet
teils aus den von Brundisium mitgefuehrten oder spaeter erbauten roemischen
Fahrzeugen, teils aus den Kriegsschiffen des Koenigs von Aegypten, der
kolchischen Fuersten, des kilikischen Dynasten Tarkondimotos, der Staedte Tyros,
Rhodos, Athen, Kerkyra und ueberhaupt der saemtlichen asiatischen und
griechischen Seestaaten und zaehlte gegen 500 Segel, wovon die roemischen den
fuenften Teil ausmachten. An Getreide und Kriegsmaterial waren in Dyrrhachion
ungeheure Vorraete aufgehaeuft. Die Kriegskasse war wohlgefuellt, da die
Pompeianer sich im Besitz der hauptsaechlichen Einnahmequellen des Staats
befanden und die Geldmittel der Klientelfuersten, der angesehenen Senatoren, der
Steuerpaechter und ueberhaupt der gesamten roemischen und nichtroemischen
Bevoelkerung in ihrem Bereich fuer sich nutzbar machten. Was in Afrika,
Aegypten, Makedonien, Griechenland, Vorderasien und Syrien das Ansehen der
legitimen Regierung und Pompeius' oftgefeierte Koenigs- und Voelkerklientel
vermochte, war zum Schutz der roemischen Republik in Bewegung gesetzt worden;
wenn in Italien die Rede ging, dass Pompeius die Geten, Kolcher und Armenier
gegen Rom bewaffne, wenn im Lager er der "Koenig der Koenige" hiess, so waren
dies kaum Uebertreibungen zu nennen. Im ganzen gebot derselbe ueber eine Armee
von 7000 Reitern und elf Legionen, von denen freilich hoechstens fuenf als
kriegsgewohnt bezeichnet werden durften, und ueber eine Flotte von 500 Segeln.
Die Stimmung der Soldaten, fuer deren Verpflegung und Sold Pompeius genuegend
sorgte und denen fuer den Fall des Sieges die ueberschwenglichsten Belohnungen
zugesichert waren, war durchgaengig gut, in manchen und eben den tuechtigsten
Abteilungen sogar vortrefflich; indes bestand doch ein grosser Teil der Armee
aus neu ausgehobenen Truppen, deren Formierung und Exerzierung, wie eifrig sie
auch betrieben ward, notwendigerweise Zeit erforderte. Die Kriegsmacht
ueberhaupt war imposant, aber zugleich einigermassen buntscheckig.
Nach der Absicht des Oberfeldherrn sollten bis zum Winter 705/06 (49/48)
Heer und Flotte wesentlich vollstaendig an der Kueste und in den Gewaessern von
Epirus vereinigt sein. Der Admiral Bibulus war auch bereits mit 110 Schiffen in
seinem neuen Hauptquartier Kerkyra eingetroffen. Dagegen war das Landheer,
dessen Hauptquartier waehrend des Sommers zu Berrhoea am Haliakmon gewesen war,
noch zurueck; die Masse bewegte sich langsam auf der grossen Kunststrasse von
Thessalonike nach der Westkueste auf das kuenftige Hauptquartier Dyrrhachion zu;
die beiden Legionen, die Metellus Scipio aus Syrien heranfuehrte, standen gar
noch bei Pergamon in Kleinasien im Winterquartier und wurden erst zum Fruehjahr
in Europa erwartet. Man nahm sich eben Zeit. Vorlaeufig waren die epirotischen
Haefen ausser durch die Flotte nur noch durch die Buergerwehren und die
Aufgebote der Umgegend verteidigt.
So war es Caesar moeglich geblieben, trotz des dazwischenfallenden
Spanischen Krieges auch in Makedonien die Offensive fuer sich zu nehmen, und er
wenigstens saeumte nicht. Laengst hatte er die Zusammenziehung von Kriegs- und
Transportschiffen in Brundisium angeordnet und nach der Kapitulation der
spanischen Armee und dem Fall von Massalia die dort verwendeten Kerntruppen zum
groessten Teil ebendahin dirigiert. Die unerhoerten Anstrengungen zwar, die also
von Caesar den Soldaten zugemutet wurden, lichteten mehr als die Gefechte die
Reihen, und die Meuterei einer der vier aeltesten Legionen, der neunten, auf
ihrem Durchmarsch durch Placentia war ein gefaehrliches Zeichen der bei der
Armee einreissenden Stimmung; doch wurden Caesars Geistesgegenwart und
persoenliche Autoritaet derselben Herr, und von dieser Seite stand der
Einschiffung nichts im Wege. Allein woran schon im Maerz 705 (49) die Verfolgung
des Pompeius gescheitert war, der Mangel an Schiffen, drohte auch diese
Expedition zu vereiteln. Die Kriegsschiffe, die Caesar in den gallischen,
sizilischen und italischen Haefen zu erbauen befohlen hatte, waren noch nicht
fertig oder doch nicht zur Stelle; sein Geschwader im Adriatischen Meer war das
Jahr zuvor bei Curicta vernichtet worden; er fand bei Brundisium nicht mehr als
zwoelf Kriegsschiffe und kaum Transportfahrzeuge genug, um den dritten Teil
seiner nach Griechenland bestimmten Armee von zwoelf Legionen und 10000 Reitern
auf einmal ueberzufuehren. Die ansehnliche feindliche Flotte beherrschte
ausschliesslich das Adriatische Meer und namentlich die saemtlichen
festlaendischen und Inselhaefen der Ostkueste. Unter solchen Umstaenden draengt
die Frage sich auf, warum Caesar nicht statt des Seeweges den zu Lande durch
Illyrien einschlug, welcher aller von der Flotte drohenden Gefahren ihn ueberhob
und ueberdies fuer seine groesstenteils aus Gallien kommenden Truppen kuerzer
war als der ueber Brundisium. Zwar waren die illyrischen Landschaften
unbeschreiblich rauh und arm; aber sie sind doch von anderen Armeen nicht lange
nachher durchschritten worden, und dieses Hindernis ist dem Eroberer Galliens
schwerlich unuebersteiglich erschienen. Vielleicht besorgte er, dass waehrend
des schwierigen illyrischen Marsches Pompeius seine gesamte Streitmacht ueber
das Adriatische Meer fuehren moechte, wodurch die Rollen auf einmal sich
umkehren, Caesar in Makedonien, Pompeius in Italien zu stehen kommen konnte;
obwohl ein solcher rascher Wechsel dem schwerfaelligen Gegner doch kaum
zuzutrauen war. Vielleicht hatte Caesar auch in der Voraussetzung, dass seine
Flotte inzwischen auf einen achtunggebietenden Stand gebracht sein wuerde, sich
fuer den Seeweg entschieden, und als er nach seiner Rueckkehr aus Spanien des
wahren Standes der Dinge im Adriatischen Meere inne ward, mochte es zu spaet
sein, den Feldzugsplan zu aendern. Vielleicht, ja nach Caesars raschem, stets
zur Entscheidung draengenden Naturell darf man sagen wahrscheinlich, fand er
durch die augenblicklich noch unbesetzte, aber sicher in wenigen Tagen mit
Feinden sich bedeckende epirotische Kueste sich unwiderstehlich gelockt, den
ganzen Plan des Gegners wieder einmal durch einen verwegenen Zug zu
durchkreuzen. Wie dem auch sei, am 4. Januar 706 ^5 (48) ging Caesar mit sechs,
durch die Strapazen und Krankheiten sehr gelichteten Legionen und 600 Reitern
von Brundisium nach der epirotischen Kueste unter Segel. Es war ein Seitenstueck
zu der tollkuehnen britannischen Expedition; indes wenigstens der erste Wurf war
gluecklich. Inmitten der akrokeraunischen (Chimara-) Klippen, auf der wenig
besuchten Reede von Paleassa (Paljassa) ward die Kueste erreicht. Man sah die
Transportschiffe sowohl aus dem Hafen von Orikon (Bucht von Avlona), wo ein
Pompeianisches Geschwader von achtzehn Schiffen lag, als auch aus dem
Hauptquartier der feindlichen Flotte bei Kerkyra; aber dort hielt man sich zu
schwach, hier war man nicht segelfertig, und ungehindert ward der erste
Transport ans Land gesetzt. Waehrend die Schiffe sogleich zurueckgingen, um den
zweiten nachzuholen, ueberstieg Caesar noch denselben Abend die akrokeraunischen
Berge. Seine ersten Erfolge waren so gross wie die Ueberraschung der Feinde. Der
epirotische Landsturm setzte nirgends sich zur Wehr; die wichtigen Hafenstaedte
Orikon und Apollonia nebst einer Menge kleinerer Ortschaften wurden weggenommen;
Dyrrhachion, von den Pompeianern zum Hauptwaffenplatz ausersehen und mit
Vorraeten aller Art angefuellt, aber nur schwach besetzt, schwebte in der
groessten Gefahr.
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^5 Nach dem berichtigten Kalender am 5. November 705 (49).
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Indes der weitere Verlauf des Feldzuges entsprach diesem glaenzenden
Anfange nicht. Bibulus machte die Nachlaessigkeit, die er sich hatte zu Schulden
kommen lassen, nachtraeglich durch verdoppelte Anstrengungen zum Teil wieder
gut. Nicht bloss brachte er von den heimkehrenden Transportschiffen gegen
dreissig auf, die er saemtlich mit Mann und Maus verbrennen liess, sondern er
richtete auch laengs des ganzen von Caesar besetzten Kuestenstrichs, von der
Insel Sason (Saseno) bis zu den Haefen von Kerkyra, den sorgfaeltigsten
Wachtdienst ein, so beschwerlich auch die rauhe Jahreszeit und die
Notwendigkeit, den Wachtschiffen alle Beduerfnisse, selbst Holz und Wasser, von
Kerkyra zuzufuehren, denselben machten; ja sein Nachfolger Libo - er selbst
unterlag bald den ungewohnten Strapazen - sperrte sogar eine Zeitlang den Hafen
von Brundisium, bis ihn von der kleinen Insel vor demselben, auf der er sich
festgesetzt hatte, der Wassermangel wieder vertrieb. Es war Caesars Offizieren
nicht moeglich, ihrem Feldherrn den zweiten Transport der Armee nachzufuehren.
Ebensowenig gelang ihm selbst die Wegnahme von Dyrrhachion. Pompeius erfuhr
durch einen der Friedensboten Caesars von dessen Vorbereitungen zur Fahrt nach
der epirotischen Kueste und darauf den Marsch beschleunigend warf er sich noch
eben zu rechter Zeit in diesen wichtigen Waffenplatz. Caesars Lage war kritisch.
Obwohl er in Epirus so weit sich ausbreitete, als es bei seiner geringen Staerke
nur irgend moeglich war, so blieb die Subsistenz seiner Armee doch schwierig und
unsicher, waehrend die Feinde, im Besitz der Magazine von Dyrrhachion und Herren
der See, Ueberfluss an allem hatten. Mit seinem vermutlich wenig ueber 20000
Mann starken Heer konnte er dem wenigstens doppelt so zahlreichen Pompeianischen
keine Schlacht anbieten, sondern musste sich gluecklich schaetzen, dass Pompeius
methodisch zu Werke ging und, statt sofort die Schlacht zu erzwingen, zwischen
Dyrrhachion und Apollonia am rechten Ufer des Apsos, Caesar auf dem linken
gegenueber, das Winterlager bezog, um mit dem Fruehjahr, nach dem Eintreffen der
Legionen von Pergamon, mit unwiderstehlicher Uebermacht den Feind zu vernichten.
So verflossen Monate. Wenn der Eintritt der besseren Jahreszeit, die dem Feinde
starken Zuzug und den freien Gebrauch seiner Flotte brachte, Caesar noch in
derselben Lage fand, so war er, mit seiner schwachen Schar zwischen der
ungeheuren Flotte und dem dreifach ueberlegenen Landheer der Feinde in den
epirotischen Felsen eingekeilt, allem Anscheine nach verloren; und schon neigte
der Winter sich zu Ende. Alle Hoffnung beruhte immer noch auf der
Transportflotte: dass diese durch die Blockade sich durchschlich oder
durchschlug, war kaum zu hoffen; aber nach der ersten freiwilligen Tollkuehnheit
war diese zweite durch die Notwendigkeit geboten. Wie verzweifelt Caesar selbst
seine Lage erschien, beweist sein Entschluss, da die Flotte immer nicht kam,
allein auf einer Fischerbarke durch das Adriatische Meer nach Brundisium zu
fahren, um sie zu holen; was in der Tat nur darum unterblieb, weil sich kein
Schiffer fand, die verwegene Fahrt zu unternehmen. Indes es bedurfte seines
persoenlichen Erscheinens nicht, um den treuen Offizier, der in Italien
kommandierte, Marcus Antonius, zu bestimmen, diesen letzten Versuch zur Rettung
seines Herrn zu machen. Abermals lief die Transportflotte, mit vier Legionen und
800 Reitern an Bord, aus dem Hafen von Brundisium aus und gluecklich fuehrte ein
starker Suedwind sie an Libos Galeeren vorueber. Allein derselbe Wind, der hier
die Flotte rettete, machte es ihr unmoeglich, wie ihr befohlen war, an der
apolloniatischen Kueste zu landen, und zwang sie, an Caesars und Pompeius' Lager
vorbeizufahren und noerdlich von Dyrrhachion nach Lissos zu steuern, welche
Stadt zu gutem Glueck noch zu Caesar hielt. Als sie an dem Hafen von Dyrrhachion
vorueberfuhr, brachen die rhodischen Galeeren auf, um sie zu verfolgen, und kaum
waren Antonius' Schiffe in den Hafen von Lissos eingefahren, als auch das
feindliche Geschwader vor demselben erschien. Aber eben in diesem Augenblick
schlug ploetzlich der Wind um und warf die verfolgenden Galeeren wieder zurueck
in die offene See und zum Teil an die felsige Kueste. Durch die wunderbarsten
Glueckszufaelle war die Landung auch des zweiten Transportes gelungen. Noch
standen zwar Antonius und Caesar etwa vier Tagemaersche voneinander, getrennt
durch Dyrrhachion und die gesamte feindliche Armee; indes Antonius
bewerkstelligte gluecklich den gefaehrlichen Marsch um Dyrrhachion herum durch
die Paesse des Graba Balkan und ward von Caesar, der ihm entgegengegangen war,
am rechten Ufer des Apsos aufgenommen. Pompeius, nachdem er vergeblich versucht
hatte, die Vereinigung der beiden feindlichen Armeen zu verhindern und das Korps
des Antonius einzeln zum Schlagen zu zwingen, nahm eine neue Stellung bei
Asparagion an dem Flusse Genusas (Uschkomobin), der dem Apsos parallel zwischen
diesem und der Stadt Dyrrhachion fliesst, und hielt hier sich wieder
unbeweglich. Caesar fuehlte jetzt sich stark genug, eine Schlacht zu liefern;
aber Pompeius ging nicht darauf ein. Dagegen gelang es Caesar, den Gegner zu
taeuschen und unversehens mit seinen besser marschierenden Truppen sich,
aehnlich wie bei Ilerda, zwischen das feindliche Lager und die Festung
Dyrrhachion zu werfen, auf die dieses sich stuetzte. Die Kette des Graba Balkan,
die in der Richtung von Osten nach Westen streichend am Adriatischen Meere in
der schmalen dyrrhachinischen Landzunge endigt, entsendet drei Meilen oestlich
von Dyrrhachion in suedwestlicher Richtung einen Seitenarm, der in
bogenfoermiger Richtung ebenfalls zum Meere sich wendet, und der Haupt- und der
Seitenarm des Gebirges schliessen zwischen sich eine kleine, um eine Klippe am
Meeresstrand sich ausbreitende Ebene ein. Hier nahm Pompeius jetzt sein Lager,
und obwohl die Caesarische Armee ihm den Landweg nach Dyrrhachion verlegt hielt,
blieb er doch mit Hilfe seiner Flotte fortwaehrend mit dieser Stadt in
Verbindung und ward von dort mit allem Noetigen reichlich und bequem versehen,
waehrend bei den Caesarianern, trotz starker Detachierungen in das Hinterland
und trotz aller Anstrengungen des Feldherrn, ein geordnetes Fahrwesen und damit
eine regelmaessige Verpflegung in Gang zu bringen, es doch mehr als knapp
herging und Fleisch, Gerste, ja Wurzeln sehr haeufig die Stelle des gewohnten
Weizens vertreten massten. Da der phlegmatische Gegner beharrlich bei seiner
Passivitaet blieb, unternahm Caesar, den Hoehenkreis zu besetzen, der die von
Pompeius eingenommene Strandebene umschloss, um wenigstens die ueberlegene
feindliche Reiterei festzustellen und ungestoerter gegen Dyrrhachion operieren
zu koennen, womoeglich aber den Gegner entweder zur Schlacht oder zur
Einschiffung zu noetigen. Von Caesars Truppen war beinahe die Haelfte ins
Binnenland detachiert; es schien fast abenteuerlich, mit dem Rest eine
vielleicht doppelt so zahlreiche, konzentriert aufgestellte, auf die See und die
Flotte gestuetzte Armee gewissermassen belagern zu wollen. Dennoch schlossen
Caesars Veteranen unter unsaeglichen Anstrengungen das Pompeianische Lager mit
einer drei und eine halbe deutsche Meile langen Postenkette ein und fuegten
spaeter, ebenwie vor Alesia, zu dieser inneren Linie noch eine zweite aeussere
hinzu, um sich vor Angriffen von Dyrrhachion aus und vor den mit Hilfe der
Flotte so leicht ausfuehrbaren Umgehungen zu schuetzen. Pompeius griff mehrmals
einzelne dieser Verschanzungen an, um womoeglich die feindliche Linie zu
sprengen, allein durch eine Schlacht die Einschliessung zu hindern versuchte er
nicht, sondern zog es vor, auch seinerseits um sein Lager herum eine Anzahl
Schanzen anzulegen und dieselben durch Linien miteinander zu verbinden.
Beiderseits war man bemueht, die Schanzen moeglichst weit vorzuschieben und die
Erdarbeiten rueckten unter bestaendigen Gefechten nur langsam vor. Zugleich
schlug man auf der entgegengesetzten Seite des Caesarischen Lagers sich herum
mit der Besatzung vor Dyrrhachion; durch Einverstaendnisse innerhalb der Festung
hoffte Caesar sie in seine Gewalt zu bringen, ward aber durch die feindliche
Flotte daran verhindert. Unaufhoerlich ward an den verschiedensten Punkten - an
einem der heissesten Tage an sechs Stellen zugleich - gefochten und in der Regel
behielt in diesen Scharmuetzeln die erprobte Tapferkeit der Caesarianer die
Oberhand; wie denn zum Beispiel einmal eine einzige Kohorte sich gegen vier
Legionen mehrere Stunden lang in ihrer Schanze hielt, bis Unterstuetzung
herbeikam. Ein Haupterfolg ward auf keiner Seite erreicht; doch machten sich die
Folgen der Einschliessung den Pompeianern allmaehlich in drueckender Weise
fuehlbar. Die Stauung der von den Hoehen in die Ebene sich ergiessenden Baeche
noetigte sie, sich mit sparsamem und schlechtem Brunnenwasser zu begnuegen. Noch
empfindlicher war der Mangel an Futter fuer die Lasttiere und die Pferde, dem
auch die Flotte nicht genuegend abzuhelfen vermochte; sie fielen zahlreich und
es half nur wenig, dass die Pferde durch die Flotte nach Dyrrhachion geschafft
wurden, da sie auch hier nicht ausreichend Futter fanden. Lange konnte Pompeius
nicht mehr zoegern, sich durch einen gegen den Feind gefuehrten Schlag aus
seiner unbequemen Lage zu befreien. Da ward er durch keltische Ueberlaeufer
davon in Kenntnis gesetzt, dass der Feind es versaeumt habe, den Strand zwischen
seinen beiden 600 Fuss voneinander entfernten Schanzenketten durch einen
Querwall zu sichern, und baute hierauf seinen Plan. Waehrend er die innere Linie
der Verschanzungen Caesars vom Lager aus durch die Legionen, die aeussere durch
die auf Schiffe gesetzten und jenseits der feindlichen Verschanzungen gelandeten
leichten Truppen angreifen liess, landete eine dritte Abteilung in dem
Zwischenraum zwischen beiden Linien und griff die schon hinreichend
beschaeftigten Verteidiger derselben im Ruecken an. Die zunaechst am Meer
befindliche Schanze wurde genommen und die Besatzung floh in wilder Verwirrung;
mit Muehe gelang es dem Befehlshaber der naechsten Schanze, Marcus Antonius,
diese zu behaupten und fuer den Augenblick dem Vordringen der Pompeianer ein
Ziel zu setzen; aber, abgesehen von dem ansehnlichen Verlust, blieb die
aeusserste Schanze am Meer in den Haenden der Pompeianer und die Linie
durchbrochen. Um so eifriger ergriff Caesar die Gelegenheit, die bald darauf
sich ihm darbot, eine unvorsichtig sich vereinzelnde Pompeianische Legion mit
dem Gros seiner Infanterie anzugreifen. Allein die Angegriffenen leisteten
tapferen Widerstand, und in dem mehrmals zum Lager groesserer und kleinerer
Abteilungen benutzten und kreuz und quer von Waellen und Graeben durchzogenen
Terrain, auf dem gefochten ward, kam Caesars rechter Fluegel nebst der Reiterei
ganz vom Wege ab statt den linken im Angriff auf die Pompeianische Legion zu
unterstuetzen, geriet er in einen engen, aus einem der alten Lager zum Fluss
hingefuehrten Laufgraben. So fand Pompeius, der den Seinigen zu Hilfe mit fuenf
Legionen eiligst herbeikam, die beiden Fluegel der Feinde voneinander getrennt
und den einen in einer gaenzlich preisgegebenen Stellung. Wie die Caesarianer
ihn anruecken sahen, ergriff sie ein panischer Schreck; alles stuerzte in wilder
Flucht zurueck, und wenn es bei dem Verlust von 1000 der besten Soldaten blieb
und Caesars Armee nicht eine vollstaendige Niederlage erlitt, so hatte sie dies
nur dem Umstand zu danken, dass auch Pompeius sich auf dem durchschnittenen
Boden nicht frei entwickeln konnte und ueberdies, eine Kriegslist besorgend,
seine Truppen anfangs zurueckhielt. Aber auch so waren es unheilvolle Tage.
Nicht bloss hatte Caesar die empfindlichsten Verluste erlitten und seine
Verschanzungen, das Resultat einer viermonatlichen Riesenarbeit, auf einen
Schlag eingebuesst: er war durch die letzten Gefechte wieder genau auf den Punkt
zurueckgeworfen, von welchem er ausgegangen war. Von der See war er
vollstaendiger verdraengt als je, seit des Pompeius aeltester Sohn Gnaeus
Caesars wenige, im Hafen von Orikon lagernde Kriegsschiffe durch einen kuehnen
Angriff teils verbrannt, teils weggefuehrt und bald nachher die in Lissos
zurueckgebliebene Truppenflotte gleichfalls in Brand gesteckt hatte; jede
Moeglichkeit, von Brundisium noch weitere Verstaerkungen zur See heranzuziehen,
war damit fuer Caesar verloren. Die zahlreiche Pompeianische Reiterei, jetzt
ihrer Fesseln entledigt, ergoss sich in die Umgegend und drohte Caesar die stets
schwierige Verpflegung der Armee voellig unmoeglich zu machen. Caesars
verwegenes Unternehmen, gegen einen seemaechtigen, auf die Flotte gestuetzten
Feind ohne Schiffe offensiv zu operieren, war vollstaendig gescheitert. Auf dem
bisherigen Kriegsschauplatz fand er sich einer unbezwinglichen
Verteidigungsstellung gegenueber und weder gegen Dyrrhachion noch gegen das
feindliche Heer einen ernstlichen Schlag auszufuehren imstande; dagegen hing es
jetzt nur von Pompeius ab, gegen den bereits in seinen Subsistenzmitteln sehr
gefaehrdeten Gegner unter den guenstigsten Verhaeltnissen zum Angriff
ueberzugehen. Der Krieg war an einem Wendepunkt angelangt. Bisher hatte
Pompeius, allem Anscheine nach, das Kriegsspiel ohne eigenen Plan gespielt und
nur nach dem jedesmaligen Angriff seine Verteidigung bemessen; und es war dies
nicht zu tadeln, da das Hinziehen des Krieges ihm Gelegenheit gab, seine
Rekruten schlagfaehig zu machen, seine Reserven heranzuziehen und das
Uebergewicht seiner Flotte im Adriatischen Meer immer vollstaendiger zu
entwickeln. Caesar war nicht bloss taktisch, sondern auch strategisch
geschlagen. Diese Niederlage hatte zwar nicht diejenige Folge, die Pompeius
nicht ohne Ursache erhoffte: zu einer sofortigen voelligen Aufloesung der Armee
durch Hunger und Meuterei liess die eminente soldatische Energie der Veteranen
Caesars es nicht kommen. Allein es schien doch nur von dem Gegner abzuhaengen,
durch zweckmaessige Verfolgung seines Sieges die volle Frucht desselben zu
ernten.
An Pompeius war es, die Offensive zu ergreifen, und er war dazu
entschlossen. Es boten sich ihm drei verschiedene Wege dar, um seinen Sieg
fruchtbar zu machen. Der erste und einfachste war, von der ueberwundenen Armee
nicht abzulassen und, wenn sie aufbrach, sie zu verfolgen. Ferner konnte
Pompeius Caesar selbst und dessen Kerntruppen in Griechenland stehen lassen und
selber, wie er laengst vorbereitet hatte, mit der Hauptarmee nach Italien
ueberfahren, wo die Stimmung entschieden antimonarchisch war und die Streitmacht
Caesars, nach Entsendung der besten Truppen und des tapfern und zuverlaessigen
Kommandanten zu der griechischen Armee, nicht gar viel bedeuten wollte. Endlich
konnte der Sieger sich auch in das Binnenland wenden, die Legionen des Metellus
Scipio an sich liehen und versuchen, die im Binnenlande stehenden Truppen
Caesars aufzuheben. Es hatte naemlich dieser, unmittelbar nachdem der zweite
Transport bei ihm eingetroffen war, teils, um die Subsistenzmittel fuer seine
Armee herbeizuschaffen, starke Detachements nach Aetolien und Thessalien
entsandt, teils ein Korps von zwei Legionen unter Gnaeus Domitius Calvinus auf
der Egnatischen Chaussee gegen Makedonien vorgehen lassen, das dem auf derselben
Strasse von Thessalonike her anrueckenden Korps des Scipio den Weg verlegen und
womoeglich es einzeln schlagen sollte. Schon hatten Calvinus und Scipio sich bis
auf wenige Meilen einander genaehert, als Scipio sich ploetzlich rueckwaerts
wandte und, rasch den Haliakmon (Jadsche Karasu) ueberschreitend und dort sein
Gepaeck unter Marcus Favonius zuruecklassend, in Thessalien eindrang, um die mit
der Unterwerfung des Landes beschaeftigte Rekrutenlegion Caesars unter Lucius
Cassius Longinus mit Uebermacht anzugreifen. Longinus aber zog sich ueber die
Berge nach Ambrakia auf das von Caesar nach Aetolien gesandte Detachement unter
Gnaeus Calvisius Sabinus zurueck, und Scipio konnte ihn nur durch seine
thrakischen Reiter verfolgen lassen, da Calvinus seine unter Favonius am
Haliakmon zurueckgelassene Reserve mit dem gleichen Schicksale bedrohte, welches
er selbst dem Longinus zu bereiten gedachte. So trafen Calvinus und Scipio am
Haliakmon wieder zusammen und lagerten hier laengere Zeit einander gegenueber.
Pompeius konnte zwischen diesen Plaenen waehlen; Caesar blieb keine Wahl.
Er trat nach jenem ungluecklichen Gefechte den Rueckzug auf Apollonia an.
Pompeius folgte. Der Marsch von Dyrrhachion nach Apollonia auf einer
schwierigen, von mehreren Fluessen durchschnittenen Strasse war keine leichte
Aufgabe fuer eine geschlagene und vom Feinde verfolgte Armee; indes die
geschickte Leitung ihres Feldherrn und die unverwuestliche Marschfaehigkeit der
Soldaten noetigten Pompeius nach viertaegiger Verfolgung, dieselbe als nutzlos
einzustellen. Er hatte jetzt sich zu entscheiden zwischen der italischen
Expedition und dem Marsch in das Binnenland; und so raetlich und lockend auch
jene schien, so manche Stimmen auch dafuer sich erhoben, er zog es doch vor, das
Korps des Scipio nicht preiszugeben, um so mehr, als er durch diesen Marsch das
des Calvinus in die Haende zu bekommen hoffte. Calvinus stand augenblicklich auf
der Egnatischen Strasse bei Herakleia Lynkestis, zwischen Pompeius und Scipio
und, nachdem Caesar sich auf Apollonia zurueckgezogen, von diesem weiter
entfernt als von der grossen Armee des Pompeius, zu allem dem ohne Kenntnis von
den Vorgaengen bei Dyrrhachion und von seiner bedenklichen Lage, da nach den bei
Dyrrhachion erlangten Erfolgen die ganze Landschaft sich zu Pompeius neigte und
die Boten Caesars ueberall aufgegriffen wurden. Erst als die feindliche
Hauptmacht bis auf wenige Stunden sich ihm genaehert hatte, erfuhr Calvinus aus
den Erzaehlungen der feindlichen Vorposten selbst den Stand der Dinge. Ein
rascher Aufbruch in suedlicher Richtung gegen Thessalien zu entzog ihn im
letzten Augenblick der drohenden Vernichtung; Pompeius musste sich damit
begnuegen, Scipio aus seiner gefaehrdeten Stellung befreit zu haben. Caesar war
inzwischen unangefochten nach Apollonia gelangt. Sogleich nach der Katastrophe
von Dyrrhachion hatte er sich entschlossen, wenn moeglich den Kampf von der
Kueste weg in das Binnenland zu verlegen, um die letzte Ursache des
Fehlschlagens seiner bisherigen Anstrengungen, die feindliche Flotte, aus dem
Spiel zu bringen. Der Marsch nach Apollonia hatte nur den Zweck gehabt, dort, wo
seine Depots sich befanden, seine Verwundeten in Sicherheit zu bringen und
seinen Soldaten die Loehnung zu zahlen; sowie dies geschehen war, brach er, mit
Hinterlassung von Besatzungen in Apollonia, Orikon und Lissos, nach Thessalien
auf. Nach Thessalien hatte auch das Korps des Calvinus sich in Bewegung gesetzt;
und die aus Italien, jetzt auf dem Landwege durch Illyrien, anrueckenden
Verstaerkungen, zwei Legionen unter Quintus Cornificius, konnte er gleichfalls
hier leichter noch als in Epirus an sich ziehen. Auf schwierigen Pfaden im Tale
des Aoos aufwaertssteigend und die Bergkette ueberschreitend, die Epirus von
Thessalien scheidet, gelangte er an den Peneios; ebendorthin ward Calvinus
dirigiert und die Vereinigung der beiden Armeen also auf dem kuerzesten und dem
Feinde am wenigsten ausgesetzten Wege bewerkstelligt. Sie erfolgte bei Aeginion
unweit der Quelle des Peneios. Die erste thessalische Stadt, vor der die jetzt
vereinigte Armee erschien, Gomphoi, schloss ihr die Tore; sie ward rasch
erstuermt und der Pluenderung preisgegeben, und dadurch geschreckt unterwarfen
sich die uebrigen Staedte Thessaliens, sowie nur Caesars Legionen vor den Mauern
sich zeigten. Ueber diesen Maerschen und Gefechten und mit Hilfe der, wenn auch
nicht allzureichlichen, Vorraete, die die Landschaft am Peneios darbot,
schwanden allmaehlich die Spuren und die Erinnerungen der ueberstandenen
unheilvollen Tage.
Unmittelbare Fruechte also hatten die Siege von Dyrrhachion fuer die Sieger
nicht viele getragen. Pompeius, mit seiner schwerfaelligen Armee und seiner
zahlreichen Reiterei, hatte dem beweglichen Feind in die Gebirge zu folgen nicht
vermocht; Caesar wie Calvinus hatten der Verfolgung sich entzogen und beide
standen vereinigt und in voller Sicherheit in Thessalien. Vielleicht waere es
das richtigste gewesen, wenn Pompeius jetzt ohne weiteres mit seiner Hauptmacht
zu Schiff nach Italien gegangen waere, wo der Erfolg kaum zweifelhaft war. Indes
vorlaeufig ging nur eine Abteilung der Flotte nach Sizilien und Italien ab. Man
betrachtete im Lager der Koalition durch die Schlachten von Dyrrhachion die
Sache mit Caesar als so vollstaendig entschieden, dass es nur galt, die Fruechte
der Siege zu ernten, das heisst, die geschlagene Armee aufzusuchen und
abzufangen. An die Stelle der bisherigen uebervorsichtigen Zurueckhaltung trat
ein durch die Umstaende noch weniger gerechtfertigter Uebermut; man achtete es
nicht, dass man in der Verfolgung doch eigentlich gescheitert war, dass man sich
gefasst halten musste, in Thessalien auf eine voellig erfrischte und
reorganisierte Armee zu treffen und dass es nicht geringe Bedenken hatte, vom
Meere sich entfernend und auf die Unterstuetzung der Flotte verzichtend, dem
Gegner auf das von ihm gewaehlte Schlachtfeld zu folgen. Man war eben
entschlossen, um jeden Preis mit Caesar zu schlagen und darum baldmoeglichst und
auf dem moeglichst bequemen Wege an ihn zu kommen. Cato uebernahm das Kommando
in Dyrrhachion, wo eine Besatzung von achtzehn Kohorten, und in Kerkyra, wo 300
Kriegsschiffe zurueckblieben: Pompeius und Scipio begaben sich, jener wie es
scheint die Egnatische Chaussee bis Pella verfolgend und dann die grosse Strasse
nach Sueden einschlagend, dieser vom Haliakmon aus durch die Paesse des Olymp,
an den unteren Peneios und trafen bei Larisa zusammen. Caesar stand suedlich
davon in der Ebene, die zwischen dem Huegelland von Kynoskephalae und dem
Othrysgebirge sich ausbreitet und von dem Nebenfluss des Peneios, dem Enipeus,
durchschnitten wird, am linken Ufer desselben bei der Stadt Pharsalos; ihm
gegenueber, am rechten Ufer des Enipeus am Abhang der Hoehen von Kynoskephalae,
schlug Pompeius sein Lager ^6. Pompeius' Armee war vollstaendig beisammen;
Caesar dagegen erwartete noch das frueher nach Aetolien und Thessalien
detachierte, jetzt unter Quintus Fufius Calenus in Griechenland stehende Korps
von fast zwei Legionen und die auf dem Landweg von Italien ihm nachgesandten und
bereits in Illyrien angelangten zwei Legionen des Cornificius. Pompeius' Heer,
elf Legionen oder 47000 Mann und 7000 Pferde stark, war dem Caesar an Fussvolk
um mehr als das Doppelte, an Reiterei um das Siebenfache ueberlegen; Strapazen
und Gefechte hatten Caesars Truppen so dezimiert, dass seine acht Legionen nicht
ueber 22000 Mann unter den Waffen, also bei weitem nicht die Haelfte des
Normalbestandes zaehlten. Pompeius' siegreiche, mit einer zahllosen Reiterei und
guten Magazinen versehene Armee hatte Lebensmittel in Fuelle, waehrend Caesars
Truppen notduerftig sich hinhielten und erst von der nicht fernen Getreideernte
bessere Verpflegung erhofften. Die Stimmung der Pompeianischen Soldaten, die in
der letzten Kampagne den Krieg kennen und ihrem Fuehrer vertrauen gelernt
hatten, war die beste. Alle militaerischen Gruende sprachen auf Pompeius' Seite
dafuer, da man nun einmal in Thessalien Caesar gegenueberstand, mit der
Entscheidungsschlacht nicht lange zu zoegern; und mehr wohl noch als diese wog
im Kriegsrat die Emigrantenungeduld der vielen vornehmen Offiziere und
Heerbegleiter. Seit den Ereignissen von Dyrrhachion betrachteten diese Herren
den Triumph ihrer Partei als eine ausgemachte Tatsache; bereits wurde eifrig
gehadert ueber die Besetzung von Caesars Oberpontifikat und Auftraege nach Rom
gesandt, um fuer die naechsten Wahlen Haeuser am Markt zu mieten. Als Pompeius
Bedenken zeigte, den Bach, der beide Heere schied und den Caesar mit seinem viel
schwaecheren Heer zu passieren sich nicht getraute, seinerseits zu
ueberschreiten, erregte dies grossen Unwillen; Pompeius, hiess es, zaudere nur
mit der Schlacht, um noch etwas laenger ueber so viele Konsulare und Praetorier
zu gebieten und seine Agamemnonrolle zu verewigen. Pompeius gab nach; und
Caesar, der in der Meinung, dass es nicht zum Kampf kommen werde, eben eine
Umgehung der feindlichen Armee entworfen hatte und dazu gegen Skotussa
aufzubrechen im Begriff war, ordnete ebenfalls seine Legionen zur Schlacht, als
er die Pompeianer sich anschicken sah, sie auf seinem Ufer ihm anzubieten. Also
ward, fast auf derselben Walstatt, wo hundertfuenfzig Jahre zuvor die Roemer
ihre Herrschaft im Osten begruendet hatten, am 9. August 706 (48) die Schlacht
von Pharsalos geschlagen. Pompeius lehnte den rechten Fluegel an den Enipeus,
Caesar ihm gegenueber den linken an das vor dem Enipeus sich ausbreitende
durchschnittene Terrain; die beiden anderen Fluegel standen in die Ebene hinaus,
beiderseits gedeckt durch die Reiterei und die leichten Truppen. Pompeius'
Absicht war, sein Fussvolk in der Verteidigung zu halten, dagegen mit seiner
Reiterei die schwache Reiterschar, die, nach deutscher Art mit leichter
Infanterie gemischt, ihr gegenueberstand, zu zersprengen und sodann Caesars
rechten Fluegel in den Ruecken zu nehmen. Sein Fussvolk hielt den ersten Stoss
der feindlichen Infanterie mutig aus und es kam das Gefecht hier zum Stehen.
Labienus sprengte ebenfalls die feindliche Reiterei nach tapferem, aber kurzem
Widerstand auseinander und entwickelte sich linkshin, um das Fussvolk zu
umgehen. Aber Caesar, die Niederlage seiner Reiterei voraussehend, hatte hinter
ihr auf der bedrohten Flanke seines rechten Fluegels etwa 2000 seiner besten
Legionaere aufgestellt. Wie die feindlichen Reiter, die Caesarischen vor sich
hertreibend, heran und um die Linie herum jagten, prallten sie ploetzlich auf
diese unerschrocken gegen sie anrueckende Kernschar und, durch den unerwarteten
und ungewohnten Infanterieangriff ^7 rasch in Verwirrung gebracht, sprengten sie
mit verhaengten Zuegeln vom Schlachtfeld. Die siegreichen Legionaere hieben die
preisgegebenen feindlichen Schuetzen zusammen, rueckten dann auf den linken
Fluegel des Feindes los und begannen nun ihrerseits dessen Umgehung. Zugleich
ging Caesars bisher zurueckgehaltenes drittes Treffen auf der ganzen Linie zum
Angriff vor. Die unverhoffte Niederlage der besten Waffe des Pompeianischen
Heeres, wie sie den Mut der Gegner hob, brach den der Armee und vor allem den
des Feldherrn. Als Pompeius, der seinem Fussvolk von Haus aus nicht traute, die
Reiter zurueckjagen sah, ritt er sofort von dem Schlachtfeld zurueck in das
Lager, ohne auch nur den Ausgang des von Caesar befohlenen Gesamtangriffs
abzuwarten. Seine Legionen fingen an zu schwanken und bald ueber den Bach in das
Lager zurueckzuweichen, was nicht ohne schweren Verlust bewerkstelligt ward. Der
Tag war also verloren und mancher tuechtige Soldat gefallen, die Armee indes
noch im wesentlichen intakt und Pompeius' Lage weit minder bedenklich als die
Caesars nach der Niederlage von Dyrrhachion. Aber wenn Caesar in den
Wechselfaellen seiner Geschicke es gelernt hatte, dass das Glueck auch seinen
Guenstlingen wohl auf Augenblicke sich zu entziehen liebt, um durch
Beharrlichkeit von ihnen abermals bezwungen zu werden, so kannte Pompeius das
Glueck bis dahin nur als die bestaendige Goettin und verzweifelte an sich und an
ihr, als sie ihm entwich; und wenn in Caesars grossartiger Natur die
Verzweiflung nur immer maechtigere Kraefte entwickelte, so versank Pompeius'
duerftige Seele unter dem gleichen Druck in den bodenlosen Abgrund der
Kuemmerlichkeit. Wie er einst im Kriege mit Sertorius im Begriff gewesen war,
das anvertraute Amt im Stiche lassend vor dem ueberlegenen Gegner auf und davon
zu gehen, so warf er jetzt, da er die Legionen ueber den Bach zurueckweichen
sah, die verhaengnisvolle Feldherrnschaerpe von sich und ritt auf dem naechsten
Weg dem Meere zu, um dort ein Schiff sich zu suchen. Seine Armee, entmutigt und
fuehrerlos - denn Scipio, obwohl von Pompeius als Kollege im Oberkommando
anerkannt, war doch nur dem Namen nach Oberfeldherr -, hoffte hinter den
Lagerwaellen Schutz zu finden; aber Caesar gestattete ihr keine Rast: rasch
wurde die hartnaeckige Gegenwehr der roemischen und thrakischen Lagerwachen
ueberwaeltigt und die Masse genoetigt, sich in Unordnung die Anhoehen von
Krannon und Skotussa hinaufzuziehen, an deren Fusse das Lager geschlagen war.
Sie versuchte, auf diesen Huegeln sich fortbewegend Larisa wiederzuerreichen;
allein Caesars Truppen, weder der Beute noch der Muedigkeit achtend und auf
besseren Wegen in die Ebene vorrueckend, verlegten den Fluechtigen den Weg; ja,
als am spaeten Abend die Pompeianer ihren Marsch einstellten, vermochten ihre
Verfolger es noch, eine Schanzlinie zu ziehen, die den Fluechtigen den Zugang zu
dem einzigen in der Naehe befindlichen Bach verschloss. So endigte der Tag von
Pharsalos. Die feindliche Armee war nicht bloss geschlagen, sondern vernichtet.
15000 der Feinde lagen tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld, waehrend die
Caesarianer nur 200 Mann vermissten; die noch zusammengebliebene Masse, immer
noch gegen 20000 Mann, streckte am Morgen nach der Schlacht die Waffen; nur
einzelne Trupps, darunter freilich die namhaftesten Offiziere, suchten eine
Zuflucht in den Bergen; von den elf feindlichen Adlern wurden neun Caesar
ueberbracht. Caesar, der schon am Tage der Schlacht die Soldaten erinnert hatte,
im Feinde nicht den Mitbuerger zu vergessen, behandelte die Gefangenen nicht wie
Bibulus und Labienus es taten; indes auch er fand doch noetig, jetzt die Strenge
walten zu lassen. Die gemeinen Soldaten wurden in das Heer eingereiht, gegen die
Leute besseren Standes Geldbussen oder Vermoegenskonfiskationen erkannt; die
gefangenen Senatoren und namhaften Ritter erlitten, mit wenigen Ausnahmen, den
Tod. Die Zeiten der Gnade waren vorbei; je laenger er waehrte, desto
ruecksichtsloser und unversoehnlicher waltete der Buergerkrieg.
------------------------------------------
^6 Die genaue Bestimmung des Schlachtfeldes ist schwierig. Appian (bist. 2,
75) setzt dasselbe ausdruecklich zwischen (Neu-) Pharsalos (jetzt Fersala) und
den Enipeus. Von den beiden Gewaessern, die hier allein von einiger Bedeutung
und unzweifelhaft der Apidanos und Enipeus der Alten sind, dem Sofadhitiko und
dem Fersaliti, hat jener seine Quellen auf den Bergen von Thaumakoi (Dhomoko)
und den Dolopischen Hoehen, dieser auf dem Othrys, und fliesst nur der Fersaliti
bei Pharsalos vorbei; da nun aber der Enipeus nach Strabon (9 p. 432) auf dem
Othrys entspringt und bei Pharsalos vorbeifliesst, so ist der Fersaliti mit
vollem Recht von W. M. Leake (Travels in Northern Greece. Bd. 4. London 1835, S.
320) fuer den Enipeus erklaert worden und die von Goeler befolgte Annahme, dass
der Fersaliti der Apidanos sei, unhaltbar. Damit stimmen auch alle sonstigen

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