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Rˆmische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen

Part 5 out of 11

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Strecke von mehr als drei deutschen Meilen, zu verwehren. Caesar gewann indes
durch Unterhandlungen mit den Helvetiern, die den Uebergang ueber den Fluss und
den Marsch durch das allobrogische Gebiet gern in friedlicher Weise
bewerkstelligt haetten, eine Frist von fuenfzehn Tagen, welche dazu benutzt
ward, die Rhonebruecke bei Genava (Genf) abzubrechen und das suedliche Ufer der
Rhone durch eine fast vier deutsche Meilen lange Verschanzung dem Feinde zu
sperren - es war die erste Anwendung des von den Roemern spaeter in so
ungeheurem Umfang durchgefuehrten Systems, mittels einer Kette einzelner, durch
Waelle und Graeben miteinander in Verbindung gesetzter Schanzen die Reichsgrenze
militaerisch zu schliessen. Die Versuche der Helvetier, auf Kaehnen oder mittels
Furten an verschiedenen Stellen das andere Ufer zu gewinnen, wurden in diesen
Linien von den Roemern gluecklich vereitelt und die Helvetier genoetigt, von dem
Rhoneuebergang abzustehen. Dagegen vermittelte die den Roemern feindlich
gesinnte Partei in Gallien, die an den Helvetiern eine maechtige Verstaerkung zu
erhalten hoffte, namentlich der Haeduer Dumnorix, des Divitiacus Bruder und in
seinem Gau wie dieser an der Spitze der roemischen so seinerseits an der Spitze
der nationalen Partei, ihnen den Durchmarsch durch die Jurapaesse und das Gebiet
der Sequaner. Dies zu verbieten hatten die Roemer keinen Rechtsgrund; allein es
standen fuer sie bei dem helvetischen Heerzug andere und hoehere Interessen auf
dem Spiel als die Frage der formellen Integritaet des roemischen Gebiets -
Interessen, die nur gewahrt werden konnten, wenn Caesar, statt, wie alle
Statthalter des Senats, wie selbst Marius getan, auf die bescheidene Aufgabe der
Grenzbewachung sich zu beschraenken, an der Spitze einer ansehnlichen Armee die
bisherige Reichsgrenze ueberschritt. Caesar war Feldherr nicht des Senats,
sondern des Staates: er schwankte nicht. Sogleich von Genava aus hatte er sich
in eigener Person nach Italien begeben und mit der ihm eigenen Raschheit die
drei dort kantonnierenden sowie zwei neugebildete Rekrutenlegionen
herangefuehrt. Diese Truppen vereinigte er mit dem bei Genava stehenden Korps
und ueberschritt mit der gesamten Macht die Rhone. Sein unvermutetes Erscheinen
im Gebiete der Haeduer brachte natuerlich daselbst sofort wieder die roemische
Partei ans Regiment, was der Verpflegung wegen nicht gleichgueltig war. Die
Helvetier fand er beschaeftigt, die Saone zu passieren und aus dem Gebiet der
Sequaner in das der Haeduer einzuruecken; was von ihnen noch am linken Saoneufer
stand, namentlich das Korps der Tigoriner, ward von den rasch vordringenden
Roemern aufgehoben und vernichtet. Das Gros des Zuges war indes bereits auf das
rechte Ufer des Flusses uebergesetzt; Caesar folgte ihnen und bewerkstelligte
den Uebergang, den der ungeschlachte Zug der Helvetier in zwanzig Tagen nicht
hatte vollenden koennen, in vierundzwanzig Stunden. Die Helvetier, durch diesen
Uebergang der roemischen Armee ueber den Fluss gehindert, ihren Marsch in
westlicher Richtung fortzusetzen, schlugen die Richtung nach Norden ein, ohne
Zweifel in der Voraussetzung, dass Caesar nicht wagen werde, ihnen weit in das
innere Gallien hinein zu folgen, und in der Absicht, wenn er von ihnen
abgelassen habe, sich wieder ihrem eigentlichen Ziel zuzuwenden. Fuenfzehn Tage
marschierte das roemische Heer in dem Abstand etwa einer deutschen Meile von dem
feindlichen hinter demselben her, an seine Fersen sich heftend und auf einen
guenstigen Augenblick hoffend, um den feindlichen Heereszug unter den
Bedingungen des Sieges anzugreifen und zu vernichten. Allein dieser Augenblick
kam nicht; wie schwerfaellig auch die helvetische Karawane einherzog, die
Fuehrer wussten einen Ueberfall zu verhueten und zeigten sich wie mit Vorraeten
reichlich versehen, so durch ihre Spione von jedem Vorgang im roemischen Lager
aufs genaueste unterrichtet. Dagegen fingen die Roemer an, Mangel an dem
Notwendigsten zu leiden, namentlich als die Helvetier sich von der Saone
entfernten und der Flusstransport aufhoerte. Das Ausbleiben der von den Haeduern
versprochenen Zufuhren, aus dem diese Verlegenheit zunaechst hervorging, erregte
um so mehr Verdacht, als beide Heere immer noch auf ihrem Gebiete sich
herumbewegten. Ferner zeigte sich die ansehnliche, fast 4000 Pferde zaehlende
roemische Reiterei voellig unzuverlaessig - was freilich erklaerlich war, da
dieselbe fast ganz aus keltischer Ritterschaft, namentlich den Reitern der
Haeduer unter dem Befehl des wohlbekannten Roemerfeindes Dumnorix bestand und
Caesar selbst sie mehr noch als Geiseln denn als Soldaten uebernommen hatte. Man
hatte guten Grund zu glauben, dass eine Niederlage, die sie von der weit
schwaecheren helvetischen Reiterei erlitten, durch sie selbst herbeigefuehrt
worden war, und dass durch sie der Feind von allen Vorfaellen im roemischen
Lager unterrichtet ward. Caesars Lage wurde bedenklich; in leidiger Deutlichkeit
kam es zu Tage, was selbst bei den Haeduern, trotz ihres offiziellen Buendnisses
mit Rom und der nach Rom sich neigenden Sonderinteressen dieses Gaus, die
keltische Patriotenpartei vermochte; was sollte daraus werden, wenn man in die
gaerende Landschaft tiefer und tiefer sich hineinwagte und von den Verbindungen
immer weiter sich entfernte? Eben zogen die Heere an der Hauptstadt der Haeduer,
Bibracte (Autun), in maessiger Entfernung vorueber; Caesar beschloss, dieses
wichtigen Ortes sich mit gewaffneter Hand zu bemaechtigen, bevor er den Marsch
in das Binnenland fortsetzte, und es ist wohl moeglich, dass er ueberhaupt
beabsichtigte, von weiterer Verfolgung abzustehen und in Bibracte sich
festzusetzen. Allein da er, von der Verfolgung ablassend, sich gegen Bibracte
wendete, meinten die Helvetier, dass die Roemer zur Flucht Anstalt machten, und
griffen nun ihrerseits an. Mehr hatte Caesar nicht gewuenscht. Auf zwei parallel
laufenden Huegelreihen stellten die beiden Heere sich auf; die Kelten begannen
das Gefecht, sprengten die in die Ebene vorgeschobene roemische Reiterei
auseinander und liefen an gegen die am Abhang des Huegels postierten roemischen
Legionen, mussten aber hier vor Caesars Veteranen weichen. Als darauf die
Roemer, ihren Vorteil verfolgend, nun ihrerseits in die Ebene hinabstiegen,
gingen die Kelten wieder gegen sie vor und ein zurueckgehaltenes keltisches
Korps nahm sie zugleich in die Flanke. Dem letzteren ward die Reserve der
roemischen Angriffskolonne entgegengeworfen; sie draengte dasselbe von der
Hauptmasse ab auf das Gepaeck und die Wagenburg, wo es aufgerieben ward. Auch
das Gros des helvetischen Zuges ward endlich zum Weichen gebracht und genoetigt,
den Rueckzug in oestlicher Richtung zu nehmen - der entgegengesetzten von
derjenigen, in die ihr Zug sie fuehrte. Den Plan der Helvetier, am Atlantischen
Meer sich neue Wohnsitze zu gruenden, hatte dieser Tag vereitelt und die
Helvetier der Willkuer des Siegers ueberliefert; aber es war ein heisser auch
fuer die Sieger gewesen. Caesar, der Ursache hatte, seinem Offizierkorps nicht
durchgaengig zu trauen, hatte gleich zu Anfang alle Offizierspferde
fortgeschickt, um die Notwendigkeit standzuhalten den Seinigen gruendlich klar
zu machen; in der Tat wuerde die Schlacht, haetten die Roemer sie verloren,
wahrscheinlich die Vernichtung der roemischen Armee herbeigefuehrt haben. Die
roemischen Truppen waren zu erschoepft, um die Ueberwundenen kraeftig zu
verfolgen; allein infolge der Bekanntmachung Caesars, dass er alle, die die
Helvetier unterstuetzen wuerden, wie diese selbst als Feinde der Roemer
behandeln werde, ward, wohin die geschlagene Armee kam, zunaechst in dem Gau der
Lingonen (um Langres), ihr jede Unterstuetzung verweigert und, aller Zufuhr und
ihres Gepaecks beraubt und belastet von der Masse des nicht kampffaehigen
Trosses, mussten sie wohl dem roemischen Feldherrn sich unterwerfen. Das Los der
Besiegten war ein verhaeltnismaessig mildes. Den heimatlosen Boiern wurden die
Haeduer angewiesen, in ihrem Gebiet Wohnsitze einzuraeumen; und diese Ansiedlung
der ueberwundenen Feinde inmitten der maechtigsten Kettengaue tat fast die
Dienste einer roemischen Kolonie. Die von den Helvetiern und Raurakern noch
uebrigen, etwas mehr als ein Drittel der ausgezogenen Mannschaft, wurden
natuerlich in ihr ehemaliges Gebiet zurueckgesandt. Dasselbe wurde der
roemischen Provinz einverleibt, aber die Bewohner zum Buendnis mit Rom unter
guenstigen Bedingungen zugelassen, um unter roemischer Hoheit am oberen Rhein
die Grenze gegen die Deutschen zu verteidigen. Nur die suedwestliche Spitze des
helvetischen Gaus wurde von den Roemern in unmittelbaren Besitz genommen und
spaeterhin hier, an dem anmutigen Gestade des Leman, die alte Keltenstadt
Noviodunum (jetzt Nyon) in eine roemische Grenzfestung, die Julische
Reiterkolonie ^14, umgewandelt.
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^13 Nach dem unberichtigten Kalender. Nach der gangbaren Rektifikation, die
indes hier keineswegs auf hinreichend zuverlaessigen Daten beruht, entspricht
dieser Tag dem 16. April des Julianischen Kalenders.
^14 Julia Equestris, wo der letzte Beiname zu fassen ist wie in anderen
Kolonien Caesars die Beinamen sextanorum, decimanorum, u. a. m. Es waren
keltische oder deutsche Reiter Caesars, die, natuerlich unter Erteilung des
roemischen oder doch des latinischen Buergerrechts, hier Landlose empfingen.
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Am Oberrhein also war der drohenden Invasion der Deutschen vorgebeugt und
zugleich die den Roemern feindliche Partei unter den Kelten gedemuetigt. Auch am
Mittelrhein, wo die Deutschen bereits vor Jahren uebergegangen waren und die in
Gallien mit der roemischen wetteifernde Macht des Ariovist taeglich weiter um
sich griff, musste in aehnlicher Weise durchgegriffen werden, und leicht war die
Veranlassung zum Bruche gefunden. Im Vergleich mit dem von Ariovist ihnen
drohenden oder bereits auferlegten Joch mochte hier dem groesseren Teil der
Kelten jetzt die roemische Suprematie das geringere Uebel duenken; die
Minoritaet, die an ihrem Roemerhass festhielt, musste wenigstens verstummen. Ein
unter roemischem Einfluss abgehaltener Landtag der Keltenstaemme des mittleren
Galliens ersuchte im Namen der keltischen Nation den roemischen Feldherrn um
Beistand gegen die Deutschen. Caesar ging darauf ein. Auf seine Veranlassung
stellten die Haeduer die Zahlung des vertragsmaessig an Ariovist zu
entrichtenden Tributes ein und forderten die gestellten Geiseln zurueck, und da
Ariovist wegen dieses Vertragsbruchs die Klienten Roms angriff, nahm Caesar
davon Veranlassung, mit ihm in direkte Verhandlung zu treten und, ausser der
Rueckgabe der Geiseln und dem Versprechen, mit den Haeduern Frieden zu halten,
namentlich zu fordern, dass Ariovist sich anheischig mache, keine Deutschen mehr
ueber den Rhein nachzuziehen. Der deutsche Feldherr antwortete dem roemischen in
dem Vollgefuehl ebenbuertigen Rechtes. Ihm sei das noerdliche Gallien so gut
nach Kriegsrecht untertaenig geworden wie den Roemern das suedliche; wie er die
Roemer nicht hindere, von den Allobrogen Tribut zu nehmen, so duerften auch sie
ihm nicht wehren, seine Untertanen zu besteuern. In spaeteren geheimen
Eroeffnungen zeigte es sich, dass der Fuerst der roemischen Verhaeltnisse wohl
kundig war: er erwaehnte der Aufforderungen, die ihm von Rom aus zugekommen
seien, Caesar aus dem Wege zu raeumen, und erbot sich, wenn Caesar ihm das
noerdliche Gallien ueberlassen wolle, ihm dagegen zur Erlangung der Herrschaft
ueber Italien behilflich zu sein - wie ihm der Parteihader der keltischen Nation
den Eintritt in Gallien eroeffnet hatte, so schien er von dem Parteihader der
italischen die Befestigung seiner Herrschaft daselbst zu erwarten. Seit
Jahrhunderten war den Roemern gegenueber diese Sprache der vollkommen
ebenbuertigen und ihre Selbstaendigkeit schroff und ruecksichtslos aeussernden
Macht nicht gefuehrt worden, wie man sie jetzt von dem deutschen Heerkoenig
vernahm: kurzweg weigerte er sich zu kommen, als der roemische Feldherr nach der
bei Klientelfuersten hergebrachten Uebung ihm ansann, vor ihm persoenlich zu
erscheinen. Um so notwendiger war es, nicht zu zaudern: sogleich brach Caesar
auf gegen Ariovist. Ein panischer Schrecken ergriff seine Truppen, vor allem
seine Offiziere, als sie daran sollten, mit den seit vierzehn Jahren nicht unter
Dach und Fach gekommenen deutschen Kernscharen sich zu messen - auch in Caesars
Lager schien die tiefgesunkene roemische Sitten- und Kriegszucht sich geltend
machen und Desertion und Meuterei hervorrufen zu wollen. Allein der Feldherr,
indem er erklaerte, noetigenfalls mit der zehnten Legion allein gegen den Feind
zu ziehen, wusste nicht bloss durch solche Ehrenmahnung diese, sondern durch den
kriegerischen Wetteifer auch die uebrigen Regimenter an die Adler zu fesseln und
etwas von seiner eigenen Energie den Truppen einzuhauchen. Ohne ihnen Zeit zu
lassen, sich zu besinnen, fuehrte er in raschen Maerschen sie weiter und kam
gluecklich Ariovist in der Besetzung der sequanischen Hauptstadt Vesontio
(Besanáon) zuvor. Eine persoenliche Zusammenkunft der beiden Feldherrn, die auf
Ariovists Begehren stattfand, schien einzig einen Versuch gegen Caesars Person
bedecken zu sollen; zwischen den beiden Zwingherren Galliens konnten nur die
Waffen entscheiden. Vorlaeufig kam der Krieg zum Stehen. Im unteren Elsass, etwa
in der Gegend von Muelhausen, eine deutsche Meile vom Rhein ^15, lagerten die
beiden Heere in geringer Entfernung voneinander, bis es Ariovist gelang, mit
seiner sehr ueberlegenen Macht an dem roemischen Lager vorbeimarschierend, sich
ihm in den Ruecken zu legen und die Roemer von ihrer Basis und ihren Zufuhren
abzuschneiden. Caesar versuchte sich aus seiner peinlichen Lage durch eine
Schlacht zu befreien; allein Ariovist nahm sie nicht an. Dem roemischen
Feldherrn blieb nichts uebrig, als trotz seiner geringen Staerke, die Bewegung
des Feindes nachzuahmen und seine Verbindungen dadurch wieder zu gewinnen, dass
er zwei Legionen am Feinde vorbeiziehen und jenseits des Lagers der Deutschen
eine Stellung nehmen liess, waehrend vier in dem bisherigen Lager
zurueckblieben. Ariovist, da er die Roemer geteilt sah, versuchte einen Sturm
auf ihr kleineres Lager; allein die Roemer schlugen ihn ab. Unter dem Eindruck
dieses Erfolges ward das gesamte roemische Heer zum Angriff vorgefuehrt; und
auch die Deutschen stellten in Schlachtordnung sich auf, in langer Linie, jeder
Stamm fuer sich, hinter sich, um die Flucht zu erschweren, die Karren der Armee
mit dem Gepaeck und den Weibern. Der rechte Fluegel der Roemer unter Caesars
eigener Fuehrung stuerzte sich rasch auf den Feind und trieb ihn vor sich her;
dasselbe gelang dem rechten Fluegel der Deutschen. Noch stand die Waage gleich;
allein die Taktik der Reserven entschied, wie so manchen anderen Kampf gegen
Barbaren, so auch den gegen die Germanen zu Gunsten der Roemer; ihre dritte
Linie, die Publius Crassus rechtzeitig zur Hilfe sandte, stellte auf dem linken
Fluegel die Schlacht wieder her und damit war der Sieg entschieden. Bis an den
Rhein ward die Verfolgung fortgesetzt; nur wenigen, darunter dem Koenig, gelang
es, auf das andere Ufer zu entkommen (696 58).
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^15 F. W. A. Goeler (Caesars gallischer Krieg. Karlsruhe 1858, S. 45f.)
meint, das Schlachtfeld bei Cernay unweit Muehlhausen aufgefunden zu haben, was
im ganzen uebereinkommt mit Napoleons (precis p. 35) Ansetzung des
Schlachtfeldes in der Gegend von Belfort. Diese Annahme ist zwar nicht sicher,
aber den Umstaenden angemessen; denn dass Caesar fuer die kurze Strecke von
Besanáon bis dahin sieben Tagemaersche brauchte, erklaert er selbst (Lall. 1,
41) durch die Bemerkung, dass er einen Umweg von ueber zehn deutschen Meilen
genommen, um die Bergwege zu vermeiden, und dafuer, dass die Schlacht 5, nicht
50 Milien vom Rhein geschlagen ward, entscheidet bei gleicher Autoritaet der
Ueberlieferung die ganze Darstellung der bis zum Rhein fortgesetzten und
offenbar nicht mehrtaegigen, sondern an dem Schlachttag selbst beendigten
Verfolgung. Der Vorschlag W. Ruestows (Einleitung zu Caesars Kommentar, S. 117),
das Schlachtfeld an die obere Saar zu verlegen, beruht auf einem
Missverstaendnis. Das von den Sequanern, Denkern, Lingonen erwartete Getreide
soll dem roemischen Heere nicht unterwegs auf dem Marsche gegen Ariovist
zukommen, sondern vor dem Aufbruch nach Besanáon geliefert und von den Truppen
mitgenommen werden; wie dies sehr deutlich daraus hervorgeht, dass Caesar, indem
er seine Truppen auf jene Lieferungen hinweist, daneben sie auf das unterwegs
einzubringende Korn vertroestet. Von Besanáon aus beherrschte Caesar die Gegend
von Langres und Epinal und schrieb, wie begreiflich, seine Lieferungen lieber
hier aus als in den ausfouragierten Distrikten, aus denen er kam.
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So glaenzend kuendigte dem maechtigen Strom, den hier die italischen
Soldaten zum erstenmal erblickten, das roemische Regiment sich an; mit einer
einzigen gluecklichen Schlacht war die Rheinlinie gewonnen. Das Schicksal der
deutschen Ansiedlungen am linken Rheinufer lag in Caesars Hand; der Sieger
konnte sie vernichten, aber er tat es nicht. Die benachbarten keltischen Gaue,
die Sequaner, Leuker, Mediomatriker, waren weder wehrhaft noch zuverlaessig; die
uebersiedelten Deutschen versprachen nicht bloss tapfere Grenzhueter, sondern
auch bessere Untertanen Roms zu werden, da sie von den Kelten die Nationalitaet,
von ihren ueberrheinischen Landsleuten das eigene Interesse an der Bewahrung der
neugewonnenen Wohnsitze schied und sie bei ihrer isolierten Stellung nicht umhin
konnten, an der Zentralgewalt festzuhalten. Caesar zog hier wie ueberall die
ueberwundenen Feinde den zweifelhaften Freunden vor; er liess den von Ariovist
laengs des linken Rheinufers angesiedelten Germanen, den Tribokern um
Strassburg, den Nemetern um Speyer, den Vangionen um Worms, ihre neuen Sitze und
vertraute ihnen die Bewachung der Rheingrenze gegen ihre Landsleute an ^16.
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^16 Das scheint die einfachste Annahme ueber den Ursprung dieser
germanischen Ansiedlungen. Dass Ariovist jene Voelker am Mittelrhein ansiedelte,
ist deshalb wahrscheinlich, weil sie in seinem Heer fechten (Caes. Gall. 1, 51)
und frueher nicht vorkommen; dass ihnen Caesar ihre Sitze liess, deshalb, weil
er Ariovist gegenueber sich bereit erklaerte, die in Gallien bereits ansaessigen
Deutschen zu dulden (Caes. Gall. 1, 35. 43), und weil wir sie spaeter in diesen
Sitzen finden. Caesar gedenkt der nach der Schlacht hinsichtlich dieser
germanischen Ansiedlungen getroffenen Verfuegungen nicht, weil er ueber alle in
Gallien von ihm vorgenommenen organischen Einrichtungen grundsaetzlich
Stillschweigen beobachtet.
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Die Sueben aber, die am Mittelrhein das treverische Gebiet bedrohten, zogen
auf die Nachricht von Ariovists Niederlage wieder zurueck in das innere
Deutschland, wobei sie unterwegs durch die naechstwohnenden Voelkerschaften
ansehnliche Einbusse erlitten.
Die Folgen dieses einen Feldzuges waren unermesslich; noch Jahrtausende
nachher wurden sie empfunden. Der Rhein war die Grenze des Roemischen Reiches
gegen die Deutschen geworden. In Gallien, das nicht mehr vermochte, sich selber
zu gebieten, hatten bisher die Roemer an der Suedkueste geherrscht, seit kurzem
die Deutschen versucht, weiter oberwaerts sich festzusetzen. Die letzten
Ereignisse hatten es entschieden, dass Gallien nicht nur zum Teil, sondern ganz
der roemischen Oberhoheit zu verfallen und dass die Naturgrenze, die der
maechtige Fluss darbietet, auch die staatliche Grenze zu werden bestimmt war. In
seiner besseren Zeit hatte der Senat nicht geruht, bis Roms Herrschaft Italiens
natuerliche Grenzen, die Alpen und das Mittelmeer und dessen naechste Inseln,
erreicht hatte. Einer aehnlichen militaerischen Abrundung bedurfte auch das
erweiterte Reich; aber die gegenwaertige Regierung ueberliess dieselbe dem
Zufall und sah hoechstens darauf, nicht dass die Grenzen verteidigt werden
konnten, sondern dass sie nicht unmittelbar von ihr selbst verteidigt zu werden
brauchten. Man fuehlte es, dass jetzt ein anderer Geist und ein anderer Arm die
Geschicke Roms zu lenken begannen.
Die Grundmauern des kuenftigen Gebaeudes standen; um aber dasselbe
auszubauen und bei den Galliern die Anerkennung der roemischen Herrschaft und
der Rheingrenze bei den Deutschen vollstaendig durchzufuehren, fehlte doch noch
gar viel. Ganz Mittelgallien zwar von der roemischen Grenze bis hinauf nach
Chartres und Trier fuegte sich ohne Widerrede dem neuen Machthaber, und am
oberen und mittleren Rhein war auch von den Deutschen vorlaeufig kein Angriff zu
besorgen. Allein die noerdlichen Landschaften, sowohl die aremorikanischen Gaue
in der Bretagne und der Normandie als auch die maechtigere Konfoederation der
Belgen, waren von den gegen das mittlere Gallien gefuehrten Schlaegen nicht
mitgetroffen worden und fanden sich nicht veranlasst, dem Besieger Ariovists
sich zu unterwerfen. Es kam hinzu, dass, wie bemerkt, zwischen den Belgen und
den ueberrheinischen Deutschen sehr enge Beziehungen bestanden und auch an der
Rheinmuendung germanische Staemme sich fertig machten, den Strom zu
ueberschreiten. Infolgedessen brach Caesar mit seinem jetzt auf acht Legionen
vermehrten Heer im Fruehjahr 697 (57) auf gegen die belgischen Gaue. Eingedenk
des tapferen und gluecklichen Widerstandes, den sie fuenfzig Jahre zuvor mit
gesamter Hand an der Landgrenze den Kimbrern geleistet hatte, und gespornt durch
die zahlreich aus Mittelgallien zu ihnen gefluechteten Patrioten, sandte die
Eidgenossenschaft der Belgen ihr gesamtes erstes Aufgebot, 300000 Bewaffnete
unter Anfuehrung des Koenigs der Suessionen, Galba, an ihre Suedgrenze, um
Caesar daselbst zu empfangen. Nur ein einziger Gau, der der maechtigen Remer (um
Reims), ersah in dieser Invasion der Fremden die Gelegenheit, das Regiment
abzuschuetteln, das ihre Nachbarn, die Suessionen, ueber sie ausuebten, und
schickte sich an, die Rolle, die in Mittelgallien die Haeduer gespielt hatten,
im noerdlichen zu uebernehmen. In ihrem Gebiet trafen das roemische und das
belgische Heer fast gleichzeitig ein. Caesar unternahm es nicht, dem tapferen,
sechsfach staerkeren Feinde eine Schlacht zu liefern; nordwaerts der Aisne,
unweit des heutigen Pontavert, zwischen Reims und Laon, nahm er sein Lager auf
einem teils durch den Fluss und durch Suempfe, teils durch Graeben und Redouten
von allen Seiten fast unangreifbar gemachten Plateau und begnuegte sich, die
Versuche der Belgen, die Aisne zu ueberschreiten und ihn damit von seinen
Verbindungen abzuschneiden, durch defensive Massregeln zu vereiteln. Wenn er
darauf zaehlte, dass die Koalition demnaechst unter ihrer eigenen Schwere
zusammenbrechen werde, so hatte er richtig gerechnet. Koenig Galba war ein
redlicher, allgemein geachteter Mann; aber der Lenkung einer Armee von 300000
Mann auf feindlichem Boden war er nicht gewachsen. Man kam nicht weiter und die
Vorraete gingen auf die Neige; Unzufriedenheit und Entzweiung fingen an, im
Lager der Eidgenossen sich einzunisten. Die Bellovaker vor allem, den Suessionen
an Macht gleich und schon verstimmt darueber, dass die Feldhauptmannschaft des
eidgenoessischen Heeres nicht an sie gekommen war, waren nicht laenger zu
halten, seit die Meldung eingetroffen war, dass die Haeduer als Bundesgenossen
der Roemer Anstalt machten, in das bellovakische Gebiet einzuruecken. Man
beschloss, sich aufzuloesen und nach Hause zu gehen; wenn Schande halber die
saemtlichen Gaue zugleich sich verpflichteten, dem zunaechst angegriffenen mit
gesamter Hand zu Hilfe zu eilen, so ward durch solche unausfuehrbare
Stipulationen das klaegliche Auseinanderlaufen der Eidgenossenschaft nur
klaeglich beschoenigt. Es war eine Katastrophe, welche lebhaft an diejenige
erinnert, die im Jahre 1792 fast auf demselben Boden eintrat; und gleichwie in
dem Feldzug in der Champagne war die Niederlage nur um so schwerer, weil sie
ohne Schlacht erfolgt war. Die schlechte Leitung der abziehenden Armee
gestattete dem roemischen Feldherrn, dieselbe zu verfolgen, als waere sie eine
geschlagene, und einen Teil der bis zuletzt gebliebenen Kontingente aufzureiben.
Aber die Folgen des Sieges beschraenkten sich hierauf nicht. Wie Caesar in die
westlichen Kantone der Belgen einrueckte, gab einer nach dem andern fast ohne
Gegenwehr sich verloren: die maechtigen Suessionen (um Soissons), ebenso wie
ihre Nebenbuhler, die Bellovaker (um Beauvais) und die Ambianer (um Amiens). Die
Staedte oeffneten die Tore, als sie die fremdartigen Belagerungsmaschinen, die
auf die Mauern zurollenden Tuerme erblickten; wer sich dem fremden Herrn nicht
ergeben mochte, suchte eine Zuflucht jenseits des Meeres in Britannien. Aber in
den oestlichen Kantonen regte sich energischer das Nationalgefuehl. Die
Viromanduer (um Arras), die Atrebaten (um Saint-Quentin), die deutschen
Aduatuker (um Namur), vor allem aber die Nervier (im Hennegau) mit ihrer nicht
geringen Klientel, an Zahl den Suessionen und Bellovakern wenig nachgebend, an
Tapferkeit und kraeftigem Vaterlandssinn ihnen weit ueberlegen, schlossen einen
zweiten und engeren Bund und zogen ihre Mannschaften an der oberen Samtire
zusammen. Keltische Spione unterrichteten sie aufs genaueste ueber die
Bewegungen der roemischen Armee; ihre eigene Ortskunde sowie die hohen
Verzaeunungen, welche in diesen Landschaften ueberall angelegt waren, um den
dieselben oft heimsuchenden berittenen Raeuberscharen den Weg zu versperren,
gestatteten den Verbuendeten, ihre eigenen Operationen dem Blick der Roemer
groesstenteils zu entziehen. Als diese an der Sambre unweit Bavay anlangten und
die Legionen eben beschaeftigt waren, auf dem Kamm des linken Ufers das Lager zu
schlagen, die Reiterei und leichte Infanterie die jenseitigen Hoehen zu
erkunden, wurden auf einmal die letzteren von der gesamten Masse des feindlichen
Landsturms ueberfallen und den Huegel hinab in den Fluss gesprengt. In einem
Augenblick hatte der Feind auch diesen ueberschritten und stuermte mit
todverachtender Entschlossenheit die Hoehen des linken Ufers. Kaum blieb den
schanzenden Legionaeren die Zeit, um die Hacke mit dem Schwert zu vertauschen;
die Soldaten, viele unbehelmt, mussten fechten, wo sie eben standen, ohne
Schlachtlinie, ohne Plan, ohne eigentliches Kommando, denn bei der
Ploetzlichkeit des Ueberfalls und dem von hohen Hecken durchschnittenen Terrain
hatten die einzelnen Abteilungen die Verbindung voellig verloren. Statt der
Schlacht entspann sich eine Anzahl zusammenhangloser Gefechte. Labienus mit dem
linken Fluegel warf die Atrebaten und verfolgte sie bis ueber den Fluss. Das
roemische Mitteltreffen draengte die Viromanduer den Abhang hinab. Der rechte
Fluegel aber, bei dem der Feldherr selbst sich befand, wurde von den weit
zahlreicheren Nerviern um so leichter ueberfluegelt, als das Mitteltreffen,
durch seinen Erfolg fortgerissen, den Platz neben ihm geraeumt hatte, und selbst
das halbfertige Lager von den Nerviern besetzt; die beiden Legionen, jede
einzeln in ein dichtes Knaeuel zusammengeballt und von vorn und in beiden
Flanken angegriffen, ihrer meisten Offiziere und ihrer besten Soldaten beraubt,
schienen im Begriff, gesprengt und zusammengehauen zu werden. Schon flohen der
roemische Tross und die Bundestruppen nach allen Seiten; von der keltischen
Reiterei jagten ganze Abteilungen, wie das Kontingent der Treverer, mit
verhaengten Zuegeln davon, um vom Schlachtfelde selbst die willkommene Kunde der
erlittenen Niederlage daheim zu melden. Es stand alles auf dem Spiel. Der
Feldherr selbst ergriff den Schild und focht unter den Vordersten; sein
Beispiel, sein auch jetzt noch begeisternder Zuruf brachten die schwankenden
Reihen wieder zum Stehen. Schon hatte man einigermassen sich Luft gemacht und
wenigstens die Verbindung der beiden Legionen dieses Fluegels wiederhergestellt,
als Succurs herbeikam: teils von dem Uferkamm herab, wo waehrenddessen mit dem
Gepaeck die roemische Nachhut eingetroffen war, teils vom anderen Flussufer her,
wo Labienus inzwischen bis an das feindliche Lager vorgedrungen war und sich
dessen bemaechtigt hatte und nun, endlich die auf dem rechten Fluegel drohende
Gefahr gewahrend, die siegreiche zehnte Legion seinem Feldherrn zu Hilfe sandte.
Die Nervier, von ihren Verbuendeten getrennt und von allen Seiten zugleich
angegriffen, bewaehrten jetzt, wo das Glueck sich wandte, denselben Heldenmut,
wie da sie sich Sieger glaubten; noch von den Leichenbergen der Ihrigen herunter
fochten sie bis auf den letzten Mann. Nach ihrer eigenen Angabe ueberlebten von
ihren sechshundert Ratsherren nur drei diesen Tag. Nach dieser vernichtenden
Niederlage mussten die Nervier, Atrebaten und Viromanduer wohl die roemische
Hoheit anerkennen. Die Aduatuker, zu spaet eingetroffen, um an dem Kampfe an der
Sambre teilzunehmen, versuchten zwar noch, in der festesten ihrer Staedte (auf
dem Berge Falhize an der Maas unweit Huy) sich zu halten, allein bald
unterwarfen auch sie sich. Ein noch nach der Ergebung gewagter naechtlicher
Ueberfall des roemischen Lagers vor der Stadt schlug fehl und der Treubruch ward
von den Roemern mit furchtbarer Strenge geahndet. Die Klientel der Aduatuker,
die aus den Eburonen zwischen Maas und Rhein und anderen kleinen, benachbarten
Staemmen bestand, wurde von den Roemern selbstaendig erklaert, die gefangenen
Aduatuker aber in Masse zu Gunsten des roemischen Schatzes unter dem Hammer
verkauft. Es schien, als ob das Verhaengnis, das die Kimbrer betroffen hatte,
auch diesen letzten kimbrischen Splitter noch verfolge. Den uebrigen
unterworfenen Staemmen begnuegte sich Caesar eine allgemeine Entwaffnung und
Geiselstellung aufzuerlegen. Die Remer wurden natuerlich der fuehrende Gau im
belgischen wie die Haeduer im mittleren Gallien; sogar in diesem begaben sich
manche mit den Haeduern verfeindete Clans vielmehr in die Klientel der Reiner.
Nur die entlegenen Seekantone der Moriner (Artois) und der Menapier (Flandern
und Brabant) und die grossenteils von Deutschen bewohnte Landschaft zwischen
Schelde und Rhein blieben fuer diesmal von der roemischen Invasion noch
verschont und im Besitz ihrer angestammten Freiheit.
Die Reihe kam an die aremorikanischen Gaue. Noch im Herbst 697 (57) ward
Publius Crassus mit einem roemischen Korps dahin gesandt; er bewirkte, dass die
Veneter, die, als Herren der Haefen des heutigen Morbihan und einer ansehnlichen
Flotte, in Schiffahrt und Handel unter allen keltischen Gauen den ersten Platz
einnahmen, und ueberhaupt die Kuestendistrikte zwischen Loire und Seine sich den
Roemern unterwarfen und ihnen Geiseln stellten. Allein es gereute sie bald. Als
im folgenden Winter (697/98 57/5 roemische Offiziere in diese Gegenden kamen, um
Getreidelieferungen daselbst auszuschreiben, wurden sie von den Venetern als
Gegengeiseln festgehalten. Dem gegebenen Beispiel folgten rasch nicht bloss die
aremoricanischen, sondern auch die noch freigebliebenen Seekantone der Belgen;
wo, wie in einigen Gauen der Normandie, der Gemeinderat sich weigerte, der
Insurrektion beizutreten, machte die Menge ihn nieder und schloss mit
verdoppeltem Eifer der Nationalsache sich an. Die ganze Kueste von der Muendung
der Loire bis zu der des Rheins stand auf gegen Rom; die entschlossensten
Patrioten aus allen keltischen Gauen eilten dorthin, um mitzuwirken an dem
grossen Werke der Befreiung; man rechnete schon auf den Aufstand der gesamten
belgischen Eidgenossenschaft, auf Beistand aus Britannien, auf das Einruecken
der ueberrheinischen Germanen.
Caesar sandte Labienus mit der ganzen Reiterei an den Rhein, um die
gaerende belgische Landschaft niederzuhalten und noetigenfalls den Deutschen den
Uebergang ueber den Fluss zu wehren; ein anderer seiner Unterbefehlshaber,
Quintus Titurius Sabinus, ging mit drei Legionen nach der Normandie, wo die
Hauptmasse der Insurgenten sich sammelte. Allein der eigentliche Herd der
Insurrektion waren die maechtigen und intelligenten Veneter; gegen sie ward zu
Lande und zur See der Hauptangriff gerichtet. Die teils aus den Schiffen der
untertaenigen Keltengaue, teils aus einer Anzahl roemischer, eiligst auf der
Loire erbauter und mit Ruderern aus der Narbonensischen Provinz bemannter
Galeeren gebildete Flotte fuehrte der Unterfeldherr Decimus Brutus heran; Caesar
selbst rueckte mit dem Kern seiner Infanterie ein in das Gebiet der Veneter.
Aber man war dort vorbereitet und hatte ebenso geschickt wie entschlossen die
guenstigen Verhaeltnisse benutzt, die das bretagnische Terrain und der Besitz
einer ansehnlichen Seemacht darbot. Die Landschaft war durchschnitten und
getreidearm, die Staedte groesstenteils auf Klippen und Landspitzen gelegen und
vom Festlande her nur auf schwer zu passierenden Watten zugaenglich; die
Verpflegung wie die Belagerung waren fuer das zu Lande angreifende Heer gleich
schwierig, waehrend die Kelten durch ihre Schiffe die Staedte leicht mit allem
Noetigen versehen und im schlimmsten Fall die Raeumung derselben bewerkstelligen
konnten. Die Legionen verschwendeten in den Belagerungen der venetischen
Ortschaften Zeit und Kraft, um zuletzt die wesentlichen Fruechte des Sieges auf
den Schiffen der Feinde verschwinden zu sehen. Als daher die roemische Flotte,
lange in der Loiremuendung von Stuermen zurueckgehalten, endlich an der
bretagnischen Kueste eintraf, ueberliess man es ihr, den Kampf durch eine
Seeschlacht zu entscheiden. Die Kelten, ihrer Ueberlegenheit auf diesem Elemente
sich bewusst, fuehrten gegen die von Brutus befehligte roemische Flotte die
ihrige vor. Nicht bloss zaehlte diese zweihundertzwanzig Segel, weit mehr, als
die Roemer hatten aufbringen koennen; ihre hochbordigen, festgebauten
Segelschiffe von flachem Boden waren auch bei weitem geeigneter fuer die
hochgehenden Fluten des Atlantischen Meeres als die niedrigen leichtgefugten
Rudergaleeren der Roemer mit ihren scharfen Kielen. Weder die Geschosse noch die
Enterbruecken der Roemer vermochten das hohe Deck der feindlichen Schiffe zu
erreichen und an den maechtigen Eichenplanken derselben prallten die eisernen
Schnaebel machtlos ab. Allein die roemischen Schiffsleute zerschnitten die Taue,
durch welche die Rahen an den Masten befestigt waren, mittels an langen Stangen
befestigter Sicheln; Rahen und Segel stuerzten herab und, da man den Schaden
nicht rasch zu ersetzen verstand, ward das Schiff dadurch zum Wrack, wie
heutzutage durch Stuerzen der Maste, und leicht gelang es den roemischen Booten,
durch vereinigten Angriff des gelaehmten feindlichen Schiffes sich zu
bemeistern. Als die Gallier dieses Manoevers innewurden, versuchten sie von der
Kueste, an der sie den Kampf mit den Roemern aufgenommen hatten, sich zu
entfernen und die hohe See zu gewinnen, wohin die roemischen Galeeren ihnen
nicht folgen konnten; allein zum Unglueck fuer sie trat ploetzlich eine
vollstaendige Windstille ein und die ungeheure Flotte, an deren Ausruestung die
Seegaue alle ihre Kraefte gesetzt hatten, ward von den Roemern fast gaenzlich
vernichtet. So ward diese Seeschlacht - soweit die geschichtliche Kunde reicht,
die aelteste auf dem Atlantischen Ozean geschlagene - ebenwie zweihundert Jahre
zuvor das Treffen bei Mylae trotz der unguenstigsten Verhaeltnisse durch eine
von der Not eingegebene glueckliche Erfindung zum Vorteil der Roemer
entschieden. Die Folge des von Brutus erfochtenen Sieges war die Ergebung der
Veneter und der ganzen Bretagne. Mehr, um der keltischen Nation, nach so
vielfaeltigen Beweisen von Milde gegen die Unterworfenen, jetzt durch ein
Beispiel furchtbarer Strenge gegen die hartnaeckig Widerstrebenden zu
imponieren, als um den Vertragsbruch und die Festnahme der roemischen Offiziere
zu ahnden, liess Caesar den gesamten Gemeinderat hinrichten und die
Buergerschaft des venetischen Gaus bis auf den letzten Mann in die Knechtschaft
verkaufen. Durch dies entsetzliche Geschick wie durch ihre Intelligenz und ihren
Patriotismus haben die Veneter mehr als irgendein anderer Keltenclan sich ein
Anrecht erworben auf die Teilnahme der Nachwelt. Dem am Kanal versammelten
Aufgebot der Kuestenstaaten setzte Sabinus inzwischen dieselbe Taktik entgegen,
durch die Caesar das Jahr zuvor den belgischen Landsturm an der Aisne
ueberwunden hatte; er verhielt sich verteidigend, bis Ungeduld und Mangel in den
Reihen der Feinde einrissen, und wusste sie dann durch Taeuschung ueber die
Stimmung und Staerke seiner Truppen und vor allem durch die eigene Ungeduld zu
einem unbesonnenen Sturm auf das roemische Lager zu verlocken und dabei zu
schlagen, worauf die Milizen sich zerstreuten und die Landschaft bis zur Seine
sich unterwarf.
Nur die Moriner und Menapier beharrten dabei, sich der Anerkennung der
roemischen Hoheit zu entziehen. Um sie dazu zu zwingen, erschien Caesar an ihren
Grenzen: aber gewitzigt durch die von ihren Landsleuten gemachten Erfahrungen,
vermieden sie es, den Kampf an der Landesgrenze aufzunehmen und wichen zurueck
in die damals von den Ardennen gegen die Nordsee hin fast ununterbrochen sich
erstreckenden Waelder. Die Roemer versuchten, sich durch dieselben mit der Axt
eine Strasse zu bahnen, zu deren beiden Seiten die gefaellten Baeume als
Verbacke gegen feindliche Ueberfaelle aufgeschichtet wurden; allein selbst
Caesar, verwegen wie er war, fand nach einigen Tagen muehseligsten Marschierens
es ratsam, zumal da es gegen den Winter ging, den Rueckzug anzuordnen, obwohl
von den Morinern nur ein kleiner Teil unterworfen und die maechtigen Menapier
gar nicht erreicht worden waren. Das folgende Jahr (699 55) ward, waehrend
Caesar selbst in Britannien beschaeftigt war, der groesste Teil des Heeres aufs
neue gegen diese Voelkerschaften gesandt; allein auch diese Expedition blieb in
der Hauptsache erfolglos. Dennoch war das Ergebnis der letzten Feldzuege die
fast vollstaendige Unterwerfung Galliens unter die Herrschaft der Roemer. Wenn
Mittelgallien ohne Gegenwehr sich unter dieselbe gefuegt hatte, so waren durch
den Feldzug des Jahres 697 (57) die belgischen, durch den des folgenden Jahres
die Seegaue mit den Waffen zur Anerkennung der roemischen Herrschaft gezwungen
worden. Die hochfliegenden Hoffnungen aber, mit denen die keltischen Patrioten
den letzten Feldzug begonnen, hatten nirgends sich erfuellt. Weder Deutsche noch
Briten waren ihnen zu Hilfe gekommen, und in Belgien hatte Labienus' Anwesenheit
genuegt, die Erneuerung der vorjaehrigen Kaempfe zu verhueten.
Waehrend also Caesar das roemische Gebiet im Westen mit den Waffen zu einem
geschlossenen Ganzen fortbildete, versaeumte er nicht, der neu unterworfenen
Landschaft, welche ja bestimmt war, die zwischen Italien und Spanien klaffende
Gebietsluecke auszufuellen, mit der italischen Heimat wie mit den spanischen
Provinzen Kommunikationen zu eroeffnen. Die Verbindung zwischen Gallien und
Italien war allerdings durch die von Pompeius im Jahre 677 (77) angelegte
Heerstrasse ueber den Mont Genevre wesentlich erleichtert worden; allein seit
das ganze Gallien den Roemern unterworfen war, bedurfte man einer aus dem Potal
nicht in westlicher, sondern in noerdlicher Richtung den Alpenkamm
ueberschreitenden und eine kuerzere Verbindung zwischen Italien und dem
mittleren Gallien herstellenden Strasse. Dem Kaufmann diente hierzu laengst der
Weg, der ueber den Grossen Bernhard in das Wallis und an den Genfer See fuehrt;
um diese Strasse in seine Gewalt zu bringen, liess Caesar schon im Herbst 697
(57) durch Servius Galba Octodurum (Martigny) besetzen und die Bewohner des
Wallis zur Botmaessigkeit bringen, was durch die tapfere Gegenwehr dieser
Bergvoelker natuerlich nur verzoegert, nicht verhindert ward.
Um ferner die Verbindung mit Spanien zu gewinnen, wurde im folgenden Jahr
(698 56) Publius Crassus nach Aquitanien gesandt mit dem Auftrag, die daselbst
wohnenden iberischen Staemme zur Anerkennung der roemischen Herrschaft zu
zwingen. Die Aufgabe war nicht ohne Schwierigkeit; die Iberer hielten fester
zusammen als die Kelten und verstanden es besser als diese, von ihren Feinden zu
lernen. Die Staemme jenseits der Pyrenaeen, namentlich die tuechtigen Kantabrer
sandten ihren bedrohten Landsleuten Zuzug; mit diesem kamen erfahrene, unter
Sertorius' Fuehrung roemisch geschulte Offiziere, die soweit moeglich die
Grundsaetze der roemischen Kriegskunst, namentlich das Lagerschlagen, bei dem
schon durch seine Zahl und seine Tapferkeit ansehnlichen aquitanischen Aufgebot
einfuehrten. Allein der vorzuegliche Offizier, der die Roemer fuehrte, wusste
alle Schwierigkeiten zu ueberwinden, und nach einigen hart bestrittenen, aber
gluecklich gewonnenen Feldschlachten die Voelkerschaften von der Garonne bis
nahe an die Pyrenaeen zur Ergebung unter den neuen Herrn zu bestimmen.
Das eine Ziel, das Caesar sich gesteckt hatte, die Unterwerfung Galliens,
war mit kaum nennenswerten Ausnahmen im wesentlichen soweit erreicht, als es
ueberhaupt mit dem Schwert sich erreichen liess. Allein die andere Haelfte des
von Caesar begonnenen Werkes war noch bei weitem nicht genuegend erledigt und
die Deutschen noch keineswegs ueberall genoetigt, den Rhein als Grenze
anzuerkennen. Eben jetzt, im Winter 698/99 (56/55) hatte an dem unteren Laufe
des Flusses, bis wohin die Roemer noch nicht vorgedrungen waren, eine abermalige
Grenzueberschreitung stattgefunden. Die deutschen Staemme der Usipeten und
Tencterer, deren Versuche, in dem Gebiet der Menapier ueber den Rhein zu setzen,
bereits erwaehnt wurden, waren endlich doch, die Wachsamkeit ihrer Gegner durch
einen verstellten Abzug taeuschend, auf den eigenen Schiffen der Menapier
uebergegangen - ein ungeheurer Schwarm, der sich mit Einschluss der Weiber und
Kinder auf 430000 Koepfe belaufen haben soll. Noch lagerten sie, es scheint in
der Gegend von Nimwegen und Kleve; aber es hiess, dass sie, den Aufforderungen
der keltischen Patriotenpartei folgend, in das Innere Galliens einzuruecken
beabsichtigten, und das Geruecht ward dadurch bestaerkt, dass ihre Reiterscharen
bereits bis an die Grenzen der Treuerer streiften. Indes als Caesar mit seinen
Legionen ihnen gegenueber anlangte, schienen die vielgeplagten Auswanderer nicht
nach neuen Kaempfen begierig, sondern gern bereit, von den Roemern Land zu
nehmen und es unter ihrer Hoheit in Frieden zu bestellen. Waehrend darueber
verhandelt ward, stieg in dem roemischen Feldherrn der Argwohn auf, dass die
Deutschen nur Zeit zu gewinnen suchten, bis die von ihnen entsendeten
Reiterscharen wiedereingetroffen seien. Ob derselbe gegruendet war oder nicht,
laesst sich nicht sagen; aber darin bestaerkt durch einen Angriff, den trotz des
tatsaechlichen Waffenstillstandes ein feindlicher Trupp auf seine Vorhut
unternahm, und erbittert durch den dabei erlittenen empfindlichen Verlust,
glaubte Caesar sich berechtigt, jede voelkerrechtliche Ruecksicht aus den Augen
zu setzen. Als am anderen Morgen die Fuersten und Aeltesten der Deutschen, den
ohne ihr Vorwissen unternommenen Angriff zu entschuldigen, im roemischen Lager
erschienen, wurden sie festgehalten und die nichts ahnende, ihrer Fuehrer
beraubte Menge von dem roemischen Heer ploetzlich ueberfallen. Es war mehr eine
Menschenjagd als eine Schlacht; was nicht unter den Schwertern der Roemer fiel,
ertrank im Rheine; fast nur die zur Zeit des Ueberfalls detachierten Abteilungen
entkamen dem Blutbad und gelangten zurueck ueber den Rhein, wo ihnen die
Sugambrer in ihrem Gebiet, es scheint an der Lippe, eine Freistatt gewaehrten.
Das Verfahren Caesars gegen diese deutschen Einwanderer fand im Senat schweren
und gerechten Tadel; allein wie wenig auch dasselbe entschuldigt werden kann,
den deutschen Uebergriffen war dadurch mit erschreckendem Nachdruck gesteuert.
Doch fand es Caesar ratsam, noch einen Schritt weiter zu gehen und die Legionen
ueber den Rhein zu fuehren. An Verbindungen jenseits desselben mangelte es ihm
nicht. Den Deutschen auf ihrer damaligen Bildungsstufe fehlte noch jeder
nationale Zusammenhang; an politischer Zerfahrenheit gaben sie, wenn auch aus
anderen Ursachen, den Kelten nichts nach. Die Ubier (an der Sieg und Lahn), der
zivilisierteste unter den deutschen Staemmen, waren vor kurzem von einem
maechtigen suebischen Gau des Binnenlandes botmaessig und zinspflichtig gemacht
worden und hatten schon 697 (57) Caesar durch ihre Boten ersucht, auch sie wie
die Gallier von der suebischen Herrschaft zu befreien. Es war Caesars Absicht
nicht, diesem Ansinnen, das ihn in endlose Unternehmungen verwickelt haben
wuerde, ernstlich zu entsprechen; aber wohl schien es zweckmaessig, um das
Erscheinen der germanischen Waffen diesseits des Rheines zu verhindern, die
roemischen jenseits desselben wenigstens zu zeigen. Der Schutz, den die
entronnenen Usipeten und Tencterer bei den Sugambrern gefunden hatten, bot eine
geeignete Veranlassung dar. In der Gegend, wie es scheint, zwischen Koblenz und
Andernach schlug Caesar eine Pfahlbruecke ueber den Rhein und fuehrte seine
Legionen hinueber aus dem treverischen in das ubische Gebiet. Einige kleinere
Gaue gaben ihre Unterwerfung ein; allein die Sugambrer, gegen die der Zug
zunaechst gerichtet war, zogen, wie das roemische Heer herankam, mit ihren
Schutzbefohlenen sich in das innere Land zurueck. In gleicher Weise liess der
maechtige suebische Gau, der die Ubier bedraengte, vermutlich derjenige, der
spaeter unter dem Namen der Chatten auftritt, die zunaechst an das ubische
Gebiet angrenzenden Distrikte raeumen und das nicht streitbare Volk in
Sicherheit bringen, waehrend alle waffenfaehige Mannschaft angewiesen ward, im
Mittelpunkt des Gaues sich zu versammeln. Diesen Handschuh aufzuheben hatte der
roemische Feldherr weder Veranlassung noch Lust; sein Zweck, teils zu
rekognoszieren, teils durch einen Zug ueber den Rhein womoeglich den Deutschen,
wenigstens aber den Kelten und den Landsleuten daheim zu imponieren, war im
wesentlichen erreicht; nach achtzehntaegigem Verweilen am rechten Rheinufer traf
er wieder in Gallien ein und brach die Rheinbruecke hinter sich ab (699 55).
Es blieben die Inselkelten. Bei dem engen Zusammenhang zwischen ihnen und
den Kelten des Festlandes, namentlich den Seegauen, ist es begreiflich, dass sie
an dem nationalen Widerstand wenigstens mit ihren Sympathien sich beteiligt
hatten und den Patrioten wenn auch nicht bewaffneten Beistand, doch mindestens
jedem von ihnen, fuer den die Heimat nicht mehr sicher war, auf ihrer
meerbeschuetzten Insel eine ehrenvolle Freistatt gewaehrten. Eine Gefahr lag
hierin allerdings, wenn nicht fuer die Gegenwart, doch fuer die Zukunft; es
schien zweckmaessig, wo nicht die Eroberung der Insel selbst zu unternehmen,
doch auch hier die Defensive offensiv zu fuehren und durch eine Landung an der
Kueste den Insulanern zu zeigen, dass der Arm der Roemer auch ueber den Kanal
reiche. Schon der erste roemische Offizier, der die Bretagne betrat, Publius
Crassus, war von dort nach den "Zinninseln" an der Westspitze Englands
(Scillyinseln) hinuebergefahren (697 57); im Sommer 699 (55) ging Caesar selbst
mit nur zwei Legionen da, wo er am schmalsten ist ^17, ueber den Kanal. Er fand
die Kueste mit feindlichen Truppenmassen bedeckt und fuhr mit seinen Schiffen
weiter; aber die britischen Streitwagen bewegten sich ebenso schnell zu Lande
fort wie die roemischen Galeeren auf der See, und nur mit groesster Muehe gelang
es den roemischen Soldaten unter dem Schutze der Kriegsschiffe, die durch
Wurfmaschinen und Handgeschuetze den Strand fegten, im Angesicht der Feinde
teils watend, teils in Kaehnen das Ufer zu gewinnen. Im ersten Schreck
unterwarfen sich die naechsten Doerfer; allein bald wurden die Insulaner gewahr,
wie schwach der Feind sei und wie er nicht wage, sich vom Ufer zu entfernen. Die
Eingeborenen verschwanden in das Binnenland und kamen nur zurueck, um das Lager
zu bedrohen; die Flotte aber, die man auf der offenen Reede gelassen hatte,
erlitt durch den ersten ueber sie hereinbrechenden Sturmwind sehr bedeutenden
Schaden. Man musste sich gluecklich schaetzen, die Angriffe der Barbaren
abzuschlagen, bis man die Schiffe notduerftig repariert hatte, und mit
denselben, noch ehe die schlimme Jahreszeit hereinbrach, die gallische Kueste
wiederzuerreichen.
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^17 Dass Caesars Ueberfahrten nach Britannien aus den Haefen der Kueste von
Calais bis Boulogne an die Kueste von Kent gingen, ergibt die Natur der Sache
sowie Caesars ausdrueckliche Angabe. Die genauere Bestimmung der Oertlichkeit
ist oft versucht worden, aber nicht gelungen. Ueberliefert ist nur, dass bei der
ersten Fahrt die Infanterie in dem einen, die Reiterei in einem anderen, von
jenem 8 Milien in oestlicher Richtung entfernten Hafen sich einschiffte (Gall.
4, 22, 23, 28) und dass die zweite Fahrt aus demjenigen von diesen beiden
Haefen, den Caesar am bequemsten gefunden, dem (sonst nicht weiter genannten)
Irischen, von der britannischen Kueste 30 (so nach Caesars Handschriften 5, 2)
oder 40 (= 320 Stadien, nach Strab. 4, 5, 2, der unzweifelhaft aus Caesar
schoepfte) Milien entfernten abging. Aus Caesars Worten (Gall. 4, 21), dass er
"die kuerzeste Ueberfahrt" gewaehlt habe, kann man verstaendigerweise wohl
folgern, dass er nicht durch den Kanal, sondern durch den Pas de Calais, aber
keineswegs, dass er durch diesen auf der mathematisch kuerzesten Linie fuhr. Es
gehoert der Inspirationsglaube der Lokaltopographen dazu, um mit solchen Daten
in der Hand, von denen das an sich beste noch durch die schwankende
Ueberlieferung der Zahl fast unbrauchbar wird, an die Bestimmung der
Oertlichkeit zu gehen; doch moechte unter den vielen Moeglichkeiten am meisten
fuer sich zu haben, dass der Irische Hafen (den schon Strab. a. a. O.
wahrscheinlich richtig mit demjenigen identifiziert, von dem bei der ersten
Fahrt die Infanterie ueberging) bei Ambleteuse, westlich vom Cap Gris Nez, der
Reiterhaufen bei Ecale (Wissant), oestlich von demselben Vorgebirge, zu suchen
ist, die Landung aber oestlich von Dover bei Walmercastle stattfand.
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Caesar selbst war mit den Ergebnissen dieser leichtsinnig und mit
unzulaenglichen Mitteln unternommenen Expedition so unzufrieden, dass er
sogleich (Winter 699/700 55/54) eine Transportflotte von 800 Segeln instand
setzen liess und im Fruehling 700 (54), diesmal mit fuenf Legionen und 2000
Reitern, zum zweitenmal nach der kentischen Kueste unter Segel ging. Vor der
gewaltigen Armada wich die auch diesmal am Ufer versammelte Streitmacht der
Briten, ohne einen Kampf zu wagen; Caesar trat sofort den Marsch ins Binnenland
an und ueberschritt nach einigen gluecklichen Gefechten den Fluss Stour; allein
er musste sehr wider seinen Willen innehalten, weil die Flotte auf der offenen
Reede wiederum von den Stuermen des Kanals halb vernichtet worden war. Bis man
die Schiffe auf den Strand gezogen und fuer die Reparatur umfassende
Vorkehrungen getroffen, ging eine kostbare Zeit verloren, die die Kelten
weislich benutzten. Der tapfere und umsichtige Fuerst Cassivellaunus, der in dem
heutigen Middlesex und der Umgegend gebot, sonst der Schreck der Kelten suedlich
von der Themse, jetzt aber Hort und Vorfechter der ganzen Nation, war an die
Spitze der Landesverteidigung getreten. Er sah bald, dass mit dem keltischen
Fussvolk gegen das roemische schlechterdings nichts auszurichten und die schwer
zu ernaehrende und schwer zu regierende Masse des Landsturms der Verteidigung
nur hinderlich war; also entliess er diesen und behielt nur die Streitwagen,
deren er 4000 zusammenbrachte und deren Kaempfer, geuebt vom Wagen
herabspringend zu Fuss zu fechten, gleich der Buergerreiterei des aeltesten Rom
in zwiefacher Weise verwendet werden konnten. Als Caesar den Marsch wieder
fortzusetzen imstande war, fand er denselben nirgend sich verlegt; aber die
britischen Streitwagen zogen stets dem roemischen Heer vorauf und zur Seite,
bewirkten die Raeumung des Landes, die bei dem Mangel an Staedten keine grosse
Schwierigkeit machte, hinderten jede Detachierung und bedrohten die
Kommunikationen. Die Themse ward - wie es scheint zwischen Kingston und
Brentford oberhalb London - von den Roemern ueberschritten; man kam vorwaerts,
aber nicht eigentlich weiter; der Feldherr erfocht keinen Sieg, der Soldat
machte keine Beute und das einzige wirkliche Resultat, die Unterwerfung der
Trinobanten im heutigen Essex, war weniger die Folge der Furcht vor den Roemern
als der tiefen Verfeindung dieses Gaus mit Cassivellaunus. Mit jedem Schritte
vorwaerts stieg die Gefahr, und der Angriff, den die Fuersten von Kent nach
Cassivellaunus' Anordnung auf das roemische Schiffslager machten, mahnte, obwohl
er abgeschlagen ward, doch dringend zur Umkehr. Die Erstuermung eines grossen
britischen Verhacks, in dem eine Menge Vieh den Roemern in die Haende fiel, gab
fuer das ziellose Vordringen einen leidlichen Abschluss und einen ertraeglichen
Vorwand fuer die Umkehr. Auch Cassivellaunus war einsichtig genug, den
gefaehrlichen Feind nicht aufs Aeusserste zu treiben, und versprach, wie Caesar
verlangte, die Trinobanten nicht zu beunruhigen, Abgaben zu zahlen und Geiseln
zu stellen; von Auslieferung der Waffen oder Zuruecklassung einer roemischen
Besatzung war nicht die Rede, und selbst jene Versprechungen wurden vermutlich,
soweit sie die Zukunft betrafen, ernstlich weder gegeben noch genommen. Nach
Empfang der Geiseln kehrte Caesar in das Schiffslager und von da nach Gallien
zurueck. Wenn er, wie es allerdings scheint, gehofft hatte, Britannien diesmal
zu erobern, so war dieser Plan teils an dem klugen Verteidigungssystem des
Cassivellaunus, teils und vor allem an der Unbrauchbarkeit der italischen
Ruderflotte auf den Gewaessern der Nordsee vollkommen gescheitert; denn dass der
bedungene Tribut niemals erlegt ward, ist gewiss. Der naechste Zweck aber: die
Inselkelten aus ihrer trotzigen Sicherheit aufzuruetteln und sie zu veranlassen,
in ihrem eigenen Interesse ihre Inseln nicht laenger zum Herd der
festlaendischen Emigration herzugeben, scheint allerdings erreicht worden zu
sein; wenigstens werden Beschwerden ueber dergleichen Schutzverleihung
spaeterhin nicht wieder vernommen.
Das Werk der Zurueckweisung der germanischen Invasion und der Unterwerfung
der festlaendischen Kelten war vollendet. Aber oft ist es leichter, eine freie
Nation zu unterwerfen als eine unterworfene in Botmaessigkeit zu erhalten. Die
Rivalitaet um die Hegemonie, an der mehr noch als an den Angriffen Roms die
keltische Nation zugrunde gegangen war, ward durch die Eroberung gewissermassen
aufgehoben, indem der Eroberer die Hegemonie fuer sich selbst nahm. Die
Sonderinteressen schwiegen; in dem gemeinsamen Druck fuehlte man doch sich
wieder als ein Volk, und was man, da man es besass, gleichgueltig verspielt
hatte, die Freiheit und die Nationalitaet, dessen unendlicher Wert ward nun, da
es zu spaet war, von der unendlichen Sehnsucht vollstaendig ermessen. Aber war
es denn zu spaet? Mit zorniger Scham gestand man es sich, dass eine Nation, die
mindestens eine Million waffenfaehiger Maenner zaehlte, eine Nation von altem
und wohlbegruendetem kriegerischen Ruhm, von hoechstens 50000 Roemern sich hatte
das Joch auflegen lassen. Die Unterwerfung der Eidgenossenschaft des mittleren
Galliens, ohne dass sie auch nur einen Schlag getan, die der belgischen, ohne
dass sie mehr getan als schlagen wollen; dagegen wieder der heldenmuetige
Untergang der Nervier und Veneter, der kluge und glueckliche Widerstand der
Moriner und der Briten unter Cassivellaunus - alles, was im einzelnen versaeumt
und geleistet, gescheitert und erreicht war, spornte die Gemueter aller
Patrioten zu neuen, womoeglich einigeren und erfolgreicheren Versuchen.
Namentlich unter dem keltischen Adel herrschte eine Gaerung, die jeden
Augenblick in einen allgemeinen Aufstand ausbrechen zu muessen schien. Schon vor
dem zweiten Zug nach Britannien im Fruehjahr 700 (54) hatte Caesar es notwendig
gefunden, sich persoenlich zu den Treverern zu begeben, die, seit sie 697 (57)
in der Nervierschlacht sich kompromittiert hatten, auf den allgemeinen Landtagen
nicht mehr erschienen waren und mit den ueberrheinischen Deutschen mehr als
verdaechtige Verbindungen angeknuepft hatten. Damals hatte Caesar sich begnuegt,
die namhaftesten Maenner der Patriotenpartei, namentlich den Indutiomarus, unter
dem treverischen Reiterkontingent mit sich nach Britannien zu fuehren; er tat
sein moegliches, die Verschwoerung nicht zu sehen, um nicht durch strenge
Massregeln sie zur Insurrektion zu zeitigen. Allein als der Haeduer Dumnorix,
der gleichfalls dem Namen nach als Reiteroffizier, in der Tat aber als Geisel
sich bei dem nach Britannien bestimmten Heere befand, geradezu verweigerte sich
einzuschiffen und statt dessen nach Hause ritt, konnte Caesar nicht umhin, ihn
als Ausreisser verfolgen zu lassen, wobei er von der nachgeschickten Abteilung
eingeholt und, da er gegen dieselbe sich zur Wehre setzte, niedergehauen ward
(700 54). Dass der angesehenste Ritter des maechtigsten und noch am wenigsten
abhaengigen Keltengaus von den Roemern getoetet worden, war ein Donnerschlag
fuer den ganzen keltischen Adel; jeder, der sich aehnlicher Gesinnung bewusst
war - und es war dies die ungeheure Majoritaet -, sah in jener Katastrophe das
Bild dessen, was ihm selber bevorstand. Wenn Patriotismus und Verzweiflung die
Haeupter des keltischen Adels bestimmt hatte sich zu verschwoeren, so trieb
jetzt Furcht und Notwehr die Verschworenen zum Losschlagen. Im Winter 700/01
(54/53) lagerte, mit Ausnahme einer in die Bretagne und einer zweiten in den
sehr unruhigen Gau der Carnuten (bei Chartres) verlegten Legion, das gesamte
roemische Heer, sechs Legionen stark, im belgischen Gebiet. Die Knappheit der
Getreidevorraete hatte Caesar bewogen, seine Truppen weiter, als er sonst zu tun
pflegte, auseinander und in sechs verschiedene, in den Gauen der Bellovaker,
Ambianer, Moriner, Nervier, Reiner und Eburonen, errichtete Lager zu verlegen.
Das am weitesten gegen Osten im eburonischen Gebiet, wahrscheinlich unweit des
spaeteren Aduatuca, des heutigen Tongern, angelegte Standlager, das staerkste
von allen, bestehend aus einer Legion unter einem der angesehensten Caesarischen
Divisionsfuehrer, dem Quintus Titurius Sabinus, und ausserdem verschiedenen, von
dem tapferen Lucius Aurunculeius Cotta, gefuehrten Detachements zusammen von der
Staerke einer halben Legion ^18, fand sich urploetzlich von dem Landsturm der
Eburonen unter den Koenigen Ambiorix und Catuvolcus umzingelt. Der Angriff kam
so unerwartet, dass die eben vom Lager abwesenden Mannschaften nicht einberufen
werden konnten und von den Feinden aufgehoben wurden; uebrigens war zunaechst
die Gefahr nicht gross, da es an Vorraeten nicht mangelte und der Sturm, den die
Eburonen versuchten, an den roemischen Verschanzungen machtlos abprallte. Aber
Koenig Ambiorix eroeffnete dem roemischen Befehlshaber, dass die saemtlichen
roemischen Lager in Gallien an demselben Tage in gleicher Weise angegriffen und
die Roemer unzweifelhaft verloren seien, wenn die einzelnen Korps nicht rasch
aufbraechen und miteinander sich vereinigten; dass Sabinus damit um so mehr
Ursache habe zu eilen, als gegen ihn auch die ueberrheinischen Deutschen bereits
im Anmarsch seien; dass er selbst aus Freundschaft fuer die Roemer ihnen freien
Abzug bis zu dem naechsten, nur zwei Tagemaersche entfernten roemischen Lager
zusichere. Einiges in diesen Angaben schien nicht erfunden; dass der kleine, von
den Roemern besonders beguenstigte Gau der Eburonen den Angriff auf eigene Hand
unternommen habe, war in der Tat unglaublich und bei der Schwierigkeit, mit den
anderen, weit entfernten Lagern sich in Verbindung zu setzen, die Gefahr von der
ganzen Masse der Insurgenten angegriffen und vereinzelt aufgerieben zu werden,
keineswegs gering zu achten; nichtsdestoweniger konnte es nicht dem geringsten
Zweifel unterliegen, dass sowohl die Ehre wie die Klugheit gebot, die vom Feinde
angebotene Kapitulation zurueckzuweisen und an dem anvertrauten Posten
auszuharren. Auch im Kriegsrat vertraten zahlreiche Stimmen, namentlich die
gewichtige des Lucius Aurunculeius Cotta diese Ansicht. Dennoch entschied sich
der Kommandant dafuer, den Vorschlag des Ambiorix anzunehmen. Die roemischen
Truppen zogen also am anderen Morgen ab; aber in einem schmalen Tal, kaum eine
halbe Meile vom Lager, angelangt, fanden sie sich von den Eburonen umzingelt und
jeden Ausweg gesperrt. Sie versuchten, mit den Waffen sich den Weg zu oeffnen;
allein die Eburonen liessen sich auf kein Nahgefecht ein und begnuegten sich,
aus ihren unangreifbaren Stellungen ihre Geschosse in den Knaeuel der Roemer zu
entsenden. Wie verwirrt, als ob er Rettung vor dem Verrat bei dem Verraeter
suchte, begehrte Sabinus eine Zusammenkunft mit Ambiorix; sie wurde gewaehrt und
er und die ihn begleitenden Offiziere erst entwaffnet, dann niedergemacht. Nach
dem Fall des Befehlshabers warfen sich die Eburonen von allen Seiten zugleich
auf die erschoepften und verzweifelnden Roemer und brachen ihre Reihen: die
meisten, unter ihnen der schon frueher verwundete Cotta, fanden bei diesem
Angriff ihren Tod; ein kleiner Teil, dem es gelungen war, das verlassene Lager
wiederzugewinnen, stuerzte sich waehrend der folgenden Nacht in die eigenen
Schwerter. Der ganze Heerhaufen ward vernichtet.
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^18 Dass Cotta, obwohl nicht Unterfeldherr des Sabinus, sondern gleich ihm
Legat, doch der juengere und minder angesehene General und wahrscheinlich im
Fall einer Differenz sich zu fuegen angewiesen war, ergibt sich sowohl aus den
frueheren Leistungen des Sabinus, als daraus, dass, wo beide zusammen genannt
werden (Gall. 4, 22, 37; 5, 24, 26, 52; 6, 32; anders 6, 37), Sabinus
regelmaessig voransteht, nicht minder aus der Erzaehlung der Katastrophe selbst.
ueberdies kann man doch unmoeglich annehmen, dass Caesar einem Lager zwei
Offiziere mit gleicher Befugnis vorgesetzt und fuer den Fall der
Meinungsverschiedenheit gar keine Anordnung getroffen haben soll. Auch zaehlen
die fuenf Kohorten nicht als Legion mit (vgl. Gall. 6, 32, 33), so wenig wie die
zwoelf Kohorten an der Rheinbruecke (Gall. 6, 29 vgl. 32, 33), und scheinen aus
Detachements anderer Heerteile bestanden zu haben, die diesem den Germanen
zunaechst gelegenen Lager zur Verstaerkung zugeteilt worden waren.
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Dieser Erfolg, wie die Insurgenten ihn selber kaum gehofft haben mochten,
steigerte die Gaerung unter den keltischen Patrioten so gewaltig, dass die
Roemer, mit Ausnahme der Haeduer und der Reiner, keines einzigen Distrikts
ferner sicher waren und an den verschiedensten Punkten der Aufstand losbrach.
Vor allen Dingen verfolgten die Eburonen ihren Sieg. Verstaerkt durch das
Aufgebot der Aduatuker, die gern die Gelegenheit ergriffen, das von Caesar ihnen
zugefuegte Leid zu vergelten, und der maechtigen und noch unbezwungenen
Menapier, erschienen sie in dem Gebiet der Nervier, welche sogleich sich
anschlossen, und der ganze also auf 60000 Koepfe angeschwollene Schwarm rueckte
vor das im nervischen Gau befindliche roemische Lager. Quintus Cicero, der hier
kommandierte, hatte mit seinem schwachen Korps einen schweren Stand, namentlich
als die Belagerer, von dem Feinde lernend, Waelle und Graeben, Schilddaecher und
bewegliche Tuerme in roemischer Weise auffuehrten und die strohgedeckten
Lagerhuetten mit Brandschleudern und Brandspeeren ueberschuetteten. Die einzige
Hoffnung der Belagerten beruhte auf Caesar, der nicht allzuweit entfernt in der
Gegend von Amiens mit drei Legionen im Winterlager stand. Allein - ein
charakteristischer Beweis fuer die im Keltenland herrschende Stimmung - geraume
Zeit hindurch kam dem Oberfeldherrn nicht die geringste Andeutung zu weder von
der Katastrophe des Sabinus, noch von der gefaehrlichen Lage Ciceros. Endlich
gelang es einem keltischen Reiter aus Ciceros Lager, sich durch die Feinde bis
zu Caesar durchzuschleichen. Auf die erschuetternde Kunde brach Caesar
augenblicklich auf, zwar nur mit zwei schwachen Legionen, zusammen etwa 7000
Mann stark, und 400 Reitern; aber nichtsdestoweniger genuegte die Meldung, dass
Caesar anrueckte, um die Insurgenten zur Aufhebung der Belagerung zu bestimmen.
Es war Zeit; nicht der zehnte Mann in Ciceros Lager war unverwundet. Caesar,
gegen den das Insurgentenheer sich gewandt hatte, taeuschte die Feinde in der
schon mehrmals mit Erfolg angewandten Weise ueber seine Staerke; unter den
unguenstigsten Verhaeltnissen wagten sie einen Sturm auf das Roemerlager und
erlitten dabei eine Niederlage. Es ist seltsam, aber charakteristisch fuer die
keltische Nation, dass infolge dieser einen verlorenen Schlacht, oder vielleicht
mehr noch infolge von Caesars persoenlichem Erscheinen auf dem Kampfplatz die so
siegreich aufgetretene, so weithin ausgedehnte Insurrektion ploetzlich und
klaeglich den Krieg abbrach. Nervier, Menapier, Aduatuker, Eburonen begaben sich
nach Hause. Das gleiche taten die Mannschaften der Seegaue, die Anstalt gemacht
hatten, die Legion in der Bretagne zu ueberfallen. Die Treverer, durch deren
Fuehrer Indutiomarus die Eburonen, die Klienten des maechtigen Nachbargaus, zu
jenem so erfolgreichen Angriff hauptsaechlich bestimmt worden waren, hatten auf
die Kunde der Katastrophe von Aduatuca die Waffen ergriffen und waren in das
Gebiet der Remer eingerueckt, um die unter Labienus' Befehl dort kantonnierende
Legion anzugreifen; auch sie stellten fuer jetzt die Fortsetzung des Kampfes
ein. Nicht ungern verschob Caesar die weiteren Massregeln gegen die
aufgestandenen Distrikte auf das Fruehjahr, um seine hart mitgenommenen Truppen
nicht der ganzen Strenge des gallischen Winters auszusetzen und um erst dann
wieder auf dem Kampfplatze zu erscheinen, wenn durch die angeordnete Aushebung
von dreissig neuen Kohorten die vernichteten fuenfzehn in imponierender Weise
ersetzt sein wuerden. Die Insurrektion spann inzwischen sich fort, wenn auch
zunaechst die Waffen ruhten. Ihre Hauptsitze in Mittelgallien waren teils die
Distrikte der Carnuten und der benachbarten Senonen (um Sens), welche letztere
den von Caesar eingesetzten Koenig aus dem Lande jagten, teils die Landschaft
der Treverer, welche die gesamte keltische Emigration und die ueberrheinischen
Deutschen zur Teilnahme an dem bevorstehenden Nationalkrieg aufforderten und
ihre ganze Mannschaft aufboten, um mit dem Fruehjahr zum zweitenmal in das
Gebiet der Roemer einzuruecken, das Korps des Labienus aufzuheben und die
Verbindung mit den Aufstaendischen an der Seine und Loire zu suchen. Die
Abgeordneten dieser drei Gaue blieben auf dem von Caesar im mittleren Gallien
ausgeschriebenen Landtag aus und erklaerten damit ebenso offen den Krieg, wie es
ein Teil der belgischen Gaue durch die Angriffe auf das Lager des Sabinus und
Cicero getan hatte. Der Winter neigte sich zu Ende, als Caesar mit seinem
inzwischen ansehnlich verstaerkten Heer aufbrach gegen die Insurgenten. Die
Versuche der Treverer, den Aufstand zu konzentrieren, waren nicht geglueckt; die
gaerenden Landschaften wurden durch den Einmarsch roemischer Truppen im Zaum
gehalten, die in offener Empoerung stehenden vereinzelt angegriffen. Zuerst
wurden die Nervier von Caesar selbst zu Paaren getrieben. Das gleiche widerfuhr
den Senonen und Carnuten. Auch die Menapier, der einzige Gau, der sich niemals
noch den Roemern unterworfen hatte, wurden durch einen von drei Seiten zugleich
gegen sie gerichteten Gesamtangriff genoetigt, der lange bewahrten Freiheit zu
entsagen. Den Treverern bereitete inzwischen Labienus dasselbe Schicksal. Ihr
erster Angriff war gelaehmt worden teils durch die Weigerung der
naechstwohnenden deutschen Staemme, ihnen Soeldner zu liefern, teils dadurch,
dass Indutiomarus, die Seele der ganzen Bewegung, in einem Scharmuetzel mit den
Reitern des Labienus geblieben war. Allein sie gaben ihre Entwuerfe darum nicht
auf. Mit ihrem gesamten Aufgebot erschienen sie Labienus gegenueber und harrten
der nachfolgenden deutschen Scharen; denn bessere Aufnahme als bei den Anwohnern
des Rheines hatten ihre Werber bei den streitbaren Voelkerschaften des inneren
Deutschlands, namentlich, wie es scheint, den Chatten gefunden. Allein da
Labienus Miene machte, diesen ausweichen und Hals ueber Kopf abmarschieren zu
wollen, griffen die Treverer, noch ehe die Deutschen angelangt waren und in der
unguenstigsten Oertlichkeit, die Roemer an und wurden vollstaendig geschlagen.
Den zu spaet eintreffenden Deutschen blieb nichts uebrig als umzukehren, dem
treverischen Gau nichts als sich zu unterwerfen; das Regiment daselbst kam
wieder an das Haupt der roemischen Partei, an des Indutiomarus Schwiegersohn
Cingetorix. Nach diesen Expeditionen Caesars gegen die Menapier und des Labienus
gegen die Treverer traf in dem Gebiet der letzteren die ganze roemische Armee
wieder zusammen. Um den Deutschen das Wiederkommen zu verleiden, ging Caesar
noch einmal ueber den Rhein, um womoeglich gegen die laestigen Nachbarn einen
nachdruecklichen Schlag zu fuehren; allein da die Chatten, ihrer erprobten
Taktik getreu, sich nicht an ihrer Westgrenze, sondern weit landeinwaerts, es
scheint am Harz, zur Landesverteidigung sammelten, kehrte er sogleich wieder um
und begnuegte sich, an dem Rheinuebergang Besatzung zurueckzulassen. Mit den
saemtlichen an dem Aufstand beteiligten Voelkerschaften war also abgerechnet;
nur die Eburonen waren uebergangen, aber nicht vergessen. Seit Caesar die
Katastrophe von Aduatuca erfahren hatte, trug er das Trauergewand und hatte
geschworen, erst dann es abzulegen, wenn er seine nicht im ehrlichen Kriege
gefallenen, sondern heimtueckisch ermordeten Soldaten geraecht haben wuerde.
Rat- und tatlos sassen die Eburonen in ihren Huetten und sahen zu, wie einer
nach dem andern die Nachbargaue den Roemern sich unterwarfen, bis die roemische
Reiterei vom treverischen Gebiet aus durch die Ardennen in ihr Land einrueckte.
Man war so wenig auf den Angriff gefasst, dass sie beinahe den Koenig Ambiorix
in seinem Hause ergriffen haette; mit genauer Not, waehrend sein Gefolge fuer
ihn sich aufopferte, entkam er in das nahe Gehoelz. Bald folgten den Reitern
zehn roemische Legionen. Zugleich erging an die umwohnenden Voelkerschaften die
Aufforderung, mit den roemischen Soldaten in Gemeinschaft die vogelfreien
Eburonen zu hetzen und ihr Land zu pluendern; nicht wenige folgten dem Ruf,
sogar von jenseits des Rheines eine kecke Schar sugambrischer Reiter, die
uebrigens es den Roemern nicht besser machte wie den Eburonen und fast durch
einen kecken Handstreich das roemische Lager bei Aduatuca ueberrumpelt haette.
Das Schicksal der Eburonen war entsetzlich. Wie sie auch in Waeldern und
Suempfen sich bargen, der Jaeger waren mehr als des Wildes. Mancher gab sich
selbst den Tod wie der greise Fuerst Catuvolcus; nur einzelne retteten Leben und
Freiheit, unter diesen wenigen aber der Mann, auf den die Roemer vor allem
fahndeten, der Fuerst Ambiorix: mit nur vier Reitern entrann er ueber den Rhein.
Auf diese Exekution gegen den Gau, der vor allen andern gefrevelt, folgten in
den anderen Landschaften die Hochverratsprozesse gegen die einzelnen. Die Zeit
der Milde war vorbei. Nach dem Spruche des roemischen Prokonsuls ward der
angesehene carnutische Ritter Acco von roemischen Liktoren enthauptet (701 53)
und die Herrschaft der Ruten und Beile damit foermlich eingeweiht. Die
Opposition verstummte: ueberall herrschte Ruhe. Caesar ging, wie er pflegte, im
Spaetjahr 701 (53) ueber die Alpen, um den Winter hindurch die immer mehr sich
verwickelnden Verhaeltnisse in der Hauptstadt aus der Naehe zu beobachten.
Der kluge Rechner hatte diesmal sich verrechnet. Das Feuer war gedaempft,
aber nicht geloescht. Den Streich, unter dem Accos Haupt fiel, fuehlte der ganze
keltische Adel. Eben jetzt bot die Lage der Dinge mehr Aussicht als je. Die
Insurrektion des letzten Winters war offenbar nur daran gescheitert, dass Caesar
selbst auf dem Kampfplatz erschienen war; jetzt war er fern, durch den nahe
bevorstehenden Buergerkrieg festgehalten am Po, und das gallische Heer, das an
der oberen Seine zusammengezogen stand, weit getrennt von dem gefuerchteten
Feldherrn. Wenn jetzt ein allgemeiner Aufstand in Mittelgallien ausbrach, so
konnte das roemische Heer umzingelt, die fast unverteidigte altroemische Provinz
ueberschwemmt sein, bevor Caesar wieder jenseits der Alpen stand, selbst wenn
die italischen Verwicklungen nicht ueberhaupt ihn abhielten, sich ferner um
Gallien zu kuemmern. Verschworene aus allen mittelgallischen Gauen traten
zusammen; die Carnuten, als durch Accos Hinrichtung zunaechst betroffen, erboten
sich voranzugehen. An dem festgesetzten Tage im Winter 701/02 (53/52) gaben die
carnutischen Ritter Gutruatus und Conconnetodumnus in Cenabum (Orleans) das
Zeichen zur Erhebung und machten die daselbst anwesenden Roemer insgesamt
nieder. Die gewaltigste Bewegung ergriff das ganze Keltenland; ueberall regten
sich die Patrioten. Nichts aber ergriff so tief die Nation wie die
Schilderhebung der Arverner. Die Regierung dieser Gemeinde, die einst unter
ihren Koenigen die erste im suedlichen Gallien gewesen und noch nach dem durch
die ungluecklichen Kriege gegen Rom herbeigefuehrten Zusammensturz ihres
Prinzipats eine der reichsten, gebildetsten und maechtigsten in ganz Gallien
geblieben war, hatte bisher unverbruechlich zu Rom gehalten. Auch jetzt war die
Patriotenpartei in dem regierenden Gemeinderat in der Minoritaet; ein Versuch,
von demselben den Beitritt zu der Insurrektion zu erlangen, war vergeblich. Die
Angriffe der Patrioten richteten sich also gegen den Gemeinderat und die
bestehende Verfassung selbst, und um so mehr, als die Verfassungsaenderung, die
bei den Arvernern den Gemeinderat an die Stelle des Fuersten gesetzt hatte, nach
den Siegen der Roemer und wahrscheinlich unter dem Einfluss derselben erfolgt
war. Der Fuehrer der arvernischen Patrioten, Vercingetorix, einer jener Adligen,
wie sie wohl bei den Kelten begegnen, von fast koeniglichem Ansehen in und
ausser seinem Gau, dazu ein stattlicher, tapferer, kluger Mann, verliess die
Hauptstadt und rief das Landvolk, das der herrschenden Oligarchie ebenso feind
war wie den Roemern, zugleich zur Wiederherstellung des arvernischen Koenigtums
und zum Krieg gegen Rom auf. Rasch fiel die Menge ihm zu; die Wiederherstellung
des Thrones des Luerius und Betuhus war zugleich die Erklaerung des
Nationalkriegs gegen Rom. Den einheitlichen Halt, an dessen Mangel alle
bisherigen Versuche der Nation, das fremdlaendische Joch von sich
abzuschuetteln, gescheitert waren, fand sie jetzt in dem neuen selbsternannten
Koenig der Arverner. Vercingetorix ward fuer die Kelten des Festlandes, was fuer
die Inselkelten Cassivellaunus; gewaltig durchdrang die Massen das Gefuehl, dass
er oder keiner der Mann sei, die Nation zu erretten. Rasch war der Westen von
der Muendung der Garonne bis zu der der Seine von der Insurrektion erfasst und
Vercingetorix hier von allen Gauen als Oberfeldherr anerkannt; wo der
Gemeinderat Schwierigkeit machte, noetigte ihn die Menge zum Anschluss an die
Bewegung; nur wenige Gaue, wie der der Biturigen, liessen zum Beitritt sich
zwingen, und vielleicht auch diese nur zum Schein. Weniger guenstigen Boden fand
der Aufstand in den Landschaften oestlich von der oberen Loire. Alles kam hier
auf die Haeduer an; und diese schwankten. Die Patriotenpartei war in diesem Gau
sehr maechtig; aber der alte Antagonismus gegen die fuehrenden Arverner hielt
ihrem Einfluss die Waage - zum empfindlichsten Nachteil der Insurrektion, da der
Anschluss der oestlichen Kantone, namentlich der Sequaner und der Helvetier,
durch den Beitritt der Haeduer bedingt war und ueberhaupt in diesem Teile
Galliens die Entscheidung bei ihnen stand. Waehrend also die Aufstaendischen
daran arbeiteten, teils die noch schwankenden Kantone, vor allen die Haeduer,
zum Beitritt zu bewegen, teils sich Narbos zu bemaechtigen - einer ihrer
Fuehrer, der verwegene Lucterius, hatte bereits innerhalb der Grenzen der alten
Provinz am Tarn sich gezeigt -, erschien ploetzlich im tiefen Winter, Freunden
und Feinden gleich unerwartet, der roemische Oberfeldherr diesseits der Alpen.
Rasch traf er nicht bloss die noetigen Anstalten, um die alte Provinz zu decken,
sondern sandte auch ueber die schneebedeckten Cevennen einen Haufen in das
arvernische Gebiet; aber seines Bleibens war nicht hier, wo ihn jeden Augenblick
der Zutritt der Haeduer zu dem gallischen Buendnis von seiner um Sens und
Langres lagernden Armee abschneiden konnte. In aller Stille ging er nach Vienna
und von da, nur von wenigen Reitern begleitet, durch das Gebiet der Haeduer zu
seinen Truppen. Die Hoffnungen schwanden, welche die Verschworenen zum
Losschlagen bestimmt hatten; in Italien blieb es Friede und Caesar stand
abermals an der Spitze seiner Armee.
Was aber sollten sie beginnen? Es war eine Torheit, unter solchen
Umstaenden auf die Entscheidung der Waffen es ankommen zu lassen; denn diese
hatten bereits unwiderruflich entschieden. Man konnte ebensogut versuchen, mit
Steinwuerfen die Alpen zu erschuettern, wie die Legionen mit den keltischen
Haufen, mochten dieselben nun in ungeheuren Massen zusammengeballt oder
vereinzelt ein Gau nach dem andern preisgegeben werden. Vercingetorix
verzichtete darauf, die Roemer zu schlagen. Er nahm ein aehnliches Kriegssystem
an, wie dasjenige war, durch das Cassivellaunus die Inselkelten gerettet hatte.
Das roemische Fussvolk war nicht zu besiegen; aber Caesars Reiterei bestand fast
ausschliesslich aus dem Zuzug des keltischen Adels und war durch den allgemeinen
Abfall tatsaechlich aufgeloest. Es war der Insurrektion, die ja eben wesentlich
aus dem keltischen Adel bestand, moeglich, in dieser Waffe eine solche
Ueberlegenheit zu entwickeln, dass sie weit und breit das Land oede legen,
Staedte und Doerfer niederbrennen, die Vorraete vernichten, die Verpflegung und
die Verbindungen des Feindes gefaehrden konnte, ohne dass derselbe es ernstlich
zu hindern vermochte. Vercingetorix richtete demzufolge all seine Anstrengung
auf die Vermehrung der Reiterei und der nach damaliger Fechtweise regelmaessig
damit verbundenen Bogenschuetzen zu Fuss. Die ungeheuren und sich selber
laehmenden Massen der Linienmiliz schickte er zwar nicht nach Hause, liess sie
aber doch nicht vor den Feind und versuchte, ihnen allmaehlich einige Schanz-,
Marschier- und Manoevrierfaehigkeit und die Erkenntnis beizubringen, dass der
Soldat nicht bloss bestimmt ist, sich zu raufen. Von den Feinden lernend,
adoptierte er namentlich das roemische Lagersystem, auf dem das ganze Geheimnis
der taktischen Ueberlegenheit der Roemer beruhte; denn infolgedessen vereinigte
jedes roemische Korps alle Vorteile der Festungsbesatzung mit allen Vorteilen
der Offensivarmee ^19. Freilich war jenes dem staedtearmen Britannien und seinen
rauhen, entschlossenen und im ganzen einigen Bewohnern vollkommen angemessene
System auf die reichen Landschaften an der Loire und deren schlaffe, in
vollstaendiger politischer Aufloesung begriffene Bewohner nicht unbedingt
uebertragbar. Vercingetorix setzte wenigstens durch, dass man nicht wie bisher
jede Stadt zu halten versuchte und darum keine hielt; man ward sich einig, die
der Verteidigung nicht faehigen Ortschaften, bevor der Angriff sie erreichte, zu
vernichten, die starken Festungen aber mit gesamter Hand zu verteidigen. Daneben
tat der Arvernerkoenig, was er vermochte, um durch unnachsichtliche Strenge die
Feigen und Saeumigen, durch Bitten und Vorstellungen die Schwankenden, die
Habsuechtigen durch Gold, die entschiedenen Gegner durch Zwang an die Sache des
Vaterlandes zu fesseln und selbst dem vornehmen oder niedrigen Gesindel einigen
Patriotismus aufzunoetigen oder abzulisten.
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^19 Freilich war dies nur moeglich, solange die Offensivwaffen
hauptsaechlich auf Hieb und Stich gerichtet waren. In der heutigen Kriegfuehrung
ist, wie dies Napoleon I. vortrefflich auseinandergesetzt hat, dies System
deshalb unanwendbar geworden, weil bei unseren, aus der Ferne wirkenden
Offensivwaffen die deployierte Stellung vorteilhafter ist als die konzentrische.
In Caesars Zeit verhielt es sich umgekehrt.
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Noch bevor der Winter zu Ende war, warf er sich auf die im Gebiet der
Haeduer von Caesar angesiedelten Boier, um diese fast einzigen zuverlaessigen
Bundesgenossen Roms zu vernichten, bevor Caesar herankam. Die Nachricht von
diesem Angriff bestimmte auch Caesar, mit Zuruecklassung des Gepaecks und zweier
Legionen in den Winterquartieren von Agedincum (Sens), sogleich und frueher, als
er sonst wohl getan haben wuerde, gegen die Insurgenten zu marschieren. Dem
empfindlichen Mangel an Reiterei und leichtem Fussvolk half er einigermassen ab
durch nach und nach herbeigezogene deutsche Soeldner, die statt ihrer eigenen
kleinen und schwachen Klepper mit italischen und spanischen, teils gekauften,
teils von den Offizieren requirierten Pferden ausgeruestet wurden. Caesar,
nachdem er unterwegs die Hauptstadt der Carnuten, Cenabum, die das Zeichen zum
Abfall gegeben, hatte pluendern und in Asche legen lassen, rueckte ueber die
Loire in die Landschaft der Biturigen. Er erreichte damit, dass Vercingetorix
die Belagerung der Stadt der Boier aufgab und gleichfalls sich zu den Biturigen
begab. Hier zuerst sollte die neue Kriegfuehrung sich erproben. Auf
Vercingetorix' Geheiss gingen an einem Tage mehr als zwanzig Ortschaften der
Biturigen in Flammen auf; die gleiche Selbstverwuestung verhaengte der Feldherr
ueber die benachbarten Gaue, soweit sie von roemischen Streifparteien erreicht
werden konnten. Nach seiner Absicht sollte auch die reiche und feste Hauptstadt
der Biturigen Avaricum (Bourges) dasselbe Schicksal treffen; allein die
Majoritaet des Kriegsrats gab den kniefaelligen Bitten der biturigischen
Behoerden nach und beschloss, diese Stadt vielmehr mit allem Nachdruck zu
verteidigen. So konzentrierte sich der Krieg zunaechst um Avaricum.
Vercingetorix stellte sein Fussvolk inmitten der der Stadt benachbarten Suempfe
in einer so unnahbaren. Stellung auf, dass es, auch ohne von der Reiterei
gedeckt zu sein, den Angriff der Legionen nicht zu fuerchten brauchte. Die
keltische Reiterei bedeckte alle Strassen und hemmte die Kommunikation. Die
Stadt wurde stark besetzt und zwischen ihr und der Armee vor den Mauern die
Verbindung offen gehalten. Caesars Lage war sehr schwierig. Der Versuch, das
keltische Fussvolk zum Schlagen zu bringen, misslang; es ruehrte sich nicht aus
seinen unangreifbaren Linien. Wie tapfer vor der Stadt auch seine Soldaten
schanzten und fochten, die Belagerten wetteiferten mit ihnen an Erfindsamkeit
und Mut, und fast waere es ihnen gelungen, das Belagerungszeug der Gegner in
Brand zu stecken. Dabei ward die Aufgabe, ein Heer von beilaeufig 60000 Mann in
einer weithin oede gelegten und von weit ueberlegenen Reitermassen
durchstreiften Landschaft mit Lebensmitteln zu versorgen, taeglich schwieriger.
Die geringen Vorraete der Boier waren bald verbraucht; die von den Haeduern
versprochene Zufuhr blieb aus; schon war das Getreide aufgezehrt und der Soldat
ausschliesslich auf Fleischrationen gesetzt. Indes rueckte der Augenblick heran,
wo die Stadt, wie todverachtend auch die Besatzung kaempfte, nicht laenger zu
halten war. Noch war es nicht unmoeglich, die Truppen bei naechtlicher Weile in
der Stille herauszuziehen und die Stadt zu vernichten, bevor der Feind sie
besetzte. Vercingetorix traf die Anstalten dazu, allein das Jammergeschrei, das
im Augenblick des Abmarsches die zurueckbleibenden Weiber und Kinder erhoben,
machte die Roemer aufmerksam; der Abzug misslang. An dem folgenden trueben und
regnichten Tage ueberstiegen die Roemer die Mauern und schonten, erbittert durch
die hartnaeckige Gegenwehr, in der eroberten Stadt weder Geschlecht noch Alter.
Die reichen Vorraete, die die Kelten in derselben aufgehaeuft hatten, kamen den
ausgehungerten Soldaten Caesars zugute. Mit der Einnahme von Avaricum (Fruehling
702 52) war ueber die Insurrektion ein erster Erfolg erfochten und nach
frueheren Erfahrungen mochte Caesar wohl erwarten, dass damit dieselbe sich
aufloesen und es nur noch erforderlich sein werde, einzelne Gaue zu Paaren zu
treiben. Nachdem er also mit seiner gesamten Armee sich in dem Gau der Haeduer
gezeigt und durch diese imposante Demonstration die gaerende Patriotenpartei
daselbst genoetigt hatte, fuer den Augenblick wenigstens, sich ruhig zu
verhalten, teilte er sein Heer und sandte Labienus zurueck nach Agedincum, um in
Verbindung mit den dort zurueckgelassenen Truppen an der Spitze von vier
Legionen die Bewegung zunaechst in dem Gebiet der Carnuten und Senonen, die auch
diesmal wieder voranstanden, zu unterdruecken, waehrend er selber mit den sechs
uebrigen Legionen sich suedwaerts wandte und sich anschickte, den Krieg in die
arvernischen Berge, das eigene Gebiet des Vercingetorix, zu tragen.
Labienus rueckte von Agedincum aus das linke Seineufer hinauf, um der auf
einer Insel in der Seine gelegenen Stadt der Parisier, Lutetia (Paris), sich zu
bemaechtigen und von dieser gesicherten und im Herzen der aufstaendischen
Landschaft befindlichen Stellung aus diese wieder zu unterwerfen. Allein hinter
Melodunum (Melun) fand er sich den Weg verlegt durch das gesamte
Insurgentenheer, das unter der Fuehrung des greisen Camulogenus zwischen
unangreifbaren Suempfen hier sich aufgestellt hatte. Labienus ging eine Strecke
zurueck, ueberschritt bei Melodunum die Seine und rueckte auf dem rechten Ufer
derselben ungehindert gegen Lutetia; Camulogenus liess diese Stadt abbrennen und
die auf das linke Ufer fuehrenden Bruecken abbrechen und nahm Labienus
gegenueber eine Stellung ein, in welcher dieser weder ihn zum Schlagen zu
bringen, noch unter den Augen der feindlichen Armee den Uebergang zu bewirken
imstande war.
Die roemische Hauptarmee ihrerseits rueckte am Allier hinab in den
Arvernergau. Vercingetorix versuchte, ihr den Uebergang auf das linke Ufer des
Allier zu verwehren, allein Caesar ueberlistete ihn und stand nach einigen Tagen
vor der arvernischen Hauptstadt Gergovia ^20. Indes hatte Vercingetorix, ohne
Zweifel schon, waehrend er Caesar am Allier gegenueberstand, in Gergovia
hinreichende Vorraete zusammenbringen und vor den Mauern der auf der Spitze
eines ziemlich steil sich erhebenden Huegels gelegenen Stadt ein mit starken
Steinwaellen versehenes Standlager fuer seine Truppen anlegen lassen; und da er
hinreichenden Vorsprung hatte, langte er vor Caesar bei Gergovia an und
erwartete in dem befestigten Lager unter der Festungsmauer den Angriff. Caesar
mit seiner verhaeltnismaessig schwachen Armee konnte den Platz weder regelrecht
belagern, noch auch nur hinreichend blockieren; er schlug sein Lager unterhalb
der von Vercingetorix besetzten Anhoehe und verhielt sich notgedrungen ebenso
untaetig wie sein Gegner. Fuer die Insurgenten war es fast ein Sieg, dass
Caesars von Triumph zu Triumph fortschreitender Lauf an der Seine wie am Allier
ploetzlich gestockt war. In der Tat kamen die Folgen dieser Stockung fuer Caesar
beinahe denen einer Niederlage gleich. Die Haeduer, die bisher immer noch
geschwankt hatten, machten jetzt ernstlich Anstalt, der Patriotenpartei sich
anzuschliessen; schon war die Mannschaft, die Caesar nach Gergovia entboten
hatte, auf dem Marsche durch die Offiziere bestimmt worden, sich fuer die
Insurgenten zu erklaeren; schon hatte man gleichzeitig im Kanton selbst
angefangen, die daselbst ansaessigen Roemer zu pluendern und zu erschlagen. Noch
hatte Caesar, indem er jenem auf Gergovia zurueckenden Korps der Haeduer mit
zwei Dritteln des Blockadeheeres entgegengegangen war, dasselbe durch sein
ploetzliches Erscheinen wieder zum nominellen Gehorsam zurueckgebracht; allein
es war mehr als je ein hohles und bruechiges Verhaeltnis, dessen Fortbestand
fast zu teuer erkauft worden war durch die grosse Gefahr der vor Gergovia
zurueckgelassenen beiden Legionen. Denn auf diese hatte Vercingetorix, Caesars
Abmarsch rasch und entschlossen benutzend, waehrend dessen Abwesenheit einen
Angriff gemacht, der um ein Haar mit der Ueberwaeltigung derselben und der
Erstuermung des roemischen Lagers geendigt haette. Nur Caesars unvergleichliche
Raschheit wandte eine zweite Katastrophe wie die von Aduatuca hier ab. Wenn auch
die Haeduer jetzt wieder gute Worte gaben, war es doch vorherzusehen, dass sie,
wenn die Blockade sich noch laenger ohne Erfolg hinspann, sich offen auf die
Seite der Aufstaendischen schlagen und dadurch Caesar noetigen wuerden, dieselbe
aufzuheben; denn ihr Beitritt wuerde die Verbindung zwischen ihm und Labienus
unterbrochen und namentlich den letzteren in seiner Vereinzelung der groessten
Gefahr ausgesetzt haben. Caesar war entschlossen, es hierzu nicht kommen zu
lassen, sondern, wie peinlich und selbst gefaehrlich es auch war, unverrichteter
Sache von Gergovia abzuziehen, dennoch, wenn es einmal geschehen musste, lieber
sogleich aufzubrechen und, in den Gau der Haeduer einrueckend, deren foermlichen
Uebertritt um jeden Preis zu verhindern. Ehe er indes diesen, seinem raschen und
sicheren Naturell wenig zusagenden Rueckzug antrat, machte er noch einen letzten
Versuch, sich aus seiner peinlichen Verlegenheit durch einen glaenzenden Erfolg
zu befreien. Waehrend die Masse der Besatzung von Gergovia beschaeftigt war, die
Seite, auf der der Sturm erwartet ward, zu verschanzen, ersah der roemische
Feldherr sich die Gelegenheit, einen anderen, weniger bequem gelegenen, aber
augenblicklich entbloessten Aufgang zu ueberrumpeln. In der Tat ueberstiegen die
roemischen Sturmkolonnen die Lagermauer und besetzten die naechstliegenden
Quartiere des Lagers; allein schon war auch die ganze Besatzung alarmiert und
bei den geringen Entfernungen fand es Caesar nicht raetlich, den zweiten Sturm
auf die Stadtmauer zu wagen. Er gab das Zeichen zum Rueckzug; indes die
vordersten Legionen, vom Ungestuem des Sieges hingerissen, hoerten nicht oder
wollten nicht hoeren, und drangen unaufhaltsam vor bis an die Stadtmauer,
einzelne sogar bis in die Stadt. Aber immer dichtere Massen warfen den
Eingedrungenen sich entgegen; die vordersten fielen, die Kolonnen stockten;
vergeblich stritten Centurionen und Legionaere mit dem aufopferndsten Heldenmut;
die Stuermenden wurden mit sehr betraechtlichem Verlust aus der Stadt hinaus und
den Berg hinuntergejagt, wo die von Caesar in der Ebene aufgestellten Truppen
sie aufnahmen und groesseres Unglueck verhueteten. Die gehoffte Einnahme von
Gergovia hatte sich in eine Niederlage verwandelt, und der betraechtliche
Verlust an Verwundeten und Toten - man zaehlte 700 gefallene Soldaten, darunter
46 Centurionen - war der kleinste Teil des erlittenen Unfalls. Caesars
imponierende Stellung in Gallien beruhte wesentlich auf seinem Siegernimbus; und
dieser fing an zu erblassen. Schon die Kaempfe um Avaricum, Caesars vergebliche
Versuche, den Feind zum Schlagen zu zwingen, die entschlossene Verteidigung der
Stadt und ihre fast zufaellige Erstuermung, trugen einen anderen Stempel als die
frueheren Keltenkriege und hatten den Kelten Vertrauen auf sich und ihren
Fuehrer eher gegeben als genommen. Weiter hatte das neue System der
Kriegfuehrung: unter dem Schutze der Festungen in verschanzten Lagern dem Feind
die Stirne zu bieten - bei Lutetia sowohl wie bei Gergovia sich vollkommen
bewaehrt. Diese Niederlage endlich, die erste, die Caesar selbst von den Kelten
erlitten hatte, kroente den Erfolg, und sie gab denn auch gleichsam das Signal
fuer einen zweiten Ausbruch der Insurrektion. Die Haeduer brachen jetzt
foermlich mit Caesar und traten mit Vercingetorix in Verbindung. Ihr Kontingent,
das noch bei Caesars Armee sich befand, machte nicht bloss von dieser sich los,
sondern nahm auch bei der Gelegenheit in Noviodunum an der Loire die Depots der
Armee Caesars weg, wodurch die Kassen und Magazine, eine Menge Remontepferde und
saemtliche Caesar gestellte Geiseln den Insurgenten in die Haende fielen.
Wenigstens ebensowichtig war es, dass auf diese Nachrichten hin auch die Belgen,
die bisher der ganzen Bewegung sich ferngehalten hatten, anfingen sich zu
ruehren. Der maechtige Gau der Bellovaker machte sich auf, um das Korps des
Labienus, waehrend es bei Lutetia dem Aufgebot der umliegenden mittelgallischen
Gaue gegenueberstand, im Ruecken anzugreifen. Auch sonst ward ueberall
geruestet; die Gewalt des patriotischen Aufschwungs riss selbst die
entschiedensten und beguenstigtsten Parteigaenger Roms mit sich fort, wie zum
Beispiel den Koenig der Atrebaten, Commius, der seiner treuen Dienste wegen von
den Roemern wichtige Privilegien fuer seine Gemeinde und die Hegemonie ueber die
Moriner empfangen hatte. Bis in die altroemische Provinz gingen die Faeden der
Insurrektion: sie machte, vielleicht nicht ohne Grund, sich Hoffnung, selbst die
Allobrogen gegen die Roemer unter die Waffen zu bringen. Mit einziger Ausnahme
der Reiner und der von den Remern zunaechst abhaengigen Distrikte der
Suessionen, Leuker und Lingonen, deren Partikularismus selbst unter diesem
allgemeinen Enthusiasmus nicht muerbe ward, stand jetzt in der Tat, zum ersten
und zum letzten Male, die ganze keltische Nation von den Pyrenaeen bis zum Rhein
fuer ihre Freiheit und Nationalitaet unter den Waffen; wogegen, merkwuerdig
genug, die saemtlichen deutschen Gemeinden, die bei den bisherigen Kaempfen in
erster Reihe gestanden hatten, sich ausschlossen, ja sogar die Treuerer und, wie
es scheint, auch die Menapier durch ihre Fehden mit den Deutschen verhindert
wurden, an dem Nationalkrieg taetigen Anteil zu nehmen.
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^20 Man sucht diesen Ort auf einer Anhoehe eine Stunde suedlich von der
arvernischen Hauptstadt Nemetum, dem heutigen Clermont welche noch jetzt Gergoie
genannt wird; und sowohl die bei den Ausgrabungen daselbst zu Tage gekommenen
Ueberreste von rohen Festungsmauern, wie die urkundlich bis ins zehnte
Jahrhundert hinauf verfolgte Ueberlieferung des Namens lassen an der Richtigkeit
dieser Ortsbestimmung keinen Zweifel. Auch passt dieselbe wie zu den uebrigen
Angaben Caesars, so namentlich dazu dass er Gergovia ziemlich deutlich als
Hauptort der Arverner bezeichnet (Gall. 7, 4). Man wird demnach anzunehmen
haben, dass die Arverner nach der Niederlage genoetigt wurden, sich von Gergovia
nach dem nahen, weniger festen Nemetum ueberzusiedeln.
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Es war ein schwerer, entscheidungsvoller Augenblick, als nach dem Abzug von
Gergovia und dem Verlust von Noviodunum in Caesars Hauptquartier ueber die nun
zu ergreifenden Massregeln Kriegsrat gehalten ward. Manche Stimmen sprachen sich
fuer den Rueckzug ueber die Cevennen in die altroemische Provinz aus, welche
jetzt der Insurrektion von allen Seiten her offenstand und allerdings der
zunaechst doch zu ihrem Schutze von Rom gesandten Legionen dringend bedurfte.
Allein Caesar verwarf diese aengstliche, nicht durch die Lage der Dinge, sondern
durch Regierungsinstruktionen und Verantwortungsfurcht bestimmte Strategie. Er
begnuegte sich, in der Provinz den Landsturm der dort ansaessigen Roemer unter
die Waffen zu rufen und durch ihn, so gut es eben ging, die Grenzen besetzen zu
lassen. Dagegen brach er selbst in entgegengesetzter Richtung auf und rueckte in
Gewaltmaerschen auf Agedincum zu, auf das er Labienus sich in moeglichster Eile
zurueckzuziehen befahl. Die Kelten versuchten natuerlich, die Vereinigung der
beiden roemischen Heere zu verhindern. Labienus haette wohl, ueber die Marne
setzend und am rechten Seineufer flussabwaerts marschierend, Agedincum erreichen
koennen, wo er seine Reserve und sein Gepaeck zurueckgelassen hatte; aber er zog
es vor, den Kelten nicht abermals das Schauspiel des Rueckzugs roemischer
Truppen zu gewaehren. Er ging daher, statt ueber die Marne, vielmehr unter den
Augen des getaeuschten Feindes ueber die Seine und lieferte am linken Ufer
derselben den feindlichen Massen eine Schlacht, in welcher er siegte und unter
vielen andern auch der keltische Feldherr selbst, der alte Camulogenus, auf der
Walstatt blieb. Ebensowenig gelang es den Insurgenten, Caesar an der Loire
aufzuhalten; Caesar gab ihnen keine Zeit, dort groessere Massen zu versammeln,
und sprengte die Milizen der Haeduer, die er allein dort vorfand, ohne Muehe
auseinander. So ward die Vereinigung der beiden Heerhaufen gluecklich
bewerkstelligt. Die Aufstaendischen inzwischen hatten ueber die weitere
Kriegfuehrung in Bibracte (Autun), der Hauptstadt der Haeduer, geratschlagt; die
Seele dieser Beratungen war wieder Vercingetorix, dem nach dem Siege von
Gergovia die Nation begeistert anhing. Zwar schwieg der Partikularismus auch
jetzt nicht; die Haeduer machten noch in diesem Todeskampf der Nation ihre
Ansprueche auf die Hegemonie geltend und stellten auf der Landesversammlung den
Antrag, an die Stelle des Vercingetorix einen der Ihrigen zu setzen. Allein die
Landesvertreter hatten dies nicht bloss abgelehnt und Vercingetorix im
Oberbefehl bestaetigt, sondern auch seinen Kriegsplan unveraendert angenommen.
Es war im wesentlichen derselbe, nach dem er bei Avaricum und bei Gergovia
operiert hatte. Zum Angelpunkt der neuen Stellung ward die feste Stadt der
Mandubier, Alesia (Alise Sainte-Reine bei Semur im Departement Cote d'Or ^21),
ausersehen und unter deren Mauern abermals ein verschanztes Lager angelegt.
Ungeheure Vorraete wurden hier aufgehaeuft und die Armee von Gergovia dorthin
beordert, deren Reiterei nach Beschluss der Landesversammlung bis auf 15000
Pferde gebracht ward. Caesar schlug mit seiner gesamten Heeresmacht, nachdem er
sie bei Agedincum wiedervereinigt hatte, die Richtung auf Vesontio ein, um sich
nun der geaengsteten Provinz zu naehern und sie vor einem Einfall zu
beschuetzen, wie denn in der Tat sich Insurgentenscharen schon in dem Gebiet der
Helvier am Suedabhang der Cevennen gezeigt hatten. Alesia lag fast auf seinem
Wege; die Reiterei der Kelten, die einzige Waffe, mit der Vercingetorix
operieren mochte, griff unterwegs ihn an, zog aber zu aller Erstaunen den
kuerzeren gegen Caesars neue deutsche Schwadronen und die zu deren Rueckhalt
aufgestellte roemische Infanterie. Vercingetorix eilte um so mehr, sich in
Alesia einzuschliessen; und wenn Caesar nicht ueberhaupt auf die Offensive
verzichten wollte, blieb ihm nichts uebrig, als zum drittenmal in diesem Feldzug
gegen eine, unter einer wohlbesetzten und verproviantierten Festung gelagerte
und mit ungeheuren Reitermassen versehene Armee mit einer weit schwaecheren
Angriffsweise vorzugehen. Allein, wenn den Kelten bisher nur ein Teil der
roemischen Legionen gegenuebergestanden, so war in den Linien um Alesia Caesars
ganze Streitmacht vereinigt und es gelang Vercingetorix nicht, wie es ihm bei
Avaricum und Gergovia gelungen war, sein Fussvolk unter dem Schutz der
Festungsmauern aufzustellen und durch seine Reiterei seine Verbindungen nach
aussen hin sich offen zu halten, waehrend er die des Feindes unterbrach. Die
keltische Reiterei, schon entmutigt durch jene von den geringgeschaetzten
Gegnern ihnen beigebrachte Niederlage, wurde von Caesars deutschen Berittenen in
jedem Zusammentreffen geschlagen. Die Umwallungslinie der Belagerer erhob sich
in der Ausdehnung von zwei deutschen Meilen um die ganze Stadt mit Einschluss
des an sie angelehnten Lagers. Auf einen Kampf unter den Mauern war
Vercingetorix gefasst gewesen, aber nicht darauf, in Alesia belagert zu werden -
dazu genuegten fuer seine angeblich 80000 Mann Infanterie und 15000 Reiter
zaehlende Armee und die zahlreiche Stadtbewohnerschaft die aufgespeicherten
Vorraete, wie ansehnlich sie waren, doch bei weitem nicht. Vercingetorix musste
sich ueberzeugen, dass sein Kriegsplan diesmal zu seinem eigenen Verderben
ausgeschlagen und er verloren war, wofern nicht die gesamte Nation herbeieilte
und ihren eingeschlossenen Feldherrn befreite. Noch reichten, als die roemische
Umwallung sich schloss, die vorhandenen Lebensmittel aus auf einen Monat und
vielleicht etwas darueber; im letzten Augenblick, wo der Weg wenigstens fuer
Berittene noch frei war, entliess Vercingetorix seine gesamte Reiterei und
entsandte zugleich an die Haeupter der Nation die Weisung, alle Mannschaft
aufzubieten und sie zum Entsatz von Alesia heranzufuehren. Er selbst,
entschlossen, die Verantwortung fuer den von ihm entworfenen und
fehlgeschlagenen Kriegsplan auch persoenlich zu tragen, blieb in der Festung, um
im Guten und Boesen das Schicksal der Seinigen zu teilen. Caesar aber machte
sich gefasst, zugleich zu belagern und belagert zu werden. Er richtete seine
Umwallungslinie auch an der Aussenseite zur Verteidigung ein und versah sich auf
laengere Zeit mit Lebensmitteln. Die Tage verflossen; schon hatte man in der
Festung keinen Malter Getreide mehr, schon die ungluecklichen Stadtbewohner
austreiben muessen, um zwischen den Verschanzungen der Kelten und der Roemer, an
beiden unbarmherzig zurueckgewiesen, elend umzukommen. Da, in der letzten
Stunde, zeigten hinter Caesars Linien sich die unabsehbaren Zuege des keltisch-
belgischen Entsatzheeres, angeblich 250000 Mann zu Fuss und 8000 Reiter. Vom
Kanal bis zu den Cevennen hatten die insurgierten Gaue jeden Nerv angestrengt,
um den Kern ihrer Patrioten, den Feldherrn ihrer Wahl zu retten - einzig die
Bellovaker hatten geantwortet, dass sie wohl gegen die Roemer, aber nicht
ausserhalb der eigenen Grenzen zu fechten gesonnen seien. Der erste Sturm, der
die Belagerten von Alesia und die Entsatztruppen draussen auf die roemische
Doppellinie unternahmen, ward abgeschlagen; aber als nach eintaegiger Rast
derselbe wiederholt ward, gelang es an einer Stelle, wo die Umwallungslinie
ueber den Abhang eines Berges hinlief und von dessen Hoehe herab angegriffen
werden konnte, die Graeben zuzuschuetten und die Verteidiger von dem Wall
herunterzuwerfen. Da nahm Labienus, von Caesar hierher gesandt, die naechsten
Kohorten zusammen und warf sich mit vier Legionen auf den Feind. Unter den Augen
des Feldherrn, der selbst in dem gefaehrlichsten Augenblick erschien, wurden im
verzweifelten Nahgefecht die Stuermenden zurueckgejagt und die mit Caesar
gekommenen, die Fluechtenden in den Ruecken fassenden Reiterscharen vollendeten
die Niederlage. Es war mehr als ein grosser Sieg; ueber Alesia, ja ueber die
keltische Nation war damit unwiderruflich entschieden. Das Keltenheer, voellig
entmutigt, verlief unmittelbar vom Schlachtfeld sich nach Hause. Vercingetorix
haette vielleicht noch jetzt fliehen, wenigstens durch das letzte Mittel des
freien Mannes sich erretten koennen; er tat es nicht, sondern erklaerte im
Kriegsrat, dass, da es ihm nicht gelungen sei, die Fremdherrschaft zu brechen,
er bereit sei, sich als Opfer hinzugeben und soweit moeglich das Verderben von
der Nation auf sein Haupt abzulenken. So geschah es. Die keltischen Offiziere
lieferten ihren von der ganzen Nation feierlich erwaehlten Feldherrn dem
Landesfeind zu geeigneter Bestrafung aus. Hoch zu Ross und im vollen
Waffenschmucke erschien der Koenig der Arverner vor dem roemischen Prokonsul und
umritt dessen Tribunal; darauf gab er Ross und Waffen ab und liess schweigend
auf den Stufen zu Caesars Fuessen sich nieder (702 52). Fuenf Jahre spaeter ward
er im Triumph durch die Gassen der italischen Hauptstadt gefuehrt und als
Hochverraeter an der roemischen Nation, waehrend sein Ueberwinder den Goettern
derselben den Feierdank auf der Hoehe des Kapitols darbrachte, an dessen Fuss
enthauptet. Wie nach truebe verlaufenem Tage wohl die Sonne im Sinken
durchbricht, so verleiht das Geschick noch untergehenden Voelkern wohl einen
letzten grossartigen Mann. Also steht am Ausgang der phoenikischen Geschichte
Hannibal, also an dem der keltischen Vercingetorix. Keiner von beiden vermochte
seine Nation von der Fremdherrschaft zu erretten, aber sie haben ihr die letzte
noch uebrige Schande, einen ruhmlosen Untergang, erspart. Auch Vercingetorix hat
ebenwie der Karthager nicht bloss gegen den Landesfeind kaempfen muessen,
sondern vor allem gegen die antinationale Opposition verletzter Egoisten und
aufgestoerter Feiglinge, wie sie die entartete Zivilisation regelmaessig
begleitet; auch ihm sichern seinen Platz in der Geschichte nicht seine
Schlachten und Belagerungen, sondern dass er es vermocht hat, einer zerfahrenen
und im Partikularismus verkommenen Nation in seiner Person einen Mittel- und
Haltpunkt zu geben. Und doch gibt es wieder kaum einen schaerferen Gegensatz als
der ist zwischen dem nuechternen Buergersmann der phoenikischen Kaufstadt mit
seinen, auf das eine grosse Ziel hin fuenfzig Jahre hindurch mit unwandelbarer
Energie gerichteten Plaenen, und dem kuehnen Fuersten des Keltenlandes, dessen
gewaltige Taten zugleich mit seiner hochherzigen Aufopferung, ein kurzer Sommer
einschliesst. Das ganze Altertum kennt keinen ritterlicheren Mann in seinem
innersten Wesen wie in seiner aeusseren Erscheinung. Aber der Mensch soll kein
Ritter sein und am wenigsten der Staatsmann. Es war der Ritter, nicht der Held,
der es verschmaehte, sich aus Alesia zu retten, waehrend doch an ihm allein der
Nation mehr gelegen war als an hunderttausend gewoehnlichen tapferen Maennern.
Es war der Ritter, nicht der Held, der sich da zum Opfer hingab, wo durch dieses
Opfer nichts weiter erreicht ward, als dass die Nation sich oeffentlich entehrte
und ebenso feig wie widersinnig mit ihrem letzten Atemzug ihren
weltgeschichtlichen Todeskampf ein Verbrechen gegen ihren Zwingherrn nannte. Wie
so ganz anders hat in den gleichen Lagen Hannibal gehandelt! Es ist nicht
moeglich, ohne geschichtliche und menschliche Teilnahme von dem edlen
Arvernerkoenig zu scheiden; aber es gehoert zur Signatur der keltischen Nation,
dass ihr groesster Mann doch nur ein Ritter war.
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^21 Die kuerzlich viel eroerterte Frage, ob Alesia nicht vielmehr in Alaise
(25 Kilometer suedlich von Besanáon, Dep. Doubs) zu erkennen sei, ist von allen
besonnenen Forschern mit Recht verneint worden.
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Der Fall von Alesia und die Kapitulation der daselbst eingeschlossenen
Armee war fuer die keltische Insurrektion ein furchtbarer Schlag; indes es
hatten schon ebensoschwere die Nation betroffen und doch war der Kampf wieder
erneuert worden. Aber Vercingetorix' Verlust war unersetzlich. Mit ihm war die
Einheit in die Nation gekommen; mit ihm schien sie auch wieder entwichen. Wir
finden nicht, dass die Insurrektion einen Versuch machte, die Gesamtverteidigung
fortzusetzen und einen anderen Oberfeldherrn zu bestellen; der Patriotenbund
fiel von selbst auseinander und jedem Clan blieb es ueberlassen, wie es ihm
beliebte, mit den Roemern zu streiten oder auch sich zu vertragen. Natuerlich
ueberwog durchgaengig das Verlangen nach Ruhe. Auch Caesar hatte ein Interesse
daran, rasch zu Ende zu kommen. Von den zehn Jahren seiner Statthalterschaft
waren sieben verstrichen. Das letzte aber durch seine politischen Gegner in der
Hauptstadt ihm in Frage gestellt; nur auf zwei Sommer noch konnte er mit einiger
Sicherheit rechnen und wenn sein Interesse wie seine Ehre verlangte, dass er die
neu gewonnenen Landschaften seinem Nachfolger in einem leidlichen und
einigermassen beruhigten Friedensstand uebergab, so war, um einen solchen
herzustellen, die Zeit wahrlich karg zugemessen. Gnade zu ueben war in diesem
Falle noch mehr als fuer die Besiegten Beduerfnis fuer den Sieger; und er durfte
seinen Stern preisen, dass die innere Zerfahrenheit und das leichte Naturell der
Kelten ihm hierin auf halbem Wege entgegenkam. Wo, wie in den beiden
angesehensten mittelgallischen Kantons, dem der Haeduer und dem der Arverner,
eine starke roemisch gesinnte Partei bestand, wurde den Landschaften sogleich
nach dem Fall von Alesia die vollstaendige Wiederherstellung ihres frueheren
Verhaeltnisses zu Rom gewaehrt und selbst ihre Gefangenen, 20000 an der Zahl,
ohne Loesegeld entlassen, waehrend die der uebrigen Clans in die harte
Knechtschaft der siegreichen Legionaere kamen. Wie die Haeduer und die Arverner
ergab sich ueberhaupt der groessere Teil der gallischen Distrikte in sein
Schicksal und liess ohne weitere Gegenwehr die unvermeidlichen Strafgerichte
ueber sich ergehen. Aber nicht wenige harrten auch in toerichtem Leichtsinn oder
dumpfer Verzweiflung bei der verlorenen Sache aus, bis die roemischen
Exekutionstruppen innerhalb ihrer Grenzen erschienen. Solche Expeditionen wurden
noch im Winter 702/03 (52/51) gegen die Biturigen und die Carnuten unternommen.
Ernsteren Widerstand leisteten die Bellovaker, die das Jahr zuvor von dem
Entsatz Alesias sich ausgeschlossen hatten; sie schienen beweisen zu wollen,
dass sie an jenem entscheidenden Tage wenigstens nicht aus Mangel an Mut und an
Freiheitsliebe gefehlt hatten. Es beteiligten sich an diesem Kampfe die
Atrebaten, Ambianer, Caleten und andere belgische Gaue; der tapfere Koenig der
Atrebaten, Commius, dem die Roemer seinen Beitritt zur Insurrektion am wenigsten
verziehen und gegen den kuerzlich Labienus sogar einen widerwaertig tueckischen
Mordversuch gerichtet hatte, fuehrte den Bellovakern 500 deutsche Reiter zu,
deren Wert der vorjaehrige Feldzug hatte kennen lehren. Der entschlossene und
talentvolle Bellovaker Correus, dem die oberste Leitung des Krieges zugefallen
war, fuehrte den Krieg, wie Vercingetorix ihn gefuehrt hatte, und mit nicht
geringem Erfolg; Caesar, obwohl er nach und nach den groessten Teil seines
Heeres heranzog, konnte das Fussvolk der Bellovaker weder zum Schlagen bringen
noch auch nur dasselbe verhindern, andere, gegen Caesars verstaerkte Streitmacht
besseren Schutz gewaehrende Stellungen einzunehmen; die roemischen Reiter aber,
namentlich die keltischen Kontingente, erlitten in verschiedenen Gefechten durch
die feindliche Reiterei, besonders die deutsche des Commius, die empfindlichsten
Verluste. Allein nachdem in einem Scharmuetzel mit den roemischen Fouragierern
Correus den Tod gefunden, war der Widerstand auch hier gebrochen; der Sieger
stellte ertraegliche Bedingungen, auf die hin die Bellovaker nebst ihren
Verbuendeten sich unterwarfen. Die Treuerer wurden durch Labienus zum Gehorsam
zurueckgebracht und beilaeufig das Gebiet der verfemten Eburonen noch einmal
durchzogen und verwuestet. Also ward der letzte Widerstand der belgischen
Eidgenossenschaft gebrochen. Noch einen Versuch, der Roemerherrschaft sich zu
erwehren, machten die Seegaue in Verbindung mit ihren Nachbarn an der Loire.
Insurgentenscharen aus dem andischen, dem carnutischen und anderen umliegenden
Gauen sammelten sich an der unteren Loire und belagerten in Lemonum (Poitiers)
den roemisch gesinnten Fuersten der Pictonen. Allein bald trat auch hier eine
ansehnliche roemische Macht ihnen entgegen; die Insurgenten gaben die Belagerung
auf und zogen ab, um die Loire zwischen sich und den Feind zu bringen, wurden
aber auf dem Marsche dahin eingeholt und geschlagen, worauf die Carnuten und die
uebrigen aufstaendischen Kantons, selbst die Seegaue ihre Unterwerfung
einsandten. Der Widerstand war zu Ende; kaum dass ein einzelner
Freischarenfuehrer hie und da noch das nationale Banner aufrecht hielt. Der
kuehne Drappes und des Vercingetorix treuer Waffengefaehrte Lucterius sammelten
nach der Aufloesung der an der Loire vereinigten Armee die Entschlossensten und
warfen sich mit diesen in die feste Bergstadt Uxellodunum am Lot ^22, die ihnen
unter schweren und verlustvollen Gefechten ausreichend zu verproviantieren
gelang. Trotz des Verlustes ihrer Fuehrer, von denen Drappes gefangen, Lucterius
von der Stadt abgesprengt ward, wehrte die Besatzung sich auf das aeusserste;
erst als Caesar selbst erschien und auf seine Anordnung die Quelle, aus der die
Belagerten ihr Wasser holten, mittels unterirdischer Stollen abgeleitet ward,
fiel die Festung, die letzte Burg der keltischen Nation. Um die letzten
Verfechter der Sache der Freiheit zu kennzeichnen, befahl Caesar, der gesamten
Besatzung die Haende abzuhauen und sie also, einen jeden in seine Heimat, zu
entlassen. Dem Koenig Commius, der noch in der Gegend von Arras sich hielt und
daselbst bis in den Winter 703/04 (51/50) mit den roemischen Truppen sich
herumschlug, gestattete Caesar, dem alles daran lag, in ganz Gallien wenigstens
dem offenen Widerstand ein Ziel zu setzen, seinen Frieden zu machen und liess es
sogar hingehen, dass der erbitterte und mit Recht misstrauische Mann trotzig
sich weigerte, persoenlich im roemischen Lager zu erscheinen. Es ist sehr
wahrscheinlich, dass Caesar in aehnlicher Weise bei den schwer zugaenglichen
Distrikten im Nordwesten wie im Nordosten Galliens mit einer nur nominellen
Unterwerfung, vielleicht sogar schon mit der faktischen Waffenruhe sich genuegen
liess ^23.
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^22 Man sucht dies gewoehnlich bei Capdenac unweit Figeac; F. W. A. Goeler
hat sich neuerlich fuer das auch frueher schon in Vorschlag gebrachte Luzech
westlich von Cahors erklaert.
^23 Bei Caesar selbst steht dies freilich begreiflicherweise nicht
geschrieben; aber eine verstaendliche Andeutung in dieser Beziehung macht
Sallust (hist. 1, 9 Kritz), obwohl auch er als Caesarianer schrieb. Weitere
Beweise ergeben die Muenzen.
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Also ward Gallien, das heisst das Land westlich vom Rhein und noerdlich von
den Pyrenaeen, nach nur achtjaehrigen Kaempfen (696 bis 703 58-51) den Roemern
untertaenig. Kaum ein Jahr nach der voelligen Beruhigung des Landes, zu Anfang
des Jahres 705 (49), mussten die roemischen Truppen infolge des nun endlich in
Italien ausgebrochenen Buergerkrieges ueber die Alpen zurueckgezogen werden und
es blieben nichts als hoechstens einige schwache Rekrutenabteilungen im
Keltenland zurueck. Dennoch standen die Kelten nicht wieder gegen die
Fremdherrschaft auf; und waehrend in allen alten Provinzen des Reichs gegen
Caesar gestritten ward, blieb allein die neugewonnene Landschaft ihrem Besieger
fortwaehrend botmaessig. Auch die Deutschen haben ihre Versuche, auf dem linken
Rheinufer sich erobernd festzusetzen, waehrend dieser entscheidenden Jahre nicht
wiederholt. Ebensowenig kam es in Gallien waehrend der nachfolgenden Krisen zu
einer neuen nationalen Insurrektion oder deutschen Invasion, obgleich sie die
guenstigsten Gelegenheiten darboten. Wenn ja irgendwo Unruhen ausbrachen, wie
zum Beispiel 708 (46) die Bellovaker gegen die Roemer sich erhoben, so waren
diese Bewegungen so vereinzelt und so ausser Zusammenhang mit den Verwicklungen
in Italien, dass sie ohne wesentliche Schwierigkeit von den roemischen
Statthaltern unterdrueckt wurden. Allerdings ward dieser Friedenszustand hoechst
wahrscheinlich, aehnlich wie Jahrhunderte lang der spanische, damit erkauft,
dass man den entlegensten und am lebendigsten von dem Nationalgefuehl
durchdrungenen Landschaften, der Bretagne, den Scheldedistrikten, der
Pyrenaeengegend, vorlaeufig gestattete, sich in mehr oder minder bestimmter
Weise der roemischen Botmaessigkeit tatsaechlich zu entziehen. Aber darum nicht
weniger erwies sich Caesars Bau, wie knapp er auch dazu zwischen anderen,
zunaechst noch dringenderen Arbeiten die Zeit gefunden, wie unfertig und nur
notduerftig abgeschlossen er ihn auch verlassen hatte, dennoch, sowohl
hinsichtlich der Zurueckweisung der Deutschen als der Unterwerfung der Kelten,
in dieser Feuerprobe im wesentlichen als haltbar.
In der Oberverwaltung blieben die von dem Statthalter des Narbonensischen
Galliens neu gewonnenen Gebiete vorlaeufig mit der Provinz Narbo vereinigt; erst
als Caesar dieses Amt abgab (710 44), wurden aus dem von ihm eroberten Gebiet
zwei neue Statthalterschaften, das eigentliche Gallien und Belgica, gebildet.
Dass die einzelnen Gaue ihre politische Selbstaendigkeit verloren, lag im Wesen
der Eroberung. Sie wurden durchgaengig der roemischen Gemeinde steuerpflichtig.
Ihr Steuersystem indes war natuerlich nicht dasjenige, mittels dessen die adlige
und finanzielle Aristokratie Asia ausnutzte, sondern es wurde, wie in Spanien
geschah, einer jeden einzelnen Gemeinde eine ein fuer allemal bestimmte Abgabe
auferlegt und deren Erhebung ihr selbst ueberlassen. Auf diesem Wege flossen
jaehrlich 40 Mill. Sesterzen (3 Mill. Taler) aus Gallien in die Kassen der
roemischen Regierung, die dafuer freilich die Kosten der Verteidigung der
Rheingrenze uebernahm. Dass ausserdem die in den Tempeln der Goetter und den
Schatzkammern der Grossen aufgehaeuften Goldmassen infolge des Krieges ihren Weg
nach Rom fanden, versteht sich von selbst; wenn Caesar im ganzen Roemischen
Reich sein gallisches Gold ausbot und davon auf einmal solche Massen auf den
Geldmarkt brachte, dass das Gold gegen Silber um 25 Prozent fiel, so laesst dies
ahnen, welche Summen Gallien durch den Krieg eingebuesst hat.
Die bisherigen Gauverfassungen mit ihren Erbkoenigen oder ihren feudal-
oligarchischen Vorstandschaften blieben auch nach der Eroberung im wesentlichen
bestehen, und selbst das Klientelsystem, das einzelne Kantons von anderen,
maechtigeren abhaengig machte, ward nicht abgeschafft, obwohl freilich mit dem
Verlust der staatlichen Selbstaendigkeit ihm die Spitze abgebrochen war; Caesar
war nur darauf bedacht, unter Benutzung der bestehenden dynastischen,
feudalistischen und hegemonischen Spaltungen die Verhaeltnisse im Interesse Roms
zu ordnen und ueberall die der Fremdherrschaft genehmen Maenner an die Spitze zu
bringen. Ueberhaupt sparte Caesar keine Muehe, um in Gallien eine roemische
Partei zu bilden; seinen Anhaengern wurden ausgedehnte Belohnungen an Geld und
besonders an konfiszierten Landguetern bewilligt und ihnen durch seinen Einfluss
Plaetze im Gemeinderat und die ersten Gemeindeaemter in ihren Gauen verschafft.
Diejenigen Gaue, in denen eine hinreichend starke und zuverlaessige roemische
Partei bestand, wie die der Remer, der Lingonen, der Haeduer, wurden durch
Erteilung einer freieren Kommunalverfassung - des sogenannten Buendnisrechts -
und durch Bevorzugungen bei der Ordnung des Hegemoniewesens gefoerdert. Den
Nationalkult und dessen Priester scheint Caesar von Anfang an soweit irgend
moeglich geschont zu haben; von Massregeln, wie sie in spaeterer Zeit von den
roemischen Machthabern gegen das Druidenwesen ergriffen wurden, findet bei ihm
sich keine Spur, und wahrscheinlich damit haengt es zusammen, dass seine
gallischen Kriege, soviel wir sehen, den Charakter des Religionskrieges durchaus
nicht in der Art tragen, wie er bei den britannischen spaeter so bestimmt
hervortritt.
Wenn Caesar also der besiegten Nation jede zulaessige Ruecksicht bewies und
ihre nationalen, politischen und religioesen Institutionen soweit schonte, als
es mit der Unterwerfung unter Rom irgend sich vertrug, so geschah dies nicht, um
auf den Grundgedanken seiner Eroberung, die Romanisierung Galliens, zu
verzichten, sondern um denselben in moeglichst schonender Weise zu
verwirklichen. Auch begnuegte er sich nicht, dieselben Verhaeltnisse, die die
Suedprovinz bereits grossenteils romanisiert hatten, im Norden ihre Wirkung
ebenfalls tun zu lassen, sondern er foerderte, als echter Staatsmann, von oben
herab die naturgemaesse Entwicklung und tat dazu, die immer peinliche
Uebergangszeit moeglichst zu verkuerzen. Um zu schweigen von der Aufnahme einer
Anzahl vornehmer Kelten in den roemischen Buergerverband, ja einzelner
vielleicht schon in den roemischen Senat, so ist wahrscheinlich Caesar es
gewesen, der in Gallien auch innerhalb der einzelnen Gaue als offizielle Sprache
anstatt der einheimischen die lateinische, wenn auch noch mit gewissen
Einschraenkungen, und anstatt des nationalen das roemische Muenzsystem in der
Art einfuehrte, dass die Gold- und die Denarpraegung den roemischen Behoerden
vorbehalten blieb, dagegen die Scheidemuenze von den einzelnen Gauen und nur zur
Zirkulation innerhalb der Gaugrenzen, aber doch auch nach roemischem Fuss
geschlagen werden sollte. Man mag laecheln ueber das kauderwelsche Latein,
dessen die Anwohner der Loire und Seine fortan verordnungsmaessig sich beflissen
^24; es lag doch in diesen Sprachfehlern eine groessere Zukunft als in dem
korrekten, hauptstaedtischen Latein. Vielleicht geht es auch auf Caesar zurueck,
wenn die Gauverfassung im Keltenland spaeterhin der italischen Stadtverfassung
genaehert erscheint und die Hauptorte des Gaues sowie die Gemeinderaete in ihr
schaerfer hervortreten, als dies in der urspruenglichen keltischen Ordnung
wahrscheinlich der Fall war. Wie wuenschenswert in militaerischer wie in
politischer Hinsicht es gewesen waere, als Stuetzpunkte der neuen Herrschaft und
Ausgangspunkte der neuen Zivilisation eine Reihe transalpinischer Kolonien zu
begruenden, mochte niemand mehr empfinden als der politische Erbe des Gaius
Gracchus und des Marius. Wenn er dennoch sich beschraenkte auf die Ansiedlung
seiner keltischen oder deutschen Reiter in Noviodunum und auf die der Boier im
Haeduergau, welche letztere Niederlassung in dem Krieg gegen Vercingetorix schon
voellig die Dienste einer roemischen Kolonie tat, so war die Ursache nur die,
dass seine weiteren Plaene ihm noch nicht gestatteten, seinen Legionen statt des
Schwertes den Pflug in die Hand zu geben. Was er in spaeteren Jahren fuer die
altroemische Provinz in dieser Beziehung getan, wird seines Orts dargelegt
werden; es ist wahrscheinlich, dass nur die Zeit ihm gemangelt hat, um das
gleiche auch auf die von ihm neu unterworfenen Landschaften zu erstrecken.
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^24 So lesen wir auf einem Semis, den ein Vergobret der Lexovier (Lisieux,
Dep. Calvados) schlagen liess, folgende Aufschrift: Cisiambos Cattos vercobreto;
simissos (so) publicos Lixovio. Die oft kaum leserliche Schrift und das
unglaublich abscheuliche Gepraege dieser Muenzen stehen mit ihrem stammelnden
Latein in bester Harmonie.
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Mit der keltischen Nation war es zu Ende. Ihre politische Aufloesung war
durch Caesar eine vollendete Tatsache geworden, ihre nationale eingeleitet und
im regelmaessigen Fortschreiten begriffen. Es war dies kein zufaelliges
Verderben, wie das Verhaengnis es auch entwicklungsfaehigen Voelkern wohl
zuweilen bereitet, sondern eine selbstverschuldete und gewissermassen
geschichtlich notwendige Katastrophe. Schon der Verlauf des letzten Krieges
beweist dies, mag man ihn nun im ganzen oder im einzelnen betrachten. Als die
Fremdherrschaft gegruendet werden sollte, leisteten ihr nur einzelne, noch dazu
meistens deutsche oder halbdeutsche Landschaften energischen Widerstand. Als die
Fremdherrschaft gegruendet war, wurden die Versuche, sie abzuschuetteln,
entweder ganz kopflos unternommen, oder sie waren mehr als billig das Werk
einzelner hervorragender Adliger und darum mit dem Tod oder der Gefangennahme
eines Indutiomarus, Camulogenus, Vercingetorix, Correus sogleich und voellig zu
Ende. Der Belagerungs- und der kleine Krieg, in denen sich sonst die ganze
sittliche Tiefe der Volkskriege entfaltet, waren und blieben in diesem
keltischen von charakteristischer Erbaermlichkeit. Jedes Blatt der keltischen
Geschichte bestaetigt das strenge Wort eines der wenigen Roemer, die es
verstanden, die sogenannten Barbaren nicht zu verachten, dass die Kelten dreist
die kuenftige Gefahr herausfordern, vor der gegenwaertigen aber der Mut ihnen
entsinkt. In dem gewaltigen Wirbel der Weltgeschichte, der alle nicht gleich dem
Stahl harten und gleich dem Stahl geschmeidigen Voelker unerbittlich zermalmt,
konnte eine solche Nation auf die Laenge sich nicht behaupten; billig erlitten
die Kelten des Festlandes dasselbe Schicksal von den Roemern, das ihre
Stammgenossen auf der irischen Insel bis in unsere Tage hinein von den Sachsen
erleiden: das Schicksal, als Gaerungsstoff kuenftiger Entwicklung aufzugehen in
eine staatlich ueberlegene Nationalitaet. Im Begriff, von der merkwuerdigen
Nation zu scheiden, mag es gestattet sein, noch daran zu erinnern, dass in den
Berichten der Alten ueber die Kelten an der Loire und Seine kaum einer der
charakteristischen Zuege vermisst wird, an denen wir gewohnt sind, Paddy zu
erkennen. Es findet alles sich wieder: die Laessigkeit in der Bestellung der
Felder; die Lust am Zechen und Raufen; die Prahlhansigkeit - wir erinnern an
jenes in dem heiligen Hain der Arverner nach dem Sieg von Gergovia aufgehangene
Schwert des Caesar, das sein angeblicher ehemaliger Besitzer an der geweihten
Staette laechelnd betrachtete und das heilige Gut sorgfaeltig zu schonen befahl;
die Rede voll von Vergleichen und Hyperbeln, von Anspielungen und barocken
Wendungen; der drollige Humor - ein vorzuegliches Beispiel davon ist die
Satzung, dass, wenn jemand einem oeffentlich Redenden ins Wort faellt, dem
Stoerenfried von Polizei wegen ein derbes und wohl sichtbares Loch in den Rock
geschnitten wird; die innige Freude am Singen und Sagen von den Taten der
Vorzeit und die entschiedenste Redner- und Dichtergabe; die Neugier - kein
Kaufmann wird durchgelassen, bevor er auf offener Strasse erzaehlt hat, was er
an Neuigkeiten weiss oder nicht weiss - und die tolle Leichtglaeubigkeit, die
auf solche Nachrichten hin handelt, weshalb in den besser geordneten Kantons den
Wandersleuten bei strenger Strafe verboten war, unbeglaubigte Berichte andern
als Gemeindebeamten mitzuteilen; die kindliche Froemmigkeit, die in dem Priester
den Vater sieht und ihn in allen Dingen um Rat fragt; die unuebertroffene
Innigkeit des Nationalgefuehls und das fast familienartige Zusammenhalten der
Landsleute gegen den Fremden; die Geneigtheit, unter dem ersten besten Fuehrer
sich aufzulehnen und Banden zu bilden, daneben aber die voellige Unfaehigkeit,
den sicheren, von Uebermut wie von Kleinmut entfernten Mut sich zu bewahren, die
rechte Zeit zum Abwarten und zum Losschlagen wahrzunehmen, zu irgendeiner
Organisation, zu irgend fester militaerischer oder politischer Disziplin zu
gelangen oder auch nur sie zu ertragen. Es ist und bleibt zu allen Zeiten und
aller Orten dieselbe faule und poetische, schwachmuetige und innige, neugierige,
leichtglaeubige, liebenswuerdige, gescheite, aber politisch durch und durch
unbrauchbare Nation, und darum ist denn auch ihr Schicksal immer und ueberall
dasselbe gewesen.
Aber dass dieses grosse Volk durch Caesars transalpinische Kriege zugrunde
ging, ist noch nicht das bedeutendste Ergebnis dieses grossartigen Unternehmens;
weit folgenreicher als das negative war das positive Resultat. Es leidet kaum
einen Zweifel, dass, wenn das Senatsregiment sein Scheinleben noch einige
Menschenalter laenger gefristet haette, die sogenannte Voelkerwanderung
vierhundert Jahre frueher eingetreten sein wuerde, als sie eingetreten ist, und
eingetreten sein wuerde zu einer Zeit, wo die italische Zivilisation sich weder
in Gallien noch an der Donau noch in Afrika und Spanien haeuslich niedergelassen
hatte. Indem der grosse Feldherr und Staatsmann Roms mit sicherem Blick in den
deutschen Staemmen den ebenbuertigen Feind der roemisch-griechischen Welt
erkannte; indem er das neue System offensiver Verteidigung mit fester Hand
selbst bis ins einzelne hinein begruendete und die Reichsgrenzen durch Fluesse
oder kuenstliche Waelle verteidigen, laengs der Grenze die naechsten
Barbarenstaemme zur Abwehr der entfernteren kolonisieren, das roemische Heer
durch geworbene Leute aus den feindlichen Laendern rekrutieren lehrte, gewann er
der hellenisch-italischen Kultur die noetige Frist, um den Westen ebenso zu
zivilisieren, wie der Osten bereits von ihr zivilisiert war. Gewoehnliche
Menschen schauen die Fruechte ihres Tuns; der Same, den geniale Naturen streuen,
geht langsam auf. Es dauerte Jahrhunderte, bis man begriff, dass Alexander nicht
bloss ein ephemeres Koenigreich im Osten errichtet, sondern den Hellenismus nach
Asien getragen habe; wieder Jahrhunderte, bis man begriff, dass Caesar nicht
bloss den Roemern eine neue Provinz erobert, sondern die Romanisierung der
westlichen Landschaften begruendet habe. Auch von jenen militaerisch
leichtsinnigen und zunaechst erfolglosen Zuegen nach England und Deutschland
haben erst die spaeten Nachfahren den Sinn erkannt. Ein ungeheurer Voelkerkreis,
von dessen Dasein und Zustaenden bis dahin kaum der Schiffer und der Kaufmann
einige Wahrheit und viele Dichtung berichtet hatten, ward durch sie der
roemisch-griechischen Welt aufgeschlossen. "Taeglich", heisst es in einer
roemischen Schrift vom Mai 698 (56), "melden die gallischen Briefe und
Botschaften uns bisher unbekannte Namen von Voelkern, Gauen und Landschaften".
Diese Erweiterung des geschichtlichen Horizonts durch Caesars Zuege jenseits der
Alpen war ein weltgeschichtliches Ereignis, so gut wie die Erkundung Amerikas
durch europaeische Scharen. Zu dem engen Kreis der Mittelmeerstaaten traten die
mittel- und nordeuropaeischen Voelker, die Anwohner der Ost- und der Nordsee
hinzu, zu der alten Welt eine neue, die fortan durch jene mitbestimmt ward und
sie mitbestimmte. Es hat nicht viel gefehlt, dass bereits von Ariovist das
durchgefuehrt ward, was spaeter dem gotischen Theoderich gelang. Waere dies
geschehen, so wuerde unsere Zivilisation zu der roemisch-griechischen schwerlich
in einem innerlicheren Verhaeltnis stehen als zu der indischen und assyrischen
Kultur. Dass von Hellas und Italien vergangener Herrlichkeit zu dem stolzeren
Bau der neueren Weltgeschichte eine Bruecke hinueberfuehrt, dass Westeuropa
romanisch, das germanische Europa klassisch ist, dass die Namen Themistokles und
Scipio fuer uns einen anderen Klang haben, als Asoka und Salmanassar, dass Homer
und Sophokles nicht wie die Veden und Kalidasa nur den literarischen Botaniker
anziehen, sondern in dem eigenen Garten uns bluehen, das ist Caesars Werk; und
wenn die Schoepfung seines grossen Vorgaengers im Osten von den Sturmfluten des
Mittelalters fast ganz zertruemmert worden ist, so hat Caesars Bau die
Jahrtausende ueberdauert, die dem Menschengeschlecht Religion und Staat
verwandelt, den Schwerpunkt der Zivilisation selbst ihm verschoben haben, und
fuer das, was wir Ewigkeit nennen, steht er aufrecht.
Um das Bild der Verhaeltnisse Roms zu den Voelkern des Nordens in dieser
Zeit zu vollenden, bleibt es noch uebrig, einen Blick auf die Landschaften zu
werfen, die noerdlich der italischen und der griechischen Halbinsel, von den
Rheinquellen bis zum Schwarzen Meer sich erstrecken. Zwar in das gewaltige
Voelkergetuemmel, das auch dort damals gewogt haben mag, reicht die Fackel der
Geschichte nicht und die einzelnen Streiflichter, die in dieses Gebiet fallen,
sind, wie der schwache Schimmer in tiefer Finsternis, mehr geeignet zu verwirren
als aufzuklaeren. Indes es ist die Pflicht des Geschichtschreibers, auch die
Luecken in dem Buche der Voelkergeschichte zu bezeichnen; er darf es nicht
verschmaehen, neben Caesars grossartigem Verteidigungssystem der duerftigen
Anstalten zu gedenken, durch die die Feldherren des Senats nach dieser Seite hin
die Reichsgrenze zu schuetzen vermeinten.
Das nordoestliche Italien blieb nach wie vor den Angriffen der alpinischen
Voelkerschaften preisgegeben. Das im Jahre 695 (59) bei Aquileia lagernde starke
roemische Heer und der Triumph des Statthalters des Cisalpinischen Galliens,
Lucius Afranius, lassen schliessen, dass um diese Zeit eine Expedition in die
Alpen stattgefunden; wovon es eine Folge sein mag, dass wir bald darauf die
Roemer in naeherer Verbindung mit einem Koenig der Noriker finden. Dass aber
auch nachher Italien durchaus von dieser Seite nicht gesichert war, bewies der
Ueberfall der bluehenden Stadt Tergeste durch die alpinischen Barbaren im Jahre
702 (52), als die transalpinische Insurrektion Caesar genoetigt hatte,
Oberitalien ganz von Truppen zu entbloessen.
Auch die unruhigen Voelker, die den illyrischen Kuestenstrich innehatten,
machten ihren roemischen Herren bestaendig zu schaffen. Die Dalmater, schon
frueher das ansehnlichste Volk dieser Gegend, vergroesserten durch Aufnahme der
Nachbarn in ihren Verband sich so ansehnlich, dass die Zahl ihrer Ortschaften
von zwanzig auf achtzig stieg. Als sie die Stadt Promona (nicht weit vom
Kerkafluss), die sie den Liburniern entrissen hatten, diesen wiederherauszugeben
sich weigerten, liess Caesar nach der Pharsalischen Schlacht gegen sie
marschieren; aber die Roemer zogen hierbei zunaechst den kuerzeren, und
infolgedessen ward Dalmatien fuer einige Zeit ein Herd der Caesar feindlichen
Partei und wurde hier den Feldherren Caesars von den Einwohnern, in Verbindung
mit den Pompeianern und mit den Seeraeubern, zu Lande und zu Wasser energischer
Widerstand geleistet.
Makedonien endlich nebst Epirus und Hellas war so veroedet und
heruntergekommen wie kaum ein anderer Teil des Roemischen Reiches. Dyrrhachion,
Thessalonike, Byzantion hatten noch einigen Handel und Verkehr; Athen zog durch
seinen Namen und seine Philosophenschule die Reisenden und die Studenten an; im
ganzen aber lag ueber Hellas' einst volkreichen Staedten und menschenwimmelnden
Haefen die Ruhe des Grabes. Aber wenn die Griechen sich nicht regten, so setzten
dagegen die Bewohner der schwer zugaenglichen makedonischen Gebirge nach alter
Weise ihre Raubzuege und Fehden fort, wie denn zum Beispiel um 697/98 (57/56)
Agraeer und Doloper die aetolischen Staedte, im Jahre 700 (54) die in den
Drintaelern wohnenden Pirusten das suedliche Illyrien ueberrannten. Ebenso
hielten es die Anwohner. Die Dardaner an der Nordgrenze wie die Thraker im Osten
waren zwar in den achtjaehrigen Kaempfen 676 bis 683 (78-71) von den Roemern
gedemuetigt worden; der maechtigste unter den thrakischen Fuersten, der Herr des
alten Odrysenreichs Kotys, ward seitdem den roemischen Klientelkoenigen
beigezaehlt. Allein nichtsdestoweniger hatte das befriedete Land nach wie vor
von Norden und Osten her Einfaelle zu leiden. Der Statthalter Gaius Antonius
ward uebel heimgeschickt, sowohl von den Dardanern, als auch von den in der
heutigen Dobrudscha ansaessigen Staemmen, welche mit Hilfe der vom linken
Donauufer herbeigezogenen, gefuerchteten Bastarner ihm bei Istropolis (Istere
unweit Kustendsche) eine bedeutende Niederlage beibrachten (692-693 62-61).
Gluecklicher focht Gaius Octavius gegen Besser und Thraker (694 60). Dagegen
machte Marcus Piso (697-698 57-56) wiederum als Oberfeldherr sehr schlechte
Geschaefte, was auch kein Wunder war, da er um Geld Freunden und Feinden
gewaehrte, was sie wuenschten. Die thrakischen Dentheleten (am Strymon)
pluenderten unter seiner Statthalterschaft Makedonien weit und breit und
stellten auf der grossen, von Dyrrhachion nach Thessalonike fuehrenden
roemischen Heerstrasse selbst ihre Posten aus; in Thessalonike machte man sich
darauf gefasst, von ihnen eine Belagerung auszuhalten, waehrend die starke
roemische Armee in der Provinz nur da zu sein schien, um zuzusehen, wie die
Bergbewohner und die Nachbarvoelker die friedlichen Untertanen Roms
brandschatzten.
Dergleichen Angriffe konnten freilich Roms Macht nicht gefaehrden, und auf
eine Schande mehr kam es laengst nicht mehr an. Aber eben um diese Zeit begann
jenseits der Donau, in den weiten dakischen Steppen, ein Volk sich staatlich zu
konsolidieren, das eine andere Rolle in der Geschichte zu spielen bestimmt
schien als die Besser und die Dentheleten. Bei den Geten oder Dakern war in
uralter Zeit dem Koenig des Volkes ein heiliger Mann zur Seite getreten,
Zalmoxis genannt, der, nachdem er der Goetter Wege und Wunder auf weiten Reisen
in der Fremde erkundet und namentlich die Weisheit der aegyptischen Priester und
der griechischen Pythagoreer ergruendet hatte, in seine Heimat zurueckgekommen
war, um in einer Hoehle des 'Heiligen Berges' als frommer Einsiedler sein Leben
zu beschliessen. Nur dem Koenig und dessen Dienern blieb er zugaenglich und
spendete ihm und durch ihn dem Volke seine Orakel fuer jedes wichtige Beginnen.
Seinen Landsleuten galt er anfangs als Priester des hoechsten Gottes und zuletzt
selber als Gott, aehnlich wie es von Moses und Aaron heisst, dass der Herr den
Aaron zum Propheten und zum Gotte des Propheten den Moses gesetzt habe. Es war
hieraus eine bleibende Institution geworden: von Rechts wegen stand dem Koenig
der Geten ein solcher Gott zur Seite, aus dessen Munde alles kam oder zu kommen
schien, was der Koenig befahl. Diese eigentuemliche Verfassung, in der die
theokratische Idee der, wie es scheint, absoluten Koenigsgewalt dienstbar
geworden war, mag den getischen Koenigen eine Stellung ihren Untertanen
gegenueber gegeben haben, wie etwa die Kalifen sie gegenueber den Arabern haben;
und eine Folge davon war die wunderbare religioes-politische Reform der Nation,
welche um diese Zeit der Koenig der Geten, Burebistas, und der Gott, Dekaeneos,
durchsetzten. Das namentlich durch beispiellose Voellerei sittlich und staatlich
gaenzlich heruntergekommene Volk ward durch das neue Maessigkeits- und
Tapferkeitsevangelium wie umgewandelt; mit seinen sozusagen puritanisch
disziplinierten und begeisterten Scharen gruendete Koenig Burebistas binnen
wenigen Jahren ein gewaltiges Reich, das auf beiden Ufern der Donau sich
ausbreitete und suedwaerts bis tief in Thrakien, Illyrien und das nordische Land
hinein reichte. Eine unmittelbare Beruehrung mit den Roemern hatte noch nicht
stattgefunden, und es konnte niemand sagen, was aus diesem sonderbaren, an die
Anfaenge des Islam erinnernden Staat werden moege; das aber mochte man, auch
ohne Prophet zu sein, vorherzusagen, dass Prokonsuln wie Antonius und Piso nicht
berufen waren, mit Goettern zu streiten.
8. Kapitel
Pompeius' und Caesars Gesamtherrschaft
Unter den Demokratenchefs, die seit Caesars Konsulat sozusagen offiziell
als die gemeinschaftlichen Beherrscher des Gemeinwesens, als die regierenden
"Dreimaenner" anerkannt waren, nahm der oeffentlichen Meinung zufolge durchaus
die erste Stelle Pompeius ein. Er war es, der den Optimaten der "Privatdiktator"
hiess; vor ihm tat Cicero seinen vergeblichen Fussfall; ihm galten die
schaerfsten Sarkasmen in den Mauerplakaten des Bibulus, die giftigsten Pfeile in
den Salonreden der Opposition. Es war dies nur in der Ordnung. Nach den
vorliegenden Tatsachen war Pompeius unbestritten der erste Feldherr seiner Zeit,
Caesar ein gewandter Parteifuehrer und Parteiredner, von unleugbaren Talenten,
aber ebenso notorisch von unkriegerischem, ja weibischem Naturell. Diese Urteile
waren seit langem gelaeufig; man konnte es von dem vornehmen Poebel nicht
erwarten, dass er um das Wesen der Dinge sich kuemmere und einmal festgestellte
Plattheiten wegen obskurer Heldentaten am Tajo aufgebe. Offenbar spielte Caesar
in dem Bunde nur die Rolle des Adjutanten, der das fuer seinen Chef ausfuehrte,
was Flavius, Afranius und andere, weniger faehige Werkzeuge versucht und nicht
geleistet hatten. Selbst seine Statthalterschaft schien dies Verhaeltnis nicht
zu aendern. Eine sehr aehnliche Stellung hatte erst kuerzlich Afranius
eingenommen, ohne darum etwas Besonderes zu bedeuten; mehrere Provinzen zugleich
waren in den letzten Jahren wiederholentlich einem Statthalter untergeben und
schon oft weit mehr als vier Legionen in einer Hand vereinigt gewesen; da es
jenseits der Alpen wieder ruhig und Fuerst Ariovist von den Roemern als Freund
und Nachbar anerkannt war, so war auch keine Aussicht zur Fuehrung eines irgend
ins Gewicht fallenden Krieges. Die Vergleichung der Stellungen, wie sie Pompeius
durch das Gabinisch-Manilische, Caesar durch das Vatinische Gesetz erhalten
hatten, lag nahe; allein sie fiel nicht zu Caesars Vorteil aus. Pompeius gebot
fast ueber das gesamte Roemische Reich, Caesar ueber zwei Provinzen. Pompeius
standen die Soldaten und die Kassen des Staats beinahe unbeschraenkt zur
Verfuegung, Caesar nur die ihm angewiesenen Summen und ein Heer von 24000 Mann.
Pompeius war es anheimgegeben, den Zeitpunkt seines Ruecktritts selber zu
bestimmen; Caesars Kommando war ihm zwar auf lange hinaus, aber doch nur auf
eine begrenzte Frist gesichert. Pompeius endlich war mit den wichtigsten
Unternehmungen zur See und zu Lande betraut worden; Caesar ward nach Norden
gesandt, um von Oberitalien aus die Hauptstadt zu ueberwachen und dafuer zu
sorgen, dass Pompeius ungestoert sie beherrsche.
Aber als Pompeius von der Koalition zum Beherrscher der Hauptstadt bestellt
ward, uebernahm er, was ueber seine Kraefte weit hinausging. Pompeius verstand
vom Herrschen nichts weiter, als was sich zusammenfassen laesst in Parole und
Kommando. Die Wellen des hauptstaedtischen Treibens gingen hohl, zugleich von
vergangenen und von zukuenftigen Revolutionen; die Aufgabe, diese in jeder
Hinsicht dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts vergleichbare Stadt ohne
bewaffnete Macht zu regieren, war unendlich schwer, fuer jenen eckigen vornehmen
Mustersoldaten aber geradezu unloesbar. Sehr bald war er so weit, dass Feinde
und Freunde, beide ihm gleich unbequem, seinetwegen machen konnten, was ihnen
beliebte; nach Caesars Abgang von Rom beherrschte die Koalition wohl noch die
Geschicke der Welt, aber nicht die Strassen der Hauptstadt. Auch der Senat, dem
ja immer noch eine Art nominellen Regiments zustand, liess die Dinge in der
Hauptstadt gehen, wie sie gehen konnten und mochten; zum Teil, weil der von der
Koalition beherrschten Fraktion dieser Koerperschaft die Instruktionen der
Machthaber fehlten, zum Teil, weil die grollende Opposition aus
Gleichgueltigkeit oder Pessimismus beiseite trat, hauptsaechlich aber, weil die
gesamte hochadlige Koerperschaft ihre vollstaendige Ohnmacht wo nicht zu
begreifen, doch zu fuehlen begann. Augenblicklich also gab es in Rom nirgends
eine Widerstandskraft irgendwelcher Regierung, nirgends eine wirkliche
Autoritaet. Man lebte im Interregnum zwischen dem zertruemmerten
aristokratischen und dem werdenden militaerischen Regiment; und wenn das
roemische Gemeinwesen wie kein anderes alter oder neuer Zeit alle
verschiedensten politischen Funktionen und Organisationen rein und normal
dargestellt hat, so erscheint in ihm auch die politische Desorganisation, die
Anarchie, in einer nicht beneidenswerten Schaerfe. Es ist ein seltsames
Zusammentreffen, dass in denselben Jahren, in welchen Caesar jenseits der Alpen
ein Werk fuer die Ewigkeit schuf, in Rom eine der tollsten politischen Grotesken
aufgefuehrt ward, die jemals ueber die Bretter der Weltgeschichte gegangen ist.
Der neue Regent des Gemeinwesens regierte nicht, sondern schloss sich in sein
Haus ein und maulte im stillen. Die ehemalige, halb abgesetzte Regierung
regierte gleichfalls nicht, sondern seufzte, bald einzeln in den traulichen
Zirkeln der Villen, bald in der Kurie im Chor. Der Teil der Buergerschaft, dem
Freiheit und Ordnung noch am Herzen lagen, war des wuesten Treibens uebersatt;
aber voellig fuehrer- und ratlos verharrte er in nichtiger Passivitaet und mied
nicht bloss jede politische Taetigkeit, sondern, soweit es anging, das
politische Sodom selbst. Dagegen: das Gesindel aller Art hatte nie bessere Tage,
nie lustigere Tummelplaetze gehabt. Die Zahl der kleinen grossen Maenner war
Legion. Die Demagogie ward voellig zum Handwerk, dem denn auch das Handwerkszeug
nicht fehlte: der verschabte Mantel, der verwilderte Bart, das langflatternde
Haar, die tiefe Bassstimme; und nicht selten war es ein Handwerk mit goldenem
Boden. Fuer die stehenden Bruellaktionen waren die geprueften Gurgeln des
Theaterpersonals ein begehrter Artikel ^1; Griechen und Juden, Freigelassene und
Sklaven waren in den oeffentlichen Versammlungen die regelmaessigsten Besucher
und die lautesten Schreier; selbst wenn es zum Stimmen ging, bestand haeufig nur
der kleinere Teil der Stimmenden aus verfassungsmaessig stimmberechtigten
Buergern. "Naechstens", heisst es in einem Briefe aus dieser Zeit, "koennen wir
erwarten, dass unsere Lakaien die Freilassungssteuer abvotieren." Die
eigentlichen Maechte des Tages waren die geschlossenen und bewaffneten Banden,
die von vornehmen Abenteurern aus fechtgewohnten Sklaven und Lumpen
aufgestellten Bataillone der Anarchie. Ihre Inhaber hatten von Haus aus
meistenteils zur Popularpartei gezaehlt; aber seit Caesars Entfernung, der der
Demokratie allein zu imponieren und allein sie zu lenken verstanden hatte, war
aus derselben alle Disziplin entwichen und jeder Parteigaenger machte Politik
auf seine eigene Hand. Am liebsten fochten diese Leute freilich auch jetzt noch
unter dem Panier der Freiheit; aber genau genommen waren sie weder demokratisch
noch antidemokratisch gesinnt, sondern schrieben auf die einmal unentbehrliche
Fahne, wie es fiel, bald den Volksnamen, bald den Namen des Senats oder den
eines Parteichefs; wie denn zum Beispiel Clodius nacheinander fuer die
herrschende Demokratie, fuer den Senat und fuer Crassus gefochten oder zu
fechten vorgegeben hat. Farbe hielten die Bandenfuehrer nur insofern, als sie
ihre persoenlichen Feinde, wie Clodius den Cicero, Milo den Clodius,
unerbittlich verfolgten, wogegen die Parteistellung ihnen nur als Schachzug in
diesen Personenfehden diente. Man koennte ebensogut ein Charivari auf Noten
setzen als die Geschichte dieses politischen Hexensabbaths schreiben wollen; es
liegt auch nichts daran, all die Mordtaten, Haeuserbelagerungen, Brandstiftungen
und sonstigen Raeuberszenen inmitten einer Weltstadt aufzuzaehlen und
nachzurechnen, wie oft die Skala vom Zischen und Schreien zum Anspeien und
Niedertreten und von da zum Steinewerfen und Schwerterzuecken durchgemacht ward.
Der Protagonist auf diesem politischen Lumpentheater war jener Publius Clodius,
dessen, wie schon erwaehnt ward, die Machthaber sich gegen Cato und Cicero
bedienten. Sich selbst ueberlassen, trieb dieser einflussreiche, talentvolle,
energische und in seinem Metier in der Tat musterhafte Parteigaenger waehrend
seines Volkstribunats (696 58) ultrademokratische Politik, gab den Staedtern das
Getreide umsonst, beschraenkte das Recht der Zensoren, sittenlose Buerger zu
bemaekeln, untersagte den Beamten, durch religioese Formalitaeten den Gang der
Komitialmaschine zu hemmen, beseitigte die Schranken, die kurz zuvor (690 64),
um dem Bandenwesen zu steuern, dem Assoziationsrecht der niederen Klassen
gesetzt worden waren, und stellte die damals aufgehobenen "Strassenklubs"
(collegia compitalicia) wieder her, welche nichts anderes waren als eine
foermliche, nach den Gassen abgeteilte und fast militaerisch gegliederte
Organisation des gesamten hauptstaedtischen Freien- oder Sklavenproletariats.
Wenn dazu noch das weitere Gesetz, das Clodius ebenfalls bereits entworfen hatte
und als Praetor 702 (52) einzubringen gedachte, den Freigelassenen und den im
tatsaechlichen Besitz der Freiheit lebenden Sklaven die gleichen politischen
Rechte mit den Freigeborenen gab, so konnte der Urheber all dieser tapferen
Verfassungsbesserungen sein Werk fuer vollendet erklaeren und als neuer Numa der
Freiheit und Gleichheit den suessen Poebel der Hauptstadt einladen, in dem auf
einer seiner Brandstaetten am Palatin von ihm errichteten Tempel der Freiheit
ihn zur Feier des eingetretenen demokratischen Millenniums das Hochamt
zelebrieren zu sehen. Natuerlich schlossen diese Freiheitsbestrebungen den
Schacher mit Buergerschaftsbeschluessen nicht aus; wie Caesar hielt auch Caesars
Affe fuer seine Mitbuerger Statthalterschaften und andere Posten und Poestchen,
fuer die untertaenigen Koenige und Staedte die Herrlichkeitsrechte des Staates
feil.
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^1 Das heisst cantorum convicio contiones celebrare (Cic. Sest. 55, 118).
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All diesen Dingen sah Pompeius zu, ohne sich zu regen. Wenn er es nicht
empfand, wie arg er damit sich kompromittierte, so empfand es sein Gegner.
Clodius ward so dreist, dass er ueber eine ganz gleichgueltige Frage, die
Ruecksendung eines gefangenen armenischen Prinzen, mit dem Regenten von Rom
geradezu anband; und bald ward der Zwist zur foermlichen Fehde, in der Pompeius'
voellige Hilflosigkeit zu Tage kam. Das Haupt des Staates wusste dem
Parteigaenger nichts anders zu begegnen als mit dessen eigenen, nur weit
ungeschickter gefuehrten Waffen. War er von Clodius wegen des armenischen
Prinzen schikaniert worden, so aergerte er ihn wieder, indem er den von Clodius
ueber alles gehassten Cicero aus dem Exil erloeste, in das ihn Clodius gesandt
hatte, und erreichte denn auch so gruendlich seinen Zweck, dass er den Gegner in
einen unversoehnlichen Feind verwandelte. Wenn Clodius mit seinen Banden die
Strassen unsicher machte, so liess der siegreiche Feldherr gleichfalls Sklaven
und Fechter marschieren, in welchen Balgereien natuerlich der General gegen den
Demagogen den kuerzeren zog, auf der Strasse geschlagen, und von Clodius und
dessen Spiessgesellen Gaius Cato in seinem Garten fast bestaendig in Belagerung
gehalten ward. Es ist nicht der am wenigsten merkwuerdige Zug in diesem
merkwuerdigen Schauspiel, dass in ihrem Hader der Regent und der Schwindler
beide wetteifernd um die Gunst der gestuerzten Regierung buhlten, Pompeius, zum
Teil auch, um dem Senat gefaellig zu sein, Ciceros Zurueckberufung zuliess,
Clodius dagegen die Julischen Gesetze fuer nichtig erklaerte und Marcus Bibulus
aufrief, deren verfassungswidrige Durchbringung oeffentlich zu bezeugen!
Ein positives Resultat konnte natuerlicherweise aus diesem Brodel trueber
Leidenschaften nicht hervorgehen; der eigentlichste Charakter desselben war eben
seine bis zum Graesslichen laecherliche Zwecklosigkeit. Selbst ein Mann von
Caesars Genialitaet hatte es erfahren muessen, dass das demokratische Treiben
vollstaendig abgenutzt war und sogar der Weg zum Thron nicht mehr durch die
Demagogie ging. Es war nichts weiter als ein geschichtlicher Lueckenbuesser,
wenn jetzt, in dem Interregnum zwischen Republik und Monarchie, irgendein toller
Geselle mit des Propheten Mantel und Stab, die Caesar selbst abgelegt hatte,
sich noch einmal staffierte und noch einmal Gaius Gracchus' grosse Ideale
parodisch verzerrt ueber die Szene gingen; die sogenannte Partei, von der diese
demokratische Agitation ausging, war so wenig eine, dass ihr spaeter in dem
Entscheidungskampf nicht einmal eine Rolle zufiel. Selbst das laesst sich nicht
behaupten, dass durch diesen anarchistischen Zustand das Verlangen nach einer
starken, auf Militaermacht gegruendeten Regierung in den Gemuetern der politisch
indifferent Gesinnten lebendig angefacht worden sei. Auch abgesehen davon, dass
diese neutrale Buergerschaft hauptsaechlich ausserhalb Roms zu suchen war und
also von dem hauptstaedtischen Krawallieren nicht unmittelbar beruehrt ward, so
waren diejenigen Gemueter, die ueberhaupt durch solche Motive sich bestimmen
liessen, schon durch fruehere Erfahrungen, namentlich die Catilinarische
Verschwoerung, gruendlich zum Autoritaetsprinzip bekehrt worden; auf die
eigentlichen Aengsterlinge aber wirkte die Furcht vor der von dem
Verfassungsumsturz unzertrennlichen, ungeheuren Krise bei weitem
nachdruecklicher als die Furcht vor der blossen Fortdauer der im Grunde doch
sehr oberflaechlichen hauptstaedtischen Anarchie. Das einzige Ergebnis
derselben, das geschichtlich in Anschlag kommt, ist die peinliche Stellung, in
die Pompeius durch die Angriffe der Clodianer geriet und durch die seine
weiteren Schritte wesentlich mitbedingt wurden.
Wie wenig Pompeius auch die Initiative liebte und verstand, so ward er doch
diesmal durch die Veraenderung seiner Stellung sowohl Clodius als Caesar
gegenueber gezwungen, aus seiner bisherigen Passivitaet herauszutreten. Die
verdriessliche und schimpfliche Lage, in die ihn Clodius versetzt hatte, musste
auf die Laenge selbst seine traege Natur zu Hass und Zorn entflammen. Aber weit
wichtiger war die Verwandlung, die in seinem Verhaeltnis zu Caesar stattgefunden
hatte. Wenn von den beiden verbuendeten Machthabern Pompeius in der
uebernommenen Taetigkeit vollkommen bankrott geworden war, so hatte Caesar aus
seiner Kompetenz etwas zu machen gewusst, was jede Berechnung wie jede
Befuerchtung weit hinter sich liess. Ohne wegen der Erlaubnis viel anzufragen,
hatte Caesar durch Aushebungen in seiner grossenteils von roemischen Buergern

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