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Rˆmische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen

Part 3 out of 11

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nachzuziehen gedenke, entschloss er sich, dies nicht zu gestatten. Die beiden
Heere lagerten hart aneinander. Waehrend der Mittagsrast brach das roemische
auf, ohne dass der Feind es bemerkte, umging ihn und besetzte die vorwaerts
liegenden und einen vom Feinde zu passierenden Engpass beherrschenden Anhoehen
am suedlichen Ufer des Flusses Lykos (Jeschil Irmak) unweit des heutigen
Enderes, da wo spaeter Nikopolis erbaut ward. Den folgenden Morgen brachen die
Pontiker in gewohnter Weise auf und, den Feind wie bisher hinter sich vermutend,
schlugen sie nach zurueckgelegtem Tagesmarsch ihr Lager eben in dem Tale, dessen
Hoehenring die Roemer besetzt hatten. Ploetzlich erscholl in der Stille der
Nacht rings im Kreise um sie der gefuerchtete Schlachtruf der Legionen und
regneten von allen Seiten die Geschosse in die asiatischen Heerhaufen, in denen
Soldaten und Tross, Wagen, Pferde, Kamele sich durcheinander schoben und in
deren dichtem Knaeuel trotz der Dunkelheit kein Geschoss fehlging. Als die
Roemer sich verschossen hatten, stuermten sie von den Hoehen herab auf die in
dem Scheine des inzwischen aufgegangen Mondes sichtbar gewordenen und fast
wehrlos ihnen preisgegebenen Scharen, und was nicht von dem Eisen der Feinde
fiel, ward in dem fuerchterlichen Gedraenge unter den Hufen und Raedern
zermalmt. Es war das letzte Schlachtfeld, auf welchem der greise Koenig mit den
Roemern gestritten hat. Mit drei Begleitern, zweien seiner Reiter und einer
Kebse, die in Maennertracht ihm zu folgen und tapfer neben ihm zu streiten
gewohnt war, entrann er von dort zu der Feste Sinoria, wo sich ein Teil seiner
Getreuen zu ihm fand. Er teilte seine hier aufbewahrten Schaetze, 6000 Talente
Goldes (11 Mill. Taler), unter sie aus, versah sie und sich mit Gift und eilte
mit dem ihm gebliebenen Haufen den Euphrat hinauf, um mit seinem Verbuendeten,
dem Grosskoenig von Armenien, sich zu vereinigen.
Auch diese Hoffnung war eitel; das Buendnis, auf das vertrauend Mithradates
den Weg nach Armenien einschlug, bestand damals bereits nicht mehr. Waehrend der
eben erzaehlten Kaempfe zwischen Mithradates und Pompeius war der Partherkoenig,
dem Draengen der Roemer und vor allem dem des landfluechtigen armenischen
Prinzen nachgebend, mit gewaffneter Hand in das Reich des Tigranes eingefallen
und hatte denselben gezwungen, sich in die unzugaenglichen Gebirge
zurueckzuziehen. Die Invasionsarmee begann sogar die Belagerung der Hauptstadt
Artaxata; allein da dieselbe sich in die Laenge zog, entfernte sich Koenig
Phraates mit dem groessten Teil seiner Truppen, worauf Tigranes das
zurueckgebliebene parthische Korps und die von seinem Sohn gefuehrten
armenischen Emigranten ueberwaeltigte und in dem ganzen Reiche seine Herrschaft
wiederherstellte. Begreiflicherweise indes war unter diesen Umstaenden der
Koenig wenig geneigt, mit den aufs neue siegreichen Roemern zu schlagen, am
wenigsten sich fuer Mithradates aufzuopfern, dem er minder traute als je, seit
ihm die Meldung zugekommen war, dass sein rebellischer Sohn beabsichtige, sich
zu dem Grossvater zu begeben. So knuepfte er mit den Roemern Unterhandlungen
ueber einen Sonderfrieden an; aber er wartete den Abschluss des Vertrages nicht
ab, um das Buendnis, das ihn an Mithradates fesselte, zu zerreissen. An der
armenischen Grenze angelangt, musste dieser vernehmen, dass der Grosskoenig
Tigranes einen Preis von 100 Talenten (150000 Taler) auf seinen Kopf gesetzt,
seine Gesandten festgenommen und sie den Roemern ausgeliefert habe. Koenig
Mithradates sah sein Reich in den Haenden des Feindes, seine Bundesgenossen im
Begriff, mit demselben sich zu vergleichen; es war nicht moeglich, den Krieg
fortzusetzen; er musste sich gluecklich schaetzen, wenn es ihm gelang, sich an
die Ost- und Nordgestade des Schwarzen Meeres zu retten, vielleicht seinen
abtruennigen und mit den Roemern in Verbindung getretenen Sohn Machares wieder
aus dem Bosporanischen Reiche zu verdraengen und an der Maeotis fuer neue
Entwuerfe einen neuen Boden zu finden. So schlug er sich nordwaerts. Als der
Koenig auf der Flucht die alte Grenze Kleinasiens, den Phasis, ueberschritten
hatte, stellte Pompeius vorlaeufig seine Verfolgung ein; statt aber in das
Quellgebiet des Euphrat zurueckzukehren, wandte er sich seitwaerts in das Gebiet
des Araxes, um mit Tigranes ein Ende zu machen. Fast ohne Widerstand zu finden
gelangte er in die Gegend von Artaxata (unweit Eriwan) und schlug drei deutsche
Meilen von der Stadt sein Lager. Daselbst fand der Sohn des Grosskoenigs sich zu
ihm, der nach dem Sturze des Vaters das armenische Diadem aus der Hand der
Roemer zu empfangen hoffte und darum den Abschluss des Vertrages zwischen seinem
Vater und den Roemern in jeder Weise zu hindern bemueht war. Der Grosskoenig war
nur um so mehr entschlossen, den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu Pferd
und ohne Purpurgewand, aber geschmueckt mit der koeniglichen Stirnbinde und dem
koeniglichen Turban erschien er an der Pforte des roemischen Lagers und
begehrte, vor den roemischen Feldherrn gefuehrt zu werden. Nachdem er hier auf
Geheiss der Liktoren, wie die roemische Lagerordnung es erheischte, sein Ross
und sein Schwert abgegeben hatte, warf er nach Barbarenart sich dem Prokonsul zu
Fuessen und legte zum Zeichen der unbedingten Unterwerfung Diadem und Tiara in
seine Haende. Pompeius, hocherfreut ueber den muehelosen Sieg, hob den
gedemuetigten Koenig der Koenige auf, schmueckte ihn wieder mit den Abzeichen
seiner Wuerde und diktierte den Frieden. Ausser einer Zahlung von 9 Mill. Talern
(6000 Talente) an die Kriegskasse und einem Geschenk an die Soldaten, wovon auf
jeden einzelnen 50 Denare (15 Taler) kamen, trat der Koenig alle gemachten
Eroberungen wieder ab, nicht bloss die phoenikischen, syrischen, kilikischen,
kappadokischen Besitzungen, sondern auch am rechten Ufer des Euphrat Sophene und
Korduene; er ward wieder beschraenkt auf das eigentliche Armenien und mit seinem
Grosskoenigtum war es von selber vorbei. In einem einzigen Feldzuge hatte
Pompeius die beiden maechtigen Koenige von Pontus und Armenien vollstaendig
unterworfen. Am Anfang des Jahres 688 (66) stand kein roemischer Soldat jenseits
der Grenze der altroemischen Besitzungen, am Schlusse desselben irrte Koenig
Mithradates landfluechtig und ohne Heer in den Schluchten des Kaukasus und sass
Koenig Tigranes auf dem armenischen Thron nicht mehr als Koenig der Koenige,
sondern als roemischer Lehnfuerst. Das gesamte kleinasiatische Gebiet westlich
vom Euphrat gehorchte den Roemern unbedingt; die siegreiche Armee nahm ihre
Winterquartiere oestlich von diesem Strom auf armenischem Boden, in der
Landschaft vom oberen Euphrat bis an den aus welchem damals zuerst die Italiker
ihre Rosse traenkten.
Aber das neue Gebiet, das die Roemer hier betraten, erweckte ihnen neue
Kaempfe. Unwillig sahen die tapferen Voelkerschaften des mittleren und
oestlichen Kaukasus die fernen Okzidentalen auf ihrem Gebiet lagern. Es wohnten
dort in der fruchtbaren und wasserreichen Hochebene des heutigen Georgien die
Iberer, eine tapfere, wohlgeordnete, ackerbauende Nation, deren Geschlechtergaue
unter ihren Aeltesten das Land nach Feldgemeinschaft bestellten, ohne
Sondereigentum der einzelnen Bauern. Heer und Volk waren eins; an der Spitze des
Volkes standen teils die Herrengeschlechter, daraus immer der Aelteste der
ganzen iberischen Nation als Koenig, der Naechstaelteste als Richter und
Heerfuehrer vorstand, teils besondere Priesterfamilien, denen vornehmlich oblag,
die Kunde der mit anderen Voelkern geschlossenen Vertraege zu bewahren und ueber
deren Einhaltung zu wachen. Die Masse der Unfreien galten als Leibeigene des
Koenigs. Auf einer weit niedrigeren Kulturstufe standen ihre oestlichen
Nachbarn, die Albaner oder Alaner, die am unteren Kur bis zum Kaspischen Meere
hinab sassen. Vorwiegend ein Hirtenvolk, weideten sie, zu Fuss oder zu Pferde,
ihre zahlreichen Herden auf den ueppigen Wiesen des heutigen Schirwan; die
wenigen Ackerfelder wurden noch mit dem alten Holzpflug ohne eiserne Schar
bestellt. Muenze war unbekannt und ueber hundert ward nicht gezaehlt. Jeder
ihrer Staemme, deren sechsundzwanzig waren, hatten seinen eigenen Haeuptling und
sprach seinen besonderen Dialekt. An Zahl den Iberern weit ueberlegen,
vermochten sich die Albaner an Tapferkeit durchaus nicht mit denselben zu
messen. Die Fechtart beider Nationen war uebrigens im ganzen die gleiche: sie
stritten vorwiegend mit Pfeilen und leichten Wurfspiessen, die sie haeufig nach
Indianerart aus Waldverstecken, hinter Baumstaemmen hervor oder von den
Baumwipfeln herab, auf den Feind entsendeten; die Albaner hatten auch
zahlreiche, zum Teil nach medisch-armenischer Art mit schweren Kuerassen und
Schienen gepanzerte Reiter. Beide Nationen lebten auf ihren Aeckern und Triften
in vollkommener, seit unvordenklicher Zeit bewahrter Unabhaengigkeit. Den
Kaukasus scheint gleichsam die Natur selbst zwischen Europa und Asien als Damm
gegen die Voelkerfluten aufgerichtet zu haben: an ihm hatten einst die Waffen
des Kyros wie die Alexanders ihre Grenze gefunden; jetzt schickte die tapfere
Besatzung dieser Scheidewand sich an, sie auch gegen die Roemer zu verteidigen.
Aufgeschreckt durch die Kunde, dass der roemische Oberfeldherr im naechsten
Fruehjahr das Gebirge zu ueberschreiten und den pontischen Koenig jenseits des
Kaukasus zu verfolgen beabsichtige - den Mithradates, vernahm man, ueberwinterte
in Dioskurias (Iskuria zwischen Suchum Kale und Anaklia) am Schwarzen Meer -,
ueberschritten zuerst die Albaner unter dem Fuersten Oroizes noch im Mittwinter
688/89 (66/65) den Kur und warfen sich auf das der Verpflegung wegen in drei
groessere Korps unter Quintus Metellus Celer, Lucius Flaccus und Pompeius selbst
auseinander gelegte Heer. Aber Celer, den der Hauptangriff traf, hielt tapfer
stand und Pompeius selbst verfolgte, nachdem er sich des gegen ihn geschickten
Haufens entledigt, die auf allen Punkten geschlagenen Barbaren bis an den Kur.
Der Koenig der Iberer, Artokes, hielt sich ruhig und versprach Frieden und
Freundschaft; allein Pompeius, davon benachrichtigt, dass er insgeheim rueste,
um die Roemer bei ihrem Marsche in den Paessen des Kaukasus zu ueberfallen,
rueckte im Fruehjahr 689 (65), bevor er die Verfolgung des Mithradates
wiederaufnahm, vor die beiden kaum eine halbe deutsche Meile voneinander
entfernten Festungen Harmozika (Horumziche oder Armazi) und Seusamora (Tsumar),
welche wenig oberhalb des heutigen Tiflis die beiden Flusstaeler des Kur und
seines Nebenflusses Aragua und damit die einzigen von Armenien nach Iberien
fuehrenden Paesse beherrschen. Artokes, eher er dessen sich versah, vom Feinde
ueberrascht, brannte eiligst die Kurbruecke ab und wich unterhandelnd in das
innere Land zurueck. Pompeius besetzte die Festungen und folgte den Iberern auf
das andere Ufer des Kur, wodurch er sie zu sofortiger Unterwerfung zu bestimmen
hoffte. Artokes aber wich weiter und weiter in das innere Land zurueck, und als
er endlich am Fluss Peloros Halt machte, geschah es nicht, um sich zu ergeben,
sondern um zu schlagen. Allein dem Anprall der Legionen standen doch die
iberischen Schuetzen keinen Augenblick, und da Artokes auch den Peioros von den
Roemern ueberschritten sah, fuegte er sich endlich den Bedingungen, die der
Sieger stellte, und sandte seine Kinder als Geiseln. Pompeius marschierte jetzt,
seinem frueher entworfenen Plane gemaess, durch den Sarapanapass aus dem Gebiet
des Kur in das des Phasis und von da am Flusse hinab an das Schwarze Meer, wo an
der kolchischen Kueste die Flotte unter Servilius bereits seiner harrte. Aber es
war ein unsicherer Gedanke und fast ein wesenloses Ziel, dem zuliebe man Heer
und Flotte an den maerchenreichen kolchischen Strand gefuehrt hatte. Der soeben
muehselig zurueckgelegte Zug durch unbekannte und meist feindliche Nationen war
nichts, verglichen mit dem, der noch bevorstand; und wenn es denn wirklich
gelang, von der Phasismuendung aus die Streitmacht nach der Krim zu fuehren,
durch kriegerische und arme Barbarenstaemme, auf unwirtlichen und unbekannten
Gewaessern, laengs einer Kueste, wo an einzelnen Stellen die Gebirge lotrecht in
die See hinabfallen und es schlechterdings notwendig gewesen waere, die Schiffe
zu besteigen; wenn es gelang, diesen Zug zu vollenden, der vielleicht
schwieriger war als die Heerfahrten Alexanders und Hannibals - was ward im
besten Falle damit erzielt, das irgend den Muehen und Gefahren entsprach?
Freilich war der Krieg nicht geendigt, solange der alte Koenig noch unter den
Lebenden war; aber wer buergte dafuer, dass es wirklich gelang, das koenigliche
Wild zu fangen, um dessentwillen diese beispiellose Jagd angestellt werden
sollte? War es nicht besser, selbst auf die Gefahr hin, dass Mithradates noch
einmal die Kriegsfackel nach Kleinasien schleudere, von einer Verfolgung
abzustehen, die so wenig Gewinn und so viele Gefahren verhiess? Wohl draengten
den Feldherrn zahlreiche Stimmen im Heer, noch zahlreichere in der Hauptstadt,
die Verfolgung unablaessig und um jeden Preis fortzusetzen; aber es waren
Stimmen teils tolldreister Hitzkoepfe, teils derjenigen perfiden Freunde, die
den allzumaechtigen Imperator gern um jeden Preis von der Hauptstadt
ferngehalten und ihn im Osten in unabsehbare Unternehmungen verwickelt haetten.
Pompeius war ein zu erfahrener und zu bedaechtiger Offizier, um im hartnaeckigen
Festhalten an einer so unverstaendigen Expedition seinen Ruhm und sein Heer auf
das Spiel zu setzen; ein Aufstand der Albaner im Ruecken des Heeres gab den
Vorwand her, um die weitere Verfolgung des Koenigs aufzugeben und die Rueckkehr
anzuordnen. Die Flotte erhielt den Auftrag, in dem Schwarzen Meer zu kreuzen,
die kleinasiatische Nordkueste gegen jeden feindlichen Einfall zu decken, den
Kimmerischen Bosporus aber streng zu blockieren unter Androhung der Lebensstrafe
fuer jeden Kauffahrer, der die Blockade brechen wuerde. Die Landtruppen fuehrte
Pompeius nicht ohne grosse Beschwerden durch das kolchische und armenische
Gebiet an den unteren Lauf des Kur und weiter, den Strom ueberschreitend, in die
albanische Ebene. Mehrere Tage musste das roemische Heer in der gluehenden Hitze
durch dies wasserarme Blachland marschieren, ohne auf den Feind zu treffen; erst
am linken Ufer des Abas (wahrscheinlich der sonst Alazonios, jetzt Alasan
genannte Fluss) stellte unter Fuehrung des Koses, Bruders des Koenigs Oroizes,
sich die Streitmacht der Albaner den Roemern entgegen; sie soll mit Einschluss
des von den transkaukasischen Steppenbewohnern eingetroffenen Zuzuges 60000 Mann
zu Fuss und 12000 Reiter gezaehlt haben. Dennoch haette sie schwerlich den Kampf
gewagt, wenn sie nicht gemeint haette, bloss mit der roemischen Reiterei fechten
zu sollen; aber die Reiter waren nur vorangestellt und wie diese sich
zurueckzogen, zeigten sich dahinter verborgen die roemischen Infanteriemassen.
Nach kurzem Kampfe war das Heer der Barbaren in die Waelder versprengt, die
Pompeius zu umstellen und anzuzuenden befahl. Die Albaner bequemten sich
hierauf, Frieden zu machen und dem Beispiele der maechtigeren Voelker folgend,
schlossen alle zwischen dem Kur und dem Kaspischen Meer sitzenden Staemme mit
dem roemischen Feldherrn Vertrag ab. Die Albaner, Iberer und ueberhaupt die
suedlich am und unter dem Kaukasus ansaessigen Voelkerschaften traten also
wenigstens fuer den Augenblick in ein abhaengiges Verhaeltnis zu Rom. Wenn
dagegen auch die Voelker zwischen dem Phasis und der Maeotis, Kolcher, Soaner,
Heniocher, Zyger, Achaeer, sogar die fernen Bastarner dem langen Verzeichnis der
von Pompeius unterworfenen Nationen eingereiht wurden, so nahm man dabei
offenbar es mit dem Begriff der Unterwerfung sehr wenig genau. Der Kaukasus
bewaehrte sich abermals in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung; wie die
persische und die hellenische fand auch die roemische Eroberung an ihm ihre
Grenze.
So blieb denn Koenig Mithradates sich selbst und dem Verhaengnis
ueberlassen. Wie einst sein Ahnherr, der Gruender des Pontischen Staates, sein
kuenftiges Reich zuerst betreten hatte, fluechtend vor den Haeschern des
Antigonos und nur von sechs Reitern begleitet, so hatte nun der Enkel die
Grenzen seines Reiches wieder ueberschreiten und seine und seiner Vaeter
Eroberungen mit dem Ruecken ansehen muessen. Aber die Wuerfel des Verhaengnisses
hatten keinem oefter und launenhafter die hoechsten Gewinste und die
gewaltigsten Verluste zugeworfen als dem alten Sultan von Sinope, und rasch und
unberechenbar wechseln die Geschicke im Osten. Wohl mochte Mithradates jetzt am
Abend seines Lebens jeden neuen Wechselfall mit dem Gedanken hinnehmen, dass
auch er nur wieder einen neuen Umschwung vorbereite und das einzig Stetige der
ewige Wandel der Geschicke sei. War doch die roemische Herrschaft der Orientalen
im tiefsten Grunde ihres Wesens unertraeglich und Mithradates selbst, im Guten
wie im Boesen, der rechte Fuerst des Ostens; bei der Schlaffheit des Regiments,
wie der roemische Senat es ueber die Provinzen uebte, und bei dem gaerenden und
zum Buergerkriege reifenden Hader der politischen Parteien in Rom konnte
Mithradates, wenn es ihm glueckte, seine Zeit abzuwarten, gar wohl noch zum
drittenmal seine Herrschaft wiederherstellen. Darum eben, weil er hoffte und
plante, solange Leben in ihm war, blieb er den Roemern gefaehrlich, solange er
lebte, als landfluechtiger Greis nicht minder wie da er mit seinen
Hunderttausenden ausgezogen war, um Hellas und Makedonien den Roemern zu
entreissen. Der rastlose alte Mann gelangte im Jahre 689 (85) von Dioskurias
unter unsaeglichen Beschwerden teils zu Lande, teils zur See in das Reich von
Pantikapaeon, stuerzte hier durch sein Ansehen und sein starkes Gefolge seinen
abtruennigen Sohn Machares vom Thron und zwang ihn, sich selber den Tod zu
geben. Von hier aus versuchte er noch einmal, mit den Roemern zu unterhandeln;
er bat, ihm sein vaeterliches Reich zurueckzugeben und erklaerte sich bereit,
die Oberhoheit Roms anzuerkennen und als Lehnfuerst Zins zu entrichten. Allein
Pompeius weigerte sich, dem Koenig eine Stellung zu gewaehren, in der er das
alte Spiel aufs neue begonnen haben wuerde, und bestand darauf, dass er sich
persoenlich unterwerfe. Mithradates aber dachte nicht daran, sich dem Feinde in
die Haende zu liefern, sondern entwarf neue und immer ausschweifendere Plaene.
Mit Anspannung aller der Mittel, die seine geretteten Schaetze und der Rest
seiner Staaten ihm darboten, ruestete er ein neues, zum Teil aus Sklaven
bestehendes Heer von 36000 Mann, das er nach roemischer Art bewaffnete und
einuebte, und eine Kriegsflotte; dem Geruecht zufolge beabsichtigte er durch
Thrakien, Makedonien und Pannonien westwaerts zu ziehen, die Skythen in den
sarmatischen Steppen, die Kelten an der Donau als Bundesgenossen mit sich
fortzureissen und mit dieser Voelkerlawine sich auf Italien zu stuerzen. Man hat
dies wohl grossartig gefunden und den Kriegsplan des pontischen Koenigs mit dem
Heereszug Hannibals verglichen; aber derselbe Entwurf, der in einem genialen
Geiste genial ist, wird eine Torheit in einem verkehrten. Diese beabsichtigte
Invasion der Orientalen in Italien war einfach laecherlich und nichts als die
Ausgeburt einer ohnmaechtigen phantasierenden Verzweiflung. Durch die
vorsichtige Kaltbluetigkeit ihres Fuehrers blieben die Roemer davor bewahrt, dem
abenteuerlichen Gegner abenteuernd zu folgen und in der fernen Krim einen
Angriff abzuwehren, dem, wenn er nicht in sich selber erstickte, immer noch
frueh genug am Fusse der Alpen begegnet ward. In der Tat, waehrend Pompeius,
ohne weiter um die Drohungen des ohnmaechtigen Riesen sich zu bekuemmern, das
gewonnene Gebiet zu ordnen beschaeftigt war, erfuellten ohne sein Zutun sich im
entlegenen Norden die Geschicke des greisen Koenigs. Die unverhaeltnismaessigen
Ruestungen hatten unter den Bosporanern, denen man die Haeuser einriss, die
Ochsen vom Pflug spannte und niederstiess, um Balken und Flechsen zum
Maschinenbau zu gewinnen, die heftigste Gaerung hervorgerufen. Auch die Soldaten
gingen unlustig an die hoffnungslose italische Expedition. Stets war Mithradates
umgeben gewesen von Argwohn und Verrat; er hatte nicht die Gabe, Liebe und Treue
bei den Seinigen zu erwecken. Wie er in frueheren Jahren seinen ausgezeichneten
Feldherrn Archelaos genoetigt hatte, im roemischen Lager Schutz zu suchen, wie
waehrend der Feldzuege Luculls seine vertrautesten Offiziere Diokles, Phoenix,
sogar die namhaftesten roemischen Emigranten zum Feind uebergegangen waren, so
folgte jetzt, wo sein Stern erblich und der alte, kranke, verbitterte Sultan
keinem mehr als seinen Verschnittenen zugaenglich war, noch rascher Abfall auf
Abfall. Der Kommandant der Festung Phanagoria (auf der asiatischen Kueste
Kertsch gegenueber), Kastor, erhob zuerst die Fahne des Aufstandes; er
proklamierte die Freiheit der Stadt und lieferte die in der Festung befindlichen
Soehne Mithradats in die Haende der Roemer. Waehrend unter den bosporanischen
Staedten der Aufstand sich ausbreitete, Chersonesos (unweit Sevastopol),
Theudosia (Kaffa) und andere sich den Phanagoriten anschlossen, liess der Koenig
seinem Argwohn und seiner Grausamkeit den Lauf. Auf die Anzeige veraechtlicher
Eunuchen hin wurden seine Vertrautesten an das Kreuz geschlagen; die eigenen
Soehne des Koenigs waren ihres Lebens am wenigsten sicher. Derjenige von ihnen,
der des Vaters Liebling und wahrscheinlich von ihm zum Nachfolger bestimmt war,
Pharnakes, entschloss sich und trat an die Spitze des Insurgenten. Die Haescher,
welche Mithradates sandte, um ihn zu verhaften, die gegen ihn ausgeschickten
Truppen gingen zu ihm ueber; das Korps der italischen Ueberlaeufer, vielleicht
der tuechtigste unter den Mithradatischen Heerhaufen und ebendarum am wenigsten
geneigt, die abenteuerliche und fuer die Ueberlaeufer besonders bedenkliche
Expedition gegen Italien mitzumachen, erklaerte sich in Masse fuer den Prinzen;
die uebrigen Heerabteilungen und die Flotte folgten dem gegebenen Beispiel.
Nachdem die Landschaft und die Armee den Koenig verlassen hatten, oeffnete
endlich auch die Hauptstadt Pantikapaeon den Insurgenten die Tore und
ueberlieferte ihnen den alten, in seinem Palaste eingeschlossenen Koenig. Von
der hohen Mauer seiner Burg flehte dieser den Sohn an, ihm wenigstens das Leben
zu gewaehren und nicht in das Blut des Vaters die Haende zu tauchen; aber die
Bitte klang uebel aus dem Munde eines Mannes, an dessen eigenen Haenden das Blut
der Mutter und das frisch vergossene seines unschuldigen Sohnes Xiphares klebte,
und in seelenloser Haerte und Unmenschlichkeit uebertraf Pharnakes noch seinen
Vater. Da es nun also zum Tode ging, so beschloss der Sultan, wenigstens zu
sterben, wie er gelebt hatte: seine Frauen, seine Kebse und seine Toechter,
unter diesen die jugendlichen Braeute der Koenige von Aegypten und Kypros, sie
alle mussten die Bitterkeit des Todes erleiden und den Giftbecher leeren, bevor
auch er denselben nahm und dann, da der Trank nicht schnell genug wirkte, einem
keltischen Soeldner Betuitus den Nacken zum toedlichen Streiche darbot. So starb
im Jahre 691 (63) Mithradates Eupator, im achtundsechzigsten Jahre seines
Lebens, im siebenundfuenfzigsten seiner Regierung, sechsundzwanzig Jahre nachdem
er zum ersten Male gegen die Roemer ins Feld gezogen war. Die Leiche, die Koenig
Pharnakes als Belegstueck seiner Verdienste und seiner Loyalitaet an Pompeius
sandte, ward auf dessen Anordnung beigesetzt in den Koenigsgraebern von Sinope.
Mithradates' Tod galt den Roemern einem Siege gleich: lorbeerbekraenzt, als
haetten sie einen solchen zu melden, erschienen die Boten, welche dem Feldherrn
die Katastrophe berichteten, im roemischen Lager von Jericho. Ein grosser Feind
ward mit ihm zu Grabe getragen, ein groesserer, als je noch in dem schlaffen
Osten einer den Roemern erstanden war. Instinktmaessig fuehlte es die Menge; wie
einst Scipio mehr noch ueber Hannibal als ueber Karthago triumphiert hatte, so
wurde auch die Ueberwindung der zahlreichen Staemme des Ostens und des
Grosskoenigs selbst fast vergessen ueber Mithradates' Tod, und bei Pompeius'
feierlichem Einzug zog nichts mehr die Blicke der Menge auf sich als die
Schildereien, in denen man den Koenig Mithradates als Fluechtling sein Pferd am
Zuegel fuehren, dann ihn sterbend zwischen den Leichen seiner Toechter
niedersinken sah. Wie man auch ueber die Eigenartigkeit des Koenigs urteilen
mag, er ist eine bedeutende, im vollen Sinne des Wortes weltgeschichtliche
Gestalt. Er war keine geniale, wahrscheinlich nicht einmal eine reichbegabte
Persoenlichkeit; aber er besass die sehr respektable Gabe zu hassen, und mit
diesem Hasse hat er den ungleichen Kampf gegen die uebermaechtigen Feinde ein
halbes Jahrhundert hindurch zwar ohne Erfolg, aber mit Ehren bestanden.
Bedeutungsvoller noch als durch seine Individualitaet ward er durch den Platz,
auf den die Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorlaeufer der nationalen
Reaktion des Orients gegen die Okzidentalen hat er den neuen Kampf des Ostens
gegen den Westen eroeffnet; und das Gefuehl, dass man mit seinem Tode nicht am
Ende, sondern am Anfang sei, blieb den Besiegten wie den Siegern.
Pompeius inzwischen war, nachdem er im Jahre 689 (65) mit den Voelkern des
Kaukasus gekriegt hatte, zurueckgegangen in das Pontische Reich und bezwang
daselbst die letzten noch Widerstand leistenden Schloesser, welche, um dem
Raeuberunwesen zu steuern, geschleift, die Schlossbrunnen durch hineingewaelzte
Felsbloecke unbrauchbar gemacht wurden. Von da brach er im Sommer 690 (64) nach
Syrien auf, um dessen Verhaeltnisse zu ordnen.
Es ist schwierig, den aufgeloesten Zustand, in dem die syrischen
Landschaften damals sich befanden, anschaulich darzulegen. Zwar hatte infolge
der Angriffe Luculls der armenische Statthalter Magadates im Jahre 685 (69),
diese Provinzen geraeumt, und auch die Ptolemaeer, so gern sie die Versuche
ihrer Vorfahren, die syrische Kueste zu ihrem Reiche zu fuegen, erneuert haben
wuerden, scheuten sich doch, durch die Okkupation Syriens die roemische
Regierung zu reizen, um so mehr als diese noch nicht einmal fuer Aegypten ihren
mehr als zweifelhaften Rechtstitel reguliert hatte und von den syrischen Prinzen
mehrfach angegangen worden war, sie als die legitimen Erben des erloschenen
Lagidenhauses anzuerkennen. Aber wenn auch die groesseren Maechte sich
augenblicklich saemtlich der Einmischung in die Angelegenheiten Syriens
enthielten, so litt das Land doch weit mehr, als es unter einem grossen Krieg
haette leiden koennen, durch die end- und ziellosen Fehden der Fuersten, Ritter
und Staedte. Die faktischen Herren im Seleukidenreich waren derzeit die
Beduinen, die Juden und die Nabataeer. Die unwirtliche, quell- und baumlose
Sandsteppe, die von der Arabischen Halbinsel aus bis an und ueber den Euphrat
sich hinziehend gegen Westen bis an den syrischen Gebirgszug und seinen schmalen
Kuestensaum, gegen Osten bis zu den reichen Niederungen des Tigris und des
unteren Euphrat reicht, diese asiatische Sahara ist die uralte Heimat der Soehne
Ismaels; seit es eine Ueberlieferung gibt, finden wir dort den "Bedawin", den
"Sohn der Wueste", seine Zelte schlagen und seine Kamele weiden oder auch auf
seinem geschwinden Ross Jagd machen, bald auf den Stammfeind, bald auf den
wandernden Handelsmann. Beguenstigt frueher durch Koenig Tigranes, der sich
ihrer fuer seine handelspolitischen Plaene bediente, nachher durch die
vollstaendige Meisterlosigkeit in dem syrischen Lande, breiteten diese Kinder
der Wueste ueber das noerdliche Syrien sich aus; namentlich spielten diejenigen
Staemme hier politisch fast die erste Rolle, die durch die Nachbarschaft der
zivilisierten Syrer die ersten Anfaenge einer geordneten Existenz in sich
aufgenommen hatten. Die namhaftesten unter diesen Emiren waren Abgaros, der
Haeuptling des Araberstammes der Mardaner, den Tigranes um Edessa und Karrhae im
oberen Mesopotamien angesiedelt hatte; dann westlich vom Euphrat Sampsikeramos,
Emir der Araber von Hemesa (Homs) zwischen Damaskos und Antiocheia und Herr der
starken Festung Arethusa; Azizos, das Haupt einer anderen, in derselben Gegend
streifenden Horde; Alchaudonios, der Fuerst der Rhambaeer, der schon mit
Lucullus sich in Verbindung gesetzt hatte, und andere mehr. Neben diesen
Beduinenfuersten waren ueberall dreiste Gesellen aufgetreten, die es den Kindern
der Wueste in dem edlen Gewerbe der Wegelagerung gleich- oder auch zuvortaten:
so Ptolemaeos Mennaeos' Sohn, vielleicht der maechtigste unter diesen syrischen
Raubrittern und einer der reichsten Maenner dieser Zeit, der ueber das Gebiet
der Ityraeer - der heutigen Drusen - in den Taelern des Libanos wie an der
Kueste und ueber die noerdlich vorliegende Marsyasebene mit den Staedten
Heliopolis (Baalbek) und Chalkis gebot und 8000 Reiter aus seiner Tasche
besoldete; so Dionaysios und Kinyras, die Herren der Seestaedte Tripolis
(Tarablus) und Byblos (zwischen Tarablus und Beirut); so der Jude Silas in
Lysias, einer Festung unweit Apameia am Orontes.
Im Sueden Syriens dagegen schien der Stamm der Juden sich um diese Zeit zu
einer politischen Macht konsolidieren zu wollen. Durch die fromme und kuehne
Verteidigung des uralten juedischen Nationalkultus, den der nivellierende
Hellenismus der syrischen Koenige bedrohte, war das Geschlecht der Hasmonaeer
oder der Makkabi nicht bloss zum erblichen Prinzipal und allmaehlich zu
koeniglichen Ehren gelangt, sondern es hatten auch die fuerstlichen Hochpriester
erobernd nach Norden, Osten und Sueden um sich gegriffen. Als der tapfere
Jannaeos Alexandros starb (675 79) erstreckte sich das Juedische Reich gegen
Sueden ueber das ganze philistaeische Gebiet bis an die aegyptische Grenze,
gegen Suedosten bis an die des Nabataeerreiches von Petra, von welchem Jannaeos
betraechtliche Strecken am rechten Ufer des Jordan und des Toten Meeres
abgerissen hatte, gegen Norden ueber Samaria und die Dekapolis bis zum See
Genezareth; schon machte er hier Anstalt, Ptolemais (Acco) einzunehmen und die
Uebergriffe der Ityraeer erobernd zurueckzuweisen. Die Kueste gehorchte den
Juden vom Berg Karmel bis nach Rhinokorura mit Einschluss des wichtigen Gaza -
nur Askalon war noch frei -, so dass das einst vom Meer fast abgeschnittene
Gebiet der Juden jetzt mit unter den Freistaetten der Piraterie aufgefuehrt
werden konnte. Wahrscheinlich haetten, zumal da der armenische Sturm, eben als
er sich den Grenzen Judaeas nahte, durch Lucullus' Dazwischenkunft von dieser
Landschaft abgewendet ward, die begabten Herrscher des Hasmonaeischen Hauses
ihre Waffen noch weiter getragen, wenn nicht die Machtentwicklung dieses
merkwuerdigen, erobernden Priesterstaates durch innere Spaltungen im Keime
geknickt worden waere. Der konfessionelle und der nationale
Unabhaengigkeitssinn, deren energische Vereinigung den Makkabaeerstaat ins Leben
gerufen hatte, traten rasch wieder aus- und sogar gegeneinander. Der juedischen
Orthodoxie oder dem sogenannten Pharisaeismus genuegte die freie
Religionsuebung, wie sie den syrischen Herrschern abgetrotzt worden war; ihr
praktisches Ziel war eine von dem weltlichen Regiment wesentlich absehende, aus
den Orthodoxen in aller Herren Laendern zusammengesetzte Judengemeinschaft,
welche in der jedem gewissenhaften Juden obliegenden Steuer fuer den Tempel zu
Jerusalem und in den Religionsschulen und geistlichen Gerichten ihre sichtbaren
Vereinigungspunkte fand. Dieser von dem staatlichen Leben sich abwendenden, mehr
und mehr in theologischer Gedankenlosigkeit und peinlichem Zeremonialdienst
erstarrenden Orthodoxie gegenueber standen die Vertreter der nationalen
Unabhaengigkeit, erstarkt in den gluecklichen Kaempfen gegen die
Fremdherrschaft, vorschreitend zu dem Gedanken einer Wiederherstellung des
juedischen Staates, die Vertreter der alten grossen Geschlechter, die
sogenannten Sadduzaeer, teils dogmatisch, indem sie nur die heiligen Buecher
selber gelten liessen und den Vermaechtnissen der Schriftgelehrten, das ist der
kanonischen Tradition, nur Autoritaet, nicht Kanonizitaet zusprachen ^2; teils
und vor allem politisch, indem sie anstatt des fatalistischen Zuwartens auf den
starken Arm des Herrn Zebaoth das Heil der Nation erwarten lehrten von den
Waffen dieser Welt und von der innerlichen und aeusserlichen Staerkung des in
den glorreichen Makkabaeerzeiten wiederaufgerichteten Davidischen Reiches. Jene
Orthodoxen fanden ihren Halt in der Priesterschaft und der Menge; sie bestritten
den Hasmonaeern die Legitimitaet ihrer Hohenpriesterschaft und fochten gegen die
boesen Ketzer mit der ganzen ruecksichtslosen Unversoehnlichkeit, womit die
Frommen fuer den Besitz irdischer Gueter zu streiten gewohnt sind. Die
staatliche Partei dagegen stuetzte sich auf die von den Einfluessen des
Hellenismus beruehrte Intelligenz, auf das Heer, in dem zahlreiche pisidische
und kilikische Soeldner dienten, und auf die tuechtigeren Koenige, welche hier
mit der Kirchengewalt rangen, aehnlich wie ein Jahrtausend spaeter die
Hohenstaufen mit dem Papsttum. Mit starker Hand hatte Jannaeos die
Priesterschaft niedergehalten; unter seinen beiden Soehnen kam es (685f. 69) zu
einem Buerger- und Bruderkrieg, indem die Pharisaeer sich dem kraeftigen
Aristobulos widersetzten und versuchten, unter der nominellen Herrschaft seines
Bruders, des gutmuetigen und schlaffen Hyrkanos, ihre Zwecke zu erreichen.
Dieser Zwist brachte nicht bloss die juedischen Eroberungen ins Stocken, sondern
gab auch auswaertigen Nationen Gelegenheit, sich einzumischen und dadurch im
suedlichen Syrien eine gebietende Stellung zu gewinnen. Zunaechst gilt dies von
den Nabataeern. Diese merkwuerdige Nation ist oft mit ihren oestlichen Nachbarn,
den schweifenden Arabern, zusammengeworfen worden, aber naeher als den
eigentlichen Kindern Ismaels ist sie dem aramaeischen Zweige verwandt. Dieser
aramaeische oder, nach der Benennung der Okzidentalen, syrische Stamm muss von
seinen aeltesten Sitzen um Babylon, wahrscheinlich des Handels wegen, in sehr
frueher Zeit eine Kolonie an die Nordspitze des Arabischen Meerbusens
ausgefuehrt haben: dies sind die Nabataeer auf der Sinaitischen Halbinsel
zwischen dem Golf von Suez und Aila und in der Gegend von Petra (Wadi Musa). In
ihren Haefen wurden die Waren vom Mittelmeer gegen indische umgesetzt; die
grosse suedliche Karawanenstrasse, die von Gaza zur Euphratmuendung und dem
Persischen Meerbusen lief, fuehrte durch die Hauptstadt der Nabataeer Petra,
deren heute noch prachtvolle Felspalaeste und Felsengraeber deutlicheres Zeugnis
von der nabataeischen Zivilisation ablegen als die fast verschollene
Ueberlieferung. Die Pharisaeerfuehrer, denen nach Priesterart der Sieg ihrer
Partei um den Preis der Unabhaengigkeit und Integritaet des Landes nicht zu
teuer erkauft schien, ersuchten den Koenig der Nabataeer, Aretas, um Hilfe gegen
Aristobulos, wofuer sie alle von Jannaeos ihm entrissenen Eroberungen an ihn
zurueckzugeben verhiessen. Daraufhin war Aretas mit angeblich 50000 Mann in das
juedische Land eingerueckt und, verstaerkt durch den Anhang der Pharisaeer,
hielt er den Koenig Aristobulos in seiner Hauptstadt belagert.
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^2 So verwarfen die Sadduzaeer die Engel- und Geisterlehre und die
Auferstehung der Toten. Die meisten ueberlieferten Differenzpunkte zwischen
Pharisaeern und Sadduzaeern beziehen sich auf untergeordnete rituelle,
juristische und Kalenderfragen. Charakteristisch ist es, dass die siegenden
Pharisaeer diejenigen Tage, an denen sie in den einzelnen Kontroversen definitiv
die Oberhand behalten oder ketzerische Mitglieder aus dem Oberkonsistorium
ausgestossen hatten, in das Verzeichnis der Gedenk- und Festtage der Nation
eingetragen haben.
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Unter dem Faust- und Fehderecht, die also von einem Ende Syriens zum andern
herrschten, litten natuerlich vor allen Dingen die groesseren Staedte, wie
Antiocheia, Seleukeia, Damaskos, deren Buerger in ihrem Feldbau wie in ihrem
See- und Karawanenhandel sich gelaehmt sahen. Die Buerger von Byblos und Berytos
(Beirut) vermochten weder ihre Aecker noch ihre Schiffe vor den Ityraeern zu
schuetzen, die von ihren Berg- und Seekastellen aus Land und Meer gleich
unsicher machten. Die von Damaskos suchten der Angriffe der Ityraeer und des
Ptolemaeos dadurch sich zu erwehren, dass sie sich den entfernteren Koenigen der
Nabataeer oder der Juden zu eigen gaben. In Antiocheia mischten sich
Sampsikeramos und Azizos in die inneren Fehden der Buergerschaft und fast waere
die hellenische Grossstadt schon jetzt der Sitz eines arabischen Emirs geworden.
Es waren Zustaende, die an die koeniglosen Zeiten des deutschen Mittelalters
erinnern, als Nuernberg und Augsburg nicht in des Koenigs Recht und Gericht,
sondern einzig in ihren Waellen noch Schutz fanden; ungeduldig harrten die
syrischen Kaufbuerger des starken Arms, der ihnen Frieden und Verkehrssicherheit
wiedergab. An einem legitimen Koenig uebrigens fehlte es in Syrien nicht; man
hatte deren sogar zwei oder drei. Ein Prinz Antiochos aus dem Hause der
Seleukiden war von Lucullus als Herr der noerdlichsten syrischen Provinz
Kommagene eingesetzt worden, Antiochos der Asiate, dessen Ansprueche auf den
syrischen Thron sowohl bei dem Senat als bei Lucullus Anerkennung gefunden
hatten, war nach dem Abzug der Armenier in Antiocheia aufgenommen und daselbst
als Koenig anerkannt worden. Ihm war dort sogleich ein dritter Seleukidenprinz,
Philippos, als Nebenbuhler entgegengetreten, und es hatte die grosse, fast wie
die alexandrinische bewegliche und oppositionslustige Buergerschaft von
Antiocheia sowie dieser und jener benachbarte arabische Emir sich eingemischt in
den Familienzwist, der nun einmal von der Herrschaft der Seleukiden
unzertrennlich schien. War es ein Wunder, dass die Legitimitaet den Untertanen
zum Spott und zum Ekel ward und dass die sogenannten rechtmaessigen Koenige noch
etwas weniger im Lande galten als die kleinen Fuersten und Raubritter?
In diesem Chaos Ordnung zu schaffen, bedurfte es weder genialer
Konzeptionen noch gewaltiger Machtentfaltung, wohl aber der klaren Einsicht in
die Interessen Roms und seiner Untertanen, und der kraeftigen und folgerechten
Aufrichtung und Aufrechthaltung der als notwendig erkannten Institutionen. Die
Legitimitaetspolitik des Senats hatte sich sattsam prostituiert; den Feldherrn,
den die Opposition ans Regiment gebracht, durften nicht dynastische Ruecksichten
leiten, sondern er hatte einzig darauf zu sehen, dass das Syrische Reich in
Zukunft weder durch Zwist der Praetendenten noch durch die Begehrlichkeit der
Nachbarn der roemischen Klientel entzogen werde. Dazu aber gab es nur einen Weg:
dass die roemische Gemeinde durch einen von ihr gesandten Satrapen mit
kraeftiger Hand die Zuegel der Regierung erfasse, die den Koenigen des
regierenden Hauses mehr noch durch eigene Verschuldung als durch aeussere
Unfaelle seit langem tatsaechlich entglitten waren. Den Weg schlug Pompeius ein.
Antiochos der Asiate erhielt auf seine Bitte, ihn als den angestammten Herrscher
Syriens anzuerkennen, die Antwort, dass Pompeius einem Koenige, der sein Reich
weder zu behaupten noch zu regieren wisse, die Herrschaft nicht einmal auf die
Bitte seiner Untertanen, geschweige denn gegen deren bestimmt ausgesprochene
Wuensche zurueckgeben werde. Mit diesem Briefe des roemischen Prokonsuls war das
Haus des Seleukos von dem Throne gestossen, den es seit zweihundertfuenfzig
Jahren eingenommen hatte. Antiochos verlor bald darauf sein Leben durch die
Hinterlist des Emirs Sampsikeramos, als dessen Klient er in Antiocheia den Herrn
spielte; seitdem ist von diesen Schattenkoenigen und ihren Anspruechen nicht
weiter die Rede. Wohl aber war es, um das neue roemische Regiment zu begruenden
und eine leidliche Ordnung in die verwirrten Verhaeltnisse zu bringen, noch
erforderlich, mit Heeresmacht in Syrien einzuruecken und all die Stoerer der
friedlichen Ordnung, die waehrend der vieljaehrigen Anarchie emporgewachsen
waren, durch die roemischen Legionen zu schrecken oder niederzuwerfen. Schon
waehrend der Feldzuege im Pontischen Reiche und am Kaukasus hatte Pompeius den
Angelegenheiten Syriens seine Aufmerksamkeit zugewandt und einzelne Beauftragte
und Abteilungen wo es not tat eingreifen lassen. Aulus Gabinius - derselbe, der
als Volkstribun Pompeius nach dem Osten gesandt hatte - war schon 689 (65) an
den Tigris und sodann quer durch Mesopotamien nach Syrien marschiert, um die
verwickelten Verhaeltnisse im juedischen Lande zu schlichten. Ebenso war das
schwer bedraengte Damaskos bereits durch Lollius und Metellus besetzt worden.
Bald nachher traf ein anderer Adjutant des Pompeius, Marcus Scaurus, in Judaea
ein, um die immer neu wieder daselbst ausbrechenden Fehden beizulegen. Auch
Lucius Afrianus, der waehrend Pompeius' Expedition nach dem Kaukasus das
Kommando ueber die roemischen Truppen in Armenien fuehrte, hatte von Korduene
(dem noerdlichen Kurdistan) aus sich in das obere Mesopotamien begeben und,
nachdem er durch die hilfreiche Teilnahme der in Karrhae angesiedelten Hellenen
den gefaehrlichen Weg durch die Wueste gluecklich zurueckgelegt hatte, die
Araber in Osrhoene zur Botmaessigkeit gebracht. Gegen Ende des Jahres 690 (64),
langte dann Pompeius selbst in Syrien an ^3 und verweilte dort bis zum Sommer
des folgenden Jahres, entschlossen durchgreifend und fuer jetzt und kuenftig die
Verhaeltnisse ordnend. Zurueckgehend auf die Zustaende des Reiches in den
besseren Zeiten der Seleukidenherrschaft, wurden alle usurpierten Gewalten
beseitigt, die Raubherren aufgefordert, ihre Burgen zu uebergeben, die
arabischen Scheichs wieder auf ihr Wuestengebiet beschraenkt, die Verhaeltnisse
der einzelnen Gemeinden definitiv geregelt. Diesen strengen Befehlen Gehorsam zu
verschaffen, standen die Legionen bereit, und ihr Einschreiten erwies sich
insbesondere gegen die verwegenen Raubritter als notwendig. Silas, der Herr von
Lysias, der Herr von Tripolis, Dionysios, der Herr von Byblos, Kinyras, wurden
in ihren Burgen gefangengenommen und hingerichtet, die Berg- und Seeschloesser
der Ityraeer gebrochen, Ptolemaeos Mennaeos' Sohn in Chalkis gezwungen, mit 1000
Talenten (1827000 Taler) Loesegeld sich Freiheit und Herrschaft zu erkaufen. Im
uebrigen fanden die Befehle des neuen Machthabers meistenteils widerstandslosen
Gehorsam. Nur die Juden schwankten. Die frueher von Pompeius gesandten
Vermittler, Gabinius und Scaurus, hatten - beide, wie es heisst, mit bedeutenden
Summen bestochen - im Streite der beiden Brueder Hyrkanos und Aristobulos zu
Gunsten des letzteren entschieden, auch den Koenig Aretas veranlasst, die
Belagerung von Jerusalem aufzuheben und sich in seine Heimat zu begeben, wobei
er auf dem Rueckweg noch von Aristobulos eine Niederlage erlitt. Als aber
Pompeius in Syrien eintraf, kassierte er die Anordnungen seiner Untergebenen und
wies die Juden an, ihre alte Hochpriesterverfassung, wie der Senat sie um 593
(61) anerkannt hatte, wieder einzufuehren und wie auf das Fuerstentum selbst, so
auch auf alle von den Hasmonaeischen Fuersten gemachten Eroberungen zu
verzichten. Es waren die Pharisaeer, welche eine Gesandtschaft von zweihundert
ihrer angesehensten Maenner an den roemischen Feldherrn gesandt und von ihm den
Sturz des Koenigtums ausgewirkt hatten; nicht zum Vorteil der eigenen Nation,
aber wohl zu dem der Roemer, die der Natur der Sache nach auch hier
zurueckkommen mussten auf die alten Rechte der Seleukiden und eine erobernde
Macht, wie die des Jannaeos war, innerhalb ihres Reiches nicht dulden konnten.
Aristobulos schwankte, ob es besser sei, das Unvermeidliche geduldig ueber sich
ergehen zu lassen oder mit den Waffen in der Hand dem Verhaengnis zu erliegen;
bald schien er im Begriff, sich Pompeius zu unterwerfen, bald die nationale
Partei unter den Juden zum Kampfe gegen die Roemer aufzurufen. Als endlich, da
schon die Legionen vor den Toren standen, er sich dem Feinde ergab, weigerte
sich der entschlossenere oder fanatisiertere Teil seiner Armee, den Befehlen des
unfreien Koenigs Folge zu leisten. Die Hauptstadt unterwarf sich; den steilen
Tempelfelsen verteidigte jene fanatische Schar drei Monate hindurch mit
todesmutiger Hartnaeckigkeit, bis endlich waehrend der Sabbathruhe der
Belagerten die Belagerer eindrangen, des Heiligtums sich bemaechtigten und die
Anstifter dieser verzweifelten Gegenwehr, soweit sie nicht unter den roemischen
Schwertern gefallen waren, unter die Beile der Liktoren sandten. Damit ging der
letzte Widerstand in den neu zum roemischen Staat gezogenen Gebieten zu Ende.
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^3 Den Winter 689/90 (65/64) brachte Pompeius noch in der Naehe des
Kaspischen Meeres zu (Dio 37, 7). Im Jahre 690 (64) unterwarf er zunaechst im
Pontischen Reiche die letzten noch Widerstand leistenden Burgen und zog dann
langsam, ueberall die Verhaeltnisse regelnd, gegen Sueden. Dass die Ordnung
Syriens 690 (64) begann, bestaetigt sich dadurch, dass die syrische
Provinzialaera mit diesem Jahre anhebt und durch Ciceros Angabe hinsichtlich
Kommagenes (ad. Q. fr. 2. 12, 2; vgl. Dio 37, 7). Den Winter 691/90 (64/63)
scheint Pompeius in Antiocheia sein Hauptquartier gehabt zu haben (Ios. bel.
Iud. 14, 3, 1 u. 2, wo die Verwirrung von Niese im Hermes 11, 1877, S. 471
berichtigt worden ist).
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Das von Lucullus begonnene Werk hatte Pompeius vollendet: die bisher
formell selbstaendigen Staaten Bithynien, Pontus und Syrien waren mit dem
roemischen vereinigt, die seit mehr als hundert Jahren als notwendig erkannte
Vertauschung des schwaechlichen Klientelsystems mit der unmittelbaren Herrschaft
ueber die wichtigeren abhaengigen Gebiete war endlich verwirklicht worden, sowie
der Senat gestuerzt und die Gracchische Partei ans Ruder gekommen war. Man hatte
im Osten neue Grenzen erhalten, neue Nachbarn, neue freundliche und feindliche
Beziehungen. Neu traten unter die mittelbar roemischen Gebiete ein das
Koenigreich Armenien und die kaukasischen Fuerstentuemer, ferner das Reich am
Kimmerischen Bosporus, der geringe Ueberrest der ausgedehnten Eroberungen
Mithradates Eupators, jetzt unter der Regierung seines Sohnes und Moerders
Pharnakes ein roemischer Klientelstaat; nur die Stadt Phanagoria, deren
Befehlshaber Kastor das Signal zum Aufstand gegeben hatte, wurde dafuer von den
Roemern als frei und unabhaengig anerkannt. Nicht gleicher Erfolge konnte man
gegen die Nabataeer sich ruehmen. Koenig Aretas hatte zwar, dem Begehren der
Roemer sich fuegend, das juedische Land geraeumt; allein Damaskos war noch in
seinen Haenden und das Nabataeerland nun gar hatte noch kein roemischer Soldat
betreten. Um dies zu unterwerfen oder mindestens doch den neuen Nachbarn im
arabischen Lande zu zeigen, dass jetzt am Orontes und am Jordan die roemischen
Adler geboten und dass die Zeit vorbei war, wo die syrischen Landschaften als
herrenloses Gut zu brandschatzen jedem freistand, begann Pompeius im Jahre 691
(63) eine Expedition gegen Petra; allein aufgehalten durch den Aufstand der
Juden, der waehrend dieses Zuges zum Ausbruch kam, ueberliess er seinem
Nachfolger Marcus Scaurus nicht ungern die Ausfuehrung der schwierigen
Unternehmung gegen die fern inmitten der Wueste gelegene Nabataeerstadt ^4. In
der Tat sah auch Scaurus sich bald genoetigt, unverrichteter Sache umzukehren.
Er musste sich begnuegen, in den Wuesten am linken Ufer des Jordan die Nabataeer
zu bekriegen, wo er sich auf die Juden zu stuetzen vermochte, aber doch auch nur
sehr unbedeutende Erfolge davontrug. Schliesslich ueberredete der gewandte
juedische Minister Antipatros aus Idumaea den Aretas, sich die Gewaehr seiner
saemtlichen Besitzungen mit Einschluss von Damaskos von dem roemischen
Statthalter um eine Geldsumme zu erkaufen; und dies ist denn der auf den Muenzen
des Scaurus verherrlichte Friede, wo Koenig Aretas, das Kamel am Zuegel,
kniefaellig, dem Roemer den Oelzweig darreichend erscheint.
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^4 Zwar lassen Orosius (6, 6) und Dio (37, 15), ohne Zweifel beide nach
Livius, Pompeius bis nach Petra gelangen, auch wohl die Stadt einnehmen oder gar
das Rote Meer erreichen; allein dass er im Gegenteil bald nach Empfang der
Nachricht von dem Tode Mithradats, die ihm auf dem Marsche nach Jerusalem zukam,
aus Syrien nach Pontus zurueckging, sagt Plutarch (Pomp. 41, 42) und wird durch
Florus (1, 39) und Josephus (bel. Iud. 14, 3, 3 u. 4) bestaetigt. Wenn Koenig
Aretas unter den von Pompeius Besiegten in den Bulletins figuriert, so genuegte
hierfuer sein durch Pompeius veranlasster Abzug von Jerusalem.
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Bei weitem folgenreicher als diese neuen Beziehungen der Roemer zu den
Armeniern, Iberern, Bosporanern und Nabataeern war die Nachbarschaft, in welche
sie durch die Okkupation Syriens zu dem parthischen Staate traten. So
geschmeidig die roemische Diplomatie gegen Phraates aufgetreten war, als noch
der pontische und der armenische Staat aufrecht standen, so willig damals sowohl
Lucullus als Pompeius ihm den Besitz der Landschaften jenseits des Euphrat
zugestanden hatten, so schroff stellte jetzt der neue Nachbar sich neben den
Arsakiden; und wenn die koenigliche Kunst, die eigenen Fehler zu vergessen, es
ihm gestattete, mochte Phraates wohl jetzt sich der warnenden Worte Mithradats
erinnern, dass der Parther durch das Buendnis mit den Okzidentalen gegen die
stammverwandten Reiche erst diesen und sodann sich selber das Verderben bereite.
Roemer und Parther im Bunde hatten Armenien zugrunde gerichtet; als es gestuerzt
war, kehrte Rom, seiner alten Politik getreu, die Rollen um und beguenstigte den
gedemuetigten Feind auf Kosten des allzumaechtigen Bundesgenossen. Schon die
auffallende Bevorzugung gehoert hierher, die der Vater Tigranes seinem Sohne,
dem Verbuendeten und Tochtermann des Partherkoenigs, gegenueber bei Pompeius
fand; es war eine unmittelbare Beleidigung, als bald nachher auf Pompeius'
Befehl der juengere Tigranes mit seiner Familie zur Haft gebracht und selbst
dann nicht freigegeben ward, als sich Phraates bei dem befreundeten Feldherrn
fuer seine Tochter und seinen Schwiegersohn verwandte. Aber Pompeius blieb
hierbei nicht stehen. Die Landschaft Korduene, auf welche sowohl Phraates als
Tigranes Ansprueche erhoben, wurde auf Pompeius' Befehl durch roemische Truppen
fuer den letzteren okkupiert und die im Besitz befindlichen Parther ueber die
Grenze hinausgeschlagen, ja bis nach Arbela in Adiabene verfolgt, ohne dass die
Regierung von Ktesiphon auch nur vorher gehoert worden waere (689 65). Weitaus
am bedenklichsten jedoch war es, dass die Roemer keineswegs geneigt schienen,
die traktatenmaessig festgestellte Euphratgrenze zu respektieren. Mehrmals
marschierten roemische, von Armenien nach Syrien bestimmte Abteilungen quer
durch Mesopotamien; der arabische Emir Abgaros von Osrhoene ward unter
auffallend guenstigen Bedingungen in die roemische Klientel aufgenommen; ja
Oruros, das im oberen Mesopotamien etwa zwischen Nisibis und dem Tigris 50
deutsche Meilen oestlich von dem kommagenischen Euphratuebergang liegt, ward
bezeichnet als oestlicher Grenzpunkt der roemischen Herrschaft, vermutlich der
mittelbaren, insofern die groessere und fruchtbarere noerdliche Haelfte
Mesopotamiens von den Roemern ebenso wie Korduene dem Armenischen Reiche
zugelegt worden war. Die Grenze zwischen Roemern und Parthern ward also statt
des Euphrat die grosse syrisch-mesopotamische Wueste; und auch dies schien nur
vorlaeufig. Den parthischen Gesandten, die kamen, um auf das Einhalten der
allerdings, wie es scheint, nur muendlich abgeschlossenen Vertraege hinsichtlich
der Euphratgrenze zu dringen, gab Pompeius die zweideutige Antwort, dass Roms
Gebiet sich so weit erstrecke wie sein Recht. Ein Kommentar zu dieser Rede
schien der auffaellige Verkehr zwischen dem roemischen Oberfeldherrn und den
parthischen Satrapen der Landschaft Medien und selbst der fernen Provinz Elymais
(zwischen Susiana, Medien und Persien im heutigen Luristan) ^5. Die Statthalter
dieses letzteren, gebirgigen, kriegerischen und entlegenen Landes waren von je
her bestrebt gewesen, eine von dem Grosskoenig unabhaengige Stellung zu
gewinnen; um so verletzender und bedrohlicher war es fuer die parthische
Regierung, wenn Pompeius von diesem Dynasten die dargebotene Huldigung annahm.
Nicht minder war es bezeichnend, dass der Titel des "Koenigs der Koenige", der
dem Partherkoenig bis dahin auch von den Roemern im offiziellen Verkehr
zugestanden worden war, jetzt auf einmal von ihnen mit dem einfachen
Koenigstitel vertauscht ward. Es war das mehr noch eine Drohung als eine
Verletzung der Etikette. Seit Rom die Erbschaft der Seleukiden getan, schien es
fast, als gedenke man dort im gelegenen Augenblick auf jene alten Zeiten
zurueckzugreifen, da ganz Iran und Turan von Antiocheia aus beherrscht wurden
und es doch kein Parthisches Reich gab, sondern nur eine parthische Satrapie.
Der Hof von Ktesiphon haette also Grund genug gehabt, mit Rom den Krieg zu
beginnen; es schien die Einleitung dazu, dass er im Jahre 690 (64) wegen der
Grenzfrage ihn an Armenien erklaerte. Aber Phraates hatte doch nicht den Mut,
eben jetzt, wo der gefuerchtete Feldherr mit seiner starken Armee an den Grenzen
des Parthischen Reiches stand, mit den Roemern offen zu brechen. Als Pompeius
Kommissarien sandte, um den Streit zwischen Parthien und Armenien guetlich
beizulegen, fuegte Phraates sich der aufgezwungenen roemischen Vermittlung und
liess es sich gefallen, dass ihr Schiedsspruch den Armeniern Korduene und das
noerdliche Mesopotamien zuwies. Bald nachher schmueckte seine Tochter mit ihrem
Sohne und ihrem Gemahl den Triumph des roemischen Feldherrn. Auch die Parther
zitterten vor der roemischen Uebermacht; und wenn sie nicht wie die Pontiker und
die Armenier den roemischen Waffen erlegen waren, so schien die Ursache davon
nur die zu sein, dass sie es nicht gewagt hatten, den Kampf zu bestehen.
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^5 Diese Auffassung beruht auf der Erzaehlung Plutarchs (Pomp. 36), welche
durch Strabons (16, 744) Schilderung der Stellung des Satrapen von Elymais
unterstuetzt wird. Eine Ausschmueckung davon ist es, wenn in den Verzeichnissen
der von Pompeius besiegten Landschaften und Koenige Medien und dessen Koenig
Dareios aufgefuehrt werden (Diod. fr. Vat. p. 140; App. Mithr. 117); und daraus
weiter herausgesponnen ist Pompeius' Krieg mit den Medern (Vell. 2, 40; App.
Mithr. 106, 114) und nun gar der Zug desselben nach Ekbatana (Oros. hist. 6, 5).
Eine Verwechselung mit der fabelhaften gleichnamigen Stadt auf dem Karmel hat
hier schwerlich stattgefunden; es ist einfach jene unleidliche, wie es scheint
aus Pompeius' grossartigen und absichtlich zweideutigen Bulletins sich
herleitende, Uebertreibung, die aus seiner Razzia gegen die Gaetuler einen Zug
an die afrikanische Westkueste (Plut. Pomp. 38), aus seiner fehlgeschlagenen
Expedition gegen die Nabataeer eine Eroberung der Stadt Petra, aus seinem
Schiedsspruch hinsichtlich der Grenzen Armeniens eine Feststellung der
roemischen Reichsgrenze jenseits Nisibis gemacht hat.
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Noch lag es dem Feldherrn ob, die inneren Verhaeltnisse der neugewonnenen
Landschaften zu regulieren und die Spuren eines dreizehnjaehrigen, verheerenden
Krieges soweit moeglich zu tilgen. Das in Kleinasien von Lucullus und der ihm
beigegebenen Kommission, auf Kreta von Metellus begonnene Organisationsgeschaeft
erhielt den endlichen Abschluss durch Pompeius. Die bisherige Provinz Asia, die
Mysien, Lydien, Phrygien und Karien umfasste, ward aus einer Grenz- eine
Mittelprovinz; neu eingerichtet wurden die Provinz Bithynien und Pontus, welche
gebildet ward aus dem gesamten ehemaligen Reiche des Nikomedes und der
westlichen Haelfte des ehemaligen pontischen Staates bis an und ueber den Halys;
die Provinz Kilikien, die zwar schon aelter war, aber doch erst jetzt ihrem
Namen entsprechend erweitert und organisiert ward und auch Pamphylien und
Isaurien miteinschloss; die Provinz Syrien und die Provinz Kreta. Freilich
fehlte viel, dass jene Laendermasse als roemischer Territorialbesitz in dem
heutigen Sinne des Wortes haette betrachtet werden koennen. Form und Ordnung des
Regiments blieben im wesentlichen, wie sie waren; nur trat an den Platz der
bisherigen Monarchen die roemische Gemeinde. Wie bisher bestanden jene
asiatischen Landschaften aus einer bunten Mischung von Domanialbesitzungen,
tatsaechlich oder rechtlich autonomen Stadtgebieten, fuerstlichen und
priesterlichen Herrschaften und Koenigreichen, welche alle fuer die innere
Verwaltung mehr oder minder sich selbst ueberlassen waren, uebrigens aber bald
in milderen, bald in strengeren Formen von der roemischen Regierung und deren
Prokonsuln in aehnlicher Weise abhingen, wie frueher von dem Grosskoenig und
dessen Satrapen. Wenigstens dem Range nach nahm unter den abhaengigen Dynasten
den ersten Platz ein der Koenig von Kappadokien, dessen Gebiet schon Lucullus
durch die Belehnung mit der Landschaft Melitene (um Malatia) bis an den Euphrat
erweitert hatte und dem Pompeius noch teils an der Westgrenze einige von
Kilikien abgerissene Bezirke von Kastabala bis nach Derbe bei Ikonion, teils an
der Ostgrenze die am linken Euphratufer Melitene gegenueber gelegene,
anfaenglich dem armenischen Prinzen Tigranes zugedachte Landschaft Sophene
verlieh, wodurch also die wichtigste Euphratpassage ganz in die Gewalt dieses
Fuersten kam. Die kleine Landschaft Kommagene zwischen Syrien und Kappadokien
mit der Hauptstadt Samosata (Samsat) blieb als abhaengiges Koenigtum dem schon
genannten Seleukiden Antiochos ^6: demselben wurden auch die wichtige, den
suedlicheren Uebergang ueber den. Euphrat beherrschende Festung Seleukeia (bei
Biradjik) und die naechsten Striche am linken Ufer des Euphrat zugeteilt und
somit dafuer gesorgt, dass die beiden Hauptuebergaenge ueber den Euphrat mit
einem entsprechenden Gebiet am oestlichen Ufer in den Haenden zweier von Rom
voellig abhaengigen Dynasten blieben. Neben den Koenigen von Kappadokien und
Kommagene und an wirklicher Macht ihnen bei weitem ueberlegen herrschte in
Kleinasien der neue Koenig Deiotarus. Einer der Vierfuersten des um Pessinus
ansaessigen Keltenstammes der Tolistoboger und von Lucullus und Pompeius mit den
anderen kleinen roemischen Klienten zur Heerfolge aufgeboten, hatte Deiotarus in
diesen Feldzuegen, im Gegensatz zu all den schlaffen Orientalen, seine
Zuverlaessigkeit und seine Tatkraft so glaenzend bewaehrt, dass die roemischen
Feldherren zu seinem galatischen Erbe und seinen Besitzungen in der reichen
Landschaft zwischen Amisos und der Halysmuendung ihm noch die oestliche Haelfte
des ehemals Pontischen Reiches mit den Seestaedten Pharnakia und Trapezus und
das pontische Armenien bis zur kolchischen und grossarmenischen Grenze als
Koenigreich Klein-Armenien verliehen. Bald nachher vermehrte er sein schon
ansehnliches Gebiet noch durch die Landschaft der keltischen Trokmer, deren
Vierfuersten er verdraengte. So ward der geringe Lehnsmann einer der
maechtigsten Dynasten Kleinasiens, dem die Hut eines wichtigen Teils der
Reichsgrenze anvertraut werden konnte. Vasallen geringerer Bedeutung waren die
uebrigen zahlreichen galatischen Vierfuersten, von denen einer, der
Trokmerfuerst Bogodiatarus, wegen seiner im Mithradatischen Kriege bewaehrten
Tuechtigkeit von Pompeius mit der ehemals pontischen Grenzstadt Mithradation
beschenkt ward; der Fuerst von Paphlagonien, Attalos, der sein Geschlecht auf
das alte Herrscherhaus der Pylaemeniden zurueckfuehrte; Aristarchos und andere
kleine Herren im kolchischen Gebiet; Tarkondimotos, der im oestlichen Kilikien
in den Bergtaelern des Amanos gebot; Ptolemaeos Mennaeos' Sohn, der fortfuhr, in
Chalkis am Libanos zu herrschen; der Nabataeerkoenig Aretas als Herr von
Damaskos; endlich die arabischen Emirs in den Landschaften dies- und jenseits
des Euphrat, Abgaros in Osrhoene, den die Roemer, um ihn als vorgeschobenen
Posten gegen die Parther zu benutzen, auf alle Weise in ihr Interesse zu ziehen
sich bemuehten, Sampsikeramos in Hemesa, Alchaudonios der Rhambaeer, ein anderer
Emir in Bostra. Dazu kamen ferner die geistlichen Herren, die im Osten haeufig
gleich den weltlichen Dynasten ueber Land und Leute geboten, und an deren in
dieser Heimat des Fanatismus fest gegruendeter Autoritaet zu ruetteln oder auch
nur die Tempel ihrer Schaetze zu berauben die Roemer klueglich sich enthielten:
der Hochpriester der Goettin Mutter in Pessinus; die beiden Hochpriester der
Goettin Ma in dem kappadokischen Komana (am oberen Saros) und in der
gleichnamigen pontischen Stadt (Guemenek bei Tokat), welche beide Herren in
ihren Landschaften nur dem Koenig an Macht nachstanden und deren jeder noch in
viel spaeterer Zeit ausgedehnte Liegenschaften mit eigener Gerichtsbarkeit und
an sechstausend Tempelsklaven besass - mit dem pontischen Hochpriesteramt ward
Archelaos, der Sohn des gleichnamigen, von Mithradates zu den Roemern
uebergegangenen Feldherrn, von Pompeius belehnt -; der Hochpriester des
Venasischen Zeus in dem kappadokischen Amt Morimene, dessen Einkuenfte sich auf
jaehrlich 23300 Taler (15 Talente) beliefen; der "Erzpriester und Herr"
desjenigen Gebiets im Rauhen Kilikien, wo Teukros, des Aias Sohn, dem Zeus einen
Tempel gegruendet hatte, welche seine Nachkommen kraft Erbrechts vorstanden; der
"Erzpriester und Herr des Volkes" der Juden, dem Pompeius, nachdem er die Mauern
der Hauptstadt und die koeniglichen Schatz- und Zwingburgen im Lande geschleift
hatte, unter ernstlicher Verwarnung, Friede zu halten und nicht weiter auf
Eroberungen auszugehen, die Vorstandschaft seiner Nation zurueckgab. Neben
diesen weltlichen und geistlichen Potentaten standen die Stadtgemeinden. Zum
Teil waren dieselben zu groesseren Verbaenden zusammengeordnet, welche einer
verhaeltnismaessigen Selbstaendigkeit sich erfreuten, wie namentlich der
wohlgeordnete und zum Beispiel der Teilnahme an der wuesten Piratenwirtschaft
stets ferngebliebene Bund der dreiundzwanzig lykischen Staedte; wogegen die
zahlreichen vereinzelt stehenden Gemeinden, selbst wenn sie die Selbstregierung
verbrieft erhalten hatten, tatsaechlich von den roemischen Statthaltern durchaus
abhaengig waren. Die Roemer verkannten es nicht, dass mit der Aufgabe, den
Hellenismus zu vertreten und im Osten Alexanders Marken zu schirmen und zu
erweitern, vor allem die Hebung des staedtischen Wesens ihnen zur Pflicht
geworden war; denn wenn die Staedte ueberall die Traeger der Gesittung sind, so
fasste vor allem der Antagonismus der Orientalen und Okzidentalen in seiner
ganzen Schaerfe sich zusammen in dem Gegensatz der orientalischen, militaerisch-
despotischen Lebenshierarchie und des hellenisch-italischen gewerb- und
handeltreibenden staedtischen Gemeinwesens. Lucullus und Pompeius, sowenig sie
auch sonst auf die Nivellierung der Zustaende im Osten ausgingen, und sosehr
auch der letztere in Detailfragen die Anordnungen seines Vorgaengers zu meistern
und zu aendern geneigt war, trafen doch vollstaendig zusammen in dem Grundsatz,
das staedtische Wesen in Kleinasien und Syrien bach Kraeften zu foerdern.
Kyzikos, an dessen kraeftiger Gegenwehr die erste Heftigkeit des letzten Krieges
sich gebrochen hatte, empfing von Lucullus eine betraechtliche Erweiterung
seines Gebietes. Das pontische Herakleia, wie energisch es auch den Roemern
widerstanden hatte, erhielt dennoch sein Gebiet und seine Haefen zurueck, und
Cottas barbarisches Wueten gegen die unglueckliche Stadt erfuhr im Senat den
schaerfsten Tadel. Lucullus hatte es tief und aufrichtig beklagt, dass das
Schicksal ihm das Glueck versagt hatte, Sinope und Amisos von der Verheerung
durch die pontische und die eigene Soldateska zu erretten; er tat wenigstens,
was er vermochte, um sie wiederherzustellen, erweiterte ansehnlich ihre Gebiete,
bevoelkerte sie aufs neue teils mit den alten Bewohnern, die auf seine Einladung
scharenweise in die geliebte Heimat zurueckkehrten, teils mit neuen Ansiedlern
hellenischer Abstammung und sorgte fuer den Wiederaufbau der zerstoerten
Gebaeude. In gleichem Sinn und in noch groesserem Massstab verfuhr Pompeius.
Schon nach der Ueberwindung der Piraten hatte er die Gefangenen, deren Zahl
20000 ueberstieg, statt nach dem Beispiel seiner Vorgaenger sie zu kreuzigen,
angesiedelt teils in den veroedeten Staedten des Ebenen Kilikien, wie in Mallos,
Adana, Epiphaneia, und besonders in Soloi, das seitdem den Namen der
Pompeiusstadt (Pompeiopolis) fuehrte, teils in Dyme in Achaia, ja sogar in
Tarent. Die Piratenkolonisierung fand vielfachen Tadel ^7, da sie gewissermassen
auf das Verbrechen eine Belohnung zu setzen schien; in der Tat war sie politisch
und sittlich wohl gerechtfertigt, denn wie die Dinge damals standen, war die
Piraterie etwas anderes als Raeuberei und die Gefangenen billig, nach
Kriegsrecht zu behandeln. Vor allen Dingen aber liess Pompeius es sich angelegen
sein, in den neuen roemischen Provinzen das staedtische Wesen emporzubringen.
Wie staedtearm das Pontische Reich war, ward schon bemerkt; die meisten
Distrikte Kappadokiens hatten noch ein Jahrhundert spaeter keine Staedte,
sondern nur Bergfestungen als Zufluchtsort fuer die ackerbauende Bevoelkerung im
Kriege: im ganzen oestlichen Kleinasien wird es, abgesehen von den sparsam
gesaeten griechischen Kolonien an den Kuesten, zu dieser Zeit nicht anders
gewesen sein. Die Zahl der von Pompeius in diesen Landschaften neu gegruendeten
Staedte wird einschliesslich der kilikischen Ansiedlungen auf neununddreissig
angegeben, von denen mehrere zu hoher Bluete gelangten. Die namhaftesten dieser
Ortschaften in dem ehemaligen Pontischen Reiche sind Nikopolis, die
"Siegesstadt", gegruendet an dem Orte, wo Mithradates die letzte einschneidende
Niederlage erlitt - das schoenste Siegesdenkmal des trophaeenreichen Feldherrn;
Megalopolis, nach Pompeius' Beinamen genannt, an der Grenze von Kappadokien und
Klein-Armenien, das spaetere Sebasteia (jetzt Siwas); Ziela, wo die Roemer die
unglueckliche Schlacht lieferten, eine um den dasigen Tempel der Anaitis
entstandene und bisher dem Hochpriester derselben eigene Ortschaft, der Pompeius
staedtische Form und staedtisches Recht gab; Diopolis, frueher Kabeira, spaeter
Neo-Caesarea (Niksar), gleichfalls eine der Walstaetten des letzten Krieges;
Magnopolis oder Pompeiopolis, das wiederhergestellte Eupatoria am Zusammenfluss
des Lykos und des Iris, urspruenglich von Mithradates erbaut, aber wegen des
Abfalls der Stadt zu den Roemern wieder von ihm zerstoert; Neapolis, sonst
Phazemon, zwischen Amaseia und dem Halys. Die meisten dieser Stadtgruendungen
wurden nicht durch Kolonisten aus der Ferne bewirkt, sondern durch Niederlegung
der Doerfer und Zusammenziehung ihrer Bewohnerin den neuen Mauerring; nur in
Nikopolis siedelte Pompeius die Invaliden und Bejahrten seiner Armee an, die es
vorzogen, statt spaeter in Italien, hier sofort eine Heimat sich zu gruenden.
Aber auch an anderen Orten entstanden auf den Wink des Machthabers neue
Brennpunkte der hellenischen Zivilisation. In Paphlagonien bezeichnete ein
drittes Pompeiupolis die Staette, wo Mithradates' Armee im Jahre 666 (88) den
grossen Sieg ueber die Bithyner erfocht. In Kappadokien, das vielleicht mehr als
irgendeine andere Provinz durch den Krieg gelitten hatte, wurden die Residenz
Mazaka (spaeter Caesarea, jetzt Kayseri) und sieben andere Ortschaften von
Pompeius wiederhergestellt und staedtisch eingerichtet. In Kilikien und
Koilesyrien zaehlte man zwanzig von Pompeius angelegte Staedte. In den von den
Juden geraeumten Distrikten erhob sich Gadara in der Dekapolis auf Pompeius'
Befehl aus seinen Truemmern und ward die Stadt Seleukis gegruendet. Bei weitem
der groesste Teil des auf dem asiatischen Kontinent zur Verfuegung stehenden
Domaniallandes muss von Pompeius fuer seine neuen Ansiedlungen verwandt worden
sein, wogegen auf Kreta, um das Pompeius sich wenig oder gar nicht kuemmerte,
der roemische Domanialbesitz ziemlich ausgedehnt geblieben zu sein scheint.
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^6 Der Krieg, den dieser Antiochos mit Pompeius gefuehrt haben soll (App.
Mithr. 106, 117), stimmt sehr wenig zu dem Vertrag, den derselbe mit Lucullus
abschloss (Dio 36, 4) und seinem ungestoerten Verbleiben in der Herrschaft;
vermutlich ist auch er bloss daraus herausgesponnen, dass Antiochos von
Kommagene unter den von Pompeius unterworfenen Koenigen figurierte.
^7 Hierauf zielt vermutlich Ciceros Vorwurf (off. 3, 12, 49): piratas
immunes habemus, socios vectigales; insofern naemlich jene Piratenkolonien
wahrscheinlich von Pompeius zugleich mit der Immunitaet beschenkt wurden,
waehrend bekanntlich die von Rom abhaengigen Provinzialgemeinden
durchschnittlich steuerpflichtig waren.
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Nicht minder wie auf Gruendung neuer Ortschaften war Pompeius darauf
bedacht, die bestehenden Gemeinden zu ordnen und zu heben. Die eingerissenen
Missbraeuche und Usurpationen wurden nach Vermoegen abgestellt; ausfuehrliche
und fuer die verschiedenen Provinzen mit Sorgfalt entworfene Gemeindeordnungen
regelten im einzelnen das Munizipalwesen. Eine Reihe der ansehnlichsten Staedte
ward mit neuen Privilegien beschenkt. Die Autonomie erhielten Antiocheia am
Orontes, die bedeutendste Stadt des roemischen Asien und nur wenig
zurueckstehend hinter dem aegyptischen Alexandreia und hinter dem Bagdad des
Altertums, der Stadt Seleukeia im Parthischen Reiche, ferner die Nachbarstadt
von Antiocheia, das persische Seleukeia, das damit fuer seine mutige Gegenwehr
gegen Tigranes den Lohn empfing; Gaza und ueberhaupt alle von der juedischen
Herrschaft befreite Staedte; in Vorderasien Mytilene; Phanagoria am Schwarzen
Meer.
So war der Bau des asiatischen Roemerstaates vollendet, der mit seinen
Lehnkoenigen und Vasallen, den gefuersteten Priestern und der Reihe ganz- und
halbfreier Staedte lebhaft erinnert an das Heilige Roemische Reich Deutscher
Nation. Er war kein Wunderwerk, weder hinsichtlich der ueberwundenen
Schwierigkeiten, noch hinsichtlich der erreichten Vollendung, und ward es auch
nicht durch all die grossen Worte, mit denen in Rom die vornehme Welt zu Gunsten
des Lucullus, die lautere Menge zum Preise des Pompeius freigebig waren.
Pompeius namentlich liess sich feiern und feierte sich selbst in einer Weise,
dass man ihn fast fuer noch schwachkoepfiger haette halten moegen, als er in der
Tat war. Wenn die Mytilenaeer ihm eine Bildsaeule errichteten als ihrem Erretter
und Gruender, als demjenigen, der die den Erdkreis erfuellenden Kriege sowohl zu
Lande wie zur See beendigt, so mochte eine solche Huldigung fuer den Bezwinger
der Piraten und der Reiche des Ostens nicht allzu ueberschwenglich scheinen.
Aber die Roemer uebertrafen diesmal die Griechen. Pompeius' eigene
Triumphalinschriften rechneten 12 Millionen unterworfener Seelen und 1538
eroberte Staedte und Burgen heraus - es schien, als solle die Quantitaet die
Qualitaet ersetzen - und erstreckten den Kreis seiner Siege vom Maeotischen zum
Kaspischen, von diesem zum Roten Meer, von welchen drei Meeren er keines je mit
Augen gesehen hat; ja wenn er es auch nicht geradezu sagte, so veranlasste er
doch das Publikum zu meinen, dass die Einziehung Syriens, die wahrlich keine
Heldentat war, den ganzen Osten bis nach Baktrien und Indien zum Roemischen
Reiche gebracht habe - in so nebelhafte Ferne verschwamm in seinen Angaben die
Grenzlinie seiner oestlichen Eroberungen. Die demokratische Servilitaet, die zu
allen Zeiten mit der hoefischen gewetteifert hat, ging bereitwillig auf
dergleichen geschmacklosen Schwindel ein. Ihr genuegte nicht der pomphafte
Triumphalzug, der am 28. und 29. September 593 (61), dem sechsundvierzigsten
Geburtstag Pompeius des Grossen, durch die Gassen Roms sich bewegte,
verherrlicht, um von den Kleinodien aller Art zu schweigen, durch die
Kroninsignien Mithradats und durch die Kinder der drei maechtigsten Koenige
Asiens, des Mithradates, Tigranes und Phraates: sie lohnte ihrem Feldherrn, der
zweiundzwanzig Koenige besiegt, dafuer mit koeniglichen Ehren und verlieh ihm
den goldenen Kranz und die Insignien der Magistratur auf Lebenszeit. Die ihm zu
Ehren geschlagenen Muenzen zeigen gar die Weltkugel zwischen dem dreifachen, aus
den drei Weltteilen heimgebrachten Lorbeer und ueber ihr schwebend jenen dem
Triumphator ueber Afrika, Spanien und Asien von der Buergerschaft verehrten
Goldkranz. Es kann solchen kindischen Huldigungen gegenueber nicht wundernehmen,
dass auch im entgegengesetzten Sinne Stimmen laut wurden. Unter der roemischen
vornehmen Welt war es eine gelaeufige Rede, dass das eigentliche Verdienst der
Unterwerfung des Ostens Lucullus zukomme und Pompeius nur nach dem Osten
gegangen sei, um Lucullus zu verdraengen und die von fremder Hand gebrochenen
Lorbeeren um die eigene Stirn zu flechten. Beides war vollstaendig falsch; nicht
Pompeius, sondern Glabrio ward nach Asien gesandt, um Lucullus abzuloesen, und
wie wacker auch Lucullus gefochten, es war Tatsache, dass, als Pompeius den
Oberbefehl uebernahm, die Roemer all ihre frueheren Erfolge wieder eingebuesst
und keinen Fussbreit pontischen Bodens innehatten. Mehr zum Ziele traf der Spott
der Hauptstaedter, die nicht ermangelten, dem maechtigen Besieger des Erdballs
die Namen der von ihm ueberwundenen Grossmaechte als Spitznamen beizulegen und
ihn bald als "Sieger von Salem" bald als "Emir" (Arabarches), bald als den
roemischen Sampsikeramos begruessten. Der unbefangene Urteiler wird indes weder
in jene Ueberschwenglichkeiten noch in diese Verkleinerungen einstimmen.
Lucullus und Pompeius haben, indem sie Asien unterwarfen und ordneten, sich
nicht als Helden und Staatsschoepfer bewaehrt, aber wohl als einsichtige und
kraeftige Heerfuehrer und Statthalter. Als Feldherr bewies Lucullus nicht
gemeine Talente und ein an Verwegenheit grenzendes Selbstvertrauen, Pompeius
militaerische Einsicht und eine seltene Zurueckhaltung, wie denn kaum je ein
General mit solchen Streitkraeften und einer so vollkommen freien Stellung so
vorsichtig aufgetreten ist wie Pompeius im Osten. Die glaenzendsten Aufgaben
trugen von allen Seiten sich ihm gleichsam selber an: er konnte nach dem
Kimmerischen Bosporus und gegen das Rote Meer hin aufbrechen; er hatte
Gelegenheit, den Parthern den Krieg zu erklaeren; die aufstaendischen
Landschaften Aegyptens luden ihn ein, den von Rom nicht anerkannten Koenig
Ptolemaeos vom Thron zu stossen und das Testament Alexanders in Vollzug zu
setzen; aber Pompeius ist weder nach Pantikapaeon noch nach Petra, weder nach
Ktesiphon noch nach Alexandreia gezogen; durchaus pflueckte er nur diejenigen
Fruechte, die ihm von selber in die Hand fielen. Ebenso schlug er alle seine
Schlachten zur See wie zu Lande mit einer erdrueckenden Uebermacht. Waere diese
Maessigung hervorgegangen aus dem strengen Einhalten der erteilten
Instruktionen, wie Pompeius vorzugehen pflegte, oder auch aus der Einsicht, dass
Roms Eroberungen irgendwo eine Grenze finden muessten und neuer Gebietszuwachs
dem Staat nicht foerderlich sei, so wuerde sie ein hoeheres Lob verdienen, als
die Geschichte es dem talentvollsten Offizier erteilt; allein wie Pompeius war,
ist seine Zurueckhaltung ohne Zweifel einzig das Resultat des ihm
eigentuemlichen Mangels an Sicherheit und an Initiative - Maengel freilich, die
dem Staate in diesem Falle weit nuetzlicher wurden als die entgegengesetzten
Vorzuege seines Vorgaengers. Allerdings sind auch von Lucullus wie von Pompeius
sehr arge Fehler begangen worden. Lucullus erntete deren Fruechte selbst, indem
sein unbesonnenes Verfahren ihm alle Resultate seiner Siege wieder entriss;
Pompeius ueberliess es seinen Nachfolgern, die Folgen seiner falschen Politik
gegen die Parther zu tragen. Er konnte diese entweder bekriegen, wenn er dessen
sich getraute, oder mit ihnen Frieden halten und, wie er versprochen, den
Euphrat als Grenze anerkennen; zu jenem war er zu zaghaft, zu diesem zu eitel,
und so kam er denn zu der einfaeltigen Perfidie, die gute Nachbarschaft, die der
Hof von Ktesiphon wuenschte und seinerseits uebte, durch die masslosesten
Uebergriffe unmoeglich zu machen, dennoch aber dem Feinde zu gestatten, sich die
Zeit des Bruches und der Vergeltung selber waehlen zu duerfen. Als Verwalter
Asiens erwarb Lucullus ein mehr als fuerstliches Vermoegen, und auch Pompeius
empfing als Lohn fuer seine Organisation von dem Koenig von Kappadokien, von der
reichen Stadt Antiocheia und anderen Herren und Gemeinden grosse Barsummen und
noch ansehnlichere Schuldverschreibungen. Indes dergleichen Erpressungen waren
fast eine gewohnheitsmaessige Steuer geworden, und beide Feldherren bewiesen
doch nicht gerade in wichtigeren Fragen sich kaeuflich, liessen auch womoeglich
sich von der Partei bezahlen, deren Interessen mit denen Roms zusammenfielen.
Wie die Zeiten einmal waren, hindert dies nicht, die Verwaltung beider Maenner
als eine relativ loebliche und zunaechst im Interesse Roms, demnaechst in dem
der Provinzialen gefuehrte zu bezeichnen. Die Verwandlung der Klienten in
Untertanen, die bessere Regulierung der Ostgrenze, die Begruendung eines
einheitlichen und starken Regiments waren segensreich fuer die Herrscher wie
fuer die Beherrschten. Der finanzielle Gewinn, den Rom machte, war unermesslich;
die neue Vermoegenssteuer, die mit Ausnahme einzelner, besonders befreiter
Gemeinden all jene Fuersten, Priester und Staedte nach Rom zu zahlen hatten,
steigerte die roemischen Staatseinnahmen fast um die Haelfte ihres bisherigen
Betrags. Freilich litt Asien schwer. Pompeius legte an Geld und Kleinodien einen
Betrag von 15 Mill. Talern (200 Mill. Sesterzen) in die Staatskasse nieder und
verteilte 29 Millionen (16000 Talente) unter seine Offiziere und Soldaten; wenn
man hierzu die bedeutenden von Lucullus heimgebrachten Summen, die
nichtoffiziellen Erpressungen der roemischen Armee und den Betrag der
Kriegsschaeden selbst rechnet, so ist die finanzielle Erschoepfung des Landes
begreiflich. Die roemische Besteuerung Asiens war vielleicht an sich nicht
schlimmer als die der frueheren Regenten, aber lastete doch insofern schwerer
auf dem Lande, als die Abgaben fortan in das Ausland gingen und nur zum
kleineren Teil wieder in Asien verwandt wurden; und auf jeden Fall war sie in
den alten wie in den neugewonnenen Provinzen basiert auf die systematische
Ausbeutung der Landschaften zu Gunsten Roms. Aber die Verantwortung hierfuer
trifft weit weniger die Feldherren persoenlich als die Parteien daheim, auf die
jene Ruecksicht zu nehmen hatten; Lucullus war sogar energisch bemueht, dem
wucherischen Treiben der roemischen Kapitalisten in Asien Schranken zu setzen,
und sein Sturz ward wesentlich mit hierdurch herbeigefuehrt. Wie sehr es beiden
Maennern Ernst damit war, die heruntergekommenen Landschaften wieder in die
Hoehe zu bringen, beweist ihre Taetigkeit da, wo keine Ruecksichten der
Parteipolitik ihnen die Haende banden, namentlich ihre Fuersorge fuer die
kleinasiatischen Staedte. Wenn auch noch Jahrhunderte spaeter manches in Ruinen
liegende asiatische Dorf an die Zeiten des grossen Krieges erinnerte, so mochte
doch Sinope wohl mit dem Jahr der Wiederherstellung durch Lucullus eine neue
Aera beginnen und fast alle ansehnlicheren Binnenstaedte des Pontischen Reiches
Pompeius als ihren Stifter dankbar verehren. Die Einrichtung des roemischen
Asien durch Lucullus und Pompeius darf bei all ihren unleugbaren Maengeln eine
im ganzen verstaendige und loebliche genannt werden; wie schwere Uebelstaende
aber auch ihr anhaften mochten, den vielgeplagten Asiaten musste sie schon darum
willkommen sein, weil sie zugleich kam mit dem so lange und so schmerzlich
entbehrten inneren und aeusseren Frieden.
Es blieb auch im wesentlichen Friede im Orient, bis der von Pompeius mit
der ihm eigenen Zaghaftigkeit nur angedeutete Gedanke, die Landschaften oestlich
vom Euphrat zum Roemischen Reiche zu fuegen, von der neuen Triarchie der
roemischen Machthaber energisch, aber ungluecklich wiederaufgenommen ward und
bald darauf der Buergerkrieg wie alle anderen so auch die oestlichen Provinzen
in seinen verhaengnisvollen Strudel hineinzog. Dass in der Zwischenzeit die
Statthalter Kilikiens bestaendig mit den Bergvoelkern des Amanos, die von Syrien
mit den Schwaermen der Wueste zu fechten hatten und namentlich in diesem Kriege
gegen die Beduinen manche roemische Truppe aufgerieben ward, ist ohne weitere
Bedeutung. Bemerkenswerter ist der eigensinnige Widerstand, den die zaehe
juedische Nation den Eroberern entgegensetzte. Teils des abgesetzten Koenigs
Aristobulos Sohn Alexandros, teils Aristobulos selbst, dem es nach einiger Zeit
gelang, aus der Gefangenschaft zu entkommen, erregten waehrend der
Statthalterschaft des Aulus Gabinius (697-700 57-54) drei verschiedene
Aufstaende gegen die neuen Machthaber, deren jedem die von Rom eingesetzte
Regierung des Hochpriesters Hyrkanos ohnmaechtig erlag. Es war nicht politische
Ueberlegung, sondern der unbesiegbare Widerwille des Orientalen gegen das
unnatuerliche Joch, der sie zwang, gegen den Stachel zu loecken; wie denn auch
der letzte und gefaehrlichste dieser Aufstaende, zu welchem die durch die
aegyptischen Krisen veranlasste Wegziehung der syrischen Okkupationsarmee den
naechsten Anstoss gab, begann mit der Ermordung der in Palaestina ansaessigen
Roemer. Nicht ohne Muehe gelang es dem tuechtigen Statthalter, die wenigen
Roemer, die diesem Schicksal sich entzogen und eine vorlaeufige Zuflucht auf dem
Berge Garizim gefunden hatten, von den dort sie blockiert haltenden Insurgenten
zu erretten und nach mehreren hart bestrittenen Feldschlachten und langwierigen
Belagerungen den Aufstand zu bewaeltigen. Infolgedessen ward die
Hohenpriestermonarchie abgeschafft und das juedische Land, wie einst Makedonien,
in fuenf selbstaendige, von optimatisch geordneten Regierungskollegien
verwaltete Kreise aufgeloest, auch Samaria und andere, von den Juden geschleifte
Ortschaften wiederhergestellt, um ein Gegengewicht gegen Jerusalem zu bilden,
endlich den Juden ein schwererer Tribut auferlegt als den uebrigen syrischen
Untertanen Roms.
Noch ist es uebrig, auf das Koenigreich Aegypten nebst dem letzten ihm von
den ausgedehnten Eroberungen der Lagiden uebriggebliebenen Nebenland, der
schoenen Insel Kypros, einen Blick zu werfen. Aegypten war jetzt der einzige
wenigstens dem Namen nach noch unabhaengige Staat des hellenischen Ostens;
ebenwie einst, als die Perser an der oestlichen Haelfte des Mittelmeers sich
festsetzten, Aegypten ihre letzte Eroberung war, saeumten auch die maechtigen
Eroberer aus dem Westen am laengsten mit der Einziehung dieser reichen und
eigenartigen Landschaft. Die Ursache lag, wie bereits angedeutet wurde, weder in
der Furcht vor dem Widerstand Aegyptens noch in dem Mangel einer geeigneten
Veranlassung. Aegypten war ungefaehr ebenso machtlos wie Syrien und bereits im
Jahre 673 (81) in aller Form Rechtens der roemischen Gemeinde angestorben; das
am Hofe von Alexandreia herrschende Regiment der koeniglichen Garde, welche
Minister und gelegentlich Koenige ein- und absetzte, fuer sich nahm, was ihr
gefiel, und, wenn ihr die Erhoehung des Soldes verweigert ward, den Koenig in
seinem Palast belagerte, war im Lande oder vielmehr in der Hauptstadt - denn das
Land mit seiner Ackersklavenbevoelkerung kam ueberhaupt kaum in Betracht - ganz
und gar nicht beliebt, und wenigstens eine Partei daselbst wuenschte die
Einziehung Aegyptens durch Rom und tat sogar Schritte, um sie herbeizufuehren.
Allein je weniger die Koenige Aegyptens daran denken konnten, mit den Waffen
gegen Rom zu streiten, desto energischer setzte das aegyptische Gold gegen die
roemischen Reunionsplaene sich zur Wehre; und infolge der eigentuemlichen
despotisch-kommunistischen Zentralisation der aegyptischen Volkswirtschaft waren
die Einkuenfte des Hofes von Alexandreia der roemischen Staatseinnahme, selbst
nach deren Vermehrung durch Pompeius, noch ungefaehr gleich. Die argwoehnische
Eifersucht der Oligarchie, die weder die Eroberung noch die Verwaltung Aegyptens
gern einem einzelnen goennte, kam hinzu. So vermochten die faktischen Herren von
Aegypten und Kypros durch Bestechung der fuehrenden Maenner im Senat sich ihre
schwankenden Kronen nicht bloss zu fristen, sondern sogar neu zu befestigen und
vom Senat die Bestaetigung ihrer Koenigstitel zu erkaufen. Allein damit waren
sie noch nicht am Ziel. Das formelle Staatsrecht forderte einen Beschluss der
roemischen Buergerschaft; bevor dieser erlassen war, waren die Ptolemaeer
abhaengig von der Laune jedes demokratischen Machthabers, und sie hatten also
den Bestechungskrieg auch gegen die andere roemische Partei zu eroeffnen, welche
als die maechtigere weit hoehere Preise bedang. Der Ausgang war ungleich. Die
Einziehung von Kypros ward im Jahre 696 (58) vom Volke, das heisst von den
Fuehrern der Demokratie verfuegt, wobei als offizieller Grund, weshalb dieselbe
jetzt vorgenommen werde, die Foerderung der Piraterie durch die Kyprioten
angegeben ward. Marcus Cato, von seinen Gegnern mit der Ausfuehrung dieser
Massregel beauftragt, kam nach der Insel ohne Heer; allein es bedurfte dessen
auch nicht. Der Koenig nahm Gift; die Einwohner fuegten sich, ohne Widerstand zu
leisten, dem unvermeidlichen Verhaengnis und wurden dem Statthalter von Kilikien
untergeordnet. Der ueberreiche Schatz von fast 7000 Talenten (fast 13 Mill.
Taler), den der ebenso habsuechtige wie geizige Koenig sich nicht hatte
ueberwinden koennen, fuer die zur Rettung seiner Krone erforderlichen
Bestechungen anzugreifen, fiel mit dieser zugleich an die Roemer und fuellte in
erwuenschter Weise die leeren Gewoelbe ihres Aerars.
Dagegen gelang es dem Bruder, der in Aegypten regierte, die Anerkennung
durch Volksschluss von den neuen Herren Roms im Jahre 695 (59) zu erkaufen; der
Kaufpreis soll 6000 Talente (11 Mill. Taler) betragen haben. Die Buergerschaft
freilich, laengst gegen den guten Floetenblaeser und schlechten Regenten
erbittert und nun durch den definitiven Verlust von Kypros und den infolge der
Transaktionen mit den Roemern unertraeglich gesteigerten Steuerdruck aufs
aeusserste gebracht (696 58), jagte ihn dafuer aus dem Lande. Als der Koenig
darauf, gleichsam wie wegen Entwaehrung des Kaufobjekts, sich an seine
Verkaeufer wandte, waren diese billig genug einzusehen, dass es ihnen als
redlichen Geschaeftsmaennern obliege, dem Ptolemaeos sein Reich
wiederzuverschaffen; nur konnten die Parteien sich nicht einig werden, wem der
wichtige Auftrag, Aegypten mit bewaffneter Hand zu besetzen, nebst den davon zu
erhoffenden Sporteln zukommen solle. Erst als die Triarchie auf der Konferenz
von Luca sich neu befestigte, wurde zugleich auch diese Angelegenheit geordnet,
nachdem Ptolemaeos noch sich zur Erlegung weiterer 10000 Talente (18 Mill.
Taler) verstanden hatte: der Statthalter Syriens, Aulus Gabinius, erhielt jetzt
von den Machthabern Befehl, sofort zur Zurueckfuehrung des Koenigs die noetigen
Schritte zu tun. Die Buergerschaft von Alexandreia hatte inzwischen des
vertriebenen Koenigs aeltester Tochter Berenike die Krone aufgesetzt und ihr in
der Person eines der geistlichen Fuersten des roemischen Asien, des
Hochpriesters von Komana Archelaos, einen Gemahl gegeben, der Ehrgeiz genug
besass, um an die Hoffnung, den Thron der Lagiden zu besteigen, seine gesicherte
und ansehnliche Stellung zu setzen. Seine Versuche, die roemischen Machthaber
fuer sich zu gewinnen, blieben ohne Erfolg; aber er schrak auch nicht zurueck
vor dem Gedanken, sein neues Reich mit den Waffen in der Hand selbst gegen die
Roemer behaupten zu muessen. Gabinius, ohne ostensible Vollmacht, den Krieg
gegen Aegypten zu beginnen, aber von den Machthabern dazu angewiesen, nahm die
angebliche Foerderung der Piraterie durch die Aegypter und den Flottenbau des
Archelaos zum Vorwand und brach ungesaeumt auf gegen die aegyptische Grenze (699
55). Der Marsch durch die Sandwueste zwischen Gaza und Pelusion, an der so
manche gegen Aegypten gerichtete Invasion gescheitert war, ward diesmal
gluecklich zurueckgelegt, was besonders .dem raschen und geschickten Fuehrer der
Reiterei, Marcus Antonius, verdankt ward. Auch die Grenzfestung Pelusion wurde
von der dort stehenden juedischen Besatzung ohne Gegenwehr uebergeben. Vorwaerts
dieser Stadt trafen die Roemer auf die Aegypter, schlugen sie, wobei Antonius
wiederum sich auszeichnete, und gelangten, die erste roemische Armee, an den
Nil. Hier hatten Flotte und Heer der Aegypter zum letzten entscheidenden Kampfe
sich aufgestellt; aber die Roemer siegten abermals und Archelaos selbst fand mit
vielen der Seinigen kaempfend den Tod. Sofort nach dieser Schlacht ergab sich
die Hauptstadt und damit war jeder Widerstand am Ende. Das unglueckliche Land
ward seinem rechtmaessigen Zwingherrn ueberliefert: das Henken und Koepfen,
womit ohne des ritterlichen Antonius' Dazwischenkunft Ptolemaeos die
Wiederherstellung des legitimen Regiments bereits in Pelusion zu feiern begonnen
haben wuerde, ging nun ungehemmt seinen Gang, und vor allen anderen ward die
unschuldige Tochter von dem Vater auf das Schafott gesandt. Die Bezahlung des
mit den Machthabern vereinbarten Lohnes scheiterte an der absoluten
Unmoeglichkeit, dem ausgesogenen Lande die verlangten ungeheuren Summen
abzupressen, obwohl man dem armen Volke den letzten Pfennig nahm; dafuer aber,
dass das Land wenigstens ruhig blieb, sorgte die in der Hauptstadt
zurueckgelassene Besatzung von roemischer Infanterie und keltischer und
deutscher Reiterei, welche die einheimischen Praetorianer abloeste und uebrigens
nicht ungluecklich ihnen nacheiferte. Die bisherige Hegemonie Roms ueber
Aegypten ward damit in eine unmittelbare militaerische Okkupation verwandelt und
die nominelle Fortdauer des einheimischen Koenigtums war nicht so sehr eine
Bevorzugung des Landes als eine zwiefache Belastung.
5. Kapitel
Der Parteienkampf waehrend Pompeius' Abwesenheit
Mit dem Gabinischen Gesetze wechselten die hauptstaedtischen Parteien die
Rollen. Seit der erwaehlte Feldherr der Demokratie das Schwert in der Hand
hielt, war seine Partei oder was dafuer galt auch in der Hauptstadt
uebermaechtig. Wohl stand die Nobilitaet noch geschlossen zusammen und gingen
nach wie vor aus der Komitialmaschine nur Konsuln hervor, die nach dem Ausdrucke
der Demokraten schon in den Windeln zum Konsulate designiert waren; die Wahlen
zu beherrschen und hier den Einfluss der alten Familien zu brechen, vermochten
selbst die Machthaber nicht. Aber leider fing das Konsulat, ebenda man es so
weit gebracht hatte, die "neuen Menschen" so gut wie vollstaendig davon
auszuschliessen, selber an, vor dem neu aufgehenden Gestirn der; exzeptionellen
Militaergewalt zu erbleichen. Die Aristokratie empfand es, wenn sie auch nicht
gerade es sich gestand; sie gab sich selber verloren. Ausser Quintus Catulus,
der mit achtbarer Festigkeit auf seinem wenig erfreulichen Posten als Vorfechter
einer ueberwundenen Partei bis zu seinem Tode (694 60) ausharrte, ist aus den
obersten Reihen der Nobilitaet kein Optimat zu nennen, der die Interessen der
Aristokratie mit Mut und Stetigkeit vertreten haette. Eben ihre talentvollsten
und gefeiertsten Maenner, wie Quintus Metellus Pius und Lucius Lucullus,
abdizierten tatsaechlich und zogen sich, soweit es irgend schicklicherweise
anging, auf ihre Villen zurueck, um ueber Gaerten und Bibliotheken, ueber
Vogelhaeusern und Fischteichen den Markt und das Rathaus moeglichst zu
vergessen. Noch viel mehr gilt dies natuerlich von der juengeren Generation der
Aristokratie, die entweder ganz in Luxus und Literatur unterging oder der
aufgehenden Sonne sich zuwandte. Ein einziger unter den Juengeren machte hiervon
eine Ausnahme: es ist Marcus Porcius Cato (geboren 659 95), ein Mann vom besten
Willen und seltener Hingebung, und doch eine der abenteuerlichsten und eine der
unerfreulichsten Erscheinungen in dieser an politischen Zerrbildern ueberreichen
Zeit. Ehrlich und stetig, ernsthaft im Wollen und im Handeln, voll
Anhaenglichkeit an sein Vaterland und die angestammte Verfassung, aber ein
langsamer Kopf und sinnlich wie sittlich ohne Leidenschaft, haette er allenfalls
einen leidlichen Staatsrechenmeister abgeben moegen. Ungluecklicherweise aber
geriet er frueh unter die Gewalt der Phrase, und, teils beherrscht von den
Redensarten der Stoa, wie sie in abstrakter Kahlheit und geistloser
Abgerissenheit in der damaligen vornehmen Welt im Umlauf waren, teils von dem
Exempel seines Urgrossvaters, den zu erneuern er fuer seine besondere Aufgabe
hielt, fing er an, als Musterbuerger und Tugendspiegel in der suendigen
Hauptstadt umherzuwandeln, gleich dem alten Cato auf die Zeiten zu schelten, zu
Fuss zu gehen statt zu reiten, keine Zinsen zu nehmen, soldatische Ehrenzeichen
abzulehnen und die Wiederherstellung der guten alten Zeit damit einzuleiten,
dass er nach Koenig Romulus' Vorgang ohne Hemd ging. Eine seltsame Karikatur
seines Ahnen, des greisen Bauern, den Hass und Zorn zum Redner machten, der den
Pflug wie das Schwert meisterlich fuehrte, der mit seinem bornierten, aber
originellen und gesunden Menschenverstand in der Regel den Nagel auf den Kopf
traf, war dieser junge kuehle Gelehrte, dem die Schulmeisterweisheit von den
Lippen troff und den man immer mit dem Buche in der Hand sitzen sah, dieser
Philosoph, der weder das Kriegs- noch sonst irgendein Handwerk verstand, dieser
Wolkenwandler im Reiche der abstrakten Moral. Dennoch gelangte er zu sittlicher
und dadurch selbst zu politischer Bedeutung. In einer durchaus elenden und
feigen Zeit imponierten sein Mut und seine negativen Tugenden der Menge; er
machte sogar Schule, und es gab einzelne - freilich waren sie danach -, die die
lebendige Philosophenschablone weiter kopierten und abermals karikierten. Auf
derselben Ursache beruht auch sein politischer Einfluss. Da er der einzige
namhafte Konservative war, der wo nicht Talent und Einsicht, doch Ehrlichkeit
und Mut besass und immer bereitstand, wo es noetig und nicht noetig war, seine
Person in die Schanze zu schlagen, so ward er, obwohl weder sein Alter noch sein
Rang noch sein Geist ihn dazu berechtigten, dennoch bald der anerkannte Vormann
der Optimatenpartei. Wo das Ausharren eines einzelnen entschlossenen Mannes
entscheiden konnte, hat er auch wohl einen Erfolg erzielt und in Detailfragen,
namentlich finanzieller Art, oft zweckmaessig eingegriffen, wie er denn in
keiner Senatssitzung fehlte und mit seiner Quaestur in der Tat Epoche machte,
auch solange er lebte das oeffentliche Budget im einzelnen kontrollierte und
natuerlich denn auch darueber mit den Steuerpaechtern in bestaendigem Kriege
lebte. uebrigens fehlte ihm zum Staatsmann nicht mehr als alles. Er war
unfaehig, einen politischen Zweck auch nur zu begreifen und politische
Verhaeltnisse zu ueberblicken; seine ganze Taktik bestand darin, gegen jeden
Front zu machen, der von dem traditionellen moralisch-politischen Katechismus
der Aristokratie abwich oder ihm abzuweichen schien, womit er denn natuerlich
ebensooft dem Gegner wie dem Parteigenossen in die Haende gearbeitet hat. Der
Don Quichotte der Aristokratie, bewaehrte er durch sein Wesen und sein Tun, dass
damals allenfalls noch eine Aristokratie vorhanden, die aristokratische Politik
aber nichts mehr war als eine Chimaere.
Mit dieser Aristokratie den Kampf fortzusetzen, brachte geringe Ehre.
Natuerlich ruhten die Angriffe der Demokratie gegen den ueberwundenen Feind
darum nicht. Wie die Trossbuben ueber ein erobertes Lager, stuerzte sich die
populaere Meute auf die gesprengte Nobilitaet, und wenigstens die Oberflaeche
der Politik ward von dieser Agitation zu hohen Schaumwellen emporgetrieben. Die
Menge ging um so bereitwilliger mit, als namentlich Gaius Caesar sie bei guter
Laune hielt durch die verschwenderische Pracht seiner Spiele (689 65), bei
welchen alles Geraet, selbst die Kaefige der wilden Bestien, aus massivem Silber
erschien, und ueberhaupt durch eine Freigebigkeit, welche darum nur um so mehr
fuerstlich war, weil sie einzig auf Schuldenmachen beruhte. Die Angriffe auf die
Nobilitaet waren von der mannigfaltigsten Art. Reichen Stoff gewaehrten die
Missbraeuche des aristokratischen Regiments: liberale oder liberal schillernde
Beamte und Sachverwalter wie Gaius Cornelius, Aulus Gabinius, Marcus Cicero
fuhren fort, die aergerlichsten und schaendlichsten Seiten der
Optimatenwirtschaft systematisch zu enthuellen und Gesetze dagegen zu
beantragen. Der Senat ward angewiesen, den auswaertigen Boten an bestimmten
Tagen Zutritt zu gewaehren, um dadurch der ueblichen Verschleppung der Audienzen
Einhalt zu tun. Die von fremden Gesandten in Rom aufgenommenen Darlehen wurden
klaglos gestellt, da dies das einzige Mittel sei, den Bestechungen, die im Senat
an der Tagesordnung waren, ernstlich zu steuern (687 67). Das Recht des Senats,
in einzelnen Faellen von den Gesetzen zu dispensieren, wurde beschraenkt (687
67); ebenso der Missbrauch, dass jeder vornehme Roemer, der in den Provinzen
Privatgeschaefte zu besorgen hatte, sich dazu vom Senat den Charakter eines
roemischen Gesandten erteilen liess (691 63). Man schaerfte die Strafen gegen
Stimmenkauf und Wahlumtriebe (687, 691 67, 63), welche letztere namentlich in
aergerlicher Weise gesteigert wurden durch die Versuche der aus dem Senat
gestossenen Individuen, durch Wiederwahl in denselben zurueckzugelangen. Es
wurde gesetzlich ausgesprochen, was bis dahin sich nur von selbst verstanden
hatte, dass die Gerichtsherren verbunden seien in Gemaessheit der nach
roemischer Weise zu Anfang des Amtes von ihnen aufgestellten Normen Recht zu
sprechen (687 67).
Vor allem aber arbeitete man daran, die demokratische Restauration zu
vervollkommnen und die leitenden Gedanken der gracchischen Zeit in zeitgemaesser
Form zu verwirklichen. Die Wahl der Priester durch die Komitien, wie sie Gnaeus
Domitius eingefuehrt, Sulla wieder abgeschafft hatte, ward durch ein Gesetz des
Volkstribuns Titus Labienus im Jahre 691 (63) hergestellt. Man wies gern darauf
hin, wieviel zur Wiederherstellung der Sempronischen Getreidegesetze in ihrem
vollen Umfang noch fehle, und ueberging dabei mit Stillschweigen, dass unter den
veraenderten Umstaenden, bei der bedraengten Lage der oeffentlichen Finanzen und
der so sehr vermehrten Zahl der vollberechtigten roemischen Buerger, diese
Wiederherstellung schlechterdings unausfuehrbar war. In der Landschaft zwischen
dem Po und den Alpen naehrte man eifrig die Agitation um politische
Gleichberechtigung mit den Italikern. Schon 686 (68) reiste Gaius Caesar zu
diesem Zweck daselbst von Ort zu Ort; 689 (65) machte Marcus Crassus als Zensor
Anstalt, die Einwohner geradewegs in die Buergerliste einzuschreiben, was nur an
dem Widerstand seines Kollegen scheiterte; bei den folgenden Zensuren scheint
dieser Versuch sich regelmaessig wiederholt zu haben. Wie einst Gracchus und
Flaccus die Patrone der Latiner gewesen waren, so warfen sich die gegenwaertigen
Fuehrer der Demokratie zu Beschuetzern der Transpadaner auf, und Gaius Piso
(Konsul 687 67) hatte es schwer zu bereuen, dass er gewagt hatte, an einem
dieser Klienten des Caesar und Crassus sich zu vergreifen. Dagegen zeigten sich
dieselben Fuehrer keineswegs geneigt, die politische Gleichberechtigung der
Freigelassenen zu befuerworten; der Volkstribun Gaius Manilius, der in einer nur
von wenigen Leuten besuchten Versammlung das Sulpicische Gesetz ueber das
Stimmrecht der Freigelassenen hatte erneuern lassen (31. Dezember 687 67), ward
von den leitenden Maennern der Demokratie alsbald desavouiert und mit ihrer
Zustimmung das Gesetz schon am Tage nach seiner Durchbringung vom Senate
kassiert. In demselben Sinn wurden im Jahre 689 (65) durch Volksbeschluss die
saemtlichen Fremden, die weder roemisches noch latinisches Buergerrecht
besassen, aus der Hauptstadt ausgewiesen. Man sieht, der innere Widerspruch der
Gracchischen Politik, zugleich dem Bestreben der Ausgeschlossenen um Aufnahme in
den Kreis der Privilegierten und dem der Privilegierten um Aufrechterhaltung
ihrer Sonderrechte Rechnung zu tragen, war auch auf ihre Nachfolger
uebergegangen: waehrend Caesar und die Seinen einerseits den Transpadanern das
Buergerrecht in Aussicht stellten, gaben sie andererseits ihre Zustimmung zu der
Fortdauer der Zuruecksetzung der Freigelassenen und zu der barbarischen
Beseitigung der Konkurrenz, die die Industrie und das Handelsgeschick der
Hellenen und Orientalen in Italien selber den Italikern machte. Charakteristisch
ist die Art, wie die Demokratie hinsichtlich der alten Kriminalgerichtsbarkeit
der Komitien verfuhr. Sulla hatte dieselbe nicht eigentlich aufgehoben, aber
tatsaechlich waren doch die Geschworenenkommissionen ueber Hochverrat und Mord
an ihre Stelle getreten, und an eine ernstliche Wiederherstellung des alten,
schon lange vor Sulla durchaus unpraktischen Verfahrens konnte kein
vernuenftiger Mensch denken. Aber da doch die Idee der Volkssouveraenitaet eine
Anerkennung der peinlichen Gerichtsbarkeit der Buergerschaft wenigstens im
Prinzip zu fordern schien, so zog der Volkstribun Titus Labienus im Jahre 691
(63) den alten Mann, der vor achtunddreissig Jahren den Volkstribun Lucius
Saturninus erschlagen hatte oder haben sollte, vor dasselbe hochnotpeinliche
Halsgericht, kraft dessen, wenn die Chronik recht berichtete, der Koenig Tullus
den Schwestermoerder Horatius verrechtfertigt hatte. Der Angeklagte war ein
gewisser Gaius Rabirius, der den Saturninus wenn nicht getoetet, doch wenigstens
mit dem abgehauenen Kopf desselben an den Tafeln der Vornehmen Parade gemacht
hatte, und der ueberdies unter den apulischen Gutsbesitzern wegen seiner
Menschenfaengerei und seiner Bluttaten verrufen war. Es war, wenn nicht dem
Anklaeger selbst, doch den kluegeren Maennern, die hinter ihm standen, durchaus
nicht darum zu tun, diesen elenden Gesellen den Tod am Kreuze sterben zu lassen;
nicht ungern liess man es geschehen, dass zunaechst die Form der Anklage vom
Senat wesentlich gemildert, sodann die zur Aburteilung des Schuldigen berufene
Volksversammlung unter irgendeinem Vorwand von der Gegenpartei aufgeloest und
damit die ganze Prozedur beseitigt ward. Immer waren durch dies Verfahren die
beiden Palladien der roemischen Freiheit, das Provokationsrecht der
Buergerschaft und die Unverletzlichkeit des Volkstribunats, noch einmal als
praktisches Recht festgestellt und der demokratische Rechtsboden neu
ausgebessert worden.
Mit noch groesserer Leidenschaftlichkeit trat die demokratische Reaktion in
allen Personenfragen auf, wo sie nur irgend konnte und durfte. Zwar gebot ihr
die Klugheit, die Rueckgabe der von Sulla eingezogenen Gueter an die ehemaligen
Eigentuemer nicht zu betonen, um nicht mit den eigenen Verbuendeten sich zu
entzweien und zugleich mit den materiellen Interessen in einen Kampf zu geraten,
dem die Tendenzpolitik selten gewachsen ist; auch die Rueckberufung der
Emigrierten hing mit dieser Vermoegensfrage zu eng zusammen, um nicht ebenso
unraetlich zu erscheinen. Dagegen machte man grosse Anstrengungen, um den
Kindern der Geaechteten die ihnen entzogenen politischen Rechte zurueckzugegeben
(691 63) und die Spitzen der Senatspartei wurden von persoenlichen Angriffen
unablaessig verfolgt. So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre 688
(66) einen Tendenzprozess an. So liess man dessen beruehmteren Bruder vor den
Toren der Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph harren (688-691
66-63). Aehnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von Kreta, Quintus
Metellus, insultiert. Groesseres Aufsehen noch machte es, dass der junge Fuehrer
der Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63) nicht bloss sich es herausnahm,
bei der Bewerbung um das hoechste Priesteramt mit den beiden angesehensten
Maennern der Nobilitaet, Quintus Catulus und Publius Servilius, dem Sieger von
Isaura, zu konkurrieren, sondern sogar bei der Buergerschaft ihnen den Rang
ablief. Die Erben Sullas, namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich bestaendig
bedroht von einer Klage auf Rueckerstattung der von dem Regenten angeblich
unterschlagenen oeffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der Wiederaufnahme
der im Jahre 664 (99) sistierten demokratischen Anklagen auf Grund des Varischen
Gesetzes. Am nachdruecklichsten wurden begreiflicherweise die bei den
Sullanischen Exekutionen beteiligten Individuen gerichtlich verfolgt. Wenn der
Quaestor Marcus Cato in seiner taeppischen Ehrlichkeit selber den Anfang damit
machte, ihnen die empfangenen Mordpraemien als widerrechtlich dem Staate
entfremdetes Gut wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, dass
das Jahr darauf (690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht die
Klausel in der Sullanischen Ordnung, welche die Toetung eines Geaechteten
straflos erklaerte, kurzweg als nichtig behandelte und die namhaftesten unter
den Schergen Sullas, Lucius Catilina, Lucius Bellienus, Lucius Luscius, vor
seine Geschworenen stellen und zum Teil auch verurteilen liess. Endlich
unterliess man nicht, die lange verfemten Namen der Helden und Maertyrer der
Demokratie jetzt wieder oeffentlich zu nennen und ihre Andenken zu feiern. Wie
Saturninus durch den gegen seinen Moerder gerichteten Prozess rehabilitiert
ward, ist schon erzaehlt worden. Aber einen anderen Klang noch hatte der Name
des Gaius Marius, bei dessen Nennung einst alle Herzen geklopft hatten; und es
traf sich, dass derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den nordischen
Barbaren verdankte, zugleich der Oheim des gegenwaertigen Fuehrers der
Demokratie war. Laut hatte die Menge gejubelt, als im Jahre 686 (68) Gaius
Caesar es wagte, den Verboten zuwider bei der Beerdigung der Witwe des Marius
die verehrten Zuege des Helden auf dem Markte oeffentlich zu zeigen. Aber als
gar drei Jahre nachher (689 65) die Siegeszeichen, die Marius auf dem Kapitol
hatte errichten und Sulla umstuerzen lassen, eines Morgens, allen unerwartet,
wieder an der alten Stelle frisch in Gold und Marmor glaenzten, da draengten
sich die Invaliden aus dem Afrikanischen und Kimbrischen Kriege, Traenen in den
Augen, um das Bild des geliebten Feldherrn, und den jubelnden Massen gegenueber
wagte der Senat nicht, an den Trophaeen sich zu vergreifen, welche dieselbe
kuehne Hand den Gesetzen zum Trotz erneuert hatte.
Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Laerm es auch machte, war
politisch betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie war
ueberwunden, die Demokratie ans Ruder gelangt. Dass die Kleinen und Kleinsten
herbeieilten, um dem am Boden liegenden Feind noch einen Fusstritt zu versetzen;
dass auch die Demokraten ihren Rechtsboden und ihren Prinzipienkult hatten; dass
ihre Doktrinaere nicht ruhten, bis die saemtlichen Privilegien der Gemeinde in
allen Stuecken wiederhergestellt waren und dabei gelegentlich sich laecherlich
machten, wie Legitimisten es pflegen - das alles war ebenso begreiflich wie
gleichgueltig. Im ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr
die Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand fuer ihre Taetigkeit zu
finden, wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon erledigte oder
um Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In dem Kampfe gegen die
Aristokratie waren die Demokraten Sieger geblieben; aber sie hatten nicht allein
gesiegt und die Feuerprobe stand ihnen noch bevor - die Abrechnung nicht mit dem
bisherigen Feind, sondern mit dem uebermaechtigen Bundesgenossen, dem sie in dem
Kampfe mit der Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie jetzt
eine beispiellose militaerische und politische Gewalt selbst in die Haende
gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war der
Feldherr des Ostens und der Meere beschaeftigt, Koenige ein- und abzusetzen;
wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das Kriegsgeschaeft fuer beendet
erklaeren werde, konnte keiner sagen als er selbst, da wie alles andere, so auch
der Zeitpunkt seiner Rueckkehr nach Italien, das heisst der Entscheidung in
seine Hand gelegt war. Die Parteien in Rom inzwischen sassen und harrten. Die
Optimaten freilich sahen der Ankunft des gefuerchteten Feldherrn
verhaeltnismaessig ruhig entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der
Demokratie, dessen Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht
verlieren, sondern nur gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher
Angst und suchten waehrend der durch Pompeius' Abwesenheit noch vergoennten
Frist gegen die drohende Explosion eine Kontermine zu legen. Hierin trafen sie
wieder zusammen mit Crassus, dem nichts uebrig blieb, um dem beneideten und
gehassten Nebenbuhler zu begegnen, als sich neu und enger als zuvor mit der
Demokratie zu verbuenden. Schon bei der ersten Koalition hatten Caesar und
Crassus als die beiden Schwaecheren sich besonders nahe gestanden; das
gemeinschaftliche Interesse und die gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch
fester, das den reichsten und den verschuldetsten Mann von Rom zu engster
Allianz verknuepfte. Waehrend oeffentlich die Demokraten den abwesenden
Feldherrn als das Haupt und den Stolz ihrer Partei bezeichneten und alle ihre
Pfeile gegen die Aristokratie zu richten schienen, ward im stillen gegen
Pompeius geruestet; und diese Versuche der Demokratie, sich der drohenden
Militaerdiktatur zu entwinden, haben geschichtlich eine weit hoehere Bedeutung
als die laermende und groesstenteils nur als Maske benutzte Agitation gegen die
Nobilitaet. Freilich bewegten sie sich in einem Dunkel, in das unsere
Ueberlieferung nur einzelne Streiflichter fallen laesst; denn nicht die
Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte ihre Ursachen, einen Schleier
darueber zu werfen. Indes im allgemeinen sind sowohl der Gang wie das Ziel
dieser Bestrebungen vollkommen klar. Der Militaergewalt konnte nur durch eine
andere Militaergewalt wirksam Schach geboten werden. Die Absicht der Demokraten
war, sich nach dem Beispiel des Marius und Cinna der Zuegel der Regierung zu
bemaechtigen, sodann einen ihrer Fuehrer sei es mit der Eroberung Aegyptens, sei
es mit der Statthalterschaft Spaniens oder einem aehnlichen ordentlichen oder
ausserordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer ein Gegengewicht
gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften sie einer Revolution,
die zunaechst gegen die nominelle Regierung, in der Tat gegen Pompeius ging als
den designierten Monarchen; und um diese Revolution zu bewirken, war von der
Erlassung der Gabinisch-Manilischen Gesetze an bis auf Pompeius' Rueckkehr (688
- 692 66 - 62) die Verschwoerung in Rom in Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in
aengstlicher Spannung; die gedrueckte Stimmung der Kapitalisten, die
Zahlungsstockungen, die haeufigen Bankrotte waren Vorboten der gaerenden
Umwaelzung, die zugleich eine gaenzlich neue Stellung der Parteien herbeifuehren
zu muessen schien. Der Anschlag der Demokratie, der ueber den Senat hinweg auf
Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen diesen nahe. Die Demokratie
aber, indem sie der Diktatur des Pompeius die eines ihr genehmeren Mannes
entgegenzustellen versuchte, erkannte genau genommen auch ihrerseits das
Militaerregiment an und trieb in der Tat den Teufel aus durch Beelzebub; unter
den Haenden ward ihr die Prinzipien- zur Personenfrage.
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^1 Wer die Gesamtlage der politischen Verhaeltnisse dieser Zeit uebersieht,
wird spezieller Beweise nicht beduerfen, um zu der Einsicht zu gelangen, dass
das letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f. (66) nicht der Sturz des
Senats war, sondern der des Pompeius. Doch fehlt es auch an solchen Beweisen
nicht. Dass die Gabinisch-Manilischen Gesetze der Demokratie einen toedlichen
Schlag versetzten, sagt Sallust (Cat. 39); dass die Verschwoerung 688-689 (66-
65) und die Servilische Rogation speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist
gleichfalls bezeugt (Sall. Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17,
46). Ueberdies zeigt Crassus' Stellung zu der Verschwoerung allein schon
hinreichend, dass sie gegen Pompeius gerichtet war.
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Die Einleitung zu der von den Fuehrern der Demokratie entworfenen
Revolution sollte also der Sturz der bestehenden Regierung durch eine zunaechst
in Rom von demokratischen Verschworenen angestiftete Insurrektion sein. Der
sittliche Zustand der niedrigsten wie der hoechsten Schichten der
hauptstaedtischen Gesellschaft bot hierzu den Stoff in beklagenswerter Fuelle.
Wie das freie und das Sklavenproletariat der Hauptstadt beschaffen waren,
braucht hier nicht wiederholt zu werden. Es ward schon das bezeichnende Wort
vernommen, dass nur der Arme den Armen zu vertreten faehig sei - der Gedanke
regte sich also, dass die Masse der Armen so gut wie die Oligarchie der Reichen
sich als selbstaendige Macht konstituieren und, statt sich tyrannisieren zu
lassen, auch wohl ihrerseits den Tyrannen spielen koenne. Aber auch in den
Kreisen der vornehmen Jugend fanden aehnliche Gedanken einen Widerhall. Das
hauptstaedtische Modeleben zerruettete nicht bloss das Vermoegen, sondern auch
die Kraft des Leibes und des Geistes. Jene elegante Welt der duftenden
Haarlocken, der modischen Stutzbaerte und Manschetten, so lustig es auch darin
bei Tanz und Zitherspiel und frueh und spaet beim Becher herging, barg doch in
sich einen erschreckenden Abgrund sittlichen und oekonomischen Verfalls, gut
oder schlecht verhehlter Verzweiflung und wahnsinniger oder buebischer
Entschluesse. In diesen Kreisen ward unverhohlen geseufzt nach der Wiederkehr
der cinnanischen Zeit mit ihren Aechtungen und Konfiskationen und ihrer
Vernichtung der Schuldbuecher; es gab Leute genug, darunter nicht wenige von
nicht gemeiner Herkunft und ungewoehnlichen Anlagen, die nur auf das Signal
warteten, um wie eine Raeuberschar ueber die buergerliche Gesellschaft
herzufallen und das verlotterte Vermoegen sich wieder zu erpluendern. Wo eine
Bande sich bildet, fehlt es an Fuehrern nicht; auch hier fanden sich bald
Maenner, die zu Raeuberhauptleuten sich eigneten. Der gewesene Praetor Lucius
Catilina, der Quaestor Gnaeus Piso zeichneten unter ihren Genossen nicht bloss
durch ihre vornehme Geburt und ihren hoeheren Rang sich aus. Sie hatten die
Bruecke vollstaendig hinter sich abgebrochen und imponierten ihren
Spiessgesellen durch ihre Ruchlosigkeit ebensosehr wie durch ihre Talente. Vor
allem Catilina war einer der frevelhaftesten dieser frevelhaften Zeit. Seine
Bubenstuecke gehoeren in die Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon
sein Aeusseres, das bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald traege, bald
hastige Gang verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade besass er
die Eigenschaften, die von dem Fuehrer einer solchen Rotte verlangt werden: die
Faehigkeit, alles zu geniessen und alles zu entbehren, Mut, militaerisches
Talent, Menschenkenntnis, Verbrecherenergie und jene entsetzliche Paedagogik des
Lasters, die den Schwachen zu Falle zu bringen, den Gefallenen zum Verbrecher zu
erziehen versteht.
Aus solchen Elementen eine Verschwoerung zum Umsturz der bestehenden
Ordnung zu bilden, konnte Maennern, die Geld und politischen Einfluss besassen,
nicht schwerfallen. Catilina, Piso und ihresgleichen gingen bereitwillig auf
jeden Plan ein, der ihnen Aechtungen und Kassation der Schuldbuecher in Aussicht
stellte; jener war ueberdies noch mit der Aristokratie speziell verfeindet, weil
sie sich der Bewerbung des verworfenen und gefaehrlichen Menschen um das
Konsulat widersetzt hatte. Wie er einst als Scherge Sullas an der Spitze einer
Keltenschar auf die Geaechteten Jagd gemacht und unter anderen seinen eigenen
hochbejahrten Schwager mit eigener Hand niedergestossen hatte, so liess er jetzt
sich bereitwillig dazu herbei, der Gegenpartei aehnliche Dienst zuzusagen. Ein
geheimer Bund ward gestiftet. Die Zahl der in denselben aufgenommenen Individuen
soll 400 ueberstiegen haben; er zaehlte Affiliierte in allen Landschaften und
Stadtgemeinden Italiens; ueberdies verstand es sich von selbst, dass einer
Insurrektion, die das zeitgemaesse Programm der Schuldentilgung auf ihre Fahne
schrieb, aus den Reihen der liederlichen Jugend zahlreiche Rekruten ungeheissen
zustroemen wuerden.
Im Dezember 688 (66) - so wird erzaehlt - glaubten die Leiter des Bundes
den geeigneten Anlass gefunden zu haben, um loszuschlagen. Die beiden fuer 689
(65) erwaehlten Konsuln Publius Cornelius Sulla und Publius Autronius Paetus
waren vor kurzem der Wahlbestechung gerichtlich ueberwiesen und deshalb nach
gesetzlicher Vorschrift ihrer Anwartschaft auf das hoechste Amt verlustig
erklaert worden. Beide traten hierauf dem Bunde bei. Die Verschworenen
beschlossen, ihnen das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und dadurch sich
selbst in den Besitz der hoechsten Gewalt im Staate zu setzen. An dem Tage, wo
die neuen Konsuln ihr Amt antreten wuerden, dem 1. Januar 689 (65) sollte die
Kurie von Bewaffneten gestuermt, die neuen Konsuln und die sonst bezeichneten
Opfer niedergemacht und Sulla und Paetus nach Kassierung des gerichtlichen
Urteils, das sie ausschloss, als Konsuln proklamiert werden. Crassus sollte
sodann die Diktatur, Caesar das Reiterfuehreramt uebernehmen, ohne Zweifel, um
eine imposante Militaermacht auf die Beine zu bringen, waehrend Pompeius fern am
Kaukasus beschaeftigt war. Hauptleute und Gemeine waren gedungen und angewiesen;
Catilina wartete an dem bestimmten Tage in der Naehe des Rathauses auf das
verabredete Zeichen, das auf Crassus' Wink ihm von Caesar gegeben werden sollte.
Allein er wartete vergebens; Crassus fehlte in der entscheidenden Senatssitzung,
und daran scheiterte fuer diesmal die projektierte Insurrektion. Ein aehnlicher
noch umfassenderer Mordplan ward dann fuer den 5. Februar verabredet; allein
auch dieser ward vereitelt, da Catilina das Zeichen zu frueh gab, bevor noch die
bestellten Banditen sich alle eingefunden hatten. Darueber ward das Geheimnis
ruchbar. Die Regierung wagte zwar nicht, offen der Verschwoerung
entgegenzutreten, aber sie gab doch den zunaechst bedrohten Konsuln Wachen bei
und stellte der Bande der Verschworenen eine von der Regierung bezahlte
entgegen. Um Piso zu entfernen, wurde der Antrag gestellt, ihn als Quaestor mit
praetorischen Befugnissen nach dem diesseitigen Spanien zu senden; worauf
Crassus einging, in der Hoffnung, durch denselben die Hilfsquellen dieser
wichtigen Provinz fuer die Insurrektion zu gewinnen. Weitergehende Vorschlaege
wurden durch die Tribune verhindert.
Also lautet die Ueberlieferung, welche offenbar die in den
Regierungskreisen umlaufende Version wiedergibt und deren Glaubwuerdigkeit im
einzelnen in Ermangelung jeder Kontrolle dahingestellt bleiben muss. Was die
Hauptsache anlangt, die Beteiligung von Caesar und Crassus, so kann allerdings
das Zeugnis ihrer politischen Gegner nicht als ausreichender Beweis dafuer
angesehen werden. Aber es passt doch ihre offenkundige Taetigkeit in dieser
Epoche auffallend genau zu der geheimen, die dieser Bericht ihnen beimisst. Dass
Crassus, der in diesem Jahre Zensor war, als solcher den Versuch machte, die
Transpadaner in die Buergerliste einzuschreiben, war schon geradezu ein
revolutionaeres Beginnen. Noch bemerkenswerter ist es, dass Crassus bei
derselben Gelegenheit Anstalt machte, Aegypten und Kypros in das Verzeichnis der
roemischen Domaenen einzutragen ^2 und dass Caesar um die gleiche Zeit (689 oder
690 65 oder 64) durch einige Tribune bei der Buergerschaft den Antrag stellen
liess, ihn nach Aegypten zu senden, um den von den Alexandrinern vertriebenen
Koenig Ptolemaeos wiedereinzusetzen. Diese Machinationen stimmen mit den von den
Gegnern erhobenen Anklagen in bedenklicher Weise zusammen. Gewisses laesst sich
hier nicht ermitteln; aber die grosse Wahrscheinlichkeit ist dafuer, dass
Crassus und Caesar den Plan entworfen hatten, sich waehrend Pompeius'
Abwesenheit der Militaerdiktatur zu bemaechtigen; dass Aegypten zur Basis dieser
demokratischen Militaermacht ausersehen war; dass endlich der
Insurrektionsversuch von 689 (65) angezettelt worden ist, um diese Entwuerfe zu
realisieren und Catilina und Piso also Werkzeuge in den Haenden von Crassus und
Caesar gewesen sind.
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^2 Plut. Crass. 13; Cic. leg. agr. 2, 17, 44. In dies Jahr (689 65) gehoert
Ciceros Rede De rege Alexandrino, die man unrichtig in das Jahr 698 (56) gesetzt
hat. Cicero widerlegt darin, wie die Fragmente deutlich zeigen, Crassus'
Behauptung, dass durch das Testament des Koenigs Alexandros Aegypten roemisches
Eigentum geworden sei. Diese Rechtsfrage konnte und musste im Jahre 689 (65)
diskutiert werden; im Jahre 698 (56) aber war sie durch das Julische Gesetz von
695 (59) bedeutungslos geworden. Auch handelte es sich im Jahre 698 (56) gar
nicht um die Frage, wem Aegypten gehoere, sondern um die Zurueckfuehrung des
durch einen Aufstand vertriebenen Koenigs, und es hat bei dieser uns genau
bekannten Verhandlung Crassus keine Rolle gespielt. Endlich war Cicero nach der
Konferenz von Luca durchaus nicht in der Lage, gegen einen der Triumvirn
ernstlich zu opponieren.
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Einen Augenblick kam die Verschwoerung ins Stocken. Die Wahlen fuer 690
(64) fanden statt, ohne dass Crassus und Caesar ihren Versuch sich des Konsulats
zu bemeistern, dabei erneuert haetten; wozu mit beigetragen haben mag, dass ein
Verwandter des Fuehrers der Demokratie, Lucius Caesar, ein schwacher und von
seinem Geschlechtsfreund nicht selten als Werkzeug benutzter Mann, diesmal um
das Konsulat sich bewarb. Indes draengten die Berichte aus Asien zur Eile. Die
kleinasiatischen und armenischen Angelegenheiten waren bereits vollstaendig
geordnet. So klar auch die demokratischen Strategen es bewiesen, dass der
Mithradatische Krieg erst mit der Gefangennahme des Koenigs als beendigt gelten
koenne und dass es deshalb notwendig sei, die Hetzjagd um das Schwarze Meer
herum zu beginnen, vor allen Dingen aber von Syrien fernzubleiben - Pompeius
war, unbekuemmert um solches Geschwaetz, im Fruehjahr 690 (64) aus Armenien
aufgebrochen und nach Syrien marschiert. Wenn Aegypten wirklich zum
Hauptquartier der Demokratie ausersehen war, so war keine Zeit zu verlieren;
leicht konnte sonst Pompeius eher als Caesar in Aegypten stehen. Die
Verschwoerung von 688 (66) durch die schlaffen und aengstlichen
Repressivmassregeln keineswegs gesprengt, regte sich wieder, als die
Konsulwahlen fuer 691 (63) herankamen. Die Personen waren vermutlich wesentlich
dieselben und auch der Plan nur wenig veraendert. Die Leiter der Bewegung
hielten wieder sich im Hintergrund. Als Bewerber um das Konsulat hatten sie
diesmal aufgestellt: Catilina selbst und Gaius Antonius, den juengeren Sohn des
Redners, einen Bruder des von Kreta her uebel berufenen Feldherrn. Catilinas war
man sicher; Antonius, urspruenglich Sullaner wie Catilina und wie dieser vor
einigen Jahren von der demokratischen Partei deshalb vor Gericht gestellt und
aus dem Senat ausgestossen, uebrigens ein schlaffer, unbedeutender, in keiner
Hinsicht zum Fuehrer berufener, vollstaendig bankrotter Mann, gab um den Preis
des Konsulats und der daran geknuepften Vorteile sich den Demokraten willig zum
Werkzeug hin. Durch diese Konsuln beabsichtigten die Haeupter der Verschwoerung,
sich des Regiments zu bemaechtigen, die in der Hauptstadt zurueckgebliebenen
Kinder des Pompeius als Geiseln festzunehmen und in Italien und den Provinzen
gegen Pompeius zu ruesten. Auf die erste Nachricht von dem in der Hauptstadt
gefallenen Schlage sollte der Statthalter Gnaeus Piso im diesseitigen Spanien
die Fahne der Insurrektion aufstecken. Die Kommunikation mit ihm konnte auf dem
Seeweg nicht stattfinden, da Pompeius das Meer beherrschte; man zaehlte dafuer
auf die Transpadaner, die alten Klienten der Demokratie, unter denen es gewaltig
gaerte und die natuerlich sofort das Buergerrecht erhalten haben wuerden, ferner
auf verschiedene keltische Staemme ^3. Bis nach Mauretanien hin liefen die
Faeden dieser Verbindung. Einer der Mitverschworenen, der roemische
Grosshaendler Publius Sittius aus Nuceria, durch finanzielle Verwicklungen
gezwungen, Italien zu meiden, hatte daselbst und in Spanien einen Trupp
verzweifelter Leute bewaffnet und zog mit diesen als Freischarenfuehrer im
westlichen Afrika herum, wo er alte Handelsverbindungen hatte.
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^3 Die Ambrani (Suet. Caes. 9) sind wohl nicht die mit den Kimbern zusammen
genannten Ambronen (Plot. Mar. 19), sondern verschrieben fuer Arverni.
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Die Partei strengte alle ihre Kraefte fuer den Wahlkampf an. Crassus und
Caesar setzten ihr Geld - eigenes oder geborgtes -und ihre Verbindungen ein, um
Catilina und Antonius das Konsulat zu verschaffen; Catilinas Genossen spannten
jeden Nerv an, um den Mann an das Ruder zu bringen, der ihnen die Aemter und
Priestertuemer, die Palaeste und Landgueter ihrer Gegner und vor allen Dingen
Befreiung von ihren Schulden verhiess und von dem man wusste, dass er Wort
halten werde. Die Aristokratie war in grosser Not, hauptsaechlich weil sie nicht
einmal Gegenkandidaten aufzustellen vermochte. Dass ein solcher seinen Kopf
wagte, war offenbar; und die Zeiten waren nicht mehr, wo der Posten der Gefahr
den Buerger lockte - jetzt schwieg selbst der Ehrgeiz vor der Angst. So
begnuegte sich die Nobilitaet, einen schwaechlichen Versuch zu machen, den
Wahlumtrieben durch Erlassung eines neuen Gesetzes ueber den Stimmenkauf zu
steuern -was uebrigens an der Interzession eines Volkstribunen scheiterte - und
ihre Stimmen auf einen Bewerber zu werfen, der ihr zwar auch nicht genehm, aber
doch wenigstens unschaedlich war. Es war dies Marcus Cicero, notorisch ein
politischer Achseltraeger ^4, gewohnt bald mit den Demokraten, bald mit
Pompeius, bald aus etwas weiterer Ferne mit der Aristokratie zu liebaeugeln und
jedem einflussreichen Beklagten ohne Unterschied der Person oder Partei - auch
Catilina zaehlte er unter seinen Klienten - Advokatendienste zu leisten,
eigentlich von keiner Partei oder, was ziemlich dasselbe ist, von der Partei der
materiellen Interessen, die in den Griechen dominierte und den beredten
Sachwalter, den hoeflichen und witzigen Gesellschafter gern hatte. Er hatte
Verbindungen genug in der Hauptstadt und den Landstaedten, um neben den vor der
Demokratie aufgestellten Kandidaten eine Chance zu haben; und da auch die
Nobilitaet, obwohl nicht gern, und die Pompeianer fuer ihn stimmten, ward er mit
grosser Majoritaet gewaehlt. Die beiden Kandidaten der Demokratie erhielten fast
gleich viele Stimmen, jedoch fielen auf Antonius, dessen Familie angesehener war
als die seines Konkurrenten, einige mehr. Dieser Zufall vereitelte die Wahl
Catilinas und rettete Rom vor einem zweiten Cinna. Schon etwas frueher war Piso,
es hiess auf Anstiften seines politischen und persoenlichen Feindes Pompeius, in
Spanien von seiner einheimischen Eskorte niedergemacht worden ^5. Mit dem Konsul
Antonius allein war nichts anzufangen; Cicero sprengte das lockere Band, das ihn
an die Verschwoerung knuepfte, noch ehe sie beide ihre Aemter antraten, indem er
auf die von Rechts wegen ihm zustehende Losung um die Konsularprovinzen Verzicht
leistete und dem tief verschuldeten Kollegen die eintraegliche Statthalterschaft
Makedonien ueberliess. Die wesentlichen Vorbedingungen auch dieses Anschlags
waren also gefallen.
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^4 Naiver kann dies nicht ausgesprochen werden, als es in der seinem Bruder
untergeschobenen Denkschrift geschieht (pet. 1, 5; 13, 51 53 vom Jahre 690 64);
der Bruder selbst wuerde schwerlich sich so offenherzig oeffentlich geaeussert
haben. Als authentisches Belegstueck dazu werden unbefangene Leute nicht ohne
Interesse die zweite Rede gegen Rullus lesen, wo der "erste demokratische
Konsul", in sehr ergoetzlicher Weise das liebe Publikum nasfuehrend, ihm die
"richtige Demokratie" entwickelt.
^5 Seine noch vorhandene Grabschrift lautet: Cn. Calpurnius Cn, f. Piso
quaestor pro pr. ex s. c. provinciam Hispaniam citeriorem optinuit.
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Inzwischen entwickelten die orientalischen Verhaeltnisse sich immer
bedrohlicher fuer die Demokratie. Die Ordnung Syriens schritt rasch vorwaerts;
schon waren von Aegypten Aufforderungen an Pompeius ergangen, daselbst
einzuruecken und das Land fuer Rom einzuziehen; man musste fuerchten, demnaechst
zu vernehmen, dass Pompeius selbst das Niltal in Besitz genommen habe. Eben
hierdurch mag Caesars Versuch, sich geradezu vom Volke nach Aegypten senden zu
lassen, um dem Koenige gegen seine aufruehrerischen Untertanen Beistand zu
leisten, hervorgerufen worden sein; er scheiterte, wie es scheint, an der
Abneigung der Grossen und Kleinen, irgend etwas gegen Pompeius' Interesse zu
unternehmen. Pompeius' Heimkehr und damit die wahrscheinliche Katastrophe
rueckten immer naeher; wie oft auch die Sehne gerissen war, es musste doch
wieder versucht werden, denselben Boten zu spannen. Die Stadt war in dumpfer
Gaerung: haeufige Konferenzen der Haeupter der Bewegung deuteten an, dass wieder
etwas im Werke sei. Was das sei, ward offenbar, als die neuen Volkstribune ihr
Amt antraten (10. Dezember 690 64) und sogleich einer von ihnen, Publius
Servillius Rullus, ein Ackergesetz beantragte, das den Fuehrern der Demokraten
eine aehnliche Stellung verschaffen sollte, wie sie infolge der Gabinisch-
Manilischen Antraege Pompeius einnahm. Der nominelle Zweck war die Gruendung von
Kolonien in Italien, wozu der Boden indes nicht durch Expropriation gewonnen
werden sollte - vielmehr wurden alle bestehenden Privatrechte garantiert, ja
sogar die widerrechtlichen Okkupationen der juengsten Zeit in volles Eigentum
umgewandelt. Nur die verpachtete kampanische Domaene sollte parzelliert und
kolonisiert werden, im uebrigen die Regierung das zur Assignation bestimmte Land
durch gewoehnlichen Kauf erwerben. Um die hierzu noetigen Summen zu beschaffen,
sollte das uebrige italische und vor allem alles ausseritalische Domanialland
sukzessiv zum Verkauf gebracht werden; worunter namentlich die ehemaligen
koeniglichen Tafelgueter in Makedonien, dem Thrakischen Chersones, Bithynien,
Pontus, Kyrene, ferner die Gebiete der nach Kriegsrecht zu vollem Eigen
gewonnenen Staedte in Spanien, Afrika, Sizilien, Hellas, Kilikien verstanden
waren. Verkauft werden sollte ingleichen alles, was der Staat an beweglichen und
unbeweglichem Gut seit dem Jahre 666 (88) erworben und worueber er nicht frueher
verfuegt hatte; was hauptsaechlich auf Aegypten und Kypros zielte. Zu dem
gleichen Zweck wurden alle untertaenigen Gemeinden mit Ausnahme der Staedte
latinischen Rechts und der sonstigen Freistaedte mit sehr hoch gegriffenen
Gefaellen und Zehnten belastet. Ebenfalls ward endlich fuer jene Ankaeufe
bestimmt der Ertrag der neuen Provinzialgefaelle, anzurechnen vom Jahre 692 (62)
und der Erloes aus der saemtlichen, noch nicht gesetzmaessig verwandten Beute;
welche Anordnungen auf die neuen, von Pompeius im Osten eroeffneten
Steuerquellen und auf die in den Haenden des Pompeius und der Erben Sullas
befindlichen oeffentlichen Gelder sich bezog. Zur Ausfuehrung dieser Massregel
sollten Zehnmaenner mit eigener Jurisdiktion und eigenem Imperium ernannt
werden, welche fuenf Jahre im Amte zu bleiben und mit 200 Unterbeamten aus dem
Ritterstand sich zu umgeben hatten; bei der Wahl der Zehnmaenner aber sollten
nur die Kandidaten, die persoenlich sich melden wuerden, beruecksichtigt werden
duerfen und, aehnlich wie bei den Priesterwahlen, nur siebzehn durch Los aus den
fuenfunddreissig zu bestimmende Bezirke waehlen. Es war ohne grossen Scharfsinn
zu erkennen, dass man in diesem Zehnmaennerkollegium eine der des Pompeius
nachgebildete, nur etwas weniger militaerisch und mehr demokratisch gefaerbte
Gewalt zu schaffen beabsichtigte. Man bedurfte der Gerichtsbarkeit namentlich,
um die aegyptische Frage zu entscheiden, der Militaergewalt, um gegen Pompeius
zu ruesten; die Klausel, welche die Wahl eines Abwesenden untersagte, schloss
Pompeius aus, und die Verminderung der stimmberechtigten Bezirke sowie die
Manipulation des Auslosens sollten die Lenkung der Wahl im Sinne der Demokratie
erleichtern.
Indes dieser Versuch verfehlte gaenzlich sein Ziel. Die Menge, die es
bequemer fand, das Getreide im Schatten der roemischen Hallen aus den
oeffentlichen Magazinen sich zumessen zu lassen, als es im Schweisse des
Angesichts selber zu bauen, nahm den Antrag an sich schon mit vollkommener
Gleichgueltigkeit auf. Sie fuehlte auch bald heraus, dass Pompeius einen
solchen, in jeder Hinsicht ihn verletzenden Beschluss sich nimmermehr gefallen
lassen werde und dass es nicht gut stehen koenne mit einer Partei, die in ihrer
peinlichen Angst sich zu so ausschweifenden Anerbietungen herbeilasse. Unter
solchen Umstaenden fiel es der Regierung nicht schwer, den Antrag zu vereiteln;
der neue Konsul Cicero nahm die Gelegenheit wahr, sein Talent, offene Tueren
einzulaufen, auch hier geltend zu machen; noch ehe die bereitstehenden Tribune
interzedierten, zog der Urheber selbst den Vorschlag zurueck (1. Januar 691 62).
Die Demokratie hatte nichts gewonnen als die unerfreuliche Belehrung, dass die
grosse Menge in Liebe oder in Furcht fortwaehrend noch zu Pompeius hielt und
dass jeder Antrag sicher fiel, den das Publikum als gegen Pompeius gerichtet
erkannte.
Ermuedet von all diesem vergeblichen Wuehlen und resultatlosem Planen,
beschloss Catilina, die Sache zur Entscheidung zu treiben und ein fuer allemal
ein Ende zu machen. Er traf im Laufe des Sommers seine Massregeln, um den
Buergerkrieg zu eroeffnen. Faesulae (Fiesole), eine sehr feste Stadt in dem von
Verarmten und Verschworenen wimmelnden Etrurien und fuenfzehn Jahre zuvor der
Herd des Lepidianischen Aufstandes, ward wiederum zum Hauptquartier der
Insurrektion ausersehen. Dorthin gingen die Geldsendungen, wozu namentlich die
in die Verschwoerung verwickelten vornehmen Damen der Hauptstadt die Mittel
hergaben; dort wurden Waffen und Soldaten gesammelt; ein alter sullanischer
Hauptmann, Gaius Manlius, so tapfer und so frei von Gewissensskrupeln wie nur je
ein Lanzknecht, uebernahm daselbst vorlaeufig den Oberbefehl. Aehnliche wenn
auch minder ausgedehnte Zuruestungen wurden an andern Punkten Italiens gemacht.
Die Transpadaner waren so aufgeregt, dass sie nur auf das Zeichen zum
Losschlagen zu warten schienen. Im bruttischen Lande, an der Ostkueste Italiens,
in Capua, wo ueberall grosse Sklavenmassen angehaeuft waren, schien eine zweite
Sklaveninsurrektion, gleich der des Spartacus, im Entstehen. Auch in der
Hauptstadt bereitete etwas sich vor; wer die trotzige Haltung sah, in der die
vorgeforderten Schuldner vor dem Stadtpraetor erschienen, musste der Szenen
gedenken, die der Ermordung des Asellio vorangegangen waren. Die Kapitalisten
schwebten in namenloser Angst; es zeigte sich noetig, das Verbot der Gold- und
Silberausfuhr einzuschaerfen und die Haupthaefen ueberwachen zu lassen. Der Plan
der Verschworenen war, bei der Konsulwahl fuer 692 (62) zu der Catilina sich
wieder gemeldet hatte, den wahlleitenden Konsul sowie die unbequemen Mitbewerber
kurzweg niederzumachen und Catilinas Wahl um jeden Preis durchzusetzen,
noetigenfalls selbst bewaffnete Scharen von Faesulae und den anderen
Sammelpunkten gegen die Hauptstadt zu fuehren und mit ihnen den Widerstand zu
brechen.
Cicero, bestaendig durch seine Agenten und Agentinnen von den Verhandlungen
der Verschworenen rasch und vollstaendig unterrichtet, denunzierte an dem
anberaumten Wahltag (20. Oktober) die Verschwoerung in vollem Senat und im
Beisein ihrer hauptsaechlichsten Fuehrer. Catilina liess sich nicht dazu herab
zu leugnen; er antwortete trotzig, wenn die Wahl zum Konsul auf ihn fallen
sollte, so werde es allerdings der grossen hauptlosen Partei gegen die kleine,
von elenden Haeuptern geleitete an einem Fuehrer nicht laenger fehlen. Indes da
handgreifliche Beweise des Komplotts nicht vorlagen, war von dem aengstlichen
Senat nichts weiter zu erreichen, als dass er in der ueblichen Weise den von den
Beamten zweckmaessig befundenen Ausnahmemassregeln im voraus seine Sanktion
erteilte (21. Oktober). So nahte die Wahlschlacht, diesmal mehr eine Schlacht
als eine Wahl; denn auch Cicero hatte aus den juengeren Maennern namentlich des
Kaufmannsstandes sich eine bewaffnete Leibwache gebildet; und seine Bewaffneten
waren es, die am 28. Oktober, auf welchen Tag die Wahl vom Senat verschoben
worden war, das Marsfeld bedeckten und beherrschten. Den Verschworenen gelang es
weder, den wahlleitenden Konsul niederzumachen noch die Wahlen in ihrem Sinne zu
entscheiden.
Inzwischen aber hatte der Buergerkrieg begonnen. Am 27. Oktober hatte Gaius
Manlius bei Faesulae den Adler aufgepflanzt, um den die Armee der Insurrektion
sich scharen sollte - es war einer der Marianischen aus dem Kimbrischen Kriege -
, und die Raeuber aus den Bergen wie das Landvolk aufgerufen, sich ihm
anzuschliessen. Seine Proklamationen forderten, anknuepfend an die alten
Traditionen der Volkspartei, Befreiung von der erdrueckendem Schuldenlast und
Milderung des Schuldprozesses, der, wenn der Schuldbestand in der Tat das
Vermoegen ueberstieg, allerdings immer noch rechtlich den Verlust der Freiheit
fuer den Schuldner nach sich zog. Es schien, als wolle das hauptstaedtische
Gesindel, indem es gleichsam als legitimer Nachfolger der alten plebejischen
Bauernschaft auftrat und unter den ruhmvollen Adlern des Kimbrischen Krieges
seine Schlachten schlug, nicht bloss die Gegenwart, sondern auch die
Vergangenheit Roms beschmutzen. Indes blieb diese Schilderhebung vereinzelt; in
den anderen Sammelpunkten kam die Verschwoerung nicht hinaus ueber
Waffenaufhaeufung und Veranstaltung geheimer Zusammenkuenfte, da es ueberall an
entschlossenen Fuehrern gebrach. Es war ein Glueck fuer die Regierung; denn wie
offen auch seit laengerer Zeit der bevorstehende Buergerkrieg angekuendigt war,
hatten doch die eigene Unentschlossenheit und die Schwerfaelligkeit der
verrosteten Verwaltungsmaschinerie ihr nicht gestattet, irgendwelche
militaerische Vorbereitungen zu treffen. Erst jetzt ward der Landsturm
aufgerufen und wurden in die einzelnen Landschaften Italiens hoehere Offiziere
kommandiert, um jeder in seinem Bezirk die Insurrektion zu unterdruecken,
zugleich aus der Hauptstadt die Fechtersklaven ausgewiesen und wegen der
befuerchteten Brandstiftungen Patrouillen angeordnet. Catilina war in einer
peinlichen Lage. Nach seiner Absicht hatte bei den Konsularwahlen gleichzeitig
in der Hauptstadt und in Etrurien Iosgeschlagen werden sollen; das Scheitern der
ersteren und das Ausbrechen der zweiten Bewegung gefaehrdete ihn persoenlich wie
den ganzen Erfolg seines Unternehmens. Nachdem einmal die Seinigen bei Faesulae
die Waffen gegen die Regierung erhaben hatten, war in Rom seines Bleibens nicht
mehr; und dennoch lag ihm nicht bloss alles daran, die hauptstaedtische
Verschwoerung jetzt wenigstens zum raschen Losschlagen zu bestimmen, sondern
wusste dies auch geschehen sein, bevor er Rom verliess - denn er kannte seine
Gehilfen zu gut, um sich dafuer auf sie zu verlassen. Die angesehenen unter den
Mitverschworenen, Publius Lentulus Sura, Konsul 683 (71), spaeter aus dem Senat
gestossen und jetzt, um in den Senat zurueckzugelangen, wieder Praetor, und die
beiden gewesenen Praetoren Publius Autronius und Lucius Cassius waren unfaehige
Menschen, Lentulus ein gewoehnlicher Aristokrat von grossen Warten und grossen
Anspruechen, aber langsam im Begreifen und unentschlossen im Handeln, Autronius
durch nichts ausgezeichnet als durch seine gewaltige Kreischstimme; von Lucius
Cassius gar begriff es niemand, wie ein so dicker und so einfaeltiger Mensch
unter die Verschwoerer geraten sei. Die faehigeren Teilnehmer aber, wie den
jungen Senator Gaius Cethegus und die Ritter Lucius Statilius und Publius
Gabinius Capito, durfte Catilina nicht wagen, an die Spitze zu stellen, da
selbst unter den Verschworenen noch die traditionelle Standeshierarchie ihren
Platz behauptete und auch die Anarchisten nicht meinten, obsiegen zu koennen,
wenn nicht ein Konsular oder mindestens ein Praetorier an der Spitze stand. Wie
dringend darum immer die Insurrektionsarmee nach ihrem Feldherrn verlangte und
wie misslich es fuer diesen war, nach dem Ausbruch des Aufstandes laenger am
Sitze der Regierung zu verweilen, entschloss Catilina sich dennoch, vorlaeufig
noch in Rom zu bleiben. Gewohnt, durch seinen kecken Uebermut den feigen Gegnern
zu imponieren, zeigte er sich oeffentlich auf dem Markte wie im Rathaus und
antwortete auf die Drohungen, die dort gegen ihn fielen, dass man sich hueten
moege, ihn aufs aeusserste zu treiben; wem man das Haus anzuende, der werde
genoetigt, den Brand unter Truemmern zu loeschen. In der Tat wagten es weder
Private noch Behoerden, auf den gefaehrlichen Menschen die Hand zulegen; es war
ziemlich gleichgueltig, dass ein junger Adliger ihn wegen Vergewaltigung vor
Gericht zog, denn bevor der Prozess zu Ende kommen konnte, musste laengst
anderweitig entschieden sein. Aber auch Catilinas Entwuerfe scheiterten,
hauptsaechlich daran, dass die Agenten der Regierung sich in den Kreis der
Verschworenen gedraengt hatten und dieselbe stets von allem Detail des
Kornplatts genau unterrichtet hielten. Als zum Beispiel die Verschworenen vor
dem festen Praeneste erschienen (1. November), das sie durch einen Handstreich
zu ueberrumpeln gehofft hatten, fanden sie die Bewohner gewarnt und geruestet;
und in aehnlicher Weise schlug alles fehl. Catilina fand bei all seiner
Tollkuehnheit es doch geraten, jetzt seine Abreise auf einen der naechsten Tage
festzusetzen; vorher aber wurde noch auf seine dringende Mahnung in einer
letzten Zusammenkunft der Verschworenen in der Nacht vom 6. auf den 7. November
beschlossen, den Konsul Cicero, der die Kontermine hauptsaechlich leitete, noch
vor der Abreise des Fuehrers zu ermorden und, um jedem Verrat zuvorzukommen,
diesen Beschluss augenblicklich ins Werk zu setzen. Frueh am Morgen des 7.
November pochten denn auch die erkorenen Moerder an dem Hause des Konsuls; aber
sie sahen die Wachen verstaerkt und sich selber abgewiesen - auch diesmal hatten
die Spione der Regierung den Verschworenen den Rang abgelaufen. Am Tage darauf
(8. November) berief Cicero den Senat. Noch jetzt wagte es Catilina zu
erscheinen und gegen die zornigen Angriffe des Konsuls, der ihm ins Gesicht die
Vorgaenge der letzten Tage enthuellte, eine Verteidigung zu versuchen, aber man
hoerte nicht mehr auf ihn und in der Naehe des Platzes, auf dem er sass, leerten
sich die Baenke. Er verliess die Sitzung und begab sich, wie er uebrigens auch
ohne diesen Zwischenfall ohne Zweifel getan haben wuerde, der Verabredung
gemaess nach Etrurien. Hier rief er sich selber zum Konsul aus und nahm eine
zuwartende Stellung, um auf die erste Meldung von dem Ausbruch einer
Insurrektion in der Hauptstadt die Truppen gegen dieselbe in Bewegung zu setzen.
Die Regierung erklaerte die beiden Fuehrer Catilina und Manlius sowie diejenigen
ihrer Genossen, die nicht bis zu einem bestimmten Tag die Waffen niedergelegt
haben wuerden, in die Acht und rief neue Milizen ein; aber an die Spitze des
gegen Catilina Gestimmten Heeres ward der Konsul Gaius Antonius gestellt, der
notorisch in die Verschwoerung verwickelt war und bei dessen Charakter es
durchaus vom Zufall abhing, ob er seine Truppen gegen Catilina oder ihm
zufuehren werde. Man schien es geradezu darauf angelegt zu haben, aus diesem
Antonius einen zweiten Lepidus zu machen. Ebensowenig ward eingeschritten gegen
die in der Hauptstadt zurueckgebliebenen Leiter der Verschwoerung, obwohl
jedermann mit Fingern auf sie wies und die Insurrektion in der Hauptstadt von
den Verschworenen nichts weniger als aufgegeben, vielmehr der Plan derselben
noch von Catilina selbst vor seinem Abgang von Rom festgelegt worden war. Ein
Tribun sollte durch Berufung einer Volksversammlung das Zeichen geben, die Nacht
darauf Cethegus den Konsul Cicero aus dem Wege raeumen, Gabinius und Statilius
die Stadt an zwoelf Stellen zugleich in Brand stecken und mit dem inzwischen
herangezogenen Heere Catilinas die Verbindung in moeglichster Geschwindigkeit
hergestellt werden. Haetten Cethegus' dringende Vorstellungen gefruchtet und
Lentulus, der nach Catilinas Abreise an die Spitze der Verschworenen gestellt
war, sich zu raschem Losschlagen entschlossen, so konnte die Verschwoerung auch
jetzt noch gelingen. Allein die Konspiratoren waren gerade ebenso unfaehig und
ebenso feig wie ihre Gegner; Wochen verflossen und es kam zu keiner
Entscheidung.
Endlich fuehrte die Kontermine sie herbei. In seiner weitlaeufigen und gern
die Saeumigkeit in dem Naechsten und Notwendigen durch die Entwerfung
fernliegender und weitsichtiger Plaene bedeckenden Art hatte Lentulus sich mit
den eben in Rom anwesenden Deputierten eines Keltengaus, der Allobrogen,
eingelassen und diese, die Vertreter eines gruendlich zerruetteten Gemeinwesens
und selber tief verschuldet, versucht in die Verschwoerung zu verwickeln, auch
ihnen bei ihrer Abreise Boten und Briefe an die Vertrauten mitgegeben. Die
Allobrogen verliessen Rom, wurden aber in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember
hart an den Toren von den roemischen Behoerden angehalten und ihre Papiere ihnen
abgenommen. Es zeigte sich, dass die allobrogischen Abgeordneten sich zu Spionen
der roemischen Regierung hergegeben und die Verhandlungen nur deshalb gefuehrt
hatten, um dieser die gewuenschten Beweisstuecke gegen die Hauptleiter der
Verschwoerung in die Haende zu spielen. Am Morgen darauf wurden von Cicero in
moeglichster Stille Verhaftsbefehle gegen die gefaehrlichsten Fuehrer des
Komplotts erlassen und gegen Lentulus, Cethegus, Gabinius und Statilius auch
vollzogen, waehrend einige andere durch die Flucht der Festnehmung entgingen.
Die Schuld der Ergriffenen wie der Fluechtigen war vollkommen evident.
Unmittelbar nach der Verhaftung wurden dem Senat die weggenommenen Briefschaften
vorgelegt, zu deren Siegel und Handschrift die Verhafteten nicht umhin konnten,
sich zu bekennen, und die Gefangenen und Zeugen verhoert; weitere bestaetigende
Tatsachen, Waffenniederlagen in den Haeusern der Verschworenen, drohende
Aeusserungen, die sie getan, ergaben sich alsbald; der Tatbestand der
Verschwoerung war vollstaendig und rechtskraeftig festgestellt und die
wichtigsten Aktenstuecke sogleich auf Ciceros Veranstaltung durch fliegende
Blaetter publiziert.
Die Erbitterung gegen die anarchistische Verschwoerung war allgemein. Gern
haette die oligarchische Partei die Enthuellungen benutzt, um mit der Demokratie
ueberhaupt und namentlich mit Caesar abzurechnen, allein sie war viel zu
gruendlich gesprengt, um dies durchsetzen und ihm das Ende bereiten zu koennen,
das sie vor Zeiten den beiden Gracchen und dem Saturninus bereitet hatte; in
dieser Hinsicht blieb es bei dem guten Willen. Die hauptstaedtische Menge
empoerten namentlich die Brandstiftungsplaene der Verschworenen. Die
Kaufmannschaft und die ganze Partei der materiellen Interessen erkannte in
diesem Krieg der Schuldner gegen die. Glaeubiger natuerlich einen Kampf um ihre
Existenz; in stuermischer Aufregung draengte sich ihre Jugend, die Schwerter in
den Haenden, um das Rathaus und zueckte dieselben gegen die offenen und
heimlichen Parteigenossen Catilinas. In der Tat war fuer den Augenblick die
Verschwoerung paralysiert; wenn auch vielleicht ihre letzten Urheber noch auf
freien Fuessen waren, so war doch der ganze mit der Ausfuehrung beauftragte Stab
der Verschwoerung entweder gefangen oder auf der Flucht; der bei Faesulae
versammelte Haufen konnte ohne Unterstuetzung durch eine Insurrektion in der
Hauptstadt unmoeglich viel ausrichten.
In einem leidlich geordneten Gemeinwesen waere die Sache hiermit politisch
zu Ende gewesen und haetten das Militaer und die Gerichte das weitere
uebernommen. Allein in Rom war es so weit gekommen, dass die Regierung nicht
einmal ein paar angesehene Adlige in sicherem Gewahrsam zu halten imstande war.
Die Sklaven und Freigelassenen des Lentulus und der uebrigen Verhafteten regten
sich; Plaene, hiess es, seien geschmiedet, um sie mit Gewalt aus den
Privathaeusern, in denen sie gefangen sassen, zu befreien; es fehlte, dank dem
anarchischen Treiben der letzten Jahre, in Rom nicht an Bandenfuehrern, die nach
einer gewissen Taxe Auflaeufe und Gewalttaten in Akkord nahmen; Catilina endlich
war von dem Ereignis benachrichtigt und nahe genug, um mit seinen Scharen einer.
dreisten Streich zu versuchen. Wieviel an diesen Reden Wahres war, laesst sich
nicht sagen; die Besorgnisse aber waren gegruendet, da der Verfassung gemaess in
der Hauptstadt der Regierung weder Truppen noch auch nur eine achtunggebietende
Polizeimacht zu Gebote stand und sie in der Tat jedem Banditenhaufen
preisgegeben war. Der Gedanke ward laut, eile etwaigen Befreiungsversuche durch
sofortige Hinrichtung der Gefangenen abzuschneiden. Verfassungmaessig war dies
nicht moeglich. Nach dem altgeheiligten Provokationsrecht konnte ueber den
Gemeindebuerger ein Todesurteil nur von der gesamten Buergerschaft und sonst von
keiner andren Behoerde verhaengt werden; seit die Buergerschaftsgerichte selbst
zur Antiquitaet geworden waren, ward ueberhaupt nicht mehr auf den Tod erkannt.
Gern haette Cicero das bedenkliche Ansinnen zurueckgewiesen; so gleichgueltig
auch an sich die Rechtsfrage dem Advokaten sein mochte, er wusste wohl, wie
nuetzlich es ebendiesem ist, liberal zu heissen, und verspuerte wenig Lust,
durch dies vergossene Blut sich auf ewig von der demokratischen Partei zu
scheiden. Indes seine Umgebung, namentlich seine vornehme Gemahlin draengten
ihn, seine Verdienste um das Vaterland durch diesen kuehnen Schritt zu kroenen;
der Konsul, wie alle Feigen aengstlich bemueht, den Schein der Feigheit zu
vermeiden und doch auch vor der furchtbaren Verantwortung zitternd, berief in
seiner Not den Senat und ueberliess es diesem, ueber Leben und Tod der vier
Gefangenen zu entscheiden. Freilich hatte dies keinen Sinn; denn da der Senat
verfassungmaessig noch viel weniger hierueber erkennen konnte als der Konsul, so
fiel rechtlich doch immer alle Verantwortung auf den letzteren zurueck; aber
wann ist je die Feigheit konsequent gewesen? Caesar bot alles auf, um die
Gefangenen zu retten, und seine Rede voll versteckter Drohungen vor der
kuenftigen unausbleiblichen Rache der Demokratie machte den tiefsten Eindruck.
Obwohl bereits saemtliche Konsulare und die grosse Majoritaet des Senats sich
fuer die Hinrichtung ausgesprochen hatten, schienen doch nun wieder die meisten,
Cicero voran, sich zur Enthaltung der rechtlichen Schranken zu neigen. Allein
indem Cato nach Rabulistenart die Verfechter der milderen Meinung der
Mitwisserschaft an dem Komplott verdaechtigte und auf die Vorbereitungen zur
Befreiung der Gefangenen durch einen Strassenaufstand hinwies, wusste er die
schwankenden Seelen wieder in eine andere Furcht zu werfen und fuer die
sofortige Hinrichtung der Verbrecher die Majoritaet zu gewinnen. Die Vollziehung
des Beschlusses lag natuerlich dem Konsul ob, der ihn hervorgerufen hatte. Spaet
am Abend des fuenften Dezembers wurden die Verhafteten aus ihren bisherigen
Quartieren abgeholt und ueber den immer noch dicht von Menschen vollgedraengten
Marktplatz in das Gefaengnis gebracht, worin die zum Tode verurteilten
Verbrecher aufbewahrt zu werden pflegten. Es war ein unterirdisches, zwoelf Fuss
tiefes Gewoelbe am Fuss des Kapitols, das ehemals als Brunnenhaus gedient hatte.
Der Konsul selbst fuehrte den Lentulus, Praetoren die uebrigen, alle von starken
Wachen begleitet; doch fand der Befreiungsversuch, den man erwartete, nicht
statt. Niemand wusste, ob die Verhafteten in ein gesichertes Gewahrsam oder zur

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