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Rˆmische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen

Part 10 out of 11

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saeuberlich zu, da man ja mit den Sachwaltern und den Geschworenen zu teilen
hatte und je mehr, um desto sicherer stahl. Auch die Diebesehre war bereits
entwickelt: der grosse Raeuber sah auf den kleinen, dieser auf den blossen Dieb
geringschaetzig herab; wer einmal wunderbarerweise verurteilt worden war, tat
gross mit der hohen Ziffer der als erpresst ihm nachgewiesenen Summen. So
wirtschafteten in den Aemtern die Nachfolger jener Maenner, die von ihrer
Verwaltung nichts nach Hause zu bringen gewohnt gewesen als den Dank der
Untertanen und den Beifall der Mitbuerger.
Aber womoeglich noch aerger und noch weniger einer Kontrolle unterworfen
hausten die italischen Geschaeftsmaenner unter den ungluecklichen Provinzialen.
Die eintraeglichsten Stuecke des Grundbesitzes und das gesamte Handels- und
Geldwesen in den Aemtern konzentrierten sich in ihren Haenden. Die Gueter in den
ueberseeischen Gebieten, welche italischen Vornehmen gehoerten, waren allem
Elend der Verwalterwirtschaft ausgesetzt und sahen niemals ihren Herrn,
ausgenommen etwa die Jagdparke, welche schon in dieser Zeit im Transalpinischen
Gallien mit einem Flaecheninhalt bis fast zu einer deutschen Quadratmeile
vorkommen. Die Wucherei florierte wie nie zuvor. Die kleinen Landeigentuemer in
Illyricum, Asia, Aegypten wirtschafteten schon zu Varros Zeit groesstenteils
tatsaechlich als Schuldknechte ihrer roemischen oder nichtroemischen Glaeubiger,
ebenwie einst die Plebejer fuer ihre patrizischen Zinsherren. Es kam vor, dass
Kapitalien selbst an Stadtgemeinden zu vier Prozent monatlich verborgt wurden.
Es war etwas Gewoehnliches, dass ein energischer und einflussreicher
Geschaeftsmann zu besserer Betreibung seiner Geschaefte entweder vom Senat sich
den Gesandten- ^28 oder auch vom Statthalter den Offizierstitel geben liess und
womoeglich auch Mannschaft dazu; in beglaubigter Weise wird ein Fall erzaehlt,
wo einer dieser ehrenwerten kriegerischen Bankiers wegen einer Forderung an die
Stadt Salamis auf Kypros den Gemeinderat derselben im Rathaus so lange blockiert
hielt, bis fuenf der Ratsmitglieder Hungers gestorben waren.
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^28 Dies ist die sogenannte "freie Gesandtschaft" (libera legatio),
naemlich eine Gesandtschaft ohne eigentliche oeffentliche Auftraege.
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Zu dieser gedoppelten Pressung, von denen jede allein unertraeglich war und
deren Ineinandergreifen immer besser sich regulierte, kamen dann die allgemeinen
Drangsale hinzu, von denen doch auch die roemische Regierung die Schuld, zum
grossen Teil wenigstens mittelbar trug. In den vielfachen Kriegen wurden bald
von den Barbaren, bald von den roemischen Heeren grosse Kapitalien aus dem Lande
weggeschleppt und groessere verdorben. Bei der Nichtigkeit der roemischen Land-
und Seepolizei wimmelte es ueberall von Land- und Seeraeubern. In Sardinien und
im inneren Kleinasien war die Bandenwirtschaft endemisch; in Afrika und im
Jenseitigen Spanien machte sie es noetig, alle ausserhalb der staedtischen
Ringmauern angelegten Gebaeude mit Mauern und Tuermen zu befestigen. Das
furchtbare Uebel der Piraterie ward bereits in einem anderen Zusammenhang
geschildert. Die Panazeen des Prohibitivsystems, mit denen der roemische
Statthalter dazwischenzufahren pflegte, wenn, wie das unter solchen
Verhaeltnissen nicht fehlen konnte, Geldklemme oder Brotteuerung eintrat, die
Verbote der Gold- und Getreideausfuhr aus der Provinz, machten denn auch die
Sache nicht besser. Die Kommunalverhaeltnisse waren fast ueberall, ausser durch
den allgemeinen Notstand, auch noch durch lokale Wirren und Unterschleife der
Gemeindebeamten zerruettet. Wo solche Bedraengnisse nicht etwa voruebergehend,
sondern Menschenalter hindurch auf den Gemeinden und den einzelnen mit
unabwendbar stetigem, jaehrlich steigendem Drucke lasteten, musste wohl der
bestgeordnete oeffentliche oder Privathaushalt ihnen erliegen und das
unsaeglichste Elend ueber alle Nationen vom Tajo bis zum Euphrat sich
ausbreiten. "Alle Gemeinden", heisst es in einer schon 684 (70)
veroeffentlichten Schrift "sind zugrunde gerichtet"; ebendasselbe wird fuer
Spanien und das Narbonensische Gallien, also die verhaeltnismaessig oekonomisch
noch am leidlichsten gestellten Provinzen, insbesondere bezeugt. In Kleinasien
gar standen Staedte wie Samos und Halikarnassos fast leer; der rechtliche
Sklavenstand schien hier, verglichen mit den Peinigungen, denen der freie
Provinziale unterlag, ein Hafen der Ruhe, und sogar der geduldige Asiate war,
nach den Schilderungen roemischer Staatsmaenner selbst, des Lebens ueberdruessig
geworden. Wen zu ergruenden geluestet, wie tief der Mensch sinken kann, sowohl
in dem frevelhaften Zufuegen wie in dem nicht minder frevelhaften Ertragen alles
denkbaren Unrechts, der mag aus den Kriminalakten dieser Zeit zusammenlesen, was
roemische Grosse zu tun, was Griechen, Syrer und Phoeniker zu leiden vermochten.
Selbst die eigenen Staatsmaenner raeumten oeffentlich und ohne Umschweife ein,
dass der roemische Name durch ganz Griechenland und Asien unaussprechlich
verhasst sei; und wenn die Buerger des pontischen Herakleia einmal die
roemischen Zoellner saemtlich erschlugen, so war dabei nur zu bedauern, dass
dergleichen nicht oefter geschah.
Die Optimaten spotteten ueber den neuen Herrn, der seine "Meierhoefe" einen
nach dem andern selbst zu besichtigen kam; in der Tat forderte der Zustand aller
Provinzen den ganzen Ernst und die ganze Weisheit eines jener seltenen Maenner,
denen der Koenigsname es verdankt, dass er den Voelkern nicht bloss gilt als
leuchtendes Exempel menschlicher Unzulaenglichkeit. Die geschlagenen Wunden
musste die Zeit heilen; dass sie es konnte und dass nicht ferner neue geschlagen
wurden, dafuer sorgte Caesar. Das Verwaltungswesen ward durchgreifend
umgestaltet. Die Sullanischen Prokonsuln und Propraetoren waren in ihrem
Sprengel wesentlich souveraen und tatsaechlich keiner Kontrolle unterworfen
gewesen; die Caesarischen waren die wohl in Zucht gehaltenen Diener eines
strengen Herrn, der schon durch die Einheit und die lebenslaengliche Dauer
seiner Macht zu den Untertanen ein natuerlicheres und leidlicheres Verhaeltnis
hatte als jene vielen, jaehrlich wechselnden kleinen Tyrannen. Die
Statthalterschaften wurden zwar auch ferner unter die jaehrlich abtretenden zwei
Konsuln und sechzehn Praetoren verteilt, aber dennoch, indem der Imperator acht
von den letzteren geradezu ernannte und die Verteilung der Provinzen unter die
Konkurrenten lediglich von ihm abhing, der Sache nach von dem Imperator
vergeben. Auch die Kompetenz der Statthalter ward tatsaechlich beschraenkt. Es
blieb ihnen die Leitung der Rechtspflege und die administrative Kontrolle der
Gemeinden, aber ihr Kommando ward paralysiert durch das neue Oberkommando in Rom
und dessen, dem Statthalter zur Seite gestellte Adjutanten, das Hebewesen
wahrscheinlich schon jetzt, auch in den Provinzen wesentlich an kaiserliche
Bediente uebertragen, so dass der Statthalter fortan mit einem Hilfspersonal
umringt war, welches entweder durch die Gesetze der militaerischen Hierarchie
oder durch die noch strengeren der haeuslichen Zucht unbedingt von dem Imperator
abhing. Wenn bisher der Prokonsul und sein Quaestor erschienen waren gleichsam
als die zur Einziehung der Brandschatzung abgesandten Mitglieder einer
Raeuberbande, so waren Caesars Beamte dazu da, um den Schwachen gegen den
Starken zu beschuetzen; und an die Stelle der bisherigen, schlimmer als
nichtigen Kontrolle der Ritter- oder senatorischen Gerichte trat fuer sie die
Verantwortung vor einem gerechten und unnachsichtigen Monarchen. Das Gesetz
ueber Erpressungen, dessen Bestimmungen Caesar schon in seinem ersten Konsulat
verschaerft hatte, wurde gegen die Oberkommandanten in den Aemtern von ihm mit
unerbittlicher, selbst ueber den Buchstaben desselben hinausgehender Schaerfe
zur Anwendung gebracht; und die Steuerbeamten gar, wenn sie ja es wagten, sich
eine Unrechtfertigkeit zu erlauben, buessten ihrem Herrn, wie Knechte und
Freigelassene nach dem grausamen Hausrecht jener Zeit zu buessen pflegten. Die
ausserordentlichen oeffentlichen Lasten wurden auf das richtige Mass und den
wirklichen Notfall zurueckgefuehrt, die ordentlichen wesentlich vermindert. Der
durchgreifenden Regulierung des Steuerwesens ward bereits frueher gedacht: die
Ausdehnung der Steuerfreiheiten, die durchgaengige Herabsetzung der direkten
Abgaben, die Beschraenkung des Zehntsystems auf Afrika und Sardinien, die
vollstaendige Beseitigung der Mittelsmaenner bei der Einziehung der direkten
Abgaben waren fuer die Provinzialen segensreiche Reformen. Dass Caesar nach dem
Beispiel eines seiner groessten demokratischen Vorgaenger, des Sertorius, die
Untertanen von der Einquartierungslast hat befreien und die Soldaten anhalten
wollen, sich selber bleibende stadtartige Standlager zu errichten, ist zwar
nicht nachzuweisen; aber er war, wenigstens nachdem er die Praetendenten- mit
der Koenigsrolle vertauscht hatte, nicht der Mann, den Untertan dem Soldaten
preiszugeben; und es war in seinem Geiste gedacht, als die Erben seiner Politik
solche Kriegslager und aus diesen Kriegslagern wieder Staedte erschufen, in
denen die italische Zivilisation Brennpunkte inmitten der barbarischen
Grenzlandschaften fand.
Bei weitem schwieriger als dem Beamtenunwesen zu steuern war es, die
Provinzialen von der erdrueckenden Uebermacht des roemischen Kapitals zu
befreien. Geradezu brechen liess dieselbe sich nicht, ohne Mittel anzuwenden,
die noch gefaehrlicher waren als das Uebel; die Regierung konnte vorlaeufig nur
einzelne Missbraeuche abstellen, wie zum Beispiel Caesar die Benutzung des
Staatsgesandtentitels zu wucherlichen Zwecken untersagte, und der offenbaren
Vergewaltigung und dem handgreiflichen Wucher durch scharfe Handhabung der
allgemeinen Straf- und der auch auf die Provinzen sich erstreckenden
Wuchergesetze entgegentreten, eine gruendlichere Heilung des Uebels aber von dem
unter der besseren Verwaltung wiederaufbluehenden Wohlstand der Provinzialen
erwarten. Transitorische Verfuegungen, um der Ueberschuldung einzelner Provinzen
abzuhelfen, waren in den letzten Zeiten mehrfach ergangen. Caesar selbst hatte
694 (60) als Statthalter des Jenseitigen Spaniens den Glaeubigern zwei Drittel
der Einnahmen ihrer Schuldner zugewiesen, um daraus sich bezahlt zu machen.
Aehnlich hatte schon Lucius Lucullus als Statthalter von Kleinasien einen Teil
der masslos angeschwollenen Zinsreste geradezu kassiert, fuer den uebrigen Teil
die Glaeubiger angewiesen auf den vierten Teil des Ertrages der Laendereien
ihrer Schuldner sowie auf eine angemessene Quote der aus Hausmiete oder
Sklavenarbeit denselben zufliessenden Nutzungen. Es ist nicht ueberliefert, dass
Caesar nach dem Buergerkrieg aehnliche allgemeine Schuldenliquidationen in den
Provinzen veranlasst haette; doch kann es, nach dem eben Bemerkten und nach dem,
was fuer Italien geschah, kaum bezweifelt werden, dass Caesar darauf ebenfalls
hingearbeitet hat oder dies wenigstens in seinem Plan lag.
Wenn also der Imperator, soweit Menschenkraft es vermochte, die
Provinzialen der Bedrueckungen durch die Beamten und Kapitalisten Roms
entlastete, so durfte man zugleich von der durch ihn neu erstarkenden Regierung
mit Sicherheit erwarten, dass sie die wilden Grenzvoelker verscheuchen und die
Land- und Seepiraten zerstreuen werde, wie die aufsteigende Sonne die Nebel
verjagt. Wie auch noch die alten Wunden schmerzten, mit Caesar erschien den
vielgeplagten Untertanen die Morgenroete einer ertraeglicheren Zeit, seit
Jahrhunderten wieder die erste intelligente und humane Regierung und eine
Friedenspolitik, die nicht auf der Feigheit, sondern auf der Kraft beruhte. Wohl
mochten mit den besten Roemern vor allem die Untertanen an der Leiche des
grossen Befreiers trauern.
Allein diese Abstellung der bestehenden Missbraeuche war nicht die
Hauptsache in Caesars Provinzialreform. In der roemischen Republik waren, nach
der Ansicht der Aristokratie wie der Demokratie, die Aemter nichts gewesen als
wie sie haeufig genannt werden: Landgueter des roemischen Volkes, und als solche
waren sie benutzt und ausgenutzt worden. Damit war es jetzt vorbei. Die
Provinzen als solche sollten allmaehlich untergehen, um der verjuengten
hellenisch-italischen Nation eine neue und geraeumigere Heimat zu bereiten, von
deren einzelnen Bezirken keiner nur um eines andern willen da war, sondern alle
fuer einen und einer fuer alle; die Leiden und Schaeden der Nation, fuer die in
dem alten Italien keine Hilfe war, sollte das neue Dasein in der verjuengten
Heimat, das frischere, breitere, grossartigere Volksleben von selber
ueberwinden. Bekanntlich waren diese Gedanken nicht neu. Die seit Jahrhunderten
stehend gewordene Emigration aus Italien in die Provinzen hatte laengst,
freilich den Emigranten selber unbewusst, eine solche Ausdehnung Italiens
vorbereitet. In planmaessiger Weise hatte zuerst Gaius Gracchus, der Schoepfer
der roemischen demokratischen Monarchie, der Urheber der transalpinischen
Eroberungen, der Gruender der Kolonien Karthago und Narbo, die Italiker ueber
Italiens Grenzen hinausgelenkt, sodann der zweite geniale Staatsmann, den die
roemische Demokratie hervorgebracht, Quintus Sertorius, damit begonnen, die
barbarischen Okzidentalen zur latinischen Zivilisation anzuleiten; er gab der
vornehmen spanischen Jugend roemische Tracht und hielt sie an, lateinisch zu
sprechen und auf der von ihm gegruendeten Bildungsanstalt in Osca sich die
hoehere italische Bildung anzueignen. Bei Caesars Regierungsantritt war bereits
eine massenhafte, freilich der Stetigkeit wie der Konzentration grossenteils
ermangelnde italische Bevoelkerung in allen Provinzen und Klientelstaaten
vorhanden - um von den foermlich italischen Staedten in Spanien und dem
suedlichen Gallien zu schweigen, erinnern wir nur an die zahlreichen
Buergertruppen, die Sertorius und Pompeius in Spanien, Caesar in Gallien, Juba
in Numidien, die Verfassungspartei in Afrika, Makedonien, Griechenland,
Kleinasien und Kreta aushoben; an die freilich uebelgestimmte lateinische Leier,
auf der die Stadtpoeten von Corduba schon im Sertorianischen Kriege der
roemischen Feldherren Lob und Preis sangen; an die eben ihrer sprachlichen
Eleganz wegen geschaetzten Uebersetzungen griechischer Poesien, die der aelteste
namhafte ausseritalische Poet, der Transalpiner Publius Terentius Varro von der
Aude, kurz nach Caesars Tode veroeffentlichte.
Andererseits war die Durchdringung des latinischen und des hellenischen
Wesens, man moechte sagen, so alt wie Rom. Schon bei der Einigung Italiens hatte
die obsiegende latinische Nation alle anderen besiegten Nationalitaeten sich
assimiliert, nur die einzige griechische, so wie sie war, sich eingefuegt, ohne
sie aeusserlich mit sich zu verschmelzen. Wohin der roemische Legionaer kam,
dahin folgte der griechische Schulmeister, in seiner Art nicht minder ein
Eroberer, ihm nach; schon frueh finden wir namhafte griechische Sprachlehrer
ansaessig am Guadalquivir, und in der Anstalt von Osca ward so gut griechisch
gelehrt wie lateinisch. Die hoehere roemische Bildung selbst war ja durchaus
nichts anderes als die Verkuendung des grossen Evangeliums hellenischer Art und
Kunst im italischen Idiom; gegen die bescheidene Anmassung der zivilisierenden
Eroberer, dasselbe zunaechst in ihrer Sprache den Barbaren des Westens zu
verkuendigen, konnte der Hellene wenigstens nicht laut protestieren. Schon
laengst erblickte der Grieche ueberall, und am entschiedensten eben da, wo das
Nationalgefuehl am reinsten und am staerksten war, an den von barbarischer
Denationalisierung bedrohten Grenzen, wie zum Beispiel in Massalia, am
Nordgestade des Schwarzen Meeres und am Euphrat und Tigris, den Schild und das
Schwert des Hellenismus in Rom; und in der Tat nahmen Pompeius'
Staedtegruendungen im fernen Osten nach jahrhundertelanger Unterbrechung
Alexanders segensreiches Werk wieder auf.
Der Gedanke eines italisch-hellenischen Reiches mit zweien Sprachen und
einer einheitlichen Nationalitaet war nicht neu - er waere sonst auch nichts
gewesen als ein Fehler; aber dass er aus schwankenden Entwuerfen zu sicherer
Fassung, aus zerstreuten Anfaengen zu konzentrierter Grundlegung fortschritt,
ist das Werk des dritten und groessten der demokratischen Staatsmaenner Roms.
Die erste und wesentlichste Bedingung zu der politischen und nationalen
Nivellierung des Reichs war die Erhaltung und Ausdehnung der beiden zu
gemeinschaftlichem Herrschen bestimmten Nationen, unter moeglichst rascher
Beseitigung der neben ihr stehenden barbarischen oder barbarisch genannten
Staemme. In gewissem Sinne koennte man allerdings neben Roemern und Griechen
noch eine dritte Nationalitaet nennen, die mit denselben in der damaligen Welt
an Ubiquitaet wetteiferte und auch in dem neuen Staate Caesars eine nicht
unwesentliche Rolle zu spielen bestimmt war. Es sind dies die Juden. Das
merkwuerdige, nachgiebig zaehe Volk war in der alten wie in der heutigen Welt
ueberall und nirgends heimisch und ueberall und nirgends maechtig. Die Diadochen
Davids und Salomos bedeuteten fuer die Juden jener Zeit kaum mehr, als
heutzutage Jerusalem fuer sie bedeutet; die Nation fand wohl fuer ihre
religioese und geistige Einheit einen sichtbaren Anhalt in dem kleinen
Koenigreich von Jerusalem, aber sie selbst bestand keineswegs in der
Untertanenschaft der Hasmonaeer, sondern in den zahllos durch das ganze
Parthische und das ganze Roemische Reich zerstreuten Judenschaften. In
Alexandreia namentlich und aehnlich in Kyrene bildeten die Juden innerhalb
dieser Staedte eigene, administrativ und selbst lokal abgegrenzte Gemeinwesen,
den Judenvierteln unserer Staedte nicht ungleich, aber freier gestellt und von
einem "Volksherrn" als oberstem Richter und Verwalter geleitet. Wie zahlreich
selbst in Rom die juedische Bevoelkerung bereits vor Caesar war, und zugleich,
wie landsmannschaftlich eng die Juden auch damals zusammenhielten, beweist die
Bemerkung eines Schriftstellers dieser Zeit, dass es fuer den Statthalter
bedenklich sei, den Juden in seiner Provinz zu nahe zu treten, weil er dann
sicher darauf zaehlen duerfe, nach seiner Heimkehr von dem hauptstaedtischen
Poebel ausgepfiffen zu werden. Auch zu jener Zeit war das vorwiegende Geschaeft
der Juden der Handel: mit dem erobernden roemischen Kaufmann zog damals der
juedische Haendler ebenso ueberall hin wie spaeter mit dem genuesischen und
venezianischen, und neben der roemischen stroemte das Kapital allerorts bei der
juedischen Kaufmannschaft zusammen. Auch zu jener Zeit endlich begegnen wir der
eigentuemlichen Antipathie der Okzidentalen gegen diese so gruendlich
orientalische Rasse und ihre fremdartigen Meinungen und Sitten. Dies Judentum,
obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem nirgends erfreulichen Bilde der
damaligen Voelkermengung, war nichtsdestoweniger ein im natuerlichen Verlauf der
Dinge sich entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich
ableugnen noch bekaempfen durfte und dem Caesar vielmehr, ebenwie sein
Vorgaenger Alexander, in richtiger Erkenntnis der Verhaeltnisse moeglichst
Vorschub tat. Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischen Judentums, damit
nicht viel weniger fuer die Nation tat wie ihr eigener David durch den Tempelbau
von Jerusalem, so foerderte auch Caesar die Juden in Alexandreia wie in Rom
durch besondere Beguenstigungen und Vorrechte und schuetzte namentlich ihren
eigentuemlichen Kult gegen die roemischen wie gegen die griechischen
Lokalpfaffen. Die beiden grossen Maenner dachten natuerlich nicht daran, der
hellenischen oder italisch-hellenischen Nationalitaet die juedische ebenbuertig
zur Seite zu stellen. Aber der Jude, der nicht wie der Okzidentale die
Pandoragabe politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich
wesentlich gleichgueltig verhaelt; der ferner ebenso schwer den Kern seiner
nationalen Eigentuemlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben mit jeder
beliebigen Nationalitaet umhuellt und bis zu einem gewissen Grad der fremden
Volkstuemlichkeit sich anschmiegt - der Jude war ebendarum wie geschaffen fuer
einen Staat, welcher auf den Truemmern von hundert lebendigen Politien erbaut
und mit einer gewissermassen abstrakten und von vornherein verschliffenen
Nationalitaet ausgestattet werden sollte. Auch in der alten Welt war das
Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen
Dekomposition und insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem
Caesarischen Staate, dessen Politie doch eigentlich nichts als Weltbuergertum,
dessen Volkstuemlichkeit im Grunde nichts als Humanitaet war.
Indes die positiven Elemente des neuen Buergertums blieben ausschliesslich
die latinische und die hellenische Nationalitaet. Mit dem spezifisch italischen
Staat der Republik war es also zu Ende; jedoch war es nichts als ein sehr
erklaerliches, aber auch sehr albernes Gerede des grollenden Adels, dass Caesar
Italien und Rom absichtlich zugrunde richte, um den Schwerpunkt des Reiches in
den griechischen Osten zu verlegen und zur Hauptstadt desselben Ilion oder
Alexandreia zu machen. Vielmehr behielt in Caesars Organisation die latinische
Nationalitaet immer das Uebergewicht; wie sich dies schon darin ausspricht, dass
er jede Verfuegung in lateinischer, aber die fuer die griechisch redenden
Landschaften bestimmten daneben in griechischer Sprache erliess. Im allgemeinen
ordnete er die Verhaeltnisse der beiden grossen Nationen in seiner Monarchie
ebenwie sie in dem geeinigten Italien seine republikanischen Vorgaenger geordnet
hatten: die hellenische Nationalitaet wurde geschuetzt, wo sie bestand, die
italische nach Vermoegen erweitert und ihr die Erbschaft der aufzuloesenden
Rassen bestimmt. Es war dies schon deshalb notwendig, weil eine voellige
Gleichstellung des griechischen und lateinischen Elements im Staate aller
Wahrscheinlichkeit nach in sehr kurzer Zeit diejenige Katastrophe herbeigefuehrt
haben wuerde, die manche Jahrhunderte spaeter der Byzantinismus vollzog; denn
das Griechentum war nicht bloss geistig nach allen Richtungen hin dem roemischen
Wesen ueberlegen, sondern auch an Masse, und hatte in Italien selbst an den
Schwaermen der gezwungen oder freiwillig nach Italien wandernden Hellenen und
Halbhellenen eine Unzahl unscheinbarer, aber in ihrem Einfluss nicht hoch genug
anzuschlagender Apostel. Um nur der eminentesten Erscheinung auf diesem Gebiete
zu gedenken, so ist das Regiment der griechischen Lakaien ueber die roemischen
Monarchen so alt wie die Monarchie: der erste in der ebenso langen wie
widerwaertigen Liste dieser Individuen ist Pompeius' vertrauter Bedienter
Theophanes von Mytilene, welcher durch seine Gewalt ueber den schwachen Herrn
wahrscheinlich mehr als irgendein anderer Mann zu dem Ausbruch des Krieges
zwischen Pompeius und Caesar beigetragen hat. Nicht ganz mit Unrecht ward er
nach seinem Tode von seinen Landsleuten goettlich verehrt: eroeffnete er doch
die Kammerdienerregierung der Kaiserzeit, die gewissermassen eben auch eine
Herrschaft der Hellenen ueber die Roemer war. Die Regierung hatte demnach allen
Grund, die Ausbreitung des Hellenismus wenigstens im Westen nicht noch von oben
herab zu foerdern. Wenn Sizilien nicht bloss des Zehntendrucks entlastet,
sondern auch seinen Gemeinden das latinische Recht bestimmt ward, dem seiner
Zeit vermutlich die volle Gleichstellung mit Italien nachfolgen sollte, so kann
Caesars Absicht nur gewesen sein, die herrliche, aber damals veroedete und
wirtschaftlich zum groessten Teil in italische Haende gelangte Insel, welche die
Natur nicht so sehr zum Nachbarland Italiens bestimmt hat als zu der schoensten
seiner Landschaften, voellig in Italien aufgehen zu lassen. Im uebrigen aber
ward das Griechentum, wo es bestand, erhalten und geschuetzt. Wie nahe auch die
politischen Krisen es dem Imperator legten, die festen Pfeiler des Hellenismus
im Okzident und in Aegypten umzustuerzen, Massalia und Alexandreia wurden weder
vernichtet noch denationalisiert.
Dagegen das roemische Wesen ward durch Kolonisierung wie durch
Latinisierung mit allen Kraeften und an den verschiedensten Punkten des Reiches
von der Regierung gehoben. Der zwar aus einer argen Vereinigung formeller
Rechts- und brutaler Machtentwicklung hervorgegangene, aber, um freie Hand gegen
die zur Vernichtung bestimmten Nationen zu haben, unumgaenglich notwendige Satz,
dass an allem, nicht durch besonderen Akt der Regierung an Gemeinden oder
Private abgetretenen Grund und Boden in den Provinzen der Staat das Eigentum,
der zeitige Inhaber nur einen geduldeten und jederzeit widerruflichen Erbbesitz
habe, wurde auch von Caesar festgehalten und durch ihn aus einer demokratischen
Parteitheorie zu einem Fundamentalprinzip des monarchischen Rechts erhoben. In
erster Linie kam fuer die Ausbreitung der roemischen Nationalitaet natuerlich
Gallien in Frage. Gallien diesseits der Alpen erhielt durch die laengst von der
Demokratie als vollzogen angenommene und nun (705 49) durch Caesar schliesslich
vollzogene Aufnahme der transpadanischen Gemeinden in den roemischen
Buergerverband durchgaengig, was ein grosser Teil der Bewohner laengst gehabt:
politische Gleichberechtigung mit dem Hauptland. Tatsaechlich hatte sich diese
Provinz in den vierzig Jahren, die seit Erteilung des Latinerrechts verflossen
waren, bereits vollstaendig latinisiert. Die Exklusiven mochten spotten ueber
den breiten und gurgelnden Akzent des Kettenlateins und ein "ich weiss nicht was
von hauptstaedtischer Anmut" bei dem Insubrer und Veneter vermissen, der sich
als Caesars Legionaer mit dem Schwert einen Platz auf dem roemischen Markt und
sogar in der roemischen Kurie erobert hatte. Nichtsdestoweniger war das
Cisalpinische Gallien mit seiner dichten, vorwiegend bauernschaftlichen
Bevoelkerung schon vor Caesar der Sache nach eine italische Landschaft und blieb
Jahrhunderte lang der rechte Zufluchtsort italischer Sitte und italischer
Bildung; wie denn die Lehrer der latinischen Literatur nirgends sonst ausserhalb
der Hauptstadt so vielen Zuspruch und Anklang fanden. Wenn also das
Cisalpinische Gallien wesentlich in Italien aufging, so trat zugleich an die
Stelle, die es bisher eingenommen hatte, die transalpinische Provinz, die ja
durch Caesars Eroberungen aus einer Grenz- in eine Binnenprovinz umgewandelt
worden war und die durch ihre Naehe wie durch ihr Klima vor allen anderen
Gebieten sich dazu eignete, mit der Zeit gleichfalls eine italische Landschaft
zu werden. Dorthin hauptsaechlich, nach dem alten Zielpunkt der ueberseeischen
Ansiedlungen der roemischen Demokratie, ward der Strom der italischen Emigration
gelenkt. Es wurden daselbst teils die alte Kolonie Narbo durch neue Ansiedler
verstaerkt, teils in Baeterrae (Beziers) unweit Narbo, in Arelate (Arles) und
Arausio (Orange) an der Rhone und in der neuen Hafenstadt Forum Iulii (Frejus)
vier neue Buergerkolonien angelegt, deren Namen zugleich das Andenken der
tapferen Legionen bewahrten, die das noerdliche Gallien zum Reiche gebracht
hatten ^29. Die nicht mit Kolonisten belegten Ortschaften scheinen zugleich,
wenigstens groesstenteils, in derselben Art wie einst das transpadanische
Kettenland, der Romanisierung entgegengefuehrt worden zu sein durch Verleihung
latinischen Stadtrechts; namentlich wurde Nemausus (Nimes) als der Hauptort des
den Massalioten infolge ihrer Auflehnung gegen Caesar aberkannten Gebiets aus
einem massaliotischen Flecken in eine latinische Stadtgemeinde umgewandelt und
mit ansehnlichem Gebiet und selbst mit Muenzrecht ausgestattet ^30. Indem also
das Cisalpinische Gallien von der vorbereitenden Stufe zur vollen Gleichstellung
mit Italien fortschritt, rueckte gleichzeitig die narbonensische Provinz in
jenes vorbereitende Stadium nach; ganz wie bisher im Cisalpinischen Gallien
hatten die ansehnlichsten Gemeinden daselbst das volle Buerger-, die uebrigen
latinisches Recht.
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^29 Narbo heisst Kolonie der Decimaner, Baeterrae der Septimaner, Forum
Iulii der Octavaner, Arelate der Sextaner, Arausio der Secundaner. Die neunte
Legion fehlt, weil sie ihre Nummer durch die Meuterei von Placentia entehrt
hatte. Dass uebrigens die Kolonisten dieser Kolonien den eponymen Legionen
angehoerten, wird nicht gesagt und ist nicht glaublich; die Veteranen selbst
wurden wenigstens der grossen Mehrzahl nach in Italien angesiedelt. Ciceros
Klage, dass Caesar "ganze Provinzen und Landschaften auf einen Schlag
konfisziert habe" (off. 2, 7, 27, vgl. Phil. 13,15; 31, 32), geht ohne Zweifel,
wie schon die enge Verknuepfung derselben mit dem Tadel des Triumphs ueber die
Massalioten beweist, auf die dieser Kolonien wegen in der narbonensischen
Provinz vorgenommenen Landeinziehungen und zunaechst auf die Massalia
auferlegten Gebietsverluste.
^30 Ausdruecklich ueberliefert ist es nicht, von wem das latinische Recht
der nichtkolonisierten Ortschaften dieser Gegend und namentlich von Nemausus
herruehrt. Aber da Caesar selbst (civ. 1, 35) so gut wie geradezu sagt, dass
Nemausus bis 705 (49) ein massaliotisches Dorf war; da nach dem Livianischen
Bericht (Dio 41, 25; Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15) eben dieser Teil des
Gebietes den Massalioten von Caesar entzogen ward da endlich schon auf
voraugustischen Muenzen und sodann bei Strabon die Stadt als Gemeinde
latinischen Rechts vorkommt, so kann nur Caesar der Urheber dieser
Latinitaetsverleihung sein. Von Ruscino (Roussillon bei Perpignan) und anderen,
im Narbonensischen Gallien frueh zu latinischer Stadtverfassung gelangten
Gemeinden laesst sich nur vermuten, dass sie dieselbe gleichzeitig mit Nemausus
empfingen.
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In den anderen nichtgriechischen und nichtlatinischen Landschaften des
Reiches, welche der Einwirkung Italiens und dem Assimilationsprozess noch ferner
standen, beschraenkte Caesar sich darauf, einzelne Brennpunkte fuer die
italische Zivilisation zu gruenden, wie dies bisher in Gallien Narbo gewesen
war, um durch sie die kuenftige vollstaendige Ausgleichung vorzubereiten. Solche
Anfaenge lassen, mit Ausnahme der aermsten und geringsten von allen, der
sardinischen, in saemtlichen Provinzen des Reiches sich nachweisen. Wie Caesar
im noerdlichen Gallien verfuhr, ward schon dargelegt; die lateinische Sprache
erhielt hier, wenn auch noch nicht fuer alle Zweige des oeffentlichen Verkehrs,
durchgaengig offizielle Geltung und es entstand am Lemansee als die noerdlichste
Stadt italischer Verfassung die Kolonie Noviodunum (Nyon).
In Spanien, vermutlich damals der am dichtesten bevoelkerten Landschaft des
Roemischen Reiches, wurden nicht bloss in der wichtigen hellenisch-iberischen
Hafenstadt Emporiae neben der alten Bevoelkerung Caesarische Kolonisten
angesiedelt, sondern, wie neuerdings aufgefundene Urkunden gezeigt haben, auch
eine Anzahl wahrscheinlich ueberwiegend dem hauptstaedtischen Proletariat
entnommener Kolonisten in der Stadt Urso (Osuna), unweit Sevilla im Herzen von
Andalusien, und vielleicht noch in mehreren anderen Ortschaften dieser Provinz
versorgt. Die alte und reiche Kaufstadt Gades, deren Munizipalwesen Caesar schon
als Praetor zeitgemaess umgestaltet hatte, erhielt jetzt von dem Imperator das
volle Recht der italischen Munizipien (705 49) und wurde, was in Italien
Tusculum gewesen war, die erste ausseritalische, nicht von Rom gegruendete
Gemeinde, die in den roemischen Buergerverband eintrat. Einige Jahre nachher
(709 45) wurde das gleiche Recht auch einigen anderen spanischen Gemeinden und
vermutlich noch mehreren das latinische zuteil.
In Afrika wurde, was Gaius Gracchus nicht hatte zu Ende fuehren sollen,
jetzt ins Werk gesetzt und an derjenigen Staette, wo die Stadt der Erbfeinde
Roms gestanden, 3000 italische Kolonisten und eine grosse Anzahl der im
karthagischen Gebiet ansaessigen Pacht- und Bittbesitzer angesiedelt; und zum
Erstaunen rasch wuchs unter den unvergleichlich guenstigen Lokalverhaeltnissen
die neue "Venuskolonie", das roemische Karthago, wieder empor. Utica, bis dahin
die Haupt- und erste Handelsstadt der Provinz, war schon im vorweg, es scheint
durch Erteilung des latinischen Rechts, fuer die Wiedererweckung des
ueberlegenen Konkurrenten einigermassen entschaedigt worden. In dem neu zum
Reiche gefuegten numidischen Gebiet erhielten das wichtige Cirta und die
uebrigen, dem roemischen Condottiere Publius Sittius fuer sich und die Seinigen
ueberwiesenen Gemeinden das Recht roemischer Militaerkolonien. Die stattlichen
Provinzstaedte freilich, die das wahnsinnige Wueten Jubas und der verzweifelten
Reste der Verfassungspartei in Schutthaufen verwandelt hatte, erhoben sich nicht
so rasch wieder, wie sie eingeaeschert worden waren, und manche Truemmerstaette
erinnerte noch lange nachher an diese verhaengnisvolle Zeit; allein die beiden
neuen Julischen Kolonien, Karthago und Cirta, wurden und blieben die
Mittelpunkte der afrikanisch-roemischen Zivilisation.
In dem veroedeten griechischen Land beschaeftigte Caesar ausser mit anderen
Plaenen, zum Beispiel der Anlage einer roemischen Kolonie in Buthroton (Korfu
gegenueber), vor allem sich mit der Wiederherstellung von Korinth; nicht bloss
wurde eine ansehnliche Buergerkolonie dorthin gefuehrt, sondern auch der Plan
entworfen, durch den Durchstich des Isthmus die gefaehrliche Umschiffung des
Peloponnes abzuschneiden und den ganzen italisch-asiatischen Verkehr durch den
Korinthisch-Saronischen Meerbusen zu leiten. Endlich rief selbst in dem
entlegenen hellenischen Osten der Monarch italische Ansiedlungen ins Leben: so
am Schwarzen Meer in Herakleia und in Sinope, welche Staedte die italischen
Kolonisten aehnlich wie Emporiae mit den alten Bewohnern teilten; so an der
syrischen Kueste in dem wichtigen Hafen von Berytos, das wie Sinope italische
Verfassung erhielt; ja sogar in Aegypten wurde auf der den Hafen von Alexandreia
beherrschenden Leuchtturminsel eine roemische Station gegruendet.
Durch diese Anordnungen ward die italische Gemeindefreiheit in weit
umfassenderer Weise, als es bisher geschehen war, in die Provinzen getragen. Die
Vollbuergergemeinden, also saemtliche Staedte der cisalpinischen Provinz und die
in dem Transalpinischen Gallien und sonst zerstreuten Buergerkolonien und
Buergermunizipien, standen den italischen insofern gleich, als sie sich selber
verwalteten und selbst eine, allerdings beschraenkte, Gerichtsbarkeit ausuebten:
wogegen freilich die wichtigeren Prozesse vor die hier kompetenten roemischen
Behoerden, in der Regel den Statthalter des Sprengels gehoerten ^31. Die formell
autonomen latinischen und die sonstigen befreiten Gemeinden, also jetzt die
sizilischen und die des Narbonensischen Galliens, soweit sie nicht
Buergergemeinden waren, alle und auch in anderen Provinzen eine betraechtliche
Zahl, hatten nicht bloss die freie Verwaltung, sondern wahrscheinlich
unbeschraenkte Gerichtsbarkeit, so dass der Statthalter hier nur kraft seiner
allerdings sehr arbitraeren Verwaltungskontrolle einzugreifen befugt war. Wohl
hatte es auch frueher schon Vollbuergergemeinden innerhalb der
Statthaltersprengel gegeben, wie zum Beispiel Aquileia und Narbo, und hatten
ganze Statthaltersprengel, wie das Diesseitige Gallien, aus Gemeinden mit
italischer Verfassung bestanden; aber wenn nicht rechtlich, war es doch
politisch eine ungemein wichtige Neuerung, dass es jetzt eine Provinz gab, die
so gut wie Italien lediglich von roemischen Buergern bevoelkert war ^32, und
dass andere es zu werden versprachen. Es fiel damit der eine grosse
tatsaechliche Gegensatz, in dem Italien zu den Provinzen gestanden hatte; und
auch der zweite, dass in Italien regelmaessig keine Truppen standen, wohl aber
in den Provinzen, war gleichermassen im Verschwinden: die Truppen standen jetzt
nur da, wo es eine Grenze zu verteidigen gab, und die Kommandanten der
Provinzen, bei denen dies nicht zutraf, wie zum Beispiel bei Narbo und Sizilien,
waren nur dem Namen nach noch Offiziere. Der formelle Gegensatz zwischen Italien
und den Provinzen, der zu allen Zeiten auf anderen Unterschieden beruht hatte,
blieb allerdings auch jetzt bestehen, Italien der Sprengel der buergerlichen
Rechtspflege und der Konsuln-Praetoren, die Provinzen kriegsrechtliche
Jurisdiktionsbezirke und den Prokonsuln und Propraetoren unterworfen; allein der
Prozess nach Buerger- und nach Kriegsrecht fiel laengst praktisch zusammen, und
die verschiedene Titulatur der Beamten hatte wenig zu bedeuten, seit ueber allen
der eine Imperator stand.
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^31 Dass keiner Vollbuergergemeinde mehr als beschraenkte Gerichtsbarkeit
zustand, ist ausgemacht. Auffallend ist es aber, was aus der Caesarischen
Gemeindeordnung fuer das Cisalpinische Gallien bestimmt hervorgeht, dass die
jenseits der munizipalen Kompetenz liegenden Prozesse aus dieser Provinz nicht
vor den Statthalter derselben, sondern vor den roemischen Praetor gehen; denn im
uebrigen ist der Statthalter ja in seinem Sprengel ebensowohl anstatt des
Praetors, der zwischen Buergern, wie anstatt dessen, der zwischen Buergern und
Nichtbuergern Recht spricht, und durchaus fuer alle Prozesse kompetent. Ohne
Zweifel ist dies ein Ueberrest der vorsullanischen Ordnung, wo in dem ganzen
festlaendischen Gebiet bis zu den Alpen lediglich die Stadtbeamten kompetent
waren und also hier saemtliche Prozesse, wo sie die munizipale Kompetenz
ueberschritten, notwendig vor die Praetoren in Rom kamen. Dagegen in Narbo,
Gades, Karthago, Korinth gingen die Prozesse in diesem Fall sicher an den
betreffenden Statthalter; wie denn auch schon aus praktischen Ruecksichten nicht
wohl an einen Rechtszug nach Rom gedacht werden kann.
^32 Warum die Erteilung des roemischen Buergerrechts an eine Landschaft
insgesamt und der Fortbestand der Provinzialverwaltung fuer dieselbe als sich
einander ausschliessende Gegensaetze gedacht zu werden pflegen, ist nicht
abzusehen. Ueberdies erhielt notorisch das Cisalpinische Gallien durch den
Roscischen Volksschluss vom 11. Maerz 705 (49) die Civitaet, waehrend es Provinz
blieb, solange Caesar lebte, und erst nach seinem Tode mit Italien vereinigt
ward (Dio 48, 12), auch die Statthalter bis 711 (43) nachweisbar sind. Schon
dass die Caesarische Gemeindeordnung die Landschaft nie als Italien, sondern als
Cisalpinisches Gallien bezeichnet, musste auf das Richtige fuehren.
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Offenbar ist in all diesen einzelnen munizipalen Gruendungen und Ordnungen,
die wenigstens dem Plan, wenn auch vielleicht nicht alle der Ausfuehrung nach,
auf Caesar zurueckgehen, ein bestimmtes System. Italien ward aus der Herrin der
unterworfenen Voelkerschaften umgewandelt in die Mutter der verjuengten
italisch-hellenischen Nation. Die dem Mutterlande vollstaendig gleichgestellte
cisalpinische Provinz verhiess und verbuergte es, dass in der Monarchie Caesars,
ebenwie in der frischeren Epoche der Republik, jede latinisierte Landschaft
erwarten durfte, den aelteren Schwestern und der Mutter selbst ebenbuertig an
die Seite zu treten. Auf der Vorstufe zur vollen nationalen und politischen
Ausgleichung mit Italien standen dessen Nebenlaender, das griechische Sizilien
und das rasch sich latinisierende suedliche Gallien. Auf einer entfernteren
Stufe zu dieser Ausgleichung standen die uebrigen Landschaften des Reiches, in
denen, wie bisher in Suedgallien Narbo roemische Kolonie gewesen war, jetzt die
grossen Seestaedte: Emporiae, Gades, Karthago, Korinth, Herakleia im Pontos,
Sinope, Berytos, Alexandreia, italische oder hellenisch-italische Gemeinden
wurden, die Stuetzpunkte einer italischen Zivilisation selbst im griechischen
Osten, die Grundpfeiler der kuenftigen nationalen und politischen Nivellierung
des Reiches. Die Herrschaft der Stadtgemeinde Rom ueber das Litoral des
Mittelmeeres war zu Ende; an ihre Stelle trat der neue Mittelmeerstaat und sein
erster Akt war die Suehnung der beiden groessten Untaten, die jene Stadtgemeinde
an der Zivilisation begangen hatte. Wenn die Zerstoerung der beiden groessten
Handelsplaetze im roemischen Gebiet den Wendepunkt bezeichnete, wo die
Schutzherrschaft der roemischen Gemeinde in politische Tyrannisierung und
finanzielle Ausnutzung der untertaenigen Landschaften ueberging, so bezeichnete
jetzt die sofortige und glaenzende Wiederherstellung von Karthago und Korinth
die Begruendung des neuen, alle Landschaften am Mittelmeer zu nationaler und
politischer Gleichheit, zu wahrhaft staatlicher Einigung heranbildenden grossen
Gemeinwesens. Wohl durfte Caesar der Stadt Korinth zu ihrem vielberuehmten alten
den neuen Namen der "Julischen Ehre" verleihen.
Wenn also das neue einheitliche Reich mit einer Nationalitaet ausgestattet
ward, die freilich notwendigerweise der volkstuemlichen Individualitaet
entbehrte und mehr ein unlebendiges Kunstprodukt als ein frischer Trieb der
Natur war, so bedurfte dasselbe ferner der Einheit in denjenigen Institutionen,
in denen das allgemeine Leben der Nationen sich bewegt: in Verfassung und
Verwaltung, in Religion und Rechtspflege, in Muenze, Mass und Gewicht; wobei
natuerlich lokale Besonderheiten mannigfaltigster Art mit wesentlicher Einigung
sich vollkommen vertrugen. Ueberall kann auf diesen Gebieten nur von Anfaengen
die Rede sein, da die einheitliche Durchbildung der Monarchie Caesars in der
Zukunft lag und er nichts tat, als fuer den Bau von Jahrhunderten den Grund
legen. Aber von den Linien, die der grosse Mann auf diesen Gebieten gezogen hat,
lassen noch manche sich erkennen; und es ist erfreulicher, hier ihm nachzugehen,
als in dem Truemmerbau der Nationalitaeten.
Hinsichtlich der Verfassung und Verwaltung wurden bereits in einem anderen
Zusammenhang die wichtigsten Momente der neuen Einheit hervorgehoben: der
Uebergang der Souveraenitaet von dem roemischen Gemeinderat auf den
Alleinherrscher der Mittelmeermonarchie; die Umwandlung jenes Gemeinderats in
einen hoechsten, Italien wie die Provinzen repraesentierenden Reichsrat: vor
allem die begonnene Uebertragung der roemischen und ueberhaupt der italischen
Gemeindeordnung auf die Provinzialgemeinden. Es fuehrte dieser letztere Weg, die
Verleihung latinischen und demnach roemischen Rechts an die zum vollstaendigen
Eintritt in den Einheitsstaat reifen Gemeinden, gleichmaessige kommunale
Ordnungen allmaehlich von selbst herbei. Nur in einer Hinsicht konnte man
hierauf nicht warten. Das neue Reich bedurfte sofort einer Institution, die der
Regierung die hauptsaechlichen Grundlagen der Verwaltung, die Bevoelkerungs- und
Vermoegensverhaeltnisse der einzelnen Gemeinden, uebersichtlich vor Augen legte,
das heisst eines verbesserten Zensus. Zunaechst ward der italische reformiert.
Nach Caesars Verordnung ^33, die freilich wohl nur die infolge des
Bundesgenossenkrieges wenigstens im Prinzip getroffenen Anordnungen zur
Ausfuehrung brachte, sollten kuenftig, wenn in der roemischen Gemeinde die
Schatzung stattfand, gleichzeitig in jeder italischen der Name eines jeden
Gemeindebuergers und der seines Vaters oder Freilassers, sein Bezirk, sein Alter
und sein Vermoegen von der hoechsten Behoerde der Gemeinde aufgezeichnet und
diese Listen an den roemischen Schatzmeister so frueh abgeliefert werden, dass
dieser das allgemeine Verzeichnis der roemischen Buerger und der roemischen Habe
rechtzeitig vollenden konnte. Dass es Caesars Absicht war, aehnliche
Institutionen auch in den Provinzen einzufuehren, dafuer buergt teils die von
Caesar angeordnete Vermessung und Katastrierung des gesamten Reiches, teils die
Einrichtung selbst; denn es war ja damit die allgemeine Formel gefunden, um so
gut in den italischen wie in den nichtitalischen Gemeinden des Staats die fuer
die Zentralverwaltung erforderlichen Aufnahmen zu bewirken. Offenbar war es auch
hier Caesars Absicht, auf die Traditionen der aelteren republikanischen Zeit
zurueckzugehen und die Reichsschatzung wiedereinzufuehren, welche die aeltere
Republik, wesentlich in derselben Weise wie Caesar die italische, durch analoge
Ausdehnung des Instituts der staedtischen Zensur mit seinen Fristen und
sonstigen wesentlichen Normen auf die saemtlichen Untertanengemeinden Italiens
und Siziliens bewirkt hatte. Es war dies eines der ersten Institute gewesen, das
die erstarrende Aristokratie verfallen und damit der obersten
Verwaltungsbehoerde jede Uebersicht ueber die disponiblen Mannschaften und
Steuerkraefte und also jede Moeglichkeit einer wirksamen Kontrolle verloren
gehen liess. Die vorhandenen Spuren und der Zusammenhang der Dinge selbst zeigen
unwidersprechlich, dass Caesar die Erneuerung der seit Jahrhunderten
verschollenen Reichsschatzung vorbereitete.
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^33 Das Fortbestehen der munizipalen Schatzungsbehoerden spricht dafuer,
dass die oertliche Abhaltung des Zensus bereits infolge des Bundesgenossenkriegs
fuer Italien fortgesetzt worden war (Roemisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S.
368); wahrscheinlich aber ist die Durchfuehrung dieses Systems Caesars Werk.
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Dass in der Religion und in der Rechtspflege an eine durchgreifende
Nivellierung nicht gedacht werden konnte, ist kaum noetig zu sagen; doch
bedurfte der neue Staat bei aller Toleranz gegen Lokalglauben und
Munizipalstatute eines gemeinsamen, der italisch-hellenischen Nationalitaet
entsprechenden Kultus und einer allgemeinen, den Munizipalstatuten
uebergeordneten Rechtssatzung. Er bedurfte ihrer: denn beides war tatsaechlich
schon da. Auf dem religioesen Gebiet war man seit Jahrhunderten taetig gewesen,
den italischen und den hellenischen Kult teils durch aeusserliche Aufnahme,
teils durch innerliche Ausgleichung der Gottheitsbegriffe ineinanderzuarbeiten
und bei der nachgiebigen Formlosigkeit der italischen Goetter hatte es nicht
einmal grosse Schwierigkeit gemacht, den Jupiter in dem Zeus, die Venus in der
Aphrodite und so jede wesentliche Idee des latinischen Glaubens in ihrem
hellenischen Gegenbild aufzuheben. Die italisch-hellenische Religion stand
bereits in den Grundzuegen fertig da; wie sehr man eben auf diesem Gebiete sich
dessen bewusst war, ueber die spezifisch roemische hinaus und zu einer italisch-
hellenischen Quasinationalitaet fortgeschritten zu sein, beweist zum Beispiel
die in Varros schon erwaehnter Theologie aufgestellte Unterscheidung der
"gemeinen", d. h. der von den Roemern wie den Griechen anerkannten Goetter, von
den besonderen der roemischen Gemeinde.
Im Rechtswesen hatte es auf dem Gebiete des Kriminal- und Polizeirechts, wo
die Regierung unmittelbar eingreift und dem rechtlichen Beduerfnis wesentlich
durch eine verstaendige Legislation genuegt wird, keine Schwierigkeit, auf dem
Wege der gesetzgeberischen Taetigkeit denjenigen Grad materieller
Gleichfoermigkeit zu erreichen, der allerdings auch hier fuer die Reichseinheit
notwendig war. Im Zivilrecht dagegen, wo die Initiative dem Verkehr, dem
Gesetzgeber nur die Formulierung zusteht, war das einheitliche Reichszivilrecht,
das der Gesetzgeber zu schaffen freilich nicht vermocht haette, laengst auch
bereits auf naturgemaessem Wege durch den Verkehr selber entwickelt worden. Das
roemische Stadtrecht zwar beruhte rechtlich immer noch auf der in den Zwoelf
Tafeln enthaltenen Formulierung des latinischen Landrechts. Die spaeteren
Gesetze hatten wohl im einzelnen mancherlei zeitgemaesse Verbesserungen
eingefuehrt, unter denen leicht die wichtigste sein mochte die Abschaffung der
alten ungeschickten Prozesseroeffnung durch stehende Spruchformeln der Parteien
und ihre Ersetzung durch eine von dem prozessleitenden Beamten schriftlich
abgefasste Instruktion fuer den Einzelgeschworenen (formula); allein in der
Hauptsache hatte die Volkslegislation nur ueber jene altersgraue Grundlage einen
den englischen Statutargesetzen vergleichbaren unuebersehlichen Wust
grossenteils laengst veralteter und vergessener Spezialgesetze aufgeschichtet.
Die Versuche wissenschaftlicher Formulierung und Systematisierung hatten die
verschlungenen Gaenge des alten Zivilrechts allerdings zugaenglich gemacht und
erhellt; allein dem Grundmangel, dass ein vor vierhundert Jahren abgefasstes
staedtisches Weistum mit seinen ebenso diffusen wie konfusen Nachtraegen jetzt
als das Recht eines grossen Staates dienen sollte, konnte kein roemischer
Blackstone abhelfen. Gruendlicher half der Verkehr sich selbst. Laengst hatte in
Rom der rege Verkehr zwischen Roemern und Nichtroemern ein internationales
Privatrecht (ius gentium; 1, 167) entwickelt, das heisst einen Komplex von
Satzungen namentlich ueber Verkehrsverhaeltnisse, nach welchen roemische Richter
dann sprachen, wenn eine Sache weder nach ihrem eigenen noch nach irgendeinem
anderen Landrecht entschieden werden konnte, sondern sie genoetigt waren, von
den roemischen, hellenischen, phoenikischen und sonstigen
Rechtseigentuemlichkeiten absehend, auf die allem Verkehr zu Grunde liegenden
gemeinsamen Rechtsanschauungen zurueckzugehen. Hier knuepfte die neuere
Rechtsbildung an. Zunaechst als Richtschnur fuer den rechtlichen Verkehr der
roemischen Buerger unter sich setzte sie an die Stelle des alten, praktisch
unbrauchbar gewordenen tatsaechlich ein neues Stadtrecht, das materiell beruhte
auf einem Kompromiss zwischen dem nationalen Zwoelftafelrecht und dem
internationalen oder dem sogenannten Rechte der Voelker. An jenem wurde
wesentlich, wenn auch natuerlich mit zeitgemaessen Modifikationen, festgehalten
im Ehe-, Familien- und Erbfolgerecht; dagegen ward in allen Bestimmungen, die
den Vermoegensverkehr betrafen, also fuer Eigentum und Kontrakte, das
Internationalrecht massgebend; ja hier wurde sogar dem lokalen Provinzialrecht
manche wichtige Einrichtung entlehnt, zum Beispiel die Wuchergesetzgebung und
das Hypothekarinstitut. Ob auf einmal oder allmaehlich, ob durch einen oder
mehrere Urheber, durch wen, wann und wie diese tiefgreifende Neuerung ins Leben
trat, sind Fragen, auf die wir eine genuegende Antwort schuldig bleiben muessen;
wir wissen nur, dass diese Reform, wie natuerlich, zunaechst ausging von dem
Stadtgericht, dass sie zuerst sich formulierte in den jaehrlich von dem neu
antretenden Stadtrichter zur Nachachtung fuer die Parteien ergehenden
Belehrungen ueber die wichtigsten, in dem beginnenden Gerichtsjahr
einzuhaltenden Rechtsmaximen (edictum annuum oder perpetuum praetoris urbani de
iuris dictione) und dass sie, wenn auch manche vorbereitende Schritte in
frueheren Zeiten getan sein moegen, sicher erst in dieser Epoche ihre Vollendung
fand. Die neue Rechtssatzung war theoretisch abstrakt, insofern die roemische
Rechtsanschauung darin ihrer nationalen Besonderheit insoweit sich entaeussert
hatte, als sie derselben sich bewusst worden war; sie war aber zugleich
praktisch positiv, indem sie keineswegs in die truebe Daemmerung allgemeiner
Billigkeit oder gar in das reine Nichts des sogenannten Naturrechts verschwamm,
sondern von bestimmten Behoerden fuer bestimmte konkrete Faelle nach festen
Normen angewandt ward und einer gesetzlichen Formulierung nicht bloss faehig,
sondern in dem Stadtedikt wesentlich schon teilhaft geworden war. Diese Satzung
entsprach ferner materiell den Beduerfnissen der Zeit, insofern sie fuer
Prozess, Eigentumserwerb, Kontraktabschluss die durch den gesteigerten Verkehr
geforderten bequemeren Formen darbot. Sie war endlich bereits im wesentlichen im
ganzen Umfang des roemischen Reiches allgemein subsidiaeres Recht geworden,
indem man die mannigfaltigen Lokalstatuten fuer diejenigen Rechtsverhaeltnisse,
die nicht zunaechst Verkehrsverhaeltnisse sind, sowie fuer den Lokalverkehr
zwischen Gliedern desselben Rechtssprengels beibehielt, dagegen den
Vermoegensverkehr zwischen Reichsangehoerigen verschiedener Rechtskreise
durchgaengig nach dem Muster des, rechtlich auf diese Faelle freilich nicht
anwendbaren, Stadtediktes sowohl in Italien wie in den Provinzen regulierte. Das
Recht des Stadtedikts hatte also wesentlich dieselbe Stellung in jener Zeit, die
in unserer staatlichen Entwicklung das roemische Recht eingenommen hat: auch
dies ist, soweit solche Gegensaetze sich vereinigen lassen, zugleich abstrakt
und positiv; auch dies empfahl sich durch seine, verglichen mit dem aelteren
Satzungsrecht, geschmeidigen Verkehrsformen und trat neben den Lokalstatuten als
allgemeines Hilfsrecht ein. Nur darin hatte die roemische Rechtsentwicklung vor
der unsrigen einen wesentlichen Vorzug, dass die denationalisierte Gesetzgebung
nicht, wie bei uns, vorzeitig und durch Kunstgeburt, sondern rechtzeitig und
naturgemaess sich einfand.
Diesen Rechtszustand fand Caesar vor. Wenn er den Plan entwarf zu einem
neuen Gesetzbuch, so ist es nicht schwer zu sagen, was er damit beabsichtigt
hat. Es konnte dies Gesetzbuch einzig das Recht der roemischen Buerger
zusammenfassen und allgemeines Reichsgesetzbuch nur insofern sein, als ein
zeitgemaesses Gesetzbuch der herrschenden Nation von selbst im ganzen Umfange
des Reiches allgemeines Subsidiarrecht werden musste. Im Kriminalrecht, wenn
ueberhaupt der Plan sich auf dies miterstreckte, bedurfte es nur einer Revision
und Redaktion der Sullanischen Ordnungen. Im Zivilrecht war fuer einen Staat,
dessen Nationalitaet eigentlich die Humanitaet war, die notwendige und einzig
moegliche Formulierung jenes schon aus dem rechtlichen Verkehr freiwillig
hervorgewachsene Stadtedikt in gesetzlicher Sicherung und Praezisierung. Den
ersten Schritt zu dieser hatte das Cornelische Gesetz von 687 (67) getan, indem
es den Richter an die zu Anfang seines Amtes aufgestellten Maximen band und ihm
vorschrieb, nicht willkuerlich anderes Recht zu sprechen - eine Bestimmung, die
wohl mit dem Zwoelftafelgesetz verglichen werden darf und fuer die Fixierung des
neueren Stadtrechts fast ebenso bedeutsam geworden ist wie jenes fuer die
Fixierung des aelteren. Aber wenn auch seit dem Cornelischen Volksschluss das
Edikt nicht mehr unter dem Richter stand, sondern gesetzlich der Richter unter
dem Edikt; wenn auch das neue Gesetzbuch im Gerichtsgebrauch wie im
Rechtsunterricht das alte Stadtrecht tatsaechlich verdraengt hatte, so stand es
doch noch jedem Stadtrichter frei, bei Antritt seines Amtes das Edikt
unbeschraenkt und willkuerlich zu veraendern, und ueberwog das Zwoelftafelrecht
mit seinen Zusaetzen formell immer noch das Stadtedikt, so dass in jedem
einzelnen Kollisionsfall die veraltete Satzung durch arbitraeres Eingreifen der
Beamten, also genau genommen durch Verletzung des formellen Rechts, beseitigt
werden musste. Die subsidiaere Anwendung des Stadtedikts in dem Fremdengericht
in Rom und in den verschiedenen Provinzialgerichtshoefen war nun gar gaenzlich
in die Willkuer der einzelnen Oberbeamten gestellt. Offenbar war es notwendig,
das alte Stadtrecht, soweit es nicht in das neuere uebergegangen war, definitiv
zu beseitigen und in dem letzteren der willkuerlichen Aenderung durch jeden
einzelnen Stadtrichter angemessene Grenzen zu setzen, etwa auch die subsidiaere
Anwendung desselben neben den Lokalstatuten zu regulieren. Dies war Caesars
Absicht, als er den Plan zu einem Gesetzbuch entwarf; denn dies musste sie sein.
Der Plan ward nicht ausgefuehrt und damit jener laestige Uebergangszustand in
dem roemischen Rechtswesen verewigt, bis nach sechshundert Jahren, und auch dann
nur unvollkommen, diese notwendige Reform von einem der Nachfolger Caesars, dem
Kaiser Justinianus, vollzogen ward.
Endlich in Muenze, Mass und Gewicht war die wesentliche Ausgleichung des
latinischen und des hellenischen Systems laengst im Zuge. Sie war uralt in den
fuer Handel und Verkehr unentbehrlichen Bestimmungen des Gewichts, der Koerper-
und Laengenmasse und in dem Muenzwesen wenig juenger als die Einfuehrung der
Silberpraegung. Indes reichten diese aelteren Gleichungen nicht aus, da in der
hellenischen Welt selbst die verschiedenartigsten metrischen und Muenzsysteme
nebeneinander bestanden; es war notwendig und lag auch ohne Zweifel in Caesars
Plan, in dem neuen einheitlichen Reich, soweit es nicht bereits frueher schon
geschehen war, roemische Muenze, roemisches Mass und roemisches Gewicht jetzt
ueberall in der Art einzufuehren, dass im offiziellen Verkehr allein danach
gerechnet, und die nichtroemischen Systeme teils auf lokale Geltung beschraenkt,
teils zu den roemischen in ein ein fuer allemal reguliertes Verhaeltnis gesetzt
wurden ^34. Nachweisen indes laesst Caesars Taetigkeit sich nur auf zweien der
wichtigsten dieser Gebiete, in dem Geld- und im Kalenderwesen.
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^34 Kuerzlich zum Vorschein gekommene pompeianische Gewichte legen die
Annahme nahe, dass im Anfang der Kaiserzeit neben dem roemischen Pfund die
attische Mine (vermutlich im Verhaeltnis von 3 : 4) als zweites Reichsgewicht
Geltung gehabt hat (Heymes 16, 1880, S. 311).
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Das roemische Geldwesen beruhte auf den beiden neben und in einem festen
Verhaeltnis zueinander umlaufenden edlen Metallen, von denen das Gold nach dem
Gewicht ^35, das Silber nach dem Gepraege gegeben und genommen ward,
tatsaechlich aber infolge des ausgedehnten ueberseeischen Verkehrs das Gold bei
weitem das Silber ueberwog. Ob nicht schon frueher im ganzen Umfange des Reiches
die Annahme des roemischen Silbergeldes obligatorisch war, ist ungewiss; auf
jeden Fall vertrat die Stelle des Reichsgeldes im ganzen roemischen Gebiet
wesentlich das ungemuenzte Gold, um so mehr als die Roemer in allen Provinzen
und Klientelstaaten die Goldpraegung untersagt hatten, und hatte der Denar
ausser in Italien auch im Cisalpinischen Gallien, in Sizilien, in Spanien und
sonst vielfach, namentlich im Westen, gesetzlich oder faktisch sich
eingebuergert. Mit Caesar aber beginnt die Reichsmuenze. Ebenwie Alexander
bezeichnete auch er die Gruendung der neuen, die zivilisierte Welt umfassenden
Monarchie dadurch, dass das einzig weltenvermittelnde Metall auch in der Muenze
den ersten Platz erhielt. In wie grossartigem Umfang sogleich das neue
Caesarische Goldstueck (zu 7 Taler, 18 Groschen nach heutigem Metallwert)
gepraegt ward, beweist die Tatsache, dass in einem einzelnen, sieben Jahre nach
Caesars Tode vergrabenen Schatz sich 80000 dieser Stuecke beisammen gefunden
haben. Freilich moegen hier nebenbei auch finanzielle Spekulationen von Einfluss
gewesen sein ^36. Was das Silbergeld anlangt, so ward durch Caesar die
Alleinherrschaft des roemischen Denars im gesamten Westen, zu der der Grund
schon frueher gelegt worden war, schliesslich festgestellt, indem er die einzige
okzidentalische Muenzstaette, die im Silbercourant noch mit der roemischen
konkurrierte, die massaliotische, definitiv schloss. Die Praegung von silberner
oder kupferner Scheidemuenze blieb einer Anzahl okzidentalischer Gemeinden
erlaubt, wie denn Dreivierteldenare von einigen latinischen Gemeinden des
suedlichen Galliens, halbe Denare von mehreren nordgallischen Gauen, kupferne
Kleinmuenzen vielfach auch noch nach Caesar von Kommunen des Westens geschlagen
worden sind; allein auch diese Scheidemuenze war durchgaengig auf roemischen
Fuss gepraegt und ihre Annahme ueberdies wahrscheinlich nur im Lokalverkehr
obligatorisch. An eine einheitliche Regulierung des Muenzwesens im Osten, wo
grosse Massen groben, grossenteils zu leicht ausgebrachten oder vernutzten
Silbergeldes, zum Teil sogar, wie in Aegypten, eine unserem Papiergeld verwandte
Kupfermuenze umlief, auch die syrischen Handelsstaedte den Mangel ihrer
bisherigen, dem mesopotamischen Courant entsprechenden Landesmuenze sehr schwer
empfunden haben wuerden, scheint Caesar so wenig gedacht zu haben wie die
fruehere Regierung. Wir finden hier spaeter die Einrichtung, dass der Denar
ueberall gesetzlichen Kurs hat und offiziell nur nach ihm gerechnet wird ^37,
die Lokalmuenzen aber innerhalb ihres beschraenkten Rayons zwar auch Legalkurs,
aber nach einem fuer sie unguenstigen Tarif gegen den Denar haben ^38; dieselbe
ist wahrscheinlich nicht auf einmal und zum Teil auch wohl schon von Caesar
eingefuehrt worden, auf jeden Fall aber die wesentliche Ergaenzung der
Caesarischen Reichsmuenzordnung, deren neues Goldstueck in dem ungefaehr gleich
schweren Alexanders sein unmittelbares Muster fand und wohl ganz besonders auf
die Zirkulation im Orient berechnet war.
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^35 Die Goldstuecke, die Sulla und gleichzeitig Pompeius, beide in geringer
Zahl, schlagen liessen, heben diesen Satz nicht auf: denn sie wurden
wahrscheinlich lediglich nach dem Gewicht genommen aehnlich wie die goldenen
Philippeer, die auch bis nach Caesars Zeit im Umlauf gewesen sind. Merkwuerdig
sind sie allerdings, insofern sie das Caesarische Reichsgold aehnlich einleiten
wie Sullas Regentschaft die neue Monarchie.
^36 Es scheint naemlich, dass man in aelterer Zeit die auf Silber lautenden
Forderungen der Staatsglaeubiger nicht wider deren Willen in Gold, nach dem
legalen Kurs desselben zum Silber, bezahlen konnte; wogegen es keinen Zweifel
leidet, dass seit Caesar das Goldstueck unweigerlich fuer 100 Silbersesterzen
angenommen werden musste. Es war dies ebendamals um so wichtiger, als infolge
der durch Caesar in Umlauf gebrachten grossen Quantitaeten Goldes dasselbe eine
Zeitlang im Handelskurs 25 Prozent unter dem Legalkurs stand.
^37 Es gibt wohl keine Inschrift der Kaiserzeit, die Geldsummen anders als
in roemischer Muenze angaebe.
^38 So gilt die attische Drachme, obwohl merklich schwerer als der Denar,
doch diesem gleich; das antiochische Tetradrachmon, durchschnittlich 15 Gramm
Silber schwer, gleich 3 roemischen Denaren, die nur gegen 12 Gramm wiegen; so
der kleinasiatische Cistophorus nach Silberwert ueber 3, nach dem Legaltarif 2
Denare; so die rhodische halbe Drachme nach Silberwert _, nach dem Legaltarif
5/8 Denare und so weiter.
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Verwandter Art war die Kalenderreform. Der republikanische Kalender,
unglaublicherweise immer noch der alte, aus der vormetonischen Oktaeteris
verunstaltete Dezemviralkalender, war durch die Verbindung elendester Mathematik
und elendester Administration dahin gelangt, um volle 67 Tage der wahren Zeit
voranzugehen und zum Beispiel das Bluetenfest statt am 28. April am 11. Juli zu
feiern. Caesar beseitigte endlich diesen Missstand und fuehrte mit Hilfe des
griechischen Mathematikers Sosigenes das nach dem aegyptischen Eudoxischen
Kalender geordnete italische Bauernjahr sowie ein verstaendiges
Einschaltungssystem in den religioesen und offiziellen Gebrauch ein, indem
zugleich das alte Kalenderneujahr des 1. Maerz abgeschafft, dagegen der
zunaechst fuer den Amtswechsel der hoechsten Magistrate festgestellte und
infolgedessen laengst im buergerlichen Leben ueberwiegende Termin des 1. Januar
auch als Kalenderepoche fuer den Jahreswechsel angenommen ward. Beide
Aenderungen traten mit dem 1. Januar 709 der Stadt, 45 vor Chr., ins Leben und
mit ihnen der Gebrauch des von seinem Urheber benannten Julianischen Kalenders,
der lange nach dem Untergang der Monarchie Caesars in der gebildeten Welt
massgebend geblieben und in der Hauptsache es noch ist. Zur Erlaeuterung ward in
einem ausfuehrlichen Edikt ein den aegyptischen Himmelsbeobachtungen entnommener
und, freilich nicht geschickt, auf Italien uebertragener Sternkalender
hinzugefuegt, welcher den Auf- und Untergang der namhaften Gestirne nach
Kalendertagen bestimmte ^39. Auch auf diesem Gebiet also setzten die roemische
und die griechische Welt sich ins gleiche.
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^39 Die Identitaet dieses vielleicht von Marcus Flavius redigierten Edikts
(Macr. Sat. I, 14, 2) und der angeblichen Schrift Caesars von den Gestirnen
beweist der Scherz Ciceros (Plut. Caes. 59), dass jetzt die Leier nach
Verordnung aufgehe.
Uebrigens wusste man schon vor Caesar, dass das Sonnenjahr von 365 Tagen
sechs Stunden, das dem aegyptischen Kalender zugrunde lag und das er seinem
Kalender zugrunde legte, etwas zu lang angesetzt sei. Die genaueste Berechnung
des tropischen Jahres, die die alte Welt kannte, die des Hipparchos, setzte
dasselbe auf 365 Tage 5 Stunden 52' 12"; die wahre Laenge ist 365 Tage 5 Stunden
48' 48".
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Dies waren die Grundlagen der Mittelmeermonarchie Caesars. Zum zweitenmal
war in Rom die soziale Frage zu einer Krise gelangt, wo die Gegensaetze, so wie
sie aufgestellt waren, unaufloeslich, so wie sie ausgesprochen waren,
unversoehnlich nicht bloss schienen, sondern waren. Damals war Rom dadurch
gerettet worden, dass Italien in Rom und Rom in Italien aufging und in der neuen
erweiterten und verwandelten Heimat jene alten Gegensaetze nicht ausgeglichen
wurden, sondern wegfielen. Wieder ward jetzt Rom dadurch gerettet, dass die
Landschaften des Mittelmeeres in ihm aufgingen oder zum Aufgehen vorbereitet
wurden; der Krieg der italischen Armen und Reichen, der in dem alten Italien nur
mit der Vernichtung der Nation endigen konnte, hatte in dem Italien dreier
Weltteile kein Schlachtfeld und keinen Sinn mehr. Die latinischen Kolonien
schlossen die Kluft, die im fuenften Jahrhundert die roemische Gemeinde zu
verschlingen drohte; den tieferen Riss des siebenten Jahrhunderts fuellten Gaius
Gracchus' und Caesars transalpinische und ueberseeische Kolonisationen. Fuer das
einzige Rom hat die Geschichte nicht bloss Wunder getan, sondern auch seine
Wunder wiederholt und zweimal die im Staate selbst unheilbare innere Krise
dadurch geheilt, dass sie den Staat verjuengte. Wohl ist viel Verwesung in
dieser Verjuengung; wie die Einigung Italiens auf den Truemmern der samnitischen
und etruskischen Nation sich vollzog, so erbaute auch die Mittelmeermonarchie
sich auf den Ruinen unzaehliger, einst lebendiger und tuechtiger Staaten und
Staemme; aber es ist eine Verwesung, der frische und zum Teil noch heute
gruenende Saaten entkeimten. Was zugrunde ging um des neuen Gebaeudes willen,
waren nur die laengst schon von der nivellierenden Zivilisation zum Untergang
bezeichneten sekundaeren Nationalitaeten. Caesar hat, wo er zerstoerend auftrat,
nur den ausgefaellten Spruch der geschichtlichen Entwicklung vollzogen, die
Keime der Kultur aber geschuetzt, wo und wie er sie fand, in seinem eigenen
Lande so gut wie bei der verschwisterten Nation der Hellenen. Er hat das
Roemertum gerettet und erneuert, aber auch das Griechentum hat er nicht bloss
geschont, sondern mit derselben sicheren Genialitaet, womit er die Neugruendung
Roms vollbrachte, auch der Regeneration der Hellenen sich unterzogen und das
unterbrochene Werk des grossen Alexander wiederaufgenommen, dessen Bild, wohl
mag man es glauben, niemals aus Caesars Seele wich. Er hat diese beiden grossen
Aufgaben nicht bloss nebeneinander, sondern eine durch die andere geloest. Die
beiden grossen Wesenheiten des Menschentums, die allgemeine und die individuelle
Entwicklung oder Staat und Kultur, einst im Keime vereinigt in jenen alten, fern
von den Kuesten und Inseln des Mittelmeers in urvaeterlicher Einfachheit ihre
Herden weidenden Graecoitalikern, hatten sich geschieden, als dieselben sich
sonderten in Italiker und Hellenen, und waren seitdem durch Jahrtausende
geschieden geblieben. Jetzt erschuf der Enkel des troischen Fuersten und der
latinischen Koenigstochter aus einem Staat ohne eigene Kultur und einer
kosmopolitischen Zivilisation ein neues Ganzes, in welchem auf dem Gipfel
menschlichen Daseins, in der reichen Fuelle des glueckseligen Alters Staat und
Kultur wiederum sich zusammenfanden und den einem solchen Inhalt angemessenen
Umkreis wuerdig erfuellten.
Die Linien sind dargelegt, welche Caesar fuer dieses Werk gezogen hat, nach
denen er selbst arbeitete und nach denen die Spaeteren, viele Jahrhunderte
hindurch gebannt in die von diesem Manne vorgezeichneten Bahnen, wo nicht mit
dem Geiste und der Energie, doch im ganzen nach den Intentionen des grossen
Meisters weiter zu arbeiten versuchten. Vollendet ist wenig, gar manches nur
angelegt. Ob der Plan vollstaendig ist, mag entscheiden, wer mit einem solchen
Mann in die Wette zu denken wagt; wir bemerken keine wesentlichen Luecken in
dem, was vorliegt, jeder einzelne Baustein genug, um einen Mann unsterblich zu
machen, und doch wieder alle zusammen ein harmonisches Ganzes. Fuenf und ein
halbes Jahr, nicht halb so lange wie Alexander, schaltete Caesar als Koenig von
Rom; zwischen sieben grossen Feldzuegen, die ihm nicht mehr als zusammen
fuenfzehn Monate ^40 in der Hauptstadt seines Reiches zu verweilen erlaubten,
ordnete er die Geschicke der Welt fuer die Gegenwart und die Zukunft; von der
Feststellung der Grenzlinie zwischen Zivilisation und Barbarei an bis hinab zu
der Beseitigung der Regenpfuetzen auf den Gassen der Hauptstadt, und behielt
dabei noch Zeit und Heiterkeit genug, um den Preisstuecken im Theater aufmerksam
zu folgen und dem Sieger den Kranz mit improvisierten Versen zu erteilen. Die
Schnelligkeit und Sicherheit der Ausfuehrung des Planes beweist, dass er lange
durchdacht und in allen Teilen im einzelnen festgestellt war; allein auch so
bleibt sie nicht viel weniger wunderbar als der Plan selbst. Die Grundzuege
waren gegeben und damit der neue Staat fuer alle Zukunft bestimmt; vollenden
konnte den Bau nur die grenzenlose Zukunft. Insofern durfte Caesar sich sagen,
dass sein Ziel erreicht sei, und das wohl mochten die Worte bedeuten, die man
zuweilen aus seinem Munde vernahm, dass er genug gelebt habe. Aber eben weil der
Bau ein unendlicher war, fuegte der Meister, solange er lebte, rastlos Stein auf
Stein, mit immer gleicher Geschmeidigkeit und immer gleicher Spannkraft taetig
an seinem Werk, ohne je zu ueberstuerzen oder zu verschieben, eben als gebe es
fuer ihn nur ein Heute und kein Morgen. So wirkte und schaffte er wie nie ein
Sterblicher vor und nach ihm, und als ein Wirkender und Schaffender lebt er noch
nach Jahrtausenden im Gedaechtnis der Nationen, der erste und doch auch der
einzige Imperator Caesar.
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^40 Caesar verweilte in Rom im April und Dezember 705 (49), beide Male auf
wenige Tage; vom September bis Dezember 707 (47); etwa vier Herbstmonate des
fuenfzehnmonatlichen Jahres 708 (46) und vom Oktober 709 (45) bis zum Maerz 710
(44).
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12. Kapitel
Religion, Bildung, Literatur und Kunst
In der religioes-philosophischen Entwicklung tritt in dieser Epoche kein
neues Moment hervor. Die roemisch-hellenische Staatsreligion und die damit
untrennbar verbundene stoische Staatsphilosophie waren fuer jede Regierung,
Oligarchie, Demokratie oder Monarchie, nicht bloss ein bequemes Instrument,
sondern deshalb geradezu unentbehrlich, weil es ebenso unmoeglich war, den Staat
ganz ohne religioese Elemente zu konstruieren als irgendeine neue zur Ersetzung
der alten geeignete Staatsreligion aufzufinden. So fuhr denn zwar der
revolutionaere Besen gelegentlich sehr unsanft in die Spinnweben der auguralen
Vogelweisheit hinein; aber die morsche, in allen Fugen krachende Maschine
ueberdauerte dennoch das Erdbeben, das die Republik selber verschlang, und
rettete ihre Geistlosigkeit und ihre Hoffart ungeschmaelert hinueber in die neue
Monarchie. Es versteht sich, dass sie zunahm an Ungnade bei allen denen, die ein
freies Urteil sich bewahrten. Zwar gegen die Staatsreligion verhielt die
oeffentliche Meinung sich wesentlich gleichgueltig; sie war allerseits als eine
Institution politischer Konvenienz anerkannt und es bekuemmerte sich niemand
sonderlich um sie, mit Ausnahme der politischen und antiquarischen Gelehrten.
Aber gegen ihre philosophische Schwester entwickelte sich in dem unbefangenen
Publikum jene Feindseligkeit, die die leere und doch auch perfide
Phrasenheuchelei auf die Laenge nie verfehlt zu erwecken. Dass der Stoa selbst
von ihrer eigenen Nichtigkeit eine Ahnung aufzugehen begann, beweist ihr
Versuch, auf dem Wege des Synkretismus sich wieder einigen Geist kuenstlich
einzufloessen: Antiochos von Askalon (blueht 675 79), der mit dem stoischen
System das platonisch-aristotelische zu einer organischen Einheit
zusammengeklittert zu haben behauptete, brachte es in der Tat dahin, dass seine
missgeschaffene Doktrin die Modephilosophie der Konservativen seiner Zeit und
von den vornehmen Dilettanten und Literaten Roms gewissenhaft studiert ward. Wer
irgend in geistiger Frische sich regte, opponierte der Stoa oder ignorierte sie.
Es war hauptsaechlich der Widerwille gegen die grossmauligen und langweiligen
roemischen Pharisaeer, daneben freilich auch der zunehmende Hang, sich aus dem
praktischen Leben in schlaffe Apathie oder nichtige Ironie zu fluechten, dem
waehrend dieser Epoche das System Epikurs seine Ausbreitung in weiteren Kreisen
und die Diogenische Hundephilosophie ihre Einbuergerung in Rom verdankte. Wie
matt und gedankenarm auch jenes sein mochte, eine Philosophie, die nicht in der
Veraenderung der hergebrachten Bezeichnungen den Weg zur Freiheit suchte,
sondern mit den vorhandenen sich begnuegte und durchaus nur die sinnliche
Wahrnehmung als wahr gelten liess, war immer noch besser als das terminologische
Geklapper und die hohlen Begriffe der stoischen Weisheit; und die
Hundephilosophie gar war von allen damaligen philosophischen Systemen insofern
bei weitem das vorzueglichste, als ihr System sich darauf beschraenkte, gar kein
System zu haben, sondern alle Systeme und alle Systematiker zu verhoehnen. Auf
beiden Gebieten wurde gegen die Stoa mit Eifer und Glueck Krieg gefuehrt; fuer
ernste Maenner predigte der Epikureer Lucretius mit dem vollen Akzent der
innigen Ueberzeugung und des heiligen Eifers gegen den stoischen Goetter- und
Vorsehungsglauben und die stoische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele; fuer
das grosse lachbereite Publikum traf der Kyniker Varro mit den fluechtigen
Pfeilen seiner vielgelesenen Satiren noch schaerfer zum Ziel. Wenn also die
tuechtigsten Maenner der aelteren Generation die Stoa befehdeten, so stand
dagegen die juengere, wie zum Beispiel Catullus, zu ihr in gar keinem
innerlichen Verhaeltnis mehr und kritisierte sie noch bei weitem schaerfer durch
vollstaendiges Ignorieren.
Indes wenn hier ein glaubenloser Glaube aus politischer Konvenienz aufrecht
erhalten ward, so brachte man dies anderswo reichlich wieder ein. Unglaube und
Aberglaube, verschiedene Farbenbrechungen desselben geschichtlichen Phaenomens,
gingen auch in der damaligen roemischen Welt Hand in Hand und es fehlte nicht an
Individuen, welche sie beide in sich vereinigten, mit Epikuros die Goetter
leugneten und doch vor jeder Kapelle beteten und opferten. Natuerlich galten nur
noch die aus dem Orient gekommenen Goetter, und wie die Menschen fortfuhren, aus
den griechischen Landschaften nach Italien zu stroemen, so wanderten auch die
Goetter des Ostens in immer steigender Zahl nach dem Westen hinueber. Was der
phrygische Kult damals in Rom bedeutete, beweist sowohl die Polemik bei den
aelteren Maennern, wie bei Varro und Lucretius, als auch die poetische
Verherrlichung desselben bei dem modernen Catullus, die mit der
charakteristischen Bitte schliesst, dass die Goettin geneigen moege, nur andere,
nicht den Dichter selbst verrueckt zu machen. Neu trat hinzu der persische
Goetterdienst, der zuerst durch Vermittlung der von Osten und von Westen her auf
dem Mittelmeere sich begegnenden Piraten zu den Okzidentalen gelangt sein soll
und als dessen aelteste Kultstaette im Westen der Berg Olympos in Lykien
bezeichnet wird. Dafuer, dass man bei der Aufnahme der orientalischen Kulte im
Okzident das, was sie von hoeheren spekulativen und sittlichen Elementen
enthielten, durchgaengig fallen liess, ist es ein merkwuerdiger Beleg, dass der
hoechste Gott der reinen Lehre Zarathustras, Ahuramazda, im Westen so gut wie
unbekannt blieb und hier die Verehrung sich vorzugsweise wieder demjenigen Gott
zuwandte, der in der alten persischen Volksreligion den ersten Platz eingenommen
hatte und durch Zarathustra an den zweiten gerueckt worden war, dem Sonnengott
Mithra. Rascher noch als die lichteren und milderen persischen Himmelsgestalten
traf der langweilig geheimnisvolle Schwarm der aegyptischen Goetterkarikaturen
in Rom ein, die Naturmutter Isis mit ihrem ganzen Gefolge, dem ewig sterbenden
und ewig wiederauflebenden Osiris, dem finsteren Sarapis, dem schweigsam ernsten
Harpokrates, dem hundskoepfigen Anubis. In dem Jahre, wo Clodius die Klubs und
Konventikel freigab (696 58), und ohne Zweifel eben infolge dieser Emanzipation
des Poebels, machte jener Schwarm sogar Anstalt, in die alte Burg des roemischen
Jupiter auf dem Kapitol seinen Einzug zu halten, und kaum gelang es, von hier
ihn noch abzuwehren und die unvermeidlichen Tempel wenigstens in die Vorstaedte
Roms zu bannen. Kein Kult war in den unteren Schichten der hauptstaedtischen
Bevoelkerung gleich populaer: als der Senat die innerhalb der Ringmauer
angelegten Isistempel einzureissen befahl, wagte kein Arbeiter, die erste Hand
daran zu legen, und der Konsul Lucius Paullus musste selber den ersten Axtschlag
tun (704 50); man konnte darauf wetten, dass je lockerer ein Dirnchen war, es
desto frommer die Isis verehrte. Dass Loswerfen, Traumdeuten und dergleichen
freie Kuenste ihren Mann ernaehrten, versteht sich von selbst. Das
Horoskopstellen ward schon wissenschaftlich betrieben: Lucius Tarutius aus
Firmum, ein angesehener und in seiner Art gelehrter, mit Varro und Cicero
befreundeter Mann, stellte ganz ernsthaft den Koenigen Romulus und Numa und der
Stadt Rom selbst die Nativitaet und erhaertete zur Erbauung der beiderseitigen
Glaeubigen mittels seiner chaldaeischen und aegyptischen Weisheit die Berichte
der roemischen Chronik. Aber bei weitem die merkwuerdigste Erscheinung auf
diesem Gebiet ist der erste Versuch, das rohe Glauben mit dem spekulativen
Denken zu verquicken, das erste Hervortreten derjenigen Tendenzen, die wir als
neuplatonische zu bezeichnen gewohnt sind, in der roemischen Welt. Ihr aeltester
Apostel daselbst war Publius Nigidius Figulus, ein vornehmer Roemer von der
strengsten Fraktion der Aristokratie, der 696 (58) die Praetur bekleidete und im
Jahre 709 (45) als politischer Verbannter ausserhalb Italiens starb. Mit
staunenswerter Vielgelehrtheit und noch staunenswerterer Glaubensstaerke schuf
er aus den disparatesten Elementen einen philosophisch-religioesen Bau, dessen
wunderlichen Grundriss er mehr wohl noch in muendlichen Verkuendigungen
entwickelte als in seinen theologischen und naturwissenschaftlichen Schriften.
In der Philosophie griff er, Erloesung suchend von den Totengerippen der
umgehenden Systeme und Abstraktionen, zurueck auf den verschuetteten Born der
vorsokratischen Philosophie, deren alten Weisen der Gedanke selber noch mit
sinnlicher Lebendigkeit erschienen war. Die naturwissenschaftliche Forschung,
die, zweckmaessig behandelt, dem mystischen Schwindel und der frommen
Taschenspielerei auch jetzt noch so vortreffliche Handhaben darbietet und im
Altertum, bei der mangelhafteren Einsicht in die physikalischen Gesetze, sie
noch bequemer darbot, spielte begreiflicherweise auch hier eine ansehnliche
Rolle. Seine Theologie beruhte wesentlich auf dem wunderlichen Gebraeu, in dem
den geistesverwandten Griechen orphische und andere uralte oder sehr neue
einheimische Weisheit mit persischen, chaldaeischen und aegyptischen
Geheimlehren zusammengeflossen war und in welches Figulus noch die
Quasiresultate der tuskischen Forschung in das Nichts und die einheimische
Vogelfluglehre zu weiterer harmonischer Konfusion einarbeitete. Dem ganzen
System gab die politisch-religioes-nationale Weihe der Name des Pythagoras, des
ultrakonservativen Staatsmannes, dessen oberster Grundsatz war, "die Ordnung zu
foerdern und der Unordnung zu wehren", des Wundermannes und Geisterbeschwoerers,
des in Italien heimischen, selbst in Roms Sagengeschichte verflochtenen und auf
dem roemischen Markte im Standbilde zu schauenden uralten Weisen. Wie Geburt und
Tod miteinander verwandt sind, so, schien es, sollte Pythagoras nicht bloss an
der Wiege der Republik stehen als des weisen Numa Freund und der klugen Mutter
Egeria Kollege, sondern auch als der letzte Hort der heiligen Vogelweisheit an
ihrem Grabe. Das neue System war aber nicht bloss wunderhaft, es wirkte auch
Wunder: Nigidius verkuendigte dem Vater des nachmaligen Kaisers Augustus an dem
Tage selbst, wo dieser geboren ward, die kuenftige Groesse des Sohnes; ja die
Propheten bannten den Glaeubigen Geister und, was mehr sagen will, sie wiesen
ihnen die Plaetze nach, wo ihre verlorenen Muenzen lagen. Die neu-alte Weisheit,
wie sie nun eben war, machte doch auf die Zeitgenossen einen tiefen Eindruck;
die vornehmsten, gelehrtesten, tuechtigsten Maenner der verschiedensten
Parteien, der Konsul des Jahres 705 (49), Appius Claudius, der gelehrte Marcus
Varro, der tapfere Offizier Publius Vatinius, machten das Geisterzitieren mit,
und es scheint sogar, dass gegen das Treiben dieser Gesellschaften polizeilich
eingeschritten werden musste. Diese letzten Versuche, die roemische Theologie zu
retten, machen, aehnlich wie Catos verwandte Bestrebungen auf dem politischen
Gebiet, zugleich einen komischen und einen wehmuetigen Eindruck; man darf ueber
das Evangelium wie ueber die Apostel laecheln, aber immer ist es eine ernsthafte
Sache, wenn auch die tuechtigen Maenner anfangen, sich dem Absurden zu ergeben.
Die Jugendbildung bewegte sich, wie sich von selbst versteht, in dem in der
vorigen Epoche vorgezeichneten Kreise zwiesprachiger Humanitaet, und mehr und
mehr ging die allgemeine Bildung auch der roemischen Welt ein auf die von den
Griechen dafuer festgestellten Formeln. Selbst die koerperlichen Uebungen
schritten von dem Ballspiel, dem Laufen und Fechten fort zu den kunstmaessiger
entwickelten griechischen Turnkaempfen; wenn es auch fuer diese noch keine
oeffentlichen Anstalten gab, pflegte doch in den vornehmen Landhaeusern schon
neben den Badezimmern die Palaestra nicht zu fehlen. In welcher Art der Kreis
der allgemeinen Bildung sich in der roemischen Welt im Laufe eines Jahrhunderts
umgewandelt hatte, zeigt die Vergleichung der Catonischen 'Encyklopaedie' mit
der gleichartigen Schrift Varros 'Von den Schulwissenschaften'. Als Bestandteile
der nichtfachwissenschaftlichen Bildung erscheinen bei Cato die Redekunst, die
Ackerbau-, Rechts-, Kriegs- und Arzneikunde, bei Varro - nach wahrscheinlicher
Vermutung - Grammatik, Logik oder Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik,
Astronomie, Musik, Medizin und Architektur. Es sind also im Verlaufe des
siebenten Jahrhunderts Kriegs-, Rechts- und Ackerbaukunde aus allgemeinen zu
Fachwissenschaften geworden. Dagegen tritt bei Varro die hellenische
Jugendbildung bereits in ihrer ganzen Vollstaendigkeit auf: neben dem
grammatisch-rhetorisch-philosophischen Kursus, der schon frueher in Italien
eingefuehrt war, findet jetzt auch der laenger spezifisch hellenisch gebliebene
geometrisch-arithmetisch-astronomisch-musikalische ^1 sich ein. Dass namentlich
die Astronomie, die in der Nomenklatur der Gestirne dem gedankenlosen gelehrten
Dilettantismus der Zeit, in ihren Beziehungen zur Astrologie dem herrschenden
religioesen Schwindel entgegenkam, in Italien von der Jugend regelmaessig und
eifrig studiert ward, laesst sich auch anderweitig belegen: Aratos'
astronomische Lehrgedichte fanden unter allen Werken der alexandrinischen
Literatur am fruehesten Eingang in den roemischen Jugendunterricht. Zu diesem
hellenischen Kursus trat dann noch die aus dem aelteren roemischen
Jugendunterricht stehengebliebene Medizin und endlich die dem damaligen statt
des Ackers Haeuser und Villen bauenden vornehmen Roemer unentbehrliche
Architektur.
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^1 Es sind dies, wie bekannt, die sogenannten sieben freien Kuenste, die
mit dieser Unterscheidung der frueher in Italien eingebuergerten drei und der
nachtraeglich rezipierten vier Disziplinen sich durch das ganze Mittelalter
behauptet haben.
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Im Vergleich mit der vorigen Epoche nimmt die griechische wie die
lateinische Bildung an Umfang und an Schulstrenge ebenso zu wie ab an Reinheit
und an Feinheit. Der steigende Drang nach griechischem Wissen gab dem Unterricht
von selbst einen gelehrten Charakter. Horneros oder Euripides zu exponieren war
am Ende keine Kunst; Lehrer und Schueler fanden besser ihre Rechnung bei den
alexandrinischen Poesien, welche ueberdies auch ihrem Geiste nach der damaligen
roemischen Welt weit naeher standen als die echte griechische Nationalpoesie und
die, wenn sie nicht ganz so ehrwuerdig wie die Ilias waren, doch bereits ein
hinreichend achtbares Alter besassen, um Schulmeistern als Klassiker zu gelten.
Euphorions Liebesgedichte, Kalkmachos' 'Ursachen' und seine 'Ibis', Lykophrons
komisch dunkle 'Alexandra' enthielten in reicher Fuelle seltene Vokabeln
(glossae), die zum Exzerpieren und Interpretieren sich eigneten, muehsam
verschlungene und muehsam aufzuloesende Saetze, weitlaeufige Exkurse voll
Zusammengeheimnissung verlegener Mythen, ueberhaupt Vorrat zu beschwerlicher
Gelehrsamkeit aller Art. Der Unterricht bedurfte immer schwierigerer
Uebungsstuecke; jene Produkte, grossenteils Musterarbeiten von Schulmeistern,
eigneten sich vortrefflich zu Lehrstuecken fuer Musterschueler. So nahmen die
alexandrinischen Poesien in dem italischen Schulunterricht, namentlich als
Probeaufgaben, bleibenden Platz und foerderten allerdings das Wissen, aber auf
Kosten des Geschmacks und der Gescheitheit. Derselbe ungesunde Bildungshunger
draengte ferner die roemische Jugend, den Hellenismus so viel wie moeglich an
der Quelle zu schoepfen. Die Kurse bei den griechischen Meistern in Rom
genuegten nur noch fuer den ersten Anlauf; wer irgend wollte mitsprechen
koennen, hoerte griechische Philosophie in Athen, griechische Rhetorik in Rhodos
und machte eine literarische und Kunstreise durch Kleinasien, wo noch am meisten
von den alten Kunstschaetzen der Hellenen an Ort und Stelle anzutreffen war und,
wenn auch handwerksmaessig, die musische Bildung derselben sich fortgepflanzt
hatte; wogegen das fernere und mehr als Sitz der strengen Wissenschaften
gefeierte Alexandreia weit seltener das Reiseziel der bildungslustigen jungen
Leute war.
Aehnlich wie der griechische steigert sich auch der lateinische Unterricht.
Zum Teil geschah dies schon durch die blosse Rueckwirkung des griechischen, dem
er ja seine Methode und seine Anregungen wesentlich entlehnte. Ferner trugen die
politischen Verhaeltnisse, der durch das demokratische Treiben in immer weitere
Kreise getragene Zudrang zu der Rednerbuehne auf dem Markte, zur Verbreitung und
Steigerung der Redeuebungen nicht wenig bei; "wo man hinblickt", sagt Cicero,
"ist alles von Rhetoren voll". Es kam hinzu, dass die Schriften des sechsten
Jahrhunderts, je weiter sie in die Vergangenheit zuruecktraten, desto
entschiedener als klassische Texte der goldenen Zeit der lateinischen Literatur
zu gelten anfingen und damit dem wesentlich auf sie sich konzentrierenden
Unterricht ein groesseres Schwergewicht gaben. Endlich gab die von vielen Seiten
her einreissende und einwandernde Barbarei und die beginnende Latinisierung
ausgedehnter keltischer und spanischer Landschaften der lateinischen Sprachlehre
und dem lateinischen Unterricht von selbst eine hoehere Bedeutung, als er sie
hatte haben koennen, solange nur Latium lateinisch sprach: der Lehrer der
lateinischen Literatur hatte in Comum und Narbo von Haus aus eine andere
Stellung als in Praeneste und Ardea. Im ganzen genommen war die Bildung mehr im
Sinken als im Steigen. Der Ruin der italischen Landstaedte, das massenhafte
Eindringen fremder Elemente, die politische, oekonomische und sittliche
Verwilderung der Nation, vor allem die zerruettenden Buergerkriege verdarben
auch in der Sprache mehr, als alle Schulmeister der Welt wieder gutmachen
konnten. Die engere Beruehrung mit der hellenischen Bildung der Gegenwart, der
bestimmtere Einfluss der geschwaetzigeren athenischen Weisheit und der
rhodischen und kleinasiatischen Rhetorik fuehrten vorwiegend eben die
schaedlichsten Elemente des Hellenismus der roemischen Jugend zu. Die
propagandistische Mission, die Latium unter den Kelten, Iberern und Libyern
uebernahm, wie stolz die Aufgabe auch war, musste doch fuer die lateinische
Sprache aehnliche Folgen haben, wie die Hellenisierung des Ostens sie fuer die
hellenische gehabt hatte. Wenn das roemische Publikum dieser Zeit die
wohlgefuegte und rhythmisch kadenzierte Periode des Redners beklatschte und dem
Schauspieler ein sprachlicher oder metrischer Verstoss teuer zu stehen kam, so
zeigt dies wohl, dass die schulmaessig reflektierte Einsicht in die
Muttersprache in immer weiteren Kreisen Gemeingut ward: aber daneben klagen
urteilsfaehige Zeitgenossen, dass die hellenische Bildung in Italien um 690 (64)
weit tiefer gestanden als ein Menschenalter zuvor; dass man das reine gute
Latein nur selten mehr, am ersten noch aus dem Munde aelterer gebildeter Frauen
zu hoeren bekomme; dass die Ueberlieferung echter Bildung, der alte, gute
lateinische Mutterwitz, die Lucilische Feinheit, der gebildete Leserkreis der
scipionischen Zeit allmaehlich ausgingen. Dass Wort und Begriff der
"Urbanitaet", das heisst der feinen nationalen Gesittung, in dieser Zeit
aufkamen, beweist nicht, dass sie herrschte, sondern dass sie im Verschwinden
war und dass man in der Sprache und dem Wesen der latinisierten Barbaren oder
barbarisierten Lateiner die Abwesenheit dieser Urbanitaet schneidend empfand. Wo
noch der urbane Konversationston begegnet, wie in Varros Satiren und Ciceros
Briefen, da ist es ein Nachklang der alten in Reate und Arpinum noch nicht so
wie in Rom verschollenen Weise.
So blieb die bisherige Jugendbildung ihrem Wesen nach unveraendert, nur
dass sie, nicht so sehr durch ihren eigenen als durch den allgemeinen Verfall
der Nation, weniger Gutes und mehr Uebles stiftete als in der vorhergegangenen
Epoche. Eine Revolution auch auf diesem Gebiet leitete Caesar ein. Wenn der
roemische Senat die Bildung erst bekaempft und sodann hoechstens geduldet hatte,
so musste die Regierung des neuen italisch-hellenischen Reiches, dessen Wesen ja
die Humanitaet war, dieselbe notwendig in hellenischer Weise von oben herab
foerdern. Wenn Caesar saemtlichen Lehrern der freien Wissenschaften und
saemtlichen Aerzten der Hauptstadt das roemische Buergerrecht verlieh, so darf
darin wohl eine gewisse Einleitung gefunden werden zu jenen Anstalten, in denen
spaeterhin fuer die hoehere zwiesprachige Bildung der Jugend des Reiches von
Staats wegen gesorgt ward und die der praegnanteste Ausdruck des neuen Staates
der Humanitaet sind; und wenn Caesar ferner die Gruendung einer oeffentlichen
griechischen und lateinischen Bibliothek in der Hauptstadt beschlossen und
bereits den gelehrtesten Roemer der Zeit, Marcus Varro, zum Oberbibliothekar
ernannt hatte, so liegt darin unverkennbar die Absicht, mit der Weltmonarchie
die Weltliteratur zu verknuepfen.
Die sprachliche Entwicklung dieser Zeit knuepfte an den Gegensatz an
zwischen dem klassischen Latein der gebildeten Gesellschaft und der
Vulgaersprache des gemeinen Lebens. Jenes selbst war ein Erzeugnis der
spezifischen italischen Bildung; schon in dem Scipionischen Kreise war das
"reine Latein" Stichwort gewesen und wurde die Muttersprache nicht mehr voellig
naiv gesprochen, sondern in bewusstem Unterschied von der Sprache des grossen
Haufens. Diese Epoche eroeffnet mit einer merkwuerdigen Reaktion gegen den
bisher in der hoeheren Umgangssprache und demnach auch in der Literatur
alleinherrschenden Klassizismus, einer Reaktion, die innerlich und aeusserlich
mit der gleichartigen Sprachreaktion in Griechenland eng zusammenhing. Eben um
diese Zeit begannen der Rhetor und Romanschreiber Hegesias von Magnesia und die
zahlreichen, an ihn sich anschliessenden kleinasiatischen Rhetoren und Literaten
sich aufzulehnen gegen den orthodoxen Attizismus. Sie forderten das Buergerrecht
fuer die Sprache des Lebens, ohne Unterschied, ob das Wort und die Wendung in
Attika entstanden sei oder in Karien und Phrygien; sie selber sprachen und
schrieben nicht fuer den Geschmack der gelehrten Cliquen, sondern fuer den des
grossen Publikums. Gegen den Grundsatz liess sich nicht viel einwenden; nur
freilich konnte das Resultat nicht besser sein als das damalige kleinasiatische
Publikum war, das den Sinn fuer Strenge und Reinheit der Produktion gaenzlich
verloren hatte und nur nach dem Zierlichen und Brillanten verlangte. Um von den
aus dieser Richtung entsprungenen Afterkunstgattungen, namentlich dem Roman und
der romanhaften Geschichte, hier zu schweigen, so war schon der Stil dieser
Asiaten begreiflicherweise zerhackt und ohne Kadenz und Periode, verzwickt und
weichlich, voll Flitter und Bombast, durchaus gemein und manieriert; "wer
Hegesias kennt", sagt Cicero, "der weiss, was albern ist".
Dennoch fand dieser neue Stil seinen Weg auch in die latinische Welt. Als
die hellenische Moderhetorik, nachdem sie am Ende der vorigen Epoche in den
latinischen Jugendunterricht sich eingedraengt hatte, zu Anfang der
gegenwaertigen den letzten Schritt tat und mit Quintus Hortensius (640-704 114-
50), dem gefeiertsten Sachwalter der sullanischen Zeit, die roemische
Rednerbuehne selbst betrat, da schmiegte sie auch in dem lateinischen Idiom dem
schlechten griechischen Zeitgeschmack eng sich an; und das roemische Publikum,
nicht mehr das rein und streng gebildete der scipionischen Zeit, beklatschte
natuerlich eifrig den Neuerer, der es verstand, dem Vulgarismus den Schein
kunstgerechter Leistung zu geben. Es war dies von grosser Bedeutung. Wie in
Griechenland der Sprachstreit immer zunaechst in den Rhetorenschulden gefuehrt
ward, so war auch in Rom die gerichtliche Rede gewissermassen mehr noch als die
Literatur massgebend fuer den Stil, und es war deshalb mit dem
Sachwalterprinzipat gleichsam von Rechts wegen die Befugnis verbunden, den Ton
der modischen Sprech- und Schreibweise anzugeben. Hortensius' asiatischer
Vulgarismus verdraengte also den Klassizismus von der roemischen Rednerbuehne
und zum Teil auch aus der Literatur. Aber bald schlug in Griechenland wie in Rom
die Mode wieder um. Dort war es die Rhodische Rhetorenschule, die ohne auf die
ganze keusche Strenge des attischen Stils zurueckzugehen, doch versuchte,
zwischen ihm und der modernen Weise einen Mittelweg einzuschlagen; wenn die
rhodischen Meister es mit der innerlichen Korrektheit des Denkens und Sprechens
nicht allzu genau nahmen, so drangen sie doch wenigstens auf sprachliche und
stilistische Reinheit, auf sorgfaeltige Auswahl der Woerter und Wendungen und
durchgefuehrte Kadenzierung der Saetze. In Italien war es Marcus Tullius Cicero
(648-711 106-43), der, nachdem er in seiner ersten Jugend die Hortensische
Manier mitgemacht hatte, durch das Hoeren der rhodischen Meister und durch
eigenen gereifteren Geschmack auf bessere Wege zurueckgefuehrt ward und fortan
sich strenger Reinheit der Sprache und durchgaengiger Periodisierung und
Kadenzierung der Rede befliss. Die Sprachmuster, an die er hierbei sich
anschloss, fand er vor allen Dingen in denjenigen Kreisen der hoeheren
roemischen Gesellschaft, welche von dem Vulgarismus noch wenig oder gar nicht
gelitten hatten; und wie schon gesagt ward, es gab deren noch, obwohl sie
anfingen zu schwinden. Die aeltere lateinische und die gute griechische
Literatur, so bedeutend auch namentlich auf den Numerus der Rede die letztere
eingewirkt hat, standen daneben doch nur in zweiter Linie; es war diese
Sprachreinigung also keineswegs eine Reaktion der Buch- gegen die
Umgangssprache, sondern eine Reaktion der Sprache der wirklich Gebildeten gegen
den Jargon der falschen und halben Bildung. Caesar, auch auf dem Gebiet der
Sprache der groesste Meister seiner Zeit, sprach den Grundgedanken des
roemischen Klassizismus aus, indem er in Rede und Schrift jedes fremdartige Wort
so zu vermeiden gebot, wie der Schiffer die Klippe meidet: man verwarf das
poetische und das verschollene Wort der aelteren Literatur ebenso, wie die
baeurische oder der Sprache des gemeinen Lebens entlehnte Wendung und namentlich
die, wie die Briefe dieser Zeit es beweisen, in sehr weitem Umfang in die
Umgangssprache eingedrungenen griechischen Woerter und Phrasen. Aber
nichtsdestoweniger verhielt dieser schulmaessige und kuenstliche Klassizismus
der ciceronischen Zeit sich zu dem scipionischen, wie zu der Unschuld die
bekehrte Suende oder wie zu dem mustergueltigen Franzoesisch Molieres und
Boileaus das der napoleonischen Klassizisten; wenn jener aus dem vollen Leben
geschoepft hatte, so fing dieser gleichsam die letzten Atemzuege eines
unwiderbringlich untergehenden Geschlechts noch eben rechtzeitig auf. Wie er nun
war, er breitete rasch sich aus. Mit dem Sachwalterprinzipat ging auch die
Sprach- und Geschmacksdiktatur von Hortensius auf Cicero ueber, und die
mannigfaltige und weitlaeufige Schriftstellerei des letzteren gab diesem
Klassizismus, was ihm noch gefehlt hatte, ausgedehnte prosaische Texte. So wurde
Cicero der Schoepfer der modernen klassischen lateinischen Prosa und knuepfte
der roemische Klassizismus durchaus und ueberall an Cicero als Stilisten an; dem
Stilisten Cicero, nicht dem Schriftsteller, geschweige denn dem Staatsmanne,
galten die ueberschwenglichen und doch nicht ganz phrasenhaften Lobsprueche, mit
denen die begabtesten Vertreter des Klassizismus, namentlich Caesar und
Catullus, ihn ueberhaeufen.
Bald ging man weiter. Was Cicero in der Prosa, das fuehrte in der Poesie
gegen das Ende der Epoche die neuroemische an die griechische Modepoesie sich
anlehnende Dichterschule durch, deren bedeutendstes Talent Catullus war. Auch
hier verdraengte die hoehere Umgangssprache die bisher auf diesem Gebiet noch
vielfach waltenden archaistischen Reminiszenzen und fuegte wie die lateinische
Prosa sich dem attischen Numerus, so die lateinische Poesie sich allmaehlich den
strengen oder vielmehr peinlichen metrischen Gesetzen der Alexandriner; so zum
Beispiel wird von Catullus an es nicht mehr verstattet, mit einem einsilbigen
oder einem nicht besonders schwerwichtigen zweisilbigen Wort zugleich einen Vers
zu beginnen und einen im vorigen begonnenen Satz zu schliessen. Endlich trat
denn die Wissenschaft hinzu, fixierte das Sprachgesetz und entwickelte die
Regel, die nicht mehr aus der Empirie bestimmt ward, sondern den Anspruch
machte, die Empirie zu bestimmen. Die Deklinationsendungen, die bisher noch zum
Teil geschwankt hatten, sollten jetzt ein fuer allemal fixiert werden, wie zum
Beispiel von den bisher nebeneinander gangbaren Genetiv- und Dativformen der
sogenannten vierten Deklination (senatuis und senatus, senatui und senatu)
Caesar ausschliesslich die zusammengezogenen (us und u) gelten liess. In der
Orthographie wurde mancherlei geaendert, um die Schrift mit der Sprache wieder
vollstaendiger ins gleiche zu setzen - so ward das inlautende u in Woertern wie
maxumus nach Caesars Vorgang durch i ersetzt und von den beiden ueberfluessig
gewordenen Buchstaben k und q die Beseitigung des ersten durchgesetzt, die des
zweiten wenigstens vorgeschlagen. Die Sprache war, wenn noch nicht erstarrt,
doch im Erstarren begriffen, von der Regel zwar noch nicht gedankenlos
beherrscht, aber doch bereits ihrer sich bewusst geworden. Dass fuer diese
Taetigkeit auf dem Gebiete der lateinischen Grammatik die griechische nicht
bloss im allgemeinen den Geist und die Methode hergab, sondern die lateinische
Sprache auch wohl geradezu nach jener rektifiziert ward, beweist zum Beispiel
die Behandlung des schliessenden s, das bis gegen den Ausgang dieser Epoche nach
Gefallen bald als Konsonant, bald nicht als solcher gegolten hatte, von den
neumodischen Poeten aber durchgaengig wie im Griechischen als konsonantischer
Auslaut behandelt ward. Diese Sprachregulierung ist die eigentliche Domaene des
roemischen Klassizismus; in der verschiedensten Weise und ebendarum nur um so
bedeutsamer wird bei den Koryphaeen desselben, bei Cicero, Caesar, sogar in den
Gedichten Catulls, die Regel eingeschaerft und der Verstoss dagegen abgetrumpft;
wogegen die aeltere Generation sich ueber die auf dem sprachlichen Gebiet ebenso
ruecksichtslos wie auf dem politischen durchgreifende Revolution mit
begreiflicher Empfindlichkeit aeussert ^2. Indem aber der neue Klassizismus, das
heisst das regulierte und mit dem mustergueltigen Griechisch soweit moeglich ins
gleiche gesetzte mustergueltige Latein, hervorgehend aus der bewussten Reaktion
gegen den in die hoehere Gesellschaft und selbst in die Literatur eingedrungenen
Vulgarismus, sich literarisch fixierte und schematisch formulierte, raeumte
dieser doch keineswegs das Feld. Wir finden ihn nicht bloss naiv in den Werken
untergeordneter, nur zufaellig unter die Schriftsteller verschlagener
Individuen, wie in dem Bericht ueber Caesars zweiten spanischen Krieg, sondern
wir werden ihm auch in der eigentlichen Literatur, im Mimus, im Halbroman, in
den aesthetischen Schriften Varros mehr oder weniger ausgepraegt begegnen; und
charakteristisch ist es, dass er eben in den am meisten volkstuemlichen Gebieten
der Literatur sich behauptet und dass wahrhaft konservative Maenner, wie Varro,
ihn in Schutz nehmen. Der Klassizismus ruht auf dem Tode der italischen Sprache
wie die Monarchie auf dem Untergang der italischen Nation; es war vollkommen
konsequent, dass die Maenner, in denen die Republik noch lebendig war, auch der
lebenden Sprache fortfuhren, ihr Recht zu geben und ihrer relativen Lebendigkeit
und Volkstuemlichkeit zuliebe ihre aesthetischen Maengel ertrugen. So gehen denn
die sprachlichen Meinungen und Richtungen dieser Epoche ueberall hin
auseinander: neben der altfraenkischen Poesie des Lucretius erscheint die
durchaus moderne des Catullus, neben Ciceros kadenzierter Periode Varros
absichtlich jede Gliederung verschmaehender Satz. Auch hierin spiegelt sich die
Zerrissenheit der Zeit.
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^2 So sagt Varro (rust. 1, 2): ab aeditimo, ut dicere didicimus a patribus
nostris; ut corrigimur ab recentibus urbanis, ab aedituo.
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In der Literatur dieser Periode faellt zunaechst, im Vergleich mit der
frueheren, die aeussere Steigerung des literarischen Treibens in Rom auf. Die
literarische Taetigkeit der Griechen gedieh laengst nicht mehr in der freien
Luft der buergerlichen Unabhaengigkeit, sondern nur noch in den
wissenschaftlichen Anstalten der groesseren Staedte und besonders der Hoefe.
Angewiesen auf Gunst und Schutz der Grossen und durch das Erloeschen der
Dynastien von Pergamon (621 133), Kyrene (658 96), Bithynien (679 75) und Syrien
(690 64), durch den sinkenden Glanz der Hofhaltung der Lagiden aus den
bisherigen Musensitzen verdraengt ^3, ueberdies seit Alexanders des Grossen Tod
notwendig kosmopolitisch und unter den Aegyptern und Syrern wenigstens ebenso
fremd wie unter den Lateinern, fingen die hellenischen Literaten mehr und mehr
an, ihre Blicke nach Rom zu wenden. Neben dem Koch, dem Buhlknaben und dem
Spassmacher spielten unter dem Schwarm griechischer Bedienten, mit denen der
vornehme Roemer dieser Zeit sich umgab, auch der Philosoph, der Poet und der
Memoirenschreiber hervorragende Rollen. Schon begegnen in diesen Stellungen
namhafte Literaten; wie zum Beispiel der Epikureer Philodemos als Hauptphilosoph
bei Lucius Piso, Konsul 696 (58), angestellt war und nebenbei mit seinen artigen
Epigrammen auf den grobdraehtigen Epikureismus seines Patrons die Eingeweihten
erbaute. Von allen Seiten zogen immer zahlreicher die angesehensten Vertreter
der griechischen Kunst und Wissenschaft sich nach Rom, wo der literarische
Verdienst jetzt reichlicher floss als irgendwo sonst; so werden als in Rom
ansaessig genannt der Arzt Asklepiades, den Koenig Mithradates vergeblich von
dort weg in seinen Dienst zu ziehen versuchte, der Gelehrte fuer alles,
Alexandros von Milet, genannt der Polyhistor; der Poet Parthenios aus Nikaea in
Bithymen; der als Reisender, Lehrer und Schriftsteller gleich gefeierte
Poseidonios von Apameia in Syrien, der hochbejahrt im Jahre 703 (51) von Rhodos
nach Rom uebersiedelte, und andere mehr. Ein Haus wie das des Lucius Lucullus
war, fast wie das alexandrinische Museion, ein Sitz hellenischer Bildung und ein
Sammelplatz hellenischer Literaten; roemische Mittel und hellenische
Kennerschaft hatten in diesen Hallen des Reichtums und der Wissenschaft einen
unvergleichlichen Schatz von Bildwerken und Gemaelden aelterer und
gleichzeitiger Meister sowie eine ebenso sorgfaeltig ausgewaehlte wie prachtvoll
ausgestattete Bibliothek vereinigt und jeder Gebildete und namentlich jeder
Grieche war hier willkommen - oft sah man den Hausherrn selbst mit einem seiner
gelehrten Gaeste in philologischem oder philosophischem Gespraech den schoenen
Saeulengang auf- und niederwandeln. Freilich trugen diese Griechen mit ihren
reichen Bildungsschaetzen auch zugleich ihre Verkehrtheit und
Bedientenhaftigkeit nach Italien; wie sich denn zum Beispiel einer dieser
gelehrten Landlaeufer, der Verfasser der 'Schmeichelredekunst', Aristodemos von
Nysa, um 700 (54) seinen Herren durch den Nachweis empfahl, dass Horneros ein
geborener Roemer gewesen sei. In demselben Masse wie das Treiben der
griechischen Literaten in Rom stieg auch bei den Roemern selbst die literarische
Taetigkeit und das literarische Interesse. Selbst die griechische
Schriftstellerei, die der strengere Geschmack des scipionischen Zeitalters
gaenzlich beseitigt hatte, tauchte jetzt wieder auf. Die griechische Sprache war
nun einmal Weltsprache, und eine griechische Schrift fand ein ganz anderes
Publikum als eine lateinische; darum liessen, wie die Koenige von Armenien und
Mauretanien, so auch roemische Vornehme, wie zum Beispiel Lucius Lucullus,
Marcus Cicero, Titus Atticus, Quintus Scaevola (Volkstribun 700 54),
gelegentlich griechische Prosa und sogar griechische Verse ausgehen. Indes
dergleichen griechische Schriftstellerei geborener Roemer blieb Nebensache und
beinahe Spielerei; die literarischen wie die politischen Parteien Italiens
trafen doch alle zusammen in dem Festhalten an der italischen, nur mehr oder
minder vom Hellenismus durchdrungenen Nationalitaet. Auch konnte man in dem
Gebiet lateinischer Schriftstellerei wenigstens ueber Mangel an Ruehrigkeit sich
nicht beklagen. Es regnete in Rom Buecher und Flugschriften aller Art und vor
allen Dingen Poesien. Die Dichter wimmelten daselbst wie nur in Tarsos oder
Alexandreia; poetische Publikationen waren zur stehenden Jugendsuende regerer
Naturen geworden, und auch damals pries man denjenigen gluecklich, dessen
Jugendgedichte die mitleidige Vergessenheit der Kritik entzog. Wer das Handwerk
einmal verstand, schrieb ohne Muehe auf einen Ansatz seine fuenfhundert
Hexameter, an denen kein Schulmeister etwas zu tadeln, freilich auch kein Leser
etwas zu loben fand. Auch die Frauenwelt beteiligte sich lebhaft an diesem
literarischen Treiben; die Damen beschraenkten sich nicht darauf, Tanz und Musik
zu machen, sondern beherrschten durch Geist und Witz die Konversation und
sprachen vortrefflich ueber griechische und lateinische Literatur; und wenn die
Poesie auf die Maedchenherzen Sturm lief, so kapitulierte die belagerte Festung
nicht selten gleichfalls in artigen Versen. Die Rhythmen wurden immer mehr das
elegante Spielzeug der grossen Kinder beiderlei Geschlechts; poetische Billets,
gemeinschaftliche poetische Uebungen und Wettdichtungen unter guten Freunden
waren etwas Gewoehnliches, und gegen das Ende dieser Epoche wurden auch bereits
in der Hauptstadt Anstalten eroeffnet, in denen unfluegge lateinische Poeten das
Versemachen fuer Geld erlernen konnten. Infolge des starken Buecherkonsums wurde
die Technik des fabrikmaessigen Abschreibens wesentlich vervollkommnet und die
Publikation verhaeltnismaessig rasch und wohlfeil bewirkt; der Buchhandel ward
ein angesehenes und eintraegliches Gewerbe und der Laden des Buchhaendlers ein
gewoehnlicher Versammlungsort gebildeter Maenner. Das Lesen war zur Mode, ja zur
Manie geworden; bei Tafel ward, wo nicht bereits roherer Zeitvertreib sich
eingedraengt hatte, regelmaessig vorgelesen, und wer eine Reise vorhatte,
vergass nicht leicht, eine Reisebibliothek einzupacken. Den Oberoffizier sah man
im Lagerzelt den schluepfrigen griechischen Roman, den Staatsmann im Senat den
philosophischem Traktat in der Hand. Es stand denn auch im roemischen Staate,
wie es in jedem Staate gestanden hat und stehen wird, wo die Buerger lesen "von
der Tuerschwell an bis zum Privet". Der parthische Wesir hatte nicht unrecht,
wenn er den Buergern von Seleukeia die im Lager des Crassus gefundenen Romane
wies und sie fragte, ob sie die Leser solcher Buecher noch fuer furchtbare
Gegner hielten.
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^3 Merkwuerdig ist fuer diese Verhaeltnisse die Dedikation der auf den
Namen des Skymnos gehenden poetischen Erdbeschreibung. Nachdem der Dichter seine
Absicht erklaert hat, in dem beliebten menandrischen Mass einen fuer Schueler
fasslichen und leicht auswendig zu lernenden Abriss der Geographie zu
bearbeiten, widmet er, wie Apollodoros sein aehnliches historisches Kompendium
dem Koenig Attalos Philadelphos von Pergamon widmete,
dem es ewigen Ruhm
Gebracht, dass seinen Namen dies Geschichtswerk traegt,
sein Handbuch dem Koenig Nikomedes III. (663? - 679 91 - 75) von Bithynien:
Dass, wie die Leute sagen, koenigliche Huld
Von allen jetzigen Koenigen nur du erzeigst,
Dies zu erproben an mir selbst, entschloss ich mich,
Zu kommen und zu sehen, was ein Koenig sei.
Bestaerkt in diesem durch Apolls Orakelwort,
Nah' ich mich billig deinem fast, auf deinen Wink,
Zu der Gelehrten insgemein gewordnen Herd.
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Die literarische Tendenz dieser Zeit war keine einfache und konnte es nicht
sein, da die Zeit selbst zwischen der alten und der neuen Weise geteilt war.
Dieselben Richtungen, die auf dem politischen Gebiet sich bekaempften, die
national-italische der Konservativen, die hellenisch-italische oder, wenn man
will, kosmopolitische der neuen Monarchie, haben auch auf dem literarischen ihre
Schlachten geschlagen. Jene lehnt sich auf die aeltere lateinische Literatur,
die auf dem Theater, in der Schule und in der gelehrten Forschung mehr und mehr
den Charakter der Klassizitaet annimmt. Mit minderem Geschmack und staerkerer
Parteitendenz, als die scipionische Epoche bewies, werden jetzt Ennius, Pacuvius
und namentlich Plautus in den Himmel erhoben. Die Blaetter der Sibylle steigen
im Preise, je weniger ihrer werden; die relative Nationalitaet und relative
Produktivitaet der Dichter des sechsten Jahrhunderts wurde nie lebhafter
empfunden als in dieser Epoche des ausgebildeten Epigonentums, die in der
Literatur ebenso entschieden wie in der Politik zu dem Jahrhundert der
Hannibalskaempfer hinaufsah als zu der goldenen, leider unwiederbringlich
dahingegangenen Zeit. Freilich war in dieser Bewunderung der alten Klassiker ein
guter Teil derselben Hohlheit und Heuchelei, die dem konservativen Wesen dieser
Zeit ueberhaupt eigen sind, und die Zwischengaenger mangelten auch hier nicht.
Cicero zum Beispiel, obwohl in der Prosa einer der Hauptvertreter der modernen
Tendenz, verehrte dennoch die aeltere nationale Poesie ungefaehr mit demselben
anbruechigen Respekt, welchen er der aristokratischen Verfassung und der
Auguraldisziplin zollte; "der Patriotismus erfordert es", heisst es bei ihm,
"lieber eine notorisch elende Uebersetzung des Sophokles zu lesen als das
Original". Wenn also die moderne, der demokratischen Monarchie verwandte
literarische Richtung selbst unter den rechtglaeubigen Enniusbewunderern stille
Bekenner genug zaehlte, so fehlte es auch schon nicht an dreisteren Urteilern,
die mit der einheimischen Literatur ebenso unsaeuberlich umgingen wie mit der
senatorischen Politik. Man nahm nicht bloss die strenge Kritik der scipionischen
Epoche wieder auf und liess den Terenz nur gelten, um Ennius und mehr noch die
Ennianisten zu verdammen, sondern die juengere und verwegenere Welt ging weit
darueber hinaus und wagte es schon, wenn auch nur noch in ketzerischer
Auflehnung gegen die literarische Orthodoxie, den Plautus einen rohen
Spassmacher, den Lucilius einen schlechten Verseschmied zu heissen. Statt auf
die einheimische lehnt sich diese moderne Richtung vielmehr auf die neuere
griechische Literatur oder den sogenannten Alexandrinismus.
Es kann nicht umgangen werden, von diesem merkwuerdigen Wintergarten
hellenischer Sprache und Kunst hier wenigstens so viel zu sagen, als fuer das
Verstaendnis der roemischen Literatur dieser und der spaeteren Epochen
erforderlich ist. Die alexandrinische Literatur ruht auf dem Untergang des
reinen hellenischen Idioms, das seit der Zeit Alexanders des Grossen im Leben
ersetzt ward durch einen verkommenen, zunaechst aus der Beruehrung des
makedonischen Dialekts mit vielfachen griechischen und barbarischen Staemmen
hervorgegangenen Jargon; oder genauer gesagt, die alexandrinische Literatur ist
hervorgegangen aus dem Ruin der hellenischen Nation ueberhaupt, die, um die
alexandrinische Weltmonarchie und das Reich des Hellenismus zu begruenden, in
ihrer volkstuemlichen Individualitaet untergehen musste und unterging. Haette
Alexanders Weltreich Bestand gehabt, so wuerde an die Stelle der ehemaligen
nationalen und volkstuemlichen eine nur dem Namen nach hellenische, wesentlich
denationalisierte und gewissermassen von oben herab ins Leben gerufene, aber
allerdings die Welt beherrschende, kosmopolitische Literatur getreten sein;
indes wie der Staat Alexanders mit seinem Tode aus den Fugen wich, gingen auch
die Anfaenge der ihm entsprechenden Literatur rasch zugrunde. Die griechische
Nation aber gehoerte darum nicht weniger mit allem, was sie gehabt, mit ihrer
Volkstuemlichkeit, ihrer Sprache, ihrer Kunst, der Vergangenheit an. Nur in
einem verhaeltnismaessig engen Kreis nicht von Gebildeten, die es als solche
nicht mehr gab, sondern von Gelehrten wurde die griechische Literatur noch als
tote gepflegt, ihr reicher Nachlass in wehmuetiger Freude oder trockener
Gruebelei inventarisiert und auch wohl das lebendige Nachgefuehl oder die tote
Gelehrsamkeit bis zu einer Scheinproduktivitaet gesteigert. Diese posthume
Produktivitaet ist der sogenannte Alexandrinismus. Er ist wesentlich gleichartig
derjenigen Gelehrtenliteratur, welche, abstrahierend von den lebendigen
romanischen Nationalitaeten und ihren vulgaeren Idiomen, in einem philologisch
gelehrten, kosmopolitischen Kreise als kuenstliche Nachbluete des
untergegangenen Altertums waehrend des fuenfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts
erwuchs; der Gegensatz zwischen dem klassischen und dem Vulgaergriechisch der
Diadochenzeit ist wohl minder schroff, aber nicht eigentlich ein anderer als der
zwischen dem Latein des Manutius und dem Italienischen Macchiavellis.
Italien hatte bisher sich gegen den Alexandrinismus im wesentlichen
ablehnend verhalten. Die relative Bluetezeit desselben ist die Zeit kurz vor und
nach dem Ersten Punischen Krieg; dennoch schlossen Naevius, Ennius, Pacuvius und
schloss ueberhaupt die gesamte nationalroemische Schriftstellerei bis hinab auf
Varro und Lucretius in allen Zweigen poetischer Produktion, selbst das
Lehrgedicht nicht ausgenommen, nicht an ihre griechischen Zeitgenossen oder
juengsten Vorgaenger sich an, sondern ohne Ausnahme an Homer, Euripides,
Menandros und die anderen Meister der lebendigen und volkstuemlichen
griechischen Literatur. Die roemische Literatur ist niemals frisch und national
gewesen; aber solange es ein roemisches Volk gab, griffen seine Schriftsteller
instinktmaessig nach lebendigen und volkstuemlichen Mustern und kopierten, wenn
auch nicht immer aufs beste noch die besten, doch wenigstens Originale. Die
ersten roemischen Nachahmer - denn die geringen Anfaenge aus der marianischen
Zeit koennen kaum mitgezaehlt werden - fand die nach Alexander entstandene
griechische Literatur unter den Zeitgenossen Ciceros und Caesars; und nun griff
der roemische Alexandrinismus mit reissender Schnelligkeit um sich. Zum Teil
ging dies aus aeusserlichen Ursachen hervor. Die gesteigerte Beruehrung mit den
Griechen, namentlich die haeufigen Reisen der Roemer in die hellenischen
Landschaften und die Ansammlung griechischer Literaten in Rom, verschafften
natuerlich der griechischen Tagesliteratur, den zu jener Zeit in Griechenland
gangbaren epischen und elegischen Poesien, Epigrammen und milesischen Maerchen,
auch unter den Italikern ein Publikum. Indem ferner die alexandrinische Poesie,
wie frueher dargestellt ward, in dem italischen Jugendunterricht sich
festsetzte, wirkte dies auf die lateinische Literatur um so mehr zurueck, als
diese von der hellenischen Schulbildung zu allen Zeiten wesentlich abhaengig war
und blieb. Es findet sich hier sogar eine unmittelbare Anknuepfung der
neuroemischen an die neugriechische Literatur: der schon genannte Parthenios,
einer der bekannteren alexandrinischen Elegiker, eroeffnete, es scheint um 700
(54), eine Literatur- und Poesieschule in Rom, und es sind noch die Exzerpte
vorhanden, in denen er Stoffe fuer lateinische erotisch-mythologische Elegien
nach dem bekannten alexandrinischen Rezept einem seiner vornehmen Schueler an
die Hand gab. Aber es waren keineswegs bloss diese zufaelligen Veranlassungen,
die den roemischen Alexandrinismus ins Leben riefen; er war vielmehr ein
vielleicht nicht erfreuliches, aber durchaus unvermeidliches Erzeugnis der
politischen und nationalen Entwicklung Roms. Einerseits loeste, wie Hellas im
Hellenismus, so jetzt Latium im Romanismus sich auf; die nationale Entwicklung
Italiens ueberwuchs und zersprengte sich in ganz aehnlicher Weise in Caesars
Mittelmeer - wie die hellenische in Alexanders Ostreich. Wenn andererseits das
neue Reich darauf beruhte, dass die maechtigen Stroeme der griechischen und
lateinischen Nationalitaet, nachdem sie Jahrtausende hindurch in parallelen
Betten geflossen, nun endlich zusammenfielen, so musste auch die italische
Literatur nicht bloss wie bisher an der griechischen ueberhaupt einen Halt
suchen, sondern eben mit der griechischen Literatur der Gegenwart, das heisst
mit dem Alexandrinismus sich ins Niveau setzen. Mit dem schulmaessigen Latein,
der geschlossenen Klassikerzahl, dem exklusiven Kreise der klassikerlesenden
"Urbanen" war die volkstuemliche lateinische Literatur tot und zu Ende; es
entstand dafuer eine durchaus epigonenhafte, kuenstlich grossgezogene
Reichsliteratur, die nicht auf einer bestimmten Volkstuemlichkeit ruhte, sondern
in zweien Sprachen das allgemeine Evangelium der Humanitaet verkuendigte und
geistig durchaus und bewusst von der hellenischen, sprachlich teils von dieser,
teils von der altroemischen Volksliteratur abhing. Es war dies kein Fortschritt.
Die Mittelmeermonarchie Caesars war wohl eine grossartige und, was mehr ist,
eine notwendige Schoepfung; aber sie war von oben herab ins Leben gerufen und
darum nichts in ihr zu finden von dem frischen Volksleben, von der
uebersprudelnden Nationalkraft, wie sie juengeren, beschraenkteren,
natuerlicheren Gemeinwesen eigen sind, wie noch der Staat Italien des sechsten
Jahrhunderts sie hatte aufzeigen koennen. Der Untergang der italischen
Volkstuemlichkeit, abgeschlossen in Caesars Schoepfung, brach der Literatur das
Herzblatt aus. Wer ein Gefuehl hat fuer die innige Wahlverwandtschaft der Kunst
und der Nationalitaet, der wird stets sich von Cicero und Horaz ab zurueck zu
Cato und Lucretius wenden; und nur die, freilich auf diesem Gebiete verjaehrte,
schulmeisterliche Auffassung der Geschichte wie der Literatur hat es vermocht,
die mit der neuen Monarchie beginnende Kunstepoche vorzugsweise die goldene zu
heissen. Aber wenn der roemisch-hellenische Alexandrinismus der caesarischen und
augusteischen Zeit zurueckstehen muss hinter der, wie immer unvollkommenen,
aelteren nationalen Literatur, so ist er andererseits dem Alexandrinismus der
Diadochenzeit ebenso entschieden ueberlegen wie Caesars Dauerbau der ephemeren
Schoepfung Alexanders. Es wird spaeter darzustellen sein, dass die augustische
Literatur, verglichen mit der verwandten der Diadochenzeit, weit minder eine
Philologen- und weit mehr eine Reichsliteratur gewesen ist als diese und darum
auch in den hoeheren Kreisen der Gesellschaft weit dauernder und weit
allgemeiner als jemals der griechische Alexandrinismus gewirkt hat.
Nirgends sah es truebseliger aus als in der Buehnenliteratur. Trauerspiel
wie Lustspiel waren in der roemischen Nationalliteratur bereits vor der
gegenwaertigen Epoche innerlich abgestorben. Neue Stuecke wurden nicht mehr
gespielt. Dass noch in der sullanischen Zeit das Publikum dergleichen zu sehen
erwartete, zeigen die dieser Zeit angehoerigen Wiederauffuehrungen Plautinischer
Komoedien mit gewechselten Titeln und Personennamen, wobei die Direktion wohl
hinzufuegte, dass es besser sei, ein gutes altes, als ein schlechtes neues
Stueck zu sehen. Davon hatte man denn nicht weit zu der voelligen Einraeumung
der Buehne an die toten Poeten, die wir in der ciceronischen Zeit finden und der
der Alexandrinismus sich gar nicht widersetzte. Seine Produktivitaet auf diesem
Gebiete war schlimmer als keine. Eine wirkliche Buehnendichtung hat die
alexandrinische Literatur nie gekannt; nur das Afterdrama, das zunaechst zum
Lesen, nicht zur Auffuehrung geschrieben ward, konnte durch sie in Italien
eingebuergert werden, und bald fingen denn diese dramatischen Jamben auch an, in
Rom ebenso wie in Alexandreia zu grassieren und namentlich das
Trauerspielschreiben unter den stehenden Entwicklungskrankheiten zu figurieren.
Welcher Art diese Produktionen waren, kann man ungefaehr danach bemessen, dass
Quintus Cicero, um die Langeweile des gallischen Winterquartiers homoeopathisch
zu vertreiben, in sechzehn Tagen vier Trauerspiele verfertigte. Einzig in dem
"Lebensbild" oder dem Mimus verwuchs der letzte noch gruenende Trieb der
nationalen Literatur, die Atellanenposse, mit den ethologischen Auslaeufern des
griechischen Lustspiels, die der Alexandrinismus mit groesserer poetischer Kraft
und besserem Erfolg als jeden anderen Zweig der Poesie kultivierte. Der Mimus
ging hervor aus den seit langem ueblichen Charaktertaenzen zur Floete, die teils
bei anderen Gelegenheiten, namentlich zur Unterhaltung der Gaeste waehrend der
Tafel, teils besonders im Parterre des Theaters waehrend der Zwischenakte
aufgefuehrt wurden. Es war nicht schwer, aus diesen Taenzen, bei denen die Rede
wohl laengst gelegentlich zur Hilfe genommen ward, durch Einfuehrung einer
geordneteren Fabel und eines regelrechten Dialogs kleine Komoedien zu machen,
die jedoch von dem frueheren Lustspiel und selbst von der Posse sich doch
dadurch noch wesentlich unterschieden, dass der Tanz und die von solchem Tanz
unzertrennliche Laszivitaet hier fortfuhren, eine Hauptrolle zu spielen, und
dass der Mimus, als nicht eigentlich auf den Brettern, sondern im Parterre zu
Hause, jede szenische Idealisierung wie die Gesichtsmasken und die
Theaterschuhe, beiseite warf und, was besonders wichtig war, die Frauenrollen
auch von Frauen darstellen liess. Dieser neue Mimus, der zuerst um 672 (82) auf
die hauptstaedtische Buehne gekommen zu sein scheint, verschlang bald die
nationale Harlekinade, mit der er ja in den wesentlichsten Beziehungen
zusammenfiel, und ward als das gewoehnliche Zwischen- und namentlich Nachspiel
neben den sonstigen Schauspielen verwendet ^4. Die Fabel war natuerlich noch
gleichgueltiger, lockerer und toller als in der Harlekinade; wenn es nur bunt
herging, so fragte das Publikum nicht, warum es lachte, und rechtete nicht mit
dem Poeten, der, statt den Knoten zu loesen, ihn zerhieb. Die Sujets waren
vorwiegend verliebter Art, meistens von der frechsten Sorte; gegen den Ehemann
zum Beispiel nahmen Poet und Publikum ohne Ausnahme Partei und die poetische
Gerechtigkeit bestand in der Verhoehnung der guten Sitte. Der kuenstlerische
Reiz beruhte ganz wie bei der Atellane auf der Sittenmalerei des gemeinen und
gemeinsten Lebens, wobei die laendlichen Bilder vor denen des hauptstaedtischen
Lebens und Treibens zuruecktreten und der suesse Poebel von Rom, ganz wie in den
gleichartigen griechischen Stuecken der von Alexandreia, aufgefordert wird, sein
eigenes Konterfei zu beklatschen. Viele Stoffe sind dem Handwerkerleben
entnommen: es erscheinen der auch hier unvermeidliche 'Walker', dann 'Der
Seiler', 'Der Faerber, 'Der Salzmann', 'Die Weberinnen', 'Der Hundejunge';
andere Stuecke geben Charakterfiguren: 'Der Vergessliche', 'Das Grossmaul', 'Der
Mann von 100000 Sesterzen' ^5; oder Bilder des Auslandes: 'Die Etruskerin', 'Die
Gallier', 'Der Kretenser', 'Alexandreia'; oder Schilderungen von Volksfesten:
'Die Compitalien', 'Die Saturnalien', 'Anna Perenna', 'Die warmen Baeder'; oder
travestierte Mythologie: 'Die Fahrt in die Unterwelt', 'Der Arverner See'.
Treffende Schlagwoerter und kurze, leicht behalt- und anwendbare Gemeinsprueche
sind willkommen; aber auch jeder Unsinn hat von selber das Buergerrecht: in
dieser verkehrten Welt wird Bacchus um Wasser, die Quellnymphe um Wein
angegangen. Sogar von den auf dem roemischen Theater sonst so streng untersagten
politischen Anspielungen finden in diesen Mimen sich einzelne Beispiele ^6. Was
die metrische Form anlangt, so gaben sich diese Poeten, wie sie selber sagen,
"nur maessige Muehe mit dem Versemass"; die Sprache stroemte selbst in den zur
Veroeffentlichung redigierten Stuecken ueber von Vulgaerausdruecken und gemeinen
Wortbildungen. Es ist, wie man sieht, der Mimus wesentlich nichts als die
bisherige Posse; nur dass die Charaktermasken und die stehende Szenerie von
Atella sowie das baeuerliche Gepraege wegfaellt und dafuer das hauptstaedtische
Leben in seiner grenzenlosen Freiheit und Frechheit auf die Bretter kommt. Die
meisten Stuecke dieser Art waren ohne Zweifel fluechtigster Natur und machten
nicht Anspruch auf einen Platz in der Literatur; die Mimen aber des Laberius,
voll drastischer Charakterzeichnung und sprachlich und metrisch in ihrer Art
meisterlich behandelt, haben in derselben sich behauptet und auch der
Geschichtschreiber muss es bedauern, dass es uns nicht mehr vergoennt ist, das
Drama der republikanischen Agonie in Rom mit seinem grossen attischen Gegenbild
zu vergleichen.
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^4 Dass der Mimus zu seiner Zeit an die Stelle der Atellane getreten sei,
bezeugt Cicero (ad fam. 9 16); damit stimmt ueberein, dass die Mimen und
Miminnen zuerst um die sullanische Zeit hervortreten (Rhet. Her. 1, 14, 24; 2,
13, 19; Atta com. 1 Ribbeck.; Plin. nat. 7, 48, 158; Plut. Sull. z. 36).
Uebrigens wird die Bezeichnung mimus zuweilen ungenau von dem Komoeden
ueberhaupt gebraucht. So war der bei der Apollonischen Festfeier 542/43 212/211
auftretende mimus (Festus v. salva res est; vgl. Cic. De orat. 2, 59, 242)
offenbar nichts als ein Schauspieler der palliata, denn fuer wirkliche Mimen im
spaetem Sinn ist in dieser Zeit in der roemischen Theaterentwicklung kein Raum.
Zu dem Mimus der klassischen griechischen Zeit, prosaischen Dialogen, in
denen Genrebilder, namentlich laendliche, dargestellt wurden, hat der roemische
Mimus keine naehere Beziehung.
^5 Mit dem Besitz dieser Summe, wodurch man in die erste Stimmklasse
eintritt und die Erbschaft dem Voconischen Gesetz unterworfen wird, ist die
Grenze ueberschritten, welche die geringen (tenuiores) von den anstaendigen
Leuten scheidet. Darum fleht auch der arme Klient Catulls (23, 26) die Goetter
an, ihm zu diesem Vermoegen zu verhelfen.
^6 In Laberius' 'Fahrt in die Unterwelt' tritt allerlei Volk auf, das
Wunder und Zeichen gesehen hat; dem einen ist ein Ehemann mit zwei Frauen
erschienen, worauf der Nachbar meint, das sei ja noch aerger als das kuerzlich
von einem Wahrsager erblickte Traumgesicht von sechs Aedilen. Naemlich Caesar
wollte - nach dem Klatsch der Zeit - die Vielweiberei in Rom einfuehren (Suet.
Caes. 82) und ernannte in der Tat statt vier Aedilen deren sechs. Man sieht auch
hieraus, dass Laberius Narrenrecht zu ueben und Caesar Narrenfreiheit zu
gestatten verstand.
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Mit der Nichtigkeit der Buehnenliteratur Hand in Hand geht die Steigerung
des Buehnenspiels und der Buehnenpracht. Dramatische Vorstellungen erhielten
ihren regelmaessigen Platz im oeffentlichen Leben nicht bloss der Hauptstadt,
sondern auch der Landstaedte; auch jene bekam nun endlich durch Pompeius ein
stehendes Theater (699 55) und die kampanische Sitte, waehrend des in alter Zeit
stets unter freiem Himmel stattfindenden Schauspiels zum Schutze der Spieler und
der Zuschauer Segeldecken ueber das Theater zu spannen, fand ebenfalls jetzt
Eingang in Rom (676 78). Wie derzeit in Griechenland nicht die mehr als blassen
Siebengestirne der alexandrinischen Dramatiker, sondern das klassische
Schauspiel, vor allem die Euripideische Tragoedie in reichster Entfaltung
szenischer Mittel die Buehne behauptete, so wurden auch in Rom zu Ciceros Zeit
vorzugsweise die Trauerspiele des Ennius, Pacuvius und Accius, die Lustspiele
des Plautus gegeben. Wenn der letztere in der vorigen Periode durch den
geschmackvolleren, aber an komischer Kraft freilich geringeren Terenz verdraengt
worden war, so wirkten jetzt Roscius und Varro, das heisst das Theater und die
Philologie zusammen, um ihm eine aehnliche Wiederaufstehung zu bereiten, wie sie
Shakespeare durch Garrick und Johnson widerfuhr; und auch Plautus hatte dabei
von der gesunkenen Empfaenglichkeit und der unruhigen Hast des durch die kurzen
und lotterigen Possen verwoehnten Publikums zu leiden, so dass die Direktion die
Laenge der Plautinischen Komoedien zu entschuldigen, ja vielleicht auch zu
streichen und zu aendern sich genoetigt sah. Je beschraenkter das Repertoire
war, desto mehr richtete sich sowohl die Taetigkeit des dirigierenden und
exekutierenden Personals, als auch das Interesse des Publikums auf die szenische
Darstellung der Stuecke. Kaum gab es in Rom ein eintraeglicheres Gewerbe als das
des Schauspielers und der Taenzerin ersten Ranges. Das fuerstliche Vermoegen des
tragischen Schauspielers Aesopus ward bereits erwaehnt; sein noch hoeher
gefeierter Zeitgenosse Roscius schlug seine Jahreseinnahme auf 600000 Sesterzen
(46000 Taler) an ^7 und die Taenzerin Dionysia die ihrige auf 200000 Sesterzen
(15000 Taler). Daneben wandte man ungeheure Summen auf Dekorationen und
Kostueme: gelegentlich schritten Zuege von sechshundert aufgeschirrten
Maultieren ueber die Buehne und das troische Theaterheer ward dazu benutzt, um
dem Publikum eine Musterkarte der von Pompeius in Asien besiegten Nationen
vorzufuehren. Die den Vortrag der eingelegten Gesangstuecke begleitende Musik
erlangte gleichfalls groessere und selbstaendigere Bedeutung; wie der Wind die
Wellen, sagt Varro, so lenkt der kundige Floetenspieler die Gemueter der
Zuhoerer mit jeder Abwandlung der Melodie. Sie gewoehnte sich, das Tempo rascher
zu nehmen und noetigte dadurch den Schauspieler zu lebhafterer Aktion. Die
musikalische und Buehnenkennerschaft entwickelte sich; der Habitue erkannte
jedes Tonstueck an der ersten Note und wusste die Texte auswendig; jeder
musikalische oder Rezitationsfehler ward streng von dem Publikum geruegt.
Lebhaft erinnert das roemische Buehnenwesen der ciceronischen Zeit an das
heutige franzoesische Theater. Wie den losen Tableaus der Tagesstuecke der
roemische Mimus entspricht, fuer den wie fuer jene nichts zu gut und nichts zu
schlecht war, so findet auch in beiden sich dasselbe traditionell klassische
Trauerspiel und Lustspiel, die zu bewundern oder mindestens zu beklatschen der
gebildete Mann von Rechts wegen verpflichtet ist. Der Menge wird Genuege getan,
indem sie in der Posse sich selber wiederfindet, in dem Schauspiel den
dekorativen Pomp anstaunt und den allgemeinen Eindruck einer idealen Welt
empfaengt; der hoeher Gebildete kuemmert im Theater sich nicht um das Stueck,
sondern einzig um die kuenstlerische Darstellung. Endlich die roemische
Schauspielkunst selbst pendelte in ihren verschiedenen Sphaeren, aehnlich wie
die franzoesische, zwischen der Chaumiere und dem Salon. Es war nichts
Ungewoehnliches, dass die roemischen Taenzerinnen bei dem Finale das Obergewand
abwarfen und dem Publikum einen Tanz im Hemde zum besten gaben; andererseits
aber galt auch dem roemischen Talma als das hoechste Gesetz seiner Kunst nicht
die Naturwahrheit, sondern das Ebenmass.
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^7 Vom Staat erhielt er fuer jeden Spieltag 1000 Denare (300 Taler) und
ausserdem die Besoldung fuer seine Truppe. In spaeteren Jahren wies er fuer sich
das Honorar zurueck.
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In der rezitativen Poesie scheint es an metrischen Chroniken nach dem
Muster der Ennianischen nicht gefehlt zu haben; aber sie duerften ausreichend
kritisiert sein durch jenes artige Maedchengeluebde, von dem Catullus singt: der
heiligen Venus, wenn sie den geliebten Mann von seiner boesen politischen Poesie
ihr wieder zurueck in die Arme fuehre, das schlechteste der schlechten
Heldengedichte zum Brandopfer darzubringen. In der Tat ist auf dem ganzen Gebiet
der rezitativen Dichtung in dieser Epoche die aeltere nationalroemische Tendenz
nur durch ein einziges namhaftes Werk vertreten, das aber auch zu den
bedeutendsten dichterischen Erzeugnissen der roemischen Literatur ueberhaupt
gehoert. Es ist das Lehrgedicht des Titus Lucretius Carus (655-699 99-55) 'Vom
Wesen der Dinge', dessen Verfasser, den besten Kreisen der roemischen
Gesellschaft angehoerig, vom oeffentlichen Leben aber, sei es durch
Kraenklichkeit, sei es durch Abneigung ferngehalten, kurz vor dem Ausbruch des
Buergerkrieges im besten Mannesalter starb. Als Dichter knuepft er energisch an
Ennius an und damit an die klassische griechische Literatur. Unwillig wendet er
sich weg von dem "hohlen Hellenismus" seiner Zeit und bekennt sich mit ganzer
Seele und vollem Herzen als den Schueler der "strengen Griechen", wie denn
selbst des Thukydides heiliger Ernst in einem der bekanntesten Abschnitte dieser
roemischen Dichtung keinen unwuerdigen Widerhall gefunden hat. Wie Ennius bei
Epicharmos und Euhemeros seine Weisheit schoepft, so entlehnt Lucretius die Form
seiner Darstellung dem Empedokles, "dem herrlichsten Schatz des gabenreichen
sizilischen Eilands", und liest dem Stoffe nach "die goldenen Worte alle
zusammen aus den Rollen des Epikuros", "welcher die anderen Weisen ueberstrahlt,
wie die Sonne die Sterne verdunkelt". Wie Ennius verschmaeht auch Lucretius die
der Poesie von dem Alexandrinismus aufgelastete mythologische Gelehrsamkeit und
fordert nichts von seinem Leser als die Kenntnis der allgemein gelaeufigen Sagen
^8. Dem modernen Purismus zum Trotz, der die Fremdwoerter aus der Poesie
auswies, setzt Lucretius, wie es Ennius getan, statt matten und undeutlichen
Lateins lieber das bezeichnende griechische Wort. Die altroemische Alliteration,
das Nichtineinandergreifen der Vers- und Satzeinschnitte und ueberhaupt die
aeltere Rede- und Dichtweise begegnen noch haeufig in Lucretius' Rhythmen, und
obwohl er den Vers melodischer behandelt als Ennius, so waelzen sich doch seine
Hexameter nicht wie die der modernen Dichterschule zierlich huepfend gleich dem
rieselnden Bache, sondern mit gewaltiger Langsamkeit gleich dem Strome
fluessigen Goldes. Auch philosophisch und praktisch lehnt Lucretius durchaus an
Ennius sich an, den einzigen einheimischen Dichter, den sein Gedicht feiert; das
Glaubensbekenntnis des Saengers von Rudiae:
Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt' ich sonst und sag' ich noch,
Doch sie kuemmern keinesweges, mein' ich, sich um der Menschen Los
bezeichnet vollstaendig auch Lucretius' religioesen Standpunkt und nicht
mit Unrecht nennt er deshalb selbst sein Lied gleichsam die Fortsetzung dessen,
Das uns Ennius sang, der des unverwelklichen Lorbeers
Kranz zuerst mitbracht' aus des Helikon lieblichem Haine,
Dass Italiens Voelkern er strahl' in glaenzender Glorie.
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^8 Einzelne scheinbare Ausnahmen, wie das Weihrauchland Panchaea, sind
daraus zu erklaeren, dass dies aus dem Reiseroman des Euhemeros vielleicht schon
in die Ennianische Poesie, auf jeden Fall in die Gedichte des Lucius Manlius
(Plin. nat. 10, 2, 4) uebergegangen und daher dem Publikum, fuer das Lucretius
schrieb, wohlbekannt war.
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Noch einmal, zum letztenmal noch erklingt in Lucretius' Gedicht der ganze
Dichterstolz und der ganze Dichterernst des sechsten Jahrhunderts, in welchem,
in den Bildern von dem furchtbaren Poener und dem herrlichen Scipiaden, die
Anschauung des Dichters heimischer ist als in seiner eigenen gesunkenen Zeit ^9.
Auch ihm klingt der eigene "aus dem reichen Gemuet anmutig quillende" Gesang den
gemeinen Liedern gegenueber "wie gegen das Geschrei der Kraniche das kurze Lied
des Schwanes"; auch ihm schwillt das Herz, den selbsterfundenen Melodien
lauschend, von hoher Ehren Hoffnung - ebenwie Ennius den Menschen, denen er "das
Feuerlied kredenzet aus der tiefen Brust", verbietet, an seinem, des
unsterblichen Saengers Grabe zu trauern.
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^9 Naiv erscheint dies in den kriegerischen Schilderungen, in denen die
heerverderbenden Seestuerme, die die eigenen Leute zertretenden
Elefantenscharen, also Bilder aus den Punischen Kriegen, erscheinen, als
gehoerten sie der unmittelbaren Gegenwart an. Vgl. 2, 41; 5, 1226, 1303, 1339.
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Es ist ein seltsames Verhaengnis, dass dieses ungemeine, an urspruenglicher
poetischer Begabung den meisten, wo nicht allen seinen Vorgaengern weit
ueberlegene Talent in eine Zeit gefallen war, in der es selber sich fremd und
verwaist fuehlte und infolgedessen in der wunderlichsten Weise sich im Stoffe
vergriffen hat. Epikuros' System, welches das All in einen grossen Atomenwirbel
verwandelt und die Entstehung und das Ende der Welt sowie alle Probleme der
Natur und des Lebens in rein mechanischer Weise abzuwickeln unternimmt, war wohl
etwas weniger albern als die Mythenhistorisierung, wie Euhemeros und nach ihm
Ennius sie versucht hatten; aber ein geistreiches und frisches System war es
nicht, und die Aufgabe nun gar, diese mechanische Weltanschauung poetisch zu
entwickeln, war von der Art, dass wohl nie ein Dichter an einen undankbareren
Stoff Leben und Kunst verschwendet hat. Der philosophische Leser tadelt an dem
Lucretischen Lehrgedicht die Weglassung der feineren Pointen des Systems, die
Oberflaechlichkeit namentlich in der Darstellung der Kontroversen, die
mangelhafte Gliederung, die haeufigen Wiederholungen mit ebensogutem Recht, wie
der poetische an der rhythmisierten Mathematik sich aergert, die einen grossen
Teil des Gedichtes geradezu unlesbar macht. Trotz dieser unglaublichen Maengel,
denen jedes mittelmaessige Talent unvermeidlich haette erliegen muessen, durfte
dieser Dichter mit Recht sich ruehmen, aus der poetischen Wildnis einen neuen
Kranz davongetragen zu haben, wie die Musen noch keinen verliehen hatten; und es
sind auch keineswegs bloss die gelegentlichen Gleichnisse und sonstigen
eingelegten Schilderungen maechtiger Naturerscheinungen und maechtigerer
Leidenschaften, die dem Dichter diesen Kranz erwarben. Die Genialitaet der
Lebensanschauung wie der Poesie des Lucretius ruht auf seinem Unglauben, welcher
mit der vollen Siegeskraft der Wahrheit und darum mit der vollen Lebendigkeit
der Dichtung dem herrschenden Heuchel- oder Aberglauben gegenuebertrat und
treten durfte.
Als danieder er sah das Dasein liegen der Menschheit
Jammervoll auf der Erd', erdrueckt von der lastenden Gottfurcht,
Die vom Himmelsgewoelb ihr Antlitz offenbarend,
Schauerlich anzusehen, hinab auf die Sterblichen drohte,
Wagt' es ein griechischer Mann zuerst das sterbliche Auge
Ihr entgegenzuheben, zuerst ihr entgegenzutreten;
Und die mutige Macht des Gedankens siegte; gewaltig
Trat hinaus er ueber die flammenden Schranken des Weltalls
Und der verstaendige Geist durchschritt das unendliche Ganze.
Also eiferte der Dichter, die Goetter zu stuerzen, wie Brutus die Koenige
gestuerzt, und "die Natur von ihren strengen Herren zu erloesen". Aber nicht
gegen Jovis altersschwachen Thron wurden diese Flammenworte geschleudert;
ebenwie Ennius kaempft Lucretius praktisch vor allen Dingen gegen den wuesten
Fremd- und Aberglauben der Menge, den Kult der Grossen Mutter zum Beispiel und
die kindische Blitzweisheit der Etrusker. Das Grauen und der Widerwille gegen
die entsetzliche Welt ueberhaupt, in der und fuer die der Dichter schrieb, haben
dies Gedicht eingegeben. Es wurde verfasst in jener hoffnungslosen Zeit, wo das
Regiment der Oligarchie gestuerzt und das Caesars noch nicht aufgerichtet war,
in den schwuelen Jahren, waehrend deren der Ausbruch des Buergerkrieges in
langer peinlicher Spannung erwartet ward. Wenn man dem ungleichartigen und
unruhigen Vortrag es anzufuehlen meint, dass der Dichter taeglich erwartete, den
wuesten Laerm der Revolution ueber sich und sein Werk hereinbrechen zu sehen, so
wird man auch bei seiner Anschauung der Menschen und der Dinge nicht vergessen
duerfen, unter welchen Menschen und in Aussicht auf welche Dinge sie ihm
entstand. War es doch in Hellas in der Epoche vor Alexander ein gangbares und
von allen Besten tief empfundenes Wort, dass nicht geboren zu sein das Beste von
allem, das naechstdem Beste aber sei zu sterben. Unter allen in der verwandten
caesarischen Zeit einem zarten und poetisch organisierten Gemuet moeglichen
Weltanschauungen war diese die edelste und die veredelndste, dass es eine
Wohltat fuer den Menschen ist, erloest zu werden von dem Glauben an die
Unsterblichkeit der Seele und damit von der boesen die Menschen, gleichwie die
Kinder die Angst im dunkeln Gemach, tueckisch beschleichenden Furcht vor dem
Tode und vor den Goettern; dass, wie der Schlaf der Nacht erquicklicher ist als
die Plage des Tages, so auch der Tod, das ewige Ausruhen von allem Hoffen und
Fuerchten, besser ist als das Leben, wie denn auch die Goetter des Dichters
selber nichts sind noch haben als die ewige selige Ruhe; dass die Hoellenstrafen
nicht nach dem Leben den Menschen peinigen, sondern waehrend desselben in den
wilden und rastlosen Leidenschaften des klopfenden Herzens; dass die Aufgabe des
Menschen ist, seine Seele zum ruhigen Gleichmass zu stimmen, den Purpur nicht
hoeher zu schaetzen als das warme Hauskleid, lieber unter den Gehorchenden zu
verharren, als in das Getuemmel der Bewerber um das Herrenamt sich zu draengen,
lieber am Bach im Grase zu liegen, als unter dem goldenen Plafond des Reichen
dessen zahllose Schuesseln leeren zu helfen. Diese philosophisch-praktische
Tendenz ist der eigentliche ideelle Kern des Lucretischen Lehrgedichts und durch
alle oede physikalischer Demonstrationen nur verschuettet, nicht erdrueckt.
Wesentlich auf ihr beruht dessen relative Weisheit und Wahrheit. Der Mann, der
mit einer Ehrfurcht vor seinen grossen Vorgaengern, mit einem gewaltsamen Eifer,
wie sie dies Jahrhundert sonst nicht kennt, solche Lehre gepredigt und sie mit
musischem Zauber verklaert hat, darf zugleich ein guter Buerger und ein grosser
Dichter genannt werden. Das Lehrgedicht vom Wesen der Dinge, wie vieles auch
daran den Tadel herausfordert, ist eines der glaenzendsten Gestirne in den
sternenarmen Raeumen der roemischen Literatur geblieben, und billig waehlte der
groesste deutsche Sprachenmeister die Wiederlesbarmachung des Lucretischen
Gedichts zu seiner letzten und meisterlichsten Arbeit.
Lucretius, obwohl seine poetische Kraft wie seine Kunst schon von den
gebildeten Zeitgenossen bewundert ward, blieb doch, Spaetling wie er war, ein
Meister ohne Schueler. In der hellenischen Modedichtung dagegen fehlte es an
Schuelern wenigstens nicht, die den alexandrinischen Meistern nachzueifern sich
muehten. Mit richtigem Takt hatten die begabteren unter den alexandrinischen
Poeten die groesseren Arbeiten und die reinen Dichtgattungen, das Drama, das
Epos, die Lyrik, vermieden; ihre erfreulichsten Leistungen waren ihnen, aehnlich
wie den neulateinischen Dichtern, in "kurzatmigen" Aufgaben gelungen und
vorzugsweise in solchen, die auf den Grenzgebieten der Kunstgattungen,
namentlich dem weiten, zwischen Erzaehlung und Lied in der Mitte liegenden sich
bewegten. Lehrgedichte wurden vielfach geschrieben. Sehr beliebt waren ferner
kleine heroisch-erotische Epen, vornehmlich aber eine diesem Altweibersommer der
griechischen Poesie eigentuemliche und fuer ihre philologische Hippokrene
charakteristische, gelehrte Liebeselegie, wobei der Dichter die Schilderung der
eigenen, vorwiegend sinnlichen Empfindungen mit epischen Fetzen aus dem
griechischen Sagenkreis mehr oder minder willkuerlich durchflocht. Festlieder
wurden fleissig und kuenstlich gezimmert; ueberhaupt waltete bei dem Mangel an
freiwilliger poetischer Erfindung das Gelegenheitsgedicht vor und namentlich das
Epigramm, worin die Alexandriner Vortreffliches geleistet haben. Die
Duerftigkeit der Stoffe und die sprachliche und rhythmische Unfrische, die jeder
nicht volkstuemlichen Literatur unvermeidlich anhaftet, suchte man moeglichst zu
verstecken unter verzwickten Themen, geschraubten Wendungen, seltenen Woertern
und kuenstlicher Versbehandlung, ueberhaupt dem ganzen Apparat philologisch-
antiquarischer Gelehrsamkeit und technischer Gewandtheit.
Dies war das Evangelium, das den roemischen Knaben dieser Zeit gepredigt
ward, und sie kamen in hellen Haufen, um zu hoeren und auszuueben: schon um 700
(54) waren Euphorions Liebesgedichte und aehnliche alexandrinische Poesien die
gewoehnliche Lektuere und die gewoehnlichen Deklamationsstuecke der gebildeten
Jugend ^10. Die literarische Revolution war da; aber sie lieferte zunaechst mit
seltenen Ausnahmen nur fruehreife oder unreife Fruechte. Die Zahl der
"neumodischen Dichter" war Legion, aber die Poesie war rar und Apollo, wie
immer, wenn es so gedrang am Parnasse hergeht, genoetigt, sehr kurzen Prozess zu
machen. Die langen Gedichte taugten niemals etwas, die kurzen selten. Auch in
diesem literarischen Zeitalter war die Tagespoesie zur Landplage geworden; es
begegnete wohl, dass einem der Freund zum Hohn als Festtagsgeschenk einen Stoss
schofler Verse frisch vom Buchhaendlerlager ins Haus schickte, deren Wert der
zierliche Einband und das glatte Papier schon auf drei Schritte verriet. Ein
eigentliches Publikum, in dem Sinne wie die volkstuemliche Literatur ein
Publikum hat, fehlte den roemischen Alexandrinern so gut wie den hellenischen:
es ist durchaus die Poesie der Clique oder vielmehr der Cliquen, deren Glieder
eng zusammenhalten, dem Eindringling uebel mitspielen, unter sich die neuen
Poesien vorlesen und kritisieren, auch wohl in ganz alexandrinischer Weise die
gelungenen Produktionen wieder poetisch feiern und vielfach durch Cliquenlob
einen falschen und ephemeren Ruhm erschwindeln. Ein namhafter und selbst in
dieser neuen Richtung poetisch taetiger Lehrer der lateinischen Literatur,
Valerius Cato, scheint ueber den angesehensten dieser Zirkel eine Art
Schulpatronat ausgeuebt und ueber den relativen Wert der Poesien in letzter
Instanz entschieden zu haben. Ihren griechischen Mustern gegenueber sind diese
roemischen Poeten durchgaengig unfrei, zuweilen schuelerhaft abhaengig; die
meisten ihrer Produkte werden nichts gewesen sein als die herben Fruechte einer
im Lernen begriffenen und noch keineswegs als reif entlassenen Schuldichtung.
Indem man in der Sprache und im Mass weit enger, als je die volkstuemliche
lateinische Poesie es getan, an die griechischen Vorbilder sich anschmiegte,
ward allerdings eine groessere sprachliche und metrische Korrektheit und
Konsequenz erreicht; aber es geschah auf Kosten der Biegsamkeit und Fuelle des
nationalen Idioms. Stofflich erhielten unter dem Einfluss teils der weichlichen
Muster, teils der sittenlosen Zeit die erotischen Themen ein auffallendes, der
Poesie wenig zutraegliches Uebergewicht; doch wurden auch die beliebten
metrischen Kompendien der Griechen schon vielfach uebersetzt, so das
astronomische des Aratos von Cicero und entweder am Ende dieser oder
wahrscheinlicher am Anfang der folgenden Periode das geographische Lehrbuch des
Eratosthenes von Publius Varro von der Aude und die physikalisch-medizinischen
des Nikandros von Aemilius Macer. Es ist weder zu verwundern noch zu bedauern,
dass von dieser zahllosen Dichterschar uns nur wenige Namen aufbehalten worden
sind; und auch diese werden meistens nur genannt als Kuriositaeten oder als
gewesene Groessen: so der Redner Quintus Hortensius mit seinen
"fuenfhunderttausend Zeilen" langweiliger Schluepfrigkeit und der etwas
haeufiger erwaehnte Laevius, dessen 'Liebesscherze' nur durch ihre verwickelten
Masse und manierierten Wendungen ein gewisses Interesse auf sich zogen. Nun gar
das Kleinepos 'Smyrna' des Gaius Helvius Cinna (+ 710? 44), so sehr es von der
Clique angepriesen ward, traegt sowohl in dem Stoff, der geschlechtlichen Liebe
der Tochter zu dem eigenen Vater, wie in der neunjaehrigen darauf verwandten
Muehsal die schlimmsten Kennzeichen der Zeit an sich. Eine originelle und
erfreuliche Ausnahme machen allein diejenigen Dichter dieser Schule, die es
verstanden, mit der Sauberkeit und der Formgewandtheit derselben den in dem
republikanischen und namentlich dem landstaedtischen Leben noch vorhandenen
volkstuemlichen Gehalt zu verbinden. Es galt dies, um von Laberius und Varro
hier zu schweigen, namentlich von den drei schon oben erwaehnten Poeten der
republikanischen Opposition Marcus Furius Bibaculus (652-691 102-63), Gaius
Licinius Calvus (672-706 82-48) und Quintus Valerius Catullus (667 bis ca. 700
87-54).

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