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Rˆmische Geschichte Book 4 by Theodor Mommsen

Part 6 out of 9

dass in diesem Konflikt des allgemeinen vaterlaendischen und des besonderen
Parteiinteresses das erstere die Oberhand behielt und Sulla trotz der Gefahren,
die seine Entfernung aus Italien fuer seine Verfassung und fuer seine Partei
nach sich zog, dennoch im Fruehling 667 (87) landete an der Kueste von Epeiros.
Aber er kam nicht, wie sonst roemische Oberfeldherrn im Osten aufzutreten
pflegten. Dass sein Heer von fuenf Legionen oder hoechstens 30000 Mann 8 wenig
staerker war als eine gewoehnliche Konsulararmee, war das wenigste. Sonst hatte
in den oestlichen Kriegen eine roemische Flotte niemals gefehlt, ja ohne
Ausnahme die See beherrscht; Sulla, gesandt, um zwei Kontinente und die Inseln
des Aegaeischen Meeres wiederzuerobern, kam ohne ein einziges Kriegsschiff.
Sonst hatte der Feldherr eine volle Kasse mit sich gefuehrt und den groessten
Teil seiner Beduerfnisse auf dem Seeweg aus der Heimat bezogen; Sulla kam mit
leeren Haenden - denn die fuer den Feldzug von 666 (88) mit Not fluessig
gemachten Summen waren in Italien draufgegangen - und sah sich ausschliesslich
angewiesen auf Requisitionen. Sonst hatte der Feldherr seinen einzigen Gegner im
feindlichen Lager gefunden und hatten dem Landesfeind gegenueber seit der
Beendigung des Staendekampfes die politischen Faktionen ohne Ausnahme
zusammengestanden; unter Mithradates' Feldzeichen fochten namhafte roemische
Maenner, grosse Landschaften Italiens begehrten, mit ihm in Buendnis zu treten,
und es war wenigstens zweifelhaft, ob die demokratische Partei das ruehmliche
Beispiel, das Sulla ihr gegeben, befolgen und mit ihm Waffenstillstand halten
werde, solange er gegen den asiatischen Koenig focht. Aber der rasche General,
der mit all diesen Verlegenheiten zu ringen hatte, war nicht gewohnt, vor
Erledigung der naechsten Aufgabe um die ferneren Gefahren sich zu bekuemmern. Da
seine an den Koenig gerichteten Friedensantraege, die im wesentlichen auf die
Wiederherstellung des Zustandes vor dem Kriege hinausliefen, keine Annahme
fanden, so rueckte er, wie er gelandet war, von den epeirotischen Haefen bis
nach Boeotien vor, schlug hier am Thilphossischen Berge die Feldherren der
Feinde, Archelaos und Aristion, und bemaechtigte sich nach diesem Siege fast
ohne Widerstand des gesamten griechischen Festlandes mit Ausnahme der Festung
Athen und des Peiraeeus, wohin Aristion und Archelaos sich geworfen hatten und
die durch einen Handstreich zu nehmen misslang. Eine roemische Abteilung unter
Lucius Hortensius besetzte Thessalien und streifte bis in Makedonien; eine
andere unter Munatius stellte vor Chalkis sich auf, um das unter Neoptolemos auf
Euboea stehende feindliche Korps abzuwehren; Sulla selbst bezog ein Lager bei
Eleusis und Megara, von wo aus er Griechenland und den Peloponnes beherrschte
und die Belagerung der Stadt und des Hafens von Athen betrieb. Die hellenischen
Staedte, wie immer von der naechsten Furcht regiert, unterwarfen sich den
Roemern auf jede Bedingung und waren froh, wenn sie mit Lieferungen von
Vorraeten und Mannschaft und mit Geldbussen schwerere Strafen abkaufen durften.
Minder rasch gingen die Belagerungen in Attika vonstatten. Sulla sah sich
genoetigt, in aller Form das schwere Belagerungszeug zu ruesten, wozu die Baeume
der Akademie und des Lykeion das Holz liefern mussten. Archelaos leitete die
Verteidigung ebenso kraeftig wie besonnen; er bewaffnete seine
Schiffsmannschaft, schlug also verstaerkt die Angriffe der Roemer mit
ueberlegener Macht ab und machte haeufige und nicht selten glueckliche
Ausfaelle. Zwar die zum Entsatz herbeirueckende pontische Armee des Dromichaetes
ward unter den Mauern Athens nach hartem Kampf, bei dem namentlich Sullas
tapferer Unterfeldherr Lucius Licinius Murena sich hervortat, von den Roemern
geschlagen; aber die Belagerung schritt darum nicht rascher vor. Von Makedonien
aus, wo die Kappadokier inzwischen sich definitiv festgesetzt hatten, kam
reichliche und regelmaessige Zufuhr zur See, die Sulla nicht imstande war, der
Hafenfestung abzuschneiden; in Athen gingen zwar die Vorraete auf die Neige,
doch konnte bei der Naehe der beiden Festungen Archelaos mehrfache Versuche
machen, Getreidetransporte nach Athen zu werfen, die nicht alle misslangen. So
verfloss in peinlicher Resultatlosigkeit der Winter 667/68 (87/86). Wie die
Jahreszeit es erlaubte, warf Sulla sich mit Ungestuem auf den Peiraeeus; in der
Tat gelang es, durch Geschuetze und Minen einen Teil der gewaltigen
Perikleischen Mauern in Bresche zu legen, und sofort schritten die Roemer zum
Sturm; allein er ward abgeschlagen, und als er wiederholt ward, fanden sich
hinter den eingestuerzten Mauerteilen halbmondfoermige Verschanzungen errichtet,
aus denen die Eindringenden sich von drei Seiten beschossen und zur Umkehr
gezwungen sahen. Sulla hob darauf die Belagerung auf und begnuegte sich mit
einer Blockade. In Athen waren inzwischen die Lebensmittel ganz zu Ende
gegangen; die Besatzung versuchte eine Kapitulation zustande zu bringen, aber
Sulla wies ihre redefertigen Boten zurueck mit dem Bedeuten, dass er nicht als
Student, sondern als General vor ihnen stehe und nur unbedingte Unterwerfung
annehme. Als Aristion, wohl wissend, welches Schicksal dann ihm bevorstand,
damit zoegerte, wurden die Leitern angelegt und die kaum noch verteidigte Stadt
erstuermt (1. Maerz 668 86). Aristion warf sich in die Akropolis, wo er bald
darauf sich ergab. Der roemische Feldherr liess die Soldateska in der eroberten
Stadt morden und pluendern und die angeseheneren Raedelsfuehrer des Abfalls
hinrichten; die Stadt selbst aber erhielt von ihm ihre Freiheit und ihre
Besitzungen, sogar das wichtige Delos zurueck und ward also noch einmal gerettet
durch ihre herrlichen Toten.
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8 Man muss sich erinnern, dass seit dem Bundesgenossenkrieg auf die Legion,
da sie nicht mehr von italischen Kontingenten begleitet ist, mindestens nur die
halbe Mannzahl kommt wie vordem.
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Ueber den Epikureischen Schulmeister also hatte man gesiegt; indes Sullas
Lage blieb im hoechsten Grade peinlich, ja verzweifelt. Mehr als ein Jahr stand
er nun im Felde, ohne irgendeinen nennenswerten Schritt vorwaertsgekommen zu
sein, ein einziger Hafenplatz spottete all seiner Anstrengungen, waehrend Asien
gaenzlich sich selbst ueberlassen, die Eroberung Makedoniens von Mithradates'
Statthaltern kuerzlich durch die Einnahme von Amphipolis vollendet war. Ohne
Flotte - dies zeigte sich immer deutlicher - war es nicht bloss unmoeglich, die
Verbindungen und die Zufuhr von den feindlichen und den zahllosen
Piratenschiffen zu sichern, sondern auch nur den Peiraeeus, geschweige denn
Asien und die Inseln wiederzugewinnen; und doch liess sich nicht absehen, wie
man zu Kriegsschiffen gelangen konnte. Schon im Winter 667/68 (87/86) hatte
Sulla einen seiner faehigsten und gewandtesten Offiziere, Lucius Licinius
Lucullus, in die oestlichen Gewaesser entsandt, um dort womoeglich Schiffe
aufzutreiben. Mit sechs offenen Booten, die er von den Rhodiern und andern
kleinen Gemeinden zusammengeborgt hatte, lief Lucullus aus; einem
Piratengeschwader, das die meisten seiner Boote aufbrachte, entging er selbst
nur durch einen Zufall; mit gewechselten Schiffen den Feind taeuschend, gelangte
er ueber Kreta und Kyrene nach Alexandreia; allein der aegyptische Hof schlug
die Bitte um Unterstuetzung mit Kriegsschiffen ebenso hoeflich wie entschieden
ab. Kaum irgendwo zeigt sich so deutlich wie hier der tiefe Verfall des
roemischen Staats, der einst das Angebot der Koenige von Aegypten, mit ihrer
ganzen Seemacht den Roemern beizustehen, dankbar abzulehnen vermocht hatte und
jetzt selbst den alexandrinischen Staatsmaennern schon bankrott erschien. Zu
allem dem kam die finanzielle Bedraengnis; schon hatte Sulla die Schatzhaeuser
des Olympischen Zeus, des Delphischen Apollon, des Epidaurischen Asklepios
leeren muessen, wofuer die Goetter entschaedigt wurden durch die zur Strasse
eingezogene Halbscheid des thebanischen Gebiets. Aber weit schlimmer als all
diese militaerische und finanzielle Verlegenheit war der Rueckschlag der
politischen Umwaelzung in Rom, deren rasche, durchgreifende, gewaltsame
Vollendung die aergsten Befuerchtungen weit hinter sich gelassen hatte. Die
Revolution fuehrte in der Hauptstadt das Regiment; Sulla war abgesetzt, das
asiatische Kommando an seiner Stelle dem demokratischen Konsul Lucius Valerius
Flaccus uebertragen worden, den man taeglich in Griechenland erwarten konnte.
Zwar hatte die Soldateska festgehalten an Sulla, der alles tat, um sie bei guter
Laune zu erhalten; aber was liess sich erwarten, wo Geld und Zufuhr ausblieben,
wo der Feldherr abgesetzt und geaechtet, sein Nachfolger im Anmarsch war und zu
allem diesem der Krieg gegen den zaehen seemaechtigen Gegner aussichtslos sich
hinspann!
Koenig Mithradates uebernahm es, den Gegner aus seiner bedenklichen Lage zu
befreien. Allem Anschein nach war er es, der das Defensivsystem seiner Generale
missbilligte und ihnen Befehl schickte, den Feind foerdersamst zu ueberwinden.
Schon 667 (87) war sein Sohn Ariarathes aus Makedonien aufgebrochen, um Sulla im
eigentlichen Griechenland zu bekaempfen; nur der ploetzliche Tod, der den
Prinzen auf dem Marsch am Tisaeischen Vorgebirg in Thessalien ereilte, hatte die
Expedition damals rueckgaengig gemacht. Sein Nachfolger Taxiles erschien jetzt
(668 86), das in Thessalien stehende roemische Korps vor sich hertreibend, mit
einem Heer von angeblich 100000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern an den
Thermopylen. Mit ihm vereinigte sich Dromichaetes. Auch Archelaos raeumte - es
scheint, weniger durch Sullas Waffen gezwungen als durch Befehle seines Herrn -
den Peiraeeus erst teilweise, sodann ganz und stiess in Boeotien zu der
pontischen Hauptarmee. Sulla, nachdem der Peiraeeus mit all seinen
vielbewunderten Bauwerken auf seinen Befehl zerstoert worden war, folgte der
pontischen Armee in der Hoffnung, vor dem Eintreffen des Flaccus eine
Hauptschlacht liefern zu koennen. Vergeblich riet Archelaos, sich hierauf nicht
einzulassen, sondern die See und die Kuesten besetzt und den Feind hinzuhalten;
wie einst unter Dareios und Antiochos, so stuerzten auch jetzt die Massen der
Orientalen, wie geaengstigte Tiere in die Feuersbrunst, sich rasch und
blindlings in den Kampf; und toerichter als je war dies hier angewandt, wo die
Asiaten vielleicht nur einige Monate haetten warten duerfen, um bei einer
Schlacht zwischen Sulla und Flaccus die Zuschauer abzugeben. In der Ebene des
Kephissos unweit Chaeroneia im Maerz 668 (86) trafen die Heere aufeinander.
Selbst mit Einschluss der aus Thessalien zurueckgedraengten Abteilung, der es
geglueckt war, ihre Verbindung mit der roemischen Hauptarmee zu bewerkstelligen,
und mit Einschluss der griechischen Kontingente fand sich das roemische Heer
einem dreifach staerkeren Feind gegenueber und namentlich einer weit
ueberlegenen und bei der Beschaffenheit des Schlachtfeldes sehr gefaehrlichen
Reiterei, gegen die Sulla seine Flanken durch verschanzte Graeben zu decken
noetig fand, sowie er in der Front zum Schutz gegen die feindlichen Streitwagen
zwischen seiner ersten und zweiten Linie eine Palisadenkette anbringen liess.
Als die Streitwagen den Kampf zu eroeffnen heranrollten, zog sich das erste
Treffen der Roemer hinter diese Pfahlreihe zurueck; die Wagen, an ihr abprallend
und gescheucht durch die roemischen Schleuderer und Schuetzen, warfen sich auf
die eigene Linie und brachten Verwirrung sowohl in die makedonische Phalanx wie
in das Korps der italischen Fluechtlinge. Archelaos zog eilig seine Reiterei von
beiden Flanken herbei und schickte sie dem Feinde entgegen, um Zeit zu gewinnen,
sein Fussvolk wieder zu ordnen; sie griff mit grossem Feuer an und durchbrach
die roemischen Reihen; allein die roemische Infanterie formierte sich rasch in
geschlossene Massen und hielt den von allen Seiten auf sie anstuermenden Reitern
mutig stand. Inzwischen fuehrte Sulla selbst auf dem rechten Fluegel seine
Reiterei in die entbloesste Flanke des Feindes; die asiatische Infanterie wich,
ohne eigentlich zum Schlagen gekommen zu sein, und ihr Weichen brachte Unruhe
auch in die Reitermassen. Ein allgemeiner Angriff des roemischen Fussvolks, das
durch die schwankende Haltung der feindlichen Reiter wieder Luft bekam,
entschied den Sieg. Die Schliessung der Lagertore, die Archelaos anordnete, um
die Flucht zu hemmen, bewirkte nur, dass das Blutbad um so groesser ward und,
als die Tore endlich sich auftaten, die Roemer mit den Asiaten zugleich
eindrangen. Nicht den zwoelften. Mann soll Archelaos nach Chalkis gerettet
haben. Sulla folgte ihm bis an den Euripos; den schmalen Meeresarm zu
ueberschreiten war er nicht imstande.
Es war ein grosser Sieg, aber die Resultate waren geringfuegig, was wegen
des Mangels einer Flotte, teils weil der roemische Sieger sich genoetigt sah,
statt die Besiegten zu verfolgen, zunaechst vor seinen Landsleuten sich zu
schuetzen. Die See war noch immer ausschliesslich bedeckt von den pontischen
Geschwadern, die jetzt selbst westlich vom Malfischen Vorgebirge sich zeigten;
noch nach der Schlacht von Chaeroneia setzte Archelaos auf Zakynthos Truppen ans
Land und machte einen Versuch, auf dieser Insel sich festzusetzen. Ferner war
inzwischen in der Tat Lucius Flaccus mit zwei Legionen in Epeiros gelandet,
nicht ohne unterwegs durch Stuerme und durch die im Adriatischen Meer kreuzenden
feindlichen Kriegsschiffe starken Verlust erlitten zu haben; bereits standen
seine Truppen in Thessalien; dorthin zunaechst musste Sulla sich wenden. Bei
Melitaea am noerdlichen Abhang des Othrysgebirges lagerten beide roemischen
Heere sich gegenueber; ein Zusammenstoss schien unvermeidlich. Indes Flaccus,
nachdem er Gelegenheit gehabt hatte sich zu ueberzeugen, dass Sullas Soldaten
keineswegs geneigt war ihren siegreichen Fuehrer an den gaenzlich unbekannten
demokratischen Oberfeldherrn zu verraten, dass vielmehr seine eigene Vorhut
anfing, in das Sullanische Lager zu desertieren, wich dem Kampfe aus, dem er in
keiner Hinsicht gewachsen war, und brach auf gegen Norden, um durch Makedonien
und Thrakien nach Asien zu gelangen und dort durch Ueberwaeltigung Mithradats
sich den Weg zu weiteren Erfolgen zu bahnen. Dass Sulla den schwaecheren Gegner
ungehindert abziehen liess und, statt ihm zu folgen, vielmehr zurueck nach Athen
ging, wo er den Winter 668/69 (86/85) verweilt zu haben scheint, ist
militaerisch betrachtet auffallend; vielleicht darf man annehmen, dass auch hier
politische Beweggruende ihn leiteten und er gemaessigt und
Patriotisch genug dachte, um wenigstens so lange, als man doch mit den
Asiaten zu tun hatte, gern einen Sieg ueber die Landsleute zu vermeiden und die
ertraeglichste Loesung der leidigen Verwicklung darin zu finden, wenn die
Revolutionsarmee in Asien, die der Oligarchie in Europa mit dem
gemeinschaftlichen Feinde stritt.
Mit dem Fruehling 669 (85) gab es in Europa wieder neue Arbeit.
Mithradates, der in Kleinasien seine Ruestungen unermuedlich fortsetzte, hatte
eine, der bei Chaeroneia aufgeriebenen an Zahl nicht viel nachstehende Armee
unter Dorylaos nach Euboea gesandt; von dort war dieselbe in Verbindung mit den
Ueberbleibseln der Armee des Archelaos ueber den Euripos nach Boeotien gegangen.
Der pontische Koenig, der in den Siegen ueber die bithynische und die
kappadokische Miliz den Massstab fand fuer die Leistungsfaehigkeit seiner Armee,
begriff die unguenstige Wendung nicht, die die Dinge in Europa nahmen; schon
fluesterten die Kreise der Hoeflinge von Verrat des Archelaos; peremtorischer
Befehl war gegeben, mit der neuen Armee sofort eine zweite Schlacht zu liefern
und nun unfehlbar die Roemer zu vernichten. Der Wille des Herrn geschah, wo
nicht im Siegen, doch wenigstens im Schlagen. Abermals in der Kephissosebene bei
Orchomenos, begegneten sich die Roemer und die Asiaten. Die zahlreiche und
vortreffliche Reiterei der letzteren warf sich ungestuem auf das roemische
Fussvolk, das zu schwanken und zu weichen begann; die Gefahr ward so dringend,
dass Sulla ein Feldzeichen ergriff und mit seinen Adjutanten und Ordonnanzen
gegen den Feind vorgehend mit lauter Stimme den Soldaten zurief, wenn man daheim
sie frage, wo sie ihren Feldherrn im Stich gelassen haetten, so moechten sie
antworten: bei Orchomenos. Dies wirkte; die Legionen standen wieder und
ueberwaeltigten die feindlichen Reiter, worauf auch die Infanterie mit leichter
Muehe geworfen ward. Am folgenden Tage wurde das Lager der Asiaten umstellt und
erstuermt; der weitaus groesste Teil derselben fiel oder kam in den Kopaischen
Suempfen um; nur wenige, unter ihnen Archelaos, gelangten nach Euboea. Die
boeotischen Gemeinden hatten den abermaligen Abfall von Rom schwer, zum Teil bis
zur Vernichtung zu buessen. Dem Einmarsch in Makedonien und Thrakien stand
nichts im Wege: Philippi ward besetzt, Abdera von der pontischen Besatzung
freiwillig geraeumt, ueberhaupt das europaeische Festland von den Feinden
gesaeubert. Am Ende des dritten Kriegsjahres (669 85) konnte Sulla
Winterquartiere in Thessalien beziehen, um im Fruehjahr 670 (84) 9 den
asiatischen Feldzug zu beginnen, zu welchem Ende er Befehl gab, in den
thessalischen Haefen Schiffe zu bauen.
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9 Die Chronologie dieser Ereignisse liegt, wie alle Einzelheiten
ueberhaupt, in einem Dunkel, das die Forschung hoechstens bis zur Daemmerung zu
zerstreuen vermag. Dass die Schlacht von Chaeroneia, wenn auch nicht an
demselben Tage wie die Erstuermung von Athen (Paus. 1, 20), doch bald nachher,
etwa im Maerz 668 (86), stattfand, ist ziemlich sicher. Dass die darauf folgende
thessalische und die zweite boeotische Kampagne nicht bloss den Rest des Jahres
668 (86), sondern auch das ganze Jahr 669 (85) in Anspruch nahmen, ist an sich
wahrscheinlich und wird es noch mehr dadurch, dass Sullas Unternehmungen in
Asien nicht genuegen, um mehr als einen Feldzug auszufuellen. Auch scheint
Licinianus anzudeuten, dass Sulla fuer den Winter 668/69 (86/85) wieder nach
Athen zurueckging und hier die Untersuchungen und Bestrafungen vornahm; worauf
dann die Schlacht von Orchomenos erzaehlt wird. Darum ist der Uebergang Sullas
nach Asien nicht 669 (85), sondern 670 (84) gesetzt worden.
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Inzwischen hatten auch die kleinasiatischen Verhaeltnisse sich wesentlich
geaendert. Wenn Koenig Mithradates einst aufgetreten war als der Befreier der
Hellenen, wenn er mit Foerderung der staedtischen Unabhaengigkeit und mit
Steuererlassen seine Herrschaft eingeleitet hatte, so war auf diesen kurzen
Taumel nur zu rasch und nur zu bitter die Enttaeuschung gefolgt. Sehr bald war
er in seinem wahren Charakter hervorgetreten und hatte eine die Tyrannei der
roemischen Voegte weit ueberbietende Zwingherrschaft zu ueben begonnen, die
sogar die geduldigen Kleinasiaten zu offener Auflehnung trieb. Der Sultan griff
dagegen wieder zu den gewaltsamsten Mitteln. Seine Verordnungen verliehen den
zugewandten Ortschaften die Selbstaendigkeit, den Insassen das Buergerrecht, den
Schuldnern vollen Schuldenerlass, den Besitzlosen Aecker, den Sklaven die
Freiheit; an 15000 solcher freigelassener Sklaven fochten im Heer des Archelaos.
Die fuerchterlichsten Szenen waren die Folge dieser von oben herab erfolgenden
Umwaelzung aller bestehenden Ordnung. Die ansehnlichsten Kaufstaedte, Smyrna,
Kolophon, Ephesos, Tralleis, Sardeis, schlossen den Voegten des Koenigs die Tore
oder brachten sie um und erklaerten sich fuer Rom ^10. Dagegen liess der
koenigliche Vogt Diodoros, ein namhafter Philosoph wie Aristion, von anderer
Schule, aber gleich brauchbar zur schlimmsten Herrendienerei, im Auftrag seines
Herrn den gesamten Stadtrat von Adramytion niedermachen. Die Chier, die der
Hinneigung zu Rom verdaechtig schienen, wurden zunaechst um 2000 Talente
(3150000 Taler) gebuesst und, da die Zahlung nicht richtig befunden wurde, in
Masse auf Schiffe gesetzt und gebunden, unter Aufsicht ihrer eigenen Sklaven, an
die kolchische Kueste deportiert, waehrend ihre Insel mit pontischen Kolonisten
besetzt ward. Die Haeuptlinge der kleinasiatischen Kelten befahl der Koenig
saemtlich an einem Tage mit ihren Weibern und Kindern umzubringen und Galatien
in eine pontische Satrapie zu verwandeln. Die meisten dieser Blutbefehle wurden
auch entweder an Mithradates' eigenem Hoflager oder im galatischen Lande
vollstreckt, allein die wenigen Entronnenen stellten sich an die Spitze ihrer
kraeftigen Staemme und schlugen den Statthalter des Koenigs, Eumachos, aus ihren
Grenzen hinaus. Dass diesen Koenig die Dolche der Moerder verfolgten, ist
begreiflich; sechzehnhundert Menschen wurden als in solche Komplotte verwickelt
von den koeniglichen Untersuchungsgerichten zum Tode verurteilt.
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^10 Es ist kuerzlich (Waddington, Zusaetze zu Lebas, 3, 136a) der
desfaellige Beschluss der Buergerschaft von Ephesos aufgefunden worden. Sie
seien, erklaeren die Buerger, in die Gewalt des "Koenigs von Kappadokien"
Mithradates geraten, erschreckt durch die Masse seiner Streitkraefte und die
Ploetzlichkeit seines Angriffs; wie aber die Gelegenheit dazu sich darbiete,
erklaerten sie "fuer die Herrschaft (/e/gemonia) der Roemer und die gemeine
Freiheit" ihm den Krieg.
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Wenn also der Koenig durch dies selbstmoerderische Wueten seine derzeitigen
Untertanen gegen sich unter die Waffen rief, so begannen gleichzeitig die Roemer
auch in Asien, ihn zur See und zu Lande zu draengen. Lucullus hatte, nachdem der
Versuch, die aegyptische Flotte gegen Mithradates vorzufuehren, gescheitert war,
sein Bemuehen, sich Kriegsschiffe zu verschaffen, in den syrischen Seestaedten
mit besserem Erfolg wiederholt und seine werdende Flotte in den kyprischen,
pamphylischen und rhodischen Haefen verstaerkt, bis er sich stark genug fand,
zum Angriff ueberzugehen. Gewandt vermied er es, mit ueberlegenen Streitkraeften
sich zu messen und errang dennoch nicht unbedeutende Erfolge. Die knidische
Insel und Halbinsel wurden von ihm besetzt, Samos angegriffen, Kolophon und
Chios den Feinden entrissen.
Inzwischen war auch Flaccus mit seiner Armee durch Makedonien und Thrakien
nach Byzantion und von dort, die Meerenge passierend, nach Kalchedon gelangt
(Ende 668 86). Hier brach gegen den Feldherrn eine Militaerinsurrektion aus,
angeblich weil er den Soldaten die Beute unterschlug; die Seele derselben war
einer der hoechsten Offiziere des Heeres, ein Mann, dessen Name in Rom
sprichwoertlich geworden war fuer den rechten Poebelredner, Gaius Flavius
Fimbria, welcher, nachdem er mit seinem Oberfeldherrn sich entzweit hatte, das
auf dem Markt begonnene Demagogengeschaeft ins Lager uebertrug. Flaccus ward von
dem Heer abgesetzt und bald nachher in Nikomedeia unweit Kalchedon getoetet; an
seine Stelle trat nach Beschluss der Soldaten Fimbria. Es versteht sich, dass er
seinen Leuten alles nachsah: in dem befreundeten Kyzikos zum Beispiel ward der
Buergerschaft befohlen, ihre gesamte Habe an die Soldaten bei Todesstrafe
auszuliefern und zum warnenden Exempel zwei der angesehensten Buerger sogleich
vorlaeufig hingerichtet. Allein militaerisch war der Wechsel des Oberbefehls
dennoch ein Gewinn; Fimbria war nicht wie Flaccus ein unfaehiger General,
sondern energisch und talentvoll. Bei Miletopolis (am Rhyndakos westlich von
Brussa) schlug er den juengeren Mithradates, der als Statthalter der pontischen
Satrapie ihm entgegengezogen war, vollstaendig in einem naechtlichen Ueberfall
und oeffnete sich durch diesen Sieg den Weg nach der Hauptstadt sonst der
roemischen Provinz, jetzt des pontischen Koenigs, Pergamon, von wo er den Koenig
vertrieb und ihn zwang, sich nach dem wenig entfernten Hafen Pitane zu retten,
um dort sich einzuschiffen. Eben jetzt erschien Lucullus mit seiner Flotte in
diesen Gewaessern; Fimbria beschwor ihn, durch seinen Beistand ihm die
Gefangennehmung des Koenigs moeglich zu machen. Aber der Optimat war maechtiger
in Lucullus als der Patriot; er segelte weiter, und der Koenig entkam nach
Mytilene. Auch so war Mithradates' Lage bedraengt genug. Am Ende des Jahres 669
(85) war Europa verloren, Kleinasien gegen ihn teils im Aufstand begriffen,
teils von einem roemischen Heer eingenommen und er selbst von diesem in
unmittelbarer Naehe bedroht. Die roemische Flotte unter Lucullus hatte an der
Kueste der troischen Landschaft in zwei gluecklichen Seegefechten am Vorgebirg
Lekton und bei der Insel Tenedos ihre Stellung behauptet; sie zog daselbst die
inzwischen nach Sullas Anordnung in Thessalien erbauten Schiffe an sich und
verbuergte in ihrer den Hellespont beherrschenden Stellung dem Feldherrn der
roemischen Senatsarmee fuer das naechste Fruehjahr den sicheren und bequemen
Uebergang nach Asien.
Mithradates versuchte zu unterhandeln. Unter anderen Verhaeltnissen zwar
haette der Urheber des ephesischen Mordedikts nie und nimmermehr hoffen duerfen,
zum Frieden mit Rom gelassen zu werden; allein bei den inneren Konvulsionen der
roemischen Republik, wo die herrschende Regierung den gegen Mithradates
ausgesandten Feldherrn in die Acht erklaert hatte und daheim gegen seine
Parteigenossen in der grauenhaftesten Weise wuetete, wo ein roemischer General
gegen den andern und doch wieder beide gegen denselben Feind standen, hoffte er
nicht bloss einen Frieden, sondern einen guenstigen Frieden erlangen zu koennen.
Er hatte die Wahl, sich an Sulla oder an Fimbria zu wenden; mit beiden liess er
unterhandeln, doch scheint seine Absicht von Haus aus gewesen zu sein, mit Sulla
abzuschliessen, der wenigstens in dem Horizont des Koenigs als seinem
Nebenbuhler entschieden ueberlegen erschien. Sein Feldherr Archelaos forderte
nach Anweisung seines Herrn Sulla auf, Asien an den Koenig abzutreten und dafuer
die Hilfe desselben gegen die demokratische Partei in Rom zu gewaertigen. Aber
Sulla, kuehl und klar wie immer, wuenschte zwar wegen der Lage der Dinge in
Italien dringend die schleunige Erledigung der asiatischen Angelegenheiten,
schlug aber die Vorteile der kappadokischen Allianz fuer den ihm in Italien
bevorstehenden Krieg sehr niedrig an und war ueberhaupt viel zu sehr Roemer, um
in eine so entehrende und so nachteilige Abtretung zu willigen. In den
Friedenskonferenzen, die im Winter 669/70 (85/84) zu Delion an der boeotischen
Kueste, Euboea gegenueber, stattfanden, weigerte er sich bestimmt, auch nur
einen Fussbreit Landes abzutreten, ging aber, der alten roemischen Sitte, die
vor dem Kampfe erhobenen Forderungen nach dem Siege nicht zu steigern, aus gutem
Grunde getreu, ueber die frueher gestellten Bedingungen nicht hinaus. Er
forderte die Rueckgabe aller von dem Koenig gemachten und ihm noch nicht
wiederentrissenen Eroberungen, Kappadokiens, Paphlagoniens, Galatiens,
Bithyniens, Kleinasiens und der Inseln, die Auslieferung der Gefangenen und
Ueberlaeufer, die Uebergabe der achtzig Kriegsschiffe des Archelaos zur
Verstaerkung der immer noch geringen roemischen Flotte, endlich Sold und
Verpflegung fuer das Heer und Ersatz der Kriegskosten mit der sehr maessigen
Summe von 3000 Talenten (4_ Mill. Taler). Die nach dem Schwarzen Meer
weggefuehrten Chier sollten heimgesandt, den roemisch gesinnten Makedoniern ihre
weggefuehrten Familien zurueckgegeben, den mit Rom verbuendeten Staedten eine
Anzahl Kriegsschiffe zugestellt werden. Von Tigranes, der streng genommen
gleichfalls mit in den Frieden haette eingeschlossen werden sollen, schwieg man
auf beiden Seiten, da an den endlosen Weiterungen, die seine Beiziehung machen
musste, keinem der kontrahierenden Teile gelegen war. Der Besitzstand also, den
der Koenig vor dem Kriege gehabt hatte, blieb ihm und es ward ihm keine
ehrenkraenkende Demuetigung angesonnen ^11. Archelaos, deutlich erkennend, dass
verhaeltnismaessig unerwartet viel erreicht und mehr nicht zu erreichen sei,
schloss auf diese Bedingungen die Praeliminarien und den Waffenstillstand ab und
zog die Truppen aus den Plaetzen heraus, die die Asiaten noch in Europa
innehatten. Allein Mithradates verwarf den Frieden und begehrte wenigstens, dass
die Roemer auf die Auslieferung der Kriegsschiffe verzichten und ihm
Paphlagonien einraeumen wollten; indem er zugleich geltend machte, dass Fimbria
ihm weit guenstigere Bedingungen zu gewaehren bereit sei. Sulla, beleidigt durch
dies Gleichstellen seiner Anerbietungen mit denen eines amtlosen Abenteurers und
bei dem aeussersten Mass der Nachgiebigkeit bereits angelangt, brach die
Unterhandlungen ab. Er hatte die Zwischenzeit benutzt, um Makedonien
wiederzuordnen und die Dardaner, Sinter, Maeder zu zuechtigen, wobei er zugleich
seinem Heer Beute verschaffte und sich Asien naeherte; denn dahin zu gehen war
er auf jeden Fall entschlossen, um mit Fimbria abzurechnen. Nun setzte er sofort
seine in Thrakien stehenden Legionen sowie seine Flotte in Bewegung nach dem
Hellespont. Da endlich gelang es Archelaos, seinem eigensinnigen Herrn die
widerstrebende Einwilligung zu dem Traktat zu entreissen; wofuer er spaeter am
koeniglichen Hofe als der Urheber des nachteiligen Friedens scheel angesehen, ja
des Verrats bezichtigt ward, so dass einige Zeit nachher er sich genoetigt sah,
das Land zu raeumen und zu den Roemern zu fluechten, die ihn bereitwillig
aufnahmen und mit Ehren ueberhaeuften. Auch die roemischen Soldaten murrten;
dass die gehoffte asiatische Kriegsbeute ihnen entging, mochte dazu freilich
mehr beitragen als der an sich wohl gerechtfertigte Unwille, dass man den
Barbarenfuersten, der achtzigtausend ihrer Landsleute ermordet und ueber Italien
und Asien unsaegliches Elend gebracht hatte, mit dem groessten Teil der in Asien
zusammengepluenderten Schaetze ungestraft abziehen liess in seine Heimat. Sulla
selbst mag es schmerzlich empfunden haben, dass die politischen Verwicklungen
seine militaerisch so einfache Aufgabe in peinlichster Weise durchkreuzten und
ihn zwangen, nach solchen Siegen sich mit einem solchen Frieden zu begnuegen.
Indes zeigt sich die Selbstverleugnung und die Einsicht, mit der er diesen
ganzen Krieg gefuehrt hat, nur aufs neue in diesem Friedensschluss; denn der
Krieg gegen einen Fuersten, dem fast die ganze Kueste des Schwarzen Meeres
gehorchte und dessen Starrsinn noch die letzten Verhandlungen deutlich
offenbarten, nahm selbst im guenstigsten Fall Jahre in Anspruch, und die Lage
Italiens war von der Art, dass es fast schon fuer Sulla zu spaet schien, um mit
den wenigen Legionen, die er besass, der dort regierenden Partei
entgegenzutreten ^12. Indes bevor dies geschehen konnte, war es schlechterdings
notwendig, den kecken Offizier niederzuwerfen, der in Asien an der Spitze der
demokratischen Armee stand, damit derselbe nicht, wie Sulla jetzt von Asien aus
die. italische Revolution zu unterdruecken hoffte, so dereinst ebenfalls von
Asien aus derselben zu Hilfe komme. Bei Kypsela am Hebros erreichte Sulla die
Nachricht von der Ratifikation des Friedens durch Mithradates; allein der Marsch
nach Asien ging weiter. Der Koenig, hiess es, wuensche persoenlich mit dem
roemischen Feldherrn zusammenzutreffen und den Frieden mit ihm zu vereinbaren;
vermutlich war dies nichts als ein schicklicher Vorwand, um das Heer nach Asien
ueberzufuehren und dort mit Fimbria ein Ende zu machen. So ueberschritt Sulla,
begleitet von seinen Legionen und von Archelaos, den Hellespont; nachdem er am
asiatischen Ufer desselben in Dardanos mit Mithradates zusammengetroffen war und
muendlich den Vertrag abgeschlossen hatte, liess er den Marsch fortsetzen, bis
er bei Thyateira unweit Pergamon auf das Lager des Fimbria traf. Hart an
demselben schlug er das seinige auf. Die Sullanischen Soldaten, an Zahl, Zucht,
Fuehrung und Tuechtigkeit den Fimbrianern weit ueberlegen, sahen mit Verachtung
auf die verzagten und demoralisierten Haufen und deren unberufenen
Oberfeldherrn. Die Desertionen unter den Fimbrianern wurden immer zahlreicher.
Als Fimbria anzugreifen befahl, weigerten die Soldaten sich, gegen ihre
Mitbuerger zu fechten, ja sogar den geforderten Eid, treulich im Kampf
zusammenzustehen, in seine Haende abzulegen. Ein Mordversuch auf Sulla schlug
fehl; zu der von Fimbria erbetenen Zusammenkunft erschien Sulla nicht, sondern
begnuegte sich, ihm durch einen seiner Offiziere eine Aussicht auf persoenliche
Rettung zu eroeffnen. Fimbria war eine frevelhafte Natur, aber keine Memme;
statt das von Sulla ihm angebotene Schiff anzunehmen und zu den Barbaren zu
fliehen, ging er nach Pergamon und fiel im Tempel des Asklepios in sein eigenes
Schwert. Die kompromittiertesten aus seinem Heer begaben sich zu Mithradates
oder zu den Piraten, wo sie bereitwillige Aufnahme fanden; die Masse stellte
sich unter die Befehle Sullas.
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^11 Die Angabe, dass Mithradates den Staedten, die seine Partei ergriffen
hatten im Frieden Straflosigkeit ausbedungen habe (Memn. 35), erscheint schon
nach dem Charakter des Siegers wie des Besiegten wenig glaublich und fehlt auch
bei Appian wie bei Licinianus. Die schriftliche Abfassung des Friedensvertrages
ward versaeumt, was spaeter zu vielen Entstellungen benutzt ward.
^12 Auch die armenische Tradition kennt den Ersten Mithradatischen Krieg.
Koenig Ardasches von Armenien, berichtet Moses von Khorene, begnuegte sich nicht
mit dem zweiten Rang, der ihm im Persischen (Parthischen) Reich von Rechts wegen
zukam, sondern zwang den Partherkoenig Arschagan, ihm die hoechste Gewalt
abzutreten, worauf er in Persien sich einen Palast bauen und daselbst Muenzen
mit eigenem Bildnis schlagen liess und den Arschagan zum Unterkoenig Persiens,
seinen Sohn Dicran (Tigranes) zum Unterkoenig Armeniens bestellte, seine Tochter
Ardaschama aber vermaehlte mit dem Grossfuersten der Iberer Mihrdates
(Mithradates), der von dem Mihrdates, Satrapen des Dareios und Statthalters
Alexanders ueber die besiegten Iberer, abstammte und in den noerdlichen Bergen
sowie ueber das Schwarze Meer befahl. Ardasches nahm darauf den Koenig der
Lydier Kroesos gefangen, unterwarf das Festland zwischen den beiden grossen
Meeren (Kleinasien) und ging ueber das Meer mit unzaehligen Schiffen, um den
Westen zu bezwingen. Da in Rom damals Anarchie war, fand er nirgends ernstlichen
Widerstand, aber seine Soldaten brachten einander um und Ardasches fiel von der
Hand seiner Leute. Nach Ardasches' Tode rueckte sein Nachfolger Dicran gegen die
Armee der Griechen (d. i. der Roemer), die jetzt ihrerseits in das armenische
Land eindrangen; er setzte ihrem Vordringen ein Ziel, uebergab seinem Schwager
Mithradates die Verwaltung von Madschag (Mazaka in Kappadokien) und des
Binnenlandes nebst einer ansehnlichen Streitmacht und kehrte zurueck nach
Armenien. Viele Jahre spaeter zeigte man noch in den armenischen Staedten
Statuen griechischer Goetter von bekannten Meistern, Siegeszeichen aus diesem
Feldzug.
Man erkennt hier verschiedene Tatsachen des Ersten Mithradatischen Kriegs
ohne Muehe wieder, aber die ganze Erzaehlung ist augenscheinlich
durcheinandergeworfen, mit fremdartigen Zusaetzen ausgestattet und namentlich
durch patriotische Faelschung auf Armenien uebertragen. Ganz ebenso wird spaeter
der Sieg ueber Crassus den Armeniern beigelegt. Diese orientalischen Nachrichten
sind mit um so groesserer Vorsicht aufzunehmen, als sie keineswegs reine
Volkssage sind, sondern teils die Nachrichten des Josephus, Eusebius und
anderer, den Christen des fuenften Jahrhunderts gelaeufiger Quellen darin mit
den armenischen Traditionen verschmolzen, teils auch die historischen Romane der
Griechen und ohne Frage auch die eigenen patriotischen Phantasien des Moses
dafuer ansehnlich in Kontribution gesetzt sind. So schlecht unsere
okzidentalische Ueberlieferung an sich ist, so kann die Zuziehung der
orientalischen in diesem und in aehnlichen Faellen, wie zum Beispiel der
unkritische Saint-Martin sie versucht hat, doch nur dahin fuehren, sie noch
staerker zu trueben.
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Sulla beschloss, diese beiden Legionen, denen er fuer den bevorstehenden
Krieg doch nicht traute, in Asien zurueckzulassen, wo die entsetzliche Krise
noch lange in den einzelnen Staedten und Landschaften nachzitterte. Das Kommando
ueber dieses Korps und die Statthalterschaft im roemischen Asien uebergab er
seinem besten Offizier Lucius Licinius Murena. Die revolutionaeren Massregeln
Mithradats, wie die Befreiung der Sklaven und die Kassation der Forderungen,
wurden natuerlich aufgehoben; eine Restauration, die freilich an vielen Orten
nicht ohne Waffengewalt durchgesetzt werden konnte. Die Staedte des oestlichen
Grenzgebiets unterlagen einer durchgreifenden Reorganisation und rechneten seit
dem Jahre 670 (84) als dem ihrer Konstituierung. Es ward ferner Gerechtigkeit
geuebt, wie die Sieger sie verstanden. Die namhaftesten Anhaenger Mithradats und
die Urheber der an den Italikern veruebten Mordtaten traf die Todesstrafe. Die
Steuerpflichtigen mussten die saemtlichen von den letzten fuenf Jahren her
rueckstaendigen Zehnten und Zoelle sofort nach Abschaetzung bar erlegen;
ausserdem hatten sie eine Kriegsentschaedigung von 20000 Talenten (32 Mill.
Talern) zu entrichten, zu deren Eintreibung Lucius Lucullus zurueckblieb. Es
waren die Massregeln von furchtbarer Strenge und schrecklichen Folgen; wenn man
sich indes des ephesischen Dekrets und seiner Exekution erinnert, so fuehlt man
sich geneigt, dieselben als eine verhaeltnismaessig noch gelinde Vergeltung zu
betrachten. Dass die sonstigen Erpressungen nicht ungewoehnlich drueckend waren,
beweist der Betrag der spaeter im Triumph aufgefuehrten Beute, der an edlem
Metall sich nur auf etwa 8 Mill. Taler belief. Die wenigen treugebliebenen
Gemeinden dagegen, namentlich die Insel Rhodos, die lykische Landschaft,
Magnesia am Maeander wurden reich belohnt; Rhodos erhielt wenigstens einen Teil
der nach dem Kriege gegen Perseus ihm entzogenen Besitzungen zurueck.
Desgleichen wurden die Chier fuer die ausgestandene Not, die Ilienser fuer die
wahnsinnig grausame Misshandlung, die ihnen Fimbria wegen der mit Sulla
angeknuepften Verhandlungen zugefuegt hatte, nach Moeglichkeit durch Freibriefe
und Verguenstigungen entschaedigt. Die Koenige von Bithynien und Kappadokien
hatte Sulla schon in Dardanos mit dem pontischen Koenig zusammengefuehrt und sie
alle Frieden und gute Nachbarschaft geloben lassen; wobei freilich der stolze
Mithradates sich geweigert hatte, den nicht von koeniglichem Blute stammenden
Ariobarzanes, den Sklaven, wie er ihn nannte, persoenlich vor sich zu lassen.
Gaius Scribonius Curio ward beauftragt, in den beiden von Mithradates geraeumten
Reichen die Wiederherstellung der gesetzlichen Zustaende zu ueberwachen.
So war man am Ziel. Nach vier Kriegsjahren war der pontische Koenig wieder
ein Klient der Roemer und in Griechenland, Makedonien und Kleinasien ein
einheitliches und geordnetes Regiment wiederhergestellt; die Gebote des Vorteils
und der Ehre waren, wo nicht zur Genuege, doch zur Notdurft befriedigt. Sulla
hatte nicht bloss als Soldat und Feldherr glaenzend sich hervorgetan, sondern
die schwere Mittelstrasse zwischen kuehnem Ausharren und klugem Nachgeben auf
seinem von tausendfachen Hindernissen durchkreuzten Gange einzuhalten
verstanden. Fast wie Hannibal hatte er gekriegt und gesiegt, um mit den
Streitkraeften, die der erste Sieg ihm gab, alsbald zu einem zweiten und
schwereren Kampfe sich zu schicken. Nachdem er seine Soldaten durch die ueppigen
Winterquartiere in dem reichen Vorderasien einigermassen fuer ihre
ausgestandenen Strapazen entschaedigt hatte, ging er im Fruehjahr 671 (83) auf
1600 Schiffen von Ephesos nach dem Peiraeeus und von da auf dem Landweg nach
Patrae, wo die Schiffe wiederum bereit standen, um die Truppen nach Brundisium
zu fuehren. Ihm vorauf ging ein Bericht an den Senat ueber seine Feldzuege in
Griechenland und Asien, dessen Schreiber von seiner Absetzung nichts zu wissen
schien; es war die stumme Ankuendigung der bevorstehenden Restauration.
9. Kapitel
Cinna und Sulla
Die gespannten und unklaren Verhaeltnisse, in denen Sulla bei seiner
Abfahrt nach Griechenland im Anfang des Jahres 667 (87) Italien zurueckliess,
sind frueher dargelegt worden: die halb erstickte Insurrektion, die Hauptarmee
unter dem mehr als halb usurpierten Kommando eines politisch sehr zweideutigen
Generals, die Verwirrung und die vielfach taetige Intrige in der Hauptstadt. Der
Sieg der Oligarchie durch Waffengewalt hatte trotz oder wegen seiner Maessigung
vielfaeltige Missvergnuegte gemacht. Die Kapitalisten, von den Schlaegen der
schwersten Finanzkrise, die Rom noch erlebt hatte, schmerzlich getroffen,
grollten der Regierung wegen des Zinsgesetzes, das sie erlassen, und wegen des
Italischen und des Asiatischen Krieges, die sie nicht verhuetet hatte. Die
Insurgenten, soweit sie die Waffen niedergelegt, beklagten nicht bloss den
Verlust ihrer stolzen Hoffnungen auf Erlangung gleicher Rechte mit der
herrschenden Buergerschaft, sondern auch den ihrer althergebrachten Vertraege
und ihre neue voellig rechtlose Untertanenstellung. Die Gemeinden zwischen Alpen
und Po waren ebenfalls unzufrieden mit den ihnen gemachten halben
Zugestaendnissen und die Neubuerger und Freigelassenen erbittert durch die
Kassation der Sulpicischen Gesetze. Der Stadtpoebel litt unter der allgemeinen
Bedraengnis und fand es unerlaubt, dass das Saebelregiment sich die
verfassungsmaessige Knuettelherrschaft nicht ferner hatte wollen gefallen
lassen. Der hauptstaedtische Anhang der nach der Sulpicischen Umwaelzung
Geaechteten, der infolge der ungemeinen Maessigung Sullas sehr zahlreich
geblieben war, arbeitete eifrig daran, diesen die Erlaubnis zur Rueckkehr zu
erwirken; namentlich einige reiche und angesehene Frauen sparten fuer diesen
Zweck keine Muehe und kein Geld. Keine dieser Verstimmungen war eigentlich von
der Art, dass sie einen neuen gewaltsamen Zusammenstoss der Parteien in nahe
Aussicht stellte; groesstenteils waren sie zielloser und voruebergehender Art:
aber sie alle naehrten das allgemeine Missbehagen und hatten schon mehr oder
minder mitgewirkt bei der Ermordung des Rufus, den wiederholten Mordversuchen
gegen Sulla, dem zum Teil oppositionellen Ausfall der Konsul- und Tribunenwahlen
fuer 667 (87). Der Name des Mannes, den die Missvergnuegten an die Spitze des
Staats berufen hatten, des Lucius Cornelius Cinna, war bis dahin kaum genannt
worden, ausser insofern er als Offizier im Bundesgenossenkrieg sich gut
geschlagen hatte; ueber die Persoenlichkeit desselben und seine urspruenglichen
Absichten sind wir weniger unterrichtet als ueber die irgendeines andern
Parteifuehrers in der roemischen Revolution. Die Ursache ist allem Anschein nach
keine andere, als dass dieser ganz gemeine und durch den niedrigsten Egoismus
geleitete Gesell weitergehende politische Plaene von Haus aus gar nicht gehabt
hat. Es ward gleich bei seinem Auftreten behauptet, dass er gegen ein tuechtiges
Stueck Geld sich den Neubuergern und der Koterie des Marius verkauft habe, und
die Beschuldigung sieht sehr glaublich aus; waere sie aber auch falsch, so
bleibt es nichtsdestoweniger charakteristisch, dass ein derartiger Verdacht, wie
er nie gegen Saturninus und Sulpicius geaeussert worden war, an Cinna haftete.
In der Tat hat die Bewegung, an deren Spitze er sich stellte, ganz den Anschein
der Geringhaltigkeit sowohl der Beweggruende wie der Ziele. Sie ging nicht so
sehr von einer Partei aus als von einer Anzahl Missvergnuegter ohne eigentlich
politische Zwecke und nennenswerten Rueckhalt, die hauptsaechlich die
Rueckberufung der Verbannten in gesetzlicher oder ungesetzlicher Weise
durchzusetzen sich vorgenommen hatte. Cinna scheint in die Verschwoerung nur
nachtraeglich und nur deshalb hineingezogen zu sein, weil die Intrige, die
infolge der Beschraenkung der tribunizischen Gewalt zur Vorbringung ihrer
Antraege einen Konsul brauchte, unter den Konsularkandidaten fuer 667 (87) in
ihm das geeignetste Werkzeug ersah und dann ihn als den Konsul vorschob. Unter
den in zweiter Linie erscheinenden Leitern der Bewegung fanden sich einige
faehigere Koepfe, so der Volkstribun Gnaeus Papirius Carbo, der durch seine
stuermische Volksberedsamkeit sich einen Namen gemacht hatte, und vor allem
Quintus Sertorius, einer der talentvollsten roemischen Offiziere und in jeder
Hinsicht ein vorzueglicher Mann, welcher seit seiner Bewerbung um das
Volkstribunat mit Sulla persoenlich verfeindet und durch diesen Hader in die
Reihen der Missvergnuegten gefuehrt worden war, wohin er seiner Art nach
keineswegs gehoerte. Der Prokonsul Strabo, obwohl mit der Regierung gespannt,
war dennoch weit entfernt, mit dieser Fraktion sich einzulassen.
Solange Sulla in Italien stand, hielten die Verbuendeten aus guten Gruenden
sich still. Als indes der gefuerchtete Prokonsul, nicht den Mahnungen des
Konsuls Cinna, sondern dem dringenden Stand der Dinge im Osten nachgebend, sich
eingeschifft hatte, legte Cinna, unterstuetzt von der Majoritaet des
Tribunenkollegiums, sofort die Gesetzentwuerfe vor, wodurch man uebereingekommen
war, gegen die Sullanische Restauration von 666 (88) teilweise zu reagieren; sie
enthielten die politische Gleichstellung der Neubuerger und der Freigelassenen,
wie Sulpicius sie beantragt hatte, und die Wiedereinsetzung der infolge der
Sulpicischen Revolution Geaechteten in den vorigen Stand. In Masse stroemten die
Neubuerger nach der Hauptstadt, um dort mit den Freigelassenen zugleich die
Gegner einzuschuechtern und noetigenfalls zu zwingen. Aber auch die
Regierungspartei war entschlossen, nicht zu weichen; es stand Konsul gegen
Konsul, Gnaeus Octavius gegen Lucius Cinna, und Tribun gegen Tribun; beiderseits
erschien man am Tage der Abstimmung grossenteils bewaffnet auf dem Stimmplatz.
Die Tribune von der Senatspartei legten Interzession ein; als gegen sie auf der
Rednerbuehne selbst die Schwerter gezueckt wurden, brauchte Octavius gegen die
Gewalttaeter Gewalt. Seine geschlossenen Haufen bewaffneter Maenner saeuberten
nicht bloss die Heilige Strasse und den Marktplatz, sondern wueteten auch, der
Befehle ihres milder gesinnten Fuehrers nicht achtend, in grauenhafter Weise
gegen die versammelten Massen. Der Marktplatz schwamm in Blut an diesem
"Octaviustag", wie niemals vor- oder nachher - auf zehntausend schaetzte man die
Zahl der Leichen. Cinna rief die Sklaven auf, sich durch Teilnahme an dem Kampf
die Freiheit zu erkaufen; aber sein Ruf war ebenso erfolglos wie der gleiche des
Marius das Jahr zuvor, und es blieb den Fuehrern der Bewegung nichts uebrig, als
zu fluechten. Weiter gegen die Haeupter der Verschwoerung, solange ihr Amtsjahr
lief, zu verfahren gab die Verfassung kein Mittel an die Hand. Allein ein
vermutlich mehr loyaler als frommer Prophet hatte geweissagt, dass die
Verbannung des Konsuls Cinna und der sechs mit ihm haltenden Volkstribune dem
Lande Frieden und Ruhe wiedergeben werde; und in Gemaessheit zwar nicht der
Verfassung, aber wohl dieses gluecklich von den Orakelbewahrern aufgefangenen
Goetterratschlags wurde durch Beschluss des Senats der Konsul Cinna seines Amtes
entsetzt, an seiner Stelle Lucius Cornelius Merula gewaehlt und gegen die
fluechtigen Haeupter die Acht ausgesprochen. Die ganze Krise schien damit
endigen zu sollen, dass die Zahl der ausgetretenen Maenner in Numidien um einige
Koepfe sich vermehrte.
Ohne Zweifel waere auch bei der Bewegung nichts weiter herausgekommen, wenn
nicht teils der Senat in seiner gewoehnlichen Schlaffheit es unterlassen haette,
die Fluechtlinge rasch wenigstens zur Raeumung Italiens zu noetigen, teils diese
in der Lage gewesen waeren, zu ihren Gunsten als der Verfechter der Emanzipation
der Neubuerger gewissermassen den Aufstand der Italiker zu erneuern. Ungehindert
erschienen sie in Tibur, in Praeneste, in allen bedeutenden Neubuergergemeinden
Latiums und Kampaniens und forderten und erhielten ueberall zur Durchfuehrung
der gemeinschaftlichen Sache Geld und Mannschaft. So unterstuetzt zeigten sie
sich bei der Belagerungsarmee von Nola. Die Heere dieser Zeit waren demokratisch
und revolutionaer gesinnt, wo immer nicht der Feldherr durch seine imponierende
Persoenlichkeit sie an sich selber fesselte; die Reden der fluechtigen Beamten,
die ueberdies zum Teil, wie namentlich Cinna und Sertorius, aus den letzten
Feldzuegen in gutem Andenken bei den Soldaten standen, machten tiefen Eindruck;
die verfassungswidrige Absetzung des popularen Konsuls, der Eingriff des Senats
in die Rechte des souveraenen Volkes wirkten auf den gemeinen Mann, und den
Offizieren machte das Gold des Konsuls oder vielmehr der Neubuerger den
Verfassungsbruch deutlich. Das kampanische Heer erkannte den Cinna als Konsul an
und schwor ihm Mann fuer Mann den Eid der Treue; es ward der Kern fuer die von
den Neubuergern und selbst den bundesgenoessischen Gemeinden herbeistroemenden
Scharen. Bald bewegten ansehnliche, wenn auch meistens aus Rekruten bestehende
Haufen sich von Kampanien auf die Hauptstadt zu. Andere Schwaerme nahten ihr von
Norden. Auf Cinnas Einladung waren die das Jahr zuvor Verbannten bei Telamon an
der etruskischen Kueste gelandet. Es waren nicht mehr als etwa 500 Bewaffnete,
groesstenteils Sklaven der Fluechtlinge und geworbene numidische Reiter; aber
Gaius Marius, wie er das Jahr zuvor mit dem hauptstaedtischen Gesindel hatte
Gemeinschaft machen wollen, liess jetzt die Zwinghaeuser erbrechen, in denen die
Gutsbesitzer dieser Gegend ihre Feldarbeiter zur Nachtzeit einschlossen, und die
Waffen, die er diesen bot, um sich die Freiheit zu erfechten, wurden nicht
verschmaeht. Durch diese Mannschaft und die Zuzuege der Neubuerger sowie der von
allen Seiten mit ihrem Anhang herbeistroemenden landfluechtigen Leute
verstaerkt, zaehlte er bald 6000 Mann unter seinen Adlern und konnte vierzig
Schiffe bemannen, die sich vor die Tibermuendung legten und auf die nach Rom
segelnden Getreideschiffe Jagd machten. Mit diesen stellte er sich dem "Konsul"
Cinna zur Verfuegung. Die Fuehrer der kampanischen Armee schwankten; die
einsichtigeren, namentlich Sertorius, warnten ernstlich vor der allzuengen
Gemeinschaft mit einem Manne, der durch seinen Namen an die Spitze der Bewegung
gefuehrt werden musste und doch notorisch ebenso jedes staatsmaennischen
Handelns unfaehig wie von wahnsinnigem Rachedurst gepeinigt war; indes Cinna
achtete diese Bedenklichkeiten nicht und bestaetigte dem Marius den Oberbefehl
in Etrurien und zur See mit prokonsularischer Gewalt.
So zog sich das Gewitter um die Hauptstadt zusammen, und es konnte nicht
laenger verschoben werden, zu ihrem Schutz die Regierungstruppen heranzuziehen
^1. Aber die Streitkraefte des Metellus wurden in Samnium und vor Nola durch die
Italiker festgehalten; Strabo allein war imstande, der Hauptstadt zu Hilfe zu
eilen. Er erschien auch und schlug sein Lager am Collinischen Tor; mit seiner
starken und krieggewohnten Armee waere er wohl imstande gewesen, die noch
schwachen Insurgentenhaufen rasch und voellig zu vernichten; allein dies schien
nicht in seiner Absicht zu liegen. Vielmehr liess er es geschehen, dass Rom von
den Insurgenten in der Tat umstellt ward. Cinna mit seinem Korps und dem des
Carbo stellten sich am rechten Tiberufer dem Ianiculum gegenueber auf, Sertorius
am linken, Pompeius gegenueber gegen den Servianischen Wall zu. Marius, mit
seinem allmaehlich auf drei Legionen angewachsenen Haufen und im Besitz einer
Anzahl von Kriegsschiffen, besetzte einen Kuestenplatz nach dem andern, bis
zuletzt sogar Ostia durch Verrat in seine Gewalt kam und, gleichsam zum Vorspiel
der herannahenden Schreckensherrschaft, der wilden Bande von dem Feldherrn zu
Mord und Pluenderung preisgegeben ward. Die Hauptstadt schwebte, schon durch die
blosse Hemmung des Verkehrs, in grosser Gefahr; auf Befehl des Senats wurden
Mauern und Tore in Verteidigungszustand gesetzt und das Buergeraufgebot auf das
Ianiculum befehligt. Strabos Untaetigkeit erregte bei Vornehmen und Geringen
gleichmaessig Befremden und Entruestung. Der Verdacht, dass er mit Cinna
insgeheim unterhandle, lag nahe, war indes wahrscheinlich unbegruendet; ein
ernstliches Gefecht, das er dem Haufen des Sertorius lieferte, und die
Unterstuetzung, die er dem Konsul Octavius gewaehrte, als Marius durch
Einverstaendnis mit einem der Offiziere der Besatzung in das Ianiculum
eingedrungen war, und durch die es in der Tat gelang, die Insurgenten mit
starkem Verlust wieder hinauszuschlagen, bewiesen es, dass er nichts weniger
beabsichtigte, als sich den Insurgentenfuehrern anzuschliessen oder vielmehr
unterzuordnen. Vielmehr scheint seine Absicht gewesen zu sein, der geaengsteten
hauptstaedtischen Regierung und Buergerschaft seinen Beistand gegen die
Insurrektion um den Preis des Konsulats fuer das naechste Jahr zu verkaufen und
damit das Heft des Regiments selber in die Haende zu bekommen. Der Senat war
indes nicht geneigt, um dem einen Usurpator zu entgehen, sich dem andern in die
Arme zu werfen, und suchte sich anderweitig zu helfen. Den saemtlichen, an dem
Aufstand der Bundesgenossen beteiligten italischen Gemeinden, die die Waffen
niedergelegt und infolgedessen ihr altes Buendnis eingebuesst hatten, wurde
durch Senatsbeschluss nachtraeglich das Buergerrecht verliehen 2. Es schien
gleichsam offiziell konstatiert werden zu sollen, dass Rom in dem Krieg gegen
die Italiker seine Existenz nicht um eines grossen Zweckes, sondern um der
eigenen Eitelkeit willen eingesetzt hatte: in der ersten augenblicklichen
Verlegenheit wurde, um ein paar tausend Soldaten mehr auf die Beine zu bringen,
alles aufgeopfert, was in dem Bundesgenossenkrieg um so fuerchterlich teuren
Preis errungen worden war. In der Tat kamen auch Truppen aus den Gemeinden,
denen diese Nachgiebigkeit zugute kam; aber statt der versprochenen vielen
Legionen betrug ihr Zuzug im ganzen nicht mehr als hoechstens zehntausend Mann.
Wichtiger noch waere es gewesen, mit den Samniten und Nolanern zu einem Abkommen
zu gelangen, um die Truppen des durchaus zuverlaessigen Metellus zum Schutze der
Hauptstadt verwenden zu koennen. Allein die Samniten stellten Forderungen, die
an das Caudinische Joch erinnerten: Rueckgabe des den Samniten abgenommenen
Beuteguts und ihrer Gefangenen und Ueberlaeufer; Verzicht auf die
samnitischerseits den Roemern entrissene Beute; Bewilligung des Buergerrechts an
die Samniten selbst sowie an die zu ihnen uebergetretenen Roemer. Der Senat
verwarf selbst in dieser Not so entehrende Friedensbedingungen, wies aber den
noch den Metellus an, mit Zuruecklassung einer kleinen Abteilung alle im
suedlichen Italien irgend entbehrlichen Truppen schleunigst selber nach Rom zu
fuehren. Er gehorchte; aber die Folge war, dass die Samniten den gegen sie
zurueckgelassenen Legaten des Metellus Plautius mit seinem schwachen Haufen
angriffen und schlugen, dass die nolanische Besatzung ausrueckte und die
benachbarte, mit Rom verbuendete Stadt Abella in Brand steckte; dass ferner
Cinna und Marius den Samniten alles bewilligten, was sie begehrten - was lag
ihnen an roemischer Ehre! -und samnitischer Zuzug die Reihen der Insurgenten
verstaerkte. Ein empfindlicher Verlust war es auch, dass nach einem fuer die
Regierungstruppen ungluecklichen Gefecht Ariminum von den Insurgenten besetzt
und dadurch die wichtige Verbindung zwischen Rom und dem Potal, von wo
Mannschaft und Zufuhren erwartet wurden, unterbrochen ward. Mangel und Hunger
stellten sich ein. Die grosse volkreiche, stark mit Truppen besetzte Stadt war
nur ungenuegend mit Vorraeten versehen; und namentlich Marius liess es sich
angelegen sein, ihr die Zufuhr mehr und mehr abzuschneiden. Schon frueher hatte
er den Tiber durch eine Schiffbruecke gesperrt; jetzt brachte er durch die
Eroberung von Antium, Lanuvium, Aricia und anderen Ortschaften die noch offenen
Landverbindungswege in seine Gewalt und kuehlte zugleich vorlaeufig seine Rache,
indem er, wo immer Gegenwehr geleistet worden war, die gesamte Buergerschaft mit
Ausnahme derer, die etwa die Stadt ihm verraten hatten, ueber die Klinge
springen liess. Ansteckende Krankheiten waren die Folge der Not und raeumten in
den dicht um die Hauptstadt zusammengedraengten Heermassen fuerchterlich auf von
Strabos Veteranenheer sollen 11000, von den Truppen des Octavius 6000 Mann
denselben erlegen sein. Dennoch verzweifelte die Regierung nicht; und ein
glueckliches Ereignis fuer sie war Strabos ploetzlicher Tod. Er starb an der
Pest 3; die aus vielen Gruenden gegen ihn erbitterten Massen rissen seinen
Leichnam von der Bahre und schleiften ihn durch die Strassen. Was von seinen
Truppen uebrig war, vereinigte der Konsul Octavius mit seiner Armee. Nach
Metellus' Eintreffen und Strabos Abscheiden war die Regierungsarmee wieder ihren
Gegnern wenigstens gewachsen und konnte am Albaner Gebirge gegen die Insurgenten
zum Kampfe sich stellen. Allein die Gemueter der Regierungssoldaten waren tief
erschuettert; als Cinna ihnen gegenueber erschien, empfingen sie ihn mit Zuruf,
als waere er noch ihr Feldherr und Konsul; Metellus fand es geraten, es nicht
auf die Schlacht ankommen zu lassen, sondern die Truppen in das Lager
zurueckzufuehren. Die Optimaten selbst wurden unsicher und unter sich uneins.
Waehrend eine Partei, an ihrer Spitze der ehrenwerte, aber stoerrige und
kurzsichtige Konsul Octavius, sich beharrlich gegen jede Nachgiebigkeit setzte,
versuchte der kriegskundigere und verstaendigere Metellus einen Vergleich
zustande zu bringen; aber seine Zusammenkunft mit Cinna erregte den Zorn der
Ultras beider Parteien: Cinna hiess dem Marius ein Schwaechling, Metellus dem
Octavius ein Verraeter. Die Soldaten, ohnehin verstoert und nicht ohne Ursache
der Fuehrung des unerprobten Octavius misstrauend, sannen Metellus an, den
Oberbefehl zu uebernehmen, und begannen, da dieser sich weigerte, haufenweise
die Waffen wegzuwerfen oder gar zum Feind zu desertieren. Die Stimmung der
Buergerschaft wurde taeglich gedrueckter und schwieriger. Auf den Ruf der
Herolde Cinnas, dass den ueberlaufenden Sklaven die Freiheit zugesichert sei,
stroemten dieselben scharenweise aus der Hauptstadt in das feindliche Lager. Dem
Vorschlage aber, dass der Senat den Sklaven, die in das Heer eintreten wuerden,
die Freiheit zusichern solle, widersetzte Octavius sich entschieden. Die
Regierung konnte es sich nicht verbergen, dass sie geschlagen war und dass
nichts uebrig blieb, als mit den Fuehrern der Bande womoeglich ein Abkommen zu
treffen, wie der ueberwaeltigte Wanderer es trifft mit dem Raeuberhauptmann.
Boten gingen an Cinna; allein da sie toerichterweise Schwierigkeiten machten,
ihn als Konsul anzuerkennen und Cinna waehrend dieser Weiterungen sein Lager
hart vor die Stadttore verlegte, so griff das Ueberlaufen so sehr um sich, dass
es nicht mehr moeglich war, irgendwelche Bedingungen festzusetzen, sondern der
Senat sich einfach dem in die Acht erklaerten Konsul unterwarf, indem er nur die
Bitte hinzufuegte, des Blutvergiessens sich zu enthalten. Cinna sagte es zu,
aber weigerte sich, sein Versprechen eidlich zu bekraeftigen; Marius, ihm zur
Seite den Verhandlungen beiwohnend, verharrte in finsterem Schweigen.
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^1 Die ganze folgende Darstellung beruht wesentlich auf dem neu
aufgefundenen Bericht des Licinianus, der eine Anzahl frueher unbekannter
Tatsachen mitteilt und vor allem die Folge und Verknuepfung dieser Vorgaenge
deutlicher, als bisher moeglich war, erkennen laesst.
2 3, 258. Dass eine Bestaetigung durch die Komitien nicht stattfand, geht
aus Cic. Phil. 12, 11, 27 hervor. Der Senat scheint sich der Form bedient zu
haben, die Frist des Plautisch-Papirischen Gesetzes einfach zu verlaengern, was
ihm nach Herkommen freistand und tatsaechlich hinauslief auf Erteilung des
Buergerrechts an alle Italiker.
3 Adflatus sidere wie Livius (nach Obsequens 56) sagt, heisst "von der Pest
ergriffen" (Petr. 2; Plin. nat. 2, 41, 108; Liv. 8, 9, 12), nicht "vom Blitz
getroffen", wie die Spaeteren es missverstanden haben.
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Die Tore der Hauptstadt oeffneten sich. Der Konsul zog ein mit seinen
Legionen; aber Marius, spoettisch erinnernd an das Achtgesetz, weigerte sich,
die Stadt zu betreten, bevor das Gesetz es ihm gestatte, und eilig versammelten
sich die Buerger auf dem Markt, um den kassierenden Beschluss zu fassen. So kam
er denn und mit ihm die Schreckensherrschaft. Es war beschlossen, nicht einzelne
Opfer auszuwaehlen, sondern die namhaften Maenner der Optimatenpartei saemtlich
niedermachen zu lassen und ihre Gueter einzuziehen. Die Tore wurden gesperrt;
fuenf Tage und fuenf Naechte waehrte unausgesetzt die Schlaechterei; einzelne
Entkommene oder Vergessene wurden auch nachher noch taeglich erschlagen und
monatelang ging die Blutjagd durch ganz Italien. Der Konsul Gnaeus Octavius war
das erste Opfer. Seinem oft ausgesprochenen Grundsatz getreu, lieber den Tod zu
leiden als den rechtlosen Leuten das geringste Zugestaendnis zu machen, weigerte
er auch jetzt sich zu fliehen, und im konsularischen Schmuck harrte er auf dem
Ianiculum des Moerders, der nicht lange saeumte. Es starben Lucius Caesar
(Konsul 644 90), der gefeierte Sieger von Acerrae; sein Bruder Gaius, dessen
unzeitiger Ehrgeiz den Sulpicischen Tumult heraufbeschworen hatte, bekannt als
Redner und Dichter und als liebenswuerdiger Gesellschafter; Marcus Antonius
(Konsul 665 99), nach dem Tode des Lucius Crassus unbestritten der erste
Sachwalter seiner Zeit; Publius Crassus (Konsul 657 97), der im Spanischen und
im Bundesgenossenkrieg und noch waehrend der Belagerung Roms mit Auszeichnung
kommandiert hatte: ueberhaupt eine Menge der angesehensten Maenner der
Regierungspartei, unter denen von den gierigen Haeschern namentlich die reichen
mit besonderem Eifer verfolgt wurden. Jammervoll vor allen schien der Tod des
Lucius Merula, der sehr wider seinen Wunsch Cinnas Nachfolger geworden war und
nun deswegen peinlich angeklagt und vor die Komitien geladen, um der
unvermeidlichen Verurteilung zuvorzukommen, sich die Adern oeffnete und am Altar
des Hoechsten Jupiter, dessen Priester er war, nach Ablegung der priesterlichen
Kopfbinde, wie es die religioese Pflicht des sterbenden Flamen mit sich brachte,
den Geist aushauchte; und mehr noch der Tod des Quintus Catulus (Konsul 652
102), einst in besseren Tagen in dem herrlichsten Sieg und Triumph der Gefaehrte
desselben Marius, der jetzt fuer die flehenden Verwandten seines alten Kollegen
keine andere Antwort hatte als den einsilbigen Bescheid: "Er muss sterben!" Der
Urheber all dieser Untaten war Gaius Marius. Er bezeichnete die Opfer und die
Henker - nur ausnahmsweise ward, wie gegen Merula und Catulus, eine Rechtsform
beobachtet; nicht selten war ein Blick oder das Stillschweigen, womit er die
Begruessenden empfing, das Todesurteil, das stets sofort vollstreckt ward.
Selbst mit dem Tode des Opfers ruhte seine Rache nicht; er verbot, die Leichen
zu bestatten; er liess - worin freilich Sulla ihm vorangegangen war - die Koepfe
der getoeteten Senatoren an die Rednerbuehne auf dem Marktplatz heften; einzelne
Leichen liess er ueber den Markt schleifen, die des Gaius Caesar an der
Grabstaette des vermutlich einst von Caesar angeklagten Quintus Varius noch
einmal durchbohren; er umarmte oeffentlich den Menschen, der ihm, waehrend er
bei Tafel sass, den Kopf des Antonius ueberreichte, den selber in seinem
Versteck aufzusuchen und mit eigener Hand umzubringen er kaum hatte abgehalten
werden koennen. Hauptsaechlich seine Sklavenlegionen, namentlich eine Abteilung
Ardyaeer, dienten ihm als Schergen und versaeumten nicht, in diesen Saturnalien
ihrer neuen Freiheit die Haeuser ihrer ehemaligen Herren zu pluendern und was
ihnen darin vorkam, zu schaenden und zu morden. Seine eigenen Genossen waren in
Verzweiflung ueber dieses wahnsinnige Wueten; Sertorius beschwor den Konsul,
demselben um jeden Preis Einhalt zu tun, und auch Cinna war erschrocken. Aber in
Zeiten, wie diese waren, wird der Wahnsinn selbst eine Macht; man stuerzt sich
in den Abgrund, um vor dem Schwindel sich zu retten. Es war nicht leicht, dem
rasenden alten Mann und seiner Bande in den Arm zu fallen, und am wenigsten
Cinna hatte den Mut dazu; er waehlte den Marius vielmehr fuer das naechste Jahr
zu seinem Kollegen im Konsulat. Das Schreckensregiment terrorisierte die
gemaessigteren Sieger nicht viel weniger als die geschlagene Partei; nur die
Kapitalisten waren nicht unzufrieden damit, dass eine fremde Hand sich dazu
herlieh, die stolzen Oligarchen einmal gruendlich zu demuetigen, und zugleich
infolge der umfassenden Konfiskationen und Versteigerungen der beste Teil der
Beute an sie kam - sie erwarben in diesen Schreckenszeiten bei dem Volke sich
den Beinamen der "Einsaeckler".
Dem Urheber dieses Terrorismus, dem alten Gaius Marius, hatte also das
Verhaengnis seine beiden hoechsten Wuensche gewaehrt. Er hatte Rache genommen an
der ganzen vornehmen Meute, die ihm seine Siege vergaellt, seine Niederlagen
vergiftet hatte; er hatte jeden Nadelstich mit einem Dolchstich vergelten
koennen. Er trat ferner das neue Jahr noch einmal an als Konsul; das Traumbild
des siebenten Konsulates, das der Orakelspruch ihm zugesichert, nach dem er seit
dreizehn Jahren gegriffen hatte, war nun wirklich geworden. Was er wuenschte,
hatten die Goetter ihm gewaehrt; aber auch jetzt noch, wie in der alten
Sagenzeit, uebten sie die verhaengnisvolle Ironie, den Menschen zu verderben
durch die Erfuellung seiner Wuensche. In seinen ersten Konsulaten der Stolz, im
sechsten das Gespoett seiner Mitbuerger, stand er jetzt im siebenten belastet
mit dem Fluche aller Parteien, mit dem Hass der ganzen Nation; er, der von Haus
aus rechtliche, tuechtige, kernbrave Mann, gebrandmarkt als das wahnwitzige
Oberhaupt einer ruchlosen Raeuberbande. Er selbst schien es zu fuehlen. Wie im
Taumel vergingen ihm die Tage, und des Nachts versagte ihm seine Lagerstatt die
Ruhe, so dass er zum Becher griff, um nur sich zu betaeuben. Ein hitziges Fieber
ergriff ihn; nach siebentaegigem Krankenlager, in dessen wilden Phantasien er
auf den kleinasiatischen Gefilden die Schlachten schlug, deren Lorbeer Sulla
bestimmt war, am 13. Januar 668 (86) war er eine Leiche. Er starb, ueber siebzig
Jahr alt, im Vollbesitz dessen, was er Macht und Ehre nannte, und in seinem
Bette; aber die Nemesis ist mannigfaltig und suehnt nicht immer Blut mit Blut.
Oder war es etwa keine Vergeltung, dass Rom und Italien bei der Nachricht von
dem Tode des gefeierten Volkserretters jetzt aufatmeten wie kaum bei der Kunde
von der Schlacht auf dem Raudischen Feld?
Auch nach seinem Tode zwar kamen einzelne Auftritte vor, die an die
Schreckenszeit erinnerten; so machte zum Beispiel Gaius Fimbria, der wie kein
anderer bei den Marianischen Schlaechtereien seine Hand in Blut getaucht hatte,
bei dem Leichenbegaengnis des Marius selbst einen Versuch, den allgemein
verehrten und selbst von Marius verschonten Oberpontifex Quintus Scaevola
(Konsul 659 95) umzubringen und klagte dann, als derselbe von der empfangenen
Wunde genas, ihn peinlich an, wegen des Verbrechens, wie er scherzhaft sich
ausdrueckte, dass er sich nicht habe wollen ermorden lassen. Aber die Orgien des
Mordens waren doch vorueber. Unter dem Vorwand der Soldzahlung rief Sertorius
die Marianischen Banditen zusammen, umzingelte sie mit seinen zuverlaessigen
keltischen Truppen und liess sie, nach den geringsten Angaben 4000 an der Zahl,
saemtlich niederhauen.
Mit dem Schreckensregiment zugleich war die Tyrannis gekommen. Cinna stand
nicht bloss vier Jahre nacheinander (667-670 87-84) als Konsul an der Spitze des
Staats, sondern er ernannte auch regelmaessig sich und seine Kollegen, ohne das
Volk zu befragen; es war, als ob diese Demokraten die souveraene
Volksversammlung mit absichtlicher Geringschaetzung beiseite schoeben. Kein
anderes Haupt der Popularpartei vor- oder nachher hat eine so vollkommen
absolute Gewalt in Italien wie in dem groessten Teil der Provinzen so lange Zeit
hindurch fast ungestoert besessen wie Cinna; aber es ist auch keiner zu nennen,
dessen Regiment so vollkommen nichtig und ziellos gewesen waere. Man nahm
natuerlich das von Sulpicius und spaeter von Cinna selbst beantragte, den
Neubuergern und den Freigelassenen gleiches Stimmrecht mit den Altbuergern
zusichernde Gesetz wieder auf und liess dasselbe durch einen Senatsbeschluss
foermlich als zu Recht bestehend bestaetigen (670 84). Man ernannte Zensoren
(668 86), um demgemaess saemtliche Italiker in die fuenfunddreissig
Buergerbezirke zu verteilen - eine seltsame Fuegung dabei war es, dass infolge
des Mangels von faehigen Kandidaten zur Zensur derselbe Philippus, der als
Konsul 663 (91) hauptsaechlich den Plan des Drusus, den Italikern das Stimmrecht
zu verleihen, hatte scheitern machen, jetzt dazu ausersehen ward, sie als Zensor
in die Buergerrollen einzuschreiben. Man stiess natuerlich die von Sulla im
Jahre 666 (88) begruendeten reaktionaeren Institutionen um. Man tat einiges, um
dem Proletariat sich gefaellig zu erweisen - so wurden wahrscheinlich die vor
einigen Jahren eingefuehrten Beschraenkungen der Getreideverteilung jetzt
wiederum beseitigt; so wurde nach dem Vorschlag des Volkstribuns Marcus Iunius
Brutus die von Gaius Gracchus beabsichtigte Koloniegruendung in Capua im
Fruehjahr 671 (83) in der Tat ins Werk gesetzt; so veranlasste Lucius Valerius
Flaccus der Juengere ein Schuldgesetz, das jede Privatforderung auf den vierten
Teil ihres Nominalbetrags herabsetzte und drei Viertel zu Gunsten der Schuldner
kassierte. Diese Massregeln aber, die einzigen konstitutiven waehrend des ganzen
Cinnanischen Regiments, sind ohne Ausnahme vom Augenblick diktiert; es liegt -
und vielleicht ist dies das Entsetzlichste bei dieser ganzen Katastrophe -
derselben nicht etwa ein verkehrter, sondern gar kein politischer Plan zu
Grunde. Man liebkoste den Poebel und verletzte ihn zugleich in hoechst
unnoetiger Weise durch zwecklose Missachtung der verfassungsmaessigen
Wahlordnung. Man konnte an der Kapitalistenpartei einen Halt finden und
schaedigte sie aufs empfindlichste durch das Schuldgesetz. Die eigentliche
Stuetze des Regiments waren - durchaus ohne dessen Zutun - die Neubuerger; man
liess sich ihren Beistand gefallen, aber es geschah nichts, um die seltsame
Stellung der Samniten zu regeln, die dem Namen nach jetzt roemische Buerger
waren, aber offenbar tatsaechlich ihre landschaftliche Unabhaengigkeit als den
eigentlichen Zweck und Preis des Kampfes betrachteten und diese gegen all und
jeden zu verteidigen in Waffen blieben. Man schlug die angesehenen Senatoren tot
wie tolle Hunde; aber nicht das geringste ward getan, um den Senat im Interesse
der Regierung zu reorganisieren oder auch nur dauernd zu terrorisieren, so dass
dieselbe auch seiner keineswegs sicher war. So hatte Gaius Gracchus den Sturz
der Oligarchie nicht verstanden, dass der neue Herr sich auf seinem
selbstgeschaffenen Thron verhalten koenne, wie es legitime Nullkoenige zu tun
belieben. Aber diesen Cinna hatte nicht sein Wollen, sondern der reine Zufall
emporgetragen; war es ein Wunder, dass er blieb, wo die Sturmflut der Revolution
ihn hingespuelt hatte, bis eine zweite Sturmflut kam, ihn wiederfortzuschwemmen?
Dieselbe Verbindung der gewaltigsten Machtfuelle mit der vollstaendigsten
Impotenz und Inkapazitaet der Machthaber zeigte die Kriegfuehrung der
revolutionaeren Regierung gegen die Oligarchie, an der denn doch zunaechst ihre
Existenz hing. In Italien gebot sie unumschraenkt. Unter den Altbuergern war ein
sehr grosser Teil grundsaetzlich demokratisch gesinnt; die noch groessere Masse
der ruhigen Leute missbilligte zwar die Marianischen Greuel, sahen aber in einer
oligarchischen Restauration nichts als die Eroeffnung eines zweiten
Schreckensregiments der entgegengesetzten Partei. Der Eindruck der Untaten des
Jahres 667 (87) auf die Nation insgesamt war verhaeltnismaessig gering gewesen,
da sie vorwiegend doch nur die hauptstaedtische Aristokratie betroffen hatten,
und ward ueberdies einigermassen ausgeloescht durch das darauffolgende
dreijaehrige, leidlich ruhige Regiment. Die gesamte Masse der Neubuerger
endlich, vielleicht drei Fuenftel der Italiker, stand entschieden wo nicht fuer
die gegenwaertige Regierung, doch gegen die Oligarchie.
Gleich Italien hielten zu jener die meisten Provinzen: Sizilien, Sardinien,
beide Gallien, beide Spanien. In Africa machte Quintus Metellus, der den
Moerdern gluecklich entkommen war, einen Versuch, diese Provinz fuer die
Optimaten zu halten; zu ihm begab sich aus Spanien Marcus Crassus, der juengste
Sohn des in dem Marianischen Blutbad umgekommenen Publius Crassus, und
verstaerkte ihn durch einen in Spanien zusammengebrachten Haufen. Allein sie
mussten, da sie sich untereinander entzweiten, dem Statthalter der
revolutionaeren Regierung, Gaius Fabius Hadrianus, weichen. Asien war in den
Haenden Mithradats; somit blieb als einzige Freistatt der verfemten Oligarchie
die Provinz Makedonien, soweit sie in Sullas Gewalt war. Dorthin retteten sich
Sullas Gemahlin und Kinder, die mit Muehe dem Tode entgangen waren, und nicht
wenige entkommene Senatoren, so dass bald in seinem Hauptquartier eine Art von
Senat sich bildete. An Dekreten gegen den oligarchischen Prokonsul liess es die
Regierung nicht fehlen. Sulla ward durch die Komitien seines Kommandos und
seiner sonstigen Ehren und Wuerden entsetzt und geaechtet, wie das in gleicher
Weise auch gegen Metellus, Appius Claudius und andere angesehene Fluechtlinge
geschah; sein Haus in Rom wurde geschleift, seine Landgueter verwuestet. Indes
damit freilich war die Sache nicht erledigt. Haette Gaius Marius laenger gelebt,
so waere er ohne Zweifel selbst gegen Sulla dorthin marschiert, wohin noch auf
seinem Todbette die Fieberbilder ihn fuehrten; welche Massregeln nach seinem
Tode die Regierung ergriff, ward schon erzaehlt. Lucius Valerius Flaccus der
juengere 4, der nach Marius' Tode das Konsulat und das Kommando im Osten
uebernahm (668 86), war weder Soldat noch Offizier, sein Begleiter Gaius Fimbria
nicht unfaehig, aber unbotmaessig, das ihnen mitgegebene Heer schon der Zahl
nach dreifach schwaecher als die Sullanische Armee. Man vernahm nacheinander,
dass Flaccus, um nicht von Sulla erdrueckt zu werden, an ihm vorueber nach Asien
abgezogen sei (668 86), dass Fimbria ihn beseitigt und sich selbst an seine
Stelle gesetzt habe (Anfang 669 85), dass Sulla Frieden geschlossen habe mit
Mithradates (669/70 85/84). Bis dahin hatte Sulla den in der Hauptstadt
regierenden Behoerden gegenueber geschwiegen; jetzt lief ein Schreiben von ihm
an den Senat ein, worin er die Beendigung des Krieges berichtete und seine
Rueckkehr nach Italien ankuendigte; die den Neubuergern erteilten Rechte werde
er achten; Strafexekutionen seien zwar unvermeidlich, allein sie wuerden nicht
die Massen, sondern die Urheber treffen. Diese Ankuendigung schreckte Cinna aus
seiner Untaetigkeit auf; wenn er bisher nichts gegen Sulla getan hatte, als dass
einige Mannschaft unter die Waffen gestellt und eine Anzahl Schiffe im
Adriatischen Meere versammelt worden war, so beschloss er jetzt, schleunigst
nach Griechenland ueberzugehen. Aber andererseits weckte Sullas Schreiben, das
den Umstaenden nach aeusserst gemaessigt zu nennen war, in der Mittelpartei
Hoffnungen auf eine friedliche Ausgleichung. Die Majoritaet des Senats beschloss
nach dem Vorschlag des aelteren Flaccus, einen Suehneversuch einzuleiten und zu
dem Ende Sulla aufzufordern, sich unter Verbuergung sicheren Geleits in Italien
einzufinden, die Konsuln Cinna und Carbo aber zu veranlassen, bis zum Eingang
von Sullas Antwort die Ruestungen einzustellen. Sulla wies die Vorschlaege nicht
unbedingt von der Hand; er kam zwar natuerlich nicht selbst, aber liess durch
Boten erklaeren, dass er nichts fordere als Wiedereinsetzung der Verbannten in
den vorigen Stand und gerichtliche Bestrafung der begangenen Verbrechen,
Sicherheit uebrigens nicht geleistet begehre, sondern denen daheim zu bringen
gedenke. Seine Abgesandten fanden den Stand der Dinge in Italien wesentlich
veraendert. Cinna hatte, ohne um jenen Senatsbeschluss sich weiter zu
bekuemmern, sofort nach aufgehobener Sitzung sich zum Heer begeben und die
Einschiffung desselben betrieben. Die Aufforderung, in der boesen Jahreszeit
sich dem Meer anzuvertrauen, rief unter den schon schwierigen Truppen im
Hauptquartier zu Ancona eine Meuterei hervor, deren Opfer Cinna ward (Anfang 670
84), worauf sein Kollege Carbo sich genoetigt sah, die schon uebergegangenen
Abteilungen zurueckzufuehren und, auf das Aufnehmen des Krieges in Griechenland
verzichtend, Winterquartiere in Ariminum zu beziehen. Sullas Antraege aber
fanden darum keine bessere Aufnahme: der Senat wies seine Vorschlaege zurueck,
ohne auch nur die Boten nach Rom zu lassen, und befahl ihm kurzweg, die Waffen
niederzulegen. Es war nicht zunaechst die Koterie der Marianer, welche dies
entschiedene Auftreten bewirkte. Eben jetzt, wo es galt, musste diese Faktion
die bisher usurpierte Besetzung des hoechsten Amtes abgeben und fuer das
entscheidende Jahr 671 (83) wieder Konsulwahlen veranstalten. Die Stimmen
vereinigten hierbei sich nicht auf den bisherigen Konsul Carbo noch auf einen
der faehigen Offiziere der bis dahin regierenden Clique, wie Quintus Sertorius
oder Gaius Marius den Sohn, sondern auf Lucius Scipio und Gaius Norbanus, zwei
Inkapazitaeten, von denen keiner zu schlagen, Scipio nicht einmal zu sprechen
verstand, und von denen jener nur als der Urenkel des Antiochossiegers, dieser
als politischer Gegner der Oligarchie sich der Menge empfahlen. Die Marianer
wurden nicht so sehr ihrer Untaten wegen verabscheut als ihrer Nichtigkeit wegen
verachtet; aber wenn die Nation nichts von diesen, so wollte sie in ihrer
grossen Majoritaet noch viel weniger von Sulla und einer oligarchischen
Restauration etwas wissen. Man dachte ernstlich an Abwehr. Waehrend Sulla nach
Asien ueberging, das Heer des Fimbria zum Uebertritt bestimmte und dessen
Fuehrer durch seine eigene Hand fiel, benutzte die Regierung in Italien die
durch diese Schritte Sullas ihr gegoennte weitere Jahresfrist zu energischen
Ruestungen: es sollen bei Sullas Landung 100000, spaeter sogar die doppelte
Anzahl von Bewaffneten gegen ihn gestanden haben.
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4 Lucius Valerius Flaccus, den die Fasten als Konsul 668 (86) nennen, ist
nicht der Konsul des Jahres 654 (100), sondern ein gleichnamiger juengerer Mann,
vielleicht des vorigen Sohn. Einmal ist das Gesetz, das die Wiederwahl zum
Konsulat untersagte, von ca. 603 (151) bis 673 (81) rechtlich in Kraft
geblieben, und es ist nicht wahrscheinlich, dass dasselbe, war fuer Scipio
Aemilianus und Marius, auch fuer Flaccus geschah. Zweitens wird nirgends, wo der
eine oder der andere Flaccus genannt wird, eines doppelten Konsulats gedacht,
auch nicht, wo es notwendig war wie Cic. Flacc. 32, 77. Drittens kann der Lucius
Valerius Flaccus, der im Jahre 669 (85) als Vormann des Senats, also als
Konsulat in Rom taetig war (Liv. 83), nicht der Konsul des Jahres 668 (86) sein,
da dieser damals bereits nach Asien abgegangen und wahrscheinlich schon tot war.
Der Konsul 654 (100), Zensor 657 (97), ist derjenige, den Cicero (Att. 8, 3, 6)
unter den 667 (87) in Rom anwesenden Konsulaten nennt; er war 669 (85)
unzweifelhaft der aelteste lebende Altzensor und also geeignet zum Vormann des
Senats; er ist auch der Zwischenkoenig und der Reiterfuehrer von 672 (82).
Dagegen ist der Konsul 668 (86), der in Nikomedeia umkam, der Vater des von
Cicero verteidigten Lucius Flaccus (Flacc. 25, 61; vgl. 23, 55; 32, 77).
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Gegen diese italische Macht hatte Sulla nichts in die Waagschale zu legen
als seine fuenf Legionen, die, auch mit Einrechnung einiger in Makedonien und im
Peloponnes aufgebotener Zuzuege, kaum auf 40000 Mann sich belaufen mochten.
Allerdings hatte dies Heer in siebenjaehrigen Kaempfen in Italien, Griechenland
und Asien des Politisierens sich entwoehnt und hing seinem Feldherrn, der den
Soldaten alles, Schwelgerei, Bestialitaet, sogar Meuterei gegen die Offiziere,
nachsah, nichts verlangte als Tapferkeit und Treue gegen den Feldherrn und fuer
den Sieg die verschwenderischsten Belohnungen in Aussicht stellte, mit allem
jenem soldatischen Enthusiasmus an, der um so gewaltiger ist, als dabei die
edelsten und die gemeinsten Leidenschaften oft in derselben Brust sich begegnen.
Freiwillig schworen nach roemischer Sitte die Sullanischen Soldaten sich
einander es zu, fest zusammenzuhalten, und freiwillig brachte ein jeder dem
Feldherrn seinen Sparpfennig als Beisteuer zu den Kriegskosten. Allein so
ansehnlich diese geschlossene Kernschar gegen die feindlichen Massen ins Gewicht
fiel, so erkannte doch Sulla sehr wohl, dass Italien nicht mit fuenf Legionen
bezwungen werden konnte, wenn es im entschlossenen Widerstande einig
zusammenhielt. Mit der Popularpartei und ihren unfaehigen Autokraten fertig zu
werden, waere nicht schwierig gewesen; aber er sah sich gegenueber und mit
dieser vereinigt die ganze Masse derer, die keine oligarchische
Schreckensrestauration wollten, und vor allen Dingen die gesamte
Neubuergerschaft, sowohl diejenigen, die durch das Julische Gesetz von der
Teilnahme an der Insurrektion sich hatten abhalten lassen, als diejenigen, deren
Schilderhebung vor wenigen Jahren Rom an den Rand des Verderbens gefuehrt hatte.
Sulla uebersah vollkommen die Lage der Verhaeltnisse und war weit entfernt von
der blinden Erbitterung und der eigensinnigen Starrheit, die die Majoritaet
seiner Partei charakterisierten. Waehrend das Staatsgebaeude in vollen Flammen
stand, waehrend man seine Freunde ermordete, seine Haeuser zerstoerte, seine
Familie ins Elend trieb, war er unbeirrt auf seinem Posten verblieben, bis der
Landesfeind ueberwaeltigt und die roemische Grenze gesichert war. In demselben
Sinne patriotischer und einsichtiger Maessigung behandelte er auch jetzt die
italischen Verhaeltnisse und tat, was er irgend tun konnte, um die Gemaessigten
und die Neubuerger zu beruhigen und um zu verhindern, dass nicht unter dem Namen
des Buergerkrieges der weit gefaehrlichere Krieg zwischen den Altroemern und den
italischen Bundesgenossen abermals emporlodere. Schon das erste Schreiben, das
Sulla an den Senat richtete, hatte nichts als Recht und Gerechtigkeit gefordert
und eine Schreckensherrschaft ausdruecklich zurueckgewiesen; im Einklang damit
stellte er nun allen denen, die noch jetzt von der revolutionaeren Regierung
sich lossagen wuerden, unbedingte Begnadigung in Aussicht und veranlasste seine
Soldaten, Mann fuer Mann, zu schwoeren, dass sie den Italikern durchaus als
Freunden und Mitbuergern begegnen wuerden. Die buendigsten Erklaerungen
sicherten den Neubuergern die von ihnen erworbenen politischen Rechte; so dass
Carbo deshalb von jeder italischen Stadtgemeinde sich Geiseln wollte stellen
lassen, was indes an der allgemeinen Indignation und an dem Widerspruch des
Senats scheiterte. Die Hauptschwierigkeit der Lage Sullas bestand in der Tat
darin, dass bei der eingerissenen Wort- und Treulosigkeit die Neubuerger allen
Grund hatten, wenn nicht an seinen persoenlichen Absichten, doch daran zu
zweifeln, ob er es vermoegen werde, seine Partei zum Worthalten nach dem Siege
zu bestimmen.
Im Fruehling 671 (83) landete Sulla mit seinen Legionen in dem Hafen von
Brundisium. Der Senat erklaerte auf die Nachricht davon das Vaterland in Gefahr
und uebertrug den Konsuln unbeschraenkte Vollmacht; aber diese unfaehigen Leiter
hatten sich nicht vorgesehen und waren durch die seit Jahren in Aussicht
stehende Landung dennoch ueberrascht. Das Heer befand sich noch in Ariminum, die
Haefen waren unbesetzt und ueberhaupt unglaublicherweise in dem ganzen
suedoestlichen Litoral kein Mann unter den Waffen. Die Folgen zeigten sich bald.
Gleich Brundisium selbst, eine ansehnliche Neubuergergemeinde, oeffnete ohne
Widerstand dem oligarchischen General die Tore und dem gegebenen Beispiel folgte
ganz Messapien und Apulien. Die Armee marschierte durch diese Gegenden wie durch
Freundesland und hielt, ihres Eides eingedenk, durchgaengig die strengste
Mannszucht. Von allen Seiten stroemten die versprengten Reste der
Optimatenpartei in das Lager Sullas. Aus den Bergschluchten Liguriens, wohin er
von Afrika sich gerettet hatte, kam Quintus Metellus und uebernahm wieder, als
Kollege Sullas, das im Jahr 667 (87) ihm uebertragene und von der Revolution ihm
aberkannte prokonsularische Kommando; ebenso erschien von Afrika her mit einer
kleinen Schar Bewaffneter Marcus Crassus. Die meisten Optimaten freilich kamen
als vornehme Emigranten mit grossen Anspruechen und geringer Kampflust, so dass
sie von Sulla selbst bittere Worte zu hoeren bekamen ueber die adligen Herren,
die zum Heil des Staates sich wollten retten lassen und nicht einmal dazu zu
bringen seien, ihre Sklaven zu bewaffnen. Wichtiger war es, dass schon
Ueberlaeufer aus dem demokratischen Lager sich einstellten - so der feine und
angesehene Lucius Philippus, nebst ein paar notorisch unfaehigen Leuten der
einzige Konsular, der mit der revolutionaeren Regierung sich eingelassen und
unter ihr Aemter angenommen hatte; er fand bei Sulla die zuvorkommendste
Aufnahme und erhielt den ehrenvollen und bequemen Auftrag, die Provinz Sardinien
fuer ihn zu besetzen. Ebenso wurden Quintus Lucretius Ofelia und andere
brauchbare Offiziere empfangen und sofort beschaeftigt; selbst Publius Cethegus,
einer der nach der Sulpicischen Erneute von Sulla geaechteten Senatoren, erhielt
Verzeihung und eine Stellung im Heer. Wichtiger noch als die einzelnen
Uebertritte war der der Landschaft Picenum, der wesentlich dem Sohne des Strabo,
dem jungen Gnaeus Pompeius, verdankt ward. Dieser, gleich seinem Vater von Haus
aus kein Anhaenger der Oligarchie, hatte die revolutionaere Regierung anerkannt
und sogar in Cinnas Heer Dienste genommen; allein es ward ihm nicht vergessen,
dass sein Vater die Waffen gegen die Revolution getragen hatte; er sah sich
vielfach angefeindet, ja sogar durch Anklage auf Herausgabe der nach der
Einnahme von Asculum von seinem Vater wirklich oder angeblich unterschlagenen
Beute mit dem Verlust seines sehr betraechtlichen Vermoegens bedroht. Zwar
wendete mehr als die Beredsamkeit des Konsulars Lucius Philippus und des jungen
Quintus Hortensius der Schutz des ihm persoenlich gewogenen Konsuls Carbo den
oekonomischen Ruin von ihm ab; aber die Verstimmung blieb. Auf die Nachricht von
Sullas Landung ging er nach Picenum, wo er ausgedehnte Besitzungen und von
seinem Vater und dem Bundesgenossenkriege her die besten munizipalen
Verbindungen hatte und pflanzte in Auximum (Osimo) die Fahne der optimatischen
Partei auf. Die meistens von Altbuergern bewohnte Landschaft fiel ihm zu; die
junge Mannschaft, welche grossenteils mit ihm unter seinem Vater gedient hatte,
stellte sich bereitwillig unter den beherzten Fuehrer, der, noch nicht
dreiundzwanzigjaehrig, ebensosehr Soldat wie General war, im Reitergefecht den
Seinen voraussprengte und tuechtig mit in den Feind einhieb. Das picenische
Freiwilligenkorps wuchs bald auf drei Legionen; den aus der Hauptstadt zur
Daempfung der picenischen Insurrektion ausgesandten Abteilungen unter Cloelius,
Gaius Carrinas, Lucius Iunius Brutus Damasippus 5 wusste der improvisierte
Feldherr, die unter denselben entstandenen Zwistigkeiten geschickt benutzend,
sich zu entziehen oder sie einzeln zu schlagen und mit dem Hauptheer Sullas, wie
es scheint in Apulien, die Verbindung herzustellen. Sulla begruesste ihn als
Imperator, das heisst als einen im eigenen Namen kommandierenden und nicht
unter, sondern nehmen ihm stehenden Offizier und zeichnete den Juengling durch
Ehrenbezeigungen aus, wie er sie keinem seiner vornehmen Klienten erwies -
vermutlich nicht ohne die Nebenabsicht, der charakterlosen Schwaeche seiner
eigenen Parteigenossen damit eine indirekte Zuechtigung zukommen zu lassen.
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5 Nur an diesen kann hier gedacht werden, da Marcus Brutus, der Vater des
sogenannten Befreiers, im Jahr 671 (83) Volkstribun war, also nicht im Felde
kommandieren konnte.
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Also moralisch und materiell ansehnlich verstaerkt gelangten Sulla und
Metellus nach Apulien durch die immer noch insurgierten samnitischen Gegenden
nach Kampanien. Hierhin wandte sich auch die feindliche Hauptmacht, und es
schien die Entscheidung hier fallen zu muessen. Das Heer des Konsuls Gaius
Norbanus stand bereits bei Capua, wo eben die neue Kolonie mit allem
demokratischen Pomp sich konstituierte; die zweite Konsulararmee rueckte
ebenfalls auf der Appischen Strasse heran. Aber bevor sie eintraf, stand Sulla
schon dem Norbanus gegenueber. Ein letzter Vermittlungsversuch, den Sulla
machte, fuehrte nur dazu, dass man an seinen Boten sich vergriff. In frischer
Erbitterung warfen seine kampfgewohnten Scharen sich auf den Feind; ihr
gewaltiger Stoss vom Berge Tifata herab zersprengte den in der Ebene
aufgestellten Feind im ersten Anlauf; mit dem Rest seiner Mannschaft warf sich
Norbanus in die revolutionaere Kolonie Capua und die Neubuergerstadt Neapolis
und liess dort sich blockieren. Sullas Truppen, bisher nicht ohne Besorgnis ihre
schwache Zahl mit den feindlichen Massen vergleichend, hatten durch diesen Sieg
das Vollgefuehl militaerischer Ueberlegenheit gewonnen; statt mit der Belagerung
der Truemmer der geschlagenen Armee sich aufzuhalten, liess Sulla die Staedte
umstellen, wo sie sich befanden, und rueckte auf der Appischen Strasse vor gegen
Teanum, wo Scipio stand. Auch ihm bot er, ehe der Kampf begann, noch einmal die
Hand zum Frieden; es scheint in gutem Ernste. Scipio, schwach wie er war, ging
darauf ein; ein Waffenstillstand ward geschlossen; zwischen Cales und Teanum
kamen die beiden Feldherren, beide Glieder des gleichen Adelsgeschlechts, beide
gebildet und feingesittet und langjaehrige Kollegen im Senat, persoenlich
zusammen; man liess sich auf die einzelnen Fragen ein; schon war man so weit,
dass Scipio einen Boten nach Capua absandte, um die Meinung seines Kollegen
einzuholen. Inzwischen mischten sich die Soldaten beider Lager; die Sullaner,
von ihrem Feldherrn reichlich mit Geld versehen, machten es den nicht allzu
kriegslustigen Rekruten beim Becher leicht begreiflich, dass es besser sei, sie
zu Kameraden als zu Feinden zu haben; vergeblich warnte Sertorius den Feldherrn,
diesem gefaehrlichen Verkehr ein Ende zu machen. Die Verstaendigung, die so nahe
geschienen, trat doch nicht ein; Scipio war es, welcher den Waffenstillstand
kuendigte. Aber Sulla behauptete, dass es zu spaet und der Vertrag bereits
abgeschlossen gewesen sei; und unter dem Vorwand, dass ihr Feldherr den
Waffenstillstand widerrechtlich aufgesagt, gingen Scipios Soldaten in Masse
ueber in die feindlichen Reihen. Die Szene schloss mit einer allgemeinen
Umarmung, der die kommandierenden Offiziere der Revolutionsarmee zuzusehen
hatten. Sulla liess den Konsul auffordern, sein Amt niederzulegen, was er tat,
und ihn nebst seinem Stab durch seine Reiter dahin eskortieren, wohin sie
begehrten; allein kaum in Freiheit gesetzt, legte Scipio die Abzeichen seiner
Wuerde wieder an und begann aufs neue, Truppen zusammenzuziehen, ohne indes
weiter etwas von Belang auszurichten. Sulla und Metellus nahmen Winterquartiere
in Kampanien und hielten, nachdem ein zweiter Versuch, mit Norbanus sich zu
verstaendigen, gescheitert war, Capua den Winter ueber blockiert.
Die Ergebnisse des ersten Feldzugs waren fuer Sulla die Unterwerfung von
Apulien, Picenum und Kampanien, die Aufloesung der einen, die Besiegung und
Blockierung der anderen konsularischen Armee. Schon traten die italischen
Gemeinden, genoetigt, zwischen ihren zwiefachen Draengern jede fuer sich Partei
zu ergreifen, zahlreich mit ihm in Unterhandlung und liessen sich die von der
Gegenpartei erworbenen politischen Rechte durch foermliche Separatvertraege von
dem Feldherrn der Oligarchie garantieren; Sulla hegte die bestimmte Erwartung
und trug sie absichtlich zur Schau, die revolutionaere Regierung in dem
naechsten Feldzug niederzuwerfen und wieder in Rom einzuziehen.
Aber auch der Revolution schien die Verzweiflung neue Kraefte zu geben. Das
Konsulat uebernahmen zwei ihrer entschiedensten Fuehrer, Carbo zum dritten Male
und Gaius Marius der Sohn; dass der letztere eben zwanzigjaehrige Mann
gesetzmaessig das Konsulat nicht bekleiden konnte, achtete man so wenig wie
jeden anderen Punkt der Verfassung. Quintus Sertorius, der in dieser und in
anderen Angelegenheiten eine unbequeme Kritik machte, wurde angewiesen, um neue
Werbungen vorzunehmen, nach Etrurien und von da in seine Provinz, das
Diesseitige Spanien, abzugehen. Die Kasse zu fuellen, musste der Senat die
Einschmelzung des goldenen und silbernen Tempelgeraets der Hauptstadt verfuegen;
wie bedeutend der Ertrag war, erhellt daraus, dass nach mehrmonatlicher
Kriegfuehrung davon noch ueber 4 Millionen Taler (14000 Pfund Gold und 6000
Pfund Silber) vorraetig waren. In dem betraechtlichen Teile Italiens, der
gezwungen oder freiwillig noch zu der Revolution hielt, wurden die Ruestungen
lebhaft betrieben. Aus Etrurien, wo die Neubuergergemeinden sehr zahlreich
waren, und dem Pogebiet kamen ansehnliche neu gebildete Abteilungen. Auf den Ruf
des Sohnes stellten die Marianischen Veteranen in grosser Anzahl sich bei den
Fahnen ein. Aber nirgends ward zum Kampf gegen Sulla so leidenschaftlich
geruestet wie in dem insurgierten Samnium und einzelnen Strichen von Lucanien.
Es war nichts weniger als Ergebenheit gegen die revolutionaere roemische
Regierung, dass zahlreicher Zuzug aus den oskischen Gegenden ihre Heere
verstaerkte; wohl aber begriff man daselbst, dass eine von Sulla restaurierte
Oligarchie sich die jetzt faktisch bestehende Selbstaendigkeit dieser
Landschaften nicht so gefallen lassen werde wie die schlaffe Cinnanische
Regierung; und darum erwachte in dem Kampf gegen Sulla noch einmal die uralte
Rivalitaet der Sabeller gegen die Latiner. Fuer Samnium und Latium war dieser
Krieg so gut ein Nationalkampf wie die Kriege des fuenften Jahrhunderts; man
stritt nicht um ein Mehr oder Minder von politischen Rechten, sondern um den
lange verhaltenen Hass durch Vernichtung des Gegners zu saettigen. Es war darum
kein Wunder, wenn dieser Teil des Krieges einen ganz anderen Charakter trug als
die uebrigen Kaempfe, wenn hier keine Verstaendigung versucht, kein Quartier
gegeben oder genommen, die Verfolgung bis aufs aeusserste fortgesetzt ward.
So trat man den Feldzug des Jahres 672 (82) beiderseits mit verstaerkten
Streitkraeften und gesteigerter Leidenschaft an. Vor allem die Revolution warf
die Scheide weg; auf Carbos Antrag aechteten die roemischen Komitien alle in
Sullas Lager befindlichen Senatoren. Sulla schwieg; er mochte denken, dass man
im voraus sich selber das Urteil spreche.
Die Armee der Optimaten teilte sich. Der Prokonsul Metellus uebernahm es,
gestuetzt auf die picenische Insurrektion, nach Oberitalien vorzudringen,
waehrend Sulla von Kampanien aus geradeswegs gegen die Hauptstadt marschierte.
Jenem warf Carbo sich entgegen; der feindlichen Hauptarmee wollte Marius in
Latium begegnen. Auf der Launischen Strasse heranrueckend, traf Sulla unweit
Signia auf den Feind, der vor ihm zurueckwich bis nach dem sogenannten "Hafen
des Sacer" zwischen Signia und dem Hauptwaffenplatz der Marianen dem festen
Praeneste. Hier stellte Marius sich zur Schlacht. Sein Heer war etwa 40000 Mann
stark und er an wildem Grimme und persoenlicher Tapferkeit seines Vaters rechter
Sohn; aber es waren nicht die wohlgeuebten Scharen, mit denen dieser seine
Schlachten geschlagen hatte, und noch minder durfte der unerfahrene junge Mann
mit dem alten Kriegsmeister sich vergleichen. Bald wichen seine Truppen; der
Uebertritt einer Abteilung noch waehrend des Gefechts beschleunigte die
Niederlage. Ueber die Haelfte der Marianer waren tot oder gefangen; der
Ueberrest, weder imstande, das Feld zu halten, noch, das andere Ufer des Tiber
zu gewinnen, genoetigt, in den benachbarten Festungen Schutz zu suchen; die
Hauptstadt, die zu verproviantieren man versaeumt hatte, unrettbar verloren.
Infolgedessen gab Marius dem daselbst befehligten Praetor Lucius Brutus
Damasippus den Befehl, sie zu raeumen, vorher aber alle bisher noch verschonten
angesehenen Maenner der Gegenpartei niederzumachen. Der Auftrag, durch den der
Sohn die Aechtungen des Vaters noch ueberbot, ward vollzogen; Damasippus berief
unter einem Vorwand den Senat, und die bezeichneten Maenner wurden teils in der
Sitzung selbst, teils auf der Flucht vor dem Rathaus niedergestossen. Trotz der
vorhergegangenen gruendlichen Aufraeumung fanden sich doch noch einzelne
namhaftere Opfer: so der gewesene Aedil Publius Antistius, der Schwiegervater
des Gnaeus Pompeius, und der gewesene Praetor Gaius Carbo, der Sohn des
bekannten Freundes und nachherigen Gegners der Gracchen, nach dem Tode so vieler
ausgezeichneter Talente die beiden besten Gerichtsredner auf dem veroedeten
Markt; der Konsular Lucius Domitius und vor allem der ehrwuerdige Oberpriester
Quintus Scaevola, der dem Dolch des Fimbria nur entgangen war, um jetzt waehrend
der letzten Kraempfe der Revolution in der Halle des seiner Obhut anvertrauten
Vestatempels zu verbluten. Mit stummem Entsetzen sah die Menge die Leichen
dieser letzten Opfer des Terrorismus durch die Strassen schleifen und sie in den
Fluss werfen.
Marius' aufgeloeste Haufen warfen sich in die nahen und festen
Neubuergerstaedte Norba und Praeneste, er selbst mit der Kasse und dem groessten
Teil der Fluechtlinge in die letztere. Sulla liess, ebenwie das Jahr zuvor vor
Capua, vor Praeneste einen tuechtigen Offizier, den Quintus Ofelia, zurueck, mit
dem Auftrag, seine Kraefte nicht an die Belagerung der festen Stadt zu
vergeuden, sondern sie mit einer weiten Blockadelinie einzuschliessen und sie
auszuhungern; er selbst rueckte von verschiedenen Seiten auf die Hauptstadt zu,
welche er wie die ganze Umgegend vom Feinde verlassen fand und ohne Gegenwehr
besetzte. Kaum nahm er sich die Zeit, das Volk durch eine Ansprache zu beruhigen
und die noetigsten Anordnungen zu treffen; sofort ging er weiter nach Etrurien,
um in Verbindung mit Metellus die Gegner auch aus Norditalien zu vertreiben.
Metellus war inzwischen am Fluss Aesis (Esino zwischen Ancona und
Sinigaglia), der die picenische Landschaft von der gallischen Provinz schied,
auf Carbos Unterfeldherrn Carrinas gestossen und hatte diesen geschlagen; als
Carbo selbst mit seiner ueberlegenen Armee herbeikam, hatte er das weitere
Vordringen aufgeben muessen. Allein auf die Nachricht von der Schlacht am
Sacerhafen war Carbo, um seine Kommunikationen besorgt, zurueckgegangen bis auf
die Flaminische Chaussee, um in deren Knotenpunkt Ariminum sein Hauptquartier zu
nehmen und von dort teils die Paesse des Apennin, teils das Potal zu behaupten.
Bei dieser rueckgaengigen Bewegung gerieten nicht bloss verschiedene Abteilungen
dem Feinde in die Haende, sondern ward auch von Pompeius Sena gallica erstuermt
und Carbos Nachhut in einem glaenzenden Reitergefecht zersprengt; indes
erreichte Carbo im ganzen seinen Zweck. Der Konsulat Norbanus uebernahm im Potal
das Kommando; Carbo selbst begab sich nach Etrurien. Aber der Marsch Sullas mit
seinen siegreichen Legionen nach Etrurien aenderte die Lage der Dinge: bald
reichten von Gallien, Umbrien und Rom aus drei Sullanische Heere einander die
Haende. Metellus ging mit der Flotte an Ariminum vorbei nach Ravenna und schnitt
bei Faventia die Verbindung ab zwischen Ariminum und dem Potal, in das auf der
grossen Strasse nach Placentia er eine Abteilung vorgehen liess unter Marcus
Lucullus, dem Quaestor Sullas und dem Bruder seines Flottenfuehrers im
Mithradatischen Krieg. Der junge Pompeius und sein Altersgenosse und Nebenbuhler
Crassus drangen aus dem Picenischen auf Bergwegen in Umbrien ein und gewannen
die Flaminische Strasse bei Spoletium, wo sie Carbos Unterfeldherrn Carrinas
schlugen und in die Stadt einschlossen; indes gelang es diesem in einer
regnerischen Nacht, aus derselben zu entweichen und, wenngleich nicht ohne
Verlust, zum Heer des Carbo durchzudringen. Sulla selbst rueckte von Rom aus in
zwei Heerhaufen in Etrurien ein, von denen der eine an der Kueste vorgehend bei
Saturnia (zwischen den Fluessen Ombrone und Albegna) das ihm entgegenstehende
Korps schlug, der zweite unter Sullas eigener Fuehrung im Clanistal auf die
Armee des Carbo traf und ein glueckliches Gefecht mit dessen spanischer Reiterei
bestand. Aber die Hauptschlacht, die zwischen Carbo und Sulla in der Gegend von
Chiusi geschlagen ward, endigte zwar ohne eigentliche Entscheidung, jedoch
insofern zu Gunsten Carbos, als Sullas siegreiches Vordringen gehemmt ward. Auch
in der Umgegend von Rom schienen die Dinge fuer die revolutionaere Partei sich
guenstiger wenden und der Krieg wieder sich hauptsaechlich nach dieser Gegend
ziehen zu wollen. Denn waehrend die oligarchische Partei alle ihre Kraefte um
Etrurien konzentrierte, machte die Demokratie aller Orten die aeusserste
Anstrengung, um die Blockade von Praeneste zu sprengen. Selbst der Statthalter
von Sizilien, Marcus Perpenna, machte sich dazu auf; es scheint indes nicht,
dass er nach Praeneste gelangte. Ebensowenig glueckte dies dem von Carbo
detachierten, sehr ansehnlichen Korps unter Marcius; von den bei Spoletium
stehenden feindlichen Truppen ueberfallen und geschlagen, durch Unordnung,
Mangel an Zufuhr und Meuterei demoralisiert, ging ein Teil zu Carbo zurueck, ein
anderer nach Ariminum, der Rest verlief sich. Ernstliche Hilfe dagegen kam aus
Sueditalien. Hier brachen die Samniten unter Pontius von Telesia, die Lucaner
unter ihrem erprobten Feldherrn Marcus Lamponius auf, ohne dass der Abmarsch
ihnen gewehrt worden waere, zogen im Kampanien, wo Capua noch immer sich hielt,
eine Abteilung der Besatzung unter Gutta an sich und rueckten also, angeblich
70000 Mann stark, auf Praeneste zu. Sulla selbst kehrte darauf, mit
Zuruecklassung eines Korps gegen Carbo, nach Latium zurueck und nahm in den
Engpaessen vorwaerts Praeneste 6 eine wohlgewaehlte Stellung, in der er dem
Entsatzheer den Weg sperrte. Vergeblich versuchte die Besatzung, Ofelias Linien
zu durchbrechen, vergeblich das Entsatzherr Sulla zu vertreiben; beide
verharrten unbeweglich in ihren festen Stellungen, selbst nachdem, von Carbo
gesendet, Damasippus mit zwei Legionen das Entsatzheer verstaerkt hatte.
Waehrend aber der Gang des Krieges in Etrurien wie in Latium stockte, kam es im
Potal zur Entscheidung. Hier hatte bisher der Feldherr der Demokratie Gaius
Norbanus die Oberhand behauptet, den Unterfeldherrn des Metellus, Marcus
Lucullus, mit ueberlegener Macht angegriffen und ihn genoetigt, sich in
Placentia einzuschliessen, endlich sich gegen Metellus selbst gewandt. Bei
Faventia traf er auf diesen und griff am spaeten Nachmittag mit seinen vom
Marsch ermuedeten Truppen sofort an; die Folge war eine vollstaendige Niederlage
und die totale Aufloesung seines Korps, von dem nur etwa 1000 Mann nach Etrurien
zurueckkamen. Auf die Nachricht von dieser Schlacht fiel Lucullus aus Placentia
aus und schlug die gegen ihn zurueckgebliebene Abteilung bei Fidentia (zwischen
Piacenza und Parma). Die lucanischen Truppen des Albinovanus traten in Masse
ueber; ihr Fuehrer machte seine anfaengliche Zoegerung wieder gut, indem er die
vornehmsten Offiziere der revolutionaeren Armee zu einem Bankett bei sich einlud
und sie dabei niedermachen liess; ueberhaupt schloss, wer irgend nur durfte,
jetzt seinen Frieden. Ariminum mit allen Vorraeten und Kassen geriet in
Metellus' Gewalt; Norbanus schiffte nach Rhodos sich ein; das ganze Land
zwischen Alpen und Apenninen erkannte das Optimatenregiment an. Die bisher dort
beschaeftigten Truppen konnten sich wenden zum Angriff auf Etrurien, die letzte
Landschaft, wo die Gegner noch das Feld behaupteten. Als Carbo im Lager bei
Clusium diese Nachrichten erhielt, verlor er die Fassung. Obwohl er eine noch
immer ansehnliche Truppenmasse unter seinen Befehlen hatte, entwich er dennoch
heimlich aus seinem Hauptquartier und schiffte nach Afrika sich ein. Die im
Stich gelassenen Truppen befolgten teils das Beispiel, mit dem der Feldherr
ihnen vorangegangen war, und gingen nach Hause, teils wurden sie von Pompeius
aufgerieben; die letzten Scharen nahm Carrinas zusammen und fuehrte sie nach
Latium zu der Armee von Praeneste. Hier hatte inzwischen nichts sich veraendert;
und die letzte Entscheidung nahte heran. Carrinas' Haufen waren nicht zahlreich
genug, um Sullas Stellung zu erschuettern; schon naeherte sich der Vortrab der
bisher in Etrurien beschaeftigten Armee der oligarchischen Partei unter
Pompeius; in wenigen Tagen zog die Schlinge um das Heer der Demokraten und der
Samniten sich zusammen. Da entschlossen sich die Fuehrer desselben, von
Praeneste abzulassen und mit gesamter Macht auf das nur einen starken Tagemarsch
entfernte Rom sich zu werfen. Militaerisch waren sie damit verloren; ihre
Rueckzugslinie, die Latinische Strasse, geriet durch diesen Marsch in Sullas
Hand, und wenn sie auch Roms sich bemaechtigten, so wurden sie, eingeschlossen
in die zur Verteidigung keineswegs geeignete Stadt und eingekeilt zwischen
Metellus und Sullas weit ueberlegene Armeen, darin unfehlbar erdrueckt. Aber es
handelte sich auch nicht mehr um Rettung, sondern einzig um Rache bei diesem Zug
nach Rom, dem letzten Wutausbruch der leidenschaftlichen Revolutionaere und vor
allem der verzweifelnden sabellischen Nation. Es war Ernst, was Pontius von
Telesia den Seinigen zurief: um der Woelfe, die Italien die Freiheit geraubt
haetten, loszuwerden, muesse man den Wald vernichten, in dem sie hausten. Nie
hat Rom in einer furchtbareren Gefahr geschwebt als am 1. November 672 (82), als
Pontius, Lamponius, Carrinas, Damasippus auf der Latinischen Strasse gegen Rom
herangezogen, etwa eine Viertelmeile vom Collinischen Tor lagerten. Es drohte
ein Tag wie der 20. Juli 365 der Stadt (389) und der 15. Juni 455 n. Chr., die
Tage der Kelten und der Vandalen. Die Zeiten waren nicht mehr, wo ein
Handstreich gegen Rom ein toerichtes Unternehmen war, und an Verbindungen in der
Hauptstadt konnte es den Anrueckenden nicht fehlen. Die Freiwilligenschar, die
aus der Stadt ausrueckte, meist vornehme Juenglinge, zerstob wie Spreu vor der
ungeheuren Uebermacht. Die einzige Hoffnung der Rettung beruhte auf Sulla.
Dieser war, auf die Nachricht vom Abmarsch des samnitischen Heeres in der
Richtung auf Rom, gleichfalls eiligst aufgebrochen der Hauptstadt zu Hilfe. Den
sinkenden Mut der Buergerschaft belebte im Laufe des Morgens das Erscheinen
seiner ersten Reiter unter Balbus; am Mittag erschien er selbst mit der
Hauptmacht und ordnete sofort am Tempel der Erykinischen Aphrodite vor dem
Collinischen Tor (unweit Porta Pia) die Reihen zur Schlacht. Seine
Unterbefehlshaber beschworen ihn, nicht die durch den Gewaltmarsch erschoepften
Truppen sofort in den Kampf zu schicken; aber Sulla erwog, was die Nacht ueber
Rom bringen koenne, und befahl noch am spaeten Nachmittag den Angriff. Die
Schlacht war hart bestritten und blutig. Der linke Fluegel Sullas, den er selbst
anfuehrte, wich zurueck bis an die Stadtmauer, so dass es notwendig ward, die
Stadttore zu schliessen; schon brachten Versprengte die Nachricht an Ofelia,
dass die Schlacht verloren sei. Allein auf den rechten Fluegel warf Marcus
Crassus den Feind und verfolgte ihn bis Antemnae, wodurch auch der andere
Fluegel wider Luft bekam und eine Stunde nach Sonnenuntergang seinerseits
ebenfalls zum Vorruecken ueberging. Die ganze Nacht und noch den folgenden
Morgen ward gefochten; erst der Uebertritt einer Abteilung von 3000 Mann, die
sofort die Waffen gegen die frueheren Kameraden wandten, setzte dem Kampf ein
Ziel. Rom war gerettet. Die Insurgentenarmee, fuer die es nirgends einen
Rueckzug gab, wurde vollstaendig aufgerieben. Die in der Schlacht gemachten
Gefangenen, 3000 bis 4000 an der Zahl, darunter die Generale Damasippus,
Carrinas und den schwer verwundeten Pontius, liess Sulla am dritten Tage nach
der Schlacht in das staedtische Meierhaus auf dem Marsfeld fuehren und daselbst
bis auf den letzten Mann niederhauen, so dass man in dem nahen Tempel der
Bellona, wo Sulla eben eine Senatssitzung abhielt, deutlich das Klirren der
Waffen und das Stoehnen der Sterbenden vernahm. Es war eine graessliche
Exekution und sie soll nicht entschuldigt werden; aber es ist nicht gerecht zu
verschweigen, dass diese selben Menschen, die dort starben, wie eine
Raeuberbande ueber die Hauptstadt und die Buergerschaft hergefallen waren und
sie, wenn sie Zeit gefunden haetten, so weit vernichtet haben wuerden, als Feuer
und Schwert eine Stadt und eine Buergerschaft zu vernichten vermoegen.
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6 Es wird gemeldet, dass Sulla in dem Engpass stand, durch den Praeneste
allein zugaenglich war (App. I, 90); und die weiteren Ereignisse zeigen, dass
sowohl ihm als dem Entsatzheer die Strasse nach Rom offenstand. Ohne Zweifel
stand Sulla auf der Querstrasse, die von der Latinischen, auf der sie Samniten
herankamen, bei Valmontono nach Palestrina abbiegt; in diesem Fall kommunizierte
Sulla auf der praenestinischen, die Feinde auf der Launischen oder labicanischen
mit der Hauptstadt.
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Damit war der Krieg in der Hauptsache zu Ende. Die Besatzung von Praeneste
ergab sich, als die aus den ueber die Mauer geworfenen Koepfen des Carrinas und
anderer Offiziere den Ausgang der Schlacht von Rom erfuhr. Die Fuehrer, der
Konsul Gaius Marius und der Sohn des Pontius, stuerzten, nachdem ein Versuch zu
entkommen ihnen vereitelt war, sich einer in des andern Schwert. Die Menge gab
der Hoffnung sich hin und ward durch Cethegus darin bestaerkt, dass der Sieger
fuer sie auch jetzt noch Gnade walten lassen werde. Aber deren Zeiten waren
vorbei. Je unbedingter Sulla bis zum letzten Augenblick den Uebertretenden volle
Verzeihung gewaehrt hatte, desto unerbittlicher erwies er sich gegen die Fuehrer
und Gemeinden, die ausgehalten hatten bis zuletzt. Von den praenestinischen
Gefangenen, 12000 an der Zahl, wurden zwar ausser den Kindern und Frauen die
meisten Roemer und einzelne Praenestiner entlassen, aber die roemischen
Senatoren, fast alle Praenestiner und saemtliche Samniten wurden entwaffnet und
zusammengehauen, die reiche Stadt gepluendert. Es ist begreiflich, dass nach
solchem Vorgang die noch nicht uebergegangenen Neubuergerstaedte den Widerstand
in hartnaeckigster Weise fortsetzten. So toeteten in der latinischen Stadt
Norba, als Aemilius Lepidus durch Verrat daselbst eindrang, die Buerger sich
untereinander und zuendeten selbst ihre Stadt an, um nur ihren Henkern die Rache
und die Beute zu entziehen. In Unteritalien war bereits frueher Neapolis
erstuermt und, wie es scheint, Capua freiwillig aufgegeben worden; Nola aber
wurde erst im Jahr 674 (80) von den Samniten geraeumt. Auf der Flucht von hier
fiel der letzte noch uebrige namhafte Fuehrer der Italiker, der
Insurgentenkonsul des hoffnungsreichen Jahres 664 (90), Gaius Papius Mutilus,
abgewiesen von seiner Gattin, zu der er verkleidet sich durchgeschlichen und bei
der er einen Zufluchtsort zu finden gedacht hatte, vor der Tuer des eigenen
Hauses in Teanum in sein Schwert. Was die Samniten anlangt, so erklaerte der
Diktator, dass Rom nicht Ruhe haben werde, solange Samnium bestehe, und dass
darum der samnitische Name von der Erde vertilgt werden muesse; und wie er diese
Worte an den vor Rom und in Praeneste Gefangenen in schrecklicher Weise wahr
machte, so scheint er auch noch einen Verheerungszug durch die Landschaft
unternommen, Aesernia 7 eingenommen (674? 80) und die bis dahin bluehende und
bevoelkerte Landschaft in die Einoede umgewandelt zu haben, die sie seitdem
geblieben ist. Ebenso ward in Umbrien Tuder durch Marcus Crassus erstuermt.
Laenger wehrten sich in Etrurien Populonium und vor allem das unbezwingliche
Volaterrae, das aus den Resten der geschlagenen Partei ein Heer von vier
Legionen um sich sammelte und eine zweijaehrige, zuerst von Sulla persoenlich,
sodann von dem gewesenen Praetor Gaius Carbo, dem Bruder des demokratischen
Konsuls, geleitete Belagerung aushielt, bis endlich im dritten Jahre nach der
Schlacht am Collinischen Tor (675 79) die Besatzung gegen freien Abzug
kapitulierte. Aber in dieser entsetzlichen Zeit galt weder Kriegsrecht noch
Kriegszucht; die Soldaten schrien ueber Verrat und steinigten ihren allzu
nachgiebigen Feldherrn; eine von der roemischen Regierung geschickte Reiterschar
hieb die gemaess der Kapitulation abziehende Besatzung nieder. Das siegreiche
Heer wurde durch Italien verteilt und alle unsicheren Ortschaften mit starken
Besatzungen belegt; unter der eisernen Hand der Sullanischen Offiziere
verendeten langsam die letzten Zuckungen der revolutionaeren und nationalen
Opposition.
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7 Ein anderer Name kann wohl kaum in der Korruptel Liv. 89 miam in Samnio
sich verbergen; vgl. Strab. 5, 3, 10.
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Noch gab es in den Provinzen zu tun. Zwar Sardinien war dem Statthalter der
revolutionaeren Regierung Quintus Antonius rasch durch Lucius Philippus
entrissen worden (672 82) und auch das Transalpinische Gallien leistete geringen
oder gar keinen Widerstand; aber in Sizilien, Spanien, Africa schien die Sache
der in Italien geschlagenen Partei noch keineswegs verloren. Sizilien regierte
fuer sie der zuverlaessige Statthalter Marcus Perpenna. Quintus Sertorius hatte
im Diesseitigen Spanien die Provinzialen an sich zu fesseln und aus den in
Spanien ansaessigen Roemern eine nicht unansehnliche Armee sich zu bilden
gewusst, welche zunaechst die Pyrenaeenpaesse sperrte; er hatte auch hier wieder
bewiesen, dass, wo immer man ihn hinstellte, er an seinem Platze und unter all
den revolutionaeren Inkapazitaeten er der einzige praktisch brauchbare Mann war.
In Africa war der Statthalter Hadrianus zwar, da er das Revolutionieren allzu
gruendlich betrieb und den Sklaven die Freiheit zu schenken anfing, bei einem
durch die roemischen Kaufleute von Utica angezettelten Auflauf in seiner
Amtswohnung ueberfallen und mit seinem Gesinde verbrannt worden (672 82); indes
hielt die Provinz nichtsdestoweniger zu der revolutionaeren Regierung, und
Cinnas Schwiegersohn, der junge faehige Gnaeus Domitius Ahenobarbus, uebernahm
daselbst den Oberbefehl. Es war sogar von dort aus die Propaganda in die
Klientelstaaten Numidien und Mauretanien getragen worden. Deren legitime
Regenten Hiempsal II., des Gauda, und Bogud, des Bocchus Sohn, hielten zwar mit
Sulla; aber mit Hilfe der Cinnaner war jener durch den demokratischen
Praetendenten Hiarbas vom Thron gestossen worden, und aehnliche Fehden bewegten
das Mauretanische Reich. Der aus Italien gefluechtete Konsul Carbo verweilte auf
der Insel Kossyra (Pantellaria) zwischen Afrika und Sizilien, unschluessig, wie
es scheint, ob er nach Aegypten sich fluechten oder in einer der treuen
Provinzen versuchen sollte, den Kampf zu erneuern.
Sulla sandte nach Spanien den Gaius Annius und den Gaius Valerius Flaccus,
als Statthalter jenen der jenseitigen, diesen der Ebroprovinz. Das schwierige
Geschaeft, die Pyrenaeenpaesse mit Gewalt sich zu eroeffnen, ward ihnen dadurch
erspart, dass der von Sertorius dort hingestellte General durch einen seiner
Offiziere ermordet ward und darauf die Truppen desselben sich verliefen.
Sertorius, viel zu schwach, um sich im gleichen Kampfe zu behaupten, raffte
eilig die naechststehenden Abteilungen zusammen und schiffte in Neukarthago sich
ein - wohin, wusste er selbst nicht, vielleicht an die afrikanische Kueste oder
nach den Kanarischen Inseln, nur irgendwohin, wohin Sullas Arm nicht reiche.
Spanien unterwarf hierauf sich willig den Sullanischen Beamten (um 673 81), und
Flaccus focht gluecklich mit den Kelten, durch deren Gebiet er marschierte, und
mit den spanischen Keltiberern (674 80).
Nach Sizilien ward Gnaeus Pompeius als Propraetor gesandt und die Insel,
als Pompeius mit 120 Segeln und sechs Legionen sich an der Kueste zeigte, von
Perpenna ohne Gegenwehr geraeumt. Pompeius schickte von dort ein Geschwader nach
Kossyra, das die daselbst verweilenden Marianischen Offiziere aufhob; Marcus
Brutus und die uebrigen wurden sofort hingerichtet, den Konsul Carbo aber hatte
Pompeius befohlen, vor ihn selbst nach Lilybaeon zu fuehren, um ihn hier,
uneingedenk des in gefaehrlicher Zeit ihm von ebendiesem Manne zuteil gewordenen
Schutzes, persoenlich dem Henker zu ueberliefern (672 82). Von hier weiter
beordert nach Afrika, schlug Pompeius die von Ahenobarbus und Hiarbas
gesammelten, nicht unbedeutenden Streitkraefte mit seinem allerdings weit
zahlreicheren Heer aus dem Felde und gab, die Begruessung als Imperator
vorlaeufig ablehnend, sogleich das Zeichen zum Sturm auf das feindliche Lager.
So ward er an einem Tage der Feinde Herr; Ahenobarbus war unter den Gefallenen;
mit Hilfe des Koenigs Bogud ward Hiarbas in Bulla ergriffen und getoetet und
Hiempsal in sein angestammtes Reich wiedereingesetzt; eine grosse Razzia gegen
die Bewohner der Wueste, von denen eine Anzahl gaetulischer, von Marius als frei
anerkannter Staemme Hiempsal untergeben wurden, stellte auch hier die gesunkene
Achtung des roemischen Namens wieder her; in vierzig Tagen nach Pompeius'
Landung in Afrika war alles zu Ende (674? 80). Der Senat wies ihn an, sein Heer
aufzuloesen, worin die Andeutung lag, dass er nicht zum Triumph gelassen werden
solle, auf welchen er als ausserordentlicher Beamter dem Herkommen nach keinen
Anspruch machen durfte. Der Feldherr grollte heimlich, die Soldaten laut; es
schien einen Augenblick, als werde die afrikanische Armee gegen den Senat
revoltieren und Sulla gegen seinen Tochtermann zu Felde ziehen. Indes Sulla gab
nach und liess den jungen Mann sich beruehmen, der einzige Roemer zu sein, der
eher Triumphator (12. Maerz 675 79) als Senator geworden war; ja bei der
Heimkehr von diesen bequemen Grosstaten begruesste der "Glueckliche", vielleicht
nicht ohne einige Ironie, den Juengling als den "Grossen".
Auch im Osten hatten nach Sullas Einschiffung im Fruehling 671 (83) die
Waffen nicht geruht. Die Restauration der alten Verhaeltnisse und die
Unterwerfung einzelner Staedte kostete, wie in Italien so auch in Asien, noch
manchen blutigen Kampf; namentlich gegen die freie Stadt Mytilene musste Lucius
Lucullus, nachdem er alle milderen Mittel erschoepft hatte, endlich Truppen
fuehren, und selbst ein Sieg im freien Felde machte dem eigensinnigen Widerstand
der Buergerschaft kein Ende.
Mittlerweile war der roemische Statthalter von Asien, Lucius Murena, mit
dem Koenig Mithradates in neue Verwicklungen geraten. Dieser hatte sich nach dem
Frieden beschaeftigt, seine auch in den noerdlichen Provinzen erschuetterte
Herrschaft wieder zu befestigen; er hatte die Kolchier beruhigt, indem er seinen
tuechtigen Sohn Mithradates ihnen zum Statthalter setzte, dann diesen selbst aus
dem Wege geraeumt, und ruestete nun zu einem Zug in sein Bosporanisches Reich.
Auf die Versicherungen des Archelaos hin, der inzwischen bei Murena eine
Freistatt hatte suchen muessen, dass diese Ruestungen gegen Rom gerichtet seien,
setzte sich Murena unter dem Vorgeben, dass Mithradates noch kappadokische
Grenzdistrikte in Besitz habe, mit seinen Truppen nach dem kappadokischen Komana
in Bewegung, verletzte also die pontische Grenze (671 83). Mithradates begnuegte
sich, bei Murena und, da dies vergeblich war, bei der roemischen Regierung
Beschwerde zu fuehren. In der Tat erschienen Beauftragte Sullas den Statthalter
abzumahnen; allein er fuegte sich nicht, sondern ueberschritt den Halys und
betrat das unbestritten pontische Gebiet, worauf Mithradates beschloss, Gewalt
mit Gewalt zu vertreiben. Sein Feldherr Gordios musste das roemische Heer
festhalten, bis der Koenig mit weit ueberlegenen Streitkraeften herankam und die
Schlacht erzwang; Murena ward besiegt und mit grossem Verlust bis ueber die
roemische Grenze nach Phrygien zurueckgeworfen, die roemischen Besatzungen aus
ganz Kappadokien vertrieben. Murena hatte zwar die Stirn, wegen dieser Vorgaenge
sich Sieger zu nennen und den Imperatorentitel anzunehmen (672 82); indes die
derbe Lektion und eine zweite Mahnung Sullas bewogen ihn doch endlich, die Sache
nicht weiterzutreiben; der Friede zwischen Rom und Mithradates ward erneuert
(673 81).
Ueber diese toerichte Fehde war die Bezwingung der Mytilenaeer verzoegert
worden; erst Murenas Nachfolger gelang es nach langer Belagerung zu Lande und
zur See, wobei die bithynische Flotte gute Dienste tat, die Stadt mit Sturm
einzunehmen (675 79).
Die zehnjaehrige Revolution und Insurrektion war im Westen und im Osten zu
Ende; der Staat hatte wieder eine einheitliche Regierung und Frieden nach aussen
und innen. Nach den fuerchterlichen Konvulsionen der letzten Jahre war schon
diese Rast eine Erleichterung; ob sie mehr gewaehren sollte, ob der bedeutende
Mann, dem das schwere Werk der Bewaeltigung des Landesfeindes, das schwerere der
Baendigung der Revolution gelungen war, auch dem schwersten von allen, der
Wiederherstellung der in ihren Grundfesten schwankenden sozialen und politischen
Ordnung zu genuegen vermochte, musste demnaechst sich entscheiden.
10. Kapitel
Die Sullanische Verfassung
Um die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen Roemern und Roemern
geschlagen ward, in der Nacht des 6. Juli 671 (83), war der ehrwuerdige Tempel,
den die Koenige errichtet, die junge Freiheit geweiht, die Stuerme eines halben
Jahrtausends verschont hatten, der Tempel des Roemischen Jupiter, auf dem
Kapitol in Flammen aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des
Zustandes der roemischen Verfassung. Auch diese lag in Truemmern und bedurfte
eines neuen Aufbaus. Die Revolution war zwar besiegt, aber es fehlte doch viel,
dass damit von selber das alte Regiment wieder sich hergestellt haette.
Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, dass jetzt nach dem Tode der
beiden revolutionaeren Konsuln es genuegen werde, die gewoehnliche
Ergaenzungswahl zu veranstalten und es dem Senat zu ueberlassen, was ihm zur
Belohnung der siegreichen Armee, zur Bestrafung der schuldigsten Revolutionaere,
etwa auch zur Verhuetung aehnlicher Ausbrueche weiter erforderlich erscheinen
werde. Allein Sulla, in dessen Haenden der Sieg fuer den Augenblick alle Macht
vereinigt hatte, urteilte richtiger ueber die Verhaeltnisse und die Personen.
Die Aristokratie Roms war in ihrer besten Epoche nicht hinausgekommen ueber ein
halb grossartiges, halb borniertes Festhalten an den ueberlieferten Formen; wie
sollte das schwerfaellige kollegialische Regiment dieser Zeit dazu kommen, eine
umfassende Staatsreform energisch und konsequent durchzufuehren? Und eben jetzt,
nachdem die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weggerafft hatte, war in
demselben die zu einem solchen Beginnen erforderliche Kraft und Intelligenz
weniger als je zu finden. Wie unbrauchbar durchgaengig das aristokratische
Vollblut und wie wenig Sulla ueber dessen Nichtsnutzigkeit im unklaren war,
beweist die Tatsache, dass mit Ausnahme des ihm verschwaegerten Quintus Metellus
er sich seine Werkzeuge saemtlich auslas aus der ehemaligen Mittelpartei und den
Ueberlaeufern aus dem demokratischen Lager - so Lucius Flaccus, Lucius
Philippus, Quintus Ofella, Gnaeus Pompeius. Sulla war die Wiederherstellung der
alten Verfassung so sehr Ernst wie nur dem leidenschaftlichsten aristokratischen
Emigranten; aber er begriff, wohl auch nicht in dem ganzen und vollen Umfang -
wie haette er sonst ueberhaupt Hand ans Werk zu legen vermocht? -, aber doch
besser als seine Partei, welchen ungeheuren Schwierigkeiten dieses
Restaurationswerk unterlag. Als unumgaenglich betrachtete er teils umfassende
Konzessionen, soweit Nachgiebigkeit moeglich war, ohne das Wesen der Oligarchie
anzutasten, teils die Herstellung eines energischen Repressiv- und
Praeventivsystems; und er sah es deutlich, dass der Senat, wie er war, jede
Konzession verweigern oder verstuemmeln, jeden systematischen Neubau
parlamentarisch ruinieren werde. Hatte Sulla schon nach der Sulpicischen
Revolution, ohne viel zu fragen, in der einen und der andern Richtung
durchgesetzt, was er fuer noetig erachtete, so war er auch jetzt unter weit
schaerferen und gespannteren Verhaeltnissen entschlossen, die Oligarchie nicht
mit, sondern trotz der Oligarchen auf eigene Hand zu restaurieren. Sulla aber
war nicht wie damals Konsul, sondern bloss mit prokonsularischer, das heisst
rein militaerischer Gewalt ausgestattet; er bedurfte einer moeglichst nahe an
den verfassungsmaessigen Formen sich haltenden, aber doch ausserordentlichen
Gewalt, um Freunden und Feinden seine Reform zu oktroyieren. In einem Schreiben
an den Senat eroeffnete er demselben, dass es ihm unumgaenglich scheine, die
Ordnung des Staates in die Haende eines einzigen, mit unumschraenkter
Machtvollkommenheit ausgeruesteten Mannes zu legen, und dass er sich fuer
geeignet halte, diese schwierige Aufgabe zu erfuellen. Dieser Vorschlag, so
unbequem er vielen kam, war unter den obwaltenden Umstaenden ein Befehl. Im
Auftrag des Senats brachte der Vormann desselben, der Zwischenkoenig Lucius
Valerius Flaccus der Vater, als interimistischer Inhaber der hoechsten Gewalt
bei der Buergerschaft den Antrag ein, dass dem Prokonsul Lucius Cornelius Sulla
fuer die Vergangenheit die nachtraegliche Billigung aller von ihm als Konsul und
Prokonsul vollzogenen Amtshandlungen, fuer die Zukunft aber das Recht erteilt
werden moege, ueber Leben und Eigentum der Buerger in erster und letzter Instanz
zu erkennen, mit den Staatsdomaenen nach Gutduenken zu schalten, die Grenzen
Roms, Italiens, des Staats nach Ermessen zu verschieben, in Italien
Stadtgemeinden aufzuloesen oder zu gruenden, ueber die Provinzen und die
abhaengigen Staaten zu verfuegen, das hoechste Imperium anstatt des Volkes zu
vergeben und Prokonsuln und Propraetoren zu ernennen, endlich durch neue Gesetze
fuer die Zukunft den Staat zu ordnen; dass es in sein eigenes Ermessen gestellt
werden solle, wann er seine Aufgabe geloest und es an der Zeit erachte, dies
ausserordentliche Amt niederzulegen; dass endlich waehrend desselben es von
seinem Gutfinden abhaengen solle, die ordentliche hoechste Magistratur daneben
eintreten oder auch ruhen zu lassen. Es versteht sich, dass die Annahme ohne
Widerspruch stattfand (November 672 82), und nun erst erschien der neue Herr des
Staates, der bisher als Prokonsul die Hauptstadt zu betreten vermieden hatte,
innerhalb der Mauern von Rom. Den Namen entlehnte dies neue Amt von der seit dem
Hannibalischen Kriege tatsaechlich abgeschafften Diktatur; aber sie ausser
seinem bewaffneten Gefolge ihm doppelt so viele Liktoren vorausschritten als dem
Diktator der aelteren Zeit, so war auch in der Tat diese neue "Diktatur zur
Abfassung von Gesetzen und zur Ordnung des Gemeinwesens", wie die offizielle
Titulatur lautet, ein ganz anderes als jenes ehemalige, der Zeit und der
Kompetenz nach beschraenkte, die Provokation an die Buergerschaft nicht
ausschliessende und die ordentliche Magistratur nicht annullierende Amt. Es
glich dasselbe vielmehr dem der "Zehnmaenner zur Abfassung von Gesetzen", die
gleichfalls als ausserordentliche Regierung mit unbeschraenkter
Machtvollkommenheit unter Beseitigung der ordentlichen Magistratur aufgetreten
waren und tatsaechlich wenigstens ihr Amt als ein der Zeit nach unbegrenztes
verwaltet hatten. Oder vielmehr dies neue Amt mit seiner auf einem
Volksbeschluss ruhenden, durch keine Befristung und Kollegialitaet eingeengten
absoluten Gewalt war nichts anderes als das alte Koenigtum, das ja eben auch
beruhte auf der freien Verpflichtung der Buergerschaft, einem aus ihrer Mitte
als absolutem Herrn zu gehorchen. Selbst von Zeitgenossen wird zur
Rechtfertigung Sullas es geltend gemacht, dass ein Koenig besser sei als eine
schlechte Verfassung ^1, und vermutlich ward auch der Diktatortitel nur gewaehlt
um anzudeuten, dass, wie die ehemalige Diktatur eine vielfach beschraenkte, so
diese neue eine vollstaendige Wiederaufnahme der koeniglichen Gewalt in sich
enthalte. So fiel denn seltsamerweise Sullas Weg auch hier zusammen mit dem, den
in so ganz anderer Absicht Gaius Gracchus eingeschlagen hatte. Auch hier musste
die konservative Partei von ihren Gegnern borgen, der Schirmherr der
oligarchischen Verfassung selbst auftreten als Tyrann, um die ewig andringende
Tyrannis abzuwehren. Es war gar viel Niederlage in diesem letzten Siege der
Oligarchie.
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^1 Satius est uti regibus quam uti malis legibus (Rhet. Her. 2, 22).
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Sulla hatte die schwierige und grauenvolle Arbeit des Restaurationswerkes
nicht gesucht und nicht gewuenscht; da ihm aber keine andere Wahl blieb, als sie
gaenzlich unfaehigen Haenden zu ueberlassen oder sie selber zu uebernehmen,
griff er sie an mit ruecksichtsloser Energie. Vor allen Dingen musste eine
Feststellung hinsichtlich der Schuldigen getroffen werden. Sulla war an sich zum
Verzeihen geneigt. Sanguinischen Temperaments wie er war, konnte er wohl zornig
aufbrausen, und der mochte sich hueten, der sein Auge flammen und seine Wangen
sich faerben sah; aber die chronische Rachsucht, wie sie Marius in seiner
greisenhaften Verbitterung eigen war, war seinem leichten Naturell durchaus
fremd. Nicht bloss nach der Revolution von 666 (88) war er mit
verhaeltnismaessig grosser Milde aufgetreten; auch die zweite, die so furchtbare
Greuel veruebt und ihn persoenlich so empfindlich getroffen hatte, hatte ihn
nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. In derselben Zeit, so der Henker die
Koerper seiner Freunde durch die Strassen der Hauptstadt schleifte, hatte er dem
blutbefleckten Fimbria das Leben zu retten gesucht und, da dieser freiwillig den
Tod nahm, Befehl gegeben, seine Leiche anstaendig zu bestatten. Bei der Landung
in Italien hatte er ernstlich sich erboten, zu vergeben und zu vergessen, und
keiner, der seinen Frieden zu machen kam, war zurueckgewiesen worden. Noch nach
den ersten Erfolgen hatte er in diesem Sinne mit Lucius Scipio verhandelt; die
Revolutionspartei war es gewesen, die diese Verhandlungen nicht bloss
abgebrochen, sondern nach denselben, im letzten Augenblicke vor ihrem Sturz, die
Mordtaten abermals und grauenvoller als je wieder aufgenommen, ja zur
Vernichtung der Stadt Rom sich mit dem uralten Landesfeind verschworen hatte.
Nun war es genug. Kraft seiner neuen Amtsgewalt erklaerte Sulla unmittelbar nach
Uebernahme der Regentschaft als Feinde des Vaterlands vogelfrei saemtliche
Zivil- und Militaerbeamte, welche nach dem, Sullas Behauptung zufolge
rechtsbestaendig abgeschlossenen, Vertrag mit Scipio noch fuer die Revolution
taetig gewesen waeren, und von den uebrigen Buergern diejenigen, die in
auffallender Weise derselben Vorschub getan haetten. Wer einen dieser
Vogelfreien toetete, war nicht bloss straffrei wie der Henker, der
ordnungsmaessig eine Exekution vollzieht, sondern erhielt auch fuer die
Hinrichtung eine Verguetung von 12000 Denaren (3600 Taelern); jeder dagegen, der
eines Geaechteten sich annahm, selbst der naechste Verwandte, unterlag der
schwersten Strafe. Das Vermoegen der Geaechteten verfiel dem Staat gleich der
Feindesbeute; ihre Kinder und Enkel wurden von der politischen Laufbahn
ausgeschlossen, dennoch aber, insofern sie senatorischen Standes waren,
verpflichtet, die senatorischen Lasten fuer ihren Teil zu uebernehmen. Die
letzten Bestimmungen fanden auch Anwendung auf die Gueter und die Nachkommen
derjenigen, die im Kampfe fuer die Revolution gefallen waren; was noch
hinausging selbst ueber die im aeltesten Recht gegen solche, die die Waffen
gegen ihr Vaterland getragen hatten, geordneten Strafen. Das Schrecklichste in
diesem Schreckenssystem war die Unbestimmtheit der aufgestellten Kategorien,
gegen die sofort im Senat remonstriert ward und der Sulla selber dadurch
abzuhelfen suchte, dass er die Namen der Geaechteten oeffentlich anschlagen
liess und als letzten Termin fuer den Schluss der Aechtungsliste den 1. Juni 673
(81) festsetzte. Sosehr diese taeglich anschwellende und zuletzt bis auf 4700
Namen steigende Bluttafel 2 das gerechte Entsetzen der Buerger war, so war doch
damit der reinen Schergenwillkuer in etwa gesteuert. Es war wenigstens nicht der
persoenliche Groll des Regenten, dem die Masse dieser Opfer fiel; sein grimmiger
Hass richtete sich einzig gegen die Marier, die Urheber der scheusslichen
Metzeleien von 667 (87) und 672 (82). Auf seinen Befehl ward das Grab des
Siegers von Aquae Sextiae wiederaufgerissen und die Asche desselben in den Anio
gestreut, die Denkmaeler seiner Siege ueber Afrikaner und Deutsche umgestuerzt
und, da ihn selbst sowie seinen Sohn der Tod seiner Rache entrueckt hatte, sein
Adoptivneffe Marcus Marius Gratidianus, der zweimal Praetor gewesen und bei der
roemischen Buergerschaft sehr beliebt war, an dem Grabe des bejammernswertesten
der Marianischen Schlachtopfer, des Catulus, unter den grausamsten Martern
hingerichtet. Auch sonst hatte der Tod schon die namhaftesten der Gegner
hingerafft; von den Fuehrern waren nur noch uebrig Gaius Norbanus, der in Rhodos
Hand an sich selbst legte, waehrend die Ekklesia ueber seine Auslieferung
beriet; Lucius Scipio, dem seine Bedeutungslosigkeit und wohl auch seine
vornehme Geburt Schonung verschafften und die Erlaubnis, in seiner
Zufluchtsstaette Massalia seine Tage in Ruhe beschliessen zu duerfen; und
Quintus Sertorius, der landfluechtig an der mauretanischen Kueste umherirrte.
Aber dennoch haeuften sich am Servilischen Bassin, da wo die Jugarische Gasse in
den Marktplatz einmuendete, die Haeupter der getoeteten Senatoren, welche hier
oeffentlich auszustellen der Diktator befohlen hatte, und vor allem unter den
Maennern zweiten und dritten Ranges hielt der Tod eine furchtbare Ernte. Ausser
denen, die fuer Ehre Dienste in der oder fuer die revolutionaere Armee ohne
viele Wahl, zuweilen wegen eines einem der Offiziere derselben gemachten
Vorschusses oder wegen der mit einem solchen geschlossenen Gastfreundschaft, in
die Liste eingetragen wurden, traf namentlich jene Kapitalisten, die ueber die
Senatoren zu Gericht gesessen und in Marianischen Konfiskationen spekuliert
hatten, "die Einsaeckler", die Vergeltung; etwa sechzehnhundert der sogenannten
Ritter 3 waren auf der Aechtungsliste verzeichnet. Ebenso buessten die
gewerbsmaessigen Anklaeger, die schwerste Geissel der Vornehmen, die sich ein
Geschaeft daraus machten, die Maenner senatorischen Standes vor die
Rittergerichte zu ziehen - "Wie geht es nur zu", fragte bald darauf ein
Sachwalter, "dass sie uns die Gerichtsbaenke gelassen haben, da sie doch
Anklaeger und Richter totschlugen?" Die wildesten und schaendlichsten
Leidenschaften rasten viele Monate hindurch ungefesselt durch Italien. In der
Hauptstadt war es ein Keltentrupp, dem zunaechst die Exekutionen aufgetragen
wurden, und Sullanische Soldaten und Unteroffiziere durchzogen zu gleichem Zweck
die verschiedenen Distrikte Italiens; aber auch jeder Freiwillige war ja
willkommen, und vornehmes und niederes Gesindel draengte sich herbei, nicht
bloss, um die Mordpraemie zu verdienen, sondern auch, um unter dem Deckmantel
der politischen Verfolgung die eigene Rachsucht oder Habsucht zu befriedigen. Es
kam wohl vor, dass der Eintragung in die Aechtungsliste die Ermordung nicht
nachfolgte, sondern voranging. Ein Beispiel zeigt, in welcher Art diese
Exekutionen erfolgten. In Larinum, einer marianisch gesinnten Neubuergerstadt,
trat ein gewisser Statius Albius Oppianicus, der um einer Anklage wegen Mordes
zu entgehen in das Sullanische Hauptquartier entwichen war, nach dem Sieg auf
als Kommissarius des Regenten, setzte die Stadtobrigkeit ab und sich und seine
Freunde an deren Stelle und liess den, der ihn mit der Anklage bedroht hatte,
nebst dessen naechsten Verwandten und Freunden aechten und toeten. So fielen
unzaehlige, darunter nicht wenige entschiedene Anhaenger der Oligarchie, als
Opfer der Privatfeindschaft oder ihres Reichtums; die fuerchterliche Verwirrung
und die straefliche Nachsicht, die Sulla wie ueberall so auch hier gegen die ihm
naeher Stehenden bewies, verhinderten jede Ahndung auch nur der hierbei mit
untergelaufenen gemeinen Verbrechen.
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2 Diese Gesamtzahl gibt Valerius Maximus 9, 2, 1. Nach Appian (civ. 1, 9.5)
wurden von Sulla geaechtet gegen 40 Senatoren, wozu nachtraeglich noch einige
hinzukamen, und etwa 1600 Ritter; nach Florus (2, 9; daraus Aug. civ. 3, 28)
2000 Senatoren und Ritter. Nach Plutarch (Sull. 31) wurden in den ersten drei
Tagen 520, nach Orosius (hist. 5, 21) in den ersten Tagen 580 Namen in die Liste
eingetragen. Zwischen all diesen Berichten ist ein wesentlicher Widerspruch
nicht vorhanden, da ja teils nicht bloss Senatoren und Ritter getoetet wurden,
teils die Liste monatelang offenblieb, Wenn an einer anderen Stelle Appian (civ.
1, 103) als von Sulla getoetet oder verbannt auffuehrt fuenfzehn Konsulare, 90
Senatoren, 2600 Ritter, so sind hier, wie schon der Zusammenhang zeigt, die
Opfer des Buergerkriegs ueberhaupt und die Opfer Sullas verwechselt. Die
fuenfzehn Konsulate sind Quintus Catulus Konsul 652 (102), Marcus Antonius 655
(99), Publius Crassus 657 (97) Quintus Scaevola 659 (95), Lucius Domitius 660
(94), Lucius Caesar 664 (90), Quintus Rufus 666 (88), Lucius Cinna 667-670 (87-
84), Gnaeus Octavius 667 (87), Lucius Merula 667 (87), Lucius Flaccus 668 (86),
Gnaeus Carbo 669, 670, 672 (85, 84, 82), Gaius Norbanus 671 (83), Lucius Scipio
671 (83), Gaius Marius 672 (82), von denen vierzehn getoetet, einer, Lucius
Scipio, verbannt wurde. Wenn dagegen der Livianische Bericht bei Eutrop (5, 9)
und Orosius (5, 22) als im Bundesgenossen- und Buergerkrieg weggerafft
(consumpti) angibt 24 Konsulare, sieben Praetorier, sechs Aedilizier, 200
Senatoren, so sind hier teils die im Italischen Kriege gefallenen Maenner
mitgezaehlt, wie die Konsulare Aulus Albinus, Konsul 655 (99), Titus Didius 656
(98), Publius Lupus 664 (90), Lucius Cato 665 (89), teils vielleicht Quintus
Metellus Numidicus, Manius Aquillius, Gaius Marius der Vater, Gnaeus Strabo, die
man allenfalls auch als Opfer dieser Zeit ansehen konnte, oder andere Maenner,
deren Schicksal uns nicht bekannt ist. Von den vierzehn getoeteten Konsularen
sind drei, Rufus, Cinna und Flaccus, durch Militaerrevolten, dagegen acht
Sullanische, drei Marianische Konsulate als Opfer der Gegenpartei gefallen. Nach
der Vergleichung der oben angegebenen Ziffern galten als Opfer des Marius 50
Senatoren und 1000 Ritter, als Opfer des Sulla 40 Senatoren und 1600 Ritter; es
gibt dies einen wenigstens nicht ganz willkuerlichen Massstab zur Abschaetzung
des Umfangs der beiderseitigen Frevel.
3 Einer von diesen ist der in Ciceros Rede fuer Publius Quinctius oefter
genannte Senator Sextus Alfenus.
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In aehnlicher Weise ward mit dem Beutegut verfahren. Sulla wirkte aus
politischen Ruecksichten dahin, dass die angesehenen Buerger sich bei dessen
Ersteigerung beteiligten; ein grosser Teil draengte uebrigens freiwillig sich
herbei, keiner eifriger als der junge Marcus Crassus. Unter den obwaltenden
Umstaenden war die aergste Schleuderwirtschaft nicht zu vermeiden, die uebrigens
zum Teil schon aus der roemischen Weise folgte, die vom Staat eingezogenen
Vermoegen gegen eine Pauschalsumme zur Realisierung zu verkaufen; es kam noch
hinzu, dass der Regent teils sich selbst nicht vergass, teils besonders seine
Gemahlin Metella und andere ihm nahestehende vornehme und geringe Personen,
selbst Freigelassene und Kneipgenossen, bald ohne Konkurrenz kaufen liess, bald
ihnen den Kaufschilling ganz oder teilweise erliess - so soll zum Beispiel einer
seiner Freigelassenen ein Vermoegen von 6 Millionen (457000 Talern) fuer 2000
Sesterzen (152 Taler) ersteigert haben und einer seiner Unteroffiziere durch
derartige Spekulationen zu einem Vermoegen von 10 Mill. Sesterzen (761000
Talern) gelangt sein. Der Unwille war gross und gerecht; schon waehrend Sollas
Regentschaft fragte ein Advokat, ob der Adel den Buergerkrieg nur gefuehrt habe,
um seine Freigelassenen und Knechte zu reichen Leuten zu machen. Trotz dieser
Schleuderei indes betrug der Gesamterloes aus den konfiszierten Guetern nicht
weniger als 350 Mill. Sesterzen (27 Mill. Taler), was von dem ungeheuren Umfang
dieser hauptsaechlich auf den reichsten Teil der Buergerschaft fallenden
Einziehungen einen ungefaehren Begriff gibt. Es war durchaus ein fuerchterliches
Strafgericht. Es gab keinen Prozess, keine Begnadigung mehr; bleischwer lastete
der dumpfe Schrecken auf dem Lande, und das freie Wort war auf dem Markte der
Haupt- wie der Landstadt verstummt. Das oligarchische Schreckensregiment trug
wohl einen anderen Stempel als das revolutionaere; wenn Marius seine
persoenliche Rachsucht im Blute seiner Feinde geloescht hatte, so schien Sulla
den Terrorismus man moechte sagen abstrakt als zur Einfuehrung der neuen
Gewaltherrschaft notwendig zu erachten und die Metzelei fast gleichgueltig zu
betreiben oder betreiben zu lassen. Aber nur um so entsetzlicher erschien das
Schreckensregiment, indem es von der konservativen Seite her und gewissermassen
ohne Leidenschaft auftrat; nur um so unrettbarer schien das Gemeinwesen
verloren, indem der Wahnsinn und der Frevel auf beiden Seiten im Gleichgewicht
standen.
In der Ordnung der Verhaeltnisse Italiens und der Hauptstadt hielt Sulla,
obwohl er sonst im allgemeinen alle waehrend der Revolution vorgenommenen, nicht
bloss die laufenden Geschaefte erledigenden Staatshandlungen als nichtig
behandelte, doch fest an dem von ihr aufgestellten Grundsatz, dass jeder Buerger
einer italischen Gemeinde damit von selbst auch Buerger von Rom sei; die
Unterschiede zwischen Buergern und italischen Bundesgenossen, zwischen
Altbuergern besseren und Neubuergern beschraenkteren Rechts waren und blieben
beseitigt. Nur den Freigelassenen ward das unbeschraenkte Stimmrecht abermals
entzogen und fuer sie das alte Verhaeltnis wiederhergestellt. Den
aristokratischen Ultras mochte dies als eine grosse Konzession erscheinen; Sulla
sah, dass den revolutionaeren Fuehrern jene maechtigen Hebel notwendig aus der
Hand gewunden werden mussten und dass die Herrschaft der Oligarchie durch die
Vermehrung der Zahl der Buerger nicht wesentlich gefaehrdet ward. Aber mit
dieser Nachgiebigkeit im Prinzip verband sich das haerteste Gericht ueber die
einzelnen Gemeinden in saemtlichen Landschaften Italiens, ausgefuehrt durch
Spezialkommissare und unter Mitwirkung der durch die ganze Halbinsel verteilten
Besatzungen. Manche Staedte wurden belohnt, wie zum Beispiel die erste Gemeinde,
die sich an Sulla angeschlossen hatte, Brundisium, jetzt die fuer diesen
Seehafen so wichtige Zollfreiheit erhielt; mehrere bestraft. Den minder
Schuldigen wurden Geldbussen, Niederreissung der Mauern, Schleifung der Burgen
diktiert; den hartnaeckigsten Gegnern konfiszierte der Regent einen Teil ihrer
Feldmark, zum Teil sogar das ganze Gebiet, wie denn dies rechtlich allerdings
als verwirkt angesehen werden konnte, mochte man nun sie als Buergergemeinden
behandeln, die die Waffen gegen ihr Vaterland getragen, oder als Bundesstaaten,
die dem ewigen Friedensvertrag zuwider mit Rom Krieg gefuehrt hatten. In diesem
Falle ward zugleich allen aus dem Besitz gesetzten Buergern, aber auch nur
diesen, ihr Stadt- und zugleich das roemische Buergerrecht aberkannt, wogegen
sie das schlechteste latinische empfingen 4. Man vermied also an italischen
Untertanengemeinden geringeren Rechts der Opposition einen Kern zu gewaehren;
die heimatlosen Expropriierten mussten bald in der Masse des Proletariats sich
verlieren. In Kampanien ward nicht bloss, wie sich von selbst versteht, die
demokratische Kolonie Capua aufgehoben und die Domaene an den Staat
zurueckgegeben, sondern auch, wahrscheinlich um diese Zeit, der Gemeinde
Neapolis die Insel Aenaria (Ischia) entzogen. In Latium wurde die gesamte Mark
der grossen und reichen Stadt Praeneste und vermutlich auch die von Norba
eingezogen, ebenso in Umbrien die von Spoletium. Sulmo in der paelignischen
Landschaft ward sogar geschleift. Aber vor allem schwer lastete des Regenten
eiserner Arm auf den beiden Landschaften, die bis zuletzt und noch nach der
Schlacht am Collinischen Tor ernstlichen Widerstand geleistet hatten, auf
Etrurien und Samnium. Dort traf die Gesamtkonfiskation eine Reihe der
ansehnlichsten Kommunen, zum Beispiel Florentia, Faesulae, Arretium, Volaterrae.
Von Samniums Schicksal ward schon gesprochen; hier ward nicht konfisziert,
sondern das Land fuer immer verwuestet, seine bluehenden Staedte, selbst die
ehemalige latinische Kolonie Aesernia, oede gelegt und die Landschaft der
bruttischen und lucanischen gleichgestellt.
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4 Es kam hierbei noch die eigentuemliche Erschwerung hinzu, dass das
latinische Recht sonst regelmaessig, ebenwie das peregrinische, die
Mitgliedschaft in einer bestimmten latinischen oder peregrinischen Gemeinde in
sich schloss, hier aber - aehnlich wie bei den spaeteren Freigelassenen
latinischen und deditizischen Rechts (vgl. 3, 258 A.) - ohne ein solches eigenes
Stadtrecht auftrat. Die Folge war, dass diese Latiner die an die Stadtverfassung
geknuepften Privilegien entbehrten, genau genommen auch nicht testieren konnten,
da niemand anders ein Testament errichten kann als nach dem Recht seiner Stadt;
wohl aber konnten sie aus roemischen Testamenten erwerben und unter Lebenden
unter sich wie mit Roemern oder Latinern in den Formen des roemischen Rechts
verkehren.
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Diese Anordnungen ueber das italische Bodeneigentum stellten teils
diejenigen roemischen Domaniallaendereien, welche den ehemaligen
Bundesgenossengemeinden zur Nutzniessung uebertragen waren und jetzt mit deren
Aufloesung an die roemische Regierung zurueckfielen, teils die eingezogenen
Feldmarken der straffaelligen Gemeinden zur Verfuegung des Regenten; und er
benutzte sie, um darauf die Soldaten der siegreichen Armee ansaessig zu machen.
Die meisten dieser neuen Ansiedlungen kamen nach Etrurien, zum Beispiel nach
Faesulae und Arretium, andere nach Latium und Kampanien, wo unter andern
Praeneste und Pompeii Sullanische Kolonien wurden. Samnium wiederzubevoelkern
lag, wie gesagt, nicht in der Absicht des Regenten. Ein grosser Teil dieser
Assignationen erfolgte in gracchanischer Weise, so dass die Angesiedelten zu
einer schon bestehenden Stadtgemeinde hinzutraten. Wie umfassend die Ansiedelung
war, zeigt die Zahl der verteilten Landlose, die auf 120000 angegeben wird;
wobei dennoch einige Ackerkomplexe anderweitig verwandt wurden, wie zum Beispiel
der Dianentempel auf dem Berg Tifata mit Laendereien beschenkt ward, andere, wie
die volaterranische Mark und ein Teil der arretinischen, unverteilt blieben,
andere endlich nach dem alten, gesetzlich untersagten, aber jetzt
wiederauftauchenden Missbrauch von Sullas Guenstlingen nach Okkupationsrecht
eingenommen wurden. Die Zwecke, die Sulla bei dieser Kolonisation verfolgte,
waren mannigfacher Art. Zunaechst loeste er damit seinen Soldaten das gegebene
Wort. Ferner nahm er damit den Gedanken auf, in dem die Reformpartei und die
gemaessigten Konservativen zusammentrafen und demgemaess er selbst schon im
Jahre 666 (88) die Gruendung einer Anzahl von Kolonien angeordnet hatte: die
Zahl der ackerbauenden Kleinbesitzer in Italien durch Zerschlagung groesserer
Besitzungen von Seiten der Regierung zu vermehren; wie ernstlich ihm hieran
gelegen war, zeigt das erneuerte Verbot des Zusammenschlagens der Ackerlose.
Endlich und vor allem sah er in diesen angesiedelten Soldaten gleichsam stehende
Besatzungen, die mit ihrem Eigentumsrecht zugleich seine neue Verfassung
schirmen wuerden; weshalb auch, wo nicht die ganze Mark eingezogen ward, wie zum
Beispiel in Pompeii, die Kolonisten nicht mit der Stadtgemeinde verschmolzen,
sondern die Altbuerger und die Kolonisten als zwei in demselben Mauerring
vereinigte Buergerschaften konstituiert wurden. Diese Kolonialgruendungen ruhten
wohl auch wie die aelteren auf Volksschluss, aber doch nur mittelbar, insofern
sie der Regent auf Grund der desfaelligen Klausel des Valerischen Gesetzes
konstituierte; der Sache nach gingen sie hervor aus der Machtvollkommenheit des
Herrschers und erinnerten insofern an das freie Schalten der ehemaligen
koeniglichen Gewalt ueber das Staatsgut. Insofern aber, als der Gegensatz des
Soldaten und des Buergers, der sonst eben durch die Deduktion der Soldaten
aufgehoben ward, bei den Sullanischen Kolonien noch nach ihrer Ausfuehrung
lebendig bleiben sollte und blieb, und als diese Kolonisten gleichsam das
stehende Heer des Senats bildeten, werden sie nicht unrichtig im Gegensatz gegen
die aelteren als Militaerkolonien bezeichnet.
Dieser faktischen Konstituierung einer stehenden Armee des Senats verwandt
ist die Massregel des Regenten, aus den Sklaven der Geaechteten ueber 10000 der
juengsten und kraeftigsten Maenner auszuwaehlen und insgesamt freizusprechen.
Diese neuen Cornelier, deren buergerliche Existenz an die Rechtsbestaendigkeit
der Institutionen ihres Patrons geknuepft war, sollten eine Art von Leibwache
fuer die Oligarchie sein und ihr den staedtischen Poebel beherrschen helfen, auf
den nun einmal in der Hauptstadt in Ermangelung einer Besatzung alles ankam.
Diese ausserordentlichen Stuetzen, auf die zunaechst der Regent die
Oligarchie lehnte, schwach und ephemer wie sie wohl auch ihrem Urheber
erscheinen mochten, waren doch die einzig moeglichen, wenn man nicht zu Mitteln
greifen wollte, wie die foermliche Aufstellung eines stehendes Heeres in Rom und
dergleichen Massregeln mehr, die der Oligarchie noch weit eher ein Ende gemacht
haben wuerden als ,die demagogischen Angriffe. Das dauernde Fundament der
ordentlichen Regierungsgewalt der Oligarchie musste natuerlich der Senat sein
mit einer so gesteigerten und so konzentrierten Gewalt, dass er an jedem
einzelnen Angriffspunkt den nichtorganisierten Gegnern ueberlegen
gegenueberstand. Das vierzig Jahre hindurch befolgte System der Transaktionen
war zu Ende. Die Gracchische Verfassung, noch geschont in der ersten
Sullanischen Reform von 666, ward jetzt von Grund aus beseitigt. Seit Gaius
Gracchus hatte die Regierung dem hauptstaedtischen Proletariat gleichsam das
Recht der Erneute zugestanden und es abgekauft durch regelmaessige
Getreideverteilungen an die in der Hauptstadt domizilierten Buerger; Sulla
schaffte dieselben ab. Durch die Verpachtung der Zehnten und Zoelle der Provinz
Asia in Rom hatte Gaius Gracchus den Kapitalistenstand organisiert und fundiert;
Sulla hob das System der Mittelsmaenner auf und verwandelte die bisherigen
Leistungen der Asiaten in feste Abgaben, welche nach den zum Zweck der
Nachzahlung der Rueckstaende entworfenen Schaetzungslisten auf die einzelnen
Bezirke umgelegt wurden 5. Gaius Gracchus hatte durch Uebergabe der

Book of the day: