Full Text Archive logoFull Text Archive — Free Classic E-books

Rˆmische Geschichte Book 4 by Theodor Mommsen

Part 1 out of 9

Theodor Mommsen
Roemische Geschichte

Viertes Buch
Die Revolution

"Aber sie treiben's toll;
Ich fuercht', es breche".
Nicht jeden Wochenschluss
Macht Gott die Zeche.
Goethe
1. Kapitel
Die untertaenigen Landschaften bis zu der Gracchenzeit
Mit der Vernichtung des Makedonischen Reichs ward die Oberherrlichkeit Roms
eine Tatsache, die von den Saeulen des Hercules bis zu den Muendungen des Nil
und des Orontes nicht bloss feststand, sondern gleichsam als das letzte Wort des
Verhaengnisses auf den Voelkern lastete mit dem ganzen Druck der Unabwendbarkeit
und ihnen nur die Wahl zu lassen schien, sich in hoffnungslosem Widerstreben
oder in hoffnungslosem Dulden zu verzehren. Wenn nicht die Geschichte von dem
ernsten Leser es als ihr Recht fordern duerfte, sie durch gute und boese Tage,
durch Fruehlings- und Winterlandschaft zu begleiten, so moechte der
Geschichtschreiber versucht sein, sich der trostlosen Aufgabe zu entziehen,
diesem Kampf der Uebermacht mit der Ohnmacht sowohl in den schon zum Roemischen
Reich gezogenen spanischen Landschaften wie in den noch nach Klientelrecht
beherrschten afrikanischen, hellenischen, asiatischen Gebieten in seinen
mannigfaltigen und doch eintoenigen Wendungen zu folgen. Aber wie unbedeutend
und untergeordnet auch die einzelnen Kaempfe erscheinen moegen, eine tiefe
geschichtliche Bedeutung kommt ihnen in ihrer Gesamtheit dennoch zu; und vor
allem die italischen Verhaeltnisse dieser Zeit werden erst verstaendlich durch
die Einsicht in den Rueckschlag, der von den Provinzen aus auf die Heimat traf.
Ausser in den naturgemaess als Nebenlaender Italiens anzusehenden Gebieten,
wo uebrigens auch die Eingeborenen noch keineswegs vollstaendig unterworfen
waren und, nicht eben zur Ehre Roms, Ligurer, Sarder und Korsen fortwaehrend
Gelegenheit zu "Dorftriumphen" lieferten, bestand eine foermliche Herrschaft
Roms zu Anfang dieser Periode nur in den beiden spanischen Provinzen, die den
groesseren oestlichen und suedlichen Teil der Pyrenaeischen Halbinsel umfassten.
Es ist schon frueher versucht worden, die Zustaende der Halbinsel zu schildern:
Iberer und Kelten, Phoeniker, Hellenen, Roemer mischten sich hier bunt
durcheinander; gleichzeitig und vielfach sich durchkreuzend bestanden daselbst
die verschiedensten Arten und Stufen der Zivilisation, die altiberische Kultur
neben vollstaendiger Barbarei, die Bildungsverhaeltnisse phoenikischer und
griechischer Kaufstaedte neben der aufkeimenden Latinisierung, die namentlich
durch die in den Silberbergwerken zahlreich beschaeftigten Italiker und durch
die starke stehende Besatzung gefoerdert ward. In dieser Hinsicht erwaehnenswert
sind die roemische Ortschaft Italica (bei Sevilla) und die latinische Kolonie
Carteia (an der Bai von Gibraltar), die letztere die erste ueberseeische
Stadtgemeinde latinischer Zunge und italischer Verfassung. Italica wurde von dem
aelteren Scipio, noch ehe er Spanien verliess (548 206), fuer seine zum
Verbleiben auf der Halbinsel geneigten Veteranen gegruendet, wahrscheinlich
indes nicht als Buergergemeinde, sondern nur als Marktort ^1; Carteias Gruendung
faellt in das Jahr 583 (171) und ward veranlasst durch die Menge der von
roemischen Soldaten mit spanischen Sklavinnen erzeugten Lagerkinder, welche
rechtlich als Sklaven, tatsaechlich als freie Italiker aufwuchsen und nun von
Staats wegen freigesprochen und in Verbindung mit den alten Einwohnern von
Carteia als latinische Kolonie konstituiert wurden. Beinahe dreissig Jahre nach
der Ordnung der Ebroprovinz durch Tiberius Sempronius Gracchus (575, 576 179,
178) genossen die spanischen Landschaften im ganzen ungestoert die Segnungen des
Friedens, obwohl ein paarmal von Kriegszuegen gegen die Keltiberer und Lusitaner
die Rede ist. Aber ernstere Ereignisse traten im Jahre 600 (154) ein. Unter
Fuehrung eines Haeuptlings Punicus fielen die Lusitaner ein in das roemische
Gebiet, schlugen die beiden gegen sie vereinigten roemischen Statthalter und
toeteten ihnen eine grosse Anzahl Leute. Die Vettonen (zwischen dem Tajo und dem
oberen Duero) wurden hierdurch bestimmt, mit den Lusitanern gemeinschaftliche
Sache zu machen; so verstaerkt vermochten diese ihre Streifzuege bis an das
Mittellaendische Meer auszudehnen und sogar das Gebiet der Bastulophoeniker
unweit der roemischen Hauptstadt Neukarthago (Cartagena) zu brandschatzen. Man
nahm in Rom die Sache ernst genug, um die Absendung eines Konsuls nach Spanien
zu beschliessen, was seit 559 (195) nicht geschehen war, und liess sogar zur
Beschleunigung der Hilfsleistung die neuen Konsuln zwei und einen halben Monat
vor der gesetzlichen Zeit ihr Amt antreten - es war dies die Ursache, weshalb
der Amtsantritt der Konsuln vom 15. Maerz sich auf den 1. Januar verschob und
damit derjenige Jahresanfang sich feststellte, dessen wir noch heute uns
bedienen. Allein ehe noch der Konsul Quintus Fulvius Nobilior mit seiner Armee
eintraf, kam es zwischen dem Statthalter des Jenseitigen Spaniens, dem Praetor
Lucius Mummius, und den jetzt nach Punicus' Fall von seinem Nachfolger Kaesarus
gefuehrten Lusitanern am rechten Ufer des Tajo zu einem sehr ernsthaften Treffen
(601 158). Das Glueck war anfangs den Roemern guenstig; das lusitanische Heer
ward zersprengt, das Lager genommen. Allein, teils bereits vom Marsch ermuedet,
teils in der Unordnung des Nachsetzens sich aufloesend, wurden sie von den schon
besiegten Gegnern schliesslich vollstaendig geschlagen und buessten zu dem
feindlichen Lager das eigene sowie an Toten 9000 Mann ein. Weit und breit
loderte jetzt die Kriegsflamme auf. Die Lusitaner am linken Ufer des Tajo warfen
sich unter Anfuehrung des Kaukaenus auf die den Roemern untertaenigen Keltiker
(in Alentejo) und nahmen ihre Stadt Conistorgis weg. Den Keltiberern sandten die
Lusitaner die dem Mummius abgenommenen Feldzeichen zugleich als Siegesbotschaft
und als Mahnung zu; und auch hier fehlte es nicht an Gaerungsstoff. Zwei kleine,
den maechtigen Arevakern (um die Quellen des Duero und Tajo) benachbarte
Voelkerschaften Keltiberiens, die Beller und Titther, hatten beschlossen, in
eine ihrer Staedte, Segeda, sich zusammenzusiedeln. Waehrend sie mit dem
Mauerbau beschaeftigt waren, ward ihnen dieser roemischerseits untersagt, da die
Sempronischen Ordnungen den unterworfenen Gemeinden jede eigenmaechtige
Staedtegruendung verboeten, und zugleich die vertragsmaessig schuldige, aber
seit laengerer Zeit nicht verlangte Leistung an Geld und Mannschaft
eingefordert. Beiden Befehlen weigerten die Spanier den Gehorsam, da es sich nur
um Erweiterung, nicht um Gruendung einer Stadt handle, die Leistungen aber nicht
bloss suspendiert, sondern von den Roemern erlassen seien. Darueber erschien
Nobilior im Diesseitigen Spanien mit einem fast 30000 Mann starken Heer, unter
dem auch numidische Reiter und zehn Elefanten sich befanden. Noch standen die
Mauern der neuen Stadt nicht vollstaendig; die meisten Segedaner unterwarfen
sich. Allein die entschlossensten fluechteten mit Weib und Kind zu den
maechtigen Arevakern und forderten sie auf, mit ihnen gegen die Roemer
gemeinschaftliche Sache zu machen. Die Arevaker, ermutigt durch den Sieg der
Lusitaner ueber Mummius, gingen darauf ein und waehlten einen der fluechtigen
Segedaner, Karus, zu ihrem Feldherrn. Am dritten Tag nach seiner Wahl war der
tapfere Fuehrer eine Leiche, aber das roemische Heer geschlagen und bei 6000
roemische Buerger getoetet - der Tag des 23. August, das Fest der Volkanalien,
blieb seitdem den Roemern in schlimmer Erinnerung. Doch bewog der Fall ihres
Feldherrn die Arevaker, sich in ihre festeste Stadt Numantia (Garray, eine Legua
noerdlich von Soria am Duero) zurueckzuziehen, wohin Nobilior ihnen folgte.
Unter den Mauern der Stadt kam es zu einem zweiten Treffen, in welchem die
Roemer anfaenglich durch ihre Elefanten die Spanier in die Stadt
zurueckdraengten, aber dabei infolge der Verwundung eines der Tiere in
Verwirrung gerieten und durch die abermals ausrueckenden Feinde eine zweite
Niederlage erlitten. Dieser und andere Unfaelle, wie die Vernichtung eines zur
Herbeirufung von Zuzugmannschaft ausgesandten roemischen Reiterkorps,
gestalteten die Angelegenheiten der Roemer in der diesseitigen Provinz so
unguenstig, dass die Festung Okilis, wo die Kasse und die Vorraete der Roemer
sich befanden, zum Feinde uebertrat und die Arevaker daran denken konnten,
freilich ohne Erfolg, den Roemern den Frieden zu diktieren. Einigermassen wurden
indes diese Nachteile aufgewogen durch die Erfolge, die Mummius in der
suedlichen Provinz erfocht. So geschwaecht auch durch die erlittene Niederlage
sein Heer war, gelang es ihm dennoch, mit demselben den unvorsichtig sich
zerstreuenden Lusitanern am rechten Tajoufer eine Niederlage beizubringen und,
uebergehend auf das linke, wo die Lusitaner das ganze roemische Gebiet
ueberrannt, ja bis nach Afrika gestreift hatten, die suedliche Provinz von den
Feinden zu saeubern. In die noerdliche sandte das folgende Jahr (602 152) der
Senat ausser betraechtlichen Verstaerkungen einen andern Oberfeldherrn an der
Stelle des unfaehigen Nobilior, den Konsul Marcus Claudius Marcellus, der schon
als Praetor 586 (168) sich in Spanien ausgezeichnet und seitdem in zwei
Konsulaten sein Feldherrntalent bewaehrt hatte. Seine geschickte Fuehrung und
mehr noch seine Milde aenderte die Lage der Dinge schnell: Okilis ergab sich ihm
sofort, und selbst die Arevaker, von Marcellus in der Hoffnung bestaerkt, dass
ihnen gegen eine maessige Busse Friede gewaehrt werden wuerde, schlossen
Waffenstillstand und schickten Gesandte nach Rom. Marcellus konnte sich nach der
suedlichen Provinz begeben, wo die Vettonen und Lusitaner sich dem Praetor
Marcus Atilius zwar botmaessig erwiesen hatten, solange er in ihrem Gebiet
stand, allein nach seiner Entfernung sofort wieder aufgestanden waren und die
roemischen Verbuendeten heimsuchten. Die Ankunft des Konsuls stellte die Ordnung
wieder her, und waehrend er in Corduba ueberwinterte, ruhten auf der ganzen
Halbinsel die Waffen. Inzwischen ward in Rom ueber den Frieden mit den Arevakern
verhandelt. Es ist bezeichnend fuer die inneren Verhaeltnisse Spaniens, dass
vornehmlich die Sendlinge der bei den Arevakern bestehenden roemischen Partei
die Verwerfung der Friedensvorschlaege in Rom durchsetzten, indem sie
vorstellten, dass, wenn man die roemisch gesinnten Spanier nicht preisgeben
wolle, nur die Wahl bleibe, entweder jaehrlich einen Konsul mit entsprechendem
Heer nach der Halbinsel zu senden oder jetzt ein nachdrueckliches Exempel zu
statuieren. Infolgedessen wurden die Boten der Arevaker ohne entscheidende
Antwort verabschiedet und die energische Fortsetzung des Krieges beschlossen.
Marcellus sah sich demnach genoetigt, im folgenden Fruehjahr (603 151) den Krieg
gegen die Arevaker wieder zu beginnen. Indes sei es nun, wie behauptet wird,
dass er den Ruhm, den Krieg beendigt zu haben, seinem bald zu erwartenden
Nachfolger nicht goennte, sei es, was vielleicht wahrscheinlicher ist, dass er
gleich Gracchus in der milden Behandlung der Spanier die erste Bedingung eines
dauerhaften Friedens sah - nach einer geheimen Zusammenkunft des roemischen
Feldherrn mit den einflussreichsten Maennern der Arevaker kam unter den Mauern
von Numantia ein Traktat zustande, durch den die Arevaker den Roemern sich auf
Gnade und Ungnade ergaben, aber unter Verpflichtung zu Geldzahlung und
Geiselstellung in ihre bisherigen vertragsmaessigen Rechte wiedereingesetzt
wurden.
---------------------------------------
^1 Italica wird durch Scipio das geworden sein, was in Italien forum et
conciliabulum civium Romanorum hiess; aehnlich ist spaeter Aquae Sextiae in
Gallien entstanden. Die Entstehung ueberseeischer Buergergemeinden beginnt erst
spaeter mit Karthago und Narbo; indes ist es merkwuerdig, dass in gewissem Sinne
doch auch dazu schon Scipio den Anfang machte.
----------------------------------------
Als der neue Oberfeldherr, der Konsul Lucius Lucullus, bei dem Heere
eintraf, fand er den Krieg, den zu fuehren er gekommen war, bereits durch
foermlichen Friedensschluss beendigt, und seine Hoffnung, Ehre und vor allem
Geld aus Spanien heimzubringen, schien vereitelt. Indes dafuer gab es Rat. Auf
eigene Hand griff Lucullus die westlichen Nachbarn der Arevaker, die Vaccaeer,
an, eine noch unabhaengige keltiberische Nation, die mit den Roemern im besten
Einvernehmen lebte. Auf die Frage der Spanier, was sie denn gefehlt haetten, war
die Antwort: der Ueberfall der Stadt Cauca (Coca, acht Leguas westlich von
Segovia); und als die erschreckte Stadt mit schweren Geldopfern die Kapitulation
erkauft zu haben meinte, rueckten roemische Truppen in sie ein und knechteten
oder mordeten die Einwohnerschaft ohne jeglichen Vorwand. Nach dieser Heldentat,
die etwa 20000 wehrlosen Menschen das Leben gekostet haben soll, ging der Marsch
weiter. Weit und breit standen die Doerfer und Ortschaften leer oder schlossen,
wie das feste Intercatia und die Hauptstadt der Vaccaeer, Pallantia (Palencia),
dem roemischen Heere ihre Tore. Die Habsucht hatte in ihren eigenen Netzen sich
gefangen; keine Gemeinde fand sich, die mit dem treubruechigen Feldherrn eine
Kapitulation haette abschliessen moegen, und die allgemeine Flucht der Bewohner
machte nicht bloss die Beute karg, sondern auch das laengere Verweilen in diesen
unwirtlichen Gegenden fast unmoeglich. Vor Intercatia gelang es einem
angesehenen Kriegstribun, dem Scipio Aemilianus, leiblichem Sohn des Siegers von
Pydna und Adoptivenkel des Siegers von Zama, durch sein Ehrenwort, da das des
Feldherrn nichts mehr galt, die Bewohner zum Abschluss eines Vertrages zu
bestimmen, infolgedessen das roemische Heer gegen Lieferung von Vieh und
Kleidungsstuecken abzog. Aber die Belagerung von Pallantia musste wegen Mangels
an Lebensmitteln aufgehoben werden, und das roemische Heer ward auf dem
Rueckmarsch von den Vaccaeern bis zum Duero verfolgt. Lucullus begab sich darauf
nach der suedlichen Provinz, wo der Praetor Servius Sulpicius Galba in demselben
Jahr von den Lusitanern sich hatte schlagen lassen; beide ueberwinterten nicht
fern voneinander, Lucullus im turdetanischen Gebiet, Galba bei Conistorgis, und
griffen im folgenden Jahr (604 150) gemeinschaftlich die Lusitaner an. Lucullus
errang an der Gaditanischen Meerenge einige Vorteile ueber sie. Galba richtete
mehr aus, indem er mit drei lusitanischen Staemmen am rechten Ufer des Tajo
einen Vertrag abschloss und sie in bessere Wohnsitze ueberzusiedeln verhiess,
worauf die Barbaren, die der gehofften Aecker wegen, 7000 an der Zahl, sich bei
ihm einfanden, in drei Abteilungen geteilt, entwaffnet und teils als Sklaven
weggefuehrt, teils niedergehauen wurden. Kaum ist je mit gleicher Treulosigkeit,
Grausamkeit und Habgier Krieg gefuehrt worden wie von diesen beiden Feldherren,
die dennoch durch ihre verbrecherisch erworbenen Schaetze der eine der
Verurteilung, der andre sogar der Anklage entging. Den Galba versuchte der alte
Cato noch in seinem fuenfundachtzigsten Jahr, wenige Monate vor seinem Tode, vor
der Buergerschaft zur Verantwortung zu ziehen; aber die jammernden Kinder des
Generals und sein heimgebrachtes Gold erwiesen dem roemischen Volke seine
Unschuld.
Nicht so sehr die ehrlosen Erfolge, die Lucullus und Galba in Spanien
erreicht hatten, als der Ausbruch des Vierten Makedonischen und des Dritten
Karthagischen Krieges im Jahre 605 (149) bewirkte, dass man die spanischen
Angelegenheiten zunaechst wieder den gewoehnlichen Statthaltern ueberliess. So
verwuesteten denn die Lusitaner, durch Galbas Treulosigkeit mehr erbittert als
gedemuetigt, unaufhoerlich das reiche turdetanische Gebiet. Gegen sie zog der
roemische Statthalter Gaius Vetilius (607/08 147/48) 2 und schlug sie nicht
bloss, sondern draengte auch den ganzen Haufen auf einen Huegel zusammen, wo
derselbe rettungslos verloren schien. Schon war die Kapitulation so gut wie
abgeschlossen, als Viriathus, ein Mann geringer Herkunft, aber wie einst als
Bube ein tapferer Verteidiger seiner Herde gegen die wilden Tiere und Raeuber,
so jetzt in ernsteren Kaempfen ein gefuerchteter Guerillachef und einer der
wenigen, die dem treulosen Ueberfall Galbas zufaellig entronnen waren, seine
Landsleute warnte, auf roemisches Ehrenwort zu bauen und ihnen Rettung verhiess,
wenn sie ihm folgen wollten. Sein Wort und sein Beispiel wirkten; das Heer
uebertrug ihm den Oberbefehl. Viriathus gab der Masse seiner Leute den Befehl,
sich in einzelnen Trupps auf verschiedenen Wegen nach dem bestimmten Sammelplatz
zu begeben; er selber bildete aus den bestberittenen und zuverlaessigsten Leuten
ein Korps von 1000 Pferden, womit er den Abzug der Seinigen deckte. Die Roemer,
denen es an leichter Kavallerie fehlte, wagten nicht, unter den Augen der
feindlichen Reiter sich zur Verfolgung zu zerstreuen. Nachdem Viriathus zwei
volle Tage hindurch mit seinem Haufen das ganze roemische Heer aufgehalten
hatte, verschwand auch er ploetzlich in der Nacht und eilte dem allgemeinen
Sammelplatz zu. Der roemische Feldherr folgte ihm, fiel aber in einen geschickt
gelegten Hinterhalt, in dem er die Haelfte seines Heeres verlor und selber
gefangen und getoetet ward; kaum rettete der Rest der Truppen sich an die
Meerenge nach der Kolonie Carteia. Schleunigst wurden vom Ebro her 5000 Mann
spanischer Landsturm zur Verstaerkung der geschlagenen Roemer gesandt; aber
Viriathus vernichtete das Korps noch auf dem Marsch und gebot in dem ganzen
karpetanischen Binnenland so unumschraenkt, dass die Roemer nicht einmal wagten,
ihn dort aufzusuchen. Viriathus, jetzt als Herr und Koenig der saemtlichen
Lusitaner anerkannt, verstand es, das volle Gewicht seiner fuerstlichen Stellung
mit dem schlichten Wesen des Hirten zu vereinigen. Kein Abzeichen unterschied
ihn von dem gemeinen Soldaten; von der reichgeschmueckten Hochzeitstafel seines
Schwiegervaters, des Fuersten Astolpa im roemischen Spanien, stand er auf, ohne
das goldene Geschirr und die kostbaren Speisen beruehrt zu haben, hob seine
Braut auf das Ross und ritt mit ihr zurueck in seine Berge. Nie nahm er von der
Beute mehr als denselben Teil, den er auch jedem seiner Kameraden zuschied. Nur
an der hohen Gestalt und an dem treffenden Witzwort erkannte der Soldat den
Feldherrn, vor allem aber daran, dass er es in Maessigkeit und in Muehsal jedem
der Seinigen zuvortat, nie anders als in voller Ruestung schlief und in der
Schlacht allen voran focht. Es schien, als sei in dieser gruendlich prosaischen
Zeit einer der Homerischen Helden wiedergekehrt; weit und breit erscholl in
Spanien der Name des Viriathus, und die tapfere Nation meinte endlich in ihm den
Mann gefunden zu haben, der die Ketten der Fremdherrschaft zu brechen bestimmt
sei. Ungemeine Erfolge im noerdlichen wie im suedlichen Spanien bezeichneten die
naechsten Jahre seiner Feldherrnschaft. Den Praetor Gaius Plautius (608/09 146)
wusste er, nachdem er dessen Vorhut vernichtet hatte, hinueber auf das rechte
Tajoufer zu locken und ihn dort so nachdruecklich zu schlagen, dass der
roemische Feldherr mitten im Sommer in die Winterquartiere ging - spaeter ward
dafuer gegen ihn die Anklage wegen Entehrung der roemischen Gemeinde vor dem
Volk erhoben und er genoetigt, die Heimat zu meiden. Desgleichen wurde das Heer
des Statthalters - es scheint, der diesseitigen Provinz - Claudius Unimanus
vernichtet, das des Gaius Negidius ueberwunden und weithin das platte Land
gebrandschatzt. Auf den spanischen Bergen erhoben sich Siegeszeichen, die mit
den Insignien der roemischen Statthalter und mit den Waffen der Legionen
geschmueckt waren; bestuerzt und beschaemt vernahm man in Rom von den Siegen des
Barbarenkoenigs. Zwar uebernahm jetzt ein zuverlaessiger Offizier die Fuehrung
des Spanischen Krieges, der zweite Sohn des Siegers von Pydna, der Konsul
Quintus Fabius Maximus Aemilianus (609 145). Allein die krieggewohnten, eben von
Makedonien und Afrika heimgekehrten Veteranen aufs neue in den verhassten
Spanischen Krieg zu senden, wagte man schon nicht mehr; die beiden Legionen, die
Maximus mitbrachte, waren neu geworben und nicht viel minder unzuverlaessig als
das alte, gaenzlich demoralisierte spanische Heer. Nachdem die ersten Gefechte
wieder fuer die Lusitaner guenstig ausgefallen waren, hielt der einsichtige
Feldherr den Rest des Jahres seine Truppen in dem Lager bei Urso (Osuna
suedoestlich von Sevilla) zusammen, ohne die angebotene Feldschlacht zu liefern,
und nahm erst im folgenden (610 144), nachdem im kleinen Krieg seine Truppen
kampffaehig geworden waren, wieder das Feld, wo er dann die Ueberlegenheit zu
behaupten vermochte und nach gluecklichen Waffentaten nach Corduba ins
Winterlager ging. Als aber an Maximus' Stelle der feige und ungeschickte Praetor
Quinctius den Befehl uebernahm, erlitten die Roemer wiederum eine Niederlage
ueber die andere und schloss ihr Feldherr sich wieder mitten im Sommer in
Corduba ein, waehrend Viriathus' Scharen die suedliche Provinz ueberschwemmten
(611 143). Sein Nachfolger, des Maximus Aemilianus Adoptivbruder Quintus Fabius
Maximus Servilianus, mit zwei frischen Legionen und zehn Elefanten nach der
Halbinsel gesendet, versuchte, in das lusitanische Gebiet einzudringen, allein
nach einer Reihe nichts entscheidender Gefechte und einem muehsam abgeschlagenen
Sturm auf das roemische Lager sah er sich genoetigt, auf das roemische Gebiet
zurueckzuweichen. Viriathus folgte ihm in die Provinz; da aber seine Truppen
nach dem Brauch spanischer Insurgentenheere ploetzlich sich verliefen, musste
auch er nach Lusitanien zurueckkehren (612 142). Im naechsten Jahre (613 141)
ergriff Servilianus wieder die Offensive, durchzog die Gegenden am Baetis und
Anas und besetzte sodann, in Lusitanien einrueckend, eine Menge Ortschaften.
Eine grosse Zahl der Insurgenten fiel in seine Hand; die Fuehrer - es waren
deren gegen 500 - wurden hingerichtet, den aus roemischem Gebiet zum Feinde
Uebergegangenen die Haende abgehauen, die uebrige Masse in die Sklaverei
verkauft. Aber der Spanische Krieg bewaehrte auch hier seine tueckische
Unbestaendigkeit. Das roemische Heer ward nach all diesen Erfolgen bei der
Belagerung von Erisane von Viriathus angegriffen, geworfen und auf einen Felsen
gedraengt, wo es gaenzlich in der Gewalt der Feinde war. Viriathus indes
begnuegte sich, wie einst der Samnitenfeldherr in den Caudinischen Paessen, mit
Servilianus einen Frieden abzuschliessen, worin die Gemeinde der Lusitaner als
souveraen und Viriathus als Koenig derselben anerkannt ward. Die Macht der
Roemer war nicht mehr gestiegen als das nationale Ehrgefuehl gesunken; man war
in der Hauptstadt froh, des laestigen Krieges entledigt zu sein, und Senat und
Volk gaben dem Vertrage die Ratifikation. Allein des Servilianus leiblicher
Bruder und Amtsnachfolger Quintus Servilius Caepio war mit dieser Nachgiebigkeit
wenig zufrieden und der Senat schwach genug, anfangs den Konsul zu heimlichen
Machinationen gegen den Viriathus zu bevollmaechtigen und bald ihm den offenen,
unbeschoenigten Bruch des gegebenen Treuworts wenigstens nachzusehen. So drang
Caepio in Lusitanien ein und durchzog das Land bis zu dem Gebiet der Vettonen
und Callaeker; Viriathus vermied den Kampf mit der Uebermacht und entzog sich
durch geschickte Bewegungen dem Gegner (614 140). Als aber im folgenden Jahre
(615 139) nicht bloss Caepio den Angriff erneuerte, sondern auch das in der
noerdlichen Provinz inzwischen verfuegbar gewordene Heer unter Marcus Popillius
in Lusitanien erschien, bat Viriathus um Frieden unter jeder Bedingung. Er ward
geheissen, alle aus dem roemischen Gebiet zu ihm uebergetretenen Leute, darunter
seinen eigenen Schwiegervater, an die Roemer auszuliefern; es geschah, und die
Roemer liessen dieselben hinrichten oder ihnen die Haende abhauen. Allein es war
damit nicht genug; nicht auf einmal pflegten die Roemer den Unterworfenen
anzukuendigen, was ueber sie verhaengt war. Ein Befehl nach dem andern, und
immer der folgende unertraeglicher als die vorhergehenden, erging an die
Lusitaner, und schliesslich ward sogar die Auslieferung der Waffen von ihnen
gefordert. Da gedachte Viriathus abermals des Schicksals seiner Landsleute, die
Galba hatte entwaffnen lassen, und griff aufs neue zum Schwert, aber zu spaet.
Sein Schwanken hatte in seiner naechsten Umgebung die Keime des Verrats gesaet;
drei seiner Vertrauten, Audas, Ditalko und Minucius aus Urso, verzweifelnd an
der Moeglichkeit, jetzt noch zu siegen, erwirkten von dem Koenig die Erlaubnis,
noch einmal mit Caepio Friedensunterhandlungen anzuknuepfen, und benutzten sie,
um gegen Zusicherung persoenlicher Amnestie und weiterer Belohnungen das Leben
des lusitanischen Helden den Fremden zu verkaufen. Zurueckgekehrt in das Lager,
versicherten sie den Koenig des guenstigsten Erfolgs ihrer Verhandlungen und
erdolchten die Nacht darauf den Schlafenden in seinem Zelte. Die Lusitaner
ehrten den herrlichen Mann durch eine Totenfeier ohnegleichen, bei der
zweihundert Fechterpaare die Leichenspiele fochten; hoeher noch dadurch, dass
sie den Kampf nicht aufgaben, sondern an die Stelle des gefallenen Helden den
Tautamus zu ihrem Oberfeldherrn ernannten. Kuehn genug war auch der Plan, den
dieser entwarf, den Roemern Sagunt zu entreissen; allein der neue Feldherr
besass weder seines Vorgaengers weise Maessigung noch dessen Kriegsgeschick. Die
Expedition scheiterte voellig, und auf der Rueckkehr ward das Heer bei dem
Uebergang ueber den Baetis angegriffen und genoetigt, sich unbedingt zu ergeben.
Also, weit mehr durch Verrat und Mord von Fremden wie von Eingeborenen als durch
ehrlichen Krieg, ward Lusitanien bezwungen.
-----------------------------------------
2 Die Chronologie des Viriathischen Krieges ist wenig gesichert. Es steht
fest, dass Viriathus' Auftreten von dem Kampf mit Vetilius datiert (App. Hisp.
61; Liv. 52; Oros. hist. 5, 4) und dass er 615 (130) umkam (Diod. Vat. p. 110 u.
a. m.); die Dauer seines Regiments wird auf acht (App. Hisp. 63), zehn (Iust.
44, 2), elf (Diod. p. 597), fuenfzehn (Liv. 54; Eutr. 4, 16; Oros. hist. 5, 4;
Flor. epit. 1, 33) und zwanzig Jahre (Vell. 2, 90) berechnet. Der erste Ansatz
hat deswegen einige Wahrscheinlichkeit, weil Viriathus' Auftreten sowohl bei
Diodor (p. 591; Vat. p. 107 108) wie auch bei Orosius (hist. 5, 4) an die
Zerstoerung von Korinth angeknuepft wird. Von den roemischen Statthaltern, mit
denen sich Viriathus schlug, gehoeren ohne Zweifel mehrere der noerdlichen
Provinz an, da Viriathus zwar vorwiegend, aber nicht ausschliesslich in der
suedlichen taetig war (Liv. 52); man darf also nicht nach der Zahl dieser Namen
die Zahl der Jahre seiner Feldherrnschaft berechnen.
---------------------------------------
Waehrend die suedliche Provinz durch Viriathus und die Lusitaner
heimgesucht ward, war nicht ohne deren Zutun in der noerdlichen bei den
keltiberischen Nationen ein zweiter, nicht minder ernster Krieg ausgebrochen.
Viriathus' glaenzende Erfolge bewogen im Jahre 610 (144) die Arevaker,
gleichfalls gegen die Roemer sich zu erheben, und es war dies die Ursache,
weshalb der zur Abloesung des Maximus Aemilianus nach Spanien gesandte Konsul
Quintus Caecilius Metellus nicht nach der suedlichen Provinz ging, sondern gegen
die Keltiberer sich wandte. Auch gegen sie bewaehrte er, namentlich waehrend der
Belagerung der fuer unbezwinglich gehaltenen Stadt Contrebia, dieselbe
Tuechtigkeit, die er bei der Ueberwindung des makedonischen Pseudophilipp
bewiesen hatte; nach zweijaehriger Verwaltung (611, 612 143, 142) war die
noerdliche Provinz zum Gehorsam zurueckgebracht. Nur die beiden Staedte
Termantia und Numantia hatten noch den Roemern die Tore nicht geoeffnet; auch
mit diesen aber war die Kapitulation fast schon abgeschlossen und der groesste
Teil der Bedingungen von den Spaniern erfuellt. Als es jedoch zur Ablieferung
der Waffen kam, ergriff auch sie eben wie den Viriathus jener echt spanische
Stolz auf den Besitz des wohlgefuehrten Schwertes, und es ward beschlossen,
unter dem kuehnen Megaravicus den Krieg fortzusetzen. Es schien eine Torheit;
das konsularische Heer, dessen Befehl 613 (141) der Konsul Quintus Pompeius
uebernahm, war viermal so stark als die gesamte waffenfaehige Bevoelkerung von
Numantia. Allein der voellig kriegsunkundige Feldherr erlitt unter den Mauern
beider Staedte so harte Niederlagen (613, 614 141, 140), dass er endlich es
vorzog, den Frieden, den er nicht erzwingen konnte, durch Unterhandlungen zu
erwirken. Mit Termantia muss ein definitives Abkommen getroffen sein; auch den
Numantinern sandte der roemische Feldherr ihre Gefangenen zurueck und forderte
die Gemeinde unter dem geheimen Versprechen guenstiger Behandlung auf, sich ihm
auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Numantiner, des Krieges muede, gingen
darauf ein, und der Feldherr beschraenkte in der Tat seine Forderungen auf das
moeglichst geringe Mass. Gefangene, Ueberlaeufer, Geiseln waren abgeliefert und
die bedungene Geldsumme groesstenteils gezahlt, als im Jahre 615 (139) der neue
Feldherr Marcus Popillius Laenas im Lager eintraf. Sowie Pompeius die Last des
Oberbefehls auf fremde Schultern gewaelzt sah, ergriff er, um sich der in Rom
seiner wartenden Verantwortung fuer den nach roemischen Begriffen ehrlosen
Frieden zu entziehen, den Ausweg, sein Wort nicht etwa bloss zu brechen, sondern
zu verleugnen und, als die Numantiner kamen, um die letzte Zahlung zu machen,
ihren und seinen Offizieren ins Gesicht den Abschluss des Vertrages einfach in
Abrede zu stellen. Die Sache ging zur rechtlichen Entscheidung an den Senat nach
Rom; waehrend dort darueber verhandelt ward, ruhte vor Numantia der Krieg und
beschaeftigte sich Laenas mit einem Zug nach Lusitanien, wo er die Katastrophe
des Viriathus beschleunigen half, und mit einem Streifzug gegen die den
Numantinern benachbarten Lusonen. Als endlich vom Senat die Entscheidung kam,
lautete sie auf Fortsetzung des Krieges - man beteiligte sich also von Staats
wegen an dem Bubenstreich des Pompeius. Mit ungeschwaechtem Mut und erhoehter
Erbitterung nahmen die Numantiner den Kampf wieder auf; Laenas focht
ungluecklich gegen sie und nicht minder sein Nachfolger Gaius Hostilius Mancinus
(617 137). Aber die Katastrophe fuehrten weit weniger die Waffen der Numantiner
herbei als die schlaffe und elende Kriegszucht der roemischen Feldherrn und die
Folge derselben, die von Jahr zu Jahr ueppiger wuchernde Liederlichkeit,
Zuchtlosigkeit und Feigheit der roemischen Soldaten. Das blosse, ueberdies
falsche Geruecht, dass die Kantabrer und Vaccaeer zum Entsatz von Numantia
heranrueckten, bewog das roemische Heer, ungeheissen in der Nacht das Lager zu
raeumen, um sich in den sechzehn Jahre zuvor von Nobilior angelegten
Verschanzungen zu bergen. Die Numantiner, von dem Aufbruch in Kenntnis gesetzt,
draengten der fliehenden Armee nach und umzingelten sie; es blieb nur die Wahl,
mit dem Schwert in der Hand sich durchzuschlagen oder auf die von den
Numantinern gestellten Bedingungen Frieden zu schliessen. Mehr als der Konsul,
der persoenlich ein Ehrenmann, aber schwach und wenig bekannt war, bewirkte
Tiberius Gracchus, der als Quaestor im Heere diente, durch sein von dem Vater,
dem weisen Ordner der Ebroprovinz, auf ihn vererbtes Ansehen bei den
Keltiberern, dass die Numantiner sich mit einem billigen, von allen
Stabsoffizieren beschworenen Friedensvertrag genuegen liessen. Allein der Senat
rief nicht bloss den Feldherrn sofort zurueck, sondern liess auch nach langer
Beratung bei der Buergerschaft darauf antragen, den Vertrag zu behandeln wie
einst den caudinischen, das heisst, ihm die Ratifikation zu verweigern und die
Verantwortlichkeit dafuer auf diejenigen abzuwaelzen, die ihn geschlossen
hatten. Von Rechts wegen haetten dies saemtliche Offiziere sein muessen, die den
Vertrag beschworen hatten; allein Gracchus und die uebrigen wurden durch ihre
Verbindungen gerettet; Mancinus allein, der nicht den Kreisen der hoechsten
Aristokratie angehoerte, ward bestimmt, fuer eigene und fremde Schuld zu
buessen. Seiner Insignien entkleidet, ward der roemische Konsular zu den
feindlichen Vorposten gefuehrt, und da die Numantiner ihn anzunehmen
verweigerten, um nicht auch ihrerseits den Vertrag als nichtig anzuerkennen,
stand der ehemalige Oberfeldherr, im Hemd und die Haende auf den Ruecken
gebunden, einen Tag lang vor den Toren von Numantia, Freunden und Feinden ein
klaegliches Schauspiel. Jedoch fuer Mancinus' Nachfolger, seinen Kollegen im
Konsulat, Marcus Aemilius Lepidus, schien die bittere Lehre voellig verloren.
Waehrend die Verhandlungen ueber den Vertrag mit Mancinus in Rom schwebten,
griff er unter nichtigen Vorwaenden, eben wie sechzehn Jahre zuvor Lucullus, das
freie Volk der Vaccaeer an und begann in Gemeinschaft mit dem Feldherrn der
jenseitigen Provinz Pallantia zu belagern (618 136). Ein Senatsbeschluss befahl
ihm, von dem Krieg abzustehen; nichtsdestoweniger setzte er, unter dem Vorwand,
dass die Umstaende inzwischen sich geaendert haetten, die Belagerung fort. Dabei
war er als Soldat gerade so schlecht wie als Buerger; nachdem er so lange vor
der grossen und festen Stadt gelegen hatte, bis ihm in dem rauhen feindlichen
Land die Zufuhr ausgegangen war, musste er mit Zuruecklassung aller Verwundeten
und Kranken den Rueckzug beginnen, auf dem die verfolgenden Pallantiner die
Haelfte seiner Soldaten aufrieben und, wenn sie die Verfolgung nicht zu frueh
abgebrochen haetten, das schon in voller Aufloesung begriffene roemische Heer
wahrscheinlich ganz vernichtet haben wuerden. Dafuer ward denn dem hochgeborenen
General bei seiner Heimkehr eine Geldbusse auferlegt. Seine Nachfolger Lucius
Furius Philus (618 136) und Quintus Calpurnius Piso (619 135) hatten wieder
gegen die Numantiner Krieg zu fuehren, und da sie eben gar nichts taten, kamen
sie gluecklich ohne Niederlage heim. Selbst die roemische Regierung fing endlich
an einzusehen, dass man so nicht laenger fortfahren koenne; man entschloss sich,
die Bezwingung der kleinen spanischen Landstadt ausserordentlicherweise dem
ersten Feldherrn Roms, Scipio Aemilianus, zu uebertragen. Die Geldmittel zur
Kriegfuehrung wurden ihm freilich dabei mit verkehrter Kargheit zugemessen und
die verlangte Erlaubnis, Soldaten auszuheben, sogar geradezu verweigert, wobei
Koterieintrigen und die Furcht, der souveraenen Buergerschaft laestig zu werden,
zusammengewirkt haben moegen. Indes begleitete ihn freiwillig eine grosse Anzahl
von Freunden und Klienten, unter ihnen sein Bruder Maximus Aemilianus, der vor
einigen Jahren mit Auszeichnung gegen Viriathus kommandiert hatte. Gestuetzt auf
diese zuverlaessige Schar, die als Feldherrnwache konstituiert ward, begann
Scipio das tief zerruettete Heer zu reorganisieren (620 134). Vor allen Dingen
musste der Tross das Lager raeumen - es fanden sich bis 2000 Dirnen und eine
Unzahl Wahrsager und Pfaffen von allen Sorten -, und da der Soldat zum Fechten
unbrauchbar war, musste er wenigstens schanzen und marschieren. Den ersten
Sommer vermied der Feldherr jeden Kampf mit den Numantinern; er begnuegte sich,
die Vorraete in der Umgegend zu vernichten und die Vaccaeer, die den Numantinern
Korn verkauften, zu zuechtigen und zur Anerkennung der Oberhoheit Roms zu
zwingen. Erst gegen den Winter zog Scipio sein Heer um Numantia zusammen; ausser
dem numidischen Kontingent von Reitern, Fusssoldaten und zwoelf Elefanten unter
Anfuehrung des Prinzen Jugurtha und den zahlreichen spanischen Zuzuegen waren es
vier Legionen, ueberhaupt eine Heermasse von 60000 Mann, die eine Stadt mit
einer waffenfaehigen Buergerschaft von hoechstens 8000 Koepfen einschloss.
Dennoch boten die Belagerten oftmals den Kampf an; allein Scipio, wohl
erkennend, dass die vieljaehrige Zuchtlosigkeit nicht mit einem Schlag sich
ausrotten lasse, verweigerte jedes Gefecht, und wo es dennoch bei den Ausfaellen
der Belagerten dazu kam, rechtfertigte die feige, kaum durch das persoenliche
Erscheinen des Feldherrn gehemmte Flucht der Legionaere diese Taktik nur zu
sehr. Nie hat ein Feldherr seine Soldaten veraechtlicher behandelt als Scipio
die numantinische Armee; und nicht bloss mit bitteren Reden, sondern vor allem
durch die Tat bewies er ihr, was er von ihr halte. Zum erstenmal fuehrten die
Roemer, wo es nur auf sie ankam, das Schwert zu brauchen, den Kampf mit Hacke
und Spaten. Rings um die ganze Stadtmauer von reichlich einer halben deutschen
Meile im Umfang ward eine doppelt so ausgedehnte, mit Mauern, Tuermen und
Graeben versehene zwiefache Umwallungslinie aufgefuehrt und auch der Duerofluss,
auf dem den Belagerten anfangs noch durch kuehne Schiffer und Taucher einige
Vorraete zugekommen waren, endlich abgesperrt. So musste die Stadt, die zu
stuermen man nicht wagte, wohl durch Hunger erdrueckt werden, um so mehr, als es
der Buergerschaft nicht moeglich gewesen war, sich waehrend des letzten Sommers
zu verproviantieren. Bald litten die Numantiner Mangel an allem. Einer ihrer
kuehnsten Maenner, Retogenes, schlug sich mit wenigen Begleitern durch die
feindlichen Linien durch, und seine ruehrende Bitte, die Stammesgenossen nicht
hilflos untergehen zu lassen, war wenigstens in einer der Arevakerstaedte, in
Lutia, von grosser Wirkung. Bevor aber die Buerger von Lutia sich entschieden
hatten, erschien Scipio, benachrichtigt von den roemisch Gesinnten in der Stadt,
mit Uebermacht vor ihren Mauern und zwang die Behoerden, ihm die Fuehrer der
Bewegung, vierhundert der trefflichsten Juenglinge, auszuliefern, denen
saemtlich auf Befehl des roemischen Feldherrn die Haende abgehauen wurden. Die
Numantiner, also der letzten Hoffnung beraubt, sandten an Scipio, um ueber die
Unterwerfung zu verhandeln, und riefen den tapferen Mann an, der Tapferen zu
schonen; allein als die rueckkehrenden Boten meldeten, dass Scipio unbedingte
Ergebung verlange, wurden sie von der wuetenden Menge zerrissen, und eine neue
Frist verfloss, bis Hunger und Seuchen ihr Werk vollendet hatten. Endlich kam in
das roemische Hauptquartier eine zweite Botschaft, dass die Stadt jetzt bereit
sei, auf Gnade und Ungnade sich zu unterwerfen. Als demnach die Buergerschaft
angewiesen wurde, am folgenden Tag vor den Toren zu erscheinen, bat sie um
einige Tage Frist, um denjenigen Buergern, die den Untergang der Freiheit nicht
zu ueberleben beschlossen haetten, Zeit zum Sterben zu gestatten. Sie ward ihnen
gewaehrt, und nicht wenige benutzten sie. Endlich erschien der elende Rest vor
den Toren. Scipio las fuenfzig der Ansehnlichsten aus, um sie in seinem Triumphe
aufzufuehren; die uebrigen wurden in die Sklaverei verkauft, die Stadt dem Boden
gleichgemacht, ihr Gebiet unter die Nachbarstaedte verteilt. Das geschah im
Herbst 621 (133), fuenfzehn Monate nachdem Scipio den Oberbefehl uebernommen
hatte.
Mit Numantias Fall war die hier und da noch sich regende Opposition gegen
Rom in der Wurzel getroffen; militaerische Spaziergaenge und Geldbussen reichten
aus, um die roemische Oberherrschaft im ganzen diesseitigen Spanien zur
Anerkennung zu bringen.
Auch im jenseitigen ward durch die Ueberwindung der Lusitaner die roemische
Herrschaft befestigt und ausgedehnt. Der Konsul Decimus Iunius Brutus, der an
Caepios Stelle trat, siedelte die kriegsgefangenen Lusitaner an in der Naehe von
Sagunt und gab ihrer neuen Stadt Valentia (Valencia) gleich Carteia latinische
Verfassung (616 138); er durchzog ferner (616-618 138-136) in verschiedenen
Richtungen die iberische Westkueste und gelangte zuerst von den Roemern an das
Gestade des Atlantischen Meers. Die von ihren Bewohnern, Maennern und Frauen,
hartnaeckig verteidigten Staedte der dort wohnenden Lusitaner wurden durch ihn
bezwungen, und die bis dahin unabhaengigen Callaeker nach einer grossen
Schlacht, in der ihrer 50000 gefallen sein sollen, mit der roemischen Provinz
vereinigt. Nach Unterwerfung der Vaccaeer, Lusitaner und Callaeker war jetzt mit
Ausnahme der Nordkueste die ganze Halbinsel wenigstens dem Namen nach den
Roemern untertan. Eine senatorische Kommission ging nach Spanien, um im
Einvernehmen mit Scipio das neugewonnene Provinzialgebiet roemisch zu ordnen,
und Scipio tat, was er konnte, um die Folgen der ehr- und kopflosen Politik
seiner Vorgaenger zu beseitigen, wie denn zum Beispiel die Kaukaner, deren
schmachvolle Misshandlung durch Lucullus er neunzehn Jahre zuvor als
Kriegstribun mit hatte ansehen muessen, von ihm eingeladen wurden, in ihre Stadt
zurueckzukehren und sie wiederaufzubauen. Es begann wiederum fuer Spanien eine
leidlichere Zeit. Die Unterdrueckung des Seeraubes, der auf den Balearen
gefaehrliche Schlupfwinkel fand, durch Quintus Caecilius Metellus' Besetzung
dieser Inseln im Jahre 631 (123) war dem Aufbluehen des spanischen Handels
ungemein foerderlich, und auch sonst waren die fruchtbaren und von einer
dichten, in der Schleuderkunst unuebertroffenen Bevoelkerung bewohnten Inseln
ein wertvoller Besitz. Wie zahlreich schon damals die lateinisch redende
Bevoelkerung auf der Halbinsel war, beweist die Ansiedelung von 3000 spanischen
Latinern in den Staedten Palma und Pollentia (Pollenza) auf den neugewonnenen
Inseln. Trotz mancher schwerer Missstaende bewahrte die roemische Verwaltung
Spaniens im ganzen den Stempel, den die catonische Zeit und zunaechst Tiberius
Gracchus ihr aufgepraegt hatten. Das roemische Grenzgebiet zwar hatte von den
Ueberfaellen der halb oder gar nicht bezwungenen Staemme des Nordens und Westens
nicht wenig zu leiden. Bei den Lusitanern namentlich tat die aermere Jugend
regelmaessig sich in Raeuberbanden zusammen und brandschatzte in hellen Haufen
die Landsleute oder die Nachbarn, weshalb noch in viel spaeterer Zeit die
einzeln gelegenen Bauernhoefe in dieser Gegend festungsartig angelegt und im
Notfall verteidigungsfaehig waren; und es gelang den Roemern nicht, diesem
Raeuberwesen in den unwirtlichen und schwer zugaenglichen lusitanischen Bergen
ein Ende zu machen. Aber die bisherigen Kriege nahmen doch mehr und mehr den
Charakter des Bandenunfugs an, den jeder leidlich tuechtige Statthalter mit den
gewoehnlichen Mitteln niederzuhalten vermochte, und trotz dieser Heimsuchung der
Grenzdistrikte war Spanien unter allen roemischen Gebieten das bluehendste und
am besten organisierte Land; das Zehntensystem und die Mittelsmaenner waren
daselbst unbekannt, die Bevoelkerung zahlreich und die Landschaft reich an Korn
und Vieh.
In einem weit unleidlicheren Mittelzustand zwischen formeller
Souveraenitaet und tatsaechlicher Untertaenigkeit befanden sich die
afrikanischen, griechischen und asiatischen Staaten, welche durch die Kriege der
Roemer gegen Karthago, Makedonien und Syrien und deren Konsequenzen in den Kreis
der roemischen Hegemonie gezogen worden waren. Der unabhaengige Staat bezahlt
den Preis seiner Selbstaendigkeit nicht zu teuer, indem er die Leiden des
Krieges auf sich nimmt, wenn es sein muss; der Staat, der die Selbstaendigkeit
eingebuesst hat, mag wenigstens einen Ersatz darin finden, dass der Schutzherr
ihm Ruhe schafft vor seinen Nachbarn. Allein diese Klientelstaaten Roms hatten
weder Selbstaendigkeit noch Frieden. In Afrika bestand zwischen Karthago und
Numidien tatsaechlich ein ewiger Grenzkrieg. In Aegypten hatte zwar der
roemische Schiedsspruch den Sukzessionsstreit der beiden Brueder Ptolemaeos
Philometor und Ptolemaeos des Dicken geschlichtet; allein die neuen Herren von
Aegypten und von Kyrene fuehrten nichtsdestoweniger Krieg um den Besitz von
Kypros. In Asien waren nicht bloss die meisten Koenigreiche, Bithynien,
Kappadokien, Syrien, gleichfalls durch Erbfolgestreitigkeiten und dadurch
hervorgerufene Interventionen der Nachbarstaaten innerlich zerrissen, sondern es
wurden auch vielfache und schwere Kriege gefuehrt zwischen den Attaliden und den
Galatern, zwischen den Attaliden und den bithynischen Koenigen, ja zwischen
Rhodos und Kreta. Ebenso glimmten im eigentlichen Hellas die dort landueblichen
zwerghaften Fehden, und selbst das sonst so ruhige makedonische Land verzehrte
sich in dem inneren Hader seiner neuen demokratischen Verfassungen. Es war die
Schuld der Herrscher wie der Beherrschten, dass die letzte Lebenskraft und der
letzte Wohlstand der Nationen in diesen ziellosen Fehden vergeudet ward. Die
Klientelstaaten haetten einsehen muessen, dass der Staat, der nicht gegen jeden,
ueberhaupt nicht Krieg fuehren kann und dass, da der Besitzstand und die
Machtstellung all dieser Staaten tatsaechlich unter roemischer Garantie stand,
ihnen bei jeder Differenz nur die Wahl blieb, entweder mit den Nachbarn in Guete
sich zu vergleichen oder die Roemer zum Schiedsspruch aufzufordern. Wenn die
achaeische Tagsatzung von Rhodiern und Kretern um Bundeshilfe gemahnt ward und
ernstlich ueber deren Absendung beratschlagte (601 153), so war dies einfach
eine politische Posse; der Satz, den der Fuehrer der roemisch gesinnten Partei
damals aufstellte, dass es den Achaeern nicht mehr freistehe, ohne Erlaubnis der
Roemer Krieg zu fuehren, drueckte, freilich mit uebelklingender Schaerfe, die
einfache Wahrheit aus, dass die Souveraenitaet der Dependenzstaaten eben nur
eine formelle war und jeder Versuch, dem Schatten Leben zu verleihen, notwendig
dahin fuehren musste, auch den Schatten zu vernichten. Aber ein Tadel, schwerer
als der gegen die Beherrschten, ist gegen die herrschende Gemeinde zu richten.
Es ist fuer den Menschen wie fuer den Staat keine leichte Aufgabe, in die eigene
Bedeutungslosigkeit sich zu finden; des Machthabers Pflicht und Recht ist es,
entweder die Herrschaft aufzugeben oder durch Entwicklung einer imponierenden
materiellen Ueberlegenheit die Beherrschten zur Resignation zu noetigen. Der
roemische Senat tat keines von beidem. Von allen Seiten angerufen und bestuermt,
griff der Senat bestaendig ein in den Gang der afrikanischen, hellenischen,
asiatischen, aegyptischen Angelegenheiten, allein in einer so unsteten und
schlaffen Weise, dass durch diese Schlichtungsversuche die Verwirrung
gewoehnlich nur noch aerger ward. Es war die Zeit der Kommissionen. Bestaendig
gingen Beauftragte des Senats nach Karthago und Alexandreia, an die achaeische
Tagsatzung und die Hoefe der vorderasiatischen Herren; sie untersuchten,
inhibierten, berichteten, und dennoch ward in den wichtigsten Dingen nicht
selten ohne Wissen und gegen den Willen des Senats verfahren. Es konnte
geschehen, dass Kypros, welches der Senat dem Kyrenaeischen Reich zugeschieden
hatte, nichtsdestoweniger bei Aegypten blieb; dass ein syrischer Prinz den Thron
seiner Vorfahren bestieg unter dem Vorgeben, ihn von den Roemern zugesprochen
erhalten zu haben, waehrend in der Tat ihm derselbe vom Senate ausdruecklich
abgeschlagen und er selbst nur durch Bannbruch von Rom entkommen war; ja dass
die offenkundige Ermordung eines roemischen Kommissars, der im Auftrag des
Senats vormundschaftlich das Regiment von Syrien fuehrte, gaenzlich ungeahndet
hinging. Die Asiaten wussten zwar sehr wohl, dass sie nicht imstande seien, den
roemischen Legionen zu widerstehen; aber sie wussten nicht minder, wie wenig der
Senat geneigt war, den Buergern Marschbefehl nach dem Euphrat oder dem Nil zu
erteilen. So ging es in diesen entlegenen Landschaften zu wie in der Schulstube,
wenn der Lehrer fern und schlaff ist; und Roms Regiment brachte die Voelker
zugleich um die Segnungen der Freiheit und um die der Ordnung. Fuer die Roemer
selbst aber war diese Lage der Dinge insofern bedenklich, als sie die Nord- und
Ostgrenze gewissermassen preisgab. Ohne dass Rom unmittelbar und rasch es zu
verhindern vermochte, konnten hier, gestuetzt auf die ausserhalb des Bereiches
der roemischen Hegemonie gelegenen Binnenlandschaften und im Gegensatz gegen die
schwachen roemischen Klientelstaaten, Reiche sich bilden von einer fuer Rom
gefaehrlichen und frueher oder spaeter mit ihm rivalisierenden Machtentwicklung.
Allerdings schirmte hiergegen einigermassen der ueberall zerspaltene und
nirgends einer grossartigen staatlichen Entwicklung guenstige Zustand der
angrenzenden Nationen; aber dennoch erkennt man namentlich in der Geschichte des
Ostens sehr deutlich, dass in dieser Zeit die Phalanx des Seleukos nicht mehr
und die Legionen des Augustus noch nicht am Euphrat standen.
Diesem Zustand der Halbheit ein Ende zu machen war hohe Zeit. Das einzig
moegliche Ende aber war die Verwandlung der Klientelstaaten in roemische Aemter,
was um so eher geschehen konnte, als ja die roemische Provinzialverfassung
wesentlich nur die militaerische Gewalt in der Hand des roemischen Vogts
zusammenfasste und Verwaltung und Gerichte in der Hauptsache den Gemeinden
blieben oder doch bleiben sollten, also, was von der alten politischen
Selbstaendigkeit ueberhaupt noch lebensfaehig war, sich in der Form der
Gemeindefreiheit bewahren liess. Zu verkennen war die Notwendigkeit dieser
administrativen Reform nicht wohl; es fragte sich nur, ob der Senat dieselbe
verzoegern und verkuemmern, oder ob er den Mut und die Macht haben werde, das
Notwendige klar einzusehen und energisch durchzufuehren.
Blicken wir zunaechst auf Afrika. Die von den Roemern in Libyen gegruendete
Ordnung der Dinge ruhte wesentlich auf dem Gleichgewicht des Nomadenreiches
Massinissas und der Stadt Karthago. Waehrend jenes unter Massinissas
durchgreifendem und klugem Regiment sich erweiterte, befestigte und
zivilisierte, ward auch Karthago durch die blossen Folgen des Friedensstandes
wenigstens an Reichtum und Volkszahl wieder, was es auf der Hoehe seiner
politischen Macht gewesen war. Die Roemer sahen mit uebelverhehlter, neidischer
Furcht die, wie es schien, unverwuestliche Bluete der alten Nebenbuhlerin;
hatten sie bisher den bestaendig fortgesetzten Uebergriffen Massinissas
gegenueber derselben jeden ernstlichen Schutz verweigert, so fingen sie jetzt
an, offen zu Gunsten des Nachbarn zu intervenieren. Der seit mehr als dreissig
Jahren zwischen der Stadt und dem Koenig schwebende Streit ueber den Besitz der
Landschaft Emporia an der Kleinen Syrte, einer der fruchtbarsten des
karthagischen Gebiets, ward endlich (um 594 160) von roemischen Kommissarien
dahin entschieden, dass die Karthager die noch in ihrem Besitz verbliebenen
emporitanischen Staedte zu raeumen und als Entschaedigung fuer die
widerrechtliche Nutzung des Gebiets 500 Talente (860000 Taler) an den Koenig zu
zahlen haetten. Die Folge war, dass Massinissa sofort sich eines anderen
karthagischen Bezirks an der Westgrenze des karthagischen Gebiets, der Stadt
Tusca und der grossen Felder am Bagradas, bemaechtigte; den Karthagern blieb
nichts uebrig, als abermals in Rom einen hoffnungslosen Prozess anhaengig zu
machen. Nach langem und ohne Zweifel absichtlichem Zoegern erschien in Afrika
eine zweite Kommission (597 157); als aber die Karthager auf einen, ohne genaue
vorgaengige Untersuchung der Rechtsfrage von derselben zu faellenden
Schiedsspruch nicht unbedingt kompromittieren wollten, sondern auf eingehender
Eroerterung der Rechtsfrage bestanden, kehrten die Kommissare ohne weiteres
wieder zurueck nach Rom. Die Rechtsfrage zwischen Karthago und Massinissa blieb
also unerledigt; aber die Sendung fuehrte eine wichtigere Entscheidung herbei.
Das Haupt dieser Kommission war der alte Marcus Cato gewesen, damals vielleicht
der einflussreichste Mann im Senat und als Veteran aus dem Hannibalischen Kriege
noch von dem vollen Poenerhass und der vollen Poenerfurcht durchdrungen.
Betroffen und missguenstig hatte dieser mit eigenen Augen den bluehenden Zustand
der Erbfeinde Roms, die ueppige Landschaft und die wogenden Gassen, die
gewaltigen Waffenvorraete in den Zeughaeusern und das reiche Flottenmaterial
geschaut; schon sah er im Geiste einen zweiten Hannibal all diese Hilfsmittel
gegen Rom verwenden. In seiner ehrlichen und mannhaften, aber durchaus
bornierten Weise kam er zu dem Ergebnis, dass Rom nicht eher sicher sein werde,
als bis Karthago vom Erdboden verschwunden sei, und entwickelte nach seiner
Heimkehr diese Ansicht sofort im Senat. Dort widersetzten die freier blickenden
Maenner der Aristokratie, namentlich Scipio Nasica, sich dieser kuemmerlichen
Politik mit grossem Ernst und entwickelten die Blindheit der Besorgnisse vor
einer Kaufstadt, deren phoenikische Bewohner mehr und mehr der kriegerischen
Kuenste und Gedanken sich entwoehnten, und die vollkommene Vertraeglichkeit der
Existenz dieser reichen Handelsstadt mit der politischen Suprematie Roms. Selbst
die Umwandlung Karthagos in eine roemische Provinzialstadt waere ausfuehrbar,
ja, verglichen mit dem gegenwaertigen Zustand, den Phoenikern selbst vielleicht
nicht unwillkommen gewesen. Indes Cato wollte eben nicht die Unterwerfung,
sondern den Untergang der verhassten Stadt. Seine Politik fand, wie es scheint,
Bundesgenossen teils an den Staatsmaennern, die geneigt waren, die
ueberseeischen Gebiete in unmittelbare Abhaengigkeit von Rom zu bringen, teils
und vor allem an dem maechtigen Einfluss der roemischen Bankiers und
Grosshaendler, denen nach der Vernichtung der reichen Geld- und Handelsstadt die
Erbschaft derselben zufallen musste. Die Majoritaet beschloss, bei der ersten
passenden Gelegenheit - eine solche abzuwarten forderte die Ruecksicht auf die
oeffentliche Meinung - den Krieg mit Karthago oder vielmehr die Zerstoerung der
Stadt zu bewirken.
Die gewuenschte Veranlassung fand sich rasch. Die erbitternden
Rechtsverletzungen von Seiten Massinissas und der Roemer brachten in Karthago
den Hasdrubal und den Karthalo an das Regiment, die Fuehrer der Patriotenpartei,
welche, aehnlich der achaeischen, zwar nicht daran dachte, gegen die roemische
Suprematie sich aufzulehnen, aber wenigstens die den Karthagern vertragsmaessig
zustehenden Rechte gegen Massinissa, wenn noetig mit den Waffen, zu verteidigen
entschlossen war. Die Patrioten liessen vierzig der entschiedensten Anhaenger
Massinissas aus der Stadt verbannen und das Volk schwoeren, ihnen unter keiner
Bedingung je die Rueckkehr zu gestatten; zugleich bildeten sie zur Abwehr gegen
die von Massinissa zu erwartenden Angriffe aus den freien Numidiern ein starkes
Heer unter Arkobarzanes, dem Enkel des Syphax (um 600 154). Massinissa indes war
klug genug, jetzt nicht zu ruesten, sondern sich wegen des streitigen Gebiets am
Bagradas unbedingt dem Schiedsspruch der Roemer zu unterwerfen; und so konnte
man roemischerseits mit einigem Schein behaupten, dass die karthagischen
Ruestungen gegen die Roemer gerichtet sein muessten, und auf sofortige
Entlassung des Heeres und Vernichtung der Flottenvorraete dringen. Der
karthagische Rat wollte einwilligen, allein die Menge verhinderte die
Ausfuehrung des Beschlusses, und die roemischen Boten, die diesen Bescheid nach
Karthago ueberbracht hatten, schwebten in Lebensgefahr. Massinissa sandte seinen
Sohn Gulussa nach Rom, um ueber die fortdauernden Vorbereitungen Karthagos fuer
den Land- und den Seekrieg Bericht zu erstatten und die Kriegserklaerung zu
beschleunigen. Nachdem noch einmal eine Gesandtschaft von zehn Maennern es
bestaetigt hatte, dass in Karthago in der Tat geruestet werde (602 152), verwarf
der Senat zwar die unbedingte Kriegserklaerung, die Cato begehrte, beschloss
aber in geheimer Sitzung, dass der Krieg erklaert sein solle, wenn die Karthager
sich nicht dazu verstehen wuerden, ihr Heer zu entlassen und ihr Flottenmaterial
zu verbrennen. Inzwischen hatte in Afrika der Kampf bereits begonnen. Massinissa
hatte die von den Karthagern verbannten Leute unter Geleitschaft seines Sohnes
Gulussa nach der Stadt zurueckgesandt. Da die Karthager diesen die Tore
schlossen, auch von den abziehenden Numidiern einige erschlugen, setzte
Massinissa seine Truppen in Bewegung, und auch die karthagische Patriotenpartei
machte sich kampffertig. Indes Hasdrubal, der an die Spitze ihrer Armee trat,
war einer der gewoehnlichen Heerverderber, wie die Karthager sie zu Feldherren
zu nehmen pflegten; im Feldherrnpurpur einherstolzierend wie ein Theaterkoenig
und seines stattlichen Bauches auch im Lager pflegend, war der eitle und
schwerfaellige Mann wenig geeignet, den Helfer zu machen in einer Bedraengnis,
die vielleicht selbst Hamilkars Geist und Hannibals Arm nicht mehr haetten
abwenden koennen. Vor den Augen des Scipio Aemilianus, der, damals Kriegstribun
in der spanischen Armee, an Massinissa gesandt worden war, um seinem Feldherrn
afrikanische Elefanten zuzufuehren, und der bei dieser Gelegenheit von einem
Berge herab "wie Zeus vom Ida" der Schlacht zuschaute, lieferten die Karthager
und die Numidier sich ein grosses Treffen, in welchem jene, obwohl durch 6000,
von unzufriedenen Hauptleuten Massinissas ihnen zugefuehrte numidische Reiter
verstaerkt und an Zahl dem Feinde ueberlegen, dennoch den kuerzeren zogen. Nach
dieser Niederlage erboten sich die Karthager gegen Massinissa zu
Gebietsabtretungen und Geldzahlungen, und Scipio versuchte auf ihr Anhalten,
einen Vertrag zustande zu bringen; allein an der Weigerung der karthagischen
Patrioten, die Ueberlaeufer auszuliefern, scheiterte das Friedensgeschaeft.
Hasdrubal aber, eng eingeschlossen von den Truppen des Gegners, wurde genoetigt,
alles zu bewilligen, was dieser forderte: Auslieferung der Ueberlaeufer,
Rueckkehr der Verbannten, Abgabe der Waffen, Abzug unter dem Joch, Zahlung von
jaehrlich 100 Talenten (155000 Talern) fuer die naechsten fuenfzig Jahre; und
selbst dieser Vertrag wurde von den Numidiern nicht gehalten, sondern der
entwaffnete Rest des karthagischen Heeres auf der Heimkehr von ihnen
zusammengehauen.
Die Roemer, die sich wohl gehuetet hatten, den Krieg selbst durch zeitige
Dazwischenkunft zu verhindern, hatten jetzt, was sie wuenschten: einen
brauchbaren Kriegsgrund - denn die Bestimmungen des Vertrags, nicht gegen
roemische Bundesgenossen noch ausserhalb der eigenen Grenzen Krieg zu fuehren,
waren jetzt allerdings von den Karthagern uebertreten worden - und einen bereits
im voraus geschlagenen Gegner. Schon wurden die italischen Kontingente nach Rom
gemahnt und die Schiffe zusammenberufen; jeden Augenblick konnte die
Kriegserklaerung da sein. Die Karthager boten alles auf, den drohenden Schlag
abzuwenden. Die Fuehrer der Patriotenpartei, Hasdrubal und Karthalo, wurden zum
Tode verurteilt und eine Gesandtschaft nach Rom geschickt, um auf sie die
Verantwortung zu waelzen. Allein, zugleich trafen Boten von Utica, der zweiten
Stadt der libyschen Phoeniker, dort ein, welche Vollmacht hatten, ihre Gemeinde
den Roemern voellig zu eigen zu geben - mit dieser zuvorkommenden
Unterwuerfigkeit verglichen, schien es fast Trotz, dass die Karthager sich
begnuegt hatten, die Hinrichtung ihrer angesehensten Maenner unverlangt
anzuordnen. Der Senat erklaerte, dass die Entschuldigung der Karthager
unzureichend befunden sei; auf die Frage, was denn genuegen werde, hiess es, das
sei den Karthagern ja bekannt. Freilich konnte man es wissen, was die Roemer
wollten; allein es schien doch wieder unmoeglich zu glauben, dass nun wirklich
fuer die liebe Heimatstadt die letzte Stunde gekommen sei. Noch einmal gingen
karthagische Sendboten, diesmal ihrer dreissig und mit unbeschraenkter
Vollmacht, nach Rom. Als sie ankamen, war bereits der Krieg erklaert (Anfang 605
149) und das doppelte Konsularheer eingeschifft; doch versuchten sie noch jetzt,
den Sturm durch vollstaendige Unterwerfung zu beschwoeren. Der Senat beschied
sie, dass Rom bereit sei, der karthagischen Gemeinde ihr Gebiet, ihre
staedtische Freiheit und ihr Landrecht, ihr Gemeinde- und Privatvermoegen zu
garantieren, wofern sie den soeben nach Sizilien abgegangenen Konsuln binnen
Monatsfrist in Lilybaeon 300 Geiseln aus den Kindern der regierenden Familien
stellen und die weiteren Befehle erfuellen wuerden, die ihnen die Konsuln nach
ihrer Instruktion wuerden zugehen lassen. Man hat den Bescheid zweideutig
genannt; sehr verkehrt, wie schon damals klarblickende Maenner selbst unter den
Karthagern hervorhoben. Dass alles, was man nur begehren konnte, garantiert ward
mit einziger Ausnahme der Stadt, und dass keine Rede davon war, die Einschiffung
der Truppen nach Afrika zu sistieren, zeigte sehr deutlich, was man
beabsichtigte; der Senat verfuhr mit furchtbarer Haerte, aber den Anschein der
Nachgiebigkeit gab er sich nicht. Indes man wollte in Karthago nicht sehen; es
fand sich kein Staatsmann, der die haltlose staedtische Menge entweder zum
vollen Widerstand oder zur vollen Resignation zu bewegen vermocht haette. Als
man zugleich das entsetzliche Kriegsdekret und die ertraegliche Geiselforderung
vernahm, fuegte man zunaechst sich dieser und hoffte weiter, weil man den Mut
nicht hatte es auszudenken, was es heisse, sich der Willkuer eines Todfeindes im
voraus zu unterwerfen. Die Konsuln sandten die Geiseln von Lilybaeon zurueck
nach Rom und beschieden die karthagischen Boten, das weitere in Afrika zu
vernehmen. Ohne Widerstand geschah die Landung und wurden die geforderten
Lebensmittel verabfolgt. Als im Hauptquartier von Utica die gesamte Gerusia von
Karthago erschien, um die weiteren Befehle entgegenzunehmen, begehrten die
Konsuln zunaechst die Entwaffnung der Stadt. Auf die Frage der Karthager, wer
sie sodann auch nur gegen ihre eigenen Ausgewanderten, gegen die auf 20000 Mann
angeschwollene Armee des dem Todesurteil durch die Flucht entronnenen Hasdrubal
beschuetzen solle, ward ihnen erwidert, dass dies die Sorge der Roemer sein
werde. Gehorsam erschien demnach der Rat der Stadt vor den Konsuln mit allem
Flottenmaterial, allen Kriegsvorraeten der oeffentlichen Zeughaeuser, allen im
Privatbesitz befindlichen Waffen - man zaehlte 3000 Wurfgeschuetze und 200000
volle Ruestungen - und fragte an, ob noch weiteres begehrt werde. Da erhob sich
der Konsul Lucius Marcius Censorinus und eroeffnete dem Rat, dass in Gemaessheit
der vom Senat erlassenen Instruktion die bisherige Stadt zerstoert werden
muesse, den Bewohnern aber freistehe, sich wo sie sonst wollten auf ihrem
Gebiet, jedoch mindestens zwei deutsche Meilen vom Meer entfernt, wiederum
anzusiedeln. Dieser fuerchterliche Befehl ruettelte in den Phoenikern die ganze,
soll man sagen hochherzige oder wahnwitzige Begeisterung auf, wie sie einst die
Tyrier gegen Alexander und spaeter die Juden gegen Vespasian bewiesen.
Beispiellos wie die Geduld war, mit der diese Nation Knechtschaft und Druck zu
ertragen vermochte, ebenso beispiellos war jetzt, wo es sich nicht um Staat und
Freiheit handelte, sondern um den eigenen, geliebten Boden der Vaterstadt und
die altgewohnte teure Meeresheimat, die rasende Empoerung der kaufmaennischen
und seefahrenden Bevoelkerung. Von Hoffnung und Rettung konnte nicht die Rede
sein; der politische Verstand gebot ohne Frage auch jetzt sich zu fuegen - aber
die Stimme der wenigen, welche mahnten, das Unvermeidliche auf sich zu nehmen,
verscholl wie der Ruf des Faehrmanns im Orkan in dem brausenden Wutgeheul der
Menge, die in ihrem wahnsinnigen Toben teils an den Beamten der Stadt sich
vergriff, welche zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten, teils
die unschuldigen Traeger der Botschaft, so viele von ihnen ueberhaupt
heimzukehren gewagt hatten, die Schreckenskunde entgelten liess, teils die
zufaellig in der Stadt verweilenden Italiker zerriss, um wenigstens an diesen
die Rache vorwegzunehmen fuer die Vernichtung der Heimat. Man beschloss nicht
sich zu wehren; wehrlos wie man war, verstand sich dies von selbst. Die Tore
wurden geschlossen, auf die von Wurfgeschossen entbloessten Mauerzinnen Steine
geschafft, der Oberbefehl an Hasdrubal, den Tochtersohn Massinissas,
uebertragen, die Sklaven saemtlich frei erklaert. Das Emigrantenheer unter dem
fluechtigen Hasdrubal, das mit Ausnahme der von den Roemern besetzten Staedte an
der Ostkueste, Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus und Achulla und der Stadt
Utica, das ganze karthagische Gebiet innehatte und fuer die Verteidigung eine
unschaetzbare Stuetze bot, ward ersucht, der Gemeinde seinen Beistand in dieser
hoechsten Not nicht zu versagen. Zugleich versuchte man, in echt phoenikischer
Weise die grenzenloseste Erbitterung unter dem Mantel der Demut versteckend, den
Feind zu taeuschen. Es ging eine Botschaft an die Konsuln, um dreissigtaegigen
Waffenstillstand zur Absendung einer Gesandtschaft nach Rom zu erbitten. Die
Karthager wussten wohl, dass die Feldherrn diese einmal schon abgeschlagene
Bitte weder gewaehren wollten noch konnten; allein die Konsuln wurden dadurch
bestaerkt in der natuerlichen Voraussetzung, dass nach dem ersten Ausbruch der
Verzweiflung die gaenzlich wehrlose Stadt sich fuegen werde, und verschoben
deshalb den Angriff. Die kostbare Zwischenzeit ward benutzt, um Wurfgeschuetze
und Ruestungen herzustellen; Tag und Nacht ward ohne Unterschied des Alters und
Geschlechts an Maschinen und Waffen gezimmert und gehaemmert; um Balken und
Metall zu erlangen, wurden die oeffentlichen Gebaeude niedergerissen; um die
fuer die Wurfgeschuetze unentbehrlichen Sehnen herzustellen, schoren die Frauen
sich das Haar; in unglaublich kurzer Zeit waren die Mauern und die Maenner
wieder bewehrt. Dass dies alles geschehen konnte, ohne dass die wenige Meilen
entfernten Konsuln etwas davon erfuhren, ist nicht der am wenigsten wunderbare
Zug in dieser wunderbaren, von einem wahrhaft genialen, ja daemonischen
Volkshass getragenen Bewegung. Als endlich die Konsuln, des Wartens muede, aus
dem Lager bei Utica aufbrachen und bloss mit Leitern die nackten Mauern
ersteigen zu koennen meinten, fanden sie mit Staunen und Schrecken die Zinnen
aufs neue mit Katapulten gekroent und die grosse volkreiche Stadt, welche man
gleich einem offenen Flecken zu besetzen gehofft hatte, faehig und bereit, sich
bis auf den letzten Mann zu verteidigen.
Karthago war sehr fest durch die Natur seiner Lage 3 wie durch die Kunst
seiner gar oft auf den Schutz ihrer Mauern angewiesenen Bewohner. In den weiten
Tunesischen Golf, den westlich Kap Farina, oestlich Kap Bon begrenzen, springt
in der Richtung von Westen nach Osten eine Landspitze vor, die an drei Seiten
vom Meer umflossen ist und nur gegen Westen mit dem Festland zusammenhaengt.
Diese Landspitze, an der schmalsten Stelle nur etwa eine halbe deutsche Meile
breit und im ganzen flach, erweitert sich wieder gegen den Golf und endigt hier
in den beiden Hoehen von Dschebel-Khawi und Sidi bu Said, zwischen denen die
Flaeche von El Mersa sich ausdehnt. Auf dem suedlichen, mit der Hoehe von Sidi
bu Said abschliessenden Teil derselben lag die Stadt Karthago. Der ziemlich
steile Abfall jener Hoehe gegen den Golf und dessen zahlreiche Klippen und
Untiefen gaben an der Golfseite der Stadt natuerliche Festigkeit, und es
genuegte hier eine einfache Umwallung. Dagegen auf die Mauer an der West- oder
Landseite, wo die Natur keinen Schutz bot, war alles verwendet, was die damalige
Befestigungskunst vermochte. Sie bestand, wie die kuerzlich aufgedeckten, mit
der Beschreibung des Polybios genau uebereinstimmenden Ueberreste gezeigt haben,
aus einer Aussenmauer von 6´ Fuss Dicke und an diese hinterwaerts,
wahrscheinlich in ihrer ganzen Ausdehnung, angelehnten ungeheuren Kasematten,
welche durch einen 6 Fuss breiten bedeckten Gang von der Aussenmauer getrennt
waren und, die jede reichlich 3 Fuss breiten Vorder- und Hintermauern nicht
gerechnet, eine Tiefe von 11 Fuss hatten 4. Dieser ungeheure, durchaus aus
maechtigen Quadern zusammengefuegte Wall erhob sich in zwei Stockwerken, die
Zinnen und die maechtigen vier Stockwerke hohen Tuerme ungerechnet, zu einer
Hoehe von 45 Fuss 5 und gewaehrte in dem untern Stockwerke der Kasematten
Stallung und Futtermagazine fuer 300 Elefanten, in dem oberen Pferdestaelle,
Magazin- und Kasernenraeume 6. Der Burghuegel, die Byrsa (syrisch birtha =
Burg), ein verhaeltnismaessig bedeutender Fels von 188 Fuss Hoehe und an der
Unterflaeche einem Umfang von reichlich 2000 Doppelschritten 7, griff in diese
Mauer an ihrem suedlichen Ende ein, aehnlich wie die Felswand des Kapitols in
den roemischen Stadtwall. Die obere Flaeche desselben trug den gewaltigen, auf
einem Unterbau von sechzig Stufen ruhenden Tempel des Heilgottes. Die Suedseite
der Stadt bespuelte teils der seichte Tunesische See im Suedwesten, den eine von
der karthagischen Halbinsel suedwaerts auslaufende schmale und niedrige
Landzunge 8 fast gaenzlich von dem Golfe schied, teils im Suedosten der offene
Golf. An dieser letzten Stelle befand sich der Doppelhafen der Stadt, ein Werk
von Menschenhand: der aeussere oder der Handelshafen, ein laengliches, die
schmale Seite dem Meere zuwendendes Viereck, von dessen nur 70 Fuss breiter
Muendung nach beiden Seiten breite Kais am Wasser sich hinzogen, und der innere
kreisrunde Kriegshafen, der Kothon 9, mit der das Admiralhaus tragenden Insel in
der Mitte, in den man durch den aeusseren gelangte. Zwischen beiden ging die
Stadtmauer durch, die, von der Byrsa ostwaerts sich wendend, die Landzunge und
den Aussenhafen aus-, dagegen den Kriegshafen einschloss, so dass die Einfahrt
in den letzteren gleich einem Tor verschliessbar gedacht werden muss. Unweit des
Kriegshafens lag der Marktplatz, der durch drei enge Strassen mit der nach der
Stadtseite offenen Burg verbunden war. Noerdlich von und ausserhalb der
eigentlichen Stadt hatte der ziemlich betraechtliche, schon zu jener Zeit
grossenteils mit Landhaeusern und wohlbewaesserten Gaerten gefuellte Raum der
heutigen El Mersa, damals Magalia genannt, eine eigene, an die Stadtmauer sich
anlehnende Umwallung. Auf der gegenueberliegenden Spitze der Halbinsel, dem
Dschebel-Khawi bei dem heutigen Dorfe Qamart, lag die Graeberstadt. Diese drei,
die Alt-, die Vor- und die Graeberstadt, fuellten zusammen die ganze Breite der
Landspitze an ihrer dem Golf zugewandten Seite aus und waren nur zugaenglich auf
den beiden Hauptstrassen nach Utica und Tunes ueber jene schmale Landzunge, die
zwar nicht mit einer Mauer geschlossen war, aber doch fuer die unter dem Schutze
der Hauptstadt und wieder zu deren Schutz sich aufstellenden Heere die
vorteilhafteste Stellung darbot.
-------------------------------------------
3 Der Zug der Kueste ist im Laufe der Jahrhunderte so veraendert worden,
dass man an der alten Staette die ehemaligen Lokalverhaeltnisse nur unvollkommen
wiedererkennt. Den Namen der Stadt bewahrt das Kap Kartadschena, auch von dem
dort befindlichen Heiligengrab Ras Sidi bu Said genannt, die in den Golf
hineinragende oestliche Spitze der Halbinsel und ihr hoechster 393 Fuss ueber
dem Meere gelegener Punkt.
4 Die von C. E. Beule (Fouilles a Carthage. Paris 1861) mitgeteilten
Tiefmasse sind in Metern und in griechischen Fuss (1 = 0,309):
Aussenmauer
2 Meter = 6´ Fuss
Korridor
9 Meter = 6 Fuss
Vordermauer der Kasematten
1 Meter = 3¨Fuss
Kasemattensaele
4,2 Meter = 14 Fuss
Hintermauer der Kasematten
1 Meter = 3¨Fuss
Gesamttiefe der Mauer
10,1 Meter = 33 Fuss
oder, wie Diodor (p. 522) angibt, 22 Ellen (1 griechische Elle = 1´ Fuss),
waehrend Livius (bei Oros. bist. 4, 22) und Appian (Pun. 95), die eine andere,
minder genaue Stelle des Polybios vor Augen gehabt zu haben scheinen, die
Mauertiefe auf 30 Fuss ansetzen. Die dreifache Mauer Appians, ueber die bisher
durch Florus (epit. 1, 31) eine falsche Vorstellung verbreitet war, ist die
Aussenmauer, die Vorder- und die Hintermauer der Kasematten. Dass dies
Zusammentreffen nicht zufaellig ist und wir hier in der Tat die Ueberreste der
beruehmten karthagischen Mauer vor uns haben, wird jedem einleuchten; N. Davis'
Einwuerfe (Carthage and her remains. 1861, S. 370f.) zeigen nur, dass gegen die
wesentlichen Ergebnisse Beules auch mit dem besten Willen wenig auszurichten
ist. Nur muss man festhalten, dass die alten Berichterstatter die Angaben, um
die es sich handelt, saemtlich nicht von der Burgmauer geben, sondern von der
Stadtmauer an der Landseite, von der die Mauer an der Suedseite des Burghuegels
ein integrierender Teil war (Gros. bist. 4, 22). Dazu stimmt, dass die
Ausgrabungen auf dem Burghuegel gegen Osten, Norden und Westen nirgends Spuren
von Befestigungen, dagegen an der Suedseite eben jene grossartigen Mauerreste
gezeigt haben. Es ist kein Grund vorhanden, dieselben als Ueberreste einer
besonderen, von der Stadtmauer verschiedenen Burgbefestigung anzusehen; weitere
Grabungen in entsprechender Tiefe - das Fundament der an der Byrsa aufgefundenen
Stadtmauer liegt 56 Fuss unter dem heutigen Boden - werden vermutlich laengs der
ganzen Landseite gleiche oder doch aehnliche Fundamente zu Tage foerdern, wenn
auch wahrscheinlich da wo die ummauerte Vorstadt Magalia sich an die Hauptmauer
anlehnte, die Befestigung entweder von Haus aus schwaecher gewesen oder frueh
vernachlaessigt worden ist. Wie lang die Mauer im ganzen war, ist nicht mit
Bestimmtheit zu sagen; doch ergibt sich, da 300 Elefanten hier Stallung fanden
und auch deren Futtermagazine und vielleicht noch andere Raeumlichkeiten sowie
die Tore in Anrechnung zu bringen sind, schon hieraus eine sehr ansehnliche
Laengenentwicklung. Dass die innere Stadt, in deren Mauer die Byrsa einbegriffen
war, zumal im Gegensatz zu der besonders ummauerten Vorstadt Magalia zuweilen
selber Byrsa genannt wird (App. Pun. 117; Nepos bei Serv. Aen. 1, 368), ist
leicht begreiflich.
5 So rechnet Appian a.a.O.; Diodor gibt, wahrscheinlich mit Einrechnung der
Zinnen, die Hoehe auf 40 Ellen oder 60 Fuss. Der erhaltene Ueberrest ist noch
12-16 Fuss (4-5 Meter) hoch.
6 Die bei der Ausgrabung zu Tage gekommenen hufeisenfoermigen Saele haben
eine Tiefe von 14, eine Breite von 11 griechischen Fuss; die Weite der Eingaenge
wird nicht angegeben. Ob diese Masse und die Verhaeltnisse des Korridors
ausreichen, um in ihnen Elefantenstaelle zu erkennen, bleibt durch genauere
Ermittlung festzustellen. Die Zwischenmauern, die die Saele voneinander
scheiden, haben die Dicke von 1,1 Meter = 3´ Fuss.
7 Oros. hist. 4, 22. Reichlich 2000 Schritte oder - wie Polybios gesagt
haben wird - 16 Stadien sind ungefaehr 3000 Meter. Der Burghuegel, auf dem jetzt
die Kirche des hl. Ludwig steht, misst oben etwa 1400, auf der halben Hoehe etwa
2600 Meter im Umkreis (Beule, Fouilles, S. 22); auf den unteren Umfang wird jene
Angabe recht gut auskommen.
8 Sie traegt jetzt das Fort Goletta.
9 Dass dieses phoenikische Wort das kreisfoermig ausgegrabene Bassin
bezeichnet, zeigt sowohl Diod. 3, 44 wie die Bedeutung Becher, in der die
Griechen dasselbe verwenden. Es passt also nur auf den inneren Hafen Karthagos,
und davon brauchen es auch Strabon (17, 2, 14; wo es eigentlich fuer die
Admiralinsel gesetzt ist) und Festus (v. cothones p. 37). Appian (Pun. 127)
bezeichnet nicht ganz genau den viereckigen Vorhafen des Kothon als Teil
desselben.
---------------------------------------
Die schwierige Arbeit, eine so wohlbefestigte Stadt zu bezwingen, wurde
noch dadurch erschwert, dass teils die Hilfsmittel der Hauptstadt selbst und des
noch immer 800 Ortschaften umfassenden und von der Emigrantenpartei
groesstenteils beherrschten Gebietes, teils die zahlreichen mit Massinissa
verfeindeten Staemme der ganz oder halb freien Libyer den Karthagern
gestatteten, sich nicht auf die Verteidigung der Stadt zu beschraenken, sondern
zugleich ein zahlreiches Heer im Felde zu halten, welches bei der verzweifelten
Stimmung der Emigranten und der Brauchbarkeit der leichten numidischen Reiterei
von den Belagerern nicht ausser acht gelassen werden durfte.
Es hatten somit die Konsuln eine keineswegs leichte Aufgabe zu loesen, als
sie nun doch sich genoetigt sahen, die Belagerung regelrecht zu beginnen. Manius
Manilius, der das Landheer befehligte, schlug sein Lager der Burgmauer
gegenueber, waehrend Lucius Censorinus mit der Flotte an dem See sich aufstellte
und dort auf der Landzunge die Operationen begann. Die karthagische Armee unter
Hasdrubal lagerte an dem andern Ufer des Sees bei der Festung Nepheris, von wo
aus sie den zum Holzfaellen fuer den Maschinenbau ausgeschickten roemischen
Soldaten ihre Arbeit erschwerte und namentlich der tuechtige Reiterfuehrer
Himilkon Phameas den Roemern viele Leute toetete. Indes stellte Censorinus auf
der Landzunge zwei grosse Sturmboecke her und brach mit ihnen Bresche an dieser
schwaechsten Stelle der Mauer; der Sturm indes musste, da es Abend geworden,
verschoben werden. In der Nacht gelang es den Belagerten, einen grossen Teil der
Bresche zu fuellen und durch einen Ausfall die roemischen Maschinen so zu
beschaedigen, dass sie am naechsten Tage nicht weiterarbeiten konnten. Dennoch
wagten die Roemer den Sturm; allein sie fanden die Bresche und die naechsten
Mauerabschnitte und Haeuser stark besetzt und gingen so unvorsichtig vor, dass
sie mit starkem Verlust zurueckgeschlagen wurden und noch weit groessere
Nachteile erlitten haben wuerden, wenn nicht der Kriegstribun Scipio Aemilianus,
den Ausgang des tolldreisten Angriffs vorhersehend, seine Leute vor den Mauern
zusammengehalten und mit ihnen die Fluechtenden aufgenommen haette. Noch viel
weniger richtete Manilius gegen die unbezwingliche Burgmauer aus. So zog die
Belagerung sich in die Laenge. Die durch die Sommerhitze im Lager erzeugten
Krankheiten, die Abreise des faehigeren Feldherrn Censorinus, endlich die
Verstimmung und Untaetigkeit Massinissas, der begreiflicherweise die Roemer sehr
ungern die laengst begehrte Beute fuer sich selber nehmen sah, und der bald
darauf (Ende 605 149) erfolgte Tod des neunzigjaehrigen Koenigs brachten die
Offensivoperationen der Roemer voellig ins Stocken. Sie hatten genug zu tun, um
ihre Schiffe gegen die karthagischen Brander und ihr Lager gegen die
naechtlichen Ueberfaelle zu schuetzen und durch Anlegung eines Hafenkastells und
Streifzuege in die Umgegend Nahrung fuer Menschen und Pferde zu beschaffen. Zwei
gegen Hasdrubal gerichtete Expeditionen blieben beide ohne Erfolg, ja die erste
haette bei der schlechten Fuehrung auf dem schwierigen Terrain fast mit einer
foermlichen Niederlage geendigt. So ruhmlos dieser Krieg fuer den Feldherrn wie
fuer das Heer verlief, so glaenzend tat der Kriegstribun Scipio darin sich
hervor. Er war es, der bei dem Nachtsturm der Feinde auf das roemische Lager,
mit einigen Reiterschwadronen ausrueckend und den Feind in den Ruecken fassend,
ihn zum Umkehren noetigte. Auf dem ersten Zug nach Nepheris machte er nach dem
Flussuebergang, der wider seinen Rat stattgefunden hatte und fast das Verderben
des Heeres geworden waere, durch einen verwegenen Seitenangriff dem
rueckkehrenden Heer Luft und befreite eine schon verloren gegebene Abteilung
durch seinen aufopfernden Heldenmut. Waehrend die uebrigen Offiziere, der Konsul
vor allem, durch ihre Wortlosigkeit die zu Unterhandlungen geneigten Staedte und
Parteifuehrer zurueckschreckten, gelang es Scipio, einen der tuechtigsten von
diesen, Himilkon Phameas, mit 2200 Reitern zum Uebertritt zu bestimmen. Endlich,
nachdem er, den Auftrag des sterbenden Massinissa erfuellend, unter dessen drei
Soehne, die Koenige Micipsa, Gulussa und Mastanabal, das Reich geteilt hatte,
fuehrte er in Gulussa einen seines Vaters wuerdigen Reiterfuehrer dem roemischen
Heer zu und half damit dem bisher empfindlich gefuehlten Mangel an leichter
Reiterei ab. Sein feines und doch schlichtes Wesen, das mehr an seinen
leiblichen Vater erinnerte als an den, dessen Namen er trug, bezwang auch den
Neid, und im Lager wie in der Hauptstadt war Scipios Name auf allen Lippen.
Selbst Cato, der nicht freigebig mit seinem Lobe war, wandte wenige Monate vor
seinem Tode - er starb am Ende des Jahres 605 (149), ohne den Wunsch seines
Lebens, die Vernichtung Karthagos, erfuellt gesehen zu haben - auf den jungen
Offizier und seine unfaehigen Kameraden die Homerische Zeile an: "Einzig er ist
ein Mann, die andern sind wandelnde Schatten ^10."
---------------------------------------------
^10 Oios pepytai, toi de skiai aissoysin.
---------------------------------------------
Ueber diese Vorgaenge war der Jahresschluss und damit der Kommandowechsel
herangekommen: ziemlich spaet erschien der Konsul Lucius Piso (606 148) und
uebernahm den Oberbefehl des Landheeres so wie Lucius Mancinus den der Flotte.
Indes, hatten die Vorgaenger wenig geleistet, so geschah nun gar nichts. Statt
mit der Belagerung Karthagos oder der Ueberwindung der Armee Hasdrubals
beschaeftigte Piso sich damit, die kleinen phoenikischen Seestaedte anzugreifen
und auch dies meist ohne Erfolg, wie zum Beispiel Clupea ihn zurueckschlug und
er von Hippon Diarrhytos, nachdem er den ganzen Sommer davor verloren hatte und
das Belagerungsgeraet ihm zweimal verbrannt worden war, schimpflich abziehen
musste. Neapolis ward zwar genommen; aber die Pluenderung der Stadt gegen das
gegebene Ehrenwort war auch dem Fortgang der roemischen Waffen nicht sonderlich
guenstig. Der Mut der Karthager stieg. Ein numidischer Scheik Bithyas ging mit
800 Pferden zu ihnen ueber; karthagische Gesandte konnten es versuchen, mit den
Koenigen von Numidien und Mauretanien, ja, mit dem falschen Philippos von
Makedonien Verbindungen einzuleiten. Vielleicht mehr die inneren Zerwuerfnisse -
Hasdrubal der Emigrant verdaechtigte den gleichnamigen Feldherrn, der in der
Stadt befehligte, wegen seiner Verwandtschaft mit Massinissa und liess ihn im
Rathause erschlagen - als die Taetigkeit der Roemer verhinderten eine fuer
Karthago noch guenstigere Wendung der Dinge. So griff man in Rom, um dem
besorglichen Stand der afrikanischen Angelegenheiten Wandel zu schaffen, zu der
ausserordentlichen Massregel, dem einzigen Mann, der bis jetzt von den libyschen
Feldern Ehre heimgebracht hatte und den sein Name selbst fuer diesen Krieg
empfahl, dem Scipio, statt der Aedilitaet, um die er eben sich bewarb, mit
Beseitigung der entgegenstehenden Gesetze vor der Zeit das Konsulat und durch
besonderen Beschluss die Fuehrung des Afrikanischen Krieges zu uebertragen. Er
traf (607 147) in Utica in einem Augenblick ein, wo viel auf dem Spiel stand.
Der roemische Admiral Mancinus, von Piso mit der nominellen Fortsetzung der
Belagerung der Hauptstadt beauftragt, hatte eine steile, von dem bewohnten
Bezirk weit entlegene und kaum verteidigte Klippe an der schwer zugaenglichen
Seite der Aussenstadt Magalia besetzt und fast seine gesamte, nicht zahlreiche
Mannschaft dort vereinigt, in der Hoffnung, von hier aus in die Aussenstadt
eindringen zu koennen. In der Tat waren die Angreifer schon einen Augenblick
innerhalb der Tore derselben gewesen, und schon war der Lagertross in der
Hoffnung auf Beute in Masse herbeigestroemt, als sie wieder auf die Klippe
zurueckgedraengt wurden und ohne Zufuhr und fast abgeschnitten in der groessten
Gefahr schwebten. So fand Scipio die Lage der Dinge. Kaum angekommen, entsandte
er die mitgebrachte Mannschaft und die Miliz von Utica zu Schiff nach dem
bedrohten Punkt, und es gelang, dessen Besatzung zu retten und die Klippe selbst
zu behaupten. Nachdem diese Gefahr abgewendet schien, begab der Feldherr sich in
das Lager Pisos, um das Heer zu uebernehmen und nach Karthago zurueckzufuehren.
Hasdrubal aber und Bithyas benutzten seine Abwesenheit, um ihr Lager unmittelbar
an die Stadt zu ruecken und den Angriff auf die Besatzung der Klippe von Magalia
zu erneuern; indes auch jetzt erschien Scipio mit dem Vortrab der Hauptarmee
zeitig genug, um dem Posten abermals Beistand zu leisten. Danach begann von
neuem und ernstlicher die Belagerung. Vor allen Dingen saeuberte Scipio das
Lager von der Masse des Trosses und der Marketender und zog die erschlafften
Zuegel der Disziplin wieder mit Strenge an. Bald nahmen auch die militaerischen
Operationen einen lebhafteren Gang. Bei einem naechtlichen Angriff auf die
Aussenstadt gelangten von einem Turme aus, der den Mauern an Hoehe gleich vor
denselben stand, die Roemer auf die Zinnen und oeffneten ein Pfoertchen, durch
das das ganze Heer eindrang. Die Karthager gaben die Aussenstadt und das Lager
vor den Toren auf und uebertrugen den Oberbefehl ueber die auf 30000 Mann sich
belaufende staedtische Besatzung an Hasdrubal. Der neue Kommandant bewies seine
Energie zuvoerderst dadurch, dass er saemtliche roemische Gefangenen auf die
Mauerzinnen bringen und sie vor den Augen des Belagerungsheeres nach grausamen
Martern in die Tiefe stuerzen liess; und als hierueber Stimmen des Tadels sich
erhoben, wurde auch gegen die Buerger die Schreckensherrschaft eingefuehrt.
Scipio inzwischen suchte, nachdem er die Stadt auf sich selber beschraenkt
hatte, ihr den Verkehr nach aussen hin voellig abzuschneiden. Er selbst nahm
sein Hauptquartier auf dem Erdruecken, durch den die karthagische Halbinsel mit
dem Festland zusammenhaengt, und schlug hier trotz der vielfachen Versuche der
Karthager, den Bau zu stoeren, ein grosses, diesen Ruecken in seiner ganzen
Breite schliessendes Lager, das die Stadt nach der Landseite hin vollstaendig
absperrte. Indes liefen noch immer Proviantschiffe in den Hafen ein, teils
kuehne Kauffahrer, die der hohe Gewinn lockte, teils Schiffe des Bithyas, der
von Nepheris am Ende des Tunesischen Sees aus jeden guenstigen Fahrwind
benutzte, um Lebensmittel nach der Stadt zu bringen; wie auch daselbst die
Buergerschaft schon litt, die Besatzung war noch hinreichend versorgt. Scipio
zog deshalb von der Landzunge zwischen See und Golf in den letzteren hinein
einen Steindamm von 96 Fuss Breite, um damit die Hafenmuendung zu sperren. Die
Stadt schien verloren, als das Gelingen dieses anfangs von den Karthagern als
unausfuehrbar verspotteten Unternehmens offenbar ward. Aber eine Ueberraschung
machte die andere wett. Waehrend die roemischen Arbeiter an dem Damm schanzten,
wurde auch im karthagischen Hafen zwei Monate lang Tag und Nacht gearbeitet,
ohne dass selbst die Ueberlaeufer zu sagen wussten, was die Belagerten
beabsichtigten. Ploetzlich, als eben die Roemer mit der Verbauung des
Hafeneingangs fertig waren, segelten aus demselben Hafen fuenfzig karthagische
Dreidecker und eine Anzahl Boote und Kaehne hinaus in den Golf -die Karthager
hatten, waehrend die Feinde die alte Hafenmuendung gegen Sueden sperrten, durch
einen in oestlicher Richtung gezogenen Kanal sich einen neuen Ausgang
geschaffen, welcher bei der Tiefe des Meeres an dieser Stelle unmoeglich
gesperrt werden konnte. Haetten die Karthager, statt mit dem Paradezug sich zu
begnuegen, sofort sich mit Entschlossenheit auf die halbabgetakelte und voellig
unvorbereitete roemische Flotte gestuerzt, so war diese verloren; als sie am
dritten Tage wiederkehrten, um die Seeschlacht zu liefern, fanden sie die Roemer
geruestet. Der Kampf verlief ohne Entscheidung; bei der Rueckfahrt aber stopften
sich die karthagischen Schiffe so sehr in und vor der Hafenmuendung, dass der
dadurch entstandene Schaden einer Niederlage gleichkam. Scipio richtete nun
seine Angriffe auf den aeusseren Hafenkai, welcher ausserhalb der Stadtmauern
lag und nur durch einen vor kurzem angelegten Erdwall notduerftig geschuetzt
war. Die Maschinen wurden auf der Landzunge aufgestellt und eine Bresche war
leicht gemacht; aber mit beispielloser Unerschrockenheit griffen die Karthager,
die Untiefen durchwatend, das Belagerungszeug an, verjagten die
Besatzungsmannschaft, welche so ins Laufen kam, dass Scipio seine eigenen Reiter
auf sie einhauen lassen musste, und zerstoerten die Maschinen. Auf diese Weise
gewannen sie Zeit, die Bresche zu schliessen. Scipio stellte indes die Maschinen
wieder her und schoss die Holztuerme der Feinde in Brand, wodurch er den Kai und
damit den Aussenhafen in seine Gewalt bekam. Ein der Stadtmauer an Hoehe
gleichkommender Wall wurde hier aufgefuehrt, und es war jetzt endlich die Stadt
von der Land- wie von der Seeseite vollstaendig abgesperrt, da man nur durch den
aeusseren in den inneren Hafen gelangte. Um die Blockade vollstaendig zu
sichern, liess Scipio das Lager bei Nepheris, das jetzt Diogenes befehligte, von
Gaius Laelius angreifen; durch eine glueckliche Kriegslist ward es erobert und
die ganze dort versammelte zahllose Menschenmasse getoetet oder gefangen.
Darueber war der Winter herangekommen, und Scipio stellte die Operationen ein,
es dem Hunger und den Seuchen ueberlassend, das Begonnene zu vollenden. Wie
furchtbar die Gewaltigen des Herrn inzwischen an dem Vernichtungswerk gearbeitet
hatten, waehrend Hasdrubal freilich fortfuhr zu prahlen und zu prassen, zeigte
sich, so wie im Fruehling 608 (146) das roemische Heer zum Angriff gegen die
innere Stadt ueberging. Hasdrubal liess den Aussenhafen anzuenden und machte
sich bereit, den auf den Kothon erwarteten Sturm abzuschlagen; aber Laelius
gelang es, weiter aufwaerts die von der ausgehungerten Besatzung kaum noch
verteidigte Mauer zu uebersteigen und so bis an den inneren Hafen vorzudringen.
Die Stadt war erobert, aber der Kampf noch keineswegs zu Ende. Die Angreifer
besetzten den an den kleinen Hafen anstossenden Markt und drangen in den drei
schmalen, von diesem nach der Burg zu fuehrenden Strassen langsam vor - langsam,
denn von den gewaltigen bis zu sechs Stockwerken hohen Haeusern musste eines
nach dem andern erstuermt werden; auf den Daechern oder auf ueber die Strasse
gelegten Balken drang der Soldat von einem dieser festungsaehnlichen Gebaeude in
das benachbarte oder gegenueberstehende vor und stiess nieder, was darin ihm
vorkam. So verflossen sechs Tage, schreckliche fuer die Bewohner der Stadt und
auch fuer die Angreifer voll Not und Gefahr; endlich langte man vor dem steilen
Burgfelsen an, auf den sich Hasdrubal und die noch uebrige Mannschaft
zurueckgezogen hatten. Um einen breiteren Aufweg zu bekommen, befahl Scipio, die
eroberten Strassen anzuzuenden und den Schutt zu planieren, bei welcher
Veranlassung eine Menge in den Haeusern versteckter kampfunfaehiger Personen
elend umkamen. Da endlich bat der auf der Burg zusammengedraengte Rest der
Bevoelkerung um Gnade. Das nackte Leben ward ihnen zugestanden und sie
erschienen vor dem Sieger, 30000 Maenner und 25000 Frauen, nicht der zehnte Teil
der ehemaligen Bevoelkerung. Einzig die roemischen Ueberlaeufer, 900 an der
Zahl, und der Feldherr Hasdrubal mit seiner Gattin und seinen beiden Kindern
hatten sich in den Tempel des Heilgottes geworfen: fuer sie, fuer die
desertierten Soldaten wie fuer den Moerder der roemischen Gefangenen, gab es
keinen Vertrag. Aber als nun, dem Hunger erliegend, die entschlossensten unter
ihnen den Tempel anzuendeten, ertrug Hasdrubal es nicht, dem Tode ins Auge zu
sehen; einzeln entrann er zu dem Sieger und bat kniefaellig um sein Leben. Es
ward ihm gewaehrt; aber wie seine Gattin, die mit ihren Kindern unter den
uebrigen auf dem Tempeldach sich befand, ihn zu den Fuessen Scipios erblickte,
schwoll ihr das stolze Herz ueber diese Schaendung der teuren untergehenden
Heimat und den Gemahl mit bitteren Worten erinnernd, seines Lebens sorglich zu
schonen, stuerzte sie erst die Soehne und dann sich selber in die Flammen. Der
Kampf war zu Ende. Der Jubel im Lager wie in Rom war grenzenlos; nur die
Edelsten des Volkes schaemten im stillen sich der neuesten Grosstat der Nation.
Die Gefangenen wurden groesstenteils zu Sklaven verkauft; einzelne liess man im
Kerker verkommen; die vornehmsten, Bithyas und Hasdrubal, wurden als roemische
Staatsgefangene in Italien interniert und leidlich behandelt. Das bewegliche
Gut, soweit es nicht Gold und Silber war oder Weihgeschenk, ward den Soldaten
zur Pluenderung preisgegeben; von den Tempelschaetzen ward die in besseren
Zeiten von Karthago aus den sizilischen Staedten weggefuehrte Beute diesen
zurueckgestellt, wie zum Beispiel der Stier des Phalaris den Akragantinern; das
uebrige, fiel an den roemischen Staat.
Indes noch stand die Stadt zum bei weitem groessten Teil. Es ist glaublich,
dass Scipio die Erhaltung derselben wuenschte; wenigstens richtete er deswegen
noch eine besondere Anfrage an den Senat. Scipio Nasica versuchte noch einmal,
die Forderungen der Vernunft und der Ehre geltend zu machen; es war vergebens.
Der Senat befahl dem Feldherrn, die Stadt Karthago und die Aussenstadt Magalia
dem Boden gleich zu machen, desgleichen alle Ortschaften, die es bis zuletzt mit
Karthago gehalten; sodann ueber den Boden Karthagos den Pflug zu fuehren, um der
Existenz der Stadt in Form Rechtens ein Ende zu machen, und Grund und Boden auf
ewige Zeiten zu verwuenschen, also dass weder Haus noch Kornfeld je dort
entstehen moege. Es geschah wie befohlen war. Siebzehn Tage brannten die Ruinen;
als vor kurzem die Ueberreste der karthagischen Stadtmauer aufgegraben wurden,
fand man sie bedeckt mit einer vier bis fuenf Fuss tiefen, von halb verkohlten
Holzstuecken, Eisentruemmern und Schleuderkugeln erfuellten Aschenlage. Wo die
fleissigen Phoeniker ein halbes Jahrtausend geschafft und gehandelt hatten,
weideten fortan roemische Sklaven die Herden ihrer fernen Herren. Scipio aber,
den die Natur zu einer edleren als zu dieser Henkerrolle bestimmt hatte, sah
schaudernd auf sein eigenes Werk, und statt der Siegesfreude erfasste den Sieger
selber die Ahnung der solcher Untat unausbleiblich nachfolgenden Vergeltung.
Es blieb noch uebrig, fuer die kuenftige Organisation der Landschaft die
Einrichtungen zu treffen. Die fruehere Weise, mit den gewonnenen ueberseeischen
Besitzungen die Bundesgenossen zu belehnen, ward nicht ferner beliebt. Micipsa
und seine Brueder behielten im wesentlichen ihr bisheriges Gebiet mit Einschluss
der kuerzlich am Bagradas und in Emporia den Karthagern entrissenen Distrikte;
die lange genaehrte Hoffnung, Karthago zur Hauptstadt zu erhalten, ward fuer
immer vereitelt; dafuer verehrte ihnen der Senat die karthagischen
Buechersammlungen. Die karthagische Landschaft, wie die Stadt sie zuletzt
besessen hatte, das heisst der schmale, Sizilien zunaechst gegenueberliegende
Kuestenstrich von Afrika, vom Tuscafluss (bei Thabzaca) bis Thaenae (der Insel
Kerkena gegenueber), ward eine roemische Provinz. Im Binnenland, wo die
uebergriffe Massinissas die karthagische Herrschaft fortwaehrend weiter
beschraenkt hatten und schon Bulla, Zama, Aquae den Koenigen gehoerten, blieb
den Numidiern, was sie besassen. Allein die sorgfaeltige Regulierung der Grenze
zwischen der roemischen Provinz und dem auf drei Seiten dieselbe
einschliessenden numidischen Koenigreich zeugte davon, dass Rom gegen sich
keineswegs dulden werde, was es gegen Karthago verstattet hatte; wogegen der
Name der neuen Provinz, Africa, andererseits darauf hinzudeuten schien, dass Rom
die gegenwaertig abgesteckte Grenze durchaus nicht als eine definitive
betrachte. Die Oberverwaltung der neuen Provinz uebernahm ein roemischer
Statthalter, dessen Sitz Utica wurde. Einer regelmaessigen Grenzverteidigung
bedurfte dieselbe nicht, da das verbuendete Numidische Reich sie ueberall von
den Bewohnern der Wueste schied. Hinsichtlich der Abgaben verfuhr man im ganzen
mit Milde. Diejenigen Gemeinden, die seit Anfang des Krieges auf seiten der
Roemer gestanden hatten - es waren dies nur die Seestaedte Utica, Hadrumetum,
Klein-Leptis, Thapsus, Achulla, Usalis und die Binnenstadt Theudalis -,
behielten ihre Mark und wurden Freistaedte; dasselbe Recht empfing die
neugegruendete Gemeinde der Ueberlaeufer. Das Stadtgebiet Karthagos, mit
Ausnahme eines an Utica verschenkten Striches, und das der uebrigen zerstoerten
Ortschaften ward roemisches Domanialland, welches man durch Verpachtung
verwertete. Die uebrigen Ortschaften verloren gleichfalls dem Rechte nach ihr
Bodeneigentum und ihre staedtischen Freiheiten; doch wurde ihnen ihr Acker und
ihre Verfassung bis auf weitere Anordnung der roemischen Regierung vorlaeufig
als widerruflicher Besitz gelassen und zahlten die Gemeinden fuer die Nutzung
des roemisch gewordenen Bodens jaehrlich nach Rom eine ein fuer allemal
normierte Abgabe (stipendium), welche sie dann ihrerseits mittels einer
Vermoegenssteuer von den einzelnen Abgabepflichtigen wiedereinzogen. Die
eigentlichen Gewinner aber bei dieser Zerstoerung der ersten Handelsstadt des
Westens waren die roemischen Kaufleute, welche, sowie Karthago in Asche lag,
scharenweise nach Utica stroemten und von dort aus nicht bloss die roemische
Provinz, sondern auch die bis dahin ihnen verschlossenen numidischen und
gaetulischen Landschaften auszubeuten begannen.
Um dieselbe Zeit wie Karthago verschwand auch Makedonien aus der Reihe der
Nationen. Die vier kleinen Eidgenossenschaften, in die die Weisheit des
roemischen Senats das alte Koenigreich zerstueckelt hatte, konnten in sich und
untereinander nicht zum Frieden kommen; wie es in dem Lande zuging, zeigt ein
einzelner, zufaellig erwaehnter Vorfall in Phakos, wo der gesamte Regierungsrat
einer dieser Eidgenossenschaften auf Anstiften eines gewissen Damasippos
ermordet wurde. Weder die Kommissionen, die der Senat abordnete (590 164), noch
die nach griechischer Sitte von den Makedoniern herbeigerufenen fremden
Schiedsrichter, wie zum Beispiel Scipio Aemilianus (603 151), vermochten einen
leidlichen Zustand herzustellen. Da erschien ploetzlich in Thrakien ein junger
Mann, der sich Philippos nannte, den Sohn des Koenigs Perseus, welchem er
auffallend glich, und der syrischen Laodike. Seine Jugend hatte er in der
mysischen Stadt Adramytion verlebt; hier behauptete er die sicheren Beweise
seiner hohen Abstammung erhalten zu haben. Mit diesen hatte er, nach einem
vergeblichen Versuch, in seinem Heimatland sich geltend zu machen, sich an
seiner Mutter Bruder, Koenig Demetrios Soter von Syrien, gewandt. Es fanden sich
in der Tat einige Maenner, die dem Adramytener glaubten oder zu glauben vorgaben
und den Koenig bestuermten, den Prinzen entweder in sein angeerbtes Reich
wiedereinzusetzen oder ihm die Krone Syriens abzutreten; worauf Demetrios, um
dem tollen Treiben ein Ende zu machen, den Praetendenten festnahm und den
Roemern zuschickte. Indes der Senat achtete des Menschen so wenig, dass er ihn
in einer italischen Stadt konfinierte, ohne ihn auch nur ernstlich bewachen zu
lassen. So war er nach Milet entflohen, wo die staedtischen Behoerden ihn
abermals aufgriffen und bei roemischen Kommissarien anfragten, was sie mit dem
Gefangenen machen sollten. Diese rieten, ihn laufen zu lassen; es geschah. Jetzt
versuchte er denn weiter in Thrakien sein Glueck; und wunderbarerweise fand er
hier Anerkennung und Unterstuetzung, nicht bloss bei den thrakischen
Barbarenfuersten Teres, dem Gemahl seiner Vaterschwester, und Barsabas, sondern
auch bei den klugen Byzantiern. Mit thrakischer Unterstuetzung drang der
sogenannte Philipp in Makedonien ein, und obwohl er anfangs geschlagen ward,
erfocht er doch bald einen Sieg ueber das makedonische Aufgebot in der
Odomantike jenseits des Strymon und darauf einen zweiten diesseits des Flusses,
der ihm den Besitz von ganz Makedonien verschaffte. So apokryphisch seine
Erzaehlung klang und so entschieden es feststand, dass der echte Philippos
Perseus' Sohn achtzehn Jahre alt in Alba gestorben und dieser Mensch nichts
weniger als ein makedonischer Prinz, sondern der adramytenische Walker Andriskos
sei, so war man doch in Makedonien der Koenigsherrschaft zu sehr gewohnt, um
nicht mit der Legitimitaetsfrage sich rasch abzufinden und gern in das alte
Gleis wiedereinzulenken. Schon kamen Boten von den Thessalern, dass der
Praetendent in ihr Gebiet eingerueckt sei; der roemische Kommissar Nasica, der
in der Erwartung, dass das erste ernste Wort dem toerichten Beginnen ein Ende
machen werde, vom Senat ohne Soldaten nach Makedonien gesandt worden war, musste
die achaeische und pergamenische Mannschaft aufbieten und mit den Achaeern
Thessalien gegen die Uebermacht, soweit es anging, schirmen, bis (605? 149) der
Praetor Juventius mit einer Legion erschien. Dieser griff mit seiner geringen
Streitmacht die Makedonier an; allein er selber fiel, sein Heer ging fast ganz
zugrunde und Thessalien geriet zum groessten Teil in die Gewalt des falschen
Philippos, der sein Regiment hier und in Makedonien in grausamer und
uebermuetiger Weise handhabte. Endlich betrat ein staerkeres roemisches. Heer
unter Quintus Caecilius Metellus den Kampfplatz und drang, unterstuetzt durch
die pergamenische Flotte, in Makedonien ein. Zwar behielten in dem ersten
Reitergefecht die Makedonier die Oberhand; allein bald traten Spaltungen und
Desertionen im makedonischen Heer ein, und der Fehler des Praetendenten, sein
Heer zu teilen und die eine Haelfte nach Thessalien zu detachieren, verschaffte
den Roemern einen leichten und entscheidenden Sieg (606 148). Philippos
fluechtete nach Thrakien zu dem Haeuptling Byzes, wohin Metellus ihm folgte und
nach einem zweiten Sieg seine Auslieferung erlangte.
Die vier makedonischen Eidgenossenschaften hatten sich dem Praetendenten
nicht freiwillig unterworfen, sondern waren lediglich der Gewalt gewichen. Nach
der bisher befolgten Politik lag also kein Grund vor, den Makedoniern den
Schatten von Selbstaendigkeit zu nehmen, den die Schlacht von Pydna ihnen noch
gelassen hatte; dennoch wurde das Reich Alexanders jetzt auf Befehl des Senats
von Metellus in eine roemische Provinz verwandelt. Sehr deutlich ward es hier,
dass die roemische Regierung ihr System geaendert und das Klientel- durch das
Untertanenverhaeltnis zu ersetzen beschlossen hatte; und darum wurde die
Einziehung der vier makedonischen Eidgenossenschaften in dem ganzen Kreise der
Klientelstaaten als ein gegen alle gerichteter Schlag empfunden. Die frueher
nach den ersten roemischen Siegen von Makedonien abgerissenen Besitzungen in
Epeiros, die Ionischen Inseln und die Haefen Apollonia und Epidamnos, welche
bisher zu dem italischen Beamtensprengel gehoert hatten, wurden jetzt wieder mit
Makedonien vereinigt, so dass dasselbe, wahrscheinlich schon um diese Zeit, im
Nordosten bis jenseits Skodra reichte, wo Illyricum begann. Ebenso fiel die
Schutzherrlichkeit, die Rom ueber das eigentliche Griechenland in Anspruch nahm,
von selbst dem neuen Statthalter von Makedonien zu. So erhielt Makedonien die
Einigkeit zurueck und auch ungefaehr wieder die Grenzen, wie es sie in seiner
bluehendsten Zeit gehabt; aber es war nicht mehr ein einiges Reich, sondern eine
einige Provinz, mit kommunaler und selbst wie es scheint landschaftlicher
Organisation, jedoch unter einem italischen Vogt und Schatzmeister, deren Namen
auch wohl auf den Landesmuenzen neben dem der Landschaft erscheinen. Als Steuer
blieb die alte maessige Abgabe, wie Paullus sie angeordnet hatte, eine Summe von
100 Talenten (155000 Talern), die in festen Betraegen auf die einzelnen
Gemeinden umgelegt war. Dennoch vermochte das Land seiner alten ruhmreichen
Dynastie noch nicht zu vergessen. Wenige Jahre nach der Besiegung des falschen
Philippos pflanzte ein anderer angeblicher Perseussohn, Alexander, am Nestos
(Karasu) die Fahne der Insurrektion auf und hatte in kurzer Zeit 1600 Mann
vereinigt; allein der Quaestor Lucius Tremellius ward des Aufstandes ohne Muehe
Herr und verfolgte den fliehenden Praetendenten bis nach Dardanien (612 142).
Dies aber ist auch die letzte Regung des stolzen makedonischen Nationalsinns,
der zwei Jahrhunderte zuvor in Hellas und Asien so grosse Dinge vollbracht
hatte; seitdem ist von den Makedoniern kaum etwas anderes zu berichten, als dass
sie fortfuhren, von dem der definitiven Provinzialorganisation der Landschaft
(608 146) an ihre tatenlosen Jahre zu zaehlen.
Fortan waren es die Roemer, denen die Verteidigung der makedonischen Nord-
und Ostgrenzen, das heisst der Grenze der hellenischen Zivilisation gegen die
Barbaren, oblag. Sie ward von ihnen mit unzulaenglichen Streitkraeften und im
ganzen nicht mit der gebuehrenden Energie gefuehrt; doch ist zunaechst fuer
diesen militaerischen Zweck die grosse Egnatische Chaussee angelegt worden,
welche schon zu Polybios' Zeit von den beiden Haupthaefen an der Westkueste,
Apollonia und Dyrrhachion, quer durch das Binnenland nach Thessalonike, spaeter
noch weiter bis an den Hebros (Maritza) lief ^11. Die neue Provinz ward die
natuerliche Basis teils fuer die Zuege gegen die unruhigen Dalmater, teils fuer
die zahlreichen Expeditionen gegen die nordwaerts der griechischen Halbinsel
ansaessigen illyrischen, keltischen und thrakischen Staemme, die spaeter in
ihrem geschichtlichen Zusammenhang darzustellen sein werden.
-------------------------------------------
^11 Als Handelsstrasse zwischen dem Adriatischen und Schwarzen Meer, als
diejenige naemlich, in deren Mitte die kerkyraeischen Weinkruege den thasischen
und lesbischen begegnen, kennt diese Strasse schon der Verfasser der pseudo-
aristotelischen Schrift 'Von den merkwuerdigen Dingen'. Auch heute noch laeuft
dieselbe wesentlich in gleicher Richtung von Durazzo, die Berge von Bagora
(Kandavisches Gebirge) am See von Ochrida (Lychnitis) durchschneidend, ueber
Monastir nach Saloniki.
------------------------------------------
Mehr als Makedonien hatte das eigentliche Griechenland sich der Gunst der
herrschenden Macht zu erfreuen; und die Philhellenen Roms mochten wohl der
Ansicht sein, dass daselbst die Nachwehen des Perseischen Krieges im
Verschwinden und die Verhaeltnisse ueberhaupt auf dem Wege zum Besseren seien.
Die verbissensten Aufhetzer der jetzt herrschenden Partei, Lykiskos der Aetoler,
Mnasippos der Boeoter, Chrematas der Akarnane, der schandbare Epeirote Charops,
dem selbst ehrenhafte Roemer ihr Haus verboten, stiegen einer nach dem andern
ins Grab; ein anderes Geschlecht wuchs heran, in dem die alten Erinnerungen und
die alten Gegensaetze verblasst waren. Der roemische Senat meinte die Zeit des
allgemeinen Vergebens und Vergessens gekommen und entliess im Jahre 604 (150)
die noch uebrigen der seit siebzehn Jahren in Italien konfinierten achaeischen
Patrioten, deren Freigebung die achaeische Tagsatzung nicht aufgehoert hatte zu
fordern. Dennoch irrte man sich. Wie wenig es den Roemern mit all ihrem
Philhellenentum gelungen war, den hellenischen Patriotismus innerlich zu
versoehnen, offenbarte sich in nichts so deutlich wie in der Stellung der
Griechen zu den Attaliden. Koenig Eumenes II. war als Roemerfreund in
Griechenland im hoechsten Grade verhasst gewesen; kaum aber war zwischen ihm und
den Roemern eine Verstimmung eingetreten, als er in Griechenland ploetzlich
populaer ward; wie frueher von Makedonien erwartete der hellenische Euelpides
den Erloeser aus der Fremdherrschaft jetzt von Pergamon. Vor allen Dingen aber
stieg in der sich selbst ueberlassenen hellenischen Kleinstaaterei zusehends die
soziale Zerruettung. Das Land veroedete, nicht durch Krieg und Pest, sondern
durch die immer weiter um sich greifende Abneigung der hoeheren Staende, mit
Frau und Kindern sich zu plagen; dafuer stroemte wie bisher das verbrecherische
oder leichtsinnige Gesindel vorwiegend nach Griechenland, um daselbst den
Werbeoffizier zu erwarten. Die Gemeinden versanken in immer tiefere Verschuldung
und in oekonomische Ehr- und die daranhaengende Kreditlosigkeit; einzelne
Staedte, namentlich Athen und Theben, griffen in ihrer Finanznot geradezu zum
Raeuberhandwerk und pluenderten die Nachbargemeinden aus. Auch der innere Hader
in den Buenden, zum Beispiel zwischen den freiwilligen und den gezwungenen
Mitgliedern der Achaeischen Eidgenossenschaft, war keineswegs beigelegt. Wenn
die Roemer, wie es scheint, glaubten, was sie wuenschten, und der augenblicklich
herrschenden Ruhe vertrauten, so sollten sie bald erfahren, dass die juengere
Generation in Hellas um nichts besser und um nichts klueger als die aeltere war.
Die Gelegenheit, um mit den Roemern Haendel anzufangen, brach man geradezu vom
Zaune.
Um einen schmutzigen Handel zu bedecken, warf um das Jahr 605 (149) der
zeitige Vorstand der Achaeischen Eidgenossenschaft, Diaeos, auf der Tagsatzung
die Behauptung hin, dass die den Lakedaemoniern als Glied der Achaeischen
Eidgenossenschaft von dieser zugestandenen Sonderrechte, die Befreiung von der
achaeischen Kriminaljurisdiktion und das Recht, Sondergesandtschaften nach Rom
zu schicken, ihnen keineswegs von den Roemern gewaehrleistet seien. Es war eine
freche Luege; allein die Tagsatzung glaubte natuerlich, was sie wuenschte, und
da sich die Achaeer bereit zeigten, ihre Behauptungen mit den Waffen in der Hand
wahrzumachen, gaben die schwaecheren Spartaner vorlaeufig nach, oder vielmehr
diejenigen, deren Auslieferung von den Achaeern begehrt ward, verliessen die
Stadt, um als Klaeger vor dem roemischen Senat aufzutreten. Der Senat antwortete
wie gewoehnlich, dass er eine Kommission zur Untersuchung der Sache senden
werde; allein statt dieses Bescheides berichteten die Boten, in Achaia wie in
Sparta und beide falsch, dass der Senat zu ihren Gunsten entschieden habe. Die
Achaeer, die wegen der soeben in Thessalien geleisteten Bundeshilfe gegen den
falschen Philippos sich mehr als je in bundesgenoessischer Gleichheit und
politischer Gewichtigkeit fuehlten, rueckten im Jahre 606 (148) unter ihrem
Strategen Damokritos in Lakonike ein; vergeblich mahnte, von Metellus
aufgefordert, eine nach Asien durchpassierende roemische Gesandtschaft, Frieden
zu halten und die Kommissarien des Senats zu erwarten. Eine Schlacht ward
geliefert, in der bei 1000 Spartaner fielen, und Sparta haette genommen werden
koennen, wenn Damokritos nicht als Offizier ebenso untuechtig gewesen waere wie
als Staatsmann. Er ward abgesetzt, und sein Nachfolger Diaeos, der Anstifter all
dieses Unfugs, setzte den Krieg eifrig fort, waehrend er gleichzeitig den
gefuerchteten Kommandanten von Makedonien der vollen Botmaessigkeit der
Achaeischen Eidgenossenschaft versichern liess. Darueber erschien die lange
erwartete roemische Kommission, an ihrer Spitze Aurelius Orestes; nun ruhten die
Waffen und die achaeische Tagsatzung versammelte sich in Korinth, um ihre
Eroeffnungen entgegenzunehmen. Sie waren unerwarteter und unerfreulicher Art.
Die Roemer hatten sich entschlossen, die unnatuerliche und usurpierte Einreihung
Spartas unter die achaeischen Staaten wiederaufzuheben und ueberhaupt gegen die
Achaeer durchzugreifen. Schon einige Jahre zuvor (591 163) hatten dieselben die
aetolische Stadt Pleuron aus ihrem Bund entlassen muessen; jetzt wurden sie
angewiesen auf saemtliche seit dem Zweiten Makedonischen Krieg gemachte
Erwerbungen, das heisst auf Korinth, Orchomenos, Argos, Sparta im Peloponnes und
Herakleia am Ota, zu verzichten und ihren Bund wieder auf den Bestand am Ende
des Hannibalischen Krieges zurueckzufuehren. Wie dies die achaeischen
Abgeordneten vernahmen, stuermten sie sofort auf den Markt, ohne die Roemer auch
nur auszuhoeren, und teilten die roemischen Forderungen der Menge mit, worauf
der regierende und der regierte Poebel einhellig beschloss, zu allervoerderst
saemtliche in Korinth anwesende Lakedaemonier festzusetzen, da ja Sparta dies
Unglueck ueber sie gebracht habe. Die Verhaftung erfolgte denn auch in der
tumultuarischsten Weise, so dass Lakonername oder Lakonerschuhe als hinreichende
Einsperrungsgruende erschienen: ja man drang sogar in die Wohnungen der
roemischen Gesandten, um die dorthin gefluechteten Lakedaemonier festzunehmen,
und es fielen gegen die Roemer harte Reden, obgleich man an ihrer Person sich
nicht vergriff. Indigniert kehrten dieselben heim und fuehrten bittere, selbst
uebertriebene Beschwerde im Senat; dennoch beschraenkte sich dieser mit
derselben Maessigung, die all seine Massregeln gegen die Griechen bezeichnet,
zunaechst auf Vorstellungen. In der mildesten Form und der Genugtuung fuer die
erlittenen Beleidigungen kaum erwaehnend, wiederholte Sextus Iulius Caesar auf
der Tagsatzung in Aegion (Fruehling 607 147) die Befehle der Roemer. Aber die
Leiter der Dinge in Achaia, an ihrer Spitze der neue Strateg Kritolaos (Strateg
Mai 607 bis Mai 608 147/46), zogen als staatskluge und in der hoeheren Politik
wohlbewanderte Leute daraus bloss den Schluss, dass die roemischen
Angelegenheiten gegen Karthago und Viriathus sehr schlecht stehen muessten, und
fuhren fort, die Roemer zugleich zu prellen und zu beleidigen. Caesar ward
ersucht, zur Ausgleichung der Sache eine Zusammenkunft von Abgeordneten der
streitenden Teile in Tegea zu veranstalten; es geschah, allein nachdem Caesar
und die lakedaemonischen Gesandten daselbst lange vergeblich auf die Achaeer
gewartet hatten, erschien endlich Kritolaos allein und zeigte an, dass lediglich
die allgemeine Volksversammlung der Achaeer in dieser Sache kompetent sei und
dieselbe erst auf der Tagsatzung, das heisst in sechs Monaten, erledigt werden
koenne. Caesar ging darauf nach Rom zurueck; die naechste Volksversammlung der
Achaeer aber erklaerte auf Kritolaos' Antrag foermlich den Krieg gegen Sparta.
Auch jetzt noch machte Metellus einen Versuch, den Zwist in Guete beizulegen,
und schickte Gesandte nach Korinth; allein die laermende Ekklesia,
groesstenteils bestehend aus dem Poebel der reichen Handels- und Fabrikstadt,
uebertobte die Stimme der roemischen Gesandten und zwang sie, die Rednerbuehne
zu verlassen. Kritolaos' Erklaerung, dass man die Roemer wohl zu Freunden, aber
nicht zu Herren wuensche, ward mit unsaeglichem Jubel aufgenommen, und als die
Mitglieder der Tagsatzung sich ins Mittel legen wollten, schuetzte der Poebel
den Mann seines Herzens und beklatschte die Stichwoerter von dem Landesverrat
der Reichen und der notwendigen Militaerdiktatur sowie die geheimnisvollen Winke
ueber die nahe bevorstehende Schilderhebung unzaehliger Voelker und Koenige
gegen Rom. Von welchem Geist die Bewegung beseelt war, zeigten die beiden
Beschluesse, dass bis zum hergestellten Frieden alle Klubs permanent sein und
alle Schuldklagen ruhen sollten. Man hatte also Krieg, ja sogar auch wirkliche
Bundesgenossen: die Thebaner und Boeoter naemlich und ferner die Chalkidenser.
Schon zu Anfang des Jahres 608 (146) rueckten die Achaeer in Thessalien ein, um
Herakleia am Oeta, das in Gemaessheit des Senatsbeschlusses sich von der
Achaeischen Eidgenossenschaft losgesagt hatte, wieder zum Gehorsam zu bringen.
Der Konsul Lucius Mummius, den der Senat nach Griechenland zu senden beschlossen
hatte, war noch nicht eingetroffen; demnach uebernahm es Metellus mit den
makedonischen Legionen, Herakleia zu schuetzen. Als dem achaeisch-thebanischen
Heer das Anruecken der Roemer gemeldet ward, war von Schlagen nicht mehr die
Rede; man ratschlagte einzig, wie es wohl gelingen moechte, den sicheren
Peloponnes wieder zu erreichen; eiligst machte die Armee sich davon und
versuchte nicht einmal, die Stellung bei den Thermopylen zu halten. Metellus
indes beschleunigte die Verfolgung und erreichte und schlug das griechische Heer
bei Skarpheia in Lokris. Der Verlust an Gefangenen und Toten war betraechtlich;
von Kritolaos ward nach der Schlacht nie wieder eine Kunde vernommen. Die
Truemmer der geschlagenen Armee irrten in einzelnen Trupps in den hellenischen
Landschaften umher und baten ueberall umsonst um Aufnahme; die Abteilung von
Patrae ward in Phokis, das arkadische Elitenkorps bei Chaeroneia aufgerieben;
ganz Nordgriechenland wurde geraeumt, und von dem Achaeerheer und der in Masse
fluechtenden Buergerschaft von Theben gelangte nur ein geringer Teil in den
Peloponnes. Metellus suchte durch die moeglichste Milde die Griechen zum
Aufgeben des sinnlosen Widerstandes zu bestimmen und befahl zum Beispiel, alle
Thebaner mit Ausnahme eines einzigen laufen zu lassen; seine wohlgemeinten
Versuche scheiterten nicht an der Energie des Volkes, sondern an der Desperation
der um ihren eigenen Kopf besorgten Fuehrer. Diaeos, der nach Kritolaos' Fall
wieder den Oberbefehl uebernommen hatte, berief alle Waffenfaehigen auf den
Isthmos und befahl, 12000 in Griechenland geborene Sklaven in das Heer
einzustellen; die Reichen wurden zu Vorschuessen angehalten und unter den
Friedensfreunden, soweit sie nicht durch Bestechung der Schreckensherren ihr
Leben erkauften, durch Blutgerichte aufgeraeumt. Der Kampf ging also fort und in
dem gleichen Stile. Die achaeische Vorhut, die 4000 Mann stark unter Alkamenes
bei Megara stand, verlief sich, sowie sie die roemischen Feldzeichen gewahrte.
Die Hauptmacht auf dem Isthmos wollte Metellus eben angreifen lassen, als der
Konsul Lucius Mummius mit wenigen Begleitern im roemischen Hauptquartier eintraf
und das Kommando uebernahm. Inzwischen boten die Achaeer, ermutigt durch einen
gelungenen Angriff auf die allzu unvorsichtigen roemischen Vorposten, der
roemischen um das Doppelte ueberlegenen Armee bei Leukopetra auf dem Isthmos die
Schlacht an. Die Roemer zoegerten nicht sie anzunehmen. Gleich zu Anfang rissen
die achaeischen Reiter in Masse aus vor der sechsfach staerkeren roemischen
Reiterei; die Hopliten standen dem Feinde, bis ein Flankenangriff des roemischen
Elitenkorps auch in ihre Reihen Verwirrung brachte. Damit war der Widerstand zu
Ende. Diaeos floh in seine Heimat, toetete sein Weib und nahm selber Gift; die
Staedte unterwarfen sich saemtlich ohne Gegenwehr, und sogar das unbezwingliche
Korinth, in das einzuruecken Mummius drei Tage zauderte, weil er einen
Hinterhalt besorgte, ward ohne Schwertstreich von den Roemern besetzt.
Die neue Regelung der griechischen Verhaeltnisse ward in Gemeinschaft mit
einer Kommission von zehn Senatoren dem Konsul Mummius uebertragen, der sich in
dem eroberten Lande im ganzen ein gesegnetes Andenken erwarb. Zwar war es,
gelind gesagt, eine Torheit, dass er seiner Kriegs- und Siegestaten wegen den
Namen des "Achaikers" annahm und dem Hercules Sieger dankerfuellt einen Tempel
erbaute; allein als Verwalter erwies er, der nicht in aristokratischem Luxus und
aristokratischer Korruption aufgewachsen, sondern ein "neuer Mann" und
verhaeltnismaessig unbemittelt war, sich gerecht und mild. Es ist eine
rednerische Uebertreibung, dass von den Achaeern bloss Diaeos, von den Boeotern
bloss Pytheas umgekommen seien; in Chalkis namentlich fielen arge Greuel vor; im
ganzen ward aber doch in den Strafgerichten Mass gehalten. Den Antrag, die
Statuen des Begruenders der achaeischen Patriotenpartei, des Philopoemen,
umzustuerzen, wies Mummius zurueck; die den Gemeinden auferlegten Geldbussen
wurden nicht fuer die roemische Kasse, sondern fuer die geschaedigten
griechischen Staedte bestimmt, groesstenteils auch spaeter erlassen und das
Vermoegen derjenigen Hochverraeter, die Eltern oder Kinder hatten, nicht von
Staats wegen verkauft, sondern diesen ueberwiesen. Nur die Kunstschaetze wurden
aus Korinth, Thespiae und anderen Staedten weggefuehrt und teils in der
Hauptstadt, teils in den Landstaedten Italiens aufgestellt ^12, einzelne Stuecke
auch den isthmischen, delphischen und olympischen Tempeln verehrt. Auch in der
definitiven Organisation der Landschaft im allgemeinen waltete die Milde. Zwar
wurden, wie es die Provinzialverfassung mit sich brachte, die
Sondereidgenossenschaften, vor allem die achaeische, als solche aufgeloest, die
Gemeinden isoliert und durch die Bestimmung, dass niemand in zweien derselben
zugleich Grundbesitz erwerben duerfe, der Zwischenverkehr gehemmt. Ferner
wurden, wie es schon Flamininus versucht hatte, die demokratischen
Stadtverfassungen durchaus beseitigt und in jeder Gemeinde einem aus den
Vermoegenden gebildeten Rat das Regiment in die Hand gegeben. Auch wurde jeder
Gemeinde eine feste, nach Rom zu entrichtende Abgabe auferlegt und sie saemtlich
dem Statthalter von Makedonien in der Art untergeordnet, dass diesem als
oberstem Militaerchef auch in Verwaltung und Gerichtsbarkeit eine Oberleitung
zustand und er zum Beispiel wichtigere Kriminalprozesse zur Entscheidung an sich
ziehen konnte. Dennoch blieb den griechischen Gemeinden die "Freiheit", das
heisst eine, freilich durch die roemische Hegemonie zum Namen
zusammengeschwundene, formelle Souveraenitaet, welche das Eigentum an Grund und
Boden und das Recht eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit in sich schloss ^13.
Einige Jahre spaeter ward sogar nicht bloss ein Schatten der alten
Eidgenossenschaften wieder gestattet, sondern auch die drueckende Beschraenkung
in der Veraeusserung des Grundbesitzes beseitigt.
----------------------------------------
^12 Aus den sabinischen Ortschaften, aus Parma, ja aus Italica in Spanien
sind noch mehrere mit Mummius' Namen bezeichnete Basen bekannt, die einst solche
Beutegaben trugen.
^13 Die Frage, ob Griechenland im Jahre 608 (146) roemische Provinz
geworden sei oder nicht, laeuft in der Hauptsache auf einen Wortstreit hinaus.
Dass die griechischen Gemeinden durchgaengig "frei" blieben (CIG 1543, 15; Caes.
civ. 3, 5; App. Mithr. 58; Zonar. 9, 31), ist ausgemacht; aber nicht minder ist
es ausgemacht, dass Griechenland damals von den Roemern "in Besitz genommen
ward" (Tac. arm. 14, 21; 1. Makk. 8, 9,10); dass von da an jede Gemeinde einen
festen Zins nach Rom entrichtete (Paus. 7, 16, 6; vgl. Cic. prov. 3, 5), die
kleine Insel Gyaros zum Beispiel jaehrlich 150 Drachmen (Strab. 10, 485); dass
die "Ruten und Beile" des roemischen Statthalters fortan auch in Griechenland
schalteten (Polyb. 38, 1 c; vgl. Cic. Verr. 1. 1, 21, 55) und derselbe die
Oberaufsicht ueber die Stadtverfassungen (CIG 1543) sowie in gewissen Faellen
die Kriminaljurisdiktion (CIG 1543; Plut. Cim. 2) fortan ebenso uebte wie bis
dahin der roemische Senat; dass endlich die makedonische Provinzialaera auch in
Griechenland im Gebrauch war. Zwischen diesen Tatsachen ist keineswegs ein
Widerspruch oder doch kein anderer als derjenige, welcher ueberhaupt in der
Stellung der freien Staedte liegt, welche bald als ausserhalb der Provinz
stehend (z. B. Suet. Caes. 25; Colum. 11, 3, 26), bald als der Provinz zugeteilt
(z. B. los. ant. lud. 14, 4, 4) bezeichnet werden. Der roemische Domanialbesitz
in Griechenland beschraenkte sich zwar auf den Korinthischen Acker und etwa
einige Stuecke von Euboea (CIG 5879) und eigentliche Untertanen gab es dort gar
nicht; allein darum konnte dennoch, wenn man auf das tatsaechlich zwischen den
griechischen Gemeinden und dem makedonischen Statthalter bestehende Verhaeltnis
sieht, ebenso wie Massalia zur Provinz Narbo, Dyrrhachion zur Provinz
Makedonien, auch Griechenland zu der makedonischen Provinz gerechnet werden. Es
finden sich sogar noch viel weitergehende Faelle: Das Cisalpinische Gallien
bestand seit 655 (89) aus lauter Buerger- oder latinischen Gemeinden und ward
dennoch durch Sulla Provinz; ja in der caesarischen Zeit begegnen Landschaften,
die ausschliesslich aus Buergergemeinden bestehen und die dennoch keineswegs
aufhoeren, Provinzen zu sein. Sehr klar tritt hier der Grundbegriff der
roemischen provincia hervor; sie ist zunaechst nichts als das "Kommando" und
alle Verwaltungs- und Jurisdiktionstaetigkeit des Kommandanten sind
urspruenglich Nebengeschaefte und Korollarien seiner militaerischen Stellung.
Andererseits muss dagegen, wenn man die formelle Souveraenitaet der freien
Gemeinden ins Auge fasst, zugestanden werden, dass durch die Ereignisse des
Jahres 608 (146) Griechenlands Stellung staatsrechtlich sich nicht aenderte: es
waren mehr faktische als rechtliche Verschiedenheiten, dass statt der
Achaeischen Eidgenossenschaft jetzt die einzelnen Gemeinden Achaias als
tributaere Klientelstaaten neben Rom standen und dass seit Einrichtung der
roemischen Sonderverwaltung in Makedonien diese anstatt der hauptstaedtischen
Behoerden die Oberaufsicht ueber die griechischen Klientelstaaten uebernahm. Man
kann demnach, je nachdem die tatsaechliche oder die formelle Auffassung
ueberwiegt, Griechenland als Teil des Kommandos von Makedonien ansehen oder auch
nicht; indes wird der ersteren Auffassung mit Recht das Uebergewicht
eingeraeumt.
---------------------------------------------
Strengere Behandlung aber traf die Gemeinden, Theben, Chalkis und Korinth.
Es laesst sich nichts dawider erinnern, dass die ersten beiden entwaffnet und
durch Niederreissung ihrer Mauern in offene Flecken umgewandelt wurden; dagegen
bleibt die durchaus unmotivierte Zerstoerung der ersten Handelsstadt
Griechenlands, des bluehenden Korinth, ein duesterer Schandfleck in den
Jahrbuechern Roms. Auf ausdruecklichen Befehl des Senats wurden die
korinthischen Buerger aufgegriffen, und was dabei nicht umkam, in die Sklaverei
verkauft, die Stadt selbst nicht etwa bloss ihrer Mauern und ihrer Burg beraubt,
was, wenn man einmal dieselbe nicht dauernd besetzen wollte, allerdings nicht zu
vermeiden war, sondern dem Boden gleichgemacht und in den ueblichen Bannformen
jeder Wiederanbau der oeden Staette untersagt, das Gebiet derselben zum Teil an
Sikyon gegeben unter der Auflage, anstatt Korinths die Kosten des isthmischen
Nationalfestes zu bestreiten, groesstenteils aber zu roemischem Gemeinland
erklaert. Also erlosch der "Augapfel von Hellas", der letzte koestliche Schmuck
des einst so staedtereichen griechischen Landes. Fassen wir aber die ganze
Katastrophe noch einmal ins Auge, so muss die unparteiische Geschichte es
anerkennen, was die Griechen dieser Zeit selbst unumwunden eingestanden, dass an
dem Kriege selbst nicht die Roemer die Schuld trugen, sondern dass die unkluge
Treubruechigkeit und die schwaechliche Tollkuehnheit der Griechen die roemische
Intervention erzwangen. Die Beseitigung der Scheinsouveraenitaet der Buende und
alles damit verknuepften unklaren und verderblichen Schwindels war ein Glueck
fuer das Land und das Regiment des roemischen Oberfeldherrn von Makedonien,
wieviel es auch zu wuenschen uebrig liess, immer noch bei weitem besser als die
bisherige Wirr- und Missregierung der griechischen Eidgenossenschaften und der
roemischen Kommissionen. Der Peloponnes hoerte auf, die grosse Soeldnerherberge
zu sein; es ist bezeugt und begreiflich, dass ueberhaupt mit dem unmittelbaren
roemischen Regiment Sicherheit und. Wohlstand einigermassen zurueckkehrten. Das
Themistokleische Epigramm, dass der Ruin den Ruin abgewandt habe, wurde von den
damaligen Hellenen nicht ganz mit Unrecht angewandt auf den Untergang der
griechischen Selbstaendigkeit. Die ungemeine Nachsicht, welche Rom auch jetzt
noch gegen die Griechen bewies, tritt erst recht in das Licht, wenn man sie mit
dem gleichzeitigen Verfahren derselben Behoerden gegen die Spanier und die
Phoeniker zusammenhaelt; Barbaren grausam zu behandeln schien nicht unerlaubt,
aber wie spaeter Kaiser Traianus hielten es auch die Roemer dieser Zeit "fuer
hart und barbarisch, Athen und Sparta den noch uebrigen Schatten von Freiheit zu
entreissen". Um so schaerfer kontrastiert mit dieser allgemeinen Milde die
empoerende, selbst von den Schutzrednern der karthagischen und der
numantinischen Katastrophe gemissbilligte Behandlung von Korinth, welche durch
die auf den Gassen von Korinth gegen die roemischen Abgeordneten ausgestossenen
Schmaehreden auch nach roemischem Voelkerrecht nichts weniger als gerechtfertigt
ward. Und doch ging sie keineswegs hervor aus der Brutalitaet eines einzelnen
Mannes, am wenigsten des Mummius, sondern war eine vom roemischen Rat erwogene
und beschlossene Massregel. Man wird nicht irren, wenn man darin das Werk der
Kaufmannspartei erkennt, die in dieser Epoche schon neben der eigentlichen
Aristokratie anfaengt, in die Politik einzugreifen, und die in Korinth einen
Handelsnebenbuhler beseitigt hat. Wenn die roemischen Grosshaendler bei der
Regulierung Griechenlands mit zureden gehabt haben, so begreift man, weshalb das
Strafgericht eben gegen Korinth gerichtet ward und weshalb man nicht bloss die
Stadt vernichtete, wie sie war, sondern auch die Ansiedlung an dieser fuer den
Handel so ueberaus guenstigen Staette fuer die Zukunft verbot. Fuer die auch in
Hellas sehr zahlreichen roemischen Kaufleute ward der Mittelpunkt fortan das
peloponnesische Argos; wichtiger aber fuer den roemischen Grosshandel ward
Delos, das, schon seit 586 (168) roemischer Freihafen, einen guten Teil der
Geschaefte von Rhodos an sich gezogen hatte und nun in aehnlicher Weise in die
korinthischen eintrat. Diese Insel blieb fuer laengere Zeit der Hauptstapelplatz
der vom Osten nach dem Westen gehenden Waren ^14.
----------------------------------
^14 Ein merkwuerdiger Beleg dafuer ist die Benennung der feinen
griechischen Bronze- und Kupferwaren die in der ciceronischen Zeit ohne
Unterschied "korinthisches" oder "delisches Kupfer" genannt werden. Die
Bezeichnung ist in Italien begreiflicherweise nicht von den Fabrikations-,
sondern von den Exportplaetzen hergenommen (Plin. nat. 34, 2, 9); womit
natuerlich nicht geleugnet wird, dass dergleichen Gefaesse auch in Korinth und
Delos selbst fabriziert wurden.
------------------------------------
Unvollstaendiger als in der nur durch schmale Meere von Italien getrennten
afrikanischen und makedonisch-hellenischen Landschaft entwickelte sich die
roemische Herrschaft in dem dritten entfernteren Weltteil.
In Vorderasien war durch die Zurueckdraengung der Seleukiden das Reich von
Pergamon die erste Macht geworden. Nicht geirrt durch die Traditionen der
Alexandermonarchien, einsichtig und kuehl genug, um auf das Unmoegliche zu
verzichten, verhielten die Attaliden sich ruhig und strebten nicht, ihre Grenzen
zu erweitern noch der roemischen Hegemonie sich zu entziehen, sondern den
Wohlstand ihres Reiches, soweit die Roemer es erlaubten, zu foerdern und die
Kuenste des Friedens zu pflegen. Doch entgingen sie darum der Eifersucht und dem
Argwohn Roms nicht. Im Besitz der europaeischen Kueste der Propontis, der
Westkueste Kleinasiens und des kleinasiatischen Binnenlandes bis zur
kappadokischen und kilikischen Grenze, in enger Verbindung mit den syrischen
Koenigen, von denen Antiochos Epiphanes (+ 590 164) durch die Hilfe der
Attaliden auf den Thron gelangt war, hatte Koenig Eumenes II. durch seine bei
dem immer tieferen Sinken Makedoniens und Syriens nur noch ansehnlicher
erscheinende Macht selbst den Begruendern derselben Bedenken eingefloesst; es
ist schon erzaehlt worden, wie der Senat darauf bedacht war, nach dem Dritten
Makedonischen Krieg diesen Bundesgenossen durch unfeine diplomatische Kuenste zu
demuetigen und zu schwaechen. Die an sich schon schwierigen Verhaeltnisse der
Herren von Pergamon zu den ganz und halb freien Handelsstaedten innerhalb ihres
Reichs und zu den barbarischen Nachbarn an dessen Grenzen wurden durch diese
Verstimmung der Schutzherren noch peinlicher verwickelt. Da es nicht klar war,
ob nach dem Friedensvertrag von 565 (189) die Taurushoehen in der pamphylischen
und pisidischen Landschaft zum Syrischen oder zum Pergamenischen Reich
gehoerten, leisteten die tapferen Selger, es scheint unter nomineller
Anerkennung der syrischen Oberhoheit, den Koenigen Eumenes Il. und Attalos II.
langjaehrigen und energischen Widerstand in den schwer zugaenglichen Gebirgen
Pisidiens. Auch die asiatischen Kelten, welche eine Zeitlang unter Zulassung der
Roemer unter pergamenischer Botmaessigkeit gestanden hatten, fielen von Eumenes
ab und begannen im Einverstaendnis mit dem Erbfeind der Attaliden, dem Koenig
Prusias von Bithynien, um 587 (167) ploetzlich gegen ihn Krieg. Der Koenig hatte
keine Zeit gehabt, Mietstruppen zu dingen; all seine Einsicht und Tapferkeit
konnte nicht verhindern, dass sie die asiatische Miliz schlugen und das Gebiet
ueberschwemmten; wir kennen bereits die eigentuemliche Vermittlung, zu der die
Roemer auf Eumenes' Bitte sich herbeiliessen. Sowie er indes Zeit gefunden
hatte, mit Hilfe seiner wohlgefuellten Kasse eine kampffaehige Armee
aufzustellen, trieb er auch die wilden Scharen schnell zurueck ueber die Grenze
seines Reiches; und obwohl Galatien ihm verloren blieb und seine hartnaeckig
fortgesetzten Versuche, dort die Haende im Spiel zu behalten, durch roemischen
Einfluss vereitelt wurden ^15, hinterliess er dennoch trotz aller offenen
Angriffe und geheimen Machinationen, die seine Nachbarn und die Roemer gegen ihn
gerichtet hatten, bei seinem Tode (um 595 159) das Reich in ungeschmaelertem
Bestand. Sein Bruder Attalos II. Philadelphos (+ 616 138) wies den Versuch des
Koenigs Pharnakes von Pontos, sich der Vormundschaft ueber Eumenes' unmuendigen
Sohn zu bemaechtigen, mit roemischer Hilfe zurueck und regierte anstatt seines
Neffen wie Antigonos Doson als Vormund auf Lebenszeit. Gewandt, tuechtig,
fuegsam, ein echter Attalide, verstand er es, den argwoehnischen Senat von der
Nichtigkeit der frueher gehegten Besorgnisse zu ueberzeugen. Die antiroemische
Partei beschuldigte ihn, dass er sich dazu hergebe, das Land fuer die Roemer zu
hueten und jede Beleidigung und Erpressung von ihnen sich gefallen lasse; indes
konnte er, des roemischen Schutzes sicher, in die syrischen, kappadokischen und
bithynischen Thronstreitigkeiten entscheidend eingreifen. Auch aus dem
gefaehrlichen bithynischen Krieg, den Koenig Prusias II., der Jaeger genannt
(572 ? - 605 182-149), ein Regent, der alle barbarischen und alle zivilisierten
Laster in sich vereinigte, gegen ihn begann, rettete ihn die roemische
Intervention - freilich erst, nachdem er selbst in seiner Hauptstadt belagert
und eine erste Mahnung der Roemer von Prusias unbefolgt gelassen, ja verhoehnt
worden war (598-600 156-154). Allein mit der Thronbezeigung seines Muendels
Attalos III. Philometor (616-621 133-133) trat an die Stelle des friedlichen und
maessigen Buergerkoenigtums ein asiatisches Sultanregiment, unter dem es zum
Beispiel vorkam, dass der Koenig, um des unbequemen Rats seiner vaeterlichen
Freunde sich zu entledigen, sie im Palast versammeln und erst sie, sodann ihre
Frauen und Kinder von seinen Lanzknechten niedermachen liess; nebenher schrieb
er Buecher ueber den Gartenbau, zog Giftkraeuter und bossierte in Wachs, bis ein
ploetzlicher Tod ihn abrief. Mit ihm erlosch das Geschlecht der Attaliden. In
solchem Fall konnte nach dem wenigstens fuer die Klientelstaaten Roms gueltigen
Staatsrecht der letzte Regent testamentarisch ueber die Sukzession verfuegen. Ob
der Gedanke, das Reich den Roemern zu vermachen, dem letzten Attaliden durch den
wahnwitzigen Groll gegen seine Untertanen eingegeben worden war, der ihn bei
Lebzeiten gepeinigt hatte, oder ob hierin bloss eine weitere Anerkennung der
tatsaechlichen Oberlehnsgewalt Roms lag, ist nicht zu entscheiden. Das Testament
lag vor ^16; die Roemer traten die Erbschaft an und die Frage ueber das Land und
den Schatz der Attaliden fiel in Rom als neuer Erisapfel unter die hadernden
politischen Parteien. Aber auch in Asien entzuendete dies Koenigstestament den
Buergerkrieg. Im Vertrauen auf die Abneigung der Asiaten gegen die bevorstehende
Fremdherrschaft trat ein natuerlicher Sohn Eumenes' II., Aristonikos in Leukae,
einer kleinen Hafenstadt zwischen Smyrna und Phokaea, als Kronpraetendent auf.
Phokaea und andere Staedte fielen ihm zu; indes von den Ephesiern, die in dem
festen Anschluss an Rom die einzige Moeglichkeit erkannten, ihre Privilegien
sich zu erhalten, zur See auf der Hoehe von Kyme geschlagen, musste er in das
Binnenland fluechten. Schon glaubte man ihn verschollen; da erschien er
ploetzlich wieder an der Spitze der neuen "Buerger der Sonnenstadt" ^17, das
heisst der von ihm in Masse zur Freiheit gerufenen Sklaven, bemaechtigte, sich
der lydischen Staedte Thyateira und Apollonis sowie eines Teils der attalischen
Ortschaften und rief Scharen thrakischer Lanzknechte unter seine Fahnen. Der
Kampf ward ernsthaft. Roemische Truppen standen in Asien nicht; die asiatischen
Freistaedte und die Kontingente der Klientelfuersten von Bithynien,
Paphlagonien, Kappadokien, Pontos, Armenien konnten des Praetendenten sich nicht
erwehren; er drang mit gewaffneter Hand in Kolophon, Samos, Myndos ein und gebot
schon fast ueber das gesamte vaeterliche Reich, als am Ende des Jahres 623 (131)
ein roemisches Heer in Asien landete. Dessen Feldherr, der Konsul und
Oberpontifex Publius Licinius Crassus Mucianus, einer der reichsten und zugleich
einer der gebildetsten Maenner Roms und als Redner wie als Rechtskenner gleich
ausgezeichnet, schickte sich an, den Praetendenten in Leukae zu belagern, liess
aber waehrend der Vorbereitungen dazu von dem allzu gering geschaetzten Gegner
sich ueberraschen und schlagen und ward selbst von einem thrakischen Haufen
gefangen. Den Triumph aber, den Oberfeldherrn Roms als Gefangenen zur Schau zu
stellen, goennte er einem solchen Feinde nicht; er reizte die Barbaren, die ihn
ergriffen hatten, ohne ihn zu kennen, ihm den Tod zu geben (Anfang 624 130), und
erst als Leiche ward der Konsular erkannt. Mit ihm, wie es scheint, fiel Koenig
Ariarathes von Kappadokien. Indes ward Aristonikos nicht lange nach diesem Siege
von Crassus' Nachfolger Marcus Perpenna ueberfallen, sein Heer zersprengt, er
selbst in Stratonikeia belagert und gefangen und bald darauf in Rom
hingerichtet. Die Unterwerfung der letzten, noch Widerstand leistenden Staedte
und die definitive Regulierung der Landschaft uebernahm nach Perpennas
ploetzlichem Tode Manius Aquillius (625 129). Man verfuhr aehnlich wie im
karthagischen Gebiet. Der oestliche Teil des Attalidenreichs ward den
Klientelkoenigen ueberwiesen, um die Roemer von dem Grenzschutz und damit von
der Notwendigkeit einer stehenden Besatzung in Asien zu befreien; Telmissos kam
an die lykische Eidgenossenschaft; die europaeischen Besitzungen in Thrakien
wurden zu der Provinz Makedonien geschlagen; das uebrige Gebiet ward als neue
roemische Provinz eingerichtet, der gleich der karthagischen nicht ohne Absicht
der Name des Weltteils beigelegt ward, in, dem sie lag. Die Steuern, die nach
Pergamon gezahlt worden waren, wurden dem Lande erlassen und dasselbe mit
gleicher Milde behandelt wie Hellas und Makedonien. So ward der ansehnlichste
kleinasiatische Staat eine roemische Vogtei.
----------------------------------------
^15 Mehrere vor kurzem (SB Muenchen, 1860, S. 180f.) bekannt gewordene
Schreiben der Koenige Eumenes II. und Attalos II. an den Priester von Pessinus,
welcher durchgaengig Attis heisst (vgl. Polyb. 22, 20), erlaeutern diese
Verhaeltnisse sehr anschaulich. Das aelteste derselben und das einzige datierte,
geschrieben im 34. Regierungsjahre des Eumenes am siebten Tage vor dem Ende des
Gorpiaeos, also 590/91 der Stadt (164/63), bietet dem Priester militaerische
Hilfe an, um den (sonst nicht bekannten) Pesongern von ihnen besetztes
Tempelland zu entreissen. Das folgende, ebenfalls noch von Eumenes, zeigt den
Koenig als Partei in der Fehde zwischen dem Priester von Pessinus und dessen
Bruder Aiorix. Ohne Zweifel gehoerten beide Handlungen des Eumenes zu
denjenigen, die in den Jahren 590f. (164) in Rom zur Anzeige kamen als Versuche
desselben, sich in die gallischen Angelegenheiten auch fernerhin zu mengen und
dort seine Parteigenossen zu stuetzen (Polyb. 31, 6, 9; 32, 3, 5). Dagegen geht
aus einem der Schreiben seines Nachfolgers Attalos hervor, wie sich die Zeiten
geaendert und die Wuensche herabgestimmt hatten. Der Priester Attis scheint auf
einer Zusammenkunft in Apameia von Attalos abermals die Zusage bewaffneter Hilfe
erhalten zu haben; nachher aber schreibt ihm der Koenig, dass in einem deswegen
abgehaltenen Staatsrat, dem Athenaeos (sicher der bekannte Bruder des Koenigs),
Sosandros, Menogenes, Chloros und andere Verwandte (anagkaioi) beigewohnt
haetten, nach langem Schwanken endlich die Majoritaet dem Chloros dahin
beigetreten sei, dass nichts geschehen duerfe, ohne die Roemer vorher zu
befragen; denn selbst wenn ein Erfolg erreicht werde, setzte man sich dem
Wiederverlust und dem boesen Verdacht aus, "den sie auch gegen den Bruder"
(Eumenes II.) "gehegt haetten".
^16 In demselben Testament gab der Koenig seiner Stadt Pergamon die
"Freiheit", das heisst die d/e/mokratia, das staedtische Selbstregiment. Laut
einer merkwuerdigen, kuerzlich dort gefundenen Urkunde (Roemisches Staatsrecht,
Bd. 3, 3. Aufl., S. 726) beschloss nach Eroeffnung des Testaments, aber vor
dessen Bestaetigung durch die Roemer der also konstituierte Demos den bisher vom
Buergerrecht ausgeschlossenen Klassen der Bevoelkerung, insbesondere den im
Zensus aufgefuehrten Paroeken und den in Stadt und Land wohnhaften Soldaten,
auch den Makedoniern, das staedtische Buergerrecht zu verleihen, um also ein
gutes Einverstaendnis in der gesamten Bevoelkerung herbeizufuehren. Offenbar
wollte die Buergerschaft, indem sie die Roemer vor die vollendete Tatsache
dieser umfassenden Ausgleichung stellte, vor dem eigentlichen Eintreten der
roemischen Herrschaft sich gegen dieselbe in Verfassung setzen und den fremden
Gebietern die Moeglichkeit nehmen, die Rechtsverschiedenheiten innerhalb der
Bevoelkerung zur Sprengung der Gemeindefreiheit zu benutzen.
^17 Diese seltsamen "Heliopoliten" sind, nach der mir von einem Freunde
geaeusserten wahrscheinlichen Meinung, so zu fassen, dass die befreiten Sklaven
als Buerger einer umgenannten oder auch vielleicht fuer jetzt nur gedachten
Stadt Heliopolis sich konstituierter, die ihren Namen von dem in Syrien
hochverehrten Sonnengott empfing.
----------------------------------------------------
Die zahlreichen andern Kleinstaaten und Staedte Vorderasiens, das
Koenigreich Bithynien, die paphlagonischen und gallischen Fuerstentuemer, die
lykische und die pamphylische Eidgenossenschaft, die Freistaedte Kyzikos und
Rhodos blieben in ihren bisherigen beschraenkten Verhaeltnissen bestehen.
Jenseits des Halys befolgte Kappadokien, nachdem Koenig Ariarathes V.
Philopator (591 - 624 136 - 130), hauptsaechlich durch Hilfe der Attaliden, sich
gegen seinen von Syrien unterstuetzten Bruder und Nebenbuhler Holophernes
behauptet hatte, wesentlich die pergamenische Politik, sowohl in der unbedingten
Hingebung an Rom als in der Richtung auf hellenische Bildung. Durch ihn drang
diese ein in das bis dahin fast barbarische Kappadokien und freilich auch
sogleich ihre Auswuechse, wie der Bakchosdienst und das wueste Treiben der
wandernden Schauspielertruppen, der sogenannten "Kuenstler". Zum Lohn der Treue
gegen Rom, die dieser Fuerst in dem Kampfe gegen den pergamenischen
Praetendenten mit seinem Leben bezahlt hatte, ward sein unmuendiger Erbe
Ariarathes VI. nicht nur gegen die von dem Koenig von Pontos versuchte
Usurpation durch die Roemer geschirmt, sondern ihm auch der suedoestliche Teil
des Attalidenreiches gegeben, Lykaorien nebst der oestlich daran grenzenden, .in
aelterer Zeit zu Kilikien gerechneten Landschaft.
Endlich im fernen Nordosten Kleinasiens gelangte "Kappadokien am Meer" oder
kurzweg der "Meerstaat", Pontos, zu steigender Ausdehnung und Bedeutung. Nicht
lange nach der Schlacht von Magnesia hatte Koenig Pharnakes I. sein Gebiet weit
ueber den Halys bis nach Tios an, der bithynischen Grenze ausgedehnt und
namentlich des reichen Sinope sich bemaechtigt, das aus einer griechischen
Freistadt dieser Koenige Residenz ward. Zwar hatten die durch diese Uebergriffe
gefaehrdeten Nachbarstaaten, Koenig Eumenes II. an ihrer Spitze, deswegen Krieg
gegen ihn gefuehrt (571-575 183-179) und unter roemischer Vermittlung das
Versprechen von ihm erzwungen, Galatien und Paphlagonien zu raeumen; allein der
Verlauf der Ereignisse zeigt, dass Pharnakes sowie sein Nachfolger Mithradates
V. Euergetes (598 ? - 634 156 - 120), treue Bundesgenossen Roms im Dritten
Punischen Krieg sowie in dem gegen Aristonikos, nicht bloss jenseits des Halys
sitzen geblieben sind, sondern auch der Sache nach die Schutzherrlichkeit ueber
die paphlagonischen und galatischen Dynasten behalten haben. Nur unter dieser
Voraussetzung ist es erklaerlich, wie Mithradates, angeblich wegen seiner
tapferen Taten im Kriege gegen Aristonikos, in der Tat fuer betraechtliche an
den roemischen Feldherrn gezahlte Summen, von demselben nach Aufloesung des
Attalischen Reiches Grossphrygien empfangen konnte. Wie weit andererseits gegen
den Kaukasus und die Euphratquellen das :Pontische Reich sich um diese Zeit
erstreckte, ist nicht genau zu bestimmen; doch scheint es den westlichen Teil
von Armenien um Enderes und Diwirigi oder das sogenannte Klein-Armenien als
abhaengige Satrapie umfasst zu haben, waehrend Gross -Armenien und Sophene
eigene unabhaengige Reiche bildeten.
Wenn also auf der kleinasiatischen Halbinsel wesentlich Rom das Regiment
fuehrte und, so vieles auch ohne und gegen seinen Willen geschah, doch den
Besitzstand im ganzen bestimmt, so blieben dagegen die weiten Strecken jenseits
des Taurus und des oberen Euphrat bis hinab zum Niltal in der Hauptsache sich
selber ueberlassen. Zwar der der Regulierung des Ostens von 565 (189) zugrunde
gelegte Satz, dass der Halys die Ostgrenze der roemischen Klientel bilden solle,
ward vom Senat nicht eingehalten und trug auch die Unhaltbarkeit in sich selber.
Der politische Horizont ist Selbsttaeuschung so gut wie der physische; wenn dem
Staate Syrien die Zahl der ihm gestatteten Kriegsschiffe und Kriegselefanten im
Friedensvertrag selbst normiert ward, wenn das syrische Heer auf Befehl des
roemischen Senats das halb gewonnene Aegypten raeumte, so lag da in die
vollstaendige Anerkennung der Hegemonie und der Klientel. Darum gingen denn auch
die Thronstreitigkeiten in Syrien wie in Aegypten zur Beilegung an die roemische
Regierung. Dort stritten nach Antiochos Epiphanes' Tode (590 164) der als Geisel
in Rom lebende Sohn Seleukos des vierten, Demetrios, spaeter Soter genannt, und
des letzten Koenigs Antiochos Epiphanes unmuendiger Sohn Antiochos Eupator um
die Krone; hier war von den beiden seit 584 (170) gemeinschaftlich regierenden
Bruedern der aeltere Ptolemaeos Philometor (573-608 146-131) durch den juengeren
Ptolemaeos Euergetes II. oder den Dicken (+ 637 117) aus dem Lande getrieben
worden (590 164) und, um seine Herstellung zu erwirken, persoenlich in Rom
erschienen. Beide Angelegenheiten ordnete der Senat lediglich auf diplomatischem
Wege und wesentlich nach Massgabe des roemischen Vorteils. In Syrien ward
Antiochos Eupator mit Beseitigung des besser berechtigten Demetrios als Koenig
anerkannt und mit der Fuehrung der Vormundschaft ueber den koeniglichen Knaben
der roemische Senator Gnaeus Octavius vom Senat beauftragt, welcher, wie
begreiflich, durchaus im roemischen Interesse regierte, die Kriegsflotte und das
Elefantenheer dem Friedensvertrag von 565 (189) gemaess reduzierte und im besten
Zuge war, den militaerischen Ruin des Landes zu vollenden. In Aegypten ward
nicht bloss Philometors Herstellung bewirkt, sondern auch, teils um dem
Bruderzwist ein Ziel zu setzen, teils um die noch immer ansehnliche Macht
Aegyptens zu schwaechen, Kyrene vom Reich getrennt und Euergetes mit demselben
abgefunden. "Koenige sind, wen die Roemer wollen", schrieb nicht lange nachher
ein juedischer Mann, "und wen sie nicht wollen, den verjagen sie von Land und
Leuten". Allein dies war fuer lange Zeit das letzte Mal, dass der roemische
Senat in den Angelegenheiten des Ostens mit derjenigen Tuechtigkeit und Tatkraft
auftrat, welche er in den Verwicklungen mit Philippos, Antiochos und Perseus
durchgaengig bewaehrt hatte. Der innerliche Verfall des Regiments wirkte am
spaetesten, aber wirkte doch endlich auch zurueck auf die Behandlung der
auswaertigen Angelegenheiten. Das Regiment ward unstet und unsicher; man liess
die eben erfassten Zuegel erschlaffen und beinahe wieder fahren. Der
vormundschaftliche Regent von Syrien ward in Laodikeia ermordet; der
zurueckgewiesene Praetendent Demetrios entfloh aus Rom und bemaechtigte sich
unter dem dreisten Vorgeben, dass der roemische Senat ihn dazu bevollmaechtigt
habe, nach Beseitigung des koeniglichen Knaben der Regierung seines vaeterlichen
Reiches (592 162). Bald nachher brach zwischen den Koenigen von Aegypten und
Kyrene Krieg aus ueber den Besitz der Insel Kypros, welche der Senat zuerst dem
aelteren, sodann dem juengeren zugeschieden hatte, und im Widerspruch mit der
neuesten roemischen Entscheidung blieb dieselbe schliesslich bei Aegypten. So
wurde die roemische Regierung, in der Fuelle ihrer Macht und waehrend des
tiefsten inneren und aeusseren Friedens daheim, von den ohnmaechtigen Koenigen
des Ostens mit ihren Dekreten verhoehnt, ihr Name gemissbraucht, ihr Muendel und
ihr Kommissar ermordet. Als siebzig Jahre zuvor die Illyriker in aehnlicher
Weise sich an roemischen Abgeordneten vergriffen, hatte der damalige Senat dem
Ermordeten auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet und mit Heer und Flotte die
Moerder zur Verantwortung gezogen. Der Senat dieser Zeit liess dem Gnaeus
Octavius gleichfalls ein Denkmal setzen, wie die Sitte der Vaeter es vorschrieb;
aber statt Truppen nach Syrien einzuschiffen, ward Demetrios als Koenig des
Landes anerkannt - man war ja jetzt so maechtig, dass es ueberfluessig schien,
die Ehre zu wahren. Ebenso blieb nicht bloss Kypros trotz des entgegenstehenden
Senatsbeschlusses bei Aegypten, sondern als nach Philometors Tode (608 146)
Euergetes ihm nachfolgte und dadurch das geteilte Reich wiederum vereinigt ward,
liess der Senat auch dies ungehindert geschehen. Nach solchen Vorgaengen war der
roemische Einfluss in diesen Landschaften tatsaechlich gebrochen und
entwickelten sich die Verhaeltnisse daselbst zunaechst ohne Zutun der Roemer;
doch ist des weiteren Verlaufs der Dinge wegen es notwendig, auch jetzt den
naeheren und selbst den ferneren Osten nicht voellig aus den Augen zu verlieren.
Wenn in dem allerseits abgeschlossenen Aegypten der Status quo sich so
leicht nicht verschob, so gruppierten dagegen in Asien dies- und jenseits des
Euphrat waehrend und zum Teil infolge dieser momentanen Stockung der roemischen
Oberleitung die Voelker und Staaten sich wesentlich anders. Jenseits der grossen
iranischen Wueste hatten nicht lange nach Alexander dem Grossen am Indus das
Reich von Palimbothra unter Tschandragupta (Sandrakottos), am oberen Oxus der
maechtige baktrische Staat, beide aus einer Mischung der nationalen Elemente und
der oestlichsten Auslaeufer hellenischer Zivilisation sich gebildet. Westwaerts
von diesen begann das Reich Asien, das noch unter Antiochos dem Grossen zwar
geschmaelert, aber immer noch ungeheuer vom Hellespont bis zu den medischen und
persischen Landschaften sich erstreckte und das ganze Stromgebiet des Euphrat
und Tigris in sich schloss. Noch jener Koenig hatte seine Waffen bis jenseits
der Wueste in das Gebiet der Parther und Baktrier getragen; erst unter ihm hatte
der gewaltige Staat angefangen sich aufzuloesen. Nicht bloss Vorderasien war
infolge der Schlacht von Magnesia verloren worden; auch die gaenzliche Loesung
der beiden Kappadokien und der beiden Armenien, des eigentlichen Armenien im
Nordosten und der Landschaft Sophene im Suedwesten, und ihre Verwandlung in
selbstaendige Koenigreiche aus syrischen Lehnsfuerstentuemern, gehoert dieser
Zeit an. Von diesen Staaten gelangte namentlich Grossarmenien unter den
Artaxiaden bald zu einer ansehnlichen Stellung. Vielleicht noch gefaehrlichere
Wunden schlug dem Reiche seines Nachfolgers Antiochos Epiphanes (579-590 175-
164) toerichte Nivellierungspolitik. So richtig es auch war, dass sein Reich
mehr einem Laenderbuendel als einem Staate glich und dass die Verschiedenheiten
der Nationalitaeten und der Religionen der Untertanen der Regierung die
wesentlichsten Hindernisse bereitete, so war doch der Plan, hellenisch-roemische
Weise und hellenisch-roemischen Kultus ueberall in seinem Lande einzufuehren und
seine Voelker in politischer wie in religioeser Hinsicht auszugleichen unter

Book of the day:
Facebook Google Reddit StumbleUpon Twitter Pinterest