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Rˆmische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen

Part 8 out of 9

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wie bei uns, nur geklatscht oder ausgepfiffen, auch an jedem Tage nur ein
einziges Stueck zur Auffuehrung gebracht zu haben ^9. Unter solchen
Verhaeltnissen, wo die Kunst um Tagelohn ging und es statt der Kuenstlerehre nur
eine Kuenstlerschande gab, konnte das neue roemische Nationaltheater weder
originell noch ueberhaupt nur kuenstlerisch sich entwickeln; und wenn der edle
Wetteifer der edelsten Athener die attische Buehne ins Leben gerufen hatte, so
konnte die roemische, im ganzen genommen, nichts werden als eine Sudelkopie
davon, bei der man nur sich wundert, dass sie im einzelnen noch so viel Anmut
und Witz zu entfalten vermocht hat.
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^9 Aus den plautinischen Prologen (Cas. 17; Amph. 65) darf auf eine
Preisverteilung nicht geschlossen werden (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. 229); aber
auch Trin. 706 kann sehr wohl dem griechischen Original, nicht dem Uebersetzer
angehoeren, und das voellige Stillschweigen der Didaskalien und Prologe sowie
der gesamten Ueberlieferung ueber Preisgerichte und Preise ist entscheidend.
Dass an jedem Tage nur ein Stueck gegeben wird, folgt daraus, dass die
Zuschauer am Beginn des Stuecks von Hause kommen (Poen. 10) und nach dem Ende
nach Hause gehen (Epid. Pseud. Rud. Stich. Truc. a. E.). Man kam, wie dieselben
Stellen zeigen, nach dem zweiten Fruehstueck ins Theater und war zur Mittagszeit
wieder zu Hause; es waehrte das Schauspiel also nach unserer Rechnung etwa von
Mittag bis halb drei Uhr, und so lange mag ein Plautinisches Stueck mit der
Musik in den Zwischenakten auch ungefaehr spielen (vgl. Hor. epist. 2, 1. 1891.
Wenn Tacitus (arm. 14 20) die Zuschauer "ganze Tage" im Theater zubringen
laesst, so sind dies Zustaende einer spaeteren Zeit.
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In der Buehnenwelt ward das Trauerspiel bei weitem durch die Komoedie
ueberwogen; die Stirnen der Zuschauer runzelten sich, wenn statt des gehofften
Lustspiels ein Trauerspiel begann. So ist es gekommen, dass diese Zeit wohl
eigene Komoediendichter, wie Plautus und Caecilius, aufweist, eigene
Tragoediendichter aber nicht begegnen, und dass unter den dem Namen nach uns
bekannten Dramen dieser Epoche auf ein Trauerspiel drei Lustspiele kommen.
Natuerlich griffen die roemischen I.ustspieldichter oder vielmehr Uebersetzer
zunaechst nach den Stuecken, welche die hellenische Schaubuehne der Zeit
beherrschten; und damit fanden sie sich ausschliesslich ^10 gebannt in den Kreis
der neueren attischen Komoedie und zunaechst ihrer namhaftesten Dichter Philemon
von Soioi in Kilikien (394? - 492 360 - 262) und Menandros von Athen (412-462
342-292). Dieses Lustspiel ist nicht bloss fuer die roemische Literatur-,
sondern selbst fuer die ganze Volksentwicklung so wichtig geworden, dass auch
die Geschichte Ursache hat, dabei zu verweilen.
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^10 Die sparsame Benutzung der sogenannten mittleren Komoedie der Attiker
kommt geschichtlich nicht in Betracht, da diese nichts war als das minder
entwickelte menandrische Lustspiel. Vor. einer Benutzung der aelteren Komoedie
mangelt jede Spur. Die roemische Hilarotragoedie, die Gattung des Plautinischen
Amphitryon, heisst zwar den roemischen Literarhistorikern die Rhinthonische;
aber auch die neueren Attiker dichteten dergleichen Parodien und es ist nicht
abzusehen, warum die Roemer fuer ihre Uebersetzungen, statt auf diese
naechstliegenden Dichter, vielmehr auf Rinthon und die aelteren zurueckgegriffen
haben sollten.
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Die Stuecke sind von ermuedender Einfoermigkeit. Fast ohne Ausnahme drehen
sie sich darum, einem jungen Menschen auf Kosten entweder seines Vaters oder
auch des Bordellhalters zum Besitze eines Liebchens von unzweifelhafter Anmut
und sehr zweifelhafter Sittlichkeit zu verhelfen. Der Weg zum Liebesglueck geht
regelmaessig durch irgendeine Geldprellerei, und der verschmitzte Bediente, der
die benoetigte Summe und die erforderliche Schwindelei liefert, waehrend der
Liebhaber ueber seine Liebes- und Geldnot jammert, ist das eigentliche Triebrad
des Stueckes. Es ist kein Mangel an obligaten Betrachtungen ueber Freude und
Leid der Liebe, an traenenreichen Abschiedsszenen, an Liebhabern, die vor
Herzenspein sich ein Leides anzutun drohen; die Liebe oder vielmehr die
Verliebtheit war, wie die alten Kunstrichter sagen, der eigentliche Lebenshauch
der Menandrischen Poesie. Den Schluss macht die wenigstens bei Menander
unvermeidliche Hochzeit; wobei noch zu mehrerer Erbauung und Befriedigung der
Zuschauer die Tugend des Maedchens sich herauszustellen pflegt als wenn nicht
ganz, doch so gut wie unbeschaedigt und das Maedchen selbst als die abhanden
gekommene Tochter eines reichen Mannes, demnach als eine in jeder Hinsicht gute
Partie. Neben diesen liebes- finden sich auch Ruehrstuecke; wie denn zum
Beispiel unter den Plautinischen Komoedien der 'Strick' sich um Schiffbruch und
Asylrecht bewegt, das 'Dreitalerstueck' und 'Die Gefangenen' gar keine
Maedchenintrige enthalten, sondern die edelmuetige Aufopferung des Freundes fuer
den Freund, des Sklaven fuer den Herrn schildern. Personen und Situationen
wiederholen sich dabei wie auf einer Tapete bis ins einzelne herab, wie man denn
gar nicht herauskommt aus den Apartes ungesehener Horcher, aus dem Anpochen an
die Haustueren, aus den mit irgendeinem Gewerbe durch die Strassen fegenden
Sklaven; die stehenden Masken, deren es eine gewisse feste Zahl, zum Beispiel
acht Greisen-, sieben Bedientenmasken gab, aus denen, in der Regel wenigstens,
der Dichter nur auszuwaehlen hatte, beguenstigten weiter die schablonenartige
Behandlung. Eine solche Komoedie musste wohl das lyrische Element in der
aelteren, den Chor, wegwerfen und sich von Haus aus auf Gespraech und hoechstens
Rezitation beschraenken - mangelte ihr doch nicht bloss das politische Element,
sondern ueberhaupt jede wahre Leidenschaft und jede poetische Hebung. Auf eine
grossartige und eigentlich poetische Wirkung legten es die Stuecke auch
verstaendigerweise gar nicht an; ihr Reiz bestand zunaechst in der
Verstandesbeschaeftigung durch den Stoff sowohl, wobei die neuere Komoedie sich
von der aelteren ebenso sehr durch die groessere innerliche Leere wie durch die
groessere aeusserliche Verschlungenheit der Fabel unterschied, als besonders
durch die Ausfuehrung im Detail, wobei namentlich die fein zugespitzte
Konversation der Triumph des Dichters und das Entzuecken des Publikums war.
Verwirrungen und Verwechslungen, womit sich ein Hinuebergreifen in den tollen,
oft zuegellosen Schwank sehr gut vertraegt - wie denn zum Beispiel die Casina
mit dem Abzug der beiden Braeutigame und des als Braut aufgeputzten Soldaten
echt falstaffisch schliesst -, Scherze, Schnurren und Raetsel, welche ja auch an
der attischen Tafel dieser Zeit in Ermangelung eines wirklichen Gespraechs die
stehenden Unterhaltungstoffe hergaben, fuellen zum guten Teil diese Komoedien
aus. Die Dichter derselben schrieben nicht wie Eupolis und Aristophanes fuer
eine grosse Nation, sondern vielmehr fuer eine gebildete und, wie andere
geistreiche und in tatenloser Geistreichigkeit verkommende Zirkel, in Rebusraten
und Scharadenspiel aufgehende Gesellschaft. Sie geben darum auch kein Bild ihrer
Zeit - von der grossen geschichtlichen und geistigen Bewegung derselben ist in
diesen Komoedien nichts zu spueren, und man muss erst daran erinnert werden,
dass Philemon und Menander wirklich Zeitgenossen von Alexander und Aristoteles
gewesen sind -, aber wohl ein ebenso elegantes wie treues Bild der gebildeten
attischen Gesellschaft, aus deren Kreisen die Komoedie auch niemals heraustritt.
Noch in dem getruebten lateinischen Abbild, aus dem wir sie hauptsaechlich
kennen, ist die Anmut des Originals nicht voellig verwischt und namentlich in
den Stuecken, die dem talentvollsten unter diesen Dichtern, dem Menander,
nachgebildet sind, das Leben, das der Dichter leben sah und selber lebte, nicht
so sehr in seinen Verirrungen und Verzerrungen, als in seiner liebenswuerdigen
Alltaeglichkeit artig widergespiegelt. Die freundlichen haeuslichen
Verhaeltnisse zwischen Vater und Tochter, Mann und Frau, Herrn und Diener, mit
ihren Liebschaften und sonstigen kleinen Krisen sind so allgemeingueltig
abkonterfeit, dass sie noch heute ihre Wirkung nicht verfehlen; der
Bedientenschmaus zum Beispiel, womit der 'Stichus' schliesst, ist in der
Beschraenktheit seiner Verhaeltnisse und der Eintracht der beiden Liebhaber und
des einen Schaetzchens in seiner Art von unuebertrefflicher Zierlichkeit. Von
grosser Wirkung sind die eleganten Grisetten, die gesalbt und geschmueckt, mit
modischem Haarputz und im bunten goldgestickten Schleppgewande erscheinen oder
besser noch auf der Buehne Toilette machen. In ihrem Gefolge stellen die
Gelegenheitsmacherinnen sich ein, bald von der gemeinsten Sorte, wie deren eine
im 'Curculio' auftritt, bald Duennen gleich Goethes alter Barbara, wie die
Scapha in der Wunderkomoedie; auch an hilfreichen Bruedern und Kumpanen ist kein
Mangel. Sehr reichlich und mannigfaltig besetzt sind die alten Rollen; es
erscheinen umeinander der strenge und geizige, der zaertliche und weichmuetige,
der nachsichtige gelegenheitsmachende Papa, der verliebte Greis, der alte
bequeme Junggesell, die eifersuechtige bejahrte Hausehre mit ihrer alten, gegen
den Herrn mit der Frau haltenden Magd; wogegen die Juenglingsrollen
zuruecktreten und weder der erste Liebhaber noch der hie und da begegnende
tugendhafte Mustersohn viel bedeuten wollen. Die Bedientenwelt: der verschmitzte
Kammerdiener, der strenge Hausmeister, der alte wackere Erzieher, der
knoblauchduftende Ackerknecht, das impertinente Juengelchen - leitet schon
hinueber zu den sehr zahlreichen Gewerberollen. Eine stehende Figur darunter ist
der Spassmacher (parasitus), welcher fuer die Erlaubnis, an der Tafel des
Reichen mitzuschmausen, die Gaeste mit Schnurren und Scharaden zu belustigen,
auch nach Umstaenden sich die Scherben an den Kopf werfen zu lassen hat - es war
dies damals in Athen ein foermliches Gewerbe, und sicher ist es auch keine
poetische Fiktion, wenn ein solcher Schmarotzer auftritt, aus seinen Witz- und
Anekdotenbuechern sich eigens praeparierend. Beliebte Rollen sind ferner der
Koch, der nicht bloss mit unerhoerten Saucen zu renommieren versteht, sondern
auch wie ein gelernter Dieb zu stipitzen; der freche, zu jedem Laster sich mit
Vergnuegen bekennende Bordellwirt, wovon der Ballio im 'Luegenbold' ein
Musterexemplar ist; der militaerische Bramarbas, in dem die
Landsknechtwirtschaft der Diadochenzeit sehr bestimmt anklingt; der
gewerbsmaessige Industrieritter oder der Sykophant, der schuftige Wechsler, der
feierlich alberne Arzt, der Priester, Schiffer, Fischer und dergleichen mehr.
Dazu kommen endlich die eigentlichen Charakterrollen, wie der Aberglaeubige
Menanders, der Geizige in der Plautinischen Topfkomoedie. Die
nationalhellenische Poesie hat auch in dieser ihrer letzten Schoepfung ihre
unverwuestliche plastische Kraft noch bewaehrt; aber die Seelenmalerei ist hier
doch schon mehr aeusserlich kopiert als innerlich nachempfunden und um so mehr,
je mehr die Aufgabe sich den wahrhaft poetischen naehert - es ist bezeichnend,
dass in den eben angefuehrten Charakterrollen die psychologische Wahrheit
grossenteils durch die abstrakte Begriffsentwicklung vertreten wird, der Geizige
hier die Nagelschnitze sammelt und die vergossene Traene als verschwendetes
Wasser beklagt. Indes dieser Mangel an tiefer Charakteristik und ueberhaupt die
ganze poetische und sittliche Hohlheit dieser neueren Komoedie faellt weniger
den Lustspieldichtern zur Last als der gesamten Nation. Das spezifische
Griechentum war im Verscheiden; Vaterland, Volksglaube, Haeuslichkeit, alles
edle Tun und Sinnen war gewichen, Poesie, Historie und Philosophie innerlich
erschoepft und dem Athener nichts uebrig geblieben, als die Schule, der
Fischmarkt und das Bordell - es ist kein Wunder und kaum ein Tadel, wenn die
Poesie, die die menschliche Existenz zu verklaeren bestimmt ist, aus einem
solchen Leben nichts weiter machen konnte, als was das Menandrische Lustspiel
uns darstellt. Sehr merkwuerdig ist dabei, wie die Poesie dieser Zeit, wo immer
sie dem zerruetteten attischen Leben einigermassen den Ruecken zu wenden
vermochte, ohne doch in. schulmaessige Nachdichtung zu verfallen, sofort sich am
Ideal staerkt und erfrischt. In dem einzigen Ueberrest des parodisch-heroischen
Lustspiels dieser Zeit, in Plautus' 'Amphitryon' weht durchaus eine reinere und
poetischere Luft als in allen uebrigen Truemmern der gleichzeitigen Schaubuehne;
die gutmuetigen, leise ironisch gehaltenen Goetter, die edlen Gestalten aus der
Heroenwelt, die possierlich feigen Sklaven machen zueinander den wundervollsten
Gegensatz und nach dem drolligen Verlauf der Handlung die Geburt des
Goettersohnes unter Donner und Blitz eine beinahe grossartige Schlusswirkung.
Diese Aufgabe der Mythenironisierung war aber auch verhaeltnismaessig unschuldig
und poetisch, verglichen mit der des gewoehnlichen das attische Leben der Zeit
schildernden Lustspiels. Eine besondere Anklage darf vom geschichtlich-
sittlichen Standpunkt aus gegen die Poeten keineswegs erhoben und dem einzelnen
Dichter kein individueller Vorwurf daraus gemacht werden, dass er im Niveau
seiner Epoche steht; die Komoedie war nicht Ursache, sondern Wirkung der in dem
Volksleben waltenden Verdorbenheit. Aber wohl ist es, namentlich um den Einfluss
dieser Lustspiele auf das roemische Volksleben richtig zu beurteilen, notwendig,
auf den Abgrund hinzuweisen, der unter all jener Feinheit und Zierlichkeit sich
auftut. Die Flegeleien und Zoten, welche zwar Menander einigermassen vermied, an
denen aber bei den anderen Poeten kein Mangel ist, sind das wenigste; weit
schlimmer ist die grauenvolle Lebensoede, deren einzige Oasen die Verliebtheit
und der Rausch sind, die fuerchterliche Prosa, worin was einigermassen wie
Enthusiasmus aussieht allein bei den Gaunern zu finden ist, denen der eigene
Schwindel den Kopf verdreht hat und die das Prellergewerbe mit einer gewissen
Begeisterung treiben, und vor allem jene unsittliche Sittlichkeit, mit welcher
namentlich die menandrischen Stuecke staffiert sind. Das Laster wird abgestraft,
die Tugend belohnt und etwaige Peccadillos durch Bekehrung bei oder nach der
Hochzeit zugedeckt. Es gibt Stuecke, wie die Plautinische 'Dreitalerkomoedie'
und mehrere Terenzische, in denen allen Personen bis auf die Sklaven hinab eine
Portion Tugendhaftigkeit beigemischt ist; alle wimmeln von ehrlichen Leuten, die
fuer sich betruegen lassen, von Maedchentugend womoeglich, von gleich
beguenstigten und Kompagnie machenden Liebhabern; moralische Gemeinplaetze und
wohl gedrechselte Sittensprueche sind gemein wie die Brombeeren. In einem
versoehnenden Finale, wie das in 'Die beiden Bacchis' ist, wo die prellenden
Soehne und die geprellten Vaeter zu guter Letzt alle miteinander ins Bordell
kneipen gehen, steckt eine voellig Kotzebuesche Sittenfaeulnis.
Auf diesen Grundlagen und aus diesen Elementen erwuchs das roemische
Lustspiel. Originalitaet ward bei demselben nicht bloss durch aesthetische,
sondern wahrscheinlich zunaechst durch polizeiliche Unfreiheit ausgeschlossen.
Unter der betraechtlichen Masse der lateinischen Lustspiele dieser Gattung, die
uns bekannt sind, findet sich nicht ein einziges, das sich nicht als Nachbildung
eines bestimmten griechischen ankuendigte; es gehoert zum vollstaendigen Titel,
dass der Name des griechischen Stueckes und Verfassers mit genannt wird, und
wenn, wie das wohl vorkam, ueber die "Neuheit" eines Stueckes gestritten ward,
so handelte es sich darum, ob dasselbe schon frueher uebersetzt worden sei. Die
Komoedie spielt nicht etwa bloss haeufig im Ausland, sondern es ist eine
zwingende Notwendigkeit und die ganze Kunstgattung (fabula palliata) danach
benannt, dass der Schauplatz ausserhalb Roms, gewoehnlich in Athen ist und dass
die handelnden Personen Griechen oder doch Nichtroemer sind. Selbst im einzelnen
wird, besonders in denjenigen Dingen, worin auch der ungebildete Roemer den
Gegensatz bestimmt empfand, das auslaendische Kostuem streng durchgefuehrt. So
wird der Name Roms und der Roemer vermieden und wo ihrer gedacht wird, heissen
sie auf gut griechisch "Auslaender" (barbari); ebenso erscheint unter den
unzaehlige Male vorkommenden Geld- und Muenzbezeichnungen auch nicht ein
einziges Mal die roemische Muenze. Man macht sich von so grossen und so
gewandten Talenten, wie Naevius und Plautus waren, eine seltsame Vorstellung,
wenn man dergleichen auf ihre freie Wahl zurueckfuehrt; diese krasse und
sonderbare Exterritorialitaet der roemischen Komoedie war ohne Zweifel durch
ganz andere als aesthetische Ruecksichten bedingt. Die Verlegung solcher
gesellschaftlicher Verhaeltnisse, wie sie die neuattische Komoedie durchgaengig
zeichnet, nach dem Rom der hannibalischen Epoche wuerde geradezu ein Attentat
auf dessen buergerliche Ordnung und Sitte gewesen sein. Da aber die Schauspiele
in dieser Zeit regelmaessig von den Aedilen und Praetoren gegeben wurden, die
gaenzlich vom Senat abhingen, und selbst die ausserordentlichen Festlichkeiten,
zum Beispiel die Leichenspiele, nicht ohne Regierungserlaubnis stattfanden, und
da ferner die roemische Polizei ueberall nicht und am wenigsten mit den
Komoedianten Umstaende zu machen gewohnt war, so ergibt es sich von selbst,
weshalb diese Komoedie, selbst nachdem sie unter die roemischen
Volkslustbarkeiten aufgenommen war, doch noch keinen Roemer auf die Buehne
bringen durfte und gleichsam in das Ausland verbannt blieb.
Noch viel entschiedener ward den Bearbeitern das Recht, einen Lebenden
lobend oder tadelnd zu nennen, sowie jede verfaengliche Anspielung auf die
Zeitverhaeltnisse untersagt. In dem ganzen plautinischen und nachplautinischen
Komoedienrepertoire ist, soweit wir es kennen, nicht zu einer einzigen
Injurienklage Stoff. Ebenso begegnet uns von den bei dem lebhaften Munizipalsinn
der Italiker besonders bedenklichen Invektiven gegen Gemeinden - wenn von
einigen ganz unschuldigen Scherzen abgesehen wird - kaum eine andere Spur als
der bezeichnende Hohn auf die ungluecklichen Capuaner und Atellaner und
merkwuerdigerweise verschiedene Spottreden ueber die Hoffart wie ueber das
schlechte Latein der Praenestiner ^11. Ueberhaupt findet sich in den
Plautinischen Stuecken von Beziehungen auf die Ereignisse und Verhaeltnisse der
Gegenwart nichts als Glueckwuensche fuer die Kriegfuehrung ^12 oder zu den
friedlichen Zeiten; allgemeine Ausfaelle gegen Korn- und Zinswucher, gegen
Verschwendung, gegen Kandidatenbestechung, gegen die allzu haeufigen Triumphe,
gegen die gewerbsmaessigen Beitreiber verwirkter Geldbussen, gegen pfaendende
Steuerpaechter, gegen die teuren Preise der Oelhaendler, ein einziges Mal - im
'Curculio' - eine an die Parabasen der aelteren attischen Komoedie erinnernde,
uebrigens wenig verfaengliche laengere Diatribe ueber das Treiben auf dem
roemischen Markt. Aber selbst in solchen hoechst polizeilich normal
patriotischen Bestrebungen unterbricht sich wohl der Dichter:
Doch bin ich nicht naerrisch, mich zu kuemmern um den Staat,
Da die Obrigkeit da ist, die sich hat zu kuemmern drum?
und im ganzen genommen ist kaum ein politisch zahmeres Lustspiel zu denken,
als das roemische des sechsten Jahrhunderts gewesen ist ^13. Eine merkwuerdige
Ausnahme macht allein der aelteste namhafte roemische Lustspieldichter Gnaeus
Naevius. Wenn er auch nicht gerade roemische Originallustspiele schrieb, so sind
doch noch die wenigen Truemmer, die wir von ihm besitzen, voll von Beziehungen
auf roemische Zustaende und Personen. Er nahm es unter anderm sich heraus, nicht
bloss einen gewissen Maler Theodotos mit Namen zu verhoehnen, sondern selbst an
den Sieger von Zama folgende Verse zu richten, deren Aristophanes sich nicht
haette schaemen duerfen:
Jenen selbst, der grosse Dinge ruhmvoll oft zu Ende fuehrte,
Dessen Taten lebendig leben, der bei den Voelkern allen allein gilt,
Den hat nach Haus der eigene Vater von dem Liebchen geholt im Hemde.
Wie in den Worten:
Heute wollen freie Worte reden wir am Freiheitsfest,
so mag er oefter polizeiwidrig angesetzt und bedenkliche Fragen getan
haben, wie zum Beispiel:
Wie ward ein so gewaltiger Staat nur so geschwind euch ruiniert?
worauf denn mit einem politischen Suendenregister geantwortet ward, zum
Beispiel:
Es taten neue Redner sich, einfaeltige junge Menschen auf.
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^11 Bacch. 24; Trin. 609; Truc. 3, 2, 23. Auch Naevius, der es freilich
ueberall nicht so genau nahm, spottet ueber Praenestiner und Lanuviner (com. 21
R.) Eine gewisse Spannung zwischen Praenestinern und Roemern tritt oefter hervor
(Liv. 23, 20, 42, 1); und die Exekutionen in der pyrrhischen sowie die
Katastrophe der sullanischen Zeit stehen sicher damit im Zusammenhang.
Unschuldige Scherze wie Capt. 160; 881 passierten natuerlich die Zensur.
Bemerkenswert ist auch das Kompliment fuer Massalia (Cas. 5, 4, 1).
^12 So schliesst der Prolog der Kaestchenkomoedie mit folgenden Worten, die
hier stehen moegen als die einzige gleichzeitige Erwaehnung des Hannibalischen
Krieges in der auf uns gekommenen Literatur:
Also verhaelt sich dieses. Lebet wohl und siegt
Mit Maennermut, so wie ihr dies bisher getan.
Bewahret eure Verbuendeten alten und neuen Bunds,
Zuleget Zuzug ihnen, eurem rechten Schluss gemaess,
Verderbt die Verhassten, wirket Lorbeer euch und Lob,
Damit besiegt gewaehre der Poener euch die Poen.
Die vierte Zeile (augete auxilia vostris iustis legibus) geht auf die den
saeumigen latinischen Kolonien im Jahre 550 (204) auferlegten Nachleistungen
(Liv. 29, 15; oben 2, 175).
^13 Man kann darum auch bei Plautus kaum mit der Annahme von Anspielungen
auf Zeitereignisse vorsichtig genug sein. Vielen verkehrten Scharfsinn dieser
Art hat die neueste Untersuchung beseitigt; aber sollte nicht auch die Beziehung
auf die Bacchanalien, welche im Cas. 5, 4, 11 gefunden wird (Ritschl, Parerga,
Bd. 1, S. 192), zensurwidrig sein? Man koennte sogar die Sache umkehren und aus
den Erwaehnungen des Bacchusfestes in der 'Casina' und einigen anderen Stuecken
(Amph. 703; Aul. 3, 1, 3; Bacch. 53, 371; Mil. 1016 und besonders Men. 836) den
Schluss ziehen, dass dieselben zu einer Zeit geschrieben sind, wo es noch nicht
verfaenglich war, von Bacchanalien zu reden.
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Allein die roemische Polizei war nicht gemeint, gleich der attischen die
Buehneninvektiven und politischen Diatriben zu privilegieren oder auch nur zu
dulden. Naevius ward wegen solcher und aehnlicher Ausfaelle in den Block
geschlossen und musste sitzen, bis er in anderen Komoedien oeffentlich Busse und
Abbitte getan hatte. Ihn trieben diese Haendel, wie es scheint, aus. der Heimat;
seine Nachfolger aber liessen durch sein Beispiel sich warnen - einer derselben
deutet sehr verstaendlich an, dass er ganz und gar nicht Lust habe, gleich dem
Kollegen Naevius der unfreiwilligen Maulsperre zu unterliegen. So ward es
durchgesetzt, was in seiner Art nicht viel weniger einzig ist als die Besiegung
Hannibals, dass in einer Epoche der fieberhaftesten Volksaufregung eine
volkstuemliche Schaubuehne von der vollstaendigsten politischen Farblosigkeit
entstand.
Aber innerhalb dieser von Sitte und Polizei eng und peinlich gezogenen
Schranken ging der Poesie der Atem aus. Nicht mit Unrecht mochte Naevius die
Lage des Dichters unter dem Szepter der Lagiden und Seleukiden, verglichen mit
derjenigen in dem freien Rom, beneidenswert nennen ^14. Der Erfolg im einzelnen
ward natuerlich bestimmt durch die Beschaffenheit des eben vorliegenden
Originals und das Talent des einzelnen Bearbeiters; doch muss bei aller
individuellen Verschiedenheit dies ganze Uebersetzungsrepertoire in gewissen
Grundzuegen uebereingestimmt haben, insofern saemtliche Lustspiele denselben
Bedingungen der Auffuehrung und demselben Publikum angepasst wurden.
Durchgaengig war die Behandlung im ganzen wie im einzelnen im hoechsten Grade
frei; und sie musste es wohl sein. Wenn die Originalstuecke vor derselben
Gesellschaft spielten, die sie kopierten, und eben hierin ihr hauptsaechlichster
Reiz lag, so war das roemische Publikum dieser Zeit von dem attischen so
verschieden, dass es jene auslaendische Welt nicht einmal imstande war recht zu
verstehen. Von dem haeuslichen Leben der Hellenen fasste der Roemer weder die
Anmut und Humanitaet noch die Sentimentalitaet und die uebertuenchte Leere. Die
Sklavenwelt war eine voellig andere; der roemische Sklave war ein Stueck
Hausrat, der attische ein Bedienter - wo Sklavenehen vorkommen, oder der Herr
mit dem Sklaven ein humanes Gespraech fuehrt, erinnern die roemischen
Uebersetzer ihr Publikum daran, sich an dergleichen in Athen gewoehnliche Dinge
nicht zu stossen ^15; und als man spaeter Lustspiele in roemischem Kostuem zu
schreiben anfing, musste die Rolle des pfiffigen Bedienten herausgeworfen
werden, weil das roemische Publikum solche, ihre Herren uebersehende und
gaengelnde Sklaven nicht vertrug. Eher als die feinen Alltagsfiguren hielten die
an sich derber und possenhafter zugeschnittenen Staende- und Charakterbilder die
Uebertragung aus; aber auch von diesen musste doch der roemische Bearbeiter
manche und wahrscheinlich eben die feinsten und originellsten, wie zum Beispiel
die Thais, die Hochzeitskoechin, die Mondbeschwoererin, den Bettelpfaffen
Menanders, ganz liegen lassen und sich vorwiegend an diejenigen auslaendischen
Gewerbe halten, mit welchen der bereits sehr allgemein in Rom verbreitete
griechische Tafelluxus sein Publikum vertraut gemacht hatte. Wenn der
Kochkuenstler und der Spassmacher in dem Plautinischen Lustspiel mit so
auffallender Vorliebe und Lebendigkeit geschildert sind, so liegt der Schluessel
dazu darin, dass griechische Koeche ihre Dienste schon damals auf dem roemischen
Markt taeglich ausboten und dass Cato das Verbot, einen Spassmacher zu halten,
sogar seinem Wirtschafter in die Instruktion zu setzen noetig fand. In gleicher
Weise konnte der Uebersetzer von der eleganten attischen Konversation seiner
Originale einen sehr grossen Teil nicht brauchen. Zu der raffinierten Kneip- und
Bordellwirtschaft Athens stand der roemische Buerger- und Bauersmann ungefaehr
wie der deutsche Kleinstaedter zu den Mysterien des Palais Royal. Die
eigentliche Kuechengelehrsamkeit ging nicht in seinen Kopf; die Esspartien
blieben freilich auch in der roemischen Nachbildung sehr zahlreich, aber
ueberall dominiert ueber die mannigfaltige Baeckerei und die raffinierten Saucen
und Fischgerichte der derbe roemische Schweinebraten. Von den Raetselreden und
Trinkliedern, von der griechischen Rhetorik und Philosophie, die in den
Originalen eine so grosse Rolle spielten, begegnet in der Bearbeitung nur hier
und da eine verlorene Spur.
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^14 Etwas anderes kann die merkwuerdige Stelle in dem 'Maedel von Tarent'
nicht bedeuten:
Was im Theater hier mir gerechten Beifall fand,
Dass das kein Koenig irgend anzufechten wagt -
Wie viel besser als hier der Freie hat's darin der Knecht!
^15 Wie das moderne Hellas ueber Sklaventum dachte, kann man zum Beispiel
bei Euripides (Ion. 854; vgl. Hel. 728) sehen:
Dem Sklaven bringt das eine einzig Schande nur:
Der Name; in allem andern ist nicht schlechter als
Der freie Mann der Sklave, welcher brav sich fuehrt.
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Die Verwuestung, welche die roemischen Bearbeiter durch die Ruecksicht auf
ihr Publikum in den Originalen anzurichten genoetigt waren, draengte sie
unvermeidlich in eine Weise des Zusammenstreichens und Durcheinanderwerfens
hinein, mit der keine kuenstlerische Komposition sich vertrug. Es war
gewoehnlich, nicht bloss ganze Rollen des Originals herauszuwerfen, sondern auch
dafuer andere aus anderen Lustspielen desselben oder auch eines anderen Dichters
wieder einzustuecken; was freilich bei der aeusserlich rationellen Komposition
der Originale und ihren stehenden Figuren und Motiven nicht voellig so arg war,
wie es scheint. Es gestatteten ferner wenigstens in der aelteren Zeit sich die
Dichter hinsichtlich der Komposition die seltsamsten Lizenzen. Die Handlung des
sonst so vortrefflichen 'Stichus' (aufgefuehrt 554 200) besteht darin, dass zwei
Schwestern, welche der Vater veranlassen moechte, sich von ihren abwesenden
Ehemaennern zu scheiden, die Penelopen spielen, bis die Maenner mit reichem
Kaufmannsgewinn und als Praesent fuer den Schwiegervater mit einem huebschen
Maedchen wieder nach Hause kommen. In der 'Casina', die bei dem Publikum ganz
besonders Glueck machte, kommt die Braut, von der das Stueck heisst und um die
es sich dreht, gar nicht zum Vorschein, und die Aufloesung wird ganz naiv als
"spaeter drinnen vor sich gehend" vom Epilog erzaehlt. Ueberhaupt wird sehr oft
die Verwicklung ueber das Knie gebrochen, ein angesponnener Faden fallengelassen
und was dergleichen Zeichen einer unfertigen Kunst mehr sind. Die Ursache
hiervon ist wahrscheinlich weit weniger in der Ungeschicklichkeit der roemischen
Bearbeiter zu suchen als in der Gleichgueltigkeit des roemischen Publikums gegen
die aesthetischen Gesetze. Allmaehlich indes bildete sich der Geschmack. In den
spaeteren Stuecken hat Plautus offenbar mehr Sorgfalt auf die Komposition
gewendet und 'Die Gefangenen' zum Beispiel, der 'Luegenbold', 'Die beiden
Bacchis' sind in ihrer Art meisterhaft gefuehrt; seinem Nachfolger Caecilius,
von dem wir keine Stuecke mehr besitzen, wird es nachgeruehmt, dass er sich
vorzugsweise durch die kunstmaessigere Behandlung des Sujets auszeichnete.
In der Behandlung des einzelnen fuehren das Bestreben des Poeten, seinen
roemischen Zuhoerern die Dinge moeglichst vor die Augen zu bringen, und die
Vorschrift der Polizei, die Stuecke auslaendisch zu halten, die wunderlichsten
Kontraste herbei. Die roemischen Goetter, die sakralen, militaerischen,
juristischen Ausdruecke der Roemer, nehmen sich seltsam aus in der griechischen
Welt; bunt durcheinander gehen die roemischen Aedilen und Dreiherren mit den
Agoranomen und Demarchen; in Aetolien oder Epidamnos spielende Stuecke schicken
den Zuschauer ohne Bedenken nach dem Velabrum und dem Kapitol. Schon eine solche
klecksartige Aufsetzung der roemischen Lokaltoene auf den griechischen Grund ist
eine Barbarisierung; aber diese in ihrer naiven Art oft sehr spasshaften
Interpolationen sind weit ertraeglicher als die durchgaengige Umstimmung der
Stuecke ins Rohe, welche bei der keineswegs attischen Bildung des Publikums den
Bearbeitern notwendig schien. Freilich mochten schon von den neuattischen Poeten
manche in der Ruepelhaftigkeit keiner Nachhilfe beduerfen; Stuecke wie die
Plautinische 'Eselskomoedie' werden ihre unuebertreffliche Plattheit und
Gemeinheit nicht erst dem Uebersetzer verdanken. Aber es walten doch in den
roemischen Komoedien die rohen Motive in einer Weise vor, dass die Uebersetzer
hierin entweder interpoliert oder mindestens sehr einseitig kompiliert haben
muessen. In der unendlichen Pruegelfuelle und der stets ueber dem Ruecken der
Sklaven schwebenden Peitsche erkennt man deutlich das catonische Hausregiment,
sowie die catonische Opposition gegen die Frauen in dem nimmer endenden
Heruntermachen der Weiber. Unter den Spaessen eigener Erfindung, mit welchen die
roemischen Bearbeiter die elegante attische Konversation zu wuerzen fuer gut
befunden haben, finden sich manche von einer kaum glaublichen Gedankenlosigkeit
und Roheit ^16.
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^16 So ist zum Beispiel in das sonst sehr artige Examen, welches in dem
Plautinischen 'Stichus' der Vater mit seinen Toechtern ueber die Eigenschaften
einer guten Ehefrau anstellt, die ungehoerige Frage eingelegt, ob es besser sei,
eine Jungfrau oder eine Witwe zu heiraten, bloss um darauf mit einem nicht
minder ungehoerigen und im Munde der Sprecherin geradezu unsinnigen Gemeinplatz
gegen die Frauen zu antworten. Aber das ist Kleinigkeit gegen den folgenden
Fall. In Menanders 'Halsband' klagt ein Ehemann dem Freunde seine Not:
A: Ich freite die reiche Erbin Lamia, du weisst
Es doch? - B: Ja freilich. - A: Sie, der dieses Haus gehoert
Und die Felder und alles andre hier umher. Sie duenkt,
Gott weiss es! von allem Ungemach das aergste uns;
Zur Last ist sie all' und jedem, nicht bloss mir allein,
Dem Sohn auch und gar der Tochter. - B: Allerdings, ich weiss,
So ist es.
In der lateinischen Bearbeitung des Caecilius ist aus diesem, in seiner
grossen Einfachheit eleganten Gespraech der folgende Flegeldialog geworden:
B: Deine Frau ist also zaenkisch, nicht? - A: Ei schweig davon! -
B: Wieso? - A: Ich mag nichts davon hoeren. Komm' ich etwa dir
Nach Haus und setze mich, augenblicks versetzt sie mir
Einen nuechternen Kuss. - B: Ei nun, mit dem Kusse trifft sie's schon;
Ausspeien sollst du, meint sie, was du auswaerts trankst.
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Was dagegen die metrische Behandlung anlangt, so macht im ganzen der
geschmeidige und klingende Vers den Bearbeitern alle Ehre. Wenn die jambischen
Trimeter, die in den Originalen vorherrschten und ihrem maessigen
Konversationston allein angemessen waren, in der lateinischen Bearbeitung sehr
haeufig durch jambische oder trochaeische Tetrameter ersetzt worden sind, so
wird auch hiervon die Ursache weniger in der Ungeschicklichkeit der Bearbeiter
zu suchen sein, die den Trimeter gar wohl zu handhaben wussten, als in dem
ungebildeten Geschmack des roemischen Publikums, dem der praechtige Vollklang
der Langverse auch da gefiel, wo er nicht hingehoerte.
Endlich traegt auch die Inszenierung der Stuecke den gleichen Stempel der
Gleichgueltigkeit der Direktion wie des Publikums gegen die aesthetischen
Anforderungen. Die griechische Schaubuehne, welche schon wegen des Umfangs des
Theaters und des Spielens bei Tage auf ein eigentliches Gebaerdenspiel
verzichtete, die Frauenrollen mit Maennern besetzte und einer kuenstlichen
Verstaerkung der Stimme des Schauspielers notwendig bedurfte, ruhte in
szenischer wie in akustischer Hinsicht durchaus auf dem Gebrauch der Gesichts-
und Schallmasken. Diese waren auch in Rom wohlbekannt; bei den
Dilettantenauffuehrungen erschienen die Spieler ohne Ausnahme maskiert. Dennoch
wurden den Schauspielern, welche die griechischen Lustspiele in Rom auffuehren
sollten, die dafuer notwendigen, freilich ohne Zweifel viel kuenstlicheren
Masken nicht gegeben; was denn, von allem andern abgesehen, in Verbindung mit
der mangelhaften akustischen Einrichtung der Buehne ^17 den Schauspieler nicht
bloss noetigte seine Stimme ueber die Gebuehr anzustrengen, sondern schon den
Livius zu dem hoechst unkuenstlerischen, aber unvermeidlichen Ausweg zwang, die
Gesangstuecke durch einen ausserhalb des Spielerpersonals stehenden Saenger
vortragen und von dem Schauspieler, in dessen Rolle sie fielen, nur durch
stummes Spiel darstellen zu lassen. Ebensowenig fanden die roemischen Festgeber
ihre Rechnung dabei, sich fuer Dekorationen und Maschinerie in wesentliche
Kosten zu setzen. Auch die attische Buehne stellte regelmaessig eine Strasse mit
Haeusern im Hintergrunde vor und hatte keine wandelbaren Dekorationen; allein
man besass doch ausser anderem mannigfaltigen Apparat namentlich eine
Vorrichtung, um eine kleinere, das Innere eines Hauses vorstellende Buehne auf
die Hauptszene hinauszuschieben. Das roemische Theater aber ward damit nicht
versehen, und man kann es darum dem Poeten kaum zum Vorwurf machen, wenn alles,
sogar das Wochenbett auf der Strasse abgehalten wird.
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^17 Selbst als man steinerne Theater baute, mangelten diesen die
Schallgefaesse, wodurch die griechischen Baumeister die Schauspieler
unterstuetzten (Vitr. 5, 5, 8).
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So war das roemische Lustspiel des sechsten Jahrhunderts beschaffen. Die
Art und Weise, wie man die griechischen Schauspiele nach Rom uebertrug, gewaehrt
von dem verschiedenartigen Kulturstand ein geschichtlich unschaetzbares Bild; in
aesthetischer wie in sittlicher Hinsicht aber stand das Original nicht hoch und
das Nachbild noch tiefer. Die Welt bettelhaften Gesindels, wie sehr auch die
roemischen Bearbeiter sie unter der Wohltat des Inventars antraten, erschien
doch in Rom verschlagen und fremdartig, die feine Charakteristik gleichsam
weggeworfen; die Komoedie stand nicht mehr auf dem Boden der Wirklichkeit,
sondern die Personen und Situationen schienen wie ein Kartenspiel, willkuerlich
und gleichgueltig gemischt; im Original ein Lebens-, ward sie in der Bearbeitung
ein Zerrbild. Bei einer Direktion, die imstande war, einen griechischen Agon mit
Floetenspiel, Taenzerchoeren, Tragoeden und Athleten anzukuendigen und
schliesslich denselben in eine Pruegelei zu verwandeln, vor einem Publikum,
welches, wie noch spaetere Dichter klagen, in Masse aus dem Schauspiel weglief,
wenn es Faustkaempfer oder Seiltaenzer oder gar Fechter zu sehen gab, mussten
Dichter, wie die roemischen waren, Lohnarbeiter von gesellschaftlich niedriger
Stellung, wohl selbst wider die eigene bessere Einsicht und den eigenen besseren
Geschmack sich der herrschenden Frivolitaet und Roheit mehr oder minder fuegen.
Es ist alles Moegliche, dass nichtsdestoweniger einzelne lebende und frische
Talente unter ihnen aufstanden, die das Fremdlaendische und Gemachte in der
Poesie wenigstens zurueckzudraengen und in den einmal gewiesenen Bahnen zu
erfreulichen und selbst bedeutenden Schoepfungen zu gelangen vermochten. An
ihrer Spitze steht Gnaeus Naevius, der erste Roemer, der es verdient, ein
Dichter zu heissen und, soweit die ueber ihn erhaltenen Berichte und die
geringen Bruchstuecke seiner Werke uns ein Urteil gestatten, allem Anschein nach
eines der merkwuerdigsten und bedeutendsten Talente in der roemischen Literatur
ueberhaupt. Er war des Andronicus juengerer Zeitgenosse - seine poetische
Taetigkeit begann bedeutend vor und endigte wahrscheinlich erst nach dem
Hannibalischen Kriege - und im allgemeinen von ihm abhaengig; auch er war, wie
das in gemachten Literaturen zu sein pflegt, in allen von seinem Vorgaenger
aufgebrachten Kunstgattungen, im Epos, im Trauer- und Lustspiel, zugleich taetig
und schloss auch im Metrischen sich eng an ihn an. Nichtsdestoweniger trennt die
Dichter wie die Dichtungen eine ungeheure Kluft. Naevius war kein
Freigelassener, kein Schulmeister und kein Schauspieler, sondern ein zwar nicht
vornehmer, aber unbescholtener Buerger, wahrscheinlich einer der latinischen
Gemeinden Kampaniens, und Soldat im Ersten Punischen Kriege ^18. Recht im
Gegensatz zu Livius ist Naevius' Sprache bequem und klar, frei von aller
Steifheit und von aller Affektion und scheint selbst im Trauerspiel dem Pathos
gleichsam absichtlich aus dem Wege zu gehen; die Verse, trotz des nicht seltenen
Hiatus und mancher anderen, spaeterhin beseitigten Lizenzen, fliessen leicht und
schoen ^19. Wenn die Quasipoesie des Livius etwa wie bei uns die Gottschedische
aus rein aeusserlichen Impulsen hervor- und durchaus am Gaengelbande der
Griechen ging, so emanzipierte sein Nachfolger die roemische Poesie und traf mit
der wahren Wuenschelrute des Dichters diejenigen Quellen, aus denen allein in
Italien eine volkstuemliche Dichtung entspringen konnte: die Nationalgeschichte
und die Komik. Die epische Dichtung lieferte nicht mehr bloss dem Schulmeister
ein Lesebuch, sondern wandte sich selbstaendig an das hoerende und lesende
Publikum. Die Buehnendichtung war bisher, gleich der Kostuemverfertigung, ein
Nebengeschaeft des Schauspielers oder eine Handlangerei fuer denselben gewesen;
mit Naevius wandte das Verhaeltnis sich um und der Schauspieler ward nun der
Diener des Dichters. Durchaus bezeichnet seine poetische Taetigkeit ein
volkstuemliches Gepraege. Es tritt am bestimmtesten hervor in seinem ernsten
Nationalschauspiel und in seinem Nationalepos, wovon spaeter noch die Rede sein
wird; aber auch in den Lustspielen, die unter allen seinen poetischen Leistungen
die seinem Talent am meisten zusagenden und erfolgreichsten gewesen zu sein
scheinen, haben, wie schon gesagt ward, wahrscheinlich nur aeussere Ruecksichten
den Dichter bestimmt, sich so, wie er es tat, den griechischen Originalen
anzuschliessen und dennoch ihn nicht gehindert, in frischer Lustigkeit und im
vollen Leben in der Gegenwart seine Nachfolger und wahrscheinlich selbst die
matten Originale weit hinter sich zurueckzulassen, ja in gewissem Sinne in die
Bahnen des Aristophanischen Lustspiels einzulenken. Er hat es wohl empfunden und
in seiner Grabschrift auch ausgesprochen, was er seiner Nation gewesen ist:
Wenn Goettern um den Menschen - Totentrauer ziemte,
Den Dichter Naevius klagten - goettliche Camenen;
Dieweil, seit er hinunter - zu den Schatten abschied,
Verschollen ist in Rom der - Ruhm der roemischen Rede.
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^18 Die Personalnotizen ueber Naevius sind arg verwirrt. Da er im Ersten
Punischen Kriege focht, kann er nicht nach 495 (259) geboren sein. 519 (235)
wurden Schauspiele, wahrscheinlich die ersten, von ihm gegeben (Gell. 12, 21,
45). Dass er schon 550 (204) gestorben sei, wie gewoehnlich angegeben wird,
bezweifelte Varro (bei Cic. Brut. 15, 60) gewiss mit Recht; waere es wahr, so
muesste er waehrend des Hannibalischen Krieges in Feindesland entwichen sein.
Auch die Spottverse auf Scipio koennen nicht vor der Schlacht bei Zama
geschrieben sein. Man wird sein Leben zwischen 490 (264) und 560 (194) setzen
duerfen, so dass er Zeitgenosse der beiden 543 (211) gefallenen Scipionen (Cic.
rep. 4, 10), zehn Jahre juenger als Andronicus und vielleicht zehn Jahre aelter
als Plautus war. Seine kampanische Herkunft deutet Gellius, seine latinische
Nationalitaet, wenn es dafuer der Beweise beduerfte, er selbst in der
Grabschrift an. wenn er nicht roemischer Buerger, sondern etwa Buerger von Cales
oder einer anderen latinischen Stadt Kampaniens war, so erklaert es sich
leichter, dass ihn die roemische Polizei so ruecksichtslos behandelte.
Schauspieler war er auf keinen Fall, da er im Heere diente.
^19 Man vergleiche zum Beispiel mit den livianischen das Bruchstueck aus
Naevius' Trauerspiel 'Lycurgus':
Die ihr des koeniglichen Leibes haltet Wacht,
Sogleich zum laubesreichen Platze macht euch auf,
Wo willig ungepflanzt emporsprosst das Gebuesch.
Oder die beruehmten Worte, die in 'Hektors Abschied' Hektor zu Priamos
sagt:
Lieblich, Vater, klingt von dir mir Lob, dem vielgelobten Mann.
und den reizenden Vers aus dem 'Maedel von Tarent':
Alii adnutat, alii adnictat; alium amat, alium tenet.
Zu diesem nickt sie, nach jenem blickt sie; diesen im Herzen, den im Arm.
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Und solcher Maenner- und Dichterstolz ziemte wohl dem Manne, der die
Kaempfe gegen Hamilkar und gegen Hannibal teils miterlebte, teils selber
mitfocht, und der fuer die tief bewegte und in gewaltigem Freudenjubel gehobene
Zeit nicht gerade den poetisch hoechsten, aber wohl einen tuechtigen, gewandten
und volkstuemlichen dichterischen Ausdruck fand. Es ist schon erzaehlt worden,
in welche Haendel mit den Behoerden er darueber geriet und wie er, vermutlich
dadurch von Rom vertrieben, sein Leben in Utica beschloss. Auch hier ging das
individuelle Leben ueber dem gemeinen Besten, das Schoene ueber dem Nuetzlichen
zugrunde.
In der aeusseren Stellung wie in der Auffassung seines Dichterberufs
scheint ihm sein juengerer Zeitgenosse, Titus Maccius Plautus (500? - 570 254-
184). weit nachgestanden zu haben. Gebuertig aus dem kleinen, urspruenglich
umbrischen, aber damals, vielleicht schon latinisierten Staedtchen Sassina,
lebte er in Rom als Schauspieler und, nachdem er den damit gemachten Gewinn in
kaufmaennischen Spekulationen wieder eingebuesst hatte, als Theaterdichter von
der Bearbeitung griechischer Lustspiele, ohne in einem anderen Fache der
Literatur taetig zu sein und wahrscheinlich ohne Anspruch auf eigentliches
Schriftstellertum zu machen. Solcher handwerksmaessigen Komoedienbearbeiter
scheint es in Rom damals eine ziemliche Zahl gegeben zu haben; allein ihre Namen
sind, zumal da sie wohl durchgaengig ihre Stuecke nicht publizierten ^20, so gut
wie verschollen, und was von diesem Repertoire sich erhielt, ging spaeterhin auf
den Namen des populaersten unter ihnen, des Plautus. Die Literatoren des
folgenden Jahrhunderts zaehlten bis hundertunddreissig solcher "plautinischer
Stuecke", von denen indes auf jeden Fall ein grosser Teil nur von Plautus
durchgesehen oder ihm ganz fremd war; der Kern derselben ist noch vorhanden. Ein
gegruendetes Urteil ueber die poetische Eigentuemlichkeit des Bearbeiters zu
faellen, ist dennoch sehr schwer, wo nicht unmoeglich, da die Originale uns
nicht erhalten sind. Dass die Bearbeitung ohne Auswahl gute wie schlechte
Stuecke uebertrug, dass sie der Polizei wie dem Publikum gegenueber untertaenig
und untergeordnet dastand, dass sie gegen die aesthetischen Anforderungen sich
ebenso gleichgueltig verhielt wie ihr Publikum und diesem zuliebe die Originale
ins Possenhafte und Gemeine umstimmte, sind Vorwuerfe, die mehr gegen die ganze
Uebersetzungsfabrik als gegen den einzelnen Bearbeiter sich richten. Dagegen
darf als dem Plautus eigentuemlich gelten die meisterliche Behandlung der
Sprache und der mannigfachen Rhythmen, ein seltenes Geschick, die Situation
buehnengerecht zu gestalten und zu nutzen, der fast immer gewandte und oft
vortreffliche Dialog und vor allen Dingen eine derbe und frische Lustigkeit, die
in gluecklichen Spaessen, in einem reichen Schimpfwoerterlexikon, in launigen
Wortbildungen, in drastischen, oft mimischen Schilderungen und Situationen
unwiderstehlich komisch wirkt - Vorzuege, in denen man den gewesenen
Schauspieler zu erkennen meint. Ohne Zweifel hat der Bearbeiter auch hierin mehr
das Gelungene der Originale festgehalten als selbstaendig geschaffen - was in
den Stuecken sicher auf den Uebersetzer zurueckgefuehrt werden kann, ist milde
gesagt mittelmaessig; allein es wird dadurch begreiflich, warum Plautus der
eigentliche roemische Volkspoet und der rechte Mittelpunkt der roemischen Buehne
geworden und geblieben, ja noch nach dem Untergang der roemischen Welt das
Theater mehrfach auf ihn zurueckgekommen ist.
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^20 Diese Annahme scheint deshalb notwendig, weil man sonst unmoeglich in
der Art, wie die Alten es tun, ueber die Echtheit oder Unechtheit der
Plautinischen Stuecke haette schwanken koennen; bei keinem eigentlichen
Schriftsteller des roemischen Altertums begegnet eine auch nur annaehernd
aehnliche Ungewissheit ueber das literarische Eigentum. Auch in dieser Hinsicht
wie in so vielen anderen aeusserlichen Dingen besteht die merkwuerdigste
Analogie zwischen Plautus und Shakespeare.
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Noch weit weniger vermoegen wir zu einem eigenen Urteil ueber den dritten
und letzten - denn Ennius schrieb wohl Komoedien, aber durchaus ohne Erfolg -
namhaften Lustspieldichter dieser Epoche, Statius Caecilius, zu gelangen. Der
Lebensstellung und dem Gewerbe nach stand er mit Plautus gleich. Geboren im
Keltenland in der Gegend von Mediolanum kam er unter den insubrischen
Kriegsgefangenen nach Rom und lebte dort als Sklave, spaeter als Freigelassener
von der Bearbeitung griechischer Komoedien fuer das Theater bis zu seinem
wahrscheinlich fruehen Tode (586 168). Dass seine Sprache nicht rein war, ist
bei seiner Herkunft begreiflich; dagegen bemuehte er sich, wie schon gesagt
ward, um strengere Komposition. Bei den Zeitgenossen fanden seine Stuecke nur
schwer Eingang, und auch das spaetere Publikum liess gegen Plautus und Terenz
den Caecilius fallen; wenn dennoch die Kritiker der eigentlichen Literaturzeit
Roms, der varronischen und augustinischen Epoche, unter den roemischen
Bearbeitern griechischer Lustspiele dem Caecilius die erste Stelle eingeraeumt
haben, so scheint dies darauf zu beruhen, dass die kunstrichterliche
Mittelmaessigkeit gern der geistesverwandten poetischen vor dem einseitig
Vortrefflichen den Vorzug gibt. Wahrscheinlich hat jene Kunstkritik den
Caecilius nur deshalb unter ihre Fluegel genommen, weil et regelrechter als
Plautus und kraeftiger als Terenz war; wobei er immer noch recht wohl weit
geringer als beide gewesen sein kann.
Wenn also der Literarhistoriker bei aller Anerkennung des sehr achtbaren
Talents der roemischen Lustspieldichter doch in ihrem reinen
Uebersetzungsrepertoire weder eine kuenstlerisch bedeutende noch eine
kuenstlerisch reine Leistung erkennen kann, so muss das geschichtlich-sittliche
Urteil ueber dasselbe notwendig noch bei weitem haerter ausfallen. Das
griechische Lustspiel, das demselben zu Grunde liegt, war sittlich insofern
gleichgueltig, als es eben nur im Niveau der Korruption seines Publikums stand;
die roemische Schaubuehne aber war in dieser zwischen der alten Strenge und der
neuen Verderbnis schwankenden Epoche die hohe Schule zugleich des Hellenismus
und des Lasters. Dieses attisch-roemische Lustspiel mit seiner in der Frechheit
wie in der Sentimentalitaet gleich unsittlichen, den Namen der Liebe
usurpierenden Leibes- und Seelenprostitution, mit seiner widerlichen und
widernatuerlichen Edelmuetigkeit, mit seiner durchgaengigen Verherrlichung des
Kneipenlebens, mit seiner Mischung von Bauernroheit und auslaendischem
Raffinement, war eine fortlaufende Predigt roemisch-hellenischer Demoralisation
und ward auch als solche empfunden. Ein Zeugnis bewahrt der Epilog der
Plautinischen 'Gefangenen':
Dieses Lustspiel, da ihr schautet, ist anstaendig ganz und gar:
Nicht wird darin ausgegriffen, Liebeshaendel hat es nicht,
Keine Kinderunterschiebung, keine Geldabschwindelung;
Nicht kauft drin der Sohn sein Maedchen ohne des Vaters Willen frei.
Selten nur ersinnt ein Dichter solcherlei Komoedien,
Die die Guten besser machen. Wenn drum euch dies Stueck gefiel,
Wenn wir Spieler euch gefallen, lasst uns dies das Zeichen sein:
Wer auf Anstand haelt, der klatsche nun zum Lohn uns unserm Spiel.
Man sieht hier, wie die Partei der sittlichen Reform ueber das griechische
Lustspiel geurteilt hat; und es kann hinzugesetzt werden, dass auch in jenen
weissen Raben, den moralischen Lustspielen, die Moralitaet von derjenigen Art
ist, die nur dazu taugt, die Unschuld gewisser zu betoeren. Wer kann es
bezweifeln, dass diese Schauspiele der Korruption praktischen Vorschub getan
haben? Als Koenig Alexander an einem Lustspiel dieser Art, das der Verfasser ihm
vorlas, keinen Geschmack fand, entschuldigte sich der Dichter, dass das nicht an
ihm sondern an dem Koenige liege; um ein solches Stueck zu geniessen, muesse man
gewohnt sein, Kneipgelage abzuhalten und eines Maedchens wegen Schlaege
auszuteilen und zu empfangen. Der Mann kannte sein Handwerk; wenn also die
roemische Buergerschaft allmaehlich an diesen griechischen Komoedien Geschmack
fand, so sieht man, um weichen Preis es geschah. Es gereicht der roemischen
Regierung zum Vorwurf, nicht, dass sie fuer diese Poesie so wenig tat, sondern
dass sie dieselbe ueberhaupt duldete. Das Laster ist zwar auch ohne Kanzel
maechtig; aber damit ist es noch nicht entschuldigt, demselben eine Kanzel zu
errichten. Es war mehr eine Ausrede als eine ernstliche Verteidigung, dass man
das hellenisierende Lustspiel von der unmittelbaren Beruehrung der Personen und
Institutionen Roms fernhielt. Vielmehr haette die Komoedie wahrscheinlich
sittlich weniger geschadet, wenn man sie freier haette walten, den Beruf des
Poeten sich veredeln und eine einigermassen selbstaendige roemische Poesie sich
entwickeln lassen; denn die Poesie ist auch eine sittliche Macht, und wenn sie
tiefe Wunden schlaegt, so vermag sie auch viel zu heilen. Wie es war, geschah
auch auf diesem Gebiet von der Regierung zu wenig und zu viel; die politische
Halbheit und die moralische Heuchelei ihrer Buehnenpolizei hat zu der furchtbar
raschen Aufloesung der roemischen Nation das Ihrige beigetragen.
Wenn indes die Regierung dem roemischen Lustspieldichter nicht gestattete,
die Zustaende seiner Vaterstadt darzustellen und seine Mitbuerger auf die Buehne
zu bringen, so war doch dadurch die Entstehung eines lateinischen
Nationallustspiels nicht unbedingt abgeschnitten; denn die roemische
Buergerschaft war in dieser Zeit noch nicht mit der latinischen Nation
zusammengefallen, und es stand dem Dichter frei, seine Stuecke wie in Athen und
Massalia, ebenso auch in den italischen Staedten latinischen Rechts spielen zu
lassen. In der Tat entstand auf diesem Wege das lateinische Originallustspiel
(fabula togata ^21; der nachweislich aelteste Verfasser solcher Stuecke,
Titinius, bluehte wahrscheinlich um das Ende dieser Epoche ^22. Auch diese
Komoedie ruhte auf der Grundlage des neuattischen Intrigenstuecks; aber sie war
nicht Uebersetzung, sondern Nachdichtung: der Schauplatz des Stuecks war in
Italien und die Schauspieler erschienen in dem nationalen Gewande, in der Toga.
Hier waltet das latinische Leben und Treiben in eigentuemlicher Frische. Die
Stuecke bewegen sich in dem buergerlichen Leben der Mittelstaedte Latiums, wie
schon die Titel zeigen: 'Die Harfenistin oder das Maedchen von Ferentinum', 'Die
Floetenblaeserin', 'Die Juristin', 'Die Walker', und manche einzelne Situationen
noch weiter bestaetigen, wie zum Beispiel ein Spiessbuerger sich darin seine
Schuhe nach dem Muster der albanischen Koenigssandalen machen laesst. In
auffallender Weise treten die maennlichen gegen die Frauenrollen zurueck ^23.
Mit echt nationalem Stolze gedenkt der Dichter der grossen Zeit des Pyrrhischen
Krieges und sieht herab auf die neulatinischen Nachbarn,
Welche oskisch und volskisch reden, denn Latein verstehn sie nicht.
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^21 Togatus bezeichnet in der juristischen und ueberhaupt in der
technischen Sprache den Italiker im Gegensatz nicht bloss zu dem Auslaender,
sondern auch zu dem roemischen Buerger. So ist vor allen Dingen formula
togatorum (CIL I, 200, von 21; 50) das Verzeichnis derjenigen italischen
Militaerpflichtigen, die nicht in den Legionen dienen. Auch die Benennung des
Cisalpinischen oder Diesseitigen Galliens als Gallia togata, die zuerst bei
Hirtius vorkommt und nicht lange nachher aus dem gemeinen Sprachgebrauch wieder
verschwindet, bezeichnet diese Landschaft vermutlich nach ihrer rechtlichen
Stellung, insofern in der Epoche vom Jahre 665 (89) bis zum Jahre 705 (49) die
grosse Mehrzahl ihrer Gemeinden latinisches Recht besass. Virgil (Aen. 1, 282)
scheint ebenfalls bei der gens togata, die er neben den Roemern nennt, an die
latinische Nation gedacht zu haben.
Danach wird man auch in der fabula togata dasjenige Lustspiel zu erkennen
haben, das in Latium spielte wie die fabula palliata in Griechenland; beiden
aber ist die Verlegung des Schauplatzes in das Ausland gemeinsam, und die Stadt
und die Buergerschaft Roms auf die Buehne zu bringen, bleibt ueberhaupt dem
Lustspieldichter untersagt. Dass in der Tat die togata nur in den Staedten
latinischen Rechts spielen durfte, zeigt die Tatsache, dass alle Staedte, in
denen unseres Wissens Stuecke des Titinius und Afranius spielen, Setia,
Ferentinum, Velitrae, Brundisium nachweislich bis auf den Bundesgenossenkrieg
latinisches oder doch bundesgenoessisches Recht gehabt haben. Durch die
Erstreckung des Buergerrechts auf ganz Italien ging den Lustspieldichtern diese
latinische Inszenierung verloren, da das Cisalpinische Gallien, das rechtlich an
die Stelle der latinischen Gemeinden gesetzt ward fuer den hauptstaedtischen
Buehnendichter zu fern lag, und es scheint damit auch die fabula togata in der
Tat verschwunden zu sein. Indes traten die rechtlich untergegangenen Gemeinden
Italiens, wie Capua und Atella, in diese Luecke ein, und insofern ist die fabula
Atellana gewissermassen die Fortsetzung der togata.
^22 Ueber Titinius fehlt es an allen literarischen Angaben; ausser dass,
nach einem Varronischen Fragment zu schliessen, er aelter als Terenz (558-595
196-159) gewesen zu sein scheint (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. 194) - denn mehr
moechte freilich auch aus dieser Stelle nicht entnommen werden koennen und, wenn
auch von den beiden hier verglichenen Gruppen die zweite (Trabea, Atilius,
Caecilius) im ganzen aelter ist als die erste (Titinius, Terentius, Atta), darum
noch nicht gerade der aelteste der juengeren Gruppe juenger zu erachten sein als
der juengste der aelteren.
^23 Von den fuenfzehn Titinischen Komoedien, die wir kennen, sind sechs
nach Maenner- (baratus?, caecus, fullo nes, Hortensius, Quintus, varus), neun
nach Frauenrollen benannt (Gemma, iurisperita, prilia?, privigna, psaltria oder
Ferentinatis, Setina, tibicina, Veliterna, Ulubrana ?), von denen zwei, die
'Juristin' und die 'Floetenblaeserin' offenbar Maennergewerbe parodierten. Auch
in den Bruchstuecken waltet die Frauenwelt vor.
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Der hauptstaedtischen Buehne gehoert dieses Lustspiel ebenso an wie das
griechische; immer aber mag in demselben etwas von der landschaftlichen
Opposition gegen das grossstaedtische Wesen und Unwesen geherrscht haben, wie
sie gleichzeitig bei Cato und spaeterhin bei Varro hervortritt. Wie in der
deutschen Komoedie, die in ganz aehnlicher Weise von der franzoesischen
ausgegangen war wie die roemische von der attischen, sehr bald die franzoesische
Lisette durch das Frauenzimmerchen Franziska abgeloest ward, so trat, wenn nicht
mit gleicher poetischer Gewalt, doch in derselben Richtung und vielleicht mit
aehnlichem Erfolg, in Rom neben das hellenisierende das latinische
Nationallustspiel.
Wie das griechische Lustspiel kam auch das griechische Trauerspiel im Laufe
dieser Epoche nach Rom. Dasselbe war ein wertvollerer und in gewisser Hinsicht
auch ein leichterer Erwerb als die Komoedie. Die Grundlage des Trauerspiels, das
griechische, namentlich das Homerische Epos, war den Roemern nicht fremd und
bereits mit ihrer eigenen Stammsage verflochten; und ueberhaupt ward der
empfaengliche Fremde weit leichter heimisch in der idealen Welt der heroischen
Mythen als auf dem Fischmarkt von Athen. Dennoch hat auch das Trauerspiel, nur
minder schroff und minder gemein, die antinationale und hellenisierende Weise
gefoerdert; wobei es von der entscheidendsten Wichtigkeit war, dass die
griechische tragische Buehne dieser Zeit vorwiegend von Euripides (274, 348 480,
406) beherrscht ward. Diesen merkwuerdigen Mann und seine noch viel
merkwuerdigere Wirkung auf Mit- und Nachwelt erschoepfend darzustellen, ist
dieses Ortes nicht; aber die geistige Bewegung der spaeteren griechischen und
der griechisch-roemischen Epoche ward so sehr durch ihn bestimmt, dass es
unerlaesslich ist, sein Wesen wenigstens in den Grundzuegen zu skizzieren.
Euripides gehoert zu denjenigen Dichtern, welche die Poesie zwar auf eine
hoehere Stufe heben, aber in diesem Fortschritt bei weitem mehr das richtige
Gefuehl dessen, was sein sollte, als die Macht offenbaren, dies poetisch zu
erschaffen. Das tiefe Wort, welches sittlich wie poetisch die Summe aller Tragik
zieht, dass Handeln Leiden ist, gilt freilich auch fuer die antike Tragoedie;
den handelnden Menschen stellt sie dar, aber eigentliche Individualisierung ist
ihr fremd. Die unuebertroffene Grossheit, womit der Kampf des Menschen und des
Schicksals bei Aeschylos sich vollzieht, beruht wesentlich darauf, dass jede der
ringenden Maechte nur im ganzen aufgefasst wird; das wesenhafte Menschliche ist
im 'Prometheus' und 'Agamemnon' nur leicht angehaucht von dichterischer
Individualisierung. Sophokles fasst wohl die Menschennatur in ihrer allgemeinen
Bedingtheit, den Koenig, den Greis, die Schwester; aber den Mikrokosmos des
Menschen in seiner Allseitigkeit, den Charakter bringt keine einzelne seiner
Gestalten zu Anschauung. Es ist hier ein hohes Ziel erreicht, aber nicht das
hoechste; die Schilderung des Menschen in seiner Ganzheit und die Verflechtung
dieser einzelnen, in sich fertigen Gestalten zu einer hoeheren poetischen
Totalitaet ist eine Steigerung und darum sind, gegen Shakespeare gehalten,
Aeschylos und Sophokles unvollkommene Entwicklungsstufen. Allein wie Euripides
es unternimmt, den Menschen darzustellen wie er ist, liegt darin mehr ein
logischer und in gewissem Sinn ein geschichtlicher als ein dichterischer
Fortschritt. Er hat die antike Tragoedie zu zerstoeren, nicht die moderne zu
erschaffen vermocht. Ueberall blieb er auf halbem Wege stehen. Die Masken, durch
welche die Aeusserung des Seelenlebens gleichsam aus dem Besonderen ins
Allgemeine uebersetzt wird, sind fuer die typische Tragoedie des Altertums
ebenso notwendig wie mit dem Charaktertrauerspiel unvertraeglich; Euripides aber
behielt sie bei. Mit bewundernswert feinem Gefuehl hatte die aeltere Tragoedie
das dramatische Element, das frei walten zu lassen sie nicht vermochte, niemals
rein dargestellt, sondern es stets durch die epischen Stoffe aus der
Uebermenschenwelt der Goetter und Heroen und durch die lyrischen Choere
gewissermassen gebunden. Man fuehlt es, dass Euripides an diesen Ketten riss: er
ging mit seinen Stoffen wenigstens bis in die halb historische Zeit hinab und
seine Chorlieder traten so zurueck, dass man bei spaeteren Auffuehrungen sie
haeufig und wohl kaum zum Nachteil der Stuecke wegliess - aber doch hat er weder
seine Gestalten voellig auf den Boden der Wirklichkeit gestellt noch den Chor
ganz beiseite geworfen. Durchaus und nach allen Seiten hin ist er der volle
Ausdruck einer Zeit einerseits der grossartigsten geschichtlichen und
philosophischen Bewegung, anderseits der Truebung des Urquells aller Poesie, der
reinen und schlichten Volkstuemlichkeit. Wenn die ehrfuerchtige Froemmigkeit der
aelteren Tragiker deren Stuecke gleichsam mit einem Abglanz des Himmels
ueberstroemt, wenn die Abgeschlossenheit des engen Horizontes der aelteren
Hellenen auch ueber den Hoerer ihre befriedende Macht uebt, so erscheint die
Euripideische Welt in dem fahlen Schimmer der Spekulation so entgoettlicht wie
durchgeistigt, und truebe Leidenschaften zucken wie die Blitze durch die grauen
Wolken hin. Der alte, tiefe innerliche Schicksalsglaube ist verschwunden; das
Fatum regiert als aeusserlich despotische Macht, und knirschend tragen die
Knechte ihre Fesseln. Derjenige Unglaube, welcher der verzweifelnde Glaube ist,
redet aus diesem Dichter mit daemonischer Gewalt. Notwendigerweise gelangt also
der Dichter niemals zu einer ihn selber ueberwaeltigenden plastischen Konzeption
und niemals zu einer wahrhaft poetischen Wirkung im ganzen; weshalb er auch sich
gegen die Komposition seiner Trauerspiele gewissermassen gleichgueltig
verhalten, ja hierin nicht selten geradezu gesudelt und seinen Stuecken weder in
einer Handlung noch in einer Persoenlichkeit einen Mittelpunkt gegeben hat - die
liederliche Manier, den Knoten durch den Prolog zu schuerzen und durch eine
Goettererscheinung oder eine aehnliche Plumpheit zu loesen, hat recht eigentlich
Euripides aufgebracht. Alle Wirkung liegt bei ihm im Detail, und mit allerdings
grosser Kunst ist hierin von allen Seiten alles aufgeboten, um den
unersetzlichen Mangel poetischer Totalitaet zu verdecken. Euripides ist Meister
in den sogenannten Effekten, welche in der Regel sinnlich sentimental gefaerbt
sind und oft noch durch einen besonderen Hautgout, zum Beispiel durch Verwehung
von Liebesstoffen mit Mord oder Inzest, die Sinnlichkeit stacheln. Die
Schilderungen der willig sterbenden Polyxena, der vor geheimem Liebesgram
vergehenden Phaedra, vor allem die prachtvolle der mystisch verzueckten Bakchen
sind in ihrer Art von der groessten Schoenheit; aber sie sind weder
kuenstlerisch noch sittlich rein und Aristophanes' Vorwurf, dass der Dichter
keine Penelope zu schildern vermoege, vollkommen begruendet. Verwandter Art ist
das Hineinziehen des gemeinen Mitleids in die Euripideische Tragoedie. Wenn
seine verkuemmerten Heroen, wie der Menelaos in der 'Helena', die Andromache,
die Elektra als arme Baeuerin, der kranke und ruinierte Kaufmann Telephos,
widerwaertig oder laecherlich und in der Regel beides zugleich sind, so machen
dagegen diejenigen Stuecke, die mehr in der Atmosphaere der gemeinen
Wirklichkeit sich halten und aus dem Trauerspiel in das ruehrende Familienstueck
und beinahe schon in die sentimentale Komoedie uebergehen, wie die 'Iphigenie in
Aulis', der 'Ion', die 'Alkestis' vielleicht unter all seinen zahlreichen Werken
die erfreulichste Wirkung. Ebenso oft, aber mit geringerem Glueck versucht der
Dichter das Verstandesinteresse ins Spiel zu bringen. Dahin gehoert die
verwickelte Handlung, welche darauf berechnet ist, nicht wie die aeltere
Tragoedie das Gemuet zu bewegen, sondern vielmehr die Neugierde zu spannen;
dahin der dialektisch zugespitzte, fuer uns Nichtathener oft geradezu
unertraegliche Dialog; dahin die Sentenzen, die wie die Blumen im Ziergarten
durch die Euripideischen Stuecke ausgestreut sind; dahin vor allem die
Euripideische Psychologie, die keineswegs auf unmittelbar menschlicher
Nachempfindung, sondern auf rationeller Erwaegung beruht. Seine Medeia ist
insofern allerdings nach dem Leben geschildert, als sie vor ihrer Abfahrt
gehoerig mit Reisegeld versehen wird; von dem Seelenkampf zwischen Mutterliebe
und Eifersucht wird der unbefangene Leser nicht viel bei Euripides finden. Vor
allem aber ist in den Euripideischen Tragoedien die poetische Wirkung ersetzt
durch die tendenzioese. Ohne eigentlich unmittelbar in die Tagesfragen
einzutreten und durchaus mehr die sozialen als die politischen Fragen ins Auge
fassend, trifft doch Euripides in seinen innerlichen Konsequenzen zusammen mit
dem gleichzeitigen politischen und philosophischen Radikalismus und ist der
erste und oberste Apostel der neuen, die alte attische Volkstuemlichkeit
aufloesenden kosmopolitischen Humanitaet. Hierauf beruht wie die Opposition, auf
die der ungoettliche und unattische Dichter bei seinen Zeitgenossen stiess, so
auch der wunderbare Enthusiasmus, mit welchem die juengere Generation und das
Ausland dem Dichter der Ruehrung und der Liebe, der Sentenz und der Tendenz, der
Philosophie und der Humanitaet sich hingab. Das griechische Trauerspiel schritt
mit Euripides ueber sich selber hinaus und brach also zusammen; aber des
weltbuergerlichen Dichters Erfolg ward dadurch nur gefoerdert, da gleichzeitig
auch die Nation ueber sich hinausschritt und gleichfalls zusammenbrach. Die
Aristophanische Kritik mochte sittlich wie poetisch vollkommen das Richtige
treffen; aber die Dichtung wirkt nun einmal geschichtlich nicht in dem Masse
ihres absoluten Wertes, sondern in dem Masse, wie sie den Geist der Zeit
vorzufuehlen vermag, und in dieser Hinsicht ist Euripides unuebertroffen. So ist
es denn gekommen, dass Alexander ihn fleissig las, dass Aristoteles den Begriff
des tragischen Dichters im Hinblick auf ihn entwickelte, dass die juengste
dichtende wie bildende Kunst in Attika aus ihm gleichsam hervorging, das
neuattische Lustspiel nichts tat, als den Euripides ins Komische uebertragen,
und die in den spaeteren Vasenbildern uns entgegentretende Malerschule ihre
Stoffe nicht mehr den alten Epen, sondern der Euripideischen Tragoedie entnahm,
dass endlich, je mehr das alte Hellas dem neuen Hellenismus wich, des Dichters
Ruhm und Einfluss mehr und mehr stieg und das Griechentum im Auslande, in
Aegypten wie in Rom, unmittelbar oder mittelbar wesentlich durch Euripides
bestimmt ward.
Der Euripideische Hellenismus ist durch die verschiedenartigsten Kanaele
nach Rom geflossen und mag daselbst wohl rascher und tiefer mittelbar gewirkt
haben als geradezu in der Form der Uebersetzung. Die tragische Schaubuehne ist
in Rom nicht gerade spaeter eroeffnet worden als die komische; allein sowohl die
bei weitem groesseren Kosten der tragischen Inszenierung, worauf doch,
wenigstens waehrend des Hannibalischen Krieges, ohne Zweifel Ruecksicht genommen
worden ist, als auch die Beschaffenheit des Publikums hielten die Entwicklung
der Tragoedie zurueck. In den Plautinischen Lustspielen wird auf Tragoedien
nicht gerade oft hingedeutet, und die meisten Anfuehrungen der Art moegen aus
den Originalen heruebergenommen sein. Der erste und einzig erfolgreiche
Tragoediendichter dieser Zeit war des Naevius und Plautus juengerer Zeitgenosse
Quintus Ennius (515-585 239-169), dessen Stuecke schon von den gleichzeitigen
Lustspieldichtern parodiert und von den Spaeteren bis in die Kaiserzeit hinein
geschaut und deklamiert wurden.
Uns ist die tragische Schaubuehne der Roemer weit weniger bekannt als die
komische; im ganzen genommen wiederholen dieselben Erscheinungen, die bei dieser
wahrgenommen wurden, sich auch bei jener. Das Repertoire ging gleichfalls
wesentlich aus Uebersetzungen griechischer Stuecke hervor. Die Stoffe werden mit
Vorliebe der Belagerung von Troja und den unmittelbar damit zusammenhaengenden
Sagen entnommen, offenbar weil dieser Mythenkreis allein dem roemischen Publikum
durch den Schulunterricht gelaeufig war; daneben ueberwiegen die sinnlich-
grausamen Motive, der Mutter- oder Kindermord in den 'Eumeniden', im 'Alkmaeon',
im 'Kresphontes', in der 'Melanippe', in der 'Medeia', die Jungfrauenopfer in
der 'Polyxena', den 'Erechthiden', der 'Andromeda', der 'Iphigeneia' - man kann
nicht umhin, sich dabei zu erinnern, dass das Publikum dieser Tragoedien
Fechterspielen zuzuschauen gewohnt war. Frauen- und Geisterrollen scheinen den
tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Die bemerkenswerteste Abweichung der
roemischen Bearbeitung von dem Original betrifft ausser dem Wegfall der Masken
den Chor. Der roemischen, zunaechst wohl fuer das komische chorlose Spiel
eingerichteten Buehne mangelte der besondere Tanzplatz (orchestra) mit dem Altar
in der Mitte, auf dem der griechische Chor sich bewegte, oder vielmehr es diente
derselbe bei den Roemern als eine Art Parkett; danach muss wenigstens der
kunstvoll gegliederte und mit der Musik und der Deklamation verschlungene
Chortanz in Rom weggefallen sein, und wenn der Chor auch blieb, so hatte er doch
wenig zu bedeuten. Im einzelnen fehlte es natuerlich an Vertauschungen der
Masse, an Verkuerzungen und Verunstaltungen nicht; in der lateinischen
Bearbeitung der Euripideischen 'Iphigeneia' zum Beispiel ist, sei es nach dem
Muster einer anderen Tragoedie, sei es nach eigener Erfindung des Bearbeiters,
aus dem Frauen- ein Soldatenchor gemacht. Gute Uebersetzungen in unserem Sinn
koennen die lateinischen Tragoedien des sechsten Jahrhunderts freilich nicht
genannt werden ^24, doch gab wahrscheinlich ein Trauerspiel des Ennius von dem
Euripideischen Original ein weit minder getruebtes Bild als ein Plautinisches
Lustspiel von dem des Menander.
Die geschichtliche Stellung und Wirkung des griechischen Trauerspiels in
Rom ist derjenigen der griechischen Komoedie vollstaendig gleichartig; und wenn,
wie das der Unterschied der Dichtgattungen mit sich bringt, in dem Trauerspiel
die hellenistische Richtung geistiger und reinlicher auftritt, so trug dagegen
die tragische Buehne dieser Zeit und ihr hauptsaechlicher Vertreter Ennius noch
weit entschiedener die antinationale und mit Bewusstsein propagandistische
Tendenz zur Schau. Ennius, schwerlich der bedeutendste, aber sicher der
einflussreichste Dichter des sechsten Jahrhunderts, war kein geborener Latiner,
sondern von Haus aus ein Halbgrieche; messapischer Abkunft und hellenischer
Bildung, siedelte er in seinem fuenfunddreissigsten Jahre nach Rom ueber und
lebte dort, anfangs als Insasse, seit 570 (184) als Buerger in beschraenkten
Verhaeltnissen, teils von dem Unterricht im Lateinischen und Griechischen, teils
von dem Ertrag seiner Stuecke, teils von den Verehrungen derjenigen roemischen
Grossen, welche, wie Publius Scipio, Titus Flaminius, Marcus Fulvius Nobilior,
geneigt waren, den modernen Hellenismus zu foerdern und dem Poeten zu lohnen,
der ihr eigenes und ihrer Ahnen Lob sang, und auch wohl einzelne von ihnen,
gewissermassen als im voraus fuer die zu verrichtenden Grosstaten bestellter
Hofpoet, ins Feldlager begleitete. Das Klientennaturell, das fuer einen solchen
Beruf erforderlich war, hat er selbst zierlich geschildert ^25. Von Haus aus und
seiner ganzen Lebensstellung nach Kosmopolit, verstand er es, die
Nationalitaeten, unter denen er lebte, die griechische, launische, ja sogar die
oskische sich anzueignen, ohne doch einer von ihnen sich zu eigen zu geben; und
wenn bei den frueheren roemischen Poeten der Hellenismus mehr folgeweise aus
ihrer dichterischen Wirksamkeit hervorgegangen als ihr deutliches Ziel gewesen
war, und sie darum auch mehr oder minder wenigstens versucht hatten, sich auf
einen volkstuemlichen Boden zu stellen, so ist sich Ennius vielmehr seiner
revolutionaeren Tendenz mit merkwuerdiger Klarheit bewusst und arbeitet
sichtlich darauf hin, die neologisch-hellenische Richtung bei den Italikern
energisch zur Geltung zu bringen. Sein brauchbarstes Werkzeug war die Tragoedie.
Die Truemmer seiner Trauerspiele zeigen, dass ihm das gesamte tragische
Repertoire der Griechen und namentlich auch Aeschylos und Sophokles sehr wohl
bekannt waren; um so weniger ist es zufaellig, dass er bei weitem die meisten
und darunter alle seiner gefeierten Stuecke dem Euripides nachgebildet hat. Bei
der Auswahl und Behandlung bestimmten ihn freilich zum Teil aeussere
Ruecksichten; aber nicht dadurch allein kann es veranlasst sein, dass er so
entschieden den Euripides im Euripides hervorhob, die Choere noch mehr
vernachlaessigte als sein Original, die sinnliche Wirkung noch schaerfer als der
Grieche akzentuierte, dass er Stuecke aufgriff wie den 'Thyestes' und den aus
Aristophanes' unsterblichem Spott so wohlbekannten 'Telephos' und deren
Prinzenjammer und Jammerprinzen, ja sogar ein Stueck wie 'Menalippe die
Philosophin', wo die ganze Handlung sich um die Verkehrtheit der Volksreligion
dreht und die Tendenz, dieselbe vom naturphilosophischen Standpunkte aus zu
befehden, auf der flachen Hand liegt. Gegen den Wunderglauben fliegen ueberall,
zum Teil in nachweislich eingelegten Stellen ^26, die schaerfsten Pfeile, und
von Tiraden, wie die folgende ist:
Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt' ich sonst und sag' ich noch;
Doch sie kuemmern keinesweges, mein' ich, sich um der Menschen Los,
Sonst ging's gut den Guten, schlecht den Boesen; doch dem ist nicht so.
wundert man sich fast, dass sie die roemische Buehnenzensur passierten.
Dass Ennius in einem eigenen Lehrgedicht dieselbe Irreligiositaet
wissenschaftlich predigte, ward schon bemerkt; und offenbar ist es ihm mit
dieser Aufklaerung Herzenssache gewesen. Dazu stimmt vollkommen die hier und da
hervortretende radikal gefaerbte politische Opposition ^27, die Verherrlichung
der griechischen Tafelfreuden, vor allem die Vernichtung des letzten nationalen
Elements in der lateinischen Poesie, des saturnischen Masses, und dessen
Ersetzung durch den griechischen Hexameter. Dass der "vielgestaltige" Poet alle
diese Aufgaben mit gleicher Sauberkeit ausfuehrte, dass er der keineswegs
daktylisch angelegten Sprache den Hexameter abrang und ohne den natuerlichen
Fluss der Rede zu hemmen sich mit Sicherheit und Freiheit in den ungewohnten
Massen und Formen bewegte, zeugt von seinem ungemeinen, in der Tat mehr
griechischen als roemischen Formtalent ^28; wo man bei ihm anstoesst, verletzt
viel haeufiger griechische Sprachdiftelei ^29 als roemische Roheit. Er war kein
grosser Dichter, aber ein anmutiges und heiteres Talent, durchaus eine lebhaft
anempfindende poetische Natur, die freilich des poetischen Kothurnes bedurfte,
um sich als Dichter zu fuehlen, und der die komische Ader vollstaendig abging.
Man begreift den Stolz, womit der hellenisierende Poet auf die rauhen Weisen
herabsieht, "in denen die Waldgeister und die Barden ehemals sangen", und die
Begeisterung, womit er die eigene Kunstpoesie feiert:
Heil Dichter Ennius! welcher du den Sterblichen
Das Feuerlied kredenzest aus der tiefen Brust.
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^24 Zur Vergleichung stehe hier der Anfang der Euripideischen und der
Ennianischen 'Medeia':
Eith' /o/phel' Argo?s diaspasthai skaphos
Kolch/o/n es aian kyaneas Sypl/e/gadas

M/e/d' ten napaisi P/e/lioy pesein pote Utinam ne in nemore Pelio
securibus
Tm/e/theisa pe?k/e/, m/e/d' eretm/o/sai cheras Caesa accidisset abiegna
ad terram
trabes,
Neve inde navis inchoandae exordium
Coepisset, quae nunc nominatur
nomine
Andr/o/n arist/o/n, oi to pagchryson theros Argo, quia Argivi in ea
dilecti
viri
Vecti petebant pellem inauratam
arietis
Pelia met/e/lthon. Oy gar an despoin em/e/ Colchis, imperio regis Peliae,
per
dolum.
M/e/deia p?rgoys g/e/s epleysa I/o/lkias Nam nunquam era errans mea
domo
efferret pedem
Er/o/ti thymon ekplageis' Iasonos. Medea, animo aegra, amore saevo
saucia.

Nie durch die schwarzen Symplegaden
haette hin
Fliegen gesollt ins Kolcherland der
Argo Schiff,
Noch stuerzen in des Pelion O waer' im Pelionhaine von den
Waldesschlucht jemals Beilen nie
Gefaellt die Fichte, noch berudern Gehaun zur Erde hingestuerzt
sie die Hand der Tannenstamm
Und haette damit der Angriff
angefangen nie
Zum Beginn des Schiffes, das
man jetzt mit Namen nennt

Der Tapfern, die das goldne Vliess Argo weil drin fuhr Argos
dem Pelias auserlesne Schar,
Von Kolchi nach Gebot des
Koenigs Pelias
Zu holen gingen! Nicht die Herrin Mit List zu holen uebergueldetes
waere mir Widdervliess!
Medeia zu des Iolkerlandes Tuermen Vors Haus dann irr den Fuss mir
dann Herrin setzte nie,
Von Iasons Liebe sinnbetoert Medea, krank im Herzen, wund von
hinweggeschifft. Liebespein.

Die Abweichungen der Uebersetzung vom Original sind belehrend, nicht bloss
die Tautologien und Periphrasen, sondern auch die Beseitigung oder Erlaeuterung
der weniger bekannten mythologischen Namen: der Symplegaden, des Kolcherlandes,
der Argo. Eigentliche Missverstaendnisse des Originals aber sind bei Ennius
selten.
^25 Ohne Zweifel mit Recht galt den Alten als Selbstcharakteristik des
Dichters die Stelle im siebenten Buch der Chronik, wo der Konsul den Vertrauten
zu sich ruft,
mit welchem er gern und
Oftmals Tisch und Gespraech und seiner Geschaefte Eroertrung
Teilte, wenn heim er kam, ermuedet von wichtigen Dingen,
Drob er geratschlagt hatte die groessere Haelfte des Tags durch
Auf dem Markte sowohl wie im ehrwuerdigen Stadtrat;
Welchem das Gross' und das Klein' und den Scherz auch er mitteilen
Durft' und alles zugleich, was gut und was uebel man redet,
Schuetten ihm aus, wenn er mocht', und anvertrauen ihm sorglos;
Welcher geteilt mit ihm viel Freud' im Hause und draussen;
Den nie schaendlicher Rat aus Leichtsinn oder aus Bosheit
Uebel zu handeln verlockt; ein Mann, unterrichtet, ergeben,
Angenehm, redegewandt und genuegsam froehlichen Herzens,
Redend zur richtigen Zeit und das Passende, klueglich und kuerzlich,
Im Verkehre bequem und bewandert verschollener Dinge,
Denn ihn lehrten die Jahre die Sitten der Zeit und der Vorzeit,
Von vielfaeltigen Sachen der Goetter und Menschen Gesetz auch,
Und ein Gespraech zu berichten verstand er sowie zu verschweigen.
In der vorletzten Zeile ist wohl zu schreiben multarum rerum leges divumque
hominumque.
^26 Vgl. 2, 393. Aus der Definition des Wahrsagers bei Euripides (Iph. Aul.
956), dass er ein Mann sei,
Der wenig Wahres unter vielem Falschen sagt
Im besten Fall; und trifft er's nicht, es geht ihm hin.
hat der lateinische Uebersetzer folgende Diatribe gegen die Horoskopsteller
gemacht:
Sterneguckerzeichen sucht er auf am Himmel, passt, ob wo
Jovis Zieg' oder Krebs ihm aufgeh' oder einer Bestie Licht.
Nicht vor seine Fuesse schaut man und durchforscht den Himmelsraum.
^27 Im 'Telephus' heisst es:
Palam mutire plebeis piaculum est.
Verbrechen ist gemeinem Mann ein lautes Wort.
^28 Die folgenden, in Form und Inhalt vortrefflichen Worte gehoeren der
Bearbeitung des Euripideischen 'Phoenix' an:
Doch dem Mann mit Mute maechtig ziemt's zu wirken in der Welt
Und den Schuldigen zu laden tapfer vor den Richterstuhl.
Das ist Freiheit, wo im Busen rein und fest wem schlaegt das Herz;
Sonst in dunkler Nacht verborgen bleibt die frevelhafte Tat.
In dem wahrscheinlich der Sammlung der vermischten Gedichte einverleibten
'Scipio' standen die malerischen Zeilen:
-- munduscaeli vastus constitit silentio;
Et Neptunus saevus undis asperis pausam dedit,
Sol equis iter repressit ungulis volantibus,
Constitere amnes perennes, arbores vento vacant.
[Iovis winkt';] es ging ein Schweigen durch des Himmels weiten Raum.
Rasten hiess die Meereswogen streng die grollenden Neptun,
Seiner Rosse fliegende Hufe hielt zurueck der Sonnengott,
Inne haelt der Fluss im Fluten, im Gezweig nicht weht der Wind.
Die letzte Stelle gibt auch einen Einblick in die Art, wie der Dichter
seine Originalpoesien arbeitete: sie ist nichts als eine Ausfuehrung der Worte,
die in der urspruenglich wohl Sophokleischen Tragoedie 'Hektors Loesung' ein dem
Kampfe zwischen Hephaestos und dem Skamander Zuschauender spricht:
Constitit Credo Scamander, arbores vento vacant.
Inne haelt, schau! der Skamander, im Gezweig nicht weht der Wind.
und das Motiv ruehrt schliesslich aus der Ilias (21, 381) her.
^29 So heisst es im 'Phoenix':
- - stultust, qui cupita cupiens cupienter cupit.
Toericht, wer Begehrtes begehrend ein Begieriger begehrt,
und es ist dies noch nicht das tollste Radschlagen der Art. Auch
akrostichische Spielereien kommen vor (Cic. div. 2, 54, 111).
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Der geistreiche Mann war eben sich bewusst, mit vollen Segeln zu fahren;
das griechische Trauerspiel ward und blieb fortan ein Besitztum der launischen
Nation.
Einsamere Wege und mit minder guenstigem Winde steuerte ein kuehnerer
Schiffer nach einem hoeheren Ziel. Naevius bearbeitete nicht bloss gleich
Ennius, wenngleich mit weit geringerem Erfolg, griechische Trauerspiele fuer die
roemische Buehne, sondern er versuchte auch ein ernstes Nationalschauspiel
(fabula praetextata) selbstaendig zu schaffen. Aeusserliche Hindernisse standen
hier nicht im Weg; er brachte Stoffe sowohl aus der roemischen Sage als aus der
gleichzeitigen Landesgeschichte auf die Buehne seiner Heimat. Derart sind seine
'Erziehung des Romulus und Remus' oder der 'Wolf', worin der Koenig Amulius von
Alba auftrat, und sein 'Clastidium', worin der Sieg des Marcellus ueber die
Kelten 532 (222) gefeiert ward. Nach seinem Vorgang hat auch Ennius in der
'Ambrakia' die Belagerung der Stadt durch seinen Goenner Nobilior 565 (189; 2,
273) nach eigener Anschauung geschildert. Die Zahl dieser Nationalschauspiele
blieb indes gering und die Gattung verschwand rasch wieder vom Theater; die
duerftige Sage und die farblose Geschichte Roms vermochten mit dem hellenischen
Sagenkreis nicht auf die Dauer zu konkurrieren. Ueber den dichterischen Gehalt
der Stuecke haben wir kein Urteil mehr; aber wenn die poetische Intention im
ganzen in Anschlag kommen darf, so gibt es in der roemischen Literatur wenige
Griffe von solcher Genialitaet, wie die Schoepfung eines roemischen
Nationalschauspiels war. Nur die griechischen Tragoedien der aeltesten, den
Goettern noch sich naeher fuehlenden Zeit, nur Dichter wie Phrynichos und
Aeschylos hatten den Mut gehabt, die von ihnen miterlebten und mitverrichteten
Grosstaten neben denen der Sagenzeit auf die Buehne zu bringen; und wenn
irgendwo es uns lebendig entgegentritt, was die Punischen Kriege waren und wie
sie wirkten; so ist es hier, wo ein Dichter, der wie Aeschylos die Schlachten,
die er sang, selber geschlagen, die Koenige und Konsuln Roms auf diejenige
Buehne fuehrte, auf der man bis dahin einzig Goetter und Heroen zu sehen gewohnt
war.
Auch die Lesepoesie beginnt in dieser Epoche in Rom; schon Livius buergerte
die Sitte, welche bei den Alten die heutige Publikation vertrat, die Vorlesung
neuer Werke durch den Verfasser, auch in Rom wenigstens insofern ein, als er
dieselben in seiner Schule vortrug. Da die Dichtkunst hier nicht oder doch nicht
geradezu nach Brot ging, ward dieser Zweig derselben nicht so wie die
Buehnendichtung von der Ungunst der oeffentlichen Meinung betroffen; gegen das
Ende dieser Epoche sind auch schon der eine oder der andere vornehme Roemer in
dieser Art als Dichter oeffentlich aufgetreten ^30. Vorwiegend indes ward die
rezitative Poesie kultiviert von denselben Dichtern, die mit der szenischen sich
abgaben, und ueberhaupt hat jene neben der Buehnendichtung eine untergeordnete
Rolle gespielt, wie es denn auch ein eigentliches dichterisches Lesepublikum in
dieser Zeit nur noch in sehr beschraenktem Masse in Rom gegeben haben kann. Vor
allem schwach vertreten war die lyrische, didaktische, epigrammatische Poesie.
Die religioesen Festkantaten, von denen die Jahrbuecher dieser Zeit allerdings
bereits den Verfasser namhaft zu machen der Muehe wert halten, sowie die
monumentalen Tempel- und Grabinschriften, fuer welche das saturnische Mass das
stehende blieb, gehoerten kaum der eigentlichen Literatur an. Soweit ueberhaupt
in dieser die kleinere Poesie erscheint, tritt sie in der Regel und schon bei
Naevius unter dem Namen der Satura auf - eine Bezeichnung, die urspruenglich dem
alten, seit Livius durch das griechische Drama von der Buehne verdraengten
handlungslosen Buehnengedicht zukam, nun aber in der rezitativen Poesie
einigermassen unseren "vermischten Gedichten" entspricht und gleich diesen nicht
eigentlich eine positive Kunstgattung und Kunstweise anzeigt, sondern nur
Gedichte nicht epischer und nicht dramatischer Art von beliebigem, meist
subjektivem Stoff und beliebiger Form. Ausser Catos spaeter noch zu erwaehnendem
'Gedicht von den Sitten', welches vermutlich, anknuepfend an die aelteren
Anfaenge volkstuemlich didaktischer Poesie, in saturnischen Versen geschrieben
war, gehoeren hierher besonders die kleineren Gedichte des Ennius, welche der
auf diesem Gebiet sehr fruchtbare Dichter teils in seiner Saturensammlung, teils
abgesondert veroeffentlichte: kuerzere erzaehlende Poesien aus der
vaterlaendischen Sagen- oder gleichzeitigen Geschichte, Bearbeitungen des
religioesen Romans des Euhemeros, der auf den Namen des Epicharmos laufenden
naturphilosophischen Poesien, der Gastronomie des Archestratos von Gela, eines
Poeten der hoeheren Kochkunst; ferner einen Dialog zwischen dem Leben und dem
Tode, Aesopische Fabeln, eine Sammlung von Sittenspruechen, parodische und
epigrammatische Kleinigkeiten - geringe Sachen, aber bezeichnend wie fuer die
Mannigfaltigkeit so auch fuer die didaktisch-neologische Tendenz des Dichters,
der auf diesem Gebiete, wohin die Zensur nicht reichte, sich offenbar am
freiesten gehen liess.
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^30 Ausser Cato werden noch aus dieser Zeit zwei "Konsulare und Poeten"
genannt (Suet. vita Ter. 4): Quintus Labeo, Konsul 571 (183), und Marcus
Popillius, Konsul 581 (173). Doch bleibt es dahingestellt, ob sie ihre Gedichte
auch publizierten. Selbst von Cato duerfte letzteres zweifelhaft sein.
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Groessere dichterische wie geschichtliche Bedeutung nehmen die Versuche in
Anspruch, die Landeschronik metrisch zu behandeln. Wieder war es Naevius, der
dichterisch formte, was sowohl von der Sagen- als von der gleichzeitigen
Geschichte einer zusammenhaengenden Erzaehlung faehig war und namentlich den
Ersten Punischen Krieg einfach und klar, so schlecht und recht, wie die Dinge
waren, ohne irgend etwas als unpoetisch zu verschmaehen und ohne irgendwie,
namentlich in der Schilderung der geschichtlichen Zeit, auf poetische Hebung
oder gar Verzierungen auszugehen, durchaus in der gegenwaertigen Zeit
berichtend, in dem halb prosaischen saturnischen Nationalversmass
heruntererzaehlte ^31. Es gilt von dieser Arbeit wesentlich dasselbe, was von
dem Nationalschauspiel desselben Dichters gesagt ward. Die epische Poesie der
Griechen bewegt sich wie die tragische voellig und wesentlich in der heroischen
Zeit; es war ein durchaus neuer und wenigstens der Anlage nach ein beneidenswert
grossartiger Gedanke, mit dem Glanze der Poesie die Gegenwart zu durchleuchten.
Mag immerhin in der Ausfuehrung die Naevische Chronik nicht viel mehr gewesen
sein als die in mancher Hinsicht verwandten mittelalterlichen Reimchroniken, so
hatte doch sicher mit gutem Grund der Dichter sein ganz besonderes Wohlgefallen
an diesem seinem Werke. Es war nichts Kleines in einer Zeit, wo es eine
historische Literatur ausser den offiziellen Aufzeichnungen noch schlechterdings
nicht gab, seinen Landsleuten ueber die Taten der Zeit und der Vorzeit einen
zusammenhaengenden Bericht gedichtet und daneben die grossartigsten Momente
daraus ihnen dramatisch zur Anschauung gebracht zu haben.
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^31 Den Ton werden folgende Bruchstuecke veranschaulichen. Von der Dido:
Freundlich und kundig fragt sie - welcher Art Aeneas
Von Troia schied.
spaeter:
Die Haende sein zum Himmel - hob empor der Koenig
Amulius, dankt den Goettern -
aus einer Rede, wo die indirekte Fassung bemerkenswert ist:
Doch liessen sie im Stiche - jene tapfren Maenner,
Das wuerde Schmach dem Volk sein - jeglichem Geschlechte.
bezueglich auf die Landung in Malta im Jahre 498 (256):
Nach Meute schifft der Roemer, - ganz und gar die Insel
Brennt ab, verheert, zerstoert er, - macht den Feind zunichte.
endlich von dem Frieden, der den Krieg um Sizilien beendigte:
Bedungen wird es auch durch - Gaben des Lutatius
Zu suehnen; er bedingt noch, - dass sie viel Gefangne
Und aus Sizilien gleichfalls - rueck die Geiseln geben.
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Eben dieselbe Aufgabe wie Naevius stellte sich auch Ennius; aber die
Gleichheit des Gegenstandes laesst den politischen und poetischen Gegensatz des
nationalen und des antinationalen Dichters nur um so greller hervortreten.
Naevius suchte fuer den neuen Stoff eine neue Form; Ennius fuegte oder zwaengte
denselben in die Formen des hellenischen Epos. Der Hexameter ersetzt den
saturnischen Vers, die aufgeschmueckte, nach plastischer Anschaulichkeit
ringende Homeridenmanier die schlichte Geschichtserzaehlung. Wo es irgend
angeht, wird geradezu Homer uebertragen, wie zum Beispiel die Bestattung der bei
Herakleia Gefallenen nach dem Muster der Bestattung des Patroklos geschildert
wird und in der Kappe des mit den Istriern fechtenden Kriegstribuns Marcus
Livius Stolo kein anderer steckt als der Homerische Aias - nicht einmal die
Homerische Anrufung der Muse wird dem Leser erlassen. Die epische Maschinerie
ist vollstaendig im Gange; nach der Schlacht von Cannae zum Beispiel verzeiht
Juno in vollem Goetterrat den Roemern und verheisst ihnen Jupiter nach erlangter
ehefraeulicher Einwilligung den endlichen Sieg ueber die Karthager. Auch die
neologische und hellenistische Tendenz ihres Verfassers verleugnen die
'Jahrbuecher' keineswegs. Schon die bloss dekorative Verwendung der Goetterwelt
traegt diesen Stempel. In dem merkwuerdigen Traumgesicht, womit das Gedicht sich
einfuehrt, wird auf gut pythagoreisch berichtet, dass die jetzt im Quintus
Ennius wohnhafte Seele vor diesem in Horneros und noch frueher in einem Pfau
sesshaft gewesen sei, und alsdann auf gut naturphilosophisch das Wesen der Dinge
und das Verhaeltnis des Koerpers zum Geiste auseinandergesetzt. Selbst die Wahl
des Stoffes dient den gleichen Zwecken - haben doch die hellenischen Literaten
aller Zeiten eine vorzueglich geeignete Handhabe fuer ihre griechisch-
kosmopolitischen Tendenzen eben in der Zurechtmachung der roemischen Geschichte
gefunden. Ennius betont es, dass man die Roemer
Griechen ja immer genannt und Graier sie pflege zu heissen.
Der poetische Wert der vielgefeierten Jahrbuecher ist nach den frueheren
Bemerkungen ueber die Vorzuege und Maengel des Dichters im allgemeinen leicht
abzumessen. Dass durch den Aufschwung, den die grosse Zeit der Punischen Kriege
dem italischen Volksgefuehl gab, auch dieser lebhaft mitempfindende Poet sich
gehoben fuehlte und er nicht bloss die Homerische Einfachheit oft gluecklich
traf, sondern auch noch oefter die roemische Feierlichkeit und Ehrenhaftigkeit
aus seinen Zeilen ergreifend widerhallt, ist ebenso natuerlich wie die
Mangelhaftigkeit der epischen Komposition, die notwendig sehr lose und
gleichgueltig gewesen sein muss, wenn es dem Dichter moeglich war, einem sonst
verschollenen Helden und Patron zuliebe ein eigenes Buch nachtraeglich
einzufuegen. Im ganzen aber waren die 'Jahrbuecher' ohne Frage Ennius'
verfehltestes Werk. Der Plan, eine 'Ilias' zu machen, kritisiert sich selbst.
Ennius ist es gewesen, welcher mit diesem Gedicht zum erstenmal jenen
Wechselbalg von Epos und Geschichte in die Literatur eingefuehrt hat, der von da
an bis auf den heutigen Tag als Gespenst, das weder zu leben noch zu sterben
vermag, in ihr umgeht. Einen Erfolg aber hat das Gedicht allerdings gehabt.
Ennius gab sich mit noch groesserer Unbefangenheit fuer den roemischen Homer als
Klopstock fuer den deutschen, und ward von den Zeitgenossen und mehr noch von
der Nachwelt dafuer genommen. Die Ehrfurcht vor dem Vater der roemischen Poesie
erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht: den Ennius, sagt noch der feine
Quintilian, wollen wir verehren wie einen altersgrauen heiligen Hain, dessen
maechtige tausendjaehrige Eichen mehr ehrwuerdig als schoen sind; und wer
darueber sich wundern sollte, der moege an verwandte Erscheinungen, an den
Erfolg der Aeneide, der Henriade, der Messiade sich erinnern. Eine maechtige
poetische Entwicklung der Nation freilich wuerde jene beinahe komische
offizielle Parallelisierung der Homerischen 'Ilias' und der Ennianischen
'Jahrbuecher' so gut abgeschuettelt haben wie wir die Sappho-Karschin und den
Pindar-Willamov; aber eine solche hat in Rom nicht stattgefunden. Bei dem
stofflichen Interesse des Gedichts besonders fuer die aristokratischen Kreise
und dem grossen Formtalent des Dichters blieben die 'Jahrbuecher' das aelteste
roemische Originalgedicht, welches den spaeteren gebildeten Generationen
lesenswert und lesbar erschien; und so ist es wunderlicherweise gekommen, dass
in diesem durchaus antinationalen Epos eines halbgriechischen Literaten die
spaetere Zeit das rechte roemische Mustergedicht verehrt hat.
Nicht viel spaeter als die roemische Poesie, aber in sehr verschiedener
Weise entstand in Rom eine prosaische Literatur. Es fielen bei dieser sowohl die
kuenstlichen Foerderungen hinweg, wodurch die Schule und die Buehne vor der Zeit
eine roemische Poesie grosszogen, als auch die kuenstliche Hemmung, worauf
namentlich die roemische Komoedie in der strengen und beschraenkten
Buehnenzensur traf. Es war ferner diese schriftstellerische Taetigkeit nicht
durch den dem "Baenkelsaenger" anhaftenden Makel von vornherein bei der guten
Gesellschaft in den Bann getan. Darum ist denn auch die prosaische
Schriftstellerei zwar bei weitem weniger ausgedehnt und weniger rege als die
gleichzeitige poetische, aber weit naturgemaesser entwickelt; und wenn die
Poesie fast voellig in den Haenden der geringen Leute ist und kein einziger
vornehmer Roemer unter den gefeierten Dichtern dieser Zeit erscheint, so ist
umgekehrt unter den Prosaikern dieser Epoche kaum ein nicht senatorischer Norne
und sind es durchaus die Kreise der hoechsten Aristokratie, gewesene Konsuln und
Zensoren, die Fabier, die Gracchen, die Scipionen, von denen diese Literatur
ausgeht. Dass die konservative und nationale Tendenz sich besser mit dieser
Prosaschriftstellerei vertrug als mit der Poesie, liegt in der Sache; doch hat
auch hier, und namentlich in dem wichtigsten Zweige dieser Literatur, in der
Geschichtschreibung, die hellenistische Richtung auf Stoff und Form maechtig, ja
uebermaechtig eingewirkt.
Bis in die Zeit des Hannibalischen Krieges gab es in Rom eine
Geschichtschreibung nicht; denn die Anzeichnungen des Stadtbuchs gehoerten zu
den Akten, nicht zu der Literatur, und verzichteten von Haus aus auf jede
Entwicklung des Zusammenhanges der Dinge. Es ist bezeichnend fuer die
Eigentuemlichkeit des roemischen Wesens, dass trotz der weit ueber die Grenzen
Italiens ausgedehnten Macht der roemischen Gemeinde und trotz der stetigen
Beruehrung der vornehmen roemischen Gesellschaft mit den literarisch so
fruchtbaren Griechen dennoch nicht vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts das
Beduerfnis sich regte, die Taten und Geschicke der roemischen Buergerschaft auf
schriftstellerischem Wege zur Kunde der Mit- und Nachwelt zu bringen. Als nun
aber dies Beduerfnis endlich empfunden ward, fehlte es fuer die roemische
Geschichte an fertigen schriftstellerischem Formen und an einem fertigen
Lesepublikum; und grosses Talent und laengere Zeit waren erforderlich, um beide
zu erschaffen. Zunaechst wurden daher diese Schwierigkeiten gewissermassen
umgangen dadurch, dass man die Landesgeschichte entweder in der Muttersprache,
aber in Versen, oder in Prosa, aber griechisch schrieb. Von den metrischen
Chroniken des Naevius (geschrieben um 550? 204) und Ennius (geschrieben um 581
173) ist schon die Rede gewesen; sie gehoeren zugleich zu der aeltesten
historischen Literatur der Roemer, ja die des Naevius darf als das ueberhaupt
aelteste roemische Geschichtswerk angesehen werden. Ungefaehr gleichzeitig
entstanden die griechischen Geschichtsbuecher des Quintus Fabius Pictor ^32
(nach 553 201), eines waehrend des Hannibalischen Krieges in Staatsgeschaeften
taetigen Mannes aus vornehmem Geschlecht, und des Sohnes des Scipio Africanus,
Publius Scipio (+ um 590 164). Dort also bediente man sich der bis zu einem
gewissen Grade bereits entwickelten Dichtkunst und wandte sich an das nicht
gaenzlich mangelnde poetische Publikum; hier fand man die fertigen griechischen
Formen vor und richtete die Mitteilungen, wie schon das weit hinaus ueber die
Grenzen Latiums sich erstreckende stoffliche Interesse derselben es nahelegte,
zunaechst an das gebildete Ausland. Den ersten Weg schlugen die plebejischen,
den zweiten die vornehmeren Schriftsteller ein; eben wie in der Zeit Friedrichs
des Grossen neben der vaterlaendischen Pastoren- und Professorenschriftstellerei
eine aristokratische Literatur in franzoesischer Sprache stand und die Gleim und
Ramler deutsche Kriegslieder, die Koenige und Feldherren franzoesische
Kriegsgeschichten verfassten. Weder die metrischen Chroniken, noch die
griechischen roemischer Verfasser waren eine eigentliche lateinische
Geschichtschreibung; diese begann erst mit Cato, dessen nicht vor dem Schluss
dieser Epoche publizierte 'Ursprungsgeschichten' zugleich das aelteste
lateinisch geschriebene Geschichts- und das erste bedeutende prosaische Werk der
roemischen Literatur sind ^33.
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^32 Die griechische Abfassung dieses aeltesten prosaischen roemischen
Geschichtswerkes ist durch Dionys (1, 6) und Cicero (div. 1, 27 , 43) ausser
Zweifel gestellt. Ein Problem bleiben die unter demselben Namen von Quintilian
und spaeteren Grammatikern angefuehrten lateinischen Annalen, und es wird die
Schwierigkeit noch dadurch gesteigert, dass unter demselben Namen auch eine sehr
ausfuehrliche Darstellung des pontifizischen Rechts in lateinischer Sprache
angefuehrt wird. Indes die letztere Schrift wird von keinem, der die Entwicklung
der roemischen Literatur im Zusammenhang verfolgt hat, einem Verfasser aus der
Zeit des Hannibalischen Krieges beigelegt werden; und auch lateinische Annalen
aus dieser Zeit erscheinen problematisch, obwohl es dahingestellt bleiben muss,
ob hier eine Verwechslung mit dem juengeren Annalisten Quintus Fabius Maximus
Servilianus (Konsul 612 142) obwaltet, oder ob von den griechischen Annalen des
Fabius wie von denen des Acilius und des Albinus eine alte lateinische
Bearbeitung existiert, oder ob es zwei Annalisten des Namens Fabius Pictor
gegeben hat.
Das dem Lucius Cincius Alimentus, einem Zeitgenossen des Fabius,
beigelegte, ebenfalls griechische Geschichtswerk scheint untergeschoben und ein
Machwerk aus augustischer Zeit.
^33 Catos gesamte literarische Taetigkeit gehoert erst in sein Greisenalter
(Cic. Cat. 11 38; Nep. Cato 3); die Abfassung auch der frueheren Buecher der
'Ursprungsgeschichten' faellt nicht vor, aber wahrscheinlich auch nicht lange
nach 586 (168) (Plin. nat. 3, 14, 114).
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Alle diese Werke waren freilich nicht im Sinne der Griechen ^34, wohl aber
im Gegensatz zu der rein notizenhaften Fassung des Stadtbuchs pragmatische
Geschichten von zusammenhaengender Erzaehlung und mehr oder minder geordneter
Darstellung. Sie umfassten, soviel wir sehen saemtlich, die Landesgeschichte von
der Erbauung Roms bis auf die Zeit des Schreibers, obwohl dem Titel nach das
Werk des Naevius nur den ersten Krieg mit Karthago, das Catos nur die
Ursprungsgeschichten betraf; danach zerfielen sie von selbst in die drei
Abschnitte der Sagenzeit, der Vor- und der Zeitgeschichte. Bei der Sagenzeit war
fuer die Entstehungsgeschichte der Stadt Rom, die ueberall mit grosser
Ausfuehrlichkeit dargestellt ward, die eigentuemliche Schwierigkeit zu
ueberwinden, dass davon, wie frueher ausgefuehrt ward, zwei voellig unvereinbare
Fassungen vorlagen: die nationale, welche wenigstens in den Hauptumrissen
wahrscheinlich schon im Stadtbuch schriftlich fixiert war, und die griechische
des Timaeos, die diesen roemischen Chronikschreibern nicht unbekannt geblieben
sein kann. Jene sollte Rom an Alba, diese Rom an Troia anknuepfen; dort ward es
also von dem albanischen Koenigssohn Romulus, hier von dem troischen Fuersten
Aeneas erbaut. Der gegenwaertigen Epoche, wahrscheinlich entweder dem Naevius
oder dem Pictor, gehoert die Verklitterung der beiden Maerchen an. Der
albanische Koenigssohn Romulus bleibt der Gruender Roms, aber wird zugleich
Aeneas Tochtersohn; Aeneas gruendet Rom nicht, bringt aber dafuer die roemischen
Penaten nach Italien und erbaut diesen zum Sitze Lavinium, sein Sohn Ascanius
die Mutterstadt von Rom und die alte Metropole Latiums, das Lange Alba. Das
alles war recht uebel und ungeschickt erfunden. Dass die urspruenglichen Penaten
Roms nicht, wie man bisher geglaubt, in ihrem Tempel am roemischen Markte,
sondern in dem zu Lavinium aufbewahrt seien, musste dem Roemer ein Greuel sein,
und die griechische Dichtung kam noch schlimmer weg, indem die Goetter erst dem
Enkel verliehen, was sie dem Ahn zugeschieden hatten. Indes die Redaktion
genuegte ihrem Zweck: ohne geradezu den nationalen Ursprung Roms zu verleugnen,
trug sie doch auch der hellenisierenden Tendenz Rechnung und legalisierte
einigermassen das in dieser Zeit bereits stark im Schwunge gehende Kokettieren
mit dem Aeneadentum; und so wurde dies die stereotype und bald die offizielle
Ursprungsgeschichte der maechtigen Gemeinde.
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^34 Offenbar im Gegensatz gegen Fabius hebt Polybios (40, 6, 4) es hervor,
dass der Graecomane Albinus sich Muehe gegeben habe, seine Geschichte
pragmatisch zu schreiben.
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Von der Ursprungsfabel abgesehen, hatten im uebrigen die griechischen
Historiographen sich um die roemische Gemeinde wenig oder gar nicht gekuemmert,
so dass die weitere Darstellung der Landesgeschichte vorwiegend aus
einheimischen Quellen geflossen sein muss, ohne dass in der uns zugekommenen
duerftigen Kunde mit Bestimmtheit auseinander traete, welcherlei
Ueberlieferungen ausser dem Stadtbuch den aeltesten Chronisten zu Gebote
gestanden und was sie etwa von dem Ihrigen hinzugetan haben. Die aus Herodot
eingelegten Anekdoten ^35 sind diesen aeltesten Annalisten wohl noch fremd
gewesen und eine unmittelbare Entlehnung griechischen Stoffes in diesem
Abschnitt nicht nachweisbar. Um so bemerkenswerter ist die ueberall, selbst bei
dem Griechenfeind Cato, mit grosser Bestimmtheit hervortretende Tendenz, nicht
bloss Rom an Hellas anzuknuepfen, sondern Italiker und Griechen als ein
urspruenglich gleiches Volk darzustellen - hierher gehoeren die aus Griechenland
eingewanderten Uritaliker oder Aboriginer sowie die nach Italien wandernden
Urgriechen oder Pelasger.
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^35 So ist die Geschichte der Belagerung von Gabii aus Herodotischen
Anekdoten von Zopyros und dem Tyrannen Thrasybulos zusammengeschrieben, eine
Version der Aussetzungsgeschichte des Romulus, ueber den Leisten der
Herodotischen Erzaehlung von Kyros' Jugend geschlagen.
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Die landlaeufige Erzaehlung fuehrte in einem, wenn auch schwach und lose
geknuepften Faden, doch einigermassen zusammenhaengend durch die Koenigszeit bis
hinab auf die Einsetzung der Republik; hier aber versiegte die Sage ganz, und es
war nicht bloss schwierig, sondern wohl geradezu unmoeglich, aus den
Beamtenverzeichnissen und den ihnen angehaengten duerftigen Vermerken eine
irgendwie zusammenhaengende und lesbare Erzaehlung zu gestalten. Am meisten
empfanden dies die Dichter. Naevius scheint deshalb von der Koenigszeit sogleich
auf den Krieg um Sizilien uebergegangen zu sein; Ennius, der im dritten seiner
achtzehn Buecher noch die Koenigszeit, im sechsten schon den Krieg mit Pyrrhos
beschrieb, kann die ersten zwei Jahrhunderte der Republik hoechstens in den
allgemeinsten Umrissen behandelt haben. Wie die griechisch schreibenden
Annalisten sich geholfen haben, wissen wir nicht. Einen eigentuemlichen Weg
schlug Cato ein. Auch er verspuerte keine Lust, wie er selber sagt, "zu
berichten, was auf der Tafel im Hause des Oberpriesters steht: wie oft der
Weizen teuer gewesen und wann Mond und Sonne sich verfinstert haetten"; und so
bestimmte er denn das zweite und dritte Buch seines Geschichtswerkes fuer die
Berichte ueber die Entstehung der uebrigen italischen Gemeinden und deren
Eintritt in die roemische Eidgenossenschaft. Er machte sich also los aus den
Fesseln der Chronik, welche Jahr fuer Jahr nach Voranstellung der jedesmaligen
Beamten die Ereignisse berichtet; namentlich hierher wird die Angabe gehoeren,
dass Catos Geschichtswerk die Vorgaenge "abschnittsweise" erzaehlte. Diese in
einem roemischen Werke auffallende Beruecksichtigung der uebrigen italischen
Gemeinden griff teils in die oppositionelle Stellung des Verfassers ein, welcher
gegen das hauptstaedtische Treiben sich durchaus auf das munizipale Italien
stuetzte, teils gewaehrte sie einen gewissen Ersatz fuer die mangelnde
Geschichte Roms von der Vertreibung des Koenigs Tarquinius bis auf den
Pyrrhischen Krieg, indem sie deren wesentliches Ergebnis, die Einigung Italiens
unter Rom, in ihrer Art gleichfalls darstellte.
Dagegen die Zeitgeschichte wurde wiederum zusammenhaengend und eingehend
behandelt: nach eigener Kunde schilderten Naevius den ersten, Fabius den zweiten
Krieg mit Karthago; Ennius widmete wenigstens dreizehn von den achtzehn Buechern
seiner Chronik der Epoche von Pyrrhos bis auf den Istrischen Krieg; Cato
erzaehlte im vierten und fuenften Buche seines Geschichtswerkes die Kriege vom
Ersten Punischen bis auf den mit Perseus und in den beiden letzten,
wahrscheinlich anders und ausfuehrlicher angelegten die Ereignisse aus den
letzten zwanzig Lebensjahren des Verfassers. Fuer den Pyrrhischen Krieg mag
Ennius den Timaeos oder andere griechische Quellen benutzt haben; im ganzen aber
beruhten die Berichte teils auf eigener Wahrnehmung oder Mitteilungen von
Augenzeugen, teils einer auf dem andern.
Gleichzeitig mit der historischen und gewissermassen als ein Anhang dazu
begann die Rede- und Briefliteratur, welche ebenfalls Cato eroeffnet - denn aus
der frueheren Zeit besass man nichts als einige, meistenteils wohl erst in
spaeterer Zeit aus den Familienarchiven an das Licht gezogene Leichenreden, wie
zum Beispiel diejenige, die der alte Quintus Fabius, der Gegner Hannibals, als
Greis seinem im besten Mannesalter verstorbenen Sohn gehalten hatte. Cato
dagegen zeichnete von den unzaehligen Reden, die er waehrend seiner langen und
taetigen oeffentlichen Laufbahn gehalten, die geschichtlich wichtigen in seinem
Alter auf, gewissermassen als politische Memoiren, und machte sie teils in
seinem Geschichtswerk, teils, wie es scheint, als selbstaendige Nachtraege dazu,
bekannt. Auch eine Briefsammlung hat es von ihm schon gegeben.
Mit der nichtroemischen Geschichte befasste man sich wohl insoweit, als
eine gewisse Kenntnis derselben dem gebildeten Roemer nicht mangeln durfte;
schon von dem alten Fabius heisst es, dass ihm nicht bloss die roemischen,
sondern auch die auswaertigen Kriege gelaeufig gewesen, und dass Cato den
Thukydides und die griechischen Historiker ueberhaupt fleissig las, ist bestimmt
bezeugt. Allein wenn man von der Anekdoten- und Spruchsammlung absieht, welche
Cato als Fruechte dieser Lektuere fuer sich zusammenstellte, ist von einer
schriftstellerischen Taetigkeit auf diesem Gebiet nichts wahrzunehmen.
Dass durch diese beginnende historische Literatur insgesamt eine harmlose
Unkritik durchgeht, versteht sich von selbst; weder Schriftsteller noch Leser
nahmen an inneren oder aeusseren Widerspruechen leicht Anstoss. Koenig
Tarquinius der Zweite, obwohl bei dem Tode seines Vaters schon erwachsen und
neununddreissig Jahre nach demselben zur Regierung gelangend, besteigt
nichtsdestoweniger noch als Juengling den Thron. Pythagoras, der etwa ein
Menschenalter vor Vertreibung der Koenige nach Italien kam, gilt den roemischen
Historikern darum nicht minder als Freund des weisen Numa. Die im Jahre 262
(492) der Stadt nach Syrakus geschickten Staatsboten verhandeln dort mit dem
aelteren Dionysios, der sechsundachtzig Jahre nachher (348 406) den Thron
bestieg. Vornehmlich tritt diese naive Akrisie hervor in der Behandlung der
roemischen Chronologie. Da nach der - wahrscheinlich in ihren Grundzuegen schon
in der vorigen Epoche festgestellten - roemischen Zeitrechnung die Gruendung
Roms 240 Jahre vor die Einweihung des Kapitolinischen Tempels, 360 Jahre vor den
gallischen Brand und das letztere, auch in griechischen Geschichtswerken
erwaehnte Ereignis nach diesen in das Jahr des athenischen Archonten Pyrgion 388
v. Chr. (Ol. 98, 1) fiel, so stellt sich hiernach die Erbauung Roms auf Ol. 8,
1. Dieses war, nach der damals bereits als kanonisch geltenden Eratosthenischen
Zeitrechnung, das Jahr nach Troias Fall 436; nichtsdestoweniger blieb in der
gemeinen Erzaehlung der Gruender Roms der Tochtersohn des troischen Aeneas.
Cato, der als guter Finanzmann hier nachrechnete, machte freilich in diesem Fall
auf den Widerspruch aufmerksam; eine Aushilfe aber scheint auch er nicht
vorgeschlagen zu haben - das spaeter zu diesem Zweck eingeschobene Verzeichnis
der albanischen Koenige ruehrt sicher nicht von ihm her.
Dieselbe Unkritik, wie sie hier obwaltet, beherrschte bis zu einem gewissen
Grade auch die Darstellung der historischen Zeit. Die Berichte trugen sicher
ohne Ausnahme diejenige starke Parteifaerbung, wegen welcher der fabische ueber
die Anfaenge des zweiten Krieges mit Karthago von Polybios mit der ihm eigenen
kuehlen Bitterkeit durchgezogen wird. Das Misstrauen indes ist hier besser am
Platz als der Vorwurf. Es ist einigermassen laecherlich, von den roemischen
Zeitgenossen Hannibals ein gerechtes Urteil ueber ihre Gegner zu verlangen; eine
bewusste Entstellung der Tatsachen aber, soweit der naive Patriotismus nicht von
selber eine solche einschliesst, ist den Vaetern der roemischen Geschichte doch
nicht nachgewiesen worden.
Auch von wissenschaftlicher Bildung und selbst von dahin einschlagender
Schriftstellerei gehoeren die Anfaenge in diese Epoche. Der bisherige Unterricht
hatte sich wesentlich auf Lesen und Schreiben und auf die Kenntnis des
Landrechts beschraenkt ^36. Allmaehlich aber ging den Roemern in der innigen
Beruehrung mit den Griechen der Begriff einer allgemeineren Bildung auf und
regte sich das Bestreben, nicht gerade diese griechische Bildung unmittelbar
nach Rom zu verpflanzen, aber doch nach ihr die roemische einigermassen zu
modifizieren.
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^36 Plautus sagt (Most. 126) von den Eltern, dass sie die Kinder "lesen und
die Rechte und Gesetze kennen lehren"; und dasselbe zeigt Plut. Cato mai. 20.
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Vor allen Dingen fing die Kenntnis der Muttersprache an sich zur
lateinischen Grammatik auszubilden; die griechische Sprachwissenschaft uebertrug
sich auf das verwandte italische Idiom. Die grammatische Taetigkeit begann
ungefaehr gleichzeitig mit der roemischen Schriftstellerei. Schon um 520 (234)
scheint ein Schreiblehrer Spurius Carvilius das lateinische Alphabet reguliert
und dem ausserhalb desselben stehenden Buchstaben g (I, 487) den Platz des
entbehrlich gewordenen z gegeben zu haben, welchen derselbe noch in den heutigen
okzidentalischen Alphabeten behauptet. An der Feststellung der Rechtschreibung
werden die roemischen Schulmeister fortwaehrend gearbeitet haben; und auch die
lateinischen Musen haben ihre schulmeisterliche Hippokrene nie verleugnet und zu
allen Zeiten neben der Poesie sich der Orthographie beflissen. Namentlich Ennius
hat, auch hierin Klopstock gleich, nicht bloss das anklingende Etymologienspiel
schon ganz in alexandrinischer Art geuebt ^37, sondern auch fuer die bis dahin
uebliche einfache Bezeichnung der Doppelkonsonanten die genauere griechische
Doppelschreibung eingefuehrt. Von Naevius und Plautus freilich ist nichts
dergleichen bekannt - die volksmaessigen Poeten werden gegen Rechtschreibung und
Etymologie auch in Rom sich so gleichgueltig verhalten haben, wie Dichter es
pflegen.
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^37 So heisst ihm in den Epicharmischen Gedichten Jupiter davon quod invat,
Ceres davon quod gerit fruges.
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Rhetorik und Philosophie blieben den Roemern dieser Zeit noch fern. Die
Rede stand bei ihnen zu entschieden im Mittelpunkt des oeffentlichen Lebens, als
dass der fremde Schulmeister ihr haette beikommen koennen; der echte Redner Cato
goss ueber das alberne Isokrateische "ewig reden lernen und niemals reden
koennen" die ganze Schale seines zornigen Spottes aus. Die griechische
Philosophie, obwohl sie durch Vermittlung der lehrhaften und vor allem der
tragischen Poesie einen gewissen Einfluss auf die Roemer gewann, wurde doch mit
einer aus baeurischer Ignoranz und ahnungsvollem Instinkt gemischten
Apprehension betrachtet. Cato nannte den Sokrates unverbluemt einen Schwaetzer
und einen als Frevler an dem Glauben und den Gesetzen seiner Heimat mit Recht
hingerichteten Revolutionaer; und wie selbst die der Philosophie geneigten
Roemer von ihr dachten, moegen wohl die Worte des Ennius aussprechen:
Philosophieren will ich, doch kurz und nicht die ganze Philosophie;
Gut ist's von ihr nippen, aber sich in sie versenken schlimm.
Dennoch duerfen die poetische Sittenlehre und die Anweisung zur Redekunst,
die sich unter den Catonischen Schriften befanden, angesehen werden als die
roemische Quintessenz oder, wenn man lieber will, das roemische Caput mortuum
der griechischen Philosophie und Rhetorik. Die naechsten Quellen Catos waren
fuer das Sittengedicht neben der selbstverstaendlichen Anpreisung der einfachen
Vaetersitte vermutlich die Pythagoreischen Moralschriften, fuer das Rednerbuch
die Thukydideischen und besonders die Demosthenischen Reden, welche alle Cato
eifrig studierte. Von dem Geiste dieser Handbuecher kann man ungefaehr sich eine
Vorstellung machen nach der goldenen, von den Nachfahren oefter angefuehrten als
befolgten Regel fuer den Redner, "an die Sache zu denken und daraus die Worte
sich ergeben zu lassen" ^38.
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^38 Rem tene, verba sequentur.
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Aehnliche allgemein propaedeutische Handbuecher verfasste Cato auch fuer
die Heilkunst, die Kriegswissenschaft, die Landwirtschaft und die
Rechtswissenschaft, welche Disziplinen alle ebenfalls mehr oder minder unter
griechischem Einfluss standen. Wenn nicht die Physik und Mathematik, so fanden
doch die damit zusammenhaengenden Nuetzlichkeitswissenschaften bis zu einem
gewissen Grade Eingang in Rom. Am meisten gilt dies von der Medizin. Nachdem im
Jahre 535 (219) der erste griechische Arzt, der Peloponnesier Archagathos in Rom
sich niedergelassen und dort durch seine chirurgischen Operationen solches
Ansehen erworben hatte, dass ihm von Staats wegen ein Lokal angewiesen und das
roemische Buergerrecht geschenkt ward, stroemten seine Kollegen scharenweise
nach Italien. Cato freilich machte nicht bloss die fremden Heilkuenstler mit
einem Eifer herunter, der einer besseren Sache wuerdig war, sondern versuchte
auch, durch sein aus eigener Erfahrung und daneben wohl auch aus der
medizinischen Literatur der Griechen zusammengestelltes medizinisches
Hilfsbuechlein die gute alte Sitte wieder emporzubringen, wo der Hausvater
zugleich der Hausarzt war. Die Aerzte und das Publikum kuemmerten wie billig
sich wenig um dieses eigensinnige Gekeife; doch blieb das Gewerbe, eines der
eintraeglichsten, die es in Rom gab, Monopol der Auslaender, und Jahrhunderte
lang hat es in Rom nur griechische Aerzte gegeben.
Von der barbarischen Gleichgueltigkeit, womit man bisher in Rom die
Zeitmessung behandelt hatte, kam man wenigstens einigermassen zurueck. Mit der
Aufstellung der ersten Sonnenuhr auf dem roemischen Markt im Jahre 491 (263)
fing die griechische Stunde (/o/ra, hora) auch bei den Roemern an gebraucht zu
werden; freilich begegnete es dabei, dass man in Rom eine fuer das um vier Grade
suedlicher liegende Katane gearbeitete Sonnenuhr aufstellte und ein Jahrhundert
lang sich danach richtete. Gegen Ende dieser Epoche erscheinen einzelne vornehme
Maenner, die sich fuer mathematische Dinge interessierten. Manius Acilius
Glabrio (Konsul 563 191) versuchte der Kalenderverwirrung durch ein Gesetz zu
steuern, das dem Pontifikalkollegium gestattete, nach Ermessen Schaltmonate
einzulegen und wegzulassen; wenn dies seinen Zweck verfehlte, ja uebel aerger
machte, so lag die Ursache davon wohl weniger in dem Unverstand als in der
Gewissenlosigkeit der roemischen Theologen. Auch der griechisch gebildete Marcus
Fulvius Nobilior (Konsul 565 189) gab sich Muehe wenigstens um allgemeine
Kundmachung des roemischen Kalenders. Gaius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166),
der nicht bloss die Mondfinsternis von 586 (168) vorhergesagt, sondern auch
ausgerechnet hatte, wie weit es von der Erde bis zum Monde sei und der selbst
als astronomischer Schriftsteller aufgetreten zu sein scheint, wurde deshalb von
seinen Zeitgenossen als ein Wunder des Fleisses und des Scharfsinnes angestaunt.
Dass fuer die Landwirtschaft und die Kriegskunst zunaechst die ererbte und
die eigene Erfahrung massgebend war, versteht sich von selbst und spricht auch
in derjenigen der zwei Catonischen Anleitungen zur Landwirtschaft, die auf
unsere Zeit gekommen ist, sehr bestimmt sich aus. Dennoch fielen auch auf diesen
untergeordneten eben wie in den hoeheren geistigen Gebieten die Resultate der
griechischen und der lateinischen, ja selbst der phoenikischen Kultur zusammen
und kann schon darum die einschlagende auslaendische Literatur nicht ganz
unberuecksichtigt geblieben sein.
Dagegen gilt dasselbe nur in untergeordnetem Grade von der
Rechtswissenschaft. Die Taetigkeit der Rechtsgelehrten dieser Zeit ging noch
wesentlich auf in der Bescheidung der anfragenden Parteien und in der Belehrung
der juengeren Zuhoerer; doch bildete in dieser muendlichen Unterweisung schon
sich ein traditioneller Regelstamm und auch schriftstellerische Taetigkeit
mangelt nicht ganz. Wichtiger als Catos kuerzer Abriss wurde fuer die
Rechtswissenschaft das von Sextus Aelius Paetus, genannt der "Schlaue" (catus),
welcher der erste praktische Jurist seiner Zeit war und infolge dieser seiner
gemeinnuetzigen Taetigkeit zum Konsulat (556 198) und zur Zensur (560 194)
emporstieg, veroeffentlichte sogenannte "dreiteilige Buch", das heisst eine
Arbeit ueber die Zwoelf Tafeln, welche zu jedem Satze derselben eine
Erlaeuterung, hauptsaechlich wohl der veralteten und unverstaendlichen
Ausdruecke, und das entsprechende Klagformular hinzufuegte. Wenn dabei in jener
Glossierung der Einfluss der griechischen grammatischen Studien unleugbar
hervortritt, so knuepfte die Klagformulierung vielmehr an die aeltere Sammlung
des Appius und die ganze volkstuemliche und prozessualische Rechtsentwicklung
an.
Im allgemeinen tritt der Wissenschaftsbestand dieser Epoche mit grosser
Bestimmtheit hervor in der Gesamtheit jener von Cato fuer seinen Sohn
aufgesetzten Handbuecher, die als eine Art Enzyklopaedie in kurzen Saetzen
darlegen sollten, was ein "tuechtiger Mann" (vir bonus) als Redner, Arzt,
Landwirt, Kriegsmann und Rechtskundiger sein muesse. Ein Unterschied zwischen
propaedeutischen und Fachwissenschaften wurde noch nicht gemacht, sondern was
von der Wissenschaft ueberhaupt notwendig und nuetzlich erschien, von jedem
rechten Roemer gefordert. Ausgeschlossen ist dabei teils die lateinische
Grammatik, die also damals noch nicht diejenige formale Entwicklung gehabt haben
kann, welche der eigentliche wissenschaftliche Sprachunterricht voraussetzt,
teils die Musik und der ganze Kreis der mathematischen und physischen
Wissenschaften. Durchaus sollte in der Wissenschaft das unmittelbar Praktische,
aber auch nichts als dies und dieses moeglichst kurz und schlicht
zusammengefasst werden. Die griechische Literatur wurde dabei wohl benutzt, aber
nur um aus der Masse von Spreu und Wust einzelne brauchbare Erfahrungssaetze zu
gewinnen - "die griechischen Buecher muss man einsehen, aber nicht
durchstudieren", lautet einer von Catos Weidspruechen. So entstanden jene
haeuslichen Not- und Hilfsbuecher, die freilich mit der griechischen
Spitzfindigkeit und Unklarheit auch den griechischen Scharf- und Tiefsinn
austrieben, aber eben dadurch fuer die Stellung der Roemer zu den griechischen
Wissenschaften fuer alle Zeiten massgebend geworden sind.
So zog denn mit der Weltherrschaft zugleich Poesie und Literatur in Rom
ein, oder, mit einem Dichter der ciceronischen Zeit zu reden:
Als wir Hannibal bezwungen, nahte mit beschwingtem Schritt
Der Quiriten hartem Volke sich die Mus' im Kriegsgewand.
Auch in den sabellisch und etruskisch redenden Landschaften wird es
gleichzeitig an geistiger Bewegung nicht gemangelt haben. Wenn Trauerspiele in
etruskischer Sprache erwaehnt werden, wenn Tongefaesse mit oskischen Inschriften
Bekanntschaft ihrer Verfertiger mit der griechischen Komoedie verraten, so
draengt die Frage sich auf, ob nicht gleichzeitig mit Naevius und Cato auch am
Arnus und Volturnus eine gleich der roemischen hellenisierende Literatur in der
Bildung begriffen gewesen ist. Indes jede Kunde darueber ist verschollen, und
die Geschichte kann hier nur die Luecke bezeichnen.
Die roemische Literatur, ueber die allein uns ein Urteil noch verstattet
ist, wie problematisch ihr absoluter Wert dem Aesthetiker erscheinen mag, bleibt
dennoch fuer denjenigen, der die Geschichte Roms erkennen will, von einzigem
Wert als das Spiegelbild des inneren Geisteslebens Italiens in dem
waffenklirrenden und zukunftsvollen sechsten Jahrhundert, in welchem die
italische Entwicklung abschloss und das Land anfing einzutreten in die
allgemeinere der antiken Zivilisation. Auch in ihr herrscht diejenige
Zwiespaeltigkeit, die ueberall in dieser Epoche das Gesamtleben der Nation
durchdringt und die Uebergangszeit charakterisiert. Ueber die Mangelhaftigkeit
der hellenistisch-roemischen Literatur kann kein unbefangenes und durch den
ehrwuerdigen Rost zweier Jahrtausende unbeirrtes Auge sich taeuschen. Die
roemische Literatur steht neben der griechischen wie die deutsche Orangerie
neben dem sizilischen Orangenwald; man kann an beiden sich erfreuen, aber
nebeneinander sie auch nur zu denken, geht nicht an. Womoeglich noch
entschiedener als von der roemischen Schriftstellerei in der fremden Sprache
gilt dies von derjenigen in der Muttersprache der Latiner; zu einem sehr grossen
Teil ist dieselbe gar nicht das Werk von Roemern, sondern von Fremdlingen, von
Halbgriechen, Kelten, bald auch Afrikanern, die das Latein sich erst aeusserlich
angeeignet hatten - unter denen, die in dieser Zeit als Dichter vor das Publikum
traten, ist nicht bloss, wie gesagt, nicht ein nachweislich vornehmer Mann,
sondern auch keiner, dessen Heimat erweislich das eigentliche Latium waere.
Selbst die Benennung des Dichters ist auslaendisch; schon Ennius nennt sich mit
Nachdruck einen Poeten ^39. Aber diese Poesie ist nicht bloss auslaendisch,
sondern sie ist auch mit allen denjenigen Maengeln behaftet, welche da sich
einfinden, wo die Schulmeister schriftstellern und der grosse Haufe das Publikum
ausmacht. Es ist gezeigt worden, wie die Komoedie durch die Ruecksicht auf die
Menge kuenstlerisch vergroebert wurde, ja in poebelhafte Roheit verfiel; es ist
ferner gezeigt worden, dass zwei der einflussreichsten roemischen Schriftsteller
zunaechst Schulmeister und erst folgeweise Poeten waren, und dass, waehrend die
griechische erst nach dem Abbluehen der volkstuemlichen Literatur erwachsene
Philologie nur am toten Koerper experimentierte, in Latium Begruendung der
Grammatik und Grundlegung der Literatur, fast wie bei den heutigen
Heidenmissionen, von Haus aus Hand in Hand gegangen sind. In der Tat, wenn man
diese hellenistische Literatur des sechsten Jahrhunderts unbefangen ins Auge
fasst, jene handwerksmaessige, jeder eigenen Produktivitaet bare Poesie, jene
durchgaengige Nachahmung eben der flachsten Kunstgattungen des Auslandes, jenes
Uebersetzungsrepertoire, jenen Wechselbalg von Epos, so fuehlt man sich versucht
sie rein zu den Krankheitssymptomen dieser Epoche zu rechnen.
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^39 Vgl. 2, 445:
Enni poeta salve, qui mortalibus
Versus propinas flammeos medullitus.
Die Bildung des Namens poeta aus dem vulgar-griechischen po/e/t/e/s statt
poi/e/t/e/s - wie epo/e/sen den attischen Toepfern gelaeufig war - ist
charakteristisch. Uebrigens bezeichnet poeta technisch nur den Verfasser
epischer und rezitativer Gedichte, nicht den Buehnendichter, welcher in dieser
Zeit vielmehr scriba heisst (Fest. v. scriba, p. 333 M.).
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Dennoch wuerde ein solches Urteil, wenn nicht ungerecht, doch nur sehr
einseitig gerecht sein. Vor allen Dingen ist wohl zu bedenken, dass diese
gemachte Literatur in einer Nation emporkam, die nicht bloss keine
volkstuemliche Dichtkunst besass, sondern auch nie mehr zu einer solchen
gelangen konnte. In dem Altertum, welchem die moderne Poesie des Individuums
fremd ist, faellt die schoepferisch poetische Taetigkeit wesentlich in die
unbegreifliche Zeit des Werdebangens und der Werdelust der Nation; unbeschadet
der Groesse der griechischen Epiker und Tragiker darf man es aussprechen, dass
ihr Dichten wesentlich bestand in der Redaktion der uralten Erzaehlungen von
menschlichen Goettern und goettlichen Menschen. Diese Grundlage der antiken
Poesie mangelte in Latium gaenzlich; wo die Goetterwelt gestaltlos und die Sage
nichtig blieb, konnten auch die goldenen Aepfel der Poesie freiwillig nicht
gedeihen. Hierzu kommt ein Zweites und Wichtigeres. Die innerliche geistige
Entwicklung wie die aeusserliche staatliche Entfaltung Italiens waren
gleichmaessig auf einem Punkte angelangt, wo es nicht laenger moeglich war, die
auf dem Ausschluss aller hoeheren und individuellen Geistesbildung beruhende
roemische Nationalitaet festzuhalten und den Hellenismus von sich abzuwehren.
Zunaechst auf dieser allerdings revolutionaeren und denationalisierenden, aber
fuer die notwendige geistige Ausgleichung der Nationen unerlaesslichen
Propaganda des Hellenismus in Italien beruht die geschichtliche und selbst die
dichterische Berechtigung der roemisch-hellenistischen Literatur. Es ist aus
ihrer Werkstatt nicht ein einziges neues und echtes Kunstwerk hervorgegangen,
aber sie hat den geistigen Horizont von Hellas ueber Italien erstreckt. Schon
rein aeusserlich betrachtet setzt die griechische Poesie bei dem Hoerer eine
gewisse Summe positiver Kenntnisse voraus. Die voellige Abgeschlossenheit in
sich, die zu den wesentlichsten Eigentuemlichkeiten zum Beispiel des
Shakespeareschen Dramas gehoert, ist der antiken Dichtung fremd; wem der
griechische Sagenkreis nicht bekannt ist, der wird fuer jede Rhapsodie wie fuer
jede Tragoedie den Hintergrund und oft selbst das gemeine Verstaendnis
vermissen. Wenn dem roemischen Publikum dieser Zeit, wie das die Plautinischen
Lustspiele zeigen, die Homerischen Gedichte und die Heraklessagen einigermassen
gelaeufig und von den uebrigen Mythen wenigstens die allgemeingueltigen bekannt
waren ^40, so wird diese Kunde neben der Schule zunaechst durch die Buehne ins
Publikum gedrungen und damit zum Verstaendnis der hellenischen Dichtung
wenigstens ein Anfang gemacht sein. Aber weit tiefer noch wirkte, worauf schon
die geistreichsten Literatoren des Altertums mit Recht den Ton gelegt haben, die
Einbuergerung griechischer Dichtersprache und griechischer Masse in Latium. Wenn
"das besiegte Griechenland den rauhen Sieger durch die Kunst ueberwand", so
geschah dies zunaechst dadurch, dass dem ungefuegen lateinischen Idiom eine
gebildete und gehobene Dichtersprache abgewonnen ward, dass anstatt der
eintoenigen und gehackten Saturnier der Senar floss und der Hexameter rauschte,
dass die gewaltigen Tetrameter, die jubelnden Anapaeste, die kunstvoll
verschlungenen lyrischen Rhythmen das lateinische Ohr in der Muttersprache
trafen. Die Dichtersprache ist der Schluessel zu der idealen Welt der Poesie,
das Dichtmass der Schluessel zu der poetischen Empfindung; wem das beredte
Beiwort stumm und das lebendige Gleichnis tot ist, wem die Takte der Daktylen
und Jamben nicht innerlich erklingen, fuer den haben Homer und Sophokles umsonst
gedichtet. Man sage nicht, dass das poetische und rhythmische Gefuehl sich von
selber verstehen. Die idealen Empfindungen sind freilich von der Natur in die
Menschenbrust gepflanzt, aber um zu keimen brauchen sie guenstigen
Sonnenscheins; und vor allem in der poetisch wenig angeregten latinischen Nation
bedurften sie auch aeusserlicher Pflege. Man sage auch nicht, dass bei der
weitverbreiteten Kenntnis der griechischen Sprache deren Literatur fuer das
empfaengliche roemische Publikum ausgereicht haette. Der geheimnisvolle Zauber,
den die Sprache ueber den Menschen ausuebt und von dem Dichtersprache und
Rhythmus nur Steigerungen sind, haengt nicht jeder zufaellig angelernten,
sondern einzig der Muttersprache an. Von diesem Gesichtspunkt aus wird man die
hellenistische Literatur und namentlich die Poesie der Roemer dieser Zeit
gerechter beurteilen. Wenn ihr Bestreben darauf hinausging, den Euripideischen
Radikalismus nach Rom zu verpflanzen, die Goetter entweder in verstorbene
Menschen oder in gedachte Begriffe aufzuloesen, ueberhaupt dem
denationalisierten Hellas ein denationalisiertes Latium an die Seite zu setzen
und alle rein und scharf entwickelten Volkstuemlichkeiten in den problematischen
Begriff der allgemeinen Zivilisation aufzuloesen, so steht diese Tendenz
erfreulich oder widerwaertig zu finden in eines jeden Belieben, in niemandes
aber, ihre historische Notwendigkeit zu bezweifeln. Von diesem Gesichtspunkte
aus laesst selbst die Mangelhaftigkeit der roemischen Poesie zwar nimmermehr
sich verleugnen, aber sich erklaeren und damit gewissermassen sich
rechtfertigen. Wohl geht durch sie hindurch ein Missverhaeltnis zwischen dem
geringfuegigen und oft verhunzten Inhalt und der verhaeltnismaessig vollendeten
Form, aber die eigentliche Bedeutung dieser Poesie war auch eben formeller und
vor allen Dingen sprachlicher und metrischer Art. Es war nicht schoen, dass die
Poesie in Rom vorwiegend in den Haenden von Schulmeistern und Auslaendern und
vorwiegend Uebersetzung oder Nachdichtung war; aber wenn die Poesie zunaechst
nur eine Bruecke von Latium nach Hellas schlagen sollte, so waren Livius und
Ennius allerdings berufen zum poetischen Pontifikat in Rom und die
Uebersetzungsliteratur das einfachste Mittel zum Ziele. Es war noch weniger
schoen, dass die roemische Poesie sich mit Vorliebe auf die verschliffensten und
geringhaltigsten Originale warf; aber in diesem Sinne war es zweckgemaess.
Niemand wird die Euripideische Poesie der Homerischen an die Seite stellen
wollen; aber geschichtlich betrachtet sind Euripides und Menander voellig ebenso
die Bibel des kosmopolitischen Hellenismus wie die 'Ilias' und die 'Odyssee'
diejenige des volkstuemlichen Hellenentums, und insofern hatten die Vertreter
dieser Richtung guten Grund, ihr Publikum vor allem in diesen Literaturkreis
einzufuehren. Zum Teil mag auch das instinktmaessige Gefuehl der beschraenkten
poetischen Kraft die roemischen Bearbeiter bewogen haben, sich vorzugsweise an
Euripides und Menander zu halten und den Sophokles und gar den Aristophanes
beiseite liegen zu lassen; denn waehrend die Poesie wesentlich national und
schwer zu verpflanzen ist, so sind Verstand und Witz, auf denen die
Euripideische wie die Menandrische Dichtung beruhte, von Haus aus
kosmopolitisch. Immer verdient es noch ruehmliche Anerkennung, dass die
roemischen Poeten des sechsten Jahrhunderts nicht an die hellenische
Tagesliteratur oder den sogenannten Alexandrinismus sich anschlossen, sondern
lediglich in der aelteren klassischen Literatur, wenn auch nicht gerade in deren
reichsten und reinsten Bereichen, ihre Muster sich suchten. Ueberhaupt, wie
unzaehlige falsche Akkommodationen und kunstwidrige Missgriffe man auch
denselben nachweisen mag, es sind eben nur diejenigen Versuendigungen an dem
Evangelium, welche das nichts weniger als reinliche Missionsgeschaeft mit
zwingender Notwendigkeit begleiten; und sie werden geschichtlich und selbst
aesthetisch einigermassen aufgewogen durch den von dem Propagandatum ebenso
unzertrennlichen Glaubenseifer. Ueber das Evangelium mag man anders urteilen als
Ennius getan; aber wenn es bei dem Glauben nicht so sehr darauf ankommt, was,
als wie geglaubt wird, so kann auch den roemischen Dichtern des sechsten
Jahrhunderts Anerkennung und Bewunderung nicht versagt werden. Ein frisches und
maechtiges Gefuehl fuer die Gewalt der hellenischen Weltliteratur, eine heilige
Sehnsucht, den Wunderbaum in das fremde Land zu verpflanzen, durchdrangen die
gesamte Poesie des sechsten Jahrhunderts und flossen in eigentuemlicher Weise
zusammen mit dem durchaus gehobenen Geiste dieser grossen Zeit. Der spaetere
gelaeuterte Hellenismus sah auf die poetischen Leistungen derselben mit einer
gewissen Verachtung herab; eher vielleicht haette er zu den Dichtern hinaufsehen
moegen, die bei aller Unvollkommenheit doch in einem innerlicheren Verhaeltnis
zu der griechischen Poesie standen und der echten Dichtkunst naeher kamen als
ihre hoeher gebildeten Nachfahren. In der verwegenen Nacheiferung, in den
klingenden Rhythmen, selbst in dem maechtigen Dichterstolz der Poeten dieser
Zeit ist mehr als in irgendeiner anderen Epoche der roemischen Literatur eine
imponierende Grandiositaet, und auch wer ueber die Schwaechen dieser Poesie sich
nicht taeuscht, darf das stolze Wort auf sie anwenden, mit dem sie selber sich
gefeiert hat, dass sie den Sterblichen
das Feuerlied kredenzt hat aus der tiefen Brust.
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^40 Aus dem troischen und dem Herakles-Kreise kommen selbst untergeordnete
Figuren vor, zum Beispiel Talthybios (Stich. 305), Autolykos (Bacch. 275),
Parthaon (Men. 745). In den allgemeinsten Umrissen muessen ferner zum Beispiel
die thebanische und die Argonautensage, die Geschichten von Bellerophon (Bacch.
810), Pentheus (Merc. 467), Prokne und Philomele (Rud. 604), Sappho und Phaon
(Mil. 1247) bekannt gewesen sein.
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Wie die hellenisch-roemische Literatur dieser Zeit wesentlich tendenzioes
ist, so beherrscht die Tendenz auch ihr Widerspiel, die gleichzeitige nationale
Schriftstellerei. Wenn jene nichts mehr und nichts weniger wollte, als die
latinische Nationalitaet durch Schoepfung einer lateinisch redenden, aber in
Form und Geist hellenischen Poesie vernichten, so musste eben der beste und
reinste Teil der latinischen Nation mit dem Hellenismus selbst die entsprechende
Literatur gleichfalls von sich werfen und in Acht und Bann tun. Man stand zu
Catos Zeit in Rom der griechischen Literatur gegenueber ungefaehr wie in der
Zeit der Caesaren dem Christentum: Freigelassene und Fremde bildeten den Kern
der poetischen wie spaeter den Kern der christlichen Gemeinde; der Adel der
Nation und vor allem die Regierung sahen in der Poesie wie im Christentum
lediglich feindliche Maechte; ungefaehr aus denselben Ursachen sind Plautus und
Ennius von der roemischen Aristokratie zum Gesindel gestellt und die Apostel und
Bischoefe von der roemischen Regierung hingerichtet worden. Natuerlich war es
auch hier vor allem Cato, der die Heimat gegen die Fremde mit Lebhaftigkeit
vertrat. Die griechischen Literaten und Aerzte sind ihm der gefaehrlichste
Abschaum des grundverdorbenen Griechenvolks ^41, und mit unaussprechlicher
Verachtung werden die roemischen Baenkelsaenger von ihm behandelt. Man hat ihn
und seine Gesinnungsgenossen deswegen oft und hart getadelt und allerdings sind
die Aeusserungen seines Unwillens nicht selten bezeichnet von der ihm eigenen
schroffen Borniertheit; bei genauerer Erwaegung indes wird man nicht bloss im
einzelnen ihm wesentlich Recht geben, sondern auch anerkennen muessen, dass die
nationale Opposition auf diesem Boden mehr als irgendwo sonst ueber die
Unzulaenglichkeit der bloss ablehnenden Verteidigung hinausgegangen ist. Wenn
sein juengerer Zeitgenosse Aulus Postumius Albinus, der durch sein widerliches
Hellenisieren den Hellenen selbst zum Gespoett ward und der zum Beispiel schon
griechische Verse zimmerte - wenn dieser Albinus sich in der Vorrede zu seinem
Geschichtswerk wegen des mangelhaften Griechisch damit verteidigte, dass er ein
geborener Roemer sei, war da die Frage nicht voellig an ihrem Orte, ob er
rechtskraeftig verurteilt worden sei, Dinge zu treiben, .die er nicht verstehe?
oder waren etwa die Gewerbe des fabrikmaessigen Komoedienuebersetzers und des um
Brot und Protektion singenden Heldendichters vor zweitausend Jahren ehrenhafter,
als sie es jetzt sind? oder hatte Cato nicht Ursache, es dem Nobilior
vorzuruecken, dass er den Ennius, welcher uebrigens in seinen Versen die
roemischen Potentaten ohne Ansehen der Person glorifizierte und auch den Cato
selbst mit Lob ueberhaeufte, als den Saenger seiner kuenftigen Grosstaten mit
sich nach Ambrakia nahm? oder nicht Ursache die Griechen, die er in Rom und
Athen kennenlernte, ein unverbesserlich elendes Gesindel zu schelten? Diese
Opposition gegen die Bildung der Zeit und den Tageshellenismus war wohl
berechtigt; einer Opposition aber gegen die Bildung und das Hellenentum
ueberhaupt hat Cato keineswegs sich schuldig gemacht. Vielmehr ist es das
hoechste Lob der Nationalpartei, dass auch sie mit grosser Klarheit die
Notwendigkeit begriff, eine lateinische Literatur zu erschaffen und dabei die
Anregungen des Hellenismus ins Spiel zu bringen; nur sollte ihrer Absicht nach
die lateinische Schriftstellerei nicht nach der griechischen abgeklatscht und
der roemischen Volkstuemlichkeit aufgezwaengt, sondern unter griechischer
Befruchtung der italischen Nationalitaet gemaess entwickelt werden. Mit einem
genialen Instinkt, der weniger von der Einsicht der einzelnen als von dem
Schwung der Epoche ueberhaupt zeugt, erkannte man, dass fuer Rom bei dem
gaenzlichen Mangel der poetischen Vorschoepfung der einzige Stoff zur
Entwicklung eines eigenen geistigen Lebens in der Geschichte lag. Rom war, was
Griechenland nicht war, ein Staat; und auf dieser gewaltigen Empfindung beruht
sowohl der kuehne Versuch, den Naevius machte, mittels der Geschichte zu einem
roemischen Epos und einem roemischen Schauspiel zu gelangen, als auch die
Schoepfung der lateinischen Prosa durch Cato. Das Beginnen freilich, die Goetter
und Heroen der Sage durch Roms Koenige und Konsuln zu ersetzen, gleicht dem
Unterfangen der Giganten, mit aufeinander getuermten Bergen den Himmel zu
stuermen; ohne eine Goetterwelt gibt es kein antikes Epos und kein antikes
Drama, und die Poesie kennt keine Surrogate. Maessiger und verstaendiger
ueberliess Cato die eigentliche Poesie als unrettbar verloren der Gegenpartei,
obwohl sein Versuch, nach dem Muster der aelteren roemischen, des appischen
Sitten- und des Ackerbaugedichts eine didaktische Poesie in nationalem Versmass
zu erschaffen, wenn nicht dem Erfolge, doch der Absicht nach bedeutsam und
achtungswert bleibt. Einen guenstigeren Boden gewaehrte ihm die Prosa, und er
hat denn auch die ganze ihm eigene Vielseitigkeit und Energie daran gesetzt,
eine prosaische Literatur in der Muttersprache zu erschaffen. Es ist dies
Bestreben nur um so roemischer und nur um so achtbarer, als er sein Publikum
zunaechst im Familienkreise erblickte und als er damit in seiner Zeit ziemlich
alleinstand. So entstanden seine 'Ursprungsgeschichten', seine aufgezeichneten
Staatsreden, seine fachwissenschaftlichen Werke. Allerdings sind sie vom
nationalen Geiste getragen und bewegen sich in nationalen Stoffen; allein sie
sind nichts weniger als antihellenisch, sondern vielmehr wesentlich, nur
freilich in anderer Art als die Schriften der Gegenpartei, unter griechischem
Einfluss entstanden. Die Idee und selbst der Titel seines Hauptwerkes ist den
griechischen "Gruendungsgeschichten" (ktiseis) entlehnt. Dasselbe gilt von
seiner Redeschriftstellerei - er hat den Isokrates verspottet, aber vom
Thukydides und Demosthenes zu lernen versucht. Seine 'Enzyklopaedie' ist
wesentlich das Resultat seines Studiums der griechischen Literatur. Von allem,
was der ruehrige und patriotische Mann angegriffen hat, ist nichts folgenreicher
und nichts seinem Vaterlande nuetzlicher gewesen als diese von ihm selbst wohl
verhaeltnismaessig gering angeschlagene literarische Taetigkeit. Er fand
zahlreiche und wuerdige Nachfolger in der Rede- und der wissenschaftlichen
Schriftstellerei; und wenn auf seine originellen, in ihrer Art wohl der
griechischen Logographie vergleichbaren 'Ursprungsgeschichten' auch kein Herodot
und Thukydides gefolgt ist, so ward es doch von ihm und durch ihn festgestellt,
dass die literarische Beschaeftigung mit den Nuetzlichkeitswissenschaften wie
mit der Geschichte fuer den Roemer nicht bloss ehrenhaft, sondern ehrenvoll sei.
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^41 "Von diesen Griechen", heisst es bei ihm, "werde ich an seinem Orte
sagen, mein Sohn Marcus, was ich zu Athen ueber sie in Erfahrung gebracht habe;
und will es beweisen, dass es nuetzlich ist, ihre Schriften einzusehen, nicht
sie durchzustudieren. Es ist eine grundverdorbene und unregierliche Rasse -
glaube mir, das ist wahr wie ein Orakel; und wenn das Volk seine Bildung
herbringt, so wird es alles verderben und ganz besonders, wenn es seine Aerzte
hierher schickt. Sie haben sich verschworen, alle Barbaren umzubringen mit
Arzeneiung, aber sie lassen sich dafuer noch bezahlen, damit man ihnen vertraue
und sie uns leicht zugrunde richten moegen. Auch uns nennen sie Barbaren, ja
schimpfen uns mit dem noch gemeineren Namen der Opiker. Auf die Heilkuenstler
also lege ich dir Acht und Bann."
Der eifrige Mann wusste nicht, dass der Name der Opiker, der im
Lateinischen eine schmutzige Bedeutung hat, im Griechischen ganz unverfaenglich
ist, und dass die Griechen auf die unschuldigste Weise dazu gekommen waren, die
Italiker mit demselben zu bezeichnen.
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Werfen wir schliesslich noch einen Blick auf den Stand der bauenden und
bildenden Kuenste, so macht, was die ersten anlangt, der beginnende Luxus sich

Book of the day: