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Rˆmische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen

Part 5 out of 9

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Tagfahrt in Korinth den Krieg erklaeren zu lassen und mit der Flotte und dem
roemisch-bundesgenoessischen Heere, darunter auch einem von Philippos gesandten
Kontingent und einer Abteilung lakedaemonischer Emigranten unter dem legitimen
Koenig von Sparta, Agesipolis, in den Peloponnes einzuruecken (559 195). Um den
Gegner durch die ueberwaeltigende Uebermacht sogleich zu erdruecken, wurden
nicht weniger als 50000 Mann auf die Beine gebracht und mit Vernachlaessigung
der uebrigen Staedte sogleich die Hauptstadt selbst umstellt; allein der
gewuenschte Erfolg ward dennoch nicht erreicht. Nabis hatte eine betraechtliche
Armee, bis 15000 Mann, darunter 5000 Soeldner, ins Feld gestellt und seine
Herrschaft durch ein vollstaendiges Schreckensregiment, die Hinrichtung in Masse
der ihm verdaechtigen Offiziere und Bewohner der Landschaft, aufs neue
befestigt. Sogar als er selber nach den ersten Erfolgen der roemischen Armee und
Flotte sich entschloss, nachzugeben und die von Flamininus ihm gestellten
verhaeltnismaessig sehr guenstigen Bedingungen anzunehmen, verwarf "das Volk",
das heisst das von Nabis in Sparta angesiedelte Raubgesindel, nicht mit Unrecht
die Rechenschaft nach dem Siege fuerchtend und getaeuscht durch obligate Luegen
ueber die Beschaffenheit der Friedensbedingungen und das Heranruecken der
Aetoler und der Asiaten, den von dem roemischen Feldherrn gebotenen Frieden, und
der Kampf begann aufs neue. Es kam zu einer Schlacht vor den Mauern und zu einem
Sturm auf dieselben; schon waren sie von den Roemern erstiegen, als das
Anzuenden der genommenen Strassen die Stuermenden wieder zur Umkehr zwang.
Endlich nahm denn doch der eigensinnige Widerstand ein Ende. Sparta behielt
seine Selbstaendigkeit und ward weder gezwungen, die Emigranten wieder
aufzunehmen, noch dem Achaeischen Bunde beizutreten; sogar die bestehende
monarchische Verfassung und Nabis selbst blieben unangetastet. Dagegen musste
Nabis seine auswaertigen Besitzungen, Argos, Messene, die kretischen Staedte und
ueberdies noch die ganze Kueste, abtreten, sich verpflichten, weder auswaertige
Buendnisse zu schliessen noch Krieg zu fuehren und keine anderen Schiffe zu
halten als zwei offene Kaehne, endlich alles Raubgut wieder abzuliefern, den
Roemern Geiseln zu stellen und eine Kriegskontribution zu zahlen. Den
spartanischen Emigranten wurden die Staedte an der lakonischen Kueste gegeben
und diese neue Volksgemeinde, die im Gegensatz zu den monarchisch regierten
Spartanern sich die der "freien Lakonen" nannte, angewiesen, in den Achaeischen
Bund einzutreten. Ihr Vermoegen erhielten die Emigrierten nicht zurueck, indem
die ihnen angewiesene Landschaft dafuer als Ersatz angesehen ward; wogegen
verfuegt wurde, dass ihre Weiber und Kinder nicht wider deren Willen in Sparta
zurueckgehalten werden sollten. Die Achaeer, obwohl sie durch diese Verfuegung
ausser Argos noch die freien Lakonen erhielten, waren dennoch wenig zufrieden;
sie hatten die Beseitigung des gefuerchteten und gehassten Nabis, die
Rueckfuehrung der Emigrierten und die Ausdehnung der achaeischen Symmachie auf
den ganzen Peloponnes erwartet. Der Unbefangene wird indes nicht verkennen, dass
Flamininus diese schwierigen Angelegenheiten so billig und gerecht regelte, wie
es moeglich ist, wo zwei beiderseits unbillige und ungerechte politische
Parteien sich gegenueberstehen. Bei der alten und tiefen Verfeindung zwischen
den Spartanern und Achaeern waere die Einverleibung Spartas in den Achaeischen
Bund einer Unterwerfung Spartas unter die Achaeer gleichgekommen, was der
Billigkeit nicht minder zuwiderlief als der Klugheit. Die Rueckfuehrung der
Emigranten und die vollstaendige Restauration eines seit zwanzig Jahren
beseitigten Regiments wuerde nur ein Schreckensregiment an die Stelle eines
anderen gesetzt haben; der Ausweg, den Flamininus ergriff, war eben darum der
rechte, weil er beide extreme Parteien nicht befriedigte. Endlich schien dafuer
gruendlich gesorgt, dass es mit dem spartanischen See- und Landraub ein Ende
hatte und das Regiment daselbst, wie es nun eben war, nur der eigenen Gemeinde
unbequem fallen konnte. Es ist moeglich, dass Flamininus, der den Nabis kannte
und wissen musste, wie wuenschenswert dessen persoenliche Beseitigung war, davon
abstand, um nur einmal zu Ende zu kommen und nicht durch unabsehbar sich
fortspinnende Verwicklungen den reinen Eindruck seiner Erfolge zu trueben;
moeglich auch, dass er ueberdies an Sparta ein Gegengewicht gegen die Macht der
Achaeischen Eidgenossenschaft im Peloponnes zu konservieren suchte. Indes der
erste Vorwurf trifft einen Nebenpunkt und in letzterer Hinsicht ist es wenig
wahrscheinlich, dass die Roemer sich herabliessen, die Achaeer zu fuerchten.
Aeusserlich wenigstens war somit zwischen den kleinen griechischen Staaten
Friede gestiftet. Aber auch die inneren Verhaeltnisse der einzelnen Gemeinden
gaben dem roemischen Schiedsrichter zu tun. Die Boeoter trugen ihre makedonische
Gesinnung selbst noch nach der Verdraengung der Makedonier aus Griechenland
offen zur Schau; nachdem Flamininus auf ihre Bitten ihren in Philippos' Diensten
gestandenen Landsleuten die Rueckkehr verstattet hatte, ward der entschiedenste
der makedonischen Parteigaenger, Brachyllas, zum Vorstand der Boeotischen
Genossenschaft erwaehlt und auch sonst Flamininus auf alle Weise gereizt. Er
ertrug es mit beispielloser Geduld: indes die roemisch gesinnten Boeoter, die
wussten, was nach dem Abzug der Roemer ihrer warte, beschlossen den Tod des
Brachyllas, und Flamininus, dessen Erlaubnis sie sich dazu erbitten zu muessen
glaubten, sagte wenigstens nicht nein. Brachyllas ward demnach ermordet; worauf
die Boeoter sich nicht begnuegten, die Moerder zu verfolgen, sondern auch den
einzeln durch ihr Gebiet passierenden roemischen Soldaten auflauerten und deren
an 500 erschlugen. Dies war denn doch zu arg; Flamininus legte ihnen eine Busse
von einem Talent fuer jeden Soldaten auf, und da sie diese nicht zahlten, nahm
er die naechstliegenden Truppen zusammen und belagerte Koroneia (558 196). Nun
verlegte man sich auf Bitten; in der Tat liess Flamininus auf die Verwendung der
Achaeer und Athener gegen eine sehr maessige Busse von den Schuldigen ab, und
obwohl die makedonische Partei fortwaehrend in der kleinen Landschaft am Ruder
blieb, setzten die Roemer ihrer knabenhaften Opposition nichts entgegen als die
Langmut der Uebermacht. Auch im uebrigen Griechenland begnuegte sich Flamininus,
soweit es ohne Gewalttaetigkeit anging, auf die inneren Verhaeltnisse namentlich
der neubefreiten Gemeinden einzuwirken, den Rat und die Gerichte in die Haende
der Reicheren und die antimakedonisch gesinnte Partei ans Ruder zu bringen und
die staedtischen Gemeinwesen dadurch, dass er das, was in jeder Gemeinde nach
Kriegsrecht an die Roemer gefallen war, zu dem Gemeindegut der betreffenden
Stadt schlug, moeglichst an das roemische Interesse zu knuepfen. Im Fruehjahr
560 (194) war die Arbeit beendigt: Flamininus versammelte noch einmal in Korinth
die Abgeordneten der saemtlichen griechischen Gemeinden, ermahnte sie zu
verstaendigem und maessigem Gebrauch der ihnen verliehenen Freiheit und erbat
sich als einzige Gegengabe fuer die Roemer, dass man die italischen Gefangenen,
die waehrend des Hannibalischen Krieges nach Griechenland verkauft worden waren,
binnen dreissig Tagen ihm zusende. Darauf raeumte er die letzten Festungen, in
denen noch roemische Besatzung stand, Demetrias, Chalkis nebst den davon
abhaengigen kleineren Forts auf Euboea, und Akrokorinth, also die Rede der
Aetoler, dass Rom die Fesseln Griechenlands von Philippos geerbt, tatsaechlich
Luege strafend, und zog mit den saemtlichen roemischen Truppen und den befreiten
Gefangenen in die Heimat.
Nur von der veraechtlichen Unredlichkeit oder der schwaechlichen
Sentimentalitaet kann es verkannt werden, dass es mit der Befreiung
Griechenlands den Roemern vollkommen ernst war, und die Ursache, weshalb der
grossartig angelegte Plan ein so kuemmerliches Gebaeude lieferte, einzig zu
suchen ist in der vollstaendigen sittlichen und staatlichen Aufloesung der
hellenischen Nation. Es war nichts Geringes, dass eine maechtige Nation das
Land, welches sie sich gewoehnt hatte, als ihre Urheimat und als das Heiligtum
ihrer geistigen und hoeheren Interessen zu betrachten, mit ihrem maechtigen Arm
ploetzlich zur vollen Freiheit fuehrte und jeder Gemeinde desselben die
Befreiung von fremder Schatzung und fremder Besatzung und die unbeschraenkte
Selbstregierung verlieh; bloss die Jaemmerlichkeit sieht hierin nichts als
politische Berechnung. Der politische Kalkuel machte den Roemern die Befreiung
Griechenlands moeglich, zur Wirklichkeit wurde sie durch die eben damals in Rom
und vor allem in Flamininus selbst unbeschreiblich maechtigen hellenischen
Sympathien. Wenn ein Vorwurf die Roemer trifft, so ist es der, dass sie alle und
vor allem den Flamininus, der die wohlbegruendeten Bedenken des Senats
ueberwand, der Zauber des hellenischen Namens hinderte, die Erbaermlichkeit des
damaligen griechischen Staatenwesens in ihrem ganzen Umfang zu erkennen, und
dass sie all den Gemeinden, die mit ihren in sich und gegeneinander gaerenden
ohnmaechtigen Antipathien weder zu handeln noch sich ruhig zu halten verstanden,
ihr Treiben auch ferner gestatteten. Wie die Dinge einmal standen, war es
vielmehr noetig, dieser ebenso kuemmerlichen als schaedlichen Freiheit durch
eine an Ort und Stelle dauernd anwesende Uebermacht ein- fuer allemal ein Ende
zu machen; die schwaechliche Gefuehlspolitik war bei all ihrer scheinbaren
Humanitaet weit grausamer, als die strengste Okkupation gewesen sein wuerde. In
Boeotien zum Beispiel musste Rom einen politischen Mord, wenn nicht veranlassen,
doch zulassen, weil man sich einmal entschlossen hatte, die roemischen Truppen
aus Griechenland wegzuziehen und somit den roemisch gesinnten Griechen nicht
wehren konnte, dass sie landueblicher Weise sich selber halfen. Aber auch Rom
selbst litt unter den Folgen dieser Halbheit. Der Krieg mit Antiochos waere
nicht entstanden ohne den politischen Fehler der Befreiung Griechenlands, und er
waere ungefaehrlich geblieben ohne den militaerischen Fehler, aus den
Hauptfestungen an der europaeischen Grenze die Besatzungen wegzuziehen. Die
Geschichte hat eine Nemesis fuer jede Suende, fuer den impotenten Freiheitsdrang
wie fuer den unverstaendigen Edelmut.
9. Kapitel
Der Krieg gegen Antiochos von Asien
In dem Reiche Asien trug das Diadem der Seleukiden seit dem Jahre 531 (223)
der Koenig Antiochos der Dritte, der Urenkel des Begruenders der Dynastie. Auch
er war gleich Philippos mit neunzehn Jahren zur Regierung gekommen und hatte
Taetigkeit und Unternehmungsgeist genug namentlich in seinen ersten Feldzuegen
im Osten entwickelt, um ohne allzu arge Laecherlichkeit im Hofstil der Grosse zu
heissen. Mehr indes durch die Schlaffheit seiner Gegner, namentlich des
aegyptischen Philopator, als durch seine eigene Tuechtigkeit war es ihm
gelungen, die Integritaet der Monarchie einigermassen wiederherzustellen und
zuerst die oestlichen Satrapien Medien und Parthyene, dann auch den von Achaeos
diesseits des Tauros in Kleinasien begruendeten Sonderstaat wieder mit der Krone
zu vereinigen. Ein erster Versuch, das schmerzlich entbehrte syrische
Kuestenland den Aegyptern zu entreissen, war im Jahre der Trasimenischen
Schlacht von Philopator bei Raphia blutig zurueckgewiesen worden, und Antiochos
hatte sich wohl gehuetet, mit Aegypten den Streit wieder aufzunehmen, solange
dort ein Mann, wenn auch ein schlaffer, auf dem Thron sass. Aber nach
Philopators Tode (549 205) schien der rechte Augenblick gekommen, mit Aegypten
ein Ende zu machen; Antiochos verband sich zu diesem Zweck mit Philippos und
hatte sich auf Koilesyrien geworfen, waehrend dieser die kleinasiatischen
Staedte angriff. Als die Roemer hier intervenierten, schien es einen Augenblick,
als werde Antiochos gegen sie mit Philippos gemeinschaftliche Sache machen, wie
die Lage der Dinge und der Buendnisvertrag es mit sich brachten. Allein nicht
weitsichtig genug, um ueberhaupt die Einmischung der Roemer in die
Angelegenheiten des Ostens sofort mit aller Energie zurueckzuweisen, glaubte
Antiochos seinen Vorteil am besten zu wahren, wenn er Philippos' leicht
vorauszusehende Ueberwaeltigung durch die Roemer dazu nutzte, um das Aegyptische
Reich, das er mit Philippos hatte teilen wollen, nun fuer sich allein zu
gewinnen. Trotz der engen Beziehungen Roms zu dem alexandrinischen Hof und dem
koeniglichen Muendel hatte doch der Senat keineswegs die Absicht, wirklich, wie
er sich nannte, dessen "Beschuetzer" zu sein; fest entschlossen, sich um die
asiatischen Angelegenheiten nicht anders als im aeussersten Notfall zu
bekuemmern und den Kreis der roemischen Macht mit den Saeulen des Herakles und
dem Hellespont zu begrenzen, liess er den Grosskoenig machen. Mit der Eroberung
des eigentlichen Aegypten, die leichter gesagt als getan war, mochte es freilich
diesem selbst nicht recht ernst sein; dagegen ging er daran, die auswaertigen
Besitzungen Aegyptens eine nach der andern zu unterwerfen und griff zunaechst
die kilikischen sowie die syrischen und palaestinensischen an. Der grosse Sieg,
den er im Jahre 556 (198) am Berge Panion bei den Jordanquellen ueber den
aegyptischen Feldherrn Skopas erfocht, gab ihm nicht bloss den vollstaendigen
Besitz dieses Gebiets bis an die Grenze des eigentlichen Aegypten, sondern
schreckte die aegyptischen Vormuender des jungen Koenigs so sehr, dass
dieselben, um Antiochos vom Einruecken in Aegypten abzuhalten, sich zum Frieden
bequemten und durch das Verloebnis ihres Muendels mit der Tochter des Antiochos,
Kleopatra, den Frieden besiegelten. Nachdem also das naechste Ziel erreicht war,
ging Antiochos in dem folgenden Jahr, dem der Schlacht von Kynoskephalae, mit
einer starken Flotte von 100 Deck- und 100 offenen Schiffen nach Kleinasien, um
die ehemals aegyptischen Besitzungen an der Sued- und Westkueste Kleinasiens in
Besitz zu nehmen - wahrscheinlich hatte die aegyptische Regierung diese
Distrikte, die faktisch in Philippos' Haenden waren, im Frieden an Antiochos
abgetreten und ueberhaupt auf die saemtlichen auswaertigen Besitzungen zu dessen
Gunsten verzichtet - und um ueberhaupt die kleinasiatischen Griechen wieder zum
Reiche zu bringen. Zugleich sammelte sich ein starkes syrisches Landheer in
Sardes.
Dieses Beginnen war mittelbar gegen die Roemer gerichtet, welche von Anfang
an Philippos die Bedingung gestellt hatten, seine Besatzungen aus Kleinasien
wegzuziehen und den Rhodiern und Pergamenern ihr Gebiet, den Freistaedten die
bisherige Verfassung ungekraenkt zu lassen, und nun an Philippos' Stelle sich
Antiochos derselben bemaechtigen sehen mussten. Unmittelbar aber sahen sich
Attalos und die Rhodier jetzt von Antiochos durchaus mit derselben Gefahr
bedroht, die sie wenige Jahre zuvor zum Kriege gegen Philippos getrieben hatte;
und natuerlich suchten sie die Roemer in diesen Krieg ebenso wie in den eben
beendigten zu verwickeln. Schon 555/56 (199/98) hatte Attalos von den Roemern
militaerische Hilfe begehrt gegen Antiochos, der sein Gebiet besetzt habe,
waehrend Attalos' Truppen in dem roemischen Kriege beschaeftigt seien. Die
energischeren Rhodier erklaerten sogar dem Koenig Antiochos, als im Fruehjahr
557 (197) dessen Flotte an der kleinasiatischen Kueste hinauf segelte, dass sie
die Ueberschreitung der Chelidonischen Inseln (an der lykischen Kueste) als
Kriegserklaerung betrachten wuerden, und als Antiochos sich hieran nicht kehrte,
hatten sie, ermutigt durch die eben eintreffende Kunde von der Schlacht bei
Kynoskephalae, sofort den Krieg begonnen und die wichtigsten karischen Staedte
Kaunos, Halikarnassos, Myndos, ferner die Insel Samos in der Tat vor dem Koenig
geschuetzt. Auch von den halbfreien Staedten hatten zwar die meisten sich
demselben gefuegt, allein einige derselben, namentlich die wichtigen Staedte
Smyrna, Alexandreia, Trogs und Lampsakos hatten auf die Kunde von der
Ueberwaeltigung Philipps gleichfalls Mut bekommen, sich dem Syrer zu
widersetzen, und ihre dringenden Bitten vereinigten sich mit denen der Rhodier.
Es ist nicht zu bezweifeln, dass Antiochos, soweit er ueberhaupt faehig war,
einen Entschluss zu fassen und festzuhalten, schon jetzt es bei sich
festgestellt hatte, nicht bloss die aegyptischen Besitzungen in Asien an sich zu
bringen, sondern auch in Europa fuer sich zu erobern und einen Krieg deswegen
mit Rom wo nicht zu suchen, doch es darauf ankommen zu lassen. Die Roemer hatten
insofern alle Ursache, jenem Ansuchen ihrer Bundesgenossen zu willfahren und in
Asien unmittelbar zu intervenieren; aber sie bezeigten sich dazu wenig geneigt.
Nicht bloss zauderte man, solange der Makedonische Krieg waehrte, und gab dem
Attalos nichts als den Schutz diplomatischer Verwendung, die uebrigens zunaechst
sich wirksam erwies; sondern auch nach dem Siege sprach man wohl es aus, dass
die Staedte, die Ptolemaeos und Philippos in Haenden gehabt, nicht von Antiochos
sollten in Besitz genommen werden, und die Freiheit der asiatischen Staedte
Myrina, Abydos, Lampsakos ^1, Kios figurierte in den roemischen Aktenstuecken,
allein man tat nicht das Geringste, um sie durchzusetzen und liess es geschehen,
dass Koenig Antiochos die gute Gelegenheit des Abzugs der makedonischen
Besatzungen aus denselben benutzte, um die seinigen hineinzulegen. Ja man ging
so weit, sich selbst dessen Landung in Europa im Fruehjahr 557 (197) und sein
Einruecken in den Thrakischen Chersonesos gefallen zu lassen, wo er Sestos und
Madytos in Besitz nahm und laengere Zeit verwandte auf die Zuechtigung der
thrakischen Barbaren und die Wiederherstellung des zerstoerten Lysimacheia, das
er zu seinem Hauptwaffenplatz und zur Hauptstadt der neugegruendeten Satrapie
Thrakien ausersehen hatte. Flamininus, in dessen Haenden die Leitung dieser
Angelegenheiten sich befand, schickte wohl nach Lysimacheia an den Koenig
Gesandte, die von der Integritaet des aegyptischen Gebiets und von der Freiheit
der saemtlichen Hellenen redeten; allein es kam dabei nichts heraus. Der Koenig
redete wiederum von seinen unzweifelhaften Rechtstiteln auf das alte, von seinem
Ahnherrn Seleukos eroberte Reich des Lysimachos, setzte auseinander, dass er
nicht beschaeftigt sei, Land zu erobern, sondern einzig die Integritaet seines
angestammten Gebiets zu wahren, und lehnte die roemische Vermittlung in seinen
Streitigkeiten mit den ihm untertaenigen Staedten in Kleinasien ab. Mit Recht
konnte er hinzufuegen, dass mit Aegypten bereits Friede geschlossen sei und es
den Roemern insofern an einem formellen Grund fehle zu intervenieren ^2. Die
ploetzliche Heimkehr des Koenigs nach Asien, veranlasst durch die falsche
Nachricht von dem Tode des jungen Koenigs von Aegypten und die dadurch
hervorgerufenen Projekte einer Landung auf Kypros oder gar in Alexandreia,
beendigte die Konferenzen, ohne dass man auch nur zu einem Abschluss, geschweige
denn zu einem Resultat gekommen waere. Das folgende Jahr 559 (195) kam Antiochos
wieder nach Lysimacheia mit verstaerkter Flotte und Armee und beschaeftigte sich
mit der Einrichtung der neuen Satrapie, die er seinem Sohne Seleukos bestimmte;
in Ephesos kam Hannibal zu ihm, der von Karthago hatte landfluechtig werden
muessen, und der ungemein ehrenvolle Empfang, der ihm zuteil ward, war so gut
wie eine Kriegserklaerung gegen Rom. Nichtsdestoweniger zog noch im Fruehjahr
560 (194) Flamininus saemtliche roemische Besatzungen aus Griechenland heraus.
Es war dies unter den obwaltenden Verhaeltnissen wenigstens eine arge
Verkehrtheit, wenn nicht ein straefliches Handeln wider das eigene bessere
Wissen; denn der Gedanke laesst sich nicht abweisen, dass Flamininus, um nur den
Ruhm des gaenzlich beendigten Krieges und des befreiten Hellas ungeschmaelert
heimzubringen, sich begnuegte, das glimmende Feuer des Aufstandes und des
Krieges vorlaeufig oberflaechlich zu verschuetten. Der roemische Staatsmann
mochte vielleicht recht haben, wenn er jeden Versuch, Griechenland unmittelbar
in roemische Botmaessigkeit zu bringen und jede Intervention der Roemer in die
asiatischen Angelegenheiten fuer einen politischen Fehler erklaerte; aber die
gaerende Opposition in Griechenland, der schwaechliche Uebermut des Asiaten, das
Verweilen des erbitterten Roemerfeindes, der schon den Westen gegen Rom in
Waffen gebracht hatte, im syrischen Hauptquartier, alles dies waren deutliche
Anzeichen des Herannahens einer neuen Schilderhebung des hellenischen Ostens,
deren Ziel mindestens sein musste, Griechenland aus der roemischen Klientel in
die der antiroemisch gesinnten Staaten zu bringen und, wenn dies erreicht worden
waere, sofort sich weiter gesteckt haben wuerde. Es ist einleuchtend, dass Rom
dies nicht geschehen lassen konnte. Indem Flamininus, all jene sicheren
Kriegsanzeichen ignorierend, aus Griechenland die Besatzungen wegzog und
gleichzeitig dennoch an den Koenig von Asien Forderungen stellte, fuer die
marschieren zu lassen er nicht gesonnen war, tat er in Worten zu viel, was in
Taten zu wenig und vergass seiner Feldherrn- und Buergerpflicht ueber der
eigenen Eitelkeit, die Rom den Frieden und den Griechen in beiden Weltteilen die
Freiheit geschenkt zu haben wuenschte und waehnte.
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^1 Nach einem kuerzlich aufgefundenen Dekret der Stadt Lampsakos (AM 6,
1891, S. 95) schickten die Lampsakener nach der Niederlage Philipps Gesandte an
den roemischen Senat mit der Bitte, dass die Stadt in den zwischen Rom und dem
Koenig (Philippos) abgeschlossenen Vertrag mit einbezogen werden moege (op/o/s
symperil/e/phth/o/men [en tais synth/e/kais] tais genomenais R/o/maiois pros ton
[basilea]), welche der Senat, wenigstens nach der Auffassung der Bittsteller,
denselben gewaehrte und sie im uebrigen an Flamininus und die zehn Gesandten
wies. Von diesem erbitten dann dieselben in Korinth Garantie ihrer Verfassung
und Briefe an die Koenige. Flamininus gibt ihnen auch dergleichen Schreiben;
ueber den Inhalt erfahren wir nichts Genaueres, als dass in dem Dekret die
Gesandtschaft als erfolgreich bezeichnet wird. Aber wenn der Senat und
Flamininus die Autonomie und Demokratie der Lampsakener formell und positiv
garantiert haetten, wuerde das Dekret schwerlich so ausfuehrlich bei den
hoeflichen Antworten verweilen, welche die unterwegs um Verwendung bei dem Senat
angesprochenen roemischen Befehlshaber den Gesandten erteilten.
Bemerkenswert ist in dieser Urkunde noch die gewiss auf die troische
Legende zurueckgehende "Bruederschaft" der Lampsakener und der Roemer und die
von jenen mit Erfolg angerufene Vermittlung der Bundesgenossen und Freunde Roms,
der Massalioten, welche mit den Lampsakenern durch die gemeinsame Mutterstadt
Phokaea verbunden waren.
^2 Das bestimmte Zeugnis des Hieronymos, welcher das Verloebnis der
syrischen Kleopatra mit Ptolemaeos Epiphanes in das Jahr 556 (198) setzt, in
Verbindung mit den Andeutungen bei Livius (33, 40) und Appian (Syr. 3) und mit
dem wirklichen Vollzug der Vermaehlung im Jahre 561 (193) setzen es ausser
Zweifel dass die Einmischung der Roemer in die aegyptischen Angelegenheiten in
diesem Fall eine formell unberufene war.
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Antiochos nuetzte die unerwartete Frist, um im Innern und mit seinen
Nachbarn die Verhaeltnisse zu befestigen, bevor er den Krieg beginnen wuerde, zu
dem er seinerseits entschlossen war und immer mehr es ward, je mehr der Feind zu
zoegern schien. Er vermaehlte jetzt (561 193) dem jungen Koenig von Aegypten
dessen Verlobte, seine Tochter Kleopatra; dass er zugleich seinem Schwiegersohn
die Rueckgabe der ihm entrissenen Provinzen versprochen habe, ward zwar spaeter
aegyptischerseits behauptet, allein wahrscheinlich mit Unrecht, und jedenfalls
blieb faktisch das Land bei dem Syrischen Reiche ^3. Er bot dem Eumenes, der im
Jahre 557 (197) seinem Vater Attalos auf dem Thron von Pergamon gefolgt war, die
Zurueckgabe der ihm abgenommenen Staedte und gleichfalls eine seiner Toechter
zur Gemahlin, wenn er von dem roemischen Buendnis lassen wolle. Ebenso
vermaehlte er eine Tochter dem Koenig Ariarathes von Kappadokien und gewann die
Galater durch Geschenke, waehrend er die stets aufruehrerischen Pisidier und
andere kleine Voelkerschaften mit den Waffen bezwang. Den Byzantiern wurden
ausgedehnte Privilegien bewilligt; in Hinsicht der kleinasiatischen Staedte
erklaerte der Koenig, dass er die Unabhaengigkeit der alten Freistaedte wie
Rhodos und Kyzikos, zugestehen und hinsichtlich der uebrigen sich begnuegen
wolle mit einer bloss formellen Anerkennung seiner landesherrlichen Gewalt; er
gab sogar zu verstehen, dass er bereit sei, sich dem Schiedsspruch der Rhodier
zu unterwerfen. Im europaeischen Griechenland war er der Aetoler gewiss und
hoffte auch Philippos wieder unter die Waffen zu bringen. Ja es erhielt ein Plan
Hannibals die koenigliche Genehmigung, wonach dieser von Antiochos eine Flotte
von 100 Segeln und ein Landheer von 10000 Mann zu Fuss und 1000 Reitern erhalten
und damit zuerst in Karthago den Dritten Punischen und sodann in Italien den
Zweiten Hannibalischen Krieg erwecken sollte; tyrische Emissaere gingen nach
Karthago, um die Schilderhebung daselbst einzuleiten. Man hoffte endlich auf
Erfolge der spanischen Insurrektion, die eben als Hannibal Karthago verliess auf
ihrem Hoehepunkt stand.
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^3 Wir haben dafuer das Zeugnis des Polybios (28, 1), das die weitere
Geschichte Judaeas vollkommen bestaetigt; Eusebios (chron. p. 117 Mai) irrt,
wenn er Philometor zum Herrn von Syrien macht. Allerdings finden wir, dass um
567 (187) syrische Steuerpaechter ihre Abgaben nach Alexandreia zahlen (Ios.
ant. Iud. 12, 4, 7); allein ohne Zweifel geschah dies unbeschadet der
Souveraenitaetsrechte nur deswegen, weil die Mitgift der Kleopatra auf diese
Stadtgefaelle angewiesen war; und eben daher entsprang spaeter vermutlich der
Streit.
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Waehrend also von langer Hand und im weitesten Umfang der Sturm gegen Rom
vorbereitet ward, waren es wie immer die in diese Unternehmung verwickelten
Hellenen, die am wenigsten bedeuteten und am wichtigsten und ungeduldigsten
taten. Die erbitterten und uebermuetigen Aetoler fingen nachgerade selber an zu
glauben, dass Philippos von ihnen und nicht von den Roemern ueberwunden worden
sei, und konnten es gar nicht erwarten, dass Antiochos in Griechenland
einruecke. Ihre Politik ist charakterisiert durch die Antwort, die ihr Strateg
bald darauf dem Flamininus gab, da derselbe eine Abschrift der Kriegserklaerung
gegen Rom begehrte: die werde er selber ihm ueberbringen, wenn das aetolische
Heer am Tiber lagern werde. Die Aetoler machten die Geschaeftstraeger des
syrischen Koenigs fuer Griechenland und taeuschten beide Teile, indem sie dem
Koenig vorspiegelten, dass alle Hellenen die Arme nach ihm als ihrem rechten
Erloeser, ausstreckten, und denen, die in Griechenland auf sie hoeren wollten,
dass die Landung des Koenigs naeher sei, als sie wirklich war. So gelang es
ihnen in der Tat, den einfaeltigen Eigensinn des Nabis zum Losschlagen zu
bestimmen und damit in Griechenland das Kriegsfeuer zwei Jahre nach Flamininus'
Entfernung, im Fruehling 562 (192) wieder anzufachen; allein sie verfehlten
damit ihren Zweck. Nabis warf sich auf Gythion, eine der durch den letzten
Vertrag an die Achaeer gekommenen Staedte der freien Lakonen und nahm sie ein,
allein der kriegserfahrene Strateg, der Achaeer Philopoemen, schlug ihn an den
Barbosthenischen Bergen und kaum den vierten Teil seines Heeres brachte der
Tyrann wieder in seine Hauptstadt zurueck, in der Philopoemen ihn einschloss. Da
ein solcher Anfang freilich nicht genuegte, um Antiochos nach Europa zufuehren,
beschlossen die Aetoler, sich selber in den Besitz von Sparta, Chalkis und
Demetrias zu setzen und durch den Gewinn dieser wichtigen Staedte den Koenig zur
Einschiffung zu bestimmen. Zunaechst gedachte man sich Spartas dadurch zu
bemaechtigen, dass der Aetoler Alexamenos, unter dem Vorgeben, bundesmaessigen
Zuzug zu bringen, mit 1000 Mann in die Stadt einrueckend, bei dieser Gelegenheit
den Nabis aus dem Wege raeume und die Stadt besetze. Es geschah so und Nabis
ward bei einer Heerschau erschlagen; allein als die Aetoler darauf, um die Stadt
zu pluendern, sich zerstreuten, fanden die Lakedaemonier Zeit sich zu sammeln
und machten sie bis auf den letzten Mann nieder. Die Stadt liess darauf von
Philopoemen sich bestimmen, in den Achaeischen Bund einzutreten. Nachdem den
Aetolern dies loebliche Projekt also verdientermassen nicht bloss gescheitert
war, sondern gerade den entgegengesetzten Erfolg gehabt hatte, fast den ganzen
Peloponnes in den Haenden der Gegenpartei zu einigen, ging es ihnen auch in
Chalkis wenig besser, indem die roemische Partei daselbst gegen die Aetoler und
die chalkidischen Verbannten die roemisch gesinnten Buergerschaften von Eretria
und Karystos auf Euboea rechtzeitig herbeirief. Dagegen glueckte die Besetzung
von Demetrias, da die Magneten, denen die Stadt zugefallen war, nicht ohne Grund
fuerchteten, dass sie von den Roemern dem Philippos als Preis fuer die Hilfe
gegen Antiochos versprochen sei; es kam hinzu, dass mehrere Schwadronen
aetolischer Reiter unter dem Vorwende, dem Eurylochos, dem zurueckgerufenen
Haupt der Opposition gegen Rom, das Geleite zu geben, sich in die Stadt
einzuschleichen wussten. So traten die Magneten halb freiwillig, halb gezwungen
auf die Seite der Aetoler, und man saeumte nicht, dies bei dem Seleukiden
geltend zu machen.
Antiochos entschloss sich. Der Bruch mit Rom, so sehr man auch bemueht war,
ihn durch das diplomatische Palliativ der Gesandtschaften hinauszuschieben,
liess sich nicht laenger vermeiden. Schon im Fruehling 561 (193) hatte
Flamininus, der fortfuhr, im Senat in den oestlichen Angelegenheiten das
entscheidende Wort zu haben, gegen die Boten des Koenigs Menippos und Hegesianax
das roemische Ultimatum ausgesprochen: entweder aus Europa zu weichen und in
Asien nach seinem Gutduenken zu schalten, oder Thrakien zu behalten und das
Schutzrecht der Roemer ueber Smyrna, Lampsakos und Alexandreia Troas sich
gefallen zu lassen. Dieselben Forderungen waren in Ephesos, dem Hauptwaffenplatz
und Standquartier des Koenigs in Kleinasien, im Fruehling 562 (192) noch einmal
zwischen Antiochos und den Gesandten des Senats Publius Sulpicius und Publius
Villius, verhandelt worden, und von beiden Seiten hatte man sich getrennt mit
der Ueberzeugung, dass eine friedliche Einigung nicht mehr moeglich sei. In Rom
war seitdem der Krieg beschlossen. Schon im Sommer 562 (192) erschien eine
roemische Flotte von 30 Segeln mit 3000 Soldaten an Bord unter Aulus Atilius
Serranus vor Gythion, wo ihr Eintreffen den Abschluss des Vertrags zwischen den
Achaeern und Spartanern beschleunigte; die sizilische und italische Ostkueste
wurde stark besetzt, um gegen etwaige Landungsversuche gesichert zu sein; fuer
den Herbst ward in Griechenland ein Landheer erwartet. Flamininus bereiste im
Auftrag des Senats seit dem Fruehjahr 562 (192) Griechenland, um die Intrigen
der Gegenpartei zu hintertreiben und soweit moeglich die unzeitige Raeumung
Griechenlands wiedergutzumachen. Bei den Aetolern war es schon so weit gekommen,
dass die Tagsatzung foermlich den Krieg gegen Rom beschloss. Dagegen gelang es
dem Flamininus, Chalkis fuer die Roemer zu retten, indem er eine Besatzung von
500 Achaeern und 500 Pergamenern hineinwarf. Er machte ferner einen Versuch,
Demetrias wieder zu gewinnen; und die Magneten schwankten. Wenn auch einige
kleinasiatische Staedte, die Antiochos vor dem Beginn des grossen Krieges zu
bezwingen sich vorgenommen, noch widerstanden, er durfte jetzt nicht laenger mit
der Landung zoegern, wofern er nicht die Roemer all die Vorteile wiedergewinnen
lassen wollte, die sie durch die Wegziehung ihrer Besatzungen aus Griechenland
zwei Jahre zuvor aufgegeben hatten. Antiochos nahm die Schiffe und Truppen
zusammen, die er eben unter der Hand hatte - es waren nur 40 Deckschiffe und
10000 Mann zu Fuss nebst 500 Pferden und sechs Elefanten - und brach vom
thrakischen Chersonesos nach Griechenland auf, wo er im Herbst 562 (192) bei
Pteleon am Pagasaeischen Meerbusen an das Land stieg und sofort das nahe
Demetrias besetzte. Ungefaehr um dieselbe Zeit landete auch ein roemisches Heer
von etwa 25000 Mann unter dem Praetor Marcus Baebius bei Apollonia. Also war von
beiden Seiten der Krieg begonnen.
Es kam darauf an, wie weit jene umfassend angelegte Koalition gegen Rom,
als deren Haupt Antiochos auftrat, sich realisieren werde. Was zunaechst den
Plan betraf, in Karthago und Italien den Roemern Feinde zu erwecken, so traf
Hannibal wie ueberall so auch am Hof zu Ephesos das Los, seine grossartigen und
hochherzigen Plaene fuer kleinkraemerischer und niedriger Leute Rechnung
entworfen zu haben. Zu ihrer Ausfuehrung geschah nichts, als dass man einige
karthagische Patrioten kompromittierte; den Karthagern blieb keine andere Wahl,
als sich den Roemern unbedingt botmaessig zu erweisen. Die Kamarilla wollte eben
den Hannibal nicht - der Mann war der Hofkabale zu unbequem gross, und nachdem
sie allerlei abgeschmackte Mittel versucht hatte, zum Beispiel den Feldherrn,
mit dessen Namen die Roemer ihre Kinder schreckten, des Einverstaendnisses mit
den roemischen Gesandten zu bezichtigen, gelang es ihr, den grossen Antiochos,
der wie alle unbedeutenden Monarchen auf seine Selbstaendigkeit sich viel zugute
tat und mit nichts so leicht zu beherrschen war wie mit der Furcht, beherrscht
zu werden, auf den weisen Gedanken zu bringen, dass er sich nicht durch den
vielgenannten Mann duerfe verdunkeln lassen; worauf denn im hohen Rat
beschlossen ward, den Phoeniker kuenftig nur fuer untergeordnete Aufgaben und
zum Ratgeben zu verwenden, vorbehaltlich natuerlich den Rat nie zu befolgen.
Hannibal raechte sich an dem Gesindel, indem er jeden Auftrag annahm und jeden
glaenzend ausfuehrte.
In Asien hielt Kappadokien zu dem Grosskoenig; dagegen trat Prusias von
Bithynien wie immer auf die Seite des Maechtigeren. Koenig Eumenes blieb der
alten Politik seines Hauses getreu, die ihm erst jetzt die rechte Frucht tragen
sollte. Er hatte Antiochos' Anerbietungen nicht bloss beharrlich
zurueckgewiesen, sondern auch die Roemer bestaendig zu einem Kriege gedraengt,
von dem er die Vergroesserung seines Reiches erwartete. Ebenso schlossen die
Rhodier und die Byzantier sich ihren alten Bundesgenossen an. Auch Aegypten trat
auf die Seite Roms und bot Unterstuetzung an Zufuhr und Mannschaft an, welche
man indes roemischerseits nicht annahm.
In Europa kam es vor allem an auf die Stellung, die Philippos von
Makedonien einnehmen wuerde. Vielleicht waere es die richtige Politik fuer ihn
gewesen, sich, alles Geschehenen und nicht Geschehenen ungeachtet, mit Antiochos
zu vereinigen; allein Philippos ward in der Regel nicht durch solche
Ruecksichten bestimmt, sondern durch Neigung und Abneigung, und
begreiflicherweise traf sein Hass viel mehr den treulosen Bundesgenossen, der
ihn gegen den gemeinschaftlichen Feind im Stich gelassen hatte, um dafuer auch
seinen Anteil an der Beute einzuziehen und ihm in Thrakien ein laestiger Nachbar
zu werden, als seinen Besieger, der ihn ruecksichts- und ehrenvoll behandelt
hatte. Es kam hinzu, dass Antiochos durch Aufstellung abgeschmackter
Praetendenten auf die makedonische Krone und durch die prunkvolle Bestattung der
bei Kynoskephalae bleichenden makedonischen Gebeine den leidenschaftlichen Mann
tief verletzte. Er stellte seine ganze Streitmacht mit aufrichtigem Eifer den
Roemern zur Verfuegung. Ebenso entschieden wie die erste Macht Griechenlands
hielt die zweite, die Achaeische Eidgenossenschaft fest am roemischen Buendnis;
von den kleineren Gemeinden blieben ausserdem dabei die Thessaler und die
Athener, bei welchen letzteren eine von Flamininus in die Burg gelegte
achaeische Besatzung die ziemlich starke Patriotenpartei zur Vernunft brachte.
Die Epeiroten gaben sich Muehe, es womoeglich beiden Teilen recht zu machen.
Sonach traten auf Antiochos' Seite ausser den Aetolern und den Magneten, denen
ein Teil der benachbarten Perrhaeber sich anschloss, nur der schwache Koenig der
Athamanen, Amynander, der sich durch toerichte Aussichten auf die makedonische
Koenigskrone blenden liess, die Boeoter, bei denen die Opposition gegen Rom noch
immer am Ruder war, und im Peloponnes die Eleer und Messenier, gewohnt, mit den
Aetolern gegen die Achaeer zu stehen. Das war denn freilich ein erbaulicher
Anfang; und der Oberfeldherrntitel mit unumschraenkter Gewalt, den die Aetoler
dem Grosskoenig dekretierten, schien zu dem Schaden der Spott. Man hatte sich
eben wie gewoehnlich beiderseits belogen: statt der unzaehlbaren Scharen Asiens
fuehrte der Koenig eine Armee heran, kaum halb so stark wie ein gewoehnliches
konsularisches Heer, und statt der offenen Arme, die saemtliche Hellenen ihrem
Befreier vom roemischen Joch entgegenstrecken sollten, trugen ein paar
Klephtenhaufen und einige verliederlichte Buergerschaften dem Koenig
Waffenbruederschaft an.
Fuer den Augenblick freilich war Antiochos den Roemern im eigentlichen
Griechenland zuvorgekommen. Chalkis hatte Besatzung von den griechischen
Verbuendeten der Roemer und wies die erste Aufforderung zurueck; allein die
Festung ergab sich, als Antiochos mit seiner ganzen Macht davorrueckte, und eine
roemische Abteilung, die zu spaet kam, um sie zu besetzen, wurde beim Delion von
Antiochos vernichtet. Euboea also war fuer die Roemer verloren. Noch machte
schon im Winter Antiochos in Verbindung mit den Aetolern und Athamanen einen
Versuch, Thessalien zu gewinnen; die Thermopylen wurden auch besetzt, Pherae und
andere Staedte genommen, aber Appius Claudius kam mit 2000 Mann von Apollonia
heran, entsetzte Larisa und nahm hier Stellung. Antiochos, des Winterfeldzugs
muede, zog es vor, in sein lustiges Quartier nach Chalkis zurueckzugehen, wo es
hoch herging und der Koenig sogar trotz seiner fuenfzig Jahre und seiner
kriegerischen Plaene mit einer huebschen Chalkidierin Hochzeit machte. So
verstrich der Winter 562/63 (192/91), ohne dass Antiochos viel mehr getan haette
als in Griechenland hin- und herschreiben - er fuehre den Krieg mit Tinte und
Feder, sagte ein roemischer Offizier. Mit dem ersten Fruehjahr 563 (191) traf
der roemische Stab bei Apollonia ein, der Oberfeldherr Manius Acilius Glabrio,
ein Mann von geringer Herkunft, aber ein tuechtiger, von den Feinden wie von
seinen Soldaten gefuerchteter Feldherr, der Admiral Gaius Livius, unter den
Kriegstribunen Marcus Porcius Cato, der Ueberwinder Spaniens, und Lucius
Valerius Flaccus, die nach altroemischer Weise es nicht verschmaehten, obwohl
gewesene Konsuln, wieder als einfache Kriegstribune in das Heer einzutreten. Mit
sich brachten sie Verstaerkungen an Schiffen und Mannschaft, darunter numidische
Reiter und libysche Elefanten, von Massinissa gesendet, und die Erlaubnis des
Senats, von den ausseritalischen Verbuendeten bis zu 5000 Mann Hilfstruppen
anzunehmen, wodurch die Gesamtzahl der roemischen Streitkraefte auf etwa 40000
Mann stieg. Der Koenig, der im Anfang des Fruehjahrs sich zu den Aetolern
begeben und von da aus eine zwecklose Expedition nach Akarnanien gemacht hatte,
kehrte auf die Nachricht von Glabrios Landung in sein Hauptquartier zurueck, um
nun in allem Ernst den Feldzug zu beginnen. Allein durch seine und seiner
Stellvertreter in Asien Saumseligkeit waren unbegreiflicherweise ihm alle
Verstaerkungen ausgeblieben, so dass er nichts hatte als das schwache und nun
noch durch Krankheit und Desertion in den liederlichen Winterquartieren
dezimierte Heer, womit er im Herbst des vorigen Jahres bei Pteleon gelandet war.
Auch die Aetoler, die so ungeheure Massen hatten ins Feld stellen wollen,
fuehrten jetzt, da es galt, ihrem Oberfeldherrn nicht mehr als 4000 Mann zu. Die
roemischen Truppen hatten bereits die Operationen in Thessalien begonnen, wo die
Vorhut in Verbindung mit dem makedonischen Heer die Besatzungen des Antiochos
aus den thessalischen Staedten hinausschlug und das Gebiet der Athamanen
besetzte. Der Konsul mit der Hauptarmee folgte nach; die Gesamtmacht der Roemer
sammelte sich in Larisa. Statt eilig nach Asien zurueckzukehren und vor dem in
jeder Hinsicht ueberlegenen Feind das Feld zu raeumen, beschloss Antiochos, sich
in den von ihm besetzten Thermopylen zu verschanzen und dort die Ankunft des
grossen Heeres aus Asien abzuwarten. Er selbst stellte in dem Hauptpass sich auf
und befahl den Aetolern, den Hochpfad zu besetzen, auf welchem es einst Xerxes
gelungen war, die Spartaner zu umgehen. Allein nur der Haelfte des aetolischen
Zuzugs gefiel es, diesem Befehl des Oberfeldherrn nachzukommen; die uebrigen
2000 Mann warfen sich in die nahe Stadt Herakleia, wo sie an der Schlacht keinen
andern Teil nahmen, als dass sie versuchten, waehrend derselben das roemische
Lager zu ueberfallen und auszurauben. Auch die auf dem Gebirg postierten Aetoler
betrieben den Wachdienst laessig und widerwillig; ihr Posten auf dem Kallidromos
liess sich von Cato ueberrumpeln, und die asiatische Phalanx, die der Konsul
mittlerweile von vorn angegriffen hatte, stob auseinander, als ihr die Roemer
den Berg hinabeilend in die Flanke fielen. Da Antiochos fuer nichts gesorgt und
an den Rueckzug nicht gedacht hatte, so ward das Heer teils auf dem
Schlachtfeld, teils auf der Flucht vernichtet; kaum dass ein kleiner Haufen
Demetrias, und der Koenig selbst mit 500 Mann Chalkis erreichte. Eilig schiffte
er sich nach Ephesos ein; Europa war bis auf die thrakischen Besitzungen ihm
verloren und nicht einmal die Festungen laenger zu verteidigen. Chalkis ergab
sich an die Roemer, Demetrias an Philippos, dem als Entschaedigung fuer die fast
schon von ihm vollendete und dann auf Befehl des Konsuls aufgegebene Eroberung
der Stadt Lamia in Achaia Phthiotis die Erlaubnis ward, sich der saemtlichen zu
Antiochos uebergetretenen Gemeinden im eigentlichen Thessalien und selbst des
aetolischen Grenzgebiets, der dolopischen und aperantischen Landschaften, zu
bemaechtigen. Was sich in Griechenland fuer Antiochos ausgesprochen hatte,
eilte, seinen Frieden zu machen: die Epeiroten baten demuetig um Verzeihung fuer
ihr zweideutiges Benehmen, die Boeoter ergaben sich auf Gnade und Ungnade, die
Eleer und Messenier fuegten, die letzteren nach einigem Straeuben, sich den
Achaeern. Es erfuellte sich, was Hannibal dem Koenig vorhergesagt hatte, dass
auf die Griechen, die jedem Sieger sich unterwerfen wuerden, schlechterdings gar
nichts ankomme. Selbst die Aetoler versuchten, nachdem ihr in Herakleia
eingeschlossenes Korps nach hartnaeckiger Gegenwehr zur Kapitulation gezwungen
worden war, mit den schwer gereizten Roemern ihren Frieden zu machen; indes die
strengen Forderungen des roemischen Konsuls und eine rechtzeitig von Antiochos
einlaufende Geldsendung gaben ihnen den Mut, die Verhandlungen noch einmal
abzubrechen und waehrend zwei ganzer Monate die Belagerung in Naupaktos
auszuhalten. Schon war die Stadt aufs Aeusserste gebracht und die Erstuermung
oder die Kapitulation nicht mehr fern, als Flamininus, fortwaehrend bemueht,
jede hellenische Gemeinde vor den aergsten Folgen ihres eigenen Unverstandes und
vor der Strenge seiner rauheren Kollegen zu bewahren, sich ins Mittel schlug und
zunaechst einen leidlichen Waffenstillstand zustande brachte. Damit ruhten in
ganz Griechenland, vorlaeufig wenigstens, die Waffen.
Ein ernsterer Krieg stand in Asien bevor, den nicht so sehr der Feind, als
die weite Entfernung und die unsichere Verbindung mit der Heimat in sehr
bedenklichem Licht erscheinen liessen, waehrend doch bei Antiochos'
kurzsichtigem Eigensinn der Krieg nicht wohl anders als durch einen Angriff im
eigenen Lande des Feindes beendet werden konnte. Es galt zunaechst, sich der See
zu versichern. Die roemische Flotte, die waehrend des Feldzugs in Griechenland
die Aufgabe gehabt hatte, die Verbindung zwischen Griechenland und Kleinasien zu
unterbrechen, und der es auch gelungen war, um die Zeit der Schlacht bei den
Thermopylen einen starken asiatischen Transport bei Andros aufzugreifen, war
seitdem beschaeftigt, den Uebergang der Roemer nach Asien fuer das naechste Jahr
vorzubereiten und zunaechst die feindliche Flotte aus dem Aegaeischen Meer zu
vertreiben. Dieselbe lag im Hafen von Kyssus auf dem suedlichen Ufer der gegen
Chios auslaufenden Landzunge Ioniens; dort suchte die roemische sie auf,
bestehend aus 75 roemischen, 23 pergamenischen und sechs karthagischen
Deckschiffen unter der Fuehrung des Gaius Livius. Der syrische Admiral
Polyxenidas, ein rhodischer Emigrierter, hatte nur 70 Deckschiffe
entgegenzustellen; allein da die roemische Flotte noch die rhodischen Schiffe
erwartete und Polyxenidas auf die ueberlegene Seetuechtigkeit namentlich der
tyrischen und sidonischen Schiffe vertraute, nahm er den Kampf sogleich an. Zu
Anfang zwar gelang es den Asiaten, eines der karthagischen Schiffe zu versenken;
allein sowie es zum Entern kam, siegte die roemische Tapferkeit und nur der
Schnelligkeit ihrer Ruder und Segel verdankten es die Gegner, dass sie nicht
mehr als 23 Schiffe verloren. Noch waehrend des Nachsetzens stiessen zu der
roemischen Flotte 25 rhodische Schiffe und die Ueberlegenheit der Roemer in
diesen Gewaessern war nun zwiefach entschieden. Die feindliche Flotte verhielt
sich seitdem ruhig im Hafen von Ephesos, und da es nicht gelang, sie zu einer
zweiten Schlacht zu bestimmen, loeste die roemisch-bundesgenoessische Flotte
fuer den Winter sich auf; die roemischen Kriegsschiffe gingen nach dem Hafen von
Kane in der Naehe von Pergamon. Beiderseits war man waehrend des Winters fuer
den naechsten Feldzug Vorbereitungen zu treffen bemueht. Die Roemer suchten die
kleinasiatischen Griechen auf ihre Seite zu bringen: Smyrna, das alle Versuche
des Koenigs, der Stadt sich zu bemaechtigen, beharrlich zurueckgewiesen hatte,
nahm die Roemer mit offenen Armen auf und auch in Samos, Chios, Erythrae,
Klazomenae, Phokaea, Kyme und sonst gewann die roemische Partei die Oberhand.
Antiochos war entschlossen, den Roemern womoeglich den Uebergang nach Asien zu
wehren, weshalb er eifrig zur See ruestete und teils durch Polyxenidas die bei
Ephesos stationierende Flotte herstellen und vermehren, teils durch Hannibal in
Lykien, Syrien und Phoenikien eine neue Flotte ausruesten liess, ausserdem aber
ein gewaltiges Landheer aus allen Gegenden seines weitlaeufigen Reiches in
Kleinasien zusammentrieb. Frueh im naechsten Jahre (564 190) nahm die roemische
Flotte ihre Operationen wieder auf. Gaius Livius liess durch die rhodische
Flotte, die diesmal, 36 Segel stark, rechtzeitig erschienen war, die feindliche
auf der Hoehe von Ephesos beobachten und ging mit dem groessten Teil der
roemischen und den pergamenischen Schiffen nach dem Hellespont, um seinem
Auftrag gemaess durch die Wegnahme der Festungen daselbst den Uebergang des
Landheeres vorzubereiten. Schon war Sestos besetzt und Abydos aufs Aeusserste
gebracht, als ihn die Kunde von der Niederlage der rhodischen Flotte
zurueckrief. Der rhodische Admiral Pausistratos, eingeschlaefert durch die
Vorspiegelungen seines Landsmannes, von Antiochos abfallen zu wollen, hatte sich
im Hafen von Samos ueberrumpeln lassen, er selbst war gefallen, seine
saemtlichen Schiffe bis auf fuenf rhodische und zwei troische Segel waren
vernichtet, Samos, Phokaea, Kyme auf diese Botschaft zu Seleukos uebergetreten,
der in diesen Gegenden fuer seinen Vater den Oberbefehl zu Lande fuehrte. Indes
als die roemische Flotte teils von Kane, teils vom Hellespont herbeikam und nach
einiger Zeit zwanzig neue Schiffe der Rhodier bei Samos sich mit ihr
vereinigten, ward Polyxenidas abermals genoetigt, sich in den Hafen von Ephesos
einzuschliessen. Da er die angebotene Seeschlacht verweigerte und bei der
geringen Zahl der roemischen Mannschaften an einen Angriff von der Landseite
nicht zu denken war, blieb auch der roemischen Flotte nichts uebrig, als
gleichfalls sich bei Samos aufzustellen. Eine Abteilung ging inzwischen nach
Patara an die lykische Kueste, um teils den Rhodiern gegen die sehr
beschwerlichen, von dorther auf sie gerichteten Angriffe Ruhe zu verschaffen,
teils und vornehmlich, um die feindliche Flotte, die Hannibal heranfuehren
sollte, vom Aegaeischen Meer abzusperren. Als dieses Geschwader gegen Patara
nichts ausrichtete, erzuernte der neue Admiral Lucius Aemilius Regillus, der mit
20 Kriegsschiffen von Rom angelangt war und bei Samos den Gaius Livius abgeloest
hatte, sich darueber so sehr, dass er mit der ganzen Flotte dorthin aufbrach;
kaum gelang es seinen Offizieren, ihm unterwegs begreiflich zu machen, dass es
zunaechst nicht auf die Eroberung von Patara ankomme, sondern auf die
Beherrschung des Aegaeischen Meeres, und ihn zur Umkehr nach Samos zu bestimmen.
Auf dem kleinasiatischen Festland hatte mittlerweile Seleukos die Belagerung von
Pergamon begonnen, waehrend Antiochos mit dem Hauptheer das pergamenische Gebiet
und die Besitzungen der Mytilenaeer auf dem Festland verwuestete; man hoffte,
mit den verhassten Attaliden fertig zu werden, bevor die roemische Hilfe
erschien. Die roemische Flotte ging nach Elaea und dem Hafen von Adramyttion, um
den Bundesgenossen zu helfen; allein da es dem Admiral an Truppen fehlte,
richtete er nichts aus. Pergamon schien verloren; aber die schlaff und
nachlaessig geleitete Belagerung gestattete dem Eumenes, achaeische Hilfstruppen
unter Diophanes in die Stadt zu werfen, deren kuehne und glueckliche Ausfaelle
die mit der Belagerung beauftragten gallischen Soeldner des Antiochos dieselbe
aufzuheben zwangen. Auch in den suedlichen Gewaessern wurden die Entwuerfe des
Antiochos vereitelt. Die von Hannibal geruestete und gefuehrte Flotte versuchte,
nachdem sie lange durch die stehenden Westwinde zurueckgehalten worden war,
endlich in das Aegaeische Meer zu gelangen; allein an der Muendung des Eurymedon
vor Aspendos in Pamphylien traf sie auf ein rhodisches Geschwader unter Eudamos,
und in der Schlacht, die die beiden Flotten sich hier lieferten, trug ueber
Hannibals Taktik und ueber die numerische Ueberzahl die Vorzueglichkeit der
rhodischen Schiffe und Seeoffiziere den Sieg davon - es war dies die erste
Seeschlacht und die letzte Schlacht gegen Rom, die der grosse Karthager schlug.
Die siegreiche rhodische Flotte stellte darauf sich bei Patara auf und hemmte
hier die beabsichtigte Vereinigung der beiden asiatischen Flotten. Im
Aegaeischen Meer ward die roemisch-rhodische Flotte bei Samos, nachdem sie durch
die Entsendung der pergamenischen Schiffe in den Hellespont zur Unterstuetzung
des dort eben anlangenden Landheers sich geschwaecht hatte, nun ihrerseits von
der des Polyxenidas angegriffen, der jetzt neun Segel mehr zaehlte als der
Gegner. Am 23. Dezember des unberichtigten Kalenders, nach dem berichtigten etwa
Ende August 564 (190), kam es zur Schlacht am Vorgebirg Myonnesos zwischen Teos
und Kolophon; die Roemer durchbrachen die feindliche Schlachtlinie und
umzingelten den linken Fluegel gaenzlich, so dass 42 Schiffe von ihnen genommen
wurden oder sanken. Viele Jahrhunderte nachher verkuendigte den Roemern die
Inschrift in saturnischem Mass ueber dem Tempel der Seegeister, der zum Andenken
dieses Sieges auf dem Marsfeld erbaut ward, wie vor den Augen des Koenigs
Antiochos und seines ganzen Landheers die Flotte der Asiaten geschlagen worden
und die Roemer also "den grossen Zwist schlichteten und die Koenige bezwangen".
Seitdem wagten die feindlichen Schiffe nicht mehr, sich auf der offenen See zu
zeigen und versuchten nicht weiter, den Uebergang des roemischen Landheers zu
erschweren.
Zur Fuehrung des Krieges auf dem asiatischen Kontinent war in Rom der
Sieger von Zama ausersehen worden, der in der Tat den Oberbefehl fuehrte fuer
den nominellen Hoechstkommandierenden, seinen geistig unbedeutenden und
militaerisch unfaehigen Bruder Lucius Scipio. Die bisher in Unteritalien
stehende Reserve ward nach Griechenland, das Heer des Glabrio nach Asien
bestimmt; als es bekannt ward, wer dasselbe befehligen werde, meldeten sich
freiwillig 5000 Veteranen aus dem Hannibalischen Krieg, um noch einmal unter
ihrem geliebten Fuehrer zu fechten. Im roemischen Juli, nach der richtigen Zeit
im Maerz fanden die Scipionen sich bei dem Heere ein, um den asiatischen Feldzug
zu beginnen; allein man war unangenehm ueberrascht, als man statt dessen sich
zunaechst in einen endlosen Kampf mit den verzweifelnden Aetolern verwickelt
fand. Der Senat, der Flamininus' grenzenlose Ruecksichten gegen die Hellenen
uebertrieben fand, hatte den Aetolern die Wahl gelassen zwischen Zahlung einer
voellig unerschwinglichen Kriegskontribution und unbedingter Ergebung, was sie
aufs neue unter die Waffen getrieben hatte; es war nicht abzusehen, wann dieser
Gebirgs- und Festungskrieg zu Ende gehen werde. Scipio beseitigte das unbequeme
Hindernis durch Verabredung eines sechsmonatlichen Waffenstillstandes und trat
darauf den Marsch nach Asien an. Da die eine feindliche Flotte in dem
Aegaeischen Meere nur blockiert war und die zweite, die aus dem Suedmeer
herankam, trotz des mit ihrer Fernhaltung beauftragten Geschwaders taeglich dort
eintreffen konnte, schien es ratsam, den Landweg durch Makedonien und Thrakien
einzuschlagen und ueber den Hellespont zu gehen; hier waren keine wesentlichen
Hindernisse zu erwarten, da Koenig Philippos von Makedonien vollstaendig
zuverlaessig, auch Koenig Prusias von Bithynien mit den Roemern in Buendnis war
und die roemische Flotte leicht sich in der Meerenge festzusetzen vermochte. Der
lange und muehselige Weg laengs der makedonischen und thrakischen Kueste ward
ohne wesentlichen Verlust zurueckgelegt; Philippos sorgte teils fuer Zufuhr,
teils fuer freundliche Aufnahme bei den thrakischen Wilden. Indes hatte man
teils mit den Aetolern, teils auf dem Marsch soviel Zeit verloren, dass das Heer
erst etwa um die Zeit der Schlacht von Myonnesos an dem Thrakischen Chersonesos
anlangte. Aber Scipios wunderbares Glueck raeumte wie einst in Spanien und
Afrika so jetzt in Asien alle Schwierigkeiten vor ihm aus dem Wege. Auf die
Kunde von der Schlacht bei Myonnesos verlor Antiochos so vollstaendig den Kopf,
dass er in Europa die starkbesetzte und verproviantierte Festung Lysimacheia von
der Besatzung und der dem Wiederhersteller ihrer Stadt treu ergebenen
Einwohnerschaft raeumen liess und dabei sogar vergass, die Besatzungen aus Aenos
und Maroneia gleichfalls herauszuziehen, ja die reichen Magazine zu vernichten,
am asiatischen Ufer aber der Landung der Roemer nicht den geringsten Widerstand
entgegensetzte, sondern waehrend derselben sich in Sardes damit die Zeit
vertrieb, auf das Schicksal zu schelten. Es ist kaum zweifelhaft, dass, wenn er
nur bis zu dem nicht mehr fernen Ende des Sommers Lysimacheia haette verteidigen
und sein grosses Heer an den Hellespont vorruecken lassen, Scipio genoetigt
worden waere, auf dem europaeischen Ufer Winterquartier zu nehmen, in einer
militaerisch wie politisch keineswegs gesicherten Lage.
Waehrend die Roemer, am asiatischen Ufer ausgeschifft, einige Tage
stillstanden, um sich zu erholen und ihren durch religioese Pflichten
zurueckgehaltenen Fuehrer zu erwarten, trafen in ihrem Lager Gesandte des
Grosskoenigs ein, um ueber den Frieden zu unterhandeln. Antiochos bot die
Haelfte der Kriegskosten und die Abtretung seiner europaeischen Besitzungen
sowie der saemtlichen in Kleinasien zu Rom uebergetretenen griechischen Staedte;
allein Scipio forderte Kriegskosten und die Aufgebung von ganz Kleinasien. Jene
Bedingungen, erklaerte er, waeren annehmbar gewesen, wenn das Heer noch vor
Lysimacheia oder auch diesseits des Hellespont staende; jetzt aber reichten sie
nicht, wo das Ross schon den Zaum, ja den Reiter fuehle. Die Versuche des
Grosskoenigs, von dem feindlichen Feldherrn in morgenlaendischer Art den Frieden
durch Geldsummen zu erkaufen - er bot die Haelfte seiner Jahreseinkuenfte! -,
scheiterten wie billig; fuer die unentgeltliche Rueckgabe seines in
Gefangenschaft geratenen Sohnes gab der stolze Buerger dem Grosskoenig als Lohn
den Freundesrat, auf jede Bedingung Frieden zu schliessen. In der Tat stand es
nicht so; haette der Koenig sich zu entschliessen vermocht, den Krieg in die
Laenge und in das innere Asien zurueckweichend den Feind sich nachzuziehen, so
war ein guenstiger Ausgang noch keineswegs unmoeglich. Allein Antiochos, gereizt
durch den vermutlich berechneten Uebermut des Gegners und fuer jede dauernde und
konsequente Kriegfuehrung zu schlaff, eilte, seine ungeheure, aber ungleiche und
undisziplinierte Heermasse je eher desto lieber dem Stoss der roemischen
Legionen darzubieten. Im Tale des Hermos bei Magnesia am Sipylos unweit Smyrna
trafen im Spaetherbst 564 (190) die roemischen Truppen auf den Feind. Er zaehlte
nahe an 80000 Mann, darunter 12000 Reiter; die Roemer, die von Achaeern,
Pergamenern und makedonischen Freiwilligen etwa 5000 Mann bei sich hatten, bei
weitem nicht die Haelfte; allein sie waren des Sieges so gewiss, dass sie nicht
einmal die Genesung ihres krank in Elaea zurueckgebliebenen Feldherrn
abwarteten, an dessen Stelle Gnaeus Domitius das Kommando uebernahm. Um nur
seine ungeheure Truppenzahl aufstellen zu koennen, bildete Antiochos zwei
Treffen; im ersten stand die Masse der leichten Truppen, die Peltasten,
Bogentraeger, Schleuderer, die berittenen Schuetzen der Myser, Daher und
Elymaeer, die Araber auf ihren Dromedaren und die Sichelwagen; im zweiten hielt
auf den beiden Fluegeln die schwere Kavallerie (die Kataphrakten, eine Art
Kuerassiere), neben ihnen im Mitteltreffen das gallische und kappadokische
Fussvolk und im Zentrum die makedonisch bewaffnete Phalanx, 16000 Mann stark,
der Kern des Heeres, die aber auf dem engen Raum nicht Platz fand und sich in
Doppelgliedern 32 Mann tief aufstellen musste. In dem Zwischenraum der beiden
Treffen standen 54 Elefanten, zwischen die Haufen der Phalanx und der schweren
Reiterei verteilt. Die Roemer stellten auf den linken Fluegel, wo der Fluss
Deckung gab, nur wenige Schwadronen, die Masse der Reiterei und die saemtlichen
Leichtbewaffneten kamen auf den rechten, den Eumenes fuehrte; die Legionen
standen im Mitteltreffen. Eumenes begann die Schlacht damit, dass er seine
Schuetzen und Schleuderer gegen die Sichelwagen schickte mit dem Befehl, auf die
Bespannung zu halten; in kurzer Zeit waren nicht bloss diese zersprengt, sondern
auch die naechststehenden Kamelreiter mit fortgerissen; schon geriet sogar im
zweiten Treffen der dahinterstehende linke Fluegel der schweren Reiterei in
Verwirrung. Nun warf sich Eumenes mit der ganzen roemischen Reiterei, die 3000
Pferde zaehlte, auf die Soeldnerinfanterie, die im zweiten Treffen zwischen der
Phalanx und dem linken Fluegel der schweren Reiterei stand, und da diese wich,
flohen auch die schon in Unordnung geratenen Kuerassiere. Die Phalanx, die eben
die leichten Truppen durchgelassen hatte und sich fertig machte, gegen die
roemischen Legionen vorzugehen, wurde durch den Angriff der Reiterei in der
Flanke gehemmt und genoetigt, stehenzubleiben und nach beiden Seiten Front zu
machen, wobei die tiefe Aufstellung ihr wohl zustatten kam. Waere die schwere
asiatische Reiterei zur Hand gewesen, so haette die Schlacht wiederhergestellt
werden koennen, aber der linke Fluegel war zersprengt, und der rechte, den
Antiochos selber anfuehrte, hatte, die kleine, ihm gegenueberstehende roemische
Reiterabteilung vor sich hertreibend, das roemische Lager erreicht, wo man des
Angriffs sich mit grosser Muehe erwehrte. Darueber fehlten auf der Walstatt
jetzt im entscheidenden Augenblick die Reiter. Die Roemer hueteten sich wohl,
die Phalanx mit den Legionen anzugreifen, sondern sandten gegen sie die
Schuetzen und Schleuderer, denen in der dichtgedraengten Masse kein Geschoss
fehlging. Die Phalanx zog sich nichtsdestoweniger langsam und geordnet zurueck,
bis die in den Zwischenraeumen stehenden Elefanten scheu wurden und die Glieder
zerrissen. Damit loeste das ganze Heer sich auf in wilder Flucht; ein Versuch,
das Lager zu halten, misslang und mehrte nur die Zahl der Toten und Gefangenen.
Die Schaetzung des Verlustes des Antiochos auf 50000 Mann ist bei der
grenzenlosen Verwirrung nicht unglaublich; den Roemern, deren Legionen gar nicht
zum Schlagen gekommen waren, kostete der Sieg, der ihnen den dritten Weltteil
ueberlieferte, 24 Reiter und 300 Fusssoldaten. Kleinasien unterwarf sich, selbst
Ephesos, von wo der Admiral die Flotte eilig fluechten musste, und die
Residenzstadt Sardes. Der Koenig bat um Frieden und ging ein auf die von den
Roemern gestellten Bedingungen, die, wie gewoehnlich, keine anderen waren als
die vor der Schlacht gebotenen, als namentlich die Abtretung Kleinasiens
enthielten. Bis zu deren Ratifikation blieb das Heer in Kleinasien auf Kosten
des Koenigs, was ihm auf nicht weniger als 3000 Talente (5 Mill. Taler) zu
stehen kam. Antiochos selber nach seiner liederlichen Art verschmerzte bald den
Verlust der Haelfte seines Reiches; es sieht ihm gleich, dass er den Roemern
fuer die Abnahme der Muehe, ein allzugrosses Reich zu regieren, dankbar zu sein
behauptete. Aber Asien war mit dem Tage. von Magnesia aus der Reihe der
Grossstaaten gestrichen; und wohl niemals ist eine Grossmacht so rasch, so
voellig und so schmaehlich zugrunde gegangen wie das Seleukidenreich unter
diesem Antiochos dem Grossen. Er selbst ward bald darauf (567 187) in Elymais
oberhalb des Persischen Meerbusens bei der Pluenderung des Beltempels, mit
dessen Schaetzen er seine leeren Kassen zu fuellen gekommen war, von den
erbitterten Einwohnern erschlagen.
Die roemische Regierung hatte, nachdem der Sieg erfochten war, die
Angelegenheiten Kleinasiens und Griechenlands zu ordnen. Sollte hier die
roemische Herrschaft auf fester Grundlage errichtet werden, so genuegte dazu
keineswegs, dass Antiochos der Oberherrschaft in Vorderasien entsagt hatte. Die
politischen Verhaeltnisse daselbst sind oben dargelegt worden. Die griechischen
Freistaedte an der ionischen und aeolischen Kueste sowie das ihnen wesentlich
gleichartige pergamenische Koenigreich waren allerdings die natuerlichen Traeger
der neuen roemischen Obergewalt, die auch hier wesentlich auftrat als Schirmherr
der stammverwandten Hellenen. Aber die Dynasten im inneren Kleinasien und an der
Nordkueste des Schwarzen Meeres hatten den Koenigen von Asien laengst kaum noch
ernstlich gehorcht, und der Vertrag mit Antiochos allein gab den Roemern keine
Gewalt ueber das Binnenland. Es war unabweislich eine gewisse Grenze zu ziehen,
innerhalb deren der roemische Einfluss fortan massgebend sein sollte. Dabei fiel
vor allem ins Gewicht das Verhaeltnis der asiatischen Hellenen zu den seit einem
Jahrhundert daselbst angesiedelten Kelten. Diese hatten die kleinasiatischen
Landschaften foermlich unter sich verteilt und ein jeder der drei Gaue erhob in
seinem Brandschatzungsgebiet die festgesetzten Tribute. Wohl hatte die
Buergerschaft von Pergamon unter der kraeftigen Fuehrung ihrer dadurch zu
erblichem Fuerstentum gelangten Vorsteher sich des unwuerdigen Joches entledigt,
und die schoene Nachbluete der hellenischen Kunst, welche kuerzlich der Erde
wieder entstiegen ist, ist erwachsen aus diesen letzten, von nationalem
Buergersinn getragenen hellenischen Kriegen. Aber es war ein kraeftiger
Gegenschlag, kein entscheidender Erfolg; wieder und wieder hatten die Pergamener
ihren staedtischen Frieden gegen die Einfaelle der wilden Horden aus den
oestlichen Gebirgen mit den Waffen zu vertreten gehabt, und die grosse Mehrzahl
der uebrigen Griechenstaedte ist wahrscheinlich in der alten Abhaengigkeit
verblieben ^4. Wenn Roms Schirmherrschaft ueber die Hellenen auch in Asien mehr
als ein Name sein sollte, so musste dieser Tributpflichtigkeit ihrer neuen
Klienten ein Ziel gesetzt werden; und da die roemische Politik den Eigenbesitz
und die damit verknuepfte stehende Besetzung des Landes zur Zeit in Asien noch
viel mehr als auf der griechisch-makedonischen Halbinsel ablehnte, so blieb in
der Tat nichts anderes uebrig, als bis zu der Grenze, welche Roms Machtgebiet
gesteckt werden sollte, auch Roms Waffen zu tragen und bei den Kleinasiaten
ueberhaupt, vor allem aber in den Keltengauen die neue Oberherrlichkeit mit der
Tat einzusetzen.
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^4 Aus dem erwaehnten Dekret von Lampsakos geht mit ziemlicher Sicherheit
hervor, dass die Lampsakener bei den Massalioten nicht bloss Verwendung in Rom
erbaten, sondern auch Verwendung bei den Tolistoagiern (so heissen die sonst
Tolistoboger genannten Kelten in dieser Urkunde und in der pergamenischen
Inschrift CIG 3536, den aeltesten Denkmaelern, die sie erwaehnen). Danach sind
wahrscheinlich die Lampsakener noch um die Zeit des Philippischen Krieges diesem
Gau zinsbar gewesen (vgl. Liv. 38, 16).
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Dies hat der neue roemische Oberfeldherr Gnaeus Manlius Volso getan, der
den Lucius Scipio in Kleinasien abloeste. Es ist ihm dies zum schweren Vorwurf
gemacht worden; die der neuen Wendung der Politik abgeneigten Maenner im Senat
vermissten bei dem Kriege den Zweck wie den Grund. Den ersteren Tadel gegen
diesen Zug insbesondere zu erheben, ist nicht gerechtfertigt; derselbe war
vielmehr, nachdem der roemische Staat sich in die hellenischen Verhaeltnisse,
so, wie es geschehen war, eingemischt hatte, eine notwendige Konsequenz dieser
Politik. Ob das hellenische Gesamtpatronat fuer Rom das richtige war, kann
gewiss in Zweifel gezogen werden; aber von dem Standpunkt aus betrachtet, den
Flamininus und die von ihm gefuehrte Majoritaet nun einmal genommen hatten, war
die Niederwerfung der Galater in der Tat eine Pflicht der Klugheit wie der Ehre.
Besser begruendet ist der Vorwurf, dass es zur Zeit an einem rechten Kriegsgrund
gegen dieselben fehlte; denn eigentlich im Bunde mit Antiochos hatten sie nicht
gestanden, sondern ihn nur nach ihrem Brauch in ihrem Lande Mietstruppen
anwerben lassen. Aber dagegen fiel entscheidend ins Gewicht, dass die Sendung
einer roemischen Truppenmacht nach Asien der roemischen Buergerschaft nur unter
ganz ausserordentlichen Verhaeltnissen angesonnen werden konnte und, wenn einmal
eine derartige Expedition notwendig war, alles dafuer sprach, sie sogleich und
mit dem einmal in Asien stehenden siegreichen Heere auszufuehren. So wurde, ohne
Zweifel unter dem Einfluss des Flamininus und seiner Gesinnungsgenossen im
Senat, im Fruehjahr 565 (189) der Feldzug in das innere Kleinasien unternommen.
Der Konsul brach von Ephesos auf, brandschatzte die Staedte und Fuersten am
oberen Maeander und in Pamphylien ohne Mass und wandte sich darauf nordwaerts
gegen die Kelten. Der westliche Kanton derselben, die Tolistoager, hatte sich
auf den Berg Olympos, der mittlere, die Tectosagen, auf den Berg Magaba mit Hab
und Gut zurueckgezogen, in der Hoffnung, dass sie sich hier wuerden verteidigen
koennen, bis der Winter die Fremden zum Abzug zwaenge. Allein die Geschosse der
roemischen Schleuderer und Schuetzen, die gegen die damit unbekannten Kelten so
oft den Ausschlag gaben, fast wie in neuerer Zeit das Feuergewehr gegen die
wilden Voelker, erzwangen die Hoehen, und die Kelten unterlagen in einer jener
Schlachten, wie sie gar oft frueher und spaeter am Po und an der Seine geliefert
worden sind, die aber hier so seltsam erscheint wie das ganze Auftreten des
nordischen Stammes unter den griechischen und phrygischen Nationen. Die Zahl der
Erschlagenen und mehr noch die der Gefangenen war an beiden Stellen ungeheuer.
Was uebrig blieb, rettete sich ueber den Halys zu dem dritten keltischen Gau der
Trocmer, welche der Konsul nicht angriff. Dieser Fluss war die Grenze, an
welcher die damaligen Leiter der roemischen Politik beschlossen hatten
innezuhalten. Phrygien, Bithynien, Paphlagonien sollten von Rom abhaengig
werden; die weiter oestlich gelegenen Landschaften ueberliess man sich selber.
Die Regulierung der kleinasiatischen Verhaeltnisse erfolgte teils durch den
Frieden mit Antiochos (565 189), teils durch die Festsetzungen einer roemischen
Kommission, der der Konsul Volso vorstand. Ausser der Stellung von Geiseln,
darunter seines juengeren gleichnamigen Sohnes, und einer nach dem Mass der
Schaetze Asiens bemessenen Kriegskontribution von 15000 euboeischen Talenten
(25´ Mill. Taler), davon der fuenfte Teil sogleich, der Rest in zwoelf
Jahreszielern zu entrichten war, wurde Antiochos auferlegt die Abtretung seines
gesamten europaeischen Laenderbesitzes und in Kleinasien aller seiner
Besitzungen und Rechtsansprueche noerdlich vom Taurusgebirge und westlich von
der Muendung des Kestros zwischen Aspendos und Perge in Pamphylien, so dass ihm
in Vorderasien nichts blieb als das oestliche Pamphylien und Kilikien. Mit dem
Patronat ueber die vorderasiatischen Koenigreiche und Herrschaften war es
natuerlich vorbei. Asien oder, wie das Reich der Seleukiden von da an
gewoehnlich und angemessener genannt wird, Syrien verlor das Recht, gegen die
westlichen Staaten Angriffskriege zu fuehren und im Fall eines
Verteidigungskrieges von ihnen beim Frieden Land zu gewinnen, das Recht, das
Meer westlich von der Kalykadnosmuendung in Kilikien mit Kriegsschiffen zu
befahren, ausser um Gesandte, Geiseln oder Tribut zu bringen, ueberhaupt
Deckschiffe ueber zehn zu halten, ausser im Fall eines Verteidigungskrieges, und
Kriegselefanten zu zaehmen, endlich das Recht, in den westlichen Staaten
Werbungen zu veranstalten oder politische Fluechtlinge und Ausreisser daraus bei
sich aufzunehmen. Die Kriegsschiffe, die er ueber die bestimmte Zahl besass, die
Elefanten und die politischen Fluechtlinge, welche bei ihm sich befanden,
lieferte er aus. Zur Entschaedigung erhielt der Grosskoenig den Titel eines
Freundes der roemischen Buergergemeinde. Der Staat Syrien war hiermit zu Lande
und auf dem Meer vollstaendig aus dem Westen verdraengt und fuer immer; es ist
bezeichnend fuer die kraft- und zusammenhanglose Organisation des
Seleukidenreichs, dass dasselbe allein unter allen von Rom ueberwundenen
Grossstaaten nach der ersten Ueberwindung niemals eine zweite Entscheidung durch
die Waffen begehrt hat.
Die beiden Armenien, bisher wenigstens dem Namen nach asiatische Satrapien,
verwandelten sich, wenn nicht gerade in Gemaessheit des roemischen
Friedensvertrages, doch unter dessen Einfluss in selbstaendige Koenigreiche und
ihre Inhaber Artaxias und Zariadris wurden Gruender neuer Dynastien.
Koenig Ariarathes von Kappadokien kam, da sein Land ausserhalb der von den
Roemern bezeichneten Grenze ihrer Klientel lag, mit einer Geldbusse von 600
Talenten (1 Mill. Taler) davon, die dann noch auf die Fuerbitte seines
Schwiegersohnes Eumenes auf die Haelfte herabgesetzt ward.
Koenig Prusias von Bithynien behielt sein Gebiet, wie es war, ebenso die
Kelten; doch mussten diese geloben, nicht ferner bewaffnete Haufen ueber die
Grenze zu senden, und die schimpflichen Tribute der kleinasiatischen Staedte
hatten ein Ende. Die asiatischen Griechen ermangelten nicht, diese allerdings
allgemein und nachhaltig empfundene Wohltat mit goldenen Kraenzen und den
transzendentalsten Lobreden zu vergelten.
In Vorderasien war die Besitzregulierung nicht ohne Schwierigkeit, zumal da
hier die dynastische Politik des Eumenes mit der der griechischen Hansa
kollidierte; endlich gelang es, sich in folgender Art zu verstaendigen. Allen
griechischen Staedten, die am Tage der Schlacht von Magnesia frei und den
Roemern beigetreten waren, wurde ihre Freiheit bestaetigt und sie alle mit
Ausnahme der bisher dem Eumenes zinspflichtigen der Tributzahlung an die
verschiedenen Dynasten fuer die Zukunft enthoben. So wurden namentlich frei die
Staedte Dardanos und Ilion, die alten Stammgenossen der Roemer von Aeneas'
Zeiten her, ferner Kyme, Smyrna, Klazomenae, Erythrae, Chios, Kolophon, Miletos
und andere altberuehmte Namen. Phokaea, das gegen die Kapitulation von den
roemischen Flottensoldaten gepluendert worden war, erhielt zum Ersatz dafuer,
obwohl es nicht unter die im Vertrag bezeichnete Kategorie fiel, ausnahmsweise
gleichfalls seine Mark zurueck und die Freiheit. Den meisten Staedten der
griechisch-asiatischen Hansa wurden ueberdies Gebietserweiterungen und andere
Vorteile zuteil. Am besten ward natuerlich Rhodos bedacht, das Lykien mit
Ausschluss von Telmissos und den groesseren Teil von Karien suedlich vom
Maeander empfing; ausserdem garantierte Antiochos in seinem Reiche den Rhodiern
ihr Eigentum und ihre Forderungen sowie die bisher genossene Zollfreiheit.
Alles uebrige, also bei weitem der groesste Teil der Beute, fiel an die
Attaliden, deren alte Treue gegen Rom sowie die von Eumenes in diesem Kriege
bestandene Drangsal und sein persoenliches Verdienst um den Ausfall der
entscheidenden Schlacht von Rom so belohnt ward, wie nie ein Koenig seinen
Verbuendeten gelohnt hat. Eumenes empfing in Europa den Chersonesos mit
Lysimacheia; in Asien ausser Mysien, das er schon besass, die Provinzen Phrygien
am Hellespont, Lydien mit Ephesos und Sardes, den noerdlichen Streif von Karien
bis zum Maeander mit Tralles und Magnesia, Grossphrygien und Lykaonien nebst
einem Stueck von Kilikien, die milysche Landschaft zwischen Phrygien und Lykien
und als Hafenplatz am suedlichen Meer die lykische Stadt Telmissos; ueber
Pamphylien ward spaeter zwischen Eumenes und Antiochos gestritten, inwieweit es
dies- oder jenseits der gesteckten Grenze liege und also jenem oder diesem
zukomme. Ausserdem erhielt er die Schutzherrschaft und das Zinsrecht ueber
diejenigen griechischen Staedte, die nicht unbeschraenkt die Freiheit empfingen;
doch wurde auch hier bestimmt, dass den Staedten ihre Freibriefe bleiben und die
Abgabe nicht erhoeht werden solle. Ferner musste Antiochos sich anheischig
machen, die 350 Talente (600000 Taler), die er dem Vater Attalos schuldig
geworden war, dem Eumenes zu entrichten, ebenso ihn mit 127 Talenten (218000
Taler) fuer die rueckstaendigen Getreidelieferungen zu entschaedigen. Endlich
erhielt Eumenes die koeniglichen Forsten und die von Antiochos abgelieferten
Elefanten, nicht aber die Kriegsschiffe, die verbrannt wurden; eine Seemacht
litten die Roemer nicht neben sich. Hierdurch war das Reich der Attaliden in
Osteuropa und Asien das geworden, was Numidien in Afrika war, ein von Rom
abhaengiger maechtiger Staat mit absoluter Verfassung, bestimmt und faehig,
sowohl Makedonien als Syrien in Schranken zu halten, ohne anders als in
ausserordentlichen Faellen roemischer Unterstuetzung zu beduerfen. Mit dieser
durch die roemische Politik gebotenen Schoepfung hatte man die durch
republikanische und nationale Sympathie und Eitelkeit gebotene Befreiung der
asiatischen Griechen soweit moeglich vereinigt. Um die Angelegenheiten des
ferneren Ostens jenseits des Tauros und Halys war man fest entschlossen, sich
nicht zu bekuemmern; es zeigen dies sehr deutlich die Bedingungen des Friedens
mit Antiochos und noch entschiedener die bestimmte Weigerung des Senats, der
Stadt Soloi in Kilikien die von den Rhodiern fuer sie erbetene Freiheit zu
gewaehren. Ebenso getreu blieb man dem festgestellten Grundsatz, keine
unmittelbaren ueberseeischen Besitzungen zu erwerben. Nachdem die roemische
Flotte noch eine Expedition nach Kreta gemacht und die Freigebung der dorthin in
die Sklaverei verkauften Roemer durchgesetzt hatte, verliessen Flotte und
Landheer im Nachsommer 566 (188) Asien, wobei das Landheer, das wieder durch
Thrakien zog, durch die Nachlaessigkeit des Feldherrn unterwegs von den
Ueberfaellen der Wilden viel zu leiden hatte. Die Roemer brachten nichts heim
aus dem Osten als Ehre und Gold, die in dieser Zeit sich schon beide in der
praktischen Form der Dankadresse, dem goldenen Kranze, zusammenzufinden
pflegten.
Auch das europaeische Griechenland war von diesem asiatischen Krieg
erschuettert worden und bedurfte neuer Ordnung. Die Aetoler, die immer noch
nicht gelernt hatten, sich in ihre Nichtigkeit zu finden, hatten nach dem im
Fruehling 564 (190) mit Scipio abgeschlossenen Waffenstillstand nicht bloss
durch ihre kephallenischen Korsaren den Verkehr zwischen Italien und
Griechenland schwierig und unsicher gemacht, sondern vielleicht noch waehrend
des Waffenstillstandes, getaeuscht durch falsche Nachrichten ueber den Stand der
Dinge in Asien, die Tollheit begangen, den Amynander wieder auf seinen
athamanischen Thron zu setzen und mit Philippos in den von diesem besetzten
aetolischen und thessalischen Grenzlandschaften sich herumzuschlagen, wobei der
Koenig mehrere Nachteile erlitt. Es versteht sich, dass hiernach Rom ihre Bitte
um Frieden mit der Landung des Konsuls Marcus Fulvius Nobilior beantwortete. Er
traf im Fruehling 565 (189) bei den Legionen ein und nahm nach fuenfzehntaegiger
Belagerung durch eine fuer die Besatzung ehrenvolle Kapitulation Ambrakia,
waehrend zugleich die Makedonier, die Illyrier, die Epeiroten, die Akarnanen und
Achaeer ueber die Aetoler herfielen. Von eigentlichem Widerstand konnte nicht
die Rede sein; auf die wiederholten Friedensgesuche der Aetoler standen denn
auch die Roemer vom Kriege ab und gewaehrten Bedingungen, welche solchen
erbaermlichen und tueckischen Gegnern gegenueber billig genannt werden muessen.
Die Aetoler verloren alle Staedte und Gebiete, die in den Haenden ihrer Gegner
waren, namentlich Ambrakia, welches infolge einer gegen Marcus Fulvius in Rom
gesponnenen Intrige spaeter frei und selbstaendig ward, ferner Oinia, das den
Akarnanen gegeben wurde; ebenso traten sie Kephallenia ab. Sie verloren das
Recht, Krieg und Frieden zu schliessen und wurden in dieser Hinsicht von den
auswaertigen Beziehungen Roms abhaengig; endlich zahlten sie eine starke
Geldsumme. Kephallenia setzte sich auf eigene Hand gegen diesen Vertrag und
fuegte sich erst, als Marcus Fulvius auf der Insel landete; ja die Einwohner von
Same, die befuerchteten, aus ihrer wohlgelegenen Stadt durch eine roemische
Kolonie ausgetrieben zu werden, fielen nach der ersten Unterwerfung wieder ab
und hielten eine viermonatliche Belagerung aus, worauf die Stadt endlich
genommen und die Einwohner saemtlich in die Sklaverei verkauft wurden.
Rom blieb auch hier dabei, sich grundsaetzlich auf Italien und die
italischen Inseln zu beschraenken. Es nahm von der Beute nichts fuer sich als
die beiden Inseln Kephallenia und Zakynthos, welche den Besitz von Kerkyra und
anderen Seestationen am Adriatischen Meer wuenschenswert ergaenzten. Der uebrige
Laendererwerb kam an die Verbuendeten Roms; indes die beiden bedeutendsten
derselben, Philippos und die Achaeer, waren keineswegs befriedigt durch den
ihnen an der Beute gegoennten Anteil. Philippos fuehlte sich nicht ohne Grund
verletzt. Er durfte sagen, dass in dem letzten Krieg die eigentlichen
Schwierigkeiten, die nicht in dem Feinde, sondern in der Entfernung und der
Unsicherheit der Verbindungen lagen, wesentlich durch seinen loyalen Beistand
ueberwunden waren. Der Senat erkannte dies auch an, indem er ihm den noch
rueckstaendigen Tribut erliess und seine Geiseln ihm zuruecksandte; allein
Gebietserweiterungen, wie er sie gehofft, empfing er nicht. Er erhielt das
magnetische Gebiet mit Demetrias, das er den Aetolern abgenommen hatte;
ausserdem blieben tatsaechlich in seinen Haenden die dolopische und athamanische
Landschaft und ein Teil von Thessalien, aus denen gleichfalls die Aetoler von
ihm vertrieben worden waren. In Thrakien blieb zwar das Binnenland in
makedonischer Klientel, aber ueber die Kuestenstaedte und die Inseln Thasos und
Lemnos, die faktisch in Philipps Haenden waren, ward nichts bestimmt, der
Chersonesos sogar ausdruecklich an Eumenes gegeben; und es war nicht schwer zu
erkennen, dass Eumenes nur deshalb auch Besitzungen in Europa empfing, um nicht
bloss Asien, sondern auch Makedonien im Notfall niederzuhalten. Die Erbitterung
des stolzen und in vieler Hinsicht ritterlichen Mannes ist natuerlich; allein es
war nicht Schikane, was die Roemer bestimmte, sondern eine unabweisliche
politische Notwendigkeit. Makedonien buesste dafuer, dass es einmal eine Macht
ersten Ranges gewesen war und mit Rom auf gleichem Fuss Krieg gefuehrt hatte:
man hatte hier, und hier mit viel besserem Grund als gegen Karthago, sich
vorzusehen, dass die alte Machtstellung nicht wiederkehre.
Anders stand es mit den Achaeern. Sie hatten im Laufe des Krieges gegen
Antiochos ihren lange genaehrten Wunsch befriedigt, den Peloponnes ganz in ihre
Eidgenossenschaft zu bringen, indem zuerst Sparta, dann, nach der Vertreibung
der Asiaten aus Griechenland, auch Elis und Messene mehr oder weniger gezwungen
beigetreten waren. Die Roemer hatten dies geschehen lassen und es sogar
geduldet, dass man dabei mit absichtlicher Ruecksichtslosigkeit gegen Rom
verfuhr. Flamininus hatte, als Messene erklaerte, sich den Roemern zu
unterwerfen, aber nicht in die Eidgenossenschaft eintreten zu wollen und diese
darauf Gewalt brauchte, zwar nicht unterlassen, den Achaeern zu Gemuete zu
fuehren, dass solche Sonderverfuegungen ueber einen Teil der Beute an sich
unrecht und in dem Verhaeltnis der Achaeer zu den Roemern mehr als unpassend
seien, aber denn doch in seiner sehr unpolitischen Nachgiebigkeit gegen die
Hellenen im wesentlichen den Achaeern ihren Willen getan. Allein damit hatte die
Sache kein Ende. Die Achaeer, von ihrer zwerghaften Vergroesserungssucht
gepeinigt, liessen die Stadt Pleuron in Aetolien, die sie waehrend des Krieges
besetzt hatten, nicht fahren, machten sie vielmehr zum unfreiwilligen Mitgliede
ihrer Eidgenossenschaft; sie kauften Zakynthos von dem Statthalter des letzten
Besitzers Amynander und haetten gern noch Aegina dazu gehabt. Nur widerwillig
gaben sie jene Insel an Rom heraus und hoerten sehr unmutig Flamininus' guten
Ratschlag, sich mit ihrem Peloponnes zu begnuegen. Sie glaubten es sich schuldig
zu sein, die Unabhaengigkeit ihres Staates um so mehr zur Schau zu tragen, je
weniger daran war; man sprach von Kriegsrecht, von der treuen Beihilfe der
Achaeer in den Kriegen der Roemer; man fragte die roemischen Gesandten auf der
achaeischen Tagsatzung, warum Rom sich um Messene bekuemmere, da Achaia ja nicht
nach Capua frage, und der hochherzige Patriot, der also gesprochen, wurde
beklatscht und war der Stimmen bei den Wahlen sicher. Das alles wuerde sehr
recht und sehr erhaben gewesen sein, wenn es nicht noch viel laecherlicher
gewesen waere. Es lag wohl eine tiefe Gerechtigkeit und ein noch tieferer Jammer
darin, dass Rom, so ernstlich es die Freiheit der Hellenen zu gruenden und den
Dank der Hellenen zu verdienen bemueht war, dennoch ihnen nichts gab als die
Anarchie und nichts erntete als den Undank. Es lagen auch den hellenischen
Antipathien gegen die Schutzmacht sicher sehr edle Gefuehle zugrunde, und die
persoenliche Bravheit einzelner tonangebender Maenner ist ausser Zweifel. Aber
darum bleibt dieser achaeische Patriotismus nicht minder eine Torheit und eine
wahre historische Fratze. Bei all jenem Ehrgeiz und all jener nationalen
Empfindlichkeit geht durch die ganze Nation vom ersten bis zum letzten Mann das
gruendlichste Gefuehl der Ohnmacht. Stets horcht jeder nach Rom, der liberale
Mann nicht weniger wie der servile; man dankt dem Himmel, wenn das gefuerchtete
Dekret ausbleibt; man mault, wenn der Senat zu verstehen gibt, dass man wohl tun
werde, freiwillig nachzugeben, um es nicht gezwungen zu tun; man tut, was man
muss womoeglich in einer fuer die Roemer verletzenden Weise, "um die Formen zu
retten"; man berichtet, erlaeutert, verschiebt, weicht aus, und wenn das endlich
alles nicht mehr gehen will, so wird mit einem patriotischen Seufzer
nachgegeben. Das Treiben haette Anspruch wo nicht auf Billigung doch auf
Nachsicht, wenn die Fuehrer zum Kampf entschlossen gewesen waeren und den
Untergang der Nation der Knechtschaft vorgezogen haetten; aber weder Philopoemen
noch Lykortas dachten an einen solchen politischen Selbstmord - man wollte
womoeglich frei sein, aber denn doch vor allem leben. Zu allem diesem aber sind
es niemals die Roemer, die die gefuerchtete roemische Intervention in die
inneren Angelegenheiten Griechenlands hervorrufen, sondern stets die Griechen
selbst, die wie die Knaben den Stock, den sie fuerchten, selber einer ueber den
andern bringen. Der von dem gelehrten Poebel hellenischer und nachhellenischer
Zeit bis zum Ekel wiederholte Vorwurf, dass die Roemer bestrebt gewesen waeren,
inneren Zwist in Griechenland zu stiften, ist eine der tollsten
Abgeschmacktheiten, welche politisierende Philologen nur je ausgesonnen haben.
Nicht die Roemer trugen den Hader nach Griechenland - wahrlich Eulen nach Athen
-, sondern die Griechen ihre Zwistigkeiten nach Rom. Namentlich die Achaeer, die
ueber ihren Arrondierungsgeluesten gaenzlich uebersahen, wie sehr zu ihrem
eigenen Besten es gewesen, dass Flamininus die aetolisch gesinnten Staedte nicht
der Eidgenossenschaft einverleibt hatte, erwarben in Lakedaemon und Messene sich
eine wahre Hydra inneren Zwistes. Unaufhoerlich baten und flehten Mitglieder
dieser Gemeinden in Rom, sie aus der verhassten Gemeinschaft zu loesen, darunter
charakteristisch genug selbst diejenigen, die die Rueckkehr in die Heimat den
Achaeern verdankten. Unaufhoerlich ward von dem Achaeischen Bunde in Sparta und
Messene regeneriert und restauriert: die wuetendsten Emigrierten von dort
bestimmten die Massregeln der Tagsatzung. Vier Jahre nach dem nominellen
Eintritt Spartas in die Eidgenossenschaft kam es sogar zum offenen Kriege und zu
einer bis zum Wahnsinn vollstaendigen Restauration, wobei die saemtlichen von
Nabis mit dem Buergerrecht beschenkten Sklaven wieder in die Knechtschaft
verkauft und aus dem Erloes ein Saeulengang in der Achaeerstadt Megalopolis
gebaut, ferner die alten Gueterverhaeltnisse in Sparta wiederhergestellt, die
Lykurgischen Gesetze durch die achaeischen ersetzt, die Mauern niedergerissen
wurden (566 188). Ueber alle diese Wirtschaft ward dann zuletzt von allen Seiten
der roemische Senat zum Schiedsspruch aufgefordert - eine Belaestigung, die die
gerechte Strafe fuer die befolgte sentimentale Politik war. Weit entfernt, sich
zu viel in diese Angelegenheiten zu mischen, ertrug der Senat nicht bloss die
Nadelstiche der achaeischen Gesinnungstuechtigkeit mit musterhafter Indifferenz,
sondern liess selbst die aergsten Dinge mit straeflicher Gleichgueltigkeit
geschehen. Man freute sich herzlich in Achaia, als nach jener Restauration die
Nachricht von Rom einlief, dass der Senat darueber zwar gescholten, aber nichts
kassiert habe. Fuer die Lakedaemonier geschah von Rom aus nichts, als dass der
Senat, empoert ueber den von den Achaeern verfuegten Justizmord von beilaeufig
sechzig bis achtzig Spartanern, der Tagsatzung die Kriminaljustiz ueber die
Spartaner nahm - freilich ein empoerender Eingriff in die inneren
Angelegenheiten eines unabhaengigen Staates! Die roemischen Staatsmaenner
kuemmerten sich so wenig wie moeglich um diese Suendflut in der Nussschale, wie
am besten die vielfachen Klagen beweisen ueber die oberflaechlichen,
widersprechenden und unklaren Entscheidungen des Senats; freilich, wie sollte er
klar antworten, wenn auf einmal vier Parteien aus Sparta zugleich im Senat
gegeneinander redeten! Dazu kam der persoenliche Eindruck, den die meisten
dieser peloponnesischen Staatsmaenner in Rom machten; selbst Flamininus
schuettelte den Kopf, als ihm einer derselben heute etwas vortanzte und den
andern Tag ihn von Staatsgeschaeften unterhielt. Es kam so weit, dass dem Senat
zuletzt die Geduld voellig ausging und er die Peloponnesier dahin beschied, dass
er sie nicht mehr bescheiden werde und sie machen koennten, was sie wollten (572
182). Begreiflich ist dies, aber nicht recht; wie die Roemer einmal standen,
hatten sie die sittliche und politische Verpflichtung, hier mit Ernst und
Konsequenz einen leidlichen Zustand herzustellen. Jener Achaeer Kallikrates, der
im Jahre 575 (179) an den Senat ging, um ihn ueber die Zustaende im Peloponnes
aufzuklaeren und eine folgerechte und gehaltene Intervention zu fordern, mag als
Mensch noch etwas weniger getaugt haben als sein Landsmann Philopoemen, der jene
Patriotenpolitik wesentlich begruendet hat; aber er hatte recht.
So umfasste die Klientel der roemischen Gemeinde jetzt die saemtlichen
Staaten von dem oestlichen zu dem westlichen Ende des Mittelmeeres; nirgend
bestand ein Staat, den man der Muehe wert gehalten haette zu fuerchten. Aber
noch lebte ein Mann, dem Rom diese seltene Ehre erwies: der heimatlose
Karthager, der erst den ganzen Westen, alsdann den ganzen Osten gegen Rom in
Waffen gebracht hatte und der vielleicht nur gescheitert war, dort an der
ehrlosen Aristokraten-, hier an der kopflosen Hofpolitik. Antiochos hatte sich
im Frieden verpflichten muessen, den Hannibal auszuliefern; allein derselbe war
zuerst nach Kreta, dann nach Bithynien entronnen ^5 und lebte jetzt am Hof des
Koenigs Prusias, beschaeftigt, diesen in seinen Kriegen gegen Eumenes zu
unterstuetzen und wie immer siegreich zu Wasser und zu Lande. Es wird behauptet,
dass er auch den Prusias zum Kriege gegen Rom habe reizen wollen; eine Torheit,
die so, wie sie erzaehlt wird, sehr wenig glaublich klingt. Gewisser ist es,
dass zwar der roemische Senat es unter seiner Wuerde hielt, den Greis in seinem
letzten Asyl aufjagen zu lassen - denn die Ueberlieferung, die auch den Senat
beschuldigt, scheint keinen Glauben zu verdienen -, dass aber Flamininus, der in
seiner unruhigen Eitelkeit nach neuen Zielen fuer grosse Taten suchte, auf seine
eigene Hand es unternahm, wie die Griechen von ihren Ketten, so Rom von Hannibal
zu befreien und gegen den groessten Mann seiner Zeit den Dolch zwar nicht zu
fuehren, was nicht diplomatisch ist, aber ihn zu schleifen und zu richten.
Prusias, der jaemmerlichste unter den Jammerprinzen Asiens, machte sich ein
Vergnuegen daraus, dem roemischen Gesandten die kleine Gefaelligkeit zu
erweisen, die derselbe mit halben Worten erbat, und da Hannibal sein Haus von
Moerdern umstellt sah, nahm er Gift. Er war seit langem gefasst darauf, fuegt
ein Roemer hinzu, denn er kannte die Roemer und das Wort der Koenige. Sein
Todesjahr ist nicht gewiss; wahrscheinlich starb er in der zweiten Haelfte des
Jahres 571 (183), siebenundsechzig Jahre alt. Als er geboren ward, stritt Rom
mit zweifelhaftem Erfolg um den Besitz von Sizilien; er hatte gerade genug
gelebt, um den Westen vollstaendig unterworfen zu sehen, um noch selber seine
letzte Roemerschlacht gegen die Schiffe seiner roemisch gewordenen Vaterstadt zu
schlagen, um dann zuschauen zu muessen, wie Rom auch den Osten ueberwand
gleichwie der Sturm das fuehrerlose Schiff, und zu fuehlen, dass er allein
imstande war, es zu lenken. Es konnte ihm keine Hoffnung weiter fehlschlagen,
als er starb; aber redlich hatte er in fuenfzigjaehrigem Kampfe den Knabenschwur
gehalten.
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^5 Dass er auch nach Armenien gekommen sei und auf Bitten des Koenigs
Artaxias die Stadt Artaxata am Araxes erbaut habe (Strab. 11 p. 528; Plut. Luc.
31), ist sicher Erfindung; aber es ist bezeichnend, wie Hannibal, fast wie
Alexander, mit den orientalischen Fabeln verwachsen ist.
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Um dieselbe Zeit, wahrscheinlich in demselben Jahre, starb auch der Mann,
den die Roemer seinen Ueberwinder zu nennen pflegten, Publius Scipio. Ihn hatte
das Glueck mit allen den Erfolgen ueberschuettet, die seinem Gegner versagt
blieben, mit Erfolgen, die ihm gehoerten und nicht gehoerten. Spanien, Afrika,
Asien hatte er zum Reiche gebracht und Rom, das er als die erste Gemeinde
Italiens gefunden, war bei seinem Tode die Gebieterin der zivilisierten Welt. Er
selbst hatte der Siegestitel so viele, dass deren ueberblieben fuer seinen
Bruder und seinen Vetter ^6. Und doch verzehrte auch ihn durch seine letzten
Jahre bitterer Gram, und er starb, wenig ueber fuenfzig Jahre alt, in
freiwilliger Verbannung, mit dem Befehl an die Seinigen, seine Leiche nicht in
der Vaterstadt beizusetzen, fuer die er gelebt hatte und in der seine Ahnen
ruhten. Es ist nicht genau bekannt, was ihn aus der Stadt trieb. Die
Anschuldigungen wegen Bestechung und unterschlagener Gelder, die gegen ihn und
mehr noch gegen seinen Bruder Lucius gerichtet wurden, waren ohne Zweifel
nichtige Verleumdungen, die solche Verbitterung nicht hinreichend erklaeren;
obwohl es charakteristisch fuer den Mann ist, dass er seine Rechnungsbuecher,
statt sich einfach aus ihnen zu rechtfertigen, im Angesicht des Volks und der
Anklaeger zerriss und die Roemer aufforderte, ihn zum Tempel des Jupiter zu
begleiten und den Jahrestag seines Sieges bei Zama zu feiern. Das Volk liess den
Anklaeger stehen und folgte dem Scipio auf das Kapitol; aber es war dies der
letzte schoene Tag des hohen Mannes. Sein stolzer Sinn, seine Meinung, ein
anderer und besserer zu sein als die uebrigen Menschen, seine sehr entschiedene
Familienpolitik, die namentlich in seinem Bruder Lucius den widerwaertigen
Strohmann eines Helden grosszog, verletzten viele und nicht ohne Grund. Wie der
echte Stolz das Herz beschirmt, so legt es die Hoffart jedem Schlag und jedem
Nadelstich bloss und zerfrisst auch den urspruenglichen Hochsinn. Ueberall aber
gehoert es zur Eigentuemlichkeit solcher, aus echtem Gold und schimmerndem
Flitter seltsam gemischter Naturen, wie Scipio eine war, dass sie des Glueckes
und des Glanzes der Jugend beduerfen, um ihren Zauber zu ueben, und dass, wenn
dieser Zauber zu schwinden anfaengt, unter allen am schmerzlichsten der Zauberer
selbst erwacht.
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^6 Africanus, Asiagenus, Hispallus.
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10. Kapitel
Der Dritte Makedonische Krieg
Philippos von Makedonien war empfindlich gekraenkt durch die Behandlung,
die er nach dem Frieden mit Antiochos von den Roemern erfahren hatte; und der
weitere Verlauf der Dinge war nicht geeignet, seinen Groll zu beschwichtigen.
Seine Nachbarn in Griechenland und Thrakien, grossenteils Gemeinden, die einst
vor dem makedonischen Namen nicht minder gezittert hatten wie jetzt vor dem
roemischen, machten es sich wie billig zum Geschaeft, der gefallenen Grossmacht
all die Tritte zurueckzugeben, die sie seit Philippos' des Zweiten Zeiten von
Makedonien empfangen hatten; der nichtige Hochmut und der wohlfeile
antimakedonische Patriotismus der Hellenen dieser Zeit machte sich Luft auf den
Tagsatzungen der verschiedenen Eidgenossenschaften und in unaufhoerlichen
Beschwerden bei dem roemischen Senat. Philippos war von den Roemern zugestanden
worden, was er den Aetolern abgenommen habe; allein foermlich an die Aetoler
angeschlossen hatte sich in Thessalien nur die Eidgenossenschaft der Magneten,
wogegen diejenigen Staedte, die Philippos in zwei anderen der thessalischen
Eidgenossenschaften, der thessalischen im engeren Sinn und der perrhaebischen,
den Aetolern entrissen hatte, von ihren Buenden zurueckverlangt wurden aus dem
Grunde, dass Philippos diese Staedte nur befreit, nicht erobert habe. Auch die
Athamanen glaubten ihre Freiheit begehren zu koennen; auch Eumenes forderte die
Seestaedte, die Antiochos im eigentlichen Thrakien besessen hatte, namentlich
Aenos und Maroneia, obwohl ihm im Frieden mit Antiochos nur der Thrakische
Chersonesos ausdruecklich zugesprochen war. All diese Beschwerden und zahllose
geringere seiner saemtlichen Nachbarn, ueber Unterstuetzung des Koenigs Prusias
gegen Eumenes, ueber Handelskonkurrenz, ueber verletzte Kontrakte und geraubtes
Vieh stroemten nach Rom; vor dem roemischen Senat musste der Koenig von
Makedonien von dem souveraenen Gesindel sich verklagen lassen und Recht nehmen
oder Unrecht, wie es fiel; er musste sehen, dass das Urteil stets gegen ihn
ausfiel, musste knirschend von der thrakischen Kueste, aus den thessalischen und
perrhaebischen Staedten die Besatzungen wegziehen und die roemischen Kommissare
hoeflich empfangen, welche nachzusehen kamen, ob auch alles vorschriftsmaessig
ausgefuehrt sei. Man war in Rom nicht so erbittert gegen Philippos wie gegen
Karthago, ja in vieler Hinsicht dem makedonischen Herrn sogar geneigt; man
verletzte hier nicht so ruecksichtslos wie in Libyen die Formen, aber im Grunde
war die Lage Makedoniens wesentlich dieselbe wie die von Karthago. Indes
Philippos war keineswegs der Mann, diese Pein mit phoenikischer Geduld ueber
sich ergehen zu lassen. Leidenschaftlich wie er war, hatte er nach seiner
Niederlage mehr dem treulosen Bundesgenossen gezuernt als dem ehrenwerten
Gegner, und seit langem gewohnt, nicht makedonische, sondern persoenliche
Politik zu treiben, hatte er in dem Kriege mit Antiochos nichts gesehen als eine
vortreffliche Gelegenheit, sich an dem Alliierten, der ihn schmaehlich im Stich
gelassen und verraten hatte, augenblicklich zu raechen. Dies Ziel hatte er
erreicht; allein die Roemer, die sehr gut begriffen, dass den Makedonier nicht
die Freundschaft fuer Rom, sondern die Feindschaft gegen Antiochos bestimmte,
und die ueberdies keineswegs nach solchen Stimmungen der Neigung und Abneigung
ihre Politik zu regeln pflegten, hatten sich wohl gehuetet, irgend etwas
Wesentliches zu Philippos' Gunsten zu tun, und hatten vielmehr die Attaliden,
die von ihrer ersten Erhebung an mit Makedonien in heftiger Fehde lagen und von
dem Koenig Philippos politisch und persoenlich aufs bitterste gehasst wurden,
die Attaliden, die unter allen oestlichen Maechten am meisten dazu beigetragen
hatten, Makedonien und Syrien zu zertruemmern und die roemische Klientel auf den
Osten auszudehnen, die Attaliden, die in dem letzten Krieg, wo Philippos es
freiwillig und loyal mit Rom gehalten, um ihrer eigenen Existenz willen wohl mit
Rom hatten halten muessen, hatten diese Attaliden dazu benutzt, um im
wesentlichen das Reich des Lysimachos wieder aufzubauen, dessen Vernichtung der
wichtigste Erfolg der makedonischen Herrscher nach Alexander gewesen war, und
Makedonien einen Staat an die Seite zu stellen, der zugleich ihm an Macht
ebenbuertig und Roms Klient war.
Dennoch haette vielleicht, wie die Verhaeltnisse einmal standen, ein weiser
und sein Volk mit Hingebung beherrschender Regent sich entschlossen, den
ungleichen Kampf gegen Rom nicht wieder aufzunehmen; allein Philippos, in dessen
Charakter von allen edlen Motiven das Ehrgefuehl, von allen unedlen die
Rachsucht am maechtigsten waren, war taub fuer die Stimme sei es der Feigheit,
sei es der Resignation, und naehrte tief im Herzen den Entschluss, abermals die
Wuerfel zu werfen. Als ihm wieder einmal Schmaehungen hinterbracht wurden, wie
sie auf den thessalischen Tagsatzungen gegen Makedonien zu fallen pflegten,
antwortete er mit der Theokritischen Zeile, dass noch die letzte Sonne nicht
untergegangen sei ^1.
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^1 /E/d/e/ gar phrasd/e/ panth' alion ammi ded?kein. (1, 102).
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Philippos bewies bei der Vorbereitung und der Verbergung seiner
Entschluesse eine Ruhe, einen Ernst und eine Konsequenz, die, wenn er in
besseren Zeiten sie bewaehrt haette, vielleicht den Geschicken der Welt eine
andere Richtung gegeben haben wuerden. Namentlich die Fuegsamkeit gegen die
Roemer, mit der er sich die unentbehrliche Frist erkaufte, war fuer den harten
und stolzen Mann eine schwere Pruefung, die er doch mutig ertrug - seine
Untertanen freilich und die unschuldigen Gegenstaende des Haders, wie das
unglueckliche Maroneia, buessten schwer den verhaltenen Groll. Schon im Jahre
571 (183) schien der Krieg ausbrechen zu muessen; aber auf Philippos' Geheiss
bewirkte sein juengerer Sohn Demetrios eine Ausgleichung des Vaters mit Rom, wo
er einige Jahre als Geisel gelebt hatte und sehr beliebt war. Der Senat,
namentlich Flamininus, der die griechischen Angelegenheiten leitete, suchte in
Makedonien eine roemische Partei zu bilden, die Philippos' natuerlich den
Roemern nicht unbekannte Bestrebungen zu paralysieren imstande waere, und hatte
zu deren Haupt, ja vielleicht zum kuenftigen Koenig Makedoniens, den juengeren,
leidenschaftlich an Rom haengenden Prinzen ausersehen. Man gab mit absichtlicher
Deutlichkeit zu verstehen, dass der Senat dem Vater um des Sohnes willen
verzeihe; wovon natuerlich die Folge war, dass im koeniglichen Hause selbst
Zwistigkeiten entstanden und namentlich des Koenigs aelterer und vom Vater zum
Nachfolger bestimmter, aber in ungleicher Ehe erzeugter Sohn Perseus in seinem
Bruder den kuenftigen Nebenbuhler zu verderben suchte. Es scheint nicht, dass
Demetrios sich in die roemischen Intrigen einliess; erst der falsche Verdacht
des Verbrechens zwang ihn, schuldig zu werden, und auch da beabsichtigte er, wie
es scheint, nichts weiter als die Flucht nach Rom. Indes Perseus sorgte dafuer,
dass der Vater diese Absicht auf die rechte Weise erfuhr; ein untergeschobener
Brief von Flamininus an Demetrios tat das uebrige und lockte dem Vater den
Befehl ab, den Sohn aus dem Wege zu raeumen. Zu spaet erfuhr Philippos die
Raenke, die Perseus gesponnen hatte, und der Tod ereilte ihn ueber der Absicht,
den Brudermoerder zu strafen und von der Thronfolge auszuschliessen. Er starb im
Jahre 575 (179) in Demetrias, im neunundfuenfzigsten Lebensjahre. Das Reich
hinterliess er zerschmettert, das Haus zerruettet, und gebrochenen Herzens
gestand er sich ein, dass all seine Muehsal und all seine Frevel vergeblich
gewesen waren.
Sein Sohn Perseus trat darauf die Regierung an, ohne in Makedonien oder bei
dem roemischen Senat Widerspruch zu finden. Er war ein stattlicher Mann, in
allen Leibesuebungen wohl erfahren, im Lager aufgewachsen und des Befehlens
gewohnt, gleich seinem Vater herrisch und nicht bedenklich in der Wahl seiner
Mittel. Ihn reizten nicht der Wein und die Frauen, ueber die Philippos seines
Regiments nur zu oft vergass; er war stetig und beharrlich wie sein Vater
leichtsinnig und leidenschaftlich. Philippos, schon als Knabe Koenig und in den
ersten zwanzig Jahren seiner Herrschaft vom Glueck begleitet, war vom Schicksal
verwoehnt und verdorben worden; Perseus bestieg den Thron in seinem
einunddreissigsten Jahr, und wie er schon als Knabe mitgenommen worden war in
den ungluecklichen roemischen Krieg, wie er aufgewachsen war im Druck der
Erniedrigung und in dem Gedanken einer nahen Wiedergeburt des Staates, so erbte
er von seinem Vater mit dem Reich seine Drangsale, seine Erbitterung und seine
Hoffnungen. In der Tat griff er mit aller Entschlossenheit die Fortsetzung des
vaeterlichen Werkes an und ruestete eifriger, als es vorher geschehen war, zum
Kriege gegen Rom; kam doch fuer ihn noch hinzu, dass es wahrlich nicht die
Schuld der Roemer war, wenn er das makedonische Diadem trug. Mit Stolz sah die
stolze makedonische Nation auf den Prinzen, den sie an der Spitze ihrer Jugend
stehen und fechten zu sehen gewohnt war; seine Landsleute und viele Hellenen
aller Staemme meinten in ihm den rechten Feldherrn fuer den nahen
Befreiungskrieg gefunden zu haben. Aber er war nicht, was er schien; ihm fehlte
Philipps Genialitaet und Philipps Spannkraft, die wahrhaft koeniglichen
Eigenschaften, die das Glueck verdunkelt und geschaendet, aber die reinigende
Macht der Not wieder zu Ehren gebracht hatte. Philippos liess sich und die Dinge
gehen; aber wenn es galt, fand er in sich die Kraft zu raschem und ernstlichem
Handeln. Perseus spann weite und feine Plaene und verfolgte sie mit
unermuedlicher Beharrlichkeit; aber wenn die Stunde schlug und das, was er
angelegt und vorbereitet hatte, ihm in der lebendigen Wirklichkeit entgegentrat,
erschrak er vor seinem eigenen Werke. Wie es beschraenkten Naturen eigen ist,
ward ihm das Mittel zum Zweck; er haeufte Schaetze auf Schaetze fuer den
Roemerkrieg und als die Roemer im Lande standen, vermochte er nicht von seinen
Goldstuecken sich zu trennen. Es ist bezeichnend, dass nach der Niederlage der
Vater zuerst eilte, die kompromittierenden Papiere in seinem Kabinett zu
vernichten, der Sohn dagegen seine Kassen nahm und sich einschiffte. In
gewoehnlichen Zeiten haette er einen Koenig vom Dutzendschlag so gut und besser
wie mancher andere abgeben koennen; aber er war nicht geschaffen, ein
Unternehmen zu leiten, das von Haus aus verloren war, wenn nicht ein
ausserordentlicher Mann es beseelte.
Makedoniens Macht war nicht gering. Die Ergebenheit des Landes gegen das
Haus der Antigoniden war ungebrochen, das Nationalgefuehl hier allein nicht
durch den Hader politischer Parteien paralysiert. Den grossen Vorteil der
monarchischen Verfassung, dass jeder Regierungswechsel den alten Groll und Zank
beseitigt und eine neue Aera anderer Menschen und frischer Hoffnungen
herauffuehrt, hatte der Koenig verstaendig benutzt und seine Regierung begonnen
mit allgemeiner Amnestie, mit Zurueckberufung der fluechtigen Bankerottierer und
Erlass der rueckstaendigen Steuern. Die gehaessige Haerte des Vaters brachte
also dem Sohn nicht bloss Vorteil, sondern auch Liebe. Sechsundzwanzig
Friedensjahre hatten die Luecken in der makedonischen Bevoelkerung teils von
selbst ausgefuellt, teils der Regierung gestattet, hierfuer als fuer den
eigentlichen wunden Fleck des Landes ernstliche Fuersorge zu treffen. Philippos
hielt die Makedonier an zur Ehe und Kinderzeugung; er besetzte die
Kuestenstaedte, aus denen er die Einwohner in das Innere zog, mit thrakischen
Kolonisten von zuverlaessiger Wehrhaftigkeit und Treue; er zog, um die
verheerenden Einfaelle der Dardaner ein fuer allemal abzuwehren, gegen Norden
eine Scheidewand, indem er das Zwischenland jenseits der Landesgrenze bis an das
barbarische Gebiet zu Einoede machte, und gruendete neue Staedte in den
noerdlichen Provinzen. Kurz, er tat Zug fuer Zug dasselbe fuer Makedonien,
wodurch spaeter Augustus das Roemische Reich zum zweitenmal gruendete. Die Armee
war zahlreich - 30 000 Mann, ohne die Zuzuege und die Mietstruppen zu rechnen -
und die junge Mannschaft geuebt durch den bestaendigen Grenzkrieg gegen die
thrakischen Barbaren. Seltsam ist es, dass Philippos nicht wie Hannibal es
versuchte, sein Heer roemisch zu organisieren; allein es begreift sich, wenn man
sich erinnert, was den Makedoniern ihre zwar oft ueberwundene, aber doch noch
immer unueberwindlich geglaubte Phalanx galt. Durch die neuen Finanzquellen, die
Philippos in Bergwerken, Zoellen und Zehnten sich geschaffen hatte, und den
aufbluehenden Ackerbau und Handel war es gelungen, den Schatz, die Speicher und
die Arsenale zu fuellen; als der Krieg begann, lag im makedonischen Staatsschatz
Geld genug, um fuer das dermalige Heer und fuer 10000 Mann Mietstruppen auf zehn
Jahre den Sold zu zahlen und fanden sich in den oeffentlichen Magazinen
Getreidevorraete auf ebenso lange Zeit (18 Mill. Medimnen oder preussische
Scheffel) und Waffen fuer ein dreifach so starkes Heer, als das gegenwaertige
war. In der Tat war Makedonien ein ganz anderer Staat geworden, als da es durch
den Ausbruch des zweiten Krieges mit Rom ueberrascht ward; die Macht des Reiches
war in allen Beziehungen mindestens verdoppelt - mit einer in jeder Hinsicht
weit geringeren hatte Hannibal es vermocht, Rom bis in seine Grundfesten zu
erschuettern.
Nicht so guenstig standen die aeusseren Verhaeltnisse. Es lag in der Natur
der Sache, dass Makedonien jetzt die Plaene von Hannibal und von Antiochos
wieder aufnehmen und versuchen musste, sich an die Spitze einer Koalition aller
unterdrueckten Staaten gegen Roms Suprematie zu stellen; und allerdings gingen
die Faeden vom Hofe zu Pydna nach allen Seiten. Indes der Erfolg war gering.
Dass die Treue der Italiker schwankte, ward wohl behauptet; allein es konnte
weder Freund noch Feind entgehen, dass zunaechst die Wiederaufnahme der
Samnitenkriege nicht gerade wahrscheinlich sei. Die naechtlichen Konferenzen
makedonischer Abgeordneter mit dem karthagischen Senat, die Massinissa in Rom
denunzierte, konnten gleichfalls ernsthafte und einsichtige Maenner nicht
erschrecken, selbst wenn sie nicht, wie es sehr moeglich ist, voellig erfunden
waren. Die Koenige von Syrien und Bithynien suchte der makedonische Hof durch
Zwischenheiraten in das makedonische Interesse zu ziehen; allein es kam dabei
weiter nichts heraus, als dass die unsterbliche Naivitaet der Diplomatie, die
Laender mit Liebschaften erobern zu wollen, sich einmal mehr prostituierte. Den
Eumenes, den gewinnen zu wollen laecherlich gewesen waere, haetten Perseus'
Agenten gern beseitigt; er sollte auf der Rueckkehr von Rom, wo er gegen
Makedonien gewirkt hatte, bei Delphi ermordet werden, allein der saubere Plan
misslang.
Von groesserer Bedeutung waren die Bestrebungen, die noerdlichen Barbaren
und die Hellenen gegen Rom aufzuwiegeln. Philippos hatte den Plan entworfen, die
alten Feinde Makedoniens, die Dardaner in dem heutigen Serbien, zu erdruecken
durch einen anderen, vom linken Ufer der Donau herbeigezogenen, noch wilderen
Schwarm deutscher Abstammung, den der Bastarner, sodann mit diesen und der
ganzen dadurch in Bewegung gesetzten Voelkerlawine selbst nach Italien auf dem
Landweg zu ziehen und in die Lombardei einzufallen, wohin er die Alpenpaesse
bereits erkunden liess - ein grossartiger, Hannibals wuerdiger Entwurf, welchen
auch ohne Zweifel Hannibals Alpenuebergang unmittelbar angeregt hat. Es ist mehr
als wahrscheinlich, dass hiermit die Gruendung der roemischen Festung Aquileia
zusammenhaengt, die eben in Philippos' letzte Zeit faellt (573 181) und nicht
passt zu dem sonst von den Roemern bei ihren italischen Festungsanlagen
befolgten System. Der Plan scheiterte indes an dem verzweifelten Widerstand der
Dardaner und der mitbetroffenen naechstwohnenden Voelkerschaften; die Bastarner
mussten wieder abziehen und der ganze Haufen ertrank auf der Heimkehr unter dem
einbrechenden Eise der Donau. Der Koenig suchte nun wenigstens unter den
Haeuptlingen des illyrischen Landes, des heutigen Dalmatiens und des noerdlichen
Albaniens, seine Klientel auszubreiten. Nicht ohne Perseus' Vorwissen kam einer
derselben, der treulich zu Rom hielt, Arthetauros, durch Moerderhand um. Der
bedeutendste von allen, Genthios, der Sohn und Erbe des Pleuratos, stand zwar
dem Namen nach gleich seinem Vater in Buendnis mit Rom, allein die Boten von
Issa, einer griechischen Stadt auf einer der dalmatinischen Inseln, berichteten
dem Senat, dass Koenig Perseus mit dem jungen, schwachen, trunkfaelligen
Menschen in heimlichem Einverstaendnis stehe und Genthios' Gesandte in Rom dem
Perseus als Spione dienten.
In den Landschaften oestlich von Makedonien gegen die untere Donau zu stand
der maechtigste unter den thrakischen Haeuptlingen, der Fuerst der Orysen und
Herr des ganzen oestlichen Thrakiens von der makedonischen Grenze am Hebros
(Maritza) bis an den mit griechischen Staedten bedeckten Kuestensaum, der kluge
und tapfere Kotys, mit Perseus im engsten Buendnis; von den anderen kleineren
Haeuptlingen, die es hier mit Rom hielten, ward einer, der Fuerst der Sagaeer,
Abrupolis, infolge eines gegen Amphipolis am Strymon gerichteten Raubzugs von
Perseus geschlagen und aus dem Lande getrieben. Von hierher hatte Philipp
zahlreiche Kolonisten gezogen und standen Soeldner zu jeder Zeit in beliebiger
Zahl zu Gebot.
Unter der ungluecklichen hellenischen Nation ward von Philippos und Perseus
lange vor der Kriegserklaerung gegen Rom ein zwiefacher Propagandakrieg lebhaft
gefuehrt, indem man teils die nationale, teils - man gestatte den Ausdruck - die
kommunistische Partei auf die Seite Makedoniens zu bringen versuchte. Dass alle
national Gesinnten unter den asiatischen wie unter den europaeischen Griechen
jetzt im Herzen makedonisch waren, versteht sich von selbst; nicht wegen
einzelner Ungerechtigkeiten der roemischen Befreier, sondern weil die
Herstellung der hellenischen Nationalitaet durch eine fremde den Widerspruch in
sich selbst trug, und jetzt, wo es freilich zu spaet war, jeder es begriff, dass
die abscheulichste makedonische Regierung minder unheilvoll fuer Griechenland
war als die aus den edelsten Absichten ehrenhafter Auslaender hervorgegangene
freie Verfassung. Dass die tuechtigsten und rechtschaffensten Leute in ganz
Griechenland gegen Rom Partei ergriffen, war in der Ordnung; roemisch gesinnt
war nur die feile Aristokratie und hier und da ein einzelner ehrlicher Mann, der
ausnahmsweise sich ueber den Zustand und die Zukunft der Nation nicht taeuschte.
Am schmerzlichsten empfand dies Eumenes von Pergamon, der Traeger jener
fremdlaendischen Freiheit unter den Griechen. Vergeblich behandelte er die ihm
unterworfenen Staedte mit Ruecksichten aller Art; vergeblich buhlte er um die
Gunst der Gemeinden und der Tagsatzungen mit wohlklingenden Worten und noch
besser klingendem Golde - er musste vernehmen, dass man seine Geschenke
zurueckgewiesen, ja dass man eines schoenen Tages im ganzen Peloponnes nach
Tagsatzungsbeschluss alle frueher ihm errichteten Statuen zerschlagen und die
Ehrentafeln eingeschmolzen habe (584 170), waehrend Perseus' Name auf allen
Lippen war; waehrend selbst die ehemals am entschiedensten antimakedonisch
gesinnten Staaten, wie die Achaeer, ueber die Aufhebung der gegen Makedonien
gerichteten Gesetze berieten; waehrend Byzantion, obwohl innerhalb des
Pergamenischen Reiches gelegen, nicht von Eumenes, sondern von Perseus Schutz
und Besatzung gegen die Thraker erbat und empfing, und ebenso Lampsakos am
Hellespont sich dem Makedonier anschloss; waehrend die maechtigen und besonnenen
Rhodier dem Koenig Perseus seine syrische Braut, da die syrischen Kriegsschiffe
im Aegaeischen Meer sich nicht zeigen durften, mit ihrer ganzen praechtigen
Kriegsflotte von Antiocheia her zufuehrten und hochgeehrt und reich beschenkt,
namentlich mit Holz zum Schiffbau, wieder heimkehrten; waehrend Beauftragte der
asiatischen Staedte, also der Untertanen des Eumenes, in Samothrake mit
makedonischen Abgeordneten geheime Konferenzen hielten. Jene Sendung der
rhodischen Kriegsflotte schien wenigstens eine Demonstration; und sicher war es
eine, dass der Koenig Perseus unter dem Vorwand einer gottesdienstlichen
Handlung bei Delphi den Hellenen sich und seine ganze Armee zur Schau stellte.
Dass der Koenig sich auf diese nationale Propaganda bei dem bevorstehenden
Kriege zu stuetzen gedachte, war in der Ordnung. Arg aber war es, dass er die
fuerchterliche oekonomische Zerruettung Griechenlands benutzte, um alle
diejenigen, die eine Umwaelzung der Eigentums- und Schuldverhaeltnisse
wuenschten, an Makedonien zu ketten. Von der beispiellosen Ueberschuldung der
Gemeinden wie der einzelnen im europaeischen Griechenland, mit Ausnahme des in
dieser Hinsicht etwas besser geordneten Peloponnes, ist es schwer, sich einen
hinreichenden Begriff zu machen; es kam vor, dass eine Stadt die andere
ueberfiel und auspluenderte, bloss um Geld zu machen, so zum Beispiel die
Athener Oropos, und bei den Aetolern, den Perrhaebern, den Thessalern lieferten
die Besitzenden und die Nichtbesitzenden sich foermliche Schlachten. Die
aergsten Greueltaten verstehen sich bei solchen Zustaenden von selbst; so wurde
bei den Aetolern eine allgemeine Versoehnung verkuendet und ein neuer Landfriede
gemacht, einzig zu dem Zweck, eine Anzahl von Emigranten ins Garn zu locken und
zu ermorden. Die Roemer versuchten zu vermitteln; aber ihre Gesandten kehrten
unverrichteter Sache zurueck und meldeten, dass beide Parteien gleich schlecht
und die Erbitterung nicht zu bezaehmen sei. Hier half in der Tat nichts anderes
mehr als der Offizier und der Scharfrichter; der sentimentale Hellenismus fing
an, ebenso grauenvoll zu werden, wie er von Anfang an laecherlich gewesen war.
Koenig Perseus aber bemaechtigte sich dieser Partei, wenn sie den Namen
verdient, der Leute, die nichts, am wenigsten einen ehrlichen Namen zu verlieren
hatten, und erliess nicht bloss Verfuegungen zu Gunsten der makedonischen
Bankerottierer, sondern liess auch in Larisa, Delphi und Delos Plakate
anschlagen, welche saemtliche wegen politischer oder anderer Verbrechen oder
ihrer Schulden wegen landfluechtig gewordene Griechen aufforderten, nach
Makedonien zu kommen und volle Einsetzung in ihre ehemaligen Ehren und Gueter zu
gewaertigen. Dass sie kamen, kann man sich denken; ebenso dass in ganz
Nordgriechenland die glimmende soziale Revolution nun in offene Flammen
ausschlug und die national-soziale Partei daselbst um Hilfe zu Perseus sandte.
Wenn die hellenische Nationalitaet nur mit solchen Mitteln zu retten war, so
durfte bei aller Verehrung fuer Sophokles und Pheidias man sich die Frage
erlauben, ob das Ziel des Preises wert sei.
Der Senat begriff, dass er schon zu lange gezoegert habe und dass es Zeit
sei, dem Treiben ein Ende zu machen. Die Vertreibung des thrakischen Haeuptlings
Abrupolis, der mit den Roemern in Buendnis stand, die Buendnisse Makedoniens mit
den Byzantiern, Aetolern und einem Teil der boeotischen Staedte waren ebensoviel
Verletzungen des Friedens von 557 (197) und genuegten fuer das offizielle
Kriegsmanifest; der wahre Grund des Krieges war, dass Makedonien im Begriff
stand, seine formelle Souveraenitaet in eine reelle zu verwandeln und Rom aus
dem Patronat ueber die Hellenen zu verdraengen. Schon 581 (173) sprachen die
roemischen Gesandten auf der achaeischen Tagsatzung es ziemlich unumwunden aus,
dass ein Buendnis mit Perseus mit dem Abfall von dem roemischen gleichbedeutend
sei. Im Jahr 582 (172) kam Koenig Eumenes persoenlich nach Rom mit einem langen
Beschwerdenregister und deckte die ganze Lage der Dinge im Senat auf, worauf
dieser wider Erwarten in geheimer Sitzung sofort die Kriegserklaerung beschloss
und die Landungsplaetze in Epeiros mit Besatzungen versah. Der Form wegen ging
noch eine Gesandtschaft nach Makedonien, deren Botschaft aber derart war, dass
Perseus, erkennend, dass er nicht zurueck koenne, die Antwort gab, er sei
bereit, ein neues wirklich gleiches Buendnis mit Rom zu schliessen, allein den
Vertrag von 557 (197) sehe er als aufgehoben an, und die Gesandten anwies,
binnen drei Tagen das Reich zu verlassen. Damit war der Krieg tatsaechlich
erklaert. Es war im Herbst 582 (172); wenn Perseus wollte, konnte er ganz
Griechenland besetzen und die makedonische Partei ueberall ans Regiment bringen,
ja vielleicht die bei Apollonia stehende roemische Division von 5000 Mann unter
Gnaeus Sicinius erdruecken und den Roemern die Landung streitig machen. Allein
der Koenig, dem schon vor dem Ernst der Dinge zu grauen begann, liess sich mit
seinem Gastfreund, dem Konsular Quintus Marcius Philippus, ueber die Frivolitaet
der roemischen Kriegserklaerung in Verhandlungen ein und sich durch diese
bestimmen, den Angriff zu verschieben und noch einmal einen Friedensversuch in
Rom zu machen, den, wie begreiflich, der Senat nur beantwortete mit der
Ausweisung saemtlicher Makedonier aus Italien und der Einschiffung der Legionen.
Zwar tadelten die Senatoren der aelteren Schule die "neue Weisheit" ihres
Kollegen und die unroemische List; allein der Zweck war erreicht und der Winter
verfloss, ohne dass Perseus sich ruehrte. Desto eifriger nutzten die roemischen
Diplomaten die Zwischenzeit, um Perseus eines jeden Anhaltes in Griechenland zu
berauben. Der Achaeer war man sicher. Nicht einmal die Patriotenpartei daselbst,
die weder mit jenen sozialen Bewegungen einverstanden war noch ueberhaupt sich
weiter verstieg als zu der Sehnsucht nach einer weisen Neutralitaet, dachte
daran, sich Perseus in die Arme zu werfen; und ueberdies war dort jetzt durch
roemischen Einfluss die Gegenpartei ans Ruder gekommen, die unbedingt sich an
Rom anschloss. Der Aetolische Bund hatte zwar in seinen inneren Unruhen von
Perseus Hilfe erbeten; aber der unter den Augen der roemischen Gesandten
gewaehlte neue Strateg Lykiskos war roemischer gesinnt als die Roemer selbst.
Auch bei den Thessalern behielt die roemische Partei die Oberhand. Sogar die von
Alters her makedonisch gesinnten und oekonomisch aufs tiefste zerruetteten
Boeoter hatten in ihrer Gesamtheit sich nicht offen fuer Perseus erklaert; doch
liessen wenigstens drei ihrer Staedte, Thisbae, Haliartos und Koroneia auf
eigene Hand sich mit Perseus ein. Da auf die Beschwerde des roemischen Gesandten
die Regierung der boeotischen Eidgenossenschaft ihm den Stand der Dinge
mitteilte, erklaerte jener, dass sich am besten zeigen werde, welche Stadt es
mit Rom halte und welche nicht, wenn jede sich einzeln ihm gegenueber
ausspreche; und daraufhin lief die Boeotische Eidgenossenschaft geradezu
auseinander. Es ist nicht wahr, dass Epaminondas' grosser Bau von den Roemern
zerstoert worden ist; er fiel tatsaechlich zusammen, ehe sie daran ruehrten, und
ward also freilich das Vorspiel fuer die Aufloesung der uebrigen, noch fester
geschlossenen griechischen Staedtebuende ^2. Mit der Mannschaft der roemisch
gesinnten boeotischen Staedte belagerte der roemische Gesandte Publius Lentulus
Haliartos, noch ehe die roemische Flotte im Aegaeischen Meer erschien.
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^2 Die rechtliche Aufloesung der Boeotischen Eidgenossenschaft erfolgte
uebrigens wohl noch nicht jetzt, sondern erst nach der Zerstoerung Korinths
(Paus. 7, 14, 4; 16, 6.)
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Chalkis ward mit achaeischer, die orestische Landschaft mit epeirotischer
Mannschaft, die dassaretischen und illyrischen Kastelle an der makedonischen
Westgrenze von den Truppen des Gnaeus Sicinius besetzt, und sowie die Schiffahrt
wieder begann, erhielt Larisa eine Besatzung von 2000 Mann. Perseus sah dem
allem untaetig zu und hatte keinen Fussbreit Landes ausserhalb seines eigenen
Gebietes inne, als im Fruehling oder nach dem offiziellen Kalender im Juni 583
(171) die roemischen Legionen an der Westkueste landeten. Es ist zweifelhaft, ob
Perseus namhafte Bundesgenossen gefunden haben wuerde, auch wenn er soviel
Energie gezeigt haette, als er Schlaffheit bewies; unter diesen Umstaenden blieb
er natuerlich voellig allein, und jene weitlaeufigen Propagandaversuche fuehrten
vorlaeufig wenigstens zu gar nichts. Karthago, Genthios von Illyrien, Rhodos und
die kleinasiatischen Freistaedte, selbst das mit Perseus bisher so eng
befreundete Byzanz, boten den Roemern Kriegsschiffe an, welche diese indes
ablehnten. Eumenes machte sein Landheer und seine Schiffe mobil. Koenig
Ariarathes von Kappadokien schickte ungeheissen Geiseln nach Rom. Perseus'
Schwager, Koenig Prusias II. von Bithynien, blieb neutral. In ganz Griechenland
ruehrte sich niemand. Koenig Antiochos IV. von Syrien, im Kurialstil "der Gott,
der glaenzende Siegbringer" genannt zur Unterscheidung von seinem Vater, dem
"Grossen", ruehrte sich zwar, aber nur um dem ganz ohnmaechtigen Aegypten
waehrend dieses Krieges das syrische Kuestenland zu entreissen.
Indes wenn Perseus auch fast allein stand, so war er doch ein nicht
veraechtlicher Gegner. Sein Heer zaehlte 43000 Mann, darunter 21000 Phalangiten
und 4000 makedonische und thrakische Reiter, der Rest groesstenteils Soeldner.
Die Gesamtmacht der Roemer in Griechenland betrug zwischen 30- und 40000 Mann
italischer Truppen, ausserdem ueber 10000 Mann numidischen, ligurischen,
griechischen, kretischen und besonders pergamenischen Zuzugs. Dazu kam die
Flotte, die nur 40 Deckschiffe zaehlte, da ihr keine feindliche gegenueberstand
- Perseus, dem der Vertrag mit Rom Kriegsschiffe zu bauen verboten hatte,
richtete erst jetzt Werften in Thessalonike ein -, die aber bis 10000 Mann
Truppen an Bord hatte, da sie hauptsaechlich bei Belagerungen mitzuwirken
bestimmt war. Die Flotte fuehrte Gaius Lucretius, das Landheer der Konsul
Publius Licinius Crassus. Derselbe liess eine starke Abteilung in Illyrien, um
von Westen aus Makedonien zu beunruhigen, waehrend er mit der Hauptmacht wie
gewoehnlich von Apollonia nach Thessalien aufbrach. Perseus dachte nicht daran,
den schwierigen Marsch zu stoeren, sondern begnuegte sich, in Perrhaebien
einzuruecken und die naechsten Festungen zu besetzen. Am Ossa erwartete er den
Feind und unweit Larisa erfolgte das erste Gefecht zwischen den beiderseitigen
Reitern und leichten Truppen. Die Roemer wurden entschieden geschlagen. Kotys
mit der thrakischen Reiterei hatte die italische, Perseus mit der makedonischen
die griechische geworfen und zersprengt; die Roemer hatten 2000 Mann zu Fuss,
2000 Reiter an Toten, 600 Reiter an Gefangenen verloren und mussten sich
gluecklich schaetzen, unbehindert den Peneios ueberschreiten zu koennen. Perseus
benutzte den Sieg, um auf dieselben Bedingungen, die Philippos erhalten hatte,
den Frieden zu erbitten; sogar dieselbe Summe zu zahlen war er bereit. Die
Roemer schlugen die Forderung ab; sie schlossen nie Frieden nach einer
Niederlage, und hier haette der Friedensschluss allerdings folgeweise den
Verlust Griechenlands nach sich gezogen. Indes anzugreifen verstand der elende
roemische Feldherr auch nicht; man zog hin und her in Thessalien, ohne dass
etwas von Bedeutung geschah. Perseus konnte die Offensive ergreifen; er sah die
Roemer schlecht gefuehrt und zaudernd; wie ein Lauffeuer war die Nachricht durch
Griechenland gegangen, dass das griechische Heer im ersten Treffen glaenzend
gesiegt habe - ein zweiter Sieg konnte zur allgemeinen Insurrektion der
Patriotenpartei fuehren und durch die Eroeffnung eines Guerillakrieges
unberechenbare Erfolge bewirken. Allein Perseus war ein guter Soldat, aber kein
Feldherr wie sein Vater; er hatte sich auf einen Verteidigungskrieg gefasst
gemacht, und wie die Dinge anders gingen, fand er sich wie gelaehmt. Einen
unbedeutenden Erfolg, den die Roemer in einem zweiten Reitergefecht bei Phalanna
davontrugen, nahm er zum Vorwand, um nun doch, wie es beschraenkten und
eigensinnigen Naturen eigen ist, zu dem ersten Plan zurueckzukehren und
Thessalien zu raeumen. Das hiess natuerlich soviel, als auf jeden Gedanken einer
hellenischen Insurrektion verzichten; was sonst sich haette erreichen lassen,
zeigt der dennoch erfolgte Parteiwechsel der Epeiroten. Von beiden Seiten
geschah seitdem nichts Ernstliches mehr; Perseus ueberwand den Koenig Genthios,
zuechtigte die Dardaner und liess durch Kotys die roemisch gesinnten Thraker und
die pergamenischen Truppen aus Thrakien hinausschlagen. Dagegen nahm die
roemische Westarmee einige illyrische Staedte, und der Konsul beschaeftigte sich
damit, Thessalien von den makedonischen Besatzungen zu reinigen und sich der
unruhigen Aetoler und Akarnanen durch Besetzung von Ambrakia zu versichern. Am
schwersten aber empfanden den roemischen Heldenmut die ungluecklichen
boeotischen Staedte, die mit Perseus hielten; die Einwohner sowohl von Thisbae,
das sich ohne Widerstand ergab, sowie der roemische Admiral Gaius Lucretius vor
der Stadt erschien, wie von Haliartos, das ihm die Tore schloss und erstuermt
werden musste, wurden von ihm in die Sklaverei verkauft, Koroneia von dem Konsul
Crassus gar der Kapitulation zuwider ebenso behandelt. Noch nie hatte ein
roemisches Heer so schlechte Mannszucht gehalten wie unter diesen Befehlshabern.
Sie hatten das Heer so zerruettet, dass auch im naechsten Feldzug 584 (170) der
neue Konsul Aulus Hostilius an ernstliche Unternehmungen nicht denken konnte,
zumal da der neue Admiral Lucius Hortensius sich ebenso unfaehig und gewissenlos
erwies wie sein Vorgaenger. Die Flotte lief ohne allen Erfolg in den thrakischen
Kuestenplaetzen an. Die Westarmee unter Appius Claudius, dessen Hauptquartier in
Lychnidos im dassaretischen Gebiet war, erlitt eine Schlappe ueber die andere;
nachdem eine Expedition nach Makedonien hinein voellig verunglueckt war, griff
gegen Anfang des Winters der Koenig mit den an der Suedgrenze durch den tiefen,
alle Paesse sperrenden Schnee entbehrlich gewordenen Truppen den Appius
seinerseits an, nahm ihm zahlreiche Ortschaften und eine Menge Gefangene ab und
knuepfte Verbindungen mit dem Koenig Genthios an; ja er konnte einen Versuch
machen, in Aetolien einzufallen, waehrend Appius sich in Epeiros von der
Besatzung einer Festung, die er vergeblich belagert hatte, noch einmal schlagen
liess. Die roemische Hauptarmee machte ein paar Versuche, erst ueber die
Kambunischen Berge, dann durch die thessalischen Paesse in Makedonien
einzudringen, aber sie wurden schlaff angestellt und beide von Perseus
zurueckgewiesen. Hauptsaechlich beschaeftigte der Konsul sich mit der
Reorganisierung des Heeres, die freilich auch vor allen Dingen noetig war, aber
einen strengeren Mann und einen namhafteren Offizier erforderte. Abschied und
Urlaub waren kaeuflich geworden, die Abteilungen daher niemals vollzaehlig; die
Mannschaft ward im Sommer einquartiert, und wie die Offiziere im grossen Stil,
stahlen die Gemeinen im kleinen; die befreundeten Voelkerschaften wurden in
schmaehlicher Weise beargwohnt - so waelzte man die Schuld der schimpflichen
Niederlage bei Larisa auf die angebliche Verraeterei der aetolischen Reiterei
und sandte unerhoerterweise deren Offiziere zur Kriminaluntersuchung nach Rom;
so draengte man die Molotter in Epeiros. durch falschen Verdacht zum wirklichen
Abfall; die verbuendeten Staedte wurden, als waeren sie erobert, mit
Kriegskontributionen belegt, und wenn sie auf den roemischen Senat provozierten,
die Buerger hingerichtet oder zu Sklaven verkauft - so in Abdera und aehnlich in
Chalkis. Der Senat schritt sehr ernstlich ein ^3: er befahl die Befreiung der
ungluecklichen Koroneier und Abderiten und verbot den roemischen Beamten, ohne
Erlaubnis des Senats Leistungen von den Bundesgenossen zu verlangen. Gaius
Lucretius ward von der Buergerschaft einstimmig verurteilt. Allein das konnte
nicht aendern, dass das Ergebnis dieser beiden ersten Feldzuege militaerisch
null, politisch ein Schandfleck fuer die Roemer war, deren ungemeine Erfolge im
Osten nicht zum wenigsten darauf beruhten, dass sie der hellenischen
Suendenwirtschaft gegenueber sittlich rein und tuechtig auftraten. Haette an
Perseus' Stelle Philippos kommandiert, so wuerde dieser Krieg vermutlich mit der
Vernichtung des roemischen Heeres und dem Abfall der meisten Hellenen begonnen
haben; allein Rom war so gluecklich, in den Fehlern stets von seinen Gegnern
ueberboten zu werden. Perseus begnuegte sich in Makedonien, das nach Sueden und
Westen eine wahre Bergfestung ist, gleichwie in einer belagerten Stadt sich zu
verschanzen.
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^3 Der kuerzlich aufgefundene Senatsbeschluss vom 9. Oktober 584 (170), der
die Rechtsverhaeltnisse von Thisbae regelt (Eph. epigr. 1872, S. 278 f.; AM 4,
1889, S. 235f.), gibt einen deutlichen Einblick in diese Verhaeltnisse.
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Auch der dritte Oberfeldherr, den Rom 585 (169) nach Makedonien sandte,
Quintus Marcius Philippus, jener schon erwaehnte ehrliche Gastfreund des
Koenigs, war seiner keineswegs leichten Aufgabe durchaus nicht gewachsen. Er war
ehrgeizig und unternehmend, aber ein schlechter Offizier. Sein Wagestueck, durch
den Pass Lapathus westlich von Tempe den Uebergang ueber den Olympos in der Art
zu gewinnen, dass er gegen die Besatzung des Passes eine Abteilung zurueckliess
und mit der Hauptmacht durch unwegsame Abhaenge nach Herakleion zu den Weg sich
bahnte, wird dadurch nicht entschuldigt, dass es gelang. Nicht bloss konnte eine
Handvoll entschlossener Leute ihm den Weg verlegen, wo dann an keinen Rueckzug
zu denken war, sondern noch nach dem Uebergang stand er mit der makedonischen
Hauptmacht vor sich, hinter sich die stark befestigten Bergfestungen Tempe und
Lapathus, eingekeilt in eine schmale Strandebene und ohne Zufuhr wie ohne
Moeglichkeit zu fouragieren, in einer nicht minder verzweifelten Lage, als da er
in seinem ersten Konsulat in den ligurischen Engpaessen, die seitdem seinen
Namen behielten, sich gleichfalls hatte umzingeln lassen. Allein wie damals ihn
ein Zufall rettete, so jetzt Perseus' Unfaehigkeit. Als ob er den Gedanken nicht
fassen koenne, gegen die Roemer anders als durch Sperrung der Paesse sich zu
verteidigen, gab er sich seltsamerweise verloren, sowie er die Roemer diesseits
derselben erblickte, fluechtete eiligst nach Pydna und befahl, seine Schiffe zu
verbrennen und seine Schaetze zu versenken. Aber selbst dieser freiwillige Abzug
der makedonischen Armee befreite den Konsul noch nicht aus seiner peinlichen
Lage. Er ging zwar ungehindert vor, musste aber nach vier Tagemaerschen wegen
Mangels an Lebensmitteln sich wieder rueckwaerts wenden; und da auch der Koenig
zur Besinnung kam und schleunigst umkehrte, um in die verlassene Position wieder
einzuruecken, so waere das roemische Heer in grosse Gefahr geraten, wenn nicht
zur rechten Zeit das unueberwindliche Tempe kapituliert und seine reichen
Vorraete dem Feind ueberliefert haette. Die Verbindung mit dem Sueden war nun
zwar dadurch dem roemischen Heere gesichert; aber auch Perseus hatte sich in
seiner frueheren wohlgewaehlten Stellung an dem Ufer des kleinen Flusses Elpios
stark verbarrikadiert und hemmte hier den weiteren Vormarsch der Roemer. So
verblieb das roemische Heer den Rest des Sommers und den Winter eingeklemmt in
den aeussersten Winkel Thessaliens; und wenn die Ueberschreitung der Paesse
allerdings ein Erfolg und der erste wesentliche in diesem Krieg war, so
verdankte man ihn doch nicht der Tuechtigkeit des roemischen, sondern der
Verkehrtheit des feindlichen Feldherrn. Die roemische Flotte versuchte vergebens
Demetrias zu nehmen und richtete ueberhaupt gar nichts aus. Perseus' leichte
Schiffe streiften kuehn zwischen den Kykladen, beschuetzten die nach Makedonien
bestimmten Kornschiffe und griffen die feindlichen Transporte auf. Bei der
Westarmee stand es noch weniger gut; Appius Claudius konnte mit seiner
geschwaechten Abteilung nichts ausrichten, und der von ihm begehrte Zuzug aus
Achaia ward durch die Eifersucht des Konsuls abgehalten zu kommen. Dazu kam,
dass Genthios sich von Perseus durch das Versprechen einer grossen Geldsumme
hatte erkaufen lassen, mit Rom zu brechen, und die roemischen Gesandten
einkerkern liess; worauf uebrigens der sparsame Koenig es ueberfluessig fand,
die zugesicherten Gelder zu zahlen, da Genthios nun allerdings ohnehin gezwungen
war, statt der bisherigen zweideutigen eine entschieden feindliche Stellung
gegen Rom einzunehmen. So hatte man also einen kleinen Krieg mehr neben dem
grossen, der nun schon drei Jahre sich hinzog. Ja haette Perseus sich von seinem
Golde zu trennen vermocht, er haette den Roemern noch gefaehrlichere Feinde
erwecken koennen. Ein Keltenschwarm unter Clondicus, 10000 Mann zu Pferde und
ebenso viele zu Fuss, bot in Makedonien selbst sich an, bei ihm Dienste zu
nehmen; allein man konnte sich ueber den Sold nicht einigen. Auch in Hellas
gaerte es so, dass ein Guerillakrieg sich mit einiger Geschicklichkeit und einer
vollen Kasse leicht haette entzuenden lassen; allein da Perseus nicht Lust hatte
zu geben und die Griechen nichts umsonst taten, blieb das Land ruhig.
Endlich entschloss man sich in Rom, den rechten Mann nach Griechenland zu
senden. Es war Lucius Aemilius Paullus, der Sohn des gleichnamigen Konsuls, der
bei Cannae fiel; ein Mann von altem Adel, aber geringem Vermoegen und deshalb
auf dem Wahlplatz nicht so gluecklich wie auf dem Schlachtfeld, wo er in Spanien
und mehr noch in Ligurien sich ungewoehnlich hervorgetan. Ihn waehlte das Volk
fuer das Jahr 586 (168) zum zweitenmal zum Konsul seiner Verdienste wegen, was
damals schon eine seltene Ausnahme war. Er war in jeder Beziehung der rechte:
ein vorzueglicher Feldherr von der alten Schule, streng gegen sich und seine
Leute und trotz seiner sechzig Jahre noch frisch und kraeftig, ein
unbestechlicher Beamter - "einer der wenigen Roemer jener Zeit, denen man kein
Geld bieten konnte", sagt ein Zeitgenosse von ihm - und ein Mann von
hellenischer Bildung, der noch als Oberfeldherr die Gelegenheit benutzte, um
Griechenland der Kunstwerke wegen zu bereisen.
Sowie der neue Feldherr im Lager bei Herakleion eingetroffen war, liess er,
waehrend Vorpostengefechte im Flussbett des Elpios die Makedonier
beschaeftigten, den schlecht bewachten Pass bei Pythion durch Publius Nasica
ueberrumpeln; der Feind war dadurch umgangen und musste nach Pydna
zurueckweichen. Hier, am roemischen 4. September 586 (168) oder am 22. Juni des
Julianischen Kalenders - eine Mondfinsternis, die ein kundiger roemischer
Offizier dem Heer voraussagte, damit kein boeses Anzeichen darin gefunden werde,
gestattet hier die genaue Zeitbestimmung - wurden beim Traenken der Rosse nach
Mittag zufaellig die Vorposten handgemein, und beide Teile entschlossen sich,
die eigentlich erst auf den naechsten Tag angesetzte Schlacht sofort zu liefern.
Ohne Helm und Panzer durch die Reihen schreitend ordnete der greise Feldherr der
Roemer selber seine Leute. Kaum standen sie, so stuermte die furchtbare Phalanx
auf sie ein; der Feldherr selber, der doch manchen harten Kampf gesehen hatte,
gestand spaeter ein, dass er gezittert habe. Die roemische Vorhut zerstob, eine
paelignische Kohorte ward niedergerannt und fast vernichtet, die Legionen selbst
wichen eilig zurueck, bis sie einen Huegel erreicht hatten, bis hart an das
roemische Lager. Hier wandte sich das Glueck. Das unebene Terrain und die eilige
Verfolgung hatte die Glieder der Phalanx geloest; in einzelnen Kohorten drangen
die Roemer in jede Luecke ein, griffen von der Seite und von hinten an, und da
die makedonische Reiterei, die allein noch haette Hilfe bringen koennen, ruhig
zusah und bald sich in Massen davonmachte, mit ihr unter den ersten der Koenig,
so war in weniger als einer Stunde das Geschick Makedoniens entschieden. Die
3000 erlesenen Phalangiten liessen sich niederhauen bis auf den letzten Mann; es
war, als wolle die Phalanx, die ihre letzte grosse Schlacht bei Pydna schlug,
hier selber untergehen. Die Niederlage war furchtbar; 20000 Makedonier lagen auf
dem Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Der Krieg war zu Ende, am fuenfzehnten
Tage nachdem Paullus den Oberbefehl uebernommen hatte; ganz Makedonien unterwarf
sich in zwei Tagen. Der Koenig fluechtete mit seinem Golde - noch hatte er ueber
6000 Talente (10 Mill. Taler) in seiner Kasse - nach Samothrake, begleitet von
wenigen Getreuen. Allein da er selbst von diesen noch einen ermordete, den
Euandros von Kreta, der als Anstifter des gegen Eumenes versuchten Mordes zur
Rechenschaft gezogen werden sollte, verliessen ihn auch die koeniglichen Pagen
und die letzten Gefaehrten. Einen Augenblick hoffte er, dass das Asylrecht ihn
schuetzen werde; allein selbst er begriff, dass er sich an einen Strohhalm
halte. Ein Versuch, zu Kotys zu fluechten, misslang. So schrieb er an den
Konsul; allein der Brief ward nicht angenommen, da er sich darin Koenig genannt
hatte. Er erkannte sein Schicksal und lieferte auf Gnade und Ungnade den Roemern
sich aus mit seinen Kindern und seinen Schaetzen, kleinmuetig und weinend, den
Siegern selbst zum Ekel. Mit ernster Freude und mehr der Wandelbarkeit der
Geschicke als dem gegenwaertigen Erfolg nachsinnend empfing der Konsul den
vornehmsten Gefangenen, den je ein roemischer Feldherr heimgebracht hat. Perseus
starb wenige Jahre darauf als Staatsgefangener in Alba am Fuciner See ^4; sein
Sohn lebte in spaeteren Jahren in derselben italischen Landstadt als Schreiber.
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^4 Dass die Roemer, um zugleich ihm das Wort zu halten, das ihm sein Leben
verbuergte, und Rache an ihm zu nehmen, ihn durch Entziehung des Schlafs
getoetet, ist sicher eine Fabel.
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So ging das Reich Alexanders des Grossen, das den Osten bezwungen und
hellenisiert hatte, 144 Jahre nach seinem Tode zugrunde.
Damit aber zu dem Trauerspiel die Posse nicht fehlte, ward gleichzeitig
auch der Krieg gegen den "Koenig" Genthios von Illyrien von dem Praetor Lucius
Anicius binnen dreissig Tagen begonnen und beendet, die Piratenflotte genommen,
die Hauptstadt Skodra erobert, und die beiden Koenige, der Erbe des grossen
Alexander und der des Pleuratos, zogen nebeneinander gefangen in Rom ein.
Es war im Senat beschlossen worden, dass die Gefahr nicht wiederkehren
duerfe, die Flamininus' unzeitige Milde ueber Rom gebracht hatte. Makedonien
ward vernichtet. Auf der Konferenz zu Amphipolis am Strymon verfuegte die
roemische Kommission die Aufloesung des festgeschlossenen, durch und durch
monarchischen Einheitsstaates in vier, nach dem Schema der griechischen
Eidgenossenschaften zugeschnittene republikanisch-foederative Gemeindebuende,
den von Amphipolis in den oestlichen Landschaften, den von Thessalonike mit der
chalkidischen Halbinsel, den von Pella an der thessalischen Grenze und den von
Pelagonia im Binnenland. Zwischenheiraten unter den Angehoerigen der
verschiedenen Eidgenossenschaften waren ungueltig, und keiner durfte in mehr als
einer derselben ansaessig sein. Alle koeniglichen Beamten sowie deren erwachsene
Soehne mussten das Land verlassen und sich nach Italien begeben, bei Todesstrafe
- man fuerchtete noch immer, und mit Recht, die Zuckungen der alten Loyalitaet.
Das Landrecht und die bisherige Verfassung blieb uebrigens bestehen; die Beamten
wurden natuerlich durch Gemeindewahlen ernannt und innerhalb der Gemeinden wie
der Buende die Macht in die Haende der Vornehmen gelegt. Die koeniglichen
Domaenen und die Regalien wurden den Eidgenossenschaften nicht zugestanden,
namentlich die Gold- und Silbergruben, ein Hauptreichtum des Landes, zu
bearbeiten untersagt; doch ward 596 (138) wenigstens die Ausbeutung der
Silbergruben wieder gestattet ^5. Die Einfuhr von Salz, die Ausfuhr von
Schiffbauholz wurden verboten. Die bisher an den Koenig gezahlte Grundsteuer
fiel weg, und es blieb den Eidgenossenschaften und den Gemeinden ueberlassen,
sich selber zu besteuern; doch hatten diese die Haelfte der bisherigen
Grundsteuer nach einem ein fuer allemal festgestellten Satz, zusammen jaehrlich
100 Talente (170000 Taler), nach Rom zu entrichten ^6. Das ganze Land ward fuer
ewige Zeiten entwaffnet, die Festung Demetrias geschleift; nur an der Nordgrenze
sollte eine Postenkette gegen die Einfaelle der Barbaren bestehen bleiben. Von
den abgelieferten Waffen wurden die kupfernen Schilde nach Rom gesandt, der Rest
verbrannt.
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^5 Die Angabe Cassiodors, dass im Jahre 596 (158) die makedonischen
Bergwerke wieder eroeffnet wurden, erhaelt ihre naehere Bestimmung durch die
Muenzen. Goldmuenzen der vier Makedonien sind nicht vorhanden; die Goldgruben
also blieben entweder geschlossen oder es wurde das gewonnene Gold als Barren
verwertet. Dagegen finden sich allerdings Silbermuenzen des ersten Makedoniens
(Amphipolis), in welchem Bezirk die Silbergruben belegen sind; fuer die kurze
Zeit in der sie geschlagen sein muessen (596-608 158-146) ist die Zahl derselben
auffallend gross und zeugt entweder von einem sehr energischen Betrieb der
Gruben oder von massenhafter Umpraegung des alten Koeniggeldes.
^6 Wenn das makedonische Gemeinwesen durch die Roemer der "herrschaftlichen
Auflagen und Abgaben entlastet ward" (Polyb. 37, 4), so braucht deshalb noch
nicht notwendig ein spaeterer Erlass dieser Steuer angenommen zu werden; es
genuegt zur Erklaerung von Polybios' Worten, dass die bisher herrschaftliche
jetzt Gemeindesteuer ward. Der Fortbestand der der Provinz Makedonien von
Paullus gegebenen Verfassung bis wenigstens in die augustische Zeit (Liv. 45,
32; Iust. 33, 2) wuerde freilich sich auch mit dem Erlass der Steuer vereinigen
lassen.
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Man erreichte seinen Zweck. Das makedonische Land hat zweimal noch auf den
Ruf von Prinzen aus dem alten Herrscherhause zu den Waffen gegriffen, und ist
uebrigens von jener Zeit bis auf den heutigen Tag ohne Geschichte geblieben.
Aehnlich ward Illyrien behandelt. Das Reich des Genthios ward in drei
kleine Freistaaten zerschnitten; auch hier zahlten die Ansaessigen die Haelfte
der bisherigen Grundsteuer an ihre neuen Herren, mit Ausnahme der Staedte, die
es mit den Roemern gehalten hatten und dafuer Grundsteuerfreiheit erhielten -
eine Ausnahme, die zu machen Makedonien keine Veranlassung bot. Die illyrische
Piratenflotte ward konfisziert und den angeseheneren griechischen Gemeinden an
dieser Kueste geschenkt. Die ewigen Quaelereien, welche die Illyrier den
Nachbarn namentlich durch ihre Korsaren zufuegten, hatten hiermit wenigstens auf
lange hinaus ein Ende.
Kotys in Thrakien, der schwer zu erreichen und gelegentlich gegen Eumenes
zu brauchen war, erhielt Verzeihung und seinen gefangenen Sohn zurueck.
So waren die noerdlichen Verhaeltnisse geordnet und auch Makedonien endlich
von dem Joch der Monarchie erloest - in der Tat, Griechenland war freier als je,
ein Koenig nirgend mehr vorhanden.
Aber man beschraenkte sich nicht darauf, Makedonien Sehnen und Nerven zu
zerschneiden. Es war im Senat beschlossen, die saemtlichen hellenischen Staaten,
Freund und Feind, ein fuer allemal unschaedlich zu machen und sie miteinander in
dieselbe demuetige Klientel hinabzudruecken. Die Sache selbst mag sich
rechtfertigen lassen; allein die Art der Ausfuehrung namentlich gegen die
maechtigeren unter den griechischen Klientelstaaten ist einer Grossmacht nicht
wuerdig und zeigt, dass die Epoche der Fabier und Scipionen zu Ende ist. Am
schwersten traf dieser Rollenwechsel denjenigen Staat, der von Rom geschaffen
und grossgezogen war, um Makedonien im Zaum zu halten, und dessen man jetzt nach
Makedoniens Vernichtung freilich nicht mehr bedurfte, das Reich der Attaliden.
Es war nicht leicht, gegen den klugen und besonnenen Eumenes einen ertraeglichen
Vorwand zu finden, um ihn aus seiner bevorzugten Stellung zu verdraengen und ihn
in Ungnade fallen zu lassen. Auf einmal kamen um die Zeit, da die Roemer im
Lager bei Herakleion standen, seltsame Geruechte ueber ihn in Umlauf; er stehe
mit Perseus im heimlichen Verkehr; ploetzlich sei seine Flotte wie weggeweht
gewesen; fuer seine Nichtteilnahme am Feldzug seien ihm 500, fuer die
Vermittlung des Friedens 1500 Talente geboten worden, und nur an Perseus' Geiz
habe sich der Vertrag zerschlagen. Was die pergamenische Flotte anlangt, so ging
der Koenig mit ihr, als die roemische sich ins Winterquartier begab, gleichfalls
heim, nachdem er dem Konsul seine Aufwartung gemacht hatte. Die
Bestechungsgeschichte ist so sicher ein Maerchen wie nur irgendeine heutige
Zeitungsente; denn dass der reiche, schlaue und konsequente Attalide, der den
Bruch zwischen Rom und Makedonien durch seine Reise 582 (172) zunaechst
veranlasst hatte, und fast deswegen von Perseus' Banditen ermordet worden waere,
in dem Augenblick, wo die wesentlichen Schwierigkeiten eines Krieges ueberwunden
waren, an dessen endlichem Ausgang er ueberdies nie ernstlich gezweifelt haben
konnte, dass er seinen Anteil an der Beute seinem Moerder um einige Talente
verkauft und das Werk langer Jahre an eine solche Erbaermlichkeit gesetzt haben
sollte, ist denn doch nicht bloss gelogen, sondern sehr albern gelogen. Dass
kein Beweis weder in Perseus' Papieren noch sonst sich vorfand, ist sicher
genug; denn selbst die Roemer wagten nicht, jene Verdaechtigungen laut
auszusprechen. Aber sie hatten ihren Zweck. Was man wollte, zeigt das Benehmen
der roemischen Grossen gegen Attalos, Eumenes' Bruder, der die pergamenischen
Hilfstruppen in Griechenland befehligt hatte. Mit offenen Armen ward der wackere
und treue Kamerad in Rom empfangen und aufgefordert, nicht fuer seinen Bruder,
sondern fuer sich zu bitten - gern werde der Senat ihm ein eigenes Reich
gewaehren, Attalos erbat nichts als Aenos und Maroneia. Der Senat meinte, dass
dies nur eine vorlaeufige Bitte sei und gestand sie mit grosser Artigkeit zu.
Als er aber abreiste, ohne weitere Forderungen gestellt zu haben, und der Senat
zu der Einsicht kam, dass die pergamenische Regentenfamilie unter sich nicht so
lebe, wie es in den fuerstlichen Haeusern hergebracht war, wurden Aenos und
Maroneia zu Freistaedten erklaert. Nicht einen Fussbreit Landes erhielten die
Pergamener von der makedonischen Beute; hatte man nach Antiochos' Besiegung
Philippos gegenueber noch die Formen geschont, so wollte man jetzt verletzen und
demuetigen. Um diese Zeit scheint der Senat Pamphylien, ueber dessen Besitz
Eumenes und Antiochos bisher gestritten, unabhaengig erklaert zu haben.
Wichtiger war es, dass die Galater, bisher im wesentlichen in der Gewalt des
Eumenes, nachdem derselbe den pontischen Koenig mit Waffengewalt aus Galatien
vertrieben und im Frieden ihm die Zusage abgenoetigt hatte, mit den galatischen
Fuersten keine Verbindung ferner unterhalten zu wollen, jetzt, ohne Zweifel
rechnend auf die zwischen Eumenes und den Roemern eingetretene Spannung, wenn
nicht geradezu von diesen veranlasst, sich gegen Eumenes erhoben, sein Reich
ueberschwemmten und ihn in grosse Gefahr brachten. Eumenes erbat die roemische
Vermittlung; der roemische Gesandte war dazu bereit, meinte aber, dass Attalos,
der das pergamenische Heer befehligte, besser nicht mitgehe, um die Wilden nicht
zu verstimmen, und merkwuerdigerweise richtete er gar nichts aus, ja er
erzaehlte bei der Rueckkehr, dass seine Vermittlung die Wilden erst recht
erbittert habe. Es waehrte nicht lange, so ward die Unabhaengigkeit der Galater
von dem Senat ausdruecklich anerkannt und gewaehrleistet. Eumenes entschloss
sich, persoenlich nach Rom zu gehen und im Senat seine Sache zu fuehren. Da
beschloss dieser ploetzlich, wie vom boesen Gewissen geplagt, dass Koenige
kuenftig nicht mehr nach Rom sollten kommen duerfen, und schickte ihm nach
Brundisium einen Quaestor entgegen, ihm diesen Senatsbeschluss vorzulegen, ihn
zu fragen, was er wolle, und ihm anzudeuten, dass man seine schleunige Abreise
gern sehen werde. Der Koenig schwieg lange; er begehre, sagte er endlich, weiter
nichts und schiffte sich wieder ein. Er sah, wie es stand: die Epoche der
halbmaechtigen und halbfreien Bundesgenossenschaft war zu Ende; es begann die
der ohnmaechtigen Untertaenigkeit.
Aehnlich erging es den Rhodiern. Ihre Stellung war ungemein bevorzugt; sie
standen mit Rom nicht in eigentlicher Symmachie, sondern in einem gleichen
Freundschaftsverhaeltnis, das sie nicht hinderte, Buendnisse jeder Art
einzugehen und nicht noetigte, den Roemern auf Verlangen Zuzug zu leisten.
Vermutlich war eben dies die letzte Ursache, weshalb ihr Einverstaendnis mit Rom
schon seit einiger Zeit getruebt war. Die ersten Zerwuerfnisse mit Rom hatten
stattgefunden infolge des Aufstandes der nach Antiochos' Ueberwindung ihnen
zugeteilten Lykier gegen ihre Zwingherren, die sie (576 178) als abtruennige
Untertanen in grausamer Weise knechteten; diese aber behaupteten, nicht
Untertanen, sondern Bundesgenossen der Rhodier zu sein und drangen damit im
roemischen Senat durch, als derselbe aufgefordert war, den zweifelhaften Sinn
des Friedensinstruments festzustellen. Hierbei hatte indes ein gerechtfertigtes
Mitleid mit den, arg gedrueckten Leuten wohl das meiste getan; wenigstens
geschah von Rom nichts weiter, und man liess diesen wie anderen hellenischen
Hader gehen. Als der Krieg mit Perseus ausbrach, sahen ihn die Rhodier zwar wie
alle uebrigen verstaendigen Griechen ungern, und namentlich Eumenes als
Anstifter desselben war uebel berufen, so dass sogar seine Festgesandtschaft bei
der Heliosfeier in Rhodos abgewiesen ward. Allein dies hinderte sie nicht, fest
an Rom zu halten und die makedonische Partei, die es wie allerorts so auch in
Rhodos gab, nicht an das Ruder zu lassen; die noch 585 (169) ihnen erteilte
Erlaubnis, Getreide aus Sizilien auszufuehren, beweist die Fortdauer des guten
Vernehmens mit Rom. Ploetzlich erschienen kurz vor der Schlacht bei Pydna

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