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Rˆmische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen

Part 4 out of 9

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nach eingeholter Erlaubnis Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich darauf
hinauslief, dass Karthago tributpflichtig ward und seine politische
Selbstaendigkeit verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager unter Umstaenden
verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen Flotte zu stellen.
Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der Beendigung des
schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit dem Oberbefehl an einen
Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu guenstige Bedingungen gewaehrte.
Die Anklage moechte gegruendet sein, wenn der erste Entwurf zustande gekommen
waere; gegen den zweiten scheint sie nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom
die Verhaeltnisse so, dass der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die
Abberufung ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem Siege
ein Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und von dieser
entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die Bedingungen selbst
diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem ihr also die Haende
gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite gestellt war, nie auch nur
einen Versuch gemacht, sich der roemischen Suprematie zu entziehen, geschweige
denn, mit Rom zu rivalisieren; es wusste ueberdies jeder, der es wissen wollte,
dass der soeben beendigte Krieg viel mehr von Hannibal unternommen worden war
als von Karthago und dass der Riesenplan der Patriotenpartei sich
schlechterdings nicht erneuern liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern
wenig duenken, dass nur die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen
aufloderten und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und
Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der vernichtete
Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das Verbrechen, die Roemer
zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte, gruendlicher zu bestrafen. Scipio
dachte anders und wir haben keinen Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in
diesem Fall die gemeinen Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und
hochsinnigen, die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der
etwaigen Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings
nicht fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges haben
den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch alles unbegreiflich
gelungen war, abgehalten, die Exekution an der ungluecklichen Stadt zu
vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem Adoptivenkel aufgetragen wurde und
die freilich wohl jetzt gleich schon vollzogen werde konnte. Es ist viel
wahrscheinlicher, dass die beiden grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die
politische Entscheidung stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um
dort der ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem
Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu setzen; der
Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen Gegner zeigt sich nicht
minder in Hannibals grossartiger Fuegung in das Unvermeidliche als in Scipios
weisem Zuruecktreten von dem Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges.
Sollte er, der hochherzige und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was
es denn dem Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der Karthagerstadt
vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und Ackerbaus voellig zu
verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen Zivilisation frevelhaft
niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die ersten Maenner Roms
sich hergaben zu Henkern der Zivilisation der Nachbarn und die ewige Schande der
Nation leichtfertig glaubten von sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen.
So war der Zweite Punische Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger nennen,
der Hannibalische Krieg beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom Hellespont bis
zu den Saeulen des Herkules die Inseln und Landschaften verheert hatte. Vor
diesem Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht hoeher gesteckt als bis zu
der Beherrschung des Festlandes der italischen Halbinsel innerhalb ihrer
natuerlichen Grenzen und der italischen Inseln und Meere. Dass man den Krieg
auch beendigte mit dem Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die Staaten am
Mittelmeer oder die sogenannte Weltmonarchie begruendet, sondern einen
gefaehrlichen Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien bequeme Nachbarn
gegeben zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas beim Friedensschluss
deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere Ergebnisse des Krieges,
namentlich die Eroberung von Spanien, diesem Gedanken wenig entsprachen; aber
die Erfolge fuehrten eben ueber die eigentliche Absicht hinaus, und zu dem
Besitz von Spanien sind die Roemer in der Tat man moechte sagen zufaellig
gelangt. Die Herrschaft ueber Italien haben die Roemer errungen, weil sie sie
erstrebt haben; die Hegemonie und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das
Mittelmeergebiet ist ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die
Verhaeltnisse zugeworfen worden.
Die unmittelbaren Resultate des Krieges waren ausserhalb Italien die
Verwandlung Spaniens in eine roemische, freilich in ewiger Auflehnung begriffene
Doppelprovinz; die Vereinigung des bis dahin abhaengigen syrakusanischen Reiches
mit der roemischen Provinz Sizilien; die Begruendung des roemischen statt des
karthagischen Patronats ueber die bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich
die Verwandlung Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose
Kaufstadt; mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den Westen des
Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige Ineinandergreifen des
oestlichen und des westlichen Staatensystems, das im Ersten Punischen Krieg sich
nur erst angedeutet hatte, und damit das demnaechst bevorstehende entscheidende
Eingreifen Roms in die Konflikte der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde
dadurch zunaechst das Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum
Untergang bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution
vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft war die
Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden latinischen
Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner Schwankungen doch im
ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr geprueft und bewaehrt hatte,
und die steigende Unterdrueckung der nicht latinischen oder nicht latinisierten
Italiker, namentlich der Etrusker und der unteritalischen Sabeller. Am
schwersten traf die Strafe oder vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils
den zugleich ersten und letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und
die Landschaft der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und
Capua aus der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar
die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen. Den
gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen Auswaertiger oder
roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur oeffentlichen Domaene und
gab ihn seitdem an kleine Leute parzellenweise in Zeitpacht. Aehnlich wurden die
Picenter am Silarus behandelt; ihre Hauptstadt wurde geschleift und die Bewohner
zerstreut in die umliegenden Doerfer. Der Brettier Los war noch haerter; sie
wurden in Masse gewissermassen zu Leibeigenen der Roemer gemacht und fuer ewige
Zeiten vom Waffenrecht ausgeschlossen. Aber auch die uebrigen Verbuendeten
Hannibals buessten schwer, so die griechischen Staedte mit Ausnahme der wenigen,
die bestaendig zu Rom gehalten hatten, wie die kampanischen Griechen und die
Rheginer. Nicht viel weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer
apulischer, lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils Stuecke ihrer
Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker wurden neue Kolonien
angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe Buergerkolonien an den besten
Haefen Unteritaliens, unter denen Sipontum (bei Manfredonia) und Kroton zu
nennen sind, ferner Salernum in dem ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter
und diesen zur Zwingburg bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der
vornehmen Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels ward. Ferner
ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia (560 194), ebenso die
reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen Valentia (562 192). Auf anderen
Grundstuecken in Samnium und Apulien wurden die Veteranen der siegreichen Armee
von Afrika einzeln angesiedelt; der Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze
der vornehmen Herren in Rom ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der Bauern. Es
versteht sich, dass ausserdem in allen Gemeinden der Halbinsel die namhaften,
nicht gut roemisch gesinnten Leute soweit beseitigt wurden, als dies durch
politische Prozesse und Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall in
Italien fuehlten die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name eitel und
dass sie fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung Hannibals ward als eine
zweite Unterjochung Italiens empfunden und alle Erbitterung wie aller Uebermut
des Siegers vornehmlich an den italischen, nichtlatinischen Bundesgenossen
ausgelassen. Selbst die farblose und wohlpolizierte roemische Komoedie dieser
Zeit traegt davon die Spuren; wenn die niedergeworfenen Staedte Capua und Atella
dem zuegellosen Witz der roemischen Posse polizeilich freigegeben und die
letztere geradezu deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter darueber
spassten, dass in der todbringenden Luft, wo selbst die ausdauerndste Rasse der
Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die kampanische Sklavenschaft schon gelernt
habe auszuhalten, so hallt aus solchen gefuehllosen Spoettereien der Hohn der
Sieger, freilich auch der Jammerlaut der zertretenen Nationen wieder. Wie die
Dinge standen, zeigt die aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden
Makedonischen Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die
Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200), Narnia 555
(199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom aus zugesandt wurden.
Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen der italischen Bevoelkerung
gerissen hatten, zeigt das Beispiel der roemischen Buergerschaft, deren Zahl
waehrend des Krieges fast um den vierten Teil geschwunden war; die Angabe der
Gesamtzahl der im Hannibalischen Krieg gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe
scheint danach durchaus nicht uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust
vorwiegend auf den Kern der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie die Masse
der Streiter stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich lichtete, zeigt
die Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae, wo derselbe auf 123
Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch eine ausserordentliche
Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen Normalstand gebracht ward. Dass
endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der zugleich in allen Landschaften Italiens
und nach allen vier Weltgegenden im Ausland gefuehrt worden war, die
Volkswirtschaft im tiefsten Grund erschuettert haben muss, ist im allgemeinen
klar; zur Ausfuehrung im einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der
Staat gewann durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische Gebiet
blieb seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen; allein durch diese
Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich der Volkswohlstand um ebenso
viel zurueck, als er in anderen Zeiten gewonnen hatte durch die Zerschlagung der
Staatslaendereien. Eine Menge bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert -
war vernichtet und verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die
Bevoelkerung durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition
buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das letzte
Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in Raeuberbanden
zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff gibt, dass in einem
einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000 Menschen wegen Strassenraubs
verurteilt werden mussten; die sich ausdehnenden Weiden mit den halb wilden
Hirtensklaven beguenstigten diese heillose Verwilderung des Landes. Der
italische Ackerbau sah sich in seiner Existenz bedroht durch das zuerst in
diesem Kriege aufgestellte Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst
geerntetem auch von sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt werden
koenne. Dennoch durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden hatten, das Ende
dieses Riesenkampfes zu erleben, stolz in die Vergangenheit und zuversichtlich
in die Zukunft blicken. Es war viel verschuldet, aber auch viel erduldet worden;
das Volk, dessen gesamte dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre hindurch Schild
und Schwert nicht abgelegt hatte, durfte manches sich verzeihen. Jenes wenn auch
durch wechselseitige Befehdung unterhaltene, doch im ganzen friedliche und
freundliche Zusammenleben der verschiedenen Nationen, wie es das Ziel der
neueren Voelkerentwicklungen zu sein scheint, ist dem Altertum fremd: damals
galt es Amboss zu sein oder Hammer; und in dem Wettkampf der Sieger war der Sieg
den Roemern geblieben. Ob man verstehen werde ihn zu benutzen, die latinische
Nation immer fester an Rom zu ketten, Italien allmaehlich zu latinisieren, die
Unterworfenen in den Provinzen als Untertanen zu beherrschen, nicht als Knechte
auszunutzen, die Verfassung zu reformieren, den schwankenden Mittelstand neu zu
befestigen und zu erweitern - das mochte mancher fragen; wenn man es verstand,
so durfte Italien gluecklichen Zeiten entgegensehen, in denen der auf eigene
Arbeit unter guenstigen Verhaeltnissen gegruendete Wohlstand und die
entschiedenste politische Suprematie ueber die damalige zivilisierte Welt jedem
Gliede des grossen Ganzen ein gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges
Ziel, jedem Talent eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn
nicht, nicht. Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen Stimmen und
die trueben Besorgnisse, als von allen Seiten die Krieger und Sieger in ihre
Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und Lustbarkeiten, Geschenke an Soldaten
und Buerger an der Tagesordnung waren, die geloesten Gefangenen heimgesandt
wurden aus Gallien, Afrika, Griechenland und endlich der jugendliche Sieger im
glaenzenden Zuge durch die geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine
Palme in dem Haus des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen
zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen hatte.
7. Kapitel
Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode
In der Erstreckung der roemischen Herrschaft bis an die Alpen- oder, wie
man jetzt schon sagte, bis an die italische Grenze und in der Ordnung und
Kolonisierung der keltischen Landschaften war Rom durch den Hannibalischen Krieg
unterbrochen worden. Es verstand sich von selbst, dass man jetzt da fortfahren
wuerde, wo man aufgehoert hatte, und die Kelten begriffen es wohl. Schon im
Jahre des Friedensschlusses mit Karthago (553 201) hatten im Gebiet der
zunaechst bedrohten Boier die Kaempfe wieder begonnen; und ein erster Erfolg,
der ihnen gegen den eilig aufgebotenen roemischen Landsturm gelang, sowie das
Zureden eines karthagischen Offiziers Hamilkar, der von Magos Expedition her in
Norditalien zurueckgeblieben war, veranlassten im folgenden Jahr (554 200) eine
allgemeine Schilderhebung nicht bloss der beiden zunaechst bedrohten Staemme,
der Boier und Insubrer; auch die Ligurer trieb die naeherrueckende Gefahr in die
Waffen, und selbst die cenomanische Jugend hoerte diesmal weniger auf die Stimme
ihrer vorsichtigen Behoerden als auf den Notruf der bedrohten Stammgenossen. Von
"den beiden Riegeln gegen die gallischen Zuege", Placentia und Cremona, ward der
erste niedergeworfen - von der placentinischen Einwohnerschaft retteten nicht
mehr als 2000 das Leben -, der zweite berannt. Eilig marschierten die Legionen
heran, um zu retten, was noch zu retten war. Vor Cremona kam es zu einer grossen
Schlacht. Die geschickte und kriegsmaessige Leistung derselben von seiten des
phoenikischen Fuehrers vermochte es nicht, die Mangelhaftigkeit seiner Truppen
zu ersetzen; dem Andrang der Legionen hielten die Gallier nicht stand und unter
den Toten, welche zahlreich das Schlachtfeld bedeckten, war auch der
karthagische Offizier. Indes setzten die Kelten den Kampf fort; dasselbe
roemische Heer, welches bei Cremona gesiegt, wurde das naechste Jahr (555 199),
hauptsaechlich durch die Schuld des sorglosen Fuehrers, von den Insubrern fast
aufgerieben und erst 556 (198) konnte Placentia notduerftig wiederhergestellt
werden. Aber der Bund der zu dem Verzweiflungskampf vereinigten Kantone ward in
sich uneins; die Boier und die Insubrer gerieten in Zwist, und die Cenomanen
traten nicht bloss zurueck von dem Nationalbunde, sondern erkauften sich auch
Verzeihung von den Roemern durch schimpflichen Verrat der Landsleute, indem sie
waehrend einer Schlacht, die die Insubrer den Roemern am Mincius lieferten, ihre
Bundes- und Kampfgenossen von hinten angriffen und aufreiben halfen (557 197).
So gedemuetigt und im Stich gelassen, bequemten sich die Insubrer nach dem Fall
von Comum gleichfalls zu einem Sonderfrieden (558 196). Die Bedingungen, welche
Rom den Cenomanen und Insubrern vorschrieb, waren allerdings haerter, als sie
den Gliedern der italischen Eidgenossenschaft gewaehrt zu werden pflegten;
namentlich vergass man nicht, die Scheidewand zwischen Italikern und Kelten
gesetzlich zu befestigen und zu verordnen, dass nie ein Buerger dieser beiden
Keltenstaemme das roemische Buergerrecht solle gewinnen koennen. Indes liess man
diesen transpadanischen Keltendistrikten ihre Existenz und ihre nationale
Verfassung, so dass sie nicht Stadtgebiete, sondern Voelkergaue bildeten, und
legte ihnen auch wie es scheint keinen Tribut auf; sie sollten den roemischen
Ansiedlungen suedlich vom Po als Bollwerk dienen und die nachrueckenden
Nordlaender wie die raeuberischen Alpenbewohner, welche regelmaessige Razzias in
diese Gegenden zu unternehmen pflegten, von Italien abhalten. Uebrigens griff
auch in diesen Landschaften die Latinisierung mit grosser Schnelligkeit um sich;
die keltische Nationalitaet vermochte offenbar bei weitem nicht den Widerstand
zu leisten wie die der zivilisierten Sabeller und Etrusker. Der gefeierte
lateinische Lustspieldichter Statius Caecilius, der im Jahre 586 (168) starb,
war ein freigelassener Insubrer; und Polybios, der gegen Ausgang des sechsten
Jahrhunderts diese Gegenden bereiste, versichert, vielleicht nicht ohne eigene
Uebertreibung, dass daselbst nur noch wenige Doerfer unter den Alpen keltisch
geblieben seien. Die Veneter dagegen scheinen ihre Nationalitaet laenger
behauptet zu haben.
Das hauptsaechliche Bestreben der Roemer war in diesen Landschaften
begreiflicherweise darauf gerichtet, dem Nachruecken der transalpinischen Kelten
zu steuern und die natuerliche Scheidewand der Halbinsel und des inneren
Kontinents auch zur politischen Grenze zu machen. Dass die Furcht vor dem
roemischen Namen schon zu den naechstliegenden keltischen Kantonen jenseits der
Alpen gedrungen war, zeigt nicht bloss die vollstaendige Untaetigkeit, mit der
dieselben der Vernichtung oder Unterjochung ihrer diesseitigen Landsleute
zusahen, sondern mehr noch die offizielle Missbilligung und Desavouierung,
welche die transalpinischen Kantone - man wird zunaechst an die Helvetier
(zwischen dem Genfer See und dem Main) und an die Karner oder Taurisker (in
Kaernten und Steiermark) zu denken haben - gegen die beschwerdefuehrenden
roemischen Gesandten aussprachen ueber die Versuche einzelner keltischer Haufen,
sich diesseits der Alpen in friedlicher Weise anzusiedeln, nicht minder die
demuetige Art, in welcher diese Auswandererhaufen selbst zuerst bei dem
roemischen Senat um Landanweisung bittend einkamen, alsdann aber dem strengen
Gebot, ueber die Alpen zurueckzugehen, ohne Widerrede sich fuegten (568 f., 575
186, 179) und die Stadt, die sie unweit des spaeteren Aquileia schon angelegt
hatten, wieder zerstoeren liessen. Mit weiser Strenge gestattete der Senat
keinerlei Ausnahme von dem Grundsatz, dass die Alpentore fuer die keltische
Nation fortan geschlossen seien, und schritt mit schweren Strafen gegen
diejenigen roemischen Untertanen ein, die solche Uebersiedlungsversuche von
Italien aus veranlasst hatten. Ein Versuch dieser Art, welcher auf einer bis
dahin den Roemern wenig bekannten Strasse im innersten Winkel des Adriatischen
Meeres stattfand, mehr aber noch, wie es scheint, der Plan Philipps von
Makedonien, wie Hannibal von Westen so seinerseits von Osten her in Italien
einzufallen, veranlassten die Gruendung einer Festung in dem aeussersten
nordoestlichen Winkel Italien, der noerdlichsten italischen Kolonie Aquileia
(571-573 183-181), die nicht bloss diesen Weg den Fremden fuer immer zu
verlegen, sondern auch die fuer die dortige Schiffahrt vorzueglich bequem
gelegene Meeresbucht zu sichern und der immer noch nicht ganz ausgerotteten
Piraterie in diesen Gewaessern zu steuern bestimmt war. Die Anlage Aquileias
veranlasste einen Krieg gegen die Istrier (576, 577 178, 177), der mit der
Erstuermung einiger Kastelle und dem Fall des Koenigs Aepulo schnell beendigt
war und durch nichts merkwuerdig ist als durch den panischen Schreck, den die
Kunde von der Ueberrumpelung des roemischen Lagers durch eine Handvoll Barbaren
bei der Flotte und sodann in ganz Italien hervorrief.
Anders verfuhr man in der Landschaft diesseits des Padus, die der roemische
Senat beschlossen hatte Italien einzuverleiben. Die Boier, die dies zunaechst
traf, wehrten sich mit verzweifelter Entschlossenheit. Es ward sogar der Padus
von ihnen ueberschritten und ein Versuch gemacht, die Insubrer wieder unter die
Waffen zu bringen (560 194); ein Konsul ward in seinem Lager von ihnen blockiert
und wenig fehlte, dass er unterlag; Placentia hielt sich muehsam gegen die
ewigen Angriffe der erbitterten Eingeborenen. Bei Mutina endlich ward die letzte
Schlacht geliefert; sie war lang und blutig, aber die Roemer siegten (561 193),
und seitdem war der Kampf kein Krieg mehr, sondern eine Sklavenhetze. Die
einzige Freistatt im boischen Gebiet war bald das roemische Lager, in das der
noch uebrige bessere Teil der Bevoelkerung sich zu fluechten begann; die Sieger
konnten nach Rom berichten, ohne sehr zu uebertreiben, dass von der Nation der
Boier nichts mehr uebrig sei als Kinder und Greise. So freilich musste sie sich
ergeben in das Schicksal, das ihr bestimmt war. Die Roemer forderten Abtretung
des halben Gebiets (563 191); sie konnte nicht verweigert werden, aber auch auf
dem geschmaelerten Bezirk, der den Boiern blieb, verschwanden sie bald und
verschmolzen mit ihren Besiegern ^1.
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^1 Nach Strabons Bericht waeren diese italischen Boier von den Roemern
ueber die Alpen verstossen worden und aus ihnen die boische Ansiedlung im
heutigen Ungarn um Steinamanger und Oedenburg hervorgegangen, welche in der
augustischen Zeit von den ueber die Donau gegangenen Geten angegriffen und
vernichtet wurde, dieser Landschaft aber den Namen der boischen Einoede
hinterliess. Dieser Bericht passt sehr wenig zu der wohlbeglaubigten Darstellung
der roemischen Jahrbuecher, nach der man sich roemischerseits begnuegte mit der
Abtretung des halben Gebietes; und um das Verschwinden der italischen Boier zu
erklaeren, bedarf es in der Tat der Annahme einer gewaltsamen Vertreibung nicht
- verschwinden doch auch die uebrigen keltischen Voelkerschaften, obwohl von
Krieg und Kolonisierung in weit minderem Grade heimgesucht, nicht viel weniger
rasch und vollstaendig aus der Reihe der italischen Nationen. Anderseits fuehren
andere Berichte vielmehr darauf, jene Boier am Neusiedler See herzuleiten von
dem Hauptstock der Nation, der ehemals in Bayern und Boehmen sass, bis deutsche
Staemme ihn suedwaerts draengten. Ueberall aber ist es sehr zweifelhaft, ob die
Boier, die man bei Bordeaux, am Po, in Boehmen findet, wirklich
auseinandergesprengte Zweige eines Stammes sind und nicht bloss eine
Namensgleichheit obwaltet. Strabons Annahme duerfte auf nichts anderem beruhen
als auf einem Rueckschluss aus der Namensgleichheit, wie die Alten ihn bei den
Kimbern, Venetern und sonst oft unueberlegt anwandten.
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Nachdem die Roemer also sich reinen Boden geschaffen hatten, wurden die
Festungen Placentia und Cremona, deren Kolonisten die letzten unruhigen Jahre
grossenteils hingerafft oder zerstreut hatten, wieder organisiert und neue
Ansiedler dorthin gesandt; neu gegruendet wurden in und bei dem ehemaligen
senonischen Gebiet Potentia (bei Recanati unweit Ancona; 570 184) und Pisaurum
(Pesaro; 570 184), ferner in der neu gewonnenen boischen Landschaft die
Festungen Bonoma (565 189), Mutina (571 183) und Parma (571 183), von denen die
Kolonie Mutina schon vor dem Hannibalischen Krieg angelegt und nur der Abschluss
der Gruendung durch diesen unterbrochen worden war. Wie immer verband sich mit
der Anlage der Festungen auch die von Militaerchausseen. Es wurde die
Flaminische Strasse von ihrem noerdlichen Endpunkt Ariminum unter dem Namen der
Aemilischen bis Placentia verlaengert (567 187). Ferner ward die Strasse von Rom
nach Arretium oder die Cassische, die wohl schon laengst Munizipalchaussee
gewesen war, wahrscheinlich im Jahre 583 (171) von der roemischen Gemeinde
uebernommen und neu angelegt, schon 567 (187) aber die Strecke von Arretium
ueber den Apennin nach Bononia bis an die neue Aemilische Strasse hergestellt,
wodurch man eine kuerzere Verbindung zwischen Rom und den Pofestungen erhielt.
Durch diese durchgreifenden Massnahmen wurde der Apennin als die Grenze des
keltischen und des italischen Gebiets tatsaechlich beseitigt und ersetzt durch
den Po. Diesseits des Po herrschte fortan wesentlich die italische Stadt-,
jenseits desselben wesentlich die keltische Gauverfassung, und es war ein leerer
Name, wenn auch jetzt noch das Gebiet zwischen Apennin und Po zur keltischen
Landschaft gerechnet ward.
In dem nordwestlichen italischen Gebirgsland, dessen Taeler und Huegel
hauptsaechlich von dem vielgeteilten ligurischen Stamm eingenommen waren,
verfuhren die Roemer in aehnlicher Weise. Was zunaechst nordwaerts vom Arno
wohnte, ward vertilgt. Es traf dies hauptsaechlich die Apuaner, die, auf dem
Apennin zwischen dem Arno und der Magra wohnend, einerseits das Gebiet von
Pisae, anderseits das von Bononia und Mutina unaufhoerlich pluenderten. Was hier
nicht dem Schwert der Roemer erlag, ward nach Unteritalien in die Gegend von
Benevent uebergesiedelt (574 180), und durch energische Massregeln die
ligurische Nation, weicher man noch im Jahre 578 (175) die von ihr eroberte
Kolonie Mutina wieder abnehmen musste, in den Bergen, die das Potal von dem des
Arno scheiden, vollstaendig unterdrueckt. Die 577 (177) auf dem ehemals
apuanischen Gebiet angelegte Festung Luna unweit Spezzia deckte die Grenze gegen
die Ligurer aehnlich wie Aquileia gegen die Transalpiner und gab zugleich den
Roemern einen vortrefflichen Hafen, der seitdem fuer die Ueberfahrt nach
Massalia und nach Spanien die gewoehnliche Station ward. Die Chaussierung der
Kuesten- oder Aurelischen Strasse von Rom nach Luna und der von Luca ueber
Florenz nach Arretium gefuehrten Querstrasse zwischen der Aurelischen und
Cassischen gehoert wahrscheinlich in dieselbe Zeit.
Gegen die westlicheren ligurischen Staemme, die die genuesischen Apenninen
und die Seealpen innehatten, ruhten die Kaempfe nie. Es waren unbequeme
Nachbarn, die zu Lande und zur See zu pluendern pflegten; die Pisaner und die
Massalioten hatten von ihren Einfaellen und ihren Korsarenschiffen nicht wenig
zu leiden. Bleibende Ergebnisse wurden indes bei den ewigen Fehden nicht
gewonnen, vielleicht auch nicht bezweckt; ausser dass man, wie es scheint, um
mit dem transalpinischen Gallien und Spanien neben der regelmaessigen See- auch
eine Landverbindung zu haben, bemueht war, die grosse Kuestenstrasse von Luna
ueber Massalia nach Emporiae wenigstens bis an die Alpen freizumachen - jenseits
der Alpen lag es dann den Massalioten ob, den roemischen Schiffen die
Kuestenfahrt und den Landreisenden die Uferstrasse offen zu halten. Das
Binnenland mit seinen unwegsamen Taelern und seinen Felsennestern, mit seinen
armen, aber gewandten und verschlagenen Bewohnern diente den Roemern
hauptsaechlich als Kriegsschule zur Uebung und Abhaertung der Soldaten wie der
Offiziere.
Aehnliche sogenannte Kriege wie gegen die Ligurer fuehrte man gegen die
Korsen und mehr noch gegen die Bewohner des inneren Sardinien, welche die gegen
sie gerichteten Raubzuege durch Ueberfaelle der Kuestenstriche vergalten. Im
Andenken geblieben ist die Expedition des Tiberius Gracchus gegen die Sarden 577
(177) nicht so sehr, weil er der Provinz den "Frieden" gab, sondern weil er bis
80000 der Insulaner erschlagen oder gefangen zu haben behauptete und Sklaven von
dort in solcher Masse nach Rom schleppte, dass es Sprichwort ward:
"spottwohlfeil wie ein Sarde".
In Afrika ging die roemische Politik wesentlich auf in dem einen, ebenso
kurzsichtigen wie engherzigen Gedanken, das Wiederaufkommen der karthagischen
Macht zu verhindern und deshalb die unglueckliche Stadt bestaendig unter dem
Druck und unter dem Damoklesschwert einer roemischen Kriegserklaerung zu
erhalten. Schon die Bestimmung des Friedensvertrags, dass den Karthagern zwar
ihr Gebiet ungeschmaelert bleiben, aber ihrem Nachbarn Massinissa alle
diejenigen Besitzungen garantiert sein sollten, die er oder sein Vorweser
innerhalb der karthagischen Grenzen besessen haetten, sieht fast so aus, als
waere sie hineingesetzt, um Streitigkeiten nicht zu beseitigen, sondern zu
erwecken. Dasselbe gilt von der durch den roemischen Friedenstraktat den
Karthagern auferlegten Verpflichtung, nicht gegen roemische Bundesgenossen Krieg
zu fuehren, so dass nach dem Wortlaut des Vertrags sie nicht einmal befugt
waren, aus ihrem eigenen und unbestrittenen Gebiet den numidischen Nachbarn zu
vertreiben. Bei solchen Vertraegen und bei der Unsicherheit der afrikanischen
Grenzverhaeltnisse ueberhaupt konnte Karthagos Lage gegenueber einem ebenso
maechtigen wie ruecksichtslosen Nachbarn einem Oberherrn, der zugleich
Schiedsrichter und Partei war, nicht anders als peinlich sein; aber die
Wirklichkeit war aerger als die aergsten Erwartungen. Schon 561 (193) sah
Karthago sich unter nichtigen Vorwaenden ueberfallen und den reichsten Teil
seines Gebiets, die Landschaft Emporiae an der Kleinen Syrte, teils von den
Numidiern gepluendert, teils sogar von ihnen in Besitz genommen. So gingen die
Uebergriffe bestaendig weiter; das platte Land kam in die Haende der Numidier,
und mit Muehe behaupteten die Karthager sich in den groesseren Ortschaften.
Bloss in den letzten zwei Jahren, erklaerten die Karthager im Jahre 582 (172),
seien ihnen wieder siebzig Doerfer vertragswidrig entrissen worden. Botschaft
ueber Botschaft ging nach Rom; die Karthager beschworen den roemischen Senat,
ihnen entweder zu gestatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, oder ein
Schiedsgericht mit Spruchgewalt zu bestellen, oder die Grenze neu zu regulieren,
damit sie wenigstens ein- fuer allemal erfuehren, wieviel sie einbuessen
sollten; besser sei es sonst, sie geradezu zu roemischen Untertanen zumachen,
als sie so allmaehlich den Libyern auszuliefern. Aber die roemische Regierung,
die schon 554 (200) ihrem Klienten geradezu Gebietserweiterungen, natuerlich auf
Kosten Karthagos, in Aussicht gestellt hatte, schien wenig dagegen zuhaben, dass
er die ihm bestimmte Beute sich selber nahm; sie maessigte wohl zuweilen das
allzugrosse Ungestuem der Libyer, die ihren alten Peinigern jetzt das Erlittene
reichlich vergalten, aber im Grunde war ja eben dieser Quaelerei wegen
Massinissa von den Roemern Karthago zum Nachbar gesetzt worden. Alle Bitten und
Beschwerden hatten nur den Erfolg, dass entweder roemische Kommissionen in
Afrika erschienen, die nach gruendlicher Untersuchung zu keiner Entscheidung
kamen, oder bei den Verhandlungen in Rom Massinissas Beauftragte Mangel an
Instruktionen vorschuetzten und die Sache vertagt ward. Nur phoenikische Geduld
war imstande, sich in eine solche Lage mit Ergebung zu schicken, ja dabei den
Machthabern jeden Dienst und jede Artigkeit, die sie begehrten und nicht
begehrten, mit unermuedlicher Beharrlichkeit zu erweisen und namentlich durch
Kornsendungen um die roemische Gunst zu buhlen.
Indes war diese Fuegsamkeit der Besiegten doch nicht bloss Geduld und
Ergebung. Es gab noch in Karthago eine Patriotenpartei und an ihrer Spitze stand
der Mann, der, wo immer das Schicksal ihn hinstellte, den Roemern furchtbar
blieb. Sie hatte es nicht aufgegeben, unter Benutzung der leicht
vorauszusehenden Verwicklungen zwischen Rom und den oestlichen Maechten noch
einmal den Kampf aufzunehmen und, nachdem der grossartige Plan Hamilkars und
seiner Soehne wesentlich an der karthagischen Oligarchie gescheitert war, fuer
diesen neuen Kampf vor allem das Vaterland innerlich zu erneuern. Die bessernde
Macht der Not und wohl auch Hannibals klarer, grossartiger und der Menschen
maechtiger Geist bewirkten politische und finanzielle Reformen. Die Oligarchie,
die durch Erhebung der Kriminaluntersuchung gegen den grossen Feldherrn wegen
absichtlich unterlassener Einnahme Roms und Unterschlagung der italischen Beute
das Mass ihrer verbrecherischen Torheiten voll gemacht hatte - diese verfaulte
Oligarchie wurde auf Hannibals Antrag ueber den Haufen geworfen und ein
demokratisches Regiment eingefuehrt, wie es den Verhaeltnissen der Buergerschaft
angemessen war (vor 559 195). Die Finanzen wurden durch Beitreibung der
rueckstaendigen und unterschlagenen Gelder und durch Einfuehrung einer besseren
Kontrolle so schnell wieder geordnet, dass die roemische Kontribution gezahlt
werden konnte, ohne die Buerger irgendwie mit ausserordentlichen Steuern zu
belasten. Die roemische Regierung, eben damals im Begriff, den bedenklichen
Krieg mit dem Grosskoenig von Asien zu beginnen, folgte diesen Vorgaengen mit
begreiflicher Besorgnis; es war keine eingebildete Gefahr, dass die karthagische
Flotte in Italien landen und ein zweiter Hannibalischer Krieg dort sich
entspinnen koenne, waehrend die roemischen Legionen in Kleinasien fochten. Man
kann darum die Roemer kaum tadeln, wenn sie eine Gesandtschaft nach Karthago
schickten (559 195), die vermutlich beauftragt war, Hannibals Auslieferung zu
fordern. Die grollenden karthagischen Oligarchen, die Briefe ueber Briefe nach
Rom sandten, um den Mann, der sie gestuerzt, wegen geheimer Verbindungen mit den
antiroemisch gesinnten Maechten dem Landesfeind zu denunzieren, sind
veraechtlich, aber ihre Meldungen waren wahrscheinlich richtig; und so wahr es
auch ist, dass in jener Gesandtschaft ein demuetigendes Eingestaendnis der
Furcht des maechtigen Volkes vor dem einfachen Schofeten von Karthago lag, so
begreiflich und ehrenwert es ist, dass der stolze Sieger von Zama im Senat
Einspruch tat gegen diesen erniedrigenden Schritt, so war doch jenes
Eingestaendnis eben nichts anderes als die schlichte Wahrheit, und Hannibal eine
so ausserordentliche Natur, dass nur roemische Gefuehlspolitiker ihn laenger an
der Spitze des karthagischen Staats dulden konnten. Die eigentuemliche
Anerkennung, die er bei der feindlichen Regierung fand, kam ihm selbst
schwerlich ueberraschend. Wie Hannibal und nicht Karthago den letzten Krieg
gefuehrt hatte, so hatte auch Hannibal das zu tragen, was den Besiegten trifft.
Die Karthager konnten nichts tun als sich fuegen und ihrem Stern danken, dass
Hannibal, durch seine rasche und besonnene Flucht nach dem Orient die groessere
Schande ihnen ersparend, seiner Vaterstadt bloss die mindere liess, ihren
groessten Buerger auf ewige Zeiten aus der Heimat verbannt, sein Vermoegen
eingezogen und sein Haus geschleift zu haben. Das tiefsinnige Wort aber, dass
diejenigen die Lieblinge der Goetter sind, denen sie die unendlichen Freuden und
die unendlichen Leiden ganz verleihen, hat also an Hannibal in vollem Masse sich
bewaehrt.
Schwerer als das Einschreiten gegen Hannibal laesst es sich verantworten,
dass die roemische Regierung nach dessen Entfernung nicht aufhoerte, die Stadt
zu beargwohnen und zu plagen. Zwar gaerten dort die Parteien nach wie vor;
allein nach der Entfernung des ausserordentlichen Mannes, der fast die Geschicke
der Welt gewendet haette, bedeutete die Patriotenpartei nicht viel mehr in
Karthago als in Aetolien und in Achaia. Die verstaendigste Idee unter denen,
welche damals die unglueckliche Stadt bewegten, war ohne Zweifel die, sich an
Massinissa anzuschliessen und aus dem Draenger den Schutzherrn der Phoeniker zu
machen. Allein weder die nationale noch die libysch gesinnte Faktion der
Patrioten gelangte an das Ruder, sondern es blieb das Regiment bei den roemisch
gesinnten Oligarchen, welche, soweit sie nicht ueberhaupt aller Gedanken an die
Zukunft sich begaben, einzig die Idee festhielten, die materielle Wohlfahrt und
die Kommunalfreiheit Karthagos unter dem Schutze Roms zu retten. Hierbei haette
man in Rom wohl sich beruhigen koennen. Allein weder die Menge noch selbst die
regierenden Herren vom gewoehnlichen Schlag vermochten sich der gruendlichen
Angst vom Hannibalischen Kriege her zu entschlagen; die roemischen Kaufleute
aber sahen mit neidischen Augen die Stadt auch jetzt, wo ihre politische Macht
dahin war, im Besitz einer ausgedehnten Handelsklientel und eines
festgegruendeten, durch nichts zu erschuetternden Reichtums. Schon im Jahre 567
(187) erbot sich die karthagische Regierung die saemtlichen im Frieden von 553
(201) stipulierten Terminzahlungen sofort zu entrichten, was die Roemer, denen
an der Tributpflichtigkeit Karthagos weit mehr gelegen war als an den Geldsummen
selbst, begreiflicherweise ablehnten und daraus nur die Ueberzeugung gewannen,
dass aller angewandten Muehe ungeachtet die Stadt nicht ruiniert und nicht zu
ruinieren sei. Immer aufs neue liefen Geruechte ueber die Umtriebe der treulosen
Phoeniker durch Rom. Bald hatte ein Emissaer Hannibals, Ariston von Tyros, sich
in Karthago blicken lassen, um die Buergerschaft auf die Landung einer
asiatischen Kriegsflotte vorzubereiten (561 193); bald hatte der Rat in geheimer
nÑchtlicher Sitzung im Tempel des Heilgottes den Gesandten des Perseus Audienz
gegeben (581 173); bald sprach man von der gewaltigen Flotte, die in Karthago
fuer den Makedonischen Krieg geruestet werde (583 171). Es ist nicht
wahrscheinlich, dass diesen und aehnlichen Dingen mehr als hoechstens die
Unbesonnenheiten einzelner zugrunde lagen; immer aber waren sie das Signal zu
neuen diplomatischen Misshandlungen von roemischer, zu neuen Uebergriffen von
Massinissas Seite, und die Meinung stellte immer mehr sich fest, je weniger Sinn
und Verstand in ihr war, dass ohne einen dritten punischen Krieg mit Karthago
nicht fertig zu werden sei.
Waehrend also die Macht der Phoeniker in dem Lande ihrer Wahl ebenso
dahinsank wie sie laengst in ihrer Heimat erlegen war, erwuchs neben ihnen ein
neuer Staat. Seit unvordenklichen Zeiten wie noch heutzutage ist das
nordafrikanische Kuestenland bewohnt von dem Volke, das sich selber Schilah oder
Tamazigt heisst und welches die Griechen und Roemer die Nomaden oder Numidier,
das ist das Weidevolk, die Araber Berber nennen, obwohl auch sie dieselben wohl
als "Hirten" (Schawie) bezeichnen, und das wir Berber oder Kabylen zu nennen
gewohnt sind. Dasselbe ist, soweit seine Sprache bis jetzt erforscht ist, keiner
anderen bekannten Nation verwandt. In der karthagischen Zeit hatten diese
Staemme mit Ausnahme der unmittelbar um Karthago oder unmittelbar an der Kueste
hausenden wohl im ganzen ihre Unabhaengigkeit behauptet, aber auch bei ihrem
Hirten- und Reiterleben, wie es noch jetzt die Bewohner des Atlas fuehren, im
wesentlichen beharrt, obwohl das phoenikische Alphabet und ueberhaupt die
phoenikische Zivilisation ihnen nicht fremd blieb und es wohl vorkam, dass die
Berberscheichs ihre Soehne in Karthago erziehen liessen und mit phoenikischen
Adelsfamilien sich verschwaegerten. Die roemische Politik wollte unmittelbare
Besitzungen in Afrika nicht haben und zog es vor, einen Staat dort
grosszuziehen, der nicht genug bedeutete, um Roms Schutz entbehren zu koennen
und doch genug, um Karthagos Macht, nachdem dieselbe auf Afrika beschraenkt war,
auch hier niederzuhalten und der gequaelten Stadt jede freie Bewegung unmoeglich
zu machen. Was man suchte, fand man bei den eingeborenen Fuersten. Um die Zeit
des Hannibalischen Krieges standen die nordafrikanischen Eingeborenen unter drei
Oberkoenigen, deren jedem nach dortiger Art eine Menge Fuersten gefolgspflichtig
waren: dem Koenig der Mauren, Bocchar, der, vom Atlantischen Meer bis zum Fluss
Molochath (jetzt Mluia an der marokkanisch-franzoesischen Grenze), dem Koenig
der Massaesyler, Syphax, der von da bis an das sogenannte Durchbohrte Vorgebirge
(Siebenkap zwischen Djidjeli und Bona) in den heutigen Provinzen Oran und
Algier, und dem Koenig der Massyler, Massinissa, der von dem Durchbohrten
Vorgebirge bis an die karthagische Grenze in der heutigen Provinz Constantine
gebot. Der maechtigste von diesen, der Koenig von Siga, Syphax, war in dem
letzten Krieg zwischen Rom und Karthago ueberwunden und gefangen nach Italien
abgefuehrt worden, wo er in der Haft starb; sein weites Gebiet kam im
wesentlichen an Massinissa - der Sohn des Syphax, Vermina, obwohl er durch
demuetiges Bitten von den Roemern einen kleinen Teil des vaeterlichen Besitzes
zurueckerlangte (554 200), vermochte doch den aelteren roemischen Bundesgenossen
nicht um die Stellung des bevorzugten Draengens von Karthago zu bringen.
Massinissa ward der Gruender des Numidischen Reiches; und nicht oft hat Wahl
oder Zufall so den rechten Mann an die rechte Stelle gesetzt. Koerperlich gesund
und gelenkig bis in das hoechste Greisenalter, maessig und nuechtern wie ein
Araber, faehig, jede Strapaze zu ertragen, vom Morgen bis zum Abend auf
demselben Flecke zu stehen und vierundzwanzig Stunden zu Pferde zu sitzen, in
den abenteuerlichen Glueckswechseln seiner Jugend wie auf den Schlachtfeldern
Spaniens als Soldat und als Feldherr gleich erprobt, und ebenso ein Meister der
schwereren Kunst, in seinem zahlreichen Hause Zucht und in seinem Lande Ordnung
zu erhalten, gleich bereit, sich dem maechtigen Beschuetzer ruecksichtslos zu
Fuessen zu werfen wie den schwaecheren Nachbar ruecksichtslos unter die Fuesse
zu treten und zu alledem mit den Verhaeltnissen Karthagos, wo er erzogen und in
den vornehmsten Haeusern aus- und eingegangen war, ebenso genau bekannt wie von
afrikanisch bitterem Hasse gegen seine und seiner Nation Bedraengen erfuellt,
ward dieser merkwuerdige Mann die Seele des Aufschwungs seiner, wie es schien,
im Verkommen begriffenen Nation, deren Tugenden und Fehler in ihm gleichsam
verkoerpert erschienen. Das Glueck beguenstigte ihn wie in allem so auch darin,
dass es ihm zu seinem Werke die Zeit liess. Er starb im neunzigsten Jahr seines
Lebens (516-605 238-149), im sechzigsten seiner Regierung, bis an sein
Lebensende im vollen Besitz seiner koerperlichen und geistigen Kraefte, und
hinterliess einen einjaehrigen Sohn und den Ruf, der staerkste Mann und der
beste und gluecklichste Koenig seiner Zeit gewesen zu sein. Es ist schon
erzaehlt worden, mit welcher berechneten Deutlichkeit die Roemer in ihrer
Oberleitung der afrikanischen Angelegenheiten ihre Parteinahme fuer Massinissa
hervortreten liessen, und wie dieser die stillschweigende Erlaubnis, auf Kosten
Karthagos sein Gebiet zu vergroessern, eifrig und stetig benutzte. Das ganze
Binnenland bis an den Wuestensaum fiel dem einheimischen Herrscher gleichsam von
selber zu, und selbst das obere Tal des Bagradas (Medscherda) mit der reichen
Stadt Vaga ward dem Koenig untertan; aber auch an der Kueste oestlich von
Karthago besetzte er die alte Sidonierstadt Gross-Leptis und andere Strecken, so
dass sein Reich sich von der mauretanischen bis zur kyrenaeischen Grenze
erstreckte, das karthagische Gebiet zu Lande von allen Seiten umfasste und
ueberall in naechster Naehe auf die Phoeniker drueckte. Es leidet keinen
Zweifel, dass er in Karthago seine kuenftige Hauptstadt sah; die libysche Partei
daselbst ist bezeichnend. Aber nicht allein durch die Schmaelerung des Gebiets
geschah Karthagos Eintrag. Die schweifenden Hirten wurden durch ihren grossen
Koenig ein anderes Volk. Nach dem Beispiel des Koenigs, der weithin die Felder
urbar machte und jedem seiner Soehne bedeutende Ackergueter hinterliess, fingen
auch seine Untertanen an, sich ansaessig zu machen und Ackerbau zu treiben. Wie
seine Hirten in Buerger, verwandelte er seine Plunderhorden in Soldaten, die von
Rom neben den Legionen zu fechten gewuerdigt wurden, und hinterliess seinen
Nachfolgern eine reich gefuellte Schatzkammer, ein wohldiszipliniertes Heer und
sogar eine Flotte. Seine Residenz Cirta (Constantine) ward die lebhafte
Hauptstadt eines maechtigen Staates und ein Hauptsitz der phoenikischen
Zivilisation, die an dem Hofe des Berberkoenigs eifrige und wohl auch auf das
kuenftige karthagisch-numidische Reich berechnete Pflege fand. Die bisher
unterdrueckte libysche Nationalitaet hob sich dadurch in ihren eigenen Augen,
und selbst in die altphoenikischen Staedte, wie Gross-Leptis, drang einheimische
Sitte und Sprache ein. Der Berber fing an, unter der Aegide Roms sich dem
Phoeniker gleich, ja ueberlegen zu fuehlen; die karthagischen Gesandten mussten
in Rom es hoeren, dass sie in Afrika Fremdlinge seien und das Land den Libyern
gehoere. Die selbst in der nivellierenden Kaiserzeit noch lebensfaehig und
kraeftig dastehende phoenikisch-nationale Zivilisation Nordafrikas ist bei
weitem weniger das Werk der Karthager als das des Massinissa.
In Spanien fuegten die griechischen und phoenikischen Staedte an der
Kueste, wie Emporiae, Saguntum, Neukarthago, Malaca, Gades, sich um so
bereitwilliger der roemischen Herrschaft, als sie sich selber ueberlassen, kaum
imstande gewesen waeren, sich gegen die Eingeborenen zu schuetzen; wie aus
gleichen Gruenden Massalia, obwohl bei weitem bedeutender und wehrhafter als
jene Staedte, es doch nicht versaeumte, durch engen Anschluss an die Roemer,
denen Massalia wieder als Zwischenstation zwischen Italien und Spanien vielfach
nuetzlich wurde, sich einen maechtigen Rueckhalt zu sichern. Die Eingeborenen
dagegen machten den Roemern unsaeglich zu schaffen. Zwar fehlte es keineswegs an
Ansaetzen zu einer national-iberischen Zivilisation, von deren Eigentuemlichkeit
freilich es uns nicht wohl moeglich ist, eine deutliche Vorstellung zu gewinnen.
Wir finden bei den Iberern eine weitverbreitete nationale Schrift, die sich in
zwei Hauptarten, die des Ebrotals und die andalusische, und jede von diesen
vermutlich wieder in mannigfache Verzweigungen spaltet und deren Ursprung in
sehr fruehe Zeit hinaufzureichen und eher auf das altgriechische als auf das
phoenikische Alphabet zurueckzugehen scheint. Von den Turdetanern (um Sevilla)
ist sogar ueberliefert, dass sie Lieder aus uralter Zeit, ein metrisches
Gesetzbuch von 6000 Verszeilen, ja sogar geschichtliche Aufzeichnungen besassen;
allerdings wird diese Voelkerschaft die zivilisierteste unter allen spanischen
genannt und zugleich die am wenigsten kriegerische, wie sie denn auch ihre
Kriege regelmaessig mit fremden Soeldnern fuehrte. Auf dieselbe Gegend werden
wohl auch Polybios' Schilderungen zu beziehen sein von dem bluehenden Stand des
Ackerbaus und der Viehzucht in Spanien, weshalb bei dem Mangel an
Ausfuhrgelegenheit Korn und Fleisch dort um Spottpreise zu haben war, und von
den praechtigen Koenigspalaesten mit den goldenen und silbernen Kruegen voll
"Gerstenwein". Auch die Kulturelemente, die die Roemer mitbrachten, fasste
wenigstens ein Teil der Spanier eifrig auf, so dass frueher als irgendwo sonst
in den ueberseeischen Provinzen sich in Spanien die Latinisierung vorbereitete.
So kam zum Beispiel schon in dieser Epoche der Gebrauch der warmen Baeder nach
italischer Weise bei den Eingeborenen auf. Auch das roemische Geld ist allem
Anschein nach weit frueher als irgendwo sonst ausserhalb Italien in Spanien
nicht bloss gangbar, sondern auch nachgemuenzt worden; was durch die reichen
Silberbergwerke des Landes einigermassen begreiflich wird. Das sogenannte
"Silber von Osca" (jetzt Huesca in Aragonien), das heisst spanische Denare mit
iberischen Aufschriften, wird schon 559 (195) erwaehnt, und viel spaeter kann
der Anfang der Praegung schon deshalb nicht gesetzt werden, weil das Gepraege
dem der aeltesten roemischen Denare nachgeahmt ist. Allein mochte auch in den
suedlichen und oestlichen Landschaften die Gesittung der Eingeborenen der
roemischen Zivilisation und der roemischen Herrschaft soweit vorgearbeitet
haben, dass diese dort nirgend auf ernstliche Schwierigkeiten stiessen, so war
dagegen der Westen und Norden und das ganze Binnenland besetzt von zahlreichen,
mehr oder minder rohen Voelkerschaften, die von keinerlei Zivilisation viel
wussten - in Intercatia zum Beispiel war noch um 600 (154) der Gebrauch des
Goldes und Silbers unbekannt - und sich ebensowenig untereinander wie mit den
Roemern vertrugen. Charakteristisch ist fuer diese freien Spanier der
ritterliche Sinn der Maenner und wenigstens ebenso sehr der Frauen. Wenn die
Mutter den Sohn in die Schlacht entliess, begeisterte sie ihn durch die
Erzaehlung von den Taten seiner Ahnen, und dem tapfersten Mann reichte die
schoenste Jungfrau unaufgefordert als Braut die Hand. Zweikaempfe waren
gewoehnlich, sowohl um den Preis der Tapferkeit wie zur Ausmachung von
Rechtshaendeln - selbst Erbstreitigkeiten zwischen fuerstlichen Vettern wurden
auf diesem Wege erledigt. Es kam auch nicht selten vor, dass ein bekannter
Krieger vor die feindlichen Reihen trat und sich einen Gegner bei Namen
herausforderte; der Besiegte uebergab dann dem Gegner Mantel und Schwert und
machte auch wohl noch mit ihm Gastfreundschaft. Zwanzig Jahre nach dem Ende des
Hannibalischen Krieges sandte die kleine keltiberische Gemeinde von Complega (in
der Gegend der Tajoquellen) dem roemischen Feldherrn Botschaft zu, dass er ihnen
fuer jeden gefallenen Mann ein Pferd, einen Mantel und ein Schwert senden moege,
sonst werde es ihm uebel ergehen. Stolz auf ihre Waffenehre, so dass sie haeufig
es nicht ertrugen, die Schmach der Entwaffnung zu ueberleben, waren die Spanier
dennoch geneigt, jedem Werber zu folgen und fuer jeden fremden Span ihr Leben
einzusetzen - bezeichnend ist die Botschaft, die ein der Landessitte wohl
kundiger roemischer Feldherr einem keltiberischen, im Solde der Turdetaner gegen
die Roemer fechtenden Schwarm zusandte: entweder nach Hause zu kehren, oder fuer
doppelten Sold in roemische Dienste zu treten, oder Tag und Ort zur Schlacht zu
bestimmen. Zeigte sich kein Werbeoffizier, so trat man auch wohl auf eigene Hand
zu Freischaren zusammen, um die friedlicheren Landschaften zu brandschatzen, ja
sogar die Staedte einzunehmen und zu besetzen, ganz in kampanischer Weise. Wie
wild und unsicher das Binnenland war, davon zeugt zum Beispiel, dass die
Internierung westlich von Cartagena bei den Roemern als schwere Strafe galt, und
dass in einigermassen aufgeregten Zeiten die roemischen Kommandanten des
jenseitigen Spaniens Eskorten bis zu 6000 Mann mit sich nahmen. Deutlicher noch
zeigt es der seltsame Verkehr, den in der griechisch-spanischen Doppelstadt
Emporiae an der oestlichen Spitze der Pyrenaeen die Griechen mit ihren
spanischen Nachbarn pflogen. Die griechischen Ansiedler, die auf der Spitze der
Halbinsel, von dem spanischen Stadtteil durch eine Mauer getrennt wohnten,
liessen diese jede Nacht durch den dritten Teil ihrer Buergerwehr besetzen und
an dem einzigen Tor einen hoeheren Beamten bestaendig die Wache versehen; kein
Spanier durfte die griechische Stadt betreten und die Griechen brachten den
Eingeborenen die Waren nur zu in starken und wohleskortierten Abteilungen. Diese
Eingeborenen voll Unruhe und Kriegslust, voll von dem Geiste des Cid wie des Don
Quixote sollten denn nun von den Roemern gebaendigt und womoeglich gesittigt
werden. Militaerisch war die Aufgabe nicht schwer. Zwar bewiesen die Spanier
nicht bloss hinter den Mauern ihrer Staedte oder unter Hannibals Fuehrung,
sondern selbst allein und in offener Feldschlacht sich als nicht veraechtliche
Gegner; mit ihrem kurzen zweischneidigen Schwert, welches spaeter die Roemer von
ihnen annahmen, und ihren gefuerchteten Sturmkolonnen brachten sie nicht selten
selbst die roemischen Legionen zum Wanken. Haetten sie es vermocht, sich
militaerisch zu disziplinieren und politisch zusammenzuschliessen, so haetten
sie vielleicht der aufgedrungenen Fremdherrschaft sich entledigen koennen; aber
ihre Tapferkeit war mehr die des Guerillas als des Soldaten und es mangelte ihr
voellig der politische Verstand. So kam es in Spanien zu keinem ernsten Krieg,
aber ebensowenig zu einem ernstlichen Frieden; die Spanier haben sich, wie
Caesar spaeter ganz richtig ihnen vorhielt, nie im Frieden ruhig und nie im
Kriege tapfer erwiesen. So leicht der roemische Feldherr mit den
Insurgentenhaufen fertig ward, so schwer war es dem roemischen Staatsmanne, ein
geeignetes Mittel zu bezeichnen, um Spanien wirklich zu beruhigen und zu
zivilisieren: in der Tat konnte er, da das einzige wirklich genuegende, eine
umfassende latinische Kolonisierung, dem allgemeinen Ziel der roemischen Politik
dieser Epoche zuwiderlief, hier nur mit Palliativen verfahren.
Das Gebiet, welches die Roemer im Laufe des Hannibalischen Krieges in
Spanien erwarben, zerfiel von Haus aus in zwei Massen; die ehemals karthagische
Provinz, die zunaechst die heutigen Landschaften Andalusien, Granada, Murcia und
Valencia umfasste, und die Ebrolandschaft oder das heutige Aragonien und
Katalonien, das Standquartier des roemischen Heeres waehrend des letzten
Krieges; aus welchen Gebieten die beiden roemischen Provinzen des Jen- und
Diesseitigen Spaniens hervorgingen. Das Binnenland, ungefaehr den beiden
Kastilien entsprechend, das die Roemer unter dem Namen Keltiberien
zusammenfassten, suchte man allmaehlich unter roemische Botmaessigkeit zu
bringen, waehrend man die Bewohner der westlichen Landschaften, namentlich die
Lusitaner im heutigen Portugal und dem spanischen Estremadura, von Einfaellen in
das roemische Gebiet abzuhalten sich begnuegte und mit den Staemmen an der
Nordkueste, den Callaekern, Asturern und Kantabrern ueberhaupt noch gar nicht
sich beruehrte. Die Behauptung und Befestigung der gewonnenen Erfolge war indes
nicht durchzufuehren ohne eine stehende Besatzung, indem dem Vorsteher des
diesseitigen Spaniens namentlich die Baendigung der Keltiberer und dem des
jenseitigen die Zurueckweisung der Lusitaner jaehrlich zu schaffen machten. Es
ward somit noetig, in Spanien ein roemisches Heer von vier starken Legionen oder
etwa 40000 Mann Jahr aus Jahr ein auf den Beinen zu halten; wobei dennoch sehr
haeufig zur Verstaerkung der Truppen in den von Rom besetzten Landschaften der
Landsturm aufgeboten werden musste. Es war dies in doppelter Weise von grosser
Wichtigkeit, indem hier zuerst, wenigstens zuerst in groesserem Umfang, die
militaerische Besetzung des Landes bleibend und infolgedessen auch der Dienst
anfaengt dauernd zu werden. Die alte roemische Weise, nur dahin Truppen zu
senden, wohin das augenblickliche Kriegsbeduerfnis sie rief, und ausser in sehr
schweren und wichtigen Kriegen die einberufenen Leute nicht ueber ein Jahr bei
der Fahne zu halten, erwies sich als unvertraeglich mit der Behauptung der
unruhigen, fernen und ueberseeischen spanischen Aemter; es war schlechterdings
unmoeglich, die Truppen von da wegzuziehen, und sehr gefaehrlich, sie auch nur
in Masse abzuloesen. Die roemische Buergerschaft fing an innezuwerden, dass die
Herrschaft ueber ein fremdes Volk nicht bloss fuer den Knecht eine Plage ist,
sondern auch fuer den Herrn, und murrte laut ueber den verhassten spanischen
Kriegsdienst. Waehrend die neuen Feldherren mit gutem Grund sich weigerten, die
Gesamtabloesung der bestehenden Korps zu gestatten, meuterten diese und drohten,
wenn man ihnen den Abschied nicht gebe, ihn sich selber zu nehmen.
Den Kriegen selbst, die in Spanien von den Roemern gefuehrt wurden, kommt
nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Sie begannen schon mit Scipios Abreise und
waehrten, solange der Hannibalische Krieg dauerte. Nach dem Frieden mit Karthago
(553 201) ruhten auch auf der Halbinsel die Waffen, jedoch nur auf kurze Zeit.
Im Jahre 557 (197) brach in beiden Provinzen eine allgemeine Insurrektion aus;
der Befehlshaber der Jenseitigen ward hart gedraengt, der der Diesseitigen
voellig ueberwunden und selber erschlagen. Es ward noetig, den Krieg mit Ernst
anzugreifen, und obwohl inzwischen der tuechtige Praetor Quintus Minucius ueber
die erste Gefahr Herr geworden war, beschloss doch der Senat im Jahre 559 (195),
den Konsul Marcus Cato selbst nach Spanien zu senden. Er fand auch in der Tat
bei der Landung in Emporiae das ganze Diesseitige Spanien von den Insurgenten
ueberschwemmt; kaum dass diese Hafenstadt und im inneren Land ein paar Burgen
noch fuer Rom behauptet wurden. Es kam zur offenen Feldschlacht zwischen den
Insurgenten und dem konsularischen Heer, in der nach hartem Kampf Mann gegen
Mann endlich die roemische Kriegskunst mit der gesparten Reserve den Tag
entschied. Das ganze Diesseitige Spanien sandte darauf seine Unterwerfung ein;
indes es war mit derselben so wenig ernstlich gemeint, dass auf das Geruecht von
der Heimkehr des Konsuls nach Rom sofort der Aufstand abermals begann. Allein
das Geruecht war falsch, und nachdem Cato die Gemeinden, die zum zweitenmal sich
aufgelehnt hatten, schnell bezwungen und in Masse in die Sklaverei verkauft
hatte, ordnete er eine allgemeine Entwaffnung der Spanier in der diesseitigen
Provinz an und erliess an die saemtlichen Staedte der Eingeborenen von den
Pyrenaeen bis zum Guadalquivir den Befehl, ihre Mauern an einem und demselben
Tage niederzureissen. Niemand wusste, wie weit das Gebot sich erstreckte, und es
war keine Zeit sich zu verstaendigen; die meisten Gemeinden gehorchten und auch
von den wenigen widerspenstigen wagten es nicht viele, als das roemische Heer
demnaechst vor ihren Mauern erschien, es auf den Sturm ankommen zu lassen.
Diese energischen Massregeln waren allerdings nicht ohne nachhaltigen
Erfolg. Allein nichtsdestoweniger hatte man fast jaehrlich in der "friedlichen
Provinz" ein Gebirgstal oder ein Bergkastell zum Gehorsam zu bringen, und die
stetigen Einfaelle der Lusitaner in die jenseitige Provinz fuehrten gelegentlich
zu derben Niederlagen der Roemer; wie zum Beispiel 563 (191) ein roemisches Heer
nach starkem Verlust sein Lager im Stich lassen und in Eilmaerschen in die
ruhigeren Landschaften zurueckkehren musste. Erst ein Sieg, den der Praetor
Lucius Aemilius Paullus 565 (189) ^2, und ein zweiter noch bedeutenderer, den
der tapfere Praetor Gaius Calpurnius jenseits des Tagus 569 (185) ueber die
Lusitaner erfocht, schafften auf einige Zeit Ruhe. Im diesseitigen Spanien ward
die bis dahin fast nominelle Herrschaft der Roemer ueber die keltiberischen
Voelkerschaften fester begruendet durch Quintus Fulvius Flaccus, der nach einem
grossen Siege ueber dieselben 573 (181) wenigstens die naechstliegenden Kantone
zur Unterwerfung zwang, und besonders durch seinen Nachfolger Tiberius Gracchus
(575, 576 179, 178), welcher mehr noch als durch die Waffen, mit denen er
dreihundert spanische Ortschaften sich unterwarf, durch sein geschicktes
Eingehen auf die Weise der schlichten und stolzen Nation dauernde Erfolge
erreichte. Indem er angesehene Keltiberer bestimmte, im roemischen Heer Dienste
zu nehmen, schuf er sich eine Klientel; indem er den schweifenden Leuten Land
anwies und sie in Staedten zusammenzog - die spanische Stadt Graccurris bewahrte
des Roemers Namen -, ward dem Freibeuterwesen ernstlich gesteuert; indem er die
Verhaeltnisse der einzelnen Voelkerschaften zu den Roemern durch gerechte und
weise Vertraege regelte, verstopfte er soweit moeglich die Quelle kuenftiger
Empoerungen. Sein Name blieb bei den Spaniern in gesegnetem Andenken, und es
trat in dem Lande seitdem, wenn auch die Keltiberer noch manches Mal unter dem
Joch zuckten, doch vergleichungsweise Ruhe ein.
-----------------------------------------
^2 Von diesem Statthalter ist kuerzlich das folgende Dekret auf einer in
der Naehe von Gibraltar aufgefundenen, jetzt im Pariser Museum aufbewahrten
Kupfertafel zum Vorschein gekommen: "L. Aimilius, des Lucius Sohn, Imperator,
hat verfuegt, dass die in dem Turm von Laskuta [durch Muenzen und Plin. 3, 1, 15
bekannt, aber ungewisser Lage] wohnhaften Sklaven der Hastenser [Hasta regia,
unweit Jerez de la Frontera] frei sein sollen. Den Boden und die Ortschaft, die
sie zur Zeit besitzen, sollen sie auch ferner besitzen und haben, so lange es
dem Volk und dem Rat der Roemer belieben wird. Verhandelt im Lager am 12. Januar
[564 oder 565 der Stadt]. " (L. Aimilius L. f. inpeirator decreivit, utei quei
Hastensium seruei in turri Lascutana habitarent, leiberei essent. Agrum
oppidumqu[eJ, quod ea tempestate posedisent, item possidere habereque iousit,
dum poplus senatusque Romanus vellet. Act. in castreis a. d. XII k. Febr.) Es
ist dies die aelteste roemische Urkunde, die wir im Original besitzen, drei
Jahre frueher abgefasst als der bekannte Erlass der Konsuln des Jahres 568 (186)
in der Bacchanalienangelegenheit.
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Das Verwaltungssystem der beiden spanischen Provinzen war dem sizilisch-
sardinischen aehnlich, aber nicht gleich. Die Oberverwaltung ward wie hier so
dort in die Haende zweier Nebenkonsuln gelegt, die zuerst im Jahr 557 (197)
ernannt wurden, in welches Jahr auch die Grenzregulierung und die definitive
Organisierung der neuen Provinzen faellt. Die verstaendige Anordnung des
Baebischen Gesetzes (573 181), dass die spanischen Praetoren immer auf zwei
Jahre ernannt werden sollten, kam infolge des steigenden Zudrangs zu den
hoechsten Beamtenstellen und mehr noch infolge der eifersuechtigen Ueberwachung
der Beamtengewalt durch den Senat nicht ernstlich zur Ausfuehrung, und es blieb,
soweit nicht in ausserordentlichem Wege Abweichungen eintraten, auch hier bei
dem fuer diese entfernten und schwer kennenzulernenden Provinzen besonders
unvernuenftigen jaehrlichen Wechsel der roemischen Statthalter. Die abhaengigen
Gemeinden wurden durchgaengig zinspflichtig; allein statt der sizilischen und
sardinischen Zehnten und Zoelle wurden in Spanien vielmehr von den Roemern, eben
wie frueher hier von den Karthagern, den einzelnen Staedten und Staemmen feste
Abgaben an Geld oder sonstigen Leistungen auferlegt, welche auf militaerischere
Wege beizutreiben der Senat infolge der Beschwerdefuehrung der spanischen
Gemeinden im Jahr 583 (171) untersagte. Getreidelieferungen wurden hier nicht
anders als gegen Entschaedigung geleistet, und auch hierbei durfte der
Statthalter nicht mehr als das zwanzigste Korn erheben und ueberdies gemaess der
eben erwaehnten Vorschrift der Oberbehoerde den Taxpreis nicht einseitig
feststellen. Dagegen hatte die Verpflichtung der spanischen Untertanen, zu den
roemischen Heeren Zuzug zu leisten, hier eine ganz andere Wichtigkeit als
wenigstens in dem friedlichen Sizilien, und es ward dieselbe auch in den
einzelnen Vertraegen genau geordnet. Auch das Recht der Praegung von
Silbermuenzen roemischer Waehrung scheint den spanischen Staedten sehr haeufig
zugestanden und das Muenzmonopol hier keineswegs so wie in Sizilien von der
roemischen Regierung in Anspruch genommen worden zu sein. Ueberall bedurfte man
in Spanien zu sehr der Untertanen, um hier nicht die Provinzialverfassung in
moeglichst schonender Weise einzufuehren und zu handhaben. Zu den besonders von
Rom beguenstigten Gemeinden zaehlten namentlich die grossen Kuestenplaetze
griechischer, phoenikischer oder roemischer Gruendung, wie Saguntum, Gades,
Tarraco, die als die natuerlichen Pfeiler der roemischen Herrschaft auf der
Halbinsel zum Buendnis mit Rom zugelassen wurden. Im ganzen war Spanien fuer die
roemische Gemeinde militaerisch sowohl wie finanziell mehr eine Last als ein
Gewinn; und die Frage liegt nahe, weshalb die roemische Regierung, in deren
damaliger Politik der ueberseeische Laendererwerb offenbar noch nicht lag, sich
dieser beschwerlichen Besitzungen nicht entledigt hat. Die nicht unbedeutenden
Handelsverbindungen, die wichtigen Eisen- und die noch wichtigeren, selbst im
fernen Orient seit alter Zeit beruehmten Silbergruben ^3, welche Rom wie
Karthago fuer sich nahm und deren Bewirtschaftung namentlich Marcus Cato
regulierte (559 195), werden dabei ohne Zweifel mitbestimmend gewesen sein;
allein die Hauptursache, weshalb man die Halbinsel in unmittelbarem Besitz
behielt, war die, dass es dort an Staaten mangelte, wie im Keltenland die
massaliotische Republik, in Libyen das numidische Koenigreich waren, und dass
man Spanien nicht loslassen konnte, ohne die Erneuerung des spanischen
Koenigreichs der Barleiden jedem unternehmenden Kriegsmann freizugeben.
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^3 1. Makk. 8, 3: "Und Judas hoerte, was die Roemer getan hatten im Lande
Hispanien, um Herren zu werden der Silber- und Goldgruben daselbst."
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8. Kapitel
Die oestlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg
Das Werk, welches Koenig Alexander von Makedonien begonnen hatte, ein
Jahrhundert zuvor, ehe die Roemer in dem Gebiet, das er sein genannt, den ersten
Fussbreit Landes gewonnen, dies Werk hatte im Verlauf der Zeit, bei wesentlicher
Festhaltung des grossen Grundgedankens, den Orient zu hellenisieren, sich
veraendert und erweitert zu dem Aufbau eines hellenisch-asiatischen
Staatensystems. Die unbezwingliche Wander- und Siedellust der griechischen
Nation, die einst ihre Handelsleute nach Massalia und Kyrene, an den Nil und in
das Schwarze Meer gefuehrt hatte, hielt jetzt fest, was der Koenig gewonnen
hatte, und ueberall in dem alten Reich der Achaemeniden liess unter dem Schutz
der Sarissen griechische Zivilisation sich friedlich nieder. Die Offiziere, die
den grossen Feldherrn beerbten, vertrugen allmaehlich sich untereinander und es
stellte ein Gleichgewichtssystem sich her, dessen Schwankungen selbst eine
gewisse Regelmaessigkeit zeigen. Von den drei Staaten ersten Ranges, die
demselben angehoeren, Makedonien, Asien und Aegypten, war Makedonien unter
Philippos dem Fuenften, der seit 534 (220) dort den Koenigsthron einnahm, im
ganzen, aeusserlich wenigstens, was es gewesen war unter dem zweiten Philippos,
dem Vater Alexanders: ein gut arrondierter Militaerstaat mit wohlgeordneten
Finanzen. An der Nordgrenze hatten die ehemaligen Verhaeltnisse sich
wiederhergestellt, nachdem die Fluten der gallischen Ueberschwemmung verlaufen
waren; die Grenzwache hielt die illyrischen Barbaren wenigstens in gewoehnlichen
Zeiten ohne Muehe im Zaum. Im Sueden war Griechenland nicht bloss ueberhaupt von
Makedonien abhaengig, sondern ein grosser Teil desselben: ganz Thessalien im
weitesten Sinn von Olympos bis zum Spercheios und der Halbinsel Magnesia, die
grosse und wichtige Insel Euboea, die Landschaften Lokris, Doris und Phokis,
endlich in Attika und im Peloponnes eine Anzahl einzelner Plaetze, wie das
Vorgebirge Sunion, Korinth, Orchomenos, Heraea, das triphylische Gebiet - alle
diese Land- und Ortschaften waren Makedonien geradezu untertaenig und empfingen
makedonische Besatzung, vor allen Dingen die drei wichtigen Festungen Demetrias
in Magnesia, Chalkis auf Euboea und Korinth, "die drei Fesseln der Hellenen".
Die Macht des Staates aber lag vor allem in dem Stammland, in der makedonischen
Landschaft. Zwar die Bevoelkerung dieses weiten Gebiets war auffallend duenn;
mit Anstrengung aller Kraefte vermochte Makedonien kaum soviel Mannschaft
aufzubringen als ein gewoehnliches konsularisches Heer von zwei Legionen
zaehlte, und es ist unverkennbar, dass in dieser Hinsicht sich das Land noch
nicht von der durch die Zuege Alexanders und den gallischen Einfall
hervorgebrachten Entvoelkerung erholt hatte. Aber waehrend im eigentlichen
Griechenland die sittliche und staatliche Kraft der Nation zerruettet war und
dort, da es mit dem Volke doch vorbei und das Leben kaum mehr der Muehe wert
schien, selbst von den Besseren der eine ueber dem Becher, der andere mit dem
Rapier, der dritte bei der Studierlampe den Tag verdarb, waehrend im Orient und
in Alexandreia die Griechen unter die dichte einheimische Bevoelkerung wohl
befruchtende Elemente aussaeen und ihre Sprache wie ihre Maulfertigkeit, ihre
Wissenschaft und Afterwissenschaft dort ausbreiten konnten, aber ihre Zahl kaum
genuegte, um den Nationen die Offiziere, die Staatsmaenner und die Schulmeister
zu liefern, und viel zu gering war, um einen Mittelstand rein griechischen
Schlages auch nur in den Staedten zu bilden, bestand dagegen im noerdlichen
Griechenland noch ein guter Teil der alten kernigen Nationalitaet, aus der die
Marathonkaempfer hervorgegangen waren. Daher ruehrt die Zuversicht, mit der die
Makedonier, die Aetoler, die Akarnanen, ueberall wo sie im Osten auftreten, als
ein besserer Schlag sich geben und genommen werden, und die ueberlegene Rolle,
welche sie deswegen an den Hoefen von Alexandreia und Antiocheia spielen. Die
Erzaehlung ist bezeichnend von dem Alexandriner, der laengere Zeit in Makedonien
gelebt und dort Landessitte und Landestracht angenommen hat, und nun, da er in
seine Vaterstadt heimkehrt, sich selber einen Mann und die Alexandriner gleich
Sklaven achtet. Diese derbe Tuechtigkeit und der ungeschwaechte Nationalsinn
kamen vor allem dem makedonischen als dem maechtigsten und geordnetsten der
nordgriechischen Staaten zugute. Wohl ist auch hier der Absolutismus
emporgekommen gegen die alte gewissermassen staendische Verfassung; allein Herr
und Untertanen stehen doch in Makedonien keineswegs zueinander wie in Asien und
Aegypten, und das Volk fuehlt sich noch selbstaendig und frei. In festem Mut
gegen den Landesfeind, wie er auch heisse, in unerschuetterlicher Treue gegen
die Heimat und die angestammte Regierung, in mutigem Ausharren unter den
schwersten Bedraengnissen steht unter allen Voelkern der alten Geschichte keines
dem roemischen so nah wie das makedonische, und die an das Wunderbare grenzende
Regeneration des Staates nach der gallischen Invasion gereicht den leitenden
Maennern wie dem Volke, das sie leiteten, zu unvergaenglicher Ehre.
Der zweite von den Grossstaaten, Asien, war nichts als das oberflaechlich
umgestaltete und hellenisierte Persien, das Reich des "Koenigs der Koenige", wie
sein Herr sich, bezeichnend fuer seine Anmassung wie fuer seine Schwaeche, zu
nennen pflegte, mit denselben Anspruechen von Hellespont bis zum Pandschab zu
gebieten und mit derselben kernlosen Organisation, ein Buendel von mehr oder
minder abhaengigen Dependenzstaaten, unbotmaessigen Satrapien und halbfreien
griechischen Staedten. Von Kleinasien namentlich, das nominell zum Reich der
Seleukiden gezaehlt ward, war tatsaechlich die ganze Nordkueste und der
groessere Teil des oestlichen Binnenlandes in den Haenden einheimischer
Dynastien oder der aus Europa eingedrungenen Keltenhaufen, von dem Westen ein
guter Teil im Besitz der Koenige von Pergamon, und die Inseln und Kuestenstaedte
teils aegyptisch, teils frei, so dass dem Grosskoenig hier wenig mehr blieb als
das innere Kilikien, Phrygien und Lydien und eine grosse Anzahl nicht wohl zu
realisierender Rechtstitel gegen freie Staedte und Fuersten - ganz und gar wie
seiner Zeit die Herrschaft des deutschen Kaisers ausser seinem Hausgebiet
bestellt war. Das Reich verzehrte sich in den vergeblichen Versuchen, die
Aegypter aus den Kuestenlandschaften zu verdraengen, in dem Grenzhader mit den
oestlichen Voelkern, den Parthern und Baktriern, in den Fehden mit den zum
Unheil Kleinasiens daselbst ansaessig gewordenen Kelten, in den bestaendigen
Bestrebungen, den Emanzipationsversuchen der oestlichen Satrapen und der
kleinasiatischen Griechen zu steuern, und in den Familienzwisten und
Praetendentenaufstaenden, an denen es zwar in keinem der Diadochenstaaten fehlt,
wie ueberhaupt an keinem der Greuel, welche die absolute Monarchie in entarteter
Zeit in ihrem Gefolge fuehrt, allein die in dem Staate Asien deshalb
verderblicher waren als anderswo, weil sie hier bei der losen Zusammenfuegung
des Reiches zu der Abtrennung einzelner Landesteile auf kuerzere oder laengere
Zeit zu fuehren pflegten.
Im entschiedensten Gegensatz gegen Asien war Aegypten ein festgeschlossener
Einheitsstaat, in dem die intelligente Staatskunst der ersten Lagiden unter
geschickter Benutzung des alten nationalen und religioesen Herkommens eine
vollkommen absolute Kabinettsherrschaft begruendet hatte und wo selbst das
schlimmste Missregiment weder Emanzipations- noch Zerspaltungsversuche
herbeizufuehren vermochte. Sehr verschieden von dem nationalen Royalismus der
Makedonier, der auf ihrem Selbstgefuehl ruhte und dessen politischer Ausdruck
war, war in Aegypten das Land vollstaendig passiv, die Hauptstadt dagegen alles
und diese Hauptstadt Dependenz des Hofes; weshalb hier mehr noch als in
Makedonien und Asien die Schlaffheit und Traegheit der Herrscher den Staat
laehmte, waehrend umgekehrt in den Haenden von Maennern, wie der erste
Ptolemaeos und Ptolemaeos Euergetes, diese Staatsmaschine sich aeusserst
brauchbar erwies. Zu den eigentuemlichen Vorzuegen Aegyptens vor den beiden
grossen Rivalen gehoert es, dass die aegyptische Politik nicht nach Schatten
griff, sondern klare und erreichbare Zwecke verfolgte. Makedonien, die Heimat
Alexanders; Asien, das Land, in dem Alexander seinen Thron gegruendet hatte,
hoerten nicht auf, sich als unmittelbare Fortsetzungen der alexandrischen
Monarchie zu betrachten und lauter oder leiser den Anspruch zu erheben, dieselbe
wenn nicht her-, so doch wenigstens darzustellen. Die Lagiden haben nie eine
Weltmonarchie zu gruenden versucht und nie von Indiens Eroberung getraeumt;
dafuer aber zogen sie den ganzen Verkehr zwischen Indien und dem Mittelmeer von
den phoenikischen Haefen nach Alexandreia und machten Aegypten zu dem ersten
Handels- und Seestaat dieser Epoche und zum Herrn des oestlichen Mittelmeeres
und seiner Kuesten und Inseln. Es ist bezeichnend, dass Ptolemaeos III.
Euergetes alle seine Eroberungen freiwillig an Seleukos Kallinikos zurueckgab
bis auf die Hafenstadt von Antiocheia. Teils hierdurch, teils durch die
guenstige geographische Lage kam Aegypten den beiden Kontinentalmaechten
gegenueber in eine vortreffliche militaerische Stellung zur Verteidigung wie zum
Angriff. Waehrend der Gegner selbst nach gluecklichen Erfolgen kaum imstande
war, das ringsum fuer Landheere fast unzugaengliche Aegypten ernstlich zu
bedrohen, konnten die Aegypter von der See aus nicht bloss in Kyrene sich
festsetzen, sondern auch auf Kypros und den Kykladen, auf der phoenikisch-
syrischen und auf der ganzen Sued- und Westkueste von Kleinasien, ja sogar in
Europa auf dem thrakischen Chersonesos. Durch die beispiellose Ausbeutung des
fruchtbaren Niltals zum unmittelbaren Besten der Staatskasse und durch eine die
materiellen Interessen ernstlich und geschickt foerdernde und ebenso
ruecksichtslose wie einsichtige Finanzwirtschaft war der alexandrinische Hof
seinen Gegner auch als Geldmacht bestaendig ueberlegen. Endlich die intelligente
Munifizenz, mit der die Lagiden der Tendenz des Zeitalters nach ernster
Forschung in allen Gebieten des Koennens und Wissens entgegenkamen und diese
Forschungen in die Schranken der absoluten Monarchie einzuhegen und in die
Interessen derselben zu verflechten verstanden, nuetzte nicht bloss unmittelbar
dem Staat, dessen Schiff- und Maschinenbau den Einfluss der alexandrinischen
Mathematik zu ihrem Frommen verspuerten, sondern machte auch diese neue geistige
Macht, die bedeutendste und grossartigste, welche das hellenische Volk nach
seiner politischen Zersplitterung in sich hegte, soweit sie sich ueberhaupt zur
Dienstbarkeit bequemen wollte, zur Dienerin des alexandrinischen Hofes. Waere
Alexanders Reich stehengeblieben, so haette die griechische Kunst und
Wissenschaft einen Staat gefunden, wuerdig und faehig, sie zu fassen; jetzt wo
die Nation in Truemmer gefallen war, wucherte in ihr der gelehrte
Kosmopolitismus, und sehr bald ward dessen Magnet Alexandreia, wo die
wissenschaftlichen Mittel und Sammlungen unerschoepflich waren, die Koenige
Tragoedien und die Minister Kommentare dazu schrieben und die Pensionen und
Akademien florierten.
Das Verhaeltnis der drei Grossstaaten zueinander ergibt sich aus dem
Gesagten. Die Seemacht, welche die Kuesten beherrschte und das Meer
monopolisierte, musste nach dem ersten grossen Erfolg, der politischen Trennung
des europaeischen Kontinents von dem asiatischen, weiter hinarbeiten auf die
Schwaechung der beiden Grossstaaten des Festlandes und also auf die Beschuetzung
der saemtlichen kleineren Staaten, waehrend umgekehrt Makedonien und Asien zwar
auch untereinander rivalisierten, aber doch vor allen Dingen in Aegypten ihren
gemeinschaftlichen Gegner fanden und ihm gegenueber zusammenhielten oder doch
haetten zusammenhalten sollen.
Unter den Staaten zweiten Ranges ist fuer die Beruehrungen des Ostens mit
dem Westen zunaechst nur mittelbar von Bedeutung die Staatenreihe, welche vom
suedlichen Ende des Kaspischen Meeres zum Hellespont sich hinziehend das Innere
und die Nordkueste Kleinasiens ausfuellt: Atropatene (im heutigen Aserbeidschan
suedwestlich vom Kaspischen Meer), daneben Armenien, Kappadokien im
kleinasiatischen Binnenland, Pontos am suedoestlichen, Bithynien am
suedwestlichen Ufer des Schwarzen Meeres - sie alle Splitter des grossen
Perserreiches und beherrscht von morgenlaendischen, meistens altpersischen
Dynastien, die entlegene Berglandschaft Atropatene namentlich die rechte
Zufluchtsstaette des alten Persertums, an der selbst Alexanders Zug spurlos
voruebergebraust war, und alle auch in derselben zeitweiligen und
oberflaechlichen Abhaengigkeit von der griechischen Dynastie, die in Asien an
die Stelle der Grosskoenige getreten war oder sein wollte.
Von groesserer Wichtigkeit fuer die allgemeinen Verhaeltnisse ist der
Keltenstaat in dem kleinasiatischen Binnenland. Hier mitten inne zwischen
Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien und Phrygien hatten drei keltische
Voelkerschaften, die Tolistoager, Tectosagen und Trocmer sich ansaessig gemacht,
ohne darum weder von der heimischen Sprache und Sitte noch von ihrer Verfassung
und ihrem Freibeuterhandwerk zu lassen. Die zwoelf Vierfuersten, jeder einem der
vier Kantone eines der drei Staemme vorgesetzt, bildeten mit ihrem Rate von
dreihundert Maennern die hoechste Autoritaet der Nation und traten auf der
"heiligen Staette" (Drunemetum) namentlich zur Faellung von Bluturteilen
zusammen. Seltsam wie diese keltische Gauverfassung den Asiaten erschien, ebenso
fremdartig duenkte ihnen der Wagemut und die Landsknechtsitte der nordischen
Eindringlinge, welche teils ihren unkriegerischen Nachbarn die Soeldner zu jedem
Krieg lieferten, teils die umliegenden Landschaften auf eigene Faust pluenderten
oder brandschatzten. Diese rohen aber kraeftigen Barbaren waren der allgemeine
Schreck der verweichlichten umwohnenden Nationen, ja der asiatischen
Grosskoenige selbst, welche, nachdem manches asiatische Heer von den Kelten war
aufgerieben worden, und Koenig Antiochos I. Soter sogar im Kampf gegen sie sein
Leben verloren hatte (493 261) zuletzt selber zur Zinszahlung sich verstanden.
Dem kuehnen und gluecklichen Auftreten gegen diese gallischen Horden
verdankte es ein reicher Buerger von Pergamon, Attalos, dass er von seiner
Vaterstadt den Koenigstitel empfing und ihn auf seine Nachkommen vererbte.
Dieser neue Hof war im kleinen was der alexandrinische im grossen; auch hier war
die Foerderung der materiellen Interessen, die Pflege von Kunst und Literatur an
der Tagesordnung und das Regiment eine umsichtige und nuechterne
Kabinettspolitik, deren wesentlicher Zweck war, teils die Macht der beiden
gefaehrlichen festlaendischen Nachbarn zu schwaechen, teils einen selbstaendigen
Griechenstaat im westlichen Kleinasien zu begruenden. Der wohlgefuellte Schatz
trug viel zu der Bedeutung dieser pergamenischen Herren bei; sie schossen den
syrischen Koenigen bedeutende Summen vor, deren Rueckzahlung spaeter unter den
roemischen Friedensbedingungen eine Rolle spielte, und selbst Gebietserwerbungen
gelangen auf diesem Wege, wie zum Beispiel Aegina, das die verbuendeten Roemer
und Aetoler im letzten Krieg den Bundesgenossen Philipps, den Achaeern,
entrissen hatten, von den Aetolern, denen es vertragsmaessig zufiel, um 30
Talente (51000 Taler) an Attalos verkauft ward. Indes trotz des Hofglanzes und
des Koenigstitels behielt das pergamenische Gemeinwesen immer etwas vom
staedtischen Charakter, wie es denn auch in seiner Politik gewoehnlich mit den
Freistaedten zusammenging. Attalos selbst, der Lorenzo de' Medici des Altertums,
blieb sein lebelang ein reicher Buergersmann, und das Familienleben der
Attaliden, aus deren Hause ungeachtet des Koenigstitels die Eintracht und
Innigkeit nicht gewichen war, stach sehr ab gegen die wueste Schandwirtschaft
der adligeren Dynastien.
In dem europaeischen Griechenland waren ausser den roemischen Besitzungen
an der Ostkueste, von denen in den wichtigsten, namentlich in Kerkyra roemische
Beamte residiert zu haben scheinen, und dem unmittelbar makedonischen Gebiet
noch mehr oder minder imstande, eine eigene Politik zu verfolgen, die Epeiroten,
Akarnanen und Aetoler im noerdlichen, die Boeoter und Athener im mittleren
Griechenland und die Achaeer, Lakedaemonier, Messenier und Eleer im Peloponnes.
Unter diesen waren die Republiken der Epeiroten, Akarnanen und Boeoter in
vielfacher Weise eng an Makedonien geknuepft, namentlich die Akarnanen, weil sie
der von den Aetolern drohenden Unterdrueckung einzig durch makedonischen Schutz
zu entgehen vermochten; von Bedeutung war keine von ihnen. Die inneren Zustaende
waren sehr verschieden; wie es zum Teil aussah, dafuer mag als Beispiel dienen,
dass bei den Boeotern, wo es freilich am aergsten zuging, es Sitte geworden war,
jedes Vermoegen, das nicht in gerader Linie vererbte, an die Kneipgesellschaften
zu vermachen, und es fuer die Bewerber um die Staatsaemter manches Jahrzehnt die
erste Wahlbedingung war, dass sie sich verpflichteten, keinem Glaeubiger, am
wenigsten einem Auslaender, die Ausklagung seiner Schuldner zu gestatten.
Die Athener pflegten von Alexandreia aus gegen Makedonien unterstuetzt zu
werden und standen im engen Bunde mit den Aetolern; auch sie indes waren voellig
machtlos, und fast nur der Nimbus attischer Kunst und Poesie hob diese
unwuerdigen Nachfolger einer herrlichen Vorzeit unter einer Reihe von
Kleinstaedten gleichen Schlages hervor.
Nachhaltiger war die Macht der aetolischen Eidgenossenschaft; das kraeftige
Nordgriechentum war hier noch ungebrochen, aber freilich ausgeartet in wueste
Zucht- und Regimentlosigkeit - es war Staatsgesetz, dass der aetolische Mann
gegen jeden, selbst gegen den mit den Aetolern verbuendeten Staat als
Reislaeufer dienen koenne, und auf die dringenden Bitten der uebrigen Griechen,
dies Unwesen abzustellen, erklaerte die aetolische Tagsatzung, eher koenne man
Aetolien aus Aetolien wegschaffen als diesen Grundsatz aus ihrem Landrecht. Die
Aetoler haetten dem griechischen Volke von grossem Nutzen sein koennen, wenn sie
ihm nicht durch diese organisierte Raeuberwirtschaft, durch ihre gruendliche
Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft und durch die unselige
Opposition gegen den makedonischen Grossstaat noch viel mehr geschadet haetten.
Im Peloponnes hatte der Achaeische Bund die besten Elemente des
eigentlichen Griechenlands zusammengefasst zu einer auf Gesittung, Nationalsinn
und friedliche Schlagfertigkeit gegruendeten Eidgenossenschaft. Indes die Bluete
und namentlich die Wehrhaftigkeit derselben war trotz der aeusserlichen
Erweiterung geknickt worden durch Aratos' diplomatischen Egoismus, welcher den
Achaeischen Bund durch die leidigen Verwicklungen mit Sparta und die noch
leidigere Anrufung makedonischer Intervention im Peloponnes der makedonischen
Suprematie so vollstaendig unterworfen hatte, dass die Hauptfestungen der
Landschaft seitdem makedonische Besatzungen empfingen und dort jaehrlich
Philippos der Eid der Treue geschworen wurde. Die schwaecheren Staaten im
Peloponnes, Elis, Messene und Sparta, wurden durch ihre alte, namentlich durch
Grenzstreitigkeiten genaehrte Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft
in ihrer Politik bestimmt und waren aetolisch und antimakedonisch gesinnt, weil
die Achaeer es mit Philippos hielten. Einige Bedeutung unter diesen Staaten
hatte einzig das spartanische Soldatenkoenigtum, das nach dem Tode des
Machanidas an einen gewissen Nabis gekommen war; er stuetzte sich immer dreister
auf die Vagabunden und fahrenden Soeldner, denen er nicht bloss die Haeuser und
Aecker, sondern auch die Frauen und Kinder der Buerger ueberwies, und unterhielt
emsig Verbindungen, ja schloss geradezu eine Assoziation zum Seeraub auf
gemeinschaftliche Rechnung mit der grossen Soeldner- und Piratenherberge, der
Insel Kreta, wo er auch einige Ortschaften besass. Seine Raubzuege zu Lande wie
seine Piratenschiffe am Vorgebirge Malea waren weit und breit gefuerchtet, er
selbst als niedrig und grausam verhasst; aber seine Herrschaft breitete sich
aus, und um die Zeit der Schlacht bei Zama war es ihm sogar gelungen, sich in
den Besitz von Messene zu setzen.
Endlich die unabhaengigste Stellung unter den Mittelstaaten hatten die
freien griechischen Kaufstaedte an dem europaeischen Ufer der Propontis sowie
auf der ganzen kleinasiatischen Kueste und auf den Inseln des Aegaeischen
Meeres; sie sind zugleich die lichteste Seite in dieser trueben Mannigfaltigkeit
des hellenischen Staatensystems, namentlich drei unter ihnen, die seit
Alexanders Tode wieder volle Freiheit genossen und durch ihren taetigen
Seehandel auch zu einer achtbaren politischen Macht und selbst zu bedeutendem
Landgebiet gelangt waren: Byzantion, die Herrin des Bosporos, reich und maechtig
durch die Sundzoelle und den wichtigen Kornhandel nach dem Schwarzen Meer;
Kyzikos an der asiatischen Propontis, die Tochterstadt und die Erbin Milets, in
engsten Beziehungen zu dem Hofe von Pergamon, und endlich und vor allen Rhodos.
Die Rhodier, die gleich nach Alexanders Tode die makedonische Besatzung
vertrieben hatten, waren durch ihre glueckliche Lage fuer Handel und Schiffahrt
Vermittler des Verkehrs in dem ganzen oestlichen Mittelmeer geworden und die
tuechtige Flotte wie der in der beruehmten Belagerung von 450 (304) bewaehrte
Mut der Buerger setzten sie in den Stand, in jener Zeit ewiger Fehden aller
gegen alle vorsichtig und energisch eine neutrale Handelspolitik zu vertreten
und wenn es galt zu verfechten; wie sie denn zum Beispiel die Byzantier mit den
Waffen zwangen, den rhodischen Schiffen Zollfreiheit im Bosporos zu gestatten,
und ebensowenig den pergamenischen Dynasten das Schwarze Meer zu sperren
erlaubten. Vom Landkrieg hielten sie sich dagegen womoeglich fern, obwohl sie an
der gegenueberliegenden karischen Kueste nicht unbetraechtliche Besitzungen
erworben hatten, und fuehrten ihn, wenn es nicht anders sein konnte, mit
Soeldnern. Nach allen Seiten hin, mit Syrakus, Makedonien und Syrien, vor allem
aber mit Aegypten standen sie in freundschaftlichen Beziehungen und genossen
hoher Achtung bei den Hoefen, so dass nicht selten in den Kriegen der
Grossstaaten ihre Vermittlung angerufen ward. Ganz besonders aber nahmen sie
sich der griechischen Seestaedte an, deren es an den Gestaden des Pontischen,
Bithynischen und Pergamenischen Reiches wie auf den von Aegypten den Seleukiden
entrissenen kleinasiatischen Kuesten und Inseln unzaehlige gab, wie zum Beispiel
Sinope, Herakleia Pontike, Kios, Lampsakos, Abydos, Mytilene, Chios, Smyrna,
Samos, Halikarnassos und andere mehr. Alle diese waren im wesentlichen frei und
hatten mit ihren Grundherren nichts zu schaffen, als die Bestaetigung ihrer
Privilegien von ihnen zu erbitten und hoechstens ihnen einen maessigen Zins zu
entrichten; gegen etwaige Uebergriffe der Dynasten wusste man bald schmiegsam,
bald energisch sich zu wehren. Hauptsaechlich hilfreich hierbei waren die
Rhodier, welche zum Beispiel Sinope gegen Mithradates von Pontos nachdruecklich
unterstuetzten. Wie fest sich unter dem Hader und eben durch die Zwiste der
Monarchen die Freiheiten dieser kleinasiatischen Staedte gegruendet hatten,
beweist zum Beispiel, dass einige Jahre nachher zwischen Antiochos und den
Roemern nicht ueber die Freiheit der Staedte selbst gestritten ward, sondern
darueber, ob sie die Bestaetigung ihrer Freibriefe vom Koenig nachzusuchen
haetten oder nicht. Dieser Staedtebund war wie in allem so auch in dieser
eigentuemlichen Stellung zu den Landesherren eine foermliche Hansa, sein Haupt
Rhodos, das in Vertraegen fuer sich und seine Bundesgenossen verhandelte und
stipulierte. Hier ward die staedtische Freiheit gegen die monarchischen
Interessen vertreten, und waehrend um die Mauern herum die Kriege tobten, blieb
hier in verhaeltnismaessiger Ruhe Buergersinn und buergerlicher Wohlstand
heimisch, und es gediehen hier Kunst und Wissenschaft, ohne durch wueste
Soldatenwirtschaft zertreten oder von der Hofluft korrumpiert zu werden.
Also standen die Dinge im Osten, als die politische Scheidewand zwischen
dem Orient und dem Okzident fiel und die oestlichen Maechte, zunaechst Philippos
von Makedonien, veranlasst wurden, in die Verhaeltnisse des Westens
einzugreifen. Wie es geschah und wie der Erste Makedonische Krieg (540-549 214-
205) verlief, ist zum Teil schon erzaehlt und angedeutet worden, was Philippos
im Hannibalischen Kriege haette tun koennen und wie wenig von dem geschah, was
Hannibal hatte erwarten und berechnen duerfen. Es hatte wieder einmal sich
gezeigt, dass unter allen Wuerfelspielen keines verderblicher ist als die
absolute Erbmonarchie. Philippos war nicht der Mann, dessen Makedonien damals
bedurfte; indes eine unbedeutende Natur war er nicht. Er war ein rechter Koenig,
in dem besten und dem schlimmsten Sinne des Wortes. Das lebhafte Gefuehl, selbst
und allein zu herrschen, war der Grundzug seines Wesens; er war stolz auf seinen
Purpur, aber nicht bloss auf ihn, und er durfte stolz sein. Er bewies nicht
allein die Tapferkeit des Soldaten und den Blick des Feldherrn, sondern auch
einen hohen Sinn in der Leitung der oeffentlichen Angelegenheiten, wo immer sein
makedonisches Ehrgefuehl verletzt ward. Voll Verstand und Witz gewann er, wen er
gewinnen wollte, vor allem eben die faehigsten und gebildetsten Maenner, so zum
Beispiel Flamininus und Scipio; er war ein guter Gesell beim Becher und den
Frauen nicht bloss durch seinen Rang gefaehrlich. Allein er war zugleich eine
der uebermuetigsten und frevelhaftesten Naturen, die jenes freche Zeitalter
erzeugt hat. Er pflegte zu sagen, dass er niemand fuerchte als die Goetter; aber
es schien fast, als seien diese Goetter dieselben, denen sein Flottenfuehrer
Dikaearchos regelmaessige Opfer darbrachte, die Gottlosigkeit (Asebeia) und der
Frevel (Paranomia). Weder das Leben seiner Ratgeber und der Beguenstiger seiner
Plaene war ihm heilig, noch verschmaehte er es, seine Erbitterung gegen die
Athener und Attalos durch Zerstoerung ehrwuerdiger Denkmaeler und namhafter
Kunstwerke zu befriedigen; es wird als Staatsmaxime von ihm angefuehrt, dass,
wer den Vater ermorden lasse, auch die Soehne toeten muesse. Es mag sein, dass
ihm nicht eigentlich die Grausamkeit eine Wollust war; allein fremdes Leben und
Leiden war ihm gleichgueltig, und die Inkonsequenz, die den Menschen allein
ertraeglich macht, fand nicht Raum in seinem starren und harten Herzen. Er hat
den Satz, dass fuer den absoluten Koenig kein Versprechen und kein Moralgebot
bindend sei, so schroff und grell zur Schau getragen, dass er eben dadurch
seinen Plaenen die wesentlichsten Hindernisse in den Weg legte. Einsicht und
Entschlossenheit kann niemand ihm absprechen; aber es ist damit in seltsamer
Weise Zauderei und Fahrigkeit vereinigt; was vielleicht zum Teil dadurch sich
erklaert, dass er schon im achtzehnten Jahr zum absoluten Herrscher berufen ward
und dass sein unbaendiges Wueten gegen jeden, der durch Widerreden und
Widerraten ihn in seinem Selbstregieren stoerte, alle selbstaendigen Ratgeber
von ihm verscheuchte. Was alles in seiner Seele mitgewirkt haben mag, um die
schwache und schmaehliche Fuehrung des Ersten Makedonischen Krieges
hervorzurufen, laesst sich nicht sagen - vielleicht jene Laessigkeit der
Hoffart, die erst gegen die nahegerueckte Gefahr ihre volle Kraft entwickelt,
vielleicht selbst Gleichgueltigkeit gegen den nicht von ihm entworfenen Plan und
Eifersucht auf Hannibals ihn beschaemende Groesse. Gewiss ist, dass sein
spaeteres Benehmen nicht den Philippos wiedererkennen laesst, an dessen
Saumseligkeit Hannibals Plan scheiterte.
Philippos schloss den Vertrag mit den Aetolern und den Roemern 548/49
(206/05) in der ernsten Absicht, mit Rom einen dauernden Frieden zu machen und
sich kuenftig ausschliesslich den Angelegenheiten des Ostens zu widmen. Es
leidet keinen Zweifel, dass er Karthagos rasche Ueberwaeltigung ungern sah; es
kann auch sein, dass Hannibal auf eine zweite makedonische Kriegserklaerung
hoffte und dass Philippos im stillen das letzte karthagische Heer mit Soeldnern
verstaerkte. Allein sowohl die weitschichtigen Dinge, in die er mittlerweile im
Osten sich einliess, als auch die Art der Unterstuetzung und besonders das
voellige Stillschweigen der Roemer ueber diesen Friedensbruch, da sie doch nach
Kriegsgruenden suchten, setzen es ausser Zweifel, dass Philippos keineswegs im
Jahre 551 (203) nachholen wollte, was er zehn Jahre zuvor haette tun sollen.
Er hatte sein Auge nach einer ganz anderen Seite gewendet. Ptolemaeos
Philopator von Aegypten war 549 (205) gestorben. Gegen seinen Nachfolger
Ptolemaeos Epiphanes, ein fuenfjaehriges Kind, hatten die Koenige von Makedonien
und Asien Philippos und Antiochos sich vereinigt, um den alten Groll der
Kontinentalmonarchien gegen den Seestaat gruendlich zu saettigen. Der
aegyptische Staat sollte aufgeloest werden, Aegypten und Kypros an Antiochos,
Kyrene, Ionien und die Kykladen an Philippos fallen. Recht in Philippos' Art,
der ueber solche Ruecksichten lachte, begannen die Koenige den Krieg, nicht
bloss ohne Ursache, sondern selbst ohne Vorwand, "eben wie die grossen Fische
die kleinen auffressen". Die Verbuendeten hatten uebrigens richtig gerechnet,
besonders Philippos. Aegypten hatte genug zu tun, sich des naeheren Feindes in
Syrien zu erwehren, und musste die kleinasiatischen Besitzungen und die Kykladen
unverteidigt preisgeben, als Philippos auf diese als auf seinen Anteil an der
Beute sich warf. In dem Jahr, wo Karthago mit Rom den Frieden abschloss (553
201), liess derselbe eine von den ihm untertaenigen Staedten ausgeruestete
Flotte Truppen an Bord nehmen und an der thrakischen Kueste hinauf segeln. Hier
ward Lysimacheia der aetolischen Besatzung entrissen, und Perinthos, das zu
Byzanz im Klientelverhaeltnis stand, gleichfalls besetzt. So war mit den
Byzantiern der Friede gebrochen, mit den Aetolern, die soeben mit Philippos
Frieden gemacht, wenigstens das gute Einvernehmen gestoert. Die Ueberfahrt nach
Asien stiess auf keine Schwierigkeiten, da Koenig Prusias von Bithynien mit
Makedonien im Bunde war; zur Vergeltung half Philippos ihm die griechischen
Kaufstaedte in seinem Gebiet bezwingen. Kalchedon unterwarf sich. Kios, das
widerstand, wurde erstuermt und dem Boden gleich, ja die Einwohner zu Sklaven
gemacht - eine zwecklose Barbarei, ueber die Prusias selbst, der die Stadt
unbeschaedigt zu besitzen wuenschte, verdriesslich war und die die ganze
hellenische Welt aufs tiefste erbitterte. Besonders verletzt noch waren abermals
die Aetoler, deren Strateg in Kios kommandiert hatte, und die Rhodier, deren
Vermittlungsversuche von dem Koenig schnoede und arglistig vereitelt worden
waren. Aber waere auch dies nicht gewesen, es standen die Interessen aller
griechischen Kaufstaedte auf dem Spiel. Unmoeglich konnte man zugeben, dass die
milde und fast nur nominelle aegyptische Herrschaft verdraengt ward durch das
makedonische Zwingherrentum, mit dem die staedtische Selbstregierung und der
freie Handelsverkehr sich nimmermehr vertrug; und die furchtbare Behandlung der
Kianer zeigte, dass es hier sich nicht um das Bestaetigungsrecht der
staedtischen Freibriefe handelte, sondern um Tod und Leben fuer einen und fuer
alle. Schon war Lampsakos gefallen und Thasos behandelt worden wie Kios; man
musste sich eilen. Der wackere Strateg von Rhodos, Theophiliskos, ermahnte seine
Buerger der gemeinsamen Gefahr durch gemeinsame Abwehr zu begegnen und nicht
geschehen zu lassen, dass die Staedte und Inseln einzeln dem Feinde zur Beute
wuerden. Rhodos entschloss sich und erklaerte Philippos den Krieg. Byzanz
schloss sich an; ebenso der hochbejahrte Koenig Attalos von Pergamon, Philippos'
persoenlicher und politischer Feind. Waehrend die Flotte der Verbuendeten sich
an der aeolischen Kueste sammelte, liess Philippos durch einen Teil der seinigen
Chios und Samos wegnehmen. Mit dem anderen erschien er selbst vor Pergamon, das
er indes vergeblich berannte; er musste sich begnuegen, das platte Land zu
durchstreifen und an den weit und breit zerstoerten Tempeln die Spuren
makedonischer Tapferkeit zurueckzulassen. Ploetzlich brach er auf und ging
wieder zu Schiff, um sich mit seinem Geschwader, das bei Samos stand, zu
vereinigen. Allein die rhodisch-pergamenische Flotte folgte ihm und zwang ihn
zur Schlacht in der Meerenge von Chios. Die Zahl der makedonischen Deckschiffe
war geringer, allein die Menge ihrer offenen Kaehne glich dies wieder aus und
Philippos' Soldaten fochten mit grossem Mute; doch unterlag. er endlich. Fast
die Haelfte seiner Deckschiffe, vierundzwanzig Segel, wurden versenkt oder
genommen, 6000 makedonische Matrosen, 3000 Soldaten kamen um, darunter der
Admiral Demokrates, 2000 wurden gefangen. Den Bundesgenossen kostete der Sieg
nicht mehr als 800 Mann und sechs Segel. Aber von den Fuehrern der Verbuendeten
war Attalos von seiner Flotte abgeschnitten und gezwungen worden, sein
Admiralschiff bei Erythrae auf den Strand laufen zu lassen; und Theophiliskos
von Rhodos, dessen Buergermut den Krieg und dessen Tapferkeit die Schlacht
entschieden hatte, starb den Tag nach derselben an seinen Wunden. So konnte,
waehrend Attalos' Flotte in die Heimat ging und die rhodische vorlaeufig bei
Chios blieb, Philippos, der faelschlich sich den Sieg zuschrieb, seine Fahrt
weiter fortsetzen und sich nach Samos wenden, um die karischen Staedte zu
besetzen. An der karischen Kueste lieferten die Rhodier, diesmal von Attalos
nicht unterstuetzt, der makedonischen Flotte unter Herakleides ein zweites
Treffen bei der kleinen Insel Lade vor dem Hafen von Milet. Der Sieg, den wieder
beide Teile sich zuschrieben, scheint hier von den Makedoniern gewonnen zu sein,
denn waehrend die Rhodier nach Myndos und von da nach Kos zurueckwichen,
besetzten jene Milet und ein Geschwader unter dem Aetoler Dikaearchos die
Kykladen. Philippos inzwischen verfolgte auf dem karischen Festland die
Eroberung der rhodischen Besitzungen daselbst und der griechischen Staedte;
haette er Ptolemaeos selbst angreifen wollen und es nicht vorgezogen, sich auf
die Gewinnung seines Beuteanteils zu beschraenken, so wuerde er jetzt selbst an
einen Zug nach Aegypten haben denken koennen. In Karien stand zwar kein Heer den
Makedoniern gegenueber, und Philippos durchzog ungehindert die Gegend von
Magnesia bis Mylasa; aber jede Stadt in dieser Landschaft war eine Festung, und
der Belagerungskrieg zog sich in die Laenge, ohne erhebliche Resultate zu geben
oder zu versprechen. Der Satrap von Lydien, Zeuxis, unterstuetzte den
Bundesgenossen seines Herren ebenso lau, wie Philippos sich lau in der
Foerderung der Interessen des syrischen Koenigs bewiesen hatte, und die
griechischen Staedte gaben Unterstuetzung nur aus Furcht oder Zwang. Die
Verproviantierung des Heeres ward immer schwieriger; Philippos musste heute den
pluendern, der ihm gestern freiwillig gegeben hatte, und dann wieder gegen seine
Natur sich bequemen zu bitten. So ging allmaehlich die gute Jahreszeit zu Ende,
und in der Zwischenzeit hatten die Rhodier ihre Flotte verstaerkt und auch die
des Attalos wieder an sich gezogen, so dass sie zur See entschieden ueberlegen
waren. Es schien fast, als koennten sie dem Koenig den Rueckzug abschneiden und
ihn zwingen, Winterquartier in Karien zu nehmen, waehrend doch die
Angelegenheiten daheim, namentlich die drohende Intervention der Aetoler und der
Roemer, seine Rueckkehr dringend erheischten. Philippos sah die Gefahr; er liess
Besatzungen, zusammen bis 3000 Mann, teils in Myrina, um Pergamon in Schach zu
halten, teils in den kleinen Staedten um Mylasa: Iassos, Bargylia, Euromos,
Pedasa, um den trefflichen Hafen und einen Landungsplatz in Karien sich zu
sichern; mit der Flotte gelang es ihm bei der Nachlaessigkeit, mit welcher die
Bundesgenossen das Meer bewachten, gluecklich die thrakische Kueste zu erreichen
und noch vor dem Winter 553/54 (201/00) zu Hause zu sein.
In der Tat zog sich gegen Philipp im Westen ein Gewitter zusammen, welches
ihm nicht laenger gestattete, die Pluenderung des wehrlosen Aegyptens
fortzusetzen. Die Roemer, die in demselben Jahre endlich den Frieden mit
Karthago auf ihre Bedingungen abgeschlossen hatten, fingen an, sich ernstlich um
diese Verwicklungen im Osten zu bekuemmern. Es ist oft gesagt worden, dass sie
nach der Eroberung des Westens sofort daran gegangen seien, den Osten sich zu
unterwerfen; eine ernstliche Erwaegung wird zu einem gerechteren Urteil fuehren.
Nur die stumpfe Unbilligkeit kann es verkennen, dass Rom in dieser Zeit noch
keineswegs nach der Herrschaft ueber die Mittelmeerstaaten griff, sondern nichts
weiter begehrte, als in Afrika und in Griechenland ungefaehrliche Nachbarn zu
haben; und eigentlich gefaehrlich fuer Rom war Makedonien nicht. Seine Macht war
allerdings nicht gering und es ist augenscheinlich, dass der roemische Senat den
Frieden von 548/49 (206/05), der sie ganz in ihrer Integritaet beliess, nur
ungern gewaehrte; allein wie wenig man ernstliche Besorgnisse vor Makedonien in
Rom hegte und hegen durfte, beweist am besten die geringe und doch nie gegen
Uebermacht zu fechten genoetigte Truppenzahl, mit welcher Rom den naechsten
Krieg gefuehrt hat. Der Senat haette wohl eine Demuetigung Makedoniens gern
gesehen; allein um den Preis eines in Makedonien mit roemischen Truppen
gefuehrten Landkrieges war sie ihm zu teuer, und darum machte er nach dem
Ruecktritt der Aetoler sofort freiwillig Frieden auf Grundlage des Status quo.
Es ist darum auch nichts weniger als ausgemacht, dass die roemische Regierung
diesen Frieden in der bestimmten Absicht schloss, den Krieg bei gelegenerer Zeit
wieder zu beginnen, und sehr gewiss, dass augenblicklich bei der gruendlichen
Erschoepfung des Staats und der aeussersten Unlust der Buergerschaft auf einen
zweiten ueberseeischen Krieg sich einzulassen, der Makedonische Krieg den
Roemern in hohem Grade unbequem kam. Aber jetzt war er unvermeidlich. Den
makedonischen Staat, wie er im Jahre 549 (205) war, konnte man sich als Nachbar
gefallen lassen; allein unmoeglich durfte man gestatten, dass derselbe den
besten Teil des kleinasiatischen Griechenlands und das wichtige Kyrene
hinzuerwarb, die neutralen Handelsstaaten erdrueckte und damit seine Macht
verdoppelte. Es kam hinzu, dass der Sturz Aegyptens, die Demuetigung, vielleicht
die Ueberwaeltigung von Rhodos auch dem sizilischen und italischen Handel tiefe
Wunden geschlagen haben wuerden; und konnte man ueberhaupt ruhig zusehen, wie
der italische Verkehr mit dem Osten von den beiden grossen Kontinentalmaechten
abhaengig ward? Gegen Attalos, den treuen Bundesgenossen aus dem Ersten
Makedonischen Krieg, hatte Rom ueberdies die Ehrenpflicht zu wahren und zu
hindern, dass Philippos, der ihn schon in seiner Hauptstadt belagert hatte, ihn
nicht von Land und Leuten vertrieb. Endlich war der Anspruch Roms, den
schuetzenden Arm ueber alle Hellenen auszustrecken, keineswegs bloss Phrase; die
Neapolitaner, Rheginer, Massalioten und Emporiten konnten bezeugen, dass dieser
Schutz sehr ernst gemeint war, und gar keine Frage ist es, dass in dieser Zeit
die Roemer den Griechen naeher standen als jede andere Nation und wenig ferner
als die hellenisierten Makedonier. Es ist seltsam, den Roemern das Recht zu
bestreiten, ueber die frevelhafte Behandlung der Kianer und Thasier in ihren
menschlichen wie in ihren hellenischen Sympathien sich empoert zu fuehlen. So
vereinigten sich in der Tat alle politischen, kommerziellen und sittlichen
Motive, um Rom zu dem zweiten Kriege gegen Philippos zu bestimmen, einem der
gerechtesten, die die Stadt je gefuehrt hat. Es gereicht dem Senat zur hohen
Ehre, dass er sofort sich entschloss und sich weder durch die Erschoepfung des
Staates noch durch die Impopularitaet einer solchen Kriegserklaerung abhalten
liess, seine Anstalten zu treffen - schon 553 (201) erschien der Propraetor
Marcus Valerius Laevinus mit der sizilischen Flotte von 38 Segeln in der
oestlichen See. Indes war die Regierung in Verlegenheit, einen ostensibeln
Kriegsgrund ausfindig zu machen, dessen sie dem Volk gegenueber notwendig
bedurfte, auch wenn sie nicht ueberhaupt viel zu einsichtig gewesen waere, um
die rechtliche Motivierung des Krieges in Philippos' Art gering zu schaetzen.
Die Unterstuetzung, die Philippos nach dem Frieden mit Rom den Karthagern
gewaehrt haben sollte, war offenbar nicht erweislich. Die roemischen Untertanen
in der illyrischen Landschaft beschwerten sich zwar schon seit laengerer Zeit
ueber die makedonischen Obergriffe. Schon 551 (203) hatte ein roemischer
Gesandter an der Spitze des illyrischen Aufgebots Philippos' Scharen aus dem
illyrischen Gebiet hinausgeschlagen und der Senat deswegen den Gesandten des
Koenigs 552 (202) erklaert, wenn er Krieg suche, werde er ihn frueher finden,
als ihm lieb sei. Allein diese Uebergriffe waren eben nichts als die
gewoehnlichen Frevel, wie Philippos sie gegen seine Nachbarn uebte; eine
Verhandlung darueber haette im gegenwaertigen Augenblick zur Demuetigung und
Suehnung, aber nicht zum Kriege gefuehrt. Mit den saemtlichen kriegfuehrenden
Maechten im Osten stand die roemische Gemeinde dem Namen nach in Freundschaft
und haette ihnen Beistand gegen den Angriff gewaehren koennen. Allein Rhodos und
Pergamon, die begreiflicherweise nicht saeumten, die roemische Hilfe zu
erbitten, waren formell die Angreifer, und Aegypten, wenn auch alexandrinische
Gesandte den roemischen Senat ersuchten, die Vormundschaft ueber das koenigliche
Kind zu uebernehmen, scheint doch auch nicht eben sich beeilt zu haben, durch
Anrufung unmittelbarer roemischer Intervention zwar die augenblickliche
Bedraengnis zu beendigen, aber zugleich der grossen westlichen Macht das Ostmeer
zu oeffnen. Vor allen Dingen aber haette die Hilfe fuer Aegypten zunaechst in
Syrien geleistet werden muessen und wuerde Rom in einen Krieg mit Asien und
Makedonien zugleich verwickelt haben, was man natuerlich um so mehr zu vermeiden
wuenschte, als man fest entschlossen war, wenigstens in die asiatischen
Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Es blieb nichts uebrig, als vorlaeufig
eine Gesandtschaft nach dem Osten abzuordnen, um teils von Aegypten zu erlangen,
was den Umstaenden nach nicht schwer war, dass es die Einmischung der Roemer in
die griechischen Angelegenheiten geschehen liess, teils den Koenig Antiochos zu
beschwichtigen, indem man ihm Syrien preisgab, teils endlich den Bruch mit
Philippos moeglichst zu beschleunigen und die Koalition der griechisch-
asiatischen Kleinstaaten gegen ihn zu foerdern (Ende 553 201). In Alexandreia
erreichte man ohne Muehe, was man wuenschte; der Hof hatte keine Wahl und musste
dankbar den Marcus Aemilius Lepidus aufnehmen, den der Senat abgesandt hatte, um
als "Vormund des Koenigs" dessen Interessen zu vertreten, soweit dies ohne
eigentliche Intervention moeglich war. Antiochos loeste zwar seinen Bund mit
Philipp nicht auf und gab den Roemern nicht die bestimmten Erklaerungen, welche
sie wuenschten; uebrigens aber, sei es aus Schlaffheit, sei es bestimmt durch
die Erklaerung der Roemer, in Syrien nicht intervenieren zu wollen, verfolgte er
seine Plaene daselbst und liess die Dinge in Griechenland und Kleinasien gehen.
Darueber war das Fruehjahr 554 (200) herangekommen, und der Krieg hatte
aufs neue begonnen. Philippos warf sich zunaechst wieder auf Thrakien, wo er die
saemtlichen Kuestenplaetze, namentlich Maroneia, Aenos, Elaeos, Sestos besetzte;
er wollte seine europaeischen Besitzungen vor einer roemischen Landung gesichert
wissen. Alsdann griff er an der asiatischen Kueste Abydos an, an dessen Gewinn
ihm gelegen sein musste, da er durch den Besitz von Sestos und Abydos mit seinem
Bundesgenossen Antiochos in festere Verbindung kam und nicht mehr zu fuerchten
brauchte, dass die Flotte der Bundesgenossen ihm den Weg nach oder aus
Kleinasien sperre. Diese beherrschte das Aegaeische Meer, nachdem das
schwaechere makedonische Geschwader sich zurueckgezogen hatte; Philippos
beschraenkte zur See sich darauf, auf dreien der Kykladen, Andros, Kythnos und
Paros, Besatzungen zu unterhalten und Kaperschiffe auszuruesten. Die Rhodier
gingen nach Chios und von da nach Tenedos, wo Attalos, der den Winter ueber bei
Aegina gestanden und mit den Deklamationen der Athener sich die Zeit vertrieben
hatte, mit seinem Geschwader zu ihnen stiess. Es waere wohl moeglich gewesen,
den Abydenern, die sich heldenmuetig verteidigten, zu Hilfe zu kommen; allein
die Verbuendeten ruehrten sich nicht, und so ergab sich endlich die Stadt,
nachdem fast alle Waffenfaehigen im Kampf vor den Mauern und nach der
Kapitulation ein grosser Teil der Einwohner durch eigene Hand gefallen waren,
der Gnade des Siegers; sie bestand darin, dass den Abydenern drei Tage Frist
gegeben wurden, um freiwillig zu sterben. Hier im Lager von Abydos traf die
roemische Gesandtschaft, die nach Beendigung ihrer Geschaefte in Syrien und
Aegypten die griechischen Kleinstaaten besucht und bearbeitet hatte, mit dem
Koenig zusammen und entledigte sich ihrer vom Senat erhaltenen Auftraege: der
Koenig solle gegen keinen griechischen Staat einen Angriffskrieg fuehren, die
dem Ptolemaeos entrissenen Besitzungen zurueckgeben und wegen der den
Pergamenern und Rhodiern zugefuegten Schaedigung sich ein Schiedsgericht
gefallen lassen. Die Absicht des Senats, den Koenig zur foermlichen
Kriegserklaerung zu reizen, ward nicht erreicht; der roemische Gesandte Marcus
Aemilius erhielt vom Koenig nichts als die feine Antwort, dass er dem jungen
schoenen roemischen Mann wegen dieser seiner drei Eigenschaften das Gesagte
zugute halten wolle.
Indes war mittlerweile die von Rom gewuenschte Veranlassung von einer
anderen Seite her gekommen. Die Athener hatten in ihrer albernen und grausamen
Eitelkeit zwei unglueckliche Akarnanen hinrichten lassen, weil dieselben sich
zufaellig in ihre Mysterien verirrt hatten. Als die Akarnanen in begreiflicher
Erbitterung von Philippos begehrten, dass er ihnen Genugtuung verschaffe, konnte
dieser das gerechte Begehren seiner treuesten Bundesgenossen nicht weigern und
gestattete ihnen, in Makedonien Mannschaft auszuheben und damit und mit ihren
eigenen Leuten ohne foermliche Kriegserklaerung in Attika einzufallen. Zwar war
dies nicht bloss kein eigentlicher Krieg, sondern es liess auch der Fuehrer der
makedonischen Schar, Nikanor, auf die drohenden Worte der gerade in Athen
anwesenden roemischen Gesandten sofort seine Truppen den Rueckmarsch antreten
(Ende 553 201). Aber es war zu spaet. Eine athenische Gesandtschaft ging nach
Rom, um ueber den Angriff Philipps auf einen alten Bundesgenossen Roms zu
berichten, und aus der Art, wie der Senat sie empfing, sah Philippos deutlich,
was ihm bevorstand; weshalb er zunaechst, gleich im Fruehling 554 (200) seinen
Oberbefehlshaber in Griechenland, Philokles, anwies, das attische Gebiet zu
verwuesten und die Stadt moeglichst zu bedraengen.
Der Senat hatte jetzt, was er bedurfte, und konnte im Sommer 554 (200) die
Kriegserklaerung "wegen Angriffs auf einen mit Rom verbuendeten Staat" vor die
Volksversammlung bringen. Sie wurde das erstemal fast einstimmig verworfen;
toerichte oder tueckische Volkstribunen querulierten ueber den Rat, der den
Buergern keine Ruhe goennen wolle; aber der Krieg war einmal notwendig und genau
genommen schon begonnen, so dass der Senat unmoeglich zuruecktreten konnte. Die
Buergerschaft ward durch Vorstellungen und Konzessionen zum Nachgeben bewogen.
Es ist bemerkenswert, dass diese Konzessionen wesentlich auf Kosten der
Bundesgenossen erfolgten. Aus ihren im aktiven Dienst befindlichen Kontingenten
wurden - ganz entgegen den sonstigen roemischen Maximen - die Besatzungen von
Gallien, Unteritalien, Sizilien und Sardinien, zusammen 20000 Mann,
ausschliesslich genommen, die saemtlichen vom Hannibalischen Krieg her unter
Waffen stehenden Buergertruppen aber entlassen; nur Freiwillige sollten daraus
zum Makedonischen Krieg aufgeboten werden duerfen, welches denn freilich, wie
sich nachher fand, meistens gezwungene Freiwillige waren - es rief dies spaeter
im Herbst 555 (199) einen bedenklichen Militaeraufstand im Lager von Apollonia
hervor. Aus neu einberufenen Leuten wurden sechs Legionen gebildet, von denen je
zwei in Rom und in Etrurien blieben und nur zwei in Brundisium nach Makedonien
eingeschifft wurden, gefuehrt von dem Konsul Publius Sulpicius Galba.
So hatte sich wieder einmal recht deutlich gezeigt, dass fuer die
weitlaeufigen und schwierigen Verhaeltnisse, in welche Rom durch seine Siege
gebracht war, die souveraenen Buergerversammlungen mit ihren kurzsichtigen und
vom Zufall abhaengigen Beschluessen schlechterdings nicht mehr passten und dass
deren verkehrtes Eingreifen in die Staatsmaschine zu gefaehrlichen
Modifikationen der militaerisch notwendigen Massregeln und zu noch
gefaehrlicherer Zuruecksetzung der latinischen Bundesgenossen fuehrte.
Philippos' Lage war sehr uebel. Die oestlichen Staaten, die gegen jede
Einmischung Roms haetten zusammenstehen muessen und unter anderen Umstaenden
auch vielleicht zusammengestanden waeren, waren hauptsaechlich durch seine
Schuld so untereinander verhetzt, dass sie die roemische Invasion entweder nicht
zu hindern oder sogar zu foerdern geneigt waren. Asien, Philipps natuerlicher
und wichtiger Bundesgenosse, war von ihm vernachlaessigt worden und ueberdies
zunaechst durch die Verwicklung mit Aegypten und den syrischen Krieg an taetigem
Eingreifen gehindert. Aegypten hatte ein dringendes Interesse daran, dass die
roemische Flotte dem Ostmeer fern blieb; selbst jetzt noch gab eine aegyptische
Gesandtschaft in Rom sehr deutlich zu verstehen, wie bereit der alexandrinische
Hof sei, den Roemern die Muehe abzunehmen, in Attika zu intervenieren. Allein
der zwischen Asien und Makedonien abgeschlossene Teilungsvertrag ueber Aegypten
warf diesen wichtigen Staat geradezu den Roemern in die Arme und erzwang die
Erklaerung des Kabinetts von Alexandreia, dass es in die Angelegenheiten des
europaeischen Griechenlands sich nur mit Einwilligung der Roemer mischen werde.
Aehnlich, aber noch bedraengter gestellt waren die griechischen Handelsstaedte,
an ihrer Spitze Rhodos, Pergamon, Byzanz; sie haetten unter anderen Umstaenden
ohne Zweifel das Ihrige getan, um den Roemern das Ostmeer zu verschliessen, aber
Philippos' grausame und vernichtende Eroberungspolitik hatte sie zu einem
ungleichen Kampf gezwungen, in den sie ihrer Selbsterhaltung wegen alles
anwenden mussten, die italische Grossmacht zu verwickeln. Im eigentlichen
Griechenland fanden die roemischen Gesandten, die dort eine zweite Ligue gegen
Philippos zu stiften beauftragt waren, gleichfalls vom Feinde wesentlich
vorgearbeitet. Von der antimakedonischen Partei, den Spartanern, Eleern,
Athenern und Aetolern, haette Philippos die letzten vielleicht zu gewinnen
vermocht, da der Friede von 548 (206) in ihren Freundschaftsbund mit Rom einen
tiefen und keineswegs aufgeheilten Riss gemacht hatte; allein abgesehen von den
alten Differenzen, die wegen der von Makedonien der aetolischen
Eidgenossenschaft entzogenen thessalischen Staedte Echinos, Larissa Kremaste,
Pharsalos und des phthiotischen Thebae zwischen den beiden Staaten bestanden,
hatte die Vertreibung der aetolischen Besatzungen aus Lysimacheia und Kios bei
den Aetolern neue Erbitterung gegen Philippos hervorgerufen. Wenn sie zauderten,
sich der Ligue gegen ihn anzuschliessen, so lag der Grund wohl hauptsaechlich in
der fortwirkenden Verstimmung zwischen ihnen und den Roemern.
Bedenklicher noch war es, dass selbst unter den fest an das makedonische
Interesse geknuepften griechischen Staaten, den Epeiroten, Akarnanen, Boeotern
und Achaeern, nur die Akarnanen und Boeoter unerschuettert zu Philippos standen.
Mit den Epeiroten verhandelten die roemischen Gesandten nicht ohne Erfolg und
namentlich der Koenig der Athamanen, Amynander, schloss an Rom sich fest an.
Sogar von den Achaeern hatte Philippos durch die Ermordung des Aratos teils
viele verletzt, teils ueberhaupt einer freieren Entwicklung der
Eidgenossenschaft wieder Raum gegeben; sie hatte unter Philopoemens (502-571
252-183, Strateg zuerst 546 208) Leitung ihr Heerwesen regeneriert, in
gluecklichen Kaempfen gegen Sparta das Zutrauen zu sich selber wiedergefunden
und folgte nicht mehr, wie zu Aratos' Zeit, blind der makedonischen Politik.
Einzig in ganz Hellas sah die achaeische Eidgenossenschaft, die von Philippos'
Vergroesserungssucht weder Nutzen noch zunaechst Nachteil zu erwarten hatte,
diesen Krieg vom unparteiischen und nationalhellenischen Gesichtspunkte an; sie
begriff, was zu begreifen nicht schwer war, dass die hellenische Nation damit
den Roemern selber sich auslieferte, sogar ehe diese es wuenschten und
begehrten, und versuchte darum, zwischen Philippos und den Rhodiern zu
vermitteln; allein es war zu spaet. Der nationale Patriotismus, der einst den
Bundesgenossenkrieg beendigt und der. ersten Krieg zwischen Makedonien und Rom
wesentlich mit herbeigefuehrt hatte, war erloschen; die achaeische Vermittlung
blieb ohne Erfolg, und vergeblich bereiste Philippos die Staedte und Inseln, um
die Nation wieder zu entflammen - es war das die Nemesis fuer Kios und Abydos.
Die Achaeer, da sie nicht aendern konnten und nicht helfen mochten, blieben
neutral.
Im Herbst des Jahres 554 (200) landete der Konsul Publius Sulpicius Galba
mit seinen beiden Legionen und 1000 numidischen Reitern, ja sogar mit Elefanten,
die aus der karthagischen Beute herruehrten, bei Apollonia; auf welche Nachricht
der Koenig eilig vom Hellespont nach Thessalien zurueckkehrte. Indes teils die
schon weit vorgerueckte Jahreszeit, teils die Erkrankung des roemischen
Feldherrn bewirkten, dass zu Lande dies Jahr nichts weiter vorgenommen ward als
eine starke Rekognoszierung, bei der die naechstliegenden Ortschaften,
namentlich die makedonische Kolonie Antipatreia, von den Roemern besetzt wurden.
Fuer das naechste Jahr ward mit den noerdlichen Barbaren, namentlich mit
Pleuratos, dem damaligen Herrn von Skodra, und dem Dardanerfuersten Bato, die
selbstverstaendlich eilten, die gute Gelegenheit zu nutzen, ein
gemeinschaftlicher Angriff auf Makedonien verabredet.
Wichtiger waren die Unternehmungen der roemischen Flotte, die 100 Deck- und
80 leichte Schiffe zaehlte. Waehrend die uebrigen Schiffe bei Kerkyra fuer den
Winter Station nahmen, ging eine Abteilung unter Gaius Claudius Cento nach dem
Peiraeeus, um den bedraengten Athenern Beistand zu leisten. Da Cento indes die
attische Landschaft gegen die Streifereien der korinthischen Besatzung und die
makedonischen Korsaren schon hinreichend gedeckt fand, segelte er weiter und
erschien ploetzlich vor Chalkis auf Euboea, dem Hauptwaffenplatz Philipps in
Griechenland, wo die Magazine, die Waffenvorraete und die Gefangenen aufbewahrt
wurden und der Kommandant Sopater nichts weniger als einen roemischen Angriff
erwartete. Die unverteidigte Mauer ward erstiegen, die Besatzung niedergemacht,
die Gefangenen befreit und die Vorraete verbrannt; leider fehlte es an Truppen,
um die wichtige Position zu halten. Auf die Kunde von diesem ueberfall brach
Philippos in ungestuemer Erbitterung sofort von Demetrias in Thessalien auf nach
Chalkis, und da er hier nichts von dem Feind mehr fand als die Brandstaette,
weiter nach Athen, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Allein die
Ueberrumpelung misslang und auch der Sturm war vergeblich, so sehr der Koenig
sein Leben preisgab; das Herannahen von Gaius Claudius vom Peiraeeus, des
Attalos von Aegina her zwangen ihn zum Abzug. Philippos verweilte indes noch
einige Zeit in Griechenland; aber politisch und militaerisch waren seine Erfolge
gleich gering. Umsonst versuchte er die Achaeer fuer sich in Waffen zu bringen;
und ebenso vergeblich waren seine Angriffe auf Eleusis und den Peiraeeus sowie
ein zweiter auf Athen selbst. Es blieb ihm nichts uebrig, als seine begreifliche
Erbitterung in unwuerdiger Weise durch Verwuestung der Landschaft und
Zerstoerung, der Baeume des Akademos zu befriedigen und nach dem Norden
zurueckzukehren. So verging der Winter. Mit dem Fruehjahr 555 (199) brach der
Prokonsul Publius Sulpicius aus seinem Winterlager auf, entschlossen, seine
Legionen von Apollonia auf der kuerzesten Linie in das eigentliche Makedonien zu
fuehren. Diesen Hauptangriff von Westen her sollten drei Nebenangriffe
unterstuetzen: in noerdlicher Richtung der Einfall der Dardaner und Illyrier, in
oestlicher ein Angriff der kombinierten Flotte der Roemer und der
Bundesgenossen, die bei Aegina sich sammelte; endlich von Sueden her sollten die
Athamanen vordringen und, wenn es gelang, sie zur Teilnahme am Kampfe zu
bestimmen, zugleich die Aetoler. Nachdem Galba die Berge, die der Apsos (jetzt
Beratino) durchschneidet, ueberschritten hatte und durch die fruchtbare
dassaretische Ebene gezogen war, gelangte er an die Gebirgskette, die Illyrien
und Makedonien scheidet und betrat, diese uebersteigend, das eigentliche
makedonische Gebiet. Philippos war ihm entgegengegangen; allein in den
ausgedehnten und schwach bevoelkerten Landschaften Makedoniens suchten sich die
Gegner einige Zeit vergeblich, bis sie endlich in der lynkestischen Provinz,
einer fruchtbaren aber sumpfigen Ebene, unweit der nordwestlichen Landesgrenze
aufeinandertrafen und keine 1000 Schritt voneinander die Lager schlugen.
Philippos' Heer zaehlte, nachdem er das zur Besetzung der noerdlichen Paesse
detachierte Korps an sich gezogen hatte, etwa 20000 Mann zu Fuss und 2000
Reiter; das roemische war ungefaehr ebenso stark. Indes die Makedonier hatten
den grossen Vorteil, dass sie, in der Heimat fechtend und mit Weg und Steg
bekannt, mit leichter Muehe den Proviant zugefuehrt erhielten, waehrend sie sich
so dicht an die Roemer gelagert hatten, dass diese es nicht wagen konnten, zu
ausgedehnter Fouragierung sich zu zerstreuen. Der Konsul bot die Schlacht
wiederholt an, allein der Koenig versagte sie beharrlich und die Gefechte
zwischen den leichten Truppen, wenn auch die Roemer darin einige Vorteile
erfochten, aenderten in der Hauptsache nichts. Galba war genoetigt, sein Lager
abzubrechen und anderthalb Meilen weiter bei Oktolophos ein anderes
aufzuschlagen, von wo er leichter sich verproviantieren zu koennen meinte. Aber
auch hier wurden die ausgeschickten Abteilungen von den leichten Truppen und der
Reiterei der Makedonier vernichtet; die Legionen mussten zu Hilfe kommen und
trieben dann freilich die makedonische Vorhut, die zu weit vorgegangen war, mit
starkem Verlust in das Lager zurueck, wobei der Koenig selbst das Pferd verlor
und nur durch die hochherzige Hingebung eines seiner Reiter das Leben rettete.
Aus dieser gefaehrlichen Lage befreite die Roemer der bessere Erfolg der von
Galba veranlassten Nebenangriffe der Bundesgenossen oder vielmehr die Schwaeche
der makedonischen Streitkraefte. Obwohl Philippos in seinem Gebiet moeglichst
starke Aushebungen vorgenommen und roemische Ueberlaeufer und andere Soeldner
hinzugeworben hatte, hatte er doch nicht vermocht, ausser den Besatzungen in
Kleinasien und Thrakien, mehr als das Heer, womit er selbst dem Konsul
gegenueberstand, auf die Beine zu bringen, und ueberdies noch, um dieses zu
bilden, die Nordpaesse in der pelagonischen Landschaft entbloessen muessen. Fuer
die Deckung der Ostkueste verliess er sich teils auf die von ihm angeordnete
Verwuestung der Inseln Skiathos und Peparethos, die der feindlichen Flotte eine
Station haetten bieten koennen, teils auf die Besatzung von Thasos und der
Kueste und auf die unter Herakleides bei Demetrias aufgestellte Flotte. Fuer die
Suedgrenze hatte er gar auf die mehr als zweifelhafte Neutralitaet der Aetoler
rechnen muessen. Jetzt traten diese ploetzlich dem Bunde gegen Makedonien bei
und drangen sofort mit den Athamanen vereinigt in Thessalien ein, waehrend
zugleich die Dardaner und Illyrier die noerdlichen Landschaften ueberschwemmten
und die roemische Flotte unter Lucius Apustius, von Kerkyra aufbrechend, in den
oestlichen Gewaessern erschien, wo die Schiffe des Attalos, der Rhodier und der
Istrier sich mit ihr vereinigten.
Philippos gab hiernach freiwillig seine Stellung auf und wich in oestlicher
Richtung zurueck: ob es geschah, um den wahrscheinlich unvermuteten Einfall der
Aetoler zurueckzuschlagen oder um das roemische Heer sich nach und ins Verderben
zu ziehen oder um je nach den Umstaenden das eine oder das andere zu tun, ist
nicht wohl zu entscheiden. Er bewerkstelligte seinen Rueckzug so geschickt, dass
Galba, der den verwegenen Entschluss fasste, ihm zu folgen, seine Spur verlor
und es Philippos moeglich ward, den Engpass, der die Landschaften Lynkestis und
Eordaea scheidet, auf Seitenwegen zu erreichen und zu besetzen, um die Roemer
hier zu erwarten und ihnen einen heissen Empfang zu bereiten. Es kam an der von
ihm gewaehlten Stelle zur Schlacht. Aber die langen makedonischen Speere
erwiesen sich unbrauchbar auf dem waldigen und ungleichen Terrain; die
Makedonier wurden teils umgangen, teils durchbrochen und verloren viele Leute.
Indes wenn auch Philippos' Heer nach diesem ungluecklichen Treffen nicht laenger
imstande war, den Roemern das weitere Vordringen zu wehren, so scheuten sich
doch diese selber in dem unwegsamen und feindlichen Land, weiteren unbekannten
Gefahren entgegenzuziehen, und kehrten zurueck nach Apollonia, nachdem sie die
fruchtbaren Landschaften Hochmakedoniens Eordaea, Elimea, Orestis verwuestet und
die bedeutendste Stadt von Orestis, Keletron (jetzt Kastoria auf einer Halbinsel
in dem gleichnamigen See), sich ihnen ergeben hatte - es war die einzige
makedonische Stadt, die den Roemern ihre Tore oeffnete. Im illyrischen Land ward
die Stadt der Dassaretier, Pelion, an den oberen Zufluessen des Apsos, erstuermt
und stark besetzt, um auf einem aehnlichen Zug kuenftig als Basis zu dienen.
Philippos stoerte die roemische Hauptarmee auf ihrem Rueckzug nicht,
sondern wandte sich in Gewaltmaerschen gegen die Aetoler und Athamanen, die in
der Meinung, dass die Legionen den Koenig beschaeftigten, das reiche Tal des
Peneios furcht- und ruecksichtslos pluenderten, schlug sie vollstaendig und
noetigte, was nicht fiel, sich einzeln auf den wohlbekannten Bergpfaden zu,
retten. Durch diese Niederlage und ebenso sehr durch die starken Werbungen, die
in Aetolien fuer aegyptische Rechnung stattfanden, schwand die Streitkraft der
Eidgenossenschaft nicht wenig zusammen. Die Dardaner wurden von dem Fuehrer der
leichten Truppen Philipps, Athenagoras, ohne Muehe und mit starkem Verlust ueber
die Berge zurueckgejagt. Die roemische Flotte richtete auch nicht viel aus; sie
vertrieb die makedonische Besatzung von Andros, suchte Euboea und Skiathos heim
und machte dann Versuche auf die chalkidische Halbinsel, die aber die
makedonische Besatzung bei Mende kraeftig zurueckwies. Der Rest des Sommers
verging mit der Einnahme von Oreos auf Euboea, welche durch die entschlossene
Verteidigung der makedonischen Besatzung lange verzoegert ward. Die schwache
makedonische Flotte unter Herakleides stand untaetig bei Herakleia und wagte
nicht den Feinden das Meer streitig zu machen. Fruehzeitig gingen diese in die
Winterquartiere, die Roemer nach dem Peiraeeus und Kerkyra, die Rhodier und
Pergamener in die Heimat.
Im ganzen konnte Philipp zu den Ereignissen dieses Feldzuges sich Glueck
wuenschen. Die roemischen Truppen standen nach einem aeusserst beschwerlichen
Feldzug im Herbst genau da, von wo sie im Fruehling aufgebrochen waren, und ohne
das rechtzeitige Dareinschlagen der Aetoler und die unerwartet glueckliche
Schlacht am Pass von Eordaea haette von der gesamten Macht vielleicht kein Mann
das roemische Gebiet wiedergesehen. Die vierfache Offensive hatte ueberall ihren
Zweck verfehlt und Philippos sah im Herbste nicht bloss sein ganzes Gebiet vom
Feind gereinigt, sondern er konnte noch einen, freilich vergeblichen, Versuch
machen, die an der aetolisch-thessalischen Grenze gelegene und die Peneiosebene
beherrschende feste Stadt Thaumakoi den Aetolern zu entreissen. Wenn Antiochos,
um dessen Kommen Philippos vergeblich zu den Goettern flehte, sich im naechsten
Feldzug mit ihm vereinigte, so durfte er grosse Erfolge erwarten. Es schien
einen Augenblick, als schicke dieser sich dazu an; sein Heer erschien in
Kleinasien und besetzte einige Ortschaften des Koenigs Attalos, der von den
Roemern militaerischen Schutz erbat. Diese indes beeilten sich nicht, den
Grosskoenig jetzt zum Bruch zu draengen; sie schickten Gesandte, die in der Tat
es erreichten, dass Attalos' Gebiet geraeumt ward. Von daher hatte Philippos
nichts zu hoffen.
Indes der glueckliche Ausgang des letzten Feldzugs hatte Philipps Mut oder
Uebermut so gehoben, dass, nachdem er der Neutralitaet der Achaeer und der Treue
der Makedonier sich durch die Aufopferung einiger festen Plaetze und des
verabscheuten Admirals Herakleides aufs neue versichert hatte, im naechsten
Fruehling 556 (198) er es war, der die Offensive ergriff und in die atintanische
Landschaft einrueckte, um in dem engen Pass, wo sich der Aoos (Viosa) zwischen
den Bergen Aeropos und Asmaos durchwindet, ein wohlverschanztes Lager zu
beziehen. Ihm gegenueber lagerte das durch neue Truppensendungen verstaerkte
roemische Heer, ueber das zuerst der Konsul des vorigen Jahres, Publius Villius,
sodann seit dem Sommer 556 (198) der diesjaehrige Konsul Titus Quinctius
Flamininus den Oberbefehl fuehrte. Flamininus, ein talentvoller, erst
dreissigjaehriger Mann, gehoerte zu der juengeren Generation, welche mit dem
altvaeterischen Wesen auch den altvaeterischen Patriotismus von sich abzutun
anfing und zwar auch noch an das Vaterland, aber mehr an sich und an das
Hellenentum dachte. Ein geschickter Offizier und besserer Diplomat, war er in
vieler Hinsicht fuer die Behandlung der schwierigen griechischen Verhaeltnisse
vortrefflich geeignet; dennoch waere es vielleicht fuer Rom wie fuer
Griechenland besser gewesen, wenn die Wahl auf einen minder von hellenischen
Sympathien erfuellten Mann gefallen und ein Feldherr dorthin gesandt worden
waere, den weder feine Schmeichelei bestochen noch beissende Spottrede verletzt
haette, der die Erbaermlichkeit der hellenischen Staatsverfassungen nicht ueber
literarischen und kuenstlerischen Reminiszenzen vergessen und der Hellas nach
Verdienst behandelt, den Roemern aber es erspart haette, unausfuehrbaren Idealen
nachzustreben.
Der neue Oberbefehlshaber hatte mit dem Koenig sogleich eine Zusammenkunft,
waehrend die beiden Heere untaetig sich gegenueberstanden. Philippos machte
Friedensvorschlaege; er erbot sich, alle eigenen Eroberungen zurueckzugeben und
wegen des den griechischen Staedten zugefuegten Schadens sich einem billigen
Austrag zu unterwerfen; aber an dem Begehren, altmakedonische Besitzungen,
namentlich Thessalien, aufzugeben, scheiterten die Verhandlungen. Vierzig Tage
standen die beiden Heere in dem Engpass des Aoos, ohne dass Philippos wich oder
Flamininus sich entschliessen konnte, entweder den Sturm anzuordnen oder den
Koenig stehenzulassen und die vorjaehrige Expedition wieder zu versuchen. Da
half dem roemischen General die Verraeterei einiger Vornehmer unter den sonst
gut makedonisch gesinnten Epeiroten, namentlich des Charops, aus der
Verlegenheit. Sie fuehrten auf Bergpfaden ein roemisches Korps von 4000 Mann zu
Fuss und 300 Reitern auf die Hoehen oberhalb des makedonischen Lagers und wie
alsdann der Konsul das feindliche Herr von vorn angriff, entschied das Anruecken
jener unvermutet von den beherrschenden Bergen herabsteigenden roemischen
Abteilung die Schlacht. Philippos verlor Lager und Verschanzung und gegen 2000
Mann und wich eilig zurueck bis an den Pass Tempel die Pforte des eigentlichen
Makedoniens. Allen anderen Besitz gab er auf bis auf die Festungen; die
thessalischen Staedte, die er nicht verteidigen konnte, zerstoerte er selbst -
nur Pherae schloss ihm die Tore und entging dadurch dem Verderben. Teils durch
diese Erfolge der roemischen Waffen, teils durch Flamininus' geschickte Milde
bestimmt, traten zunaechst die Epeiroten vom makedonischen Buendnis ab. In
Thessalien waren auf die erste Nachricht vom Siege der Roemer sogleich die
Athamanen und Aetoler eingebrochen, und die Roemer folgten bald; das platte Land
war leicht ueberschwemmt, allein die festen Staedte, die gut makedonisch gesinnt
waren und von Philippos Unterstuetzung empfingen, fielen nur nach tapferem
Widerstand oder widerstanden sogar dem ueberlegenen Feind; so vor allem Atrax am
linken Ufer des Peneios, wo in der Bresche die Phalanx statt der Mauer stand.
Bis auf diese thessalischen Festungen und das Gebiet der treuen Akarnanen war
somit ganz Nordgriechenland in den Haenden der Koalition.
Dagegen war der Sueden durch die Festungen Chalkis und Korinth, die durch
das Gebiet der makedonisch gesinnten Boeoter miteinander die Verbindung
unterhielten, und durch die achaeische Neutralitaet noch immer wesentlich in
makedonischer Gewalt, und Flamininus entschloss sich, da es doch zu spaet war,
um dies Jahr noch in Makedonien einzudringen, zunaechst Landheer und Flotte
gegen Korinth und die Achaeer zu wenden. Die Flotte, die wieder die rhodischen
und pergamenischen Schiffe an sich gezogen hatte, war bisher damit beschaeftigt
gewesen, zwei kleinere Staedte auf Euboea, Eretria und Karystos, einzunehmen und
daselbst Beute zu machen; worauf beide indes ebenso wie Oreos wieder aufgegeben
und von dem makedonischen Kommandanten von Chalkis, Philokles, aufs neue besetzt
wurden. Die vereinigte Flotte wandte sich von da nach Kenchreae, dem oestlichen
Hafen von Korinth, um diese starke Festung zu bedrohen. Von der anderen Seite
rueckte Flamininus in Phokis ein und besetzte die Landschaft, in der nur Elateia
eine laengere Belagerung aushielt; diese Gegend, namentlich Antikyra am
Korinthischen Meerbusen, war zum Winterquartier ausersehen. Die Achaeer, die
also auf der einen Seite die roemischen Legionen sich naehern, auf der anderen
die roemische Flotte schon an ihrem eigenen Gestade sahen, verzichteten auf ihre
sittlich ehrenwerte, aber politisch unhaltbare Neutralitaet; nachdem die
Gesandten der am engsten an Makedonien geknuepften Staedte Dyme, Megalopolis und
Argos die Tagsatzung verlassen hatten, beschloss dieselbe den Beitritt zu der
Koalition gegen Philippos. Kykliades und andere Fuehrer der makedonischen Partei
verliessen die Heimat; die Truppen der Achaeer vereinigten sich sofort mit der
roemischen Flotte und eilten, Korinth zu Lande einzuschliessen, welche Stadt,
die Zwingburg Philipps gegen die Achaeer, ihnen roemischerseits fuer ihren
Beitritt zu dem Bunde zugesichert worden war. Die makedonische Besatzung indes,
die 1300 Mann stark war und grossenteils aus italischen Ueberlaeufern bestand,
verteidigte entschlossen die fast uneinnehmbare Stadt; ueberdies kam von Chalkis
Philokles herbei mit einer Abteilung von 1500 Mann, die nicht bloss Korinth
entsetzte, sondern auch in das Gebiet der Achaeer eindrang und im
Einverstaendnis mit der makedonisch gesinnten Buergerschaft ihnen Argos entriss.
Allein der Lohn solcher Hingebung war, dass der Koenig die treuen Argeier der
Schreckensherrschaft des Nabis von Sparta auslieferte. Diesen, den bisherigen
Bundesgenossen der Roemer, hoffte er nach dem Beitritt der Achaeer zu der
roemischen Koalition zu sich hinueberzuziehen; denn er war hauptsaechlich nur
deshalb roemischer Bundesgenosse geworden, weil er in Opposition zu den Achaeern
und seit 550 (204) sogar in offenem Kriege mit ihnen sich befand. Allein
Philippos' Angelegenheiten standen zu verzweifelt, als dass irgend jemand jetzt
sich auf seine Seite zu schlagen Lust verspuert haette. Nabis nahm zwar Argos
von Philippos an, allein er verriet den Verraeter und blieb im Buendnis mit
Flamininus, welcher in der Verlegenheit, jetzt mit zwei untereinander im Krieg
begriffenen Maechten verbuendet zu sein, vorlaeufig zwischen den Spartanern und
Achaeern einen Waffenstillstand auf vier Monate vermittelte.
So kam der Winter heran. Philippos benutzte ihn abermals, um womoeglich
einen billigen Frieden zu erhalten. Auf einer Konferenz, die in Nikaea am
Malischen Meerbusen abgehalten ward, erschien der Koenig persoenlich und
versuchte, mit Flamininus zu einer Verstaendigung zu gelangen, indem er den
petulanten Uebermut der kleinen Herren mit Stolz und Feinheit zurueckwies und
durch markierte Deferenz gegen die Roemer als die einzigen ihm ebenbuertigen
Gegner von diesen ertraegliche Bedingungen zu erhalten suchte. Flamininus war
gebildet genug, um durch die Urbanitaet des Besiegten gegen ihn und die Hoffart
gegen die Bundesgenossen, welche der Roemer wie der Koenig gleich verachten
gelernt hatten, sich geschmeichelt zu fuehlen; allein seine Vollmacht ging nicht
so weit wie das Begehren des Koenigs: er gestand ihm gegen Einraeumung von
Phokis und Lokris einen zweimonatlichen Waffenstillstand zu und wies ihn in der
Hauptsache an seine Regierung. Im roemischen Senat war man sich laengst einig,
dass Makedonien alle seine auswaertigen Besitzungen aufgeben muesse; als daher
Philippos' Gesandte in Rom erschienen, begnuegte man sich zu fragen, ob sie
Vollmacht haetten, auf ganz Griechenland, namentlich auf Korinth, Chalkis und
Demetrias zu verzichten, und da sie dies verneinten, brach man sofort die
Unterhandlungen ab und beschloss die energische Fortsetzung des Krieges. Mit
Hilfe der Volkstribunen gelang es dem Senat, den so nachteiligen Wechsel des
Oberbefehls zu verhindern und Flamininus das Kommando zu verlaengern; er erhielt
bedeutende Verstaerkung, und die beiden frueheren Oberbefehlshaber Publius Galba
und Publius Villius wurden angewiesen, sich ihm zur Verfuegung zu stellen. Auch
Philippos entschloss sich, noch eine Feldschlacht zu wagen. Um Griechenland zu
sichern, wo jetzt alle Staaten mit Ausnahme der Akarnanen und Boeoter gegen ihn
in Waffen standen, wurde die Besatzung von Korinth bis auf 6000 Mann verstaerkt,
waehrend er selbst, die letzten Kraefte des erschoepften Makedoniens anstrengend
und Kinder und Greise in die Phalanx einreihend, ein Heer von etwa 26000 Mann,
darunter 16000 makedonische Phalangiten, auf die Beine brachte. So begann der
vierte Feldzug 557 (197). Flamininus schickte einen Teil der Flotte gegen die
Akarnanen, die in Leukas belagert wurden; im eigentlichen Griechenland
bemaechtigte er sich durch List der boeotischen Hauptstadt Thebae, wodurch sich
die Boeoter gezwungen sahen, dem Buendnis gegen Makedonien wenigstens dem Namen
nach beizutreten. Zufrieden, hierdurch die Verbindung zwischen Korinth und
Chalkis gesprengt zu haben, wandte er sich nach Norden, wo allein die
Entscheidung fallen konnte. Die grossen Schwierigkeiten der Verpflegung des
Heeres in dem feindlichen und grossenteils oeden Lande, die schon oft die
Operationen gehemmt hatten, sollte jetzt die Flotte beseitigen, indem sie das
Heer laengs der Kueste begleitete und ihm die aus Afrika, Sizilien und Sardinien
gesandten Vorraete nachfuehrte. Indes die Entscheidung kam frueher, als
Flamininus gehofft hatte. Philippos, ungeduldig und zuversichtlich wie er war,
konnte es nicht aushalten, den Feind an der makedonischen Grenze zu erwarten;
nachdem er bei Dion sein Heer gesammelt hatte, rueckte er durch den Tempepass in
Thessalien ein und traf mit dem ihm entgegenrueckenden feindlichen Heer in der
Gegend von Skotussa zusammen. Beide Heere, das makedonische und das roemische,
das durch Zuzuege der Apolloniaten und Athamanen und die von Nabis gesandten
Kretenser, besonders aber durch einen ansehnlichen aetolischen Haufen verstaerkt
worden war, zaehlten ungefaehr gleich viel Streiter, jedes etwa 26000 Mann; doch
waren die Roemer an Reiterei dem Gegner ueberlegen. Vorwaerts Skotussa, auf dem
Plateau des Karadagh, traf waehrend eines trueben Regentages der roemische
Vortrab unvermutet auf den feindlichen, der einen zwischen beiden Lagern
gelegenen, hohen und steilen Huegel, die Kynoskephalae genannt, besetzt hielt.
Zurueckgetrieben in die Ebene, erhielten die Roemer Verstaerkung aus dem Lager
von den leichten Truppen und dem trefflichen Korps der aetolischen Reiterei und
draengten nun ihrerseits den makedonischen Vortrab auf und ueber die Hoehe
zurueck. Hier aber fanden wiederum die Makedonier Unterstuetzung an ihrer
gesamten Reiterei und dem groessten Teil der leichten Infantrie; die Roemer, die
unvorsichtig sich vorgewagt hatten, wurden mit grossem Verlust bis hart an ihr
Lager zurueckgejagt und haetten sich voellig zur Flucht gewandt, wenn nicht die
aetolischen Ritter in der Ebene den Kampf so lange hingehalten haetten, bis
Flamininus die schnell geordneten Legionen herbeifuehrte. Dem ungestuemen Ruf
der siegreichen, die Fortsetzung des Kampfes fordernden Truppen gab der Koenig
nach und ordnete auch seine Schwerbewaffneten eilig zu der Schlacht, die weder
Feldherr noch Soldaten an diesem Tage erwartet hatten. Es galt, den Huegel zu
besetzen, der augenblicklich von Truppen ganz entbloesst war. Der rechte Fluegel
der Phalanx unter des Koenigs eigener Fuehrung kam frueh genug dort an, um sich
ungestoert auf der Hoehe in Schlachtordnung zu stellen; der linke aber war noch
zurueck, als schon die leichten Truppen der Makedonier, von den Legionen
gescheucht, den Huegel heraufstuermten. Philipp schob die fluechtigen Haufen
rasch an der Phalanx vorbei in das Mitteltreffen, und ohne zu erwarten, bis auf
dem linken Fluegel Nikanor mit der anderen, langsamer folgenden Haelfte der
Phalanx eingetroffen war, hiess er die rechte Phalanx mit gesenkten Speeren den
Huegel hinab sich auf die Legionen stuerzen und gleichzeitig die wieder
geordnete leichte Infanterie sie umgehen und ihnen in die Flanke fallen. Der am
guenstigen Orte unwiderstehliche Angriff der Phalanx zersprengte das roemische
Fussvolk, und der linke Fluegel der Roemer ward voellig geschlagen. Auf dem
anderen Fluegel liess Nikanor, als er den Koenig angreifen sah, die andere
Haelfte der Phalanx schleunig nachruecken; sie geriet dabei auseinander, und
waehrend die ersten Reihen schon den Berg hinab eilig dem siegreichen rechten
Fluegel folgten und durch das ungleiche Terrain noch mehr in Unordnung kamen,
gewannen die letzten Glieder eben erst die Hoehe. Der rechte Fluegel der Roemer
ward unter diesen Umstaenden leicht mit dem feindlichen linken fertig; die
Elefanten allein, die auf diesem Fluegel standen, vernichteten die aufgeloesten
makedonischen Scharen. Waehrend hier ein fuerchterliches Gemetzel entstand, nahm
ein entschlossener roemischer Offizier zwanzig Faehnlein zusammen und warf sich
mit diesen auf den siegreichen makedonischen Fluegel, der, den roemischen linken
verfolgend, so weit vorgedrungen war, dass der roemische rechte ihm im Ruecken
stand. Gegen den Angriff von hinten war die Phalanx wehrlos und mit dieser
Bewegung die Schlacht zu Ende. Bei der vollstaendigen Aufloesung der beiden
Phalangen ist es begreiflich, dass man 13000 teils gefangene, teils gefallene
Makedonier zaehlte, meistens gefallene, weil die roemischen Soldaten das
makedonische Zeichen der Ergebung, das Aufheben der Sarissen, nicht kannten; der
Verlust der Sieger war gering. Philippos entkam nach Larissa und nachdem er alle
seine Papiere verbrannt hatte, um niemanden zu kompromittieren, raeumte er
Thessalien und ging in seine Heimat zurueck.
Gleichzeitig mit dieser grossen Niederlage erlitten die Makedonier noch
andere Nachteile auf allen Punkten, die sie noch besetzt hielten: in Karien
schlugen die rhodischen Soeldner das dort stehende makedonische Korps und
zwangen dasselbe, sich in Stratonikeia einzuschliessen; die korinthische
Besatzung ward von Nikostratos und seinen Achaeern mit starkem Verlust
geschlagen, das akarnanische Leukas nach heldenmuetiger Gegenwehr erstuermt.
Philippos war vollstaendig ueberwunden; seine letzten Verbuendeten, die
Akarnanen, ergaben sich auf die Nachricht von der Schlacht bei Kynoskephalae.
Es lag vollstaendig in der Hand der Roemer, den Frieden zu diktieren: sie
nutzten ihre Macht, ohne sie zu missbrauchen. Man konnte das Reich Alexanders
vernichten; auf der Konferenz der Bundesgenossen ward dies Begehren von
aetolischer Seite ausdruecklich gestellt. Allein was hiess das anders als den
Wall hellenischer Bildung gegen Thraker und Kelten niederreissen? Schon war
waehrend des eben beendigten Krieges das bluehende Lysimacheia auf dem
Thrakischen Chersonesos von den Thrakern gaenzlich zerstoert worden - eine
ernste Warnung fuer die Zukunft. Flamininus, der tiefe Blicke in die
widerwaertigen Verfehdungen der griechischen Staaten getan hatte, konnte nicht
die Hand dazu bieten, dass die roemische Grossmacht fuer den Groll der
aetolischen Eidgenossenschaft die Exekution uebernahm, auch wenn nicht seine
hellenischen Sympathien fuer den feinen und ritterlichen Koenig ebenso sehr
gewonnen gewesen waeren wie sein roemisches Nationalgefuehl verletzt war durch
die Prahlerei der Aetoler, der "Sieger von Kynoskephalae", wie sie sich nannten.
Den Aetolern erwiderte er, dass es nicht roemische Sitte sei, Besiegte zu
vernichten, uebrigens seien sie ja ihre eigenen Herren und stehe es ihnen frei,
mit Makedonien ein Ende zu machen, wenn sie koennten. Der Koenig ward mit aller
moeglichen Ruecksicht behandelt, und nachdem er sich bereit erklaert hatte, auf
die frueher gestellten Forderungen jetzt einzugehen, ihm von Flamininus gegen
Zahlung einer Geldsumme und Stellung von Geiseln, darunter seines Sohnes
Demetrios, ein laengerer Waffenstillstand bewilligt, den Philippos hoechst
noetig brauchte, um die Dardaner aus Makedonien hinauszuschlagen.
Die definitive Regulierung der verwickelten griechischen Angelegenheiten
ward vom Senat einer Kommission von zehn Personen uebertragen, deren Haupt und
Seele wieder Flamininus war. Philippos erhielt von ihr aehnliche Bedingungen,
wie sie Karthago gestellt worden waren. Er verlor alle auswaertigen Besitzungen
in Kleinasien, Thrakien, Griechenland und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres;
dagegen blieb das eigentliche Makedonien ungeschmaelert bis auf einige
unbedeutende Grenzstriche und die Landschaft Orestis, welche frei erklaert ward
- eine Bestimmung, die Philippos aeusserst empfindlich fiel, allein die die
Roemer nicht umhin konnten, ihm vorzuschreiben, da bei seinem Charakter es
unmoeglich war, ihm die freie Verfuegung ueber einmal von ihm abgefallene
Untertanen zu lassen. Makedonien wurde ferner verpflichtet, keine auswaertigen
Buendnisse ohne Vorwissen Roms abzuschliessen noch nach auswaerts Besatzungen zu
schicken; ferner nicht ausserhalb Makedoniens gegen zivilisierte Staaten noch
ueberhaupt gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren und kein Heer ueber
5000 Mann, keine Elefanten und nicht ueber fuenf Deckschiffe zu unterhalten, die
uebrigen an die Roemer auszuliefern. Endlich trat Philippos mit den Roemern in
Symmachie, die ihn verpflichtete, auf Verlangen Zuzug zu senden, wie denn gleich
nachher die makedonischen Truppen mit den Legionen zusammen fochten. Ausserdem
zahlte er eine Kontribution von 1000 Talenten (1700000 Taler).
Nachdem Makedonien also zu vollstaendiger politischer Nullitaet
herabgedrueckt und ihm nur so viel Macht gelassen war, als es bedurfte, um die
Grenze von Hellas gegen die Barbaren zu hueten, schritt man dazu, ueber die vom
Koenig abgetretenen Besitzungen zu verfuegen. Die Roemer, die eben damals in
Spanien erfuhren, dass ueberseeische Provinzen ein sehr zweifelhafter Gewinn
seien, und die ueberhaupt keineswegs des Laendererwerbes wegen den Krieg
begonnen hatten, nahmen nichts von der Beute fuer sich und zwangen dadurch auch
ihre Bundesgenossen zur Maessigung. Sie beschlossen, saemtliche Staaten
Griechenlands, die bisher unter Philippos gestanden, frei zu erklaeren; und
Flamininus erhielt den Auftrag, das desfaellige Dekret den zu den Isthmischen
Spielen versammelten Griechen zu verlesen (558 196). Ernsthafte Maenner freilich
mochten fragen, ob denn die Freiheit ein verschenkbares Gut sei und was Freiheit
ohne Einigkeit und Einheit der Nation bedeute; doch war der Jubel gross und
aufrichtig, wie die Absicht aufrichtig war, in der der Senat die Freiheit
verlieh ^1.
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^1 Wir haben noch Goldstater mit dem Kopf des Flamininus und der Inschrift
"T. Quincti(us)", unter dem Regiment des Befreiers der Hellenen in Griechenland
geschlagen. Der Gebrauch der lateinischen Sprache ist eine bezeichnende
Artigkeit.
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Ausgenommen waren von dieser gemeinen Massregel nur die illyrischen
Landschaften oestlich von Epidamnos, die an den Herrn von Skodra, Pleuratos,
fielen und diesen, ein Menschenalter zuvor von den Roemern gedemuetigten Land-
und Seeraeuberstaat wieder zu der maechtigsten unter all den kleinen
Herrschaften in diesen Strichen machten; ferner einige Ortschaften im westlichen
Thessalien, die Amynander besetzt hatte und die man ihm liess, und die drei
Inseln Paros, Skyros und Imbros, welche Athen fuer seine vielen Drangsale und
seine noch zahlreicheren Dankadressen und Hoeflichkeiten aller Art zum Geschenk
erhielt. Dass die Rhodier ihre karischen Besitzungen behielten und Aegina den
Pergamenern blieb, versteht sich. Sonst ward den Bundesgenossen nur mittelbar
gelohnt durch den Zutritt der neu befreiten Staedte zu den verschiedenen
Eidgenossenschaften. Am besten wurden die Achaeer bedacht, die doch am
spaetesten der Koalition gegen Philippos beigetreten waren; wie es scheint, aus
dem ehrenwerten Grunde, dass dieser Bundesstaat unter allen griechischen der
geordnetste und ehrbarste war. Die saemtlichen Besitzungen Philipps auf dem
Peloponnes und dem Isthmos, also namentlich Korinth, wurden ihrem Bunde
einverleibt. Mit den Aetolern dagegen machte man wenig Umstaende; sie durften
die phokischen und lokrischen Staedte in ihre Symmachie aufnehmen, allein ihre
Versuche, dieselbe auch auf Akarnanien und Thessalien auszudehnen, wurden teils
entschieden zurueckgewiesen, teils in die Ferne geschoben, und die thessalischen
Staedte vielmehr in vier kleine selbstaendige Eidgenossenschaften geordnet. Dem
Rhodischen Staedtebund kam die Befreiung von Thasos und Lemnos, der thrakischen
und kleinasiatischen Staedte zugute.
Schwierigkeit machte die Ordnung der inneren Verhaeltnisse Griechenlands,
sowohl der Staaten zueinander, als der einzelnen Staaten in sich. Die
dringendste Angelegenheit war der zwischen den Spartanern und Achaeern seit 550
(204) gefuehrte Krieg, dessen Vermittlung den Roemern notwendig zufiel. Allein
nach vielfachen Versuchen, Nabis zum Nachgeben, namentlich zur Herausgabe der
von Philippos ihm ausgelieferten achaeischen Bundesstadt Argos zu bestimmen,
blieb Flamininus doch zuletzt nichts uebrig, als dem eigensinnigen kleinen
Raubherrn, der auf den offenkundigen Groll der Aetoler gegen die Roemer und auf
Antiochos' Einruecken in Europa rechnete und die Rueckstellung von Argos
beharrlich weigerte, endlich von den saemtlichen Hellenen auf einer grossen

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