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Rˆmische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen

Part 3 out of 9

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und der Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei Casilinum auf eine
Weise gescheitert, die den staedtischen Spottvoegeln reichlichen Stoff gab. Es
war bewundernswert, dass die italischen Gemeinden nicht wankten, als ihnen
Hannibal die Ueberlegenheit der Phoeniker, die Nichtigkeit der roemischen Hilfe
so fuehlbar dartat; allein wie lange konnte man ihnen zumuten, die zwiefache
Kriegslast zu ertragen und sich unter den Augen der roemischen Truppen und ihrer
eigenen Kontingente auspluendern zu lassen? Endlich, was das roemische Heer
anlangte, so konnte man nicht sagen, dass es den Feldherrn zu dieser
Kriegfuehrung noetigte; es bestand seinem Kerne nach aus den tuechtigen Legionen
von Ariminum und daneben aus einberufener, groesstenteils ebenfalls
dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt, durch die letzten Niederlagen
entmutigt zu sein, war es erbittert ueber die wenig ehrenvolle Aufgabe, die sein
Feldherr, "Hannibals Lakai", ihm zuwies, und verlangte mit lauter Stimme, gegen
den Feind gefuehrt zu werden. Es kam zu den heftigsten Auftritten in den
Buergerversammlungen gegen den eigensinnigen alten Mann; seine politischen
Gegner, an ihrer Spitze der gewesene Praetor Gaius Terentius Varro,
bemaechtigten sich des Haders - wobei man nicht vergessen darf, dass der
Diktator tatsaechlich vom Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das
Palladium der konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen
Soldaten und den Besitzern der gepluenderten Gueter den verfassungs- und
sinnwidrigen Volksbeschluss durch: die Diktatur, die dazu bestimmt war, in
Zeiten der Gefahr die Uebelstaende des geteilten Oberbefehls zu beseitigen, in
gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen bisherigem Unterfeldherrn
Marcus Minucius zu erteilen ^3. So wurde die roemische Armee, nachdem ihre
gefaehrliche Spaltung in zwei abgesonderte Korps eben erst zweckmaessig
beseitigt worden war, nicht bloss wiederum geteilt, sondern auch an die Spitze
der beiden Haelften Fuehrer gestellt, welche offenkundig geradezu
entgegengesetzte Kriegsplaene befolgten. Quintus Fabius blieb natuerlich mehr
als je bei seinem methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genoetigt, seinen
Diktatortitel auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff uebereilt und mit
geringen Streitkraeften an und waere vernichtet worden, wenn nicht hier sein
Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines frischen Korps groesseres
Unglueck abgewandt haette. Diese letzte Wendung der Dinge gab dem System des
passiven Widerstandes gewissermassen Recht. Allein in der Tat hatte Hannibal in
diesem Feldzug vollstaendig erreicht, was mit den Waffen erreicht werden konnte:
nicht eine einzige wesentliche Operation hatten weder der stuermische noch der
bedaechtige Gegner ihm vereitelt, und seine Verproviantierung war, wenn auch
nicht ohne Schwierigkeit, doch im wesentlichen so vollstaendig gelungen, dass
dem Heer in dem Lager bei Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorueberging.
Nicht der Zauderer hat Rom gerettet, sondern das feste Gefuege seiner
Eidgenossenschaft und vielleicht nicht minder der Nationalhass der Okzidentalen
gegen den phoenikischen Mann.
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^3 Die Inschrift des von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei
Gerunium dem Hercules Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei sacrom M.
Minuci(us) C. f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei S. Lorenzo
aufgefunden worden.
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Trotz aller Unfaelle stand der roemische Stolz nicht minder aufrecht als
die roemische Symmachie. Die Geschenke, welche der Koenig Hieron von Syrakus und
die griechischen Staedte in Italien fuer den naechsten Feldzug anboten - die
letzteren traf der Krieg minder schwer als die uebrigen italischen
Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer stellten -, wurden mit Dank
abgelehnt; den illyrischen Haeuptlingen zeigte man an, dass sie nicht saeumen
moechten mit Entrichtung des Tributs; ja man beschickte den Koenig von
Makedonien abermals um die Auslieferung des Demetrios von Pharos. Die Majoritaet
des Senats war trotz der Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem
Zaudersystem des Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von dieser den
Staat zwar langsam, aber sicher zugrunde richtenden Kriegfuehrung abzugehen;
wenn der Volksdiktator mit seiner energischeren Kriegfuehrung gescheitert war,
so schob man, und nicht mit Unrecht, die Ursache darauf, dass man eine halbe
Massregel getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe. Diesen Fehler
beschloss man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie Rom noch keines
ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fuenftel ueber die Normalzahl
verstaerkt, und die entsprechende Anzahl Bundesgenossen, genug, um den nicht
halb so starken Gegner zu erdruecken. Ausserdem ward eine Legion unter dem
Praetor Lucius Postumius nach dem Potal bestimmt, um womoeglich die in Hannibals
Heer dienenden Kelten nach der Heimat zurueckzuziehen. Diese Beschluesse waren
verstaendig; es kam nur darauf an, auch ueber den Oberbefehl angemessen zu
bestimmen. Das starre Auftreten des Quintus Fabius und die daran sich
anspinnenden demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und ueberhaupt den
Senat unpopulaerer gemacht als je; im Volke ging, wohl nicht ohne Schuld seiner
Fuehrer, die toerichte Rede, dass der Senat den Krieg absichtlich in die Laenge
ziehe. Da also an die Ernennung eines Diktators nicht zu denken war, versuchte
der Senat die Wahl der Konsuln angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und
den Eigensinn erst recht rege machte. Mit Muehe brachte der Senat den einen
seiner Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535 (219) den
Illyrischen Krieg verstaendig gefuehrt hatte; die ungeheure Majoritaet der
Buerger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der Volkspartei Gaius Terentius
Varro, einen unfaehigen Mann, der nur durch seine verbissene Opposition gegen
den Senat und namentlich als Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum
Mitdiktator bekannt war, und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige
Geburt und seine rohe Unverschaemtheit.
Waehrend diese Vorbereitungen zu dem naechsten Feldzug in Rom getroffen
wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien wieder begonnen. Sowie die Jahreszeit
es gestattete, die Winterquartiere zu verlassen, brach Hannibal, wie immer den
Krieg bestimmend und die Offensive fuer sich nehmend, von Gerunium in der
Richtung nach Sueden auf, ueberschritt an Luceria vorbeimarschierend den Aufidus
und nahm das Kastell von Cannae (zwischen Canosa und Barletta), das die
canusinische Ebene beherrschte und den Roemern bis dahin als Hauptmagazin
gedient hatte. Die roemische Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des
Herbstes verfassungsmaessig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt von Gnaeus
Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als Prokonsuln kommandiert
wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht abzuwenden gewusst; aus
militaerischen wie aus politischen Ruecksichten ward es immer notwendiger, den
Fortschritten Hannibals durch eine Feldschlacht zu begegnen. Mit diesem
bestimmten Auftrag des Senats trafen denn auch die beiden neuen Oberbefehlshaber
Paullus und Varro im Anfang des Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier
neuen Legionen und dem entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie
heranfuehrten, stieg die roemische Armee auf 80000 Mann zu Fuss, halb Buerger,
halb Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Buerger, zwei Drittel
Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000 Reiter, aber nur etwa
40000 Mann zu Fuss zaehlte. Hannibal wuenschte nichts mehr als eine Schlacht,
nicht bloss aus den allgemeinen, frueher eroerterten Gruenden, sondern auch
besonders deshalb, weil das weite apulische Blachfeld ihm gestattete, die ganze
Ueberlegenheit seiner Reiterei zu entwickeln und weil die Verpflegung seiner
zahlreichen Armee, hart an dem doppelt so starken und auf eine Reihe von
Festungen gestuetzten Feind, trotz seiner ueberlegenen Reiterei sehr bald
ungemein schwierig zu werden drohte. Auch die Fuehrer der roemischen Streitmacht
waren, wie gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen und naeherten in
dieser Absicht sich dem Feinde; allein die einsichtigeren unter ihnen erkannten
Hannibals Lage und beabsichtigten daher, zunaechst zu warten und nur nahe am
Feinde sich aufzustellen, um ihn zum Abzug und zur Annahme der Schlacht auf
einem ihm minder guenstigen Terrain zu noetigen. Hannibal lagerte bei Cannae am
rechten Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein Lager an beiden Ufern des Flusses
auf, so dass die Hauptmacht am linken Ufer zu stehen kam, ein starkes Korps aber
am rechten unmittelbar dem Feind gegenueber Stellung nahm, um ihm die Zufuhren
zu erschweren, vielleicht auch Cannae zu bedrohen. Hannibal, dem alles daran
lag, bald zum Schlagen zu kommen, ueberschritt mit dem Gros seiner Truppen den
Strom und bot auf dem linken Ufer die Schlacht an, die Paullus nicht annahm.
Allein dem demokratischen Konsul missfiel dergleichen militaerische Pedanterie;
es war so viel davon geredet worden, dass man ausziehe, nicht um Posten zu
stehen, sondern um die Schwerter zu gebrauchen; er befahl, auf den Feind zu
gehen, wo und wie man ihn eben fand. Nach der alten toerichterweise
beibehaltenen Sitte wechselte die entscheidende Stimme im Kriegsrat zwischen dem
Oberfeldherren Tag um Tag; man musste also am folgenden Tage sich fuegen und dem
Helden von der Gasse seinen Willen tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite
Blachfeld der ueberlegenen Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte
allerdings auch er nicht schlagen; aber er beschloss, die gesamten roemischen
Streitkraefte auf dem rechten zu vereinigen und hier, zwischen den karthagischen
Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses ernstlich bedrohend, die Schlacht
anzubieten. Eine Abteilung von 10000 Mann blieb in dem roemischen Hauptlager
zurueck mit dem Auftrag, das karthagische waehrend des Gefechts wegzunehmen und
damit dem feindlichen Heere den Rueckzug ueber den Fluss abzuschneiden; das Gros
der roemischen Armee ueberschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August nach
dem unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender, den in dieser
Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht wesentlich hindernden
Fluss und stellte bei dem kleineren roemischen Lager westlich von Cannae sich in
Linie auf. Die karthagische Armee folgte und ueberschritt gleichfalls den Strom,
an den der rechte roemische wie der linke karthagische Fluegel sich lehnten. Die
roemische Reiterei stand auf den Fluegeln, die schwaechere der Buergerwehr auf
dem rechten am Fluss, gefuehrt von Paullus, die staerkere bundesgenoessische auf
dem linken gegen die Ebene, gefuehrt von Varro. Im Mitteltreffen stand das
Fussvolk in ungewoehnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl des Konsuls des
Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenueber ordnete Hannibal sein Fussvolk in
halbmondfoermiger Stellung, so dass die keltischen und iberischen Truppen in
ihrer nationalen Ruestung die vorgeschobene Mitte, die roemisch geruesteten
Libyer auf beiden Seiten die zurueckgenommenen Fluegel bildeten. An der
Flussseite stellte die gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der
Seite nach der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem
Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im Gefecht. Wo
die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere Kavallerie focht, zog
das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier ohne Entscheidung sich hin.
Dagegen im Mitteltreffen warfen die Legionen die ihnen zuerst begegnenden
spanischen und gallischen Truppen vollstaendig; eilig draengten die Sieger nach
und verfolgten ihren Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Fluegel
das Glueck sich gegen die Roemer gewandt. Hannibal hatte den linken
Reiterfluegel der Feinde bloss beschaeftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen
regulaeren Reiterei gegen den schwaecheren rechten zu verwenden und diesen
zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die roemischen Reiter und was
nicht niedergehauen ward, wurde den Fluss hinaufgejagt und in die Ebene
versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem Mitteltreffen, das Schicksal der
Legionen zu wenden oder doch zu teilen. Diese hatten, um den Sieg ueber die
vorgeschobene feindliche Infanterie besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in
eine Angriffskolonne verwandelt, die keilfoermig eindrang in das feindliche
Zentrum. In dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links einschwenkenden
libyschen Fussvolk von beiden Seiten heftig angegriffen und ein Teil von ihnen
gezwungen, Halt zu machen, um gegen die Flankenangriffe sich zu verteidigen,
wodurch das Vorruecken ins Stocken kam und die ohnehin schon uebermaessig dicht
gereihte Infanteriemasse nun gar nicht mehr Raum fand, sich zu entwickeln.
Inzwischen hatte Hasdrubal, nachdem er mit dem Fluegel des Paullus fertig war,
seine Reiter aufs neue gesammelt und geordnet und sie hinter dem feindlichen
Mitteltreffen weg gegen den Fluegel des Varro gefuehrt. Dessen italische
Reiterei, schon mit den Numidiern hinreichend beschaeftigt, stob vor dem
doppelten Angriff schnell auseinander. Hasdrubal, die Verfolgung der Fluechtigen
den Numidiern ueberlassend, ordnete zum drittenmal seine Schwadronen, um sie dem
roemischen Fussvolk in den Ruecken zu fuehren. Dieser letzte Stoss entschied.
Flucht war nicht moeglich und Quartier ward nicht gegeben; es ist vielleicht nie
ein Heer von dieser Groesse so vollstaendig und mit so geringem Verlust des
Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet worden wie das roemische bei
Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000 Mann eingebuesst, wovon zwei Drittel auf
die Kelten kamen, die der erste Stoss der Legionen traf. Dagegen von den 76000
Roemern, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, deckten 70000 das Feld,
darunter der Konsul Lucius Paullus, der Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel
der Stabsoffiziere, achtzig Maenner senatorischen Ranges. Nur den Konsul Marcus
Varro rettete sein rascher Entschluss und sein gutes Pferd nach Venusia, und er
ertrug es zu leben. Auch die Besatzung des roemischen Lagers, 10000 Mann stark,
ward groesstenteils kriegsgefangen; nur einige tausend Mann, teils aus diesen
Truppen, teils aus der Linie, entkamen nach Canusium. Ja als sollte in diesem
Jahre durchaus mit Rom ein Ende gemacht werden, fiel noch vor Ablauf desselben
die nach Gallien gesandte Legion in einen Hinterhalt und wurde mit ihrem
Feldherrn Lucius Postumius, dem fuer das naechste Jahr ernannten Konsul, von den
Galliern gaenzlich vernichtet.
Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die grosse politische
Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach Italien gegangen war. Er
hatte seinen Plan wohl zunaechst auf sein Heer gebaut; allein in richtiger
Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht sollte dies in seinem Sinn nur die
Vorhut sein, mit der die Kraefte des Westens und Ostens allmaehlich sich
vereinigen wuerden, um der stolzen Stadt den Untergang zu bereiten. Zwar
diejenige Unterstuetzung, die die gesichertste schien, die Nachsendungen von
Spanien her, hatte das kuehne und feste Auftreten des dorthin gesandten
roemischen Feldherrn Gnaeus Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Uebergang ueber
die Rhone war dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Kueste
zwischen den Pyrenaeen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch des
Binnenlandes bemaechtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537 217) die
karthagische Flotte an der Ebromuendung voellig geschlagen, hatte, nachdem sein
Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals, mit Verstaerkung von 8000
Mann zu ihm gestossen war, sogar den Ebro ueberschritten und war vorgedrungen
bis gegen Sagunt. Zwar hatte Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus
Afrika Verstaerkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders
gemaess eine Armee ueber die Pyrenaeen zu fuehren; allein die Scipionen
verlegten ihm den Uebergang ueber den Ebro und schlugen ihn vollstaendig, etwa
um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae siegte. Die maechtige
Voelkerschaft der Keltiberer und zahlreiche andere spanische Staemme hatten den
Scipionen sich zugewandt; diese beherrschten das Meer und die Pyrenaeenpaesse
und durch die zuverlaessigen Massalioten auch die gallische Kueste. So war von
Spanien aus fuer Hannibal jetzt weniger als je Unterstuetzung zu erwarten.
Von Karthago war bisher zur Unterstuetzung des Feldherrn in Italien so viel
geschehen, wie man erwarten konnte: phoenikische Geschwader bedrohten die
Kuesten Italiens und der roemischen Inseln und hueteten Afrika vor einer
roemischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren Beistand verhinderte nicht
sowohl die Ungewissheit, wo Hannibal zu finden sei, und der Mangel eines
Landeplatzes in Italien, als die langjaehrige Gewohnheit, dass das spanische
Heer sich selbst genuege, vor allem aber die grollende Friedenspartei. Hannibal
empfand schwer die Folgen dieser unverzeihlichen Untaetigkeit; trotz allen
Sparens des Geldes und der mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen
allmaehlich leer, der Sold kam in Rueckstand und die Reihen seiner Veteranen
fingen an sich zu lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae
selbst die faktioese Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische Senat
beschloss dem Feldherrn betraechtliche Unterstuetzungen an Geld und Mannschaft,
teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000 numidische Reiter und 40
Elefanten zur Verfuegung zu stellen und in Spanien wie in Italien den Krieg
energisch zu betreiben.
Die laengstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien war
anfangs durch Antigonos' ploetzlichen Tod, dann durch seines Nachfolgers
Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner hellenischen Bundesgenossen
unzeitigen Krieg gegen die Aetoler (534-537 220-217) verzoegert worden. Erst
jetzt, nach der Cannensischen Schlacht, fand Demetrios von Pharos Gehoer bei
Philippos mit dem Antrag, seine illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten
- sie massten freilich erst den Roemern entrissen werden -, und erst jetzt
schloss der Hof von Pella ab mit Karthago. Makedonien uebernahm es, eine
Landungsarmee an die italische Ostkueste zu werfen, wogegen ihm die Rueckgabe
der roemischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward.
In Sizilien hatte Koenig Hieron zwar waehrend der Friedensjahre, soweit es
mit Sicherheit geschehen konnte, eine Neutralitaetspolitik eingehalten, und auch
den Karthagern waehrend der gefaehrlichen Krisen nach dem Frieden mit Rom
namentlich durch Kornsendungen sich gefaellig erwiesen. Es ist kein Zweifel,
dass er den abermaligen Bruch zwischen Karthago und Rom hoechst ungern sah; aber
ihn abzuwenden vermochte er nicht, und als er eintrat, hielt er mit
wohlberechneter Treue fest an Rom. Allein bald darauf (Herbst 538 216) rief der
Tod den alten Mann nach vierundfuenfzigjaehriger Regierung ab. Der Enkel und
Nachfolger des klugen Greises, der junge unfaehige Hieronymus, liess sich
sogleich mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit
machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische Grenze, dann
sogar, da sein Uebermut stieg, den Besitz der ganzen Insel vertragsmaessig
zuzusichern, trat er in Buendnis mit Karthago und liess mit der karthagischen
Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen, die syrakusanische sich
vereinigen. Die Lage der roemischen Flotte bei Lilybaeon, die schon mit dem
zweiten, bei den aegatischen Inseln postierten karthagischen Geschwader zu tun
gehabt hatte, ward auf einmal sehr bedenklich, waehrend zugleich die in Rom zur
Einschiffung nach Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen
Niederlage fuer andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden musste.
Was aber vor allem entscheidend war, jetzt endlich begann das Gebaeude der
roemischen Eidgenossenschaft aus den Fugen zu weichen, nachdem es die Stoesse
zweier schwerer Kriegsjahre unerschuettert ueberstanden hatte. Es traten auf
Hannibals Seite Arpi in Apulien und Uzentum in Messapien, zwei alte, durch die
roemischen Kolonien Luceria und Brundisium schwer beeintraechtigte Staedte; die
saemtlichen Staedte der Brettier - diese zuerst von allen - mit Ausnahme der
Peteliner und der Consentiner, die erst belagert werden mussten; die Lucaner
groesstenteils; die in die Gegend von Salernum verpflanzten Picenter; die
Hirpiner; die Samniten mit Ausnahme der Pentrer; endlich und vornehmlich Capua,
die zweite Stadt Italiens, die 30000 Mann zu Fuss und 4000 Berittene ins Feld zu
stellen vermochte und deren Uebertritt den der Nachbarstaedte Atella und Calatia
entschied. Freilich widersetzte sich die vielfach an das roemische Interesse
gefesselte Adelspartei ueberall und namentlich in Capua dem Parteiwechsel sehr
ernstlich, und die hartnaeckigen inneren Kaempfe, die hierueber entstanden,
minderten nicht wenig den Vorteil, den Hannibal von diesen Uebertritten zog. Er
sah sich zum Beispiel genoetigt, in Capua einen der Fuehrer der Adelspartei, den
Decius Magius, der noch nach dem Einruecken der Phoeniker hartnaeckig das
roemische Buendnis verfocht, festnehmen und nach Karthago abfuehren zu lassen,
um so den ihm selbst sehr ungelegenen Beweis zu liefern, was es auf sich habe
mit der von dem karthagischen Feldherrn soeben den Kampanern feierlich
zugesicherten Freiheit und Souveraenitaet. Dagegen hielten die sueditalischen
Griechen fest am roemischen Buendnis, wobei die roemischen Besatzungen freilich
auch das Ihrige taten, aber mehr noch der sehr entschiedene Widerwille der
Hellenen gegen die Phoeniker selbst und deren neue lucanische und brettische
Bundesgenossen, und ihre Anhaenglichkeit an Rom, das jede Gelegenheit, seinen
Hellenismus zu betaetigen, eifrig benutzt und gegen die Griechen in Italien eine
ungewohnte Milde gezeigt hatte. So widerstanden die kampanischen Griechen,
namentlich Neapel, mutig Hannibals eigenem Angriff; dasselbe taten in
Grossgriechenland trotz ihrer sehr gefaehrdeten Stellung Rhegion, Thurii,
Metapont und Tarent. Kroton und Lokri dagegen wurden von den vereinigten
Brettiern und Phoenikern teils erstuermt, teils zur Kapitulation gezwungen und
die Krotoniaten nach Lokri gefuehrt, worauf brettische Kolonisten jene wichtige
Seestation besetzten. Dass die sueditalischen Latiner, wie Brundisium, Venusia,
Paestum, Cosa, Cales, unerschuettert mit Rom hielten, versteht sich von selbst.
Waren sie doch die Zwingburgen der Eroberer im fremden Land, angesiedelt auf dem
Acker der Umwohner, mit ihren Nachbarn verfehdet; traf es doch sie zunaechst,
wenn Hannibal sein Wort wahr machte und jeder italischen Gemeinde die alten
Grenzen zurueckgab. In gleicher Weise gilt dies von ganz Mittelitalien, dem.
aeltesten Sitz der roemischen Herrschaft, wo latinische Sitte und Sprache schon
ueberall vorwog und man sich als Genosse der Herrscher, nicht als Untertan
fuehlte. Hannibals Gegner im karthagischen Senat unterliessen nicht, daran zu
erinnern, dass nicht ein roemischer Buerger, nicht eine latinische Gemeinde sich
Karthago in die Arme geworfen habe. Dieses Grundwerk der roemischen Macht konnte
gleich der kyklopischen Mauer nur Stein um Stein zertruemmert werden.
Das waren die Folgen des Tages von Cannae, an dem die Bluete der Soldaten
und Offiziere der Eidgenossenschaft, ein Siebentel der gesamten Zahl der
kampffaehigen Italiker zugrunde ging. Es war eine grausame, aber gerechte Strafe
der schweren politischen Versuendigungen, die sich nicht etwa bloss einzelne
toerichte oder elende Maenner, sondern die roemische Buergerschaft selbst hatte
zu Schulden kommen lassen. Die fuer die kleine Landstadt zugeschnittene
Verfassung passte der Grossmacht nirgend mehr; es war eben nicht moeglich, ueber
die Frage, wer die Heere der Stadt in einem solchen Kriege fuehren solle, Jahr
fuer Jahr die Pandorabuechse des Stimmkastens entscheiden zu lassen. Da eine
gruendliche Verfassungsrevision, wenn sie ueberhaupt ausfuehrbar war, jetzt
wenigstens nicht begonnen werden durfte, so haette zunaechst der einzigen
Behoerde, die dazu imstande war, dem Senat die tatsaechliche Oberleitung des
Krieges und namentlich die Vergebung und Verlaengerung des Kommandos ueberlassen
werden und den Komitien nur die formelle Bestaetigung verbleiben sollen. Die
glaenzenden Erfolge der Scipionen auf dem schwierigen spanischen
Kriegsschauplatz zeigten, was auf diesem Wege sich erreichen liess. Allein die
politische Demagogie, die bereits an dem aristokratischen Grundbau der
Verfassung nagte, hatte sich der italischen Kriegfuehrung bemaechtigt; die
unvernuenftige Beschuldigung, dass die Vornehmen mit dem auswaertigen Feinde
konspirierten, hatte auf das "Volk" Eindruck gemacht. Die Heilande des
politischen Koehlerglaubens, die Gaius Flaminius und Gaius Varro, beide "neue
Maenner" und Volksfreunde vom reinsten Wasser, waren demnach zur Ausfuehrung
ihrer unter dem Beifall der Menge auf dem Markt entwickelten Operationsplaene
von eben dieser Menge beauftragt worden, und die Ergebnisse waren die Schlachten
am Trasimenischen See und bei Cannae. Dass der Senat, der begreiflicherweise
seine Aufgabe jetzt besser fasste, als da er des Regulus halbe Armee aus Afrika
zurueckberief, die Leitung der Angelegenheiten fuer sich begehrte und jenem
Unwesen sich widersetzte, war pflichtgemaess; allein auch er hatte, als die
erste jener beiden Niederlagen ihm fuer den Augenblick das Ruder in die Hand
gab, gleichfalls nicht unbefangen von Parteiinteressen gehandelt. So wenig
Quintus Fabius mit jenen roemischen Kleonen verglichen werden darf, so hatte
doch auch er den Krieg nicht bloss als Militaer gefuehrt, sondern seine starre
Defensive vor allem als politischer Gegner des Gaius Flaminius festgehalten und
in der Behandlung des Zerwuerfnisses mit seinem Unterfeldherrn getan, was an ihm
lag, um in einer Zeit, die Einigkeit forderte, zu erbittern. Die Folge war
erstlich, dass das wichtigste Instrument, das eben fuer solche Faelle die
Weisheit der Vorfahren dem Senat in die Hand gegeben hatte, die Diktatur ihm
unter den Haenden zerbrach; und zweitens mittelbar wenigstens die Cannensische
Schlacht. Den jaehen Sturz der roemischen Macht verschuldeten aber weder Quintus
Fabius noch Gaius Varro, sondern das Misstrauen zwischen dem Regiment und den
Regierten, die Spaltung zwischen Rat und Buergerschaft. Wenn noch Rettung und
Wiedererhebung des Staates moeglich war, musste sie daheim beginnen mit
Wiederherstellung der Einigkeit und des Vertrauens. Dies begriffen und, was
schwerer wiegt, dies getan zu haben, getan mit Unterdrueckung aller an sich
gerechten Rekriminationen, ist die herrliche und unvergaengliche Ehre des
roemischen Senats. Als Varro - allein von allen Generalen, die in der Schlacht
kommandiert hatten - nach Rom zurueckkehrte, und die roemischen Senatoren bis an
das Tor ihm entgegengingen und ihm dankten, dass er an der Rettung des
Vaterlandes nicht verzweifelt habe, waren dies weder leere Reden, um mit grossen
Worten das Unheil zu verhuellen, noch bitterer Spott ueber einen Armseligen; es
war der Friedensschluss zwischen dem Regiment und den Regierten. Vor dem Ernst
der Zeit und dem Ernst eines solchen Aufrufs verstummte das demagogische
Geklatsch; fortan gedachte man in Rom nur, wie man gemeinsam die Not zu wenden
vermoege. Quintus Fabius, dessen zaeher Mut in diesem entscheidenden Augenblick
dem Staat mehr genuetzt hat als all seine Kriegstaten, und die anderen
angesehenen Senatoren gingen dabei in allem voran und gaben den Buergern das
Vertrauen auf sich und auf die Zukunft zurueck. Der Senat bewahrte seine feste
und strenge Haltung, waehrend die Boten von allen Seiten nach Rom eilten, um die
verlorenen Schlachten, den Uebertritt der Bundesgenossen, die Aufhebung von
Posten und Magazinen zu berichten, um Verstaerkung zu begehren fuer das Potal
und fuer Sizilien, da doch Italien preisgegeben und Rom selbst fast unbesetzt
war. Das Zusammenstroemen der Menge an den Toren ward untersagt, die Gaffer und
die Weiber in die Haeuser gewiesen, die Trauerzeit um die Gefallenen auf
dreissig Tage beschraenkt, damit der Dienst der freudigen Goetter, von dem das
Trauergewand ausschloss, nicht allzulange unterbrochen werde - denn so gross war
die Zahl der Gefallenen, dass fast in keiner Familie die Totenklage fehlte. Was
vom Schlachtfeld sich gerettet hatte, war indes durch zwei tuechtige
Kriegstribune, Appius Claudius und Publius Scipio den Sohn, in Canusium
gesammelt worden; der letztere verstand es, durch seine stolze Begeisterung und
durch die drohend erhobenen Schwerter seiner Getreuen, diejenigen vornehmen
jungen Herren auf andere Gedanken zu bringen, die in bequemer Verzweiflung an
die Rettung des Vaterlandes ueber das Meer zu entweichen gedachten. Zu ihnen
begab sich mit einer Handvoll Leute der Konsul Gaius Varro; allmaehlich fanden
sich dort etwa zwei Legionen zusammen, die der Senat zu reorganisieren und zu
schimpflichem und unbesoldetem Kriegsdienst zu degradieren befahl. Der unfaehige
Feldherr ward unter einem schicklichen Vorwand nach Rom zurueckberufen; der in
den gallischen Kriegen erprobte Praetor Marcus Claudius Marcellus, der bestimmt
gewesen war, mit der Flotte von Ostia nach Sizilien abzugehen, uebernahm den
Oberbefehl. Die aeussersten Kraefte wurden angestrengt, um eine kampffaehige
Armee zu organisieren. Die Latiner wurden beschickt um Hilfe in der
gemeinschaftlichen Gefahr; Rom selbst ging mit dem Beispiel voran und rief die
ganze Mannschaft bis ins Knabenalter unter die Waffen, bewaffnete die
Schuldknechte und die Verbrecher, ja stellte sogar achttausend vom Staate
angekaufte Sklaven in das Heer ein. Da es an Waffen fehlte, nahm man die alten
Beutestuecke aus den Tempeln und setzte Fabriken und Gewerbe ueberall in
Taetigkeit. Der Senat ward ergaenzt - nicht, wie aengstliche Patrioten
forderten, aus den Latinern, sondern aus den naechstberechtigten roemischen
Buergern. Hannibal bot die Loesung der Gefangenen auf Kosten des roemischen
Staatsschatzes an; man lehnte sie ab und liess den mit der Abordnung der
Gefangenen angelangten karthagischen Boten nicht in die Stadt; es durfte nicht
scheinen, als denke der Senat an Frieden. Nicht bloss die Bundesgenossen sollten
nicht glauben, dass Rom sich anschicke zu transigieren, sondern es musste auch
dem letzten Buerger begreiflich gemacht werden, dass fuer ihn wie fuer alle es
keinen Frieden gebe und Rettung nur im Siege sei.
6. Kapitel
Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama
Hannibals Ziel bei seinem Zug nach Italien war die Sprengung der italischen
Eidgenossenschaft gewesen; nach drei Feldzuegen war dasselbe erreicht, soweit es
ueberhaupt erreichbar war. Dass die griechischen und die latinischen oder
latinisierten Gemeinden Italiens, nachdem sie durch den Tag von Cannae nicht
irre geworden waren, ueberhaupt nicht dem Schreck, sondern nur der Gewalt
weichen wuerden, lag am Tage, und der verzweifelte Mut, mit dem selbst in
Sueditalien einzelne kleine und rettungslos verlorene Landstaedte, wie das
brettische Petelia, gegen den Phoeniker sich wehrten, zeigte sehr klar, was
seiner bei den Marsern und Latinern warte. Wenn Hannibal gemeint hatte, auf
diesem Wege mehr erreichen und auch die Latiner gegen Rom fuehren zu koennen, so
hatten diese Hoffnungen sich als eitel erwiesen. Aber es scheint, als habe auch
sonst die italische Koalition keineswegs die gehofften Resultate fuer Hannibal
geliefert. Capua hatte sofort sich ausbedungen, dass Hannibal das Recht nicht
haben solle, kampanische Buerger zwangsweise unter die Waffen zu rufen; die
Staedter hatten nicht vergessen, wie Pyrrhos in Tarent aufgetreten war, und
meinten toerichterweise, zugleich der roemischen und der phoenikischen
Herrschaft sich entziehen zu koennen. Samnium und Lucanien waren nicht mehr, was
sie gewesen, als Koenig Pyrrhos gedacht hatte, an der Spitze der sabellischen
Jugend in Rom einzuziehen. Nicht bloss zerschnitt das roemische Festungsnetz
ueberall den Landschaften Sehnen und Nerven, sondern es hatte auch die
vieljaehrige roemische Herrschaft die Einwohner der Waffen entwoehnt - nur
maessiger Zuzug kam von hier zu den roemischen Heeren -, den alten Hass
beschwichtigt, ueberall eine Menge einzelner in das Interesse der herrschenden
Gemeinde gezogen. Man schloss sich wohl dem Ueberwinder der Roemer an, nachdem
Roms Sache einmal verloren schien; allein man fuehlte doch, dass es jetzt nicht
mehr um die Freiheit sich handle, sondern um die Vertauschung des italischen mit
dem phoenikischen Herrn, und nicht Begeisterung, sondern Kleinmut warf die
sabellischen Gemeinden dem Sieger in die Arme. Unter solchen Umstaenden stockte
in Italien der Krieg. Hannibal, der den suedlichen Teil der Halbinsel
beherrschte bis hinauf zum Volturnus und zum Garganus und diese Landschaften
nicht wie das Keltenland einfach wieder aufgeben konnte, hatte jetzt gleichfalls
eine Grenze zu decken, die nicht ungestraft entbloesst ward; und, um die
gewonnenen Landschaften gegen die ueberall ihm trotzenden Festungen und die von
Norden her anrueckenden Heere zu verteidigen und gleichzeitig die schwierige
Offensive gegen Mittelitalien zu ergreifen, reichten seine Streitkraefte, ein
Heer von etwa 40000 Mann, ohne die italischen Zuzuege zu rechnen, bei weitem
nicht aus. Vor allen Dingen aber fand er andere Gegner sich gegenueber. Durch
furchtbare Erfahrungen belehrt, gingen die Roemer ueber zu einem verstaendigeren
System der Kriegfuehrung, stellten nur erprobte Offiziere an die Spitze ihrer
Armeen und liessen dieselben, wenigstens wo es not tat, auf laengere Zeit bei
dem Kommando. Diese Feldherren sahen weder den feindlichen Bewegungen noch den
Bergen herab zu, noch warfen sie sich auf den Gegner, wo sie ihn eben fanden,
sondern, die rechte Mitte zwischen Zauderei und Vorschnelligkeit haltend,
stellten sie in verschanzten Lagern, unter den Mauern der Festungen sich auf und
nahmen den Kampf da an, wo der Sieg zu Resultaten, die Niederlage nicht zur
Vernichtung fuehrte. Die Seele dieser neuen Kriegfuehrung war Marcus Claudius
Marcellus. Mit richtigem Instinkt hatten nach dem unheilvollen Tag von Cannae
Senat und Volk auf diesen tapferen und krieggewohnten Mann die Blicke gewandt
und ihm zunaechst den faktischen Oberbefehl uebertragen. Er hatte in dem
schwierigen Sizilischen Kriege gegen Hamilkar seine Schule gemacht und in den
letzten Feldzuegen gegen die Kelten sein Fuehrertalent wie seine persoenliche
Tapferkeit glaenzend bewaehrt. Obwohl ein hoher Fuenfziger, brannte er doch vom
jugendlichsten Soldatenfeuer und hatte erst wenige Jahre zuvor als Feldherr den
feindlichen Feldherrn vom Pferde gehauen - der erste und einzige roemische
Konsul, dem eine solche Waffentat gelang. Sein Leben war den beiden Gottheiten
geweiht, denen er den glaenzenden Doppeltempel am Capenischen Tore errichtete,
der Ehre und der Tapferkeit; und wenn die Rettung Roms aus dieser hoechsten
Gefahr nicht das Verdienst eines einzelnen ist, sondern der roemischen
Buergerschaft insgemein und vorzugsweise dem Senat gebuehrt, so hat doch kein
einzelner Mann bei dem gemeinsamen Bau mehr geschafft als Marcus Marcellus.
Vom Schlachtfeld hatte Hannibal sich nach Kampanien gewandt. Er kannte Rom
besser als die naiven Leute, die in alter und neuer Zeit gemeint haben, dass er
mit einem Marsch auf die feindliche Hauptstadt den Kampf haette beendigen
koennen. Die heutige Kriegskunst zwar entscheidet den Krieg auf dem
Schlachtfeld; allein in der alten Zeit, wo der Angriffskrieg gegen die Festungen
weit minder entwickelt war als das Verteidigungssystem, ist unzaehlige Male der
vollstaendigste Erfolg im Feld an den Mauern der Hauptstaedte zerschellt. Rat
und Buergerschaft in Karthago waren weitaus nicht zu vergleichen mit Senat und
Volk in Rom, Karthagos Gefahr nach Regulus' erstem Feldzug unendlich dringender
als die Roms nach der Schlacht bei Cannae; und Karthago hatte standgehalten und
vollstaendig gesiegt. Mit welchem Schein konnte man meinen, dass Rom jetzt dem
Sieger die Schluessel entgegentragen oder auch nur einen billigen Frieden
annehmen werde? Statt also ueber solche leeren Demonstrationen moegliche und
wichtige Erfolge zu verscherzen oder die Zeit zu verlieren mit der Belagerung
der paar tausend roemischer Fluechtlinge in den Mauern von Canusium, hatte sich
Hannibal sofort nach Capua begeben, bevor die Roemer Besatzung hineinwerfen
konnten, und hatte durch sein Anruecken diese zweite Stadt Italiens nach langem
Schwanken zum Uebertritt bestimmt. Er durfte hoffen, von Capua aus sich eines
der kampanischen Haefen bemaechtigen zu koennen, um dort die Verstaerkungen an
sich zu ziehen, welche seine grossartigen Siege der Opposition daheim abgerungen
hatten. Als die Roemer erfuhren, wohin Hannibal sich gewendet habe, verliessen
auch sie Apulien, wo nur eine schwache Abteilung zurueckblieb und sammelten die
ihnen gebliebenen Streitkraefte auf dem rechten Ufer des Volturnus. Mit den zwei
cannensischen Legionen marschierte Marcus Marcellus nach Teanum Sidicinum, wo er
von Rom und Ostia die zunaechst verfuegbaren Truppen an sich zog, und ging,
waehrend der Diktator Marcus Junius mit der schleunigst neu gebildeten
Hauptarmee langsam nachfolgte, bis an den Volturnus nach Casilinum vor, um
womoeglich Capua zu retten. Dies zwar fand er schon in der Gewalt des Feindes;
dagegen waren dessen Versuche auf Neapel an dem mutigen Widerstand der
Buergerschaft gescheitert, und die Roemer konnten noch rechtzeitig in den
wichtigen Hafenplatz eine Besatzung werfen. Ebenso treu hielten zu Rom die
beiden anderen groesseren Kuestenstaedte, Cumae und Nuceria. In Nola schwankte
der Kampf zwischen der Volks- und der Senatspartei wegen des Anschlusses an die
Karthager oder an die Roemer. Benachrichtigt, dass die erstere die Oberhand
gewinne, ging Marcellus bei Caiatia ueber den Fluss und, an den Hoehen von
Suessula hin um die feindliche Armee herum marschierend, erreichte er Nola frueh
genug, um es gegen die aeusseren und die inneren Feinde zu behaupten. Ja bei
einem Ausfall schlug er Hannibal selber mit namhaftem Verlust zurueck; ein
Erfolg, der als die erste Niederlage, die Hannibal erlitt, moralisch von weit
groesserer Bedeutung war als durch seine materiellen Resultate. Zwar wurden in
Kampanien Nuceria, Acerrae und nach einer hartnaeckigen, bis ins folgende Jahr
(539 215) sich hinziehenden Belagerung auch der Schluessel der Volturnuslinie,
Casilinum, von Hannibal erobert und ueber die Senate dieser Staedte, die zu Rom
gehalten hatten, die schwersten Blutgerichte verhaengt. Aber das Entsetzen macht
schlechte Propaganda; es gelang den Roemern, mit verhaeltnismaessig geringer
Einbusse den gefaehrlichen Moment der ersten Schwaeche zu ueberwinden. Der Krieg
kam in Kampanien zum Stehen, bis der Winter einbrach und Hannibal in Capua
Quartier nahm, durch dessen Ueppigkeit seine seit drei Jahren nicht unter Dach
gekommenen Truppen keineswegs gewannen. Im naechsten Jahre (539 215) erhielt der
Krieg schon ein anderes Ansehen. Der bewaehrte Feldherr Marcus Marcellus und
Tiberius Sempronius Gracchus, der sich im vorjaehrigen Feldzug als Reiterfuehrer
des Diktators ausgezeichnet hatte, ferner der alte Quintus Fabius Maximus
traten, Marcellus als Prokonsul, die beiden andern als Konsuln, an die Spitze
der drei roemische Heere, welche bestimmt waren, Capua und Hannibal zu umringen;
Marcellus auf Nola und Suessula gestuetzt, Maximus am rechten Ufer des Volturnus
bei Cales sich aufstellend, Gracchus an der Kueste, wo er Neapel und Cumae
deckend bei Liternum Stellung nahm. Die Kampaner, welche nach Hamae, drei
Miglien von Cumae, ausrueckten, um die Cumaner zu ueberrumpeln, wurden von
Gracchus nachdruecklich geschlagen; Hannibal, der, um die Scharte auszuwetzen,
vor Cumae erschienen war, zog selbst in einem Gefecht den kuerzeren, und kehrte,
da die von ihm angebotene Hauptschlacht verweigert ward, unmutig nach Capua
zurueck. Waehrend so die Roemer in Kampanien nicht bloss behaupteten, was sie
besassen, sondern auch Compulteria und andere kleinere Plaetze wieder gewannen,
erschollen von Hannibals oestlichen Verbuendeten laute Klagen. Ein roemisches
Heer unter dem Praetor Marcus Valerius hatte bei Luceria sich aufgestellt, teils
um in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die Ostkueste und die Bewegungen
der Makedonier zu beobachten, teils um in Verbindung mit der Armee von Nola die
aufstaendigen Samniten, Lucaner und Hirpiner zu brandschatzen. Um diesen Luft zu
machen, wandte Hannibal zunaechst sich gegen seinen taetigsten Gegner Marcus
Marcellus; allein derselbe erfocht unter den Mauern von Nola einen nicht
unbedeutenden Sieg ueber die phoenikische Armee, und diese musste, ohne die
Scharte wieder ausgewetzt zu haben, um den Fortschritten des feindlichen Heeres
in Apulien endlich zu steuern, von Kampanien nach Arpi aufbrechen. Ihr folgte
Tiberius Gracchus mit seinem Korps, waehrend die beiden anderen roemischen Heere
in Kampanien sich anschickten, mit dem naechsten Fruehjahr zum Angriff auf Capua
ueberzugehen.
Hannibals klaren Blick hatten die Siege nicht geblendet. Es ward immer
deutlicher, dass er so nicht zum Ziele kam. Jene raschen Maersche, jenes fast
abenteuerliche Hin- und Herwerfen des Krieges, denen Hannibal im wesentlichen
seine Erfolge verdankte, waren zu Ende, der Feind gewitzigt, weitere
Unternehmungen durch die unumgaengliche Verteidigung des Gewonnenen selbst fast
unmoeglich gemacht. An die Offensive liess sich nicht denken, die Defensive war
schwierig und drohte jaehrlich es mehr zu werden; er konnte es sich nicht
verleugnen, dass die zweite Haelfte seines grossen Tagwerks, die Unterwerfung
der Latiner und die Eroberung Roms, nicht mit seinen und der italischen
Bundesgenossen Kraeften allein beendigt werden konnte. Die Vollendung stand bei
dem Rat von Karthago, bei dem Hauptquartier in Cartagena, bei den Hoefen von
Pella und Syrakus. Wenn in Afrika, Spanien, Sizilien, Makedonien jetzt alle
Kraefte gemeinschaftlich angestrengt wurden gegen den gemeinschaftlichen Feind;
wenn Unteritalien der grosse Sammelplatz ward fuer die Heere und Flotten von
Westen, Sueden und Osten, so konnte er hoffen, gluecklich zu Ende zu fuehren,
was die Vorhut unter seiner Leitung so glaenzend begonnen hatte. Das
Natuerlichste und Leichteste waere gewesen, ihm von daheim genuegende
Unterstuetzung zuzusenden; und der karthagische Staat, der vom Kriege fast
unberuehrt geblieben und von einer auf eigene Rechnung und Gefahr handelnden
kleinen Zahl entschlossener Patrioten aus tiefem Verfall dem vollen Sieg so nahe
gefuehrt war, haette dies ohne Zweifel vermocht. Dass es moeglich gewesen waere,
eine phoenikische Flotte von jeder beliebigen Staerke bei Lokri oder Kroton
landen zu lassen, zumal solange, als der Hafen von Syrakus den Karthagern
offenstand und durch Makedonien die brundisinische Flotte in Schach gehalten
ward, beweist die ungehinderte Ausschiffung von 4000 Afrikanern, die Bomilkar
dem Hannibal um diese Zeit von Karthago zufuehrte, in Lokri, und mehr noch
Hannibals ungestoerte Ueberfahrt, als schon jenes alles verloren gegangen war.
Allein nachdem der erste Eindruck des Sieges von Cannae sich verwischt hatte,
wies die karthagische Friedenspartei, die zu allen Zeiten bereit war, den Sturz
der politischen Gegner mit dem des Vaterlandes zu erkaufen, und die in der
Kurzsichtigkeit und Laessigkeit der Buergerschaft treue Verbuendete fand, die
Bitten des Feldherrn um nachdruecklichere Unterstuetzung ab mit der halb
einfaeltigen, halb tueckischen Antwort, dass er ja keine Hilfe brauche, wofern
er wirklich Sieger sei, und half so nicht viel weniger als der roemische Senat
Rom erretten. Hannibal, im Lager erzogen und dem staedtischen Parteigetriebe
fremd, fand keinen Volksfuehrer, auf den er sich haette stuetzen koennen wie
sein Vater auf Hasdrubal, und musste die Mittel zur Rettung der Heimat, die
diese selbst in reicher Fuelle besass, im Ausland suchen.
Hier durfte er, und wenigstens mit mehr Aussicht auf Erfolg, rechnen auf
die Fuehrer des spanischen Patriotenheeres, auf die in Syrakus angeknuepften
Verbindungen und auf Philippos' Intervention. Es kam alles darauf an, von
Spanien, Syrakus oder Makedonien neue Streitkraefte gegen Rom auf den italischen
Kampfplatz zu fuehren; und um dies zu erreichen oder zu hindern, sind die Kriege
in Spanien, Sizilien und Griechenland gefuehrt worden. Sie sind alle nur Mittel
zum Zweck, und sehr mit Unrecht hat man sie oft hoeher angeschlagen. Fuer die
Roemer sind es wesentlich Defensivkriege, deren eigentliche Aufgabe ist, die
Pyrenaeenpaesse zu behaupten, die makedonische Armee in Griechenland
festzuhalten, Messana zu verteidigen und die Verbindung zwischen Italien und
Sizilien zu sperren; es versteht sich, dass diese Defensive womoeglich offensiv
gefuehrt wird und im guenstigen Fall sich entwickelt zur Verdraengung der
Phoeniker aus Spanien und Sizilien und zur Sprengung der Buendnisse Hannibals
mit Syrakus und mit Philippos. Der italische Krieg an sich tritt zunaechst in
den Hintergrund und loest sich auf in Festungskaempfe und Razzias, die in der
Hauptsache nichts entscheiden. Allein Italien bleibt dennoch, solange die
Phoeniker ueberhaupt die Offensive festhalten, stets das Ziel der Operationen,
und alle Anstrengung wie alles Interesse knuepft sich daran, die Isolierung
Hannibals im suedlichen Italien aufzuheben oder zu verewigen.
Waere es moeglich gewesen, unmittelbar nach der Cannensischen Schlacht alle
die Hilfsmittel heranzuziehen, auf die Hannibal sich Rechnung machen durfte, so
konnte er des Erfolges ziemlich gewiss sein. Allein in Spanien war Hasdrubals
Lage eben damals nach der Schlacht am Ebro so bedenklich, dass die Leistungen
von Geld und Mannschaft, zu denen der cannensische Sieg die karthagische
Buergerschaft angespannt hatte, groesstenteils fuer Spanien verwendet wurden,
ohne dass doch die Lage der Dinge dort dadurch viel besser geworden waere. Die
Scipionen verlegten den Kriegsschauplatz im folgenden Feldzug (539 215) vom Ebro
an den Guadalquivir und erfochten in Andalusien, mitten im eigentlich
karthagischen Gebiet, bei Illiturgi und Intibili zwei glaenzende Siege. In
Sardinien mit den Eingeborenen angeknuepfte Verbindungen liessen die Karthager
hoffen, dass sie sich der Insel wuerden bemaechtigen koennen, die als
Zwischenstation zwischen Spanien und Italien von Wichtigkeit gewesen waere.
Indes Titus Manlius Torquatus, der mit einem roemischen Heer nach Sardinien
gesendet ward, vernichtete die karthagische Landungsarmee vollstaendig und
sicherte den Roemern aufs neue den unbestrittenen Besitz der Insel (539 215).
Die nach Sizilien geschickten cannensischen Legionen behaupteten im Norden und
Osten der Insel sich mutig und gluecklich gegen die Karthager und Hieronymos,
welcher letztere schon gegen Ende des Jahres 539 (215) durch Moerderhand seinen
Tod fand. Selbst mit Makedonien verzoegerte sich die Ratifikation des
Buendnisses, hauptsaechlich weil die makedonischen an Hannibal gesendeten Boten
auf der Rueckreise von den roemischen Kriegsschiffen aufgefangen wurden. So
unterblieb vorlaeufig die gefuerchtete Invasion der Ostkueste, und die Roemer
gewannen Zeit, die wichtigste Station Brundisium zuerst mit der Flotte, alsdann
auch mit dem vor der Ankunft des Gracchus zur Deckung von Apulien verwendeten
Landheer zu sichern und fuer den Fall der Kriegserklaerung einen Einfall in
Makedonien selbst vorzubereiten. Waehrend also in Italien der Kampf zum Stehen
und Stocken kam, war ausserhalb Italien karthagischerseits nichts geschehen, was
neue Heere oder Flotten rasch nach Italien gefoerdert haette. Roemischerseits
hatte man sich dagegen mit der groessten Energie ueberall in
Verteidigungszustand gesetzt und in dieser Abwehr da, wo Hannibals Genie fehlte,
groesstenteils mit Erfolg gefochten. Darueber verrauchte der kurzlebige
Patriotismus, den der Cannensische Sieg in Karthago erweckt hatte; die nicht
unbedeutenden Streitkraefte, welche man dort disponibel gemacht hatte, waren,
sei es durch faktioese Opposition, sei es bloss durch ungeschickte Ausgleichung
der verschiedenen, im Rat laut gewordenen Meinungen, so zersplittert worden,
dass sie nirgend wesentlich foerderten und da, wo sie am nuetzlichsten gewesen
waeren, eben der kleinste Teil hinkam. Am Ende des Jahres 539 (215) durfte auch
der besonnene roemische Staatsmann sich sagen, dass die dringende Gefahr
vorueber sei und die heldenmuetig begonnene Gegenwehr nur auf saemtlichen
Punkten mit Anspannung aller Kraefte auszuharren habe, um zum Ziel zu gelangen.
Am ersten ging der Krieg in Sizilien zu Ende. Es hatte nicht zunaechst in
Hannibals Plan gelegen, auf der Insel einen Kampf anzuspinnen, sondern halb
zufaellig, hauptsaechlich durch die knabenhafte Eitelkeit des unverstaendigen
Hieronymos war hier ein Landkrieg ausgebrochen, dessen, ohne Zweifel eben aus
diesem Grunde, der karthagische Rat mit besonderem Eifer sich annahm. Nachdem
Hieronymos zu Ende 539 (215) getoetet war, schien es mehr als zweifelhaft, ob
die Buergerschaft bei der von ihm befolgten Politik verbleiben werde. Wenn
irgend eine Stadt, so hatte Syrakus Ursache an Rom festzuhalten, da der Sieg der
Karthager ueber die Roemer unzweifelhaft jenen wenigstens die Herrschaft ueber
ganz Sizilien geben musste und an eine wirkliche Einhaltung der von Karthago den
Syrakusanern gemachten Zusagen kein ernsthafter Mann glauben konnte. Teils
hierdurch bewogen, teils geschreckt durch die drohenden Anstalten der Roemer,
die alles aufboten, um die wichtige Insel, die Bruecke zwischen Italien und
Afrika, wieder vollstaendig in ihre Gewalt zu bringen, und jetzt fuer den
Feldzug 540 (214) ihren besten Feldherrn, den Marcus Marcellus nach Sizilien
gesandt hatten, zeigte die syrakusanische Buergerschaft sich geneigt, durch
rechtzeitige Rueckkehr zum roemischen Buendnis das Geschehene vergessen zu
machen. Allein bei der entsetzlichen Verwirrung in der Stadt, wo nach
Hieronymos' Tode die Versuche zur Wiederherstellung der alten Volksfreiheit und
die Handstreiche der zahlreichen Praetendenten auf den erledigten Thron wild
durcheinander wogten, die Hauptleute der fremden Soeldnerscharen aber die
eigentlichen Herren der Stadt waren, fanden Hannibals gewandte Emissaere
Hippokrates und Epikydes Gelegenheit, die Friedensversuche zu vereiteln. Durch
den Namen der Freiheit regten sie die Masse auf; masslos uebertriebene
Schilderungen von der fuerchterlichen Bestrafung, die den soeben wieder
unterworfenen Leontinern von den Roemern zuteil geworden sein sollte, erweckten
auch in dem bessern Teil der Buergerschaft den Zweifel, ob es nicht zu spaet
sei, um das alte Verhaeltnis mit Rom wiederherzustellen; unter den Soeldnern
endlich wurden die zahlreichen roemischen Ueberlaeufer, meistens durchgegangene
Ruderer von der Flotte, leicht ueberzeugt, dass der Friede der Buergerschaft mit
Rom ihr Todesurteil sei. So wurden die Vorsteher der Buergerschaft erschlagen,
der Waffenstillstand gebrochen und Hippokrates und Epikydes uebernahmen das
Regiment der Stadt. Es blieb dem Konsul nichts uebrig, als zur Belagerung zu
schreiten; indes die geschickte Leitung der Verteidigung, wobei der als
gelehrter Mathematiker beruehmte syrakusanische Ingenieur Archimedes sich
besonders hervortat, zwang die Roemer nach achtmonatlicher Belagerung, dieselbe
in eine Blockade zu Wasser und zu Lande umzuwandeln. Mittlerweile war von
Karthago aus, das bisher nur mit seinen Flotten die Syrakusaner unterstuetzt
hatte, auf die Nachricht von der abermaligen Schilderhebung derselben gegen die
Roemer ein starkes Landheer unter Himilko nach Sizilien gesendet worden, das
ungehindert bei Herakleia Minoa landete und sofort die wichtige Stadt Akragas
besetzte. Um dem Himilko die Hand zu reichen, rueckte der kuehne und faehige
Hippokrates aus Syrakus mit einer Armee aus; Marcellus' Lage zwischen der
Besatzung von Syrakus und den beiden feindlichen Heeren fing an bedenklich zu
werden. Indes mit Hilfe einiger Verstaerkungen, die von Italien eintrafen,
behauptete er seine Stellung auf der Insel und setzte die Blockade von Syrakus
fort. Dagegen trieb mehr noch als die feindlichen Armeen die fuerchterliche
Strenge, mit der die Roemer auf der Insel verfuhren, namentlich die
Niedermetzelung der des Abfalls verdaechtigen Buergerschaft von Enna durch die
roemische Besatzung daselbst, den groessten Teil der kleinen Landstaedte den
Karthagern in die Arme. Im Jahre 542 (212) gelang es den Belagerern von Syrakus
waehrend eines Festes in der Stadt, einen von den Wachen verlassenen Teil der
weitlaeuftigen Aussenmauern zu ersteigen und in die Vorstaedte einzudringen, die
von der Insel und der eigentlichen Stadt am Strande (Achradina) sich gegen das
innere Land hin erstreckten. Die Festung Euryalos, die, am aeussersten
westlichen Ende der Vorstaedte gelegen, diese und die vom Binnenland nach
Syrakus fuehrende Hauptstrasse deckte, war hiermit abgeschnitten und fiel nicht
lange nachher. Als so die Belagerung der Stadt eine den Roemern guenstige
Wendung zu nehmen begann, rueckten die beiden Heere unter Himilko und
Hippokrates zum Entsatz heran und versuchten einen gleichzeitigen, ueberdies
noch mit einem Landungsversuch der karthagischen Flotte und einem Ausfall der
syrakusanischen Besatzung kombinierten Angriff auf die roemischen Stellungen;
allein er ward allerseits abgeschlagen, und die beiden Entsatzheere mussten sich
begnuegen, vor der Stadt ihr Lager aufzuschlagen, in den sumpfigen Niederringen
des Anapos, die im Hochsommer und im Herbst den darin Verweilenden toedliche
Seuchen erzeugen. Oft hatten diese die Stadt gerettet, oefter als die Tapferkeit
der Buerger; zu den Zeiten des ersten Dionys waren zwei phoenikische Heere,
damals die Stadt belagernd, unter ihren Mauern durch diese Seuchen vernichtet
worden. Jetzt wendete der Stadt das Schicksal die eigene Schutzwehr zum
Verderben; waehrend Marcellus' Heer, in den Vorstaedten einquartiert, nur wenig
litt, veroedeten die Fieber die phoenikischen und syrakusanischen Biwaks.
Hippokrates starb, desgleichen Himilko und die meisten Afrikaner; die
Ueberbleibsel der beiden Heere, groesstenteils eingeborene Sikeler, verliefen
sich in die benachbarten Staedte. Noch machten die Karthager einen Versuch, die
Stadt von der Seeseite zu retten; allein der Admiral Bomilkar entwich, als die
roemische Flotte ihm die Schlacht anbot. Jetzt gab selbst Epikydes, der in der
Stadt befehligte, dieselbe verloren und entrann nach Akragas. Gern haette
Syrakus sich den Roemern ergeben; die Verhandlungen hatten schon begonnen.
Allein zum zweitenmal scheiterten sie an den Ueberlaeufern; in einer abermaligen
Meuterei der Soldaten wurden die Vorsteher der Buergerschaft und eine Anzahl
angesehener Buerger erschlagen und das Regiment und die Verteidigung der Stadt
von den fremden Truppen ihren Hauptleuten uebertragen. Nun knuepfte Marcellus
mit einem von diesen eine Unterhandlung an, die ihm den einen der beiden noch
freien Stadtteile, die Insel, in die Haende lieferte; worauf die Buergerschaft
ihm freiwillig auch die Tore von Achradina auftat (Herbst 542 212). Wenn
irgendwo, haette gegen diese Stadt, die offenbar nicht in ihrer eigenen Gewalt
gewesen war und mehrfach die ernstlichsten Versuche gemacht hatte, sich der
Tyrannei des fremden Militaers zu entziehen, selbst nach den nicht loeblichen
Grundsaetzen des roemischen Staatsrechts ueber die Behandlung bundbruechiger
Gemeinden die Gnade walten koennen. Allein nicht bloss beflecke Marcellus seine
Kriegerehre durch die Gestattung einer allgemeinen Pluenderung der reichen
Kaufstadt, bei der mit zahlreichen anderen Buergern auch Archimedes den Tod
fand, sondern es hatte auch der roemische Senat kein Ohr fuer die verspaeteten
Beschwerden der Syrakusaner ueber den gefeierten Feldherrn und gab weder den
einzelnen die Beute zurueck noch der Stadt ihre Freiheit. Syrakus und die
frueher von ihm abhaengigen Staedte traten unter die den Roemern
steuerpflichtigen Gemeinden ein - nur Tauromenion und Neeton erhielten das Recht
von Messana, waehrend die leontinische Mark roemische Domaene und die bisherigen
Eigentuemer roemische Paechter wurden -, und in dem den Hafen beherrschenden
Stadtteil, der "Insel", durfte fortan kein syrakusanischer Buerger wohnen.
Sizilien schien also fuer die Karthager verloren; allein Hannibals Genie
war auch hier aus der Ferne taetig. Er sandte zu dem karthagischen Heer, das
unter Hanno und Epikydes rat- und tatlos bei Akragas stand, einen libyschen
Reiteroffizier, den Muttines, der den Befehl der numidischen Reiterei uebernahm
und mit seinen fluechtigen Scharen den bitteren Hass, den die roemische
Zwingherrschaft auf der ganzen Insel gesaet hatte, zu offener Flamme anfachend,
einen Guerillakrieg in der weitesten Ausdehnung und mit dem gluecklichsten
Erfolg begann, ja sogar, als am Himerafluss die karthagische und roemische Armee
aufeinandertrafen, gegen Marcellus selbst mit Glueck einige Gefechte bestand.
Indes das Verhaeltnis, das zwischen Hannibal und dem karthagischen Rat
obwaltete, wiederholte hier sich im kleinen. Der vom Rat bestellte Feldherr
verfolgte mit eifersuechtigem Neid den von Hannibal gesandten Offizier und
bestand darauf, dem Prokonsul eine Schlacht zu liefern ohne Muttines und die
Numidier. Hannos Wille geschah und er ward vollstaendig geschlagen. Muttines
liess sich dadurch nicht irren; er behauptete sich im Innern des Landes,
besetzte mehrere kleine Staedte und konnte, da von Karthago nicht
unbetraechtliche Verstaerkungen ihm zukamen, seine Operationen allmaehlich
ausdehnen. Seine Erfolge waren so glaenzend, dass endlich der Oberfeldherr, da
er den Reiteroffizier nicht anders hindern konnte, ihn zu verdunkeln, demselben
kurzweg das Kommando ueber die leichte Reiterei abnahm und es seinem Sohn
uebertrug. Der Numidier, der nun seit zwei Jahren seinen phoenikischen Herren
die Insel erhalten hatte, fand hiermit das Mass seiner Geduld erschoepft; er und
seine Reiter, die dem juengeren Hanno zu folgen sich weigerten, traten in
Unterhandlungen mit dem roemischen Feldherrn Marcus Valerius Laevinus und
lieferten ihm Akragas aus. Hanno entwich in einem Nachen und ging nach Karthago,
um den schaendlichen Vaterlandsverrat des hannibalischen Offiziers den Seinen zu
berichten; die phoenikische Besatzung in der Stadt ward von den Roemern
niedergemacht und die Buergerschaft in die Sklaverei verkauft (544 210). Zur
Sicherung der Insel vor aehnlichen Ueberfaellen, wie die Landung von 540 (214)
gewesen war, erhielt die Stadt eine neue, aus den roemisch gesinnten Sizilianern
ausgelesene Einwohnerschaft; die alte herrliche Akragas war gewesen. Nachdem
also ganz Sizilien unterworfen war, ward roemischerseits dafuer gesorgt, dass
einige Ruhe und Ordnung auf die zerruettete Insel zurueckkehrte. Man trieb das
Raeubergesindel, das im Innern hauste, in Masse zusammen und schaffte es
hinueber nach Italien, um von Rhegion aus in Hannibals Bundesgenossengebiet zu
sengen und zu brennen; die Regierung tat ihr Moegliches, um den gaenzlich
darniederliegenden Ackerbau wieder auf der Insel in Aufnahme zu bringen. Im
karthagischen Rat war wohl noch oefter die Rede davon, eine Flotte nach Sizilien
zu senden und den Krieg zu erneuern; allein es blieb bei Entwuerfen.
Entscheidender als Syrakus haette Makedonien in den Gang der Ereignisse
eingreifen koennen. Von den oestlichen Maechten war fuer den Augenblick weder
Foerderung noch Hinderung zu erwarten. Antiochos der Grosse, Philippos'
natuerlicher Bundesgenosse, hatte nach dem entscheidenden Siege der Aegypter bei
Raphia 537 (217) sich gluecklich schaetzen muessen, von dem schlaffen Philopator
Frieden auf Basis des Status quo ante zu erhalten; teils die Rivalitaet der
Lagiden und der stets drohende Wiederausbruch des Krieges, teils
Praetendentenaufstaende im Innern und Unternehmungen aller Art in Kleinasien,
Baktrien und den oestlichen Satrapien hinderten ihn, jener grossen antiroemische
Allianz sich anzuschliessen, wie Hannibal sie im Sinne trug. Der aegyptische Hof
stand entschieden auf der Seite Roms, mit dem er das Buendnis 544 (210)
erneuerte; allein es war von Ptolemaeos Philopator nicht zu erwarten, dass er
Rom anders als durch Kornschiffe unterstuetzen werde. In den grossen italischen
Kampf ein entscheidendes Gewicht zu werfen, waren somit Makedonien und
Griechenland durch nichts gehindert als durch die eigene Zwietracht; sie konnten
den hellenischen Namen retten, wenn sie es ueber sich gewannen, nur fuer wenige
Jahre gegen den gemeinschaftlichen Feind zusammenzustehen. Wohl gingen solche
Stimmungen durch Griechenland. Des Agelaos von Naupaktos prophetisches Wort,
dass er fuerchte, es moege mit den Kampfspielen, die jetzt die Hellenen unter
sich auffuehrten, demnaechst vorbei sein; seine ernste Mahnung, nach Westen die
Blicke zu richten und nicht zuzulassen, dass eine staerkere Macht allen jetzt
streitenden Parteien den Frieden des gleichen Joches bringe - diese Reden hatten
wesentlich dazu beigetragen, den Frieden zwischen Philippos und den Aetolern
herbeizufuehren (537 217), und fuer dessen Tendenz war es bezeichnend, dass der
aetolische Bund sofort eben den Agelaos zu seinem Strategen ernannte. Der
nationale Patriotismus regte sich in Griechenland wie in Karthago; einen
Augenblick schien es moeglich, einen hellenischen Volkskrieg gegen Rom zu
entfachen. Allein der Feldherr eines solchen Heerzuges konnte nur Philippos von
Makedonien sein und ihm fehlte die Begeisterung und der Glaube an die Nation,
womit ein solcher Krieg allein gefuehrt werden konnte. Er verstand die
schwierige Aufgabe nicht, sich aus dem Unterdruecker in den Vorfechter
Griechenlands umzuwandeln. Schon sein Zaudern bei dem Abschluss des Buendnisses
mit Hannibal verdarb den ersten und besten Eifer der griechischen Patrioten; und
als er dann in den Kampf gegen Rom eintrat, war die Art der Kriegfuehrung noch
weniger geeignet, Sympathie und Zuversicht zu erwecken. Gleich der erste
Versuch, der schon im Jahre der cannensischen Schlacht (538 216) gemacht ward,
sich der Stadt Apollonia zu bemaechtigen, scheiterte in einer fast laecherlichen
Weise, indem Philippos schleunigst umkehrte auf das gaenzlich unbegruendete
Geruecht, dass eine roemische Flotte in das Adriatische Meer steuere. Dies
geschah, noch ehe es zum foermlichen Bruch mit Rom kam; als dieser endlich
erfolgt war, erwarteten Freund und Feind eine makedonische Landung in
Unteritalien. Seit 539 (215) standen bei Brundisium eine roemische Flotte und
ein roemisches Heer, um derselben zu begegnen; Philippos, der ohne Kriegsschiffe
war, zimmerte an einer Flottille von leichten illyrischen Barken, um sein Heer
hinueberzufuehren. Allein als es Ernst werden sollte, entsank ihm der Mut, den
gefuerchteten Fuenfdeckern zur See zu begegnen; er brach das seinem
Bundesgenossen Hannibal gegebene Versprechen, einen Landungsversuch zu machen,
und um doch etwas zu tun, entschloss er sich, auf seinen Teil der Beute, die
roemischen Besitzungen in Epeiros, einen Angriff zu machen (540 214). Im besten
Falle waere dabei nichts herausgekommen; allein die Roemer, die wohl wussten,
dass die offensive Deckung vorzueglicher ist als die defensive, begnuegten sich
keineswegs, wie Philippos gehofft haben mochte, dem Angriff vom andern Ufer her
zuzusehen. Die roemische Flotte fuehrte eine Heerabteilung von Brundisium nach
Epeiros; Orikon ward dem Koenig wieder abgenommen, nach Apollonia Besatzung
geworfen und das makedonische Lager erstuermt, worauf Philippos vom halben Tun
zur voelligen Untaetigkeit ueberging und einige Jahre in tatenlosem
Kriegszustand verstreichen liess, trotz aller Beschwerden Hannibals, der umsonst
solcher Lahmheit und Kurzsichtigkeit sein Feuer und seine Klarheit einzuhauchen
versuchte. Auch war es nicht Philippos, der dann die Feindseligkeiten erneuerte.
Der Fall von Tarent (542 212), womit Hannibal einen vortrefflichen Hafen an
denjenigen Kuesten gewann, die zunaechst sich zur Landung eines makedonischen
Heeres eigneten, veranlasste die Roemer, den Schlag von weitem zu parieren und
den Makedoniern daheim so viel zu schaffen zu machen, dass sie an einen Versuch
auf Italien nicht denken konnten. In Griechenland war der nationale Aufschwung
natuerlich laengst verraucht. Mit Hilfe der alten Opposition gegen Makedonien
und der neuen Unvorsichtigkeiten und Ungerechtigkeiten, die Philippos sich hatte
zu Schulden kommen lassen, fiel es dem roemischen Admiral Laevinus nicht schwer,
gegen Makedonien eine Koalition der Mittel- und Kleinmaechte unter roemischem
Schutz zustande zu bringen. An der Spitze derselben standen die Aetoler, auf
deren Landtag Laevinus selber erschienen war und sie durch Zusicherung des seit
langem von ihnen begehrten akarnanischen Gebiets gewonnen hatte. Sie schlossen
mit Rom den ehrbaren Vertrag die uebrigen Hellenen auf gemeinschaftliche
Rechnung an Land und Leuten zu pluendern, so dass das Land den Aetolern, die
Leute und die fahrende Habe den Roemern gehoeren sollten. Ihnen schlossen sich
im eigentlichen Griechenland die antimakedonisch oder vielmehr zunaechst
antiachaeisch gesinnten Staaten an: in Attika Athen, im Peloponnes Elis und
Messene, besonders aber Sparta, dessen altersschwache Verfassung eben um diese
Zeit ein dreister Soldat Machanidas ueber den Haufen geworfen hatte, um unter
dem Namen des unmuendigen Koenigs Pelops selbst despotisch zu regieren und ein
auf gedungene Soeldnerscharen gestuetztes Abenteurerregiment zu begruenden. Es
traten ferner hinzu die ewigen Gegner Makedoniens, die Haeuptlinge der halb
wilden thrakischen und illyrischen Staemme und endlich Koenig Attalos von
Pergamon, der in dem Ruin der beiden griechischen Grossstaaten, die ihn
einschlossen, den eigenen Vorteil mit Einsicht und Energie verfolgte und
scharfsichtig genug war, sich der roemischen Klientel schon jetzt
anzuschliessen, wo seine Teilnahme noch etwas wert war. Es ist weder erfreulich
noch erforderlich, den Wechselfaellen dieses ziellosen Kampfes zu folgen.
Philippos, obwohl er jedem einzelnen seiner Gegner ueberlegen war und nach allen
Seiten hin die Angriffe mit Energie und persoenlicher Tapferkeit zurueckwies,
rieb sich dennoch auf in dieser heillosen Defensive. Bald galt es, sich gegen
die Aetoler zu wenden, die in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die
ungluecklichen Akarnanen vernichteten und Lokris und Thessalien bedrohten; bald
rief ihn ein Einfall der Barbaren in die noerdlichen Landschaften; bald sandten
die Achaeer um Hilfe gegen die aetolischen und spartanischen Raubzuege; bald
bedrohten Koenig Attalos von Pergamon und der roemische Admiral Publius
Sulpicius mit ihren vereinigten Flotten die oestliche Kueste oder setzten
Truppen ans Land in Euboea. Der Mangel einer Kriegsflotte laehmte Philippos in
allen seinen Bewegungen; es kam so weit, dass er von seinem Bundesgenossen
Prusias in Bithymen, ja von Hannibal Kriegsschiffe erbat. Erst gegen das Ende
des Krieges entschloss er sich zu dem, womit er haette anfangen muessen, hundert
Kriegsschiffe bauen zu lassen; Gebrauch ist indes von denselben nicht mehr
gemacht worden, wenn ueberhaupt der Befehl zur Ausfuehrung kam. Alle, die
Griechenlands Lage begriffen und ein Herz dafuer hatten, beklagten den unseligen
Krieg, in dem Griechenlands letzte Kraefte sich selbst zerfleischten und der
Wohlstand des Landes zugrunde ging; wiederholt hatten die Handelsstaaten Rhodos,
Chios, Mytilene, Byzanz, Athen, ja selbst Aegypten versucht zu vermitteln. In
der Tat lag es beiden Parteien nahe genug, sich zu vertragen. Wie die Makedonier
hatten auch die Aetoler, auf die es von den roemischen Bundesgenossen
hauptsaechlich ankam, viel unter dem Krieg zu leiden; besonders seit der kleine
Koenig der Athamanen von Philippos gewonnen worden und dadurch das innere
Aetolien den makedonischen Einfaellen geoeffnet war. Auch von ihnen gingen
allmaehlich manchem die Augen auf ueber die ehrlose und verderbliche Rolle, zu
der sie das roemische Buendnis verurteilte; es ging ein Schrei der Empoerung
durch die ganze griechische Nation, als die Aetoler in Gemeinschaft mit den
Roemern hellenische Buergerschaften, wie die von Antikyra, Oreos, Dyme, Aegina,
in Masse in die Sklaverei verkauften. Allein die Aetoler waren schon nicht mehr
frei: sie wagten viel, wenn sie auf eigene Hand mit Philippos Frieden schlossen,
und fanden die Roemer keineswegs geneigt, zumal bei der guenstigen Wendung der
Dinge in Spanien und in Italien, von einem Kriege abzustehen, den sie ihrerseits
bloss mit einigen Schiffen fuehrten und dessen Last und Nachteil wesentlich auf
die Aetoler fiel. Endlich entschlossen diese sich doch, den vermittelnden
Staedten Gehoer zu geben; trotz der Gegenbestrebungen der Roemer kam im Winter
548/49 (206/05) ein Friede zwischen den griechischen Maechten zustande. Aetolien
hatte einen uebermaechtigen Bundesgenossen in einen gefaehrlichen Feind
verwandelt; indes es schien dem roemischen Senat, der eben damals die Kraefte
des erschoepften Staates zu der entscheidenden afrikanischen Expedition aufbot,
nicht der geeignete Augenblick, den Bruch des Buendnisses zu ahnden. Selbst den
Krieg mit Philippos, den nach dem Ruecktritt der Aetoler die Roemer nicht ohne
bedeutende eigene Anstrengungen haetten fuehren koennen, erschien es
zweckmaessig, durch einen Frieden zu beendigen, durch den der Zustand vor dem
Kriege im wesentlichen wiederhergestellt ward und namentlich Rom mit Ausnahme
des wertlosen atintanischen Gebiets seine saemtlichen Besitzungen an der
epeirotischen Kueste behielt. Unter den Umstaenden musste Philippos sich noch
gluecklich schaetzen, solche Bedingungen zu erhalten; allein es war damit
ausgesprochen, was sich freilich nicht laenger verbergen liess, dass all das
unsaegliche Elend, welches die zehn Jahre eines mit widerwaertiger
Unmenschlichkeit gefuehrten Krieges ueber Griechenland gebracht hatten, nutzlos
erduldet, und dass die grossartige und richtige Kombination, die Hannibal
entworfen und ganz Griechenland einen Augenblick geteilt hatte,
unwiederbringlich gescheitert war.
In Spanien, wo der Geist Hamilkars und Hannibals maechtig war, war der
Kampf ernster. Er bewegt sich in seltsamen Wechselfaellen, wie die
eigentuemliche Beschaffenheit des Landes und die Sitte des Volkes sie mit sich
bringen. Die Bauern und Hirten, die in dem schoenen Ebrotal und dem ueppig
fruchtbaren Andalusien wie in dem rauhen von zahlreichen Waldgebirgen
durchschnittenen Hochland zwischen jenem und diesem wohnten, waren ebenso leicht
als bewaffneter Landsturm zusammenzutreiben wie schwer gegen den Feind zu
fuehren und ueberhaupt nur zusammenzuhalten. Die Staedte waren ebensowenig zu
festem und gemeinschaftlichem Handeln zu vereinigen, so hartnaeckig jede
einzelne Buergerschaft hinter ihren Waellen dem Draenger Trotz bot. Sie alle
scheinen zwischen den Roemern und den Karthagern wenig Unterschied gemacht zu
haben; ob die laestigen Gaeste, die sich im Ebrotal, oder die, welche am
Guadalquivir sich festgesetzt hatten, ein groesseres oder kleineres Stueck der
Halbinsel besassen, mag den Eingeborenen ziemlich gleichgueltig gewesen sein,
weshalb von der eigentuemlich spanischen Zaehigkeit im Parteinehmen mit
einzelnen Ausnahmen, wie Sagunt auf roemischer, Astapa auf karthagischer Seite,
in diesem Krieg wenig hervortritt. Dennoch ward der Krieg von beiden Seiten, da
weder die Roemer noch die Afrikaner hinreichende eigene Mannschaft mit sich
gefuehrt hatten, notwendig zum Propagandakrieg, in dem selten festgegruendete
Anhaenglichkeit, gewoehnlich Furcht, Geld oder Zufall entschied, und der, wenn
er zu Ende schien, sich in einen endlosen Festungs- und Guerillakrieg aufloeste,
um bald aus der Asche wieder aufzulodern. Die Armeen erscheinen und verschwinden
wie die Duenen am Strand; wo gestern ein Berg stand, findet man heute seine Spur
nicht mehr. Im allgemeinen ist das Uebergewicht auf Seiten der Roemer, teils
weil sie in Spanien zunaechst wohl auftraten als Befreier des Landes von der
phoenikischen Zwingherrschaft, teils durch die glueckliche Wahl ihrer Fuehrer
und durch den staerkeren Kern mitgebrachter zuverlaessiger Truppen; doch ist es
bei unserer sehr unvollkommenen und namentlich in der Zeitrechnung
tiefzerruetteten Ueberlieferung nicht wohl moeglich, von einem also gefuehrten
Kriege eine befriedigende Darstellung zu geben.
Die beiden Statthalter der Roemer auf der Halbinsel, Gnaeus und Publius
Scipio, beide, namentlich Gnaeus, gute Generale und vortreffliche Verwalter,
vollzogen ihre Aufgabe mit dem glaenzendsten Erfolg. Nicht bloss war der Riegel
der Pyrenaeen durchstehend behauptet und der Versuch, die gesprengte
Landverbindung zwischen dem feindlichen Oberfeldherrn und seinem Hauptquartier
wiederherzustellen, blutig zurueckgewiesen worden, nicht bloss in Tarraco durch
umfassende Festungswerke und Hafenanlagen nach dem Muster des spanischen
Neukarthago ein spanisches Neurom erschaffen, sondern es hatten auch die
roemischen Heere schon 539 (215) in Andalusien mit Glueck gefochten. Der Zug
dorthin ward das Jahr darauf (540 214) mit noch groesserem Erfolg wiederholt;
die Roemer trugen ihre Waffen fast bis zu den Saeulen des Herakles, breiteten
ihre Klientel im suedlichen Spanien aus und sicherten endlich durch die
Wiedergewinnung und Wiederherstellung von Sagunt sich eine wichtige Station auf
der Linie vom Ebro nach Cartagena, indem sie zugleich eine alte Schuld der
Nation soweit moeglich bezahlten. Waehrend die Scipionen so die Karthager aus
Spanien fast verdraengten, wussten sie ihnen im westlichen Afrika selbst einen
gefaehrlichen Feind zu erwecken an dem maechtigen westafrikanischen Fuersten
Syphax in den heutigen Provinzen Oran und Algier, welcher mit den Roemern in
Verbindung trat (um 541 213). Waere es moeglich gewesen, ein roemisches Heer ihm
zuzufuehren, so haette man auf grosse Erfolge hoffen duerfen; allein in Italien
konnte man eben damals keinen Mann entbehren und das spanische Heer war zu
schwach, um sich zu teilen. Indes schon Syphax' eigene Truppen, geschult und
gefuehrt von roemischen Offizieren, erregten unter den libyschen Untertanen
Karthagos so ernstliche Gaerung, dass der stellvertretende Oberkommandant von
Spanien und Afrika, Hasdrubal Barkas, selbst mit dem Kern der spanischen Truppen
nach Afrika ging. Vermutlich durch ihn trat dort eine Wendung ein; der Koenig
Gala in der heutigen Provinz Constantine, seit langem der Rival des Syphax,
erklaerte sich fuer Karthago, und sein tapferer Sohn Massinissa schlug den
Syphax und noetigte ihn zum Frieden. Ueberliefert ist uebrigens von diesem
libyschen Krieg wenig mehr als die Erzaehlung der grausamen Rache, die Karthago,
wie es pflegte, nach Massinissas Siege an den Aufstaendischen nahm.
Diese Wendung der Dinge in Afrika ward auch folgenreich fuer den spanischen
Krieg. Hasdrubal konnte abermals nach Spanien sich wenden (543 211), wohin bald
betraechtliche Verstaerkungen und Massinissa selbst ihm folgten. Die Scipionen,
die waehrend der Abwesenheit des feindlichen Oberfeldherrn (541 542 213 212) im
karthagischen Gebiet Beute und Propaganda zu machen fortgefahren hatten, sahen
sich unerwartet von so ueberlegenen Streitkraeften angegriffen, dass sie
entweder hinter den Ebro zurueckweichen oder die Spanier aufbieten mussten. Sie
waehlten das letztere und nahmen 20000 Keltiberer in Sold, worauf sie dann, um
den drei feindlichen Armeen unter Hasdrubal Barkas, Hasdrubal Gisgons Sohn, und
Mago besser zu begegnen, ihr Heer teilten und nicht einmal ihre roemischen
Truppen zusammenhielten. Damit bereiteten sie sich den Untergang. Waehrend
Gnaeus mit seinem Korps, einem Drittel der roemischen und den saemtlichen
spanischen Truppen, Hasdrubal Barkas gegenueber lagerte, bestimmte dieser ohne
Muehe durch eine Summe Geldes die Spanier im roemischen Heere zum Abzuge, was
ihnen nach ihrer Landsknechtmoral vielleicht nicht einmal als Treubruch
erschien, da sie ja nicht zu den Feinden ihres Soldherrn ueberliefen. Dem
roemischen Feldherrn blieb nichts uebrig, als in moeglichster Eile seinen
Rueckzug zu beginnen, wobei der Feind ihm auf dem Fusse folgte. Mittlerweile sah
sich das zweite roemische Korps unter Publius von den beiden anderen
phoenikischen Armeen unter Hasdrubal Gisgons Sohn und Mago lebhaft angegriffen,
und Massinissas kecke Reiterscharen setzten die Karthager in entschiedenen
Vorteil. Schon war das roemische Lager fast eingeschlossen; wenn noch die
bereits im Anzuge begriffenen spanischen Hilfstruppen eintrafen, waren die
Roemer vollstaendig umzingelt. Der kuehne Entschluss des Prokonsuls, mit seinen
besten Truppen den Spaniern entgegenzugehen, bevor deren Erscheinen die Luecke
in der Blockade fuellte, endigte nicht gluecklich. Die Roemer waren wohl anfangs
im Vorteil; allein die numidischen Reiter, die den Ausfallenden rasch waren
nachgesandt worden, erreichten sie bald und hemmten sowohl die Verfolgung des
halb schon erfochtenen Sieges, als auch den Rueckmarsch, bis dass die
phoenikische Infanterie herankam und endlich der Fall des Feldherrn die
verlorene Schlacht in eine Niederlage verwandelte. Nachdem Publius also erlegen
war, fand Gnaeus, der langsam zurueckweichend sich des einen karthagischen
Heeres muehsam erwehrt hatte, ploetzlich von dreien zugleich sich angefallen und
durch die numidische Reiterei jeden Rueckzug sich abgeschnitten. Auf einen
nackten Huegel gedraengt, der nicht einmal die Moeglichkeit bot, ein Lager zu
schlagen, wurde das ganze Korps niedergehauen oder kriegsgefangen; von dem
Feldherrn selbst ward nie wieder sichere Kunde vernommen. Eine kleine Abteilung
allein rettete ein trefflicher Offizier aus Gnaeus' Schule, Gaius Marcius,
hinueber auf das andere Ufer des Ebro und ebendahin gelang es dem Legaten Titus
Fonteius, den von dem Korps des Publius im Lager gebliebenen Teil in Sicherheit
zu bringen; sogar die meisten im suedlichen Spanien zerstreuten roemischen
Besatzungen vermochten sich dorthin zu fluechten. Bis zum Ebro herrschten die
Phoeniker in ganz Spanien ungestoert und der Augenblick schien nicht fern, wo
der Fluss ueberschritten, die Pyrenaeen frei und die Verbindung mit Italien
hergestellt sein wuerde. Da fuehrte die Not im roemischen Lager den rechten Mann
an die Spitze. Die Wahl der Soldaten berief mit Umgehung aelterer, nicht
untuechtiger Offiziere zum Fuehrer des Heeres jenen Gaius Marcius, und seine
gewandte Leitung und vielleicht ebenso sehr der Neid und Hader unter den drei
karthagischen Feldherren entrissen diesen die weiteren Fruechte des wichtigen
Sieges. Was von den Karthagern den Fluss ueberschritten, wurde zurueckgeworfen
und zunaechst die Ebrolinie behauptet, bis Rom Zeit gewann, ein neues Heer und
einen neuen Feldherrn zu senden. Zum Glueck gestattete dies die Wendung des
Krieges in Italien, wo soeben Capua gefallen war; es kam eine starke Legion -
12000 Mann - unter dem Propraetor Gaius Claudius Nero, die das Gleichgewicht der
Waffen wieder herstellte. Eine Expedition nach Andalusien im folgenden Jahr (544
210) hatte den besten Erfolg; Hasdrubal Barkas ward umstellt und eingeschlossen
und entrann der Kapitulation nur durch unfeine List und offenen Wortbruch.
Allein Nero war der rechte Feldherr nicht fuer den Spanischen Krieg. Er war ein
tuechtiger Offizier, aber ein harter auffahrender unpopulaerer Mann, wenig
geschickt, die alten Verbindungen wieder anzuknuepfen und neue einzuleiten und
Vorteil zu ziehen aus der Unbill und dem Uebermut, womit die Punier nach dem
Tode der Scipionen Freund und Feind im Jenseitigen Spanien behandelt und alle
gegen sich erbittert hatten. Der Senat, der die Bedeutung und die
Eigentuemlichkeit des Spanischen Krieges richtig beurteilte und durch die von
der roemischen Flotte gefangen eingebrachten Uticenser von den grossen
Anstrengungen erfahren hatte, die man in Karthago machte, um Hasdrubal und
Massinissa mit einem starken Heer ueber die Pyrenaeen zu senden, beschloss, nach
Spanien neue Verstaerkungen zu schicken und einen ausserordentlichen Feldherrn
hoeheren Ranges, dessen Ernennung man dem Volke anheimzugeben fuer gut fand.
Lange Zeit - so lautet der Bericht - meldete sich niemand zur Uebernahme des
verwickelten und gefaehrlichen Geschaefts, bis endlich ein junger
siebenundzwanzigjaehriger Offizier, Publius Scipio, der Sohn des in Spanien
gefallenen gleichnamigen Generals, gewesener Kriegstribun und Aedil, als
Bewerber auftrat. Es ist ebenso unglaublich, dass der roemische Senat in diesen
von ihm veranlassten Komitien eine Wahl von solchem Belang dem Zufall
anheimgestellt haben sollte, als dass Ehrgeiz und Vaterlandsliebe in Rom so
ausgestorben gewesen, dass fuer den wichtigen Posten kein versuchter Offizier
sich angeboten haette. Wenn dagegen die Blicke des Senats sich wandten auf den
jungen talentvollen und erprobten Offizier, der in den heissen Tagen am Ticinus
und bei Cannae sich glaenzend ausgezeichnet hatte, dem aber noch der
erforderliche Rang abging, um als Nachfolger von gewesenen Praetoren und Konsuln
aufzutreten, so war es sehr natuerlich, diesen Weg einzuschlagen, der das Volk
auf gute Art noetigte, den einzigen Bewerber trotz seiner mangelnden
Qualifikation zuzulassen und zugleich ihn und die ohne Zweifel sehr unpopulaere
spanische Expedition bei der Menge beliebt machen musste. War der Effekt dieser
angeblich improvisierten Kandidatur berechnet, so gelang er vollstaendig. Der
Sohn, der den Tod des Vaters zu raechen ging, dem er neun Jahre zuvor am Ticinus
das Leben gerettet hatte, der maennlich schoene junge Mann mit den langen
Locken, der bescheiden erroetend in Ermangelung eines Besseren sich darbot fuer
den Posten der Gefahr, der einfache Kriegstribun, den nun auf einmal die Stimmen
der Zenturien zu der hoechsten Amtstaffel erhoben - das alles machte auf die
roemischen Buerger und Bauern einen wunderbaren und unausloeschlichen Eindruck.
Und in der Tat, Publius Scipio war eine begeisterte und begeisternde Natur. Er
ist keiner jener wenigen, die mit ihrem eisernen Willen die Welt auf
Jahrhunderte hinaus durch Menschenkraft in neue Gleise zwingen; oder die doch
auf Jahre dem Schicksal in die Zuegel fallen, bis die Raeder ueber sie
hinrollen. Publius Scipio hat im Auftrag des Senats Schlachten gewonnen und
Laender eroberter hat mit Hilfe seiner militaerischen Lorbeeren auch als
Staatsmann in Rom eine hervorragende Stellung eingenommen; aber es ist weit von
da bis zu Alexander und Caesar. Als Offizier ist er seinem Vaterlande wenigstens
nicht mehr gewesen als Marcus Marcellus, und politisch hat er, wenn auch
vielleicht ohne seiner unpatriotischen und persoenlichen Politik sich deutlich
bewusst zu sein, seinem Lande mindestens ebensoviel geschadet, als er ihm durch
seine Feldherrngaben genutzt hat. Dennoch ruht ein besonderer Zauber auf dieser
anmutigen Heldengestalt; von der heiteren und sicheren Begeisterung, die Scipio
halb glaeubig halb geschickt vor sich hertrug, ist sie durchaus wie von einer
blendenden Aureole umflossen. Mit gerade genug Schwaermerei, um die Herzen zu
erwaermen, und genug Berechnung, um das Verstaendige ueberall entscheiden und
das Gemeine nicht aus dem Ansatz wegzulassen; nicht naiv genug, um den Glauben
der Menge an seine goettlichen Inspirationen zu teilen, noch schlicht genug, ihn
zu beseitigen, und doch im stillen innig ueberzeugt, ein Mann vom Gottes
besonderen Gnaden zu sein - mit einem Wort eine echte Prophetennatur; ueber dem
Volke stehend und nicht minder ausser dem Volke; ein Mann felsenfesten Worts und
koeniglichen Sinns, der durch Annahme des gemeinen Koenigtitels sich zu
erniedrigen meinte, aber ebensowenig begreifen konnte, dass die Verfassung der
Republik auch ihn band; seiner Groesse so sicher, dass er nichts wusste von Neid
und Hass und fremdes Verdienst leutselig anerkannte, fremde Fehler mitleidig
verzieh; ein vorzueglicher Offizier und feingebildeter Diplomat, ohne das
abstossende Sondergepraege dieses oder jenes Berufs, hellenische Bildung
einigend mit dem vollsten roemischen Nationalgefuehl, redegewandt und anmutiger
Sitte, gewann Publius Scipio die Herzen der Soldaten und der Frauen, seiner
Landsleute und der Spanier, seiner Nebenbuhler im Senat und seines groesseren
karthagischen Gegners. Bald war sein Name auf allen Lippen und er der Stern, der
seinem Lande Sieg und Frieden zu bringen bestimmt schien.
Publius Scipio ging nach Spanien 544/45 (210/09) ab, begleitet von dem
Propraetor Marcus Silanus, der an Neros Stelle treten und dem jungen
Oberfeldherrn als Beistand und Rat dienen sollte, und von seinem Flottenfuehrer
und Vertrauten Gaius Laelius, ausgeruestet abermals mit einer ueberzaehlig
starken Legion und einer wohlgefuellten Kasse. Gleich sein erstes Auftreten
bezeichnet einer der kuehnsten und gluecklichsten Handstreiche, die die
Geschichte kennt. Die drei karthagischen Heerfuehrer standen Hasdrubal Barkas an
den Quellen, Hasdrubal Gisgons Sohn an der Muendung des Tajo, Mago an den
Saeulen des Herakles; der naechste von ihnen um zehn Tagemaersche entfernt von
der phoenikischen Hauptstadt Neukarthago. Ploetzlich im Fruehjahr 545 (209), ehe
noch die feindlichen Heere sich in Bewegung setzten, brach Scipio gegen diese
Stadt, die er von der Ebromuendung aus in wenigen Tagen auf dem Kuestenweg
erreichen konnte, mit seiner ganzen Armee von ungefaehr 30000 Mann und der
Flotte auf und ueberraschte die nicht ueber 1000 Mann starke phoenikische
Besatzung mit einem kombinierten Angriff zu Wasser und zu Lande. Die Stadt, auf
einer in den Hafen hinein vorspringenden Landspitze gelegen, sah sich zugleich
auf drei Seiten von der roemischen Flotte, auf der vierten von den Legionen
bedroht und jede Hilfe war weit entfernt; aber der Kommandant Mago wehrte sich
mit Entschlossenheit und bewaffnete die Buergerschaft, da die Soldaten nicht
ausreichten, um die Mauern zu besetzen. Es ward ein Ausfall versucht, welchen
indes die Roemer ohne Muehe zurueckschlugen und ihrerseits, ohne zu der
Eroeffnung einer regelmaessigen Belagerung sich die Zeit zu nehmen, den Sturm
auf der Landseite begannen. Heftig draengten die Stuermenden auf dem schmalen
Landweg gegen die Stadt; immer neue Kolonnen loesten die ermuedeten ab; die
schwache Besatzung war aufs aeusserste erschoepft, aber einen Erfolg hatten die
Roemer nicht gewonnen. Scipio hatte auch keinen erwartet; der Sturm hatte bloss
den Zweck, die Besatzung von der Hafenseite wegzuziehen, wo er, unterrichtet
davon, dass ein Teil des Hafens zur Ebbezeit trocken liege, einen zweiten
Angriff beabsichtigte. Waehrend an der Landseite der Sturm tobte, sandte Scipio
eine Abteilung mit Leitern ueber das Watt, "wo Neptun ihnen selbst den Weg
zeige", und sie hatte in der Tat das Glueck, die Mauern hier unverteidigt zu
finden. So war am ersten Tage die Stadt gewonnen, worauf Mago in der Burg
kapitulierte. Mit der karthagischen Hauptstadt fielen achtzehn abgetakelte
Kriegs- und 63 Lastschiffe, das gesamte Kriegsmaterial, bedeutende
Getreidevorraete, die Kriegskasse von 600 Talenten (ueber 1 Million Taler),
zehntausend Gefangene, darunter achtzehn karthagische Gerusiasten oder Richter,
und die Geiseln der saemtlichen spanischen Bundesgenossen Karthagos in die
Gewalt der Roemer. Scipio verhiess den Geiseln die Erlaubnis zur Heimkehr, sowie
die Gemeinde eines jeden mit Rom in Buendnis getreten sein wuerde, und nutzte
die Hilfsmittel, die die Stadt ihm darbot, sein Heer zu verstaerken und in
besseren Stand zu bringen, indem er die neukarthagischen Handwerker, zweitausend
an der Zahl, fuer das roemische Heer arbeiten hiess gegen das Versprechen der
Freiheit bei der Beendigung des Krieges, und aus der uebrigen Menge die faehigen
Leute zum Ruderdienst auf den Schiffen auslas. Die Stadtbuerger aber wurden
geschont und ihnen die Freiheit und die bisherige Stellung gelassen; Scipio
kannte die Phoeniker und wusste, dass sie gehorchen wuerden, und es war wichtig,
die Stadt mit dem einzigen vortrefflichen Hafen an der Ostkueste und den reichen
Silberbergwerken nicht bloss durch eine Besatzung zu sichern.
So war die verwegene Unternehmung gelungen, verwegen deshalb, weil es
Scipio nicht unbekannt war, dass Hasdrubal Barkas von seiner Regierung den
Befehl erhalten hatte, nach Gallien vorzudringen, und diesen auszufuehren
beschaeftigt war, und weil die schwache, am Ebro zurueckgelassene Abteilung
unmoeglich imstande war, ihm dies ernstlich zu wehren, wenn Scipios Rueckkehr
sich auch nur verzoegerte. Indes er war zurueck in Tarraco, ehe Hasdrubal sich
am Ebro gezeigt hatte; das gefaehrliche Spiel, das der junge Feldherr spielte,
als er seine naechste Aufgabe im Stich liess, um einen lockenden Streich
auszufuehren, ward verdeckt durch den fabelhaften Erfolg, den Neptunus und
Scipio gemeinschaftlich gewonnen hatten. Die wunderhafte Einnahme der
phoenikischen Hauptstadt rechtfertigte so ueber die Massen alles, was man daheim
von dem wunderbaren Juengling sich versprochen hatte, dass jedes andere Urteil
verstummen musste. Scipios Kommando wurde auf unbestimmte Zeit verlaengert; er
selber beschloss, sich nicht mehr auf die duerftige Aufgabe zu beschraenken, der
Hueter der Pyrenaeenpaesse zu sein. Schon hatten infolge des Falles von
Neukarthago nicht bloss die diesseitigen Spanier sich voellig unterworfen,
sondern auch jenseits des Ebro die maechtigsten Fuersten die karthagische
Klientel mit der roemischen vertauscht. Scipio nutzte den Winter 545/46 (209/08)
dazu, seine Flotte aufzuloesen und mit den dadurch gewonnenen Leuten sein
Landheer so zu vermehren, dass er zugleich den Norden bewachen und im Sueden die
Offensive nachdruecklicher als bisher ergreifen koenne, und marschierte im Jahre
546 (208) nach Andalusien. Hier traf er auf Hasdrubal Barkas, der in Ausfuehrung
des lange gehegten Planes, dem Bruder zu Hilfe zu kommen, nordwaerts zog. Bei
Baecula kam es zur Schlacht, in der sich die Roemer den Sieg zuschrieben und
10000 Gefangene gemacht haben sollen; aber Hasdrubal erreichte, wenn auch mit
Aufopferung eines Teils seiner Armee, im wesentlichen seinen Zweck. Mit seiner
Kasse, seinen Elefanten und dem besten Teil seiner Truppen schlug er sich durch
an die spanische Nordkueste, erreichte am Ozean hinziehend die westlichen, wie
es scheint, nicht besetzten Pyrenaeenpaesse und stand noch vor dem Eintritt der
schlechten Jahreszeit in Gallien, wo er Winterquartier nahm. Es zeigte sich,
dass Scipios Entschluss, mit der ihm aufgetragenen Defensive die Offensive zu
verbinden, unueberlegt und unweise gewesen war; der naechsten Aufgabe des
spanischen Heeres, die nicht bloss Scipios Vater und Oheim, sondern selbst Gaius
Marcius und Gaius Nero mit viel geringeren Mitteln geloest hatten, hatte der
siegreiche Feldherr an der Spitze einer starken Armee in seinem Uebermut nicht
genuegt, und wesentlich er verschuldete die aeusserst gefaehrliche Lage Roms im
Sommer 547 (207), als Hannibals Plan eines kombinierten Angriffs auf die Roemer
endlich dennoch sich realisierte. Indes die Goetter deckten die Fehler ihres
Lieblings mit Lorbeeren zu. In Italien ging die Gefahr gluecklich vorueber; man
liess sich das Bulletin des zweideutigen Sieges von Baecula gefallen und
gedachte, als neue Siegesberichte aus Spanien einliefen, nicht weiter des
Umstandes, dass man den faehigsten Feldherrn und den Kern der spanisch-
phoenikischen Armee in Italien zu bekaempfen gehabt hatte.
Nach Hasdrubal Barkas' Entfernung beschlossen die beiden in Spanien
zurueckbleibenden Feldherren, vorlaeufig zurueckzuweichen, Hasdrubal Gisgons
Sohn nach Lusitanien, Mago gar auf die Balearen, und bis neue Verstaerkungen aus
Afrika anlangten, nur Massinissas leichte Reiterei in Spanien streifen zu
lassen, aehnlich wie es Muttines in Sizilien mit so grossem Erfolge getan. So
geriet die ganze Ostkueste in die Gewalt der Roemer. Im folgenden Jahre (547
207) erschien wirklich aus Afrika Hanno mit einem dritten Heere, worauf auch
Mago und Hasdrubal sich wieder nach Andalusien wandten. Allein Marcus Silanus
schlug Magos und Hannos vereinigte Heere und nahm den letzteren selbst gefangen.
Hasdrubal gab darauf die Behauptung des offenen Feldes auf und verteilte seine
Truppen in die andalusischen Staedte, von denen Scipio in diesem Jahr nur noch
eine, Oringis, erstuermen konnte. Die Phoeniker schienen ueberwaeltigt; aber
dennoch vermochten sie das Jahr darauf (548 206) wieder ein gewaltiges Heer ins
Feld zu senden, 32 Elefanten, 4000 Mann zu Pferde, 70000 zu Fuss, freilich zum
allergroessten Teil zusammengeraffte spanische Landwehr. Wieder bei Baecula kam
es zur Schlacht. Das roemische Heer zaehlte wenig mehr als die Haelfte des
feindlichen und auch von ihm war ein guter Teil Spanier. Scipio stellte, wie
Wellington in gleichem Fall, seine Spanier so auf, dass sie nicht zum Schlagen
kamen - die einzige Moeglichkeit, ihr Ausreissen zu verhindern -, waehrend er
umgekehrt seine roemischen Truppen zuerst auf die Spanier warf. Der Tag war
dennoch hart bestritten; doch siegten endlich die Roemer, und wie sich von
selbst versteht, war die Niederlage eines solchen Heeres gleichbedeutend mit der
voelligen Aufloesung desselben - einzeln retteten sich Hasdrubal und Mago nach
Gades. Die Roemer standen jetzt ohne Nebenbuhler auf der Halbinsel; die wenigen
nicht gutwillig sich fuegenden Staedte wurden einzeln bezwungen und zum Teil mit
grausamer Haerte bestraft. Scipio konnte sogar auf der afrikanischen Kueste dem
Syphax einen Besuch abstatten und mit ihm, ja selbst mit Massinissa fuer den
Fall einer Expedition nach Afrika Verbindungen einleiten - ein tollkuehnes
Wagstueck, das durch keinen entsprechenden Zweck gerechtfertigt ward, so sehr
auch der Bericht davon den neugierigen Hauptstaedtern daheim behagen mochte. Nur
Gades, wo Mago den Befehl fuehrte, war noch phoenikisch. Einen Augenblick schien
es, als ob, nachdem die Roemer die karthagische Erbschaft angetreten und die
hier und da in Spanien genaehrte Hoffnung nach Beendigung des phoenikischen
Regiments auch der roemischen Gaeste loszuwerden und die alte Freiheit wieder zu
erlangen, hinreichend widerlegt hatten, in Spanien eine allgemeine Insurrektion
gegen die Roemer ausbrechen wuerde, bei welcher die bisherigen Verbuendeten Roms
vorangingen. Die Erkrankung des roemischen Feldherrn und die Meuterei eines
seiner Korps, veranlasst durch den seit vielen Jahren rueckstaendigen Sold,
beguenstigten den Aufstand. Indes Scipio genas schneller als man gemeint hatte
und daempfte mit Gewandtheit den Soldatentumult; worauf auch die Gemeinden, die
bei der Nationalerhebung vorangegangen waren, alsbald niedergeworfen wurden, ehe
die Insurrektion Boden gewann. Da es also auch damit nichts und Gades doch auf
die Laenge nicht zu halten war, befahl die karthagische Regierung dem Mago
zusammenzuraffen, was dort an Schiffen, Truppen und Geld sich vorfinde, und
damit womoeglich dem Krieg in Italien eine andere Wendung zu geben. Scipio
konnte dies nicht wehren - es raechte sich jetzt, dass er seine Flotte
aufgeloest hatte - und musste zum zweitenmal die ihm anvertraute Beschirmung der
Heimat gegen neue Invasion seinen Goettern anheimstellen. Unbehindert verliess
der letzte von Hamilkars Soehnen die Halbinsel. Nach seinem Abzug ergab sich
auch Gades, die aelteste und letzte Besitzung der Phoeniker auf spanischem
Boden, unter guenstigen Bedingungen den neuen Herren. Spanien war nach
dreizehnjaehrigem Kampfe aus einer karthagischen in eine roemische Provinz
verwandelt worden, in der zwar noch jahrhundertelang die stets besiegte und nie
ueberwundene Insurrektion den Kampf gegen die Roemer fortfuehrte, aber doch im
Augenblick kein Feind den Roemern gegenueberstand. Scipio ergriff den ersten
Moment der Scheinruhe, um sein Kommando abzugeben (Ende 548 206) und in Rom
persoenlich von den erfochtenen Siegen und den gewonnenen Landschaften zu
berichten.
Waehrend also Marcellus in Sizilien, Publius Sulpicius in Griechenland,
Scipio in Spanien den Krieg beendigten, ging auf der italischen Halbinsel der
gewaltige Kampf ununterbrochen weiter. Hier standen, nachdem die Cannensische
Schlacht geschlagen war und deren Folgen an Verlust und Gewinn sich allmaehlich
uebersehen liessen, im Anfang des Jahres 540 (214), des fuenften Kriegsjahres,
die Roemer und Phoeniker folgendermassen sich gegenueber. Norditalien hatten die
Roemer nach Hannibals Abzug wieder besetzt und deckten es mit drei Legionen,
wovon zwei im Keltenlande standen, die dritte als Rueckhalt in Picenum.
Unteritalien bis zum Garganus und Volturnus war mit Ausnahme der Festungen und
der meisten Haefen in Hannibals Haenden. Er stand mit der Hauptarmee bei Arpi,
ihm in Apulien gegenueber, gestuetzt auf die Festungen Luceria und Benevent,
Tiberius Gracchus mit vier Legionen. Im brettischen Lande, dessen Einwohner sich
Hannibal gaenzlich in die Arme geworfen hatten und wo auch die Haefen, mit
Ausnahme von Rhegion, das die Roemer von Messana aus schuetzten, von den
Phoenikern besetzt worden waren, stand ein zweites karthagisches Heer unter
Hanno, ohne zunaechst einen Feind sich gegenueber zu sehen. Die roemische
Hauptarmee von vier Legionen unter den beiden Konsuln Quintus Fabius und Marcus
Marcellus war im Begriff, die Wiedergewinnung Capuas zu versuchen. Dazu kam
roemischerseits die Reserve von zwei Legionen in der Hauptstadt, die in alle
Seehaefen gelegte Besatzung, welche in Tarent und Brundisium wegen der dort
befuerchteten makedonischen Landung durch eine Legion verstaerkt worden war,
endlich die starke, das Meer ohne Widerstreit beherrschende Flotte. Rechnet man
dazu die roemischen Heere in Sizilien, Sardinien und Spanien, so laesst sich die
Gesamtzahl der roemischen Streitkraefte, auch abgesehen von dem
Besatzungsdienst, den in den unteritalischen Festungen die dort angesiedelte
Buergerschaft zu versehen hatte, nicht unter 200000 Mann anschlagen, darunter
ein Drittel fuer dies Jahr neu einberufene Leute und etwa die Haelfte roemische
Buerger. Man darf annehmen, dass die gesamte dienstfaehige Mannschaft vom 17.
bis zum 46. Jahre unter den Waffen stand und die Felder, wo der Krieg sie zu
bearbeiten erlaubte, von den Sklaven, den Alten, den Kindern und Weibern
bestellt wurden. Dass unter solchen Verhaeltnissen auch die Finanzen in der
peinlichsten Verlegenheit waren, ist begreiflich; die Grundsteuer, auf die man
hauptsaechlich angewiesen war, ging natuerlich nur sehr unregelmaessig ein. Aber
trotz dieser Not um Mannschaft und Geld vermochten die Roemer dennoch, das rasch
Verlorene zwar langsam und mit Anspannung aller Kraefte, aber doch
zurueckzuerobern; ihre Heere jaehrlich zu vermehren, waehrend die phoenikischen
zusammenschwanden; gegen Hannibals italische Bundesgenossen, die Kampaner,
Apuler, Samniten, Brettier, die weder wie die roemischen Festungen in
Unteritalien sich selber genuegten noch von Hannibals schwachem Heer hinreichend
gedeckt werden konnten, jaehrlich Boden zu gewinnen; endlich mittels der von
Marcus Marcellus begruendeten Kriegsweise das Talent der Offiziere zu entwickeln
und die Ueberlegenheit des roemischen Fussvolks in vollem Umfange ins Spiel zu
bringen. Hannibal durfte wohl noch auf Siege hoffen, aber nicht mehr auf Siege
wie am Trasimenischen See und am Aufidus; die Zeiten der Buergergenerale waren
vorbei. Es blieb ihm nichts uebrig, als abzuwarten, bis entweder Philippos die
laengst versprochene Landung ausfuehren oder die Brueder aus Spanien ihm die
Hand reichen wuerden, und mittlerweile sich, seine Armee und seine Klientel
soweit moeglich unversehrt und bei guter Laune zu erhalten. Man erkennt in der
zaehen Defensive, die jetzt beginnt, mit Muehe den Feldherrn wieder, der wie
kaum ein anderer stuermisch und verwegen die Offensive gefuehrt hat; es ist
psychologisch wie militaerisch bewundernswert, dass derselbe Mann die beiden ihm
gestellten Aufgaben ganz entgegengesetzter Art in gleicher Vollkommenheit
geloest hat.
Zunaechst zog der Krieg sich vornehmlich nach Kampanien. Hannibal erschien
rechtzeitig zum Schutz der Hauptstadt, deren Einschliessung er hinderte; allein
weder vermochte er irgendeine der kampanischen Staedte, die die Roemer besassen,
den starken roemischen Besatzungen zu entreissen, noch konnte er wehren, dass
ausser einer Menge minder wichtiger Landstaedte auch Casilinum, das ihm den
Uebergang ueber den Volturnus sicherte, von den beiden Konsularheeren nach
hartnaeckiger Gegenwehr genommen ward. Ein Versuch Hannibals Tarent zu gewinnen,
wobei es namentlich auf einen sicheren Landungsplatz fuer die makedonische Armee
abgesehen war, schlug ihm fehl. Das brettische Heer der Karthager unter Hanno
schlug sich inzwischen in Lucanien mit der roemischen Armee von Apulien herum;
Tiberius Gracchus bestand hier mit Erfolg den Kampf und gab nach einem
gluecklichen Gefecht unweit Benevent, bei dem die zum Dienst gepressten
Sklavenlegionen sich ausgezeichnet hatten, den Sklavensoldaten im Namen des
Volks die Freiheit und das Buergerrecht.
Im folgenden Jahr (541 213) gewannen die Roemer das reiche und wichtige
Arpi zurueck, dessen Buergerschaft, nachdem die roemischen Soldaten sich in die
Stadt eingeschlichen hatten, mit ihnen gegen die karthagische Besatzung
gemeinschaftliche Sache machte. Ueberhaupt lockerten sich die Bande der
Hannibalischen Symmachie; eine Anzahl der vornehmsten Capuaner und mehrere
brettische Staedte gingen ueber zu Rom; sogar eine spanische Abteilung des
phoenikischen Heeres trat, durch spanische Emissaere von dem Gang der Ereignisse
in der Heimat in Kenntnis gesetzt, aus karthagischen in roemische Dienste.
Unguenstiger war fuer die Roemer das Jahr 542 (212) durch neue politische
und militaerische Fehler, die Hannibal auszubeuten nicht unterliess. Die
Verbindungen, welche Hannibal in den grossgriechischen Staedten unterhielt,
hatten zu keinem ernstlichen Resultat gefuehrt; nur die in Rom befindlichen
tarentinischen und thurinischen Geiseln liessen sich durch seine Emissaere zu
einem tollen Fluchtversuch bestimmen, wobei sie schleunig von den roemischen
Posten wieder aufgegriffen wurden. Allein die unverstaendige Rachsucht der
Roemer foerderte Hannibal mehr als seine Intrigen; die Hinrichtung der
saemtlichen entwichenen Geiseln beraubte sie eines kostbaren Unterpfandes, und
die erbitterten Griechen sannen seitdem, wie sie Hannibal die Tore oeffnen
moechten. Wirklich ward Tarent durch Einverstaendnis mit der Buergerschaft und
durch die Nachlaessigkeit des roemischen Kommandanten von den Karthagern
besetzt; kaum dass die roemische Besatzung sich in der Burg behauptete. Dem
Beispiel Tarents folgten Herakleia, Thurii und Metapont, aus welcher Stadt zur
Rettung der Tarentiner Akropolis die Besatzung hatte weggezogen werden muessen.
Damit war die Gefahr einer makedonischen Landung so nahe gerueckt, dass Rom sich
genoetigt sah, dem fast gaenzlich vernachlaessigten griechischen Krieg neue
Aufmerksamkeit und neue Anstrengungen zuzuwenden, wozu gluecklicherweise die
Einnahme von Syrakus und der guenstige Stand des spanischen Krieges die
Moeglichkeit gewaehrte. Auf dem Hauptkriegsschauplatz, in Kampanien, ward mit
sehr abwechselndem Erfolge gefochten. Die in der Naehe von Capua postierten
Legionen hatten zwar die Stadt noch nicht eigentlich eingeschlossen, aber doch
die Bestellung des Ackers und die Einbringung der Ernte so sehr gehindert, dass
die volkreiche Stadt auswaertiger Zufuhr dringend bedurfte. Hannibal brachte
also einen betraechtlichen Getreidetransport zusammen und wies die Kampaner an,
ihn bei Benevent in Empfang zu nehmen; allein deren Saumseligkeit gab den
Konsuln Quintus Flaccus und Appius Claudius Zeit herbeizukommen, dem Hanno, der
den Transport deckte, eine schwere Niederlage beizubringen und sich seines
Lagers und der gesamten Vorraete zu bemaechtigen. Die beiden Konsuln schlossen
darauf die Stadt ein, waehrend Tiberius Gracchus sich auf der Appischen Strasse
aufstellte, um Hannibal den Weg zum Entsatz zu verlegen. Aber der tapfere Mann
fiel durch die schaendliche List eines treulosen Lucaners, und sein Tod kam
einer voelligen Niederlage gleich, da sein Heer, groesstenteils bestehend aus
jenen von ihm freigesprochenen Sklaven, nach dem Tode des geliebten Fuehrers
auseinanderlief. So fand Hannibal die Strasse nach Capua offen und noetigte
durch sein unvermutetes Erscheinen die beiden Konsuln, die kaum begonnene
Einschliessung wieder aufzuheben, nachdem noch vor Hannibals Eintreffen ihre
Reiterei von der phoenikischen, die unter Hanno und Bostar als Besatzung in
Capua lag, und der ebenso vorzueglichen kampanischen nachdruecklich geschlagen
worden war. Die totale Vernichtung der von Marcus Centenius, einem vom
Unteroffizier zum Feldherrn unvorsichtig befoerderten Mann, angefuehrten
regulaeren Truppen und Freischaren in Lucanien, und die nicht viel weniger
vollstaendige Niederlage des nachlaessigen und uebermuetigen Praetors Gnaeus
Fulvius Flaccus in Apulien beschlossen die lange Reihe der Unfaelle dieses
Jahres. Aber das zaehe Ausharren der Roemer machte wenigstens an dem
entscheidenden Punkte den raschen Erfolg Hannibals doch wieder zunichte. Sowie
Hannibal Capua den Ruecken wandte, um sich nach Apulien zu begeben, zogen die
roemischen Heere sich abermals um Capua zusammen, bei Puteoli und Volturnum
unter Appius Claudius, bei Casilinum unter Quintus Fulvius, auf der Nolanischen
Strasse unter dem Praetor Gaius Claudius Nero; die drei wohlverschanzten und
durch befestigte Linien miteinander verbundenen Lager sperrten jeden Zugang, und
die grosse, ungenuegend verproviantierte Stadt musste durch blosse Umstellung in
nicht entfernter Zeit sich zur Kapitulation gezwungen sehen, wenn kein Entsatz
kam. Wie der Winter 542/43 (212/11) zu Ende ging, waren auch die Vorraete fast
erschoepft, und dringende Boten, die kaum imstande waren, durch die
wohlbewachten roemischen Linien sich durchzuschleichen, begehrten schleunige
Hilfe von Hannibal, der, mit der Belagerung der Burg beschaeftigt, in Tarent
stand. In Eilmaerschen brach er mit 33 Elefanten und seinen besten Truppen von
Tarent nach Kampanien auf, hob den roemischen Posten in Calatia auf und nahm
sein Lager am Berge Tifata unmittelbar bei Capua, in der sicheren Erwartung,
dass die roemischen Feldherren eben wie im vorigen Jahre daraufhin die
Belagerung aufheben wuerden. Allein die Roemer, die Zeit gehabt hatten, ihre
Lager und ihre Linien festungsartig zu verschanzen, ruehrten sich nicht und
sahen unbeweglich von den Waellen aus zu, wie auf der einen Seite die
kampanischen Reiter, auf der anderen die numidischen Schwaerme an ihre Linien
anprallten. An einen ernstlichen Sturm durfte Hannibal nicht denken; er konnte
voraussehen, dass sein Anruecken bald die anderen roemischen Heere nach
Kampanien nachziehen wuerde, wenn nicht schon frueher der Mangel an Futter in
dem systematisch ausfouragierten Lande ihn aus Kampanien vertrieb. Dagegen liess
sich nichts machen. Hannibal versuchte noch einen Ausweg, den letzten, der
seinem erfinderischen Geist sich darbot, um die wichtige Stadt zu retten. Er
brach mit dem Entsatzheer, nachdem er den Kampanern von seinem Vorhaben
Nachricht gegeben und sie zum Ausharren ermahnt hatte, von Capua auf und schlug
die Strasse nach Rom ein. Mit derselben gewandten Kuehnheit wie in seinen ersten
italischen Feldzuegen warf er sich mit einem schwachen Heer zwischen die
feindlichen Armeen und Festungen und fuehrte seine Truppen durch Samnium und auf
der Valerischen Strasse an Tibur vorbei bis zur Aniobruecke, die er passierte
und auf dem anderen Ufer ein Lager nahm, eine deutsche Meile von der Stadt. Den
Schreck empfanden noch die Enkel der Enkel, wenn ihnen erzaehlt ward von
"Hannibal vor dem Tor"; eine ernstliche Gefahr war nicht vorhanden. Die
Landhaeuser und Aecker in der Naehe der Stadt wurden von den Feinden verheert;
die beiden Legionen in der Stadt, die gegen sie ausrueckten, verhinderten die
Berennung der Mauern. Durch einen Handstreich, wie ihn Scipio bald nachher gegen
Neukarthago ausfuehrte, Rom zu ueberrumpeln, hatte Hannibal uebrigens nie
gemeint und noch weniger an eine ernstliche Belagerung gedacht; seine Hoffnung
war einzig darauf gestellt, dass im ersten Schreck ein Teil des
Belagerungsheeres von Capua nach Rom marschieren und ihm also Gelegenheit geben
werde, die Blockade zu sprengen. Darum brach er nach kurzem Verweilen wieder
auf. Die Roemer sahen in seiner Umkehr ein Wunder der goettlichen Gnade, die
durch Zeichen und Gesichte den argen Mann zum Abzug bestimmt habe, wozu ihn die
roemischen Legionen freilich zu noetigen nicht vermochten; an der Stelle, wo
Hannibal der Stadt am naechsten gekommen war, von dem Capenischen Tor an dem
zweiten Miglienstein der Appischen Strasse, errichteten die dankbaren Glaeubigen
dem Gott "Rueckwender Beschuetzer" (Rediculus Tutanus) einen Altar. In der Tat
zog Hannibal ab, weil es so in seinem Plane lag, und schlug die Richtung nach
Capua ein. Allein die roemischen Feldherren hatten den Fehler nicht begangen,
auf den ihr Gegner gerechnet hatte; unbeweglich standen die Legionen in den
Linien um Capua und nur ein schwaches Korps war auf die Kunde von Hannibals
Marsch nach Rom detachiert worden. Wie Hannibal dies erfuhr, wandte er sich
ploetzlich um gegen den Konsul Publius Galba, der ihm von Rom her unbesonnen
gefolgt war, und mit dem er bisher vermieden hatte zu schlagen, ueberwand ihn
und erstuermte sein Lager; aber es war das ein geringer Ersatz fuer Capuas jetzt
unvermeidlichen Fall. Lange schon hatte die Buergerschaft daselbst, namentlich
die besseren Klassen derselben, mit bangen Ahnungen der Zukunft entgegengesehen;
den Fuehrern der Rom feindlichen Volkspartei blieb das Rathaus und die
staedtische Verwaltung fast ausschliesslich ueberlassen. Jetzt ergriff die
Verzweiflung Vornehme und Geringe, Kampaner und Phoeniker ohne Unterschied.
Achtundzwanzig vom Rat waehlten den freiwilligen Tod; die uebrigen uebergaben
die Stadt dem Gutfinden eines unversoehnlich erbitterten Feindes. Dass
Blutgerichte folgen mussten, verstand sich von selbst; man stritt nur ueber
langen oder kurzen Prozess: ob es klueger und zweckmaessiger sei, die weiteren
Verzweigungen des Hochverrats auch ausserhalb Capuas gruendlich zu ermitteln
oder durch rasche Exekution der Sache ein Ende zu machen. Ersteres wollten
Appius Claudius und der roemische Senat; die letztere Meinung, vielleicht die
weniger unmenschliche, siegte ob. Dreiundfuenfzig capuanische Offiziere und
Beamte wurden auf den Marktplaetzen von Cales und Teanum auf Befehl und vor den
Augen des Prokonsuls Quintus Flaccus ausgepeitscht und enthauptet, der Rest des
Rates eingekerkert, ein zahlreicher Teil der Buergerschaft in die Sklaverei
verkauft, das Vermoegen der Wohlhabenderen konfisziert. Aehnliche Gerichte
ergingen ueber Atella und Calatia. Diese Strafen waren hart; allein mit
Ruecksicht auf das, was Capuas Abfall fuer Rom bedeutet, und auf das, was der
Kriegsgebrauch jener Zeit wenn nicht recht, doch ueblich gemacht hatte, sind sie
begreiflich. Und hatte nicht durch den Mord der saemtlichen in Capua zur Zeit
des Abfalls anwesenden roemischen Buerger unmittelbar nach dem uebertritt die
Buergerschaft sich selber ihr Urteil gesprochen? Arg aber war es, dass Rom diese
Gelegenheit benutzte, um die stille Rivalitaet, die lange zwischen den beiden
groessten Staedten Italiens bestanden hatte, zu befriedigen und durch die
Aufhebung der kampanischen Stadtverfassung die gehasste und beneidete
Nebenbuhlerin vollstaendig politisch zu vernichten.
Ungeheuer war der Eindruck von Capuas Fall, und nur um so mehr, weil er
nicht durch Ueberraschung, sondern durch eine zweijaehrige, allen Anstrengungen
Hannibals zum Trotze durchgefuehrte Belagerung herbeigefuehrt worden war. Er war
ebenso sehr das Signal der den Roemern wiedergewonnenen Oberhand in Italien, wie
sechs Jahre zuvor der Uebertritt Capuas zu Hannibal das Signal der verlorenen
gewesen war. Vergeblich hatte Hannibal versucht, dem Eindruck dieser Nachricht
auf die Bundesgenossen entgegenzuarbeiten durch die Einnahme von Rhegion oder
der tarentinischen Burg. Sein Gewaltmarsch, um Rhegion zu ueberraschen, hatte
nichts gefruchtet und in der Burg von Tarent war der Mangel zwar gross, seit das
tarentinisch-karthagische Geschwader den Hafen sperrte, aber da die Roemer mit
ihrer weit staerkeren Flotte jenem Geschwader selbst die Zufuhr abzuschneiden
vermochten, und das Gebiet, das Hannibal beherrschte, kaum genuegte, sein Heer
zu ernaehren, so litten die Belagerer auf der Seeseite nicht viel weniger als
die Belagerten in der Burg und verliessen endlich den Hafen. Es gelang nichts
mehr; das Glueck selbst schien von dem Karthager gewichen. Diese Folgen von
Capuas Fall, die tiefe Erschuetterung des Ansehens und Vertrauens, das Hannibal
bisher bei den italischen Verbuendeten genossen, und die Versuche jeder nicht
allzusehr kompromittierten Gemeinde, auf leidliche Bedingungen in die roemische
Symmachie wieder zurueckzutreten, waren noch weit empfindlicher fuer Hannibal
als der unmittelbare Verlust. Er hatte die Wahl, in die schwankenden Staedte
entweder Besatzung zu werfen, wodurch er sein schon zu schwaches Heer noch mehr
schwaechte und seine zuverlaessigen Truppen der Aufreibung in kleinen
Abteilungen und dem Verrat preisgab - so wurden ihm im Jahre 544 (210) bei dem
Abfall der Stadt Salapia 500 auserlesene numidische Reiter niedergemacht; oder
die unsicheren Staedte zu schleifen und anzuzuenden, um sie dem Feind zu
entziehen, was denn auch die Stimmung unter seiner italischen Klientel nicht
heben konnte. Mit Capuas Fall fuehlten die Roemer des endlichen Ausganges des
Krieges in Italien sich wiederum sicher; sie entsandten betraechtliche
Verstaerkungen nach Spanien, wo durch den Fall der beiden Scipionen die Existenz
der roemischen Armee gefaehrdet war, und gestatteten zum erstenmal seit dem
Beginn des Krieges sich eine Verminderung der Gesamtzahl der Truppen, die bisher
trotz der jaehrlich steigenden Schwierigkeit der Aushebung jaehrlich vermehrt
worden und zuletzt bis auf 23 Legionen gestiegen war. Darum ward denn auch im
naechsten Jahr (544 210 ) der italische Krieg laessiger als bisher von den
Roemern gefuehrt, obwohl Marcus Marcellus nach Beendigung des sizilischen
Krieges wieder den Oberbefehl der Hauptarmee uebernommen hatte; er betrieb in
den inneren Landschaften den Festungskrieg und lieferte den Karthagern
unentschiedene Gefechte. Auch der Kampf um die tarentinische Akropole blieb ohne
entscheidendes Resultat. In Apulien gelang Hannibal die Besiegung des Prokonsuls
Gnaeus Fulvius Centumalus bei Herdoneae. Das Jahr darauf (545 209) schritten die
Roemer dazu, der zweiten Grossstadt, die zu Hannibal uebergetreten war, der
Stadt Tarent sich wieder zu bemaechtigen. Waehrend Marcus Marcellus den Kampf
gegen Hannibal selbst mit gewohnter Zaehigkeit und Energie fortsetzte - in einer
zweitaegigen Schlacht erfocht er, am ersten Tage geschlagen, am zweiten einen
schweren und blutigen Sieg; waehrend der Konsul Quintus Fulvius die schon
schwankenden Lucaner und Hirpiner zum Wechsel der Partei und zur Auslieferung
der phoenikischen Besatzungen bestimmte; waehrend gut geleitete Razzias von
Rhegion aus Hannibal noetigten, den bedraengten Brettiern zu Hilfe zu eilen,
setzte der alte Quintus Fabius, der noch einmal - zum fuenftenmal - das Konsulat
und damit den Auftrag, Tarent wieder zu erobern, angenommen hatte, sich fest in
dem nahen messapischen Gebiet, und der Verrat einer brettischen Abteilung der
Besatzung ueberlieferte ihm die Stadt, in der von den erbitterten Siegern
fuerchterlich gehaust ward. Was von der Besatzung oder von der Buergerschaft
ihnen vorkam, wurde niedergemacht und die Haeuser gepluendert. Es sollen 30000
Tarentiner als Sklaven verkauft, 3000 Talente (5 Mill. Taler) in den
Staatsschatz geflossen sein. Es war die letzte Waffentat des achtzigjaehrigen
Feldherrn; Hannibal kam zum Entsatz, als alles vorbei war, und zog sich zurueck
nach Metapont.
Nachdem also Hannibal seine wichtigsten Eroberungen eingebuesst
hatte und allmaehlich sich auf die suedwestliche Spitze der Halbinsel
beschraenkt sah, hoffte Marcus Marcellus, der fuer das naechste Jahr (546 208)
zum Konsul gewaehlt worden war, in Verbindung mit seinem tuechtigen Kollegen
Titus Quinctius Crispinus dem Krieg durch einen entscheidenden Angriff ein Ende
zu machen. Den alten Soldaten fochten seine sechzig Jahre nicht an; wachend und
traeumend verfolgte ihn der eine Gedanke, Hannibal zu schlagen und Italien zu
befreien. Allein das Schicksal sparte diesen Kranz fuer ein juengeres Haupt. Bei
einer unbedeutenden Rekognoszierung wurden beide Konsuln in der Gegend von
Venusia von einer Abteilung afrikanischer Reiter ueberfallen. Marcellus focht
den ungleichen Kampf, wie er vor vierzig Jahren gegen Hamilkar, vor vierzehn bei
Clastidium gefochten hatte, bis er sterbend vom Pferde sank; Crispinus entkam,
starb aber an den im Gefecht empfangenen Wunden (546 208).
Man stand jetzt im elften Kriegsjahr. Die Gefahr schien geschwunden, die
einige Jahre zuvor die Existenz des Staates bedroht hatte; aber nur um so mehr
fuehlte man den schweren und jaehrlich schwerer werdenden Druck des endlosen
Krieges. Die Staatsfinanzen litten unsaeglich. Man hatte nach der Schlacht von
Cannae (538 216) eine eigene Bankkommission (tres viri mensarii) aus den
angesehensten Maennern niedergesetzt, um fuer die oeffentlichen Finanzen in
diesen schweren Zeiten eine dauernde und umsichtige Oberbehoerde zu haben; sie
mag getan haben, was moeglich war, aber die Verhaeltnisse waren von der Art,
dass alle Finanzweisheit daran zuschanden ward. Gleich zu Anfang des Krieges
hatte man die Silber- und die Kupfermuenze verringert, den Legalkurs des
Silberstueckes um mehr als ein Drittel erhoeht und eine Goldmuenze weit ueber
den Metallwert ausgegeben. Sehr bald reichte dies nicht aus; man musste von den
Lieferanten auf Kredit nehmen und sah ihnen durch die Finger, weil man sie
brauchte, bis der arge Unterschleif zuletzt die Aedilen veranlasste, durch
Anklage vor dem Volk an einigen der schlimmsten ein Exempel zu statuieren. Man
nahm den Patriotismus der Vermoegenden, die freilich verhaeltnismaessig eben am
meisten litten, oft in Anspruch und nicht umsonst. Die Soldaten aus den besseren
Klassen und die Unteroffiziere und Reiter insgesamt schlugen, freiwillig oder
durch den Geist der Korps gezwungen, die Annahme des Soldes aus. Die Eigentuemer
der von der Gemeinde bewaffneten und nach dem Treffen bei Benevent
freigesprochenen Sklaven erwiderten der Bankkommission, die ihnen Zahlung anbot,
dass sie dieselbe bis zum Ende des Krieges anstehen lassen wollten (540 214).
Als fuer die Ausrichtung der Volksfeste und die Instandhaltung der oeffentlichen
Gebaeude kein Geld mehr in der Staatskasse war, erklaerten die Gesellschaften,
die diese Geschaefte bisher in Akkord gehabt hatten, sich bereit, dieselben
vorlaeufig unentgeltlich fortzufuehren (540 214). Es ward sogar, ganz wie im
Ersten Punischen Kriege, mittels einer freiwilligen Anleihe bei den Reichen eine
Flotte ausgeruestet und bemannt (544 210). Man verbrauchte die Muendelgelder, ja
man griff endlich im Jahre der Eroberung von Tarent den letzten, lange gesparten
Notpfennig (1144000 Taler) an. Dennoch genuegte der Staat seinen notwendigsten
Zahlungen nicht; die Entrichtung des Soldes stockte namentlich in den
entfernteren Landschaften in besorglicher Weise. Aber die Bedraengnis des Staats
war nicht der schlimmste Teil des materiellen Notstandes. ueberall lagen die
Felder brach; selbst wo der Krieg nicht hauste, fehlte es an Haenden fuer die
Hacke und die Sichel. Der Preis des Medimnos (1 preussischer Scheffel) war
gestiegen bis auf 15 Denare (3 1/3 Taler), mindestens das Dreifache des
hauptstaedtischen Mittelpreises, und viele waeren geradezu Hungers gestorben,
wenn nicht aus Aegypten Zufuhr gekommen waere und nicht vor allem der in
Sizilien wieder aufbluehende Feldbau der aergsten Not gesteuert haette. Wie aber
solche Zustaende die kleinen Bauernwirtschaften zerstoeren, den sauer
zurueckgelegten Sparschatz verzehren, die bluehenden Doerfer in Bettler- und
Raeubernester verwandeln, das lehren aehnliche Kriege, aus denen sich
anschaulichere Berichte erhalten haben.
Bedenklicher noch als diese materielle Not war die steigende Abneigung der
Bundesgenossen gegen den roemischen Krieg, der ihnen Gut und Blut frass. Zwar
auf die nichtlatinischen Gemeinden kam es dabei weniger an. Der Krieg selber
bewies es, dass sie nichts vermochten, solange die latinische Nation zu Rom
stand; an ihrer groesseren oder geringeren Widerwilligkeit war nicht viel
gelegen. Jetzt indes fing auch Latium an zu schwanken. Die meisten latinischen
Kommunen in Etrurien, Latium, dem Marsergebiet und dem noerdlichen Kampanien,
also eben in denjenigen latinischen Landschaften, die unmittelbar am wenigsten
von dem Kriege gelitten hatten, erklaerten im Jahre 545 (209) dem roemischen
Senat, dass sie von jetzt an weder Kontingente noch Steuern mehr schicken und es
den Roemern ueberlassen wuerden, den in ihrem Interesse gefuehrten Krieg selber
zu bestreiten. Die Bestuerzung in Rom war gross; allein fuer den Augenblick gab
es kein Mittel, die Widerspenstigen zu zwingen. Zum Glueck handelten nicht alle
latinischen Gemeinden so. Die gallischen, picenischen und sueditalischen
Kolonien, an ihrer Spitze das maechtige und patriotische Fregellae, erklaerten
im Gegenteil, dass sie um so enger und treulicher an Rom sich anschloessen -
freilich war es diesen allen sehr deutlich dargetan, dass bei dem gegenwaertigen
Kriege ihre Existenz womoeglich noch mehr auf dem Spiele stand als die der
Hauptstadt und dass dieser Krieg wahrlich nicht bloss fuer Rom, sondern fuer die
latinische Hegemonie in Italien, ja fuer Italiens nationale Unabhaengigkeit
gefuehrt ward. Auch jener halbe Abfall war sicherlich nicht Landesverrat,
sondern Kurzsichtigkeit und Erschoepfung; ohne Zweifel wuerden dieselben Staedte
ein Buendnis mit den Phoenikern mit Abscheu zurueckgewiesen haben. Allein immer
war es eine Spaltung zwischen Roemern und Latinern, und der Rueckschlag auf die
unterworfene Bevoelkerung der Landschaften blieb nicht aus. In Arretium zeigte
sich sogleich eine bedenkliche Gaerung; eine im Interesse Hannibals unter den
Etruskern angestiftete Verschwoerung ward entdeckt und schien so gefaehrlich,
dass man deswegen roemische Truppen marschieren liess. Militaer und Polizei
unterdrueckten diese Bewegung zwar ohne Muehe; allein sie war ein ernstes
Zeichen, was in jenen Landschaften kommen koenne, seit die latinischen
Zwingburgen nicht mehr schreckten.
In diese schwierigen und gespannten Verhaeltnisse schlug ploetzlich die
Nachricht hinein, dass Hasdrubal im Herbst des Jahres 546 (208) die Pyrenaeen
ueberschritten habe und man sich darauf gefasst machen muesse, im naechsten Jahr
in Italien den Krieg mit den beiden Soehnen Hamilkars zu fuehren. Nicht umsonst
hatte Hannibal die langen schweren Jahre hindurch auf seinem Posten ausgeharrt;
was die faktioese Opposition daheim, was der kurzsichtige Philippos ihm versagt
hatte, das fuehrte endlich der Bruder ihm heran, in dem wie in ihm selbst
Hamilkars Geist maechtig war. Schon standen achttausend Ligurer, durch
phoenikisches Gold geworben, bereit, sich mit Hasdrubal zu vereinigen; wenn er
die erste Schlacht gewann, so durfte er hoffen, gleich dem Bruder die Gallier,
vielleicht die Etrusker gegen Rom unter die Waffen zu bringen. Italien war aber
nicht mehr, was es vor elf Jahren gewesen; der Staat und die einzelnen waren
erschoepft, der latinische Bund gelockert, der beste Feldherr soeben auf dem
Schlachtfeld gefallen und Hannibal nicht bezwungen. In der Tat, Scipio mochte
die Gunst seines Genius preisen, wenn er die Folgen seines unverzeihlichen
Fehlers von ihm und dem Lande abwandte.
Wie in den Zeiten der schwersten Gefahr bot Rom wieder dreiundzwanzig
Legionen auf; man rief Freiwillige zu den Waffen und zog die gesetzlich vom
Kriegsdienst Befreiten zur Aushebung mit heran. Dennoch wurde man ueberrascht.
Freunden und Feinden ueber alle Erwartung frueh stand Hasdrubal diesseits der
Alpen (547 207); die Gallier, der Durchmaersche jetzt gewohnt, oeffneten fuer
gutes Geld willig ihre Paesse und lieferten, was das Heer bedurfte. Wenn man in
Rom beabsichtigt hatte, die Ausgaenge der Alpenpaesse zu besetzen, so kam man
damit wieder zu spaet; schon vernahm man, dass Hasdrubal am Padus stehe, dass er
die Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder zu den Waffen rufe, dass
Placentia berannt werde. Schleunigst begab der Konsul Marcus Livius sich zu der
Nordarmee; und es war hohe Zeit, dass er erschien. Etrurien und Umbrien waren in
dumpfer Gaerung; Freiwillige von dort verstaerkten das phoenikische Heer. Sein
Kollege Gaius Nero zog aus Venusia den Praetor Gaius Hostilius Tubulus an sich
und eilte mit einem Heere von 40000 Mann, Hannibal den Weg nach Norden zu
verlegen. Dieser sammelte seine ganze Macht im brettischen Gebiet, und auf der
grossen, von Rhegion nach Apulien fuehrenden Strasse vorrueckend traf er bei
Grumentum auf den Konsul. Es kam zu einem hartnaeckigen Gefecht, in welchem Nero
sich den Sieg zuschrieb; allein Hannibal vermochte wenigstens, wenn auch mit
Verlust, durch einen seiner gewoehnlichen geschickten Seitenmaersche sich dem
Feinde zu entziehen und ungehindert Apulien zu erreichen. Hier blieb er stehen
und lagerte anfangs bei Venusia, alsdann bei Canusium, Nero, der ihm auf dem
Fuss gefolgt war, dort wie hier ihm gegenueber. Dass Hannibal freiwillig
stehenblieb und nicht von der roemischen Armee am Vorruecken gehindert ward,
scheint nicht zu bezweifeln; der Grund, warum er gerade hier und nicht weiter
noerdlich sich aufstellte, muss gelegen haben in Verabredungen Hannibals mit
Hasdrubal oder in Mutmassungen ueber dessen Marschroute, die wir nicht kennen.
Waehrend also hier die beiden Heere sich untaetig gegenueberstanden, ward die im
Hannibalischen Lager sehnlich erwartete Depesche Hasdrubals von Neros Posten
aufgefangen; sie ergab, dass Hasdrubal beabsichtigte, die Flaminische Strasse
einzuschlagen, also zunaechst sich an der Kueste zu halten und dann bei Fanum
ueber den Apennin gegen Narnia sich zu wenden, an welchem Orte er Hannibal zu
treffen gedenke. Sofort liess Nero nach Narnia als dem zur Vereinigung der
beiden phoenikischen Heere ausersehenen Punkt die hauptstaedtische Reserve
vorgehen, wogegen die bei Capua stehende Abteilung nach der Hauptstadt kam und
dort eine neue Reserve gebildet ward. Ueberzeugt, dass Hannibal die Absicht des
Bruders nicht kenne und fortfahren werde, ihn in Apulien zu erwarten, entschloss
sich Nero zu dem kuehnen Wagnis, mit einem kleinen, aber auserlesenen Korps von
7000 Mann in Gewaltmaerschen nordwaerts zu eilen und womoeglich in Gemeinschaft
mit dem Kollegen den Hasdrubal zur Schlacht zu zwingen; er konnte es, denn das
roemische Heer, das er zurueckliess, blieb immer stark genug, um Hannibal
entweder standzuhalten, wenn er angriff, oder ihn zu geleiten und mit ihm
zugleich an dem Orte der Entscheidung einzutreffen, wenn er abzog. Nero fand den
Kollegen Marcus Livius bei Sena gallica, den Feind erwartend. Sofort rueckten
beide Konsuln aus gegen Hasdrubal, den sie beschaeftigt fanden, den Metaurus zu
ueberschreiten. Hasdrubal wuenschte die Schlacht zu vermeiden und sich
seitwaerts den Roemern zu entziehen; allein seine Fuehrer liessen ihn im Stich,
er verirrte sich auf dem ihm fremden Terrain und wurde endlich auf dem Marsch
von der roemischen Reiterei angegriffen und so lange festgehalten, bis auch das
roemische Fussvolk eintraf und die Schlacht unvermeidlich ward. Hasdrubal
stellte die Spanier auf den rechten Fluegel, davor seine zehn Elefanten, die
Gallier auf den linken, den er versagte. Lange schwankte das Gefecht auf dem
rechten Fluegel und der Konsul Livius, der hier befehligte, ward hart gedraengt,
bis Nero, seine strategische Operation taktisch wiederholend, den ihm
unbeweglich gegenueberstehenden Feind stehen liess und, um die eigene Armee
herum marschierend, den Spaniern in die Flanke fiel. Dies entschied. Der schwer
erkaempfte und sehr blutige Sieg war vollstaendig; das Heer, das keinen Rueckzug
hatte, ward vernichtet, das Lager erstuermt, Hasdrubal, da er die vortrefflich
geleitete Schlacht verloren sah, suchte und fand gleich seinem Vater einen
ehrlichen Reitertod. Als Offizier und als Mann war er wert, Hannibals Bruder zu
sein.
Am Tage nach der Schlacht brach Nero wieder auf und stand nach kaum
vierzehntaegiger Abwesenheit abermals in Apulien Hannibal gegenueber, den keine
Botschaft erreicht und der sich nicht geruehrt hatte. Die Botschaft brachte ihm
der Konsul mit; es war der Kopf des Bruders, den der Roemer den feindlichen
Posten hinwerfen liess, also dem grossen Gegner, der den Krieg mit Toten
verschmaehte, die ehrenvolle Bestattung des Paullus, Gracchus und Marcellus
vergeltend. Hannibal erkannte, dass er umsonst gehofft hatte und dass alles
vorbei war. Er gab Apulien und Lucanien, sogar Metapont auf und zog mit seinen
Truppen zurueck in das brettische Land, dessen Haefen sein einziger Rueckzug
waren. Durch die Energie der roemischen Feldherren und mehr noch durch eine
beispiellos glueckliche Fuegung war eine Gefahr von Rom abgewandt, deren Groesse
Hannibals zaehes Ausharren in Italien rechtfertigt und die mit der Groesse der
cannensischen den Vergleich vollkommen aushaelt. Der Jubel in Rom war
grenzenlos; die Geschaefte begannen wieder wie in Friedenszeit; jeder fuehlte,
dass die Gefahr des Krieges verschwunden sei.
Indes ein Ende zu machen beeilte man sich in Rom eben nicht. Der Staat und
die Buerger waren erschoepft durch die uebermaessige moralische und materielle
Anspannung aller Kraefte; gern gab man der Sorglosigkeit und der Ruhe sich hin.
Heer und Flotte wurden vermindert, die roemischen und latinischen Bauern auf
ihre veroedeten Hoefe zurueckgefuehrt, die Kasse durch den Verkauf eines Teils
der kampanischen Domaene gefuellt. Die Staatsverwaltung wurde neu geregelt und
die eingerissenen Unordnungen abgestellt; man fing an, das freiwillige
Kriegsanlehen zurueckzuzahlen, und zwang die im Rueckstand gebliebenen
latinischen Gemeinden, ihren versaeumten Pflichten mit schweren Zinsen zu
genuegen.
Der Krieg in Italien stockte. Es war ein glaenzender Beweis von Hannibals
strategischem Talent sowie freilich auch von der Unfaehigkeit der jetzt ihm
gegenueberstehenden roemischen Feldherren, dass er von da an noch durch vier
Jahre im brettischen Lande das Feld behaupten und von dem weit ueberlegenen
Gegner weder gezwungen werden konnte, sich in die Festungen einzuschliessen noch
sich einzuschiffen. Freilich musste er immer weiter zurueckweichen, weniger in
Folge der ihm von den Roemern gelieferten, nichts entscheidenden Gefechte, als
weil seine brettischen Bundesgenossen immer schwieriger wurden und er zuletzt
nur auf die Staedte noch zaehlen konnte, die sein Heer besetzt hielt. So gab er
Thurii freiwillig auf; Lokri ward auf Publius Scipios Veranstaltung von Rhegion
aus wieder eingenommen (549 205). Als sollten seine Entwuerfe noch schliesslich
von den karthagischen Behoerden, die sie ihm verdorben hatten, selbst eine
glaenzende Rechtfertigung erhalten, suchten diese in der Angst vor der
erwarteten Landung der Roemer jene Plaene nun selbst wieder hervor (548, 549
206, 205) und sandten an Hannibal nach Italien, an Mago nach Spanien
Verstaerkung und Subsidien mit dem Befehl, den Krieg in Italien aufs neue zu
entflammen und den zitternden Besitzern der libyschen Landhaeuser und der
karthagischen Buden noch einige Frist zu erfechten. Ebenso ging eine
Gesandtschaft nach Makedonien, um Philippos zur Erneuerung des Buendnisses und
zur Landung in Italien zu bestimmen (549 205). Allein es war zu spaet. Philippos
hatte wenige Monate zuvor mit Rom Frieden geschlossen; die bevorstehende
politische Vernichtung Karthagos war ihm zwar unbequem, aber er tat oeffentlich
wenigstens nichts gegen Rom. Es ging ein kleines makedonisches Korps nach
Afrika, das nach der Behauptung der Roemer Philippos aus seiner Tasche bezahlte;
begreiflich waere es, allein Beweise wenigstens hatten, wie der spaetere Verlauf
der Ereignisse zeigt, die Roemer dafuer nicht. An eine makedonische Landung in
Italien ward nicht gedacht.
Ernstlicher griff Mago, Hamilkars juengster Sohn, seine Aufgabe an. Mit den
Truemmern der spanischen Armee, die er zunaechst nach Minorca gefuehrt hatte,
landete er im Jahre 549 (205) bei Genua, zerstoerte die Stadt und rief die
Ligurer und Gallier zu den Waffen, die das Gold und die Neuheit des Unternehmens
wie immer scharenweise herbeizog; seine Verbindungen gingen sogar durch ganz
Etrurien, wo die politischen Prozesse nicht ruhten. Allein was er an Truppen
mitgebracht, war zu wenig fuer eine ernstliche Unternehmung gegen das
eigentliche Italien, und Hannibal war gleichfalls viel zu schwach und sein
Einfluss in Unteritalien viel zu sehr gesunken, als dass er mit Erfolg haette
vorgehen koennen. Die karthagischen Herren hatten die Rettung der Heimat nicht
gewollt, da sie moeglich war; jetzt, da sie sie wollten, war sie nicht mehr
moeglich.
Wohl niemand zweifelte im roemischen Senat, weder daran, dass der Krieg
Karthagos gegen Rom zu Ende sei, noch daran, dass nun der Krieg Roms gegen
Karthago begonnen werden muesse; allein die afrikanische Expedition, so
unvermeidlich sie war, scheute man sich anzuordnen. Man bedurfte dazu vor allem
eines faehigen und beliebten Fuehrers; und man hatte keinen. Die besten Generale
waren entweder auf dem Schlachtfeld gefallen oder sie waren, wie Quintus Fabius
und Quintus Fulvius, fuer einen solchen ganz neuen und wahrscheinlich
langwierigen Krieg zu alt. Die Sieger von Sena, Gaius Nero und Marcus Livius,
waeren der Aufgabe schon gewachsen gewesen, allein sie waren beide im hoechsten
Grade unpopulaere Aristokraten; es war zweifelhaft, ob es gelingen wuerde, ihnen
das Kommando zu verschaffen - so weit war man ja schon, dass die Tuechtigkeit
allein nur in den Zeiten der Angst die Wahlen entschied -, und mehr als
zweifelhaft, ob dies die Maenner waren, die dem erschoepften Volke neue
Anstrengungen ansinnen durften. Da kam Publius Scipio aus Spanien zurueck, und
der Liebling der Menge, der seine von ihr empfangene Aufgabe so glaenzend
erfuellt hatte oder doch erfuellt zu haben schien, ward sogleich fuer das
naechste Jahr zum Konsul gewaehlt. Er trat sein Amt an (549 205) mit dem festen
Entschluss, die schon in Spanien entworfene afrikanische Expedition jetzt zu
verwirklichen. Indes im Senat wollte nicht bloss die Partei der methodischen
Kriegfuehrung von einer afrikanischen Expedition so lange nichts wissen, als
Hannibal noch in Italien stand, sondern es war auch die Majoritaet dem jungen
Feldherrn selbst keineswegs guenstig gesinnt. Seine griechische Eleganz und
moderne Bildung und Gesinnung sagte den strengen und etwas baeurischen Vaetern
der Stadt sehr wenig zu und gegen seine Kriegfuehrung in Spanien bestanden
ebenso ernste Bedenken wie gegen seine Soldatenzucht. Wie begruendet der Vorwurf
war, dass er gegen seine Korpschefs allzugrosse Nachsicht zeige, bewiesen sehr
bald die Schaendlichkeiten, die Gaius Pleminius in Lokri veruebte, und die
Scipio allerdings durch seine fahrlaessige Beaufsichtigung in der aergerlichsten
Weise mittelbar mit verschuldet hatte. Dass bei den Verhandlungen im Senat ueber
die Anordnung des afrikanischen Feldzugs und die Bestellung des Feldherrn dafuer
der neue Konsul nicht uebel Lust bezeigte, wo immer Brauch und Verfassung mit
seinen Privatabsichten in Konflikt gerieten, solche Hemmnisse beiseite zu
schieben, und dass er sehr deutlich zu verstehen gab, wie er sich aeussersten
Falls der Regierungsbehoerde gegenueber auf seinen Ruhm und seine Popularitaet
bei dem Volke zu stuetzen gedenke, musste den Senat nicht bloss kraenken,
sondern auch die ernstliche Besorgnis erwecken, ob ein solcher Oberfeldherr bei
dem bevorstehenden Entscheidungskrieg und den etwaigen Friedensverhandlungen mit
Karthago sich an die ihm gewordenen Instruktionen binden werde; eine Besorgnis,
welche die eigenmaechtige Fuehrung der spanischen Expedition keineswegs zu
beschwichtigen geeignet war. Indes bewies man auf beiden Seiten Einsicht genug,
um es nicht zum Aeussersten kommen zu lassen. Auch der Senat konnte nicht
verkennen, dass die afrikanische Expedition notwendig und es nicht weise war,
dieselbe ins Unbestimmte hinauszuschieben; nicht verkennen, dass Scipio ein
aeusserst faehiger Offizier und insofern zum Fuehrer eines solchen Krieges wohl
geeignet war und dass, wenn einer, er es vermochte, vom Volke die Verlaengerung
seines Oberbefehls so lange als noetig und die Aufbietung der letzten Kraefte zu
erlangen. Die Majoritaet kam zu dem Entschluss, Scipio den gewuenschten Auftrag
nicht zu versagen, nachdem derselbe zuvor die der hoechsten Regierungsbehoerde
schuldige Ruecksicht wenigstens der Form nach beobachtet und im Voraus sich dem
Beschluss des Senats unterworfen hatte. Scipio sollte dies Jahr nach Sizilien
gehen, um den Bau der Flotte, die Herstellung des Belagerungsmaterials und die
Bildung der Expeditionsarmee zu betreiben, und dann im naechsten Jahr in Afrika
landen. Es ward ihm hierzu die sizilische Armee - noch immer jene beiden aus den
Truemmern des cannensischen Heeres gebildeten Legionen - zur Disposition
gestellt, da zur Deckung der Insel eine schwache Besatzung und die Flotte
vollstaendig ausreichten, und ausserdem ihm gestattet, in Italien Freiwillige
aufzubieten. Es war augenscheinlich, dass der Senat die Expedition nicht
anordnete, sondern vielmehr geschehen liess; Scipio erhielt nicht die Haelfte
der Mittel, die man einst Regulus zu Gebot gestellt hatte, und ueberdies eben
dasjenige Korps, das seit Jahren vom Senat mit berechneter Zuruecksetzung
behandelt worden war. Die afrikanische Armee war im Sinne der Majoritaet des
Senats ein verlorener Posten von Strafkompanien und Volontaers, deren Untergang
der Staat allenfalls verschmerzen konnte.
Ein anderer Mann als Scipio haette vielleicht erklaert, dass die
afrikanische Expedition entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht unternommen
werden muesse; allein Scipios Zuversicht ging auf die Bedingungen ein, wie sie
immer waren, um nur zu dem heissersehnten Kommando zu gelangen. Sorgfaeltig
vermied er, soweit es anging, das Volk unmittelbar zu belaestigen, um nicht der
Popularitaet der Expedition zu schaden. Die Kosten derselben, namentlich die
betraechtlichen des Flottenbaus, wurden teils beigeschafft durch eine sogenannte
freiwillige Kontribution der etruskischen Staedte, das heisst durch eine den
Arretinern und den sonstigen phoenikisch gesinnten Gemeinden zur Strafe
auferlegte Kriegssteuer, teils auf die sizilischen Staedte gelegt; in vierzig
Tagen war die Flotte segelfertig. Die Mannschaft verstaerkten Freiwillige, deren
bis siebentausend aus allen Teilen Italiens dem Rufe des geliebten Offiziers
folgten. So ging Scipio im Fruehjahr 550 (204) mit zwei starken
Veteranenlegionen (etwa 30000 Mann), 40 Kriegs- und 400 Transportschiffen nach
Afrika unter Segel und landete gluecklich, ohne den geringsten Widerstand zu
finden, am Schoenen Vorgebirge in der Naehe von Utica.
Die Karthager, die seit langem erwarteten, dass auf die Pluenderungszuege,
welche die roemischen Geschwader in den letzten Jahren haeufig nach der
afrikanischen Kueste gemacht hatten, ein ernstlicher Einfall folgen werde,
hatten, um dessen sich zu erwehren, nicht bloss den italisch-makedonischen Krieg
aufs neue in Gang zu bringen versucht, sondern auch daheim geruestet, um die
Roemer zu empfangen. Es war gelungen, von den beiden rivalisierenden
Berberkoenigen, Massinissa von Cirta (Constantine), dem Herrn der Massyler, und
Syphax von Siga (an der Tafnamuendung, westlich von Oran), dem Herrn der
Massaesyler, den letzteren, den bei weitem maechtigeren und bisher den Roemern
befreundeten, durch Vertrag und Verschwaegerung eng an Karthago zu knuepfen,
indem man den anderen, den alten Nebenbuhler des Syphax und Bundesgenossen der
Karthager, fallen liess. Massinissa war nach verzweifelter Gegenwehr der
vereinigten Macht der Karthager und des Syphax erlegen und hatte seine Laender
dem letzteren zur Beute lassen muessen; er selbst irrte mit wenigen Reitern in
der Wueste. Ausser dem Zuzug, der von Syphax zu erwarten war, stand ein
karthagisches Heer von 20000 Mann zu Fuss, 6000 Reitern und 140 Elefanten -
Hanno war eigens deshalb auf Elefantenjagd ausgeschickt worden - schlagfertig
zum Schutz der Hauptstadt, unter der Fuehrung des in Spanien erprobten Feldherrn
Hasdrubal, Gisgons Sohn; im Hafen lag eine starke Flotte. Ein makedonisches
Korps unter Sopater und eine Sendung keltiberischer Soeldner wurden demnaechst
erwartet.
Auf das Geruecht von Scipios Landung traf Massinissa sofort in dem Lager
des Feldherrn ein, dem er vor nicht langem in Spanien als Feind
gegenuebergestanden hatte; allein der laenderlose Fuerst brachte zunaechst den
Roemern nichts als seine persoenliche Tuechtigkeit, und die Libyer, obwohl der
Aushebungen und Steuern herzlich muede, hatten doch in aehnlichen Faellen zu
bittere Erfahrungen gemacht, um sich sofort fuer die Roemer zu erklaeren. So
begann Scipio den Feldzug. Solange er nur die schwaechere karthagische Armee
gegen sich hatte, war er im Vorteil und konnte nach einigen gluecklichen
Reitergefechten zur Belagerung von Utica schreiten; allein als Syphax eintraf,
angeblich mit 50000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern, musste die Belagerung
aufgehoben und auf einem leicht zu verschanzenden Vorgebirg zwischen Utica und
Karthago ein befestigtes Schiffslager geschlagen werden. Hier verging dem
roemischen General der Winter 550/51 (204/03). Aus der ziemlich unbequemen Lage,
in der das Fruehjahr ihn fand, befreite er sich durch einen gluecklichen
Handstreich. Die Afrikaner, eingeschlaefert durch die von Scipio mehr listig als
ehrlich angesponnenen Friedensverhandlungen, liessen sich in einer und derselben
Nacht in ihren beiden Lagern ueberfallen: die Rohrhuetten der Numidier loderten
in Flammen auf, und als die Karthager eilten zu helfen, traf ihr eigenes Lager
dasselbe Schicksal; wehrlos wurden die Fluechtenden von den roemischen
Abteilungen niedergemacht. Dieser naechtliche Ueberfall war verderblicher als
manche Schlacht. Indes die Karthager liessen den Mut nicht sinken und verwarfen
sogar den Rat der Furchtsamen, oder vielmehr der Verstaendigen, Mago und
Hannibal zurueckzurufen. Eben jetzt waren die erwarteten keltiberischen und
makedonischen Hilfstruppen angelangt; man beschloss, auf den "grossen Feldern",
fuenf Tagemaersche von Utica, noch einmal die offene Feldschlacht zu versuchen.
Scipio eilte, sie anzunehmen; mit leichter Muehe zerstreuten seine Veteranen und
Freiwilligen die zusammengerafften karthagischen und numidischen Schwaerme und
auch die Keltiberer, die bei Scipio auf Gnade nicht rechnen durften, wurden nach
hartnaeckiger Gegenwehr zusammengehauen. Die Afrikaner konnten nach dieser
doppelten Niederlage nirgend mehr das Feld halten. Ein Angriff auf das roemische
Schiffslager, den die karthagische Flotte versuchte, lieferte zwar kein
unguenstiges, aber doch auch kein entscheidendes Resultat und ward weit
aufgewogen durch die Gefangennahme des Syphax, die dem Scipio sein beispielloser
Gluecksstern zuwarf und durch welche Massinissa das fuer die Roemer ward, was
anfangs Syphax den Karthagern gewesen war.
Nach solchen Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die seit
sechzehn Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt erheben und sich
offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der Patrioten. Hasdrubal,
Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum Tode verurteilt und ein
Versuch gemacht, von Scipio Waffenstillstand und Frieden zu erlangen. Er
forderte Abtretung der spanischen Besitzungen und der Inseln des Mittelmeeres,
Uebergabe des Reiches des Syphax an Massinissa, Auslieferung der Kriegsschiffe
bis auf zwanzig und eine Kriegskontribution von 4000 Talenten (fast 7 Mill.
Taler) - Bedingungen, die fuer Karthago so beispiellos guenstig erscheinen, dass
die Frage sich aufdraengt, ob sie Scipio mehr in seinem oder mehr in Roms
Interesse anbot. Die karthagischen Bevollmaechtigten nahmen dieselben an unter
Vorbehalt der Ratifikation ihrer Behoerden, und es ging eine karthagische
Gesandtschaft deshalb nach Rom ab. Allein die karthagische Patriotenpartei war
nicht gemeint, so leichten Kaufs auf den Kampf zu verzichten; der Glaube an die
edle Sache, das Vertrauen auf den grossen Feldherrn, selbst das Beispiel, das
Rom gegeben hatte, feuerten sie an auszuharren, auch davon abgesehen, dass der
Friede notwendig die Gegenpartei ans Ruder und damit ihnen selbst den Untergang
bringen musste. In der Buergerschaft hatte die Patriotenpartei das Uebergewicht;
man beschloss, die Opposition ueber den Frieden verhandeln zu lassen und
mittlerweile sich zu einer letzten und entscheidenden Anstrengung vorzubereiten.
An Mago und an Hannibal erging der Befehl, schleunigst nach Afrika heimzukehren.
Mago, der seit drei Jahren (459-551 205-203) daran arbeitete, in Norditalien
eine Koalition gegen Rom ins Leben zu rufen, war eben damals im Gebiet der
Insubrer (um Mailand) dem weit ueberlegenen roemischen Doppelheer unterlegen.
Die roemische Reiterei war zum Weichen und das Fussvolk ins Gedraenge gebracht
worden und der Sieg schien sich fuer die Karthager zu erklaeren, als der kuehne
Angriff eines roemischen Trupps auf die feindlichen Elefanten und vor allem die
schwere Verwundung des geliebten und faehigen Fuehrers das Glueck der Schlacht
wandte: das phoenikische Heer musste an die ligurische Kueste zurueckweichen.
Hier erhielt es den Befehl zur Einschiffung und vollzog ihn; Mago aber starb
waehrend der Ueberfahrt an seiner Wunde. Hannibal waere dem Befehl
wahrscheinlich zuvorgekommen, wenn nicht die letzten Verhandlungen mit Philipp
ihm eine neue Aussicht dargeboten haetten, seinem Vaterland in Italien
nuetzlicher sein zu koennen als in Libyen; als er in Kroton, wo er in der
letzten Zeit gestanden hatte, ihn empfing, saeumte er nicht, ihm nachzukommen.
Er liess seine Pferde niederstossen sowie die italischen Soldaten, die sich
weigerten, ihm ueber das Meer zu folgen, und bestieg die auf der Rede von Kroton
laengst in Bereitschaft stehenden Transportschiffe. Die roemischen Buerger
atmeten auf, da der gewaltige libysche Loewe, den zum Abzug zu zwingen selbst
jetzt noch niemand sich getraute, also freiwillig dem italischen Boden den
Ruecken wandte; bei diesem Anlass ward dem einzigen ueberlebenden unter den
roemischen Feldherren, welche die schwere Zeit mit Ehren bestanden hatten, dem
fast neunzigjaehrigen Quintus Fabius von Rat und Buergerschaft der Graskranz
verehrt. Dieser Kranz, welchen nach roemischer Sitte das durch den Feldherrn
gerettete Heer seinem Retter darbrachte, von der ganzen Gemeinde zu empfangen,
war die hoechste Auszeichnung, die einem roemischen Buerger je zuteil geworden
ist, und der letzte Ehrenschmuck des alten Feldherrn, der noch in demselben
Jahre aus dem Leben schied (551 203). Hannibal aber gelangte, ohne Zweifel nicht
unter dem Schutz des Waffenstillstandes, sondern allein durch seine
Schnelligkeit und sein Glueck, ungehindert nach Leptis und betrat, der letzte
von Hamilkars "Loewenbrut", hier abermals nach sechsunddreissigjaehriger
Abwesenheit den Boden der Heimat, die er, fast noch ein Knabe, verlassen hatte,
um seine grossartige und doch so durchaus vergebliche Heldenlaufbahn zu beginnen
und westwaerts ausziehend von Osten her heimzukehren, rings um die karthagische
See einen weiten Siegeskreis beschreibend. Jetzt, wo geschehen war, was er hatte
verhueten wollen und was er verhuetet haette, wenn er gedurft, jetzt sollte er,
wenn moeglich, retten und helfen; und er tat es, ohne zu klagen und zu schelten.
Mit seiner Ankunft trat die Patriotenpartei offen auf; das schaendliche Urteil
gegen Hasdrubal ward kassiert, neue Verbindungen mit den numidischen Scheichs
durch Hannibals Gewandtheit angeknuepft und nicht bloss dem tatsaechlich
abgeschlossenen Frieden in der Volksversammlung die Bestaetigung verweigert,
sondern auch durch die Pluenderung einer an der afrikanischen Kueste
gestrandeten roemischen Transportflotte, ja sogar durch den ueberfall eines
roemische Gesandte fuehrenden roemischen Kriegsschiffs der Waffenstillstand
gebrochen. In gerechter Erbitterung brach Scipio aus seinem Lager bei Tunis auf
(552 202) und durchzog das reiche Tal des Bagradas (Medscherda), indem er den
Ortschaften keine Kapitulation mehr gewaehrte, sondern die Einwohnerschaften der
Flecken und Staedte in Masse aufgreifen und verkaufen liess. Schon war er tief
ins Binnenland eingedrungen und stand bei Naraggara (westlich von Sicca, jetzt
el Kef, an der Grenze von Tunis und Algier), als Hannibal, der ihm von
Hadrumetum aus entgegengezogen war, mit ihm zusammentraf. Der karthagische
Feldherr versuchte von dem roemischen in einer persoenlichen Zusammenkunft
bessere Bedingungen zu erlangen; allein Scipio, der schon bis an die aeusserste
Grenze der Zugestaendnisse gegangen war, konnte nach dem Bruch des
Waffenstillstandes unmoeglich zu weiterer Nachgiebigkeit sich verstehen, und es
ist nicht glaublich, dass Hannibal bei diesem Schritt etwas anderes bezweckte,
als der Menge zu zeigen, dass die Patrioten keineswegs unbedingt gegen den
Frieden seien. Die Konferenz fuehrte zu keinem Ergebnis und so kam es zu der
Entscheidungsschlacht bei Zama (vermutlich unweit Sicca) ^1. In drei Linien
ordnete Hannibal sein Fussvolk: in das erste Glied die karthagischen
Mietstruppen, in das zweite die afrikanische Land- und die phoenikische
Buergerwehr nebst dem makedonischen Korps, in das dritte die Veteranen, die ihm
aus Italien gefolgt waren. Vor der Linie standen die achtzig Elefanten, die
Reiter auf den Fluegeln. Scipio stellte gleichfalls seine Legionen in drei
Glieder, wie die Roemer pflegten, und ordnete sie so, dass die Elefanten durch
und neben der Linie weg ausbrechen konnten, ohne sie zu sprengen. Dies gelang
nicht bloss vollstaendig, sondern die seitwaerts ausweichenden Elefanten
brachten auch die karthagischen Reiterfluegel in Unordnung, so dass gegen diese
Scipios Reiterei, die ueberdies durch das Eintreffen von Massinissas Scharen dem
Feinde weit ueberlegen war, leichtes Spiel hatte und bald in vollem Nachsetzen
begriffen war. Ernster war der Kampf des Fussvolks. Lange stand das Gefecht
zwischen den beiderseitigen ersten Gliedern; in dem aeusserst blutigen
Handgemenge gerieten endlich beide Teile in Verwirrung und mussten an den
zweiten Gliedern einen Halt suchen. Die Roemer fanden ihn; die karthagische
Miliz aber zeigte sich so unsicher und schwankend, dass sich die Soeldner
verraten glaubten und es zwischen ihnen und der karthagischen Buergerwehr zum
Handgemenge kam. Indes Hannibal zog eilig, was von den beiden ersten Linien noch
uebrig war, auf die Fluegel zurueck und schob seine italischen Kerntruppen auf
der ganzen Linie vor. Scipio draengte dagegen in der Mitte zusammen, was von der
ersten Linie noch kampffaehig war und liess das zweite und dritte Glied rechts
und links an das erste sich anschliessen. Abermals begann auf derselben Walstatt
ein zweites, noch fuerchterlicheres Gemetzel; Hannibals alte Soldaten wankten
nicht trotz der Ueberzahl der Feinde, bis die Reiterei der Roemer und des
Massinissa, von der Verfolgung der geschlagenen feindlichen zurueckkehrend, sie
von allen Seiten umringte. Damit war nicht bloss der Kampf zu Ende, sondern das
phoenikische Heer vernichtet; dieselben Soldaten, die vierzehn Jahre zuvor bei
Cannae gewichen waren, hatten ihren Ueberwindern bei Zama vergolten. Mit einer
Handvoll Leute gelangte Hannibal fluechtig nach Hadrumetum.
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^1 Von den beiden diesen Namen fuehrenden Orten ist wahrscheinlich der
westlichere, etwa 60 Miglien westlich von Hadrumetum gelegene, derjenige der
Schlacht (vgl. Hermes 20, 1885, S. 144, 318). Die Zeit ist der Fruehling oder
Sommer des Jahres 552 (202); die Bestimmung des Tages auf den 19. Oktober wegen
der angeblichen Sonnenfinsternis ist nichtig.
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Nach diesem Tage konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur
Fortsetzung des Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des roemischen
Feldherrn, sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen, die weder gedeckt
noch verproviantiert war, und, wenn nicht unberechenbare Zwischenfaelle
eintraten, das Schicksal, welches Hannibal ueber Rom hatte bringen wollen, jetzt
ueber Karthago walten zu lassen. Scipio hat es nicht getan; er gewaehrte den
Frieden (553 201), freilich nicht mehr auf die frueheren Bedingungen. Ausser den
Abtretungen, die schon bei den letzen Verhandlungen fuer Rom wie fuer Massinissa
gefordert worden waren, wurde den Karthagern auf fuenfzig Jahre eine jaehrliche
Kontribution von 200 Talenten (340000 Taler) aufgelegt und mussten sie sich
anheischig machen, nicht gegen Rom oder seine Verbuendeten und ueberhaupt
ausserhalb Afrika gar nicht, in Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes nur

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