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Rˆmische Geschichte Book 2 by Theodor Mommsen

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rascher und vollstaendiger sich im kampanischen Lande reguliert zu haben als in
Latium. Wie wenig trotz der darauf gewandten Muehe die roemische Sprache und
Schreibweise noch am Schlusse dieser Epoche festgestellt war, beweisen die aus
dem Ende des fuenften Jahrhunderts erhaltenen Inschriften, in denen namentlich
in der Setzung oder Weglassung von m, d und s im Auslaut und n im Inlaut und in
der Unterscheidung der Vokale o u und e i die groesste Willkuer herrscht ^9; es
ist wahrscheinlich, dass gleichzeitig die Sabeller hierin schon weiter waren,
waehrend die Umbrer von dem regenerierenden hellenischen Einfluss nur wenig
beruehrt worden sind.
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^9 In den beiden Grabschriften des Lucius Scipio, Konsul 456 (298), und des
gleichnamigen Konsuls vom Jahre 495 (259) fehlen m und d im Auslaut der
Beugungen regelmaessig, doch findet sich einmal Luciom und einmal Gnaivod; es
steht nebeneinander im Nominativ Cornelio und filios; cosol, cesor und consol
censor; aidiles, dedet, ploirume (= plurimi), hec (Nom. Sing.) neben aidilis,
cepit, quei, hic. Der Rhotazismus ist bereits vollstaendig durchgefuehrt; man
findet duonoro (= bonorum), ploirume, nicht wie im saliarischen Liede foedesum,
plusima. Unsere inschriftlichen Ueberreste reichen ueberhaupt im allgemeinen
nicht ueber den Rhotazismus hinauf; von dem aelteren s begegnen nur einzelne
Spuren, wie noch spaeterhin honos, labos neben honor und labor und die
aehnlichen Frauenvornamen Maio (maios, maior) und Mino auf neu gefundenen
Grabschriften von Praeneste.
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Durch diese Steigerung der Jurisprudenz und Grammatik muss auch der
elementare Schulunterricht, der an sich wohl schon frueher aufgekommen war, eine
gewisse Steigerung erfahren haben. Wie Homer das aelteste griechische, die
Zwoelf Tafeln das aelteste roemische Buch waren, so wurden auch beide in ihrer
Heimat die wesentliche Grundlage des Unterrichts und das Auswendiglernen des
juristisch-politischen Katechismus ein Hauptstueck der roemischen
Kindererziehung. Neben den lateinischen "Schreibmeistern" (litteratores) gab es
natuerlich, seit die Kunde des Griechischen fuer jeden Staats- und Handelsmann
Beduerfnis war, auch griechische Sprachlehrer (grammatici ^10), teils
Hofmeister-Sklaven, teils Privatlehrer, die in ihrer Wohnung oder in der des
Schuelers Anweisung zum Lesen und Sprechen des Griechischen erteilten. Dass wie
im Kriegswesen und bei der Polizei so auch bei dem Unterricht der Stock seine
Rolle spielte, versteht sich von selbst ^11. Die elementare Stufe indes kann der
Unterricht dieser Zeit noch nicht ueberstiegen haben; es gab keine irgend
wesentliche soziale Abstufung zwischen dem unterrichteten und dem
nichtunterrichteten Roemer.
Dass die Roemer in den mathematischen und mechanischen Wissenschaften zu
keiner Zeit sich ausgezeichnet haben, ist bekannt und bewaehrt sich auch fuer
die gegenwaertige Epoche an dem fast einzigen Faktum, welches mit Sicherheit
hierhergezogen werden kann, der von den Dezemvirn versuchten Regulierung des
Kalenders. Sie wollten den bisherigen, auf der alten, hoechst unvollkommenen
Trieteris beruhenden vertauschen mit dem damaligen attischen der Oktaeteris,
welcher den Mondmonat von 29´ Tagen beibehielt, das Sonnenjahr aber statt auf
368_ a vielmehr auf 365¨ Tage ansetzte und demnach bei unveraenderter gemeiner
Jahrlaenge von 354 Tagen nicht, wie frueher, auf je vier Jahre 59, sondern auf
je acht Jahre 90 Tage einschaltete. In demselben Sinne beabsichtigten die
roemischen Kalenderverbesserer unter sonstiger Beibehaltung des geltenden
Kalenders in den zwei Schaltjahren des vierjaehrigen Zyklus nicht die
Schaltmonate, aber die beiden Februare um je sieben Tage zu verkuerzen, also
diesen Monat in den Schaltjahren statt zu 29 und 28 zu 22 und 21 Tagen
anzusetzen. Allein mathematische Gedankenlosigkeit und theologische Bedenken,
namentlich die Ruecksicht auf das eben in die betreffenden Februartage fallende
Jahrfest des Terminus, zerruetteten die beabsichtigte Reform in der Art, dass
der Schaltjahrfebruar vielmehr 24- und 23taegig ward, also das neue roemische
Sonnenjahr in der Tat auf 366¨ Tag auskam. Einige Abhilfe fuer die hieraus
folgenden praktischen Uebelstaende ward darin gefunden, dass, unter Beseitigung
der bei den jetzt so ungleich gewordenen Monaten nicht mehr anwendbaren Rechnung
nach Monaten oder Zehnmonaten des Kalenders, man sich gewoehnte, wo es auf
genauere Bestimmungen ankam, nach Zehnmonatfristen eines Sonnenjahrs von 365
Tagen oder dem sogenannten zehnmonatlichen Jahre von 304 Tagen zu rechnen.
ueberdies kam besonders fuer baeuerliche Zwecke der auf das aegyptische
365¨taegige Sonnenjahr von Eudoxos (blueht 386 368) gegruendete Bauernkalender
auch in Italien frueh in Gebrauch.
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^10 Litterator und grammaticus verhalten sich ungefaehr wie Lehrer und
Maitre; die letztere Benennung kommt nach dem aelteren Sprachgebrauch nur dem
Lehrer des Griechischen, nicht dem der Muttersprache zu. Litteratus ist juenger
und bezeichnet nicht den Schulmeister, sondern den gebildeten Mann.
^11 Es ist doch wohl ein roemisches Bild, was Plautus (Bacch. 431) als ein
Stueck der guten alten Kindererziehung anfuehrt:
wenn nun du darauf nach Hause kamst,
In dem Jaeckchen auf dem Schemel sassest du zum Lehrer hin;
Und wenn dann das Buch ihm lesend eine Silbe du gefehlt,
Faerbte deinen Buckel er dir bunt wie einen Kinderlatz.
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Einen hoeheren Begriff von dem, was auch in diesen Faechern die Italiker zu
leisten vermochten, gewaehren die Werke der mit den mechanischen Wissenschaften
eng zusammenhaengenden Bau- und Bildkunst. Zwar eigentlich originelle
Erscheinungen begegnen auch hier nicht; aber wenn durch den Stempel der
Entlehnung, welcher der italischen Plastik durchgaengig aufgedrueckt ist, das
kuenstlerische Interesse an derselben sinkt, so heftet das historische sich nur
um so lebendiger an dieselbe, insofern sie teils von einem sonst verschollenen
Voelkerverkehr die merkwuerdigsten Zeugnisse bewahrt, teils bei dem so gut wie
vollstaendigen Untergang der Geschichte der nichtroemischen Italiker fast allein
uns die verschiedenen Voelkerschaften der Halbinsel in lebendiger Taetigkeit
nebeneinander darstellt. Neues ist hier nicht zu sagen; aber wohl laesst sich
mit schaerferer Bestimmtheit und auf breiterer Grundlage ausfuehren, was schon
oben gezeigt ward, dass die griechische Anregung die Etrusker und die Italiker
von verschiedenen Seiten her maechtig erfasst, und dort eine reichere und
ueppigere, hier, wo ueberhaupt, eine verstaendigere und innigere Kunst ins Leben
gerufen hat.
Wie voellig die italische Architektur aller Landschaften schon in ihrer
aeltesten Periode von hellenischen Elementen durchdrungen ward, ist frueher
dargestellt worden. Die Stadtmauern, die Wasserbauten, die pyramidalisch
gedeckten Graeber, der tuscanische Tempel sind nicht oder nicht wesentlich
verschieden von den aeltesten hellenischen Bauwerken. Von einer Weiterbildung
der Architektur bei den Etruskern waehrend dieser Epoche hat sich keine Spur
erhalten; wir begegnen hier weder einer wesentlich neuen Rezeption noch einer
originellen Schoepfung - man muesste denn Prachtgraeber dahin rechnen wollen,
wie das von Varro beschriebene sogenannte Grabmal des Porsena in Chiusi, das
lebhaft an die zwecklose und sonderbare Herrlichkeit der aegyptischen Pyramiden
erinnert.
Auch in Latium bewegte man waehrend der ersten anderthalb Jahrhunderte der
Republik sich wohl lediglich in den bisherigen Gleisen, und es ist schon gesagt
worden, dass mit der Einfuehrung der Republik die Kunstuebung eher gesunken als
gestiegen ist. Es ist aus dieser Zeit kaum ein anderes architektonisch
bedeutendes latinisches Bauwerk zu nennen als der im Jahre 261 (493) in Rom am
Circus erbaute Cerestempel, der in der Kaiserzeit als Muster des tuscanischen
Stiles gilt. Aber gegen das Ende dieser Epoche kommt ein neuer Geist in das
italische und namentlich das roemische Bauwesen: es beginnt der grossartige
Bogenbau. Zwar sind wir nicht berechtigt, den Bogen und das Gewoelbe fuer
italische Erfindungen zu erklaeren. Es ist wohl ausgemacht, dass in der Epoche
der Genesis der hellenischen Architektur die Hellenen den Bogen noch nicht
kannten und darum fuer ihre Tempel die flache Decke und das schraege Dach
ausreichen mussten; allein gar wohl kann der Keilschnitt eine juengere, aus der
rationellen Mechanik hervorgegangene Erfindung der Hellenen sein, wie ihn denn
die griechische Tradition auf den Physiker Demokritos (294-397 460-357)
zurueckfuehrt. Mit dieser Prioritaet des hellenischen Bogenbaus vor dem
roemischen ist auch vereinbar, was vielfach und vielleicht mit Recht angenommen
wird, dass die Gewoelbe an der roemischen Hauptkloake und dasjenige, welches
ueber das alte, urspruenglich pyramidalisch gedeckte kapitolinische Quellhaus
spaeterhin gespannt ward, die aeltesten erhaltenen Bauwerke sind, bei welchen
das Bogenprinzip zur Anwendung gekommen ist; denn es ist mehr als
wahrscheinlich, dass diese Bogenbauten nicht der Koenigs-, sondern der
republikanischen Periode angehoeren und in der Koenigszeit man auch in Italien
nur flache oder ueberkragte Daecher gekannt hat. Allein wie man auch ueber die
Erfindung des Bogens selbst denken mag, die Anwendung im grossen ist ueberall
und vor allem in der Baukunst wenigstens ebenso bedeutend wie die Aufstellung
des Prinzips; und diese gebuehrt unbestritten den Roemern. Mit dem fuenften
Jahrhundert beginnt der wesentlich auf den Bogen gegruendete Tor-, Bruecken- und
Wasserleitungsbau, der mit dem roemischen Namen fortan unzertrennlich verknuepft
ist. Verwandt ist hiermit noch die Entwicklung der den Griechen fremden, dagegen
bei den Roemern vorzugsweise beliebten und besonders fuer die ihnen
eigentuemlichen Kulte, namentlich den nicht griechischen der Vesta, angewendeten
Form des Rundtempels und des Kuppeldachs ^12.
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^12 Eine Nachbildung der aeltesten Hausform, wie man wohl gemeint hat, ist
der Rundtempel sicher nicht; vielmehr geht der Hausbau durchaus vom Viereck aus.
Die spaetere roemische Theologie knuepfte diese Rundform an die Vorstellung des
Erdballs oder des kugelfoermig die Zentralsonne umgebenden Weltalls (Fest. v.
rutundam p. 282; Plut. Num. 11; Ov. fast. 6, 267f.); in der Tat ist dieselbe
wohl einfach darauf zurueckzufuehren, dass fuer die zum Abhegen und Aufbewahren
bestimmte Raeumlichkeit als die bequemste wie die sicherste Form stets die
kreisrunde gegolten hat. Darauf beruhten die runden Schatzhaeuser der Hellenen
ebenso wie der Rundbau der roemischen Vorratskammer oder des Penatentempels; es
war natuerlich auch die Feuerstelle - das heisst den Altar der Vesta - und die
Feuerkammer - das heisst den Vestatempel - rund anzulegen, so gut wie dies mit
der Zisterne und der Brunnenfassung (puteal) geschah. Der Rundbau an sich ist
graecoitalisch wie der Quadratbau und jener der Kammer eigen, wie dieser dem
Wohnhaus; aber die architektonische und religioese Entwicklung des einfachen
Tholos zum Rundtempel mit Pfeilern und Saeulen ist latinisch.
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Etwas Aehnliches mag von manchen untergeordneten, aber darum nicht
unwichtigen Fertigkeiten auf diesem Gebiet gelten. Von Originalitaet oder gar
von Kunstuebung kann dabei nicht die Rede sein; aber auch aus den festgefuegten
Steinplatten der roemischen Strassen, aus ihren unzerstoerbaren Chausseen, aus
den breiten, klingend harten Ziegeln, aus dem ewigen Moertel ihrer Gebaeude
redet die unverwuestliche Soliditaet, die energische Tuechtigkeit des roemischen
Wesens.
Wie die tektonischen, und womoeglich noch mehr, sind die bildenden und
zeichnenden Kuenste auf italischem Boden nicht so sehr durch griechische
Anregung befruchtet, als aus griechischen Samenkoernern gekeimt. Dass dieselben,
obwohl erst die juengeren Schwestern der Architektur, doch wenigstens in
Etrurien schon waehrend der roemischen Koenigszeit sich zu entwickeln begannen,
wurde bereits bemerkt; ihre hauptsaechliche Entfaltung aber gehoert in Etrurien,
und um so mehr in Latium, dieser Epoche an, wie dies schon daraus mit Evidenz
hervorgeht, dass in denjenigen Landschaften, welche die Kelten und Samniten den
Etruskern im Laufe des vierten Jahrhunderts entrissen, von etruskischer
Kunstuebung fast keine Spur begegnet. Die tuskische Plastik warf sich zuerst und
hauptsaechlich auf die Arbeit in gebranntem Ton, in Kupfer und in Gold, welche
Stoffe die reichen Tonlager und Kupfergruben und der Handelsverkehr Etruriens
den Kuenstlern darboten. Von der Schwunghaftigkeit, womit die Tonbildnerei
betrieben wurde, zeugen die ungeheuren Massen von Reliefplatten und
statuarischen Arbeiten aus gebranntem Ton, womit Waende, Giebel und Daecher der
etruskischen Tempel nach Ausweis der noch vorhandenen Ruinen einst verziert
waren, und der nachweisliche Vertrieb derartiger Arbeiten aus Etrurien nach
Latium. Der Kupferguss stand nicht dahinter zurueck. Etruskische Kuenstler
wagten sich an die Verfertigung von kolossalen, bis zu fuenfzig Fuss hohen
Bronzebildsaeulen, und in Volsinii, dem etruskischen Delphi, sollen um das Jahr
489 (265) zweitausend Bronzestatuen gestanden haben, wogegen die Steinbildnerei
in Etrurien, wie wohl ueberall, weit spaeter begann und ausser inneren Ursachen
auch durch den Mangel eines geeigneten Materials zurueckgehalten ward - die
lunensischen (carrarischen) Marmorbrueche waren noch nicht eroeffnet. Wer den
reichen und zierlichen Goldschmuck der suedetruskischen Graeber gesehen hat, der
wird die Nachricht nicht unglaublich finden, dass die tyrrhenischen Goldschalen
selbst in Attika geschaetzt wurden. Auch die Steinschneidekunst ward, obwohl sie
juenger ist, doch auch in Etrurien vielfaeltig geuebt. Ebenso abhaengig von den
Griechen, uebrigens den bildenden Kuenstlern vollkommen ebenbuertig, waren die
sowohl in der Umrisszeichnung auf Metall wie in der monochromatischen
Wandmalerei ungemein taetigen etruskischen Zeichner und Maler.
Vergleichen wir hiermit das Gebiet der eigentlichen Italiker, so erscheint
es zunaechst gegen die etruskische Fuelle fast kunstarm. Allein bei genauerer
Betrachtung kann man der Wahrnehmung sich nicht entziehen, dass sowohl die
sabellische wie die latinische Nation weit mehr als die etruskische Faehigkeit
und Geschick fuer die Kunst gehabt haben muessen. Zwar auf eigentlich
sabellischem Gebiet, in der Sabina, in den Abruzzen, in Samnium, finden sich
Kunstwerke so gut wie gar nicht und mangeln sogar die Muenzen. Diejenigen
sabellischen Staemme dagegen, welche an die Kuesten der Tyrrhenischen oder
Ionischen See gelangten, haben die hellenische Kunst sich nicht bloss wie die
Etrusker aeusserlich angeeignet, sondern sie mehr oder minder vollstaendig bei
sich akklimatisiert. Schon in Velitrae, wo wohl allein in der einstmaligen
Landschaft der Volsker deren Sprache und Eigentuemlichkeit spaeterhin sich
behauptet haben, haben sich bemalte Terrakotten gefunden von lebendiger und
eigentuemlicher Behandlung. In Unteritalien ist Lucanien zwar in geringem Grade
von der hellenischen Kunst ergriffen worden; aber in Kampanien wie im
brettischen Lande haben sich Sabeller und Hellenen wie in Sprache und
Nationalitaet so auch und vor allem in der Kunst vollstaendig durchdrungen und
es stehen namentlich die kampanischen und brettischen Muenzen mit den
gleichzeitigen griechischen so vollstaendig auf einer Linie der Kunstbehandlung,
dass nur die Aufschrift sie von ihnen unterscheidet. Weniger bekannt, aber nicht
weniger sicher ist es, dass auch Latium wohl an Kunstreichtum und Kunstmasse,
aber nicht an Kunstsinn und Kunstuebung hinter Etrurien zurueckstand. Offenbar
hat die um den Anfang des 5. Jahrhunderts erfolgte Festsetzung der Roemer in
Kampanien, die Verwandlung der Stadt Cales in eine latinische Gemeinde, der
falernischen Landschaft bei Capua in einen roemischen Buergerbezirk, zunaechst
die kampanische Kunstuebung den Roemern aufgeschlossen. Zwar mangelt bei diesen
nicht bloss die in dem ueppigen Etrurien fleissig gepflegte Steinschneidekunst
voellig und begegnet nirgends eine Spur, dass die latinischen Gewerke gleich den
etruskischen Goldschmieden und Tonarbeitern fuer das Ausland taetig gewesen
sind. Zwar sind die latinischen Tempel nicht gleich den etruskischen mit Bronze-
und Tonzierat ueberladen, die latinischen Graeber nicht gleich den etruskischen
mit Goldschmuck angefuellt worden und schillerten die Waende jener nicht wie die
der etruskischen von bunten Gemaelden. Aber nichtsdestoweniger stellt sich im
ganzen die Waage nicht zum Vorteil der etruskischen Nation. Die Erfindung des
Janusbildes, welche wie die Gottheit selbst den Latinern beigelegt werden darf,
ist nicht ungeschickt, und originellerer Art als die irgendeines etruskischen
Kunstwerks. Die schoene Gruppe der Woelfin mit den Zwillingen lehnt wohl an
aehnliche griechische Erfindungen sich an, ist aber in dieser Ausfuehrung sicher
wenn nicht in Rom, so doch von Roemern erfunden; und es ist bemerkenswert, dass
sie zuerst auf den von den Roemern in und fuer Kampanien gepraegten
Silbermuenzen auftritt. In dem oben erwaehnten Cales scheint bald nach seiner
Gruendung eine besondere Gattung figurierten Tongeschirrs erfunden worden zu
sein, das mit dem Namen der Meister und des Verfertigungsorts bezeichnet und in
weitem Umfang bis nach Etrurien hinein vertrieben worden ist. Die vor kurzem auf
dem Esquilin zum Vorschein gekommenen figurierten Altaerchen von gebranntem Ton
entsprechen in der Darstellung wie in der Ornamentik genau den gleichartigen
Weihgeschenken der kampanischen Tempel. Indes schliesst dies nicht aus, dass
auch griechische Meister fuer Rom gearbeitet haben. Der Bildner Damophilos, der
mit Gorgasos die bemalten Tonfiguren fuer den uralten Cerestempel verfertigt
hat, scheint kein anderer gewesen zu sein als der Lehrer des Zeuxis, Demophilos
von Himera (um 300 450). Am belehrendsten sind diejenigen Kunstzweige, in denen
uns teils nach alten Zeugnissen, teils nach eigener Anschauung eine
vergleichendes Urteil gestattet ist. Von latinischen Arbeiten in Stein ist kaum
etwas anderes uebrig als der am Ende dieser Periode in dorischem Stil
gearbeitete Steinsarg des roemischen Konsuls Lucius Scipio; aber die edle
Einfachheit desselben beschaemt alle aehnlichen etruskischen Werke. Aus den
etruskischen Graebern sind manche schoene Bronzen alten strengen Kunststils,
namentlich Helme, Leuchter und dergleichen Geraetstuecke erhoben worden; aber
welches dieser Werke reicht an die im Jahre 458 (296) am ruminalischen
Feigenbaum auf dem roemischen Markte aus Strafgeldern aufgestellte bronzene
Woelfin, noch heute den schoensten Schmuck des Kapitols? Und dass auch die
latinischen Metallgiesser so wenig wie die etruskischen vor grossen Aufgaben
zurueckschraken, beweist das von Spurius Carvilis (Konsul 461 293) aus den
eingeschmolzenen samnitischen Ruestungen errichtete kolossale Erzbild des
Jupiter auf dem Kapitol, aus dessen Abfall beim Ziselieren die zu den Fuessen
des Kolosses stehende Statue des Siegers hatte gegossen werden koennen; man sah
dieses Jupiterbild bis vom Albanischen Berge. Unter den gegossenen Kupfermuenzen
gehoeren bei weitem die schoensten dem suedlichen Latium an; die roemischen und
umbrischen sind leidlich, die etruskischen fast bildlos und oft wahrhaft
barbarisch. Die Wandmalereien, die Gaius Fabius in dem 452 302 dedizierten
Tempel der Wohlfahrt auf dem Kapitol ausfuehrte, erwarben in Zeichnung und
Faerbung noch das Lob griechisch gebildeter Kunstrichter der augusteischen
Epoche; und es werden von den Kunstenthusiasten der Kaiserzeit wohl auch die
caeritischen, aber mit noch groesserem Nachdruck die roemischen, lanuvinischen
und ardeatischen Fresken als Meisterwerke der Malerei gepriesen. Die Zeichnung
auf Metall, welche in Latium nicht wie in Etrurien die Handspiegel, sondern die
Toilettenkaestchen mit ihren zierlichen Umrissen schmueckte, ward in Latium in
weit geringerem Umfang und fast nur in Praeneste geuebt; es finden sich
vorzuegliche Kunstwerke unter den etruskischen Metallspiegeln wie unter den
praenestinischen Kaestchen, aber es war ein Werk der letzteren Gattung, und zwar
ein hoechst wahrscheinlich in dieser Epoche in der Werkstatt eines
praenestinischen Meisters entstandenes Werk ^13, von dem mit Recht gesagt werden
konnte, dass kaum ein zweites Erzeugnis der Graphik des Altertums so wie die
ficoronische Cista den Stempel einer in Schoenheit und Charakteristik
vollendeten und noch vollkommen reinen und ernsten Kunst an sich traegt.
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^13 Novius Plautius goss vielleicht nur die Fuesse und die Deckelgruppe;
das Kaestchen selbst kann von einem aelteren Kuenstler herruehren, aber, da der
Gebrauch dieser Kaestchen sich wesentlich auf Praeneste beschraenkt hat, kaum
von einem anderen als einem praenestinischen.
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Der allgemeine Stempel der etruskischen Kunstwerke ist teils eine gewisse
barbarische Ueberschwenglichkeit im Stoff wie im Stil, teils der voellige Mangel
innerer Entwicklung. Wo der griechische Meister fluechtig skizziert,
verschwendet der etruskische Schueler schuelerhaft den Fleiss; an die Stelle des
leichten Materials und der maessigen Verhaeltnisse griechischer Werke tritt bei
den etruskischen ein renommistisches Hervorheben der Groesse und Kostbarkeit
oder auch bloss der Seltsamkeit des Werkes. Die etruskische Kunst kann nicht
nachbilden, ohne zu uebertreiben: das Strenge wird ihr hart, das Anmutige
weichlich, das Schreckliche zum Scheusal, die Ueppigkeit zur Zote, und immer
deutlicher tritt dies hervor, je mehr die urspruengliche Anregung zuruecktritt
und die etruskische Kunst sich auf sich selber angewiesen findet. Noch
auffallender ist das Festhalten an den hergebrachten Formen und dem
hergebrachten Stil. Sei es, dass die anfaengliche freundlichere Beruehrung mit
Etrurien hier den Hellenen den Samen der Kunst auszustreuen gestattete, eine
spaetere Epoche der Feindseligkeit aber den juengeren Entwicklungsstadien der
griechischen Kunst den Eingang in Etrurien erschwerte, sei es, was
wahrscheinlicher ist, dass die rasch eintretende geistige Erstarrung der Nation
die Hauptsache dabei tat: die Kunst blieb in Etrurien auf der primitiven Stufe,
auf welcher sie bei ihrem ersten Eindringen daselbst sich befunden hatte,
wesentlich stehen - bekanntlich ist dies die Ursache gewesen; weshalb die
etruskische Kunst, die unentwickelt gebliebene Tochter der hellenischen, solange
als deren Mutter gegolten hat. Mehr noch als das strenge Festhalten des einmal
ueberlieferten Stils in den aelteren Kunstzweigen beweist die
unverhaeltnismaessig elende Behandlung der spaeter aufgekommenen, namentlich der
Bildhauerei in Stein und des Kupfergusses in der Anwendung auf Muenzen, wie
rasch aus der etruskischen Kunst der Geist entwich. Ebenso belehrend sind die
gemalten Gefaesse, die in den juengeren etruskischen Grabstaetten in so
ungeheurer Anzahl sich finden. Waeren dieselben so frueh wie die mit Umrissen
verzierten Metallplatten oder die bemalten Terrakotten bei den Etruskern gangbar
geworden, so wuerde man ohne Zweifel auch sie in Menge und in wenigstens
relativer Guete dort fabrizieren gelernt haben; aber in der Epoche, in welcher
dieser Luxus emporkam, misslang die selbsttaetige Reproduktion vollstaendig, wie
die vereinzelten mit etruskischen Inschriften versehenen Gefaesse beweisen, und
man begnuegte sich darum, dieselben zu kaufen, statt sie zu formen.
Aber auch innerhalb Etruriens erscheint ein weiterer bemerkenswerter
Gegensatzinder kuenstlerischen Entwicklung der suedlichen und der noerdlichen
Landschaft. Es ist Suedetrurien, hauptsaechlich die Bezirke von Caere,
Tarquinii, Volci, die die gewaltigen Prunkschaetze besonders von Wandgemaelden,
Tempeldekorationen, Goldschmuck und gemalten Tongefaessen bewahren; das
noerdliche Etrurien steht weit dahinter zurueck, und es hat zum Beispiel sich
kein gemaltes Grab noerdlich von Chiusi gefunden. Die suedlichsten etruskischen
Staedte Veii, Caere, Tarquinii sind es, die der roemischen Tradition als die Ur-
und Hauptsitze der etruskischen Kunst gelten; die noerdlichste Stadt Volaterrae,
mit dem groessten Gebiet unter allen etruskischen Gemeinden, steht von allen
auch der Kunst am fernsten. Wenn in Suedetrurien die griechische Halbkultur, so
ist in Nordetrurien vielmehr die Unkultur zu Hause. Die Ursachen dieses
bemerkenswerten Gegensatzes moegen teils in der verschiedenartigen, in
Suedetrurien wahrscheinlich stark mit nicht etruskischen Elementen gemischten
Nationalitaet, teils in der verschiedenen Maechtigkeit des hellenischen
Einflusses zu suchen sein, welcher letztere namentlich in Caere sich sehr
entschieden geltend gemacht haben muss; die Tatsache selbst ist nicht zu
bezweifeln. Um so mehr musste die fruehe Unterjochung der suedlichen Haelfte
Etruriens durch die Roemer und die sehr zeitig hier beginnende Romanisierung der
etruskischen Kunst verderblich werden; was Nordetrurien, auf sich allein
beschraenkt, kuenstlerisch zu leisten vermochte, zeigen die wesentlich ihm
angehoerenden Kupfermuenzen.
Wenden wir die Blicke von Etrurien nach Latium, so hat freilich auch dies
keine neue Kunst geschaffen; es war einer weit spaeteren Kulturepoche
vorbehalten, aus dem Motiv des Bogens eine neue, von der hellenischen Tektonik
verschiedene Architektur zu entwickeln und sodann mit dieser harmonisch eine
neue Bildnerei und Malerei zu entfalten. Die latinische Kunst ist nirgend
originell und oft gering; aber die frisch empfindende und taktvoll waehlende
Aneignung des fremden Gutes ist auch ein hohes kuenstlerisches Verdienst. Nicht
leicht hat die latinische Kunst barbarisiert und in ihren besten Erzeugnissen
steht sie voellig im Niveau der griechischen Technik. Eine gewisse Abhaengigkeit
der Kunst Latiums wenigstens in ihren frueheren Stadien von der sicher aelteren
etruskischen soll darum nicht geleugnet werden; es mag Varro immerhin mit Recht
angenommen haben, dass bis auf die im Cerestempel von griechischen Kuenstlern
ausgefuehrten nur "tuscanische" Tonbilder die roemischen Tempel verzierten; aber
dass doch vor allem der unmittelbare Einfluss der Griechen die latinische Kunst
bestimmt hat, ist an sich schon klar und liegt auch in eben diesen Bildwerken
sowie in den latinischen und roemischen Muenzen deutlich zu Tage. Selbst die
Anwendung der Metallzeichnung in Etrurien lediglich auf den Toilettenspiegel, in
Latium lediglich auf den Toilettenkasten deutet auf die Verschiedenartigkeit der
beiden Landschaften zuteil gewordenen Kunstanregung. Es scheint indes nicht
gerade Rom gewesen zu sein, wo die latinische Kunst ihre frischesten Blueten
trieb; die roemischen Asse und die roemischen Denare werden von den latinischen
Kupfer- und den seltenen latinischen Silbermuenzen an Feinheit und Geschmack der
Arbeit bei weitem uebertroffen und auch die Meisterwerke der Malerei und
Zeichnung gehoeren vorwiegend Praeneste, Lanuvium, Ardea an. Auch stimmt dies
vollstaendig zu dem frueher bezeichneten realistischen und nuechternen Sinn der
roemischen Republik, welcher in dem uebrigen Latium sich schwerlich mit gleicher
Strenge geltend gemacht haben kann. Aber im Lauf des fuenften Jahrhunderts und
besonders in der zweiten Haelfte desselben regte es denn doch sich maechtig auch
in der roemischen Kunst. Es war dies die Epoche, in welcher der spaetere Bogen-
und Strassenbau begann, in welcher Kunstwerke wie die Kapitolinische Woelfin
entstanden, in welcher ein angesehener Mann aus einem altadeligen roemischen
Geschlechte den Pinsel ergriff, um einen neugebauten Tempel auszuschmuecken und
dafuer den Ehrenbeinamen des "Malers" empfing. Das ist nicht Zufall. Jede grosse
Zeit erfasst den ganzen Menschen; und wie starr die roemische Sitte, wie streng
die roemische Polizei immer war, der Aufschwung, den die roemische Buergerschaft
als Herrin der Halbinsel oder richtiger gesagt, den das zum erstenmal staatlich
geeinigte Italien nahm, tritt auch in dem Aufschwung der latinischen und
besonders der roemischen Kunst ebenso deutlich hervor wie in dem Sinken der
etruskischen der sittliche und politische Verfall der Nation. Wie die gewaltige
Volkskraft Latiums die schwaecheren Nationen bezwang, so hat sie auch dem Erz
und dem Marmor ihren unvergaenglichen Stempel aufgedrueckt.

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