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Rˆmische Geschichte Book 1 by Theodor Mommsen

Part 5 out of 5

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^7 Vates ist wohl zunaechst der Vorsaenger (denn so wird der vates der
Salier zu fassen sein) und naehert sich dann im aelteren Sprachgebrauch dem
griechischen proph/e/t/e/s: es ist ein dem religioesen Ritual angehoerendes Wort
und hat, auch als es spaeter vom Dichter gebraucht ward, immer den Nebenbegriff
des gotterfuellten Saengers, des Musenpriesters, behalten.
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Ueber die Entwicklung der musischen Kuenste bei den Etruskern und Sabellern
mangelt uns so gut wie jede Kunde ^8. Es kann hoechstens erwaehnt werden, dass
auch in Etrurien die Taenzer (histri, histriones) und die Floetenspieler
(subulones) frueh und wahrscheinlich noch frueher als in Rom aus ihrer Kunst ein
Gewerbe machten und nicht bloss in der Heimat, sondern auch in Rom um geringen
Lohn und keine Ehre sich oeffentlich produzierten. Bemerkenswerter ist es, dass
an dem etruskischen Nationalfest, welches die saemtlichen Zwoelfstaedte durch
einen Bundespriester ausrichteten, Spiele wie die des roemischen Stadtfestes
gegeben wurden; indes die dadurch nahegelegte Frage, inwieweit die Etrusker mehr
als die Latiner zu einer nationalen, ueber den einzelnen Gemeinden stehenden
musischen Kunst gelangt sind, sind wir zu beantworten nicht mehr imstande.
Anderseits mag wohl in Etrurien schon in frueherer Zeit der Grund gelegt sein zu
der geistlosen Ansammlung gelehrten, namentlich theologischen und astrologischen
Plunders, durch den die Tusker spaeterhin, als in dem allgemeinen Verfall die
Zopfgelehrsamkeit zur Bluete kam, mit den Juden, Chaldaeern und Aegyptern die
Ehre teilten, als Urquell goettlicher Weisheit angestaunt zu werden.
Womoeglich noch weniger wissen wir von sabellischer Kunst; woraus
natuerlich noch keineswegs folgt, dass sie der der Nachbarstaemme nachgestanden
hat. Vielmehr laesst sich nach dem sonst bekannten Charakter der drei
Hauptstaemme vermuten, dass an kuenstlerischer Begabung die Samniten den
Hellenen am naechsten, die Etrusker ihnen am fernsten gestanden haben moegen;
und eine gewisse Bestaetigung dieser Annahme gewaehrt die Tatsache, dass die
bedeutendsten und eigenartigsten unter den roemischen Poeten, wie Naevius,
Ennius, Lucilius, Horatius, den samnitischen Landschaften angehoeren, wogegen
Etrurien in der roemischen Literatur fast keine anderen Vertreter hat als den
Arretiner Maecenas, den unleidlichsten aller herzvertrockneten und
worteverkraeuselnden Hofpoeten, und den Volaterraner Persius, das rechte Ideal
eines hoffaertigen und mattherzigen, der Poesie beflissenen Jungen.
Die Elemente der Baukunst sind, wie dies schon angedeutet ward, uraltes
Gemeingut der Staemme. Den Anfang aller Tektonik macht das Wohnhaus; es ist
dasselbe bei Griechen und Italikern. Von Holz gebaut und mit einem spitzen
Stroh- oder Schindeldach bedeckt, bildet es einen viereckigen Wohnraum, welcher
durch die mit dem Regenloch im Boden korrespondierende Deckenoeffnung (cavum
aedium) den Rauch entlaesst und das Licht einfuehrt. Unter dieser "schwarzen
Decke" (atrium) werden die Speisen bereitet und verzehrt; hier werden die
Hausgoetter verehrt und das Ehebett wie die Bahre aufgestellt; hier empfaengt
der Mann die Gaeste und sitzt die Frau spinnend im Kreise ihrer Maegde. Das Haus
hatte keinen Flur, insofern man nicht den unbedeckten Raum zwischen der Haustuer
und der Strasse dafuer nehmen will, welcher seinen Namen vestibulum, das ist der
Ankleideplatz, davon erhielt, dass man im Hause im Untergewand zu gehen pflegte
und nur, wenn man hinaustrat, die Toga umwarf. Auch eine Zimmereinteilung
mangelte, ausser dass um den Wohnraum herum Schlaf- und Vorratskammern
angebracht werden konnten; und an Treppen und aufgesetzte Stockwerke ist noch
weniger zu denken.
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^8 Dass die Atellanen und Fescenninen nicht der kampanischen und
etruskischen, sondern der latinischen Kunst angehoeren, wird seiner Zeit gezeigt
werden.
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Ob und wieweit aus diesen Anfaengen eine national-italische Tektonik
hervorging, ist kaum zu entscheiden, da die griechische Einwirkung schon in der
fruehesten Zeit hier uebermaechtig eingegriffen und die etwa vorhandenen
volkstuemlichen Anfaenge fast ganz ueberwuchert hat. Schon die aelteste
italische Baukunst, welche uns bekannt ist, steht nicht viel weniger unter dem
Einfluss der griechischen als die Tektonik der augustischen Zeit. Die uralten
Graeber von Caere und Alsium sowie wahrscheinlich auch das aelteste unter den
kuerzlich aufgedeckten praenestinischen sind ganz wie die Thesauren von
Orchomenos und Mykenae durch uebereinandergeschobene, allmaehlich einspringende
und mit einem grossen Deckstein geschlossene Steinlagen ueberdacht gewesen. In
derselben Weise ist ein sehr altertuemliches Gebaeude an der Stadtmauer von
Tusculum gedeckt, und ebenso gedeckt war urspruenglich das Quellhaus (tullianum)
am Fusse des Kapitols, bis des darauf gesetzten Gebaeudes wegen die Spitze
abgetragen ward. Die nach demselben System angelegten Tore gleichen sich voellig
in Arpinum und in Mykenae. Der Emissar des Albaner Sees hat die groesste
Aehnlichkeit mit dem des Kopaischen. Die sogenannten kyklopischen Ringmauern
kommen in Italien, vorzugsweise in Etrurien, Umbrien, Latium und der Sabina
haeufig vor und gehoeren der Anlage nach entschieden zu den aeltesten Bauwerken
Italiens, obwohl der groesste Teil der jetzt vorhandenen wahrscheinlich erst
viel spaeter, einzelne sicher erst im siebenten Jahrhundert der Stadt
aufgefuehrt worden sind. Sie sind, eben wie die griechischen, bald ganz roh aus
grossen unbearbeiteten Felsbloecken mit dazwischen eingeschobenen kleineren
Steinen, bald quadratisch in horizontalen Lagen ^9, bald aus vieleckig
zugehauenen, ineinandergreifenden Bloecken geschichtet; ueber die Wahl des einen
oder des anderen dieser Systeme entschied in der Regel wohl das Material, wie
denn in Rom, wo man in aeltester Zeit nur aus Tuff baute, deswegen der
Polygonalbau nicht vorkommt. Die Analogie der beiden ersten einfacheren Arten
mag man auf die des Baustoffs und des Bauzwecks zurueckfuehren; aber es kann
schwerlich fuer zufaellig gehalten werden, dass auch der kuenstliche polygone
Mauerbau und das Tor mit dem durchgaengig links einbiegenden und die
unbeschildete rechte Seite des Angreifers den Verteidigern blosslegenden Torweg
den italischen Festungen ebensowohl wie den griechischen eignet. Bedeutsame
Winke liegen auch darin, dass in demjenigen Teil Italiens, der von den Hellenen
zwar nicht unterworfen, aber doch mit ihnen in lebhaftem Verkehr war, der
eigentliche polygone Mauerbau landueblich war und er in Etrurien nur in Pyrgi
und in den nicht sehr weit davon entfernten Staedten Cosa und Saturnia begegnet;
da die Anlage der Mauer von Pyrgi, zumal bei dem bedeutsamen Namen ("Tuerme"),
wohl ebenso sicher den Griechen zugeschrieben werden kann wie die der Mauern von
Tirynth, so steht hoechst wahrscheinlich in ihnen noch uns eines der Muster vor
Augen, an denen die Italiker den Mauerbau lernten. Der Tempel endlich, der in
der Kaiserzeit der tuscanische hiess und als eine den verschiedenen griechischen
Tempelbauten koordinierte Stilgattung betrachtet ward, ist sowohl im ganzen eben
wie der griechische ein gewoehnlich viereckiger ummauerter Raum (cella), ueber
welchem Waende und Saeulen das schraege Dach schwebend emportragen, als auch im
einzelnen, vor allem in der Saeule selbst und ihrem architektonischen Detail,
voellig abhaengig von dem griechischen Schema. Es ist nach allem diesem
wahrscheinlich wie auch an sich glaublich, dass die italische Baukunst vor der
Beruehrung mit den Hellenen sich auf Holzhuetten, Verhacke und Erd- und
Steinaufschuettungen beschraenkte und dass die Steinkonstruktion erst in
Aufnahme kam durch das Beispiel und die besseren Werkzeuge der Griechen. Kaum zu
bezweifeln ist es, dass die Italiker erst von diesen den Gebrauch des Eisens
kennenlernten und von ihnen die Moertelbereitung (cal[e]x, calecare, von
chalix), die Maschine (machina m/e/chan/e/), das Richtmass (groma, verdorben aus
gn/o/m/o/n gn/o/ma) und den kuenstlichen Verschluss (clatri kl/e/thron)
ueberkamen. Demnach kann von einer eigentuemlich italischen Architektur kaum
gesprochen werden. Doch mag in dem Holzbau des italischen Wohnhauses neben den
durch griechischen Einfluss hervorgerufenen Abaenderungen manches Eigentuemliche
festgehalten oder auch erst entwickelt worden sein und dies dann wieder auf den
Bau der italischen Goetterhaeuser zurueckgewirkt haben. Die architektonische
Entwicklung des Hauses aber ging in Italien aus von den Etruskern. Der Latiner
und selbst der Sabeller hielten noch fest an der ererbten Holzhuette und der
guten alten Sitte, dem Gotte wie dem Geist nicht eine geweihte Wohnung, sondern
nur einen geweihten Raum anzuweisen, als der Etrusker schon begonnen hatte, das
Wohnhaus kuenstlerisch umzubilden und nach dem Muster des menschlichen
Wohnhauses auch dem Gotte einen Tempel und dem Geist ein Grabgemach zu
errichten. Dass man in Latium zu solchen Luxusbauten erst unter etruskischem
Einfluss vorschritt, beweist die Bezeichnung des aeltesten Tempelbau- und des
aeltesten Hausbaustils als tuscanischer ^10. Was den Charakter dieser
Uebertragung anlangt, so ahmt der griechische Tempel wohl auch die allgemeinen
Umrisse des Zeltes oder des Wohnhauses nach; aber er ist wesentlich von Quadern
gebaut und mit Ziegeln gedeckt, und in dem durch den Stein und den gebrannten
Ton bestimmten Verhaeltnissen haben sich fuer ihn die Gesetze der Notwendigkeit
und der Schoenheit entwickelt. Dem Etrusker dagegen blieb der scharfe
griechische Gegensatz zwischen der von Holz hergerichteten Menschen- und der
steinernen Goetterwohnung fremd; die Eigentuemlichkeiten des tuscanischen
Tempels: der mehr dem Quadrat sich naehernde Grundriss, der hoehere Giebel, die
groessere Weite der Zwischenraeume zwischen den Saeulen, vor allem die
gesteigerte Schraegung und das auffallende Vortreten der Dachbalkenkoepfe ueber
die tragenden Saeulen gehen saemtlich aus der groesseren Annaeherung des Tempels
an das Wohnhaus und aus den Eigentuemlichkeiten des Holzbaues hervor.
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^9 Dieser Art sind die Servianischen Mauern gewesen. Sie bestehen teils aus
einer Verstaerkung der Huegelabhaenge durch vorgelegte bis zu vier Metern starke
Futtermauern, teils in den Zwischenraeumen, vor allem am Viminal und Quirinal,
wo vom Esquilinischen bis zum Collinischen Tore die natuerliche Verteidigung
fehlte, aus einem Erdwall, welcher nach aussen durch eine aehnliche Futtermauer
abgeschlossen wird. Auf diesen Futtermauern ruhte die Brustwehr. Ein Graben,
nach zuverlaessigen Berichten der Alten 30 Fuss tief und 100 Fuss breit, zog
sich vor dem Wall hin, zu dem die Erde aus eben diesem Graben genommen war. Die
Brustwehr hat sich nirgends erhalten; von den Futtermauern sind in neuerer Zeit
ausgedehnte Ueberreste zum Vorschein gekommen. Die Tuffbloecke derselben sind im
laenglichen Rechteck behauen, durchschnittlich 60 Zentimeter (= 2 roem. Fuss)
hoch und breit, waehrend die Laenge von 70 Zentimetern bis zu drei Metern
wechselt, und ohne Anwendung von Moertel, abwechselnd mit den Lang- und mit den
Schmalseiten nach aussen, in mehreren Reihen nebeneinander geschichtet.
Der im Jahre 1862 in der Villa Negroni aufgedeckte Teil des Servianischen
Walls am Viminalischen Tor ruht auf einem Fundament gewaltiger Tuffbloecke von
drei bis vier Metern Hoehe und Breite, auf welchem dann aus Bloecken von
demselben Material und derselben Groesse, wie sie bei der Mauer sonst verwandt
waren, die Aussenmauer sich erhob. Der dahinter aufgeschuettete Erdwall scheint
auf der oberen Flaeche eine Breite bis zu etwa dreizehn Metern oder reichlich 40
roem. Fuss, die ganze Mauerwehr mit Einrechnung der Aussenmauer von Quadern eine
Breite bis zu fuenfzehn Metern oder 50 roem. Fuss gehabt zu haben. Die Stuecke
aus Peperinbloecken, welche mit eisernen Klammern verbunden sind, sind erst bei
spaeteren Ausbesserungsarbeiten hinzugekommen.
Den Servianischen wesentlich gleichartig sind die in der Vigna Nussiner am
Abhang des Palatins nach der Kapitolseite und an anderen Punkten des Palatin
aufgefundenen Mauern, die von Jordan (Topographie der Stadt Rom im Altertum. Bd.
2. Berlin 1885, S. 173) wahrscheinlich mit Recht fuer Ueberreste der Burgmauer
des palatinischen Rom erklaert worden sind.
^10 Ratio Tuscanica; cavum aedium Tuscanicum.
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Die bildenden und zeichnenden Kuenste sind juenger als die Architektur; das
Haus muss erst gebaut sein, ehe man daran geht, Giebel und Waende zu schmuecken.
Es ist nicht wahrscheinlich, dass diese Kuenste in Italien schon waehrend der
roemischen Koenigszeit recht in Aufnahme gekommen sind; nur in Etrurien, wo
Handel und Seeraub frueh grosse Reichtuemer konzentrierten, wird die Kunst oder,
wenn man lieber will, das Handwerk in fruehester Zeit Fuss gefasst haben. Die
griechische Kunst, wie sie auf Etrurien gewirkt hat, stand, wie ihr Abbild
beweist, noch auf einer sehr primitiven Stufe und es moegen wohl die Etrusker in
nicht viel spaeterer Zeit von den Griechen gelernt haben, in Ton und Metall zu
arbeiten, als diejenige war, in der sie das Alphabet von ihnen entlehnten. Von
etruskischer Kunstfertigkeit dieser Epoche geben die Silbermuenzen von
Populonia, fast die einzigen mit einiger Sicherheit dieser Epoche zuzuweisenden
Arbeiten, nicht gerade einen hohen Begriff; doch moegen von den etruskischen
Bronzewerken, welche die spaeteren Kunstkenner so hoch stellten, die besten eben
dieser Urzeit angehoert haben, und auch die etruskischen Terrakotten koennen
nicht ganz gering gewesen sein, da die aeltesten in den roemischen Tempeln
aufgestellten Werke aus gebrannter Erde, die Bildsaeule des kapitolinischen
Jupiter und das Viergespann auf seinem Dache, in Veii bestellt worden waren und
die grossen derartigen Aufsaetze auf den Tempeldaechern ueberhaupt bei den
spaeteren Roemern als "tuscanische Werke" gingen.
Dagegen war bei den Italikern, nicht bloss bei den sabellischen Staemmen,
sondern selbst bei den Latinern, das eigene Bilden und Zeichnen in dieser Zeit
noch erst im Entstehen. Die bedeutendsten Kunstwerke scheinen im Auslande
gearbeitet worden zu sein. Der angeblich in Veii verfertigten Tonbilder wurde
schon gedacht; dass in Etrurien verfertigte und mit etruskischen Inschriften
versehene Bronzearbeiten wenn nicht in Latium ueberhaupt, doch mindestens in
Praeneste gangbar waren, haben die neuesten Ausgrabungen bewiesen. Das Bild der
Diana in dem roemisch-latinischen Bundestempel auf dem Aventin, welches als das
aelteste Goetterbild in Rom galt ^11, glich genau dem massaliotischen der
ephesischen Artetuis und war vielleicht in Elea oder Massalia gearbeitet. Es
sind fast allein die seit alter Zeit in Rom vorhandenen Zuenfte der Toepfer,
Kupfer- und Goldschmiede, welche das Vorhandensein eigenen Bildens und Zeichnens
daselbst beweisen; von ihrem Kunststandpunkt aber ist es nicht mehr moeglich,
eine konkrete Vorstellung zu gewinnen.
Versuchen wir aus den Archiven aeltester Kunstueberlieferung und
Kunstuebung geschichtliche Resultate zu gewinnen, so ist zunaechst offenbar,
dass die italische Kunst ebenso wie italisches Mass und italische Schrift nicht
unter phoenikischem, sondern ausschliesslich unter hellenischem Einfluss sich
entwickelt hat. Es ist nicht eine einzige unter den italischen Kunstrichtungen,
die nicht in der altgriechischen Kunst ihr bestimmtes Musterbild faende, und
insofern hat die Sage ganz recht, wenn sie die Verfertigung der bemalten
Tonbilder, ohne Zweifel der aeltesten Kunstart, in Italien zurueckfuehrt auf die
drei griechischen Kuenstler: den "Bildner", "Ordner" und "Zeichner", Eucheir,
Diopos und Eugrammos, obwohl es mehr als zweifelhaft ist, dass diese Kunst
zunaechst von Korinth und zunaechst nach Tarquinii kam. Von unmittelbarer
Nachahmung orientalischer Muster findet sich ebensowenig eine Spur als von einer
selbstaendig entwickelten Kunstform; wenn die etruskischen Steinschneider an der
urspruenglich aegyptischen Kaefer- oder Skarabaeenform festhielten, so sind doch
auch die Skarabaeen in Griechenland in sehr frueher Zeit nachgeschnitten worden,
wie denn ein solcher Kaeferstein mit sehr alter griechischer Inschrift sich in
Aegina gefunden hat, und koennen also den Etruskern recht wohl durch die
Griechen zugekommen sein. Von dem Phoeniker mochte man kaufen; man lernte nur
von dem Griechen.
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^11 Wenn Varro (bei Aug. civ. 4, 31, vgl. Plut. Num. 8) sagt, dass die
Roemer mehr als 170 Jahre die Goetter ohne Bilder verehrt haetten, so denkt er
offenbar an dies uralte Schnitzbild, welches nach der konventionellen
Chronologie zwischen 176 und 219 (578 und 535) der Stadt dediziert und ohne
Zweifel das erste Goetterbild war, dessen Weihung die dem Varro vorliegenden
Quellen erwaehnten. Vgl. oben 1, 230.
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Auf die weitere Frage, von welchem griechischen Stamm den Etruskern die
Kunstmuster zunaechst zugekommen sind, laesst sich eine kategorische Antwort
nicht geben; doch bestehen bemerkenswerte Beziehungen zwischen der etruskischen
und der aeltesten attischen Kunst. Die drei Kunstformen, die in Etrurien
wenigstens spaeterhin in grosser, in Griechenland nur in sehr beschraenkter
Ausdehnung geuebt worden sind, die Grabmalerei, die Spiegelzeichnung und die
Steinschneidekunst, sind bis jetzt auf griechischem Boden einzig in Athen und
Aegina beobachtet worden. Der tuskische Tempel entspricht genau weder dem
dorischen noch dem ionischen; aber in den wichtigsten Unterscheidungsmomenten,
in dem um die Cella herumgefuehrten Saeulengang sowie in der Unterlegung eines
besonderen Postaments unter jede einzelne Saeule, folgt der etruskische Stil dem
juengeren ionischen; und eben der noch vom dorischen Element durchdrungene
ionisch-attische Baustil steht in der allgemeinen Anlage unter allen
griechischen dem tuskischen am naechsten. Fuer Latium mangelt es so gut wie ganz
an sicheren kunstgeschichtlichen Verkehrsspuren; wenn aber, wie sich dies ja
genau genommen von selbst versteht, die allgemeinen Handels- und
Verkehrsbeziehungen auch fuer die Kunstmuster entscheidend gewesen sind, so kann
mit Sicherheit angenommen werden, dass die kampanischen und sizilischen Hellenen
wie im Alphabet so auch in der Kunst die Lehrmeister Latiums gewesen sind; und
die Analogie der aventinischen Diana mit der ephesischen Artemis widerspricht
dem wenigstens nicht. Daneben war denn natuerlich die aeltere etruskische Kunst
auch fuer Latium Muster. Den sabellischen Staemmen ist wie das griechische
Alphabet so auch die griechische Bau- und Bildkunst wenn ueberhaupt doch nur
durch Vermittlung der westlicheren italischen Staemme nahegetreten.
Wenn aber endlich ueber die Kunstbegabung der verschiedenen italischen
Nationen ein Urteil gefaellt werden soll, so ist schon hier ersichtlich, was
freilich in den spaeteren Stadien der Kunstgeschichte noch bei weitem deutlicher
hervortritt, dass die Etrusker wohl frueher zur Kunstuebung gelangt sind und
massenhafter und reicher gearbeitet haben, dagegen ihre Werke hinter den
latinischen und sabellischen an Zweckrichtigkeit und Nuetzlichkeit nicht minder
wie an Geist und Schoenheit zurueckstehen. Es zeigt sich dies allerdings fuer
jetzt nur noch in der Architektur. Der ebenso zweckmaessige wie schoene polygone
Mauerbau ist in Latium und dem dahinterliegenden Binnenland haeufig, in Etrurien
selten und nicht einmal Caeres Mauern sind aus vieleckigen Bloecken geschichtet.
Selbst in der auch kunstgeschichtlich merkwuerdigen religioesen Hervorhebung des
Bogens und der Bruecke in Latium ist es wohl erlaubt, die Anfaenge der spaeteren
roemischen Aquaedukte und roemischen Konsularstrassen zu erkennen. Dagegen haben
die Etrusker den hellenischen Prachtbau wiederholt, aber auch verdorben, indem
sie die fuer den Steinbau festgestellten Gesetze nicht durchaus geschickt auf
den Holzbau uebertrugen und durch das tief hinabgehende Dach und die weiten
Saeulenzwischenraeume ihrem Gotteshaus, mit einem alten Baumeister zu reden,
"ein breites, niedriges, sperriges und schwerfaelliges Ansehen" gegeben haben.
Die Latiner haben aus der reichen Fuelle der griechischen Kunst nur sehr weniges
ihrem energisch realistischen Sinne kongenial gefunden, aber was sie annahmen,
der Idee nach und innerlich sich angeeignet und in der Entwicklung des polygonen
Mauerbaus vielleicht ihre Lehrmeister uebertroffen; die etruskische Kunst ist
ein merkwuerdiges Zeugnis handwerksmaessig angeeigneter und handwerksmaessig
festgehaltener Fertigkeiten, aber so wenig wie die chinesische ein Zeugnis auch
nur genialer Rezeptivitaet. Wie man sich auch straeuben mag, so gut wie man
laengst aufgehoert hat, die griechische Kunst aus der etruskischen abzuleiten,
wird man sich auch noch entschliessen muessen, in der Geschichte der italischen
Kunst die Etrusker aus der ersten in die letzte Stelle zu versetzen.

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