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Rˆmische Geschichte Book 1 by Theodor Mommsen

Part 4 out of 5

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die Bedingung aller staatlichen Einigung ist. Es waere darum wohl an der Zeit,
einmal abzulassen von jener kinderhaften Geschichtsbetrachtung, welche die
Griechen nur auf Kosten der Roemer oder die Roemer nur auf Kosten der Griechen
preisen zu koennen meint und, wie man die Eiche neben der Rose gelten laesst, so
auch die beiden grossartigen Organismen, die das Altertum hervorgebracht hat,
nicht zu loben oder zu tadeln, sondern es zu begreifen, dass ihre Vorzuege
gegenseitig durch ihre Mangelhaftigkeit bedingt sind. Der tiefste und letzte
Grund der Verschiedenheit beider Nationen liegt ohne Zweifel darin, dass Latium
nicht, wohl aber Hellas in seiner Werdezeit mit dem Orient sich beruehrt hat.
Kein Volksstamm der Erde fuer sich allein war gross genug, weder das Wunder der
hellenischen noch spaeterhin das Wunder der christlichen Kultur zu erschaffen;
diese Silberblicke hat die Geschichte da erzeugt, wo aramaeische Religionsideen
in den indogermanischen Boden sich eingesenkt haben. Aber wenn eben darum Hellas
der Prototyp der rein humanen, so ist Latium nicht minder fuer alle Zeiten der
Prototyp der nationalen Entwicklung; und wir Nachfahren haben beides zu verehren
und von beiden zu lernen.
Also war und wirkte die roemische Religion in ihrer reinen und ungehemmten
durchaus volkstuemlichen Entwicklung. Es tut ihrem nationalen Charakter keinen
Eintrag, dass seit aeltester Zeit Weise und Wesen der Gottesverehrung aus dem
Auslande heruebergenommen wurden; so wenig als die Schenkung des Buergerrechts
an einzelne Fremde den roemischen Staat denationalisiert hat. Dass man von
alters her mit den Latinern die Goetter tauschte wie die Waren, versteht sich;
bemerkenswerter ist die Uebersiedlung von nicht stammverwandten Goettern und
Gottesverehrungen. Von dem sabinischen Sonderkult der Titier ist bereits
gesprochen worden. Ob auch aus Etrurien Goetterbegriffe entlehnt worden sind,
ist zweifelhafter; denn die Lasen, die aeltere Bezeichnung der Genien (von
lascivus), und die Minerva, die Goettin des Gedaechtnisses (mens, menervare),
welche man wohl als urspruenglich etruskisch zu bezeichnen pflegt, sind nach
sprachlichen Gruenden vielmehr in Latium heimisch. Sicher ist es auf jeden Fall,
und passt auch wohl zu allem, was wir sonst vom roemischen Verkehr wissen, dass
frueher und ausgedehnter als irgendein anderer auslaendischer der griechische
Kult im Rom Beruecksichtigung fand. Den aeltesten Anlass gaben die griechischen
Orakel. Die Sprache der roemischen Goetter beschraenkte sich im ganzen auf Ja
und Nein und hoechstens auf die Verkuendigung ihres Willens durch das - wie es
scheint, urspruenglich italische - Werfen der Lose ^6; waehrend seit sehr alter
Zeit, wenngleich dennoch wohl erst infolge der aus dem Osten empfangenen
Anregung, die redseligeren Griechengoetter wirkliche Wahrsprueche erteilten.
Solche Ratschlaege in Vorrat zu haben waren die Roemer gar frueh bemueht, und
Abschriften der Blaetter der weissagenden Priesterin Apollons, der kymaeischen
Sibylle, deshalb eine hochgehaltene Gabe der griechischen Gastfreunde aus
Kampanien. Zur Lesung und Ausdeutung des Zauberbuches wurde in fruehester Zeit
ein eigenes, nur den Augurn und Pontifices im Range nachstehendes Kollegium von
zwei Sachverstaendigen (duoviri sacris faciundis) bestellt, auch fuer dasselbe
zwei der griechischen Sprache kundige Sklaven von Gemeinde wegen angeschafft;
diese Orakelbewahrer ging man in zweifelhaften Faellen an, wenn es, um ein
drohendes Unheil abzuwenden, eines gottesdienstlichen Aktes bedurfte und man
doch nicht wusste, welchem Gott und wie er zu beschaffen sei. Aber auch an den
delphischen Apollon selbst wandten schon frueh sich ratsuchende Roemer; ausser
den schon erwaehnten Sagen ueber diesen Verkehr zeugt davon noch teils die
Aufnahme des mit dem delphischen Orakel eng zusammenhaengenden Wortes thesaurus
in alle uns bekannte italische Sprachen, teils die aelteste roemische Form des
Namens Apollon Aperta, der Eroeffner, eine etymologisierende Entstellung des
dorischen Apellon, deren Alter eben ihre Barbarei verraet. Auch der griechische
Herakles ist frueh als Herclus, Hercoles, Hercules in Italien einheimisch und
dort in eigentuemlicher Weise aufgefasst worden, wie es scheint zunaechst als
Gott des gewagten Gewinns und der ausserordentlichen Vermoegensmehrung; weshalb
sowohl von dem Feldherrn der Zehnte der gemachten Beute wie auch von dem
Kaufmann der Zehnte des errungenen Guts ihm an dem Hauptaltar (ara maxima) auf
dem Rindermarkt dargebracht zu werden pflegte. Er wurde darum ueberhaupt der
Gott der kaufmaennischen Vertraege, die in aelterer Zeit haeufig an diesem Altar
geschlossen und mit Eidschwur bekraeftigt wurden, und fiel insofern mit dem
alten latinischen Gott des Worthaltens (deus fidius) zusammen. Die Verehrung des
Hercules ist frueh eine der weitverbreitetsten geworden; er wurde, mit einem
alten Schriftsteller zu reden, an jedem Fleck Italiens verehrt und in den Gassen
der Staedte wie an den Landstrassen standen ueberall seine Altaere. Die
Schiffergoetter ferner, Kastor und Polydeukes oder roemisch Pollux, ferner der
Gott des Handels, Hermes, der roemische Mercurius, und der Heilgott Asklapios
oder Aesculapius, wurden den Roemern frueh bekannt, wenngleich deren
oeffentliche Verehrung erst spaeter begann. Der Name des Festes der "guten
Goettin" (bona dea) damium, entsprechend dem griechischen damion oder d/e/mion,
mag gleichfalls schon bis in diese Epoche zurueckreichen. Auf alter Entlehnung
muss es auch beruhen, dass der alte Liber pater der Roemer spaeter als "Vater
Befreier" gefasst ward und mit dem Weingott der Griechen, dem "Loeser" (Lyaeos)
zusammenfloss, und dass der roemische Gott der Tiefe der "Reichtumspender"
(Pluton - Dis pater) hiess, dessen Gemahlin Persephone aber, zugleich durch
Anlautung und durch Begriffsuebertragung, ueberging in die roemische Proserpina,
dass heisst Aufkeimerin. Selbst die Goettin des roemisch-latinischen Bundes, die
aventinische Diana scheint der Bundesgoettin der kleinasiatischen Ionier, der
ephesischen Artemis nachgebildet zu sein; wenigstens war das Schnitzbild in dem
roemischen Tempel nach dem ephesischen Typus gefertigt. Nur auf diesem Wege,
durch die frueh mit orientalischen Vorstellungen durchdrungenen apollinischen,
dionysischen, plutonischen, herakleischen und Artemismythen, hat in dieser
Epoche die aramaeische Religion eine entfernte und mittelbare Einwirkung auf
Italien geuebt. Deutlich erkennt man dabei, wie das Eindringen der griechischen
Religion vor allen Dingen auf den Handelsbeziehungen beruht und wie zunaechst
Kaufleute und Schiffer die griechischen Goetter nach Italien gebracht haben.
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^6 Sors, von serere, reihen. Es waren wahrscheinlich an einer Schnur
gereihte Holztaefelchen, die geworfen verschiedenartige Figuren bildeten; was an
die Runen erinnert.
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Indessen sind die einzelnen Entlehnungen aus dem Ausland nur von
sekundaerer Bedeutung, die Truemmer des Natursymbolismus der Urzeit aber, wie
etwa die Sage von den Rindern des Cacus eines sein mag, so gut wie ganz
verschollen; im grossen und ganzen ist die roemische Religion eine organische
Schoepfung des Volkes, bei dem wir sie finden.
Die sabellische und umbrische Gottesverehrung beruht, nach dem wenigen zu
schliessen, was wir davon wissen, auf ganz gleichen Grundanschauungen wie die
latinische mit lokal verschiedener Faerbung und Gestaltung. Dass sie abwich von
der latinischen, zeigt am bestimmtesten die Gruendung einer eigenen
Genossenschaft in Rom zur Bewahrung der sabinischen Gebraeuche; aber eben sie
gibt ein belehrendes Beispiel, worin der Unterschied bestand. Die Vogelschau war
beiden Staemmen die regelmaessige Weise der Goetterbefragung; aber die Titier
schauten nach anderen Voegeln als die ramnischen Augurn. Ueberall, wo wir
vergleichen koennen, zeigen sich aehnliche Verhaeltnisse; die Fassung der
Goetter als Abstraktion des Irdischen und ihre unpersoenliche Natur sind beiden
Staemmen gemein, Ausdruck und Ritual verschieden. Dass dem damaligen Kultus
diese Abweichungen gewichtig erschienen, ist begreiflich; wir vermoegen den
charakteristischen Unterschied, wenn einer bestand, nicht mehr zu erfassen.
Aber aus den Truemmern, die vom etruskischen Sakralwesen auf uns gekommen
sind, redet ein anderer Geist. Es herrscht in ihnen eine duestere und dennoch
langweilige Mystik, Zahlenspiel und Zeichendeuterei und jene feierliche
Inthronisierung des reinen Aberwitzes, die zu allen Zeiten ihr Publikum findet.
Wir kennen zwar den etruskischen Kult bei weitem nicht in solcher
Vollstaendigkeit und Reinheit wie den latinischen; aber mag die spaetere
Gruebelei auch manches erst hineingetragen haben, und moegen auch gerade die
duesteren und phantastischen, von dem latinischen Kult am meisten sich
entfernenden Saetze uns vorzugsweise ueberliefert sein, was beides in der Tat
nicht wohl zu bezweifeln ist, so bleibt immer noch genug uebrig, um die Mystik
und Barbarei dieses Kultes zu bezeichnen als im innersten Wesen des etruskischen
Volkes begruendet.
Ein innerlicher Gegensatz des sehr ungenuegend bekannten etruskischen
Gottheitsbegriffs zu dem italischen laesst sich nicht erfassen; aber bestimmt
treten unter den etruskischen Goettern die boesen und schadenfrohen in den
Vordergrund, wie denn auch der Kult grausam ist und namentlich das Opfern der
Gefangenen einschliesst - so schlachtete man in Caere die gefangenen Phokaeer,
in Tarquinii die gefangenen Roemer. Statt der stillen, in den Raeumen der Tiefe
friedlich schaltenden Welt der abgeschiedenen "guten Geister", wie die Latiner
sie sich dachten, erscheint hier eine wahre Hoelle, in die die armen Seelen zur
Peinigung durch Schlaegel und Schlangen abgeholt werden von dem Totenfuehrer;
einer wilden, halb tierischen Greisengestalt mit Fluegeln und einem grossen
Hammer; einer Gestalt, die man spaeter in Rom bei den Kampfspielen verwandte, um
den Mann zu kostuemieren, der die Leichen der Erschlagenen vom Kampfplatz
wegschaffte. So fest ist mit diesem Zustand der Schatten die Pein verbunden,
dass es sogar eine Erloesung daraus gibt, die nach gewissen geheimnisvollen
Opfern die arme Seele versetzt unter die oberen Goetter. Es ist merkwuerdig,
dass, um ihre Unterwelt zu bevoelkern, die Etrusker frueh von den Griechen deren
finstere Vorstellungen entlehnten, wie denn die acherontische Lehre und der
Charon eine grosse Rolle in der etruskischen Weisheit spielen.
Aber vor allen Dingen beschaeftigt den Etrusker die Deutung der Zeichen und
Wunder. Die Roemer vernahmen wohl auch in der Natur die Stimme der Goetter;
allein ihr Vogelschauer verstand nur die einfachen Zeichen und erkannte nur im
allgemeinen, ob die Handlung Glueck oder Unglueck bringen werde. Stoerungen im
Laufe der Natur galten ihm als unglueckbringend und hemmten die Handlung, wie
zum Beispiel bei Blitz und Donner die Volksversammlung auseinanderging, und man
suchte auch wohl, sie zu beseitigen, wie zum Beispiel die Missgeburt schleunigst
getoetet ward. Aber jenseits des Tiber begnuegte man sich damit nicht. Der
tiefsinnige Etrusker las aus den Blitzen und aus den Eingeweiden der Opfertiere
dem glaeubigen Mann seine Zukunft bis ins einzelne heraus, und je seltsamer die
Goettersprache, je auffallender das Zeichen und Wunder, desto sicherer gab er
an, was er verkuende und wie man das Unheil etwa abwenden koenne. So entstanden
die Blitzlehre, die Haruspizes, die Wunderdeutung, alle ausgesponnen mit der
ganzen Haarspalterei des im Absurden lustwandelnden Verstandes, vor allem die
Blitzwissenschaft. Ein Zwerg von Kindergestalt mit grauen Haaren, der von einem
Ackersmann bei Tarquinii war ausgepfluegt worden, Tages genannt - man sollte
meinen, dass das zugleich kindische und altersschwache Treiben in ihm sich
selber habe verspotten wollen -, also Tages hatte sie zuerst den Etruskern
verraten und war dann sogleich gestorben. Seine Schueler und Nachfolger lehrten,
welche Goetter Blitze zu schleudern pflegten; wie man am Quartier des Himmels
und an der Farbe den Blitz eines jeden Gottes erkenne; ob der Blitz einen
dauernden Zustand andeute oder ein einzelnes Ereignis und wenn dieses, ob
dasselbe ein unabaenderlich datiertes sei oder durch Kunst sich verschieben
lasse bis zu einer gewissen Grenze; wie man den eingeschlagenen Blitz bestatte
oder den drohenden einzuschlagen zwinge, und dergleichen wundersame Kuenste
mehr, denen man gelegentlich die Sportulierungsgelueste anmerkt. Wie tief dies
Gaukelspiel dem roemischen Wesen widerstand, zeigt, dass, selbst als man spaeter
in Rom es benutzte, doch nie ein Versuch gemacht ward, es einzubuergern; in
dieser Epoche genuegten den Roemern wohl noch die einheimischen und die
griechischen Orakel.
Hoeher als die roemische Religion steht die etruskische insofern, als sie
von dem, was den Roemern voellig mangelt, einer in religioese Formen gehuellten
Spekulation, wenigstens einen Anfang entwickelt hat. Ueber der Welt mit ihren
Goettern walten die verhuellten Goetter, die der etruskische Jupiter selber
befragt; jene Welt aber ist endlich und wird, wie sie entstanden ist, so auch
wieder vergehen nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums, dessen Abschnitte die
Saecula sind. Ueber den geistigen Gehalt, den diese etruskische Kosmogonie und
Philosophie einmal gehabt haben mag, ist schwer zu urteilen; doch scheint auch
ihnen ein geistloser Fatalismus und ein plattes Zahlenspiel von Haus aus eigen
gewesen zu sein.
13. Kapitel
Ackerbau, Gewerbe und Verkehr
Ackerbau und Verkehr sind so innig verwachsen mit der Verfassung und der
aeusseren Geschichte der Staaten, dass schon bei deren Schilderung vielfach auf
dieselben Ruecksicht genommen werden musste. Hier soll es versucht werden,
anknuepfend an jene einzelnen Betrachtungen, die italische, namentlich die
roemische Oekonomie zusammenfassend und ergaenzend zu schildern.
Dass der Uebergang von der Weide- zur Ackerwirtschaft jenseits der
Einwanderung der Italiker in die Halbinsel faellt, ward schon bemerkt. Der
Feldbau blieb der Grundpfeiler aller italischen Gemeinden, der sabellischen und
der etruskischen nicht minder als der latinischen; eigentliche Hirtenstaemme hat
es in Italien in geschichtlicher Zeit nicht gegeben, obwohl natuerlich die
Staemme ueberall, je nach der Art der Oertlichkeit in geringerem oder staerkerem
Masse, neben dem Ackerbau die Weidewirtschaft betrieben. Wie innig man es
empfand, dass jedes Gemeinwesen auf dem Ackerbau beruhe, zeigt die schoene
Sitte, die Anlage neuer Staedte damit zu beginnen, dass man dort, wo der
kuenftige Mauerring sich erheben sollte, mit dem Pflug eine Furche vorzeichnete.
Dass namentlich in Rom, ueber dessen agrarische Verhaeltnisse sich allein mit
einiger Bestimmtheit sprechen laesst, nicht bloss der Schwerpunkt des Staates
urspruenglich in der Bauernschaft lag, sondern auch dahin gearbeitet ward, die
Gesamtheit der Ansaessigen immer festzuhalten als den Kern der Gemeinde, zeigt
am klarsten die Servianische Reform. Nachdem im Laufe der Zeit ein grosser Teil
des roemischen Grundbesitzes in die Haende von Nichtbuergern gelangt war und
also die Rechte und Pflichten der Buergerschaft nicht mehr auf der Ansaessigkeit
ruhten, beseitigte die reformierte Verfassung dies Missverhaeltnis und die
daraus drohenden Gefahren nicht bloss fuer einmal, sondern fuer alle Folgezeit,
indem sie die Gemeindeglieder ohne Ruecksicht auf ihre politische Stellung ein
fuer allemal nach der Ansaessigkeit heranzog und die gemeine Last der
Wehrpflicht auf die Ansaessigen legte, denen die gemeinen Rechte im natuerlichen
Lauf der Entwicklung nachfolgen mussten. Auch die ganze Kriegs- und
Eroberungspolitik der Roemer war ebenso wie die Verfassung basiert auf die
Ansaessigkeit; wie im Staat der ansaessige Mann allein galt, so hatte der Krieg
den Zweck, die Zahl der ansaessigen Gemeindeglieder zu vermehren. Die
ueberwundene Gemeinde ward entweder genoetigt, ganz in der roemischen
Bauernschaft aufzugehen, oder, wenn es zu diesem Aeussersten nicht kam, wurde
ihr doch nicht Kriegskontribution oder fester Zins auferlegt, sondern die
Abtretung eines Teils, gewoehnlich eines Drittels ihrer Feldmark, wo dann
regelmaessig roemische Bauernhoefe entstanden. Viele Voelker haben gesiegt und
erobert wie die Roemer; aber keines hat gleich dem roemischen den erkaempften
Boden also im Schweisse seines Angesichts sich zu eigen gemacht und was die
Lanze gewonnen hatte, mit der Pflugschar zum zweitenmal erworben. Was der Krieg
gewinnt, kann der Krieg wieder entreissen, aber nicht also die Eroberung, die
der Pflueger macht; wenn die Roemer viele Schlachten verloren, aber kaum je bei
dem Frieden roemischen Boden abgetreten haben, so verdanken sie dies dem zaehen
Festhalten der Bauern an ihrem Acker und Eigen. In der Beherrschung der Erde
liegt die Kraft des Mannes und des Staates; die Groesse Roms ist gebaut auf die
ausgedehnteste und unmittelbarste Herrschaft der Buerger ueber den Boden und auf
die geschlossene Einheit dieser also festgegruendeten Bauernschaft.
Dass in aeltester Zeit das Ackerland gemeinschaftlich, wahrscheinlich nach
den einzelnen Geschlechtsgenossenschaften, bestellt und erst der Ertrag unter
die einzelnen, dem Geschlecht angehoerigen Haeuser verteilt ward, ist bereits
angedeutet worden; wie denn Feldgemeinschaft und Geschlechtergemeinde innerlich
zusammenhaengen und auch spaeterhin in Rom noch das Zusammenwohnen und
Wirtschaften der Mitbesitzer sehr haeufig vorkam ^1. Selbst die roemische
Rechtsueberlieferung weiss noch zu berichten, dass das Vermoegen anfaenglich in
Vieh und Bodenbenutzung bestand und erst spaeter das Land unter die Buerger zu
Sondereigentum aufgeteilt ward ^2. Besseres Zeugnis dafuer gewaehrt die aelteste
Bezeichnung des Vermoegens als "Viehstand" (pecunia) oder "Sklaven- und
Viehstand" (familia pecuniaque) und des Sonderguts der Hauskinder und Sklaven
als "Schaefchen" (peculium); ferner die aelteste Form des Eigentumserwerbs durch
Handangreifen (mancipatio), was nur fuer bewegliche Sachen angemessen ist, und
vor allem das aelteste Mass des "Eigenlandes" (heredium von herus, Herr) von
zwei Jugeren oder preussischen Morgen, das nur Gartenland, nicht Hufe, gewesen
sein kann ^3. Wann und wie die Aufteilung des Ackerlandes stattgefunden hat,
laesst sich nicht mehr bestimmen. Geschichtlich steht nur so viel fest, dass die
aelteste Verfassung die Ansaessigkeit nicht, sondern als Surrogat dafuer die
Geschlechtsgenossenschaft, dagegen schon die Servianische den aufgeteilten Acker
voraussetzt. Aus derselben Verfassung geht hervor, dass die grosse Masse des
Grundbesitzes aus mittleren Bauernstellen bestand, welche einer Familie zu tun
und zu leben gaben und das Halten von Ackervieh sowie die Anwendung des Pfluges
gestatteten; das gewoehnliche Flaechenmass dieser roemischen Vollhufe ist nicht
mit Sicherheit ermittelt, kann aber, wie schon gesagt ward, schwerlich geringer
als zu 20 Morgen angenommen werden.
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^1 Die bei der deutschen Feldgemeinschaft vorkommende Verbindung geteilten
Eigentums der Genossen und gemeinschaftlicher Bestellung durch die
Genossenschaft hat in Italien schwerlich je bestanden. Waere hier, wie bei den
Deutschen, jeder Genosse als Eigentuemer eines Einzelfleckes in jedem
wirtschaftlich abgegrenzten Teile der Gesamtmark betrachtet worden, so wuerde
doch wohl die spaetere Sonderwirtschaft von zerstueckelten Hufen ausgehen.
Allein es ist vielmehr das Gegenteil der Fall; die Individualnamen der
roemischen Hufen (fundus Cornelianus) zeigen deutlich, dass der aelteste
roemische Individualgrundbesitz faktisch geschlossen war.
^2 Cicero (rep. 2, 9, 14; vgl. Plut. q. Rom. 15) berichtet: Tunc (zur Zeit
des Romulus) erat res in pecore et locorum possessionibus, ex quo pecuniosi et
locupletes vocabantur. - (Numa) primum agros, quos bello Romulus ceperat,
divisit viritim civibus. Ebenso laesst Dionys den Romulus das Land in dreissig
Kuriendistrikte teilen, den Numa die Grenzsteine setzen und das Terminalienfest
einfuehren (1, 7; 2, 74; daraus Plut. Num. 16).
^3 Da dieser Behauptung fortwaehrend noch widersprochen wird, so moegen die
Zahlen reden. Die roemischen Landwirte der spaeteren Republik und der Kaiserzeit
rechnen durchschnittlich fuer das Iugerum als Aussaat fuenf roemische Scheffel
Weizen, als Ertrag das fuenffache Korn; der Ertrag eines Heredium ist demnach,
selbst wenn man, von dem Haus- und Hofraum absehend, es lediglich als Ackerland
betrachtet und auf Brachjahre keine Ruecksicht nimmt, 50 oder nach Abzug des
Saatkorns 40 Scheffel. Auf den erwachsenen, schwer arbeitenden Sklaven rechnet
Cato (agr. c. 56) fuer das Jahr 51 Scheffel Weizen. Die Frage, ob eine roemische
Familie von dem Heredium leben konnte oder nicht, mag danach sich jeder selber
beantworten. Der versuchte Gegenbeweis stuetzt sich darauf, dass der Sklave der
spaeteren Zeit ausschliesslicher als der freie Bauer der aelteren von Getreide
gelebt hat und dass fuer die aeltere Zeit die Annahme des fuenffachen Kornes
eine zu niedrige ist; beides ist wohl richtig, aber fuer beides gibt es eine
Grenze. Ohne Zweifel sind die Nebennutzungen, welche das Ackerland selbst und
die Gemeinweide an Feigen, Gemuese, Milch, Fleisch (besonders durch die alte und
intensive Schweinezucht) und dergleichen abwirft, besonders fuer die aeltere
Zeit in Anschlag zu bringen; aber die aeltere roemische Weidewirtschaft war,
wenn auch nicht unbedeutend, so doch von untergeordneter Bedeutung und die
Hauptnahrung des Volkes immer notorisch das Getreide. Man mag ferner wegen der
Intensitaet der aelteren Kultur zu einer sehr ansehnlichen Steigerung besonders
des Bruttoertrags gelangen - und ohne Frage haben die Bauern dieser Zeit ihren
Ackern einen groesseren Ertrag abgewonnen, als die Plantagenbesitzer der
spaeteren Republik und der Kaiserzeit ihn erzielten; aber Mass wird auch hier zu
halten sein, da es ja um Durchschnittssaetze sich handelt und um eine weder
rationell noch mit grossem Kapital betriebene Bauernbewirtschaftung. Die Annahme
des zehnten Korns statt des fuenften wird die aeusserste Grenze sein, und sie
genuegt doch weitaus nicht. Auf keinen Fall laesst das enorme Defizit, welches
auch nach diesen Ansaetzen zwischen dem Ertrag des Heredium und dem Bedarf des
Hauswesens bleibt, durch blosse Kultursteigerung sich decken. In der Tat wird
der Gegenbeweis erst dann als gefuehrt zu betrachten sein, wenn eine rationelle
landwirtschaftliche Berechnung aufgestellt sein wird, wonach bei einer
ueberwiegend von Vegetabilien sich naehrenden Bevoelkerung der Ertrag eines
Grundstueckes von zwei Morgen sich als durchschnittlich fuer die Ernaehrung
einer Familie ausreichend herausstellt.
Man behauptet nun zwar, dass selbst in geschichtlicher Zeit
Koloniegruendungen mit Ackerlosen von zwei Morgen vorkommen; aber das einzige
Beispiel der Art (Liv. 4, 47), die Kolonie Labici vom Jahr 336, wird von
denjenigen Gelehrten, gegen welche es ueberhaupt der Muehe sich verlohnt,
Argumente zu gebrauchen, sicherlich nicht zu der im geschichtlichen Detail
zuverlaessigen Ueberlieferung gezaehlt werden und unterliegt auch noch anderen
sehr ernsten Bedenken. Das allerdings ist richtig, dass bei der nichtkolonialen
Ackeranweisung an die gesamte Buergerschaft (adsignatio viritana) zuweilen nur
wenige Morgen gegeben worden sind (so z. B. Liv. 8, 11, 21); aber hier sollten
auch keineswegs in den Losen neue Bauernwesen geschaffen, sondern vielmehr in
der Regel zu den bestehenden vom eroberten Lande neue Parzellen hinzugefuegt
werden (vgl. CIL I, p. 88). Auf alle Faelle wird jede andere Annahme besser sein
als eine Hypothese, welche mit den fuenf Broten und zwei Fischen des Evangeliums
ziemlich auf einer Linie steht. Die roemischen Bauern waren bei weitem weniger
bescheiden als ihre Historiographen; sie meinten selbst auf Grundstuecken von
sieben Morgen oder 140 roemischen Scheffeln Ertrag nicht auskommen zu koennen.
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Die Landwirtschaft ging wesentlich auf den Getreidebau, das gewoehnliche
Korn war der Spelt (far) ^4; doch wurden auch Huelsenfruechte, Rueben und
Gemuese fleissig gezogen.
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^4 Vielleicht der juengste, obwohl schwerlich der letzte Versuch, den
Nachweis zu fuehren, dass die latinische Bauernfamilie von zwei Morgen Landes
hat leben koennen, ist hauptsaechlich darauf gestuetzt worden, dass Varro (tust.
1, 44, 1) als Aussaat auf den Morgen fuenf Scheffel Weizen, dagegen zehn
Scheffel Spelt rechnet und diesem entsprechend den Ertrag ansetzt, woraus denn
gefolgert wird, dass der Speltbau wo nicht den doppelten, doch einen
betraechtlich hoeheren Ertrag liefert als der Weizenbau. Es ist aber vielmehr
das Umgekehrte richtig und jene nominell hoehere Aussaat und Ernte einfach zu
erklaeren aus dem Umstand, dass die Roemer den Weizen ausgehuelst lagerten und
saeten, den Spelt aber in den Huelsen (Plin. nat. 18, 7, 61), die sich hier
durch das Dreschen nicht von der Frucht trennen. Aus demselben Grunde wird der
Spelt auch heutzutage noch doppelt so stark gesaet als der Weizen und liefert
nach Scheffelmass doppelt hoeheren Ertrag, nach Abzug der Huelsen aber
geringeren. Nach wuerttembergischen Angaben, die mir G. Hanssen mitteilt,
rechnet man dort als Durchschnittsertrag fuer den wuerttembergischen Morgen an
Weizen (bei einer Aussaat von ¨-´ Scheffel) drei Scheffel zum mittleren Gewicht
von 275 Pfund (= 825 Pfund), an Spelt (bei einer Aussaat von ´-1´ Scheffel)
mindestens sieben Scheffel zum mittleren Gewicht von 150 Pfund (= 1050 Pfund),
welche durch die Schaelung sich auf etwa vier Scheffel reduzieren. Also liefert
der Spelt, verglichen mit dem Weizen, im Bruttoertrag mehr als doppelte, bei
gleich gutem Boden vielleicht dreifache Ernte, dem spezifischen Gewicht nach
aber vor der Enthuelsung nicht viel ueber, nach der Enthuelsung (als Kern")
weniger als die Haelfte. Nicht aus Versehen, wie behauptet worden ist, sondern
weil es zweckmaessig ist, bei Ueberschlaegen dieser Art von ueberlieferten und
gleichartigen Ansetzungen auszugehen, ist die oben aufgestellte Berechnung auf
Weizen gestellt worden; sie durfte es, weil sie, auf Spelt uebertragen, nicht
wesentlich abweicht und der Ertrag eher faellt als steigt. Der Spelt ist
genuegsamer in bezug auf Boden und Klima und weniger Gefahren ausgesetzt als der
Weizen; aber der letztere liefert im ganzen, namentlich wenn man die nicht
unbetraechtlichen Enthuelsungskosten in Anschlag bringt, einen hoeheren
Reinertrag (nach fuenfzigjaehrigem Durchschnitt stellt in der Gegend von
Frankenthal in Rheinbayern sich der Malter Weizen auf 11 Gulden 3 Kreuzer, der
Malter Spelt auf 4 Gulden 30 Kreuzer), und wie in Sueddeutschland, wo der Boden
ihn zulaesst, der Weizenbau vorgezogen wird, und ueberhaupt bei vorschreitender
Kultur dieser den Speltbau zu verdraengen pflegt, so ist auch der gleichartige
Uebergang der italischen Landwirtschaft vom Spelt- zum Weizenbau unleugbar ein
Fortschritt gewesen.
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Dass die Pflege des Weinstocks nicht erst durch die griechischen Ansiedler
nach Italien kam, beweist das in die vorgriechische Zeit hinaufreichende
Festverzeichnis der roemischen Gemeinde, das drei Weinfeste kennt und diese dem
Vater Iovis, nicht dem juengeren, erst von den Griechen entlehnten Weingott, dem
Vater Befreier, feiern heisst. Wenn nach einer recht alten Sage der Koenig
Mezentius von Caere von den Latinern oder den Rutulern einen Weinzins fordert,
wenn als die Ursache, welche die Kelten veranlasste, die Alpen zu
ueberschreiten, in einer weit verbreiteten und sehr verschiedenartig gewendeten
italischen Erzaehlung die Bekanntschaft mit den edlen Fruechten Italiens und vor
allem mit der Traube und dem Wein genannt wird, so spricht daraus der Stolz der
Latiner auf ihre herrliche, von den Nachbarn vielbeneidete Rebe. Frueh und
allgemein wurde von den latinischen Priestern auf eine sorgfaeltige Rebenzucht
hingewirkt. In Rom begann die Lese erst, wenn der hoechste Priester der
Gemeinde, der Flamen des Jupiter sie gestattet und selbst damit begonnen hatte;
in gleicher Weise verbot eine tusculanische Ordnung das Feilbieten des neuen
Weines, bevor der Priester das Fest der Fassoeffnung abgerufen hatte. Ebenso
gehoert hierher nicht bloss die allgemeine Aufnahme der Weinspende in das
Opferritual, sondern auch die als Gesetz des Koenigs Numa bekannt gemachte
Vorschrift der roemischen Priester, den Goettern keinen von unbeschnittenen
Reben gewonnenen Wein zum Trankopfer auszugiessen; eben wie sie, um das
nuetzliche Doerren des Getreides einzufuehren, die Opferung ungedoerrten
Getreides untersagten.
Juenger ist der Oelbau und sicher erst durch die Griechen nach Italien
gekommen ^5. Die Olive soll zuerst gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts der
Stadt am westlichen Mittelmeer gepflanzt worden sein; es stimmt dazu, dass der
Oelzweig und die Olive im roemischen Ritual eine weit untergeordnetere Rolle
spielen als der Saft der Rebe. Wie wert uebrigens der Roemer beide edle Baeume
hielt, beweisen der Rebstock und Oelbaum, die mitten auf dem Markte der Stadt
unweit des Curtischen Teiches gepflanzt wurden.
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^5 Oleum, oliva sind aus elaion, elaia, amurca (PHlhefe) aus amorg/e/
entstanden.
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Von den Fruchtbaeumen ward vor allem die nahrhafte und wahrscheinlich in
Italien einheimische Feige gepflanzt; um die alten Feigenbaeume, deren ebenfalls
mehrere auf und an dem roemischen Markte standen ^6, hat die roemische
Ursprungssage ihre dichtesten Faeden gesponnen.
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^6 Aber dass der vor dem Saturnustempel stehende im Jahr 260 (494)
umgehauen ward (Plin. nat. 15, 18, 77), ist nicht ueberliefert; die Ziffer CCLX
fehlt in allen guten Handschriften und ist, wohl mit Anlehnung an Liv. 2, 21,
interpoliert.
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Es waren der Bauer und dessen Soehne, welche den Pflug fuehrten und
ueberhaupt die landwirtschaftlichen Arbeiten verrichteten; dass auf den
gewoehnlichen Bauernwirtschaften Sklaven oder freie Tageloehner regelmaessig mit
verwandt worden sind, ist nicht wahrscheinlich. Den Pflug zog der Stier, auch
die Kuh; zum Tragen der Lasten dienten Pferde, Esel und Maultiere. Eine
selbstaendige Viehwirtschaft zur Gewinnung des Fleisches oder der Milch bestand
wenigstens auf dem in Geschlechtseigentum stehenden Land nicht oder nur in sehr
beschraenktem Umfang; wohl aber wurden ausser dem Kleinvieh, das man auf die
gemeine Weide mit auftrieb, auf dem Bauernhof Schweine und Gefluegel, besonders
Gaense gehalten. Im allgemeinen ward man nicht muede zu pfluegen und wieder zu
pfluegen - der Acker galt als mangelhaft bestellt, bei dem die Furchen nicht so
dicht gezogen waren, dass das Eggen entbehrt werden konnte; aber der Betrieb war
mehr intensiv als intelligent, und der mangelhafte Pflug, das unvollkommene
Ernte- und Dreschverfahren, blieben unveraendert. Mehr als das hartnaeckige
Festhalten der Bauern an dem Hergebrachten wirkte hierzu wahrscheinlich die
geringe Entwicklung der rationellen Mechanik; denn dem praktischen Italiener war
die gemuetliche Anhaenglichkeit an die mit der ererbten Scholle ueberkommene
Bestellungsweise fremd, und einleuchtende Verbesserungen der Landwirtschaft, wie
zum Beispiel der Anbau von Futterkraeutern und das Berieselungssystem der
Wiesen, moegen schon frueh von den Nachbarvoelkern uebernommen oder selbstaendig
entwickelt worden sein; begann doch die roemische Literatur selbst mit der
theoretischen Behandlung des Ackerbaus. Der fleissigen und verstaendigen Arbeit
folgte die erfreuliche Rast; und auch hier machte die Religion ihr Recht
geltend, die Muehsal des Lebens auch dem Niedrigen durch Pausen der Erholung und
der freieren menschlichen Bewegung zu mildern. Jeden achten Tag (nonae), also
durchschnittlich viermal im Monat, geht der Bauer in die Stadt, um zu verkaufen
und zu kaufen und seine uebrigen Geschaefte zu besorgen. Eigentliche Arbeitsruhe
bringen aber nur die einzelnen Festtage und vor allem der Feiermonat nach
vollbrachter Wintersaat (feriae sementivae); waehrend dieser Fristen rastete
nach dem Gebote der Goetter der Pflug und es ruhten in Feiertagsmusse nicht
bloss der Bauer, sondern auch der Knecht und der Stier.
In solcher Weise etwa ward die gewoehnliche roemische Bauernstelle in
aeltester Zeit bewirtschaftet. Gegen schlechte Verwaltung gab es fuer die
Anerben keinen anderen Schutz, als das Recht, den leichtsinnigen Verschleuderer
ererbten Vermoegens gleichsam als einen Wahnsinnigen unter Vormundschaft stellen
zu lassen. Den Frauen war ueberdies das eigene Verfuegungsrecht wesentlich
entzogen, und wenn sie sich verheirateten, gab man ihnen regelmaessig einen
Geschlechtsgenossen zum Mann, um das Gut in dem Geschlecht zusammenzuhalten. Der
Ueberschuldung des Grundbesitzes suchte das Recht zu steuern teils dadurch, dass
es bei der Hypothekenschuld den vorlaeufigen Uebergang des Eigentums an der
verpfaendeten Liegenschaft vom Schuldner auf den Glaeubiger verordnete, teils
durch das strenge und rasch zum faktischen Konkurs fuehrende Exekutivverfahren
bei dem einfachen Darlehen; doch erreichte, wie die Folge zeigt, das letztere
Mittel seinen Zweck sehr unvollkommen. Die freie Teilbarkeit des Eigentums blieb
gesetzlich unbeschraenkt. So wuenschenswert es auch sein mochte, dass die
Miterben im ungeteilten Besitz des Erbguts blieben, so sorgte doch schon das
aelteste Recht dafuer die Aufloesung einer solchen Gemeinschaft zu jeder Zeit
jedem Teilnehmer offenzuhalten; es ist gut, wenn Brueder friedlich
zusammenwohnen, aber sie dazu zu noetigen, ist dem liberalen Geiste des
roemischen Rechts fremd. Die Servianische Verfassung zeigt denn auch, dass es
schon in der Koenigszeit in Rom an Insten und Gartenbesitzern nicht gefehlt hat,
bei denen an die Stelle des Pfluges der Karst trat. Die Verhinderung der
uebermaessigen Zerstueckelung des Bodens blieb der Gewohnheit und dem gesunden
Sinn der Bevoelkerung ueberlassen; und dass man sich hierin nicht getaeuscht hat
und die Landgueter in der Regel zusammengeblieben sind, beweist schon die
allgemeine roemische Sitte, sie mit feststehenden Individualnamen zu bezeichnen.
Die Gemeinde griff nur indirekt hier ein durch die Ausfuehrung von Kolonien,
welche regelmaessig die Gruendung einer Anzahl neuer Vollhufen, und haeufig wohl
auch, indem man kleine Grundbesitzer als Kolonisten ausfuehrte, die Einziehung
einer Anzahl Instenstellen herbeifuehrte. Bei weitem schwieriger ist es, die
Verhaeltnisse des groesseren Grundbesitzes zu erkennen. Dass es einen solchen in
nicht unbedeutender Ausdehnung gab, ist nach der fruehen Entwicklung der
Ritterschaft nicht zu bezweifeln und erklaert sich auch leicht teils aus der
Aufteilung der Geschlechtsmarken, welche bei der notwendig ungleichen Kopfzahl
der in den einzelnen Geschlechtern daran Teilnehmenden von selbst einen Stand
von groesseren Grundbesitzern ins Leben rufen musste, teils aus der Menge der in
Rom zusammenstroemenden kaufmaennischen Kapitalien. Aber eine eigentliche
Grosswirtschaft, gestuetzt auf einen ansehnlichen Sklavenstand, wie wir sie
spaeter in Rom finden, kann fuer diese Zeit nicht angenommen werden; vielmehr
ist die alte Definition, wonach die Senatoren Vaeter genannt worden sind von den
Aeckern, die sie an geringe Leute austeilen wie der Vater an die Kinder, hierher
zu ziehen und wird urspruenglich der Gutsbesitzer den Teil seines Grundstueckes,
den er nicht selber zu bewirtschaften vermochte, oder auch das ganze Gut in
kleinen Parzellen unter abhaengige Leute zur Bestellung verteilt haben, wie dies
noch jetzt in Italien allgemein geschieht. Der Empfaenger konnte Hauskind oder
Sklave des Verleihers sein; wenn er ein freier Mann war, so war sein Verhaeltnis
dasjenige, welches spaeter unter dem Namen des "Bittbesitzes" (precarium)
erscheint. Der Empfaenger behielt diesen, solange es dem Verleiher beliebte, und
hatte kein gesetzliches Mittel, um sich gegen denselben im Besitz zu schuetzen;
vielmehr konnte dieser ihn jederzeit nach Gefallen ausweisen. Eine Gegenleistung
des Bodennutzers an den Bodeneigentuemer lag in dem Verhaeltnis nicht notwendig;
ohne Zweifel aber fand sie haeufig statt und mag wohl in der Regel in der Abgabe
eines Teils vom Fruchtertrag bestanden haben, wo dann das Verhaeltnis der
spaeteren Pacht sich naehert, immer aber von ihr unterschieden bleibt teils
durch den Mangel eines festen Endtermins, teils durch den Mangel an Klagbarkeit
auf beiden Seiten und den lediglich durch das Ausweisungsrecht des Verpaechters
vermittelten Rechtsschutz der Pachtforderung. Offenbar war dies wesentlich ein
Treueverhaeltnis und konnte ohne das Hinzutreten eines maechtigen, religioes
geheiligten Herkommens nicht bestehen; aber dieses fehlte auch nicht. Das
durchaus sittlich-religioese Institut der Klientel ruhte ohne Zweifel im letzten
Grunde auf dieser Zuweisung der Bodennutzungen. Dieselbe wurde auch keineswegs
erst durch die Aufhebung der Feldgemeinschaft moeglich; denn wie nach dieser der
einzelne, konnte vorher das Geschlecht die Mitnutzung seiner Mark abhaengigen
Leuten gestatten, und eben damit haengt ohne Zweifel zusammen, dass die
roemische Klientel nicht persoenlich war, sondern von Haus aus der Klient mit
seinem Geschlecht sich dem Patron und seinem Geschlecht zu Schutz und Treue
anbefahl. Aus dieser aeltesten Gestalt der roemischen Gutswirtschaft erklaert es
sich, weshalb aus den grossen Grundbesitzern in Rom ein Land-, kein Stadtadel
hervorging. Da die verderbliche Institution der Mittelmaenner den Roemern fremd
blieb, fand sich der roemische Gutsherr nicht viel weniger an den Grundbesitz
gefesselt als der Paechter und der Bauer; er sah ueberall selbst zu und griff
selber ein, und auch dem reichen Roemer galt es als das hoechste Lob, ein guter
Landwirt zu heissen. Sein Haus war auf dem Lande; in der Stadt hatte er nur ein
Quartier, um seine Geschaefte dort zu besorgen und etwa waehrend der heissen
Zeit dort die reinere Luft zu atmen. Vor allem aber wurde durch diese Ordnungen
eine sittliche Grundlage fuer das Verhaeltnis der Vornehmen zu den Geringen
hergestellt und dadurch dessen Gefaehrlichkeit wesentlich gemindert. Die freien
Bittpaechter, hervorgegangen aus heruntergekommenen Bauernfamilien, zugewandten
Leuten und Freigelassenen, machten die grosse Masse des Proletariats aus und
waren von dem Grundherrn nicht viel abhaengiger, als es der kleine Zeitpaechter
dem grossen Gutsbesitzer gegenueber unvermeidlich ist. Die fuer den Herrn den
Acker bauenden Knechte waren ohne Zweifel bei weitem weniger zahlreich als die
freien Paechter. Ueberall wo die einwandernde Nation nicht sogleich eine
Bevoelkerung in Masse geknechtet hat, scheinen Sklaven anfaenglich nur in sehr
beschraenktem Umfang vorhanden gewesen zu sein und infolgedessen die freien
Arbeiter eine ganz andere Rolle im Staate gehabt zu haben, als in der wir
spaeter sie finden. Auch in Griechenland erscheinen in der aelteren Epoche die
"Tageloehner" (th/e/tes) vielfach an der Stelle der spaeteren Sklaven und hat in
einzelnen Gemeinden, zum Beispiel bei den Lokrern, es bis in die historische
Zeit keine Sklaverei gegeben. Selbst der Knecht aber war doch regelmaessig
italischer Abkunft; der volskische, sabinische, etruskische Kriegsgefangene
musste seinem Herrn anders gegenueberstehen als in spaeterer Zeit der Syrer und
der Kelte. Dazu hatte er als Parzelleninhaber zwar nicht rechtlich, aber doch
tatsaechlich Land und Vieh, Weib und Kind wie der Gutsherr, und seit es eine
Freilassung gab, lag die Moeglichkeit, sich frei zu arbeiten, ihm nicht fern.
Wenn es mit dem grossen Grundbesitz der aeltesten Zeit sich also verhielt, so
war er keineswegs eine offene Wunde des Gemeinwesens, sondern fuer dasselbe vom
wesentlichsten Nutzen. Nicht bloss verschaffte er nach Verhaeltnis ebenso vielen
Familien eine wenn auch im ganzen geringere Existenz wie der mittlere und
kleine; sondern es erwuchsen auch in den verhaeltnismaessig hoch und frei
gestellten Grundherren die natuerlichen Leiter und Regierer der Gemeinde, in den
ackerbauenden und eigentumslosen Bittpaechtern aber das rechte Material fuer die
roemische Kolonisationspolitik, welche ohne ein solches nimmermehr gelingen
konnte; denn der Staat kann wohl dem Vermoegenlosen Land, aber nicht demjenigen,
der kein Ackerbauer ist, den Mut und die Kraft geben, um die Pflugschar zu
fuehren.
Das Weideland ward von der Landaufteilung nicht betroffen. Es ist der
Staat, nicht die Geschlechtsgenossenschaft, der als Eigentuemer der Gemeinweide
betrachtet wird, und teils dieselbe fuer seine eigenen, fuer die Opfer und zu
anderen Zwecken bestimmten und durch die Viehbussen stets in ansehnlichem Stande
gehaltenen Herden benutzt, teils den Viehbesitzern das Auftreiben auf dieselbe
gegen eine maessige Abgabe (scriptura) gestattet. Das Triftrecht am
Gemeindeanger mag urspruenglich tatsaechlich in einem gewissen Verhaeltnis zum
Grundbesitz gestanden haben. Allein eine rechtliche Verknuepfung der einzelnen
Ackerhufe mit einer bestimmten Teilnutzung der Gemeinweide kann in Rom schon
deshalb nie stattgefunden haben, weil das Eigentum auch von dem Insassen
erworben werden konnte, das Nutzungsrecht aber dem Insassen wohl nur
ausnahmsweise durch koenigliche Gnade gewaehrt ward. In dieser Epoche indes
scheint das Gemeindeland in der Volkswirtschaft ueberhaupt nur eine
untergeordnete Rolle gespielt zu haben, da die urspruengliche Gemeinweide wohl
nicht sehr ausgedehnt war, das eroberte Land aber wohl groesstenteils sogleich
unter die Geschlechter oder spaeter unter die einzelnen als Ackerland verteilt
ward.
Dass der Ackerbau in Rom wohl das erste und ausgedehnteste Gewerbe war,
daneben aber andere Zweige der Industrie nicht gefehlt haben, folgt schon aus
der fruehen Entwicklung des staedtischen Lebens in diesem Emporium der Latiner,
und in der Tat werden unter den Institutionen des Koenigs Numa, das heisst unter
den seit unvordenklicher Zeit in Rom bestehenden Einrichtungen, acht
Handwerkerzuenfte aufgezaehlt: der Floetenblaeser, der Goldschmiede, der
Kupferschmiede, der Zimmerleute, der Walker, der Faerber, der Toepfer, der
Schuster - womit fuer die aelteste Zeit, wo man das Brotbacken und die
gewerbmaessige Arzneikunst noch nicht kannte und die Frauen des Hauses die Wolle
zu den Kleidern selber spannen, der Kreis der auf Bestellung fuer fremde
Rechnung arbeitenden Gewerke wohl im wesentlichen erschoepft sein wird.
Merkwuerdig ist es, dass keine eigene Zunft der Eisenarbeiter erscheint. Es
bestaetigt dies aufs neue, dass man in Latium erst verhaeltnismaessig spaet mit
der Bearbeitung des Eisens begonnen hat; weshalb denn auch im Ritual zum
Beispiel fuer den heiligen Pflug und das priesterliche Schermesser bis in die
spaeteste Zeit durchgaengig nur Kupfer verwandt werden durfte. Fuer das
staedtische Leben Roms und seine Stellung zu der latinischen Landschaft muessen
diese Gewerkschaften in der aeltesten Periode von grosser Bedeutung gewesen
sein, die nicht abgemessen werden darf nach den spaeteren, durch die Masse der
fuer den Herrn oder auf seine Rechnung arbeitenden Handwerkersklaven und die
steigende Einfuhr von Luxuswaren gedrueckten Verhaeltnissen des roemischen
Handwerks. Die aeltesten Lieder Roms feierten nicht bloss den gewaltigen
Streitgott Mamers, sondern auch den kundigen Waffenschmied Mamurius, der nach
dem goettlichen vom Himmel gefallenen Musterschild seinen Mitbuergern gleiche
Schilde zu schmieden verstanden hatte; der Gott des Feuers und der Esse Volcanus
erscheint bereits in dem uralten roemischen Festverzeichnis. Auch in dem
aeltesten Rom sind also wie allerorten die Kunst, die Pflugschar und das Schwert
zu schmieden und sie zu fuehren, Hand in Hand gegangen und fand sich nichts von
jener hoffaertigen Verachtung der Gewerke, die spaeter daselbst begegnet. Seit
indes die Servianische Ordnung den Heerdienst ausschliesslich auf die
Ansaessigen legte, waren die Industriellen zwar nicht gesetzlich, aber doch wohl
infolge ihrer durchgaengigen Nichtansaessigkeit tatsaechlich vom Waffenrecht
ausgeschlossen, ausser insofern aus den Zimmerleuten, den Kupferschmieden und
gewissen Klassen der Spielleute eigene militaerisch organisierte Abteilungen dem
Heer beigegeben wurden; und es mag dies wohl der Anfang sein zu der spaeteren
sittlichen Geringschaetzung und politischen Zuruecksetzung der Gewerke. Die
Einrichtung der Zuenfte hatte ohne Zweifel denselben Zweck wie die der auch im
Namen ihnen gleichenden Priestergemeinschaften: die Sachverstaendigen taten sich
zusammen, um die Tradition fester und sicherer zu bewahren. Dass unkundige Leute
in irgendeiner Weise ferngehalten wurden, ist wahrscheinlich; doch finden sich
keine Spuren weder von Monopoltendenzen noch von Schutzmitteln gegen schlechte
Fabrikation - freilich sind auch ueber keine Seite des roemischen Volkslebens
die Nachrichten so voellig versiegt wie ueber die Gewerke.
Dass der italische Handel sich in der aeltesten Epoche auf den Verkehr der
Italiker untereinander beschraenkt hat, versteht sich von selbst. Die Messen
(mercatus), die wohl zu unterscheiden sind von den gewoehnlichen Wochenmaerkten
(nundinae), sind in Latium sehr alt. Sie moegen sich zunaechst an die
internationalen Zusammenkuenfte und Feste angereiht, vielleicht also in Rom mit
der Festfeier in dem Bundestempel auf dem Aventin in Verbindung gestanden haben;
die Latiner, die hierzu jedes Jahr am 13. August nach Rom kamen, mochten diese
Gelegenheit zugleich benutzen, um ihre Angelegenheiten in Rom zu erledigen und
ihren Bedarf daselbst einzukaufen. Aehnliche und vielleicht noch groessere
Bedeutung hatte fuer Etrurien die jaehrliche Landesversammlung am Tempel der
Voltumna (vielleicht bei Montefiascone) im Gebiet von Volsinii, welche zugleich
als Messe diente und auch von roemischen Kaufleuten regelmaessig besucht ward.
Aber die bedeutendste unter allen italischen Messen war die, welche am Soracte
im Hain der Feronia abgehalten ward, in einer Lage, wie sie nicht guenstiger zu
finden war fuer den Warentausch unter den drei grossen Nationen. Der hohe,
einzeln stehende Berg, der mitten in die Tiberebene wie von der Natur selbst den
Wanderern zum Ziel hingestellt erscheint, liegt an der Grenzscheide der
etruskischen und sabinischen Landschaft, zu welcher letzteren er meistens
gehoert zu haben scheint, und ist auch von Latium und Umbrien aus mit
Leichtigkeit zu erreichen; regelmaessig erschienen hier die roemischen
Kaufleute, und Verletzungen derselben fuehrten manchen Hader mit den Sabinern
herbei.
Ohne Zweifel handelte und tauschte man auf diesen Messen, lange bevor das
erste griechische oder phoenikische Schiff in die Westsee eingefahren war. Hier
halfen bei vorkommenden Missernten die Landschaften einander mit Getreide aus;
hier tauschte man ferner Vieh, Sklaven, Metalle und was sonst in jenen aeltesten
Zeiten notwendig oder wuenschenswert erschien. Das aelteste Tauschmittel waren
Rinder und Schafe, so dass auf ein Rind zehn Schafe gingen; sowohl die
Feststellung dieser Gegenstaende als gesetzlich allgemein stellvertretender oder
als Geld, als auch der Verhaeltnissatz zwischen Gross- und Kleinvieh reichen,
wie die Wiederkehr von beiden besonders bei den Deutschen zeigt, nicht bloss in
die graecoitalische, sondern noch darueber hinaus in die Zeit der reinen
Herdenwirtschaft zurueck ^7. Daneben kam in Italien, wo man besonders fuer die
Ackerbestellung und die Ruestung allgemein des Metalls in ansehnlicher Menge
bedurfte, nur wenige Landschaften aber selbst die noetigen Metalle erzeugten,
sehr frueh als zweites Tauschmittel das Kupfer (aes) auf, wie denn den
kupferarmen Latinern die Schaetzung selbst die "Kupferung" (aestimatio) hiess.
In dieser Feststellung des Kupfers als allgemeinen, auf der ganzen Halbinsel
gueltigen Aequivalents, sowie in den spaeter noch genauer zu erwaegenden
einfachsten Zahlzeichen italischer Erfindung und in dem italischen
Duodezimalsystem duerften Spuren dieses aeltesten sich noch selbst ueberlassenen
Internationalverkehrs der italischen Voelker vorliegen.
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^7 Der gesetzliche Verhaeltniswert der Schafe und Rinder geht bekanntlich
daraus hervor, dass, als man die Vieh- in Geldbussen umsetzte, das Schaf zu
zehn, das Rind zu hundert Assen angesetzt wurde (Fest. v. peculatus p. 237, vgl.
p. 34, 144; Gell. 11, 1; Plut. Publ. 11). Es ist dieselbe Bestimmung, wenn nach
islaendischem Recht der Kuh zwoelf Widder gleich gelten; nur dass hier, wie auch
sonst, das deutsche Recht dem aelteren dezimalen das Duodezimalsystem
substituiert hat.
Dass die Bezeichnung des Viehs bei den Latinern (pecunia) wie bei den
Deutschen (englisch fee) in die des Geldes uebergeht, ist bekannt.
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In welcher Art der ueberseeische Verkehr auf die unabhaengig gebliebenen
Italiker einwirkte, wurde im allgemeinen schon frueher bezeichnet. Fast ganz
unberuehrt von ihm blieben die sabellischen Staemme, die nur einen geringen und
unwirtlichen Kuestensaum innehatten, und was ihnen von den fremden Nationen
zukam, wie zum Beispiel das Alphabet, nur durch tuskische oder latinische
Vermittlung empfingen; woher denn auch der Mangel staedtischer Entwicklung
ruehrt. Auch Tarents Verkehr mit den Apulern und Messapiern scheint in dieser
Epoche noch gering gewesen zu sein. Anders an der Westkueste, wo in Kampanien
Griechen und Italiker friedlich nebeneinander wohnten, in Latium und mehr noch
in Etrurien ein ausgedehnter und regelmaessiger Warentausch stattfand. Was die
aeltesten Einfuhrartikel waren, laesst sich teils aus den Fundstuecken
schliessen, die uralte, namentlich caeritische Graeber ergeben haben, teils aus
Spuren, die in der Sprache und den Institutionen der Roemer bewahrt sind, teils
und vorzugsweise aus den Anregungen, die das italische Gewerbe empfing; denn
natuerlich kaufte man laengere Zeit die fremden Manufakte, ehe man sie
nachzuahmen begann. Wir koennen zwar nicht bestimmen, wie weit die Entwicklung
der Handwerke vor der Scheidung der Staemme und dann wieder in derjenigen
Periode gediehen ist, wo Italien sich selbst ueberlassen blieb; es mag
dahingestellt werden, inwieweit die italischen Walker, Faerber, Gerber und
Toepfer von Griechenland oder von Phoenikien aus den Anstoss empfangen oder
selbstaendig sich entwickelt haben. Aber sicher kann das Gewerk der
Goldschmiede, das seit unvordenklicher Zeit in Rom bestand, erst aufgekommen
sein, nachdem der ueberseeische Handel begonnen und in einiger Ausdehnung unter
den Bewohnern der Halbinsel Goldschmuck vertrieben hatte. So finden wir denn
auch in den aeltesten Grabkammern von Caere und Vulci in Etrurien und Praeneste
in Latium Goldplatten mit eingestempelten gefluegelten Loewen und aehnlichen
Ornamenten babylonischer Fabrik. Es mag ueber das einzelne Fundstueck gestritten
werden, ob es vom Ausland eingefuehrt oder einheimische Nachahmung ist; im
ganzen leidet es keinen Zweifel, dass die ganze italische Westkueste in
aeltester Zeit Metallwaren aus dem Osten bezogen hat. Es wird sich spaeter, wo
von der Kunstuebung die Rede ist, noch deutlicher zeigen, dass die Architektur
wie die Plastik in Ton und Metall daselbst in sehr frueher Zeit durch
griechischen Einfluss eine maechtige Anregung empfangen haben, das heisst, dass
die aeltesten Werkzeuge und die aeltesten Muster aus Griechenland gekommen sind.
In die eben erwaehnten Grabkammern waren ausser dem Goldschmuck noch mit
eingelegt Gefaesse von blaeulichem Schmelzglas oder gruenlichem Ton, nach
Material und Stil wie nach den eingedrueckten Hieroglyphen zu schliessen,
aegyptischen Ursprungs ^8; Salbgefaesse von orientalischem Alabaster, darunter
mehrere als Isis geformt; Strausseneier mit gemalten oder eingeschnitzten
Sphinxen und Greifen; Glas- und Bernsteinperlen. Die letzten koennen aus dem
Norden auf dem Landweg gekommen sein; die uebrigen Gegenstaende aber beweisen
die Einfuhr von Salben und Schmucksachen aller Art aus dem Orient. Eben daher
kamen Linnen und Purpur, Elfenbein und Weihrauch, was ebenso der fruehe Gebrauch
der linnenen Binden, des purpurnen Koenigsgewandes, des elfenbeinernen
Koenigsszepters und des Weihrauchs beim Opfer beweist wie die uralten Lehnnamen
(linon linum; porph?ra purpura; sk/e/ptron skip/o/n scipio, auch wohl elephas
ebur; th?os thus). Eben dahin gehoert die Entlehnung einer Anzahl auf Ess- und
Trinkwaren bezueglicher Woerter, namentlich die Benennung des Oels (vgl. 1,
200), der Kruege (amphore?s amp[h]ora ampulla; krat/e/r cratera), des Schmausens
(k/o/maz/o/ comissari), des Leckergerichts (ops/o/nion opsonium), des Teiges
(maza massa) und verschiedener Kuchennamen (glyko?s lucuns; plako?s placenta;
tyro?s turunda), wogegen umgekehrt die lateinischen Namen der Schuessel (patina
patan/e/) und des Specks (arvina arbin/e/) in das sizilische Griechisch Eingang
gefunden haben. Die spaetere Sitte, den Toten attisches, kerkyraeisches und
kampanisches Luxusgeschirr ins Grab zu stellen, beweist eben wie diese
sprachlichen Zeugnisse den fruehen Vertrieb der griechischen Toepferwaren nach
Italien. Dass die griechische Lederarbeit in Latium wenigstens bei der Armatur
Eingang fand, zeigt die Verwendung des griechischen Wortes fuer Leder (sk?tos)
bei den Latinern fuer den Schild (scutum; wie lorica von lorum). Endlich
gehoeren hierher die zahlreichen aus dem Griechischen entlehnten
Schifferausdruecke, obwohl die Hauptschlagwoerter fuer die Segelschiffahrt:
Segel, Mast und Rahe doch merkwuerdigerweise rein lateinisch gebildet sind ^9;
ferner die griechische Benennung des Briefes (epistol/e/ epistula), der Marke
(tessera, von tessara ^10), der Waage (stat/e/r statera) und des Aufgeldes
(arrab/o/n arrabo, arra) im Lateinischen und umgekehrt die Aufnahme italischer
Rechtsausdruecke in das sizilische Griechisch, sowie der nachher zu erwaehnende
Austausch der Muenz-, Mass- und Gewichtsverhaeltnisse und Namen. Namentlich der
barbarische Charakter, den alle diese Entlehnungen an der Stirne tragen, vor
allem die charakteristische Bildung des Nominativs aus dem Akkusativ (placenta =
plako?nta; ampora = amphorea; statera = stat/e/ra), ist der klarste Beweis ihres
hohen Alters. Auch die Verehrung des Handelsgottes (Mercurius) erscheint von
Haus aus durch griechische Vorstellungen bedingt und selbst sein Jahrfest darum
auf die Iden des Mai gelegt zu sein, weil die hellenischen Dichter ihn feierten
als den Sohn der schoenen Maia.
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^8 Vor kurzem ist in Praeneste ein silberner Mischkrug mit einer
phoenikischen und einer Hieroglypheninschrift gefunden worden (Mon. Inst. X.,
Taf. 32), welcher unmittelbar beweist, dass, was Aegyptisches in Italien zum
Vorschein kommt, durch phoenikische Vermittlung dorthin gelangt ist.
^9 Velum ist sicher latinischen Ursprungs; ebenso malus, zumal da dies
nicht bloss den Mast-, sondern ueberhaupt den Baum bezeichnet; auch antenna kann
von ana (anhelare, antestari) und tendere = supertensa herkommen. Dagegen sind
griechisch gubernare steuern kybernan, ancora Anker agkyra, prora Vorderteil
pr/o/ra, aplustre Schiffshinterteil aphlaston, anquina der die Rahen
festhaltende Strick agkoina, nausea Seekrankheit naysia. Die alten vier
Hauptwinde - aquilo der Adlerwind, die nordoestliche Tramontana; volturnus
(unsichere Ableitung, vielleicht der Geierwind), der Suedost; auster, der
ausdoerrende Suedwestwind, der Scirocco; favonius, der guenstige, vom
Tyrrhenischen Meer herwehende Nordwestwind - haben einheimische nicht auf
Schiffahrt bezuegliche Namen; alle uebrigen lateinischen Windnamen aber sind
griechisch (wie eurus, notus) oder aus griechischen uebersetzt (z. B. solanus =
ap/e/li/o/t/e/s, Africus = lips).
^10 Zunaechst sind die Marken im Lagerdienst gemeint, die xyl/e/phia kata
phylak/e/n brachea tele/o/s echonta charakt/e/ra (Polyb. 6, 35, 7); die vier
vigiliae des Nachtdienstes haben den Marken ueberhaupt den Namen gegeben. Die
Vierteilung der Nacht fuer den Wachtdienst ist griechisch wie roemisch; die
Kriegswissenschaft der Griechen mag wohl, etwa durch Pyrrhos (Liv. 35, 14), auf
die Organisation des Sicherheitsdienstes im roemischen Lager eingewirkt haben.
Die Verwendung der nicht dorischen Form spricht fuer verhaeltnismaessig spaete
Uebernahme des Wortes.
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Sonach bezog das aelteste Italien so gut wie das kaiserliche Rom seine
Luxuswaren aus dem Osten, bevor es nach den von dort empfangenen Mustern selbst
zu fabrizieren versuchte; zum Austausch aber hatte es nichts zu bieten als seine
Rohprodukte, also vor allen Dingen sein Kupfer, Silber und Eisen, dann Sklaven
und Schiffsbauholz, den Bernstein von der Ostsee und, wenn etwa im Ausland
Missernte eingetreten war, sein Getreide.
Aus diesem Stande des Warenbedarfs und der dagegen anzubietenden
Aequivalente ist schon frueher erklaert worden, warum sich der italische Handel
in Latium und in Etrurien so verschiedenartig gestaltete. Die Latiner, denen
alle hauptsaechlichen Ausfuhrartikel mangelten, konnten nur einen Passivhandel
fuehren und mussten schon in aeltester Zeit das Kupfer, dessen sie notwendig
bedurften, von den Etruskern gegen Vieh oder Sklaven eintauschen, wie denn der
uralte Vertrieb der letzteren auf das rechte Tiberufer schon erwaehnt ward;
dagegen musste die tuskische Handelsbilanz in Caere wie in Populonia, in Capua
wie in Spina sich notwendig guenstig stellen. Daher der schnell entwickelte
Wohlstand dieser Gegenden und ihre maechtige Handelsstellung, waehrend Latium
vorwiegend eine ackerbauende Landschaft bleibt. Es wiederholt sich dies in allen
einzelnen Beziehungen: die aeltesten nach griechischer Art, nur mit
ungriechischer Verschwendung gebauten und ausgestatteten Graeber finden sich in
Caere, waehrend mit Ausnahme von Praeneste, das eine Sonderstellung gehabt zu
haben und mit Falerii und dem suedlichen Etrurien in besonders enger Verbindung
gewesen zu sein scheint, die latinische Landschaft nur geringen Totenschmuck
auslaendischer Herkunft und kein einziges eigentliches Luxusgrab aus aelterer
Zeit aufweist, vielmehr hier wie bei den Sabellern in der Regel ein einfacher
Rasen die Leiche deckte. Die aeltesten Muenzen, den grossgriechischen der Zeit
nach wenig nachstehend, gehoeren Etrurien, namentlich Populonia an; Latium hat
in der ganzen Koenigszeit mit Kupfer nach dem Gewicht sich beholfen und selbst
die fremden Muenzen nicht eingefuehrt, denn nur aeusserst selten haben
dergleichen, wie zum Beispiel eine von Poseidonia, dort sich gefunden. In
Architektur, Plastik und Toreutik wirkten dieselben Anregungen auf Etrurien und
auf Latium, aber nur dort kommt ihnen ueberall das Kapital entgegen und erzeugt
ausgedehnten Betrieb und gesteigerte Technik. Es waren wohl im ganzen dieselben
Waren, die man in Latium und Etrurien kaufte, verkaufte und fabrizierte; aber in
der Intensitaet des Verkehrs stand die suedliche Landschaft weit zurueck hinter
den noerdlichen Nachbarn. Eben damit haengt es zusammen, dass die nach
griechischem Muster in Etrurien angefertigten Luxuswaren auch in Latium,
namentlich in Praeneste, ja in Griechenland selbst Absatz fanden, waehrend
Latium schwerlich jemals dergleichen ausgefuehrt hat.
Ein nicht minder bemerkenswerter Unterschied des Verkehrs der Latiner und
Etrusker liegt in dem verschiedenen Handelszug. Ueber den aeltesten Handel der
Etrusker im Adriatischen Meere koennen wir kaum etwas aussprechen als die
Vermutung, dass er von Spina und Hatria vorzugsweise nach Kerkyra gegangen ist.
Dass die westlichen Etrusker sich dreist in die oestlichen Meere wagten und
nicht bloss mit Sizilien, sondern auch mit dem eigentlichen Griechenland
verkehrten, ward schon gesagt. Auf alten Verkehr mit Attika deuten nicht bloss
die attischen Tongefaesse, die in den juengeren etruskischen Graebern so
zahlreich vorkommen und zu anderen Zwecken als zum Graeberschmuck, wie bemerkt,
wohl schon in dieser Epoche eingefuehrt worden sind, waehrend umgekehrt die
tyrrhenischen Erzleuchter und Goldschalen frueh in Attika ein gesuchter Artikel
wurden, sondern bestimmter noch die Muenzen. Die Silberstuecke von Populonia
sind nachgepraegt einem uralten, einerseits mit dem Gorgoneion gestempelten,
anderseits bloss mit einem eingeschlagenen Quadrat versehenen Silberstueck, das
sich in Athen und an der alten Bernsteinstrasse in der Gegend von Posen gefunden
hat und das hoechst wahrscheinlich eben die in Athen auf Solons Geheiss
geschlagene Muenze ist. Dass ausserdem, und seit der Entwicklung der
karthagisch-etruskischen Seeallianz vielleicht vorzugsweise, die Etrusker mit
den Karthagern verkehrten, ward gleichfalls schon erwaehnt; es ist
beachtenswert, dass in den aeltesten Graebern von Caere ausser einheimischem
Bronze- und Silbergeraet vorwiegend orientalische Waren sich gefunden haben,
welche allerdings auch von griechischen Kaufleuten herruehren koennen,
wahrscheinlicher aber doch von phoenikischen Handelsmaennern eingefuehrt wurden.
Indes darf diesem phoenikischen Verkehr nicht zu viel Bedeutung beigelegt und
namentlich nicht uebersehen werden, dass das Alphabet wie alle sonstigen
Anregungen und Befruchtungen der einheimischen Kultur von den Griechen, nicht
von den Phoenikern nach Etrurien gebracht sind.
Nach einer anderen Richtung weist der latinische Verkehr. So selten wir
auch Gelegenheit haben, Vergleichungen der roemischen und der etruskischen
Aufnahme hellenischer Elemente anzustellen, so zeigen sie doch, wo sie moeglich
sind, eine vollstaendige Unabhaengigkeit beider Voelkerschaften voneinander. Am
deutlichsten tritt dies hervor im Alphabet: das von den chalkidisch-dorischen
Kolonien in Sizilien oder Kampanien den Etruskern zugebrachte griechische weicht
nicht unwesentlich ab von dem den Latinern ebendaher mitgeteilten, und beide
Voelker haben also hier zwar aus derselben Quelle, aber doch jedes zu anderer
Zeit und an einem anderen Ort geschoepft. Auch in einzelnen Woertern wiederholt
sich dieselbe Erscheinung: der roemische Pollux, der tuskische Pultuke sind
jedes eine selbstaendige Korruption des griechischen Polydeukes; der tuskische
Utuze oder Uthuze ist aus Odysseus gebildet, der roemische Ulixes gibt genau die
in Sizilien uebliche Namensform wieder; ebenso entspricht der tuskische Aivas
der altgriechischen Form dieses Namens, der roemische Aiax einer wohl auch
sikelischen Nebenform; der roemische Aperta oder Apello, der samnitische
Appellun sind entstanden aus dem dorischen Apellon, der tuskische Apulu a us
Apollon. So deuten Sprache und Schrift Latiums ausschliesslich auf den Zug des
latinischen Handels zu den Kymaeern und Sikelioten; und eben dahin fuehrt jede
andere Spur, die aus so ferner Zeit uns geblieben ist: die in Latium gefundene
Muenze von Poseidonia; der Getreidekauf bei Missernten in Rom bei den Volskern,
Kymaeern und Sikelioten, daneben freilich auch wie begreiflich bei den
Etruskern; vor allen Dingen aber das Verhaeltnis des latinischen Geldwesens zu
dem sizilischen. Wie die lokale dorisch-chalkidische Bezeichnung der
Silbermuenze nomos, das sizilische Mass /e/mina als nummus und hemina in
gleicher Bedeutung nach Latium uebergingen, so waren umgekehrt die italischen
Gewichtsbezeichnungen libra, triens, quadrans, sextans, uncia, die zur Abmessung
des nach dem Gewichte an Geldes Statt dienenden Kupfers in Latium aufgekommen
sind, in den korrupten und hybriden Formen litra, trias, tetras, ezas, oygkia
schon im dritten Jahrhundert der Stadt in Sizilien in den gemeinen
Sprachgebrauch eingedrungen. Ja es ist sogar das sizilische Gewicht- und
Geldsystem allein unter allen griechischen zu dem italischen Kupfersystem in ein
festes Verhaeltnis gesetzt worden, indem nicht bloss dem Silber der
zweihundertfuenfzigfache Wert des Kupfers konventionell und vielleicht
gesetzlich beigelegt, sondern auch das hiernach bemessene Aequivalent eines
sizilischen Pfundes Kupfer (1/120 des attischen Talents, 1/3 des roemischen
Pfundes) als Silbermuenze (litra argyrioy, das ist "Kupferpfund in Silber")
schon in fruehester Zeit namentlich in Syrakus geschlagen ward. Es kann danach
nicht bezweifelt werden, dass die italischen Kupferbarren auch in Sizilien an
Geldes Statt umliefen; und es stimmt dies auf das beste damit zusammen, dass der
Handel der Latiner nach Sizilien ein Passivhandel war und also das latinische
Geld nach Sizilien abfloss. Noch andere Beweise des alten Verkehrs zwischen
Sizilien und Italien, namentlich die Aufnahme der italischen Benennungen des
Handelsdarlehens, des Gefaengnisses, der Schuessel in den sizilischen Dialekt
und umgekehrt, sind bereits frueher erwaehnt worden. Auch von dem alten Verkehr
der Latiner mit den chalkidischen Staedten in Unteritalien, Kyme und Neapolis,
und mit den Phokaeern in Elea und Massalia begegnen einzelne, wenn auch minder
bestimmte Spuren. Dass er indes bei weitem weniger intensiv war als der mit den
Sikelioten, beweist schon die bekannte Tatsache, dass alle in aelterer Zeit nach
Latium gelangten griechischen Woerter - es genuegt an Aesculapius, Latona,
Aperta, machina zu erinnern - dorische Formen zeigen. Wenn der Verkehr mit den
urspruenglich ionischen Staedten, wie Kyme und die phokaeischen Ansiedlungen
waren, dem mit den sikelischen Dorern auch nur gleichgestanden haette, so
wuerden ionische Formen wenigstens daneben erscheinen; obwohl allerdings auch in
diese ionischen Kolonien selbst der Dorismus frueh eingedrungen ist und der
Dialekt hier sehr geschwankt hat. Waehrend also alles sich vereinigt, um den
regen Handel der Latiner mit den Griechen der Westsee ueberhaupt und vor allem
mit den sizilischen zu belegen, hat mit den asiatischen Phoenikern schwerlich
ein unmittelbarer Verkehr stattgefunden und kann der Verkehr mit den
afrikanischen, den Schriftstellen und Fundstuecke hinreichend belegen, in seiner
Einwirkung auf den Kulturstand Latiums doch nur in zweiter Reihe gestanden
haben; namentlich ist dafuer beweisend, dass - von einigen Lokalnamen abgesehen
- es fuer den alten Verkehr der Latiner mit den Voelkerschaften aramaeischer
Zunge an jedem sprachlichen Zeugnis gebricht ^11.
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^11 Das Latein scheint, abgesehen von Sarranus, Afer und anderen oertlichen
Benennungen, nicht ein einziges, in aelterer Zeit unmittelbar aus dem
Phoenikischen entlehntes Wort zu besitzen. Die sehr wenigen in demselben
vorkommenden, wurzelhaft phoenikischen Woerter, wie namentlich arrabo oder arra
und etwa noch murra, nardus und dergleichen mehr, sind offenbar zunaechst
Lehnwoerter aus dem Griechischen, das in solchen orientalischen Lehnwoertern
eine ziemliche Anzahl von Zeugnissen seines aeltesten Verkehrs mit den Aramaeern
aufzuweisen hat. Dass elephas und ebur von dem gleichen phoenikischen Original
mit oder ohne Hinzufuegung des Artikels, also jedes selbstaendig gebildet seien,
ist sprachlich unmoeglich, da der phoenikische Artikel vielmehr ha ist, auch so
nicht verwendet wird; ueberdies ist das orientalische Urwort bis jetzt noch
nicht gefunden. Dasselbe gilt von dem raetselhaften Worte thesaurus; mag
dasselbe nun urspruenglich griechisch oder von den Griechen aus dem
Phoenikischen oder Persischen entlehnt sein, im Lateinischen ist es, wie schon
die Festhaltung der Aspiration beweist, auf jeden Fall griechisches Lehnwort.
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Fragen wir weiter, wie dieser Handel vorzugsweise gefuehrt ward, ob von
italischen Kaufleuten in der Fremde oder von fremden Kaufleuten in Italien, so
hat, wenigstens was Latium anlangt, die erstere Annahme alle Wahrscheinlichkeit
fuer sich: es ist kaum denkbar, dass jene latinischen Bezeichnungen des
Geldsurrogats und des Handelsdarlehens in den gemeinen Sprachgebrauch der
Bewohner der sizilischen Insel dadurch haetten eindringen koennen, dass
sizilische Kaufleute nach Ostia gingen und Kupfer gegen Schmuck einhandelten.
Was endlich die Personen und Staende anlangt, durch die dieser Handel in
Italien gefuehrt ward, so hat sich in Rom kein eigener, dem Gutsbesitzerstand
selbstaendig gegenueberstehender hoeherer Kaufmannsstand entwickelt. Der Grund
dieser auffallenden Erscheinung ist, dass der Grosshandel von Latium von Anfang
an sich in den Haenden der grossen Grundbesitzer befunden hat - eine Annahme,
die nicht so seltsam ist, wie sie scheint. Dass in einer von mehreren
schiffbaren Fluessen durchschnittenen Landschaft der grosse Grundbesitzer, der
von seinen Paechtern in Fruchtquoten bezahlt wird, frueh zu dem Besitz von
Barken gelangte, ist natuerlich und beglaubigt; der ueberseeische Eigenhandel
musste also um so mehr dem Gutsbesitzer zufallen, als er allein die Schiffe und
in den Fruechten die Ausfuhrartikel besass. In der Tat ist der Gegensatz
zwischen Land- und Geldaristokratie den Roemern der aelteren Zeit nicht bekannt;
die grossen Grundbesitzer sind immer zugleich die Spekulanten und die
Kapitalisten. Bei einem sehr intensiven Handel waere allerdings diese
Vereinigung nicht durchzufuehren gewesen; allein wie die bisherige Darstellung
zeigt, fand ein solcher in Rom wohl relativ statt, insofern der Handel der
latinischen Landschaft sich hier konzentrierte, allein im wesentlichen ward Rom
keineswegs eine Handelsstadt wie Caere oder Tarent, sondern war und blieb der
Mittelpunkt einer ackerbauenden Gemeinde.
14. Kapitel
Mass und Schrift
Die Kunst des Messens unterwirft dem Menschen die Welt; durch die Kunst des
Schreibens hoert seine Erkenntnis auf, so vergaenglich zu sein, wie er selbst
ist; sie beide geben dem Menschen, was die Natur ihm versagte, Allmacht und
Ewigkeit. Es ist der Geschichte Recht und Pflicht, den Voelkern auch auf diesen
Bahnen zu folgen.
Um messen zu koennen, muessen vor allen Dingen die Begriffe der zeitlichen,
raeumlichen und Gewichtseinheit und des aus gleichen Teilen bestehenden Ganzen,
das heisst die Zahl und das Zahlensystem entwickelt werden. Dazu bietet die
Natur als naechste Anhaltspunkte fuer die Zeit die Wiederkehr der Sonne und des
Mondes oder Tag und Monat, fuer den Raum die Laenge des Mannesfusses, der
leichter misst als der Arm, fuer die Schwere diejenige Last, welche der Mann mit
ausgestrecktem Arm schwebend auf der Hand zu wiegen (librare) vermag oder das
"Gewicht" (libra). Als Anhalt fuer die Vorstellung eines aus gleichen Teilen
bestehenden Ganzen liegt nichts so nahe als die Hand mit ihren fuenf oder die
Haende mit ihren zehn Fingern, und hierauf beruht das Dezimalsystem. Es ist
schon bemerkt worden, dass diese Elemente alles Zaehlens und Messens nicht bloss
ueber die Trennung des griechischen und lateinischen Stammes, sondern bis in die
fernste Urzeit zurueckreichen. Wie alt namentlich die Messung der Zeit nach dem
Monde ist, beweist die Sprache; selbst die Weise, die zwischen den einzelnen
Mondphasen verfliessenden Tage nicht von der zuletzt eingetretenen vorwaerts,
sondern von der zunaechst zu erwartenden rueckwaerts zu zaehlen, ist wenigstens
aelter als die Trennung der Griechen und Lateiner. Das bestimmteste Zeugnis fuer
das Alter und die urspruengliche Ausschliesslichkeit des Dezimalsystems bei den
Indogermanen gewaehrt die bekannte Uebereinstimmung aller indogermanischen
Sprachen in den Zahlwoertern bis hundert einschliesslich. Was Italien anlangt,
so sind hier alle aeltesten Verhaeltnisse vom Dezimalsystem durchdrungen: es
genuegt, an die so gewoehnliche Zehnzahl der Zeugen, Buergen, Gesandten,
Magistrate, an die gesetzliche Gleichsetzung von einem Rind und zehn Schafen, an
die Teilung des Gaues in zehn Kurien und ueberhaupt die durchstehende
Dekuriierung, an die Limitation, den Opfer- und Ackerzehnten, das Dezimieren,
den Vornamen Decimus zu erinnern. Dem Gebiet von Mass und Schrift angehoerige
Anwendungen dieses aeltesten Dezimalsystems sind zunaechst die merkwuerdigen
italischen Ziffern. Konventionelle Zahlzeichen hat es noch bei der Scheidung der
Griechen und Italiker offenbar nicht gegeben. Dagegen finden wir fuer die drei
aeltesten und unentbehrlichsten Ziffern, fuer ein, fuenf, zehn, drei Zeichen, I,
V oder A, X, offenbar Nachbildungen des ausgestreckten Fingers, der offenen und
der Doppelhand, welche weder den Hellenen noch den Phoenikern entlehnt, dagegen
den Roemern, Sabellern und Etruskern gemeinschaftlich sind. Es sind die Ansaetze
zur Bildung einer national italischen Schrift und zugleich Zeugnisse von der
Regsamkeit des aeltesten, dem ueberseeischen voraufgehenden binnenlaendischen
Verkehrs der Italiker; welcher aber der italischen Staemme diese Zeichen
erfunden und wer von wem sie entlehnt hat, ist natuerlich nicht auszumachen.
Andere Spuren des rein dezimalen Systems sind auf diesem Gebiet sparsam; es
gehoeren dahin der Vorsus, das Flaechenmass der Sabeller von 100 Fuss ins
Gevierte und das roemische zehnmonatliche Jahr. Sonst ist im allgemeinen in
denjenigen italischen Massen, die nicht an griechische Festsetzungen anknuepfen
und wahrscheinlich von den Italikern vor Beruehrung mit den Griechen entwickelt
worden sind, die Teilung des "Ganzen" (as) in zwoelf "Einheiten" (unciae)
vorherrschend. Nach der Zwoelfzahl sind eben die aeltesten latinischen
Priesterschaften, die Kollegien der Salier und Arvalen sowie auch die
etruskischen Staedtebuende geordnet. Die Zwoelfzahl herrscht im roemischen
Gewichtsystem, wo das Pfund (libra), und im Laengenmass, wo der Fuss (pes) in
zwoelf Teile zerlegt zu werden pflegen; die Einheit des roemischen
Flaechenmasses ist der aus dem Dezimal- und Duodezimalsystem zusammengesetzte
"Trieb" (actus) von 120 Fuss ins Gevierte ^1. Im Koerpermass moegen aehnliche
Bestimmungen verschollen sein.
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^1 Urspruenglich sind sowohl "actus" Trieb, wie auch das noch haeufiger
vorkommende Doppelte davon, "iugerum", Joch, wie unser "Morgen" nicht Flaechen-,
sondern Arbeitsmasse und bezeichnen dieser das Tage-, jener das halbe Tagewerk,
mit Ruecksicht auf die namentlich in Italien scharf einschneidende Mittagsruhe
des Pfluegers.
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Wenn man erwaegt, worauf das Duodezimalsystem beruhen, wie es gekommen sein
mag, dass aus der gleichen Reihe der Zahlen so frueh und allgemein neben der
Zehn die Zwoelf hervorgetreten ist, so wird die Veranlassung wohl nur gefunden
werden koennen in der Vergleichung des Sonnen- und Mondlaufs. Mehr noch als an
der Doppelhand von zehn Fingern ist an dem Sonnenkreislauf von ungefaehr zwoelf
Mondkreislaeufen zuerst dem Menschen die tiefsinnige Vorstellung einer aus
gleichen Einheiten zusammengesetzten Einheit aufgegangen und damit der Begriff
eines Zahlensystems, der erste Ansatz mathematischen Denkens. Die feste
duodezimale Entwicklung dieses Gedankens scheint national italisch zu sein und
vor die erste Beruehrung mit den Hellenen zu fallen.
Als nun aber der hellenische Handelsmann sich den Weg an die italische
Westkueste eroeffnet hatte, empfanden zwar nicht das Flaechen-, aber wohl das
Laengenmass, das Gewicht und vor allem das Koerpermass, das heisst diejenigen
Bestimmungen, ohne welche Handel und Wandel unmoeglich ist, die Folgen des neuen
internationalen Verkehrs. Der aelteste roemische Fuss ist verschollen; der, den
wir kennen und der in fruehester Zeit bei den Roemern in Gebrauch war, ist aus
Griechenland entlehnt und wurde neben seiner neuen roemischen Einteilung in
Zwoelftel auch nach griechischer Art in vier Hand- (palmus) und sechzehn
Fingerbreiten (digitus) geteilt. Ferner wurde das roemische Gewicht in ein
festes Verhaeltnis zu dem attischen gesetzt, welches in ganz Sizilien herrschte,
nicht aber in Kyme - wieder ein bedeutsamer Beweis, dass der latinische Verkehr
vorzugsweise nach der Insel sich zog; vier roemische Pfund wurden gleich drei
attischen Minen oder vielmehr das roemische Pfund gleich anderthalb sizilischen
Litren oder Halbminen gesetzt. Das seltsamste und buntscheckigste Bild aber
bieten die roemischen Koerpermasse teils in den Namen, die aus den griechischen
entweder durch Verderbnis (amphora, modius nach medimnos congius aus choe?s,
hemina, cyathus) oder durch Uebersetzung (acetabulum von ox?baphon) entstanden
sind, waehrend umgekehrt xest/e/s Korruption von sextarius ist; teils in den
Verhaeltnissen. Nicht alle, aber die gewoehnlichen Masse sind identisch: fuer
Fluessigkeiten der Congius oder Chus, der Sextarius, der Cyathus, die beiden
letzteren auch fuer trockene Waren, die roemische Amphora ist im Wassergewicht
dem attischen Talent gleichgesetzt und steht zugleich im festen Verhaeltnisse zu
dem griechischen Metretes von 3 : 2, zu dem griechischen Medimnos von 2 : 1.
Fuer den, der solche Schrift zu lesen versteht, steht in diesen Namen und Zahlen
die ganze Regsamkeit und Bedeutung jenes sizilisch-latinischen Verkehrs
geschrieben.
Die griechischen Zahlzeichen nahm man nicht auf; wohl aber benutzte der
Roemer das griechische Alphabet, als ihm dies zukam, um aus den ihm unnuetzen
Zeichen der drei Hauchbuchstaben die Ziffern 50 und 1000, vielleicht auch die
Ziffer 100 zu gestalten. In Etrurien scheint man auf aehnlichem Wege wenigstens
das Zeichen fuer 100 gewonnen zu haben. Spaeter setzte sich wie gewoehnlich das
Ziffersystem der beiden benachbarten Voelker ins gleiche, indem das roemische im
wesentlichen in Etrurien angenommen ward.
In gleicher Weise ist der roemische und wahrscheinlich ueberhaupt der
italische Kalender, nachdem er sich selbstaendig zu entwickeln begonnen hatte,
spaeter unter griechischen Einfluss gekommen. In der Zeiteinteilung draengt sich
die Wiederkehr des Sonnenauf- und -unterganges und des Neu- und Vollmondes am
unmittelbarsten dem Menschen auf; demnach haben Tag und Monat, nicht nach
zyklischer Vorberechnung, sondern nach unmittelbarer Beobachtung bestimmt, lange
Zeit ausschliesslich die Zeit gemessen. Sonnenauf- und -untergang wurden auf dem
roemischen Markte durch den oeffentlichen Ausrufer bis in spaete Zeit hinab
verkuendigt, aehnlich vermutlich einstmals an jedem der vier Mondphasentage die
von da bis zum naechstfolgenden verfliessende Tagzahl durch die Priester
abgerufen. Man rechnete also in Latium und vermutlich aehnlich nicht bloss bei
den Sabellern, sondern auch bei den Etruskern nach Tagen, welche, wie schon
gesagt, nicht von dem letztverflossenen Phasentag vorwaerts, sondern von dem
naechsterwarteten rueckwaerts gezaehlt wurden; nach Mondwochen, die bei der
mittleren Dauer von 7? Tagen zwischen sieben- und achttaegiger Dauer wechselten;
und nach Mondmonaten, die gleichfalls bei der mittleren Dauer des synodischen
Monats von 29 Tagen 12 Stunden 44 Minuten bald neunundzwanzig-, bald
dreissigtaegig waren. Eine gewisse Zeit hindurch ist den Italikern der Tag die
kleinste, der Mond die groesste Zeiteinteilung geblieben. Erst spaeterhin begann
man Tag und Nacht in je vier Teile zu zerlegen, noch viel spaeter der
Stundenteilung sich zu bedienen; damit haengt auch zusammen, dass in der
Bestimmung des Tagesanfangs selbst die sonst naechstverwandten Staemme
auseinandergehen, die Roemer denselben auf die Mitternacht, die Sabeller und die
Etrusker auf den Mittag setzen. Auch das Jahr ist, wenigstens als die Griechen
von den Italikern sich schieden, noch nicht kalendarisch geordnet gewesen, da
die Benennungen des Jahres und der Jahresteile bei den Griechen und den
Italikern voellig selbstaendig gebildet sind. Doch scheinen die Italiker schon
in der vorhellenischen Zeit wenn nicht zu einer festen kalendarischen Ordnung,
doch zur Aufstellung sogar einer doppelten groesseren Zeiteinheit
fortgeschritten zu sein. Die bei den Roemern uebliche Vereinfachung der Rechnung
nach Mondmonaten durch Anwendung des Dezimalsystems, die Bezeichnung einer Frist
von zehn Monaten als eines "Ringes" (annus) oder eines Jahrganzen traegt alle
Spuren des hoechsten Altertums an sich. Spaeter, aber auch noch in einer sehr
fruehen und unzweifelhaft ebenfalls jenseits der griechischen Einwirkung
liegenden Zeit ist, wie schon gesagt wurde, das Duodezimalsystem in Italien
entwickelt und, da es eben aus der Beobachtung des Sonnenlaufs als des
Zwoelffachen des Mondlaufs hervorgegangen ist, sicher zuerst und zunaechst auf
die Zeitrechnung bezogen worden; damit wird es zusammenhaengen, dass in den
Individualnamen der Monate - welche erst entstanden sein koennen, seit der Monat
als Teil eines Sonnenjahres aufgefasst wurde -, namentlich in den Namen des
Maerz und des Mai, nicht Italiker und Griechen, aber wohl die Italiker unter
sich uebereinstimmen. Es mag also das Problem, einen zugleich dem Mond und der
Sonne entsprechenden praktischen Kalender herzustellen - diese in gewissem Sinne
der Quadratur des Zirkels vergleichbare Aufgabe, die als unloesbar zu erkennen
und zu beseitigen es vieler Jahrhunderte bedurft hat -, in Italien bereits vor
der Epoche, wo die Beruehrungen mit den Griechen begannen, die Gemueter
beschaeftigt haben; indes diese rein nationalen Loesungsversuche sind
verschollen. Was wir von dem aeltesten Kalender Roms und einiger andern
latinischen Staedte wissen - ueber die sabellische und etruskische Zeitmessung
ist ueberall nichts ueberliefert -, beruht entschieden auf der aeltesten
griechischen Jahresordnung, die der Absicht nach zugleich den Phasen des Mondes
und den Sonnenfahrzeiten folgte und aufgebaut war auf der Annahme eines
Mondumlaufs von 29´ Tagen, eines Sonnenumlaufs von 12´ Mondmonaten oder 368_
Tagen und dem stetigen Wechsel der vollen oder dreissigtaegigen und der hohlen
oder neunundzwanzigtaegigen Monate sowie der zwoelf- und der dreizehnmonatlichen
Jahre, daneben aber durch willkuerliche Aus- und Einschaltungen in einiger
Harmonie mit den wirklichen Himmelserscheinungen gehalten ward. Es ist moeglich,
dass diese griechische Jahrordnung zunaechst unveraendert bei den Latinern in
Gebrauch gekommen ist; die aelteste roemische Jahrform aber, die sich
geschichtlich erkennen laesst, weicht zwar nicht im zyklischen Ergebnis und
ebenso wenig in dem Wechsel der zwoelf- und der dreizehnmonatlichen Jahre, wohl
aber wesentlich in der Benennung wie in der Abmessung der einzelnen Monate von
ihrem Muster ab. Dies roemische Jahr beginnt mit Fruehlingsanfang; der erste
Monat desselben und der einzige, der von einem Gott den Namen traegt, heisst
nach dem Mars (Martius), die drei folgenden vom Sprossen (aprilis), Wachsen
(maius) und Gedeihen (iunius), der fuenfte bis zehnte von ihren Ordnungszahlen
(quinctilis, sextilis, september, october, november, december), der elfte vom
Anfangen (ianuarius, 1, 178), wobei vermutlich an den nach dem Mittwinter und
der Arbeitsruhe folgenden Wiederbeginn der Ackerbestellung gedacht ist, der
zwoelfte und im gewoehnlichen Jahr der letzte vom Reinigen (februarius). Zu
dieser im stetigen Kreislauf wiederkehrenden Reihe tritt im Schaltjahr noch ein
namenloser "Arbeitsmonat" (mercedonius) am Jahresschluss, also hinter dem
Februar hinzu. Ebenso wie in den wahrscheinlich aus dem altnationalen
heruebergenommenen Namen der Monate ist der roemische Kalender in der Dauer
derselben selbstaendig: fuer die vier aus je sechs dreissig- und sechs
neunundzwanzigtaegigen Monaten und einem jedes zweite Jahr eintretenden,
abwechselnd dreissig- und neunundzwanzigtaegigen Schaltmonat zusammengesetzten
Jahre des griechischen Zyklus (354 + 384 + 354 + 383 = 1475 Tage) sind in ihm
gesetzt worden vier Jahre von je vier - dem ersten, dritten, fuenften und achten
- einunddreissig- und je sieben neunundzwanzigtaegigen Monaten, ferner einem in
drei Jahren acht-, in dem vierten neunundzwanzigtaegigen Februar und einem jedes
andere Jahr eingelegten siebenundzwanzigtaegigen Schaltmonat (355 + 383 + 355 +
382 = 1475 Tage). Ebenso ging dieser Kalender ab von der urspruenglichen
Einteilung des Monats in vier, bald sieben-, bald achttaegige Wochen; er liess
die achttaegige Woche ohne Ruecksicht auf die sonstigen Kalenderverhaeltnisse
durch die Jahre laufen, wie unsere Sonntage es tun, und setzte auf deren
Anfangstage (noundinae) den Wochenmarkt. Er setzte daneben ein fuer allemal das
erste Viertel in den einunddreissigtaegigen Monaten auf den siebenten, in den
neunundzwanzigtaegigen auf den fuenften, Vollmond in jenen auf den fuenfzehnten,
in diesen auf den dreizehnten Tag. Bei dem also fest geordneten Verlauf der
Monate brauchte von jetzt ab allein die Zahl der zwischen dem Neumond und dem
ersten Viertel liegenden Tage angekuendigt zu werden; davon empfing der Tag des
Neumonds den Namen des Rufetages (kalendae). Der Anfangstag des zweiten, immer
achttaegigen Zeitabschnitts des Monats wurde - der roemischen Sitte gemaess, den
Zieltag der Frist mit in dieselbe einzuzaehlen - bezeichnet als Neuntag (nonae).
Der Tag des Vollmonds behielt den alten Namen idus (vielleicht Scheidetag). Das
dieser seltsamen Neugestaltung des Kalenders zu Grunde liegende Motiv scheint
hauptsaechlich der Glaube an die heilbringende Kraft der ungeraden Zahl gewesen
zu sein ^2, und wenn er im allgemeinen an die aelteste griechische Jahrform sich
anlehnt, so tritt in seinen Abweichungen von dieser bestimmt der Einfluss der
damals in Unteritalien uebermaechtigen, namentlich in Zahlenmystik sich
bewegenden Lehren des Pythagoras hervor. Die Folge aber war, dass dieser
roemische Kalender, so deutlich er auch die Spur an sich traegt, sowohl mit dem
Mond- wie mit dem Sonnenlauf harmonieren zu wollen, doch in der Tat mit dem
Mondlauf keineswegs so uebereinkam, wie wenigstens im ganzen sein griechisches
Vorbild, den Sonnenfahrzeiten aber, eben wie der aelteste griechische, nicht
anders als mittels haeufiger willkuerlicher Ausschaltungen folgen konnte, und da
man den Kalender schwerlich mit groesserem Verstande gehandhabt als eingerichtet
hat, hoechst wahrscheinlich nur sehr unvollkommen folgte. Auch liegt in der
Festhaltung der Rechnung nach Monaten oder, was dasselbe ist, nach
zehnmonatlichen Jahren ein stummes, aber nicht misszuverstehendes Eingestaendnis
der Unregelmaessigkeit und Unzuverlaessigkeit des aeltesten roemischen
Sonnenjahres. Seinem wesentlichen Schema nach wird dieser roemische Kalender
mindestens als allgemein latinisch angesehen werden koennen. Bei der allgemeinen
Wandelbarkeit des Jahresanfangs und der Monatsnamen sind kleinere Abweichungen
in der Bezifferung und den Benennungen mit der Annahme einer gemeinschaftlichen
Grundlage wohl vereinbar; ebenso konnten bei jenem Kalenderschema, das
tatsaechlich von dem Mondumlauf absieht, die Latiner leicht zu ihren
willkuerlichen, etwa nach Jahrfesten abgegrenzten Monatlaengen kommen, wie denn
beispielsweise in den albanischen die Monate zwischen 16 und 36 Tagen schwanken.
Wahrscheinlich also ist die griechische Trieteris von Unteritalien aus
fruehzeitig wenigstens nach Latium, vielleicht auch zu anderen italischen
Staemmen gelangt und hat dann in den einzelnen Stadtkalendern weitere
untergeordnete Umgestaltungen erfahren.
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^2 Aus derselben Ursache sind saemtliche Festtage ungerade, sowohl die in
jedem Monat wiederkehrenden (kalendae am 1., nonae am 5. oder 7., idus am 13.
oder 15.) als auch, mit nur zwei Ausnahmen, die Tage der oben erwaehnten 45
Jahresfeste. Dies geht so weit, dass bei mehrtaegigen Festen dazwischen die
geraden Tage ausfallen, also z. B. das der Carmentis am 11., 15. Januar, das
Hainfest am 19., 21. Juli, die Gespensterfeier am 9., 11., 13. Mai begangen
wird.
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Zur Messung mehrjaehriger Zeitraeume konnte man sich der Regierungsjahre
der Koenige bedienen; doch ist es zweifelhaft, ob diese dem Orient gelaeufige
Datierung in Griechenland und Italien in aeltester Zeit vorgekommen ist. Dagegen
scheint an die vierjaehrige Schaltperiode und die damit verbundene Schatzung und
Suehnung der Gemeinde eine der griechischen Olympiadenzaehlung der Anlage nach
gleiche Zaehlung der Lustren angeknuepft zu haben, die indes infolge der bald in
der Abhaltung der Schatzungen einreissenden Unregelmaessigkeit ihre
chronologische Bedeutung frueh wieder eingebuesst hat.
Juenger als die Messkunst ist die Kunst der Lautschrift. Die Italiker haben
sowenig wie die Hellenen von sich aus eine solche entwickelt, obwohl in den
italischen Zahlzeichen, etwa auch in dem uralt italischen und nicht aus
hellenischem Einfluss hervorgegangenen Gebrauch des Losziehens mit
Holztaefelchen, die Ansaetze zu einer solchen Entwicklung gefunden werden
koennen. Wie schwierig die erste Individualisierung der in so mannigfaltigen
Verbindungen auftretenden Laute gewesen sein muss, beweist am besten die
Tatsache, dass fuer die gesamte aramaeische, indische, griechisch-roemische und
heutige Zivilisation ein einziges, von Volk zu Volk und von Geschlecht zu
Geschlecht fortgepflanztes Alphabet ausgereicht hat und heute noch ausreicht;
und auch dieses bedeutsame Erzeugnis des Menschengeistes ist gemeinsame
Schoepfung der Aramaeer und der Indogermanen. Der semitische Sprachstamm, in dem
der Vokal untergeordneter Natur ist und nie ein Wort beginnen kann, erleichtert
eben deshalb die Individualisierung des Konsonanten; weshalb denn auch hier das
erste, der Vokale aber noch entbehrende Alphabet erfunden worden ist. Erst die
Inder und die Griechen haben, jedes Volk selbstaendig und in hoechst
abweichender Weise, aus der durch den Handel ihnen zugefuehrten aramaeischen
Konsonantenschrift das vollstaendige Alphabet erschaffen durch Hinzufuegung der
Vokale, welche erfolgte durch die Verwendung von vier fuer die Griechen als
Konsonantenzeichen unbrauchbarer Buchstaben fuer die vier Vokale a e i o und
durch Neubildung des Zeichens fuer u, also durch Einfuehrung der Silbe in die
Schrift statt des blossen Konsonanten, oder wie Palamedes bei Euripides sagt:
Heilmittel also ordnend der Vergessenheit
Fuegt ich lautlos' und lautende in Silben ein
Und fand des Schreibens Wissenschaft den Sterblichen.
Dies aramaeisch-hellenische Alphabet ist denn auch den Italikern zugebracht
worden und zwar durch die italischen Hellenen, nicht aber durch die
Ackerkolonien Grossgriechenlands, sondern durch die Kaufleute etwa von Kyme oder
Tarent, von denen es zunaechst nach den uralten Vermittlungsstaetten des
internationalen Verkehrs in Latium und Etrurien, nach Rom und Caere gelangt sein
wird. Das Alphabet, das die Italiker empfingen, ist keineswegs das aelteste
hellenische: es hatte schon mehrfache Modifikationen erfahren, namentlich den
Zusatz der drei Buchstaben x ph ch und die Abaenderung der Zeichen fuer y g l
^3. Auch das ist schon bemerkt worden, dass das etruskische und das latinische
Alphabet nicht eines aus dem anderen, sondern beide unmittelbar aus dem
griechischen abgeleitet sind; ja es ist sogar dies Alphabet nach Etrurien und
nach Latium in wesentlich abweichender Form gelangt. Das etruskische Alphabet
kennt ein doppeltes s (Sigma s und San sch) und nur ein einfaches k ^4 und vom r
nur die aeltere Form P; das latinische kennt, soviel wir wissen, nur ein
einziges s, dagegen ein doppeltes k (Kappa k und Koppa q) und vom r fast nur die
juengere Form R. Die aelteste etruskische Schrift kennt noch die Zeile nicht und
windet sich wie die Schlange sich ringelt, die juengere schreibt in abgesetzten
Parallelzeilen von rechts nach links; die latinische Schrift kennt, soweit
unsere Denkmaeler zurueckreichen, nur die letztere Schreibung in
gleichgerichteten Zeilen, die urspruenglich wohl beliebig von links nach rechts
oder von rechts nach links laufen konnten, spaeterhin bei den Roemern in jener,
bei den Faliskern in dieser Richtung liefen. Das nach Etrurien gebrachte
Musteralphabet muss trotz seines relativ geneuerten Charakters dennoch in eine
sehr alte, wenn auch nicht positiv zu bestimmende Zeit hinaufreichen: denn da
die beiden Sibilanten Sigma und San von den Etruskern stets als verschiedene
Laute nebeneinander gebraucht worden sind, so muss das griechische Alphabet, das
nach Etrurien kam, sie wohl auch noch in dieser Weise beide als lebendige
Lautzeichen besessen haben; unter allen uns bekannten Denkmaelern der
griechischen Sprache aber zeigt auch nicht eines Sigma und San nebeneinander im
Gebrauch. Das lateinische Alphabet traegt allerdings, wie wir es kennen, im
ganzen einen juengeren Charakter; doch ist es nicht unwahrscheinlich, dass in
Latium nicht, wie in Etrurien, bloss eine einmalige Rezeption stattgefunden hat,
sondern die Latiner infolge ihres lebhaften Verkehrs mit den griechischen
Nachbarn laengere Zeit sich mit dem dort ueblichen Alphabet im Gleichgewicht
hielten und den Schwankungen desselben folgten. So finden wir zum Beispiel, dass
die Formen /W, P ^5 und E den Roemern nicht unbekannt waren, aber die juengeren
AA, R und >, dieselben im gemeinen Gebrauch ersetzten; was sich nur erklaeren
laesst, wenn die Latiner laengere Zeit fuer ihre griechischen Aufzeichnungen wie
fuer die in der Muttersprache sich des griechischen Alphabets als solchen
bedienten. Deshalb ist es auch bedenklich, aus dem verhaeltnismaessig juengeren
Charakter desjenigen griechischen Alphabets, das wir in Rom finden, und dem
aelteren des nach Etrurien gebrachten den Schluss zu ziehen, dass in Etrurien
frueher geschrieben worden ist als in Rom.
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^3 Die Geschichte des Alphabets bei den Hellenen besteht im wesentlichen
darin, dass gegenueber dem Uralphabet von 23 Buchstaben, das heisst dem
vokalisierten und mit dem u vermehrten phoenikischen, die verschiedenartigsten
Vorschlaege zur Ergaenzung und Verbesserung desselben gemacht worden sind und
dass jeder dieser Vorschlaege seine eigene Geschichte gehabt hat. Die
wichtigsten dieser Vorschlaege, die auch fuer die Geschichte der italischen
Schrift im Auge zu behalten vor. Interesse ist, sind die folgenden.
I. Einfuehrung eigener Zeichen fuer die Laute x ph ch. Dieser Vorschlag ist
so alt, dass mit einziger Ausnahme desjenigen der Inseln Thera, Melos und Kreta
alle griechischen und schlechterdings alle aus dem griechischen abgeleiteten
Alphabete unter dem Einfluss desselben stehen. Urspruenglich ging er wohl dahin,
die Zeichen CH xi, PH phi, PS chi dem Alphabet am Schluss anzufuegen, und in
dieser Gestalt hat er auf dem Festland von Hellas mit Ausnahme von Athen und
Korinth und ebenso bei den sizilischen und italischen Griechen Annahme gefunden.
Die kleinasiatischen Griechen dagegen und die der Inseln des Archipels, ferner
auf dem Festland die Korinther scheinen, als dieser Vorschlag zu ihnen gelangte,
fuer den Laut ~i bereits das fuenfzehnte Zeichen des phoenikischen Alphabets
(Samech) X im Gebrauch gehabt zu haben; sie verwendeten deshalb von den drei
neuen Zeichen zwar das PH auch fuer phi, aber das CH nicht fuer xi sondern fuer
chi. Das dritte, urspruenglich fuer chi erfundene Zeichen liess man wohl
meistenteils fallen; nur im kleinasiatischen Festland hielt man es fest, gab ihm
aber den Wert psi. Der kleinasiatischen Schreibweise folgte auch Athen, nur dass
hier nicht bloss das psi, sondern auch das xi nicht angenommen, sondern dafuer
wie frueher der Doppelkonsonant geschrieben ward.
II. Ebenso frueh, wenn nicht noch frueher, hat man sich bemueht, die
naheliegende Verwechslung der Formen fuer i und s zu verhueten; denn saemtliche
uns bekannte griechische Alphabete tragen die Spuren des Bestrebens, beide
Zeichen anders und schaerfer zu unterscheiden. Aber schon in aeltester Zeit
muessen zwei Aenderungsvorschlaege gemacht sein, deren jeder seinen eigenen
Verbreitungskreis gefunden hat: entweder man verwendete fuer den Sibilanten,
wofuer das phoenikische Alphabet zwei Zeichen, das vierzehnte (M) fuer sch und
das achtzehnte (S) fuer s, darbot, statt des letzteren, lautlich angemesseneren
vielmehr jenes - und so schrieb man in aelterer Zeit auf den oestlichen Inseln,
in Korinth und Kerkyra und bei den italischen Achaeern - oder man ersetzte das
Zeichen des i durch einfachen Strich ?, was bei weitem das Gewoehnlichere war
und in nicht allzu spaeter Zeit wenigstens insofern allgemein ward, als das
gebrochene i ueberall verschwand, wenngleich einzelne Gemeinden das s in der
Form M auch neben dem ? festhielten.
III. Juenger ist die Ersetzung des leicht mit G g zu verwechselnden l L
durch V, der wir in Athen und Boeotien begegnen, waehrend Korinth und die von
Korinth abhaengigen Gemeinden denselben Zweck dadurch erreichten, dass sie dem g
statt der haken- die halbkreisfoermige Gestalt C gaben.
IV. Die ebenfalls der Verwechslung sehr ausgesetzten Formen fuer r R p p
und r P wurden unterschieden durch Umgestaltung des letzteren in R; welche
juengere Form nur den kleinasiatischen Griechen, den Kretern, den italischen
Achaeern und wenigen anderen Landschaften fremd geblieben ist, dagegen sowohl in
dem eigentlichen wie in Grossgriechenland und Sizilien weit aeberwiegt. Doch ist
die aeltere Form des r p hier nicht so frueh und so voellig verschwunden wie die
aeltere Form des l; diese Neuerung faellt daher ohne Zweifel spaeter.
Die Differenzierung des langen und kurzen e und des langen und kurzen o ist
in aelterer Zeit beschraenkt geblieben auf die Griechen Kleinasiens und der
Inseln des Aegaeischen Meeres.
Alle diese technischen Verbesserungen sind insofern gleicher Art und
geschichtlich von gleichem Wert, als eine jede derselben zu einer bestimmten
Zeit und an einem bestimmten Orte aufgekommen ist und sodann ihren eigenen
Verbreitungsweg genommen und ihre besondere Entwicklung gefunden hat. Die
vortreffliche Untersuchung A. Kirchhoffs (Studien zur Geschichte des
griechischen Alphabets. Guetersloh 1863), welche auf die bisher so dunkle
Geschichte des hellenischen Alphabets ein helles Licht geworfen und auch fuer
die aeltesten Beziehungen zwischen Hellenen und Italikern wesentliche Daten
ergeben, namentlich die bisher ungewisse Heimat des etruskischen Alphabets
unwiderleglich festgestellt hat, leidet insofern an einer gewissen
Einseitigkeit, als sie auf einen einzelnen dieser Vorschlaege verhaeltnismaessig
zu grosses Gewicht legt. Wenn ueberhaupt hier Systeme geschieden werden sollen,
darf man die Alphabete nicht nach der Geltung des X als x oder als ch in zwei
Klassen teilen, sondern wird man das Alphabet von 23 und das von 25 oder 26
Buchstaben und etwa in dem letzteren noch das kleinasiatisch-ionische, aus dem
das spaetere Gemeinalphabet hervorgegangen ist, und das gemeingriechische der
aelteren Zeit zu unterscheiden haben. Es haben aber vielmehr im Alphabet die
einzelnen Landschaften sich den verschiedenen Modifikationsvorschlaegen
gegenueber wesentlich eklektisch verhalten und ist der eine hier, der andere
dort rezipiert worden. Eben insofern ist die Geschichte des griechischen
Alphabets so lehrreich, als sie zeigt, wie in Handwerk und Kunst einzelne
Gruppen der griechischen Landschaften die Neuerungen austauschten, andere in
keinem solchen Wechselverhaeltnis standen. Was insbesondere Italien betrifft, so
ist schon auf den merkwuerdigen Gegensatz der achaeischen Ackerstaedte zu den
chalkidischen und dorischen mehr kaufmaennischen Kolonien aufmerksam gemacht
worden; in jenen sind durchgaengig die primitiven Formen festgehalten, in diesen
die verbesserten Formen angenommen, selbst solche, die von verschiedenen Seiten
kommend sich gewissermassen widersprechen, wie das C Y neben dem V l. Die
italischen Alphabete stammen, wie Kirchhoff gezeigt hat, durchaus von dem
Alphabet der italischen Griechen und zwar von dem chalkidisch-dorischen her;
dass aber die Etrusker und die Latiner nicht die einen von den andern, sondern
beide unmittelbar von den Griechen das Alphabet empfingen, setzt besonders die
verschiedene Form des r ausser Zweifel. Denn waehrend von den vier oben
bezeichneten Modifikationen des Alphabets, die die italischen Griechen
ueberhaupt angehen (die fuenfte blieb auf Kleinasien beschraenkt), die drei
ersten bereits durchgefuehrt waren, bevor dasselbe auf die Etrusker und Latiner
ueberging, war die Differenzierung von p und r noch nicht geschehen, als
dasselbe nach Etrurien kam, dagegen wenigstens begonnen, als die Latiner es
empfingen, weshalb fuer r die Etrusker die Form R gar nicht kennen, dagegen bei
den Faliskern und den Latinern mit der einzigen Ausnahme des Dresselschen
Tongefaesses ausschliesslich die juengere Form begegnet.
^4 Dass das Koppa den Etruskern von jeher gefehlt hat, scheint nicht
zweifelhaft: denn nicht bloss begegnet sonst nirgends eine sichere Spur
desselben, sondern es fehlt auch in dem Musteralphabet des galassischen
Gefaesses. Der Versuch, es in dem Syllabarium desselben nachzuweisen, ist auf
jeden Fall verfehlt, da dieses nur auf die auch spaeterhin gemein
gebraeuchlichen etruskischen Buchstaben Ruecksicht nimmt und nehmen kann zu
diesen aber das Koppa notorisch nicht gehoert; ueberdies kann das am Schluss
stehende Zeichen seiner Stellung nach nicht wohl einen anderen Wert haben als
den des f, das im etruskischen Alphabet eben das letzte ist und das in dem, die
Abweichungen .des etruskischen Alphabets von seinem Muster darlegenden
Syllabarium nicht fehlen durfte. Auffallend bleibt es freilich, dass in dem nach
Etrurien gelangten griechischen Alphabet das Koppa mangelte da es sonst in dem
chalkidisch-dorischen sich lange behauptet hat; aber es kann dies fueglich eine
lokale Eigentuemlichkeit derjenigen Stadt gewesen sein, deren Alphabet zunaechst
nach Etrurien gekommen ist. Darin, ob ein als ueberfluessig werdendes Zeichen im
Alphabet stehenbleibt oder ausfaellt, hat zu allen Zeiten Willkuer und Zufall
gewaltet; so hat das attische Alphabet das achtzehnte phoenikische Zeichen
eingebuesst, die uebrigen aus der Lautschrift verschwundenen im Alphabet
festgehalten.
^5 Die vor kurzem bekannt gewordene goldene Spange von Praeneste (RM 2,
1887), unter den verstaendlichen Denkmaelern lateinischer Sprache und
lateinischer Schrift das weitaus aelteste zeigt die aeltere Form des m, das
raetselhafte Tongefaess vom Quirinal (herausgegeben von A. Dressel in den AdI
52, 1880) die aeltere Form des r.
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Welchen gewaltigen Eindruck die Erwerbung des Buchstabenschatzes auf die
Empfaenger machte und wie lebhaft sie die in diesen unscheinbaren Zeichen
schlummernde Macht ahnten, beweist ein merkwuerdiges Gefaess aus einer vor
Erfindung des Bogens gebauten Grabkammer von Caere, worauf das altgriechische
Musteralphabet, wie es nach Etrurien kam, und daneben ein daraus gebildetes
etruskisches Syllabarium, jenem des Palamedes vergleichbar, verzeichnet ist -
offenbar eine heilige Reliquie der Einfuehrung und der Akklimatisierung der
Buchstabenschrift in Etrurien.
Nicht minder wichtig als die Entlehnung des Alphabets ist fuer die
Geschichte dessen weitere Entwicklung auf italischem Boden, ja vielleicht noch
wichtiger; denn hierdurch faellt ein Lichtstrahl auf den italienischen
Binnenverkehr, der noch weit mehr im Dunkeln liegt als der Verkehr an den
Kuesten mit den Fremden. In der aeltesten Epoche der etruskischen Schrift, in
der man sich im wesentlichen des eingefuehrten Alphabets unveraendert bediente,
scheint der Gebrauch desselben sich auf die Etrusker am Po und in der heutigen
Toskana beschraenkt zu haben; dieses Alphabet ist alsdann, offenbar von Atria
und Spina aus, suedlich an der Ostkueste hinab bis in die Abruzzen, noerdlich zu
den Venetern und spaeter sogar zu den Kelten an und in den Alpen, ja jenseits
derselben gelangt, sodass die letzten Auslaeufer desselben bis nach Tirol und
Steiermark reichen. Die juengere Epoche geht aus von einer Reform des Alphabets,
welche sich hauptsaechlich erstreckt auf die Einfuehrung abgesetzter
Zeilenschrift, auf die Unterdrueckung des o, das man im Sprechen vom u nicht
mehr zu unterscheiden wusste, und auf die Einfuehrung eines neuen Buchstabens f,
wofuer dem ueberlieferten Alphabet das entsprechende Zeichen mangelte. Diese
Reform ist offenbar bei den westlichen Etruskern entstanden und hat, waehrend
sie jenseits des Apennin keinen Eingang fand, dagegen bei saemtlichen
sabellischen Staemmen, zunaechst bei den Umbrern sich eingebuergert; im weiteren
Verlaufe sodann hat das Alphabet bei jedem einzelnen Stamm, den Etruskern am
Arno und um Capua, den Umbrern und Samniten seine besonderen Schicksale
erfahren, haeufig die Mediae ganz oder zum Teil verloren, anderswo wieder neue
Vokale und Konsonanten entwickelt. Jene westetruskische Reform des Alphabets
aber ist nicht bloss so alt wie die aeltesten in Etrurien gefundenen Graeber,
sondern betraechtlich aelter, da das erwaehnte, wahrscheinlich in einem
derselben gefundene Syllabarium das reformierte Alphabet bereits in einer
wesentlich modifizierten und modernisierten Gestalt gibt; und da das reformierte
selbst wieder, gegen das primitive gehalten, relativ jung ist, so versagt sich
fast der Gedanke dem Zurueckgehen in jene Zeit, wo dies Alphabet nach Italien
gelangte.
Erscheinen sonach die Etrusker als die Verbreiter des Alphabets im Norden,
Osten und Sueden der Halbinsel, so hat sich dagegen das latinische Alphabet auf
Latium beschraenkt und hier im ganzen mit geringen Veraenderungen sich
behauptet; nur fielen g k und z s allmaehlich lautlich zusammen, wovon die Folge
war, dass je eins der homophonen Zeichen (k z) aus der Schrift verschwand. In
Rom waren diese nachweislich schon vor dem Ende des vierten Jahrhunderts der
Stadt beseitigt ^6, und unsere gesamte monumentale und literarische
Ueberlieferung mit einer einzigen Ausnahme ^7 kennt sie nicht. Wer nun erwaegt,
dass in den aeltesten Abkuerzungen der Unterschied von g c und k k noch
regelmaessig durchgefuehrt wird ^8, dass also der Zeitraum, wo die Laute in der
Aussprache zusammenfielen, und vor diesem wieder der Zeitraum, in dem die
Abkuerzungen sich fixierten, weit jenseits des Beginns der Samnitenkriege liegt;
dass endlich zwischen der Einfuehrung der Schrift und der Feststellung eines
konventionellen Abkuerzungssystems notwendig eine bedeutende Frist verstrichen
sein muss, der wird wie fuer Etrurien so fuer Latium den Anfang der Schreibkunst
in eine Epoche hinaufruecken, die dem ersten Eintritt der aegyptischen
Siriusperiode in historischer Zeit, dem Jahre 1321 vor Christi Geburt, naeher
liegt als dem Jahre 776, mit dem in Griechenland die Olympiadenchronologie
beginnt ^9. Fuer das hohe Alter der Schreibkunst in Rom sprechen auch sonst
zahlreiche und deutliche Spuren. Die Existenz von Urkunden aus der Koenigszeit
ist hinreichend beglaubigt: so des Sondervertrags zwischen Gabii und Rom, den
ein Koenig Tarquinius, und schwerlich der letzte dieses Namens, abschloss, und
der, geschrieben auf das Fell des dabei geopferten Stiers, in dem an
Altertuemern reichen, wahrscheinlich dem gallischen Brande entgangenen Tempel
des Sancus auf dem Quirinal aufbewahrt ward; des Buendnisses, das Koenig Servius
Tullius mit Latium abschloss und das noch Dionysios auf einer kupfernen Tafel im
Dianatempel auf dem Aventin sah - freilich wohl in einer nach dem Brand mit
Hilfe eines latinischen Exemplars hergestellten Kopie, denn dass man in der
Koenigszeit schon in Metall grub, ist nicht wahrscheinlich. Auf den
Stiftungsbrief dieses Tempels beziehen sich noch die Stiftungsbriefe der
Kaiserzeit als auf die aelteste derartige roemische Urkunde und das
gemeinschaftliche Muster fuer alle. Aber schon damals ritzte man (exarare,
scribere verwandt mit scrobes ^10) oder malte (linere, daher littera) auf
Blaetter (folium), Bast (liber) oder Holztafeln (tabula, albuni), spaeter auch
auf Leder und Leinen. Auf leinene Rollen waren die heiligen Urkunden der
Samniten wie der anagninischen Priesterschaft geschrieben, ebenso die aeltesten,
im Tempel der Goettin der Erinnerung (Iuno moneta) auf dem Kapitol bewahrten
Verzeichnisse der roemischen Magistrate. Es wird kaum noch noetig sein, zu
erinnern an das uralte Marken des Hutviehs (scriptura), an die Anrede im Senat
"Vaeter und Eingeschriebene" (patres conscripti), an das hohe Alter der
Orakelbuecher, der Geschlechtsregister, des albanischen und des roemischen
Kalenders. Wenn die roemische Sage schon in der fruehesten Zeit der Republik von
Hallen am Markte spricht, in denen die Knaben und Maedchen der Vornehmen lesen
und schreiben lernten, so kann das, aber muss nicht notwendig erfunden sein.
Nicht die Unkunde der Schrift, vielleicht nicht einmal der Mangel an Dokumenten
hat uns die Kunde der aeltesten roemischen Geschichte entzogen, sondern die
Unfaehigkeit der Historiker derjenigen Zeit, die zur Geschichtsforschung berufen
war, die archivalischen Nachrichten zu verarbeiten, und ihre Verkehrtheit, fuer
die aelteste Epoche Schilderung von Motiven und Charakteren, Schlachtberichte
und Revolutionserzaehlungen zu begehren und ueber deren Erfindung zu
vernachlaessigen, was die vorhandene schriftliche Ueberlieferung dem ernsten und
entsagenden Forscher nicht verweigert haben wuerde.
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^6 In diese Zeit wird diejenige Aufzeichnung der Zwoelf Tafeln zu setzen
sein, welche spaeterhin den roemischen Philologen vorlag und von der wir
Truemmer besitzen. Ohne Zweifel ist das Gesetzbuch gleich bei seiner Entstehung
niedergeschrieben worden; aber dass jene Gelehrten selber ihren Text nicht auf
das Urexemplar zurueckfuehrten, sondern auf eine nach dem gallischen Brande
vorgenommene offizielle Niederschrift, beweist die Erzaehlung von der damals
erfolgten Wiederherstellung der Tafeln, und erklaert sich leicht eben daraus,
dass ihr Text keineswegs die ihnen nicht unbekannte aelteste Orthographie
aufwies, auch abgesehen davon, dass bei einem derartigen, ueberdies noch zum
Auswendiglernen fuer die Jugend verwendeten Schriftstueck philologisch genaue
Ueberlieferung unmoeglich angenommen werden kann.
^7 Dies ist die 1, 227 angefuehrte Inschrift der Spange von Praeneste.
Dagegen hat selbst schon auf der ficoronischen Kiste c den spaeteren Wert von k.
^8 So ist C Gaius, CN Gnaeus, aber K Kaeso. Fuer die juengeren Abkuerzungen
gilt dieses natuerlich nicht; hier wird g nicht durch c, sondern durch G (GAL
Galeria), k in der Regel durch C (C centum, Cos consul, COL Collina), vor a
durch K (KAR karmentalia, MERK merkatus) bezeichnet. Denn eine Zeitlang hat man
den Laut K vor den Vokalen e i o und vor allen Konsonanten durch C ausgedrueckt,
dagegen vor a durch K, vor u durch das alte Zeichen des Koppa Q.
^9 Wenn dies richtig ist, so muss die Entstehung der Homerischen Gedichte,
wenn auch natuerlich nicht gerade die der uns vorliegenden Redaktion, weit vor
die Zeit fallen, in welche Herodot die Bluete des Homeros setzt (100 vor Rom
850); denn die Einfuehrung des hellenischen Alphabets in Italien gehoert wie der
Beginn des Verkehrs zwischen Hellas und Italien selbst erst der nachhomerischen
Zeit an.
^10 Ebenso altsaechsisch writan eigentlich reissen, dann schreiben.
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Die Geschichte der italischen Schrift bestaetigt also zunaechst die
schwache und mittelbare Einwirkung des hellenischen Wesens auf die Sabeller im
Gegensatz zu den westlicheren Voelkern. Dass jene das Alphabet von den
Etruskern, nicht von den Roemern empfingen, erklaert sich wahrscheinlich daraus,
dass sie das Alphabet schon besassen, als sie den Zug auf den Ruecken des
Apennin antraten, die Sabiner wie die Samniten also dasselbe schon vor ihrer
Entlassung aus dem Mutterlande in ihre neuen Sitze mitbrachten. Andererseits
enthaelt diese Geschichte der Schrift eine heilsame Warnung gegen die Annahme,
welche die spaetere, der etruskischen Mystik und Altertumstroedelei ergebene
roemische Bildung aufgebracht hat und welche die neuere und neueste Forschung
geduldig wiederholt, dass die roemische Zivilisation ihren Keim und ihren Kern
aus Etrurien entlehnt habe. Waere dies wahr, so muesste hier vor allem eine Spur
sich davon zeigen; aber gerade umgekehrt ist der Keim der latinischen
Schreibkunst griechisch, ihre Entwicklung so national, dass sie nicht einmal das
so wuenschenswerte etruskische Zeichen fuer f sich angeeignet hat ^11. Ja wo
Entlehnung sich zeigt, in den Zahlzeichen, sind es vielmehr die Etrusker, die
von den Roemern wenigstens das Zeichen fuer 50 uebernommen haben.
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^11 Das Raetsel, wie die Latiner dazu gekommen sind, das griechische dem v
entsprechende Zeichen fuer das lautlich ganz verschiedene f zu verwenden, hat
die Spange von Praeneste geloest mit ihrem fhefhaked fuer fecit und damit
zugleich die Herleitung des lateinischen Alphabets von den chalkidischen
Kolonien Unteritaliens bestaetigt. Denn in einer, demselben Alphabet
angehoerigen boeotischen Inschrift findet sich in dem Worte fhekadamoe (Gustav
Meyer, Griechische Grammatik,  244 a. E.) dieselbe Lautverbindung, und ein
aspiriertes v mochte allerdings dem lateinischen f lautlich sich naehern.
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Endlich ist es charakteristisch, dass in allen italischen Staemmen die
Entwicklung des griechischen Alphabets zunaechst in einer Verderbung desselben
besteht. So sind die Mediae in den saemtlichen etruskischen Dialekten
untergegangen, waehrend die Umbrer g d, die Samniten d, die Roemer g einbuessten
und diesen auch d mit r zu verschmelzen drohte. Ebenso fielen den Etruskern
schon frueh o und u zusammen, und auch bei den Lateinern finden sich Ansaetze
derselben Verderbnis. Fast das Umgekehrte zeigt sich bei den Sibilanten; denn
waehrend der Etrusker die drei Zeichen z s sch festhaelt, der Umbrer zwar das
letzte wegwirft, aber dafuer zwei neue Sibilanten entwickelt, beschraenkt sich
der Samnite und der Falisker auf s und z gleich dem Griechen, der spaetere
Roemer sogar auf s allein. Man sieht, die feineren Lautverschiedenheiten wurden
von den Einfuehrern des Alphabets, gebildeten und zweier Sprachen maechtigen
Leuten, wohl empfunden; aber nach der voelligen Loesung der nationalen Schrift
von dem hellenischen Mutteralphabet fielen allmaehlich die Mediae und ihre
Tenues zusammen und wurden die Sibilanten und Vokale zerruettet, von welchen
Lautverschiebungen oder vielmehr Lautzerstoerungen namentlich die erste ganz
ungriechisch ist. Die Zerstoerung der Flexions- und Derivationsformen geht mit
dieser Lautzerruettung Hand in Hand. Die Ursache dieser Barbarisierung ist also
im allgemeinen keine andere als die notwendige Verderbnis, welche an jeder
Sprache fortwaehrend zehrt, wo ihr nicht literarisch und rationell ein Damm
entgegengesetzt wird; nur dass von dem, was sonst spurlos voruebergeht, hier in
der Lautschrift sich Spuren bewahrten. Dass diese Barbarisierung die Etrusker in
staerkerem Masse erfasste als irgendeinen der italischen Staemme, stellt sich zu
den zahlreichen Beweisen ihrer minderen Kulturfaehigkeit; wenn dagegen, wie es
scheint, unter den Italikern am staerksten die Umbrer, weniger die Roemer, am
wenigsten die suedlichen Sabeller von der gleichen Sprachverderbnis ergriffen
wurden, so wird der regere Verkehr dort mit den Etruskern, hier mit den Griechen
wenigstens mit zu dieser Erscheinung beigetragen haben.
15. Kapitel
Die Kunst
Dichtung ist leidenschaftliche Rede, deren bewegter Klang die Weise;
insofern ist kein Volk ohne Poesie und Musik. Allein zu den poetisch
vorzugsweise begabten Nationen gehoerte und gehoert die italienische nicht; es
fehlt dem Italiener die Leidenschaft des Herzens, die Sehnsucht, das Menschliche
zu idealisieren und das Leblose zu vermenschlichen, und damit das Allerheiligste
der Dichtkunst. Seinem scharfen Blick, seiner anmutigen Gewandtheit gelingen
vortrefflich die Ironie und der Novellenton, wie wir sie bei Horaz und bei
Boccaccio finden, der launige Liebes- und Liederscherz, wie Catullus und die
guten neapolitanischen Volkslieder ihn zeigen, vor allem die niedere Komoedie
und die Posse. Auf italischem Boden entstand in alter Zeit die parodische
Tragoedie, in neuer das parodische Heldengedicht. In der Rhetorik und
Schauspielkunst vor allem tat und tut es den Italienern keine andere Nation
gleich. Aber in den vollkommenen Kunstgattungen haben sie es nicht leicht ueber
Fertigkeiten gebracht, und keine ihrer Literaturepochen hat ein wahres Epos und
ein echtes Drama erzeugt. Auch die hoechsten in Italien gelungenen literarischen
Leistungen, goettliche Gedichte wie Dantes Commedia und Geschichtbuecher wie
Sallustius und Macchiavelli, Tacitus und Colletta sind doch von einer mehr
rhetorischen als naiven Leidenschaft getragen. Selbst in der Musik ist in alter
wie in neuer Zeit das eigentlich schoepferische Talent weit weniger
hervorgetreten als die Fertigkeit, die rasch zur Virtuositaet sich steigert und
an der Stelle der echten und innigen Kunst ein hohles und herzvertrocknendes
Idol auf den Thron hebt. Es ist nicht das innerliche Gebiet, insoweit in der
Kunst ueberhaupt ein Innerliches und ein Aeusserliches unterschieden werden
kann, das dem Italiener als eigene Provinz anheimgefallen ist; die Macht der
Schoenheit muss, um voll auf ihn zu wirken, nicht im Ideal vor seine Seele,
sondern sinnlich ihm vor die Augen gerueckt werden. Darum ist er denn auch in
den bauenden und bildenden Kuensten recht eigentlich zu Hause und darin in der
alten Kulturepoche der beste Schueler des Hellenen, in der neuen der Meister
aller Nationen geworden.
Es ist bei der Lueckenhaftigkeit unserer Ueberlieferung nicht moeglich, die
Entwicklung der kuenstlerischen Ideen bei den einzelnen Voelkergruppen Italiens
zu verfolgen; und namentlich laesst sich nicht mehr von der italischen Poesie
reden, sondern nur von der Poesie Latiums. Die latinische Dichtkunst ist wie
jede andere ausgegangen von der Lyrik oder vielmehr von dem urspruenglichen
Festjubel, in welchem Tanz, Spiel und Lied noch in ungetrennter Einheit sich
durchdringen. Es ist dabei bemerkenswert, dass in den aeltesten
Religionsgebraeuchen der Tanz und demnaechst das Spiel weit entschiedener
hervortreten als das Lied. In dem grossen Feierzug, mit dem das roemische
Siegesfest eroeffnet ward, spielten naechst den Goetterbildern und den Kaempfern
die vornehmste Rolle die ernsten und die lustigen Taenzer: jene geordnet in drei
Gruppen, der Maenner, der Juenglinge und der Knaben, alle in roten Roecken mit
kupfernem Leibgurt, mit Schwertern und kurzen Lanzen, die Maenner ueberdies
behelmt, ueberhaupt in vollem Waffenschmuck; diese in zwei Scharen geteilt, der
Schafe in Schafpelzen mit buntem Ueberwurf, der Boecke nackt bis auf den Schurz
mit einem Ziegenfell als Umwurf. Ebenso waren vielleicht die aelteste und
heiligste von allen Priesterschaften die "Springer" und durften die Taenzer
(ludii, ludiones) ueberhaupt bei keinem oeffentlichen Aufzug und namentlich bei
keiner Leichenfeier fehlen, weshalb denn der Tanz schon in alter Zeit ein
gewoehnliches Gewerbe ward. Wo aber die Taenzer erscheinen, da stellen auch die
Spielleute oder, was in aeltester Zeit dasselbe ist, die Floetenblaeser sich
ein. Auch sie fehlen bei keinem Opfer, bei keiner Hochzeit und bei keinem
Begraebnis, und neben der uralten oeffentlichen Priesterschaft der Springer
steht gleich alt, obwohl im Range bei weitem niedriger, die Pfeifergilde
(collegium tibicinum, 1, 205), deren echte Musikantenart bezeugt wird durch das
alte und selbst der strengen roemischen Polizei zum Trotz behauptete Vorrecht,
an ihrem Jahresfest maskiert und suessen Weines voll auf den Strassen sich
herumzutreiben. Wenn also der Tanz als ehrenvolle Verrichtung, das Spiel als
untergeordnete, aber notwendige Taetigkeit auftritt und darum oeffentliche
Genossenschaften fuer beide bestellt sind, so erscheint die Dichtung mehr als
ein Zufaelliges und gewissermassen Gleichgueltiges, mochte sie nun fuer sich
entstehen oder dem Taenzer zur Begleitung seiner Spruenge dienen.
Den Roemern galt als das aelteste dasjenige Lied, das in der gruenen
Waldeseinsamkeit die Blaetter sich selber singen. Was der "guenstige Geist"
(faunus, von favere) im Haine fluestert und floetet, das verkuenden die, denen
es gegeben ist, ihm zu lauschen, den Menschen wieder in rhythmisch gemessener
Rede (casmen, spaeter carmen, von canere). Diesen weissagenden Gesaengen der vom
Gott ergriffenen Maenner und Frauen (vates) verwandt sind die eigentlichen
Zaubersprueche, die Besprechungsformeln gegen Krankheiten und anderes Ungemach
und die boesen Lieder, durch welche man dem Regen wehrt und den Blitz herabruft
oder auch die Saat von einem Feld auf das andere lockt; nur dass in diesen wohl
von Haus aus neben den Wort- auch reine Klangformeln erscheinen ^1. Fester
ueberliefert und gleich uralt sind die religioesen Litaneien, wie die Springer
und andere Priesterschaften sie sangen und tanzten und von denen die einzige bis
auf uns gekommene, ein wahrscheinlich als Wechselgesang gedichtetes Tanzlied der
Ackerbrueder zum Preise des Mars, wohl auch hier eine Stelle verdient:
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^1 So gibt der aeltere Cato (agr. 160) als kraeftig gegen Verrenkungen den
Spruch: hauat hauat hauat ista pista sista damia bodannaustra, der vermutlich
seinem Erfinder ebenso dunkel war, wie er es uns ist. Natuerlich finden sich
daneben auch Wortformeln; so z. B. hilft es gegen Gicht, wenn man nuechtern
eines andern gedenkt und dreimal neunmal, die Erde beruehrend und ausspuckend,
die Worte spricht: "Ich denke dein, hilf meinen Fuessen. Die Erde empfange das
Unheil, Gesundheit sei mein Teil" (terra pestem teneto, salus hic maneto. Varro
rust. 1, 2, 27).
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Enos, Lases, iuvate!
Ne velue rue, Marmar, sins incurrere in pleores!
Satur fu, fere Mars! Timen sali! sta! berber!
Semunis alternei advocapit conctos!
Enos, Marmar, invato!
Triumpe! ^2
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^2 Nos, Lares, iuvate! Ne veluem (= malam luem) ruem (= ruinam), Mamers,
sinas incurrere in plures! Satur esto, fere Mars! In limen insili! sta! verbera
(limen?)! Semones alterni advocate cunctos! Nos, Mamers, iuvato! Tripudia! Die
ersten fuenf Zeilen werden je dreimal, der Schlussruf fuenfmal wiederholt. Die
Uebersetzung ist vielfach unsicher, besonders der dritten Zeile.
Die drei Inschriften des Tongefaesses vom Quirinal lauten: ioue sat
deiuosqoi med mitat nei ted endo gosmis uirgo sied - asted noisi ope toitesiai
pakariuois - duenos med feked (= onus me fecit) enmanom einom dze noine
(wahrscheinlich = die noni) med malo statod. Sicher verstaendlich sind nur
einzelne Woerter; bemerkenswert vor allem, dass Formen, die wir bisher nur als
umbrische und oskische kannten, wie das Adjektiv pacer und die Partikel einom im
Wert von et, hier wahrscheinlich doch als altlateinische uns entgegentreten.
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an die Goetter Uns, Laren, helfet!
Nicht Sterben und Verderben, Mars, Mars,
lass einstuermen auf mehrere.
Satt sei, grauser Mars!

an die einzelnen Auf die Schwelle springe! stehe! tritt sie!
Brueder

an alle
Brueder Den Semonen, erst ihr, dann ihr, rufet zu, allen

an den Gott Uns, Mars, Mars, hilf!

an die einzelnen Springe!
Brueder

Das Latein dieses Liedes und der verwandten Bruchstuecke der Baliarischen
Gesaenge, welche schon den Philologen der augustischen Zeit als die aeltesten
Urkunden ihrer Muttersprache galten, verhaelt sich zu dem Latein der Zwoelf
Tafeln etwa wie die Sprache der Nibelungen zu der Sprache Luthers; und wohl
duerfen wir der Sprache wie dem Inhalt nach diese ehrwuerdigen Litaneien den
indischen Veden vergleichen.
Schon einer juengeren Epoche gehoeren die Lob- und Schimpflieder an. Dass
es in Latium der Spottlieder schon in alten Zeiten im Ueberfluss gab, wuerde
sich aus dem Volkscharakter der Italiener abnehmen lassen, auch wenn nicht die
sehr alten polizeilichen Massnahmen dagegen es ausdruecklich bezeugten.
Wichtiger aber wurden die Lobgesaenge. Wenn ein Buerger zur Bestattung
weggetragen ward, so folgte der Bahre eine ihm anverwandte oder befreundete Frau
und sang ihm unter Begleitung eines Floetenspielers das Leichenlied (nenia).
Desgleichen wurden bei dem Gastmahl von den Knaben, die nach der damaligen Sitte
die Vaeter auch zum Schmaus ausser dem eigenen Hause begleiteten, Lieder zum
Lobe der Ahnen abwechselnd bald ebenfalls zur Floete gesungen, bald auch ohne
Begleitung bloss gesagt (assa voce canere). Dass auch die Maenner bei dem
Gastmahl der Reihe nach sangen, ist wohl erst spaetere vermutlich den Griechen
entlehnte Sitte. Genaueres wissen wir von diesen Ahnenliedern nicht; aber es
versteht sich, dass sie schilderten und erzaehlten und insofern neben und aus
dem lyrischen Moment der Poesie das epische entwickelten.
Andere Elemente der Poesie waren taetig in dem uralten, ohne Zweifel ueber
die Scheidung der Staemme zurueckreichenden Volkskarneval, dem lustigen Tanz
oder der Satura (I, 44). Der Gesang wird dabei nie gefehlt haben; es lag aber in
den Verhaeltnissen, dass bei diesen vorzugsweise an Gemeindefesten und den
Hochzeiten aufgefuehrten und gewiss vorwiegend praktischen Spaessen leicht
mehrere Taenzer oder auch mehrere Taenzerscharen ineinander griffen und der
Gesang eine gewisse Handlung in sich aufnahm, welche natuerlich ueberwiegend
einen scherzhaften und oft einen ausgelassenen Charakter trug. So entstanden
hier nicht bloss die Wechsellieder, wie sie spaeter unter dem Namen der
fescenninischen Gesaenge auftreten, sondern auch die Elemente einer
volkstuemlichen Komoedie, die bei dem scharfen Sinn der Italiener fuer das
Aeusserliche und das Komische und bei ihrem Behagen an Gestenspiel und
Verkleidung auf einen vortrefflich geeigneten Boden gepflanzt war.
Erhalten ist nichts von diesen Inkunabeln des roemischen Epos und Drama.
Dass die Ahnenlieder traditionell waren, versteht sich von selbst und wird zum
Ueberfluss dadurch bewiesen, dass sie regelmaessig von Kindern vorgetragen
wurden; aber schon zu des aelteren Cato Zeit waren dieselben vollstaendig
verschollen. Die Komoedien aber, wenn man den Namen gestatten will, sind in
dieser Epoche und noch lange nachher durchaus improvisiert worden. Somit konnte
von dieser Volkspoesie und Volksmelodie nichts fortgepflanzt werden als das
Mass, die musikalische und chorische Begleitung und vielleicht die Masken.
Ob es in aeltester Zeit das gab, was wir Versmass nennen, ist zweifelhaft;
die Litanei der Arvalbrueder fuegt sich schwerlich einem aeusserlich fixierten
metrischen Schema und erscheint uns mehr als eine bewegte Rezitation. Dagegen
begegnet in spaeterer Zeit eine uralte Weise, das sogenannte saturnische ^3 oder
faunische Mass, welches den Griechen fremd ist und vermutlich gleichzeitig mit
der aeltesten latinischen Volkspoesie entstand. Das folgende, freilich einer
weit spaeteren Zeit angehoerende Gedicht mag von demselben eine Vorstellung
geben.
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^3 Der Name bezeichnet wohl nichts als das "Liedermass", insofern die
satura urspruenglich das beim Karneval gesungene Lied ist. Von demselben Stamm
ist auch der Saeegott Saeturnus oder Saiturnus, spaeter Saturnus benannt; sein
Fest, die Saturnalien, ist allerdings eine Art Karneval, und es ist moeglich,
dass die Possen urspruenglich vorzugsweise an diesem aufgefuehrt wurden. Aber
Beweise einer Beziehung der Satura zu den Saturnauen fehlen, und vermutlich
gehoert die unmittelbare Verknuepfung des versus saturnius mit dem Gott Saturnus
und die damit zusammenhaengende Dehnung der ersten Silbe erst der spaeteren Zeit
an.
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Quod re sua difeidens - aspere afleicta
Parens timens heic vovit - voto hoc souto
Decuma facta poloucta - leibereis lubentes
Donu danunt - Hercolei - maxsume - mereto
Semol te orant se voti - crebro condemnes
Was, Missgeschick befuerchtend - schwer betroffnem Wohlstand,
Sorgvoll der Ahn gelobt hier, - des Geloebnis eintraf,
Zu Weih' und Schmaus den Zehnten - bringen gern die Kinder
Dem Hercoles zur Gabe - dar, dem hochverdienten;
Sie flehn zugleich dich an, dass - oft du sie erhoerest.
In saturnischer Weise scheinen die Lob- wie die Scherzlieder gleichmaessig
gesungen worden zu sein, zur Floete natuerlich und vermutlich so, dass
namentlich der Einschnitt in jeder Zeile scharf angegeben ward, bei
Wechselliedern hier auch wohl der zweite Saenger den Vers aufnahm. Es ist die
saturnische Messung, wie jede andere im roemischen und griechischen Altertum
vorkommende, quantitativer Art, aber wohl unter allen antiken Versmassen sowohl
das am mindesten durchgebildete, da es ausser anderen mannigfaltigen Lizenzen
sich die Weglassung der Senkungen im weitesten Umfang gestattet, als auch das
der Anlage nach unvollkommenste, indem diese einander entgegengesetzten
iambischen und trochaeischen Halbzeilen wenig geeignet sind, einen fuer hoehere
poetische Leistungen genuegenden rhythmischen Bau zu entwickeln.
Die Grundelemente der volkstuemlichen Musik und Choreutik Latiums, die
ebenfalls in dieser Zeit sich festgestellt haben muessen, sind fuer uns
verschollen; ausser dass uns von der latinischen Floete berichtet wird als einem
kurzen und duennen, nur mit vier Loechern versehenen, urspruenglich, wie der
Name zeigt, aus einem leichten Tierschenkelknochen verfertigten musikalischen
Instrument.
Dass endlich die spaeteren stehenden Charaktermasken der latinischen
Volkskomoedie oder der sogenannten Atellane: Maccus der Harlekin, Bucco der
Vielfrass, Pappus der gute Papa, der weise Dossennus - Masken, die man so artig
wie schlagend mit den beiden Bedienten, dem Pantalon und dem Dottore der
italienischen Pulcinellkomoedie verglichen hat -, dass diese Masken bereits der
aeltesten latinischen Volkskunst angehoeren, laesst sich natuerlich nicht
eigentlich beweisen; da aber der Gebrauch der Gesichtsmasken in Latium fuer die
Volksbuehne von unvordenklichem Alter ist, waehrend die griechische Buehne in
Rom erst ein Jahrhundert nach ihrer Begruendung dergleichen Masken an nahm, da
jene Atellanenmasken ferner entschieden italischen Ursprungs sind und da endlich
die Entstehung wie die Durchfuehrung improvisierter Kunstspiele ohne feste, dem
Spieler seine Stellung im Stueck ein fuer allemal zuweisende Masken nicht wohl
denkbar ist, so wird man die festen Masken an die Anfaenge des roemischen
Schauspiels anknuepfen oder vielmehr sie als diese Anfaenge selbst betrachten
duerfen.
Wenn unsere Kunde ueber die aelteste einheimische Bildung und Kunst von
Latium spaerlich fliesst, so ist es begreiflich, dass wir noch weniger wissen
ueber die fruehesten Anregungen, die hier den Roemern von aussen her zuteil
wurden. In gewissem Sinn kann schon die Kunde der auslaendischen, namentlich der
griechischen Sprache hierher gezaehlt werden, welche letztere den Latinern
natuerlich im allgemeinen fremd war, wie dies schon die Anordnung hinsichtlich
der Sibyllinischen Orakel beweist, aber doch unter den Kaufleuten nicht gerade
selten gewesen sein kann; und dasselbe wird zu sagen sein von der eng mit der
Kunde des Griechischen zusammenhaengenden Kenntnis des Lesens und Schreibens.
Indes die Bildung der antiken Welt ruhte weder auf der Kunde fremder Sprachen
noch auf elementaren technischen Fertigkeiten; wichtiger als jene Mitteilungen
wurden fuer die Entwicklung Latiums die musischen Elemente, die sie bereits in
fruehester Zeit von den Hellenen empfingen. Denn lediglich die Hellenen und
weder Phoeniker noch Etrusker sind es gewesen, welche in dieser Beziehung eine
Einwirkung auf die Italiker uebten; nirgends begegnet bei den letzteren eine
musische Anregung, die auf Karthago oder Caere zurueckwiese, und es darf wohl
ueberhaupt die phoenikische wie die etruskische den Bastard- und darum auch
nicht weiterzeugenden Formen der Zivilisation zugezaehlt werden ^4. Griechische
Befruchtung aber blieb nicht aus. Die griechische siebensaitige Lyra, die
"Saiten" (fides, von sphid/e/ Darm; auch barbitus barbytos) ist nicht, wie die
Floete, in Latium einheimisch und hat dort stets als fremdlaendisches Instrument
gegolten; aber wie frueh sie daselbst Aufnahme gefunden hat, beweist teils die
barbarische Verstuemmelung des griechischen Namens, teils ihre Anwendung selbst
im Ritual ^5. Dass von dem Sagenschatz der Griechen bereits in dieser Zeit nach
Latium floss, zeigt schon die bereitwillige Aufnahme der griechischen Bildwerke
mit ihren durchaus auf dem poetischen Schaue der Nation ruhenden Darstellungen;
und auch die altlatinischen Barbarisierungen der Persephone in Prosepna, des
Bellerophontes in Melerpanta, des Kyklops in Codes, des Laomedon in Alumentus,
des Ganymedes in Catamitus, des Neilos in Melus, der Semele in Stimula lassen
erkennen, in wie ferner Zeit schon solche Erzaehlungen von Latinern vernommen
und wiederholt worden sind. Endlich aber und vor allem kann das roemische Haupt-
und Stadtfest (ludi maximi, Romani) wo nicht seine Entstehung, doch seine
spaetere Einrichtung nicht wohl anders als unter griechischem Einfluss erhalten
haben. Es ward als ausserordentliche Dankfeier, regelmaessig auf Grund eines von
dem Feldherrn vor der Schlacht getanen Geluebdes und darum gewoehnlich bei der
Heimkehr der Buergerwehr im Herbst, dem kapitolinischen Jupiter und den mit ihm
zusammen hausenden Goettern ausgerichtet. Im Festzuge begab man sich nach dem
zwischen Palatin und Aventin abgesteckten und mit einer Arena und
Zuschauerplaetzen versehenen Rennplatz: voran die ganze Knabenschaft Roms,
geordnet nach den Abteilungen der Buergerwehr zu Pferde und zu Fuss; sodann die
Kaempfer und die frueher beschriebenen Taenzergruppen, jede mit der ihr eigenen
Musik; hierauf die Diener der Goetter mit den Weihrauchfaessern und dem anderen
heiligen Geraet; endlich die Bahren mit den Goetterbildern selbst. Das Schaufest
selbst war das Abbild des Krieges, wie er in aeltester Zeit gewesen, der Kampf
zu Wagen, zu Ross und zu Fuss. Zuerst liefen die Streitwagen, deren jeder nach
homerischer Art einen Wagenlenker und einen Kaempfer trug, darauf die
abgesprungenen Kaempfer, alsdann die Reiter, deren jeder nach roemischer
Fechtart mit einem Reit- und einem Handpferd erschien (desultor); endlich massen
die Kaempfer zu Fuss, nackt bis auf einen Guertel um die Hueften, sich
miteinander im Wettlauf, im Ringen und im Faustkampf. In jeder Gattung der
Wettkaempfe ward nur einmal und zwischen nicht mehr als zwei Kaempfern
gestritten. Den Sieger lohnte der Kranz, und wie man den schlichten Zweig in
Ehren hielt, beweist die gesetzliche Gestattung, ihm denselben, wenn er starb,
auf die Bahre zu legen. Das Fest dauerte also nur einen Tag, und wahrscheinlich
liessen die Wettkaempfe an diesem selbst noch Zeit genug fuer den eigentlichen
Karneval, wobei denn die Taenzergruppen ihre Kunst und vor allem ihre Possen
entfaltet haben moegen und wohl auch andere Darstellungen, zum Beispiel
Kampfspiele der Knabenreiterei, ihren Platz fanden ^6. Auch die im ernsten
Kriege gewonnenen Ehren spielten bei diesem Feste eine Rolle; der tapfere
Streiter stellte an diesem Tage die Ruestungen der erschlagenen Gegner aus und
trug ebenso wie der Sieger im Wettspiel den Kranz, mit dem die dankbare Gemeinde
ihn geschmueckt hatte.
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^4 Die Erzaehlung, dass ehemals die roemischen Knaben etruskische wie
spaeterhin griechische Bildung empfangen haetten (Liv. 9, 36), ist mit dem
urspruenglichen Wesen der roemischen Jugendbildung ebenso unvereinbar, wie es
nicht abzusehen ist, was denn die roemischen Knaben in Etrurien lernten. Dass
das Studium der etruskischen Sprache damals in Rom die Rolle gespielt habe wie
etwa jetzt bei uns das Franzoesischlernen, werden doch selbst die eifrigsten
heutigen Bekenner des Tages-Kultus nicht behaupten; und von der etruskischen
Haruspicin etwas zu verstehen, galt selbst bei denen, die sich ihrer bedienten,
einem Nichtetrusker fuer schimpflich oder vielmehr fuer unmoeglich (K. O.
Mueller, Die Etrusker. Breslau 1828. Bd. 2, S. 4). Vielleicht ist die Angabe von
den etruskisierenden Archaeologen der letzten Zeit der Republik herausgesponnen
aus pragmatisierenden Erzaehlungen der aelteren Annalen, welche zum Beispiel den
Mucius Scaevola seiner Unterhaltung mit Porsena zuliebe als Kind etruskisch
lernen lassen (Dion. Hal. 5, 28; Plut. Publ. 17; vgl. Dion. Hal. 3, 70). Aber es
gab allerdings eine Epoche, wo die Herrschaft Roms ueber Italien eine gewisse
Kenntnis der Landessprache bei den vornehmen Roemern erforderte.
^5 Den Gebrauch der Leier im Ritual bezeugen Cic. De orat. 3, 51,197; Cic.
Tusc. 4, 2, 4; Dion. Hal. 7, 72; App. Pun. 66 und die Inschrift Orelli 2448,
vgl. 1803. Ebenso ward sie bei den Nenien angewandt (Varro bei Nonius unter
nenia und praeficae). Aber das Leierspiel blieb darum nicht weniger unschicklich
(Scipio bei Macr. Sat. 2, 10 und sonst); von dem Verbot der Musik im Jahre 639
wurden nur der "latinische Floetenspieler samt dem Saengern, nicht der
Saitenspieler ausgenommen, und die Gaeste bei dem Mahle sangen nur zur Floete
(Cato bei Cic. Tusc. 1, 2, 3; 4, 2, 3; Varro bei Nonius unter assa voce; Hor.
carm. 4, 15, 30). Quintilian, der das Gegenteil sagt (inst. 1, 10, 20), hat, was
Cicero (De orat. 3, 51) von den Goetterschmaeusen erzaehlt, ungenau auf
Privatgastmaehler uebertragen.
^6 Das Stadtfest kann urspruenglich nur einen Tag gewaehrt haben, da es
noch im sechsten Jahrhundert aus vier Tagen szenischer und einem Tag
circensischer Spiele bestand (F. W. Ritschl, Parerga zu Plautus und Terentius.
Leipzig 1845. Bd. 1, S. 313) und notorisch die szenischen Spiele erst spaeter
hinzugekommen sind. Dass in jeder Kampfgattung urspruenglich nur einmal
gestritten ward, folgt aus Liv. 44, 9; wenn spaeter an einem Spieltag bis zu
fuenfundzwanzig Wagenpaare nacheinander liefen (Varro bei Serv. georg. 3, 18),
so ist das Neuerung. Dass nur zwei Wagen und ebenso ohne Zweifel nur zwei Reiter
und zwei Ringer um den Preis stritten, folgt daraus, dass zu allen Zeiten in den
roemischen Wagenrennen nur so viel Wagen zugleich liefen, als es sogenannte
Faktionen gab und dieser urspruenglich nur zwei waren, die weisse und die rote.
Das zu den circensischen gehoerende Reiterspiel der patrizischen Epheben, die
sogenannte Troia, ward bekanntlich von Caesar wieder ins Leben gerufen; ohne
Zweifel knuepfte es an den Aufzug der Knabenbuergerwehr zu Pferde, dessen Dionys
(7, 72) gedenkt.
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Solcher Art war das roemische Sieges- oder Stadtfest, und auch die uebrigen
oeffentlichen Festlichkeiten Roms werden wir uns aehnlich, wenn auch in den
Mitteln beschraenkter vorzustellen haben. Bei der oeffentlichen Leichenfeier
traten regelmaessig Taenzer und daneben, wenn mehr geschehen sollte, noch
Wettreiter auf, wo dann die Buergerschaft durch den oeffentlichen Ausrufer
vorher besonders zu dem Begraebnis eingeladen ward.
Aber dieses mit den Sitten und den Uebungen Roms so eng verwachsene
Stadtfest trifft mit den hellenischen Volksfesten wesentlich zusammen: so vor
allem in dem Grundgedanken der Vereinigung einer religioesen Feier und eines
kriegerischen Wettkampfs; in der Auswahl der einzelnen Uebungen, die bei dem
Fest von Olympia nach Pindaros' Zeugnis von Haus aus im Laufen, Ringen,
Faustkampf, Wagenrennen, Speer- und Steinwerfen bestanden; in der Beschaffenheit
des Siegespreises, der in Rom so gut wie bei den griechischen Nationalfesten ein
Kranz ist und dort wie hier nicht dem Lenker, sondern dem Besitzer des Gespannes
zuteil wird; endlich in dem Hineinziehen allgemein patriotischer Taten und
Belohnungen in das allgemeine Volksfest. Zufaellig kann diese Uebereinstimmung
nicht sein, sondern nur entweder ein Rest uralter Volksgemeinschaft oder eine
Folge des aeltesten internationalen Verkehrs; fuer die letztere Annahme spricht
die ueberwiegende Wahrscheinlichkeit. Das Stadtfest in der Gestalt, wie wir es
kennen, ist keine der aeltesten Einrichtungen Roms, da der Spielplatz selbst
erst zu den Anlagen der spaeteren Koenigszeit gehoert (I, 123); und so gut wie
die Verfassungsreform damals unter griechischem Einfluss erfolgt ist (I, 109),
kann gleichzeitig im Stadtfest eine aeltere Belustigungsweise - der "Sprung"
(triumpus, 1, 44) und etwa das in Italien uralte und bei dem Fest auf dem
Albaner Berg noch lange in Uebung gebliebene Schaukeln - mit den griechischen
Rennen verbunden und bis zu einem gewissen Grade durch dieselben verdraengt
worden sein. Es ist ferner von dem ernstlichen Gebrauch der Streitwagen wohl in
Hellas, aber nicht in Latium eine Spur vorhanden. Endlich ist das griechische
Stadion (dorisch spadion) als spatium mit der gleichen Bedeutung in sehr frueher
Zeit in die lateinische Sprache uebergegangen und liegt sogar ein
ausdrueckliches Zeugnis dafuer vor, dass die Roemer die Pferde- und Wagenrennen
von den Thurinern entlehnten, wogegen freilich eine andere Angabe sie aus
Etrurien herleitet. Demnach scheinen die Roemer ausser den musikalischen und
poetischen Anregungen auch den fruchtbaren Gedanken des gymnastischen
Wettstreits den Hellenen zu verdanken.
Es waren also in Latium nicht bloss dieselben Grundlagen vorhanden, aus
denen die hellenische Bildung und Kunst erwuchs, sondern es hat auch diese
selbst in fruehester Zeit maechtig auf Latium gewirkt. Die Elemente der
Gymnastik besassen die Latiner nicht bloss insofern, als der roemische Knabe wie
jeder Bauernsohn Pferde und Wagen regieren und den Jagdspiess fuehren lernte und
als in Rom jeder Gemeindebuerger zugleich Soldat war; sondern es genoss die
Tanzkunst von jeher oeffentlicher Pflege, und frueh trat mit den hellenischen
Wettkaempfen eine gewaltige Anregung hinzu. In der Poesie war die hellenische
Lyrik und Tragoedie aus aehnlichen Gesaengen erwachsen, wie das roemische
Festlied sie darbot, enthielt das Ahnenlied die Keime des Epos, die Maskenposse
die Keime der Komoedie; und auch hier mangelte griechische Einwirkung nicht.
Um so merkwuerdiger ist es, dass alle diese Samenkoerner nicht aufgingen
oder verkuemmerten. Die koerperliche Erziehung der latinischen Jugend blieb derb
und tuechtig, aber fern von dem Gedanken einer kuenstlerischen Ausbildung des
Koerpers, wie die hellenische Gymnastik sie verfolgte. Die oeffentlichen
Wettkaempfe der Hellenen veraenderten in Italien nicht gerade ihre Satzungen,
aber ihr Wesen. Waehrend sie Wettkaempfe der Buerger sein sollten und ohne
Zweifel anfangs auch in Rom waren, wurden sie Wettkaempfe von Kunstreitern und
Kunstfechtern; und wenn der Beweis freier und hellenischer Abstammung die erste
Bedingung der Teilnahme an den griechischen Festspielen war, so kamen die
roemischen bald in die Haende von freigelassenen und fremden, ja selbst von
unfreien Leuten. Folgeweise verwandelte sich der Umstand der Mitstreiter in ein
Zuschauerpublikum, und von dem Kranz des Wettsiegers, den man mit Recht das
Wahrzeichen von Hellas genannt hat, ist in Latium spaeterhin kaum die Rede.
Aehnlich erging es der Poesie und ihren Schwestern. Nur die Griechen und
die Deutschen besitzen den freiwillig hervorsprudelnden Liederquell; aus der
goldenen Schale der Musen sind auf Italiens gruenen Boden eben nur wenige
Tropfen gefallen. Zur eigentlichen Sagenbildung kam es nicht. Die italischen
Goetter sind Abstraktionen gewesen und geblieben und haben nie zu rechter
persoenlicher Gestaltung sich gesteigert oder, wenn man will, verdunkelt. Ebenso
sind die Menschen, auch die groessten und herrlichsten, dem Italiker ohne
Ausnahme Sterbliche geblieben und wurden nicht wie in Griechenland in
sehnsuechtiger Erinnerung und liebevoll gepflegter Ueberlieferung in der
Vorstellung der Menge zu goettergleichen Heroen erhoben. Vor allem aber kam es
in Latium nicht zur Entwicklung einer Nationalpoesie. Es ist die tiefste und
herrlichste Wirkung der musischen Kuenste und vor allem der Poesie, dass sie die
Schranken der buergerlichen Gemeinden sprengen und aus den Staemmen ein Volk,
aus den Voelkern eine Welt erschaffen. Wie heutzutage in unserer und durch
unsere Weltliteratur die Gegensaetze der zivilisierten Nationen aufgehoben sind,
so hat die griechische Dichtkunst das duerftige und egoistische Stammgefuehl zum
hellenischen Volksbewusstsein und dieses zum Humanismus umgewandelt. Aber in
Latium trat nichts Aehnliches ein; es mochte Dichter in Alba und in Rom geben,
aber es entstand kein latinisches Epos, nicht einmal, was eher noch denkbar
waere, ein latinischer Bauernkatechismus von der Art wie die Hesiodischen 'Werke
und Tage'. Es konnte wohl das latinische Bundesfest ein musisches Nationalfest
werden wie die Olympien und Isthmien der Griechen. Es konnte wohl an Albas Fall
ein Sagenkreis anknuepfen, wie er um Ilions Eroberung sich spann, und jede
Gemeinde und jedes edle Geschlecht Latiums seine eigenen Anfaenge darin
wiederfinden oder hineinlegen. Aber weder das eine noch das andere geschah und
Italien blieb ohne nationale Poesie und Kunst.
Was hieraus mit Notwendigkeit folgt, dass die Entwicklung der musischen
Kuenste in Latium mehr ein Eintrocknen als ein Aufbluehen war, das bestaetigt,
auch fuer uns noch unverkennbar, die Ueberlieferung. Die Anfaenge der Poesie
eignen wohl ueberall mehr den Frauen als den Maennern; Zaubergesang und
Totenlied gehoeren vorzugsweise jenen und nicht ohne Grund sind die
Liedesgeister, die Casmenen oder Camenen und die Carmentis Latiums, wie die
Musen von Hellas weiblich gefasst worden. Aber in Hellas kam die Zeit, wo der
Dichter die Sangfrau abloeste und Apollon an die Spitze der Musen trat; Latium
hat keinen nationalen Gott des Gesanges und die aeltere lateinische Sprache
keine Bezeichnung fuer den Dichter ^7. Die Liedesmacht ist hier
unverhaeltnismaessig schwaecher aufgetreten und rasch verkuemmert. Die Uebung
musischer Kuenste hat sich hier frueh teils auf Frauen und Kinder, teils auf
zuenftige und unzuenftige Handwerker beschraenkt. Dass die Klagelieder von den
Frauen, die Tischlieder von den Knaben gesungen wurden, ist schon erwaehnt
worden; auch die religioesen Litaneien wurden vorzugsweise von Kindern
ausgefuehrt. Die Spielleute bildeten ein zuenftiges, die Taenzer und die
Klagefrauen (praeficae) unzuenftige Gewerbe. Wenn Tanz, Spiel und Gesang in
Hellas stets blieben, was sie auch in Latium urspruenglich gewesen waren,
ehrenvolle und dem Buerger wie seiner Gemeinde zur Zier gereichende
Beschaeftigungen, so zog sich in Latium der bessere Teil der Buergerschaft mehr
und mehr von diesen eitlen Kuensten zurueck, und um so entschiedener, je mehr
die Kunst sich oeffentlich darstellte und je mehr sie von den belebenden
Anregungen des Auslandes durchdrungen war. Die einheimische Floete liess man
sich gefallen, aber die Lyra blieb geaechtet; und wenn das nationale Maskenspiel
zugelassen ward, so schien das auslaendische Ringspiel nicht bloss
gleichgueltig, sondern schaendlich. Waehrend die musischen Kuenste in
Griechenland immer mehr Gemeingut eines jeden einzelnen und aller Hellenen
zusammen werden und damit aus ihnen eine allgemeine Bildung sich entwickelt,
schwinden sie in Latium allgemach aus dem allgemeinen Volksbewusstsein, und
indem sie zu in jeder Beziehung geringen Handwerken herabsinken, kommt hier
nicht einmal die Idee einer der Jugend mitzuteilenden, allgemein nationalen
Bildung auf. Die Jugenderziehung blieb durchaus befangen in den Schranken der
engsten Haeuslichkeit. Der Knabe wich dem Vater nicht von der Seite und
begleitete ihn nicht bloss mit dem Pfluge und der Sichel auf das Feld, sondern
auch in das Haus des Freundes und in den Sitzungssaal, wenn der Vater zu Gaste
oder in den Rat geladen war. Diese haeusliche Erziehung war wohl geeignet, den
Menschen ganz dem Hause und ganz dem Staate zu bewahren; auf der dauernden
Lebensgemeinschaft zwischen Vater und Sohn und auf der gegenseitigen Scheu des
werdenden Menschen vor dem fertigen und des reifen Mannes vor der Unschuld der
Jugend beruhte die Festigkeit der haeuslichen und staatlichen Tradition, die
Innigkeit des Familienbandes, ueberhaupt der gewichtige Ernst (gravitas) und der
sittliche und wuerdige Charakter des roemischen Lebens. Wohl war auch diese
Jugenderziehung eine jener Institutionen schlichter und ihrer selbst kaum
bewusster Weisheit, die ebenso einfach sind wie tief; aber ueber der
Bewunderung, die sie erweckt, darf es nicht uebersehen werden, dass sie nur
durchgefuehrt werden konnte und nur durchgefuehrt ward durch die Aufopferung der
eigentlichen individuellen Bildung und durch voelligen Verzicht auf die so
reizenden wie gefaehrlichen Gaben der Musen.

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