Full Text Archive logoFull Text Archive — Free Classic E-books

Rˆmische Geschichte Book 1 by Theodor Mommsen

Part 2 out of 5

Adobe PDF icon
Download this document as a .pdf
File size: 0.6 MB
What's this? light bulb idea Many people prefer to read off-line or to print out text and read from the real printed page. Others want to carry documents around with them on their mobile phones and read while they are on the move. We have created .pdf files of all out documents to accommodate all these groups of people. We recommend that you download .pdfs onto your mobile phone when it is connected to a WiFi connection for reading off-line.

denn die bei dem Hausgericht zugezogenen Blutsverwandten hatten nicht zu
richten, sondern nur den richtenden Hausvater zu beraten. Es ist die
hausherrliche Macht aber nicht bloss wesentlich unbeschraenkt und keinem auf der
Erde verantwortlich, sondern auch, so lange der Hausherr lebt, unabaenderlich
und unzerstoerlich. Nach den griechischen wie nach den deutschen Rechten ist der
erwachsene, tatsaechlich selbstaendige Sohn auch rechtlich von dem Vater frei;
die Macht des roemischen Hausvaters vermag bei dessen Lebzeiten nicht das Alter,
nicht der Wahnsinn desselben, ja nicht einmal sein eigener freier Wille
aufzuheben, nur dass die Person des Gewalthabers wechseln kann: denn allerdings
kann das Kind im Wege der Adoption in eines andern Vaters Gewalt kommen, die
Tochter durch eine rechte Ehe aus der Hand des Vaters uebergehen in die Hand des
Mannes und, aus ihrem Geschlecht und Gottesschutz in das Geschlecht und den
Gottesschutz des Mannes eintretend, ihm nun untertan werden, wie sie bisher es
ihrem Vater war. Nach roemischem Recht ist es dem Knechte leichter gemacht, sich
von dem Herrn, als dem Sohne, sich von dem Vater zu loesen; die Freilassung des
ersteren ward frueh und in einfachen Formen gestattet, die Freigebung des
letzteren wurde erst viel spaeter und auf weiten Umwegen moeglich gemacht. Ja,
wenn der Herr den Knecht und der Vater den Sohn verkauft und der Kaeufer beide
freigibt, so erlangt der Knecht die Freiheit, der Sohn aber faellt durch die
Freilassung vielmehr zurueck in die fruehere vaeterliche Gewalt. So ward durch
die unerbittliche Konsequenz, mit der die vaeterliche und eheherrliche Gewalt
von den Roemern aufgefasst wurde, dieselbe in wahres Eigentumsrecht umgewandelt.
Indes, bei aller Annaeherung der hausherrlichen Gewalt ueber Weib und Kind an
die Eigentumsgewalt ueber Sklaven und Vieh blieben dennoch die Glieder der
Familie von der Familienhabe nicht bloss tatsaechlich, sondern auch rechtlich
aufs schaerfste getrennt. Die hausherrliche Gewalt, auch abgesehen davon, dass
sie nur innerhalb des Hauses sich wirksam erzeigt, ist voruebergehender und
gewissermassen stellvertretender Art. Weib und Kind sind nicht bloss um des
Hausvaters willen da, wie das Eigentum nur fuer den Eigentuemer, wie in dem
absoluten Staat die Untertanen nur fuer den Koenig vorhanden sind; sie sind wohl
auch Gegenstand des Rechts, aber doch zugleich eigenberechtigt, nicht Sachen,
sondern Personen. Ihre Rechte ruhen nur der Ausuebung nach, weil die Einheit des
Hauses im Regiment einen einheitlichen Repraesentanten erfordert; wenn aber der
Hausherr stirbt, so treten die Soehne von selbst als Hausherren ein und erlangen
nun ihrerseits ueber die Frauen und Kinder und das Vermoegen die bisher vom
Vater ueber sie geuebten Rechte, wogegen durch den Tod des Herrn die rechtliche
Stellung des Knechtes in nichts sich aendert.
---------------------------------------------------
^1 Es gilt dies nicht bloss von der alten religioesen Ehe (matrimonium
confarreatione), sondern auch die Zivilehe (matrimonium consensu) gab zwar nicht
an sich dem Manne Eigentumsgewalt ueber die Frau, aber es wurden doch die
Rechtsbegriffe der foermlichen Tradition (coemptio) und der Verjaehrung (usus)
ohne weiteres auf dieselbe angewandt und dadurch dem Ehemann der Weg geoeffnet,
Eigentumsgewalt ueber die Frau zu gewinnen. Bis er sie gewann, also namentlich
in der bis zur Vollendung der Verjaehrung verfliessenden Zeit, war das Weib,
ganz wie bei der spaeteren Ehe mit causae probatio bis zu dieser, nicht uxor,
sondern pro uxore; bis in die Zeit der ausgebildeten Rechtswissenschaft erhielt
sich dieser Satz, dass die nicht in der Gewalt des Mannes stehende Frau nicht
Ehefrau sei, sondern nur dafuer gelte (uxor tantummodo habetur. Cic. top. 3,
14).
^2 Die folgende Grabschrift, obwohl einer viel spaeteren Zeit angehoerig,
ist nicht unwert, hier zu stehen. Es ist der Stein, der spricht.
Kurz, Wandrer ist mein Spruch: halt' an und lies ihn durch.
Es deckt der schlechte Grabstein eine schoene Frau.
Mit Namen nannten Claudia die Eltern sie;
Mit eigner Liebe liebte sie den eignen Mann;
Zwei Soehne gebar sie; einen liess auf Erden sie
Zurueck, den andern barg sie in der Erde Schoss.
Sie war von artiger Rede und von edlem Gang,
Versah ihr Haus und spann. Ich bin zu Ende, geh.
Vielleicht noch bezeichnender ist die Auffuehrung des Wollspinnens unter
lauter sittlichen Eigenschaften, die in roemischen Grabschriften nicht ganz
selten ist. Orelli 4639: optima et pulcherrima, lanifica pia pudica frugi casta
domiseda. Orelli 4860: modestia probitate pudicitia obsequio lanificzo
diligentia fide par similisque cetereis probeis feminis fuit. Grabschrift der
Turia 1, 30: domestica bona pudicitiae, obsequi, comitatis, facilitatis,
lanificiis [tuis adsiduitatis, religionis] sine superstitione, ornatus non
conspiciendi, cultus modici.
------------------------------------
Indes war die Einheit der Familie so maechtig, dass selbst der Tod des
Hausherrn sie nicht vollstaendig loeste. Die durch denselben selbstaendig
gewordenen Deszendenten betrachten dennoch in mancher Hinsicht sich noch als
eine Einheit, wovon bei der Erbfolge und in vielen anderen Beziehungen Gebrauch
gemacht wird, vor allen Dingen aber, um die Stellung der Witwe und der
unverheirateten Toechter zu ordnen. Da nach aelterer roemischer Ansicht das Weib
nicht faehig ist, weder ueber andere noch ueber sich die Gewalt zu haben, so
bleibt die Gewalt ueber sie oder, wie sie mit milderem Ausdruck heisst, die Hut
(tutela), bei dem Hause, dem sie angehoert, und wird statt des verstorbenen
Hausherrn jetzt ausgeuebt durch die Gesamtheit der naechsten maennlichen
Familienglieder, regelmaessig also ueber die Muetter durch die Soehne, ueber die
Schwestern durch die Brueder. In diesem Sinne dauerte die einmal gegruendete
Familie unveraendert fort, bis der Mannesstamm ihres Urhebers ausstarb; nur
musste freilich von Generation zu Generation faktisch das Band sich lockern und
zuletzt selbst die Moeglichkeit des Nachweises der urspruenglichen Einheit
verschwinden. Hierauf, und hierauf allein, beruht der Unterschied der Familie
und des Geschlechts, oder, nach roemischem Ausdruck, der Agnaten und der
Gentilen. Beide bezeichnen den Mannesstamm; die Familie aber umfasst nur
diejenigen Individuen, welche von Generation zu Generation aufsteigend den Grad
ihrer Abstammung von einem gemeinschaftlichen Stammherrn dartun koennen, das
Geschlecht dagegen auch diejenigen, welche bloss die Abstammung selbst von einem
gemeinschaftlichen Ahnherrn, aber nicht mehr vollstaendig die Zwischenglieder,
also nicht den Grad, nachzuweisen vermoegen. Sehr klar spricht sich das in den
roemischen Namen aus, wenn es heisst: "Quintus, Sohn des Quintus, Enkel des
Quintus und so weiter, der Quintier", so reicht die Familie so weit, als die
Aszendenten individuell bezeichnet werden, und wo sie endlich aufhoert, tritt
ergaenzend ein das Geschlecht, die Abstammung von dem gemeinschaftlichen Urahn,
der auf alle seine Nachkommen den Namen der Quintuskinder vererbt hat.
Diesen streng geschlossenen, unter der Gewalt eines lebenden Herrn
vereinigten oder aus der Aufloesung solcher Haeuser hervorgegangenen Familien-
und Geschlechtseinheiten gehoerten ausserdem noch an zwar nicht die Gaeste, das
sind die Glieder anderer gleichartiger Kreise, welche voruebergehend in einem
fremden Hause verweilen, und ebensowenig die Sklaven, welche rechtlich nur als
Habe, nicht als Glieder des Hauses angesehen werden, aber wohl die Hoerigen
(clientes, von cluere), das heisst diejenigen Individuen, die, ohne freie
Buerger irgendeines Gemeinwesens zu sein, doch in einem solchen im Zustande
geschuetzter Freiheit sich befanden. Dahin gehoerten teils die landfluechtigen
Leute, die bei einem fremden Schutzherrn Aufnahme gefunden hatten, teils
diejenigen Knechte, denen gegenueber der Herr auf den Gebrauch seiner
Herrenrechte vorlaeufig verzichtet, ihnen die tatsaechliche Freiheit geschenkt
hatte. Es war dies Verhaeltnis in seiner Eigentuemlichkeit nicht ein streng
rechtliches wie das zu dem Gast; der Hoerige blieb ein unfreier Mann, fuer den
Treuwort und Herkommen die Unfreiheit milderte. Darum bilden die "Hoerigen"
(clientes) des Hauses in Verbindung mit den eigentlichen Knechten die von dem
Willen des "Buergers" (patronus, wie patricius) abhaengige "Knechtschaft"
(familia); darum ist nach urspruenglichem Recht der Buerger befugt, das
Vermoegen des Klienten teilweise oder ganz wieder an sich zu ziehen, ihn
vorkommenden Falls in die Sklaverei zurueckzuversetzen, ja ihn am Leben zu
strafen; und es sind nur tatsaechliche Verschiedenheiten, wenn gegen den
Klienten nicht so leicht wie gegen den wirklichen Knecht die volle Schaerfe
dieses hausherrlichen Rechtes hervorgekehrt wird und wenn auf der andern Seite
die sittliche Verpflichtung des Herrn, fuer seine eigenen Leute zu sorgen und
sie zu vertreten, bei dem tatsaechlich freier gestellten Klienten groessere
Bedeutung gewinnt als bei dem Sklaven. Ganz besonders musste die faktische
Freiheit des Klienten der rechtlichen da sich naehern, wo das Verhaeltnis durch
mehrere Generationen hindurchgegangen war: wenn der Freilasser und der
Freigelassene selber gestorben waren, konnte das Herrenrecht ueber die
Nachkommen des Freigelassenen von den Rechtsnachfolgern des Freilassers nicht
ohne schreiende Impietaet in Anspruch genommen werden. Also bildete schon in dem
Hause selbst sich ein Kreis abhaengig freier Leute, die von den Knechten sich
ebenso unterschieden wie von den gleichberechtigten Geschlechtsgenossen.
Auf diesem roemischen Hause beruht der roemische Staat sowohl den Elementen
als der Form nach. Die Volksgemeinde entstand aus der wie immer erfolgten
Zusammenfuegung jener alten Geschlechtsgenossenschaften der Romilier, Voltinier,
Fabier und so ferner, das roemische Gebiet aus den vereinigten Marken dieser
Geschlechter; roemischer Buerger war, wer einem jener Geschlechter angehoerte.
Jede innerhalb des Kreises in den ueblichen Formen abgeschlossene Ehe galt als
echte roemische und begruendete fuer die Kinder das Buergerrecht; wer in
unrechter oder ausser der Ehe erzeugt war, war aus dem Gemeindeverband
ausgeschlossen. Deshalb nannten die roemischen Buerger sich die "Vaterkinder"
(patricii), insofern nur sie rechtlich einen Vater hatten. Die Geschlechter
wurden mit allen in ihnen zusammengeschobenen Familien dem Staat, wie sie
bestanden, einverleibt. Die haeuslichen und Geschlechterkreise blieben innerhalb
des Staates bestehen; allein dem Staate gegenueber galt die Stellung in
denselben nicht, so dass der Haussohn im Hause unter, aber in politischen
Pflichten und Rechten neben dem Vater stand. Die Stellung der Schutzbefohlenen
aenderte sich natuerlich dahin, dass die Freigelassenen und die Klienten eines
jeden Schutzherrn um seinetwillen in der ganzen Gemeinde geduldet wurden; zwar
blieben sie zunaechst angewiesen auf den Schutz derjenigen Familie, der sie
angehoerten, aber es lag doch auch in der Sache, dass von dem Gottesdienst und
den Festlichkeiten der Gemeinde die Schutzbefohlenen der Gemeindeglieder nicht
gaenzlich ausgeschlossen werden konnten, wenn auch die eigentlichen
buergerlichen Rechte wie die eigentlichen buergerlichen Lasten
selbstverstaendlich dieselben nicht trafen. Um so mehr galt dies von den
Schutzbefohlenen der Gesamtschaft. So bestand der Staat wie das Haus aus den
eigenen und den zugewandten Leuten, den Buergern und den Insassen.
Wie die Elemente des Staates die auf der Familie ruhenden Geschlechter
sind, so ist auch die Form der Staatsgemeinschaft im einzelnen wie im ganzen der
Familie nachgebildet. Dem Hause gibt die Natur selbst den Vater, mit dem
dasselbe entsteht und vergeht. In der Volksgemeinde aber, die unvergaenglich
bestehen soll, findet sich kein natuerlicher Herr, wenigstens in der roemischen
nicht, die aus freien und gleichen Bauern bestand und keines Adels von Gottes
Gnaden sich zu ruehmen vermochte. Darum wird einer aus ihrer Mitte ihr Leiter
(rex) und Herr im Hause der roemischen Gemeinde, wie denn auch in spaeterer Zeit
in oder neben seiner Wohnung der ewig flammende Herd und die wohlversperrte
Vorratskammer der Gemeinde, die roemische Vesta und die roemischen Penaten zu
finden sind - sie alle die sichtbare Einheit des obersten Hauses darstellend,
das ganz Rom einschloss. Das Koenigsamt beginnt, wenn das Amt erledigt und der
Nachfolger bezeichnet ist, sofort und von Rechts wegen; aber vollen Gehorsam ist
die Gemeinde dem Koenig erst schuldig, wenn er die Versammlung der
waffenfaehigen Freien zusammenberufen und sie foermlich in Pflicht genommen hat.
Alsdann hat er ganz die Macht in der Gemeinde, die im Hause dem Hausvater
zukommt, und herrscht wie dieser auf Lebenszeit. Er verkehrt mit den Goettern
der Gemeinde, die er befragt und befriedigt (auspicia publica), und ernennt alle
Priester und Priesterinnen. Die Vertraege, die er abschliesst im Namen der
Gemeinde mit Fremden, sind verpflichtend fuer das ganze Volk, obwohl sonst kein
Gemeindeglied durch einen Vertrag mit dem Nichtmitglied der Gemeinschaft
gebunden wird. Sein Gebot (imperium) ist allmaechtig im Frieden wie im Kriege,
weshalb die Boten (lictores, von licere laden) mit Beilen und Ruten ihm ueberall
voranschreiten, wo er in amtlicher Funktion auftritt. Er allein hat das Recht,
oeffentlich zu den Buergern zu reden, und er ist es, der die Schluessel zu dem
Gemeindeschatz fuehrt. Ihm steht wie dem Vater das Zuechtigungsrecht und die
Gerichtsbarkeit zu. Er erkennt Ordnungsstrafen, namentlich Stockschlaege wegen
Versehen im Kriegsdienst. Er sitzt zu Gericht in allen privaten und kriminellen
Rechtshaendeln und entscheidet unbedingt ueber Leben und Tod wie ueber die
Freiheit, so dass er dem Buerger den Mitbuerger an Knechtes Statt zusprechen
oder auch den Verkauf desselben in die wirkliche Sklaverei, also ins Ausland
anordnen kann; der Berufung an das Volk um Begnadigung nach gefaelltem
Bluturteil stattzugeben, ist er berechtigt, jedoch nicht verpflichtet. Er bietet
das Volk zum Kriege auf und er befehligt das Heer; nicht minder aber muss er bei
Feuerlaerm persoenlich auf der Brandstelle erscheinen. Wie der Hausherr im Hause
nicht der Maechtigste ist, sondern der allein Maechtige, so ist auch der Koenig
nicht der erste, sondern der einzige Machthaber im Staate; er mag aus den der
heiligen oder der Gemeindesatzungen besonders kundigen Maennern
Sachverstaendigenvereine bilden und deren Rat einfordern; er mag, um sich die
Uebung der Gewalt zu erleichtern, einzelne Befugnisse andern uebertragen, die
Mitteilungen an die Buergerschaft, den Befehl im Kriege, die Entscheidung der
minder wichtigen Prozesse, die Aufspuerung der Verbrechen; er mag namentlich,
wenn er den Stadtbezirk zu verlassen genoetigt ist, einen Stadtvogt (praefectus
urbi) mit der vollen Gewalt eines Stellvertreters daselbst zuruecklassen; aber
jede Amtsgewalt neben der koeniglichen ist aus dieser abgeleitet und jeder
Beamte nur durch den Koenig und so lange dieser will im Amt. Alle Beamten der
aeltesten Zeit, der ausserordentliche Stadtvogt sowohl wie die Abteilungsfuehrer
(tribuni, von tribus Teil) des Fussvolks (milites) und der Reiterei (celeres),
sind nichts als Beauftragte des Koenigs und keineswegs Magistrate im spaeteren
Sinn. Eine aeussere rechtliche Schranke hat die Koenigsgewalt nicht und kann sie
nicht haben; fuer den Herrn der Gemeinde gibt es so wenig einen Richter
innerhalb der Gemeinde wie fuer den Hausherrn innerhalb des Hauses. Nur der Tod
beendigt seine Macht. Die Wahl des neuen Koenigs steht bei dem Rat der Alten,
auf den im Fall der Vakanz das "Zwischenkoenigtum" (interregnum) uebergeht. Eine
formelle Mitwirkung bei der Koenigswahl kommt der Buergerschaft erst nach der
Ernennung zu; rechtlich ruht das Koenigtum auf dem dauernden Kollegium der
Vaeter (patres), das durch den interimistischen Traeger der Gewalt den neuen
Koenig auf Lebenszeit einsetzt. Also wird "der hohe Goettersegen, unter dem die
beruehmte Roma gegruendet ist", von dem ersten koeniglichen Empfaenger in
stetiger Folge auf die Nachfolger uebertragen und die Einheit des Staats trotz
des Personenwechsels der Machthaber unveraenderlich bewahrt. Diese Einheit des
roemischen Volkes, die im religioesen Gebiet der roemische Diovis darstellt,
repraesentiert rechtlich der Fuerst, und darum ist auch seine Tracht die des
hoechsten Gottes; der Wagen selbst in der Stadt, wo sonst jedermann zu Fuss
geht, der Elfenbeinstab mit dem Adler, die rote Gesichtsschminke, der goldene
Eichenkranz kommen dem roemischen Gott wie dem roemischen Koenig in gleicher
Weise zu. Aber man wuerde sehr irren, darum aus der roemischen Verfassung eine
Theokratie zu machen; nie sind den Italienern die Begriffe Gott und Koenig in
aegyptischer und orientalischer Weise ineinander verschwommen. Nicht der Gott
des Volkes ist der Koenig, sondern viel eher der Eigentuemer des Staats. Darum
weiss man auch nichts von besonderer goettlicher Begnadigung eines Geschlechts
oder von irgendeinem geheimnisvollen Zauber, danach der Koenig von anderem Stoff
waere als andere Menschen; die edle Abkunft, die Verwandtschaft mit frueheren
Regenten ist eine Empfehlung, aber keine Bedingung; vielmehr kann rechtlich
jeder zu seinen Jahren gekommene und an Geist und Leib gesunde roemische Mann
zum Koenigtum gelangen ^3. Der Koenig ist also eben nur ein gewoehnlicher
Buerger, den Verdienst oder Glueck, vor allem aber die Notwendigkeit, dass einer
Herr sein muesse in jedem Hause, zum Herrn gesetzt haben ueber seinesgleichen,
den Bauer ueber Bauern, den Krieger ueber Krieger. Wie der Sohn dem Vater
unbedingt gehorcht und doch sich nicht geringer achtet als den Vater, so
unterwirft sich der Buerger dem Gebieter, ohne ihn gerade fuer seinen Besseren
zu halten. Darin liegt die sittliche und faktische Begrenzung der Koenigsgewalt.
Der Koenig konnte zwar, auch ohne gerade das Landrecht zu brechen, viel
Unbilliges tun; er konnte den Mitstreitern ihren Anteil an der Beute schmaelern,
er konnte uebermaessige Fronden auflegen oder sonst durch Auflagen unbillig
eingreifen in das Eigentum des Buergers; aber wenn er es tat, so vergass er,
dass seine Machtfuelle nicht von Gott kam, sondern unter Gottes Zustimmung von
dem Volke, das er vertrat, und wer schuetzte ihn, wenn dieses wieder des Eides
vergass, den es ihm geschworen? Die rechtliche Beschraenkung aber der
Koenigsgewalt lag darin, dass er das Gesetz nur zu ueben, nicht zu aendern
befugt war, jede Abweichung vom Gesetze vielmehr entweder von der
Volksversammlung und dem Rat der Alten zuvor gutgeheissen sein musste oder ein
nichtiger und tyrannischer Akt war, dem rechtliche Folgen nicht entsprangen. So
ist sittlich und rechtlich die roemische Koenigsgewalt im tiefsten Grunde
verschieden von der heutigen Souveraenitaet und ueberhaupt im modernen Leben so
wenig vom roemischen Hause wie vom roemischen Staat ein entsprechendes Abbild
vorhanden.
-----------------------------------------------
^3 Dass Lahmheit vom hoechsten Amte ausschloss, sagt Dionys. Dass das
roemische Buergertum Bedingung wie des Konsuls so auch des Koenigtums war,
versteht sich so sehr von selbst, dass es kaum der Muehe wert ist, die Fabeleien
ueber den Buerger von Cures noch ausdruecklich abzuweisen.
-----------------------------------------------
Die Einteilung der Buergerschaft ruht auf der Pflegschaft, der curia (wohl
mit curare = coerare, koiranos verwandt); zehn Pflegschaften bilden die
Gemeinde; jede Pflegschaft stellt hundert Mann zum Fussheer (daher mil-es, wie
equ-es, der Tausendgaenger), zehn Reiter und zehn Ratmaenner. Bei kombinierten
Gemeinden erscheint eine jede derselben natuerlich als Teil (tribus) der ganzen
Gemeinde (tota umbrisch und oskisch) und vervielfaeltigt sich die Grundzahl mit
der Zahl der Teile. Diese Einteilung bezog sich zwar zunaechst auf den
Personalbestand der Buergerschaft, ward aber ebenso auch angewandt auf die
Feldmark, soweit diese ueberhaupt aufgeteilt war. Dass es nicht bloss Teil-,
sondern auch Kurienmarken gab, kann um so weniger bezweifelt werden, als unter
den wenigen ueberlieferten roemischen Kuriennamen neben anscheinend
gentilizischen, wie zum Beispiel Faucia, auch sicher oertliche, zum Beispiel
Veliensis, vorkommen; eine jede derselben umfasste in dieser aeltesten Zeit der
Feldgemeinschaft eine Anzahl der Geschlechtsmarken, von denen schon die Rede
war.
In ihrer einfachsten Gestalt ^4 begegnet diese Verfassung in dem Schema der
spaeterhin unter roemischem Einfluss entstandenen latinischen oder
Buergergemeinden; durchgaengig zaehlten dieselben hundert Ratmaenner
(centumviri). Aber auch in der aeltesten Tradition ueber das dreiteilige Rom,
welche demselben dreissig Kurien, dreihundert Reiter, dreihundert Senatoren;
dreitausend Fusssoldaten beilegt, treten durchgaengig dieselben Normalzahlen
hervor.
------------------------------------------
^4 Selbst in Rom, wo die einfache Zehnkurienverfassung sonst frueh
verschwunden ist, findet sich noch eine praktische Anwendung derselben, und
merkwuerdig genug eben bei demjenigen Formalakt, den wir auch sonst Grund haben,
unter allen deren unsere Rechtsueberlieferung gedenkt fuer den aeltesten
zuhalten, bei der Confarreatio. Es scheint kaum zweifelhaft, dass deren zehn
Zeugen dasselbe in der Zehnkurien-, was die dreissig Liktoren in der
Dreissigkurienverfassung sind.
-------------------------------------------
Nichts ist gewisser, als dass dieses aelteste Verfassungsschema nicht in
Rom entstanden, sondern uraltes, allen Latinern gemeinsames Recht ist,
vielleicht sogar ueber die Trennung der Staemme zurueckreicht. Die in solchen
Dingen sehr glaubwuerdige roemische Verfassungstradition, die fuer alle uebrigen
Einteilungen der Buergerschaft eine Geschichte hat, laesst einzig die
Kurieneinteilung entstehen mit der Entstehung der Stadt; und damit im vollsten
Einklang erscheint die Kurienverfassung nicht bloss in Rom, sondern tritt in dem
neuerlich aufgefundenen Schema der latinischen Gemeindeordnungen auf als
wesentlicher Teil des latinischen Stadtrechts ueberhaupt.
Der Kern dieses Schemas war und blieb die Gliederung in Kurien. Die "Teile"
koennen schon deshalb kein wesentliches Moment gewesen sein, weil ihr Vorkommen
ueberhaupt wie nicht minder ihre Zahl zufaellig ist; wo es deren gab, kam ihnen
sicher keine andere Bedeutung zu, als dass das Andenken an eine Epoche, wo diese
Teile selber Ganze gewesen waren, sich in ihnen bewahrte ^5. Es ist nirgends
ueberliefert, dass der einzelne Teil einen Sondervorstand und
Sonderzusammenkuenfte gehabt habe; und die grosse Wahrscheinlichkeit spricht
dafuer, dass im Interesse der Einheit des Gemeinwesens den Teilen, aus denen es
zusammengeschmolzen war, dergleichen in der Tat nie verstattet worden sind.
Selbst im Heere zaehlte das Fussvolk zwar soviel Anfuehrerpaare, als es Teile
gab; aber es befehligte nicht jedes dieser Kriegstribunenpaare das Kontingent
einer Tribus, sondern sowohl jeder einzelne Kriegstribun wie alle zusammen
geboten ueber das gesamte Fussheer. Die Geschlechter sind unter die einzelnen
Kurien verteilt, die Grenzen derselben wie die des Hauses durch die Natur
gegeben. Darauf, dass die gesetzgebende Gewalt modifizierend in diese Kreise
eingegriffen hat, das grosse Geschlecht in Zweige gespalten und es als doppeltes
gezaehlt oder mehrere schwache zusammengeschlagen, fuehrt in der roemischen
Ueberlieferung schlechterdings keine Spur; auf jeden Fall ist dies nur in so
beschraenkter Weise geschehen, dass der verwandtschaftliche Grundcharakter des
Geschlechtes dadurch nicht veraendert worden ist. Es wird darum weder die Zahl
der Geschlechter, noch viel weniger die der Haeuser gedacht werden duerfen als
rechtlich fixiert; wenn die Kurie hundert Mann zu Fuss und zehn Reiter zu
stellen hatte, so ist es weder ueberliefert noch glaublich, dass man aus jedem
Geschlecht einen Reiter und aus jedem Hause einen Fussgaenger genommen hat. Das
einzig funktionierende Glied in dem aeltesten Verfassungsorganismus ist die
Kurie, deren es zehn, oder wo mehrere Teile waren, je zehn auf jeden Teil gab.
Eine solche Pflegschaft war eine wirkliche korporative Einheit, deren Mitglieder
wenigstens zu gemeinsamen Festen sich versammelten, die auch jede unter einem
besonderen Pfleger (curio) standen und einen eigenen Priester (flamen curialis)
hatten; ohne Zweifel wurde auch nach Kurien ausgehoben und geschaetzt, und im
Ding trat die Buergerschaft nach Kurien zusammen und stimmte nach Kurien ab.
Indes kann diese Ordnung nicht zunaechst der Abstimmung wegen eingefuehrt sein,
da man sonst sicherlich die Zahl der Abteilungen ungerade gemacht haben wuerde.
-------------------------------------------------------
^5 Es liegt dies schon im Namen. Der "Teil" ist, wie der Jurist weiss,
nichts als ein ehemaliges oder auch ein kuenftiges Ganze, also in der Gegenwart
ohne alle Realitaet.
-------------------------------------------------------
So schroff der Buerger dem Nichtbuerger gegenueberstand, so vollkommen war
innerhalb der Buergerschaft die Rechtsgleichheit. Vielleicht gibt es kein Volk,
das in unerbittlich strenger Durchfuehrung des einen wie des andern Satzes es
den Roemern jemals gleichgetan hat. Die Schaerfe des Gegensatzes zwischen
Buergern und Nichtbuergern bei den Roemern tritt vielleicht nirgends mit solcher
Deutlichkeit hervor wie in der Behandlung der uralten Institution des
Ehrenbuergerrechts, welches urspruenglich bestimmt war, diesen Gegensatz zu
vermitteln. Wenn ein Fremder durch Gemeindebeschluss in den Kreis der Buerger
hineingenommen ward, so konnte er zwar sein bisheriges Buergerrecht aufgeben, wo
er dann voellig in die neue Gemeinschaft uebertrat, aber auch jenes mit dem ihm
neu gewaehrten verbinden. So war es aelteste Sitte und so ist es in Hellas immer
geblieben, wo auch spaeterhin nicht selten derselbe Mann in mehreren Gemeinden
gleichzeitig verbuergert war. Allein das lebendiger entwickelte Gemeindegefuehl
Latiums duldete es nicht, dass man zweien Gemeinden zugleich als Buerger
angehoeren koenne, und liess fuer den Fall, wo der neugewaehlte Buerger nicht
die Absicht hatte, sein bisheriges Gemeinderecht aufzugeben, dem nominellen
Ehrenbuergerrecht nur die Bedeutung der gastrechtlichen Freundschaft und
Schutzverpflichtung, wie sie auch Auslaendern gegenueber von jeher vorgekommen
war.
Aber mit dieser strengen Einhaltung der Schranken gegen aussen ging Hand in
Hand, dass aus dem Kreise der roemischen Buergergemeinde jede
Rechtsverschiedenheit der Glieder unbedingt ferngehalten wurde. Dass die
innerhalb des Hauses bestehenden Unterschiede, welche freilich nicht beseitigt
werden konnten, innerhalb der Gemeinde wenigstens ignoriert wurden, wurde
bereits erwaehnt; derselbe, der als Sohn dem Vater zu eigen untergeben war,
konnte also als Buerger in den Fall kommen ihm als Herr zu gebieten.
Standesvorzuege aber gab es nicht; dass die Titier den Ramnern, beide den
Lucerern in der Reihe vorangingen, tat ihrer rechtlichen Gleichstellung keinen
Eintrag. Die Buergerreiterei, welche in dieser Zeit zum Einzelgefecht vor der
Linie zu Pferd oder auch zu Fuss verwandt ward und mehr eine Eliten- oder
Reservetruppe als eine Spezialwaffe war, also durchaus die wohlhabendste,
bestgeruestete und bestgeuebte Mannschaft in sich schloss, war natuerlich
angesehener als das Buergerfussvolk; aber auch dieser Gegensatz war rein
tatsaechlicher Art und der Eintritt in die Reiterei ohne Zweifel jedem Patrizier
gestattet. Es war einzig und allein die verfassungsmaessige Gliederung der
Buergerschaft, welche rechtliche Unterschiede hervorrief; im uebrigen war die
rechtliche Gleichheit aller Gemeindeglieder selbst in der aeusserlichen
Erscheinung durchgefuehrt. Die Tracht zeichnete wohl den Vorsteher der Gemeinde
vor den Gliedern derselben, den erwachsenen dienstpflichtigen Mann vor dem noch
nicht heerbannfaehigen Knaben aus; uebrigens aber durfte der Reiche und Vornehme
wie der Arme und Niedriggeborene oeffentlich nur erscheinen in dem gleichen
einfachen Umwurf (toga) von weissem Wollenstoff. Diese vollkommene
Rechtsgleichheit der Buerger ist ohne Zweifel urspruenglich begruendet in der
indogermanischen Gemeindeverfassung, aber in dieser Schaerfe der Auffassung und
Durchfuehrung doch eine der bezeichnendsten und der folgenreichsten
Eigentuemlichkeiten der latinischen Nation; und wohl mag man dabei sich
erinnern, dass in Italien keine den latinischen Einwanderern botmaessig
gewordene Rasse aelterer Ansiedlung und geringerer Kulturfaehigkeit begegnet und
damit die hauptsaechliche Gelegenheit mangelte, woran das indische Kastenwesen,
der spartanische und thessalische und wohl ueberhaupt der hellenische Adel und
vermutlich auch die deutsche Staendescheidung angeknuepft hat.
Dass der Staatshaushalt auf der Buergerschaft ruht, versteht sich von
selbst. Die wichtigste Buergerleistung war der Heerdienst; denn nur die
Buergerschaft hatte das Recht und die Pflicht die Waffen zu tragen. Die Buerger
sind zugleich die "Kriegerschaft" (populus, verwandt mit populari verheeren); in
den alten Litaneien ist es die "speerbewehrte Kriegsmannschaft" (pilumnus
poplus), auf die der Segen des Mars herabgefleht wird und selbst die Benennung,
mit welcher der Koenig sie anredet, der Quiriten ^6, wird als Bezeichnung des
Wehrmanns gefasst. In welcher Art das Angriffsheer, die "Lese" (legio) gebildet
ward, ist schon gesagt worden; in der dreiteiligen roemischen Gemeinde bestand
sie aus drei Hundertschaften (centuriae) der Reiter (celeres, die Schnellen oder
flexuntes, die Schwenker) unter den drei Abteilungsfuehrern der Reiter (tribuni
celerum) ^7 und drei Tausendschaften der Fussgaenger (milites) unter den drei
Abteilungsfuehrern des Fussvolks (tribuni militum); letzteres war vermutlich von
Haus aus der Kern des Gemeindeaufgebots. Dazu moegen etwa noch eine Anzahl
ausser Reihe und Glied fechtende Leichtbewaffnete, besonders Bogenschuetzen
gekommen sein ^8. Der Feldherr war regelmaessig der Koenig selbst. Ausser dem
Kriegsdienst konnten noch andere persoenliche Lasten den Buerger treffen, wie
die Pflicht zur Uebernahme der koeniglichen Auftraege im Kriege wie im Frieden
(I, 78) und die Fronden zur Bestellung der Aecker oder zur Anlage oeffentlicher
Bauten; wie schwer namentlich der Bau der Stadtmauer auf der Gemeinde lastete,
zeigt, dass der Name der "Fronden" (moenia) den Ringwaellen verblieb. Eine
regelmaessige direkte Besteuerung dagegen kam ebensowenig vor wie direkte
regelmaessige Staatsausgaben. Zur Bestreitung der Gemeindelasten bedurfte es
derselben nicht, da der Staat fuer Heerfolge, Fronde und ueberhaupt oeffentliche
Dienste keine Entschaedigung gewaehrte, sondern, soweit eine solche ueberhaupt
vorkam, sie dem Dienenden entweder von dem Bezirk geleistet ward, den zunaechst
die Auflage traf, oder auch von dem, der selber nicht dienen konnte oder wollte.
Die fuer den oeffentlichen Gottesdienst noetigen Opfertiere wurden durch eine
Prozesssteuer beschafft, indem, wer im ordentlichen Prozess unterlag, eine nach
dem Werte des Streitgegenstandes abgemessene Viehbusse (sacramentum) an den
Staat erlegte. Von stehenden Geschenken der Gemeindebuerger an den Koenig wird
nichts berichtet. Dagegen flossen dem Koenig die Hafenzoelle zu (I, 62), sowie
die Einnahme von den Domaenen, namentlich der Weidezins (scriptura) von dem auf
die Gemeinweide aufgetriebenen Vieh und die Fruchtquote (vectigalia), die die
Nutzniesser der Staatsaecker an Zinses Statt abzugeben hatten. Hierzu kam der
Ertrag der Viehbussen und Konfiskationen und der Kriegsgewinn. In Notfaellen
endlich wurde eine Umlage (tributum) ausgeschrieben, welche indes als gezwungene
Anleihe betrachtet und in besseren Zeitlaeuften zurueckgezahlt ward; ob dieselbe
die Buerger ueberhaupt traf, oder nur die Ansaessigen, laesst sich nicht
entscheiden, doch ist die letztere Annahme wahrscheinlicher. Der Koenig leitete
die Finanzen; mit dem koeniglichen Privatvermoegen indes, das, nach den Angaben
ueber den ausgedehnten Grundbesitz des letzten roemischen Koenigsgeschlechts der
Tarquinier zu schliessen, regelmaessig bedeutend gewesen sein muss, fiel das
Staatsvermoegen nicht zusammen und namentlich der durch die Waffen gewonnene
Acker scheint stets als Staatseigentum gegolten zu haben. Ob und wie weit der
Koenig in der Verwaltung des oeffentlichen Vermoegens durch Herkommen
beschraenkt war, ist nicht mehr auszumachen; nur zeigt die spaetere Entwicklung,
dass die Buergerschaft hierbei nie gefragt worden sein kann, wogegen es Sitte
sein mochte, die Auflage des Tributum und die Verteilung des im Kriege
gewonnenen Ackerlandes mit dem Senat zu beraten.
----------------------------------------
^6 Quiris quiritis oder quirinus wird von den Alten gedeutet als der
Lanzentraeger, von quiris oder curis = Lanze und ire, und faellt ihnen insofern
zusammen mit samnis, samnitis und sabinus, das auch bei den Alten von sa?nion,
Speer, hergeleitet wird. Mag diese Etymologie, die sich anschliesst an arquites,
milites, pedites, equites, velites, die mit dem Bogen, die im Tausend, die zu
Fuss, die zu Pferde, die ohne Ruestung im blossen Oberwurf gehen, auch unrichtig
sein, sie ist mit der roemischen Auffassung des Buergerbegriffs verwachsen.
Ebenso werden die Juno quiritis, der (Mars) quirinus, der Janus quirinus als
speerschwingende Gottheiten gedacht; und von Menschen gebraucht ist quiris der
Wehrmann, das ist der Vollbuerger. Damit stimmt der Sprachgebrauch ueberein. Wo
die Oertlichkeit bezeichnet werden soll, wird nie von Quiriten gesprochen,
sondern stets von Rom und Roemern (urbs Roma, populus, civis, ager Romanus),
weil die Benennung quiris so wenig eine lokale Bedeutung hat wie civis oder
miles. Eben darum koennen auch diese Bezeichnungen nicht miteinander verbunden
werden: man sagt nicht civis quiris, weil beides, wenngleich von verschiedenen
Standpunkten aus, denselben Rechtsbegriff bezeichnet. Dagegen lautet die
feierliche Ankuendigung der Buergerleiche darauf, dass "dieser Wehrmann mit Tode
abgegangen" (ollus quiris leto datus), und ebenso redet der Koenig die
versammelte Gemeinde mit diesem Namen an und spricht, wenn er zu Gericht sitzt,
nach dem Rechte der wehrhaften Freien (ex iure quiritium, ganz gleich dem
juengeren ex iure civili). Populus Romanus, quirites ( populus Romanus quiritium
ist nicht genuegend beglaubigt) heisst also "die Gemeinde und die einzelnen
Buerger" und werden darum in einer alten Formel (Liv. 1, 31) dem populus Romanus
die prisci Latini, den quirites die homines prisci Latini entgegengesetzt
(Becker, Handbuch, Bd. 2, S. 20f.). Diesen Tatsachen gegenueber kann nur
sprachliche und sachliche Unkende noch festhalten an der Vorstellung, als habe
der roemischen Gemeinde einst eine gleichartige quiritische gegenuebergestanden
und nach deren Inkorporierung der Name der neu aufgenommenen Gemeinde den der
aufnehmenden im sakralen und rechtlichen Sprachgebrauch verdraengt. Vgl. 1, 68
A.
^7 Unter den acht sakralen Institutionen des Numa fuehrt Dionysios (2, 64)
nach den Kurionen und den Flamines als dritte auf die Fuehrer der Reiter (oi
/e/gemones t/o/n Keleri/o/n). Nach dem praenestinischen Kalender wird am 19.
Maerz ein Fest auf dem Comitium begangen [adstantibus pon]tificibus et
trib(unis) celer(um). Valerius Antias (bei Dion. Hal. 1, 13 vgl. 3, 41) gibt der
aeltesten roemischen Reiterei einen Fuehrer Celer und drei Centurionen, wogegen
in der Schrift 'De viris illustribus' 1 Celer selbst centurio genannt wird.
Ferner soll Brutus bei Vertreibung der Koenige tribunus celerum gewesen sein
(Liv. 1, 59), nach Dionysios (4, 71) sogar kraft dieses Amtes die Verbannung der
Tarquinier beantragt haben. Endlich identifizieren Pomponius (dig. 1, 2, 2, 15;
19) und aehnlich, zum Teil wohl aus ihm schoepfend, Lydus (mag. 1, 14; 37) den
tribunus celerum mit dem Celer des Antias, dem magister equitum des
republikanischen Diktators, dem Praefectus Praetorio der Kaiserzeit.
Von diesen Angaben, den einzigen, die ueber die tribuni celerum vorhanden
sind, ruehrt die letzte nicht bloss von spaeten und gaenzlich unzuverlaessigen
Gewaehrsmaennern her, sondern widerspricht auch der Bedeutung des Namens,
welcher nur "Teilfuehrer der Reiter" heissen kann; vor allen Dingen aber kann
der immer nur ausserordentlich und spaeterhin gar nicht mehr ernannte
Reiterfuehrer der republikanischen Zeit unmoeglich identisch gewesen sein mit
der fuer das Jahrfest des 19. Maerz erforderlichen, also stehenden Magistratur.
Sieht man, wie man notwendig muss, ab von der Nachricht des Pomponius, die
offenbar lediglich hervorgegangen ist aus der mit immer steigender Unwissenheit
historisierten Brutusanekdote, so ergibt sich einfach, dass die tribuni celerum
den tribuni militum in Zahl und Wesen durchaus entsprechen und die
Abteilungsfuehrer der Reiter gewesen sind, also voellig verschieden von dem
Reiterfeldherrn.
^8 Darauf deuten die offenbar uralten Wortbildungen velites und arquites
und die spaetere Organisation der Legion.
------------------------------------------
Indes nicht bloss leistend und dienend erscheint die roemische
Buergerschaft, sondern auch beteiligt an dem oeffentlichen Regimente. Es traten
hierzu die Gemeindeglieder alle, mit Ausnahme der Weiber und der noch nicht
waffenfaehigen Kinder, also, wie die Anrede lautet, die "Lanzenmaenner"
(quirites) auf der Dingstaette zusammen, wenn der Koenig sie berief, um ihnen
eine Mitteilung zu machen (conventio, contio) oder auch sie foermlich auf die
dritte Woche (in trinum noundinum) zusammentreten hiess (comitia), um sie nach
Kurien zu befragen. Ordnungsmaessig setzte derselbe zweimal im Jahr, zum 24.
Maerz und zum 24. Mai, dergleichen foermliche Gemeindeversammlungen an und
ausserdem, so oft es ihm erforderlich schien; immer aber lud er die Buerger
nicht zum Reden, sondern zum Hoeren, nicht zum Fragen, sondern zum Antworten.
Niemand spricht in der Versammlung als der Koenig oder wem er das Wort zu
gestatten fuer gut findet; die Rede der Buergerschaft ist einfache Antwort auf
die Frage des Koenigs, ohne Eroerterung, ohne Begruendung, ohne Bedingung, ohne
Fragteilung. Nichtsdestoweniger ist die roemische Buergergemeinde eben wie die
deutsche und vermutlich die aelteste indogermanische ueberhaupt die eigentliche
und letzte Traegerin der Idee des souveraenen Staats; allein diese
Souveraenitaet ruht im ordentlichen Lauf der Dinge oder aeussert sich doch hier
nur darin, dass die Buergerschaft sich zum Gehorsam gegen den Vorsteher
freiwillig verpflichtet. Zu diesem Ende richtet der Koenig, nachdem er sein Amt
angetreten hat, an die versammelten Kurien die Frage, ob sie ihm treu und
botmaessig sein und ihn selbst wie seine Boten (lictores) in hergebrachter Weise
anerkennen wollen; eine Frage, die ohne Zweifel ebensowenig verneint werden
durfte, als die ihr ganz aehnliche Huldigung in der Erbmonarchie verweigert
werden darf. Es war durchaus folgerichtig, dass die Buergerschaft, eben als der
Souveraen, ordentlicher Weise an dem Gang der oeffentlichen Geschaefte sich
nicht beteiligte. Solange die oeffentliche Taetigkeit sich beschraenkt auf die
Ausuebung der bestehenden Rechtsordnungen, kann und darf die eigentlich
souveraene Staatsgewalt nicht eingreifen: es regieren die Gesetze, nicht der
Gesetzgeber. Aber anders ist es, wo eine Aenderung der bestehenden Rechtsordnung
oder auch nur eine Abweichung von derselben in einem einzelnen Fall notwendig
wird; und hier tritt denn auch in der roemischen Verfassung ohne Ausnahme die
Buergerschaft handelnd auf, so dass ein solcher Akt der souveraenen Staatsgewalt
vollzogen wird durch das Zusammenwirken der Buergerschaft und des Koenigs oder
Zwischenkoenigs. Wie das Rechtsverhaeltnis zwischen Regent und Regierten selbst
durch muendliche Frage und Antwort kontraktmaessig sanktioniert wird, so wird
auch jeder Oberherrlichkeitsakt der Gemeinde zustande gebracht durch eine
Anfrage (rogatio), welche der Koenig an die Buerger gerichtet und welcher die
Mehrzahl der Kurien zugestimmt hat; in welchem Fall die Zustimmung ohne Zweifel
auch verweigert werden durfte. Darum ist den Roemern das Gesetz nicht zunaechst,
wie wir es fassen, der von dem Souveraen an die saemtlichen Gemeindeglieder
gerichtete Befehl, sondern zunaechst der zwischen den konstitutiven Gewalten des
Staates durch Rede und Gegenrede abgeschlossene Vertrag ^9. Einer solchen
Gesetzvertragung bedurfte es rechtlich in allen Faellen, die der ordentlichen
Rechtskonsequenz zuwiderliefen. Im gewoehnlichen Rechtslauf kann jeder
unbeschraenkt sein Eigentum weggeben an wen er will, allein nur in der Art, dass
er dasselbe sofort aufgibt; dass das Eigentum vorlaeufig dem Eigentuemer bleibe
und bei seinem Tode auf einen andern uebergehe, ist rechtlich unmoeglich - es
sei denn, dass ihm die Gemeinde solches gestatte; was hier nicht bloss die auf
dem Markt versammelte, sondern auch die zum Kampf sich ordnende Buergerschaft
bewilligen konnte. Dies ist der Ursprung der Testamente. Im gewoehnlichen
Rechtslauf kann der freie Mann das unveraeusserliche Gut der Freiheit nicht
verlieren noch weggeben, darum auch, wer keinem Hausherrn untertan ist, sich
nicht einem andern an Sohnes Statt unterwerfen - es sei denn, dass ihm die
Gemeinde solches gestatte. Dies ist die Adrogation. Im gewoehnlichen Rechtslauf
kann das Buergerrecht nur gewonnen werden durch die Geburt und nicht verloren
werden - es sei denn, dass die Gemeinde das Patriziat verleihe oder dessen
Aufgeben gestatte, was beides unzweifelhaft urspruenglich ohne Kurienbeschluss
nicht in gueltiger Weise geschehen konnte. Im gewoehnlichen Rechtslauf trifft
den todeswuerdigen Verbrecher, nachdem der Koenig oder sein Stellvertreter nach
Urteil und Recht den Spruch getan, unerbittlich die Todesstrafe, da der Koenig
nur richten, nicht begnadigen kann - es sei denn, dass der zum Tode verurteilte
Buerger die Gnade der Gemeinde anrufe und der Richter ihm die Betretung des
Gnadenwegs freigebe. Dies ist der Anfang der Provokation, die darum auch
vorzugsweise nicht dem leugnenden Verbrecher gestattet wird, der ueberwiesen
ist, sondern dem gestaendigen, der Milderungsgruende geltend macht. Im
gewoehnlichen Rechtslauf darf der mit einem Nachbarstaat geschlossene ewige
Vertrag nicht gebrochen werden - es sei denn, dass wegen zugefuegter Unbill die
Buergerschaft sich desselben entbunden erachtet. Daher musste sie notwendig
befragt werden, wenn ein Angriffskrieg beabsichtigt wird, nicht aber bei dem
Verteidigungskrieg, wo der andere Staat den Vertrag bricht, noch auch beim
Abschluss des Friedens; doch richtete sich jene Frage, wie es scheint, nicht an
die gewoehnliche Versammlung der Buerger, sondern an das Heer. So wird endlich
ueberhaupt, wenn der Koenig eine Neuerung beabsichtigt, eine Aenderung des
bestehenden gemeinen Rechtes, es notwendig, die Buerger zu befragen; und
insofern ist das Recht der Gesetzgebung von alters her nicht ein Recht des
Koenigs, sondern ein Recht des Koenigs und der Gemeinde. In diesen und in allen
aehnlichen Faellen konnte der Koenig ohne Mitwirkung der Gemeinde nicht mit
rechtlicher Wirkung handeln; der vom Koenig allein zum Patrizier erklaerte Mann
blieb nach wie vor Nichtbuerger, und es konnte der nichtige Akt nur etwa
faktische Folgen erzeugen. Insofern war also die Gemeindeversammlung, wie
beschraenkt und gebunden sie auch auftrat, doch von alters her ein konstitutives
Element des roemischen Gemeinwesens und stand dem Rechte nach mehr ueber als
neben dem Koenig.
--------------------------------------------------------
^9 Lex, die Bindung (verwandt mit legare, zu etwas verbinden) bezeichnet
bekanntlich ueberhaupt den Vertrag, jedoch mit der Nebenbedeutung eines
Vertrages, dessen Bedingungen der Proponent diktiert und der andere Teil einfach
annimmt oder ablehnt; wie dies z. B. bei oeffentlichen Lizitationen der Fall zu
sein pflegt. Bei der lex publica populi Romani ist der Proponent der Koenig, der
Akzeptant das Volk; die beschraenkte Mitwirkung des letzteren ist also auch
sprachlich praegnant bezeichnet.
--------------------------------------------------------
Aber neben dem Koenig und neben der Buergerversammlung erscheint in der
aeltesten Gemeindeverfassung noch eine dritte Grundgewalt, nicht zum Handeln
bestimmt wie jener noch zum Beschliessen wie diese, und dennoch neben beide und
innerhalb ihres Rechtskreises ueber beide gesetzt. Dies ist der Rat der Alten
oder der senatus. Unzweifelhaft ist derselbe hervorgegangen aus der
Geschlechtsverfassung: die alte Ueberlieferung, dass in dem urspruenglichen Rom
die saemtlichen Hausvaeter den Senat gebildet haetten, ist staatsrechtlich
insofern richtig, als jedes der nicht erst nachher zugewanderten Geschlechter
des spaeteren Rom seinen Ursprung zurueckfuehrte auf einen jener Hausvaeter der
aeltesten Stadt als auf seinen Stammvater und Patriarchen. Wenn, wie dies
wahrscheinlich ist, es in Rom oder doch in Latium einmal eine Zeit gegeben hat,
wo wie der Staat selbst, so auch jedes seiner letzten Bestandteile, das heisst
jedes Geschlecht gleichsam monarchisch organisiert war und unter einem, sei es
durch Wahl der Geschlechtsgenossen oder des Vorgaengers, sei es durch Erbfolge
bestimmten Aeltesten stand, so ist in derselben Epoche auch der Senat nichts
gewesen als die Gesamtheit dieser Gechlechtsaeltesten und demnach eine vom
Koenig wie von der Buergerversammlung unabhaengige Institution, gegenueber der
letzteren, unmittelbar durch die Gesamtheit der Buerger gebildeten
gewissermassen eine repraesentative Versammlung von Volksvertretern. Allerdings
ist jene gleichsam staatliche Selbstaendigkeit der Geschlechter bei dem
latinischen Stamm in unvordenklich frueher Zeit ueberwunden und der erste und
vielleicht schwerste Schritt, um aus der Geschlechtsordnung die Gemeinde zu
entwickeln, die Beseitigung der Geschlechtsaeltesten, moeglicherweise in Latium
lange vor der Gruendung Roms getan worden; wie wir das roemische Geschlecht
kennen, ist es durchaus ohne ein sichtbares Haupt und zur Vertretung des
gemeinsamen Patriarchen, von dem alle Geschlechtsmaenner abstammen oder
abzustammen behaupten, von den lebenden Geschlechtsgenossen kein einzelner
vorzugsweise berufen, so dass selbst Erbschaft und Vormundschaft, wenn sie dem
Geschlecht ansterben, von den Geschlechtsgenossen insgesamt geltend gemacht
werden. Aber nichtsdestoweniger sind von dem urspruenglichen Wesen des Rates der
Aeltesten auch auf den roemischen Senat noch viele und wichtige Rechtsfolgen
uebergegangen; um es mit einem Worte zu sagen, die Stellung des Senats, wonach
er etwas anderes und mehr ist als ein blosser Staatsrat, als die Versammlung
einer Anzahl vertrauter Maenner, deren Ratschlaege der Koenig einzuholen
zweckmaessig findet, beruht lediglich darauf, dass er einst eine Versammlung
gewesen war gleich jener, die Homer schildert, der um den Koenig im Kreise herum
zu Rate sitzenden Fuersten und Herren des Volkes. Solange der Senat durch die
Gesamtheit der Geschlechtshaeupter gebildet ward, kann die Zahl der Mitglieder
eine feste nicht gewesen sein, da die der Geschlechter es auch nicht war; aber
in fruehester, vielleicht schon in vorroemischer Zeit ist die Zahl der
Mitglieder des Rats der Aeltesten fuer die Gemeinde ohne Ruecksicht auf die Zahl
der zur Zeit vorhandenen Geschlechter auf hundert festgestellt worden, sodass
von der Verschmelzung der drei Urgemeinden die Vermehrung der Senatssitze auf
die seitdem feststehende Normalzahl von dreihundert die staatsrechtlich
notwendige Folge war. Auf Lebenszeit ferner sind die Ratsherren zu allen Zeiten
berufen worden; und wenn in spaeterer Zeit dies lebenslaengliche Verbleiben mehr
tatsaechlich als von Rechts wegen eintrat und die von Zeit zu Zeit
stattfindenden Revisionen der Senatsliste eine Gelegenheit darboten, den
unwuerdigen oder auch nur missliebigen Ratsherrn zu beseitigen, so hat diese
Einrichtung sich nachweislich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Die Wahl der
Senatoren hat allerdings, seit es Geschlechtshaeupter nicht mehr gab, bei dem
Koenig gestanden; wohl aber mag bei dieser Wahl in aelterer Zeit, solange noch
die Individualitaet der Geschlechter im Volke lebendig war, als Regel, wenn ein
Senator starb, der Koenig einen anderen erfahrenen und bejahrten Mann derselben
Geschlechtsgenossenschaft an seine Stelle berufen haben. Vermutlich ist erst mit
der steigenden Verschmelzung und inneren Einigung der Volksgemeinde hiervon
abgegangen worden und die Auswahl der Ratsherren ganz in das freie Ermessen des
Koenigs uebergegangen, so dass nur das noch als Missbrauch erschien, wenn er
erledigte Stellen unbesetzt liess.
Die Befugnis dieses Rates der Aeltesten beruht auf der Anschauung, dass die
Herrschaft ueber die aus den Geschlechtern gebildete Gemeinde von Rechts wegen
den saemtlichen Geschlechtsaeltesten zusteht, wenn sie auch, nach der schon in
dem Hause so scharf sich auspraegenden monarchischen Grundanschauung der Roemer,
zur Zeit immer nur von einem dieser Aeltesten, das ist von dem Koenig, ausgeuebt
werden kann. Ein jedes Mitglied des Senats ist also als solches, nicht der
Ausuebung, aber der Befugnis nach, ebenfalls Koenig der Gemeinde; weshalb auch
seine Abzeichen zwar geringer als die koeniglichen, aber denselben gleichartig
sind: er traegt den roten Schuh gleich dem Koenig, nur dass der des Koenigs
hoeher und ansehnlicher ist als der des Senators. Hierauf beruht es ferner,
dass, wie bereits erwaehnt ward, die koenigliche Gewalt in der roemischen
Gemeinde ueberhaupt nicht erledigt werden kann. Stirbt der Koenig, so treten
ohne weiteres die Aeltesten an seine Stelle und ueben die Befugnisse der
koeniglichen Gewalt. Jedoch nach dem unwandelbaren Grundsatz, dass nur einer zur
Zeit Herr sein kann, herrscht auch jetzt immer nur einer von ihnen und es
unterscheidet sich ein solcher "Zwischenkoenig" (interrex) von dem auf
Lebenszeit ernannten zwar in der Dauer, nicht aber in der Fuelle der Gewalt. Die
Dauer des Zwischenkoenigtums ist fuer die einzelnen Inhaber festgesetzt auf
hoechstens fuenf Tage; es geht dasselbe demnach unter den Senatoren in der Art
um, dass, bis das Koenigtum auf die Dauer wieder besetzt ist, der zeitige
Inhaber bei Ablauf jener Frist gemaess der durch das Los festgesetzten
Reihenfolge es dem Nachfolger ebenfalls auf fuenf Tage uebergibt. Ein Treuwort
wird dem Zwischenkoenig begreiflicherweise von der Gemeinde nicht geleistet. Im
uebrigen aber ist der Zwischenkoenig berechtigt und verpflichtet, nicht bloss
alle dem Koenig sonst zustehenden Amtshandlungen vorzunehmen, sondern selbst
einen Koenig auf Lebenszeit zu ernennen - nur dem erstbestellten von ihnen fehlt
ausnahmsweise das letztere Recht, vermutlich weil dieser angesehen wird als
mangelhaft eingesetzt, da er nicht von seinem Vorgaenger ernannt ist. Also ist
diese Aeltestenversammlung am letzten Ende die Traegerin der Herrschermacht
(imperium) und des Gottesschutzes (auspicia) des roemischen Gemeinwesens und in
ihr die Buergschaft gegeben fuer die ununterbrochene Dauer desselben und seiner
monarchischen, nicht aber erblich monarchischen Ordnung. Wenn also dieser Senat
spaeter den Griechen eine Versammlung von Koenigen zu sein duenkte, so ist das
nur in der Ordnung: urspruenglich ist er in der Tat eine solche gewesen.
Aber nicht bloss insofern der Begriff des ewigen Koenigtums in dieser
Versammlung seinen lebendigen Ausdruck fand, ist sie ein wesentliches Glied der
roemischen Gemeindeverfassung. Zwar hat der Rat der Aeltesten sich nicht in die
Amtstaetigkeit des Koenigs einzumischen. Seine Stellvertreter freilich hat
dieser, falls er nicht imstande war, selbst das Heer zu fuehren oder den
Rechtsstreit zu entscheiden, wohl von jeher aus dem Senat genommen - weshalb
auch spaeter noch die hoechsten Befehlshaberstellen regelmaessig nur an
Senatoren vergeben und ebenso als Geschworene vorzugsweise Senatoren verwendet
werden. Aber weder bei der Heerleitung noch bei der Rechtsprechung ist der Senat
in seiner Gesamtheit je zugezogen worden; weshalb es auch in dem spaeteren Rom
nie ein militaerisches Befehlsrecht und keine Gerichtsbarkeit des Senats gegeben
hat. Aber wohl galt der Rat der Alten als der berufene Wahrer der bestehenden
Verfassung, selbst gegenueber dem Koenig und der Buergerschaft. Es lag deshalb
ihm ob, jeden auf Antrag des Koenigs von dieser gefassten Beschluss zu pruefen
und, wenn derselbe die bestehenden Rechte zu verletzen schien, demselben die
Bestaetigung zu versagen; oder, was dasselbe ist, in allen Faellen, wo
verfassungsmaessig ein Gemeindebeschluss erforderlich war, also bei jeder
Verfassungsaenderung, bei der Aufnahme neuer Buerger, bei der Erklaerung eines
Angriffskrieges, kam dem Rat der Alten ein Veto zu. Allerdings darf man dies
wohl nicht so auffassen, als habe die Gesetzgebung der Buergerschaft und dem Rat
gemeinschaftlich zugestanden, etwa wie den beiden Haeusern in dem heutigen
konstitutionellen Staat: der Senat war nicht sowohl Gesetzgeber als
Gesetzwaechter und konnte den Beschluss nur dann kassieren, wenn die Gemeinde
ihre Befugnisse ueberschritten, also bestehende Verpflichtungen gegen die
Goetter oder gegen auswaertige Staaten oder auch organische Einrichtungen der
Gemeinde durch ihren Beschluss verletzt zu haben schien. Immer aber bleibt es
vom groessten Gewichte, dass zum Beispiel, wenn der roemische Koenig die
Kriegserklaerung beantragt und die Buergerschaft dieselbe zum Beschluss erhoben
hatte, auch die Suehne, welche die auswaertige Gemeinde zu erlegen verpflichtet
schien, von derselben umsonst gefordert worden war, der roemische Sendbote die
Goetter zu Zeugen der Unbill anrief, und mit den Worten schloss: "darueber aber
wollen wir Alten Rat pflegen daheim, wie wir zu unsrem Rechte kommen"; erst wenn
der Rat der Alten sich einverstanden erklaert hatte, war der nun von der
Buergerschaft beschlossene, vom Senat gebilligte Krieg foermlich erklaert.
Gewiss war es weder die Absicht noch die Folge dieser Satzung, ein stetiges
Eingreifen des Senats in die Beschluesse der Buergerschaft hervorzurufen und
durch solche Bevormundung die Buergerschaft ihrer souveraenen Gewalt zu
entkleiden; aber wie im Fall der Vakanz des hoechsten Amtes der Senat die Dauer
der Gemeindeverfassung verbuergte, finden wir auch hier ihn als den Hort der
gesetzlichen Ordnung gegenueber selbst der hoechsten Gewalt, der Gemeinde.
Hieran wahrscheinlich knuepft endlich auch die allem Anschein nach uralte
Uebung an, dass der Koenig die an die Volksgemeinde zu bringenden Antraege
vorher dem Rat der Alten vorlegte und dessen saemtliche Mitglieder eines nach
dem anderen darueber ihr Gutachten abgeben liess. Da dem Senat das Recht
zustand, den gefassten Beschluss zu kassieren, so lag es dem Koenig nahe, sich
vorher die Ueberzeugung zu verschaffen, dass Widerspruch hier nicht zu
befuerchten sei; wie denn ueberhaupt einerseits die roemische Sitte es mit sich
brachte, in wichtigen Faellen sich nicht zu entscheiden, ohne anderer Maenner
Rat vernommen zu haben, anderseits der Senat seiner ganzen Zusammensetzung nach
dazu berufen war, dem Herrscher der Gemeinde als Staatsrat zur Seite zu stehen.
Aus diesem Raterteilen ist, weit mehr als aus der bisher bezeichneten Kompetenz,
die spaetere Machtfuelle des Senats hervorgegangen; die Anfaenge indes sind
unscheinbar und gehen eigentlich auf in die Befugnis der Senatoren, dann zu
antworten, wenn sie gefragt werden. Es mag ueblich gewesen sein, bei
Angelegenheiten von Wichtigkeit, die weder richterliche noch feldherrliche
waren, also zum Beispiel, abgesehen von den an die Volksversammlung zu
bringender Antraegen, auch bei der Auflage von Fronden und Steuern, bei der
Einberufung der Buerger zum Wehrdienst und bei Verfuegungen ueber das eroberte
Gebiet, den Senat vorher zu fragen; aber wenn auch ueblich, rechtlich notwendig
war eine solche vorherige Befragung nicht. Der Koenig beruft den Rat, wenn es
ihm beliebt und legt die Fragen ihm vor; ungefragt darf kein Ratsherr seine
Meinung sagen, noch weniger der Rat sich ungeladen versammeln, abgesehen von dem
einen Fall, wo er in der Vakanz zusammentritt, um die Reihenfolge der
Zwischenkoenige festzustellen. Dass es ferner dem Koenig zusteht, neben den
Senatoren und gleichzeitig mit ihnen auch andere Maenner seines Vertrauens zu
berufen und zu befragen, ist in hohem Grade wahrscheinlich. Der Ratschlag sodann
ist kein Befehl; der Koenig kann es unterlassen, ihm zu folgen, ohne dass dem
Senat ein anderes Mittel zustaende, seiner Ansicht praktische Geltung zu
schaffen als jenes frueher erwaehnte keineswegs allgemein anwendbare
Kassationsrecht. "Ich habe euch gewaehlt, nicht dass ihr mich leitet, sondern um
euch zu gebieten": diese Worte, die ein spaeterer Schriftsteller dem Koenig
Romulus in den Mund legt, bezeichnen nach dieser Seite hin die Stellung des
Senats gewiss im wesentlichen richtig.
Fassen wir die Ergebnisse zusammen. Es war die roemische Buergergemeinde,
an welcher der Begriff der Souveraenitaet haftete; aber allein zu handeln war
sie nie, mitzuhandeln nur dann befugt, wenn von der bestehenden Ordnung
abgegangen werden sollte. Neben ihr stand die Versammlung der lebenslaenglich
bestellten Gemeindeaeltesten, gleichsam ein Beamtenkollegium mit koeniglicher
Gewalt, berufen im Fall der Erledigung des Koenigsamtes, dasselbe bis zur
definitiven Wiederbesetzung durch ihre Mitglieder zu verwalten, und befugt, den
rechtswidrigen Beschluss der Gemeinde umzustossen. Die koenigliche Gewalt selber
war, wie Sallust sagt, zugleich unbeschraenkt und durch die Gesetze gebunden
(imperium legitimum); unbeschraenkt, insofern des Koenigs Gebot, gerecht oder
nicht, zunaechst unbedingt vollzogen werden musste, gebunden, insofern ein dem
Herkommen zuwiderlaufendes und nicht von dem wahren Souveraen, dem Volke,
gutgeheissenes Gebot auf die Dauer keine rechtlichen Folgen erzeugte. Also war
die aelteste roemische Verfassung gewissermassen die umgekehrte konstitutionelle
Monarchie. Wie in dieser der Koenig als Inhaber und Traeger der Machtfuelle des
Staates gilt und darum zum Beispiel die Gnadenakte lediglich von ihm ausgehen,
den Vertretern des Volkes aber und den ihnen verantwortlichen Beamten die
Staatsverwaltung zukommt, so war die roemische Volksgemeinde ungefaehr, was in
England der Koenig ist und das Begnadigungsrecht, wie in England ein
Reservatrecht der Krone, so in Rom ein Reservatrecht der Volksgemeinde, waehrend
alles Regiment bei dem Vorsteher der Gemeinde stand.
Fragen wir endlich nach dem Verhaeltnis des Staates selbst zu dessen
einzelnen Gliedern, so finden wir den roemischen Staat gleich weit entfernt von
der Lockerheit des blossen Schutzverbandes und von der modernen Idee einer
unbedingten Staatsallmacht. Die Gemeinde verfuegte wohl ueber die Person des
Buergers durch Auflegung von Gemeindelasten und Bestrafung der Vergehen und
Verbrechen; aber ein Spezialgesetz, das einen einzelnen Mann wegen nicht
allgemein verpoenter Handlungen mit Strafe belegte oder bedrohte, ist, selbst
wenn in den Formen nicht gefehlt war, doch den Roemern stets als Willkuer und
Unrecht erschienen. Bei weitem beschraenkter noch war die Gemeinde hinsichtlich
der Eigentums- und, was damit mehr zusammenfiel als zusammenhing, der
Familienrechte; in Rom wurde nicht, wie in dem lykurgischen Polizeistaat, das
Haus geradezu vernichtet und die Gemeinde auf dessen Kosten gross gemacht. Es
ist einer der unleugbarsten wie einer der merkwuerdigsten Saetze der aeltesten
roemischen Verfassung, dass der Staat den Buerger wohl fesseln und hinrichten,
aber nicht ihm seinen Sohn oder seinen Acker wegnehmen oder auch nur ihn mit
bleibender Wirkung besteuern durfte. In diesen und aehnlichen Dingen war selbst
die Gemeinde dem Buerger gegenueber beschraenkt, und diese Rechtsschranke
bestand nicht bloss im Begriff, sondern fand ihren Ausdruck und ihre praktische
Anwendung in dem verfassungsmaessigen Veto des Senats, der gewiss befugt und
verpflichtet war, jeden einem solchen Grundrecht zuwiderlaufenden
Gemeindebeschluss zu vernichten. Keine Gemeinde war innerhalb ihres Kreises so
wie die roemische allmaechtig; aber in keiner Gemeinde auch lebte der
unstraeflich sich fuehrende Buerger in gleich unbedingter Rechtssicherheit
gegenueber seinen Mitbuergern wie gegenueber dem Staat selbst.
So regierte sich die roemische Gemeinde, ein freies Volk, das zu gehorchen
verstand, in klarer Absagung von allem mystischen Priesterschwindel, in
unbedingter Gleichheit vor dem Gesetz und unter sich, in scharfer Auspraegung
der eigenen Nationalitaet, waehrend zugleich - es wird dies nachher dargestellt
werden - dem Verkehr mit dem Auslande so grossherzig wie verstaendig die Tore
weit aufgetan wurden. Diese Verfassung ist weder gemacht noch erborgt, sondern
erwachsen in und mit dem roemischen Volke. Es versteht sich, dass sie auf der
aelteren italischen, graecoitalischen und indogermanischen Verfassung beruht;
aber es liegt doch eine unuebersehbar lange Kette staatlicher Entwicklungsphasen
zwischen den Verfassungen, wie die Homerischen Gedichte oder Tacitus' Bericht
ueber Deutschland sie schildern, und der aeltesten Ordnung der roemischen
Gemeinde. In dem Zuruf des hellenischen, in dem Schildschlagen des deutschen
Umstandes lag wohl auch eine Aeusserung der souveraenen Gewalt der Gemeinde;
aber es war weit von da bis zu der geordneten Kompetenz und der geregelten
Erklaerung der latinischen Kurienversammlung. Es mag ferner sein, dass, wie das
roemische Koenigtum den Purpurmantel und den Elfenbeinstab sicher den Griechen -
nicht den Etruskern - entlehnt hat, so auch die zwoelf Liktoren und andere
Aeusserlichkeiten mehr vom Ausland heruebergenommen worden sind. Aber wie
entschieden die Entwicklung des roemischen Staatsrechts nach Rom oder doch nach
Latium gehoert, und wie wenig und wie unbedeutend das Geborgte darin ist,
beweist die durchgaengige Bezeichnung aller seiner Begriffe mit Woertern
latinischer Praegung.
Diese Verfassung ist es, die die Grundgedanken des roemischen Staats fuer
alle Zeiten tatsaechlich festgestellt hat; denn trotz der wandelnden Formen
steht es fest, solange es eine roemische Gemeinde gibt, dass der Beamte
unbedingt befiehlt, dass der Rat der Alten die hoechste Autoritaet im Staate ist
und dass jede Ausnahmebestimmung der Sanktionierung des Souveraens bedarf, das
heisst der Volksgemeinde.
6. Kapitel
Die Nichtbuerger und die reformierte Verfassung
Die Geschichte einer jeden Nation, der italischen aber vor allen, ist ein
grosser Synoekismus: schon das aelteste Rom, von dem wir Kunde haben, ist ein
dreieiniges, und erst mit der voelligen Erstarrung des Roemerrums endigen die
aehnlichen Inkorporationen. Abgesehen von jenem aeltesten Verschmelzungsprozess
der Ramner, Titier und Lucerer, von dem fast nur die nackte Tatsache bekannt
ist, ist der frueheste derartige Inkorporationsakt derjenige, durch den die
Huegelbuergerschaft aufging in dem palatinischen Rom. Die Ordnung der beiden
Gemeinden wird, als sie verschmolzen werden sollten, im wesentlichen gleichartig
und die durch die Vereinigung gestellte Aufgabe in der Art gedacht werden
duerfen, dass man zu waehlen hatte zwischen dem Festhalten der Doppelinstitution
oder, unter Aufhebung der einen, der Beziehung der uebrigbleibenden auf die
ganze vereinigte Gemeinde. Hinsichtlich der Heiligtuemer und Priesterschaften
hielt man im ganzen den ersten Weg ein. Die roemische Gemeinde besass fortan
zwei Springer- und zwei Wolfsgilden und wie einen zwiefachen Mars, so auch einen
zwiefachen Marspriester, von denen sich spaeterhin der palatinische den Priester
des Mars, der collinische den des Quirinus zu nennen pflegte. Es ist glaublich,
wenngleich nicht mehr nachzuweisen, dass die gesamten altlatinischen
Priesterschaften Roms, der Augurn, Pontifices, Vestalen, Fetialen in
gleichartiger Weise aus den kombinierten Priesterkollegien der beiden Gemeinden
vom Palatin und vom Quirinal hervorgegangen sind. Ferner trat in der oertlichen
Einteilung zu den drei Quartieren der palatinischen Stadt, Subura, Palatin und
Vorstadt, die Huegelstadt auf dem Quirinal als viertes hinzu. Wenn dagegen bei
dem urspruenglichen Synoekismus die beitretende Gemeinde auch nach der
Vereinigung wenigstens als Teil der neuen Buergerschaft gegolten und somit
gewissermassen politisch fortbestanden hatte, so ist dies weder in Beziehung auf
die Huegelroemer noch ueberhaupt bei einem der spaeteren Annexionsprozesse
wieder vorgekommen. Auch nach der Vereinigung zerfiel die roemische Gemeinde in
die bisherigen drei Teile zu je zehn Pflegschaften, und die Huegelroemer, moegen
sie nun ihrerseits mehrteilig gewesen sein oder nicht, muessen in die
bestehenden Teile und Pflegschaften eingeordnet worden sein. Wahrscheinlich ist
dies in der Art geschehen, dass jeder Teil und jede Pflegschaft eine Quote der
Neubuerger zugewiesen erhielt, in diesen Abteilungen aber die Neu- mit den
Altbuergern nicht vollstaendig verschmolzen; vielmehr treten fortan jene Teile
doppelgliedrig auf und scheiden sich die Titier, ebenso die Ramner und die
Lucerer in sich wieder in erste und zweite (priores, posteriores). Eben damit
haengt wahrscheinlich die in den organischen Institutionen der Gemeinde ueberall
hervortretende paarweise Anordnung zusammen. So werden die drei Paare der
heiligen Jungfrauen ausdruecklich als die Vertreterinnen der drei Teile erster
und zweiter Ordnung bezeichnet; auch das in jeder Gasse verehrte Larenpaar ist
vermutlich aehnlich aufzufassen. Vor allem erscheint diese Anordnung im
Heerwesen: nach der Vereinigung stellt jeder Halbteil der dreiteiligen Gemeinde
hundert Berittene, und es steigt dadurch die roemische Buergerreiterei auf sechs
Hundertschaften, die Zahl der Reiterfuehrer wahrscheinlich auch von drei auf
sechs. Von einer entsprechenden Vermehrung des Fussvolks ist nichts
ueberliefert; wohl aber wird man den nachherigen Gebrauch, dass die Legionen
regelmaessig je zwei und zwei einberufen wurden, hierauf zurueckfuehren duerfen,
und wahrscheinlich ruehrt von dieser Verdoppelung des Aufgebotes ebenfalls her,
dass nicht, wie wohl urspruenglich, drei, sondern sechs Abteilungsfuehrer die
Legion befehligen. Eine entsprechende Vermehrung der Senatsstellen hat
entschieden nicht stattgefunden, sondern die uralte Zahl von dreihundert
Ratsherren ist bis in das siebente Jahrhundert hinein die normale geblieben;
womit sich sehr wohl vertraegt, dass eine Anzahl der angesehensten Maenner der
neu hinzutretenden Gemeinde in den Senat der palatinischen Stadt aufgenommen
sein mag. Ebenso verfuhr man mit den Magistraturen: auch der vereinigten
Gemeinde stand nur ein Koenig vor, und von seinen hauptsaechlichsten
Stellvertretern, namentlich dem Stadtvorsteher, gilt dasselbe. Man sieht, dass
die sakralen Institutionen der Huegelstadt fortbestanden und in militaerischer
Hinsicht man nicht unterliess, der verdoppelten Buergerschaft die doppelte
Mannszahl abzufordern, im uebrigen aber die Einordnung der quirinalischen Stadt
in die palatinische eine wahre Unterordnung der ersteren gewesen ist. Wenn wir
mit Recht angenommen haben, dass der Gegensatz zwischen den palatinischen Alt-
und den quirinalischen Neubuergern zusammenfiel mit dem zwischen den ersten und
zweiten Titiern, Ramnern und Lucerern, so sind die Geschlechter der
Quirinalstadt die "zweiten" oder die "minderen" gewesen. Indes war der
Unterschied sicherlich mehr ein Ehren- als ein Rechtsvorzug. Bei den
Abstimmungen im Rat wurden die aus den alten Geschlechtern genommenen Ratsherren
vor denen der "minderen" gefragt. In gleicher Weise steht das collinische
Quartier im Range zurueck selbst hinter dem vorstaedtischen der palatinischen
Stadt, der Priester des quirinalischen Mars hinter dem des palatinischen, die
quirinalischen Springer und Woelfe hinter denen vom Palatin. Sonach bezeichnet
der Synoekismus, durch den die palatinische Gemeinde die quirinalische in sich
aufnahm, eine Mittelstufe zwischen dem aeltesten, durch den die Titier, Ramner
und Lucerer miteinander verwuchsen, und allen spaeteren: einen eigenen Teil zwar
durfte die zutretende Gemeinde in dem neuen Ganzen nicht mehr bilden, wohl aber
noch wenigstens einen Teil in jedem Teile, und ihre sakralen Institutionen liess
man nicht bloss bestehen, was auch nachher noch, zum Beispiel nach der Einnahme
von Alba, geschah, sondern erhob sie zu Institutionen der vereinigten Gemeinde,
was spaeterhin in dieser Weise nicht wieder vorkam.
Diese Verschmelzung zweier im wesentlichen gleichartiger Gemeinwesen war
mehr eine quantitative Steigerung als eine innerliche Umgestaltung der
bestehenden Gemeinde. Von einem zweiten Inkorporationsprozess, der weit
allmaehlicher durchgefuehrt ward und weit tiefere Folgen gehabt hat, reichen die
ersten Anfaenge gleichfalls bis in diese Epoche zurueck: es ist dies die
Verschmelzung der Buergerschaft und der Insassen. Von jeher standen in der
roemischen Gemeinde neben der Buergerschaft die Schutzleute, die "Hoerigen"
(clientes), wie man sie nannte, als die Zugewandten der einzelnen
Buergerhaeuser, oder die "Menge" (plebes, von pleo, plenus), wie sie negativ
hiessen mit Hinblick auf die mangelnden politischen Rechte ^1. Die Elemente zu
dieser Mittelstufe zwischen Freien und Unfreien waren, wie gezeigt ward, bereits
in dem roemischen Hause vorhanden; aber in der Gemeinde musste diese Klasse aus
einem zwiefachen Grunde tatsaechlich und rechtlich zu groesserer Bedeutung
erwachsen. Einmal konnte die Gemeinde selbst wie Knechte, so auch halbfreie
Hoerige besitzen; besonders mochte nach Ueberwindung einer Stadt und Aufloesung
ihres Gemeinwesens es oft der siegenden Gemeinde zweckmaessig erscheinen, die
Masse der Buergerschaft nicht foermlich als Sklaven zu verkaufen, sondern ihnen
den faktischen Fortbesitz der Freiheit zu gestatten, so dass sie gleichsam als
Freigelassene der Gemeinde, sei es zu den Geschlechtern, sei es zu dem Koenig in
Klientelverhaeltnis traten. Zweitens aber war durch die Gemeinde und deren Macht
ueber die einzelnen Buerger die Moeglichkeit gegeben, auch deren Klienten gegen
missbraeuchliche Handhabung des rechtlich fortbestehenden Herrenrechts zu
schuetzen. Bereits in unvordenklich frueher Zeit ist in das roemische Landrecht
der Grundsatz eingefuehrt worden, von dem die gesamte Rechtsstellung der
Insassenschaft ihren Ausgang genommen hat: dass, wenn der Herr bei Gelegenheit
eines oeffentlichen Rechtsakts - Testament, Prozess, Schatzung - sein
Herrenrecht ausdruecklich oder stillschweigend aufgegeben habe, weder er selbst
noch seine Rechtsnachfolger diesen Verzicht gegen die Person des Freigelassenen
selbst oder gar seiner Deszendenten jemals wieder sollten willkuerlich
rueckgaengig machen koennen. Die Hoerigen und ihre Nachkommen besassen nun zwar
weder Buerger- noch Gastrecht; denn zu jenem bedurfte es foermlicher Erteilung
von seiten der Gemeinde, dieser aber setzte das Buergerrecht des Gastes in einer
mit der roemischen in Vertrag stehenden Gemeinde voraus. Was ihnen zuteil ward,
war ein gesetzlich geschuetzter Freiheitsbesitz bei rechtlich fortdauernder
Unfreiheit; und darum scheinen laengere Zeit hindurch ihre vermoegensrechtlichen
Beziehungen gleich denen der Sklaven als Rechtsverhaeltnisse des Patrons
gegolten und dieser prozessualisch sie notwendig vertreten zu haben, womit denn
auch zusammenhaengen wird, dass der Patron im Notfall Beisteuern von ihnen
einheben und sie vor sich zu krimineller Verantwortung ziehen konnte. Aber
allmaehlich entwuchs die Insassenschaft diesen Fesseln; sie fingen an, in
eigenem Namen zu erwerben und zu veraeussern und ohne die formelle Vermittlung
ihres Patrons von den roemischen Buergergerichten Recht anzusprechen und zu
erhalten. In Ehe und Erbrecht ward die Rechtsgleichheit mit den Buergern zwar
weit eher den Auslaendern gestattet als diesen keiner Gemeinde angehoerigen,
eigentlich unfreien Leuten; aber es konnte denselben doch nicht wohl gewehrt
werden, in ihrem eigenen Kreise Ehen einzugehen und die daran sich knuepfenden
Rechtsverhaeltnisse der eheherrlichen und vaeterlichen Gewalt, der Agnation und
des Geschlechts, der Erbschaft und der Vormundschaft, nach Art der
buergerrechtlichen zu gestalten.
----------------------------------------------------
^1 Habuit plebem in clientelas principum descriptam (Cic. rep. 2, 2).
----------------------------------------------------
Teilweise zu aehnlichen Folgen fuehrte die Ausuebung des Gastrechts,
insofern auf Grund desselben Auslaender sich auf die Dauer in Rom niederliessen
und dort eine Haeuslichkeit begruendeten. In dieser Hinsicht muessen seit
uralter Zeit die liberalsten Grundsaetze in Rom bestanden haben. Das roemische
Recht weiss weder von Erbgutsqualitaet noch von Geschlossenheit der
Liegenschaften und gestattet einesteils jedem dispositionsfaehigen Mann bei
seinen Lebzeiten vollkommen unbeschraenkte Verfuegung ueber sein Vermoegen,
anderseits, soviel wir wissen, jedem, der ueberhaupt zum Verkehr mit roemischen
Buergern befugt war, selbst dem Fremden und dem Klienten, das unbeschraenkte
Recht bewegliches und, seitdem Immobilien ueberhaupt im Privateigentum stehen
konnten, in gewissen Schranken auch unbewegliches Gut in Rom zu erwerben. Es ist
eben Rom eine Handelsstadt gewesen, die, wie sie den Anfang ihrer Bedeutung dem
internationalen Verkehr verdankte, so auch das Niederlassungsrecht mit
grossartiger Freisinnigkeit jedem Kinde ungleicher Ehe, jedem freigelassenen
Knecht, jedem nach Rom unter Aufgebung seines Heimatrechts uebersiedelnden
Fremden gewaehrt hat.
Anfaenglich waren also die Buerger in der Tat die Schutzherren, die
Nichtbuerger die Geschuetzten; allein wie in allen Gemeinden, die die Ansiedlung
freigeben und das Buergerrecht schliessen, ward es auch in Rom bald schwer und
wurde immer schwerer, dieses rechtliche Verhaeltnis mit dem faktischen Zustand
in Harmonie zu erhalten. Das Aufbluehen des Verkehrs, die durch das latinische
Buendnis allen Latinern gewaehrleistete volle privatrechtliche Gleichstellung
mit Einschluss selbst der Erwerbung von Grundbesitz, die mit dem Wohlstand
steigende Haeufigkeit der Freilassungen mussten schon im Frieden die Zahl der
Insassen unverhaeltnismaessig vermehren. Es kam dazu der groessere Teil der
Bevoelkerung der mit den Waffen bezwungenen und Rom inkorporierten
Nachbarstaedte, welcher, mochte er nun nach Rom uebersiedeln oder in seiner
alten, zum Dorf herabgesetzten Heimat verbleiben, in der Regel wohl sein eigenes
Buergerrecht mit roemischem Metoekenrecht vertauschte. Dazu lastete der Krieg
ausschliesslich auf den Altbuergern und lichtete bestaendig die Reihen der
patrizischen Nachkommenschaft, waehrend die Insassen an dem Erfolg der Siege
Anteil hatten, ohne mit ihrem Blute dafuer zu bezahlen.
Unter solchen Verhaeltnissen ist es nur befremdlich, dass das roemische
Patriziat nicht noch viel schneller zusammenschwand, als es in der Tat der Fall
war. Dass er noch laengere Zeit eine zahlreiche Gemeinde blieb, davon ist der
Grund schwerlich zu suchen in der Verleihung des roemischen Buergerrechts an
einzelne ansehnliche auswaertige Geschlechter, die nach dem Austritt aus ihrer
Heimat oder nach der Ueberwindung ihrer Stadt das roemische Buergerrecht
empfingen - denn diese Verleihungen scheinen von Anfang an sparsam erfolgt und
immer seltener geworden zu sein, je mehr das roemische Buergerrecht im Preise
stieg. Von groesserer Bedeutung war vermutlich die Einfuehrung der Zivilehe,
wonach das von patrizischen, als Eheleute wenn auch ohne Konfarreation
zusammenlebenden Eltern erzeugte Kind volles Buergerrecht erwarb, so gut wie das
in konfarreierter Ehe erzeugte; es ist wenigstens wahrscheinlich, dass die schon
vor den Zwoelf Tafeln in Rom bestehende, aber doch gewiss nicht urspruengliche
Zivilehe eben eingefuehrt ward, um das Zusammenschwinden des Patriziats zu
hemmen ^2. Auch die Massregeln, durch welche bereits in aeltester Zeit auf die
Erhaltung einer zahlreichen Nachkommenschaft in den einzelnen Haeusern
hingewirkt ward, gehoeren in diesen Zusammenhang.
-------------------------------------------------------
^2 Die Bestimmungen der Zwoelf Tafeln ueber den Usus zeigen deutlich, dass
dieselben die Zivilehe bereits vorfanden. Ebenso klar geht das hohe Alter der
Zivilehe daraus hervor, dass auch sie so gut wie die religioese Ehe die
eheherrliche Gewalt notwendig in sich schloss und von der religioesen Ehe
hinsichtlich der Gewalterwerbung nur darin abwich, dass die religioese Ehe
selbst als eigentuemliche und rechtlich notwendige Erwerbsform der Frau galt,
wogegen zu der Zivilehe eine der anderweitigen allgemeinen Formen des
Eigentumserwerbs, Uebergabe von seiten der Berechtigten oder auch Verjaehrung,
hinzutreten musste, um eine gueltige eheherrliche Gewalt zu begruenden.
------------------------------------------------------
Nichtsdestoweniger war notwendigerweise die Zahl der Insassen in
bestaendigem und keiner Minderung unterliegendem Wachsen begriffen, waehrend die
der Buerger sich im besten Fall nicht vermindern mochte; und infolgedessen
erhielten die Insassen unmerklich eine andere und freiere Stellung. Die
Nichtbuerger waren nicht mehr bloss entlassene Knechte und schutzbeduerftige
Fremde; es gehoerten dazu die ehemaligen Buergerschaften der im Krieg
unterlegenen latinischen Gemeinden und vor allen Dingen die latinischen
Ansiedler, die nicht durch Gunst des Koenigs oder eines anderen Buergers,
sondern nach Bundesrecht in Rom lebten. Vermoegensrechtlich unbeschraenkt
gewannen sie Geld und Gut in der neuen Heimat und vererbten gleich dem Buerger
ihren Hof auf Kinder und Kindeskinder. Auch die drueckende Abhaengigkeit von den
einzelnen Buergerhaeusern lockerte sich allmaehlich. Stand der befreite Knecht,
der eingewanderte Fremde noch ganz isoliert im Staate, so galt dies schon nicht
mehr von seinen Kindern, noch weniger von den Enkeln, und die Beziehungen zu dem
Patron traten damit von selbst immer mehr zurueck. War in aelterer Zeit der
Klient ausschliesslich fuer den Rechtsschutz angewiesen auf die Vermittlung des
Patrons, so musste, je mehr der Staat sich konsolidierte und folgeweise die
Bedeutung der Geschlechtsvereine und der Haeuser sank, desto haeufiger auch ohne
Vermittlung des Patrons vom Koenig dem einzelnen Klienten Rechtsfolge und
Abhilfe der Unbill gewaehrt werden. Eine grosse Zahl der Nichtbuerger,
namentlich die Mitglieder der aufgeloesten latinischen Gemeinden, standen
ueberhaupt, wie schon gesagt ward, wahrscheinlich von Haus aus nicht in der
Klientel der koeniglichen und der sonstigen grossen Geschlechter und gehorchten
dem Koenig ungefaehr in gleicher Art wie die Buerger. Dem Koenig, dessen
Herrschaft ueber die Buerger denn doch am Ende abhing von dem guten Willen der
Gehorchenden, musste es willkommen sein, in diesen wesentlich von ihm
abhaengigen Schutzleuten sich eine ihm naeher verpflichtete Genossenschaft zu
bilden.
So erwuchs neben der Buergerschaft eine zweite roemische Gemeinde; aus den
Klienten ging die Plebs hervor. Dieser Namenwechsel ist charakteristisch;
rechtlich ist kein Unterschied zwischen dem Klienten und dem Plebejer, dem
Hoerigen und dem Manne aus dem Volk, faktisch aber ein sehr bedeutender, indem
jene Bezeichnung das Schutzverhaeltnis zu einem der politisch berechtigten
Gemeindeglieder, diese bloss den Mangel der politischen Rechte hervorhebt. Wie
das Gefuehl der besonderen Abhaengigkeit zuruecktrat, draengte das der
politischen Zuruecksetzung den freien Insassen sich auf; und nur die ueber allen
gleichmaessig waltende Herrschaft des Koenigs verhinderte das Ausbrechen des
politischen Kampfes zwischen der berechtigten und der rechtlosen Gemeinde.
Der erste Schritt zur Verschmelzung der beiden Volksteile geschah indes
schwerlich auf dem Wege der Revolution, den jener Gegensatz vorzuzeichnen
schien. Die Verfassungsreform, die ihren Namen traegt vom Koenig Servius
Tullius, liegt zwar ihrem geschichtlichen Ursprung nach in demselben Dunkel, wie
alle Ereignisse einer Epoche, von der wir, was wir wissen, nicht durch
historische Ueberlieferung, sondern nur durch Rueckschluesse aus den spaeteren
Institutionen wissen; aber ihr Wesen zeugt dafuer, dass nicht die Plebejer sie
gefordert haben koennen, denen die neue Verfassung nur Pflichten, nicht Rechte
gab. Sie muss vielmehr entweder der Weisheit eines der roemischen Koenige ihren
Ursprung verdanken oder auch dem Draengen der Buergerschaft auf Befreiung von
der ausschliesslichen Belastung und auf Zuziehung der Nichtbuerger teils zu der
Besteuerung, das heisst zu der Verpflichtung, dem Staat im Notfall
vorzuschiessen (dem Tributum), und zu den Fronden, teils zu dem Aufgebot. Beides
wird in der Servianischen Verfassung zusammengefasst, ist aber schwerlich
gleichzeitig erfolgt. Ausgegangen ist die Heranziehung der Nichtbuerger
vermutlich von den oekonomischen Lasten: es wurden diese frueh auch auf die
"Begueterten" (locupletes) oder die "stetigen Leute" (adsidui) erstreckt, und
nur die gaenzlich Vermoegenslosen, die "Kinderzeuger" (proletarii, capite censi)
blieben davon frei. Weiter folgte die politisch wichtigere Heranziehung der
Nichtbuerger zu der Wehrpflicht. Diese wurde fortan, statt auf die Buergerschaft
als solche, gelegt auf die Grundbesitzer, die tribules, mochten sie Buerger oder
bloss Insassen sein; die Heeresfolge wurde aus einer persoenlichen zu einer
Reallast. Im einzelnen war die Ordnung folgende. Pflichtig zum Dienst war jeder
ansaessige Mann vom achtzehnten bis zum sechzigsten Lebensjahr mit Einschluss
der Hauskinder ansaessiger Vaeter, ohne Unterschied der Geburt; so dass selbst
der entlassene Knecht zu dienen hatte, wenn er ausnahmsweise zu Grundbesitz
gelangt war. Auch die grundbesitzenden Latiner - anderen Auslaendern war der
Erwerb roemischen Bodens nicht gestattet - wurden zum Dienst herangezogen,
sofern sie, was ohne Zweifel bei den meisten derselben der Fall war, auf
roemischem Gebiet ihren Wohnsitz genommen hatten. Nach der Groesse der
Grundstuecke wurde die kriegstuechtige Mannschaft eingeteilt in die
Volldienstpflichtigen oder die Vollhufener, welche in vollstaendiger Ruestung
erscheinen mussten und insofern vorzugsweise das Kriegsheer (classis) bildeten,
waehrend von den vier folgenden Reihen der kleineren Grundbesitzer, den
Besitzern von Dreivierteln, Haelften, Vierteln und Achteln einer ganzen
Bauernstelle, zwar auch die Erfuellung der Dienstpflicht, nicht aber die volle
Armierung verlangt ward, und sie also unterhalb des Vollsatzes (infra classem)
standen. Nach der damaligen Verteilung des Bodens waren fast die Haelfte der
Bauernstellen Vollhufen, waehrend die Dreiviertel-, Halb- und Viertelhufener
jede knapp, die Achtelhufener reichlich ein Achtel der Ansaessigen ausmachten;
weshalb festgesetzt ward, dass fuer das Fussvolk auf achtzig Vollhufener je
zwanzig der drei folgenden und achtundzwanzig der letzten Reihe ausgehoben
werden sollten. Aehnlich verfuhr man bei der Reiterei: die Zahl der Abteilungen
wurde in dieser verdreifacht, und nur darin wich man hier ab, dass die bereits
bestehenden sechs Abteilungen mit den alten Namen (Tities, Ramnes, Luceres primi
und secundi) den Patriziern blieben, waehrend die zwoelf neuen hauptsaechlich
aus den Nichtbuergern gebildet wurden. Der Grund dieser Abweichung ist wohl
darin zu suchen, dass man damals die Fusstruppen fuer jeden Feldzug neu
formierte und nach der Heimkehr entliess, dagegen die Reiter mit ihren Rossen
aus militaerischen Ruecksichten auch im Frieden zusammengehalten wurden und
regelmaessige Uebungen hielten, die als Festlichkeiten der roemischen
Ritterschaft bis in die spaeteste Zeit fortbestanden ^3. So liess man denn auch
bei dieser Reform den einmal bestehenden Schwadronen ihre hergebrachten Namen.
Um auch die Reiterei jedem Buerger zugaenglich zu machen, wurden die
unverheirateten Frauen und die unmuendigen Waisen, soweit sie Grundbesitz
hatten, angehalten, anstatt des eigenen Dienstes einzelnen Reitern die Pferde -
jeder Reiter hatte deren zwei - zu stellen und zu fuettern. Im ganzen kam auf
neun Fusssoldaten ein Reiter; doch wurden beim effektiven Dienst die Reiter mehr
geschont.
----------------------------------------------------
^3 Aus demselben Grund wurde bei der Steigerung des Aufgebots nach dem
Eintritt der Huegelroemer die Ritterschaft verdoppelt, bei der Fussmannschaft
aber statt der einfachen Lese eine Doppellegion einberufen.
-----------------------------------------------------
Die nicht ansaessigen Leute (adcensi, neben dem Verzeichnis der
Wehrpflichtigen stehende Leute) hatten zum Heere die Werk- und Spielleute zu
stellen sowie eine Anzahl Ersatzmaenner, die unbewaffnet (velati) mit dem Heer
zogen und, wenn im Felde Luecken entstanden, mit den Waffen der Kranken und
Gefallenen ausgeruestet in die Reihe eingestellt wurden.
Zum Behuf der Aushebung des Fussvolks wurde die Stadt eingeteilt in vier
"Teile" (tribus) wodurch die alte Dreiteilung wenigstens in ihrer lokalen
Bedeutung beseitigt ward: den palatinischen, der die Anhoehe gleiches Namens
nebst der Velia in sich schloss; den der Subura, dem die Strasse dieses Namens,
die Carinen und der Caelius angehoerten; den esquilinischen; und den
collinischen, den der Quirinal und Viminal, die "Huegel" im Gegensatz der
"Berge" des Kapitol und Palatin, bildeten. Von der Bildung dieser Distrikte ist
bereits frueher die Rede gewesen und gezeigt, in welcher Weise dieselben aus der
alten palatinischen und quirinalischen Doppelstadt hervorgegangen sind. In
welcher Weise es herbeigefuehrt worden ist, dass jeder ansaessige Buerger einem
dieser Stadtteile angehoerte, laesst sich nicht sagen; aber es war dies der
Fall, und dass die vier Distrikte ungefaehr gleiche Mannzahl hatten, ergibt sich
aus ihrer gleichmaessigen Anziehung bei der Aushebung. Ueberhaupt hat diese
Einteilung, die zunaechst auf den Boden allein und nur folgeweise auf die
Besitzer sich bezog, einen ganz aeusserlichen Charakter und namentlich ist ihr
niemals eine religioese Bedeutung zugekommen; denn dass in jedem Stadtdistrikt
eine gewisse Zahl der raetselhaften Argeerkapellen sich befanden, macht
dieselben ebensowenig zu sakralen Bezirken, als es die Gassen dadurch wurden,
dass in jeder ein Larenaltar errichtet ward.
Jeder dieser vier Aushebungsdistrikte hatte annaehernd den vierten Teil wie
der ganzen Mannschaft, so jeder einzelnen militaerischen Abteilung zu stellen,
sodass jede Legion und jede Zenturie gleich viel Konskribierte aus jedem Bezirk
zaehlte, um alle Gegensaetze gentilizischer und lokaler Natur in dem einen und
gemeinsamen Gemeindeaufgebot aufzuheben und vor allem durch den maechtigen Hebel
des nivellierenden Soldatengeistes Insassen und Buerger zu einem Volke zu
verschmelzen.
Militaerisch wurde die waffenfaehige Mannschaft geschieden in ein erstes
und zweites Aufgebot, von denen jene, die "Juengeren", vom laufenden achtzehnten
bis zum vollendeten sechsundvierzigsten Jahre, vorwiegend zum Felddienst
verwandt wurden, waehrend die "Aelteren" die Mauern daheim schirmten. Die
militaerische Einheit ward in der Infanterie die jetzt verdoppelte Legion, eine
vollstaendig nach alter dorischer Art gereihte und geruestete Phalanx von
sechstausend Mann, die sechs Glieder hoch eine Front von tausend
Schwergeruesteten bildete; wozu dann noch 2400 "Ungeruestete" (velites, s. 1,
84, A.) kamen. Die vier ersten Glieder der Phalanx, die classis, bildeten die
vollgeruesteten Hopliten der Vollhufener, im fuenften und sechsten standen die
minder geruesteten Bauern der zweiten und dritten Abteilung; die beiden letzten
traten als letzte Glieder zu der Phalanx hinzu oder kaempften daneben als
Leichtbewaffnete. Fuer die leichte Ausfuellung zufaelliger Luecken, die der
Phalanx so verderblich sind, war gesorgt. Es standen also in derselben 84
Zenturien oder 8400 Mann, davon 6000 Hopliten, 4000 der ersten, je 1000 der
beiden folgenden Abteilungen, ferner 2400 Leichte, davon 1000 der vierten, 1200
der fuenften Abteilung; ungefaehr stellte jeder Aushebungsbezirk zu der Phalanx
2100, zu jeder Zenturie 25 Mann. Diese Phalanx war das zum Ausruecken bestimmte
Heer, waehrend die gleiche Truppenmacht auf die fuer die Stadtverteidigung
zurueckbleibenden Aelteren gerechnet wurde; wodurch also der Normalbestand des
Fussvolks auf 16800 Mann kam, 80 Zenturien der ersten, je 20 der drei folgenden,
28 der letzten Abteilung; ungerechnet die beiden Zenturien Ersatzmannschaft
sowie die der Werk- und die der Spielleute. Zu allen diesen kam die Reiterei,
welche aus 1800 Pferden bestand; dem ausrueckenden Heer ward indes oft nur der
dritte Teil der Gesamtzahl beigegeben. Der Normalbestand des roemischen Heeres
ersten und zweiten Aufgebots stieg sonach auf nahe an 20000 Mann; welche Zahl
dem Effektivbestand der roemischen Waffenfaehigen, wie er war zur Zeit der
Einfuehrung dieser neuen Organisation, unzweifelhaft im allgemeinen entsprochen
haben wird. Bei steigender Bevoelkerung wurde nicht die Zahl der Zenturien
vermehrt, sondern man verstaerkte durch zugegebene Leute die einzelnen
Abteilungen, ohne doch die Grundzahl ganz fallen zu lassen; wie denn die
roemischen der Zahl nach geschlossenen Korporationen ueberhaupt haeufig durch
Aufnahme ueberzaehliger Mitglieder die ihnen gesetzte Schranke umgingen.
Mit dieser neuen Heeresordnung Hand in Hand ging die sorgfaeltigere
Beaufsichtigung des Grundbesitzes von seiten des Staats. Es wurde entweder jetzt
eingefuehrt oder doch sorgfaeltiger bestimmt, dass ein Erdbuch angelegt werde,
in welchem die einzelnen Grundbesitzer ihre Aecker mit dem Zubehoer, den
Gerechtigkeiten, den Knechten, den Zug- und Lasttieren verzeichnen lassen
sollten. Jede Veraeusserung, die nicht offenkundig und vor Zeugen geschah, wurde
fuer nichtig erklaert und eine Revision des Grundbesitzregisters, das zugleich
Aushebungsrolle war, in jedem vierten Jahre vorgeschrieben. So sind aus der
servianischen Kriegsordnung die Manzipation und der Zensus hervorgegangen.
Augenscheinlich ist diese ganze Institution von Haus aus militaerischer
Natur. In dem ganzen weitlaeufigen Schema begegnet auch nicht ein einziger Zug,
der auf eine andere als die rein kriegerische Bestimmung der Zenturien hinwiese;
und dies allein muss fuer jeden, der in solchen Dingen zu denken gewohnt ist,
genuegen, um ihre Verwendung zu politischen Zwecken fuer spaetere Neuerung zu
erklaeren. Wenn, wie wahrscheinlich, in aeltester Zeit, wer das sechzigste Jahr
ueberschritten hat, von den Zenturien ausgeschlossen ist, so hat dies keinen
Sinn, sofern dieselben von Anfang an bestimmt waren, gleich und neben den Kurien
die Buergergemeinde zu repraesentieren. Indes wenn auch die Zenturienordnung
lediglich eingefuehrt ward, um die Schlagfertigkeit der Buergschaft durch die
Beziehung der Insassen zu steigern, und insofern nichts verkehrter ist, als die
Servianische Ordnung fuer die Einfuehrung der Timokratie in Rom auszugeben, so
wirkte doch folgeweise die neue Wehrpflichtigkeit der Einwohnerschaft auch auf
ihre politische Stellung wesentlich zurueck. Wer Soldat werden muss, muss auch
Offizier werden koennen, solange der Staat nicht faul ist; ohne Frage konnten in
Rom jetzt auch Plebejer zu Centurionen und Kriegstribunen ernannt werden. Wenn
ferner auch der bisherigen in den Kurien vertretenen Buergerschaft durch die
Zenturieninstitution der Sonderbesitz der politischen Rechte nicht geschmaelert
werden sollte, so mussten doch unvermeidlich diejenigen Rechte, welche die
bisherige Buergerschaft nicht als Kurienversammlung, sondern als Buergeraufgebot
geuebt hatte, uebergehen auf die neuen Buerger- und Insassenzenturien. Die
Zenturien also sind es fortan, die der Koenig vor dem Beginn eines
Angriffskrieges um ihre Einwilligung zu befragen hat. Es ist wichtig der
spaeteren Entwicklung wegen, diese ersten Ansaetze zu einer Beteiligung der
Zenturien an den oeffentlichen Angelegenheiten zu bezeichnen; allein zunaechst
trat der Erwerb dieser Rechte durch die Zenturien mehr folgeweise ein, als dass
er geradezu beabsichtigt worden waere, und nach wie vor der Servianischen Reform
galt die Kurienversammlung als die eigentliche Buergergemeinde, deren Huldigung
das ganze Volk dem Koenig verpflichtete. Neben diesen neuen grundsaessigen
Vollbuergern standen die angesessenen Auslaender aus dem verbuendeten Latium als
teilnehmend an den oeffentlichen Lasten, der Steuer und den Fronden (daher
municipes); waehrend die ausser den Tribus stehenden, nicht ansaessigen und des
Wehr- und Stimmrechts entbehrenden Buerger nur als steuerpflichtig (aerarii) in
Betracht kommen.
Hatte man somit bisher nur zwei Klassen der Gemeindeglieder: Buerger und
Schutzverwandte unterschieden, so stellten jetzt sich diese drei politischen
Klassen fest, die viele Jahrhunderte hindurch das roemische Staatsrecht
beherrscht haben.
Wann und wie diese neue militaerische Organisation der roemischen Gemeinde
ins Leben trat, darueber sind nur Vermutungen moeglich. Sie setzt die vier
Quartiere voraus, das heisst, die Servianische Mauer musste gezogen sein, bevor
die Reform stattfand. Aber auch das Stadtgebiet musste schon seine
urspruengliche Grenze betraechtlich ueberschritten haben, wenn es 8000 volle
ebensoviel Teilhufener oder Hufenersoehne stellen konnte. Wir kennen zwar den
Flaechenraum der vollen roemischen Bauernstelle nicht, allein es wird nicht
moeglich sein, sie unter 20 Morgen anzusetzen ^4; rechnen wir als Minimum 10000
Vollhufen, so wuerden diese einen Flaechenraum von 9 deutschen Quadratmeilen
Ackerland voraussetzen, wonach, wenn man Weide, Haeuserraum und nicht
kulturfaehigen Boden noch so maessig in Ansatz bringt, das Gebiet zu der Zeit,
wo diese Reform durchgefuehrt ward, mindestens eine Ausdehnung von 20
Quadratmeilen, wahrscheinlich aber eine noch betraechtlichere, gehabt haben
muss. Folgt man der Ueberlieferung, so muesste man gar eine Zahl von 84000
ansaessigen und waffenfaehigen Buergern annehmen; denn so viel soll Servius bei
dem ersten Zensus gezaehlt haben. Indes dass diese Zahl fabelhaft ist, zeigt ein
Blick auf die Karte; auch ist sie nicht wahrhaft ueberliefert, sondern
vermutungsweise berechnet, indem die 16800 Waffenfaehigen des Normalstandes der
Infanterie nach einem durchschnittlichen die Familie zu fuenf Koepfen
ansetzenden Ueberschlag eine Zahl von 84000 Buergern zu ergeben schienen und
diese Zahl mit der der Waffenfaehigen verwechselt ward. Aber auch nach jenen
maessigeren Saetzen ist bei einem Gebiet von etwa 16000 Hufen mit einer
Bevoelkerung von nahe an 20000 Waffenfaehigen und mindestens der dreifachen Zahl
von Frauen, Kindern und Greisen, nicht grundsaessigen Leuten und Knechten
notwendig anzunehmen, dass nicht bloss die Gegend zwischen Tiber und Anio
gewonnen, sondern auch die albanische Mark erobert war, bevor die Servianische
Verfassung festgestellt wurde; womit denn auch die Sage uebereinstimmt. Wie das
Verhaeltnis der Patrizier und Plebejer im Heere sich der Zahl nach urspruenglich
gestellt hat, ist nicht zu ermitteln.
----------------------------------------------------------
^4 Schon um 480 erschienen Landlose von sieben Morgen (Val. Max. 3, 3, 5;
Colum. 1 praef. 14, 1, 3, 11; Plin. nat. 18,3,18; vierzehn Morgen: Ps. Aur.
Vict. 33; Plut. apophth. reg. et imp. p. 235 Duebner, wonach Plut. Crass. 2 zu
berichtigen ist) den Empfaengern klein.
Die Vergleichung der deutschen Verhaeltnisse ergibt dasselbe. Jugerum und
Morgen, beide urspruenglich mehr Arbeits- als Flaechenmasse, koennen angesehen
werden als urspruenglich identisch. Wenn die deutsche Hufe regelmaessig aus 30,
nicht selten auch aus 20 oder 40 Morgen bestand, und die Hofstaette haeufig,
wenigstens bei den Angelsachsen, ein Zehntel der Hufe betrug, so wird bei
Beruecksichtigung der klimatischen Verschiedenheit und des roemischen Heredium
von zwei Morgen die Annahme einer roemischen Hufe von 20 Morgen den
Verhaeltnissen angemessen erscheinen. Freilich bleibt es zu bedauern, dass die
Ueberlieferung uns eben hier im Stich laesst.
-------------------------------------------------------
Im allgemeinen aber ist es einleuchtend einerseits, dass diese Servianische
Institution nicht hervorgegangen ist aus dem Staendekampf, sondern dass sie den
Stempel eines reformierenden Gesetzgebers an sich traegt gleich der Verfassung
des Lykurgos, des Solon, des Zaleukos, anderseits, dass sie entstanden ist unter
griechischem Einfluss. Einzelne Analogien koennen truegen, wie zum Beispiel die
schon von den Alten hervorgehobene, dass auch in Korinth die Ritterpferde auf
die Witwen und Waisen angewiesen wurden; aber die Entlehnung der Ruestung wie
der Gliederstellung von dem griechischen Hoplitensystem ist sicher kein
zufaelliges Zusammentreffen. Erwaegen wir nun, dass eben im zweiten Jahrhundert
der Stadt die griechischen Staaten in Unteritalien von der reinen
Geschlechterverfassung fortschritten zu einer modifizierten, die das
Schwergewicht in die Haende der Besitzenden legte ^5, so werden wir hierin den
Anstoss erkennen, der in Rom die Servianische Reform hervorrief, eine im
wesentlichen auf demselben Grundgedanken beruhende und nur durch die streng
monarchische Form des roemischen Staats in etwas abweichende Bahnen gelenkte
Verfassungsaenderung.
---------------------------------------------
^5 Auch die Analogie zwischen der sogenannten Servianischen Verfassung und
der Behandlung der attischen Metoeken verdient hervorgehoben zu werden. Athen
hat eben wie Rom verhaeltnismaessig frueh den Insassen die Tore geoeffnet und
dann auch dieselben zu den Lasten des Staates mit herangezogen. Je weniger hier
ein unmittelbarer Zusammenhang angenommen werden kann, desto bestimmter zeigt es
sich, wie dieselben Ursachen - staedtische Zentralisierung und staedtische
Entwicklung - ueberall und notwendig die gleichen Folgen herbeifuehren.
---------------------------------------------
7. Kapitel
Roms Hegemonie in Latium
An Fehden unter sich und mit den Nachbarn wird es der tapfere und
leidenschaftliche Stamm der Italiker niemals haben fehlen lassen; mit dem
Aufbluehen des Landes und der steigenden Kultur muss die Fehde allmaehlich in
den Krieg, der Raub in die Eroberung uebergegangen sein und politische Maechte
angefangen haben, sich zu gestalten. Indes von jenen fruehesten Raufhaendeln und
Beutezuegen, in denen der Charakter der Voelker sich bildet und sich aeusserst
wie in den Spielen und Fahrten des Knaben der Sinn des Mannes, hat kein
italischer Homer uns ein Abbild aufbewahrt; und ebensowenig gestattet uns die
geschichtliche Ueberlieferung, die aeussere Entwicklung der Machtverhaeltnisse
der einzelnen latinischen Gaue auch nur mit annaehernder Genauigkeit zu
erkennen. Hoechstens von Rom laesst die Ausdehnung seiner Macht und seines
Gebietes sich einigermassen verfolgen. Die nachweislich aeltesten Grenzen der
vereinigten roemischen Gemeinde sind bereits angegeben worden; sie waren
landeinwaerts durchschnittlich nur etwa eine deutsche Meile von dem Hauptort des
Gaus entfernt und erstreckten sich einzig gegen die Kueste zu bis an die etwas
ueber drei deutsche Meilen von Rom entfernte Tibermuendung (Ostia). "Groessere
und kleinere Voelkerschaften", sagt Strabon in der Schilderung des aeltesten
Rom, "umschlossen die neue Stadt, von denen einige in unabhaengigen Ortschaften
wohnten und keinem Stammverband botmaessig waren". Auf Kosten zunaechst dieser
stammverwandten Nachbarn scheinen die aeltesten Erweiterungen des roemischen
Gebietes erfolgt zu sein.
Die am oberen Tiber und zwischen Tiber und Anio gelegenen latinischen
Gemeinden Antemnae, Crustumerium, Ficulnea, Medullia, Caenina, Corniculum,
Cameria, Collatia drueckten am naechsten und empfindlichsten auf Rom und
scheinen schon in fruehester Zeit durch die Waffen der Roemer ihre
Selbstaendigkeit eingebuesst zu haben. Als selbstaendige Gemeinde erscheint in
diesem Bezirk spaeter nur Nomentum, das vielleicht durch Buendnis mit Rom seine
Freiheit rettete; um den Besitz von Fidenae, dem Brueckenkopf der Etrusker am
linken Ufer des Tiber, kaempften Latiner und Etrusker, das heisst Roemer und
Veienter mit wechselndem Erfolg. Gegen Gabii, das die Ebene zwischen dem Anio
und den Albaner Bergen innehatte, stand der Kampf lange Zeit im Gleichgewicht;
bis in die spaete Zeit hinab galt das gabinische Gewand als gleichbedeutend mit
dem Kriegskleid und der gabinische Boden als Prototyp des feindlichen Landes ^1.
Durch diese Eroberungen mochte das roemische Gebiet sich auf etwa 9
Quadratmeilen erweitert haben. Aber lebendiger als diese verschollenen Kaempfe
ist, wenn auch in sagenhaftem Gewande, der Folgezeit eine andere uralte
Waffentat der Roemer im Andenken geblieben: Alba, die alte heilige Metropole
Latiums, ward von roemischen Scharen erobert und zerstoert. Wie der
Zusammenstoss entstand und wie er entschieden ward, ist nicht ueberliefert; der
Kampf der drei roemischen gegen die drei albanischen Drillingsbrueder ist nichts
als eine personifizierte Bezeichnung des Kampfes zweier maechtiger und eng
verwandter Gaue, von denen wenigstens der roemische ein dreieiniger war. Wir
wissen eben nichts weiter als die nackte Tatsache der Unterwerfung und
Zerstoerung Albas durch Rom ^2.
----------------------------------------------------
^1 Ebenso charakteristisch sind die Verwuenschungsformeln fuer Gabii und
Fidenae (Macr. Sat. 3, 9), waehrend doch eine wirkliche geschichtliche
Verfluchung des Stadtbodens, wie sie bei Veii, Karthago, Fregellae in der Tat
stattgefunden hat, fuer diese Staedte nirgends nachweisbar und hoechst
unwahrscheinlich ist. Vermutlich waren alte Bannfluchformulare auf diese beiden
verhassten Staedte gestellt und wurden von spaeteren Antiquaren fuer
geschichtliche Urkunden gehalten.
^2 Aber zu bezweifeln, dass die Zerstoerung Albas in der Tat von Rom
ausgegangen sei wie es neulich von achtbarer Seite geschehen ist, scheint kein
Grund vorhanden. Es ist wohl richtig, dass der Bericht ueber Albas Zerstoerung
in seinen Einzelheiten eine Kette von Unwahrscheinlichkeiten und
Unmoeglichkeiten ist; aber das gilt eben von jeder in Sagen eingesponnenen
historischen Tatsache. Auf die Frage, wie sich das uebrige Latium zu dem Kampfe
zwischen Alba und Rom verhielt, haben wir freilich keine Antwort; aber die Frage
selbst ist falsch gestellt, denn es ist unerwiesen, dass die latinische
Bundesverfassung einen Sonderkrieg zweier latinischer Gemeinden schlechterdings
untersagte. Noch weniger widerspricht die Aufnahme einer Anzahl albischer
Familien in den roemischen Buergerverband der Zerstoerung Albas durch die
Roemer; warum soll es nicht in Alba eben wie in Capua eine roemische Partei
gegeben haben? Entscheidend duerfte aber der Umstand sein, dass Rom in
religioeser wie in politischer Hinsicht als Rechtsnachfolgerin von Alba
auftritt; welcher Anspruch nicht auf die Uebersiedelung einzelner Geschlechter,
sondern nur auf die Eroberung der Stadt sich gruenden konnte und gegruendet
ward.
----------------------------------------
Dass in der gleichen Zeit, wo Rom sich am Anio und auf dem Albaner Gebirge
festsetzte, auch Praeneste, welches spaeterhin als Herrin von acht benachbarten
Ortschaften erscheint, ferner Tibur und andere latinische Gemeinden in gleicher
Weise ihr Gebiet erweitert und ihre spaetere verhaeltnismaessig ansehnliche
Macht begruendet haben moegen, laesst sich vollends nur vermuten.
Mehr als die Kriegsgeschichten vermissen wir genaue Berichte ueber den
rechtlichen Charakter und die rechtlichen Folgen dieser aeltesten latinischen
Eroberungen. Im ganzen ist es nicht zu bezweifeln, dass sie nach demselben
Inkorporationssystem behandelt wurden, woraus die dreiteilige roemische Gemeinde
hervorgegangen war; nur dass die durch die Waffen zum Eintritt gezwungenen Gaue
nicht einmal, wie jene aeltesten drei, als Quartiere der neuen vereinigten
Gemeinde eine gewisse relative Selbstaendigkeit bewahrten, sondern voellig und
spurlos in dem Ganzen verschwanden (I, 99). Soweit die Macht des latinischen
Gaues reichte, duldete er in aeltester Zeit keinen politischen Mittelpunkt
ausser dem eigenen Hauptort, und noch weniger legte er selbstaendige
Ansiedlungen an, wie die Phoeniker und die Griechen es taten und damit in ihren
Kolonien vorlaeufig Klienten und kuenftige Rivalen der Mutterstadt erschufen. Am
merkwuerdigsten in dieser Hinsicht ist die Behandlung, die Ostia durch Rom
erfuhr: Die faktische Entstehung einer Stadt an dieser Stelle konnte und wollte
man nicht hindern, gestattete aber dem Orte keine politische Selbstaendigkeit
und gab darum den dort Angesiedelten kein Ortsbuerger-, sondern liess ihnen
bloss, wenn sie es bereits besassen, das allgemeine roemische Buergerrecht ^3.
Nach diesem Grundsatz bestimmte sich auch das Schicksal der schwaecheren Gaue,
die durch Waffengewalt oder auch durch freiwillige Unterwerfung einem staerkeren
untertaenig wurden. Die Festung des Gaues wurde geschleift, seine Mark zu der
Mark der Ueberwinder geschlagen, den Gaugenossen selbst wie ihren Goettern in
dem Hauptort des siegenden Gaues eine neue Heimat gegruendet. Eine foermliche
Uebersiedelung der Besiegten in die neue Hauptstadt, wie sie bei den
Staedtegruendungen im Orient Regel ist, wird man hierunter freilich nicht
unbedingt zu verstehen haben. Die Staedte Latiums konnten in dieser Zeit wenig
mehr sein als die Festungen und Wochenmaerkte der Bauern; im ganzen genuegte die
Verlegung des Markt- und Dingverkehrs an den neuen Hauptort. Dass selbst die
Tempel oft am alten Platze blieben, laesst sich an dem Beispiel von Alba und
Caenina dartun, welchen Staedten noch nach der Zerstoerung eine Art religioeser
Scheinexistenz geblieben sein muss. Selbst wo die Festigkeit des geschleiften
Ortes eine wirkliche Verpflanzung der Insassen erforderlich machte, wird man mit
Ruecksicht auf die Ackerbestellung dieselben haeufig in offenen Weilern ihrer
alten Mark angesiedelt haben. Dass indes nicht selten auch die ueberwundenen
alle oder zum Teil genoetigt wurden, sich in ihrem neuen Hauptort
niederzulassen, beweist besser als alle einzelnen Erzaehlungen aus der Sagenzeit
Latiums der Satz des roemischen Staatsrechts, dass nur, wer die Grenzen des
Gebietes erweitert habe, die Stadtmauer (das Pomerium) vorzuschieben befugt sei.
Natuerlich wurde den ueberwundenen, uebergesiedelt oder nicht, in der Regel das
Schutzverwandtenrecht aufgezwungen ^4; einzelne Geschlechter wurden aber auch
wohl mit dem Buergerrecht, das heisst dem Patriziat, beschenkt. Noch in der
Kaiserzeit kannte man die nach dem Fall ihrer Heimat in die roemische
Buergerschaft eingereihten albischen Geschlechter, darunter die Iulier,
Servilier, Quinctilier, Cloelier, Geganier, Curiatier, Metilier; das Andenken
ihrer Herkunft bewahrten ihre albischen Familienheiligtuemer, unter denen das
Geschlechterheiligtum der Iulier in Bovillae sich in der Kaiserzeit wieder zu
grossem Ansehen erhob.
------------------------------------------------
^3 Hieraus entwickelte sich der staatsrechtliche Begriff der See- oder
Buergerkolonie (colonia civium Romanorum), das heisst einer faktisch
gesonderten, aber rechtlich unselbstaendigen und willenlosen Gemeinde, die in
der Hauptstadt aufgeht wie im Vermoegen des Vaters das Peculium des Sohnes und
als stehende Besatzung vom Dienst in der Legion befreit ist.
^4 Darauf geht ohne Zweifel die Bestimmung der Zwoelf Tafeln: Nex[i
mancipiique] forti sanatique idem ius esto, d. h. es soll im privatrechtlichen
Verkehr dem Guten und dem Gebesserten gleiches Recht zustehen. An die
latinischen Bundesgenossen kann hier nicht gedacht sein, da deren rechtliche
Stellung durch die Bundesvertraege bestimmt wird und das Zwoelftafelgesetz
ueberhaupt nur vom Landrecht handelt; sondern die sanates sind die Latini prisci
cives Romani, das heisst die von den Roemern in das Plebejat genoetigten
Gemeinden Latiums.
------------------------------------------
Diese Zentralisierung mehrerer kleiner Gemeinden in einer groesseren war
natuerlich nichts weniger als eine spezifisch roemische Idee. Nicht bloss die
Entwicklung Latiums und der sabellischen Staemme bewegt sich um die Gegensaetze
der nationalen Zentralisation und der kantonalen Selbstaendigkeit, sondern es
gilt das gleiche auch von der Entwicklung der Hellenen. Es war dieselbe
Verschmelzung vieler Gaue zu einem Staat, aus der in Latium Rom und in Attika
Athen hervorging; und eben dieselbe Fusion war es, welche der weise Thales dem
bedraengten Bunde der ionischen Staedte als den einzigen Weg zur Rettung ihrer
Nationalitaet bezeichnete. Wohl aber ist es Rom gewesen, das diesen
Einheitsgedanken folgerichtiger, ernstlicher und gluecklicher festhielt als
irgendein anderer italischer Gau; und eben wie Athens hervorragende Stellung in
Hellas die Folge seiner fruehen Zentralisierung ist, so hat auch Rom seine
Groesse lediglich demselben hier noch weit energischer durchgefuehrten System zu
danken.
Wenn also die Eroberungen Roms in Latium im wesentlichen als gleichartige,
unmittelbare Gebiets- und Gemeindeerweiterungen betrachtet werden duerfen, so
kommt doch derjenigen von Alba noch eine besondere Bedeutung zu. Es sind nicht
bloss die problematische Groesse und der etwaige Reichtum der Stadt, welche die
Sage bestimmt haben, die Entnahme Albas in so besonderer Weise hervorzuheben.
Alba galt als die Metropole der latinischen Eidgenossenschaft und hatte die
Vorstandschaft unter den dreissig berechtigten Gemeinden. Die Zerstoerung Albas
hob natuerlich den Bund selbst so wenig auf wie die Zerstoerung Thebens die
boeotische Genossenschaft ^5; vielmehr nahm, dem streng privatrechtlichen
Charakter des latinischen Kriegsrechts vollkommen entsprechend, Rom jetzt als
Rechtsnachfolgerin von Alba dessen Bundesvorstandschaft in Anspruch. Ob und
welche Krisen der Anerkennung dieses Anspruchs vorhergingen oder nachfolgten,
vermoegen wir nicht anzugeben; im ganzen scheint man die roemische Hegemonie
ueber Latium bald und durchgaengig anerkannt zu haben, wenn auch einzelne
Gemeinden, wie zum Beispiel Labici und vor allem Gabii, zeitweilig sich ihr
entzogen haben moegen. Schon damals mochte Rom als seegewaltig der Landschaft,
als Stadt den Dorfschaften, als Einheitsstaat der Eidgenossenschaft
gegenueberstehen, schon damals nur mit und durch Rom die Latiner ihre Kuesten
gegen Karthager, Hellenen und Etrusker schirmen und ihre Landgrenze gegen die
unruhigen Nachbarn sabellischen Stammes behaupten und erweitern koennen. Ob der
materielle Zuwachs, den Rom durch die Ueberwaeltigung von Alba erhielt, groesser
war als die durch die Einnahme von Antemnae oder Collatia erlangte
Machtvermehrung, laesst sich nicht ausmachen; es ist sehr moeglich, dass Rom
nicht erst durch die Eroberung Albas die maechtigste latinische Gemeinde ward,
sondern schon lange vorher es war; aber was dadurch gewonnen ward, war die
Vorstandschaft bei dem latinischen Feste und damit die Grundlage der kuenftigen
Hegemonie der roemischen Gemeinde ueber die gesamte latinische
Eidgenossenschaft. Es ist wichtig, diese entscheidenden Verhaeltnisse so
bestimmt wie moeglich zu bezeichnen.
----------------------------------------------------
^5 Es scheint sogar aus einem Teile der albischen Mark die Gemeinde
Bovillae gebildet und diese an Albas Platz unter die autonomen latinischen
Staedte eingetreten zu sein. Ihren albischen Ursprung bezeugt der Iulierkult und
der Name Albani Longani Bovillenses (Orelli-Henzen 119, 2252, 6019); ihre
Autonomie Dionysios (5, 61) und Cicero (Planc. 9, 23).
---------------------------------------------------------------
Die Form der roemischen Hegemonie ueber Latium war im ganzen die eines
gleichen Buendnisses zwischen der roemischen Gemeinde einer- und der latinischen
Eidgenossenschaft anderseits, wodurch ein ewiger Landfriede in der ganzen Mark
und ein ewiges Buendnis fuer den Angriff wie fuer die Verteidigung festgestellt
ward. "Friede soll sein zwischen den Roemern und allen Gemeinden der Latiner,
solange Himmel und Erde bestehen; sie sollen nicht Krieg fuehren untereinander
noch Feinde ins Land rufen noch Feinden den Durchzug gestatten; dem
Angegriffenen soll Hilfe geleistet werden mit gesamter Hand und gleichmaessig
verteilt werden, was gewonnen ist im gemeinschaftlichen Krieg." Die verbriefte
Rechtsgleichheit im Handel und Wandel, im Kreditverkehr wie im Erbrecht,
verflocht die Interessen der schon durch die gleiche Sprache und Sitte
verbundenen Gemeinden noch durch die tausendfachen Beziehungen des
Geschaeftsverkehrs, und es ward damit etwas aehnliches erreicht wie in unserer
Zeit durch die Beseitigung der Zollschranken. Allerdings blieb jeder Gemeinde
formell ihr eigenes Recht; bis auf den Bundesgenossenkrieg war das latinische
Recht mit dem roemischen nicht notwendig identisch, und wir finden zum Beispiel,
dass die Klagbarkeit der Verloebnisse, die in Rom frueh abgeschafft ward, in den
latinischen Gemeinden bestehen blieb. Allein die einfache und rein
volkstuemliche Entwicklung des latinischen Rechtes und das Bestreben, die
Rechtsgleichheit moeglichst festzuhalten, fuehrten denn doch dahin, dass das
Privatrecht in Inhalt und Form wesentlich dasselbe war in ganz Latium. Am
schaerfsten tritt diese Rechtsgleichheit hervor in den Bestimmungen ueber den
Verlust und den Wiedergewinn der Freiheit des einzelnen Buergers. Nach einem
alten ehrwuerdigen Rechtssatz des latinischen Stammes konnte kein Buerger in dem
Staat, wo er frei gewesen war, Knecht werden oder innerhalb dessen das
Buergerrecht einbuessen; sollte er zur Strafe die Freiheit und, was dasselbe
war, das Buergerrecht verlieren, so musste er ausgeschieden werden aus dem Staat
und bei Fremden in die Knechtschaft eintreten. Diesen Rechtssatz erstreckte man
auf das gesamte Bundesgebiet; kein Glied eines der Bundesstaaten sollte als
Knecht leben koennen innerhalb der gesamten Eidgenossenschaft. Anwendungen davon
sind die in die Zwoelf Tafeln aufgenommene Bestimmung, dass der
zahlungsunfaehige Schuldner, wenn der Glaeubiger ihn verkaufen wolle, verkauft
werden muesse jenseits der Tibergrenze, das heisst ausserhalb des
Bundesgebietes, und die Klausel des zweiten Vertrags zwischen Rom und Karthago,
dass der von den Karthagern gefangene roemische Bundesgenosse frei sein solle,
so wie er einen roemischen Hafen betrete. Wenngleich allgemeine Ehegemeinschaft
innerhalb des Bundes wahrscheinlich nicht bestand, so sind dennoch Zwischenehen
zwischen den verschiedenen Gemeinden, wie dies schon frueher bemerkt worden ist,
haeufig vorgekommen. Die politischen Rechte konnte zunaechst jeder Latiner nur
da ausueben, wo er eingebuergert war; dagegen lag es im Wesen der
privatrechtlichen Gleichheit, dass jeder Latiner an jedem latinischen Orte sich
niederlassen konnte, oder, nach heutiger Terminologie, es bestand neben den
besonderen Buergerrechten der einzelnen Gemeinden ein allgemeines
eidgenoessisches Niederlassungsrecht; und seitdem der Plebejer in Rom als
Buerger anerkannt war, wandelte sich dieses Recht Rom gegenueber um in volle
Freizuegigkeit. Dass dies wesentlich zum Vorteil der Hauptstadt ausschlug, die
allein in Latium staedtischen Verkehr, staedtischen Erwerb, staedtische Genuesse
darzubieten hatte, und dass die Zahl der Insassen in Rom sich reissend schnell
vermehrte, seit die latinische Landschaft im ewigen Frieden mit Rom lebte, ist
begreiflich.
In Verfassung und Verwaltung blieb nicht bloss die einzelne Gemeinde
selbstaendig und souveraen, soweit nicht die Bundespflichten eingriffen,
sondern, was mehr bedeutet, es blieb dem Bunde der dreissig Gemeinden als
solchem Rom gegenueber die Autonomie. Wenn versichert wird, dass Albas Stellung
zu den Bundesgemeinden eine ueberlegenere gewesen sei als die Roms, und dass die
letzteren durch Albas Sturz die Autonomie erlangt haetten, so ist dies insofern
wohl moeglich, als Alba wesentlich Bundesglied war, Rom von Haus aus mehr als
Sonderstaat dem Bunde gegenueber als innerhalb desselben stand; aber es mag,
eben wie die Rheinbundstaaten formell souveraen waren, waehrend die deutschen
Reichsstaaten einen Herrn hatten, der Sache nach vielmehr Albas Vorstandschaft
gleich der des deutschen Kaisers ein Ehrenrecht, Roms Protektorat von Haus aus
wie das napoleonische eine Oberherrlichkeit gewesen sein. In der Tat scheint
Alba im Bundesrat den Vorsitz gefuehrt zu haben, waehrend Rom die latinischen
Abgeordneten selbstaendig, unter Leitung, wie es scheint, eines aus ihrer Mitte
gewaehlten Vorsitzenden, ihre Beratungen abhalten liess und sich begnuegte mit
der Ehrenvorstandschaft bei dem Bundesopferfest fuer Rom und Latium und mit der
Errichtung eines zweiten Bundesheiligtums in Rom, des Dianatempels auf dem
Aventin, so dass von nun an teils auf roemischem Boden fuer Rom und Latium,
teils auf latinischem fuer Latium und Rom geopfert ward. Nicht minder im
Interesse des Bundes war es, dass die Roemer in dem Vertrag mit Latium sich
verpflichteten, mit keiner latinischen Gemeinde ein Sonderbuendnis einzugehen -
eine Bestimmung, aus der die ohne Zweifel wohlbegruendete Besorgnis der
Eidgenossenschaft gegenueber der maechtigen leitenden Gemeinde sehr klar
heraussieht. Am deutlichsten zeigt sich die Stellung Roms nicht innerhalb,
sondern neben Latium in dem Kriegswesen. Die Bundesstreitmacht ward, wie die
spaetere Weise des Aufgebots unwidersprechlich zeigt, gebildet aus zwei gleich
starken Massen, einer roemischen und einer latinischen. Das Oberkommando stand
ein fuer allemal bei den roemischen Feldherren; Jahr fuer Jahr hatte der
latinische Zuzug vor den Toren Roms sich einzufinden und begruesste hier den
erwaehlten Befehlshaber durch Zuruf als seinen Feldherrn, nachdem die vom
latinischen Bundesrat dazu beauftragten Roemer sich aus der Beobachtung des
Voegelflugs der Zufriedenheit der Goetter mit der getroffenen Wahl versichert
hatten. Was im Bundeskrieg an Land und Gut gewonnen war, wurde nach dem Ermessen
der Roemer unter die Bundesglieder verteilt. Dass dem Ausland gegenueber die
roemisch-latinische Foederation nur durch Rom vertreten worden ist, laesst sich
nicht mit Sicherheit behaupten. Der Bundesvertrag untersagte weder Rom noch
Latium, auf eigene Hand einen Angriffskrieg zu beginnen; und wenn, sei es nach
Bundesschluss, sei es infolge eines feindlichen Ueberfalls, ein Bundeskrieg
gefuehrt ward, so mag bei der Fuehrung wie bei der Beendigung desselben auch der
latinische Bundesrat rechtlich beteiligt gewesen sein. Tatsaechlich freilich
wird Rom damals schon die Hegemonie besessen haben, wie denn, wo immer ein
einheitlicher Staat und ein Staatenbund in eine dauernde Verbindung zueinander
treten, das Uebergewicht auf die Seite von jenem zu fallen pflegt.
Wie nach Albas Fall Rom, jetzt sowohl die Herrin eines verhaeltnismaessig
bedeutenden Gebietes als auch vermutlich die fuehrende Macht innerhalb der
latinischen Eidgenossenschaft, sein unmittelbares und mittelbares Gebiet weiter
ausgedehnt hat, koennen wir nicht mehr verfolgen. Mit den Etruskern, zunaechst
den Veientern, hoerten die Fehden namentlich um den Besitz von Fidenae nicht
auf; es scheint aber nicht, dass es den Roemern gelang, diesen auf dem
latinischen Ufer des Flusses nur eine starke Meile von Rom gelegenen
etruskischen Vorposten dauernd in ihre Gewalt zu bringen und die Veienter aus
dieser gefaehrlichen Offensivbasis zu verdraengen. Dagegen behaupten sie sich,
wie es scheint, unangefochten im Besitz des Ianiculum und der beiden Ufer der
Tibermuendung. Den Sabinern und Aequern gegenueber erscheint Rom in einer mehr
ueberlegenen Stellung; von der spaeterhin so engen Verbindung mit den
entfernteren Hernikern werden wenigstens die Anfaenge schon in der Koenigszeit
bestanden und die vereinigten Latiner und Herniker ihre oestlichen Nachbarn von
zwei Seiten umfasst und niedergehalten haben. Der bestaendige Kriegsschauplatz
aber war die Suedgrenze, das Gebiet der Rutuler und mehr noch das der Volsker.
Nach dieser Richtung hat die latinische Landschaft sich am fruehesten erweitert,
und hier begegnen wir zuerst den von Rom und Latium in dem feindlichen Lande
begruendeten und als autonome Glieder der latinischen Eidgenossenschaft
konstituierten Gemeinden, den sogenannten latinischen Kolonien, von denen die
aeltesten noch in die Koenigszeit hineinzureichen scheinen. Wie weit indes das
roemische Machtgebiet um das Ende der Koenigszeit sich erstreckte, laesst sich
in keiner Weise bestimmen. Von Fehden mit den benachbarten latinischen und
volskischen Gemeinden ist in den roemischen Jahrbuechern der Koenigszeit genug
und nur zuviel die Rede; aber kaum duerften wenige einzelne Meldungen, wie etwa
die der Einnahme von Suessa in der pomptinischen Ebene, einen geschichtlichen
Kern enthalten. Dass die Koenigszeit nicht bloss die staatlichen Grundlagen Roms
gelegt, sondern auch nach aussen hin Roms Macht begruendet hat, laesst sich
nicht bezweifeln; die Stellung der Stadt Rom mehr gegenueber als in dem
latinischen Staatenbund ist bereits im Beginn der Republik entschieden gegeben
und laesst erkennen, dass in Rom schon in der Koenigszeit eine energische
Machtentfaltung nach aussen hin stattgefunden haben muss. Gewiss sind grosse
Taten, ungemeine Erfolge hier verschollen; aber der Glanz derselben ruht auf der
Koenigszeit Roms, vor allem auf dem koeniglichen Hause der Tarquinier, wie ein
fernes Abendrot, in dem die Umrisse verschwimmen.
So war der latinische Stamm im Zuge, sich unter der Fuehrung Roms zu
einigen und zugleich sein Gebiet nach Osten und Sueden hin zu erweitern; Rom
selbst aber war durch die Gunst der Geschicke und die Kraft der Buerger aus
einer regsamen Handels- und Landstadt der maechtige Mittelpunkt einer bluehenden
Landschaft geworden. Die Umgestaltung der roemischen Kriegsverfassung und die
darin im Keim enthaltene politische Reform, welche uns unter dem Namen der
Servianischen Verfassung bekannt ist, steht im engsten Zusammenhang mit dieser
innerlichen Umwandlung des roemischen Gemeindewesens. Aber auch aeusserlich
musste mit den reicher stroemenden Mitteln, mit den steigenden Anforderungen,
mit dem erweiterten politischen Horizont der Charakter der Stadt sich aendern.
Die Verschmelzung der quirinalischen Nebengemeinde mit der palatinischen muss
bereits vollzogen gewesen sein, als die sogenannte Servianische Reform
stattfand; seit in dieser die Buergerwehr sich in festen und einheitlichen
Formen zusammengenommen hatte, konnte die Buergerschaft nicht dabei beharren,
die einzelnen Huegel, wie sie nacheinander mit Gebaeuden sich gefuellt hatten,
zu verschanzen und etwa noch zur Beherrschung des Tiberlaufes die Flussinsel und
die Hoehe am entgegengesetzten Ufer besetzt zu halten. Die Hauptstadt von Latium
verlangte ein anderes und abgeschlossenes Verteidigungssystem: man schritt zu
dem Bau der Servianischen Mauer. Der neue, zusammenhaengende Stadtwall begann am
Fluss unterhalb des Aventin und umschloss diesen Huegel, an dem neuerdings
(1855) an zwei Stellen, teils am westlichen Abhang gegen den Fluss zu, teils an
dem entgegengesetzten oestlichen, die kolossalen Ueberreste dieser uralten
Befestigungen zum Vorschein gekommen sind, Mauerstuecke von der Hoehe derjenigen
von Alatri und Ferentino, aus maechtigen, viereckig behauenen Tuffbloecken
unregelmaessig geschichtet, die wiedererstandenen Zeugen einer gewaltigen
Epoche, deren Bauten in diesen Felswaenden unvergaenglich dastehen und deren
geistige Taten unvergaenglicher als diese in Ewigkeit fortwirken werden. Weiter
umfasste der Mauerring den Caelius und den ganzen Raum des Esquilin, Viminal und
Quirinal, wo ein ebenfalls erst vor kurzem (1862) wieder in groesseren Resten zu
Tage gekommener Bau, nach aussen von Peperinbloecken aufgesetzt und durch einen
vorgezogenen Graben geschuetzt, nach innen in einen maechtigen, gegen die Stadt
zu abgeboeschten und noch heute imponierenden Erddamm auslaufend, den Mangel der
natuerlichen Verteidigungsmittel ersetzte, lief von da zum Kapitol, dessen
steile Senkung gegen das Marsfeld zu einen Teil des Stadtwalls ausmachte, und
stiess oberhalb der Tiberinsel zum zweitenmal an den Fluss. Die Tiberinsel nebst
der Pfahlbruecke und das Ianiculum gehoerten nicht zur eigentlichen Stadt, wohl
aber war die letztere Hoehe ein befestigtes Vorwerk. Wenn ferner bisher der
Palatin die Burg gewesen war, so wurde dieser Huegel jetzt dem freien
staedtischen Anbau ueberlassen und dagegen auf dem nach allen Seiten hin
freistehenden und bei seinem maessigen Umfang leicht zu verteidigenden
tarpeischen Huegel die neue "Burg" (arx, capitolium) ^6 angelegt mit dem
Burgbrunnen, dem sorgfaeltig gefassten "Quellhaus" (tullianum), der Schatzkammer
(aerarium), dem Gefaengnis und dem aeltesten Versammlungsplatz der Buergerschaft
(area Capitolina), auf dem auch spaeter immer noch die regelmaessigen
Abkuendigungen der Mondzeiten stattgefunden haben. Privatwohnungen dauernder Art
sind dagegen in frueherer Zeit nicht auf dem Burghuegel geduldet worden ^7; und
der Raum zwischen den beiden Spitzen des Huegels, das Heiligtum des argen Gottes
(Ve-diovis) oder, wie die spaetere hellenisierende Epoche es nannte, das Asyl
war mit Wald bedeckt und vermutlich bestimmt, die Bauern mit ihren Herden
aufzunehmen, wenn Ueberschwemmung oder Krieg sie von der Ebene vertrieb. Das
Kapitol war dem Namen wie der Sache nach die Akropole Roms, ein selbstaendiges,
auch noch nach dem Fall der Stadt verteidigungsfaehiges Kastell, dessen Tor
wahrscheinlich nach dem spaeteren Markt zu gelegen hat ^8. In aehnlicher Weise,
wenn auch schwaecher, scheint der Aventin befestigt und der festen Ansiedelung
entzogen worden zu sein. Es haengt damit zusammen, dass fuer eigentlich
staedtische Zwecke, zum Beispiel fuer die Verteilung des zugeleiteten Wassers,
die roemische Stadtbewohnerschaft sich teilte in die eigentlichen Stadtbewohner
(montani) und in die innerhalb der allgemeinen Ringmauer gelegenen, aber doch
nicht zu der eigentlichen Stadt gerechneten Bezirke (pagani Aventinenses,
Ianiculenses, collegia Capitolinorum et Mercurialium) ^9. Der von der neuen
Stadtmauer umschlossene Raum umfasste also ausser der bisherigen palatinischen
und quirinalischen Stadt noch die beiden Bundesfestungen des Kapitol und des
Aventin, ferner das Ianiculum ^10; der Palatin als die eigentliche und aelteste
Stadt ward von den uebrigen Anhoehen, an denen die Mauer entlang gefuehrt war,
wie im Kranz umschlossen und von den beiden Kastellen in die Mitte genommen.
Aber das Werk war nicht vollstaendig, solange der mit schwerer Muehe vor dem
auswaertigen Feinde geschirmte Boden nicht auch dem Wasser abgewonnen war,
welches das Tal zwischen dem Palatin und dem Kapitol dauernd fuellte, sodass
hier vielleicht sogar eine Faehre bestand, und das Tal zwischen dem Kapitol und
der Velia sowie das zwischen Palatin und Aventin versumpfte. Die heute noch
stehenden, aus prachtvollen Quadern zusammengefuegten unterirdischen
Abzugsgraeben, welche die Spaeteren als ein Wunderwerk des koeniglichen Rom
anstaunten, duerften eher der folgenden Epoche angehoeren, da Travertin dabei
verwendet ist und vielfach von Neubauten daran in der republikanischen Zeit
erzaehlt wird; allein die Anlage selbst gehoert ohne Zweifel in die Koenigszeit,
wenngleich vermutlich in eine spaetere Epoche als die Anlage des Mauerrings und
der kapitolinischen Burg. Durch sie wurden an den entsumpften oder
trockengelegten Stellen oeffentliche Plaetze gewonnen, wie die neue Grossstadt
sie bedurfte. Der Versammlungsplatz der Gemeinde, bis dahin der kapitolinische
Platz auf der Burg selbst, ward verlegt auf die Flaeche, die von der Burg gegen
die Stadt sich senkte (comitium), und dehnte von dort zwischen dem Palatin und
den Carinen in der Richtung nach der Velia hin sich aus. An der der Burg
zugekehrten Seite der Dingstaette erhielten auf der nach Art eines Altanes ueber
die Dingstaette sich erhebenden Burgmauer die Ratsmitglieder und die Gaeste der
Stadt bei Festlichkeiten und Volksversammlungen den Ehrenplatz; und auf dem
Versammlungsplatz selbst wurde das Rathaus errichtet, das spaeter den Namen der
hostilischen Kurie fuehrte. Die Estrade fuer den Richterstuhl (tribunal) und die
Buehne, von wo aus zur Buergerschaft gesprochen ward (die spaeteren rostra),
wurden ebenfalls auf der Dingstaette selbst errichtet. Ihre Verlaengerung gegen
die Velia ward der neue Markt (forum Romanum). Am Ende desselben, unter dem
Palatin, erhob sich das Gemeindehaus, das die Amtswohnung des Koenigs (regia)
und den gemeinsamen Herd der Stadt, die Rotunde des Vestatempels, einschloss;
nicht weit davon, an der Suedseite des Marktes, ward ein dazu gehoeriges zweites
Rundgebaeude errichtet, die Kammer der Gemeinde oder der Tempel der Penaten, der
heute noch steht als Vorhalle der Kirche Santi Cosma e Damiano. Es ist
bezeichnend fuer die neu und in ganz anderer Art, als die Ansiedelung der
"sieben Berge" es gewesen war, geeinigte Stadt, dass neben und ueber die
dreissig Kurienherde, mit deren Vereinigung in einem Gebaeude das palatinische
Rom sich begnuegt hatte, in dem Servianischen dieser allgemeine und einheitliche
Stadtherd trat ^11. Laengs der beiden Langseiten des Marktes reihten sich die
Fleischbuden und andere Kauflaeden. In dem Tal zwischen Aventin und Palatin ward
fuer die Rennspiele der "Ring" abgesteckt; das ward der Circus. Unmittelbar am
Flusse ward der Rindermarkt angelegt und bald entstand hier eines der am
dichtesten bevoelkerten Quartiere. Auf allen Spitzen erhoben sich Tempel und
Heiligtuemer, vor allem auf dem Aventin das Bundesheiligtum der Diana und auf
der Hoehe der Burg der weithin sichtbare Tempel des Vater Diovis, der seinem
Volk all diese Herrlichkeit gewaehrt hatte und nun, wie die Roemer ueber die
umliegenden Nationen, so mit ihnen ueber die unterworfenen Goetter der Besiegten
triumphierte.
----------------------------------------
^6 Beide Namen, obwohl spaeter auch als Lokalnamen und zwar capitolium von
der nach dem Fluss, arx von der nach dem Quirinal zu liegenden Spitze des
Burghuegels gebraucht, sind urspruenglich, genau den griechischen akra und
koryph/e/ entsprechend, appellativ, wie denn jede latinische Stadt ihr
capitolium ebenfalls hat. Der Lokalname des roemischen Burghuegels ist mons
Tarpeius.
^7 Die Bestimmung, ne quis patricius in arce aut capitolio habitaret,
untersagte wohl nur die Umwandlung des Bodens in Privateigentum, nicht die
Anlegung der Wohnhaeuser. Vgl. W. A. Becker Topographie der Stadt Rom (Becker,
Handbuch, 1). Leipzig 1843, S. 386.
^8 Denn von hier fuehrte der Hauptweg, die "Heilige Strasse", auf die Burg
hinauf und in der Wendung, die diese bei dem Severusbogen nach links macht, ist
noch deutlich die Einbiegung auf das Tor zu erkennen. Dieses selbst wird in den
grossen Bauten, die spaeter am Clivus stattfanden, untergegangen sein. Das
sogenannte Tor an der steilsten Stelle des kapitolinischen Berges, das unter dem
Namen des janualischen oder saturnischen oder auch des offenen vorkommt und in
Kriegszeiten stets offenstehen musste, hatte augenscheinlich nur religioese
Bedeutung und ist nie ein wirkliches Tor gewesen.
^9 Es kommen vier solcher Gilden vor: 1. die Capitolini (Cic. ad Q. fr. 2,
5, 2) mit eigenen magistri (Henzen 6010, 6011) und jaehrlichen Spielen (Liv. 5,
50); vgl. zu CIL I, 805; 2. die Mercuriales (Liv. 2, 27; Cic. a.a.O.; Preller,
Roemische Mythologie. Berlin 1858. Bd. 1, S. 597) ebenfalls mit magistri (Henzen
6010), die Gilde aus dem Circustal, wo der Mercurtempel sich befand; 3. die
pagani Aventinenses ebenfalls mit magistri (Henzen 6010); 4. die pagani pagi
Ianiculensis ebenfalls mit magistri (CIL I, 801, 802). Es ist gewiss nicht
zufaellig, dass diese vier Gilden, die einzigen derartigen, die in Rom
vorkommen, eben den von den vier oertlichen Tribus aus-, aber von der
Servianischen Mauer eingeschlossenen beiden Huegeln, dem Kapitol und dem
Aventin, und dem zu derselben Befestigung gehoerigen Ianiculum angehoeren; und
damit steht weiter im Zusammenhang, dass als Bezeichnung der gesamten
staedtischen Eingesessenen Roms montani paganive gebraucht wird - vgl. ausser
der bekannten Stelle Cic. dom. 28; 74 besonders das Gesetz ueber die
staedtischen Wasserleitungen bei Festus unter sifus p. 340: [mon]tani paganive
si[fis aquam dividunto]. Die montani, eigentlich die Bewohner der palatinischen
drei Bezirke, scheinen hier a potiori fuer die ganze eigentliche
Stadtbuergerschaft der vier Quartiere gesetzt zu sein; die pagani sind sicher
die ausserhalb der Tribus stehenden Genossenschaften von Aventin und Ianiculum
und die analogen Kollegien vom Kapitol und dem Circustal.
^10 Die "Siebenhuegelstadt" im eigentlichen und religioesen Sinn ist und
bleibt das engere palatinische Altrom. Allerdings hat auch das Servianische Rom
sich wenigstens schon in der ciceronischen Zeit (vgl. z. B. Cic. Att. 6, 5, 2;
Plut. q. Rom. 69) als Siebenhuegelstadt betrachtet, wahrscheinlich weil das auch
in der Kaiserzeit eifrig gefeierte Fest des Septimontium anfing, als allgemeines
Stadtfest zu gelten; aber schwerlich ist man je darueber zu fester Einigung
gelangt, welche von den durch den Servianischen Mauerring umfassten Anhoehen zu
den sieben zaehlen. Die uns gelaeufigen sieben Berge Palatinus, Aventinus,
Caelius, Esquilinus, Viminalis, Quirinalis, Capitolinus zaehlt kein alter
Schriftsteller auf. Sie sind zusammengestellt aus der traditionellen Erzaehlung
von der allmaehlichen Entstehung der Stadt (Jordan, Topographie der Stadt Rom im
Altertum. Bd. 2. Berlin 1885, S. 206f.), aber das Ianiculum ist dabei nur
uebergangen, weil sonst acht herauskommen wuerden. Die aelteste Quelle, welche
die sieben Berge (montes) Roms aufzaehlt, die Stadtbeschreibung aus der Zeit
Konstantins des Grossen, nennt als solche Palatin, Aventin, Caelius, Esquilin,
Tarpeius, Vaticanus und Ianiculum - wo also der Quirinal und Viminal, offenbar
als colles, fehlen und dafuer zwei "montes" vom rechten Tiberufer, darunter
sogar der ausserhalb der Servianischen Mauer liegende Vaticanus mit
hineingezogen sind. Andere, noch spaetere Listen geben Servius (Aen. 6, 783),
die Berner Scholien zu Vergils Georgiken (2, 535) und Lydus (mens. p. 118
Bekker).
^11 Sowohl die Lage der beiden Tempel als das ausdrueckliche Zeugnis des
Dionysios (2, 25), dass der Vestatempel ausserhalb der Roma quadrata lag,
bezeugen es, dass diese Anlagen nicht mit der palatinischen, sondern mit der
zweiten (Servianischen) Stadtgruendung im Zusammenhang stehen; und wenn den
Spaeteren dieses Koenigshaus mit dem Vestatempel als Anlage Numas gilt, so ist
die Ursache dieser Annahme zu offenbar, um darauf Gewicht zu legen.
------------------------------------------
Die Namen der Maenner, auf deren Geheiss diese staedtischen Grossbauten
sich erhoben, sind nicht viel weniger verschollen, als die der Fuehrer in den
aeltesten roemischen Schlachten und Siegen. Die Sage freilich knuepft die
verschiedenen Werke an verschiedene Koenige an, das Rathaus an Tullus Hostilius,
das Ianiculum und die Holzbruecke an Ancus Marcius, die grosse Kloake, den
Circus, den Jupitertempel, an Tarquinius den Aelteren, den Dianatempel und den
Mauerring an Servius Tullius. Manche dieser Angaben moegen richtig sein, und es
scheint nicht zufaellig, dass der Bau des neuen Mauerrings mit der neuen
Heeresordnung, die ja auf die stetige Verteidigung der Stadtwaelle wesentliche
Ruecksicht nahm, auch der Zeit und dem Urheber nach zusammengestellt wird. Im
ganzen aber wird man sich begnuegen muessen, aus dieser Ueberlieferung zu
entnehmen, was schon an sich einleuchtet, dass diese zweite Schoepfung Roms mit
der Anbahnung der Hegemonie ueber Latium und mit der Umschaffung des
Buergerheeres im engsten Zusammenhange stand; und dass sie zwar aus einem und
demselben grossen Gedanken hervorgegangen, uebrigens aber weder eines Mannes
noch eines Menschenalters Werk ist. Dass auch in diese Umgestaltung des
roemischen Gemeindewesens die hellenische Anregung maechtig eingegriffen hat,
ist ebenso unzweifelhaft, als es unmoeglich ist, die Art und den Grad dieser
Einwirkung darzutun. Es wurde schon bemerkt, dass die Servianische
Militaerverfassung wesentlich hellenischer Art ist, und dass die Circusspiele
nach hellenischem Muster geordnet wurden, wird spaeter gezeigt werden. Auch das
neue Koenigshaus mit dem Stadtherd ist vollstaendig ein griechisches Prytaneion
und der runde, nach Osten schauende und nicht einmal von den Auguren eingeweihte
Vestatempel in keinem Stueck nach italischem, sondern durchaus nach hellenischem
Ritus erbaut. Es scheint danach durchaus nicht unglaublich, was die
Ueberlieferung meldet, dass der roemisch-latinischen Eidgenossenschaft die
ionische in Kleinasien gewissermassen als Muster diente und darum auch das neue
Bundesheiligtum auf dem Aventin dem ephesischen Artemision nachgebildet ward.
8. Kapitel
Die umbrisch-sabellischen Staemme
Anfaenge der Samniten
Spaeter als die der Latiner scheint die Wanderung der umbrischen Staemme
begonnen zu haben, die gleich der latinischen sich suedwaerts bewegte, jedoch
mehr in der Mitte der Halbinsel und gegen die oestliche Kueste zu sich hielt. Es
ist peinlich, davon zu reden, denn die Kunde davon kommt zu uns wie der Klang
der Glocken aus der im Meer versunkenen Stadt. Das Volk der Umbrer dehnt noch
Herodotos bis an die Alpen aus, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie in
aeltester Zeit ganz Norditalien innehatten, bis wo im Osten die illyrischen
Staemme begannen, im Westen die Ligurer, von deren Kaempfen mit den Umbrern es
Sagen gibt, und auf deren Ausdehnung in aeltester Zeit gegen Sueden zu einzelne
Namen, zum Beispiel der der Insel Ilva (Elba), verglichen mit den ligurischen
Ilvates, vielleicht einen Schluss gestatten. Dieser Epoche der umbrischen
Groesse moegen die offenbar italischen Namen der aeltesten Ansiedlungen im
Potal, Atria (Schwarzstadt) und Spina (Dornstadt), sowie die zahlreichen
umbrischen Spuren in Suedetrurien (Fluss Umbro, Camars alter Name von Clusium,
Castrum Amerinum) ihren Ursprung verdanken. Ganz besonders begegnen dergleichen
Anzeichen einer der etruskischen voraufgegangenen italischen Bevoelkerung in dem
suedlichen Strich Etruriens zwischen dem Ciminischen Wald (unterhalb Viterbo)
und dem Tiber. In Falerii, der Grenzstadt Etruriens gegen Umbrien und das
Sabinerland, ward nach Strabons Zeugnis eine andere Sprache geredet als die
etruskische, und neuerdings sind daselbst derartige Inschriften zum Vorschein
gekommen, deren Alphabet und Sprache zwar auch mit dem Etruskischen
Beruehrungspunkte hat, aber doch im allgemeinen dem Latinischen analog ist ^1.
Auch der Lokalkult zeigt sabellische Spuren; in denselben Kreis gehoeren die
uralten, auch sakralen Beziehungen zwischen Caere und Rom. Wahrscheinlich haben
die Etrusker diese suedlichen Striche bedeutend spaeter als die Landschaft
nordwaerts vom Ciminischen Wald den Umbrern entrissen und hat sogar noch nach
der tuskischen Eroberung umbrische Bevoelkerung sich hier gehalten. Die spaeter
nach der roemischen Eroberung im Vergleich mit dem zaehen Festhalten
etruskischer Sprache und Sitte im noerdlichen Etrurien so auffallend schnell
erfolgende Latinisierung der suedlichen Landschaft findet vermutlich eben hierin
ihren letzten Grund. Dass von Norden und Westen her die Umbrer nach harten
Kaempfen zurueckgedraengt wurden in das enge Bergland zwischen den beiden Armen
des Apennin, das sie spaeter innehaben, bezeichnet schon ihre geographische Lage
ebenso deutlich, wie heutzutage die der Bewohner Graubuendens und die der Basken
ihre aehnlichen Schicksale andeutet; auch die Sage weiss zu berichten, dass die
Tusker den Umbrern dreihundert Staedte entrissen haben, und, was mehr ist, in
den Nationalgebeten der umbrischen Iguviner, die wir noch besitzen, werden nebst
anderen Staemmen vor allem die Tusker als Landesfeinde verwuenscht.
----------------------------------------
^1 In dem Alphabet ist besonders bemerkenswert, das r von der lateinischen
(R), nicht von der etruskischen Form (D) und das z ( ); es kann nur aus dem
primitiven lateinischen abgeleitet sein und wird dies sehr getreu darstellen.
Die Sprache steht ebenfalls dem aeltesten Latein nah; Marci Acarcelini he cupa,
das ist Marcius Acarcelinius heic cubat; Menerva A. Cotena La. f. .... zenatuo
sentem .... dedet cuando ... cuncaptum, das ist Minervae A(ulus?) Cotena
La(rtis) f(ilius) . . de senatus sententia dedit quando (wohl = olim) conceptum.
Zugleich mit diesen und aehnlichen haben sich einige andere Inschriften gefunden
von abweichender und unzweifelhaft etruskischer Sprache und Schrift.
---------------------------------------
Vermutlich infolge dieses von Norden her auf sie geuebten Druckes dringen
die Umbrer vor gegen Sueden, im allgemeinen sich haltend auf dem Gebirgszug, da
sie die Ebenen schon von den latinischen Staemmen besetzt fanden, jedoch ohne
Zweifel das Gebiet ihrer Stammverwandten oft betretend und beschraenkend und mit
ihnen sich um so leichter vermischend, als der Gegensatz in Sprache und Weise
damals noch bei weitem nicht so scharf ausgepraegt sein konnten, wie wir spaeter
ihn finden. In diesen Kreis gehoert, was die Sage zu erzaehlen weiss von dem
Eindringen der Reatiner und Sabiner in Latium und ihren Kaempfen mit den
Roemern; aehnliche Erscheinungen moegen sich laengs der ganzen Westkueste
wiederholt haben. Im ganzen behaupten die Sabiner sich in den Bergen, so in der
von ihnen seitdem benannten Landschaft neben Latium und ebenso in dem
Volskerland, vermutlich, weil die latinische Bevoelkerung hier fehlte oder doch
minder dicht war; waehrend anderseits die wohlbevoelkerten Ebenen besser
Widerstand zu leisten vermochten, ohne indes das Eindringen einzelner
Genossenschaften, wie der Titier und spaeter der Claudier in Rom, ganz abwehren
zu koennen oder zu wollen. So mischten sich hier die Staemme hueben und drueben,
woraus sich auch erklaert, weshalb die Volsker mit den Latinern in zahlreichen
Beziehungen stehen und nachher dieser Strich sowie die Sabina so frueh und so
schnell sich latinisieren konnten.
Der Hauptstock des umbrischen Stammes aber warf sich aus der Sabina
oestlich in die Gebirge der Abruzzen und das suedlich an diese sich
anschliessende Huegelland: sie besetzten auch hier wie an der Westkueste die
bergigen Striche, deren duenne Bevoelkerung den Einwanderern wich oder sich
unterwarf, waehrend dagegen in dem ebenen apulischen Kuestenland die alte
einheimische Bevoelkerung der Iapyger, zwar unter steten Fehden, namentlich an
der Nordgrenze um Luceria und Arpi, doch im ganzen sich behauptete. Wann diese
Wanderungen stattfanden, laesst sich natuerlich nicht bestimmen; vermutlich aber
doch um die Zeit, wo in Rom die Koenige herrschten. Die Sage erzaehlt, dass die
Sabiner, gedraengt von den Umbrern, einen Lenz gelobten, das heisst schwuren,
die in dem Kriegsjahre geborenen Soehne und Toechter, nachdem sie erwachsen
waeren, preiszugeben und ueber die Landesgrenze zu schaffen, damit die Goetter
sie nach ihrem Gefallen verderben oder auswaerts ihnen neue Sitze bescheren
moechten. Den einen Schwarm fuehrte der Stier des Mars: das wurden die Safiner
oder Samniten, die zuerst sich festsetzten auf den Bergen am Sagrusfluss und in
spaeterer Zeit von da aus die schoene Ebene oestlich vom Matesegebirg an den
Quellen des Tifernus besetzten und im alten wie im neuen Gebiet ihre
Dingstaette, dort bei Agnone, hier bei Bojano gelegen, von dem Stier, der sie
leitete, Bovianum nannten. Einen zweiten Haufen fuehrte der Specht des Mars: das
wurden die Picenter, das Spechtvolk, das die heutige anconitanische Mark gewann;
einen dritten der Wolf (hirpus) in die Gegend von Benevent: das wurden die
Hirpiner. In aehnlicher Weise zweigten von dem gemeinschaftlichen Stamm sich die
uebrigen kleinen Voelkerschaften ab: die Praetuttier bei Teramo, die Vestiner am
Gran Sasso, die Marruciner bei Chieti, die Frentaner an der apulischen Grenze,
die Paeligner am Majellagebirg, die Marser endlich am Fuciner See, diese mit den
Volskern und den Latinern sich beruehrend. In ihnen allen blieb das Gefuehl der
Verwandtschaft und der Herkunft aus dem Sabinerlande lebendig, wie es denn in
jenen Sagen deutlich sich ausspricht. Waehrend die Umbrer im ungleichen Kampf
erlagen und die westlichen Auslaeufer des gleichen Stammes mit der latinischen
oder hellenischen Bevoelkerung verschmolzen, gediehen die sabellischen Staemme
in der Abgeschlossenheit des fernen Gebirgslandes, gleich entrueckt dem Anstoss
der Etrusker, der Latiner und der Griechen. Staedtisches Leben entwickelte bei
ihnen sich nicht oder nur in geringem Grad; von dem Grossverkehr schloss ihre
geographische Lage sie beinahe voellig aus und dem Beduerfnis der Verteidigung
genuegten die Bergspitzen und die Schutzburgen, waehrend die Bauern wohnen
blieben in den offenen Weilern oder auch, wo Quell und Wald oder Wiese einem
jeden gefiel. So blieb denn auch die Verfassung, wie sie war; aehnlich wie bei
den aehnlich gelegenen Arkadern in Hellas kam es hier nicht zur Inkorporation
der Gemeinden, und es bildeten hoechstens mehr oder minder lockere
Eidgenossenschaften sich aus. Vor allem in den Abruzzen scheint die scharfe
Sonderung der Bergtaeler eine strenge Abgeschlossenheit der einzelnen Kantone
hervorgerufen zu haben, sowohl unter sich wie gegen das Ausland; woher es kommt,
dass diese Bergkantone in geringem Zusammenhang unter sich und in voelliger
Isolierung gegen das uebrige Italien verharrt und trotz der Tapferkeit ihrer
Bewohner weniger als irgendein anderer Teil der italischen Nation in die
Entwicklung der Geschichte der Halbinsel eingegriffen haben. Dagegen ist das
Volk der Samniten in dem oestlichen Stamm der Italiker ebenso entschieden der
Hoehepunkt der politischen Entwicklung wie in dem westlichen das latinische.
Seit frueherer Zeit, vielleicht von der ersten Einwanderung an, umschloss ein
vergleichungsweise festes politisches Band die samnitische Nation und gab ihr
die Kraft, spaeter mit Rom um den ersten Platz in Italien in ebenbuertigem Kampf
zu ringen. Wann und wie das Band geknuepft ward, wissen wir ebensowenig als wir
die Bundesverfassung kennen; das aber ist klar, dass in Samnium keine einzelne
Gemeinde ueberwog und noch weniger ein staedtischer Mittelpunkt den samnitischen
Stamm zusammenhielt wie Rom den latinischen, sondern dass die Kraft des Landes
in den einzelnen Bauernschaften, die Gewalt in der aus ihren Vertretern
gebildeten Versammlung lag; sie war es, die erforderlichenfalls den
Bundesfeldherrn ernannte. Damit haengt es zusammen, dass die Politik dieser
Eidgenossenschaft nicht wie die roemische aggressiv ist, sondern sich
beschraenkt auf die Verteidigung der Grenzen; nur im Einheitsstaat ist die Kraft
so konzentriert, die Leidenschaft so maechtig, dass die Erweiterung des Gebiets
planmaessig verfolgt wird. Darum ist denn auch die ganze Geschichte der beiden
Voelker vorgezeichnet in ihrem diametral auseinandergehenden
Kolonisationssystem. Was die Roemer gewannen, erwarb der Staat; was die Samniten
besetzten, das eroberten freiwillige Scharen, die auf Landraub ausgingen und von
der Heimat im Glueck wie im Unglueck preisgegeben waren. Doch gehoeren die
Eroberungen, welche die Samniten an den Kuesten des Tyrrhenischen und des
Ionischen Meeres machten, erst einer spaeteren Periode an; waehrend die Koenige
in Rom herrschten, scheinen sie selbst erst die Sitze sich gewonnen zu haben, in
denen wir spaeter sie finden. Als ein einzelnes Ereignis aus dem Kreise der
durch diese samnitische Ansiedelung veranlassten Voelkerbewegungen ist der
Ueberfall von Kyme durch Tyrrhener vom oberen Meer, Umbrer und Daunier im Jahre
der Stadt 230 (524) zu erwaehnen; es moegen sich, wenn man den allerdings sehr
romantisch gefaerbten Nachrichten trauen darf, hier, wie das bei solchen Zuegen
zu geschehen pflegt, die Draengenden und die Gedraengten zu einem Heer vereinigt
haben, die Etrusker mit ihren umbrischen Feinden, mit diesen die von den
umbrischen Ansiedlern suedwaerts gedraengten Iapyger. Indes das Unternehmen
scheiterte; fuer diesmal gelang es noch der ueberlegenen hellenischen
Kriegskunst und der Tapferkeit des Tyrannen Aristodemos, den Sturm der Barbaren
von der schoenen Seestadt abzuschlagen.
9. Kapitel
Die Etrusker
Im schaerfsten Gegensatz zu den latinischen und den sabellischen Italikern
wie zu den Griechen steht das Volk der Etrusker oder, wie sie sich selber
nannten, der Rasen ^1. Schon der Koerperbau unterschied die beiden Nationen;
statt des schlanken Ebenmasses der Griechen und Italiker zeigen die Bildwerke
der Etrusker nur kurze staemmige Figuren mit grossem Kopf und dicken Armen. Was
wir wissen von den Sitten und Gebraeuchen dieser Nation, laesst gleichfalls auf
eine tiefe und urspruengliche Verschiedenheit von den griechisch-italischen
Staemmen schliessen, so namentlich die Religion, die bei den Tuskern einen
trueben phantastischen Charakter traegt und im geheimnisvollen Zahlenspiel und
wuesten und grausamen Anschauungen und Gebraeuchen sich gefaellt, gleich weit
entfernt von dem klaren Rationalismus der Roemer und dem menschlich heiteren
hellenischen Bilderdienst. Was hierdurch angedeutet wird, das bestaetigt das
wichtigste Dokument der Nationalitaet, die Sprache, deren auf uns gekommene
Reste, so zahlreich sie sind, und so manchen Anhalt sie fuer die Entzifferung
darbieten, dennoch so vollkommen isoliert stehen, dass es bis jetzt nicht einmal
gelungen ist, den Platz des Etruskischen in der Klassifizierung der Sprachen mit
Sicherheit zu bestimmen, geschweige denn die Ueberreste zu deuten. Deutlich
unterscheiden wir zwei Sprachperioden. In der aelteren ist die Vokalisierung
vollstaendig durchgefuehrt und das Zusammenstossen zweier Konsonanten fast ohne
Ausnahme vermieden ^2. Durch Abwerfen der vokalischen konsonantischen Endungen
und durch Abschwaechen oder Ausstossen der Vokale ward dies weiche und
klangvolle Idiom allmaehlich in eine unertraeglich harte und rauhe Sprache
verwandelt ^3; so machte man zum Beispiel ramtha aus ramuthaf, Tarchnaf aus
Tarquinius, Menrva aus Minerva, Menle, Pultuke, Elchsentre aus Menelaos,

Book of the day: