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Mein Leben und Streben by Karl May

Part 3 out of 6

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Hauptsache war, daß ich mich rächen sollte, rächen an
dem Eigentümer jener Uhr, der mich angezeigt hatte, nur
um mich aus seiner Wohnung loszuwerden, rächen an
der Polizei, rächen an dem Richter, rächen am Staate,
an der Menschheit, überhaupt an jedermann! Ich war
ein Mustermensch, weiß, rein und unschuldig wie ein
Lamm. Die Welt hatte mich betrogen um meine Zukunft,
um mein Lebensglück. Wodurch? Dadurch, daß
ich das blieb, wozu sie mich gemacht hatte, nämlich ein
Verbrecher.

Das war es, was die Versucher in meinem Innern
von mir forderten. Ich wehrte mich, so viel ich konnte,
so weit meine Kräfte reichten. Ich gab allem, was ich
damals schrieb, besonders meinen Dorfgeschichten, eine
ethische, eine streng gesetzliche, eine königstreue Tendenz.
Das tat ich, nicht nur andern sondern auch mir selbst
zur Stütze. Aber wie schwer, wie unendlich schwer ist
mir das geworden! Wenn ich nicht tat, was diese lauten
Stimmen in mir verlangten, wurde ich von ihnen mit
Hohngelächter, mit Flüchen und Verwünschungen überschüttet,
nicht nur stundenlang, sondern halbe Tage und
ganze Nächte lang. Ich bin, um diesen Stimmen zu
entgehen, aus dem Bett gesprungen und hinaus in den Regen
und das Schneegestöber gelaufen. Es hat mich
fortgetrieben, wie weit, wie weit! Ich bin aus der Heimat
fort, um mich zu retten, kein Mensch wußte, wohin, doch
es zog mich wieder und immer wieder zurück. Niemand
erfuhr, was in mir vorging und wie un- oder gar
übermenschlich ich kämpfte, weder Vater noch Mutter noch
Großmutter noch eine der Schwestern. Und noch viel
weniger ein anderer, ein fremder Mensch; man hätte mich
ja doch nicht verstanden, sondern mich einfach für
übergeschnappt erklärt. Ob irgend Jemand an meiner Stelle
das ausgehalten hätte, daß weiß ich nicht, ich glaube es
aber kaum. Ich war sowohl körperlich als auch geistig
ein kräftiger, sogar ein sehr kräftiger Mensch, aber ich
wurde dennoch müder und müder. Es kamen zunächst
Tage, dann aber ganze Wochen, in denen es vollständig
dunkel in mir wurde; da wußte ich kaum oder oft auch
gar nicht, was ich tat. In solchen Zeiten war die lichte
Gestalt in mir vollständig verschwunden. Das dunkle
Wesen führte mich an der Hand. Es ging immerfort
am Abgrund hin. Bald sollte ich dies, bald jenes tun,
was doch verboten war. Ich wehrte mich zuletzt nur
noch wie im Traum. Hätte ich den Eltern oder doch
wenigstens Großmutter gesagt, wie es um mich stand, so
wäre der tiefe Sturz, dem ich entgegentrieb, gewißlich
unterblieben. Und er kam, nicht daheim in der Heimat,
sondern in Leipzig, wohin mich eine Theaterangelegenheit
führte. Dort habe ich, der ich gar nichts derartiges brauchte,
Rauchwaren gekauft und bin mit ihnen verschwunden, ohne
zu bezahlen. Wie ich es angefangen habe, dies fertig zu
bringen, das kann ich nicht mehr sagen; ich habe es
wahrscheinlich auch schon damals nicht gewußt. Denn für mich
ist es sicher und gewiß, daß ich ganz unmöglich bei klarem
Bewußtsein gehandelt haben kann. Ich weiß von der
darauf folgenden Gerichtsverhandlung gar nichts mehr,
weder im Einzelnen noch im Ganzen. Ich kann mich
auch nicht auf den Wortlaut des Urteils besinnen. Ich
habe bis jetzt geglaubt, daß die Strafe vier Jahre
Gefängnis betragen habe; nach dem aber, was jetzt hierüber
in den Zeitungen steht, ist es noch ein Monat darüber
gewesen. Doch das ist Nebensache. Hauptsache ist, daß
der Abgrund nicht vergeblich für mich offengestanden hatte.
Ich war hinabgestürzt; ich wurde in das Landesgefängnis
Zwickau eingeliefert.

Ehe ich mich über diese meine Detentien verbreite,
habe ich mich gegen einige Vorurteile und falsche
Anschauungen zu wenden, die sich gegen Alles, was mit dem
Strafvollzug zusammenhängt, richten und mit denen nun
doch endlich einmal aufgeräumt werden sollte. Ich habe
manchen gebildeten Mitgefangenen in begreiflicher, aber
unberechtigter Erbitterung drohen hören, daß er nach seiner
Entlassung ein Buch über seine Gefangenschaft schreiben
werde, um die ebenso schweren wie unzähligen Mängel
unserer Rechtspflege und unseres Strafvollzuges aufzudecken.
Ein verständiger Mann lächelt über solche Drohungen,
die zwar ausgesprochen, aber nur höchst selten ausgeführt
werden. Jeder entlassene Gefangene, der Ehrgefühl
besitzt, ist froh, die Zeit der Strafe hinter sich zu
haben. Es fällt ihm nicht ein, das, was bisher doch nur
wenige wußten, nun, da es überstanden ist, an die volle
Oeffentlichkeit zu bringen. Er schweigt also. Und das
ist gut, weil sein Buch, wenn er es schriebe, gewiß
beweisen würde, daß unter tausend Gefangenen kaum einer
ist, der über sich und seine Bestrafung unbefangen und
sachgemäß zu urteilen vermag. Ich aber glaube, mich
zu dieser Sachlichkeit und Unbefangenheit emporgearbeitet
zu haben; ich halte mein Urteil für wohlerwogen und
richtig und fühle mich verpflichtet, hier folgende Punkte
festzustellen:

Die Zeiten, in denen die Gefängnisse als "Verbrecherschulen"
bezeichnet werden durften, sind längst vorüber.
In unseren Strafanstalten geht es nicht weniger moralisch
und nicht weniger human als in der Freiheit zu.

Das, was man einst als "Verbrecherwelt" brandmarkte,
gibt es nicht mehr. Die Bewohnerschaft der
heutigen Strafhäuser rekrutiert sich aus allen Ständen
des Volkes. Sie setzt sich in Beziehung auf Beruf und
Intelligenz aus denselben Prozentsätzen zusammen wie die
der "Unbestraften".

An der Tat des Einzelnen ist auch die Gesamtheit schuld.
Sie hat ihn um ihrer selbst willen zu "ent"-schuldigen.

Der deutsche Richterstand ist sich der Wahrheit dieses
Satzes wohlbewußt. Ich habe keinen einzigen Richter
kennen gelernt, auch unter denen, welche gegen mich
entschieden, dem ich einen Vorwurf machen könnte. Die
zahlreichen Prozesse, zu denen meine Gegner mich förmlich
zwingen, geben mir reichlich Gelegenheit, Erfahrungen
zu machen, und ich muß sagen, daß ich alle diese
Herren, sowohl Straf- als auch Zivilrichter, nur
hochachten kann. Ich habe sogar den Fall erlebt, daß ein
Dresdener Richter mir recht gab, obwohl alle seine
Verwandten und Bekannten gegen mich waren und ihn in
diesem Sinne zu beeinflussen suchten. Welche Genugtuung
und welch ein Vertrauen zu dem ganzen Richterstand
dies erweckt, das weiß nur der, der Gleiches wie
ich erlebte.

In Beziehung auf den Strafvollzug habe ich dasselbe
auszusprechen. Ich habe während meiner Gefangenschaft
nicht einen einzigen Oberbeamten oder Aufseher
kennen gelernt, der mir in Beziehung auf Gerechtigkeit
und Humanität Grund zu irgend einem Tadel gegeben
hätte. Ich behaupte sogar, daß die Aufseher die Strenge
des Dienstes viel stärker empfinden als der Gefangene
selbst. Ich habe Hunderte von Malen eine Güte, eine
Geduld und Langmut bewundert, welche mir unmöglich
gewesen wäre. Das Gefängnis ist kein Konzerthaus und
kein Tanzsalon, sondern eine sehr, sehr ernste Stätte, in
welcher der Mensch zur Erkenntnis seiner selbst zu kommen
hat. Derjenige Detinierte, der so verständig ist, sich dies
zu sagen, wird niemals Grund zur Klage, sondern alle
mögliche Hilfe finden, das, was ihm vorzuwerfen war,
vergessen zu machen. Es gab Beamte, die ich herzlich
lieb gewann, und ich bin vollständig überzeugt, daß ihre
Erwiderung dieser meiner Zuneigung nicht etwa nur
vorgetäuscht, sondern ehrlich und aufrichtig war.

Wenn die Erfolge unserer Rechtsprechung und unseres
Strafvollzuges trotzdem nicht solche sind, wie wir sie uns
wünschen, so tragen wahrlich nicht die Richter und auch
nicht die Strafanstaltsbeamten die Schuld, sondern die
Ursachen sind ganz anderswo zu suchen, nämlich in der
Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung, in der törichten
Selbstgerechtigkeit des lieben Nächsten, in gewissen, allzu tief
eingefressenen Vorurteilen und nicht zum geringsten auch
in unserer sogenannten, hochgepriesenen "Kriminalpsychologie",
an welche nur gewisse Fachleute glauben, nicht
aber der wirkliche Menschenkenner und noch viel weniger
der, um den es sich hier eigentlich handelt, nämlich der
sogenannte -- -- -- Verbrecher.

Dies sind die Quellen, aus denen immer wieder neue
Straftaten und neue Rückfälle fließen, obgleich doch sonst
alles mögliche geschieht, diese trüben Wasser einzudämmen
und nach und nach zum Versiegen zu bringen. Soll ich
sie mit Beispielen belegen und damit sogleich bei der
letzten, der "Kriminalpsychologie", beginnen, so liegen vor
mir mehrere Werke dieses hochinteressanten, äußerst
strittigen Faches aufgeschlagen, deren Inhalt von Beweisen
dessen, was ich behaupte, geradezu wimmelt. Einer der
Herren Verfasser, ein bekannter Staatsanwalt, zeichnet
sich durch seine zahlreichen Versuche aus, die Gesetzgebung
und den Strafvollzug in mildere, humanere Bahnen zu
lenken. Er hat sich dadurch einen Namen gemacht. Er
wird, wann und wo es sich um diese Humanisierung
handelt, oft genannt und würde ein Segen auf diesem
Gebiete sein, wenn er nicht als Kriminalpsychologe das
wieder zerstörte, was er als Vorkämpfer der Humanität
aufzubauen strebt. Ich nenne auch hier keinen Namen,
denn es kommt mir nicht auf die Person, sondern auf die
Sache an. Als Menschenfreund im höchsten Grade
beachtenswert, kann er als "Seelenforscher" in fast noch
höherem Grade unbedachtsam und grausam sein. Indem
er seine öffentlichen Behauptungen mit Beweisen zu belegen
versucht, läßt er sich so weit hinreißen, Personen,
die vor dreißig und noch mehr Jahren bestraft worden
sind, nun aber sich in mühsam errungener, öffentlicher
Stellung befinden, mit in seine "psychiatrischen"
Betrachtungen zu ziehen und sie in seinen Schriften derart
kenntlich zu machen, daß jedermann weiß, wen er meint.
Von einem Rechtsanwalt hierüber zur Rede gestellt,
antwortete er, daß er als Wissenschaftler hierzu berechtigt
sei; es gebe einen Paragraphen, der ihm das erlaube.
Ich unterlasse es, kritische Bemerkungen hieran zu knüpfen.
Aber selbst wenn es wahr wäre, daß es einen solchen
Paragraphen gibt, wer zwingt den Herrn Staatsanwalt,
einen derartigen Paragraphen zuliebe gegen seine eigene,
sonstige Humanität zu handeln und Menschen, die ihm
nie etwas zuleid taten und deren Schutz ihm als dem
Vertreter des Staates obzuliegen hatte, bei lebendigem
Leibe mit dem Messer zu zerschneiden? Falls dieser
Paragraph in Wirklichkeit vorhanden ist, so wird es für
den Reichstag höchste Zeit, ihn einer ernsten Prüfung zu
unterwerfen. Wenn jeder einstige Strafgefangene, mag
er sich noch so hoch emporgearbeitet haben, durch das
Gesetz gezwungen ist, es sich gefallen zu lassen, daß die
Herren Kriminalpsychologen ihn öffentlich an den
wissenschaftlichen Pranger stellen, so darf man sich gewiß nicht
darüber wundern, daß die Kriminalistik keine Neigung
zur Besserung zeigt. Ich werde im Verlaufe meiner
Darstellungen auf diesen Punkt zurückkommen müssen.

Was die Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung betrifft,
so brauche ich hier nur auf die völlige Schutzlosigkeit der
Vorbestraften gewissen Rechtsanwälten gegenüber
hinzuweisen. Der größte Schurke kann durch seinen Anwalt
in den Besitz der diskreten Akten dessen gelangen, den er
verderben will; das wird dann veröffentlicht, und der
arme Teufel ist verloren! A. ist ein Schuft; B. ist ein
Ehrenmann, aber leider vorbestraft. A. hat die Absicht,
den B. zu vernichten. Er braucht ihn bloß zu beleidigen
und sich von ihm verklagen zu lassen. Er verlangt dann
als Beschuldigter, daß die Strafakten des Klägers vorgelegt
werden. Das geschieht. Sie werden in öffentlicher
Verhandlung vorgelesen. A. bekommt zehn Mark
Beleidigungsstrafe; B. aber ist in die frühere Verachtung
und in das frühere Elend zurückgeworfen und wird nun
darauf schwören, daß für den einmal Bestraften alle Vorsätze,
sich zu "bessern", nutzlos sind. Wenn er nun rückfällig
wird, ist es gewiß kein Wunder. Es gibt leider
nicht wenige Rechtsanwälte, welche ganz ohne Bedenken
zu dem höchst unfairen Mittel greifen, die Prozesse, die
in sachlicher Weise nicht zu gewinnen sind, in persönlich
gehässiger, rücksichtsloser Weise zu führen. Auch ich selbst
habe es mit solchen Gegnern zu tun gehabt, aber immer
gesehen, daß unsere Richter sich durch derartigen Schmutz
niemals beeinflussen lassen. Ich bin überzeugt, daß gerade
diese Herren es mit Freuden begrüßen würden, wenn
endlich jene gesetzlichen Bestimmungen in Wegfall kämen,
durch welche es, wie bereits gesagt, jedem Schurken
ermöglicht ist, längst Vergangenes und längst Gesühntes
wieder aufzudecken. Dann würde die bedeutende Zahl der
sogenannten Erbitterungsrückfälle wohl bald in Wegfall
kommen.

Daß ich die törichte Selbstgerechtigkeit des "lieben
Nächsten" anführte, geschah mit vollstem Rechte. Sie ist
und bleibt die Hauptursache der Mißstände, die hier zu
besprechen sind. Ich will keineswegs behaupten, daß dies
auf einem ethischen Mangel beruht. Ich meine vielmehr,
es liegen alte Vorurteile vor, die sich so tief eingefressen
haben, daß man sie gar nicht mehr als Vorurteile
erkennt, sondern für Wahrheiten hält, an denen niemand
zu rütteln vermag. Der "Verbrecher" war einst vogelfrei;
er ist es auch noch heute. Ein jeder hackt auf ihn ein;
ist es nicht offen, so geschieht es doch heimlich. Er suche
Arbeit, er suche Hilfe, er suche Recht, so wird er jedem
andern nachgesetzt. Es gibt im Leben hundert und
aberhundert Punkte, von denen aus er als minderwertiger
Mensch betrachtet und behandelt wird, und es bedarf von
seiner Seite einer ungewöhnlichen Seelenruhe und einer
seltenen Willenskraft, dies immer wieder und immer
weiter zu ertragen, ohne sich auf die alte Bahn zurückwerfen
zu lassen. Die größte Gefahr für ihn liegt darin,
daß ihm von dem lieben Nächsten das Ehrgefühl nach
und nach abgestumpft oder gar getötet wird. Läßt er es
so weit kommen, so ist er verloren, und die Kriminalistik
gibt ihr entweder erbittertes oder vollständig gleichgültig
gewordenes Opfer nie wieder her. Dies wird und kann
gar nicht anders werden, so lange an dem alten, ebenso
unsinnigen wie grausamen Vorurteil festgehalten wird,
daß jeder bestrafte Mensch für die ganze Zeit seines
Lebens als "Verbrecher" zu betrachten sei. Kürzlich kam
in Charlottenburg der Fall vor, daß jemand, der vor
über vierzig Jahren bestraft worden war, sich seitdem
aber gut geführt hatte, von einem übelwollenden Menschen
als "geborener Verbrecher" bezeichnet wurde. Der
Beleidigte verklagte den Beleidiger, doch dieser wurde
freigesprochen. Heißt das nicht, einen armen Menschen, der
sich mit äußerster Willenskraft aus dem Abgrund
emporgearbeitet und vierzig Jahre lang oben bewährt hat, mit
brutaler Gewalt wieder hinunterwerfen? -- --

Da unten lag auch ich. Indem ich hierüber weiter
berichte, ist es keineswegs meine Absicht, dies in der
Weise zu tun, wie aufregungsbedürftige, sensationslüsterne
Leser es wünschen. Es ist mehr als genug, wenn man
solche Dinge nur einmal erlebt. Ist man gezwungen, sie
zum zweitenmale zu erleben, indem man sie für andere
niederschreibt, so besitzt man gewiß die Berechtigung, sich
so kurz wie möglich zu fassen. Von dieser Berechtigung
mache ich hiermit Gebrauch.

Ich fand bei meiner Einlieferung in die Strafanstalt
eine ernste, aber keineswegs verletzende Aufnahme. Wer
höflich ist, sich den Hausgesetzen fügt und nicht dummer
Weise immerfort seine Unschuld beteuert, wird nie über
Härte zu klagen haben. Was die Beschäftigung betrifft,
die man für mich auswählte, so wurde ich der Schreibstube
zugeteilt. Man kann hieraus ersehen, wie fürsorglich
die Verhältnisse der Gefangenen von der Direktion
berücksichtigt werden. Leider aber hatte diese Fürsoge in
meinem Falle nicht den erwarteten Erfolg. Nämlich ich
versagte als Schreiber so vollständig, daß ich als
unbrauchbar erfunden wurde. Ich hatte als Neueingetretener
das Leichteste zu tun, was es gab; aber auch das brachte
ich nicht fertig. Das fiel auf. Man sagte sich, daß es
mit mir eine ganz besondere Bewandtnis haben müsse,
denn schreiben mußte ich doch können! Ich wurde Gegenstand
besonderer Beachtung. Man gab mir andere Arbeit,
und zwar die anständigste Handarbeit, die man hatte.
Ich kam in den Saal der Portefeuillearbeiter und wurde
Mitglied einer Riege, in welcher feine Geld- und
Zigarrentaschen gefertigt wurden. Diese Riege bestand mit mir
aus vier Personen, nämlich einem Kaufmann aus Prag,
einem Lehrer aus Leipzig, und was der vierte war, das
konnte ich nicht erfahren; er sprach niemals davon. Diese
drei Mitarbeiter waren liebe, gute Menschen. Sie arbeiteten
schon seit längerer Zeit zusammen, standen bei den
Vorgesetzten in gutem Ansehen und gaben sich alle
mögliche Mühe, mir die Lehrzeit und überhaupt die schwere
Zeit so leicht wie möglich zu machen. Nie ist ein
unschönes oder gar verbotenes Wort zwischen uns gefallen.
Unser Arbeitssaal faßte siebzig bis achtzig Menschen. Ich
habe unter ihnen nicht einen einzigen bemerkt, dessen
Verhalten an die Behauptung erinnert hätte, daß das
Gefängnis die hohe Schule der Verbrecher sei. Im
Gegenteil! Jeder einzelne war unausgesetzt bemüht, einen
möglichst guten Eindruck auf seine Vorgesetzten und
Mitgefangenen zu machen. Vom Schmieden schlimmer Pläne
für die Zukunft habe ich während meiner ganzen
Gefangenschaft niemals etwas gehört. Hätte irgend einer
gewagt, so etwas zu verlautbaren, so wäre er, wenn nicht
angezeigt, so doch auf das energischste zurückgewiesen
worden.

Der Aufseher dieses Saales oder, wie es dort genannt
wurde, dieser Visitation hieß Göhler. Ich nenne
seinen Namen mit großer, aufrichtiger Dankbarkeit. Er
hatte mich zu beobachten und kam, obwohl er von Psychologie
nicht das geringste verstand, nur infolge seiner
Humanität und seiner reichen Erfahrung meinem inneren
Wesen derart auf die Spur, daß seine Berichte über mich,
wie sich später herausstellte, die Wahrheit fast erreichten.
Er hatte, wie wohl alle diese Aufseher, früher beim
Militär gestanden, und zwar bei der Kapelle, als erster
Pistonbläser. Darum war ihm das Musik- und Bläserkorps
der Gefangenen anvertraut. Er gab des Sonntags
in den Visitationen und Gefängnishöfen Konzerte,
die er sehr gut dirigierte. Auch hatte er bei Kirchenmusik
die Sänger mit seiner Instrumentalmusik zu begleiten.
Leider aber besaß weder er noch der Katechet,
dem das Kirchenkorps unterstand, die nötigen theoretischen
Kenntnisse, die Stücke, welche gegeben werden sollten, für
die vorhandenen Kräfte umzuarbeiten oder, wie der
fachmännische Ausdruck heißt, zu arrangieren. Darum hatten
beide Herren schon längst nach einem Gefangenen gesucht,
der diese Lücke auszufüllen vermochte; es war aber keiner
vorhanden gewesen.

Jetzt nun kam der Aufseher Göhler infolge seiner
Beobachtung meines seelischen Zustandes auf die Idee, mich
in sein Bläserkorps aufzunehmen, um zu sehen, ob das
vielleicht von guter Wirkung auf mich sei. Er fragte bei
der Direktion an und bekam die Erlaubnis. Dann fragte
er mich, und ich sagte ganz selbstverständlich auch nicht
nein. Ich trat in die Kapelle ein. Es war gerade nur
das Althorn frei. Ich hatte noch nie ein Althorn in den
Händen gehabt, blies aber schon bald ganz wacker mit.
Der Aufseher freute sich darüber. Er freute sich noch
mehr, als er erfuhr, daß ich Kompositionslehre getrieben
habe und Musikstücke arrangieren könne. Er meldete das
sofort dem Katecheten, und dieser nahm mich unter die
Kirchensänger auf. Nun war ich also Mitglied sowohl
des Bläser- als auch des Kirchenkorps und beschäftigte
mich damit, die vorhandenen Musikstücke durchzusehen und
neue zu arrangieren. Die Konzerte und Kirchenaufführungen
bekamen von jetzt an ein ganz anderes Gepräge.

Ich muß erwähnen, daß diese musikalischen Arbeiten
nur Nebenarbeiten waren. Ich wurde durch sie keineswegs
von dem Arbeitspensum entbunden, welches jeder
Gefangene pro Tag zu liefern hat, wenn er vermeiden
will, sich Unannehmlichkeiten auszusetzen. Dieses Pensum
ist nicht zu hoch gestellt; ein jeder Arbeitswillige kann es
liefern. Wer geschickt ist, der liefert es sogar in wenigen
Stunden. Darum blieb mir reichlich genug Zeit für
meine kompositionelle Beschäftigung übrig, die ich nicht
aufgab, auch als ich aus der Visitation der
Portefeuillearbeiter versetzt worden war. Es wurde mir nämlich
mein inniger Wusch erfüllt, isoliert zu werden.

Ich hatte gleich bei meiner Einlieferung gebeten, eine
Zelle für mich allein zu bekommen; die Erfüllung dieses
Wunsches war aber nicht angängig gewesen. Erst nun,
da man über mich zu einem psychologisch abgeschlossenen
Resultate kam, wurde ich in das Isolierhaus versetzt und
unmittelbar neben dem Arbeitsraume des Inspektors
desselben einquartiert. Er war ein hochgebildeter, sehr
pflichtbewußter und humaner Herr, dessen besonderer Schreiber
ich wurde. Das war eine Stelle, die es bis dahin noch
nicht gegeben hatte. Ich mache hier auf den psychologisch
bedeutungsvollen Umstand aufmerksam, daß ich zur Zeit
meiner Einlieferung vollständig unfähig gewesen war,
Schreiber zu sein, nun aber für fähig gehalten wurde,
eine Schreiberstelle zu bekleiden, welche große geistige Um-
und Einsicht erforderte und die höchste Vertrauensstelle
war, die es in der ganzen Anstalt gab. Mein Inspektor
war nämlich neben seiner Direktion des Isolierhauses
noch beruflich schriftstellerisch tätig. Diese seine Tätigkeit
bezog sich auf die besondere Statistik unserer Anstalt und
auf das Wesen und die Aufgaben des Strafvollzuges
überhaupt. Er schrieb die hierauf bezüglichen Berichte
und stand mit allen hervorragenden Männern des
Strafvollzuges in lebhafter Korrespondenz. Meine Aufgabe
war, die statistischen Ziffern zu ermitteln, sie auf ihre
Zuverlässigkeit zu untersuchen, sie zusammenzustellen, zu
vergleichen und dann die Resultate aus ihnen zu ziehen.
Das war an und für sich eine sehr schwere, anstrengende
und scheinbar langweilige Beschäftigung mit leblosem
Ziffernwerk; aber diese Ziffern zu Gestalten zusammenzusetzen
und diesen Gestalten Leben und Seele einzuhauchen,
ihnen Sprache zu verleihen, das war im höchsten Grade
interessant, und ich darf wohl sagen, daß ich da viel, sehr
viel gelernt habe und daß mich diese Arbeiten in stiller,
einsamer Zelle in Beziehung auf Menschheitspsychologie
viel weiter vorwärts gebracht haben, als ich ohne
diese Gefangenschaft jemals gekommen wäre. Daß mir
hierzu nur die besten und zuverlässigsten Unterlagen zu
Gebote standen, versteht sich ganz von selbst. Es sind mir
da ganz eigenartige Lichter aufgegangen. Ich habe da
in die tiefsten Tiefen des Menschenlebens geschaut und
Dinge gesehen, die andere niemals sehen werden, weil sie
keine Augen dafür haben. Ich habe da erkannt, daß
Großmutters Märchen die Wahrheit sagt, daß es ein
Dschinnistan und ein Ardistan gibt, ein ethisches Hochland
und ein ethisches Tiefland, und daß die Hauptbewegung,
an der wir alle teilzunehmen haben, nicht von
oben nach unten geht, sondern von unten nach oben,
empor, empor zur Befreiung von der Sünde, hinauf,
hinauf zur Edelmenschlichkeit. Diese Erkenntnis ist mir
von größtem Segen gewesen; sie hat auch mich selbst
befreit. Ich habe die in mir schreienden Stimmen, von
denen ich weiter oben sprach, auch in der Zelle
vernommen. Ich habe mit ihnen gekämpft und sie stets zum
Schweigen gebracht. Sie kehrten zwar zurück; sie ließen
sich wieder hören, doch in immer längern Zwischenräumen,
bis ich endlich annehmen konnte, daß sie ganz und für
immer stumm geworden seien.

Außerdem hatte ich die Bibliothek der Gefangenen
zu verwalten, und auch die Bibliothek der Beamten stand
mir offen. Die Werke der letzteren bezogen sich nicht etwa
nur auf Strafrecht und auf Strafvollzug, sondern es waren
alle Wissenschaften vertreten. Ich habe diese köstlichen,
inhaltsreichen Bücher nicht nur gelesen, sondern studiert
und sehr viel daraus gewonnen. Und es waren nicht nur
die Werke der Anstaltsbibliotheken, die mir zur
Verfügung standen, sondern man zeigte sich auch gern
bereit, mir solche von auswärts zugängig zu machen. Es
war mir ein unwiderstehliches Bedürfnis, die Ruhe und
Ungestörtheit der Zelle so viel wie möglich für mein
geistiges Vorwärtskommen auszunutzen, und die Beamten
hatten ihre Freude daran, mir hierzu in jeder, den
Anstaltsgesetzen nicht widersprechenden Weise behilflich zu sein.
So verwandelte sich für mich die Strafzeit in eine
Studienzeit, zu der mir größere Sammlung und größere
Vertiefungsmöglichkeit geboten war, als ein Hochschüler
jemals in der Freiheit findet. Ich werde über diesen großen,
unschätzbaren Gewinn, den die Gefangenschaft mir brachte,
noch fernerhin sprechen. Noch heut bin ich ganz
besonders dankbar dafür, daß es mir nicht verboten war,
mir fremdsprachige Grammatiken anzuschaffen und hierdurch
den eigentlichen Grund zu meinen späteren Reisearbeiten
zu legen, die aber bekanntlich gar keine Reisearbeiten
sind, sondern ein ganz anderes, bis jetzt unbebautes
Genre bilden sollen. Doch ist es für jetzt nicht
meine Absicht, mich über diese meine Studien zu verbreiten,
sondern ich habe mich hier allein und ganz besonders
mit dem Umstand zu befassen, daß die mir anvertraute
Verwaltung der Gefangenenbibliothek mir Gelegenheit
zu höchst wichtigen Beobachtungen und Erfahrungen
gab, unter deren Einfluß meine schriftstellerische
Tätigkeit sich zu der gestaltete, die sie geworden ist.

Wenn ich behaupte, daß ich die literarischen Bedürfnisse,
oder sagen wir, die Lesebedürfnisse der Volksseele
kennen lernte, so bitte ich, diese Behauptung ernst
zu nehmen. Man soll nicht sagen, daß jeder
Volksbibliothekar und jeder Leihbibliothekar genau dieselben
Erfahrungen machen könne, denn das ist nicht wahr.
Ein Leser in Freiheit und ein Leser in Haft, das sind
zwei ganz verschiedene Gestalten. Bei dem Letzteren kann
das Lesen geradezu zum seelischen Existenzbedürfnisse
werden. Sein Wesen wendet sich, es kehrt sich um. Die
äußere Persönlichkeit hat unter der Anstaltszucht ihre
Geltung aufgegeben; die innere tritt hervor. Und diese
ist es, die von dem Beamten, von der Anstaltserziehung
erkannt und gepackt werden muß, wenn der menschlich
große, humane Zweck der Strafe erreicht werden soll,
moralische Erhebung und Festigung, Aussöhnung zwischen
der Gesellschaft und dem sogenannten Verbrecher, die
sich beide aneinander versündigten. Dieses Hervortreten
der innern Persönlichkeit ist in der Freiheit eine Ausnahme,
in der Gefangenschaft aber die Regel. Der Gefangene
hat während seiner Detention auf alle seine leiblichen
Sonderrechte zu verzichten. In leiblicher Beziehung
ist er nicht mehr Person, sondern nur noch Sache, eine
Nummer, die in den Büchern eingetragen wird und bei
der man ihn auch nennt. Um so kräftiger, ja ungestümer
tritt seine innere Gestalt, seine Seele hervor, um sich,
ihre Rechte und Bedürfnisse geltend zu machen. Der
Leib ist gezwungen, sich in die Gefängniskleidung und
Gefängniskost zu fügen. Wehe, wenn man den Fehler
begeht, den gleichen Zwang auch auf die Seele ausüben
zu wollen! Sie strebt mit Macht heraus aus dem
Gefängniskleide, und sie verlangt mit Heißhunger nach einer
Kost, an der sie ethisch gesunden und erstarken kann, um
sich von den Fesseln, in denen sie bisher schmachtete, zu
befreien. Man glaube mir, kein Sträfling wünscht das
Böse für sich; sie alle wünschen das Gute. Im tiefsten
Herzensgrunde hat jeder den Trieb, nicht nur körperlich
sondern auch moralisch frei zu sein, sogar der scheinbar
Unverbesserliche. Woher aber soll diese nackte, hungrige
Seele sich gut kleiden und gut nähren, nämlich gut im
ethischen Sinne? Aus sich selbst heraus? Aus den
sonntäglichen Anstaltspredigten? Aus den wenigen, kurzen
Besuchen der Anstaltsgeistlichen und anderer Beamten?
Aus dem Zusammenleben mit den Strafgefährten? Man
beantworte diese Fragen, wie man will, die Hauptquelle
aller Erziehung, Besserung und Emporhebung kann bei
derartig gegebenen Verhältnissen nur die Bibliothek sein.
Der Gefangene, der sich so führt, daß ihm das Lesen
nicht verboten werden muß, bekommt pro Woche ein Buch.
Der Inhalt desselben bildet sieben Tage lang die seelische
Kost für den nach Nahrung Schmachtenden. Er darf
sich das Buch nicht wählen; er muß nehmen, was er
bekommt. Was man ihm gibt, kann ihm zum Glück, kann
ihm zum Unglück werden, kann ihm Belehrung oder Strafe
sein, kann ihn zur Selbsterkenntnis und zur Einsicht bringen,
ihn aber auch empören und verhärten. Einer meiner
Mitgefangenen, ein geistreicher Bankier, hatte dreiviertel Jahre
lang weiter nichts als alte "Frauendorfer Blätter" zu
lesen bekommen, trockene Unterweisungen im Gartenbau,
die ihn weder interessieren noch ihm irgendeinen Nutzen
bringen konnten. Er trug es in steigender Erbitterung,
bis ich die Bibliothek überkam [sic] und ihm Passenderes gab.
Einen Schauspieler, der ein Feuerkopf war, hatten Jeremias
Gotthelfs Erzählungen derart außer sich gebracht,
daß er nahe daran stand, wegen Ungebühr bestraft zu
werden. Das letzte, was er hatte lesen müssen, hatte
den Titel gehabt "Wie fünf Mädchen im Branntwein
jämmerlich umkommen." Als ich ihm einen Band von
Edmund Höfer gab, war er so froh, als ob ich ihm ein Vermögen
geschenkt hätte. Ein sozialdemokratischer Klempnermeister
war einer langen Reihe von Erbauungsbüchern
zum Opfer gefallen. Er schwor mir wütend zu, daß es
schon um dieser Bücher willen keinen Herrgott geben
könne. Er habe nur aus bitterer Not Bankrott gemacht;
die Verfasser und Herausgeber dieser Schriften aber seien
aus Selbstgerechtigkeit und Uebermut bankrott und
verdienten wenigstens dieselbe Gefängnisstrafe wie er.

Aus solchen Beispielen geht hervor, wie genau ich
zunächst meine Bibliothek und sodann auch die Bedürfnisse
ihrer Leser kennen zu lernen hatte. Das war mit
ernsten und schwierigen psychologischen Erwägungen
verbunden und führte zu dem betrübenden Schlußresultate,
daß eigentlich solche Bücher, wie wir sie brauchten,
nur ganz wenige vorhanden waren. Sie fehlten nicht
nur in unserer Gefängnisbibliothek, sie fehlten auch
überhaupt in der Literatur. Ich dachte an meine Knabenzeit,
an die Traktätchen, die ich da gelesen und an den Schund,
der mich da vergiftet hatte; ich dachte weiter, und ich
verglich. Da dämmerte in mir eine Erkenntnis auf. Sind
nur die Bewohner der Strafanstalten detiniert? Ist nicht
eigentlich jeder Mensch ein Gefangener? Stecken nicht
Millionen von Menschen hinter Mauern, die man zwar
nicht mit den Augen sieht, die aber doch nur allzu
fühlbar vorhanden sind? Ist es nur für die Bewohner der
Strafanstalt der Leib, der gebändigt werden muß, damit
der höhere, von oben stammende Teil unseres Wesens zur
Geltung kommen möge? Muß nicht überhaupt bei allen
Sterblichen, also bei der ganzen Menschheit, alles Niedrige
gefesselt werden, damit die hierdurch die Freiheit
gewinnende Seele sich zum höchsten irdischen Ideale, zur
Edelmenschlichkeit, erheben könne? Und sind es nicht die
Religion, die Kunst, die Literatur, die uns aus solcher
Tiefe zu solcher Höhe führen sollen? Die Literatur, der
auch ich, der an die enge Zelle geschmiedete Gefangene,
mit angehöre!

Auf diesem Gedankenpfade weitergehend, gelangte ich
zu Betrachtungen und Schlüssen, die scheinbar höchst
seltsam, im Grunde genommen aber ganz natürlich waren.
Es wurde zwischen meinen vier engen Wänden hell; sie
weiteten sich. Erst ahnte ich, dann sah ich und endlich
erkannte ich die zwar verborgenen aber doch innigen
Zusammenhänge zwischen dem Kleinsten und dem Größten,
dem Körperlichen und dem Seelischen, dem Leiblichen und
dem Geistigen, dem Endlichen und dem Unendlichen.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, die lieben,
alten Märchen meiner Großmutter in ihrer tiefen
Bedeutung zu begreifen. Ich lag nächtelang wach und
dachte nach. Ich war angekettet im tiefsten, niedrigsten,
verachtetsten Ardistan und schickte meine ganze Sehnsucht
und alle meine Gedanken zum hellen, freien Dschinnistan
empor. Ich stellte mir vor, die verloren gegangene
Menschenseele zu sein, die niemals wiedergefunden werden
kann, wenn sie sich nicht selbst wiederfindet. Dieses
Wiederfinden kann nie hoch oben in Dschinnistan, sondern nur
hier unten in Ardistan geschehen, im Erdenleid, in der
Menschheitsqual, bei der Träberkost des verlorenen Sohnes
unserer biblischen Geschichte. Meine Phantasie begann,
das, was ich suchte, in Form zu fassen, um es ergreifen
und festhalten zu können. Es wohnte und lebte in mir.
Aber nicht nur da, sondern auch außerhalb, allüberall, in
jedem andern Menschen, auch im Menschengeschlecht, als
Großes und Ganzes gedacht. Da entstand in mir meine
Marah Durimeh, die große, herrliche Menschheitsseele,
der ich die Gestalt meiner geliebten Großmutter gab. Da
tauchte zum ersten Male mein Tatellah-Satah in mir
auf, jener geheimnisvolle "Bewahrer der großen Medizin",
den meine Leser im dreiunddreißigsten meiner Bände
kennen gelernt haben. Und da wurde auch der Gedanke
"Winnetou" geboren. Wohlverstanden, nur der Gedanke,
nicht aber er selbst, den ich erst später fand. Damals
habe ich die psychologischen Werke der Beamtenbibliothek
und alle andern, die mir zugängig wurden -- fast
verschlungen, hätte ich beinahe gesagt; aber das würde nicht
wahr sein, denn ich habe sie langsam, Wort für Wort
zerlegt und jedes einzelne Wort mit einer Bedachtsamkeit
in mir aufgenommen, die höchst wahrscheinlich nicht
allzu häufig ist; aber ich habe das wie atemlos und mit
einem Hunger, mit einem Eifer getan, als ob mein Leben,
meine Seligkeit davon abhänge, mir innerlich klar zu
werden. Und als ich dann glaubte, mich auf dem richtigen
Wege zu befinden, da griff ich in meine Kinderzeit
zurück und holte den alten, kühnen Wunsch hervor, "ein
Märchenerzähler zu werden, wie du, Großmutter bist."
Ich befand mich ja an einem der größten und reichsten
Fundorte alles dessen, was da zu erzählen war, im
Gefängnisse. Da kondensiert und verdichtet sich alles, was
draußen in der Freiheit so leicht und so dünn vorüberfließt,
daß man es nicht ergreifen und noch viel weniger
betrachten kann. Und da erheben sich die Gegensätze, die
draußen sich wie auf ebener Fläche vermischen, so bergeshoch,
daß in dieser Vergrößerung Alles offenbar wird,
was anderwärts in Heimlichkeit verborgen bleibt. Ich
hatte sie vor mir aufgeschlagen, die anspruchsvollen,
hochgelehrten Werke über Psychologie, besonders über
Kriminalpsychologie. Fast jede Zeile war mir eingeprägt. Sie
enthielten die Theorie, ein Konglomerat von Rätseln und
Problemen. Die Praxis aber lag rund um mich her, in
ebenso klarer wie erschütternder Aufrichtigkeit. Welch ein
Unterschied zwischen beiden? Wo war die Wahrheit zu
suchen? In den aufgeschlagenen Büchern oder in der
aufgeschlagenen Wirklichkeit? In beiden! Die Wissenschaft
ist wahr, und das Leben ist wahr. Die Wissenschaft
irrt, und das Leben irrt. Ihre beiderseitigen Wege
führen über den Irrtum zur Wahrheit; dort müssen sie
sich treffen. Wo diese Wahrheit liegt und wie sie lautet,
das können wir nur ahnen. Es ist nur einem einzigen
Auge vergönnt, sie vorauszusehen, und das ist das Auge
des -- -- Märchens. Darum will ich Märchenerzähler
sein, nichts Anderes als Märchenerzähler, ganz so, wie
Großmutter es war! Ich brauche nur die Augen zu
öffnen, so sehe ich sie aufgespeichert, diese Hunderte und
Aberhunderte von fleischgewordenen Gleichnissen und nach
Erlösung trachtenden Märchen. In jeder Zelle eins und
auf jedem Arbeitsschemel eins. Lauter schlafende
Dornröschen, die darauf warten, von der Barmherzigkeit und
Liebe wachgeküßt zu werden. Lauter in Fesseln schmachtende
Seelen, in alten Schlössern, die in Gefängnisse
umgewandelt sind, oder in modernen Riesenbauten, in denen
Humanität von Zelle zu Zelle, von Schemel zu Schemel
geht, um aufzuwecken und freizumachen, was des Aufwachens
und der Freiheit wert sich zeigt. Ich will zwischen
Wissenschaft und Leben vermitteln. Ich will Gleichnisse
und Märchen erzählen, in denen tief verborgen die
Wahrheit liegt, die man auf andere Weise noch nicht zu
erschauen vermag. Ich will Licht schöpfen aus dem Dunkel
meines Gefängnislebens. Ich will die Strafe, die mich
getroffen hat, in Freiheit für andere verwandeln. Ich
will die Strenge des Gesetzes, unter der ich leide, in ein
großes Mitleid mit allen denen, die gefallen sind,
verkehren, in eine Liebe und Barmherzigkeit, vor der es
schließlich kein "Verbrechen" mehr und keine "Verbrecher"
gibt, sondern nur Kranke, Kranke, Kranke.

Aber kein Mensch darf ahnen, daß das, was ich erzähle,
nur Gleichnisse und nur Märchen sind, denn wüßte
man das, so würde ich nie erreichen, was ich zu erreichen
gedenke. Ich muß selbst zum Märchen werden, ich selbst,
mein eigenes Ich. Es wird das freilich eine Kühnheit
sein, an der ich leicht zugrunde gehen kann, was aber
liegt am Schicksal eines kleinen Einzelmenschen, wenn es
sich um große, riesig emporstrebende Fragen der ganzen
Menschheit handelt? An dem winzigen Schicksälchen eines
verachteten Gefangenen, der für die Gesellschaft schon so
und überhaupt verloren ist, wenn sich die Art und Weise,
in der man über das "Verbrechen" denkt und spricht,
nicht baldigst ändert!

Das war ein Gedanke, der mir ganz plötzlich kam,
sich aber tief einnistete und mich nicht wieder verließ.
Er gewann Macht über mich; er wurde groß. Er nahm
endlich meine ganze Seele ein, und zwar wohl deshalb,
weil er in sich die Erfüllung alles dessen barg, was schon
von meiner Kindheit an Wunsch und Hoffnung in
mir lebte. Ich hielt ihn fest, diesen Gedanken; ich
erweiterte und vertiefte ihn; ich arbeitete ihn aus. Er
hatte mich, und ich hatte ihn; wir wurden beide identisch.
Aber das geschah nicht schnell, sondern es brauchte eine lange,
lange Zeit, und es gingen noch trübere und noch schwerere
Tage dahin, als die gegenwärtigen waren, ehe ich meinen
Arbeitsplan entwickelte und derart festgelegt hatte, daß
an ihm nichts mehr zu ändern war. Ich nahm mir vor,
zunächst noch weiter an meinen Humoresken und erzgebirgischen
Dorfgeschichten zu schreiben, um der deutschen
Leserwelt bekannt zu werden und ihr zu zeigen, daß ich
mich absolut nur auf gottesgläubigem Boden bewege.
Dann aber wollte ich zu einem Genre greifen, welches
im allgemeinsten Interesse steht und die größte Eindrucksfähigkeit
besitzt, nämlich zur Reiseerzählung. Diesen Erzählungen
wirkliche Reisen zugrunde zu legen, war nicht
absolut notwendig; sie sollten ja doch nur Gleichnisse
und nur Märchen sein, allerdings außerordentlich
vielsagende Gleichnisse und Märchen. Trotzdem aber waren
Reisen wünschenswert, zu Studienzwecken, um die verschiedenen
Milieus kennen zu lernen, in denen meine Gestalten
sich zu bewegen hatten. Vor allem galt es, sich
tüchtig vorzubereiten, Erdkunde, Völkerkunde, Sprachkunde
treiben. Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen
Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat
zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemäß
behaupten, daß Alles, was ich erzähle, Selbsterlebtes und
Miterlebtes sei. Aber ich mußte diese Sujets hinaus
in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen, um ihnen
diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen
Kleidung nicht besitzen. In die Prärie oder unter Palmen
versetzt, von der Sonne des Morgenlandes bestrahlt oder
von den Schneestürmen des Wilden Westens umtobt, in
Gefahren schwebend, welche das stärkste Mitgefühl der
Lesenden erwecken, so und nicht anders mußten alle meine
Gestalten gezeichnet sein, wenn ich mit ihnen das erreichen
wollte, was sie erreichen sollten. Und dazu hatte ich in
allen den Ländern, die zu beschreiben waren, wenigstens
theoretisch derart zu Hause zu sein, wie ein Europäer
es nur immer vermag. Es galt also zu arbeiten, schwer
und angestrengt zu arbeiten, um mich vorzubereiten, und
dazu war der stille ungestörte Gefängnisraum, in dem
ich lebte, grad so die richtige Stelle.

Es gibt irdische Wahrheiten, und es gibt himmlische
Wahrheiten. Die irdischen Wahrheiten werden uns durch
die Wissenschaft, die himmlischen durch die Offenbarung
gegeben. Die Wissenschaft pflegt ihre Wahrheiten zu
beweisen; was die Offenbarung behauptet, wird von den
Gelehrten höchstens als glaubhaft, nicht aber als bewiesen
betrachtet. So eine himmlische Wahrheit steigt an den
Strahlen der Sterne zur Erde nieder und geht von Haus
zu Haus, um anzuklopfen und eingelassen zu werden.
Sie wird überall abgewiesen, denn sie will geglaubt sein,
aber das tut man nicht, weil sie keine gelehrte Legitimation
besitzt. So geht sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu
Stadt, von Land zu Land, ohne erhört und aufgenommen
zu werden. Da steigt sie am Strahl der Sterne wieder
himmelan und kehrt zu dem zurück, von dem sie ausgegangen
ist. Sie klagt ihm weinend ihr Leid. Er aber
lächelt mild und spricht: "Weine nicht! Geh' wieder
zur Erde nieder, und klopfe bei dem Einzigen an, dessen
Haus du noch nicht fandest, beim Dichter. Bitte ihn,
dich in das Gewand des Märchens zu kleiden, und versuche
dann dein Heil noch einmal!" Sie gehorcht. Der
Dichter nimmt sie liebend auf und kleidet sie. Sie
beginnt ihren Gang als Märchen nun von Neuem, und
wo sie anklopft, ist sie jetzt willkommen. Man öffnet ihr
die Türen und die Herzen. Man lauscht mit Andacht
ihren Worten; man glaubt an sie. Man bittet sie, zu
bleiben, denn jeder hat sie liebgewonnen. Sie aber muß
weiter, immer weiter, um zu erfüllen, was ihr aufgetragen
worden ist. Doch geht sie nur als Märchen; als Wahrheit
aber bleibt sie zurück. Und wenn man sie auch nicht
sieht, sie ist doch da und herrscht im Haus, für alle
Folgezeiten.

So, das ist das Märchen! Aber nicht das Kindermärchen,
sondern das wahre, eigentliche, wirkliche Märchen,
trotz seines anspruchslosen, einfachen Kleides die
höchste und schwierigste aller Dichtungen, der in ihm
wohnenden Seele gemäß. Und einer jener Dichter, zu
denen die ewige Wahrheit kommt, um sie kleiden zu lassen,
wollte ich sein! Ich weiß gar wohl, welche Kühnheit
des war. Doch gestehe ich es, ohne mich zu fürchten.
Die Wahrheit ist so verhaßt und das Märchen so
verachtet, wie ich selbst es bin; wir passen zueinander.
Das Märchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen,
ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe
dringt. Wie man behauptet, daß das Märchen nur für
Kinder sei, so bezeichnet man mich als "Jugendschriftsteller",
der nur für unerwachsene Buben schreibe. Kurz,
ich brauche mich gar nicht zu entschuldigen, daß ich so
verwegen gewesen bin, nur ein Märchen- und
Gleichnisschriftsteller sein zu wollen. Gleicht doch mein "Leben
und Streben" schon an und für sich selbst einem Märchen,
und sind es doch fast unzählige Fabeln und Märchen, mit
denen meine Person von gegnerischer Seite umkleidet
worden ist! Und wenn ich mich dagegen verwahre, so
glaubt man mir ebenso wenig, wie Mancher dem Märchen
glaubt. Aber, wie jedes echte Märchen doch endlich
einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur
Wahrheit werden, und was man mir heut nicht glaubt,
das wird man morgen glauben lernen.

Also alle meine Reiseerzählungen, die ich zu schreiben
beabsichtigte, sollten bildlich, sollten symbolisch sein. Sie
sollten Etwas sagen, was nicht auf der Oberfläche lag.
Ich wollte Neues, Beglückendes bringen, ohne meine Leser
mit dem Alten, Bisherigen in Kampf und Streit zu
verwickeln. Und was ich zu sagen hatte, das mußte ich
suchen lassen; ich durfte es nicht offen vor die Türen
legen, weil man Alles, was man so billig bekommt, liegen
zu lassen pflegt und nur das zu schätzen weiß, was man
sich mühsam zu erringen hat. Es wäre ein unverzeihlicher
Fehler gewesen, gleich von vornherein anzudeuten, daß
meine Reiseerzählungen bildlich zu nehmen seien. Man
hätte mich einfach nicht gelesen, und Alles, was ich lösen
wollte, wäre Fabel und Märchen geblieben. Der Leser
mußte ungeahnt finden, was ich gab; er betrachtete
es dann als wohlerrungen und hielt es für das Leben
fest.

Aber was war denn eigentlich das, was ich geben
wollte? Das war vielerlei und nichts Alltägliches. Ich
wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsrätsel
lösen. Man lache mich aus; aber ich habe es
gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter
versuchen. Ob ich es erreiche, kann weder ich noch ein
Anderer wissen. Es mag bei der Ausführung dann wohl
mancher Fehler untergelaufen sein, denn ich bin ein irrender
Mensch; mein Wollen aber ist gut und rein gewesen. Ich
wollte ferner meine psychologischen Erfahrungen zur
Veröffentlichung bringen. Ein junger Lehrer, der bestraft
worden ist, seine psychologischen Erfahrungen? Ist das
nicht noch lächerlicher als das Vorhergehende? Mag man
es dafür halten; ich aber habe an hundert und wieder
hundert unglücklichen Menschen gesehen, daß sie nur darum
in das Unglück geraten waren und nur darum darin
stecken blieben, weil ihre Seelen, diese kostbarsten Wesen
der ganzen irdischen Schöpfung, vollständig vernachlässigt
worden waren. Der Geist ist das verzogene, eingebildete
Lieblingskind, die Seele das zurückgesetzte, hungernde
und frierende Aschenbrödel. Für den Geist sind
alle Schulen da, von der A-B-C-Schützen-Schule bis
hinauf zur Universität, für die Seele aber keine einzige.
Für den Geist werden Millionen Bücher geschrieben,
wie viele für die Seele? Dem Menschengeiste werden
tausend und abertausend Denkmäler gesetzt; wo stehen
die, welche bestimmt sind, die Menschenseele zu
verherrlichen? Wohlan, sage ich mir, so will ich es sein, der
für die Seele schreibt, ganz nur für sie allein, mag man
darüber lächeln oder nicht! Man kennt sie nicht. Darum
werden viele meine Werke entweder nicht oder falsch
verstehen, aber das soll mich ja nicht hindern, zu tun, was
ich mir vorgenommen habe.

Das war eigentlich genug für einen Menschen; aber
ich wollte nicht das allein, ich wollte noch viel mehr.
Ich sah um mich herum das tiefste Menschenelend liegen;
ich war für mich der Mittelpunkt desselben. Und hoch
über uns lag die Erlösung, lag die Edelmenschlichkeit,
nach der wir emporzustreben hatten. Diese Aufgabe war
aber nicht allein die unsrige, sondern sie ist allen Menschen
erteilt; nur daß wir, die wir um so viel tiefer lagerten
als die Andern, weit mehr und weit mühsamer aufzusteigen
hatten als sie. Aus der Tiefe zur Höhe, aus Ardistan
nach Dschinnistan, vom niedern Sinnenmenschen zum
Edelmenschen empor. Wie das geschehen müsse, wollte ich
an zwei Beispielen zeigen, an einem orientalischen und
an einem amerikanischen. Ich teilte mir die Erde für
diese meine besonderen Zwecke in zwei Hälften, in eine
amerikanische und eine asiatisch-afrikanische. Dort wohnt
die indianische Rasse und hier die semitisch-mohammedanische.
An diese beiden Rassen wollte ich meine Märchen, meine
Gedanken und Erläuterungen knüpfen. Darum galt es,
mich vor allen Dingen mit den arabischen u. s. w. Sprachen
und den Indianerdialekten zu beschäftigen. Der unwandelbare
Allahglaube der einen und der hochpoetische Glaube
an den "großen, guten Geist" der Andern harmonierte mit
meinem eigenen, unerschütterlichen Gottesglauben. In
Amerika sollte eine männliche und in Asien eine weibliche
Gestalt das Ideal bilden, an dem meine Leser ihr ethisches
Wollen emporzuranken hätten. Die eine ist mein
Winnetou, die andere Marah Durimeh geworden. Im Westen
soll die Handlung aus dem niedrigen Leben der Savanne
und Prairie nach und nach bis zu den reinen und lichten
Höhen des Mount Winnetou emporsteigen. Im Osten
hat sie sich das Treiben der Wüste bis nach dem
hohen Gipfel des Dschebel Marah Durimeh zu erheben.
Darum beginnt mein erster Band mit dem Titel "durch
die Wüste." Die Hauptperson aller dieser Erzählungen
sollte der Einheit wegen eine und dieselbe sein, ein
beginnender Edelmensch, der sich nach und nach von allen
Schlacken des Animamenschentumes reinigt. Für Amerika
sollte er Old Shatterhand, für den Orient aber Kara
Ben Nemsi heißen, denn daß er ein Deutscher zu sein
hatte, verstand sich ganz von selbst. Er mußte als selbst
erzählend, also als "Icherzähler" dargestellt werden.
Sein Ich ist keine Wirklichkeit, sondern dichterische Imagination.
Doch, wenn dieses "Ich" auch nicht selbst existiert,
so soll doch Alles, was von ihm erzählt wird, aus der
Wirklichkeit geschöpft sein und zur Wirklichkeit werden.
Dieser Old Shatterhand und dieser Kara Ben Nemsi,
also dieses "Ich" ist als jene große Menschheitsfrage
gedacht, welche von Gott selbst geschaffen wurde, als er
durch das Paradies ging um zu fragen: "Adam, d. i.
Mensch, wo bist Du?" "Edelmensch, wo bist Du?" Ich
sehe nur gefallene, niedrige Menschen!" Diese Menschheitsfrage
ist seitdem durch alle Zeiten und alle Länder des
Erdkreises gegangen, laut rufend und laut klagend, hat
aber nie eine Antwort erhalten. Sie hat Gewaltmenschen
gesehen zu Millionen und Abermillionen, die einander
bekämpften, zerfleischten und vernichteten, nie aber einen
Edelmenschen, der den Bewohnern von Dschinnistan glich
und nach ihrem herrlichen Gesetze lebte, daß ein Jeder
Engel seines Nächsten zu sein habe, um nicht an sich
selbst zum Teufel zu werden. Einmal aber muß und
wird die Menschheit doch so hoch gestiegen sein, daß auf
die bis dahin vergebliche Frage von irgendwoher die beglückende
Antwort erfolgt: "hier bin ich. Ich bin der erste
Edelmensch, und Andere werden mir folgen!" So geht
auch Old Shatterhand und so geht Kara Ben Nemsi durch
die Länder, um nach Edelmenschen zu suchen. Und wo
er keinen findet, da zeigt er durch sein eigenes edelmenschliches
Verhalten, wie er sich ihn denkt. Und dieser imaginäre
Old Shatterhand, dieser imaginäre Kara Ben Nemsi,
dieses imaginäre "Ich" hat nicht imaginär zu bleiben,
sondern sich zu realisieren, zu verwirklichen, und zwar in
meinem Leser, der innerlich Alles miterlebt und darum
gleich meinen Gestalten emporsteigt und sich veredelt. In
dieser Weise trage ich meinen Teil zur Lösung der großen
Aufgabe bei, daß sich der Gewaltmensch, also der niedrige
Mensch, zum Edelmenschen entwickeln könne.

Indem ich diese Gedanken in mir bewegte, fühlte
ich gar wohl, daß ich mich durch ihre Ausführung einer
Gefahr aussetzen würde, die für mich keine geringe war.
Wie nun, wenn man diese Imagination nicht verstand
und dieses "Ich" also nicht begriff? Wenn man glaubte,
ich meine mich selbst? Lag es da nicht nahe, daß ein
Jeder, dem es an Intelligenz oder gutem Willen fehlte,
zwischen Wirklichkeit und Imagination zu unterscheiden,
mich als Lügner und Schwindler bezeichnen würde? Ja,
das lag allerdings in der Möglichkeit, aber für wahrscheinlich
hielt ich es nicht. Ich hatte dieses "Ich," also
diesen Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand, ja mit
allen Vorzügen auszustatten, zu denen es die Menschheit
im Verlaufe ihrer Entwicklung bis heut gebracht hat.
Mein Held mußte die höchste Intelligenz, die tiefste
Herzensbildung und die größte Geschicklichkeit in allen
Leibesübungen besitzen. Daß sich das in der Wirklichkeit
nicht in einem einzelnen Menschen vereinigen konnte,
das verstand sich doch wohl ganz von selbst. Und wenn
ich, wie ich mir vornahm, eine Reihe von dreißig bis
vierzig Bänden schrieb, so war doch gewiß anzunehmen,
daß kein vernünftiger Mann auf die Idee kommen werde,
daß ein einziger Mensch das Alles erlebt haben könne.
Nein! Der Vorwurf, daß ich ein Lügner und Schwindler
sei, war, wenigstens für denkende Leute, vollständig
ausgeschlossen! So glaubte ich damals. Ja, ich war sogar
fest überzeugt, trotzdem ich mit dem "Ich" mich nicht
selbst meinte, doch mit bestem Gewissen behaupten zu
können, daß ich den Inhalt dieser Erzählungen selbst
erlebt oder miterlebt habe, weil er ja aus meinem eigenen
Leben oder doch aus meiner nächsten Nähe stammte. Ich
hielt es für gar nicht schwer, sondern sogar für sehr leicht
und vor allen Dingen auch für interessant, sich vorzustellen,
daß Karl May diese Reiseerzählungen zwar niederschreibt,
sie aber so verfaßt, als ob sie nicht aus seinem eigenen
Kopfe stammen, sondern ihm von jenem imaginären "Ich",
also von der großen Menschheitsfrage, diktiert worden
seien. Ob diese meine Annahme richtig war, wird bald
die Folge zeigen.

Der Vorsatz, meine Gestalten teils in indianische
und teils in orientalische Gewänder zu kleiden, führte mich
ganz selbstverständlich zu tiefem Mitgefühle für die Schicksale
der betreffenden Völkerschaften. Der als unaufhaltsam
bezeichnete Untergang der roten Rasse begann, mich
ununterbrochen zu beschäftigen. Und über die Undankbarkeit
des Abendlandes gegenüber dem Morgenlande, dem es
doch seine ganze materielle und geistige Kultur verdankt,
machte ich mir allerlei schwere Gedanken. Das Wohl
der Menschheit will, daß zwischen beiden Friede ist, nicht
länger Ausbeutung und Blutvergießen. Ich nahm mir
vor, dies in meinen Büchern immerfort zu betonen und
in meinen Lesern jene Liebe zur roten Rasse und für die
Bewohner des Orients zu erwecken, die wir als Mitmenschen
ihnen schuldig sind. Man versichert mir heut,
dies nicht etwa bei nur Wenigen, sondern bei Hunderttausenden
erreicht zu haben, und ich bin nicht abgeneigt,
dies zu glauben.

Und nun die Hauptfrage: Für wen sollten meine
Bücher geschrieben sein? Ganz selbstverständlich für das Volk,
für das ganze Volk, nicht nur für einzelne Teile desselben,
für einzelne Stände, für einzelne Altersklassen. Vor allen
Dingen nicht etwa allein für die Jugend! Auf diese
letztere Versicherung habe ich das größte Gewicht und
den schärfsten Ton zu legen. Wäre es meine Absicht
gewesen, Jugendschriftsteller sein oder werden zu wollen,
so hätte ich ganz notwendigerweise auf die Ausführung
aller meiner Pläne und auf die Erreichung aller meiner
Ideale für immer verzichten müssen. Und dies zu tun,
ist mir niemals eingefallen. Zwar hatte ich auch an die
Jugend zu denken, denn sie bietet nicht nur zeitlich die
erste Stufe des Volkes; sie ist es nicht nur, aus der sich
das Volk immer fort und fort ergänzt, sondern sie ist
es, die im Aufwärtsstreben der Menschheit den Alten
und den Bequemen voranzusteigen hat, um das von unsern
Pionieren neu gesichtete Terrain schnellsten Tempo's zu
besetzen. Aber wie sie nur einen Teil des Volkes bildet,
so konnte das, was ich an sie zu richten hatte, auch nur
ein Teil dessen sein, was ich für das Volk als Ganzes
schrieb. Wenn ich sage, daß ich für das Volk schreiben
wollte, so meine ich damit, für den Menschen überhaupt,
mag er so jung oder so alt sein, wie er ist. Aber nicht
jedes meiner Bücher ist für jeden Menschen. Und doch
auch wieder ist es für jeden Menschen, aber nach und
nach, je nachdem er sich vorwärts entwickelt, je nachdem
er älter und erfahrener wird, je nachdem er fähig
geworden ist, ihren Inhalt zu verstehen und zu begreifen.
Meine Bücher sollen ihn durch das ganze Leben begleiten.
Er soll sie als Knabe, als Jüngling, als Mann, als
Greis lesen, auf jeder dieser Altersstufen das, was ihrer
Höhe entsprechend ist. Das Alles langsam, mit
Ueberlegung und Bedacht. Wer meine Bücher verschlingt,
und zwar wahllos verschlingt, um den ist es vielleicht
schade; auf alle Fälle aber ist es noch mehr schade um sie!
Wer sie mißbraucht, der soll nicht mich oder sie, sondern
sich selbst zur Verantwortung ziehen. Ich erinnere da
an das Rauchen, an das Essen und Trinken. Rauchen
ist ein Genuß. Essen und Trinken ist unerläßlich. Aber
jederzeit zu rauchen, zu essen, zu trinken, und Alles, was
einem geboten wird, zu rauchen und zu verzehren, würde
nicht nur töricht, sondern sogar schädlich sein. Eine gute,
interessante Lektüre soll man genießen, aber nicht wie ein
Haifisch verschlingen! Da meine Bücher nur Gleichnisse
und Märchen enthalten, versteht es sich ganz von selbst,
daß man reiflich über sie nachdenken soll und daß sie
nur in die Hände von Leuten gehören, die nicht nur
nachdenken können, sondern auch nachdenken wollen.

Als ich damals diese Gedanken erwog und meine
Pläne faßte, hatte ich zwar schon Verschiedenes geschrieben
und an die Oeffentlichkeit gegeben, aber es war mir noch
nicht eingefallen, mich als Schriftsteller oder gar als
Künstler zu bezeichnen. Und jeder wirkliche Schriftsteller
muß doch zugleich auch Künstler sein. Ich hielt mich
noch nicht einmal für einen zünftigen Lehrling, sondern
nur erst für einen außerhalb der Zunft herumtastenden
Anfänger, der seine ersten, kindlichen Gehversuche macht.
Und doch schon so weit umfassende, weit hinausreichende
Pläne! Wenn ich diese Pläne überschaute, so hätte mir
eigentlich himmelangst werden sollen, denn es gehörten jedenfalls
mehrere arbeitsreiche, ungestörte, glückliche Menschenleben
dazu, den vor mir liegenden Stoff echt literarisch,
also künstlerisch zu bewältigen. Aber es wurde mir doch
nicht angst, sondern ich blieb sehr ruhig dabei. Ich fragte
mich: Muß man denn Schriftsteller sein, und muß man
denn Künstler sein, um solche Sachen schreiben zu dürfen?
Wer will und kann es Einem verbieten? Machen wir es
ohne Zunft, wenn es nur richtig wird! Und machen wir
es ohne Kunst, wenn es nur Wirkung hat und das erreicht,
was es erreichen soll! Ob Schriftsteller und Künstler
mich als "Kollegen" gelten lassen würden, das mußte
mir damals gleichgültig sein. Zwar, meinen individuellen
Stolz besaß ich ebenso wie jeder andere Mensch, und von
Kunst dachte ich so hoch, wie man nur denken kann. Aber
diese meine Gedanken waren anders als diejenigen anderer
Leute, besonders der Fachgenossen. Künstler zu sein,
dünkte mich das Allerhöchste auf Erden, und es lebte tief
in meinem Herzen der heiße Wunsch, diese Höhe zu erreichen,
und sollte es erst noch in der letzten Stunde vor
meinem Tode sein. Jener Kindheitsabend, an dem ich
den "Faust" zu sehen bekam, stand noch unvergessen in
meiner Seele, und die Vorsätze, die ich an ihn geschlossen
hatte, besaßen noch ganz denselben Willen und dieselbe
Macht über mich wie vorher. Für das Theater schreiben!
Dramen schreiben! Dramen, in denen gezeigt wird, wie
der Mensch aufsteigen soll und aufsteigen kann aus dem
Erdenleide zur Daseinsfreude, aus der Sklaverei des
niedern Triebes zur Seelenreinheit und zur Seelengröße.
Um so Etwas schreiben zu können, muß man Künstler
sein, und zwar echter, wahrer Künstler. Aber was ich
nur da als Kunst dachte, das war etwas ganz Anderes
als das, was die heutige Kritik als Kunst bezeichnet, und
so blieb mir weiter nichts übrig, als alle meine Wünsche,
die sich darauf bezogen, als Literat ein Künstler, und
zwar ein wahrer, wertvoller Künstler sein zu dürfen, für
lange, lange Jahre zurückzustellen und bis dahin zu bleiben,
was ich eben war, nämlich ein unzünftiger Anfänger, der
nicht die geringste Prätentien [sic] besaß, ein Zunftgenosse zu
werden. Wie ich stets, seitdem ich lebte, abgesondert und
einsam gestanden hatte, so war ich schon damals überzeugt,
daß auch mein Weg als Literat ein einsamer sein
und bleiben werde, so weit mein Leben reiche. Was ich
suchte, fand sich nicht im alltäglichen Leben. Was ich
wollte, war etwas dem gewöhnlichen Menschen vollständig
Fernliegendes. Und was ich für richtig hielt, das war
höchst wahrscheinlich für andere Leute das Falsche.
Zudem war ich ja ein bestrafter Mensch. Da lag es mir
nahe, ganz für mich zu bleiben und keinen wertvolleren
Menschen mit mir zu belästigen. In Beziehung auf
Kunst war ich nicht sachverständig. Vielleicht hatten die
andern recht; ich konnte irren. Für alle Fälle aber hielt
mich mein Ideal fest, am Abende meines Lebens, nach
vollendeter Reife, ein großes, schönes Dichterwerk zu
schaffen, eine Symphonie erlösender Gedanken, in der
ich mich erkühne, Licht aus meiner Finsternis zu schöpfen,
Glück aus meinem Unglück, Freude aus meiner Qual.
Dies für später, wenn mir der Tod einst seinen ersten
Wink erteilt. Für jetzt aber galt es, zu lernen, viel zu
lernen und auf dieses Werk vorzubereiten, damit es
nicht mißlinge. Jetzt Märchen und Gleichnisse geben,
um dann am Schlusse des Lebens aus ihnen die Wahrheit
und die Wirklichkeit zu ziehen und auf die Bühne
zu bringen!

Aber diese Gleichnisse sind nicht kurze Schriftstücke
wie z. B. die herrlichen Gleichnisse Christi, sondern
lange Erzählungen, in denen viele Personen handelnd
auftreten. Und ihre Zahl ist groß; sie sollen eine
ganze Reihe von Bänden füllen und das Material für
jene spätere große Aufgabe bilden, mit der ich meine
Tätigkeit beschließen will. Sie können also keine
sorgfältig ausgeführten Gemälde sein, sondern nur
Federzeichnungen, nur Skizzen, Vorübungen, Etuden, an
welche nicht der Maßstab gelegt werden darf, der nur
für ausgesprochene Kunstwerke gilt. Ich kann und will
und darf kein kunstvollendeter Paul Heyse sein, sondern
meine Aufgabe ist, aus hochgelegenen Marmor und
Alabasterbrüchen die Blöcke für spätere Kunstwerke zu brechen,
deren Form ich höchstens andeuten kann, weil mir die
Zeit zur Ausführung nicht zur Verfügung steht. Diese
Andeutung gebe ich eben in Märchen, die meinen
erzählenden Gleichnissen eingeschoben sind und die Punkte
bilden, um welche sich das Interesse des Lesers
konzentriert. Die künstlerische Kritik braucht sich also mit
meinen Reiseerzählungen nicht zu befassen, weil es gar
nicht meine Absicht ist, ihnen eine künstlerische Form oder
gar Vollendung zu geben. Sie haben den einfachen,
schlichten Arm- oder Fußringen der Araberinnen zu
gleichen, die weiter nichts sein sollen, als eben nur silberne
Ringe. Der Wert liegt im Metall, nicht in der Arbeit.
Der Maler, welcher flüchtige Skizzen zeichnet, um ein
großes Gemälde vorzubereiten, würde sich gewiß über
den Kritiker verwundern, der an diese Skizzen denselben
Maßstab legen wollte, den er dann später an das
Gemälde zu legen hat.

Soviel über die Pläne, welche damals in mir entstanden
und die ich festgehalten und befolgt habe bis auf
den heutigen Tag. Sie kamen nicht plötzlich, und sie
kamen nicht in gesellschaftlicher Fülle, sondern langsam,
einer nach dem andern. Und sie reiften nicht eilig aus,
sondern es dauerte monate- und jahrelang, ehe ich mir
von dem einen Punkt bis zum nächsten klar geworden
war. Ich hatte aber auch genugsam Zeit dazu. Ich
legte mir eine Art von Buchhaltung über diese Pläne
und ihre Ausführung an; ich habe sie mir heilig aufgehoben
und besitze sie noch heut. Jeder Gedanke wurde
in seine Teile zerlegt, und jeder dieser Teile wurde notiert.
Ich stellte sogar ein Verzeichnis über die Titel und den
Inhalt aller Reiseerzählungen auf, die ich bringen wollte.
Ich bin zwar dann nicht genau nach diesen Verzeichnissen
gegangen, aber es hat mir doch viel genützt, und ich
zehre noch heut von Sujets, die schon damals in mir
entstanden. Auch schriftstellerte ich fleißig; ich schrieb
Manuskripte, um gleich nach meiner Entlassung möglichst
viel Stoff zur Veröffentlichung zu haben. Kurz, ich war
begeistert für mein Vorhaben und fühlte mich, obgleich
ich Gefangener war, unendlich glücklich in der Aussicht
auf eine Zukunft, die, wie ich wohl hoffen durfte, keine
ganz gewöhnliche zu werden versprach.

Das Schicksal schien mit meinen Vorsätzen einverstanden
zu sein. Es spendete mir, als ob es mich für
alles Leid entschädigen wolle, eine reiche, hochwillkommene
Gabe: Ich wurde begnadigt. Die Direktion hatte für
mich ein Gnadengesuch eingereicht, auf welches ich ein
volles Jahr meiner Strafzeit erlassen bekam. Ich stand
in der ersten Disziplinarklasse und erhielt ein
Vertrauenszeugnis ausgestellt, welches mir den Rückweg in das
Leben glättete und mich aller polizeilichen Scherereien
überhob. Der Kenner weiß, was das bedeutet!

Es war ein schöner, warmer Sonnentag, als ich die
Anstalt verließ, zum Kampfe gegen des Lebens Widerstand
mit meinen Manuskripten bewaffnet. Ich hatte nach
Hause geschrieben, um die Meinigen von meiner Heimkehr
zu benachrichtigen. Wie freute ich mich auf das
Wiedersehen. Angst vor Vorwürfen brauchte ich nicht zu
haben; dies war ja schon längst durch Briefe geordnet.
Ich wußte, daß ich willkommen sei und daß man mir
mit keinem Worte wehe tun werde. Am meisten freute
ich mich auf Großmutter. Wie mußte sie sich gegrämt
und gehärmt haben! Und wie gern würde sie mir ihre
alte, liebe, treue Hand entgegenstrecken. Wie entzückt
würde sie über meine Pläne sein! Wie sehr würde sie
mir helfen, sie auszudenken und so tief wie möglich
auszuschöpfen! Ich ging von Zwickau nach Ernsttal, also
genau denselben Weg, den ich damals als Knabe
gegangen war, um in Spanien nach Hilfe zu suchen. Es
läßt sich denken, was für Gedanken mich auf diesem Weg
begleiteten. Ich hatte auf jenem Heimwege mit dem
Vater den Vorsatz gefaßt, ihn nie wieder durch Derartiges
zu betrüben; wie schlecht aber hatte ich Wort gehalten!
Sollte ich heut etwa ähnliche Vorsätze fassen, für deren
Erfüllung die Ohnmacht des Menschen keine Gewähr zu
leisten vermag? Das "Märchen von Sitara" tauchte
vor mir auf. Gehörte ich vielleicht zu denen, auf deren
Seelen, wenn sie geboren werden, der Teufel wartet, um
sie in das Elend zu schleudern, so daß sie verloren gehen?
Alles Sträuben und Aufbäumen hilft nichts; sie sind dem
Untergange geweiht. Gilt das auch mir?

Meine Gedanken wurden trüber und trüber, je mehr
ich mich der Heimat näherte. Es war, als ob mir von
dort aus böse Ahnungen entgegenwehten. Meine frohe
Zuversicht schien mich verlassen zu wollen; ich mußte mir
Mühe geben, sie festzuhalten. Von der Lungwitzer Höhe
aus schaute ich über das Städtchen hin. Da schlängelten
sich vor meinen Augen die Wege, die ich damals so oft
gegangen war, in heißem Kampfe mit jenen fürchterlichen
inneren Stimmen liegend, die mir Tag und Nacht hindurch
in einem fort die Worte "des Schneiders Fluch,
des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch" zuriefen.
Und was war das? Indem ich hieran dachte, hörte ich
ganz dieselbe Stimme erklingen, in mir, ganz deutlich, wie
erst nur von Weitem, aber sie schienen sich zu nähern, "des
Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders
Fluch!" Sollte und wollte sich das etwa wiederholen?
Ich erschrak, wie ich noch nie erschrocken bin, und eilte
von dieser Stelle und von dieser Erinnerung fort, die
Höhe hinab, durch das Städtchen hindurch, nach Hause,
nach Hause, nach Hause!

Ich kam eher, als man mich erwartete. Meine Eltern
wohnten noch im ersten Stock desselben Hauses. Ich stieg
die Treppe empor und dann gleich noch eine zweite hinauf
nach dem Bodenraume, wo Großmutter sich immer am
liebsten aufgehalten hatte. Ich wollte zunächst zu ihr und
dann erst zu Vater, Mutter und Geschwistern. Da sah ich
die wenigen Sachen, die sie besessen hatte; sie selbst aber
war nicht da. Da stand ihre Lade, mit blauen und gelben
Blumen bemalt. Sie war verschlossen, der Schlüssel
abgezogen. Und da stand ihre Bettstelle; sie war leer. Ich
eilte hinab in die Wohnstube. Da saßen die Eltern. Die
Schwestern fehlten. Das war Zartgefühl. Sie hatten
gemeint, die Eltern gingen vor. Ich grüßte gar nicht und
fragte, wo Großmutter sei. "Tot -- -- -- gestorben!"
lautete die Antwort. "Wann?" "Schon voriges Jahr."
Da sank ich auf den Stuhl und legte Kopf und Arme
auf den Tisch. Sie lebte nicht mehr! Man hatte es mir
verschwiegen, um mich zu schonen, um mir die Gefangenschaft
nicht noch zu erschweren. Das war ja recht gut
gedacht; nun aber traf es mich um so wuchtiger. Sie war
nicht eigentlich krank gewesen; sie war nur so
hingeschwunden, vor Gram und Leid um -- -- -- mich!

Es dauerte lange Zeit, ehe ich den Kopf wieder hob,
um die Eltern nun zu grüßen. Sie erschraken. Sie
sagten mir später, mein Gesicht habe schlimmer ausgesehen
als dasjenige einer Leiche. Die Geschwister kamen hinzu.
Sie freuten sich des Wiedersehens, aber sie schauten mich
so sonderbar an, so scheu. Das war nichts weiter als
der Reflex meines eigenen Gesichts. Ich gab mir zwar
die größte Mühe, aber ich konnte den Schlag, der mich
soeben getroffen hatte, doch nicht ganz verbergen. Ich
wollte nur von Großmutter wissen, jetzt weiter nichts, und
man erzählte mir. Sie hatte sehr viel von mir gesprochen,
aber niemals ein Wort, welches mich hätte kränken müssen,
wenn ich dabeigewesen wäre. Und sie hatte nie geklagt
oder gar geweint. Sie hatte gesagt, nun wisse sie, daß
ich eine jener Seelen sei, die bei ihrer Geburt zur falschen
Stelle geschleudert werden, um dort vernichtet zu werden.
Nun sei sie überzeugt, daß ich durch die Geisterschmiede
müsse, um alle irdischen Qualen über mich ergehen zu lassen.
Aber sie wisse, ich werde nicht schreien, ich werde tragen,
was zu tragen ist, und mir den Weg nach Dschinistan [sic]
erzwingen. Je näher sie dem Tode kam, desto
ausschließlicher lebte sie nur noch ihrer Märchenwelt und
desto ausschließlicher sprach sie nur noch von mir. An
einem der letzten Tage erzählte sie, daß der längst
verstorbene Herr Kantor heute Nacht bei ihr gewesen sei.
Er war unser Nachbar gewesen. Die beiden Häuser
stießen aneinander. Da habe sich plötzlich im Dunkel
die Mauer auseinander getan, und es sei hell geworden,
aber nicht in einem gewöhnlichen Licht, sondern von einem,
welches sie noch nie gesehen habe. Von ihm beleuchtet,
sei der Herr Kantor erschienen. Er haben genauso
ausgesehn wie damals, als er noch lebte. Er sei langsam
bis an ihr Bett gekommen, habe sie freundlich lächelnd
gegrüßt, wie es immer seine Art und Weise war, und
dann gesagt, daß sie sich ja nicht um mich sorgen solle;
ich könne wohl stürzen wie jeder Andere, nicht aber liegen
bleiben; es werde mir zwar schwer gemacht, doch erreiche
ich sicher mein Ziel. Nach diesen Worten nickte er ihr
wieder freundlich zu und ging ebenso langsam, wie er
gekommen war, nach der Mauerlücke zurück. Sie schloß
sich hinter ihm. Das Licht verschwand; es wurde wieder
dunkel.

Als sie das erzählt hatte, war es gewesen, als ob
ein Teil jenes fremden, ihr bisher unbekannten Lichtes
auf ihrem Gesicht zurückgeblieben sei, und es lag auch
noch dann darauf, als sie die Augen geschlossen hatte
und nicht mehr atmete. Ihr Tod war ein sanfter, ein
friedlicher, ein seliger gewesen; mir aber war gar nicht
friedlich und gar nicht selig zu Mute, als man mir von
ihm erzählte. Es tauchten Vorwürfe in mir auf, aber
keine Vorwürfe, die nur Gedanken sind, wie bei andern
Leuten, die nicht von derselben Veranlagung sind wie ich,
sondern Vorwürfe viel wesentlicherer, viel kompakterer
Art. Ich sah sie in mir kommen, und ich hörte, was
sie sagten, jedes Wort, ja wirklich, jedes Wort! Das
waren nicht Gedanken, sondern Gestalten, wirkliche Wesen,
die nicht die geringste Identität mit mir zu besitzen schienen
und doch identisch waren. Welch ein Rätsel! Aber welch
ein ungewöhnliches, furchtbar beängstigendes Rätsel! Sie
glichen jenen in mir schreienden, dunkeln Gestalten
von früher her, mit denen ich -- -- -- mein Gott, kaum
hatte ich an sie gedacht, so waren sie wieder da, ganz so,
wie ich damals gezwungen gewesen war, sie in meinem
Innern zu sehen und zu hören. Ich vernahm ihre Stimmen
so deutlich, als ob sie vor mir stünden und an Stelle
der Eltern und Geschwister mit mir sprächen. Und sie
blieben. Sie gingen, als ich mich niederlegte, mit mir
schlafen. Aber sie schliefen nicht und ließen auch mich nicht
schlafen. Es begann das frühere Elend, die frühere
Marter, der frühere Kampf mit unbegreiflichen Mächten,
die um so gefährlicher waren, als ich absolut nicht entdecken
konnte, ob sie Teile von mir seien oder nicht. Sie
schienen es zu sein, denn sie kannten einen jeden meiner
Gedanken, noch ehe er mir selbst zum Bewußtsein kam.
Und doch konnten sie ganz unmöglich zu mir gehören,
weil das, was sie wollten, fast stets das Gegenteil von
meinem Willen war. Ich hatte mit meiner Vergangenheit
abgeschlossen. Der vor mir liegende Teil meines
Lebens sollte ein ganz anderer sein, als der, welcher hinter
mir lag. Diese Stimmen aber waren bemüht, mich mit
aller Gewalt in die Vergangenheit zurückzuzerren. Sie
verlangten wie früher, daß ich mich rächen solle. Nun
erst recht mich rächen, für die im Gefängnis verlorene,
köstliche Zeit! Sie wurden von Tag zu Tag lauter; ich
aber stemmte mich gegen sie; ich tat, als ob ich nichts,
gar nichts höre. Das war aber selbst bei der größten
Kraftaufwendung nicht länger als höchstens nur einige
Tage lang auszuhalten. Indessen besuchte ich einige
Verleger, um mit ihnen über die Herausgabe der im Gefängnisse
geschriebenen Manuskripte zu verhandeln. Hierbei
stellte es sich heraus, daß während dieser meiner
Abwesenheit die inneren Stimmen um so mehr verstummten,
je weiter ich mich von der Heimat entfernte, und wieder
um so deutlicher wurden, je mehr ich mich ihr wieder
näherte. Es war, als ob diese finstern Gestalten dort
seßhaft seien und nur dann über mich herfallen könnten,
wenn ich die Unvorsichtigkeit beging, mich dort einzufinden.
Ich beschloß hierauf die Probe zu machen. Ich kassierte
meine Honorare ein und machte eine längere Auslandsreise.
Wohin, das habe ich im zweiten Bande dieses
Werkes zu erzählen, in welchem meinen Reisen und ihren
Ergebnissen ein größerer Raum gewidmet werden soll,
als ich ihnen hier gewähren könnte. Während dieser
Reise verschwanden diese Bilder ganz und gar; ich wurde
vollständig frei von ihnen. Dafür aber stellte sich ein
ganz ungewöhnlicher Drang in mir ein, nach der Heimat
zurückzukehren. Es war kein gesunder, sondern ein kranker
Trieb; das fühlte ich gar wohl, aber er wurde so stark,
daß ich die Widerstandskraft verlor und ihm gehorchte.
Ich kehrte heim, und kaum war ich dort, so stürzte sich
Alles, was ich beseitigt glaubte, wieder auf mich. Die
Anfechtungen begannen von Neuem. Ich vernahm unausgesetzt
den inneren Befehl, an der menschlichen Gesellschaft
Rache zu nehmen, und zwar dadurch Rache, daß
ich mich an ihren Gesetzen vergriff. Ich fühlte, daß ich,
falls ich diesem Befehle Gehorsam leiste, ein höchst
gefährlicher Mensch sein werde, und nahm alle mir gegebene
Kraft zusammen, gegen dieses entsetzliche Schicksal
anzukämpfen.

Ich halte es hier für nötig, zu konstatieren, daß ich
meinen Zustand keineswegs für pathologisch hielt. Alle
meine Vorfahren waren, soweit ich sie kannte, sowohl
körperlich als auch geistig kerngesunde Menschen gewesen.
Es gab nichts Atavistisches an mir. Was sich in dieser
Beziehung mir angeheftet hatte, das war gewiß nicht
von innen heraus erzeugt, sondern von außen her an
mich herangetreten. Ich arbeitete fleißig, fast Tag und
Nacht, wie ich überhaupt an der Arbeit stets meine größte
Freude gefunden habe. Man kaufte meine Sachen gern.
Ich litt also keineswegs Not, zumal ich bei den Eltern
wohnte, die sich jetzt auch besser standen als früher. Ich
hätte vollständig zu leben gehabt, auch wenn ich mir nichts
verdiente. Bei diesen Arbeiten wiederholte sich das, was
ich schon früher beschrieben habe. Wenn ich etwas Gewöhnliches
schrieb, stellte sich nicht die geringste Hinderung
ein. Sobald ich mir aber ein höheres Thema stellte,
eine geistig, religiös oder ethisch wertvollere Aufgabe,
wurden Gewalten in mir rege, die sich dagegen empörten
und mich dadurch hinderten, meine Arbeit zustande zu
bringen, daß sie mir, wahrend ich schrieb, die trivialsten,
blödesten oder gar verbotensten Gedanken dazwischenwarfen.
Ich sollte nicht empor; ich sollte unten bleiben. Hierzu
gesellte sich ein alter, sehr wohlbekannter Hallunke, dem
Niemand trauen darf, und wenn er auch noch so schmeichelt;
ich meine den Durst. Der Abscheu vor Branntwein ist
mir angeboren; ich genieße ihn höchstens als Arznei.
Wein war mir schon des Preises wegen bisher versagt,
und auch für Bier besitze ich keineswegs die Zuneigung,
welche man empfinden muß, um ein Trinker zu werden.
Jetzt aber fühlte ich seltsamer Weise stets großen Durst,
wenn ich auf meinen Spaziergängen an einem Wirtshause
vorüberging, und auch des Abends, wenn Andere nicht
mehr arbeiteten, trat mir das Verlangen nahe, die Feder
hinzulegen und in die Kneipe zu gehen, wie sie. Ich tat
es aber nicht. Vater tat es. Er konnte sein Glas einfaches
Bier und sein Schnäppschen [sic] nicht gut entbehren.
Ich aber hatte keine Lust dazu und blieb daheim. Das
war mir nicht etwa ein Opfer und fiel mir nicht etwa
schwer, o nein. Ich erzähle es nur des psychologischen
Interesses wegen, weil es mir höchst sonderbar erscheint,
daß dieser meiner ganzen Natur widersprechende und mir
sonst vollständig fremde Durst nach Spirituosen immer
nur dann auftrat, wenn jene Stimmen die Oberhand in
mir hatten, sonst aber nie!

Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Großmutter
meine Arbeitspläne vorzulegen; nun war sie tot. Ich
sprach hierüber also mit den Eltern und Geschwistern.
Vater hatte jetzt Anderes zu denken. Er war in einer
Art sozialer Mauserung begriffen und darum für mich
nicht zu haben, zumal er des Abends nie daheim blieb.
Auch die Schwestern hatten andere Interessen. Mein
ganzer Gedankenkreis war ihnen fremd. So blieb mir
nur die Mutter. Sie saß des Abends mit ihrem Strickstrumpf
still am Tische, an dem ich schrieb. Ich legte
ihr so gern die Gedanken vor, mit denen ich meine Feder
beschäftigte. Sie hörte mir ruhig zu. Sie nickte
einverstanden. Sie lächelte ermutigend. Sie sagte ein liebes,
tröstendes Wort. Sie war wie eine Heilige. Aber auch
sie verstand mich nicht. Sie fühlte nur; sie ahnte. Und
sie wünschte von ganzem Herzen, daß Alles so werden
möchte, wie ich es mir ersehnte. Und als sie sah, wie
fest und unerschütterlich ich an meine Zukunft glaubte,
da glaubte auch sie und war so froh, wie eine Mutter
sein kann, deren Kind noch so glücklich ist, sich auf Gott,
auf die Menschheit und auf sich selbst verlassen zu dürfen.
Ich aber fühlte mich einsam, einsam wie immer. Denn
auch im ganzen Orte gab es keinen einzigen Menschen,
der mich hätte verstehen wollen oder gar verstehen können.
Und diese Einsamkeit war mir, grad mir, dem innerlich
so schwer Angefochtenen im höchsten Grade gefährlich.
Nichts war mir nötiger als verständnisvolle Geselligkeit.
Aber ich stand, wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich
stets allein und war also den Gestalten, die mich bezwingen
wollten, fast unausgesetzt und schutzlos preisgegeben.
Und mitten in dieser Schutzlosigkeit wurde ich
nun auch von andern Feinden gepackt, die, obgleich sie
keine inneren, sondern äußerliche waren, doch ebenso wenig
mit den Händen gefaßt werden konnten.

Meine Mutter hatte infolge ihres Berufes unausgesetzt
in andern Familien zu verkehren. Sie war Vertrauensperson.
Man hatte sie gern. Man teilte ihr Alles
mit, ohne daß man sie um Verschwiegenheit zu bitten
brauchte. Sie erfuhr Alles, was im Städtchen und in
der Umgegend geschah. Es hatte irgendwo einen Einbruch
gegeben. Jedermann sprach von ihm. Der Täter war
entkommen. Bald gab es wieder einen, in derselben Weise
ausgeführt. Dazu kamen einige Schwindeleien, wahrscheinlich
von herabgekommenen Handwerksburschen in Szene
gesetzt. Ich hörte gar nicht hin, als man es erzählte,
bemerkte aber nach einiger Zeit, daß Mutter noch ernster
als gewöhnlich war und mich, wenn sie glaubte, unbeobachtet
zu sein, so eigentümlich mitleidig betrachtete. Ich
blieb anfänglich still, glaubte aber sehr bald, sie nach dem
Grunde fragen zu müssen. Sie wollte nicht antworten;
ich bat aber so lange, bis sie es tat. Es zirkulierte ein
Gerücht, ein unfaßbares Gerücht, daß ich jener Einbrecher
sei. Wem sollte man es zutrauen, als mir, dem entlassenen
Gefangenen? Ich lachte äußerlich dazu, innerlich aber war
ich empört, und es gab einige schwere Nächte. Es brüllte
vom Abend bis zum Morgen in meinem Innern. Die
Stimmen schrien mir zu: "Wehre dich, wie du willst,
wir geben dich nicht los! Du gehörst zu uns! Wir
zwingen dich, dich zu rächen! Du bist vor der Welt ein
Schurke und mußt ein Schurke bleiben, wenn du Ruhe
haben willst!" So klang es bei Nacht. Wenn ich am
Tage arbeiten wollte, brachte ich nichts fertig. Ich konnte
nicht essen. Mutter hatte es auch dem Vater gesagt.
Beide baten mich, mir die Sache nicht zu Herzen zu
nehmen. Sie konnten für mich eintreten. Sie wußten
ja genau, daß ich in den betreffenden Zeiten nicht aus
dem Haus gekommen war. Was wir erfuhren, war alles
im Vertrauen gesagt. Kein Name wurde genannt. Darum
gab es keinen Punkt, an dem ich zugreifen konnte, mich
zu wehren. Aber es kam schlimmer. Die heimatliche
Polizei wollte mir nicht wohl. Ich war mit Vertrauenszeugnis
entlassen worden und darum ihrer Aufsicht entgangen.
Jetzt glaubte sie, Veranlassung zu haben, sich
mit mir zu beschäftigen. Es kamen einige neue Schelmenstreiche
vor, deren Täter ganz unbedingt mit einer gewissen
Intelligenz behaftet waren. Man glaubte, dies
auf mich deuten zu müssen. Das war zu derselben Zeit,
in der sich die schon erwähnte "Lügenschmiede" zu bilden
begann. Neue Gerüchte kursierten, romantisch
ausgeschmückt. Der Herr Wachtmeister erkundigte sich unter
der Hand, wo ich an dem und dem Tag, zu der und der
Zeit gewesen sei. Die Augen hingen an mir, wo ich mich
sehen ließ; aber sobald ich diese Blicke wiedergab, schaute
man schnell hinweg. Da kam ein armer Wurm, aber ein
guter Kerl, ein Schulkamerad, der mich immer lieb gehabt
hatte und auch jetzt noch an mir hing. Der war sprichwörtlich
unbeholfen und unverzeihlich aufrichtig. Er hielt
grob sein für Menschenpflicht. Der konnte es nicht
länger aushalten. Er kam zu mir und erzählte mir auf
Handschlag und Schweigepflicht Alles, was gegen mich
im Schwange ging. Das war so dumm und doch so empörend,
so leichtsinnig und gewissenlos, so -- -- so -- --
so -- -- so -- -- -- ich fand keine Worte, dem armen,
wohlmeinenden Menschen für seine schmerzhafte Aufrichtigkeit
zu danken. Aber als er mein Gesicht sah, machte er
sich so schnell wie möglich von dannen.

Das war ein schwerer, ein unglückseliger Tag. Es
trieb mich fort, hinaus. Ich lief im Wald herum und
kam spät abends todmüde heim und legte mich nieder, ohne
gegessen zu haben. Trotz der Müdigkeit fand ich keinen
Schlaf. Zehn, fünfzig, ja hundert Stimmen verhöhnten
mich in meinem Innern mit unaufhörlichem Gelächter.
Ich sprang vom Lager auf und rannte wieder fort, in
die Nacht hinein; wohin, wohin, das beachtete ich gar
nicht. Es kam mir vor, als ob die inneren Gestalten aus
mir herausgetreten seien und neben mir herliefen. Voran
der fromme Seminardirektor, dann der Buchhalter, der
mir seine Uhr nicht geborgt haben wollte, eine Rotte von
Kegelschiebern, mit Kegelkugeln in den Händen, und hierauf
die Raubritter, Räuber, Mönche, Nonnen, Geister und
Gespenster aus der Hohensteiner Schundbibliothek. Das
verfolgte mich hin und her; das jagte mich auf und ab.
Das schrie und jubelte und höhnte, daß mir die Ohren
gellten. Als die Sonne aufging, fand ich mich im Innern
eines tiefen, steilen Steinbruchs emporkletternd. Ich hatte
mich verstiegen; ich konnte nicht weiter. Da hatten sie
mich fest, und da ließen sie mich nicht wieder hinab. Da
klebte ich zwischen Himmel und Erde, bis die Arbeiter
kamen und mich mit Hilfe einiger Leitern herunterholten.
Dann ging es weiter, immer weiter, weiter, den ganzen
Tag, die ganze nächste Nacht; dann brach ich zusammen
und schlief ein. Wo, das weiß ich nicht. Es war auf
einem Raine, zwischen zwei eng zusammenstehenden
Roggenfeldern. Ein Donner weckte mich. Es war wieder Nacht,
und der Gewitterregen floß in Strömen herab. Ich eilte
fort und kam an ein Rübenfeld. Ich hatte Hunger und
zog eine Rübe heraus. Mit der kam ich in den Wald,
kroch unter die dicht bewachsenen Bäume und aß. Hierauf
schlief ich wieder ein. Aber ich schlief nicht fest; ich wachte
immer wieder auf. Die Stimmen weckten mich. Sie höhnten
unaufhörlich "Du bist ein Vieh geworden, frissest
Rüben, Rüben, Rüben!" Als der Morgen anbrach, holte
ich mir eine zweite Rübe, kehrte in den Wald zurück und
aß. Dann suchte ich mir eine lichte Stelle auf und ließ
mich von der Sonne bescheinen, um trocken zu werden.
Die Stimmen schwiegen hier; das gab mir Ruhe. Ich
fand einen langen, wenn auch nur oberflächlichen Schlaf,
während dessen Dauer ich mich immer von einer Seite
auf die andere warf, und von kurzen, aufregenden Traumbildern
gequält wurde, die mir vorspiegelten, daß ich bald
ein Kegel, nach dem man schob, bald ein Zigeuner aus
Preziosa und bald etwas noch Schlimmeres sei. Dieser
Schlaf ermüdete mich nur noch mehr, statt daß er mich
stärkte. Ich entwand mich ihm, als der Abend anbrach,
und verließ den Wald. Indem ich unter den Bäumen
hervortrat, sah ich den Himmel blutigrot; ein Qualm
stieg zu ihm auf. Sicherlich war da ein Feuer. Das
war von einer ganz eigenen Wirkung auf mich. Ich
wußte nicht, wo ich war; aber es zog mich fort, das Feuer
zu betrachten. Ich erreichte eine Halde, die mir bekannt
vorkam. Dort setzte ich mich auf einen Stein und starrte
in die Glut. Zwar brannte ein Haus; aber das Feuer war
in mir. Und der Rauch, dieser dicke, erstickende Rauch!
Der war nicht da drüben beim Feuer, sondern hier bei
mir. Der hüllte mich ein, und der drang mir in die Seele.
Dort ballte er sich zu Klumpen, die Arme und Beine und
Augen und Gesichtszüge bekamen und sich in mir bewegten.
Sie sprachen. Aber was? Ich bin mir erst später, viel
später klar über die Entstehung solcher innerer Schreckgebilde
geworden. Damals war ich es noch nicht, und so
konnten sie die entsetzliche Wirkung äußern, gegen welche
meine auf das Aeußerste angespannten Nerven keine
Widerstandskraft mehr besaßen. Ich fiel in mir zusammen, wie
das brennende Haus da drüben zusammenfiel, als die
Flammen niedriger und niedriger wurden und endlich
erloschen. Da raffte ich mich auf und ging. In mir war
auch Alles erloschen. Ich war dumm, vollständig dumm.
Mein Kopf war wie von einer dicken Schicht von Lehm
und Häcksel umhüllt. Ich fand keinen Gedanken. Ich
suchte auch gar nicht danach. Ich wankte beim Gehen.
Ich lief irr. Ich torkelte weiter, bis ich endlich
einen Ort erreichte, an dessen Kirchhof die Straße,
auf der ich mich befand, vorüberführte. Ich lehnte mich
an die Mauer des Gottesackers und weinte. Das war
wohl unmännlich, aber ich hatte nicht die Kraft, es zu
verhindern. Diese Tränen waren keine erlösenden. Sie
brachten mir keine Erleichterung; aber sie schienen meine
Augen zu reinigen und zu stärken. Ich sah plötzlich, daß
es der Ernsttaler Kirchhof war, an dem ich stand. Er
war mir ebenso vertraut wie die Straße, an der er lag;
heut aber hatte ich weder ihn noch sie erkannt.

Der Morgen graute. Ich ging den Leichenweg hinab,
über den Markt hinüber und öffnete leise die Tür unseres
Hauses, stieg ebenso leise die Treppe hinauf nach der
Wohnung und setzte mich dort an den Tisch. Das tat ich ohne
Absicht, ohne Willen, wie eine Puppe, die man am
Faden zieht. Nach einiger Zeit öffnete sich die
Schlafkammertür. Mutter trat heraus. Sie pflegte sehr zeitig
aufzustehen, ihres Berufes wegen. Als sie mich sah,
erschrak sie. Sie zog die Kammertür schnell hinter sich
zu und sagte aufgeregt, aber leise:

"Um Gotteswillen! Du? Hat jemand dich kommen
sehen?"

"Nein," antwortete ich.

"Wie siehst du aus! Schnell wieder fort, fort, fort!
Nach Amerika hinüber! Daß man dich nicht erwischt!
Wenn man dich wieder einsperrt, das überlebe ich nicht!"

"Fort? Warum?" fragte ich.

"Was hast du getan; was hast du getan! Dieses
Feuer, dieses Feuer!"

"Was ist es mit dem Feuer?"

"Man hat dich gesehen! Im Steinbruch -- -- im
Walde -- -- auf dem Felde -- -- und gestern auch bei
dem Haus, bevor es niederbrannte!"

Das war ja entsetzlich, geradezu entsetzlich!

"Mut -- -- ter! Mut -- -- ter!" stotterte ich. "Glaubst
du etwa, daß -- -- --"

"Ja, ich glaube es; ich muß es glauben, und Vater
auch," unterbrach sie mich. "Alle Leute sagen es!"

Sie stieß das hastig hervor. Sie weinte nicht, und
sie jammerte nicht; sie war so stark im Tragen innerer
Lasten. Sie fuhr in demselben Atem fort:

"Um Gottes willen, laß dich nicht erwischen, vor
allen Dingen nicht hier bei uns im Hause! Geh, geh!
Ehe die Leute aufstehen und dich sehen! Ich darf nicht
sagen, daß du hier warst; ich darf nicht wissen, wo du
bist; ich darf dich nicht länger sehen! Geh also, geh!
Wenn es verjährt ist, kommst du wieder!"

Sie huschte wieder in die Kammer hinaus, ohne mich
berührt zu haben und ohne auf ein ferneres Wort von
mir zu warten. Ich war allein und griff mir mit beiden
Händen nach dem Kopfe. Ich fühlte da ganz deutlich
die dicke Lehm- und Häckselschicht. Dieser Mensch, der
da stand, war doch nicht etwa ich? An den die eigene
Mutter nicht mehr glaubte? Wer war der Kerl, der in
seiner schmutzigen, verknitterten Kleidung aussah, wie ein
Vagabund? Hinaus mit ihm, hinaus! Fort, fort!

Ich habe noch so viel Verstand gehabt, den
Kleiderschrank zu öffnen und einen andern, saubern Anzug
anzulegen. Dann bin ich fortgegangen. Wohin? Die
Erinnerung läßt mich im Stich. Ich war wieder krank
wie damals. Nicht geistig, sondern seelisch krank. Die
inneren Gestalten und Stimmen beherrschten mich
vollständig. Wenn ich mir Mühe gebe, mich auf jene Zeit
zu besinnen, so ist es mir wie Einem, der vor fünfzig
Jahren irgend ein Theaterstück gesehen hat und nach
dieser Zeit noch wissen soll, was von Augenblick zu
Augenblick geschah und wie die Kulissen sich verwandelten.
Einzelne Bilder sind mir geblieben, doch so undeutlich,
daß ich nicht behaupten kann, was wahr daran ist und
was nicht. Ich habe in jener Zeit jenen dunklen Gestalten
gehorcht, welche in mir wohnten und mich beherrschten.
Was ich getan habe, erscheint jedem Unbefangenen
unglaublich. Man beschuldigte mich, einen
Kinderwagen gestohlen zu haben! Wozu? Ein leeres
Portemonnaie mit nur drei Pfennigen Inhalt! Anderes
ist schon glaublicher und Einiges direkt erwiesen. Man
hatte mich festgenommen, und wo Etwas geschehen war,
da transportierte man mich als "hoffentlichen Täter" hin.
Das war eine hochinteressante Zeit für die Habitués der
Ernsttaler Lügenschmiede. Da wurde fast täglich Neues
erzählt oder Altes variiert, was ich begangen haben sollte.
Jeder Vagabund, der in den Ortsbereich dieser Märchen
kam, legte sich meinen Namen bei, um auf meine Rechnung
hin zu sündigen. Das war selbst für einen äußerlich
und innerlich Gefangenen zuviel. Ich zerbrach
während eines Transportes meine Fesseln und verschwand.
Wohin, das beabsichtige ich, im zweiten Bande, in dem
ich von meinen Reisen erzähle, ausführlich zu berichten.
Für jetzt ist nur dasselbe wie früher zu erwähnen, nämlich,
daß ich seelisch um so freier wurde, je weiter ich mich
von der Heimat entfernte, daß mich draußen in der Ferne
ein unwiderstehlicher Trieb zur Heimkehr packte und daß
ich innerlich wieder um so freier wurde, je mehr ich mich
der Gegend meines Geburtsortes näherte. Gibt es
Jemand, der das zu ergründen vermag? Ich folgte teils
jenem unbegreiflichen Zwange, teils kehrte ich freiwillig
zurück, und zwar um meiner guten Pläne und um meiner
Zukunft willen. Hatte ich gesündigt; so hatte ich zu büßen;
das verstand sich ganz von selbst. Und bevor diese Buße
nicht erledigt war, konnte es für mich keine ersprießliche
Arbeit und keine Zukunft geben. Ich kehrte also nach
fünf Monaten wieder heim, um mich dem Gericht zu
stellen, tat dies aber leider nicht stracks, wie es richtig
gewesen wäre, sondern verfiel jenen inneren Gewalten,
die sich wieder einstellten und mich verhinderten, zu tun,
was ich mir vorgenommen hatte. Die Folge davon war,
daß ich, anstatt mich freiwillig zu stellen, ergriffen wurde.
Das verschärfte meine Lage derart, daß ich die Strenge
des Richters, der mein Urteil fällte, vollständig begreife.
Umso weniger aber ist der Rechtsanwalt zu begreifen,
der mir von Gerichts wegen als Verteidiger gestellt
wurde. Er hat mich nicht verteidigt, sondern belastet,
und zwar in der schlimmsten Weise. Er bildete sich ein,
bei dieser billigen Gelegenheit Kriminalpsychologie treiben
zu können oder treiben zu sollen, und doch fehlte ihm
nicht mehr als Alles, was nötig ist, um eine solche
Aufgabe auch nur einigermaßen zu lösen. Ich hätte gar
wohl leugnen können, gab aber Alles, dessen man mich
beschuldigte, glattweg zu. Das tat ich, um die Sache
um jeden Preis los zu werden und so wenig wie möglich
Zeitverlust zu erleiden. Dieser Advokat war unfähig, mich
oder überhaupt ein nicht ganz alltägliches Seelenleben
zu begreifen. Das Urteil lautete auf 4 Jahre Zuchthaus
und zwei Jahre Polizeiaufsicht. So schwer es mir fällt,
dies für die Oeffentlichkeit niederzuschreiben, ich kann mich
nicht davon entbinden; es muß so sein. Nicht mich bedaure
ich, sondern meine armen, braven Eltern und Geschwister,
welch erstere mir noch im Grabe leid tun, daß
ihr Sohn, auf den sie so große, vielleicht nicht ganz
unberechtigte Hoffnungen setzten, durch die unendliche
Grausamkeit der Tatsachen und Verhältnisse gezwungen
ist, derartige Geständnisse zu machen.

Es kann mir nicht einfallen, die Missetaten, die mir
vorgeworfen werden, hier aufzuzählen. Mein Henker,
Schinder und Abdecker zu sein, überlasse ich jener
abgrundtiefen Ehrlosigkeit, die mich vor nun zehn Jahren an
das Kreuz geschlagen und während dieser Zeit keinen
Augenblick lang aufgehört hat, immer neue Qualen für
mich zu ersinnen. Sie mag in diesen Fäkalienstoffen
weiterwühlen, zum Entzücken aller jener niedern Lebewesen,
denen diese Stoffe Lebensbedingungen sind. Und
ebensowenig bin ich gewillt, mit dieser meiner jetzigen
Gefangenschaft Sensation zu treiben. Ich habe schlicht
und einfach über sie zu berichten, die Wahrheit zu sagen
und mich dann zu beeilen, diesem vermeintlichen Abgrund,
der aber ganz und gar kein Abgrund ist, für immer Valet
zu sagen.

Meine Strafe war schwer und lang, und der auf
zwei Jahre Polizeiaufsicht lautende Zusatz konnte mir
bei meiner Einlieferung keineswegs als Empfehlung dienen.
Ich war also auf strenge Behandlung gefaßt. Sie war
ernst, aber sie tat nicht weh. Eine Anstaltsdirektion
handelt ganz richtig, wenn sie sich nicht voreingenommen
zeigt, sondern ruhig abwartet, ob und wie der Eingelieferte
sich fügt. Nun, ich fügte mich! Freilich wurde für dieses
Mal auf meinen Stand keine Rücksicht genommen. Man
teilte mich derjenigen Beschäftigung zu, in der grad
Arbeiter gebraucht wurden. Ich wurde Zigarrenmacher.
Ich bat, isoliert zu werden; man gestattete es mir. Ich
habe vier Jahre lang dieselbe Zelle bewohnt und denke
noch heut mit jener eigenartigen, dankbaren Rührung an
sie zurück, welche man stillen, nicht grausamen Leidensstätten
schuldet. Auch die Arbeit wurde mir lieb. Sie
war mir hochinteressant. Ich lernte alle Arten von Tabak
kennen und alle Sorten von Zigarren fertigen, von der
billigsten bis zur teuersten. Das tägliche Pensum war
nicht zu hoch gestellt. Es kam auf die Sorte, auf den
guten Willen und auf die Geschicklichkeit an. Als ich
einmal eingeübt war, brachte ich mein Pensum spielend
fertig und hatte auch noch stunden- und halbe Tage lang
übrige Zeit. Diese Zeit für mich verwenden zu dürfen,
war mein innigster Wunsch, und der wurde mir eher,
viel eher erfüllt, als ich es für möglich hielt.

Ich betone hier ein für allemal, daß es für mich keinen
Zufall gibt. Das weiß ein jeder meiner Leser. Für
mich gibt es nur eine Fügung. So auch in diesem Falle.
Die Anstaltskirche in Waldheim hatte eine protestantische
und eine katholische Gemeinde. Der katholische Katechet
(Anstaltslehrer) fungierte während des katholischen
Gottesdienstes als Organist. Nun war er aber im Laufe der
Zeit so mit neuen Pflichten und vieler Arbeit überbürdet
worden, daß er für das Orgelspiel einen Stellvertreter
suchen mußte, zumal er bei Verhinderung des Geistlichen
die Predigt vorzulesen hatte und also nicht auch
noch die Orgel übernehmen konnte. Die Direktion billigte
ihm zu, sich einen Vertreter unter den Gefangenen zu
suchen. Er tat es. Es gab eine ganze Anzahl bestrafter
Lehrer unter den Gefangenen. Sie wurden geprüft.
Warum keiner von ihnen genommen wurde, das weiß
ich nicht. Sie waren alle länger da, als ich, hatten
also Zeit gehabt, sich das Vertrauen zu erwerben, welches
zur Bekleidung einer solchen Stelle gehört. Ich aber war
mit nichts weniger als guten Attesten eingeliefert, konnte
der zukünftigen Polizeiaufsicht unmöglich entgehen und
hatte noch keine Zeit gefunden, zu zeigen, daß ich trotzdem
Vertrauen verdiente. Hier liegt die Ursache für mich,
keinen Zufall, sondern eine Schickung anzunehmen. Der
Katechet kam in meine Zelle, unterhielt sich eine Weile
mit mir und ging dann fort, ohne mir etwas zu sagen.
Einige Tage später kam auch der katholische Geistliche.
Auch er entfernte sich nach kurzer Zeit, ohne daß er sich
über den Grund seines Besuches äußerte. Aber am
nächsten Tage wurde ich in die Kirche geführt, an die
Orgel gesetzt, bekam Noten vorgelegt und mußte spielen.
Die Herren Beamten saßen unten im Schiff der Kirche
so, daß ich sie nicht sah. Bei mir war nur der Katechet,
der mir die Aufgaben vorlegte. Ich bestand die Prüfung
und mußte vor dem Direktor erscheinen, der mir eröffnete,
daß ich zum Organisten bestellt sei und mich also sehr
gut zu führen habe, um dieses Vertrauens würdig zu
sein. Das war der Anfang, aus dem sich so sehr viel
für mich und mein Innenleben entwickelte.

Ich, der Protestant, Orgelspieler in einer
katholischen Kirche! Das brachte mir zunächst einige
Bewegungsfreiheiten innerhalb der Anstaltsgebäude. Man
konnte mir doch keinen Aufseher mit an die Orgel stellen!
Aber es brachte mir noch mehr, nämlich Achtung und
diejenige Rücksichtnahme, nach der ich in Beziehung auf
gewisse Aeußerlichkeiten strebte. Der Aufseher unserer
Visitation war ein stiller, ernster Mann, der mir sehr
wohlgefiel; als er im Meldebuch las, daß ich katholischer
Organist geworden sei, kam er verwundert in meine Zelle,
um mich zu fragen, ob vielleicht in meinen Einlieferungsakten
ein Versehen unterlaufen sei; da sei ich als
evangelisch-lutherisch bezeichnet. Ich verneinte das Versehen.
Da sah er mich groß an und sagte:

"Das ist noch gar nicht dagewesen! Da mußt
du -- -- -- hm, da müssen Sie sehr musikalisch sein!"

Die Gefangenen werden natürlich "Du" genannt;
von jetzt an aber sagte er "Sie", und Andere taten ihm
das nach. Das war eine scheinbar kleine, aber trotzdem
sehr wertvolle Errungenschaft, weil aus ihr vieles Andere
folgerte. Bald stellte sich zu meiner freudigen
Ueberraschung heraus, daß mein Aufseher der Dirigent des
Bläserkorps war. Ich erzählte ihm von meiner
musikalischen Beschäftigung in Zwickau. Da brachte er mir
schleunigst Noten, um mir eine Probeaufgabe zu erteilen.
Ich bestand auch diese Prüfung, und von nun an war
dafür gesorgt, daß ich nicht verhindert wurde, in meiner
freien Zeit nach meinen Zielen zu streben. Dieser Aufseher
ist mir ein lieber, väterlicher Freund gewesen, und
wir haben, als er später pensioniert war und nach Dresden
zog, noch lange in lieber, achtungsvoller Weise mit
einander verkehrt.

Der katholische Katechet hieß Kochta. Er war nur
Lehrer, ohne akademischen Hintergrund, aber ein
Ehrenmann in jeder Beziehung, human wie selten Einer und
von einer so reichen erzieherischen, psychologischen
Erfahrung, daß das, was er meinte, einen viel größeren Wert
für mich besaß, als ganze Stöße von gelehrten Büchern.
Nie sprach er über konfessionelle Dinge mit mir. Er
hielt mich für einen Protestanten und machte nicht den
geringsten Versuch, auf meine Glaubensanschauung
einzuwirken. Und wie er sich zu mir, so verhielt ich mich
zu ihm. Nie habe ich ihm eine Frage nach dem
Katholizismus vorgelegt. Was ich da wissen mußte, das
wußte ich bereits oder konnte es in anderer Weise
erfahren. Mir war das schöne Verhältnis heilig, das
nach und nach zwischen ihm und mir entstand, ohne daß
sich störende Gegensätze in das rein menschliche Wohlwollen
schleichen durften. Er tat seinen Kirchendienst,
ich meinen Orgeldienst, aber im Uebrigen blieb die Religion
zwischen uns vollständig unberührt und konnte also umso
direkter und reiner auf mich wirken. Grad dieses sein
Schweigen war so beredt, denn es ließ seine Taten sprechen,
und diese Taten waren die eines Edelmenschen, dessen
Wirkungskreis zwar ein kleiner ist, der aber selbst das
Kleinste groß zu nehmen weiß.

Ich hatte nie katholische Kirchenlieder gespielt; jetzt
lernte ich sie kennen. Was für Orgel- und sonstige
Musikstücke bekam ich in die Hand! Ich hatte geglaubt,
Musikverständnis zu besitzen. Ich Tor! Dieser einfache
Katechet gab mir Nüsse zu knacken, die mir sehr zu schaffen
machten. Was Musik eigentlich ist, das begann ich erst
jetzt zu ahnen, und die Musik ist nicht etwa das
allergeringste Mittel, durch welches die Kirche wirkt.

Der katholische Pfarrer kam nur dann zu mir, wenn
eine besondere Feststellung in Beziehung auf die
Orgelbegleitung nötig war. Er sprach nur das Allernötigste,
über Religion gar nicht; aber wenn er zu mir hereintrat
war es stets, als ob bei mir die Sonne zu scheinen
beginne. Solche Sonnenmenschen sind selten, und doch müßte
eigentlich jeder Geistliche ein Sonnenmensch sein, denn
der Laie ist nur allzusehr geneigt, die Kirche so zu
betrachten und zu beurteilen, wie ihre Priester sich zu ihm
stellen. Ueber den Unterschied zwischen dem protestantischen
und dem katholischen Gottesdienst gehe ich hinweg, aber
jeder vernünftige Mensch wird es für ganz naturgemäß
und selbstverständlich halten, daß ich nicht vier Jahre
lang an dem letzteren teilnehmen, ja sogar aktiv an ihm
beteiligt sein konnte, ohne von ihm beeinflußt zu werden.
Wir sind doch keine Steine, von denen alles Weiche
abprallt! Und sogar dieser Stein wird warm, wenn
der Sonnenstrahl ihn trifft! Und diese Gottesdienste
waren ja Sonnenstrahlen! Es liegt noch heut eine
unendliche Dankbarkeit für diese Wärme und diese Güte in
mir, die sich meiner annahm und keinen einzigen Vorwurf
für mich hatte, als alles Andere gegen mich war. Ich
habe sie gesegnet bis auf den heutigen Tag und werde
sie segnen, so lange ich lebe! Wie arm müssen doch die
Menschen innerlich sein, welche behaupten, daß ich katholisiere!
Es ist ganz unmöglich, daß sie die Menschenseele und die
in ihr liegenden Heiligtümer kennen. Uebrigens habe
ich über den katholischen Glauben gar nichts geschrieben,
über den mohammedanischen aber ganze Bände. Der
Vorwurf, daß ich islamitisiere, erscheint also viel berechtigter,
als der, daß ich katholisiere. Warum macht man mir
diesen nicht? Die Madonna ist von hundert protestantischen
Malern dargestellt und von hundert protestantischen Dichtern,
sogar von Goethe, behandelt worden. Warum sagt man
von diesen nicht, daß sie katholisieren? Ich habe der
katholischen Kirche für die hochsinnige Gastfreundlichkeit,
die sie mir, dem Protestanten, vier Jahre lang erwies,
durch ein einziges Ave Maria gedankt, welches ich für
meinen Winnetou dichtete. Ist das ein Grund, mich
der religiösen Heuchelei zu bezichtigen? Noch dazu des
Geldes wegen! Ich wiederhole: Wie arm müssen diese
Menschen sein, wie unendlich arm! -- --

Ich muß konstatieren, daß diese vier Jahre der
ungestörten Einsamkeit und konzentrierten Sammlung mich
sehr, sehr weit vorwärts gebracht haben. Es stand mir
jedes Buch zur Verfügung, das ich für meine Studien
brauchte. Ich stellte meine Arbeitspläne fertig und
begann dann mit der Ausführung derselben. Ich schrieb
Manuskripte. Sobald eines fertig war, schickte ich es heim.
Die Eltern vermittelten dann zwischen mir und den Verlegern.
Ich schrieb diesen nicht direkt, weil sie jetzt noch
nicht erfahren sollten, daß der Verfasser der Erzählungen,
die sie druckten, ein Gefangener sei. Einer aber erfuhr
es doch, weil er persönlich zu den Eltern kam. Das war
der später noch viel zu erwähnende Kolportagebuchhändler
H. G. Münchmeyer in Dresden. Er war Zimmergesell
gewesen, hatte bei Tanzmusiken auf dem Dorfe das
Klappenhorn geblasen und war dann Kolporteur geworden. In
dieser Eigenschaft kam er auch nach Hohenstein-Ernsttal
und lernte in einem benachbarten Dorfe eine Dienstmagd
kennen, die er heiratete. Das fesselte ihn an die
Gegend. Er wurde da bekannt und erfuhr auch von mir.
Was er da Tolles hörte, schien ihm außerordentlich passend
für seine Kolportage. Er suchte meinen Vater auf und
machte sich vertraut mit ihm. So kamen ihm meine
Manuskripte in die Hand. Er las sie. Einiges war ihm
zu hoch. Anderes aber gefiel ihm so, daß es ihn, wie er
sagte, entzückte. Er bat, es drucken zu dürfen, und
bekam die Erlaubnis dazu. Er wollte sofort bezahlen und
legte das Geld auf den Tisch. Vater aber nahm es nicht.
Er schob es zurück und forderte ihn auf, es mir persönlich
zu geben, wenn ich entlassen sei. Hierauf ging Münchmeyer
sehr gern ein. Er versicherte, ich sei der Mann,
den er gebrauchen könne; er werde mich nach meiner
Heimkehr aufsuchen und alles Nähere mit mir besprechen.

Dies erzähle und stelle ich für einstweilen fest. Es ist
für manches Folgende von großer Wichtigkeit, zu wissen,
daß Münchmeyer nicht nur meine Vergangenheit, wie sie
in Wahrheit verlief, genau kannte, sondern auch Alles
gehört hatte, was hinzugelogen worden war.

Was meinen seelischen Zustand betrifft, so hatte ich
Ruhe, vollständige Ruhe. In den ersten vier Wochen der
letzten vier Jahre war es noch vorgekommen, daß die
dunklen Gestalten mich innerlich gequält und mit Zurufen
belästigt hatten; das hatte aber nach und nach aufgehört
und war schließlich still geworden, ohne sich wieder zu
regen. Wenn ich hierüber nachdachte, ohne auf psychologische

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