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Mein Leben und Streben by Karl May

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Mein Leben und Streben

Selbstbiographie von Karl May

Band I

Freiburg i. Br.
Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld

Druck der Hoffmannschen Buchdruckerei in Stuttgart.

Wenn dich die Welt aus ihren Toren stößt,
So gehe ruhig fort, und laß das Klagen.
Sie hat durch die Verstoßung dich erlöst
Und ihre Schuld an dir nun selbst zu tragen.

(Karl May "Im Reiche des silbernen Löwen")

Inhalt.

_____

I. Das Märchen von Sitara
II. Meine Kindheit
III. Keine Jugend
IV. Seminar- und Lehrerzeit
V. Im Abgrunde
VI. Bei der Kolportage
VII. Meine Werke
VIII. Meine Prozesse
IX. Schluß

_________

I.
Das Märchen von Sitara.

_____

Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden
Weges nach der Sonne geht und dann in derselben
Richtung noch drei Monate lang über die Sonne
hinaus, so kommt man an einen Stern, welcher Sitara
heißt. Sitara ist ein persarabisches Wort und bedeutet
eben "Stern".

Dieser Stern hat mit unserer Erde viel, sehr viel
gemein. Sein Durchmesser ist 1700 Meilen und sein
Aequator 5400 Meilen lang. Er dreht sich um sich selbst
und zugleich auch um die Sonne. Die Bewegung um
sich selbst dauert genau einen Tag, die Bewegung um
die Sonne ebenso genau ein Jahr, keine Sekunde mehr
oder weniger. Seine Oberfläche besteht zu einem Teile
aus Land und zu zwei Teilen aus Wasser. Aber während
man auf der Erde bekanntlich fünf Erd- oder Weltteile
zählt, ist das Festland von Sitara in anderer, viel
einfacherer Weise gegliedert. Es hängt zusammen. Es
bildet nicht mehrere Kontinente, sondern nur einen einzigen,
der in ein sehr tiefgelegenes, sümpfereiches Niederland
und ein der Sonne kühn entgegenstrebendes Hochland
zerfällt, welche beide durch einen schmäleren, steil
aufwärtssteigenden Urwaldstreifen mit einander verbunden
sind. Das Tiefland ist eben, ungesund, an giftigen Pflanzen
und reißenden Tieren reich und allen von Meer zu
Meer dahinbrausenden Stürmen preisgegeben. Man
nennt es Ardistan. Ard heißt Erde, Scholle, niedriger
Stoff, und bildlich bedeutet es das Wohlbehagen im
geistlosen Schmutz und Staub, das rücksichtslose Trachten
nach der Materie, den grausamen Vernichtungskampf gegen
Alles, was nicht zum eigenen Selbst gehört oder nicht
gewillt ist, ihm zu dienen. Ardistan ist also die Heimat
der niedrigen, selbstsüchtigen Daseinsformen und, was sich
auf seine höheren Bewohner bezieht, das Land der
_Gewalt-_und_Egoismusmenschen._ Das Hochland
hingegen ist gebirgig, gesund, ewig jung und schön im
Kusse des Sonnenstrahles, reich an Gaben der Natur
und Produkten des menschlichen Fleißes, ein Garten Eden,
ein Paradies. Man nennt es Dschinnistan. Dschinni
heißt Genius, wohltätiger Geist, segensreiches unirdisches
Wesen, und bildlich bedeutet es den angeborenen Herzenstrieb
nach Höherem, das Wohlgefallen am geistigen und
seelischen Aufwärtssteigen, das fleißige Trachten nach Allem,
was gut und was edel ist, und vor allen Dingen die
Freude am Glücke des Nächsten, an der Wohlfahrt aller
derer, welche der Liebe und der Hilfe bedürfen. Dschinnistan
ist also das Territorium der wie die Berge aufwärtsstrebenden
Humanität und Nächstenliebe, das einst verheißene
Land der _Edelmenschen._

Tief unten herrscht über Ardistan ein Geschlecht von
finster denkenden, selbstsüchtigen Tyrannen, deren oberstes
Gesetz in strenger Kürze lautet: "D u s o l l st d e r T e u f e l
d e i n e s N ä ch st e n s e i n, d a m i t d u d i r s e l b s t
z u m E n g e l w e r d e st!" Und hoch oben regierte schon
seit undenklicher Zeit über Dschinnistan eine Dynastie
großherziger, echt königlich denkender Fürsten, deren oberstes
Gesetz in beglückender Kürze lautet: "D u s o l l st d e r
E n g e l d e i n e s N ä ch st e n s e i n, d a m i t d u n i ch t d i r
s e l b st z u m T e u f e l w e r d e st!"

Und solange dieses Dschinnistan, dieses Land der
Edelmenschen, besteht, ist ein jeder Bürger und eine jede
Bürgerin desselben verpflichtet gewesen, heimlich und
ohne sich zu verraten der Schutzengel eines resp. einer
Andern zu sein. Also in Dschinnistan Glück und Sonnenschein,
dagegen in Ardistan ringsum eine tiefe, seelische
Finsternis und der heimliche weil verbotene Jammer
nach Befreiung aus dem Elende dieser Hölle! Ist es
da ein Wunder, daß da unten im Tieflande eine immer
größer werdende Sehnsucht nach dem Hochlande entstand?
Daß die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen
sich aus der Finsternis zu befreien und zu erlösen
suchen? Millionen und Abermillionen fühlen sich in den
Sümpfen von Ardistan wohl. Sie sind die Miasmen
gewohnt. Sie wollen es nicht anders haben. Sie
würden in der reinen Luft von Dschinistan nicht
existieren können. Das sind nicht etwa nur die Aermsten
und Geringsten, sondern grad auch die Mächtigsten, die
Reichsten und Vornehmsten des Landes, die Pharisäer,
die Sünder brauchen, um gerecht erscheinen zu können,
die Vielbesitzenden, denen arme Leute nötig sind, um
ihnen als Folie zu dienen, die Bequemen, welche Arbeiter
haben müssen, um sich in Ruhe zu pflegen, und vor allen
Dingen die Klugen, Pfiffigen, denen die Dummen, die
Vertrauenden, die Ehrlichen unentbehrlich sind, um von
ihnen ausgebeutet zu werden. Was würde aus allen
diesen Bevorzugten werden, wenn es die Andern nicht
mehr gäbe? Darum ist es Jedermann auf das allerstrengste
verboten, Ardistan zu verlassen, um sich dem
Druck des dortigen Gesetzes zu entziehen. Die schärfsten
Strafen aber treffen den, der es wagt, nach dem Lande
der Nächstenliebe und der Humanität, nach Dschinnistan
zu flüchten. Die Grenze ist besetzt. Er kommt nicht
durch. Er wird ergriffen und nach der "Geisterschmiede"
geschafft, um dort gemartert und gepeinigt zu werden,
bis er sich vom Schmerz gezwungen fühlt, Abbitte leistend
in das verhaßte Joch zurückzukehren.

Denn zwischen Ardistan und Dschinnistan liegt Märdistan,
jener steil aufwärtssteigende Urwaldstreifen, durch
dessen Baum- und Felsenlabyrinthe der unendlich gefahrvolle
und beschwerliche Weg nach oben geht. Märd ist
ein persisches Wort; es bedeutet "Mann". Märdistan
ist das Zwischenland, in welches sich nur "Männer"
wagen dürfen; jeder Andere geht unbedingt zu Grunde.
Der gefährlichste Teil dieses fast noch ganz unbekannten
Gebietes ist der "Wald von Kulub". Kulub ist ein
arabisches Wort; es bedeutet die Mehrzahl des deutschen
Wortes "Herz". Also in den Tiefen des Herzens lauern
die Feinde, die man, einen nach dem andern, zu besiegen
hat, wenn man aus Ardistan nach Dschinnistan entkommen
will. Und mitten in jenem Walde von Kulub ist
jener Ort der Qual zu suchen, von dem es in "Babel und
Bibel," Seite 78 heißt:

"Zu Märdistan, im Walde von Kulub,
Liegt einsam, tief versteckt, die Geisterschmiede.
Da schmieden Geister?"

"Nein, man schmiedet sie!
Der Stumm bringt sie geschleppt, um Mitternacht,
Wenn Wetter leuchten, Tränenfluten stürzen.
Der Haß wirft sich in grimmiger Lust auf sie.
Der Neid schlägt tief ins Fleisch die Krallen ein.
Die Reue schwitzt und jammert am Gebläse.
Am Blocke steht der Schmerz, mit starrem Aug
Im rußigen Gesicht, die Hand am Hammer.
Da, jetzt, o Scheik, ergreifen dich die Zangen.
Man stößt dich in den Brand; die Bälge knarren.
Die Lohe zuckt empor, zum Dach hinaus,
Und Alles, was du hast und was du bist,
Der Leib, der Geist, die Seele, alle Knochen,
Die Sehnen, Fibern, Fasern, Fleisch und Blut,
Gedanken und Gefühle, Alles, Alles
Wird dir verbrannt, gepeinigt und gemartert
Bis in die weiße Glut -- -- --"

"Allah, Allah!"
"Schrei nicht, o Scheik! Ich sage dir, schrei nicht!
Denn wer da schreit, ist dieser Qual nicht wert,
Wird weggeworfen in den Brack und Plunder
Und muß dann wieder eingeschmolzen werden.
Du aber willst zum Stahl, zur Klinge werden,
Die in der Faust der Parakleten funkelt.
Sei also still!

Man reißt dich aus dem Feuer -- --
Man wirft dich auf den Amboß -- -- hält dich fest.
Es knallt und prasselt dir in jeder Pore.
Der Schmerz beginnt sein Werk, der Schmied, der Meister.
Er spuckt sich in die Fäuste, greift dann zu.
Hebt beiderhändig hoch den Riesenhammer -- -- --
Die Schläge fallen. Jeder ist ein Mord,
Ein Mord an dir. Du meinst, zermalmt zu werden.
Die Fetzen fliegen heiß nach allen Seiten.
Dein Ich wird dünner, kleiner, immer kleiner,
Und dennoch mußt du wieder in das Feuer -- --
Und wieder -- -- immer wieder, bis der Schmied
Den Geist erkennt, der aus der Höllenqual
Und aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag
Ihm ruhig, dankbar froh entgegenlächelt.
Den schraubt er in den Stock und greift zur Feile.
Die kreischt und knirscht und frißt von dir hinweg
Was noch -- -- --"

"Halt ein! Es ist genug!"
"Es geht noch weiter, denn der Bohrer kommt,
Der schraubt sich tief -- -- --"
"Sei still! Um Gottes willen!"
u. s. w. u. s. w.

So also sieht es in Märdistan aus, und so also
geht es im Innern der "Geisterschmiede von Kulub" zu!
Jeder Bewohner des Sternes Sitara kennt die Sage,
daß die Seelen aller bedeutenden Menschen, die geboren
werden sollen, vom Himmel herniederkommen. Engel
und Teufel warten auf sie. Die Seele, welche das Glück
hat, auf einen Engel zu treffen, wird in Dschinnistan
geboren, und alle ihre Wege sind geebnet. Die arme
Seele aber, welche einem Teufel in die Hände fällt, wird
von ihm nach Ardistan geschleppt und in ein um so tieferes
Elend geschleudert, je höher die Aufgabe ist, die
ihr von oben mitgegeben wurde. Der Teufel will, sie
soll zu Grunde gehen, und ruht weder bei Tag noch bei
Nacht, aus dem zum Talent oder gar Genie Bestimmten
einen möglichst verkommenen, verlorenen Menschen zu
machen. Alles Sträuben und Aufbäumen hilft nichts;
der Arme ist dem Untergange geweiht. Und selbst wenn
es ihm gelänge, aus Ardistan zu entkommen, so würde
er doch in Märdistan ergriffen und nach der Geisterschmiede
geschleppt, um so lange gefoltert und gequält
zu werden, bis er den letzten Rest von Mut verliert, zu
widerstreben.

Nur selten ist die Himmelskraft, die einer solchen
nach Ardistan geschleuderten Seele mitgegeben wurde, so
groß und so unerschöpflich, daß sie selbst die stärkste Pein
der Geisterschmiede erträgt und dem Schmiede und seinen
Gesellen "aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag
ruhig dankbar froh entgegenlächelt". Einer solchen
Himmelstochter kann selbst dieser größte Schmerz nichts
anhaben, sie ist gefeit; sie ist gerettet. Sie wird nicht
vom Feuer vernichtet, sondern geläutert und gestählt. Und
sind alle Schlacken von ihr abgesprungen, so hat der
Schmied von ihr zu lassen, denn es ist nichts mehr an
ihr, was nach Ardistan gehört. Darum kann weder
Mensch noch Teufel sie mehr hindern, unter dem Zorngeschrei
des ganzen Tieflandes nach Dschinnistan emporzusteigen,
wo jeder Mensch der Engel seines Nächsten
ist. -- -- --

_________

II.
Meine Kindheit.

_____

Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein
Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers. Mein
Vater war ein armer Weber. Meine Großväter waren
beide tödlich verunglückt. Der Vater meiner Mutter
daheim, der Vater meines Vaters aber im Walde. Er war
zu Weihnacht nach dem Nachbardorf gegangen, um Brot
zu holen. Die Nacht überraschte ihn. Er kam im tiefen
Schneegestöber vom Wege ab und stürzte in die damals
steile Schlucht des "Krähenholzes", aus der er sich nicht
herausarbeiten konnte. Seine Spuren wurden verweht.
Man suchte lange Zeit vergeblich nach ihm. Erst als
der Schnee verschwunden war, fand man seine Leiche und
auch die Brote. Ueberhaupt ist Weihnacht für mich und
die Meinen sehr oft keine frohe, sondern eine
verhängnisvolle Zeit gewesen.

Geboren wurde ich am 25. Februar 1842 in dem
damals sehr ärmlichen und kleinen, erzgebirgischen
Weberstädtchen Ernsttal, welches jetzt mit dem etwas größeren
Hohenstein verbunden ist. Wir waren neun Personen:
mein Vater, meine Mutter, die beiden Großmütter, vier
Schwestern und ich, der einzige Knabe. Die Mutter
meiner Mutter scheuerte für die Leute und spann Watte.
Es kam vor, daß sie sich mehr als 25 Pfennige pro Tag
verdiente. Da wurde sie splendid und verteilte zwei
Dreierbrötchen, die nur vier Pfennige kosteten, weil sie
äußerst hart und altbacken, oft auch schimmelig waren,
unter uns fünf Kinder. Sie war eine gute, fleißige,
schweigsame Frau, die niemals klagte. Sie starb, wie
man sagte, aus Altersschwäche. Die eigentliche Ursache
ihres Todes aber war wohl das, was man gegenwärtig
diskret als "Unterernährung" zu bezeichnen pflegt. Ueber
meine andere Großmutter, die Mutter meines Vaters,
habe ich etwas mehr zu sagen, doch nicht hier an dieser
Stelle. Meine Mutter war eine Märtyrerin, eine Heilige,
immer still, unendlich fleißig, trotz unserer eigenen Armut
stets opferbereit für andere, vielleicht noch ärmere Leute.
Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem
Mund gehört. Sie war ein Segen für jeden, mit dem
sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre
Kinder. Sie konnte noch so schwer leiden, kein Mensch
erfuhr davon. Doch des Abends, wenn sie, die Stricknadeln
emsig rührend, beim kleinen, qualmenden Oellämpchen
saß und sich unbeachtet wähnte, da kam es vor, daß
ihr eine Träne in das Auge trat und, um schneller, als
sie gekommen war, zu verschwinden, ihr über die Wange
lief. Mit einer Bewegung der Fingerspitze wurde die
Leidesspur sofort verwischt.

Mein Vater war ein Mensch mit zwei Seelen. Die
eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch, voll
Uebermaß im Zorn, unfähig, sich zu beherrschen. Er
besaß hervorragende Talente, die aber alle unentwickelt
geblieben waren, der großen Armut wegen. Er hatte
nie eine Schule besucht, doch aus eigenem Fleiße fließend
lesen und sehr gut schreiben gelernt. Er besaß zu allem,
was nötig war, ein angeborenes Geschick. Was seine
Augen sahen, das machten seine Hände nach. Obgleich
nur Weber, war er doch im stande, sich Rock und Hose
selbst zu schneidern und seine Stiefel selbst zu besohlen.
Er schnitzte und bildhauerte gern, und was er da fertig
brachte, das hatte Schick und war gar nicht so übel.
Als ich eine Geige haben mußte und er kein Geld auch
zu dem Bogen hatte, fertigte er schnell selbst einen. Dem
fehlte es zwar ein wenig an schöner Schweifung und
Eleganz, aber er genügte vollständig, seine Bestimmung zu
erfüllen. Vater war gern fleißig, doch befand sich sein
Fleiß stets in Eile. Wozu ein anderer Weber vierzehn
Stunden brauchte, dazu brauchte er nur zehn; die übrigen
vier verwendete er dann zu Dingen, die ihm lieber waren.
Während dieser zehn angestrengten Stunden war nicht
mit ihm auszukommen; alles hatte zu schweigen; niemand
durfte sich regen. Da waren wir in steter Angst, ihn zu
erzürnen. Dann wehe uns! Am Webstuhl hing ein
dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen
hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte
"birkene Hans", vor dem wir Kinder uns besonders
scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Züchtigung
im großen "Ofentopfe" einzuweichen, um ihn elastischer
und also eindringlicher zu machen. Uebrigens, wenn die
zehn Stunden vorüber waren, so hatten wir nichts mehr
zu befürchten; wir atmeten alle auf, und Vaters andere
Seele lächelte uns an. Er konnte dann geradezu
herzgewinnend sein, doch hatten wir selbst in den heitersten
und friedlichsten Augenblicken das Gefühl, daß wir auf
vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment
einen Ausbruch erwarten konnten. Dann bekam man
den Strick oder den "Hans" so lange, bis Vater nicht
mehr konnte. Unsere älteste Schwester, ein hochbegabtes,
liebes, heiteres, fleißiges Mädchen, wurde sogar noch als
Braut mit Ohrfeigen gezüchtigt, weil sie von einem
Spaziergange mit ihrem Bräutigam etwas später nach Hause
kam, als ihr erlaubt worden war.

Hier habe ich eine Pause zu machen, um mir eine
ernste, wichtigere Bemerkung zu gestatten. Ich schreibe
dieses Buch nicht etwa um meiner Gegner willen, etwa
um ihnen zu antworten oder mich gegen sie zu
verteidigen, sondern ich bin der Meinung, daß durch die
Art und Weise, in der man mich umstürmt, jede Antwort
und jede Verteidigung ausgeschlossen wird. Ich
schreibe dieses Buch auch nicht für meine Freunde, denn
die kennen, verstehen und begreifen mich, so daß ich nicht
erst nötig habe, ihnen Aufklärung über mich zu geben.
Ich schreibe es vielmehr nur u m m e i n e r s e l b st w i l l e n,
um über mich klar zu werden und mir über das, was
ich bisher tat und ferner noch zu tun gedenke, Rechenschaft
abzulegen. Ich schreibe also, um zu beichten. Aber
ich beichte nicht etwa den Menschen, denen es ja auch
gar nicht einfällt, mir ihre Sünden einzugestehen, sondern
ich beichte meinem Herrgott und mir selbst, und was
diese beiden sagen, wenn ich geendet habe, wird für mich
maßgebend sein. Es sind für mich also nicht gewöhnliche,
sondern heilige Stunden, in denen ich die vorliegenden
Bogen schreibe. Ich spreche hier nicht nur für
dieses, sondern auch für jenes Leben, an das ich glaube
und nach dem ich mich sehne. Indem ich hier beichte,
verleihe ich mir die Gestalt und das Wesen, als das ich
einst nach dem Tode existieren werde. Da kann es mir
wahrlich, wahrlich gleichgültig sein, was man in diesem
oder in jenem Lager zu diesem meinem Buche sagt. Ich
lege es in ganz andere, in die richtigen Hände, nämlich
in die Hände des Geschickes, der Alles wissenden
Vorsehung, bei der es weder Gunst noch Ungunst, sondern
nur allein Gerechtigkeit und Wahrheit gibt. Da läßt sich
nichts verschweigen und nichts beschönigen. Da muß man
Alles ehrlich sagen und ehrlich bekennen, wie es war und
wie es ist, erscheine es auch noch so pietätlos und tue
es auch noch so weh. Man hat den Ausdruck "Karl
May-Problem" erfunden. Wohlan, ich nehme ihn an
und lasse ihn gelten. Dieses Problem wird mir keiner
von allen denen lösen, welche meine Bücher nicht gelesen
oder nicht begriffen haben und trotzdem über sie urteilen.
Das Karl May-Problem ist das Menschheitsproblem,
aus dem großen, alles umfassenden Plural in den Singular,
in die einzelne Individualität transponiert. Und
genauso, wie dieses Menschheitsproblem zu lösen ist, ist
auch das Karl May-Problem zu lösen, anders nicht!
Wer sich unfähig zeigt, das Karl May-Rätsel in
befriedigender, humaner Weise zu lösen, der mag um Gottes
Willen die schwachen Hände und die unzureichenden Gedanken
davon lassen, über sich selbst hinaus zu greifen und
sich mit schwierigen Menschheitsfragen zu befassen! Der
Schlüssel zu all diesen Rätseln ist längst vorhanden. Die
christliche Kirche nennt ihn "Erbsünde". Die Vorväter
und Vormütter kennen, heißt, die Kinder und Enkel
begreifen, und nur der Humanität, der wahren
edelmenschlichen Gesinnung ist es gegeben, in Betracht der
Vorfahren wahr und ehrlich zu sein, um auch gegen die
Nachkommen wahr und ehrlich sein zu können. Den
Einfluß der Verstorbenen auf ihre Nachlebenden an das
Tageslicht zu ziehen, ist rechts eine Seligkeit und links
eine Erlösung für beide Teile, und so habe auch ich die
meinen genauso zu zeichnen, wie sie in Wirklichkeit
waren, mag man dies für unkindlich halten oder nicht.
Ich habe nicht nur gegen sie und mich, sondern auch gegen
meine Mitmenschen wahr zu sein. Vielleicht kann mancher
aus unserem Beispiele lernen, in seinem Falle das Richtige
zu tun. -- --

Mutter hatte ganz unerwartet von einem entfernten
Verwandten ein Haus geerbt und einige kleine, leinene
Geldbeutel dazu. Einer dieser Geldbeutel enthielt lauter
Zweipfenniger, ein anderer lauter Dreipfenniger, ein
dritter lauter Groschen. In einem vierten steckte ein
ganzes Schock Fünfzigpfenniger, und im fünften und
letzten fanden sich zehn alte Schafhäuselsechser, zehn
Achtgroschenstücke, fünf Gulden und vier Taler vor. Das
war ja ein Vermögen! Das erschien der Armut fast
wie eine Million! Freilich war das Haus nur drei
schmale Fenster breit und sehr aus Holz gebaut, dafür
aber war es drei Stockwerke hoch und hatte ganz oben
unter dem First einen Taubenschlag, was bei andern
Häusern bekanntlich nicht immer der Fall zu sein pflegt.
Großmutter, die Mutter meines Vaters, zog in das
Parterre, wo es nur eine Stube mit zwei Fenstern und
die Haustür gab. Dahinter lag ein Raum mit einer
alten Wäscherolle, die für zwei Pfennige pro Stunde an
andere Leute vermietet wurde. Es gab glückliche Sonnabende,
an denen diese Rolle zehn, zwölf, ja sogar vierzehn
Pfennige einbrachte. Das förderte die Wohlhabenheit
ganz bedeutend. Im ersten Stock wohnten die Eltern
mit uns. Da stand der Webstuhl mit dem Spulrad.
Im zweiten Stock schliefen wir mit einer Kolonie von
Mäusen und einigen größeren Nagetieren, die eigentlich
im Taubenschlage wohnten und des Nachts nur kamen,
uns zu besuchen. Es gab auch einen Keller, doch war
er immer leer. Einmal standen einige Säcke Kartoffeln
darin, die gehörten aber nicht uns, sondern einem
Nachbar, der keinen Keller hatte. Großmutter meinte, daß
es viel besser wäre, wenn der Keller ihm und die Kartoffeln
uns gehörten. Der Hof war grad so groß, daß wir fünf
Kinder uns aufstellen konnten, ohne einander zu stoßen.
Hieran grenzte der Garten, in dem es einen
Holunderstrauch, einen Apfel-, einen Pflaumenbaum und einen
Wassertümpel gab, den wir als "Teich" bezeichneten. Der
Hollunder lieferte uns den Tee zum Schwitzen, wenn wir
uns erkältet hatten, hielt aber nicht sehr lange vor, denn
wenn das Eine sich erkältete, fingen auch alle Andern
an, zu husten und wollten mit ihm schwitzen. Der
Apfelbaum blühte immer sehr schön und sehr reichlich; da wir
aber nur zu wohl wußten, daß die Aepfel gleich nach
der Blüte am besten schmecken, so war er meist schon
Anfang Juni abgeerntet. Die Pflaumen aber waren
uns heilig. Großmutter aß sie gar zu gern. Sie wurden
täglich gezählt, und niemand wagte es, sich an ihnen zu
vergreifen. Wir Kinder bekamen doch mehr, viel mehr
davon, als uns eigentlich zustand. Was den "Teich"
betrifft, so war er sehr reich belebt, doch leider nicht
mit Fischen, sondern mit Fröschen. Die kannten wir alle
einzeln, sogar an der Stimme. Es waren immer so
zwischen zehn und fünfzehn. Wir fütterten sie mit
Regenwürmern, Fliegen, Käfern und allerlei andern guten
Dingen, die wir aus gastronomischen oder ästhetischen
Gründen nicht selbst genießen konnten, und sie waren uns
auch herzlich dankbar dafür. Sie kannten uns. Sie
kamen an das Ufer, wenn wir uns ihnen näherten.
Einige ließen sich sogar ergreifen und streicheln. Der
eigentliche Dank aber erklang uns des Abends, wenn wir
am Einschlafen waren. Keine Sennerin kann sich mehr
über ihre Zither freuen als wir über unsere Frösche.
Wir wußten ganz genau, welcher es war, der sich hören
leß [sic], ob der Arthur, der Paul oder Fritz, und wenn sie
gar zu duettieren oder im Chor zu singen begannen, so
sprangen wir aus den Federn und öffneten die Fenster,
um mitzuquaken, bis Mutter oder Großmutter kam und
uns dahin zurückbrachte, wohin wir jetzt gehörten. Leider
aber kam einst ein sogenannter Bezirksarzt in das Städtchen,
um sogenannte gesundheitliche Untersuchungen anzustellen.
Der hatte überall etwas auszusetzen. Dieser
ebenso sonderbare wie gefühllose Mann schlug, als er
unsern Garten und unsern schönen Tümpel sah, die Hände
über dem Kopf zusammen und erklärte, daß dieser Pest-
und Cholerapfuhl sofort verschwinden müsse. Am nächsten
Tage brachte der Polizist Eberhard einen Zettel des Herrn
Stadtrichters Layritz des Inhaltes, daß binnen jetzt und
drei Tagen der Tümpel auszufüllen und die Froschkolonie
zu töten sei, bei fünfzehn "Guten Groschen" Strafe.
Wir Kinder waren empört. Unsere Frösche umbringen!
Ja, wenn der Herr Stadtrichter Layritz einer gewesen
wäre, dann herzlich, herzlich gern! Wir hielten Rat und
was wir beschlossen, wurde ausgeführt. Der Tümpel
wurde so weit ausgeschöpft, daß wir die Frösche fassen
konnten. Sie wurden in den großen Deckelkorb getan
und dann hinaus hinter das Schießhaus nach dem großen
Zechenteich getragen, Großmutter voran, wir hinterher.
Dort wurde jeder einzeln herausgenommen, geliebkost,
gestreichelt und in das Wasser gelassen. Wieviel Seufzer
dabei laut geworden, wieviel Tränen dabei geflossen und
wieviel vernichtende Urteile dabei gegen den sogenannten
Bezirksarzt gefällt worden sind, das ist jetzt, nach über
sechzig Jahren, wohl kaum mehr festzustellen. Doch weiß
ich noch ganz bestimmt, daß Großmutter, um dem ungeheuern
Schmerz ein Ende zu machen, uns die Versicherung
gab, ein jedes von uns werde genau nach zehn
Jahren ein dreimal größeres Haus mit einem fünfmal
größeren Garten erben, in dem es einen zehnmal größeren
Teich mit zwanzigmal größeren Fröschen gebe. Das
brachte in unserer Stimmung eine ebenso plötzliche wie
angenehme Aenderung hervor. Wir wanderten mit der
Großmutter und dem leeren Deckelkorb vergnügt nach
Hause.

Das geschah in der Zeit, als ich nicht mehr blind
war und schon laufen konnte. Ich war weder blind
geboren noch mit irgendeinem vererbten körperlichen Fehler
behaftet. Vater und Mutter waren durchaus kräftige,
gesunde Naturen. Sie sind bis zu ihrem Tode niemals
krank gewesen. Mich atavistischer Schwachheiten zu
zeihen, ist eine Böswilligkeit, die ich mir unbedingt
verbitten muß. Daß ich kurz nach der Geburt sehr schwer
erkrankte, das Augenlicht verlor und volle vier Jahre
siechte, war nicht eine Folge der Vererbung, sondern der
rein örtlichen Verhältnisse, der Armut, des Unverstandes
und der verderblichen Medikasterei, der ich zum Opfer
fiel. Sobald ich in die Hand eines tüchtigen Arztes kam,
kehrte mir das Augenlicht wieder, und ich wurde ein
höchst kräftiger und widerstandsfähiger Junge, der stark
genug war, es mit jedem andern aufzunehmen. Doch
ehe ich über mich selbst berichte, habe ich noch für einige
Zeit bei dem Milieu zu bleiben, in dem ich meine erste
Kindheit verlebte.

Mutter hatte mit dem Hause auch die auf ihm
stehenden Schulden geerbt. Die waren zu verzinsen.
Hieraus ergab sich, daß wir eben nur mietfrei wohnten,
und auch das nicht einmal ganz. Mutter war sparsam,
Vater in seiner Weise auch. Aber wie er in allem maßlos
war, in seiner Liebe, seinem Zorne, seinem Fleiße,
seinem Lobe, seinem Tadel, so auch hier in der Beurteilung
der kleinen Erbschaft, die nur ein Ansporn sein
konnte, weiter zu sparen und das Häuschen von Schulden
frei zu machen. Aber wenn er auch nicht geradezu
glaubte, plötzlich reich geworden zu sein, so nahm er doch
an, jetzt zu einer andern Lebensführung übergehen zu
dürfen. Er verzichtete darauf, sich sein ganzes Leben
lang hinter dem Webstuhl abzurackern. Er hatte ja nun
ein Haus, und er hatte Geld, viel Geld. Er konnte zu
etwas anderem, besserem greifen, was bequemer war und
mehr lohnte als die Weberei. Während er, nicht schlafen
könnend, im Bette lag und darüber nachdachte, was zu
ergreifen sei, hörte er die Ratten über sich im leeren
Taubenschlag rumoren. Dieses Rumoren wiederholte
sich von Tag zu Tag, und so entstand, in der jedem
Psychologen wohlbekannten Weise in ihm der Entschluß,
die Ratten zu vertreiben und Tauben anzuschaffen. Er
wollte Taubenhändler werden, obgleich er von diesem
Fache nicht das geringste verstand. Er hatte gehört,
daß da sehr viel Geld zu verdienen sei, und war der
Meinung, daß er auch ohne die nötigen Sonderkenntnisse
genug Intelligenz besitze, jeden Händler zu überlisten.
Die Ratten wurden vertrieben und Tauben angeschafft.

Leider war diese Anschaffung nicht ohne Geldkosten
zu bewerkstelligen. Mutter mußte einen ihrer Beutel
opfern, vielleicht gar zwei. Sie tat es nur mit Widerstreben.
Sie fand an den Tauben nicht dasselbe Wohlgefallen,
welches wir Kinder an ihnen fanden. Am
meisten Vergnügen machte es uns, wenn wir beobachteten,
wie die lieben Tierchen ihre zarten Kleider veränderten.
Vater hatte zwei Paar sehr teure "Blaustriche" gekauft.
Er brachte sie heim und zeigte sie uns. Er hoffte,
wenigstens drei Taler an ihnen zu verdienen. Einige
Tage später lagen die blauen Federn am Boden: sie
waren nicht echt, sondern nur angeklebt gewesen. Die
kostbaren "Blaustriche" entpuppten sich als ganz wertlose
Feldweißlinge. Vater erwarb einen sehr schönen, jungen,
grauen Trommeltäuberich für einen Taler fünfzehn gute
Groschen. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, daß der
Täuberich altersblind war. Er ging nicht aus dem
Schlage; sein Wert war gleich Null. Solche und
ähnliche Fälle mehrten sich. Die Folge davon war, daß
Mutter noch einen dritten Beutel opfern mußte, um den
Taubenhandel in besseren Schwung zu bringen. Freilich
gab sich auch Vater große Mühe. Er feierte nicht. Er
besuchte alle Markte, alle Gasthöfe und Schankwirtschaften,
um zu kaufen oder Käufer zu finden. Bald kaufte er
Erbsen; bald kaufte er Wicken, die er "halb geschenkt"
erhalten hatte. Er war immer unterwegs, von einem
Dorf zum andern, von einem Bauern zum andern. Er
brachte immerfort Käse, Eier und Butter heim, die wir
gar nicht brauchten. Er hatte sie teuer gekauft, um sich
die Bauersfrauen handelsgeneigt zu machen, und wurde
sie nur mit Mühe und Verlusten wieder los. Dieses
unstäte [sic], unnützliche Leben förderte nicht, sondern fraß das
Glück des Hauses; es fraß sogar auch noch die übrigen
Leinenbeutel. Mutter gab gute Worte, vergeblich. Sie
härmte sich und hielt still, bis es Sünde gewesen wäre,
weiter zu tragen. Da faßte sie einen Entschluß und ging
zum Herrn Stadtrichter Layritz, der sich in diesem Falle
viel, viel vernünftiger als damals gegen unsere Frösche
zeigte. Sie stellte ihm ihre Lage vor. Sie sagte ihm,
daß sie zwar ihren Mann sehr, sehr lieb habe, aber vor
allen Dingen auch auf das Wohl ihrer Kinder achten
müsse. Sie verriet ihm, daß sie außer den bisher
erwähnten Beuteln noch einen besitze, den sie ihrem Manne
noch nicht gezeigt, sondern verheimlicht habe. Der Herr
Stadtrichter solle doch die Güte haben, ihr zu
sagen, wie sie dieses Geld anlegen könne, um sich und
ihre Kinder zu sichern. Sie legte ihm den Beutel vor.
Er öffnete ihn und zählte. Es waren sechzig harte,
blanke, wohlgeputzte Taler. Darob großes Erstaunen!
Der Herr Stadtrichter Layritz dachte nach; dann sagte
er: "Meine liebe Frau May, ich kenne Sie. Sie sind
eine brave Frau, und ich stehe für Sie ein. Unsere
Hebamme ist alt; wir brauchen eine jüngere. Sie gehen
nach Dresden und werden für dieses Ihr Geld Hebamme.
Ich werde das besorgen! Kommen Sie mit der ersten
Zensur zurück, so stellen wir Sie sofort an. Darauf gebe ich
Ihnen mein Wort. Kommen Sie aber mit einer niedrigeren
Zensur, so können wir Sie nicht brauchen. Jetzt aber
gehen Sie heim, und sagen Sie Ihrem Mann, er solle sofort
einmal zu mir kommen; ich hätte mit ihm zu reden!"

Das geschah. Mutter ging nach Dresden. Sie
kam mit der ersten Zensur zurück, und der Herr
Stadtrichter Layritz hielt Wort; sie wurde angestellt.
Während ihrer Abwesenheit führte Vater mit Großmutter
das Haus. Das war eine schwere Zeit, eine Leidenszeit
für uns alle. Die Blattern brachen aus. Wir
Kinder lagen alle krank. Großmutter tat fast über
Menschenkraft. Vater aber auch. Bei einer der
Schwestern hatte sich der Blatternkranke Kopf in einen
unförmigen Klumpen verwandelt. Stirn, Ohren, Augen,
Nase, Mund und Kinn waren vollständig verschwunden.
Der Arzt mußte durch Messerschnitte nach den Lippen
suchen, um der Kranken wenigstens ein wenig Milch einflößen
zu können. Sie lebt heute noch, ist die heiterste
von uns allen und niemals wieder krank gewesen. Man
sieht noch jetzt die Narben, die ihr der Arzt geschnitten
hat, als er nach dem Mund suchte.

Diese schwere Zeit war, als Mutter wieder kam,
noch nicht ganz vorüber, mir aber brachte ihr Aufenthalt
in Dresden großes Glück. Sie hatte sich durch
ihren Fleiß und ihr stilles, tiefernstes Wesen das
Wohlwollen der beiden Professoren Grenzer und Haase
erworben und ihnen von mir, ihrem elenden, erblindeten
und seelisch doch so regsamen Knaben erzählt. Sie war
aufgefordert worden, mich nach Dresden zu bringen, um
von den beiden Herren behandelt zu werden. Das geschah
nun jetzt, und zwar mit ganz überraschendem Erfolge.
Ich lernte sehen und kehrte, auch im übrigen
gesundend, heim. Aber das Alles hatte große, große
Opfer gefordert, freilich nur für unsere armen
Verhältnisse groß. Wir mußten um all der nötigen Ausgaben
willen das Haus verkaufen, und das wenige, was von
dem Kaufpreise unser war, reichte kaum zu, das Nötigste
zu decken. Wir zogen zur Miete. -- --

Und nun zu der Person, die in seelischer Beziehung
den tiefsten und größten Einfluß auf meine Entwicklung
ausgeübt hat. Während die Mutter unserer Mutter in
Hohenstein geboren war und darum von uns die "Hohensteiner
Großmutter" genannt wurde, stammte die Mutter
meines Vaters aus Ernsttal und mußte sich darum als
"Ernsttaler Großmutter" bezeichnen lassen. Diese Letztere
war ein ganz eigenartiges, tiefgründiges, edles und, fast
möchte ich sagen, geheimnisvolles Wesen. Sie war mir
von Jugend auf ein herzliebes, beglückendes Rätsel,
aus dessen Tiefen ich schöpfen durfte, ohne es jemals
ausschöpfen zu können. Woher hatte sie das Alles?
Sehr einfach: Sie war Seele, nichts als Seele, und die
heutige Psychologie weiß, was das zu bedeuten hat. Sie
war in der tiefsten Not geboren und im tiefsten Leide
aufgewachsen; darum sah sie Alles mit hoffenden, sich
nach Erlösung sehnenden Augen an. Und wer in der
richtigen Weise zu hoffen und zu glauben vermag, der
hat den Erdenjammer hinter sich geschoben und vor sich
nur noch Sonnenschein und Gottesfrieden liegen. Sie
war die Tochter bitter armer Leute, hatte die Mutter
früh verloren und einen Vater zu ernähren, der weder
stehen noch liegen konnte und bis zu seinem Tode viele
Jahre lang an einen alten, ledernen Lehnstuhl gefesselt
und gebunden war. Sie pflegte ihn mit unendlicher, zu
Tränen rührender Aufopferung. Die Armut erlaubte
ihr nur das billigste Wohnen. Das Fenster ihrer Stube
zeigte nur den Gottesacker, weiter nichts. Sie kannte
alle Gräber, und sie bedachte für sich und ihren Vater
nur den einen Weg, aus ihrer dürftigen Sterbekammer
im Sarge nach dem Kirchhofe hinüber. Sie hatte einen
Geliebten, der es brav und ehrlich mit ihr meinte; aber
sie verzichtete. Sie wollte nur ganz allein dem Vater
gehören, und der brave Bursche gab ihr Recht. Er sagte
nichts, aber er wartete und blieb ihr treu.

Droben auf dem Oberboden stand eine alte Kiste
mit noch älteren Büchern. Das waren in Leder gebundene
Erbstücke verschiedenen Inhaltes, sowohl geistlich
als auch weltlich. Es ging die Sage, daß es in der
Familie, als sie noch wohlhabend war, Geistliche, Gelehrte
und weitgereiste Herren gegeben habe, an welche diese
Bücher noch heut erinnerten. Vater und Tochter konnten
lesen; sie hatten es beide von selbst gelernt. Des Abends,
nach des Tages Last und Arbeit, wurde das Reifröckchen *)
_______
*) Kleines Oellämpchen.

angebrannt, und eines von Beiden las vor. In den
Pausen wurde das Gelesene besprochen. Man hatte die
Bücher nahe schon zwanzigmal durch, fing aber immer
wieder von vorn an, weil sich dann immer neue Gedanken
fanden, die besser, schöner und auch richtiger zu sein
schienen als die früheren. Am meisten gelesen wurde
ein ziemlich großer und schon sehr abgegriffener Band,
dessen Titel lautete:

Der Hakawati

d.i.

der Märchenerzähler in Asia, Africa, Turkia, Arabia,
Persia und India sampt eyn Anhang mit Deytung,
explanatio und interpretatio auch viele Vergleychung
und Figürlich seyn

von
Christianus Kretzschmann
der aus Germania war.
Gedruckt von Wilhelmus Candidus
A. D: M. D. C. V.

*
* *

Dieses Buch enthielt eine Menge bedeutungsvoller
orientalischer Märchen, die sich bisher in keiner andern
Märchensammlung befanden. Großmutter kannte diese
Märchen alle. Sie erzählte sie gewöhnlich wörtlich
gleichlautend; aber in gewissen Fällen, in denen sie es für
nötig hielt, gab sie Aenderungen und Anwendungen,
aus denen zu ersehen war, daß sie den Geist dessen, was
sie erzählte, sehr wohl kannte und ihn genau wirken ließ.
Ihr Lieblingsmärchen war das Märchen von Sitara;
es wurde später auch das meinige, weil es die Geographie
und Ethnologie unserer Erde und ihrer Bewohner rein
ethisch behandelt. Doch dies hier nur, um anzudeuten.

Der Vater starb infolge einer Reihe von Blutstürzen.
Die Pflege war so anstrengend, daß auch die Tochter
dem Tode nahe kam, doch überstand sie es. Nach
verflossener Trauerzeit kam May, der treue Geliebte, und
führte sie heim. Nun endlich, endlich wirklich glücklich!
Es war eine Ehe, wie Gott sie will. Zwei Kinder
wurden geboren, mein Vater und vor ihm eine Schwester,
welche später einen schweren Fall tat und an den Folgen
desselben verkrüppelte. Man sieht, daß es an
Heimsuchungen, oder sagen wir Prüfungen, bei uns nicht
fehlte. Und ebenso sieht man, daß ich nichts verschweige.
Es darf nicht meine Absicht sein, das Häßliche schön zu
malen. Aber kurz nach der Geburt des zweiten Kindes
trat jenes unglückliche Weihnachtsereignis ein, welches
ich bereits erzählte. Der brave junge Mann stürzte des
Nachts mit den Broten in die tiefe Schneeschlucht und
erfror. Großmutter hatte mit ihren beiden Kindern an
den Christtagen nichts zu essen und erfuhr erst nach
langer Zeit der Qual, daß und in welch schrecklicher
Weise sie den geliebten Mann verloren hatte. Hierauf
kamen Jahre der Trauer und dann die schwere Zeit der
napoleonischen Kriege und der Hungersnot. Es war Alles
verwüstet. Es gab nirgends Arbeit. Die Teuerung wuchs;
der Hunger wütete. Ein armer Handwerksbursche kam,
um zu betteln. Großmutter konnte ihm nichts geben.
Sie hatte für sich und ihre Kinder selbst keinen einzigen
Bissen Brot. Er sah ihr stilles Weinen. Das erbarmte
ihn. Er ging fort und kam nach über einer Stunde
wieder. Er schüttete vor ihr aus, was er bekommen
hatte, Stücke Brot, ein Dutzend Kartoffeln, eine Kohlrübe,
einen kleinen, sehr ehrwürdigen Käse, eine Düte [sic] Mehl,
eine Düte [sic] Graupen, ein Scheibchen Wurst und ein winziges
Eckchen Hammeltalg. Dann ging er schnell fort, um sich
ihrem Dank zu entziehen. Sie hat ihn nie wieder gesehen;
Einer aber kennt ihn gewiß und wird es ihm nicht
vergessen. Dieser Eine schickte auch noch andere, bessere
Hilfe. Einem abseits wohnenden Oberförster, den man
als ebenso wohlhabend, wie edeldenkend kannte, war die
Frau gestorben. Sie hatte ihm eine sehr reichliche Anzahl
Kinder hinterlassen. Er wünschte Großmutter zur Führung
seiner Wirtschaft zu haben. Sie hätte in dieser
Zeit der Not nur zu gern eingewilligt, erklärte aber, sich
von ihren eigenen Kindern unmöglich trennen zu können,
selbst wenn sie einen Platz, sie unterzubringen, hätte. Der
brave Mann besann sich nicht lange. Er erklärte ihr,
es sei ihm gleich, ob sechs oder acht Kinder bei ihm äßen;
sie würden alle satt. Sie solle nur kommen, doch nicht
ohne sie, sondern mit ihnen. Das war Rettung in der
höchsten Not!

Der Aufenthalt in dem stillen, einsamen Forsthause
tat der Mutter und den Kindern wohl. Sie gesundeten
und erstarkten in der besseren Ernährung. Der Oberförster
sah, wie Großmutter sich abmühte, ihm dankbar zu sein
und seine Zufriedenheit zu erringen. Sie arbeitete fast
über ihre Kraft, fühlte sich aber wohl dabei. Er
beobachtete das im Stillen und belohnte sie dadurch, daß
er ihren Kindern in jeder Beziehung dasselbe gewährte,
was die seinen bekamen. Freilich war er Aristokrat und
eigentlich stolz. Er aß mit seiner Schwiegermutter allein.
Großmutter war nur Dienstbote, doch aß sie nicht in der
Gesinde- sondern mit in der Kinderstube. Als er aber
nach längerer Zeit einen Einblick in ihr eigenartiges
Seelenleben erhielt, nahm er sich ihrer auch in innerer
Beziehung an. Er erleichterte ihr die große Arbeitslast,
erlaubte ihr, ihm und seiner Schwiegermutter des Abends
aus ihren Büchern vorzulesen, und gestattete ihr, dann
auch in seine eigenen Bücher zu schauen. Wie gern sie
das tat! Und er hatte so gute, so nützliche Bücher!

Den Kindern wurde in vernünftiger Weise Freiheit
gewährt. Sie tollten im Walde herum und holten sich
kräftige Glieder und rote Wangen. Der kleine May
war der jüngste und kleinste von allen, aber er tat wacker
mit. Und er paßte auf; er lernte und merkte. Er wollte
Alles wissen. Er frug nach jedem Gegenstand, den er
noch nicht kannte. Bald wußte er die Namen aller Pflanzen,
aller Raupen und Würmer, aller Käfer und Schmetterlinge,
die es in seinem Bereiche gab. Er trachtete, ihren
Charakter, ihre Eigenschaften und Gewohnheiten kennen
zu lernen. Diese Wißbegierde erwarb ihm die besondere
Zuneigung des Oberförsters, der sich sogar herbeiließ,
den Jungen mit sich gehen zu lassen. Ich muß das
erwähnen, um Späteres erklärlich zu machen. Der nachherige
Rückfall aus dieser sonnenklaren, hoffnungsreichen
Jugendzeit in die frühere Not und Erbärmlichkeit konnte
auf den Knaben doch nicht glücklich wirken.

In dieser Zeit war es, daß Großmutter während
des Mittagessens plötzlich vom Stuhle fiel und tot zu
Boden sank. Das ganze Haus geriet in Aufregung. Der
Arzt wurde geholt. Er konstatierte Herzschlag;
Großmutter sei tot und nach drei Tagen zu begraben. Aber
sie lebte. Doch konnte sie kein Glied bewegen, nicht einmal
die Lippen oder die nicht ganz geschlossenen Augenlider.
Sie sah und hörte alles, das Weinen, das Jammern
um sie. Sie verstand jedes Wort, welches gesprochen
wurde. Sie sah und hörte den Tischler, welcher kam,
um ihr den Sarg anzumessen. Als er fertig war, wurde
sie hineingelegt und in eine kalte Kammer gestellt. Am
Begräbnistage bahrte man sie im Hausflur auf. Die
Leichenträger kamen, der Pfarrer und der Kantor mit
der Kurrende. Die Familie begann, Abschied von der
Scheintoten zu nehmen. Man denke sich deren Qual!
Drei Tage und drei Nächte lang hatte sie sich alle mögliche
Mühe gegeben, durch irgendeine Bewegung zu zeigen,
daß sie noch lebe -- -- vergeblich! Jetzt kam der letzte
Augenblick, an dem noch Rettung möglich war. Hatte
man den Sarg einmal geschlossen, so gab es keine Hoffnung
mehr. Sie erzählte später, daß sie sich in ihrer
fürchterlichen Todesangst ganz unmenschliche Mühe
gegeben habe, doch wenigstens mit dem Finger zu wackeln,
als einer um den andern kam, um ihre Hand zum letzten
Male zu ergreifen. So tat auch das jüngste Mädchen
des Oberförsters, welches besonders sehr an Großmutter
gehangen hatte. Da schrie das Kind erschrocken aus:
"Sie hat meine Hand angegriffen; sie will mich festhalten!"
Und richtig, man sah, daß die scheinbar Verstorbene
ihre Hand in langsamer Bewegung abwechselnd
öffnete und schloß. Von einem Begräbnisse konnte nun
selbstverständlich nicht mehr die Rede sein. Es wurden
andere Aerzte geholt; Großmutter war gerettet. Aber
von da an war ihre Lebensführung noch ernster und
erhobener als vorher. Sie sprach nur selten von dem, was
sie in jenen unvergeßlichen drei Tagen auf der Schwelle
zwischen Tod und Leben gedacht und empfunden hatte.
Es muß schrecklich gewesen sein. Aber auch hierdurch ist
ihr Glaube an Gott nur noch fester und ihr Vertrauen
zu ihm nur noch tiefer geworden. Wie sie nur scheintot
gewesen war, so hielt sie von nun an auch den sogenannten
wirklichen Tod nur für Schein und suchte jahrelang
nach dem richtigen Gedanken, dies zu erklären und
zu beweisen. Ihr und diesem ihrem Scheintode habe ich
es zu verdanken, daß ich überhaupt nur an das Leben
glaube, nicht aber an den Tod.

Dieses Ereignis war innerlich noch nicht ganz
überwunden, als Großmutter infolge der Versetzung und
Wiederverheiratung des Oberförsters mit ihren beiden
Kindern in ihre früheren Verhältnisse zurückgestoßen wurde.
Sie kehrte nach Ernsttal zurück und hatte nun wieder
jeden Pfennig direkt zu verdienen, den sie brauchte. Ein
braver Mann, der Vogel hieß und auch Weber war,
hielt um ihre Hand an. Jedermann redete ihr zu, sie
müsse ihren Kindern doch einen Vater geben; das sei sie
ihnen schuldig. Sie tat es und hatte es nicht zu bereuen;
war aber leider schon nach kurzer Zeit wieder Witwe.
Er starb und hinterließ ihr alles, was er besessen hatte,
die Armut und den Ruf eines braven, fleißigen Mannes.
Hierauf wurde es still und stiller um sie. Sie tat ihr
Mädchen zu einer Nähterin und ihren Knaben zu einem
Weber, der ihn von früh bis abends am Spulrad
beschäftigte. Denn daß der Junge nun weiter nichts als
nur ein Weber zu werden hatte, das verstand sich ganz
von selbst. Die Lust dazu war ihm freilich während
seines Aufenthaltes im Forsthause vollständig vergangen;
er hatte sich schon ganz anderes gedacht, und es ist
gewiß erklärlich, daß er später, nachdem er in dieses
ungeliebte Handwerk hineingezwungen worden war, auf die
Idee kam, sich durch den Taubenhandel wieder daraus
zu befreien. Doch tat er sowohl als Knabe wie auch als
Jüngling seine Pflicht. Er war fleißig und wurde ein
tüchtiger Weber, dessen Ware so viel Sauberkeit und
Akkuratesse zeigte, daß jeder Unternehmer ihn gern für
sich arbeiten ließ. In seinen Freistunden aber strich er
durch Feld und Flur, um zu botanisieren und alle die
Kenntnisse festzuhalten, die er sich bei dem Oberförster
erworben hatte Darum machte es ihm große Freude,
daß sich unter der oben erwähnten Erbschaft unserer
Mutter auch einige alte, hochinteressante Bücher befanden,
deren Inhalt ihm bei diesen seinen Freibeschäftigungen
von großem Nutzen war. Ich denke da besonders an
einen großen, starken Folioband, der gegen tausend Seiten
zählte und folgenden Titel hatte:

Kräutterbuch

Deß hochgelehrten vnnd weltberühmten Herrn Dr. Petri
Andreae Matthioli. Jetzt widerumb mit vielen schönen
newen Figuren / auch nützlichen Artzeneyen / vnnd andern
guten Stücken / zum dritten Mal auss sondern Fleiß
gemehret vnnd verferdigt /

Durch
Joachimum Camerarium,
der löblichen Reichsstatt Nürnberg Medicum, Doct.

Sampt dreien wohlgeordneten nützlichen Registern der
Kräutter lateinische und deutsche Namen / vund dann
die Artzeneyen / dazu dieselbigen zugebrauchen jnnhaltendt.
Beneben genugsamen Bericht / von den Destillier vund
Brennöfen.

Mit besonderem Röm. Kais. Majest. Priviligio,
in keinerley Format nachzudrucken.
Gedruckt zu Franckfurt am Mayn
M. D. C.

*
* *

Es verstand sich ganz von selbst, daß Vater dieses
Buch sofort hernahm und fleißig durchstudierte. Es
enthielt sogar mehr, als der Titel versprach. So waren die
Namen der Pflanzen oft auch französisch, englisch, russisch,
böhmisch, italienisch und sogar arabisch angegeben, was
später besonders mir ganz außerordentlich vorwärts half.
Auch Vater ging von Seite zu Seite dieses köstlichen
Buchs, von Pflanze zu Pflanze. Er lernte viel, viel
mehr zu dem, was er bereits wußte. Nicht nur die
Kenntnis der Gewächse an sich, sondern auch ihrer
ernährenden und technischen Eigenschaften und ihrer
Heilwirkungen. Die Vorfahren hatten diese Wirkungen
geprüft und den Band mit sehr vielen Randbemerkungen
versehen, welche sagten, wie diese Prüfungen ausgefallen
waren. Dieses Buch wurde mir später eine Quelle der
reinsten, nützlichsten Freuden, und ich kann wohl sagen,
daß Vater mich dabei vortrefflich unterstützte.

Ein anderes dieser Bücher war eine Sammlung
biblischer Holzschnitte, wahrscheinlich aus der ersten Zeit
der xylographierenden Kunst. Ich besitze es, ganz ebenso
wie das Kräuterbuch, noch heut. Es enthält sehr viele
und ganz vortreffliche Bilder; einige fehlen leider. Das
erste ist Moses und das letzte ist das Tier aus dem
elften Kapitel der Offenbarung Johannis. Das Titelblatt
ist nicht mehr vorhanden. Darum weiß ich nicht,
wer der Verfasser ist und aus welchem Jahre das Werk
stammt. Es war Großmutters Hilfsbuch, wenn sie uns
die biblischen Geschichten erzählte. Jede dieser
Erzählungen war für uns ein Hochgenuß, und damit komme
ich auf den größten Vorzug, den Großmutter für uns
Kinder hatte, nämlich auf ihre unvergleichliche Gabe, zu
erzählen.

Großmutter erzählte eigentlich nicht, sondern sie
schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte. Jeder, auch
der widerstrebendste Stoff gewann Gestalt und Kolorit
auf ihren Lippen. Und wenn zwanzig ihr zuhörten, so
hatte jeder einzelne von den zwanzig den Eindruck, daß
sie das, was sie erzählte, ganz nur für ihn allein
erzählte. Und das haftete; das blieb. Mochte sie aus der
Bibel oder aus ihrer reichen Märchenwelt berichten, stets
ergab sich am Schluß der innige Zusammenhang zwischen
Himmel und Erde, der Sieg des Guten über das Böse
und die Mahnung, daß Alles auf Erden nur ein Gleichnis
sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im
niedrigen sondern nur im höheren Leben liege. Ich bin
überzeugt, daß sie das nicht bewußt und in klarer
Absicht tat; dazu war sie nicht unterrichtet genug, sondern
es war angeborene Gabe, war Genius, und der erreicht
bekanntlich das, was er will, am sichersten, wenn man
ihn weder kennt noch beobachtet. Großmutter war eine
arme, ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von
Gottes Gnaden und darum eine Märchenerzählerin, die
aus der Fülle dessen, was sie erzählte, Gestalten schuf,
die nicht nur im Märchen, sondern auch in Wahrheit
lebten.

In meiner Erinnerung tritt zuerst nicht das Märchen
von Sitara, sondern das Märchen "von der verloren
gegangenen und vergessenen Menschenseele" auf. Sie tat
mir so unendlich leid, diese Seele. Ich habe mit meinen
blinden, lichtlosen Kindesaugen um sie geweint. Für mich
enthielt diese Erzählung die volle Wahrheit. Aber erst
nach Jahren, als ich das Leben kennengelernt und mich
mit dem Innern des Menschen eingehend beschäftigt
hatte, erkannte ich, daß die Kenntnis der Menschenseele
in Wirklichkeit verloren und vergessen wurde und daß
alle unsere Psychologie bisher nicht imstande war, uns
diese Kenntnis zurückzubringen. Ich habe in meiner
Kindheit stundenlang still und regungslos gesessen und
in die Dunkelheit meiner kranken Augen gestarrt, um
nachzudenken, wohin die Verlorene und Vergessene
gekommen sei. Ich wollte und wollte sie finden. Da nahm
Großmutter mich auf ihren Schoß, küßte mich auf die
Stirn und sagte: "Sei still, mein Junge! Gräme dich
nicht um sie! Ich habe sie gefunden. Sie ist da!"
"Wo?" fragte ich. "Hier, bei mir", antwortete sie.
"Du bist diese Seele, du!" "Aber ich bin doch nicht
verloren," warf ich ein. "Natürlich bist du verloren. Man
hat dich herabgeworfen in das ärmste, schmutzigste Ardistan.
Aber man wird dich finden; denn wenn alle, alle dich
vergessen haben, Gott hat dich nicht vergessen." -- Ich
begriff das damals nicht; ich verstand es erst später,
viel, viel später. Eigentlich war in dieser meiner frühen
Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als
Seele. Ich sah nichts. Es gab für mich weder
Gestalten noch Formen, noch Farben, weder Orte noch
Ortsveränderungen. Ich konnte die Personen und Gegenstände
wohl fühlen, hören, auch riechen; aber das genügte
nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte
sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein
Tisch aussieht, das wußte ich nicht; ich konnte mir nur
innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war
seelisch. Wenn jemand sprach, hörte ich nicht seinen
Körper, sondern seine Seele. Nicht sein Aeußeres,
sondern sein Inneres trat mir näher. Es gab für mich
nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben,
auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf
den heutigen Tag. Das ist der Unterschied zwischen mir
und anderen. Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern.
Das ist die Erklärung zu allem, was man an mir lobt,
und zu allem, was man an mir tadelt. Nur wer blind
gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine
so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, daß
sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine
ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles
hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich
schrieb, und nur der besitzt die Fähigkeit, mich zu
kritisieren, _sonst_keiner!_

Ich war die ganze Zeit des Tages nicht bei den
Eltern, sondern bei Großmutter. Sie war mein alles.
Sie war mein Vater, meine Mutter, meine Erzieherin,
mein Licht, mein Sonnenschein, der meinen Augen fehlte.
Alles, was ich in mich aufnahm, leiblich und geistig, das
kam von ihr. So wurde ich ihr ganz selbstverständlich
ähnlich. Was sie mir erzählte, das erzählte ich ihr wieder
und fügte hinzu, was meine kindliche Phantasie teils erriet
und teils erschaute. Ich erzählte es den Geschwistern
und auch anderen, die zu mir kamen, weil ich nicht zu
ihnen konnte. Ich erzählte in Großmutters Tone, mit
ihrer Sicherheit, die keinen Zweifel duldete. Das klang
altklug und überzeugte. Es verlieh mir den Nimbus
eines über sein Alter hinaus sehr klugen Kindes. So
kamen auch Erwachsene, um mir zuzuhören, und ich wäre
vielleicht zum Orakel oder zum Wunderkind verdorben
worden, wenn Großmutter nicht so sehr bescheiden, wahr
und klug gewesen wäre, da, wo ich in Gefahr stand,
einzuspringen. Einem blinden Kind wird wenig Arbeit
gegeben. Es hat mehr Zeit, zu denken und zu grübeln als
andere Kinder. Da kann es leicht klüger erscheinen, als
es ist. Leider besaß Vater nicht diese kluge Bescheidenheit
der Großmutter und auch nicht die schweigsame Bedachtsamkeit
der Mutter. Er sprach sehr gern und übertrieb,
wie wir bereits wissen, in allem, was er tat und
was er sagte. So kam es, daß ich dem Schicksal, dem
ich hier entging, später doch noch verfiel, dem entsetzlichen
Schicksal, totgelobt zu werden.

Als ich sehen lernte, war mein Seelenleben schon
derart entwickelt und in seinen späteren Grundzügen
festgelegt, daß selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor
meinen Augen öffnete, nicht die Macht besaß, den Schwerpunkt,
der in meinem Innern lag, zu sich hinauszuziehen.
Ich blieb ein Kind für alle Zeit, ein um so größeres
Kind, je größer ich wurde, und zwar ein Kind, in dem
die Seele derart die Oberhand besaß und noch heute
besitzt, daß keine Rücksicht auf die Außenwelt und auf
das materielle Leben mich jemals bestimmen kann, etwas
zu unterlassen, was ich für seelisch richtig befunden habe.
Und so lange ich lebe, habe ich unausgesetzt die Erfahrung
gemacht, daß es dem Volke genau ebenso ergeht wie mir.
Es handelt am liebsten nicht aus äußerlichen Gründen,
sondern aus sich selbst heraus, aus seiner Seele heraus.
Die größten und schönsten Taten der Nation wurden
aus ihrem Innern heraus geboren. Und wäre der Geist
eines Dichters auch noch so stark und noch so erfinderisch,
so wird er es doch niemals fertig bringen der Geschichte eines
Volkes den Stoff zu einem großen, nationalen Drama
aufzuzwingen, der diesem Volke nicht seelisch gegeben war.
Und gründen wir hunderte von Jugendschriftenvereinen, von
Jugendschriftenkommissionen und tausende von Jugend-,
Schüler- und Volksbibliotheken, wir werden das Gegenteil
von dem erreichen, was wir erreichen wollen, falls wir
Bücher wählen, deren Bedürfnis nur in unserm Pedantismus
und in unserer Methodik liegt, nicht aber in den
Seelen derer, denen wir sie aufzwingen. Ich habe diese
Seelen kennengelernt, habe sie studiert seit meiner Jugendzeit.
Ich bin selbst eine solche Seele gewesen, bin sie sogar noch
heut. Darum weiß ich, daß man dem Volke und der Jugend
keine Tugendmusterbücher in die Hand geben darf, weil es
eben keinen Menschen gibt, der ein Tugendmuster ist. Der
Leser will Wahrheit, will Natur. Er haßt die sittlichen
Haubenstöcke, die immer genauso stehen, wie man sie
stellt, weder Fleisch noch Blut besitzen und genau nur
das anhaben, was ihnen von der Putzmacherin Schulmoralität
angezogen wird. Die Aufgabe des Jugendschriftstellers
besteht nicht darin, Gestalten zu schaffen,
die in jeder Lage so überaus köstlich einwandfrei handeln,
daß man sie unbedingt überdrüssig wird, sondern seine
größte Kunst besteht darin, daß er von seinen Figuren
getrost die Fehler und Dummheiten machen läßt, vor
denen er die jugendlichen Leser bewahren will. Es ist
tausendmal besser, er läßt seine Romanfiguren zugrunde
gehen, als daß der ergrimmte Knabe hingeht, um das
Böse, das nicht geschah, obgleich es der Wahrheit nach
geschehen mußte, nun seinerseits aus dem Buche in das
Leben zu übertragen. Hier liegt die Achse, um die sich
unsere Jugend- und Volksliteratur zu drehen hat.
Musterknaben und Mustermenschen sind schlechte Vorbilder; sie
stoßen ab. Man zeige Negatives, aber lebenswahr und
packend, so wird man Positives erreichen.

Nachdem wir zu Miete gezogen waren, wohnten
wir am Marktplatze, auf dessen Mitte die Kirche stand.
Dieser Platz war der Lieblingsspielplatz der Kinder.
Gegen Abend versammelten sich die älteren Schulknaben
unter dem Kirchentore zum Geschichtenerzählen.
Das war eine höchst exklusive Gesellschaft. Es durfte
nicht jeder hin. Kam einer, den man nicht wollte, so
machte man keinen "Summs"; der wurde fortgeprügelt und
kehrte gewiß nicht wieder. Ich aber kam nicht, und ich
bat auch nicht, sondern ich wurde geholt, obgleich ich erst
fünf Jahre alt war, die Andern aber dreizehn und
vierzehn Jahre. Welch eine Ehre! So etwas war noch
niemals dagewesen! Das hatte ich der Großmutter und
ihren Erzählungen zu verdanken! Zunächst verhielt ich
mich still und machte den Zuhörer, bis ich alle Erzählungen
kannte, die hier im Schwange waren. Man nahm mir
das nicht übel, denn ich hatte erst vor Kurzem sehen
gelernt, hielt die Augen noch halb verbunden und wurde
von Allen geschont. Dann aber, als das vorüber war,
wurde ich herangezogen. Alle Tage ein anderes Märchen,
eine andere Geschichte, eine andere Erzählung. Das war
viel, sehr viel verlangt; aber ich leistete es, und zwar
mit Vergnügen. Großmutter arbeitete mit. Was ich
in der Dämmerstunde zu erzählen hatte, das arbeiteten
wir am frühen Morgen, noch ehe wir unsere Morgensuppe
aßen, durch. Dann war ich, wenn ich an das Kirchtor
kam, wohlvorbereitet. Unser schönes Buch "Der Hakawati"
gab Stoff für lange Zeit. Hierzu kam, daß dieser Stoff
sich mit der Zeit ganz außerordentlich vermehrte, doch
freilich nicht im Buche, sondern in mir. Das war die
sehr einfache und sehr natürliche Folge davon, daß ich
nach meinem Sehendwerden die seelische Welt, die durch
den Hakawati in mir entstanden war, nun in die sichtbare
Welt der Farben, Formen, Körper und Flächen zu übersetzen
hatte. Dadurch entstanden unzählige Variationen
und Vervielfältigungen, die ich nur dadurch, daß ich sie
erzählte, in feste Gestalt und Form zu bringen vermochte.

Inzwischen hatte Vater es erreicht, daß ich in die
Schule gehen durfte. Das durfte man erst vom sechsten
Lebensjahr an; aber meine Mutter war als Hebamme
sehr oft bei dem Herrn Pastor, der ihr diesen Wunsch
als Lokalschulinspektor sehr gern erfüllte, und mit dem
Herrn Elementarlehrer Schulze kam Vater wöchentlich
zweimal zusammen, um Skat oder Schafkopf zu spielen,
und darum hielt es nicht schwer, die Erlaubnis auch von
dieser Seite zu erlangen. Ich lernte sehr schnell lesen
und schreiben, denn Vater und Großmutter halfen dabei,
und dann, als ich das konnte, glaubte Vater die Zeit
gekommen, das, was er mit mir vorhatte, zu beginnen.
Es sollte sich nämlich an mir erfüllen, was sich an ihm
nicht erfüllt hatte. Er hatte im Forsthause einen Blick
in bessere und menschlichere Verhältnisse tun dürfen. Und
er mußte immer daran denken, daß es unter unsern
Vorfahren bedeutende Männer gegeben hatte, von denen wir,
ihre Nachkommen, sagen mußten, daß wir ihrer nicht
würdig seien. Er hatte das werden gewollt, war aber
von den Verhältnissen gewaltsam niedergehalten worden.
Das kränkte und das ärgerte ihn. Für sich hatte er mit
diesen Verhältnissen abgeschlossen. Er mußte bleiben,
was er war, ein armer, ungebildeter Professionist. Aber
er übertrug seine Wünsche und Hoffnungen und alles
Andere nun auf mich. Und er nahm sich vor, alles
Mögliche zu tun und nichts zu versäumen, aus mir den
Mann zu machen, welcher zu werden ihm versagt
gewesen war. Das kann man gewiß nur löblich von ihm
nennen. Nur kam es darauf an, welchen Weg und welche
Weise er meiner Erziehung gab. Er wollte, was für
mich gut und glücklich war. Das konnte er nur mit
guten und glücklichen Mitteln erreichen. Leider aber muß
ich, ohne der Zukunft vorzugreifen, sagen, daß meine
"Kindheit" jetzt, mit dem fünften Jahre, zu Ende war.
Sie starb in dem Augenblick, an dem ich die Augen zum
Sehen öffnete. Was diese armen Augen von da an bis
heut zu sehen bekamen, war nichts als Arbeit und Arbeit,
Sorge und Sorge, Leid und Leid, bis zur heutigen Qual
am Marterpfahl, an dem man mich schier ohne Ende
peinigt. -- -- --

_________

III
Keine Jugend.

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Du liebe, schöne, goldene Jugendzeit! Wie oft habe
ich dich gesehen, wie oft mich über dich gefreut! Bei
Andern, immer nur bei Andern! Bei mir warst du nicht.
Um mich gingst du herum, in einem weiten, weiten Bogen.
Ich bin nicht neidisch gewesen, wahrlich nicht, denn zum
Neid habe ich überhaupt keinen Platz in mir; aber wehe
hat es doch getan, wenn ich den Sonnenschein auf dem
Leben Anderer liegen sah, und ich stand so im hintersten,
kalten Schattenwinkel. Und ich hatte doch auch ein Herz,
und ich sehnte mich doch auch nach Licht und Wärme.
Aber Liebe muß sein, selbst im allerärmsten Leben, und
wenn dieser Aermste nur will, so kann er reicher als der
Reiche sein. Er braucht nur in sich selbst zu suchen.
Da findet er, was ihm das Geschick verweigert, und
kann es hinausgeben an alle, alle, von denen er nichts
bekommt. Denn wahrlich, wahrlich, es ist besser, arm
und doch der Gebende zu sein, als reich und doch der
immer nur Empfangende!

Hier ist es wohl am Platze, einen Irrtum, in dem
man sich über mich befindet, gleich von vornherein
aufzuklären. Man hält mich nämlich für sehr reich, sogar
für einen Millionär; das bin ich aber nicht. Ich hatte
bisher nur mein "gutes Auskommen," weiter nichts.
Selbst hiermit wird es höchst wahrscheinlich zu Ende sein,
denn die nimmer ruhenden Angriffe gegen mich müssen
endlich doch erreichen, was man mit ihnen erreichen will.
Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, daß ich
genau so sterben werde, wie ich geboren bin, nämlich
als ein armer, nichts besitzender Mensch. Das tut
aber nichts. Das ist rein äußerlich. Das kann an
meinem inneren Menschen und seiner Zukunft gar nichts
ändern.

Die Lüge, daß ich Millionär sei, daß mein Einkommen
180 000 Mark betragen habe, stammt von einem raffinierten,
sehr klug vorausberechnenden Gegner, der ein scharfer
Menschenkenner ist und sich keinen Augenblick bedenkt,
diese Menschenkenntnis selbst gegen die Stimme des
Gewissens in Gewinn und Vorteil umzusetzen. Er wußte
sehr wohl, was er tat, als er seine Lüge in die Zeitungen
lanzierte. Er erweckte dadurch den allerniedrigsten und
allerschlimmsten Feind gegen mich, den Neid. Die früheren
Angriffe gegen mich sind jetzt kaum der Rede wert. Aber
seit man mich im Besitz von Millionen wähnt, geht man
geradezu gnaden- und erbarmungslos gegen mich vor.
Sogar in den Artikeln sonst ganz achtbarer und humaner
Kritiker spielt diese Geldgehässigkeit eine Rolle. Es
berührt unendlich peinlich, Leute, die sich in jedem anderen
Falle als litararische [sic] Kavaliere erweisen, auf diesem
ordinären Gaul herumreiten zu sehen! Ich besitze ein
schuldenfreies Haus, in dem ich wohne, und ein kleines
Kapital als eisernen Bestand für meine Reisen, weiter
nichts. Von dem, was ich einnehme, bleibt nichts übrig.
Das reicht grad aus für meinen bescheidenen Haushalt
und für die schweren Opfer, die ich den mir aufgezwungenen
Prozessen zu bringen habe. Früher konnte ich meinem
Herzen Genüge tun und gegen arme Menschen, besonders
gegen arme Leser meiner Bücher, mildtätig sein. Das
hat nun aufgehört. Zwar werde ich infolge jener
raffinierten Millionenlüge jetzt mehr als je mit Zuschriften
gepeinigt, in denen man Geld von mir verlangt, aber ich
kann leider nicht mehr helfen, und fast ein Jeder, den ich
abweisen muß, fühlt sich enttäuscht und wird zum Feinde.
Ich konstatiere, daß jene Gewissenlosigkeit, mich als einen
steinreichen Mann zu schildern, mir mehr, viel mehr
geschadet hat als alle gegnerischen Kritiken und sonstigen
Feindseligkeiten zusammengenommen.

Nach dieser Abschweifung, die ich für nötig hielt,
nun wieder zurück zur "Jugend" dieses angeblichen
"Millionärs", der nach ganz anderen Schätzen strebt als alle
die, welche ihn auszubeuten trachten.

Es waren damals schlimme Zeiten, zumal für die
armen Bewohner jener Gegend, in der meine Heimat
liegt. Dem gegenwärtigen Wohlstande ist es fast unmöglich,
sich vorzustellen, wie armselig man sich am Ausgange
der vierziger Jahre dort durch das Leben hungerte.
Arbeitslosigkeit, Mißwuchs, Teuerung und Revolution,
diese vier Worte erklären Alles. Es mangelte uns an
fast Allem, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft
gehört. Wir baten uns von unserem Nachbarn, dem Gastwirt
"Zur Stadt Glauchau", des Mittags die Kartoffelschalen
aus, um die wenigen Brocken, die vielleicht noch
daran hingen, zu einer Hungersuppe zu verwenden. Wir
gingen nach der "roten Mühle" und ließen uns einige
Handvoll Beutelstaub und Spelzenabfall schenken, um
irgend etwas Nahrungsmittelähnliches daraus zu machen.
Wir pflückten von den Schutthaufen Melde, von den
Rainen Otterzungen und von den Zäunen wilden Lattich,
um das zu kochen und mit ihm den Magen zu füllen.
Die Blätter der Melde fühlen sich fettig an. Das ergab
beim Kochen zwei oder drei kleine Fettäuglein, die
auf dem Wasser schwammen. Wie nahrhaft und wie
delikat uns das erschien! Glücklicherweise gab es unter
den vielen Webern des Ortes, die arbeitslos waren, auch
einige wenige Strumpfwirker, deren Geschäft nicht ganz
zum Stillstehen kam. Sie webten Handschuhe, so
außerordentlich billige weiße Handschuhe, die man den Leichen
anzieht, ehe sie begraben werden. Es gelang Mutter,
solche Leichenhandschuhe zum Nähen zu bekommen. Da
saßen wir nun alle, der Vater ausgenommen, von früh
bis abends spät und stichelten darauf los. Mutter nähte
die Daumen, denn das war schwer, Großmutter die Längen
mit dem kleinen Finger und ich mit den Schwestern die
Mittelfinger. Wenn wir recht sehr fleißig waren, hatten
wir alle zusammen am Schluß der Woche elf oder sogar
auch zwölf Neugroschen verdient. Welch ein Kapital!
Dafür gab es für fünf Pfennig Runkelrübensyrup, auf
fünf Dreierbrötchen gestrichen; die wurden sehr gewissenhaft
zerkleinert und verteilt. Das war zugleich Belohnung
für die verflossene und Anregung für die kommende
Woche.

Während wir in dieser Weise fleißig daheim arbeiteten,
hatte Vater ebenso fleißig auswärts zu tun; leider
aber war seine Arbeit mehr ehrend als nährend. Es
galt nämlich, den König Friedrich August und die ganze
sächsische Regierung vor dem Untergange zu retten.
Vorher hatte man grad das Entgegengesetzte gedacht: Der
König sollte abgesetzt und die Regierung aus dem Lande
gejagt werden. Das wollte man fast in ganz Sachsen;
aber in Hohenstein und Ernsttal kam man sehr bald hiervon
zurück, und zwar aus den vortrefflichsten Gründen;
es war nämlich zu gefährlich! Die lautesten Schreier hatten
sich zusammengetan und einen Bäckerladen gestürmt. Da
kam die heilige Hermandad und sperrte sie alle ein. Sie
fühlten sich zwar einige Tage lang als politische Opfer
und Märtyrer groß und mächtig, aber ihre Frauen wollten
von solchem Heldentum nichts wissen; sie sträubten sich
mit aller Gewalt dagegen. Sie kamen zusammen; sie
gingen auseinander; sie liefen auf und ab; sie gewannen
die anderen Frauen; sie politisierten; sie diplomatisierten;
sie drohten; sie baten. Ruhige, vernünftige Männer gesellten
sich zu ihnen. Der alte, ehrwürdige Pastor Schmidt
hielt Friedensreden. Der Herr Stadtrichter Layritz auch.
Der Polizist Eberhardt ging von Haus zu Haus und
warnte vor den schrecklichen Folgen der Empörung; der
Wachtmeister Grabner sekundierte ihm dabei. Am großen
Kirchentor erzählten sich die Jungens in der Abenddämmerung
nur noch vom Erschossenwerden, vom Aufgehangenwerden
und ganz besonders vom Schafott, welches derart
beschrieben wurde, daß Jedermann, der es hörte, sich
mit der Hand nach Hals und Nacken griff. So kam es,
daß die Stimmung sich ganz gründlich änderte. Von
der Absetzung des Königs war keine Rede mehr. Im
Gegenteil, er hatte zu bleiben, denn einen besseren als
ihn konnte es nirgends geben. Von jetzt an galt es nicht
mehr, ihn zu vertreiben, sondern ihn zu beschützen. Man
hielt Versammlungen ab, um zu beraten, in welcher Weise
dies am besten geschehe, und da allüberall vom Kampf
und Krieg und Sieg gesprochen wurde, so verstand es
sich ganz von selbst, daß auch wir Jungens uns nicht nur
in kriegerische Stimmungen, sondern auch in kriegerische
Gewänder und kriegerische Heldentaten hineinarbeiteten.
Ich freilich nur von ferne, denn ich war zu klein dazu
und hatte keine Zeit; ich mußte Handschuhe nähen. Aber
die anderen Buben und Mädels standen überall an den
Ecken und Winkeln herum, erzählten einander, was sie
daheim bei den Eltern gehört hatten, und hielten höchst
wichtige Beratungen über die beste Art und Weise, die
Monarchie zu erhalten und die Republik zu hintertreiben.
Besonders über eine alte, böse Frau war man empört.
Die war an Allem schuld. Sie hieß die Anarchie und
wohnte im tiefsten Walde. Aber des Nachts kam sie in
die Städte, um die Häuser niederzureißen und die Scheunen
anzubrennen; so eine Bestie! Glücklicherweise waren
unsere Väter lauter Helden, von denen keiner sich vor
irgend Jemand fürchtete, auch nicht vor dieser ruppigen
Anarchie. Man beschloß die allgemeine Bewaffnung für
König und Vaterland. In Ernsttal gab es schon seit
alten Zeiten eine Schützen- und eine Gardekompagnie.
Die erstere schoß nach einem hölzernen Vogel, die letzere [sic]
nach einer hölzernen Scheibe. Zu diesen beiden Kompagnieen
sollten noch zwei oder drei andere gegründet werden,
besonders auch eine polnische Sensenkompagnie zum
Totstechen aus der Ferne. Da stellte es sich denn heraus,
daß es in unserem Städtchen eine ganz ungewöhnliche
Menge von Leuten gab, die ungemein kriegerisch veranlagt
waren, strategisch sowohl als auch taktisch. Man
wollte keinen von ihnen missen. Man zählte sie. Es
waren dreiunddreißig. Das stimmte sehr gut und rechnete
sich glatt aus, nämlich: Man brauchte pro Kompagnie
je einen Hauptmann, einen Oberleutnant und einen
Leutnant; wenn man zu den Schützen und der Garde noch
neun neue Kompagnieen formte, so ergab das in Summa
elf, und alle dreiunddreißig Offiziere waren unter Dach
und Fach. Dieser Vorschlag wurde ausgeführt, wobei
die Kopfzahl der einzelnen Kompagnieen ganz selbstverständlich
nur klein bemessen sein konnte; aber der Tambourmajor,
Herr Strumpfwirkermeister Löser, der beim Militär
gestanden und darum alle dreiunddreißig Offiziere
einzuexerzieren hatte, behauptete, dies sei nur vorteilhaft, denn
je kleiner eine Kompagnie sei, desto weniger Leute könnten
im Kriege von ihr weggeschossen werden, und so blieb es
bei dem, was beschlossen worden war.

Mein Vater war Hauptmann der siebenten Kompagnie.
Er bekam einen Säbel und eine Signalpfeife.
Aber er war mit dieser Charge nicht zufrieden; er trachtete
nach höherem. Darum beschloß er, sobald er ausexerziert
war, sich ganz heimlich, ohne daß irgend Jemand etwas
davon bemerkte, im "höheren Kommando" einzuüben. Und
da er mich ausersah, ihm dabei behilflich zu sein, so wurde
ich einstweilen vom Handschuhnähen dispensiert und wanderte
mit ihm tagtäglich hinaus in den Wald, wo auf einer
rings von Büschen und Bäumen umgebenen Wiese unsere
geheimen Evolutionen vorgenommen wurden. Vater war
bald Leutnant, bald Hauptmann, bald Oberst, bald General;
ich aber war die sächsische Armee. Ich wurde erst als
"Zug", dann als ganze Kompagnie einexerziert. Hierauf
wurde ich Bataillon, Regiment, Brigade und Division.
Ich mußte bald reiten, bald laufen, bald vor und bald
zurück, bald nach rechts und bald nach links, bald
angreifen und bald retirieren. Ich war zwar nicht auf den
Kopf gefallen und hatte Lust und Liebe zur Sache. Aber
ich war noch so jung und klein, und so kann man sich
bei dem jähen Temperamente meines Generals wohl
denken, daß es mir nicht möglich war, mich in so kurzer
Zeit von der einfachen, kleinen Korporalschaft bis zur
vollzähligen, gewaltigen Armee zu entwickeln, ohne die
Strenge der militärischen Disziplin an mir erfahren zu
haben. Aber ich weinte bei keiner Strafe; ich war zu
stolz dazu. Eine sächsische Armee, welche weint, die gibt
es nicht! Auch ließ der Lohn nicht auf sich warten.
Als Vater Vizekommandant geworden war, sagte er zu
mir: "Junge, dazu hast du viel geholfen. Ich baue dir
eine Trommel. Du sollst Tambour werden!" Wie das
mich freute! Und es gab Augenblicke, in denen ich wirklich
der Ueberzeugung war, alle diese Püffe, Stöße, Hiebe und
Katzenköpfe nur zum Wohle und zur Rettung des Königs
von Sachsen und seines Ministeriums empfangen zu haben!
Wenn er das wüßte!

Die Trommel bekam ich, denn Vater hielt stets Wort.
Der Klempnermeister Leistner am Markt in Hohenstein
war ihm behilflich, sie zu bauen. Es war eine sehr gut
gelungene Solotrommel; sie existiert noch heut. Ich bin
später, als ich etwas größer war, doch auch noch als Knabe,
Tambour bei der siebenten Kompagnie gewesen und werde
diese Trommel noch einmal zu erwähnen haben. Die elf
Kompagnieen taten ihre Schuldigkeit. Sie exerzierten fast
täglich, wozu mehr als genug Zeit vorhanden war, weil
es keine Arbeit gab. Wie wir trotzdem existieren konnten
und wovon wir eigentlich gelebt haben, das kann ich heute
nicht mehr sagen; es kommt mir wie ein Wunder vor.
Es gab auch an andern Orten "Königsretter". Die standen
miteinander in Verbindung und hatten beschlossen, sobald
der Befehl dazu gegeben werde, nach Dresden aufzubrechen
und für den König alles zu wagen, unter Umständen sogar
das Leben. Und eines schönen Tages kam er, dieser Befehl.
Die Signalhörner erklangen; die Trommeln wirbelten.
Aus allen Türen strömten die Helden, um sich auf
dem Marktplatz zu versammeln. Der Fleischermeister
Haase war Regimentsadjutant. Er hatte sich ein Pferd
geborgt und saß da mitten drauf. Es war keine leichte
Sache für ihn, zwischen dem Kommandanten, dem
Vizekommandanten und den Hauptleuten zu vermitteln, denn
der Gaul wollte immer anders als der Reiter. Die Frau
Stadtrichter Layritz hing eine Tischdecke und ihre
Sonntagssaloppe zu den Fenstern heraus. Das war geflaggt.
Wer etwas dazu hatte, der machte es ihr nach. Dadurch
gewann der Marktplatz ein festlich frohes Angesicht. Man
war überhaupt nur begeistert. Keine Spur von
Abschiedsschmerz! Niemand hatte das Bedürfnis, von Frau und
Kindern besonders Abschied zu nehmen. Lauter Jubel,
dreimal hoch, vivat, hurrah an allen Orten! Der Herr
Kommandant hielt eine Rede. Hierauf ein grandioser Tusch
der Blasinstrumente und Trommeln. Dann die Kommandorufe
der einzelnen Hauptleute: "Achtung -- -- Augen
rechts, rrrricht't euch -- -- Augen grrrade aus -- --
G'wehr bei Fuß -- -- G'wehr auf -- -- G'wehr präsentiert
-- -- G'wehr über -- -- Rrrrechts um -- --
Vorwärts marsch!" Voran der Herr Adjutant auf dem
geborgten Pferde, hinter ihm die Musikanten mit dem
türkischen Schellenbaum, die Tamboure, sodann der
Kommandant und der Vizekommandant, hierauf die Schützen,
die Garde und die neun anderen Kompagnieen, so
marschierten die Heerscharen links, rechts -- links, rechts
zur damaligen Hintergasse hinaus und am Zechenteiche
vorüber, dem wir damals unsere Frösche anvertrauten,
nach Wüstenbrand, um über Chemnitz und Freiberg nach
der Hauptstadt zu gelangen. Eine Menge Angehöriger
marschierte hinterdrein, um den Mutigen bis an das
Weichbild des Städtchens das Geleit zu geben. Ich aber
stand bei meinem ganz besonderen Liebling, dem Herrn
Kantor Strauch, der unser Nachbar war, an seiner Haustür,
dabei die Friederike, seine Frau, die eine Schwester
des Herrn Stadtrichters Layritz war. Sie hatten keine
Kinder, und ich war berufen, ihnen ihre kleinen wirtschaftlichen
Angelegenheiten zu besorgen. Ihn liebte ich glühend;
sie aber war mir zuwider, denn sie belohnte alle
meine Wege, die ich für sie tat, nur mit angefaulten
Aepfeln oder mit teigigen Birnen und erlaubte ihrem
Manne nicht, monatlich mehr als nur zwei Zigarren zu
rauchen, das Stück zu zwei Pfennige. Die mußte ich
ihm vom Krämer holen, weil er sich schämte, so billige
selbst zu kaufen, und er rauchte sie im Hofe, weil die
Friederike den Tabaksgeruch nicht vertragen konnte. Auch
er war heut von dem Anblicke unserer Truppen aufrichtig
begeistert. Indem er ihnen nachblickte, sagte er:

"Es ist doch etwas Großes, etwas Edles um solche
Begeisterung für Gott, für König und Vaterland!"

"Aber was bringt sie ein?" fragte die Frau
Kantorin.

"Das Glück bringt sie ein, das wirkliche, das wahre
Glück!"

Bei diesen Worten trat er in das Haus; er liebte
es nicht, zu streiten. Ich ging nach unserm Hof. Da
stand ein Franzäpfelbaum. Unter den setzte ich mich nieder
und dachte über das nach, was der Herr Kantor gesagt
hatte. Also Gott, König und Vaterland, in diesen Worten
liegt das wahre Glück; das wollte und mußte ich mir
merken! Später hat dann das Leben an diesen drei
Worten herumgemodelt und herumgemeißelt; aber mögen
sich die Formen verändert haben, das innere Wesen ist
geblieben.

Von allen, die heut ausgezogen waren, um große
Heldentaten zu verrichten, kam zuerst der geliehene Gaul
zurück. Der Herr Adjutant hatte ihn einem Boten
übergeben, der ihn heimbrachte, weil Laufen besser sei als
Reiten und weil der Reiter nicht genug Geld übrig habe,
das Pferd zu ersetzen, falls es im Kampfe verwundet oder
gar erschossen werden sollte. Gegen Abend folgte der
Webermeister Kretzschmar. Er behauptete, daß er mit
seinen Plattfüßen nicht weitergekonnt habe; dies sei ein
Naturfehler, den er nicht ändern könne. Als es dunkel
geworden war, stellten sich noch einige andere ein, welche
aus triftigen Gründen entlassen worden waren und die
die Nachricht brachten, daß unser Armeekorps hinter
Chemnitz bei Oederan biwakiere und Spione nach Freiburg [sic]
geschickt habe, das dortige Schlachtfeld auszukundschaften.
Gegen Morgen kam die überraschende, aber ganz und gar
nicht traurige Kunde, daß man aus Freiburg [sic] die Weisung
erhalten habe, sofort wieder umzukehren; man werde gar
nicht gebraucht, denn die Preußen seien in Dresden
eingerückt und so stehe für den König und die Regierung
nicht das Geringste mehr zu befürchten. Man kann sich
wohl denken, daß es heut nun keine Schule und keinerlei
Arbeit gab. Auch ich empörte mich gegen das Handschuhflicken.
Ich riß einfach aus und gesellte mich den wackeren
Buben und Mädels zu, welche elf Kompagnieen bilden
und ihren heimkehrenden Vätern entgegen ziehen sollten.
Dieser Plan wurde ausgeführt. Wir kampierten bei den
Wüstenbränder Teichen und zogen dann, als die Erwarteten
kamen, mit ihnen unter klingendem Spiel und Trommelschlag
den Schießhausberg hinab, wo unsere verwaisten
Frauen und Mütter standen, um uns alle, Groß und Klein,
teils gerührt, teils lachend in Empfang zu nehmen.

Warum ich das alles so ausführlich erzähle? Des
tiefen Eindruckes wegen, den es auf mich machte. Ich
habe die Quellen nachzuweisen, aus denen die Ursachen
meines Schicksals zusammengeflossen sind. Daß ich trotz
allem, was später geschah, niemals auch nur einen einzigen
Augenblick im Gottesglauben wankte und selbst dann,
wenn das Schicksal mich gegen die harten Tafeln der Gesetze
schleuderte, nichts von der Achtung vor diesen Gesetzen
verlor, das wurzelt teils in mir selbst, teils aber
auch in diesen kleinen Ereignissen der frühen Jugend, die
alle mehr oder weniger bestimmend auf mich wirkten.
Nie habe ich die Worte meines alten, guten Kantors
vergessen, die mir nicht nur zu Fleisch und Blut, sondern
zu Geist und Seele geworden sind.

Nach diesen Aufregungen kehrte das Leben in seine
ruhigen, früheren Bahnen zurück. Ich nähte wieder
Handschuhe und ging in die Schule. Aber diese Schule
genügte dem Vater nicht. Ich sollte mehr lernen als
das, was der damalige Elementarunterricht bot. Meine
Stimme entwickelte sich zu einem guten, volltönenden,
umfangreichen Sopran. Infolgedessen nahm der Herr
Kantor mich in die Kurrende auf. Ich wurde schnell
treffsicher und der Oeffentlichkeit gegenüber mutig. So
kam es, daß mir schon nach kurzer Zeit die Kirchensoli
übertragen wurden. Die Gemeinde war arm; sie hatte
für teure Kirchenstücke keine Mittel übrig. Der Herr
Kantor mußte sie abschreiben, und ich schrieb mit. Wo
das nicht angängig war, da komponierte er selbst. Und
er war Komponist! Und zwar was für einer! Aber er
stammt aus dem kleinen, unbedeutenden Dörfchen Mittelbach,
von blutarmen, ungebildeten Eltern, hatte sich durch
das Musikstudium förmlich hindurchgehungert und, bis er
Lehrer resp. Kantor wurde, nur in blauen Leinenrock und
blaue Leinenhosen kleiden können und sah einen Taler für
ein Vermögen an, von dem man wochenlang leben konnte.
Diese Armut hatte ihn um die Selbstbewertung gebracht.
Er verstand es nicht, sich geltend zu machen. Er war
mit allem zufrieden. Ein ganz vorzüglicher Orgel-, Klavier-
und Violinspieler, konnte er auch die komponistische
Behandlung jedes andern Musikinstrumentes und hätte
es schnell zu Ruhm und Verdienst bringen können, wenn
ihm mehr Selbstvertrauen und Mut zu eigen gewesen
wäre. Jedermann wußte: Wo in Sachsen und den
angrenzenden Gegenden eine neue Orgel eingeweiht wurde,
da erschien ganz sicher der Kantor Strauch aus Ernsttal,
um sie kennenzulernen und einmal spielen zu können.
Das war die einzige Freude, die er sich gönnte. Denn
mehr werden zu wollen als nur Kantor von Ernsttal, dazu
fehlte ihm außer der Beherztheit besonders auch die
Erlaubnis der sehr gestrengen Frau Friederike, die ein
wohlhabendes Mädchen gewesen war und darum in der
Ehe als zweiunddreißigfüßiger "Prinzipal" ertönte, während
dem Herrn Kantor nur die Stimme einer sanften
"Vox humana" zugebilligt wurde. Sie besaß mit ihrem
Bruder gemeinsam einige Obstgärten, deren Erträgnisse
mit der äußersten Genauigkeit verwertet wurden, und
daß ich von ihr nur angefaulte oder teigige Aepfel und
Birnen bekam, das habe ich bereits erwähnt. Sie wußte
das aber mit einer Miene zu geben, als ob sie ein Königreich
verschenke. Für den unendlich hohen Wert ihres Mannes,
sowohl als Mensch wie auch als Künstler, hatte sie nicht
das geringste Verständnis. Sie war an ihre Gärten und
er infolgedessen an Ernsttal gekettet. Um sein geistiges
Dasein und seine seelischen Bedürfnisse bekümmerte sie sich
nicht. Sie öffnete keines seiner Bücher, und seine vielen
Kompositionen verschwanden, sobald sie vollendet waren,
tief in den staubigen Kisten, die unter dem Dache standen.
Als er gestorben war, hat sie das alles als Makulatur
an die Papiermühle verkauft, ohne daß ich dies
verhindern konnte, denn ich war nicht daheim. Welch ein
tiefes, von anderen kaum zu fassendes Elend es ist, für
das ganze Leben an ein weibliches Wesen gebunden zu
sein, welches nur in niederen Lüften atmet und selbst den
begabtesten, ja genialsten Mann nicht in bessere Höhen
kommen läßt, das ist nicht auszusagen. Mein alter Kantor
konnte dieses Elend nur darum ertragen, weil er eine
ungemeine Fügsamkeit besaß und hierzu eine Gutmütigkeit,
die niemals vergessen konnte, daß er ein armer Teufel,
die Friederike aber ein reiches Mädchen und außerdem
die Schwester des Herrn Stadtrichters gewesen war.

Später gab er mir Orgel-, Klavier- und Violinunterricht.
Ich habe bereits gesagt, daß Vater den Bogen
zur Violine selbst fertigte. Dieser Unterricht war ganz
selbstverständlich gratis, denn die Eltern waren zu arm,
ihn zu bezahlen. Damit war die gestrenge Frau Friederike
gar nicht einverstanden. Der Orgelunterricht wurde
in der Kirche und der Violinunterricht in der Schulstube
gegeben; da konnte die Frau Kantorin keine Handhabe
finden. Aber das Klavier stand in der Wohnstube, und
wenn ich da klopfte, um anzufragen, so kam der Herr
Kantor unter zehnmal neunmal mit dem Bescheid heraus:
"Es gibt heut keinen Unterricht, lieber Karl. Meine
Frau Friederike hält es nicht aus; sie hat Migräne".
Manchmal hieß es auch "sie hat Vapeurs". Was das
war, wußte ich nicht, doch hielt ich es für eine Steigerung
von dem, was ich auch nicht wußte, nämlich von der
Migräne. Aber daß sich das immer nur dann einstellte,
wenn ich klavierspielen kam, das wollte mir nicht
gefallen. Der gute Herr Kantor glich das dadurch aus,
daß er mich nach und nach, grad wie die Gelegenheit
es brachte, auch in der Harmonielehre unterwies, was die
Friederike gar nicht zu erfahren brauchte, doch war das
in der späteren Knabenzeit, und so weit bin ich jetzt
noch nicht.

Wie mein Vater sich in Allem ungeduldig zeigte,
so auch in dem, was er meine "Erziehung" nannte.
Notabene mich "erzog" er; um die Schwestern bekümmerte
er sich weniger. Er hatte alle seine Hoffnungen darauf
gesetzt, daß ich im Leben das erreichen werde, was von
ihm nicht zu erreichen war, nämlich nicht nur eine
glücklichere, sondern auch eine geistig höhere Lebensstellung.
Denn das muß ich ihm nachrühmen, daß ihm zwar der
Wunsch auf ein sogenanntes gutes Auskommen am nächsten
stand, daß er aber den höheren Wert auf die kräftige
Entwickelung der geistigen Persönlichkeit setzte. Er fühlte
das im Innern mehr und deutlicher, als er es in Worten
auszudrücken vermochte. Ich sollte ein gebildeter,
womöglich ein hochgebildeter Mann werden, der für das
allgemeine Menschheitswohl etwas zu leisten vermag; dies
war sein Herzenswunsch, wenn er ihn auch nicht grad
in diesen, sondern in andern Worten äußerte. Man sieht,
er verlangte nicht wenig, aber das war nicht Vermessenheit
von ihm, sondern er glaubte stets an das, was er
wünschte, und war vollständig überzeugt, es erreichen zu
können. Leider aber war er sich über die Wege, auf
denen, und über die Mittel, durch welche dieses Ziel zu
erreichen war, nicht klar, und er unterschätzte die gewaltigen
Hindernisse, die seinem Plane entgegenstanden. Er war
zu jedem, selbst zum größten Opfer bereit, aber er bedachte
nicht, daß selbst das allergrößte Opfer eines armen Teufels
dem Widerstande der Verhältnisse gegenüber kein Gramm,
kein Quentchen wiegt. Und vor allen Dingen, er hatte
keine Ahnung davon, daß ein ganz anderer Mann als er
dazu gehörte, mit leitender Hand derartigen Zielen
zuzusteuern. Er war der Ansicht, daß ich vor allen Dingen
so viel wie möglich, so schnell wie möglich zu lernen habe,
und hiernach wurde mit größter Energie gehandelt.

Ich war mit fünf Jahren in die Schule gekommen,
aus der man mit vierzehn Jahren entlassen wurde. Das
Lernen fiel mir leicht. Ich holte schnell meine zwei
Jahre ältere Schwester ein. Dann wurden die Schulbücher
älterer Knaben gekauft. Ich mußte daheim die
Aufgaben lösen, die ihnen in der Schule gestellt waren.
So wurde ich sehr bald klassenfremd, für so ein kleines,
weiches Menschenkind ein großes, psychologisches Uebel,
von dem Vater freilich so viel wie nichts verstand. Ich
glaube, daß sogar nicht einmal die Lehrer ahnten, was
für ein großer Fehler da begangen wurde. Sie gingen
von der anspruchslosen Erwägung aus, daß ein Knabe,
den man in seiner Klasse nichts mehr lehren kann, ganz
einfach und trotz seiner Jugend in die nächst höhere Klasse
zu versetzen ist. Diese Herren waren alle mehr oder
weniger mit meinem Vater befreundet, und so drückte
sogar der Herr Lokalschulinspektor ein Auge darüber zu,
daß ich als acht- oder neunjähriger Knabe schon bei den
elf- und zwölfjährigen saß. In Beziehung auf meine
geistigen Fortschritte, zu denen in einer Elementarschule
freilich nicht viel gehörte, war dies allerdings wohl richtig;
seelisch aber bedeutete es einen großen, schmerzlichen
Diebstahl, den man an mir beging. Ich bemerke hier, daß
ich sehr scharf zwischen Geist und Seele, zwischen geistig
und seelisch unterscheide. Was mir in den Klassen, in
die ich meinem Alter nach noch nicht gehörte, für meinen
kleinen Geist gegeben wurde, das wurde auf der andern
Seite meiner Seele genommen. Ich saß nicht unter
Altersgenossen. Ich wurde als Eindringling betrachtet und
schwebte mit meinen kleinen, warmen, kindlich-seelischen
Bedürfnissen in der Luft. Mit einem Worte, ich war
gleich von Anfang an klassenfremd gewesen und wurde
von Jahr zu Jahr klassenfremder. Die Kameraden, welche
hinter mir lagen, hatte ich verloren, ohne die, bei denen
ich mich befand, zu gewinnen. Ich bitte, ja nicht über
dieses nur scheinbar winzige, höchst unwichtige Knabenschicksal
zu lächeln. Der Erzieher, der sich im Reiche der
Menschen- und der Kindesseele auskennt, wird keinen
Augenblick zögern, dies ernst, sehr ernst zu nehmen. Jeder
erwachsene Mensch und noch viel mehr jedes Kind will
festen Boden unter den Füßen haben, den es ja nicht
verlieren darf. Mir aber war dieser Boden entzogen.
Das, was man als "Jugend" bezeichnet, habe ich nie gehabt.
Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund
ist mir nie beschieden gewesen. Die allereinfachste
Folge davon ist, daß ich selbst noch heut, im hohen Alter,
in meiner Heimat fremd bin, ja fremder noch als fremd.
Man kennt mich dort nicht; man hat mich dort nie
verstanden, und so ist es gekommen, daß um meine Person
sich dort ein Gewebe von Sagen gesponnen hat, die ich
ganz unmöglich zu unterschreiben vermag.

Das, was ich nach Vaters Ansicht zu lernen hatte,
beschränkte sich keineswegs auf den Schulunterricht und
auf die Schularbeiten. Er holte allen möglichen
sogenannten Lehrstoff zusammen, ohne zu einer Auswahl
befähigt zu sein oder eine geordnete Reihenfolge bestimmen
zu können. Er brachte Alles, was er fand, herbei. Ich
mußte es lesen oder gar abschreiben, weil er meinte, daß
ich es dadurch besser behalten könne. Was hatte ich da
alles durchzumachen! Alte Gebetbücher, Rechenbücher,
Naturgeschichten, gelehrte Abhandlungen, von denen ich
kein Wort verstand. Eine Geographie Deutschlands aus
dem Jahre 1802, über 500 Seiten stark, mußte ich ganz
abschreiben, um mir die Ziffern leichter einzuprägen. Die
stimmten natürlich längst nicht mehr! Ich saß ganze
Tage und halbe Nächte lang, um mir dieses wüste, unnötige
Zeug in den Kopf zu packen. Es war eine Verfütterung
und Ueberfütterung sondergleichen. Ich wäre
hieran wahrscheinlich zu Grunde gegangen, wenn sich
mein Körper nicht trotz der äußerst schmalen Kost so
überaus kräftig entwickelt hätte, daß er selbst solche
Anstrengungen ganz leidlich ertragen konnte. Und es gab
auch Zeiten und Stunden der Erholung. Vater pflegte
nämlich keinen Spaziergang und keinen Weg über Land
zu machen, ohne mich mitzunehmen. Er pflegte hieran
nur eine Bedingung zu knüpfen, nämlich die, daß kein
Augenblick der Schulzeit dabei versäumt wurde. Die
Spaziergänge durch Wald und Hain waren wegen seiner
reichen Pflanzenkenntnisse immer hochinteressant. Aber
es wurde auch eingekehrt. Es gab bestimmte Tage und
bestimmte Restaurationen. Da kamen der Herr Lehrer
Schulze, der Herr Rektor, der reiche Wetzel, der Herr
Kämmerer Thiele, der Kaufmann Vogel, der Schützenhauptmann
Lippold und andere, um Kegel zu schieben
oder einen Skat zu spielen. Vater war stets dabei und
ich mit, denn ich mußte. Er meinte, ich gehöre zu ihm.
Er sah mich nicht gern mit anderen Knaben zusammen,
weil ich da ohne Aufsicht sei. Daß ich bei ihm, in der
Gesellschaft erwachsener Männer, gewiß auch nicht besser
aufgehoben war, dafür hatte er kein Verständnis. Ich
konnte da Dinge hören, und Beobachtungen machen, welche
der Jugend am besten vorenthalten blieben. Uebrigens
war Vater selbst in der angeregtesten Gesellschaft
außerordentlich mäßig. Ich habe ihn niemals betrunken
gesehen. Wenn er einkehrte, so war sein regelmäßiges
Quantum ein Glas einfaches Bier für sieben Pfennige
und ein Glas Kümmel oder Doppelwacholder für sechs
Pfennige; davon durfte auch ich mit trinken. Bei
besonderen Veranlassungen teilte er ein Stückchen Kuchen
für sechs Pfennige mit mir. Niemand hat ihn jemals
gewarnt, mich in solche Gesellschaften von Erwachsenen
mitzubringen, selbst der Rektor und der Pastor nicht, der
sich auch zuweilen einstellte. Diese Herren wenigstens
mußten doch wissen, daß ich da selbst auf erlaubten und
vollständig reinen Unterhaltungsgebieten als stiller, aber
sehr aufmerksamer Zuhörer in Dinge und Verhältnisse
eingeweiht wurde, die mir noch Jahrzehnte lang fernzuliegen
hatten. Ich wurde nicht frühreif, denn dieses
Wort pflegt man nur auf Geschlechtliches zu beziehen,
und davon bekam ich nichts zu hören, sondern etwas noch
viel Schlimmeres: Ich wurde aus meiner Kindheit
herausgehoben und auf den harten, schmutzigen Weg gezerrt,
auf dem meine Füße das Gefühl haben mußten, als ob
sie auf Glassplittern gingen. Wie wohl ich mich dann
fühlte, wenn ich zu Großmutter kam und bei ihr mich
in mein liebes, liebes Märchenreich flüchten konnte! Freilich
war ich viel zu jung, um einzusehen, daß dieses Reich
sich aus der wahrsten, festesten Wirklichkeit erhob. Für
mich hatte es keine Füße; es schwebte; es konnte mir
erst später, wenn ich mich zum Verständnis emporgearbeitet
hatte, die Stütze bieten, die mir so nötig war.

Da kam ein Tag, an dem sich mir eine Welt offenbarte,
die mich seitdem nicht wieder losgelassen hat. Es
gab Theater. Zwar nur ein ganz gewöhnliches, armseliges
Puppentheater, aber doch Theater. Das war im
Webermeisterhause. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz
zwei Groschen, dritter Platz einen Groschen, Kinder die
Hälfte. Ich bekam die Erlaubnis, mit Großmutter
hinzugehen. Das kostete fünfzehn Pfennige für uns beide.
Es wurde gegeben: "Das Müllerröschen oder die Schlacht
bei Jena." Meine Augen brannten; ich glühte innerlich.
Puppen, Puppen, Puppen! Aber sie lebten für mich.
Sie sprachen; sie liebten und haßten; sie duldeten; sie
faßten große, kühne Entschlüsse; sie opferten sich auf
König und für Vaterland. Das war es ja, was der
Herr Kantor damals gesagt und bewundert hatte! Mein
Herz jubelte. Als wir nach Hause gekommen waren,
mußte Großmutter mir beschreiben, wie die Puppen
bewegt werden.

"An einem Holzkreuze," erklärte sie mir. "Von diesem
Holzkreuze, gehen die Fäden hernieder, die an die Glieder
der Puppen befestigt sind. Sie bewegen sich, sobald man
oben das Kreuz bewegt."

"Aber sie sprechen doch!" sagte ich.

"Nein, sondern die Person, die das Kreuz in den
Händen hält, spricht. Es ist genauso, wie im wirklichen
Leben."

"Wie meinst du das?"

"Das verstehst du jetzt noch nicht; du wirst es aber
verstehen lernen."

Ich gab keine Ruhe, bis wir die Erlaubnis erhielten,
nochmals zu gehen. Es wurde gespielt "Doktor Faust
oder Gott, Mensch und Teufel." Es wäre ein resultatloses
Beginnen, den Eindruck, den dieses Stück auf mich
machte, in Worte fassen zu wollen. Das war nicht der
Göthesche Faust, sondern der Faust des uralten
Volksstückes, nicht ein Drama, in dem die ganze Philosophie
eines großen Dichters aufgestapelt wurde und auch noch
etwas mehr, sondern das war ein direkt aus der tiefsten
Tiefe der Volksseele heraus zum Himmel klingender Schrei
um Erlösung aus der Qual und Angst des Erdenlebens.
Ich hörte, ich fühlte diesen Schrei, und ich schrie ihn mit,
obgleich ich nur ein armer, unwissender Knabe war,
damals wohl kaum neun Jahre alt. Der Göthesche Faust
hätte mir, dem Kinde, gar nichts sagen können; er sagt
mir, aufrichtig gestanden, selbst heut noch nicht, was er
der Menschheit wahrscheinlich hat sagen wollen und sollen;
aber diese Puppen sprachen laut, fast überlaut, und was
sie sagten, das war groß, unendlich groß, weil es so
einfach, so unendlich einfach war: Ein Teufel, der nur dann
zu Gott zurückkehren darf, wenn er den Menschen mit
sich bringt! Und die Fäden, diese Fäden; die alle nach
oben gehen, mitten in den Himmel hinein! Und alles,
alles, was sich da unten bewegt, das hängt am Kreuz,
am Schmerz, an der Qual, am Erdenleid. Was nicht
an diesem Kreuze hängt, ist überflüssig, ist bewegungslos,
ist für den Himmel tot! Freilich kamen mir diese letzteren
Gedanken damals noch nicht, noch lange nicht; aber
Großmutter sprach sich in dieser Weise, wenn auch nicht
so deutlich, aus, und was ich nicht direkt vor Augen sah,
das begann ich doch zu ahnen. Ich mußte als Kurrendaner
Sonn- und Feiertags zweimal in die Kirche, und
ich tat dies gern. Ich kann mich nicht besinnen, jemals
einen dieser Gottesdienste versäumt zu haben. Aber ich
bin aufrichtig genug, zu sagen, daß ich trotz aller
Erbauung, die ich da fand, niemals einen so unbeschreiblich
tiefen Eindruck aus der Kirche mit nach Hause genommen
habe wie damals aus dem Puppentheater. Seit jenem
Abende ist mir das Theater bis auf den heutigen Tag als
eine Stätte erschienen, durch deren Tor nichts dringen
soll, was unsauber, häßlich oder unheilig ist. Als ich
den Herrn Kantor fragte, wer dieses Theaterstück
ausgesonnen und niedergeschrieben habe, antwortete er, das
sei kein einzelner Mensch, sondern die Seele der ganzen
Menschheit gewesen, und ein großer, berühmter deutscher
Dichter, Wolfgang Goethe geheißen, habe daraus ein herrliches
Kunstwerk gemacht, welches nicht für Puppen, sondern
für lebende Menschen geschrieben sei. Da fiel ich
schnell ein: "Herr Kantor, ich will auch so ein großer
Dichter werden, der nicht für Puppen, sondern nur für
lebende Menschen schreibt! Wie habe ich das anzufangen?"
Da sah er mich sehr lange und unter einem fast
mitleidigen Lächeln an und antwortete: "Fange es an, wie
du willst, mein Junge, so werden es doch meist nur Puppen
sein, denen du deine Arbeit und dein Dasein opferst."
Diesen Bescheid habe ich freilich erst später verstehen lernen;
aber diese beiden Abende haben ohne Zweifel sehr
bestimmend auf meine kleine Seele gewirkt. Gott, Mensch
und Teufel sind meine Lieblingsthemata gewesen und
geblieben, und der Gedanke, daß die meisten Menschen nur
Puppen seien, die sich nicht von selbst bewegen, sondern
bewegt werden, steht bei allem, was ich tue, im nahen
Hintergrunde. Ob Gott, ob der Teufel oder ob ein
Mensch, ein Fürst des Geistes oder ein Fürst der Waffen,
das Kreuz, von dem die Fäden herunterhängen, in den
Händen hält, um das Volk der Menschen zu beeinflussen,
das ist niemals sofort, sondern immer nur erst später an
den Folgen zu ersehen.

Kurze Zeit darauf lernte ich auch Stücke kennen, die
nicht von der Volksseele, sondern von Dichtern für das
Theater geschrieben worden waren, und das ist der Punkt,
an dem ich auf meine Trommel zurückzukommen habe.
Es ließ sich eine Schauspielertruppe für einige Zeit in
Ernsttal nieder. Es handelte sich also nicht um ein
Puppen-, sondern um ein wirkliches Theater. Die Preise
waren mehr als mäßig: Erster Platz 50 Pfennige, zweiter
Platz 25 Pfennige, dritter Platz 15 Pfennige und vierter
Platz 10 Pfennige, nur zum Stehen. Aber trotz dieser
Billigkeit blieb täglich über die Hälfte der Sitze leer.
Die "Künstler" fielen in Schulden. Dem Herrn Direktor
wurde himmelangst. Schon konnte er die Saalmiete nicht
mehr bezahlen; da erschien ihm ein Retter, und dieser
Retter war -- -- -- ich. Er hatte beim Spazierengehen
meinen Vater getroffen und ihm seine Not geklagt. Beide
berieten. Das Resultat war, daß Vater schleunigst nach
Hause kam und zu mir sagte: "Karl, hole deine Trommel
herunter; wir müssen sie putzen!" "Wozu?" fragte ich.
"Du hast die Preziosa und alle ihre Zigeuner dreimal
über die ganze Bühne herumzutrommeln". "Wer ist
die Preziosa?" "Eine junge, schöne Zigeunerin, die
eigentlich eine Grafenstochter ist. Sie wurde von den
Zigeunern geraubt. Jetzt kommt sie zurück und findet
ihre Eltern. Du bist der Tambour und bekommst blanke

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