Full Text Archive logoFull Text Archive — Free Classic E-books

Mein Leben und Streben by Karl May

Part 1 out of 6

Adobe PDF icon
Download this document as a .pdf
File size: 0.6 MB
What's this? light bulb idea Many people prefer to read off-line or to print out text and read from the real printed page. Others want to carry documents around with them on their mobile phones and read while they are on the move. We have created .pdf files of all out documents to accommodate all these groups of people. We recommend that you download .pdfs onto your mobile phone when it is connected to a WiFi connection for reading off-line.

Mein Leben und Streben

Selbstbiographie von Karl May

Band I

Freiburg i. Br.
Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld

Druck der Hoffmannschen Buchdruckerei in Stuttgart.

Wenn dich die Welt aus ihren Toren stoesst,
So gehe ruhig fort, und lass das Klagen.
Sie hat durch die Verstossung dich erloest
Und ihre Schuld an dir nun selbst zu tragen.

(Karl May "Im Reiche des silbernen Loewen")

Inhalt.

_____

I. Das Maerchen von Sitara
II. Meine Kindheit
III. Keine Jugend
IV. Seminar- und Lehrerzeit
V. Im Abgrunde
VI. Bei der Kolportage
VII. Meine Werke
VIII. Meine Prozesse
IX. Schluss

_________

I.
Das Maerchen von Sitara.

_____

Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden
Weges nach der Sonne geht und dann in derselben
Richtung noch drei Monate lang ueber die Sonne
hinaus, so kommt man an einen Stern, welcher Sitara
heisst. Sitara ist ein persarabisches Wort und bedeutet
eben "Stern".

Dieser Stern hat mit unserer Erde viel, sehr viel
gemein. Sein Durchmesser ist 1700 Meilen und sein
Aequator 5400 Meilen lang. Er dreht sich um sich selbst
und zugleich auch um die Sonne. Die Bewegung um
sich selbst dauert genau einen Tag, die Bewegung um
die Sonne ebenso genau ein Jahr, keine Sekunde mehr
oder weniger. Seine Oberflaeche besteht zu einem Teile
aus Land und zu zwei Teilen aus Wasser. Aber waehrend
man auf der Erde bekanntlich fuenf Erd- oder Weltteile
zaehlt, ist das Festland von Sitara in anderer, viel
einfacherer Weise gegliedert. Es haengt zusammen. Es
bildet nicht mehrere Kontinente, sondern nur einen einzigen,
der in ein sehr tiefgelegenes, suempfereiches Niederland
und ein der Sonne kuehn entgegenstrebendes Hochland
zerfaellt, welche beide durch einen schmaeleren, steil
aufwaertssteigenden Urwaldstreifen mit einander verbunden
sind. Das Tiefland ist eben, ungesund, an giftigen
Pflanzen und reissenden Tieren reich und allen von Meer zu
Meer dahinbrausenden Stuermen preisgegeben. Man
nennt es Ardistan. Ard heisst Erde, Scholle, niedriger
Stoff, und bildlich bedeutet es das Wohlbehagen im
geistlosen Schmutz und Staub, das ruecksichtslose Trachten
nach der Materie, den grausamen Vernichtungskampf gegen
Alles, was nicht zum eigenen Selbst gehoert oder nicht
gewillt ist, ihm zu dienen. Ardistan ist also die Heimat
der niedrigen, selbstsuechtigen Daseinsformen und, was sich
auf seine hoeheren Bewohner bezieht, das Land der
_Gewalt-_und_Egoismusmenschen._ Das Hochland
hingegen ist gebirgig, gesund, ewig jung und schoen im
Kusse des Sonnenstrahles, reich an Gaben der Natur
und Produkten des menschlichen Fleisses, ein Garten Eden,
ein Paradies. Man nennt es Dschinnistan. Dschinni
heisst Genius, wohltaetiger Geist, segensreiches unirdisches
Wesen, und bildlich bedeutet es den angeborenen Herzenstrieb
nach Hoeherem, das Wohlgefallen am geistigen und
seelischen Aufwaertssteigen, das fleissige Trachten nach Allem,
was gut und was edel ist, und vor allen Dingen die
Freude am Gluecke des Naechsten, an der Wohlfahrt aller
derer, welche der Liebe und der Hilfe beduerfen. Dschinnistan
ist also das Territorium der wie die Berge aufwaertsstrebenden
Humanitaet und Naechstenliebe, das einst verheissene
Land der _Edelmenschen._

Tief unten herrscht ueber Ardistan ein Geschlecht von
finster denkenden, selbstsuechtigen Tyrannen, deren oberstes
Gesetz in strenger Kuerze lautet: "D u s o l l st d e r T e u f e l
d e i n e s N ae ch st e n s e i n, d a m i t d u d i r s e l b s t
z u m E n g e l w e r d e st!" Und hoch oben regierte schon
seit undenklicher Zeit ueber Dschinnistan eine Dynastie
grossherziger, echt koeniglich denkender Fuersten, deren oberstes
Gesetz in beglueckender Kuerze lautet: "D u s o l l st d e r
E n g e l d e i n e s N ae ch st e n s e i n, d a m i t d u n i ch t d i r
s e l b st z u m T e u f e l w e r d e st!"

Und solange dieses Dschinnistan, dieses Land der
Edelmenschen, besteht, ist ein jeder Buerger und eine jede
Buergerin desselben verpflichtet gewesen, heimlich und
ohne sich zu verraten der Schutzengel eines resp. einer
Andern zu sein. Also in Dschinnistan Glueck und Sonnenschein,
dagegen in Ardistan ringsum eine tiefe, seelische
Finsternis und der heimliche weil verbotene Jammer
nach Befreiung aus dem Elende dieser Hoelle! Ist es
da ein Wunder, dass da unten im Tieflande eine immer
groesser werdende Sehnsucht nach dem Hochlande entstand?
Dass die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen
sich aus der Finsternis zu befreien und zu erloesen
suchen? Millionen und Abermillionen fuehlen sich in den
Suempfen von Ardistan wohl. Sie sind die Miasmen
gewohnt. Sie wollen es nicht anders haben. Sie
wuerden in der reinen Luft von Dschinistan nicht
existieren koennen. Das sind nicht etwa nur die Aermsten
und Geringsten, sondern grad auch die Maechtigsten, die
Reichsten und Vornehmsten des Landes, die Pharisaeer,
die Suender brauchen, um gerecht erscheinen zu koennen,
die Vielbesitzenden, denen arme Leute noetig sind, um
ihnen als Folie zu dienen, die Bequemen, welche Arbeiter
haben muessen, um sich in Ruhe zu pflegen, und vor allen
Dingen die Klugen, Pfiffigen, denen die Dummen, die
Vertrauenden, die Ehrlichen unentbehrlich sind, um von
ihnen ausgebeutet zu werden. Was wuerde aus allen
diesen Bevorzugten werden, wenn es die Andern nicht
mehr gaebe? Darum ist es Jedermann auf das allerstrengste
verboten, Ardistan zu verlassen, um sich dem
Druck des dortigen Gesetzes zu entziehen. Die schaerfsten
Strafen aber treffen den, der es wagt, nach dem Lande
der Naechstenliebe und der Humanitaet, nach Dschinnistan
zu fluechten. Die Grenze ist besetzt. Er kommt nicht
durch. Er wird ergriffen und nach der "Geisterschmiede"
geschafft, um dort gemartert und gepeinigt zu werden,
bis er sich vom Schmerz gezwungen fuehlt, Abbitte leistend
in das verhasste Joch zurueckzukehren.

Denn zwischen Ardistan und Dschinnistan liegt Maerdistan,
jener steil aufwaertssteigende Urwaldstreifen, durch
dessen Baum- und Felsenlabyrinthe der unendlich gefahrvolle
und beschwerliche Weg nach oben geht. Maerd ist
ein persisches Wort; es bedeutet "Mann". Maerdistan
ist das Zwischenland, in welches sich nur "Maenner"
wagen duerfen; jeder Andere geht unbedingt zu Grunde.
Der gefaehrlichste Teil dieses fast noch ganz unbekannten
Gebietes ist der "Wald von Kulub". Kulub ist ein
arabisches Wort; es bedeutet die Mehrzahl des deutschen
Wortes "Herz". Also in den Tiefen des Herzens lauern
die Feinde, die man, einen nach dem andern, zu besiegen
hat, wenn man aus Ardistan nach Dschinnistan entkommen
will. Und mitten in jenem Walde von Kulub ist
jener Ort der Qual zu suchen, von dem es in "Babel und
Bibel," Seite 78 heisst:

"Zu Maerdistan, im Walde von Kulub,
Liegt einsam, tief versteckt, die Geisterschmiede.
Da schmieden Geister?"

"Nein, man schmiedet sie!
Der Stumm bringt sie geschleppt, um Mitternacht,
Wenn Wetter leuchten, Traenenfluten stuerzen.
Der Hass wirft sich in grimmiger Lust auf sie.
Der Neid schlaegt tief ins Fleisch die Krallen ein.
Die Reue schwitzt und jammert am Geblaese.
Am Blocke steht der Schmerz, mit starrem Aug
Im russigen Gesicht, die Hand am Hammer.
Da, jetzt, o Scheik, ergreifen dich die Zangen.
Man stoesst dich in den Brand; die Baelge knarren.
Die Lohe zuckt empor, zum Dach hinaus,
Und Alles, was du hast und was du bist,
Der Leib, der Geist, die Seele, alle Knochen,
Die Sehnen, Fibern, Fasern, Fleisch und Blut,
Gedanken und Gefuehle, Alles, Alles
Wird dir verbrannt, gepeinigt und gemartert
Bis in die weisse Glut -- -- --"

"Allah, Allah!"
"Schrei nicht, o Scheik! Ich sage dir, schrei nicht!
Denn wer da schreit, ist dieser Qual nicht wert,
Wird weggeworfen in den Brack und Plunder
Und muss dann wieder eingeschmolzen werden.
Du aber willst zum Stahl, zur Klinge werden,
Die in der Faust der Parakleten funkelt.
Sei also still!

Man reisst dich aus dem Feuer -- --
Man wirft dich auf den Amboss -- -- haelt dich fest.
Es knallt und prasselt dir in jeder Pore.
Der Schmerz beginnt sein Werk, der Schmied, der Meister.
Er spuckt sich in die Faeuste, greift dann zu.
Hebt beiderhaendig hoch den Riesenhammer -- -- --
Die Schlaege fallen. Jeder ist ein Mord,
Ein Mord an dir. Du meinst, zermalmt zu werden.
Die Fetzen fliegen heiss nach allen Seiten.
Dein Ich wird duenner, kleiner, immer kleiner,
Und dennoch musst du wieder in das Feuer -- --
Und wieder -- -- immer wieder, bis der Schmied
Den Geist erkennt, der aus der Hoellenqual
Und aus dem Dunst von Russ und Hammerschlag
Ihm ruhig, dankbar froh entgegenlaechelt.
Den schraubt er in den Stock und greift zur Feile.
Die kreischt und knirscht und frisst von dir hinweg
Was noch -- -- --"

"Halt ein! Es ist genug!"
"Es geht noch weiter, denn der Bohrer kommt,
Der schraubt sich tief -- -- --"
"Sei still! Um Gottes willen!"
u. s. w. u. s. w.

So also sieht es in Maerdistan aus, und so also
geht es im Innern der "Geisterschmiede von Kulub" zu!
Jeder Bewohner des Sternes Sitara kennt die Sage,
dass die Seelen aller bedeutenden Menschen, die geboren
werden sollen, vom Himmel herniederkommen. Engel
und Teufel warten auf sie. Die Seele, welche das Glueck
hat, auf einen Engel zu treffen, wird in Dschinnistan
geboren, und alle ihre Wege sind geebnet. Die arme
Seele aber, welche einem Teufel in die Haende faellt, wird
von ihm nach Ardistan geschleppt und in ein um so tieferes
Elend geschleudert, je hoeher die Aufgabe ist, die
ihr von oben mitgegeben wurde. Der Teufel will, sie
soll zu Grunde gehen, und ruht weder bei Tag noch bei
Nacht, aus dem zum Talent oder gar Genie Bestimmten
einen moeglichst verkommenen, verlorenen Menschen zu
machen. Alles Straeuben und Aufbaeumen hilft nichts;
der Arme ist dem Untergange geweiht. Und selbst wenn
es ihm gelaenge, aus Ardistan zu entkommen, so wuerde
er doch in Maerdistan ergriffen und nach der Geisterschmiede
geschleppt, um so lange gefoltert und gequaelt
zu werden, bis er den letzten Rest von Mut verliert, zu
widerstreben.

Nur selten ist die Himmelskraft, die einer solchen
nach Ardistan geschleuderten Seele mitgegeben wurde, so
gross und so unerschoepflich, dass sie selbst die staerkste Pein
der Geisterschmiede ertraegt und dem Schmiede und seinen
Gesellen "aus dem Dunst von Russ und Hammerschlag
ruhig dankbar froh entgegenlaechelt". Einer solchen
Himmelstochter kann selbst dieser groesste Schmerz nichts
anhaben, sie ist gefeit; sie ist gerettet. Sie wird nicht
vom Feuer vernichtet, sondern gelaeutert und gestaehlt. Und
sind alle Schlacken von ihr abgesprungen, so hat der
Schmied von ihr zu lassen, denn es ist nichts mehr an
ihr, was nach Ardistan gehoert. Darum kann weder
Mensch noch Teufel sie mehr hindern, unter dem Zorngeschrei
des ganzen Tieflandes nach Dschinnistan emporzusteigen,
wo jeder Mensch der Engel seines Naechsten
ist. -- -- --

_________

II.
Meine Kindheit.

_____

Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein
Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers. Mein
Vater war ein armer Weber. Meine Grossvaeter waren
beide toedlich verunglueckt. Der Vater meiner Mutter
daheim, der Vater meines Vaters aber im Walde. Er war
zu Weihnacht nach dem Nachbardorf gegangen, um Brot
zu holen. Die Nacht ueberraschte ihn. Er kam im tiefen
Schneegestoeber vom Wege ab und stuerzte in die damals
steile Schlucht des "Kraehenholzes", aus der er sich nicht
herausarbeiten konnte. Seine Spuren wurden verweht.
Man suchte lange Zeit vergeblich nach ihm. Erst als
der Schnee verschwunden war, fand man seine Leiche und
auch die Brote. Ueberhaupt ist Weihnacht fuer mich und
die Meinen sehr oft keine frohe, sondern eine
verhaengnisvolle Zeit gewesen.

Geboren wurde ich am 25. Februar 1842 in dem
damals sehr aermlichen und kleinen, erzgebirgischen
Weberstaedtchen Ernsttal, welches jetzt mit dem etwas groesseren
Hohenstein verbunden ist. Wir waren neun Personen:
mein Vater, meine Mutter, die beiden Grossmuetter, vier
Schwestern und ich, der einzige Knabe. Die Mutter
meiner Mutter scheuerte fuer die Leute und spann Watte.
Es kam vor, dass sie sich mehr als 25 Pfennige pro Tag
verdiente. Da wurde sie splendid und verteilte zwei
Dreierbroetchen, die nur vier Pfennige kosteten, weil sie
aeusserst hart und altbacken, oft auch schimmelig waren,
unter uns fuenf Kinder. Sie war eine gute, fleissige,
schweigsame Frau, die niemals klagte. Sie starb, wie
man sagte, aus Altersschwaeche. Die eigentliche Ursache
ihres Todes aber war wohl das, was man gegenwaertig
diskret als "Unterernaehrung" zu bezeichnen pflegt. Ueber
meine andere Grossmutter, die Mutter meines Vaters,
habe ich etwas mehr zu sagen, doch nicht hier an dieser
Stelle. Meine Mutter war eine Maertyrerin, eine Heilige,
immer still, unendlich fleissig, trotz unserer eigenen Armut
stets opferbereit fuer andere, vielleicht noch aermere Leute.
Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem
Mund gehoert. Sie war ein Segen fuer jeden, mit dem
sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen fuer uns, ihre
Kinder. Sie konnte noch so schwer leiden, kein Mensch
erfuhr davon. Doch des Abends, wenn sie, die Stricknadeln
emsig ruehrend, beim kleinen, qualmenden Oellaempchen
sass und sich unbeachtet waehnte, da kam es vor, dass
ihr eine Traene in das Auge trat und, um schneller, als
sie gekommen war, zu verschwinden, ihr ueber die Wange
lief. Mit einer Bewegung der Fingerspitze wurde die
Leidesspur sofort verwischt.

Mein Vater war ein Mensch mit zwei Seelen. Die
eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch, voll
Uebermass im Zorn, unfaehig, sich zu beherrschen. Er
besass hervorragende Talente, die aber alle unentwickelt
geblieben waren, der grossen Armut wegen. Er hatte
nie eine Schule besucht, doch aus eigenem Fleisse fliessend
lesen und sehr gut schreiben gelernt. Er besass zu allem,
was noetig war, ein angeborenes Geschick. Was seine
Augen sahen, das machten seine Haende nach. Obgleich
nur Weber, war er doch im stande, sich Rock und Hose
selbst zu schneidern und seine Stiefel selbst zu besohlen.
Er schnitzte und bildhauerte gern, und was er da fertig
brachte, das hatte Schick und war gar nicht so uebel.
Als ich eine Geige haben musste und er kein Geld auch
zu dem Bogen hatte, fertigte er schnell selbst einen. Dem
fehlte es zwar ein wenig an schoener Schweifung und
Eleganz, aber er genuegte vollstaendig, seine Bestimmung zu
erfuellen. Vater war gern fleissig, doch befand sich sein
Fleiss stets in Eile. Wozu ein anderer Weber vierzehn
Stunden brauchte, dazu brauchte er nur zehn; die uebrigen
vier verwendete er dann zu Dingen, die ihm lieber waren.
Waehrend dieser zehn angestrengten Stunden war nicht
mit ihm auszukommen; alles hatte zu schweigen; niemand
durfte sich regen. Da waren wir in steter Angst, ihn zu
erzuernen. Dann wehe uns! Am Webstuhl hing ein
dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen
hinterliess, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte
"birkene Hans", vor dem wir Kinder uns besonders
scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Zuechtigung
im grossen "Ofentopfe" einzuweichen, um ihn elastischer
und also eindringlicher zu machen. Uebrigens, wenn die
zehn Stunden vorueber waren, so hatten wir nichts mehr
zu befuerchten; wir atmeten alle auf, und Vaters andere
Seele laechelte uns an. Er konnte dann geradezu
herzgewinnend sein, doch hatten wir selbst in den heitersten
und friedlichsten Augenblicken das Gefuehl, dass wir auf
vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment
einen Ausbruch erwarten konnten. Dann bekam man
den Strick oder den "Hans" so lange, bis Vater nicht
mehr konnte. Unsere aelteste Schwester, ein hochbegabtes,
liebes, heiteres, fleissiges Maedchen, wurde sogar noch als
Braut mit Ohrfeigen gezuechtigt, weil sie von einem
Spaziergange mit ihrem Braeutigam etwas spaeter nach Hause
kam, als ihr erlaubt worden war.

Hier habe ich eine Pause zu machen, um mir eine
ernste, wichtigere Bemerkung zu gestatten. Ich schreibe
dieses Buch nicht etwa um meiner Gegner willen, etwa
um ihnen zu antworten oder mich gegen sie zu
verteidigen, sondern ich bin der Meinung, dass durch die
Art und Weise, in der man mich umstuermt, jede Antwort
und jede Verteidigung ausgeschlossen wird. Ich
schreibe dieses Buch auch nicht fuer meine Freunde, denn
die kennen, verstehen und begreifen mich, so dass ich nicht
erst noetig habe, ihnen Aufklaerung ueber mich zu geben.
Ich schreibe es vielmehr nur u m m e i n e r s e l b st w i l l e n,
um ueber mich klar zu werden und mir ueber das, was
ich bisher tat und ferner noch zu tun gedenke, Rechenschaft
abzulegen. Ich schreibe also, um zu beichten. Aber
ich beichte nicht etwa den Menschen, denen es ja auch
gar nicht einfaellt, mir ihre Suenden einzugestehen, sondern
ich beichte meinem Herrgott und mir selbst, und was
diese beiden sagen, wenn ich geendet habe, wird fuer mich
massgebend sein. Es sind fuer mich also nicht gewoehnliche,
sondern heilige Stunden, in denen ich die vorliegenden
Bogen schreibe. Ich spreche hier nicht nur fuer
dieses, sondern auch fuer jenes Leben, an das ich glaube
und nach dem ich mich sehne. Indem ich hier beichte,
verleihe ich mir die Gestalt und das Wesen, als das ich
einst nach dem Tode existieren werde. Da kann es mir
wahrlich, wahrlich gleichgueltig sein, was man in diesem
oder in jenem Lager zu diesem meinem Buche sagt. Ich
lege es in ganz andere, in die richtigen Haende, naemlich
in die Haende des Geschickes, der Alles wissenden
Vorsehung, bei der es weder Gunst noch Ungunst, sondern
nur allein Gerechtigkeit und Wahrheit gibt. Da laesst sich
nichts verschweigen und nichts beschoenigen. Da muss man
Alles ehrlich sagen und ehrlich bekennen, wie es war und
wie es ist, erscheine es auch noch so pietaetlos und tue
es auch noch so weh. Man hat den Ausdruck "Karl
May-Problem" erfunden. Wohlan, ich nehme ihn an
und lasse ihn gelten. Dieses Problem wird mir keiner
von allen denen loesen, welche meine Buecher nicht gelesen
oder nicht begriffen haben und trotzdem ueber sie urteilen.
Das Karl May-Problem ist das Menschheitsproblem,
aus dem grossen, alles umfassenden Plural in den Singular,
in die einzelne Individualitaet transponiert. Und
genauso, wie dieses Menschheitsproblem zu loesen ist, ist
auch das Karl May-Problem zu loesen, anders nicht!
Wer sich unfaehig zeigt, das Karl May-Raetsel in
befriedigender, humaner Weise zu loesen, der mag um Gottes
Willen die schwachen Haende und die unzureichenden Gedanken
davon lassen, ueber sich selbst hinaus zu greifen und
sich mit schwierigen Menschheitsfragen zu befassen! Der
Schluessel zu all diesen Raetseln ist laengst vorhanden. Die
christliche Kirche nennt ihn "Erbsuende". Die Vorvaeter
und Vormuetter kennen, heisst, die Kinder und Enkel
begreifen, und nur der Humanitaet, der wahren
edelmenschlichen Gesinnung ist es gegeben, in Betracht der
Vorfahren wahr und ehrlich zu sein, um auch gegen die
Nachkommen wahr und ehrlich sein zu koennen. Den
Einfluss der Verstorbenen auf ihre Nachlebenden an das
Tageslicht zu ziehen, ist rechts eine Seligkeit und links
eine Erloesung fuer beide Teile, und so habe auch ich die
meinen genauso zu zeichnen, wie sie in Wirklichkeit
waren, mag man dies fuer unkindlich halten oder nicht.
Ich habe nicht nur gegen sie und mich, sondern auch gegen
meine Mitmenschen wahr zu sein. Vielleicht kann mancher
aus unserem Beispiele lernen, in seinem Falle das Richtige
zu tun. -- --

Mutter hatte ganz unerwartet von einem entfernten
Verwandten ein Haus geerbt und einige kleine, leinene
Geldbeutel dazu. Einer dieser Geldbeutel enthielt lauter
Zweipfenniger, ein anderer lauter Dreipfenniger, ein
dritter lauter Groschen. In einem vierten steckte ein
ganzes Schock Fuenfzigpfenniger, und im fuenften und
letzten fanden sich zehn alte Schafhaeuselsechser, zehn
Achtgroschenstuecke, fuenf Gulden und vier Taler vor. Das
war ja ein Vermoegen! Das erschien der Armut fast
wie eine Million! Freilich war das Haus nur drei
schmale Fenster breit und sehr aus Holz gebaut, dafuer
aber war es drei Stockwerke hoch und hatte ganz oben
unter dem First einen Taubenschlag, was bei andern
Haeusern bekanntlich nicht immer der Fall zu sein pflegt.
Grossmutter, die Mutter meines Vaters, zog in das
Parterre, wo es nur eine Stube mit zwei Fenstern und
die Haustuer gab. Dahinter lag ein Raum mit einer
alten Waescherolle, die fuer zwei Pfennige pro Stunde an
andere Leute vermietet wurde. Es gab glueckliche Sonnabende,
an denen diese Rolle zehn, zwoelf, ja sogar vierzehn
Pfennige einbrachte. Das foerderte die Wohlhabenheit
ganz bedeutend. Im ersten Stock wohnten die Eltern
mit uns. Da stand der Webstuhl mit dem Spulrad.
Im zweiten Stock schliefen wir mit einer Kolonie von
Maeusen und einigen groesseren Nagetieren, die eigentlich
im Taubenschlage wohnten und des Nachts nur kamen,
uns zu besuchen. Es gab auch einen Keller, doch war
er immer leer. Einmal standen einige Saecke Kartoffeln
darin, die gehoerten aber nicht uns, sondern einem
Nachbar, der keinen Keller hatte. Grossmutter meinte, dass
es viel besser waere, wenn der Keller ihm und die Kartoffeln
uns gehoerten. Der Hof war grad so gross, dass wir fuenf
Kinder uns aufstellen konnten, ohne einander zu stossen.
Hieran grenzte der Garten, in dem es einen
Holunderstrauch, einen Apfel-, einen Pflaumenbaum und einen
Wassertuempel gab, den wir als "Teich" bezeichneten. Der
Hollunder lieferte uns den Tee zum Schwitzen, wenn wir
uns erkaeltet hatten, hielt aber nicht sehr lange vor, denn
wenn das Eine sich erkaeltete, fingen auch alle Andern
an, zu husten und wollten mit ihm schwitzen. Der
Apfelbaum bluehte immer sehr schoen und sehr reichlich; da wir
aber nur zu wohl wussten, dass die Aepfel gleich nach
der Bluete am besten schmecken, so war er meist schon
Anfang Juni abgeerntet. Die Pflaumen aber waren
uns heilig. Grossmutter ass sie gar zu gern. Sie wurden
taeglich gezaehlt, und niemand wagte es, sich an ihnen zu
vergreifen. Wir Kinder bekamen doch mehr, viel mehr
davon, als uns eigentlich zustand. Was den "Teich"
betrifft, so war er sehr reich belebt, doch leider nicht
mit Fischen, sondern mit Froeschen. Die kannten wir alle
einzeln, sogar an der Stimme. Es waren immer so
zwischen zehn und fuenfzehn. Wir fuetterten sie mit
Regenwuermern, Fliegen, Kaefern und allerlei andern guten
Dingen, die wir aus gastronomischen oder aesthetischen
Gruenden nicht selbst geniessen konnten, und sie waren uns
auch herzlich dankbar dafuer. Sie kannten uns. Sie
kamen an das Ufer, wenn wir uns ihnen naeherten.
Einige liessen sich sogar ergreifen und streicheln. Der
eigentliche Dank aber erklang uns des Abends, wenn wir
am Einschlafen waren. Keine Sennerin kann sich mehr
ueber ihre Zither freuen als wir ueber unsere Froesche.
Wir wussten ganz genau, welcher es war, der sich hoeren
less [sic], ob der Arthur, der Paul oder Fritz, und wenn sie
gar zu duettieren oder im Chor zu singen begannen, so
sprangen wir aus den Federn und oeffneten die Fenster,
um mitzuquaken, bis Mutter oder Grossmutter kam und
uns dahin zurueckbrachte, wohin wir jetzt gehoerten. Leider
aber kam einst ein sogenannter Bezirksarzt in das Staedtchen,
um sogenannte gesundheitliche Untersuchungen anzustellen.
Der hatte ueberall etwas auszusetzen. Dieser
ebenso sonderbare wie gefuehllose Mann schlug, als er
unsern Garten und unsern schoenen Tuempel sah, die Haende
ueber dem Kopf zusammen und erklaerte, dass dieser Pest-
und Cholerapfuhl sofort verschwinden muesse. Am naechsten
Tage brachte der Polizist Eberhard einen Zettel des Herrn
Stadtrichters Layritz des Inhaltes, dass binnen jetzt und
drei Tagen der Tuempel auszufuellen und die Froschkolonie
zu toeten sei, bei fuenfzehn "Guten Groschen" Strafe.
Wir Kinder waren empoert. Unsere Froesche umbringen!
Ja, wenn der Herr Stadtrichter Layritz einer gewesen
waere, dann herzlich, herzlich gern! Wir hielten Rat und
was wir beschlossen, wurde ausgefuehrt. Der Tuempel
wurde so weit ausgeschoepft, dass wir die Froesche fassen
konnten. Sie wurden in den grossen Deckelkorb getan
und dann hinaus hinter das Schiesshaus nach dem grossen
Zechenteich getragen, Grossmutter voran, wir hinterher.
Dort wurde jeder einzeln herausgenommen, geliebkost,
gestreichelt und in das Wasser gelassen. Wieviel Seufzer
dabei laut geworden, wieviel Traenen dabei geflossen und
wieviel vernichtende Urteile dabei gegen den sogenannten
Bezirksarzt gefaellt worden sind, das ist jetzt, nach ueber
sechzig Jahren, wohl kaum mehr festzustellen. Doch weiss
ich noch ganz bestimmt, dass Grossmutter, um dem ungeheuern
Schmerz ein Ende zu machen, uns die Versicherung
gab, ein jedes von uns werde genau nach zehn
Jahren ein dreimal groesseres Haus mit einem fuenfmal
groesseren Garten erben, in dem es einen zehnmal groesseren
Teich mit zwanzigmal groesseren Froeschen gebe. Das
brachte in unserer Stimmung eine ebenso ploetzliche wie
angenehme Aenderung hervor. Wir wanderten mit der
Grossmutter und dem leeren Deckelkorb vergnuegt nach
Hause.

Das geschah in der Zeit, als ich nicht mehr blind
war und schon laufen konnte. Ich war weder blind
geboren noch mit irgendeinem vererbten koerperlichen Fehler
behaftet. Vater und Mutter waren durchaus kraeftige,
gesunde Naturen. Sie sind bis zu ihrem Tode niemals
krank gewesen. Mich atavistischer Schwachheiten zu
zeihen, ist eine Boeswilligkeit, die ich mir unbedingt
verbitten muss. Dass ich kurz nach der Geburt sehr schwer
erkrankte, das Augenlicht verlor und volle vier Jahre
siechte, war nicht eine Folge der Vererbung, sondern der
rein oertlichen Verhaeltnisse, der Armut, des Unverstandes
und der verderblichen Medikasterei, der ich zum Opfer
fiel. Sobald ich in die Hand eines tuechtigen Arztes kam,
kehrte mir das Augenlicht wieder, und ich wurde ein
hoechst kraeftiger und widerstandsfaehiger Junge, der stark
genug war, es mit jedem andern aufzunehmen. Doch
ehe ich ueber mich selbst berichte, habe ich noch fuer einige
Zeit bei dem Milieu zu bleiben, in dem ich meine erste
Kindheit verlebte.

Mutter hatte mit dem Hause auch die auf ihm
stehenden Schulden geerbt. Die waren zu verzinsen.
Hieraus ergab sich, dass wir eben nur mietfrei wohnten,
und auch das nicht einmal ganz. Mutter war sparsam,
Vater in seiner Weise auch. Aber wie er in allem masslos
war, in seiner Liebe, seinem Zorne, seinem Fleisse,
seinem Lobe, seinem Tadel, so auch hier in der Beurteilung
der kleinen Erbschaft, die nur ein Ansporn sein
konnte, weiter zu sparen und das Haeuschen von Schulden
frei zu machen. Aber wenn er auch nicht geradezu
glaubte, ploetzlich reich geworden zu sein, so nahm er doch
an, jetzt zu einer andern Lebensfuehrung uebergehen zu
duerfen. Er verzichtete darauf, sich sein ganzes Leben
lang hinter dem Webstuhl abzurackern. Er hatte ja nun
ein Haus, und er hatte Geld, viel Geld. Er konnte zu
etwas anderem, besserem greifen, was bequemer war und
mehr lohnte als die Weberei. Waehrend er, nicht schlafen
koennend, im Bette lag und darueber nachdachte, was zu
ergreifen sei, hoerte er die Ratten ueber sich im leeren
Taubenschlag rumoren. Dieses Rumoren wiederholte
sich von Tag zu Tag, und so entstand, in der jedem
Psychologen wohlbekannten Weise in ihm der Entschluss,
die Ratten zu vertreiben und Tauben anzuschaffen. Er
wollte Taubenhaendler werden, obgleich er von diesem
Fache nicht das geringste verstand. Er hatte gehoert,
dass da sehr viel Geld zu verdienen sei, und war der
Meinung, dass er auch ohne die noetigen Sonderkenntnisse
genug Intelligenz besitze, jeden Haendler zu ueberlisten.
Die Ratten wurden vertrieben und Tauben angeschafft.

Leider war diese Anschaffung nicht ohne Geldkosten
zu bewerkstelligen. Mutter musste einen ihrer Beutel
opfern, vielleicht gar zwei. Sie tat es nur mit
Widerstreben. Sie fand an den Tauben nicht dasselbe
Wohlgefallen, welches wir Kinder an ihnen fanden. Am
meisten Vergnuegen machte es uns, wenn wir beobachteten,
wie die lieben Tierchen ihre zarten Kleider veraenderten.
Vater hatte zwei Paar sehr teure "Blaustriche" gekauft.
Er brachte sie heim und zeigte sie uns. Er hoffte,
wenigstens drei Taler an ihnen zu verdienen. Einige
Tage spaeter lagen die blauen Federn am Boden: sie
waren nicht echt, sondern nur angeklebt gewesen. Die
kostbaren "Blaustriche" entpuppten sich als ganz wertlose
Feldweisslinge. Vater erwarb einen sehr schoenen, jungen,
grauen Trommeltaeuberich fuer einen Taler fuenfzehn gute
Groschen. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der
Taeuberich altersblind war. Er ging nicht aus dem
Schlage; sein Wert war gleich Null. Solche und
aehnliche Faelle mehrten sich. Die Folge davon war, dass
Mutter noch einen dritten Beutel opfern musste, um den
Taubenhandel in besseren Schwung zu bringen. Freilich
gab sich auch Vater grosse Muehe. Er feierte nicht. Er
besuchte alle Markte, alle Gasthoefe und Schankwirtschaften,
um zu kaufen oder Kaeufer zu finden. Bald kaufte er
Erbsen; bald kaufte er Wicken, die er "halb geschenkt"
erhalten hatte. Er war immer unterwegs, von einem
Dorf zum andern, von einem Bauern zum andern. Er
brachte immerfort Kaese, Eier und Butter heim, die wir
gar nicht brauchten. Er hatte sie teuer gekauft, um sich
die Bauersfrauen handelsgeneigt zu machen, und wurde
sie nur mit Muehe und Verlusten wieder los. Dieses
unstaete [sic], unnuetzliche Leben foerderte nicht, sondern frass das
Glueck des Hauses; es frass sogar auch noch die uebrigen
Leinenbeutel. Mutter gab gute Worte, vergeblich. Sie
haermte sich und hielt still, bis es Suende gewesen waere,
weiter zu tragen. Da fasste sie einen Entschluss und ging
zum Herrn Stadtrichter Layritz, der sich in diesem Falle
viel, viel vernuenftiger als damals gegen unsere Froesche
zeigte. Sie stellte ihm ihre Lage vor. Sie sagte ihm,
dass sie zwar ihren Mann sehr, sehr lieb habe, aber vor
allen Dingen auch auf das Wohl ihrer Kinder achten
muesse. Sie verriet ihm, dass sie ausser den bisher
erwaehnten Beuteln noch einen besitze, den sie ihrem Manne
noch nicht gezeigt, sondern verheimlicht habe. Der Herr
Stadtrichter solle doch die Guete haben, ihr zu
sagen, wie sie dieses Geld anlegen koenne, um sich und
ihre Kinder zu sichern. Sie legte ihm den Beutel vor.
Er oeffnete ihn und zaehlte. Es waren sechzig harte,
blanke, wohlgeputzte Taler. Darob grosses Erstaunen!
Der Herr Stadtrichter Layritz dachte nach; dann sagte
er: "Meine liebe Frau May, ich kenne Sie. Sie sind
eine brave Frau, und ich stehe fuer Sie ein. Unsere
Hebamme ist alt; wir brauchen eine juengere. Sie gehen
nach Dresden und werden fuer dieses Ihr Geld Hebamme.
Ich werde das besorgen! Kommen Sie mit der ersten
Zensur zurueck, so stellen wir Sie sofort an. Darauf gebe ich
Ihnen mein Wort. Kommen Sie aber mit einer niedrigeren
Zensur, so koennen wir Sie nicht brauchen. Jetzt aber
gehen Sie heim, und sagen Sie Ihrem Mann, er solle sofort
einmal zu mir kommen; ich haette mit ihm zu reden!"

Das geschah. Mutter ging nach Dresden. Sie
kam mit der ersten Zensur zurueck, und der Herr
Stadtrichter Layritz hielt Wort; sie wurde angestellt.
Waehrend ihrer Abwesenheit fuehrte Vater mit Grossmutter
das Haus. Das war eine schwere Zeit, eine Leidenszeit
fuer uns alle. Die Blattern brachen aus. Wir
Kinder lagen alle krank. Grossmutter tat fast ueber
Menschenkraft. Vater aber auch. Bei einer der
Schwestern hatte sich der Blatternkranke Kopf in einen
unfoermigen Klumpen verwandelt. Stirn, Ohren, Augen,
Nase, Mund und Kinn waren vollstaendig verschwunden.
Der Arzt musste durch Messerschnitte nach den Lippen
suchen, um der Kranken wenigstens ein wenig Milch einfloessen
zu koennen. Sie lebt heute noch, ist die heiterste
von uns allen und niemals wieder krank gewesen. Man
sieht noch jetzt die Narben, die ihr der Arzt geschnitten
hat, als er nach dem Mund suchte.

Diese schwere Zeit war, als Mutter wieder kam,
noch nicht ganz vorueber, mir aber brachte ihr Aufenthalt
in Dresden grosses Glueck. Sie hatte sich durch
ihren Fleiss und ihr stilles, tiefernstes Wesen das
Wohlwollen der beiden Professoren Grenzer und Haase
erworben und ihnen von mir, ihrem elenden, erblindeten
und seelisch doch so regsamen Knaben erzaehlt. Sie war
aufgefordert worden, mich nach Dresden zu bringen, um
von den beiden Herren behandelt zu werden. Das geschah
nun jetzt, und zwar mit ganz ueberraschendem Erfolge.
Ich lernte sehen und kehrte, auch im uebrigen
gesundend, heim. Aber das Alles hatte grosse, grosse
Opfer gefordert, freilich nur fuer unsere armen Verhaeltnisse
gross. Wir mussten um all der noetigen Ausgaben
willen das Haus verkaufen, und das wenige, was von
dem Kaufpreise unser war, reichte kaum zu, das Noetigste
zu decken. Wir zogen zur Miete. -- --

Und nun zu der Person, die in seelischer Beziehung
den tiefsten und groessten Einfluss auf meine Entwicklung
ausgeuebt hat. Waehrend die Mutter unserer Mutter in
Hohenstein geboren war und darum von uns die "Hohensteiner
Grossmutter" genannt wurde, stammte die Mutter
meines Vaters aus Ernsttal und musste sich darum als
"Ernsttaler Grossmutter" bezeichnen lassen. Diese Letztere
war ein ganz eigenartiges, tiefgruendiges, edles und, fast
moechte ich sagen, geheimnisvolles Wesen. Sie war mir
von Jugend auf ein herzliebes, beglueckendes Raetsel,
aus dessen Tiefen ich schoepfen durfte, ohne es jemals
ausschoepfen zu koennen. Woher hatte sie das Alles?
Sehr einfach: Sie war Seele, nichts als Seele, und die
heutige Psychologie weiss, was das zu bedeuten hat. Sie
war in der tiefsten Not geboren und im tiefsten Leide
aufgewachsen; darum sah sie Alles mit hoffenden, sich
nach Erloesung sehnenden Augen an. Und wer in der
richtigen Weise zu hoffen und zu glauben vermag, der
hat den Erdenjammer hinter sich geschoben und vor sich
nur noch Sonnenschein und Gottesfrieden liegen. Sie
war die Tochter bitter armer Leute, hatte die Mutter
frueh verloren und einen Vater zu ernaehren, der weder
stehen noch liegen konnte und bis zu seinem Tode viele
Jahre lang an einen alten, ledernen Lehnstuhl gefesselt
und gebunden war. Sie pflegte ihn mit unendlicher, zu
Traenen ruehrender Aufopferung. Die Armut erlaubte
ihr nur das billigste Wohnen. Das Fenster ihrer Stube
zeigte nur den Gottesacker, weiter nichts. Sie kannte
alle Graeber, und sie bedachte fuer sich und ihren Vater
nur den einen Weg, aus ihrer duerftigen Sterbekammer
im Sarge nach dem Kirchhofe hinueber. Sie hatte einen
Geliebten, der es brav und ehrlich mit ihr meinte; aber
sie verzichtete. Sie wollte nur ganz allein dem Vater
gehoeren, und der brave Bursche gab ihr Recht. Er sagte
nichts, aber er wartete und blieb ihr treu.

Droben auf dem Oberboden stand eine alte Kiste
mit noch aelteren Buechern. Das waren in Leder gebundene
Erbstuecke verschiedenen Inhaltes, sowohl geistlich
als auch weltlich. Es ging die Sage, dass es in der
Familie, als sie noch wohlhabend war, Geistliche, Gelehrte
und weitgereiste Herren gegeben habe, an welche diese
Buecher noch heut erinnerten. Vater und Tochter konnten
lesen; sie hatten es beide von selbst gelernt. Des Abends,
nach des Tages Last und Arbeit, wurde das Reifroeckchen *)
_______
*) Kleines Oellaempchen.

angebrannt, und eines von Beiden las vor. In den
Pausen wurde das Gelesene besprochen. Man hatte die
Buecher nahe schon zwanzigmal durch, fing aber immer
wieder von vorn an, weil sich dann immer neue Gedanken
fanden, die besser, schoener und auch richtiger zu sein
schienen als die frueheren. Am meisten gelesen wurde
ein ziemlich grosser und schon sehr abgegriffener Band,
dessen Titel lautete:

Der Hakawati

d.i.

der Maerchenerzaehler in Asia, Africa, Turkia, Arabia,
Persia und India sampt eyn Anhang mit Deytung,
explanatio und interpretatio auch viele Vergleychung
und Figuerlich seyn

von
Christianus Kretzschmann
der aus Germania war.
Gedruckt von Wilhelmus Candidus
A. D: M. D. C. V.

*
* *

Dieses Buch enthielt eine Menge bedeutungsvoller
orientalischer Maerchen, die sich bisher in keiner andern
Maerchensammlung befanden. Grossmutter kannte diese
Maerchen alle. Sie erzaehlte sie gewoehnlich woertlich
gleichlautend; aber in gewissen Faellen, in denen sie es fuer
noetig hielt, gab sie Aenderungen und Anwendungen,
aus denen zu ersehen war, dass sie den Geist dessen, was
sie erzaehlte, sehr wohl kannte und ihn genau wirken liess.
Ihr Lieblingsmaerchen war das Maerchen von Sitara;
es wurde spaeter auch das meinige, weil es die Geographie
und Ethnologie unserer Erde und ihrer Bewohner rein
ethisch behandelt. Doch dies hier nur, um anzudeuten.

Der Vater starb infolge einer Reihe von Blutstuerzen.
Die Pflege war so anstrengend, dass auch die Tochter
dem Tode nahe kam, doch ueberstand sie es. Nach
verflossener Trauerzeit kam May, der treue Geliebte, und
fuehrte sie heim. Nun endlich, endlich wirklich gluecklich!
Es war eine Ehe, wie Gott sie will. Zwei Kinder
wurden geboren, mein Vater und vor ihm eine Schwester,
welche spaeter einen schweren Fall tat und an den Folgen
desselben verkrueppelte. Man sieht, dass es an
Heimsuchungen, oder sagen wir Pruefungen, bei uns nicht
fehlte. Und ebenso sieht man, dass ich nichts verschweige.
Es darf nicht meine Absicht sein, das Haessliche schoen zu
malen. Aber kurz nach der Geburt des zweiten Kindes
trat jenes unglueckliche Weihnachtsereignis ein, welches
ich bereits erzaehlte. Der brave junge Mann stuerzte des
Nachts mit den Broten in die tiefe Schneeschlucht und
erfror. Grossmutter hatte mit ihren beiden Kindern an
den Christtagen nichts zu essen und erfuhr erst nach
langer Zeit der Qual, dass und in welch schrecklicher
Weise sie den geliebten Mann verloren hatte. Hierauf
kamen Jahre der Trauer und dann die schwere Zeit der
napoleonischen Kriege und der Hungersnot. Es war Alles
verwuestet. Es gab nirgends Arbeit. Die Teuerung wuchs;
der Hunger wuetete. Ein armer Handwerksbursche kam,
um zu betteln. Grossmutter konnte ihm nichts geben.
Sie hatte fuer sich und ihre Kinder selbst keinen einzigen
Bissen Brot. Er sah ihr stilles Weinen. Das erbarmte
ihn. Er ging fort und kam nach ueber einer Stunde
wieder. Er schuettete vor ihr aus, was er bekommen
hatte, Stuecke Brot, ein Dutzend Kartoffeln, eine Kohlruebe,
einen kleinen, sehr ehrwuerdigen Kaese, eine Duete [sic] Mehl,
eine Duete [sic] Graupen, ein Scheibchen Wurst und ein winziges
Eckchen Hammeltalg. Dann ging er schnell fort, um sich
ihrem Dank zu entziehen. Sie hat ihn nie wieder gesehen;
Einer aber kennt ihn gewiss und wird es ihm nicht
vergessen. Dieser Eine schickte auch noch andere, bessere
Hilfe. Einem abseits wohnenden Oberfoerster, den man
als ebenso wohlhabend, wie edeldenkend kannte, war die
Frau gestorben. Sie hatte ihm eine sehr reichliche Anzahl
Kinder hinterlassen. Er wuenschte Grossmutter zur
Fuehrung seiner Wirtschaft zu haben. Sie haette in dieser
Zeit der Not nur zu gern eingewilligt, erklaerte aber, sich
von ihren eigenen Kindern unmoeglich trennen zu koennen,
selbst wenn sie einen Platz, sie unterzubringen, haette. Der
brave Mann besann sich nicht lange. Er erklaerte ihr,
es sei ihm gleich, ob sechs oder acht Kinder bei ihm aessen;
sie wuerden alle satt. Sie solle nur kommen, doch nicht
ohne sie, sondern mit ihnen. Das war Rettung in der
hoechsten Not!

Der Aufenthalt in dem stillen, einsamen Forsthause
tat der Mutter und den Kindern wohl. Sie gesundeten
und erstarkten in der besseren Ernaehrung. Der Oberfoerster
sah, wie Grossmutter sich abmuehte, ihm dankbar zu sein
und seine Zufriedenheit zu erringen. Sie arbeitete fast
ueber ihre Kraft, fuehlte sich aber wohl dabei. Er
beobachtete das im Stillen und belohnte sie dadurch, dass
er ihren Kindern in jeder Beziehung dasselbe gewaehrte,
was die seinen bekamen. Freilich war er Aristokrat und
eigentlich stolz. Er ass mit seiner Schwiegermutter allein.
Grossmutter war nur Dienstbote, doch ass sie nicht in der
Gesinde- sondern mit in der Kinderstube. Als er aber
nach laengerer Zeit einen Einblick in ihr eigenartiges
Seelenleben erhielt, nahm er sich ihrer auch in innerer
Beziehung an. Er erleichterte ihr die grosse Arbeitslast,
erlaubte ihr, ihm und seiner Schwiegermutter des Abends
aus ihren Buechern vorzulesen, und gestattete ihr, dann
auch in seine eigenen Buecher zu schauen. Wie gern sie
das tat! Und er hatte so gute, so nuetzliche Buecher!

Den Kindern wurde in vernuenftiger Weise Freiheit
gewaehrt. Sie tollten im Walde herum und holten sich
kraeftige Glieder und rote Wangen. Der kleine May
war der juengste und kleinste von allen, aber er tat wacker
mit. Und er passte auf; er lernte und merkte. Er wollte
Alles wissen. Er frug nach jedem Gegenstand, den er
noch nicht kannte. Bald wusste er die Namen aller Pflanzen,
aller Raupen und Wuermer, aller Kaefer und Schmetterlinge,
die es in seinem Bereiche gab. Er trachtete, ihren
Charakter, ihre Eigenschaften und Gewohnheiten kennen
zu lernen. Diese Wissbegierde erwarb ihm die besondere
Zuneigung des Oberfoersters, der sich sogar herbeiliess,
den Jungen mit sich gehen zu lassen. Ich muss das
erwaehnen, um Spaeteres erklaerlich zu machen. Der nachherige
Rueckfall aus dieser sonnenklaren, hoffnungsreichen
Jugendzeit in die fruehere Not und Erbaermlichkeit konnte
auf den Knaben doch nicht gluecklich wirken.

In dieser Zeit war es, dass Grossmutter waehrend
des Mittagessens ploetzlich vom Stuhle fiel und tot zu
Boden sank. Das ganze Haus geriet in Aufregung. Der
Arzt wurde geholt. Er konstatierte Herzschlag;
Grossmutter sei tot und nach drei Tagen zu begraben. Aber
sie lebte. Doch konnte sie kein Glied bewegen, nicht einmal
die Lippen oder die nicht ganz geschlossenen Augenlider.
Sie sah und hoerte alles, das Weinen, das Jammern
um sie. Sie verstand jedes Wort, welches gesprochen
wurde. Sie sah und hoerte den Tischler, welcher kam,
um ihr den Sarg anzumessen. Als er fertig war, wurde
sie hineingelegt und in eine kalte Kammer gestellt. Am
Begraebnistage bahrte man sie im Hausflur auf. Die
Leichentraeger kamen, der Pfarrer und der Kantor mit
der Kurrende. Die Familie begann, Abschied von der
Scheintoten zu nehmen. Man denke sich deren Qual!
Drei Tage und drei Naechte lang hatte sie sich alle moegliche
Muehe gegeben, durch irgendeine Bewegung zu zeigen,
dass sie noch lebe -- -- vergeblich! Jetzt kam der letzte
Augenblick, an dem noch Rettung moeglich war. Hatte
man den Sarg einmal geschlossen, so gab es keine Hoffnung
mehr. Sie erzaehlte spaeter, dass sie sich in ihrer
fuerchterlichen Todesangst ganz unmenschliche Muehe
gegeben habe, doch wenigstens mit dem Finger zu wackeln,
als einer um den andern kam, um ihre Hand zum letzten
Male zu ergreifen. So tat auch das juengste Maedchen
des Oberfoersters, welches besonders sehr an Grossmutter
gehangen hatte. Da schrie das Kind erschrocken aus:
"Sie hat meine Hand angegriffen; sie will mich festhalten!"
Und richtig, man sah, dass die scheinbar Verstorbene
ihre Hand in langsamer Bewegung abwechselnd
oeffnete und schloss. Von einem Begraebnisse konnte nun
selbstverstaendlich nicht mehr die Rede sein. Es wurden
andere Aerzte geholt; Grossmutter war gerettet. Aber
von da an war ihre Lebensfuehrung noch ernster und
erhobener als vorher. Sie sprach nur selten von dem, was
sie in jenen unvergesslichen drei Tagen auf der Schwelle
zwischen Tod und Leben gedacht und empfunden hatte.
Es muss schrecklich gewesen sein. Aber auch hierdurch ist
ihr Glaube an Gott nur noch fester und ihr Vertrauen
zu ihm nur noch tiefer geworden. Wie sie nur scheintot
gewesen war, so hielt sie von nun an auch den sogenannten
wirklichen Tod nur fuer Schein und suchte jahrelang
nach dem richtigen Gedanken, dies zu erklaeren und
zu beweisen. Ihr und diesem ihrem Scheintode habe ich
es zu verdanken, dass ich ueberhaupt nur an das Leben
glaube, nicht aber an den Tod.

Dieses Ereignis war innerlich noch nicht ganz
ueberwunden, als Grossmutter infolge der Versetzung und
Wiederverheiratung des Oberfoersters mit ihren beiden
Kindern in ihre frueheren Verhaeltnisse zurueckgestossen wurde.
Sie kehrte nach Ernsttal zurueck und hatte nun wieder
jeden Pfennig direkt zu verdienen, den sie brauchte. Ein
braver Mann, der Vogel hiess und auch Weber war,
hielt um ihre Hand an. Jedermann redete ihr zu, sie
muesse ihren Kindern doch einen Vater geben; das sei sie
ihnen schuldig. Sie tat es und hatte es nicht zu bereuen;
war aber leider schon nach kurzer Zeit wieder Witwe.
Er starb und hinterliess ihr alles, was er besessen hatte,
die Armut und den Ruf eines braven, fleissigen Mannes.
Hierauf wurde es still und stiller um sie. Sie tat ihr
Maedchen zu einer Naehterin und ihren Knaben zu einem
Weber, der ihn von frueh bis abends am Spulrad
beschaeftigte. Denn dass der Junge nun weiter nichts als
nur ein Weber zu werden hatte, das verstand sich ganz
von selbst. Die Lust dazu war ihm freilich waehrend
seines Aufenthaltes im Forsthause vollstaendig vergangen;
er hatte sich schon ganz anderes gedacht, und es ist
gewiss erklaerlich, dass er spaeter, nachdem er in dieses
ungeliebte Handwerk hineingezwungen worden war, auf die
Idee kam, sich durch den Taubenhandel wieder daraus
zu befreien. Doch tat er sowohl als Knabe wie auch als
Juengling seine Pflicht. Er war fleissig und wurde ein
tuechtiger Weber, dessen Ware so viel Sauberkeit und
Akkuratesse zeigte, dass jeder Unternehmer ihn gern fuer
sich arbeiten liess. In seinen Freistunden aber strich er
durch Feld und Flur, um zu botanisieren und alle die
Kenntnisse festzuhalten, die er sich bei dem Oberfoerster
erworben hatte Darum machte es ihm grosse Freude,
dass sich unter der oben erwaehnten Erbschaft unserer
Mutter auch einige alte, hochinteressante Buecher befanden,
deren Inhalt ihm bei diesen seinen Freibeschaeftigungen
von grossem Nutzen war. Ich denke da besonders an
einen grossen, starken Folioband, der gegen tausend Seiten
zaehlte und folgenden Titel hatte:

Kraeutterbuch

Dess hochgelehrten vnnd weltberuehmten Herrn Dr. Petri
Andreae Matthioli. Jetzt widerumb mit vielen schoenen
newen Figuren / auch nuetzlichen Artzeneyen / vnnd andern
guten Stuecken / zum dritten Mal auss sondern Fleiss
gemehret vnnd verferdigt /

Durch
Joachimum Camerarium,
der loeblichen Reichsstatt Nuernberg Medicum, Doct.

Sampt dreien wohlgeordneten nuetzlichen Registern der
Kraeutter lateinische und deutsche Namen / vund dann
die Artzeneyen / dazu dieselbigen zugebrauchen jnnhaltendt.
Beneben genugsamen Bericht / von den Destillier vund
Brennoefen.

Mit besonderem Roem. Kais. Majest. Priviligio,
in keinerley Format nachzudrucken.
Gedruckt zu Franckfurt am Mayn
M. D. C.

*
* *

Es verstand sich ganz von selbst, dass Vater dieses
Buch sofort hernahm und fleissig durchstudierte. Es
enthielt sogar mehr, als der Titel versprach. So waren die
Namen der Pflanzen oft auch franzoesisch, englisch, russisch,
boehmisch, italienisch und sogar arabisch angegeben, was
spaeter besonders mir ganz ausserordentlich vorwaerts half.
Auch Vater ging von Seite zu Seite dieses koestlichen
Buchs, von Pflanze zu Pflanze. Er lernte viel, viel
mehr zu dem, was er bereits wusste. Nicht nur die
Kenntnis der Gewaechse an sich, sondern auch ihrer
ernaehrenden und technischen Eigenschaften und ihrer
Heilwirkungen. Die Vorfahren hatten diese Wirkungen
geprueft und den Band mit sehr vielen Randbemerkungen
versehen, welche sagten, wie diese Pruefungen ausgefallen
waren. Dieses Buch wurde mir spaeter eine Quelle der
reinsten, nuetzlichsten Freuden, und ich kann wohl sagen,
dass Vater mich dabei vortrefflich unterstuetzte.

Ein anderes dieser Buecher war eine Sammlung
biblischer Holzschnitte, wahrscheinlich aus der ersten Zeit
der xylographierenden Kunst. Ich besitze es, ganz ebenso
wie das Kraeuterbuch, noch heut. Es enthaelt sehr viele
und ganz vortreffliche Bilder; einige fehlen leider. Das
erste ist Moses und das letzte ist das Tier aus dem
elften Kapitel der Offenbarung Johannis. Das Titelblatt
ist nicht mehr vorhanden. Darum weiss ich nicht,
wer der Verfasser ist und aus welchem Jahre das Werk
stammt. Es war Grossmutters Hilfsbuch, wenn sie uns
die biblischen Geschichten erzaehlte. Jede dieser
Erzaehlungen war fuer uns ein Hochgenuss, und damit komme
ich auf den groessten Vorzug, den Grossmutter fuer uns
Kinder hatte, naemlich auf ihre unvergleichliche Gabe, zu
erzaehlen.

Grossmutter erzaehlte eigentlich nicht, sondern sie
schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte. Jeder, auch
der widerstrebendste Stoff gewann Gestalt und Kolorit
auf ihren Lippen. Und wenn zwanzig ihr zuhoerten, so
hatte jeder einzelne von den zwanzig den Eindruck, dass
sie das, was sie erzaehlte, ganz nur fuer ihn allein
erzaehlte. Und das haftete; das blieb. Mochte sie aus der
Bibel oder aus ihrer reichen Maerchenwelt berichten, stets
ergab sich am Schluss der innige Zusammenhang zwischen
Himmel und Erde, der Sieg des Guten ueber das Boese
und die Mahnung, dass Alles auf Erden nur ein Gleichnis
sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im
niedrigen sondern nur im hoeheren Leben liege. Ich bin
ueberzeugt, dass sie das nicht bewusst und in klarer
Absicht tat; dazu war sie nicht unterrichtet genug, sondern
es war angeborene Gabe, war Genius, und der erreicht
bekanntlich das, was er will, am sichersten, wenn man
ihn weder kennt noch beobachtet. Grossmutter war eine
arme, ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von
Gottes Gnaden und darum eine Maerchenerzaehlerin, die
aus der Fuelle dessen, was sie erzaehlte, Gestalten schuf,
die nicht nur im Maerchen, sondern auch in Wahrheit
lebten.

In meiner Erinnerung tritt zuerst nicht das Maerchen
von Sitara, sondern das Maerchen "von der verloren
gegangenen und vergessenen Menschenseele" auf. Sie tat
mir so unendlich leid, diese Seele. Ich habe mit meinen
blinden, lichtlosen Kindesaugen um sie geweint. Fuer mich
enthielt diese Erzaehlung die volle Wahrheit. Aber erst
nach Jahren, als ich das Leben kennengelernt und mich
mit dem Innern des Menschen eingehend beschaeftigt
hatte, erkannte ich, dass die Kenntnis der Menschenseele
in Wirklichkeit verloren und vergessen wurde und dass
alle unsere Psychologie bisher nicht imstande war, uns
diese Kenntnis zurueckzubringen. Ich habe in meiner
Kindheit stundenlang still und regungslos gesessen und
in die Dunkelheit meiner kranken Augen gestarrt, um
nachzudenken, wohin die Verlorene und Vergessene
gekommen sei. Ich wollte und wollte sie finden. Da nahm
Grossmutter mich auf ihren Schoss, kuesste mich auf die
Stirn und sagte: "Sei still, mein Junge! Graeme dich
nicht um sie! Ich habe sie gefunden. Sie ist da!"
"Wo?" fragte ich. "Hier, bei mir", antwortete sie.
"Du bist diese Seele, du!" "Aber ich bin doch nicht
verloren," warf ich ein. "Natuerlich bist du verloren. Man
hat dich herabgeworfen in das aermste, schmutzigste Ardistan.
Aber man wird dich finden; denn wenn alle, alle dich
vergessen haben, Gott hat dich nicht vergessen." -- Ich
begriff das damals nicht; ich verstand es erst spaeter,
viel, viel spaeter. Eigentlich war in dieser meiner fruehen
Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als
Seele. Ich sah nichts. Es gab fuer mich weder
Gestalten noch Formen, noch Farben, weder Orte noch
Ortsveraenderungen. Ich konnte die Personen und Gegenstaende
wohl fuehlen, hoeren, auch riechen; aber das genuegte
nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte
sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein
Tisch aussieht, das wusste ich nicht; ich konnte mir nur
innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war
seelisch. Wenn jemand sprach, hoerte ich nicht seinen
Koerper, sondern seine Seele. Nicht sein Aeusseres,
sondern sein Inneres trat mir naeher. Es gab fuer mich
nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben,
auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf
den heutigen Tag. Das ist der Unterschied zwischen mir
und anderen. Das ist der Schluessel zu meinen Buechern.
Das ist die Erklaerung zu allem, was man an mir lobt,
und zu allem, was man an mir tadelt. Nur wer blind
gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine
so tief gegruendete und so maechtige Innenwelt besass, dass
sie selbst dann, als er sehend wurde, fuer lebenslang seine
ganze Aussenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles
hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich
schrieb, und nur der besitzt die Faehigkeit, mich zu
kritisieren, _sonst_keiner!_

Ich war die ganze Zeit des Tages nicht bei den
Eltern, sondern bei Grossmutter. Sie war mein alles.
Sie war mein Vater, meine Mutter, meine Erzieherin,
mein Licht, mein Sonnenschein, der meinen Augen fehlte.
Alles, was ich in mich aufnahm, leiblich und geistig, das
kam von ihr. So wurde ich ihr ganz selbstverstaendlich
aehnlich. Was sie mir erzaehlte, das erzaehlte ich ihr wieder
und fuegte hinzu, was meine kindliche Phantasie teils erriet
und teils erschaute. Ich erzaehlte es den Geschwistern
und auch anderen, die zu mir kamen, weil ich nicht zu
ihnen konnte. Ich erzaehlte in Grossmutters Tone, mit
ihrer Sicherheit, die keinen Zweifel duldete. Das klang
altklug und ueberzeugte. Es verlieh mir den Nimbus
eines ueber sein Alter hinaus sehr klugen Kindes. So
kamen auch Erwachsene, um mir zuzuhoeren, und ich waere
vielleicht zum Orakel oder zum Wunderkind verdorben
worden, wenn Grossmutter nicht so sehr bescheiden, wahr
und klug gewesen waere, da, wo ich in Gefahr stand,
einzuspringen. Einem blinden Kind wird wenig Arbeit
gegeben. Es hat mehr Zeit, zu denken und zu gruebeln als
andere Kinder. Da kann es leicht klueger erscheinen, als
es ist. Leider besass Vater nicht diese kluge Bescheidenheit
der Grossmutter und auch nicht die schweigsame Bedachtsamkeit
der Mutter. Er sprach sehr gern und uebertrieb,
wie wir bereits wissen, in allem, was er tat und
was er sagte. So kam es, dass ich dem Schicksal, dem
ich hier entging, spaeter doch noch verfiel, dem entsetzlichen
Schicksal, totgelobt zu werden.

Als ich sehen lernte, war mein Seelenleben schon
derart entwickelt und in seinen spaeteren Grundzuegen
festgelegt, dass selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor
meinen Augen oeffnete, nicht die Macht besass, den
Schwerpunkt, der in meinem Innern lag, zu sich hinauszuziehen.
Ich blieb ein Kind fuer alle Zeit, ein um so groesseres
Kind, je groesser ich wurde, und zwar ein Kind, in dem
die Seele derart die Oberhand besass und noch heute
besitzt, dass keine Ruecksicht auf die Aussenwelt und auf
das materielle Leben mich jemals bestimmen kann, etwas
zu unterlassen, was ich fuer seelisch richtig befunden habe.
Und so lange ich lebe, habe ich unausgesetzt die Erfahrung
gemacht, dass es dem Volke genau ebenso ergeht wie mir.
Es handelt am liebsten nicht aus aeusserlichen Gruenden,
sondern aus sich selbst heraus, aus seiner Seele heraus.
Die groessten und schoensten Taten der Nation wurden
aus ihrem Innern heraus geboren. Und waere der Geist
eines Dichters auch noch so stark und noch so erfinderisch,
so wird er es doch niemals fertig bringen der Geschichte eines
Volkes den Stoff zu einem grossen, nationalen Drama
aufzuzwingen, der diesem Volke nicht seelisch gegeben war.
Und gruenden wir hunderte von Jugendschriftenvereinen, von
Jugendschriftenkommissionen und tausende von Jugend-,
Schueler- und Volksbibliotheken, wir werden das Gegenteil
von dem erreichen, was wir erreichen wollen, falls wir
Buecher waehlen, deren Beduerfnis nur in unserm Pedantismus
und in unserer Methodik liegt, nicht aber in den
Seelen derer, denen wir sie aufzwingen. Ich habe diese
Seelen kennengelernt, habe sie studiert seit meiner Jugendzeit.
Ich bin selbst eine solche Seele gewesen, bin sie sogar noch
heut. Darum weiss ich, dass man dem Volke und der Jugend
keine Tugendmusterbuecher in die Hand geben darf, weil es
eben keinen Menschen gibt, der ein Tugendmuster ist. Der
Leser will Wahrheit, will Natur. Er hasst die sittlichen
Haubenstoecke, die immer genauso stehen, wie man sie
stellt, weder Fleisch noch Blut besitzen und genau nur
das anhaben, was ihnen von der Putzmacherin Schulmoralitaet
angezogen wird. Die Aufgabe des Jugendschriftstellers
besteht nicht darin, Gestalten zu schaffen,
die in jeder Lage so ueberaus koestlich einwandfrei handeln,
dass man sie unbedingt ueberdruessig wird, sondern seine
groesste Kunst besteht darin, dass er von seinen Figuren
getrost die Fehler und Dummheiten machen laesst, vor
denen er die jugendlichen Leser bewahren will. Es ist
tausendmal besser, er laesst seine Romanfiguren zugrunde
gehen, als dass der ergrimmte Knabe hingeht, um das
Boese, das nicht geschah, obgleich es der Wahrheit nach
geschehen musste, nun seinerseits aus dem Buche in das
Leben zu uebertragen. Hier liegt die Achse, um die sich
unsere Jugend- und Volksliteratur zu drehen hat.
Musterknaben und Mustermenschen sind schlechte Vorbilder; sie
stossen ab. Man zeige Negatives, aber lebenswahr und
packend, so wird man Positives erreichen.

Nachdem wir zu Miete gezogen waren, wohnten
wir am Marktplatze, auf dessen Mitte die Kirche stand.
Dieser Platz war der Lieblingsspielplatz der Kinder.
Gegen Abend versammelten sich die aelteren Schulknaben
unter dem Kirchentore zum Geschichtenerzaehlen.
Das war eine hoechst exklusive Gesellschaft. Es durfte
nicht jeder hin. Kam einer, den man nicht wollte, so
machte man keinen "Summs"; der wurde fortgepruegelt und
kehrte gewiss nicht wieder. Ich aber kam nicht, und ich
bat auch nicht, sondern ich wurde geholt, obgleich ich erst
fuenf Jahre alt war, die Andern aber dreizehn und
vierzehn Jahre. Welch eine Ehre! So etwas war noch
niemals dagewesen! Das hatte ich der Grossmutter und
ihren Erzaehlungen zu verdanken! Zunaechst verhielt ich
mich still und machte den Zuhoerer, bis ich alle Erzaehlungen
kannte, die hier im Schwange waren. Man nahm mir
das nicht uebel, denn ich hatte erst vor Kurzem sehen
gelernt, hielt die Augen noch halb verbunden und wurde
von Allen geschont. Dann aber, als das vorueber war,
wurde ich herangezogen. Alle Tage ein anderes Maerchen,
eine andere Geschichte, eine andere Erzaehlung. Das war
viel, sehr viel verlangt; aber ich leistete es, und zwar
mit Vergnuegen. Grossmutter arbeitete mit. Was ich
in der Daemmerstunde zu erzaehlen hatte, das arbeiteten
wir am fruehen Morgen, noch ehe wir unsere Morgensuppe
assen, durch. Dann war ich, wenn ich an das Kirchtor
kam, wohlvorbereitet. Unser schoenes Buch "Der Hakawati"
gab Stoff fuer lange Zeit. Hierzu kam, dass dieser Stoff
sich mit der Zeit ganz ausserordentlich vermehrte, doch
freilich nicht im Buche, sondern in mir. Das war die
sehr einfache und sehr natuerliche Folge davon, dass ich
nach meinem Sehendwerden die seelische Welt, die durch
den Hakawati in mir entstanden war, nun in die sichtbare
Welt der Farben, Formen, Koerper und Flaechen zu uebersetzen
hatte. Dadurch entstanden unzaehlige Variationen
und Vervielfaeltigungen, die ich nur dadurch, dass ich sie
erzaehlte, in feste Gestalt und Form zu bringen vermochte.

Inzwischen hatte Vater es erreicht, dass ich in die
Schule gehen durfte. Das durfte man erst vom sechsten
Lebensjahr an; aber meine Mutter war als Hebamme
sehr oft bei dem Herrn Pastor, der ihr diesen Wunsch
als Lokalschulinspektor sehr gern erfuellte, und mit dem
Herrn Elementarlehrer Schulze kam Vater woechentlich
zweimal zusammen, um Skat oder Schafkopf zu spielen,
und darum hielt es nicht schwer, die Erlaubnis auch von
dieser Seite zu erlangen. Ich lernte sehr schnell lesen
und schreiben, denn Vater und Grossmutter halfen dabei,
und dann, als ich das konnte, glaubte Vater die Zeit
gekommen, das, was er mit mir vorhatte, zu beginnen.
Es sollte sich naemlich an mir erfuellen, was sich an ihm
nicht erfuellt hatte. Er hatte im Forsthause einen Blick
in bessere und menschlichere Verhaeltnisse tun duerfen. Und
er musste immer daran denken, dass es unter unsern
Vorfahren bedeutende Maenner gegeben hatte, von denen wir,
ihre Nachkommen, sagen mussten, dass wir ihrer nicht
wuerdig seien. Er hatte das werden gewollt, war aber
von den Verhaeltnissen gewaltsam niedergehalten worden.
Das kraenkte und das aergerte ihn. Fuer sich hatte er mit
diesen Verhaeltnissen abgeschlossen. Er musste bleiben,
was er war, ein armer, ungebildeter Professionist. Aber
er uebertrug seine Wuensche und Hoffnungen und alles
Andere nun auf mich. Und er nahm sich vor, alles
Moegliche zu tun und nichts zu versaeumen, aus mir den
Mann zu machen, welcher zu werden ihm versagt
gewesen war. Das kann man gewiss nur loeblich von ihm
nennen. Nur kam es darauf an, welchen Weg und welche
Weise er meiner Erziehung gab. Er wollte, was fuer
mich gut und gluecklich war. Das konnte er nur mit
guten und gluecklichen Mitteln erreichen. Leider aber muss
ich, ohne der Zukunft vorzugreifen, sagen, dass meine
"Kindheit" jetzt, mit dem fuenften Jahre, zu Ende war.
Sie starb in dem Augenblick, an dem ich die Augen zum
Sehen oeffnete. Was diese armen Augen von da an bis
heut zu sehen bekamen, war nichts als Arbeit und Arbeit,
Sorge und Sorge, Leid und Leid, bis zur heutigen Qual
am Marterpfahl, an dem man mich schier ohne Ende
peinigt. -- -- --

_________

III
Keine Jugend.

_____

Du liebe, schoene, goldene Jugendzeit! Wie oft habe
ich dich gesehen, wie oft mich ueber dich gefreut! Bei
Andern, immer nur bei Andern! Bei mir warst du nicht.
Um mich gingst du herum, in einem weiten, weiten Bogen.
Ich bin nicht neidisch gewesen, wahrlich nicht, denn zum
Neid habe ich ueberhaupt keinen Platz in mir; aber wehe
hat es doch getan, wenn ich den Sonnenschein auf dem
Leben Anderer liegen sah, und ich stand so im hintersten,
kalten Schattenwinkel. Und ich hatte doch auch ein Herz,
und ich sehnte mich doch auch nach Licht und Waerme.
Aber Liebe muss sein, selbst im alleraermsten Leben, und
wenn dieser Aermste nur will, so kann er reicher als der
Reiche sein. Er braucht nur in sich selbst zu suchen.
Da findet er, was ihm das Geschick verweigert, und
kann es hinausgeben an alle, alle, von denen er nichts
bekommt. Denn wahrlich, wahrlich, es ist besser, arm
und doch der Gebende zu sein, als reich und doch der
immer nur Empfangende!

Hier ist es wohl am Platze, einen Irrtum, in dem
man sich ueber mich befindet, gleich von vornherein
aufzuklaeren. Man haelt mich naemlich fuer sehr reich, sogar
fuer einen Millionaer; das bin ich aber nicht. Ich hatte
bisher nur mein "gutes Auskommen," weiter nichts.
Selbst hiermit wird es hoechst wahrscheinlich zu Ende sein,
denn die nimmer ruhenden Angriffe gegen mich muessen
endlich doch erreichen, was man mit ihnen erreichen will.
Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, dass ich
genau so sterben werde, wie ich geboren bin, naemlich
als ein armer, nichts besitzender Mensch. Das tut
aber nichts. Das ist rein aeusserlich. Das kann an
meinem inneren Menschen und seiner Zukunft gar nichts
aendern.

Die Luege, dass ich Millionaer sei, dass mein Einkommen
180 000 Mark betragen habe, stammt von einem raffinierten,
sehr klug vorausberechnenden Gegner, der ein scharfer
Menschenkenner ist und sich keinen Augenblick bedenkt,
diese Menschenkenntnis selbst gegen die Stimme des
Gewissens in Gewinn und Vorteil umzusetzen. Er wusste
sehr wohl, was er tat, als er seine Luege in die Zeitungen
lanzierte. Er erweckte dadurch den allerniedrigsten und
allerschlimmsten Feind gegen mich, den Neid. Die frueheren
Angriffe gegen mich sind jetzt kaum der Rede wert. Aber
seit man mich im Besitz von Millionen waehnt, geht man
geradezu gnaden- und erbarmungslos gegen mich vor.
Sogar in den Artikeln sonst ganz achtbarer und humaner
Kritiker spielt diese Geldgehaessigkeit eine Rolle. Es
beruehrt unendlich peinlich, Leute, die sich in jedem anderen
Falle als litararische [sic] Kavaliere erweisen, auf diesem
ordinaeren Gaul herumreiten zu sehen! Ich besitze ein
schuldenfreies Haus, in dem ich wohne, und ein kleines
Kapital als eisernen Bestand fuer meine Reisen, weiter
nichts. Von dem, was ich einnehme, bleibt nichts uebrig.
Das reicht grad aus fuer meinen bescheidenen Haushalt
und fuer die schweren Opfer, die ich den mir aufgezwungenen
Prozessen zu bringen habe. Frueher konnte ich meinem
Herzen Genuege tun und gegen arme Menschen, besonders
gegen arme Leser meiner Buecher, mildtaetig sein. Das
hat nun aufgehoert. Zwar werde ich infolge jener
raffinierten Millionenluege jetzt mehr als je mit Zuschriften
gepeinigt, in denen man Geld von mir verlangt, aber ich
kann leider nicht mehr helfen, und fast ein Jeder, den ich
abweisen muss, fuehlt sich enttaeuscht und wird zum Feinde.
Ich konstatiere, dass jene Gewissenlosigkeit, mich als einen
steinreichen Mann zu schildern, mir mehr, viel mehr
geschadet hat als alle gegnerischen Kritiken und sonstigen
Feindseligkeiten zusammengenommen.

Nach dieser Abschweifung, die ich fuer noetig hielt,
nun wieder zurueck zur "Jugend" dieses angeblichen
"Millionaers", der nach ganz anderen Schaetzen strebt als alle
die, welche ihn auszubeuten trachten.

Es waren damals schlimme Zeiten, zumal fuer die
armen Bewohner jener Gegend, in der meine Heimat
liegt. Dem gegenwaertigen Wohlstande ist es fast unmoeglich,
sich vorzustellen, wie armselig man sich am Ausgange
der vierziger Jahre dort durch das Leben hungerte.
Arbeitslosigkeit, Misswuchs, Teuerung und Revolution,
diese vier Worte erklaeren Alles. Es mangelte uns an
fast Allem, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft
gehoert. Wir baten uns von unserem Nachbarn, dem Gastwirt
"Zur Stadt Glauchau", des Mittags die Kartoffelschalen
aus, um die wenigen Brocken, die vielleicht noch
daran hingen, zu einer Hungersuppe zu verwenden. Wir
gingen nach der "roten Muehle" und liessen uns einige
Handvoll Beutelstaub und Spelzenabfall schenken, um
irgend etwas Nahrungsmittelaehnliches daraus zu machen.
Wir pflueckten von den Schutthaufen Melde, von den
Rainen Otterzungen und von den Zaeunen wilden Lattich,
um das zu kochen und mit ihm den Magen zu fuellen.
Die Blaetter der Melde fuehlen sich fettig an. Das ergab
beim Kochen zwei oder drei kleine Fettaeuglein, die
auf dem Wasser schwammen. Wie nahrhaft und wie
delikat uns das erschien! Gluecklicherweise gab es unter
den vielen Webern des Ortes, die arbeitslos waren, auch
einige wenige Strumpfwirker, deren Geschaeft nicht ganz
zum Stillstehen kam. Sie webten Handschuhe, so
ausserordentlich billige weisse Handschuhe, die man den Leichen
anzieht, ehe sie begraben werden. Es gelang Mutter,
solche Leichenhandschuhe zum Naehen zu bekommen. Da
sassen wir nun alle, der Vater ausgenommen, von frueh
bis abends spaet und stichelten darauf los. Mutter naehte
die Daumen, denn das war schwer, Grossmutter die Laengen
mit dem kleinen Finger und ich mit den Schwestern die
Mittelfinger. Wenn wir recht sehr fleissig waren, hatten
wir alle zusammen am Schluss der Woche elf oder sogar
auch zwoelf Neugroschen verdient. Welch ein Kapital!
Dafuer gab es fuer fuenf Pfennig Runkelruebensyrup, auf
fuenf Dreierbroetchen gestrichen; die wurden sehr gewissenhaft
zerkleinert und verteilt. Das war zugleich Belohnung
fuer die verflossene und Anregung fuer die kommende
Woche.

Waehrend wir in dieser Weise fleissig daheim arbeiteten,
hatte Vater ebenso fleissig auswaerts zu tun; leider
aber war seine Arbeit mehr ehrend als naehrend. Es
galt naemlich, den Koenig Friedrich August und die ganze
saechsische Regierung vor dem Untergange zu retten.
Vorher hatte man grad das Entgegengesetzte gedacht: Der
Koenig sollte abgesetzt und die Regierung aus dem Lande
gejagt werden. Das wollte man fast in ganz Sachsen;
aber in Hohenstein und Ernsttal kam man sehr bald hiervon
zurueck, und zwar aus den vortrefflichsten Gruenden;
es war naemlich zu gefaehrlich! Die lautesten Schreier hatten
sich zusammengetan und einen Baeckerladen gestuermt. Da
kam die heilige Hermandad und sperrte sie alle ein. Sie
fuehlten sich zwar einige Tage lang als politische Opfer
und Maertyrer gross und maechtig, aber ihre Frauen wollten
von solchem Heldentum nichts wissen; sie straeubten sich
mit aller Gewalt dagegen. Sie kamen zusammen; sie
gingen auseinander; sie liefen auf und ab; sie gewannen
die anderen Frauen; sie politisierten; sie diplomatisierten;
sie drohten; sie baten. Ruhige, vernuenftige Maenner gesellten
sich zu ihnen. Der alte, ehrwuerdige Pastor Schmidt
hielt Friedensreden. Der Herr Stadtrichter Layritz auch.
Der Polizist Eberhardt ging von Haus zu Haus und
warnte vor den schrecklichen Folgen der Empoerung; der
Wachtmeister Grabner sekundierte ihm dabei. Am grossen
Kirchentor erzaehlten sich die Jungens in der Abenddaemmerung
nur noch vom Erschossenwerden, vom Aufgehangenwerden
und ganz besonders vom Schafott, welches derart
beschrieben wurde, dass Jedermann, der es hoerte, sich
mit der Hand nach Hals und Nacken griff. So kam es,
dass die Stimmung sich ganz gruendlich aenderte. Von
der Absetzung des Koenigs war keine Rede mehr. Im
Gegenteil, er hatte zu bleiben, denn einen besseren als
ihn konnte es nirgends geben. Von jetzt an galt es nicht
mehr, ihn zu vertreiben, sondern ihn zu beschuetzen. Man
hielt Versammlungen ab, um zu beraten, in welcher Weise
dies am besten geschehe, und da allueberall vom Kampf
und Krieg und Sieg gesprochen wurde, so verstand es
sich ganz von selbst, dass auch wir Jungens uns nicht nur
in kriegerische Stimmungen, sondern auch in kriegerische
Gewaender und kriegerische Heldentaten hineinarbeiteten.
Ich freilich nur von ferne, denn ich war zu klein dazu
und hatte keine Zeit; ich musste Handschuhe naehen. Aber
die anderen Buben und Maedels standen ueberall an den
Ecken und Winkeln herum, erzaehlten einander, was sie
daheim bei den Eltern gehoert hatten, und hielten hoechst
wichtige Beratungen ueber die beste Art und Weise, die
Monarchie zu erhalten und die Republik zu hintertreiben.
Besonders ueber eine alte, boese Frau war man empoert.
Die war an Allem schuld. Sie hiess die Anarchie und
wohnte im tiefsten Walde. Aber des Nachts kam sie in
die Staedte, um die Haeuser niederzureissen und die Scheunen
anzubrennen; so eine Bestie! Gluecklicherweise waren
unsere Vaeter lauter Helden, von denen keiner sich vor
irgend Jemand fuerchtete, auch nicht vor dieser ruppigen
Anarchie. Man beschloss die allgemeine Bewaffnung fuer
Koenig und Vaterland. In Ernsttal gab es schon seit
alten Zeiten eine Schuetzen- und eine Gardekompagnie.
Die erstere schoss nach einem hoelzernen Vogel, die letzere [sic]
nach einer hoelzernen Scheibe. Zu diesen beiden Kompagnieen
sollten noch zwei oder drei andere gegruendet werden,
besonders auch eine polnische Sensenkompagnie zum
Totstechen aus der Ferne. Da stellte es sich denn heraus,
dass es in unserem Staedtchen eine ganz ungewoehnliche
Menge von Leuten gab, die ungemein kriegerisch veranlagt
waren, strategisch sowohl als auch taktisch. Man
wollte keinen von ihnen missen. Man zaehlte sie. Es
waren dreiunddreissig. Das stimmte sehr gut und rechnete
sich glatt aus, naemlich: Man brauchte pro Kompagnie
je einen Hauptmann, einen Oberleutnant und einen
Leutnant; wenn man zu den Schuetzen und der Garde noch
neun neue Kompagnieen formte, so ergab das in Summa
elf, und alle dreiunddreissig Offiziere waren unter Dach
und Fach. Dieser Vorschlag wurde ausgefuehrt, wobei
die Kopfzahl der einzelnen Kompagnieen ganz selbstverstaendlich
nur klein bemessen sein konnte; aber der Tambourmajor,
Herr Strumpfwirkermeister Loeser, der beim Militaer
gestanden und darum alle dreiunddreissig Offiziere
einzuexerzieren hatte, behauptete, dies sei nur vorteilhaft, denn
je kleiner eine Kompagnie sei, desto weniger Leute koennten
im Kriege von ihr weggeschossen werden, und so blieb es
bei dem, was beschlossen worden war.

Mein Vater war Hauptmann der siebenten Kompagnie.
Er bekam einen Saebel und eine Signalpfeife.
Aber er war mit dieser Charge nicht zufrieden; er trachtete
nach hoeherem. Darum beschloss er, sobald er ausexerziert
war, sich ganz heimlich, ohne dass irgend Jemand etwas
davon bemerkte, im "hoeheren Kommando" einzuueben. Und
da er mich ausersah, ihm dabei behilflich zu sein, so wurde
ich einstweilen vom Handschuhnaehen dispensiert und wanderte
mit ihm tagtaeglich hinaus in den Wald, wo auf einer
rings von Bueschen und Baeumen umgebenen Wiese unsere
geheimen Evolutionen vorgenommen wurden. Vater war
bald Leutnant, bald Hauptmann, bald Oberst, bald General;
ich aber war die saechsische Armee. Ich wurde erst als
"Zug", dann als ganze Kompagnie einexerziert. Hierauf
wurde ich Bataillon, Regiment, Brigade und Division.
Ich musste bald reiten, bald laufen, bald vor und bald
zurueck, bald nach rechts und bald nach links, bald
angreifen und bald retirieren. Ich war zwar nicht auf den
Kopf gefallen und hatte Lust und Liebe zur Sache. Aber
ich war noch so jung und klein, und so kann man sich
bei dem jaehen Temperamente meines Generals wohl
denken, dass es mir nicht moeglich war, mich in so kurzer
Zeit von der einfachen, kleinen Korporalschaft bis zur
vollzaehligen, gewaltigen Armee zu entwickeln, ohne die
Strenge der militaerischen Disziplin an mir erfahren zu
haben. Aber ich weinte bei keiner Strafe; ich war zu
stolz dazu. Eine saechsische Armee, welche weint, die gibt
es nicht! Auch liess der Lohn nicht auf sich warten.
Als Vater Vizekommandant geworden war, sagte er zu
mir: "Junge, dazu hast du viel geholfen. Ich baue dir
eine Trommel. Du sollst Tambour werden!" Wie das
mich freute! Und es gab Augenblicke, in denen ich wirklich
der Ueberzeugung war, alle diese Pueffe, Stoesse, Hiebe und
Katzenkoepfe nur zum Wohle und zur Rettung des Koenigs
von Sachsen und seines Ministeriums empfangen zu haben!
Wenn er das wuesste!

Die Trommel bekam ich, denn Vater hielt stets Wort.
Der Klempnermeister Leistner am Markt in Hohenstein
war ihm behilflich, sie zu bauen. Es war eine sehr gut
gelungene Solotrommel; sie existiert noch heut. Ich bin
spaeter, als ich etwas groesser war, doch auch noch als Knabe,
Tambour bei der siebenten Kompagnie gewesen und werde
diese Trommel noch einmal zu erwaehnen haben. Die elf
Kompagnieen taten ihre Schuldigkeit. Sie exerzierten fast
taeglich, wozu mehr als genug Zeit vorhanden war, weil
es keine Arbeit gab. Wie wir trotzdem existieren konnten
und wovon wir eigentlich gelebt haben, das kann ich heute
nicht mehr sagen; es kommt mir wie ein Wunder vor.
Es gab auch an andern Orten "Koenigsretter". Die standen
miteinander in Verbindung und hatten beschlossen, sobald
der Befehl dazu gegeben werde, nach Dresden aufzubrechen
und fuer den Koenig alles zu wagen, unter Umstaenden sogar
das Leben. Und eines schoenen Tages kam er, dieser Befehl.
Die Signalhoerner erklangen; die Trommeln wirbelten.
Aus allen Tueren stroemten die Helden, um sich auf
dem Marktplatz zu versammeln. Der Fleischermeister
Haase war Regimentsadjutant. Er hatte sich ein Pferd
geborgt und sass da mitten drauf. Es war keine leichte
Sache fuer ihn, zwischen dem Kommandanten, dem
Vizekommandanten und den Hauptleuten zu vermitteln, denn
der Gaul wollte immer anders als der Reiter. Die Frau
Stadtrichter Layritz hing eine Tischdecke und ihre
Sonntagssaloppe zu den Fenstern heraus. Das war geflaggt.
Wer etwas dazu hatte, der machte es ihr nach. Dadurch
gewann der Marktplatz ein festlich frohes Angesicht. Man
war ueberhaupt nur begeistert. Keine Spur von
Abschiedsschmerz! Niemand hatte das Beduerfnis, von Frau und
Kindern besonders Abschied zu nehmen. Lauter Jubel,
dreimal hoch, vivat, hurrah an allen Orten! Der Herr
Kommandant hielt eine Rede. Hierauf ein grandioser Tusch
der Blasinstrumente und Trommeln. Dann die Kommandorufe
der einzelnen Hauptleute: "Achtung -- -- Augen
rechts, rrrricht't euch -- -- Augen grrrade aus -- --
G'wehr bei Fuss -- -- G'wehr auf -- -- G'wehr praesentiert
-- -- G'wehr ueber -- -- Rrrrechts um -- --
Vorwaerts marsch!" Voran der Herr Adjutant auf dem
geborgten Pferde, hinter ihm die Musikanten mit dem
tuerkischen Schellenbaum, die Tamboure, sodann der
Kommandant und der Vizekommandant, hierauf die Schuetzen,
die Garde und die neun anderen Kompagnieen, so
marschierten die Heerscharen links, rechts -- links, rechts
zur damaligen Hintergasse hinaus und am Zechenteiche
vorueber, dem wir damals unsere Froesche anvertrauten,
nach Wuestenbrand, um ueber Chemnitz und Freiberg nach
der Hauptstadt zu gelangen. Eine Menge Angehoeriger
marschierte hinterdrein, um den Mutigen bis an das
Weichbild des Staedtchens das Geleit zu geben. Ich aber
stand bei meinem ganz besonderen Liebling, dem Herrn
Kantor Strauch, der unser Nachbar war, an seiner Haustuer,
dabei die Friederike, seine Frau, die eine Schwester
des Herrn Stadtrichters Layritz war. Sie hatten keine
Kinder, und ich war berufen, ihnen ihre kleinen wirtschaftlichen
Angelegenheiten zu besorgen. Ihn liebte ich gluehend;
sie aber war mir zuwider, denn sie belohnte alle
meine Wege, die ich fuer sie tat, nur mit angefaulten
Aepfeln oder mit teigigen Birnen und erlaubte ihrem
Manne nicht, monatlich mehr als nur zwei Zigarren zu
rauchen, das Stueck zu zwei Pfennige. Die musste ich
ihm vom Kraemer holen, weil er sich schaemte, so billige
selbst zu kaufen, und er rauchte sie im Hofe, weil die
Friederike den Tabaksgeruch nicht vertragen konnte. Auch
er war heut von dem Anblicke unserer Truppen aufrichtig
begeistert. Indem er ihnen nachblickte, sagte er:

"Es ist doch etwas Grosses, etwas Edles um solche
Begeisterung fuer Gott, fuer Koenig und Vaterland!"

"Aber was bringt sie ein?" fragte die Frau
Kantorin.

"Das Glueck bringt sie ein, das wirkliche, das wahre
Glueck!"

Bei diesen Worten trat er in das Haus; er liebte
es nicht, zu streiten. Ich ging nach unserm Hof. Da
stand ein Franzaepfelbaum. Unter den setzte ich mich nieder
und dachte ueber das nach, was der Herr Kantor gesagt
hatte. Also Gott, Koenig und Vaterland, in diesen Worten
liegt das wahre Glueck; das wollte und musste ich mir
merken! Spaeter hat dann das Leben an diesen drei
Worten herumgemodelt und herumgemeisselt; aber moegen
sich die Formen veraendert haben, das innere Wesen ist
geblieben.

Von allen, die heut ausgezogen waren, um grosse
Heldentaten zu verrichten, kam zuerst der geliehene Gaul
zurueck. Der Herr Adjutant hatte ihn einem Boten
uebergeben, der ihn heimbrachte, weil Laufen besser sei als
Reiten und weil der Reiter nicht genug Geld uebrig habe,
das Pferd zu ersetzen, falls es im Kampfe verwundet oder
gar erschossen werden sollte. Gegen Abend folgte der
Webermeister Kretzschmar. Er behauptete, dass er mit
seinen Plattfuessen nicht weitergekonnt habe; dies sei ein
Naturfehler, den er nicht aendern koenne. Als es dunkel
geworden war, stellten sich noch einige andere ein, welche
aus triftigen Gruenden entlassen worden waren und die
die Nachricht brachten, dass unser Armeekorps hinter
Chemnitz bei Oederan biwakiere und Spione nach Freiburg [sic]
geschickt habe, das dortige Schlachtfeld auszukundschaften.
Gegen Morgen kam die ueberraschende, aber ganz und gar
nicht traurige Kunde, dass man aus Freiburg [sic] die Weisung
erhalten habe, sofort wieder umzukehren; man werde gar
nicht gebraucht, denn die Preussen seien in Dresden
eingerueckt und so stehe fuer den Koenig und die Regierung
nicht das Geringste mehr zu befuerchten. Man kann sich
wohl denken, dass es heut nun keine Schule und keinerlei
Arbeit gab. Auch ich empoerte mich gegen das Handschuhflicken.
Ich riss einfach aus und gesellte mich den wackeren
Buben und Maedels zu, welche elf Kompagnieen bilden
und ihren heimkehrenden Vaetern entgegen ziehen sollten.
Dieser Plan wurde ausgefuehrt. Wir kampierten bei den
Wuestenbraender Teichen und zogen dann, als die Erwarteten
kamen, mit ihnen unter klingendem Spiel und Trommelschlag
den Schiesshausberg hinab, wo unsere verwaisten
Frauen und Muetter standen, um uns alle, Gross und Klein,
teils geruehrt, teils lachend in Empfang zu nehmen.

Warum ich das alles so ausfuehrlich erzaehle? Des
tiefen Eindruckes wegen, den es auf mich machte. Ich
habe die Quellen nachzuweisen, aus denen die Ursachen
meines Schicksals zusammengeflossen sind. Dass ich trotz
allem, was spaeter geschah, niemals auch nur einen einzigen
Augenblick im Gottesglauben wankte und selbst dann,
wenn das Schicksal mich gegen die harten Tafeln der Gesetze
schleuderte, nichts von der Achtung vor diesen Gesetzen
verlor, das wurzelt teils in mir selbst, teils aber
auch in diesen kleinen Ereignissen der fruehen Jugend, die
alle mehr oder weniger bestimmend auf mich wirkten.
Nie habe ich die Worte meines alten, guten Kantors
vergessen, die mir nicht nur zu Fleisch und Blut, sondern
zu Geist und Seele geworden sind.

Nach diesen Aufregungen kehrte das Leben in seine
ruhigen, frueheren Bahnen zurueck. Ich naehte wieder
Handschuhe und ging in die Schule. Aber diese Schule
genuegte dem Vater nicht. Ich sollte mehr lernen als
das, was der damalige Elementarunterricht bot. Meine
Stimme entwickelte sich zu einem guten, volltoenenden,
umfangreichen Sopran. Infolgedessen nahm der Herr
Kantor mich in die Kurrende auf. Ich wurde schnell
treffsicher und der Oeffentlichkeit gegenueber mutig. So
kam es, dass mir schon nach kurzer Zeit die Kirchensoli
uebertragen wurden. Die Gemeinde war arm; sie hatte
fuer teure Kirchenstuecke keine Mittel uebrig. Der Herr
Kantor musste sie abschreiben, und ich schrieb mit. Wo
das nicht angaengig war, da komponierte er selbst. Und
er war Komponist! Und zwar was fuer einer! Aber er
stammt aus dem kleinen, unbedeutenden Doerfchen Mittelbach,
von blutarmen, ungebildeten Eltern, hatte sich durch
das Musikstudium foermlich hindurchgehungert und, bis er
Lehrer resp. Kantor wurde, nur in blauen Leinenrock und
blaue Leinenhosen kleiden koennen und sah einen Taler fuer
ein Vermoegen an, von dem man wochenlang leben konnte.
Diese Armut hatte ihn um die Selbstbewertung gebracht.
Er verstand es nicht, sich geltend zu machen. Er war
mit allem zufrieden. Ein ganz vorzueglicher Orgel-, Klavier-
und Violinspieler, konnte er auch die komponistische
Behandlung jedes andern Musikinstrumentes und haette
es schnell zu Ruhm und Verdienst bringen koennen, wenn
ihm mehr Selbstvertrauen und Mut zu eigen gewesen
waere. Jedermann wusste: Wo in Sachsen und den
angrenzenden Gegenden eine neue Orgel eingeweiht wurde,
da erschien ganz sicher der Kantor Strauch aus Ernsttal,
um sie kennenzulernen und einmal spielen zu koennen.
Das war die einzige Freude, die er sich goennte. Denn
mehr werden zu wollen als nur Kantor von Ernsttal, dazu
fehlte ihm ausser der Beherztheit besonders auch die
Erlaubnis der sehr gestrengen Frau Friederike, die ein
wohlhabendes Maedchen gewesen war und darum in der
Ehe als zweiunddreissigfuessiger "Prinzipal" ertoente,
waehrend dem Herrn Kantor nur die Stimme einer sanften
"Vox humana" zugebilligt wurde. Sie besass mit ihrem
Bruder gemeinsam einige Obstgaerten, deren Ertraegnisse
mit der aeussersten Genauigkeit verwertet wurden, und
dass ich von ihr nur angefaulte oder teigige Aepfel und
Birnen bekam, das habe ich bereits erwaehnt. Sie wusste
das aber mit einer Miene zu geben, als ob sie ein Koenigreich
verschenke. Fuer den unendlich hohen Wert ihres Mannes,
sowohl als Mensch wie auch als Kuenstler, hatte sie nicht
das geringste Verstaendnis. Sie war an ihre Gaerten und
er infolgedessen an Ernsttal gekettet. Um sein geistiges
Dasein und seine seelischen Beduerfnisse bekuemmerte sie sich
nicht. Sie oeffnete keines seiner Buecher, und seine vielen
Kompositionen verschwanden, sobald sie vollendet waren,
tief in den staubigen Kisten, die unter dem Dache standen.
Als er gestorben war, hat sie das alles als Makulatur
an die Papiermuehle verkauft, ohne dass ich dies
verhindern konnte, denn ich war nicht daheim. Welch ein
tiefes, von anderen kaum zu fassendes Elend es ist, fuer
das ganze Leben an ein weibliches Wesen gebunden zu
sein, welches nur in niederen Lueften atmet und selbst den
begabtesten, ja genialsten Mann nicht in bessere Hoehen
kommen laesst, das ist nicht auszusagen. Mein alter Kantor
konnte dieses Elend nur darum ertragen, weil er eine
ungemeine Fuegsamkeit besass und hierzu eine Gutmuetigkeit,
die niemals vergessen konnte, dass er ein armer Teufel,
die Friederike aber ein reiches Maedchen und ausserdem
die Schwester des Herrn Stadtrichters gewesen war.

Spaeter gab er mir Orgel-, Klavier- und Violinunterricht.
Ich habe bereits gesagt, dass Vater den Bogen
zur Violine selbst fertigte. Dieser Unterricht war ganz
selbstverstaendlich gratis, denn die Eltern waren zu arm,
ihn zu bezahlen. Damit war die gestrenge Frau Friederike
gar nicht einverstanden. Der Orgelunterricht wurde
in der Kirche und der Violinunterricht in der Schulstube
gegeben; da konnte die Frau Kantorin keine Handhabe
finden. Aber das Klavier stand in der Wohnstube, und
wenn ich da klopfte, um anzufragen, so kam der Herr
Kantor unter zehnmal neunmal mit dem Bescheid heraus:
"Es gibt heut keinen Unterricht, lieber Karl. Meine
Frau Friederike haelt es nicht aus; sie hat Migraene".
Manchmal hiess es auch "sie hat Vapeurs". Was das
war, wusste ich nicht, doch hielt ich es fuer eine Steigerung
von dem, was ich auch nicht wusste, naemlich von der
Migraene. Aber dass sich das immer nur dann einstellte,
wenn ich klavierspielen kam, das wollte mir nicht
gefallen. Der gute Herr Kantor glich das dadurch aus,
dass er mich nach und nach, grad wie die Gelegenheit
es brachte, auch in der Harmonielehre unterwies, was die
Friederike gar nicht zu erfahren brauchte, doch war das
in der spaeteren Knabenzeit, und so weit bin ich jetzt
noch nicht.

Wie mein Vater sich in Allem ungeduldig zeigte,
so auch in dem, was er meine "Erziehung" nannte.
Notabene mich "erzog" er; um die Schwestern bekuemmerte
er sich weniger. Er hatte alle seine Hoffnungen darauf
gesetzt, dass ich im Leben das erreichen werde, was von
ihm nicht zu erreichen war, naemlich nicht nur eine
gluecklichere, sondern auch eine geistig hoehere Lebensstellung.
Denn das muss ich ihm nachruehmen, dass ihm zwar der
Wunsch auf ein sogenanntes gutes Auskommen am naechsten
stand, dass er aber den hoeheren Wert auf die kraeftige
Entwickelung der geistigen Persoenlichkeit setzte. Er fuehlte
das im Innern mehr und deutlicher, als er es in Worten
auszudruecken vermochte. Ich sollte ein gebildeter,
womoeglich ein hochgebildeter Mann werden, der fuer das
allgemeine Menschheitswohl etwas zu leisten vermag; dies
war sein Herzenswunsch, wenn er ihn auch nicht grad
in diesen, sondern in andern Worten aeusserte. Man sieht,
er verlangte nicht wenig, aber das war nicht Vermessenheit
von ihm, sondern er glaubte stets an das, was er
wuenschte, und war vollstaendig ueberzeugt, es erreichen zu
koennen. Leider aber war er sich ueber die Wege, auf
denen, und ueber die Mittel, durch welche dieses Ziel zu
erreichen war, nicht klar, und er unterschaetzte die gewaltigen
Hindernisse, die seinem Plane entgegenstanden. Er war
zu jedem, selbst zum groessten Opfer bereit, aber er bedachte
nicht, dass selbst das allergroesste Opfer eines armen Teufels
dem Widerstande der Verhaeltnisse gegenueber kein Gramm,
kein Quentchen wiegt. Und vor allen Dingen, er hatte
keine Ahnung davon, dass ein ganz anderer Mann als er
dazu gehoerte, mit leitender Hand derartigen Zielen
zuzusteuern. Er war der Ansicht, dass ich vor allen Dingen
so viel wie moeglich, so schnell wie moeglich zu lernen habe,
und hiernach wurde mit groesster Energie gehandelt.

Ich war mit fuenf Jahren in die Schule gekommen,
aus der man mit vierzehn Jahren entlassen wurde. Das
Lernen fiel mir leicht. Ich holte schnell meine zwei
Jahre aeltere Schwester ein. Dann wurden die Schulbuecher
aelterer Knaben gekauft. Ich musste daheim die
Aufgaben loesen, die ihnen in der Schule gestellt waren.
So wurde ich sehr bald klassenfremd, fuer so ein kleines,
weiches Menschenkind ein grosses, psychologisches Uebel,
von dem Vater freilich so viel wie nichts verstand. Ich
glaube, dass sogar nicht einmal die Lehrer ahnten, was
fuer ein grosser Fehler da begangen wurde. Sie gingen
von der anspruchslosen Erwaegung aus, dass ein Knabe,
den man in seiner Klasse nichts mehr lehren kann, ganz
einfach und trotz seiner Jugend in die naechst hoehere Klasse
zu versetzen ist. Diese Herren waren alle mehr oder
weniger mit meinem Vater befreundet, und so drueckte
sogar der Herr Lokalschulinspektor ein Auge darueber zu,
dass ich als acht- oder neunjaehriger Knabe schon bei den
elf- und zwoelfjaehrigen sass. In Beziehung auf meine
geistigen Fortschritte, zu denen in einer Elementarschule
freilich nicht viel gehoerte, war dies allerdings wohl richtig;
seelisch aber bedeutete es einen grossen, schmerzlichen
Diebstahl, den man an mir beging. Ich bemerke hier, dass
ich sehr scharf zwischen Geist und Seele, zwischen geistig
und seelisch unterscheide. Was mir in den Klassen, in
die ich meinem Alter nach noch nicht gehoerte, fuer meinen
kleinen Geist gegeben wurde, das wurde auf der andern
Seite meiner Seele genommen. Ich sass nicht unter
Altersgenossen. Ich wurde als Eindringling betrachtet und
schwebte mit meinen kleinen, warmen, kindlich-seelischen
Beduerfnissen in der Luft. Mit einem Worte, ich war
gleich von Anfang an klassenfremd gewesen und wurde
von Jahr zu Jahr klassenfremder. Die Kameraden, welche
hinter mir lagen, hatte ich verloren, ohne die, bei denen
ich mich befand, zu gewinnen. Ich bitte, ja nicht ueber
dieses nur scheinbar winzige, hoechst unwichtige Knabenschicksal
zu laecheln. Der Erzieher, der sich im Reiche der
Menschen- und der Kindesseele auskennt, wird keinen
Augenblick zoegern, dies ernst, sehr ernst zu nehmen. Jeder
erwachsene Mensch und noch viel mehr jedes Kind will
festen Boden unter den Fuessen haben, den es ja nicht
verlieren darf. Mir aber war dieser Boden entzogen.
Das, was man als "Jugend" bezeichnet, habe ich nie gehabt.
Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund
ist mir nie beschieden gewesen. Die allereinfachste
Folge davon ist, dass ich selbst noch heut, im hohen Alter,
in meiner Heimat fremd bin, ja fremder noch als fremd.
Man kennt mich dort nicht; man hat mich dort nie
verstanden, und so ist es gekommen, dass um meine Person
sich dort ein Gewebe von Sagen gesponnen hat, die ich
ganz unmoeglich zu unterschreiben vermag.

Das, was ich nach Vaters Ansicht zu lernen hatte,
beschraenkte sich keineswegs auf den Schulunterricht und
auf die Schularbeiten. Er holte allen moeglichen
sogenannten Lehrstoff zusammen, ohne zu einer Auswahl
befaehigt zu sein oder eine geordnete Reihenfolge bestimmen
zu koennen. Er brachte Alles, was er fand, herbei. Ich
musste es lesen oder gar abschreiben, weil er meinte, dass
ich es dadurch besser behalten koenne. Was hatte ich da
alles durchzumachen! Alte Gebetbuecher, Rechenbuecher,
Naturgeschichten, gelehrte Abhandlungen, von denen ich
kein Wort verstand. Eine Geographie Deutschlands aus
dem Jahre 1802, ueber 500 Seiten stark, musste ich ganz
abschreiben, um mir die Ziffern leichter einzupraegen. Die
stimmten natuerlich laengst nicht mehr! Ich sass ganze
Tage und halbe Naechte lang, um mir dieses wueste, unnoetige
Zeug in den Kopf zu packen. Es war eine Verfuetterung
und Ueberfuetterung sondergleichen. Ich waere
hieran wahrscheinlich zu Grunde gegangen, wenn sich
mein Koerper nicht trotz der aeusserst schmalen Kost so
ueberaus kraeftig entwickelt haette, dass er selbst solche
Anstrengungen ganz leidlich ertragen konnte. Und es gab
auch Zeiten und Stunden der Erholung. Vater pflegte
naemlich keinen Spaziergang und keinen Weg ueber Land
zu machen, ohne mich mitzunehmen. Er pflegte hieran
nur eine Bedingung zu knuepfen, naemlich die, dass kein
Augenblick der Schulzeit dabei versaeumt wurde. Die
Spaziergaenge durch Wald und Hain waren wegen seiner
reichen Pflanzenkenntnisse immer hochinteressant. Aber
es wurde auch eingekehrt. Es gab bestimmte Tage und
bestimmte Restaurationen. Da kamen der Herr Lehrer
Schulze, der Herr Rektor, der reiche Wetzel, der Herr
Kaemmerer Thiele, der Kaufmann Vogel, der
Schuetzenhauptmann Lippold und andere, um Kegel zu schieben
oder einen Skat zu spielen. Vater war stets dabei und
ich mit, denn ich musste. Er meinte, ich gehoere zu ihm.
Er sah mich nicht gern mit anderen Knaben zusammen,
weil ich da ohne Aufsicht sei. Dass ich bei ihm, in der
Gesellschaft erwachsener Maenner, gewiss auch nicht besser
aufgehoben war, dafuer hatte er kein Verstaendnis. Ich
konnte da Dinge hoeren, und Beobachtungen machen, welche
der Jugend am besten vorenthalten blieben. Uebrigens
war Vater selbst in der angeregtesten Gesellschaft
ausserordentlich maessig. Ich habe ihn niemals betrunken
gesehen. Wenn er einkehrte, so war sein regelmaessiges
Quantum ein Glas einfaches Bier fuer sieben Pfennige
und ein Glas Kuemmel oder Doppelwacholder fuer sechs
Pfennige; davon durfte auch ich mit trinken. Bei
besonderen Veranlassungen teilte er ein Stueckchen Kuchen
fuer sechs Pfennige mit mir. Niemand hat ihn jemals
gewarnt, mich in solche Gesellschaften von Erwachsenen
mitzubringen, selbst der Rektor und der Pastor nicht, der
sich auch zuweilen einstellte. Diese Herren wenigstens
mussten doch wissen, dass ich da selbst auf erlaubten und
vollstaendig reinen Unterhaltungsgebieten als stiller, aber
sehr aufmerksamer Zuhoerer in Dinge und Verhaeltnisse
eingeweiht wurde, die mir noch Jahrzehnte lang fernzuliegen
hatten. Ich wurde nicht fruehreif, denn dieses
Wort pflegt man nur auf Geschlechtliches zu beziehen,
und davon bekam ich nichts zu hoeren, sondern etwas noch
viel Schlimmeres: Ich wurde aus meiner Kindheit
herausgehoben und auf den harten, schmutzigen Weg gezerrt,
auf dem meine Fuesse das Gefuehl haben mussten, als ob
sie auf Glassplittern gingen. Wie wohl ich mich dann
fuehlte, wenn ich zu Grossmutter kam und bei ihr mich
in mein liebes, liebes Maerchenreich fluechten konnte! Freilich
war ich viel zu jung, um einzusehen, dass dieses Reich
sich aus der wahrsten, festesten Wirklichkeit erhob. Fuer
mich hatte es keine Fuesse; es schwebte; es konnte mir
erst spaeter, wenn ich mich zum Verstaendnis emporgearbeitet
hatte, die Stuetze bieten, die mir so noetig war.

Da kam ein Tag, an dem sich mir eine Welt offenbarte,
die mich seitdem nicht wieder losgelassen hat. Es
gab Theater. Zwar nur ein ganz gewoehnliches, armseliges
Puppentheater, aber doch Theater. Das war im
Webermeisterhause. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz
zwei Groschen, dritter Platz einen Groschen, Kinder die
Haelfte. Ich bekam die Erlaubnis, mit Grossmutter
hinzugehen. Das kostete fuenfzehn Pfennige fuer uns beide.
Es wurde gegeben: "Das Muellerroeschen oder die Schlacht
bei Jena." Meine Augen brannten; ich gluehte innerlich.
Puppen, Puppen, Puppen! Aber sie lebten fuer mich.
Sie sprachen; sie liebten und hassten; sie duldeten; sie
fassten grosse, kuehne Entschluesse; sie opferten sich auf
Koenig und fuer Vaterland. Das war es ja, was der
Herr Kantor damals gesagt und bewundert hatte! Mein
Herz jubelte. Als wir nach Hause gekommen waren,
musste Grossmutter mir beschreiben, wie die Puppen
bewegt werden.

"An einem Holzkreuze," erklaerte sie mir. "Von diesem
Holzkreuze, gehen die Faeden hernieder, die an die Glieder
der Puppen befestigt sind. Sie bewegen sich, sobald man
oben das Kreuz bewegt."

"Aber sie sprechen doch!" sagte ich.

"Nein, sondern die Person, die das Kreuz in den
Haenden haelt, spricht. Es ist genauso, wie im wirklichen
Leben."

"Wie meinst du das?"

"Das verstehst du jetzt noch nicht; du wirst es aber
verstehen lernen."

Ich gab keine Ruhe, bis wir die Erlaubnis erhielten,
nochmals zu gehen. Es wurde gespielt "Doktor Faust
oder Gott, Mensch und Teufel." Es waere ein resultatloses
Beginnen, den Eindruck, den dieses Stueck auf mich
machte, in Worte fassen zu wollen. Das war nicht der
Goethesche Faust, sondern der Faust des uralten
Volksstueckes, nicht ein Drama, in dem die ganze Philosophie
eines grossen Dichters aufgestapelt wurde und auch noch
etwas mehr, sondern das war ein direkt aus der tiefsten
Tiefe der Volksseele heraus zum Himmel klingender Schrei
um Erloesung aus der Qual und Angst des Erdenlebens.
Ich hoerte, ich fuehlte diesen Schrei, und ich schrie ihn mit,
obgleich ich nur ein armer, unwissender Knabe war,
damals wohl kaum neun Jahre alt. Der Goethesche Faust
haette mir, dem Kinde, gar nichts sagen koennen; er sagt
mir, aufrichtig gestanden, selbst heut noch nicht, was er
der Menschheit wahrscheinlich hat sagen wollen und sollen;
aber diese Puppen sprachen laut, fast ueberlaut, und was
sie sagten, das war gross, unendlich gross, weil es so
einfach, so unendlich einfach war: Ein Teufel, der nur dann
zu Gott zurueckkehren darf, wenn er den Menschen mit
sich bringt! Und die Faeden, diese Faeden; die alle nach
oben gehen, mitten in den Himmel hinein! Und alles,
alles, was sich da unten bewegt, das haengt am Kreuz,
am Schmerz, an der Qual, am Erdenleid. Was nicht
an diesem Kreuze haengt, ist ueberfluessig, ist bewegungslos,
ist fuer den Himmel tot! Freilich kamen mir diese letzteren
Gedanken damals noch nicht, noch lange nicht; aber
Grossmutter sprach sich in dieser Weise, wenn auch nicht
so deutlich, aus, und was ich nicht direkt vor Augen sah,
das begann ich doch zu ahnen. Ich musste als Kurrendaner
Sonn- und Feiertags zweimal in die Kirche, und
ich tat dies gern. Ich kann mich nicht besinnen, jemals
einen dieser Gottesdienste versaeumt zu haben. Aber ich
bin aufrichtig genug, zu sagen, dass ich trotz aller
Erbauung, die ich da fand, niemals einen so unbeschreiblich
tiefen Eindruck aus der Kirche mit nach Hause genommen
habe wie damals aus dem Puppentheater. Seit jenem
Abende ist mir das Theater bis auf den heutigen Tag als
eine Staette erschienen, durch deren Tor nichts dringen
soll, was unsauber, haesslich oder unheilig ist. Als ich
den Herrn Kantor fragte, wer dieses Theaterstueck
ausgesonnen und niedergeschrieben habe, antwortete er, das
sei kein einzelner Mensch, sondern die Seele der ganzen
Menschheit gewesen, und ein grosser, beruehmter deutscher
Dichter, Wolfgang Goethe geheissen, habe daraus ein herrliches
Kunstwerk gemacht, welches nicht fuer Puppen, sondern
fuer lebende Menschen geschrieben sei. Da fiel ich
schnell ein: "Herr Kantor, ich will auch so ein grosser
Dichter werden, der nicht fuer Puppen, sondern nur fuer
lebende Menschen schreibt! Wie habe ich das anzufangen?"
Da sah er mich sehr lange und unter einem fast
mitleidigen Laecheln an und antwortete: "Fange es an, wie
du willst, mein Junge, so werden es doch meist nur Puppen
sein, denen du deine Arbeit und dein Dasein opferst."
Diesen Bescheid habe ich freilich erst spaeter verstehen lernen;
aber diese beiden Abende haben ohne Zweifel sehr
bestimmend auf meine kleine Seele gewirkt. Gott, Mensch
und Teufel sind meine Lieblingsthemata gewesen und
geblieben, und der Gedanke, dass die meisten Menschen nur
Puppen seien, die sich nicht von selbst bewegen, sondern
bewegt werden, steht bei allem, was ich tue, im nahen
Hintergrunde. Ob Gott, ob der Teufel oder ob ein
Mensch, ein Fuerst des Geistes oder ein Fuerst der Waffen,
das Kreuz, von dem die Faeden herunterhaengen, in den
Haenden haelt, um das Volk der Menschen zu beeinflussen,
das ist niemals sofort, sondern immer nur erst spaeter an
den Folgen zu ersehen.

Kurze Zeit darauf lernte ich auch Stuecke kennen, die
nicht von der Volksseele, sondern von Dichtern fuer das
Theater geschrieben worden waren, und das ist der Punkt,
an dem ich auf meine Trommel zurueckzukommen habe.
Es liess sich eine Schauspielertruppe fuer einige Zeit in
Ernsttal nieder. Es handelte sich also nicht um ein
Puppen-, sondern um ein wirkliches Theater. Die Preise
waren mehr als maessig: Erster Platz 50 Pfennige, zweiter
Platz 25 Pfennige, dritter Platz 15 Pfennige und vierter
Platz 10 Pfennige, nur zum Stehen. Aber trotz dieser
Billigkeit blieb taeglich ueber die Haelfte der Sitze leer.
Die "Kuenstler" fielen in Schulden. Dem Herrn Direktor
wurde himmelangst. Schon konnte er die Saalmiete nicht
mehr bezahlen; da erschien ihm ein Retter, und dieser
Retter war -- -- -- ich. Er hatte beim Spazierengehen
meinen Vater getroffen und ihm seine Not geklagt. Beide
berieten. Das Resultat war, dass Vater schleunigst nach
Hause kam und zu mir sagte: "Karl, hole deine Trommel
herunter; wir muessen sie putzen!" "Wozu?" fragte ich.
"Du hast die Preziosa und alle ihre Zigeuner dreimal
ueber die ganze Buehne herumzutrommeln". "Wer ist
die Preziosa?" "Eine junge, schoene Zigeunerin, die
eigentlich eine Grafenstochter ist. Sie wurde von den
Zigeunern geraubt. Jetzt kommt sie zurueck und findet
ihre Eltern. Du bist der Tambour und bekommst blanke

Book of the day:
Facebook Google Reddit StumbleUpon Twitter Pinterest